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Otto von Gottberg

Frauenschneider Gutschmidt

Roman

Saga

Frauenschneider Gutschmidt

© 1916 Otto von Gottberg

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711529973

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1.

Seufzend kehrte Frau von Hemmern sich von der Schreibtischplatte nach links zum Fenster und blinzelte durch das Glas von Brille und Scheibe in die Königgrätzer Strasse. Es ging mit dem Lesen nicht mehr. Wie eben die Ziffern auf den Rechnungen durcheinander tanzten, verschwamm jetzt auch die Aufschrift eines in Höhe ihres Kopfes vorbeihuschenden Strassenbahnwagens. Wahrscheinlich sollte sich anderen lebenslänglichen Leiden Blindheit gesellen. Sie wendete sich wieder ins Zimmer und suchte mit den müden Augen im stubenbleichen Gesicht unter grauen Haaren die Dienerin, die am dritten, der Herrin fernsten Fenster der Stube nähte:

„Kunze.“

„Jawohl, gnädige Baronin,“ antwortete das immer fröhliche Stimmchen aus der Ecke. Eine Schere in der Hand trippelte die hagere Kleine an den Schreibtisch zur Herrin. Seltam, dass das Gesicht der Gleichaltrigen mit stets munterem Lachen noch so gesunde Farbe trug. Rot wie Borsdorfer Äpfel leuchteten die vollen Backen unter weisser Kappe.

„Kunze, wir müssen zum Augenarzt. Ich werde blind.“

Wohl klang Seufzen, aber auch Behagen durch der Herrin Stimme. Sie war nur zufrieden, wenn sie zu leiden glaubte. Doch kränkelte sie genug und durfte sich nicht noch Sorgen um ihr Augenlicht machen.

„I bewahre, Frau Baronin. Es beginnt zu dunkeln.“

Die Herrin schüttelte den Kopf:

„Um vier Uhr? Und vergessen Sie auch nicht, dass ich einnehmen muss?“

„Nein, nein! Ich habe es doch seit nun fünfundzwanzig Jahren nie vergessen. Noch fehlen fünf Minuten an Vier, aber es ist Januar und trübes Wetter. Ich mache Licht, dann können Frau Baronin lesen.“

„Versuchen werde ich es, Kunze.“

Sie sprach, als sei sie der nicht nur festen, sondern eigentlich auch frohen Überzeugung, dass sie im hellsten Licht nie wieder deutlich sehen werde.

Die Kunze schaltete das Licht ein und schloss die Vorhänge der drei Fenster.

„Geht es?“

Die Herrin senkte das Gesicht wieder über den Schreibtisch und ein Päckchen loser Blätter, das zwischen Pillenbüchsen und Arzneiflaschen, zwischen Apothekerschachteln alt und neu, gross und klein kaum Platz fand.

„Es geht wirklich, Kunze! Aber zum Augenarzt müssen wir doch. Es sollte vielleicht eine Warnung sein und vorbeugen kann nie schaden.“

„Ja, Frau Baronin. Darum nehme ich immer die Medizin mit und bleibe gesund. Wenn ich aber krank werde, habe ich es schon in mir.“

„Das hat was für sich, Kunze! Doch die Ärzte wollen es nicht wahr haben. Ist es endlich Zeit?“

„Schlag Vier,“ nickte die Dienerin und trippelte zum Tisch in der Ecke neben der Tür, nahm zwei von den Löffeln, die um eine entkorkte Flasche Nauheimer Sprudel lagen, und trug sie zum Schreibtisch. Einen füllte sie langsam aus der vor einer Stunde vom Apotheker gefüllten Flasche und hielt ihn unter die Nase. Nach Lakritzen roch der dickflüssige Saft. Der Doktor hatte wohl wieder gedacht, die Krankheit sei nicht schlimm. Überhaupt die Ärzte! Manche nahmen der Herrin das einzige Glück und meinten, sie sei gar nicht krank. Der alte Geheimrat freilich drohte immer gleich mit dem Schlaganfall.

„Hier, gnädige Baronin.“

Der Herrin hielt sie jetzt den Löffel unter die Nase.

„Riecht nicht schlecht. Aber probieren Sie erst, Kunze!“

Wie die Kunze nur den Mut fand, eine ungekostete Medizin so schnell zu verschlucken! Als ob es ihr Vergnügen mache, schmatzte sie mit den Lippen:

„Wird schmecken, Frau Baronin!“

Mit fast ungeduldiger Hast griff die Herrin nach dem zweiten Löffel und liess ihn füllen. Die Augen schliessend, schlürfte sie langsam die braune Lösung und holte mit der Zunge den letzten Tropfen von der Oberlippe. Heiterer als vorher blickte sie auf:

„Dass das Rezept nicht verlorengeht, Kunze! Wirklich einmal was Gutes, — süss, aber nicht widerlich, denn es hat Pikantes. Überhaupt gefällt mir der neue Doktor. Vielleicht weiss er auch was Wohlschmeckendes für die Augen. Hat er denn wirklich gesagt, nur alle zwei Stunden einen Esslöffel?“

„Das hat er gesagt, Frau Baronin, und steht auf der Flasche.“

Frau von Hemmern rückte enttäuscht an der Brille. Ihre Brauen stiegen zur gerunzelten Stirn:

„So sind sie. Ist es bitter, dann sagen sie: alle dreissig Minuten. Schmeckt es aber gut, dann steht drauf: dreimal täglich. Nehmen wir den nächsten Löffel um halb Sechs. Eine halbe Stunde ist keine Stunde und zu zeitig kann nicht schaden. Um Fünf bekomme ich auch Pillen.“

Sie griff wieder nach den Blättern auf dem Schreibtisch, beugte sich über die seit Neujahr eingegangenen Rechnungen und sonderte sie. Auf ein Blatt Papier schrieb sie dann zwei Zahlenreihen und addierte ihre Posten. Die Ziffer links nannte die für den Haushalt verbrauchte Summe und die andere das von ihrer Tochter Frida verausgabte Geld.

Es war erstaunlich viel. Kopfschüttelnd barg sie das Gesicht zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, lüftete mit der linken den Vorhang und starrte betrübt in den schmutziggelben, zertretenen Schnee auf dem Strassendamm.

Fridas Kleidung kostete kaum weniger als der Haushalt.

Frau von Hemmern nahm die Brille ab. Obschon sich die Blindheit des Alters meldete, schien sie ohne Gläser die auf dem jenseitigen Bürgersteig zum Bahnhof wandernde Schar munterer Soldaten in Grau am klarsten zu sehen. Die Pakete unter den Armen oder am Tornister sollten einen Rest der Urlaubsfreude in die Kampfstellung tragen. Zeitungsjungen boten den ein Lied Anstimmenden Nachmittagsblätter an. Sie dankten lachend. Immer sangen und lachten sie noch, obwohl der grausige Krieg schon sechs Monate währte.

„Kunze, ist der Nachmittagsbericht da?“

„Nein, Frau Baronin!“

„Dass Sie ihn durchlesen, ehe ich ihn sehe! Schlimmes mag ich nicht hören. Es regt mich auf, und siegen müssen wir doch! So heisst es ja, und darum leben die Leute, als wäre Frieden, gehen ins Theater und sparen weder mit Geld noch Butter und Brot. Wozu? Siegen müssen wir doch!“

Ein zweispänniger Wagen kam vor dem Haus zu halten. Das Knallen der Kutscherpeitsche rief nach dem Pförtner.

„Kunze, meine Tochter kommt, ich möchte sie sprechen.“

Nur eine Minute verging, bis Frida eintrat. Das Bild, das sie im Türrahmen bot, liess fast den Kummer über ihr verschwenderisches Geldausgeben vergessen. Für Luxus geboren und geschaffen schien das schöne Kind. Vom Chinchillamützchen auf blauschwarzem Haar bis herunter zu den Schuhen war sie gekleidet in Grau von harmonisch abgetönten Schattierungen. Als sie mit heiterem Grusswort an den Schreibtisch trat, schien der breite weisse Rahmen ihrer lachenden braunen Augen das dunkelhäutige Gesicht zu erhellen. Die Hände blieben im Muff, während sie sich zum Kuss gegen die Stirn der Mutter neigte. Dann stand sie in Erwartung, das Kinn auf hohem Hals ein wenig vorgeschoben und das linke Ohr wie in Frage nach der Mutter Wünschen geneigt. Die Lippen in dein von Winterkälte erfrischten und geröteten Gesicht schürzte wie immer ein Lächeln, das sich des Lebens, ja schon des körperlichen Daseins zu freuen schien.

„Machen, ich gebe dir ein Stündchen, das ich eigentlich beim Tee mit Nernheims verbringen wollte. Um Sechs muss ich mich umkleiden, weil später Dernthals vorfahren und mich zum Theater mitnehmen. Sie sind seit gestern in Berlin, aber ich bat, uns keinen Besuch zu machen, weil Papa krank ist.“

„Gut, dass du an ihn erinnerst! Kunze, lassen Sie uns allein! Gehen Sie nach oben zur Krankenschwester und berichten Sie heute abend, wie es steht!“

Frida wartete, bis die Dienerin draussen war:

„Du machst mich neugierig, Machen. Sonst hast du vor Kunze keine Geheimnisse.“

Sie legte Jacke und Mütze ab und warf sie zu Muff und Boa auf das winzige Sofa dicht beim schräg ans Fenster gestellten Schreibtisch.

