Читать книгу: «Monströse Moral»
1 Prolog JVA Masdorf Neun Jahre zuvor
2 Sonntag Heute Ofenkaulen, Siebengebirge
3 Montag Detektei Rüngsdorf
4 Italienisches Restaurant Bad Honnef
5 Detektei Rüngsdorf
6 Lillian Sawaris’ Wohnung Kessenich
7 Detektei Rüngsdorf
8 SIPE Solutions Bonn
9 Panoramapark Rüngsdorf
10 SIPE Solutions Bonn
11 Barbaras Wohnung Südstadt
12 Wohnung von Tinas Mutter Tannenbusch
13 Klinik für Psychiatrie Falkennest Rhöndorf
14 Detektei Rüngsdorf
15 Klinik für Psychiatrie Falkennest Rhöndorf
16 Johannesburg
17 Klinik für Psychiatrie Falkennest Rhöndorf
18 Detektei Rüngsdorf
19 Johannesburg
20 Bad Godesberg
21 Detektei Rüngsdorf
22 Irgendwo in Bonn und Umgebung
23 Detektei Rüngsdorf
24 Luftraum über Spanien
25 Wohnung von Daniel Schulz Auerberg
26 Detektei Rüngsdorf
27 Irgendwo am Montagabend
28 Dienstag Irgendwo am frühen Morgen
29 Detektei Rüngsdorf
30 Irgendwo in Bonn
31 Johannesburg
32 Detektei Rüngsdorf
33 Johannesburg
34 Detektei Rüngsdorf
35 SIPE Solutions Bonn
36 Detektei Rüngsdorf
37 SIPE Solutions Bonn
38 Johannesburg
39 Lillian Sawaris’ Wohnung Kessenich
40 Detektei Rüngsdorf
41 Johannesburg
42 Lillian Sawaris‘ Wohnung Kessenich
43 Johannesburg
44 Detektei Rüngsdorf
45 Johannesburg
46 Martha Lemkes Wohnung Friesdorf
47 SIPE Solutions Bonn
48 Johannesburg
49 Klinik für Psychiatrie Falkennest Rhöndorf
50 Johannesburg
51 Wohnung von Justins Familie Tannenbusch
52 Schweinheim
53 Detektei Rüngsdorf
54 Silvio Petrescus Wohnung Bonn
55 SIPE Solutions Bonn
56 Johannesburg
57 Silvio Petrescus Wohnung Bonn
58 Johannesburg
59 Tes Müllers Häuschen Friesdorf
60 Johannesburg
61 Detektei Rüngsdorf
62 Johannesburg
63 Lillian Sawaris’ Wohnung Kessenich
64 Johannesburg
65 Detektei Rüngsdorf
66 Johannesburg
67 Kessenich
68 Johannesburg
69 Silvios Wohnung Bonn
70 Kims Haus Duisdorf
71 Mittwoch
72 Detektei Rüngsdorf
73 Karin Sawaris’ Wohnung Hagen
74 Kessenich
75 SIPE Solutions Bonn
76 Detektei Rüngsdorf
77 Verfallener Pärchenklub Bad Honnef
78 Detektei Rüngsdorf
79 Verfallener Pärchenklub Bad Honnef
80 Bernie Hardmans Anwesen Schweinheim
81 Verlassener Pärchenklub Bad Honnef
82 Detektei Rüngsdorf
83 SIPE Solutions Bonn
84 Detektei Rüngsdorf
85 Lillian Sawaris’ Wohnung Kessenich
86 Bernie Hardmans Anwesen Schweinheim
87 Detektei Rüngsdorf
88 Diskothek Königswinter
89 Detektei Rüngsdorf
90 Bernie Hardmans Anwesen Schweinheim
91 Detektei Rüngsdorf
92 Bernie Hardmans Anwesen Schweinheim
93 Museum über die Historie der Psychiatrie Rheinpromenade
94 Bernie Hardmans Anwesen Schweinheim
95 Museum über die Historie der Psychiatrie Rheinpromenade
96 Bernie Hardmans Anwesen Schweinheim
97 Diskothek Königswinter
98 Museum über die Historie der Psychiatrie Rheinpromenade
99 Diskothek Königswinter
100 Museum über die Historie der Psychiatrie Rheinpromenade
101 Diskothek Königswinter
102 Museum der Psychiatrie Rheinpromenade
103 Donnerstag
104 Detektei Rüngsdorf
105 Swetlanas Wohnung Beuel
106 SIPE Solutions Bonn
107 Klinik für Psychiatrie Falkennest Rhöndorf
108 Detektei Rüngsdorf
109 Lillian Sawaris’ Wohnung Kessenich
110 Detektei Rüngsdorf
111 Klinik für Psychiatrie Falkennest Rhöndorf
112 Silvio Petrescus Wohnung Bonn
113 Lillian Sawaris’ Wohnung Kessenich
114 Detektei Rüngsdorf
115 Polizeipräsidium Ramersdorf
116 Haus von Dr. Hoffmann Bad Honnef
117 Polizeipräsidium Ramersdorf
118 Wohnheim Klinik für Psychiatrie Falkennest
119 Lauras Wohnung Rüngsdorf
120 Wohnung von Daniel Schulz Auerberg
121 Mäuseturm Königswinter
122 Detektei Rüngsdorf
123 Freitag
124 Detektei Rüngsdorf
125 Silvio Petrescus Wohnung Bonn
126 Dr. Hoffmanns Haus Bad Honnef
127 Polizeipräsidium Ramersdorf
128 Gabrielas Haus Rhöndorf
129 Polizeipräsidium Ramersdorf
130 Red Room
131 Polizeipräsidium Ramersdorf
132 Red Room
133 Samstag
134 Sonntag
135 Epilog Telefonat Bonn, Deutschland, und Krasnojarsk, Sibirien
136 Nachbemerkung
137 Personenregister
Impressum neobooks
Monströse Moral
Der fünfte Fall für Laura Peters
Kriminalroman
Das Buch
„Die Glühbirne hing nackt an einem Kabel von der Decke und tauchte den Keller in diffuses, rotes Licht. Ansonsten gab es nur ein Regal, auf dem der aufgeklappte Laptop stand und leise vor sich hinsurrte. Und die Webcam. Das lidlose Auge unverwandt und mitleidlos auf die Mitte des Raumes gerichtet. Auf den Stuhl. Aus Metall und mit extra stabilen Beinen und Armlehnen. Eine Sonderanfertigung für Adipositas-Patienten bis dreihundert Kilogramm.
Und für Opfer, die durch die Hölle gehen mussten.“
Ihr neuer Fall führt die Detektivin Laura Peters in eine Klinik für Psychiatrie und in die mystischen Tiefen des Darknets. Sie kommt einem Psychopathen auf die Spur, der ein unglaubliches Spiel treibt. Als sie merkt, dass sie längst selbst Teil eines menschenverachtenden Experiments ist, muss sie eine herzzerreißende Entscheidung treffen. Denn Justin, das jüngste Teammitglied, könnte sein nächstes Opfer sein.
Die Laura-Peters-Serie
Monströse Moral ist der fünfte Roman, in dem Laura Peters mit ihrem Team ermittelt.
Das Lager – Ein Fall für die Detektei Peters, Böse Obhut – Der zweite Fall für Laura Peters, Zweiundsiebzig – Der dritte Fall für Laura Peters und Moloch Unsterblich – Der vierte Fall für Laura Peters und Cäcilie: Eine Halloween-Novelle sind als Taschenbuch im Internet und als E-Book in allen Online-Shops erhältlich.
Patricia Weiss freut sich auf den Austausch mit ihren Lesern auf der Facebook-Seite ‚Patricia Weiss – Autorin‘, auf Twitter ‚Tri_Weiss‘, auf Instagram ‚tri_weiss‘ und auf YouTube ‚Patricia Weiss Autorin‘.
Monströse Moral
Der fünfte Fall für Laura Peters
PATRICIA WEISS
Kriminalroman
Monströse Moral ist als Taschenbuch und als E-Book erhältlich.
Impressum
Texte: © Copyright by Patricia Weiss
c/o
Relindis Second Hand
Gotenstr. 1
53175 Bonn
Covergestaltung und Foto: Patricia Weiss
Model: Julia Abel
Lektorat: Katharina Abel
Alle Rechte vorbehalten.
Veröffentlichung: Mai 2020
Für Miez.
Love life, stay weird.
Red Room
Ein Raum, in dem Menschen für Geld gequält werden.
Die Tortur wird live gestreamt und Zuschauer können sich über das Darknet
und mithilfe einer aufwendigen Bitcoin-Zahlungsprozedur
zuschalten und zusehen.
Angeblich gehören Red Rooms zu den urbanen Mythen – und ich kann nur hoffen, dass das stimmt.
Am Ende des Buches gibt es ein Personenregister.
1 Prolog
JVA Masdorf
Neun Jahre zuvor
Erst am Ende der Hoffnung, wenn es nichts mehr zu verlieren gibt, ist es die Verzweiflung, die die Kräfte des Bösen freisetzt.
Auf manche Orte kann man sich nicht vorbereiten. Egal wie groß die Befürchtungen oder wie niedrig die Erwartungen, alles kommt noch viel schlimmer. Manche Orte sind einfach die Hölle.
Das Gefängnis ist so ein Ort: Vordergründig geprägt von strenger Hierarchie und strikten Regeln, selbst für die privatesten Verrichtungen, öffnen sich hinter den verschlossenen Zellentüren die unheilvollen Weiten eines rechtsfreien Raums, in dem das System von Gut und Böse außer Kraft gesetzt und Sadismus zum obersten Prinzip wird.
Das Wochenende stand bevor, die Wärter waren gut gelaunt, tauschten ihre Pläne aus und rissen Witze über einen unerfahrenen Kollegen, der die Stellung halten musste. Es war fast sechs Uhr, alles wurde für den Schichtwechsel vorbereitet, Türen schlugen laut hallend zu und zunehmend kehrte Ruhe ein. Doch diese Ruhe war trügerisch. Beklemmend.
Der Vorbote des Grauens, das auf ihn wartete.
Er trottete mit den anderen Gefangenen hinter dem keuchenden Wärter her, der süßlich nach Schweiß stank, und starrte auf die silberne Kette mit den Schlüsseln und Schließkarten, die an dessen Hose befestigt war. Den Gürtel konnte man nur erahnen, er war verborgen unter den Speckrollen, die sich weit über den Hosenbund wölbten. Mit jedem Schritt wuchs seine Verzweiflung. Er spürte Übelkeit aufsteigen, Panik. Wie ein gefangenes Tier rasten seine Gedanken und suchten nach einem Ausweg, aber sein Verstand gab ihm klar zu verstehen, dass es den nicht gab. Niemand würde ihm helfen, es gab keine Rettung.
Freitag Abend, achtzehn Uhr, bis Montag Morgen, sechs Uhr. Vor ihm lagen sechzig Stunden Martyrium. Und alles, was er tun konnte, war darum zu kämpfen, am Leben zu bleiben.
Die Gruppe wurde kleiner, einer nach dem anderen bog in eine Zelle ab und wurde eingeschlossen. Er blieb als Letzter übrig. Der Wärter schlurfte zu einer geöffneten Tür, postierte sich daneben und suchte den richtigen Schlüssel: „Rein mit dir.“
Die Übelkeit stieg in ihm hoch und seine Füße wollten ihn nicht weiter tragen.
„Mach schon. Ich habe heute noch was anderes vor.“
Zögernd trat er in die Türöffnung. Sie hockten auf den Betten, die Arme auf die Beine in den Trainingshosen gestützt und warteten auf ihn.
„Nein!“ Der Schrei war in seinem Kopf so laut wie eine Explosion, doch über seine Lippen kam nur ein Flüstern.
„Vito hat darum gebeten, dass ihr das Wochenende gemeinsam verbringen könnt. Dann wünsche ich euch viel Spaß.“ Der Wärter stieß ihn in den Rücken und er stolperte in den Raum, konnte sich gerade noch an der Lehne eines Betts abfangen, um nicht hinzufallen. Die drei Zellenkameraden lachten dreckig. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss.
Das Spiel begann.
„Na, du Hurensohn? Freust du dich, uns zu sehen?“ Das Wiesel mit dem eklatanten Lispeln schickten sie jedes Mal vor. Er war der Schwächste des Trios und wurde von den anderen gequält, wenn es sonst kein Opfer gab. Doch wenn sie ihn mitmachen ließen, tat er sich mit besonderer Brutalität und Härte hervor, um sie zu beeindrucken.
„Guck, Schwuli, da ist der Eimer. Du machst dir bestimmt schon in die Hosen.“
Es begann immer mit Worten. Beleidigungen, Beschimpfungen. So pushten sie sich hoch, brachten sich in Stimmung. Versuchten ihn aus der Reserve zu locken, zu provozieren. Damit er einen Fehler machte, ausfallend wurde, womöglich als Erster zuschlug. Fast, als bräuchten sie einen Grund, eine Ausrede, um endlich loslegen zu können. Doch dem war nicht so. Es war lediglich ihr rituelles Vorspiel, das sie zelebrierten. Die Gewaltorgie würde auch beginnen, wenn er nicht reagierte.
Das Wiesel gab ihm einen Stoß. „Los, Hose runter. Du weißt, wir brauchen einen vollen Eimer für den Spaß.“
Ergeben senkte er den Kopf, öffnete mit zitternden Fingern den Knopf und zog den Reißverschluss herunter. Sich wehren half nicht, das hatte er bereits mehrfach versucht, es vergrößerte im Zweifel nur noch ihr Vergnügen und sein Leiden.
Dann blieb die Zeit stehen.
Sie arbeiteten sich an ihm ab. Traten ihn, bis sie müde wurden, tauchten sein Gesicht in die eigenen Fäkalien, bis er dachte, er müsse ersticken, penetrierten ihn von allen Seiten und demütigten ihn auf jede nur erdenkliche Art. Aber so schlimm wie dieses Mal war es noch nie gewesen.
Seine Wahrnehmung bestand nur noch aus Schmerz. Schmerz und Angst. Unterbrochen von gelegentlichen Auszeiten, die ihm sein Bewusstsein gönnte, wenn es sich in eine Ohnmacht verabschiedete, weil der Körper an seine Grenze gelangt war. Doch sie holten ihn immer wieder zurück. Ein Guss kaltes Wasser und Schläge ins Gesicht reichten, um ihn aus gnädig schwarzer Nicht-Existenz zurück in die Hölle der Realität zu zwingen.
Seine Peiniger waren ausdauernd.
Die Freude am Quälen, das Adrenalin und die sexuelle Erregung bildeten einen Drogen-Cocktail, der wirksamer war als jedes Amphetamin. Doch sechzig Stunden waren lang. Selbst wenn sie unterbrochen wurden durch die Kontrollgänge des Wärters, der alle acht Stunden einen Rundgang machte und durch das kleine Fenster in der Zellentür guckte und sogar einmal eine Extrarunde einlegte, weil Zellennachbarn sich über den Lärm beschwert hatten, und er wissen wollte, ob ‚alles in Ordnung sei‘. Oder durch gelegentliche Essenspausen, bei denen immer einer bei ihm blieb, damit er nicht um Hilfe schreien oder fliehen konnte. (Was absurd war, denn wenn es etwas an diesem Ort nicht gab, waren es Hilfe oder die Möglichkeit zu entkommen.) Doch gegen Sonntagnachmittag schien es ihm, als würden sie müde, als schlüge die Stimmung um. Als wollten sie das Ganze beenden.
Und als würde ihnen plötzlich klar, was sie ihm angetan hatten.
Und dass selbst, wenn er sie nicht denunzierte, die Gefängnisleitung davon erfahren und sie anzeigen würde. Vorzeitige Entlassung oder Hafterleichterungen waren damit für die drei Monster in weite Ferne gerückt. Fast regte sich so etwas wie Schadenfreude in ihm. Wenn er dazu die Kraft gehabt hätte.
Doch dann entwickelte sich diese Idee. Er konnte gar nicht sagen, wer zuerst darauf gekommen war, denn er dämmerte nur in seinem Schmerz dahin, erleichtert, für eine Weile Ruhe von den Quälereien zu haben, aber plötzlich sprachen sie nur noch darüber, begeisterten sich mehr und mehr für den Plan, überboten sich an Vorschlägen für die Ausführung.
„Du wirst Selbstmord begehen, du schwule Sau. Du Kindermörder. Hast du verstanden?“ Vito, der Boss, sprach ihn zuerst an. Das tat er selten. Mit ihm sprechen. Meist ignorierte er ihn, während er ihn schlug, trat oder ihn von hinten nahm. Sah ihn noch nicht einmal dabei an. Deshalb wirkten seine Worte umso furchteinflößender.
„Er muss es selbst machen.“ Das Wiesel wippte aufgeregt auf seiner Matratze. „Hast du verstanden, Kindermörder? Allein.“ Er lachte irre.
„Wir reißen einfach das Laken in Streifen und knoten es aneinander. Und dann hängt sich das Arschloch damit auf. Los, Body, dein Job.“ Vito gab dem dritten im Bunde, den sie Body nannten, weil er Muskeln wie ein Berg und ein Gehirn wie Erbsenpüree hatte, einen Wink. Der erhob sich, riss das Betttuch aus der Koje und versuchte, mit bloßen Händen einen Streifen abzutrennen. Doch das gestaltete sich schwieriger als erwartet.
Und erkaufte ihm Zeit. Letzte, kostbare Momente in seinem kurzen Leben, das ihm plötzlich wieder so wertvoll erschien. Die vergangenen zwei Tage hatte er nichts mehr herbeigesehnt als den Tod, sich gewünscht, dass die Qualen endlich ein Ende finden würden – für immer. Doch jetzt, wo er auf der Matratze lag, so wie sie ihn dort hingeworfen hatten - ihm fehlte die Kraft, sich in eine bequemere Position zu drehen - und den dreien bei den Vorbereitungen zu seinem Selbstmord zusah, erwachte sein Lebenswille wieder. Er wollte nicht sterben. Nicht hier, nicht jetzt, nicht durch die Hand dieser Monster und erst recht nicht durch seine eigene.
Das Schicksal hatte sein Leben in einen Albtraum verwandelt, aber es musste auch wieder andere Tage geben. Es konnte doch nicht alles so enden.
Laut ratschend gab das Betttuch nach und Body reichte dem Wiesel den ersten Streifen. Der Muskelprotz schien jetzt den Dreh heraus zu haben, die nächsten Stoffstücke dauerten nur noch wenige Augenblicke und schon bald hatten sie ein improvisiertes Seil hergestellt.
Das Wiesel beugte sich vor sein Gesicht und hielt es ihm hin. „Los, Kindermörder, du bindest dir jetzt den Strang um den Hals, dann machst du es an der Heitzung fest und hängst dich da rein, bis du abnippelst. Klar?“
Er schüttelte den Kopf, wollte sich wegdrehen, doch es war aussichtslos. Erst recht in seinem erbärmlichen Zustand. Sie grölten und johlten, feuerten ihn an, das Wiesel starrte sabbernd mit leeren Augen vor sich hin und wichste.
Das Ringen um den Tod dauerte Stunden.
Auch wenn er bald einverstanden war, sich zu töten, brachte er es nicht bis zu Ende. Es ging einfach nicht. Die Heizung, an die sie ihn gebunden hatten, war zu niedrig, sein Körpergewicht schien nicht auszureichen, um die Schlinge um seinen Hals endgültig zuzuziehen. Jedes Mal, wenn er kurz davor stand, endlich ohnmächtig zu werden und zu sterben, regte sich sein Lebenswille und ließ sich nicht niederkämpfen. Immer wieder kroch er ins Leben zurück, nur um durch Tritte und Schläge zu einem weiteren Versuch gedrängt zu werden.
Die Prozedur zog sich ewig hin. Das Morgengrauen kündigte bereits den neuen Tag und damit die Wachablösung an.
Vito verlor die Geduld. Er gab Body einen Wink: „Mach du das.“
Der nickte, stand auf, sah einen Augenblick unbewegt auf ihn nieder, dann sprang er mit Anlauf und dem Hintern zuerst auf ihn runter.
Die letzten Gedanken bestanden aus der Erkenntnis, dass es geschafft war.
Schlugen um in Wut, Hass.
Und dem Aufblitzen von tödlichem Durst nach blutiger Rache. Er würde wiederkehren. Und sie alle finden.
Mit einem gewaltigen Krachen wurde es dunkel in seinem Kopf.
Endgültig.
2 Sonntag
Heute
Ofenkaulen, Siebengebirge
Lillian Sawaris Herz klopfte bis zum Hals. Immer wieder studierte sie das Blatt mit der skizzierten Karte, um sicherzugehen, dass sie sich nicht verlaufen hatte. Eigentlich konnte es sich nur um einen Scherz handeln. Wer kritzelte schon solch kindische Wegbeschreibungen?
Aber Tina war verschwunden. Das war eine Tatsache.
Und derjenige, der ihr heute dieses Blatt unter die Matte vor die Wohnungstür gelegt hatte, wusste es.
Würde sie ihre Freundin wirklich am Ziel der Schnitzeljagd mitten im Wald finden? Sie war gestern aufgebrochen, um ihre Mutter zu besuchen, und seitdem nicht zurückgekehrt. Dabei hatten die beiden kein gutes Verhältnis, deshalb waren es meist Stippvisiten, geprägt von Zigarettenrauch, ranzigen Buttercremetortenstückchen und Vorwürfen. Oft dauerte es nur wenige Minuten, bis Tina von ihr als lesbische Schlampe beschimpft und aus der Wohnung gejagt wurde.
Die Homophobie der alten Frau wurde nur von ihrer Sammelwut übertroffen.
