Читать книгу: «Wie das Leben so schräg spielt»
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Vorwort
Nach dem Amen war ich schlauer
Neu anfangen
„Jetzt wehre ich mich!“
Hoffnungslose Fälle?
Bibelwissen? Kein Problem!
Vergeben und vergessen
Beziehungen
Bekehrungskampfsportler
Der Herr des Zorns
„Fragen, vom Leben selbst gestellt“
Lust auf den Himmel?
Eiskalt erwischt
Neu werden
Trauerspiele
Lernen ist mühsam
Hören und staunen
Echte Klebekraft
Freunde fürs Leben
Klare familiäre Ziele
Ernsthafte Christen
Gnadenbringende Weihnachtszeit
Silvesterfreuden
Sicherheitsstandards
Die Sünde lauert überall
Ein Wohlgeruch für den Herrn?
Alltägliche Quälereien
Lobe den Herrn!
Charakterfeste Typen
Ein ganz normales Pfarramt
Ausgetrickst
Vom Segen der Arbeit
Der Mensch sieht, was vor Augen ist
Errare humanum est
Die Macht der Gewohnheit
No risk – no fun!
Heute schon getölt?
Deine Sprache verrät dich
Der neue Pastor
Fromme Sammler und Jäger
Ein Teutone in Rom
Bekenntnis eines Berufs-Christen
Märchenhaftes aus 1001 Nacht
Und die Bibel hat doch recht!
Über alle Zweifel erhaben
Christsein mit allen Sinnen
Alles ist eitel
Automobile Anfechtungen
Jedem Tierchen sein Pläsierchen
„Drei Kilo Erdbeben, bitte!“
Familienidyllen
Kleider machen Leute
Gestörte Selbstwertgefühle
Zurück zur Demut
Urlaubsgottesdienste
Begrüßungsrituale
Aber ehrlich!
Bibelarbeiten mit gelegentlichen Untiefen
Wir kaufen eine Couch
Die Facebook-Generation und wir anderen
Fasten als Lebensstil
Frauen
Geistliche mit kleinen Macken
In den Niederungen des Alltags
Hurra, wir sind bibeltreu!
Männer
Pauschalreisende
Urlaubserinnerungen
Das Leben hinterlässt seine Spuren
Die hohe Kunst des Zuhörens
Edward A. Murphy jr. lässt grüßen
Dumm gelaufen
Großeltern
Merkwürden
Messeneuheiten
Heitere Familienfeier
Ist doch logisch, oder?
Ralf Mühe
WIE DAS LEBEN SO
SCHRÄG SPIELT
76 Beispiele für den
anspruchsvollen Schmunzelfan
© 2015 Bibellesebund Verlag, Marienheide
Umschlaggestaltung: Julia Plentz
Umschlagfoto: © DiegoCervo/Fotolia
ISBN: 978-3-95568-333-7 (eBook)
ISBN: 978-3-95568-135-7 (Buch)
www.bibellesebund.net
Liebe Leserin, lieber Leser,
der erste Entwurf für ein Vorwort klang so erhaben, dass meine persönliche Literaturkritikerin nur abwinkte: „Das solltest du lockerer schreiben.“ Ich habe es getan. Leider hat sie versäumt zu sagen, dass ich es auch abspeichern sollte. Das habe ich nämlich nicht getan. Als ich mein Selbstwertgefühl durch das Lesen der entkrampften Fassung stabilisieren wollte, entgleisten mir die Gesichtszüge: Ich fand nur meinen einstigen Stolz, die Goethe-Preis-verdächtige Version. Ich denke, ich habe den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. Sie werden auch ohne Vorwort die nächsten Seiten finden. Da bin ich ziemlich sicher.
Was mir aber noch am Herzen liegt: Über mich selbst zu lachen, fällt mir leicht. Kenne ich mich doch ziemlich gut. Wo es andere betrifft, habe ich die Namen geändert, denn es ist nicht meine Absicht, jemanden zu kränken. Dass wir Leute mit kleinen und großen Macken sind, macht uns doch unverwechselbar markant und meist in besonderer Weise liebenswert.
Ralf Mühe
Nach dem Amen war ich schlauer
Es war eine Kanzel in einer altehrwürdigen Kirche, an der ich bei meinem ersten Gottesdienst scheiterte. Das gute Stück hing in beachtlicher Höhe über den Köpfen der gespannt lauschenden Gemeindeglieder. Statt meiner Worte hörten sie aber zunächst nur den Aufschlag meiner Bibel. Sie war vom schrägen Pult abgerutscht und zu Boden gefallen. Und das gleich zweimal hintereinander. Ein drittes Mal sollte mir das nicht passieren. Mit meiner Linken hielt ich nun die Bibel und mit der Rechten das Konzept, was jedoch den kleinen Nachteil hatte, dass ich nichts von beidem lesen konnte. Egal: Ich redete, was ich von der Vorbereitung behalten hatte. Und ich redete lang – glaubte ich. Nachprüfen konnte ich es nicht, denn über der Armbanduhr lag der Ärmel des Jacketts. Nach dem Amen war ich schlauer: Knapp sechs Minuten hatte meine Predigt gedauert. Erfrischend kurz, wie jemand später wohlwollend meinte.
Aber das war noch nicht alles. Beim Abendmahl sollte ich die „Einsetzungsworte“ sagen. Nach der Blamage auf der Kanzel wollte ich nicht zugeben, dass mir allein schon der Begriff fremd war. Ich wusste von nichts und faselte beim Austeilen des Abendmahls das, wovon ich glaubte, dass es die Leute hören wollten.
Doch schon bahnte sich die dritte Prüfung an. Die Gemeindeglieder hatten inzwischen Platz genommen. Zurück blieben der Pfarrer, der das Abendmahl geleitet hatte, und ich. Wir standen vor dem Altar. Alle Leute starrten auf uns. Offenbar sollte ich schon wieder etwas sagen. Die Orgel verstummte, aber mir fiel nichts ein. Der Blick des Pastors über den Brillenrand signalisierte Ungeduld. Was gab es noch zu bereden? Worauf wartete er? Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Hau doch endlich ab, dachte ich verzweifelt. Dann fasste ich meine Gedanken in die feierlichen Worte: „Gehe hin in Frieden!“ Ich sagte es sehr laut und deutlich. Dabei hob ich theatralisch beide Arme. Der gute Mann zuckte zusammen und ging. Endlich. Er ging!