Frau von Hemmern sah der Niedersitzenden wohlgefällig zu. Mit Bewegungen, weich und flüssig, obwohl weitausgreifend und lang wie die wohlgeformten Glieder, zog Frida die Handschuhe von schön gerundeten Unterarmen. Im Warten auf der Mutter Worte streichelte sie zärtlich die zarte Haut zwischen Ellbogen und Handgelenk. Es tat gut, sie mit den Fingern zu liebkosen und dann auch das weiche, warme Pelzwerk auf dem Sitz zu streicheln. Mit wirklichem Genuss fühlte sie gutes Rauchwerk oder Samt und Seide unter den Fingern. Schon jetzt freute sie sich auf das Umkleiden nach dem Gespräch mit der Mutter, denn Vergnügen war es auch, auf dem Körper das wohlige Rascheln von neugebügeltem Batist und das sanfte Reiben zarten Spitzengewebes zu spüren. Die Mutter hob den Kopf:

„Wenn du da sitzt in dem Kleid, das wie ein Handschuh um die Hüften liegt, und ich sehe, dass zu den Perlen um deinen Hals alles passt, als wäre es eigens für dich und das graue Kostüm gemacht, verstehe ich es wohl.“

„Verstehst du was, Machen?“

Die Mutter legte die von Grübchen gefurchte, fleischige kleine Hand auf das Päckchen loser Blätter:

„Dass du so viel Geld ausgibst, Frida.“

Die Tochter beugte sich vor: „Ach die Neujahrsrechnungen, Machen. Wie du den Menschen enttäuschen kannst. Ich dachte, du wolltest mir Liebes sagen!“

„Das möchte ich auch, Kind. Gewiss sieht alles an dir hübsch, geschmackvoll und doch einfach aus, aber du musst lernen, dich einzuschränken.“

Frida liess den auf der Sofalehne liegenden rechten Arm fallen:

„Will Papa nicht bezahlen?“

„Papa wird bezahlen, aber du musst endlich begreifen, dass du später ein armes Mädchen sein wirst. Nun dein armer Bruder tot ist — am 1. Februar kommt der zweite Jahrestag — geht Herkelsbrühl an Vetter Ernst, und dir bleibt nichts oder wenig. Vom Gehalt konnte Papa als Diplomat nicht leben. Auch hatten wir doppelten Haushalt zu führen, weil meine Leiden mich hinderten, ihn ins Ausland zu begleiten. Vielleicht hätten wir auf mancherlei verzichten können, aber wer ahnte bis zu Heinrichs Tod, dass wir dich unversorgt zurücklassen müssten, armes Kind! Auch weisst du, dass unser Barvermögen in England beschlagnahmt ist.“

Frida sprang lachend aus dem Sofa:

„Mach’ dir keine Sorgen, Machen. Ihr beide lebt noch lange, und ehe ihr die Augen schliesst, finde ich eine gute Partie. Das Geld in England erinnert mich übrigens an ein Gespräch bei Nernheims. Vom Fürsten Blücher, dem die Engländer die Güter konfiszierten, war die Rede, und ein verwundeter Hauptmann von Sülow meinte, den Herrschaften, die sich in Friedenszeiten in der Fremde angekauft hätten, weil ihnen unser Leben nicht gut genug war, geschähe recht, wenn der Feind sie ausplündere.“

Frau von Hemmern grollte:

„Ja der Krieg, Kind! Zum Schaden bringt er uns noch Spott. Aber wenn du dein Vorhaben nur wahrmachen und die gute Partie suchen wolltest! Warum gehst du Vetter Ernst geflissentlich aus dem Wege? Wohlhabend genug ist er an sich und seit Heinrichs Tod Erbe von Herkelsbrühl.“

Über den Kopf der Mutter blickte Frida auf die Gardine und runzelte die Stirn. Schon der Name des Vetters weckte Widerwillen. Im Ton eines Vorwurfs fragte sie:

„Nanntest du ihn nicht früher ein Ekel?“

Machen schien verlegen:

„Möglich, aber du bist siebenundzwanzig Jahre alt und fähig, einen Mann nach deinen Wünschen zu erziehen. Ich habe mich immer als Papas Eigentum, als Ding oder Sache in seinen Händen gefühlt. Du wirst einen Mann als deine Sache oder dein Eigentum betrachten. Ausserdem gehört ihr durch das Majorat zusammen. Vergiss nicht, dass du kein Backfisch mehr bist! Heutzutage führen sie den Herren schon die ganz Jungen noch in kurzen Kleidern, wenigstens beim Tennis vor.“

Wieder konnte Frida lachen. Sie stützte die Hände auf die schlanken Hüften und straffte den geschmeidigen Leib zu voller Höhe:

„Die Frau, die sich zu kleiden und zu pflegen versteht, ist dafür heute noch als Vierzigerin jung. Wettbewerb fürchte ich nicht, Machen. Auch waren Herren genug da, aber keiner gefiel mir.“

Sie hob die Hände, spielte mit den Fingern und blickte nachdenklich auf ihre Ringe:

„Ich bin wohl auch darin zu anspruchsvoll, und die Freiheit, die heutzutage das Mädchen eigentlich mehr als die junge Frau geniesst, schien mir begehrenswerter als die Aussicht, mir befehlen zu lassen von einem der Herren, die nicht schnell genug laufen können, wenn ich sie bitte, mir Schirm oder Umhang zu holen. Sie imponieren mir nicht. Vor jedem hübschen Gesicht werden sie zu Schosshündchen, die nicht nur freudig, sondern auch dankbar apportieren. Manchmal erwarte ich sie bellen zu hören.“

„Du gestattest dir auch der Freiheiten etwas viel, Frida.“

„Und du sprichst als Frau einer anderen Zeit, Machen. Wie sollte ich meine Gewohnheiten ändern, ohne mich von der Welt und jedem Verkehr abzuschliessen? Papa lebte im Ausland und wäre noch Gesandter in Brüssel, wenn der Krieg ihn nicht heimgerufen hätte. Du aber kannst weder ihn in die Fremde noch mich in Gesellschaft begleiten. Also muss ich mich zu Reisen und Vergnügungen meinen Bekannten anschliessen.“

Frau von Hemmern nickte:

„Merkwürdig, dass sie dich so häufig einladen.“

„Aus Menschen- oder Nächstenliebe tun sie es nicht, Machen. Sie glauben auf ihre Kosten zu kommen.“

Wohlgefällig wieder an ihrer hochhüftigen, schlanken Gestalt herunterblickend, schlenderte sie durch das Zimmer.

„Ich sehe gut aus, ziehe mich hübsch an, verstehe zu unterhalten und wirke dekorativ. Darum sehen mich Freundinnen gern in ihren Räumen. Geladene, die mich bei ihnen treffen, wissen: Hier ist etwas los, hier verkehren Leute, die zu kennen der Mühe wert ist.“

Draussen schlug eine Hand an die Tür. Das Hausmädchen trat ein und brachte Machen eine Karte. Freude erhellte ihr Gesicht. Mit froh lächelnden Lippen las sie laut:

Bartholomäus Gericke

Kirchenkastellan.

Frida hob die Augen zu den elektrischen Birnen unter der Zimmerdecke. Die Mutter hatte schon erzählt, sie habe die Bekanntschaft des Gesundbeters bei einer Freundin gemacht, und ihn aufgefordert, bei ihr Sitzungen zu halten.

„Ich lasse bitten, ich lasse sehr bitten.“

Frau von Hemmern hob sich schwerfällig aus dem Stuhl und blickte prüfend am schlichten schwarzen Wollkleid herab, als frage sie, ob sie den grossen und guten Mann in so einfachem Gewand empfangen dürfe. Hastig flüsterte sie:

„Stossen wir uns nicht an dem ‚Kirchenkastellan‘, Fridchen. Der wundertätige Mann ist von so rührender Bescheidenheit, dass er den in der Jugend geführten Titel durch sein ganzes edles Leben trägt.“

Zur Tochter trat sie unter die Lichterkrone, um stehend dem Besucher würdigen Empfang zu bieten. Durch die von draussen geöffnete Tür schien dann ein Geistlicher zu treten.

Um die hagere Gestalt des Fünfzigers mit glattrasiertem Gesicht lag eng ein zugeknöpfter Gehrock mit langen Schössen über schwarzen Beinkleidern. Oben schloss er über schwarzer Deckkrawatte und weissem Stehkragen, der vorn ohne Einschnitt, also wohl hinten angeknöpft war. Auf dem graugelben Gesicht lag an Farbe nur die Blauschwärze des vom Rasiermesser durchschnittenen Bartes. Schmal und knochig sprang die Nase heraus. Weit standen grosse Ohrmuscheln vom Kopf unter überlangem dunklem Haar. Den Scheitel fast bis zur Höhe seiner Hüften senkend, verbeugte er sich:

„Gruss des Herrn, meine Damen!“

Die Sprache klang ölig. Die dunklen Augen rollten.