Das ganze Apartment war gesteckt voll mit Fröschen in jeglicher Ausführung: Keramik, Plüsch, Stein, Porzellan, Gummi, Plastik, Holz, Schokolade. Überall hockten diese Viecher und glotzten einen an. Und mittendrin thronte die Mutter auf dem Sofa, eine qualmende Kippe zwischen den nikotingelben Fingern, und starrte genauso. Eine fette Kröte in ihrem Tümpel. Lillian hatte die überfüllte Wohnung nur einmal betreten. Damals, als sie noch dachte, sie könnte Tinas Mutter mit Freundlichkeit einwickeln und dazu bringen, ihre Liebe zu der Tochter zu akzeptieren.
Sie lachte hart auf. Bevor dieser Moment eintrat, würde eher die Hölle zufrieren.
Die Wanderung hatte an einem Parkplatz im Siebengebirge begonnen. Von dort aus führte ein breit angelegter Weg zu einem beliebten Ausflugslokal. Doch schon an der ersten Biegung hatte sie den Weg verlassen und sich entsprechend den Anweisungen auf einem zugewachsenen Trampelpfad in die Botanik schlagen müssen. Noch waren die Büsche kahl, der Frühling war in weiter Ferne, und Blätter bedeckten braun und matschig den Boden. Mehrfach war sie auf dem abschüssigen Gelände weggerutscht und einmal hatte nur eine Wurzel, an die sie sich in letzter Sekunde klammern konnte, verhindert, dass sie in den Abgrund schlitterte.
War das Ganze ein makabrer Scherz? Steckte womöglich sogar Tina selbst dahinter? Lillian runzelte die Stirn. Das wäre das Letzte. Sie so in Sorge zu versetzen und dann mit einer Kinderpiratenkarte durch dieses Gestrüpp ins Nirwana zu schicken.
Sie folgte einer Biegung und vor ihr tauchte ein mächtiger Baumstamm auf, der quer über dem Weg lag. Ein Kreuz aus rosa Kreide bestätigte, dass sie den nächsten Punkt auf der Karte erreicht hatte. Der Stamm war so dick, dass ein Darübersteigen, ohne das Holz zu berühren, unmöglich war. Sie würde sich die Jeans an der feucht-moosigen Rinde versauen. Ihre Laune sank in den Keller. Wenn das hier ein Scherz war, dann würde jemand dafür bezahlen müssen.
Eigentlich konnte sie sich nicht vorstellen, dass Tina ihr das antun würde. Die Freundin war lustig, manchmal zu Unsinn und kindischen Streichen aufgelegt, aber nicht grausam. Oder sie hatte sich total in dem Menschen geirrt, der in den letzten sechs Monaten den wichtigsten Platz in ihrem Bett und in ihrem Herzen eingenommen hatte.
Der Weg führte jetzt über eine Schneise im Wald steil bergan und war von Brombeeren überwuchert. Immer wieder musste sie Ranken von der Hose lösen, die sich mit den Dornen durch den dicken Stoff tief in der Haut verhakt hatten. Erleichtert seufzte sie auf, als sie das Zwischenplateau erreichte, auf dem es mehr Bäume und weniger Dickicht gab und das Vorankommen leichter wurde. Sie beschleunigte die Schritte, schob Tannenwedel zur Seite und bückte sich unter Ästen durch. Dann lichtete sich der Wald und sie gelangte zum vorletzten Meilenstein: einem riesigen, vermoosten Betonquader. Ein perfekter Würfel, sofern man sich vorstellte, dass der untere Teil ein gutes Stück im Boden steckte.
Lillian umrundete das Gebilde, suchte nach einem Eingang. Doch erst als sie auf einen Felsbrocken kletterte, entdeckte sie an der Oberseite eine kleine, quadratische Öffnung, gerade groß genug, dass ein Mensch hindurchpasste. Und daneben das rosa Kreidekreuz.
War Tina darin?
Doch laut Schatzkarte war sie noch nicht am Ziel. Die Odyssee führte weiter zu einer Höhle, die in unmittelbarer Nähe liegen sollte. Sie stieg von dem Felsen und umrundete den Quader erneut, diesmal den Blick auf die Umgebung gerichtet. Da. Das musste es sein. In einer Mulde, verborgen hinter größeren Steinbrocken, gähnte eine ovale Öffnung.
Mit klopfendem Herzen näherte sie sich.
Der Untergrund wurde steiniger, sie musste aufpassen, dass sie nicht umknickte. Vor dem Felsspalt blieb sie stehen. Unschlüssig.
Die Finsternis starrte sie an.
Ein Tor in die Unterwelt.
Was nun? Wurde von ihr erwartet, dass sie in die Höhle kletterte und dort nach Tina suchte? Sie zog das Handy aus der Jacke, stellte die Lampe an und hielt sie ins Innere. Der Lichtstrahl war nicht sehr kräftig, hatte kaum Reichweite und ließ nur schemenhaft etwas erkennen. Lillian krallte die eine Hand in den Felsen, streckte die andere mit der Taschenlampe aus und beugte sich so weit wie möglich vor.
Der Gestank traf sie wie ein Keulenschlag.
Eine Mischung aus vergammeltem Fleisch, Moder und Fäkalien. Sie musste die Luft anhalten und sich zwingen, die Mission nicht sofort abzubrechen. Tapfer leuchtete sie in die Dunkelheit, doch außer, dass sich der Raum nach hinten in einen Gang zu verjüngen schien, konnte sie nichts erkennen und beendete das Unterfangen, bevor sie sich noch den Hals brach. Es musste anders gehen.
Sie schaltete das Blitzlicht der Kamera ein und schoss aufs Geratewohl Fotos in die Finsternis. Dann zog sie sich vom Eingang zurück, lehnte sich an einen Felsen, atmete erleichtert die frische Waldluft ein und sah die Bilder an. Auf der linken Seite des Gewölbes zeichneten sich die Überreste eines aus groben Ziegeln errichteten Kamins ab. Irgendwann früher schien diese Höhle von Menschen genutzt worden zu sein, doch das musste schon lange zurückliegen. Dahinter schimmerten Lichtpunkte wie kleine Glühwürmchen. Als sie das Foto vergrößerte, entdeckte sie ein gigantisches Spinnennetz, perfekt gewebt und intakt. Niemand, der größer war als eine Maus, hätte in den Gang, der von der Höhle in die Tiefen des Berges führte, vordringen können, ohne es zu zerstören. Doch wie lange brauchte eine Spinne, um so ein Netz zu weben? Einen Tag? Eine Stunde? Jedenfalls schien der Witzbold, der ihr die Schatzkarte vor die Tür gelegt hatte, nicht mehr hier zu sein. Blieb trotzdem die Spinne. Seufzend legte sie den Kopf in den Nacken und starrte durch die Baumkronen in den grauen Himmel. Die Vorstellung, in einen dunklen Gang voller Insekten, Fledermäuse und sonstigem Getier zu klettern, verursachte ihr Gänsehaut.
Lillian betrachtete das nächste Foto.
Vom Blitzlicht beleuchtete, helle Steine, die den Boden bedeckten. Und ein Gegenstand, an dem etwas Glänzendes befestigt war. Eine eisige Hand schien ihr in den Nacken zu greifen, schickte Kälteschauer durch den ganzen Körper. Ihre Finger zitterten so sehr, dass es ihr erst nach mehreren Versuchen gelang, das Bild zu zoomen. Doch eigentlich brauchte sie keine Bestätigung, sie wusste, was dort lag.
Es war eine roségold schimmernde Tasche, an der ein Anhänger befestigt war: ein goldenes Herz mit den Buchstaben L und T.
Lillian und Tina.
Ihre Gedanken rasten.
War die Freundin dort drin? Sollte sie die Feuerwehr rufen? Aber was, wenn die sich mühsam mit einer ganzen Mannschaft durch das unebene Gelände im Wald kämpften, nur um eine billige Kunstledertasche aus einer Höhle zu retten? Womöglich musste sie den Einsatz bezahlen. Das konnte sie sich absolut nicht leisten.
Es half alles nichts, sie musste selbst nachsehen.
Lillian streifte die Kapuze über den Kopf, zog den Reißverschluss bis ganz nach oben und steckte die Hosenbeine in die urbanen Trekkingstiefel. Schuhe, die sie nur gekauft hatte, weil sie angesagt und stylish waren. Nicht, weil sie sich gerne in der Natur aufhielt. Dann kletterte sie über die Steine zurück zur Öffnung und aktivierte erneut die Taschenlampe des Handys.
Sie holte tief Luft, bückte sich und begab sich in die stinkende Finsternis.
Es dauerte einen Moment, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, und auch dann konnte sie kaum mehr als das erkennen, was im Lichtkegel auftauchte. Rasch leuchtete sie einmal rundum, um sicherzugehen, dass keine Gefahr lauerte, vielleicht ein Tier, oder ein Obdachloser, oder womöglich der Kartenmaler selbst, dann bewegte sie sich auf allen vieren in Richtung Tasche. Der Boden, eine Mischung aus Steinen, Erde und Blättern, war unangenehm weich und klebrig unter den Fingern. Eine Konsistenz, die im Zusammenhang mit dem Gestank ekelerregende Assoziationen hervorrief. Ein hauchzartes Knistern an der Kapuze signalisierte ihr, dass sie ein Spinnennetz gestreift hatte. Es brauchte eisernen Willen, die Vorstellung an eine dicke Spinne, die jetzt womöglich über ihren Kopf krabbelte, zu verdrängen und weiter vorwärts zu kriechen.
Endlich tauchte im spärlichen Lichtstrahl die Tasche auf.
Lillian wollte sie an sich nehmen, doch sie schien sich festgehakt zu haben. Sie zog kräftiger, riss und ruckte gewaltsam daran.
Plötzlich ertönte ein raschelndes Schleifen.
Als ob etwas Großes in Bewegung geriet. Das Blut rauschte in ihren Ohren, als sie die Taschenlampe darauf richtete. Ein derber Männerschuh. Wie ihn Bauarbeiter oder Wanderer trugen. Zitternd ließ sie das Licht weiterwandern.
Sie wollte schreien, doch es kam nur ein Krächzen.
Ein Mann. Die Beine auf dem Boden lang ausgestreckt, den Rücken an der Wand, der Oberkörper leicht zur Seite gefallen, gehalten von den Armen, die rechts und links oberhalb des Kopfes an den Fels gekettet waren. Das Gesicht ausgemergelt und bleich.
Die Augen nur noch zwei leere Höhlen.
3 Montag
Detektei
Rüngsdorf
Detektivin Laura Peters trat durch das verschnörkelte, angerostete Gartentor in den Vorgarten der leicht ramponierten Jugendstilvilla in fast bester Wohnlage, bückte sich und hakte die Leine aus. Der betagte Dackel hoppelte in seinem eigentümlich schaukelnden Gang den Kiesweg entlang und verschwand im Gebüsch, aus dem im selben Augenblick die schwarze Nachbarskatze fauchend die Flucht ergriff.
„Friedi! Bei Fuß.“ Aber natürlich hörte er nicht. Das tat er nie und sie erwartete es auch gar nicht mehr. Er hatte seinen eigenen Kopf und manchmal half noch nicht einmal ein Stückchen Fleischwurst, um ihn zu etwas zu überreden. Sie hatte ihn vor drei Wochen in einer Notfallaktion zu sich genommen, als ihre Nachbarin ins Krankenhaus gekommen war. Die alte Dame hatte den Herzinfarkt nicht überlebt und nun stellte sich die Frage, was aus dem Waisenhund werden sollte. Laura musste zu ihrer Überraschung feststellen, dass sie an dem kleinen Kerl hing und ihn nicht wieder hergeben wollte. Doch dem Wunsch stand der Erbe der alten Dame im Wege.
Fest umklammerte sie den Griff des Rucksacks, tauchte unter einer Dornenranke hindurch und steuerte auf die Eingangstür zu. Es waren jetzt schon fast zwei Jahre vergangen, seit sie den Entschluss, ein neues Leben anzufangen, in die Tat umgesetzt und die Detektei Peters gegründet hatte. Und es war die richtige Entscheidung gewesen. Seitdem hatte sich viel ereignet, sie hatten vier große Fälle gelöst, bundesweit für Schlagzeilen gesorgt und sich einen Namen gemacht. Das kleine Unternehmen war am Markt etabliert und wirtschaftlich rentabel.
Doch das war nicht nur ihr Verdienst, sondern eine Teamleistung, an der vor allem Marek, ihr erster Detektiv, seinen Anteil hatte. Es war ein Glücksfall gewesen, dass er sich damals beworben hatte, und seiner Erfahrung und Entschlossenheit hatte sie schon mehrfach ihr Leben verdankt. Was er in seinem Vorleben getrieben hatte, war immer noch ein Rätsel. Sie tippte auf einen osteuropäischen Geheimdienst oder eine Spezialeinheit der Streitkräfte und nannte ihn, wenn sie ihn aus der Reserve locken wollte, den polnischen James Bond. Doch seine einzige Reaktion war jedes Mal nur ein belustigtes Lächeln. Er gab nichts preis.
Laura öffnete die Haustür, hinderte sie mit dem Fuß am Zufallen und drehte sich um. „Friedi! Komm! Friedi!“ Es raschelte im Gebüsch, dann tauchte der Dackel auf und kam gemächlich auf sie zu. Die Botschaft, die er damit senden wollte, war klar. Er kam nur, weil er sowieso gerade ins Haus wollte.
Nicht, weil sie gerufen hatte.
Das Büro war wie ausgestorben, kein strahlendes Lächeln ihrer Assistentin Gilda, kein Duft von Kaffee, kein Hauch des würzigen Rasierwassers des zweiten Detektivs Drake Tomlin.
Laura stellte die Tasche auf den Schreibtisch im Vorraum, befreite Friedi von seinem Geschirr und hängte ihre Jacke an die Garderobe.
„Siehst du, Friedi? Keiner da. Heute frühstücken wir allein. Leider auch keine Schokocroissants, ich werde mich flüssig ernähren müssen.“ In der Küche befüllte sie die Kaffeemaschine, schaltete, während das verheißungsvoll duftende Gebräu in die Glaskanne lief, im Büro den Computer ein und hörte den Anrufbeantworter ab.
Keine Nachricht von Gilda. Nur drei Interessenten, die möglicherweise einen Auftrag für sie hatten und um Rückruf baten. Einer davon ein Mann mit sympathischer Stimme und dem Hauch eines Akzents. Laura notierte die Nummern auf einem Zettel und holte sich in der Küche einen Becher Kaffee. Wieder am Schreibtisch lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück, legte die Füße auf die Tischplatte, zog die Ärmel des dicken Wollpullis über die Hände und starrte in das triste Grau des morgendlichen Gartens hinaus.
Assistentin Gilda hatte ihr am Freitagabend eine WhatsApp geschickt, dass sie Urlaub brauche und schon auf Reisen sei.
Laura irritierte es, dass sie nicht vorher Bescheid gesagt, sondern sie vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Natürlich hatte das Mädchen eine Auszeit verdient. Keine Frage. Es war erst sechs Wochen her, dass sie den letzten großen Fall gelöst hatten. Gilda und eine andere junge Frau waren dabei in letzter Sekunde aus den Fängen zweier Auftragskiller befreit worden, deren Spezialität es war, ihre Opfer zuerst zu vergewaltigen, bevor sie sie umbrachten. Wie weit die Übergriffe während der Gefangenschaft gegangen waren, hatte die Assistentin nicht erzählt. Sie komme schon klar, das gehöre zum Job, war ihr lapidarer Kommentar gewesen. Und sie hatte glaubhaft gewirkt, schien unbeschwert und lustig zu sein wie immer. Aber vielleicht war das nur eine Täuschung gewesen, um sie nicht zu beunruhigen.
Laura nahm einen Schluck Kaffee, beschloss, das Thema Gilda auf später zu verschieben, und rief im Computer die Lokalnachrichten auf.
Folteropfer in Höhle im Siebengebirge gefunden
Mann in Höhle an Wand gekettet
Seit zwei Wochen vermisster Mann tot aufgefunden
Sie klickte auf den ersten Artikel und überflog ihn: Eine Spaziergängerin hatte am Vortag in einer Höhle, die zu den sogenannten Ofenkaulen im Siebengebirge gehörte, einen Leichnam gefunden. Ob es sich bei dem Toten um den seit mehr als zwei Wochen vermissten Roman L. handelte, konnte noch nicht bestätigt werden. Laut Polizeiangaben deutete die Auffindesituation auf ein Tötungsdelikt hin und die Ermittlungen waren aufgenommen worden. Der Mann war an die Felswand gekettet gewesen.
Laura starrte aus dem Fenster. Das wildromantische Siebengebirge war schon oft zum Schauplatz grausamer Taten geworden. Bei ihrem ersten Fall waren Mädchenleichen im Dornheckensee gefunden worden, jetzt hatte jemand einen Menschen in einer Höhle festgekettet und zu Tode gequält. Oder sonst wie getötet.
Es lief wieder ein Mörder frei herum.
„Ich rieche Kaffee. Lust auf Gesellschaft?“
Laura schreckte hoch. In der Tür stand Marek, trotz der Januarkälte wie immer in Lederjacke, T-Shirt, Jeans und Bikerboots.
„Klar. Hol dir einen Becher und setz dich zu mir.“
Kurz darauf schlenderte der Detektiv, den begeistert wedelnden Friedi dicht auf den Fersen, ins Büro zurück, ließ sich in einen Besuchersessel fallen und streckte die Beine von sich. Doch der Dackel war damit nicht zufrieden und hüpfte so lange vor ihm herum, bis er sich vorbeugte und ihn ausgiebig streichelte.
„Konntest du am Wochenende alles klären? Bleibt Friedi bei dir? Oder musst du ihn wieder abgeben?“
Laura verdrehte die Augen. „Ich habe den Neffen getroffen, der der Alleinerbe ist. Dennis, ein ziemlicher Widerling. Anscheinend war der Nachlass recht übersichtlich. Die alte Frau Pohl hat zwar in einer luxuriösen Wohnung gelebt, allerdings zur Miete. An Wertgegenständen war nichts vorhanden. Es gibt nur ein paar Möbel und Friedi. Der Kerl hat sich bei seiner Tante nie blicken lassen und jetzt regt er sich auf, dass kein Vermögen da ist. Wenn er sie öfter besucht hätte, hätte er das wissen können. Stattdessen hat er sich bei mir beschwert und mich sogar bezichtigt, ich hätte sie um ihr Geld erleichtert. Er war nicht davon abzubringen. Kannst du dir das vorstellen?“
Marek zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck Kaffee.
„Am liebsten hätte ich ihm gesagt, was ich von solchen Typen halte. Aber wir müssen ja eine Einigung für Friedi finden.“
„Und? Hat es geklappt?“
„Pfff.“ Laura starrte unglücklich in ihre Tasse. „Er möchte zweitausend Euro für den Hund haben.“
Marek lachte auf. „Verrückt.“
„Er erpresst mich. Will mir den Dackel wegnehmen, wenn ich nicht zahle. Und er hat durch die Blume gesagt, dass er Friedi einschläfern lassen wird, weil er schon so alt ist. Quatsch, er hat es nicht ‚durch die Blume‘ gesagt, sondern durch den Titanwurz. Er hat gemerkt, dass ich ein bisschen an Friedi hänge und hat jetzt die Dollarzeichen in den Augen.“ Sie sah Mareks fragenden Blick und fügte hinzu: „Titanwurz ist eine mannshohe Pflanze, die unglaublich schlecht riecht. Stinkblume wird sie genannt. Im Botanischen Garten in Bonn gibt es eine. Der lateinische Name gefällt dir sicher: Amorphophallus titanum. Übersetzt riesenhafter, unförmiger Penis.“
Der Detektiv lachte. „Riesenhaft ist ok. Unförmig? Na ja ... Du wirst ja wohl kaum auf die Forderung eingehen?“
„Nein. Diesem Arschloch einen solchen Batzen Geld in den Rachen zu werfen widerstrebt mir zutiefst. Und ich kann es mir auch nicht so einfach aus den Rippen schneiden.“
„Und nun?“
Laura verschränkte die Arme. „Ich weiß es nicht. Er kommt am Wochenende, um die Wohnung auszuräumen. Dann soll ich ihm das Geld geben oder er nimmt Friedi mit.“
Marek sah sie forschend an. „Soll ich mich darum kümmern?“
Sie schüttelte den Kopf. „Danke, das ist lieb von dir. Aber ich werde mir selbst etwas einfallen lassen. Sollten alle Stricke reißen, komme ich gerne auf das Angebot zurück.“
Er zwinkerte ihr zu: „Gut!“ Dann beugte er sich zu dem Hund hinunter, der ihn mit in Falten gelegter Stirn unverwandt ansah, umfasste dessen Schnauze von unten und schüttelte sie sachte. „Mach dir keine Gedanken, alter Junge, von solchen Idioten lassen wir uns nicht beeindrucken.“
„Nein, das lassen wir nicht“, stimmte Laura zu. „Friedi hat sicherlich eine passende Antwort darauf, wenn der Kerl ihn mitnehmen möchte. Richtig, Friedi?“
Der Dackel würdigte sie keines Blickes, sondern schmachtete weiter Marek an. „Eigentlich müsstest du den Hund nehmen. Er hat eine klare Präferenz für dich.“
Der Detektiv lachte. „Das bildest du dir ein. Er ist nur freundlich. Wo sind übrigens die anderen? Hast du für heute freigegeben und ich habe es nicht mitbekommen?“
„Könnte man meinen, ist aber nicht so. Drake schreibt jetzt schon seit einem Monat wie verrückt an seinem Buch, wird aber vielleicht später reinschauen. Er möchte die Eindrücke aus unserem letzten Fall verarbeiten, solange sie noch frisch sind.“
Der zweite Detektiv, Drake Tomlin, war ein unter dem Pseudonym Connor D. Love international bekannter und erfolgreicher Autor von Liebesromanen, doch er hatte sich zunehmend in dem Genre gelangweilt und beschlossen, Thriller zu schreiben. In der Detektei Peters hatte er angeheuert, um das Geschäft kennenzulernen und Inspiration für seine Bücher zu kriegen. Dabei hatte er sich als studierter Historiker und Psychologe mit breitem Allgemeinwissen als Gewinn für das Team entpuppt. Jedenfalls in Lauras Augen.