Am Ende des Gottesdienstes gab es für mich nur noch eines: auf schnellstem Wege durch einen Seitenausgang ins Freie. Ich hatte versagt. Ich war gescheitert. Nie wieder würde ich einen Gottesdienst halten, schwor ich. Das war vor vielen Jahren. Inzwischen habe ich Hunderte Male auf Kanzeln gestanden und gepredigt.
Neu anfangen
Viele Neuanfänge sind nichts anderes als die Wiederholung alter Fehler. Das jedenfalls ist meine These. Nein, wissenschaftlich untermauern kann ich sie nicht, denn zum Akademiker habe ich es nicht geschafft. Im Gegensatz zu einem nahen Verwandten von mir. Er wäre Arzt geworden, hätte man ihn nur die Oberschule (so hieß das wohl damals) besuchen lassen. Der Glückliche. Er konnte sein Leben lang mit der Vorstellung leben, zu etwas Höherem geboren zu sein. Doch weil die Zeiten so schlecht waren, brauchte er das nie unter Beweis zu stellen. Bemüht hat er sich jedenfalls nicht darum. Mir dagegen standen alle Chancen offen, und ich habe sie nicht genutzt – trotz eines Neuanfangs durch einen überstürzten Schulwechsel. Verständlich, weshalb mich das Thema „Neu anfangen“ so tief berührt. Es ist ein Stück meiner Lebensgeschichte.
Zurück zu meiner These. Ich kann sie mit drei Beispielen belegen.
1. Erst kürzlich wieder stimmte man in einer Gemeinde den Gesang zu hoch an. Bis zur Mitte der Strophe kämpfte man sich mit der Kopfstimme durch, dann ging es nicht mehr. Irgendein beherzter Sänger stimmte neu an. Tiefer, wie er meinte. Doch tiefer war nur der Anfangston, nicht aber die Tonlage. Sie entsprach exakt der vorigen ...
2. Eine Irin erzählte mir, wie sie um einen Schwaben freite. Damals hatte sie erhebliche Mühe, ihre zukünftige Schwiegermutter zu verstehen. Oft wusste sie einfach nicht, was da breit geschwäbelt wurde. Statt sich deut(sch)licher zu artikulieren, verstärkte die werte Dame bei der Wiederholung lediglich die Phonstärke. Sie schien das Problem nicht begriffen zu haben, deshalb war auch die Wiederholung nutzlos.
3. Sie waren die Innovation des Bibellesebund-Freizeitzentrums: Frischhaltedosen fürs Frühstücksbrot. Einfach chic, aber kompliziert zu bedienen. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht eines der guten Stücke mitsamt dem Inhalt zu Boden fiel. Also gab ich eine Bedienungsanleitung, und zwar so einleuchtend, dass sie auch der größte Trottel begreifen musste. Nur einer eben nicht: ich selbst. Meine Worte waren kaum verhallt, da griff ich tatkräftig zu. Aber entgegen meiner eigenen klüglichen Anweisungen eben falsch! Und das vor einem Publikum, das sich kaum noch auf den Stühlen halten konnte. Wie gemein Leute aber auch sein können!
„Jetzt wehre ich mich!“
Das Buch mit diesem aggressiven Titel lag wie eine Kampfansage auf dem Schreibtisch einer Mitarbeiterin. „Hast du schon gesehen ...?“ In der Art, wie mein Kollege die Frage stellte, wusste ich schon, wovon er sprach. „Ich habe“, fiel ich ihm kurzsilbig ins Wort und warf bedeutungsvoll einen Blick auf die „Waffe“. Wir waren ratlos. Gut, auf Händen getragen hatten wir die Kollegin nie, das war uns schon klar. Aber hatten wir ihr so zugesetzt, dass sie sich gegen uns wehren musste? Ich äußerte die Vermutung, dass ihr vielleicht unsere männliche Dominanz zum Problem geworden sei.
Unsere Gemüter beruhigten sich wieder. Dennoch beschloss ich, ab sofort meine Naivität aufzugeben und psychologischen Scharfsinn an den Tag zu legen. Ich brauchte nicht lange, um fündig zu werden. Eine Mitarbeiterin, schlank wie eine Tanne, hatte einen äußerst festen Schritt: Na klar, jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen, das musste Körpersprache sein. Warnsignale sozusagen, die ich bisher nicht wahrgenommen hatte: „Pass auf, hier komme ich!“ oder so. Bei einer anderen Person entdeckte ich eine fast apokalyptisch anmutende Wehrhaftigkeit: Als Knoblauch-Esser konnte sie sich allein mit dem Hauch ihres Mundes verteidigen. Je länger, desto klarer sah ich die Dinge: Da war jemand, dessen Worte wie Maschinengewehrsalven Schutz vor dem Hinhören gaben. Hatte man ihn vielleicht in zarter Jugend allzu hart getadelt? Neue Dimensionen der Menschenkenntnis eröffneten sich.
Als ich in einem Buchkatalog blätterte, fiel mir sofort jener Titel ins Auge: „Sag, was du meinst, dann erreichst du, was du willst. – Wie man sich erfolgreich durchsetzt.“ Ich grübelte. Sollte ich an meiner eigenen Persönlichkeit arbeiten und aufrüsten? Der Blick auf den Umfang des Buches ließ mich zögern. Vielleicht sollte ich mich doch eher den Tugenden des Pazifismus zuwenden, denn zum Nachgeben hatte ich ja nach langen Ehejahren im Übermaß Gelegenheit.
Es kam alles ganz anders. Ich hatte völlig vergessen, dass ich mein Herz künftig nicht mehr so auf der Zunge tragen wollte. Ich sprach mit der Kollegin über jenes besagte Buch und seine Wirkung. Dabei stellte sich heraus, dass es gar nicht für sie persönlich gewesen war. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich konnte also (im Wesentlichen) so bleiben, wie ich war. Angesichts dieser Tatsache fiel es mir jetzt nicht mehr schwer, die anderen mit ihren Eigenheiten zu akzeptieren. Vielleicht waren deren Verhaltensweisen gar nicht gegen mich gerichtet, sondern einfach Ausdruck ihrer persönlichen Prägung. Ganz ausschließen sollte man das nicht.
