Читать книгу: «Bananenangst»
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Covergestaltung: Norma Vohland
Cover-Fotografie: Ouh_desire
ISBN: 978-3-86327-069-8
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Finde den Fehler
Für dich.
Du bist dick.
Und du bist schön.
Das sind keine Widersprüche.
***
Du weißt, dass es schlimm ist, wenn du vor Bananen Angst hast. Wenn du nicht mehr dazu fähig bist, eine Banane in dein Frühstücksmüsli zu schneiden oder gar einfach so als Zwischensnack in eine Banane zu beißen. Wenn du so sehr nach einer frischen, zarten Banane lechzt, dir aber lieber die Hände abschneiden würdest, als eine zu essen. Du weißt, dass es schlimm ist, wenn du träumst, dass du unermesslichen Hunger hast, aber an einem Ort bist, wo es nur Bananen gibt. Dein Magen zieht sich schmerzvoll zusammen und du denkst darüber nach, ob du vielleicht nicht doch – nein. Niemals würdest du eine Banane essen. Bevor du im Traum verhungerst, wachst du schweißgebadet und unter Tränen auf. Aber in der Realität hört der Hunger nicht auf. Dann überlegst du dir, wie lange du schon keine Bananen mehr gegessen hast. Dein Kopf beginnt zu brodeln und wirft die Rechenmaschine an. Eine Banane: so viele Kalorien wie fünf Knäckebrote. Oder zwei Packungen Sauerkraut – das macht auf jeden Fall satt. Da isst man doch lieber Sauerkraut. So viele Kalorien wie vier Kugeln Erdbeereis. Obwohl. Es kommt darauf an. Wie groß sind die Kugeln, wie schwer die Banane? Wiegen die Menschen, die die Kalorientabellen ins Internet stellen, die Banane mit oder ohne Schale? Wie viel wiegt eine Bananenschale? Für welchen Reifegrad sind die Kalorien errechnet worden? Werde ich zunehmen, wenn ich die Banane esse? Warum gibt es in diesem Albtraum kein Knäckebrot? Oder Salat? Eine Banane: so viele Kalorien wie sieben große Tomaten.
Tomaten. Kaum ein Gemüse hat weniger Kalorien. Pilze, Gurken oder Salat toppen die Tomaten mit ihrem Wasseranteil. Aber ansonsten sind Tomaten super.
Du kannst keine Bananen mehr essen, denn du hast im Internet gelesen, dass die Banane der „Schokoriegel“ unter dem Obst ist. Und du isst ja keine Schokolade mehr. Du hast schreckliche Angst davor, dem Hunger zu erliegen und die Banane zu essen. Rückfällig zu werden. Undiszipliniert. Wieder zur Versagerin. Aber du bist keine Versagerin. Nicht mehr. Du bist stark. Du kommst gut klar, ohne Bananen essen zu müssen. Du willst ja gar keine Bananen. Der Wille zu siegen, ist stärker als der Wille zu essen. Hunger ist Schwäche. Hunger ist ein Fehlsignal deines schwachen Körpers.
Hunger ist nicht real.
Also leidest du weiter unter deiner vermeintlichen Stärke und das Einzige, was sich in deinem Leben ganz prächtig ernährt, ist die Angst. Die Bananenangst. Sie ernährt sich von den tiefsten Abgründen deiner Seele, frisst sich in dich hinein, frisst dich auf. Frisst und frisst, während du nicht einmal mehr wagst, den Mund zu öffnen, um ein Knäckebrot zu essen. Und so wächst und gedeiht die Bananenangst zur Nudelangst. Kirschenangst. Weißbrotangst. Käseangst. Nussangst.
Hast du früher tatsächlich Avocado gegessen? Eine halbe Avocado: so viele Kalorien wie …
Du weißt, dass es schlimm ist, wenn du vor Bananen Angst hast. Denn wenn dir schon Bananen Angst machen, kannst du vor nichts mehr sicher sein.
Am wenigsten vor dir selbst.
Kapitel 1: Finde den Fehler
Es war mein erster Tag in der Klinik. Nicht in der abgedroschenen Psycho-Klinik, die ich letzten Monat besichtigt hatte. Nein, ich hatte mich für eine andere entschieden. Hier war das Vorgespräch nicht annähernd so verzehrend verlaufen. Wenigstens hatte ich noch die Wahl gehabt, bevor mir die Zwangseinweisung drohte. Eine ehrenamtliche Dame mit grünem Kittel hatte mich eben in einen langen Gang gesetzt. Mir gegenüber war das Stationszimmer der Pflege. Eine Glasfront, um Durchlässigkeit zu suggerieren. Zugezogene Vorhänge, um Distanz zu wahren. Gelbtöne. Abstrakte Kunst an den weißen Wänden und Fotos vom Therapiegarten als Collage. Mein Magen würde mich innerhalb der nächsten Minuten umbringen. Ein Teil von mir wollte einfach nur aufstehen und weglaufen. Ich wollte sowieso nicht hierherkommen. Wie mechanisch war ich aus meiner Wohnung gelaufen, hatte den Koffer hinter mir hergezogen und zum Bahnhof geschleppt. Bei jedem Schritt hatte ich umdrehen wollen. Aber ich war weiter gegangen. Einfach weiter. Hatte Robins Stimme in meinem Kopf gehört und versucht die wirren Gedanken zu ignorieren. Schließlich hatte ich so sehr um diesen Klinikplatz gekämpft. Monatelang Telefonate geführt, verschiedene Kliniken besucht, bis nachts die blödesten Formulare ausgefüllt. Dann war der Anruf mit dem Termin für meine Einweisung gekommen. Und als ich noch mehr Gemüse gegessen und noch mehr Sport gemacht habe, weil ich dachte, dass ich in der Klinik das alles schließlich nicht tun könnte, ist mir bewusst geworden, dass ich wirklich Hilfe brauchte. Deswegen bin ich weitergelaufen. Ich brauchte Hilfe. Ich wollte Hilfe. Eine Stimme in mir hat diese Sätze immer wieder wiederholt, trotzdem war die Angst in mir so stark, dass sich mein Magen mal wieder verselbstständigte. Im Grunde wusste ich gar nicht genau, wovor ich Angst hatte. Vielleicht Angst, nicht am richtigen Ort zu sein, um Hilfe zu bekommen? Angst, doch keine Hilfe zu verdienen? Das war ein Gedanke, der sich immer wieder in den Vordergrund rückte: die Befürchtung, dass alle merken würden, dass es mir eigentlich gut geht und ich jemand anderem den Therapieplatz wegnehme. Jemandem, der wirklich krank und dünn war. Und ich hatte Angst vor den anderen Patienten. Noch nie war ich als Patientin in einem Krankenhaus gewesen. Ich wusste gar nicht, wie das alles funktionierte. Und nun direkt in der Psycho-Abteilung … Würde mich meine Zimmernachbarin akzeptieren? Würde ich Freunde finden? Würde ich abends allein und weinend in meinem Bett sitzen?
„Erster Tag?“ Ein Mann kam gerade aus seinem Patientenzimmer gelaufen und riss mich aus meinem Hirn-Flickflack. Er war sehr groß, mittelalt, hatte nasse Haare und ein Handtuch um den Nacken gelegt. Ich nickte und war nicht imstande, ein Wort hervorzubringen, so steif und fremd fühlte sich mein ganzer Körper an, während ich auf diesem unbequemen Stuhl in diesem mir unbekannten Gang saß.
„Mach dir mal keine Sorgen, Kleine. Bist hier in guten Händen. Wir sind alle sehr lieb. Die Pfleger und die anderen Patienten.“ Der Mann zwinkerte und redete und redete und lenkte mich von meinen Seelenqualen ab. Dabei erzählte er auch, wie lange er schon hier war, dass ihm hier die Schmerzen, die er seit Jahren hatte, teilweise genommen wurden und man hier gut aufgehoben war. Und obwohl ich viele von seinen Worten vergessen habe, weil die Eindrücke am ersten Tag einfach zu erschlagend waren, werde ich nie das Gefühl vergessen, das sich in diesem Moment bei mir verfestigt hatte: Ich war nicht allein. Monatelang hatte ich mich in meinem Schmerz einsam und verlassen gefühlt. Niemand konnte oder wollte mir helfen, sodass ich irgendwann das Gefühl hatte, keine Hilfe zu verdienen. Aber dieser fremde Mann hat es innerhalb weniger Minuten geschafft, mich zu beruhigen. Seine Augen strahlten eine außergewöhnliche Wärme und Sanftmut aus, wie ich sie selten erleben durfte. Er stand einige Minuten im Türrahmen, hat sich extra Zeit genommen, mit der Neuen zu reden, hat sich mir geöffnet. Mir Vertrauen und ein Lächeln geschenkt und das Gefühl gegeben, angekommen zu sein. Tatsächlich irgendwo richtig zu sein und diesen endlos verzehrenden Kampf endlich gewinnen zu können.
Zwar hatte ich noch immer tausend Ängste - mein Magen sollte mich in den nächsten Tagen mehr quälen als jemals zuvor - aber in diesem Moment wusste ich, dass ich all meine Sorgen nicht mehr allein durchstehen musste.
***
Ich freue mich richtig doll auf Nicoles zehnten Geburtstag! Schon den ganzen Tag bin ich super aufgeregt, dass mir ganz schlecht ist. Nach der Schule gehe ich heim. Mama hat lecker gekocht. Papa schmeckt es nicht. Er schreit. Schnell mache ich noch meine Hausaufgaben, dann gehe ich los mit meinem Geschenk. Es sind nur ein paar Straßen bis zu ihr. Nicole ist meine allerbeste Freundin. Aber ich bin nicht ihre beste Freundin. Das ist Tammy. Tammy ist dünn. Und Tammy hat öfter Zeit zu spielen. Sie lernt nicht so viel wie ich.
Bei Nicole bin ich die erste. Obwohl ich sie in der Schule schon gesehen habe, umarme ich sie und wünsche ihr nochmal alles Gute zum Geburtstag. Macht man das so? Die anderen kommen auch langsam und wir sitzen im Kreis auf dem Boden, während Nicole die Geschenke auspackt. Hoffentlich gefällt ihr mein Lesezeichen! Ich habe es selbst gebastelt. Das hat ganz schön lange gedauert. Sie bedankt sich und öffnet Tammys Geschenk. Pferdeaufkleber mit Glitzer. Sie freut sich mega. Bei mir hat sie sich nicht so gefreut! Ich hätte auch lieber etwas kaufen sollen. Das nächste Mal höre ich nicht auf Mama. Selbst gemachte Dinge sind wohl doch nicht so besonders. Max und Hanna mag ich nicht. Sie sind immer gemein zu mir und ich finde es blöd, dass Nicole sie auch eingeladen hat. Aber ich muss ja nicht mit ihnen spielen.
„Lasst uns ein bisschen rausgehen und Fangen spielen“, sagt Nicoles Mutter. Vor ihr habe ich Angst. Noch nie habe ich sie lachen gesehen. Und wenn sie auf mich schaut, schaut sie noch viel böser. Und sie schaut meinen Bauch an. Dann verschränke ich immer die Hände vor dem Bauch und ziehe ihn ein, so wie es mir Mama mal gezeigt hat.
Draußen ist es schön. Die Sonne scheint und Nicole, Tammy und ich gehen Arm in Arm.
„Da vorne, der Gartenzaun“, sagt die Mutter. „Wer zuletzt da ist, hat verloren.“ Alle rennen los. Ich auch. Ich verliere. So geht das Spiel weiter. Unser Weg geht ziemlich steil berghoch. Und der Verlierer muss den nächsten fangen, bis zu dem Ziel, das die Mutter aussucht. Aber wir haben schon drei Ziele erreicht, ohne dass ich jemanden fangen konnte. Mir ist ganz warm. Vom Rennen und von dem peinlichen Gefühl. Ich schlucke und will nicht weinen. Max und Hanna zeigen auf mich und kichern. Was sie sagen, kann ich nicht hören. Ich bin noch zu weit unten am Berg. Tammy und Nicole lachen auch. Über mich? Irgendwann bestimmt die Mutter, dass wir nicht mehr rennen müssen, und ich freue mich. Aber jetzt laufen Nicole und Tammy nicht mehr mit mir Arm in Arm. Finden sie mich eklig, weil ich so schwitze? So wie mich Max ansieht, findet er mich bestimmt eklig.
„Alles klar, Fetti?“, neckt er mich, als ich mir die Stirn abwische. Die Mutter läuft neben ihm. Sie sagt nichts. Also sage ich auch nichts. Ich ignoriere ihn, wie sonst auch in der Schule. An den meisten Tagen klappt das ganz gut. Heute nicht. Ich reibe mir die Augen.
Als wir wieder bei Nicole sind, spielen wir mit Puppen und Bauklötzen, aber es ist kein gemeinsames Spiel. Jeder macht irgendwie was anderes. Ich schaue auf die Uhr. Ich will zu Mama. Und Robin. Ich will nach Hause. Irgendwie habe ich Hunger. Sonst gibt es bei Geburtstagen doch Kuchen. Oder? Bei Nicole gibt es keinen Kuchen. Im Kinderzimmer ist nicht besonders viel Platz. Ich versuche mich klein zu machen und knie mich hin.
„Au, du zerquetschst meinen Fuß!“, quietscht Nicole und ich murmle eine Entschuldigung. Wie peinlich! Ich bin wirklich nur im Weg. Wo soll ich hin, dass ich die anderen nicht störe? Was könnte ich sagen, um früher heimzugehen? Ich könnte sagen, dass Mama gesagt hat, ich muss noch beim Haushalt helfen. Aber das wäre gelogen. Nein. Lügen gehört sich nicht. Ich werde durchhalten. Um 18 Uhr holt mich Mama ab. Nur noch eine halbe Stunde. Die Mutter ruft zum Abendessen. Es gibt Würstchen und Brot. Nichts davon schmeckt. Max sitzt mir gegenüber und bläst die Backen auf. Ich schaue wieder auf das Essen.
„Du, der meint dich“, sagt Tammy neben mir.
„Ich weiß“, antworte ich und möchte alles, was ich bisher gegessen habe, erbrechen und mein überschüssiges Fett gleich mit. Ich will nach Hause, ein großes Küchenmesser nehmen und meinen fetten Bauch einfach abschneiden. Haut wächst doch nach. Das muss doch gehen, oder? Warum hat Tammy das gesagt? Ich will Max ignorieren. Wenn ich ihm keine Aufmerksamkeit schenke, hört er irgendwann auf. Wenn ich unsichtbar bin, kann er nicht böse zu mir sein. Jetzt schauen aber auch die anderen zu ihm. Er lacht und bläht die Backen noch mehr auf. Es klingelt an der Tür. Die Mutter geht und kommt gleich wieder.
„Deine Mutter wollte dich schon holen, Scarlett“, sagt sie zu mir. „Aber ich habe ihr gesagt, dass wir gerade am Essen sind und erst noch fertig essen.“
Die Uhr. Es ist 18 Uhr. Jetzt darf ich heim. Ich will nicht fertig essen. Es schmeckt nicht. Wie kann sie es wagen, meine Mama einfach so wegzuschicken? Mama. Sie ist extra zum Haus gekommen, um mich zu holen. Sie wollte mich mitnehmen, aber sie durfte nicht. Mama hat sich umsonst Mühe gemacht. Sie hat wirklich anderes zu tun, als in der Gegend rumzuspazieren. Wie dumm ist das alles? Hoffentlich ist mir Mama nicht böse. Warum muss ich hier sein, wo alles so blöd ist? Warum soll ich dieses eklige Würstchen essen? Ich will heim.
Die Mutter schielt zu mir. „Sie holt dich dann später ab. Iss jetzt fertig.“
Nun passiert es doch. Ich muss heulen. Nicole isst weiter. Tammy auch. Max und Hanna flüstern miteinander. Niemand nimmt mich in den Arm.
***
Arielle in Natura kam mir entgegen, reichte mir die Hand und überwältigte mich mit dem schönsten Lächeln der Welt. Ihre unfassbar schönen roten Haare sahen genauso aus wie die Haarpracht meiner Lieblings-Disney-Heldin. Nicht nur leuchteten ihre Augen und waren unnatürlich freundlich, ihre weißen Zähne hätten jede Zahnpastawerbung zum Verkaufsschlager gemacht.