Marek sah das anders. „Sag ihm, er soll zu Hause bleiben. Im Moment gibt es keinen Auftrag, bei dem er sich nützlich machen kann. Gab es eigentlich noch nie.“
Laura seufzte. „Hör auf mit der Stichelei. Drake hat mit seinen Ideen wesentlich dazu beigetragen, dass wir die beiden letzten großen Fälle lösen konnten.“
Marek kniff die Augen zusammen: „Beim letzten Mal hat er gar nichts beigetragen, sondern nur Verwirrung gestiftet. Ohne ihn wären wir schneller zum Ziel gekommen.“
„Das stimmt nicht und das weißt du. Jedenfalls kannst du nicht abstreiten, dass seine gewinnende Art uns oft weitergeholfen und einige Türen geöffnet hat.“ Bei den letzten Worten hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen.
Doch zu spät: „Ich stimme dir zu mit einer kleinen Korrektur: Seine gewinnende Art hat IHM schon viele Türen geöffnet. Und zwar die Schlafzimmertüren der Damen in der Nachbarschaft.“
Wider Willen musste Laura kichern. „Er genießt das Leben. Nothing wrong with that. Jeder kann privat machen, was er möchte. Es geht uns nichts an.“
„Wenn es denn privat wäre. Aber der Kerl ist in etwa so diskret wie eine Elefantenherde, die durch einen Vorgarten trampelt.“
Laura zuckte die Achseln. Zwischen den beiden Männern kam es immer wieder zu Reibereien, doch wenn es darauf ankam, begruben sie das Kriegsbeil und standen für das Team ein.
„Und der Rest? Wo sind die?“
„Justin ist in der Schule. Die Karnevalsferien sind vorbei, sehr zu seinem Leidwesen. Aber er kommt heute Nachmittag, um in deinem Büro den Computer zu belagern.“
„Soll er ruhig. Schreibtischarbeit ist sowieso nichts für mich.“
„Ja, du bist der, der besser mit den Muskeln arbeitet. Sorry, das war ein Elfmeter ohne Torwart, den Ball musste ich einfach versenken.“
Marek nahm es ihr nicht übel. „Wenigstens einer, der es in diesem Laden mit den Schurken aufnehmen kann. Aber wo ist Gilda? Sie ist doch sonst immer die Erste im Büro?“
„Sie hat mir am Freitag gewhatsappt, dass sie Urlaub braucht, und ist weggefahren.“
Marek zog eine Augenbraue hoch.
„Mehr weiß ich nicht. Ich habe ihr alle möglichen Fragen gestellt, wohin, wie lange und so weiter, aber sie reagiert nicht.“ Laura reichte ihm das Smartphone und er überflog den Chatverlauf. Als er es ihr wortlos zurückreichte, wurde sie unsicher: „Was ist? Glaubst du, da stimmt etwas nicht?“
„Schwer zu sagen. Es erscheint mir ungewöhnlich, dass sie so von einem Tag auf den anderen verschwindet. Und auch, dass sie dir nicht antwortet. Es kann natürlich sein, dass sie keine Netzverbindung hat. Aber heutzutage muss man weit fahren, um solche Orte zu finden.“
Laura wollte etwas antworten, als es an der Tür klingelte.
„Erwartest du einen Kunden?“
„Eigentlich nicht.“
Marek stand auf und ging zur Glastür, die auf die Veranda führte. „Kümmer du dich um den Besuch, ich finde mal heraus, wo Gilda abgeblieben ist, ok? Und keine Sorge, sie wird schon keine Dummheiten machen.“
„Dummheiten? Was für Dummheiten?“ Laura sah ihm hinterher, wie er aus dem Büro in den Garten verschwand, und versuchte, das zunehmend mulmige Gefühl zu ignorieren.
4 Italienisches Restaurant
Bad Honnef
Marek drückte aufs Gas, der Sportwagen machte einen Satz und röhrte über die Autobahn. Auf der Südbrücke war wenig Verkehr und nach Bad Honnef war es ein Katzensprung. Vor allem, wenn man ein solches Auto fuhr. Er genoss es, schnell zu fahren, doch jetzt hielt er es auch für notwendig. Er hatte das Gefühl, dass Gefahr im Verzug war. Zwischendurch kontrollierte er immer wieder das Display seines Smartphones. Vor der Abfahrt hatte er eine Nachricht verschickt, um einem Verdacht nachzugehen, aber die Antwort ließ auf sich warten.
Als er den Ort erreichte, schaltete er runter und fuhr in gemäßigtem Tempo an den prachtvollen Villen vorbei. Bad Honnef war früher ein berühmter Luftkurort gewesen, in dem Ärzte und reiche Patienten residiert hatten. Die imposanten Bauten kündeten immer noch von dieser glanzvollen Ära, doch insgesamt hatte sich das Städtchen verändert, wirkte an manchen Stellen fast schäbig und zeigte deutlich, dass die prunkvollen Zeiten der Vergangenheit angehörten.
Er steuerte den Wagen auf den asphaltierten Kundenparkplatz eines Restaurants und stieg aus. Es war Lauras und sein Lieblingsitaliener. Nicht nur wegen der original sizilianischen Küche, sondern auch, weil es Gildas Eltern gehörte. Um die Uhrzeit war das Lokal noch geschlossen, aber durch das auf kipp stehende Fenster hörte er, dass bereits die Vorbereitungen für den Abend getroffen wurden. Er klopfte und von drinnen näherten sich schwerfällige Schritte. Die Tür wurde geöffnet und Gildas Vater sah durch den Spalt.
„Marek. So eine Freude! Komm rein, mein Freund.“ Er strahlte über das ganze Gesicht und breitete die Arme aus.
„Danke. Ich hoffe, ich störe nicht. Sicher habt ihr viel zu tun?“
„Für einen Caffè hat man immer Zeit und für gute Freunde auch. Komm rein, komm rein.“
Marek folgte dem kleinen Italiener durch einen schmalen Flur in die Küche. Auf dem Herd dampften Töpfe und Pfannen vor sich hin und verbreiteten einen köstlichen Duft, an der Arbeitsplatte stand ein Koch mit Schürze, der in rasendem Tempo Kräuter hackte. Ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen, sah er auf und nickte Marek freundlich zu.
„Das ist Santo“, stellte Gildas Vater vor. „Seit er die Küche übernommen hat, könnten wir jeden Tag doppelt so viele Gäste bewirten, wenn wir den Platz hätten. Alle lieben seine Pasta alla Nonna.“
Der Koch tat, als hätte er das Lob nicht gehört, doch Marek schien es, als hackte er die Kräuter noch schneller als zuvor.
Gildas Vater füllte eine Metallkanne mit Kaffeepulver und Wasser und stellte sie auf den Gasherd. „Und? Wie geht es Laura? Und Drake? Und der hübschen Musikerin?“ Die dunklen Augen über den geröteten Wangen funkelten.
„Allen gut.“ Marek lehnte sich an einen Küchenschrank.
„Das ist schön. Und wie geht es der Familie?“ Der Restaurantchef nahm die Kanne vom Feuer, holte zwei kleine Tassen aus einer Vitrine und füllte sie mit dem schwarzen Gebräu. Er stellte Zucker und einen Caffè vor Marek auf die Arbeitsplatte der Kücheninsel und sah erwartungsvoll hoch.
Der Detektiv merkte, dass er auf eine Antwort wartete, und beschäftigte sich angelegentlich mit dem Süßen des Kaffees. „In meinem Job ist das jeweilige Team, mit dem man arbeitet, die Familie.“
„Ich verstehe. Aber das ist auf Dauer nicht gut. Ein Mann braucht ein Zuhause und eine Frau, die für ihn sorgt. Und Kinder, viele Kinder.“
„Wo ist ihre Frau eigentlich?“, wechselte Marek das Thema.
„Sie macht Einkäufe auf dem Markt. Wir bereiten hier alles frisch zu. Nur beste Zutaten, frisch aus der Region.“
„Und Gilda ist verreist ...“, platzierte Marek das Stichwort und trank den Caffè in einem Zug.
„Ja, seit Freitag. Eigentlich brauchen wir sie im Restaurant. Seit Santo kocht, haben wir sehr viel zu tun.“ Er wiegte sich auf den Fußsohlen hin und her und warf einen zufriedenen Blick auf den Koch, der mittlerweile zum Teigkneten übergegangen war.
„Aber sie ist trotzdem gefahren ...“
„Ja, das Kind ist ja noch jung. Es ist schön, dass sie etwas von der Welt sehen kann. Wir konnten uns das früher nicht leisten. Ich freue mich für sie.“
„Von der Welt?“ Marek spürte Unheil heraufdämmern und täuschte sich nicht.
„Ja, Johannesburg.“
Klirrend stellte der Detektiv das Tässchen auf den Unterteller zurück. „Ist sie allein unterwegs?“
„Nein. Mit einer Freundin. Die Mädchen werden viel Spaß haben.“
„Das glaube ich auch.“ Marek bekam den Satz kaum über die Lippen. Und obwohl er die Antwort bereits kannte, stellte er die Frage trotzdem: „Wer ist diese Freundin?“
Ein Strahlen kam in die Augen des kleinen Italieners, breitete sich auf dem ganzen Gesicht aus. „Oh, ein nettes Mädchen. Sympathisch und freundlich. Und trägt Leder, von oben bis unten.“ Er machte eine Handbewegung, die sehr deutlich machte, welcher Körperteil ihn am meisten beeindruckt hatte. „Sieht fast aus wie eine Italienerin. Aber ist aus Polen.“
Mehr brauchte Marek nicht zu wissen, um seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt zu sehen.
5 Detektei
Rüngsdorf
Es geht nicht um Inszenierung, Rituale und Sex, nur um Gewalt, Schmerzen und Qual.
Die Klingel ertönte. Dann wieder und ging schließlich in Sturmläuten über. Derjenige, der vor der Tür stand, hatte es eilig. Friedi missfiel das Geräusch und er bellte wie rasend dagegen an. Laura presste die Hände auf die Ohren, kämpfte sich durch das Bombardement aus Lärm zur Tür und riss sie auf: „Ja bitte?“
Vor ihr stand ein Mann, der sich hektisch an der Klingel zu schaffen machte. „Sie klemmt.“
Laura trat neben ihn und bemühte sich, zu helfen, doch der Krach machte sie so konfus, dass sie nichts ausrichten konnte.
„Lassen Sie mich noch mal.“ Der Besucher schob sie sanft zur Seite. In der Hand hielt er ein Taschenmesser, mit dem er den festgeklemmten Knopf zu lösen versuchte. Endlich trat wohltuende Stille ein.
„Tut mir leid. Sonst trete ich dezenter auf.“ Dunkle Augen und ein Grübchen im Kinn. Immer noch verwirrt von der Lärmattacke schüttelte Laura die Hand, die ihr entgegengestreckt wurde.
„Mein Name ist Silvio Petrescu. Ich habe Ihnen auf Band gesprochen.“
„Stimmt. Ich bin Laura Peters. Kommen Sie herein. Den Mantel können Sie an die Garderobe hängen.“ Sie trat vor ihm in die Wohnung und er folgte ihr, nachdem er sich seiner Jacke entledigt hatte, in das Büro. „Setzen Sie sich. Möchten Sie einen Kaffee oder ein Wasser?“
„Nein, danke. Oh, wen haben wir denn da?“
Der Dackel, der sich sicherheitshalber unter den Schreibtisch verzogen hatte, kam misstrauisch hervor, schnüffelte an den Sneakers des Besuchers und zog sich dann würdevoll zurück.
„Das ist Friedi. Ich hoffe, Sie haben keine Angst vor Hunden?“
„Nein, gar nicht.“
„Was kann ich für Sie tun?“ Laura musterte den Besucher. Dunkle Haare, die in die Stirn fielen, schwarzer oversized Hoodie mit einem Aufdruck, der ihr nichts sagte – entweder ein Mode-Label, der Name einer Metalband oder der eines Gamerteams – und lange Beine in engen Jeans, die umgekrempelt waren und die Knöchel freigaben. Es wirkte lässig, doch die unter dem Ärmel hervorblitzende iced out Rolex verriet, dass es mehr als nur ein Look war, es war ein Style. Wenn die Uhr kein Fake aus der Türkei war, und so sah sie nicht aus, musste er eine Menge Geld besitzen.
Er setzte sich in einen Besuchersessel, lehnte sich vor, stützte die Arme auf die Oberschenkel und verschränkte die Hände. „Ich habe in der Presse über Ihren letzten Fall gelesen, den Missbrauch im Kinderheim in Bad Godesberg. Gut, dass Sie den Kerlen das Handwerk gelegt haben. Ihre Detektei ist sehr erfolgreich.“
„Ja, das hat Aufsehen erregt. Die Polizei ist immer noch dabei, weitere Opfer und vor allem Täter zu suchen und das gesamte Ausmaß der Vorfälle zu ermitteln. Es ist ein Moloch.“
„Es war sehr mutig von Ihnen, sich dem Thema zu stellen. Nicht viele wagen es, sich mit der katholischen Kirche anzulegen. Ich bewundere das.“
„Das ist ein bisschen übertrieben, ganz so war es nicht. Wir haben einer Gruppe von Kinderschändern das Handwerk gelegt, nicht der gesamten Institution. Wer allerdings die Nachrichten der letzten Jahre verfolgt hat, weiß, dass der Missbrauch von Kindern systemimmanent ist.“
„Trotzdem, ich habe allergrößten Respekt vor dem, was Sie geleistet haben.“
„Vielen Dank. Aber was können wir für Sie tun?“
Silvio Petrescu schien einen Augenblick zu überlegen, wie er anfangen sollte. „Es geht um eine Freundin, Rebecca Lehmann. Ich mache mir Sorgen um sie und frage mich, ob sie ok ist. Wir haben zusammen studiert. Jedenfalls bis kurz vor dem Bachelor. Sie war eine der wenigen weiblichen Studenten, IT ist eher eine Männerdomäne, deshalb ist sie mir gleich aufgefallen. Wir haben uns angefreundet. Sie war gut. Richtig gut. Aber es war schnell klar, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte.“
„Was meinen Sie?“ Laura sah, dass er die Hände fester umeinander krampfte, als fiele es ihm schwer, darüber zu sprechen.
„Ich weiß, dass wir ITler als Nerds verschrien sind und viele halten uns für sonderbar. Dass wir nächtelang Chips fressend vor dem Computer sitzen, keine Sozialkontakte haben, ungepflegt sind. Aber das ist ein Klischee. Die meisten von uns gehen ins Gym, treffen sich mit Kumpels auf ein Bier und manche haben sogar eine Freundin, die nicht virtuell ist.“ Er grinste und wurde dann wieder ernst. „Mit Rebecca stimmte etwas im Kopf nicht. Sie konnte sehr merkwürdig sein und es gab Wochen, in denen sie irgendwelche Schübe hatte und sich nicht an der Uni blicken ließ. Kurz vor dem Abschluss, das war vor fünf Jahren, ist sie ganz verschwunden. Von einem Tag auf den anderen. Ich habe erst später erfahren, dass sie in eine Anstalt gekommen ist.“
Laura nickte langsam, um zu signalisieren, dass sie zuhörte.
„Ich hätte sie gerne besucht, aber da ich damals nicht wusste, wo man sie hingebracht hatte, ging das nicht.“
„Ich verstehe. Möchten Sie, dass wir sie finden?“
„Nein, ich weiß mittlerweile, wo sie ist. Sie ist in Falkennest.“ Er zog ein zerknittertes Papier aus der hinteren Jeanstasche und warf es auf den Tisch. „Hier ist die Adresse.“
Die Detektivin nahm den Zettel und strich ihn glatt. „Wo liegt dann das Problem?“
Silvio Petrescu presste die Lippen aufeinander und starrte auf seine Hände. Dann sah er sie direkt an: „Wissen Sie, was Red Rooms sind?“
„Nein.“
„Wenn Sie es googeln, werden Sie lesen, dass Red Rooms zu den Urban Legends gehören. Man geht davon aus, dass es sie nicht gibt. Oder vielleicht hofft man es auch nur, denn der Mythos ist weit verbreitet und hält sich hartnäckig.“
Laura legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen. „Und worum genau handelt es sich bei dieser Legende?“
„Ein Red Room ist ein Folterraum, in dem eine Kamera installiert ist. Nutzer, also die Zuschauer, müssen angeblich ein aufwendiges Registrierverfahren durchlaufen, dann zahlen sie eine Gebühr in Bitcoins und erhalten zum gegebenen Zeitpunkt einen Link zugeschickt, der zu einer Adresse im Darknet führt.“ Er räusperte sich. „Man kann zusehen, wie eine Person gequält wird, laut den Legenden bis zum Tode. Die Nutzer können außerdem während der Prozedur gegen weitere Zahlungen Vorschläge machen, was dem Opfer angetan werden soll, und das wird dann umgesetzt.“
„Ist das so ein SM-Ding?“ Lauras Stimme wurde rau. Bei einem früheren Fall war sie in die Hände eines Sadisten gefallen und er hatte nicht nur auf ihrem Körper tiefe Narben hinterlassen. Es gab immer noch Nächte, in denen sie schreiend aufwachte.
„Nein. Es geht nicht um Inszenierung, Rituale und Sex. Nur um Gewalt, Schmerzen und Qual.“
„Nur ...“, echote Laura.
„Sorry. Das war blöd formuliert.“ Er fuhr sich verlegen durch die Haare.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, gar nicht. Ich verstehe schon. Aber zum Glück existieren diese Räume ja nicht.“ Sie lächelte schief. „Allerdings frage ich mich dann, was Sie zu mir führt.“
„Stimmt. Ich habe Hinweise darauf, dass es vielleicht doch einen Red Room gibt. Und möglicherweise sogar ganz in der Nähe. Jemand hat mir einen Link zugespielt und ich habe für sehr kurze Zeit einen Livestream gesehen, in dem eine Person gequält wurde. Allerdings kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es echt war oder ein Fake.“
Er zog sein Handy aus der Tasche, tippte auf dem Display herum und hielt es Laura entgegen.
„Darf ich?“ Sie nahm das Smartphone, betrachtete das Bild und zoomte es dann größer. Ein rot beleuchteter Raum, in der Mitte schemenhaft eine Gestalt auf einem Stuhl. Seltsam verkrümmt, die Arme nach hinten gedreht. Dahinter eine weitere Person, maskiert, in den Händen ein Instrument mit zwei langen Hebeln, das an einen Bolzenschneider erinnerte. Der Raum schien ansonsten leer zu sein, außer einer Tür gab es nur kahle Wände. „Ist das ein Keller? Der Putz ist an einigen Stellen abgeblättert.“
„Ja, möglich.“
Laura betrachtete das Bild erneut. „Und was hat diese Folterszene mit Ihrer Freundin zu tun? Man sieht zwar fast nichts von dem Opfer, nur die Umrisse, aber es scheint mir ziemlich sicher ein Mann zu sein. Und er ist nicht gerade klein.“
„Ja, das Foto ist Mist. Ich war zuerst so geschockt, dass ich zu spät reagiert habe. Ich hätte besser ein Video machen sollen. Und Sie haben natürlich recht, das ist nicht Rebecca, sondern ein Mann, den ich nicht kenne. Aber zusammen mit dem Link bekam ich die Botschaft, dass Rebecca die Nächste sein wird.“
„Was?“ Laura starrte ihn an.
„Ja. Es war ein Zettel, den mir jemand Samstag am frühen Abend vor die Tür gelegt hat. Unter die Matte. Darauf stand der Link. Und das mit Rebecca. Reiner Zufall, dass ich zu Hause war und ihn gefunden habe. Zwei Stunden später, und ich wäre weg gewesen, denn samstags treffe ich mich immer mit ein paar Kumpels auf ein Bier. An dem Abend allerdings nicht mehr. Diese Red-Room-Scheiße hat mich ziemlich aus dem Konzept gebracht.“
„Hm.“ Laura tippte sich mit dem Zeigefinger an die Oberlippe. „Oder derjenige kennt ihre Gewohnheiten und wusste, dass sie noch da sein würden.“
„Sie meinen, er beobachtet mich?“, fragte er alarmiert.
„Nicht auszuschließen. Sogar wahrscheinlich. Ist Ihnen in letzter Zeit jemand gefolgt?“
„Nein.“ Silvio Petrescu schüttelte heftig den Kopf.
„Ok. Denken Sie noch mal darüber nach. Und behalten Sie ihre Umgebung im Auge. Vielleicht fällt Ihnen ja doch etwas auf. Haben Sie die Nachricht dabei?“
„Ich weiß, das ist jetzt blöd, aber nein, habe ich nicht.“ Er nahm eine andere Sitzposition ein und stützte die Arme auf die Lehnen. „Ich habe keine Ahnung, wo das Papier ist. Vielleicht habe ich es verlegt. Oder verloren. Obwohl mir so etwas nie passiert.“
Laura runzelte die Stirn.
