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Der Herausgeber


Prof. Dr. med. Christian G. Bien ist Facharzt für Neurologie und Direktor der Universitätsklinik für Epileptologie, Krankenhaus Mara, am Epilepsie-Zentrum Bethel in Bielefeld sowie W3-Professor für Epileptologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bielefeld.

Er erfuhr seine neurologische und epileptologische Weiterbildung am Nervenzentrum des Universitätsklinikums Bonn, wo er sich auch habilitierte. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen bei den Autoimmun-Enzephalitiden, der prächirurgischen Epilepsiediagnostik und chirurgischen Epilepsietherapie sowie der kognitiven Neurowissenschaft im Kontext der Epileptologie.

Christian G. Bien (Hrsg.)

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-035074-8

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-035075-5

epub: ISBN 978-3-17-035076-2

mobi: ISBN 978-3-17-035077-9

Autorenverzeichnis

Prof. Dr. med. Christian G. Bien

Direktor

Krankenhaus Mara

Maraweg 17–21

33617 Bielefeld

christian.bien@mara.de

Dr. med. Christian Brandt

Leitender Abteilungsarzt

Krankenhaus Mara

Maraweg 17–21

33617 Bielefeld

christian.brandt@mara.de

Ingrid Coban, M.A.

Dipl. Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin, Klinische Sozialarbeiterin

Leiterin der Sozialtherapeutischen Dienste

Krankenhaus Mara

Maraweg 17–21

33617 Bielefeld

ingrid.coban@mara.de

PD Dr. med. Susanne Fauser

Oberärztin, Leiterin der prächirurgischen Diagnostik für Erwachsene

Krankenhaus Mara

Maraweg 17–21

33617 Bielefeld

susanne.fauser@mara.de

Dr. med. Matthias Hoppe

Leitender Abteilungsarzt

Krankenhaus Mara

Maraweg 17–21

33617 Bielefeld

matthias.hoppe@mara.de

Dr. Kirsten Labudda, Dipl-Psych.

Leitende Psychotherapeutin

Klinik für Seelische Gesundheit und Präventivmedizin

Evangelische Klinken Gelsenkirchen

Munckelstraße 27

45879 Gelsenkirchen

labudda@evk-ge.de

Dr. med. Birgitt Müffelmann

Leitende Oberärztin

Krankenhaus Mara

Maraweg 17–21

33617 Bielefeld

birgitt.mueffelmann@mara.de

Dr. med. Reinhard Schulz

ehem. Leitender Oberarzt

Bethelweg 56

33617 Bielefeld

rsh@netic.de

Dr. med. Ulrich Specht

Leitender Arzt

Krankenhaus Mara

Maraweg 17–21

33617 Bielefeld.

ulrich.specht@mara.de

Nadine Vietmeier, M. Sc.

Psychologische Psychotherapeutin

Artur-Ladebeck-Str. 4 (Hinterhaus)

33602 Bielefeld

nadine.vietmeier@uni-bielefeld.de

Dr. med. Friedrich G. Wörmann

Leitender Abteilungsarzt

Krankenhaus Mara

Maraweg 17-21

33617 Bielefeld

friedrich.woermann@mara.de

Inhalt

1  Autorenverzeichnis

2  Vorwort

3 Christian G. Bien

4  1 Erster unprovozierter epileptischer Anfall

5 Christian G. Bien und Ulrich Specht

6  1.1 Diagnostisches Vorgehen nach dem ersten Anfall

7  1.2 Entscheidung über antikonvulsive Pharmakotherapie

8  1.2.1 Gespräch mit dem Patienten

9  1.2.2 Auswahl des ersten Antiepileptikums

10  1.3 Sozialmedizinische und rehabilitative Aspekte

11  1.3.1 Rehabilitation nach erstem Anfall

12  1.4 Weiterführende ambulante neurologische Betreuung

13  1.5 Zusammenfassung

14  2 Status epilepticus

15 Christian Brandt und Birgitt Müffelmann

16  2.1 Diagnose

17  2.2 Differenzialdiagnose

18  2.3 Allgemeine Maßnahmen

19  2.4 Therapie des konvulsiven Status epilepticus (CSE, synonym: tonisch-klonischer Status)

20  2.4.1 Verlauf des Status in 4 Phasen

21  2.4.2 Stufe 1: Initialphase

22  2.4.3 Stufe 2: etablierter Status

23  2.4.4 Stufe 3: refraktärer Status

24  2.4.5 Stufe 4: superrefraktärer Status

25  2.4.6 Notfallbehandlung nach klinikinternem Algorithmus

26  2.5 Therapie anderer Statusformen

27  2.6 Besondere Konstellationen

28  2.6.1 Epilepsiebeginn mit einem Status epilepticus

29  2.6.2 Antiepileptika-induzierter Status epilepticus

30  2.6.3 Ringchromosom 20-Syndrom

31  2.7 Anfallsserien in Abgrenzung zum Status epilepticus

32  3 Anfälle im Rahmen von Autoimmun-Enzephalitiden und Autoimmun-Epilepsien

33 Christian G. Bien

34  3.1 Einleitung

35  3.2 Bei welchen Patienten soll man den Verdacht auf immunvermittelte Anfälle stellen?

36  3.3 Welche Untersuchungen?

37  3.4 Diagnosestellung

38  3.5 Therapie

39  3.6 Outcomebeurteilung

40  4 Der therapieschwierige Patient

41 Christian Brandt

42  4.1 Einleitung, Definitionen

43  4.2 Auswahl eines geeigneten Medikaments

44  4.3 Mono- versus Kombinationstherapie

45  4.4 Retardpräparate in der Epilepsiebehandlung

46  4.5 Die therapieschwierige generalisierte Epilepsie

47  4.6 Benzodiazepine in der Behandlung einer schwierigen Epilepsie

48  4.7 Verträglichkeit und Nebenwirkungen von Antiepileptika

49  4.8 Berücksichtigung der Komorbidität

50  4.9 Therapiekontrolle und Therapeutisches Drug-Monitoring

51  4.10 Sind pharmakogenetische Untersuchungen bei der Therapieplanung hilfreich?

52  4.11 Interaktionen zwischen Antiepileptika untereinander sowie zwischen Antiepileptika und Begleitmedikamenten

53  4.12 Schulung und Patientenselbstmanagement

54  4.13 Nichtmedikamentöse und alternative Therapieformen

55  4.14 Morbidität und Mortalität der therapieschwierigen Epilepsie

56  4.15 Zusammenfassung

57  5 Fahreignung, berufliche Eignung, Rehabilitation

58 Ingrid Coban und Ulrich Specht

59  5.1 Fahreignung

60  5.1.1 Regelungen

61  5.1.2 Kompensationsmöglichkeiten

62  5.2 Rehabilitationsmedizin/Medizinische Rehabilitation

63  5.2.1 Rehabilitationsmedizin

64  5.3 Medizinische Rehabilitation

65  5.4 Berufliche Eignung, Ausbildung, Beruf und Arbeit

66  5.4.1 Beurteilung von Gefährdungsaspekten bei Berufsgruppen und einzelner Tätigkeit

67  5.4.2 Berufliche Rehabilitation und Teilhabe

68  6 Management des anfallsfreien Patienten

69 Christian G. Bien und Ulrich Specht

70  6.1 Thema des Kapitels

71  6.2 Häufigkeit von Anfallsfreiheit

72  6.3 Anfallsfreiheit als Herausforderung für den Neurologen

73  6.4 Überwachung und Sicherung der Wirksamkeit der Behandlung

74  6.4.1 Aussagen des Patienten

75  6.4.2 Schwangerschaft

76  6.4.3 Adhärenz

77  6.4.4 Therapeutisches Drug-Monitoring

78  6.4.5 Wechsel vom Original auf ein Generikum oder zwischen Generika

79  6.5 Überwachung der Verträglichkeit der Behandlung und Berücksichtigung interkurrenter Erkrankungen

80  6.5.1 Unerwünschte Wirkungen

81  6.5.2 Zusatzuntersuchungen

82  6.5.3 Vor einer geplanten Schwangerschaft

83  6.5.4 Komorbiditäten

84  6.6 Absetzen der Medikation

85  7 Indikation für prächirurgische Epilepsiediagnostik und Epilepsiechirurgie

86 Reinhard Schulz

87  7.1 Welche Patienten sollen zugewiesen werden?

88  7.2 Wann ist der optimale Zeitpunkt der Zuweisung zur Epilepsiechirurgie?

89  7.3 Sozialmedizinische Aspekte

90  8 Frauen und Epilepsie: Beratung bei Kinderwunsch, in der Schwangerschaft und zu Verhütungsfragen

91 Birgitt Müffelmann

92  8.1 Beratung bei Kinderwunsch

93  8.1.1 Präkonzeptionelle Beratung

94  8.1.2 Das Problem Valproinsäure

95  8.1.3 Folsäureprophylaxe

96  8.2 Beratung in der Schwangerschaft

97  8.2.1 Frühschwangerschaft

98  8.2.2 Weiterer Verlauf der Schwangerschaft

99  8.2.3 Entbindung und postpartale Phase

100  8.3 Beratung zu Verhütungsfragen

101  8.3.1 Interaktionen zwischen oralen Kontrazeptiva und AED

102  8.3.2 Verhütung mit der Hormonspirale

103  9 Epilepsie und geistige Behinderung

104 Christian Brandt und Birgitt Müffelmann

105  9.1 Allgemeine Voraussetzungen der Epilepsiebehandlung bei Menschen mit geistiger Behinderung

106  9.2 Diagnostische Aspekte

107  9.3 Medikamentöse Behandlung

108  9.4 Therapieziele und Therapiekontrolle

109  9.5 Sicherheit und Verträglichkeit der antiepileptischen Medikation

110  9.6 Spezielle Syndrome

111  9.6.1 Tuberöse-Sklerose-Komplex (TSC)

112  9.6.2 Dravet-Syndrom (DS)

113  9.6.3 Lennox-Gastaut-Syndrom

114  9.7 Nichtmedikamentöse Therapien und institutionelle Aspekte

115  9.8 Psychogene nichtepileptische Anfälle

116  10 Psychische Störungen bei Epilepsiepatienten

117 Kirsten Labudda, Christian Brandt und Nadine Vietmeier

118  10.1 Diagnostisches Vorgehen

119  10.1.1 Screening auf psychiatrische Komorbiditäten

120  10.1.2 Weiterführende klinisch-psychologische Diagnostik

121  10.2 Differenzialdiagnostik

122  10.2.1 Epileptische versus psychogene nichtepileptische Anfälle

123  10.2.2 Anfallsassoziierte psychopathologische Symptome – iktuale Angst, iktuale und postiktuale Psychosen

124  10.2.3 Epilepsieassoziierte psychotische Symptome

125  10.3 Psychische Nebenwirkungen antiepileptischer Medikation

126  10.4 Behandlung psychischer Störungen bei Epilepsiepatienten

127  10.4.1 Psychotherapeutische Interventionen bei Epilepsien

128  10.4.2 Psychopharmakologische Behandlung

129  10.5 Zusammenfassung

130  11 Besondere Patientengruppen, insbesondere ältere Menschen

131 Christian Brandt

132  11.1 Ältere Menschen mit Epilepsie

133  11.1.1 Differenzialdiagnose

134  11.1.2 Auswahl eines geeigneten Antiepileptikums für die Ersttherapie

135  11.1.3 Status epilepticus bei älteren Menschen mit Epilepsie

136  11.1.4 Erstmanifestation einer generalisierten Epilepsie im höheren Lebensalter

137  11.2 Leber- und Niereninsuffizienz

138  12 Semiologie

139 Susanne Fauser und Matthias Hoppe

140  12.1 Einleitung

141  12.2 Fokale Anfälle

142  12.2.1 Motorische Anfälle

143  12.2.2 Auren

144  12.2.3 Kognitive Anfälle

145  12.2.4 Fokale emotionale Anfälle

146  12.2.5 Fokale autonome Anfälle

147  12.3 Anfälle mit generalisiertem Beginn

148  12.3.1 Anfälle mit motorischen Symptomen

149  12.3.2 Anfälle mit nichtmotorischen Symptomen

150  12.4 Anfälle mit unbekanntem Ursprung

151  12.5 Unklassifizierbarer Anfallsursprung

152  12.6 Gliederung der Semiologie anhand anatomischer Lage des vermuteten Anfallsbeginns

153  12.6.1 Frontallappenanfälle

154  12.6.2 Temporallappenanfälle

155  12.6.3 Parietallappenanfälle

156  12.6.4 Occipitallappenanfälle

157  12.7 Klinische Lateralisationshinweise

158  12.8 Schwierigkeiten bei der Abgrenzung fokal versus generalisiert

159  12.9 Schwierigkeiten bei der Abgrenzung von Anfällen aus dem Temporallappen gegenüber solchen aus dem Frontallappen

160  12.10 Epileptischer Anfall versus psychogener, nichtepileptischer (dissoziativer) Anfall (PNEA)

161  13 Klassifikation

162 Susanne Fauser und Christian G. Bien

163  13.1 Klassifikation der Anfälle

164  13.1.1 Fokaler, generalisierter, unbekannter oder nicht klassifizierter Beginn

165  13.1.2 Bewusstsein

166  13.1.3 Fokaler zu bilateralem tonisch-klonischem Anfall

167  13.1.4 Deskriptoren

168  13.2 Klassifikation der Epilepsien

169  13.2.1 Anfallsformen (Beginn) und Epilepsie-Arten

170  13.2.2 Epilepsie-Syndrom

171  13.2.3 Ätiologie

172  13.3 Fallgruben

173  13.4 Welche Klassifikation soll angewendet werden?

174  14 EEG

175 Matthias Hoppe

176  14.1 Einleitung

177  14.2 Physiologische Grundlagen des EEG

178  14.3 Normales EEG des Erwachsenen

179  14.4 Pathologische Befunde

180  14.4.1 Sogenannte unspezifische pathologische EEG Veränderungen

181  14.4.2 Interiktuale epilepsietypische Potentiale (ETP)/epilepsietypische Aktivität (ETA)

182  14.4.3 Iktuales EEG

183  14.5 Rolle des EEG bei der Diagnose des Epilepsie-Syndroms

184  15 MRT

185 Friedrich G. Wörmann

186  15.1 Bildgebung bei einem akut-symptomatischen epileptischen Anfall

187  15.2 Bedeutung einer Läsion bei einem ersten unprovozierten Anfall

188  15.3 Bedeutung einer epileptogenen Läsion bei pharmakoresistenter Epilepsie

189  15.4 Die Indikation zur Durchführung einer MRT und die klinische Hypothese zum Anfallsursprung

190  15.5 Der MRT-Nachweis einer epileptogenen Läsion bei chronischer Epilepsie

191  15.6 Quantifizierende Bildnachbearbeitung zum Nachweis struktureller Läsionen

192  15.7 Zusammenfassung

193  Stichwortregister

Vorwort
Christian G. Bien

Dieses Epilepsie-Praxisbuch stammt aus Bethel. Bethel, eine diakonische Stiftung, wurde 1867 durch die Innere Mission der Evangelischen Kirche als »Heil- und Pfleganstalt für Epileptische« vor den Toren Bielefelds gegründet. Längst sind die von Bodelschwinghschen Stiftungen ein prägender Teil dieser Stadt geworden, und »Bethel« bezeichnet sowohl die Stiftung als auch die Ortschaft, quasi einen Stadtteil Bielefelds. Die Stiftung hat sich inzwischen über die Stadtgrenzen hinaus ausgedehnt und ist in acht Bundesländern für Menschen tätig, die auf Hilfe, Unterstützung oder Assistenz angewiesen sind. Die Betreuung epilepsiekranker Menschen war der Gründungsgedanke Bethels, und sie ist bis heute ein Schwerpunkt seiner Arbeit. Anfangs folgte man einem theologisch-rehabilitativem Ansatz, später traten die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Medizin hinzu. Die Errichtung des Epilepsie-Krankenhauses »Mara« in den Jahren 1931/32 trug dieser Entwicklung Rechnung. Heute sprechen wir vom Epilepsie-Zentrum Bethel, das die klinische Epileptologie, aber auch die Rehabilitation, Ausbildung und Seelsorge für epilepsiekranke Menschen umfasst. Viele sehen das Krankenhaus Mara, die Klinik für Epileptologie, als ein Gravitationszentrum der Epilepsiearbeit in Bethel. Hier betreuen verschiedene Berufsgruppen auf Augenhöhe und mit ihren spezifischen Kompetenzen die Patienten. Mara bietet die klinische Epileptologie in ihrer ganzen Breite aus einer Hand: die konservative Epileptologie, die prächirurgische Diagnostik und Epilepsiechirurgie (seit 1991), die Kinderepileptologie (seit 1978 als eigener Bereich), die Behandlung junger Erwachsener (seit 1985), die Psychotherapie für Anfallskranke (seit 1990), die Behandlung mehrfach behinderter Menschen mit Epilepsie sowie die medizinische und berufliche Rehabilitation (seit 1997). Das Krankenhaus Mara ist seit 2020 Universitätsklinik für Epileptologie im Universitätsklinikum Ostwestfalen-Lippe der Universität Bielefeld. In Mara sind ein einzigartiges Erfahrungswissen und ein besonderes Gespür für Epilepsien entstanden. »Epilepsie verstehen« ist kein bloßer Werbeslogan, sondern echter Anspruch: Er drückt unser Bestreben aus, die Bedeutung der Epilepsie für den einzelnen Patienten zu erfassen und zugleich die Ursachen und Bedingungen ihrer Entstehung zu begreifen. In diesem Buch wollen wir den Versuch machen, unsere Erfahrungen und unsere Kenntnisse auf dem Gebiet der »Allgemeinen Epileptologie« weiterzugeben. Gemeint ist der nichtchirurgische Teil der Erwachsenen-Epileptologie. Das Buch ist von Angehörigen verschiedener Berufsgruppen verfasst, die aktuell oder bis vor kurzem in Mara in Medizin, Psychologie oder Sozialdienst tätig waren. Es will eine Lücke zwischen Lehrbüchern und Leitlinien schließen. Lehrbücher bieten gesicherte Fakten, aber keine Handlungsempfehlung. Leitlinien liefern durch Daten abgesicherte Handlungsempfehlungen, sind aber lückenhaft, da es nicht für alle klinischen Situationen Studiendaten gibt. Auch gelten Leitlinien oft nicht für besondere Patientengruppen (z. B. alte oder behinderte Menschen, obwohl in beiden Gruppen Epilepsien besonders häufig vorkommen). Manche Themen entziehen sich weithin üblichen wissenschaftlichen Studienansätzen und sind doch im Alltag relevant (z. B. die Nutzung der Medikamentenspiegel). Viele nützliche Standards entstehen – wie in anderen Fachgebieten der Medizin auch – durch Erfahrung und häufige Übung, ohne dass sie in »PubMed«, einem Lehrbuch oder einer Leitliniensammlung zu finden wären. Anderes wiederum erschließt sich erst bei einer breiten Kenntnis der Literatur aus mehreren Jahrzehnten (z. B. beim Thema »erster Anfall«). Solche Einsichten und Handlungsempfehlungen aus unserer täglichen Arbeit wollen wir in diesem ersten »Bethel-Praxisbuch« vorlegen.