Frida senkte kurz den Kopf. Die Mutter fragte sich, ob ihr Knicks tief genug gewesen sei, während sie den Besucher zum Sofatisch neben der Tür führte.

Schüchtern schien der grosse Mann nicht. Die Mutter sass kaum im Sofa, als er den hageren Leib zwischen Tisch und Sitz durchwand, dicht neben ihr Platz nahm und einen übergrossen alten Zylinder auf den Tisch legte.

„Meine Zeit ist beschränkt, denn des Menschen Tage sind gezählt und unser Wallen ist kurz.“

In der Unterhaltung bei der Geheimrätin Stendal glaubte er die Hausherrin durchschaut zu haben. Die Baronesse schien klüger. Sie durfte nicht zu Worte kommen. Nur die Alte sollte reden und ihm jene Offenbarungen machen, durch die er am schnellsten das Vertrauen seiner Kundschaft gewann.

„Die gnädigste Baronin haben mich über Ihre Leiden schon unterrichtet. Bevor ich im Bund mit dem Allmächtigen die Heilung beginne, muss ich den Lebenslauf meiner Patienten kennen. Erzählen Sie, Frau Baronin!“

Er sprach knapp, selbstbewusst und herrisch, denn nur die harte, aber nicht die lockende Hand konnte Schafe zur Schur packen. Opfer einzuschüchtern war ihm Methode. Mit Genugtuung hörte er Frau von Hemmern stammeln. Errötend wie ein junges Mädchen, begann sie auf sein Zureden die Erzählung ihres Lebens. Frida blickte in peinlichem Unbehagen aus ihrem Sessel zu den Kronen unter der Zimmerdecke. Der Mann war frech und widerwärtig, aber Mamachen glücklich, wenn sie Quacksalbern mit oder ohne medizinisches Wissen gegenübersass. Warum ihr die einzige Lebensfreude nicht gönnen? Gelassen lauschte sie der ihr bekannten Lebensgeschichte. Oft unterbrach der Kastellan die Redselige mit rauhem „Überflüssig“. Dann wieder stellte er Fragen, die ungehörig schienen, doch mochte sie die mit fast ehrfürchtiger Verlegenheit Auskunft gebende Mutter nicht kränken.

Für heute wusste Gericke genug. Er sah die Möglichkeit, bei späteren Gesprächen tiefer in die Geheimnisse eines Haushalts und einer Familie zu dringen. So machte er sich Patienten gefügig. Misstrauen gegen das schweigende, stirnrunzelnde junge Mädchen liess ihn den Gang der Erzählung beschleunigen, obwohl er auf eine Sitzung von zwei Stunden, also eine Einnahme von vierzig Mark gerechnet hatte.

Frau von Hemmern schloss aufatmend:

„So bin ich reich an Leiden, aber arm an Erleben gewesen. Statt mich zum Sprechen zu veranlassen, hätten Sie erzählen sollen, wie Sie Ihr Dasein so segensreich gestalten konnten!“

Der Kastellan schien erfreut. Er lächelte. Es bot sich doch noch Gelegenheit zum Verdienen der vierzig Mark!

Seine hageren Glieder schienen breiter, als er sich bequemer ins Sofa setzte. Ernst und selbstgefällig hob er die Brauen:

„Der Herr hat wirklich ein Wunder an mir getan. Vor etwa zwölf Jahren wollte er mir rechte Gunst erweisen und schickte mich in die weite Welt — nach Amerika.“

Freundlicher, zufriedener ward sein Lächeln. Er machte eine Pause, um Neugier und Erwartung der Zuhörerinnen zu mehren. Die Augen hafteten auf dem verregneten Filz des alten Zylinders. Sie sahen Bernhard Gericke, den damaligen Kastellan der Petrus-Kirche in Rixdorf, heute Bartholomäus, den gefeierten Helfer und Betgenossen von Damen der Berliner Gesellschaft. Vor zwölf Jahren hatte er einmal zu oft den Klingelbeutel in seine Tasche geleert. Furcht vor Strafe trieb ihn zu Minna, seiner mit einem Frauenschneider verheirateten Tochter. Sie gab ihm fünfhundert Mark, die ihn noch gleichen Abends nach Hamburg und am nächsten Morgen zu Schiff nach Neuyork trugen. Wie weit lag das zurück! Er durfte wirklich lächeln, wenn er des ersten Tages in der Neuen Welt dachte.

„Vom Schiff ging ich in Neuyork längs einer der breiten, schnurgeraden Avenuen auf der Suche nach einem Quartier zur Stadt hinauf. Der Zufall oder richtiger des Allgütigen Wille liess mich von der dritten Avenue in die siebenundvierzigste Strasse einbiegen. Ich kam an eine Kirche, wie ich später erfuhr, die des zweiten Lesers der Gemeinde der Christian Science. Die Prediger unseres Glaubens heissen nämlich Leser. In Amerika sind es meist Leserinnen, da auch Frau Eddy“ — er legte die Hand an die Brust und neigte den Kopf vor dem Namen der grossen Bauernfängerin — „eine Frau war. Vor dem Portal standen Herren und Damen, die Vorübergehende in die Kirche luden. Ein junges Mädchen nahm auch mich bei der Hand und zog mich in die Tür. Mit Beschämung muss ich bekennen, dass ich nur wider Willen folgte. Drinnen sah ich ein grosses Kirchenschiff mit Andächtigen gefüllt und vor dem Altar die Leserin hinter ihrem Buch an einem Pult. In die Säulengänge zu beiden Seiten des Schiffes waren offene, holzumwandete kleine Zimmer oder Nischen gebaut. In den Stübchen zur Rechten flüsterte je ein Herr auf eine Dame und in denen zur Linken je eine Dame auf einen Herrn ein. Dort bekehrten Leser niederen Grades eben von der Strasse geholte Neulinge. Unsere Kirche gewinnt in Amerika die Männer durch die Frauen und die Frauen durch Männer.“

Er sah jetzt auch Frida aufmerksam lauschen. Über ihr Gesicht huschte ein spöttisches Lächeln. Sie wusste, wie die Wissenschaftler in Amerika Seelenfang übten. Um hübsche Augen lachen zu sehen, liess sich der einsame Mann der Grossstadt bekehren. Die alte Jungfer hoffte in ihrem Apostel einen Gatten zu finden. Der Flirt ging in den Kirchen der Christian Science um. Gericke freute sich der Aufmerksamkeit seiner Zuhörerinnen.

„Auch meine Leserin führte mich in eine Nische. Dort erst stellte sie fest, dass ich der englischen Sprache nicht mächtig war, und rief eine Deutsch-Amerikanerin. Schliesslich kam vom Altar auch die Leserin. Alle Damen bemühten sich mit eifrigster Liebenswürdigkeit um mich. Ich trug mich damals wie heute“ — seine behaarte Hand wies auf das Pastorenkleid — „und die Amerikanerinnen vermuteten darum einen deutschen Geistlichen in mir.“

Zu erwähnen, dass er sich als solchen ausgegeben hatte, war nicht nötig. Er schilderte, wie er ein gelehriger Novize der Sekte ward. Sie speiste, kleidete, hauste ihn und schickte ihn endlich als Apostel nach Berlin. Von Minna hatte er gehört, dass Pfarrer Rumberg von der Rixdorfer Petrus-Kirche die Bestrafung seines flüchtigen Kastellans dem Himmel überlassen wolle.

„Und in Berlin?“ fragte Frau von Hemmern in gespannter Erwartung, aber die Kunze trat ein. Ihr Gesicht kündete Unheil. Die Farbe ihrer Backen war noch dunkler als sonst.

„Frau Baronin, es steht oben schlecht. Wir haben schon nach dem Geheimrat geschickt, und er geht gerade die Treppe hinauf. Vierzig Grad Fieber hatte die Schwester gemessen.“

Frida hob die Hände zur Brust:

„Machen, vierzig Grad Fieber!“

Aber die Mutter wiegte mit einem bedauernden Blick auf den Kirchenkastellan den Kopf:

„Die Herren sind gleich so empfindsam. Mein Mann war nie ernstlich krank, und nun er einmal liegt, nimmt es ihn mit. Aber die Blinddarmoperation ist glücklich verlaufen und die Folgen übersteht heutzutage jeder. Auch haben wir den besten Helfer hier.“

Ihre Hand wies gegen den Besucher. Doch der Kastellan stand auf und glättete mit flinkem Griff in die Knöpfe das Brusttuch des schwarzen Rocks. Wohl nickte er, als sei ihm sofortiges Heilen des Gesandten ein leichtes, aber fragte auch argwöhnisch:

„Wer ist der Geheimrat?“

„Dr. Sünder, der bekannte Chirurg, der meinen Mann operiert hat.“

Über das Gesicht des Kastellans huschte ein Schatten. Er kannte das Gesetz zu gut, um seinen Klienten das Befragen von Ärzten zu verbieten, aber von ihm hören durften sie nicht. Auch hatte der alte Sünder — ein Grobian — ihm schon einmal den Weg vertreten. Es schien geraten, der Sitzung ein Ende zu machen.