Hoffnungslose Fälle?
Es gibt sie zum Glück, denn ihr Vorhandensein gibt dem Rest der Menschheit das Gefühl einer gewissen Überlegenheit. Ein paar Beispiele gefällig? Es würde mich freuen, wenn ich Sie davon überzeugen könnte, dass meine Behauptung vom Leben selbst diktiert ist.
Fall 1: Da sah ich doch in einem Hotel einen jungen Mann, der sich als unverbesserlicher Hartschädel erwies. Leicht bis mittelschwer angesäuselt suchte er den Weg ins Freie. Zielstrebig knallte er mit der Stirn gegen einen Flügel der Glastür, deren Automatik mit seiner Schnelligkeit nicht mitkam. Peng! Das Glas war zwar dahin, aber die Tür tat sich dennoch auf. Der Mann trat ins Freie. Er ging zwei Schritte zur Seite und sog die frische Luft ein. Aber nicht lange. Offenbar meldete sein Gehirn erst jetzt den Crash und ließ ihn in Ohnmacht fallen. Wie ein Stein fiel er zurück und durchschlug mit dem Hinterkopf den anderen Teil der Glastür. Sauber. Das war ganze Arbeit. Der Mann selbst hatte außer ein paar Kratzspuren nichts abbekommen. Habe ich zu viel gesagt? Weiter geht’s.
Fall 2: Eigentlich wollte die Putzfrau im Geschäft meines Onkels nur die Kellerwände mit Wasser abspritzen. Als sie jedoch eine Maus erblickte, schreckte sie zurück. Der Wasserstrahl traf die heiße Glühbirne, es gab einen Schlag und dunkel ward es. Für eine Weile hörte man nur das Wasser und die Putzfrau laufen. Sie ertastete sich den Weg aus dem Kellerraum, vergaß jedoch, den Wasserhahn abzustellen. Man hätte später den Kellerraum als Swimmingpool vermieten können.
Fall 3: Er betrifft leider meine Wenigkeit. Ich hatte unseren Kleinbus auf einem Parkplatz abgestellt. Nicht exakt genug an der aufgezeichneten Linie entlang, wie ich fand. Eine kleine Korrektur gestand ich mir zu. Ich versuchte sie, ohne dabei den Motor anlassen zu müssen. Mit dem linken Fuß blieb ich auf der Straße, mit dem rechten trat ich die Kupplung, und der Wagen rollte, bis – o nein ... Ich brauchte eine ganze Weile, um meinen Sohn von dem Kunststück zu überzeugen, dass ich mir selbst auf den Fuß gefahren war! Er glaubte es nur, weil ich wie festgewurzelt am Wagen stehen blieb. Physische Schäden hat mir das Ganze nicht eingebracht. Aber psychische, denn jedes Mal, wenn das Thema „Nichts ist unmöglich!“ aufkommt, glaubt mein Sohn, einen süffisanten Beitrag aus seiner eigenen Erlebniswelt leisten zu müssen.
Bibelwissen? Kein Problem!
Die Bibel ist wirklich ein wertvolles Buch. Besonders dann, wenn sie noch nach Jahren wie neu im Regal steht und der Goldschnitt noch nicht gelöst ist. Dann haben auch die Kinder und Enkel noch etwas davon.
Es gibt in dieser Hinsicht natürlich unterschiedliche Ansichten. Ich denke an jene resolute Frau, die mir schmeichelte, indem sie mich einmal in den Stand eines Theologen erhob. Sie las recht oft in der Bibel. Dabei bevorzugte sie das, was „zwischen den Zeilen“ stand. Natürlich entdeckte sie auf diese Weise einen Reichtum an unausgesprochenen Wahrheiten. Darauf waren andere Christen in knapp zwei Jahrtausenden nicht gestoßen. Meine Auslegungen über das, was schwarz auf weiß in der Bibel steht, nahmen sich neben ihren Erkenntnissen geradezu dürftig aus. Aber die Frau gestand mir immerhin zu, ein Westentaschentheologe zu sein.
Bibelkenntnis gehört zum Allgemeinwissen. Man muss das Buch der Bücher noch nicht einmal gelesen haben, um Bescheid zu wissen. Diesen Eindruck vermittelte mir jedenfalls ein älterer Diskussionspartner, dessen Lautstärke und Selbstsicherheit klarstellte, wer hier recht hatte. Er zitierte aus dem Gedächtnis (!) grundlegende Wahrheiten aus den Mosebriefen und dem Evangelium nach Petrus. Als ich ihm meine Bibel reichte, damit er seine Nachhilfestunde effektiver gestalten könnte, wollte er sich damit nicht aufhalten. Schade eigentlich.
Ich hatte schon immer vor den Leuten Hochachtung, die die Grundsprachen der Bibel fließend beherrschen. Eine Kostprobe seines Könnens gab mir ein Pastor, der das hebräische Alte Testament aufschlug. Ohne lange zu fackeln fing er an, 1. Mose 1, Vers 1 flüssig zu übersetzen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott ...“ Beneidenswert, ein Naturtalent!
In eine ziemliche Verlegenheit brachte mich die Frage eines Gemeindeältesten. „Wie kann es möglich sein“, wollte er von mir wissen, „dass der König Jesus verfolgen und die Kinder in Bethlehem töten ließ, wo er doch zuvor den wunderbaren Auszug des Volkes durch das Rote Meer miterlebt hatte?“ Ich musste mehrfach schlucken. Es war in der Tat eine schwierige Frage.
Vergeben und vergessen
Als einer, der sich lieber Positivem widmet, eigne ich mich vermutlich am wenigsten dazu, zum Thema vergeben etwas zu schreiben. Ich vermute, dass ich darüber hinaus oft zu naiv bin, um zu verstehen, dass ich eine Aussage auch als Kränkung hätte auffassen können. Ich bin einfach nicht der Typ, der einen hohen Umschlag von Verletzungen und Vergebung aufzuweisen hat. Immerhin bin ich im Vergessen groß. Das trifft meist auch auf negative Kleinigkeiten zu. Vermutlich beraube ich mich damit der Fähigkeit, wesentlich hingebungsvoller über die Lasten des Lebens klagen zu können.