„Wirklich. Ich habe schon alles abgesucht. Er ist wie vom Erdboden verschwunden.“
„Ok ... Sind Sie zur Polizei gegangen?“
Er schüttelte den Kopf. „Ich habe es natürlich überlegt, mich dann aber dagegen entschieden. Vielleicht ist es ja nicht echt, sondern eine grausige Inszenierung, mit der mich jemand verarschen will. Und ich habe ja nur diesen Screenshot. Der beweist nichts. Aber ich weiß, was ich gesehen habe, es war real. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Ich brauche Ihre Hilfe.“
Laura nickte langsam. „Sie haben sicherlich versucht, mit Rebecca Kontakt aufzunehmen?“
„Natürlich. Ich habe sofort in der Anstalt angerufen und und sie sagten, es gehe ihr gut. Also den Umständen entsprechend, wie es einem eben so geht, wenn man in der Geschlossenen sitzt. Aber ich habe nicht persönlich mit ihr sprechen dürfen und man will mich auch nicht zu ihr lassen. Angeblich wünscht sie keinen Besuch. Immerhin habe ich erfahren, dass es eine Tante gibt und dass sie eine Betreuerin hat.“
„Eine Betreuerin? Wurde sie entmündigt? Was ist mit ihren Eltern?“
„Die sind schon vor vielen Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen, deshalb regelt diese Frau die medizinischen Dinge für Rebecca. Also Krankenkassenthemen und Anträge für Therapien, aber auch alle anderen administrativen Sachen, die so anfallen. Sie heißt Theresa Müller, nennt sich Tes.“
„Die Betreuerin ist Rebeccas Vormund?“
„Nein, die Vormundschaft liegt bei der Tante, die in Frankfurt wohnt und sich oft im Ausland aufhält. Wahrscheinlich wurde deshalb die Betreuerin eingeschaltet, um die Dinge vor Ort zu regeln.“
„Ich verstehe“, murmelte Laura, dann kniff sie die Augen zusammen. „Sie haben viel herausgefunden. Solche Anstalten sind meist nicht so auskunftsfreudig.“
Er zuckte mit den Schultern und sah aus dem Fenster. „Da haben Sie recht. Und ich verrate jetzt nicht, wie ich an die Informationen gekommen bin. Aber Sie sind ja Detektivin und wissen, was ich studiert habe.“
„Alles klar. Dann haben Sie sicher versucht, die Person zu identifizieren, die hinter dem Red-Room-Link steckt?“
„Logisch.“ Er verzog den Mund zu einem kläglichen Grinsen. „Aber das Darknet hat seinen Namen nicht umsonst. Ich konnte bisher nicht mehr herausfinden. Natürlich werde ich es weiter probieren.“
„Das wird nicht einfach.“
„Helfen Sie mir? Ich habe Angst, dass Rebecca die Nächste ist, die in diesem Red Room gequält wird.“
Laura runzelte die Stirn. „Zuerst brauche ich weitere Informationen von Ihnen, denn ich verstehe die Geschichte noch nicht ganz. Sie bekommen einen Zettel mit einem Link und dem Hinweis, Rebecca sei die Nächste. Ist das wirklich alles? Oder stand da noch mehr?“
„Das war alles.“
„Keine Anweisung, was Sie tun können, um Rebecca zu retten? Keine Lösegeldforderung oder etwas in der Art?“
Er schien einen Moment zu zögern, dann schüttelte er entschlossen den Kopf: „Nein, nichts dergleichen.“
„Das ist merkwürdig.“ Laura musterte ihn. „Welche Motivation steckt dahinter, Ihnen das anzutun? Und natürlich Rebecca. Vielleicht möchte sich jemand rächen. An Ihnen beiden. Sie wurden sicher nicht zufällig ausgewählt. Sie sollten überlegen, wem Sie irgendwann mal etwas angetan haben.“
„Der Gedanke kam mir auch schon. Aber bisher habe ich nicht die geringste Idee, wer oder was das sein könnte.“
„Keine Feinde? Keine Neider? Eifersüchtige Ehemänner?“
Ein amüsierter Ausdruck huschte über sein Gesicht, dann zuckte er die Schultern. „Ich habe ein erfolgreiches Unternehmen. Der Wettbewerb ist hart und gelegentlich bleibt ein Konkurrent auf der Strecke. Das ist nicht lustig und natürlich hängen persönliche Schicksale oder sogar Existenzen daran. Und vielleicht wollte sich auch mal jemand an mir rächen. Aber doch nicht auf diese Art. Das wäre absurd. Völlig durchgeknallt. Ich wüsste keinen, dem ich das zutrauen würde. Und glauben Sie mir, ich bin kein Traumtänzer, ich habe mein geschäftliches Umfeld und auch meine eigenen Mitarbeiter genau im Auge. Bitte, übernehmen Sie den Fall? Helfen Sie mir?“
Laura sah ihn eine Weile prüfend an, dann lächelte sie: „Ok. Ja. In Ordnung.“
„Ein Glück!“ Die Erleichterung war ihm anzusehen. „Ach ja, Sie brauchen sicher den Namen von Rebeccas Tante. Sie hat einen Spanier oder Südamerikaner geheiratet und heißt Martina Schneider de Molina. Hier, ich habe Ihnen die Kontaktdaten aufgeschrieben.“
Laura nahm den Zettel entgegen. „Ok. Dann werde ich als Erstes herausfinden, dass Rebecca wohlauf ist und nicht von einem Sadisten in einem Red Room gefangen gehalten wird, richtig?“
„Genau. Meine Möglichkeiten sind auf das Virtuelle begrenzt, aber in die Datenbanken und Dateien kann die Anstalt viel eintragen, wenn der Tag lang ist. Wie soll ich wissen, ob es wahr ist? Für die reale Welt brauche ich einen Profi. Bitte stellen Sie fest, dass es Rebecca wirklich gut geht. Ich werde derweil versuchen, eine Spur zu dem Red Room zu finden.“
Laura nickte, wollte den Termin beenden, doch dann zögerte sie. „Eine Frage habe ich noch: Ist dem Opfer in dem Stream etwas angetan worden? Also nicht nur, dass er gefesselt war, sondern ... Sie wissen schon.“
Silvio Petrescu wurde blass. Räusperte sich. „Ich bin nicht ganz sicher, die Übertragung wurde plötzlich abgebrochen. Vielleicht war das gar nicht so, wie ich dachte, und ich habe mich getäuscht ...“
„Was ist passiert?“
Er schüttelte den Kopf, schien nicht antworten zu wollen.
„Bitte, das ist wichtig. Was haben Sie gesehen?“
„Als ich in den Stream kam, wurde das Gebot eines Zuschauers angezeigt. Er nannte sich Turcanu_Respawn. Mit Unterstrich. Ich weiß noch, dass ich den Namen merkwürdig fand. Er ist rumänisch, aus meiner Heimat, deshalb kann ich mich wohl so gut daran erinnern. Seine Forderung war einfach nur widerlich. Ich konnte nicht glauben, dass das echt sein sollte.“ Er presste für einen Augenblick die Faust gegen die Lippen.
„Was geschah dann?“ Ihre Stimme kratzte.
Silvio Petrescu starrte an die Decke. Es schien ihm schwerzufallen, die Fassung zu wahren, und als er weitersprach, war er so leise, dass sie sich konzentrieren musste, um ihn zu verstehen: „Einen Moment lang tat sich nichts. Vielleicht, weil die Datenverbindung Zeit brauchte, vielleicht, weil auf die Bestätigung der Zahlung gewartet wurde. Aber dann bewegte sich das Monster plötzlich. Er trat zu dem armen Kerl ... und ... riss ihm das Hemd auf. Er war nackt darunter. Man konnte seine Brust sehen. Und dann ...“
Er schluckte hart, presste die Hände zu Fäusten und flüsterte den Rest des Satzes fast unhörbar.
Laura wurde es schlecht.
6 Lillian Sawaris’ Wohnung
Kessenich
Wie besessen durchwühlte sie die Altpapiertonne. Zog Reklameblättchen, Zeitschriften, Essensverpackungen und Werbebriefe hervor. Tauchte immer wieder tief in den blauen Container, um dann die Ausbeute enttäuscht hinter sich auf das kleine Rasenstück zu werfen.
Wo war der Zettel?
„Was treiben Sie denn da? Soll ich die Polizei rufen?“
Lillian Sawaris schreckte aus der Tonne hoch und starrte die alte Frau an, die drohend mit einem Gehstock zu ihr hinüber fuchtelte.
Bloß keine Polizei!
„Es ist alles in Ordnung“, sie versuchte sich an einem Lächeln. „Ich habe einen wichtigen Brief verloren und kann ihn nirgends finden. Aber ich räume gleich alles wieder zurück.“
„Das Papier fliegt schon über die ganze Straße. Eine Sauerei ist das! Bringen Sie das sofort in Ordnung!“
„Verdammt noch mal, kümmern Sie sich um ihren eigenen Scheiß und lassen Sie mich in Ruhe!“ Lillian spürte, wie sie die Kontrolle verlor und sich eine Träne aus dem Augenwinkel löste. Dann brachen alle Dämme und sie heulte wie verrückt. Immerhin schien das die Alte einzuschüchtern, denn die entfernte sich, während sie leise Beschimpfungen vor sich hinmurmelte. Hoffentlich rief sie nicht doch noch die Polizei. Dann wäre alles vorbei.
Lillian sank neben der Mülltonne auf den betonierten Boden und ließ den Kopf hängen. Die Tränen flossen unaufhörlich. Immer wieder geisterte das Bild der Höhlenleiche durch ihre Gedanken. Diesen Augenblick, als das bleiche Gesicht mit den blutigen Augenhöhlen im Strahl der Handylampe auftauchte, würde sie ihr Leben lang nicht vergessen.
... Sie hatte geschrien und das Telefon fallen lassen. Mit der Rückseite nach unten, sodass sie mit einem Schlag im Dunkeln hockte. Zusammen mit dem Toten. Der vielleicht gar nicht tot war. Er hatte sich doch bewegt. Eine Weile hatte sie wie erstarrt gekauert. Wie lange, wusste sie nicht mehr, aber in der Erinnerung schien es eine Ewigkeit gewesen zu sein. Sie hatte sich nicht rühren können, Arme und Beine waren wie gelähmt gewesen. Nur ihre Sinne hatten funktioniert und sie mit Geräuschen, Gerüchen und hauchfeinen Berührungen bombardiert. Irgendwann hatte sie sich aus der Lethargie reißen können und es geschafft, einen Arm zu bewegen, nach dem Handy zu tasten und den Rückzug anzutreten. Sorgsam darauf bedacht, den Lichtstrahl nicht wieder auf die Leiche zu richten. Vor der Höhle war sie losgerannt, mehrfach auf dem unwegsamen Gelände gestolpert und zweimal hingefallen. Sie hatte so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Toten bringen wollen. Am liebsten die ganze Welt. Erst nach ein paar Minuten hatte sie keuchend angehalten und sich auf einen Stein gesetzt, um sich zu beruhigen. Und die Polizei gerufen ...
Ein Windstoß blies ihr ins Gesicht und sie schreckte auf. Zeitungen und Papiere wirbelten über die Straße und erinnerten sie daran, dass sie weitersuchen musste. Doch die Gedanken ließen sich nicht verscheuchen.
... Während sie im Wald auf die Polizei gewartet hatte, hatte sie in Tinas Tasche gesehen. Und da war dieser Zettel drin gewesen. Sie hatte sofort gewusst, worum es sich handelte. Die gleiche, präzise Schrift, geschrieben mit schwarzem Fineliner.
Bist du nun überzeugt, dass ich es ernst meine? Triff deine Wahl. Du hast Zeit bis Mittwoch. Wählst du nicht, ereilt beide das Schicksal. Und keine Polizei, sonst trifft es auch beide.
Die Tasche hatte sie unter der Jacke versteckt und die Schatzkarte und den Zettel tief in der Hosentasche vergraben. Den Beamten hatte sie erzählt, dass sie öfter durch den Wald wanderte und nach Höhlen suchte. Wer sie kannte, wusste, dass das Quatsch war. Aber die Polizisten waren zu sehr mit dem Leichenfund beschäftigt gewesen, um Verdacht zu schöpfen. Kein Wort hatte sie denen von Tina erzählt, obwohl die Gedanken in ihrem Kopf Karussell gefahren waren und sie sich vor Angst kaum hatte konzentrieren können ...
Und heute Morgen war die Erinnerung gekommen.
Vor fünf Tagen hatte schon mal so ein Papier unter der Matte gelegen. Sie hatte dem jedoch keine Beachtung geschenkt, es für einen kindischen Scherz gehalten. Oder für einen Werbezettel. Die ordentliche, schnörkelige Schrift wirkte fast wie gedruckt. Sie hatte nur einen flüchtigen Blick darauf geworfen. Sich einen Moment über die makabere Botschaft gewundert. Irgendetwas mit Schicksal spielen und Wahl treffen. Deine Mutter oder deine Freundin. Dann hatte Tina zum Frühstück gerufen und sie hatte den Wisch weggeworfen.
Aber wohin?
Sie hatte schon die ganze Wohnung umgepflügt und in ein einziges Chaos verwandelt. Jetzt sah es auf dem Vorplatz des Mietshauses nicht besser aus. Mit dem Ärmel wischte sie sich über die nassen Wangen und rappelte sich mühsam hoch. Während sie die Papiere einsammelte, überlegte sie, ob Tina nicht doch irgendwo stecken könnte, wo es ihr gut ging. Sie musste unbedingt sicher sein, bevor sie dem Unbekannten ihre Entscheidung übermittelte. Schicksal spielen musste. Jemanden dem Tode auslieferte. Welch absurder Gedanke.
Monströs. Nicht real.
... wenn sie den Toten nicht gefunden hätte. Angekettet an der Felswand. Das Gesicht furchtbar zerstört. Mit Wunden am ganzen Leib.
Gestern, nach dem Fund der Leiche, hatte sie alle Freunde und Bekannten durchtelefoniert. Sogar Tinas Schwester in Berlin, die keinen festen Wohnsitz hatte – nur ein Handy – und zu der seit Ewigkeiten kein Kontakt mehr bestand. Aber niemand wusste etwas. Sie war wie vom Erdboden verschwunden. Gut, es war möglich, dass sie sich bei jemandem versteckte und derjenige gelogen hatte, um sie zu decken. Oder dass sie doch bei ihrer Mutter war. Die hatte sie nämlich noch nicht kontaktiert. Sie würde sowieso nicht ans Telefon gehen oder gleich wieder auflegen. Lillian angelte nach einem Reklameblättchen, das sich in einem Busch verfangen hatte. Vielleicht sollte sie bei der fetten Kröte vorbeigehen. Klingeln und sich als Postbote ausgeben. Dann hoch zur Wohnung und direkt den Fuß in die Tür stellen, wenn sie geöffnet wurde.
Und wenn Tina dort nicht war, würde sie bei ihrer Arbeit vorbeischauen. Möglicherweise war die Freundin heute zum Dienst erschienen, oder die Kollegen wussten wenigstens, wo sie war.
Das Pläneschmieden gab ihr wieder etwas Zuversicht und den Hauch der Hoffnung, dass sich alles als böser Scherz entpuppen würde. Trotzdem konnte sie das Gefühl, dass Tina irgendwo von einem Verrückten gefangengehalten wurde, nicht abschütteln. Dann schalt sie sich einen Dummkopf, dass sie solche Schauermärchen glaubte. Realistisch betrachtet kamen Psychopathen, die Menschen verschleppten, folterten und töteten, nur in Filmen vor. Für den Toten in der Höhle und Tinas Verschwinden gab es bestimmt eine plausible, harmlose Erklärung.
Gleich nach dem Mittagessen würde sie bei Tinas Mutter aufschlagen. Und wenn die Freundin nicht dort war, würde sie auf die andere Rheinseite fahren und Nachforschungen anstellen.
Im Falkennest.
7 Detektei
Rüngsdorf
Nachdem Silvio Petrescu gegangen war, überprüfte Laura direkt die Angaben des neuen Klienten. Die psychiatrische Anstalt war in einem Schloss mitten im Wald untergebracht, die nächste Ortschaft lag sieben Kilometer weit entfernt. Die Anlage wirkte märchenhaft, idyllisch, doch im Zusammenhang mit der Horrorgeschichte über den Red Room jagte ihr der Anblick kalte Schauer über den Rücken. Eine solche Abgeschiedenheit bot viel Freiraum für Menschen, die andere in ihrer Gewalt hatten und nichts Gutes im Schilde führten.
Es klopfte an der Bürotür und Laura schreckte von den Recherchen hoch. Sie war so vertieft gewesen, dass sie gar nicht gehört hatte, dass Marek zurückgekommen war.
„Busy?“
„Nein, komm rein.“
„Ein neuer Fall?“
„Denke schon. Eine ziemlich gruselige Angelegenheit.“
„Worum geht es?“
„Rebecca Lehmann, relativ jung, wird seit ein paar Jahren in einer Anstalt betreut und unser Klient befürchtet, sie könne dort gegen ihren Willen festgehalten werden. Schlimmer noch, es ist möglich, dass sie vor zahlenden Zuschauern im Internet aufs Furchtbarste gequält und vielleicht sogar getötet werden soll.“
Marek zog die Augenbrauen hoch.
„Unserem Klienten wurde ein Link zugespielt und er hat für kurze Zeit einen Stream im Darknet sehen können, in dem einem Mann etwas Abartiges angetan wurde. Zusammen mit der Nachricht, dass Rebecca die Nächste ist. Wir sollen überprüfen, was an der Sache dran ist.“
„Ein Red Room? Nicht wirklich, oder?“
„Du hast schon von Red Rooms gehört? Petrescu meinte, die seien eigentlich ein Mythos. Aber das, was er gesehen hat, sah echt aus. Mir hat er nur einen Screenshot von der Szene gezeigt, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Vielleicht ist es ein Fake.“
„Es wurde jedenfalls eine Legende um Red Rooms gesponnen. Du weißt ja, es gibt nichts, was es nicht gibt. Ist der Kerl glaubwürdig?“
„Ja, da bin ich mir sicher.“
„Die Sache gefällt mir nicht. Ich habe ein mieses Gefühl dabei. Du musst vorsichtig vorgehen, ok?“
„Ja, Papa, ich steige nicht in den fensterlosen Van, nur weil der liebe Mann mir Süßigkeiten anbietet.“ Laura verdrehte die Augen und wechselte das Thema. „Wie ist es bei dir gelaufen? Hast du herausgefunden, wohin Gilda gefahren ist?“
„Ja, ich weiß, wo sie ist.“
„Und? Warum so ernst? Mach’s nicht so spannend.“
„Sie ist nach Johannesburg geflogen.“
Laura starrte ihn einen Augenblick an, dann wurde ihr die volle Tragweite der Information bewusst.
„Verdammte Scheiße!“
Der Detektiv nickte.
„Marek, wir müssen sie sofort da rausholen.“
Er nickte wieder. „Sehe ich auch so.“
„Oh Gott, sie ist seit Freitag dort. Und wir haben nichts von ihr gehört. Ich darf gar nicht daran denken, was schon alles passiert sein kann. Mir wird ganz schlecht. Ist sie jetzt völlig wahnsinnig geworden?“
„Sie ist auf jeden Fall sehr mutig.“
„Mutig?“ Laura funkelte ihn an, als wäre er derjenige, der auf dem Weg nach Südafrika ertappt worden war. „Sie ist erst einundzwanzig. Will ihr Abitur an der Abendschule nachholen. Hatte noch nie einen festen Freund. Und dann setzt sie sich einfach ins Flugzeug, um in Afrika zwei skrupellose Killer zu jagen? Zwei sadistische Mörder, die sie werweißwie gequält haben und denen sie gerade erst mit knapper Not entkommen ist? Haben die ihr nicht schon genug angetan? Was denkt sie eigentlich, wer sie ist? Supergirl? Wonderwoman?“
„Beruhige dich.“ Er wollte ihr die Hand auf die Schulter legen, doch sie schlug sie weg. Stattdessen tigerte sie mit aggressiven Schritten durch das Büro.
„Was will sie dort erreichen? Die Killer am nächsten Baum aufknüpfen?“
Marek grinste schief. „Ich glaube nicht. Und das weißt du auch. Sie will Gerechtigkeit. Nicht nur für sich - auch für Kitty.“
Kitty war eine südafrikanische Studentin, die in Johannesburg von den Männern vor laufender Kamera enthauptet worden war. Bei dem letzten großen Fall der Detektei hatte eine Klientin Gilda das Video gezeigt, weil sie ebenfalls von den Killern bedroht wurde.
„Die beiden sind mit ihren Untaten davongekommen und das möchte sie nicht zulassen“, fügte er hinzu.
