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Monika Egger, Jacqueline Sonego Mettner (Hg.)

einfach

unverschämt

zuversichtlich

FAMA – 30 Jahre feministische Theologie

TVZ

Theologischer Verlag Zürich

Gedruckt mit finanzieller Unterstützung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds, der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz sowie der Reformationsstiftung.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Umschlaggestaltung: Simone Ackermann, Zürich, unter Verwendung der Fotografie einer Skulptur von Margot Güttinger

ISBN 978-3-290-17752-2 (Buch)

ISBN 978-3-290-17794-2 (E-Book)

|XX| Seitenzahlen des E-Books verweisen auf die gedruckte Ausgabe.

© 2014 Theologischer Verlag Zürich

www.tvz-verlag.ch

Alle Rechte vorbehalten

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Die mit Tränen säen – mit Jubel

werden sie ernten.

Da gehen sie, sie gehen und weinen

und tragen den Beutel zum Säen.

Da kommen sie, sie kommen mit Jubel

und tragen ihre Garben.

Psalm 126,5.6

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Inhaltsverzeichnis

Jacqueline Sonego Mettner und Moni Egger

einfach unverschämt zuversichtlich

Silvia Strahm Bernet und Doris Strahm

30 Jahre FAMA

Leidenschaft für das Leben

Erkundungen zu Spiritualität

Moni Egger

Fragiler Ball deiner Liebe. Tango mit Gott

Antoinette Brem

«Sei du dein und ich werde dein sein». Zur Spiritualität des Coming-out

Vreni Schneider Biber

Spiritualitätsboom ohne Erotik

Isabelle My Hanh Derungs

Gott ist immer Gott

Esen Leyla Esendal

Nahrung aus der «Quelle des Lebens». Erinnerung an eine Kindheit in der Türkei

Die leere Kammer oder das, was unser Leben offen hält

Zur Frage nach Gott

Dorothee Dietrich

Eigentlich

Li Hangartner

Gott

Doris Strahm

… aber ich glaube daran

Magdalene L. Frettlöh

Gott Gewicht geben

Gisela Matthiae

Beziehungsweise … Einige kritische Anmerkungen zu relationalen Gottesvorstellungen

Jacqueline Sonego Mettner

SternMenschen |8|

Der wundeste Punkt im Christentum

Kreuz und Christologie

Silvia Strahm Berner

Weihnachtsgedanken angesichts meines Kindes

Doris Strahm

Der springende Punkt: Die Göttlichkeit Jesu

Ursula Vock

Die Gekreuzigte

Regula Strobel

Der Beihilfe beschuldigt. Kreuzestheologie auf der Anklagebank

Tania Oldenhage

Die Wehenschmerzen Jesu

Ulrike Büchs

Der Ausgezogene

Funken schlagen aus dem alten Felsen

Die Heilige Schrift

Karin Klemm

Öl lässt sich nicht teilen. Das Gleichnis von den zehn jungen Frauen (Mt 25,1–12)

Ruth Wirz

Gegen den Strom zur Quelle hin

Christine Stark

«Ich will dich vor allen entblössen!». Eine abstossende Bibelstelle

Marianne Wallach-Faller

Mit der Tora ringen, bis sie Antwort gibt. Eine jüdisch-feministische Hermeneutik der Heiligen Schriften

Moni Egger

Schlafende Väter beissen nicht. Noah, Lot und ihre Kinder (Gen 9,18–29 und Gen 19,30–38)

Regula Strobel

Brot, nicht Steine. Elisabeth Schüssler Fiorenzas Hermeneutik in der Pfarreiarbeit

Brigit Keller

Frau Lot, «schnür deinen Schuh»

fragile

Brüche und Hoffnungen |9|

Dorothee Sölle

Gottes Schmerz teilen

Mirjam Neidhart

Meggiy geht zurück in den Kongo

Jacqueline Sonego Mettner

Ganz brüchig. Ein behutsames Lob der Brüchigkeit

Helga Kuhlmann

Abschied von der Perfektion. Zur gegenwärtigen Bedeutung von Rechtfertigungstheologie

Li Hangartner

Gotteskindschaft. Liebe macht bedürftig, aber nicht unerwachsen

Jacqueline Sonego Mettner

Das ganze Leben – vor und nach dem Tod

«Damit es anders anfängt zwischen uns allen» (Hilde Domin)

Feministische Landung in Alltag und Politik

Barbara Seiler

C. B. – eine Heldin entsteht

Béatrice Bowald

Nachdenkliche Marktgängerin. Überlegungen zum bedingungslosen Grundeinkommen

Christa Schnabel

Gerecht sorgen. Zur Fürsorge als Schlüsselbegriff feministischer Ethik

Anna Gogl

Das Intime in der Pflege

Tania Oldenhage

Feministisches zum Ultraschall

Stoff

Verwobene Identität

Emel Zeynelabidin

Der Aufstand der Locken. Gedanken zur Enthüllung

Kerstin Rödiger

Im Verborgenen werden wir bekleidet. Spinntabu und Arbeitsfleiss

Monika Hungerbühler

Meine Liebe zum Stoff. Gedankenfäden zu Textilien und Text

Aufeinander zugehen, um zu verstehen

Schwestern über Kontinente |10|

Zeedah Meierhofer-Mangeli

Ich möchte etwas anderes erzählen. Gedanken zu Rassismus, Kolumbus und mir

Reinhild Traitler

Schwestern über Kontinente. Tagebuchnotizen zur EATWOT Frauenkonferenz in Costa Rica

Rebekka Grogg

«Die Anderen» anders sehen. Das Europäische Projekt für Interreligiöses Lernen (EPIL)

Immer noch und immer wieder anders

Feminismus in Theologie und Gesellschaft

Antje Schrupp

Backlash? Feminismus in Zeiten der Emanzipation

Doris Strahm

«Damit es anders wird zwischen uns». Frauen im interreligiösen Dialog

Ina Prätorius

Wie kriege ich gnädige Mitstreiterinnen?

Katherina von Kellenbach

Volle Ernte oder leerer Krug? Feministische Theologie im Wandel

Christina Thürmer-Rohr

Albtraum Utopie

Silvia Strahm Bernet

Auf Stelzen gehen

Margrit Marberger

Feministische Theologie auf dem Land

Luzia Sutter Rehmann

Landnahme. Reflexionen einer Übersetzerin der «Bibel in gerechter Sprache»

Autorinnen

Fussnoten

Seitenverzeichnis

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einfach unverschämt zuversichtlich

Deshalb sind wir davon überzeugt, dass die feministische Theologie, auch wenn sie vielfältig und uneinheitlich ist, in ihrem Suchen und Fragen eine Glaubwürdigkeit aufweist, die kritische und denkfreudige Menschen in traditioneller Theologie und Kirchlichkeit nicht mehr finden.

Die «Hoch-Zeit» der frauenkirchlichen Bewegung ist vorbei. Als FAMA-Redaktorinnen liegt uns das Klagen darüber fern. Wir sehen das neue Interesse an Religion und meinen, dass all diejenigen, die sich weder von fundamentalistischen noch von esoterischen Angeboten beeindrucken lassen, sich mit Gewinn mit der feministischen Theologie auseinandersetzen. Dieses Buch lädt dazu ein.

Es ist nur eine kleine Auswahl aus möglichen, immer noch anregenden und wichtigen Beiträgen in diesem Buch versammelt. Die Auswahl kam in einem zweistufigen Verfahren zustande. Zunächst lasen je zwei Kolleginnen jeweils fünf FAMA-Jahrgänge und markierten die Beiträge, welche sie gerne noch einmal veröffentlicht gesehen hätten. In einem zweiten Durchgang dann war es an uns Herausgeberinnen, die definitive Auswahl für diesen Band zu treffen. Wir bedanken uns an dieser Stelle bei unseren aktuellen FAMA-Kolleginnen in der Redaktion, Jeannette Behringer, |12| Béatrice Bowald, Esther Kobel, Tania Oldenhage, Simone Rudiger, Christine Stark und Ursula Vock für diese Mitarbeit im Besonderen und für die wunderbare Zusammenarbeit im Allgemeinen in der FAMA-Redaktion. Unser Dank gilt auch Kerstin Rödiger, Sabine Scheuter, Susanne Wick und Katja Wißmiller, die als «zugewandte Orte» bei der Auswahl beteiligt waren.

Leitend für die Auswahl war weniger die Bedeutung der Texte als historische Zeugnisse der Frauenkirche oder kirchlichen Frauenbewegung. Die FAMA-Geschichte ist reich an Stellungnahmen zu diesbezüglichen frauendiskriminierenden Entscheiden, vor allem seitens der römisch-katholischen Kirche. Entscheidend war für uns die Relevanz für heutiges Fragen und Weiterdenken. Weder die tausendste Begründung für die Biblizität des Priesteramtes für Frauen noch eine Auseinandersetzung mit den Ängsten vor einer sogenannten «Feminisierung» der Kirche haben uns für das Buch interessiert. Wir möchten zeigen, was feministisch-theologisches Denken und Fragen heute weit über die Ränder der Kirchen hinaus zu sagen hat.

Ein grosser Dank gilt unseren Autorinnen, die einer nochmaligen Veröffentlichung ihrer Beiträge, teilweise gekürzt, zugestimmt haben. Ihnen verdanken wir eine wunderbare Mischung aus sehr persönlichen und grundsätzlichen systematisch-theologischen Beiträgen, beispielhafte Miniaturen biblischer Textarbeit, Nachdenkliches zu gesellschaftlichen Fragen, Bedeutsames aus jüdischer und islamischer Perspektive, nicht-theologische Beiträge und vieles mehr.

Es hätte leicht zwei Bände geben können. Neugierige verweisen wir auf unsere Homepage www.fama.ch. Die meisten FAMAs können als Einzelhefte noch bestellt werden.

Danken möchten wir an dieser Stelle den Gründerinnen der FAMA: Monika Berger, Monika Hungerbühler, Cornelia Jacomet, Carmen Jud, Silvia Strahm Bernet, Doris Strahm und Regula Strobel. An ihren Tischen und in ihren Köpfen entstanden – einfach unverschämt zuversichtlich – die Idee und das Projekt FAMA, mitsamt dem lateinischen Namen vom Gerücht, das aufhorchen und fragen lässt: Gibt es das, Gerechtigkeit für alle Menschen, Frauen und Männer, Frieden, der mehr ist als Abwesenheit von Gewalt, Liebe, die gross macht? Und was kann ich, was können wir dafür tun?

Wir danken Marianne Stauffacher vom TVZ, die dieses Buch leider nicht bis zu seiner Veröffentlichung begleiten konnte, und Lisa Briner, ihrer Nachfolgerin, die uns mit Rat und Tat, vor allem auch mit einem hervorragenden Lektorat zur Seite stand. Glücklich sind wir über die Plastik der Künstlerin Margot Güttinger, die sie uns für die Gestaltung des Buches zur Verfügung gestellt hat und die treffender nicht sein könnte für unseren Titel «einfach unverschämt zuversichtlich».

Jacqueline Sonego Mettner und Moni Egger

Meilen und Thalwil, 19. Januar 2014

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30 Jahre FAMA

Stellen Sie sich vor: Eine autonome feministisch-theologische Zeitschrift, allein durch Abonnemente und Spenden finanziert, weitgehend ehrenamtlich produziert, ökumenisch und interreligiös ausgerichtet, die aktuelle Themen aufgreift mit ungewohnten Blickwinkeln. Sie existiert noch immer, fast 30 Jahre nach ihrer Gründung, und hat sogar einen Generationenwechsel geschafft. Eigentlich nicht möglich, oder? Und doch ist es so: Es gibt sie noch, und sie ist höchst lebendig! Das muss einen unverschämt zuversichtlich stimmen.

Mehr noch, die FAMA hat es nicht einfach geschafft, die Jahrzehnte zu überdauern, nein: Sie hat ihre Frische behalten, ihren Elan und ihre Neugier und stellt weiterhin – nun in den Händen einer jüngeren Generation – unbequeme, anregende und uns alle umtreibende Fragen und sucht nach vorläufigen Antworten.

Die FAMA – sie hat etwas Famoses und sie ist ein etwas verrücktes Projekt, so verrückt wie vor dreissig Jahren die Idee dreier katholischer feministischer Theologinnen, eine Gewerkschaft zu gründen. Ihr Ziel: die Interessen und Forderungen feministischer Frauen gegenüber der patriarchalen römisch-katholischen Kirche zu vertreten und durchzusetzen. Was von dieser Idee übrig blieb, wir sagen es heute etwas verschämt, war das «Bulletin der theologischen Frauen-Web- und Werkstatt», das von 1983–1985 viermal jährlich in einer Auflage von 300 Exemplaren erschien.

Gut, der Name ist (uns) vielleicht heute etwas peinlich. Nicht jedoch das, was wir taten. Wir haben gewoben, Netze unter Frauen, tragfähige Gedanken, um nicht ganz den Boden unter den Füssen zu verlieren, und noch viel mehr haben wir gesponnen: «grössenwahnsinnige» Ideen und weltverändernde Theorien entwickelt, Traditionen in Frage gestellt, Utopien entworfen, gemäss der Maxime von Christa Wolf, «einmal im Leben, zur rechten Zeit, sollte man an Unmögliches geglaubt haben». Scheinbar Unmögliches möglich gemacht haben wir, indem wir ohne finanzielle Sicherheit den Schritt vom hektografierten Web- und Werkstatt-Blättchen zu einer richtigen gedruckten Zeitschrift wagten. Der dafür gewählte Name FAMA – lateinisch «Gerücht, öffentliche Meinung, guter oder schlechter Ruf, Ruhm» – war Programm: Wir wollten uns einmischen in die öffentliche Diskussion, Themen aufgreifen, die in der kirchlich-theologischen Männerpresse keinen Platz hatten, feministische Positionen formulieren und verbreite(r)n.

Acht junge Frauen um die Dreissig haben das feministisch-theologische Zeitungsprojekt 1985 mit viel Begeisterung gestartet. Redaktionssitzungen bei den einzelnen zu Hause, Befindlichkeitsrunden mit persönlichem Auf und Ab, Wochenenden zur Themenfindung und Teambildung, spannende und auch kontroverse inhaltliche Debatten, aufwendige Redaktionsarbeit und Korrekturlesen – all dies war für Jahrzehnte ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. In diesen Jahren wurden Kinder geboren |14| und grossgezogen, Ehen geschlossen, andere geschieden, unterschiedliche berufliche Laufbahnen eingeschlagen, Weiterbildungen gemacht und Dissertationen geschrieben. Bei allen Veränderungen beruflicher und persönlicher Art blieb die FAMA eine Konstante in unseren Leben. FAMA – das hiess nicht nur viel ehrenamtliche Arbeit, sondern bedeutete vor allem: intellektuelles Vergnügen und lustvolles Debattieren. Und es hiess auch, in der Zeit zwischen den Sitzungen all das zu sammeln, was uns aufmerksam werden liess und aus unserer feministischen Optik analysiert werden wollte. Das schärfte unsere Aufmerksamkeit auch während den Sitzungspausen und liess ungewohnte und überraschende Zugänge zu Themen entstehen. Nie hatten wir zu wenig Denk-Stoff, und nie ist uns bei aller ernsthaften Analyse bedrückender Realitäten das Lachen vergangen. So war das vernünftige Argument zwar immer zentraler Inhalt der FAMA, aber wenn immer möglich gewürzt mit Witz und Ironie.