Ganz anders verhielt es sich diesbezüglich mit einem älteren Herrn, dessen Würde sich an einem bedeutungsvollen Notizbuch festmachte. Er hatte nämlich eine Methode wider das Vergessen entwickelt. Markante Aussagen notierte er sofort in ein Heft. Offenbar war ich so einer, bei dem sich Aufzeichnungen lohnten. Manchmal musste ich schnell dahingeworfene Aussagen Wort für Wort wiederholen, damit er mit dem Schreiben nachkam. Dabei spielte stets ein Lächeln um seine Lippen. Sicher rechnete er schon mit einer reichen Ernte späterer Entschuldigungen.
Eine großartige Lektion in Seelenhygiene erhielt ich einmal vor vielen Jahren von einer Frau. Mit gnadenloser Offenheit bekannte sie mir: „Vergib mir, dass ich dich oft für arrogant halte.“ War ihr Verlangen nach einem reinen Gewissen nicht beispielhaft? Augenblicklich taten sich Abgründe bei mir auf. Dummerweise sah ich mich jedoch nicht in der Lage, die Gefühle der Frau zu vergeben. Vielleicht waren sie ja berechtigt und stellten gar keine Schuld dar. Da sie aber so sehr nach Vergebung verlangte, sprach ich ihr – sozusagen als Ersatz – meine Vergebung für ihre unangebrachte Schwatzhaftigkeit zu. Damit war sie allerdings auch nicht zufrieden. Komplizierte Welt!
Können Sie sich selbst verzeihen? Auch das ist ein Lernprozess. Als Bibelschüler erlaubte ich mir einmal ausgerechnet im Fahrstuhl einen Druckausgleich des Leibes. Ich war ja allein. Doch die augenblickliche Veränderung der Luftverhältnisse in diesem engen Raum war über alles Erwarten fulminant. Gerade jetzt stoppte der Fahrstuhl und eine würdige ältere Lehrerin gesellte sich zu mir. Ziemlich irritiert sog sie die Luft ein, sagte aber nichts. Ich versuchte eine Unschuldsmiene aufzusetzen und fächerte mir Luft zu. Ansonsten wäre ich gern im Boden versunken. Verziehen habe ich mir diese Fehlleistung lange nicht.
Beziehungen
Meine erste Beziehung habe in den Sand gesetzt. Damals, in jenem Alter, als ich noch aus Protest gegen das Spießbürgertum die Absicht hatte, Weihnachten im Sommer zu feiern und bei Feierlichkeiten mit verschlissenen Jeans neue Akzente zu setzen. Wie borniert war ich doch, als ich auf die Frage eines Mädchens, ob sie mit mir gehen dürfe, antwortete: „Selbstverständlich! Bis da vorne zur Straßenkreuzung – und dann trennen sich unsere Wege.“
Ein solcher Glücksfall hat sich nie wiederholt. Nie, wirklich nie wieder hat eine Frau mir je einen solchen Antrag gemacht. Im Gegenteil. Um meine Ehefrau musste ich regelrecht kämpfen. Erst gegen ihren eigenen erklärten Willen, dann gegen die (berechtigten?) Bedenken meiner zukünftigen Schwiegermutter. Es war nicht leicht. Aber ich habe es offenbar nicht besser verdient. Inzwischen hat unsere Beziehung immerhin schon 40 Jahre gehalten. Diese stabile Basis hat es uns erlaubt, freundschaftliche Beziehungen zu anderen Leuten einzugehen. Und auch verunglückte so zu überstehen, dass wir später nicht auf die Psychiatercouch mussten.
Sehr flüchtig, aber nicht weniger eindrücklich gestaltete sich jene Beziehung, bei der ich jemandem grüßend zuwinkte, weil ich ihn verwechselte. Ob der sofortige Versuch gelang, das Winken als Serie nervöser Zuckungen zu kaschieren, kann ich nicht sagen.
Eine freundschaftliche Beziehung entwickelte sich, als ich jemandem aus Versehen den Parkplatz wegnahm. Ich hörte nicht, was mein Gegenüber sagte, aber ich sah deutlich an der Mundbewegung, dass es sich nicht um eine Schmeichelei handelte. Ich korrigierte meinen Fehler und ging dann auf den Kontrahenten zu: „Wie gut, dass Sie nicht ausgerastet sind“, sagte ich, „weniger Beherrschte hätten mich sicher ein A... geschimpft.“ Der Mann erstarrte wie ein Ertappter, dann lächelte er. Seither grüßt er mich sehr zuvorkommend.
Die Schule des Lebens hat mich gelehrt, über Kleinigkeiten hinwegzusehen, auch wenn sie wesentlich sind. Es war in einem Hallenbad. Auf der Suche nach einer Umkleidekabine stieß ich eine Tür auf, hinter der eine Frau im Evaskostüm stand. „O Entschuldigung, mein Herr“, sagte ich – so wie ich es gelernt hatte – und schlüpfte in die nächste Kabine. Zufrieden hörte ich ein unterdrücktes Lachen von nebenan. Der Trick hatte funktioniert. Dennoch zog ich es vor, mich vorerst nicht im Schwimmbecken sehen zu lassen.
Bekehrungskampfsportler
Sein Eifer ehrte ihn. Nicht jedoch die Art und Weise, wie er versuchte, andere und mich zu bekehren. Es war bei einer Großveranstaltung, bei der sich Missionswerke präsentierten. Ich nahm als Mitarbeiter des Bibellesebundes daran teil. Bei einem Gang durch die Ausstellungshallen entsprach mein Blick wohl nicht der Norm wahrer christlicher Demut. Ein Mann schien mich für einen verlorenen Sünder zu halten und nahm sich ohne Zögern meines Heils an. Seine Worte peitschten wie Maschinengewehrsalven an meine Ohren. Lediglich die Notwendigkeit, dass auch jener Eiferer Luft zum Atmen holen musste, gab mir Gelegenheit einzuwerfen: „Aber ich bin doch schon ...“ Ich hätte „ein bekehrter und wiedergeborener Christ“, gesagt, wenn jener Kämpfer mich wenigstens hätte ausreden lassen. „Viele denken, sie seien Christen ...“, schmetterte er mich ab. „Ich stimmte ihm (durch Kopfnicken!) zwar grundsätzlich zu, wollte aber dennoch klarstellen, dass ich ... Keine Chance. Erneut holte er zu verbalen Attacken aus. Dabei verschärfte er den Ton. Da half nur eines: Ich knallte das Neue Testament auf den Tisch, das er mir gerade gönnerhaft als Geschenk in die Hand gedrückt hatte, und ließ ihn stehen. Mein Verhalten musste ihn schmerzlich davon überzeugt haben, dass die Endzeit hereingebrochen war, in der keine Buße mehr geschieht.