Laura warf die Arme in die Luft. „Es ist alles meine Schuld. Bereits bei ihrem allerersten Einsatz ist sie ganz allein in das Lager spaziert, direkt ins Verderben gelaufen und wäre fast dabei umgekommen. Ich hätte es damals schon wissen müssen, dass sie nicht für den Job als Detektivin geeignet ist.“
„Oh doch, das ist sie. Sie hatte den richtigen Instinkt und hat sich von der Gefahr nicht abschrecken lassen. Und sie hat nicht kopflos gehandelt, sondern wohlüberlegt. Es gibt nicht viele solche Menschen. So etwas kannst du nicht lernen. Es ist ein Talent, eine Begabung. Oder eher eine Charaktereigenschaft. Sie ist ein zähes Biest.“
Laura schnaubte. „Nachdem der Fall damals abgeschlossen war, hat sie auch im Alleingang den Sadisten gejagt und damit für uns alle die Hölle heraufbeschworen. Das nennst du wohlüberlegt? Und ich Dummkopf habe sie auch noch ständig mit ihrem Hang zur Selbstjustiz aufgezogen. Weil ich dachte, sie hätte aus der Geschichte gelernt. Und weil ich sichergehen wollte, dass so etwas nie wieder vorkommt. Schön blöd. Jetzt haben wir den Salat. Wahrscheinlich ist sie längst tot.“ Sie trat gegen den Rucksack, der neben dem Schreibtisch lehnte, und schreckte Friedi auf, der unter dem Tisch gelegen und ein Schläfchen gehalten hatte. Sein erschrockener Japser brachte sie zur Besinnung. „Tut mir leid, mein Kleiner. Das wollte ich nicht.“ Sie kniete sich zu ihm und streichelte über das rotbraune, weiche Fell. Dann sah sie zu Marek hoch. „Wir müssen sofort nach Johannesburg fliegen und sie retten.“
Marek nickte. „Ja, jemand sollte ihr helfen. Aber unauffällig. Ich mache das allein. Wenn wir dort zu mehreren auftauchen, gefährdet das die Mission. Womöglich noch mit dem Frauenheld Drake, unserem halbstarken Justin und der schillernden Barbara im Schlepptau. Wir würden auffallen wie eine Zirkustruppe.“
Laura musste unwillkürlich lächeln, dann verdüsterte sich ihre Miene wieder. „Wo ist Barbara überhaupt? Wahrscheinlich ist sie mit Gilda nach Afrika gefahren. Ich habe das ganze Wochenende nichts von ihr gehört und heute hat sie sich auch nicht blicken lassen.“
„Sie muss sich nicht bei dir abmelden. Sie ist deine Freundin, nicht deine Mitarbeiterin. Bei unseren Fällen ist sie unglaublich hilfreich mit ihren Kontakten, aber ihr Job ist immer noch Pianistin, nicht Detektivin.“
„Hör auf zu predigen, das weiß ich doch. Aber es ist schon ewig nicht mehr vorgekommen, dass sie sich so lange nicht meldet. Selbst von ihren Konzerttouren schickt sie mir zwischendurch mal eine Nachricht. Irgendetwas stimmt da nicht.“
„Was auch immer Barbara treibt, sie ist jedenfalls nicht mit nach Johannesburg geflogen. Das weiß ich aus sicherer Quelle, nämlich von Gildas Vater. Aber jemand anderes ist mitgefahren ...“
Laura sah ihn misstrauisch an: „Hör auf mit den dramatischen Pausen. Wer?“
„Maria.“
„Oh. Mein. Gott.“
8 SIPE Solutions
Bonn
Gerade die Menschen, denen man am meisten vertraut, können einem den größten Schaden zufügen.
Silvio Petrescu betrat das moderne Bürogebäude aus Beton und Glas und sah sich in seinem Reich um. Das einzig Klassische war der Empfangstresen direkt am Eingang. Ansonsten wirkte die Halle wie das Loft eines YouTube-Clans. Schreibtische mit den allerneuesten Computern und ergonomischen Gamerseats wechselten sich ab mit Billard- und Kicker-Tischen, ausufernden Sofa-Landschaften und einer blau beleuchteten Kaffee-Insel. Die Tür im hinteren Bereich führte zum Fitnessraum und zur Trainingshalle, in der alle möglichen Wettbewerbe von Basketball bis zum Drohnenfliegen stattfanden, auf der gegenüberliegenden Seite befand sich die Kantine, in der die Mitarbeiter rund um die Uhr kostenlos essen konnten und in der, obwohl gesunde Kost aus der Region angeboten wurde, Pizza und Pommes auf der Beliebtheitsskala ganz oben standen. Eine IT-Firma lebt von den kreativen Köpfen und Inspiration braucht Abwechslung und Freiraum. Er hatte sich an den Firmen des Silicon Valley orientiert, die bei den Mitarbeitervorteilen neue Standards in der Arbeitswelt gesetzt hatten, und festgestellt, dass die Kosten überschaubar, die Vorteile hingegen immens waren. Es wirkte sich sogar auf die Loyalität aus, was in einem innovativen IT-Unternehmen von unschätzbarem Wert war.
Trotzdem hatte er ein Auge auf seine Leute.
Ganz im Sinne Lenins: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Er kannte ihre Stärken und Schwächen, ihre Vorlieben, ihre Achillesfersen, wusste, was sie in ihrer Freizeit trieben. Wenn er jemandem begegnete, listeten sich die zugehörigen Informationen automatisch vor seinem inneren Auge auf wie bei einem Computer. Auch die trivialen. Und auch bei den Personen, mit denen er intensiveren Umgang hatte. In seinem Business konnte man nie wissen, wer oder was plötzlich zum Verhängnis werden konnte. Und gerade die Menschen, denen man am meisten vertraute, konnten einem den größten Schaden zufügen.
„Hi, Silvio!“
Vor ihm stand seine Chefprogrammiererin. Augenaufschlag, Lächeln, Haarsträhne hinter das Ohr streichend.
* Kim
* Mutter Chinesin
* Siebenundzwanzig
* Faible für Markenfashion
* Zwei jüngere Schwestern, eine davon auf Droge
* Las Physikbücher
* Trieb sich wochenends in den eher verruchteren Klubs von Köln herum
* Teilte sein Bett, wenn es sich ergab.
* In der letzten Zeit allerdings nicht mehr.
„Hi, Kim.“
„Du siehst aus, als hättest du viel um die Ohren. Vielleicht brauchst du ein bisschen Abwechslung? Ich könnte mich heute Abend frei machen. Was meinst du? Lieblingsitaliener? Und später ... Nachtisch ... bei dir?“
„Hast du einen Lösungsansatz für Modul 2 gefunden?“ Er wusste, wie er seine Mitarbeiter wegschrecken konnte. Und aufdringliche Angebote.
Ihr Lächeln verschwand schlagartig. „Ich bin dabei. Du hast gesagt, wir haben Zeit bis übermorgen.“
„Stimmt. Aber dann muss es stehen. Ich möchte nicht erst am letzten Tag erfahren, dass wir es nicht geschafft haben.“
„Natürlich. Ich mache mich direkt wieder an die Arbeit.“ Sie flüchtete regelrecht vor ihm an ihren Schreibtisch.
Gut so.
Er steuerte die Kaffeeinsel an, nahm eine Tasse aus dem Schrank und zog sich einen Espresso.
„Silvio, hast du eine Minute?“
Es musste wichtig sein, wenn man ihn beim Kaffee störte. Jeder seiner Mitarbeiter wusste, dass er das nicht leiden konnte. Er drehte sich um.
„Worum geht es, Dani?“
* Daniel
* Neunundzwanzig
* Keine romantischen oder sexuellen Beziehungen
* Nennenswerte, bisher nicht recherchierbare Lücke im Lebenslauf
* Ausbildung als Tischler
* Naturtalent beim Auffinden von Bugs in IT-Systemen
* Verbrachte die Abende zu Hause mit seiner Mutter
* Faible für Döner und asiatische Pornos
„Die Wirtschaftsprüfer.“ Daniel war kein Freund vieler Worte.
„Ja?“
„Sie wollen Informationen über Loki.“ Der Mitarbeiter sah an ihm vorbei, die Arme vor der Brust verschränkt, die Füße schulterbreit auseinander fest auf dem Boden. Wie Superman. Nur mit weniger Muskeln. Und ohne Cape. ... und ohne Blickkontakt.
„Es gibt kein solches Projekt.“ Er sprach betont leise.
„Ich weiß.“ Daniel fuhr sich beiläufig über die blonden, auf drei Millimeter herunterrasierten Haare. „Sie haben trotzdem danach gefragt.“
Silvio sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an, doch der Mitarbeiter erwiderte seinen Blick nicht. Das wirkte allerdings nicht unsicher. Eher desinteressiert. Sogar fast ein bisschen bedrohlich.
„Keine Ahnung, wo sie es her haben. Jedenfalls möchten sie die Akten. Was soll ich tun?“
„Ganz einfach. Da es das Projekt nicht gibt, können wir ihnen auch keine Unterlagen geben.“
Er legte ihm die Hand auf die überraschend muskulöse Schulter und drückte zu. Nicht fest. Nur so nachdrücklich, dass die Bedeutung der Botschaft klar wurde. Plötzlich sah ihn Daniel direkt an und Silvio musste sich zwingen, nicht zurückzuweichen. Ihm fiel auf, wie blau diese Augen waren. Und wie eisig. Zwei Gletscherseen. In denen das Sonnenlicht auf der Wasseroberfläche funkelte, aber nur für einen kurzen Moment darüber hinwegtäuschte, dass in einer solchen Kälte kein Wesen überleben konnte.
Er rief sich zur Ordnung, schüttelte unmerklich den Kopf, um die Gedanken zu verscheuchen, und zog seine Hand bewusst langsam zurück.
Daniel wandte den Blick wieder ab, drehte sich um und begab sich ohne weiteres Wort zu seinem Platz.
Silvio sah ihm nach, bis er hinter der Wand aus Monitoren, die wie ein Bollwerk auf dem Schreibtisch arrangiert waren, aus dem Blickfeld verschwunden war.
Irgendwo musste es eine undichte Stelle geben.
Und irgendjemand hatte ihm den Link zu diesem Red Room geschickt.
Jemand, der sich gut im Darknet und mit Computern auskannte.
9 Panoramapark
Rüngsdorf
Marek hatte sich in sein Büro verzogen, um die Reise vorzubereiten und ein paar Telefonate zu führen. Laura war sicher, dass er nicht nur Flüge buchen, sondern auch seine geheimnisvollen Kontakte aus früheren Zeiten mobilisieren wollte, um an Informationen zu kommen. Am liebsten hätte sie sich neben ihn gehockt und zugehört, aber sie wusste, dass er das nicht zulassen würde. Die Voraussetzung für die gegenseitigen ‚Gefallen‘ war absolute Diskretion. Und sie respektierte das. So sehr die Neugier sie auch manchmal umtrieb.
Da sie sich nicht auf den neuen Fall konzentrieren konnte, beschloss sie, mit dem Hund einen Spaziergang und damit ihren Sorgen und ihrem Ärger im wahrsten Sinne des Wortes Luft zu machen.
Friedi schlug wedelnd den Weg zum Panoramapark ein und die Bewegung durch den klaren, kalten Februarmorgen lichtete die Nebel in ihrem Gehirn. Marek hatte recht. Je schlimmer die Krise, desto wichtiger war es, einen kühlen Kopf zu behalten. Und es brachte nichts, wenn sie mit nach Südafrika fuhr. Was konnte sie dort schon ausrichten? Der erste Detektiv war derartige Aktionen gewohnt, er hatte bereits weitaus dramatischere Missionen überstanden und zu einem guten Ende gebracht. Wobei er nie davon erzählt hatte. Sie schloss es nur aus den Andeutungen, die er im Laufe der Zeit gemacht hatte. Es war ihr allerdings nie ganz klar gewesen, ob es zu seinen Aufgaben gehört hatte, Personen zu retten oder eher auszuschalten. Aber sie wusste, dass er zu beidem in der Lage war.
Sie hatte es selbst miterlebt.
Beides.
Friedi bog in den Park ein und zog sie vom Spazierweg weg auf die Rasenfläche. Laura sah sich um und stellte fest, dass keine Hunde unterwegs waren.
„Komm her, Friedi.“ Sie zog den Dackel zu sich heran und hakte die Leine aus. Sofort steuerte er wedelnd, die Nase dicht am Boden, auf ein Gebüsch zu. So malerisch der Park bei Tageslicht war, er war nachts auch ein beliebter Treffpunkt für Kiffer und Dealer und letzten Sommer hatte Gilda hier sogar hinter einem Busch eine Leiche gefunden. Ein junges Mädchen, nackt, auf allen vieren, den weißen, voluminösen Po wie einen Vollmond gen Himmel gestreckt. Und die Kehle durchgeschnitten. Obwohl Laura die Tote nicht selbst gesehen hatte, ging ihr das Bild, das Gilda so anschaulich beschrieben hatte, nicht aus dem Kopf und sie musste jedes Mal daran denken, wenn sie hier spazieren ging.
Ihre Gedanken wanderten zu ihrer Assistentin. Marek hatte sie beruhigen wollen damit, dass Gilda ein zähes Biest sei. Im Moment wollten ihr jedoch nur die sanften und weichen Seiten des Mädchens einfallen. Ihre Hilfsbereitschaft, die sprühende gute Laune und das Kümmer-Gen, das ihr von der süditalienischen Familie mitgegeben worden war. Doch offensichtlich hatte sie auch den fatalen Hang zur Vendetta geerbt. Natürlich ging es ihr nicht um Blutrache im wörtlichen Sinne, aber sie ruhte nicht, bis alle Rechnungen beglichen waren.
Dass ausgerechnet Maria mit Gilda nach Südafrika gefahren war, war die Vollkatastrophe. Die Agentin war Mareks frühere Kollegin und im Gegensatz zu ihm weiterhin in dem Business tätig. Was auch immer das für eins war. Ihre langen, dunklen Haare, die Wahnsinnsfigur und das makellose Gesicht täuschten nur Augenblicke darüber hinweg, dass sie kaltblütig, skrupellos und gefährlich war. Lauras Gefühle ihr gegenüber waren gemischt. Sie mochte die direkte, unkomplizierte Art, hatte aber auch einen Heidenrespekt vor ihr und war froh, nicht allzu häufig mit ihr zu tun zu haben. So wie man eine Löwin durch die Stäbe eines Käfigs bewundert, ihr jedoch nicht in freier Wildbahn begegnen möchte.
Wäre Gilda allein in Südafrika, hätte es die Chance gegeben, dass sie sich noch zurechtfinden musste und bisher nichts hatte ausrichten können. Da aber Maria dabei war, zweifelte Laura nicht eine Sekunde daran, dass sie den beiden Mördern schon längst dicht auf den Fersen waren.
Ein Albtraum.
Sie beschleunigte die Schritte, dann stoppte sie abrupt. Es half nichts, in dieser Gedankenschleife zu verharren. Marek würde sich der Sache annehmen und alles würde gut werden. Sie musste die Detektei am Laufen halten und sich auf die Themen konzentrieren, die hier auf sie warteten. Den neuen Red Room Fall und die Erpressungsgeschichte mit Friedi.
Friedi, den sie nicht wieder hergeben würde.
Koste es, was es wolle.
10 SIPE Solutions
Bonn
Daniel Schulz stützte den Kopf in die Hände und starrte auf den Monitor. Die tanzenden Quadrate des Bildschirmschoners wirkten hypnotisierend und hatten ihm schon oft dabei geholfen, die Umgebung auszublenden und seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Diese verdammten Aggressionsattacken, die ihn hinterrücks überfielen und in ein cholerisches, zerstörerisches Monster verwandelten, das ihm selbst fremd war. Er verabscheute sich dafür, dass er sich manchmal nicht im Griff hatte und die Beherrschung verlor. Natürlich arbeitete er dagegen an. Schon seit langer Zeit.
Aber von seinem Ziel war er noch weit entfernt.
Durch die gepolsterte Tür der Turnhalle drang gedämpft das Gelächter der Kollegen. Sie veranstalteten wieder irgendeinen Wettbewerb, so wie es klang, Basketballweitwurf, und demonstrierten, wie viel Spaß sie hatten. Ohne ihn. Wie immer. Ihr aufgesetztes Theater nervte und ihre ‚Wir-sind-alle-coole-erfolgreiche-Silicon-Valley-People-und-nehmen-nichts-ernst‘-Attitüde stieß ihn einfach nur ab. Trotzdem beneidete er sie um die Unbeschwertheit, diese Lebensfreude. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das zuletzt gehabt hatte.
Oder ob er das überhaupt jemals hatte.
Seine besten Zeiten waren nachts vor dem Computer. Wenn er sich ungestört und meist unbemerkt durch die unendlichen Weiten der virtuellen Welt bewegen konnte. Wo er der Mensch sein konnte, der er sein wollte. Wo die Optionen unbegrenzt waren und er die Regeln machte. Dort hatte er sich auch die Fähigkeiten angeeignet und die Voraussetzungen geschaffen, die es ihm ermöglicht hatten, überhaupt wieder ein Leben im Real Life beginnen zu können. So erbärmlich sein Dasein auch war. Doch ohne das Ausradieren der Spuren seiner Vergangenheit in der amtlichen Bürokratie und im Netz hätte er weder seinen Wohnort beibehalten noch diesen Job annehmen können. Die beiden Faktoren, die ihm Halt gaben und ihn davor bewahrten, wieder ins Bodenlose zu stürzen.
Doch jetzt gab es das Projekt Loki.
Es konnte sein ganzes Leben durcheinanderbringen und er wusste nicht, wie er vorgehen sollte. Natürlich hatte er sofort, als er mitbekommen hatte, was da vor sich ging, Maßnahmen eingeleitet. Aber sie hatten nicht gefruchtet. Wahrscheinlich musste er mit härteren Bandagen kämpfen, gegebenenfalls bis zum Äußersten gehen. Doch die Scheißwut lähmte sein Gehirn, ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen. Dabei war Gefahr im Verzug. Er musste etwas tun, um den Kopf frei zu kriegen und wieder funktionsfähig zu werden.
Und da gab es nur ein Mittel.
Er löste den Blick vom Monitor und sah sich um. Fast alle Plätze waren verwaist. Nur Kim saß an ihrem Schreibtisch. Die kalte, aufgebrezelte Asiatin, die Silvio anschmachtete. Und vermutlich dachte, keiner würde die schmutzige, kleine Affäre mitbekommen.
Dabei war es unübersehbar.
Sie hielt den Kopf über einen Schreibblock gebeugt, trommelte mit dem Kugelschreiber auf die Tischplatte und wickelte eine schwarzglänzende Strähne um den sorgfältig manikürten Finger. Und war so vertieft, dass sie gar nicht merkte, wie er sich ihr näherte, unablässig den Blick auf die schimmernden, langen Haare gerichtet. Als wäre er unsichtbar. Und vielleicht war er das ja auch.
Doch dann sah sie plötzlich hoch.
Und lächelte ihn an.
11 Barbaras Wohnung
Südstadt
Diese große Liebe hat ihren Weg gefunden, aber aus deinem Leben hinaus.
Laura betätigte mehrmals die Klingel, aber es kam keine Reaktion. Schließlich machte sie es wie ihr neuer Klient, Silvio Petrescu, und drückte den Knopf zum Dauerläuten durch. Endlich ertönte der Türsummer und sie betrat das sorgfältig renovierte Treppenhaus mit den original Jugendstilfliesen in leuchtenden Pastellfarben.
Während sie die Stufen erklomm, wappnete sie sich für die Möglichkeiten, wie sie Barbara antreffen könnte. Vielleicht nackt in ein Bettlaken gehüllt, die Haare zerzaust und den Liebhaber im Schlafzimmer? Oder krank mit fiebergeröteten Wangen und Schal um den Hals?
Doch die Realität stellte alle Überlegungen in den Schatten.
„Du lieber Himmel!“
Laura schlug die Hand vor den Mund, um weitere unbedachte Äußerungen zu unterbinden. Die Gestalt, die ihr die Tür öffnete, hatte so gar nichts mit der glamourösen Pianistin zu tun, die sonst immer perfekt gestylt und voller Energie war.
„Wurdest du von einem Zombie gebissen?“
Es war als flapsige Bemerkung gedacht und traf mehr ins Schwarze, als ihr lieb war.
„Wenn du damit sagen möchtest, dass mein Leben zu Ende ist, dann hast du recht.“
Auch die Stimme schien nicht der Freundin zu gehören. Heiser, matt, ohne jeden Lebensmut.
Laura schloss die Tür hinter sich und folgte ihr in das Wohnzimmer.
„Du läufst sogar wie ein Zombie. Bist du krank?“
Barbara ließ sich auf das Sofa fallen, legte den Kopf auf die Rücklehne und starrte an die Decke.
Die Detektivin erfasste die Situation mit einem Blick, trat an den Couchtisch, sammelte zwei leere Weinflaschen, ein halb volles Glas und jede Menge benutzte Papiertaschentücher ein und trug sie in die Küche. Hier sah es nicht besser aus: Eine Respekt einflößende Anzahl leerer Flaschen stand neben dem überquellenden Mülleimer, in der Spüle stapelte sich das Geschirr mehrerer Tage.
Es war klar, was passiert war.
Laura kannte die Symptome von sich selbst. Wegen eines letztlich selbst verschuldeten Schicksalsschlags, der ihren Lebenstraum wie eine Seifenblase hatte zerplatzen lassen, war sie lange durch ein tiefes, dunkles Tal geirrt, bis sie endlich die Kraft gefunden hatte, ins Leben zurückzukriechen. Barbara hatte damals zu ihr gestanden, ihr nächtelang zugehört, ohne zu urteilen oder genervt zu sein, und sie mit Vorräten versorgt. Jetzt war es Lauras Job, diese Fürsorge zu erwidern. Ihr mit Rücksicht und Verständnis zu begegnen. Die Detektivin holte eine frische Mülltüte aus dem Schrank unter der Spüle und pfefferte die Abfälle hinein.
Verständnis war die größte Herausforderung, sie würde heucheln müssen, was das Zeug hielt. Und das war nicht ihre Stärke.
Aber sie war es der Freundin schuldig.
Sie stellte die Kaffeemaschine an, legte eine Kapsel ein und ließ das aromatisch duftende Gebräu in die Tasse laufen. Ein Blick in den Kühlschrank zeigte, dass es nicht nur an Milch fehlte. Außer einem Glas Marmelade und einer halb ausgequetschten Tube Senf befand sich darin nur gähnende Leere.
Zurück im Wohnzimmer öffnete Laura ein Fenster und ließ beißend kalte Vormittagsluft rein. Barbara, die normalerweise duftete wie eine Mischung aus Vollmilchschokolade, schillerndem Regenbogen und Erdbeeren mit Sahne, schien das Badezimmer in den letzten Tagen gemieden zu haben. Laura stellte die Tasse vor sie auf den verklebten Couchtisch und hockte sich auf die Kante eines Sessels.
„Das tut mir unendlich leid für dich.“
Es schien ein guter Anfang zu sein, denn die Freundin gab ein leises Seufzen von sich und änderte kaum wahrnehmbar die Liegeposition.
„Trink den Kaffee. Der hilft immer.“
„Es ist alles egal.“
„Ich weiß.“ Laura nickte mitfühlend. „Aber es kommen auch wieder andere Zeiten. Ganz bestimmt. Und dann wirst du sehen, dass es das Beste für dich ist.“
Bereits während sie den letzten Satz sagte, wusste sie, dass sie einen Fehler begangen hatte.
