Читать книгу: «Hundert Geschichten»
Quim Monzó
HUNDERT GESCHICHTEN
Aus dem Katalanischen von Monika Lübcke

Die Originalausgabe erschien
unter dem Titel Vuitanta-sis contes
© 1999 by Joaquim Monzó
© 1999 by Quaderns Crema, Barcelona
und wurde für die vorliegende Ausgabe erweitert um
El millor dels mons (Die beste aller Welten)
© 2001 by Joaquim Monzó
© 2001 by Quaderns Crema, Barcelona
1. Auflage 2007
Deutsche Erstausgabe
© der deutschen Ausgabe
Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt am Main 2007
Alle Rechte vorbehalten
Die Übersetzung und Überarbeitung dieses Werkes wurde aus
Mitteln des Instituts Ramon Llull gefördert

Herstellung und Schutzumschlaggestaltung: Laura J Gerlach
unter Verwendung eines Umschlagentwurfs von Jonathan Meese
eISBN: 978-3-6270-2146-7
Inhaltsübersicht
Uff, sagte er
Uf, va dir ell
Geschichte einer Liebe
In einer weit zurückliegenden Zeit
Über das Nichterscheinen zu Verabredungen
Uff, sagte er
Über die Wankelmütigkeit des menschlichen Geistes
Platssschh
Rauch
Die Augen voller Wiesen
Underworld
Die Schöpfung
Über die Nichtigkeit menschlicher Wünsche
Frau mit Mehari
Vertrauliches
Olivetti, Moulinex, Chaffoteaux et Maury
Olivetti, Moulinex, Chaffoteaux et Maury
Der Aufsatz
Thomson, Braun, Corberó, Philishave
Apfelpfirsich
Die Lachsdame
Kakophonie
Globus
Der Norden des Südens
Tricks
Matruschkas
To choose
Der Brief
Vier Viertelstunden
Ein Kino
Das Pflanzenreich
Oldeberkoop
Die Aktentasche
L’illa de Maians
Die Aktentasche
Barcelona
Haus mit Garten
Philologie
Fieber
Ich habe nichts zum Anziehen
Eisenbahn
Das Mobiliar als Menschenfreund
Ländliche Literatur
Mundgeruch
Tafelspitz mit Meerrettich
Seien Sie sich da nicht so sicher
Anisschnaps
Die Qualität und die Quantität
Der Grund der Dinge
El perquè de tot plegat
Die Ethik
Die Liebe
Eheleben
Die Unterwerfung
Der Monatszyklus
Der Realitätsverlust
Der Glaube
Pygmalion
Das Opfer
Die Vernunft
Der Entschluss
Die Bewunderung
Warum dreht sich der Uhrzeiger im Uhrzeigersinn?
Die Eifersucht
Das Herz auf der Hand
Die Unbeständigkeit
Valentinstag
Die Euphorie der Trojaner
Gegen halb eins
Das Streben nach Höherem
Der Eid des Hippokrates
Der Pilzkenner
Die Kröte
Schneewittchen
Die Monarchie
Die Fauna
Die Willenskraft
Die Physiognomie
Die göttliche Vorsehung
Die Erzählung
Guadalajara
Guadalajara
1 Familienleben
2 Vor den Toren Trojas
Die helvetischen Freiheiten
Gregor
Hunger und Durst nach Gerechtigkeit
3 Ein Tag wie jeder andere
Das Leben ist so kurz
Die Macht des Wortes
Die Literatur
4 Die Zentripetalkraft
5 Strategien
Prophetenleben
Im Krieg
Die Bücher
Die beste aller Welten
El millor dels mons
1 Mein Bruder
Mutti
Sommerferien
Die fünf Türkeile
Beim Geschirrspülen
Zwei Rosensträuße
Die Beständigkeit des Lebens
2 Vor dem König von Schweden
3 Nach der Schulung
Als die Frau die Tür öffnet
Der Junge, der sterben musste
Der Spiegel
Das Mädchen mit den Schwefelhölzern
Der Unfall
Uff, sagte er
Un jour il y aura autre chose que le jour.
BORIS VIAN, Je voudrais pas crever
Von Angesicht zu Angesicht, wusstest du nie, ob es ein Kuss war oder nur ein Lächeln.
JORDI SARSANEDAS, Mythen
Geschichte einer Liebe
Für Joan Brossa, der mir die Idee dazu gab.
Mit allem, was bisher geschah, wäre ich zufrieden, nur um noch einmal den peppermintfarbenen Himmel und die funkelnden Sterne in ihren Augen zu sehen. Doch so es mir vergönnt sein sollte, möchte ich dieses Mal endlich zum Ende kommen. Ich bin es nämlich langsam leid, was irgendwie erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass ich ein sehr geduldiger Mann bin. Dies ist indes wirklich eine uralte Geschichte, deren Anfänge in meiner Jugend liegen, als ich sie eines Morgens in der Dämmerung zärtlich küsste. Wir saßen in einem gemieteten Landauer, den der Kutscher neben dem Lichtkegel einer noch brennenden Straßenlaterne vor dem neoklassizistischen (einem spätneoklassizistischen) Gutshaus abgestellt hatte, in dem wir uns ganz und ungestört unserer Liebe hingeben wollten. Sie glich einer nordischen Göttin, zart wie der Flug des Wiedehopfs, zerbrechlich, sanft und spitzbübisch. Ich erzähle das auf die Gefahr hin, lächerlich zu wirken, aber es handelt sich hier um die leidenschaftliche Geschichte einer glühenden Liebe, die mit jedem Mal stärker in uns brannte. Wir betraten das Gutshaus, das einer meiner Tanten gehörte, die halb verrückt und kurzsichtig war und mehr aus dunklen als aus heroischen Gründen ins Exil gehen musste, und stürmten hastig die Treppen hinauf, wie vermutlich alle Verliebten, die ihre gegenseitig eingestandene Anbetung wolllüstig befriedigen wollen. Wir durchquerten Flure und Zimmer und weitere Flure und Säle, die sich zu noch mehr Fluren hin öffneten. Wir machten Türen auf, hinter denen sich neue Räume mit Türen verbargen, dahinter Gemächer mit weiteren Türen (bei einer, die sich nicht öffnen ließ, mussten wir erst das verrostete Schloss aufbrechen), die zu Räumlichkeiten mit neuen Türen führten. Ich fasse mich kurz: Schließlich erreichten wir das größte Gemach mit einem breiten Himmelbett und Wänden aus extravagantem Damast. Als wir voller Sehnsucht nach dem Mondlicht die Vorhänge aufzogen, wurden wir von einer Staubwolke eingehüllt. Wir öffneten die Tür zum Balkon. Am Himmel zeichneten sich die Berge ab (in Farbtönen, die mit dem Emporsteigen des Tages immer mehr denen Boticellis glichen) und von den Wiesen drang ein gedämpftes sommerliches Rauschen herauf (unter anderem deshalb, weil all dies im Sommer geschah). Ich musste sie langsam entkleiden (sie, umständlich und aufgeregt wie ich war, von zwei Röcken, den Unterröcken, dem Reifrock, dem Korsett, den Strümpfen, den Schuhen und allen Diademen befreien, die sie auf dem Kopf trug), bis ich endlich ihren milchweißen Körper betrachten konnte. Sie schlug die Wimpern nieder, schwarz und groß wie Fächer, und sie wäre sicher errötet, doch aufgrund ihrer Schminke hätte man es nicht sehen können, und es wäre somit eine unnötige Anstrengung gewesen. Auf ihren jugendlichen Brüsten prangten dunkle Brustwarzen. Wie es sich für eine Dame aus solch gehobener Gesellschaftsschicht gehört, ließ sie alles mit einer durchaus angemessenen Gleichgültigkeit geschehen und, als ich mich schließlich hastig entkleidete, wendete sie schamhaft ihren Blick ab. Am meisten hatte ich mit den Stiefeln zu kämpfen, vor allem, weil ich in der Eile die Schnürsenkel nicht löste, sondern sie nur noch mehr verhedderte. Da ich nicht fertig wurde, nutzte sie die Zeit und erkundigte sich nach der Toilette. Ich zeigte sie ihr. Als sie zurückkehrte (in einem rosafarbenen Nachthemd aus chinesischer Seide von einer meiner Großmütter, das sie wohl im Badezimmerschrank gefunden hatte), entledigte ich mich endlich des zweiten Stiefels und knallte ihn gegen die Wand, was eine neue Staubwolke und Risse im Mauerwerk verursachte. Die Unterhose und das Unterhemd auszuziehen, war dann nur noch eine Sache von Sekunden. Ich beeilte mich, die verlorene Zeit einzuholen: Ich streichelte ihre Wangen, küsste sie aufs Ohrläppchen und flüsterte ihr honigsüße Worte zu. Sie war anscheinend in einem tiefen Zweifel verloren: Einerseits lechzte sie nach meinen Zärtlichkeiten, wollte aber andererseits im selben Moment die Flucht ergreifen. Schließlich drehte sie sich um, schaute mir ganz tief in die Augen und küsste mich so unerfahren auf den Mund, dass ich nicht umhin konnte zu lächeln. Um es zu verbergen, sie sollte ja nicht denken, ich würde mich mit meinem Lächeln über sie lustig machen, biss ich ihr ins Ohrläppchen, leckte an ihrem Hals und nutzte dabei die unmittelbare Nähe ihres Gehörsinnes, um mehrmals zu flüstern: Meine Liebe . . ., jedes Mal ein wenig lauter und etwas wilder im Ton. In diesem Augenblick klingelte es an der Tür: ein langes, überlanges Klingeln. Sie sah mich an. Ich sah sie an. Mein Aufstehen entschuldigte ich mit einer Handbewegung. Ich komme gleich zurück, Liebling. Sie wendete (diskret) den Blick von meiner Erektion ab, die ich nicht verbergen konnte. Mit einem Kimono bekleidet begab ich mich nach unten, um die Tür zu öffnen: Der Kutscher brachte den Hut der Dame vorbei, den wir (von unseren Gefühlen überwältigt) auf dem Sitz vergessen hatten. Da ich keine Hosen anhatte, gab es keine Hosentaschen mit Münzen, um diesem übereifrigen Kutscher zu danken. Ich musste ins Büro nach oben, fand dort aber auch keine, nahm einen Schein, eilte wieder nach unten und steckte den Schein in seine Tasche. Er dankte mir, ich sagte ihm, keine Ursache, schlug die Tür zu (wieder bildete sich eine Staubwolke, eine Türangel fiel herunter) und rannte die Treppen hinauf ins Schlafgemach. Sie erwartete mich sehnsüchtig. Zwei Mal flüsterte sie meinen Namen und bat mich, sie zu küssen und mit meinem Körper zu wärmen. Sie hatte noch ganz keusch das weiße, feine Höschen an (das ich zuvor nicht auszuziehen gewagt hatte, um nicht gar zu ungeduldig zu erscheinen). Nun ja: Ich kniete mich vor ihr hin und zog es ganz sachte herunter. Innen war es feucht und ihre betörend duftende Nässe nebelte meine Sinne ein. Liebstes, oh mein Liebstes, . . . wiederholte ich ein ums andere Mal und zeichnete dabei mit meiner Zunge ihren Oberkörper nach. Ich spürte, wie sie sich immer noch scheute, irgendeine Art von Initiative zu zeigen. Sie wollte nicht zu forsch erscheinen. Da nahm ich ihre Hand und legte sie auf mein Glied, das sich ganz heiß anfühlte. Ein Oh entfleuchte ihr, das ich erstickte, indem ich jeden Quadratzentimeter ihres Halses mit Küssen bedeckte. Etwas grob zog sie die Haut von der Eichel zurück und betrachtete misstrauisch den bedrohlichen Zyklopen. Ihr Liebesfluss hatte bereits die Laken durchnässt und tropfte auf den Boden. Sachte schob ich ihre Beine auseinander. Die Schamlippen umschlossen eine klebrige Öffnung, die sich bei jeder Berührung unkontrollierbar zusammenzog. Mein Täubchen, sagte ich und brachte meinen Schwanz in die Nähe der saugenden Quelle. Genau in diesem Augenblick klingelte es wieder. Ich fluchte laut, beschloss so zu tun, als hörte ich es nicht, und drang weiter vor. Sie hielt mich auf. Geh, mach die Tür auf, sagte sie, wer weiß, wer es nun ist. Nur halb bekleidet, stieg ich die Treppen hinunter: An der Tür bot mir ein feister Winzling eine Lebensversicherung auf Raten an, die ich je nach meinen Bedürfnissen in soundso vielen Monaten abzahlen könnte. Ich schlug ihm ohne ein Wort die Tür vor der Nase zu und eilte wieder die Treppen hoch. Als sie mich kommen sah, zog sie ihre Hand zurück. Ich küsste ihre Finger, die nun nach ihrem Geschlecht dufteten. Um keine Zeit mehr zu verlieren, drang ich ohne weitere Umschweife in sie ein, und es umgab mich das Paradies: der peppermintfarbene Himmel, die Sterne in ihren Augen, all das, was ich bereits weiter oben gesagt habe. Sie hatte die Augen geschlossen, biss sich auf ihre Lippen und wiederholte dabei: Oh. Mit dem ersten Beben strömten die Säfte noch stärker aus ihr heraus, flossen unsere Schenkel hinab und tränkten die Laken mit der klebrigen Nässe. Sie sagte mit der Gleichmäßigkeit eines Metronoms: Ja, ja, und zerkratzte dabei meinen Rücken. Zwischen ihre mannigfachen Seufzer mischte sich plötzlich das Rring-rrring des Telefons im Zimmer unter uns. Diese verfluchten modernen Erfindungen, dieses Teufelszeug! Ich tat so, als hörte ich nichts; doch sie hielt in der Bewegung inne und zwickte mich mit den Scheidemuskeln. Ich sah sie ihre Lippen bewegen, vermutlich wollte sie mir etwas sagen, ihre Stimme war aber so leise, dass sie im Geklingel unterging. Geh. Bei diesem Läuten kann ich nicht weitermachen: Es blockiert mich. Das wunderte mich überhaupt nicht. Bei diesem scheppernden Geläute blockierte sogar ich. Ich kam zwischen ihren Schenkeln hervor (die Möse schloss sich, machte plopp, und verströmte noch mehr ihrer Köstlichkeiten) und rannte zum endlos klingelnden Telefon. Ja, bitte, sagte ich in die schwarze Trompete hinein. Jemand fragte nach einem Namen, den ich noch nie in meinem Leben gehört hatte und der weder mit mir noch mit meiner verrückten, kurzsichtigen Tante im Exil etwas zu tun hatte oder je gehabt hatte. Sie haben sich verwählt, sagte ich (ob vor oder nach dem Auflegen, weiß ich nicht mehr). Doch anstatt auf der Stelle die Treppen nach oben zu erklimmen, ließ ich mich auf einen Stuhl fallen und zündete eine Zigarette an: besser, wenn ich mich erst einmal etwas beruhige. Ich bin so nervös! Aber noch ehe ich die halbe Zigarette geraucht hatte, fragte ich mich, was ich denn hier unten wollte, wo sie doch oben auf mich wartete. Ich warf die Zigarette auf den Boden und kehrte in das Schlafzimmer zurück. Du hast geraucht, sagte sie. Ich nickte voll Angst, der Nikotinatem könne ihr missfallen und die Sache verkomplizieren. Doch nein. Ich mag den Geschmack von Tabak auf deinen Lippen, sagte sie lächelnd und knabberte an ihnen. Ich drängte mich zur Eile, sonst käme womöglich noch mal jemand, um uns zu stören. Die Wiesen jenseits des Balkons färbten sich mittäglich ocker und rot. Sie erinnerten nun nicht mehr so sehr an Boticelli als vielmehr an van Gogh. In der Tat war der Friede so vollkommen, dass man die Holzwürmer in den Balken arbeiten hörte. Liebster, sagte sie, bitte bleib bei mir. Wenn uns noch mal jemand stört, tun wir so als hörten wir nichts, schlug ich vor. Nein, das bitte nicht, flehte das Mädchen. Und dann erzählte sie mir eine herzzerreißende Geschichte: Eines Nachts, als ich klein war, lag ich im Bett und hörte jemanden klopfen. Es klopfte und klopfte, immer heftiger. Ich verstand nicht, warum meine Eltern nicht die Tür öffneten. Verängstigt suchte ich sie im Haus und fürchtete, eine zufällig erloschene Gaslampe (zum Beispiel) habe sie getötet. Endlich fand ich sie im Bett: umschlungen, ringend, lachend, stöhnend. Niemand hatte geklopft, vielmehr schlug das Kopfende des Bettes durch die heftigen Stöße gegen die Wand, die erzitterte und das über dem Bett hängende Bild des Christus von Lepanto in Schwingungen versetzte. Seitdem muss ich immer die Tür öffnen, wenn es klingelt, oder das Telefon abnehmen oder was auch immer, ich ertrage solche Geräusche einfach nicht. Kümmerst du dich darum? Natürlich kümmere ich mich darum, versicherte ich ihr, während ich ihre rechte Brust streichelte. In Sekundenschnelle strömte wieder der Liebesfluss, vermischte sich mit dem vorigen, floss an unseren Beinen und am Bett hinunter und sammelte sich auf dem Fußboden in einer flachen Pfütze. Von den Küssen und den Zärtlichkeiten gingen wir wieder zum Wesentlichen über. In dem Moment, als die Eichel in der Vulva verschwand, prasselte ein Hagel aus Ziegelsteinen, Balken und Rohrgeflecht auf uns nieder: Die Zimmerdecke fiel herunter.
Nachdem dieses Problem gelöst war (die Maurerkolonne bezahlt und aus dem Haus getrieben und wir wieder glücklich zu zweit, ineinander), musste ich zwei Zeugen Jehovas die Tür öffnen, die sich in den Kopf gesetzt hatten, mir Seiten aus der Bibel vorzulesen, die mir völlig gleichgültig waren. Ich war noch nicht ganz oben, als es wieder klingelte. Es war eine junge Frau mit einer breiten Produktpalette von Avon. Zwei Minuten, nachdem ich sie, ohne ihrem Sortiment einen Blick zu schenken, hinauskomplimentiert hatte, und genau in dem Augenblick, als wir die ersten präorgiastischen Vibrationen spürten, kam ein Anruf vom Flugplatz (denn inzwischen hatte man sogar das Flugzeug erfunden). Eine Cousine zweiten Grades, Tochter der verrückten, kurzsichtigen und im Exil lebenden Tante, lud sich ein, vierzehn Tage bei uns zu verbringen (das heißt im Haus ihrer Mutter, meiner verrückten, kurzsichtigen und im Exil lebenden Tante). Es war schier unmöglich, sie am Betreten des Schlafzimmers zu hindern. Doch der Duft der Liebesflüssigkeit war so intensiv, dass er sich in allen Fluren, Sälen und Zimmern des Anwesens ausgebreitet hatte und, je nachdem aus welcher Richtung der Wind wehte, auch in den Dörfern und Tälern der Umgebung. Sobald die Cousine zweiten Grades begriff, um was für einen Geruch es sich handelte, fuhr sie ab, verletzt und empört darüber, in der Familie einen Cousin zweiten Grades zu haben, der den hoffnungslosen Casanova gab. Ohne ihr auf Wiedersehen zu sagen, stürmte ich ein weiteres Mal die Treppe hinauf, öffnete erneut die Tür zum Schlafzimmer, und das war’s auch schon! Denn ich musste auf dem Absatz kehrtmachen: Ein Rekrutierungskommando (in Person zweier Soldaten und eines Gefreiten mit einem Haftund unverzüglichen Marschbefehl aufgrund einer Anklage wegen Fahnenflucht, da ich nicht innerhalb der gesetzlich vorgesehenen, schon seit zwei Jahren abgelaufenen Frist vorstellig geworden war, um meinen Wehrdienst abzuleisten) führte mich in eine Kaserne ab. Wenige Monate später brach der Bürgerkrieg aus. Bei meiner Rückkehr musste ich einer großen, ausgehungerten und alt gewordenen Gläubigerschar meine mittlerweile angehäuften Schulden bezahlen, zudem nahm ich halbherzig und völlig unnötig an einer Radioumfrage teil und fuhr nach La Bisbal, weil ein Verwandter im Sterben lag (ich kam an, als er bereits drei Stunden beerdigt war). Welche Unterbrechungen kommen jetzt noch auf mich zu? Doch unverzagt erklimme ich erneut die Stufen, das ganze Haus ist durchdrungen von diesem Duft, den ich inzwischen mit Daheim identifiziere. Ich habe die Absicht, endlich zum Ende zu kommen, mich in ihr zu ergießen und dann entspannt und befriedigt mit ihr einzuschlafen. Oft hatten mich Albträume geplagt, sie sei bei meiner Heimkehr nicht mehr da! Andererseits wäre es ein Leichtes gewesen, dem Ganzen seinen Lauf zu lassen und diese lange Reihe von Hindernissen als Zeichen zu werten, dass wir nicht füreinander geschaffen sind und nach so langer Zeit des erfolglosen Probierens eigentlich aufgeben sollten. Ich öffne die Tür, der Knauf bleibt in meiner Hand, ich werfe ihn in eine Ecke, schiebe mit dem Fuß Berge von toten Maden und ungeöffneten Briefen beiseite. Sie liegt in den Laken, blickt durch das Fenster in die Unendlichkeit. Als sie das Knarren des Fußbodens wahrnimmt, wendet sie aufgeschreckt den Blick. Sie erkennt mich, zieht die Hand zurück, lächelt. Sie öffnet ihre Arme, wie so oft im Laufe jener langen Jahre. Liebster, komm, umfang mich ganz fest, mein Liebster! Und ich umarme sie ganz fest, entledige mich dabei, ohne sie loszulassen, des Waffenrocks, der Weste und der Trauerkrawatte. Ach, könnten wir doch diesen Koitus zu Ende bringen, den wir vor so langer Zeit begannen, als wir noch jung waren und uns in dem Landauer küssten und fälschlicherweise annahmen, in höchstens einer Stunde sei alles vollbracht.
In einer weit zurückliegenden Zeit
Für Roser
An einem blauen Morgen mit weißem Schnee, unendlichem Sand und Gletschern gleich weinenden Zungen stellte sich der Hominid auf seine beiden Hinterbeine und blickte auf eine Erde hinunter, die mit einem Mal fern und quirlig schien. Er dehnte seine Nasenlöcher, zog die Feuchte des Flusses in sich hinein und es war ihm bewusst, dass es die Feuchte des Flusses war, die er roch, und er grunzte vor Zufriedenheit, wendete seinen Blick zur aufgehenden roten Sonne jenseits der Wiesen und Berge, der schwarzerdigen Ebenen und Grashorizonte mit Herden umherziehender Tiere, die ewig waren wie die Zeit. Dann senkte er seinen Blick und richtete ihn fest auf eine Steineiche, hob die Faust, streckte seinen Zeigefinger aus und deutete auf die wispernde Pflanzenmasse vor sich, man hörte die Wasserfälle in der Schlucht, blubberndes Plätschern, kleine unbestimmte Laute: Pa au au ap Pau; bis das Glucksen sich schließlich in ein Wort verwandelte und er sprach: Ba, B, Bau, Bu, Bu, Bau, Baum. Er sagte es gleich noch einmal: Baum, der Zeigefinger zeigte immer noch in Richtung Steineiche, wanderte dann in die blaue Unendlichkeit, die sich von einer Seite des Tages zur anderen erstreckte, der über seinem Kopf neu geboren wurde, wie ein Gott zweier unendlicher Dimensionen, und sagte: Hch, Ch, h, Chh, Chhimmel, und er wiederholte das Wort, sperrte seine Augen sperrangelweit auf, zeigte, noch etwas unsicher, auf den Fluss und sprach: W, Ww, Wwa, Wass, ass, Waass sser. Er lächelte zufrieden, seine Augen strahlten vor Freude, er trat kraftvoll auf, stapf-stapf, richtete seinen Zeigefinger auf die Erde unter seinem Schritt und formte mit einigen Schwierigkeiten die Laute: Ka, kakat, kata, katala, kalat, klata, katal und dann etwas ruhiger: Katal loni Katalon ien. Dabei lachte er fröhlich, ohne zu ahnen, was er da gerade angerichtet hatte.
Über das Nichterscheinen zu Verabredungen
Ich gehe nur selten in die Stadt hinunter: Nur, wenn ich einkaufen oder mit jemanden reden muss; denn zwischen dem einen und dem anderen Ort liegen zwei lange Stunden im Zug durch Minzwiesen und Krokantberge hindurch, obendrein stört mich das Reisen, es ist anstrengend, nimmt mich mit, mir wird dabei schlecht und mein Gesicht leichenblass. Natürlich bleibt einem manchmal nichts anderes übrig, als sich in den Zug zu setzen, ausgerüstet mit Reisetabletten und einem Riechfläschchen, so wie eben heute, denn man kann ja nicht immer nein sagen. Zudem werden wir in der letzten Zeit ja nicht gerade verwöhnt, und kaum hast du dich auf einen der roten Sitze gesetzt, bist du auch schon eingenickt. So vergeht die Zeit schneller, und ehe du dich versiehst, bist du angekommen, selbst wenn du dann bemerkst, dass du viel zu früh da bist. Denn erst als ich aus dem Zug stieg (ein Fuß auf dem Trittbrett, den anderen auf dem Bahnsteig) schaute ich auf die Uhr, doch mit reichlich mehr als genügend Zeit anzukommen, ist ein so in mir verwurzeltes Laster, dass es mich nicht mehr aus der Ruhe bringt: Es war halb eins, und ich war erst um fünf verabredet, was hieß, dass ich eine lange, langweilige Zeit vor mir hatte, eine Aussicht, die mich dazu veranlasste, Zeitungen zu kaufen; in der Nähe des Bahnhofs sah ich einen Kiosk und einen Platz, auf den eine sengende Sonne knallte (ich setzte mich auf eine silberne Bank unter Ulmen aus metallischem Schweigen). Am anderen Ende des Platzes spielten unter den diskreten Blicken ihrer jungen, rosafleischigen Mütter, denen der Geruch von frischem Stroh anhaftete, ein paar krummbeinige Bürschchen Fangen, was mich auf die Idee brachte, Spielsachen und Kuchen zu kaufen. Deshalb machte ich mich auf den Weg zu den Riesenkaufhallen, diesen Betonmassen, die mein Geld verschlangen und mich später mit einem trommelnden Kopf aus kunterbunten Melodien wieder ausspieen. In der verbleibenden Zeit ließ ich mich an den Schaufenstern, den Luftballons und explosiven Distelfinken vorbeitreiben, die Lupinenkerne zum halben Preis anpriesen, und gesellte mich zu einer Gruppe von Leuten: Sie bildeten einen Kreis, in deren Mitte zwei Quallen mit majestätischer Gewalt gegeneinander kämpften, sie bewegten dabei Arme, Beine, Flügel und Saugnäpfe. Es war wie bei den mexikanischen Hahnenkämpfen; Staub an den Kehlen der schwitzenden Zuschauer in geblümten Hemden. Eine der beiden Medusen umklammerte die andere und schien ihr Blut auszusaugen, ein nicht existierendes gelbes, stinkendes Blut, das unaufhörlich kochte, bis sie zu Boden fiel und nicht mehr aufstand (der Besitzer der Siegerin sammelte stolz sein Tier ein: Er griff es mit der Hand und zeigte es in Siegerpose lächelnd dem Publikum, die Scheine in der Tasche; der Verlierer weinte mit der toten Qualle im Arm). Die Leute liefen allmählich auseinander und ich mit ihnen. Ich bekam Hunger, warf die unangetastete Papiertüte mit den Lupinenkernen weg, betrat ein Restaurant und bestellte Sauerkraut, Mineralwasser und einen doppelten Espresso (der letztendlich ein Brandy auf Eis war und öligbitter wie Benzin schmeckte). Ich betrat das Gebäude (mit einer riesigen Uhr an der Fassade), als es fünf vor fünf war. Alles schien verlassen: die Eingangshalle, der lange, verglaste Flur, der in einen kalten Garten mündete, die seitlichen Säle voll gesalzener Elektrizität und bar jeglicher Aktivität. Auf einer Theke fand ich ein schlafendes Pförtnergesicht. Als ich nach dem Herrn Oliver fragte, schaute der Concierge schläfrig zu mir hoch und versicherte mir apathisch, dieser sei nicht da, er habe ihn den ganzen Tag nicht gesehen. Trotz dieser ganzen Beteuerungen insistierte ich weiter, sodass er mich schließlich einließ. Dann schauen Sie eben selbst nach, sagte er (mit einer Spur Häme in der Stimme), mal sehen, ob Sie ihn finden; mehr kann ich nicht für Sie tun. Und er legte seinen Kopf wieder auf dem Marmortisch ab und machte die Augen zu, während ich mich entschloss, durch die mephistophelischen Schatten eines modernen Märchens zu schweifen: Finsternis und Rasiermesserstille, leichte Fußspuren auf dem glänzenden Boden, alles gewürzt mit einem Duft von Magenta, von fauligen, blau bemalten Granatäpfeln, eine lange Kamerafahrt, ich weiß nicht, ob parallel oder frontal, unter Sonnendächern, durch kalte Räume und zwischen eingestaubten Kulissen hindurch: große Balkone über einem Ganges aus Plastik, eingerissene Dünen aus gelbem Karton, Papieravenuen in New Yorks vom Trödel, Gefängnisse aus Pappe mit Drahtfenstern, Styroporschnee und Papiereis und darüber: ein einziges schwarzmechanisches Netz unter einer unsichtbaren Decke. Das Rauschen unsäglicher Flüsse, von hochspezialisierter Polizei bewacht (die Studios verlassen: keine einzige Kontrolle im ganzen Gebäude). Durch Porzellanflure hindurch erinnert der Hunger der Motten an vergessene Erzählungen Poes: kalte Apparate, Kameras über Kameras, Galgen, verrostete Mikros, alles düster und dunkel (keine Spur einer menschlichen Seele). Ab und zu ein stummes Fernsehgerät, wo dunkle Schatten mit menschlichem Antlitz tanzen, die Lippen bewegend und unhörbare Worte sagend, wo sich glückliche Paare ohne Musik drehen, wo Stoffcowboys lautlose Schüsse abfeuern (Stille in einem Meer aus süßem Eis). Ich schaue auf die Uhr: viertel sechs, und noch ist keiner da (sie haben sich verspätet, denke ich, vielleicht kommen sie noch). Ich gehe weiter, nun durch ein Indianerdorf. Eine Kamera ist auf einen Stuhl gerichtet, der von einem weißen Scheinwerfer angestrahlt wird. Ich setze mich. Schaue. Vor mir reproduziert ein kleiner Bildschirm mein Bild: Wenn ich mich bewege, bewegt sich eine kleine Kopie von mir; wenn ich tanze, tanzt sie; wenn ich lache, lacht sie; wenn ich ruhig ins Objektiv schaue, bleibt sie stumm und schaut mir in die Augen. Sechs Uhr. Ich gehe. Jede Geduld hat mal ein Ende. Ich laufe die Treppe hinunter, komme in die Halle: Der Pförtner ist nicht mehr da. Alles ist leer. Ich öffne die Tür und dann sehe ich den kleinen, blassen Mann dahinter, der mich mit gesenktem Kopf beobachtet. Und Sie?, frage ich ihn. Sind Sie auch wegen der Aufnahmen gekommen? Haben Sie Herrn Oliver gesehen? Was für eine Unverschämtheit! Und da er nicht antwortet, packe ich ihn am Kragen und hebe ihn hoch (die Füße zappeln durchsichtig). Ich bin hier, um das Haus abzuschließen, antwortet er und schaut mir dabei in die Augen. Ich stelle ihn wieder auf den Boden, und er fügt hinzu: Um diese Uhrzeit gehen sie alle, sie haben es satt, noch länger zu warten. Dann komme ich und schließe ab. Das Männchen hat mir anscheinend nichts mehr zu sagen und bewegt sich nervös, so als sei es zu spät und daher in Eile oder als trage es auf seinen Schultern eine große Last, die durch meine Fragen noch größer wird. Ich mache mich auf den Weg und suche ein Taxi, das mich zum Bahnhof bringt.
Uff, sagte er
Sie tranken Kaffee und aßen Cremetörtchen. Uff, sagte er schließlich (denn zuvor hatte er den Mund voll, nicht nur mit Kuchen, sondern auch voll Trägheit, und hätte ihn nicht aufgekriegt). Sie schaute nicht einmal zu ihm hin (es war soooooo heiß und das Fenster wie immer geschlossen). Das Fenster ist wie immer zu, bemerkte sie. Er antwortete nicht (sondern dachte, im Hochsommer ist Hitze doch völlig normal). Mach es auf, wenn du willst, schlug er vor, denn er hatte den Eindruck, etwas sagen zu müssen. Sie aber stand weder vom Stuhl auf noch gab sie einen Kommentar dazu ab. Es war, als würde das Wetter sie in aller Stille fertigmachen. Sie nahm die Teekanne und goss ganz langsam Kaffee in die Tasse (die Kaffeekanne war bereits vor einem Jahr kaputtgegangen, doch sie hatten beschlossen, keine neue zu kaufen: Sie tranken nicht gerne Tee, und die Teekanne würde es für den Kaffee auch tun). Eine Fliege kreiste über dem Kuchen. Sie hob die Hand, um sie wegzuscheuchen, doch dann war ihr das ein zu großer Kraftakt für die kleine Belästigung, die die Fliege darstellte, und sie ließ es sein. Für ein paar Sekunden hing ihre Hand in der Luft. Dann legte sie sie langsam auf dem Tisch ab. Ich glaube, sagte er in die Luft schnuppernd, diese Hitze zieht die Fliegen an. Auf der anderen Seite des Fensters erstickte die Sonne ein syphilitisches Efeugewächs, das mehr tot war als lebendig und sich an dem einzigen sauberen Fleck auf der schmutzig weißen Wand festkrallte. In Kürze würde der Sonnenstrahl die Fensterscheibe erreichen und ins Zimmer eindringen. Ja, pflichtete sie ihm bei, stierte in die Tasse und schlug mit dem Kaffeelöffel dagegen (kling-kling, winzig und warm, ertönte es in gleichmäßigen Abständen). Würdest du bitte damit aufhören?, fragte er genervt. Sie warf den Löffel auf den Tisch, was einen sanftweichen, orangefarbenen Klang ergab. Früher, sprach er weiter, waren die Sommer nicht so heiß. Alles verkehrt sich, beendete sie seinen Gedanken. Sie waren sich einig und saßen schweigend da, während die Sonne weiterwanderte: über die Köpfe der schlapp vor sich hin trottenden Menschen auf der Straße, der Kinder am Strand, sonnengeblendet. Sie mischten die Karten und hoben ab. Sie hatte zwei Paare.
Als sie wieder hochschauten, war der Himmel bereits dunkel und leuchtete schwarz. Sie machten die Tischlampe an, sammelten die Karten zusammen und schalteten mit der Fernbedienung den Fernseher ein. Auf dem Tisch lagen noch Wurst und kalte Toastscheiben, die sie nebenbei in sich hineinfutterten. Als das Fernsehprogramm, die Nationalhymne usw. zu Ende waren, schneite es auf dem Bildschirm und sie schliefen in den Sesseln ein. Gegen Mitternacht flogen dann rosa Tauben, schwarze Hähne aus Zuckerrohr, goldene Hirsche, Lapislazulimöwen, bunte Efeuranken und die stets zum Lachen aufgelegten Heliotropgiraffen durchs Fenster herein. Sie blieben bis zum frühen Morgen und entschwanden mit dem Aufgehen der Sonne einer nach dem anderen, sodass, als er und sie erwachten (die Sonne brannte bereits auf die schmutzig weiße Wand vor dem Fenster) die Tiere und Pflanzen fort waren. Sie tranken Kaffee und aßen Cremetörtchen. Uff, sagte er schließlich (denn zuvor hatte er den Mund voll und hätte ihn nicht aufgekriegt).
Über die Wankelmütigkeit des menschlichen Geistes
Für den Allesfresser VallcorbaPlana
Natürlich hatte er als Kind Buchstaben aus der Suppe gelöffelt, aber ein aus weißem Papier ausgeschnittenes A zu verzehren, rief dann doch ein befremdliches Gefühl in ihm hervor. Er hatte das A mit einer riesengroßen Schere bedächtig und sorgfältig ausgeschnitten und sah dabei benommen, wie jenseits der Terrassenfenster der Abend hereinbrach. Es war einer jener traurigen Abende, an denen man nicht weiß, was man mit sich anfangen soll, und sich schließlich an den Alltagskram klammert, wie Blumen gießen, Bücher auf dem obersten Regalbrett abstauben, Fingernägel schneiden, bis man zum Schluss nur noch die Schere in der Hand hat, der es gefällt, sinnlose Formen auszuschneiden, und eine davon wird eben ein A, das er jetzt so gierig aufaß, als sei es eine feine Speise. Nachdem er das A aufgegessen hatte, schnitt er ein B aus; dann ein C und ein D und mit immer größerem Appetit verschlang er einen Buchstaben nach dem anderen. Als die Nacht schon aussah wie eine schwarze Scheibe, bildete er bereits kurze Worte – Ei, Ohr, Hut, Tee, Rom, Lohn, – die er genüsslich verspeiste. Zwei Tage später bemerkte er, da er nichts anderes mehr aß, dass die Buchstaben zu seiner Ernährung ausreichten. Er brauchte weder Obst noch Milch noch Fleisch noch Gemüse noch Fisch. Normale Lebensmittel ließen ihn kalt – jeden Tag etwas mehr – und bereits zwei Wochen später widerten sie ihn eher an. Mit der Zeit konnte er die verschiedenen Buchstaben auseinanderhalten, nicht so sehr nach dem Stoff, aus dem sie gemacht waren (der spielte keine Rolle, hatte keinerlei Einfluss auf Nährstoffgehalt oder Geschmack), sondern die verschiedenen Schrifttypen, Körper und Varianten. Er entdeckte, dass Buchstaben ohne Serifen verdauungsfördernder waren als solche mit; von denen war die Egyptien die schwerste Kost, die, vor dem Schlafengehen verzehrt, Schlaflosigkeit und schreckliche Albträume verursachte. Die Erfahrung lehrte ihn, dass die englische Schreibschrift gut gegen Verstopfung war, gegen Hepatitis gab es nichts Besseres als halbfette Helvetica und die mittlere Futura wirkte ausgezeichnet gegen Herzrasen. Zur besseren Verdauung aß er die fette Futura mit weniger als 24 Punkt (und immer gewürzt mit etwas American Typewriter). Natürlich entwickelte er bestimmte Vorlieben: die Baskerville, die Gill, die Stymie. Dagegen verabscheute er die Blippo und die Avantgarde. Die Times war ihm gleichgültig; so wie gekochter Seehecht, meinte er eines Tages, doch dann fiel ihm ein, dass er (damals, als er sich noch konventionell ernährte) manchmal sehr gerne einen guten gekochten Seehecht gegessen hatte, oder auch einfach gedünsteten. So ließ er sich Texte in Times auf unterschiedliches Papier drucken: auf blaues und grünes Martelé, auf rosa Couché, auf vergilbte Bibeln. So wurde auch die Venus Fina, die er bisher extrem langweilig gefunden hatte, (in 38 Punkt und dunkelgrüner Tinte auf türkisem Glanzpapier) zu einer seiner Lieblingsspeisen. Dann kam die Frage des Weines: Welcher Wein passte zu welchem Buchstabentyp? Das führte zu einer langen Periode mit Weinproben: die manchmal danebengingen, doch meist von Erfolg gekrönt waren. So fand er heraus, dass zur Helvetica wunderbar Burgunder, Barolo, Chianti, Cabernet, Rioja und Priorat passten. Zur Futura (sowohl zur fetten als auch zur schmalen) passte ausgezeichnet ein elsässischer Wein oder auch ein guter Moriles. Und im Allgemeinen zu allen Groteskschriften Ribeiro, Penedès, Valdepeñas, Silvaner, Riesling, Sancerre, Chablis. Zu den Schriften mit Serifen passten wunderbar Bages, die großen Bordeaux-Weine (wie der Château-Latour, Château-Margaux oder Saint-Émilion), ein paar Burgunder oder die aus Tudela und Elciego. Nach zwei Monaten stopfte er Zeitungen, Zeitschriften, Arzneimittelprospekte, Bücher, leichte Pappschachteln und kleine Leuchtschriften in immer größeren Mengen in sich hinein; und ein Abendessen war kein richtiges Abendessen, wenn nicht irgendein Band einer Enzyklopädie und irgendein Neonbuchstabe dabei waren. Er kaufte eine große Anzahl an Buchstaben-Sets. Nachts drang er in Druckereien ein und verschlang alle Drucktypen, die er finden konnte. Er schob die Zeilensetzer beiseite und fraß die Bleibarren, so wie sie aus der Maschine fielen. Er entdeckte die kulinarische Raffinesse des griechischen Alphabets (deren ersten, etwas schwülstigen Eindruck er revidieren musste), den Genuss des Kyrillischen, den exotischen Geschmack der chinesischen Zeichen, die Unterschiede zwischen dem Thailändischen und dem Kambodschanischen, das Schmalz des Arabischen. Er brauchte ABC-Fibeln wie andere die Luft zum Atmen. Das Einzige, was ihm auf dieser Welt fehlte, war Zeit. Durch die Literophagie war er zum Glück gelangt; Tag und Nacht folgte sein ganzes Leben nur einem einzigen Zweck: neue Schriftzeichen zu probieren. Reiste er, so tat er dies ausschließlich, um Varianten der gebräuchlichen Buchstabentypen kennenzulernen. Er besuchte Lettergießereien, wie andere Champagnerkellereien oder Brauereien besichtigen, und er war der glücklichste Mensch auf Erden, wenn er einen neuen, frischen, gerade vollendeten Buchstaben zwischen die Finger (und Zähne) bekam. Er suchte Grafiker auf und unterstützte sie dabei, Varianten in die bekannten Designs einzufügen. Einige hielten ihn für verrückt, doch mit der Zeit mussten auch sie eingestehen, dass sein Rat nützlich und treffsicher war, beispielsweise gab er einer leicht schlampigen Form, für die niemand eine Lösung gefunden hatte, den perfekten Schliff. Infolgedessen ließen sie ihn reden und, wenn sie nicht mehr weiterwussten, forderten sie ihn sogar an, bevor sie eine neue Form auf den Markt brachten, und baten um seine Zustimmung. Er war es, der mit einem Lächeln auf den Lippen die letzten Ratschläge gab, damit die neue Type so wurde, wie sie sein sollte, sowohl vom typografischen als auch vom kulinarischen Standpunkt aus.