Für mich hatte dieses Erlebnis eine heilende Wirkung. Ich wurde an meine eigene Unvernunft der frühen Jahre erinnert ...
Es war in der Schweiz, als ich einen Anhalter in meinen Wagen mitnahm. Damals hatte ich noch einen Fahrstil, der meine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod eindrucksvoll unterstrich (1. Petrus 3,15). Ich erkannte sofort, dass der Herr mir den jungen Mann in die Hände gegeben hatte. Nun galt es, Salz der Erde zu sein (Matthäus 5,13) und das fade Namenschristentum mit der Kraft des Evangeliums zu würzen (Kolosser 4,6). Ohne Umschweife kaufte ich die Zeit aus (Epheser 5,16). Schließlich wollte ich nicht dafür verantwortlich sein, wenn er verloren ging (Hesekiel 3,18). Als einer, der selbst vor harschen Wahrheiten nicht zurückschreckt, ließ ich das meinen Beifahrer auch deutlich wissen. Als er schließlich wie betäubt ausstieg, hatte ich mich vermutlich gerichtsreif evangelisiert. Damals glaubte ich jedoch, den guten Kampf gekämpft zu haben, der mir aufgetragen war (2. Timotheus 4,7). Wie gut, dass Gott sich auch über geistliche K.-o.-Schläger erbarmt, denn auch sie wissen nicht immer, was sie tun.
Der Herr des Zorns
Da kenne ich jemand, der als Negativbeispiel geradezu brilliert. Nennen wir ihn mal „M“, um ihn nicht bloßzustellen. Er ist ein Meister darin, seinen Zorn zu beherrschen. Wenn andere ihm allzu forsch kommen, bleibt ihm nämlich die Spucke weg. Selbst an schlagende Gegenargumente erinnert er sich in solchen Situationen nicht mehr. Er wirkt dann nach außen hin so wunderbar friedlich. Ja, es scheint geradezu, als beseelte ihn eine heilige Gelassenheit. Aber in Wirklichkeit kocht es in ihm. Er ist nur nicht fähig, punktgenau den Dampf abzulassen. Erst zu Hause ändert sich das. Etwa wenn seine Frau ihn mit unüberhörbarem Vorwurf fragt: „Warum hast du dieses oder jenes nicht gesagt?“ Es ist ihm eben nicht eingefallen! Warum, warum nur hatte er sich an eben dieses Argument nicht erinnert? Das Gehirn war wie umnebelt. Was er öffentlich versäumt hat, holt er in privaten Scheingefechten nach – Argument und Gegenargument. Bis tief in die schlaflose Nacht.
Es hat „M“ beileibe nicht an Vorbildern gefehlt. Voller Staunen hatte er schon erlebt, wie eine Kollegin loslegte, wenn sie wütend wurde: mit einer Wortflut, die schon fast den Tatbestand der Körperverletzung erfüllte, und mit Argumenten, deren bizarre Logik seiner spröden Fantasie vermutlich für immer verschlossen bleiben wird. Wie einsilbig fühlte er sich jeweils, wenn er aufgefordert wurde: „Jetzt sag du doch auch mal etwas!“ Was sollte er noch hinzufügen? Es war weit mehr als alles gesagt.
Wenn „M“ im Zorn schweigt, erntet er Kritik. Redet er, ergeht es ihm auch nicht besser, denn dummerweise greift er in der höchsten Bewegung seines Gemütes oft zu wahllos in die Armut seines Wortschatzes. Dabei kommen dann Worte zutage, die zu scharf, zu derb oder beleidigend sind. Wie demütigend, wenn er später auf diese Art gewonnene Wortgefechte durch eine schnöde Entschuldigung wieder annullieren muss!
Wen wundert’s, dass er da die hohen Weihen eines Zeitgenossen nur mit gewissem Neid bestaunt! Wo andere heftig reagieren, gereicht es bei jenem nur zu tiefer Traurigkeit. Dieser Seelenzustand war in der Vergangenheit allerdings stets mit dem akuten Bedürfnis verbunden, sie auch möglichst weit zu streuen. „M“s Chef erhielt stets auch eine Trauerbekundung, wenn „M“ sich wieder mal verfehlt hat. Man hat gehört, dass „M“ inzwischen geflüchtet sei – zum Sarkasmus, dem kleinen Bruder des Zorns. Hoffentlich eckt er damit nicht auch so an.
„Fragen, vom Leben selbst gestellt“
Offene Fragen gehören zum leidvollen Jetzt unseres Jammertals. Doch Antworten nicht weniger. Die Frage stellt sich, was von beidem schlimmer ist ...
Es scheint sie – trotz gegenteiliger Behauptung – doch zu geben: die ausgesprochen dummen Fragen. Nur allzu gut erinnere ich mich, wie ich im zarten Alter von 10 Jahren unseren Kaplan aus der Fassung brachte. Dabei wollte ich lediglich wissen, ob der Papst nun evangelischen oder katholischen Glaubens sei. Eine klare Antwort bekam ich auch damals nicht. Ich vermutete deshalb, dass meine Frage allzu persönlich gewesen sein musste.
Es gibt aber auch Fragen, die benötigen gar keine Antwort. Als zum Beispiel mein Kollege H. die Telefonnummer eines Kunden in die Rechenmaschine tippte, wunderte er sich, dass die Verbindung nicht zustande kam. Der gleiche Herr trug auch schon mal einen Aktenordner in die Speisekammer. Die Frage, was er dort damit wollte, ließ er einfach offen.