„Das Beste?“ Jetzt kam mehr Leben in die Freundin, als der Detektivin lieb war. „Ich habe das Beste, was mir je passiert ist, verloren. Für immer. Jetzt hat alles keinen Sinn mehr.“
„Eure Beziehung hatte nie eine Zukunft. Valentin versteckt sich im Untergrund und wird von der Polizei gesucht. Er hätte dein Leben zerstört.“
„Er IST mein Leben. Dadurch, dass er gegangen ist, ist es zerstört. Man lebt nicht in den paar Augenblicken, wo man mal ein Konzert gibt oder eine Reise macht. Man lebt jeden Tag, an dem man neben dem allerliebsten Menschen aufwacht und in seine Augen sieht.“
Laura atmete tief durch.
Und warf alle guten Vorsätze über Bord.
„Du bist aber nicht jeden Morgen neben dem allerliebsten Menschen - der übrigens ein Krimineller ist und Werweißwas auf dem Kerbholz hat - aufgewacht. Das war keine richtige Beziehung. Ihr kennt euch nur virtuell. Du weißt nicht, wie er riecht, wie er sich anfühlt, welche Angewohnheiten er hat, wie er dreidimensional aussieht.“
Barbara schüttelte heftig den Kopf. „Ich kenne ihn besser als jeder andere. Und er mich. Ich muss einen Weg zu ihm finden.“
Laura winkte ab. „Es bleibt, dass er nur eine Ansammlung von Textnachrichten, Fotos und Videochats ist. Eine Illusion, die sich in deinem Hirn festgesetzt hat. Das Ganze war vom ersten Augenblick an zum Scheitern verurteilt.“
„War es nicht! Eine so große Liebe ist Schicksal und findet ihren Weg!“
„Tatsächlich? Du vergisst, dass er anderer Ansicht ist. Denn er hat Schluss gemacht. Diese große Liebe hat ihren Weg gefunden, aber aus deinem Leben hinaus.“
Barbara starrte sie einen Augenblick fassungslos an, dann sank sie in sich zusammen. Es schien, als wollte sie in Tränen ausbrechen, doch die Augen blieben trocken und der Mund stumm. Wahrscheinlich hatte sie in den letzten Tagen so viel geweint, dass keine Flüssigkeit mehr übrig war. Laura verfluchte sich innerlich. Sie war eine schöne Freundin. Man hatte ihr immer wieder gesagt, dass sie unsensibel und zu direkt war. Und sie hatte versucht, daran zu arbeiten. Offensichtlich erfolglos, wie sie sich zerknirscht eingestehen musste. Anstatt Barbara aufzurichten, hatte sie ihr den letzten, entscheidenden Stoß in den Abgrund versetzt.
Jetzt half nur Pragmatismus. Oder besser noch: Humor.
„Es tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen sollen. Du kennst mich ja, ich ruiniere jeden unpassenden Augenblick mit einer romantischen Bemerkung.“ Sie machte eine Pause, um der Freundin Gelegenheit zu geben, über den Scherz zu lachen, doch die ignorierte sie und brütete weiter vor sich hin. „Lass uns heute Abend in Ruhe darüber reden, ok? Ich lade dich ein zu jeder Menge Alkohol und ausführlichen Gesprächen ohne blöde Kommentare. Wir finden eine Lösung.“
Barbara zuckte mit der Schulter und Laura legte nach: „Ich brauche deine Hilfe. Gilda ist nach Johannesburg geflogen und hat sich in tödliche Gefahr begeben, Marek will hinterher reisen, um sie zu retten, Drake ist nicht von seinem Manuskript wegzulocken und ich sitze alleine da, versuche einen neuen Fall zu lösen und außerdem zu verhindern, dass man mir Friedi wegnimmt. Du kannst jetzt nicht auch noch ausfallen. Bitte, lass mich nicht im Stich!“
„Du übertreibst.“
„Nein, es ist wirklich so. Du musst mit mir mitkommen, ich erzähle es dir nachher im Auto. Aber zuerst gehst du ins Badezimmer und wechselst unter der Dusche den Zombie gegen die strahlende Pianistin aus. Ich besorge in der Zwischenzeit etwas Vernünftiges zu essen. Und dann hilfst du mir, ein paar Probleme zu lösen.“
12 Wohnung von Tinas Mutter
Tannenbusch
Lillian zog das Baseballcap in die Stirn, steckte die blonden Haare in den hochgeklappten Kragen der Jacke, klingelte und senkte den Kopf. Falls die fette Kröte aus dem Fenster guckte, sollte sie glauben, es wäre der Postbote. Der Summer ertönte, sie drückte die Tür auf und betrat das düstere, muffige Treppenhaus. Hastig quetschte sie sich an einem Kinderwagen vorbei, dann nahm sie immer zwei Stufen auf einmal und eilte die Treppe hinauf. Sie musste unbedingt vor Tinas Mutter an der Wohnungstür sein. Wenn die sie zu früh erkannte, würde sie ihr die Tür vor der Nase zuknallen und alles war verloren.
Mit klopfendem Herzen lehnte sie sich neben der Wohnungstür an die Wand und unterdrückte das Keuchen. Von drinnen näherten sich watschelnde Schritte, der Schlüssel wurde zweimal im Schloss gedreht, die Tür öffnete sich einen Spalt. Ohne zu zögern, drückte Lillian sie vollends auf, stellte einen Fuß neben das Türblatt und schubste Tinas Mutter zurück in die Wohnung.
Die Überraschung war ihr gelungen, die korpulente Frau ließ sich, ohne einen Mucks von sich zu geben, ins Wohnzimmer bugsieren. Erst als die Wohnungstür ins Schloss fiel, wachte sie aus ihrer Verblüffung auf.
„Was bilden Sie sich ein!“ Sie griff nach dem nächsten Gegenstand, der ihr in die Finger kam, einem grünen Plüschfrosch, und warf ihn auf den vermeintlichen Angreifer. „Ich rufe die Polizei. Und ich dresch dich windelweich.“
Lillian zog die Kappe vom Kopf. „Ich bin’s, Lillian. Reg dich nicht auf.“
„Bist du wahnsinnig geworden?“ Die fette Kröte riss ein Kermit-Kissen vom Sofa und schleuderte es in ihre Richtung.
„Jetzt beruhige dich. Setz dich hin. Ich will nur mit dir reden. Sonst nichts.“
„Du verlässt sofort meine Wohnung. So ein Überfall ist kriminell. Ich zeige dich bei der Polizei an. Dann kriegst du lesbische Sau endlich die Quittung.“
„Ok, wenn es nicht im Guten klappt, muss ich andere Seiten aufziehen.“ Lillian gab der dicken Frau einen Stoß, sodass die rückwärts auf das Sofa plumpste. „Wo ist Tina?“
„Das fragst du mich? Ihr wohnt doch zusammen und macht im Bett diesen widerlichen Schweinkram.“
„Hör auf mit dem Scheiß. Sie wollte dich gestern besuchen. War sie da?“
„Nein. Sie ist nicht gekommen. Lässt ihre Mutter im Stich wegen einer lesbischen Schlampe.“
„Die Schimpfwörter kannst du dir sparen. Ich habe schon kapiert. Also: Sie war gestern nicht da?“
„Nein.“ Die fette Kröte funkelte sie an, dann veränderte sich langsam der Gesichtsausdruck. Es schien Lillian, als schimmerte Bösartigkeit aus ihren Augen. Gepaart mit Vergnügen. „Sie hat dich verlassen? Ist endlich zu Verstand gekommen?“
„Hat sie nicht.“ Es klang kleinlaut. Das war ein Fehler.
„Sonst wüsstest du, wo sie ist. Und jetzt schleichst du hinter ihr her, um sie zurückzubekommen. Bist grün vor Eifersucht und fragst dich, mit wem sie grade die Laken zerwühlt. Und ich sage dir: Es ist ein Mann. Ein Kerl mit einem dicken Schwanz. Der sie vögelt, bis sie den Verstand verliert, und sie die ganze lesbische Scheiße vergessen lässt.“
„So ist sie nicht.“
Das Auflachen der fetten Kröte troff vor Hohn und Zigaretten und ging in röchelnden Husten über. Sie schien kaum Luft zu kriegen, doch sie hatte ihr Pulver noch nicht verschossen: „Nein? Ich kenne meine Tochter besser. Sie hat schon immer rumpussiert mit den Typen. Seit sie dreizehn ist, war sie jede Nacht unterwegs.“
„Nur, weil sie es bei dir nicht ausgehalten hat“, schoss Lillian zurück.
„Hat sie dir den Quatsch erzählt? Sie hatte es gut hier, ich habe alles für sie getan. Sie war ein glückliches Kind. Mach dir bloß nichts vor, das mit dir ist nur ein Abenteuer. Sie war schon immer neugierig, musste alles ausprobieren. Euer Techtelmechtel ging etwas länger, aber jetzt haben wir es endlich überstanden.“
„Steckst du hinter ihrem Verschwinden?“
„Das wüsstest du wohl gerne ...“ Die kleinen Äuglein glitzerten über den dicken, geröteten Backen.
„Aber wie hast du ihre Tasche in der Höhle platziert? Du verlässt die Wohnung doch nur, um Schnaps im Kiosk an der Ecke zu kaufen oder mit dem Nachbarn einen zu heben.“
Zeichnete sich Verwirrung auf dem runden Gesicht ab? Lillian war sich nicht sicher.
Dann wuchtete sich die fette Kröte von der Couch und stemmte die Arme in die breiten Hüften: „Du verschwindest jetzt und kommst nie wieder, hast du mich verstanden? Und vergiss Tina. Lass sie endlich in Ruhe.“
13 Klinik für Psychiatrie Falkennest
Rhöndorf
Als Laura mit appetitlich feuchtglänzenden Spiegeleiern auf Schwarzbrot und Kräuterquark zurück in die Wohnung kam, war die Freundin wie ausgewechselt. Sie war noch nicht ganz die Alte, aber den Zombie hatte sie abgelegt.
„Hier.“ Die Detektivin stellte den Teller auf den Küchentisch. „Aus dem Café an der Ecke. Iss, bevor es kalt wird.“
Barbara startete zögerlich mit kleinen Bissen, dann legte sie los. Laura räumte derweil die Küche auf und spülte das schmutzige Geschirr. Als der letzte Krümel vertilgt war, lehnte sich die Pianistin zufrieden zurück und endlich zeigte sich wieder Farbe auf den Wangen.
„Du hast zwar keine Ahnung von Beziehungen und du kannst manchmal echt verletzende Dinge sagen ... und denk jetzt bloß nicht, ich hätte dir schon verziehen ... aber die Spiegeleier waren eine super Idee. Anscheinend habe ich das gebraucht.“
Laura zwinkerte ihr als Antwort zu. Auf keinen Fall wollte sie mit einer unbedachten Bemerkung die nächste Katastrophe heraufbeschwören. Sie hängte das Küchenhandtuch an den Haken.
„Können wir?“
„Wir können.“
Während der Fahrt informierte die Detektivin die Freundin über die neuesten Ereignisse. Gildas Eskapaden beunruhigten Barbara nicht allzu sehr und nachdem sie erfahren hatte, dass auch Maria mit von der Partie war, schien sie sich überhaupt keine Sorgen mehr zu machen. Laura konnte das nur auf die Verwirrung durch den Liebeskummer und den Restalkohol schieben.
„Und jetzt fahren wir nach Falkennest, um herauszufinden, ob eine Frau dort gegen ihren Willen festgehalten wird?“ Barbara klappte die Blende herunter, um im Spiegel das Make-up zu kontrollieren, und setzte dann eine übergroße Sonnenbrille auf.
„Genau.“
„Manche Menschen mit Geisteskrankheiten leben in Anstalten, obwohl sie lieber nach Hause möchten, weil es zu ihrem Besten ist. Und oft hat jemand anderes die Entscheidung für sie treffen müssen. Wie erkennen wir den Unterschied zwischen medizinisch begründet und kriminell?“ Die kognitiven Fähigkeiten der Freundin schienen zurückgekehrt zu sein.
„Keine Ahnung.“ Laura zuckte die Schultern. „Improvisieren? Bis jetzt konnte ich mir noch keinen Plan zurechtlegen. Erst die Katastrophe mit Gilda, dann das Thea... ähm, also deine Probleme. Ich hatte noch keine ruhige Minute.“
„Ich kenne den Chef der Anstalt.“
„Das ist ja genial.“
„Ja.“ Barbara lag im Beifahrersitz und starrte durch die Windschutzscheibe.
„Wir sind gleich da.“ Laura fuhr von der Schnellstraße ab, durchquerte die Ortschaft und folgte der gewundenen Straße, die durch den Wald einen Berg hinauf führte. „Da ist es.“ Sie schaltete runter und passierte im Schritttempo ein verwinkeltes, uriges Häuschen, in dem früher vermutlich der Pförtner gewohnt hatte. Dann nahm sie eine Kurve und vor ihnen lag das gewaltige, malerische Schloss.
„Wahnsinn, wie in einem Märchen“, murmelte Laura.
Sie ließ den Wagen auf den leeren Besucherparkplatz rollen und die beiden stiegen aus.
„Ja, beeindruckend. Ich hatte hier schon ein paar Auftritte und kenne es ganz gut. Jedenfalls das Erdgeschoss und den großen Saal.“
„Du hast hier Konzerte gegeben? In dieser ... Anstalt?“
Barbara nickte. „Warum nicht? Allerdings nicht für die Bewohner, sondern für Gäste von außerhalb. Den Bürgermeister und jeden, der aus dem Ort oder der Umgebung kommen wollte. Sie machen das gelegentlich, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu stärken. Nicht jeder fühlt sich wohl mit einem Haufen Geisteskranker in unmittelbarer Nähe.“
Plötzlich ertönte ein Schrei.
Gellend laut und anhaltend. Laura erstarrte. Er hatte nichts Menschliches an sich, einem Tier konnte sie ihn aber auch nicht zuordnen. Ein zweiter Schrei schallte aus der anderen Richtung und aus einem der oberen Stockwerke drang herzzerreißendes Schluchzen.
„Jetzt weißt du, warum sie für Akzeptanz werben.“ Barbara ging ungerührt weiter.
„Sind das Patienten?“
„Natürlich. Was dachtest du denn?“
„Wie konntest du bei dem Lärm ein Konzert geben?“
„An den Abenden war es immer ruhig. Ich habe mich auch schon gefragt, wie sie das anstellen. Vielleicht karren sie sie alle an einen anderen Ort? Oder sie setzen sie unter Drogen?“
Laura schüttelte sich. „Das klingt gruselig. Meinst du das im Ernst?“
Barbara zuckte die Schultern. „Der Eingang ist da vorne neben dem Torbogen.“
Laura folgte der Freundin mit in den Nacken gelegtem Kopf, um das Gebäude zu betrachten. Es schien gut in Schuss, die Fassade strahlte weiß, das Dach war makellos. Die letzte Renovierung konnte noch nicht lange zurückzuliegen. Direkt über ihr befanden sich drei imposante Balkone. Sie waren jeweils auf der ganzen Breite bis zwei Drittel der Höhe durch ein dickes Netz abgesichert. Um einen Schutz gegen Vögel handelte es sich nicht, denn die konnten ohne Schwierigkeiten durch den Spalt unter der Decke fliegen. Außerdem war das Geflecht zu großmaschig.
Plötzlich ertönte erneut ein Schrei, dann sprang ein kräftiger Mann im weißen Sweat-Shirt gegen das Netz des Balkons im ersten Stock, rüttelte wie wahnsinnig daran, warf sich immer wieder dagegen. Dabei starrte er Laura sabbernd an, ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Erschrocken beschleunigte sie die Schritte und schloss zu Barbara auf.
„Du lieber Gott, hast du den Verrückten auf dem Balkon gesehen?“
„Ja, der kann einem schon Angst machen. Aber man sagt nicht ‚Verrückter‘.“
„Tut mir leid, das lag am Schreck. Jetzt weiß ich jedenfalls, wozu die Netze gut sind.“
Das Geschrei begleitete sie noch den ganzen Weg bis zum Eingang und verstummte erst, als sie im Gebäude verschwanden.
Die Freundinnen stiegen die drei breiten Stufen zum Empfang hoch, Barbara nahm die Sonnenbrille ab und ließ Laura den Vortritt.
Eine ältere Dame in makellos gebügelter Bluse und mit nach hinten gezurrtem Pferdeschwanz sah sie über eine rote Lesebrille hinweg fragend an.
„Guten Tag. Wir möchten zu Rebecca Lehmann.“
Laura versuchte sich an einem Lächeln, das nicht erwidert wurde.
„Worum geht es?“
„Das ist privat.“
„Privat.“ Die Dame dehnte das Wort in die Länge, während sie so tat, als würde sie durch ein paar Papiere auf dem Tisch blättern. Dann sah sie hoch: „Ich habe hier keine Information darüber, dass ihr Besuch genehmigt worden ist. Tut mir leid.“ Es tat ihr gar nicht leid.
„Und wenn die Patientin uns sehen möchte?“
„Möchte sie Sie denn sehen?“
„Ganz bestimmt.“
Die Lüge war so offensichtlich, dass sie dem Empfangsdrachen nicht einmal eine Antwort wert war. Zum ersten Mal zeigte sich ein Hauch von Vergnügen in den kühlen, hellgrauen Augen.
Laura seufzte. „Dann würde ich gerne mit dem behandelnden Arzt von Rebecca Lehmann sprechen. Es gibt da ein paar Punkte, die ich mit ihm klären möchte.“
„Sind Sie eine Verwandte?“
„Nein.“
„Das weiß ich. Frau Lehmann hat nämlich keine Angehörigen. Außer einer Tante, aber die kenne ich natürlich persönlich.“
„Genau, Martina Schneider de Molina, Rebeccas Tante, hat uns geschickt, weil die Betreuerin, Tes Müller, keine Zeit hat.“ Die Detektivin warf in ihrer Not mit Namen um sich. Vergebens.
„Dann hätten Sie eine Vollmacht dabei. Den Damen ist das nämlich bekannt. Ich mache es kurz: Wenn Sie keine Verwandten sind, wird auch kein Arzt mit Ihnen reden. Und ohne Termin schon gar nicht.“
„Also mit Termin ginge es doch?“
„Nein. Kein Angehöriger, kein Termin.“
Barbara schob Laura beiseite, stützte beiläufig den Ellenbogen auf die Theke, lehnte sich vor und ließ die Sonnenbrille am Finger schaukeln: „Können wir kurz bei Frieder vorbeischauen? Also bei Professor Kramer? Er wird enttäuscht sein, wenn er hört, dass ich da war und ihn nicht besucht habe.“
„Tatsächlich?“
„Ja, wir kennen uns gut. Er wird sich freuen, wenn wir ihm schnell Guten Tag sagen.“
„Sehr gut kennen Sie sich anscheinend nicht“, konterte der Empfangsdrachen und wirkte dabei schon fast aufreizend amüsiert. „Sonst wüssten Sie, dass er bis Mittwoch in Urlaub ist.“
Doch Barbara ließ sich nicht verunsichern. „Ach stimmt. Dann richten Sie ihm einen schönen Gruß aus und beim nächsten Mal schau ich ganz bestimmt auf einen Kaffee vorbei. Versprochen.“
Sie wandte sich ab, zwinkerte Laura zu, setzte die Sonnenbrille auf und schlenderte zum Ausgang.
14 Detektei
Rüngsdorf
Marek saß an Lauras Schreibtisch, die Füße hochgelegt, und schrieb Nachrichten mit dem Smartphone. Friedi hatte es sich neben ihm gemütlich gemacht und hielt ein Mittagsschläfchen. Der Detektiv wartete auf Justin. Auch wenn es langsam eng wurde, um für den Abflug noch pünktlich zu sein, wollte er den Dackel möglichst nicht allein zurücklassen. Wenn der sich unbeobachtet fühlte, nagte er zu gern an den Möbeln anstatt an seinem Kauknochen herum. Zeit, um zu packen, war sowieso nicht mehr. Aber vor Ort würde ihn jemand empfangen und mit dem Nötigsten versorgen. Wenn alles lief wie geplant, würde er in zwei oder spätestens drei Tagen wieder in der Maschine zurück nach Frankfurt sitzen. Da reichte ein T-Shirt zum Wechseln. Eine Pistole brauchte er ebenfalls nicht, auch wenn man sie ihm angeboten hatte. Er konnte sich mit jedem Gegenstand verteidigen.
Seine gefährlichste Waffe war sein Körper.
Es würde nicht schwer werden, Gilda und Maria zu finden. Seine Kontaktleute hatten bereits herausgefunden, in welchem Hotel sie abgestiegen waren. Allerdings hatte man sie dort nicht angetroffen. Er hoffte, dass sie den Killern noch nicht zu nahe gekommen waren, aber auch mit der Situation würde er fertig werden. Sein Job war es, die beiden Frauen nach Hause zu bringen, nicht, die Männer zu töten. Oder einer Verhaftung zuzuführen. Was in Südafrika sowieso nicht viel bedeutete. In der Presse wurde der Regierung vorgeworfen, nachsichtig mit Farmmördern umzugehen. Die Chancen standen gut, dass, wenn er die Killer im Gefängnis ablieferte, sie am nächsten Tag schon wieder als freie Männer auf der Straße landeten. Und wenn ihnen doch ein fairer Prozess gemacht werden sollte, war die Beweislage dünn. Extrem dünn. Selbst für hiesige Verhältnisse.
Er fragte sich, was die beiden Frauen vorhatten.