1 Erster unprovozierter epileptischer Anfall1
Christian G. Bien und Ulrich Specht
Fallbeispiel 1.1

Ein 57-jähriger Vertriebsleiter erlitt einen erstmaligen unprovozierten tonisch-klonischen Anfall von ca. drei Minuten Dauer ohne beobachteten oder erinnerten fokalen Beginn. Es dauerte 20 Minuten, bevor der Patient kognitiv wiederhergestellt war. Während das postiktuale EEG frei von epilepsietypischer Aktivität war, zeigten die cerebrale Computertomografie (cCT) und die Magnetresonanztomografie (MRT) eine rechts frontal kortikale Läsion, die kein Kontrastmittel aufnahm. Die neuroradiologische Diagnose lautete »Rindenastrozytom« ( Abb. 1.1).

Die erstbehandelnde Klinik dosierte zur Senkung des durch den Tumor erhöhten Anfallsrisikos Levetiracetam 1.000 mg/d ein. Eine Resektion des Tumors (um eine Histologie zur besseren Prognoseabschätzung zu erhalten, um das Tumorvolumen zu verkleinern und das Anfallsrezidivrisiko zu senken, also neurochirurgisch-epileptologische »Mischindikation«) lehnte der Patient ab. Wegen der besonderen beruflichen Problematik – zentraler Anteil seiner beruflichen Tätigkeit war das Autofahren – nahm der Patient das Angebot einer epilepsiespezifischen Rehabilitation in Bethel an. Hier wurde wegen der langen postiktualen Umdämmerung Gefährdungskategorie D nach den berufsgenossenschaftlichen Beurteilungsleitlinien festgestellt. Das Reha-Team stellte fest, dass angesichts des erhöhten Rezidivrisikos durch den Tumor für mindestens ein Jahr nach dem Anfall keine Fahreignung bestand und schlug verschiedene Alternativen zum Autofahren vor (Fahrassistenz, Innendienst, Bahnfahren, vorgezogener Ruhestand, und andersartige berufliche Nebentätigkeit). Er wurde wegen der fehlenden Fahreignung arbeitsunfähig entlassen.

Der Patient trat in den Vorruhestand und übernahm eine Dozententätigkeit. Er kam einmal jährlich in die epileptologische Sprechstunde. Unter fortgesetzter Levetiracetamtherapie mit durch Blutspiegelkontrollen belegter guter Adhärenz kam es vier Jahre später zu einem zweiten tonisch-klonischen Anfall. Das EEG blieb bei mehreren Wiederholungen unauffällig. Der Tumor wuchs nicht weiter. Die jüngste Verlaufsuntersuchung fand sieben Jahre nach dem ersten Anfall statt. Der Patient war beschwerdefrei und mit seiner sozialen und medizinischen Situation zufrieden.


Abb. 1.1: (A) axiale Computertomogramm; der Tumor im rechten Frontallappen ist mit einem Pfeil markiert; (B) koronare Magnetresonanztomografie (MRT), Sequenz: Fluid-attenuated inversion recovery (FLAIR); (C) axiale T1-gewichtete MRT mit Kontrastmittel (der Tumor nimmt kein Kontrastmittel auf); (D) axiale FLAIR-MRT

1.1 Diagnostisches Vorgehen nach dem ersten Anfall

Nach einem ersten Anfall sind nach Bast et al. (2017) die in Abbildung 1.2 dargestellten Fragen zu beantworten. Die in Tabelle 1.1 genannten Untersuchungen beantworten diese.


Abb. 1.2: Fragen, die nach einem erstmaligen Anfall zu beantworten sind (Specht und Bien 2018, © Georg Thieme Verlag KG)

Tab. 1.1: Checkliste Basisdiagnostik erster Anfall


ThemaFragen, Untersuchungen

Oft kann bereits nach der Anfallsbeschreibung und körperlichen Untersuchung ein epileptischer Anfall diagnostiziert werden. Eine Hirnbildgebung (akut cCT, im Intervall MRT) und (ggf. mehrere) EEG sind ergänzend immer erforderlich. Die kraniale Bildgebung dient einerseits zur Erkennung behandlungsbedürftiger Ursachen eines akut-symptomatischen Anfalls (z. B. Sinusvenenthrombose), wozu in der Regel eine CT ausreicht. Andererseits trägt die Bildgebung zur Abschätzung der Wahrscheinlichkeit eines Rezidivanfalls mit seinen weitreichenden sozialen Konsequenzen bei (Krumholz et al. 2007; Krumholz et al. 2015). Hierfür ist die sensitivere MRT besser geeignet. Sie wird von der DGN-Leitlinie in ≤ 4 mm dicken Schichten in Standardangulierung (soweit nicht anders angegeben) mit den folgenden Sequenzen empfohlen (Bast et al. 2017):

• T1 sagittal und koronar

• T2 axial und koronar (Letztere temporal anguliert)

• FLAIR axial und koronar

Die Ausbeute an epilepsietypischer Aktivität steigt, wenn das EEG innerhalb von 72 Stunden nach einem ersten unprovozierten Anfall abgeleitet wird (Debicki 2017) oder der Patient in Leichtschlaf fällt (Hoppe et al. 2007a). Das vielfach geübte Vorgehen, hierzu einen vorherigen Schlafentzug zu verordnen, birgt das Risiko einer Anfallsprovokation und ist daher nur bei negativem Routine-EEG inklusive Schlafaufzeichnung vertretbar (Bast et al. 2017). Nach mehr als vier Routine-EEGs ohne epilepsietypische Potentiale ist die Chance, mit einer weiteren Routine-Ableitung epilepsietypische Potentiale zu erfassen, nur noch gering (Debicki 2017).

Differentialdiagnosen

Zwei häufige Differenzialdiagnosen: Synkope und psychogener nichtepileptischer Anfall

Die Merkmale der beiden wichtigsten Differenzialdiagnosen (Synkope und psychogener nichtepileptischer Anfall) sind in Tabelle 1.2 aufgelistet. Bei diagnostischer Unsicherheit hinsichtlich der Einordnung des ersten Anfallsereignisses sollte eine Vorstellung in einer spezialisierten Einrichtung erfolgen (Bast et al. 2017).

Tab. 1.2: Checkliste bezüglich der beiden wichtigsten Differenzialdiagnosen epileptischer Anfälle


Die drei wesentlichen anamnestisch erhebbaren Merkmale …psychogener nichtepileptischer Anfälle (neurokardiogener) Synkopen

1.2 Entscheidung über antiepileptische Pharmakotherapie
1.2.1 Gespräch mit dem Patienten

Die Vermittlung der Diagnose »epileptischer Anfall« ist von zentraler Bedeutung für die medizinische und soziale Prognose. Der Patient sollte verstanden haben,

• dass der Anfall Folge einer pathologischen neuralen Erregbarkeit war.

• dass dabei (laienhaft oft als Erklärung angeführte) psychosomatische Faktoren (»Stress«) allenfalls nachrangigen Einfluss hatten.

• dass grundsätzlich ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöhtes Rezidivrisiko besteht, dessen Höhe von der Ätiologie des Anfalles und der Befundkonstellation abhängt.

Entscheidung über antiepileptische Behandlung zusammen mit dem Patienten treffen.

Pharmakotherapie ist die einzige Maßnahme, um das Rezidivrisiko nach unprovoziertem Anfall zu mindern.

Bei einem unprovozierten Anfall sollte mit dem Patienten besprochen werden, welche Argumente – einschließlich persönlicher Präferenzen – für oder gegen eine Medikation sprechen ( Kasten 1.1). Eine Pharmakotherapie ist die einzige wissenschaftlich belegte Maßnahme, die das Rezidivrisiko senken kann (Wiebe et al. 2008). Über die ersten zwei Jahre hinweg beträgt diese Senkung 7 %. Mit anderen Worten: Man muss 14 Patienten nach einem ersten Anfall behandeln, um einen von ihnen zusätzlich vor einem Rezidiv zu bewahren. Die Effizienz einer Pharmakotherapie nimmt mit der Anzahl risikoerhöhender Befunde zu: zerebrale Vorschädigung, epilepsietypische Aktivität, potenziell epileptogene Läsion (Bonnett et al. 2014; Kim et al. 2006), Abb. 1.3 E und F, Hintergrundinformationen 1). Bei niedrigem Rezidivrisiko lässt sich kein Effekt einer antiepileptischen Therapie belegen, wohl aber bei höherem Risiko (Kim et al. 2006). Anfallsfreie Mindestfristen in Bezug auf berufliche Eignung und Fahreignung können durch eine antiepileptische Medikation verkürzt werden ( Kasten 1.1, Tab. 1.3, Bundesanstalt für Straßenwesen 2019, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e. V. (DGUV) (Hrsg.) 2015). Man sollte dem Patienten für den Akzeptanz- und ggf. Entscheidungsprozess bezüglich einer medikamentösen Therapie Zeit geben (stationär: z. B. bis zum Folgetag; Praxis: Wiedervorstellungstermin vereinbaren).

Kasten 1.1: Argumente zugunsten einer antiepileptischen Pharmakotherapie

• Merkmale/Merkmalskombinationen für ein erhöhtes Rezidivrisiko

– epilepsietypische Aktivität im EEG

– potenziell epileptogene Läsion

– fokale Anfallssemiologie

– Anfall aus dem Schlaf

• Alter

• Gute Prognose auf Anfallsfreiheit unter Antiepileptika

• Berufliche Risiken (z. B. zur Verkürzung von anfallsfreien Wartefristen)

• Notwendigkeit Auto zu fahren

• Gefährdung im Falle anfallsbedingter Stürze (z. B. Osteoporose, Marcumarisierung)

• persönliche Präferenz (z. B. Stigmatisierungsbefürchtungen beruflich/privat)

• kein aussichtsreicher Ansatz für nichtmedikamentöse Maßnahmen (z. B. Lebensstil-Änderung wie Vermeidung von drastischem Schlafmangel)

1.2.2 Auswahl des ersten Antiepileptikums

Auswahl des ersten Medikaments von nachrangiger Wichtigkeit

Die Frage nach der geeigneten antiepileptischen Substanz ist – angesichts weitgehend fehlender Wirksamkeitsunterschiede – zweitrangig im Vergleich zu einer sorgfältigen und tragfähigen Entscheidung des Patienten für oder gegen eine antiepileptische Medikation, zumal dieser die Substanzauswahl meist dem Arzt überlassen wird. Unsere Empfehlungen sind Lamotrigin (erste Zieldosis: 300 mg/d, langsame Aufdosierung, siehe Fachinformation), Levetiracetam (1.000 mg/d, in einer Woche aufzudosieren) oder Lacosamid (300 mg/d, in wenigen Tagen aufzudosieren) bei Hinweisen für eine fokale Iktogenese und Valproinsäure (1.000 mg/d, in wenigen Tagen aufzudosieren), Lamotrigin oder Levetiracetam (wie zuvor) bei Hinweisen auf einen generalisierten Anfallsbeginn.

Tab. 1.3: Fahreignungsleitlinien und berufliche Leitlinien nach erstem epileptischem Anfall (vereinfachte Darstellung, zu Einzelheiten siehe Bundesanstalt für Straßenwesen 2019; Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. (DGUV) (Hrsg.) 2015)


Fahreignung für KfzGruppe 2Gruppe 1Nicht relevant für Kfz-LeitlinienNicht relevant für Kfz-Leitlinien

* kann bei Beginn einer Therapie mit Antiepileptika ggf. verkürzt werden.

1.3 Sozialmedizinische und rehabilitative Aspekte
1.3.1 Rehabilitation nach erstem Anfall

Option Epilepsie-Reha

Patienten mit erstem epileptischem Anfall haben ein relevantes Risiko einer nachteiligen sozialen Entwicklung. Bestehen berufliche Schwierigkeiten (drohender Arbeitsplatzverlust, fehlende berufliche Eignung, z. B. bei einem LKW-Fahrer), sollte die Indikation zu einer speziellen medizinischen Rehabilitation für Anfallskranke geprüft werden, insbesondere bei

• ausgeprägten emotionalen Belastungen (z. B. anfallsbezogenen Ängsten, Stigmatisierungserleben)

• Klagen über kognitive Einbußen

• bleibenden Zweifeln des Patienten an der Diagnose

• hohem Informationsbedürfnis

Die entsprechenden Leitlinien der Deutschen Rentenversicherung beschränken medizinische Rehabilitation explizit nicht auf Patienten mit chronifiziertem oder therapieschwierigem Epilepsieverlauf (Deutsche Rentenversicherung 2010).

1.4 Weiterführende ambulante neurologische Betreuung

Ist die Entscheidung zur antikonvulsiven Pharmakotherapie gefallen, beginnt eine langfristige Behandlungsbeziehung zwischen ambulant tätigem Neurologen und dem Betroffenen. Drei große Themenfelder prägen die in der Regel initial halbjährlichen, später weiter auseinanderliegenden Kontakte:

Monitoring der Verträglichkeit

Bei den Natriumkanalblockern sind motorische Nebenwirkungen bei höheren Blutspiegeln möglich, die man durch Prüfung von Halte- und Intentionstremor sowie der Augenfolgebewegungen (sakkadiert? Blickrichtungsnystagmus?) erfasst. Bei anderen Antikonvulsiva sind psychische und kognitive Nebenwirkungen wahrscheinlicher, die durch Erhebung des psychopathologischen Befundes mithilfe kurzer Inventare (z. B. NDDI-E (Brandt et al. 2014), GAD-7 (Löwe et al. 2008)) und Bedside-Testungen (z. B. »EpiTrack«2), in Einzelfällen auch eingehendere psychiatrische oder neuropsychologische Untersuchungen erfasst werden. Nicht selten sind allerdings in der Klientel der Neuerkrankten Klagen über »kognitive« Beeinträchtigungen (Konzentration, Gedächtnis etc.) auf emotionale Belastungen zurückzuführen (Velissaris et al. 2009). Regelmäßige Laborkontrollen werden nicht empfohlen; sie sollten bei klinischen Hinweisen auf eine Nebenwirkung erfolgen (z. B. Anfallszunahme oder Übelkeit als mögliche Zeichen einer Hyponatriämie) (Zaccara et al. 2007). Bei jungen Frauen sind die Besonderheiten bei Verhütung, Schwangerschaftsplanung und Schwangerschaft zu beachten (Müffelmann und Bien 2016).

Monitoring der Wirksamkeit

Da das Ausbleiben von Anfällen der einzige Parameter ist, der die Wirksamkeit einer antiepileptischen Therapie widerspiegelt, ist die möglichst zuverlässige Erfassung von Anfällen von zentraler Bedeutung. Viele Patienten registrieren symptomarme Anfälle mit Bewusstseinsstörung (z. B. Absencen, fokale Anfälle mit Automatismen) selber nicht, seltener auch tonisch-klonische Anfälle nicht (Hoppe et al. 2007b). Daher muss eigen- und fremdanamnestisch gezielt auch nach indirekten Anfallshinweisen (z. B. Zungenbiss-Verletzung, Einnässen, anderweitig nicht erklärbare Abgeschlagenheit) gefahndet werden. In Einzelfällen kann man auch mit dem Patienten verabreden, nach einem mutmaßlichen Anfall ein postiktuales EEG ableiten zu lassen und/oder nach 24–48 Stunden einen CK-Wert bestimmen zu lassen (Brigo et al. 2015). Gelegentlich wird auch in einem routinemäßig durchgeführten EEG ein Anfall aufgezeichnet, den der Patient und seine Angehörigen bislang nicht wahrgenommen oder fehlgedeutet haben.