„Herzlich Willkommen auf der Station 3, Frau Schweighart. Ich bin Frau Best und darf Sie in Ihr Zimmer führen. Sie haben Sonnenschein mitgebracht, wie nett von Ihnen.“ Wie das andere Pflegepersonal trug auch sie keine weißen Kittel, sondern gewöhnliche Straßenkleidung. Lediglich ihr Namensschild „A. Best“ verriet, dass sie keine Gestörte war wie ich, sondern für ihre Zeit hier bezahlt wurde. Ich schätzte sie ungefähr auf mein Alter, Mitte zwanzig.
„Ähm, ja. Es hat lange genug geregnet“, antwortete ich und hätte mich für meine dumme Antwort ohrfeigen können. Die Frau mir gegenüber lachte aber und ihre strahlend grünen Augen funkelten.
„Da haben Sie recht! Dass heute ein so sonniger Tag ist, ist ein gutes Zeichen für den Beginn Ihrer Klinikzeit.“ Die Freundlichkeit der Pflegerin kam unerwartet und stand in klarem Kontrast zu dem, was ich im Vorgespräch in der anderen Klinik erfahren habe. Kurz blickte ich über die Schulter, wollte mich von dem netten Mann verabschieden, doch er war bereits verschwunden.
Arielle lief mit mir den langen Flur entlang. Mein Blick konnte sich nur schwer von ihrer roten, gewellten und außergewöhnlich vollen Haarpracht losreißen. Dann sah ich auf ihre wunderschöne Figur. Ihr Körper hatte die Gitarrenform, von der es hieß, sie sei die ideale Form des Frauenkörpers. Und das stimmte, meiner Ansicht nach. Was hatte sie nicht für schöne Hüften! Und dieser Po! Was würde ich dafür geben, so auszusehen? So richtig weiblich. Aber nein, ich war der fette Birnentyp.
Unförmig. Unweiblich. Unmenschlich.
Sie zeigte mir das Zimmer, das ich mit einer alten Dame teilte, die in Jogginghosen auf ihrem Bett saß und vor sich hinstarrte. Als mich Arielle vorstellte, seufzte sie schwer und ich meinte, ihre Schultern noch mehr in sich zusammensacken zu sehen, bevor sie ihren Kopf ein klein wenig hob, um kurzen Augenkontakt mit mir herzustellen. Bravo, dachte ich mir. Das wird bestimmt die schönste Zeit meines Lebens. Und das Bett am Fenster hat sie auch. Allzu sehr konnte ich mich aber nicht über meine neue Nachbarin aufregen, weil Arielle mir einige Stapel Papiere in die Hand drückte, die ich so schnell wie möglich ausfüllen sollte. „Keine Eile, aber je früher, umso besser.“ Jaja, schon klar. Beim Überfliegen der Unterlagen fiel mir auf, dass ich das alles schon einmal ausgefüllt hatte.
„Das hat seine Richtigkeit. Es ist nicht ganz genau der gleiche Fragebogen, aber ja, viele Fragen überschneiden sich. Das lässt sich leider nicht vermeiden.“
Weil ich so doof gewesen war, einzuwilligen, bei einigen Studien teilzunehmen, musste ich noch zwei weitere Formulare bearbeiten. Ich würde also in den ersten Tagen ordentlich zu tun haben. Vielleicht war das gut. Nein. Nicht nur vielleicht. Das war einfach genial. Dann würde ich keine Zeit haben, auf dumme Gedanken zu kommen.
Arielle führte mich weiter herum, zeigte mir den Aufenthaltsraum, erklärte den Therapieplan. Alles in allem war ich der Schnappatmung nahe. Mein Gehirn konnte gar nicht all die Informationen verarbeiten, die sie mir in so kurzer Zeit mitteilte. Und bevor ich verstand, was genau hier eigentlich vor sich ging und warum ich mich dazu entschlossen hatte, auf dieser Station mit Menschen zusammen zu sein, die wirkliche Probleme hatten, gab es auch schon Mittagessen.
Auf der Station waren drei Arten von Psychos untergebracht: Stresspatienten, Schmerzpatienten und Esspatienten. Wir Essgestörten saßen nicht mit den anderen am Tisch, sondern in einem eigenen Raum, wobei immer jemand vom Pflegepersonal bei den Mahlzeiten dabei war. Das war die „Essbegleitung“, wie es so schön hieß. Die Essbegleitung kontrollierte uns Essgestörte bei Tisch, sah zu, wie wir aßen, ob wir zu langsam oder zu schnell futterten. Zu viel nachwürzten oder zu viel tranken. Das Butterbrot einmal zu oft durchschnitten, als es „normal“ war. Wir mussten die Regeln einhalten. Mitunter war es wichtig, alles zu essen. Am Anfang der Therapie sollte man zumindest von allem, was auf dem Teller war, probieren. Aber das höchste Ziel war es, eine ganze Portion zu essen und dann auch an den Esstisch im Aufenthaltsraum zu den anderen zu können. Klang einfach. War es aber nicht.
Das erste Essen war Nudelauflauf mit Sahnesoße und als Nachtisch gab es Sahneschokopudding. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Nudeln hatte ich jahrelang nicht mehr gegessen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich gemerkt hatte, dass ich etwas ändern musste. Vor drei Wochen hatte ich mich durchgerungen, welche zu kochen. Es waren etwa zehn Stück. Und dazu gab es eine große Schüssel Salat und Schuldgefühle. Sahne oder Fett hatte ich seit Jahren nicht mehr zum Kochen benutzt. An meinen letzten Schokopudding konnte ich mich gar nicht mehr erinnern. Aber mein Hunger war da, real. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, aber ich aß nur ein paar Gabeln. Es schmeckte widerlich. Das ganze Fett glänzte auf dem Teller und der Gabel. In meinem Mund hinterließ es einen Film auf meinen Zähnen. Nein. Das würde ich nicht essen. Ich legte die Gabel hin und starrte auf die Uhr. Wir mussten 30 Minuten lang sitzenbleiben. Das war wohl eine „normale“ Essenszeit.
„Frau Schweighart, möchten Sie es nicht noch einmal versuchen?“, stichelte Frau Hahn, die heutige Essbegleitung. Sie war gleichzeitig die Leiterin der Station und sah aus, als würde sie wissen, was ich denke, bevor ich mir dessen selbst bewusst war. Ihre Haare waren kurzgeschnitten, pflegeleicht. Um ihre Augen lagen Falten, die zeigten, wie sehr sie sich in den Jahrzehnten ihres Lebens mit den Sorgen anderer beschäftigt hatte.
Tränen stiegen in mir auf. Ich hatte ja Hunger. Großen Hunger. Bei mir war es nicht so wie bei vielen Magersüchtigen, dass das Hungergefühl komplett verschwunden war. Oh nein. Hunger war mein täglicher, stündlicher und minütlicher Begleiter. Sehr gerne hätte ich jetzt einen riesengroßen Berg Salat gegessen. Was hätte ich nicht für eine Salatgurke gegeben! Aber diese pampigen, totgekochten, widerwärtigen Nudeln und die Soße erst – nein. Noch war mein Hunger nicht groß genug, als dass ich die Sahnesoße hätte essen können. Noch war die Krankheit stärker als der Hunger.
Kapitel 2: Der erste Tag
Du weißt, dass es schlimm ist, wenn das Essen deinen Tag strukturiert. Du schaust auf die Uhr und rechnest aus, wann du die nächste Mahlzeit einnehmen darfst. Du sehnst dich danach, denn du hast fürchterliche Magenschmerzen. Hungerschmerzen. Um den Bauch zu füllen, trinkst du Wasser. Sehr viel Wasser. Mindestens fünf Liter am Tag. Deswegen musst du ständig auf die Toilette und je mehr du trinkst, umso stärker wird dein Durst. Du meinst, innerlich zu verdursten, aber der Hunger hört nicht auf. Während der Anfangszeit hast du noch zuckerfreie Bonbons gegessen. Gegen den Hunger. Nun weißt du es aber besser. Ein Bonbon hat zwischen sieben und zehn Kalorien. Seit dir das bewusst ist, isst du nur noch Kaugummi. Und hasst dich für jeden einzelnen, der den Weg in deinen Mund findet, denn ein Kaugummi hat zwei Kalorien. Deswegen kaust du den ganzen Vormittag auf demselben herum, obwohl der schon nach wenigen Minuten an Geschmack verloren hat und sich dein Gaumen nach Abwechslung sehnt. Am Nachmittag gönnst du dir einen zweiten Kaugummi und du schließt die Augen, weil du die Süße genießen willst. Die Schmerzen im Magen sind aber immer noch da, denn dein Mittagessen war eine Scheibe Vollkornbrot mit Salat. Du legst den Eisbergsalat so darauf, dass man meinen könnte, es sei Aufschnitt. Dazu isst du Gurken. Sie enthalten viel Wasser. Machen satt. Für ein paar Stunden. Wirklich Energie zum Denken liefert so ein Essen aber nicht, deswegen fühlst du dich um 14 Uhr schon wie ein ausgelaugtes Häufchen Elend. Dein Kopf zieht sich genauso wie dein Magen zusammen. Es fällt dir schwer, Unterhaltungen zu folgen oder gar selbst zu denken. All deine Gedanken kreisen um das Abendessen. Da du den ganzen Tag gehungert hast, willst du abends deinen Magen so richtig füllen. Deswegen kochst du ausgiebig. Kohl, Pilze, Spinat, Salat. Dazu ein Knäckebrot. Während du alles auf deinen Teller schaufelst, ist dir bewusst, dass dieser Berg an Essen nicht normal sein kann. Aber im Hinterkopf hast du die Kalorien deines Essens beim Kochen genau mitgezählt und weißt, 260 Kalorien ist nicht zu viel für das Abendessen. Das ist noch okay. Du zerteilst das Essen in winzige Stückchen, willst lange brauchen. Denn das Sättigungsgefühl kommt erst nach 20 Minuten, das weiß doch jeder. Du schaust auf die Uhr und merkst, dass du schon seit 40 Minuten isst. Im Hintergrund läuft eine Dokumentation über den Klimawandel auf dem Laptop. Du fragst dich, warum die Welt so ungerecht ist und warum du denn einfach nicht satt wirst. Natürlich kennst du die Antworten auf die Fragen. Zumindest auf die zweite: Ohne Kohlenhydrate wird man schlecht satt. Neben dem Teller liegt ein Knäckebrot. Du wirst es aber nicht anrühren. Genau wie gestern. Und vorgestern. Du legst es immer nur neben den Teller, um es nach dem Aufessen des Gemüses wieder in den Schrank zu packen. Dabei wirst du dich gut fühlen. Wieder ein Erfolg. Du bist so diszipliniert! Glückwunsch. Während du den Teller wäschst, kullern deine Tränen in das Spülwasser und du fragst dich, wie lange du diese Einsamkeit noch aushalten kannst.
***
Nach dem ersten Essen in der Klinik ging es mir furchtbar und ich dachte ernsthaft darüber nach, mir den Finger in den Hals zu stecken und die fettige Sahnesoße direkt wieder aus mir heraus zu befördern. Mein Magen schmerzte und brodelte. Er war solche Art von Essen nicht gewöhnt. Dazu kam die Stimme in mir, die mich für jede Gabel Nudelauflauf rügte. Die mir sagte, dass ich zu fett war und so etwas nicht essen sollte. Ich hasste mich und jeder Bissen, den ich aß, verschlimmerte dieses Gefühl. Im Grunde liebte ich Essen. Immer schon habe ich gerne geschlemmt, weswegen ich wohl so dick gewesen war. Dann entwickelte sich das schlechte Gewissen, sobald ich Essen genießen wollte, weil immer der Hintergedanke mitschwang, dass jeder Bissen mich noch dicker machte. Jede Mahlzeit war ein Zeugnis meines Versagens. Ich wollte aber eine Gewinnerin sein. Ich wollte etwas leisten, auf das ich stolz sein konnte. Ich wollte Erfolge. Und Abnehmen war ein Erfolg. Der größte Erfolg in meinem Leben. Vielleicht auch der einzige. Und ich bekam Komplimente zu meiner neuen Figur. Dabei fror mein Herz jedes Mal zu Eis. Warum meinen die Leute, dass es toll ist, sich herunterzuhungern? Wieso gratulieren sie mir? Das ist nicht gesund, was ich tue. Warum sieht es denn keiner?
Während ich im Bad meines Patientenzimmers stand, die Hände auf meinem Bauch, der sich erschreckend nach außen wölbte, klopfte es zaghaft an der Zimmertür.
„Ja?“ Ich öffnete und sah auf spitze Wangenknochen, über denen zwei eng stehende, eingefallene Augen ragten. Obwohl sie müde und erschöpft aussahen, schimmerte ein freundliches Grün durch sie hindurch. Der knochige Kopf steckte auf einem noch knochigeren Körper, dessen Anblick bei mir das Bedürfnis weckte, diesem Menschen kalorienhaltige Trinknahrung zwischen die Lippen zu stecken. „Iss, Forest, iss“, rief ich in Gedanken. „Iss um dein Leben.“
Es war Pascal. Mitte 40, bestimmt zwei Meter groß. Geschätzter BMI von 16. Auch ein Essgestörter. Nach dem Mittagessen hatte er mir erklärt, dass er für die ersten Tage auf der Station mein Pate wäre und mir gerne in Ruhe die Räumlichkeiten zeigen würde. Er war zwar nett gewesen, doch ich hatte mit meinen Gedanken und meinem Selbsthass zu tun, weswegen ich ihn auf später vertröstet hatte. War jetzt schon später? Noch immer fühlte ich mich nicht bereit für zwischenmenschliche Interaktion, Therapie und das Leben an sich.
„Hallo Scarlett, ich wollte einmal schauen, wie es dir geht. Das erste Essen ist immer das schwerste.“
Ich biss mir auf die Lippen, um nicht in Tränen auszubrechen. Mein Gott, warum war ich nur so labil? Pascal sah mich sofort mitleidig an und legte mir eine seiner zarten Händchen auf meine Schulter. „Alles gut, Liebes. Es wird besser, glaub mir.“
Glauben wollte ich ihm gerne, also ließ ich ihn herein, schluckte und deutete auf einen der beiden Stühle, die an einem seltsam ovalen Tisch am Fenster standen. Er setzte sich, sah mich an und ich erwartete schon, dass er endlos viele Fragen stellen würde, dass ich nun Gefühle erklären müsste, die ich selbst nicht verstand. Pascal jedoch lächelte und begann selbst zu erzählen. Von sich, seinen Kindern, seinem Anfang hier. Er war schon seit fünf Wochen in der Klinik. Sein Untergewicht war auf einen stressigen Alltag als selbstständiger Architekt zurückzuführen. Seine jüngste Tochter hatte vor Kurzem ein Baby bekommen und er nahm ihr das Kleine ab, wo er konnte. „Vielleicht war das alles aber doch etwas zu viel für mich.“ Ein verlegenes Lachen hallte durch das Zimmer. Von einer Ehefrau erwähnte er nichts und ich hütete mich davor, ihn zu fragen. Vielmehr war ich dankbar, dass er mich abgelenkt und mir einen Teil seiner Geschichte anvertraut hatte. Dieser Mann war mir direkt sympathisch und strahlte trotz seines schmalen Körpers eine beruhigende Stärke aus.
„Darf ich dir einen Tipp geben?“
Ich nickte.
„Je schneller du die volle Portion isst, desto eher wirst du wieder gesund. Arschbacken zusammenkneifen, Augen zu, Mund auf und essen.“
Pascals Tipp klang einfach, erweckte in mir aber sämtliche Horrorvorstellungen, dass ich wieder einen gewaltigen Bauch vor mir herschieben würde. Spottgesänge aus der Schulzeit schwirrten in meinem Kopf umher.
„Ich meine es ernst, Liebes.“ Mit sorgenvollem Blick sah er an mir herab und ich schämte mich für meinen Körper. „Du bist so dünn, es ist höchste Zeit, dass du hergekommen bist.“ Nein, du lügst. Schau doch mal richtig hin! Da ist noch genug Fett, das da nicht hingehört. Da, dort und hier auch! Für einen kurzen Augenblick wollte ich das tatsächlich sagen. Dann schwieg ich aber, denn ein kleiner Teil in mir wusste, dass Pascal nicht ganz Unrecht hatte.