Bald war die FAMA mehr als ein Gerücht und hatte sich einen guten Ruf und einen gewissen Ruhm erarbeitet, scheidende Redaktorinnen konnten problemlos ersetzt werden, reformierte Theologinnen kamen hinzu, die Administration wurde ausgelagert und bezahlt, das Layout nicht mehr selbst von Hand geklebt, sondern von einer professionellen Layouterin gestaltet, und den Autorinnen konnte ein kleines Honorar ausbezahlt werden.

Während die Zeitschrift immer eher an einem Mangel an Geld litt, hatten wir stets Ideen im Überschuss. Für die Planung der vier Themenhefte im Jahr kamen wir mit 80 Ideen an. An Phantasie fehlte es den Redaktorinnen damals wie heute nicht. Die unterschiedlichen beruflichen Umfelder und die verschiedenen Temperamente und Charaktere der Redaktorinnen kreierten eine Bandbreite vielfältigster Themen: Schwesternstreit (1985), Keuschheit (1985), Antijudaismus (1991), Conquista (1992), Fatimas Töchter (1994), Lieber barbusig als barfüssig (1996), Hurra, wir leben noch (2000), Loch (2001), Männer (2007), Verwöhnt (2011), in_out (2013), um nur ein paar der bald 120 Themenhefte zu nennen.

Die FAMA hat originelle und überraschende Themen aufgegriffen, sich aber immer auch mit feministisch-theologischen Themen im engeren Sinne befasst wie etwa Pfingsten (1987), Kreuz (1988), Heiliges Feuer (1995), Inkarnation im Frauenleib (1997), Religion – Gewalt – Politik (2002), Kanon (2003), Trinität (2012) und so weiter.

Etwas von dieser Fülle der vergangenen dreissig Jahre wird in diesem Buch in neun Kapiteln vorgestellt. Sie geben Einblick in Stationen, Entwicklungen und Facetten feministisch-theologischer Denkarbeit und konkreter Handlungsfelder. Wir hoffen, dass beim Lesen der ausgewählten Beiträge aus 30 Jahren FAMA mehr deutlich wird, als die Zeit, die vergangen ist – aha, das hat die Frauen damals beschäftigt: wie interessant, kurios, eigenartig … na ja, da sind wir heute doch an einem ganz anderen Ort. Sicher, es hat sich vieles verändert, aber so vieles denn leider auch wieder nicht. Feministische Theologie fristet noch immer ein Mauerblümchendasein an den theologischen |15| Lehranstalten, von feministischer Aufbruchsstimmung und Frauenpower ist nicht mehr viel zu spüren, und manches, wofür wir gekämpft haben, ist schon wieder verschwunden wie etwa kirchliche Frauenstellen, die allenthalben abgeschafft werden.

So ist zu hoffen und zu wünschen, dass die FAMA weiterhin ein gutes Gerücht bleibt, dass sie zu denken und zu reden und weiterzuerzählen gibt. Wie die geflügelte Göttin, als die sie in der darstellenden Kunst erscheint, möge sie sich ihre Flügel nicht durch den scharfen Gegenwind und durch das nur schwer zu überwindende gesellschaftlich-kirchliche Desinteresse an feministisch-theologischen Fragen stutzen lassen. Aber die FAMA ist ja noch jung. Erst 30 Jahre alt. Und das stimmt uns unverschämt zuversichtlich!

Silvia Strahm Bernet und Doris Strahm

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Leidenschaft für das Leben

Erkundungen zu Spiritualität

«Mich macht die Musik und die

Atmosphäre an bestimmten Orten,

wo Spiritualität vermarktet und

feilgeboten wird, kribblig.»

Barbara Lehner

in FAMA 3/1999: «Erkundungen zu Spiritualität» |17|

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Fragiler Ball deiner Liebe

Tango mit Gott

Moni Egger

Schon wieder bist du mir abhanden gekommen. Klammheimlich. Erst jetzt bin ich aufgeschreckt und suche dich. Dabei erzähle oder schreibe ich fast täglich von dir. Aber ach, ich kann dich nicht halten. Und ich verliere mich ohne dich. Das hab ich mir anders vorgestellt – wenn doch jetzt Tag für Tag du mein Thema bist, hab ich gehofft, dass unsere Beziehung stabiler würde, weniger flüchtig. Aber es geht wohl nicht nebenbei, en passant. Ich muss mich von innen her und ganz bewusst um dich in mir kümmern, damit ich uns beide nicht verliere. Muss meine Füsse fühlen, wie sie den Boden tasten. Muss mein Zentrum fühlen, in meiner eigenen Achse bleiben, selbst stehen, damit ich mich führen lassen kann von dir. Ich halte, so gut es geht, das Gleichgewicht, Stabilität trotz hohen Absätzen. Du! Tanz mit mir. Tanz wieder! Ich bin bereit. Meine Schuhe glitzern, mein Herz – bitte, wart nicht so lang, komm auf mich zu! Schau mich an, nimm mich in den Arm, tanz mit mir! Und ich will auf dich lauschen. Will und werde fühlen, wo du mich hinführst. Werde meine Schritte setzen, selbst und stark und stabil. Werde nicht wanken. Werde in meiner Achse bleiben oder, wenn’s die Musik erlaubt, mein Zentrum aufgeben und mich auf unsere gemeinsame Mitte verlassen. Wenn wir uns finden, wird der Tanz schwerelos. Voll Energie, lebendig bis ins Innerste, lebendig bis in die äusserste Faser. Unser Tanz, ein «lustiger Ball deiner Liebe» (Madeleine Delbrel):

Will einer ein guter Tänzer sein, mit dir oder sonstwie, darf er nicht wissen, wohin es führt. Nur folgen muss man, aufgelegt sein und schwerelos, und vor allem sich nicht versteifen. Man soll dir keine Erklärungen abverlangen über die Schritte, die du zu tun beliebst, sondern sein wie eine Verlängerung deiner, behende und wendig, und durch dich hindurch den Takt des Orchesters aufnehmen. Man darf nicht um jeden Preis vorankommen wollen, sondern soll zufrieden sein, sich zu drehen, seitwärts zu steppen, anzuhalten, wenn nötig, und zu gleiten, anstatt zu schreiten. Und all das wären nur idiotische Schritte, machte nicht die Musik daraus eine Harmonie. Wir hingegen vergessen die Musik deines Geistes, und machen aus unserem Leben eine Turnübung; wir vergessen, dass es in deinen Armen getanzt wird, dass dein |20| Heiliger Wille von unvorstellbarer Phantasie ist, dass es monoton und langweilig nur für ältliche Seelen zugeht, die als Mauerblümchen sitzen am Rand des lustigen Balls deiner Liebe.1

Tango ist Seiltanz zwischen Folgen und Selbstbestimmung. Tango verlangt, genau wie du, ganze Hingabe bei vollkommenem Bei-mir-Sein. Leichtigkeit und Bodenhaftung. Ich lasse mich führen. Und ich tanze selbst. Grundbedingung 1: der Boden. Ich muss mich auf den Boden einlassen, mich seiner Beschaffenheit anpassen. Oder vielleicht die Schuhe wechseln. Oder aufhören zu tanzen. Grundbedingung 2: die Musik. Ganz ähnlich, aber emotionaler und darum noch schwieriger damit umzugehen. Manchmal genügt es, einen Tanz auszulassen. Manchmal aber gibt es lange Phasen, da erreicht die Musik mich nicht und ich kann mich zu keinem eigenen Schritt aufraffen. Grundbedingung 3: das Gegenüber. Ich bin zunächst Geführte, Empfangende, aber Führen und Folgen verschwimmen. Meine allerwichtigste Aufgabe ist, in meiner eigenen Achse zu bleiben, fest auf meinen Füssen zu stehen. Dabei die Impulse von Musik und Gegenüber als Bewegungen aufnehmen, leicht werden und standfest zugleich, mich in die Fliehkraft angstlos hineingeben, Nähe nicht scheuen. Grundbedingung 4: die anderen. Für den perfekten Tanz gehören die anderen mit dazu. Alle Paare auf der Fläche tanzen nicht nur den eigenen, sondern auch den gemeinsamen Tanz.

Manchmal stimmt alles zusammen und die Zeit setzt aus. Aber wie oft … seufz. Verletzlich bin ich. Mir ausgesetzt. Den Blicken ausgesetzt. Den Energien. Den Männern, die die Nähe ausnutzen, deren Arme wie Schraubstöcke sind. Verwundungsgefahr. Ich bin offen, ganz da und so leicht zu verletzen. Eine härtere Schale aber will ich nicht. Das macht Mauerblümchen. Ich aber will nicht zuschauen, ich will tanzen. Komm! Rühre mich an, fordere mich auf, nimm meine Einladung an!

Nun habe ich mich wieder ein Stücklein an dich herangeschrieben. Du, du, du. Mein Boden, meine Musik, meine Führung. Du, die du mir Raum lässt, die du mich auf die Füsse stellst. Tanz mit mir.

Erschienen in FAMA 4/2012: «fragil»

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«Sei du dein und ich werde dein sein»

Zur Spiritualität des Coming-out

Antoinette Brem

Mein öffentliches Coming-out begann mit einer intensiven und tiefen Liebe zu der Frau, mit der ich auch heute noch, beinahe zehn Jahre später zusammen bin. Spiritualität im Coming-out habe ich seither zur Fülle erfahren: Nie zuvor schien mir das Göttliche so durch meinen Körper und alle Poren zu fahren wie in der Anfangszeit unserer Beziehung und seither immer wieder, nie zuvor öffnete mir eine alles durchwehende Geistkraft mehr die Augen für mein eigenes Selbst, und nie zuvor hatte eine klärende Hand mir den Schleier zwischen meinem inneren Empfinden und dem Aussen der Welt weggefegt wie durch das Entdecken meiner Liebesfähigkeit – als Frau für eine Frau. Und damit endete ein jahrelang tief empfundener Schmerz, weil ich bisher geglaubt hatte, der Liebe nicht fähig zu sein.

In dieselbe Zeit fiel mein Studiumsabschluss. Ein Zitat zum Zusammenspiel von Selbst- und Gotteserkenntnis in einer Vorlesung hatte mich derart berührt, dass ich beschloss, darüber meine Lizentiatsarbeit zu schreiben. Der Mystiker Nikolaus von Kues versuchte im 15. Jahrhundert Mönchen aufzuzeigen, wie sie zur Erkenntnis Gottes gelangen können. Durch alle damals bekannten spirituellen Übungswege hindurch führt Cusanus die Mönche an den einen Punkt, wo er Gott zum Menschen sagen lässt: «Sei du dein und ich werde dein sein!»2 Das heisst so viel wie: An dir vorbei kannst du mich nicht finden. Oder auch: Nimm dich und das, was in dir leben will, radikal ernst – sonst geht dein Leben in die Leere.

Ungefähr zeitgleich mit Cusanus entdeckte ich eine moderne Mystagogin: die schwarze lesbische Dichterin Audre Lorde. Sie nimmt meiner Ansicht nach in ihrer Sprache das Thema des «Sei du dein» auf, weitet es aber vom individuellen Sich-Finden aus auf die Dimension des Gemeinschaftlichen und des Kampfes für soziale Gerechtigkeit. Audre Lorde spricht von den «erotischen Wegweisern in uns selbst», die uns aus der Fremdbestimmung dahin führen sollen, für uns und für andere, «in Berührung mit der Macht der Erotik in uns selbst», Verantwortung zu übernehmen: «Unsere Handlungen gegen die Unterdrückung werden selbst-bestimmt, von innen her motiviert und mit Macht erfüllt.»3 Die Macht der Erotik vereinigt in sich Spiri­tualität und Sexualität – beide entspringen ihr aus derselben Quelle. |22|

Lesbischsein als Gabe und Aufgabe

Das menschenfreundliche Gottesverständnis des «Sei du dein» deckt sich in einem wichtigen Aspekt mit dem, was ich zur Spiritualität des Coming-out zu sagen habe. Mein Lesbischsein zu leben – ich weiss, dass dies zwar nicht der Beginn, aber eine konsequente Weiterführung meiner Geschichte mit dem Göttlichen, dem innersten Wesenskern ist. Es ist eine Gabe und bedeutet für mich, dass ich mit meinem Leben und ganz besonders in der Beziehung zu meiner Lebenspartnerin meine ureigene Art sehe, göttliche Liebe in der Welt sichtbar zu machen.

Mein Coming-out hat mir ein neues, inneres Bewusstsein gegeben für meine Kraftquellen, aber auch dafür, wie Diskriminierung funktioniert, äussere und verinnerlichte. Von Audre Lorde habe ich gelernt, dass damit auch eine Aufgabe verbunden ist. Sehr klar wurde mir dies an einem Treffen von Lesben in Deutschland 1993. Tags zuvor waren fünf türkische Frauen bei einem rassistisch motivierten Anschlag getötet worden. Wir gingen auf die Strasse. Nicht nur für die Opfer des Brandanschlags, sondern auch für uns. In diesem Akt des Widerstandes trafen das Mystische des «Sei du dein» und das Politische der «Macht der Erotik» zusammen.

Das eigene Leben zur Sprache bringen

Ich wollte von einigen Frauen wissen, inwiefern sie einen Zusammenhang zwischen ihrem Coming-out und ihrer Spiritualität sehen. Dabei habe ich bewusst darauf verzichtet, «Coming-out» näher zu definieren oder mein Verständnis von Spiritualität zu erörtern. Sie selber sollten die beiden Begriffe füllen und mit ihrem eigenen Leben verbinden. Von den 18 angeschriebenen Frauen haben sich 16 entweder schriftlich oder mündlich zu meiner Frage geäussert. Vier Frauen konnten spontan keinen Zusammenhang nennen.

Die übrigen Frauen äusserten sich zu drei Themenkreisen: Heimkehr zu mir selbst, Bruch-Erfahrungen, tragendere Beziehungen.