Adhärenz

Sicherung der Adhärenz: gerade bei langen Verläufen ohne Anfall eine besondere Herausforderung

Gerade bei Patienten, bei denen eine antiepileptische Therapie neu begonnen wurde, sowie bei langen Verläufen ohne Anfallsrezidiv ist die Einnahmetreue bedroht (Specht 2008). Daher ist die Sicherung der Adhärenz zum vereinbarten Therapieregime die vielleicht wichtigste Aufgabe der Begleitung von Patienten nach erstmaligem Anfall. Blutspiegelkontrollen morgens vor Tabletteneinnahme unterstützen die Bearbeitung dieses Themas. Informativer, weniger kränkend und wirksamer als die Frage, ob regelmäßig eingenommen wird, ist die Erkundigung, wie der Patient seine Tabletten einnimmt. Die beste Kontrolle hat er mit Verwendung eines Medikamentendosierers (Wochenbox). Beim Gespräch über diese Einnahmehilfe erläutern wir auch unser Prinzip, vergessene Dosen nachzunehmen. Dies steht zwar im Gegensatz zu den Empfehlungen in den Packungsbeilagen vieler Antiepileptika und kann im Einzelfall zu vorübergehenden Nebenwirkungen führen, sichert aber einen ausreichend hohen Blutspiegel (May et al. 2018). Wir thematisieren auch regelmäßig den Vorteil einer Blutspiegeluntersuchung kurz nach einem Rezidivanfall, um einen Spiegelabfall als möglichen ursächlichen Faktor von einer unzureichenden Wirksamkeit des Antiepileptikums unterscheiden zu können (Specht 2008).3

1.5 Zusammenfassung

• Nach einem ersten Anfall ist zunächst der Ausschluss oder Nachweis (und ggf. spezifische Behandlung) einer akut-symptomatischen Ursache vordringlich. Wenn es sich um einen unprovozierten Anfall handelt, ist die Abschätzung der individuellen Prognose wichtig, nicht so sehr, ob die Diagnose »Epilepsie« lautet oder nicht.

• Die Rezidivwahrscheinlichkeit wird erhöht durch

– mehr als einen vorangehenden Anfall

– epilepsietypische Aktivität im EEG

– potenziell epileptogene Hirnläsion in der Bildgebung

– Auftreten des Anfalles aus dem Schlaf

• Die Entscheidung für oder gegen eine antiepileptische Therapie wird gemeinsam mit dem Patienten unter Berücksichtigung seines persönlichen Rezidivrisikos und seiner persönlichen Präferenz getroffen.

• Die Auswahl des Antiepileptikums innerhalb der für fokale oder generalisierte Anfälle empfehlenswerten Substanzen ist nachrangig.

• Entscheidend für die Adhärenz des Patienten ist ein tragfähiges Therapiebündnis, das durch Verlaufsuntersuchungen erneuert und gesichert wird.

Hintergrundinformationen 1
Rezidivrisiko
Akut-symptomatischer vs. unprovozierter Anfall: unterschiedliche Wiederholungsrisiken

Ein erster epileptischer Anfall zum Zeitpunkt einer als Ursache plausiblen, klar identifizierbaren systemischen gesundheitlichen Störung (z. B. Intoxikation) oder im engen zeitlichen Zusammenhang mit einer akuten cerebralen Schädigung (i. d. R. innerhalb von sieben Tagen; z. B. intracerebrale Blutung) wird »akut-symptomatisch« genannt (obsoleter Begriff: »Gelegenheitsanfall«) (Beghi et al. 2010). Ein akut-symptomatischer Anfall hat ein viel geringeres Wiederholungsrisiko als ein unprovozierter Anfall (Berg und Shinnar 1991; Hesdorffer et al. 2009, Abb. 3A).


Abb. 1.3: Wiederholungsrisiko epileptischer Anfälle. Hier werden die Kernergebnisse klassischer Studien vereinfacht und schematisiert dargestellt. (A) (Hesdorffer et al. 2009); (B) (Lawn et al. 2014); (C) (Berg und Shinnar 1991); (D) (Marson et al. 2005); (E) (Kim et al. 2006) – normales EEG, keine bestehende neurologische Erkrankung; mittleres Risiko: epileptiforme EEG-Aktivität oder neurologische Erkrankung; hohes Risiko: epileptiforme EEG-Aktivität und neurologische Erkrankung ; (F) (Bonnett et al. 2014) – hier ist das Risiko eines Rezidivs in den folgenden zwölf Monaten dargestellt für Patienten, die nach dem ersten Anfall für ein halbes Jahr anfallsfrei verblieben sind, Bildgeb = kraniale Bildgebung; n = normal, a = abnormal (Specht und Bien 2018, © Georg Thieme Verlag KG).

Fehlt eine akut-symptomatische Ursache, handelt es sich um einen unprovozierten Anfall. Entgegen einer verbreiteten Ansicht sind hierzu auch Anfälle nach »Stress« oder Schlafentzug (Lawn et al. 2014, Abb. 1.3B) zu zählen. Bei etwa 40 % aller Patienten mit einem ersten unprovozierten Anfall tritt innerhalb von zwei bis vier Jahren ein Anfallsrezidiv auf, ca. zwei Drittel davon im ersten Jahr ( Abb. 1.3C). Die Unterschiede zwischen den Studien sind vornehmlich methodisch begründet (Pohlmann-Eden et al. 1994).

Erster unprovozierter Anfall: Einflussfaktoren auf das Rezidivrisiko

Eine Pharmakotherapie senkt das Rückfallrisiko nach erstmaligem Anfall – je höher die Wiederholungswahrscheinlichtkeit, desto deutlicher.

Lässt sich ein früherer – auch symptomärmerer – unprovozierter Anfall im Abstand von mindestens 24 Stunden eruieren, liegt eine Epilepsie vor mit einem Rezidivrisiko > 60 % in vier Jahren (Fisher et al. 2014; Hauser et al. 1998). Nach einmaligem unprovozierten Anfall senkt eine antiepileptische Therapie das Risiko eines Rezidivanfalls ( Abb. 1.3D). Epilepsietypische Aktivität im EEG, eine potenziell epileptogene Läsion oder Hinweise auf eine zurückliegende Hirnschädigung erhöhen (ebenso wie das Auftreten des Anfalles aus dem Schlaf) das Wiederholungsrisiko, wobei sich mehrere pathologische Befunde additiv auswirken (Bonnett et al. 2014; Bonnett et al. 2010, Abb. 1.3E und F). Die epidemiologisch relevante Dichotomie »einmaliger unprovozierter Anfall« vs. »Epilepsie« ist klinisch weniger hilfreich. Bei den oben genannten Risikokonstellationen kann das Rezidivrisiko auch nach einem einmaligen Anfall hoch sein und durch eine Medikation reduziert werden. Eine Risikoreduktion ist bei mittlerem und hohem Risiko nach der MESS-Studie gegeben (Kim et al. 2006, Abb. 1.3E); ähnliche Ergebnisse erzielte eine Metaanalyse (Bonnett et al. 2014, Abb. 1.3F).

Auswahl des ersten Medikaments

Die Frage nach den zu bevorzugenden Substanzen bei neu diagnostizierten Epilepsien ist von verschiedenen Gruppen unterschiedlich beantwortet worden. Grund hierfür sind die unterschiedlichen Bewertungskriterien. Eine Metaanalyse sieht bei fokalen Anfällen Lamotrigin, Carbamazepin und Oxcarbazepin in Führung (Tudur Smith et al. 2007). Demgegenüber folgte aus einer US-amerikanischen Metaananalyse hochwertiger Studiendaten bei fokalen Anfällen eine Klasse-A-Empfehlung für Phenytoin, Carbamazepin, Zonisamid und Levetiracetam (Glauser et al. 2006). Das britische National Institute for Health and Care Excellence (NICE) empfiehlt auf Grund klinischer und ökonomischer Aspekte bei fokalen Anfällen Carbamazepin oder Lamotrigin; wenn diese intolerabel oder ineffektiv sind, Levetiracetam, Oxcarbazepin, Valproinsäure (NICE 2012). Die deutsche Leitlinie schließlich orientiert sich bei fokalen Anfällen an einer Studie unter realistischen Alltagsbedingungen (Marson et al. 2007) und hebt pharmakokinetische Aspekte hervor. Damit gelangt sie zu einer Empfehlung von Levetiracetam und Lamotrigin (Bast et al. 2017).

Dieser Überblick belegt, dass es keine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem »besten ersten Medikament« gibt, sodass individuelle Vorlieben und spezifische Patienteneigenschaften die Auswahl bestimmen können.

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Zaccara G, Franciotta D, Perucca E (2007) Idiosyncratic adverse reactions to antiepileptic drugs. Epilepsia 48(7), 1223-1244.

1 Dieses Kapitel beruht zu großen Teilen auf folgender Publikation: Specht U, Bien CG (2018) Erster epileptischer Anfall im erwerbsfähigen Alter: Prognose-adaptiertes Management. Akt Neurol 45, 737–748.

2 Zu beziehen über Fa. Eisai, Frankfurt Deutschland.

3 Das Merkblatt für Patienten »Serumspiegeluntersuchung nach Anfallsrezidiv« kann bei der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie bezogen werden (E-Mail: office@dgfe.de, Service-Telefon: 0700-13141300).

2 Status epilepticus
Christian Brandt und Birgitt Müffelmann
Fallbeispiel 2.1

Ein 33-jähriger Patient mit einer fokalen Epilepsie unklarer Ätiologie mit tonischen Anfällen, nicht bewusst erlebten Anfällen mit Innehalten und fokal zu bilateral tonisch-klonischen Anfällen wurde aufgrund einer unbefriedigenden Anfallssituation bei gleichzeitig auftretenden Nebenwirkungen im Krankenhaus Mara stationär behandelt. Die Epilepsie hatte sich bei dem Patienten im 24. Lebensjahr mit einem refraktären Status bilateral tonisch-klonischer Anfälle manifestiert. MRT: Hippokampussklerose bds. als mutmaßliche Statusfolge. Bei Aufnahme wurde der Patient mit Lacosamid (450 mg/d; Serum-Nüchternspiegel 3,4 µg/ml), Levetiracetam (3.000 mg/d; 17 µg/ml) und Phenobarbital (250 mg/d; 36,3 µg/ml) behandelt. Bei nahezu täglich auftretenden Anfällen erfolgte die Umstellung von Levetiracetam auf Brivaracetam (200 mg/d), zur Minderung von Nebenwirkungen (Doppelbilder, Schwindel, Erbrechen) die Dosisreduktion von Lacosamid und Phenobarbital. In der Folge kam es zu einer seriellen Anfallshäufung und schließlich einem Status tonischer Anfälle. Linkshemisphärische Anfallsmuster traten hochfrequent (initial minütlich) auf und wurden im Video-EEG erfasst und gezählt. Der Lacosamidspiegel war währenddessen auf unter 2 µg/ml gesunken, der Phenobarbitalspiegel hatte sich nicht verändert. Auf wiederholte Gabe von Lorazepam i. v. und Lacosamid i. v. kam es lediglich zu einer leichten Abnahme der Anfallsfrequenz. Erst nach Gabe von Valproinsäure i. v. sistierte der Status. Im MRT zeigte sich korrespondierend zu den linkshemisphärischen Anfallsmustern eine kortikale DWI- und FLAIR-Hyperintensität links temporo-parietal als Ausdruck eines (post)iktualen Ödems ( Abb. 2.1).

Im Verlauf besserte sich die Anfallssituation nach erneuter Dosisanhebung des Lacosamid und des Phenobarbital. Der Patient erholte sich von dem Status ohne neurologisches Defizit, die Verträglichkeit der Medikation war bei Entlassung gut.

Das Fallbeispiel 2.1 zeigt, dass bei Menschen mit schwer behandelbaren Epilepsien und Statusneigung schon durch kleine medikamentöse Änderungen ein erneuter Status ausgelöst werden kann. Wenn es sich nicht um einen konvulsiven Status epilepticus (CSE) handelt, kann die Behandlung in Abhängigkeit von der Dauermedikation variieren (im Beispiel Einsatz von Lacosamid bei vermuteter Auslösung des Status durch den Lacosamid-Spiegelabfall).

Abb. 2.1: MRT zu Fall 1: Axiale diffusionsgewichtete Aufnahmen mit kortikalem Ödem links parietal (Dank an Friedrich Wörmann).

Fallbeispiel 2.2

Ein 45-jähriger Mann mit einer fokalen Epilepsie unklarer Ursache seit der frühen Kindheit und einer Lernbehinderung wurde nicht ansprechbar sitzend im Supermarkt aufgefunden. Der Rettungsdienst brachte ihn in unsere Klinik.

Wir sahen einen Patienten mit geöffneten Augen und Bewegungsunruhe der Hände. Er zeigte keine Sprachproduktion und reagierte nicht auf Ansprache. EEG: ( Abb. 2.2a).

Unter laufendem EEG erhielt er fraktioniert 6 mg Lorazepam i. v. Das EEG-Muster wandelte sich zu einer frontal betonten, generalisierten rhythmischen Verlangsamung im Theta-Bereich ( Abb. 2.2b und Abb. 2.2c). Ca. 2 Minuten nach Abschluss der Injektion zeigte das EEG eine irreguläre generalisierte Verlangsamung ( Abb. 2.2d).

Der Patient klarte auf, zeigte adäquate Sprachproduktion und reagierte adäquat. Er wurde auf seinen Wunsch hin nach Hause, d. h. in ein Wohnheim in Bethel, entlassen.

Dieses Beispiel zeigt einen Patienten mit einem nichtkonvulsiven Status epilepticus (NCSE) bei einer bekannten Epilepsie. Anamnestisch waren zahlreiche ähnliche Episoden bereits bei ihm bekannt. Der Status war mit i. v.-Injektionen von Lorazepam gut behandelbar.


Abb. 2.2: EEG zu Fall 2.2, bipolare Längsreihen (A) Bifrontale rhythmische Verlangsamung im Deltabereich mit eingelagerten Sharp-waves als EEG-Korrelat eines NCSE.


(B) Weiterhin Statusmuster (jetzt generalisierte rhythmische Theta-Verlangsamung) nach der i.v. Injektion von 3 mg Lorazepam.

(C) Keine wesentliche Änderung nach 6 mg Lorazepam i.v.


(D) Klinische und elektrophysiologische Remission ca. 2 min. nach Abschluss der Injektion (Gesamtmenge 6 mg Lorazepam). Der Patient wacht auf und will aufstehen (Artefakte).

Das Wichtigste im Überblick

Beim Status epilepticus handelt es sich um einen prolongierten epileptischen Anfall von über fünf Minuten Dauer bzw. rezidivierende Anfälle ohne zwischenzeitliche vollständige Restitution zum vorbestehenden neurologischen Befund. Für den NCSE gelten längere Zeitangaben, und zwar zehn Minuten für den fokalen Status mit Bewusstseinsstörung, 10–15 Minuten für den Absencenstatus.

Die Behandlung des tonisch-klonischen Status epilepticus muss unverzüglich eingeleitet werden. Sie orientiert sich stufenadaptiert an vier klinisch definierten Phasen.

Stufe 1: In der Initialphase (oft prähospital) ist die möglichst rasche Gabe von Benzodiazepinen ausreichend hochdosiert entscheidend.

Stufe 2: In der Phase des etablierten Status erfolgt eine antiepileptische intravenöse Schnellaufsättigung.

Stufe 3: Beim refraktären Status ist die Einleitung einer Narkosebehandlung unter EEG-Monitoring erforderlich. Medikamente erster Wahl sind dafür Midazolam und Propofol.

Stufe 4: In der Phase des superrefraktären Status können prinzipiell alle enteral und parenteral verfügbaren AED eingesetzt werden. Es gibt keine evidenzbasierten Empfehlungen.

Wenn Anfälle nach Behandlung in Stufe 2 nicht sistieren, ist die Diagnose zu überprüfen und ein Status psychogener nichtepileptischer Anfälle zu erwägen.

Entscheidend für die rasche und erfolgreiche Statusbehandlung ist die Etablierung eines einheitlichen klinikinternen Behandlungsalgorithmus.

2.1 Diagnose

Die Diagnosestellung erfolgt zunächst nach klinischen Gesichtspunkten. Da das klinische Bild aber oft, besonders bei subtilem Status epilepticus, beim Absencenstatus und bei einem fokalen Status mit Bewusstseinsstörung, nicht eindeutig ist, ist die EEG-Ableitung, idealerweise mit einer Videoaufnahme, heranzuziehen. Hier kann sich ein typisches EEG-Muster zeigen, z. B. generalisierte 3 Hz Spike-Wave-Komplexe beim Absencenstatus. Das EEG-Muster kann aber auch enzephalopathischen Mustern ähneln und damit unspezifisch sein. Insbesondere in diesen Fällen kommt es auf die komplementäre Bewertung von klinischem Bild und EEG an. Bei einem Aura-Status kann das EEG komplett unauffällig sein. Lateralisierte periodische Entladungen (LPD, früher als periodische lateralisierte epileptiforme Entladungen, PLED bezeichnet) sind für sich genommen, also ohne korrespondierendes klinisches Bild, unspezifisch. Zu den »Salzburg-Kriterien« für den nichtkonvulsiven Status epilepticus siehe Kasten 2.1 (Beniczky et al. 2013).

Kasten 2.1: Salzburg-Kriterien des NCSE (adaptiert nach Beniczky et al. 2013)

Patienten ohne bekannte epileptische Enzephalopathie

• Epilepsietypische Potentiale > 2,5 Hz oder

• Epilepsietypische Potentiale ≤ 2,5 Hz oder rhythmische Delta- bzw. Theta-Aktivität (> 0,5 Hz) UND eins der Folgenden:

• EEG und klinische Besserung nach i. v. Antiepileptika oder

• subtile klinische iktuale Phänomene oder

• typische Evolution

Patienten mit bekannter epileptischer Enzephalopathie

• Zunahme in Ausprägung oder Frequenz im Vergleich zur Baseline, gekoppelt mit beobachtbarer klinischer Veränderung

• Besserung der Klinik und des EEG nach i. v. Antiepileptika

EEG-Verbesserung ohne klinische Besserung oder eine Fluktuation ohne eine definitive Evolution sollte zur Diagnose eines möglichen NCSE führen.

