Читать книгу: «Hansen»

Шрифт:

Von Paul Schaffrath sind bereits folgende Krimis erschienen:

KHK Krüger

Bonner Fenstersturz

Bonner Testament

Der Nebel von Avignon

Der ferne Sommer

KHK Max Harmsen

Die Drei Könige


Foto: Sarah Koska 2019

Winrich C.-W. Clasen, Jahrgang 1955, Studium der Romanistik, Evangelischen Theologie und Kunstgeschichte in Bonn; Verleger in Rheinbach. Seit 2011 schreibt er unter dem Pseudonym Paul Schaffrath Kriminalromane. Hansen ist sein sechster Roman.

Paul Schaffrath

Hansen

Kriminalroman


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2020 by cmz-Verlag An der Glasfachschule 48, 53359 Rheinbach Tel. 02226-912626, info@cmz.de

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat:

Beate Kohmann, Bonn

Schlußredaktion:

Clemens Wojaczek, Rheinbach

Satz

(Aldine 401 BT 11 auf 14,5 Punkt)

mit Adobe InDesign CS 5.5:

Winrich C.-W. Clasen, Rheinbach

Umschlagfoto (light-architecture-night-morning-building-city-633828): www.pxhere.com

Umschlaggestaltung:

Lina C. Schwerin, Hamburg

eBook-Erstellung:

Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN 978-3-87062-317-3 (Paperback)

ISBN 978-3-87062-327-2 (eBook)

001 • 20200117

www.cmz.de

www.paul-schaffrath.de

Remember me to one who lives there

She once was a true love of mine

Bob Dylan

Inhalt

Die Hauptpersonen

Prolog

Der diensthabende Kapitän

Der Mann, der die Frauen liebt

Braune Bohnen

Zwei Meisterschüsse

Der Duft der weiten Welt

Über philanthropische Unternehmer

Statussymbole

Dolci

Keiner wäscht reiner

Genuß im Stil der neuen Zeit

Ein Beruf ohne Stechuhr

Über die Beachtung der DSGVO

Ein veraltetes Leistungsverzeichnis

Um Haaresbreite

Wo die Liebe hinfällt …

Ein sonniger Nachmittag

Haute Couture für Füße

Der Vorgang des Ertaubens nach dem Urknall

Das Geld der anderen

Ein Angestellter ohne Familiennamen

Die kleine Rasterfahndung

Geräusche der Kindheit

Das große Wasser

Und täglich grüßt …

Die pekuniäre Seite von Firmen

Whole Lotta Shakin’ Goin’ On

Wenn Götter sich einmischen

Der Ehrendoktor

Wiedersehen macht Freude

Haus Abendroth

Die Vorabendserie

Wehmut oder Wermut?

Retardierende Momente

Nebelkerzen

Die schönste Frau der Welt

Materialermüdung

Legenden

Latein

Epilog

Setlist

Nachbemerkungen

Die Hauptpersonen

Die Ermittler

Krüger, Erster Kriminalhauptkommissar – hadert mit seinem Vornamen

Carmen Rasche, Universitätssekretärin – ist beim Putzen unachtsam

Markus Schneider, Kriminaloberkommissar – liegt den Frauen zu Füßen

Die Kripo

Walther »mit th« Langenargen, Kriminaloberrat – benötigt keine Hörgeräte

Harald Kaul, Kriminalkommissar – hat alle Informationen

Roman Roselski, Polizeioberkommissar – haßt Hektik

Dieter Derenthal, Polizeikommissar – leidet an einer Halsentzündung

Die Opfer

Andreas Weyler, Firmenbesitzer – hat einen Buchstaben zuviel

Salvatore Contadino, Geschäftsinhaber – kann nicht abgeben

Hans Schmidt, Lagerarbeiter – bezahlt seine Neugier teuer

Die Täter

Michele Maria Modafferi, genannt Hinnerk – erledigt Aufträge

Alberto Modafferi, Onkel von Michele – legt selber Hand an

Raffaele Modafferi, Onkel von Alberto – ist Geldgeber

Der Arzt

Prof. Dr. Harald Altendorf, Rechtsmediziner – arbeitet an der Front

Die Angestellten

Fabian Schmücker, Praktikant – hat den Überblick

Marie Diepensiefen, Buchhalterin – macht sich Hoffnungen

Rolf Diepensiefen, Grundstücksbesitzer – wahrt seine Grenzen

Ruben »Speedy« Gonzales, Packer – braucht Geld

Anna Karenina, Packerin – lebt sich gerade ein

Lara Karenina, rechte Hand – darf bleiben

Die Hamburger

Konsul Harry Petersen, Firmenbesitzer – schwimmt in Geld

Andrea Russo, Teilhaber – hat familiäre Bande

Herr Konrad, Prinzipal – sorgt für Ordnung

Claus Möller, Lagerarbeiter – verliebt sich an der Elbchaussee

Christa Krüger, Kinderfräulein – fühlt sich sehr reif für ihr Alter

Die Zeit

April / Mai 1963

April 2019

Die Schauplätze

Bonn (auf beiden Seiten des Rheins), Hamburg (natürlich Blankenese und die Speicherstadt)

Prolog

Seinen linken Arm trug Krüger in einer Schlinge, als er ins Wohnzimmer des gemeinsamen Hauses am Bonner Venusbergweg trat.

»Da bist du ja endlich«, sagte Carmen. »Ist was passiert?«

»Das kannst du wohl sagen.« Der Kommissar stellte seinen kleinen Rollkoffer ab und ließ sich mühsam auf dem Biedermeiersofa nieder. Er stöhnte leicht. »Mir tut jeder einzelne Knochen weh.«

»Alle zweihundertsechs?« Carmen hatte in Biologie, im Gegensatz zu ihrem Freund, stets aufgepaßt.

Krüger dagegen interessierte sich für das Fach nur beruflich und nur dann, wenn er marginale Kenntnisse für Todesermittlungsverfahren benötigte. Meistens jedoch fragte er einfach den Rechtsmediziner am Bonner Stiftsplatz; Professor Altendorf wußte einfach alles. »So ungefähr«, antwortete er.

»Bist du in ein Gefecht geraten? Nicht in eines deiner üblichen mit Worten, sondern eines mit Kanonen?«

»So ähnlich.« Eigentlich hatte er keine Lust zum Reden, jedenfalls nicht sofort.

Sie legte ihren Kopf schief und betrachtete ihn aus der leicht verschobenen Perspektive zweifelnd. »Soll ich dir einen Kaffee kochen, damit du wieder auf Vordermann kommst?«

Als Antwort folgte ein zweites Stöhnen, dann sagte er: »Keinen Kaffee. Davon habe ich erst einmal genug, obwohl …« Der Kommissar beugte sich ächzend zum Koffer und zog mit einer Hand den Reißverschluß auf. Er holte ein Päckchen hervor und stellte es auf den niedrigen, mit Zeitungen und Zeitschriften sowie einem kleinen Bücherstapel bedeckten Tisch vor dem Sofa. »Ich hab dir aus Hamburg etwas mitgebracht.«

Carmen trat näher und öffnete mit geübten Griffen – schließlich brachte ihr Freund häufiger »etwas mit« – das Geschenk. Das Papier raschelte, und interessiert las sie die Aufschrift des Etiketts auf einer Packung Kaffeebohnen vor: »Guatemala La Esperanza Antigua – 100 % Arabica«. Sie warf Krüger einen spöttischen Blick zu. »Die konnten sich ja auch nicht entscheiden: Guatemala, Antigua, Arabica – was denn jetzt?«

Krüger lachte. Sein angeschossener Arm war momentan vergessen, und er wußte sehr gut, warum er so gerne nach Hause kam. »Hansen sagte, das sei der beste.«

»Wer ist Hansen?«

Und Krüger erzählte.

Der diensthabende Kapitän

Bonn, April 2019. Hinnerk war Philosoph. Einer von der stoischen, nicht der chaotischen Sorte, einer, der erst einmal alles auf sich wirken ließ, bevor er selbst handelte, einer, der das Leben so nahm, wie es gerade kam. Manchmal ließ er es auch nur an sich vorbeiziehen und sah ihm hinterher. Schade, dachte er dann, das wäre eine schöne Gelegenheit gewesen … Aber in der Regel – jedenfalls war das bisher immer der Fall gewesen – wiederholte sich eine solche Gelegenheit irgendwann, und beim zweiten Mal wußte er, daß er nun zugreifen mußte.

Hinnerk saß in der Nähe des Schlosses auf einer der Bänke unter den noch einigermaßen intakten Kastanienbäumen an der Poppelsdorfer Allee und studierte die Vortagesausgabe des Corriere della sera. Sogar in Italien nahm man das politische Geschehen im englischen Königreich zur Kenntnis und schrieb seitenweise vom Brexit. Das ging bestimmt nicht mehr lange gut. Die Südtiroler hatten seit dem Zweiten Weltkrieg einen »Tirexit« immer mal wieder versucht und waren sogar vor Bombenattentaten nicht zurückgeschreckt, was aber der erzwungenen Einheit von Südtirol und Norditalien keinen Abbruch getan hatte. Irgendwann hatte dann die zweite Generation ihre Bemühungen um Unabhängigkeit eingestellt. Und inzwischen prosperierte die Gegend sogar wieder. Mal sehen, wie lange es dauerte, bis auch die Briten begriffen, daß jede Art Abspaltung in der heutigen Zeit völlig sinnlos war. Sicher länger, als es dauerte, daß aus May December wurde.

Prüfend faßte Hinnerk in die Tasche seiner Barbourjacke. Die Glock 17 – Kaliber 9mm Parabellum – steckte dort, wo sie sein sollte, der Schalldämpfer daneben. Ursprünglich hatte er sich eine klassische Browning FN High Power besorgen wollen, die noch immer hergestellt wurde. Sie schoß ziemlich genau, war aber auch ziemlich schwer, und immer eine Keule in der Tasche zu tragen, das wollte er nun auch nicht.

Er blätterte die Zeitung um und wandte sich dem Sportteil zu. Es würde noch dauern, bis seine Zielperson auftauchte.

Hinnerk, das war doch ein schöner Name für einen blonden Hünen wie ihn, einen Meter neunzig groß, lange Haare, ein Dreitagebart, blaue Segeltuchhose, hellblaues Hemd, grauer Pullover, die Barbourjacke nicht zu vergessen, die ihm fast zu warm war. Wenn er ins Filmgeschäft gegangen wäre, wäre er bestimmt häufig als der Skipper vom Dienst beschäftigt worden. Er grinste.

Eigentlich hieß er nämlich Michele Maria Modafferi und war Italiener. Glücklicherweise waren seine Eltern zwei Jahre nach seiner Geburt nach Hamburg ausgewandert, um einem seiner zahlreichen Onkel beim Aufbau einer hanseatischen Pizzeriakette zur Seite zu stehen. Nachträglich hatte sich das als Glück herausgestellt, denn ein blonder Mann fiel im Norden entschieden weniger auf als in Süditalien. So galt er als waschechter Hamburger, was er ab und zu durch eingestreute Missingsch-Brocken bei seinen Unterhaltungen unterstrich: Zum Beispiel konnte er zu einer neuen Kellnerin im Restaurant seiner Eltern »Na, min seute Deern?« sagen und ihr freundlich aufs Hinterteil klopfen, was neuerdings leider nicht mehr ging, seit sie in Hollywood alle verrückt geworden waren und »#MeToo!« bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit schrien. Aber auch hier würde er stoisch abwarten, bis sich der Wind wieder zu seinen Gunsten gedreht hatte und die Wogen geglättet waren.

Jemand hupte.

Hinnerk sah auf.

Aber es war nur ein Taxi, das ungeduldig abwarten mußte, bis das Kaffeefahrrad, das immer vor dem Eingang zum Poppelsdorfer Schloß stand, von seinem Besitzer über die Straße geschoben worden war.

Hinnerk senkte den Kopf und vertiefte sich wieder in den Sportteil. Wo er seinen Auftrag ausführen sollte, hatte er bereits gestern überprüft: »Wwe. Arntz’ Feine Kaffeebohnen« hieß die Firma, die merkwürdigerweise nicht in einem Vorort lag, sondern fast im Zentrum, jedenfalls südwestlich davon, im großen Gründerzeitviertel, das sich Bonn Ende des neunzehnten Jahrhunderts geleistet und das Tausende neuer Arbeitsplätze und Familien zur Folge gehabt hatte. Die Kaffeerösterei in der Königstraße bestand aus dem großen Haupthaus, den Lagerräumen rechts davon, der Brennerei zum hinteren Grundstücksteil hinaus und der Packstation, wo die Ware für den Versand vorbereitet wurde – nicht zu vergessen die Räume für Buchhaltung und Geschäftsleitung. Die Fassaden der Gebäude war im blassen, über die Jahrzehnte mehrfach überstrichenen Mattweiß der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert gehalten.

Die Villa von Andreas Weyler, dem Besitzer, lag um die Ecke in der Argelanderstraße, zwei Minuten entfernt. Der Mann hatte keine Familie, so daß nach Hinnerks, nun, Eingriff seine Räumlichkeiten ab morgen wieder frei sein würden.

Der Sportteil bot auch nichts wirklich Interessantes. Hinnerk wandte sich den Kulturnachrichten zu.

Von irgendwoher schlug eine Kirchturmuhr. Der Italiener von der Waterkant sah auf die Uhr. Schon sechs. In etwa zwei Stunden würde es dunkel sein. Wenn er Weyler im Lager erledigte, würde man ihn bestimmt erst morgen finden – Zeit genug, um in aller Seelenruhe aus Bonn zu verschwinden und die Heimreise anzutreten. Hinnerk fühlte in seiner anderen Jackentasche nach dem Magazin. Lieber auf Nummer sicher gehen. Der Behälter mit den siebzehn Patronen lag da, wo er sich schon bei den anderen viertelstündlichen Überprüfungen befunden hatte. Der blonde Hüne überlegte kurz, ob das Sich-Vergewissern Zeichen seiner Nervosität war, tat den Gedanken aber als unnütz ab. Er war einfach nur sorgfältig, wie immer. Sorgfalt verhalf zum Erfolg. Und bisher war alles stets gut ausgegangen. Der kölsche Satz »Et hätt noch immer jot jejange« hätte sicher in seine Philosophie Eingang gefunden, wenn er ihn gekannt hätte.