Bevor er mit mir auf Erkundungstour gehen wollte, sah er auf meinen Therapieplan und entdeckte, dass ich gleich mein erstes Einzel- und gleichzeitig Aufnahmegespräch mit meinem Therapeuten haben würde. Also brachte er mich nur wenige Meter über den Flur, tätschelte mir nochmals den Arm, sprach mir Mut zu und ließ mich allein.
Kurz darauf öffnete sich die Tür und eine schwarze, junge Frau schüttelte mir energisch die Hand.
„Frau Schweighart? Willkommen, willkommen. Ich bin Katharina Kleist, Ihre Psychotherapeutin. Kommen Sie rein in die gute Stube!“ Sie zeigte auf einen Stuhl und wirbelte in ihrem Büro umher. Der Beistelltisch vor mir war die einzig leere Fläche des Raumes. Ihr Schreibtisch, die Regale und Schränke waren von oben bis unten zugemüllt. Ordner und Unterlagen stapelten sich auf jeder freien Fläche. An den Wänden hingen erdrückend viele Bilder von Schmetterlingen und ich fragte mich, ob diese Einrichtung ein Test war, um Zwangsstörungen bei Patienten zu entlarven. Wie viele Patienten würden nervös auf das Chaos auf dem Schreibtisch starren, bis sie fragen würden, ob sie nicht mal eben ein bisschen Ordnung schaffen dürften.
„Moment, ich muss nur kurz – wo ist denn Ihre Akte?“ Sie drehte mir den Rücken zu und ich nahm mir die Gelegenheit, sie zu mustern. Sie trug einen engen, sehr kurzen schwarzen Rock, dazu eine weiße Bluse mit rosa Flamingos, die transparent genug war, damit man ihren schwarzen BH durchscheinen sah. An ihren dicken Beinen schlängelten sich Dehnungsstreifen hinauf zu der Cellulite ihrer Oberschenkel. „Sodele, hier habe ich alles. Wir können starten.“ Mit einer dünnen Akte setzte sie sich an den kleinen Tisch mir gegenüber, klickte zweimal mit ihrem Kugelschreiber und sah mich an. „Erster Tag heute. Wie aufregend! Was haben Sie schon alles Schönes entdeckt? Wurden Sie gut aufgenommen? Haben Sie schon Ihren Paten gefunden?“
Ihre energische Art war überraschend und einschüchternd.
„Ähm, na ja.“
„Bei der Ankunft ist man immer ein kleines bisschen überfordert, das wird sich legen, keine Sorge.“ Wieder klickte sie mit ihrem Kugelschreiber und ich hoffte, dass das kein nervöser Tick von ihr war. Menschen, die keine Sekunde stillsitzen konnten, brachten mich zur Weißglut.
„Also, ich habe mir Ihre Akte angesehen. Ihre Leberwerte sind katastrophal und Ihr Kaliummangel ist in einem Bereich, in dem wir strengstens Ihr Herz im Blick behalten müssen. Kurzum: Ihr Blut zeigt deutlich Ihre Mangelernährung. Ein Wunder, dass das so lange kein Arzt festgestellt hat.“ Sie schlug den Ordner auf, überflog eine Tabelle und schüttelte den Kopf. „Blutabnahme mindestens zweimal wöchentlich. Das wird dauern, bis sich die Werte normalisieren. Aber Sie sind ja noch ein Weilchen da, oder? An welchen Zeitraum haben Sie gedacht?“
Ich? Woher sollte ich das wissen? Wer war hier der Psycho und wer der Therapeut? Das musste sie mir doch sagen!
„Ähm.“ Ich fixierte einen handgroßen Porzellan-Schmetterling, der neben dem Fenster von der Decke baumelte. „Ich weiß nicht, ich habe ein bisschen recherchiert … Meist sind es so neun, zehn Wochen.“
Sie nickte, klickte mit dem Kugelschreiber und schrieb etwas in ihren Block. „Das kommt natürlich darauf an, wie viel Sie laut Ihrem Gewichtsvertrag pro Woche zunehmen wollen.“
Gewichtsvertrag? Zunehmen? Mein Magen zog sich bei diesen Worten zusammen und ich spannte meinen Körper an, um Fassung zu bewahren. Schließlich hatte sie recht: Ich war nicht zum Spaß hier.
„Im Vorgespräch haben Sie erzählt, Sie hätten erst in den letzten zwei Jahren so viel abgenommen?“
„Ja, also ich habe immer wieder mal abgenommen. Dann auch wieder zugenommen. Ein Auf und Ab. Aber in den letzten Jahren dann nur noch ab.“
„Wie?“
„Mit Sport und gesundem Essen“, antwortete ich. Das war der Satz, den ich schon sehr oft zu sehr vielen Menschen sagen musste, um meinen neuen Körper zu erklären. Frau Kleist aber hob eine Augenbraue.
„Viel Sport“, ergänzte ich. „Und wenig Essen.“
Sie nickte und notierte fleißig, was ich sagte. „Erbrechen Sie auch?“
„Nein, das habe ich nie getan! Kein einziges Mal“, sagte ich fast zu energisch. Das war ein Versprechen, an Robin. Auch wenn es Tage gegeben hatte, an denen ich mich derart vollgestopft gefühlt hatte, dass der Selbsthass mich fast umgebracht hätte, habe ich mir nie den Finger in den Hals gesteckt. Robin zu enttäuschen wäre das Letzte, was ich jemals tun wollte.
„Was treiben Sie für Sport?“
„HIIT-Workouts. Also, High Intensity Intervall Trainings bei mir in der Wohnung. Ich mache nicht gern draußen Sport, wenn mir jemand beim Schwitzen zusieht.“
„Leben Sie alleine?“
„Ja.“
„Keine Beziehung?“
„Nein.“
„Wie lange sind Sie schon Single?“
„Bitte?“
„Wie lange sind Sie schon Single?“
Langsam wurde mir dieses Aufnahmegespräch mehr als unangenehm. Frau Kleist hingegen wiederholte die Frage ein drittes Mal und beäugte mich mit einem Röntgenblick, der mir eine Gänsehaut bereitete.
„Wieso ist das wichtig?“
Lächelnd wechselte sie ihr übereinandergeschlagenes Knie. „Frau Schweighart, wichtig ist alles, was Ihnen auf dem Herzen liegt. Dinge, die Ihnen auch noch so kleinlich erscheinen, sollten in diesem Raum trotzdem gesagt werden. Trauen Sie sich ruhig, spontane Gedankengänge mit mir zu teilen! Jedes Wort, jeder Gedanke, kann Ihnen bei der Genesung helfen. Welche Themen wir auf der Prioritätenliste für Ihren Therapiefolg nach oben oder unten schieben, entscheiden wir im Therapieverlauf gemeinsam.“
Langsam konnte ich mich etwas entspannen. Mir gefiel die Tatsache, dass meine Worte nicht auf die Goldbahre gelegt werden sollten. Eine ganz neue Erfahrung für mich.
„Etwa zwei Jahre“, sagte ich.
„Haben Sie vor oder nach der Trennung mit der rapiden Gewichtsabnahme begonnen?“
„Danach.“
„Ah ja.“
„Behaupten Sie jetzt bloß nicht, dass ich ‘nen Kerl brauche, um gesund und glücklich zu sein!“, sagte ich bestimmt und krallte mich in die Stuhllehnen. Angriffsstellung.
„Ich behaupte gar nichts, Frau Schweighart. Ich sitze hier, höre Ihnen zu und notiere mir die ein oder andere Äußerung. Da Sie es aber ansprechen: Glauben Sie, dass Sie eine Beziehung brauchen, um glücklich zu sein?“
„Nein, natürlich nicht! Ich bin sehr glücklich. Allein sein tut mir gut. Ich mag die Einsamkeit.“ Wieder sah mich die Frau einschüchternd an, sodass ich ihren Blick nicht halten konnte. Mir wurde heiß und ich hatte das Gefühl, mich selbst verraten zu haben. „Ich meine, ich bin nicht einsam. Ich lebe allein, aber ich bin nicht einsam.“
„Wie lange hat Ihre Beziehung gehalten?“
„Fast drei Jahre.“
„Ihre erste Beziehung?“
Ich nickte und nutzte den kurzen Moment des Schweigens, um tief Luft zu holen und mich zu beruhigen. Frau Kleist merkte wohl, dass ich zutiefst gestresst war und wechselte das Thema. Nur war das nicht weniger stressig.
„Wie viel wollen Sie zunehmen? Ihr BMI beträgt 15,1. Unteres Normalgewicht läge bei einem BMI von 18,5 in Ihrem Alter. Um die elf Kilo müssen drauf.“ - Mein Herz begann zu rasen – „Das ist stattlich, wenn Sie das in zehn Wochen schaffen wollen. Normalerweise pendeln wir im Gewichtsvertag um die 750 Gramm pro Woche an. Das schaffen die meisten.“
„Ich habe von dieser Klinik gar keinen Gewichtsvertrag online gefunden …“
„Nein, das stimmt. Wir haben keine vorgefertigten Verträge auf unserer Webseite. Aber“ - sie reichte mir ein Blatt - „Hier ist eine Vorlage, an der Sie sich orientieren können. Sie schreiben den Vertrag selbst. Zu Beginn notieren Sie die Motivation für Ihre Gewichtszunahme. Dann fügen Sie eine Tabelle ein, in der Sie Ihre wöchentliche Zunahme als Richtwert eintragen. Last but not least, erstellen Sie eine Belohnungsliste für jeden erreichten Soll-Wert.“
„Ich soll mich dafür belohnen, wenn ich zugenommen habe?“
„Genau!“ Sie strahlte über das ganze Gesicht, mir aber wurde übel und ich musste darüber nachdenken, wie ich mich denn belohnen könnte.
„Ich mag Tee. Ist Tee trinken Belohnung genug?“
„Es wäre besser, wenn Sie Genussmittel nicht in Ihr Belohnungssystem aufnehmen würden.“
Na toll. Für mich war Essen und Tee stets mit dem Gedanken verbunden, „sich etwas zu gönnen“. Wie sollte ich mich sonst belohnen, wenn nicht mit einem schönen Tee? Oder einem saftigen Apfel? Was blieb übrig, wenn Essen wegfiel?
„Sich selbst zu belohnen, fällt vielen Patienten mit Anorexie schwer. Deswegen schreiben Sie sich Ideen zur Belohnung am besten auf. Machen Sie sich einfach bis zum nächsten Mal Gedanken. Am Freitag reden wir über Ihren erstellten Vertrag.“ Erneut klickte sie mit dem Kugelschreiber. „Zum Gewichtsvertrag gehört auch ein Abschnitt mit Konsequenzen. Was tun Sie also, wenn Sie am Wiegetag nicht genug zugenommen haben? Meist wird dann eine Bewegungseinschränkung vereinbart. Viele Patienten beschließen, auf der Station zu bleiben. Für etwa acht Stunden. Bei einer weiteren Konsequenz sind es bereits 16 Stunden. Bei der dritten erfolgt Stationsgebot. Wenn Sie partout nicht zunehmen, kann auch Bettruhe verordnet werden. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, Ihnen hochkalorische Trinknahrung zu verabreichen.“ Angespannt überflog ich die Vorlage des Gewichtsvertrages und kämpfte gegen die Tränen. Plötzlich war alles real. Ich opferte also tatsächlich meine Semesterferien, um in einem Mastbetrieb als Mastschwein zu leben und meine Erfolge der letzten Jahre zunichtezumachen. „Sie enthält alle lebenswichtigen Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente in einem ausgewogenen Verhältnis. Die Aufbaunahrung ist aber nur unser Ass im Ärmel. Uns wäre es lieber, wenn Sie auf konventionellem Weg Gewicht aufbauen. Dazu essen Sie drei volle Mahlzeiten am Tag. Später kommen bis zu drei Zwischenmahlzeiten hinzu. Aber Schritt für Schritt, um das Refeeding-Syndrom zu umgehen.“ Frau Kleist war im Redefluss und ich maßlos gestresst. „Es tritt auf, wenn massiv mangelernährte Menschen zu schnell auf eine normale Nahrungszufuhr umsteigen. Der Körper braucht Zeit, um sich an vollwertige Kost zu gewöhnen.“
Lachend verschränkte ich die Arme. „Das würde bei mir nicht zutreffen. Ich habe nie nichts gegessen.“ Nein, ich war nicht magersüchtig. Ich war kein Klischee. „Ich hatte immer meine drei festen Mahlzeiten. Ich weiß, wie man gesund isst.“
„Ach so? Ja und was wollen Sie dann überhaupt hier?“ Das Kugelschreiber-Klicken passte zu ihrem aufmerksamen Wimpernaufschlag. „Wollen Sie überhaupt zunehmen?“
Tränen schossen in meine Augen. Nein, ich will nicht zunehmen. Natürlich nicht. Aber ich musste. Denn so ging es einfach nicht mehr weiter.
„Ich will einfach ganz normal essen, ohne mich dafür zu hassen.“
„Das klingt doch nach einem guten Ziel für Ihren Gewichtsvertrag.“ Frau Kleist lächelte und mir lief der Rotz die Nase hinunter. Ich musste schniefen und sah mich nach einem Taschentuch um. Sie musste doch sehen, dass ich eins brauchte. Warum bot sie mir keins an?
„Kann ich vielleicht ein Taschentuch haben? Bitte?“, wimmerte ich.
„Natürlich.“ Ohne hinzusehen, griff Frau Kleist hinter sich auf den Boden und reichte mir eine Nachfüllbox Papiertaschentücher. Herzhaft schnäuzte ich mich und zwang mich dazu, ruhig sitzen zu bleiben und nicht heulend aus der Klinik zu rennen. Nein. Ich werde es versuchen. So schnell gebe ich nicht auf.
„Dann bitte ich Sie noch, bis zur nächsten Sitzung eine Liste Ihrer Tabu-Lebensmittel anzufertigen.“
„Tabu-Lebensmittel?“
„Es gibt bestimmt einige Lebensmittel, die Sie schon eine Weile nicht mehr gegessen haben?“
„Bananen“, fiel mir als Erstes ein und wieder erntete ich einen skeptischen Blick, der in mir das Bedürfnis wachrief, mich zu erklären. „Also, weil – Ich meine, Bananen sind-“ Offensichtlich konnte ich es aber nicht erklären. Ich war aufgelöst und am Ende mit meinen Nerven. Nie und nimmer wollte ich zum Mastschwein werden. Nicht wieder. In mir pochte die wilde Angst, innerhalb weniger Wochen wieder so fett zu werden wie früher. „Sexy Scar“, sang es in meinem Inneren und ich erschauderte. Mit diesem Gewichtsvertrag würde ich innerhalb weniger Tage den Erfolg von mehr als zwei Jahren ruinieren. Meine Errungenschaften wegessen.
Und wofür das alles?
„Um erfolgreich die Therapie durchzuführen, ist es wichtig, dass Sie stets Ihre Ziele und Motivationen im Blick behalten.“ Konnte sie Gedanken lesen? Was aber, wenn ich weder Ziele noch Motivationen hatte? Was, wenn mein einziges Ziel der letzten Jahre immer gewesen ist, eine noch niedrigere Zahl auf der Waage zu sehen? Was, wenn meine Motivation stets war, den Hunger und den Muskelkater zu spüren, um mir selbst zu beweisen, wie willensstark und diszipliniert ich war?
„Wissen Sie, was der medizinische Fachbegriff für Magersucht ‚Anorexia nervosa‘ bedeutet?“
Noch immer schluchzend schüttelte ich meinen Kopf.
„Anorexie leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet Appetitlosigkeit. Nervosa kommt aus dem Lateinischen und meint in etwa so viel wie ‚nervlich bedingt‘. Wörtlich übersetzt würde man Ihr Krankheitsbild also ‚nervlich bedingte Appetitlosigkeit‘ nennen. Dabei handelt es sich jedoch eher um psychisch bedingte Kontrolle der eigenen Nahrungszufuhr. Man verhungert den eigenen Körper und spürt natürlich noch Appetit. Eventuell will man es sich nicht eingestehen. Viele Patienten mögen das Hungergefühl. Warum man sich nichts gönnt, hat unterschiedliche Ursachen. Die depressiven Stimmungen dahinter rauszufinden, das wird unsere gemeinsame Aufgabe während der nächsten Wochen sein.“
***
Ich bin ganz aufgeregt. Gerade erzählt Nils, dass er Pilot werden möchte. Das finde ich total cool! Nach ihm werde ich dran sein. Vor anderen laut zu sprechen, macht mir immer ein bisschen Angst. Oft werde ich ausgelacht. Vor allem von den Jungs. Weil ich dick bin.