Heimkehr zu mir selbst

Wohl nicht zufällig umschreiben die meisten Frauen ihre Coming-out-Erfahrung mit Begriffen wie «Heimkehr», «Identitäts- und Selbstfindung» und setzen dies in Zusammenhang mit Spiritualität: «Spiritualität heisst für mich, im freundlichen Angesicht Gottes immer mehr die zu werden, die ich im tiefsten meiner selbst bin. Und wenn mein Lesbischsein einen Teil meiner Identität ausmacht, dann ist das Coming-out ein Schritt auf dem Weg zu einem ‹Leben in Fülle› und gehört ganz wesentlich zu meiner Spiritualität.» |23|

«Für mich hat Spiritualität mit Sinn-Suche im Allgemeinen und Coming-out mit Sinn-Suche im Besonderen zu tun. Durch mein Coming-out habe ich das Eingebundensein ins Lebendige ganz stark erfahren und glaube dadurch meine eigene Identität gefunden zu haben (endlich daheim!).»

Die Suche nach der eigenen Identität ist für einige Frauen in einer noch immer weitgehend homophoben Gesellschaft sehr schmerzhaft. Darum ist es besonders wichtig «zu spüren, dass dieser ‹gute Geist› mich auch beim Prozess, eine positive Identität als lesbische Frau zu entwickeln, unterstützt.»

Bruch-Erfahrungen

Drei Bereiche kommen hier zur Sprache: Eine Frau bezieht sich auf ihr Coming-out, das für sie keine Heimkehr zu sich selbst in beglückendem Sinne war, denn die Tragödie ihrer Kindheit scheint sich in vermeintlich sicheren Frauenräumen zu wiederholen: «Meine Mutter war nicht die einzige Frau, die mein Coming-out als Einladung zur Selbstbedienung auffasste.» Die Auseinandersetzung mit Gewalt, ganz besonders mit Frauengewalt, ist für sie «ein zentraler Punkt meiner Religiosität – oder kurz die Frage, wie ich in dieser Welt leben kann. Bei allem was mir zu sehr nach Heile-Welt und Kuscheldecke-Spiritualität aussieht, kriege ich das Gruseln.» Diese Frau entlarvt mit ihrem Coming-out vielschichtig gleich mehrere Mythen: jene von der heilen Familie genauso wie jene von heiler Lesbenwelt. Sie wehrt sich gegen eine «Wir»-Vereinnahmung und fordert uns stattdessen heraus, immer noch genauer hinzusehen, wo Frauen ausgegrenzt werden.

Einige haben die traditionellen Bilder von Gott und vom Religiösen hinter sich gelassen. Sie suchen eine neue Sprache, stimmigere Rituale, die ihrem Frausein und den Brüchen, aber auch den Ganzheitserfahrungen in ihrem Leben und in der Welt gerechter zu werden vermögen. Für sie ist der Weg des Coming-out verbunden mit einem Abschied vom Männergott: «Mein Coming-out hat meine patriarchal geprägte Spiritualität absolut in Frage gestellt. Weibliche Spiritualität ist für mich lebendiger, weil Leben, Lust und Leidenschaft sein dürfen.»

Coming-out hat eine prophetische Dimension. Diese klagt in unserer Gesellschaft und Kirche die Sünde der Homophobie und des Heterosexismus an und fordert Lesben, Schwule und Bisexuelle dazu auf, ihre Liebesfähigkeit nicht zu verleugnen. Für Frauen, die sich einer christlichen Gemeinschaft zugehörig fühlen, ist es schwierig, zwischen ihrem Christin- und Lesbesein zu balancieren; beinahe unlösbar scheint der Konflikt bei Frauen und Männern in (katholischer) kirchlicher Anstellung zu sein: «Ich muss mir gut überlegen, wo und wem ich mich öffentlich zeigen kann, ohne mich selber zu gefährden, zum Beispiel meine Stelle in der Kirche zu verlieren. In der Kirche, wo Menschenwürde und Liebe im Mittelpunkt stehen sollten, wird meine Würde verletzt, weil ich mich nicht so zeigen darf, wie ich bin. So bin ich gezwungen, meine Spiritualität abzuspalten.» In diesem Beitrag wird sehr deutlich, wie die Kirche sich selber ihrer Seele beraubt, indem sie Menschen daran hindert, aus der Fülle ihrer Existenz zu schöpfen. |24|

Ein weiterer Beitrag beschreibt die Folgen dessen, was die kirchliche Lehre zur gleichgeschlechtlichen Liebe Einzelnen antut: «Das Coming-out war für mich zu Beginn eine der grössten spirituellen Erprobungen. Ich sah mich konfrontiert mit der gängigen Meinung, Homosexualität und Glaube bzw. Spiritualität seien nicht vereinbar. Ein Leben ohne Ausrichtung auf das Göttliche konnte ich mir jedoch nicht vorstellen, es ist mein Lebenselixier. Dann eher mein Leben ‹freiwillig› beenden.» Diese Frau hatte selber schon so viel eigenen Boden, dass sie ihrer inneren Führung mehr vertraute als «den selbsternannten Sprachrohren Gottes: Da war es für mich sehr wichtig, dass die spirituelle Führung in meinem Leben weiterging.»

Tragendere Beziehungen

«Wenn eine Frau die Wahrheit sagt, schafft sie damit die Möglichkeit für mehr Wahrheit in ihrer Umgebung.»4 Adrienne Rich spricht eine Erfahrung aus, die vielen von uns vertraut ist: Indem wir uns selber zeigen, ermutigen wir andere, ehrlicher zu sich und zu anderen zu sein – und dies beschränkt sich nicht auf Lesben und Schwule allein. «In den Momenten, wo ich von meiner Liebe erzählte, spürte ich sehr viel Nähe und ein gutes Einverständnis mit den Menschen – ein tief spirituelles Gefühl.» Beziehungen zu FreundInnen und Bekannten werden nicht nur ehrlicher, vielfach erleben die betreffenden Frauen auch, dass sie an Tiefe gewinnen und vielem standhalten können: «Ich staune oft über die Tiefe, die sich da ergeben hat, wenn Beziehungen mit dem Thema gewachsen sind.» Diese gemeinschaftliche Dimension des Coming-out ist zentral. Gemeinsam bringen wir uns immer mehr an den Ort, wo jede sich selber sein und von dort aus ihre Möglichkeiten entfalten kann.

Ein Heilungs- und Befreiungsweg

Eines scheint bei aller Unterschiedlichkeit der Antworten allen gemein zu sein: Im Coming-out haben die Frauen näher zu ihren je eigenen konkreten Lebensthemen gefunden. Meiner Meinung nach ist es dies, was Cusanus mit «Sei du dein» bezeichnet hat. Sie sind sich, anderen und dem, was sie unbedingt angeht (Tillich) dadurch näher gekommen. Nicht immer sind damit nur Glücksgefühle verbunden, für alle aber scheint dies ein Heilungs- und Befreiungsweg zu sein, der sie stärker in Berührung bringt mit ihrer innersten Mitte, der sie in die Gemeinschaft mit anderen, die Ähnliches erfahren haben, ruft, der sie in Berührung mit der «Macht der Erotik», wie Audre Lorde sie versteht, bringt, die es nicht zulässt, Spiritualität von Sexualität abzuspalten. Sehr treffend hat dies eine der Frauen mit folgenden Worten zum Ausdruck gebracht: «Mein Coming-out hat mich – und andere – ermutigt, noch mehr mit dem konkreten Leben in Kontakt zu kommen. Es hat mich letztlich noch mehr verwurzelt: in meinem Leben, meinem Körper, meiner Sehnsucht nach Leben in |25| Fülle in diesem konkreten, erdverbundenen Leben, und in der Liebe, der konkreten und der allumfassenden.»

Erschienen in FAMA 1999/3: «Erkundungen zu Spiritualität»

Spiritualitätsboom ohne Erotik

Vreni Schneider Biber

Eines Tages kommt ein Kollege in die Sitzung und erklärt: «Ich ziehe mich jetzt zurück aus der Südafrika-Arbeit. Ich muss mehr zu mir selber kommen.» Etwas später höre ich, er besuche nun Zen-Meditationskurse. Ich werde traurig und wütend, sein Rückzug trifft mich.

Nicht das Lieblose

Ich feiere gerne mit Frauen Gottesdienste, aber je länger je mehr langweilen mich die immer gleichen Kerzen, die bunten Tücher, das ausgegossene Wasser, die schweren Steine. Wo bleibt die Phantasie, die Vielfalt in der Sprache der Gesten? Muss es denn immer ein Sonnenblumenkern sein, den wir mitnehmen und pflanzen sollen? Es gibt doch auch Schneeglöcklein und Tulpen und ihre Zwiebeln und warum nicht auch mal eine ganz gewöhnlich Bohne?

Das Gewöhnliche, das Alltägliche, das Profane ist für mich der Ort und die Sprache des Spirituellen. Dabei meine ich nicht das Banale, sondern das Einfache; nicht das Kitschige, sondern das Schöne; nicht das Zufällige, sondern das Gesuchte; nicht das Lieblose, sondern das Gepflegte.

Ohne Menschen ist Spiritualität in all ihren Formen für mich geist-los und lieb-los. Ich sah einmal eine Fotografie von einer wunderschönen Frau aus weissem Marmor. Das Faszinierende an diesem Bild, das, was es für mich zu einem Ort von Spiritualität machte, waren die Menschen, die diese Statue betrachteten: völlig versunken in das Schauen der Schönheit, in das Begehren nach Vollkommenheit. Die Fotografin bzw. der Fotograf hat Anbetung dargestellt, völlig profan.

Nüchtern, alltäglich, beziehungsreich

Für eine Veranstaltung wurde ich angefragt, kurz darzustellen, was ich unter Spiritualität verstehe und lebe; da hat mich eine Kollegin angesprochen: «Du hast doch keine Ahnung von Spiritualität.» Ich wusste, was sie meinte. Sie kannte mein Misstrauen |26| gegenüber allem, was majestätisch, erhaben, tiefsinnig, in frommer Sprache und falscher Demut daherkommt. Ich habe versucht zu sagen, was ich meine, wenn ich etwas mit der Ruach, Gottes Geistkraft, in Verbindung bringe. Da geht es um Kampf, um Gerechtigkeit, um Leidenschaft, um Grenzen-Überschreiten, um Weinen und Lachen, um Sagen und Hören, um Übersetzen, um Entdecken und Nachdenken. Es gibt eine Beschreibung der Weisheit im biblischen Buch der Sprüche. Da erscheint sie als einladende, bewirtende Frau. Die Weisheit, die Sophia, ganz alltäglich, grosszügig allerdings, zugeneigt, offen. Eines hat mich an diesem Buch immer fasziniert: Eine gewisse Nüchternheit und Alltäglichkeit, mit der wichtige Beziehungen, Situationen und Verhaltensweisen von Menschen angesprochen werden, mögen sie nun das Miteinander unter Menschen oder mit Gott betreffen. Dieses Buch redet über gelebte Spiritualität und deshalb über Beziehungen.

Bewegung zu den Menschen hin

Spiritualität, die für sich allein, als Haltung des Rückzugs von andern, gepflegt wird, macht mich zutiefst misstrauisch. Ausdrücke wie «meine innere Mitte suchen», erwecken bei mir die Lust auf sarkastische Überlegungen. Mercy Oduyoye, eine feministische Theologin aus Ghana, hat in Harare an der Vollversammlung des Ökumenischen Rates im Jahr 1998 die Befürchtung ausgesprochen, dass das boomende Christentum in Afrika wie eine Zwiebel sein könnte: Wenn man sie öffnet, schält, ist am Schluss nichts mehr da. Manchmal verdächtige ich gewisse spirituelle Abenteuer, die Menschen empfohlen werden, dass sie zum Zwiebelschälen führen, und Menschen schliesslich leer, enttäuscht über sich selber und den Geist, den man ihnen gestohlen hat, zurücklassen.

Reiche können sich solche Spiritualität leisten, weil sie die entdeckte Hohlheit flugs mit materiellen Gütern füllen können. Arme brauchen nicht die Entdeckung ihrer Armut, sondern die Zusage, dass sie die Fülle des Geistes bekommen, wie es die erste Seligpreisung in der Bergpredigt Jesu verheisst. Spiritualität hat für mich mit Suche zu tun, mit Bewegung, aber nicht in mir selber, sondern mit der Suche nach Gerechtigkeit, mit der Bewegung zur Welt und den Menschen hin. Dafür brauche ich die Ruach, den Geist und die Weisheit. Sie weckt in mir Zorn und Wut, Sehnsucht und Leidenschaft.

Unbezwingbarer Geist des Protests

Letzthin habe ich ein Fotobuch aus Südafrika gefunden: Am 9. August 1956 standen 20 000 Frauen vor dem Regierungsgebäude in Pretoria, um gegen das Passgesetz zu protestieren. Sie waren von überall her gekommen und standen nun dicht gedrängt in grossen Halbkreisen und warteten darauf, dass ihre Führerinnen die Petition ablieferten. Wie im Apartheidstaat üblich: Der Premierminister hat die Frauen nicht empfangen. Seither heisst dieser Tag «Frauentag», und für viele Frauen, die vorher nicht politisch waren, war es der Beginn des Kampfes um das Menschsein. So erzählt |27| es auch Helen Joseph, eine weisse Mittelstandsfrau, damals 51 Jahre alt, in ihrem Buch «Allein und doch nicht einsam». Als Protest haben die Frauen ihre Arme zum ANC-Gruss erhoben und so eine halbe Stunde still zusammengestanden. «Nach der Protestkundgebung gingen die Frauen – genau so ruhig und diszipliniert wie sie gekommen waren – die Treppe zur der Strasse hinunter; nur sangen sie jetzt. Und dann waren die Gartenterrassen wieder leer – nicht wirklich leer, denn etwas von dem unbezwingbaren Geist des Protests muss zurückgeblieben sein. Und vielleicht ist er immer noch da, auch wenn man ihn nicht sehen und nicht greifen kann.»5 So ist der Terrassenplatz vor dem verhassten Regierungsgebäude zu einem Ort der Spiritualität geworden. Ich kenne noch andere solche Orte, und sie machen mich jeweils andächtiger als Kapellen und Kirchen mit Kerzen und Weihrauch, Wandgemälden und Kanzeln. Es sind Orte, an denen Zeuginnen und Zeugen des Kampfes um die Gerechtigkeit gedacht wird. Das könnten Kirchen auch sein, wenn sie nur nicht von uns Menschen zu Orten des Rückzugs, der Feigheit, der Anpassung, zu Orten schwelgender, spiritueller Vernebelung gemacht worden wären.