Ein leichter Wind war aufgekommen, und die Zeitung raschelte. Etwas wie Frösteln kannte Hinnerk nicht, dafür war es in Hamburg einfach immer zu zugig, so daß er abgehärtet war. Dauernd wehte dort ein leichter Wind aus Südwest, gegen den sich die Einheimischen mit einem Südwester zu schützen suchten – zumindest die, die mit einem Schiff unterwegs waren. Falls sie über Bord gingen, konnte man sie aufgrund der gelben Farbe des Kleidungsstücks rasch ausmachen – so hatte es ihm jedenfalls seine Mutter in einem ihrer seltenen Anfälle von Humor zu erklären versucht. Die andere Hälfte der Hanseaten ignorierte den Wind an der Elbe wie auch die meisten anderen Dinge im Leben: die Kaufleute aus Bremen beispielsweise, die sich nach Hamburg verirrt hatten, oder den Abstieg des HSV aus der Bundesliga, den man nach dem Wiederaufstieg einfach vergessen würde.

Ein Herr in Jeans und Lederjacke kam gerade aus Richtung der kleinen Straße gegenüber; Venusbergweg oder so ähnlich, hatte Hinnerk vorhin auf dem Straßenschild gelesen. Er stolperte über eine leere Bierdose, fing sich aber sofort wieder und setzte seinen Weg Richtung Innenstadt fort.

Der Hüne blätterte die Zeitung wieder um, warf einen Blick auf die nunmehr letzte Seite und faltete das Blatt zusammen. Mit einem eleganten Wurf versenkte er die Ausgabe der größten italienischen Tageszeitung im Papierkorb neben der Bank. Anschließend holte er sein Handy aus der Tasche, ein Smartphone neueren Datums von Motorola, und studierte die eingetroffenen E-Mails. Eine erregte seine Aufmerksamkeit. Sie war mit »Nachschub erbeten« überschrieben und enthielt nur ein paar Stichworte. »Keine Abreise aus Bonn. Anwesenheit vor Ort weiter erforderlich. Nähere Instruktionen folgen.« Zio Alberto war anscheinend dem Telegrammzeitalter noch immer nicht entwachsen. Aber ansonsten war sein Onkel schon in Ordnung.

Der Stoiker nickte unmerklich. Ein neuer Auftrag bedeutete neues Geld. Vielleicht konnte er sich dann wirklich in den kommenden Jahren zur Ruhe setzen und in Stade endlich ein italienisches Feinschmeckerrestaurant eröffnen. Das Glück ist mit den Tüchtigen!

Das Handy zeigte neunzehn Uhr. Irgendwie ähnelte die Wartezeit auf der Bank an der Poppelsdorfer Allee der im Wartezimmer einer Arztpraxis. Hatte man sich erst einmal damit abgefunden, daß das Warten viel länger als die Behandlung dauerte, war auch schon beides vorbei.

Hinnerk stand auf. Sich etwas umzusehen, konnte nicht schaden, rasch noch einen Blick auf das Haus, die Umgebung und den Fluchtweg werfen, bevor es losging.

In der Barbourjacke warteten die beiden Teile seiner Waffe geduldig auf ihren Einsatz.

Der Mann, der die Frauen liebt

Bonn, April 2019. Daß die Leute auch immer ihren Müll überall herumliegen ließen. Für die Bierdose hätte man doch noch das Pfandgeld zurückbekommen. Krüger überlegte kurz, sie aufzusammeln, entschied sich aber dagegen. Für fünfundzwanzig Cent klebrige Finger zu bekommen, wollte er nicht riskieren. Der Herr auf der Bank dagegen hatte es richtig gemacht: Mit einem knappen, kurz gezielten Wurf hatte er seine Zeitung in den Abfallbehälter in etwa anderthalb Meter Entfernung befördert. Es gab doch noch vernünftige Zeitgenossen.

Der Bonner Kriminalhauptkommissar befand sich auf dem Weg zu einem Treffen mit seinem Kollegen Schneider. Treffen bedeutete, man würde in einer der zahllosen Bonner Kneipen oder in einem Restaurant etwas trinken und vielleicht etwas essen – beziehungsweise heute bestimmt etwas essen, da seine Freundin Carmen ihren monatlichen Buchklubabend hatte und ihm daher keine Vorschriften über Menge und Art seines Abendessens machen konnte. (»Denk an deine Linie.«) Aber wahrscheinlich reichte ihre innere Anwesenheit aus, um Krüger zur Mäßigung anzuhalten.

Kurz nach sieben. Markus würde wie immer warten, wenn sein Freund und Vorgesetzter das akademische Viertel zur Gänze ausnutzte, denn zum verabredeten Zeitpunkt würde er es jetzt nicht mehr schaffen; bis zum »Treppchen« in der Weberstraße brauchte man schon eine Viertelstunde zu Fuß. Deutsche Küche einmal in der Woche war auch gut und in der Gaststätte von 1883 besonders.

Krüger lief das Wasser im Mund zusammen. Er hatte den ganzen Tag nichts Vernünftiges gegessen und statt dessen im eigenen Haus die Möbel umgeräumt. Carmens Vermieterin war vor einem halben Jahr gestorben, hatte aber vorher ihr Haus am Venusbergweg, in dem Kommissar und Universitätssekretärin zusammen wohnten, an die beiden verkauft, so daß Krüger endlich sein Domizil in der Adolfstraße über der Bäckerei, das er seit fast zwanzig Jahren bewohnt hatte, aufgegeben hatte und mit Sack und Pack bei Carmen eingezogen war. Immerhin hatte er sein neues Zimmer fast genauso wie das alte in der Nordstadt eingerichtet: Der alte Lehnstuhl stand neben dem niedrigen Tischchen, auf dem sich immer die Zeit-Ausgaben der letzten Wochen türmten; an der Wand hing ein großes Konzertfoto von Dylan und Santana, und eine Schlafcouch lud zu Pausen und Rückenentlastungen ein. An der Wand befand sich das alte Bücherbord mit Bildbänden von Hamburg und von seinen Reisen; die wenigen Kriminalromane waren nach dem Umzug noch nicht wieder sortiert. Innerlich würde er wohl zu einem kleinen Teil immer Junggeselle bleiben. Einen Rückzugsort brauchte jeder.

Der Kommissar wartete geduldig vor der Schranke am Bahnübergang Kaiserstraße. Er hatte keine Lust, durch die leicht angeschmuddelte Fußgängerunterführung zu gehen, und ließ sich lieber den durch einen überlangen Güterzug verursachten Wind um die Nase wehen. Mußte Schneider eben länger warten …

Das »Indochine« kurz hinter der Kreuzung von Weber- und Kaiserstraße war glücklicherweise dauerhaft geschlossen; er war vor langen Jahren einmal mit Carmen dort gewesen – die Cocktails waren gut, teilweise sogar sehr gut gewesen, aber das Essen hatte man vergessen können.

Krüger öffnete die Eingangstür zum »Treppchen« und stand sofort in dem holzgetäfelten Schankraum. Die Dielen knarrten, wie es sein sollte, und die ellenlange, an beiden Seiten gerundete Theke war gut besetzt. Schneider winkte ihm von einem der Holztische Richtung Wintergarten zu und deutete auf einen Platz neben sich.

Krüger war nicht zum ersten Mal hier, und dennoch betrachtete er erst wieder einige der gerahmten Genreszenen an der Wand, ehe er sich setzte. »Moin, moin, mein Lieber«, sagte er. »Lange nicht gesehen.«

Morgens hatten die beiden allerdings noch an der üblichen Lagebesprechung im Polizeipräsidium teilgenommen, aber wie bei jedem briefing in dieser Woche nichts Neues erfahren. Das Wetter Ende April 2019 war einfach zu schön für Schwerkriminalität: Die Bonner Rocker waren mit der friedlichen Vorbereitung der großen Beerdigung eines der ihren beschäftigt; die Drogendealer waren größtenteils vom Hofgarten zum Kaiserbrunnen abgewandert – in der Einkaufspassage unter dem neuen Maximiliancenter war es ihnen jetzt zu hell –, und illegale Autorennen konnten in Bonn zur Zeit nicht stattfinden, da der Cityring aufgrund der vielen Baustellen fast überall von zwei- auf einspurig verengt war. Die Polizei baute Überstunden ab, und die einzige Kriminalität im Polizeipräsidium fand momentan bei den Lesungen einiger »Kriminalschriftsteller« statt, wie sich das bunte Völkchen von haupt- und nebenberuflichen Autoren titulierte.

»Hallo«, gab Schneider zur Antwort. »Wir sind hier nicht an der Nordsee.«

»An der Küste heißt es nur moin«, sagte Krüger. »Einmal. Sonst gilt man als geschwätzig. Und als ehrbarer Hamburger darf ich doch wohl den Gruß, den ich seit Muttermilchzeiten beherrsche, überall verwenden.«

Manchmal nervte sein Freund, fand Schneider. Hamburger waren nicht automatisch die besseren Menschen. Aber dieser hier war schon ein besonderer Mensch, obwohl er einen Grammatikfimmel besaß. Mal sehen, wie lange es dauerte, bis eine entsprechende Bemerkung kam.

Die Kellnerin brachte die Speisekarten. Schneider warf sie einen freundlichen Blick zu.

Sein Freund war eben a ladies’ man, dachte Krüger. Irgendwie fielen die Frauen reihenweise auf seine dunkelbraunen, leicht zu langen Haare und sein schiefes Grinsen herein.

»Ich weiß schon«, sagte Schneider zu ihr.

»Der Nebensatz fehlt«, sagte Krüger. »Was ich nehme. Was ich gerne äße, wenn ich etwas bekäme. Wonach mir der Sinn steht. Der Varianten, korrektes Deutsch zu reden, gibt es viele.«

»Versteht dich eigentlich jemand, wenn du ihn verhörst?«

Statt einer Antwort vertiefte sich der Kommissar in die Lektüre der Speisekarte, um nach ausgiebigem Studium wie immer beim »Salat Bonner Markt mit Rindfleischstreifen« zu enden.

»Wenn du sowieso immer das Gleiche ißt – warum liest du dann überhaupt noch die Auflistung der Gerichte?«

»Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß irgendwann, plötzlich, unversehens, in der Rubrik Fisch eine Scholle Finkenwerder Art auftaucht.«

»Das kannst du dir abschminken. Hier in Bonn kriegst du höchstens Aal. Aus dem Rhein.«

Die Kellnerin kam von der Theke zurück und stellte ein großes Hefeweizen vor Schneider auf den Tisch. Ein zweiter, ziemlich freundlicher Blick folgte. Krüger bekam seinen Grauburgunder ohne Blick. »Wohlsein, die Herren.«

»Dazu sage ich jetzt nichts«, sagte er.

»Umgangssprache reicht in der Regel aus«, sagte Schneider, »um sich verständlich zu machen. Aber lassen wir das jetzt mal. Was gibt’s Neues?«

Krüger berichtete gehorsam vom Möbelräumen.

»Und heiraten wollt ihr nicht?«

»Warum? Wir wohnen doch ohnehin schon zusammen und teilen Tisch wie Bett.«

»Na ja. Erhöhtes Gehalt. Größere Rente. Krankenhausinfos über den Partner.«

»Bekomme ich auch so. Ich muß nur meine Dienstmarke vorzeigen.«

Sein Freund grinste. »Falls du dann aber an Oberschwester Hildegard gerätst, hast du schlechte Karten. Da kommst du nur mit einem Trauring weiter.«

Krüger lachte und nippte an seinem Wein. »Ich kann ja mal mit Carmen reden.« Daß seine Freundin das Thema regelmäßig aufs Tapet brachte, verschwieg er, weil er selber nicht wußte, was er wollte. Dabei hatte er sich nach neun Jahren mit seinem endgültigen Einzug in Carmens Wohnung beziehungsweise ins gemeinsame Haus eigentlich entschieden. Zu zweit alt zu werden, war einfach viel schöner. »Und bei dir?« versuchte er das Gespräch in ungefährlichere Gefilde zu lenken.

Markus war ein On-Off-Mann. Er entflammte rasch für eine neue Frau, für die er fast sein gesamtes vorheriges Leben aufzugeben bereit war. Daß es dabei ständig beabsichtigte oder unbeabsichtigte Kollateralschäden gab, schien ihn nicht sonderlich zu berühren. Nach seinem etwas längeren Intermezzo mit der wunderschönen Französin Élodie Marin aus und in Villeneuve-lés-Avignon, die seinetwegen von der Provence sogar nach Beuel gezogen war und für die Markus allen Ernstes überlegt hatte, seinen Bonner Beamtenstatus zugunsten einer Winzerkarriere an der Rhône aufzugeben, war er reumütig an den Rhein zurückgekommen. Eine Rückkehr an den mütterlichen Busen seiner früheren Freundin Lene war allerdings zu Recht gescheitert. So hielt er sich denn mit kleineren Affären über Wasser. Irgendwie tat er Krüger leid. Markus konnte wunderbar mit Kindern umgehen, aber er mußte lernen, den Adler auf dem Dach zugunsten des Kanarienvogels in der Hand zu vergessen.

»Och, nichts Neues«, sagte Schneider abwesend und betrachtete die Kellnerin hinter der Theke.

»Die ist zu jung für dich«, sagte Krüger, der dem Blick gefolgt war. »Wahrscheinlich eine Studentin. Jura oder so.«

»Dann hätten wir ja schon mal zumindest die Kenntnis der Gesetze gemeinsam.«

»Und was wollt ihr dann in dreißig Jahren machen, wenn du achtzig bist, alles vergessen hast und sie erst fünfzig?«

Schneider lachte. »Ganz so schlimm ist es nicht. Weißt du, was ich wirklich gerne machen würde?«

»Privat oder beruflich?«

»Letzteres natürlich. Eine richtig schöne kleine Mordermittlung durchführen. So herumzugammeln, bringt doch nichts. Zwar sind dann irgendwann die Aktenberge abgearbeitet, aber das wirkliche Leben findet doch draußen statt, an der frischen Luft!«

»Recht hast du«, pflichtete ihm Krüger bei, dessen letzter großer Fall der des ermordeten Eifelbauern 2016 gewesen war, wenn man die Geschichte mit dem goldenen Hörgerät vom letzten Frühjahr nicht mitzählte. »Ich würde mir aber dringend wünschen, beziehungsweise ich tue es jetzt ausdrücklich: In der nächsten Mordkommission möge doch bitte jemand die Herren Roselski und Derenthal ersetzen. Stell dir nur vor, wir müßten über die gesamte Dauer der Ermittlung ständig Liedzitate aus den siebziger Jahren anhören. Du erinnerst dich an den dicken Streifenpolizisten?«

Schneider seufzte. »Und ob. Aber was stört dich an der Musik?«

»Überhaupt nichts. Aber anzuhören ist sie nur, wenn sie von der Originalkapelle vorgetragen wird. Nicht von diesem Dilettanten.«

»Hoffen wir das Beste.« Schneider hob sein Glas. »Wie gesagt, eine kleine Mordermittlung.«

Die beiden konnten nicht ahnen, wie rasch ihr Wunsch in Erfüllung gehen würde.