Es ist Berufswahl-Woche in der dritten Klasse. Wir haben einen ganzen Tag Zeit bekommen, uns zu überlegen, was unser Traumberuf ist. Jetzt müssen wir unsere Ergebnisse der Klasse vorstellen.
„Scarlett will bestimmt mal weniger fett werden“, flüstert einer der Jungen in der Reihe hinter mir und alle lachen.
„Sssch“, macht Frau Schnautz und nickt Nils zu. Er soll weiterreden.
„Oder Model.“
Wieder lachen sie. Am liebsten will ich gar nicht nach vorne gehen. Ich habe Angst. Seit ein paar Wochen fühle ich mich nicht mehr wohl in meinem Körper. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, einmal nicht gehänselt geworden zu sein. Aber als ich einmal mit Mama in der Eisdiele war und das so seltsam lief … das tut noch immer weh. Ich hatte wohl blöd ausgesehen, weil ich die Hände auf dem Rücken verschränkt hatte.
„Stell dich nicht so hin, da drückt sich dein Bauch raus“, hat Mama gesagt. Jetzt weiß ich, wie ich richtig stehe, damit ich nicht so dick aussehe. Hände einfach vor den Bauch. Das tue ich jetzt immer. Trotzdem lachen mich die anderen aus.
„Du bist dran, Scarlett.“
Sofort laufe ich zur Tafel. Irgendjemand nuschelt: „Fettsack.“ Das Lachen tut weh. Vorne angekommen, suche ich Nicole und Tammy. Sie anzusehen, gibt mir Halt. Beide beachten mich aber gar nicht, sondern tuscheln und kichern mit Frederik.
„Mein Traumberuf-“
„Lauter!“, ruft Gregor. Wieder Lachen. Mir ist heiß. Hoffentlich sehen die anderen nicht, wie sehr ich zittere.
„Ich will Sängerin werden“, sage ich etwas lauter und klammere mich an meine Karteikarten. Noch mehr Lachen.
„Ich singe gerne und-“
„Du bist doch viel zu fett!“, ruft jemand.
„Sängerinnen müssen hübsch sein!“
„Sssch“, macht Frau Schnauz und sieht mich erwartungsvoll an. Aber ich kann nicht mehr weiterreden. Mein Hals ist trocken. Ich will weinen. Aber nicht vor den anderen.
„Ich … muss aufs Klo“, sage ich stattdessen, renne auf das Schulklo und heule. Sängerin werden, ist mein absoluter Traum. Mein Ziel, das ich mir fest vorgenommen habe. Bin ich wirklich zu dick dafür? Kurz denke ich an die Sängerinnen, die ich toll finde. Alle sind sehr dünn. Sehr schön. Die Jungs haben wohl recht. Wie peinlich, dass ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, dass der Beruf zu mir passen könnte! Aus Scham schließe ich mich im Klo ein und warte, bis die Stunde vorbei ist.
Auf dem Heimweg hänseln mich Gregor und die anderen. Wie immer. Jetzt tut es aber mehr weh, weil sie auf meinem Traum herumtrampeln. Hätte ich doch nur die Klappe gehalten! Blöde, fette Scarlett! Einfach still sein. Dann tut dir niemand weh.
Aus der Ferne sehe ich, wie Robin uns entgegenkommt. Ich will im Erdboden versinken. Mein großer Bruder holt mich ab und zu von der Schule ab. Aber heute will ich das nicht. Er soll nicht sehen, wie unbeliebt ich bin. Erst winkt er. Als er sieht, wie mich die anderen auslachen und schubsen, wird er böse und rennt auf uns zu. Mein großer Bruder ist drei Jahre älter als ich und sehr dünn, schmächtig. Aber weil er recht groß ist, hat er die Jungs schnell verscheucht.
„Lasst meine Schwester in Ruhe, ihr Blödmänner!“
„Pfoten weg, du Arsch!“, mault Gregor und haut Robin. Robin schlägt zurück. Blöderweise sind wir nun direkt vor Frederiks Haus. Er hat einen großen Bruder. Der kann Karate. Plötzlich steht auch er da und schlägt meinen Bruder, bis er auf dem Boden liegt.
„Frechheit“, sagt Mama später und rührt im Kochtopf. „Unerzogene Bengel. Ich gehe nachher direkt hin und stelle die Mutter zur Rede.“
„Nein, bitte nicht“, flüstert Robin. Wir sitzen am Esstisch. Robin kühlt seine aufgeplatzte Lippe mit einem feuchten Tuch.
„Würde ich auch nicht“, sagt Papa. Es ist selten, dass er beim Mittagessen auch da ist. Heute hat er Spätschicht. Es freut mich, dass ich ihn sehen kann. „Der Junge ist selbst schuld“, meint Papa. Er blättert in seiner Zeitung. „Hätte sich wehren können.“
Robins Augen sind glasig, seine Wangen rot. „Genau“, sagt er. „Ich war nicht stark genug.“
„So ein Mist!“, kreischt Mama. „Die Soße ist angebrannt.“
„War ja klar“, murrt Papa.
„Was soll das denn heißen?“
„Wann ist dir je eine Soße nicht angebrannt?“
„Koch doch einfach selbst.“
„Was muss ich noch alles machen?“
„Bitte?“
„Für irgendwas wirst du wohl auch noch gut sein.“
Mama und Papa schreien sich an. Ich mag das nicht. In letzter Zeit passiert das häufiger. Meistens gehe ich dazwischen, Robin aber gibt mir heute unter dem Tisch einen Tritt und schüttelt den Kopf. Warum soll ich still sein? Ist Schweigen besser als Reden? Jetzt fallen ganz böse Wörter und ich muss weinen.
„Schau, was du angerichtet hast!“, schreit Papa. „Jetzt heult die schon wieder.“
„Ich? Sie heult deinetwegen!“
„Wenn du einmal was auf die Reihe kriegen würdest, wäre das nicht passiert.“
Robin nimmt den Löffel, der neben seinem Teller liegt, reibt die Innenfläche und drückt ihn auf seine Nase. Er muss den Kopf etwas heben, aber er kann ihn tatsächlich balancieren. Es sieht lustig aus. Ich lache. Er auch. Dann fällt der Löffel runter. Ich will das auch können! Robin und ich spielen weiter mit den Löffeln. Dass Mama und Papa nicht mehr streiten, bekomme ich gar nicht mit. Irgendwann sitzen auch sie am Platz. Unsere Teller sind gefüllt: Spaghetti und Tomatensoße. Mein Lieblingsessen! Papas Teller ist sehr voll. Fast läuft die Soße über. Mama hat nur ganz wenig auf dem Teller. Während wir essen, steht sie oft auf, wäscht Geschirr, geht aufs Klo oder schreibt Einkaufslisten.
Das Essen schmeckt komisch. Überhaupt nicht angebrannt. Aber traurig. Mein Bauch tut weh. Bin ich satt?
„Esst, damit ihr groß und stark werdet“, sagt Papa. „Und euch wehren könnt gegen andere.“ Robin bekommt eine zweite Portion. Ich auch. Papa isst schon den dritten Teller. Ich esse weiter, bis die letzte Nudel weg ist. Mein Bauch tut sehr weh. Mir ist schlecht.
„Vollgefressen“, lacht Papa, reibt sich über den Bauch und rülpst. „Soße war noch im Rahmen“, sagt er zu Mama. „Man konnte sie essen.“
***
Mein Handy-Display zeigte fünf verpasste Anrufe von meiner Mutter. Robin und meine Freunde hatten mir im Laufe des Tages auch einige Nachrichten geschrieben. Keine davon habe ich gelesen, denn im Grunde kannte ich die Fragen, aber die passenden Antworten darauf nicht: Wie ich wohl angekommen war, ob alle nett zu mir waren, wie es mir ginge. Mir ging es miserabel, die Bestie in mir rebellierte lauthals, sodass ich drauf und dran war, die Therapie zu beenden, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Meine Freunde und meine Familie wollte ich mit der Wahrheit nicht beunruhigen. Gleichzeitig wollte ich sie nicht anlügen. Deswegen schwieg ich. Und litt, während ich beim Abendessen voller Ekel in die Butter pikste und mich für meine Schwäche hasste. Warum konnte ich nicht einfach die verdammte Butter auf das verdammte Vollkornbrot schmieren, den Vollfett-Käse darauflegen und abbeißen? Wie normale Menschen? Jedenfalls tat das die Essbegleitung. Und sie sollte ja das Vorbild am Tisch der Essgestörten sein. Neben mir saß Pascal. Er aß langsam, aber wenigstens aß er seine Butter, ohne zu weinen. Meine Tränen hat er als erster mitbekommen und direkt angefangen, von seinem Garten daheim zu erzählen. Von seinen liebsten Blumen und Sträuchern. Ich war ihm endlos dankbar, dass er nicht versucht hat, mich zu trösten. Ich denke, ich wäre auf der Stelle zusammengebrochen.
Mir gegenüber saß Lisa. Eine normalgewichtige, mittelalte Frau, die innerhalb von wenigen Minuten zwei Brote, 20 Gramm Butter und eine gefühlte Tonne fetten Frischkäse runtergeschluckt hat. Konfrontationstherapie Deluxe. Ihr gegenüber zu sitzen, machte die ganze Sache nicht leichter. Und jetzt, da sie fertig war, aber warten musste, bis entweder der letzte aufgegessen oder die goldenen 30 Minuten der „normalen Essenszeit“ vorbei waren, saß sie da und sah mich an. Sah mir beim Weinen zu. Ihr Blick drang stumpf durch ihre schiefe Brille. Was hält sie wohl von mir? Voller Übelkeit legte ich mein Besteck neben den Teller. Bisher hatte ich nur eine Gabel Rotkrautsalat gegessen. Salat zog ich zwar allen Kohlenhydraten vor, aber Rotkraut zählte für mich nicht zu Salat. Es hatte zu viele Kalorien. War seit Jahren ein Tabu-Lebensmittel, das ich gar nicht wirklich auf dem Schirm hatte. Also saß ich da. War teilweise stolz auf mich, dass ich dieses Tabu-Lebensmittel bereits besiegt hatte, fand diesen Stolz aber im selben Moment lächerlich, denn mein Hunger tötete mich. Ich musste die Brote essen. Ich wollte aber nicht. Dann auch noch Lisa mir gegenüber. Diese Blicke. Diese Bewertung. Abwertung. Sie hasste mich. Ich mich auch. Alles war dunkel.
„Kommst du mit, Scarlett?“
„Was?“
Neben dem Adlerauge, mir schräg gegenüber, aß Penelope ihre Vollkornbrote. Sie war außergewöhnlich schön. Nicht nur hübsch. Nein, schön. Ihr Wesen strahlte eine besondere Wärme aus, die ich in dieser Form bisher noch nicht bei vielen Menschen erleben durfte.
„Mittwochs wird immer in der Kapelle gesungen. Zwei ehrenamtliche Frauen mit Gitarre und Klavier begleiten alle Patienten, die mitsingen wollen. Jeder darf kommen, sich ein Gesangbuch schnappen und mitmachen. Man kann sich sogar Lieder wünschen. Pascal und ich und ein paar andere gehen immer hin. Magst du nachher mitkommen?“ Mein Herz überschlug sich fast bei dem Gedanken, meinen ersten Abend nicht allein verbringen zu müssen, sondern direkt Anschluss an die Gruppe zu erhalten. Die letzten Monate hatte ich mich immer mehr von meinen Freunden distanziert, mich ganz der Beziehung zu meiner Essstörung hingegeben. Die Einsamkeit fraß mich und meinen Appetit auf. Dass ich mich nach menschlicher Nähe sehnte, war mir schon vor einiger Zeit klargeworden. Wie ich das ändern sollte, war mir jedoch schleierhaft. Immerhin war ich vielbeschäftigt. Ich musste lernen, Sport treiben und mein gesundes Essen intensiv planen. Für Freunde hatte ich einfach keine Zeit mehr gehabt.
„Es sind natürlich christliche Lieder. Das gefällt nicht jedem …“
„Das macht nichts, ich liebe es zu singen und komme gerne mit.“
Sie lächelte mir zu, aber ihre Augen blieben glanzlos und ich fragte mich, warum sie hier war. Nicht, warum sie an dem Tisch war, ich wollte über niemanden urteilen. Essstörungen treffen die verschiedensten Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen und wirken sich auf viele Arten aus. Aber meistens hat es etwas mit Selbstverachtung oder Vernachlässigung zu tun. Penelope war aber bildhübsch und was ich bisher von ihrem Lebenslauf erfahren hatte - Studentin der Physik, Hund, Freund, Ehrenamt - schien sie sehr erfolgreich und intelligent zu sein. Warum war sie nicht glücklich? Warum war sie nicht zufrieden mit sich, so schön und klug, wie sie war?
„Die Uhr“, sagte Herr Specht, die heutige Essbegleitung. Tatsächlich hatten wir nur noch vier Minuten Zeit. Penelope hatte noch ein halbes Brot, das sie schweigend und mit leerem Blick nun schneller kaute. Ich hatte mein Brot bisher nicht angerührt. Aber ich wollte gesund werden. Deswegen nahm ich das Brot in die Hand. Wie lange war es her, dass ich Brot gegessen habe? Gar nicht so lange. Es war vorgestern gewesen. Eine Viertel-Scheibe. Dazu eine riesige Schüssel Salat. Ich konnte Brot essen. Ich war stark. Von einem Bissen Brot würde ich nicht zunehmen. Und eigentlich wollte ich zunehmen. Mein Kampf mit meinen Gedanken machte mich fertig. Die Uhr zeigte noch 30 Sekunden an. Da musste ich an meine Mutter denken, holte tief Luft, biss ab und kaute. Langsam zermahlten sich die Körner in meinem Mund und das trockene Brot wurde zu Brei. Eigentlich ganz lecker, das Vollkornbrot. Nein! Es darf nicht schmecken! Es schmeckt nicht! Aber irgendwie doch? Ich schluckte und die Zeit war vorbei. Ich habe verloren, denn ich habe nicht die volle Portion geschafft. Aber ich habe auch gewonnen, denn ich habe mich überwunden.
„Bereit für den Blitz?“, fragte Herr Specht und ich bekam den nächsten Schub Aggressionen. Der Blitz war das Schlimmste, was die Menschheit bis dato erfunden hatte. Wahrscheinlich ging es auch um die Kopplung von Gefühlen und Essen und Hass. Oder aber die Krankenpfleger geilten sich an unseren depressiven Gedanken auf. Oder benutzten das erlangte Wissen, um schlechte Bücher über Depressionen zu schreiben. Vielleicht traf alles zu.
„Wer möchte begi-“
„Also ich bin total genervt“, fiel Lisa Herrn Specht ins Wort. „Ewig und drei Tage hier rumzusitzen und denen beim Essen zuzusehen. Was für eine Zeitverschwendung.“
„Frau Holz“, begann Herr Specht in einer Tonlage, die man sonst nur bei Kindern, Tieren oder Geistesgestörten benutzt. Dann fiel mir ein, dass wir alle hier wohl geistesgestört waren. Oh Mann. „Sie wissen, dass sich das Sättigungsgefühl erst nach etwa zwanzig Minuten einstellt. Diese Zeit sollten Sie mindestens für Ihr Essen brauchen. Sie waren heute noch etwas zu schnell.“
„Wenigstens esse ich meine Portion und sitz nicht einfach nur blöd rum und-“
„Frau Holz, Sie kommen nachher noch ins Pflegebüro.“ Sein Tonfall war plötzlich sehr bestimmt und er gab das Wort an Pascal weiter. Auch, wenn er sie unterbrochen hatte, ist mir nicht entgangen, dass Lisa mich meinte. Dass sie mich angegriffen hatte. Dass ich ein Störenfried war. Dass meine Anwesenheit sie belästigte. Warum war ich hier? Warum war ich überhaupt am Leben? Wenn ich doch nur eine Last war?
„Ich habe alles gegessen und bin pappsatt“, lachte Pascal und rieb sich über den Bauch. „Das wird wieder eine schwierige Nacht werden.“
„Wenn Sie Schmerzmittel brauchen, dann-“
„Bisher tut’s auch die Wärmeflasche, danke.“
„Frau Samt?“
„Also, ich habe alles gegessen. In der richtigen Zeit“, sagte Penelope kurz und knapp.