Subtiler Status epilepticus

Dieser ist gekennzeichnet durch eine Bewusstseinseinschränkung mit nur sehr milden motorischen Phänomenen. Hier ist die EEG-Ableitung unverzichtbar. Die Erkennung des subtilen Status ist wichtig, weil die Prognose schlechter ist als beim konvulsiven Status epilepticus (CSE) (Treiman et al. 1998). Es muss besonders darauf geachtet werden, ob nach der klinisch erkennbaren Besserung eines CSE das Geschehen in einen subtilen Status übergeht, der dann entsprechend zu behandeln ist.

Epilepsia partialis continua (EPC)

Es handelt sich um eine seltene Form eines fokalen Status epilepticus mit vaskulären, immunvermittelten, neoplastischen oder metabolisch-toxischen Ursachen. Sie ist definiert als spontanes regelmäßiges oder unregelmäßiges klonisches Muskelzucken, das einen begrenzten Teil des Körpers betrifft, manchmal verschärft durch Aktion oder sensorische Reize; die Dauer beträgt mindestens eine Stunde. Die Zuckungen treten in Abständen von nicht mehr als zehn Sekunden auf und wiederholen sich in Abständen von nicht mehr als zehn Sekunden (Bien und Elger 2008). Eine EPC tritt häufig bei einer Rasmussen-Enzephalitis auf, aber auch bei Multipler Sklerose und Steroid-responsiver Enzephalopathie mit Autoimmunthyreoiditis. Differenzialdiagnostisch kommen myoklonische Staten bei progressiven Myoklonus-Epilepsien, klonische Anfälle mit fokalem March, Myoklonien bei anderen Epilepsieformen und Tremor in Betracht.

2.2 Differenzialdiagnose

Die Erkennung eines Status psychogener nichtepileptischer Anfälle ist zur Vermeidung iatrogener Komplikationen wichtig.

Differenzialdiagnostische Überlegungen haben eine besondere Bedeutung, da einerseits zumindest der CSE eine lebensbedrohliche Notfallsituation darstellt, andererseits aber die Fehleinschätzung einer anderen Ursache als Status epilepticus iatrogene Schädigungen nach sich ziehen kann. Hier ist insbesondere die Abgrenzung des CSE gegenüber dem Status psychogener nichtepileptischer Anfälle (»Pseudo-Status«) zu nennen. Zum einen wird auf die allgemeine Differenzialdiagnose zwischen epileptischen und nichtepileptischen Anfällen im Kapitel 10 dieses Buchs verwiesen. Zum anderen waren Patienten mit psychogenen nichtepileptischen Staten bei einer Studie auf der Neurologischen Intensivstation in der Berliner Charité im Vergleich zu Patienten mit refraktärem CSE jünger, hatten häufiger ein implantiertes venöses Portsystem und erhielten höhere Dosen von Benzodiazepinen bis zum Durchbrechen des Status oder bis zur respiratorischen Komplikation. Sie hatten niedrigere Serumwerte für die Creatinkinase, nämlich im Mittel 38 U/l (Bereich: 16–90), als Patienten mit (refraktärem) CSE (Mittelwert: 699 U/l, Bereich 57–2625) (Holtkamp et al. 2006).

2.3 Allgemeine Maßnahmen

Zu allgemein stabilisierenden Maßnahmen siehe Kasten 2.2.

• Sichern der Atemwege (ggf. Entfernung von Zahnersatz)

• Überwachung von Herzaktionen, Atmung, Sauerstoffsättigung, Blutdruck, Temperatur

• Ggf. Sauerstoffapplikation über Nasensonde

• Anfallsbeobachtung

• i. v.-Zugang (möglichst großlumig)

• Labor incl. BZ und AED-Serumspiegel

• bei Hypoglykämie Gabe von Glucose 40 %, 50 ml i. v.

• bei erhöhter Temperatur über 37,5° C symptomatische Senkung der Temperatur

Wichtig ist die Unterscheidung eines Status als Erstmanifestation einer Epilepsie von einem Status bei bekannter Epilepsie. Bei Erstmanifestation ist eine weiterführende Diagnostik inkl. Bildgebung und Liquoruntersuchung erforderlich.

2.4 Therapie des konvulsiven Status epilepticus (CSE, synonym: tonisch-klonischer Status)

Hierbei orientieren wir uns an der Leitlinie der Dt. Gesellschaft für Neurologie, deren Gültigkeit allerdings abgelaufen ist, sowie an aktuellen Übersichtsartikeln (Rosenow 2012; Strzelczyk et al. 2018; Strzelczyk und Rosenow 2018).

2.4.1 Verlauf des Status in 4 Phasen

Klinisch hat sich eine Unterscheidung des Status in vier Phasen bewährt. Diese finden sich im Folgenden. Die Behandlung erfolgt stufenadaptiert.

2.4.2 Stufe 1: Initialphase

Die Behandlung eines konvulsiven Status epilepticus soll schnellstmöglich beginnen, auch schon prähospital.

Ein beginnender CSE soll schnellstmöglich behandelt werden. Benzodiazepine sind die Mittel der 1.Wahl, auch schon prähospital. Für die Initialtherapie durch Laien oder Ersthelfer empfiehlt sich die Gabe von Midazolam buccal oder nasal. Vorteile sind rasche Resorption und leichte Applizierbarkeit. Diazepam rektal wird ebenfalls schnell resorbiert, ist in der Handhabung aber schwieriger und bei Applikation in der Öffentlichkeit stigmatisierend für die Betroffenen. Benzodiazepine oral oder Lorazepam-Schmelztabletten sublingual sind aufgrund ihrer längeren Resorptionszeit für die Statustherapie nicht zu empfehlen.

Bereits prähospital erfolgt häufig durch den Notarzt eine Behandlung mit Benzodiazepinen intravenös (i. v.) oder auch durch den Rettungsdienst nasal oder buccal. Nach i. v. Applikation werden Diazepam und Midazolam schnell ins Gewebe umverteilt und haben somit eine kürzere intrazerebrale Wirksamkeit als Lorazepam und Clonazepam. Bewährt hat sich intrahospital die Therapieeinleitung mit Lorazepam i. v. Aufgrund der längeren Wirksamkeit ist die Möglichkeit eines Anfallsrezidivs geringer, sodass oft keine weitere Therapieeskalation erforderlich ist.

Eine Übersicht über verschiedene Benzodiazepine gibt Tabelle 2.1.

Tab. 2.1: Benzodiazepine zur Statusbehandlung


MedikamentÜbliche Initialdosis (i. v., Erwachsene)Empfohlene i. v.-DosierungApplikationsart

2.4.3 Stufe 2: etablierter Status

Wenn der Status nach der Initialbehandlung mit Benzodiazepinen nicht sistiert, ist eine antiepileptische Schnellaufsättigung i.v. erforderlich. Dies gilt in der Regel auch nach initialer Gabe eines Benzodiazepins mit kurzer antiepileptischer Wirksamkeit (Diazepam oder Midazolam) zur Vermeidung erneut auftretender Anfälle.

In Tabelle 2.2 sind die i.v. applizierbaren AED zusammengefasst.

Tab. 2.2: Intravenös applizierbare AED


MedikamentÜbliche Initialdosis (beim Erwachsenen)Empfohlene i.v. DosierungInfusionsgeschwindigkeit

* Unter Intubationsbereitschaft

Über Jahrzehnte war Phenytoin in der Behandlung der Stufe 2 das Mittel der Wahl. Es wird auch noch in der jüngsten Version der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (dgn.org/leitlinien/2303-ll-2a-2012-status-epilepticus-im-erwachsenenalter) empfohlen (Rosenow 2012). Problematisch ist das Nebenwirkungsspektrum (Hypotonie, kardiale Arrhythmien, Gewebetoxizität). Die Gabe soll unter Kreislaufmonitoring und idealerweise über einen zentralen Venenkatheter erfolgen. Zumindest muss die Gabe über einen gesonderten, sicher liegenden und großlumigen i. v. Zugang erfolgen. Seit kurzem ist das im Vergleich zur Injektionslösung besser verträgliche Infusionskonzentrat nicht mehr verfügbar.

Die folgenden Substanzen sind Alternativen, z. B. bei Kontraindikationen gegen Phenytoin i. v.:

Levetiracetam hat ein deutlich geringeres Wechselwirkungs- und Nebenwirkungspotential. In vielen Zentren wird es in der Stufe 2 der Statusbehandlung präferiert, insbesondere bei kardial vorerkrankten Patienten. Levetiracetam ist für die Statusbehandlung zwar nicht zugelassen, in den DGN-Leitlinien wird aber Folgendes ausgeführt: »Die Datenlage zu Levetiracetam ist mittlerweile so robust, dass diese Substanz als alternatives Medikament in der 2. Therapiestufe (nach Gabe eines Benzodiazepins) in Betracht gezogen werden kann«.

Valproinsäure ist in der Statusbehandlung vergleichsweise gut verträglich, bei Lebervorschädigung, Vorliegen einer Pankreatitis oder Einnahme von Marcumar jedoch problematisch. Bei Mitochondriopathie ist Valproinsäure kontraindiziert.

Lacosamid ist für die Statusbehandlung nicht zugelassen. Es scheint vor allem bei Patienten ohne Natrium-Kanal-Blocker in der Komedikation einen guten Effekt zu haben. Bei Vorliegen eines AV-Blocks II oder III ist Lacosamid kontraindiziert.

Wichtig:

Wenn Anfälle nach Behandlung in Stufe 2 nicht sistieren, ist die Diagnose zu überprüfen und ein Status psychogener nichtepileptischer Anfälle zu erwägen ( Kap. 3).

2.4.4 Stufe 3: refraktärer Status

Wenn der Status nach der Behandlung in Stufe 2 nicht sistiert und seine epileptische Natur feststeht, handelt es sich um einen refraktären Status epilepticus. Es ist die Einleitung einer therapeutischen Narkosebehandlung unter EEG-Monitoring erforderlich. Aufgrund des günstigeren Nebenwirkungsprofils sind dabei Midazolam oder Propofol dem Thiopental vorzuziehen.

Tabelle 2.3 listet Medikamente zur therapeutischen Intubationsnarkose auf.

Tab. 2.3: Narkotika


MedikamentInitialer BolusErhaltungsdosis

Das vorrangige Therapieziel der Narkosebehandlung unter EEG-Kontrolle ist die vollständige Anfallssuppression. Das Erreichen eines Burst-Suppression-Musters im EEG wird häufig angestrebt, ist aber nach neueren Daten möglicherweise nicht notwendig (Hocker et al. 2013). Eine komplette EEG-Suppression sollte nicht erfolgen. Nach 24 Stunden sollte sich eine Aufwachphase über 6 bis 12 Stunden anschließen, während der das Wiederauftreten von Anfallsaktivität im EEG sorgfältig zu beobachten ist.

2.4.5 Stufe 4: superrefraktärer Status

Persistiert ein Status auch nach 24-stündiger therapeutischer Intubationsnarkose, ist er superrefraktär. Es gibt für die Behandlung keine evidenzbasierten Empfehlungen. Prinzipiell können alle enteral und parenteral verfügbaren AED eingesetzt werden. Es gibt Fallberichte zum Einsatz von ketogener Diät, Ketamin, Magnesium, Steroiden, Immunglobulinen und Hypothermie. Bei Vorliegen einer läsionellen Epilepsie ist auch die Durchführung eines notfallmäßigen epilepsiechirurgischen Eingriffs eine prüfbare Option.

2.4.6 Notfallbehandlung nach klinikinternem Algorithmus

Ein einheitlicher klinikinterner Behandlungsalgorithmus ist bei der Behandlung des CSE entscheidend.

Abbildung 2.3 zeigt das entsprechende Behandlungsschema aus dem Krankenhaus Mara, Epilepsiezentrum Bethel, erstellt in Anlehnung an (Trinka et al. 2015b).


Abb. 2.3: Beispiel für einen klinikinternen Behandlungsalgorithmus: Behandlungsschema für den CSE, Epilepsiezentrum Bethel, Krankenhaus Mara

2.5 Therapie anderer Statusformen

Beim nichtkonvulsiven Status epilepticus ist eine i. v. Behandlung unter laufender Video-EEG-Ableitung ideal.

Die Initialbehandlung erfolgt wiederum mit Benzodiazepinen. Idealerweise sollte die i. v. Injektion bei laufender Video-EEG-Ableitung durchgeführt werden. Bei Therapieresistenz kommen die gleichen Medikamente in Betracht wie beim CSE. Zur Behandlung des Absencenstatus sind insbesondere Valproinsäure oder Levetiracetam gut geeignet, unter Phenytoin ist eine Verschlechterung möglich. Die Indikation zur Therapieeskalation ist beim nichtkonvulsiven Status epilepticus zurückhaltender zu stellen als beim CSE. Dies reflektiert sich auch in der neuen Statusdefinition der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE), wobei sich die zeitliche Frist bis zur Behandlung im Vergleich zum CSE nach hinten verschiebt ( Hintergrundinformation 2). Das Narkoserisiko ist abzuwägen gegenüber einer möglichen Hirnschädigung durch einen langanhaltenden fokalen NCSE ( Hintergrundinformationen 2).

2.6 Besondere Konstellationen
2.6.1 Epilepsiebeginn mit einem Status epilepticus

Ein Status epilepticus kann auch die Erstmanifestation einer Epilepsie darstellen. Selten manifestiert sich eine Epilepsie mit einem refraktären Status epilepticus (NORSE), in 2/3 der Fälle tritt der Status aus einer Prodromalphase mit erkältungsähnlichen Symptomen auf (Sculier und Gaspard 2018). Die Prognose ist ungünstig. Je nach Studie verstarben kurzfristig 12–27 % der Betroffenen. Bei einer Untergruppe dieser Krankheitsentität tritt zwei Wochen und 24 Stunden vor Beginn des Status eine fieberhafte Erkrankung auf (Febrile Infection-Related Epilepsy Syndrome; FIRES). Eine Autoimmunenzephalitis ist die häufigste identifizierte Ursache der genannten Krankheitsbilder. Die beiden Krankheitsbilder treten meist bei gesunden jungen Erwachsenen oder Kindern im Schulalter auf.

2.6.2 Antiepileptika-induzierter Status epilepticus

Beim Lennox-Gastaut-Syndrom ist eine Provokation tonischer Anfälle durch i. v. Benzodiazepingabe möglich.

Es wurde wiederholt die Provokation eines Status tonischer Anfälle bei Patienten mit Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) nach (i. v.) Benzodiazepin-Gabe beschrieben (Perucca et al. 1998). Auch für die orale Benzodiazepin-Gabe wurden entsprechende Fälle berichtet. Nach einem Experten-Konsensus trifft dies für Clobazam nicht zu (Cross et al. 2017). Nach der Literatur ist dieser Anfalls- bzw. Status-provozierende Effekt der Benzodiazepine nicht an die sedierenden Effekte dieser Medikamente gebunden. Nach unserer klinischen Beobachtung treten aber gerade bei LGS-Patienten tonische Anfälle häufig bei Müdigkeit auf. Aus diesem Grunde vermeiden wir möglichst bei dieser Patientengruppe tagsüber eine sedierende Medikation.

2.6.3 Ringchromosom 20-Syndrom

Beim Ringchromosom 20-Syndrom treten häufige Anfälle mit Verwirrtheit auf, mit und ohne zusätzliche motorische Anfälle. Das iktuale EEG zeigt langanhaltende bilaterale paroxysmale hochgespannte Slow-Waves mit gelegentlichen Spikes (Inoue et al. 1997; Vignoli et al. 2016).

2.7 Anfallsserien in Abgrenzung zum Status epilepticus

Die Anfallsfrequenz unterliegt bei zahlreichen Epilepsieverläufen spontanen Schwankungen. Es kann zu einem clusterartigen Verlauf kommen, also z. B. zu mehreren Tagen mit gehäuften Anfällen und dann wieder zu wochenlangen Pausen.

Es kann aber auch zu mehreren epileptischen Anfällen an einem Tag kommen, ohne dass die Definition eines Status epilepticus bereits erfüllt wäre. In einer solchen Situation sollte ein Bedarfsmedikament zur Unterbrechung der Anfallsserie gegeben werden. Dies gilt insbesondere, wenn die Anfälle körperlich oder psychisch belastend sind oder mit Verletzungsgefahr einhergehen. Auch möchte man die Entwicklung eines Status verhindern. Hier wird das Vorgehen in der Regel durch die klinische Erfahrung geleitet. Selbstverständlich bedarf der einzelne, nicht prolongierte epileptische Anfall keiner speziellen medikamentösen Behandlung (Baier et al. 2017).

Diazepam kann bei Anfallsserien rektal appliziert werden ( Kap. 2.4.2 »Stufe 1: Initialphase«). Lorazepam-Schmelztabletten sind nicht zur Unterbrechung von Anfallsserien zugelassen, es dauert teilweise recht lange bis zum Wirkeintritt, einige Patienten klagen über anhaltende Sedierung. Für das Kindes- und Jugendalter ist buccal zu verabreichendes Midazolam zugelassen. Die Anwendung ist einfach und das Medikament wird im Erwachsenenbereich häufig »off-label« eingesetzt. Die praktischen Erfahrungen mit diesem Medikament sind gut. Eine Studie mit nasal zu verabreichendem Midazolam bei Erwachsenen ist abgeschlossen, die Ergebnisse sind derzeit noch nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht.