„Frau Baronin, mit meinen ärztlichen Kollegen konkurriere ich nicht. Ich gönne ihnen ihr Brot, aber nie dürfen sie von meinen Besuchen erfahren. Für heute — Gruss des Herrn, meine Damen!“

Der Schlusssatz klang wieder wohlwollend und beruhigte die über den plötzlichen Aufbruch erschreckte Frau von Hemmern. Mit der Bitte, er möge morgen um die gleiche Stunde vorsprechen, drückte sie warm des Eilenden Hand. Die Kunze bat die Herrin, nach dem Kranken zu sehen. Seufzend schritt sie zur Tür und legte die Hand auf die Klinke:

„Begleitest du mich, Kind?“

„In Papas Schlafzimmer? Wo denkst du hin, Machen.“

Frida griff nach Muff, Jacke und Handschuhen, aber liess die Sachen wieder fallen. Das Umkleiden schien überflüssig. Ausgehen konnte sie nicht, denn vierzig Grad Fieber waren ernst zu nehmen. Auf der Mutter Rückkehr wartend, durchschritt sie, die Hände auf den Hüften, das Zimmer. Ihre Augen hafteten auf einem Bild an der Wand. Sie blieb stehen. Der Alte mit Vatermörder und breiter Binde unter dem kahlen starkknochigen und willensharten Gesicht war der Grossvater, von dem die heute lebenden Hemmerns stammten. Vor einem halben Jahrhundert geadelt, hatte der Kinderlose auf der westfälischen Erde, aus der er als ein Grosser der Schwerindustrie Reichtümer hob, das Majorat Herkelsbrühl gegründet und die Erlaubnis zum Vererben auch des Freiherrntitels an bürgerliche Agnaten erwirkt. Der oben im Krankenbett liegende Vater trug ihn als ältester Neffe. Ein jüngerer, der Vater des Vetters Ernst, war früh gestorben.

Wo Machen nur blieb? Fast eine Viertelstunde musste sie oben sein. Stand es schlimm um den Vater, der ihr eigentlich ein Fremder war? Selten und nur als Besucher vom Ausland kam er in die Atmosphäre des Spitals und der Apotheke im mütterlichen Haus, aber niemals hatte er seinem Kind einen Wunsch versagt.

Sie hörte Tritte auf der Treppe. Die Mutter öffnete die Tür. Ihre Hand hielt ein Riechfläschchen an die Nase. Also war sie um ihre Ruhe gekommen.

„Er fiebert stark und redet irres Zeug, das ich nicht verstehen kann. Der Geheimrat wollte sich noch nicht äussern.“

Schlimmes schien Machen nicht zu befürchten. Aber müde schleppte sie sich zum Schreibtisch. Frida umfasste ihre Schulter und zog sie in das kleine Sofa. Als Stärkere musste sie Machen an Tagen der Sorge stützen. Den rechten Arm um sie legend, strich sie mit der Linken über den schlichten grauen Scheitel. Sie spürte ein Zittern unter ihren Fingern und wohl darum plötzlich ein Ahnen von Schrecklichem. Statt der Mutter zuzureden, wartete sie schweigend.

Endlich riss Sünder, der Grobian, die Tür auf. Ernst, düster, ja vorwurfsvoll blickten die blanken blauen Augen, zu denen ein viereckiger weisser Vollbart über die Backenknochen hinaufwuchs. Er verneigte sich kurz, rieb die Hände aneinander und nagte an den Lippen. Das Bild der dem sterbenden Mann und Vater fern müssig Sitzenden verdross ihn. Sie waren von den Frauen, die er leere nannte, weil leer, wie gemeinhin ihr Schoss, ihr Kopf und ihr Leben war. Warum strickten sie nicht Strümpfe für Soldaten im Feld? Strafe verdienten sie.

„Baronin“ — seine Stimme war rauh und die Geste grob — „gehen Sie hinauf, wenn Sie Ihren Herrn Gemahl noch am Leben finden wollen!“

Frida hob die Hand zum Kopf, der schwindelnd gegen die Lehne fiel, und fühlte die Mutter gegen ihre Schulter sinken. Aber sie war die Stärkere und musste die Schwache stützen. Sie umfasste die Aufschluchzende und zog sie auf die Füsse. Der Arzt schritt voran. Als er die Tür zum Krankenzimmer öffnete, schien es Frida, als erwache der Vater aus dem Delirium. Flackernde irre Augen schlug er zu den verstörten Gesichtern der Seinen auf. Die Pupillen verengten sich noch einmal. Er bewegte sogar die Lippen und wollte wohl sprechen, aber dachte vielleicht, dass er Frau und Tochter wenig Tröstliches sagen könne, denn müde kehrte er ihnen und dem Leben den Rücken und die Augen zur Wand. Eine Viertelstunde ging. Die Mutter schluchzte im Sessel, den die Pflegerin neben das Kopfkissen geschoben hatte. Frida zitterte am Fussende des Lagers. Die Hände auf die Messingstange gestützt, starrte sie aus brennenden Augen auf des Vaters Kopf, der plötzlich in den Kissen rollte.

Da nahm der Arzt die Finger vom Puls des Freiherrn:

„Gnädige Frau, Ihr Herr Gemahl hat nicht lange gelitten.“

Die Augen schliessend verbeugte er sich, als wollte er sagen: „Meine Pflicht ist getan, euch mag ich nicht helfen.“ Vom Bett tretend, gestand er sich dann, sein Glaube, dass die Damen die nackte Wahrheit hören könnten, habe ihn wohl doch getäuscht. Laut aufschreiend warfen sie sich am Sterbebett in die Knie. Die Frau umklammerte des Toten Hand, als wolle sie ihn nicht lassen. Die Tochter faltete die Finger und legte den bebenden Kopf darauf. So blieben sie, bis er die Fassungslosen von der Schwester aus dem Zimmer führen liess.

Sie gingen nicht zur Nuhe und durchwachten die Nacht. Weinkrämpfe schüttelten die Mutter. Mut konnte Frida ihr nicht zusprechen. Ihr war, als könne auch sie sich nicht aufrecht halten. Dabei machte sie sich Vorwürfe, dass ihre Tränen nicht nur dem Tod des stillen, gütigen Vaters galten. Sie weinte noch mehr über ihr eigenes Geschick. Im Schweigen der stillen Nachtstunden sah sie ihre Zukunft für immer vernichtet. Einmal in den Abgrund der Armut gefallenen Frauen bot sich selten die rettende Hand, die wieder die Höhen des Wohlstandes ersteigen half. Kein Lichtschimmer erhellte ihr schwarzes Elend. Es galt auszuziehen aus Herkelsbrühl und dem Haus hier in der Königgrätzer Strasse. Pferde, Wagen und Automobil mussten verkauft werden. Sie hatte mit der Mutter in eine Kleinstadt zu ziehen oder gar in eine der Etagenwohnungen des Berliner Westens. Dort sah sie sich ihre Armut — vielleicht gar Einkäufe für Haus und Küche — im Fahrstuhl oder auf der Treppe an neugierigen Mitbewohnern der Familienkaserne vorbeitragen. Mit den hübschen Kleidern war es vorbei. Wie sollte sie künftig ihren Freundinnen begegnen im Fähnchen, genäht von einer Schneiderin, die als verdienten Lohn ihres Ungeschicks täglich drei Mark und Butterstullen erhielt? Bedauern und bemitleiden würden sie Bekannte, die ihr einst geschmeichelt und sie bewundert hatten. Das wollte und durfte sie nicht erleben. Besser war es, allen Menschen aus dem Wege zu gehen. Bei Tagesanbruch gab sie Weisung, keine Besucher einzulassen. Doch die Mutter, neben der sie beim späten Frühstück sass, bestand auf Empfang des Vetters, als der neue Freiherr von Hemmern sich vormittags anmelden liess. Ernst ging nur dem eigenen Vorteil nach. Hier im Haus des Elends und der Sorge konnte er für sich nur Frida suchen. Wenn die Tochter Vernunft annahm, mochte die Zukunft zu ertragen sein. Der Gedanke gab Frau von Hemmern Kraft, die Tränen zu trocknen und einen Esslöffel aus der neuen Medizinflasche zu füllen. Sie schluckte hastig:

„Hübsch von Ernst, dass er an uns denkt. Vergiss nicht, dich dankbar zu zeigen.“

Ohne Antwort schob Frida die Tasse von sich, als sei ihr der Tee zuwider. Des Vetters oft gespürte zähe Aufdringlichkeit liess vermuten, dass er kam, um ohne Zögern ihre traurige Lage für seine Absichten auszubeuten. Es mochte tröstlich scheinen, dass wenigstens ein Weg noch aus dem Elend führte. Aber ihn zu gehen war unmöglich. Schon das Denken an den Vetter, den sie sich oft fast mit Ekel vom Leibe gehalten hatte, empörte. Sie stand auf, aber die Mutter legte die Hand auf ihren Arm und Ernst trat ein. Das Schwarz seines Anzuges hob die fahle Blässe des aufgeschwemmten Gesichts mit kleinen schwarzen Augen unter kahlem Scheitel. Über dem von niedrigem Hals vorstehenden Kinn schürzten sich dicke Lippen zu einer Rundung, die des Vierzigers Schulfreunde einst Schnorchel genannt hatten. Der borstige kleine Schnurrbart war kurz geschoren, und über den schwarzen Stoppelhaaren lag platt und breit die eingebogene Nase. Nicht ohne Grund hatten die Jugendgespielen den Vetter „Schnorchel Hemmern“ getauft.