„Und das Sättigungsgefühl?“
Sie lachte unbeholfen, biss sich auf die Unterlippe und nickte. „Is okay.“
„Es wird sich bald einstellen“, meinte Herr Specht und stützte sein Kinn auf den Ellbogen ab. „Sie sind auf einem sehr guten Weg. Denken Sie zurück, wie Sie vor drei Wochen hier ankamen und-“
„Ja, ja. Ich hab doch gesagt, is okay.“ Penelope klang nicht verärgert, aber bestimmt. Sie zog die Hände unter den Tisch und meine Erfahrung sagte mir, dass sie sich gerade entweder kratzte oder kniff.
„Frau Schweighart? Wie geht es Ihnen jetzt nach dem Essen?“
„Nicht gut“, antwortete ich knapp. Noch wusste ich nicht, wie ausführlich ich meinen Selbsthass in diesem Rahmen schildern sollte oder wollte.
„Sie haben nicht die vereinbarte halbe Portion gegessen.“
„Nein.“ Die zwei Butterpackungen neben meinem Teller lachten mich aus. Auch das Vollkornbrot verhöhnte mich. „Aber ich hab mich bemüht.“
„Und darauf kommt es an. Aller Anfang ist schwer. In ein paar Tagen schaffen auch Sie eine volle Portion.“
Wollte ich überhaupt eine volle Portion „schaffen“? Wollte ich mir 20 Gramm Butter reinpfeifen?
Nach dem Blitz standen wir auf und mussten den Tisch abräumen. Lisa stellte nur ihren Teller in die Spüle und verschwand. Ich sah ihr hinterher, Pascal lachte aber nur und rieb mir über den Oberarm.
„Wundere dich nicht, Liebes. Lisa ist etwas speziell.“
„Und lass dich nicht von ihrem bösen Blick oder ihren Kommentaren runterziehen“, ergänzte Penelope. „Oder von der Art, wie sie frisst.“
„Penelope!“
Sie verdrehte die Augen. „Essen. Wie sie isst. Fressen soll man nicht sagen. Hast ja recht, Pascal.“
Etwas unbeholfen versuchte ich, meinen Teil zum Aufräumen beizutragen, stellte die Döschen mit Butter, Käse und Aufstrich in den Kühlschrank. Da spürte ich, wie mich jemand von hinten umarmte.
„Ich bin unglaublich stolz auf dich!“, flüsterte mir Pascal zu. All meine Kraft benötigte ich, um ihn nicht von mir zu stoßen und ihn anzuschreien, was er sich überhaupt erlaubte. Was er sich erlaubte, mich anzufassen und nett zu mir zu sein. Immer, wenn jemand etwas Nettes zu mir sagte, vermutete ich entweder Spott oder zwielichtige Absichten dahinter.
„Stolz? Dass ich einen Biss Brot gegessen habe?“
„Ja! Ich habe gemerkt, wie schwer es für dich war, aber du hast nicht aufgegeben und in der letzten Minute noch gezeigt, was für eine Kämpferin du bist.“
Ich? Eine Kämpferin?
„Wo bleibt ihr denn? Wir kommen schon wieder zu spät!“, rief es aus dem Gang. Penelope sah auf ihr Handy und packte noch schnell die letzten Gläser in die Spülmaschine.
„Kommen schon!“
Im Gang warteten zwei ältere Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine klein, dick und sehr schick angezogen. Die andere groß und mit einem verwahrlosten Äußeren. Neben ihnen stand ein Mann im Anzug. Schnell stellte Pascal mich den Mitpatienten vor und ich hatte Mühe, mir die Namen zu merken. Alle drei wirkten recht nett, wenn auch zurückhaltend. Auf dem Weg zur Kapelle wollte keiner der drei mit mir reden. Dafür hielt Pascal alle bei Laune und erzählte, dass er sich wie ein Masthähnchen fühlte. Während er sprach, rieb er immer wieder seinen Bauch. Tatsächlich war eine deutliche Wölbung zu erkennen, die nicht zu seinem sonst so mageren Körper passte.
„Wie lange bist du nochmal hier?“, fragte ich ihn und hoffte, dass er mir die wiederholte Nachfrage nicht übelnahm. Schließlich hatte er mir das heute Mittag erst erzählt.
„Fünf Wochen. Und ich hoffe, dass ich bald im Aufenthaltsraum essen darf. Meine Bezugspflege meint, dass es nicht mehr lange dauern kann.“
„Das wären aber ausgesprochen gute Nachrichten“, sagte die Kleine. „Wir werden dir einen Platz an unserem Tisch freihalten.“
„Komm lieber an unseren Tisch, bei uns ist es viel lustiger“, sagte die Große und Pascal wurde rot, als sich die Damen um seine Anwesenheit stritten. Es war ein schöner Moment. Ich gönnte ihm die Anerkennung und sah zu Penelope. Ihr Blick war streng nach vorne gerichtet und seltsam leer. Wie mechanisch stellte sie einen Fuß vor den anderen, bewegte eine scheinbar leere Hülle zur Kapelle. Als wir ankamen, sangen sie bereits.
Es waren fünf weitere Patienten in der Kapelle, alte und junge. Die zwei Frauen sangen sehr gut, etwas hoch vielleicht, aber sie waren nett und forderten uns dazu auf, unsere Wünsche zu äußern. Die Große, die Kleine und Mr. Anzug hatten keine Bedenken, sich ständig neue Lieder zu wünschen. Wir sangen ältere, aber auch neuere Lieder. Singend Gott zu preisen, fühlte sich paradox an, denn wenn es einen Gott gäbe, warum hat er zugelassen, dass ich so in die Scheiße rutschen konnte? Nein, mit Gott hatte ich meine Probleme. Mein Vater war ein frommer Kirchgänger und meine Mutter quasi der Antichrist 2.0. Jeder hatte immer versucht, mich auf „den richtigen Weg“ zu bringen. Das hatte nur dafür gesorgt, dass ich immer das Gefühl hatte, in einer Zwischenwelt zu sein und niemals irgendwo richtig anzukommen.
In den kurzen Gesangspausen blätterte Penelope ständig zu einem bestimmten Lied und haderte wohl mit sich, ob sie ihre Bedürfnisse artikulieren sollte. Pascal stand links, ich rechts von ihr. Als die Gitarristin nach dem letzten Liedwunsch für heute fragte, meldete sich Pascal, schielte auf Penelopes Gesangsbuch und wünschte sich das Lied, das Penelope offensichtlich viel bedeutete. Sie lächelte und umarmte Pascal. Dann begann sie aus vollem Herzen zu singen. Zuvor hatte sie zwar auch gesungen, aber eher leise. Ich hatte sie gar nicht gehört. Jetzt stellte ich fest, dass sie die Stimme eines Engels besaß. Sie singen zu hören, ließ mich doch über die Existenz eines Gottes nachdenken. Als ich noch ein Kind war, war ich eher auf der Seite meines Vaters. An Gott zu glauben, war mir damals nicht schwergefallen. Mit zunehmendem Mobbing zweifelte ich aber immer mehr an der Existenz von jemandem, der alle Menschen liebte, egal, was sie sich für Verfehlungen leisteten. Penelopes Augen strahlten und ich beneidete sie dafür, offensichtlich etwas in ihrem Leben zu haben, aus dem sie Hoffnung schöpfen konnte. Es musste schön sein, sich geliebt und sicher zu fühlen. Das Lied war noch nicht vorbei, als ich mein Buch schloss. Auch wenn ich Singen noch so sehr liebte, bei diesem Lied brachte ich keinen Ton über meine Lippen. Die Worte schienen zu echt zu sein, um von jemandem wie mir gesungen zu werden, die nicht an Gott glauben konnte.
„Und, wie hat es dir gefallen?“
Pascal, Penelope, die drei anderen Mitpatienten und ich liefen aus der Kapelle wieder zur psychosomatischen Station.
„Sehr gut. Danke, dass ihr mich mitgenommen habt.“
„Gerne.“
Es brannte mir auf der Zunge, mich nochmal bei Penelope zu bedanken, ihr zu sagen, wie schön es für mich war, nicht mehr allein sein zu müssen, aber ich traute mich nicht. Deswegen dankte ich ihr schweigend und beschloss, in Zukunft meinen Teil dazu beizutragen, das Lächeln, das sie stets anderen schenkte, auch einmal für sich selbst aufbringen zu können.
Sophia machte spät abends noch etwas Gymnastik. Es war nicht annährend so schweißtreibend wie die HIIT-Einheiten, die ich jeden Morgen absolvierte, aber ihr zuzusehen genügte, um meinen Sportzwang wieder aufleben zu lassen. Ich musste mich bewegen. Jetzt. Ich brauchte das Gefühl meines pulsierenden Herzens, das Pochen in meinem Kopf, den Schweißfilm auf meinem ganzen Körper. Nein. Ich brauchte Ruhe und Entspannung. Mein Körper hatte die letzten Jahre genug Sport gemacht. Eine Auszeit war mehr als angemessen. Weil ich ihr aber nicht zusehen wollte und konnte, ging ich in den Aufenthaltsraum. Dort saß die große, schweigsame Frau von vorhin auf dem Sofa und sah fern. Weil sie ganz allein war, setzte ich mich zu ihr und dachte, ich beginne ein nettes Gespräch. Das ging allerdings recht schnell nach hinten los. Einfühlsamkeit zählte wohl nicht zu ihren Stärken.
„Und dir macht es nichts, dass euch da drüben in der Lehrküche beim Essen zugesehen wird? Ist doch schon krank, oder? Ich habe gehört, die Pfleger passen ganz genau auf, wie viel man nachwürzt.“
Irgendwo zwischen „Natürlich stört es mich. Du hast ja keine Ahnung! Ja, das ist krank. Aber wir sind ja auch krank. Wir brauchen diese Unterstützung“ und „Das alles geht dich gar nichts an!“ war ich gefangen. Ich entschied mich für einen Mittelweg.
„Naja, es ist schon schwer, aber ich bleibe bestimmt nicht lange an dem Tisch.“
„Das glaub ich auch.“ Sie musterte mich und wandte sich wieder an den Fernseher. „So dünn bist du doch gar nicht.“
Autsch.
Hilfe.
Essstörung hallo!
Mein Herz zog sich zusammen, denn sie hatte recht. Was tat ich nur hier? Ich war fett. Es war paradox, dass ich hergekommen war, um zuzunehmen. Nein, das musste nicht sein. Ich brauchte keine Butter. Ich brauchte Sport und Salat. Und noch mehr Sport. Ich brauchte das Magenknurren, um zu spüren, wie stark ich war. Wie konnte ich nur für einen Augenblick denken, ich sei wirklich krank? Wortlos stand ich auf und schlenderte in Richtung Ausgang.
„Ach, Frau Schweighart!“, rief es durch den Flur. Ich ballte meine Fäuste und biss mir auf die Unterlippen, um nicht direkt in Tränen auszubrechen. In diesem Moment konnte ich mit niemandem reden. Ich wollte einfach nur weg, raus hier. Raus aus meinem Körper. Raus aus der Welt. Nicht mehr ich sein. Nicht mehr sein. „Wie schön, dass ich Sie noch erwische!“ Ein strahlend grünes Augenpaar tauchte vor mir auf. Arielles Lächeln wich schnell einem besorgten Blick. „Ist alles in Ordnung, Frau Schweighart?“
„Mhm“, machte ich, nickte und schluckte. „Kann nur nicht einschlafen.“
„Ach, das ist völlig normal!“ Sie winkte ab und lächelte wieder. „Die erste Nacht ist immer die schlimmste. Aber denken Sie daran, wie stolz Sie auf sich sein können!“
„Stolz?“
„Freiwillig in eine Klinik zu gehen, ist ein Zeichen äußerster Disziplin. Es ist die richtige Entscheidung, dass Sie sich um Ihre Gesundheit kümmern wollen. Sie können stolz sein, hier her gekommen zu sein.“
Ich blinzelte gegen meine Tränen. Konnte sie Gedanken lesen? Wie war es möglich, dass sie mich genau in diesem Moment traf und diese Worte zu mir sagte, die den Sturm in mir ein kleines bisschen beruhigen konnten?
„Jedenfalls wollte ich Ihnen noch sagen, dass ich Ihre Bezugspflege bin. Das heißt, ich bin im Besonderen dafür verantwortlich, dass Sie sich hier wohlfühlen. In den ersten Wochen ist es üblich, engen Kontakt zu haben. Ich schlage vor, wir führen gleich morgen unser erstes Gespräch. Wann hätten Sie Zeit?“
Wann hatte ich Zeit? Wollte sie mich verarschen? Wann hatte ich keine Zeit? Ich war in einer Klinik, nicht auf einem wichtigen Kongress einer Aktiengesellschaft.
„Ähm, ja, mir egal.“
„Wann sind denn Ihre Therapien?“
„Äh.“
Sie lachte ein unglaublich wärmendes Lachen und legte den Kopf schief. „Es dauert, bis man einen Überblick über den Therapieplan hat. Sagen wir 20:00 Uhr? Dann haben Sie bestimmt keine Therapie mehr.“
„Okay.“
„Können Sie dann bitte auf das Stationszimmer kommen?“
„Klar.“
„Vielen Dank, Frau Schweighart. Dann wünsche ich Ihnen noch eine gute, erste Nacht bei uns. Auf eine gute Zusammenarbeit.“
Bevor sie ging, zwinkerte sie mir zu. Verdammt. Sie war so nett. A. Best. Für was wohl das A stand? Na klar, Arielle! In Gedanken lachte ich über meinen eigenen Witz und schlenderte noch ein bisschen durch die leeren Flure, während ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren.
Kapitel 3: Sportsucht
Du weißt, dass es schlimm ist, wenn du jeden Tag um halb fünf Uhr aufstehst, um vor der Uni genügend Zeit für deinen Sport zu haben. Eine Stunde etwa. Insgesamt. Mit Auf- und Abwärmen. Ein High Intensity Interval Training. Nachbrenneffekt bis zu 48 Stunden. 60 Sekunden Arbeit. 10 Sekunden Pause. 60 Sekunden Hampelmann. 10 Sekunden Pause. 60 Sekunden Liegestütze. 10 Sekunden wieder aufrappeln. 60 Sekunden High Knees. Verschiedene Übungen. Abwechslung. Spaß. Schmerz. Mindestens 25 Minuten. Am besten nicht unter 30. Gut ist es, wenn es circa 40 Minuten sind. Aber alles über 45 Minuten ist zu stressig. Du musst noch duschen und frühstücken. Müsli. Bestehend aus einem Apfel, in winzig kleine Stücke geschnitten. Dazu Zimt. Senkt den Blutzuckerspiegel. Aufgefüllt wird die Müslischüssel bis kurz zum Rand mit fettarmer Milch. Dann der Griff zur Haferflockenpackung. Die Hände zittern. Du schwitzt. Zaghaft und irgendwie mechanisch findet der Löffel in der Hand seinen Weg in die Packung, löffelt die Flocken auf und wirft sie auf die Milch. Der zweite Löffel folgt zugleich. War viel zu voll gehäuft. Deswegen hängt jetzt alles an dem dritten Löffel. Bloß nicht zu viel Flocken auf die Milch. So ist es gut. Nein. Das ist zu viel. Ein Teil von dir will die Flocken zurück in die Packung löffeln, aber das wäre jetzt zu schwierig. Der Blick auf die Uhr. Du trödelst wieder. Einfach hinsetzen und essen. Milchsuppe. Mit Apfel. Zum Frühstück schaust du die Nachrichten des Vorabends online. Nicht über das Essen nachdenken. Nicht darüber nachdenken, wie sehr sich dein Magen zusammenzieht. Hunger.
Du weißt, dass es schlimm ist, wenn du noch vor dem Frühstück einen halben Liter Wasser getrunken hast. Die Ausrede ist, dass du wegen des Sports durstig warst. Aber so durstig kann man nicht sein. Du weißt das selbst. Du weißt, dass jeder Muskel deines Körpers überstrapaziert ist. Du merkst, dass es wieder zu viel war, wenn jeder Schritt schmerzt und du heulen könntest, wenn du Treppenstufen nach oben steigst. Deine Oberschenkel brennen noch vom letzten Workout, wenn das neue beginnt. Dein Körper hat nie Zeit, sich zu erholen. Du weißt, dass es schlimm ist, wenn du trotzdem nicht aufhören kannst. Wenn du am Abend den Wecker wieder auf halb fünf stellst, deine Müdigkeit dich zermürbt, aber du lieber früher ins Bett gehst, als später aufzustehen. Früh Sport machen, um fleißig in die Uni gehen zu können. Erfolgreich sein. Keine Zeit für Freunde mehr. Keine Zeit mehr für irgendwas, das nicht mit Essen oder Sport zu tun hat.