Zur Unterbrechung eines mehrtägigen Anfallsclusters, das nicht so ausgeprägt ist, dass es des Einsatzes eines der gerade erwähnten Medikamente bedürfen würde, wird häufig Clobazam, z. B. 10–0–10 mg für sieben Tage, eingesetzt.

Hintergrundinformationen 2
Epidemiologie

Die Jahresinzidenz des Status epilepticus liegt in Deutschland bei 15 bis 20 Fällen auf 100.000 Einwohner (Knake et al. 2001; Strzelczyk. et al. 2017), die Inzidenz bei Männern und in der Bevölkerung älter als 60 Jahre ist höher. Die Mortalität ist dabei in erster Linie abhängig von der Ätiologie (Rosenow et al. 2007). In einer 2017 veröffentlichten Metaanalyse liegt die jährliche Mortalität bei 0,98/100.000 (Lv et al. 2017).

Prognose

Zur Prognose bzgl. Mortalität sind der STESS-Score (Status Epilepticus Severity Score) (Rossetti et al. 2008) und der EMSE-Score (Epidemiology based Mortality Score in Status Epilepticus) (Leitinger et al. 2015) etabliert. Im STESS-Score werden Bewusstseinslage, schwerste Anfallssemiologie, Alter und Epilepsieanamnese berücksichtigt. Als ungünstig gelten Koma bei Aufnahme, konvulsiver Status oder non-konvulsiver Status mit Koma, Alter > 65 Jahre und fehlende Anfälle in der Vorgeschichte. Der EMSE-Score wurde aus epidemiologischen Studien abgeleitet und berücksichtigt die Konstellation Ätiologie, Alter, Komorbidität und EEG.

Es gibt tierexperimentelle Hinweise darauf, dass ein induzierter NCSE im Vergleich zum CSE einen geringeren, allerdings immer noch nachweisbaren Schaden verursacht. Die Übertragbarkeit der Daten auf NCSE beim Menschen ist nicht geklärt, u. a. weil die Vergleichbarkeit zwischen einem tierexperimentell induzierten und einen beim Menschen im Rahmen einer Epilepsie auftretenden NCSE nicht gesichert ist (Meierkord und Holtkamp 2007). Damit gibt es bislang keine eindeutigen Kriterien für die ärztlicherseits zu treffende Entscheidung über eine Therapieeskalation beim NCSE.

Definition und Klassifikation

Nach operationaler Definition (Lowenstein und Alldredge 1993) handelt es sich um einen prolongierten epileptischen Anfall von länger als fünf Minuten Dauer bzw. mindestens zwei epileptische Anfälle ohne zwischenzeitliche Wiedererlangung des vorbestehenden neurologischen Befundes in einem umschriebenen Zeitraum. Erholt sich somit ein Patient zwischen zwei Anfällen nicht vollständig von dem ersten Ereignis, so ist dies ein beginnender Status, unabhängig vom Zeitintervall.

Im Jahr 2015 wurde von der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) eine neue Definition und Klassifikation des Status epilepticus vorgeschlagen (Trinka et al. 2015a). Neben einem klaren Zeitkonzept bzgl. Diagnosestellung und Therapieeinleitung (Zeit T1) wird dabei eine Frist für die erfolgreiche Behandlung (T2) vorgegeben mit dem Ziel, anhaltende Gewebsschädigungen zu vermeiden (Trinka et al. 2015a). Beim CSE wird T1 bei 5 min., T2 bei 30 min. angenommen. Beim NCSE bzw. beim Absencenstatus verschieben sich die Fristen nach hinten (T1 bei 10 bzw. 10–15 min.; T2 bei ca. 60 min., wobei beim Absencenstatus die Evidenz geringer ist). In deutscher Sprache findet sich die Klassifikation bei (Trinka et al. 2018).

Therapie

Nach einem Cochrane-Review (Prasad et al. 2014) ist die i. v. Gabe von Lorazepam der Gabe von Diazepam i. v. hinsichtlich einer Beendigung des Status und des Wiederauftretens von Anfällen überlegen. In einer jüngeren Metaanalyse fand sich kein signifikanter Unterschied zwischen Lorazepam und Diazepam i. v. (Brigo et al. 2016b). In der RAMPART-Studie waren in der Prähospitalphase Midazolam intramuskulär (i. m.) und Lorazepam i. v. gleichwertig wirksam. Midazolam i. m. war gegenüber Lorazepam i. v. bezüglich der Rate der bei Aufnahme im Krankenhaus kontrollierten Status überlegen. Die Zeitdauer bis zur Beendigung des Status war nach Lorazepamgabe zwar kürzer, wirkte sich aber durch die längere Zeitdauer bis zur Anlage eines i. v. Zugangs nicht vorteilhaft aus (Silbergleit et al. 2012).

Bezüglich der Stufe 2-Behandlung des Status wurden in einer Metaanalyse keine Unterschiede hinsichtlich der Statusunterbrechung beim direkten Vergleich von Phenytoin und Valproinsäure sowie Phenytoin und Levetiracetam gefunden (Brigo et al. 2016a). Auch im direkten Vergleich unterschied sich die Wirksamkeit von Valproinsäure, Levetiracetam und Fosphenytoin nicht voneinander (Kapur et al. 2019).

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3 Anfälle im Rahmen von Autoimmun-Enzephalitiden und Autoimmun-Epilepsien
Christian G. Bien
Fallbeispiel 3.1

Dieser 49-jährige Patient bemerkte seit Weihnachten zunehmende, anhaltende Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Er wiederhole z. B. die gleichen Fragen, teilweise könne er sich an Dinge nicht mehr erinnern (z. B. habe er sich nicht mehr daran erinnern können, dass seine Bekannte schon vor mehreren Jahren Oma geworden ist). Auch neue Inhalte konnte er sich nicht mehr merken. Zudem war er schnell erschöpft, schlief früh ein, war ängstlich, antriebslos und schnell reizbar. Es träten seitdem auch immer wieder aus dem Magen aufsteigende Gefühle auf, was über mehrere Stunden angehalten habe. Eine Gastroskopie ging ergebnislos aus. Ein wegen seiner »Verwirrtheit« angefertigtes Hirn-MRT zeigte eine Veränderung im Bereich des rechten Temporallappens ( Abb. 3.1A).


Abb. 3.1: Serielle koronare FLAIR-MRT des Falles 1. Die initial bestehende Signal- und Volumenzunahme des rechten Hippokampus (A) geht nach scheinbarer Normalisierung (B) im Verlauf in eine Hippokampusatrophie rechts über (C, D).

Die weitere Diagnostik in der neurologischen Akutklinik deckte Antikörper gegen Leucine-rich Glioma Inactivated Protein 1 (LGI1) auf. Eine Tumorsuche endete negativ. Es wurde eine Kortison-Therapie und – da man die aufsteigenden Gefühle richtigerweise als bewusst erlebte autonome Anfälle (epigastrische Auren) deutete – eine Therapie mit Levetiracetam begonnen. Die Gedächtnisstörungen nahmen zu, und der Patient verhielt sich aggressiv. Fünf Plasmapheresen und parallel ein rasches Ausschleichen des Kortisons besserten zwar das MRT-Bild ( Abb. 3.1B), nicht aber sein Befinden. Der Patient wünschte die Verlegung ins Krankenhaus Mara. Hier wurden auch andere bewusst erlebte autonome Anfälle, nämlich pilomotorische Anfälle (»von den Beinen aufsteigende Schauer«) herausgearbeitet. Insgesamt zu diesem Zeitpunkt zwei Anfälle pro Woche. Testpsychologisch zeigte sich eine Störung des freien Abrufs einer 30 min zuvor gelernten Wortliste. Das MRT zeigt inzwischen eine leichte Hippokampussklerose ( Abb. 3.1C). Die LGI1-Antikörper lagen im Serum bei einem Titer von 1:640, im Liquor 1:4, der spezifische Antikörperindex war zu niedrig, um eine intrathekale Synthese der LGI1-Antikörper annehmen zu können. Wir führten Prednisolon 80 mg/d ein, das für vier Wochen beibehalten werden und danach wöchentlich um 10 mg/d reduziert wurde. Parallel begannen wir – im Hinblick auf ein späteres Einsparen von Kortison – mit einer Azathioprintherapie (2,5 mg/d). Die 1.000 mg Levetiracetam pro Tag tauschten wir wegen der mutmaßlichen Nebenwirkung Aggressivität gegen Lacosamid 200 mg/d aus. Bei der Verlaufskontrolle nach vier Monaten berichtete der Patient, direkt nach Entlassung aus der stationären Behandlung anfallsfrei geworden zu sein. Das Prednisolon hatte er soeben selbsttätig abgesetzt. Neuropsychologisch war die Abrufstörung verschwunden. Das MRT war unverändert ( Abb. 3.1D). Die LGI1-Antikörper im Serum waren auf 1:80 gefallen. Nach weiteren vier Monaten waren trotz Senkung der Lacosamid-Dosis auf 50 mg/d die Anfälle nicht wiedergekehrt. Das MRT war unverändert. Die neuropsychologische Leistung war unbeeinträchtigt. Der LGI1-Antikörpertiter war auf 1:20 gesunken. Wir empfahlen das Absetzen des Lacosamid und ein Ausschleichen des Azathioprin (200 mg/d) in monatlichen 50-mg-Schritten.

Kommentar: Es handelt sich um eine limbische Enzephalitis mit LGI1-Antikörpern, die zu einer verbalen Neugedächtnisstörung und zu Temporallappenanfällen führte. Unter einer konsequenten Kortison- (und Azathioprin-)Therapie ging der Antikörpertiter stark zurück. Alle Beschwerden klangen ab, die Anfälle sistierten sogar sehr rasch. Eine leichte rechtsseitige Hippokampussklerose bliebt zurück. Dieser Patient hat keine Epilepsie, sondern hatte (für mehrere Monate) akut-symptomatische Anfälle.

Fallbeispiel 3.2

Der 38-jährige Patient stellte sich stationär in Mara vor, weil er sich eine Besserung seiner Anfälle erhoffte. Diese traten seit dem Alter von 17 Jahren auf: nicht bewusst erlebten motorische Anfälle (mit Automatismen), getriggert durch das Hören von Musik (musikogene Anfälle, Frequenz 2/Monat). Außerdem fokale zu bilateralen tonisch-klonischen Anfällen, aus den vorgenannten Anfällen hervorgehend oder aus dem Schlaf heraus auftretend, 2/Monat. Resistenz gegen acht Antikonvulsiva war belegt. Fünf Jahre nach den Anfällen war ein Diabetes mellitus Typ I diagnostiziert worden, später auch eine Zöliakie. MRT und Neuropsychologie waren normal. Das EEG zeigte interiktual und iktual rechts fronto-temporale epilepsietypische Aktivität. Die Semiologie enthielt temporale und frontale Elemente ohne Lateralisationszeichen. Der Patient hatte Antikörper gegen Glutamatdekarboxylase (GAD), Serumtiter 1:81920, Liquortiter 1:128 (keine intrathekale GAD-Antikörpersynthese, Standardliquorbefund unauffällig). Wir beließen die Levetiracetam-Tagesdosis von 3.750 mg (36 µg/ml) und erhöhten das Lacosamid von 200 mg/d (4,3 µg/ml) auf 400 mg/d. Eine Verlaufsuntersuchung fand noch nicht satt.

Kommentar: Der Patient leidet an einer fokalen Epilepsie mit GAD-Antikörpern im Kontext eines polyglandulären Autoimmunsyndroms. Welche Schädigung des Gehirns die Epilepsie unterhält, bleibt offen. Denkbar ist es eine – MR-tomografisch nicht erkennbare – strukturelle Schädigung des Gehirns. Die Anfälle sind musikogen, und sie sind pharmakoresistent. Sie sind nicht eindeutig dem Temporallappen oder Frontallappen zuzuordnen. Kognitiv ist der Patient unbeeinträchtigt. Eine Immuntherapie hielten wir nicht für erfolgversprechend. Für ein epilepsiechirurgisches Vorgehen ergab sich keine hinreichend belastbare lokalisatorische Hypothese.

Das Wichtigste im Überblick

Eine kleine, aber diagnostisch und oft auch therapeutisch dankbare Gruppe von Patienten erleidet Anfälle als Folge eines entzündlichen Prozesses im Gehirn.

Die Diagnose einer Autoimmun-Enzephalitis (mit akut-symptomatischen Anfällen) kann oft schon syndromal gestellt werden. Neurale Antikörper sichern und verfeinern solche Diagnosen. Oft gelingt die Diagnose erst durch den Nachweis spezifischer Antikörper.

Die Autoimmun-Enzephalitiden mit Antikörpern gegen pathogene Oberflächen-Antigene – z. B. den N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor (NMDAR) oder Leucin-rich glioma inactivated 1 (LGI1) – sind im Allgemeinen durch Immuntherapien gut behandelbar mit einer hohen Chance auf Remission der Anfälle.

Erkrankungen, die nicht durch Antikörper, sondern durch T-Zellen mediiert werden (und z. T. – als diagnostische Marker – Antikörper gegen intrazelluläre Antigene aufweisen) sind immuntherapeutisch und antikonvulsiv schwer behandelbar. Es handelt sich um Epilepsien mit Antikörpern gegen Glutamatdekarboylase (GAD) oder onkoneurale Proteine (Hu, Ma2 etc.) oder um Rasmussen-Enzephalitiden. Hier kann eine strukturelle (Mikro-)Schädigung Ursache der Epilepsie sein.

3.1 Einleitung

Häufig haben Patienten mit Autoimmun-Enzephalitiden epileptische Anfälle als ein Erkrankungssymptom. Ein kleiner Teil von Patienten mit rezidivierenden, scheinbar unprovozierten Anfällen erleidet diese aufgrund einer entzündlichen Hirnerkrankung. Diese beruht auf einer pathogenen Wirkung von Autoantikörpern oder einer Hirnschädigung durch das adaptive Immunsystem, durch Antikörper oder durch zytotoxischen T-Zellen.

3.2 Bei welchen Patienten soll man den Verdacht auf immunvermittelte Anfälle stellen?

Verdachtsmomente für eine mögliche immunologische Genese von Anfällen

Hier sind insbesondere die folgenden Konstellationen relevant:

• Beginn rezidivierender Anfälle im Erwachsenenalter ohne unmittelbar plausible Erklärung (schweres Schädelhirntrauma, Tumor oder Schlaganfall in der Vorgeschichte oder im Hirn-MRT zu sichern) plus subakut, d. h. innerhalb von drei Monaten, sich entwickelnder kognitiver oder psychiatrischer Störung.

• Limbische Enzephalitis gemäß den Graus-Kriterien (Graus et al. 2016, Kasten 3.2).

• Refraktärer Status epilepticus ohne Erklärung nach Diagnostik über die ersten 48 Stunden (Gaspard et al. 2015).

• Anfälle als Teil einer sich subakut entwickelnden komplexen neuropsychiatrischen Erkrankung, wie sie schon mindestens einmal episodenhaft in der Vorgeschichte aufgetreten sind (Rezidive von Autoimmun-Enzephalitiden).

• Hinweise auf anderweitig unerklärte Enzephalitis im MRT (z. B. mediotemporale Signal- und Volumensteigerung) oder Liquor (Zellzahlerhöhung, autochthone oligoklonale Banden).

• Anfälle nach einer anscheinend ausreichend und erfolgreich antiviral behandelten Herpesenzephalitis im Kontext psychiatrischer und das Verhalten betreffenden Alterationen.

• Faziobrachiale dystone Anfälle.

• Epilepsiebeginn innerhalb von fünf Jahren vor oder nach einer Tumordiagnose. Im Erwachsenenalter sind vor allem kleinzellige Bronchialkarzinome, gynäkologische Tumore und Lymphome für paraneoplastische Syndrome verantwortlich.

• Ätiologisch ungeklärte fokale Epilepsie mit begleitenden Autoimmunerkrankungen.

• Pharmakoresistente Epilepsien mit Beginn im Erwachsenenalter mit Hippokampussklerose oder ohne potenziell epileptogene Läsion, bei denen die Ursache unklar ist.

3.3 Welche Untersuchungen?

Bei V. a. immunvermittelte Anfälle: Liquor- und Antikörperdiagnostik

Wenn man bei einem Patienten eine autoimmune Genese seiner Anfälle in Betracht zieht, sollte zusätzlich zu den üblichen Untersuchungen (MRT, EEG, Neuropsychologie) auch eine Liquorpunktion mit Bestimmung neuraler Antikörper in Liquor und Serum erfolgen. Die Antikörperdiagnostik sollte als Paneldiagnostik erfolgen, die Antikörper gegen die folgenden Antigene detektieren kann:

• Onkoneurale Antigene: Hu, -Ma2, -CV2, -Amphiphysin, Delta/Notch-like EGF-related receptor (DNER), Sox1

• N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor (NMDAR)

• Leucine-rich Glioma Inactivated Protein 1 (LGI1)

• Contactin-assoziiertes Protein-2 (CASPR2)

• α-Amino-3-Hydroxy-5-Methyl-4-Isoxazolpropionsäure-Rezeptor (AMPAR)

• γ-Amino-Buttersaure-A-Rezeptor (GABAAR)

• γ-Amino-Buttersäure-B-Rezeptor (GABABR)

• Dipeptidyl-Peptidase-like Protein-6 (DPPX)

• Glutamatdekarboxylase (GAD)

3.4 Diagnosestellung

Die Diagnose besteht aus Syndrom, assoziiertem Antikörper sowie Ursache.