Doch heute schien er wirklich gewillt, ein Helfer zu sein. Nach kurzem Kopfnicken gegen Frida begrüsste er die Mutter mit Handkuss:

„Herzinnigstes Beileid, Kusine. Du hast so Schweres zu tragen, dass ich eilen wollte, dir die Last nach Kräften zu erleichtern.“

Aber dann sah er Frieda tiefer, als ihr lieb war, in die Augen:

„Auch dir möchte ich ein treuer Verwandter und Diener sein.“

Die Mutter war von des Besuchers Worten so gerührt, dass sie hinter dem feuchten kleinen Ballen ihres Taschentuchs wieder zu schluchzen begann.

Frida führte sie zum Tisch, schob Ernst einen Sessel zu und sass neben ihm bei Machen auf dem Sofa nieder. Den Tränen konnte auch sie nicht wehren, als sie Fragen nach des Vaters plötzlichem Verscheiden beantworten musste.

Ernst wartete schweigend, bis sie ihre Augen trocknete. Über das Taschentuch sah sie den Schnorchel schnuppern. Die Zunge feuchtete die dicken Lippen. Hemmern weidete die Augen am Bild der Kusine. Sie war so schön, dass Weinen sie nicht entstellen konnte. Auch mit unfrisiertem wirrem Haar blieb sie verführerisch wie sonst. Vom Gesicht der ihre Tränen Meisternden glitten seine Augen zu den vollen Armen unter durchsichtigem Blusentuch und an der Kusine Figur herab. Frida trug ein silbergraues Kleid. Gleich durfte er Rat und Hilfe anbieten:

„Ihr habt natürlich noch nicht an die nötigen Besorgungen gedacht. Darf ich eine Schneiderin schicken?“

Frida erschrak. An Trauerkleider hatte sie in der Tat noch nicht gedacht. Fast bestürzt schlug sie die Augen zu ihm auf. Er hatte sich unbeobachtet gewähnt. Darum sah sie den ihr wohlbekannten Blick der schwarzen Augen an ihren Gliedern haften, dort wo zwischen Hüfte und Knie das knappe Kleid die Figur eng wie ein Handschuh die Faust umspannte. Der Schnorchel zuckte wieder. Wie ein Schlag fühlte sie den hässlichen Blick, auf den eine Ohrfeige gebührende Antwort gewesen wäre. Schnell aufstehend fühlte sie ein Frösteln. So, dass der Vetter es sehen sollte, schüttelte sie das Kleid um die Hüften lose, schritt um den Tisch herum und setzte sich in einen Sessel hinter dem Schutz der Decke.

Ernst wusste, was gutzumachen war:

„Habt ihr wegen der Beerdigung ...“

Frida war der Antwort enthoben. Die Kunze trat ein. Ihre Augen suchten den Teppich, und ihre leise Stimme zitterte:

„Die Männer mit dem Sarg sind da.“

Als sie das hörte und vor sich den Vetter sah, ward Frida klar, was es heisse, ohne Schutz eines männlichen Verwandten zu leben. Mit einem Aufschluchzen, das fast Schreien war, warf sie sich herum und den Kopf auf die Schulter der Mutter.

2.

Vor dem Trauerhause in eine Droschke steigend, sagte Hemmern dem Kutscher: „Zu Gutschmidt.“ Der magere Schimmel, D. U. wie er, sah kaum aus, als werde er die Fahrt überdauern. Halb 10 schmunzelte das runde dicke Uhrgesicht am Anhalter Bahnhof ins blinkende Licht der Januarsonne, und Hemmern lachte mit.

Der Tag war kalt, aber hell wie das Leben jetzt vor ihm lag. Auf harter Schneekruste rollte der Wagen durch die Bellevuestrasse und am Saum des Tiergartens entlang. Zur Rechten glitzerten schneebeladene Bäume, zur Linken blanke Fensterscheiben, hinter denen das Auge Behagen und Wärme ahnte. Nichts gab es dort, das sich der Herr auf Herkelsbrühl zu versagen hätte. Mehr als die hier Wohnenden wollte er sich gönnen — Frida!

Umsonst war sie freilich nicht zu haben. Eine Frau ihrer Art würde jährlich ein kleines Vermögen kosten. Er wollte es drangeben. Also irrten wohl die Menschen, die ihn geizig nannten. Konnte er nicht verschwenden, um seine grosse Leidenschaft, den Hunger nach Frauen, zu sättigen? Natürlich hatte er stets den wahren Wert einer Begehrten erwogen, aber willig und flink gezahlt, wenn des Preises Höhe seiner Schätzung entsprach. So wie Frida hatte er sich noch keine gewünscht. Sie war ihres Preises wert, aber konnte den Handel auch nicht ausschlagen. Die Spröde schien jetzt schon sein. Er dachte ihrer nicht mehr mit dem entnervenden Verlangen unstillbaren Sehnens, das ihm nach früheren Begegnungen wohl die Nachtruhe störte. Als verarmtes Mädchen musste die Verwöhnte nach seiner Hand haschen. Sie war sein!

Die Sonne schien wärmer durch die kahlen Räume zu strahlen. Er öffnete den Pelz, lehnte sich behaglich gegen das Rückenpolster und rief zum Kutscher:

„Langsam! Schonen Sie den D. U.! Vielleicht müssen wir auch noch ’ran.“

Die Stunde sollte ausgekostet werden. Wundervoll eng hatte das silbergraue Kleid Fridas ranke Glieder umspannt, als sie auf dem Sofa sass. Wie sie dann vom Sitz aufgeschnellt war! Nein, es gab keine Schönere als sie. Baron, du musst blechen! Es war hübsch, sich Baron ansprechen zu dürfen.

Schon von der Gedächtniskirche sah er an der Nordwestecke der Kreuzung von Joachimsthaler und Hardenberg-Strasse den neuen hellen Riesenbau des Jugendfreundes. Unter dem flachen Dach eines Sandsteinquadrats, dessen Nordmauer den Kurfürstendamm streifte, stand in goldenen Buchstaben:

Georg Gutschmidt

Frauenschneider.

Vor dem Portal aussteigend, wartete Hemmern zwischen den hohen Kandelabern — zwei riesigen Fackelträgern zur Rechten und Linken der breiten Drehtür des Haupteingangs.

Es tat gut zu sehen, wie die lieben Dingerchen in Scharen herbeiliefen, um auch ihn, den bescheidenen Gesellschafter des grossen Freundes, zu bereichern. In jeder zweiten Minute spie einer der Untergrundbahntunnel einen Frauenschwarm aus. Ohne Unterlass schluckten beide Hohlwege einen dünneren Strom von Frauen, die schon gerupft aus dem neuen Paradies ihres Geschlechts kamen. Langsam und müde, oft fast erschöpft, aber doch noch erregt vom Schauen, Prüfen und Wählen, stiegen sie die Treppen hinab. Ihre Wangen waren gerötet und oft die Haare gelockert. In den Augen funkelte Verlangen nach Mehr von den begehrten oder gekauften Herrlichkeiten. Zögernd blickten sie zurück, nahmen trödelnd von Freundinnen Abschied und ballten sich zu Inseln im Lauf des Gegenstroms, den die Bäche aus den beiden Tunnelzugängen speisten. Da, wo sie zusammenflossen, stürzte von der Treppe des Stadtbahngleises der Wasserfall einer neuen Frauenwoge hinein. Geärgert durch jedes Hindernis im Pfad, bahnten Käuferinnen der nächsten Stunden mit noch unverbrauchter Ellbogenkraft ihren Weg durch die Schafe, die schon von der Schur kamen. Aus den Hüften vorliegend und den Kopf gehoben, die Geldtaschen zahlbereit und die Augen auf die lockenden Scheiben des Hauses Gutschmidt gerichtet, rückten sie an, Schulter an Schulter und Busen an Rücken in schwingendem Kolonnenschritt.

Die Elite der Kundinnen war nicht zu sehen. Sie kam über den Kurfürstendamm zu Fuss, im Wagen oder hinter dem Motor aus Charlottenburg und Wilmersdorf, den Wohn- und Schlafkammern von Berlin.