Du weißt, dass es schlimm ist, wenn du weißt, wie schlimm das alles ist, es aber nicht mehr ändern kannst.
***
In der ersten Nacht habe ich kaum ein Auge zugetan. Nicht nur schnarchte Sophia erbarmungslos laut, auch hatte ich die schlimmsten Magenschmerzen meines Lebens. Es fühlte sich an, als ob meine Gebärmutter fünf Kilo Schleimhaut gleichzeitig abtöten und abstoßen würde. Da ich aber seit Monaten nicht mehr menstruiert hatte, war es eher unwahrscheinlich, dass es sich um Regelschmerzen handelte. Genauso fühlte es sich aber an. Unerträglich. Mein gesamter Rumpf war ein schmerzendes Etwas, das mir Tränen in die Augen trieb. Okay. Truth Time: Ich hatte Hunger. Ich hatte die Art von Hunger, die man hat, wenn der Magen beinahe komplett leer ist. Dagegen hatte ich in den letzten Jahren die perfekten Strategien entwickelt. Ich trank sehr viel Wasser und füllte so meinen Magen. Bis zu fünf Litern täglich waren ein Klacks für mich. Natürlich ist dadurch die Niere dezent überfordert, weswegen ich monatelang sehr starke Ödeme an den Beinen hatte und durch die Wassereinlagerungen mehr wog, was meiner Erkrankung gar nicht gefiel. Jetzt sollte ich zunehmen, litt aber schon den ganzen Tag Hunger und bekam das Bedürfnis, mich zu beschweren. Hätte ich heute Abend mehr Salat bekommen, ginge es mir jetzt nicht so elend. Aber nein. Einen Nachschlag an Salat gab es nur, wenn man die Butter aufgegessen hatte. Was für eine verkorkste Welt war das? Ich schloss die Augen, versuchte zu schlafen, aber der Schmerz war so stark, dass ich einfach nicht aufhören konnte zu weinen.
Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass gerade ein Uhr war. Das Stationszimmer war nachts immer mit einer Pflegeperson besetzt. Und weil bisher alle sehr freundlich waren und meinten, dass man stets zur Pflege gehen könne, schlüpfte ich in meine Hausschuhe und stapfte dorthin. Ich musste zweimal klopfen, bis mir jemand ein unfreundliches „Herein“ entgegenrief.
Am Schreibtisch saß ein großgewachsener Mann mit Glatze, schwarzem Schnurrbart und Comic-T-Shirt. An diesem hing das Namensschild: G. Müller. Vor sich auf dem Tisch lag ein Magazin und sein Blick war mehr als genervt. Schluchzend rieb ich meinen Bauch.
„Hallo, e-es ist meine erste Nacht.“ Ich begann zu hyperventilieren. Die Schmerzen brachten mich um.
„Und was ist das Problem?“
„Ich hab so Hunger!“, platzte es aus mir heraus und meine Tränen kannten kein Halten mehr. Jetzt weinte ich nicht nur wegen meinem Magen, sondern auch wegen meiner Willensschwäche. Wie absurd war diese Situation: Eine Anorexie-Patientin kommt in eine Klinik und heult, weil sie Hunger hat?
„Wollen Sie sich setzen?“, fragte Herr Müller widerwillig und ich setzte mich an den Tisch. Seufzend reichte er mir eine Box mit dünnen Papiertaschentüchern, aus der ich mich reichlich bediente.
„Mein Magen tut so weh. Ich kann nicht schlafen. Ich hab so Hunger.“
Meine Essstörung hat sich in den letzten Jahren in dem Maße entwickelt, dass ich zu festen Uhrzeiten kleine Mahlzeiten zu mir genommen hatte. Zwischensnacks waren ausgeschlossen. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, nachts noch etwas zu essen, egal wie stark mein Hunger war. Aber nun wollte ich zunehmen – also ein bisschen. Deswegen war ich in der Klinik.
Mehrmals berichtete ich von meinem Hungergefühl und erwartete, dass mir der Pfleger etwas zu essen holen würde. Einen Apfel oder etwas Salatgurke. Was hätte ich nicht alles für eine Salatgurke gegeben!
„Hatten Sie heute denn Ihre volle Portion zum Abendessen?“
„Was?“
„Ich nehme an, Sie sind wegen einer Anorexie hier?“ Er sah an meinem Körper hinab und ich nickte.
„Haben Sie brav Ihre Butterbrote gegessen?“
Ich schniefte und presste die Lippen aufeinander, während Herr Müller mit den Schultern zuckte.
„Es tut mir leid, aber bevor Sie nicht Ihre vollen Portionen essen, sind Zwischenmahlzeiten nicht vorgesehen.“ Das ist Folter! Ist das rechtens? Ich nahm mir vor, den Kerl zu verklagen. Oder seinen Vorgesetzten oder irgendjemanden, der Schuld an diesem Leiden trug.
Außerdem sah er in keinster Weise so aus, als würde es ihm leidtun. Nachdem ich noch etwas geweint hatte, wurde mir klar, dass er mir nicht weiterhelfen konnte. Beziehungsweise riet er mir, einen Kamillentee zu trinken. Was für ein Superbrain! Als hätte ich das nicht schon getan. Da halfen nur noch Schmerztabletten.
„Diese Schmerzen …“
„Bei Anorexiepatienten verzichten wir innerhalb der ersten Tage auf Schmerzmittel. Die Gründe für Magenschmerzen sind vielseitig. Wir müssen das erst mit Ihrem Therapeuten und Arzt abklären.“
Wäre ich nicht so benommen gewesen, hätte ich gerne den Tisch oder irgendetwas anderes umgeschmissen. Was war das bitte für eine Erpressung? Friss oder stirb!? Friss die Butter oder verrecke an den Schmerzen?
Ohne Medikamente oder etwas zu essen, schlich ich zurück in mein Bett. Herrn Müller würde ich nicht verklagen. Frau Hahn auch nicht. Niemanden. Keiner von ihnen war schuld an meiner derzeitigen Situation. Nur ich allein trug die Verantwortung. Keine Medikamente gegen die Schmerzen, bevor ich nicht die verdammte Butter in mich stopfte? Langsam wurde mir bewusst, wie genial diese Art der Erpressung war.
Sophia durfte bei der Morgengymnastik mitmachen – wie fast alle Patienten. Vor dem Frühstück ging die Truppe los. Erst spazieren und dann dehnen. Ich saß auf der Fensterbank und sah zu, wie sie in Zweier- oder Dreiergruppen über den Klinikpark liefen. Die Sonne war schon aufgegangen und ich wäre unglaublich gern dabei gewesen. Nicht nur, um mich bewegen zu können, sondern auch, um Kontakte zu knüpfen. Ich fühlte mich ausgeschlossen und dieses Gefühl tat mir gar nicht gut. Es nährte meine Selbstzweifel, die mich zum Hungern antrieben. Auf der harten Fensterbank hielt ich es nicht lange aus, viel zu sehr schmerzte mein Po. Wie schön wäre es, sich auf ungepolsterte Dinge setzten zu können, ohne dabei Schmerzen zu leiden. Dass Sitzen wehtun konnte, war mir gar nicht bewusst gewesen, bevor ich so stark abgenommen hatte und wohl kein Sitzfleisch mehr besaß. Wobei. Der Spiegel im Badezimmer reichte nur bis zur Brust. Ich verzehrte mich danach, mich in einem Ganzkörperspiegel zu betrachten. Ich musste sehen, ob ich schon wieder fett geworden war.
Als ich durch die Gänge der psychosomatischen Station lief, roch ich frische Brötchen und mein Magen meldete sich lautstark. Plötzlich spürte ich wieder, was für einen starken Hunger ich hatte und wie sehr mein Bauch verkrampft war. Die Sorgen meines Außenseitertums hatten die Magenschmerzen für kurze Zeit überlagert. Nun aber hätte ich wieder losheulen können. Was tun gegen die Schmerzen? Erst in einer Dreiviertelstunde würde es Frühstück geben. Wie sollte ich das nur überleben? Wie die Schmerzen besiegen? Früher hatte ich immer getrunken, Kaugummi gekaut oder Magentabletten genommen. Und jetzt?
Kurzerhand lief ich in den Aufenthaltsraum, um mir einen Tee zu machen. Sobald ich den Raum betrat, musste ich an gestern Abend denken und daran, wie die Große gemeint hatte, ich sei fett und hätte hier nichts verloren. Nun hatte ich Angst, ihr wieder zu begegnen, doch der Platz auf dem Sofa war leer. Niemand war hier, also brühte ich mir in aller Ruhe einen Tee auf. Die Auswahl an Teesorten war zwar eher spartanisch, aber für ein Krankenhaus wohl ganz okay.
„Na, Häschen, wie war die erste Nacht?“
Erschrocken drehte ich mich um und sah den großen Mann von gestern, der mich so freundlich begrüßt hatte. Wieder trug er ein Handtuch um den Nacken.
„Guten Morgen, ich-“ Ich habe nicht geschlafen. Es geht mir elend. Ich möchte Salat essen. Wo ist mein Salat? „Danke, es ging.“
„Siehst aber aus, als hätte dich jemand durch den Fleischwolf gedrückt.“ Er lachte, wobei sich sein Bauch hob und senkte. Seine Stimme war laut, einnehmend und ich war verunsichert, wie ich ihn einschätzen sollte. War er ein liebevoller Teddybär oder ein gefährlicher Schläger?
„Naja …“
„Schnarcht die Alte? Sophia?“ Er lief zum Fenster und streckte sich. „Kann ich mir denken. Lebenslang Beamtin gewesen, hält sich für was Besseres. Das sind oft die, die keinen Anstand und nichts haben.“
Ich nahm meine Tasse und stellte mich neben ihn ans Fenster. Draußen begann eine Gruppe gerade mit den ersten Stretch-Übungen und der Sturm in mir zog auf.
„Ich heiße Scarlett.“
„Leopold, nenn mich Leo. Freut mich.“
„Mich auch“, antwortete ich und entdeckte einige Narben auf seinem Unterarm.
„Wieso bist du nicht bei dem Morgenspaziergang dabei? Ich dachte, es ist verpflichtend?“
Leo lachte abwertend. „Ich habe solche Schmerzen, die können mich mit ihren Verpflichtungen mal kreuzweise.“ Hatte er gestern nicht gesagt, die Schmerzen seien ihm hier genommen worden? Sprach heute Ehrlichkeit aus ihm? Und gestern war es der Trost? „Warum bist du nicht dabei, Häschen? Ah.“ Bevor ich etwas sagen konnte, sah er an mir herab und nickte bedeutungsvoll. „Verbrennt zu viele Kalorien, was?“
„Anscheinend.“
Es war einfach lächerlich, was die Pfleger und Ärzte glaubten, Anorexiepatienten zu verbieten. Ich durfte keine Treppen gehen, nicht zu weit oder zu schnell laufen. Der Morgensport in der Gruppe war ohnehin für lange Zeit für mich Tabu. Tanztherapien und sonstige Kurse, bei denen man schwitzen könnte, durfte ich auch nicht belegen. Nur, weil ich einen BMI von unter 16 hatte. Das war doch alles lächerlich!
„Heut gibt’s wieder Gruppentherapie. Da freu ich mich immer schon die ganze Woche drauf.“ Mir war nicht ganz klar, ob Ironie in seiner Stimme schwang oder nicht. „In welcher Gruppe bist du?“
„B. Und du?“
„A. Schade.“
Die 30 Patienten der psychosomatischen Station waren für Gruppensitzungen in drei Gruppen eingeteilt. So sollte ein reger Austausch wohl möglich werden.
„Also Häschen“, sagte er, rieb sich mit dem Handtuch die Stirn ab und zwinkerte mir zu. „Nicht böse sein, ich brauch jetzt dringend meine Pillen. Bis später. Lass dich nicht ärgern und iss fleißig deine Brötchen.“
Nachdem er gegangen war, sprang ich unter die Dusche und stellte mich vor der Lehrküche parat. Zehn Minuten vor Beginn des Essens mussten wir da sein und helfen, den Tisch zu decken. Pascal und Penelope begrüßten mich herzlich. Lisa würdigte mich keines Blickes. Warum war sie so abweisend zu allen?
Die heutige Essbegleitung war Arielle, was mich nervös machte. Frühstück hieß Marmelade auf Butter auf Brötchen, was für mich drei Tabu-Lebensmittel waren, die ich nicht so schnell besiegen konnte. Vor allem nicht in Kombination. Ich wollte aber nicht schon wieder so flennen wie gestern. Nicht vor ihr. Der Tisch war gedeckt, wir setzten uns und Arielle rief zum Blitz auf.
„Ich habe gar nicht geschlafen“, begann Lisa ungefragt. „Mein Kopf tut schrecklich weh. Ich weiß nicht, wie lange das in dieser Form weitergehen kann. Ein Desaster. Es wird überhaupt nicht besser. Daheim habe ich geschlafen wie ein Stein. Seit ich hier bin, kann ich kein Auge zu tun.“
„Das wird sich bestimmt legen“, beschwichtigte Arielle mit Engelsstimme.
„Die Hoffnung habe ich aufgegeben. Jedenfalls habe ich Hunger und werde alles essen.“
„Sehr schön. Und Sie, Frau Samt?“
„Mir geht’s gut. Ich werde alles essen.“ Wieder zwang sich Penelope zu einem Lächeln, sah aber tieftraurig aus.
„Möchten Sie noch etwas hinzufügen?“
Sie schüttelte den Kopf und sah hinab auf ihren Teller, zwei kleine Packungen Butter fixierend. I know your struggle!
„Herr Herbst?“
„Meine Nacht war wieder etwas schwierig wegen der Magenschmerzen. Aber heute Morgen geht es schon wieder. Ich habe Hunger und freue mich auf mein Frühstück.“
„Und Sie essen …?“
„Ich esse alles, wie immer.“
„Sehr schön. Und wie geht es Ihnen, Frau Schweighart?“
Wie ehrlich sollte ich sein? Die Nacht war die Hölle gewesen und ich könnte Berge essen. Aber nichts von dem, was auf dem Tisch stand: Butter, Marmelade, Käse. Gut, einen Apfel habe ich auch bekommen. Aber der war winzig. Mehr Kirsche als Apfel. Niemals würde er mich satt machen.
„Die erste Nacht war … okay.“ Ich lächelte sie an und nickte, um zu zeigen, dass ich nichts mehr sagen wollte. Ihre grünen Augen durchdrangen mich jedoch.
„Wie ist Ihr Hungergefühl?“
„Vorhanden.“
Sie starrte mich an. Ich starrte zurück und senkte schließlich den Blick.
„Gut, dann fangen wir an. Guten Appetit.“ Arielle sagte die Uhrzeit an und Lisa, mir gegenüber, schnappte sich ihr Brötchen, halbierte es, strich dick und fett Butter drauf und verschlang die eine Hälfte noch bevor ich überhaupt das Messer in die Hand genommen hatte. Ihr gegenüberzusitzen verunsicherte mich noch mehr, als es die glänzende Butter tat, die ich vorbildlich auf meinen Teller gelegt hatte. Jeder Esspatient hatte seinen eigenen Ernährungsplan, den er einhalten sollten. Weil ich ganz neu war, hatte ich noch keinen Durchblick. Mein Plan stand noch nicht zu 100 Prozent. Generell galt aber, dass ich so viel essen sollte, wie ich konnte. Salat, Gemüse und Obst natürlich ausgeschlossen. Pascal half mir, meine Ration, die wohl eine vollwertige und „normale“ Mahlzeit war, vor meinem Teller in Stellung zu bringen: Ein Vollkornbrötchen, ein Vollkornbrot, zwei 10 Gramm Packungen Butter, eine Scheibe Käse, eine 20 Gramm Packung Magerquark. Eine kleine Packung Marmelade. Einen Apfel. Magerquark und Apfel waren meine Freunde, das würde ich vielleicht schaffen, aber der Rest?