Aber ach, der Wankelmut! Drei Jahre später hatte er genug von den Buchstaben. Nach ein paar weiteren Monaten überfiel ihn bei ihrem Anblick bereits ein unwiderruflicher Ekel. Doch zur gleichen Zeit zeigte er gottlob ein wachsendes Interesse an Miniaturschiffen.
Platssschh
PLATSSSCHH: Ich werfe mich in die Fluten, denn es ist heiß und ich schwitze, meine Haut stinkt, ich bin erschöpft, und das Wasser perlt klar und frisch, die Spritzer des Bauchplatschers, also meines eher uneleganten dickbäuchigen Kontaktes mit der sinnlich oszillierenden, amoralischen Mittelmeeroberfläche lösen sich in dem weißen Schaum auf, der an den Strand brandet und im Sand versickert, ich schwimme ein paar Züge, prust, bah, prust, bah, prust, bah, entsteige, BLUBB, dem Wasser, entzückt von meiner kupferfarbenen Haut, ich sommerlicher Apoll, eingebildeter als Johnny Weissmüller, und stelle mich bewusst zur Schau, drehe eine Runde in dem Netz aus gelangweilten, gehässigen, ausgehungerten und drögen Blicken von vier nordischen Weibern, die sich hinter schrecklichen Sonnenbrillen verstecken und so tun, als würden sie die Bunte oder den Stern lesen, so als hätte es irgendeine Bedeutung für sie, welches Metallic-Plastikkleid der Schwachkopf Rabanne entworfen hat oder welche Schlüpfer die Ische von Schmidt trägt oder welche Farbe die Mandarinen haben, die sie, Caroline von Monaco, kleines Mädchen, mit diesen Erdbeerlippen verspeist und die in mir unter anderem ein plötzliches und unvorsehbares Interesse an der Aristokratie geweckt hat, insbesondere an ihr und dem blauen Blut in ihren Venen, die völlig verrückt in einzelnen Strängen ihre Brüste durchschlängeln, diese Aprikosen, diese Pfirsiche, diese frischen Früchte, die da sind, um sich darin zu suhlen und dein Lachen deine Augen deine Zähne zu beweinen und die Sozialisierung der Welt zu fordern, sie EINZUKLAGEN, nicht für umsonst (die Welt ist uns scheißegal), sondern für dich, Caroline, und dann, während die Sonne uns durch puren Wasserentzug die Haut einreißt (es ist Mittag, und eigentlich dürften die Schatten nicht so lang sein, aber die seltsame Uhrzeit, mit der wir hier ständig herumlaufen, ist ja stadtbekannt), schlendere ich in Richtung Strandpromenade, oder wie auch immer sie hier heißen mag, zur Bar auf dem Platz, wo ich ein Tagesgericht für fünfundneunzig Peseten und ein kühles Bier bestelle, beim Trinken bemerke ich Landsleute, hey, Leute, was gibt’s?, tja, eigentlich nichts, na, gut, okay, wir sehen uns später, ja, im Western Saloon, ich zahle und begebe mich in meine Pension auf mein Chambre und ruhe mich ein wenig aus, denn, Mann, bin ich erschöpft vom vielen Tanzen (vier Tage bin ich schon hier) und nichts, rein gar nichts in Sicht, ist das nicht widerlich bei soviel Lloret, komm nach Lloret, Mann, da gibt’s genug Frischfleisch, und nichts am ganzen Horizont, Mann, was willst du da machen?, das nächste Mal werden sie mir aber nicht entwischen. Ich wache um neun auf, es ist immer noch nicht schwarze Nacht, ich begebe mich auf die Straße hinunter, betrete die Hamburger-Bar und bestelle einen Hamburger mit Ketchup und Zwiebeln und ein Volldamm. Alle Achtung, wie die schuften, bei dieser Affenhitze im weißen T-Shirt mit schweißnassen Achselhöhlen und dem Käppi auf dem Kopf, auf diesen üppigen, schmutzigen, herabwallenden Locken, einen Cheeseburger, please, ich schlinge ihn mit zwei großen Bissen hinunter, dann gehe ich; es ist zehn Uhr, und ich treibe durch den Menschenstrom, der bald alles ausfüllt, betrete eine Spielhalle und spiele zwei Runden Flipper, doch bei der zweiten Runde verlässt mich das Glück, denn bei der ersten Kugel mache ich einen Fehler, TILT!, dann gehe ich zum Bowling, zur Bar dort, wollte ich sagen, und trinke noch ein Bier, krrrrrrrrrk! das rutschige Geräusch der Kugel, die immer näher kommt, plopp!, krooook, dann ist mir auch hier langweilig, und ich zieh weiter und hole mir Pommes in einer Bar aus weißem Kunststoff und Resopal, auf einer Bank an der Promenade mit Blick aufs Meer stopfe ich die Pommes in mich hinein, in meinem neuen, verschwitzten T-Shirt (vor allem unter den Achseln), das ich mir gestern gekauft habe, in Rot; und betrachte dabei den Himmel, so weit und ganz schwarz und voller weißgelber Punkte, ach, jetzt auch noch philosophisch!, ich werfe die fetttriefende Pommes-Tüte weg und schmeiße mich wieder in das Labyrinth von Straßen, Souvenirs und unentschlossenem Fleisch, hi, Kumpel, hey, was gibt’s?, es ist Perlanca, der auf und ab schlendert, komm, gehen wir in den Western Saloon? Ja, der Lärm (Musik), der auf einen niederprasselt, ist heftig, too much, wie die Polyglotten sagen, wir setzen uns in eine Ecke, es sind lauter behaarte Typen und supertolle Weiber da, voll cool und distanziert, und der Kellner, ein Blonder, two beers, what?, two beers!, two beers!?!, YEAH!, scheißegal, ob man spricht oder schreit, man versteht sowieso kein Wort bei dem Radau und der Musik, die Rolling Stones aus der guten alten Zeit, Mann, klatsch den Rhythmus mit, ein Chuck Berry von 58, Reserva Carta Blanca, mmmhh, gut, dann wird das beer serviert (dreißig Peseten and five for the boys und ich kapier’ gar nichts mehr), o.k., langsam komm ich gut drauf, bofff, Traumurlaub, eine Frau beginnt zu tanzen, wow, blond und seidenglatte Haare, Augen wie Brunnen, Lippen wie Matratzen und einen Busen, der bei jeder Verrenkung außer Rand und Band gerät, bis der Gorilla auftaucht, das hier ist keine Disco, das wussten wir, Mann, also nichts mit Tanzen, die Frau hört auf, Frust durchzuckt ihre Matratzen, es ist zum Heulen und Hinsetzen und noch mehr Bier saufen, bis wir uns schließlich durch eine kleine Gasse verdrücken und ich mit einem Bäumchen zusammenknalle, ein untrügliches Zeichen oder so was Ähnliches eines very interesting Rauschzustandes, beschickert oder betütert, und ich setze mich hin. Perlanca, komm, wir setzen uns auf den Gehweg und lauschen in die Stille, sie ist so strange, die Stille und die weiße Wand, hmmmmm, auf, wir gehen in eine Disco, in Ordnung, und wir machen uns auf die Suche, an einer superscharfen Ecke, blau-rote Lichter, ha, die ist sicher gut, wir hätten auch ins Revolution gehen können, zu weit, wir tanzen hier und lassen es uns gut gehen, gut, wir werfen uns, HOPP!, auf die Tanzfläche, klasse, bestellen einen Cubalibre, doch man serviert uns eine Cola mit Gin, was soll denn das, aber macht nichts, das hier ist das Leben und nicht der Achtstundentag im Büro, dieser Song ist toll, von Rosana de los Diablos, wie schön!, es gibt ein paar ausländische Girls, alle Achtung; wir setzen uns, ich muss etwas ausruhen, die Lichter: gelb, knallrot, grün, blau; weiße Spots: flash flash flash flash, alles dreht sich, Mann, wenn man sich eine angeln könnte . . ., doch dieses Jahr ist echt ’ne Katastrophe: Nicht einmal Barça gewinnt die Liga, wie soll denn dann der Urlaub klappen, ha ha, und dieses Jahr ohne den Michels, da muss man erst mal abwarten, und dieser neue Typ, der Deutsche, ich weiß nicht einmal, wie er heißt, erstmal abwarten, wie?, ach so was!, neben uns ein paar Tussen mit Riesenzinken, ein bisschen stulle, die taugen nichts, hast du ’ne Alternative?, scheinen von hier zu sein, hallo, was?, oh Gott, wie sollen wir das bloß anstellen, Perlanca?, noch eine Cola mit Gin, und auf geht’s, was für eine Hitze, Perlanca hebt ab, heute ist er besser drauf als ich, und die Tussen reagieren (sind die öde . . .), wir tanzen, Demis Roussos, we shall dance, we shall dance, fein, aber etwas out, doch es ist klasse so nah beieinander, wie sie sich ranmacht!, Strategie und Taktik and so on, abwarten, wie heißt du?, Mariantònia, aber man nennt mich Tonyi, woher kommst du? Aus HospitaletdelLlobregat, ah, ich bin aus Manresa, jetzt wohne ich aber in SanAdriándelBesós und arbeite als Verkäuferin bei CorteInglés, bei BritishCut? HA HA HA, wie witzig!, ja, in der Parfümabteilung, aber ich mache eine Lehre als Sekretärin, das ist gut: vorankommen, ja. Urlaub? Ja, mit meiner Freundin Mariangustias, Angie für die Freundinnen, Angie?, wie die Frau von David Bowie, du weißt schon: der Song der Rolling Stones: Aaaaangie, Aaaaaangie, du weißt über alles Bescheid, wow, ist das heiß hier, nicht? Ja, willst du gehen? Okay. Wir gehen alle vier, wir schlendern durch die Straßen und trinken einen Cointreau mit Eis am Tresen einer versifften, auf holländisch gestylten Bar. Die Girls sind nett, ein bisschen träge und unbedarft, aber was wäre die Alternative? Wir könnten in mein Appartement gehen, meint Perlanca, so als ob man zu diesem Zimmer Appartement sagen könnte (mal sehen, was sie für ein Gesicht machen, tatsächlich: sie senken den Kopf und tauschen schnell ein paar flüchtige Blicke aus: schlecht: Perlanca war zu voreilig), hmmm, ich habe paar tolle Platten, wir könnten Musik hören, insistiert er, okay, sagen die Tussies. 1:0 für uns! Es wird doch noch gut ausgehen. Wir kaufen eine Flasche eiskalten Sekt, einen guten Sekt, die Gelegenheit ist es wert: einen DELAPIERRE, und gehen auf sein Hotelzimmer: natürlich besser als meines, und schon haben wir verschissen, das allererste, was man beim Hineinkommen mitten auf der Bühne sieht, ist das riiieeesige Bett. Die Tussen stehen verdattert da, ziehen ein Gesicht. Setzen wir uns? Perlanca legt die Beatles auf, au, klasse, die Beatles sind toll, sagt Mariangustias, ich mache das Fenster auf, die Hitze ist unglaublich, ich schaue gerne in den Himmel, er ist so kalt, so blau, so fern: Es muss so gegen zwei oder drei sein, bah, da haben wir noch Zeit; wo ist der Sekt? Sekt her! Klasse! Wir lachen, er ist kalt! Ja, Sekt muss eiskalt serviert werden, sagt Perlanca. Ah, Tonyi öffnet den Mund, ich setze mich neben sie, wir reden über Musik, du, was machst du in Barcelona? Ich arbeite in einer Werbeagentur, oh, wie interessant! Ja. Und was machst du sonntags? Ich gehe mit Freundinnen tanzen. Ah, ja? Ich lege meinen Arm ganz sanft, seidengleich, um ihren Rücken: Sie sagt nichts, ich drücke mit meinen Fingerspitzen ganz sachte ihren Arm auf der Höhe des Bizeps und rücke vorsichtig näher, sie sagt keinen Ton. Ich mache Schummerlicht, sagt Perlanca. OK. Und dreht eine Birne heraus, so sitzen wir in gedämpftem Licht, und ich mache weiter und knutsche sie ab, und sie sagt immer noch nichts. Perlanca ist mit Mariangustias im Nebenzimmer verschwunden, dem Zimmer von Ricardo, der mit dem Jetset nach Cadaqués Paella essen gefahren ist, die Platte, krk, krk, ist hängen geblieben, vielleicht Staub, vielleicht ein Kratzer, krk, krk, aber keiner wird hier einen Finger krumm machen, um eine neue aufzulegen, ich stecke meine Hand unter ihre Bluse, sie reagiert besser, als ich erwartet habe: Öffnen wir also Bluse und Reißverschlüsse dortselbst auf dem Sofa, uff, ich küsse und küsse und glühe, Mann, hat die eine Taille . . . Nein, sagt sie zu mir, so nicht, ah nein? Nein, ich nehme nicht die Pille. Aah! Pille, HA HA, wir können Coitus interruptus machen. Oder nein, warte, ich glaube, Perlanca hat Gummis, ich klopfe an die Tür: tock, tock. Perlanca, kann ich reinkommen? Ich gehe hinein, hole mir, was ich brauche, und verlasse das Zimmer wieder. Schau. Ah, toll, ist das sicher? Ja, englisch, garantiert. Krk, Krk, sagt der Plattenpieler. Ah, gut, zeig mal, komm, du gefällst mir, du mir auch, du bist sehr nett, sagt sie, ich sehe diese Riesenhakennase vor mir, wie von einem Papagei oder einer Elster. Ja, sage ich. Oh, was ist?, fragt sie. Was ist? Ich schaue an mir herunter, verdammt, ich weiß nicht. Was ist los mit dir? Ich weiß nicht, das ist mir noch nie passiert, sage ich ihr, ehrlich, ich verstehe das nicht. Ich rege mich auf. Ich errege dich nicht, sagt sie und senkt traurig den Kopf. Was sagst du da, Frau!, du erregst mich die Hölle, ich versteh das nicht, oh Mann, wir wissen nicht, was tun. Krk, krk macht der Plattenspieler. Sie versucht die Situation zu überspielen, indem sie das Kissen zurechtrückt und mich von der Seite beobachtet. Ich konzentriere mich, denke an ihre Kurven oder an irgendein Foto im Playboy, das wäre doch gelacht, wenn . . . Scheiße, wie peinlich, was für ein Frust, das ist sicher der Gummi, ich weiß nicht, ach geh, wenn ich einmal jemanden an der Leine habe, denke ich und sage zu ihr: Hör mal, tut mir wirklich leid. Mach dir keine Gedanken, sagt Tonyi und versucht ein Lächeln, wie jemand, der dem keine Bedeutung beimisst, dabei kleidet sie sich langsam an und schaut aus dem Fenster, man hört die Geräusche der Straße und das Radio des Nachbarn, Rosana de los Diablos, was für ein Song, der ist klasse, ist schön, nicht wahr?, sagt Tonyi, ja, sage ich, und sie lächelt (traurig?) und ich denke, was für ein Frust, was für ein Mist, so eine Scheiße, und öffne eine Flasche und trinke einen Cynar.
Rauch
Für die Dinosaurierin
Meine Nachmittage verbringe ich gerne in Kneipen, eingehüllt in Rauchwolken und vor mir auf dem lackierten Holztischchen ein Glas Gin. Ich trinke zu viel, ich weiß, daher kommt auch der kleine Bauchansatz, der einer meiner Bräute kritisches Vergnügen bereitet, einer dieser Einmaldie-Woche-Lieben, du rufst an, ja?, ein kalter Kuss auf den Mund. Ich sitze gerne in einer ruhigen Ecke oder am Tresen und lese, lese viel und alles (Zeitungen, Zeitschriften, Romane) und mache Notizen: Auf einer Papierserviette fange ich an zu schreiben und schreibe, bis sie voll ist, dann nehme ich noch eine und noch eine und noch eine, alle sind ganz dicht beschrieben, Zeile für Zeile voll mit Buchstaben, bis schließlich eine Viertelstunde später der Serviettenspender leer ist. Dann reiße ich Seiten aus meinem Terminkalender, und wenn keine Blätter mehr da sind, höre ich auf zu schreiben und betrachte die um mich herumhockenden Leute, die Decke, die dunkel verkleideten Wände (die Pubs, die nichts von einem Pub haben, sind fürs Lesen am ruhigsten) und denke an andere Zeiten und überlege, was ich abends machen soll. Die Servietten und Kalenderseiten werfe ich normalerweise gleich auf der Straße weg, in irgendeinen Papierkorb. Häufig (vor allem in der letzten Zeit) weiß ich nicht, was ich abends machen soll, irgendwie ist alles nervig, ich wälze mich im Bett herum, das inzwischen schon ganz zerknittert ist. Nachts sehe ich die Dinge ganz finster und monströs (wie vermutlich jedermann), ich muss aufstehen, das Licht anknipsen und eine Platte von Maria del Mar Bonet auflegen (denn die Frau finde ich ziemlich klasse), dann warte ich, bis der Tag anbricht, und die Farbe der Gebäude von Schwarz nach Grau wechselt. Habt ihr das noch nie gemacht, auf den Sonnenaufgang gewartet und dabei beobachtet, was im Gebäude gegenüber passiert? Es gibt Leute, die früh aufstehen, und Leute, die immerzu schlafen, in Wohnungen, die unbewohnt aussehen, weil sich darin nie jemand bewegt, und andere, die die Fenster sperrangelweit aufmachen und in deren möbliertem Dunkel man eine Frau mit Kopftuch Staub wischen sieht. Doch dann ist der Morgen bereits sehr weit fortgeschritten. Bis dahin habe ich schon beobachtet, wie die Frühaufsteher das Treppenhaus durch eine Tür verlassen, die beim Öffnen zu lächeln scheint. Einige steigen ins Auto und fliehen (ich stelle mir vor ins Büro oder in die Fabrik). Im Sommer, wenn die Sonne hoch genug steht, lege ich mich auf die Fliesen und sonne mich. Im Winter gehe ich hinein und mache mir einen heißen Kaffee. Abgetaucht in eine laue Welt, der triefigen Träume überdrüssig, betrachte ich die Geräusche der Stadt. Wenn ich die Erkennungsmelodie der Presseschau höre, ziehe ich mich an, gehe auf die Straße hinunter, esse in der Bar an der Ecke zu Mittag und nehme die U-Bahn in die Stadt. Dort beginne ich mit meinem gemächlichen Rundgang. Ich kaufe Zeitungen und stöbere in Buchhandlungen. Wenn es dann ungefähr so spät ist wie jetzt (so halb neun), fühle ich mich stark genug, um im Berimbau am Passeig de Born einen Caipirinha zu trinken und mich zwischen die Leute im Màgic zu mengen, die in ihrer Jugendlichkeit ganz zerbrechlich wirken und neben denen ich mir sehr alt vorkomme. In meiner Vorstellung tadeln sie meine Gegenwart: Was willst du denn hier mit deinen vierundzwanzig Jahren? Und ich weiß nicht, ob ich den Kopf senken soll und um Verzeihung bitten, denn die Generationen fliegen nur so dahin und, ehe du dich versiehst, hast du die kurzen Hosen des träumerischen Jungen gegen Falten um gleichgültige Augen eingetauscht. Ach, das Alter. Ich würde gern diese halb fertigen jugendlichen, schlanken Körper umarmen, lecken. Und tue ich es nicht, so liegt das an einer Art abgrundtiefer Scham (so tief wie die Abgründe der Tiefsee). Sie (die Jugendlichen) bewegen ihre Füße im Takt des Blues, denn derzeit wird Blues im Màgic gespielt. Und Blues ist wie die Erinnerung an Städte, die man nie betreten hat, an frühe rauchige Morgenstunden in Vorstadtfabriken, an geräuschlose Knüppel auf Gummiköpfen, wie der Lichtschein auf den Helmen der Polizisten, die kurz davor sind loszuschlagen. Das (einschließlich des dezibelbedingten Platzens des Trommelfells) sind normalerweise meine Empfindungen im Màgic. Ich sage »normalerweise«, denn eines Nachts war es anders: Ein junger Mann kam auf mich zu (nicht älter als achtzehn, er hatte den Kragen seines Trenchcoats hochgeschlagen, eine Zigarette im Mund, ein blauweiß gestreiftes T-Shirt an, kurze blonde Haare und eine überdimensionierte dunkle Brille) und nachdem er sich, ohne zu fragen, an meinen Tisch gesetzt hatte, wandte er sich in einem sanften, honigsüßen Ton an mich:
»Du kommst häufig ins Màgic?«
»Jeden Abend.«
»Ich habe dich noch nie gesehen: vielleicht weil ich heute das erste Mal hier bin.«
Und er brach in ein so blödes Lachen aus, dass die Gläser auf den Tischen, die Flaschen auf den Regalen, die Brillen der Kurzsichtigen zu Bruch gingen und die Musiker aufhörten zu spielen und ihn überrascht und wortlos anstarrten, wie alle anderen Leute auch. Dann kam er wieder zu sich, hörte auf zu lachen, machte seinen Mund zu (er hatte Zähne so breit wie ein Pferd) und schaute sich nach allen Seiten um, sein Blick (durch die dunklen Brillengläser hindurch) brachte das letzte Flüstern zum Schweigen. Er schnalzte mit dem Finger, und wie Automaten fingen die Musiker wieder an zu spielen. Er trank einen kleinen Schluck Cognac aus einem Longdrink-Glas und machte sich die Finger an einem kunterbunten Tuch sauber, das ihm um den Hals hing. Die Leute beobachteten ihn aus den Augenwinkeln, und die Musiker haderten mit der Melodie. »Weißt du?«, erklärte er mir in einem vertraulichen Ton (dieser Ton passt überhaupt nicht zu ihm, dachte ich bei mir). »Ich war nie ein virtuoser oder friedfertiger Mann: Ich ziehe sofort das Messer. Und zwanzig Sekunden später hat das Blut den Boden überschwemmt, und selbst nachdem die Fliesen ausgetauscht sind, wird er nie wieder vergessen, rot zu sein; da ich zu alt bin, um mich noch zu ändern, wäre es angebracht, wenn du nun zu den Musikern gehst und ihnen aufträgst, Fascinació zu spielen, einen Song, den ich supertoll finde.« Der Gitarrist unterbrach den Blues, als er mich auf sich zukommen sah. Ich flüsterte ihm den Auftrag ins Ohr und kehrte zu meinem Stuhl neben ihm zurück. Fascinació erklang, und ich glaube, die Musiker hatten in ihrem Leben noch nie so gut gespielt. Der im gestreiften T-Shirt mit dem blöden Lachen bekam sofort feuchte Augen, und eiergroße Tränen tropften auf den Fußboden, wenn er sie nicht zuvor mit seinem Tuch abtupfte. Kurz darauf wirkten die Musiker erschöpft, das Halstuch war nass wie ein Scheuerlappen. »Es reicht«, sagte er, »ihr könnt aufhören.« Die Musiker brachen auf der Stelle ab, er erhob sich von seinem Stuhl und entfernte sich über die Treppen hinauf. Wir blieben alleine und schweigend zurück, verloren wie nie zuvor. Kein Mensch traute sich, auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, und alle flohen mehr oder weniger schnell in ihre gewöhnlichen Behausungen. Am nächsten Tag, während des Frühstücks am späten Vormittag, sahen wir sein Foto in der Zeitung mit einer traurigen Schlagzeile: »Gefasst! Er versuchte, eine Ladung rosaroter Schmetterlinge über die Grenze zu bringen.« Es war ein sehr schlechtes Foto von ihm, er sah grau und flach aus, ohne bestimmbares Alter. Ich warf die Zeitung auf den Boden und früher als sonst startete ich zu meiner Runde. Ich treibe gerne auf Meeren aus kaltem Öl: mich an Gesten, Personen und Dinge erinnernd, die Körper der Jugendlichen betrachtend, wenn sie ihren Fuß im Takt bewegen. Vielleicht schließe ich mich eines Tages in ein Zimmer ein und betrachte die Welt durch das schmutzige Fensterloch mit einem Transistorradio am Ohr. Dann muss ich mir die ganzen verlorenen Jahre zurückholen und mir die Gegenwart erfinden. Im Augenblick kann ich noch nicht den Geruch zukünftiger Ereignisse behalten, denn es ist schwierig zu behalten, was noch kommen soll. Oder umgekehrt. Genug. (Angetörnt und schwerfällig stehe ich um diese Uhrzeit gewöhnlich auf, da ich sichtlich nicht mehr weiß, worüber ich mit mir rede, zahle meine Rechnung, öffne die Tür und verlasse die Bar. Was es darüber hinaus geben soll, weiß ich nicht.)
Die Augen voller Wiesen
Es war ziemlich lustig, wenn du angetrunken mit Wiesen voller Kuchen in den Augen nach Hause kamst und kaum ein »Hallo« herausbrachtest, dich aufs Sofa legtest und einen unbestimmten Punkt an der einfarbigen Decke betrachtetest, so als atmetest du nicht, mit angehaltenem Atem und leerem Geist. Ich musste dich ganz vorsichtig und behutsam ausziehen und dabei aufpassen, dir nicht das Genick zu brechen, dann bettete ich deinen verrückten Kopf mit der ganzen Zärtlichkeit der Welt auf Seidenkissen (am folgenden Tag würdest du keine anderen mehr haben wollen), löschte Kerzen und Licht, ging ins Wohnzimmer und stellte den Plattenspieler ab (just in dem Moment, in dem Gilberto Gil einen Engelsschrei ausstieß oder Zappa von den Gefahren eines Zusammenstoßes mit dem Teufel erzählte). Ich dachte: »Gute Nacht, Spatz, träum süß vom Paradies«, dann tauchte ich in ein Magma aus Winternebeln und dänischen Wäldern, die von lustigen Zwergen und depressiven Jungfrauen bevölkert waren und an die sich nicht einmal mehr die Volkschronisten erinnern. Am Morgen danach standest du stets als Erste auf und hattest eine große Wut im Bauch. Du kehrtest das Unterste zuoberst, öffnetest das Fenster, und mit dem Glanz der Sonne (du kniffst die Augen so eng zusammen, dass sie nur noch aus einem Paar winziger Punkte bestanden) hellte sich dein ach so blasses Gesicht auf, und du sahst wie eine verhexte Plastikpuppe aus, die zum Leben erwachte. Du kamst zum Sofa, wo ich mich schlafend stellte, und drücktest mir einen Kuss auf die Wange. Und ich tat so, als würde ich gerade aufwachen. (Ich schlief lieber auf dem Sofa im Wohnzimmer, denn dein Herumwälzen im Bett war gewaltig und gefährlich und machte mir Angst.) Wenn ich dann aufgestanden war (du hattest bereits gefrühstückt und schienst wie neugeboren: ein völlig anderes Wesen als das, welches nachts die Wohnung betreten hatte: schwarze, lachende Augen, rosa Wangen, feuchte, lächelnde Lippen), knallte die Tür und weg warst du. Du müssest zum Unterricht, waren deine Worte, und schon wusste ich nicht, wann ich dich wiedersehen würde. Ich ging auf die Straße hinunter und wanderte kreuz und quer, auf und ab durch die Stadt, schaute Schaufenster an, kaufte Bücher, die ich dann nicht las, legte mich im Park in die Sonne, blätterte bei einem Wodka-Orange in Zeitungen und Zeitschriften. Saß auf Plätzen, fütterte Tauben mit feuchtem Brot. Ich schaute Frauenbeinen und Hintern hinterher, die in abgewetzte Jeans eingezwängt waren, kaufte Popcorn und betrat irgendein Kino, ohne darauf zu achten, welcher Film gezeigt wurde, oft saß ich vor monströsen Streifen: öde Western oder irgendwelche Psycho-Beziehungskisten für blöde Schnepfen an ihrem freien Nachmittag. Wenn ich das Kino verließ, dämmerte es bereits, und hier und da gingen die Laternen an, die Menschen hetzten stressergeben durch den verrinnenden Tag. Abends aß ich Hamburger oder Omelette, trank noch einmal einen Wein, las in einem längst vergessenen Buch und kehrte allmählich nach Hause zurück, denn die Wohnung war eiskalt und ich wollte meine Nacht nicht mit Schatten und Grübeln füllen. Wenn du um zwei noch nicht zurück warst, legte ich mich ins Bett (denn nun würdest du gewiss nicht mehr kommen) und las weiter, bis ich einschlief. Am nächsten Morgen lag das Buch auf dem Boden, das Licht brannte in einer harten, trockenen Mittagssonne, die auf meine Tische und Wände Streifen malte. Dann musste ich mich fertig machen, mein Gesicht waschen, mit dem Alltagstrott beginnen, weil möglicherweise kämst du ja heute Nacht nach Hause.
Denn letztendlich kreuztest du immer wieder auf, es vergingen nie zwei Tage, ohne dass du hereingeschneit wärst. Doch diesmal war es anders. Am ersten Tag machte ich mir keine Gedanken: Morgen würdest du bestimmt wiederkommen. Am dritten Tag begriff ich, dieses Mal würde es anders sein, und in den folgenden Tagen (die ganz, ganz allmählich zu Wochen wurden) verlor ich das Interesse an den Dingen: Ich trank Wein wie Wasser; ich ging nicht mehr ins Kino, aß keine Hamburger mehr und schaute nicht mehr auf die wiegenden Hüften der Frauen. Ich blieb zu Hause. Vielleicht kommt sie in der Früh, dachte ich bei mir. In der Folge verließ ich die Wohnung gar nicht mehr und staubte immer wieder die Möbel ab, fegte und saugte Staub: Wenn du zurückkämst, sollte alles ganz sauber sein. Dann nicht einmal mehr das. Es schien, als habe die Sonne aufgehört, unseren Planeten anzustrahlen, alles wurde finster, schwarz, undurchdringlich. Ich putzte nicht mal mehr: Der Staub sammelte sich in den Ecken, unter den Möbeln, und strich man mit dem Finger über eine Fläche, schob man einen weißen Staubberg vor sich her. Ich rasierte mich nicht mehr und duschte nicht mehr. Ich blieb im Bett, aß Brotkanten und trank Kondensmilch. Eines Tages knurrte mein Bauch so sehr, dass ich in den Supermarkt hinunterstürzte und völlig gehetzt Käse, Milch und Paprikawurst einkaufte und gleich an Ort und Stelle verschlang. Die Leute starrten mich an, als sei ich ein Wurm, ich verkroch mich sofort wieder ins Bett und blieb dort. Von hier aus sah ich die Stunden vorbeiziehen: Es wurde Nacht, es wurde Tag, ich sah den Sonnenstrahl die Linien zwischen den Fliesen nachzeichnen, sich an der Wand hochwinden, sich leuchtend auf dem Poster platzieren, über die Decke klettern und schließlich durch das Fenster verschwinden, was hieß, nun war es wieder Nacht. Ich versuchte zu weinen, ich stellte das Denken ein, ich schloss die Augen, die Ohren stopfte ich nicht zu, denn ich hörte schon längst nichts mehr.
Es war die Nase, die mir mitteilte, dass du wieder da warst, du standest vor mir, betrunken, und deine Augen waren voller Wiesen mit blassen Törtchen, du sagtest nicht einmal »Hallo«, versuchtest erfolglos, unklare Worte zu artikulieren. Das Einzige, was ich tun konnte, war aufzustehen: Trotz der Blutleere in meinem Kopf tastete ich mich zwischen verschwommenen Helligkeiten durch, ohne abschätzen zu können, wie viele Tage seit deinem letzten Erscheinen vergangen waren. Ich öffnete das Fenster (wegen frischer Luft!), dann musste ich dich ganz vorsichtig und behutsam ausziehen und dabei aufpassen, dir nicht das Genick zu brechen (und dachte, alles würde werden wie zuvor), und ließ deinen Kopf auf Seidenkissen ruhen, denn anderntags würdest du nur noch diese haben wollen.
Underworld
Für Toni Martí und Quim Sota
Sobald meine Eustachische Röhre das störende Riiiiiiiiiiiing als Wecker erkannte, sprang ich aus dem Bett und startete mein Kniebeugenprogramm (eins zwei eins zwei eins zwei eins zwei eins zwei eins zwei eins zwei eins zwei), bis ich genug davon hatte, rieb mir den Rest Schlaf aus den Augen und konnte einen müden Morgen erahnen, von dem schmale Lichtbänder durch die Latten der Jalousien hereinglitten. Als ich mit der Gymnastik fertig war und mit der ganzen wohligen Weltschwere tief gegähnt hatte, und noch ein bisschen mehr, trat ich, mir den Rücken kratzend (ein ganzes Ameisenheer zerkleinerte gerade mein Rückgrat), in das Esszimmer. Niemand zu sehen (Pinxa und Riqui schliefen wohl noch), also öffnete ich die Glastür und die beiden Holzläden, trat auf die Terrasse hinaus und erschien vor dem schweigenden Morgen, der in Richtung des Meeres von einer leichten aufgehenden Sonne gekrönt war. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich mir die weißen, ebenfalls gähnenden Schaumkronen vorstellen, wie sie sich in einer universalen Systole und Diastole an den Felsen des Wellenbrechers brachen. Im Haus war alles totenstill, und ich war tierisch gut gelaunt: Ich öffnete die Tür zu Riquis Zimmer (die am nächsten lag), der Typ schlief tief und fest und stieß dabei einen sehr seltsamen Pfiff aus, so seltsam, dass ich mich einen Moment lang fragte, ob er sich nicht in einen Seehund, Seelöwen oder einen asthmatischen indonesischen Vogel verwandelt hatte, doch nein, sobald ich an ihm rüttelte, hörte das Pfeifen auf: Wach auf, Riqui, wach auf! Los! Doch er weigerte sich: Mmmmh, machte er, mmmmh, und ganz leise flüsterte er, nein, dabei drehte er sich um und versteckte sein Gesicht unter dem Kissen und seinen Körper unter dem Laken; Riqui! Riqui!, ich nervte ihn so lange, bis er endlich aufwachte und mich eine lange Weile ganz intensiv anschaute, so als erkenne er mich nicht, dann machte er seinen Mund auf und fragte mich nach der Uhrzeit. Ich antwortete, halb acht, more or less, er sagte o.k., stand auf, holte sein Rasierzeug und verschwand in Richtung Bad. Da dieser nun aufgestanden war, machte ich mich auf zu dem anderen, doch als ich Riquis Zimmer verließ, stand Pinxa bereits auf der Terrasse und verspeiste eine Scheibe geröstetes Brot mit Butter und Honig, er verdrehte hoch erhobenen Hauptes die Augen, dann senkte er den Kopf, um mich tadelnd anzuschauen: Es wäre nicht schlecht, wenn du hier weniger herumbrüllen würdest, du hast ja die halbe Nachbarschaft geweckt. Du weißt doch, entgegnete ich, Riqui liegt auf seinen Ohren. Stimmt, gab er nach, und bot mir einen Milchkaffee an. Und so standen wir im Schlafanzug herum und sahen mit offenem Mund, wie der Tag begann und der Alltagslärm sich in den Straßen breitmachte (das Gequietsche der Autos, das hysterische Geflüster der zur Arbeit hetzenden menschlichen Ameisen, der Hauch Routine, der den ganzen verwesten Raum der Stadt besetzte), bis dann auch Riqui mit einem Glas Orangeade in der Hand auftauchte, uns einen Guten Morgen wünschte und in einem tiefen Atemzug die neue Luft des neuen Tags in sich hinein atmete, der Himmel heute ganz klar, ganz Collserola deutlich zu sehen, transparent wie ein Dia. Er strahlte so viel Optimismus aus, dass ich überzeugt war, alles werde gut gehen (obwohl ich es nicht schaffte, Riqui davon abzuhalten, eine LP von Chico Buarque de Hollanda aufzulegen), und ich fühlte mich super, keineswegs nervös. Alles wird gut gehen, es ist ganz einfach, sagte ich mir, und ein Apfelduft drang in meine Nase, und ich fragte mich, woher dieser Duft wohl kommen mochte, und sah eine Handbreit vor mir unter dem Stadtplan, den wir gerade genüsslich studierten, eine Obstschale voller gelbgrüner, wilder Äpfel, wie delikate Zeichnungen, die kein Künstler besser zeichnen könnte. Ich nahm mir einen und biss hinein: Es machte knack-krack, das Innere war weiß und saftig. Hey du, träumst du?, fragte Pinxa. Nein, nein, sagte ich und öffnete die Augen. Mit seiner lässigen Mähne, die ihm ins Gesicht hing, saß Pinxa lächelnd vor mir: Pahh, es wird alles perfekt ablaufen, prognostizierte er, und ich antwortete, ja klar. Riqui trat in das Zimmer, stopfte sein Hemd in die Hose, lud die 9-mm-Parabellum und lachte. Mal sehen, wie Txordi drauf ist, ob er die Nacht durchgemacht hat und betrunken hier ankommt . . . Und Pinxa, der Witzbold, immer so nachsichtig, das darf einfach nicht passieren, es wäre ziemlich beschissen, wenn Txordi nicht auftaucht und wir alles verschieben oder ohne ihn machen müssen; dann lächelte er: Das glaube ich nicht, Txordi ist ein anständiger Kerl, er würde uns so etwas nie antun. Ich warf den Apfelbutzen auf den Tisch und legte eine andere Platte auf, während Riqui hinter meinem Rücken brummte, ich sei ein Schwein (weil ich das, was vom Apfel übrig geblieben war, auf den Tisch geworfen hatte). Ich unterbrach Chico Buarque mitten im Song und legte eine LP von Nino Rota auf, die Pinxa letztes Jahr mitgebracht hatte, als er Zuhälter an der Riviera war. Ich liebe diese Musik, sie dringt durch meine Ohren in meinen Körper, fließt durch meine tausend Venen, als wäre ich ein Held in einem italienischen Film, sagte er, als er sie uns damals zeigte, traumverloren in seinen musikalischen Delirien. Bon, sagte Pinxa (der vier, fünf Monate in Marseille gewohnt hatte und daher französisch sprach), ich gehe jetzt und probiere die Hosenträger. Blaunasse Hosenträger zieren jeden Würdenträger, sagte Riqui poesiegewohnt. Pinxa war schon wieder grinsend da, spannte sie und schaute uns fragend an, na, wie sehe ich aus? (Er glich einem Herrn aus einem alten, verblichenen, grauen Film, aus seinen Haaren tropfte der Festiger, die Hosenträger auf dem weißen Hemd, Theater pur, es fehlte nur noch das gelbfahle Licht einer verstaubten Glühbirne, die leicht im traurigen Wind eines verhangenen Abends schaukelte.) Ich sagte ihm, du siehst aus wie ein Held in einem Film aus den Vierzigern, und er lächelte selbstgefällig: Genau! Das ist genau das, was ich wollte, hast du Scarface gesehen? Nein? Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Lust ich hatte, eine Bank zu überfallen, aber gekleidet komilfo, mit dem Scheitel auf der rechten Seite. Und hoffentlich ganz ohne Pleite!, schrie Riqui (schnell wie immer bei Fragen der Dichtkunst), während ich gleichgültig einen zweiten Apfel verspeiste. Ich schaute auf die Uhr: Viertel neun, und Txordi war immer noch nicht da, der wird uns das Ganze noch vermasseln. Komm, Mann, sei nicht so streng, er hat sicher verschlafen, sagte Pinxa und zog die Weste und das gestreifte Jackett an, komm, mach dich fertig, sonst bist du noch der Letzte. Also musste ich gähnend aufstehen, in mein Zimmer gehen, mich anziehen und die Dusche auf den Abend verschieben. (Aufgrund der Töne, die aus dem Zimmer drangen, konnte ich ableiten, dass Riqui a) die Platte von Nino Rota herunternahm und sie dabei offensichtlich zerkratzte und b) nur, um mich zu ärgern, wieder Chico Buarque de Hollanda auflegte.) Als meine Socken näher an meine Nase kamen, drang ein Gestank an mein Riechorgan, der mir half, mich zu entscheiden: Ich öffnete die Schublade und holte ein Paar frische heraus, und dabei mischte sich in meinen Ohren die bei mir Brechreiz auslösende Musik mit den Geräuschen des Gaunerpaares im Wohnzimmer, die Räuber und Gendarm spielten, peng, peng, peng, und es war fast halb neun. Als die Pistole frisch poliert war, fragte ich nach Txordi. Sollen wir die Bullen anrufen und fragen, ob sie wissen, wo er bleibt? Sei nicht blöd, Mann, er wird schon kommen. O.k. Ich setzte mich also aufs Sofa und blätterte in einer alten Fotogramas mit viel nacktem Fleisch von superschönen Frauen, die nur auf eine Gelegenheit warteten, arme Stars des unterentwickelten Kinos. Pinxa studierte erneut den Stadtplan und Riqui sprühte Deo unter seine Achseln, alles in allem ein ziemlich poetisches Bild: Die neue Unterwelt desodoriert ihre Seele (Ausgabe für ein fortschrittlich-katholisches Magazin). Dann klingelte es an der Tür, Pinxa zuckte zusammen: Die Bullen, du, die Bullen, sagte er, holte die 9-mm heraus und postierte sich eher in einer erotischen Haltung als in einer Verteidigungsstellung, Riqui ging zur Tür und fragte, wer dort sei, und eine bekannte Stimme antwortete, Txordi, Riqui nahm die Kette von der Tür und öffnete sie (durch den Türrahmen trat Txordi mit glänzenden Augen, offenem Hemd und leicht zitternden Händen). Mann, so nicht! beschwerte sich Pinxa, was für ’ne Scheiße, wir müssen heute hart ran und du tauchst hier besoffen auf. Nein, nein, nein, verteidigte sich Txordi, ich bin nicht besoffen, ich habe nur schlecht geschlafen, und hier lächelte er: Eine Blondine, Mann, aus Philadelphia, Phili, wie sie dazu sagen, Mann, was für eine Blonde! In diesem Augenblick verlor ich endgültig das Vertrauen und den Kopf, legte mich aufs Sofa und lauschte, wie Txordi sich erklärte: Nein, nein, verdammt, mir geht es gut, die Hand zittert ein bisschen, aber das bedeutet nichts. In fünf Minuten und nach einem ordentlichen Frühstück bin ich fit und stehe zur Verfügung. Was?, fragte Pinxa entgeistert, du hast noch nicht einmal gefrühstückt? Der Kühlschrank war leergefressen, also blieb uns nichts anderes übrig, als mit dem Waschlappen über sein Gesicht zu fahren, ihn ein wenig unter den Achseln zu waschen, ihm die Augenlider zu öffnen, über die Augen zu wischen, mit dem Kamm etwas Ordnung in seine Haare zu bringen, ihm die Pistole zu präparieren und ihn hinter uns herziehend auf den Treppenabsatz hinauszutreten, den Fahrstuhl zu rufen und, nachdem wir den Knopf eine Minute gedrückt gehalten hatten, den Concierge zu hören, der von unten hochbrüllte (der Fahrstuhl ist kapuuuutttt!), und folglich acht Stockwerke zu Fuß langsam nach unten zu traben. Das hat uns gerade noch gefehlt, Mann. Dann sitzen wir endlich im Auto und starten in Richtung Stadtmitte, durch enge Straßen, durch breite Straßen, über Boulevards und Ampeln in allen Farben, hey Leute!, ich habe noch nicht gefrühstückt, und das Auto bremst: quietsch!, schnell eine kleine Bar gesucht, wo man Spiegeleier mit Speck macht, mit einem Gläschen guten Wein, einem dunklen Penedès, und einem Kaffee. Nein, einem . . . Einem? Zwei. Drei. Vier. Vier Kaffee mit Cognac, Txordi wischt seinen Mund ab und rülpst. Auf, ihr könnt zahlen, Riqui zahlt, und schon sitzen wir wieder im Auto, lesen den Strafzettel, den uns ein übereifriger Polizist angedreht hat. Scheiße, beklagt sich Pinxa, und warum? Wir strecken den Kopf aus dem Fenster und sehen eine große blaue Scheibe mit rotem Rand, die von einem ebenso roten Streifen diagonal durchkreuzt wird, dann begreifen wir: Wir befinden uns im Parkverbot, wir ziehen Streichhölzer, Txordi gewinnt und darf die Aufgabe übernehmen, den Strafzettel zu zerreißen und sich ans Lenkrad zu setzen, bruuummm bruuummm macht das Auto, während wir uns der Bank nähern und Pinxa feststellt, dass es schon halb zehn ist, verdammt, wie sollen wir das noch hinkriegen, mit so ’nem unpünktlichen Volk wie euch werden wir nie irgendwohin kommen usw., bis wir da sind und gegenüber der Bankfiliale parken. Alle außer Txordi, der am Steuer sitzen bleibt und uns Glück wünscht, steigen aus. Wir sind drei: Pinxa, Riqui und ich, wir nähern uns der Glastür, stoßen sie auf und treten ganz normal ein: lächeln engelsgleich, als wir die Pistolen auf die Angestellten richten, die überrascht und fassungslos ichweißnichtwas sagen, wir lassen sie sich bäuchlings auf den Boden legen, einschließlich der Kunden, die 9-mm kühl im Nacken des Filialleiters, los, eins zwei, vorwärts, zum Tresor, los, aufmachen, befiehlt ihm Pinxa, und der gute Kerl, sagt jajajaja, völlig kopflos und verängstigt, mit der Hand am Schloss, einem riesigen, glänzenden Schnappschloss, wie seltsam, ein Tresor mit einem einfachen Schnappschloss?, mmmmh, und im Tresor sind Kilos über Kilos rotes, weißes und fettes Fleisch mit einem Geruch von gefrorenem Tod, und erst jetzt stellten wir fest, dass wir vor einem Tiefkühlraum standen und nicht vor einem Tresor, und wir schauten den Filialleiter an, der eine weiße Schürze trug und dessen Arme bis zu den Ellbogen mit Blut verschmiert waren, und wir vernahmen, wie der gute Mann (sehr respektvoll und ohne den Blick von den Revolvern zu lassen) sagte: Hören Sie, ich glaube, Sie haben sich geirrt. In dem Moment stellen wir fest, dass wir uns in einer Fleischerei befinden und nicht in der Bank, und wir brechen in Gelächter aus, bitten um Entschuldigung, gehen in den Ladenraum zurück, in dem die ganzen Frauen und Angestellten auf dem Boden liegen. Auf, los, Sie können wieder aufstehen, wir schütten uns weg vor Lachen und treten auf die Straße hinaus, mit den 9-mm in den Taschen, und entdecken genau nebenan die Bank. Aber nun hat keiner von uns mehr Lust. Morgen ist auch noch ein Tag, sagt Riqui, und macht sich auf dem Vordersitz breit, Txordi, mit offenem Mund und ohne irgendetwas zu verstehen, alle zum Lachen aufgelegt, mit Bock auf Whiskey und Pommes, und Omelette mit Artischocken, ergänzt Pinxa.