Braune Bohnen

Bonn, April 2019. Ein gellender Schrei hallte durch das Lager der Kaffeerösterei. Marie Diepensiefen zitterte am ganzen Leib und deutete auf eine zusammengesunkene Gestalt zwischen den Jutesäcken mit den brasilianischen Kaffeebohnen. »Da, da, da …«, stotterte sie.

»Trio, oder?« sagte der Praktikant zu niemandem Bestimmten. Er interessierte sich für die Musik der Achtziger und nannte zu Hause schon eine beachtliche Vinyl-Sammlung sein eigen. Neugierig trat er näher.

Die Buchhalterin drehte sich um und barg ihren Kopf an der Brust des Praktikanten, der verlegen seine Arme um die ältere Frau legte und begütigend sagte: »Na, na, na.« Vorsichtig linste er über die ondulierten Haare von Frau Diepensiefen und versuchte, etwas im Halbdunkel zu erkennen. Plötzlich schaltete jemand die helle Deckenbeleuchtung ein, und er fuhr zusammen, woraufhin die Buchhalterin sich von ihm löste und aus der Halle rannte.

»Eins eins null«, rief sie laut. »Eins eins null. Ich erledige das.«

In der Tür kollidierte sie mit drei Packerinnen, die vom Lärm angelockt worden waren und nun, jeweils mit einer Hand über dem Mund, wie angewurzelt stehenblieben, als sie die Szene in sich aufgenommen hatten.

»Wer ist es denn?« fragte schließlich eine der drei Frauen und deutete auf die Leiche.

»Direktor Weyler«, sagte der Praktikant. Er war erfahrener Ego-Shooter. So schnell konnte ihn kein Toter aus dem Konzept bringen. »Kopfschuß. Vielleicht auch zwei. Nach meinem Dafürhalten jedenfalls.«

Eine der Packerinnen schluchzte auf und wischte sich mehrere Tränen aus den Augen.

Wahrscheinlich hat sie sich Hoffnungen gemacht, dachte der Praktikant. Junge mittellose Frau himmelt reichen Fabrikanten an und wird am Ende des Films von ihm erhört. Man liest das ja immer wieder. Daß er bei seinen Überlegungen verschiedene Genres durcheinanderwarf, störte ihn dabei nicht weiter.

»Was’n los?« fragte der untersetzte Mann, der gerade in die Halle gekommen war und sich an den Frauen vorbeidrängelte. Die Menge war inzwischen größer geworden; eigentlich war jede Art Abwechslung im eintönigen Packeralltag willkommen.

»Ey, Speedy«, sagte jemand zu ihm, »paß auf, wo du hintrittst!«

Ruben Gonzales richtete sich zu seiner vollen Größe von einem Meter fünfundsechzig auf und sagte: »Paß selber auf! Du stehst ja auch mitten im Weg. Und leg dich mit mir nicht an!« Befriedigt registrierte er, wie man ihm Platz machte. Vor der Leiche blieb er stehen. »Der ist tot«, sagte er fachmännisch. »Als ich noch in Kolumbien gearbeitet habe—«

»Kennen wir«, unterbrach ihn der Praktikant. »Du hast kistenweise weißes Pulver verpackt.«

Gonzales sah ihn empört an. »Du weißt gar nichts.«

Draußen war Sirenengeheul zu hören, und zwei Minuten später liefen zwei Streifenbeamte in die Halle. »Was’n los?« fragte der dickere der beiden.

»Ich mach das schon, Dieter«, sagte der jüngere Polizist.

»Okay, Roman, aber nur, weil du es bist.« Der Dicke machte bereitwillig Platz.

»Roman Roselski«, sagte der Jüngere. »Und das ist mein Kollege Dieter Derenthal.«

Der Praktikant verkniff sich ein Grinsen. »Zwei Rs, zwei Ds – R2D2«, flüsterte er Gonzales ins Ohr, der seinerseits grinste und dabei eine Reihe fleckiger, vom Tabak geschädigter Zähne zeigte.

Roselski betrachtete den Toten und beugte sich dann über ihn. »Sieht nach einem Schuß aus nächster Nähe aus.«

»Das Blut ist schon eingetrocknet«, sagte der Praktikant. »Ich würde mal sagen, der Schuß ist vor etwa«, er sah auf die große Wanduhr über dem Eingangstor, die acht Uhr zwanzig anzeigte, »zwölf Stunden abgegeben worden. Kann man am Rot der Wundränder sehen.« Er nickte energisch, wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Derenthal sah ihn überrascht an. »Sind Sie vom Fach?«

»Nicht direkt«, antwortete der junge Mann. »Grand Theft Auto.«

Der dicke Polizist sah ihn verständnislos an. »Und das heißt?«

Roselski grinste. »Der junge Mann hat Erfahrung mit gewalttätigen Computerspielen.«

»Gewalttätig, naja«, sagte der Praktikant.

»Und jetzt?« Derenthal sah seinen Kollegen fragend an.

»Clear the lobby!« imitierte Roselski den Speaker des englischen Parlaments, auch mit der entsprechenden Lautstärke.

Derenthal, der kein ausländisches Fernsehen verfolgte, warf Roselski einen verständnislosen Blick zu.

»Los, los, Mann.« Manchmal wurde es dem jüngeren Beamten zu viel mit seinem Kollegen. »Räum mal die Halle.«

»Geht doch«, murmelte Derenthal. »Immer und überall alles auf Englisch … ts, ts. Der Deutsche redet deutsch.« Letzteres versickerte aber in seinem nicht vorhandenen Bart und war ohnehin nicht politisch gemeint. Dazu hatte der dicke Streifenbeamte eine viel zu exakte Meinung zu Zeitgenossen, die nicht nachdachten und nur mit Führer durch die Gegend laufen wollten. Er scheuchte die kleine Menge aus der Halle und befestigte dann ein polizeiliches Absperrband am offengebliebenen Tor. »Und jetzt?«

»Jetzt rufen wir Krüger an«, sagte Roselski. »Der wohnt doch hier um die Ecke. Er kann weitermachen. Und du bist exkulpiert.«

Derenthal schüttelte den Kopf. Irgendwann reichte es mit Fremdwörtern.

Krüger gähnte und streckte sich. Schon acht. Noch hatte er aber Zeit für ein kleines Frühstück mit Carmen und käme anschließend mit der Straßenbahn trotzdem pünktlich um neun ins Polizeipräsidium in Ramersdorf. Die morgendliche Besprechung, die allerdings gerade begonnen hatte, würde wie seit Tagen – oder waren es nicht schon Wochen? – unergiebig sein, so daß Walther »mit th« Langenargen, sein Chef, bestimmt darüber hinwegsehen würde, wenn er ihm sagte, daß er für einen alten Fall ins Bonner Stadtarchiv hatte fahren müssen. Notlügen seien erlaubt, das hatte zumindest Martin Luther gesagt, wenn das auch schon etwas länger her war.

Es duftete verheißungsvoll nach Kaffee, als Krüger sich an den neuen Eßtisch in der geräumigen Wohnküche setzte. Jetzt, wo sie zwei Stockwerke bewohnten, hatten sie endlich für ihren Lieblingsraum mehr Platz. Alle guten Feiern fanden ohnehin in der Nähe des Herdes statt. Eigentlich brauchte man nur eine gemütliche Küche und ein großes Bett zum Glücklichsein.

Carmen hatte Brötchen aufgebacken und reichte Krüger eines, das beim Durchschneiden noch dampfte. Sie fing seinen Blick auf und sagte: »Das heißt auf Indianisch: Wir graben das Kriegsbeil aus.« Sie verfolgte die kleine Wolke, die sich bis zum Erreichen der Zimmerdecke längst aufgelöst hatte, und fügte hinzu: »Nein, warte, ich korrigiere: Wir haben den falschen Hasen von gestern unter die Erde gebracht.«

Krüger lachte. Eine Ehe war doch ganz nett, zumal er durchaus an der langen Leine gehalten wurde und immer wieder alleine unterwegs sein konnte oder im Wohnzimmer seinen Lieblingswhisky trinken durfte. Wobei er nicht Brief und Siegel für das liederliche Zusammenleben ohne Trauschein mit Carmen benötigte. Andererseits … Vielleicht sollte doch einmal er über einen Antrag nachdenken, ehe sie die Zeichen der Zeit erkannte und ihn entweder vor die Tür setzte – bei den modernen Frauen von heute wußte man ja nie – oder ihm ihrerseits mit einem eigenen Antrag zuvorkam. Und das paßte ja nun gar nicht, fand Krüger. Anträge waren etwas für wahre Männer, die sich trauten, sich trauen zu lassen.

Als er gerade zu seiner zweiten Tasse Kaffee greifen wollte, klingelte es an der Haustür Sturm. »Jaja«, sagte der Kommissar. »Immer sutje; ich komme ja.«

Ein zweites Sturmklingeln folgte.

Krüger ging zur Tür und öffnete. Etwas verständnislos studierte er das rote Gesicht von Dieter Derenthal, der nach Luft japste. »Wollen Sie nicht hereinkommen? Sie sehen ja völlig erledigt aus; dabei hat der Tag erst angefangen.«

»Sie … müssen … sofort … kommen«, stieß der dicke Polizist hervor.

»Ich muß gar nichts«, sagte Krüger etwas schärfer als beabsichtigt.

»Doch.« Derenthal holte tief Luft. »Drüben, in der Kaffeerösterei.« Er schwieg und schien den Faden verloren zu haben.

»So«, sagte der Kommissar, »jetzt kommen Sie doch erst einmal herein, setzen sich und trinken ein Glas Wasser. Dann sehen wir weiter. In Ihrem jetzigen Zustand kann man ja gar nichts verstehen.« Er bugsierte Derenthal in die Küche, nötigte ihn auf einen Stuhl und ließ eiskaltes Wasser in ein Glas laufen. »Austrinken!«

Mit sinnvollen Befehlen war Derenthal schon immer gut klargekommen; dann mußte er nämlich nicht selbst denken. Er kam Krügers Aufforderung nach und leerte das Gefäß in einem Zug. Dann wischte er sich den Mund ab und sagte: »Tut mir leid, aber Aufregung – und gleichzeitig Sport – ist nichts mehr für mich.«

Krüger unterdrückte ein Grinsen. »Ihr Kollege hätte doch auch kommen können, oder?«

»Der hat schon die Spurensicherung verständigt und mit Ihrem Chef telefoniert.«

»Was ist denn eigentlich los?«

»Der Besitzer der Kaffeefirma ›Wwe. Arntz’ Feine Kaffeebohnen‹ ist erschossen worden.«

Carmen hörte aufmerksam zu und fragte dann: »Und wo soll ich jetzt meinen Kaffee kaufen?«

Zwei Meisterschüsse

Bonn, April 2019. Krüger trank seinen Kaffee im Stehen aus. Beeilen mußte er sich nicht wirklich, da der Tote tot war und Derenthal nichts von Verdächtigen, die möglicherweise noch in der Nähe herumlungerten, gesagt hatte. Zusammen mit dem dicken Polizisten ging der Kommissar das kurze Stück am Poppelsdorfer Weiher entlang, überquerte die Kreuzung von Königstraße und Venusbergweg, passierte das »Bistrot Sud«, in dem er vor neun Jahren, als der Laden noch »Rietbrocks Weinhaus« hieß, den ersten Abend mit Carmen verbracht hatte, und betrat schließlich das Gelände der Kaffeerösterei. Er konnte nur einen kurzen Blick auf die schöne Gründerzeitfassade werfen, die mit ihren Spitzbogenfenstern eher an eine neugotische Kirche denn an eine Firma erinnerte, weil er sofort von Roselski in Beschlag genommen wurde.

»Es sieht übel aus«, sagte der Streifenpolizist.

»Geht es etwas genauer?«

»Na ja, der Tote. Und so.« Roselski verstummte. Er fühlte sich immer unsicher, wenn die Hierarchie in der Nähe war.

Krüger beschloß, sich selbst ein Bild zu verschaffen. »Führen Sie mich bitte zum Leichenfundort.«

Daß die Leute immer die Terminologie der Lehrbücher verwendeten, dachte Roselski. Andererseits – Tatort klang nach Sonntagabendfernsehen. Wahrscheinlich hatte der Kommissar mit seiner nüchternen Sprache recht. Gehorsam marschierte er vorweg und dirigierte Krüger durch ein im Originalzustand belassenes Kontor aus dem neunzehnten Jahrhundert – samt erhöhtem Podest für den Oberbuchhalter – und durch die Rösterei mit ihren großen Maschinen, die glänzten, als ob sie erst gestern montiert worden waren, bis zu einer kleineren Lagerhalle mit ihren Jutesäkken und einer hölzernen Lastenkarre.

Der Kommissar kam sich vor, als ob er in einem Industriemuseum gelandet wäre. Aber »Wwe. Arntz’ Feine Kaffeebohnen«, eine Institution in der Südstadt seit 1837, die mehr oder minder unbeschadet zwei Weltkriege überstanden hatte, war höchst lebendig und bei den Bonnern, aber auch weit darüber hinaus, in ganz Deutschland, beliebt, der Kaffee hervorragend und die Preise fair. Auch er schätzte den Kaffee, den Carmen immer mal wieder im Werksverkauf erstand.

Also kein Museum.

Krüger schnupperte. Feinkostläden hatten es ihm schon immer angetan, und Kaffeeläden ganz besonders. Sie dufteten nämlich vielversprechend, anders als Teeläden, in denen man den Geruch des Tees erst wahrnahm, wenn man seine Nase tief in eine Dose mit den getrockneten, geschroteten Blättern steckte. Schon im Kontor roch es hier nach Kaffeeröstung: ein leichter Hauch von gebrannten Mandeln, ein oder zwei versehentlich zu schwarz getoastete Kaffeebohnen, heißer Zucker und die tatsächlich noch per Dampf betriebenen Maschinen. Und heißes Öl. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen.

Vor der abgesperrten Halle warteten einige Angestellte gespannt darauf, wie es weiterging. Roselski zeigte auf den Praktikanten. »Der junge Mann ist der Meinung, daß der Tote schon seit gestern Abend, äh, tot ist.« Er wartete auf eine Reaktion seines Vorgesetzten.

Krüger aber nickte nur und näherte sich der Leiche.

Andreas Weyler war, wohl durch den Schuß bedingt, auf den Rücken gestürzt. Das Einschußloch befand sich in der linken Schläfe; die rechte Kopfhälfte war praktisch nicht mehr vorhanden, wie Krüger sah, als er sich vorsichtig über den Toten beugte. Wahrscheinlich hatte der Täter seine Patronen an der Spitze aufgebohrt, damit die Verletzung größer war. Wie hatte es im Handbuch für Waffenkunde geheißen? »Beim Einschlag in das Ziel pilzt die Geschoßspitze auf und zerlegt sich teilweise; dadurch wird die Energie sehr schnell abgegeben, und die Gefahr des Durchschlags durch das Zielmedium besteht nicht mehr.« Effiziente Arbeit, dachte er. Sieht nach einem Profi aus. Möglicherweise.