Gilda wollte die Männer sicher der Polizei übergeben, damit sie ihre gerechte Strafe bekamen. Bei Maria hatte er da Zweifel. Sie war nicht naiv oder idealistisch und machte keine Gefangenen. Bestimmt hatte sie sich eine Waffe besorgt. Sie war zwar auch im Nahkampf ausgebildet und eine zähe, fintenreiche Kämpferin, aber wenn es hart auf hart kam, zählten die Kilos, die jemand auf die Waage brachte. Und da war sie im Nachteil. Am meisten Kopfzerbrechen machte ihm, aus welcher Motivation heraus die Agentin mit nach Südafrika gefahren war. Im Rahmen bezahlter Aufträge war sie eine absolut zuverlässige, professionelle und loyale Kollegin, auf die man sich blind verlassen konnte. Er hatte immer gern mit ihr zusammengearbeitet und es hatte mehr als eine brenzlige Situation gegeben, in der sie ihn buchstäblich in letzter Sekunde gerettet hatte. Unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Aber das gehörte zum Job. Dass sie ohne Vergütung oder aus reiner Freundschaft auch nur einen Finger krümmen würde, konnte er sich nicht vorstellen.
Er war sich sogar sicher, dass sie gar keine Freunde hatte.
Und zwar, weil ihr einfach das Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen fehlte.
Auch Gilda war nicht Marias Freundin.
Selbst wenn die das vielleicht glaubte.
Im Vorraum öffnete sich die Wohnungstür und Marek sprang auf.
„Wie war der erste Schultag?“
Justin pfefferte den Rucksack in die Ecke, bückte sich zu dem wild wedelnden Friedi und streichelte ihn, dann richtete er sich wieder auf und grinste von einem Ohr bis zum anderen. „Ganz ok. Aber Ferien war cooler.“
„Klar.“ Marek boxte den Jungen spielerisch auf den Oberarm und der ging gleich in Verteidigungsstellung.
„Ich sehe, du hast dir doch was vom Training gemerkt.“
„Alles! Nicht mehr lange und du hast keine Chance gegen mich.“
„Das will ich hoffen“, lachte der Detektiv.
Er hatte Justin für den ersten großen Fall der Detektei Peters zum Observieren angeheuert. Seitdem war er ihn nicht mehr losgeworden. Justin verbrachte fast jeden Nachmittag in Mareks Büro, machte dort Hausaufgaben und spielte Counterstrike auf dem Computer, den Laura auf sein Betteln und seine detaillierten Anweisungen hin aufgerüstet hatte. Sein Zuhause war nicht gerade idyllisch und das Team war zur Ersatzfamilie geworden. Die Mutter und der Stiefvater setzten das Geld, das ihnen der Staat gab, in Alkohol und Zigaretten um und verbrachten die Tage auf der Couch vor dem Fernseher. Der Junge war ihnen dabei höchstens lästig.
„So, ich muss los. Nach Johannesburg. Gilda und Maria haben sich vielleicht in Schwierigkeiten gebracht und ich werde sie da rausholen.“
„Gilda ist in Gefahr?“
Der Junge wurde blass. Neben Marek war Gilda die Person, an die er sich am engsten angeschlossen hatte. Ärgerlicherweise behandelte sie ihn wie einen kleinen Bruder, obwohl er sich alle Mühe gab, sie zu beeindrucken.
„Mach dir keine Sorgen, ich regel das, das weißt du doch.“ Marek zwinkerte ihm zu. „Aber du musst heute auf Friedi aufpassen und auch mal eine Runde mit ihm drehen. Es wird sicherlich nicht spät, bis Laura zurückkommt. Und vielleicht lässt sich ja der gute, alte Drake blicken. Hier hast du Geld für eine Pizza. Und vergiss die Hausaufgaben nicht.“
15 Klinik für Psychiatrie Falkennest
Rhöndorf
Lillian parkte den kleinen Skoda auf dem Besucherparkplatz. Außer einem schicken BMW gab es dort keine weiteren Fahrzeuge, aber es war ja auch keine Besuchszeit und die Mitarbeiter mussten ihre Autos woanders abstellen. Sie umrundete das imposante Gebäude, um zum Hintereingang zu gelangen, der direkt in den Wirtschafts- und Servicetrakt führte.
Schon aus der Entfernung erkannte sie, dass die Tür offenstand. Ein ernsthaftes Vergehen, wie sie von Tina wusste. Patienten, die sich frei im Garten bewegen durften, könnten sonst durch den Eingang in die Küche geraten, die voller Messer und anderer gefährlicher Gerätschaften war. Natürlich sollten sie immer unter Aufsicht sein, aber die Betreuer konnten die Augen ja nicht überall haben. Was im Klartext bedeutete, dass sie sich gerne auch mal irgendwo abseilten. Und tatsächlich war es vor Jahren zu einem Amoklauf gekommen und der Streifzug des verwirrten Mannes durch die Flure der Anstalt hatte viele Verletzte gefordert. Seitdem wurde streng darauf geachtet, dass die Tür immer geschlossen war.
Außer im Moment.
Lillian betrat das Gebäude und ließ die Tür hinter sich geöffnet. Wahrscheinlich hockte irgendwo in den Büschen eine heimlich rauchende Aushilfe und die wollte sie nicht aussperren. Sie wusste von Tina, dass die einen aufreibenden Job machten, und hatte Verständnis dafür, wenn jemand eine zusätzliche Pause brauchte.
Der Gang führte direkt auf die Küche zu, aus der die harten Beats einer Metalband tönten. Im Türrahmen blieb sie stehen und sah sich um. Der Raum hatte die Ausmaße eines Tanzsaals und war komplett in Weiß und Edelstahl gehalten. Meterlange Arbeitsplatten säumten die Wände, in der Mitte stand unter einer wuchtigen Dunstabzugshaube ein riesiger Herd mit unzähligen Kochplatten, der von allen Seiten bedient werden konnte, und im hinteren Bereich befanden sich die Spülbecken und Spülmaschinen. Kühlschränke waren nicht zu sehen, für die gab es offenbar einen separaten Raum. Auf der gegenüberliegenden Seite, mit dem Rücken zu ihr, stand ein kräftiger Mann und zerteilte Fleisch mit einem Beil. Er trug ein braunes T-Shirt und um die Hüfte hatte er eine fleckige Schürze gebunden.
Lillian klopfte an die geöffnete Tür:
„Hallo, darf ich kurz stören?“
Sie musste laut rufen, um den Lärm zu übertönen.
Der Mann wandte sich langsam um und grinste. Dann drehte er die Musik leiser.
„Was gibts? Möchtest du mir helfen?“
Vielleicht hatte er früher gut ausgesehen. Mit seinen schwarzen Augen, den langen, dichten Wimpern, den vollen Lippen. Doch jetzt war sein Gesicht aufgeschwemmt, die Haut teigig, der Blick wirkte tot.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. „Nein. Ich suche eine Kollegin. Tina. Wissen Sie, wo ich sie finden kann?“
„Tina?“
So langsam, wie er den Namen aussprach, legte er auch das Beil zur Seite. Dann wischte er die blutigen Finger an der Schürze ab und bewegte sich auf sie zu. Er blieb erst stehen, als er so dicht vor ihr war, dass sie mit der Nase fast seine Brust berührte. In Lillian sträubte sich alles, aber sie zwang sich mit eisernem Willen, nicht zurückzuweichen. „Was möchtest du denn von ihr?“
„Das ist vertraulich.“ Beiläufig trat sie doch einen Schritt zurück, aber er verringerte den Abstand sofort wieder.
„Vertraulich. Das ist schön.“ Seine Stimme klang auf einmal hell wie die eines kleinen Jungen. Ihr stellten sich die Nackenhaare auf.
„Kannst du mir sagen, wo ich sie finde? Oder soll ich jemand anders fragen?“
„Was kriege ich, wenn ich dir verrate, wo sie ist?“ Er fuhr sanft mit dem Finger, dessen Nagel bis aufs Fleisch abgekaut war, den Türrahmen entlang. Direkt an der Stelle, neben der sich ihr Gesicht befand.
„Möchtest du etwa Geld für die Auskunft?“ Sie bemühte sich um einen burschikosen Ton.
„Nein, du sollst mir einen blasen.“
„Wer hat dich denn aus dem Käfig gelassen? Ich dachte, du gehörst zum Personal, aber offensichtlich bist du einer von den Spackos.“
„Es gefällt mir, wenn du solche Sachen sagst, macht mich richtig geil.“ Wieder diese helle Stimmlage, die den Fluchttrieb in ihr aktivierte. Doch die Verzweiflung gab ihr die Kraft, die letzten Mutreserven zu mobilisieren.
Und zum Glück zitterte ihre Stimme nicht: „Weißt du, was mich richtig geil macht? Dir so in die Eier zu treten, dass sie dir zu den Nasenlöchern wieder rauskommen.“
Der Küchenhelfer lachte dreckig, trat jedoch den Rückzug an.
Lillian atmete innerlich auf. Warum war der Kerl überhaupt allein hier? Der war ja gemeingefährlich. So eine große Klinik musste doch mehr als einen Mitarbeiter in der Küche haben. Oder durften die anderen alle gleichzeitig in die Mittagspause abhauen? Aber sie wollte auf keinen Fall unverrichteter Dinge wieder gehen.
„Sag mir jetzt sofort, wo ich Tina finde.“
Er warf ihr einen verschlagenen Blick zu, dachte einen Augenblick nach, sah dann aber von weiteren Attacken ab. „Keine Ahnung. Die schwänzt heute und kann sich auf eine Abreibung gefasst machen. Aber das tut ihr gut, der kleinen Fotze. Wahrscheinlich werde ich es ihr mal so richtig besorgen, damit sie wieder in die Spur kommt.“
Sein dreckiges Gelächter hallte ihr nach, als sie den Gang entlang flüchtete.
16 Johannesburg
Gilda saß im Bikini am Hotelpool und hatte ein schlechtes Gewissen. Sie wusste, dass Laura sich längst Sorgen machte, aber sie musste das Handy ausgeschaltet lassen und konnte keine Nachrichten verschicken. Maria meinte, dass sie sonst leicht zu orten wären und es die Mission gefährden könnte. Das wollte sie auf keinen Fall riskieren.
Sechs Wochen lang hatten sie die Reise akribisch vorbereitet. Gilda hatte Fotos von den beiden Killern vergrößert und so lange bearbeitet, bis sie deutlich zu erkennen waren, und Maria, die über ähnlich gute Kontakte zu verfügen schien wie Marek, hatte Adressen ermittelt, wo sie die beiden finden konnten. Doch bisher waren sie nicht erfolgreich gewesen.
Und mit jeder Station, die sie abklapperten, wuchs das Risiko, selbst ins Visier der Mörder zu geraten.
Man lief nicht einfach durch Südafrika und stellte dumme Fragen, ohne irgendwann aufzufallen. So diskret sie auch vorgingen, über kurz oder lang würden sie auffliegen. Sie mussten die beiden vorher finden.
Maria trat auf die Terrasse, trotz der Hitze im figurbetonenden, schwarzen Leder-Overall mit tiefem Ausschnitt, in jeder Hand eine Piña Colada. Eine leichte Brise spielte mit ihren langen, dunklen Haaren und zwei sonnenbebrillte Männer, die sich im Pool mit auf den Beckenrand aufgestützten Armen unterhalten hatten, unterbrachen das Gespräch, um ihr hinterherzusehen. Sie reichte Gilda ein Glas und ließ sich neben ihr auf einer Liege nieder.
„Du hast gesagt, wir müssen uns diskret verhalten, aber dann solltest du etwas anderes anziehen. In der Ledermontur fällst du jedem auf. Jedenfalls jedem Mann.“ Gilda grinste und nahm einen Schluck von ihrem Cocktail.
Maria ging nicht auf die Stichelei ein. „Ich habe telefoniert. Mein Kontakt hat Killer gefunden. Er sie morgen treffen. Du weißt schon, für Drogendeal. Aber Überraschung: Wir dann dort sein.“ Sie formte mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole, tat, als würde sie zielen, und drückte ab.
„Wo treffen wir sie?“
„Nicht hier, außerhalb von Joburg, zwei Autostunden. Wir fahren früh los.“
„Wir müssen überlegen, wie wir vorgehen wollen.“
Maria winkte ab. „Fahrt lang genug. Heute haben wir Spaß. Man weiß nie, was morgen ist.“
„Willst du andeuten, es könnte unser letzter Tag sein?“
Gilda wollte es scherzhaft klingen lassen, aber selbst für ihre eigenen Ohren klang die Nervosität durch.
Doch die Agentin zuckte nur gleichmütig mit den Schultern und zwinkerte Gilda zu.
„Jeder Tag kann letzter sein.“
„Da hast du recht. Dann lass uns das Beste draus machen, Prost!“
17 Klinik für Psychiatrie Falkennest
Rhöndorf
Laura lief hinter der Freundin her in Richtung Besucherparkplatz und kickte einen Kieselstein über den Weg. „Es war klar, dass die uns nicht vorlassen. Hätte ich mir gleich denken können. Und dein Kontakt ist in Urlaub. Jetzt haben wir den ganzen Weg umsonst gemacht.“
Barbara drehte sich zu ihr um, nahm die Sonnenbrille ab und zum ersten Mal an diesem Tag sah Laura den Schalk wieder in ihren Augen aufblitzen. „Noch haben wir nicht alles versucht. Wir schleichen uns von hinten rein.“
„Am helllichten Tag? Die haben sicher Videoüberwachung.“
„Wir probieren es. Komm.“ Sie winkte der Freundin, ihr zu folgen, und schlug einen Weg ein, der vom Parkplatz aus um das Schloss herum führte.
„Was ist denn das?“ Laura wies mit dem Kopf auf ein ungepflegtes Gelände, in dem grellbunte Skulpturen standen. Sie sahen aus wie Kinderholzspielzeuge mit gigantischen Ausmaßen. Dahinter befand sich eine Minigolfanlage, die unbenutzt und verwittert wirkte.
„Der Park wurde vorletztes Jahr von der Stadt gestiftet. Oder von einer Bank, ich weiß es nicht mehr so genau. Damals habe ich bei der Einweihungsparty gespielt. Es war ein großes Trara, aber anscheinend haben sie das Geld verschwendet. Es sieht nicht aus, als ob die Anlage jemals betreten worden ist.“
„Eine Minigolfbahn scheint mir aber auch eine kuriose Idee als Zerstreuung für Geisteskranke. Ist das nicht gefährlich? Ich bin als Kind beim Minigolfen regelmäßig ausgerastet. Und mit den Metallschlägern kann man leicht jemanden erschlagen. Es grenzt an ein Wunder, dass alle meine Freunde überlebt haben. Ob das die richtige Freizeitbeschäftigung für so eine Anstalt ist?“
„Vielleicht haben sie Kunststoffschläger. Aber ich bin ganz deiner Meinung. Mich hat das Spiel auch immer wahnsinnig gemacht. Komm, lass uns herausfinden, ob wir irgendwo reinkommen.“ Barbara zog Laura mit sich zurück zum Gebäude.
Sie umrundeten einen Turm, dessen spitzes Dach sich in den grauen Himmel bohrte, und befanden sich plötzlich in einem rasenbedeckten Innenhof. Auf einer Bank saß ein junger Mann und schaukelte selbstvergessen mit dem Oberkörper, ein anderer stapfte in Schlangenlinien und mit gesenktem Kopf über die Wiese, als folge er einer unsichtbaren Spur, und ein dritter stand mit dem Gesicht einer Mauer zugewandt und schien ihr etwas zu erzählen. Vom Personal war weit und breit niemand zu sehen. Gerade als sie weitergehen wollten, kam noch jemand nach draußen. Erkennbar auch kein Betreuer. Anders als seine drei Mitpatienten platzte er fast vor Energie. Er bewegte sich mit hoher Geschwindigkeit, wobei es aussah, als führten die schlenkernden Arme und Beine ein Eigenleben, und drehte den Kopf ruckartig nach allen Seiten. Auf einmal hielt er direkt auf sie zu und Laura und Barbara rückten näher zusammen, wagten kaum, sich zu rühren. Wenige Meter vor ihnen wechselte er abrupt die Richtung und lief zu einer Kastanie. Als er sie erreicht hatte, blieb er stehen, der Körper zuckte, dann schlang er die Arme um den mächtigen Stamm und schien in dieser Position endlich zur Ruhe zu kommen.
Laura sah Barbara mit großen Augen an: „Jetzt bin ich total gerührt. Aber ich muss zugeben, davor war er mir unheimlich.“
Die Freundin nickte. „Manche Krankheiten wirken sich auf die Motorik aus und auf die Fähigkeit, Bewegungsabläufe zu kontrollieren. Wenn man das nicht kennt, kann es einen ganz schön erschrecken.“
„Zuerst, als er so auf uns losrannte, dachte ich, er will uns an den Kragen.“
„Aber er ist harmlos, sonst ließe man ihn nicht unbeaufsichtigt hier draußen herumlaufen.“
„Wahrscheinlich“, stimmte Laura zu. „Und du meinst wirklich, wir können jetzt einfach an denen vorbei da vorne reingehen?“
„Ja. Aber ganz selbstverständlich und ohne Eile. So als gehörten wir hierher. Du wirst sehen, sie werden keine Notiz von uns nehmen. Sieh die Patienten nicht an. Manche irritiert das und sie regen sich dann auf.“
„Wieso kennst du dich so gut aus?“
„Mein Cousin lebt in einer Einrichtung, seit er dreizehn ist. Ich habe ihn ein paarmal besucht, da habe ich so einiges mitbekommen.“
„Wie furchtbar, der arme Kerl.“ Laura versuchte nach Kräften, nicht zu dem wippenden Mann auf der Bank zu gucken, an dem sie vorbeilaufen mussten. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass er sie nicht bemerken würde, nur weil sie Augenkontakt vermieden. Doch Barbara behielt recht, keiner der Patienten interessierte sich für sie oder würdigte sie auch nur eines Blickes. Unbehelligt erreichten sie die Glastür und betraten einen Aufenthaltsraum. Überall standen weiße Vierertische mit Metallbeinen und moderne Stühle mit Plastiksitzschalen, am hinteren Ende befanden sich leere Regale. Keine Bilder an den Wänden, keine Vorhänge, keine Teppiche. Die Atmosphäre war kalt und trostlos, es roch nach scharfen Putzmitteln und Urin. Ein Patient saß vorgebeugt an einem Tisch und malte mit dem Finger unsichtbare Linien auf die Tischplatte, ein zweiter stand mit dem Rücken zu ihnen am Fenster und starrte ins Leere.
„Das ist der Besucherraum, hier habe ich meine Konzerte gegeben“, flüsterte Barbara.
„Aber hier gibt es ja gar nichts. Es ist furchtbar trist. Die Leute tun mir leid.“
„Im Sommer ist das anders, da hast du einen wunderbaren Blick in den sonnigen, grünen Park. Das wirkt sehr schön. Jetzt ist natürlich draußen alles grau in grau.“
„Aber womit beschäftigen sich die Patienten? Kein Wunder, dass sie so apathisch wirken. Wenn ich hier leben müsste, würde ich wahrscheinlich nach einem Tag aus lauter Frust die Einrichtung zertrümmern.“
Doch Barbara schüttelte den Kopf. „Das ist nur hier unten so, wo sie sich allein aufhalten dürfen. Es gibt auch richtig gemütliche Wohnzimmer mit Fernsehern und Musik, Gymnastikräume und Spielzimmer. Ich wurde mal herumgeführt, deshalb weiß ich das.“ Sie steuerte zielstrebig auf eine Tür zu und öffnete sie. Laura folgte ihr zögernd und sah sich um. Vor ihnen erstreckte sich ein langer, dunkler Gang, aus den oberen Stockwerken drangen Schreie, von irgendwo her dröhnte Heavy Metal Musik.
Plötzlich bog eine Frau um die Ecke.
Kräftige Statur, Haare bis zum Kinn, Winterjacke. Sie schien nicht im Dienst zu sein. Als sie die beiden bemerkte, blieb sie wie angewurzelt stehen.
„Ich habe mich verlaufen und suche nach einer Kollegin.“ Als keine Antwort kam, steckte sie die Hände tief in die Taschen und zog den Kopf ein. „Tut mir leid, dass ich einfach so hereingekommen bin. Die Hintertür stand offen.“
Laura kniff die Augen zusammen. Offensichtlich wurden sie, trotz ihrer Mäntel, für Mitglieder der Belegschaft gehalten. Das bedeutete, dass die Frau hier auch fremd war.
„Wen suchen Sie denn?“, improvisierte sie.
„Tina Behnke. Sie arbeitet als Assistentin in der Pflege. Also eigentlich im Hausservice.“
„Tut mir leid, da können wir nicht weiterhelfen. Wir ...“ Die Detektivin war unschlüssig, ob sie sich auch als ungebetene Besucherin zu erkennen geben sollte.
In dem Moment wurde eine Tür direkt neben ihnen geöffnet, ein Schwall Licht fiel in den dunklen Gang und eine zierliche Person im weißen Kittel trat zu ihnen. Da Laura geblendet wurde, konnte sie das Gesicht nur erahnen, doch sie schien sehr jung zu sein. „Ich habe Sie von drinnen gehört. Kann ich Ihnen helfen? Sie haben sich anscheinend verlaufen. Besucher sollen sich eigentlich am Empfang anmelden und werden dann von dort abgeholt. Das Gebäude ist sehr weitläufig und man kann schnell die Orientierung verlieren. Ich nehme an, Sie gehören zusammen?“ Die Stimme klang kindlich, der Ton in Verbindung damit überraschend souverän. Laura tippte auf Ärztin.
„Nein. Ich suche die Pflegerin Tina Behnke“, preschte die Fremde vor.
Die Psychiaterin schien sie einen Augenblick zu mustern. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Ich bin Lillian Sawaris.“ Plötzlich schluchzte die Frau auf. „Tina Behnke ist meine Lebensgefährtin und sie ist verschwunden. Deshalb wollte ich fragen, ob sie heute bei der Arbeit erschienen ist.“
Laura sah erstaunt von der gedrungenen, kräftigen Besucherin zu der schmalen Ärztin, die sie immer noch nur als Silhouette in der Corona aus Sonnenlicht erkennen konnte.