Die Schöpfung
Für Biel mit seiner Sprachtheorie nach Art von Marguery à la Diamond Jim
Am Anfang ist Nacht: Eine falsche ewige Nacht, die niemals auch nur zur Morgendämmerung wird, deshalb schafft der Herr, unser Gott (nachdem er sich selbst erschaffen hat), den ersten Tag, und da er nach diesem Werk so erschöpft und müde ist, dass er nicht mehr so ganz durchblickt, legt er sich schlafen, das tut er bis zum sechsten Tag, an dem er aufwacht und in aller Eile das Universum erschaffen muss: die Welt, das Pflanzenreich, die Tiere, die Hominiden, die Nuklearphysik und die Geister, die (außer Rand und Band, wie sie nun mal sind) den Himmel blau anmalen, denn Ihr sollt wissen, dass am Anfang (das heißt in den ersten fünf Tagen) der Himmel grün war, weshalb man ihn häufig mit den Wiesen verwechselt hat, die ihre grüne Existenz nun aber ziemlich monoton finden und deshalb in den schönsten Farbabstufungen schillern und die Regenbogen vor Neid ganz verrückt werden lassen, die wiederum, um nicht zurückzustehen, die Form geometrischer Figuren annehmen: Quadrate, Dreiecke, Kuben, Zylinder und vor allem Pyramiden, das erschreckt nun die ägyptischen Pharaonen, diese sich so leicht verliebenden Personen, die daraufhin beschließen, sie unter ihre Vormundschaft zu nehmen. Das macht die Pyramiden so unsäglich traurig, dass sie die Farbe des Staubes annehmen, als Folge der Traurigkeit und der über dem Nil vergossenen Tränen, der damals noch kein Fluss war, sondern ein von Agaven gesäumter Bach mit einem Kiosk voller Jugendstil-Getränke, und dort verlangt ein Herr mit Gicht ein Mensch-ärgere-dich-nicht, und ein Kerl mit dickem Hals verlangt den Streuer mit dem Salz, und irgendein Straßenbahnfahrer verlangt Eselskopf mit Scholle, und eine Hure mit blondem Schnauz verlangt Schwarzbrot und einen reichen Kauz, und ein Progressiver mit Dauerwelle verlangt Weißwein mit einer Kelle, und ein Zigeuner mit Hängeohren verlangt einen gehörnten Toren (und kriegt einen von den Azoren!), und ein Herr aus Etzenrot verlangt ein neues Butterbrot (weil das alte vertrocknet ist), und ein Taxifahrer ohne Orientierung verlangt eine schnelle Amputierung, und die Herzen von Clavé verlangen Tee, und eine Dame aus Moskau verlangt Eier mit Wildsau, und ein Kapuziner verlangt etwas mehr Veltliner, und eine Gruppe Kommunisten verlangt andere Exorzisten, und eine Gruppe buckliger Greise verlangt den Kaviar löffelweise, und einer jener Novellisten verlangt die Keulen von Artisten (auf baskische Art), und ein Konzeptkünstler verlangt Bier, und ein Wächter verlangt Räucherlachs, und ein schwuler Gent verlangt einen Cent, und ein Heterosexueller verlangt einen roten Heller, und ein Advokat aus Perpignan verlangt, dass man ihm die Hand abschneidet, und ein Heer von Echsentieren bekommt rein gar nichts zum Dinieren, und einem starken Esser kappt man die Eichel mit dem Messer, und ein Arbeiter lässt einen fahren, und ein Bürger gehört ins Kittchen, und ein neues Flittchen legt ihre Schenkel hin und verlangt Salate, und man gibt ihr die Zitzen der Teufelin, und sie sagt, wow, Granate, und sie geht in die Bar an der Ecke (mit Orgasmus auf halber Strecke), und ein ganzer Stamm Apachen findet keinen passenden Reim, und sie sterben direkt am Tresen, nun kommt der Straßenkehrer (aus den Vogesen) und führt sie zum Weiden, und es folgt die Schlacht am Wounded Knee, und fast alle sterben, nur Charles Bronson und Karen Black nicht, die sind beim Vögeln und schenken der Welt viele Kinder, und eines von ihnen (schon groß) bestellt Milchkaffee, und der Kellner sagt, er habe nur Tee, und bestellt dann ein Aspirin und erhält Kokain und berauscht sich ein wenig in der Annahme, es sei ein großer Rausch, und dann nehmen sie den Bus, und ein plumper Homunkulus killt sie mit einem Haubitzenschuss und verlangt ein Wörterbuch, mit Senf oder ohne?, und da er zögert, gibt es eine Melone, und sie schmeckt ihm sehr und macht ihm Lust auf mehr, er rülpst und bellt einen Hund an (der ist entsetzt), alldieweil er eine Katze hetzt, die Milch verlangt und Fisch kriegt, doch wählerisch, wie sie ist, läuft sie ins Ritz und bestellt Reis, doch man bringt ihr ein Schwein, sie frisst die Augen auf und stirbt (weil sie verseucht sind), man beerdigt sie rasch an einem schlüpfrigen Abend, der in morgendliche violett-gelb-graue Töne getaucht ist, die den Himmel mit Sehnsuchtsflecken bestücken und die Flügel der Vögel schwarz färben, die immer leiser piepsen, bis sie gar nichts mehr sagen (vielleicht weil sie nichts zu sagen haben), und sie kaufen sich einen Zeitlupenprojektor und verschlingen alle Filme von Claude Lelouch und sterben (offensichtlich) auch, man wirft sie dann ins Meer mit Kapitäns- oder Generalsehren, mit dreizipfligen Fahnen, die es nachts mit dem Fahnenmast treiben und um eine geflohene Zeit weinen, die nie wiederkommen wird, bis sie dann doch wiederkommt und Hallo sagt, und alle tun, als sei nichts geschehen, als seien die vergangenen Jahre wiederherstellbar, und doch ist sie vergangen, stellt eine dunkle, unheimliche Stimme klar, es ist die Stimme des Gewissens, die sich einen blauen Porsche gekauft hat und Alka-Seltzer, und sie verlangt Geduld, man jagt sie zum Teufel, wohin sie auch geht und nicht zurückkommt, stattdessen schickt sie exotische Postkarten und Liebesbriefe, solche, wie du mir geschickt hast, erinnerst du dich?, und sie hören France Inter, Abend und Hoffnung, und eine Blondine in der Nacht kommt auf mich zu und lacht: hvor meget skal man give for en pähaengsmotor?, en kompomisløs pris, vil Johnson-ejerne sige, und ich zweifle (immer wenn ich zweifle, gucke ich meine Fingernägel an), dann blicke ich entschlossen auf und werfe ihr an den Kopf: og der er flere, der floretraekker Johnson-motorer, frem for noget andet maerke i prähaengemotorer, ein Satz, der sie Tränen aus geschmolzenem Glas weinen lässt, die bei der Berührung mit der Erde zu Gin-Flaschen kristallisieren, die ausgemergelte Hände (vergesst nicht: die Wüste tritt euch in den Rücken) an dürstende Münder führen, die mit einem einzigen Schluck den Inhalt leeren, und die Zungen schnalzen an den Gaumen, der so ausgetrocknet ist, dass er in tausend Stücke zerspringt, in denen sich in jedem Einzelnen eine Miniaturreplik unserer eigenen, kleinen, schäbigen Welt befindet und obendrein noch ein orangefarbener Volkswagen, aus dem es aus allen Ritzen qualmt, und vier Paparazzi, die alte Bettdecken in der lobenswerten Absicht schwenken, die Rauchwolken einzudämmen, die sich rosa färben und in die Himmel bis zu den Planeten, den Asteroiden und den Sputniks steigen, und in einem dieser Sputniks sitzt Gott, der mir die Hand schüttelt: Enchanté, sage ich zu ihm, Herr Gott, je suppose? Der große Gauner antwortet mir: Nein, Herr Rott, zu ihren Diensten. Er hält sich den Bauch vor Lachen und macht sich auf in Richtung Paradies, zwischen Wolken aus Engeln und Erzengeln hindurch, die mit Pimmeln und Muschis aus Plastik (da schau mal her, die alte Neigung zur Haarspalterei) auf die Erde pinkeln, und die Haarpracht der Engel und Erzengel ist aus gelber merzerisierter Baumwolle, sie kämpfen miteinander und fallen (oder steigen) durch die intergalaktischen Räume und stolpern über Sterne und Sternchen* und Punkte und Klammern und Buchstaben aller Art, sodass wir gezwungen sind, uns an die Wand zu quetschen, um aus der Druckerei herauszu-kommen, die nach Druckerschwärze stinkt, und wir nehmen ein Taxi und bitten es, uns nach Arrabassada zu bringen, und der Taxifahrer fährt (mit hundert!) los und wir sind umgehend am Hafen. Hier, sagte er, lagerte J. V. Foix Holz. Sie sind verrückt!, antworten wir ihm, Foix hat nie Holz an der Mole gelagert, er hat eine Konditorei in Sarrià! Außerdem hatte ich sie gebeten, mich nach Arrabassada zu bringen! Wütend zieht der Mann einen zerknitterten, in kleiner Schrift bedruckten Zettel voller roter Siegel und blauer Stempel aus der Tasche, die ihm einen offiziellen Anstrich geben. Sehen Sie, da, sagt er, hier steht, dass es verboten ist, nach Arrabassada zu fahren. Und schon gar allein! Sie können sich glücklich schätzen, dass ich Sie nicht anzeige! Los, geben Sie mir das Geld. Ich gebe ihm einen Fünfhundert-Peseten-Schein. Ich kann nicht herausgeben, auf Wiedersehen! Und er flüchtet wie ein Besessener mit dem Schein in der Hand, hui!, und lässt mich allein am Meer und in der sprichwörtlich urbanen Einsamkeit zurück, die genau in dem Moment mit einem norwegischen Seemann anbandelt, blond und hell wie ein Bier, und sie zieht mit ihm von dannen, um eine wahnsinnige Liebesgeschichte zu erleben, die an einem regnerischen Nachmittag an der Côte d’Azur zu Ende gehen wird, in voller, überbordender blauer Menstruation, während Schiffe ohne Heck die atlantischen Meere durchfurchen und die weißen Bierschaumkronen den Sand, die Häfen und Felsenküsten zärtlich lecken und die Möwen verschlingen, die knapp über den Wellen fliegen (die Wellen, die als Wasserscheitel die Mähne des Meeres zerzausen). All das am sechsten Tag. Am siebten Tag ruht Gott, unser Herr. Danach kommt Haydn und komponiert das Oratorium.
Die deutschen Reime sind von Harald Bronstering.
* »Sternchen: sternförmiges Kennzeichen in Texten, grafischen Darstellungen o. Ä. als Verweis auf eine Anmerkung, Fußnote«, Duden, Deutsches Universalwörterbuch. – 4., neu bearb. u. erw. Aufl., Mannheim 2001, S. 1517
Über die Nichtigkeit menschlicher Wünsche
Als ich die Insel erreichte, wähnte ich mich dem Tode nah und zweifelte an meiner Fähigkeit, so viel rote Sonne und ebenso viel Einsamkeit zu ertragen: überall Wasser, Wasser im Norden, im Süden, im Osten, im Westen, wohin auch immer sich mein Blick wandte, blaues oder graues oder grünes oder schwarzes Wasser, ein verschlafener Horizont und der kalte Klang der Wellen, die das Weiß des Sandes tränkten. Ich schwamm ans Ufer, völlig erschöpft, und als ich mich umdrehte, sah ich gerade noch, wie der hintere Teil des Schiffes (das man Heck nennt) endgültig in der Tiefe versank. Ein paar riesige Luftblasen stiegen vom Meeresgrund empor, und schon gab es kein Schiff mehr. Jetzt war ich völlig allein und überlegte, ob vielleicht irgendeine andere Person die Tragödie überlebt hatte, doch offenbar war ich der einzige Überlebende, der Einzige, der es geschafft hatte, diese Insel zu erreichen, auf der weit und breit keine Menschenseele zu sehen war. Demnach waren alle tot: der Tod, Herr der Dämmerung, die über meinen Kopf und meinen Körper hereinbrach. Wundgescheuert und zermürbt, war ich überzeugt, dass diese klitzekleine Insel nicht meine Rettung war, sondern vielmehr das Hinauszögern meines endgültigen Todes, mein zukünftiges Grab, der Stein, der mein Grab nach ein oder zwei Tagen verschließen würde, je nachdem, wie lange mein Körper kämpfte. In meiner Hoffnungslosigkeit nahm ich an, keine Nahrung zu finden, doch die Insel war voller Früchte und Pflanzen und seltsamer Tiere (beispielsweise Kaninchen mit Entenköpfen und Greifzungen). Am zweiten Morgen (ich hatte den ganzen Tag und die ganze Nacht geschlafen) schlug ich die Augen auf und hatte das Gefühl, Feuer peitsche meine Haut: Es war die Sonne, die mich verbrannte. Bald sah ich ein, der einzige Ausweg war Überleben. Und Überleben bedeutete zu lernen, mit dieser Einsamkeit, diesem heißen Wind und der ewigen über dem Meer vor meinen roten Augen schwebenden Zeit zu leben. Ich wanderte am Strand entlang, ging schwimmen, kühlte meinen verbrannten Rücken mit Wasser und kehrte an den Strand zurück. Und da fand ich die Leiche, eine alte, traurige Leiche, an eine glitschige Holzplanke geklammert, die genauso nutzlos war wie sie selbst. Ertrunken und namenlos lag sie nun ausgestreckt im Sand. Mit der Fußspitze drehte ich sie auf den Rücken und erkannte einen der Matrosen vom Schiff: mit Augen wie Nacktschnecken und einem dunklen, aufgeblasenen Kindergesicht. Ekel. Vielleicht würden noch weitere Leichen angeschwemmt werden, doch weit und breit war nichts zu sehen. Alle anderen sind im Meer, sagte ich zu mir und schubste ihn dabei mit dem Fuß ins Wasser, in der Hoffnung, die Wellen trügen ihn mit sich fort (eine sinnlose Hoffnung, denn die Leiche kam immer wieder, ein ums andere Mal, jeden Tag). Manchmal blieb sie eine Weile verschwunden, und wenn ich schon dachte, ich sähe sie nie wieder, lag sie am Tag darauf wieder am Strand, zehn Meter weiter vielleicht oder gar auf der anderen Seite der Insel. Diese verrückte, schmutzige, alte, traurige und dumme Leiche ließ mich einfach nicht in Ruhe, so oft ich sie auch ins Meer schubste, sie kam immer wieder, bis sie eines Tages dann doch wegblieb, so als hätten die Fische sie endlich aufgefressen. Mit ihrem Verschwinden wurde mir erst bewusst, wie allein ich war, mir fiel (wie könnte es anders sein?) Robinson Crusoe ein, und ich machte mich auf die Suche nach einem Freitag, aber es gab hier nicht eine verdammte Menschenseele. Ich begann die winzige, aber hügelige Insel zu erforschen, mit ihren kleinen Anhöhen und den Buchten durchsichtigen, rosigen Wassers, den weißen Stränden und lilliputanischen Felsenküsten. Ich entdeckte eine kühle Höhle, die ich umgehend zu meiner Behausung machte. Allerdings lief sie bei Regenwetter mit Wasser und Schlamm voll. Ich aß Früchte vom Baum, seltsame Fische und zwischendurch auch mal eines dieser behaarten Entenkaninchen, das ich mit Steinen jagte. Ich stellte mir auf niedrigstem Niveau ein Programm für ein zufriedenstellendes Leben zusammen: Ich schlief viel, ging schwimmen, doch vor allem dachte ich nach (es ist schrecklich, wie viel Zeit man unter solchen Umständen zum Überlegen hat, alles wie in einem Film, den man mal in einem Kiezkino gesehen hat, mit dem einzigen Unterschied, dass hinterher nicht die Lichter angehen und wir nicht das Kino verlassen, denn dieser Film lief ununterbrochen Tag und Nacht, er war meine alltägliche Existenz). Meine ganze Umgebung schien nichts anderes als Kulisse zu sein, so als müsste ich eines Tages aufstehen, in die Hände klatschen und ausrufen: Auf, es reicht jetzt, Schluss mit dem Theater. Und danach wäre alles wieder normal. Das heißt: Ich würde wieder ein Standardleben in einer fernen Standardstadt leben. Doch aus Angst vor der schlimmsten aller Enttäuschungen konnte ich mich nicht dazu durchringen, in die Hände zu klatschen. Auf der ganzen Insel fand ich nie eine menschliche Fußspur. Nichts. Da die Gegenwart sich für mich eher verdrießlich darstellte, pflegte ich die Erinnerung an vergangene Zeiten: als ich klein war und in die Schule ging, an die Schulfreunde, an meine Zeit bei der Armee, an die Straßen voller Menschen, an meine Kinobesuche, an Vanilleeis und Orangeade, literweise Orangeade, holländisches Bier, Omelett aus zwei Eiern und Tomatenbrot, Salat, Schneckennudeln, Paprikawurst, Filetsteaks, Seehecht auf baskische Art, Schokolade mit Sahne in der Petritxolstraße, Mandelmilch und Coca-Cola, ans Fernsehen und ans Einschlafen beim Radiohören, wenn ich es satt hatte, spätnachts mit Unbekannten in lauten Kneipen zu reden. Beim Onanieren denke ich an all die namenlosen Frauen, mit denen ich im Bett war. Wie weit entfernt diese Welt doch war und wie gruselig, den Samen auf den weißen Sand des Strandes spritzen zu müssen. Die Landschaft vor mir verändert sich kein bisschen: monoton und konzentrisch, gleichgültig und geschlechtslos. Eines Tages sah ich ein Flugzeug, das den Himmel von einem Horizont zum andern durchquerte. Nach ein paar kurzen Sekunden verschwand es. Am nächsten Tag kehrte ich an denselben Ort zurück und beobachtete den ganzen Tag lang den Himmel. Es ödete mich an, von morgens bis abends dieses selbe fade Blau zu sehen, welches sich verdunkelte und zu einem besternten Schwarz wurde. Ich sah nie wieder ein Flugzeug. Verrücktes Flugzeug, enigmatisches Charterflugzeug, das sich in der Route geirrt hatte.
An dem Tag, an dem in Erfüllung ging, was ich mir so lange erträumt hatte, war ich wie an jedem Morgen der vielen tausend Morgen meiner wilden Existenz aufgestanden. Ich hatte in den durchsichtigen Gewässern gebadet und wollte gerade ein paar Früchte essen. Da merkte ich plötzlich, wie ich meine Augen überrascht aufriss: Vor mir lag ein riesiges, weißes, schweigendes Schiff. Das Wunder verschwand nicht, als ich meine Augen rieb. Ich rannte ins Wasser und machte vor lauter Freude Luftsprünge, während sich ein Boot mit vier oder fünf Männern an Bord, die mir Handzeichen machten, langsam dem Strand näherte. Ich weinte vor Freude: Bald wären das Vanilleeis, das holländische Bier, die heiße Schokolade mit Sahne in der Petritxolstraße, die Nächte, in denen ich bei Radio Joventut einschlief, wieder da. Nach ihrer Ankunft am Strand mit den vorhersehbaren Umarmungen und den Versuchen, in einem Kauderwelsch ein Gespräch zustande zu bringen, gab man mir ich weiß nicht was für Pillen gegen alle Krankheiten der Welt, ein Arzt untersuchte mich von oben bis unten und erklärte schließlich, ich sei vollkommen gesund. Doch sie schauten mich alle etwas komisch an. Ich dachte, das läge vielleicht an meiner Magerkeit oder an meinem Bart . . . Unterdessen landeten sie weiter an (sie waren viele: Dutzende von Personen, Männer und Frauen) und durchforschten das Gelände. Ich fragte mich, warum sie in so großer Zahl an Land gingen und was sie hier wollten, anstatt mit mir ins Boot zu steigen und zum Schiff zu fahren, das uns ein für alle Mal heimbringen würde (und heim bedeutete jeden Ort, an dem ich die Möglichkeit hatte, mich in einem Bad mit glänzenden Kacheln zu duschen, mich mit einem Handtuch abzutrocknen, deutsche Küche zu essen, Leute zu treffen, wieder ins Kino zu gehen und mich zu besaufen). Weitere Boote landeten an, voll bepackt mit riesigen Bündeln und Kisten. Ich näherte mich dem, der aussah, als habe er am meisten zu sagen, und fragte ihn, wann wir abfahren würden. Wir werden nicht mehr von hier fortgehen, antwortete er. Wir haben uns entschlossen, vor dem Wahnsinn der jetzigen Welt zu fliehen und an einem fernen Ort, ohne Qualm und Neid, Furcht und Angst, eine Gemeinde zu gründen, eine neue Welt, in der wir alle Brüder sind (dabei öffnete er lächelnd seine Arme, schaute eine lange Weile in den Himmel und fuhr fort): Wir sind hierhergekommen, um unsere Gemeinde aufzubauen. Während er das sagte, nahmen seine Gefährten schon das Schiff auseinander und begannen, mit den Brettern Wände und Dächer zu errichten.
Frau mit Mehari
Die Diskrepanz zwischen den beiden sich überlagernden Bildern diesseits und jenseits der Scheibe (das eine der bucklige Alte, der ein Glas Rotwein für ein paar Peseten trank, und das andere du, das goldene Mädchen mit dunkler Brille, du, die du dabei warst, einen orangefarbenen Citroën Mehari einzuparken) war so groß, dass ich nie mit deinem Eintreten in diese Bar aus glänzendem Resopal gerechnet hätte, in der ich den ersten Gin Tonic des beginnenden Abends austrank. Als du dich direkt neben mir auf dem Barhocker niederließest, verstand ich in einer diffusen Art und Weise, dass sich die Welt manchmal in unserem Sinne dreht.
Du bestelltest einen Martini Bianco, öffnetest deine Reisetasche und holtest ein Päckchen Dunhill heraus. Du zündetest dir eine Zigarette an und bliest weiße Ringe hoch in die kalte Luft zu der dunkel verkleideten Decke. Es ist müßig, sich jetzt noch daran erinnern zu wollen, wie wir ins Gespräch gekommen sind; ich weiß es nicht: Vielleicht hat einer, du oder ich, um Feuer gebeten oder machte irgendeinen Kommentar und fand ein offenes Lächeln, oder einer von uns beiden schaute in die Augen des anderen, in eine warme, sanfte Tiefe.
Wir schütteten Gin Tonics und Martinis in uns hinein: Vor unseren Augen verwandelte sich der Tresen in ein Schachspiel aus durchsichtigen Flaschen. Wir rauchten deine Zigaretten auf und mussten dann Ducados kaufen, weil es in dieser unbestimmten Bar aus metallischem Schweigen nichts anderes gab.
Draußen auf der Straße war der Himmel bereits ein schwarzer Fleck, und vor unseren Augen öffnete sich eine schiefe, aus Lichtpunkten, Farben, trockenen Tönen und unbestimmten Düften verdichtete Nacht. Wir stiegen in den Mehari, und du behauptetest, du habest ihn gestohlen, was ich mir erlaubte, nicht zu glauben, während ich euch im Geiste in die entsprechende Schublade steckte: dich als Tochter aus gutem Hause und das Auto als Geburtstagsgeschenk von Papa. Wo willst du hinfahren?, fragte einer von uns beiden, der andere deutete mit einer vagen Handbewegung einen unbestimmten Ort an, nickte lächelnd mit dem Kopf und atmete tief durch, um den Alkohol in den Magenkanal zu befördern.
Wir aßen belegte Baguettes auf der Rambla, bevor wir in ungemütlichen Bars mit exotischen Namen Unterschlupf suchten, wo wir sogenannte polynesische Flüssigkeiten zwischen heimischen Mittelmeerpflanzen zu uns nahmen. Schließlich umarmten wir uns in einer kalten, lauten, verrauchten Disco. In dem Rotlicht-Abschnitt der Rambla tranken wir mehrere Kaffee, hörten Musik im La Chapa und machten uns über die Leute lustig, über die Snobs mit Schrumpfgeist, wie wir sie nannten.
Wir kehrten zu deinem Auto zurück und setzten uns hinein. Eine Weile lang sagte keiner von uns beiden ein Wort. Schließlich hob einer den Kopf und merkte, dass der andere ihn beobachtete und lächelte. Wir lächelten. Du warst es dann, die von deinem Apartment sprach, anfuhrst, in den zweiten Gang schaltetest, noch einmal die ganze Stadt durchquertest und in einer einsamen Straße mit weit auseinanderliegenden Straßenlaternen und schlaflosen Bäumen parktest. Wir betraten eng umschlungen den Fahrstuhl, suchten unsere Zungen, bis der Ruck unserer Ankunft uns überraschte, er unterbrach unseren Kuss, brachte uns zum Lachen.
Ich ließ mich in die bunten, barocken Kissen fallen. Du fragtest mich, was ich trinken wolle, und ich antwortete, einen Wodka Orange. Du legtest brasilianische Musik auf: Samba, Vinícius de Moraes, der die Nacht mit unendlich blauem Wasser füllte, mit Licht, mit weißem Sand, auf dem du mich vor Lust badetest, mir in die Lippen bissest, mich in den Ecken des Gelächters suchtest, deine Haare wie einen Fächer auf meiner Brust ausbreitend, mit deinen so weiß blitzenden Zähnen und deinen lachenden Augen, grün wie feuchte irische Wiesen. Vinícius verlor sich in der Ferne jenseits der Noten, sentindo a terra toda rodar, eine flüssige Musik, die deine Brüste streichelte, indem sie über deine Bluse strich, während du meine Hände den Reißverschluss deiner Jeans öffnen ließest und wir uns hastig auszogen, dein Mund verlor sich zwischen Zärtlichkeiten und Bissen im Dickicht meiner Schenkel, wir hielten oft inne und schauten uns lange an, zornige Schatten mit einer Spur Alkohol.
In dem Augenblick sah ich deine Brüste: Deine Bluse war aufgeknöpft, und ich erstarrte vor Schreck, mein Mund blieb offen stehen. Du sagtest lachend: Jetzt bist du erstaunt? Ich wusste nicht, was tun, was sagen, wie reagieren. Sicher verstehst du, dass es keineswegs normal ist, auf zwei durchsichtige Brüste zu blicken, in denen eine Art tropische Flora mit Talipotpalmen, Dattelbäumen und Zwergpalmen wächst, die sich in assyrischen Brisen, ägyptischen Nordstürmen und amazonischen Monsunwinden wiegen und in denen vor einem Hintergrund aus fast reifen Granatäpfeln kleine Papageien, Aras, Kakadus und Tauben in hunderttausend Farben herumflattern.
Du wirst auch verstehen, dass ich für einen Moment lang kurz davor war, die Flucht zu ergreifen. Und jetzt erinnere ich mich, es war dein lustiges Bild, was mich zum Bleiben bewegte, deine roten Lippen, deine ironischen Augen, der Speichel, der deine Zähne glänzen und mich Durst fühlen ließ. Ich spürte, wie meine Erektion zurückkam, ich kniete nieder und beugte mich über dein braunes Fleisch, um es zu zerfetzen und zu zerlegen. Ich streichelte deine Brüste, diese weichen, durchsichtigen Brüste, und beobachtete, wie sie sich bewegten und wie drinnen die Papageien sangen und die Pflanzen bei jedem Stoß lachten. Ein Chor von gelben Papageien schmetterte, als wir uns küssten, und die Tauben flogen in die Luft über einem Meer aus zitternden Algen. Bei unserem Orgasmus wehten die heißesten Winde durch die Palmblätter, über die dunklen Schaumkronen auf deinen Ozeanen und durch die roten gelben weißen orangefarbenen Federn, die bereits auf meinem Rücken wuchsen, aus dem schnell die Flügel herausstießen, kurz bevor ich schrumpfte und dieser goldene Schnabel entstand, mit dem ich jetzt mit dir rede. Und nie wieder werde ich eine Brille tragen müssen, nie wieder Hemd und Krawatte, ich werde keine dummen Wechsel mehr begleichen und keine U-Bahn-Fahrkarte in der Rushhour kaufen müssen, nun, als grün-gelb-roter Papagei in deiner glücklichen, heißen Brust.
Vertrauliches
Ich war schon immer ein Flattergeist, damit das von Anfang an klargestellt ist. Ob von Natur aus oder durch die Umstände, wie man in solchen Fällen sagt, weiß ich nicht. Schon als Kind habe ich oft die Schule gewechselt (das besagt allerdings nicht viel, wenn man genauer darüber nachdenkt, denn meine Unbeständigkeit könnte sowohl auf diesem Tatbestand beruhen als auch genauso gut vom Gegenteil herrühren: Infolge einer genetischen Unbeständigkeit wechselte ich als Kind häufig die Schule; egal, so wichtig ist das auch nicht). Mein Vater war auch so, ich meine, wie ich; meine Mutter hingegen war beständig und saß fest auf ihrem Posten: Ihr ganzes Leben war der Hausarbeit gewidmet. Das ist das Schicksal der Frau, sagte sie, und zog dabei so viel Luft in sich hinein, dass man das Gefühl hatte, als würde das Zimmer ganz leer werden und gleich ihr Busen platzen. Heute würde sie wahrscheinlich anders reden, denn die Zeiten haben sich geändert, und sie war das lebende Beispiel für eine vollkommene Anpassung an ihre Umwelt. Bevor ich zur Kommunion ging, vertrieb ich mir sehr gerne die Zeit mit Bockspringen und Dame, ich machte tagelang nichts anderes. Aber dann setzte die Langeweile ein, und ich entwickelte eine Begeisterung für Schach und spielte auf der Straße Fußball mit Kronenkorken, doch auch diese beiden Spiele interessierten mich bald nicht mehr. (Ich weiß nicht, wer gesagt hat, ein Spiel, bei dem sich beide Spieler über die Regeln einig sind, sei unnütz und langweilig, denn das einzig Spannende entstehe daraus, sich über nichts einig zu sein, nicht einmal über die Spielregeln). Ich studierte Maschinenbau, doch schaffte ich, wie vorauszusehen, nicht einmal zwei Semester, da ich zwischenzeitlich in einer Rockband spielte und darüber das Ingenieurwesen in all seinen Varianten vergaß. Im ersten Monat lief alles gut. Im zweiten wurde ich gefeuert, weil ich so oft zu spät kam. Glücklicherweise hatte ich schon stundenweise eine Arbeit in einer Knopffabrik gefunden. Nach der Probezeit wurde ich allerdings nicht übernommen, weil ich meinen Wehrdienst noch nicht abgeleistet hatte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich freiwillig zu melden. Im Grunde genommen gefiel mir der militärische Geist nicht schlecht: Ich hatte viele Filme zu dem Thema gesehen und fand das Militär eigentlich ziemlich gut. Wie fast alle wurde ich nach Zaragoza geschickt. Ich werde Ihnen jetzt aber keine Rekrutenabenteuer erzählen, das wäre geschmacklos. Ich werde Ihnen nur mitteilen, dass ich ein stotterndes Mädchen kennenlernte, das sich anfassen ließ. Als sie bemerkte, dass sie schwanger war, trieb ich mich, Gott sei Dank, bereits in Holland herum und spielte in einer Jazzband. (Da dort alle ständig besoffen waren, spielte es kaum eine Rolle, ob man rechtzeitig oder zu spät kam.) Man muss dazu sagen, musikalisch war es eigentlich auch egal, ob man da war oder nicht. Das ging so einen Sommer lang, bis sie mich verhafteten und in den Knast steckten (nicht weil ich Free Jazz spielte, sondern weil man bei mir ein Päckchen Shit, ein Sortiment Acids und ein bisschen Heroin fand, womit ich mir ein Zubrot hatte verdienen wollen, ein schlechter Rat von Lou Reed, so ist das eben). Ein Jahr später setzten sie mich an der Grenze ab (es war ein Tag, an dem der Himmel bewölkt war und ein Wind blies, der die Fahnenmasten bog und das feuchte Grün der flämischen Wiesen silbern schimmern ließ). Langsam fuhr ich mit dem Zug nach Hause, erstens weil ich keinen Pfennig mehr besaß und zweitens weil ich vermutete, dass die Geschichte mit der Aragonesin inzwischen vergessen war. Gott sei gedankt, dem war auch so. Mit der Hilfe eines Onkels aus Sabadell bekam ich einen Arbeitslosenausweis. Ich pries mich glücklich: Arbeitslosengeld zu bekommen und nicht malochen gehen zu müssen. Doch eines Tages lernte ich einen Typen von ich weiß nicht welcher sozialistischen Partei kennen. Er machte mich verbal so lange fertig, bis ich meine kontemplative Haltung dem Leben gegenüber bereute. Da ich Reue zeigte, bot er mir einen Job in einer Werbeagentur an, mit der er irgendetwas zu tun hatte. Die Arbeit war furchtbar: Textredaktion für neurotische Kunden, die nicht im Mindesten wussten, was sie wollten, und die beim ersten Problem von ihrer Anzeige Abstand nahmen. Die Krise, sagten sie, und ich weiß nicht, von welcher Krise sie sprachen (seit meiner Geburt spricht immer irgendjemand in meinem Umkreis von Krise). Eines Morgens aber erwischte man uns dabei, die Chefsekretärin und mich, wie wir unsere gesunden sexuellen Triebe befriedigten, etwas, was zwar schlimm war, aber nicht so eine große Bedeutung gehabt hätte, wenn nicht der Herr Chef persönlich (zusammen mit allen Mitgliedern des ehrenwerten Verwaltungsrates) die Entdeckung gemacht hätte, in dem Moment, als sie zur vorbereitenden Sitzung für die Jahreshauptversammlung den Raum betraten. Man muss dazu sagen, dass die Sekretärin und ich mitten auf dem langen, lackierten und leicht ovalen Tisch des Sitzungssaales bumsten (man verzeihe mir diesen unanständigen Ausdruck), um uns herum eine Riege von ehemaligen Generaldirektoren des Unternehmens (glücklicherweise allesamt längst verschieden), die uns durch eine ölige Patina hindurch aus prunkvollen Goldrahmen zuschauten. Man entließ uns. Auf der Straße und ratlos, was tun, fühlte ich mich dazu verpflichtet, sie zum Frühstück einzuladen. Sie heulte so furchtbar, dass die Leute um uns herum mich wohl für wer weiß welchen hinterhältigen Kindsmörder hielten und mir böse Blicke zuwarfen. Meine Stelle . . ., schluchzte sie und fing erneut an zu heulen. Geschickt entschuldigte ich mich zum WC. Ich flüchtete durch das Fensterchen, wie ich es in einer italienisch-amerikanischen Koproduktion gesehen hatte, ich kann mich nicht erinnern, ob in Farbe oder in Schwarz-Weiß. Sieh an, sagte ich zu mir, ein trauriges Ende einer zu leidenschaftlichen Liebe. Und ich sage Liebe, denn ich liebte dieses Mädchen wirklich. Ich verliebte mich erst wieder einen Monat später, als ich bereits in einem Zirkus als Jongleur arbeitete (ich hatte die Arbeit über den bereits erwähnten Onkel aus Sabadell bekommen, Textilfabrikant und in seiner Freizeit Akupunkteur). Nun ja, ich verliebte mich in eine Tigerdompteuse (die einzige in ganz Europa, stand auf dem Werbeplakat). Sie war groß und blond und blauäugig und hatte einen germanischen Akzent. (In Wirklichkeit war sie eine Frau aus Narbonne, falscher als ein falscher Fuffziger.) Sie hieß Louise, aber man nannte sie Ulrike, weil das nordisch und kühn klang. Ich verfolgte sie wie ein Wahnsinniger, schickte ihr Rosen, Nelken und Pralinen, spionierte durch ihr erleuchtetes Fenster, wenn sie sich auszog, bevor sie zu Bett ging (und manchmal konnte ich ihre Umrisse erahnen, die sanfte Bewegung ihrer Brüste, den Samt zwischen ihren Schenkeln). Eines Abends entschloss ich mich schließlich (der Zirkus hatte seine Zelte außerhalb von Elx aufgeschlagen: eine heiße Landschaft, hinter den Bergketten orangefarbenes Grau, der Mond wie eine Silbermünze), ihr meine ganze Liebe zu erklären. Klopf, klopf, klopf, nachdem ich die Stufen des Wagens hinaufgestiegen war, pochte ich an die Tür. Drinnen war es dunkel, niemand antwortete. Ich suchte sie auf dem ganzen Lagerplatz. Endlich fand ich sie in dem Tigerkäfig, wo sie es mit einem der Tiere trieb. Vor der Käfigtür hockend (hinter mir ihre Lustschreie und das orgastische Brüllen des Tigers), entschied ich, dass Jonglieren doch nicht meine Zukunft war. Am nächsten Morgen war ich bereits weit weg, verschwitzt und erschöpft, unter einer sengenden Sonne mit brennenden Füßen und einem dummen Blumenstrauß in der Hand, den ich auf der Stelle fallen ließ. Danach arbeitete ich als Kellner und Nachrichtensprecher, als Nachtwächter und technischer Zeichner, als Florist, als Maître in einem drittklassigen Restaurant, als Fischer an der isländischen Küste und als Hausverwalter. Jetzt geht mir erst auf, dass alles, was ich Ihnen bisher erzählt habe, nichts mit dem zu tun hat, was mir später passiert ist. Aber vielleicht mit dem, was ich jetzt erlebe. Ich weiß nicht. Abgesehen von einem Flattergeist war ich immer auch ein Zauderer. Eigentlich wollte ich Ihnen erzählen, dass ich eines Tages während eines Urlaubs in Cadaqués gestorben bin. Ich hatte mir den Tod wie einen schmerzhaften Traum vorgestellt, ich würde das Bewusstsein verlieren und zu einem kalten Nichts werden. Nun, und da ist mein Problem: Ich habe keinerlei Veränderung gemerkt: Ich wärme mir weiter meinen Schädel, und auch wenn ich nicht Hungers sterben kann, so habe ich doch derart Lust zu essen, dass ich nicht darauf verzichten kann und mir nichts anderes übrig bleibt als wie zuvor zu arbeiten oder eigentlich noch mehr. Sprechen wir nicht von den Verdauungsvorgängen. Was für einen Unterschied gibt es also zwischen Leben und Tod? Ich habe mir den ganzen Bergman reingezogen (allein Das siebente Siegel habe ich sieben Mal gesehen) und den ganzen Espriu gelesen. Nicht ein Wort habe ich verstanden. Ich habe mich für ihre Filme und Bücher interessiert, weil es heißt, sie sprächen über den Tod. Früher machte ich mir Sorgen; jetzt nicht mehr: Neulich habe ich einen kennengelernt, der ist schon zwei Mal gestorben. Wir sind sehr gute Freunde geworden, und am Wochenende fahren wir nach Sitges zum Flirten. Wir überlegen, ob wir eine Metzgerei aufmachen. Mir würde allerdings ein Käseladen im französischen Stil besser gefallen, auch wenn ich ihn sicher bald satt hätte. In der Zwischenzeit schreibe ich, wie ihr seht: Erzählungen.