Ob man mit offenen Augen beten oder sie schließen sollte, hat mir völlig undogmatisch das Leben selbst beantwortet. Beim gemeinsamen Essen in der Mensa verschwanden einst immer wieder mal auf wundersame Weise meine Fleischportionen, während ich betete. Es war die Hand des Herrn, die ich schließlich mit offenen Augen erspähte – die des Herrn W. zu meiner Rechten. Andererseits wäre ich nie Zeuge geworden, wie sich einmal ein recht prachtvolles Exemplar von Spinne über einem Beter abseilte, wenn ich wie er die Augen geschlossen gehalten hätte.
Manche Fragen haben eher experimentellen Charakter. Etwa die, was passiert, wenn man gegen einen Elektrozaun uriniert. Niemand musste dafür je Worte verschwenden: der Tanz des Mannes war höchst eindrucksvoll und Antwort genug. Auch auf die Frage, wie sich ein Hamster im Käfig anfühlt, fand ich mit einem perforierten Finger früh eine Antwort.
Die Frage, ob die Schwerkraft noch funktioniert, hatte ich nicht gestellt, und doch wusste ich die Antwort, als ich bei einem Sturz unsanft den Asphalt küsste.
Diese wenigen Beispiele sollten genügen, um uns davon abzuhalten, Sklaven unserer menschlichen Neugierde zu werden. Wie oft meinen wir, mit unbeantworteten Fragen nicht leben zu können. „Gott wird geehrt für das, was er verborgen hält“ (Sprüche 25,2).
Lust auf den Himmel?
O ja! In Offenbarung 21 werden Dinge genannt, die einmal nicht mehr sein werden. Und darin liegt ein tiefer Trost. Ich könnte die Liste dessen, was nicht mehr sein wird, um einiges verlängern, was irdisch und damit unvollkommen ist.
Ich denke da an einen Kollegen. Als er an der Ampel anhielt, beobachtete er staunend, wie er von der Radkappe des eigenen Wagens überholt wurde. Das Ding rollte in elegantem Bogen auf die Kreuzung zu und dann war Ende der Vorstellung. Ein Lastwagen machte sie platt.
Ein anderes Beispiel irdischen Jammers bot unsere Putzfrau. Im Eifer ihrer Tätigkeit stieß sie einen Kaktus vom Tisch und fing ihn auch gleich auf – mit bloßen Händen. Sie fackelte nicht lange und versuchte, die Stacheln zu ziehen – mit den Lippen! Ziemlich bald wurde ihr klar, dass sie nur noch stichelnd reden konnte. Die Bemerkungen des Arztes beim anschließenden Geduldsspiel waren nicht weniger spitz.
Voller Mitgefühl denke ich an den 8-jährigen „R“. Er war nie ein Held, aber durch und durch Selbstdarsteller. Als er bemerkte, dass eine ältere Frau am Fenster lehnte und ihm beim Rollerfahren zuschaute, schlug seine Stunde. Er übte plötzlich Kunststücke. Immer wieder vergewisserte er sich, dass er in ihrem Blickfeld blieb. Da schlang er ein Bein über den Lenker. Gar nicht übel. Aber nun sollte die Krönung folgen: das zweite Bein auch über den Lenker. Die Frau sollte das Schaustück so schnell nicht vergessen – er vergaß es nie! Schneller als er denken konnte näherte er sich dem Asphalt. Er küsste ihn mit einer Heftigkeit, dass der Boden rot wurde. Noch heute trägt „R“ eine kleine Narbe, um der eitlen Ruhmsucht willen. Aber auch das wird nicht mehr sein.
Es war auf den letzten Metern zu einer Gemeinde. Vor mir lief eine Frau mit knielangem Rock. Irgendwie hatte der Wind es an diesem Morgen eiliger als wir. Er packte kräftig in unsere Rücken, und unvermittelt wusste ich, was ein Wickelrock ist: ein Kleidungsstück, das sich bis in Gesichtshöhe erheben und einen Schleier vor Augen bilden kann. Allerdings waren es nicht meine Augen, die solcherart gehalten waren. Im Himmel wird es so etwas nicht mehr geben. Da werden Frauen keine Röcke mehr tragen, sondern biblische Gewänder – denke ich zumindest.
Eiskalt erwischt
Nicht jeder hat das Vorrecht, sein Eis an einem Kiosk kaufen zu können, wo es weit und breit die größten Portionen gibt. Ich gehörte mit meiner Familie während eines Aufenthaltes an der Küste zu den Glücklichen. Allerdings waren wir nicht allein. Es gab dort eine drangvolle Enge in der Menge von Leichtbeschürzten. Mir dämmerte, was es heißt, Berührungsängste zu bekommen.
Die nahe Umgebung war ein einziger Werbeträger. Waffelstücke und dahinschmelzende Eisreste, wohin das Auge blickte. Dazwischen selbstvergessene Genießer.
Als wir uns bis zum Überdruss die Kalorien auf die Problemzonen leckten, kam der eigentliche Unterhaltungswert der Eiszeit. Ein etwas ungelenker Junge im Alter von etwa acht Jahren, nennen wir ihn mal Michael, weckte unsere Aufmerksamkeit. Er hielt – nein er stemmte – gleich zwei gigantische Eisportionen in den Händen. Während er seinen Weg an Badematten, Luftmatratzen und Strandmuscheln vorbei suchte, bahnte sich das Unglück schon an, denn nicht nur er lief, sondern auch das Eis zur Linken und zur Rechten. Auch Michael XXL schien die zunehmende Unsicherheit des Kleinen zu bemerken. Er gab hilfreiche Anweisungen, wie: „Halt das Eis gerade!” oder „Schau, wo du hinläufst!” ohne dabei selbst seine nicht geringe Leibesfülle aus der Horizontalen zu bewegen. Der Junge strauchelte und fing sich. Hielt mal das eine, dann das andere Eis zu schräg. Fuhr mal hastig links, dann mal rechts mit der Zunge über Finger und Handgelenke. Die Handlung spitzte sich zu. Und eine Wolke von Zeugen hing mit den Augen wie gebannt auf dem tapferen Akteur. Der Junge änderte seine Taktik. Er wollte schneller sein als das Eis und verfiel in einen tänzelnden Laufschritt. Aber ach! Etwa zwei Meter vor dem Ziel erwischte es ihn eiskalt: Er stolperte und die beiden Waffeltüten folgten unbarmherzig dem Weg der Schwerkraft. Fast zeitgleich war Michael XXL auf den Beinen. Zu spät: Das Eis war buchstäblich in den Sand gesetzt. Ein vielleicht hundertfaches „Oh!” bezeugte eine allumfassende Anteilnahme und übertönte das jämmerliche Geschrei des Jungen. Es waren herrliche Portionen, die da so gut wie unbeleckt einfach wegschmolzen. Doch die finanzielle Ausgabe hatte sich dennoch gelohnt. Wo sonst hätte man für diesen Betrag eine derart große Zuschauermenge in Spannung halten können? Eiszeiten können durchaus unterhaltsam sein, finde ich.