Die Diagnose ist primär eine syndromale, die durch einen Antikörpernachweis gesichert oder verfeinert wird. Beispiel: »Limbische Enzephalitis« ist die Diagnose des Syndroms. Der Nachweis von LGI1-Antikörpern verheißt eine gute Behandelbarkeit mit Steroiden, während der Nachweis von GAD-Antikörpern den Übergang der Enzephalitis in eine chronische Epilepsie wahrscheinlich macht. Zusätzlich sollte, wenn möglich, die Ursache ermittelt und in der Diagnose angegeben werden ( Fallbeispiel 3.1 und Fallbeispiel 3.2).

Akut-symptomatische Anfälle vs. Epilepsie

Bei Antikörpern gegen Oberflächen-Antigene (NMDAR, LGI1, GABABR u. a.) hat man in der Regel Autoimmun-Enzephalitiden vor sich, in deren Rahmen akut-symptomatische Anfälle mit guter Remissionsprognose auftreten, während man bei Erkrankungen, die durch T-Zellen getrieben werden und z. T. durch Antikörper gegen intrazelluläre Antigene diagnostiziert werden (GAD, onkoneurale Antigene, Rasmussen-Enzephalitis) in der Regel Epilepsien antrifft.

3.5 Therapie

First-Line- und Second-Line-Therapien

Das Konzept der First- und Second-Line-Immuntherapien ( Hintergrundinformationen 3) verbreitet sich weltweit nicht nur bei der Anti-NMDAR-Enzephalitis, sondern auch für andere Antikörper-definierte Autoimmunenzephalitiden und für Antikörper-negative Autoimmunenzephalitiden, die aufgrund eine Kombination aus klinischen und paraklinischen Befunden diagnostiziert werden (Lee et al. 2016). Wir geben als First-Line-Behandlung bei nicht auf der Intensivstation behandelten Patienten 80 mg Prednisolon pro Tag für vier Wochen und reduzieren dann wöchentlich um 10 mg/d bis zu einer Tagesdosis von 10 mg. Man kann die Besserung vermutlich durch zusätzliche Immunadsorptionen beschleunigen. Wenn wir einen schnellen Effekt anstreben, machen wir in der Regel zehn solcher Behandlungen über drei Wochen (Dogan Onugoren et al. 2016). Nach etwa vier Monaten bewerten wir den Effekt der First-Line-Therapie. Entweder wird dann eskaliert oder die Therapie über weitere sechs Monate langsam beendet.

Bei Nachweis eines paraneoplastischen Syndroms ist die Behandlung des Tumors vordringlich, spricht aber in der Regel nicht gegen eine zusätzliche Immuntherapie.

Man wird in aller Regel auch antikonvulsiv behandeln. Nach einigen Monaten der Anfallsfreiheit, die bei NMDAR- und LGI1-Antikörpern in der Regel rasch eintritt, kann diese Therapie wieder beendet werden.

3.6 Outcomebeurteilung

Klinisches Outcome: Anfallssituation, Kognition, psychiatrischer Befund

Paraklnisches Outcome: MRT, Neuropsychologie, EEG, Antikörpertiter

Aus epileptologischer Sicht ist die Ermittlung der Anfallsfrequenz (inklusiver der Anfallsfreiheit) zentral. Das alltagsbezogene Gesamtbefinden wird durch die modifizierte Rankin-Skala beschrieben. Diese liefert breit vergleichbare Daten, die aber wenig Auskunft über die spezifischen Beeinträchtigungen gibt. Daher sind zusätzliche Maße wie standardisierte neuropsychologische Tests, wie sie in der Epileptologie gut etabliert sind, sehr hilfreich. Hinzu tritt die Untersuchung des strukturellen Outcomes mittels serieller MRTs. Durch sie kann man beurteilen, ob z. B. eine persistierende Gedächtnisstörung ihre Ursache in einer hippokampalen Atrophie hat. Langzeit-EEG-Ableitungen können klären helfen, ob ein Patient tatsächlich anfallsfrei geworden ist.

Hintergrundinformationen 3
Definitionen

Bei der Mehrzahl der Autoimmun-Enzephalitiden treten innerhalb der ersten Wochen bis Monate epileptische Anfälle auf. Bei den Autoimmun-Enzephalitiden mit Antikörpern gegen Oberflächenantigene (NMDAR, LGI1) verschwinden die Anfälle typischerweise mit dem Abklingen der übrigen Symptome der Autoimmun-Enzephalitis. Innerhalb der Systematik der Anfallsleiden handelt es sich hier also um (akut-)symptomatische Anfälle (Beghi et al. 2010), wobei die Phase mit Anfällen länger dauern kann als bei den anderen typischen Ätiologien akut-symptomatischer Anfälle (Geis et al. 2019; Steriade et al. 2020). Die Autoimmun-Enzephalitiden diagnostiziert man anhand der weltweit akzeptierten Definitionen durch ein internationales Expertenteam aus dem Jahr 2016 (Graus et al. 2016). Diese Erkrankungen heilen oft, jedenfalls bezüglich der Anfälle, völlig aus, was sie von Epilepsien unterscheidet, die ja bestenfalls »abklingen« können (to resolve) (Fisher et al. 2014). Eine langzeitige antiepileptische Behandlung ist bei den durch Autoimmun-Enzephalitiden verursachten Anfällen nicht indiziert. Rezidive der Autoimmun-Enzephalitiden, auch mit erneuten Anfällen, können vorkommen; dies macht keine chronische Erkrankung aus ihnen, da die Rezidive immuntherapeutisch gut behandelbar sind und wiederum eine gute Prognose aufweisen.

Im Unterschied zu diesen »(akut-)symptomatischen immunvermittelten Anfällen« handelt es sich um Epilepsien, wenn die im Zuge einer Autoimmun-Enzephalitis entstandenen Anfälle > 1 Jahr nach Immuntherapiebeginn hinaus persistieren und nicht durch eine protrahierte Autoimmun-Enzephalitis entstehen oder – häufiger – wenn die rezidivierende Anfälle (Geis et al. 2019; Steriade et al. 2020) im Kontext von T-Zell mediierten entzündlichen Erkrankungen auftreten. Diese erkennt man an Antikörpern gegen intrazelluläre Antigene (meist hochtitrige GAD-Antikörper, seltener onkoneurale Antigene wie Hu oder Ma2); auch die Rasmussen-Enzephalitiden gehört in diese Gruppe. Vermutlich trägt eine strukturelle Schädigung durch einen Autoimmunprozess zur Epileptogenese bei. Bei diesen mit Autoimmunprozessen verbundenen, aber nicht durch sie aufrechterhaltenen Epilepsien sind immunologischen Therapien typischerweise wenig bis gar nicht hilfreich. Schwierig kann die Abgrenzung sein, wenn eine Autoimmun-Enzephalitis zu einer Hippokampussklerose geführt hat und in eine chronische Epilepsie übergeht (mit oder ohne freies Intervall), ohne dass die Antikörper ganz verschwunden sind: Handelt es sich dann noch um eine Autoimmun-Enzephalitis oder bereits um eine strukturelle Epilepsie?

Eine Zusammenfassung dieser Gegenüberstellung bietet Tabelle 3.1.

Tab. 3.1: Symptomatische immunvermittelte Anfälle vs. immunvermittelte Epilepsien (nach Geis et al. 2019 und Steriade et al. 2020)


Symptomatische immunvermittelte AnfälleEpilepsien im Gefolge autoimmuner Hirnerkrankungen

Häufigkeit von Autoimmun-Enzephalitiden und mit Autoimmunerkrankungen verbundenen Epilepsien

Autoimmun-Enzephalitiden weisen nach einer Studie in Olmsted County, Minnesota, USA, eine Inzidenz von 0,8/100.000/Jahr (mit steigender Tendenz aufgrund zunehmend breiter verfügbarer Antikörperdiagnostik) und eine Punktprävalenz am 01.01.2014 von 13,7/100.000 auf; diese Zahlen entsprechen in etwa denen infektiöser Enzephalitiden (Dubey et al. 2018). Man kann schätzen, dass drei Viertel der Betroffenen Anfälle erleiden (Irani et al. 2011).

Aus epileptologischer Perspektive existieren die folgenden Zahlen:

Von 124 pädiatrischen fokalen Epilepsiepatienten ohne prima-facie-Hinweisen auf eine Enzephalitis hatte ein Fall (0,8 %) hochtitrige GAD-Antikörper (Borusiak et al. 2016). In einer Serie von 163 erwachsenen Patienten mit Temporallappenepilepsie und einer Erkrankungsdauer > 1 Jahr hatten neun Patienten (5,5 %) Antikörper: gegen GAD (n = 3), LGI1 (n = 2), CASPR2 (n = 2), GABABR (n = 1), Ma2 (n = 1) (Elisak et al. 2018). Vermutlich hatten die Patienten mit Oberflächen-Antikörpern eine noch aktive Autoimmun-Enzephalitis. Unter 100 brasilianischen Patienten mit medialer Temporallappenepilepsie und Hippokampussklerose fanden sich zwei mit hochtitrigen GAD-Antikörpern (Nóbrega-Jr et al. 2018).

Im Epilepsie-Zentrum Bethel (Krankenhaus Mara: Akutklinik und Rehabilitationsklinik) wurden zwischen 2012 und 2018 10.109 Patienten stationär behandelt. In dieser Zeit war ein besonderes Interesse der Klinik an dieser Patientengruppe bekannt, sodass ein Teil der folgenden Patienten gezielt zugewiesen wurde. Bei 30 (0,3 %) bestanden definitive Autoimmun-Enzephalitiden mit Anfällen (Antikörper gegen die folgenden Antigene: LGI1, n = 15; NMDAR, n = 9; CASPR2, n = 6); 43 Patienten (0,4 %) hatten Antikörper gegen intrazelluläre Antigene und chronische Epilepsieverläufe (Antigene: GAD, n = 41; Ma2, n = 1; Amphiphysin, n = 1); 60 Patienten (0,6 %) hatten eine Rasmussen-Enzephalitis. Alle diese Fälle zusammen: 133 (1,3 %). Zum Vergleich: Im selben Zeitraum 2012–2018 wurden 664 Patienten (6,6 % aller Mara-Patienten) epilepsiechirurgisch behandelt (CG Bien, unveröffentlichte Daten).

Pathophysiologie
Antikörper gegen Oberflächen-Antigene

Ein NMDAR-Antikörper kreuzvernetzt zwei Rezeptoren. Der so entstehende Komplex wird von der Zelle internalisiert, ohne dass diese zerstört wird. Nach Verschwinden der Antikörper können die NMDAR wieder gebildet werden (Hughes et al. 2010). Für die Entstehung epileptischer Anfälle muss man sich diesen Mechanismus vor allem auf inhibitorischen Interneuronen vorstellen. Auch AMPAR-Ak reduzieren die Rezeptoren auf der Nervenzelloberfläche, ohne die Gesamtdichte exzitatorischer Synapsen herabzusetzen (Peng et al. 2015). Komplizierter ist die Pathophysiologie bei den LGI1-Antikörpern. Ihr Antigen wird sezerniert und bindet von außen an die Nervenzellmembran. LGI1 stabilisiert die Verbindung zwischen ADAM 23 und ADAM 22 in der Nachbarschaft spannungsabhängiger Kaliumkanäle in der präsynaptischen und AMPAR in der postsynaptischen Membran (Benarroch 2012). Die Antikörper stören die Verbindung zwischen ihrem Antigen LGI1 und ADAM 22, was postsynaptisch (auf nicht ganz geklärte Weise) zu einer Reduktion der Dichte von AMPAR führt (Ohkawa et al. 2013, Petit-Pedrol et al. 2018). Die epileptischen Anfälle bei Anti-LGI1-Enzephalitis wären erklärbar, wenn dies vorzugsweise auf inhibitorischen Zwischenneuronen geschähe. Präsynaptische Effekte sind wahrscheinlich ebenfalls vorhanden. Eine solche Antikörper-vermittelte Funktionsstörung erklärt gut das Ansprechen der Anfälle unter Immuntherapie, nicht aber die bleibenden Gedächtnisstörungen durch hippokampale Atrophie, wie sie bei limbischen Enzephalitiden mit LGI1-Antikörpern häufig ist (Finke et al. 2017). Die Untersuchung von Hirnbiopsaten von Patienten mit LGI1- oder CASPR2-Ak zeigte eine irreversible Aktivierung der klassischen Komplementkaskade mit Neuronensterben als Erklärung für diesen irreversiblen Anteil der Pathogenese (Bien et al. 2012, Körtvelyessy et al. 2015).

Antikörper gegen intrazelluläre Antigene

Diese dürften nicht selbst pathogen sein, da sie im lebenden Organismus kaum zu ihren Antigenen vordringen können. Biopsate von Patienten mit Ak gegen onkoneurale intrazelluläre Antigene zeigen alle Elemente einer zyototoxischen T-Zell Attacke gegen Neurone, ohne dass damit das erkannte Antigen bekannt wäre. Bei Biopsaten aus Gehirnen von Patienten mit GAD-Antikörpern ist bislang keine eindeutige Pathogenese erkennbar (Bien et al. 2012).

Rasmussen-Enzephalitis

Auch hier findet sich bioptisch eine zytotoxische T-Zell-Reaktion gegen Neurone (Bien et al. 2002), die durch eine Mikrogliaaktivierung in Gang gebracht wird (Tröscher et al. 2019).

Diagnose
Autoimmun-Enzephalitiden

Diese werden nach den Graus-Kriterien diagnostiziert (Graus et al. 2016). Sie funktionieren wie ein Sieb ( Abb. 3.2): Zunächst werden alle infrage kommenden Patienten daraufhin geprüft, ob sie eine mögliche Autoimmun-Enzephalitis haben ( Kasten 3.1). Passieren Sie dieses Kriterium, so folgt die Prüfung auf die Diagnose Definitive limbische Enzephalitis ( Kasten 3.2). Der Nachweis eines neuralen Antikörpers dient entweder dazu, eines der Kriterien 1–3 zu ersetzen oder er präzisiert die Diagnose. Wenn es sich nicht um eine limbische Enzephalitis handelt, wird auf eine Anti-NMDAR-Enzephalitis geprüft ( Kasten 3.3). Scheitert auch diese Prüfung, so wird auf Hashimoto-Enzephalopathie ( Kasten 3.4) und dann noch ggf. auf eine Antikörper-negative, aber wahrscheinliche Autoimmun-Enzephalitis geprüft ( Kasten 3.5). Bei dieser letzten Kategorie ist vor allem Punkt 3 zu beachten: Hier werden zwei weitere harte Belege für eine entzündliche Hirnerkrankung gefordert (MRT, Liquor oder Biopsie), was seltener gelingt als man annehmen mag. Insofern bleibt die »Antikörper-negative Autoimmun-Enzephalitis« eine Rarität.


Abb. 3.2: Flussdiagramm Autoimmun-Enzephalitiden (vereinfacht nach Graus et al. 2016) Abkürzungen: AE = Autoimmun-Enzephalitis, Ak = Antikörper, Hashimoto = Hashimoto-Enzephalopathie, LE = limbische Enzephalitis, NMDARE = Anti-N-Methyl-D- Aspartat-Rezeptor- Enzephalitis

Eine Besonderheit, die sich in den Graus-Kriterien nicht abbildet, sind die faziobrachialen dystonen Anfälle (faciobrachial dystonic seizures, FBDS) mit LGI1-Antikörpern. Die Patienten haben im Median 50 Anfälle der folgenden Semiologie pro Tag: kurze dystone Beugung des Arms im Ellbogengelenk, parallel dazu dystone Verziehung der ipsilateralen Gesichtshälfte. Meist sind die Anfälle einseitig. Wechselnd links- wie rechtsseitige FBDS kommen vor. Unbehandelt geht dieses Krankheitsbild häufig in eine limbische Enzephalitis mit Gedächtnisstörungen über (Thompson et al. 2018)

Autoimmun-assoziierte Epilepsien

Hierfür existieren noch keine allgemeinen diagnostischen Kriterien. Publiziert wurden Diagnosekriterien für paraneoplastische Syndrome (Graus et al. 2004) und für die Rasmussen-Enzephalitis mit einer nachfolgenden Ergänzung (Bien et al. 2005, Olson et al. 2013)

Therapie und Outcome
Autoimmun-Enzephalitiden

Das Ziel ist, den pathogenen immunologischen Prozess zu beenden. Man strebt also die Beseitigung existierender Antikörper und eine Hemmung ihrer Neubildung an. Zur Evaluation von Therapieeffekten orientiert man sich primär am klinischen Verlauf; Antikörpertiter und MRT-Verlaufsuntersuchungen können ergänzende Informationen liefern.

Aufgrund retrospektiver Analysen von Therapieverläufen hat Josep Dalmau das Konzept von First-line- und Second-line-Immuntherapien der Anti-NMDAR-Enzephalitis etabliert (Dalmau et al. 2011). Zu den First-line-Interventionen zählen Steroide, i. v.-Immunglobuline und Aphereseverfahren. Bei unzureichender Besserung soll nach Dalmau auf Rituximab (viermal 375 mg/m² Körperoberfläche intravenös im Wochenabstand) und/oder Cyclophosphamid (750 mg/m² Körperoberfläche intravenös pro Monat für einige Monate) eskaliert werden.