Olivetti, Moulinex, Chaffoteaux et Maury
»Je suis fier de dire que toute ma vie je me suis battu
contre les idées que je défends en ce moment.«
»Je suis fier de vous répondre que
moi, c’est exactement le contraire.«
WOLINSKI, Charlie Hebdo, Nr. 346
Zwei Juden treffen sich im Eisenbahnwagen
einer galizischen Station.
»Wohin fahrst du?«, fragt der eine.
»Nach Krakau«, ist die Antwort.
»Sieh’ her, was du für Lügner bist«, braust der andere auf.
»Wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du doch,
daß ich glauben soll, du fahrst nach Lemberg.
Nun weiß ich aber, daß du wirklich fahrst nach Krakau.
Also warum lügst du?«
Zitiert von SIGMUND FREUD in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten
Der Aufsatz
Was machte ich am Sonntag? – Sonntag war ein ganz und gar sonniger Tag, und ich ging mit Mama und Papa spazieren. Mama trug ein beiges Kleid und darüber eine eierschalenfarbene Strickjacke, Papa einen metallblauen Pullover, eine graue Hose und ein offenes weißes Hemd. Ich hatte auch einen blauen Pullover an, meiner war aber heller als der von Papa und hatte einen runden Halsausschnitt. Dazu trug ich eine braune Jacke, etwas hellere braune Hosen und rote Sportschuhe. Mama hatte helle Schuhe an und Papa schwarze. Morgens machten wir einen Spaziergang und gingen dann am späten Vormittag zum Frühstück ins Balmoral. Wir löffelten eine dicke Schokolade mit Schlagsahne und aßen eine gefüllte Schneckennudel, und ich bestellte Croissants. Danach gingen wir zu den Blumenständen. Es gab rote, gelbe, weiße, rosa und sogar blaue Blumen. Papa behauptete allerdings, sie seien gefärbt. Dann waren da noch grüne und violette Pflanzen und große und kleine Vögel. Am Kiosk kaufte Papa die Zeitung. Wir machten auch einen Schaufensterbummel, und einmal, als wir lange vor einem Schaufenster mit Pullovern standen, sagte der Papa zur Mama, sie solle sich beeilen. Dann setzten wir uns auf eine grüne Bank auf einem Platz. Da saß auch eine alte weißhaarige Dame mit knallroten Wangen, so rot wie Tomaten, und fütterte die Tauben. Sie erinnerte mich an meine Oma. Papa las die ganze Zeit Zeitung, und ich bat ihn, die Zeichnungen anschauen zu dürfen. Er gab mir die halbe Zeitung und sagte, ich solle sie nicht kaputt machen. Weil der Papa die ganze Zeit nur Zeitung gelesen hatte, sagte Mama auf dem Heimweg zu ihm, dass sie von seinem ewigen Zeitunglesen die Nase voll habe: Er lese sie daheim, beim Frühstück, beim Mittagessen, auf der Straße, beim Laufen, in der Bar, beim Spazierengehen. Papa antwortete nicht darauf, sondern las weiter, Mama schimpfte weiter, dann tat es ihr wohl irgendwie leid, denn sie gab mir einen Kuss, und als sie in der Küche war, um den Reis zu kochen, sagte Papa zu mir, ich solle mir nichts daraus machen. Wir aßen Reiseintopf, den ich nicht mag, und Fleisch mit geschmorten Paprika. Paprika esse ich eigentlich gern, aber das Fleisch mag ich nicht, weil es noch ziemlich roh ist, die Mama sagt, es sei besser so, aber mir schmeckt es nicht. Ich esse lieber Fleisch, was richtig durch ist, wie in der Schule. Dafür mag ich in der Schule die Vorspeisen nicht, nie. Zu Hause darf ich Wein mit Limonade trinken. In der Schule nicht. Am Nachmittag bekamen wir Besuch von meinem Onkel, meiner Tante und meinem Vetter. Mein Onkel und meine Tante setzten sich mit meinen Eltern ins Wohnzimmer, plauderten und tranken Kaffee. Mein Vetter und ich gingen zum Spielen in den Garten, zuerst spielten wir mit den Madelman-Figuren, dann Tischfußball und danach Ball, dann mit dem Feuerwehrauto und schließlich Astronautenkrieg. Mein Vetter machte Theater, weil er am Verlieren war. Er kann nie verlieren, und das geht mir wirklich auf die Nerven. Also musste ich ihm eine knallen, und er fing ganz laut an zu flennen, Mama, meine Tante und mein Onkel kamen heraus, und Mama fragte, was passiert sei, und bevor ich antworten konnte, deutete mein Vetter auf mich, er hat mich geschlagen, und Mama gab mir eine Ohrfeige, ich fing auch an zu heulen, und wir gingen alle ins Wohnzimmer, Mama nahm mich an der Hand, und Papa las Zeitung und rauchte eine Zigarre, die der Onkel ihm mitgebracht hatte, Mama sagte zu ihm, die Kinder bringen sich im Garten gegenseitig um, und du machst es dir hier seelenruhig auf dem Sessel bequem. Meine Tante meinte, das ist doch nicht so schlimm, aber Mama sagte, es ist immer das Gleiche, und manchmal habe sie einfach die Faxen dicke. Dann gingen mein Onkel und meine Tante, und beim Weggehen streckte mir mein Vetter die Zunge heraus und ich ihm auch, dann machte Papa den Fernseher an, es kam Fußball, und Mama sagte ihm, er solle umschalten, denn im Zweiten gebe es einen Spielfilm, und Papa sagte, nein, er schaue sich jetzt das Fußballspiel an.
Dann ging ich in den Garten, um die Puppe zu besuchen, die ich neben dem Baum eingegraben hatte, ich buddelte sie aus, streichelte sie und schimpfte mit ihr, weil sie sich vor dem Essen nicht die Hände gewaschen hatte, dann vergrub ich sie wieder und ging in die Küche zu Mama, die weinte, und ich sagte zu ihr, weine nicht. Dann setzte ich mich aufs Sofa neben Papa und schaute ein bisschen Fußball, doch bald wurde mir langweilig, und ich schaute mir Papa an, der aussah, als würde er auch nicht Fußball gucken, sondern mit dem Kopf irgendwo anders sein. Dann kam Werbung, was ich am liebsten sehe, und die zweite Halbzeit, ich ging zu Mama, die das Abendessen vorbereitete, danach aßen wir, im Fernsehen kam ein Zeichentrickfilm und dann Nachrichten, danach ein alter Film mit einer tollen blonden Schauspielerin mit richtig viel Busen, deren Namen ich aber nicht weiß. Aber dann schickten sie mich ins Bett, weil es spät war, ich stieg die Treppen hoch und legte mich ins Bett, und vom Bett aus hörte ich den Film und wie sich Papa und Mama zankten, aber wegen des Fernsehers konnte ich nicht verstehen, was sie sagten. Dann schrien sie sich an, und ich stand auf, um an der Tür zu horchen, doch da alles dunkel war, konnte ich nicht richtig sehen, nur das Licht des Mondes schien durch das Fenster zum Garten herein, und da ich kaum was erkennen konnte, stolperte ich und musste zurück ins Bett, weil ich Angst hatte, sie könnten nachsehen, was das für ein Geräusch war, aber sie kamen nicht. Ich lauschte, wie sie weiter stritten. Jetzt konnte ich sie besser verstehen, weil sie offenbar den Fernseher ausgemacht hatten, und Papa sagte zu Mama, sie solle aufhören, ihn zu nerven, und schrie sie an und warf ihr vor, sie habe keine Ziele, Mama schrie ihn auch an und warf ihm an den Kopf, ich weiß nicht, dass er das Haus verlassen solle oder dass sie das Haus verlassen werde, dann sagte sie wütend den Namen einer Frau, und ich hörte, wie Glas zu Bruch ging, das Schreien wurde noch lauter, und zwar so laut, dass man nichts mehr verstehen konnte, dann hörte ich einen noch viel lauteren Schrei und dann nichts mehr. Danach gab es viele, aber ganz leise Geräusche, so als ob man beim Putzen die Sofagarnitur hin- und herzieht. Ich hörte, wie die Tür zum Garten geschlossen wurde. Jetzt stand ich wieder auf, draußen waren Geräusche, deshalb schaute ich aus dem Fenster, ich fror an den Füßen, weil ich barfuß war. Im Garten war es dunkel, und man konnte nichts erkennen, aber es sah aus, als würde Papa neben dem Baum graben, ich hatte Angst, er könne die Puppe entdecken und mich bestrafen, und kroch deshalb im Dunkeln ins Bett zurück und deckte mich gut zu und versteckte sogar das Gesicht unter der Decke und machte die Augen fest zu. Ich hörte, dass nicht mehr gegraben wurde, dann Schritte, die die Treppe hinaufstiegen, ich stellte mich schlafend, und wie die Tür zu meinem Zimmer aufging, dachte ich, sie schauen mich jetzt sicher an, doch ich konnte nicht erkennen, wer es war, denn ich stellte mich ja schlafend und konnte darum nichts sehen. Danach ging die Tür zu und ich schlief ein. Am nächsten Morgen, das war gestern, sagte mir Papa, Mama habe uns verlassen, dann kamen ein paar Herren, die viel gefragt haben, und ich wusste nicht, was ich antworten sollte, und weinte die ganze Zeit, und dann wurde ich zu meinem Onkel und zu meiner Tante gebracht, und mein Vetter verprügelt mich ständig, aber jetzt ist ja schon nicht mehr Sonntag.
Thomson, Braun, Corberó, Philishave
Für die Herren Justerini und Brooks, mit Dank
Schon als er die Tür hinter sich schloss, fühlte sich Pol erleichtert. Die Reise war anstrengender gewesen als sonst, so als ob sich alle in den Kopf gesetzt hätten, ihm unnötig Schwierigkeiten zu machen. Er hängte seinen Trenchcoat an die Garderobe (sah, wie staubig sie war, und dabei fiel ihm auf, dass die ganze Wohnung putzbedürftig war), er drückte auf den Knopf des Stromzählers, drehte den Hauptwasserhahn auf, machte ein paar Lampen an und schaute in jedem Zimmer nach, ob alles in Ordnung war. Dann zog er im Wohnzimmer die Vorhänge auf: In der Mitte eines Kreises schneebedeckter Berge schmiegte sich das Dorf ans Ende des Tals wie eine Weihnachtskrippe.
In einem Regal fand er eine Flasche Cognac. Er nahm einen Schluck. Auf den Tisch stellte er seine in eine Schutzhülle eingepackte Schreibmaschine und den Aktenkoffer mit dem Papier und den Büchern. Aus dem Aktenkoffer holte er eine Tüte Garnelen. Er brachte sie in die Küche und legte sie auf die Marmorplatte. Er hatte Hunger. Er fühlte sich wie der Esel in der Fabel: Es drängte ihn genauso stark zum Schreiben wie zum Essen. Auf der Veranda drehte er den Gas- und den Heizungshahn auf. Er versuchte, die Flamme in der Therme anzuzünden. Er probierte es drei Mal, aber es gelang ihm nicht, die Flamme am Brennen zu halten. Für den Fall, dass er es vergessen hatte, las er die Bedienungsanleitung, die auf dem Knopf eingraviert war: »1. Ouvrir le robinet d’arrêt gaz situé au bas de l’appareil. 2. Pousser ce bouton à fond et tourner vers la droite. Allumer la veilleuse. Attendre environ 15 secondes. Pousser de nouveau à fond en tournant vers la gauche puis relâcher.« Der robinet d’arrêt gaz war bereits offen. Er drückte noch einmal ce bouton à fond und drehte ihn nach links. Langsam nahm er den Finger vom Knopf, um ihn zu relâcher. Die Flamme erlosch wieder.
Er beschloss, es eine Zeit lang sein zu lassen. Er räumte vier Dosen in der Küche ein und schloss den Kühlschrank an, füllte Wasser in die Eiswürfelschale und legte die Tüte mit den Garnelen in ein Fach. Dann sammelte er die leeren Flaschen zusammen und stellte sie in einen Korb. Alles war staubig. Er entfernte die Bezüge von den Sofas im Wohnzimmer, staubte die Möbel ab und fegte. Im Schlafzimmer holte er frische Betttücher aus dem Schrank, wendete die Matratze, machte das Bett. Er fegte auch das Arbeitszimmer aus und staubte die Bücher ab.
Am Nachmittag fiel ihm auf, dass er vor lauter Putzen das Mittagessen vergessen hatte. Er beschloss, sich die Jambalaya zum Abendessen zu kochen. Als er mit dem Putzen fertig war, fühlte er sich schmutzig und verschwitzt. Er brauchte eine Dusche. Er versuchte erneut, die Therme auf der Veranda anzukriegen. Er drückte den Knopf bis zum Anschlag, drehte ihn nach rechts und ließ ihn los; dann drückte er ihn noch einmal und drehte ihn in die Ausgangsposition zurück. Er ließ den Knopf ganz sachte los: Die Flamme erlosch. Er versuchte es noch vier Mal: nichts zu machen. Das Gerät war eindeutig kaputt.
Er duschte sich kalt (angesichts der weiten, weißen Schneefläche vor dem Fenster erschien ihm das absurd), zog sich an, nahm den Korb mit den Flaschen und lief ins Dorf hinunter. Dort kaufte er Butter, Milch, Schinken, Paprika, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Petersilie und Brot. Es gab keine Möglichkeit, Worcestersoße zu kriegen; er hätte sie wie die Garnelen aus der Stadt mitbringen sollen. Die einzige Lösung war, stattdessen Essig und japanische Sojasoße zu nehmen (die es komischerweise in dem dörflichen Supermarkt gab).
Er vesperte in der Bar; weniger wegen seines Hungers als vielmehr, um den Wirt zu fragen, ob er jemanden kenne, der ihm die Therme reparieren könne. Der Wirt kannte jemanden, aber dieser jemand war gerade nicht da und würde erst morgen wiederkommen. Er brauche sich aber keine Sorgen machen, er werde sich gleich morgen darum kümmern, sobald der ortsansässige Handwerker eintreffe, werde er ihm Bescheid sagen und dieser werde ihm das Gerät reparieren. Zurück zu Hause räumte er die Einkäufe an ihren Platz. Er zog die Schreibmaschine aus der Hülle und stellte sie an ihren Platz in der Mitte auf den Tisch. Rechts legte er die weißen Blätter hin. Links die Bücher, die er brauchte. Durch das Fenster (es wurde schnell dunkel) sah der Schnee bläulich aus, der Himmel war aschgrau. Da er gerade gevespert hatte, beschloss er erst um neun Uhr mit dem Abendessen anzufangen. Er hatte also ein paar Stunden Zeit zum Schreiben. Er setzte sich daran.
Früher oder später, und stets nur halb beschrieben, landete jedes Blatt im Papierkorb. Er schob die Schreibmaschine zurück und zündete eine Zigarette an. Im Dorf brannten nur wenige Lichter, keines gehörte zu einem Laden: Es gab nur das gelbe von der Bar und die Lichter der Diskothek. Die Kälte ließ seine Wirbelsäule zu Eis erstarren. Ohne große Hoffnung versuchte er noch einmal, die Therme anzumachen. Er wiederholte jede Handlung mehrmals, ohne Erfolg. Genervt schlug er mit der Faust auf die Therme. Er erinnerte sich, dass sein Vater einmal, als er noch klein war, ein japanisches Transistorradio (den ersten Transistor, den sie hatten) mit Faustschlägen wieder zum Laufen gebracht hatte. Vielleicht brauchte dieser (nicht japanische, sondern französische) Durchlauferhitzer ähnliche Methoden. Er schlug noch einmal mit der Faust auf das Gerät, diesmal kräftiger. Das Blech quietschte, und ihm schien, als brumme die Maschinerie. Hoffnungsvoll wiederholte er die Prozedur. Doch in dem Moment de relâcher ce bouton erlosch die Flamme.
Er schlug noch einmal auf das Gerät ein, und diesmal so heftig, dass das Schild, auf dem CHAFFOTEAUX ET MAURY stand, zu Boden fiel. Er regte sich auf. Das Blech war eingebeult und das Brummen wurde immer lauter. Mit abgewandtem Gesicht wiederholte er die Abläufe, dabei schwankte seine Stimmung zwischen der Hoffnung auf eine Nacht ohne Frieren und der Angst vor einer Explosion. Diesmal gewann er: Als er den Knopf losließ, blieb die Flamme, klein und flackernd, so als sei es das Normalste auf der Welt. Es war ihm etwas unangenehm, denn er dachte, er müsse vorher etwas falsch gemacht haben, wo es jetzt so einfach gewesen war. Er betrachtete das eingebeulte Blech und hob das Schild wieder auf. Er drehte nacheinander alle Heizkörper auf.
Er war nun etwas entspannter und schaltete den Fernseher ein. Er sah nur Streifen. Er hantierte an der Antenne herum. Die Streifen verwandelten sich in ein Gewebe aus flimmernden Körnchen wie Schneeregen. In diesem Dorf hatte man einen sehr schlechten Empfang. Er versuchte eine Weile, den Fernseher richtig einzustellen. Schließlich schaffte er es, Bilder einer nicht ganz vollkommenen, aber angesichts der Umstände und der Lokalität doch immerhin passablen Qualität einzustellen. Es kam ein Fußballspiel, ein Ereignis, das ihm nicht nur nicht gefiel, sondern das ihn zutiefst deprimierte. Er drückte auf den UHF-Knopf. Über den Bildschirm bewegten sich quer laufende Streifen. Er wiederholte die Prozedur: Er versuchte, das Bild einzustellen, aber das erwies sich als wesentlich schwieriger als bei dem anderen Kanal. Plötzlich ertönte eine französische Stimme, dabei fiel ihm ein, dass es hier an diesem Ort wahrscheinlich erheblich einfacher war, den französischen VHF als den spanischen UHF zu bekommen. Er wechselte also die Seiten und versuchte, den französischen Sender zu kriegen. Doch er fand ihn nirgends. Langsam formte sich aus den Nebelschwaden ein Frauengesicht, das sich sofort wieder auflöste, als er den Knopf ein klein wenig zu weit bewegt hatte. Er suchte es hartnäckig weiter, aber fand es nicht mehr: Nun stieß er auf einen fetten Moderator, der einen Burschen, der aussah wie ein Sänger, umarmte und ihm eine fürchterliche kleine Statue überreichte. Sie bewegten die Lippen, man konnte aber nichts anderes als Gebrutzel hören. Er drehte ganz, ganz vorsichtig an der Einstellskala: Er fand die Stimme, ganz leise: Sie sprachen italienisch, ohne Untertitel und Übersetzung. Er wunderte sich. Er versuchte, das Bild scharf zu stellen, aber wenn das Bild scharf wurde, verschwand die Stimme, und wenn die Stimme deutlich wurde, steckte sich das Bild mit Masern an. Er fand einen mittleren, akzeptablen Punkt. Der Moderator verabschiedete sich auf Italienisch. Auch die Werbung war italienisch. Er hatte zweifellos den italienischen Sender RAI eingestellt. (Er hatte das einmal an der Küste geschafft, im Sommer an einem Tag, an dem der Himmel absolut klar war. Doch hier im Gebirge im Winter und mit dem drohenden Heraufziehen eines Schneesturmes?) Die offensichtliche Tatsache überzeugte ihn: Er schenkte sich noch einen Cognac ein und fühlte sich glücklich. Er trank das Glas mit zwei Schlucken aus. Es war sehr kalt. Er dachte an das Schlimmste: Die Flamme in der Therme war wieder ausgegangen. Er sprang auf und rannte hin. Die Flamme brannte. Er seufzte erleichtert auf. Doch nur kurz: Er guckte in den Zimmern nach, und alle Heizkörper waren kalt.
Als er am Fernseher vorbeiging, sang Ornella Vanoni brasilianische Songs. Er beeilte sich. Er stand vor der Therme und überlegte, ob vielleicht Wasser fehlte. (Oder war vielleicht zu viel drin?) Er öffnete den Hahn, und der Zeiger stieg langsam hoch: 1, 2 . . . Zwischen der 4 und der 5 war ein kleiner roter Strich, der aussah, als solle er Gefahr anzeigen. Die Innereien des Monsters fingen an zu knurren. Es sah aus, als müsse die Heizung von einem Moment zum anderen funktionieren. Er gab mehr Wasser dazu. Der Zeiger erreichte die 3. Er drehte den Hahn zu. Der Zeiger stieg noch ein paar Sekunden. Er blieb etwas oberhalb der 4 stehen. Er überzeugte sich, dass der Hahn richtig zugedreht war. Der Zeiger pendelte sich ein Haar vor der roten Markierung ein. Das Brummen des Monsters steigerte sich in der Tonhöhe und wurde zu einem schrillen Pfeifen: Die Flamme breitete sich auf den ganzen Brenner aus, und die Heizung kam ins Laufen.
Er überprüfte jeden einzelnen Heizkörper. Sie waren kalt, doch die Rohrleitungen gaben ein derartiges Konzert, dass augenscheinlich bald das ganze Haus ein Paradies sein würde. Bis dahin würde er sich wieder vor den Fernseher setzen: Ornella Vanoni grüßte mit einem Lächeln. Der fette Moderator umarmte die Vanoni, überreichte ihr eine andere Statuette und kündigte eine kurze Pause an, die Pol dazu nutzte, um noch einmal den Zustand der Heizkörper zu überprüfen. Von den sechs im Haus vorhandenen waren vier schon ein bisschen warm. Einer von denen, die nicht funktionierten, war der in der Diele; der war ihm egal. Der andere aber war im Schlafzimmer. Er überprüfte, ob er aufgedreht war: Dem war so. Er versuchte, das Heizkörperventil abzuschrauben. Er suchte einen Schraubenzieher; fand aber nur einen, der zu klein war. Er drehte ihn mit Gewalt. Der Schraubenzieher verformte sich zu etwas wie einem Korkenzieher, doch die Schraube drehte sich endlos weiter. Als er das Ventil herauszog, schoss ihm das Wasser entgegen: ein Strahl unter Druck.
Er war von Kopf bis Fuß klatschnass. Bett und Fußboden verwandelten sich in wenigen Sekunden in ein Schwimmbad. Nur mit Mühe gelang es ihm, das Ventil wieder hineinzudrehen (dabei spritzte er die Wände nass, die bisher verschont geblieben waren), es mit den Fingern festzuschrauben und ruhig zu stellen, es tropfte; der Heizkörper war aus. Er zog seine nassen Kleider aus und den Schlafanzug an. Er wischte den Boden auf, zog das Bett ab und breitete die Laken und seine Kleider über den Stühlen aus. Er überlegte, welche Möglichkeiten es gab: Er konnte den Hauptwasserhahn zudrehen und die Heizung reparieren (aber es hatte ihn so viel Mühe gekostet, sie in Gang zu setzen, dass er nicht das Risiko eingehen wollte, dass ihm die Therme noch einmal eins auswischte). Er gab den Heizkörper im Schlafzimmer für verloren: Er würde warten, bis morgen der Handwerker kam, den der aus der Bar ihm versprochen hatte. Derweilen würde er entweder mit noch mehr Decken im Bett schlafen oder im Schlafsack im Wohnzimmer. Er schaute noch einmal nach der Therme: Alles funktionierte perfekt.
Im Fernsehen sang eine dreiköpfige schwarze Band. Er schaute durchs Fenster: Die Bar war nun geschlossen, und außer der Diskothek lag das ganze Dorf im Dunkeln. Und wenn er jetzt schlafen ginge? Es war ein aufregender Tag gewesen. Wenn er früh ins Bett gehen würde, könnte er morgen fest arbeiten. Es tat ihm aber leid, auf das italienische Fernsehen verzichten zu müssen (das morgen vielleicht nicht mehr auffindbar war) und die Jambalaya zu verschieben. Unentschlossen rollte er sich auf dem Sofa ein. Keine Viertelstunde später war er eingeschlafen und träumte von erlesenen Speisen auf gedeckten Tischen in den sonnigen Gärten von New Orleans, in der Ferne hörte man die Straßenbahn. Als serviert werden sollte, schrien die Köche empört; er, der gerade erst eingetroffen war, fühlte sich schuldig, weil er zu spät gekommen war, und flüchtete unter Eisengitterbalkone, ohne zu wissen, wo er die Soße finden könnte. Die Köche lachten leise in sich hinein.
Er erwachte, als keine Geräusche mehr zu hören waren. Der Fernseher war weiß; er schaltete ihn aus. Er war genauso hungrig wie müde. In der Küche hörte er ein leises Tropfen, das von keinerlei Wasserhahn herrührte: Es war der Kühlschrank, der ausgegangen war. Das wenige Eis, das in der kurzen Zeit gefroren war, schmolz langsam vor sich hin. Er zog den Stecker. Mit Kräften, die ihm titanisch vorkamen, drehte er den Kühlschrank um. Er verstand nichts von diesen hieroglyphischen Serpentinen. Er drehte den Kühlschrank in seine Ausgangsposition zurück und steckte den Stecker wieder in die Steckdose: Nicht einmal das Lichtchen innen drin ging an. Bevor er die Küche verließ, ging er auf die Veranda und schaute nach der Therme: Die Flamme war da, wo sie sein sollte.
Er holte seinen Schlafsack aus einem Schrank. Er schlüpfte hinein und legte sich auf das Parkett neben einen Heizkörper. Er drehte sich mehrere Male hin und her: Es fiel ihm schwer, die ideale Stellung zu finden. Er überlegte, ob es nicht besser gewesen wäre, die Matratze umzudrehen und dort zu schlafen. Vielleicht war sie weniger nass, als er anfangs gedacht hatte. Doch jetzt war er zu faul zum Aufstehen.
Eine Dreiviertelstunde später sah er ein, dass er nicht schlafen konnte. In der Küche machte er sich ein Brot mit Öl und Zucker. Aß es. Dann setzte er sich vor die Schreibmaschine und fing an zu schreiben. Er schrieb eine halbe Seite voll, die er sofort wieder herausriss. Er knüllte sie zusammen und warf sie in den Papierkorb. In der Küche schnitt er Brot und Schinken auf und verzehrte das Ganze. Aus der Reisetasche zog er Candide ou l’optimisme. Er setzte sich auf einen Stuhl in der Küche und las.
Es dauerte genau dreizehn Sekunden, bis das Licht ausging. Beim Schein einer Kerze kontrollierte er die Sicherungen. Sie sahen aus, als seien sie in Ordnung. Er schaute aus dem Fenster: Im Dorf brannte kein einziges Licht, doch das besagte gar nichts: Um halb fünf Uhr morgens war das normal. Er machte noch mehr Kerzen an und las weiter.
Als er aufwachte, war es bereits Tag. Er war über dem Tisch eingeschlafen und war total erfroren. Er gähnte; die Knochen waren kurz davor, sich in Stalaktiten zu verwandeln. Er berührte die Heizkörper: Alle waren kalt. Er rannte zur Therme: Die Flamme war da, wo sie sein sollte, doch das Thermometer zeigte null Grad an. Er ließ noch einmal Wasser in die Heizung laufen: 3, 4, 4½ . . . Er überschritt die rote Linie. Aus einer Röhre, die außen am Gebäude angebracht war, begann das überschüssige Wasser abzufließen. Die Therme grunzte, die Flamme sah aus, als würde sie sich endlich über die ganze Brennplatte ausbreiten, doch stattdessen ging sie aus.
Er beschloss, sich einen Kaffee zu kochen. Beim Anblick der ungemahlenen Bohnen in der Dose erinnerte er sich, dass bei seinem letzten Aufenthalt die Kaffeemühle kaputtgegangen war. Er suchte ein Henkeltöpfchen und goss Milch hinein. Doch dann hatte er eine bessere Idee: Er stellte das Töpfchen auf die Marmorplatte und holte zwei Töpfe heraus; er stellte eine Herdplatte an, wenigstens der Herd funktionierte. Er säuberte und kochte die Garnelen. Dann stellte er einen der Töpfe mit Butter auf den Herd. Er gab den in große Würfel geschnittenen Schinken und eine zerkleinerte grüne Paprika dazu. Er rührte ein paar Minuten lang und schüttete etwas Mehl hinzu. Später gab er die Garnelen, Wasser, die in vier große Stücke geschnittenen Tomaten, gehackte Zwiebeln, Knoblauch und Petersilie hinein. Als das Ganze zu kochen anfing, gab er Reis, Salz, Thymian, roten Pfeffer, Soyasoße und Essig dazu. Er legte den Deckel auf den Topf und stellte den Herd klein. Eine halbe Stunde lang kontrollierte er das langsame Sieden.
An der Tür klingelte es: Ein Jüngelchen stand davor, vom Barmann geschickt, um die Therme zu reparieren. Pol zeigte ihm nicht nur die Therme, sondern auch alle anderen Geräte, die repariert werden mussten; und die Heizkörper: einen nach dem anderen. Doch er verlor zu viel Zeit mit Erklärungen. Er merkte es, als er einen verräterischen Geruch aus der Küche wahrnahm. Der Versuch, die Jambalaya auf eine Platte zu stürzen, scheiterte, denn sie war angebrannt und das, was er noch herauskratzen konnte, war ein ungenießbarer Brei.
Er stellte den Milchtopf auf den Herd. Das Jüngelchen rief ihn, um ihm zu zeigen, wie einfach es war, den Heizkörper nicht kaputt zu machen, man müsse nur das Ventil richtig herum abschrauben. Es war zu spät, als er wieder in die Küche kam: Die Milch war übergekocht und klebte auf der Herdplatte. Aus Faulheit trank er den Milchstrahl nun gleich aus der Flasche. Er steckte zwei Scheiben Brot in den Toaster. Sie kamen verkohlt wieder heraus.
Er versteckte sich auf dem Klo und schwor, erst wieder herauszukommen, wenn alle Geräte im Umkreis von einem Kilometer repariert waren. Er zog an der Kette und sie ging an drei Stellen kaputt. Er schaute in den Spiegel: Sah ein unrasiertes Wesen auf der Flucht. Kurz davor, den größten Fehler seines Lebens zu begehen, betrachtete er den Rasierapparat in seiner Hand. Entsetzt warf er ihn ins Bidet, er hatte seine Zähne gesehen.
Draußen erwartete ihn der junge Mann. Zusammen überprüften sie, ob die Therme, die Heizkörper, die Kaffeemühle, der Kühlschrank, der Toaster und der Rasierapparat perfekt funktionierten. Bis zum Kauf einer neuen ersetzte er die kaputte Kette durch ein Seil. Pol bezahlte. Der Handwerker ging von dannen.
Nach dem Rasieren setzte er sich an die Schreibmaschine. Es packte ihn die Wut: Er hatte sich gestern auf der ganzen Reise darauf gefreut, anzukommen, sich sofort hinzusetzen und zu schreiben. Stattdessen ärgerte er sich seit seiner Ankunft mit irgendwelchen Gegenständen herum und hatte noch nicht eine Zeile zu Papier gebracht. Im Vertrauen auf sein Gedächtnis, was aber offenbar schlecht war, hatte er sich von den Ideen, die auf der Reise herangereift waren, keine Notizen gemacht. Doch seit er in diesem Haus war, hatte er nicht ein Bild wieder hervorholen können: Sein Kopf war leer und ihm fiel nichts ein. Alle Heizkörper liefen jetzt hundertprozentig: Die Luft füllte sich mit einer übermäßigen Wärme. Er zündete sich eine Zigarette an. Er fing an zu tippen, fast ohne zu wissen, was. Doch gleich darauf war es ihm klar: genau diese Aneinanderreihung von Gemeinheiten, die ihn seit zwanzig Stunden in Panik versetzten. Die Zeilen schossen heraus wie ein Strahl: ». . . Die Reise war anstrengender gewesen als sonst, so als ob sich alle in den Kopf gesetzt hätten, ihm unnötig Schwierigkeiten zu machen . . .« Er hielt inne: Die Sonne flammte vom Himmel. Er schwitzte. Er zog seinen Pullover aus, ging auf die Veranda und machte die Heizung aus. Er hatte keine Angst vor der Irreversibilität seines Tuns. Am Tisch las er noch einmal durch, was er geschrieben hatte: ». . . versuchte erneut, die Therme auf der Veranda anzukriegen. Er drückte den Knopf bis zum Anschlag, drehte ihn nach rechts und ließ ihn los . . .« Nun wusste er, je mehr Zeilen er schreiben würde, desto sicherer würde er sich fühlen. Er musste alles aufschreiben: von der Abreise aus der Stadt bis zur Ankunft des Jüngelchens; nein: bis genau zu dem Moment, als alles wieder in den Normalzustand zurückgekehrt war, er sich vor seine Schreibmaschine gesetzt und den richtigen Dreh herausgefunden hatte. Erst wenn er sich alles von der Seele geschrieben hatte, würde er mit dem beginnen können, weswegen er eigentlich hierher in die Einsamkeit gekommen war; die ganzen Ideen, die ihn auf der Reise bombardiert hatten, würden wieder in vollkommener Ordnung da sein: Mühelos würde er auf den Blättern des rechten Stapels Absatz für Absatz aneinanderreihen; und wenn er sie alle beschrieben hatte, würde er hinunter ins Dorf gehen und für die unvergleichliche Jambalaya, die er sich zur Feier des Tages kochen würde, eine Flasche Alella kaufen. Doch plötzlich flog eine Taste der Olivetti in einem akrobatischen Sprung in die Luft. Innerhalb von Sekunden flog die Schreibmaschine auseinander und blieb als ein Haufen Schrauben, Gestänge und Federn liegen.
Apfelpfirsich
Ich kann die Geschichte des Films nicht mehr erzählen; ich erinnere mich nur (sehr vage) daran, dass er voller billiger Späße und Slapsticks war. Ab und zu fiel die Hauptdarstellerin mit Makkaroni in der Hand hin oder der junge Mann in Unterhosen geriet in ein Verwechslungsdrama. Das Publikum lachte, doch nie, weil der Film lustig war, sondern so dumm, dass er immer grotesker wurde. In den hinteren Reihen wurden Witze gerissen und laute Kommentare abgegeben, die geistreicher waren als der Dialog auf der Leinwand. Mir fiel sie zum ersten Mal auf, als ich die Platznachbarn um mich herum beobachtete: ein dunkles, Erdnüsse futterndes Profil, das die Schalen auf den Boden warf. Sie hüstelte einmal und ein anderes Mal drehte sie sich um (doch nicht zu mir, zu niemandem), und sie gähnte beim Verlassen des Kinos wie alle anderen auch.
Am späten Nachmittag war mir die Lust, durch Buchhandlungen zu ziehen, bereits vergangen. Ich hatte vergeblich versucht, ein Buch zu klauen; und wenn derartige Missionen schiefgehen, versinke ich immer in Depressionen und denke an Selbstmord. Just, als ich eine Abhandlung über Trigonometrie in meine Tasche stecken wollte (es war das einzig erreichbare Buch in der einzigen uneinsehbaren Ecke der Buchhandlung), sah ich sie ein weiteres Mal. Nun trug sie eine gelbe Brille, und angesichts des komplizenhaften Blickes, den sie mir zuwarf, fragte ich mich, ob sie mich (aus dem Kino) wiedererkannte oder ob sie sich mit meinem kleptomanischen Leiden solidarisierte. Für eine Sekunde glaubte ich, es sei ein vorwurfsvoller Blick.
Muss ich erwähnen, dass mich die nächste Begegnung mit ihr (an jenem selben Abend in einem exotischen Restaurant, in dem sie zwei Tische weiter, dunkel gekleidet, die Hand eines kalten Mannes streichelte) davon überzeugte, dass wir offenbar nicht nur am Tag darauf (im Theater), sondern auch in der ganzen folgenden Woche in Straßen, Bars, Läden und Kinos aufeinandertreffen würden, sie, allürenhaft vergesslich, beharrlich so tuend, als würde sie den unterschiedlichsten Beschäftigungen nachgehen? Endlich stellte uns ein gemeinsamer Freund (bei der Vernissage einer völlig zu vernachlässigenden Ausstellung von Skulpturen) einander vor. Sie leugnete, mich jemals gesehen zu haben, ein Verhalten (anfangs von mir als Versuch interpretiert, mir ihre Verachtung zu zeigen), das mich späterhin ziemlich verwirrte, weil sie so ungemein nett zu mir war. Wir aßen zusammen zu Abend, und um dies nicht in eine pornographische Geschichte abgleiten zu lassen, sage ich nur, dass sie, als ich aufwachte, schon nicht mehr da war. Nur eine Nachricht: »Ich rufe dich an. Kuss.«
Sie meldete sich den ganzen Vormittag nicht. Am selben Abend (als ich eine Eisenwarenhandlung verließ, in der ich ein neues Käsemesser gekauft hatte) ging sie an mir vorbei, ohne mich zu erkennen, sie sah in ihren schwarzen Shorts superklasse aus. »Erkennst du mich nicht?«, protestierte ich und kniff ihr in den Hintern. Sie spielte die Überraschte und verpasste mir eine Ohrfeige, die vier Finger ihrer Hand auf meinem Gesicht hinterließ. Sie hieß mich einen unverschämten Frechling, eine Einschätzung, die ihren wiederholten Beteuerungen, mich nicht zu kennen, widersprach. Von der halben Stadt (die sich mit ihr solidarisierte) beschimpft und angegriffen, flüchtete ich in eine Seitengasse, wo ich sie wiedertraf, diesmal in einer extravaganten Bluse und einem roten, offen gestanden sehr kurzen Rock. Lächelnd fragte sie mich, ob ich mit ihr kommen wolle, und als ich sie fragte, wohin (eine absolut dumme Frage, die sich nur mit meinem Erstaunen darüber erklären ließ, wie sie es angestellt haben könnte, sich so schnell umzuziehen), schaute sie mich von oben bis unten an, schnalzte mit der Zunge und drehte mir den Rücken zu. Diese Gelegenheit nahm ich blitzschnell wahr und rannte los, bis zum Boulevard. Doch natürlich war sie auch dort und saß in Blau gekleidet auf einer Bank. Die Lage verschlimmerte sich, da sie zeitgleich ein paar Meter weiter in weißen Jeans ein Eis kaufte. Als der Abend hereinbrach, war sie überall: Entweder hatten alle Frauen ihr Gesicht oder ihr Gesicht reproduzierte sich in dem aller Frauen unter einem Mond, der sich wie alles um mich herum unendlich fotokopierte und dem Himmel das Aussehen von Computerdateien gab. Man braucht nun nicht besonders intelligent zu sein, um mir die Zukunft vorauszusagen und zu erraten, welches die nächste Stufe dieses kosmischen Komplotts sein würde: Als ich vor einem Zirkusplakat stand, drehte ein Mann, der es gleichfalls betrachtete, im selben Moment wie ich den Kopf um, und eine Sekunde lang wusste ich nicht, auf welcher Seite des Spiegels ich mich befand: Ein anderes Ich, verschieden von mir, schaute mich erstaunt an, ohne zu wissen, warum ich dieses Messer aus der Tasche zog. Ich fragte mich noch, ob ich es nicht, wenn ich es in ihn bohrte (in ihn und in all die, die, wie er, ich waren, ohne ich zu sein), auch in mein eigenes Herz bohren würde.
Die Lachsdame
Ihre Art, die Beine übereinanderzuschlagen, war das Erste, was mich in sie verliebt machte. Ganz sachte, fast ängstlich, als seien sie zerbrechlich wie Eis, hob sie ein Bein hoch und legte es über das andere: Beide Beine berührten sich nun vom Knie bis zum Fuß. Das war der Madeleine-Effekt: Plötzlich wirbelten in meinem Kopf Bilder umher von Tanten und Kusinen und sepiafarbenen Fotos einer Großmutter aus den zwanziger Jahren mit rundem Hut und kurzem Rock, auf denen sie die Beine genauso übereinandergeschlagen hatte wie meine Begleiterin im Zugabteil. Diese streckte nach einer Weile, um die Beine in ihren nicht gekreuzten Zustand zurückzuversetzen, ein Bein nach vorne, und eine Sekunde lang war es (vom Schambein bis zum Fuß) kerzengerade. Parallel nebeneinanderstehend, kippte sie dann diese vollkommenen Prachtexemplare ein wenig zu einer Seite hin. Solche Beine konnten den glücklich machen, der an ihnen teilhaben durfte (und Teilhabe hieß in dem Fall, sie jederzeit betrachten zu können, sie dann und wann zu streicheln, nackt unter der Strumpfseide . . .); und konnten den, der sie verlor, ins Unglück und in den Selbstmord treiben; konnten unendliche Kriege auslösen. Die neue Helena von Troja mit Beinen wie Marlene Dietrich schaute aus dem Fenster durch einen Vorhang aus halb ockerfarbenen, halb weißen Bäumen auf eine endlose Folge grüner Wiesen mit spärlich eingestreuten Häusern.