Neu werden
Wie oft habe ich mir gewünscht, im Turbo-Gang neu zu werden. Gern würde ich am Abend als ungeduldiger Mensch zu Bett gehen, um den nächsten Tag langmütig und mit bewundernswerter Demut zu beginnen. Ansätze dazu reichten meist nur bis auf den Weg zur Arbeit: „Warum fährt die da vorn nicht los? Worauf wartet sie eigentlich noch? Da wär ich schon dreimal rübergekommen ...“ Gleich darauf presche ich um so rasanter über die Kreuzung. Ein entsprechender Kommentar von der liebsten aller Ehefrauen zwingt mich zur aufgebrachten Rechtfertigung. Die Bemerkungen der Tochter auf dem Rücksitz ignoriere ich einfach. In ihrem Alter weiß sie doch immer alles besser!
Drehzahlmesser und Puls sind bereits deutlich erhöht. Doch schon kommt die nächste Prüfung. Vor mir kriecht jemand aus einer Seitenstraße mit seinem garagengepflegten Wagen auf meine Spur. Parkende Autos umfährt er grundsätzlich mit Blinken, natürlich nicht, ohne zuvor ängstlich abgebremst zu haben. Er fürchtet wohl, der Fahrtwind reißt ihm die Außenspiegel ab. Immer wieder keimt in mir die Hoffnung auf, der Kerl könnte abbiegen und die Straße freigeben. Aber nein, er bummelt über einige Kilometer provozierend knapp vor meiner Stoßstange her. Der Weg, den ich normalerweise in friedvoller Ausgeglichenheit dahingleite, wird zur endlosen Teststrecke für meine alte Natur. Beim Überholen zuckt es mich in den Armen. Aber nein, das, was in mir neu geworden ist, gewinnt gerade noch die Oberhand. Ich belasse es bei abschätzigen Blicken für den Fahrer. Im Übrigen registriere ich befriedigt, wie beherrscht ich doch geworden bin ...
Umgestaltungsprozesse gehen wohl grundsätzlich nicht ohne Prüfungen ab. Einst im Frühjahr wurde die Außenwand der Bibellesebund-Zentrale mit einem Hochdruckreiniger bearbeitet. Just überkam einer Kollegin ein kühler Schauer – denn es gab eine undichte Stelle! Aber es war ein Leiden um der guten Sache willen. Als später die Fenster mit Folien verklebt wurden, hatten die Herren Arbeiter zwar freie Blicke in die Toiletten, aber das, was sich dort an Aroma entfaltete, konnte nicht mehr nach draußen gelangen. Auch hier bewahrheitete sich meine Binsenwahrheit über das Neuwerden.
Einen besonderen Respekt habe ich vor elektrischen Haarschneidemaschinen entwickelt. Sie ermöglichen es selbst biederen Normalbürgern, unversehens zu Irokesen zu mutieren. Die Alternative dazu heißt dann nur noch Skinhead. Wer sagt da, dass Leute mittleren Alters keinen Mut mehr zu Neuem hätten? Nur preisgünstig muss es eben sein. Das entschuldigt alles.
Trauerspiele
Sie hätten den besten aller Ehemänner mal sehen sollen, als er kürzlich seine Vier-Jahreszeiten-Bettdecke für die entsprechende Saison „modifizierte”. Aus dem Überzug heraus war das Ding, bestehend aus zwei Decken, ja gleich. Aber das Einziehen dauerte doch etwas länger. Nicht, dass es die Gattin an sich störte. Nur die Uhrzeit war eben etwas unpassend. So kurz vor Mitternacht war ihr eher nach Augenpflege zumute. Ausgerechnet jetzt entdeckte ihr Mann, dass die Kombination aus einer „pflegeleichten Herbstdecke” und einer ebensolchen „pflegeleichte Frühlingsdecke” besteht. „Da sieht man mal wieder”, murmelte er, „Made in Taiwan oder so.” Und dann grübelte er wortreich darüber nach, in welcher Kombination die Decken wohl zu einer Sommerdecke würden. Ein Ergebnis blieb ihm ebenso verborgen wie das obere Ende des Überzugs. Das konnte ja nichts werden, denn er versuchte allen Ernstes, die Zudecke quer in den Überzug zu stopfen. In dem Maße, wie er hantierte, um den Überschuss an Material zu bändigen, wuchs das Selbstwertgefühl der Hausfrau. Sie konnte sich angesichts des Trauerspiels eine Bemerkung darüber nicht verkneifen. Und er stimmte ihr zu! Schade, dass der baldige Schlaf sie nicht länger die innere Genugtuung auskosten ließ.
Apropos Trauerspiel und „Mann”. Wissen Sie, was so ziemlich das Schlimmste sein kann? Ein kranker Mann. Wenn den Ehemann meiner Bekannten ein Grippchen ereilt, dann erkennt sie es schon daran, dass er seine Worte unüberhörbar in Moll intoniert. Sein leidvoller Blick und die gebeugte Körperhaltung unterstreichen eindrucksvoll sein Geschick. Mit welcher Macht hat es ihn doch in die Fürsorge seiner treuen, mitfühlenden Frau gerissen! Die wiederum scheint das ganze Ausmaß des Leides gewöhnlich viel zu gering einzuschätzen. Bald schon nimmt sein alles vereinnahmendes Schweigen bei Tisch pietätvolle Züge an ... Wehe, wenn der Getreuen nun der Geduldsfaden reißt! Dann durchpflügen ihre Worte, er solle sich gefälligst nicht so hängen lassen, mit elementarer Gewalt die Wogen seiner Pein. Für ihn reicht dieser Frevel an das biblische Zeugnis von Hiobs Frau heran: „Sage Gott ab und stirb” (Hiob 2,9). Tödlich beleidigt flieht daraufhin der Gescholtene in das selige Vergessen des Schlafes. Danach erhebt er sich meist wundersam genesen wie ein Phoenix aus der Asche. Damit ist die alljährliche Inszenierung des Trauerspiels „Kranker Mann” gewöhnlich geschafft. Und die Ehefrau noch viel mehr.