Freund Gutschmidt hatte an den Stationen des Zoologischen Gartens ohne Zweifel den günstigsten Fleck für seinen Überfall auf die Berlinerin gefunden. Mühe, Nachdenken und Arbeit hatte darum schon die Wahl der Örtlichkeit gekostet. Während Georg den Bau plante, sassen Späher für Monate hinter den Restaurantfenstern aller Schlagadern des hauptstädtischen Verkehrs und zählten die vorübergehenden Frauen. Wo sie die höchsten Ziffern meldeten, liess Gutschmidt die wandernde Menge zu allen Tageszeiten photographieren und die Bilder dann unter die Lupe nehmen, um festzustellen, auf welchem Fleck von Berlin während vierundzwanzig Stunden die grösste Zahl gutgekleideter, also kaufkräftiger Frauen, über den Asphalt schritt. Hier war der Ort. Hier standen darum seit dem 1. Oktober des neuen Hauses Türen zwischen Morgen und Abend nie still. Die Art, wie der Freund die Örtlichkeit gewählt hatte, zeugte von seiner Umsicht und Gründlichkeit, wie von seiner Kühnheit und Entschlossenheit die Tatsache, dass der Krieg ihn nicht hinderte, das Geschäft zu öffnen.

Von Frauenwogen getragen und geschoben trat Hemmern ins Portal, um Gutschmidt um eine Schneiderin oder einen Schneider für die Kusinen zu bitten. Als Gesellschafter des Hausherrn verdiente er an den bestellten Kleidern

Nur langsam kam er durch das Gedränge im Erdgeschoss. Das Sandsteinviereck des Hauses stand um einen Licht- und Packhof. Darum fiel Tageslicht von zwei Seiten auch ins unterste Stockwerk. Den zwischen kleinen Blumenbeeten, Pflanzenkübeln, Palmengruppen und Springbrunnen trödelnden Besucherinnen nahm kein Schatten etwas von dem Bild der bekleideten Wachsmodelle, die einzeln, zu zweien, dreien oder in Gruppen in dem weiten Garten standen. Oben zwitscherten Vögel. Unten schienen die Puppen zwischen den Beeten wandernde Kundinnen, und neben sie traten als lebende Modelle oft Probiermädchen. Längs der Hintermauer am Kurfürstendamm trat Hemmern in die Allee von zwei Reihen hochstämmiger Kübelpalmen. Unter den Bäumen trugen Stühle Schau- und Kauflustige. An den Sitzenden vorbei schritten die Palmenstrasse entlang von früh bis spät Mädchen im Gesellschafts- oder Strassenkostüm, im Tennis- oder Reisekleid, im Morgenrock, Strandanzug oder Frisiermantel, in jeder Art Gewand, das Frauen tragen konnten. Die Probiermädchen waren von grosser und guter Figur. Darum besuchte er gern die Palmenallee, deren Aufsehern er als Freund, obwohl nicht Gesellschafter ihres Brotherrn bekannt war. Doch in Erwartung edlerer Beute blickte er heute auf dem Weg zur Nordwestecke des Baues achtlos über die grossen Mädchen hinweg. In einem Schacht, der vom Keller zum Boden das Gebäude durchschnitt, hatte Gutschmidt dort am Kurfürstendamm seine eigenartige Geschäftsstube. Eigentlich war sie ein Fahrstuhl, denn das Zimmer stand auf einer Metallplatte, die der Druck auf einen Knopf an der Innenwand von einem Stockwerk zum anderen hob oder senkte. Auch das schien eine Idee, auf die nur Gutschmidt kommen konnte. Der unermüdliche grosse Arbeiter mit Stiernacken und Bulldoggenkinn geizte mit Sekunden, obwohl er das Tagewerk dreier Menschen versah. Wenn er diktierend, telephonierend, telegraphierend und stets dekretierend am Schreibtisch sass, kamen ohne Unterlass Fragen oder Bitten um Entscheidung. Weder er noch der Fragende sollte eine Sekunde der im Haus Gutschmidt hoch bewerteten Zeit verlieren. Der Chef schrieb oder sprach weiter und drückte auf einen der Knöpfe an der Wand. Die Platte trug sein Zimmer hinauf oder hinab. Die grüne Rolle der Telephonleitung wurde, mitwandernd, dicker oder dünner, bis er wieder zur Linken des Schreibtisches ein Fenster sah und ein Klicken hörte. Es meldete, dass jetzt das Öffnen der Tür zu dem gesuchten Stockwerk möglich sei. Der Buchhalter, der den Chef sprechen wollte, trat ein. Dem Auskunft heischenden Verkäufer konnte der Herr ohne Zeitverlust bis hinter den Ladentisch folgen.

Heute hing die Platte im Erdgeschoss. Ein kurzes Kopfnicken Gutschmidts dankte für Hemmerns Gruss. Georg diktierte weiter mit der Stimme, die klar, bestimmt, aber leise war und darum die besonnenen Überlegens schien. Jedem Satz folgte eine kurze Pause. Dann stiessen die Lippen schnell einen neuen, gleich knappen heraus. Er war so durchdacht und erwogen, dass er selten Änderung oder Verbesserung heischte.

Hemmern war gern der stille und bewundernde Zuschauer Gutschmidtschen Wirkens. Als Mehrer seines Einkommens schätzte er den Jugendgespielen mit fast zärtlicher Neigung und betrachtete ihn mit dem liebevollen Schmunzeln der Bäuerin, die vor der fleissig Eier legenden Henne steht. Oft spürte er gar Furcht, die Gesundheit des Unermüdlichen könne versagen und der kraftvolle Körper des Gleichaltrigen unter der stets gemehrten Arbeitslast zusammenbrechen. Doch kein Fältchen furchte Gutschmidts straffe und gesund gerötete Haut vom dunkelblonden Stirnhaar bis zu den viereckigen Backenknochen. Durch frische, breite Lippen leuchteten seine Zähne blank und weiss wie um die graue Iris sein klares Auge. Keinen weissen Faden trug des Fünfundvierzigjährigen Schnurrbart, der unter der stumpfen Nase in zwei dicken Quasten schräg über die Backenknochen fiel. Obwohl der altmodische Schnurrbart gepflegt war, gab er der Erscheinung Gutschmidts etwas Urwüchsiges und nahm der in einen dunklen Morgenanzug von neuestem Schnitt und fehlerfreiem Sitz gekleideten Gestalt zu ihrem Vorteil den Firnis moderner Eleganz. Obenein hing das Barthaar nicht glatt und ausgezwirnt wie an den Köpfen von Männern alter Rasse, sondern kräuselte sich in den dicken Quasten wie der Wuchs um das Kinn von Menschen, die auf dem Lande, in der Wildnis, im Urwald, fern von Barbier und Schermesser wohnen. Gutschmidt war Bauernsohn.

Der Drehstuhl wirbelte um seine Achse. Georg sah Hemmern scharf in die Augen und dehnte die vierschrötigen Glieder — nicht müde, sondern in Lust und Freude an Bewegung oder Betätigung. Er hob die Arme, als wolle er auch ihnen das Vergnügen sich zu rühren gönnen:

„Eilt es, Hemmern?“

„Ich möchte dich bitten, eine verständige Person in ein Auto zu setzen und meinen Kusinen zum Massnehmen zu schicken.“

„Machst du den Stadtreisenden?“

Das lachte er schon in das Schallrohr des Telephons, fragte nach Namen wie Adresse der Damen und rief Befehlsworts in den Apparat.

Dann griffen die derben, aber weissen Hände wieder an die Lehne. Der Stuhl wirbelte herum. Gutschmidt kehrte dem Freund den Rücken. Er wusste, wie gern Hemmern das Sprudeln der Quelle seines mühelosen Erwerbens hörte. Wieder bei der Arbeit griff er zu Briefen und diktierte. Der Sekretär stenographierte und Ernst schmunzelte, weil Worte oder Ziffern von neuem Gewinn erzählten.

Eine brave Beamtennatur war Freund Gutschmidt gewesen und sein Erfolg wahrhaftig nicht vorauszusagen. Der Vater, ein Bauer im Pyritzer Weizacker, wollte den Sohn zum „Doktor“ erziehen und schickte ihn nach Berlin aufs Gymnasium. In der Sexta sass Georg neben ihm, den die Hosenmätze unverträglich und Schnorchel Hemmern nannten. Vielleicht war er wirklich streitsüchtig, denn Georg Gutschmidt musste dem Bankgenossen eines Tages die Kraft der schon damals grossen Fäuste zu spüren geben.