Fürbitte

Eine der intensivsten spirituellen Erfahrungen ist für mich das Gedenken in einem liturgischen Rahmen. Es gibt dafür mehrere Formen, zwei von ihnen habe ich als sehr hilfreich für widerständige Gruppen empfunden und zwar gerade auch, wenn Menschen darunter sind, denen religiöse Sprache und Formen fremd sind. Die eine ist das Gedenken für Menschen, die im Kampf um Gerechtigkeit gestorben sind. Da mag es denn heissen: «Ich denke an … die … gesagt, getan, bedeutet hat.» Die andere ist das Gedenken an jene, die kämpfen, leiden, hoffen. Die Fürbitte in verschiedenen Formen und in so profaner Sprache, wie möglich, ist eine grosse Hilfe gegen die Verzweiflung, die Mutlosigkeit, die Resignation, die alle bedroht; sie setzt sich mit den Mächten der Ungerechtigkeit auseinander. Auf einer Tagung haben wir jeweils am Morgen und am Abend einen Moment der gemeinsamen Besinnung angeboten. Beim ersten Mal waren wir kirchlich sozialisierten Teilnehmenden so ziemlich unter uns. Beim dritten Mal waren auch die bekennenden A-Kirchlichen dabei und haben das Gedenken mitgetragen. Eine Freundin aus dem linken Spektrum hat zu mir gesagt: «Darum beneide ich euch. Ihr habt eine gemeinsame Sprache, in der Dinge gesagt werden können, die verbinden.»

Sprache der Liebe

Spiritualität hat etwas mit Übersetzen, Deuten und Sprache zu tun. Eine Spiritualität, die sprachlos macht oder gar die Sprachlosigkeit als höhere Form der Vergeistigung anpreist, steht für mich in der Gefahr, lieb-los zu werden. Sprachverweigerung ist intensivste Liebesverweigerung. Das hat mich ein Ehepaar gelehrt, dessen Streitigkeiten |28| jeweils so ausgetragen wurden, dass der Mann schwieg, von einer Woche bis zu zwei Monaten. Während einer solchen Phase, wurde ich zum Essen eingeladen. Das Gespräch ging im Dreieck über mich. Ich bin noch nie so nahe an einen hysterischen Schreianfall geraten. Schweigen kann seine Zeit haben, Schweigen kann wohltuend und sogar verbindend sein, aber es braucht die Deutung der Sprache, die Begrenzung durch Sprache, sonst wird Schweigen chaotisch und tödlich.

Ich habe grosse Hemmungen beim Tanzen im gottesdienstlichen Rahmen und habe mich gefragt, warum. Zum einen bin ich extrem scheu, wenn es darum geht, dass andere mich anschauen wenn ich mich bewege, und zum andern kommt es mir so künstlich vor. Pina Bausch, die Choreografin aus Wuppertal, erzählt, dass sie in Mexiko in einen Saal geführt wurde, wo Hunderte von Paaren – junge, alte – getanzt haben. Gesittet sei es zugegangen, aber im Saal habe eine fast greifbare Erotik geherrscht: «Es war so schön; ich habe weinen müssen.»

Vielleicht fehlt mir im heutigen Spiritualitätsboom die Erotik, die Sprache der Liebe.

Erschienen in FAMA 3/1999: «Erkundungen zu Spiritualität»

Gott ist immer Gott

Isabelle My Hanh Derungs

Oft schon wurde ich gefragt, zu welcher Religion ich gehöre. Dann staunten die Fragenden darüber, dass ich so viel Zeit benötigte, um ihnen eine Antwort zu geben. Doch gerade das, was in uns und mit uns wohnt, scheint schwierig zu erfassen. Ich wusste oft nicht, wie ich den Leuten eine verständliche Antwort geben konnte. Mein Gott hat keine Nationalität, kennt keine Hautfarbe, gehört zu keiner Partei und lässt sich in keine Religion einordnen. Er ist weder christlich noch buddhistisch noch muslimisch. Er ist Gott. Genauer gesagt, er ist mein Gott. Nicht weil er mir allein gehört, sondern weil ich nicht weiss, ob die Fragenden diesen Gott meinen.

Da mein Gott keine Erklärung braucht, aber ich und die Menschen, die mich fragten, antwortete ich in ihrer Sprache: «Meine Mutter ist reformiert, meine Onkel sind buddhistisch.» Die Leute gaben sich damit kaum zufrieden. Nochmals erklärte ich: «Mein Urgrossvater hatte zehn Kinder. Er wurde konfuzianisch erzogen, Taoismus und Buddhismus waren in seinen alltäglichen Handlungen eingebettet. Ein Ahnenaltar stand im Zentrum des Hauses. Als meine Grossmutter durch die Kriegswirren |29| des Ersten Indochina-Krieges im Alter von 25 Jahren ihren Mann verlor, bat sie ihren Vater um Erlaubnis, zum Christentum überzutreten. Mein Urgrossvater tat mehr, als es nur zu erlauben. Er beschützte sie in ihrem Entscheid in einer Zeit, in der gerade die westliche Kultur den Konflikt im Lande auslöste. Er unterstützte sie, nicht, weil er glaubte, das Christentum sei die bessere Religion, sondern weil er alle seine zehn Kinder liebte und jedem und jeder die Freiheit gab, die Religion zu wählen, die ihnen half, das Leben lieben zu lernen.» Mein Urgrossvater hat seine Heimat und seinen Geburtsort nie verlassen. Kein Krieg konnte ihn von seinem Herkunftsort wegbringen. Er starb in seinem Haus, nahe bei seinem Ahnen- und Familiengrab, das heute umgeben ist von Mais- und Reisfeldern, Bananenpalmen und Obstbäumen, vom Garten, den er einst so liebevoll inmitten der Herzen seiner Vorfahren pflegte und der ihn heute in seinem Schoss umarmt. Heute gehen manche Bauern an seinem Grab vorbei, und manche zünden Weihrauchstäbchen an, als wäre er auch ihr Urgrossvater. Mögen er und sein Garten auch ihnen Segen bringen. Doch wie lange sein Grab noch dort stehen darf, weiss nur der viel gelobte Fortschritt. Vielleicht kommt sehr bald ein Kran. Die Ahnen verschwinden, so auch die Bäume.

Das Land der Ahnendüfte

Meine Mutter hat also die Religion ihrer Mutter übernommen. Sie und ihre Mutter gingen jeden Sonntag in die einzige evangelische Kirche in Saigon (die ehemalige Hauptstadt Südvietnams, heute Ho Chi Minh), und ich folgte ihnen als Tochter und Enkelin. Ich ging am liebsten zu Weihnachten in die Kirche. Alle Kinder kriegten dann nämlich eine Tüte voller Bonbons, und die Erwachsenen waren an diesem Tag besonders nett, auch zu den hässlichsten. Ich erhielt auch die Gelegenheit, meine Tanten und Cousinen in buddhistische Tempel und in die katholische Kirche zu begleiten. Beeindruckt und gleichzeitig eingeschüchtert war ich vom aufsteigenden Rauch der Weihrauchstäbchen, der allmählich eine immer grössere und mächtigere Gestalt annahm und dann auf einmal verschwand, aber tief in alle meine Poren drang, so dass ich zu Hause noch lange den Duft der Gestalt an mir und in mir riechen konnte. In Vietnam machte ich mir wenig Gedanken über Gott und die Welt. Warum auch? Ich fühlte mich trotz den Bombardierungen um Saigon geborgen. Menschen, die ich liebte, waren da. Jeden Morgen durfte ich meine Lieblingssuppe essen, abends fuhr ich mit meinem Onkel und Cousin zum Hafen, um frische Muscheln zu geniessen. Ich freute mich auf die Regenzeit. Der Himmel, der meine Haut und die Seele mit seinen Tränen benetzte. Meine Heimat ist das Land der Ahnendüfte.

Angst und Gottesnähe

In der Schweiz ging meine Mutter in die freie evangelische Kirche und ich als ihre Tochter mit ihr. Zum ersten Mal hörte ich, was Gott liebte und hasste, wen er beschützte und bestrafte. Dass Jesus für mich am Kreuz gestorben sei. Dass ich sündig sei. Dass Adam und Eva meine Vorfahren seien und den Apfel gegessen hatten – die |30| Äpfel, die ich gar nicht mochte. Und dass ich mich vor dem Teufel in Acht nehmen sollte. Ich lernte die Angst, die ich vorher nicht kannte. Ich wurde von der New Life Gemeinde nochmals getauft, ich wurde fromm. Ich wusste nicht, wo ich Gott näher war: wenn ich in der Kirche von meinen Sünden hörte oder wenn ich jeden Mittwoch in die Bibelstunde ging oder wenn ich hörte, dass nur die Christen gerettet werden, oder wenn meine New-Life-FreundInnen sich Mühe gaben, meine Fragen zu beantworten und mich berieten, welche Bücher ich lesen sollte und welche besser nicht. Ich fühlte mich meinem Gott sehr nahe, wenn ich in den Wald flüchtete, dort dem Rascheln der Blätter lauschte, mit den Vögeln sang und an den Garten meines Urgrossvaters dachte. Ich fühlte mich meinem Gott sehr nahe, wenn ich den Mond betrachtete, der überall auf der Welt zu sehen ist, ob im Norden oder im Süden, ob auf dem Lande oder in den Städten. Ich fühlte mich meinem Gott sehr nahe, wenn ich die mir entgegenrinnenden Regentropfen empfing. Ich fühlte mich meinem Gott sehr nahe, wenn ich den Ameisen zuschaute, wie sie Samen sammelten, um ihre Nachkommen zu nähren, und sich wahrscheinlich nicht die Frage stellten, ob Gott eine rote oder schwarze Ameise sei. Ich sah Gott in den Gesichtern von Kindern, die mich nicht kannten und mich trotzdem lachend willkommen hiessen. Ich sah Gott in den Gesichtern von Menschen, die gestern noch Offiziere waren und durch den Krieg Rikschafahrer wurden und sich immer noch über die klare Nacht freuten, weil sie in ihrer Hütte die Sterne leuchten sahen. Ich sah Gott in den Gesichtern von Männern und Frauen, die mich mit ihrem Blick umarmten, als wäre ich ein Teil von ihnen: eine Schwester, eine Tochter, eine Tante …

In die Bibelstunde kam ich immer mit der Frage, was mit den gläubigen Muslimen geschieht. Als ich neunzehn wurde, verliebte ich mich in einen Muslim. Er war ein gläubiger Mann. Meine Freunde klärten mich auf, dass ich als Christin besser einen Christen zum Mann wählen sollte. An einem Sonntag in der Kirche sangen wir gerade das Hallelujah. Ich sah plötzlich den jungen Mann in einer anderen Reihe. Er war gekommen, um mir eine Freude zu bereiten; und ich verstand, dass Gott keine Grenzen kennt. In diesem Augenblick war mein Gott auch sein Gott, wie sein Gott meiner ist.

Wiederentdeckung

Viele Jahre später lernte ich meinen heutigen Mann kennen. Er ist katholisch. Er ging in die Kirche oft vor oder nach der Messe. Er betrachtete jede Skulptur, jedes Ornament genau. Er fand die meisten reformierten Kirchen zu abstrakt. Am Anfang konnte ich ihn nicht verstehen und fasste seine Bemerkungen fast als Beleidigungen auf. Dabei lehrte er mich, das wieder zu entdecken, was ich vergessen hatte. Wir besuchten viele Kirchen und betrachteten die Landschaft, in der sich die Kirchen befanden. Wir lernten die Sprache der Landschaft und der alten Traditionen kennen. Wir entdeckten Spuren, die mich in meine Heimat zurückbrachten. In manchen Kirchen zündete ich wieder Kerzen an, als wären sie Weihrauchstäbchen. Der Duft |31| der Myrrhe und Myrthen erinnerte mich an den Rauch in den Tempeln. Geschichten und Mythen, die mit der Landschaft und den Kirchen verwoben waren, erzählten mir von den Seelen der Steine, Quellen und Bäume. Sie erweckten in mir Kindheits- und Jugenderinnerungen. Wie oft sass ich im Wald und sprach mit den Bäumen. Stundenlang konnte ich am Strand den Wellen zusehen, wie sie kamen und gingen und wieder kamen und gingen – und mich sehen als einen Wellenschlag. Der Drache, gegen den der Heilige Georg kämpfte, flösste mir keine Angst mehr ein, ebenso wenig die Schlange, die Sankt Margaretha in den Händen hielt. Ich dachte an die Felsen in den Meeresbuchten von Ha Long (Fluss der Drachen), die sich in der Abenddämmerung in Riesenschildkröten und Drachen verwandelten. Doch Ungeheuer waren sie nie.

Frau Frucht Herz

Die Welt findet ihre Seele wieder und ich in ihr die meine. Meere gebären Flüsse (con song), wie die Erde als Mutter Kinder gebiert, nämlich Drachen (con rong) und Schlangen (con rang), Vögel (con chim), Fische (con ca), Hunde (con cho) und schliesslich auch die Menschen-Kinder (con nguoi). Denn in der vietnamesischen Sprache werden alle Lebewesen mit dem Klassificator «con», Kind, bezeichnet. Gott ist die Schöpfung, der ewige Rhythmus, der auch in meinem Blut Wellen kommen und gehen lässt. Auch wenn ich von Gott und Er sprach, aus Gewohnheit, weil ich es so gelernt hatte, so meinte ich immer meinen Gott. Ob ich vor Maria stehe und zu ihr bete oder ihn im inneren Gespräch mit Gott anspreche. Oder ob ich eine Frucht esse und sie vom Vietnamesischen her «cai trai», Frau Frucht, nenne, Frau Frucht Apfel «cai trai tao», Frau Frucht Banane «cai trai chuoi» oder Frau Frucht Kürbis «cai trai bi», so kommen doch alle von der gleichen Frucht, vom Herzen «cai trai tim», Frau Frucht Herz.

Wir Menschen geben Gott viele Namen. Gott ist aber immer Gott, ob wir ihn Gustav oder Jacqueline nennen … oder Frau Frucht Herz.

Erschienen in FAMA 3/1999: «Erkundungen zu Spiritualität»

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Nahrung aus der «Quelle des Lebens»

Erinnerungen an eine Kindheit in der Türkei

Esen Leyla Esendal

An einem kalten Februarabend kam ein kleines Mädchen in einem Land, das man Türkei nennt, auf die Welt und betrat somit eine islamisch geprägte Kulturwelt. Man rückte ein wenig zusammen und machte ihm Platz. Einige Tage nach seiner Geburt nahm sein Grossvater es auf den Schoss mit den Worten BISMILLAHIRRAHMANIRRAHIM (im Namen Gottes des barmherzigen Erbarmers). Es wurde EZAN in des Mädchens Ohr gerufen, dann dreimal sein Name. Man betete zusammen und zum Schluss sprach jeder für sich das FATIHA (Sura 1 im Koran): «Dem Herrn der Welten, dem barmherzigen Erbarmer, dem der Tag des Gerichts gehört, Dir dienen wir, Dich flehen wir an. Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Deine Gnade gibst und nicht derer, über die Dein Zorn kommt und die abirren.» So betrat das Mädchen den Weg, den Weg des Islam, und so wurde ein Name sein ständiger Begleiter: «ALLAH». Es vernahm ihn im Ruf des Muezzins, im Wiegenlied, in Glückwünschen zu seiner Geburt und in Schutzformeln, womit man Gott um seinen Schutz vor allem Bösen und um Glück und Segen bat. Das Baby vernahm alles mit geschlossenen Augen, so wie es dies später beim Koranhören zu tun pflegte: ganz in sich gekehrt, etwas empfangend.