Am Tor entstand Unruhe, und Krüger drehte sich um.

»Wenn Sie mich bitte durchlassen wollen, damit ich meine Arbeit tun kann, oder?« Seine sonore Stimme verschaffte Professor Altendorf augenblicklich freie Bahn. Er bückte sich leicht, um unter dem Absperrband hindurchzutreten, und kam auf den Kommissar zu. »Herr Kriminalhauptkommissar, wie nett, Sie bei der Arbeit anzutreffen. Oder?«

Krüger war sich nie sicher, wieweit die Sätze des Bonner Rechtsmediziners reine Ironie waren. »Ganz meinerseits«, sagte er daher vorsichtig. »Sie kommen sogar persönlich!« Das war jetzt wieder stilistisch völlig mißglückt. Unpersönlich konnte man ja nicht kommen, außer vielleicht über Skype.

Altendorf überhörte Krügers Lapsus. »Es ist immer gut, regelmäßig selbst an der Verbrecherfront aufzutauchen, sonst verliert man den Bezug zur Realität.« Er trat an den Toten heran. »Hat schon jemand Bilder gemacht?« Er sah sich fragend um.

»Ich«, sagte der Praktikant, der, von der Hofseite kommend, unversehens hinter Krüger aufgetaucht war. Er hielt dem Kommissar sein Handy hin.

»Das geht ja nun gar nicht.« Krüger war wütend. »Und schon alles in die unsozialen Netzwerke hochgeladen, oder?«

Der Praktikant schüttelte den Kopf. »Dort treibe ich mich nicht herum. Facebook ist nur noch etwas für über Sechzigjährige«, er warf Krüger einen prüfenden Blick zu, »Instagram etwas für Kindergartenmütter, die die schönsten Kuchenbilder teilen wollen, Snapchat verstehe ich nicht, und Twitter … Wenn selbst die amerikanische Präsid-Ente dort ihren Müll absondert, ist das für mich ein Grund mehr, das Programm nicht zu benutzen.« Er zeigte auf sein Mobiltelefon. »Das hätte ich gerne zurück, wenn Sie’s nicht mehr brauchen.«

Krüger hatte die Galerie-App des Smartphones aufgerufen und scrollte durch etwa zwanzig Fotos von der Leiche, der Halle und der Schaulustigen. Die Bilder waren von einer bemerkenswerten Qualität.

Der Praktikant sah, wie der Kommissar anerkennend nickte, und sagte bescheiden: »Huawei.«

»Gesundheit«, sagte Derenthal, der das Handy neidisch betrachtete.

Roselski grinste.

Zwei Männer von der Spurensicherung in weißen Ganzkörper-Overalls kamen in die Halle gelaufen. »Macht Platz. Weg da. Nicht so dicht an die Leiche. Ihr kontaminiert die gesamte Szenerie!«

Zweistimmig klangen die Sätze sogar musikalisch, dachte Krüger. Gehorsam trat er zur Seite, um Altendorf und die Leute von der KTU ihre Arbeit machen zu lassen.

Der Rechtsmediziner kniete sich hin und deutete auf das Einschußloch. Dann sagte er etwas zu den beiden Männern, die ihn überrascht ansahen. Einer der beiden holte aus dem mitgebrachten Koffer ein Vergrößerungsglas und reichte es Altendorf. Dieser wiederum hielt es über die linke Schläfe des Toten, angelte einen Kugelschreiber aus seiner Brusttasche und stellte augenscheinlich die Verlängerung des Schußkanals nach – aus dem Kopf der Leiche in die Luft davor. Fragend sah er auf.

»Könnte sein«, sagte schließlich einer der beiden weißgekleideten Techniker.

Altendorf erhob sich wieder und drehte sich dem Kommissar zu. »Sie haben zugesehen?«

Krüger nickte. »Aber nichts verstanden.«

»Lehrling und Meister«, sagte der Rechtsmediziner jovial. »Ich verstehe.« Er zwinkerte Krüger zu. »Wenn mich nicht alles täuscht, sind zwei Schüsse gefallen. Der zweite war so genau gezielt, daß er fast den gleichen Weg wie der erste genommen hat. Genaueres kann ich erst nach der Obduktion sagen. Sagen wir um drei?«

Der Kommissar überlegte, ob er blaß werden sollte, entschied sich aber dagegen. Ihm würde bestimmt etwas einfallen, um seine Teilnahme an der Leichenöffnung zu umgehen. Die Nummer mit Schneiders rechtzeitigem Telefonanruf, um ihn zu einem dringenden Fall dazuzuholen, also von der Obduktion wegzurufen, funktionierte ja nicht mehr; Altendorf hatte ihn schon beim zweiten Mal durchschaut. Hoffentlich kam er auf einen neuen Ausweg. Es gab keine Hilfe – wie immer im Leben.

»Ein Profi«, sagte Schneider, der so leise hinter Krüger getreten war, daß dieser zusammenfuhr.

»Mann, mich so zu erschrecken«, sagte der Kriminalhauptkommissar und legte die Hand auf seine Brust, dorthin, wo er das Herz vermutete. »Du bist bloß Kriminalkommissar. Du darfst das Leben deines Vorgesetzten nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Mein Herz arbeitet nach Carmens Kaffee heute morgen zu Hause und dem Kaffeeduft hier ohnehin schon auf Hochtouren.«

»Soll ich einen Stuhl holen?« fragte Altendorf. Sein Grinsen war nur noch als dreckig zu bezeichnen.

Der Duft der weiten Welt

Hamburg, März 1963. Claus Möller hatte die Nase gestrichen voll. Das war jetzt die zweite Abmahnung in dieser Woche gewesen, die ihm sein Vorgesetzter verpaßt hatte. Und dabei hatte er sich nichts zu Schulden kommen lassen; er war nur wieder zu spät zur Arbeit gelangt. Und erneut hatte es nicht an ihm gelegen: Die Werkshalle von Menck & Hambrock in Ottensen, in der er arbeitete, war fußläufig in gut zehn Minuten von der S-Bahn-Station Bahrenfeld zu erreichen. Wenn ihm allerdings die Bahn in Othmarschen, weil sie zu früh gekommen war, vor der Nase davonfuhr, war das nicht seine Schuld. Er hatte bei einem Freund übernachtet und den Weg zur Haltestelle unterschätzt. Claus war einundzwanzig Jahre alt und dachte, die Welt stünde ihm offen.

Wütend hatte er auf dem Absatz kehrtgemacht und das Gelände der Maschinenfabrik verlassen. Etwas Besseres als den Tod fände er überall – und wenn er bei der Beseitigung der vielen Trümmergrundstücke half, die noch immer das Stadtbild prägten. Seiner Meinung nach machte der Hamburger Senat immerhin das Beste aus der Situation und verschaffte durch den Bau von Sozialwohnungen Tausenden der ausgebombten Familien ein vernünftiges Dach über dem Kopf. Seine Mutter und er hatten Glück gehabt – sie wohnten in einem der neuen Mehrfamilienhäuser aus den fünfziger Jahren am Bahrenfelder Kirchenweg. Er sammelte seine Gedanken und sah sich um.

Nachdem er nur noch aus Ottensen weggewollt hatte und in die nächste Bahn eingestiegen war, war er inzwischen irgendwie am Hafen gelandet, seinem Lieblingsort in Hamburg, genauer gesagt: an der Speicherstadt. Schon am Baumwall konnte man in der Regel den frischen Wind genießen, und es roch nach Abenteuern. Von der Elbe wehte die vertraute Mischung zu ihm herüber: Motoröl und Brackwasser, der Rauch einiger kleinerer Dampfschiffe, außerdem Teer und Fischbrötchen. Er stutzte. Fischbrötchen? Dann mußte er lachen, weil ein älterer Mann an der Backsteinmauer vor dem kleinen Binnenhafen lehnte und herzhaft in sein Mittagessen biß. Eine hungrige Möve hatte sich mit etwa anderthalb Metern Abstand zu ihm auf der Mauer niedergelassen und verfolgte wehmütig, wie das Brötchen immer kleiner wurde. Als es ganz verschwunden war, breitete sie die Flügel aus und flog Richtung Landungsbrücken davon. Fast schien es Claus, als habe sie zuvor noch mißbilligend den Kopf geschüttelt.

Ein Abenteuer, genau, das war es eigentlich. Einfach auf einem Schiff anheuern und nach Südamerika davonsegeln. Unter falscher Flagge sozusagen, denn seiner Mutter wollte er lieber nichts von seinen Sehnsüchten sagen und ihr schon gar nicht die Möglichkeit geben, ihn davon abzuhalten. Und dann darüber schreiben … Wie Gorch Fock, der die Jahre seines kurzen Lebens mit der Abfassung von Seefahrtsgeschichten verbracht hatte. Oder Lieder dichten … Musik war für Claus etwas, für das er viel zu wenig Zeit hatte. Aber wahrscheinlich hatte er für beides kein Talent. Seine Stimmung verdüsterte sich.

Vielleicht blieb er besser zu Hause. Mutter hatte schon genug durchgemacht in ihrem Leben: zuerst Kriegsbraut, dann – auf einem der wenigen Heimaturlaube ihres Mannes, bevor er wieder nach Rußland zurückbeordert worden war – werdende Mutter und schließlich Kriegswitwe, als ihr Mann bei der Schlacht um Stalingrad ums Leben kam. Frau Möller hatte nie wieder geheiratet.

Ohne es zu merken, stand der junge Mann inzwischen vor den hohen, aus braunen Backsteinen gemauerten Lagerhäusern auf Kehrwieder. Er war ein waschechter Hamburger und liebte die vielen sprechenden Namen der Stadt. Es war doch schön, sich auszumalen, wie in früheren Jahrhunderten – und heute wohl auch noch – die Matrosenliebchen an Kehrwieder den Seefahrern Glück und eine gute Heimkehr gewünscht hatten.

Wie üblich herrschte rege Geschäftigkeit vor der langen Häuserzeile. Stückgut wurde an langen Seilen, die aus den Außenwinden am Dachfirst herausliefen, in die Höhe gezogen und verschwand im Inneren der Lagerräume. Einige der großen Kisten trugen einen Aufdruck in englischer Sprache, einige waren französisch beschriftet und wieder andere schienen spanisch zu sein; jedenfalls hielt Claus sie dafür. Vor einem Handelskontor wurden gerade Jutesäcke mit einem dicken Hanftau umschlungen und dann zusammen an dem Transportseil befestigt. Wahrscheinlich Bohnen oder Tee, die von den Quartiersleuten verstaut werden würden.

Täuschte er sich oder bog gerade am Ende von Kehrwieder ein Pferdefuhrwerk auf die Brücke zum Sandtorkai? Claus war sich nicht sicher, da dieses alte Transportmittel allmählich aus der Stadt verschwand, aber es hatte schon sehr nach Hufen auf dem Kopfsteinpflaster geklungen.

Der junge Mann legte den Kopf in den Nacken und sah an den Backsteinfassaden hoch. Er hatte sich schon immer für Hamburgische Geschichte interessiert und manches Mal gewünscht, den Bau der »neuen« Speicherstadt Ende des neunzehnten Jahrhunderts miterlebt zu haben. Man mußte sich das mal vorstellen: erst einen ganzen Stadtteil abzureißen, um ihn danach – hochmodern – neu zu errichten. Und das Ganze obendrein auf den Inseln in der Norderelbe. Das hatte natürlich den Vorteil, daß die Warenanlieferungen auf der Rückseite der Speicher von den Fleets aus erfolgen konnten; ein pfiffiger Gedanke, wie Claus fand: Wasserstraßen und Steinstraßen zur Beförderung der Güter.

Die meisten Häuser der Speicherstadt umfaßten fünf Stockwerke und oft ein weiteres Geschoß unter dem Dach: die ersten beiden für die Kontorräume, darüber dann die Lageretagen. Und alles auf Pfählen im Untergrund der Fleetinseln. Innerhalb weniger Jahre hatte man die Speicher fertiggestellt, nachdem die alten, zum großen Teil noch mittelalterlichen Fachwerkhäuser beseitigt worden waren. Fertige Stahlskelette aus den Hochöfen des Ruhrgebiets hatten den Bau beschleunigt. Irgendwann war man trotzdem wieder zu Holzpfählen und Holzbalken zurückgekehrt, die einem Feuer länger standhalten konnten als Stahl. Und Wasser zum Löschen im Notfall gab es ja genug.

Irgendwo mitzubauen, das wäre auch ein schöner Beruf. Claus ging langsam weiter. Ein paarmal mußte er Schauerleuten ausweichen, die gerade ein kleineres Schiff im Binnenhafen entluden und Ballen auf einer Schulter zu einem Haus gegenüber schleppten. Die Sachen schienen schwer zu sein, denn regelmäßig nahmen die Männer ihre Schirmmützen ab und wischten sich über die Stirn.

Schließlich blieb er vor einem Gebäude stehen. Über dem doppelportaligen Haupteingang stand in goldenen Messingbuchstaben »Harry Petersen Kaffeeimport«. Am linken Torflügel aus poliertem schwarzen Holz war ein Stellenangebot befestigt: »Junger Mann für Lagerarbeiten und mehr gesucht. Bei Herrn Konrad (1. Stock) melden.« Die Tüchtigen werden schon Glück haben, dachte er, und stieß die Tür auf.

Konsul Petersen schob den Schreibtischstuhl zurück und stand aufgrund seines deutlich zu großen Bauches etwas mühsam auf. Er achtete nicht so sehr auf seine Figur, weil er gutes Essen liebte, was es ja endlich wieder gab. Endlich stimmte jedoch nicht so ganz; bereits seit Anfang der fünfziger Jahre ging es mit der deutschen Wirtschaft steil bergauf – wie auch mit seiner Firma. Er konnte sich mit seiner großen Kaffeerösterei alles leisten, was er wollte. Zuletzt hatte er vor drei Jahren in Blankenese eine prächtige Villa an der Elbchaussee gekauft. Geld war genug da.

Er trat ans Fenster und ließ das letzte Gespräch mit seinem Kompagnon Revue passieren. Andrea Russo war vor fünf Jahren im Rahmen des 1955 zwischen der Bundesrepublik und Italien geschlossenen Anwerbeabkommens zur Beschaffung ausländischer Arbeitskräfte als Hilfsarbeiter nach Hamburg gekommen und hatte sich über verschiedene Firmen hochgearbeitet. Vor vier Jahren war er mit einem großen Geldbetrag als Teilhaber in Petersens Firma eingestiegen. Russos Lebenslauf und seine Referenzen waren gut; und in Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders war es leicht, rasch zu Geld zu kommen. Und er konnte arbeiten. Daß er darüber hinaus über ein großes Organisationstalent verfügte, war ein Glücksfall gewesen.