Merkwürdig, wie die Tracht Prügel die Freundschaft zweier Sextaner für Lebenszeit geregelt hatte. Er war erst widerwillig, aber, weil es der Mühe wert schien, endlich gern der gefügige Knappe des Stärkeren geworden. Georgs Faust hatte ihn vor dem Zorn der Kameraden und Georgs Fleiss vor dem Tadel der Lehrer geschützt. Gutschmidt arbeitete schon als Knabe für zwei. Er lebte in der Familie eines Oberlehrers, aber durchstreifte oft mit dem Gefährten die Strassen von Berlin. Stundenlang starrte der Bauernsohn in Schaufenster, hinter denen Damentoiletten standen, und der Knabe schon sparte Taschengeld, um „auch einmal so etwas anzufangen“. Der Tertianer schrieb dem Vater, das Doktorn sei eine brotlose Kunst. Der junge Mann mit dem Einjährigenzeugnis bat den Schulkameraden um einen Lehrlingsposten in der Hemmernschen Tuchhandlung. Ernst Hemmern Senior fand Gefallen an dem helläugigen, rührigen Bauernjungen und liess ihn die grosse stumpfe Nase in alle Winkel des Hauses stecken. Georg schaute nicht nur, sondern lernte auch, aber trat nach sechs Monaten in den Dienst eines Frauenschneiders. Als Einjähriger glaubte er das Handwerk genugsam zu kennen und stand in freien Stunden vor den Fenstern von Hut- und Wäscheläden. Durch die Scheibe eines solchen machte er die Bekanntschaft einer hübschen Putzmacherin, die sich auf ihre Arbeit verstand. Als er den bunten Rock auszog, war Hemmern Senior tot und der Schulgefährte grossjährig. Er verkaufte das Geschäft, und Georg Gutschmidt fragte:

„Warum?“

„Mein Kapital soll höhere Zinsen bringen!“

„Gib es mir! Ich zahle mehr als andere!“

Er wollte lachen, aber Georgs Miene und Sprache waren wieder die des Meisters, der einem gefügigen Knappen zu seinem Vorteil gebot. Zudem hatte der Vater dem Freund eine geschäftliche Zukunft prophezeit. Also gab er Georg zunächst ein Weniges und nach dem schnellen Erfolg die Gesamtsumme des Kapitals. Gutschmidt heiratete die Putzmacherin und öffnete an der Ecke der Leipziger Strasse einen Laden, über dem schon damals zu lesen stand: Georg Gutschmidt — Frauenschneider.

Als der Freund zehn Jahre später, auch in der Leipziger Strasse, aber näher dem Potsdamer Bahnhof, das grosse Warenhaus baute, hätte er das Darlehn zurückzahlen können. Ein unverständlich Dankbarer, nahm er indessen des Schulkameraden Geld mit in das Riesenunternehmen und liess ihn auf die Höhen grösseren Wohlstandes folgen. Die Gipfel schienen noch nicht erstiegen. War doch Gutschmidts Glück so gross wie sein Wagemut, seine Arbeitskraft und die Sicherheit seines Urteils. Wo seine Hand hingriff, hob sie Gold auf. Als er durch tägliche Anzeigen in den Blättern der Provinzialhauptstädte einst auch im Reich um Kundschaft für das von den Berlinerinnen bestürmte Warenhaus warb, erwarteten Konkurrenten seinen Ruin. Nach Jahresfrist musste er zwei Nachbarhäuser kaufen, um die durch Briefe, Karten oder Telegramme geforderten Waren verpacken zu können. Vor einem halben Jahrzehnt erklärte den Bankrott ein Verleger und Herausgeber einer Modezeitschrift, die Gutschmidt durch Anzeigen, Bilder und Artikel viel Kundinnen gewonnen hatte. Er kaufte das Verlagshaus, schien für drei Monate auf den Schienen zwischen Leipzig und Berlin zu leben, begriff, dass auch Bücher Ware sind, und vertrieb sie mit gleicher Energie wie die Erzeugnisse seines Handwerks. Heute war auch der Gutschmidtsche Verlag, „der Seitensprung“, ein Millionenhaus. Eine Weberei und eine Spinnerei hatte er bei Adlersfelde gebaut, um seiner eigenen Tasche den Verdienst an der Herstellung von Rohmaterial zu sichern. Beide Fabriken waren im Betrieb, als der glühende Sommer des Vorjahres 1914 Schicksal zu brüten schien. Gutschmidt, dessen Auge Licht in den dunkelsten Kammern der deutschen Wirtschaft sah, ahnte, dass die Heeresverwaltung unmöglich die freiwillig unter die Fahne tretenden Hunderttausende bekleiden könne.

Am 3. August liess er sich beim Chef der Bekleidungsabteilung des Kriegsministeriums melden und trat ins Zimmer mit den Worten:

„Herr Oberstleutnant, ich kann täglich fünfundzwanzigtausend graue Röcke und Hosen liefern!“

Noch abends schickte er Befehle zur Umschaltung der Fabriken für Heereslieferung nach Adlersfelde.

Hier im obersten Stockwerk sassen wohl noch immer Schneider, die das dort gewobene graue Tuch zu Uniformen verarbeiteten. Dann hatte er mit einem der in ihm plötzlich reifenden Entschlüsse das aus den Kassen der Heeresverwaltung in seine Schränke sprudelnde Geld zum Bau einer Salpeterfabrik verwendet. Seines Erfolges schon gewiss, als andere den Gedanken, Salpeter und Reichtum aus der Luft zu holen, noch verlachten, sah er heute die ersten Tropfen eines neuen Millionenregens fallen. Mit ähnlich kühnem Griff legte er seit Jahren durch Kauf von Anteilscheinen Bresche in die Mauern um alle Betriebe, die ihm Fabrikate lieferten. Neben dem neuen Haus am Zoologischen Garten leitete er das alte in der Leipziger Strasse und spielte mit dem Gedanken, sich zum Herrn einer Grossbank zu machen. Trotzdem galt er nicht als Spekulant. Das Vertrauen der Geschäftswelt in seine Unternehmungen schien unbegrenzt. Er hatte nur den Finger zu heben, um aus allen Provinzen die Geldtruppen Beutelustiger unter seine immer siegreichen Fahnen eilen zu sehen.

Für den Augenblick war seine Arbeit getan. Wieder liess er den Stuhl herumwirbeln:

„Du willst noch was, Hemmern?“

Ernst lachte:

„Den Quartalsabschluss.“

Nie konnte er früh genug hören, wieviel der Freund ihm verdient hatte. Den ärgerte oft Ernsts Drängen, aber heute schien er guter Laune und zog schmunzelnd die rechte Bartquaste durch die Finger:

„Die Aufstellung wird heute nachmittag fertig und bringt eine angenehme Überraschung!“

Der Schnorchel schnupperte. Ernst nickte:

„Ein Glücksfall kommt nie allein!“

Aus der Tasche zog er eine der schon gestern bestellten neuen Visitkarten, liebkoste sie mit den Augen, reichte sie dem Freund und lehnte in selbstgefälligem Behagen den Rücken gegen den Stuhl, als warte er auf Georgs Staunen. Ein Baron war des Beachtens wert.

Gutschmidt las halblaut:

Ernst Freiherr von Hemmern-Herkelsbrühl.

Mit schnellem Blinken schlug er die hellen grauen Augen auf. Sie sahen den schwarzen Schlips unter des Freundes Kragen:

„Also muss ich zunächst mein Beileid aussprechen!“

„Ne, Georg, du darfst gratulieren. Den Vetter, der mir das Majorat hinterlassen musste, kannte ich kaum. War ein schlechter Wirtschafter, und das führt mich zu dir. Hast du jemand, der in Herkelsbrühl über die Bücher gehen und feststellen kann, welche Forderungen ich an den meinen Kusinen zufallenden Nachlass habe?“

Gutschmidt sann:

„Heute abend könnte ich jemand nennen und dir auch den Abschluss zeigen.“

Hemmern stand auf:

„Schön, mein fleissiger Georg, mach’ dich zu neun Uhr frei und triff mich im Restaurant, Ecke Linden und Wilhelmstrasse!“

Gutschmidt zögerte, aber liess sich überreden. Auch Zerstreuung war dem Arbeitsamen nötig. Mit einem an Trotz erinnernden Gefühl zwang er sich oft, die Bürde der Geschäfte abzuschütteln, wenn sie am schwersten drückte:

„Einverstanden!“ Er beugte sich wieder über die Briefe, ehe Hemmern das Zimmer verliess.

Um zwei Uhr nachmittags nahm er seine Mahlzeit vom Schreibtisch. Er ass viel mit gutem Appetit von dem Gericht aus der Kantine, die Frau Zinger, Witwe eines Amtsrichters und einst Leiterin der Küchenabteilung im Warenhaus der Leipziger Strasse, auch hier am Zoologischen Garten eingerichtet hatte. Zur Hausfrau geboren, lieferte sie ein Essen, an dem Gutschmidt sich täglich freute. Den Kaffee trank er diktierend. Als die Zigarre geraucht war, kam die Viertelstunde, in der er sich stets beim Gang durch das Haus die Füsse vertrat. Die Platte hing im obersten Stockwerk. Die Tür öffnend, sah er sich in der ihm noch immer liebsten Stätte seines Wirkens. Seit hier vierhundert Handwerker Uniformen schneiderten, blieben freilich nur wenige Zimmer noch frei für Kundinnen, die Kleider nach Mass fertigen liessen. Auf den Tischen der drei grossen Säle lagen die während des Nachmittags anzuprobierenden Stücke. Wenn an den Wänden über kleinen, holzumwandeten Buden elektrische Lampen aufflammten, erhellten sie Spiegel, vor denen eine Dame den Sitz des neuen Kleides oder Korsetts prüfte. Hier begegnete er heutzutage jungen Mädchen, deren Steckkissen er den Müttern aus dem kleinen Laden an der Leipziger- und Charlottenstrasse geschickt hatte. Herangewachsen wählten sie ihre Ausstattung oder als Verheiratete schon Kinderzeug für eine dritte Generation von Käuferinnen des Hauses Gutschmidt. Es war sein Stolz, dass er wenige Kundinnen des ersten Ladens auf dem langen Weg zu Erfolgen verloren hatte. Er kannte sie von Namen und Gesicht. Sah er eine der alten oder jungen Damen aus Familien, die ihm die ersten Einnahmen gebracht hatten, dann machte es ihm noch heute Freude sie zu bedienen. Ja, der Grosse des Berliner Handels griff zum Massband, nahm die Stecknadel zwischen die Lippen, kniete nieder und sprach wie einst als Zuschneider so ehrerbietig, dass die Kundin wohl dachte, vom Geld für ihr Fähnlein hinge die Existenz des Multimillionärs ab. In alten Erinnerungen fühlte er sich wohl dabei. Er führte gern die Schere, mit der er sein Glück geschnitten hatte. Er hatte sich Liebe zum Handwerk gewahrt und nannte sich darum noch immer Frauenschneider.

Beim Rundgang legte er die Hand prüfend auf einen Tisch, der halbfertige Trauerkleider trug. Die Säume waren nur mit langen Stichen weissen Zwirns geheftet. Der Mann, den er vormittags zu Hemmerns Kusinen geschickt hatte, beugte sich über eins der Kostüme und verglich die Schnittlinien mit den Strichen einer Bleistiftskizze. Nach Brauch des Hauses sagte der Zuschneider, wen er zum Anprobieren erwarte. Gutschmidt nahm die Skizze in die Hand.

Ohne Überraschung sah der Arbeiter das erfreute Lächeln auf den Lippen des Chefs. Der Meister fand Gefallen an hübscher Arbeit.

„Wer hat das gezeichnet?“

„Die jüngere Dame in der Königgrätzer Strasse.“

„In der Tat?“ Es klang ungläubig.

„Ja, Herr Gutschmidt. Während ich zunächst den Auftrag der Mutter nahm, holte die Tochter Modeblätter und stellte nach Bildern mit Bleistiftstrichen das Kostüm zusammen.“

Gutschmidt nickte. Er verstand das Entstehen der Skizze. In den letzten Heften der Journale hatte auch er vier Toiletten gesehen, deren Vorzüge von geschickter Hand in dem Kostüm verschmolzen waren. Das Arbeiten für Damen von Geschmack war Vergnügen. Er wollte das junge Mädchen sehen, vielleicht sprechen.

„Wann kommt die Baronesse?“

„Sie versprach, Punkt drei Uhr, also in zwei Minuten, hier zu sein und sah aus, als sei sie an Pünktlichkeit gewöhnt. Da ... sie tritt aus dem Fahrstuhl.“

Gutschmidt trat zum Nebentisch und stützte hinter dem Rücken die Hände auf die Platte. Den Mittelgang entlang kam gerade auf ihn zu eine junge Dame von zierlicher Schlankheit. Der Kopf lag leicht im Nacken und eine Hand im Skunksmuff. Die andere schwang leicht zum federnden Schritt der wohlgewachsenen Frau. Um ihren schwarzen Hut hing ein Kreppschleier. Ihr Trauergewand schien aus Vorräten in wohlgefüllten Schränken für den Notbehelf zusammengesucht. Sonst wäre sein Interesse an der Dame damit erschöpft gewesen. Er sah an Frauen nur das Gewand, an ihrer Figur nur, wie sie die Kleider trugen. Aber die hochhüftige, zierliche Gestalt hielt seinen Blick fest. Sie schritt in einer seltenen, biegsamen Grazie — flüssig und weich wie das Schlängeln der Boa um den Oberkörper. Ihre unauffällige Schönheit und Eleganz übten einen Reiz, der ihn höher atmen liess. Unwillkürlich griffen die Finger fester um die Tischkante hinter dem Rücken.

Der Zuschneider wies der Dame den Weg zum Nebentisch. Sie dankte mit Kopfnicken:

„Ich möchte auch die Kleider meiner Mutter sehen.“

Kühl und sicher sprach sie, doch auch erwartungsvoll und ungemein interessiert. Wohl war der Rand ihrer grossen dunklen Augen vom Weinen gerötet, aber im Gebaren nichts von der Weichheit einer Trauernden. Für den Augenblick schien ihr Denken nur den neuen Kleidern zu gehören.

Der Zuschneider winkte einem Mädchen. Es nahm der Dame die Überkleider ab und öffnete die Tür zu einer Bude. Die Baronesse trat noch nicht ein. In knapper, schwarzer Bluse, die schmalen Hüften eng von einem Tuchrock umspannt, beugte sie sich über Skizze und Kleider.

Gutschmidt sah den langen, biegsamen Rücken unter dünnem Stoff geschmeidig den Bewegungen des Körpers folgen. Sie richtete sich auf. Schön war das Profil unter dunklem Haar, die klare Linie der feinen geraden Nase, die glatte Rundung des Kinns auf hoher Halssäule.

„Also, kann ich anprobieren?“

„Bitte.“

Das Mädchen führte zur Bude. Die Frauen traten ein. Die Tür fiel ins Schloss. Gutschmidt sah oben das Licht der Lampe aufflammen. Dann klang durch die dünnen Holzwände das Rascheln von Seide auf Frauengliedern. Sonst hörte er das nicht. Merkwürdig warm schien es im Raum. Er stand noch wie vorher, als das Mädchen den Kopf aus der Budentür reckte.

„Herr Lehmann! Wo ist der Zuschneider? Die Dame steht und wartet.“

Frida spürte Ungeduld. Vor dem Spiegel und dem Bild eines neuen Rockes trommelte sie mit dem rechten Schuh auf den Teppich. Da sagte eine klare, aber leise und darum merkwürdig besonnen klingende Männerstimme:

„Darf ich die Bedienung übernehmen?“

Sie wendete den Kopf und musste ihn heben, um in das frische, gesundrote Gesicht des Hochgewachsenen zu sehen. Ein unbestimmtes Gefühl oder vielleicht der Ausdruck strengen, harten Willens über dem breiten Kinn sagte ihr, dass er hier Herr sei. Auch errötete das bedienende Mädchen wie in Verlegenheit, als der Mann ihm mit kurzem Griff Nadeln und Massband aus den Händen nahm.

Fridas Antwort wartete er nicht ab. Er fasste nach dem Gürtelband über ihren Hüften, glättete mit den Fingern Falten und zog einen Kreidestrich über das Tuch. Niederkniend zupfte er am Rocksaum mit der knappen Frage:

„Länge richtig?“

„Etwas kürzer wäre mir lieber.“

Wieder zog er flink einen Kreidestrich und hob sich hinter ihrem Rücken auf die Füsse.

Im Spiegel sah sie, dass er den Oberleib zurückbog. Sein Blick prüfte, ob der Rock gut hing, mit grauen Augen, die weit auseinander standen, als könnten sie nichts aus engem Gesichtswinkel schauen. Ärgerlich schüttelte er den Kopf und kniete nochmals nieder. Auch zwischen Hüften und Knien warf das Tuch wohl Falten. Um den Fehler des Zuschneiders zu finden, tasteten dort seine Finger von unten nach oben über ihre Glieder.

Tief musste Gutschmidt den Kopf senken. Ein Gefühl der Verlegenheit oder gar Beschämung kam. Der Frauenschneider, dessen Hände einst täglich, aber stets gleichgültig, über das Tuch auf Frauenkörpern geglitten waren, fühlte das Blut zu den Wangen steigen. Seine Finger begannen zu zittern.

Er war fertig und stand hochatmend auf. Das Mädchen griff zum zweiten Kostüm. Sonst wäre Gutschmidt hier geblieben, während eine Kundin den Rock wechselte. Tausend Frauen hatte er im Unterrock gesehen. Heute fühlte er sich nicht als Schneider, sondern als Mann und trat aus der Tür. Als das Mädchen wieder öffnete, trug Frida von Hemmern das nach ihrer Skizze geschnittene Kleid. Von den Schultern liefen nach des Jahres Mode zwei Bänder zu einem runden Kragen im Rücken zusammen. Er legte sie aneinander und wollte mit der Schere einen Streifen vom unteren Saum des Kragens trennen. Fräulein von Hemmern sah es im Spiegel und hob die Hand:

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05 мая 2025
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200 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711529973
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