Ein besonderer Teppich

Tage vergingen. Das Baby gedieh … Das Zimmer roch nach Lavendel. Der Duft kam aus der Wäschetruhe, aus der ihre Grossmutter alle paar Tage ein frisches, grosses Kopftuch holte. Wenn sie das kleine Mädchen in die Arme nahm, versteckte es seinen Kopf unter diesem Tuch, und auch wenn es beleidigt war oder sich wehgetan hatte. Wenn es so dasass, spielte es mit dem Rosenkranz, den die Grossmutter immer bei sich trug. Dabei wiederholte es unendlich die für es unverständlichen Worte: ELHAMDÜLILLAH … ELHAMDÜLILLAH … ELHAMD … (Dank an Gott). Der EZAN, das Wiegenlied, die im Namen Allah eingebetteten Wünsche, Gebete, das grosse, weisse Kopftuch, der Rosenkranz – alles um das kleine Mädchen herum. Hinzu kam der Gebetsteppich, der fünfmal am Tag entlang Kibla ausgebreitet und nach dem Gebet wieder zusammengerollt in den Schrank verräumt wurde. Dieser Teppich gab dem Tag einen bestimmten Takt, eine Ordnung. Es war so, als ob die Zeit nach seinem Zeichen ablief und nicht umgekehrt. Er brachte unerklärliche Schwingungen in den Raum und in das Leben. Dieser Gebetsteppich war am Anfang nur ein sehr reizvoller, besonderer Spielplatz. Die Grossmutter bewegte sich so komisch |33| darauf. «Nein, nein, mein Kind», sagte die Mutter, «Nine macht ‹amin, amin›. Sie sagt Allah.» So gehörten zu den ersten Vokabeln automatisch diese Wörter: Amme (Mami), Baba (Papi), Amin, Amin, Nine (die Grossmutter), pisi pisi (Katze), Allah.

Zauberwelt

Die Zeit flog vorbei wie ein kleines Kind auf dem Schlitten im Schnee. Das kleine Mädchen lebte das unbeschwerte Leben eines Kindes. Aber der Islam berührte immer wieder seine Zauberwelt. Mal als ein kleines Gebet, mal als ein magisches Wort aus dem Munde der Erwachsenen, mal als eine Geschichte aus dem Leben Mohammeds. Auch im Bezug auf die Tierwelt tauchte hie und da eine islamische Geschichte auf. «Die Spinne ist und bleibt eklig, auch wenn sie damals Mohammed geschützt hatte», dachte das Mädchen, behielt diese Meinung aber für sich. Die Ameisen waren besser dran. Einmal sagte eine Grosstante, dass jede Ameise, die man rette, einem im Jenseits helfen würde. Das Mädchen konnte mit dem Jenseitsbegriff nicht viel anfangen, dennoch malte seine reiche Phantasie komische Bilder, z. B. alte Menschen, die in einem riesengrossen Garten mit sehr vielen Blumen über die Dattelbäume fliegen. Aber das Mädchen ahnte, dass es sich um etwas handelte, das man ernst nehmen musste. Schliesslich soll dieser Garten der Schönste sein und jede und jeder begehrte, eingelassen zu werden. «Wenn das so ist … na, dann an die Arbeit! Es wird den Ameisen geholfen!» Nachdem das Mädchen bei einer intensiven Rettungsaktion im Garten, ohne es zu bemerken, auf ein Ameisennest trat und die Ameisen sein ganzes Bein hinaufkletterten und es dazu noch bös bissen, verzichtete es dann doch auf deren zugesagte Hilfe im Jenseits.

Die innere Welt des Mädchens wurde Tag für Tag mit verschiedenen, neu erworbenen Blumen geschmückt und bereichert. Es war in eine vom Islam geprägten geistigen Welt eingebettet und bezog die für sein Gedeihen nötige Nahrung aus dieser «Quelle des Lebens.» Es war so, als ob eine wärmende, schützende Decke diese kleine, noch zierliche Welt umhüllte, so wie das grosse, weisse Kopftuch der Grossmutter.

Praktizierte Lebensform

Diese Glaubenswelt formte die Menschen, die zu ihr gehörten und bestimmte ihre Lebensform. Der Islam war überall und in jeder Handlung des Alltags zu spüren, wenn man das Verhalten der Menschen beobachtete: wie sie die Geschehnisse beurteilten, wie sie sich gegenseitig ermahnten, wenn sie über jemanden etwas Unangenehmes sagten, wie sie bei jeder Gelegenheit sich selbst oder einander an die göttlichen Gesetze erinnerten …, da war der Islam ständig gegenwärtig. «Halkin gözü, hakkin gözü», sagte man (wie du von anderen gesehen wirst, wirst du auch von Gott gesehen). Auf diese Weise wurde jede und jeder zur Selbstkontrolle und Weiterentwicklung verpflichtet. Das kleine Mädchen beobachtete alles – je älter, desto bewusster – und auf diese Weise bekam es den ersten «Religionsunterricht» als praktizierte Lebensform. So sah es zum Beispiel wie seine Mutter der bettlägerigen |34| Grossmutter, die sie pflegte, manchmal zuhörte: «… und zu den Eltern sollst du gut sein. Wenn jemand von ihnen oder alle beide bei dir im Haus hochbetagt geworden sind, dann sag nicht ‹pfui› zu ihnen und fahr sie nicht an, sondern sprich ehrerbietig zu ihnen und senke für sie in Barmherzigkeit den Flügel der Selbsterniedrigung und sag: ‹Herr, erbarm Dich ihrer ebenso mitleidig, wie sie mich aufgezogen haben, als ich klein war›.» (Sura 17/23f – Übersetzung von Anne Marie Schimmel) Das Mädchen beobachtete, wie die Älteren ein auf den Boden gefallenes Stück Brot aufhoben, es küssten und an die Stirn drückten, und es dann so verstauten, dass es nicht zertreten werden konnte. Es beobachtete die fastenden Älteren in der Familie, wie sie innig beteten, bevor sie nach einem langen Tag, an dem sie weder assen noch tranken, den ersten Schluck Wasser zu sich nahmen und eine Olive assen. Es ass mit, als hätte auch es gefastet. Diese Teilnahme ermöglichte ihm später, vor der Nahrung und allen Gaben Gottes Dankbarkeit und Ehrfurcht zu spüren.

Grosse Ehrfurcht

Wenn das Mädchen krank war – und es war oft krank, kam die Grossmutter zu ihm und murmelte lange Gebete und dann hauchte sie ihren gebetvollen Atem in sein Gesicht. Sie sagte ihm, dass Allah es sehr liebe und es durch diese Gebete heilen möchte. Dies tat ihm so gut, dass es die Spinnen und Ameisen, die mit Gott Zwiesprache halten durften, bald nicht mehr beneidete. Obwohl das Mädchen am Anfang oft nicht begreifen konnte, was für eine Bedeutung hinter den Geboten oder Gebeten steckte, folgte es den Älteren, denn alle, die ihm diese Gebete direkt oder indirekt beibrachten, zeigten grosse Ehrfurcht davor. In ihm häuften sich viele Bilder wie Schnappschüsse, die sein inneres Auge auffing. Manche dieser Schnappschüsse hatten solch klare Konturen und kräftige Farben, dass sie den Weg des Mädchens wie bunte Laternen beleuchteten. Zwei dieser Bilder seien beschrieben. Sie geben die Möglichkeit zum Verständnis für die alltägliche, islamische Lebensform.

Dankbar und gewissenhaft

Es war ein herrlicher Tag im Mai. Ich war zehn. In allen Gärten im Quartier herrschte eine freudige Aufregung. Von den Bienen und Vögeln bis zu den kleinsten Käfern und Blumen genoss die ganze Natur die Wärme der Sonne. Auch der rheumageplagte Körper des Strassenkehrers Mehmet Efendi. Er kehrte wie immer gelassen die Strassen. Er hatte ein hageres, altes Gesicht und viel zu grosse Hände. Ein Leben lang hatte er nicht nur den Dreck der Strassen gesammelt, sondern auch Erfahrungen. Er hielt sie offen-versteckt in den unzähligen Falten seines viel zu schnell gealterten Gesichts. Woher er beim Dreckputzen die Kraft bekam, diese Arbeit sogar mit Dank weiterzuführen, wurde mir später klar. Mehmet Efendi kam an diesem Tag wie an andern zu uns, um in seiner Freizeit im Garten zu arbeiten und Unkraut zu jäten. Jeder, der bei uns Arbeit verrichtete, bekam das Mittagessen. Dies war eine Tradition. Ich spürte jedesmal, wenn ich Mehmet Efendi das Essen brachte, eine unendliche Zufriedenheit |35| in mir. Dass dieser Mann satt wurde, bereitete mir Freude. Scheu und mit einem leise ausgesprochenen «Allah razi olsun» (Gott möge zufrieden sein), nahm er das Tablett aus meinen Händen. Ein anderes Bild: Eines Tages klopfte es an der Tür. Es war ein regnerischer Tag. Als meine Mutter öffnete, stand der Kümmelstengel-Verkäufer davor und in seiner roten Hand blitzte eine 5-Kurus-Münze. «Sie haben mir fünf Kurus zu viel gegeben», sagte er, «das gehört nicht mir». Wir standen sprachlos vor diesem Mann, vor diesen ehrlichen, genügsamen, braunen Augen. «Hast du deswegen den langen Weg bei diesem Wetter zurückgelegt?», fragte meine Mutter. «Natürlich! Ich bin Allah Rechenschaft schuldig. Wie kann ich sonst später vor Allah stehen?»

«Sind wir doch alle eins»

Ich denke zurück und erinnere mich voller Dankbarkeit an all diese Bäcker, die dazu beigetragen haben, meinen Teig zu kneten und zu formen, und hoffe für den weiteren Weg auf andere Begegnungen, die mir helfen, auf dem Weg zu bleiben. Ich gehe meinen Weg seit zwanzig Jahren in einem fremden Land, wo ich Seelen getroffen habe, die mir sehr viel bedeuten. Sie gehen zum gleichen ewigen Licht von Christus. Auch ihre Seelen sind lichterfüllt. Die Begegnung mit ihnen erlaubte mir, die folgenden Worte Omar Chayyams besser zu verstehen: «Der Tropfen Wein: ‹Wie bin vom Meer ich weit!› Das Weltmeer lacht. ‹Vergeblich ist dein Leid!› Sind wir doch alle eins, sind alle Gott – uns trennt ja nur das winzige Pünktchen Zeit.»

Erschienen in FAMA 2/1994: «Fatimas Töchter»

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Die leere Kammer oder das, was unser Leben offen hält

Zur Frage nach Gott

«Ohne Freundinnen und Freunde

ist Gott genauso miserabel dran

wie wir.»

Dorothee Sölle

in FAMA 4/1992: «Theodizee – oder der Riss in der Schöpfung» |37|

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Eigentlich

Dorothee Dieterich

Eigentlich wollte ich über Dich schreiben,

von der sie sagen,

dass sie die Planeten in Bewegung hält,

die Bäume blühen lässt

und die Kinder lachen.

Sie sagen,

dass Du im Glitzern der Sonne auf dem Wasser

genauso wohnst

wie in den Tränen

meiner wütenden Kinder,

die ich zu Unrecht zurechtwies.

Eigentlich wollte ich über Dich schreiben.

Dass es mir gefällt,

dass Du Dir allzu konkrete Bilder

verbittest – ich lasse mich auch nicht gerne festschreiben

und wie solltest Du

einfacher einzuordnen sein

als ich?

Eigentlich wollte ich davon schreiben,

dass ich denen glauben möchte,

die sagen,

Du seiest mitten unter uns,

erfahrbar für jede,

in der Kraft, die zwischen uns wirkt – wenn wir sie lassen.

Davon, dass es so eine Sache ist

mit der Sehnsucht der Menschen

nach Gebeten und

Riten und

Feiern und

Verbundenheit

und Dir,

bild- und namenlos. |40|

Davon,

dass es uns doch gelingen sollte,

von Dir so zu reden,

dass Dich die Namen nicht einfangen,

aber auch nicht fernhalten.

Von meiner Sehnsucht nach etwas,

das trägt

oder zieht

oder schiebt

und davon, wie gut es ist,

dass Du in und zwischen uns

und nicht nur im Himmel wohnst.

Von meinem Verlangen,

dass da etwas sei,

das leise dazwischentritt,

wenn der Lärm

unsere Ohren verschliesst,

und singt,

wenn alles verstummt.

Nun aber merke ich:

ich fülle Seite um Seite

und denke immer nur nach

über mich:

Über meinen Zweifel,

der immer grösser war

als mein Glaube,

der mich zog

und schob

durch die Bilder hindurch,

die sie von Dir machten,

und mich

nicht stehenbleiben lässt

bei den neuen Bildern. |41|

Über die Scham,

die in mir aufsteigt,

wenn andere Neugier

und Lust am Denken

mit Glauben verwechseln.

Über mein unbegründetes Vertrauen,

dass mir mein Teil

zufallen wird

und die Gewissheit,

dass es gut ist zu leben.

Über meine Furcht,

es könnte mir etwas

zu nahe treten –

auch Dich

halte ich lieber

in sicherer Distanz.

Während ich von mir schreibe,

denke ich immerzu nach

über Dich

und hoffe,

dass ich Dich erkenne,

im Glitzern der Sonne auf dem Wasser

und in den wütenden Tränen

meiner Kinder.

Erschienen in FAMA 1/1998: «Gott oh Gott»

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Gott

Li Hangartner

Unausweichlich ist die Tatsache, dass es das Wort gibt, ihr können wir nicht entfliehen. Es gibt dieses Wort, auch wenn es nichts über das Gemeinte auszusagen vermag. Und solange es dieses Wort gibt, haben wir keine Ruhe. Es ruft Bilder hervor, weil es unmöglich ist, Gott jenseits von Bildern zu denken. Doch kein Bild sagt etwas aus über Gott, Gottesbilder sind Bilder von Menschen, und die Frage, wer Gott ist, verstrickt uns unweigerlich in die Frage: Und wer sind wir Menschen?

Gott lebt in bleibender Unerkennbarkeit

über allem menschlichen Verstehen.

Doch das Innere des Menschen

ist ein Spiegel von Gott,

den wir beständig reinigen müssen.6

Gregor von Nazianz

Trüb und beschlagen, lässt mein Spiegel nicht einmal den Schimmer eines Ganzen erahnen. Auch noch so häufiges Putzen bringt nichts: Blind gewordnes Wort blickt mich an. Ich drehe mich um.