Patienten mit Anfällen im Rahmen von Autoimmun-Enzephalitiden und NMDAR-, LGI1-oder GABABR-Antikörpern verlieren ihre Anfälle unter Immuntherapie in der Regel binnen Tagen bis Wochen (de Bruijn et al. 2019, Liu et al. 2017). Die kognitiven und die das Verhalten betreffenden Störungen bei der Anti-NMDAR-Enzephalitis können noch über zwei Jahre besser werden (Titulaer et al. 2013). Bei LGI1-Antikörpern bleibt – wegen der häufig resultierenden Hippokampusatrophie – oft eine episodische Gedächtnisstörung zurück (Malter et al. 2014).

Epilepsien im Gefolge autoimmuner Hirnerkrankungen

Die antikonvulsive und immuntherapeutische Therapie ist in der Regel frustran (Bien and Schramm 2009, Malter et al. 2015, Poepel et al. 2007). Versuche, solche pharmakoresistenten Verläufe epilepsiechirurgisch zu wenden, gelingen bei der Rasmussen-Enzephalitis durch eine funktionelle Hemisphärektomie sehr gut (Bien and Schramm 2009), selten aber bei Patienten mit Temporallappenepilepsien und GAD-Antikörpern oder onkoneuralen Antikörpern (Carreno et al. 2017).

Kasten 3.1: Mögliche Autoimmun-Enzephalitis (vereinfacht nach Graus et al. 2016)

Alle drei müssen erfüllt sein:

1. Subakuter Beginn (schnelle Progredienz über < 3 Monate) von

• Neugedächtnisdefiziten

• verändertem mentalem Zustand* oder

• psychiatrischen Symptomen

2. ≥ 1 der Folgenden:

• Neue fokale ZNS-Defizite

• Anfälle, nicht durch ein vorbekanntes Anfallsleiden erklärt

• Liquor: > 5 Zellen/µl

• MRT: Enzephalitis

3. Ausschluss alternativer Ursachen

* Bewusstseinsstörung, Lethargie oder Persönlichkeitsveränderung

Kasten 3.2: Definitive limbische Enzephalitis (vereinfacht nach Graus et al. 2016)

Alle vier müssen erfüllt sein:

1. Subakuter Beginn (schnelle Progredienz über < 3 Monate) von

• Neugedächtnisdefiziten oder

• Anfällen oder

• psychiatrischen limbischen Symptomen

2. Bilaterale mediotemporal T2-/FLAIR-Läsionen. (PET kann dieses Kriterium erfüllen.)

3. Mindestens einen der folgenden Punkte:

• Liquorpleozytose (> 5 Zellen/µl)

• EEG mit epilepsietypischer oder langsamer Aktivität mit Beteiligung des Temporallappens

4. Angemessener Ausschluss alternativer Ursachen*

Der Nachweis eines Antikörpers gegen eine oberflächlich gelegenes, synaptische oder onkoneurales Protein kann eins der Kriterien 1–3 ersetzen.

* Systemische Erkrankungen, die in Form einer limbischen Enzephalitis auftreten können: systemischer Lupus erythematodes, Sjögren-Syndrom, Kikuchi-Fujimoto-Krankheit, Behçet-Krankheit, X-chromosomale lymphoproliferative Erkrankung. Echte Differentialdiagnosen: Herpes-simplex-Enzephalitis, HHV-6-Enzephalitis, Gliom, Status epilepticus, Neurosyphilis, M. Whipple, HIV.

Kasten 3.3: Anti-NMDAR-Enzephalitis (vereinfacht nach Graus et al. 2016)

Wahrscheinliche Anti-NMDAR-Enzephalitis:

Alle drei müssen erfüllt sein:

1. Rascher Beginn (< 3 Monate) von 4 der 6 folgenden Symptom-Hauptgruppen:

• Abnormales (psychiatrisches) Verhalten oder kognitive Dysfunktion

• Sprachstörungen (pressured speech, verbale Verarmung, Mutismus)

• Anfälle

• Bewegungsstörung, Dyskinesien oder Steifigkeit/abnormale Haltungen

• Verminderte Bewusstseinslage

• Autonome Dysfunktion oder zentrale Hypoventilation

2. ≥1 der folgenden Zusatzbefunde:

• Pathologisches EEG (fokale oder diffuse langsame oder desorganisierte Aktivität, epilepsietypishce Aktivität oder extreme delta brush)

• Liquorpleozytose oder oligoklonale Banden

3. Angemessener Ausschluss alternativer Ursachen

Die Diagnose kann auch bei Vorliegen von drei der oben genannten Symptomgruppen und einem Teratom gestellt werden.

Definitive Anti-NMDAR-Enzephalitis

Die Diagnose kann bei Vorliegen von ≥1 der sechs Symptomgruppen und von NMDAR-IgG-Antikörpern im Liquor gestellt werden bei angemessenem Ausschluss alternativer Ursachen

Kasten 3.4: Hashimoto-Enzephalopathie (vereinfacht nach Graus et al. 2016)

Alle sechs müssen erfüllt sein:

1. Enzephalopathie mit Anfällen, Myoklonus, Halluzinationen oder Schlaganfall-ähnlichen Episoden

2. Subklinische oder leichte manifeste Schilddrüsenerkrankung (in der Regel Hypothyreose)

3. Hirn-MRT normal oder unspezifisch verändert

4. Serum-Schilddrüsen-Antikörper erhöht (gegen Thyroidea-Peroxidase oder Thyreoglobulin)

5. Fehlen gut charakterisierter neuraler Antikörper in Serum und Liquor

6. Angemessener Ausschluss alternativer Ursachen

Kasten 3.5: Antikörper-negative, aber wahrscheinliche Autoimmun-Enzephalitis (vereinfacht nach Graus et al. 2016)

Alle vier müssen erfüllt sein:

1. Rasches Fortschreiten (< 3 Monate) von

• Neugedächtnisdefiziten oder

• Verändertem mentalem Zustand oder

• psychiatrischen Symptome

2. Ausschluss gut definierter Syndrome ( Kasten 3.2–3.4)

3. Kein Nachweis gut charakterisierter Antikörper in Serum und Liquor und ≥2 der folgenden Kriterien:

• MRT: Enzephalitis

• Liquorpleozytose oder intrathekale IgG-Synthese

• Hirnbiopsie mit entzündlichen Infiltraten und Ausschluss anderer Diagnosen

4. Angemessener Ausschluss alternativer Ursachen

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4 Der therapieschwierige Patient
Christian Brandt
Fallbeispiel 4.1

Eine zum Zeitpunkt der ambulanten Vorstellung 29-jährige Patientin mit einer medialen Temporallappen-Epilepsie seit dem 3. Lebensjahr bei Hippokampussklerose links war elf Jahre zuvor (2003) in unserer Klinik auf eine Monotherapie mit Carbamazepin eingestellt worden. Sie hatte weiterhin bis mehrfach pro Tag fokale, bewusst erlebte pilomotorische Anfälle, in deren Verlauf eine Bewusstseinsstörung einsetzte und Automatismen auftraten. Deshalb war auswärts ambulant die antiepileptische Medikation erweitert worden. Bei der Wiedervorstellung in unserer Klinik nahm sie Carbamazepin retard 900 mg, Valproinsäure 1.200 mg, Lamotrigin 350 mg und Levetiracetam 2250 mg. Es wurde eine Besserung der Anfallsfrequenz auf 2–3 Anfälle pro Monat berichtet, allerdings häufiges Auftreten von Schwindel und Doppeltsehen, verstärkt während der »Pillenpause«, jedoch auch unabhängig davon. Ein Medikamentenserumspiegel lag nicht vor. Die Patientin wurde stationär aufgenommen.

Folgende Serumspiegel wurden bestimmt: Carbamazepin 5,44 µg/ml, Carbamazepin-Epoxid 1,52 µg/ml, Valproinsäure 53,8 µg/ml, Lamotrigin 8,13 µg/ml, Levetiracetam 7,11 µg/ml.

Die Patientin wurde auf eine Kombination aus Lamotrigin (350 mg, 7,7 µg/ml) und Levetiracetam (1.500 mg, 11,3 µg/ml) umgestellt. Die Nebenwirkungen verschwanden, die Anfallsfrequenz änderte sich nicht. Wir verlegten die Patientin auf unsere Station für präoperative Diagnostik. Es wurde dort eine anteriore Temporallappen-Teilresektion links empfohlen. Die Möglichkeit wurde von der Patientin letztlich nicht wahrgenommen.

Bei diesem Fall ergeben sich folgende exemplarische Beobachtungen:

Zahlreiche Patienten mit einer therapieschwierigen Epilepsie werden mit einer medikamentösen Polytherapie behandelt. Dies ist eine verständliche, aber oft problematische Entwicklung. Bei einer Kombinationstherapie müssen Interaktionen beachtet werden, im aktuellen Fall insbesondere zwischen Lamotrigin und Valproinsäure (Valproinsäure führt zu einem Anstieg des Lamotriginspiegels) sowie zwischen Valproinsäure und Carbamazepin (Valproinsäure senkt den Carbamazepinspiegel, führt aber zu einem Anstieg des Metaboliten Carbamazepin-Epoxid) und auch zwischen Carbamazepin und Lamotrigin (der Enzyminduktor Carbamazepin senkt die Lamotriginkonzentration). Gerade bei Kombinationstherapien kann Therapeutisches Drug-Monitoring zur Therapiesteuerung hilfreich sein. Während der »Pillenpause« waren die Nebenwirkungen der antiepileptischen Medikation besonders stark ausgeprägt. Dies ist durch einen Anstieg der Lamotrigin-Serumkonzentration beim Pausieren des hormonellen Kontrazeptivums zu erklären. Trotz Vereinfachung der Kombinationstherapie konnte die Anfallssituation gehalten werden. Die Medikation wurde besser vertragen.

Fallbeispiel 4.2

Es handelt sich um einen 30-jährigen Patienten mit einer fokalen Epilepsie unklarer Ursache seit dem 22. Lebensjahr mit fokalen, nicht bewusst erlebten motorischen Anfällen mit Automatismen und fokal zu bilateral tonisch-klonischen Anfällen. Der Verlauf war therapieresistent trotz Einsatz von Lacosamid, Lamotrigin, Levetiracetam, Oxcarbazepin, Topiramat und Valproinsäure (teils sequenziell, teils in Kombination). Die Epilepsie war durch häufiges Auftreten von bilateral tonisch-klonischen Anfällen gekennzeichnet. Unter einer Kombination aus 800 mg Lamotrigin (Serumkonzentration 6,53 µg/ml) und Perampanel 10 mg (562 ng/ml) traten vier tonisch-klonische Anfälle pro Monat auf. Nach Zugabe von Brivaracetam 100 mg wurde der Patient unmittelbar anfallsfrei. Perampanel konnte abgesetzt werden. Der Patient ist bislang im mehrjährigen Verlauf anfallsfrei geblieben.

Die Darstellung dieses Falls soll nicht auf die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit bestimmter Medikamente hinweisen. Die Schlussfolgerung ist vielmehr, dass auch bei langjährigem therapieresistentem Verlauf eine Besserung der Anfallssituation oder sogar Anfallsfreiheit möglich ist. Zu den statistischen Wahrscheinlichkeiten eines günstigen Verlaufs bei therapieresistenter Epilepsie ( Hintergrundinformationen 4, 1. Pharmakoresistenz).

Das Wichtigste im Überblick

Ungefähr 30 % der Epilepsien verlaufen therapieresistent. Schwierige Verläufe sind jedoch nicht nur durch Therapieresistenz geprägt, sondern auch durch Komorbiditäten und psychosoziale Belange. Wenn Anfallsfreiheit nicht erreicht werden kann, stehen die Verträglichkeit der Medikation und die Behandlung psychischer Komorbiditäten im Fokus. Bei langjähriger Medikamenteneinnahme ist die Langzeitverträglichkeit zu berücksichtigen. Die Behandlung erfordert die Kenntnis von Arzneimittelwechselwirkungen. Der gezielte Einsatz der Serumspiegelbestimmung kann die Wirksamkeit und Verträglichkeit einer Therapie verbessern. Wie bei anderen chronischen Erkrankungen auch, unterstützt Patientenselbstmanagement die Lebensqualität. Über Morbidität und Mortalität und ihre Prävention muss sensibel und korrekt aufgeklärt werden.

4.1 Einleitung, Definitionen

Von einer Arbeitsgruppe der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) wurde eine Definition der pharmakoresistenten Epilepsie (drug resistant epilepsy; ältere Begriffe sind »therapierefraktär« oder »medikamentenresistent«) erarbeitet (Kwan et al. 2010).

Therapieresistenz: Versagen von zwei gut vertragenen, adäquat ausgewählten und eingesetzten Antiepileptika

Danach ist eine Epilepsie pharmakoresistent, wenn zwei medikamentöse Therapieversuche gescheitert sind. Diese Versuche müssen »adäquat« sein. Dies bedeutet z. B., dass sie über eine hinreichend lange Beobachtungszeit vorgenommen wurden. Das medikamentöse Therapieschema muss angemessen ausgewählt gewesen sein. Der Einsatz von Carbamazepin bei einer Absence-Epilepsie beispielsweise wäre nicht angemessen. Es wird nicht verlangt, dass es sich um zwei Therapieversuche in Monotherapie handelt. Auch der Einsatz der Medikamente muss angemessen gewesen sein. Der Einsatz einer lediglich niedrigen Medikamentendosis wäre beispielsweise nicht angemessen. Diese ILAE-Definition kann z. B. einen Anhaltspunkt dafür geben, wann ein Patient mit einer fokalen Epilepsie an ein Epilepsiezentrum mit epilepsiechirurgischem Programm überwiesen werden sollte, nämlich dann, wenn seine Epilepsie sich als therapieresistent erwiesen hat.

Andererseits gibt es zahlreiche Situationen, in denen die Epilepsiebehandlung schwierig sein kann, ohne dass diese Definition der Therapieresistenz erfüllt wäre. Dies gilt z. B. dann, wenn multiple Allergien den angemessenen Einsatz eines Antiepileptikums über eine hinreichende Beobachtungsdauer unmöglich machen. Auch Komorbiditäten sind bei der Epilepsiebehandlung relevant und können sie erschweren. Dieser Tatsache trägt das vorliegende Kapitel dadurch Rechnung, dass es den Begriff des »therapieschwierigen« Patienten verwendet. Hierbei handelt es sich nicht um eine klar umrissene Definition, aber um einen Begriff, der typische Behandlungssituationen treffend umschreibt. Selbstverständlich ist nicht damit gemeint, dass der Patient »schwierig« wäre. Man könnte auch von einem therapieschwierigen Verlauf sprechen, aber dies würde einen zeitlichen Längsschnitt implizieren, der nicht unbedingt vorliegen muss. Jedenfalls geht es hier um Situationen und Konstellationen, die eine Berücksichtigung zahlreicher Faktoren erfordern.

Zu den prognostisch ungünstigen Faktoren im Hinblick auf die Entwicklung einer therapieresistenten Epilepsie siehe Kasten 4.1. Die Aussichten, dass Anfallsfreiheit erzielt werden kann, werden desto schlechter, je mehr Antiepileptika bereits vergeblich bei einem bestimmten Patienten eingesetzt wurden (Kwan und Brodie 2000).

Kasten 4.1: Prognostisch ungünstige Faktoren (nach Beghi et al. 2015)

strukturelle Ätiologie

Intelligenzminderung

tonische oder atonische oder fokale Anfälle

früher Epilepsiebeginn

frühere Neugeborenenanfälle

hohe Anfallsfrequenz vor Behandlungsbeginn

hohe Anfallsfrequenz während der Initialbehandlung

ausbleibender Anfangserfolg der Behandlung

neurologische Störungen

längere Zeit bis zum Erreichen einer ersten Remission

4.2 Auswahl eines geeigneten Medikaments

Da sich kein einzelnes Antiepileptikum von den anderen durch eine signifikant bessere Wirksamkeit abhebt (jedenfalls nicht bei fokalen Epilepsien), treten andere Gesichtspunkte in den Vordergrund. Antiepileptika unterscheiden sich nach klinischer Erfahrung durchaus hinsichtlich ihres Verträglichkeitsprofils. Hier eröffnet sich eine Möglichkeit zur partizipativen Entscheidungsfindung (Shared decision making). Die Auswahl eines geeigneten Antiepileptikums richtet sich unter anderem nach Alter, Geschlecht, Lebenssituation und Begleiterkrankungen des Patienten. Auf die geeignete Auswahl von Medikamenten für ältere Menschen mit Epilepsie wird in Kapitel 11 eingegangen. Auch die besonderen Bedürfnisse von Frauen mit Epilepsie werden in einem eigenen Kapitel behandelt ( Kap. 8). Das Geschlecht interagiert wiederum mit der Lebenssituation, denn die Medikamentenauswahl bei einer jungen Frau mit Epilepsie und Kinderwunsch hat andere Implikationen als bei einer jungen Frau und der Absicht, den Eintritt einer Schwangerschaft zu verhüten. Auch hier wird auf Kapitel 11 verwiesen. Die Präferenzen eines Patienten im Hinblick auf das Verträglichkeitsprofil des von ihm eingenommenen Antiepileptikums können z. B. von der beruflichen Situation abhängig sein. Komorbiditäten spielen eine ganz entscheidende Rolle, auf die im aktuellen Kapitel eingegangen wird.

Die Verfügbarkeit von mehr als 20 Medikamenten zur Epilepsiebehandlung bietet gerade die Möglichkeit, die Behandlung auf die individuellen Bedürfnisse eines Patienten »maßzuschneidern« ( Tab. 4.1).

Tab. 4.1: Klinische Eigenschaften der Antiepileptika (nach Brandt 2019)



SubstanzVorteileNachteile

AED = Antiepileptikum; TKA = tonisch-klonischer Anfall; NW = Nebenwirkungen; LGS = Lennox-Gastaut-Syndrom.