„Ich darf Ihnen leider keine Auskunft über unser Personal geben, das ist vertraulich. Aber ich habe Frau Behnke heute noch nicht gesehen, so viel darf ich Ihnen immerhin sagen. Wenn Sie mir ihre Kontaktdaten geben, lasse ich Tina, für den Fall, dass sie sich melden sollte, ausrichten, dass Sie nach ihr suchen. Sind Sie damit einverstanden?“
Lillian Sawaris schluckte, dann nickte sie. Mit hängendem Kopf wühlte sie in der Jackentasche, zog eine Visitenkarte hervor und reichte sie der Psychiaterin.
„Ich melde mich bei Ihnen, wenn ich etwas in Erfahrung gebracht habe, in Ordnung?“
Die stämmige Frau nickte und wischte sich schniefend mit dem Jackenärmel über die Wangen.
„Und was führt Sie beide zu uns?“ Die Marienerscheinung in der Aura aus Licht steckte die Hände in die Taschen des Kittels und wandte ihre Aufmerksamkeit den Freundinnen zu.
„Laura Peters und Barbara Hellmann.“ Die Detektivin räusperte sich. „Wir möchten mit dem behandelnden Arzt über eine Patientin sprechen. Ihr Name ist Rebecca Lehmann.“
„Und ich nehme an, Sie sind keine Verwandten der Patientin.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Gewürzt mit einem milden Tadel.
„Nein“, bestätigte Laura. „Und ich möchte mich dafür entschuldigen, dass wir so ... unangekündigt ... vorbeigekommen sind. Wir sind von der Detektei Peters. Ein Klient hat uns beauftragt, uns mit Rebeccas Betreuern in Verbindung zu setzen.“
„Ich verstehe. Frau Lehmann gehört nicht zu meinen Patienten, deshalb kann ich Ihnen nichts zu ihr sagen. Und sicherlich sagt Ihnen auch der Begriff ‚ärztliche Schweigepflicht‘ etwas.“ Die Ärztin schien kurz nachzudenken. „Der zuständige Kollege ist im Moment nicht im Hause, aber ich spreche ihn auf das Thema an, wenn er wieder da ist. Geben Sie mir Ihre Karte und ich werde sehen, was sich tun lässt. Einverstanden?“
Laura und Barbara nickten.
„Dann möchte ich Sie bitten, jetzt zu gehen. Und nächstes Mal wäre es besser, wenn Sie den Haupteingang nehmen.“
---
„Das ist ja noch mal glimpflich abgelaufen.“ Laura steuerte den BMW die kurvige Straße entlang.
Vor ihnen fuhr Lillian Sawaris in einem kleinen Skoda. „Diese Ärztin wirkt superjung, aber sie hat mich ziemlich ... beeindruckt. Ich habe mich wie eine Schülerin gefühlt, die während der Unterrichtszeit auf der Toilette beim Rauchen erwischt wurde.“
„Ja, erstaunlich, es ging mir ähnlich“, pflichtete ihr Barbara bei, die wieder die große Sonnenbrille aufgesetzt hatte. „Andererseits haben wir nichts Verbotenes getan. Die Tür stand offen und wir haben jemanden gesucht, mit dem wir reden können.“
„... nachdem wir vorher rausgeschmissen worden sind“, ergänzte Laura.
Barbara zuckte die Achseln und starrte aus dem Seitenfenster in das wuchernde Unterholz des Waldes. „Glaubst du, sie meldet sich?“
„Ja. Sie hat uns nicht einfach abgespeist. Ich bin sicher, dass sie anrufen wird. Sie war wirklich nett.“
„Aber komisch, dass sie gar nicht gefragt hat, warum jemand eine Detektei beauftragt, um mit Rebecca Lehmanns Ärzten zu sprechen. Ich hätte das an ihrer Stelle wissen wollen.“
Laura wollte antworten, doch plötzlich bremste der Skoda vor ihnen ab, die Warnblinkanlage ging an, dann blieb er mitten auf der Straße stehen. Die Detektivin hielt hinter ihm und öffnete per Knopfdruck das Seitenfenster. Lillian Sawaris verließ ihren Wagen, lief zu ihnen, stützte sich auf dem Autodach ab und beugte sich hinunter. „Ich habe eben mitbekommen, dass Sie Detektive sind. Ich brauche ganz dringend Hilfe.“
„Wegen Ihrer verschwundenen Lebensgefährtin?“
„Ja. Aber es steckt viel mehr dahinter. Haben Sie von der Leiche in den Ofenkaulen gehört?“
Die Detektivin nickte.
„Ich habe sie gestern gefunden. Und das war kein Zufall. Ich fürchte, dass derjenige, der den Mann, der in der Höhle angekettet war, auf dem Gewissen hat, auch Tina entführt hat.“
„Haben Sie das der Polizei gesagt?“
Lillian Sawaris schüttelte unglücklich den Kopf. „Das darf ich nicht, dann bringt er sie um. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“
Laura wollte sie am liebsten wegschicken. Und einfach vergessen, was sie gerade gehört hatte. Marek war unterwegs nach Johannesburg, Gilda verschwunden, Barbara im Liebeskummernebel nur eingeschränkt funktionsfähig und Drake kam nicht hinter seinem Schreibtisch hervor. Wie sollte sie es allein mit einem solchen Fall aufnehmen?
„Kommen Sie mit in die Detektei“, hörte sie sich zu ihrer eigenen Überraschung sagen. „Dort können wir in Ruhe reden. Fahren Sie hinter uns her.“
18 Detektei
Rüngsdorf
Als Laura, Barbara und Lillian Sawaris im Büro ankamen, stolperten sie beinahe über Justin, der bäuchlings auf dem Teppich im Vorraum lag, die Knöchel in der Luft überkreuzt, und sich mit Friedi eine Pizza aus dem Karton teilte. Als er sah, dass eine Besucherin dabei war, sprang er auf und schnappte sich die fast leere Schachtel.
„Sorry, bin sofort weg. Komm, Friedi!“
Der Dackel folgte aufs Wort, Salamipizza war ein überzeugenderes Argument als die Neuankömmlinge.
„Ist das ihr Sohn? Ein netter Kerl.“
„Nein.“ Laura wusste nicht, wie sie in der Kürze die Verbindung zu ihrem jüngsten Teammitglied erklären sollte, deshalb beließ sie es dabei.
„Er ist der Sohn einer Bekannten“, half Barbara aus und ging vor in Lauras Büro. „Nehmen Sie Platz.“
Lillian Sawaris setzte sich und die Pianistin ließ sich neben ihr nieder.
„Jemand etwas zu trinken?“ Laura sah fragend in die Runde.
„Super gerne, ich kümmere mich drum.“ Barbara stand auf, doch die Detektivin winkte ab: „Ich mache das.“ Sie holte aus der Küche eine Flasche Wasser und drei Gläser und schenkte jedem ein.
„Jetzt erzählen Sie. Die Stichworte, die Sie uns genannt haben, klingen sehr verstörend. Was ist passiert?“
Lillian Sawaris nahm einen so tiefen Schluck, dass es schien, als müsste sie sich Mut antrinken. Dann erzählte sie von dem Zettel, der von ihr die Wahl zwischen ihrer Mutter und ihrer Freundin forderte und den sie nicht beachtet hatte, von Tinas Verschwinden, von der selbstgemalten Karte, die zu dem in der Höhle angeketteten Toten geführt hatte, und von der Nachricht in Tinas Tasche, die ihr Zeit bis Mittwoch gab und ihr verbot, zur Polizei zu gehen.
„Du meine Güte!“
Laura sah Barbara fragend an, um herauszufinden, was sie von der Geschichte hielt, und die zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Überlegen wir mal gemeinsam, welche Optionen wir haben. Darf ich übrigens du sagen? Gut. Erstens, unwahrscheinlich, jedoch theoretisch möglich: Es könnte ein Scherz sein. Sehr makaber, ich weiß, aber die Sache ist so verrückt, dass man sie kaum glauben möchte. Dann wird am Mittwoch nichts passieren.“
„Aber der Tote in der Höhle“, wandte Lillian ein.
„Vielleicht ist der Zettelschreiber vorher selbst über ihn gestolpert und hat ihn für sein Spiel benutzt, um die Aktion dramatischer zu gestalten. Wie gesagt, es ist unwahrscheinlich und nur ein reines Gedankenspiel.“
Barbara verzog einen Mundwinkel und schüttelte zweifelnd den Kopf. „Das geht aber nicht mehr als Scherz durch. Da möchte jemand wirklich Lillian schaden. Gibt es so eine Person?“
„Die Mutter meiner Freundin“, kam es wie aus der Pistole geschossen. „Vom ersten Tag an hat sie versucht, unsere Beziehung kaputtzumachen. Aber sie ist körperlich nicht dazu in der Lage, sich durch den Wald bis zu der Höhle zu schleppen, und erst recht nicht, dort hineinzukriechen. Sie würde auch gar nicht durch den Eingang passen. Aber sie würde mit Sicherheit alles dafür geben, wenn sie ihrer Tochter höchstpersönlich erzählen könnte, dass ich entschieden habe, dass meine Mutter leben und Tina sterben soll. Dann wäre es definitiv vorbei.“
„Verständlich“, nickte Barbara. „...also, dass Tina sauer wäre. Nicht, dass die Mutter deiner Freundin alles daransetzt, dich loszuwerden“, fügte sie hastig hinzu. „Könnte ein Freund der Mutter die Leiche gefunden und ihr davon erzählt haben?“
„So sehr ich es mir wünsche, dass es so wäre: leider nein. Sie hat nur Kontakt zu zwei alten Nachbarn. Die sind Vollalkoholiker und schaffen es gerade mal bis zum nächsten Kiosk. Sie sind ganz bestimmt nicht über eine Leiche im Wald gestolpert.“
„Wer käme noch infrage?“ Laura ließ nicht locker. „Vielleicht ein geheimer ... ähm, eine geheime Liebhaberin von Tina?“
„Niemals!“ Die Antwort kam beeindruckend schnell.
„Ok, also möglicherweise doch“, folgerte die Detektivin.
„Nein! Ganz. Sicher. Nicht!“ Wütend funkelte sie Laura an.
„Wollte nur sichergehen“, wich diese unbefangen aus. „Dann bleibt nur eine Schlussfolgerung: Übermorgen werden entweder ein oder zwei Personen sterben. Wie viele, hängt von dir ab.“
Barbara gab ein leises Seufzen von sich, starrte Laura an und verdrehte die Augen. Die Detektivin verstand den Wink. Sie war wieder unsensibel.
„Wie soll ich so eine Entscheidung treffen? Das könnte niemand! Ich will nicht, dass jemand stirbt! Deshalb brauche ich doch eure Hilfe.“
„Ich weiß.“ Laura sprach betont ruhig. „Es gibt nur einen Weg: Du musst zur Polizei gehen. Die haben ganz andere Möglichkeiten als wir. Vielleicht gab es solche Fälle schon vorher und sie haben einen Verdacht, wer dahinter steckt. Bei Kapitalverbrechen sind die unglaublich schnell und schlagkräftig.“ Plötzlich erstarrte sie.
„Was ist los?“ Barbara stupste sie an.
„Ach, nichts. Mir fällt nur gerade auf, dass unser aktueller Fall ein paar erstaunliche Parallelen aufweist. Aber egal, darum kümmere ich mich später, das führt jetzt zu weit. Rufen wir die Polizei.“
Barbara nickte. „Sehe ich auch so. Wenn du das nicht meldest, Lillian, wird mindestens einer sterben, wenn nicht zwei. Mit Polizei besteht eine gute Chance, beide zu retten.“
„Aber wenn er das merkt, bringt er Tina um, bevor die Polizei überhaupt erfahren hat, was los ist.“ Lillian liefen die Tränen über die Wangen.
„Glaubst du, er verfolgt dich? Wartet mal.“ Barbara sprang auf, verließ den Raum und kam nach wenigen Augenblicken zurück. „Draußen ist niemand, der mir aufgefallen wäre. Und Justin beobachtet jetzt die Straße von Mareks Büro aus und gibt uns Bescheid, wenn er jemanden entdeckt.“
„Viel sieht man von dort natürlich nicht“, gab Laura zu bedenken. „Aber besser als nichts.“
„Wenn der Entführer weiß, dass du hier bist, ist es vielleicht auch schon zu spät“, flüsterte Barbara plötzlich. „Irgendwie sind wir doch auch so eine Art Polizei.“
Lillian fing an zu wimmern und sank im Sessel zusammen.
„Wir dürfen jetzt nicht den Kopf verlieren.“ Laura redete betont laut und bestimmt. „Wenn der Entführer Bescheid weiß, wäre das ein Grund mehr, die Polizei zu informieren. Wir haben dann nämlich nichts mehr zu verlieren.“ Sie nahm das Telefon vom Schreibtisch.
„Nein!!!“ Lillian sprang auf und wollte sich auf die Detektivin stürzen, doch Barbara hielt sie geistesgegenwärtig am Arm fest.
Laura ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ok. Es ist zu allererst deine Entscheidung, Lillian. Wobei wir jetzt auch mit drin hängen, weil wir von einer bevorstehenden Straftat wissen und gesetzlich verpflichtet sind, etwas dagegen zu unternehmen. Deshalb schlage ich dir einen Deal vor: Wir geben uns eine Stunde, um eine Lösung zu finden. Wenn wir bis dahin nicht weitergekommen sind, rufen wir Benderscheid an. Ok?“
Lillian war im Sessel zusammengesunken und reagierte nicht. Barbara legte ihr die Hand auf den Arm. „Was meinst du?“
„Wer ist Benderscheid?“
„Er ist bei der Polizei und wird wissen, was zu tun ist. Wir kennen ihn schon lange, man kann ihm vertrauen.“
Lillian zögerte, dann stimmte sie zu: „Ok.“
„Gut!“ Laura nickte ihr aufmunternd zu. „Es gibt trotzdem ein paar Dinge, die wir jetzt tun müssen. Hast du deine Mutter benachrichtigt und ihr gesagt, sie soll sich an einen sicheren Ort begeben?“
Lillian schüttelte den Kopf. „Sie wohnt in Hagen, da kann ihr nichts passieren.“
„Ruf sie trotzdem sofort an. Sie soll eine Freundin bitten, bei ihr zu bleiben, und ansonsten niemandem die Tür öffnen.“
„So eine Freundin hat sie nicht. Sie ist alt.“
„Es wird doch irgendjemanden geben, den sie fragen kann? Eine Nachbarin vielleicht? Mach schon, ruf an. Du kannst in den Vorraum gehen und ungestört telefonieren.“
Als Lillian die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ sich Laura auf einen Sessel fallen. „Was für eine Scheiße. Und ausgerechnet jetzt ist Marek nicht hier. Und wir können ihn auch nicht erreichen, weil er zehn Stunden im Flugzeug hockt.“
„Wir können Drake fragen“, schlug Barbara vor. „Er ist ein kluger Kopf, bestimmt fällt ihm etwas ein. Ich rufe ihn an.“ Sie zog das Handy aus der Handtasche, wählte seine Nummer und bat ihn, alles stehen und liegen zu lassen und sofort zu kommen. „Er ist gleich da“, verkündete sie erleichtert.
Es klingelte an der Haustür.
„Das war schnell“, murmelte Laura überrascht. „Er muss bei der Nachbarin gewesen sein.“ Sie lief durch den Vorraum, wo Lillian in einer Ecke lautstark telefonierte, und öffnete die Tür. Doch vor ihr stand nicht der zweite Detektiv, sondern der Kunde von heute Morgen.
„Oh, Herr ...“, stammelte sie. Ihr wollte der Name nicht mehr einfallen.
„Silvio“, half er aus.
„Silvio, genau. Es ist jetzt leider ganz schlecht. Wir sind wirklich sehr beschäftigt. Können Sie morgen wiederkommen?“
„Bitte, nur ganz kurz. Es ist wichtig.“ Dann taumelte er und hielt sich am Türrahmen fest. Erst jetzt bemerkte Laura, wie blass er war.
„Geht es Ihnen nicht gut?“
„Wenn ich mich einen Moment hinsetzen dürfte?“
Laura zögerte, dann trat sie zur Seite und ließ ihn rein. „Kommen Sie rein. Ich hole Ihnen ein Wasser. Oder möchten Sie Kaffee?“
„Wasser ist ok, danke.“
In ihrem Büro stellte sie Barbara den neuen Klienten vor. „Seinetwegen waren wir heute in Falkennest. Es geht ihm gerade nicht gut, deshalb habe ich ihn reingelassen. Er weiß, dass wir keine Zeit haben, und wird nur ganz kurz bleiben.“
„Sollen wir einen Arzt rufen?“ In Barbara erwachte sofort die Fürsorglichkeit.
„Nein danke, es geht schon wieder. Ich habe heute nicht viel gegessen. Es hat sich nur etwas getan und das wollte ich Ihnen gleich mitteilen: Rebecca scheint erkrankt zu sein und wurde verlegt. Allerdings weiß ich nicht, wohin. Es gab dazu keinen Eintrag und sie ist jetzt einfach verschwunden.“
„Oh nein, das tut mir leid!“ Laura starrte ihn bestürzt an. „Was hat sie denn?“
„Das weiß ich nicht. Ich habe mir ihre Krankenakte heruntergeladen, aber darin steht so viel Fachchinesisch, dass ich noch einige Zeit brauche, bis ich alles verstanden habe. Ein Arzt könnte das natürlich direkt beurteilen.“
„Runtergeladen?“, fragte Barbara.
„Silvio ist IT-Fachmann“, erklärte Laura ihr mit vielsagendem Augenzwinkern.
„Alles klar.“
Im Vorraum ging die Wohnungstür, feste Schritte näherten sich, dann stand Drake im Büro. Ein Zwinkern um die blauen Augen, den Arm voller Pizzakartons und wie immer fiel ihm eine blonde Strähne in die Stirn.
„Endlich!“ Laura war noch nie so froh gewesen, ihn zu sehen.
„Pizza ist Soulfood und hilft immer“, erklärte er und platzierte die aromatisch duftenden Schachteln mit großer Geste auf dem Tischchen. „Bedient euch!“
„Mein Held!“ Barbara öffnete den obersten Karton und angelte sich ein saftiges Stück, von dem der Käse in langen, goldenen Fäden hinunterlief. Lauras Magen fing an zu knurren und sie merkte, dass sie den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Ihr Körper brauchte Nahrung und ihr Gehirn auch. Sie nahm sich ebenfalls von der Pizza und biss hungrig zu.
Drake ließ sich in einen freien Sessel fallen und sah Silvio an: „Wir kennen uns noch nicht, ich bin Drake, der zweite Detektiv.“
„Silvio. Ich möchte auch nicht länger stören, Sie haben ja einen dringenden Fall. Ich komme morgen wieder. Lassen Sie es sich schmecken.“ Er erhob sich so langsam, als trüge er eine tonnenschwere Last auf den Schultern.
„Es tut mir leid, aber uns läuft wirklich gerade die Zeit davon. Wir sehen uns morgen früh, ok? Und nimm dir von der Pizza als kleine Stärkung für den Weg.“ Laura merkte gar nicht, dass sie zum Du übergegangen war.
„Danke.“ Er sah sie lächelnd an und für einen Augenblick verlor sie sich in seinen Augen. „Ich nehme gern ein Stück.“
Sie lachte nervös auf. „Ich bringe dich noch nach draußen, ok?“
An der Wohnungstür blieb sie stehen: „Komm morgen vorbei. Dann nehme ich mir alle Zeit der Welt. Ich glaube nämlich, dass die Sache, mit der wir uns gerade herumschlagen, mit deinem Fall zu tun haben könnte. Aber es ist Gefahr im Verzug, ich kann dir jetzt wirklich nichts davon erzählen.“
„Schon ok. Dann wünsche ich euch viel Erfolg. Und danke für die Pizza. Meine Geschichte ist ja vielleicht auch nicht so dringend. Rebecca ist zwar verschwunden“, er zögerte kurz, „aber sie haben bestimmt nur vergessen, das Krankenhaus einzutragen, in das sie verlegt wurde. Ich frage mich nur, ob es meine Schuld ist.“
„Warum sagst du das?“
„Ach, vielleicht hätte ich es verhindern können.“
„Wie meinst du das?“
Er sah sie an, dann schüttelte er den Kopf. „Jetzt nicht, dein Team wartet. Ich erzähle es dir morgen, ok?“
„Ok“, sagte sie leise und sah ihm hinterher, bis die Haustür zugefallen war.
Als sie sich umdrehte, fiel ihr auf, dass Lillian nicht mehr in der Ecke stand und das Telefonat offensichtlich beendet hatte. Sie fand sie im Büro bei den anderen, kauend über einen Pizzakarton gebeugt.
„Ok, Leute, habt ihr euch schon vorgestellt?“ Sie setzte sich in die Runde und nahm sich noch ein Stück.
Drake nickte. „Die beiden haben mir auch schon von der Misere erzählt. Ich kann nur sagen: Polizei, Polizei, Polizei. Aber ich habe verstanden, dass wir das erst“, er konsultierte seine Armbanduhr, „in fünfundvierzig Minuten tun werden.“
„Bis dahin werden wir überlegen, ob es eine andere Lösung gibt“, bestätigte Laura, sprang auf und wischte sich die Finger an der Jeans ab. „Lasst uns zusammentragen, was wir an Informationen haben, ich schreibe es auf die Glaswand.“
„Wo ist eigentlich Friedi?“ Barbara sah sich um. „Wenn es etwas zu Essen gibt, ist er doch immer der Allererste.“
„Draußen. Justin macht einen Spaziergang mit ihm. Ich habe die beiden gesehen, als ich mit der Pizza vom Italiener gekommen bin.“
Бесплатный фрагмент закончился.