In Hønefoss hielt der Zug, und wir mussten aussteigen. Ich verstand nicht, warum wir umsteigen sollten, da aber niemand protestierte, ging ich davon aus, dass alles seine Richtigkeit hatte. Die Waggons, in denen wir angereist waren, entfernten sich sofort, und nach fünf Minuten trafen neue ein.
Alle beeilten sich beim Einsteigen, und jeder setzte sich, wie es ihm beliebte. Ich, der ich keine Hoffnung hegte, dem Beinspiel der Dame weiter folgen zu können, begab mich in einen der letzten Waggons. Dort fand ich ein leeres Abteil und ließ mich nieder. Ich kramte den Guide Bleu aus meiner Reisetasche und vertiefte mich in die Lektüre von Höhenangaben, Ortschaften und möglichen Restaurants. Die Ruhe nahm ziemlich schnell ein Ende: Jemand öffnete die Tür, und von nun an hörte man nur noch Kindergeschrei und das Geraschel von ständigem Ein- und Auspacken. Ich tauchte in mein Buch ab, das sich in Betrachtungen über die Qualität der Heringe auf den Inseln vor der Küste erging. Das Gefühl, beobachtet zu werden, lenkte mich ab. Ich hob den Kopf. Vor mir verlangte ein Kind von einer Dame, die seine Mutter zu sein schien, aber offensichtlich keine Lust hatte, Erklärungen zu einem Comic. Gedankenverloren ließ ich meinen Blick im Abteil wandern: Neben mir saß die wunderschöne Dame, die mit dem Beinspiel.
Das überraschte mich. (Bei so viel leeren Plätzen im Zug musste sie sich ausgerechnet neben mich setzen!) Sie schaute nach vorne, anscheinend zu dem Jungen, der weiter darauf bestand, dass seine Mutter ihm die Comics erklärte. Ich kehrte zum Reiseführer und zu den Heringen zurück.
In Sokna stiegen Mutter und Kind aus, und ein alter Mann kam herein. Sobald der Zug den Bahnhof hinter sich gelassen hatte, spürte ich einen Druck an meinem Bein. Sie (die Dame mit den lachsfarbenen Beinen) rieb ihr Bein an meinem! Ich zögerte nicht lange: Ich antwortete nicht nur auf die Zärtlichkeit, vielmehr steigerte ich sie noch. Aus dem Augenwinkel erschien es mir, als lächle sie. Was war nun zu tun? Ich hoffte, dass der alte Mann im nächsten größeren Ort ausstieg und wir dann alleine wären. Doch es kamen eine Menge Bahnhöfe, ohne dass der alte Mann sich von seinem Platz bewegt hätte. Seine Augen waren geschlossen, und sein Kopf lehnte an einer Kopfstütze am Sitz. Er schlief so entspannt, dass ich mich fragte, ob er inzwischen nicht gestorben sei. Oder, falls er noch lebte und tatsächlich schlief, ob er nicht seinen Bahnhof verpassen würde. Vielleicht musste er ja genau da aussteigen, wo der Zug gerade anhielt, und merkte gar nicht, dass er am Ziel war? Vielleicht wäre es ja sogar eine gute Tat, ihn zu wecken. Als vernünftiger Ausländer hielt ich Schweigen für richtiger, vor allem, weil wir nun in unserem Abteil Zuwachs bekamen: eine etwa Zwanzigjährige mit einem übertrieben großen Rucksack und ganz hellen Augen.
Mein Bein und das Bein der Dame hielten Kontakt: So wie es aussah, fehlte es uns beiden an Esprit, um unser Begehren ins Ziel zu führen. Erst eine ganze Weile nach der neuerlichen Weiterfahrt des Zuges hatte ich genug Mut zusammen und fragte sie, ob sie weit fahre. Sie schaute mich nicht einmal an, erst als ich meine Frage wiederholte, wandte sie ihr Gesicht zu mir (jetzt so ganz nah vor mir, sah ich, wie wunderschön sie war), lächelte mich mit ihren Blutlippen an und antwortete mir auf Norwegisch. (Meine Hoffnung, sie könne zu der beträchtlichen Anzahl der norwegischen Bevölkerung gehören, die Englisch als Zweitsprache sprach, war schlagartig dahin.) Ich schwieg. Sie fügte noch etwas hinzu und wartete dann auf eine Antwort, die ich ihr nicht geben konnte. Die Zwanzigjährige las in einer Modezeitschrift und schien in einer ganz anderen Welt. Der alte Mann jedoch, der mir vorhin in seinem Schlaf noch tot erschienen war, öffnete die Augen und bot sich mir als Übersetzer an: Die Dame entschuldige sich, nicht meine Sprache zu sprechen. Als Antwort ging mir durch den Kopf, die Sprache, auf die sie sich bezog, sei ja nicht meine eigene, sondern eine geliehene, aber ich schwieg. Der Mann bot weiter seine Übersetzungsdienste an. Das brachte mich völlig durcheinander (ich stellte mir vor, wie ich ihr mithilfe eines Übersetzers auf Knien meine Liebe erklärte), ich wusste nicht, was antworten, und sagte schließlich dankend nein (zum alten Mann). Danach herrschte ein etwas angespanntes Schweigen. Die Beine, jedoch, blieben zusammen. Der Alte machte seine Augen wieder zu, doch nur für kurze Zeit: Als wir Torpo erreichten, sagte er uns Auf Wiedersehen und stieg aus.
Zwischen Torpo und Ål ließ ich meine Hand langsam auf die ihre gleiten und streichelte mit den Fingerspitzen ihren Handrücken. Mir schien, als bewege sie ihre Augenlider. Sie drehte ihre Hand so, dass sich ihre mit meiner, ähnlich wie zwei Nusshälften, zusammenschloss. Die Zwanzigjährige von gegenüber blätterte laut raschelnd die Seiten um und schaute dann und wann aus dem Fenster. Unvermittelt schlug sie die Zeitschrift zu und legte sie auf den Sitzplatz neben sich. Sie streifte uns mit ihrem Blick, ließ ihn zwei Sekunden auf unseren verschlungenen Händen ruhen, lenkte dann sogleich diskret den Blick auf ihren Rucksack, zurrte einen Riemen fest und tauchte gähnend wieder in die Seenlandschaft ein.
Die abendliche Dämmerung wurde nie zur Nacht. In Geilo war ein grün uniformierter Mann mittleren Alters zugestiegen, der aussah wie ein Waldhüter. Meine Möglichkeiten schwanden dahin. Ich fasste einen Entschluss: Die Hand der Dame fest in meiner, würde ich aufstehen und auf den Gang hinaustreten, wo wir, wenn schon nicht reden, uns zumindest leichter verständigen könnten. Allerdings bestand dabei die Gefahr, dass sie das Spiel nicht mitspielen wollte und mir etwas sagen würde, was ich zwar nicht verstand, aber alle anderen im Abteil, und davor fürchtete ich mich. Andererseits sprach für diese Vorgehensweise, dass die Initiative ja eigentlich von ihr ausgegangen war und das Einzige, was ich bisher beigetragen hatte (nämlich ihre Hand zu nehmen), nicht abgewiesen worden war. Es störte mich freilich, dass sie meine nachteilige Lage als Fremder in einem kalten Land nicht wahrnahm. Für sie war es ein Heimspiel, und es war an ihr zu entscheiden, was zu tun sei. Oder reichte ihr das etwa schon, Händchen halten und die Beine aneinander reiben?
Ich stand auf, ihre Hand fest in meiner. Eine Sekunde lang glaubte ich, sie würde nicht aufstehen: Sie sah mich überrascht an, lächelte aber dann. Sie schritt vor mir durch die Tür. Wir zogen durch den Gang bis ans Wagenende. Auf der Plattform, von Angesicht zu Angesicht, sagte sie ganz langsame Worte zu mir, die ihr sicher einfach erschienen, doch mir kamen sie norwegisch vor. (Was für ein blöder Witz!) Wir mussten ganz offensichtlich das linguistische Terrain sondieren (und hier verweigere ich mich in der Tat dem leichten Witz), welches das Unsere sein würde. Silbenweise breitete ich meine vier Möglichkeiten vor ihr aus. Sie verstand mich, denn sie zählte derer drei auf, die ich zwar verstand, doch zu meinem Unglück (und vermutlich auch zu ihrem) stimmte keine ihrer drei mit einer meiner vier überein. Wie also sollte ich ihr sagen, dass ich verrückt nach ihren Beinen war; dass ich sie umarmen und streicheln wollte, ehe sie auf einem Bahnhof entschwand, den ich nicht vorhersehen konnte; dass ihre Initiative, sich an meinem Bein zu reiben, das Angenehmste war, was ich seit einer Woche erlebt hatte? Indem ich sie küsste. Wir küssten uns leidenschaftlich (und das war unser erster Kuss: die Ouvertüre zur Sinfonie) in einer Umarmung, die so lange dauerte wie die Brücke, über die wir fuhren, und endete, als sich die Tür zum Gang öffnete: Das Mädchen aus unserem Abteil lief in Richtung Klo, das sich (wie ich jetzt erst bemerkte) an der Stelle befand, an der wir unsere Zeit vergeudeten, indem wir uns wie Kinder küssten, ohne zu den wesentlichen Dingen vorzustoßen. Als das Mädchen sich im Klo einschloss, fiel mir ein, dass wir ja nur darauf zu warten brauchten, bis sie wieder herauskam, um diese Liebeshöhle in Beschlag zu nehmen, die sich uns hier auf dem Silbertablett darbot.
Zehn Minuten später war sie immer noch drin. Der Gedanke an die Köstlichkeiten, denen sie sich da drinnen hingeben mochte, erregte mich. Ich hätte meiner unbekannten Freundin gerne Andeutungen gemacht, die jetzt in jeder Sprache, die sie beherrschte, Worte (vielleicht der Liebe, der sexuellen Erregung) wiederholte, um zu sehen, ob ich sie vielleicht doch verstand; aber es war nichts zu machen: Alle klangen für mich wie gurgelndes Eis, Echos in einem Fjord. Und auf der anderen Seite des Fensters eine weite, verschneite Ebene.
Viele Minuten später kam der Schaffner und verlangte die Fahrkarten. In der Eile hatten wir die Reisetaschen im Abteil vergessen und mussten nun die Fahrkarten holen. Der Waldhüter war nicht mehr da. Der Schaffner erledigte seine Arbeit und ging weiter. Wir saßen wieder alleine im Abteil. In dem Moment, als ich begann, ihr Knie zu streicheln, trat das Mädchen wieder ein. Also, folgerte ich, war das Klo nun wieder frei. Die lang ersehnte Gelegenheit. Ich schickte mich an aufzustehen, aber die Dame sagte etwas und blieb sitzen. Anscheinend schaute ich verdutzt drein, denn das Mädchen fühlte sich verpflichtet, mir den Satz zu übersetzen:
– Sie sagt, dass sie am nächsten Bahnhof aussteigt. Der Zug bremste lauter als zuvor. Ich reichte ihr den Koffer aus dem Gepäcknetz herunter. Sie verabschiedete sich mit einem Kuss auf meine Wange und fügte ein paar Worte hinzu.
– Sie sagt – übersetzte das Mädchen – dass sie es sehr bedauert, Sie nicht unter günstigeren Umständen kennengelernt zu haben.
– Sagen Sie ihr, dass es mir genauso geht – improvisierte ich.
Sie übersetzte es. Die Dame meiner Träume lächelte und verschwand im Gang.
Ich setzte mich, doch nur für ein paar Sekunden, denn dann entschied ich, die Welt sei nicht für Feiglinge gemacht: griff nach meiner Reisetasche und dem Tornister und wandte mich zur Tür. Die Zwanzigjährige, der man ansah, dass sie meinen Entschluss nicht verstand, schaute mich verdutzt an. Auf dem Bahnsteig fühlte ich mich verloren: Die Frau war nicht zu sehen, und auch sonst war niemand da. Ich betrat das Bahnhofsgebäude: Das war ebenfalls leer. Ich verließ es durch den Hinterausgang: Dort war ein menschenleerer Platz voller Neonreklamen. Zehn Meter vor dem Bahnhofsportal stand meine Ex-Sitznachbarin, die Dame mit der lachsfarbenen Haut, und umarmte einen Mann, küsste einen Buben und stieg dann in einen Volkswagen ein. Ich drehte mich auf dem Absatz um und rannte zurück: Jetzt fehlte nur noch, dass ich den Zug verpasste! Ich sprang auf den anfahrenden Zug auf und kehrte ins Abteil zurück. Das Mädchen schaute mich an. Ich hob den Tornister auf die Gepäckablage, setzte mich hin, atmete tief durch und holte wieder den Reiseführer heraus. Das Mädchen hob ihre Füße auf den Sitz, schlang ihre Arme um die Beine und schaute mich lachend an, was ich in einem Sinn verstand, der sich anschließend als falsch herausstellte. Sie sagte:
– Es tut mir leid, dass ich Ihren Flirt vermasselt habe, aber ich musste mich im Klo verstecken, weil ich keine Fahrkarte habe.
Und da saß sie, mit vollendet übereinandergeschlagenen Beinen: parallel, vollkommen, wunderschön.
Nach Mitternacht verriet sie sich durch Zufall: Als sie die Zigaretten aus ihrem Rucksack holte, fiel ihre Fahrkarte auf den Boden. Ich tat, als schaute ich aus dem Fenster.
Kakophonie
Schon immer hatte A eine unbändige Lust, die Carrer Balmes in die entgegengesetzte, in die verbotene Richtung zu fahren; entweder irrtümlich (nach einer durchzechten Nacht, wenn alles schon geschlossen war) oder ganz bewusst (als Mittel gegen den Alltagstrott). Er stellte sich die wachsende Flut der sich stauenden Autos vor, kunterbunte Farben in den empört kochenden Mündern: verschrockene Lichter, die ihm rechts oder links ausweichen und folglich ineinanderfahren: die größte Katastrophe in der Geschichte: ein konzentrisches Chaos, das sich von Straße zu Straße ausdehnt, von Stadtteil zu Stadtteil, von Stadt zu Stadt und sich von einem Kontinent zum anderen, zum Meer hin öffnet . . .
So wie gerade jetzt: Jetzt verspürte er diese Lust auch wieder. Stattdessen (und er schnalzte mit der Zunge gegen den Gaumen, um einen grünen, galligen Geschmack loszuwerden) fuhr er die Balmes hinunter, streng orthodox: in Richtung Meer; die Rotonda lag gerade hinter ihm. Am Fuße des Berges hatte er unter Palmen auf Liegestühlen aus Naturleinen Gimlets getrunken, genau dort, wo die letzte Straßenbahn des Planeten wendet und ein zerstreuter Pianist in seinen letzten Zügen an einem glänzenden Klavier immer wieder holperig Three Little Words spielt.
Auf der Höhe des Bahnhofes El Putxet musste er bremsen: eine blöde Ampel. Er stellte das Radio an. Drehte am Knopf. Er stieß auf Benny Goodman, das stimmte ihn optimistisch. Er drehte die Musik lauter. Die Ampel wurde grün, und er dachte an Anilin. Beim Überqueren der Mitre wechselte er die Spur. Gab Gas, wie auf trockenem Laub. Gegenüber dem Buchladen-Café Crystal City hielt er und parkte auf dem Gehweg. Er betrat das Café. Am Tresen blätterte eine junge Frau in Zeitschriften. Nur ein Tisch war besetzt. Er bestellte einen Kaffee und stöberte in den Regalen: Es war alles da: von den Abhandlungen zur Geographie des Baskenlandes bis hin zu den Geheimnissen des staubigen Ägyptens. Er blätterte in The Last Tycoon und trank in kleinen Schlucken seinen Kaffee. Dann zahlte er Buch und Kaffee und trat auf die Straße hinaus. Es war rot, als er die Via Augusta überquerte.
Er fühlte sich sehr allein. Überlegte, ob er noch schnell etwas essen sollte und schaute auf die Uhr: noch eine halbe Stunde bis zu seiner Verabredung mit B. Er zündete sich eine Zigarette an und stellte sich vor, drei auf einmal zu rauchen. Er zündete sich noch zwei an und rauchte alle drei auf einmal. Er stellte sich seinen Anblick von einem anderen Auto aus vor. Grinste. Er fühlte sich wohl. Er dachte, auf der Welt gäbe es nichts Besseres als alles andere; er dachte an in sich zusammenstürzende Straßenlaternen. Es war kalt.
Kurz vor der Travessera fragte er sich, ob er links abbiegen und sich in Gràcia verlieren sollte. Doch konnte er sich bis zur Granada nicht entscheiden, dann war es zu spät, und er haderte erneut mit sich: Sollte er in der Tuset parken und eingesunken in weißem Skai ein Omelett essen? An der Diagonal wartete er vor der Ampel und zweifelte daran, jemals wieder diese Straße zu verlassen.
Er fuhr sofort an, als das Grün der Fußgängerampel zu blinken anfing. Ein verspätetes Auto in Richtung Macià wich ihm hupend aus, schrie ihn an und bohrte sich in einen Papierkorb. A gab Gas, ließ Straßen und farblose Ampeln hinter sich. Fuhr dreist bei Rot über die Gran Via (und verursachte damit zwei Zusammenstöße, Verletzte, Sirenengeheul und eine Sternschnuppe, das aber war Minuten später). Die Konditorei Forn del Cigne war zu. Er fragte sich, ob wohl zu dieser Stunde drinnen Kuchen gebacken wurde. Er überlegte kurz, ob er mit dem Auto gegen die Tür donnern, durch das Loch bis in den hinteren Raum fahren, den Bäckern einen Guten Abend wünschen und sich das Mehl von den Ärmeln klopfend durch einen Notausgang wieder hinausfahren sollte. Seine Zweifel bezüglich des Verlassens der Straße erwiesen sich als Irrtum: Er überfuhr die durchgezogene Linie und bog in die Rambla ein. Er parkte vor dem Eingang des Baviera. Setzte sich dort an ein Tischchen auf dem Gehweg. Wenig Fußgänger. Er gähnte.
B kam zu spät, in engen blauen Hosen und weißem Pulli. A stellte sich ihren Hintern vor. Er schaute auf die Uhr.
– Nicht gerade pünktlich.
– Du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie es mit dem Verkehr aussieht. Ich bin mit dem Taxi gekommen; wir mussten uns über die Parallel quälen, und Massen von Leuten strömten aus den Theatern, die Polizei machte in der Carrer Nou eine Razzia. Die haben eine Meise: Sie haben das Marseille und das London dicht gemacht. Wir durften nicht über die Rambla fahren. Ich musste von der Kathedrale bis hierher laufen.
A fiel ein, dass er seit mindestens zehn Jahren keinen Fuß in das London gesetzt hatte. Er erinnerte sich an eine Nacht mit einem Freund: an das Enfants Terribles, das Polizeirevier, die Bäckerei mit den Schneckennudeln, die ganz frühmorgens aufmachte. Er dachte darüber nach, wie die Zeit vergeht. B fuhr fort:
– . . . so als wollten sie sich Gehorsam verschaffen. Stell dir vor: in unserem Alter, jetzt, wo jeder von uns selbst der kleine Chef einer kleinen Wahrheit ist. Mach nicht diese blöde Visage. Merkst du nicht, dass sich alle für den Nabel der Welt halten? Neulich hat mir Tèbia erzählt . . .
A hatte Durst. Er winkte einem Kellner, der so tat, als würde er ihn nicht sehen. B redete wie ein Wasserfall:
– . . . und Riba hat Geld (und Geld ist für ihn das Allerwichtigste auf der Welt: das einzig Wichtige), und Joan vögelt jede Nacht mit einer anderen (denn für ihn gibt es nichts Wichtigeres als jede Nacht eine andere im Bett, und nach seiner Meinung ist jeder, der seine Zeit mit anderen Dingen vergeudet, etwas beschränkt), und Marcel isst viel (und kann nicht verstehen, wie jemand länger ohne gut gedeckte Tafel auskommen kann) und . . .
A stellte sich vor, wie ein Blitz die Rambla hinunterzurasen und sich ins Wasser zu stürzen. Der Kellner bediente drei Tische weiter.
– . . . liest unheimlich viel, und Manel ist derjenige, der in unserer Clique am meisten Amphetamine nimmt (am meisten; also: die Nummer eins), und Marta ist blöd (die Blödste im ganzen Haus: die Nummer eins), und Pere und Núria lieben sich innig (weil sie viele Filme mit Doris Day gesehen haben und, was feste Beziehungen angeht, brechen sie eindeutig den Rekord in unserem Viertel), und Xavier ist introvertiert (vielleicht der einsamste Introvertierte im Land) und Maria die Extrovertierteste . . .
A senkte den Kopf. Er stellte sich vor, wie das Auto dem Bordstein des Kolumbusdenkmals ausweichend auf die Treppen zuraste, wie B kreischte, das Auto, außer Kontrolle, sich überschlug, umkippte und sanft in das schmierige, öltrübe Hafenwasser fiel.
– . . . und Eugeni ist derjenige, der in der ganzen Gegend am meisten vor dem Fernseher hockt (der absolute Regionalrekord), und Herr Pere arbeitet viel (mehr als alle anderen in der Werkstatt), und Octavi säuft wie ein Loch (und ist ungemein stolz darauf, der größte Säufer in seiner Familie zu sein), und Tomàs ist ein Filmfanatiker und Manolo gehört zur Avantgarde der Arbeiterklasse und Ignàsia ist Possibilitistin und Eulàlia radikal und Artur schwul und Herr Jaume glücklich und heterosexuell und Andreu Dichter und Fina eine Frostbeule. Alles geht gut, weil jeder sich selbst ist: Jeder hat sein eigenes Verhaltensmuster: Jeder nach seiner Fasson.
In dem Augenblick, in dem B kurz schwieg, holte A schnell Luft:
– Wir könnten irgendwohin gehen, wo man uns bedient. Sie standen auf, als der Kellner sich endlich entschlossen hatte, ihren Tisch zu beachten. Er schaute sie empört an und schimpfte vor sich hin. Sie stiegen ins Auto. Sie fuhren um den Platz herum und bogen in die Ronda Universitat ein. Ecke Balmes bremste A. Nach den Straßenlaternen stürzten jetzt auch noch die Gebäude ein.
Er bog rechts ab, fuhr also die Balmes hoch, das Gekreisch von B, ihr Gekicher und ihre Warnschreie vermengten sich mit den Beschimpfungen der wenigen, aber umso streitlustigeren Passanten auf der Straße. A fiel auf, dass es keine Ampeln gab, wenn man eine Straße in die Gegenrichtung fuhr. Nach der Gran Via kam ihnen das erste Auto entgegen; die drinnen schauten sie ziemlich verdutzt an. Bis zur Diagonal waren es sieben weitere (und keinem der sieben fiel es schwer, die Spur zu wechseln). Ab der Via Augusta war es wieder legal, die Balmes hochzufahren, und die Ampeln zeigten sich wieder von vorne. Sie fuhren die Avinguda del Tibidabo hoch, und als sie oben ankamen, wo die Straßenbahn endet, waren die Bars schon geschlossen. A dachte, es sei Betrug, die Balmes mitten in der Nacht hochzufahren, wenn kaum Autos auf der Straße waren. Sie parkten und schauten, an ein Geländer gelehnt, das über dem Nichts hing, auf die Stadt, die sich zum grenzenlosen Meer hin ausdehnte (und zugleich zusammenzog). Drei Stunden später ging langsam die Sonne auf.
Globus
Die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte er beim Zirkus, zog von einem Ort zum anderen und hatte in all den Jahren keine Stadt zweimal betreten. War jemals ein anderer Zirkus so maßlos herumgeirrt ? Als Akrobatenkind war sein Leben eine Folge von neuen Landschaften, und alle paar Wochen freundete er sich mit neuen Zwergen und Clowns, Dompteuren und Löwen, Ponys, Trapezkünstlern, Seiltänzern, Kanonenmännern und Elefanten an. Er kannte drei Buffalo Bills und zwei Indianerinnen, die sich ihre Körperumrisse mit Messern markieren ließen. Mit vierzehn verliebte er sich in ein Mädchen, das an drei Abenden hintereinander auf dem selben Platz in der zweiten Reihe saß. Am dritten Abend (er assistierte der Dame mit den dressierten Schoßhündchen) zwinkerte das Mädchen ihm zu, und er wurde rot. Er wusste nicht, wie reagieren, und als ihm schließlich etwas einfiel, war es zu spät: Er befand sich wieder auf der Landstraße in einer Karawane von Zirkuswagen auf dem Weg in die nächste Stadt.
Mit dem Zirkus war Schluss, als er zwanzig wurde. Als Grund gab man die alte Geschichte an: Die Konkurrenz von Film und Fernsehen habe dem Zirkus den Todesstoß versetzt. Wer konnte, wechselte in einen anderen Zirkus, aber es gab nicht genug Stellen für alle. Jung wie er war, hätte er Arbeit gefunden (und es nicht nur seinen Erzeugern, sondern den besten Akrobaten der Welt nachtun können), doch er entschied sich anders, er wollte wissen, ob an der berühmten Sesshaftigkeit irgendetwas interessant war.
Er wurde Beamter bei einer Eisenbahngesellschaft. Er verließ in zwanzig Jahren nicht ein Mal die auserwählte Stadt. Jeden Tag legte er Fahrpläne fest, prüfte und korrigierte sie, ohne dass beim Lesen der Orte auf den Fahrkarten nur ein Funken Sehnsucht aufgekommen wäre. Er, der vor seinem zwanzigsten Lebensjahr den halben Planeten bereist hatte, verbrachte nun weitere zwanzig Jahre eingesperrt zwischen einem ruhigen Heim und einem Eisenbahnerbüro und nahm Tag für Tag den selben Weg. An den ersten Abenden, an denen er gelangweilt daheim saß, erinnerte er sich noch an die Orte aus einer Vergangenheit, die sich jeden Tag weiter entfernte. Er glaubte, nur sesshaft könne er Geschmack an der Sesshaftigkeit finden: Vielleicht brauchte er einfach Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Doch bald verlor er nicht nur die Fähigkeit, sich gegen den Alltagstrott zu wehren, der ihn allmählich auffraß, sondern war auch (was viel schlimmer war) am Tage nicht mehr in der Lage, die Erinnerungen wachzurufen. Stattdessen träumte er nun mit einer meisterlichen Präzision jede Nacht ein paralleles Leben, das nichts anderes war als die Wiederholung seines bisherigen Lebens mit zwanzig Jahren Verspätung. So kam es (er träumte ja in jeder Nacht den Tag von vor zwanzig Jahren), dass er an seinem vierzigsten Geburtstag träumte, wie der Zirkus dichtmachte und er beschloss, sesshaft zu werden. Der Albtraum weckte ihn, er war schweißgebadet, hastig atmend starrte er mit weit aufgerissenen Augen an die Decke, als würde sie ihm gleich auf den Kopf fallen. Erwacht aus einem Traum, der zwei Jahrzehnte gedauert hatte, packte er die Koffer. Am Bahnhof nahm er den ersten Zug.
Er reiste von Land zu Land. Gleich zu Beginn hatte er beschlossen, die verlorene Zeit aufzuholen: Er vermied alle Orte, in denen er bereits in seiner Jugend gewesen war, und betrat keine Stadt zweimal. Zehn Jahre später, mit einem halben Jahrhundert Leben hinter sich, hatte er die Hälfte der Hälfte der Welt gesehen, die er in seiner Kindheit und Jugend nicht bereist hatte. Jedes Mal, wenn er einer Stadt Lebewohl sagte, wusste er, es war für immer. Jeder erste Blick auf eine Landschaft war zugleich der letzte.
Nach weiteren zehn Jahren hatte er den ganzen Planeten gesehen. Es war ihm unmöglich, ein Stück Erde zu betreten, wo er nicht schon einmal gewesen war. Schon Jahre zuvor war ihm aufgefallen, dass er, je mehr er reiste, desto weniger träumte. Nun, wo er die ganze Welt gesehen hatte, träumte er fast gar nicht mehr. Sogar das Erinnern fiel ihm schwer. Er durchforstete sein Gedächtnis: In welcher Stadt hatte er zum ersten Mal ein Mädchen, seine seiltanzende Cousine, geküsst? War der Kuss in Berlin oder Danzig gewesen? Ihm kamen Zweifel, ob er sich wirklich alles eingehend angesehen hatte. Wenn ja, gäbe es keine Entschuldigung für eine derart große Ungewissheit. Es fiel ihm ganz offensichtlich schwer, sich an Landschaften und Bauten zu erinnern: Einige Plätze verflüchtigten sich, und der Lauf der Flüsse überraschte ihn immer aufs Neue. Er fragte sich, was es ihm letztendlich gebracht hatte, die ganze Welt zu bereisen, wenn er sich nun nicht mehr erinnern konnte.
Seine Unruhe riss ihn in einen Strudel. Jetzt, er wartete gerade auf den Zug nach Parma (die erste Stadt in seinem gigantischen Inventar: die, an die er sich am wenigsten erinnerte, weil es seine Geburtsstadt war), merkte er, dass er sich kaum noch an das Bild seiner Mutter erinnern konnte, das einem Spiegelbild im Wasser glich und sich auflöste, wenn die Wasseroberfläche in Bewegung geriet. Er saß auf der Holzbank und betrachtete die Gräser zwischen den Gleisen. Er sah hin, aber plötzlich verstand er sie nicht mehr: Er hatte ihren Namen vergessen und (wie die Seiten, die der Wind aus einem schlecht gebundenen Buch reißt) flohen aus dem Archiv seines Gedächtnisses alle vorigen Gräser. Er fragte sich, was all diese Reihen von kleinen grünen Trieben sein könnten. Er fürchtete, den Kopf zu verlieren. Er schaute hoch: Auf der Mauer vor ihm auf der anderen Seite der Gleise lachte ihn ein riesiges, zerrissenes Zirkusplakat an. Er dachte, es wäre schön hinzugehen, nach so langer Zeit, die er unter keinem Zelt gestanden hatte. Doch als er noch einmal auf das Plakat schaute, um nach dem Datum zu gucken und dem Ort, wo das Zelt aufgeschlagen war, fragte er sich, was dieses weiß bemalte Gesicht sollte mit einem Kreuz in einem Auge und einem senkrechten Strich in dem anderen, mit einem Hut wie eine leuchtende Papiertüte, einer runden Knubbelnase und Lippen, die zweimal lachten.
Der Bahnsteig war verlassen. Er rutschte mit dem Körper hinunter, bis sein Nacken auf der Lehne der Bank lag. Er machte die Augen zu und gähnte. Schaute nach rechts und nach links und klagte: »Wenn ich nicht einmal die Stadt kenne, in der ich geboren bin . . .« Er hörte eine Tür aufgehen: Eine Frau steckte den Kopf durch den Spalt, schaute nach rechts und nach links und verschwand wieder. Als er gleich darauf die Tür zuschlagen hörte, war er nicht in der Lage, sich zu erinnern, ob diese Tür vorher geöffnet worden war, und auch nicht, wer eingetreten war oder ob überhaupt jemand eingetreten war oder es jemals eine Tür gegeben hatte.
Er hatte gerade noch Zeit, sich zu fragen, was ihm zustieß. Er erinnerte sich an einen grauen Teich unter einem weißen Himmel vor einem feuchten Wald (und das Bild war so lebendig in seinem Gehirn, dass es vielleicht doch Wirklichkeit war, was er da sah). Gleich darauf (und nun war es offensichtlich, dass er die Bilder nicht mehr beherrschen konnte, die losschossen wie Luftballons, wenn sie Luft verlieren) war da ein spartanisches Hotel, das nach Staub schmeckte, mit weißen Wänden und kubistischen Holzmöbeln. Dann verschwanden alle Bilder vollständig: Er erinnerte sich an nichts mehr: Alles war nur noch ein schwarzes Rechteck: Er vergaß den Namen der Stadt, in die er fuhr, schaute entgeistert auf den Bahnhof und wusste weder, wo er sich befand, noch, was diese parallelen Linien aus Eisen waren, die sich am Horizont verloren. Als der Zug eintraf, konnte er ihn nicht mehr erkennen. Er erschien ihm weder als Maschine noch als Monster, weil beides seine Bedeutung verloren hatte. Da er ebenfalls vergessen hatte, was Angst war, floh er nicht.
Der Norden des Südens
N nahm immer zwei Stufen auf einmal, nervös und völlig fertig versuchte er, sein Herzklopfen zu verbergen. Auf dem letzten Treppenstück, bei dem Versuch, sich zu beruhigen, merkte er, dass das einzige Detail, was ihn rein äußerlich verdächtig machte, seine beschleunigte Atmung war. Er atmete mehrmals ein und aus und öffnete ängstlich die Tür. Er hörte in das Schweigen, um zu sehen, ob er daraus etwas ableiten konnte. Er wusste, alles war kurz davor zusammenzubrechen, sich in einen Berg von Schutt zu verwandeln, und es gab keine Möglichkeit, das zu verhindern. Doch nun war nicht die Zeit zu klagen und zu reden über das, was man hätte tun müssen (und was man nicht getan hatte, weil man im entscheidenden Moment alles runterschluckte und weitermachte wie bisher). Schließlich leben wir nur ein oder zwei Mal, und Risse in Decke und Fußboden und der Einsturz aller Fundamente, auf die er seit Jahren seine Existenz gründete, war das Mindeste, was man von einer Situation wie dieser erwarten konnte, einer Sackgasse, die ihn für immer zu verschlingen drohte und ihn in dem Schlund einer endlosen Spirale verschwinden ließ. Er setzte sich. Ließ seinen Kopf nach hinten fallen.
Er stellte sich die Wut von S vor, die ihn mit blank liegenden Nerven und offenem Mund anstarren würde, als erkenne sie ihn nicht und als sähe sie dieses Reptil zum ersten Mal, das diskret vor ihr hüstelte und ihrem Blick auswich, der sich in seine Haut einbrannte. Er konnte sich keine andere Reaktion vorstellen: Ab diesem Moment schossen die Möglichkeiten unkontrolliert durcheinander. N wusste, von nun an gehörten die geteilten Bonbons für immer der Vergangenheit an, die Marmelade am Sonntagmorgen, der Abendspaziergang, die Küsschen im Fahrstuhl, das Lachen auf der Pferderennbahn, die einmal unter dem Hut und einmal unter der Serviette versteckten Kinokarten. Stattdessen begannen nun die frostigen Morgen, die Schweizer Wecker, die deprimierenden Nachmittage als Löwe, eingesperrt in einem zu großen Käfig, als Mönch in einer Zelle, als ausgestopfter Vogel, der Motten und Staub fängt.
Natürlich würde es irgendwann wieder tauen und der Raureif zu Wasser schmelzen, dann kämen die Fußballspiele am Donnerstag, die Spielhallen am Samstag, die Bierdosen unterm Bett, die Füße auf dem Tisch, das Sektfrühstück vor dem Schlafengehen. Und nicht nur das: Die Besuche von verrunzelten Verwandten und besserwisserischen Freunden, die bei Pflichtabendessen Asche auf dem Parkett fallen ließen, würden endgültig vorbei sein. Keine Strümpfe mehr auf dem Sofa, keine Ratschläge mehr im falschen Ton, keine Haare mehr im Waschbecken und keine unangebrachten Ansprüche mehr. N lief eine Weile in der Wohnung auf und ab. Dann war ihm schwindelig, und er glaubte, gleichzeitig essen und sich übergeben zu müssen. Er wusch sich, räumte Bücher weg und vertrieb sich die Zeit, indem er den Plattenspieler mal schneller und mal langsamer laufen ließ.
Dann hörte er die Schritte von S: Sie stieg schnell die Treppe hoch, steckte den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Tür. Wie ein Kind, das seine Augen zukneift, um nicht gesehen zu werden, sah er weg und hörte nur, wie sie Mantel und Hut auf einen Stuhl warf und »Hallo« sagte. Ihr Blick, viel zaghafter, als er es sich vorgestellt hatte, konnte ihm nichts anhaben. Beunruhigt schaute N auf und nahm es mit ihrem Blick auf: S war völlig fertig und versuchte, das heftige Herzklopfen zu verbergen. N war verwirrt: Er hatte alle Fallstricke gewittert, in denen er sich hätte verheddern können, diese unerwartete Ruhe aber hatte er nicht vorausgesehen. Ganz offensichtlich würde keiner der beiden den Mund aufmachen, da beide gleich durcheinander waren. N erkannte messerscharf, die Pokerrunden waren vorbei, ehe sie überhaupt begonnen hatten, es würde keine Füße auf dem Tisch geben, keinen Fußball am Donnerstag, keine Bierdosen unterm Bett, kein Sektfrühstück vor dem Schlafengehen. Natürlich aber wieder geteilte Bonbons, Marmelade am Sonntagmorgen, zwei unter dem Hut versteckte Eintrittskarten. Doch auch die Haare im Waschbecken, die Strümpfe auf dem Sofa, die Ratschläge im falschen Ton, die Besuche von verrunzelten Verwandten, die besserwisserischen Freunde, die bei Pflichtabendessen Asche auf dem Parkett fallen ließen, die unangebrachten Ansprüche, die Hand, die so oft das Messer packte. Er stand auf (und es war ihm klar, alles, worüber er nachgedacht hatte, war auch ihr durch den Kopf gegangen), sie drückten die Wangen aneinander, sagten noch einmal »Hallo« und küssten sich in einer unbändigen, wütenden Umarmung.
Tricks
Der Morgen zeigte sich muffelig. Beim Tennis gab sich Enric den normalen Wechselfällen auf dem Platz hin: Zum Beispiel war der Schmetterball etwas lang (oder kurz; oder perfekt) und Natxo verlor (wie so oft) den Ball, der gegen eine Wand schlug (oder im Metallnetz oder in den Bäumen landete) und dann neben einem leeren Klappstuhl liegen blieb. Nehmen wir an (um es kurz zu machen), dass er mit diesem Ball das Spiel in der Tasche hatte, den Satz und das Spiel: Das sind Details, die nicht so wichtig sind: Enric gewann fast immer.
Danach duschte er und zog sich an. Natxo schlug vor, zusammen zu Mittag zu essen. Enric lehnte ab: Er musste sich mit Pepa treffen. Sie vereinbarten, wegen des Abendessens zu telefonieren.
Pepa kam zu spät. Sie entschuldigte sich schon unter der Tür. Zudem hatte sie bereits gegessen: ein belegtes Brötchen mit ihren Kommilitonen. Es tat ihr sehr leid. Enric dachte, von einem belegten Brötchen werde man nicht satt. Pepa sagte, sie werde etwas trinken. Der Kellner nahm die Bestellung auf. Pepa lächelte. Enric erzählte, er habe ein Haus auf Menorca gekauft (fürs Wochenende) und überlege, ob er zur Vereinfachung den Pilotenschein mache. Pepa schlug vor, ins Kino zu gehen.
Zwei Stunden später kamen sie aus dem Kino. Sie gingen zu Enric und dann ins Bett. Sie lagen im Halbschlaf, als um acht das Telefon klingelte. Es war der verärgerte Natxo: Er hatte sich zweimal hintereinander verwählt. Immer mit derselben Nummer. Sie verabredeten sich zum Abendessen. Im Schlafzimmer war Pepa noch am Schlafen. Enric biss ihr in die Schenkel.
– Duschen wir zusammen?
Halb eingeseift, klingelte das Telefon noch einmal. Mit einer schaumigen Erektion verbreitete Enric Fußabdrücke auf den Fliesen. Pepa fasste sich beleidigt an eine Brustwarze.
– Ja?
Auf der anderen Seite Schweigen; jemand, der fast unhörbar atmete.
– Ja?
Die Atmung kam ins Zweifeln. Es schien, als würde sie sich das Lachen verbeißen. Enric stellte sich einen Apfelbaum ohne Äpfel und ohne Blätter vor: aus Pappe; oder einen stummen Papagei, der aus einer ganz nahen anderen Welt anruft. Schließlich redete eine Frauenstimme:
– Hallo, Enric. Erinnerst du dich an mich?
Er erinnerte sich nicht. Für einen Moment überlegte er: »Vielleicht Eva oder Anna.« Er ließ alle Möglichkeiten Revue passieren: Diese Stimme war ihm hundertprozentig unbekannt. Die Erektion war dahin, die Seife tropfte auf den Boden und hinterließ eine Pfütze.
– Offen gestanden . . .
– Erinnerst du dich nicht an aaallllll das, was wir gemeinsam gemacht haben?
Die Stimme wollte erregend sein und machte sich stattdessen lächerlich. Niemand kann fragen: »Erinnerst du dich nicht an all das, was wir gemeinsam gemacht haben?«, es sei denn aus Jux. Er wollte gerade antworten, als die Stimme wieder sprach:
– Ich schon, ich erinnere mich an dich. Willst du wissen, was ich mache, wenn ich mich an dich erinnere? – Die Stimme atmete übertrieben, schnalzte mit der Zunge an den Gaumen – Kannst du es dir vorstellen? Zuerst lutsche ich an einem Finger, ich sauge daran, als sei er aus Honig. Dann gleite ich mit der Hand ganz langsam, denn ich habe es nicht eilig (ich habe die ganze Zeit der Welt) den Körper entlang nach unten und streichle alles, jede Mulde, denn es ist ein empfindsamer Körper, den man sehr sanft behandeln muss. Und genau da, wo ich mich gerade anfasse, an diesem flackernden Knöspchen, sterbe ich vor Lust; mit der anderen Hand stecke ich einen Finger in ein seidenes Loch, warm und saftig . . .
Enric legte auf. Er versuchte zu erraten (jetzt, wo er sich sicher war, die Besitzerin der Stimme nicht zu kennen), welcher Bekannte sich, zwei Meter vom Telefonapparat entfernt, vor Lachen bog, während eine Freundin, die sich mit ihm verschworen hatte, die Verführerin spielte. Die Erektion war nun wieder da. Er beeilte sich und warf sich in die Badewanne. Er setzte das ganze Badezimmer unter Wasser.