Nicht Hinwegsehen

Ich glaube nicht an Gott, den Allmächtigen, nicht an den unendlich Gütigen. In diesen Bildern liegt die Versuchung, über das, was unheil ist, hinwegzusehen. Sie nehmen die leidvollen Erfahrungen von Gewalt und Ungerechtigkeit nicht ernst, erkennen nicht, dass Folterung, Hunger und Gleichgültigkeit die Menschheit und Gott vernichten. Doch welche Aussage über Gott hält stand «in der Gegenwart verbrennender Kinder» (Elie Wiesel)?

Ich glaube, dass Gott ist. «Gott ist die dringlichste Aufforderung, Wirklichkeit wahrzunehmen» (Dorothee Sölle), die Augen nicht zu verschliessen vor der bitteren Realität, vor Gewalt und Leiden, vor Opfern und Tätern. Auch im Moment des Hasses steckt ein Moment der Wahrheit. Gott als Aufforderung, die Wirklichkeit wahrzunehmen, heisst den bedrängenden Fragen nach Gut und Bös standzuhalten, beides ist den Menschen zurechenbar. Kein Gott nimmt mir die Last der Frage nach den Finsternissen dieser Welt. Im Gegenteil, Gott macht mir das Leben schwer. |43|

Gott ist der Trümmerhaufen, der hinter uns zum Himmel wächst (Walter Benjamin) und den Blick verstellt aufs Paradies, der uns zwingt hinzuschauen, zwingt zu verharren, damit wir den Schmerz spüren, den Unrecht, Zerstörung, Gleichgültigkeit bewirken. Zu sagen: Gott ist, heisst, sich nicht einverstanden erklären mit dem, was ist, heisst klagen, die bittere Wahrheit beklagen, protestieren, rufen und ausrufen, zürnen, schreien. Heisst weinen. Lässt nicht der Prophet Jeremia Gott sagen: «Ich werde heimlich weinen»? Heisst das nicht, dass Gott dort ist, wo wir weinen?

Ausgezogen aus dem Paradies

Die jüdische Mystik kennt die Vorstellung, dass Gott aus dem Paradies ausgezogen ist und ihre Kinder im Exil begleitet. Gott hält es allein nicht aus im Paradies, hat sich gleichsam selbst vertrieben und begleitet uns auf unserem Weg, irrt und leidet mit uns. Gott ist meine Unruhe und meine Verzweiflung, meine Sehnsucht und mein Hoffen. Gott ist ein anderer Name für das schmerzliche Bewusstsein von dem, was nicht ist, die ständige und quälende Erinnerung an das, was sein könnte und doch nicht sein wird. Gott beruhigt nicht und tröstet nicht, fügt nicht zusammen, was zertrennt ist, und heilt nicht, was verwundet ist.

Gott ist unsere Macht und unsere Lust, die Welt zu schaffen, jeden Tag neu zu schaffen. Täglich wird Gott inkarniert in unzähligen Engagements, nehmen Frauen und Männer ihre Macht wahr, damit Gott und Menschen nicht dem Tod ausgeliefert werden, sondern ins Leben auferstehen können. Gott ist die Zusage, dass Umkehr möglich ist, menschenmöglich. Und Gott ist die inständige Bitte, dass wir nochmals von vorne anfangen können, beschrieben von der Dichterin Hilde Domin:

Abel steh auf

es muss neu gespielt werden

täglich muss neu gespielt werden

täglich muss die Antwort noch vor uns sein

…

steh auf

damit Kain sagt

damit er es sagen kann

Ich bin dein Hüter

Bruder7

Hilde Domin

Erschienen in FAMA 1/1998: «Gott oh Gott»

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… aber ich glaube daran

Doris Strahm

Ich glaube nicht an Gott. Ich suche nach den Spuren der Gegenwart dessen, was die Menschen seit alters her Gott genannt haben, in meiner, in unserer Lebenswelt. Ich suche nach den Spuren dessen, was der Sinnlosigkeit, dem Schmerz des menschlichen Daseins und dem abgrundtief Bösen, das Menschen einander antun, standhält. Deshalb bin ich Theologin geworden.

Die Sprache, die einmal aufschwang, Dich zu loben

Zieht sich zusammen, singt nicht mehr

In unserem Essigmund

…

Und dennoch wirst Du fordern, dass wir Dich

Beweisen unaufhörlich, so wie wir sind

In diesem armen Gewande, mit diesen glanzlosen Augen

Mit diesen Händen, die nicht mehr zu bilden verstehen

Mit diesem Herzen ohne Trost und Traum.8

Marie Luise Kaschnitz

Ich glaube nicht an Gott. Doch manchmal ahne ich etwas vom göttlichen Geheimnis des Lebens, das mich umhüllt, in dem ich lebe und bin. Manchmal erfahre ich in der Begegnung mit einem Du eine Ahnung von jenem grösseren Du, das nicht dingfest gemacht und erkannt werden kann, aber in jeder echten Begegnung sich für Augenblicke enthüllt.

Man findet Gott nicht, wenn man in der Welt bleibt, man findet Gott nicht, wenn man aus der Welt geht. Wer mit dem ganzen Wesen zu seinem Du ausgeht und alles Weltwesen ihm zuträgt, findet ihn, den man nicht suchen kann. Gewiss ist Gott «das ganz Andere»; aber er ist auch das ganz Selbe: das ganz Gegenwärtige. … Wenn du das Leben der Dinge und der Bedingtheit ergründest, kommst du an das Unauflösbare, wenn du das Leben der Dinge und der Bedingtheit bestreitest, gerätst du vor das Nichts, wenn du das Leben heiligst, begegnest du dem lebendigen Gott. 9

Martin Buber

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Ich glaube nicht an Gott. Aber ich sammle Texte, Geschichten, in denen der Atem des Göttlichen mich anweht: Geschichten aus der Bibel, Geschichten von heute und Gedichte, die wie Zaubersprüche manchmal Wunden heilen, Verborgenes ans Licht holen, von der Schönheit und von der Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens erzählen – und die Sehnsucht lebendig erhalten nach einer Welt, in der das Wunder trotz allem täglich geschehen kann.

Unsere Kissen sind nass

von den Tränen

verstörter Träume.

Aber wieder steigt

aus unseren leeren

hilflosen Händen

die Taube auf. 10

Hilde Domin

Ich glaube nicht an Gott. Aber ich glaube an «das von Gott in uns», wie die Quäker sagen, an den göttlichen Funken in uns, der uns fähig macht zur Liebe, zur Zärtlichkeit, zur Freude, zur Hingabe, zum Staunen, zur Vergebung, zur Anteilnahme, zum Mitleiden.

Was wir noch können

Was ist, was sein wird, womöglich sein wird, und dass wir solche Dinge wahrnehmen und beklagen, Grausamkeiten noch wahrnehmen und beklagen, Ungerechtigkeiten noch wahrnehmen und beklagen, während es doch denkbar wäre, eine Zeit denkbar wäre, in der wir umherkriechen empfindungslos, in der uns nichts mehr angeht, unter die Haut geht, neben uns schreit ein Sterbender und wir wenden den Kopf nicht, neben uns wird ein Kind gegen eine Mauer geschleudert und wir erschrecken nicht. Demgegenüber scheint auf jeder noch so bescheidenen Anteilnahme, jedem noch so billigen Erbarmen der Schimmer eines goldenen Zeitalters zu liegen. Wir können noch sehen, wir können noch hören, wir können noch leiden, noch lieben.11

Marie Luise Kaschnitz

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Ich glaube nicht an Gott. Aber ich erfahre so etwas wie eine göttliche Kraft in Momenten der Liebe und höchsten Lust, wenn die Zeit stillsteht und ich ganz ausser mir verloren bin in Dir; ich spüre sie, die göttliche Lebenskraft, im Rausch des Tanzes, wenn der Rhythmus des Lebens meinen Körper durchpulst, in den Klängen der Musik, deren Melodie in mir widerhallt; ich höre sie manchmal, diese Kraft, in der Stille, die zu mir spricht; ich sehe sie in der Unendlichkeit des Meeres, in der Weite des Himmels …

Die Seele der Dinge

lässt mich ahnen

die Eigenheiten

unendlicher Welten

Beklommen

such ich das Antlitz

eines jeden Dinges

und finde in jedem

ein Mysterium

Geheimnisse reden zu mir

eine lebendige Sprache

Ich höre das Herz des Himmels

pochen

in meinem Herzen.12

Rose Ausländer

Ich glaube nicht an Gott. Und doch ist da manchmal der verzweifelte Wunsch, es gäbe etwas, eine transzendente Macht, die alles zum Guten lenkt, uns nicht allein lässt in all dem Elend und Tod, eine Macht, die die Krankheit der Freundin wegzaubert, die Wunden der Opfer heilt, die Tränen der Trauernden abwischt, der Gewalt und dem Hass zwischen den Menschen ein Ende setzt.

Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben, sie werden die Schönheit sehen, sie werden vom Schmutz befreit sein und von jeder Last, sie werden sich in die Lüfte heben, sie werden unter die Wasser gehen, sie werden ihre Schwielen und ihre Nöte vergessen. Ein Tag wird |47| kommen, sie werden frei sein, es werden alle Menschen frei sein, auch von der Freiheit, die sie gemeint haben. Es wird eine grössere Freiheit sein, sie wird über die Massen sein, sie wird für ein ganzes Leben sein …

Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen rotgoldene Augen und siderische Stimmen haben, an dem ihre Hände begabt sein werden für die Liebe, und die Poesie ihres Geschlechts wird wiedererschaffen sein … und ihre Hände werden begabt sein für die Güte, sie werden nach den höchsten aller Güter mit ihren schuldlosen Händen greifen, denn sie sollen nicht ewig, denn es sollen die Menschen nicht ewig, sie werden nicht ewig warten müssen …13

Ingeborg Bachmann

Ich glaube nicht an Gott. Aber ich glaube daran, dass «Gott» geschieht, wann immer wir das Leben und unser Menschsein heiligen, wann immer wir uns mit Achtung einander zuwenden, uns berühren lassen von der Not und den Bedürfnissen der anderen und voll Zorn das Unrecht, das ihnen angetan wird, beim Namen nennen. Ich glaube daran, dass «Gott» geschieht, wenn wir uns gegen die Normativität des Faktischen die Vision einer anderen Welt, von Schalom und einem «Leben in Fülle» für alle Menschen bewahren und sie fragmentarisch Gestalt werden lassen in unserem Leben. Deshalb bin ich bis heute Theologin geblieben.

Ich habe keinen Respekt

Vor dem Wort Gott

Habe grossen Respekt

Vor dem Wort

Das mich erschuf

Damit ich Gott helfe

die Welt zu erschaffen14

Rose Ausländer

Erschienen in FAMA 1/1998: «Gott oh Gott»

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Gott Gewicht geben

Magdalene L. Frettlöh

Kann Gott Gewichtsprobleme haben? Die Frage mag lächerlich und unsinnig erscheinen, wenn wir Gewicht in Gramm, Kilo und Zentner aufwiegen, bei der Suche nach dem Idealgewicht den Body-Mass-Index (BMI) anlegen und die Teilnahme an einer Weight-Watchers-Gruppe empfehlen. Von göttlichen Essstörungen zu sprechen, gar Gott wegen krankhaften Unter- oder Übergewichts ins Spital zu überweisen – das scheint doch eine menschlich-allzumenschliche Vorstellung von Gott zu sein und mag für einige bereits die Grenze zur Blasphemie überschreiten.

Anders aber verhält es sich, wenn wir Gewicht nicht nur als physikalische, sondern ebenso als soziale Kategorie auffassen. Wer in diesem Sinn Gewicht hat, ist wichtig und bedeutend, angesehen und geachtet, wird geehrt und hochgeschätzt. Eine Person von Gewicht hat Würde und verdient Respekt. Sie hat Autorität und Macht, hinterlässt Eindruck und nimmt Einfluss. Ein Leichtgewicht zu sein, ist dann gerade nicht erstrebenswert.

Gottes Gewichtsprobleme

Hat Gewicht aber mit Beziehung und Kommunikation, mit sozialer Anerkennung und Beachtung zu tun, dann kann auch Gott sehr wohl Gewichtsprobleme bekommen, wenn nämlich Menschen Gottes Namen entehren und missbrauchen, Gottes Gebote ignorieren, wenn ihnen Gott gleichgültig geworden ist oder wenn sie Gott vor den Karren eigener Machtinteressen spannen. Und gerade dort, wo Gott selbstverständlich bedeutungsschwer und hochgeachtet zu sein scheint, nämlich in Theologie und Kirche, gibt es spezifische Gefahren der Geringschätzung Gottes. So lässt sich auch theologischer- und kirchlicherseits eine Art Trend zu Light-Produkten erkennen, die einen bedenkenlosen und ungefährlichen Genuss ohne Risiken und Nebenwirkungen verheissen: Gott ist lieb, aber nicht gewalttätig; Gott ist sanft, aber nicht zornig; Gott ist verständnisvoll und nicht eifersüchtig; Gott ist nahe und entzieht sich nicht; Gott hat Mitleid, aber ist nicht länger allmächtig; Gott segnet, doch Fluchen liegt Gott fern; Gott lässt zu, aber mischt sich nicht ein, mit einem Wort: Gott stört nicht.

Gerade der weithin vollzogene Abschied von einem allmächtigen Gott (anstatt das Allmachtsprädikat neu zu interpretieren), der Verzicht auf die Vorstellung eines Jüngsten Gerichts (anstatt dieses als Forum der Zurechtbringung aller Geschöpfe und der Selbstrechtfertigung Gottes zu erwarten), die Schwierigkeiten, befreiend von Sünde und Sühne zu reden, der Verlust des Respekts vor der Heiligkeit Gottes – um nur einige Motive zu nennen – gehören zu jenem Trend, der nur vermeintlich ein |49| glaubwürdigeres Christentum verspricht,15 faktisch aber Gott das Ihr gebührende Gewicht nimmt.

Gewichtsprobleme sind Beziehungsprobleme

Auch bei Gott sind Gewichtsprobleme also Beziehungsprobleme, geht es doch bei der Frage der angemessenen Gewichtung Gottes nicht um Gott an und für sich, sondern um Gott in Beziehung, Gott in Kommunikation, dogmatisch gesprochen: Gott im Bunde mit den Menschen. Was wir traditionell Eigenschaften Gottes nennen, sind darum viel eher Beziehungsweisen Gottes, ja Massstäbe (hebr. middot) des Beziehungsverhaltens Gottes, die zeigen, wer Gott für uns ist, wie Gott uns entgegenkommt, begegnet und begleitet, und was Gott von uns erwartet. Denn Gottes Verbündelung mit uns zielt auf Gegenseitigkeit, auf unsere Bestätigung und Betätigung dieser PartnerInnenschaft. Gott sucht BündnispartnerInnen auf Augenhöhe. Und nur deshalb kann Gott auch Gewichtsprobleme bekommen. Eine Gottheit, die sich selbst genügen will, braucht keine Gewichtsschwankungen zu fürchten.