Fast schien es dem Konsul, als könne er sich beruhigt auf sein Altenteil zurückziehen, aber mit Mitte fünfzig fand er sich dafür doch noch zu jung.

Unten wurde gerade die Ladung eines kleinen Schiffes gelöscht, und die Arbeiter trugen Ballen ins Nachbarkontor. Petersen verfolgte den Weg eines jungen Mannes, der geistesabwesend durch das Treiben auf Kehrwieder strich und zweimal mit einem der Schauerleute zusammenstieß. Schließlich blieb er vor der Kaffeerösterei stehen und schien das von Herrn Konrad angebrachte Schild zu studieren. Der junge Mann sah nach oben, und Petersen trat einen Schritt zurück, um nicht als neugieriger Beobachter bemerkt zu werden. Kurz darauf ging er aber erneut ans Fenster.

Der junge Mann war verschwunden.

Über philanthropische Unternehmer

Bonn, April 2019. Hinnerk hatte bestens geschlafen. Über Airbnb hatte er sich noch von Hamburg aus ein unauffälliges Zimmer im zweiten Stock eines Hauses in der Friedrichstraße besorgt, so daß er mit falschem Namen und falscher Kreditkarte hatte buchen können und nicht nach seinem Ausweis gefragt wurde, wie es jetzt immer häufiger bei Übernachtungen in normalen Herbergen der Fall war. Außerdem besaß das Personal hinter der Empfangstheke eines Hotels meist ein gutes Gedächtnis, was das Aussehen einiger etwas aus dem Rahmen fallender Gäste anging. Und mit seiner Größe und den blonden Haaren war er schon auffällig. Anonym zu bleiben, war auf jeden Fall besser.

Der Hüne warf die Barbourjacke über und schloß die Zimmertür ab. Wie immer befestigte er ein längeres Haar zwischen Türwange und Türblatt, um ungebetene Gäste bei seiner Rückkehr feststellen zu können. Man mußte für alle Gelegenheiten gewappnet sein.

Gestern abend, nachdem er seinen kleinen Auftrag erledigt hatte, war ihm ein französischer Bäcker in der Nähe aufgefallen. Vielleicht gab es dort ein anständiges Frühstück.

Tatsächlich hatte das »C’est-la-vie« schon geöffnet. Mit einem Pain au chocolat, einem Croissant und einem großen Milchkaffee von der Theke machte Hinnerk es sich in einer Ecke bequem, von der aus er die Eingangstür unauffällig im Blick behalten konnte. Alte Angewohnheit; man mußte stets mit allem rechnen.

Auf seinem Handy studierte er den Bonner Stadtplan und legte sich im Geist den Fußweg zu seinem nächsten Auftragsort zurecht; die dazugehörige Adresse war heute morgen per SMS gekommen. Jetzt mußte er nur noch auf den Einsatzbefehl warten. Da er wie immer vorbereitet war – die Pistole war gereinigt, das Magazin vorhanden und das Handy aufgeladen –, konnte auch dieses Mal nichts schiefgehen.

Hinnerk sah seine Tätigkeit als ehrliche Arbeit an, die der Gemeinschaft zugute kam. Wer sich nicht an Regeln hielt, mußte bestraft werden. Das erledigte er, bislang stets zur Zufriedenheit seines Auftraggebers. Gemeinschaft verstand er allerdings als diejenige, der er und Onkel Alberto angehörten. Dennoch traf Marc Aurels Lebensmaxime, auf die er in einer Zeitschrift gestoßen war und die er ausgeschnitten zu Hause über sein Bett gehängt hatte, auch auf ihn zu: »Arbeite! Aber nicht wie ein Unglücklicher oder wie einer, der bewundert oder bemitleidet werden will. Arbeite oder ruhe, wie es das Beste für die Gemeinschaft ist.«

Hinnerk biß ein Stück vom Schokoladenmilchbrötchen ab und trank einen großen Schluck Kaffee. Er ließ sich noch einmal seinen gestrigen Einsatz durch den Kopf gehen. Bestimmt hatte man den Toten schon entdeckt. Die kleine Uhr auf seinem Handy zeigte 08:33 an. Schade, daß es noch keine App zum Abhören des Polizeifunks gab. Es war immer gut zu wissen, was der Gegner gerade machte. Aber ihn würden sie, wie sonst auch, nicht entdecken. Dafür war er einfach zu unauffällig. Selbst große Leute wurden übersehen, wenn sie es darauf anlegten, und unsichtbar zu werden – darin war er Meister. Nur in Hotels mußte man, wie gesagt, aufpassen.

Okay, noch der heutige Einsatz, und dann würde er wieder nach Hamburg zurückfahren. Vielleicht sogar per Flix-Train. Die Beschreibung der Reise in die alte Hansestadt auf der Seite des Unternehmens klang gemütlich: alte Waggons der Bundesbahn, Sechser-Abteile, Fenster, die sich öffnen ließen, nur wenige Haltepunkte unterwegs – Nostalgie war etwas, das Hinnerk schätzte. Spaßeshalber warf er einen Blick auf die Abfahrtszeiten des Zuges aus Köln: 15:01 Uhr, das konnte er sogar schaffen. Wenn die Einsatz-SMS rechtzeitig kam.

Schneider stand draußen vor der Lagerhalle und rauchte.

»Du wirst mir immer unsympathischer«, sagte Krüger. »Nicht nur, daß du dauernd deine Frauen wechselst, jetzt hast du auch noch eine neue Zigarettenmarke.« Er deutete auf den dunkelbraunen Glimmstengel.

»Zigarillo«, sagte Schneider. »Und du bist mal schön ruhig. Wenn ich dich an deine Zigarren erinnern darf …«

»Das kann man beim besten Willen nicht als Rauchen bezeichnen, zweimal im Jahr. Und dann nur eine halbe. Und nur unter Zuhilfenahme von Rotwein. Oder Whisky. Und außerdem darf Carmen nicht dabei sein, weil sie sonst etwas von den Gefahren von Alkohol und Rauch sagt. Und ohne Carmen ist das Leben nur halb so schön. Also rauche ich nicht. Jedenfalls nicht richtig.«

Schneider sah seinen Freund etwas neidisch an. Eigentlich wäre er auch gerne fest liiert, nicht nur teilweise und das nur manchmal. Andererseits schien das Glück immer auf der anderen, nie auf der eigenen Straßenseite zu lauern. Um es zu erhaschen, mußte man die Straße überqueren. Er seufzte und warf den nur zu einem Drittel gerauchten Zigarillo auf den Boden. Mit der Fußspitze erstickte er die Glut.

»Das wird aber auf die Dauer teuer«, sagte der Praktikant und trat neben die beiden Kommissare. »Der schöne Zigarillo. Aber bei Ihrem Gehalt spielt das sicher keine Rolle.«

Krüger studierte das Gesicht des jungen Mannes, der für die Lagerhalle viel zu intelligent aussah. »Wie heißen Sie eigentlich?«

»Fabian. Fabian Schmücker.«

»Und was machen Sie beruflich?« fragte Schneider.

»Bohnen schleppen. Kaffeebohnen. Also braune. Nicht die blauen, die hier durch die Lüfte fliegen.«

Schneider lachte. »Aber hierhin zu passen scheinen Sie ja nicht.«

»Tue ich auch nicht wirklich«, sagte der junge Mann. »Ist nur ein Zubrot. Eigentlich studiere ich Psychologie. Sechstes Semester.«

»Sind Sie dann nicht bald fertig?« fragte Krüger. »Den Abschluß als Bachelor erhält man doch schon nach drei Jahren, oder?«

»Eigentlich ja, aber wir Psychologen studieren deutlich langsamer. Schließlich müssen wir lernen, die Menschen ganz zu durchschauen.« Er warf Schneider einen durchdringenden Blick zu.

Was kam jetzt? Der jüngere der beiden Kommissare fühlte sich sichtlich unwohl.

Krüger, der das Mienenspiel seines Freundes verfolgt hatte, grinste. Geschah ihm ganz recht, daß er auch einmal in die Defensive geriet.

»Sie machen einen etwas frustrierten Eindruck«, sagte Schmükker. Mit dem Fuß schob er den Zigarillo Richtung Schneider. »Das Teil qualmt noch.«

Der Kommissar nahm dieses Mal den Absatz seines Schuhs zu Hilfe und trat etwas harscher als beabsichtigt auf den Rest der Glut.

»Beruflich frustriert?« Der Praktikant schüttelte den Kopf und beantwortete die Frage selber. »Glaube ich nicht. Dafür sind Sie viel zu neugierig.« Er zeigte auf den kleinen Block in Schneiders linker Hand, auf dem dieser sich Notizen gemacht hatte. »Wahrscheinlich eher privat.« Er überlegte. »Soll ich raten?«

Krüger kam seinem Freund zu Hilfe. »Das reicht jetzt aber. Wir sind ja hier, um einen Mordfall aufzuklären, und nicht, um bei Ihnen auf der Couch zu liegen. Also: Was können Sie uns denn zu Ihrem Chef sagen?«

»Zu Herrn Weyler?« Schmücker überlegte. »Ausgesprochen beliebt war er bei den Angestellten. Hat sich um den ganzen Laden gekümmert, war immer auf dem Laufenden, was ich so in der kurzen Zeit, seit ich hier bin, mitbekommen habe, Einkauf, Verkauf, Buchhaltung, Personal – was so anlag. Als er hörte, daß ich Student bin, hat er zwei Euro pro Stunde draufgelegt und gesagt, er habe als Student auch immer zu kämpfen gehabt, er wisse noch sehr gut, wie es ihm damals gegangen sei.«

»Ein altruistischer Unternehmer, interessant«, sagte Schneider. »Ich dachte immer, alle Kapitalisten seien egoistisch.«

»Nicht alle«, sagte Krüger versonnen. Ihm fiel wieder ein, was seine Mutter über einen Hamburger Unternehmer gesagt hatte, der sich vorbildlich um seine Angestellten gekümmert hatte. So’n netten Menschen war das.

»War er verheiratet?« unterbrach Schneider seine Gedanken.

Der Praktikant schüttelte den Kopf. »Glaube ich nicht. Er besaß jedenfalls keinen Ehering, den er auch trug. Und ob er eine Freundin hatte?«

Der junge Mann dachte wirklich mit; Krüger war angenehm überrascht. Bei der Polizei wurden auch Psychologen gebraucht – mal sehen.

»Ich glaube nicht«, antwortete Schmücker sich erneut selbst. »Außerdem habe ich hier nie eine Frau gesehen, der man ansah, daß sie sich für Herrn Weyler interessierte. Jedenfalls keine seines Alters. Natürlich haben sich einige Angestellte Hoffnungen gemacht …«

Der junge Mann beobachtete tatsächlich sehr genau, dachte Krüger; ich lasse ihn mal reden. Er nickte dem Praktikanten aufmunternd zu. »Jemand im Besonderen?«

»Frau Diepensiefen, die Buchhalterin, Anna Karenina, eine der Packerinnen, Frau Müller, die Sekretärin …«

»Das sind schon sechs«, sagte Schneider, während er sich Notizen machte.

Krüger grinste, denn er glaubte zu wissen, was nun kam.

»Nein, nein«, sagte Schmücker. »Drei. Das andere war nur die jeweilige Funktion im Betrieb.«

»Man nennt es Apposition«, sagte der sprachverliebte Kriminalhauptkommissar. »Etwas Hinzugesetztes beschreibt das Substantiv näher.«

»Hast du eigentlich keine Arbeit in der Duden-Redaktion gefunden und mußtest deswegen zur Polizei?« fragte Schneider etwas spitz. Irgendwann waret auch mal juut.

»Anna Karenina«, sagte Krüger versonnen. »Eine starke Frau.«

»Kaum«, sagte der Praktikant. »Eher ein graues Mäuschen. Und an ihrem Deutsch arbeitet sie noch.«

»Es ist immer besser«, fügte der Kommissar hinzu, noch ganz in Gedanken, »beim Original zu bleiben.«

Schmücker grinste. »Also, nochmal zu den Frauen. Ich glaube nicht, daß da jemals etwas Ernsthaftes gewesen ist. Vor allem, warum sollte eine der drei ihren Chef umbringen, der doch immer nett war?«

»Vielleicht«, sagte Schneider langsam, »hat er einer die Ehe versprochen und sich dann für eine andere entschieden.«

»Könnte sein«, sagte Krüger. »Eines der beiden klassischen Mordmotive. Eifersucht.«

»Und das andere?« Der Praktikant sah ihn neugierig an.

Von der Welt weiß er doch noch nicht so viel, dachte Krüger. »Geld«, sagte er. »Eigentlich geht es immer um Geld. Wenn ich die Eifersucht aber nochmal aufgreifen darf: Ehe bedeutet auch Absicherung, in vielen Fällen. Und die Aussicht darauf dann plötzlich zu verlieren … Wir behalten das mal im Auge.«

»Apropos Geld«, sagte Schmücker. »Davon hat Herr Weyler wirklich genug gehabt. Jede Menge.«

Statussymbole

Bonn, April 2019. Hinnerk trat vor das französische Café und schaute die Einkaufsstraße entlang. Ein bißchen, aber nur ein ganz kleines bißchen sah es hier aus wie in Ottensen. Der Hamburger Stadtteil war in den letzten Jahren richtig hip geworden, mit Ausländern – beziehungsweise inzwischen längst Einheimischen –, die über Jahrzehnte die Rezepte ihrer heimatlichen Küche nicht verlernt hatten, mit alternativen kleinen Betrieben, die wieder alte Handwerkskünste beherrschten, und mit kleinen Restaurants, die bei warmem Wetter die Bewirtung auf den Bürgersteig verlagerten. Anders als im portugiesischen Viertel am Hafen war derlei südländische Lebensart in Ottensen noch nicht reglementiert – es gab keine vom Ordnungsamt gezogenen Linien, bis zu denen Tische und Stühle vor die Häuser gestellt werden konnten. Anarchie war sowieso besser, fand der Hüne. Und in der Bonner Friedrichstraße gab es ebenfalls Restaurants, deren Betrieb draußen stattfand, kleine Läden mit alternativem Handel, aber auch den üblichen Espressoshop und eine Eis-Manufaktur. Als ob nicht handgemachtes Eis sowieso am besten schmeckte. Zwei hübsche Studentinnen auf Fahrrädern umkurvten ihn, was Hinnerk zu spät anerkennend pfeifen ließ. Da waren sie nämlich längst außer Ruf- und Reichweite. Er sah auf die Uhr. Viertel vor zehn – Zeit, sein Ziel Ecke Quantiusstraße und Meckenheimer Allee, irgendwo hinter dem Bahnhof, in Ruhe zu erreichen. »Italienische Spezialitäten Contadino« würde sich nach seinem Besuch einen neuen Eigentümer suchen müssen. Wer nicht hören wollte, mußte fühlen. Jedenfalls ein letztes Mal.