Lernen ist mühsam
„Schätzen Sie mal, wie alt ich bin!“ Die reife Dame strahlte mich herausfordernd an – und ich tappte wie ein Tölpel in die Falle. „65!“, antwortete ich ohne Umschweife. Oh, da hatte ich etwas gesagt ... Ihr Gesichtsausdruck verdunkelte sich wie der Sommerhimmel bei einem Gewitter. „Sie unverschämter Kerl“, donnerte sie los und fand kaum ein Ende. Das war vor vielen Jahren. Seither habe ich es mir verkniffen, je wieder das Alter einer Frau unbedacht nach Augenschein auszusprechen. Wenn überhaupt, greife ich bewusst ein Jahrzehnt unter den Schätzwert, Meist ernte ich dann ein dankbares Lächeln. Ich habe eben gelernt!
Irgendwann verschlug es mich in das Haus eines süddeutschen Pfarrers. Als Israelfreund hatte er einen Spruch in hebräischer Sprache im Hausflur, den ich halblaut las: „Bereschit bara elohim ...“ – „Oh, Sie können Hebräisch?“, lobte mich der Gastgeber. Ehe ich nachdachte, hörte ich mich eitel ein uneingeschränktes „Ja!“ antworten. Als wir ins Esszimmer kamen, wurde mir unheimlich. Da hingen noch mehr hebräische Schriftzitate. Und es kam, was ich befürchtete. „Lesen Sie doch mal ...“ mir gefror das Blut in den Adern. Es war seine holdselige Frau, die mich rettete. Ihr „Aber Hans, mer wellet doch jetzt esse!“ versetzte mich in eine jähe Gebetsstarre. Mehr als Bescheidenheit habe ich gelernt, Anweisungen zu befolgen.
Oder auch nicht. Gesetzt den Fall, die liebste aller Ehefrauen sagt mir, ob ich nach rechts oder links fahren soll, belebt das häufig unsere Ehe. Hat eine Straße nur eine Querstraße nach rechts und sie sagt „links“, dann weiß ich, dass sie eigentlich rechts meint. Geht aber eine Straße nach links und nach rechts ab, stehe ich vor einer echten Gewissensentscheidung. Fahre ich bei der Anweisung „links“ nach rechts ab, gelte ich als Zyniker, der ihr keine Lernfähigkeit zutraut. Spure ich mich tatsächlich nach links ein, dann hätte ich eigentlich wissen müssen, dass sie oft rechts sagt, wenn sie links meint. Ich werde das vermutlich nie kapieren.
Während einer Freizeit beschloss der Leiter mit einem Ehepaar fortgeschrittenen Semesters gemeinsam Kanu zu fahren. Sollte das junge Volk sich die anderen Kanus teilen. Sie jedenfalls wollten es ruhig und vor allem trocken angehen lassen. Vermutlich werden Sie schon ahnen, wer zuerst kopfüber im nassen Element planschte: jene begnadeten Drei. Bei der Weiterfahrt rezitierten sie feucht, aber fröhlich die Moral von der Geschicht: „Alter schützt vor Torheit nicht.“
Hören und staunen
„Kommst du oder kommst du nicht?“ Die Frau, die so fragte, redete mit ihrem Boxerrüden. Ich war gespannt, wie die einfache Kreatur darauf antworten würde. Nur mühsam verkniff ich mir den Hinweis, dass der Hund die Frage rein rhetorisch aufgefasst haben könnte, denn er reagierte nicht. Stattdessen schnüffelte er ungerührt weiter nach dem Motto: nächste Frage!
Wie viele unterschiedliche Wörter brauchen wir für eine Unterhaltung? Ich behaupte, drei. Tatsächlich wurde ich Zeuge eines Gespräches, das diese pralle Summe nicht überschritt. Die Unterhaltung fand auf der Weg zur Arbeit statt, von einer Straßenseite zur anderen hinweg. Dabei faszinierte mich auch, welche Freiräume die Männer für Interpretationen ließen. Sie wissen schon: Das sind jene Gedankenergüsse, wie sie rächtschreibeschwachen Abbituhrienten oft abverlangt werden.
A sieht B und erkundigt sich wortreich: „Wie?“
B lenkt bescheiden von sich ab und fragt zurück: „Wie?“
A bleibt hartnäckig: „Gut?“
B gibt endlich sein Befinden preis: „Gut!“
A folgert erleichtert: „Alla!“
B kontert gewohnt ausdrucksstark: „Alla!“
Alla ist bei Pfälzern eine Art Schlussformel, deren jeweilige Bedeutung man nur intuitiv erfassen, aber nie erlernen kann. Sie lässt sich mit dem „Amen“ beim Gebet vergleichen.
Ein weiteres Hörerlebnis stammt aus Berlin. Ein Junge erzählt seinem Vater, dass er mit seinem Freund gerauft habe, und bringt es auf den Punkt: „Mal war ick unten, mal war er oben.“ Das ist doch ausgleichende Gerechtigkeit!
Wer zuhört, verlernt nie das Staunen. Wer es nicht tut, weiß bald, was es heißt, wenn einem die Sinne schwinden und der Schweiß mit Urgewalt aus allen Poren tritt. Ich weiß, wovon ich rede denn irgendwann geriet ich an einen Großmeister der langen Rede. Seine hohe Wortdichte ließ von meiner Seite nur ein gelegentliches Ja oder Nein zu. Bald klinkte ich mich innerlich aus und nickte nur noch. Leider einmal an der falschen Stelle und dazu noch mit einem völlig überflüssigen „Na klar!“. Was mir entgangen war: Mein Gegenüber wollte von mir wissen, ob auch ich ihn für einen ausgemachten Trottel hielte ... Nun hatte ich reichlich Gelegenheit zum Reden, wo ich doch lieber geschwiegen hätte!
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