Kavod – Schwere

Unter den biblischen Beziehungsweisen Gottes gibt es nun eine, der buchstäblich besonderes Gewicht zukommt: Im Hebräischen heisst sie kavod. Die Grundbedeutung von kavod ist «Schwere», «Gewicht». Die intensive Form des entsprechenden Verbs (kabbed) begegnet etwa im Elterngebot. «Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!» heisst: «Du sollst den (alt gewordenen) Eltern Gewicht geben, ihnen Respekt zollen, ihnen das Lebensnotwendige zukommen lassen, ihre Würde nicht mindern.» Das Gegenteil von kabbed ist qallel, eines der hebräischen Worte für «fluchen». Fluchen heisst: Jemanden leicht nehmen und leicht machen, wie Luft behandeln und übersehen, geringschätzen und verachten.

Was ist nun das Besondere an dem Attribut kavod? Kavod ist mehr als ein göttlicher Wesenszug unter anderen. Kavod macht geradezu die Göttlichkeit Gottes aus, indem im kavod die Vielzahl der göttlichen Beziehungsweisen in Erscheinung tritt, indem Gott sich im kavod der Welt mitteilt und in der Welt sinnenfällig ankommt. Kavod ist der imponierende Wesenszug Gottes, das, was Gott in der Welt buchstäblich ansehnlich macht, so dass Gott nicht übersehen werden kann. Umgangssprachlich heisst Gottes kavod: Gott ist eine Wucht.

Wir können kavod auch Gottes Ausstrahlung nennen. Glorie und Glanz gehören zu den Konnotationen von kavod und zeigen sich vor allem auch im Begriff doxa, der im Neuen Testament die Bedeutungsvielfalt von kavod aufnimmt.

Beeindruckt Gott im kavod mit der Offenbarung all Ihrer Beziehungsweisen die Menschen, so soll dies auch wieder geschöpflichen Ausdruck, einen irdischen Reflex |50| finden: Gottes kavod, Gottes doxa spiegelt sich in der Schöpfung wider: «Die Himmel erzählen den kavod Gottes» (Ps 19,2a). In der Doxologie, dem Gotteslob, kehrt die doxa zu Gott zurück. Hat Gott (sich) uns imponiert, können wir uns exponieren.

Als Inbegriff des sich selbst mitteileden, sich selbst ausgebenden Wesens Gottes zielt kavod auf wechselseitige Anerkennung von Gott und Mensch: Jesaja lässt Gott zu Israel sagen, dass Er es zu Seinem kavod geschaffen habe (Jes 43,7). Und in Sacharja 2,9 verheisst Gott: «Ich will zum kavod in ihrer Mitte werden.» Und mit den Worten von Psalm 3,4 bekennen die BeterInnen: «Mein kavod bist Du und erhebst mein Haupt.» Gott und Mensch, Schöpferin und Geschöpf machen sich gegenseitig Ehre und geben einander Gewicht.

Wider die VerHerrlichung des göttlichen kavod

In den meisten unserer Bibelübersetzungen werden kavod und doxa für gewöhnlich mit «Herrlichkeit» verdeutscht, was in der Dogmatik nicht nur übernommen, sondern auch begrüsst wird. So hält etwa Karl Barth die etymologische Beziehung von «Herrlichkeit» und «Herr» im Deutschen geradezu für einen Glücksfall, sieht er es doch als Aufgabe der Lehre von Gottes Vollkommenheiten an zu bezeugen, dass Gott «nicht nur der Herr, sondern als solcher herrlich und andererseits: dass jegliche Herrlichkeit die Herrlichkeit Gottes des Herrn ist».16 Die gewichtige Rolle, die kavod und doxa im Ensemble der göttlichen Beziehungsweisen spielen und die Karl Barth wie kaum ein anderer Dogmatiker wahrgenommen hat, indem er etwa auch die Schönheit und Anmut Gottes als Momente des kavod entdeckt, werden durch die vermeintlich «biblische Einheit des Herrn mit seiner Herrlichkeit»17 androzentrisch identifiziert und infiziert. Doch weder bei kavod noch bei doxa besteht irgendeine Notwendigkeit, bei der Übersetzung auf Herrschaftskategorien zurückzugreifen. «Herrlichkeit» ist mitnichten eine zwingende oder auch nur naheliegende Verdeutschung von kavod und doxa. Es sind andere als sprachliche Gründe, denen sich diese dominante Übersetzungstradition verdankt.

Nun steht ja Karl Barth kaum im Verdacht, von Gott zu gering gedacht zu haben. Doch diese (fast) ausschliessliche Verdeutschung der semantisch geradezu überbestimmten Worte kavod und doxa mit «Herrlichkeit» stützt ein männliches Gottesbild, bringt die Gott-Mensch-Beziehung ebenso einseitig als Herrschaftsverhältnis zur Sprache und gibt zudem der Übersetzung des Eigennamens des biblischen Gottes, des Tetragramms J-H-W-H, mit «Herr» neue Nahrung. Doch «Herr» ist nicht der Eigenname, sondern nur einer der Rufnamen Gottes, die an die Stelle des unaussprechlichen Eigennamens treten.

Wo das, was in spezifischer Weise Gottes Göttlichkeit in Ihrer beeindruckenden Erscheinung ausmacht, herrschaftsterminologisch und androzentrisch allein als |51| «Herrlichkeit» in den Blick kommt, begegnet eine der traditionell am meisten verbreiteten Herabminderungen, gleichsam eine Halbierung Gottes: Sind die Menschen in der Differenz von männlich und weiblich zum Bild Gottes geschaffen (Gen 1,26), dann kann die göttliche Beziehungsweise, die Gottes Unübersehbarkeit in der Welt bewirkt, nicht androzentrisch geprägt sein und einer vorrangig männlichen Gottesvorstellung das Wort reden.

Das Bilderverbot – biblischer Massstab der Würdigung Gottes und des Menschen

Die gleichursprüngliche Erschaffung des weiblichen und männlichen Menschen zum Bild Gottes fordert eine geschlechtergerechte Metaphorik im personalen Reden von Gott. Liefert die Gottesbildlichkeit als zentrales Motiv einer biblischen Anthropologie das Sachargument gegen eine (einseitige) Verdeutschung von kavod und doxa mit «Herrlichkeit», so tritt ihr das Bilderverbot als Kriterium eines angemessenen Redens von Gott zur Seite: «Du sollst dir kein Bild machen» (Ex 20,4–6; Dtn 4,16ff.; 5,8–10). Denn Gott hat sich selbst im Menschen Sein und Ihr Bild erschaffen, so dass sich in der Begegnung mit den Mitmenschen Bilder Gottes einstellen, die wir nicht herstellen können und dürfen. Die Vielfältigkeit der Bilder Gottes, die wir in der Begegnung mit den von Gott selbst gemachten Bildern, den Mitmenschen, wahrnehmen, lässt uns das Bilderverbot neu verstehen: «Du sollst dir kein = nicht ein Bild von Gott machen.» Wer sich nur ein (einseitiges) Bild von Gott macht, bildet sich ein, Gott zu kennen, über Gott im Bilde zu sein und darum auch rasch mit Gott fertig werden zu können.

Das Bilderverbot wahrt die Freiheit Gottes, indem es der Verfügung über Gott in der menschlichen Einbildung wehrt. «Herrlichkeit» verstösst als einseitige Wiedergabe von kavod und doxa gegen das Bilderverbot. Dieses fordert, den semantischen Reichtum der gewichtigsten Beziehungsweisen Gottes wiederzuentdecken: Gewicht, Schwere, Bedeutung, Würde, Wucht, Ehre, Ansehen, Glanz, Schönheit, Anmut, Klarheit, Pracht … und damit Motive, die eine geschlechterduale Identifizierung hinter sich lassen (vgl. Gal 3,28).

Gott Gewicht geben – Gott segnen

«Nicht uns, Gott, nicht uns, sondern deinem Namen gib kavod» – mit dieser Bitte beginnt der Psalm 115. Und er mündet in die bekenntnishafte Selbstverpflichtung: «Wir aber, wir wollen Jah segnen – von nun an und für immer: Hallelu-Jah!» (V18). Aus der doppelten Verneinung der BeterInnen am Anfang des Psalms ist am Ende ein emphatisches «wir aber, wir» geworden. Gott gibt dem eigenen Namen Gewicht, indem die Betenden diesen Namen segnen, ein Hallelu-Jah auf ihn einstimmen. Das dem Namen Gottes alle Ehre machende Wirken Gottes und Tun der Menschen liegen ineinander, denn die Menschen können nur deshalb Gott segnen und so dem Namen Gottes Ansehen verleihen, weil sie selbst von Gott Gesegnete sind (vgl. V12f.15). |52| Als Gesegnete sind sie selbst segensfähig; als von Gott Angestrahlte (vgl. Num 6,25) reflektieren sie Gottes Glanz.

Der Begriff «Kavodologie» ist ein Pendant zu «Doxologie», das den Sinnüberschuss der Hebräischen Bibel aufnimmt. Die intensivste Form des Gotteslobs, das die Bibel kennt, ist das Gottsegnen.18 Wie «Fluchen» (qallel) ein Leichtnehmen und Geringschätzen ist, so macht der Segen bedeutungsschwer. Psalm 115 zeigt eindrücklich wie im menschlichen Gottsegnen – frei von Konkurrenz, frei zur Kooperation – Gott und Mensch einander Gewicht geben.

Erschienen in FAMA 4/2008: «Gewicht»

Beziehungsweise …

Einige kritische Anmerkungen zu relationalen Gottesvorstellungen

Gisela Matthiae

Der Mensch ist keine Insel und Gott kein unberührbares, fernes, allmächtiges und allwissendes Wesen. Auch wenn die Inselträume einen immer wieder einholen und Gott in den allermeisten Gottesdiensten immer noch als Herr, König, Herrscher, Richter und Vater angesprochen wird. Nein, Freiheit als Unabhängigkeit und Autonomie gilt nicht mehr als menschliches Entwicklungsideal und als vornehmste göttliche Eigenschaft. Denn längst hat nicht nur feministische Kritik genau darin Hauptmerkmale einer patriarchalen Ordnung entlarvt. Das Ideal von Freiheit verstanden als Unabhängigkeit und Autonomie konnte bislang nur auf den Mann in seiner Entsprechung zu einem männlichen Gott zutreffen – und zwar nur solange wie Frauen die ausgeblendeten Facetten dieser Konstruktion ausfüllten: das Dasein für andere, die Unterordnung in der Rolle des Objekts und der Anderen des Mannes. |53|

Beziehungsreiches Sein

Donna Haraway, eine US-amerikanische Technologiewissenschaftlerin, nannte diese Ideologie den «God-trick» – eine vermeintlich objektive, körperlose, nicht situationsgebundene Perspektive von oben auf die Dinge, von denen man annimmt, dass sie auf diese Art beherrscht werden können.19 Aber sie lassen sich nicht beherrschen. Und Frauen beanspruchen ihrerseits längst einen Subjektstatus. Subjekt wird aber heute verstanden als beziehungsreiche Grösse. Der Mensch, auch der Mann, lebt in einem Geflecht von Beziehungen und Abhängigkeiten, die die eigenen Entscheidungen und das Handeln massgeblich beeinflussen und auch beeinflussen sollen. Eine Ethik, die sich nicht daran orientiert, droht in eine abstrakte Normativität abzudriften, etwa wenn Fragen des Embryonenschutzes ohne die konkreten Erfahrungen von Frauen behandelt werden. Ökologische Verantwortung berücksichtigt die Folgen jedes Handelns für die gesamte Schöpfung, Tiere, Pflanzen und Menschen, und das nicht nur in der unmittelbaren Umgebung. Eine Ökonomie der Bezogenheit orientiert sich nicht am totalen Markt und dem Gewinnstreben einzelner Grosskonzerne, sondern immer noch an den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit.20

Das so verstandene Subjekt nimmt Abschied von kontextlosen und geschichtsübergreifenden Allgemeingültigkeiten. Es setzt auf dialogische Prozesse, auf Demokratie, auf Veränderbarkeit auch der eigenen Identität und schliesst Irrtum und selbst Scheitern mit ein. Feministische Analyse macht allerdings auch auf die Brüchigkeiten weiblicher Subjektivität in den bestehenden Verhältnissen aufmerksam. Nomadisierend zwischen herrschenden Zuschreibungen von FrauGeliebteMutter und eigenen Wegen, weibliche Existenz zu leben, versucht Frau, quer zu Normen, Klischees und Rollenerwartungen, die weiblichen Muster nicht erneut zu bedienen – allenfalls mitunter aus taktischen Motiven –, sie letztlich aber aus den Angeln zu heben.

Gott als «Macht in Beziehung»

Es liegt nahe, dass die Veränderung des Subjektbegriffs auch zu einer Veränderung von Gottesvorstellungen führt. Bereits die Trinitätslehre benennt Gott nicht als einsames, sondern als dreieiniges Sein. Und so wie es zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist ein Beziehungsverhältnis gibt, ist auch das Wirken Gottes nach aussen beziehungsreich, kommunikativ und lebendig: durch die Schöpfung, durch einen Mensch gewordenen Gott, durch Gott als Leben und Gemeinschaft stiftendes Wirken. Und so kennt doch auch die klassische Theologie Bezogenheit als tief verankert im Gottesgedanken. Doch die Trinitätslehre vermittelt sich nicht so einfach, zumal alle drei göttlichen «Personen» immer noch als männlich gedacht werden und die Vorstellung des einen Vater-Gottes alles andere stets überschattet hat. |54|

Die feministische Theologie hat dieses Modell bislang noch kaum für sich entdeckt, aber einzelne Aspekte daraus übernommen und verändert. So wurde z. B. stark die Bezogenheit von Jesus und seinen Mitmenschen in dem Begriff der «Gegenseitigkeit» (Moltmann-Wendel) herausgestellt. Darauf aufbauend hat Carter Heyward bereits in den 1980er Jahren ihre sehr bekannt gewordene Definition von Gott als «Macht in Beziehung» entwickelt. Bis heute stellt sie ein wirksames und wichtiges Gottessymbol dar, das Gott nicht als ein Gegenüber zum Menschen versteht, sondern Gott selbst in den menschlichen Beziehungen ansiedelt. Gott ist nicht mehr eine Macht über uns, sondern «eine Macht unter uns, eine Macht, die wir teilen».21 Diese Macht ist nicht irgendeine, sondern inhaltlich bestimmt als Gerechtigkeit. Da, wo Menschen gerecht handeln, in liebevollen und gerechten Beziehungen miteinander leben, da sind sie wie Gott bzw. handeln sie göttlich. Aus dem Subjekt Gott wurde hier das Verb «to god» als der angemessene Ausdruck für das göttliche Wirken unter uns Menschen. Es ist letztlich eine menschliche Tat. Heyward erinnert in ihren Ausführungen daran, dass wir Frauen alle bereits diese Macht oder Energie gespürt haben: bei Protesten, in politischen Aktionen, in der gemeinsamen Arbeit, im gemeinschaftlichen Lernen, in Freundschaften, in der Liebe. «Göttliches Wesen treibt uns, sehnt sich nach uns, bewegt sich in uns und durch uns und mit uns, indem wir uns selbst als Menschen erkennen und lieben lernen, die von Grund auf in Beziehung stehen und nicht allein sind.»22 Wir haben also bereits unsere Macht in Beziehung erlangt, und sie ist es wert, Gott genannt zu werden.

Diesseitig und abhängig

Heyward gelingt es in ihrer Gottesdefinition, uns Menschen, besonders uns Frauen, aus einer Defizitposition herauszuholen. Was wir bereits erfahren und tun, darf göttlich genannt werden. Das Verständnis von Sünde wird hier geradezu auf den Kopf gestellt. Nicht das Sein-Wollen-wie-Gott ist Sünde, sondern ganz im Gegenteil wird genau dazu aufgefordert. Von Sünde kann nur dann die Rede sein, wenn Beziehungen nicht gerecht sind, wenn sie zerstört sind oder zerstört werden. Die Bestimmung von Gott als «Macht in Beziehung» ist ausserdem nicht mehr vereinbar mit der klassischen Unterordnung des Menschen – und besonders der Frau – unter Gott und der unheilvollen Verknüpfung von Liebe und Gehorsam. Denn Liebe ist gar nicht anders denkbar und lebbar als in gegenseitiger Abhängigkeit. Und so sind auch Gottesliebe und Nächstenliebe nicht mehr voneinander zu trennen, ja sie sind ununterscheidbar. Aus einem jenseitigen, allmächtigen Gott ist ein ganz diesseitiger Gott geworden, der letztlich über keine Macht verfügt, die über das hinausginge, was Menschen selbst tun. Und wiederum erfahren Menschen Gott nur in ihren gerechten |55| Beziehungen und in ihrem gerechten Tun. «Wir erfahren Gott gemeinsam oder gar nicht.»23 Solche Erfahrungen können zugleich als Wahrheitskriterium für die Existenz Gottes angesehen werden.

Aus einer Abhängigkeit der Menschen von Gott ist hier umgekehrt eine Abhängigkeit Gottes von den Menschen geworden. Heyward bezieht diese Gedanken auch auf die Erlösung. Sie ist in dem Masse verwirklicht, als wir bereit sind, Liebe und Gerechtigkeit in dieser Welt zu verwirklichen. Der Glaube wird ganz folgerichtig zu einer ethischen Handlungsweise, die Theologie zur Ethik, denn eine Rede von Gott jenseits menschlicher Praxis erübrigt sich.

Der Sinn einer Unterscheidung von Gott und Mensch

Etwas abschätzig nennt man es Immanentismus, wenn sich der Himmel in die Erde hinein auflöst, Gott zum Menschen wird, auch wenn hier die Latte sehr hoch gehängt wird, nämlich als gerechtes, gemeinschaftliches Handeln. Doch so ganz scheint auch Heyward nicht von der Vorstellung eines göttlichen Gegenübers abweichen zu wollen. Dafür sprechen Stellen, an denen sie betont, dass wir gerade nicht mit Gott identifiziert werden sollen oder zusammen mit Gott daran beteiligt sind, Gerechtigkeit in unsere Welt zu bringen.24 An verschiedenen Stellen wird deutlich, dass es neben Gott als Macht in Beziehung auch eine Beziehung zu Gott gibt.

Doch wie ist das zu verstehen? Ist dieses göttliche Gegenüber dann wie eine Freundin oder Geliebte zu verstehen, wie es ja auch in einigen Ansätzen vertreten wird?25 Ist sie darin aber, so wie gute Freundinnen es schliesslich sind, auch eine von mir und meinem Tun unabhängige Grösse?

Ich halte die alte theologische Unterscheidung von Gott und Mensch, von Trans­zendenz und Immanenz immer noch für unverzichtbar, und mir scheint, dass auch Carter Heyward in gewisser Weise daran festhält. Denn würde es sich ansonsten nicht völlig erübrigen, überhaupt noch von Gott zu sprechen? Wenn das Göttliche nichts weiter wäre als das, was wir selbst tun? Die Kritik an dem ungebundenen, absoluten göttlichen Sein mündet bei diesem Ansatz in dessen völliger Auflösung. An seine Stelle treten der Mensch bzw. menschliche, gerechte Beziehungen. Obwohl dieser Ansatz unsere eigenen Erfahrungen, Fähigkeiten und Visionen stärkt und fördert, hat er zugleich etwas Gnadenloses. Ich meine, dass diese Gottesdefinition auch eine völlige Überforderung und Überhöhung von Menschen darstellt. Denn was geschieht, wenn es uns nicht gelingt, in gerechten Beziehungen zu leben und Gerechtigkeit zu schaffen? Was, wenn wir uns nicht einmal als eingebunden in ein gutes Beziehungsnetz erleben? Müssen Frauen sich dann nicht wieder als defizitär erleben? Denn im |56| schlimmsten Fall verwirken sie nicht nur ihr Menschsein, sondern auch noch ihr Göttlichsein.

Der Sinn einer Unterscheidung von Gott und Mensch liegt auch darin, dass das Göttliche mir Erfahrungen ermöglicht, die ich aus mir selbst gerade nicht machen würde. Es wäre doch unendlich langweilig, wenn wir – bei aller Mannigfaltigkeit der Beziehungen – immer nur um uns selbst kreisen würden. Ich erwarte von Gott Überraschungen, die mich mir selbst fremd werden lassen, um auf diese Weise Befreiung von üblichen Routinen zu finden. Und ich erwarte, dass ich auch in meinem Tun scheitern werde und scheitern darf. Ein Ansatz, der aber einzig auf gelingendes Handeln bezogen ist, kann das Versagen nicht mehr reflektieren. Bei aller Vermenschlichung gerät diese Gottesdefinition schliesslich zu einer unmenschlichen Theologie.

Unerwartete Clownin Gott

Problematisch erscheint mir aber auch der Beziehungsgedanke selbst. Die Pflege sozialer Beziehungen gehörte immer schon in den Zuständigkeitsbereich von Frauen. Überspitzt gefragt: Wird hier nicht weibliches Sozialverhalten zur Definition Gottes erhoben? Beziehungen sind so vielfältig wie Menschen selbst, sie werden in Familien anders gelebt, als in Institutionen und Konzernen, anders von Männern als von Frauen. Ohne Differenzierung gerät Gott als Macht in Beziehung nur wieder zu einer Bestätigung der herrschenden Geschlechterordnung anstatt aus ihr zu befreien. Meines Erachtens bedarf es dazu Gottesvorstellungen, die aus einer geschlechtlichen Engführung herausfinden und die Seins- und Handlungsmöglichkeiten auf allen Gebieten, privat und öffentlich, erweitern. Dazu gehören Gottesvorstellungen, die uns in unserem Tun nicht nur bestätigen, sondern auch herausfordern. Ich halte fest an einem Gott der Fremdheit, der Irritation, des Unerwarteten und des Unverwertbaren. Um nicht selbst immer wieder das grammatikalische männliche Geschlecht dafür zu nutzen, habe ich von der «Clownin Gott» gesprochen.26 Es ist eigentlich Unsinn, denn Clowns sind sowieso schon geschlechterübergreifend, mal männlich, mal weiblich. Da sie aber immer noch häufiger von Männern gespielt werden und die androzentrische Gottesrede korrigiert werden soll, spreche ich von der Clownin. Es ist eine Metapher, die allerlei Assoziationen freisetzt. Clowns sind Figuren des Staunens und der Liebe zum Leben, weshalb sie es intensiv und in allen Facetten ausprobieren. Sie scheitern regelmässig damit, denn sie wollen die herrschenden Regeln weder lernen noch beherzigen. Doch jedes Scheitern eröffnet wieder neue kreative Möglichkeiten. Ihr Blick ist der vom Rand auf die Mitte, weshalb sie immer gut sind für eine kritische Analyse und Umgestaltung der Verhältnisse. Darin sehe ich göttliches Wirken am Werk. Freilich trifft es uns in aller unserer Bezogenheit, ohne diese |57| selbst zu einem Kriterium zu erheben. Und es ist ein Wirken, das wir selbst fortsetzen können – in clownesker menschlicher Existenz.

Erschienen in FAMA 2/2003: «Intimität»

SternMenschen

Jacqueline Sonego Mettner

Ich gehöre offenbar zu den Menschen, die Gott brauchen und die annehmen, dass Gott sie braucht. Es ist meine Kraft.

Ich brauche Gott vor allem, um Mut und Grossmut zu lernen und um meinen Glauben an die Sternengrösse der Menschen nicht zu verlieren. Rose Ausländer schreibt davon:

Die Menschen

Immer sind es / die Menschen

Du weisst es

Ihr Herz / ist ein kleiner Stern

der die Erde / beleuchtet27

Rose Ausländer

Ich weiss und erfahre – Gott sei Dank – dass es immer Menschen sind, durch die ich den Grossmut, die Weite, den Zorn und die Liebe Gottes lerne und erfahre. Gott hat keine andern Hände, Augen, Lippen, Herzen, Füsse als die unsern. Das ist oft wunderbar: Die kleinen Füsse meiner Tochter in meiner Hand, das Aufblitzen von Schalk und Leben in den Augen einer alten Frau, das Berührtwerden von Jugendlichen durch Ungerechtigkeit und der beginnende Eifer, etwas dagegen zu tun. Es sind immer Menschen und trotzdem brauche ich Gott, dem ich die Güte zutrauen kann, wenn ich sonst nur noch Verrat sehe.

Ich brauche Gott über meine Erfahrung hinaus als einen ohnmächtig-mächtigen Grund, der trägt, wo Menschen versagen, sich versagen, wo Bosheit, Neid, Missgunst, |58| ungelebtes Leben alles versanden lässt, alles zudeckt, alles nichtig und lächerlich macht, alles zersetzt in eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Ich brauche Gott, um die Schönheit, das Bleibende, das, was gemeint war, die Würde menschlicher Bedürftigkeit vollmundig und vollmächtig behaupten zu können und ich brauche Gott, damit ich dafür nicht blind werde, sondern die Kostbarkeit, das Heitere und das Rührende des Lebens immer neu und anders sehen kann.

Ich brauche das Aufgestörtwerden aus meiner Bequemlichkeit, meiner Einrichtung in tausend scheinbaren und wirklichen Verpflichtungen, in Ablenkungen von meinem eigenen Leben. Ich brauche Gottes Empörung und Untröstlichkeit über das Unrecht, die Lüge, die Gewalt und die Zerstörungen dieser Welt. Ich brauche seinen Schmerz über den Missbrauch ihres Namens, damit ich mich weder einlullen lasse durch ein harmloses Geschwätz von einem niedlichen, kleingehackten Gott noch mich einschüchtern lasse durch das imperiale Gerede von der «richtigen» Christlichkeit im Fürwahrhalten von dogmatischen Leerformeln wie Jesus-Christus-Gottes-Sohn-Herrscher-der-Welt-Erlöser-von-der-Sünde.

Gott, die tröstet und getröstet werden will

Ich vertraue darauf, dass «für Gott Sucher die wichtigsten Menschen sind» (H. D. Hüsch). Einen Christus als Imperator brauche ich nicht, aber mit Jesus lebe ich als dem Gewährsmann für Gottes Güte und Gerechtigkeit, für ihre mächtig-ohnmächtige Passion für alle und mit allen Entrechteten und Gequälten. Ich weiss, dass es immer die Menschen sind, durch die Gott wirkt. Trotzdem möchte ich Gott bitten dürfen für die Kranken, für die Sterbenden, für die Toten, für die Trauernden, für die Fremden, für die Kinder, für die Alten, für die Verlassenen und für die Aufbrechenden, für die entrechteten und gedemütigten Frauen und Männer, für die hirnverbrannten Männer und Frauen, für die geschändete Erde. Ich möchte mich in Gottes Arme werfen können auch wenn kein Mensch da ist, der hilft. Ich möchte von Gott getröstet werden und zugleich wissen, dass es Gott ist, die den Trost braucht, mindestens so sehr.

Näfäsch – die Kehle

Ich will Gott loben und singen. Dass das hebräische Wort für Seele näfäsch auch die Kehle bezeichnet, hat mich schon immer berührt. Im Weinen, im Schreien, in der Sprache, im Schweigen, im Gesang, im Essen und Trinken, im Hunger und im Durst geschieht für mich vielfältig Gott.

Ich singe Gott, ihr allein zur Ehre, und finde mich dabei befreit von mir selbst, vom bedrückenden Staub der Schwermut, der sich manchmal auf die Sinne zu legen und alles zu verstopfen droht.

Von Gott kommt keine ohne Auftrag zurück. Ich empfinde dies als wahr. Als oft ängstlicher Mensch hilft mir Gott, mich nicht zu ducken, sondern für ihr Recht zu streiten. Wunderbar ausgedrückt von Hilde Domin: |59|

Ich will einen Streifen Papier

so gross wie ich

ein Meter sechzig

darauf ein Gedicht

das schreit

sowie einer vorübergeht

schreit in schwarzen Buchstaben

das etwas Unmögliches verlangt

Zivilcourage zum Beispiel

diesen Mut den kein Tier hat

Mit-Schmerz zum Beispiel

Solidarität statt Herde

Fremd-Worte

heimisch zu machen im Tun

Mensch

Tier das Zivilcourage hat

Mensch

Tier das den Mit-Schmerz kennt

Tier

das Gedichte schreibt

Gedicht

das Unmögliches verlangt

von jedem der vorbeigeht

dringend

unabweisbar

als rufe es

«Trink Coca-Cola»28

Hilde Domin

Kein Wort von Gott in diesem Gedicht, aber für mich ist es pure Gottesrede, Gott als das Fremd-Wort, das heimisch werden will in unserm Tun. Grossmütig, unserer Verführbarkeit eingedenk mit Schalk und hoffentlich Barmherzigkeit, aber unerbittlich, nichts Geringeres fordernd und hoffend als unsere Stern-Menschlichkeit.

Erschienen in FAMA 1/1998: «Gott oh Gott»

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Объем:
300 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783290177942
Правообладатель:
Bookwire
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