»Wieso?« fragte Krüger. »Haben Sie das Geld gesehen?«

»Die Scheine gezählt?« sekundierte Schneider.

»Die Münzen gewogen?« fügte der Praktikant hinzu. »Oh, sorry, das ist mir so herausgerutscht. Ich soll ja antworten.«

Schneider grinste.

»Nein, habe ich nicht«, fuhr Schmücker fort. »Aber sein Vermögen war nicht zu übersehen: Ein Bugatti, mit dem Herr Weyler die paar Meter von seiner Villa an der Argelanderstraße bis zur Firma zurücklegte. Maßgeschneiderte Kleidung—«

»Woraus haben Sie das geschlossen?« unterbrach ihn Krüger.

»Hat mir Anna gesagt«, sagte Schmücker und wurde rot, als Schneider ihn fragend ansah. »Anna Karenina, die Packerin. Die weiß es wiederum von der Dame aus der Buchhaltung und die—«

»Hat die Belege sortiert«, sagte Schneider. »Ich kann es mir denken.«

»Was noch?« fragte Krüger.

»Ein Bündel Bargeld in der Hosentasche«, antwortete der Praktikant. »Hunderter, wenn ich mich nicht irre. Fünfhunderter nimmt ja keiner mehr. Damit bezahlte er manchmal Lieferanten, die noch spät am Nachmittag mit ihrer Ware ankamen, wenn die Buchhaltung schon Feierabend hat.«

Schneider machte sich Notizen.

Krüger nickte und versuchte, alles zu behalten, was ihm in den letzten Jahren eigentlich immer gut gelungen war. Nur in jüngster Vergangenheit ließ ihn manchmal sein Gedächtnis im Stich. Vielleicht mußte er einfach mehr Vitamine essen, wozu ihn Carmen immer nötigte. Broccoli und so. Dabei reichte ihm eigentlich immer Gemüse in flüssiger Form. Whisky nämlich. Der wurde doch aus Getreide hergestellt, oder? Oder war Getreide kein Gemüse? Komisch, wie sich Gedanken ineinander verhaken konnten und man auf das, worauf man hinauswollte, nicht mehr—

»He!« Schneider stupste ihn an. »Du schläfst. Hör doch mal zu.«

Auf seine alten Tage konnte Krüger immer noch rot werden. »Sir«, sagte er daher nur kurz.

»Und teure Urlaube«, referierte Schmücker gerade. »Wenn man das alles zusammenrechnet, guckt, wie oft Kaffee angeliefert und wie oft er, in welcher Form auch immer, wieder verkauft worden ist – dann kann die Firma gar nicht so viel abgeworfen haben, wie Weyler ausgegeben hat.«

Krüger betrachtete den Praktikanten nachdenklich. »Und was meinen Sie, woher …?« Den Rest des Satzes ließ er unausgesprochen, was schon oft beim Gegenüber zu einem verstärkten Mitteilungsbedürfnis geführt hatte.

»Eine Erbschaft, glaube ich. Weyler erwähnte mal etwas von einer reichen Tante in Bremen. Oder war es Hamburg?« Er kratzte sich am Kopf. »Kann auch Lübeck gewesen sein. Irgendwo im Norden jedenfalls.«

»Rostock«, mutmaßte Schneider. »Gibt’s noch mehr Hansestädte?«

»Buxtehude«, sagte der Praktikant.

»Echt jetzt?« fragte Schneider.

»Hab ich mal gelesen.« Schmücker sah ihn triumphierend an. »In der Encyclopædia britannica.«

»Die haben Sie durchgelesen?« Schneider sah ihn bewundernd an.

»Könntet ihr mal aufhören?« Krüger hatte sein Dienstgesicht aufgesetzt, wie Schneider es nannte: zusammengezogene Augenbrauen, zwei senkrechte Striche auf der Stirn und heruntergezogene Mundwinkel. Besser, man stoppte dann sofort etwelchen Unsinn.

Der Praktikant hatte sowohl Krügers Miene als auch Schneiders Reaktion darauf mitbekommen. Leise sagte er: »Tut mir leid. Es stand bei Wikipedia.«

Schneider lachte.

Krüger behielt seinen ernsten Gesichtsausdruck bei und sagte: »Wahrscheinlich wissen wir morgen mehr. Falls Kauls neuer Computer funktioniert.«

Harald Kaul war der IT-Nerd im Polizeipräsidium. Er bekam immer alles heraus, ohne sich auch nur einen Zentimeter von seinem Bildschirm wegbewegen zu müssen. Darknet, Internet, Tor – alles stand seiner Fingerfertigkeit zu Diensten. Seit dem Fall der toten Professoren vor einigen Jahren hieß er bei seinen Kollegen Harry Cool, was ursprünglich nur der falschen Aussprache eines bei den damaligen Ermittlungen beteiligten Detective aus Oxford zu verdanken war.

»Okay«, sagte Schmücker und warf einen Blick auf seine Armbanduhr, die nicht ganz preiswert aussah. »’tschuldigung, aber ich muß weg. Vorlesung. Die Buchhaltung hat meine Kontaktdaten.« Früher hatte man eine Adresse, dachte Krüger. Das klang irgendwie ortsbezogener; heute war man nur noch digital aufzufinden.

»Hast du seine teure Uhr gesehen?« fragte Schneider. »Sah nach einer Patek Philippe aus. Woher er dafür wohl den Schotter hatte?«

Hinnerk studierte die zusammengeschraubte Eisentreppe zur Unterführung unter dem alten Bahnhof und fragte sich, wie um alles in der Welt man dieses gefährliche Provisorium überhaupt in Betrieb hatte nehmen können. In Hamburg gab es vernünftige Fußgängertunnels mit Betonstufen und Rolltreppen, aber hier in der Provinz? Genauso unverständlich war ihm die gerade entstehende neue Bebauung, die den Blick auf den wirklich hübschen Backsteinbahnhof verstellte, aus Blöcken bestand und einfach nur brutal aussah. Na ja, Altona war auch nicht viel besser; dort hatte man auf dem jüdischen Friedhof neben dem Bahnhof ein Kaufhaus errichtet. Stadtväter waren eben überall gleich.

Unten hatte man sich mehr Mühe gegeben; zumindest war die neue Ladenpassage schön hell, wenn auch noch einige Schaufenster mit Brettern vernagelt waren. Hinnerk war froh, als er auf der anderen Seite wieder ans Tageslicht kam; er konnte sich nicht vorstellen, sein Leben als Maulwurf zu verbringen, selbst wenn er damit seinen Lebensunterhalt verdiente. Da war ihm sein Beruf schon lieber. Manchmal hatte er überlegt, was er wohl auf eine Visitenkarte als Berufsangabe drucken lassen würde. Private Investigations klang nach Polizist im Ruhestand, fiel also aus. Außerdem unternahm er ja mehr, als nur zu ermitteln. Seine jeweilige Arbeit brachte er immer zu einem Abschluß. Wir beenden, was Sie angefangen haben kam auch nicht in Frage; das war ein Claim, kein Beruf. Termingeschäfte aller Art traf es wohl am besten. Vor allem steckte dort auch das Wort terminieren drin, allerdings so subtil, daß es nur ein Eingeweihter verstehen würde. Hinnerk grinste, während er einer Frau mit Kinderwagen auswich, die auf den gläsernen Fahrstuhl auf dem Bürgersteig zusteuerte, der nach unten zum U-Bahn-Schacht führte.

Gegenüber betraten gerade zwei Malergesellen das »Salönchen«, eine der zahllosen Kneipen, die man in allen Städten in Bahnhofsnähe antraf, wie Hinnerk fand. Der Alkoholpegel der Männer mußte wohl aufgefüllt werden, damit ihnen das Streichen der wenige Meter entfernten, eingerüsteten Fassade leichter fiel. Der Hüne schüttelte den Kopf. Alkohol gerne, manchmal auch ein Bier, in Hamburg natürlich außerdem der Hamburger Kümmel, aber nie vor oder während der Arbeit. Er benötigte eine ruhige Hand. Immer.

Die Schaufenster des Feinkostladens von Contadino an der Ecke zur Meckenheimer Allee waren gut gefüllt. Das Geschäft besaß drei Fenster mit Auslagen, die das Sortiment appetitlich aufbereitet anboten: Öl und Essig in allen Varianten und Preisklassen, Wurst, Käse, Nudeln – was immer aus der italienischen Küche der Käufer zum Leben benötigte. Hinnerk war der Meinung, daß wahres Essen nur südlich der Alpen zu bekommen war. Allerdings hatte er über die Jahre sein Herz durchaus für den Hamburger Labskaus erwärmen können. Im Norden war doch nicht alles schlecht. Und das Meeresgetier natürlich, das es in den diversen Fischbratküchen zu Hause gab.

Er stieß die Tür auf. Die geladene Pistole mit Schalldämpfer steckte in der rechten Jackentasche; seine Hand hielt sie fest, der Finger lag am Abzug.

Krüger hatte sein mobiles Hauptquartier ins »Lammé-Goedzak« verlegt. Der kleine Fußweg vom Tatort bis zur Ecke an der Argelanderstraße, an der das Restaurant lag, hatte ihm gut getan, wenn er auch etwas außer Atem angekommen war. Fit war etwas anderes, aber sobald man über vierzig war, mußte man sowieso mit allzu abrupten Bewegungen und sportlichen Exzessen aufpassen, wie er fand.

Die freundliche Inhaberin, die gerade selbst die Tische eindeckte, kannte den Kommissar und bot ihm einen Platz an, obwohl das Restaurant erst demnächst öffnen würde. »Setzen Sie sich mal an den großen Tisch, falls Sie noch Zeugen befragen wollen.« Ein mißglücktes Zwinkern folgte. »Sie sind ja schon zu zweit. Dann hat ja jeder nur die halbe Arbeit.«

Schneider verdrehte die Augen und folgte seinem Freund nach drinnen.

»Kaffee, die Herren?«

Krüger nickte. Nachdem er Platz genommen hatte, holte er sein kleines Moleskine-Notizbuch hervor und schlug es auf. Sorgfältig setzte er mit dem Füller in seiner kleinen Schrift den Titel auf eine neue Seite. Mordkommission Anden entzifferte Schneider, der dem Kriminalhauptkommissar gegenüber saß.

»Die sind wieder bei A«, sagte Krüger. »Hat Kaul vorhin gesagt. Er wollte nachher anrufen, um mich über seine Fundstücke im Internet zu informieren.«

»Anden und Kaffee paßt ja.« Schneider betrachtete gedankenverloren den großen, zu einer Blumenvase umfunktionierten Aschenbecher. »Die besten Dinge des Lebens verschwinden nach und nach.«

»Als nächstes ist wahrscheinlich der Alkohol dran.«

»Stimmt; einen Gemüsedrink können Sie bei uns schon bekommen«, sagte die Inhaberin, die den letzten Satz gehört hatte und gerade den Kaffee brachte. Sie deutete auf die Tassen. »Ich habe ihn etwas stärker gemacht. Tut Ihnen bestimmt gut.« Ein langer Blick auf Krüger folgte.

»Was für Gemüse?« fragte Schneider, der den Blick durchaus bemerkt hatte.

»Wollen Sie das wirklich wissen?« fragte sie spöttisch.

»Wollen wir nicht«, sagte Krüger. Er wartete, bis die Frau wieder hinter dem Tresen verschwunden war und Gläser in einen Schrank unter der Spüle einräumte. »Fassen wir mal zusammen, was wir bis jetzt wissen.«

Schneider schlug seinen Block auf und studierte seine fast unleserlichen Zeilen. »Der Tote heißt Andreas Weyler, ist 55 Jahre alt, geboren in Bonn, aufgewachsen in Bonn, Studium der Betriebswirtschaft in Bo—«

»Erzähl doch mal die wichtigen Dinge«, sagte Krüger. »Geld, Familie, du weißt schon, was.«

»Viel Geld, keine Familie.« Schneider grinste freundlich. »Dafür wohnte er mit zwei Studentinnen in einer weißen Gründerzeitvilla um die Ecke.«

»Eine ménage-à-trois?« Krüger war ehrlich erstaunt. Und ein bißchen neidisch. Zwei Studentinnen, lange Beine, kurze Röcke … Dann riß er sich zusammen. Etwas Besseres als Carmen konnte ihm nicht mehr passieren. Er schalt sich einen dummen alten Mann und wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Freund zu.

»Glaube ich nicht. Die beiden Frauen bewohnen das Dachgeschoß, was Weyler wohl nur deswegen vermietet hatte, damit das Haus nicht leer stand, wenn er auf einer seiner vielen Reisen war.«

»Oder weil er der Studentenschaft bei der angespannten Wohnungssituation in unserer Stadt etwas Gutes tun wollte. Denk an den erhöhten Lohn des Praktikanten.«

Schneider nickte. »Ein Wohltäter. Weiter. Nach den ersten Befragungen scheint es in der Belegschaft kein Motiv für einen Mord an ihrem Chef zu geben. Warum sollten sie auch den Arbeitgeber umbringen?«

»Langeweile?« Die Bemerkung trug Krüger einen strafenden Blick ein.

»Etwas anders sieht es in der Nachbarschaft aus«, fuhr der jüngere der beiden Kommissare nach einem Blick auf seine Notizen fort. »Es hat wohl Spannungen im Viertel gegeben, als Weylers Expansionspläne bekannt geworden sind.«

Krüger horchte auf. »Hier ist doch alles so dicht bebaut, daß bis auf die Gärten nirgendwo mehr Platz für Neubauten ist.«

»Weyler wollte den Bebauungsplan ändern lassen, um so auf dem kleinen unbebauten Grundstück rechts des seinen an der Königstraße ein weiteres Lager errichten zu lassen. Nötige Änderungen im Stadtrat lassen sich oft durch entsprechende Zuwendungen an unverdächtige städtische Empfänger erreichen, zum Beispiel das Grünflächenamt, damit ein Park wieder hergerichtet werden kann, oder …« Schneider schwieg und überlegte.