„Wie alt sind Sie denn, Frau Schweighart?“, fragte mich Arielle. Smalltalk. Okay. Alles cool. Ein ganz normales Frühstück und ich würde ganz normal essen. Kein Problem.
„23“, antwortete ich und nahm das Vollkornbrötchen in die Hand. Es sah eigentlich ganz gut aus. Dunkelbraun mit ausreichend Körnern auf der Oberfläche. Aber wieso hatte mir Pascal Brötchen UND Brot hingelegt? Musste ich wirklich so viel essen? Pascal hatte auch Brötchen und Brot. Lisa und Penelope jeweils nur ein Brötchen. Warum musste ich mehr essen als die anderen? So verfressen war ich nicht.
Wollte ich nicht sein.
„Und was machen Sie beruflich?“
„Ich bin Studentin. Soziologie.“
Penelope lachte. „Da hörst du bestimmt oft die Frage: ‚Was kann man denn damit machen?‘“
„Oh ja.“
„Mit sowas kann man ja auch nichts machen“, schmatzte Lisa. An ihrem Mundwinkel hingen Brotkrümel und Butter. Sie aß mit offenem Mund. Ich konnte sehen, wie sich Butter, Käse und Brot in ihrem Mund vermengten. Mir wurde schlecht.
„Als Geisteswissenschaftler hat man viele berufliche Chancen“, rettete mich Arielle. „Zwar gibt es nicht den einen Beruf, den man nach Abschluss des Studiums ausführen kann, aber man ist für viele Bereiche qualifiziert.“
„Das stimmt“, meinte Pascal. Er saß stocksteif auf seinem Stuhl, aß sehr langsam, kaufte oft. „Dir stehen alle Türen offen, da bin ich sicher.“ Er zwinkerte mir zu und sah auf das Brötchen in meiner Hand. Mir wurde heiß. Schon sechs Minuten der Frühstückszeit verbraten. Kurzerhand schnitt ich es durch und fühlte mich wie eine Gewinnerin. Gleichzeitig kam das schlechte Gewissen. Es war Donnerstag. Bei uns zu Hause hatte es unter der Woche nie frische Brötchen gegeben. Sowieso sehr selten. Wenn, dann nur samstags. Frische Brötchen waren teuer, eine Ausnahme. Ein Luxus. Mein Frühstück bestand stehts aus Müsli. Beziehungsweise aus einem großen Apfel mit viel Milch und Zimt und ein klein wenig Haferflocken. Das Brötchen sah auch von innen gut aus. Nicht wie die meisten Brötchen, die sich zwar Vollkorn nannten, aber innen weiß wie Kreide waren und die Körner nur von außen dran gedrückt wurden. Nein, auch im Teig verteilt waren viele Körner. Es duftete himmlisch. Mein Magen knurrte laut und schmerzhaft. Pascals Worte von gestern schwirrten mir im Kopf umher. Je früher ich die volle Portion essen würde, umso leichter würde mir die ganze Therapie fallen. Und ich wollte gesund werden.
Außerdem sollte mich Arielle nicht für eine verzogene Göre halten. Ich würde es schaffen. Ich konnte es schaffen. Aber was sollte ich zuerst essen? Quark? Eigentlich liebte ich Marmelade. Früher mal. Auch Käse habe ich geliebt. Dann zwei Jahre lang nicht gegessen und mich vor fünf Monaten langsam wieder an Lightprodukte herangewagt. Ich trank einen großen Schluck Tee und genoss, wie die warme Flüssigkeit meine Speiseröhre hinunterlief. Mein Magen wurde warm, der Schmerz ließ etwas nach. Penelope und Arielle unterhielten sich über den öffentlichen Nahverkehr und ich schnappte mir mein Messer, eine Packung Butter und verteilte alles auf der Unterseite meines Vollkornbrötchens. Okay. So weit, so gut. Und jetzt? Was drauf? Käse, Quark oder Marmelade? Mein Körper schrie nach Käse, aber diese Scheibe hatte bestimmt 100 Kalorien, wenn nicht mehr. Quark würde satt machen. Für die gleiche Kalorienanzahl könnte ich eine größere Menge essen. Das waren die Gedanken, die mich die letzten Jahre immerzu begleitet hatten. So hatte ich abgenommen. Innerhalb von wenigen Tagen würde ich diese Rituale und Grundsätze auch nicht abschütteln können, so viel war klar.
„Selbst fahre ich auch lieber mit der Bahn als mit dem Auto“, sagte Arielle, während ich mit zitternden Händen die Quarkpackung öffnete und den Inhalt auf die fette Butter auftrug. Arielle hatte schon ein halbes Brötchen gegessen und biss nun beherzt in die zweite Hälfte. Vollfett-Frischkäse mit Kirschmarmelade. War das ihre Lieblingsmarmelade? Schmeckte es ihr?
„Aber diese Unzuverlässigkeit“, sagte Pascal.
Ich schloss die Augen und biss ab. Einfach so. Die Kruste des Brötchens war knusprig, doch nicht zu hart. Verbrannte Brötchen konnte ich nicht ausstehen. Dieses Brötchen aber war perfekt. Dazu der säuerliche Geschmack des frischen Quarks und – was war das? Durch irgendetwas schmeckte der Quark noch intensiver, noch besser. Butter. Oh nein. Sie schmeckte. Das durfte nicht sein. Sie sollte nicht schmecken. Nein, sie schmeckte auch nicht. Bei Butter musste ich immer an meinen Opa denken, der sie stets zentimeterdick auf das Weißbrot gestrichen und gegessen hatte. Mit Zucker drauf. Abstoßend. Der zweite Biss schmeckte wieder. Nicht. Doch. Nein. Mein Kopfkarussell machte mich ganz benommen. Aber ich aß weiter. Wollte mich gesund essen. Wollte nicht mehr leiden und endlich satt sein.
Lisa hatte schon längst all ihr Essen verputzt und sogar den Teller abgeschleckt. Getrunken hatte sie nichts dazu. Jetzt saß sie wieder da und starrte mich durch ihre schiefe Brille an. Der Zwang, ihr die Brille geradezurücken, plagte mich und ich erinnerte mich an eine dieser Fragen, die wir Psychos bei den Formularen immer ausfüllen mussten: „Wie sehr würde es Sie irritieren, wenn jemand Ihre Wohnung umstellen würde?“ Ganz ehrlich, was war das für ‘ne Frage? Jeder „normale“ Mensch wäre irritiert, wenn man heimkommen würde und plötzlich würde das Bett in der Küche stehen.
Pascal erzählte von seinen zwei Töchtern, die eine studierte Germanistik und Englisch auf Lehramt, die zweite machte ein Au-pair in Frankreich. Die Studentin hatte vor Kurzem ein Baby bekommen, wollte das Studium aber weiterführen. Sein Enkel war zu früh gekommen, aber mittlerweile bei Kräften. Pascal schien ganz vernarrt in seinen Enkel zu sein. Seine Augen funkelten, während er redete. Die fröhliche Erzählung lenkte mich ab und plötzlich war mein halbes Brötchen weg. Hatte ich es gegessen? Ich spürte nichts. Keine Sättigung. Nicht einmal annähernd. Weil ich nicht wieder so eine Horrornacht durchmachen wollte, griff ich die andere Hälfte, strich die restliche Butter drauf, legte Käse hinzu und biss ab. Oh Gott! Das musste der Himmel sein.
„Die Zeit ist vorbei“, sagte Arielle, als ich gerade Gefallen an meinem Butterbrötchen gefunden hatte. Perplex sah ich sie an. Was hieß das jetzt? Mein Hunger war lange nicht gestillt.
„Es tut mir leid, Frau Schweighart. Sie haben Ihre Portion nicht geschafft.“
„Aber ich bin ja gar nicht fertig.“
„Wie lange willst du noch deine Mini-Bissen zehntausendmal kauen?“, mischte sich Lisa ein. „Niemand hat Zeit für sowas!“
„Frau Holz, seien Sie still!“
„Ja ist doch wahr! Ich habe Besseres zu tun, als-“
„Schluss, aus!“ Arielle sprach sehr leise, aber unerschütterlich. Ihre Autorität brachte Lisa zum Schweigen. Mein Brötchen durfte ich trotzdem nicht weiteressen. Obwohl ich noch Hunger hatte. Was war das für eine Logik? Wie sollte ich da zunehmen?
Nach dem Frühstück hatte ich kurz Zeit, mein Ernährungsprotokoll auszufüllen, bevor ich zur Kunsttherapie musste. Pascal nahm mich mit in sein Zimmer und erklärte mir, wie ich das tun sollte. Es gab mehrere Spalten. Einmal sollte ich objektiv eintragen, was ich gegessen und getrunken hatte. Dann, wie ich mich davor und danach gefühlt hatte.
„Vor dem Essen kannst du schreiben, dass du Hunger hattest. Dich auf das Essen gefreut oder Angst davor hattest“, berichtete er mir und zeigte mir eines seiner Protokolle. „Dann trägst du ein, was du geschafft hast. Also nicht, was die volle Portion gewesen wäre, sondern was reell in deinem Magen gelandet ist.“ Diese Spalten auszufüllen, nervte mich und ich fragte mich, ob das wirklich so sinnvoll war, sich dermaßen intensiv mit dem Essen zu beschäftigen. Klar, wir sollten den Bezug zum Essen wieder lernen. Normales Essen und so. Bla bla. Aber ich hatte den Bezug nie verloren. Er war nur unter einem selbstverachtenden Blickwinkel verschroben. Was gesundes Essen war, wusste ich definitiv. Da war ich sicher und dachte nicht, dass ich noch viel in dieser Hinsicht lernen konnte. „In die Spalte trägst du ein, wie du dich während des Essens gefühlt hast. Gehetzt, entspannt, was dich gestört hat. Du kannst all deine Gedanken eintragen.“
„Auch, dass Lisa-?“ Bevor ich etwas sagen konnte, was ich später bereuen würde, schwieg ich. Pascal war nett, aber ich war mir nicht sicher, ob ich ihm vertrauen konnte. Im Grunde konnte man keiner anderen Person bedingungslos vertrauen. Was, wenn er jemand anderem sagen würde, dass ich Lisa nicht mochte? Dann würde ich ausgegrenzt und wieder ein Mobbingopfer sein. Niemand würde mich mögen. Wie früher. Wie immer.
„Dass Lisa dich ständig angiftet, ist unmöglich!“, sagte der zarte Pascal und stemmte seine abgemagerten Hände auf seine spitzen Hüftknochen. „Du kannst ruhig schreiben, dass du dich unwohl und angegriffen gefühlt hast. Namentlich musst du sie nicht nennen. Die Pfleger wissen ohnehin alle Bescheid. Du würdest staunen, wie reibungslos die Übergabe verläuft. Wenn du einem Pfleger ein Leid klagst, weiß es wenige Minuten später das ganze Team.“
Dieser Gedanke ließ mich erschaudern. Über meinen verständnislosen Gesichtsausdruck lachte Pascal und griff erneut meine Schultern. Er war wohl ein sehr berührungsfreudiger Mensch. „Schau nicht so, Liebes. Die Pflege ist wirklich großartig. Du wirst dich hier schnell wohlfühlen. Du musst nur mehr essen.“
Noch immer klangen diese Worte in meinem Ohr falsch. Schließlich hatte man mir die ersten 20 Jahre meines Lebens eingetrichtert, weniger zu essen. Wie sollte ich je ein Mittelmaß finden?
***
Das Klingeln der Schulglocke macht mich nervös. Pausen kann ich nicht leiden. In den Pausen stellen die Jungs immer irgendwas an, finden neue Wege, mir wehzutun. Vor mir sitzen Tammy und Nicole. Ich sitze ganz allein an einem Tisch. Das ist schon okay. Wir sind eine ungerade Anzahl an Mädchen und kein Junge will sich neben eine adipöse 14-Jährige setzen. Bei Nicole und Tammy sieht das anders aus. Sie schminken sich schon länger und tragen einen BH. Die Jungs wuscheln ihnen durch die Haare und ziehen am Unterbrustband ihrer BHs. So zeigen sie ihr Interesse. Habe ich mal in einer Zeitschrift gelesen. Tammy und Nicole haben aber schon Freunde aus höheren Jahrgangsstufen. Meine Freundinnen sind so cool und erwachsen! Bewundernswert.
In der Pause reden und lachen sie laut. Ab und zu dreht sich Nicole zu mir um, aber selten. Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie ich unter der Ausgrenzung leide. Mein Blick ist starr auf das Mathebuch gerichtet. Schließlich beginnt die nächste Stunde gleich. Ich muss mich vorbereiten.
„Ey, was hast du denn in der Fresse, Fetti?“ Viks Stimme ruft durch das Klassenzimmer. Er meint mich. Ein paar Schüler starren mich an. Den anderen ist der Umgang von ihm mit mir schon zu bekannt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Intuitiv ziehe ich den Kopf ein. Warum kann er mich nicht in Ruhe lassen?
„Was soll das?“ Lachend stellt er sich neben mich und pikst mir in den Bauch. „Hab dich was gefragt, Wabbel-Schweinchen!“
Mein Kopf ist heiß, er ist bestimmt ganz rot. Wie peinlich. Heute ist der erste Tag, an dem ich mich auch geschminkt habe. Ich versuche, Viks Hand wegzudrücken, aber er pikst nur noch energischer in mein Bauchfett.
„Is das Schminke?“
Ein paar andere Jungs umringen meinen Tisch. Tammy und Nicole beachteten mich nicht. Ihre Köpfe sind nach vorn gedreht.
„Versuchst etwa, weniger hässlich zu sein, du fette Sau? Hm?“ Die Jungs und ein paar Mädels lachen. „Gibs auf, da is Hopfen und Malz verloren. Wer so fett is, wird nie einen abkriegen. Du widerwärtiges Stück Scheiße.“ Mit zitternden Händen versuche ich, meinen Bauch abzuschirmen, aber die anderen Jungen piksen ihn nun auch.
„Lasst mich.“
„Haha, Fetti will das nicht. Sollte sich aber geehrt fühlen, dass sich überhaupt ein Junge mit ihr beschäftigt“, lacht Vik. „Wisch dir die Scheiße aus dem Gesicht, is ja lächerlich. Was willst denn damit bezwecken, hm?“ Jetzt pikst er in meine Brust und ich weiß nicht, wo ich meine Hände hinlegen soll, um meinen Körper zu schützen. So viele Finger. „Hab dich was gefragt, sexy Scar! Haha, sexy Scar! Das is von jetzt an dein Name!“
Alle Jungs lachen. Nicole dreht sich kurz um, sagt aber nichts, bevor sie sich wieder nach vorn richtet und mit Tammy flüstert. Warum hilft mir niemand?
„Sexy Scar, sexy Scar, sexy Scar!”, singen die Jungs unisono.
“Stell dir vor, du schaust ‘nen Porno und sexy Scar ist dabei“, ruft einer.
„Da fällt der Schwanz glatt ab“, antwortet Vik und alle lachen und machen weitere Witze. Ihre Hände sind überall. Ich brauche meine ganze Kraft, um nicht zu weinen, da ertönt endlich die Schulglocke und die nächste Unterrichtsstunde beginnt. So richtig konzentrieren kann ich mich aber nicht.
Bin ich überhaupt eine Frau? Ein richtiges Mädchen? Wo ist meine Weiblichkeit, wenn ich ein fettes Stück Scheiße bin? Bin ich überhaupt ein Mensch? Wert, dass man mich mit einem richtigen Namen anredet?
Als ich daheim ankomme, versuche ich, meine Tränen zu unterdrücken und rufe laut nach meiner Mutter. Eine herzhafte Umarmung, das brauche ich jetzt. Aber niemand gibt mir Antwort. Da fällt mir ein, dass sie ab heute wieder Mittagsschicht hat und ich sie an diesem Tag gar nicht sehen werde. Seit drei Wochen sind Papa und Robin ausgezogen. Die Stille in der großen Wohnung ist nach wie vor fremd und erdrückend. Schlagartig fühle ich mich in meinem Körper so unwohl, dass ich beginne, an meinen Unterarmen zu kratzen. Meine Fingernägel sind lang, der Schmerz tut überraschend gut. Er ist befreiend.
Langsam tapse ich in die Küche. Mama hat mir mein Mittagessen auf den Tisch gestellt. Einen Teller mit Kohlrabisticks, einer halben Salatgurke und einer Scheibe Knäckebrot. Dazu ein Zettel: „Vielleicht solltest du dich von jetzt an ein bisschen gesünder ernähren.“
Durch einen Tränenschleier starre ich auf meine blutigen Fingernägel und überlege, ob ich Robin anrufen soll. Aber ich will ihn nicht stören. Nicht belästigen mit den unwichtigen Problemen von „Sexy Scar.“ Aus dem Süßigkeitenschrank hole ich mir eine Tafel Schokolade und will gerade abbeißen, da höre ich wieder Papas Worte beim letzten Streit in meinem Kopf. Bisher habe ich mir eingeredet, dass ich mich verhört habe. Dass sie sich nicht wegen mir getrennt haben. Aber dieser Zettel. Mama glaubt also auch, was Papa gesagt hat? Sie gibt mir auch die Schuld? Mit einem Mal ist mein Selbsthass so groß, dass ich nicht weiß, wohin mit mir. Ich ertrage es nicht mehr, in meinem Körper zu sein, hole eine Schere und ziehe blutige Muster in meinen Bauch. Niemand soll meine Wunden sehen. Meine Narben wollen keine Aufmerksamkeit. Sie sind dazu da, dass ich überlebe.
Wie im Rausch ritze ich tiefer, länger, öfter. Irgendwann ist es vorbei. Überall Blut. Ich kauere in einer Ecke der Küche, auf dem kalten Fliesenboden. Die Uhr tickt verhängnisvoll. Ansonsten ist es still. Totenstill. Ich bin tot.
Wäre ich doch nur tot! Dann wären Mama und Papa noch zusammen. Sie hätten sich nicht immer gestritten, sich nicht scheiden lassen. Auch Robin würde es besser gehen. Er hätte nicht seine Freunde zurücklassen und ans Ende der Welt ziehen müssen. Was kann ich tun? Wie kann ich meine endlose Schuld wiedergutmachen? Wie Mama und Papa versöhnen?
Mein Fett ist schuld. Wenn ich dünn wäre, würden sich Mama und Papa wieder lieben. Sie würden sich nicht länger die Schuld für mein Übergewicht zuschieben. Wenn ich dünn bin, muss Mama nicht mehr weinen. Robin mich nicht mehr gegen Vik beschützen. Ja. Ich werde dünn sein und dann ist meine Familie wieder komplett. Ich werde abnehmen. Um jeden Preis. Nur so kann ich meine Verfehlung wiedergutmachen.
***
Es war so weit. Meine erste Gruppentherapie. Man sieht im Fernsehen ja allerhand. Heulende Menschen im Sitzkreis. Der Neue kommt rein, stellt sich vor.
„Hallo, ich bin Jörg und ich bin Alkoholiker.“
„Hallo, Jörg“, schallt es aus einem Munde. Dementsprechend habe ich auch schon meinen Satz vorbereitet. „Ich bin Scarlett und ich habe ein Problem mit dem Essen.“ Das müsste genügen. Niemals würde ich meine Krankheit „Magersucht“ oder „Anorexie“ nennen. Nein, magersüchtige Frauen waren dünn, mager. Nur noch Haut und Knochen. An mir wabbelte noch genug unnützes Zeug herum. Anorektische Frauen aßen kaum was. Ich war es gewohnt, viel zu essen. Viel Salat und Gemüse. Meine verschrobene Lebensstruktur passte in keines dieser Krankheitsbilder, deswegen fiel es mir auch lange schwer, zu akzeptieren, dass ich Hilfe brauchte. Die Erleuchtung hatte ich, als ich mit Robin in diesem Musical war, das ich schon lange hatte sehen wollen. Er hatte es mir zum Geburtstag geschenkt. Es war ein Tagesausflug gewesen. Er hatte mich früh abgeholt und ich hatte mich entscheiden müssen: Sport oder Frühstück? Weil ich nicht wollte, dass mein Magen während der Vorstellung knurren würde, packte ich mir eine ganze Salatgurke ein und war mächtig stolz auf mich. Auf meine Organisation zum Selbsterhalt. Natürlich war Robin, mein wundervoller Bruder, schon seit Monaten besorgt um mich und hatte zum Frühstück während der Autofahrt Laugenbrezeln und Croissants gekauft. Nichts davon hatte ich seit Jahren gegessen oder wäre auch nur in die Nähe meines Mundes gekommen.
„Ich hab schon gegessen.“ - Einer meiner Lieblingssätze, um zu vermeiden, mit Freunden etwas Ungesundes in meinen Körper zu schieben.
Während der Mittagsvorstellung hatte ich solch einen großen Hunger, dass ich extreme Magenschmerzen hatte. Ich konnte mich kaum auf das Musical konzentrieren und dachte immer nur an die Salatgurke in meinem Rucksack und wie, wann und wo ich sie endlich essen könnte. Diese Gedankenmuster konnte ich mittlerweile aber erkennen und hatte direkt ein schlechtes Gewissen: Warum konnte ich mich nicht einfach freuen? Nicht einfach im hier und jetzt leben? Mein Bruder hatte schließlich hart gearbeitet, um mir eine Freude zu machen und die Show zu finanzieren. Er hatte sich extra Zeit genommen, um mich herumzukutschieren. Was war ich doch für ein widerwärtiger Mensch, der nicht einmal dankbar sein konnte? Im Grunde war ich dankbar, aber der Hunger war stärker als jedes anderes Gefühl. Bei der Heimfahrt wollte er bei einem Take-Away etwas zu essen holen und es eskalierte zu einem Streit. Als ich abends in meiner Einzimmerwohnung war, war ich so hungrig und einsam, dass ich stundenlang geweint habe. Irgendwann raffte ich mich auf und wollte etwas kochen, bin aber bei dem Versuch, vom Boden aufzustehen, hingefallen und habe mir den Kopf gestoßen. Der Schwindel hielt auch noch an, als ich auf dem Boden lag und meinen Kopf anfasste. Blut klebte an meinen Händen und ich musste über meine eigene Dummheit lachen. Auf meinem Grabstein sollte bitte stehen: „Zu dumm, um aufzustehen.“ Dieser Moment kombiniert mit Robins Worten ein paar Stunden vorher - „Ich seh da nicht länger zu, Scar. Iss endlich was oder ich lass dich zwangseinweisen“ - trugen dazu bei, dass ich tatsächlich den Entschluss fasste, etwas zu ändern. Das, was ich da gerade hatte, war kein Leben. Es war ein täglicher Kampf, den ich drauf und dran war zu verlieren.
Nun war ich also die Neue in diesem Sitzkreis aus psychisch gestörten Menschen, die alle auch einen an der Klatsche hatten wie ich. Nur ein bisschen anders vielleicht. Außer Penelope und Mr. Anzug kannte ich niemandem aus der Gruppe.
„Im Hinblick auf die Uhr eröffne ich die heutige Gruppensitzung“, begann ein grauhaariger, dicker Mann. Er trug ein weißes Hemd mit roter Fliege und eine Anzughose mit Hosenträgern. „Heute haben wir ein neues Gesicht in unserer Mitte, deswegen stelle ich mich noch einmal vor. Ich bin Dr. Danken und leite die Gruppentherapie von Gruppe B dienstags und donnerstags.“ Der Klang seiner Stimme war mir unangenehm, ohne dass ich hätte sagen können, woran es lag. „Möchten Sie sich auch kurz vorstellen, Frau Schweighart?“ Ich richtete mich im Stuhl auf, spürte fremde Blicke und den Schweiß auf mir. Aber wenigstens hatte ich meinen Satz schon vorbereitet.
„Ich bin Scarlett Schweighart. 23 Jahre alt und habe ein Problem mit dem Essen.“
„Willkommen Frau Schweighart“, sagte Dr. Danken als einziger. Penelope zwinkerte mir zu und nur ein älterer Mann mit Glatze nickte halbherzig. „Möchte jemand Frau Schweighart erklären, wie die Gruppentherapie funktioniert?“ Anscheinend wollte niemand. Alle starrten stumm auf den Boden oder fixierten einen Punkt an der Wand. Die Stimmung im Stuhlkreis war distanziert und kühl. Mit jeder Sekunde des Schweigens fühlte ich mich unwohler.
„Also, hier kannst du Dinge ansprechen, die dich bewegen“, brach schließlich Penelope das Schweigen. Sie trug High Waist Jeans, ein Crop-Top und sah heute wieder ganz besonders wie ein Model aus. „Alles, was in diesem Raum gesagt wird, bleibt in diesem Raum. Du brauchst also keine Angst zu haben, dass jemand deine innersten Gedanken im Aufenthaltsraum rumposaunt. Wir hören einander zu und lassen uns ausreden. Du kannst Fragen stellen, dir Rat einholen oder einfach erzählen.“ Sie verdrehte nachdenklich die Augen. „Hab ich was vergessen?“ Dr. Danken schüttelte den Kopf.
„Nein, vielen Dank, Frau Samt, dann würde-“
„Doch!“, sagte ein Mittzwanziger. Er lag mehr auf dem Stuhl als dass er saß und trug Jogginghose, ein weißes Top, eine Goldkette, eine Cappy und tatsächlich eine Sonnenbrille. Klar, es war August und warm, aber wir befanden uns in einem geschlossenen Raum. Hier drinnen lief man nicht Gefahr, von der Sonne geblendet zu werden. „Wir schweigen oft sehr lange. Das ist ätzend. Größter Scheiß überhaupt. Sitzt man rum und wartet auf besseres Wetter.“
„Du könntest ja auch mal ein Thema einbringen“, sagte der Glatzkopf, Cappy-Boy aber lachte nur und verschränkte die Arme.
„Sicher nicht.“
„Möchten Sie uns sagen, warum Sie sich nicht in die Gruppe einbringen wollen?“, fragte Dr. Danken mit ausdruckslosem Blick.
„Weil’s `n Scheiß is, deswegen.“
„Können Sie Ihre Meinung weiter erörtern, Herr Kauz?“
„Das is doch alles sinnlos!“, schrie Cappy-Boy plötzlich und sprang auf.
„Kai, jetzt atme mal tief durch und setz dich gefälligst wieder hin“, ermahnte ihn eine Rentnerin in Blumenbluse mit schlecht gefärbten weinroten Haaren.
„Echt kein Bock mehr!“ Er trat den Stuhl um und lief zur Tür.
„Herr Kauz, wenn Sie jetzt gehen, muss ich dies Ihrem Therapeuten melden“, sagte Dr. Danken ruhig.
„Mach doch, du Wichser.“ Hinter sich schlug er die Tür zu und ich schrumpfte in mich zusammen. Wie sollte ich in solch einer Gruppe über meine innersten Gedanken sprechen können?
„Normalerweise herrscht hier, wie in jeder Therapie, Anwesenheitspflicht“, erklärte Dr. Danken an mich gerichtet.
„Er ist noch nicht bereit“, sagte die Rentnerin. „Man kann keinen zu seinem Glück zwingen. Jeder muss den Weg der Therapie allein gehen. Allein beginnen und allein durchziehen.“ Sie strich ihren schwarzen knielangen Rock glatt und sah auf den Boden. „Familie und Freunde können uns unterstützen, für uns da sein, Halt geben. Aber in die Schlacht ziehen wir doch allein.“
„Fühlen Sie sich manchmal allein gelassen, Frau Bäcker?“, wollte Dr. Danken wissen, woraufhin die Dame schluckte und ich das Bedürfnis bekam, sie zu umarmen.
„Fühlt sich nicht jeder Mensch manchmal allein?“
„Gibt es eine Situation in den letzten Wochen oder Monaten, in der Sie sich besonders allein gefühlt haben, Frau Bäcker?“
Von dem Seelen-Striptease bekam ich eine Gänsehaut und ich hoffte nur, dass Dr. Danken mich niemals so direkt ansprechen würde.
„Jeden Tag, jeden Morgen beim Aufstehen.“ Ihre Stimme versagte und sie rieb sich die Augen. „Jeden Morgen, wenn ich mich frage, wie ich die Stunden meines sinnlosen Tages füllen soll.“
„Ich finde, du füllst deine Tage bereits sinnvoll“, sagte Penelope. Sie saß am anderen Ende des Raumes und lehnte sich zu ihr hinüber. „Das, was du die letzten Male erzählt hast, dein Ehrenamt in der Nachhilfe für bedürftige Kinder, das ist doch großartig! Trotz deiner starken Schmerzen. Jeden Tag raffst du dich auf und gibst den Kindern so viel Wissen und Zuneigung. Du gibst ihnen Sicherheit, die sie von niemandem sonst bekommen.“
„Und jetzt lass ich sie im Stich!“ Frau Bäcker brach in Tränen aus. „Genau wie Edmund mich im Stich gelassen hat. Oder mein Vater. Ich bin genau wie mein Vater.“ Die Rentnerin war kurz vorm Hyperventilieren und rein intuitiv schnappte ich mir die Packung Taschentücher, die in der Mitte des Stuhlkreises war und hielt sie ihr vor die Nase. Sie murmelte ein Dankeschön und schnäuzte sich.
„Das klingt so, als wäre es etwas Schlechtes, wie der eigene Vater zu sein?“, hakte Dr. Danken nach, woraufhin der nächste Tränenschub begann. Den Rest der Sitzung redeten wir über die Beziehung zu Eltern und Einsamkeit. Das heißt, die anderen redeten, ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Aber auch andere waren weniger kommunikativ. Penelope, der Glatzkopf und Frau Bäcker trugen die Sitzung, immer angestachelt von Dr. Dankens Fragen. Die meisten aber sagten ebenfalls nichts, sahen stumm und gelangweilt vor sich hin oder schienen auf ihre Weise sehr betreten zu sein. Vielleicht zu betreten, um sich einzubringen. So wie ich. Oh Gott! Was hätte ich nur zu meinem Vater sagen können? Nichts, was die gute Frau Bäcker aufgemuntert hätte.
Während der Sitzung schaffte es Penelope einige Male, der Rentnerin ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Sie war ein außergewöhnlich bemerkenswerter Mensch und sagte Dinge wie:
„Hast du dir eben zugehört? Das klingt schon ziemlich cool, was du alles geleistet hast, oder?“
„Und warum bist du nicht stolz auf dich?“
„Vielleicht erwartest du zu viel von dir.“
Sie selbst klang genauso, wie ich mir eine gute Psychotherapeutin immer vorgestellt und leider nie gefunden hatte. Bisher. Vielleicht würde das mit Frau Kleist doch noch was werden. Sofern ich das Ausfüllen des Mastvertrages überleben würde.
„Ich denke, das ist ein gutes Schlusswort“, befand Dr. Danken und nickte Penelope zu. „Ich möchte, dass Sie sich bis Dienstag darüber Gedanken machen, was Sie selbst von sich, Ihrem Leben und Ihren Leistungen erwarten. Und wo Sie das vielleicht auch einmal zu viel Kraft gekostet hat. Dann haben wir auch gleich ein neues Sitzungsthema am Dienstag.“
Die Gruppe löste sich auf und ich wollte auf Penelope zugehen, sie für ihre Einfühlsamkeit loben, doch sie verschwand als eine der ersten aus der Tür und war weder im Gang noch auf der Terrasse oder im Aufenthaltsraum zu finden.
Bis zum Mittagessen hatte ich noch fast zwei Stunden Zeit. Mein Magen begann wieder zu knurren, deswegen schlich ich im Aufenthaltsraum an dem Whiteboard vorbei, an dem der Essensplan der Woche aufgehängt war. Man konnte täglich zwischen drei warmen Mahlzeiten beim Mittagessen wählen. Bei mir war die Wahl gering: Es gab nur ein vegetarisches Gericht. Und das würde heute Kartoffelpuffer mit Pilzragout und Brokkoli sein. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Kartoffeln waren sehr gesund und Brokkoli und Pilze waren ganz weit oben auf der Liste der kalorienärmsten Lebensmittel.
„Na, schaust, was es zu futtern gibt?“
„NEIN, ich-“ Reflexartig kniff ich mich, um dem Drang, meine Arme aufzukratzen, zu widerstehen. Ich fühlte mich ertappt. Als Vielfraß entlarvt. Die junge Frau, die mich angesprochen hatte, stellte sich neben mich und sah selbst auf den Plan.
„Wenn ich nur wüsste, was ich letzte Woche bei der Bestellung angekreuzt habe.“ Sie lachte und streckte mir ihre Hand entgegen. „Nelly, du bist seit gestern hier, gell?“
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