Die aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zum ersten epileptischen Anfall und zu Epilepsien im Erwachsenenalter nennen Lamotrigin und Levetiracetam als bevorzugte Mittel der ersten Wahl bei fokaler Epilepsie (Elger und Berkenfeld 2017).

Enzyminduktoren möglichst vermeiden.

Im Buchkapitel zum Management des ersten epileptischen Anfalls ( Kap. 1) wird noch Lacosamid hinzugefügt. Auch wenn sich die genannten Überlegungen der Leitlinien und aus dem Buchkapital auf beginnende Epilepsien richten, soll doch hier daran erinnert werden, denn die günstigen Eigenschaften der Medikamente sind nicht nur für beginnende, sondern auch für therapieschwierige Epilepsien relevant. Die drei genannten Medikamente sind nicht nennenswert enzyminduzierend (Ausnahme bezüglich Lamotrigin und hormoneller Kontrazeption, hier kann eine Wirkungsabschwächung nicht ausgeschlossen werden). Enzyminduktoren bieten nicht nur Nachteile im Hinblick auf Wechselwirkungen zwischen Antiepileptika bzw. zwischen Antiepileptika und Begleitmedikamenten ( Kap. 4.11), sondern erhöhen auch das Osteoporoserisiko und das Risiko einer arteriellen Atheromatose (Brodie et al. 2013). Außerdem haben die drei genannten Medikamente (Lamotrigin, Levetiracetam und Lacosamid) ein günstiges kognitives Verträglichkeitsprofil.

4.3 Mono- versus Kombinationstherapie

Eine Epilepsiebehandlung erfolgt zu Beginn mit einer Monotherapie, also mit der Verabreichung eines einzigen Antiepileptikums. Auch im Verlauf sollte die Zahl der gleichzeitig verabreichten Antiepileptika geringgehalten werden, wobei das Ziel der Monotherapie in Anbetracht der guten Kombinierbarkeit der heute verfügbaren modernen Antiepileptika nicht mehr dogmatisch gesehen wird. Unserem spezialisierten Zentrum werden viele Patienten bereits mit einer Mehrfachkombination von Antiepileptika zugewiesen. Damit ist häufig das Erreichen einer Monotherapie kein realistisches Ziel mehr, da dies monatelange medikamentöse Umstellungen nach sich ziehen würde. Eine Verringerung der Zahl der Antiepileptika bzw. des »drug load« ist oft ein sinnvolles Ziel bei einer therapieresistenten Epilepsie.

Mit der Zahl der verfügbaren Antiepileptika stieg in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts das Bedürfnis nach einer »rationalen Polytherapie«. Aus theoretischen Erwägungen ist sicher die Kombination von Antiepileptika mit unterschiedlichen Wirkmechanismen sinnvoll. So erscheint es zunächst einleuchtend, dass nicht unbedingt zwei Medikamente mit dem Wirkmechanismus der Natriumkanalblockade, z. B. Carbamazepin und Phenytoin, kombiniert werden sollten. Sicher wird man auch hier immer wieder Einzelfallbeispiele eines günstigen Verlaufs unter dieser Kombination finden. Die Studienevidenz für besonders geeignete Kombinationstherapien, die im Idealfall eine sog. supraadditive Wirkung entfalten sollen, ist allerdings gering. Die Kombination von Carbamazepin und Valproinsäure wird immer wieder empfohlen, ist nach klinischer Erfahrung auch durchaus wirksam, allerdings nebenwirkungsträchtig. Dies liegt daran, dass Valproinsäure die Carbamazepin-Konzentration im Serum senkt, die des Metaboliten Carbamazepin-Epoxid aber erhöht. Vor diesem Hintergrund erscheint eher die Kombination aus Valproinsäure und Oxcarbazepin sinnvoll, da Letzteres nicht zu einem Epoxid metabolisiert wird. Gut dokumentiert ist die Nützlichkeit der Kombination von Valproinsäure und Ethosuximid bei Absencen, außerdem die von Lamotrigin und Valproinsäure bei verschiedenen Epilepsie- bzw. Anfallsformen.

4.4 Retardpräparate in der Epilepsiebehandlung

Retardpräparate sind besonders bei Medikamenten mit kurzer Halbwertszeit hilfreich.

Zahlreiche Antiepileptika sind nicht nur als Präparate mit unmittelbarer Freisetzung verfügbar, sondern auch als Retardpräparate. Diese zeichnen sich durch eine verzögerte oder modifizierte Freisetzung aus. Die Studienlage zur Wirksamkeit und Verträglichkeit von Retardpräparaten im Vergleich zu den korrespondierenden Präparaten mit unmittelbarer Freisetzung ist überschaubar (Brandt und May 2018). Insbesondere bei Antiepileptika mit kurzen Halbwertszeiten bieten Retardpräparate aber zumindest einen theoretischen Vorteil, der sich vielfach in der klinischen Praxis bestätigt. Siehe Tabelle 4.2 zu Eigenschaften derzeit verfügbarer Retardpräparate. Die verzögerte Freisetzung eines Medikaments dient der Aufrechterhaltung einer möglichst konstanten Serumkonzentration. Damit kann z. B. die Einnahme in einer täglichen Einmalgabe oder in einer Zweifachverteilung gegenüber einer Mehrfachverteilung möglich seien. In den Fällen, in denen die Wirksamkeit eines Antiepileptikums an einen bestimmten Serumspiegel gebunden ist, kann eine Retardformulierung dazu beitragen, diesen aufrecht zu erhalten. Sofern die Nebenwirkungen eines Antiepileptikums abhängig von der Serumkonzentration (»Spitzenspiegel«) sind, kann die »geglättete« Konzentrationskurve im Tagesverlauf bei einem Retardpräparat zur Verbesserung der Verträglichkeit des Medikaments beitragen.

Im klinischen Alltag trifft dies insbesondere für Carbamazepin, Oxcarbazepin und Valproinsäure zu, die in nicht retardierten und retardierten Formulierungen verfügbar sind. Die Therapieadhärenz, also in diesem Fall die Einnahmetreue, kann erhöht werden, wenn ein Medikament nicht dreimal, sondern zweimal am Tag eingenommen werden muss. Ob eine Einmalgabe die Adhärenz noch weiter verbessert, ist noch ungeklärt. In einer eigenen Studie mit Patienten, die unter Lacosamid in Zweifach-Verteilung serumspiegelabhängige Nebenwirkungen zeigten, wurden diese teilweise durch einen Übergang auf eine Dreifach-Verteilung gebessert (Sattler et al. 2011). Diese Daten lassen den Schluss zu, dass eine Retard-Formulierung von Lacosamid, die unserer Kenntnis nach nicht verfügbar ist, hilfreich sein könnte.

Tab. 4.2: Retardpräparate der AED


AEDEliminationshalbwertszeitWirksamkeit oder Verträglichkeit mit Serumkonzentration assoziiertDosierungsfrequenz des RetardpräparatsVorteile des Retardpräparats nach klinischer Erfahrung und Studienlage

* Bislang in Deutschland nicht verfügbar

4.5 Die therapieschwierige generalisierte Epilepsie

Idiopathische generalisierte Epilepsien haben generell eine günstigere Prognose als fokale Epilepsien. Remissionsraten können je nach Syndrom um die 90 % betragen (Gomez-Ibanez et al. 2017). Wenn sich dennoch ein therapieschwieriger Verlauf einstellt, steht man vor der Schwierigkeit, dass unter den verfügbaren Antiepileptika nur ein kleiner Teil zur Behandlung generalisierter Epilepsien geeignet ist. Es handelt sich um Kaliumbromid, Lamotrigin, Levetiracetam, Mesuximid, Perampanel, Phenobarbital, Primidon, Topiramat, Valproinsäure und Zonisamid. Ethosuximid ist zur Behandlung von Absencen geeignet. Neuerdings erwies sich Lacosamid als wirksam gegen tonisch-klonische Anfälle bei Patienten mit idiopathisch-generalisierter Epilepsie (Vossler et al. 2020).

Insbesondere vor dem Hintergrund dieser begrenzten Zahl der geeigneten Medikamente ist es wichtig, beim therapieresistenten Verlauf einer generalisierten Epilepsie mangelnde Compliance als Ursache von Anfällen auszuschließen, außerdem auf eine mögliche Beeinflussung der Anfallssituation durch den Lebensstil hinzuweisen. Die Einhaltung eines regelmäßigen Schlaf-Wachrhythmus und ein allenfalls sehr geringer Alkoholkonsum oder sogar der Verzicht auf Alkohol können wichtig sein.

4.6 Benzodiazepine in der Behandlung einer schwierigen Epilepsie

An dieser Stelle soll es nicht um den Einsatz eines Notfallmedikaments zur akuten Unterbrechung einer Anfallsserie oder eines Status epilepticus gehen, also insbesondere nicht um den buccalen oder nasalen oder parenteralen Einsatz von Benzodiazepinen. Hier geht es um den oralen Einsatz von Benzodiazepinen. Dabei ist zwischen einer kurzzeitigen und einer längerfristigen Anwendung zu unterscheiden. Im Verlauf einer therapieschwierigen Epilepsie kann es immer wieder zu passageren Schwankungen der Anfallsfrequenz, insbesondere also zu Anfallshäufungen kommen. Ursachen können Fehleinnahmen von Medikamenten oder Infekte sein, in vielen Fällen lässt sich aber die Ursache nicht herausfinden. Gerade bei sehr therapieschwierigen Verläufen mit häufigen Anfällen sollte nicht vorschnell das Behandlungsregime gewechselt werden. Wenn es ohnehin zu Spontanschwankungen der Anfallsfrequenz kommt, werden sich diese nicht durch einen Wechsel des Behandlungsregimes durchgreifend bessern lassen. In solchen Fällen kann eine kurzfristige Benzodiazepin-Gabe sinnvoll sein, also bei einem normalgewichtigen Patienten z. B. die Verabreichung von 2 x 10 mg Clobazam für 7–10 Tage. Auch kann im Einzelfall mit einem Patienten besprochen werden, eine einmalige Dosis eines Benzodiazepins zur Vorbeugung von Anfallsserien einzusetzen, z. B. vor einer Flugreise oder bei einer anderen Gelegenheit, bei der das Auftreten von Anfällen möglichst vermieden werden soll. Von diesen Indikationen abzugrenzen ist die Frage nach einer Benzodiazepin-Dauertherapie. Insbesondere in den USA und Kanada werden Benzodiazepine auch in der Dauertherapie schwieriger Epilepsieformen, z. B. beim Lennox-Gastaut-Syndrom, verabreicht. Ursächlich für die traditionell in Europa verwurzelte Abneigung gegenüber einer Benzodiazepin-Dauertherapie ist die Befürchtung, dass es zu einer Toleranzentwicklung, also zu einem Wirkverlust der initial in aller Regel gut wirksamen Medikamente kommen könnte.

4.7 Verträglichkeit und Nebenwirkungen von Antiepileptika

Akute Nebenwirkungen treten in der Regel zu Behandlungsbeginn oder nach Dosissteigerungen auf. Sie remittieren in der Regel, wenn die Dosis wieder reduziert wird. Ein Beispiel dafür sind zerebelläre Nebenwirkungen bei Carbamazepin, Phenytoin, Lamotrigin und anderen Antiepileptika. Weitere Beispiele sind z. B. Müdigkeit oder Tremor bei Valproinsäure. Das Auftreten dieser Nebenwirkungen spielt eine Rolle beim Konzept des sogenannten Ausdosierens einer antiepileptischen Medikation. Hierbei wird die Dosis eines Medikaments, idealerweise in Monotherapie, schrittweise erhöht bis zum Erreichen von Anfallsfreiheit oder der individuellen Nebenwirkungsgrenze. Dieses Verfahren wird unterstützt durch die Bestimmung der Medikamentenkonzentration im Serum (Therapeutisches Drug-Monitoring), mit dem der mögliche Aufdosierungsspielraum abgeschätzt wird. Bei diesem Vorgehen ist eine gründliche Befragung und engmaschige Beobachtung des Patienten wichtig, damit es nicht unbeabsichtigt zu einer chronischen Überdosierung kommt. Anhaltspunkte für die Referenzbereiche finden sich in Tabelle 4.4. Die Kooperations- und Introspektionsfähigkeit des Patienten beeinflusst das Vorgehen bei der Aufdosierung. Mit einem Patienten, der auch subtile Nebenwirkungen gut angeben kann, kann man eher eine Aufdosierung bis zur Nebenwirkungsgrenze besprechen als mit einem Menschen mit geistiger Behinderung, der vielleicht durch Nebenwirkungen beeinträchtigt ist, dies aber nicht äußern kann. Bei einer Monotherapie kann man die Dosis meist stärker erhöhen als bei einer Kombinationstherapie. Lacosamid wird in Kombination mit Natriumkanalinhibitoren oft nur in einer geringeren Dosis vertragen als in Monotherapie oder in Kombination mit Medikamenten mit anderen Wirkmechanismen. Lamotrigin und Valproinsäure lassen sich gut miteinander kombinieren, aber man kann in der Regel nur eines der beiden Medikamente aufdosieren. Wir wählen oft eine Valproinsäurekonzentration um 30 µg/ml und Lamotrigin 8 µg/ml. Die relevante Nebenwirkung, die eine individuelle Überdosierung anzeigt, ist in der Regel der Halte- und Intentionstremor, nicht aber eine kognitive Beeinträchtigung, da die Valproinsäurekonzentraion niedrig ist (unterhalb des »therapeutischen Bereichs«). Wenn dies nicht zum Erfolg führt, kann man nach klinischer Erfahrung die Relationen umkehren und Valproinsäure um 60–80 µg/ml und Lamotrigin bei 4 µg/ml einstellen.

Die Verträglichkeit der Medikation beeinflusst entscheidend die Lebensqualität.

Das Engwinkelglaukom ist eine seltene, aber sehr schwerwiegende idiosynkratrische Reaktion, z. B. auf Topiramat. Chronische Effekte, die mit der kumulativen Exposition zusammenhängen, werden aufgrund einer schleichenden Entwicklung unter Umständen nur verzögert oder erschwert festgestellt. Beispiele sind Gewichtsveränderungen, z. B. Gewichtsverlust unter Topiramat, Zonisamid oder Felbamat oder Rufinamid oder Gewichtszunahme unter Valproinsäure, Pregabalin, Vigabatrin. Enzyminduktoren, aber auch Valproinsäure stellen Risikofaktoren für die Entwicklung einer Osteoporose dar. Zu den verzögerten Effekten zählen teratogene Effekte. Pharmakokinetische und pharmakodynamische Interaktionen können ebenfalls zu unerwünschten Wirkungen führen. Ein Beispiel ist das Auftreten von zerebellären Nebenwirkungen bei Zugabe von Lacosamid zu einem Natriumkanal-blockierenden Basis-Antiepileptikum. Hier ist ein wichtiges Therapieprinzip zu beachten: Gibt man beispielsweise aufgrund einer mangelnden Wirkung zu einem Antiepileptikum in Monotherapie ein weiteres hinzu und kommt es dann zu Nebenwirkungen, sollte in der Regel nicht das neue Medikament wieder abgesetzt, sondern die Dosis des zuerst gegebenen Antiepileptikums reduziert werden.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Verträglichkeit von Antiepileptika zu erfassen. Die am wenigsten effektive Möglichkeit ist, auf Spontanangaben der Patienten zu reagieren. Eine höhere Rate an Nebenwirkungen wird aufgedeckt, wenn explizit nach bestimmten Nebenwirkungen gefragt wird. Hierbei kann man sich auf typische Nebenwirkungen unter den eingesetzten Antiepileptika beziehen, z. B. indem bei Lamotrigin explizit nach zerebellären Nebenwirkungen gefragt wird oder bei Levetiracetam nach solchen im Bereich von Affekt und Verhalten oder bei Topiramat und Zonisamid nach möglichen Wortfindungsstörungen. Eine symptombezogene Untersuchung (Blickrichtungsnystagmus?Tremor?) ist dabei obligat. Eine sehr sensitive Methode, die Verträglichkeit einer antiepileptischen Medikation zu erfassen, ist der Einsatz eines strukturierten Fragebogens wie des Fragebogens zur Erfassung von Nebenwirkungen antiepileptischer Therapie (FENAT) (May et al. 2009). Dieser Fragebogen ist unter www.epilepsieforschung.de zum Download verfügbar.

Grundsätzlich sollte ein aktives Verträglichkeitsmonitoring erfolgen. Dies bezieht sich insbesondere auf das Auftreten kognitiver Störungen. Hilfreich ist hierbei die kurzgefasste neuropsychologische Untersuchung EpiTrack® (Lutz und Helmstaedter 2005).

Zu weiteren Instrumenten für Screening und Verlaufskontrolle bezüglich psychischer Symptome verweisen wir auf Kapitel 10. Ein aktives Verträglichkeitsmonitoring ist zeitaufwendig. Mithilfe der genannten Instrumente kann die Zeit aber ökonomisch genutzt werden.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist erforderlich, z. B. mit Orthopäden und Radiologen im Hinblick auf die mögliche Entwicklung einer Osteopenie oder Osteoporose oder mit Frauenärzten im Hinblick auf hormonelle Auswirkungen von Antiepileptika, z. B. polyzystische Ovarien unter Valproinsäure.

Bei Männern sollte gezielt nach der Entwicklung einer erektilen Dysfunktion nach einer Änderung der antiepileptischen Medikation gefragt werden. Die entsprechenden Symptome werden oft nicht spontan genannt.

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9783170350762
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