»Das sagst du jetzt so. Hast du Beweise?«

»Nein, aber so läuft es doch. Jedenfalls sind eine ganze Menge Leute richtig sauer, daß die Bebauungsplanänderung auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung des Stadtrats steht.«

Krüger überlegte. »Wenn der Urheber des Ärgers also nicht mehr da ist …«

»Bleibt alles, wie es ist.«

»Ein schönes Mordmotiv. Wer kümmert sich also um den Stadtrat?«

»Da reicht ein Interview mit einem der eingeweihteren Journalisten vom General-Anzeiger. Am besten fragen wir den amerikanischen Araber aus der Redaktion, Imad Torqua. Der heißt wirklich so. Er stammt aus Pennsylvanien, ist aber nach dem Studium hier hängengeblieben.«

Die Inhaberin kam erneut an den Tisch und stellte sich vor Krüger auf. Da er saß, befanden sich seine Augen in Höhe ihres ansehnlichen Busens. Er beugte sich wieder über seine Notizen und sagte von unten: »Danke, aber momentan brauchen wir nichts.«

»Eine kleine Stärkung? Die Küche hat gerade eine Quiche gebacken; ich kann Ihnen gerne ein Stück bringen. Eine Aufmerksamkeit des Hauses.«

Krüger schüttelte den Kopf, ohne wieder nach oben zu sehen. »Wirklich. Sehr nett. Aber: nein.«

Im Weggehen erhielt Schneider noch einen fragenden Blick der Frau, den er nicht deuten konnte. »Mann, die hat es ja auf dich abgesehen. Dabei bist du doch schon über fünfzig und sie noch nicht.«

»Reife Männer sind eben angesehen und ansehnlich«, sagte Krüger sinnierend und dachte an Carmen, die acht Jahre jünger war. Er war glücklich und brauchte keinerlei Zerstreuung. Abrupt fuhr er fort: »Und außerdem machen wir eine Haus-zu-Haus-Befragung in der Südstadt, oder?«

»Wir nicht. Habe ich aber schon veranlaßt. Derenthal und Roselski sind bereits unterwegs.« Schneider gluckste. »Wenn ich mir die beiden an den Haustüren vorstelle …«

Krüger sah ihn strafend an. »Du hättest mich ruhig vorab informieren können. Dann hätte ich—«

»Dasselbe getan, oder?«

Dolci

Bonn, April 2019. Die ausgestellten Wurst- und Käsesorten in der gläsernen Verkaufstheke waren so appetitlich hergerichtet, daß ein Kunde gar nicht umhin konnte, einiges davon zu kaufen. Salvatore Contadino stand neben der Kasse und zählte Geldscheine, die er in der Hand hielt. Etwas unwirsch sah er auf, als Hinnerk sein Geschäft betrat. »Einen Moment noch.« Er ging den Stapel zum zweiten Mal durch. Befriedigt schrieb er schließlich eine Zahl auf ein Stück Papier und steckte die Banknoten ein.

»Kleiner Nebenverdienst?« fragte der Hüne freundlich.

Contadino überhörte Beleidigungen grundsätzlich, denn wenn man auf sie einging, gab es nur Ärger, und letztlich zog man den Kürzeren. Vor allem, wenn das Gegenüber so groß war wie der aktuelle Besucher seines Geschäfts. »Sie wünschen?« Sein italienischer Akzent hatte sich in den Jahrzehnten, die er inzwischen in Bonn verbracht hatte, fast völlig abgeschliffen.

»Dolci.« Hinnerk zeigte auf verschiedene kleine Stapel mit Bonbons, von denen ein jedes in buntes Papier eingeschlagen war. »Zweihundertfünfzig Gramm. Gemischt.«

Der Italiener schöpfte mit beiden Händen Bonbons ab und legte sie in die Schale einer alten Waage, die bei »238« stehenblieb. Er warf einen prüfenden Blick auf den Hünen und legte zwei Bonbons dazu. »Zweihundertvierundsechzig«, sagte er. »Einverstanden?«

Hinnerk antwortete nicht, sondern senkte den Kopf nur leicht.

Contadino ließ die Bonbons aus der Waagschale in eine weiße Papiertüte gleiten, faltete diese vorsichtig oben zusammen und schlug die beiden Ecken nach hinten um. »Sonst noch etwas?«

»Zwei Scheiben von dem San-Daniele-Schinken. Und ein Brötchen dazu, aufgeschnitten.«

Mit geübten Griffen legte der Italiener die Keule auf die Maschine und schnitt das Gewünschte ab.

Hinnerk wartete, bis alles eingepackt war, dann sagte er: »Übrigens, ich zahle heute nicht.«

Contadino sah ihn irritiert an. »Non capisco?«

Der Hüne wechselte mühelos ins Italienische. »Du schuldest meinem Auftraggeber siebzigtausend Euro.«

Contadino wurde blaß. Er wußte sofort, worum es ging. »Aber ich habe doch schon mehrfach gesagt, daß ich das Geld zur Zeit nicht—«

»Und mein Auftraggeber hat schon mehrfach mitgeteilt, daß er mit seiner Geduld am Ende ist.« Hinnerk sah durch die Schaufenster nach draußen. Niemand zu sehen. Nur der übliche bewegliche Verkehr: Zwei Fahrradfahrer fuhren Richtung Bahnhof; sie hatten Kopfhörer auf und bekamen von ihrer Umgebung nur das Notwendigste mit. Ein Taxi hielt kurz, ließ einen Fahrgast aussteigen und verschwand dann in der Straße gegenüber. Ein Bus kam gemächlich um die Ecke und schwankte in der Kurve leicht. Befriedigt wandte sich Hinnerk wieder Contadino zu und fixierte ihn.

»Wir können doch über alles reden, oder?« fragte der Ladenbesitzer und wand sich. »Für den Sommer habe ich inzwischen vierundzwanzig größere Cateringaufträge und—«

»Können wir nicht«, sagte Hinnerk. »Jedenfalls nicht mehr. Mein Auftraggeber—«

»Ich weiß, ich weiß.« Cantadino war verzweifelt. »Der will endlich Geld sehen.«

Fast tat er Hinnerk leid. Aber Mitgefühl hatte er sich nach seinem ersten Mord abtrainiert. Es störte nur im richtigen Leben. Und in seinem Beruf.

»Ich könnte doch eine Anzahlung leisten, die Sie dann mitnehmen.« Der Italiener war wieder ins Deutsche gewechselt, was ihm etwas leichter fiel. Er sah den Hünen bittend an.

»Wieviel denn?« Hinnerk sammelte immer Informationen. Etwas zu wissen, war nie verkehrt. Mal sehen, wieviel dem Mann sein Leben wert war.

»Zweitausend.«

»Lire?« Er konnte auch sarkastisch sein. »Oder doch Euro?«

»Bitte. Ich verspreche auch—«

»Nichts mehr.« Hinnerk zog die Pistole aus der Tasche und schoß zweimal. Die Schüsse folgten so schnell auf einander, daß Contadino, der sofort tot war, erst danach umkippte. Der Schütze lief um die Theke herum, zog das Geldbündel aus der Kitteltasche des Ermordeten, verstreute ein paar Scheine in der Theke, steckte den Rest ein und zog das Schlüsselbund von der Eingangstür ab. Dann drehte er das Schild hinter dem Türfenster auf Geschlossen / Chiuso und verließ den Laden, nicht ohne noch die Bonbons und den Schinken an sich genommen zu haben. Draußen schloß er ab und legte den Schlüsselbund auf den grauen Kasten der Telekom neben dem Geschäft. Zügig marschierte er die Quantiusstraße zurück zum Hauptbahnhof.

Derenthal wischte sich den Schweiß von der Stirn. Egal, ob es heiß war oder noch so kühl wie jetzt im April, er schwitzte immer.

»Du mußt bloß abnehmen«, sagte Roselski, der frisch und munter neben ihm ausschritt.

»Hör du bloß auf.« Derenthal zeigte anklagend auf ein kleines Bäuchlein, das sich unter Roselskis Poloshirt abzeichnete.

»Das ist für schlechte Zeiten«, sagte der jüngere der beiden Streifenpolizisten. »Etwas Fett braucht jeder Mann. Sagt jedenfalls mein Physiotherapeut. Ich bin schlank genug.«

Derenthal schwieg lieber, weil ihm keine sinnvolle Entgegnung auf die Tatsache einfiel, daß sein Kollege anscheinend regelmäßig Sport betrieb.

Die Häuser in der Königstraße hatten sie bereits abgeklappert, jedenfalls in dem Abschnitt, in dem die Kaffeerösterei lag. Niemand hatte etwas Ungewöhnliches gesehen oder gehört, das sich zur Tatzeit gestern abend ereignet haben könnte.

Roselski bog um die Ecke und ging zur Haustür eines der großen gründerzeitlichen Reihenhäuser in der Argelanderstraße. Eigentlich mochte er das Zuckerbäckerwerk der Fassaden, wie Krüger es mal genannt hatte, nicht besonders. Ihm waren zu viele Spielereien dran: Balkons, die vorne eine Reihe Säulen aufwiesen, statt normal hochgemauert zu sein, kleinteilige Fenster mit zig Längs- und Querstreben, Köpfe griechischer Helden als Schmuck, Blumenmuster und so weiter. Und stets waren die Fassaden bunt gestrichen. Rolselski schätzte eine einfache, glatte Häuserwand in Weiß entschieden mehr. Er klingelte.

Sein dicker Kollege trat schnaufend neben ihn. Er pfiff lautstark Dave Edmunds’ I hear you knocking, was es nicht ganz traf.

Nichts tat sich. Roselski sah auf seine Armbanduhr, wartete exakt eine Minute und klingelte erneut.

Schließlich öffnete eine alte Frau und sah die beiden Polizisten fragend an. »Was wollen Sie? Ich hab doch schon vor Weihnachten gespendet. Oder war das vor Nikolaus gewesen?« Sie fixierte über die Köpfe der beiden hinweg eine Stelle auf der anderen Straßenseite.

»Wir sind von der Polizei, gnädige Frau«, sagte Roselski.

Wer sagte denn heutzutage noch gnädige Frau, fragte sich Derenthal. Nur weil der Kollege das vor Jahren mal gelernt hatte, war es heute doch nicht mehr unbedingt richtig. Hallo hätte doch vollkommen gereicht.

»Das ist natürlich etwas anderes«, sagte die Anwohnerin, als klar war, daß kein Geld von ihr erwartet wurde. »Wollen Sie nicht hereinkommen?«

»Nein«, sagte Roselski. »Wir müssen nämlich noch wei—«

»Ja«, unterbrach ihn Derenthal, der auf einen Stuhl und eine Verschnaufpause spekulierte.

»Treten Sie bitte ein.« Sie drehte sich um und ging durch einen kleinen Flur in ein der Haustür gegenüberliegendes großes Wohnzimmer, das auf einen kleinen, sehr gepflegten Garten hinausblickte.

Roselski warf einen Blick auf das Klingelschild, bevor er der Dame folgte. Von Eynatten las er. Derenthal erhielt einen Ellbogenstoß in die Seite, um auch den Namen zu lesen.

»Kaffee?« Frau von Eynatten machte keine großen Worte.

»Gerne«, antwortete Roselski für beide.

Derenthal war so beeindruckt vom Interieur, daß er gar nichts zu sagen wagte. Es sah aus wie in einem teuren Antiquitätenladen oder wie in jeder Adelswohnung: Ein altes Biedermeiersofa stand mit dem Rücken zur Tür, ihm gegenüber zwei Sessel mit gleichem Blumenmusterbezug. An der Wand hingen drei großformatige Ölgemälde, die Herren in Uniform und eine Jagdszene zeigten. Eine andere Wand war mit Bücherregalen vollgestellt, Romane und Bildbände, wie Roselski sah, der nähergetreten war und die Buchrücken las. Außerdem Militärgeschichte.

Die Dame des Hauses kam mit einem Tablett wieder, auf dem drei Kaffeebecher, eine silberne Zuckerdose und ein ebensolches Milchkännchen standen. Sie stellte alles auf dem Glastisch vor dem Sofa ab und bot den Polizisten einen Platz an. Als alle saßen, fragte sie: »Was kann ich denn für Sie tun?«

Derenthal verfolgte durch das große Terrassenfenster den Flug einer Taube, die sich schließlich auf einem Gartenstuhl niederließ. Leise pfiff er Creedence Clearwater Revivals Lookin’ Out My Back Door, bis er von seinem Kollegen einen Stups erhielt.

Roselski sah sich um. »Ein schönes Wohnzimmer haben Sie, Frau von Eynatten.«

Derenthal war sich nicht sicher, ob die Dame gegenüber, die kerzengrade auf dem Sofa saß, Schleimpunkte verteilte.

Sie seufzte. »Wenn Sie wüßten, was meiner Familie mal alles gehört hat: Ländereien, Häuser, ein Schloß – alles untergegangen.«

»War wahrscheinlich ein Wasserschloß«, sagte Derenthal leise mehr zu sich selbst.

Roselski sagte hastig: »Wir sind hier, weil wir Informationen über Andreas Weyler, den Besitzer der Kaffeerösterei nebenan, benötigen.«

»Was ist denn passiert? Die Polizeiautos habe ich ja schon bemerkt.«

Derenthal sagte es ihr.

»Der arme Mann.« Gedankenverloren nippte Frau von Eynatten an ihrem Kaffee. »Aber ich habe mir schon gedacht, daß es mal kein gutes Ende mit ihm nimmt.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Nun, teure Autos, eine bestgekleidete Freundin, die Firma, sein Wohnhaus – das alles kostet Geld. Und ich kann mir nicht vorstellen, daß die Leute so viel Kaffee trinken, daß er davon leben kann.«

»Pro Kopf verbraucht der Deutsche fast sechs Kilo Kaffee im Jahr.« Roselski hatte sich mit der Frau von der Buchhaltung unterhalten und eine kleine Broschüre bekommen, die neben der Firmengeschichte auch Statistiken enthielt.

»Bei dreihunderttausend Einwohnern in Bonn sind das eintausendachthundert Tonnen Kaffee, die Weyler im Jahr verkauft.« Kopfrechnen beherrschte Derenthal, wie alle Vertreter seiner Generation.

Frau von Eynatten sah ihn strafend an. »Sie können aber nicht die Babys und Kleinkinder mitrechnen.«

Roselski grinste. »Nun ja, wenn wir die abziehen, bleibt es trotzdem bei dieser Mindestzahl – Weyler wird schon in Gesamtdeutschland Kaffee vertrieben haben und nicht bloß in Bonn.«

»Wie dem auch sei«, die Dame des Hauses änderte ihre einmal gefaßte Meinung nicht, »ich denke nicht, daß das Geld für seinen Lebensstil gereicht hat. Vielleicht hat er ja einen stillen Teilhaber gehabt.«

»Wissen Sie mehr darüber?«

»Nur, daß manchmal ein dunkelblauer BMW mit Hamburger Kennzeichen vor der Firma stand.«

»Ist doch logisch.« Derenthal war zufrieden, daß er auch einmal mit einer Information zur Unterhaltung beitragen konnte. »Der Kaffee wird doch über Hamburg importiert. War wahrscheinlich ein Geschäftspartner.«

Roselski überging die Bemerkung seines Kollegen. »Haben Sie den Fahrer denn mal gesehen?«

Frau von Eynatten schüttelte den Kopf. »Nie.«

»Wissen Sie etwas über Weylers Baupläne?« Derenthal sah sie gespannt an.