– Weißt du, was das war? Ein schweinischer Telefonanruf.
– Was hat sie dir gesagt?
– Sie hat mir gesagt, wie sie sich genau so zwei Finger reinsteckt.
Als eine halbe Minute später das Telefon noch einmal klingelte, waren schon drei Finger drin. Sie taten, als hörten sie es nicht. Es klingelte weiter, lang, minutenlang, wie die Sirene eines Krankenwagens.
Am nächsten Tag speiste Enric nach dem gewonnenen Tennisspiel mit einem Bankberater. Später rief Lídia an. Sie verabredeten sich für abends, er würde sie abholen. Zu Hause zog sich Enric um, hörte Musik, las einen Bericht; als um Punkt acht das Telefon klingelte, las er das International Management und gähnte.
– Hallo, Enric. Erinnerst du dich immer noch nicht an mich?
– . . .
– Gestern nacht habe ich ganz intensiv an dich gedacht und . . .
– Und du hast dir drei Finger reingesteckt?
– Vier. Weil ich sehr feucht war und sie ganz leicht hineinglitten, sanft, wie nie . . .
Enric legte auf. Es fehlte nur noch, dass er ihr erlaubte, ihn zum Schwanken zu bringen. Er zog sich an. Er legte Klaus Schulze auf (das war die Musik, die Lídia mochte) und bereitete alles so weit vor, dass er nur noch den Plattenspieler anstellen brauchte, sobald sie nach Hause kamen.
Drei Tage lang wiederholte sich der Anruf immer zur gleichen Zeit. Am vierten Abend um acht versammelte Enric alle seine Freunde und Freundinnen, die von der Geschichte wussten, um das Telefon und jedes Mal, wenn es klingelte, nahm eine andere Person ab und leugnete, dass dies die gewählte Nummer sei. Beim fünften Mal sagte die Stimme »Idiot« und rief nicht mehr an.
In jener Nacht ging Enric früher als sonst schlafen. Am nächsten Morgen verlor er zum ersten Mal in sechs Monaten ein Spiel. Irritiert rief er nicht, wie verabredet, Pepa an, sondern verbrachte den Nachmittag damit, lauter nutzloses Zeug zu kaufen einschließlich einer Blumenvase in einem Antiquitätengeschäft. Um halb acht saß er halb eingenickt vor dem Fernseher. Zwei vor acht klingelte das Telefon. Er wunderte sich: Die anonymen Anrufe waren immer überaus pünktlich. Er nahm ab: Pepa: Wie geht’s so? Fünfzehn Sekunden vor acht suchte Enric nach einer Ausrede: Er würde sie später anrufen. Sobald er den Hörer aufgelegt hatte, klingelte das Telefon noch einmal.
– Ja?
– Hallo.
Ab diesem Moment ist es leicht, diese Geschichte weiterzuspinnen, und vielleicht wird sie dadurch langweiliger. Es heißt also, sich kurz zu fassen und sowohl psychologische Erklärungen (ständig verfügbare Ausflüchte, mit denen man alles und jedes rechtfertigen kann) zu vermeiden als auch die Beschreibung der Reaktionen von Freunden und Freundinnen, die wachsende Sorge der Bankberater, die Maßnahmen der Familie (erst befremdet, dann nacheinander besorgt, empört, entschlossen): Sie sind leicht vorhersehbar und von Mal zu Mal schärfer.
Tagelang versuchte Enric, sich mit der geheimnisvollen Stimme zu verabreden. Nach vielen Abenden Kampf willigte die Stimme ein: morgen um acht an dem und dem Ort. Enric beschrieb sich, damit sie ihn erkennen konnte: grauer Anzug und rote Nelke am Kragen. Die Stimme fand das lustig. Enric freute sich darüber.
Am nächsten Abend um acht war er zum ersten Mal seit Wochen nicht vor dem Telefon. An dem vereinbarten Ort war es brechend voll, und niemand kam auf ihn zu. Er konnte nicht feststellen, ob sie da war oder nicht, und falls sie da war, wer sie war. Er kam spät und betrunken nach Hause zurück, mit zu großen Schlüsseln für zu kleine Schlösser. Beim nächsten Anruf zeigte er sich verärgert. Die Stimme sagte, sie sei da gewesen, hätte es aber vorgezogen, nichts zu sagen und zu schauen, wie er reagiere. Ärgerlich legte Enric den Hörer auf und bereute es sogleich, denn wenn sie zur Verabredung gekommen war, sich nicht vorgestellt, sondern stattdessen ihn beobachtet hatte, so bedeutete dies, dass sie von diesem Spiel allmählich genug hatte. Er wartete auf einen weiteren Anruf, der nicht kam. Er schlief schlecht. Am nächsten Tag um acht abends blieb das Telefon stumm. Als es drei Tage später endlich wieder klingelte, war es nur, um ihm mitzuteilen, dass das Spiel zu Ende sei, dass sie die Nase voll habe von einer Geschichte, die sie aus Spaß begonnen hatte, rein zufällig, als eines Tages jemand anrief, der sich verwählt hatte und nach einem Enric fragte und dabei die Nummer zwei Mal wiederholte, oft genug, um sie zu notieren und das Spiel zu beginnen. Nun würde sie nicht mehr anrufen. Enric bat um ein Treffen. Sie sagte nein. Er insistierte. Sie lehnte kategorisch ab. Er hatte Angst, sie könne den Hörer auflegen, und hätte sich damit zufriedengegeben, dass alles weiterging wie bisher, ohne ein Treffen: ein täglicher Anruf. Sie antwortete, sie habe ihre Entscheidung bereits gefällt: Sie würde nicht mehr anrufen. Und legte auf.
Enric dachte über verschiedene Möglichkeiten nach: Wenn sie seinen Namen und seine Nummer wegen ein paar verwählter Anrufe herausbekommen hatte, dann mussten beide Telefonnummern sehr ähnlich sein: nur eine oder maximal zwei Ziffern Unterschied. Er beschloss, alle möglichen numerischen Variationen auszuprobieren. Doch die möglichen Kombinationen von sieben Ziffern sind zahlreich. Nach wenigen Tagen war sein Finger müde, und er grämte sich, weil ihre Nummer eine der vielen sein konnte, die er probierte, es unendlich lang klingeln ließ, aber niemand abnahm. Er versuchte es über Wochen hin: Er wählte Tausende von Nummern; nichts, rein gar nichts.
Er stellte sich hunderttausend mögliche Tode vor. Er würde aus Liebe sterben, aus Liebe für eine Frau, von der er nicht mehr kannte als ihre Stimme. Jeden Abend, wenn er nach einem anstrengenden Tag (vor acht, falls sie doch anrufen würde) den Hörer auflegte, entschied er sich für einen anderen Freitod: Schließlich hatte er das größte Handbuch zu dem Thema beisammen. Er stellte sich die Schlussszene in einem Film vor, immer dieselbe: Um acht Uhr abends, der Sarg mit seiner Leiche wird gerade hinausgetragen, da klingelt das Telefon, einen Tag zu spät.
Alles überstürzte sich, doch ganz anders als gedacht: Nachdem er sich wochenlang in der dunkelsten Ecke seiner Wohnung verschanzt hatte (um den polizeilichen Ermittlungen, den Brigaden von Psychoanalysten, die ihm die Familie auf den Hals schickte, der Belagerung von Freunden und Freundinnen aus dem Weg zu gehen) fand er eines Abends unter der Wohnungstür eine Telefonrechnung mit einem Datum, das bereits eine Weile zurücklag, und die die unmittelbar bevorstehende (und daher schon eingetretene) Drohung enthielt, ihm das Telefon abzustellen. Er rannte zum Telefon, hob den Hörer ab, wissend, was ihn erwartete: null Ton. Daraus entnahm er, dass es bei den Bemühungen seiner Familie, ihm (angesichts seines offensichtlichen Wahns) die Konten zu sperren, einen Fehler gegeben hatte und die Sperrung nun auch die Zahlungen betraf. Das Ende der Geschichte verliert sich nun in den Labyrinthen, Fluren und Schaltern des Behördendschungels bei dem Versuch alle ausstehenden Rechnungen zu bezahlen, um sein Telefon wieder angeschlossen zu bekommen, und in der immer weiter verblassenden Hoffnung, der Anruf könne sich doch wiederholen; als er dann eines Tages mal wieder auf der Straße war, nahm er die Gelegenheit wahr, anfangs noch etwas vergrätzt, und rief Lídia (oder vielleicht auch Pepa) aus einer Telefonzelle an:
– Hallo, junge Frau.
– Ach, was für eine Überraschung! Hast du eigentlich inzwischen die vierzig überschritten?
Matruschkas
Er rennt über Wiesen, duckt sich in das hohe Gras, versteckt sich hinter den Säulen. Das Haus rückt in immer weitere Ferne. Rechts am Weg Weiden und dann und wann ein weißes Holzschild, auf dem mit schwarzen Buchstaben steht: BADEN VERBOTEN1. Rechtwinklig zum Uferweg gibt es ganz kurze Pfade, die in Treppen mit steinernen Geländern übergehen, in die Vasen und Blumen gemeißelt sind, und deren Stufen in den See hineinführen. Er keucht und schwitzt. Er ist völlig erschöpft. Lehnt sich ans Geländer. Nervös schaut er zurück, dann aufs Wasser, immer wieder, hin und her. Nun läuft er weiter am See entlang bis zur Bootsanlegestelle, die verlassen daliegt. Er sucht den Horizont mit seinem Blick ab. Er weiß, wenn sie noch lange brauchen, wird man ihn schnappen. Er steigt die Treppen wieder hoch. Springt über das Geländer. Versteckt sich hinter den Bäumen. Von da aus übersieht er den See. Er ist ungeduldig. Schaut ständig auf die Uhr. Minuten später hört er ein ganz leises, näher kommendes Geräusch: In der Ferne zwischen dem fahlen Blau von Himmel und Wasser taucht ein Motorboot auf. Ein Vogel durchschneidet die Luft. Er steht vom Boden auf. Ganz vorsichtig biegt er die Zweige auseinander, schaut den Weg hinunter und springt über das Geländer. Als er die Steintreppe zur Bootsanlegestelle hinuntersteigt, hört er hinter sich ein Geräusch. Er dreht sich um: Die Brünette mit Sonnenbrille zielt mit einer Pistole auf ihn. Die Musik wird lauter. Er rennt los, in Richtung Wasser.
Die Leinwand wird schwarz, dann weiß. Die Menge pfeift. Manche brüllen. Die Lichter werden hell. Für einen Moment lässt der Tumult nach. Dann verstreichen zehn langsame Minuten, in denen die Stimmung im Publikum von einem mehr oder weniger geduldigen Warten in offene Empörung umschlägt: Die Menge trampelt mit den Füßen und verlangt eine Erklärung. Verwirrung kommt auf, als endlich ein Vertreter des Kinos herbeieilt und sich kleinlaut entschuldigt, eine unerhörte Sache sei passiert: Der Schluss des Filmes sei nicht da. Und, fügt er an, es sehe nicht so aus, als habe man ihn abgeschnitten, denn übergangslos folge nach den letzten gezeigten Bildern ein Stück schwarzen Filmstreifens. Er bedauere die Störung außerordentlich, vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass solche Angelegenheiten sehr ärgerlich seien, insbesondere bei einer Uraufführung. Unter diesen Umständen sei es also das Beste, schlussfolgert er, das Eintrittsgeld zurückzuerstatten, weshalb er die Zuschauer auffordert, den Saal geordnet zu verlassen und sich an den Kassen anzustellen. Er fügt noch hinzu, man habe den Verleih kontaktiert, der ihm versichert habe, von nichts zu wissen und verspreche, sich, sobald wie möglich, mit dem Produzenten in Verbindung zu setzen. Schließlich macht der Vertreter des Kinos eine ohnmächtige Geste mit den Armen und tritt ab. Nach einigen empörten Buh-Rufen verlassen die Zuschauer langsam den Kinosaal. Ein Zuschauer (irgendeiner: Sie können ihn sich aussuchen) gähnt, steht träge auf und begibt sich ins Foyer. Die Schlange, die ansteht, um sich das Eintrittsgeld erstatten zu lassen, vermengt sich mit der Schlange für die nächste Vorführung, die sich nun, perplex, nicht so recht entschließen kann, ihre gute Position, die sie durch eine beachtliche Wartezeit erlangt hat, wieder aufzugeben. Unser Mann hat keine Lust zu warten: Er gibt das Geld verloren und steigt die Straße hinauf. Als er an der halben Schlange vorbei ist, hört er, was aus der Nachricht inzwischen geworden ist: Es heißt, man habe den Film entführt, um Fördergelder für einen Film zu erpressen, der von allen Produzenten abgelehnt worden war. Am Ende der Schlange läuft das Gerücht völlig aus dem Ufer: Durch einen anonymen Anruf habe man erfahren, dass im Kino eine Bombe gelegt worden sei. Die Leute zerstreuen sich leicht beunruhigt durch die Seitenstraßen. Er steigt ins Auto und fährt los. Im Radio kommt Dizzy Gillespie. Er fährt durch Vorortstraßen, die in einem Nebel aus undurchsichtigem Weiß liegen. Nun hört man im Radio einen stotternden Journalisten, der eine Frau ohne Arme interviewt, die ein Kind ohne Beine geboren hat. Ein Unglück kommt selten allein, folgert der Sprecher stammelnd und legt gleich darauf noch einmal Gillespie auf: Russian lullaby, einen Song, den der Mann (und das überrascht ihn) auch in dem Restaurant hört, das er gleich darauf betritt. Er bestellt ein gastronomisches Palindrom (als Vorspeise Melone mit Schinken; dann Schinkenkrustenbraten und als Dessert Melone), in der Hoffnung, den Maître zu verblüffen, der sich aber nicht so leicht beeindrucken lässt. An einem Nebentisch erzählt jemand von einer australischen Telepathin, die genau im selben Moment entsetzt aus einem Traum hochschreckte, als einem Schweizer Kollegen von einer verspielten Nichte mit einer Vorliebe für ungewöhnliche Verkleidungen ein tüchtiger Schrecken eingejagt wurde. Unser Mann lacht, und das Gelächter wird im Laufe des Essens lauter, bis es beim Dessert zu einem Schellen- und Trommelkonzert angewachsen ist, das noch im untersten Verlies der Burg zu hören ist.
Der Wecker. Er schält sich träge aus dem Bett, duscht, rasiert sich und zieht sich an. Er frühstückt im Café gegenüber. Dann steigt er in sein Auto: Bald lässt er die Stadt hinter sich, zehn Minuten lang ist die Straße leer. Er sieht das Haus von Weitem. Er parkt dicht daneben. Rechts am Weg Weiden. Am Seeufer Scheinwerfer, Kabel und Steckdosenleisten.
Sie warten bereits seit geraumer Zeit auf ihn. Er zieht sich rasch um und wird geschminkt. Der Regisseur gibt Anweisung, mit den Dreharbeiten zu beginnen. Er versteckt sich hinter den Bäumen. Sie filmen verschiedene Einstellungen. Dann springt er über das Geländer. Er wiederholt den Sprung zwei Mal. Während er die Steintreppe hinunterrennt, hört er ein Geräusch hinter sich; er dreht sich um: Die Brünette mit der Sonnenbrille zielt mit einer Pistole auf ihn. Er rennt los, in Richtung Wasser. Die Szene wird wiederholt: zwei Mal zielt die Frau auf ihn und zwei Mal rennt er los. Der Regisseur ist nicht zufrieden. Sie wiederholen die Szene ein drittes Mal: Die Frau zielt mit der Pistole auf ihn, er rennt hinunter ans Wasser. Diesmal unterbricht der Regisseur das Drehen nicht. Die Frau schießt. Der Schauspieler stürzt zur Erde.
Im Parkett herrscht für einen Moment Verwirrung: Auch ein Zuschauer ist gestürzt. Man trägt ihn weg, und der Film ist sofort zu Ende.
1 Im Original deutsch.
To choose
When a man cannot choose he ceases to be a man [...] Is a man who chooses the bad perhaps in some way better than a man who has the good imposed upon him?
ANTHONY BURGESS, A Clockwork Orange
Mitten am Vormittag spürte ich, nachdem ich die Post erledigt hatte und mich gerade anschickte, ein paar Briefe durchzusehen, eine Leere im Magen. Nicht wie Hunger: Es war eher eine körperliche Leere, wie ein Ballon, der sich nur schwer hinunterschlucken lässt. Wenn ich die Hand in den Mund hätte stecken und den Hals hinunterschieben können, hätte ich es tasten können: weich und fettig, jenes Nichts, das sich still beschwerte. Im Parterre trank ich ein paar Kaffee. Eine halbe Stunde später war das Unbehagen immer noch da: Diesmal trank ich Sprudel im Café gegenüber. Ich hielt es noch eine weitere Viertelstunde aus, doch jetzt hatte ich bereits das Gefühl, als sei ich innen aus Luft: Wenn mich einer angepiekst hätte, wäre ich geplatzt. Ich bat den Direktor um ein Gespräch: Ich teilte ihm mit, dass es mir nicht gut gehe, und bat ihn um Erlaubnis, nach Hause zu dürfen. Ich beschrieb die Beschwerden ziemlich vage: im Magen, immer heftiger. Dann fügte ich noch starke Kopfschmerzen hinzu, für den Fall, die Symptome kämen ihm leicht oder geringfügig vor. Er gab mir die Erlaubnis und wünschte mir rasche Besserung.
Auf dem Weg grübelte ich herum: Eine diffuse Angst kroch meinen Rücken hinauf, die sich, ohne dass mir das bewusst war, bereits in ein Verlangen verwandelte, das ich nicht mehr würde kontrollieren können. Am Nachmittag passierte gleichzeitig zweierlei: Ich begriff, was mit mir los war, und wollte es nicht akzeptieren. Um nicht weiter darüber nachzudenken, reparierte ich Stecker, hing Lampen auf, staubte Regale ab. An einem Nachmittag erledigte ich alle Arbeiten, die ich monatelang vor mir her geschoben hatte.
Am Abend beim Fernsehen gelang mir die kohärente Formulierung. Und ich wiederholte (so als vertraute ich darauf, dass ich es durch das Aussprechen und Hören in klaren, deutlichen Worten mit der Angst zu tun bekäme und folglich davon Abstand nehmen würde) ich sie laut:
– Ich muss jemanden töten.
Der nüchterne Klang dieser Worte hatte allerdings die gegenteilige Wirkung wie erhofft: So als machten die Signifikanten das Signifikat weniger schlimm (vous pigez la feinte?). Selbstredend trug ich die moralischen Gründe, die dagegen sprachen, vor und beschrieb das Risiko, das damit einherging. Auch denkt normalerweise jemand, der einen Anderen umbringen will, an eine bestimmte Person, und er hat ein Motiv. Ich jedoch war weit von solch einfachen Gefühlen entfernt. Ich spürte die Notwendigkeit zu töten ohne Motiv und ohne ein bestimmtes Opfer, und dieser Drang ließ mich nicht nur mich nicht schlecht fühlen, sondern würde (da war ich mir ganz sicher), falls ich wirklich zur Tat schritte, dazu führen, dass ich hinterher befreit, munter und glücklich wäre.
In dieser Nacht schlief ich schlecht: Albträume quälten mich, aber nicht, weil ich dabei war, eine, sagen wir mal, Schandtat zu begehen (dabei war? so entschieden war der Traum?), sondern weil ich mir für die Entscheidung zu lange Zeit ließ. Es gab einen Moment im Traum, zwischen einer Maiswüste und einem türlosen Gebäude, in dem ich eine Wahrheit begriff, die mir in ihrer Bestimmtheit entsetzlich erschien: Nicht der ist schuldig, der ein Verbrechen begeht, sondern derjenige, der sich dabei erwischen lässt. In der Früh rief ich schweißgebadet im Büro an und schob eine starke Grippe vor. Der Direktor verschrieb mir Aspirin, Cognac, heiße Milch, Honig mit Zitrone und Bettruhe.
Bei mehreren Gläsern Saft überlegte ich lange hin und her: Wen würde ich umbringen und warum? Dabei fiel mir ein (das hatte ich mal irgendwo gehört, wusste aber nicht mehr wo), dass ein perfektes Verbrechen nur dann zustande kam, wenn man zwischen Verbrecher und Opfer unmöglich eine Beziehung herstellen konnte. Wenn ich einen anonymen Fußgänger ermordete, ohne gesehen zu werden, wie könnte man mich beschuldigen, da ich ihn von nirgendwo her kannte und nicht einmal wusste, wer er war? Ich wäre wie ein Heckenschütze, der ihm unbekannte Leute erschießt; doch würde ich die exhibitionistischen Anwandlungen meiden, die häufig zu seiner Verhaftung führen.
Ich brauchte also nicht weiter darüber nachzudenken, wen ich ermorden sollte: Der Zufall würde mir das Opfer zuführen. In einer einsamen Ecke, ohne sein Gesicht zu sehen, würde ich jemanden umbringen und erst am nächsten Tag in der Zeitung sein Gesicht sehen und seinen Namen lesen. Ich musste einzig noch über das Werkzeug nachdenken. Das Auto schloss ich von vornherein aus: Jemanden mit hundert Stundenkilometern in einer dunklen Gasse zu überfahren, erschien mir zu schwierig und riskant für einen wahrscheinlich ungeschickten Anfänger. Stichwaffen erschienen mir roh. Der Strumpf um den Hals schäbig. Der Revolver sagte mir am meisten zu: Er machte aus mir einen Mörder wie im Film.
Zudem würde ich mich der Tat entsprechend kleiden. Ich entwarf die Kleidung: gestreifter Anzug (mit Weste), dunkles Hemd, helle Krawatte, Schnürschuhe. Für Maßschneiderei und Waffenhandlung brauchte ich weniger lang, als ich gedacht hatte. Ich holte ein wunderschönes Paar Schnürschuhe aus dem obersten Fach eines Schrankes. In der Waffenhandlung stieß ich auf keinerlei Probleme: Die extreme Leichtigkeit, mit der man Waffen für die eigene Sicherheit kaufen konnte, machte den individuellen Angriff einfacher denn je. Am selben Nachmittag hatte ich bereits alles zusammen. In dieser Nacht schlief ich durch.
Am nächsten Morgen zeigte mir der Spiegel ein völlig unverbrecherisches Gesicht: Nach so vielen gemeinsam verbrachten Jahren kann ich getrost gestehen, dass mein Gesicht irgendetwas zwischen Seehecht und Ei ähnelt, vielleicht etwas zu blass, verdutzt, aber überhaupt nicht aggressiv. Bevor ich auf die Straße hinaustrat (ich glaubte mir das immer noch nicht in Gänze), steckte ich mir die Waffe zwischen Gürtel und Hemd.
Den ganzen Morgen lang streifte ich durch Parks. Auf einem Platz mit einem Springbrunnen in der Mitte aß ich an einem Kiosk zu Mittag. Dann ging ich unter Pappeln spazieren, von denen ich eigentlich gedacht hatte, sie seien verschwunden. Den ganzen Nachmittag lang streichelte ich mit der einen Hand den Kolben meiner Pistole. Neben einem See, der wie Silberpapier dalag, fütterte eine Alte Tauben. Wir waren absolut alleine. Ich ging weiter: Ganz hinten saß ein Wächter auf einer Bank und säuberte gelangweilt seine Fingernägel. Ich war nicht versucht, auf ihn zu schießen. Danach sah ich zwischen den Bäumen ein Pärchen, das sich mehr als küsste. Ein Gefühl von Zärtlichkeit durchlief meinen Körper.
Wenn ich so wählerisch war, wen sollte ich dann umbringen? Alle erschienen mir zu grau, um zu sterben. Vielleicht jemand Herausragendes? Aus einem unbestimmten Gefühl heraus wusste ich, dass keine dieser Personen das war, was ich suchte. Suchte ich also nach einer bestimmten Person? Auf dem Weg zum Ausgang des Parks kam mir nun ein Mann entgegen, weder jung noch alt, weder groß noch klein, so unbestimmt, dass man an ihm hätte vorübergehen können, ohne ihn zu bemerken. So einen Typ sollte ich umbringen? Ich zog den Revolver, der ja zwischen meiner Leber und dem Gürtel steckte, heraus und schob ihn in die Tasche meines Jacketts. Zehn Schritte von dem Mann entfernt legte ich den Finger auf den Abzug. Kurz bevor ich abdrückte (überrascht, wie leicht es mir gefallen wäre), schoss es mir durch den Kopf, dass mich so viel Mittelmaß nicht überzeugen konnte. Ich verfiel wieder ins Grübeln, und um davon loszukommen, machte ich mir zum wiederholten Mal klar, dass der einzig richtige Weg war, ohne Motiv zu töten, denn nur so konnte das Verbrechen ungestraft bleiben. Einen Moment lang dachte ich, mir fehle es an Entscheidungskraft. Wie leicht müsste es sein, auf den Abzug zu drücken, wenn man einen überzeugenden Grund hatte! Ich drehte mich um, der unbestimmte Mann war bereits weit weg.
In einer Bar trank ich einen Gin und fuhr dann mit dem Auto aus der Stadt: Ich wählte Straßen, die ich kannte, und Wege, die mir unbekannt waren. Weit genug entfernt von jeglichem Anzeichen einer Siedlung entdeckte ich unter einem Vollmond und umgeben von Zypressen ein erleuchtetes zweistöckiges Haus. Leise parkte ich das Auto zwischen den Bäumen.
Ich rannte geduckt über die Wiese. Mir kam es vor, als hätte ich das schon einmal erlebt, in einer früheren Reinkarnation oder im Kino. Schon war ich neben der Tür. Durch die Fenster konnte ich hineinschauen: In einem großen Wohnzimmer, die Wände hingen voller Bilder, sah ein Mann in den Vierzigern fern. Ob noch jemand in dem Haus war? Aus einer Holzkiste nahm der Mann eine Zigarre. Ich hörte Geräusche: Im oberen Stockwerk wurde das Licht ausgemacht, und nun erschien eine Frau in einem dicken Pelzmantel unter der Wohnzimmertür. Der Mann und die Frau küssten sich. Gesprächsfetzen drangen bis zu mir. Er sagte, sie möge nicht so spät zurückkommen. Sie versprach, gleich nach dem Kino zurückzukehren. Ich versteckte mich unter einer Treppe hinter ein paar Büschen, doch die Frau verließ das Haus nicht durch die Eingangstür, sondern fuhr in einem weißen Mercedes in einem Affenzahn direkt aus der Garage heraus.
Es wäre weniger glaubhaft, ihn mit der alten Ausrede des Autos und der Panne zu bitten, das Telefon benutzen zu dürfen, als die Situation derart zu dramatisieren, dass er, weil es ihn so direkt betraf, keine Sekunde zögern würde, die Tür zu öffnen. Ich wartete ein paar Minuten, in denen der Mann sich die Zigarre zurechtschnitt und sie mit Bedacht anzündete. Dann klingelte ich ungestüm:
– Machen Sie auf, Ihre Frau hatte einen Unfall!
Ich hörte nur die Stimme im Fernseher. (Jetzt vor der Tür konnte ich nicht sehen, was der Mann tat.) Dann hörte ich, wie er das Gerät abstellte; und Schritte, ich konnte nicht herausfinden, ob sie näher kamen oder sich entfernten. Ich griff nach dem Revolver, der noch in der Tasche war. Ich rief noch einmal:
– Machen Sie die Tür auf! Ein Unfall! Ihre Frau mit einem weißen Mercedes . . .!
Der Mann schob den Riegel zurück und öffnete langsam die Tür, fassungslos. Ich schien nicht bösartig auszusehen, denn als er mich sah, machte er die Tür ganz auf, er hatte endgültig Vertrauen gefasst:
– Meine Frau? Ich bin nicht verheiratet. Doch der weiße Mercedes . . .
Mein Fehler: Ich hatte falsche Schlüsse gezogen: Die Frau, die weggefahren war, war gar nicht seine Frau. Na und? Vielleicht war sie die Geliebte oder eine Freundin, die mir leidtat: Der Mann hatte nicht in Erwägung gezogen, dass es sich um sie handeln könnte, bis er die Worte weißer Mercedes hörte. Sei wie es sei, ich befand mich in dem Haus, und das Schweigen dauerte schon zu lang. Dies war ganz klar mein Mann. Ich zog den Revolver. Der Mann machte eine überraschte Geste. Ich sah mich gezwungen, ein paar Worte zu sagen, um die Situation klarzustellen:
– Ich bin gekommen, um Sie zu töten.
Der Mann war noch mehr überrascht: Ganz offensichtlich hatte er beim Anblick der Waffe an Raub gedacht. Mit einem dünnen Stimmchen fragte er mich, warum. Ich wollte nicht darauf hereinfallen: Wenn ich anfinge, ihm zu erklären, dass ich in Wirklichkeit gar kein Motiv hatte, ihn zu liquidieren, würde ich mir schnell überflüssig und lächerlich vorkommen. Der Mann fügte hinzu:
– Warten Sie einen Moment, ich gebe Ihnen alles, was Sie wollen.
– Er zog seine goldene Armbanduhr ab und reichte sie mir zusammen mit seiner Brieftasche, die er in der rechten Hosentasche trug. – Oben habe ich Schmuck und noch mehr Geld. Wenn Sie wollen, können Sie auch diese Bilder mitnehmen. Sie können einen ganzen Haufen Geld mitnehmen. Aber verlieren Sie nicht den Kopf, behalten wir die Nerven.
Allmählich hatte er Angst bekommen. Er sträubte sich zu glauben, dass ich nicht da war, um ihn auszurauben: Er war nicht in der Lage, das zu verstehen. Ich dagegen fand es kränkend, dass er mich als einen kleinen Dieb betrachtete, den man mit Flitterkram kaufen konnte. Zitternd und stammelnd stand er vor mir und erschien mir derart als Feigling (und während ich die Kälte des Abzugs an meinem Finger spürte, dachte ich, an seiner Stelle würde ich mich genauso feige verhalten), dass ich ohne die geringsten Gewissensbisse zwei Schüsse auf ihn abfeuerte, die in der Nacht wie zwei Ohrfeigen klangen. Als er auf dem Boden lag, gab ich ihm mit einem dritten den Gnadenschuss. Die Zigarre begann eine Ecke des Teppichs anzusengen. Der Mann umklammerte fest die Brieftasche und die Uhr, die er mir vorher angeboten hatte. Ich bückte mich. Noch ehe ich verstand, was ich tat, nahm ich die Uhr und die Brieftasche. Oben sammelte ich den Schmuck und das Geld ein. Von den Bildern wählte ich fünf aus: einen Modigliani, zwei Bacon, einen Hopper und einen Llimós. Mit dem Taschentuch öffnete ich die Tür. Im Auto fragte ich mich, ob es das nächste Mal genauso einfach sein würde.
Der Brief
Am Mittwoch gegen Mittag schloss er in der Küche sämtliche Türen und Fenster, öffnete den Gashahn und legte sich rücklings auf den Boden; kurz darauf starb er. Am Freitag in der Früh, das Bestattungsunternehmen war noch nicht eingetroffen, brachte der Briefträger einen Brief in einem Umschlag ohne Absender. Ein entfernter Vetter, der einzige Verwandte, den man ausfindig machen konnte, hatte, dringliche Geschäfte vorschiebend, den Ort mit dem Hinweis auf seinen doch recht fernen Verwandtschaftsgrad vor einer Weile verlassen. Zudem meinte er mit Bezug auf seinen militanten Agnostizismus, er habe mit einer Nacht Totenwache das Trauerritual mehr als erfüllt. Der Concierge nahm also den Brief entgegen, doch wusste er dann nicht, was damit tun, und legte ihn auf die Hände des Verstorbenen. Die vom Bestattungsunternehmen kamen zu spät und in Hetze. Sie verschlossen den Sarg und trugen ihn die Treppe hinunter. Der Concierge schloss die Wohnungstür ab. In dem Brief, den niemand las, stand:
»Liebster Scheißkerl,
deine Briefe habe ich erhalten, doch kam ich bis vor wenigen Tagen nicht dazu, sie zu lesen. Ich beantworte sie nun, aber ich sage es gleich, es wird das erste und das letzte Mal sein. Ich habe wahrlich anderes zu tun, als Geistesarmen wie deinesgleichen Trost zu spenden. Du überschüttest mich mit unangebrachten Versprechungen und Erklärungen, um die dich keiner gebeten hat. Du lebst außerhalb jeglicher Realität. Du weißt doch genau, dass ich niemals zu dir zurückkehren werde, denn du und ich, wir haben uns alles gegeben, was möglich war; eigentlich relativ wenig. Komm mir jetzt nur nicht mit rührseligen Geschichten. Ein bisschen mehr Charakter würde dir gut anstehen. Du behauptest, ich hätte mich auf Bert eingelassen, weil er besser im Bett sei als du, und formulierst das so, als wolltest du mir einreden, ich sei eine Hure. Wenn du glaubst, du könntest mir damit Schuldgefühle machen, irrst du ganz gewaltig. Was denkst du dir eigentlich? Allerdings triffst du den Nagel auf den Kopf, wenn du meinst, mit Bert amüsiere ich mich besser. Und wie! Ich würde mich freuen, wenn du begreifst, welche Dimensionen zwischen euch liegen, auch mental. Da du masochistisch veranlagt bist, erzähle ich dir nun mehr: Ich werde nass, schon wenn er mir ins Ohr flüstert, wie er es mit mir treiben wird, so wie du es nie vermocht hast. Ich kann ihn stundenlang streicheln, und wenn mir das zu langweilig wird, lasse ich ihn kommen, wo ich will. Und dann geht’s wieder von vorne los. Er ist so anders als du! Er hat das, was man Phantasie nennt, ich weiß nicht, ob du weißt, was ich meine. Im Restaurant lässt er mich mitten beim Essen den Schlüpfer ausziehen oder Ähnliches, was du abwegig findest (was hat man davon, sich im Restaurant den Schlüpfer auszuziehen?, wirst du dich nun fragen), mich macht das völlig verrückt vor lauter Lust, so verrückt, dass wir aus dem Restaurant abhauen müssen. Auf der Straße machen wir uns übereinander her, so als seien wir Gesindel. Wir treiben es in Gärten, wälzen uns auf dem Rasen, erregt, weil uns jederzeit jemand entdecken kann. Dann steigen wir in ein Taxi, und er ist weiter unter meinem Rock zugange, sodass ich mein Gesicht verstecken und in meine Hand beißen muss, damit der Taxifahrer nichts merkt; Bert ist dabei ganz ernst, so als mache er gar nichts mit seiner Hand, und ich komme ein ums andere Mal, bis der Sitz ganz durchnässt ist. Wir steigen aus, und allein bei der Vorstellung der Gesichter der Fahrgäste, die nach uns einsteigen, krümmen wir uns vor Lachen. Magst du, dass ich dir das alles erzähle? Sicher. Du fühlst dich ja so wohl, wenn du leidest . . . Du hast es schon immer gemocht, dich wegen jeder Kleinigkeit in Selbstquälerei zu ergehen und dich in dein Leid hineinzusteigern. Womöglich findest du die Dinge, die ich dir hier erzähle, sogar erregend? Als du gelesen hast, wie mich Bert angrapscht, war das sehr erotisch für dich? Er grapscht an mir herum, fasst mich an und steckt seine Finger in alle Löcher, die er findet (und ich in seine), und wir lieben uns in Parks und in Kinos und in Absteigen, ganz eilig, als könnten wir nicht warten, bis wir zu Hause sind. Und wenn wir dann daheim sind, fangen wir von vorne an. Und ich fummele an ihm herum, ich fummele überall an ihm herum: auf der Straße, in Bars, vor seinen und vor meinen Freunden, im Auto, wenn er fährt. Im vollen Bus stecke ich meine Hand in seinen Mantel und in seinen Hosenschlitz und packe ihn, hart, steif und warm, und im schaukelnden Rhythmus des Busses reibe ich ihn, bis er sich über meine Finger ergießt, und beim Aussteigen lutsche ich sie ab, und der Fahrgast neben der Tür blickt auf meine Lippen und auf meine Finger und eine Sekunde später versteht er, was passiert ist, und lächelt überrascht. Wenn du willst, kannst du dir von mir aus einen runterholen. Wenn es dir allerdings wehtut, dass ich dir all das erzähle, weißt du, was zu tun ist: Hör auf, mir zu schreiben. Wenn du normal wärst, hättest du nach dieser ganzen Zeit, immerhin wohnen wir jetzt schon fast zwei Monate nicht mehr zusammen, längst eine neue Freundin und würdest ihren Hintern bearbeiten, anstatt mir mit deinen Briefen ein schlechtes Gewissen einzureden. Falls es dich tröstet (oder dein Leiden steigert), will ich dir mitteilen, dass ich nun mit einem Supertypen gehe und Bert ein bisschen eifersüchtig ist, so wie du, als das mit Bert anfing. Mit diesem Typ amüsiere ich mich bombig. Vielleicht noch mehr als mit Bert, was ja ziemlich schwierig ist und was deine Theorie bestätigen würde, dass ich von jedem neuen Typen hingerissen bin und immer glaube, er sei tausendmal besser als der vorige, bis ich, nachdem ich ihn besser kenne, das Interesse verliere. Vielleicht stimmt das auch. Na und? Dieser ist ziemlich jung, und ich muss ihm erst alles beibringen: wie er sich hinlegen muss, was er bei mir machen soll, wie er mich lecken, wie er mich umarmen soll. Ich fühle mich als Beschützerin, so wie eine Mutter. Wie du siehst, kommt jetzt bei mir scheinbar der Mutterinstinkt durch. Er ist zart und stark wie ein Kalb und füllt mir den Mund wie niemand davor. Es muss eine Frage des Alters sein: so ein zartes Lämmchen . . . Möchtest du noch mehr von mir wissen? Hoffentlich nicht. Und was die Drohung betrifft, dich umzubringen, will ich dir noch eins sagen: Ich finde es völlig geschmacklos und wenig originell, und wenn du meinst, du müsstest mich genauso fies erpressen wie Toni, als ich ihn deinetwegen verlassen habe, so will ich dich doch daran erinnern, dass er wenigstens den Mumm hatte, die Drohung wahr zu machen, etwas, was ich mir bei dir kaum vorstellen kann. Nun zum Schluss, mein Lieber, in der Hoffnung, nie wieder von dir zu hören, sende ich dir nicht gerade überschwängliche Grüße
C.«
Vier Viertelstunden
Pünktlich ist derjenige, steht im Wörterbuch, der eine Sache genau zum festgelegten Zeitpunkt tut. Hast du also um sieben eine Verabredung, bist du pünktlich, wenn du um sieben erscheinst. Bis hierher ist alles klar. Was nicht ganz so klar ist, wie soll man denjenigen bezeichnen, der sich um sieben verabredet hat, aber bereits um sechs durch die Straßen in der Nähe des verabredeten Ortes streift und sich um halb sieben am Kiosk, dem Ort der Verabredung selbst, einfindet, eher, weil es Freitag ist und am Freitag die Kioske wie Gärten im Frühling erblühen, als aus einem anderen Grund: Alle Periodika des Wochenendes erscheinen zum gleichen Zeitpunkt, und wenige Dinge lenken einen besser vom Warten ab als das gemütliche Beäugen der Titelseiten von Zeitschriften (und der Bücher, die in den benachbarten Schaufenstern ausliegen). Doch um drei viertel sieben sind alle Titel angeschaut, und nachdem man immer noch eine Viertelstunde warten muss, bleibt einem nichts anderes übrig, als eine Zeitschrift oder eine Zeitung zu kaufen und langsam in ihr herumzublättern. Wenn man dann in der letzten Zeile der letzten Spalte der letzten Seite angekommen ist (die einzig lesenwerte: die Unterhaltungsseite), ist es sieben Uhr, und es gibt keinen Grund, des Wartens müde zu sein, denn in Wirklichkeit hat das Warten noch gar nicht begonnen. Dieses Individuum, das pünktlich ist (denn es ist genau zum festgelegten Zeitpunkt an dem verabredeten Ort) und gleichzeitig unpünktlich (denn es war zu früh an dem Ort: also nicht genau zu dem festgelegten Zeitpunkt), bin in diesem Fall ich, der immer noch nicht weiß, wie diese verbissene unpünktliche Pünktlichkeit zu bezeichnen ist, die ich von klein auf mit mir herumschleppe, zu meinem eigenen Pech und zur Überraschung aller, mit denen ich verabredet bin und die zwanghaft unpünktlich zu sein pflegen. Unpünktlich sein kann heißen, sich um sieben zu verabreden und eine Minute nach sieben da zu sein, oder fünf nach sieben oder um viertel acht oder um halb acht oder um neun oder um zehn. (Viele Unpünktliche sind unpünktlich, weil es ihnen offensichtlich Spaß macht, andere auf sich warten zu lassen, über die braucht man keine weiteren Worte zu verlieren.) Wenn die Person, mit der du verabredest bist, gar nicht erscheint, hört sie automatisch auf, unpünktlich zu sein, und wird unverschämt. Wenn man Glück hat und die Gewohnheiten desjenigen, auf den man wartet, kennt, kann man ihn in die passende Kategorie einordnen und ihm vielleicht sogar eine Verspätung verzeihen (oder sich von einer ungewöhnlichen Pünktlichkeit überraschen lassen oder sich über einen Unfall beunruhigen, den es gar nicht gegeben hat). Wenn man die Verabredungsgewohnheiten des Anderen nicht kennt, warten Risiko und Abenteuer in der unmittelbaren Zukunft auf einen, und man wird sich höchstwahrscheinlich eine ganze Weile lang in eine regungslose Schaufensterpuppe verwandeln, die, an Wände und Straßenlaternen gelehnt, köstliche Racheakte ersinnt und zur Ablenkung alle Arten von Pünktlichkeit und Unpünktlichkeit klassifiziert, mit denen das Schicksal einen im Laufe des Lebens konfrontiert.
Das war mein Fall: Mir waren die Umgangsformen der Frau, auf die ich wartete, völlig unbekannt (ich hatte sie öfter am Ausgang des Atomkraftwerkes getroffen, wo ich arbeite; und sie auch: Daher kenne ich sie). Nun, um viertel acht hatte ich alle Titelseiten studiert und zwei, nicht eine, Zeitungen gelesen (um genau zu sein, eine Zeitung und eine Zeitschrift). Um halb acht fing ich an, mir Gedanken zu machen, ob wir uns vielleicht irgendwo anders verabredet hatten; ob wir eine andere Uhrzeit vereinbart hatten; ob sie vielleicht einen anderen Ort oder eine andere Zeit verstanden hatte; oder ob ich Ort oder Zeit falsch verstanden hatte; ob ihr etwas passiert sei; ob sie es sich anders überlegt und entschieden hatte, nicht zu kommen (und ich, der ich in der Hoffnung auf eine verrückte Nacht extra den Teppichboden gesaugt und Sekt kalt gestellt hatte!); ob irgendwo in der Stadt ein Verkehrschaos war (mir fiel aber ein, dass sie kein Auto besaß und davon nicht betroffen war); ob vielleicht die U-Bahn ausgefallen war (ein Zusammenstoß: entgleiste Wagen: Leichen auf dem Bahnsteig: ihre auch?); ob vielleicht ein anderer Grund sie abgehalten hatte: die Mutter von einem Taxi überfahren; der Vater in den Aufzugsschacht gefallen; der kleine Bruder (hatte sie überhaupt einen großen oder kleinen Bruder?) verhaftet wegen des Handels mit Murmeln. Um neun zog ich die Möglichkeit einer Entscheidung in Betracht. Um viertel zehn wurde der Kiosk geschlossen (und der Kioskbesitzer schaute mich beim Herunterlassen des Eisengitters an, als sei ich ein Geist oder ein Dieb). Ich dachte, es sei eine gute Idee, im Café genau gegenüber einen Kaffee zu trinken. Um halb zehn betrat ich das Café, die Wärme, die mir entgegenschlug, machte mich erst auf die Hundskälte draußen aufmerksam. Und ich war drei Stunden draußen gestanden! Ich blieb am Tresen, von wo aus (man sagt ja, die Hoffnung sei das Letzte, was man verliere) die Straße und der Kiosk gut einzusehen waren, falls sie doch noch auftauchen und den ganz beträchtlichen Unpünktlichkeitsrekord des Landes schlagen würde. Ich bestellte einen Milchkaffee.
Um zehn (natürlich passieren Dinge nicht genau alle Viertelstunden und in diesem Fall war es nicht anders: Aber auch noch die Minuten zu zählen, wäre wirklich übertrieben) zahlte ich den Milchkaffee, und als ich mich zur Tür wandte, sah ich an einem Tisch Helena, die mir zulächelte. (Aber nun keine vorzeitigen Gefühlsanwandlungen: Helena war nicht die Frau, auf die ich den ganzen Abend gewartet hatte. Die Frau, auf die ich den ganzen Abend gewartet hatte, hieß Hortensia. Bei dieser Gelegenheit kann ich mich ja vorstellen: Ich heiße Hilari.) Helena war in der Uni meine Freundin, bis vor einem Jahr: Als ich mit dem Studium fertig war, machte ich mit ihr Schluss. Jetzt küssten wir uns auf die Wangen:
– Wie du dich verändert hast . . .
– Nicht so arg, glaube ich. Du siehst aber genauso aus wie früher.
– Wir haben uns ein Jahr nicht gesehen. Aber man meint, es sei viel länger her. Du hast zugenommen. Was machst du so? Erzähl.
– Eigentlich . . .
– Setz dich . . .
– . . . ich wollte gerade gehen.
– Was willst du trinken?
– Ich habe . . .
– Setz dich. Wenn du stehst, fühle ich mich irgendwie, ich weiß nicht, wie. Bist du gewachsen? Du siehst größer aus.
– Quatsch! Wie soll man in meinem Alter noch wachsen?
– Was trinkst du?
– Hhmmm . . . Einen Cognac.
Ich griff nach einem Stuhl und setzte mich. Plötzlich wollte ich gar nicht mehr, dass Hortensia auftauchte und mich hier zusammen mit Helena sah. Ich überlegte, ob es besser sei, sofort zu verschwinden und dabei Gefahr zu laufen, dass Hortensia genau in dem Moment am Kiosk eintreffen würde (was relativ unwahrscheinlich war: Denn sie gehörte offensichtlich zu der unverschämten Rasse), oder zu bleiben und ein anderes Risiko einzugehen: nämlich, dass Hortensia wenig später eintreffen würde, in das Café ginge und uns entdecken würde.
– Ich habe dich vor einer halben Stunde hereinkommen sehen.
Mir kam es nicht in den Sinn, sie zu fragen, warum sie mich nicht angesprochen hatte. Ich überlegte, wenn ich nicht gesehen hatte, wie sie das Café betreten hatte (was sehr seltsam war, da ich den ganzen Abend neben dem Kiosk stand), seit wann mochte sie wohl in dem Café sitzen? Sie musste mich die ganze Zeit beobachtet haben: einen verlassenen Gaffer am Kiosk, der ganz offensichtlich auf jemanden wartete, der nicht kam, und immer noch nicht gekommen war? (Und sie, wartete sie auf jemanden? Würde sie mich fragen? Und wenn ja, was sollte ich ihr antworten?)
– Bist du schon lange hier?
Als Stratege von niedrigem Niveau kam ich ihr zuvor.
– Ja, schon eine Weile. Es ist so kalt, da wollte ich etwas Heißes trinken.
Was war für sie eine Weile? Welches Schema benutzte sie, um zu beurteilen, ob eine Weile kurz oder lang war? Und das mit der Kälte . . . Machte sie sich über mich lustig? Wir schwiegen einige Augenblicke oder einen Augenblick oder vielleicht Fragmente eines Augenblicks, die mir wie ewig lange Sekunden erschienen. Ich musste etwas sagen: Unvorhergesehene Ereignisse (und dieses Treffen war eines) brachten mich durcheinander. Ihr musste es ähnlich gehen, denn ich hatte ihre letzte Frage nicht beantwortet und sie merkte es offenbar gar nicht. Wir wechselten das Thema. Plötzlich wurde Helena ernst:
– Nachdem wir Schluss gemacht hatten, ging es mir sehr schlecht. Hundsmiserabel. Wirklich. Wir müssen nicht noch einmal darüber reden: Wir wissen beide, wie es war. Ich . . . Ich weiß nicht. Wir haben beschlossen, uns nicht gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben. Einverstanden. Ich will dir nur erzählen, dass ich mich in dem Moment, als ich das Gefühl hatte, mir werde der Boden unter den Füßen weggezogen, gleichzeitig sehr wohlgefühlt habe, sehr gut in einer seltsamen Art: so als würde ich wieder ich selbst werden (und mir gefällt dieser Satz nicht: Er erscheint mir billig). Wenige Tage, nachdem wir unsere Beziehung beendet hatten, ging ich ins Kino, allein, ich weiß nicht mehr, in welchen Film. Ich ging ins Kino, und als der Film zu Ende war, trat ich ins Foyer, und mein Blick fiel auf den Fußboden, der mit großen rötlichen Teppichfliesen ausgelegt war. Und es war, als hätte ich ihn zwar schon immer gesehen, aber als schaute ich ihn nun zum ersten Mal an. So als hätte ich zuvor nie hingesehen. Und obwohl ich völlig verzweifelt war, fühlte ich mich ganz sicher beim Anblick dieses Teppichs, der grauen Sofas und der schwarz lackierten Türen und hatte Lust, mit jemandem zu plaudern, mit irgend einem ganz romantischen, ganz sanften, ganz zärtlichen Kerl anzubändeln. Ich weiß nicht, ob ich mich richtig verständlich mache: Die Welt, ob gut oder böse, lag vor mir, und mir ging es wirklich sehr, sehr schlecht; aber ich war es, der es schlecht ging. Als ich auf die Straße hinaustrat, sah ich die Autos und die Menschen, und der Gedanke, mich nicht dann und dann mit dem und dem da und da treffen zu müssen, gefiel mir. Ich konnte, ich weiß nicht, zum Beispiel eine Mandelmilch trinken oder mir einen weiteren Film oder noch einmal denselben Film ansehen oder mich auf eine Bank setzen und warten, bis der Müllwagen vorbeifuhr. Oder mich mit irgendwem treffen oder alleine bleiben.
Ich machte den Mund nicht auf. Sie hielt einen Moment inne, vielleicht nur um Luft zu holen, denn gleich darauf fuhr sie fort:
– In diesem Jahr bin ich mit einem aus meinem Fachbereich gegangen (ich bin noch nicht mit dem Studium fertig): Hipòlit. Ich weiß nicht, ob du dich an ihn erinnerst: ein langer Rothaariger mit einer riesigen Nase, er spielt Basketball. Seitdem haben wir uns regelmäßig gesehen, bis letzte Woche, in der er nicht zu unserer Verabredung kam.
– Ihr wart verabredet, und er ist nicht gekommen?
– Genau. Dann, am nächsten Tag, hat er angerufen und sich entschuldigt. Und ich habe ihm seine Entschuldigung geglaubt, denn (das habe ich sofort überprüft) sie stimmte. Manchmal passiert einfach so was und hat keine Bedeutung. Aber an jenem Tag sah ich ganz klar, Hipòlit und ich hatten unsere Beziehung eigentlich schon viel früher beendet; nicht weil er mich versetzt hat, das war nur eine Lappalie und fungierte lediglich als Auslöser: Auf einmal war mir das klar. Dieses Gefühl, mich erneut in der Welt wiederzuerkennen, habe ich dir deshalb so leidenschaftlich beschrieben, weil ich es gerade aufs Neue erlebe, und den rötlichen Teppich habe ich heute Nachmittag wieder im Kino gesehen.
Während Helena redete, verzieh ich ihr alle und jede einzelne Gemeinheit, die sie mir früher angetan hatte: Sagen wir, ich war geradewegs auf dem Weg, mich abermals in sie zu verlieben. Ich bekam Zweifel, ob ich sie in jenem Jahr tatsächlich so gehasst hatte. Sie schickte sich an aufzustehen. Ich schlug vor, uns zu treffen. Sie senkte den Kopf, schaute mich zweifelnd an. Ich blieb hartnäckig: Montag?
– Montag passt mir nicht.
– Mir auch nicht, wenn ich darüber nachdenke.
– Dienstag geht bei mir nicht.
– Bei mir schon, aber wenn es bei dir nicht . . .
– Mittwoch auch nicht.
– Und Donnerstag? Nein. Donnerstag nicht. Und Freitag? Ja, Freitag geht bei mir.
– Freitag kann ich nicht. Weißt du was? Jedes Mal, wenn ich mit einem Lover Schluss mache, stopfe ich mir den Tag voll mit Sprachkursen. Als ich mit dir Schluss gemacht habe, habe ich mit Italienisch angefangen. Jetzt mit Deutsch.
– Also dann, was meinst du, ich weiß nicht . . .
– Und morgen? Morgen kann ich. Wenn nicht, müssen wir warten, bis ich weiß nicht wann.
Wir kamen überein, uns am nächsten Tag zu treffen: in genau diesem Café um sieben Uhr abends. Als ich zu Hause ankam, hatte Hortensia auf den Anrufbeantworter gesprochen: Sie hatte nicht kommen können, weil sie eine halbe Stunde vor unserer Verabredung krank geworden war. Es tat ihr sehr leid. Sie hatte angerufen, als ich schon nicht mehr zu Hause war: um sechs.
Am nächsten Morgen, einem Samstag, schlief ich aus. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, ob Helena sehr unpünktlich war oder nur ein bisschen. Für alle Fälle spielte ich die Rolle des kleinen Unpünktlichen, die weniger sehnsüchtig wirkte: Ich würde drei Minuten nach sieben im Café sein. Verbissener unpünktlicher Pünktlicher, der ich aber bin, war ich bereits um sechs drei Straßen vom Café entfernt und betrachtete Schaufenster. Ich kaufte Maronen, futterte sie genüsslich in mich hinein und suchte Abfalleimer für die Schalen. Auf skandalöse Weise pünktlich in meinen eigenen Entscheidungen, stand ich um drei Minuten nach sieben vor dem Café, warf einen schnellen Blick zum Kiosk und zum Kioskhändler (der mich schräg anschaute, so als habe er mich schon einmal gesehen) und betrat das Café. Ich setzte mich an einen Tisch und bestellte einen Anisschnaps. Die Viertelstunden verrannen eine nach der anderen: Helena kam nicht. Um neun ging ich: Ich kaufte am Kiosk eine Zeitung. Neben mir kaufte Hortensia, überrascht mich zu sehen, auch eine Zeitung und bedauerte, dass sie am Tag zuvor nicht habe kommen können; sie zeigte auf den Schuldigen: ein furchtbares Bauchweh wegen eines schwer verdaulichen Mittagessens. Nun aber (und es tat ihr sehr leid) hatte sie es eilig: Wir verabredeten uns für morgen. Am nächsten Tag wartete ich nur bis halb neun: Hortensia kam nicht. An der Ecke traf ich auf Helena, die keine Zeit hatte: Eilfertig entschuldigte sich, am Tag zuvor nicht gekommen zu sein. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag (sie würde es schon hinkriegen, versprach sie mir, ihren Termin zu verschieben). Am Tag darauf kam sie nicht. Auf der anderen Gehwegseite traf ich allerdings Hortensia, die versuchte, dasselbe Taxi zu bekommen wie ich (was wir dann auch gemeinsam nahmen): Sie entschuldigte sich tausendfach und bat mich, uns am nächsten Tag zu treffen. Am nächsten Tag wartete ich umsonst, und da ich die Nase voll hatte, ging ich zu Fuß nach Hause und machte einen Umweg durch die Galerien. Vor einem Magritte traf ich Helena, die sich entschuldigte.
Ich stellte mir eine Verschwörung vor: Sie waren befreundet und machten sich über mich lustig; sie erzählten jeden Abend lachend, wo und wie sie mich getroffen hatten und was für ein Gesicht ich gemacht hatte. Ich spielte das Spiel noch einen Monat weiter mit. Bis ich es satt hatte. Ich verabredete mich mit einer der beiden und kam nicht. Anstatt in das Café zu gehen, in dem wir verabredet waren, versteckte ich mich in dem Café gegenüber und beobachtete aus der Ferne, ob die, mit der ich mich nicht verabredet hatte, irgendwo stand und spionierte, um mir dann, wenn ich aus dem Café käme, zu folgen und ganz zufällig über den Weg zu laufen. Ich stand am Tresen, als ein mir nicht ganz unbekannter Mann auf mich zutrat: hochgewachsen mit roten Haaren und dem Aussehen eines Basketballspielers.
– Du bis sicher Hilari – sagte er.
Ich nickte mit dem Kopf und teilte ihm meine Vermutung mit, dass er Hipòlit sei, der Ex-Lover von Helena. Wir unterhielten uns. Er war vor einem Monat und ein paar Tagen aus dem gleichen Grund nicht zu der Verabredung mit Helena gekommen wie ich heute Abend. Natürlich kannte auch er Hortensia und hatte die gleichen Entwicklungsstufen durchlaufen wie ich. Wir tauschten Erinnerungen an die Uni aus (für mich schon ein Jahr her, für ihn noch aktuell). Wir beschlossen, gemeinsam essen zu gehen, und versuchten, beim Essen herauszufinden, warum sie sich so verhielten. Und wenn sie nicht Motuproprio handelten? Vielleicht waren wir nicht die einzigen Narren, und die Stadt war voll mit Clowns wie uns. Vielleicht war es eine Weltverschwörung: Die Frauen aller Länder hatten sich in einem meisterlichen Spiel vereinigt, um uns Männer zum Wahnsinn zu treiben, bevor sie zum letzten Schlag ausholten und wieder das Matriarchat einführten. Wir bestellten die dritte Flasche Sekt. Wir mussten umgehend die Welt über unsere Entdeckung informieren und die Männer gegen diese Gefahr mobilisieren. Hipòlit schlug einen Gegenangriff vor: Einer, der die Ex des anderen kannte, musste sich mit ihr verabreden, doch würde dann nicht er, sondern der andere hingehen: Das Rad käme ins Rollen: Alle Männer auf der ganzen Welt würden sich mit allen Frauen verabreden, und keiner würde zu den Verabredungen kommen.
In den frühen Morgenstunden sagten wir uns Tschüss. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag, um die Strategie zu präzisieren: zu der und der Uhrzeit an dem und dem Ort. Selbstverständlich bin ich am nächsten Tag in nüchternem Zustand nicht hingegangen.
Ein Kino
Draußen regnete es.
Es war ein verkommenes Kino, dessen Putz in endgültig verlorenen Zeiten einmal sandfarben gewesen war. An der Fassade hingen verblichene Plakate von Stars, die schon vor Jahrzehnten das Zeitliche gesegnet haben mussten, ihre geschminkten Gesichter waren mit Glittersternchen übersät. Als ich eintrat, wurde noch Werbung gezeigt. Es gab keine Schlange, und die Frau an der Kasse riss auch gleich die Karte ab, eine Personaleinsparung, die andeutete (so als sei es nicht ohnehin ganz und gar offensichtlich), dass es mit diesem Kino bergab ging.
Obwohl das Parkett fast leer war, wurde ich von einem Platzanweiser (der sich gegen seine mehr als lächerliche Entbehrlichkeit immun zeigte) begleitet. Er schlurfte vor mir her über Erdnussschalen, Plastiktüten, Tempotaschentücher, Zeitungspapier und Kondome, die auf dem Boden des Saals einen Teppich bildeten. In dem Moment hätte ich gehen sollen, aber ich tat es nicht. Der Platzanweiser spuckte auf den Boden. Ich wählte einen Platz am Mittelgang, weder zu nah an der Leinwand noch zu weit weg. Die Werbung war zu Ende, und die Lichter gingen kurz an. An den ehemals stoffbezogenen Wänden hingen nur noch karmesinrote Fetzen. Es wurde wieder dunkel, und das Surren des Projektors attackierte auf unerhörte Weise den Saal. Niemand protestierte.
Ein heterosexuelles Pärchen stolperte (lärmend wie eine ganze Armee) herein und ließ sich ausgerechnet in der Reihe direkt hinter mir quietschend in die Sitze fallen. Der Löwe riss sein Maul auf, und hinter mir begannen sie zu plaudern. Beim Vorspann waren sie eine Weile ruhig. Dann tuschelte der Mann seiner Freundin etwas ins Ohr, sie brach in Lachen aus, und der Urheber ihres Gelächters ließ sich von ihr anstecken. Ich drehte mich leicht nach hinten (in solchen Fällen kann eine unumwundene Äußerung, dass man sich gestört fühlt, zu einer unmittelbaren Verhaltensänderung führen) und verzog meinen Mund, um so meinem Ärger deutlich Ausdruck zu verleihen.
Abgesehen von dem Gequietsche der Sitze herrschte für eine Weile Ruhe (ich weiß nicht, ob meine Mimik Erfolg hatte oder ob es nur Zufall war), doch bald darauf hörte ich das Knistern von Zellophan. Sicher war es das Einwickelpapier von einem Bonbon, doch das Geräusch bekam (in dem fast gänzlich leeren Saal) eine absolute Wichtigkeit: Es schien, als sei die Tonspur des Filmes verstummt und als komme das Geraschel des endlosen Zellophans mitten aus den Lautsprechern. Das erste Bonbon war noch nicht ausgewickelt, als die Stimme der Frau sagte: »Willst du eines?«, und das »Ja« des Mannes verschmolz bereits mit dem Auftakt zur neuen Symphonie: Nacheinander wickelten sie sieben Bonbons oder Pralinen aus, was immer es auch war. Dann blieb es still.
Im Film sah man die ganze Zeit öde Landschaften: Panorama, Panorama und noch mal Panorama. Eben jetzt erst begann die Handlung: Der Fremde betrat den Saloon, alle sahen ihn schief an. Er verlangte einen Whiskey, der Kellner stellte ihn miesgelaunt vor ihn hin. Ein Bärtiger mit vertrieften Augen stocherte in einem Zahn herum.
Plötzlich nieste die Frau hinter mir. Und das, was als spontanes Ereignis begann, wurde zu einem lang währenden Rezital (ausgeschmückt mit einem viermaligen Klicken am Verschluss der Geldbörse), das mit dem Schneuzen der Frau zu Ende ging, wobei sie eine beeindruckende Serie von nasalen Winden erzeugte, von der mich der Geruch von geröstetem Mais ablenkte.
Wenn es auf der Welt einen Geruch gibt, den ich nicht ausstehen kann, dann ist das der von geröstetem Mais. Weder rechts noch links von mir futterte irgendjemand Maiskörner, und das Pärchen hinter mir war zu sehr mit dem Auswickeln von Bonbons oder Pralinen beschäftigt, als dass es sich auch noch mit Maiskörnern abgegeben hätte. Doch der Gedanke nahm laut seinen Weg durch meinen Mund:
– Wie kann man nur . . .
Aus der Reihe vor mir (die mir bis dahin leer erschienen war) tauchte das Köpfchen eines Männleins auf, das mich mit unsichtbaren Tigeraugen anschaute:
– Jetzt reicht’s aber langsam mit dem Krach!
Ich setzte an, um zu antworten, dass ich nur der Verursacher des letzten Gemurmels sei und daher völlig unschuldig, was die ganzen Geräusche und Gerüche um uns herum betraf, und er brauche mich deshalb nicht so anzufahren; doch schon nach einem halben Wort drehten sich drei Köpfe, um mich zum Schweigen zu bringen.
Ich stand auf und setzte mich auf der anderen Gangseite zwei oder drei Reihen weiter nach vorne. Jetzt verstand ich nicht mehr, was auf der Leinwand vor sich ging: Vier Kerle, die aussahen wie Gewohnheitsspieler (darunter der Fremde von vorhin) spielten Poker. Anscheinend hatte einer ein Full House: drei Asse und zwei Buben, eine Kombination, die den Fremden merklich überraschte, da er zwei Asse hatte, was bedeutete, dass fünf Asse auf dem Tisch lagen, was angesichts der Tatsache, dass sie nur mit einem Blatt spielten, höchst ungewöhnlich war. Offensichtlich spielte also einer der beiden falsch. Da nun beide jegliche Schuld von sich wiesen und behaupteten, der andere sei schuld, wurde die Affäre mit einem kleinen Duell gelöst, aus dem der Fremde siegreich hervorging, zum großen Ärger der Einheimischen, die die Leiche fortschafften und sogleich einen Ersatzspieler suchten, um das Spiel fortsetzen zu können. Eines der beiden doppelten Asse wurde weggelegt und das Spiel ging weiter. Zum nächsten Krach kam es, als zwei andere Spieler (diesmal beobachtete der Fremde geistesabwesend die Auseinandersetzung), überzeugt von dem guten Spiel, das sie auf der Hand hatten, ihren Einsatz immer weiter erhöhten, bis sie, in der Gewissheit zu gewinnen, alles setzten. Als sie die Karten auf den Tisch legten, hatten beide vier Asse.
Wenn es einige Minuten zuvor wegen eines überzähligen Asses ein Duell gegeben hatte, musste man bei vieren auf ein gegenseitiges Abschlachten gefasst sein. Doch es kam anders: Bevor der Streit überhaupt anfing, hatte bereits einer der potenziellen Angeklagten den anderen erschossen, was ihn auf der Stelle zum Unschuldigen machte. Man suchte nach einem weiteren Ersatzspieler und verlangte ein neues Kartenspiel.
Ich überlegte zum zweiten Mal, ob ich gehen sollte. So als sei die Verkommenheit des Kinos noch nicht genug, fehlte dem Film jeglicher Sinn. Die Musik triefte vor Pathos, die Schauspieler wussten nicht, was sie taten. Nun wurde weiter gepokert: Überall tauchten Asse auf. Sie ließen sich noch einige Male ein neues Blatt bringen, ehe sie schließlich wutentbrannt anfingen, kreuz und quer herumzuballern. Es blieb nur ein Spieler übrig: Der Fremde, der sich nun erhob und in Großaufnahme erschien, so als würde ihn die Tatsache, überlebt zu haben, zu Höherem bestimmen, etwas, an das er nicht einmal selbst glaubte. Zwei Reihen vor mir lachte ein Bursche auf und wickelte sein belegtes Baguette aus einem Zeitungspapier. Mit Thunfisch: Ich konnte es riechen.
Anscheinend war, abgesehen vom Saloonbesitzer, das ganze Dorf bei dem Blutbad umgekommen. Der Fremde lehnte am Tresen, trank und wusste nicht so recht, was er tun sollte (ähnlich wie der Regisseur). Die Szene zog sich minutenlang hin: Der Fremde goss sich einen Schluck nach dem anderen hinter die Binde, so als erwarte er von uns eine Idee, wie es weitergehen solle. Wie würde diese Abfolge von Szenen, eine hirnrissiger als die andere, ausgehen? Es interessierte mich immer weniger. Von der rechten Saalwand fiel eine Kugellampe und zersprang in tausend Stücke. Jemand lachte.
In diesem Moment spürte ich, wie jemand meinen Schenkel berührte. Völlig verblüfft, wusste ich nicht, wie reagieren. Es war das erste Mal, dass jemand versuchte, mich im Kino anzufassen. Ich traute mich nicht, meinen Kopf zu drehen, um zu sehen, wer das heimlich grapschende Individuum war. Als ich mich hingesetzt hatte, war der Platz neben mir frei. War der Jemand männlich oder weiblich (das Gewicht einer Hand sagte mir sehr wenig)?, doch wer auch immer, er oder sie hatte sicher einen verkrüppelten Körper und ein Pickelgesicht. Wahrscheinlich war der Jemand ein Mannweib, ein androgyner Außerirdischer. Ich stellte ihn mir grün vor, den Mund voller Stahlzähne . . . Vielleicht war es ja das Beste, nicht auf das Etwas zu achten, dann würde die Hand auf Grund der Nichtbeachtung genauso still und leise wieder verschwinden, wie sie gekommen war. Ich tat, als würde ich mich auf den Film konzentrieren: Auf der Leinwand tanzte der Fremde mit einem Frauenzimmer, das eine viel zu moderne Frisur trug. Doch das löste das Problem mitnichten: Die Hand bewegte sich weiter schenkelaufwärts. Ich holte tief Luft und drehte meinen Kopf: Es war die Frau von der Kasse, die sich mit meinem Schenkel beschäftigte und dadurch zu einer dreifachen Angestellten des Hauses wurde. Oder handelte sie aus Eigeninitiative? Ein paar Reihen hinter mir krachte es: Ein Sessel war zusammengebrochen, und alle brachen in Lachen aus: Das ganze Publikum und besonders das Opfer, das sich vom Boden erhob und den Staub von den Hosen klopfte. Die Kassiererin lachte auch kurz auf und sagte mir dann ganz leise:
– Erschrick nicht. Gefällt dir der Film? Ich habe ihn so oft gesehen, dass ich ihn auswendig kenne. Weißt du, dass wir heute schließen? Ich habe dich noch nie hier gesehen. Wenn hier jemand Neues herkommt, fällt das sofort auf. Wir sind schon lange unter uns und sehen uns so oft, dass wir nicht merken, wie wir älter werden. Siehst du das Pärchen da? Sie kommen jeden Tag, seit vielen, vielen Jahren, und sitzen immer auf demselben Platz. Gefällt dir nun der Film? Er ist nicht besonders interessant, stimmt’s? Von den Filmen, die wir gezeigt haben (und das waren viele!), gefiel mir einer am besten, den wir im Programm hatten, als wir noch ein Uraufführungskino waren. (Vor vielen Jahren war dies ein Uraufführungskino, nicht, dass du denkst!) Das war wirklich ein schöner Film gewesen. Er hörte genau da auf, wo er begonnen hatte, und der Projektor (der Mann, der den Film zeigte: der Filmvorführer, mein’ ich), der damals vielleicht noch jünger war, tat so, als ob der Film nie aufhörte, er lief drei- oder viermal ohne Unterbrechung. Und Gott sei Dank mussten wir spätnachts aufhören, sonst hätte er tagelang so weitergemacht. Der Hauptdarsteller war ein junger Mann, der seinem Schicksal entfliehen wollte. So als ob man dem, was geschrieben steht, entfliehen könnte! Na ja, ich erinnere mich nicht mehr genau an die Geschichte: Ich weiß nur noch, dass es als Kulisse ein Schattenhaus in den Nebeln gab, alt und ganz baufällig. Es kam auch eine junge Frau vor, aber ich weiß nicht mehr, was für eine Rolle sie spielte. Er floh von zu Hause, glaube ich, aber am Schluss kehrte er zurück, denn überall wo er hinkam, brachte er Zerstörung, egal ob in der U-Bahn oder in einem Ferienhaus am Meer, alles versank gleich in Trümmern. Ich erinnere mich nicht mehr so genau, aber die Lektion scheint klar: Niemand kann seinem Schicksal entgehen: Mmmhh. Willst du los? Bleib: Nachher werden wir diese letzte Vorführung feiern. Jetzt bist du eigentlich einer von uns.
Ich stand auf. Es gibt Abende, an denen man besser zu Hause geblieben wäre. Ich ging, ohne mich umzudrehen: Das Pärchen lachte und sah mich an. Ab und zu fehlte ein Sitz, und die Reihen sahen aus wie kariöse Gebisse. In der letzten Reihe liebte sich ein Paar hemmungslos. Aus der Klotür drangen ohrenbetäubende Schreie. Ein maskierter Dieb griff den Platzanweiser mit einem gigantischen Messer an. Während ich in den Falten des schweren granatroten Samtvorhangs den Ausgang suchte, hörte ich einen lauten Knall: Die Leinwand zerriss schräg von oben rechts nach unten links. Alle brachen in Gelächter aus.
Draußen regnete es nicht mehr. Ich ging schnellen Schrittes. Ich hatte vor irgendetwas Angst: einem unbestimmten Schatten, etwas Unheilvollem, was, dessen war ich sicher, bis Sonnenaufgang dauern würde. Beim Anblick der ersten Morgenstrahlen wäre ich gerettet. Auf dem Weg nach Hause trat ich immer nur auf jede zweite Gehwegplatte. Als ich vor der Haustür stand, merkte ich, dass ich die Schlüssel verloren hatte. Ich hatte sie entweder verloren, oder man hatte sie mir geklaut (vielleicht die Frau an der Kasse?). So, das war es also, wovor ich mich gefürchtet hatte. Doch ein Gefühl in meinem Magen sagte mir, dass mir noch Schlimmeres bevorstand. Ich könnte natürlich die Feuerwehr anrufen, die mir die Tür aufbrechen würde. Oder einen Schlosser. Doch das war nicht die Lösung: Früher oder später musste ich mich stellen. Wenn ich nicht hinginge, würden sie kommen. Der Gedanke, sie anzuzeigen, reizte mich zum Lachen: Auf dem Polizeirevier wären sie der Kommissar, die Polizisten, ein offensichtlich verhafteter Dieb, die Frau an der Kasse als Aufseherin . . . Das Miauen einer Katze ließ mich aufschreien.
Ich machte mich auf den Weg zurück zum Kino. Ich dachte: Wenn ich dort ankomme, werden sie alle auf mich warten und mich mit schwefeligem Gelächter und den klimpernden Schlüsseln empfangen. Ich dachte: Wenn ich dort ankomme, wird das Abrissunternehmen mit dem Abriss des Gebäudes begonnen haben, und weit und breit wird keine dieser finsteren Gestalten zu sehen sein; dann werde ich wissen, dass ich für immer einen fürchterlichen Fluch mit mir herumtragen werde. Doch genau vor der Straßenecke, an der das Kino liegt, sah ich die Schlüssel, meine Schlüssel, auf dem Boden, leuchtend wie Diamanten. Als ich sie aufhob, dachte ich: Jetzt brauche ich nicht mehr hinzugehen. Ich dachte auch: Zu Hause werde ich vor lauter Angst nicht schlafen können. Wenn ich mich beeile, werde ich vorher da sein, und je früher ich da bin, desto schneller ist alles vorbei. Was ist los? Habe ich Angst vor Geistern? Ich bog um die Ecke und rannte los.
Das Pflanzenreich
Dem Enkel von Matons vom Enkel von Onkel Ximo
Zu sagen, die Zeiten sind schwer, heißt heutzutage gar nichts mehr, denn wir haben diesen Ausdruck so oft benutzt, dass er schließlich seinen Sinn verloren hat, sollte er jemals einen gehabt haben: Die Zeiten sind in den Redewendungen immer schwer. Vielleicht wäre es genauer zu sagen, dass wir nicht mehr wissen, wo Norden ist; oder noch besser, wenn wir uns fragen, ob es den Norden überhaupt gibt (und folglich auch den Süden, der die Umkehrung desselben ist), alles nichts als herumhuschende Schatten in einem Schulflur. Man sagt, es seien Krisenzeiten, und ich bin gerne bereit zu denken, dass deshalb alles so ist, wie es ist. Denn wenn diese Theorie stimmt, wird der Kompass wieder funktionieren, wenn die Krise vorbei ist. Vor ein paar Jahren schien uns alles klar: Wir stürzten die Idole (nicht alle Idole jedoch: Vielleicht war das der Fehler) und setzten uns auf die leeren Podeste in der Erwartung, dass zwei mal zwei nicht mehr vier ist: Die Fensterstürze waren immer ein Norden, zumindest sie. Nun sind wir erwachsen (wir haben gelernt, dass zwei Schläge mit dem Knüppel und noch mal zwei Schläge mit dem Knüppel vier Schläge sind) und fragen uns, ob wir einige der gestürzten Idole wieder auf das Podest setzen oder selbst dort bleiben sollen, in der Gewissheit, dass in einer kommenden Zeit jemand seine eigenen Kommentare abgeben und neue Statuen errichten wird (möglichst aus Plastik, das brennt besser und verbreitet zudem einen bestialischen Gestank).
Als ich klein war, antwortete ich auf die Frage: »Und du, mein Kind, was willst du werden, wenn du groß bist?« »Unmensch.« Und ich habe meine ganze Kraft in dieses Streben gesteckt. In meiner Generation (vielleicht sollten wir sie eher Degeneration nennen: Wir waren eine begünstigte degenerierte Generation) begann die Akne im Schatten der ersten Rolling Stones und der Kämpfe zwischen Mods und Rockern, und wir projizierten unsere Wut auf alles, was orthodox erschien. Klugerweise verstanden wir, dass Heterodoxie und Skrupellosigkeit Wörter waren, die in keinem Wörterbuch als Synonyme auftauchten.
Ich habe von meiner Berufung zur Skrupellosigkeit berichtet, aber ich habe nicht erzählt, wie sich das zusammengebraut hat. (Ich weiß nicht, ob ich es fertigbringe: Ich kann zwar klar die Wurzeln erkennen, aber dann folgen nur verlorene Evolutionsstufen). Im Enfants Terribles verbrüderten wir uns mit seefahrenden Yankees und Brasilianern, schäbigen Nutten und Nordafrikanern (so werden sie heute genannt), die um Mitternacht mit Sonnenbrillen herumliefen. Von allen lernten wir unseren Zynismus und unser Schmarotzertum; als die ersten Hippies anlandeten, war uns sofort klar, dass wir nie was mit ihnen gemeinsam haben würden: Die andere Backe hinhalten war nicht unser Stil. Wir leugneten unsere Gefühle (und waren sentimental wie kaum einer sonst) und wurden nur durch Ziele motiviert, aus denen wir irgendeinen Gewinn schlagen konnten. Die Zeit hat uns ein wenig Recht gegeben (man bekommt es nie zur Gänze): Von den Hippies hört man heute gar nichts mehr, und die Habgierigen sind die Herren der Welt. In den Siebzigern begann der endgültige Verfall: Die Anhänger der Perversionsethik stellten sich als wenig ethisch und überhaupt nicht pervers heraus; Opportunisten, sonst nichts. Ich hatte die Nase voll von Junkies und Messern, und der neue Schub an Rebellen (Ökos, Vegetarier und Kriegsdienstverweigerer) ließ mir das Herz schwer werden.
Durch die Langeweile überstürzten sich die Ereignisse. In jener Nacht las ich Baudelaire. Ich lag in der Hängematte auf der Terrasse, umgeben von Zwergpalmen und Hortensien, mit Blick auf den gelben Mond über blauer Bucht. Txitxi lief in der Wohnung auf und ab, angeödet, abstinent, traurig, enterotisiert: Sie wollte nicht trinken, sie wollte nicht reden und vor allem wollte sie nicht vögeln. Genauso gelangweilt wie sie, wand ich mich aus der Hängematte, griff Txitxi am Arm und verdrehte ihn, bis sie anfing zu weinen (sie schaute mich dabei mit Augen an, die beichteten, dass auch ihr plötzlich die Langeweile vergangen war), und ich vergewaltigte sie, ohne dass ihre Schreie mein Gewissen belasteten. Wie bei einem Wunder öffnete sich der Himmel; eine Helligkeit trieb mich vor sich her: Plötzlich wurde mir klar, dass ich jahrelang vor mich hinvegetiert hatte. Nun war ich ein Bär nach dem Winterschlaf, der den ihm würdigsten Weg wählte: mich in einen klassischen Lüstling zu verwandeln. Ich würde nur noch die verbotenen Früchte kosten. Nachdem ich alles andere hinter mich gebracht hatte, spezialisierte ich mich auf die Frauen: eine Frage des Alters.
Von da an ging alles wie von selbst. Das Laster ist eine Ebene mit Wanderdünen, die alles verschlingen und denen niemand entfliehen kann. Vom ersten Experiment animiert, wurde ich zunächst Vergewaltiger. Kurz darauf beschloss ich, im Bewusstsein der Bedeutung meiner Aufgabe in einer Gesellschaft wie der unseren, mich theoretisch mit der Funktion auseinanderzusetzen, die ich zu erfüllen hatte, nicht, dass ich statt Täter zu sein versehentlich in die einfachere Rolle des Opfers schlüpfte. Und da es keine fruchtbringende theoretische Reflexion ohne begleitende bewusste Praxis geben kann, war ich (abwechselnd, hintereinander, gleichzeitig) Exhibitionist, Voyeur, Verführer Minderjähriger, Gigolo, Sadist, Sodomit, Masochist. War mir ein Terrain verboten, so war es zu erobern. Keine Verirrung war mir fremd. Wenn ich deshalb sage, die Zeiten seien schwer, dann tue ich das mit einer tiefen Kenntnis der Sache, Resultat, wie ich bereits sagte, einer gleichermaßen theoretischen wie praktischen Reflexion.
Jetzt erzähle ich euch meinen letzten Coup: Mittwoch war ich gegen halb zwei nachts im Whisky Twist. Den Ellenbogen auf den Tresen gestützt, rauchte ich vor mich hin, betrachtete, eingetaucht in die Anonymität der blauen und roten Lichter des Lokals, die Flaschen auf dem Regal vor mir und versuchte, die Etiketten zu lesen. Hinten wurde getanzt. Am Eingang waren zwei in eine Schlägerei verwickelt, und jeder Faustschlag warf einen der beiden gegen die Tür, bis der Gorilla auftauchte und das Happening beendete. Ich bestellte etwas zu trinken, aber ich weiß weder was noch bei wem. Ich erinnere mich nur noch daran (und ich kann mich kaum an mehr erinnern, denn es ist so, als habe alles, was daraufhin passierte, meine Erinnerung an das, was davor war, ausgelöscht), wie ich sie, als ich mich nach rechts drehte, um auf die Tanzfläche zu schauen, zwei oder drei Barhocker weiter sitzen sah.
Sie trank einen orangefarbenen Saft. Sie hatte lange, dunkle Haare, die ihr über die Schulter fielen. Von der Seite erinnerte sie mich an Silvie Vartan, eine dunkle Silvie Vartan. Sie hatte eine kurze Jeansjacke (Levi’s) an, eine jener, die man heute nicht mehr sieht: verwaschen wie Jeans. Nun, ich weiß nicht mehr, ob ich sie, nachdem ich ihr Gesichtchen sah, unschuldig wie ein Lamm, als einen Leckerbissen einstufte, der es wert war, dem Buch meiner Schandtaten hinzugefügt zu werden, oder ob in mir ein Gefühl der Überraschung (ich mit einem Gefühl?) hochstieg, dass ich nach so langer Zeit ein Mädchen in den Klamotten traf, die wir vor einem Jahrzehnt getragen hatten. Sie erinnerte mich an ein Mädchen, das ich mir eines Nachts im Jazz Colon geangelt hatte, als das Jazz Colon noch das Jazz Colon war und sich ein Mädchen angeln hieß, sie zu verführen, sie festzuhalten, sie zu nehmen und eine Dreiviertelstunde später wieder abzulegen. Jenes Mädchen erinnerte mich an die Partys am Sonntagnachmittag, an Twist und Madison, immer auf der Hut, weil die Eltern jederzeit aus dem Kino zurück sein konnten. Sie erinnerte mich an die Shadows, erinnerte mich an Jerry Lee Lewis, erinnerte mich an Michel Polnareff; erinnerte mich an mich selbst, der ich völlig in eine sommersprossige Puppe verknallt war.
Ich fing ein Gespräch mit ihr an, was unnötigerweise meine Absichten verheimlichen sollte. (Unnötigerweise, weil heutzutage die Dinge so schnell vonstatten gehen, dass niemand mehr Umwege macht, denn das Ja oder Nein kommt sofort und bestimmt.) Wir plauderten über Belanglosigkeiten, wir schlenderten durch Born, tranken in der Nähe des Parks Schokolade, liefen die Ramblas hoch. Ich verließ sie an ihrer Haustür, ohne auch nur ein Haar von ihr berührt zu haben, aber ich hatte ihre Telefonnummer in der Tasche. Ich glich eher einem Schutzengel, der seine Noten noch verbessern wollte, als einem Brutalo. Eine Angst beschlich mich, ich könne mich in der Rolle des netten Jungen vielleicht sogar wohlfühlen. Um dem entgegenzuwirken, holte ich mir gleich zu Hause mit Bildern von Tieren (Schweinen, Hunden und Eseln), die blondierte Fräuleins im Mund penetrierten, einen runter: Nun, ich musste meine Integrität bewahren! Mit einer Reißzwecke befestigte ich die Nummer neben dem Telefon. Ich würde sie morgen anrufen. So wie ich als kleiner Junge vor dem Einschlafen betete, so sagte ich mir jetzt ein ums andere Mal, was für ein Fiesling ich sei und sie für mich nicht mehr als ein weiterer Markstein, und malte mir aus, wie ich in ein paar Stunden grausam und gemein zu ihr sein würde.
Es war ein Leichtes, ein Treffen mit ihr zu verabreden. Sogar direkt bei mir zu Hause: So galant war ich am Abend zuvor gewesen! Ich bot ihr Getränke und einen Joint an. Sie wollte nur einen Fruchtsaft, und während im Fernsehen zwei Boxer für die Europameisterschaft im Weltergewicht aufeinander einschlugen, begann ich, sie am Hals zu küssen, ihr in den Kehlkopf zu beißen. Einen Moment lang erschien sie überrascht, und ich fühlte mich lächerlich: Vielleicht hatte sie mich gestern wirklich für einen Milchreisbubi gehalten. Im Mund hielt ich mich eine Ewigkeit auf: Der Weg war genau ausgearbeitet und ganz langsam zu absolvieren, damit sie mir, wenn es drauf ankam, nichts mehr verweigern konnte. Im Fernsehen grüßte einer der Boxer in Siegerpose, der andere lag noch auf dem Boden, k.o. Die Nachrichten begannen. In einer halben Stunde fing Endstation Sehnsucht an, mit Marlon Brando und Vivien Leigh, ein Film, der mir immer gefallen hat. Ich wollte ihn nicht verpassen und beschloss daher, mit dem Mädchen fertig zu werden, bevor der Film anfing. Ich begann, sie auszuziehen, sie wehrte sich kaum. Der Kampf, ihr den Rock runterzuziehen, war schon schwieriger. Das ermutigte mich: endlich Widerstand, wie es sich gehörte, nach langer Zeit. (Diese Jugendlichen heutzutage, die keinen Widerstand mehr leisten, verderben dir den Spaß an den kleinen Dingen des Lebens.) Ich sah mich genötigt, Gewalt anzuwenden. Mit dem Bauch nach oben und ohne Rock, presste sie die Beine zusammen und tischte mir völlig durcheinander eine Lüge nach der anderen auf, entschuldigte sich und schlug mir Entschädigungen vor, die mir aber nicht schweinisch genug waren. Ich zerriss ihr Höschen aus Satin, und als ich dann versuchte, einen Finger hineinzustecken, stellte ich fest, dass es nicht ging: Da war irgend etwas Seltsames. Ich spreizte ihre Schamlippen mit einer titanischen Kraft, denn diese Lippen widersetzten sich, als hätten sie ein Eigenleben. Ich versuchte, noch einmal einen Finger hineinzustecken (vorher hatte ich ihn mit Spucke angefeuchtet, hatte sie geleckt, vielleicht ging es ja besser, wenn alles voller Speichel war), doch ich stellte sofort fest: Es war absolut unmöglich: Das Loch war zu, so wie ich es noch nie erlebt hatte. Vermutlich konnte sie auf äußerst ungewöhnliche Art und Weise ihren Vaginalmuskel beherrschen und versperrte mir damit den Zugang. Ich verlor allmählich die Geduld und drohte ihr damit, einen Bohrer zu holen. Völlig entsetzt, begann sie zu reden, und ich beging den Fehler, ihr zuzuhören. Ich hätte es nicht tun sollen. Indem ich ihr zuhörte, hatte ich verloren: Zum jetzigen Zeitpunkt weiß ich immer noch nicht, ob sie mir etwas vorgemacht hat und ob sie es immer noch tut. Sie hob an:
– Halt, warte. Denk nicht, dass ich nicht will. Auch wenn es dir unmöglich erscheint, gibt es ein reales Hindernis dafür, dass du in mich eindringst. Ich bin und bin nicht daran schuld. Ich müsste sehr weit ausholen, um dir alles zu erklären, aber ich werde direkt zum Kern vorstoßen: Ich war immer eine Person mit starken Überzeugungen. Es ist schwer zu erklären: Nicht nur, dass mich als kleines Mädchen allein die Frage, ob ich Grippe hätte oder nicht, mich die eindrucksvollsten Grippen bekommen ließ. Das kann man noch erklären und ist eher hypochondrisch. Auch nicht, dass es mir eines Tages, als ich mit meinem Bruder Cowboy und Indianer spielte, gelang, mich so von meiner Rolle als Sioux zu überzeugen, dass ich zum Schrecken meiner Familie drei Tage lang nur noch rituelle Zeremonien heulte, was so weit ging, dass ich keine andere Sprache mehr verstand als Sioux (und wenn ich sage, verstand, meine ich genau das, und nicht, ich tat so, als verstehe ich sie nicht). Ähnliche Fälle gab es zuhauf. Ich erspare dir die Ausführungen. Mein Problem geht über Hypochondertum und Somatisierung hinaus. Schau mich nicht mit so einem Gesicht an. Tu mir nicht weh. Ich lüg dich nicht an: Wenn sich etwas in meinem Kopf festsetzt, sitzt es dort über meinen Willen hinaus fest und beherrscht mich völlig. Du wirst sehen, was passiert. Vor einem Jahr begann ich, mich für vegetarische Ernährung zu interessieren, und als mir dann die Tugenden dieser Diät einleuchteten, verselbstständigte sich der Prozess und nahm eine Wendung, die ich nicht vorhergesehen hatte: Ich war ganz und gar davon überzeugt. Damit will ich sagen, ich bin Vegetarierin von Kopf bis Fuß, und mein Körper (der ganze Körper, von oben bis unten) nimmt nur noch Pflanzliches an. Und da ist nichts zu machen, bis ich mich davon überzeuge, dass vegetarisch essen schädlich ist oder dass ich es, obwohl es gesund ist, nicht fanatisch befolgen muss.
Ich fiel darauf herein: Dieser wunderschöne Körper zitterte in meinen Armen, und ich glaubte ihr gerührt. Plötzlich fiel meine ganze Konstruktion in sich zusammen. Ich war nicht mehr der unbestechliche Unmensch: Ich hatte nun einmal nachgegeben und versucht, jemanden zu verstehen. Und wie: Ich tat ihr nicht nur keine Gewalt an, sondern benutzte, um sie zu befriedigen, Gurken, Möhren, Auberginen. Sie sagt, sie liebe mich sehr. Der Gynäkologe meint, es sei Sache der Psychologen. Der Psychologe meint, sie müsse sich überzeugen, dass Fleisch essen nicht nur nicht schädlich ist, sondern auch gesunde Aspekte habe. Denn anscheinend gibt es bei ihr keine Graustufen: entweder schwarz oder weiß; entweder sie ist von etwas ganz überzeugt oder gar nicht. Seit Wochen versuche ich, sie von den Tugenden der Perversität zu überzeugen. Wenn es mir gelingt, habe ich leichtes Spiel: Da Vegetarismus ganz offensichtlich nicht pervers ist, wird sie ihn ablehnen. Es sieht aus, als sei sie bereit, sich überreden zu lassen. Sie versteht langsam meinen Spleen, und er scheint ihr nicht zu missfallen: Sie liest inzwischen den Marquis mit mehr Vergnügen als Handbücher über Zitronen und Zwiebeln. Seit gestern aber verfolgt mich ein Gedanke: Was, wenn sie sich nun, so wie sie ist (alles oder nichts oder schwarz oder weiß), die Tugenden der Perversion so zu eigen macht, dass sie durch und durch pervers wird, sozusagen Skorpion und Pygmalion zugleich, und zu dem Schluss kommt, die höchste Form der Perversität, zu der man gelangen kann, sei es, in einer Weise, die ich nicht vorhersehen kann, den giftigen Stachel gegen mich zu richten?
Oldeberkoop
Für Marcelo Cohen, den tollen Hecht
– Hört es denn nie auf zu schneien? Ich will hier weg. Seit wie vielen Tagen sind wir hier? Elf? Oder zehn? Zehn oder elf: Ich habe den Überblick verloren. Wenn nicht einmal du ihn hast, der der Meinung war, es würde nicht lange schneien und der Schnee bleibe nicht liegen, da es kürzlich geregnet habe! Die Dinge fangen immer klein an und am Ende verschlingen sie dich. Was schreibst du da? Wir sind alle so ernst hier drin . . . All diese Leute hier sind so ernst, dass sie irgendwann schlicht anfangen zu saufen. Wenn sie saufen, fürchte ich mich etwas vor ihnen. Und sie betrinken sich so oft . . .: Es ist kaum zu glauben, dass es hier immer noch Alkohol geben soll! Die, die ausländisch reden, finde ich lustig. Wir wissen immer noch nicht, was sie sprechen. Holländisch nicht, das steht fest. Und sie sehen auch nicht aus wie Indonesier. Vielleicht sind sie Friesen. Hast du schon einmal Friesisch gehört? Vielleicht ist es Friesisch. Du meinst, sie reden hebräisch, aber wenn sie hebräisch sprächen, wären sie Israelis, und Israelis sprechen als Zweitsprache Englisch; und die hier können kein bisschen Englisch. Wir sind schon so lange hier und wissen immer noch nicht, welche Sprache es ist. Ich würde gerne mit ihnen reden. Ich würde sie fragen, wo sie herkommen, wie sie leben, was sie machen, was sie interessiert: Ich würde sie alles fragen. Ich habe es dir doch schon ein paar Mal erklärt; ich kann da nichts mehr tun: Hier passiert seit zehn oder elf Tagen rein gar nichts. Oder vielleicht zwölf? (Möchtest du einen Zug?) Ich habe Lust zu quatschen. Du kennst mich ja: Wenn ich nichts zu tun habe, rede ich wie ein Wasserfall. (Weißt du, dass wir keine Milch mehr haben?) Natürlich weißt du es: Ich habe es dir ja vor einer Weile gesagt. Und ich habe es dir gesagt, weil du es mir heute Morgen gesagt hast. Aber ich möchte dir auch etwas mitteilen. Auch wenn du es schon weißt und es deshalb nichts Neues für dich ist. Mmmhh. Wenn ich eine Wohnung hätte, würde ich in der Küche grüne Fliesen verlegen, wie diese hier. Willst du keinen Zug? Was schreibst du da? Mmmhh. Na, komm. Oh, was ist denn da zu Bruch gegangen! Das muss der Junge gewesen sein (wie heißt er gleich? Jan?). Er muss ja das halbe Geschirr zerbrochen haben. Er ist ganz unruhig, der arme Junge. Hast du gehört, was sie jetzt gesagt haben, die Friesen oder Israelis? Sie hören ja gar nicht auf zu lachen . . . Das muss ja superlustig sein. Hast du’s nicht gehört? Warum schaust du mich so an? Mmmhh, schmeckt dieses Kraut gut! Wo sie das wohl herhaben? Eigentlich war nichts mehr da, und plötzlich taucht eine ganze Menge aus dem Nichts auf. Sicher hatte es dieser eingebildete Schnösel versteckt. Er sieht so unsympathisch aus: Ich mag ihn überhaupt nicht. Bedank dich bei ihnen. Thank you, nicht? Mmmmhh, es ist sehr . . . wie soll ich das sagen? (Ach egal . . .) Wenn ich daran denke, dass ich das Zeug zu Hause angepflanzt habe: in tausend Töpfen. Jetzt raucht ihn sicher Mary Jane: Mary Jane raucht Mary Jane. Mary Jane raucht sich selbst: eine neue Form der Selbsttötung? Mmhh. Erzähl mir nicht, dass du sie nicht kennst. Mary Jane ist ein Fall für sich: Sie hatte nie eine müde Mark, aber sie hat immer den richtigen Wein angeschleppt, du weißt schon, was ich sagen will. Ich mag die Leute, die so was machen. Mmh. Es wäre das Paradies, wenn hier jetzt jemand LSD hätte. Vielleicht hat der Schnösel welches und läuft deshalb so hochnäsig herum. Hast du schon mal einen Trip geschmissen? Ja? Das wundert mich aber. Und Pilze? Pilze hast du doch sicher noch nie probiert, stimmt’s? Nein, natürlich nicht. Ich aber. Pilze sind . . . Man kann das nicht erklären. Pilze sind . . . Alles. Sie sind wie ein Film, wie ein Film von Walt Disney: der Himmel tiefblau: die Kulisse falsch und gleichzeitig so echt wie nie. So als sei alles Kulisse mit künstlichem Licht. Der Rasen so grün, ein Grün, was es überhaupt nicht geben kann. Nein, Mann, nein. Sie sind nicht wie LSD. Sag mal, zu was sagt man »Schnee«? Zu Heroin oder Kokain? Welche Ironie, jetzt von Schnee zu reden: wo wir so eingeschneit sind. Wir könnten rausgehen und uns den ganzen Schnee spritzen (oder schnüffeln, je nachdem): So würden wir wirklich gleich alles hinter uns lassen. Ich hatte mal einen Lover, der spritzte, und das war echt ein Problem, denn er bekam nie einen hoch; und wenn ich etwas nicht machen kann, krieg ich noch mehr Lust. Stell dir vor: Ich war völlig heiß darauf, mit ihm zu vögeln, und es ging nichts. Mmh. Ich habe dir doch schon gesagt, als es mit dem Schnee anfing: Lass uns gehen. Jetzt wären wir zumindest im nächsten Dorf (wie heißt es gleich?): in einem kleinen Hotel im Bett und würden Kamillentee mit Honig trinken. Was hat der Wirt gesagt? Der arme Mann, der hat nicht mit diesen ganzen Gästen in seiner Kneipe gerechnet. Wenn er wenigstens Gästezimmer hätte. Dann könnte man damit leben. Mit dieser Erfahrung jetzt kann er demnächst ein Hotel aufziehen. Was meint er jetzt? Er sagt sicher, wer ihm heute in der Küche helfen muss. Wir sind heute nicht dran, oder? Er hat uns nicht angeguckt. Einmal musste ich eine Nacht in einer Bar verbringen. Habe ich dir das noch nie erzählt? In der Bar von Pito. Kennst du ihn? Seine Bar ist zu laut und völlig verräuchert, und da läuft immer dieser Scheißfernseher (auf den niemand schaut) und so ’ne Maschine, Pinball glaub ich, mit ganz vielen Zahlen und Buchstaben, die immer an- und ausgehen. Sobald du dich in Richtung Maschine bewegst, um ein Spiel zu spielen, kommt Pito sofort mit dem Staubtuch angerast und fuchtelt auf der Glasplatte herum (damit du die Kugel nicht mehr richtig sehen kannst), und dabei kriegst du ständig seinen Ellbogen in die Rippen, bis du die Kugel (falls du bisher geschickt genug warst, das Spiel trotz des Staubtuchs zu bestehen) endgültig versenkst. Pito ist verrückt: Er ist gleichzeitig durchtrieben und nett. Wenn du ein Bier bestellst, bringt er ’ne Cola und wenn du einen Espresso Macchiato bestellst, bringt er dir einen Cubalibre oder Rum mit Orangenlimonade, und wenn du einen Rum Orange bestellst, serviert er dir Kutteln oder einen Grog, und während er dich zurechtweist, schaut er dich schräg an, stellt dir den Mann neben dir am Tresen vor, ruft nach dem Hund mit den traurigen Augen, dem er immer ähnlicher sieht. (Beide gehören zu derselben Art Wesen, die mehr mit Cafés und Cognac verwandt sind als mit Menschen oder Hunden). In der Nacht, die ich dort verbringen musste, habe ich eines verstanden, um das zu bekommen, was du wolltest, musstest du das Spiel mitspielen, du durftest nie das bestellen, was du wirklich wolltest, und auch nicht das Getränk oder das Essen, was gar nichts damit zu tun hatte. So konnte es dir gelingen, dass Pito zwar nicht genau das servierte, was du wolltest, aber doch etwas, was dem ziemlich nahekam. Ich wollte einen Whiskey: Ich bestellte gefüllte Oliven und eine Orange: Er brachte mir einen Cognac und ein Plunderstückchen. Ich trank den Cognac und ließ das Plundergebäck liegen. Ich lag nur wenig daneben. Bei der zweiten Bestellung hatte ich weniger Glück: Ich hatte wieder Lust auf einen Whiskey und bestellte ein Tonic: Er servierte mir einen trockenen Sherry, den ich hasse. Beim dritten Mal lag ich richtig. Ich bestellte Johannisbeersirup: Ein wunderbarer Malt Whiskey füllte mein Glas fast bis zum Überlaufen. Während dieser ganzen Spielereien goss es draußen wie aus Kübeln: Es goss, wie es auf diesem Planeten noch nie geregnet hatte. Das Wort Sintflut verniedlicht die Proportionen dieses Ereignisses: Keiner kam auf die Idee, nach Hause zu gehen, auch wenn er nur ein paar Häuser weiter wohnte. Wir mussten also bleiben, ein Haufen ganz unterschiedlicher Leute. Wir fingen an zu spielen, was wir (um zwei Uhr nachts, als das Wasser das Erdgeschoss überschwemmte) unterbrechen mussten, um in den ersten Stock umzuziehen. Wir spielten bis um halb sechs morgens, als der Regen nachließ und die einen nach Hause und die anderen zur Arbeit gingen. In der übrigen Stadt hatte es kaum geregnet: Siehst du, was es alles gibt: Vielleicht passiert hier das Gleiche, und es schneit gar nicht im Dorf nebenan: Es schneit nur in dieser Ecke und sonst nirgends auf der Welt. Vielleicht brauchen wir den ganzen Schnee auf, und es wird jahrhundertelang nicht mehr schneien; unsere Kinder und Enkel werden nicht wissen, was Schnee ist, und werden ihn nur von Fotos und aus Filmen kennen. Hast du gesehen, wie hoch der Schnee liegt, schon zwei Handbreit über der Fensterbank? Der Schnee wird die Scheibe doch nicht eindrücken, oder? Warum sagst du nicht dem Wirt, er solle die Läden schließen? Sonst macht der Schnee noch die Scheiben kaputt. Außerdem ist es dann nicht mehr so kalt. Warum ist das bisher noch niemandem eingefallen? Guck mal; jetzt schneit es noch mehr. Mann, liegt der Schnee schon hoch, das wird ja immer mehr. Schau, man kann den Himmel nicht mehr sehen: Wir sehen nichts mehr: nur noch Schnee. Bald bekommen wir keine Luft mehr. Es wird so viel schneien, dass wir unter einer Schneedecke verschwinden werden, wir und die Häuser, wir werden ersticken, wenn uns die Luft ausgeht, was bald sein wird, und bei dieser dauernden Kälte wird der Schnee nie wieder schmelzen, und wenn die Menschen sich dann an die neue Eiszeit gewöhnt haben (das muss es sein: Das hier ist eine neue Eiszeit: Wir sind Jahrmillionen zurück!), werden sie Autobahnen über uns bauen. In tausend Jahren werden dann kurzsichtige Archäologen unsere Leichen in vollkommen erhaltenem Zustand entdecken: wie in einer Tiefkühltruhe. Sie werden uns ausziehen, uns untersuchen, uns analysieren. Welche Horrorvorstellung! Warum kommt eigentlich keines dieser Schneeräumfahrzeuge vorbei? In diesem Land sind solche Stürme doch sicher normal: Ganz so viel Schnee vielleicht nicht, natürlich, aber hier ist man heftigen Schneefall bestimmt gewöhnt. Warum kommt eigentlich keiner und repariert das Telefon? Mmh. Da hast du’s: Es geht dem Ende zu. Es bleibt nur die Kiste. Wie spät ist es? Wenn wenigstens der Fernseher funktionieren würde . . . Warum passiert das gerade uns? Ah. Ich bin müde. Legst du dich mit mir in die Ecke? Komm, wir machen Mittagsschlaf. Du schreibst. So als ob du nichts anderes könntest. Bringt es dir irgendetwas? Was schreibst du eigentlich, darf man das erfahren? Mal sehen . . . Du bist verrückt. Warum schreibst du alles auf, was ich sage? Das heißt: Du saugst dir das nicht einmal selbst aus den Fingern, sondern im Prinzip kann ich dir befehlen, was du schreiben sollst; und dann schreibst du nur das, was ich will. Schreib Scheiße. »Scheiße.« Nein, jetzt habe ich es gelesen. He, hör auf. Du spinnst. Schreib nur das, was ich dir sage, was du schrei . . . Hey! Du hast ein halbes Wort aufgeschrieben; also, wenn ich jetzt schweige, wirst du nichts mehr schreiben: Wirst du einen Leerraum lassen oder einen Absatz machen? Zeig mal . . . Bah: Du hast Punkt, Punkt, Punkt gemacht: Du bist nicht gerade originell: Das hast du vorhin auch schon mal gemacht. Machst du nie einen Absatz? Mach einen Absatz. Jetzt. Es ärgert mich, dass du nicht auf mich hörst. Du schreibst, damit du nicht reden musst. Du glaubst, du stehst über den Dingen hier, was?, und dabei bist du genauso ein Scheißkerl wie alle anderen auch. Glaubst du vielleicht, mir würde es Spaß machen, hier rumzusitzen? Du könntest ruhig etwas netter zu mir sein. Kommunikation zwischen den Menschen ist zumindest interessant und hilft, die Zeit zu vertreiben. Hast du nie darüber nachgedacht? Schau mir in die Augen. Schau mich an. Schreib nicht »Schau mich an«, sondern schau mich an. Nein: Schreib nicht »Schreib nicht ›Schau mich an‹, sondern schau mich an«, sondern schau mich an. Nein: Schreib nicht »Nein: schreib nicht ›Schreib nicht ›Schau mich an‹, sondern schau mich an‹«, sondern schau mich an, sondern schau mich an. Lass gut sein. Jetzt bin ich still, damit du nichts mehr aufschreiben kannst und mich anschauen musst, oder wenn nicht, dann langweile dich eben. Non scriverai più.
Die Aktentasche
P: Quid est vigilanti somnus? A: Spes.
P: Quid est mirum? A: Nuper vidi hominem stantem, molientem, ambulantem, qui numquam fuit.
P: Quomodo potest esse? Pande mihi. A: Imago est in aqua.
A: Quidam ignotus mecum sine lingua et voce locutus est, qui numquam ante fuit nec postea erit, et quem non audiebam nec novi. P: Somnium te forte fatigavit, magister.
A: Quid est quod est et non est? P: Nihil.
A: Quomodo potest esse et non esse? P: Nomine est et re non est.
Disputatio regalis et nobilissimi iuvenis Pippini cum Albino scholastico
Die Aktentache
Borrell schrieb das letzte Wort, setzte den Schlusspunkt, zog das Blatt aus der Maschine und betrachtete es mit ausgestrecktem Arm von Weitem wie eine Zeichnung. Er las es noch einmal.
Langsam kniet er nieder und merkt nicht,
dass das blendende Scheinwerferlicht,
die dunkle Sibylle, der Trubel ist,
mit der ihn verwirren will die Finsternis.
Erst danach füllt Nitrat den Raum.
Ergeben beugt er sich, bis es empfängt der Mund.
Er wird gesehen von einer Eule ohne Flügelflaum,
von der Gans im Wahn und dem brennenden Hund.
Er legte das Blatt zu den anderen einundzwanzig Blättern, die bereits in einer Mappe aus blauem Karton lagen. Auf das nächste Blatt tippte er den Titel des Buches: Die Aktentasche und den ihm vorangestellten Leitsatz: »Aliquando bonus dormitat Homerus«. Er tippte dieses Motto auf einen Umschlag und auf ein weiteres Blatt Papier. Auf dieses weitere Blatt schrieb er zudem seinen Namen, seine Adresse und seine Telefonnummer und steckte alles in den Umschlag. Er leckte ihn an und klebte ihn zu.
Im Copycenter an der Ecke kopierte er das Buch, dreimal. Im Papierwarengeschäft kaufte er Aktendeckel. Wieder zu Hause, schob er einen Satz Fotokopien in eine Schreibtischschublade, legte das Original in der Mappe zu den beiden anderen Stapeln mit Fotokopien und packte daraus ein Paket. Er schrieb die Adresse einer bedeutenden Kultureinrichtung darauf und eilte zur Post. Heute war der letzte Tag, um eine unveröffentlichte Arbeit für den höchsten Dichterpreis des Landes einzureichen.
Borrell hätte nie gedacht, dass die Blitzlichter der Fotografen und die Mikrofone der Journalisten ein so wenig traumatischer Bestandteil der Welt des Dichters sein könnten. Er verlor erstaunlicherweise überhaupt nicht den Kopf, als auf einmal gegen Mitternacht ein Heer von Journalisten in seine Wohnung einfiel. Eine halbe Stunde zuvor hatte ihn das Klingeln des Telefons aus einem Traum gerissen, in dem er mit Riesenzahlen eine geometrische Reihe fantasierte. Er hatte so wenig an eine Auszeichnung geglaubt, dass er, völlig unbeeindruckt vom laufenden Abstimmungsverfahren, schlafen gegangen war.
Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte, und die erste Auflage von Die Aktentasche war fast vergriffen, bevor die ersten Kritiken veröffentlicht wurden. Als diese schließlich erschienen (seltsamerweise nur positive, außer einer, in der ein paar Reimprobleme entdeckt wurden), stand der Verlag mit der Produktion der dritten Auflage unter Zeitdruck. Bei der Einschätzung eines neuen literarischen Werkes hatte sich die Presse seit Jahrzehnten nicht so einmütig gezeigt. »Die Poesie von Borrell« – schrieb eine Gazette – »zeigt uns, auch wenn uns diese Erkenntnis schwerfällt, dass wir bisher noch nicht alle Seiten dieses enigmatischen, wechselnden Parallelepipedons entdeckt hatten, das die Dichtung sein kann und auch ist.« »Die Qualität dieses Buches« – schrieb eine andere – »macht Die Aktentasche bereits kurz nach Erscheinen nicht nur zu einem Markstein der lokalen, sondern der europäischen Dichtung, die sich derzeitig, und das schon seit Jahrzehnten, durch Unentschiedenheit und Orientierungslosigkeit auszeichnet.«
Borrell war glücklich. Nicht wegen des Erfolges, sondern weil die öffentliche Anerkennung ihm zeigte, dass er sich nicht geirrt hatte; dass, so wie er es immer geglaubt hatte, seine Gedichte den Zeitgeist trafen. Mit der Einfachheit seiner Kunst, und offenbar weit entfernt von dem heraufdämmernden einundzwanzigsten Jahrhundert, wurde Borrell zum »Priester all jener unmöglich festzulegenden Empfindungen, von denen die Seelen seiner Zeitgenossen zerrissen wurden«.
Ihm zu Ehren, und weil sie ihn liebten, feierten seine Freunde Feste. Alle freuten sich aufrichtig über Borrells Erfolg, dessen einzige, ständig wiederholte Forderung gewesen war, ihn in Ruhe schreiben zu lassen. Sie schätzten auch eine weitere Eigenschaft an ihm: Im Unterschied zu den meisten anderen hatte er sie nie mit einem Gedichtvortrag oder einem Seminar über das, was seiner Meinung nach Dichtung sei oder zu sein habe, geplagt. Sie wussten, wie sehr er geschwitzt hatte, um die zweiundzwanzig Gedichte herauszudestillieren, die in Die Aktentasche Eingang gefunden hatten, denn ganz war er nie zufrieden. Er hatte sich nie wegen des Erfolges selbst verraten. Einen Erfolg, den er viel früher erreicht hätte, wenn er nur den Modeströmungen gefolgt wäre, wenn er nicht überzeugt und frei von prophetischem Dünkel seine Vision von der Poesie am Ende unseres Jahrhunderts vertreten hätte.
Der erste, der ein Fest organisierte, war Josep. Das zweite organisierte Manel. Danach folgten Andreu, Marta, Ignasi, Ramon, Maria, Teresa, Gerard. Auf dem Fest von Gerard erklärte Borrell, dass, wenn sie weiter so viele Feste feierten, Wochen ins Land ziehen würden, ehe er wieder am Schreibtisch sitzen könne. Aber natürlich musste man die Freude über diesen Erfolg ausleben. Die folgenden Feste wurden organisiert von Xesc, Rosa, Corina, Emili, Maria-Rosa, Toni, Anna, Núria, Arcadi, Arau, Josep-Maria, Tomàs, Sumpta, Albina, Miquel, Artur, der anderen Anna und Pepa.
Eines Abends, die Preisverleihung lag zwei Monate zurück, setzte sich Borrell an den Schreibtisch (nachdem er zuerst mit einem Rundfunkjournalisten telefoniert hatte, der seine Meinung zum Tod einer bereits älteren, bedeutenden Dichterin wissen wollte, und dann mit Anna, die sauer war, weil er sie seit Wochen nicht angerufen hatte). Seine Hände strichen über die Schreibtischkanten. Seit der Preisverleihung hatte er sich nur selten hierher gesetzt, und das tat ihm leid, denn in gewisser Weise war ihm dieser Schreibtisch, der ihn jahrelang bei der Arbeit begleitet hatte, ein sehr guter Freund. Er drehte sich um; er sah all die ungelesenen Bücher, die sich auf der Tischecke stapelten, wo er schon von jeher die Bücher hinlegte, die er in der allernächsten Zukunft lesen wollte, eine Ecke, auf der gewöhnlich wenig Bücher lagen, denn sobald sie dort ankamen, waren sie auch schon wieder verschwunden, bereits verschlungen. Während er versuchte, sich zu erinnern, ob es nun genau das dritte oder das vierte Mal war, dass er in jenen zwei Monaten am Schreibtisch saß, klingelte wiederum das Telefon. Ein Journalist der drittgrößten Zeitung der Stadt (hinsichtlich der Auflage) meldete sich. Während des Gesprächs ging es Borrell durch den Kopf, dass er eigentlich die Hälfte der letzten Monate in dieser Stellung verbracht hatte: am Telefon hängend, Interviewtermine vereinbarend, um damit dann die andere Hälfte der Zeit zuzubringen. Nach seiner Einschätzung durfte es im ganzen Land keine Medien (Presse, Rundfunk oder Fernsehen) mehr geben, in denen nicht über ihn berichtet worden war, nach Interviews mit Journalisten, die, wenn sie von Zeitschriften und Zeitungen kamen, in neunzig Prozent der Fälle seine Aussagen gänzlich verdrehten, vielleicht nicht einmal in böser Absicht, sondern weil sie die Nuancen in seinen Antworten nicht gewissenhaft wiedergaben. Auf der anderen Seite der Leitung hatte er nun einen der Journalisten, die ihn in der Nacht der Preisverleihung zu Hause besucht hatten. Schnell hatte er begriffen, dass es diesmal dem Mann nicht um ein Interview, sondern um einen Beitrag ging. Einen Beitrag in Form eines Gedichtes für die nächste Sonntagsausgabe. Borrell entschuldigte sich. In den letzten Monaten sei er kaum in der Lage gewesen, ein paar Gedanken zu skizzieren, geschweige denn, diese wenigen Gedanken zu einem Gedicht zu verdichten. Der Journalist blieb hartnäckig: Es sei ihm egal, wenn die Gedichte noch im Embryonalzustand seien.
– Denken Sie daran, es ist eine Zeitung. Es muss nicht den Vollkommenheitsgrad erreichen, der für eine Buchveröffentlichung erforderlich wäre. Später werden Sie schon Zeit haben, es nach Ihrem Gutdünken zu überarbeiten, wenn Sie es dann in einem Buch veröffentlichen.
Borrell argumentierte, es ginge nicht so sehr um Vollkommenheit, sondern darum, die Dinge gut zu machen. Der Journalist blieb hart: Man könne auch, falls er wolle, in einer Randbemerkung festhalten, dass es sich »um reine Skizzen zu einem Gedicht« handele, um nichts Fertiges.
Beim Auflegen des Telefonhörers wurde Borrell bewusst, dass er den Vorschlag schließlich akzeptiert hatte. Als Korrektiv zur vorausgegangenen Tat legte Borrell den Hörer neben den Apparat (anderenfalls würde er möglicherweise in den nächsten drei Stunden zwischen zwanzig und dreißig Anrufe erhalten) und bemühte sich, ein Gedicht zu vollenden. Er sollte es noch am selben Abend abgeben, da es für die Sonntagsbeilage vorgesehen war, die genau an diesem Tag Redaktionsschluss hatte. Borrell verstand nicht, warum sie bis zum letzten Tag gewartet hatten, um ihn um etwas zu bitten, was sie auch gut und gerne ein paar Tage vorher hätten einplanen können. Doch schon vor Wochen hatte er sich angewöhnt, sich nicht mehr über die mangelnde Planung der Leute zu wundern, mit denen er nun Umgang pflegte.
Am späteren Abend erklärte er das Gedicht für mehr oder weniger fertig. Er legte den Hörer wieder auf die Gabel, und sofort klingelte das Telefon. Es war der Journalist, der ihn um das Gedicht gebeten hatte: Was denn los sei, dass er nun seit Stunden telefoniere, ob er wisse, wie spät es sei, und ob er nun das Gedicht vorbeibringen werde oder nicht, denn sie müssten schließen.
Auf der Fahrt zur Zeitung las Borrell das Gedicht noch einmal durch und fand es schwach. Er überlegte, wieder umzukehren und es noch einmal zu schreiben, aber er entschied (nur bei dem Gedanken an das empörte Gesicht des Journalisten), diese Idee zu den Akten zu legen und das Gedicht, so wie es war, abzugeben. Abgesehen davon war es ein Entwurf, und das würde ja auch in Kleinbuchstaben am Rand stehen.
Noch am selben Sonntag (nachdem er mit Emili telefoniert hatte, der ihm vorhielt, nie anzurufen) bat ihn ein Mitglied des Redaktionsbeirats einer bedeutenden Kulturzeitschrift um einen Beitrag. Sie planten eine Nummer über neue Poesie, und seine Mitarbeit war nach dem Eindruck, den Die Aktentasche in der Kulturszene gemacht hatte, unentbehrlich. Borrell erklärte ihm das Gleiche, was er dem Journalisten der Zeitung erzählt hatte: Er habe bisher nichts Neues, er habe nur Notizen gemacht, die man beim besten Willen nicht Gedichte nennen könne. Der von der Kulturzeitschrift fragte ihn daraufhin, wie es denn dann komme, dass genau heute eines seiner Gedichte in der drittgrößten Zeitung der Stadt (hinsichtlich der Auflage) erschienen sei (natürlich ohne die erläuternde Randbemerkung, dass es sich um einen Entwurf handelte; die Randbemerkung, die der für das Layout Verantwortliche angeblich ohne Rücksprache weggelassen hatte, weil sie ihm das Aussehen der Seite verdarb). Und wenn er in der drittgrößten Zeitung der Stadt (hinsichtlich der Auflage) ein Gedicht veröffentlicht habe, gäbe es natürlich noch viel mehr Gründe, in seiner Zeitschrift zu schreiben, die sich nicht nur durch ihr erbittertes Ringen um eine fortschrittliche Haltung in der Kultur hervorgetan habe, sondern auch ein Bollwerk in den schwarzen Zeiten der Diktatur gewesen sei. Borrell sagte, er könne nach Belieben aus seinem Band Die Aktentasche veröffentlichen. Der von der Kulturzeitschrift war empört: Mit beleidigter Stimme machte er unmissverständlich klar, es müsse etwas Unveröffentlichtes sein.
– Aber ich habe doch nichts fertig – bemerkte Borrell.
– Das ist doch egal. Irgendetwas, gleich was, geht in Ordnung.
In den fünfzehn Tagen, die auf die Veröffentlichung des Gedichtentwurfs in der Kulturzeitschrift folgten, erhielt Borrell neben den üblichen Telefonanrufen im Durchschnitt achtzehn komma vier Anrufe täglich mit der Bitte um einen Beitrag für Zeitschriften jeglicher Größe, Erscheinungsweise, Druckart und ideologischer sowie ästhetischer Richtung.
Am sechzehnten Tag aber, gerade nachdem er den Telefonhörer aufgelegt hatte (er hatte mit Gerard gesprochen, der ihm seine Schlussfolgerung mitteilen wollte, ihm sei wohl der Ruhm zu Kopfe gestiegen, denn anders könne er sich nicht erklären, warum er sich auf einmal nicht mehr melde), rief ihn der Chefredakteur der bedeutendsten Zeitung der Stadt (hinsichtlich der Abonnentenzahl) an.
– Keine Angst, ich will Sie nicht um einen poetischen Beitrag bitten – begann er lachend.
Der Chefredakteur lud ihn zum Mittagessen ein, dabei könne man entspannter plaudern. Sie gingen in ein Luxusrestaurant.
Den Chefredakteur faszinierte vor allem, wie wenig Borrell über den Klatsch in der Szene informiert war. Beim Nachtisch legte er die Karten auf den Tisch: In der Tat wollte er keinen poetischen Beitrag von ihm. Er wollte einen journalistischen Beitrag. Er hatte sich gedacht (und glaubte, damit den Punkt getroffen zu haben), es wäre eine interessante Erfahrung für ihn, wenn er Artikel schriebe. Just in dem Augenblick überrascht, als der Chefredakteur eine Flasche Sekt zur Feier seiner möglichen Mitarbeit bei der Zeitung bestellte, wusste Borrell nichts zu antworten. Er hatte noch nie etwas anderes als Poesie geschrieben. Der von der Zeitung versicherte ihm, seine Dichtung funktioniere nur aus einem Grund: Er habe sich nie einer neuen Möglichkeit verschlossen. Mit einer Kolumne in einer Zeitung könnte er seine Meinung über Politik und Kultur ausdrücken. Zudem, insistierte er, fände er es nicht reizvoll, seinen Kolumnen die gleiche Sorgfalt und Dichte abzuverlangen wie seinen Gedichten? Borrell versuchte eine Widerrede aufzubauen: Er könne nicht so ganz sehen, wie er regelmäßig, einmal in der Woche, schreiben solle.
– Einmal in der Woche? – entgegnete der Chefredakteur.
– Nein, aber nein doch. Einen Artikel täglich.
Er schrieb die Artikel am frühen Nachmittag, gleich nach dem Mittagessen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, möglichst alle Interviews auf den Vormittag zu legen, so hatte er den Nachmittag für die anderen öffentlichen Verpflichtungen frei. Die Artikel nach dem Mittagessen zu schreiben, erwies sich als ärgerlich, denn gewöhnlich war er satt und leicht berauscht und hatte viel mehr Lust auf ein Mittagsschläfchen als darauf zu grübeln, über welches Thema er einen Artikel schreiben könne, den er noch am selben Nachmittag vor der Cocktailparty, dem Empfang, der Präsentation oder der Vernissage abliefern musste, wo man nach seiner Gegenwart verlangte, häufig nicht nur mit der üblichen per Post zugeschickten Einladungskarte, sondern durch einen verpflichtenden Telefonanruf des Ausstellers, Galeristen, Redners oder Künstlers, je nach Art der Veranstaltung. Es ärgerte ihn, die Artikel unter Zeitdruck schreiben zu müssen, denn wie die Mehrzahl der Dichter war er ein Gegner der Improvisation. Die Gedichte aus Die Aktentasche hatte er immer wieder neu geschrieben, über Jahre hinweg, und er feilte noch daran herum, als er die Druckfahnen durchsah. Nun befand er sich in der misslichen Lage, die Artikel in einem knappen Dreiviertelstündchen schreiben zu müssen, ohne genügend Zeit, sie reifen zu lassen und immer wieder neu durchzulesen, um Fehler, Ungenauigkeiten, übertriebene Meinungen, überflüssige Adjektive oder zu kryptische oder zu wenig kryptische Anspielungen aufzuspüren.
In jener Zeit, als Die Aktentasche zur siebten Auflage gelangte, wusste Borrell bereits, dass es bei wirklich jeder Cocktailparty, jedem Empfang, jeder Präsentation und jeder Ausstellungseröffnung zwangsläufig zur Verbrüderung mit irgendeinem Maler kam. Die Bescheideneren baten ihn um die Einführungsrede bei der nächsten Ausstellung. Alle anderen schlugen ihm unweigerlich die Schaffung eines gemeinsamen Werkes vor.
– Ich glaube, es könnte sehr interessant sein, aus der Dialektik unserer beiden Sprachen heraus, dem Wort und dem Bild, Experimente zu machen, etwas Gemeinsames zu schaffen – sagte ihm einmal ein etwas klein geratener Maler, der ihn buchstäblich zwang, sofort mit ihm sein Atelier aufzusuchen und das WERK zu betrachten.
Dann folgten die Vorworte zu den Büchern anderer Schriftsteller, über die er sich auslassen sollte, obwohl er sie im Schnellverfahren kaum diagonal gelesen hatte. Ende Januar baten ihn achtzehn Fastnachtskommissionen aus achtzehn verschiedenen Städten und Dörfern (darunter die Hauptstadt der Nation) um Büttenreden. Unmittelbar danach musste er Vorträge über Themen halten, mit denen er sich nur oberflächlich beschäftigt hatte; er nahm an Podiumsdiskussionen zu Literatur und Politik teil, zu Dichtung und Metrik, zu Literatur und sozialer Lage, zu poetischer und architektonischer Struktur, zu Ästhetik, zu Dichtung im Zeitalter der Raumfahrt, zum Engagement des Literaten, zu Poesie und Ökologie, zu Poesie und Elitedenken, zu Literatur und Libido . . . Er hielt Vorträge in Instituten und Universitäten. Er kannte jeden einzelnen der Literaturprofessoren, die es übers Land verstreut gab, und erklärte (vor flegelhaften Studenten, die gähnend abwechselnd auf die Uhr und an die Decke schauten), was er unter künstlerischem Schaffen, unter Dichtung verstand, an welche Art Leser er beim Schreiben dachte oder nicht dachte, wie ihm ein Gedicht einfiel und ob er Anhänger des freien Verses sei.
Ein halbes Jahr, nachdem er den Preis erhalten hatte, suchte er eine Lücke in seinen Aktivitäten (Artikel, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen, Interviews), um sich zum Mittagessen mit Verlegern zu treffen, die neue Bücher von ihm wollten. Zwei von ihnen begehrten gleichzeitig und unabhängig voneinander einen Roman.
Бесплатный фрагмент закончился.