»Nur, daß er sein Lager nach rechts erweitern wollte, teilweise in unsere Gärten hinein. Aber es ging ihm nur um zwei, drei Meter auf den Nachbargrundstücken.«

»Waren Sie denn bereit, ihm ein paar Quadratmeter abzugeben?« Roselski machte sich Notizen.

»Schon, aber die Nachbarn nicht. Mir wird ja die Gartenarbeit immer schwerer.«

»Also ging es um Weyler und Sie gegen die Nachbarn?«

»Eigentlich nur gegen einen einzigen. Den anderen war das Ganze egal.«

»Wie heißt er denn, der Nachbar?«

»Diepensiefen. Der Bruder der Buchhalterin in Weylers Firma.«

Keiner wäscht reiner

Bonn, April 2019. Wie üblich meldete sich Krügers Mobiltelefon mit den Klängen von Geige und Schlagzeug. Das Wort Handy versuchte er nach Möglichkeit zu vermeiden, weil er es falsch und albern fand. Und Telefon altmodisch und korrekt mit ph zu schreiben, sah entschieden besser aus als mit ohne. Vor allem konterkarierte er damit die Möglichkeiten dieser technischen Errungenschaft, bei der das gesamte Wissen der Welt samt Bildern und Tönen jederzeit zur Verfügung stand und auf die nur ein Kunstwort des einundzwanzigsten Jahrhunderts paßte.

Miss Marple krächzte etwas, jedenfalls die Titelmelodie der Filme, was an der Tatsache lag, daß Carmen das Handy versehentlich einmal mitgewaschen hatte. Der Buchstabe e bei der Abfassung einer SMS ging seitdem nicht mehr, was Krüger jedes Mal an Georges Perecs Roman Anton Voyls Fortgang erinnerte, der vollständig ohne das E ausgekommen war, im französischen Original wie in der deutschen Übersetzung.

»Ja, ich bin’s«, sagte er etwas genervt.

Seine Kollegen, die wußten, wen sie anriefen, trieben ihn seit Jahren mit der Anfangsfrage eines Anrufs – »Krüger, bist du’s?« – zur Weißglut.

»Also, hast du etwas herausgefunden?« fragte er. Er hörte zu und schrieb mit der Rechten einige präzise Stichworte mit. Danach steckte er das Handy wieder ein.

Schneider hatte die über den Lautsprecher des Telefons gut zu vernehmende Stimme sofort erkannt. »Helfen hier Haralds heutige Herausfindungen?« fragte er gestelzt, um mit dieser sprachlichen Volte Krüger eine Freude zu machen.

Sein Freund jedoch konnte durchaus Blicke abfeuern, die einen Stapel Papier in Brand setzen würden. »Überlaß mal die guten Alliterationen den Fachleuten, Carmen als studierter Germanistin zum Beispiel. Um deine Frage zu beantworten: Hat er. Kaul findet immer etwas.« Er schwieg und trank einen großen Schluck aus der inzwischen zweiten Tasse Kaffee im »Lammé-Goedzak«. Das Herz mußte da durch, fand er. Man wuchs an seinen Herausforderungen.

Das alte Spiel mit Kunstpausen langweilte Schneider schon längst. Er sagte gar nichts, sondern wartete einfach. Irgendwann würde sein Freund wohl weiterreden.

Krüger aber füllte Zeile um Zeile im Notizbuch. Dann sah er auf und sagte: »Fünf Worte mit h hintereinander – das geht gar nicht. Haben hässliche Hasen Haßgefühle? Das ist ja noch einigermaßen sinnvoll, aber …« Er verstummte und sah an die Decke des Restaurants. »Warte mal.« Gedankenverloren steckte er die Kappe des Füllers in einen Mundwinkel und begann, darauf herumzukauen. Schließlich nahm er sie wieder heraus und fuhr fort. »Bei häßliche Hasen fällt mir die Buchhalterin—«

»Na, na«, sagte Schneider. »Das kannst du heutzutage nicht mehr sagen und denken schon gar nicht. Genderbashing und so.«

»Ich wollte dir nur meinen Einfall erklären«, verteidigte sich der Kriminalhauptkommissar und redete sich in Fahrt. »Versteh doch, wenn irgendeine der Frauen aus der Firma sich Hoffnungen auf einen Statuswechsel gemacht hat, indem sie zur Frau Weyler avanciert wäre, und wenn diese Hoffnungen sich in Staub aufgelöst hätten, sobald Weyler eine Freundin gehabt hätte, deren Existenz er der Firma verschwiegen hätte, und wenn—«

»Was ist das denn für ein Satz?« unterbrach ihn sein Freund ein zweites Mal. »Viel zu verschachtelt. Ihr Hamburger macht doch sonst nicht so viele Worte.«

Krüger lachte. »Du weißt doch, was ich meine. Mordmotiv. Eifersucht. Haß.«

»Ein-Wort-Sätze sind auch nicht besser.«

»Ich springe jetzt mal über meinen Schatten.«

Schneider sah seinen Freund neugierig an.

»Ich werde ab sofort für den Rest der Ermittlungen Grammatik-, Stil- und Ausdrucksfragen, die sich am Rande der Duden-Legalität und um mich herum bewegen, großzügig ignorieren und mich zur Gänze auf die Festnahme des Täters konzentrieren. D’accord?«

Der jüngere Kommissar nickte etwas nachlässig. »Das hast du die letzten drei Jahre in regelmäßigen Abständen auch gesagt. Und was ist passiert? Gar nichts. Du kannst einfach nicht hinter dem Berg halten mit deinen grammatikalen Kenntnissen.«

»Lassen wir das mal. Wir sollten uns auf das weibliche Umfeld des Opfers konzentrieren. Möglicherweise werden wir dort fündig.«

»Und wenn er die Vertreter des schönen Geschlechts nur als Alibi benutzt hat und in Wirklichkeit schwul war?«

Sein Chef war auch schon mal netter gewesen. Kaul starrte das Telefon an, bevor er es in die Halterung zurücksteckte. Dabei hatte er, der beste Computerfachmann im Polizeipräsidium – ab und zu konnte man sein Licht auch unter dem Scheffel hervorholen, fand er –, tatsächlich rasch wichtige Informationen zusammentragen können, wobei ihm wie immer die Trias aus Darknet, Internet und Tor bereitwillig zu Diensten gewesen war.

Andreas Weyler besaß wirklich eine Menge Geld, sorgfältig verteilt auf diverse Konten – ein paar in Deutschland, zwei in der Schweiz und ein besonders dickes sogar auf St. Lucia. Kaul hatte nachschlagen müssen: Die Insel lag in der Karibik und war bei Kreuzfahrtreedereien beliebt. Moment mal. Kreuzfahrten? Da war doch was gewesen. Er klickte sich durch einige Seiten auf dem Bildschirm, bis er das fand, wonach er gesucht hatte. Interessant. Das Schiff mit dem bescheuerten Namen AIDAperla fuhr von Hamburg in die Karibik und steuerte dabei, für einige Reiseteilnehmer bestimmt wichtig, die eine oder andere kleine Steueroase an.

Kaul klickte weiter und überflog die Zahlen auf Weylers Bonner Bankkonto. Hatte ihn seine Erinnerung doch nicht getrogen: Der Mann war doch tatsächlich inzwischen zweimal, 2012 und 2018, mit dem besagten Dampfer unterwegs gewesen und hatte St. Lucia besucht.

Aber wo hatte Weyler das viele Geld denn her? Zwei Komma drei Millionen lautete der letzte Saldo auf einem Konto. Haben natürlich, nicht Soll.

Nach einer weiteren halben Stunde gab Kaul auf, jedenfalls fürs erste. Weylers Konten wiesen ein Knäuel aus Bankverbindungen in alle Himmelsrichtungen und in aller Herren Länder auf – nun, nicht ganz, zumindest in mehrere Länder –, das auf Anhieb nicht zu durchschauen war. Die meisten Bewegungen trugen den Vermerk Wareneinkauf. Daß Kaffee aber beispielsweise in Rumänien angebaut wurde, war Kaul neu.

»Das riecht nach Geldwäsche«, sagte Schneider, der inzwischen den Inhalt von Kauls Anruf mit seinem Freund besprach.

»Da kann gar nichts mehr riechen«, widersprach Krüger, »falls das Geld ordentlich gewaschen worden ist.«

»Krüger!« Auch Schneider konnte drohend gucken. »Er kann’s nicht lassen, oder? Eben hast du noch gesagt—«

»Wirklich, Markus, mich mittels Filmtiteln zu diskreditieren. Ich hätte Besseres erwartet. Außerdem habe ich mich weder stilistisch, noch grammatisch, noch orthographisch geäußert. Versprochen ist versprochen.«

»Ich rede im Fortgang unserer Ermittlungen nur noch mit dir, wenn du von allem Unsinn abläßt.«

»Well, I’ll do my very best.«

Wider Willen mußte Schneider doch lachen. Dann wurde er wieder ernst. »Wenn wir es tatsächlich mit Geldwäsche zu tun haben, dann können die Kollegen vom KK 22 aber ihre Wochenenden vergessen.«

»Und die vom KK 21 auch.«

»Meinst du denn, daß die Mafia mit im Spiel ist, wir es also mit organisierter Kriminalität zu tun bekommen, wenn wir weiterforschen?«

»Keine Ahnung. Aber es sieht doch danach aus, oder?«

»Du meinst, wegen der Geldbeträge auf Weylers Konto?«

Krüger nickte. »Und mit Kaffee hat die Mafia sicher auch zu tun. Denk nur mal an die vielen Espressi, die sie jeden Morgen ausschenkt.«

»Du hörst einfach nicht auf, oder?« Schneider stand auf. »Ich gehe jetzt und tue noch etwas Sinnvolles.« Der Kriminalkommissar warf seinem Freund einen etwas verärgerten Blick zu und verließ das Lokal.

Krüger starrte ihm verblüfft nach.

Carmen hatte bereits den Tisch gedeckt, als der Kommissar nach Hause kam, etwas stiller als sonst, seine Lederjacke schief über einen der Küchenstühle hängte, wortlos ins Wohnzimmer ging und den Whisky aus der Bar holte. Mit zwei Fingerbreit setzte er sich auf seine Seite des Sofas und griff nach dem Guardian, den sich seine Freundin luxuriöserweise hielt. Die Titelseite beschäftigte sich mit einer weiteren Abstimmungsniederlage der Premierministerin im Parlament und hob die besondere Rolle hervor, die dem Sprecher des Unterhauses dabei zugekommen war. Krüger wünschte sich manchmal auch einen Speaker in seinem Leben, der mittels »Order. [Pause] Order!« jeden zur Räson bringen konnte.

»Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?« Carmen betrachtete ihn mitfühlend.

Krüger täuschte sich vielleicht aber auch. Wahrscheinlich war das nur die Ruhe vor der nächsten Breitseite.

Sie fixierte sein Glas. »Wolltest du sie ertränken? Die Laus, meine ich.«

Seine Laune besserte sich mit jedem ihrer Sätze. Zu zweit zu sein war doch etwas Feines. Und Breitseiten von Carmen lohnten sich, sprachlich wie inhaltlich.

Der Kommissar berichtete von dem Mord an dem Inhaber der Kaffeerösterei, vom Praktikanten und von den anstrengenden Befragungen der Angestellten. Den Besuch im »Lammé-Goedzak« ließ er lieber weg. Dann gähnte er plötzlich.

»Wieder nur Kaffee tagsüber, stimmt’s?«

Krüger nickte nur.

»Ich hab schon mal einen Salat gemacht. Dazu gibt’s Baguette. Ist alles fertig.«

Hungrig, wie er gerade war, würde Krüger alles essen, auch Carmens Vitamine, die sich merkwürdigerweise immer nur in Salaten und anderem Grünzeug aufhielten.

Beim Essen referierte seine Freundin ihren Tag im Sekretariat der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Bonner Universität, ein Tag wie jeder andere.

Ihr Freund war aber mit seinen Gedanken woanders. Unvermittelt holte er sein Notizbuch hervor und blätterte, bis er das Gesuchte fand. Dann fragte er: »Wenn du eine Menge unredlich erworbenes Geld besäßest, wo würdest du es aufheben?«

Carmen legte ihren Kopf schief. »Geld? Natürlich in der Karibik. Also nicht im Wasser, sondern—«

»Schon klar. Würdest du es auf ein dortiges Konto überweisen?«

»Nee, würde ich nicht. Dann könnte man die Transaktion doch rückverfolgen, oder?«

»Könnte man.«

»Ich würde es wahrscheinlich in bar dorthin bringen.«

Krüger notierte sich etwas.

»Und ich hätte es mir zuvor in bar geben lassen. Wegen Rückverfolgen und so.«

Die nächste Zeile folgte.

»Wenn ihr aber Kontenbewegungen in die Karibik findet, würde ich den Geldtransfer heutzutage für legal halten. So blöd ist doch niemand, daß er den Steuerfahndern ein offenes Scheunentor bietet. In der Karibik parkt doch jeder x-beliebige Strohkopf seinen Schotter.«

Carmen konnte Gedanken lesen, das wußte der Kommissar schon lange. Daher erstaunte es ihn auch nicht sonderlich, daß seine Freundin längst von Kauls Untersuchungsergebnissen wußte.

»Das heißt«, sie warf Krüger einen forschenden Blick zu, »ihr wißt von Geld und habt die Konten dazu?«

»Wissen wir und haben wir.«

»Hast du mal überprüft, ob der Röstereibesitzer alles nur geerbt hat?«

Krüger blickte überrascht auf. »Von Eltern oder anderen Erblassern war nirgends die Rede.« Sein Blick verlor sich wieder im Nirwana.

Carmen wußte, daß das ein wunder Punkt war, weshalb sie beschwichtigend eine Hand auf Krügers Unterarm legte.

Aber ihr Freund war heute nicht aus der Ruhe zu bringen. »Wie bei mir vaterlosem Gesellen«, sagte er nur. Nachdenklich sah er sie an. »Manchmal wüßte ich immer noch gerne, wer mein Vater gewesen ist. Mutter hat ja nie etwas gesagt.«

Бесплатный фрагмент закончился.

809,98 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
311 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783870623272
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги