Читать книгу: «Haft»

Sonar 33
Oleg Senzow, geboren 1976 in Simferopol auf der Halbinsel Krim, ist ukrainischer Autor und Filmemacher. Am 11. Mai 2014 wurde er mit drei weiteren Aktivisten wegen angeblicher terroristischer Handlungen vom russländischen Inlandsgeheimdienst FSB festgenommen. Er wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Menschenrechtsorganisationen schätzten das Verfahren und Urteil als politisch motiviert ein und stellten gravierende Verstöße gegen internationale Rechtsnormen fest. Im September 2019 wurde Senzow nach einem großen Gefangenenaustausch freigelassen und ist in die Ukraine zurückgekehrt.
Claudia Dathe, geboren 1971, studierte Übersetzungswissenschaft (Russisch, Polnisch) und Betriebswirtschaftslehre in Leipzig, Pjatigorsk (Russland) und Krakau. Nach längeren Auslandstätigkeiten in Kasachstan und der Ukraine arbeitet sie seit 2005 als literarische Übersetzerin und Kulturmanagerin. Sie übersetzt Literatur aus dem Russischen und Ukrainischen, u.a. von Andrej Kurkow, Serhij Zhadan, Ostap Slyvynsky und Yevgenia Belorusets. Im Jahr 2021 wurde sie für ihre Übersetzungen aus dem Ukrainischen mit dem Drahomán-Preis ausgezeichnet.
Aus dem Russischen von Claudia Dathe
HAFT
OLEG SENZOW
NOTIZEN UND GESCHICHTEN


Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert im Rahmen des Programms »Neustart Kultur« aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie vom Ukrainischen Buchinstitut.
Ein Einblick in den Übersetzungsprozess von Claudia Dathe findet sich auf der Website von TOLEDO – Übersetzer·innen im Austausch der Kulturen (www.toledo-programm.de).
Originaltitel: Хроника одной голодовки, 4 с половиной шага
© Oleg Senzow, 2020
Originally published by Wydawnyztwo Staroho Lewa (The Old Lion Publishing House), Lwiw, Ukraine
Aus dem Russischen von Claudia Dathe
Sonar 33
Deutsche Erstausgabe
© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2021
Lektorat: Helge Pfannenschmidt
Umschlaggestaltung: HawaiiF3
Umschlagfoto: Eva Vradiy
Satz: Fred Uhde
ISBN 978-3-86391-292-5
eISBN 978-3-86391-327-4
www.voland-quist.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Chroniken eines Hungerstreiks. Tagebuch
Viereinhalb Schritte. Erzählungen
Glossar
Vorwort
Der Schriftsteller Andrej Kurkow schrieb in seinem Vorwort zu Oleg Senzows Buch »Leben« Folgendes: »Gewiss werden Ihnen beim Lesen dieses Buches Fragen kommen, die Sie dem Autor gern stellen würden. Rechnen Sie nicht so bald mit der Möglichkeit, diese Fragen auf einer Lesung in Berlin oder zur Frankfurter Buchmesse von ihm beantwortet zu bekommen.« Es war Februar 2019. Doch er sollte nicht recht behalten. Am 7. September desselben Jahres hat Oleg Senzow, verurteilt zu zwanzig Jahren wegen vermeintlichem Terrorismus, die Strafkolonie IK-8 (genannt Eisbär) im russischen Labytnangi am Polarkreis Gott sei Dank verlassen.
Als Oleg Senzow endlich freikam, war ich erleichtert, aber gleichzeitig aktivistisch schon sehr ausgebrannt. Ich hatte einfach genug von der Tänzerei vor den Botschaften und dem Überzeugen der Öffentlichkeit und Medien, dass Menschenrechte wichtig sind. Und dass wir Tschechen, jetzt, da wir frei sind, uns auch für die Welt und Menschenrechte interessieren können, dass es sogar unsere Pflicht ist. Als Senzow in März 2020 wegen des Filmfestivals »One World« Prag besuchte und ich ihn getroffen habe, ist mir trotzdem ein bisschen schwindlig geworden. Jemand, über den ich so viel nachgedacht habe, den ich nicht kannte und nie kennenlernen würde, verkörperte sich vor mir. Ein Verhältnis fast vergleichbar mit dem zu literarischen Figuren, um die man sich Sorgen macht und mit denen man sich freut, wenn es dazu einen Grund gibt.
Ich kenne Oleg Senzow nicht, ich habe nie mit ihm gesprochen, ich habe ihn also nie gefragt, ob er unsere Briefe bekommen hat und von unseren Demos wusste. Von der Dichterin und Fotografin Liu Xia, der Witwe des chinesischen Menschenrechtlers Liu Xiaobo, weiß ich, wie anstrengend es ist, durch die Welt zu reisen und sich überall bedanken zu müssen. Freiwilliger unbezahlter Aktivismus ist ja auch so eine Sache, die man nicht nur für die Welt tut, sondern auch für sich selbst. Und man soll es nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen.
»Haft« zu lesen ist für mich ein psychosomatisches Erlebnis – genauso wie damals die ganzen einhundertfünfundvierzig Hungertage durch Medien, soziale Netzwerke und vor allem durch die Informationen von Senzows Anwalt mitzuerleben. Es mag pathetisch klingen, aber ich erinnere mich bis heute daran, wie ich mich schämte, dass ich gegessen habe, etwas Kleines oder auch Großes, etwas Gutes oder auch nicht so Tolles, aber auf jeden Fall, dass ich esse. Und ER nicht. Was soll man dazu sagen?
Das Buch ist aus mehreren Gründen interessant. Erstens, man ist dabei. Man weiß, wie es ausgeht. (Er nicht: »Aber warten wir es erst einmal ab, eine Chance gibt es immer, für das Tagebuch und auch für mich.«) Trotzdem ist man buchstäblich körperlich davon bewegt. Die Schilderung davon, wie sein Körper langsam den Dienst versagt, ist einfach, aber sehr eindringlich. Zweitens, es passiert wirklich nicht viel, aber so ist es halt im Leben allgemein. Ich mag Texte, in denen nichts und gleichzeitig alles passiert, Texte, die einfach ein detailreiches Protokoll davon sind, was gerade passiert: »Es ist schwierig, die Wahrheit zu schreiben und erst recht die Wahrheit über sich selbst, aber ich werde mir Mühe geben.« Man ist dabei. Man lebt durch den Augenblick. Und das ist für mich Literatur.
Drittens finde ich spannend, dass Oleg im Gefängnis viel gelesen hat. Man ist durch die Lektüre seiner Chronik auch in anderen Chroniken: Murakami, Steinbeck usw. Die Notizen über seine Lektüre zeugen auch von der Masse der Zeit, die er dort verbringen musste. Einer Zeit, die normalerweise so kostbar ist. Im Gefängnis bekommt man aber plötzlich eine andere Beziehung zur Zeit. »Vier Monate Hungerstreik sind vorbei. Ich fühle mich wie in einem dunklen Wald. Woher ich komme und wohin ich gehe, wo der Weg ist – alles ist unklar. Ich bewege mich tastend weiter. Das Ziel und der Weg liegen hinter hohen umzingelnden Bäumen verborgen. Gehen muss ich dennoch – hier stehenzubleiben, würde erst recht zu nichts führen.«
Ich bin sehr glücklich darüber, dass Oleg Senzow Oleg Senzow geblieben ist – wenigstens meiner Meinung nach und nach allem, was ich verfolgen kann. Bei einigen befreiten politischen Häftlingen sieht man, wie Ruhm und plötzliche Macht sie verändern, sie wollen sich plötzlich auf Verhandlungen mit dem Teufel selbst einlassen. Senzow wusste, dass er ein Filmemacher ist, der Pech hatte und von Putins Regime als Terrorist bezeichnet wurde. Er macht jetzt weiterhin Filme und engagiert sich gleichzeitig für andere politischen Häftlinge. Er tut das, was er gut kann.
Am meisten bewegen mich an der »Haft« Kleinigkeiten: die Schilderung der Aufseher, die manchmal aus ihrer Rolle fallen, der Briefe, in denen sich Leute Senzow mit ihren Problemchen anvertrauen, der Wetterlage, die in Labytnangi am Polarkreis extrem ist und die Gesundheit des Häftlings zusätzlich angreift. Und die Schilderung der Träume. Eine Freundin und ich haben ja an alle möglichen ukrainischen sowie russischen politischen Häftlinge eine kurze Anleitung zur Traumdeutung geschickt. Und sofort muss ich daran denken, dass ich wieder einen Stapel von solchen Briefen schicken soll, und schäme mich dafür, dass ich es nicht schon längst getan habe.
Deswegen möchte ich mit demselben Plädoyer abschließen wie Andrej Kurkow: Schreiben Sie an die politischen Häftlinge. Und denken Sie nicht nur an die ukrainischen. Es gibt auch zahlreiche russische, weißrussische (und auch andere …), die Hilfe brauchen. Das ist das Wenigste, was ein Westeuropäer tun kann. Sich damit rausreden, das man nicht Russisch kann, funktioniert dank Internet nicht mehr. Und jetzt schreibe ich etwas, was Sie lieber nicht in die Briefe schreiben sollten: Героям слава! (Ruhm den Helden!)
TEREZA SEMOTAMOVÁ
PRAG, JUNI 2021
Chronik eines Hungerstreiks. Tagebuch
Ich habe nie Tagebuch geführt, noch nicht mal während der Pubertät, da machen das ja viele. Das hier ist mein erstes und wohl auch mein letztes Tagebuch. In vielerlei Hinsicht. Später möchte ich auch noch Aufzeichnungen machen, genauer gesagt Notizen zu konkreten Projekten. Das ist aber noch lange hin, im Moment sitze ich hier in der Zelle, also werde ich darüber nicht schreiben. Ich verrate meine Pläne sowieso nicht gern. Nicht etwa, weil ich so verschlossen oder gar wortkarg bin, sondern weil es mir einfach peinlich wäre, etwas anzukündigen, das dann nicht klappt, peinlich vor allem für mich selbst, und wenn alles gelingt wie angekündigt, wäre es für die anderen ja keine Überraschung mehr.
Den Entschluss, Tagebuch zu schreiben, habe ich am dritten Tag meines Hungerstreiks gefasst. Es ist schwierig, die Wahrheit zu schreiben und erst recht die Wahrheit über sich selbst, aber ich werde mir Mühe geben. Ich wollte immer lesbar, authentisch und interessant schreiben. Ob mir das bisher gelungen ist, weiß ich nicht, aber jetzt hält mich ja nun wirklich nichts ab. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Idee mit dem Tagebuch gekommen bin, da war ein erster Gedanke, dann gab es ein paar Sätze, es kamen weitere hinzu, neue Gedanken, und da habe ich beschlossen, alles aufzuschreiben, eigentlich war das gar nicht geplant. So ist das bei mir immer, zumindest bei den kreativen Dingen, aber eigentlich auch im normalen Leben. Der Autor existiert ja nicht getrennt von seinem Leben. Sein Schaffen ist ein Teil davon.
Nachdem ich meinen Entschluss gefasst hatte, habe ich lange überlegt, ob ich die beschriebenen Blätter verstecken oder ob ich offen damit umgehen soll. Ich habe mich für Letzteres entschieden, ich habe ja nichts zu verbergen. Ich versuche, das Lager nicht so oft zu erwähnen, damit sie mir nicht vorwerfen, ich würde das Wach- und Sicherheitssystem der Anstalt beschreiben, und mir die Hefte unter diesem Vorwand wegnehmen. Ich werde mir Mühe geben, aber die Chancen, dass das Heft die Lagermauern überwindet und nach draußen gelangt, sind trotzdem ziemlich gering. Genauso wie meine, das zu erreichen, weswegen ich in den Hungerstreik getreten bin. Aber warten wir es erst einmal ab, eine Chance gibt es immer, für das Tagebuch und auch für mich. Weil ich weiß, dass das alles wahrscheinlich nie jemand lesen wird und dass die Sache womöglich ein trauriges Ende nimmt, schreibe ich authentischer. Wie es so schön in einem Lied von Jurij Schewtschuk heißt: »Je näher die Leute dem Tod sind, umso reiner ist ihr Herz.«
[…]
Tag 1
Um sechs Uhr morgens, nach dem Wecken, habe ich dem Beamten die Hungerstreik-Erklärung übergeben. Der ist wütend geworden und hat das Blatt Richtung Nachttisch geschleudert. Es ist allerdings nicht weit genug geflogen, sondern auf dem Boden gelandet. Milizionäre mögen es nicht, wenn jemand in den Hungerstreik tritt. Dann hat er mich in die Dienststube geschleift.
Der diensthabende Major ist auch erst mal ausgeflippt, hat sich aber dann zusammengerissen und einen auf verständnisvoll gemacht. Fünfzehn Minuten hat er mit mir überwiegend in Monologform gesprochen und ist zum Schluss auf die Ukraine gekommen, er stammt zwar ebenfalls von da, ist aber mittlerweile ein glühender Putin-Anhänger. Anschließend hat er mich zur Tür begleitet und mir mitgeteilt, ich solle meine Erklärung vor dem Frühstück abgeben und die Leute nicht am frühen Morgen schon verrücktmachen. Er hat sich natürlich geärgert, dass es ausgerechnet in seiner Schicht zu diesem Zwischenfall gekommen ist, alle ärgern sich, wenn in ihrer Schicht etwas Unangenehmes passiert, als würden am Jahresende dafür schlechte Noten verteilt. Also gut, das Frühstück ist um acht, dann warte ich eben so lange.
Ich wurde in die Abteilung zurückgebracht und um acht wieder in die Dienststube, da war die Natschalstwo, die Leitung, da, um mit mir zu reden. Also haben wir geredet. Als die Beamten hörten, dass ich – wenn auch utopische – politische Forderungen stelle, waren sie sichtlich erleichtert. Sie baten mich, eine schriftliche Erklärung abzugeben, dass ich keine Beschwerden gegenüber dem Lager erhebe. Ich habe das abgelehnt: Meine Worte reichen ihnen nicht, sie brauchen unbedingt ein Papierchen, hinter dem sie sich verstecken können. In diesem System vertraut man niemandem, einem Knacki sowieso nicht, aber auch niemandem andern. Ich solle doch, schlugen sie mir vor, auf meinen Anwalt warten und die Entscheidung mit ihm zusammen treffen. Ich habe das abgelehnt: Meine Entscheidung ist gefallen, meinen Anwalt brauche ich dazu nicht. Sie wollten sich noch einmal vergewissern, dass ich keine Beschwerde gegen das Lager einreichen will. Ich bestätigte das ein weiteres Mal und verwies darauf, dass ich in den ganzen vier Jahren Haft noch keine einzige Beschwerde eingereicht hätte. Keine Ahnung, ob sie mir geglaubt haben, jedenfalls war das Gespräch zu Ende. Ich kam ins Stakan, das ist so ein vergitterter Käfig, in dem sie einen stehen und warten lassen. Ein Gitterkäfig in der Dienststube. Ich musste vier Stunden stehen. In der Zeit kam praktisch die ganze Leitung vorbei, einer nach dem anderen. Ein und dieselben Fragen und Antworten. Sie waren höflich, haben mir nicht gedroht, sondern mich nur vor den Folgen gewarnt, vor allem für meine Gesundheit. Haben mich beschuldigt, ich würde mit anderen Häftlingen ein Komplott schmieden und mit ihnen verdächtige Dinge anstellen. Haben behauptet, ich ließe mich ausnutzen. Darauf habe ich ihnen geantwortet, ich würde alles allein machen und ließe mich nicht manipulieren. Die stundenlangen Gespräche endeten alle mit demselben Dialog: »Wir haben dich nicht hier eingesperrt!« – »Ich kämpfe ja auch nicht gegen euch!«
So viele nette Milizionäre habe ich nicht mal in Fernsehserien über nette Milizionäre gesehen. Nach drei Stunden im Stakan bekam ich sogar einen Hocker. Natürlich sind die Vollzugsbediensteten in Gefängnissen und Lagern keine Milizionäre, aber die Häftlinge sagen trotzdem oft »Miliz«, wenn sie kein Jargonwort verwenden können. Irgendwann gegen Mittag haben sie mich gefilzt und in eine Einzelzelle gebracht. Das war zu erwarten, wer in den Hungerstreik tritt, wird isoliert. Damit der Hungerstreik auch tatsächlich korrekt durchgeführt wird und man den renitenten Geist in der Nähe hat, um ihn entsprechend zu bearbeiten. Bearbeiten werden sie mich nicht, so viel ist klar, aber sie werden auf mich einreden und warten, bis ich von selbst aufgebe.
Die Zelle kannte ich, nach der Ankunft im Lager war ich hier gleichzeitig in Quarantäne und in Einzelhaft gewesen, fünfzehn Tage lang. Ein kleines, einzeln stehendes Gebäude des Sicherheitsdienstes, im ersten Stock sind ein paar Büros, unten ein paar Zellen und die Kleiderkammer. Die Zelle ist geräumig, wie für ein Double, zehn Quadratmeter, für einen Einzelnen ein richtiges Gemach, bis jetzt hatte ich immer irgendwelche winzigen Einzelzellen. Die Ausstattung war Standard: hochklappbare Doppelpritsche, Tisch mit Sitzbank, Hockklo, Waschbecken, kleines Regal. Und natürlich eine doppelt vergitterte Tür und ein schmales, doppelt vergittertes Fenster mit einer kleinen Lüftungsklappe. In der Ecke lauerte wie eine Spinne das allsehende Auge der Videodauerüberwachung. Knast all inclusive. Der einzige – tatsächlich schwerwiegende – Nachteil war der zwar große, aber kaum wärmende Heizkörper, die Zelle war ein Eckraum und deshalb kalt. Wie gemacht für lästige Hitzköpfe, hier konnten sie ein bisschen abkühlen. Das war ja auch der Sinn der Sache. Ich bekam Kleidung von hier, die genauso aussah wie meine, nur älter war, und die gleiche warme Unterwäsche. Warum auch immer. So ist es vorgeschrieben. Eine Logik sucht man in diesem System sowieso vergeblich. Hier geht’s nicht nach dem gesunden Menschenverstand, sondern nach den IDB1.
Ich habe mich schnell eingerichtet. Wie gesagt, kenne ich die Zelle ja schon, bis jetzt habe ich weder meine noch irgendwelche anderen Sachen bekommen. Ich schlage die Zeit tot, wärme mich an der lauen Heizung oder gehe in der Zelle auf und ab. Der hiesige Schlüsselwart hat mir vor dem Einschluss eine Matratze und Bettwäsche gegeben. Wir haben uns ein bisschen unterhalten. Der Schlüsselwart ist ein Häftling, der für die Verwaltung arbeitet, Sawchos und Aufseher in einem. Zertrümmerte Nase und Augen wie ein Folterknecht. Als ich vor einem halben Jahr hier in dieser Hütte2 saß, bin ich ihm zum letzten Mal begegnet. Dreizehn Jahre Knast, der hat alles gesehen. Er wollte wissen, warum ich das mache, er sucht nach verborgenen Motiven, Komplotts und den unweigerlichen Folgen. Sein Fazit am Ende des Tages: »Entweder bist du total bescheuert oder total schlau.«
Die Fressluke3 klappt zu. Einschluss. Ich lege mich in meinen Kleidern schlafen, ich habe den ganzen Tag gefroren. Der neue Ort, die Kälte, der Hunger, ich dachte, ich würde ewig nicht einschlafen, aber dann war ich ganz schnell weg.
1IDB für Interne Durchführungsbestimmungen von PWD, Prawila Wnutrennego Rasporjadka – die Regeln, an die sich der Gefangene zu halten hat. Hier und im Weiteren, falls nicht anders angegeben, die Anmerkungen des Autors.
2Zelle
3Kleines Fenster in der Zellentür zur Essensausgabe oder Kommunikation mit dem Wachdienst
Tag 2
Wecken ist immer um sechs. Draußen wirbelt Schnee, aber in der Nacht habe ich nicht gefroren, das ist gut, das hätte mir gerade noch gefehlt, dass ich vor Kälte nicht schlafen kann.
Alle zwei Stunden kommt ein Beamter und erfasst mit einem Registriergerät, dass ich anwesend und nicht geflohen bin. Schon seit ich hier bin, seit einem halben Jahr also, trage ich den roten Streifen für »Flieger«4. Tagsüber registrieren sie dich wach, mit dem Familiennamen und allem Pipapo, nachts schlafend, dazu wird eine kleine Lampe am Registriergerät eingeschaltet. Manche Beamten leuchten dich aus einem gewissen Abstand an, um dich nicht zu wecken, andere zielen absichtlich ins Gesicht, um das Gegenteil zu bewirken. Ein Milizionär ist dem anderen Feind. Außer der Registrierung gibt es noch die Kontrolle. In meiner Zelle, die offiziell als GH5 bezeichnet wird, geht die Kontrolle schnell: Ein Bediensteter kommt und kontrolliert innerhalb von einer Minute, dass du da bist, zweimal pro Tag, morgens und abends. Das hat gewisse Vorteile, wenn du nämlich in einer Baracke lebst, musst du mit dem ganzen Lager auf dem Platz in Reih und Glied antreten, mit Musik, und warten, bis alle durchgezählt sind. Das dauert ungefähr eine Stunde und ist ziemlich anstrengend, besonders bei minus 20 Grad und Wind. Bei unter minus 25 Grad findet die Kontrolle in den Baracken statt, das ist natürlich viel angenehmer, kommt aber nur selten vor, nur bei wirklich starkem Frost.
Es gibt noch ein weiteres obligatorisches Ritual: die Essensverweigerung, auch sie wird per Registriergerät erfasst, dreimal pro Tag. Und einmal pro Tag findet die obligatorische Durchsuchung statt. Das ist auch schon alles, den Rest des Tages habe ich frei und kann machen, was ich will, ich versuche vor allem, warm zu werden. Es ist nicht erlaubt, sich auf den Sack6 zu setzen oder sich gar hinzulegen, darüber wacht die unermüdliche Videokamera in der Zimmerecke. Und auch der Schlüsselwart ist immer in der Nähe, auf seinem Posten. Auch wenn man ihn den ganzen Tag nicht sieht, ist er doch im rechten Moment zur Stelle.
Nach der Morgenkontrolle kamen der Lagerleiter und der Menschenrechtsbeauftragte. Hoch im Rang, Dienstgrad Oberst. Wer von beiden mich nun bewachen und wer mich schützen soll, ist schwer zu erkennen. Der Natschalnik trägt jedenfalls eine Karakulmütze, und der sich angeblich für mich einsetzen soll, eine einfache Mütze. Das ist der einzige Unterschied. Mein scheinbarer Fürsprecher ist sogar mehr besorgt um das Lager als der eigentliche Chef, er sagt, der Hungerstreik sei eine Ordnungswidrigkeit, und erzählt mir was von Zwangsernährung. Ich antworte, Zwangsernährung, das ist, wenn man festgehalten und mit dem Löffel gefüttert wird, das gilt als Folter, in Frage käme höchstens eine medikamentöse Unterstützung für den geschwächten Organismus. Das haben wir ausführlich diskutiert. Wahrscheinlich endet die Freundlichkeit der Milizionäre mit dem Rang des Majors. Und denjenigen, die sich für meine Rechte einsetzen sollen, geht sie total ab. Die »Freundlichkeit« der Ersteren ist allerdings auch höchst zweifelhaft und höchstwahrscheinlich nicht von Dauer.
Gegen Mittag wurde ich zu meinem Anwalt gebracht. Wir unterhielten uns zwei Stunden lang konstruktiv, wie er sich ausdrückte. Er fliegt heute zurück, nimmt Briefe von mir mit und auch eine unverschlossene Notiz mit der Erklärung des Hungerstreiks und den dazugehörigen Erläuterungen. Und vor allem einen Brief an meine Tochter. Gestern Abend wurde mir der langersehnte Brief von ihr und meiner Mutter ausgehändigt, und da gebe ich meinem Anwalt gleich die Antwort mit, meine Tochter verreist ja demnächst, da würde sie die Antwort auf dem normalen Postweg womöglich nicht mehr erreichen. An meine Mutter schreibe ich heute Abend und schicke den Brief mit der normalen Post, sie ist ja zu Hause und freut sich immer, wenn sie Nachricht von mir erhält. Nachdem ich gestern Abend die Briefe bekommen und ein paar Mal gelesen hatte, fühlte ich mich allerdings ziemlich niedergedrückt. Plötzlich wurde mir klar, wie lang die Liste derer ist, die ich unglücklich gemacht habe, und dass das alles Menschen sind, die mir nahestehen, die Spalte derer, die ich glücklich gemacht habe, ist gähnend leer.
[…]
Der heutige Abend war viel angenehmer – ich bekam die Sachen, um die ich gebeten hatte, und dazu noch einen kleinen Fernseher, um den ich nicht gebeten hatte. Außerdem wurde mir ein Heizlüfter in Aussicht gestellt, da das Thermometer beim Messen in der Zelle nur 16,5 Grad zeigte. Nach den offiziellen Festlegungen ist das ein halbes Grad über Minimaltemperatur, also eigentlich alles im grünen Bereich. Aber sie wollen mich nicht frieren lassen, das freut mich natürlich. Wenn der Anwalt da ist, kennt die Freundlichkeit der Milizionäre keine Grenzen. Ich habe nichts dagegen.
Vor dem Einschluss habe ich mir die Nachrichten angesehen, sonst lief auf den zwei Kanälen, die die Kiste hat, nichts Interessantes, also bin ich ins Bett gegangen. Der Schlüsselwart hat mir einen kleinen Heizlüfter gebracht, und in der letzten Stunde vor der Nachtruhe wurde es in der Zelle ein bisschen wärmer, aber über Nacht hat er mir den Lüfter wieder weggenommen. Ich habe Wasser heiß gemacht und gierig getrunken. Als ich mich etwas erwärmt hatte, beschloss ich, meine Sachen auszuziehen und in der Thermowäsche zu schlafen. Das sollte sich als Fehler erweisen.
4Obligatorische Kennzeichnung eines Häftlings, bei dem Fluchtgefahr besteht; seine Anwesenheit wird alle zwei Stunden kontrolliert.
5GH für Gesicherter Haftraum von BM – Besopasnoje Mesto, eine normale Isolierzelle, in die Gefangene gebracht werden, wenn von anderen Gefangenen oder Bediensteten eine Gefahr für ihr Leben ausgeht, im Haftalltag werden die Zellen für die verschiedensten operativen Ziele genutzt.
6Gefängnisbett, Pritsche
Tag 3
Der Tag war verkorkst, schon allein wegen der Nacht. Die Gefängniskluft ist zwar dünn, aber offenbar hat sie gefehlt, damit ich halbwegs ruhig schlafen kann. Ich habe gefroren und bin ständig aufgewacht. Nachts bin ich irgendwie nicht auf die Idee gekommen, mich wieder anzuziehen. Stattdessen hatte ich das Bedürfnis, aufs Klo zu gehen. Ich bin zwar eigentlich nicht abrupt aufgesprungen, trotzdem wurde mir schwindlig und schwarz vor Augen, als würde ich gleich in Ohnmacht fallen. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert, es war auch schnell wieder vorbei, aber das ist kein gutes Zeichen, vor allem weil es so früh auftritt, mit dieser Art special effects hatte ich jetzt eigentlich noch nicht gerechnet.
Am Morgen habe ich mir Wasser heiß gemacht und den Fernseher eingeschaltet. Abgesehen von den Nachrichten kam auch am Vormittag nichts Sehenswertes, und das würde bis zum Abend so bleiben. Diese dämlichen Serien und Shows finde ich schon lange zum Kotzen. Die Nachrichten waren auch nicht wirklich interessant, aber immerhin noch besser als der ganze andere Mist. Dasselbe wie gestern: Putin fährt in einem LKW über eine neue Brücke auf die Krim, wie symbolisch! Die Nachrichten auf dem zweiten Kanal unterscheiden sich nicht von denen auf dem ersten, als hätte man sie einfach übernommen, nur die Szenen wurden hier und da getauscht und anders geschnitten, aber Putin hinterm Steuer ist überall Szene Nummer eins. Ansonsten im Wechsel Lobhudeleien auf Russland und Wut auf den Westen und die Ukraine. In den vier Jahren im Lager habe ich gelernt, aus dieser Flut von Schmutz und Lüge winzige Bröckchen an Wahrheit herauszufiltern, aber das ist eine sehr mühsame Beschäftigung. Zum Glück gibt es noch Zeitungen und Briefe, um wenigstens irgendetwas Substantielles und Reales zu erfahren. Wie lange wird sich dieser Berg aus falschen Informationen wohl noch halten? Ich hatte damit gerechnet, dass er einstürzt und seine Schöpfer unter sich begräbt, aber nein, den Nachrichten nach zu urteilen, wächst er weiter zur schönsten Zufriedenheit. Die einzige nützliche Information kam in der Laufzeile, dass nämlich heute Jurij Schewtschuk Geburtstag hat, der nämliche, den ich neulich zitiert habe. Es finden sich eben doch überall unerklärliche und unsichtbare Verbindungen. Wie dem auch sei – herzlichen Glückwunsch, Jurij! Danke, dass es dich gibt. Aber das war’s auch schon mit den guten Nachrichten.
Nach den morgendlichen Kontrollen und Registrierungen kam wutschnaubend der Diensthabende, genau der, der als erster von meinem Hungerstreik erfahren hatte und an dem Tag recht freundlich und höflich gewesen war. Aber die Freundlichkeit eines Milizionärs währt nicht ewig, vor allem wenn der Anwalt gerade abgereist ist. Er nahm den Fernseher und ein paar andere Sachen mit und klappte die Pritsche hoch. Vor allem aber beschlagnahmte er auch den Wasserkocher! Auf den Fernseher und den anderen Kram lege ich keinen großen Wert, aber der Wasserkocher? Schließlich ist das meine einzige Quelle für warmes Wasser und Wärme! Den Heizlüfter habe ich schon abgeschrieben, aber das heiße Wasser? Der Beamte zischte, ein Wasserkocher stünde mir nicht zu, ich sei ja im Hungerstreik. Wie immer entbehrt das jeder Logik, denn sogar in dem Reglement, das an der Zellentür zu lesen steht, ist der Wasserkocher in der Liste der erlaubten Gegenstände aufgeführt. Aber viele Milizionäre kennen das Reglement entweder gar nicht oder legen es nach eigenem Gutdünken aus. Es war sinnlos, sich mit ihm anzulegen, als Reaktion ließ der Bedienstete seine Augen umherschweifen, um zu prüfen, was er in der ohnehin spärlich ausgestatteten Zelle noch konfiszieren könnte. Was soll’s, ich werde mich später an einen zugänglicheren Beamten wenden, außerdem darf der Schlüsselwart mir auf mein Verlangen hin heißes Wasser machen. Das ist nicht ganz so einfach, ich bitte nicht gern um etwas, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Aber das ist alles unerheblich. Das Herz und der Schwindel machen mir mehr Sorge. Die Pumpe will nicht recht, das spüre ich, und das schon am Anfang des Marathons.
Am Nachmittag wurde ich in den Krankentrakt gebracht. Der leitende Arzt, im Rang eines Oberstleutnants, ist ganz in Ordnung, hat aber seine Grillen. Das ist ja bei Ärzten nicht so selten. Von nun an muss ich mich täglich dieser Untersuchung unterziehen. Puls und Blutdruck liegen noch im Normalbereich, allerdings an der unteren Grenze. Es wurden Proben genommen. Das Blut strömte nur langsam aus dem angepiksten Finger – das Herz hatte tatsächlich Mühe. Im Urin war bereits Azeton nachweisbar, und der Arzt hatte gleich etliche schaurige Storys parat: wie der Organismus langsam das körpereigene Eiweiß abbaut, über irreversible Prozesse, über die individuellen kritischen Schwellenwerte. Nach seinen Abschreckungsversuchen kam er auf die Politik zu sprechen, und eine halbe Stunde später war er wenig überraschend bei der Ukraine gelandet. Ich habe es längst aufgegeben, irgendwelche Argumente anzuführen; wenn mir irgendwann das Wort erteilt wird, beschränke ich mich auf ein konstatierendes: »Wir werden sehen.« Dem lässt sich kaum widersprechen, und auch der Oberstleutnant, der gerade seine fünfte Zigarette aufrauchte, widersprach nicht, obwohl seine eindeutig russophile Position mit einem gewissen Hang zum Orthodox-Imperialen vielleicht sogar interessant gewesen wäre. Aber ganz gewiss nicht für mich – von Psychiatrie habe ich keine Ahnung.
Zum Schluss musste ich noch auf die Waage. 84 Kilo ohne Kleidung. Noch ein Kilo drauf für die letzten drei Tage. Dann habe ich den Hungerstreik also mit 85 Kilo begonnen. Mmh, das ist mein Minimalgewicht, so viel habe ich in meiner mageren Jugend gewogen und manchmal im Gefängnis. Normalerweise wiege ich 90, bei regelmäßigem Training im Fitnessstudio durchaus auch 95. Mein Gewicht ist Substanz, ich hatte nie überflüssige Pfunde und Fett schon gar nicht. Ich habe mich auf den Hungerstreik vorbereitet, indem ich auf alle zusätzlichen Rationen aus dem hiesigen Kiosk verzichtet und mich im letzten Monat nur noch von Balanda ernährt habe, damit mir der Wechsel in den Hungerstreik nicht schwerfällt. Und tatsächlich habe ich gar keine Probleme: Der Magen rebelliert nicht, und ich habe überhaupt kein Hungergefühl. Allerdings treten Schwindel, Schwäche und Ohrensausen auf. Ich spüre, wie das Herz schlägt. Vielleicht hätte ich eine andere Taktik wählen sollen – lieber zunehmen, damit ich etwas zum Zusetzen habe? Ich hatte allerdings keinen Ernährungswissenschaftler, den ich hätte zu Rate ziehen können. Aber jetzt ist es sowieso zu spät: Der Rubikon ist überschritten, unsere Armeen stehen auf der anderen Seite, aber bis nach Rom ist es noch ein ordentliches Stück, ohne Kampf geht’s gewiss nicht ab …
Tag 4
Das wichtigste Ereignis des Tages: Ich bekam Bettruhe verordnet. Ich darf mich also jetzt auch tagsüber auf die Pritsche legen. Ich wusste, dass das irgendwann kommen würde, hatte aber nicht so zeitig damit gerechnet. Beim Hungerstreik ist das eine große Unterstützung: Man kann sich aufwärmen und ausruhen, spart Energie und Wärme und muss nicht die ganze Zeit auf der kleinen Bank sitzen und sich an den lauwarmen Heizkörper pressen oder sich mit dem Abschreiten der Zelle warmhalten.
Aber das geschah erst gegen Mittag. Am Morgen, als ich meine Matratze in den Flur trug und die Doppelpritsche hochklappte, merkte ich, wie schwach ich war. Ich merkte, dass mir das von Tag zu Tag schwerer fallen würde. Wie hatte ich nur früher 100 Kilo schwere Hanteln gestemmt? Und jetzt ist plötzlich alles anders: Ich muss die Matratze nicht mehr in den Flur tragen und auch die Pritsche nicht mehr anheben – ich kann schlafen oder rumliegen, so viel ich Lust habe. Allerdings werde ich versuchen, nicht unnötig viel Gebrauch davon zu machen, sonst kann ich nachts nicht mehr schlafen und wache zerschlagen auf, um dann tagsüber wieder zu schlafen, und dann ist der ganze Rhythmus kaputt. Ein paar Stündchen habe ich tagsüber dann doch gelegen und bin auch eingeschlafen. Ich habe von meinem Vater geträumt, er stand neben seinem roten Moskwitsch, und ich saß in meinem vorletzten Peugeot. Die Bremsen waren kaputt, und ich konnte nicht neben ihm einparken, mein Vater schaute gar nicht zu mir, stattdessen stand er an einem Kiosk und unterhielt sich. All das passierte in meinem Dorf, an der Kreuzung der Straße, die von der Garage, in der mein Vater arbeitete, zum Kindergarten führte, in dem meine Mutter beschäftigt war. Irgendwann hatte ich das Steuer wieder unter Kontrolle und parkte weiter oben ein, neben anderen Autos, nicht an dieser gefährlichen Einmündung. So war der Traum. Kurz, aber klar wie die Wirklichkeit. Wenn man mit Toten spricht, ist das ja angeblich kein gutes Zeichen, aber wir haben uns nicht unterhalten, er hat mich nicht einmal angeschaut.
Die gesundheitlichen Probleme werden nicht mehr lange auf sich warten lassen, aber heute fühle ich mich besser – langsam gewöhnt sich der Organismus an den Nahrungsentzug. Der Schwindel hat etwas nachgelassen, allerdings laufen die Zehennägel bisweilen blau an. Vielleicht kommt das von der Kälte, vielleicht ist es auch das Herz, das es nicht schafft. Ich musste wieder zum Arzt. Der hat den Blutdruck gemessen und sich gewundert, dass ich so kalte Hände habe. Bei mir in der Zelle hätte er auch kalte Hände, habe ich ihm erklärt, im Sprechzimmer sind 22 Grad, er sitzt im T-Shirt da. Heute hat er mir von seiner Heimat in Tadschikistan erzählt. Er ist zwar Russe, stammt aber von dort. Es ging um den Bürgerkrieg, der dort schon seit zehn Jahren tobt und von dem ich nichts wusste.
[…]
Draußen schneit es wieder. Schnee im Mai ist für mich, der ich aus dem Süden komme, ein absurder Anblick, um diese Zeit ist es bei uns schon richtig heiß, und die Erdbeeren sind reif. Dann war der Otrjadnik da, der Chef von meiner Abteilung, Hauptmann, ein netter Typ. Am ersten Abend hatte er mir die beiden Briefe von meiner Familie gebracht. Heute habe ich ihm den Antwortbrief an meine Mutter übergeben, dann musste ich ein Papier unterschreiben, in dem ich erkläre, dass ich im Fall der medizinischen Indikation zwangsernährt werde. Wir haben zusammen im Strafgesetzbuch der Russischen Föderation gelesen, die entsprechenden Paragrafen diskutiert, und er hat meine Version bestätigt: Tropf – ja, Einführung von Nahrung in den Mund – nein. Ich wollte ihm noch sagen, dass es, wenn alle Milizionäre so wären wie er, wahrscheinlich weniger Verbrecher gäbe. Leider bin ich nicht mehr dazu gekommen. Das nächste Mal dann.
Tag 5
Die Nacht war übel. Weil ich gestern tagsüber ein paar Stunden geschlafen hatte, habe ich lange wachgelegen, und außerdem hatte ich schrecklich kalte Füße. Ich hatte zwar Socken an und lag unter der Decke, trotzdem sind die Füße zu Eisklumpen erstarrt. Vielleicht schafft es das Herz nicht, das Blut bis dahin zu pumpen, vielleicht liegt es auch an der Kälte, die Hände sind jedenfalls unter der Decke warm geworden und waren nicht mehr blau. Ich glaube, wenn ich liege, macht die Pumpe besser mit, dann ist es nicht so anstrengend wie im Sitzen oder Stehen. Als ich nachts mal rausmusste – aufgesprungen bin ich eigentlich nicht –, ist mir schlecht geworden, so ein Flimmern wie kurz vor der Ohnmacht. Ich habe es nur mit Ach und Krach wieder zurück ins Bett geschafft. Halb so schlimm, danach konnte ich mich ja ausruhen.
[…]
Halb sieben erschienen der Diensthabende und der Suppenkapo7 und brachten mir meine Ration direkt in die Zelle. Meine dreimal täglich auf dem Registriergerät erfasste Verweigerung der Essensaufnahme genügte nicht mehr, sie beschlossen, mich zu versuchen wie Jesus. Auf meine Frage, was dieser Zirkus solle, hieß es: »Das Essen wird dir zugeteilt, ob du es isst, ist deine Sache. In zwei Stunden holen wir es wieder ab.« Na, wenigstens nicht erst in zwei Tagen. Sie denken, der Anblick des Essens lässt mich schwach werden. Die Balanda verströmt keinen allzu starken und appetitlichen Geruch, außerdem habe ich Schnupfen, weil es in der Zelle so kalt ist, der Geruch ist also gar kein Problem. Damit mich das Essen auf dem Tisch, an dem ich sitze, lese und schreibe, nicht stört, stelle ich es weg, auf die obere Liege, direkt unter die Videokamera. Der Sack ist übrigens sehr gut, er ist lang, aus Winkelstahl geschweißt und hat eine Holzauflage. Wie praktisch! Trotz meiner Größe habe ich genug Platz, und er ist nicht kalt. Alle Zellen, in denen ich bislang saß, auch die Einzelzellen, hatten Eisenbetten, die kurz und unbequem waren. Auf denen schläft man miserabel und friert sich alles Mögliche ab, zumal die Matratzen in den Arrestzellen und Durchgangsgefängnissen furchtbar sind. Damit verglichen ist das hier schon fast ein königliches Lager.
Seit dem zweiten Tag, an dem ich meine Sachen einschließlich zweier Bücher bekommen habe, lese ich Murakami. Ich mag den Autor, habe schon viel von ihm gelesen und fand das meiste gut. Das jetzige Buch heißt »Die Chroniken des Aufziehvogels«. Murakami hat einen unnachahmlichen Stil, er schreibt einfach, im Wesentlichen über den Alltag, das Leben, die Beziehungen, ein bisschen Mystik und Philosophie sind auch dabei. Das ergibt einen coolen Mix. Hemingway schreibt auch einfach, aber seine Einfachheit ist anders, irgendwie rau, wie eine abgetragene Armee- oder Jägerjacke. Murakamis Einfachheit erinnert eher an das Hemd eines Schülers, Studenten oder kleinen Beamten. Habe ich eigentlich einen Stil, und wie ist er? Sein eigenes Schaffen kann man ja selbst nur schwer beurteilen. Ich bin ziemlich selbstkritisch, aber ich schreibe trotzdem weiter, wahrscheinlich weil ich einfach Spaß daran habe. So wie auch jetzt: Ich hatte mir das mit dem Tagebuch gar nicht vorgenommen und habe trotzdem angefangen, und eigentlich geht es ja ganz gut, wie gut, ist schwer zu sagen, aber vielleicht auch nicht nötig. Aber wie nenne ich denn nun mein Werk? »Tagebuch eines Hungerstreiks« oder »Chroniken eines Hungerstreiks«? Der erste Titel ist genauer, der zweite schöner. Sollen doch die Lektoren entscheiden. Wenn der Text überhaupt bei ihnen ankommt. Wenn ich es wirklich bis zur Redaktion des Textes schaffe, werde ich nichts mehr ändern, es kann ruhig so bleiben, wie es ist, das ist dann authentischer und ehrlicher.
Der tägliche Gang zum Krankentrakt. Ich habe es nicht weit, nur bis ins Nachbargebäude, eine halbe Minute. Draußen scheint die Sonne, die Temperaturen steigen spürbar. Der Polarwinter geht zu Ende. Vielleicht wird es dann auch in meinem Verlies wärmer. Gewichtskontrolle, Puls, Blutdruck, eine weitere Urinprobe. 82 Kilo, Azeton und Eiweiß im Urin. Der Kommentar des Arztes: »Nichts Außergewöhnliches«, alles wie erwartet, so ist es nun mal im Hungerstreik. Er wollte wissen, wofür ich zwanzig Jahre bekommen habe. Eine gute Frage. Das würde mich auch mal interessieren.
Hin und zurück werde ich vom DGLL8 begleitet. Er kontrolliert auch alle zwei Stunden die Anwesenheit und steht dem feierlichen Auftragen der Tagesration und deren Abtragen zwei Stunden später vor. Dieser Vorgang hat heute Formen eines Rituals angenommen. Der Suppenkapo, der an der Essenausgabe normalerweise nicht mal den Buschlat ablegt, schlüpft jetzt in eine weiße Uniformjacke – wie ein richtiger Koch –, und in diesem Aufzug trägt er unter der Aufsicht des Diensthabenden den Teller in die Zelle. Gefängnis-Feng-Shui oder Zirkus mit Pferdenummer. Wenn jetzt nur noch der DGLL, der in seiner Schicht eigentlich für das ganze Lager zuständig ist, zu mir Zutritt hat, wird die Sache langsam ernst. Offenbar ist die Miliz unzufrieden und zieht die Zügel an. Über Funk bringen sie jetzt jeden Tag einen einstündigen Vortrag zu den Internen Durchführungsbestimmungen, das hat es in den letzten Tagen nicht gegeben. Das Hin und Her mit dem Wasserkocher geht indessen weiter. Ein anderer Vollzugsbeamter hat auf meine Nachfrage bezüglich des konfiszierten Wasserkochers mit dem Verweis auf eine Verfügung der Leitung reagiert. Obwohl er ganz genau weiß, dass das eine Regelverletzung ist. Dieses System hat ein distinktives Merkmal: Wenn es einen Fehler gemacht oder eine offensichtliche Dummheit begangen hat, rudert es nicht zurück, sondern hält verbissen an der Entscheidung fest, woraus neue Fehler und Dummheiten resultieren, und zwar auf allen Ebenen, egal ob es nun um den Wasserkocher geht oder um eine zwanzigjährige Haftstrafe. Zum Glück kriege ich vom Schlüsselwart wenigstens immer mein heißes Wasser, manchmal ist es allerdings nur lauwarm, weil er nicht versteht, dass ich das Wasser nicht nur trinken, sondern mich auch daran wärmen will. Ich habe versucht, ihm das zu erklären, aber er ist im Moment nicht scharf auf ein Gespräch mit mir – er spürt, dass sich da über mir was zusammenbraut, also verschwindet er so schnell wie möglich in seinem unterirdischen Labyrinth.
7Häftling, der in der Kantine arbeitet und die Balanda austeilt.
8DGLL für Diensthabender Gehilfe des Lagerleiters von DPNK – Deschurnyj Pomoschtschnik Natschalnika Kolonii
Tag 6
Die Nacht war wieder nicht gut, ich konnte lange nicht einschlafen und bin immer wieder aufgewacht. Vor Kälte. Die Füße sind bis zum Morgen überhaupt nicht warm geworden. Der Allgemeinzustand hat sich allerdings etwas verbessert, der Schwindel hat nachgelassen, das Ohrensausen klingt nicht mehr wie das Heulen eines Flugzeugs im ständigen Startmodus. Außer dem Herz, das regelmäßig Signale ans Gehirn sendet, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, machen sich jetzt auch die Nieren bemerkbar, die vor allem auf den Rücken ausstrahlen. Die Fußsohlen sind eiskalt. Oft auch die Hände. Die Knie erinnern sich an das chronische Rheuma und knacken wie bei einem alten Mann. In der Leiste hat sich ein bohrender Schmerz eingestellt, entweder sind das die Gelenke oder die Lymphknoten, es ist noch nicht klar. Der Magen grummelt von Zeit zu Zeit unzufrieden. Das Gehirn sendet daraufhin ermutigende Signale an die Organe: Haltet durch, das muss so sein, alles wird gut. Und so sind eigentlich alle ganz gelassen. Das Unterbewusstsein spielt langsam verrückt, es spürt, dass seine Zeit gekommen ist, wenn nämlich einer der wichtigsten Instinkte – der Hunger – die Oberhand gewinnt, dann kann es das Bewusstsein von der Führung verdrängen. Noch ist es nicht so weit, und ich hoffe, dass es noch ein bisschen dauert. Jetzt aber flutet das hinterhältige Unterbewusstsein das Gehirn mit Essenspropaganda und bombardiert es mit verschiedenen Bildern von Speisen, die der Körper irgendwann in seinem Leben zu sich genommen oder auch einfach nur gesehen hat oder es erfindet einfach irgendwas unglaublich Leckeres. Noch zeigt das keine Wirkung. In einem Menschen hausen viele Dämonen, die ihm ständig ihren Willen aufzwingen wollen. Ich habe die gefährlichsten dieser Gesellen längst vertrieben, die anderen müssen nach meiner Pfeife tanzen. Aber vielleicht nutzen sie die Situation jetzt aus und nehmen Rache. Mal sehen. Die Versuchung mit dem Essen, das fast den ganzen Tag bei mir in der Zelle rumsteht, funktioniert jedenfalls nicht.
Die Miliz pflegt nun mir gegenüber einen distanzierten Ton, außer zum Diensthabenden habe ich keinerlei Kontakte – wenn ich im Lager unterwegs bin, werden alle Hofkäfige9 eingefroren und alle Personen angehalten.
Heute habe ich die Zelle geputzt. Bislang stand das jeden Tag auf dem Plan, und einmal in der Woche war Großreinemachen, aber jetzt beschränkte ich mich auf ein paar Mal pro Woche – es ist irgendwie dämlich, auf allen Vieren mit dem Lappen über den Boden zu kriechen, Energie ist wichtiger als absolute Sauberkeit. Dabei habe ich auch die Fensterklappe geöffnet, um zu lüften, das mache ich sowieso mehrmals am Tag. Ich brauche immer frische Lust, in Kälte und Muff zu hocken, ist doppelt belastend.
Am Morgen hat sich das Wetter wieder verschlechtert: Nebel, Sprühregen, Nässe. Der Norden. »Bei uns ist es drei Monate im Jahr kalt, und der Rest ist voll für’n Arsch«, wie es ein Typ von hier neulich beschrieb.
Das Auftragen des Essens hat sich vollends zu einem Ritual entwickelt. Der Diensthabende öffnet die Tür und verkündet feierlich, dass die Zeit gekommen sei, das Essen einzunehmen. Der Suppenkapo in Weiß trägt die Speisen herein und stellt sie auf den Tisch. Beide Seiten verabschieden sich höflich, und die »Gäste« ziehen sich zurück. Ich hebe den Teller auf die obere Pritsche – weg von mir, direkt vor das allsehende Auge. Wenn ich das Brot und den Teller mit dem Brei oder der Suppe anfasse, habe ich komischerweise nicht das Verlangen, das zu essen. Das hat sicher mit meinem festen Vorsatz zu tun oder kommt daher, dass der Hungerstreik noch nicht allzu lange dauert. Wir werden sehen. Der Allgemeinzustand hat sich heute übrigens stabilisiert, nur im Mund hatte ich plötzlich einen unangenehmen Geschmack – vielleicht verdaut sich der Magen mittlerweile selbst. Zwischen Gürtel und Bauch hatte am Anfang der Woche nur der Mittelfinger Platz, mittlerweile passt die ganze Faust dazwischen.
Ich bin heute in die Banja gegangen. Nicht allein natürlich, sondern in Begleitung des Diensthabenden, die Häftlinge sagen immer von sich »bin gegangen« oder »bin gefahren«, wenn sie doch eigentlich gebracht oder gefahren wurden. Eine Illusion von Selbstständigkeit. Banja ist freilich eine Übertreibung – es ist ein größerer Waschraum mit zwei Dutzend Kannen und Bänken. Wenn sich hier eine ganze Truppe wäscht, gibt es Schlangen und ein riesiges Gedränge. Aber ich war allein. Getrennt von den anderen. Ich hatte zwanzig Minuten, um zu duschen. Das ist gut, mancherorts kriegt man nur fünfzehn Minuten, manchmal sogar nur zehn. Zehn Minuten Hochgenuss unter dem heißen Wasser. Ich habe mich geduscht und die Unterwäsche gewaschen. Mein Körper war dankbar, besonders meine Beine. Am Ende war mir ein bisschen schwindelig, das ist aber nicht so schlimm.
Danach habe ich mich gleich noch rasiert. Der Klingenwart hat mir meinen Rasierer und die Rasiercreme ausgehändigt – das hat er nämlich alles in Verwahrung, damit ich mir nicht aus Versehen die Pulsadern aufschneide. Beim Rasieren habe ich mich zum ersten Mal in dieser Woche im Spiegel angeschaut. In der Zelle gibt es nur einen kleinen Spiegel, der über dem Waschbecken in die Wand eingelassen ist, ziemlich weit unten, ich muss mich bücken, wenn ich mich darin sehen will. Weil ich so groß bin und sowieso nicht gern in den Spiegel schaue, habe ich hier in der Zelle noch gar keinen Blick hineingeworfen. Noch nicht einmal beim Zähneputzen. Obwohl ich keinen Zahnbelag habe, putze ich meine Zähne zweimal täglich, denn unter diesen Umständen verliert man schnell mal einen Zahn, diese Erfahrung musste ich vor Kurzem machen, und die Zähne wachsen ja leider nicht nach. Mein eigener Anblick war natürlich nicht sehr erfreulich: Die Backenknochen sind hervorgetreten, die Wangen eingefallen und zu Flecken geworden, die Augen liegen tief in den Höhlen, Falten haben sich in die Stirn gegraben, und die Stirn selbst ist nicht nur von geschwollenen Adern bedeckt, nein, sie drängt auch den Haaransatz zurück. Die Haare weichen, langsam und unweigerlich, und lassen nach dem Kampf nur kahles Terrain zurück. Nichts Erfreuliches, ich hätte mir den Anblick besser erspart. Ich musste daran denken, wie der Vater eines Freundes an Leberzirrhose erkrankt war und eines Tages mit seiner Familie zu uns zu Besuch kam. Alle unterhielten sich und lächelten ihm zu, als wäre nichts, als wüssten sie nicht, wie schlimm es um ihn stand. Auch er lächelte alle an mit seinem zahnlosen Mund im knochigen Schädel, nichts als die Augen waren ihm geblieben, und selbst die sahen so aus, als würden sie jeden Moment herausspringen. So weit war es bei mir zwar noch nicht, aber ich war schon auf dem besten Wege dahin.
9Kleine abgegrenzte Fläche vor einer Baracke, die für den Freigang, Appelle, Sport und andere Aktionen genutzt wird. »Alle Hofkäfige wurden eingefroren« bedeutet, dass sie abgeschlossen werden, falls sie offen waren, oder es wird untersagt, sie zu öffnen, das bedeutet, dass die Häftlinge für eine bestimmte Zeit nicht im Lager unterwegs sein dürfen.
Tag 7
Die Nacht verlief wie erwartet schlecht. Obwohl ich seit Langem in Unterwäsche und Häftlingskleidung schlafe und mich zudecke, friere ich, besonders an den Füßen. Die Decke ist eher ein dicker Überwurf, aber egal. In der Nacht macht sich noch ein weiterer Störfaktor bemerkbar. Die Zelle hat eine typische Gefängnistoilette: ein Loch im Boden, das mit einem Stöpsel an einer Schnur verschlossen wird, das Wasser kommt aus dem Waschbecken, was keine glückliche Konstruktion ist, und nicht vom Spülkasten über ein Rohr, wie es eigentlich sein sollte. Das wäre nämlich besser, effizienter. Aber der Spülkasten ist alt, die Konstruktion marode, er gibt ständig traurige Töne von sich: tropf, tropf oder energischer: klatsch, klatsch. Tagsüber hört man das so gut wie gar nicht, und es stört auch nicht. Auch wenn man schläft, hört man es nicht. Aber wenn man nachts wachliegt, gehen einem die Geräusche auf die Nerven. Reparaturversuche bringen auch keinen dauerhaften Erfolg. Der Kasten ist fünf Minuten still, und dann beginnt sein monotones Lied von Neuem. Manchmal stellt er seine Lebenszeichen von selbst ein, aber das hält meist nicht lange an.
[…]
Der Morgen begann wie gewöhnlich. Es ging mir ganz gut, aber ich fühlte mich sehr schwach. Ich schaffte es kaum, mein Bett zu machen, die Zähne putzte ich mir im Sitzen. Vielleicht würde es tagsüber besser werden, wenn ich erst mal in Schwung gekommen war. Als ich mich wusch, stach es in meinem Augenwinkel, eine harte Borke. Ich schaute in den Spiegel, und so war es auch: Das rechte Auge war ganz rot. Eine Bindehautentzündung als kleiner Bonus zu allem Übrigen. Wo habe ich mir die denn eingefangen? Ich hatte doch eigentlich die ganze Woche mit niemandem weiter Kontakt, und auf Sauberkeit achte ich auch unter allen Umständen. Ach, das geht schon vorbei, halb so schlimm.
Die Miliz hat das Servierritual um ein neues Element erweitert. Im Schlussteil. Der Diensthabende filmt den ganzen Vorgang mit seinem Registriergerät, und wenn der Suppenkapo das unberührte Essen an ihm vorbei aus der Zelle trägt, richtet er das Gerät auf den Teller und konstatiert: »Das Essen wurde nicht verzehrt.« Vorhang zu.
[…]
Ich lese immer noch Murakamis »Die Chroniken des Aufziehvogels«. Es gefällt mir. Ich mag Murakami und auch dieses konkrete Werk. Es gibt gute Bücher, die man verschlingt, und dann gibt es welche, die man langsam liest und sich das Vergnügen einteilt. Dieses Buch hier genieße ich langsam, Stück für Stück. Es ist ziemlich dick, und ich bin schon über der Hälfte. Ich merke, dass es diese Lektüre zu Wochenbeginn war, die mich dazu veranlasst hat, Tagebuch zu schreiben. Deswegen soll das Buch zu Ehren von Murakami »Die Chroniken eines Hungerstreiks« heißen. Da brauchen sich die Lektoren keine Gedanken mehr zu machen. Murakamis Protagonist hat im Übrigen drei Tage in einem trockenen Brunnen gesessen und gehungert und gefroren. Um sich selbst zu finden. Kommt mir bekannt vor. Gibt es tatsächlich jemanden, der glaubt, im Leben sei alles Zufall und ohne jeden Zusammenhang? Ich nicht. Der Hunger hat dem Protagonisten im Übrigen sehr zu schaffen gemacht, sein Magen hat gestochen und sich zusammengekrampft. Das ist bei mir nun überhaupt nicht der Fall, mein Magen ist ganz friedlich. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich einen gleitenden Übergang zum Hungerstreik hatte, mich vorbereitet und meine Ration immer weiter verkleinert habe? Vielleicht gibt es auch noch andere Gründe. Ich habe viel vom Heilfasten gehört, es aber selbst nie ausprobiert, allerdings durchaus schon mit dem Gedanken gespielt. Und nun bietet sich mir die kostenlose Gelegenheit. Reinigung des Organismus, Ausscheidung von Schlacken usw. Schlacken habe ich zwar noch keine ausgeschieden, aber warten wir mal ab. Wir sollten die ganze Sache zunächst nicht als politisch motivierte Aktion betrachten, sondern als Kur! Wer ist dafür? Ich sehe keine Hände!
Tagsüber sind meine Füße nicht so kalt wie nachts unter der Decke, wahrscheinlich weil ich am Tag immer irgendwie in Bewegung bin. Ich habe die Fensterklappe geöffnet, um zu lüften. Die Luft draußen ist immerhin schon weniger stechend und eisig, warm würde ich sie aber auch noch nicht nennen. Der frisch gefallene Schnee auf den Wegen wurde weggefegt, ein Teil ist in der spärlichen Sonne getaut, aber in den Ecken türmen sich noch immer trübe, graue Haufen. Zwanzigster Mai. Angeblich kann es hier sogar im Juli schneien. Das möchte ich lieber nicht sehen.
Der unangenehme Geschmack im Mund wird stärker, außerdem fühlt sich die Mundhöhle trocken an. Das heiße Wasser hilft nur kurz. Leitungswasser möchte ich nicht trinken, außerdem ist es ungesund. Komischerweise hat schon etliche Tage keine Durchsuchung stattgefunden. Seit sie mir den roten Streifen für »fluchtverdächtig« aufs Namensschild geklebt haben, ist kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht gefilzt wurde. Am Anfang, als ich in dieser Zelle hier saß, waren sie besonders eifrig: haben das Unterste zuoberst gekehrt, mich bis auf die Unterhose oder ganz nackt ausgezogen und gründlich abgesucht. Später, in der Abteilung, hat ihr Eifer etwas nachgelassen. Und jetzt kommen sie gar nicht mehr. Merkwürdig. Das heißt aber nicht, dass das so bleiben muss.
Mein Traum von letzter Nacht ist mir wieder eingefallen, eigentlich ist es eher eine Aneinanderreihung verworrener Situationen ohne jeden Zusammenhang. Irgendwelche Leute, Autos, Busse, Züge, ich bin mit all dem unterwegs, allein, manchmal auch in Begleitung. Bahnhöfe, Gleise, Stationen. Ich sitze im Bus und habe die Füße auf der Rückbank gegen die Kopfstützen gelehnt. Meine Oma und meine Tante fahren auch mit, sie sitzen in einer anderen Reihe, meine Tante isst Eis, aber sie sehen ganz anders aus als meine richtigen Verwandten. Ich nehme die Füße herunter, weil sich das nicht gehört. Dann stehen wir auf dem Bahnhof an einem Gleis, meine Tante und meine Oma wollen sich in ihrem Tagebuch Notizen machen zu einem Jungen, der eben eine Heldentat vollbracht hat – er hat jemanden unter einem durchfahrenden Zug hervorgezogen. Der Junge und sein Vater stehen neben uns, aber einen Stift für die Notizen hat niemand. Obwohl um uns herum viele Leute stehen, springe ich über die Gleise auf den Nachbarbahnsteig, erkläre die Situation und frage einen vorbeilaufenden Hauptmann und seine Familie nach einem Stift. Dann springe ich zurück. Meinem Verhalten nach bin ich wohl in dem Traum auch noch klein. Für mich bergen Träume keine Zeichen und Omen. Sie haben eher etwas mit der Vergangenheit zu tun. Sind ein Mix aus Erinnerungen, durchlebten Gefühlen, verborgenen Gedanken oder Wünschen. Spannend sind Träume trotzdem.
Tag 8
Der achte Tag brach an. Wie in der Bibel oder bei Thornton Wilder. Die erste ruhige Nacht, ich habe fast gar nicht gefroren, sogar meine Füße sind warm geworden. Obwohl die Temperaturen in der Druckkammer und außenbords unverändert sind. Ich habe ganz gut geschlafen, nachdem ich erst lange wach lag. Ich habe mir die ganze Zeit vorgestellt, was ich alles mit den Kindern koche, wenn wir wieder zusammen sind. Illusionen und Trost für Gehirn und Magen.
Mein Allgemeinbefinden ist eigentlich auch ganz in Ordnung. Allerdings ist bei Weitem nicht alles verschwunden, was mir Sorgen macht. Weder die Schwäche noch der Schwindel noch das Ohrensausen noch der ganze andere lästige Kram, aber der Körper reagiert nicht mehr so stark, er hat sich daran gewöhnt. Er reagiert nur, wenn etwas Neues dazukommt oder vorhandene Beschwerden stärker werden, das ist aber im Moment nicht der Fall, also vorläufig Feuerpause an vorderster Front.
Eine Woche ist seit dem Beginn des Hungerstreiks vergangen. Wie lange werde ich durchhalten? Diese Frage interessiert sicher nicht nur die Milizionäre, sondern auch meine Unterstützer jenseits des Zauns und natürlich auch mich selbst. Wir werden sehen. »Wir werden sehen«, sang einst D’Artagnan in einem sowjetischen Film, »wer in welchen Kanonenstiefeln am Ende des Tages die Knie beugt.« Der Musikwart lässt im Flur den ganzen Tag Pop laufen. Nicht zum Aushalten. Ein Glück, dass es nicht so richtig bis zu mir dringt. Die ganze Woche kein einziger vernünftiger Song. Jetzt habe ich vage bekannte Töne gehört. Ich bin zur Tür gegangen und habe genauer hingehört. Das ist tatsächlich »Für die Wächter« von Boombox. Ein guter alter Song. Ich habe zugehört und mich nicht von der Stelle gerührt. Drei Minuten Vergnügen. Wie unterscheidet man einen guten Song von einem schlechten? Ein guter Song veraltet nicht. »Für die Wächter« ist nicht veraltet, kein einziger Takt.
Überhaupt bedeutet mir Musik sehr viel. Gute Musik. Die Lieder von Viktor Zoi haben meine Persönlichkeit wahrscheinlich stärker geprägt als alle Personen in meinem Umfeld zusammen. Deswegen kann ich es überhaupt nicht leiden, wenn er schlecht gecovert wird. Ich kann mich noch erinnern, das war auf einem großen Filmfestival in Minsk, auf der Abschlussveranstaltung, da wollte ein bekannter russischer Schauspieler, der aus der Ukraine kam – als Programmhighlight – das geschätzte Publikum mit seinem stimmlichen Talent erfreuen. Mit seinem Talent war es nicht weit her, aber die Leute taten so, als gefiele es ihnen, schließlich war es die Abschlussgala, und danach würde es einen Empfang geben. Als er als drittes Stück »Gruppa krowi« von Zoi sang, verlor ich schon nach dem ersten falschen Ton die Nerven. Ich stand auf und ging raus. Das war gar nicht so einfach: ein riesiger Saal mit tausend Leuten, und ich saß in der zweiten Reihe in der Mitte, zwischen anderen Teilnehmern, die Hälfte musste zusammenrücken, um mich durchzulassen. Den Sänger brachte das nicht raus (obwohl: schlechter ging’s eigentlich gar nicht mehr); als ich über den breiten Mittelgang dem Ausgang zustrebte, setzte er noch einen drauf und sang mir verdrehte Zeilen einer weiteren Strophe hinterher. Keine schöne Erinnerung.
Es gibt auch schöne Erinnerungen, allerdings nicht mit Zoi. Nach einer schweren und schlaflosen Nacht im Arrest saß ich im Büro des Ermittlers im früheren Geheimdienst der Krim. Ich hatte gerade einen Anwerbeversuch abgelehnt und mich stattdessen für die zwanzig Jahre entschieden. Routiniert besiegelte der Ermittler das Protokoll und mein Schicksal, ich saß in Handschellen da und wartete darauf, in die Zelle zurückgebracht zu werden. Das Radio lief. Leise. Ein ukrainischer Sender, den man offenbar noch nicht abgeschaltet hatte. Da kam auf einmal »Wojnow sweta« von Ljapis. Die inoffizielle Hymne des Maidan. Hier, auf der Krim, die schon besetzt war, in meiner Situation. Als hätte mir jemand ein Zeichen geschickt: »Halte durch, Junge, alles wird gut.« Ich habe mich gleich besser gefühlt. Ich hatte niemanden verraten. Weder mich noch die anderen. Noch das Land, noch die hundert Jungs, die es seinerzeit auf der Instytutska erwischt hatte. Der Ermittler sagte, ich hätte mein Schicksal selbst besiegelt. Ich war der Meinung, dass ich die einzig richtige Entscheidung getroffen hatte. Und die Musik, die da aus den Lautsprechern kam, gab mir recht.
Ich war beim Arzt. Gewicht, Blutdruck, Puls, Temperatur – das Gewicht sinkt. Ich wiege noch knapp über 80 Kilo. Das Thermometer zeigt 36,2 Grad. »Du kühlst aus«, stellt der Arzt fest. Wir haben darüber diskutiert, bei welcher Raumtemperatur es sich am besten hungern lässt. Ich bin der Meinung, dass es sich im Warmen besser hungert, da der Körper keine zusätzliche Energie aufwenden muss, um die Temperatur zu halten. Der Arzt glaubt, man könne einen Hungerstreik bei Kälte besser durchstehen, dann würden sich nämlich die Stoffwechselprozesse im Körper verlangsamen, Anabiose und so. Was nun stimmt, ist unklar. Jeder bleibt bei Seinem: Er sitzt im T-Shirt in seinem warmen Sprechzimmer, ich in meiner eiskalten Zelle.
Der für die Rechtsaufsicht zuständige Staatsanwalt ist gekommen, hat sich von mir eine Erklärung der Gründe für den Hungerstreik geben lassen und meine Höhle und meine Krankenakte in Augenschein genommen. Die unwichtigen Dinge und Mängel habe ich in der Erklärung nicht erwähnt. Ich kämpfe nicht dagegen. Mein Hauptkampffeld ist woanders.
Tag 9
Das Leben stabilisiert sich langsam und läuft in gewohnten Bahnen. Die Tage folgen aufeinander wie eine kopierte Seite der anderen. So ist es immer in diesem System, wenn man an einem neuen Ort Fuß gefasst hat. Tagsüber fühle ich mich einigermaßen, nur die Schwäche macht mir zu schaffen, besonders morgens, es kostet mich Kraft, das Bett zu machen und die Zähne zu putzen. Nachts friere ich schon weniger. (Letzte Nacht habe ich allerdings wieder lange wach gelegen und mir vorgestellt, dass ich mit meinen Kindern eine Wanderung mache.)
Das Ritual des Auf- und Abtragens der Balanda wird ständig erweitert. Jetzt trägt der Suppenkapo außer der weißen Kochjacke noch Gummihandschuhe. In dem halben Jahr, in dem ich in der Kantine gegessen habe, konnte ich bei keinem seiner Kollegen je Handschuhe entdecken, ohne größere Sorgfalt wanderten da die Finger von einem Teller zum nächsten. Und plötzlich wird auf Etikette Wert gelegt. Es dauert wahrscheinlich nicht mehr lange, und der Suppenkapo rückt in Kochmütze oder zumindest Barrett an.
Draußen ist Wind aufgekommen. Ein starker, kalter, schneidender Wind. Er rüttelt an der Scheibe, es klingt wie ein Stöhnen und Quietschen. Wer an einem großen Fluss im Norden lebt, weißt Bescheid. Wenn die Eisdecke reißt, wenn der Fluss aufbricht, wird eine große Menge Kälte frei, und dann bilden sich gegen Frühjahrsende starke Winde. So war es in Jakutsk, wo die Lena fließt. So ist es auch hier in Labytnangi am Ob. Der Wind weht eine Woche oder länger, und danach wird es warm. So haben mir zumindest die Einheimischen den Sachverhalt erklärt, und so ist es auch meistens. Wenn der Wind vorbei ist, wird es also endlich warm.
Das nächste Gespräch mit dem nächsten Leiter. Los ging’s ganz förmlich – Befinden, Beschwerden, Haftbedingungen, dann ging’s um banalere Dinge: Warum machst du das eigentlich, ändern kannst du sowieso nichts, du ruinierst dir bloß die Gesundheit, für immer und ewig usw. Dann kam wieder die Politik: Ein Saustall ist das da bei euch, die Ukraine fällt sowieso bald auseinander, du wirst doch nur ausgenutzt, solange sie dich brauchen, bist du gut genug, dann lassen sie dich fallen. Ich habe es aufgegeben, auf diese Floskeln irgendetwas zu erwidern, ich warte einfach, bis die übliche Tirade zu Ende ist. Dieser Mensch ist in seinem ganzen Leben noch nie in der Ukraine gewesen, war weder auf dem Maidan noch bei der Besetzung der Krim dabei und will mir als Experte erzählen, wie es dort wirklich aussieht. Das klassische Wissensrepertoire eines russischen Milizionärs, das sich aus der Rezeption lokaler Fernsehkanäle speist. Sogar 1:1 dieselben Formulierungen. Die ganzen vier Jahre, die ich hier bin, ein und dieselbe Leier. Noch ist die Ukraine allerdings nicht auseinandergefallen und noch hat mich niemand vergessen. Es steht also unentschieden. Wir beendeten unser Gespräch.
Ich war beim Arzt. Der hat mich zwei Tage nicht gesehen und sagt, ich sei eingefallen. »Du trocknest aus.« Er empfiehlt mir, mehr Wasser zu trinken. Was, noch mehr? Ich trinke ja schon sechs Tassen heißes Wasser pro Tag. Das sei zu wenig, sagt er, aber mehr schaffe ich nicht. Der Doktor ist sehr aufmerksam und fürsorglich, sogar einen Pickel auf der Stirn nimmt er ernst. Wie mir die Sonderbehandlung und Effekthascherei in diesem System auf die Nerven geht, um den einen springen alle rum und der andere muss sich die Pulsadern aufschneiden, damit er zum Zahnarzt darf, weil er die Schmerzen nicht mehr aushält. Gleichheit und Gerechtigkeit kannst du im Gefängnis voll vergessen.
Auf dem Weg »nach Hause« mischte sich Hagel in den Wind. Er flog fast parallel zum Boden und stach in die Augen. In Labytnangi ahnt wahrscheinlich niemand, dass die Leute woanders im Mai zum Picknick ins Grüne fahren.
Kaum habe ich an die Fressluke geschlagen, kommt der Wasserwart schon mit dem dampfenden Wasserkocher, er weiß immer schon im Voraus, was ich von ihm will. Er ist höflich und lächelt, aber auf persönliche Gespräche lässt er sich nicht mehr ein, offensichtlich hat er neue Anweisungen erhalten.
Ich lese Murakami zu Ende. Man verdirbt sich natürlich die Augen, wenn man bei diesem funzligen Licht in der Zelle liest, und ich habe schon vor längerer Zeit festgestellt, dass sich mein Sehen über die Jahre im Knast verschlechtert hat. Aber so lange ich noch etwas erkennen kann, lese ich weiter. Da stellt sich die philosophische Frage, was besser ist: als belesener Mensch im Dunkeln oder sehend in der Umnachtung der eigenen Unwissenheit zu sitzen? Ich bin hier vielen Menschen begegnet, die erst in der Einzelzelle angefangen haben zu lesen, vor Langeweile, und kaum waren sie entlassen, sind sie wieder in ihre alten Gewohnheiten verfallen: Tschifir trinken, rauchen, leeres Geschwätz. Ich habe meine Entscheidung schon längst getroffen.
Ich bin fertig mit Murakami. Ein sehr gutes Buch, wahrscheinlich eines seiner besten. An bestimmten Stellen erinnert es mich an David Lynch, nur eben in gedruckter Form. Murakami ist natürlich breiter. Ich denke, bei einem guten Autor oder Regisseur erwachsen alle Werke irgendwie aus einem Universum, und je größer, vielfältiger und ganzheitlicher das ist, umso begabter ist der Künstler. Murakami verfügt auf jeden Fall über eine eigene Welt, und ich finde sie spannend. Ein großes Dankeschön an ihn. Als ich das Buch zugeschlagen habe, war es, als würde ich mich von einem guten Freund verabschieden, mit dem ich eine Woche zusammen war, weil ich abreisen muss. Abgereist ist allerdings eher er, ich bleibe hier.
Tag 10
Der Tag begann mit dem traditionellen Wassersuppenritual. Kaum waren die zwei weg und ich hatte mich hingelegt, um ein Nickerchen zu machen, war der DGLL schon wieder da, um die Temperatur zu messen. In der Zelle, nicht bei mir. Das Thermometer zeigte die üblichen 16,5 Grad. Der Bedienstete kratzte sich am Hinterkopf und drückte auf das Thermometer. »Wir sollten die Tür zumachen, sonst zieht es«, sagte er. Er legte das Thermometer wieder auf den Tisch und schlug den Robot10 zu. Es war noch keine Minute vergangen, und schon zeigte das Thermometer 18 Grad. Entweder hatte er es mit seiner Hand angewärmt oder in der Zelle war es wirklich wärmer geworden, immerhin fror ich nachts schon weniger, der DGLL verließ die Zelle in dem guten Gefühl, seine Pflicht getan und sogar ein wenig Fürsorge gezeigt zu haben.
Das war jetzt schon die dritte mehr oder weniger ruhige Nacht. Die schlaflosen Stunden habe ich dieses Mal mit Erinnerungen an alle Kneipen und Bistros in Simferopol gefüllt, die ich gern aufsuchte oder in denen ich zumindest einmal gewesen war, und ich habe mir all die leckeren Speisen ausgemalt, die es dort gab. Offensichtlich sind hier Bewusstsein und Unterbewusstsein Hand in Hand gegangen und haben mich im Duett mit diesen Bildern gequält. Eigentlich nicht weiter schlimm, diese kleine kulinarische Nostalgie. Aber ich muss aufpassen, sonst falle ich nicht bloß auf diesen Schnickschnack herein, sondern vergreife mich an den Nudeln auf dem Teller. Ich muss diesen Gedanken und Erinnerungen Einhalt gebieten.
Nachts habe ich vom Meer geträumt, ich habe gebadet und bin getaucht, im Wasser gab es Quallen, eine war ganz groß. Dann habe ich als ungelernter Arbeiter Asphalt gehackt, Warnzeichen standen da und ein Pärchen, das mich von der Arbeit abgehalten hat. Das Traumfinale: eine Partisaneneinheit, Hinterhalt, Kampf, und ich liege da mit einer Maschinenpistole. Markant und verwirrend wie immer.
Am Tag brachte mir der umtriebige Diensthabende eine Psychologin. Wir haben durch das Gitter gesprochen, das die zweite Zellentür bildet. Um die anderen vor mir zu schützen und für ebensolche Fälle. Ein richtiges Gespräch kam allerdings nicht zustande, weil ich erklärt habe, dass ich keinen Psychologen brauche. Die Dame hielt mir daraufhin einen kurzen Vortrag, der so wirr war wie meine Träume. Nur gebrochene Menschen entschlössen sich zu einem solchen Schritt, Sie sind doch kein gebrochener Mensch, Sie müssen auch an Ihre Gesundheit denken, nehmen Sie doch Vernunft an, Sie sind doch ein kreativer Mensch, Sie haben andere Mittel und Wege, das übliche Repertoire. Ich musste daran denken, wie andere Häftlinge, die sich wohl für klüger hielten oder dachten, ich hätte ein Leben lang nur auf ihre Ratschläge gewartet, zu mir sagten: Warum hast du eigentlich diesen Widerstand geleistet gegen die Besetzung der Krim? Hättest du doch lieber einen Film gedreht, das wäre viel besser gewesen. Genau, als Hitler einmarschiert ist, hätte man auch ein paar kleine Filme drehen sollen, anstatt Panzer anzuzünden, die hätte man dann in irgendwelchen sibirischen Kinos zeigen können, woanders wäre es ja nicht gegangen. Mit dieser Psychologin habe ich übrigens vor ein paar Monaten schon mal gesprochen oder besser gesagt nicht gesprochen, ich hatte damals schon die Unterhaltung mit ihr verweigert. Sie fragte erstaunt: »Und Sie wollen wirklich keine Tests machen? Wollen Sie denn nichts über Ihre Persönlichkeit erfahren?« Ich habe ihr geantwortet, ich wisse eigentlich alles über mich und käme ganz gut klar. »Sie glücklicher Mensch«, erwiderte sie, die bis zu einer solchen Antwort offenbar noch einen langen Weg vor sich hat.
Ein Ereignis von globaler Tragweite: Ich habe einen Heizlüfter bekommen. Nicht den, den ich letztes Mal hatte, so ein kleines Gerät mit Motor, sondern einen ziemlich großen, einen Ölradiator. Ich habe ihn eingeschaltet, er heizt gut, viel besser als die Heizung. Jetzt wird es in meiner Zelle also endlich warm. Nach der Bettruhe das zweite Zugeständnis binnen zehn Tagen. Liegend und im Warmen halte ich lange durch. Hoffe ich mal. Auf jeden Fall schreibe ich was Nettes ins Gästebuch.
Heute ist so gut wie kein Wind, dafür hat es am Abend angefangen zu regnen. Ich stand an der geöffneten Fensterklappe und habe die frische Luft eingesogen. Nach dem Regen ist die Luft immer besonders sauber und riecht gut. Das ist der erste Regen, den ich hier in Labytnangi sehe, dann ist der Winter wahrscheinlich doch irgendwann zu Ende.
10Zellentür aus Stahl, sie öffnet sich gewöhnlich langsam, schwer und quietschend.
Tag 11
Es weht wieder ein heftiger Wind, es sind Plusgrade, und eine grelle Sonne scheint. Verzweifelt versucht sie die Schneehaufen, die nach dem gestrigen Regen noch da sind, zum Schmelzen zu bringen, bislang vergeblich, sie halten sich zäh. Die nördliche Sonne ist keine liebe Sonne.
[…]
In der Nacht habe ich geträumt, dass eine Frau im Gebirge von einer Lawine erfasst wurde und ich mit ihrem Kind, einem fünfjährigen Mädchen, zurückblieb. Es war nicht erschrocken, fragte nicht nach seiner Mutter, wir machten uns auf einen langen Weg ins Tal. Ich erzählte ihr und zeigte ihr etwas, und ständig hob ich große runde Bonbons auf, die sie verlor, weil sie sie nicht festhalten konnte. Ich musste ihr Vater sein, sagte ihr das aber nicht. Sie ähnelte meiner Tochter, als sie klein war, und trug auch denselben Namen. Träume sind nicht logisch. Wir kamen in die Stadt und gingen zu unserem Haus. Ich wollte einem Mädchen, das dort mit seiner Mutter und Großmutter stand, ein Bonbon schenken, aber das Kind wollte es nicht haben.
Erst als sie ins Haus gingen, sah ich, dass das Mädchen behindert war. Das Treppenhaus war breit und hatte auf jeder Seite einen Ausgang, und während ich unter irgendwelchen Rohren hindurchkroch, war meine Tochter schon nach draußen geschlüpft. Ich folgte ihr, aber sie war verschwunden. Die Straße oder besser gesagt die Uferpromenade war belebt und voller Menschen. Ich rief ein Mädchen in einer ähnlichen Jacke, aber das war nicht sie.
[…]
Länger als eine Stunde war der Strom weg. Wegen des Windes vielleicht oder aus irgendeinem anderen Grund. Da ging natürlich auch der Radiator nicht, und mein kleines Refugium kühlte sofort aus, Luftzug, dünne Wände, Ecklage. Ich laufe nicht mehr so viel in der Zelle herum, ich sitze öfter oder liege.
Ich war beim Arzt. Draußen hätte mich der Wind beinahe umgeweht. Heute ist er stärker als vorgestern. Die Sonne hat sich versteckt, die Temperatur liegt gefühlt bei null Grad.
Der Arzt war mit meinem Zustand und meinen Werten gar nicht zufrieden. Er hat mir eine Infusion verordnet. Die ist ein paar Stunden durchgelaufen. Ein Liter Flüssigkeit: Glukose, Vitamine, Salze. Der Doktor ist nicht einfach ein Gefängnisarzt oder Leiter des Krankentraktes, sondern er hat die gesamte Medizin der Einrichtung unter sich, der Krankentrakt ist nur sein Stützpunkt. Vor allem aber ist er ein guter Fachmann und Mensch. Er kümmert sich persönlich um mich. Offenbar auf Anweisung von oben, und ich glaube, er mag mich auch. Als ich am Tropf hing, haben wir über unsere Familien gesprochen, er hat auch zwei Kinder, im selben Alter wie meine. Manchmal gibt es tatsächlich Zufälle. Oder es gibt sie besser gesagt nicht. Mit den unterstützenden Präparaten bin ich langsam wieder zu mir gekommen, er hat seinen Papierkram erledigt und am Computer gesessen. Auf seine Anweisung hin wurde mir die Infusion in seinem Sprechzimmer verabreicht. Ich habe mich auf die kleine Liege gelegt, er hat netterweise einen Stuhl unter meine langen, herabhängenden Beine geschoben und sie zugedeckt. VIP-Behandlung im Gefängnis. Aus den Lautsprechern kam eine entspannende Komposition von Splin. Wir mögen die Gruppe beide. Von der Infusion wurde der Arm angenehm kühl, allmählich habe ich mich besser gefühlt. Und gute Musik gab es auch. Einer der wenigen angenehmen Momente in der letzten Zeit. Der Doktor hört die Songs auf seine eigene Weise. Genauer gesagt hört er immer nur einen einzigen Song, den spielt er rauf und runter. So eine Art Meditation. Liebe bis zum Gehtnichtmehr. Weil er heute einen Gast hatte, ließ er es ausnahmsweise bei zehn Wiederholungen bewenden. Als die Infusion durchgelaufen war, schaute mich der Arzt an und sagte, ich sähe jetzt schon viel besser aus. Und ich fühlte mich auch besser. Wir verabschiedeten uns.
Der Wind hatte nicht nachgelassen, aber ich ließ mich nicht mehr so zausen.
Tag 12
[…]
Ich schaue aus dem Fenster. Es ist nicht groß, aber für eine Einzelzelle auch nicht zu klein. Ein Fenster mit Doppelrahmen und Doppelgitter, doch ich sehe trotzdem etwas. Die Aussicht ist mittelmäßig. Die Wand und das Dach der Baracke ein paar Meter weiter nehmen den größten Teil ein. Oben ist ein Stück Himmel. Der ist heute blau und von weißen Wolken durchzogen, keine grauschwarze Wolkenwand wie sonst. Immerhin ist ja Frühling. Wenn ich mich neben das Fenster stelle, sehe ich ein Stück Weg, auf dem manchmal Häftlinge in Reih und Glied marschieren oder ein Bediensteter vorbeiläuft. Zäune, Beete, die eher wie Sturzäcker aussehen, Stacheldraht. Etwas weiter weg sieht man noch eine Baracke, das Wirtschaftsgebäude und Versorgungsleitungen. Die Reste der Schneeberge, die dachten, die würden ewig hier liegen, was sich als falsch herausstellte, und die deswegen schwarz geworden sind vor Wut. Und direkt dahinter, etwas weiter unten, liegt die Stadt. Holzhäuser, Schuppen und Zäune, ebenfalls aus Holz, und weiter weg dann modernere Fünfgeschosser, die Rohre des Kesselhauses, andere Hochhäuser. Wegen der hinteren Baracke ist der Sperrstreifen, der das Lager von der Stadt trennt, nicht zu sehen, sodass der Eindruck entsteht, als befände sich das Lager mitten in der Stadt. Als müsste man bloß vor die Tür treten und auf dem schmalen Weg abwärts gehen, und schon stünde man in diesen Straßen, zwischen vereinzelten Autos und Menschen. Aber so ist es nicht. Das ist eine Illusion. Illusionen führen zu nichts.
In den verschiedenen russischen Gefängnissen, die ich in all den Jahren durchlaufen habe, hatte ich viele verschiedene Fenster, ich kann sie gar nicht alle zählen. Es war meistens schwierig, einen Blick nach draußen zu werfen, und wenn es doch ging, war die Scheibe meist so verstaubt, dass ich nichts erkennen konnte. Ein Fenster hatte so viele Gitter, dass ich selbst um die Mittagszeit, wenn die Sommersonne versuchte, zu mir vorzudringen, nur vier kleine Lichtpunkte auf dem Boden sah. In den Gefängnissen des russischen Geheimdienstes waren die Fenster auch klein, aber sauber, dafür allerdings mit einer dünnen Folie überzogen, meist befanden sie sich irgendwo oben in der Nähe der Zimmerdecke. Sie verrieten nur, ob draußen Tag oder Nacht war. In einer anderen Zelle ging das Fenster auf die Wand des Nachbargebäudes hinaus, es lag praktisch direkt an, drei Monate saß ich da im Halbdämmer, mit künstlichem Licht, und wusste mitunter nicht einmal, welche Tageszeit war. In seltenen Fällen fand ich in der Zelle ein normales, fast standardmäßiges Fenster vor. Ich kann mich an zwei solche Fenster erinnern. Aus beiden konnte ich die Stadt, die Natur, die weite Ferne und die untergehende Sonne sehen. Beide Male wurde mir ein solches Fenster zuteil, nachdem ich schwierige Zeiten in Stahlbetonhöhlen durchstehen musste, in denen ich schon vergessen hatte, was Sonnenlicht ist. Ich stand dann den halben Tag am Fenster und starrte auf die Landschaft. Kein freier Mensch würde dem auch nur die geringste Beachtung schenken: eine schmutzige Vorstadt, eine Straße, Steppe oder ein graues Wäldchen am Horizont. In diesem Moment waren sie für mich schöner als alle Gemälde dieser Welt.
An meinem jetzigen Fenster habe ich beim letzten Mal, nach meiner Ankunft, nur kurz gestanden, der Blick ist nicht so faszinierend, jetzt stehe ich sowieso selten am Fenster, vorher war ich in einem Lager, in dem ich den Himmel sehen konnte, und nicht in einem Keller. Ich habe am Fenster gestanden und leise Wyssozkis »Es ist noch nicht Abend« rezitiert. Das ging ans Herz, die Augen wurden feucht. Wyssozkis Gedichte haben es in sich, auch ohne Gitarre.
In den vielen Briefen, die ich früher bekommen habe, stand oft das Wort »Heldenmut«. Ich weiß nicht, ob ich heldenmütig bin, ich kann mich selbst schwer einschätzen. In einem Buch bin ich einmal auf eine Erklärung für dieses Wort gestoßen: Heldenmut ist, wenn jemand eine Sache in Angriff nimmt, obwohl er von vornherein weiß, dass sie scheitern wird. Ich falle nicht ganz unter diese Definition. Oft, ja sogar meistens habe ich Dinge in Angriff genommen, die andere für undurchführbar oder sogar für verhängnisvoll hielten. Ich war nie dieser Meinung, auch wenn ich damit allein dastand. Komischerweise hatte ich meistens früher oder später Erfolg. Es war mir auch egal, wie sich die anderen, die zunächst gezweifelt hatten, dann dazu äußerten, allerdings war ich, auch wenn ich mein Ziel erreicht hatte, danach nie richtig glücklich. Entweder war die ganze Aktion zu anstrengend oder ich hatte mich zu schnell an das Ergebnis gewöhnt oder was herausgekommen war, entsprach nicht ganz meinen ursprünglichen, idealen Vorstellungen, keine Ahnung. Wahrscheinlich hat das eher mit der Psyche zu tun: In der Vorstellung ist alles immer viel toller und angenehmer als in der Wirklichkeit. Vielleicht geht es allen Menschen so, vielleicht auch nur mir. Wir möchten glücklich sein, sind es aber nicht immer.
[…]
Draußen ist es wieder windig, gleichzeitig scheint die Sonne grell. Zwischenergebnis des Tages: Ich habe eine neue Gewichtsklasse erreicht: 79 Kilo.
Den ganzen Nachmittag dröhnte im Flur Rammstein in voller Lautstärke. Wahrscheinlich haben sie sich im ersten Stock mal wieder Problemfälle oder Neuzugänge vorgeknöpft. Grillrunde nennen sie das hier. Die laute Musik schluckt alle Töne, die bei dieser physischen und psychischen Akkordarbeit anfallen. Gegen Abend brach die Musik ab, draußen trampelte der Inspektor vorbei, um die »Bearbeiteten« abzuholen, die ihm, dem Lärm nach zu urteilen, auf der Treppe entgegengestolpert kamen, vielleicht hatte jemand nachgeholfen. Ein kurzer Dialog des eintreffenden Milizionärs und der beiden malträtierten Häftlinge fürs Registriergerät. Auf ein schwungvolles: »Klagen über die Gesundheit?« ein stockendes: »Nein, Bürger Natschalnik.« Die Gruppe entfernte sich. Die Erziehungsmethoden des russischen Strafsystems im aktiven Einsatz.
Tag 13
Mein neues Problem ist die Schlaflosigkeit. Wieder habe ich lange wachgelegen. Ich habe mir immer wieder vorgestellt, wie ich mit meinen Freunden in den Karpaten Silvester feiere, wie ich auf dieses und jenes Filmfestival fahre, und trotzdem konnte ich nicht einschlafen. Ich bin aufgestanden, habe den Heizer ausgeschaltet, weil ich ihn übertriebener Betriebsamkeit verdächtigte, und die Fensterklappe geöffnet, um frische Luft einzulassen. Der mitternächtliche Kontrollgang war lange vorüber, also musste es schon gegen eins sein. Draußen war es taghell. Der Polartag war angebrochen.
Die Polarnacht hat mir ganz schön zu schaffen gemacht – vier Stunden trübes Licht, die übrige Zeit finsterstes Dunkel und Nacht. Ich hatte immer nur einen einzigen Wunsch: dass endlich der Einschluss käme, ich mich hinlegen und schlafen könnte. Aber der endlose Tag macht mir noch mehr Mühe. Ich kann nicht schlafen und fühle mich kaputt.
[…]
Der Duft der frischen Suppe dringt allmählich durch meine verstopfte Nase, erreicht das Gehirn und den Magen. Appetit weckt das nicht, geht aber auf die Nerven. Nur kurz allerdings, dann wird die Suppe kalt und steht irgendwo rum, ohne die Geruchsrezeptoren weiter zu reizen. Die Miliz weiß, dass das Servieren der Suppe irgendwann seine Wirkung entfaltet.
Ich war beim Arzt. Der ist extra wegen mir am Samstag zum Dienst gekommen. Der Puls und der Blutdruck waren ganz niedrig. Also hat mich der Doktor nach bereits bekanntem Muster wieder an den Tropf gehängt und mir eine zweistündige Infusion mit verschiedenen Präparaten verabreicht. Es gefiele ihm, sagte er mit dem Blick auf mich, wenn er ein direktes und unmittelbares Ergebnis seiner Arbeit am Menschen registrieren könne und nicht nur irgendwelche Papiere hin und her schieben müsse: Meine Lippen hätten wieder eine rosige Farbe angenommen und den bläulichen Ton, wie man ihn von Hühnern in der Auslage sowjetischer Fleischtheken kenne, verloren. Während der Infusion haben wir uns wieder unterhalten. Der Doktor hat mir die Funktion der Nieren und die Übertragungswege der Tuberkulose erläutert. Ich habe ihm von meiner kurzen, abrupt unterbrochenen Karriere als Regisseur erzählt. Wir waren uns einig, dass es sich in einem eigenen Haus mit einem einfachen und gemütlichen Hof am besten lebt. Der Doktor will unbedingt eine Wirtschaft mit ein paar Tieren und sogar Ziegen. Ich will keine bäuerliche Wirtschaft und habe ihm gesagt, dass ich das schon hinter mir hätte. Er stellt sich das für die Zukunft vor. Im nächsten Monat hat er Geburtstag, vielleicht wird er zum Oberstleutnant ernannt und kann dann auf eigenen Wunsch vorzeitig in Rente gehen. Deswegen macht er sich Gedanken. Er würde sich gern mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in einem weißen Haus mit Kirschgarten niederlassen. Allerdings zieht er auch in Erwägung, im Norden zu bleiben. Ich habe mir die Bemerkung erlaubt, dass es mit den Kirschbäumen hier oben eher schwierig wäre. Ich wollte ihm gerade vorschlagen, sich irgendwo in Rosselló, bei Athos’ Haus niederzulassen, da wurden die Träume von der Kirschbaumblüte jäh von einem Zwischenfall unterbrochen. Dem Kater, der im Krankentrakt lebt, war schlecht, und zwar schrecklich schlecht. Zwei Häftlinge brachten den Herrn Kater herein, weil er sich nicht mehr bewegen konnte – seine vier Pfoten waren wirr ineinander verschlungen. Es war ein ganz gewöhnliches Tier, eine Promenadenmischung. Die Tierrettungssanitäter erklärten, er sei schon seit einer halben Stunde in diesem Zustand und hätte gerade etwas Violettes erbrochen.
Es wurden kurze und intensive Nachforschungen angestellt. Der Doktor brillierte wie Nero Wolfe, er blieb dabei in seinem Sessel sitzen und rauchte zwei ganze Zigaretten. Die Version mit der Lebensmittelvergiftung wurde ebenso schnell verworfen wie die Seekrankheit. Der zentrale Verdacht richtete sich auf einen Diversionsakt eines der etwa ein Dutzend Häftlingspatienten, die auf dieser Etage in drei Krankenzimmern untergebracht waren. Die Verordnungen wurden kontrolliert: Wer hatte an diesem Tag irgendwelche Psychopharmaka oder Mittel mit ähnlicher Wirkung erhalten, die einen violetten Überzug aufwiesen. Der Detektiv hatte sofort eine Vermutung, wer es gewesen sein konnte, jetzt mussten die Unterlagen nur noch den Beweis liefern. Und tatsächlich, ein rücksichtsloser Typ war der Täter. Der Arzt strich ihm sofort alle Medikamente, sagte allerdings, die Strafverfolgungsmedikation sei in seiner Einrichtung noch nicht abgeschafft worden, deswegen könne sich der Tierquäler am Montag auf etwas gefasst machen. Und er täte gut daran, für die Genesung des Katers zu beten, da die Höhe der Medikation vom Befinden des Tieres abhängen würde. Dem Kater ging es indessen noch nicht besser. Jemand schlug vor, ihn zu reanimieren oder zumindest stabilisierende Maßnahmen zu ergreifen. Außer dem Chef kamen alle angerannt. Sie wollten dem Kater die Pfote rasieren und waren schon im Begriff den Rasierer zu holen, aber es fand sich kein Experte, der sich sicher war, dass er die Vene des Tieres treffen würde. Also nahm man vorerst Abstand von einem medizinischen Eingriff und beschloss zu beobachten, wie sich der Zustand des armen Tieres entwickeln würde. Der Kater bekam Wasser eingeflößt und wurde in ein Bett gelegt.
Der Arzt war aufgebracht und wütend. Dabei konnte er Katzen eigentlich gar nicht leiden. Er ging ihnen aus dem Weg, denn er hatte eine Katzenhaarallergie. Er hatte erlaubt, dass der Kater angeschafft wurde, kam aber niemals in seine Nähe. Er war verärgert, weil sich jemand diesen bösen Scherz erlaubt hatte. Für Tiere, selbst für Katzen, hatte der Doktor mehr übrig als für böse Menschen. Als ich fertig war, ging es wahrscheinlich nicht nur mir, sondern auch dem Kater besser – er kam langsam zu sich und konnte sogar an der Wand entlangkriechen.
Als ich aus der Banja kam, war ich erschöpft und außer Atem, als wäre ich einen Cross gelaufen. Draußen war heute kein Wind, aber auch keine Sonne, nur Wolken, die nichts Gutes verhießen, außer vielleicht Regen, immerhin keinen Schnee.
Tag 14
Wieder stand die Nacht unter dem Stichwort Schlaflosigkeit namens Polartag. In den kurzen Traumfetzen arbeitete ich in einer Fabrik. Ich war in einem Bus mit einer weiteren Schicht von Arbeitern gekommen, aber ich durfte die Arbeit nicht antreten, weil ich keine Mütze hatte, jemand anders hatte sie aus Versehen in der Umkleide aufgesetzt. Wir waren alle irgendwie Militärangehörige, trugen aber Lagerkleidung, das Gefängnis hinterließ seine Spuren in den hiesigen Träumen. Dann kaufte ich mir eine Straßenbahnfahrkarte, zu der komischerweise auch eine Platzkarte gehörte, aber ich konnte meinen Platz nicht finden, es gab keinen Sitzplatz mit dieser Nummer. Ich stieg sogar an einer Haltestelle aus und hielt Ausschau, ob die Nummer etwa an den dort stehenden Bänken geschrieben stand. Als ich einen Bekannten sah, der mit einem LKW unterwegs war, bat ich ihn, mich mitzunehmen, aber im Wagen war kein Platz. So schlug ich die Zeit bis zum Morgen an der Haltestelle tot, ehe ich irgendwann erwachte.
Draußen ist es immer noch unfrühlingshaft trübe, es regnet zwar nicht, aber dafür ist es windig. Das Wetter hier im Norden ist nicht nur kalt, sondern auch sehr wechselhaft, ständig schlägt es um, ändert sich abrupt mehrmals pro Tag. Sollte es am Abend schneien oder sehr sonnig werden, es würde mich nicht wundern.
Ich sitze in einer Einzelzelle, und wer in einer Einzelzelle sitzt, hat Anspruch auf eine Essensration, die größer ist als die in der Kantine des allgemeinen Lagerbereichs. Ich kriege also immer einen Teller mit einem kleinen Berg Grütze, und die Kohlsuppe steht bis knapp unter den Rand. Wenn ich nun diesen vollen Suppenteller mit meinen unsicheren Händen zu einem anderen Platz trage, habe ich immer Angst, etwas zu verschütten. Dass ich dann den Boden wischen müsste, ist das kleinere Übel, aber die Beamten fotografieren die Ration mit dem Registriergerät, und wenn die Menge der Suppe beim Abtragen geringer ist, gilt der Hungerstreik als beendet. Deswegen schütte ich die Suppe auch nicht in den Ausguss. Es ist sowieso nicht in Ordnung, Essen wegzuwerfen. Deswegen muss ich mich damit abfinden, dass das Essen viele Stunden in meinem Zimmer steht.
Den ganzen Vormittag habe ich am Fenster gestanden und beobachtet, wie ein Dutzend Häftlinge einen großen Eisenzylinder mit einem langen Griff über eine eingezäunte Fläche rollten. Was sie mit diesem manuellen Asphaltieren bezweckten, verstand ich nicht. Zuvor waren hier eine ganze Woche lang drei arme Schweine mit Schaufeln und unterschiedlichem Erfolg damit beschäftigt, dieselbe Fläche umzugraben. Die Antwort folgte nach dem Mittagessen, als auf dem Terrain, das nunmehr eine wunderbar glatte Fläche war, auf einmal Häftlinge mit einem Ball hin und her rannten. Ein Minifußballfeld also. Und da eine Hälfte der Spieler zerschlissene rote Straßenarbeiter-Shirts über der Häftlingskluft trug, handelte es sich offenbar um einen Wettbewerb. Klar, heute war ja Sonntag, da stand laut dem allgemeinen Erziehungsplan entweder eine Kultur- oder eine Sportveranstaltung auf dem Programm. Heute also Sport. Leider konnte ich den Ball nur schwer verfolgen, weil mein Sichtfeld begrenzt war. Aber ich wusste auch so, dass hier nur Böcke spielen, Gefangene, die für die Verwaltung arbeiten, weil sie sich die Beamten gewogen machen, Belohnungen erhalten und ihre vorzeitige Entlassung erreichen wollen.
Kurze Zeit später entluden sich die Wolken doch in Niederschlag: Mal fiel er in feinen Flocken, mal als Sprühregen. Aber das Spiel wurde nicht unterbrochen, man wollte die Lagerleitung nicht verstimmen. Vielleicht hatte die Jungs aber auch einfach der Spieleifer gepackt, und ihre über den Winter steif gewordenen Körper waren dankbar für die Bewegung. Als das Spiel zu Ende war, kam die Sonne hervor. Ich glaube, alle waren zufrieden, selbst wenn der eine oder andere dabei nass geworden sein sollte, die spärlichen Zuschauer, die man als Wettkampfkulisse herbeizitiert hatte, eingeschlossen.
[…]
Zwei Wochen sind nun seit dem Beginn des Hungerstreiks vergangen. Die zweite Woche war erwartungsgemäß leichter als die erste. Ich habe mich daran gewöhnt, und die Infusionen helfen. Jetzt wird es von Tag zu Tag schwerer, das ist klar, die negativen special effects werden zunehmen, besser wird es nicht mehr. Aber ich gebe nicht auf, Hauptsache, mein Körper macht mit.
Tag 15
Die Schlaflosigkeit lässt mich nicht los, sondern laugt mich aus wie eine anspruchsvolle Geliebte. Die Nacht hat mir weder Erholung noch Erleichterung verschafft. Wieder bin ich sehr spät eingeschlafen und schon vor dem Wecken aufgewacht. (»Vor Sonnenaufgang« trifft es nicht, denn der Sonnenaufgang ist genauso verschwunden wie der Sonnenuntergang.) Ich bin noch gar nicht richtig zu mir gekommen und habe noch nicht einmal die Augen geöffnet, da war ein kleiner innerer Teufel schon in Schwung: Er sprang auf den »inneren Marktpatz« und wollte alle anderen Dämonen dazu verführen, sich über die Morgenmahlzeit herzumachen, ehe noch der Herr des Hauses munter war. Die anderen Dämonen – sicher verwahrt hinter einem soliden Zaun – tuteten ins selbe Horn. Endlich war ich wach, schlug die Hungerrebellion nieder und jagte die Dämonen zurück unter ihre Bänke und in ihre Hütten. Ich sagte ihnen, dass wir uns so wacker halten würden wie die Waräger nach dem zwölften Einschlag eines feindlichen Geschosses. Wahrscheinlich macht der Hunger dem Gehirn mehr zu schaffen als dem Magen.
Am Morgen fiel feiner Schnee, dem lediglich die entscheidende Portion Frechheit fehlte, um größere Flocken zu bilden, obwohl der pfeifende Wind ihn nach Kräften anstachelte. Der Musikwart hat einen Knastsong runtergeladen und spielt ihn den ganzen Tag rauf und runter. Ich finde, diese Lieder sind überhaupt nicht authentisch, die Interpreten singen über Dinge, die sie nie erlebt haben, und das merkt man, da nützen auch die heiseren Stimmen, Slangwörter und Subsprachen nichts. Die einzige Ausnahme ist wahrscheinlich Krug, der hat zwar nicht gesessen, aber er kann sich gut in einen Häftling reinversetzen, und das kommt dann auch rüber. Im Knast wird Chanson heute vor allem von den Leuten über 40 gehört, die jüngeren hören Gangsta-Rap oder Pop. Der Bock in meinem Gebäude ist übrigens einer von diesen alten Säcken, die in Bezug auf die Musik nicht besonders anspruchsvoll sind, wenn ich nach dem gehe, was da in den letzten zwei Wochen so aus seinem Rekorder zu hören war. Was mich aber viel mehr erstaunt, ist der Umstand, wie jemand, der sich von den normalen Formen des kriminellen und profanen Lebens verabschiedet und sich auf die Zusammenarbeit mit der Verwaltung eingelassen hat, und noch dazu in einem für normale Knackis so traurigen Bereich wie dem Sicherheitsdienst, nichts dabei findet, Songs laufen zu lassen, in denen die kriminelle Romantik und die Gemeinheit der Miliz besungen wird. Jeder Mensch findet eben eine Rechtfertigung für das eigene Verhalten und hält sich für einen guten Menschen.
Ich lese Jewgeni Ilf und Ilja Petrow. Gestern habe ich »Die zwölf Stühle« zu Ende gelesen, heute beginne ich »Das goldene Kalb«. Ich habe dieses Buch mit dreizehn schon einmal gelesen, und damals hat es mich nicht besonders angesprochen, was auch nicht verwunderlich ist, ich war einfach noch zu jung. Die Bücher sind nicht besonders dick, aber ich lasse mir Zeit. Allerdings ziehe ich die Lektüre nicht so in die Länge wie bei Murakami, irgendwie fehlt mir auch die Kraft zum Lesen. »Die zwölf Stühle« ist natürlich ein gutes Buch, aber die Verfilmungen gefallen mir besser. Vielleicht weil ich sie zuerst gesehen und mir seitdem noch mehrmals angeschaut habe, vielleicht kann ich überhaupt mit Filmen mehr anfangen als mit Büchern, vielleicht gibt es auch noch ganz andere Gründe. Das Original von Ilf und Petrow kommt mir ein bisschen blass vor, wie eine Schwarz-Weiß-Vorlage zum Ausmalen. Die Drehbuchautoren und Regisseure haben alles Überflüssige weggelassen, darunter auch die zeitbezogene Satire, von der es in beiden Büchern eine ganze Menge gibt, und sich auf das Wesentliche konzentriert. Sie haben die zeitlosen Protagonisten und die spannende Handlung aufgepeppt, Kernaussagen gefunden, sie mit Hilfe großartiger Schauspieler in Szene gesetzt, und so sind alle drei sowjetischen Verfilmungen Meisterwerke, gegenüber denen die literarische Vorlage abfällt, zumindest für mich. Ich habe auch andere, postsowjetische und sogar ausländische Verfilmungen dieses zeitlosen Stoffes gesehen, aber an die drei Streifen kommen sie nicht heran. Wobei Gaidais Film meiner Meinung nach schwächer ist. Er hat die Ironie der Autoren nicht richtig getroffen. Er zeigt viele professionelle Gags, originelle Einfälle und seine gewohnte Brillanz, aber trotzdem fehlt etwas. Und Bender ist bei ihm nicht der geniale Schlaukopf, sondern eher ein hektischer kleiner Betrüger. Sacharow indessen hat »Die zwölf Stühle« in einem eher gemächlichen Rhythmus aufgenommen, der später zu seinem berühmten Theaterstil geworden ist. Mit dem ehrwürdigen und intelligenten Mironow in der Hauptrolle und seinem wundervollen Partner Papa-now. Abgesehen von gewissen Längen, die dem Fernsehserienformat geschuldet sind, passt der Film besser zu Ilf und Petrow und gefällt mir besser als Gaidais Streifen. Und die älteste Schwarz-Weiß-Verfilmung der »Antilope« ist sowieso ein kleines Meisterwerk. Leider kann ich mich an den Namen des Regisseurs nicht mehr erinnern11, aber er hat so viel Klasse und Talent gezeigt, dass der Film einfach über jede Kritik erhaben ist. Vielleicht wagt sich deswegen niemand an eine Neuverfilmung, obwohl der Film schon fünfzig Jahre alt ist. Das lässt sich einfach nicht überbieten! An dem Film kann man lernen, wie es geht.
Besuch im Krankentrakt. Proben, Untersuchung, Infusion. Dem Kater geht es besser, aber der Doktor befürchtet neuropsychologische Folgen der Arzneimittelvergiftung. Der Tierquäler hat ein Geständnis abgelegt und zeigt Reue. Noch hat ihm der Doktor nicht verziehen, aber immerhin pumpt er ihn nicht länger mit Neuroleptika voll. Aus den Boxen an seinem Computer tönt ein Lied, ein Mix aus: »Gott schütze den Zaren« und »Das Imperium vergeht nicht, und ich weiß, die Seele kann nicht sterben«. Der Track des Tages, wenn der Vorhang fällt.
11Gemeint ist die Verfilmung von Michail Schweizer aus dem Jahr 1968, Anm. d. Red.
Tag 16
Die Nacht verlief überraschend ruhig. Ich bin schneller als sonst eingeschlafen und habe mich gut erholt. Schon gestern Abend waren Wolken aufgezogen, heute Morgen waren sie immer noch da und hatten Dächer und Erde weiß überstäubt. Der Neuschnee knirschte angenehm unter den Füßen der Passanten, als ich am Morgen die kleine Fensterklappe öffnete, um zu lüften.
Seit dem Morgen ist der Strom weg, aber noch ist die Zelle nicht ausgekühlt. Wie angenehm es doch ist, wenn man nicht ständig frieren muss. Ich schreibe diese Zeilen im vagen Licht eines nördlichwinterlichen Maimorgens. Es ist kaum heller als das, was in der Nacht durchs Fenster dringt und das Dauerlicht in der Nacht übertrifft. Ich fühle mich zwar schwach, aber ich zwinge mich, in der Zelle auf und ab zu gehen, wenigstens ein paar Schritte, mehrmals am Tag. Die Muskeln sind erschlafft, aber irgendeine Form von Bewegung brauchen sie doch. Ich habe so ein Gefühl der Schwere in den Beinen, als würde ein Gewicht dran hängen. An dieser Stelle musste ich an Arthur Burton mit der Fußfessel und der Eisenkugel und an seinen schlurfenden Gang denken.
Gegen Mittag war die dünne Schneeschicht getaut, und obwohl vom Himmel Verstärkung in Form von feinen Flocken kam, konnte sie ihre Position auf der feuchten Oberfläche nicht länger halten. Die Temperatur um den Gefrierpunkt tat ein Übriges. Kurze Zeit später wurde eine Gruppe von Häftlingen mit langstieligen Schrubbern auf die nasse Straße gejagt, als ginge es ans Wischen von Fußböden. Sie fegten die Reste von Wasser und Schmutz auf, manchmal auf die Schaufel, meistens einfach an den Rand. Im Ergebnis war die Straße mit ihrem Betonbelag blitzblank. Offiziell hieß sie Hauptallee, sie durchzog das kleine Lager in gerader Linie und war so breit wie eine zweispurige Straße. Alle Bewegungen der Häftlinge und alle Kontrollen – der Zählappell zweimal pro Tag – spielten sich dort ab. Alle Gebäude und Baracken mit ihren Zäunen, dem Stacheldraht und den winzigen Hofkäfigen schmiegten sich an sie. Alles war kompakt, lag dicht beieinander, die Wege waren kurz. Ein kleines Lager wie eine Stadt en miniature mit einer einzigen Straße und einem Dutzend Häuser. Von meinem Fenster aus konnte ich den letzten Abschnitt dieser Allee sehen, es war praktisch eine Sackgasse.
Die Häftlinge in der Allee, die ihre zwei Stunden Arbeit zur Verschönerung des Lagers geleistet hatten, darunter auch sogenannte Freiwillige, also solche, die nicht unter Zwang, sondern auf eigene Initiative hin tätig waren, weil sie sich so eine vorzeitige Entlassung erhofften, waren so was wie Aktivisten12 auf einer halben Stelle. Die Böcke legten natürlich nicht mehr selbst Hand an, sondern gingen zu zweit neben dem Putztrupp auf und ab und sorgten für ordentliche Arbeit und Disziplin. Geputzt wurde jeden Tag, manchmal sogar zweimal täglich. Welche Gerätschaften dabei zum Einsatz kamen, hing vom Wetter ab. Mal Schaufeln für den Schnee, mal Schrubber, mal Besen. Manchmal war es sinnvoll, ein anderes Mal – wie etwa heute – nicht. Aber eine Regel wurde – selbst wenn sie noch so absurd war – nicht in Frage gestellt, also wedelte man wenn nötig mit einem Feger auf der sauberen Allee herum oder jagte – wie jetzt – ein paar Wassertropfen nach, die ohnehin vor den Schrubbern in die unzähligen Spalten flohen, von denen die Betonplatten auf der Straße überzogen waren. Da ich den roten Streifen für »fluchtverdächtig« trug, musste ich mich nicht mit dem sinnlosen Beseitigen von Niederschlägen abplagen, solche wie ich wurden nicht ohne triftigen Grund nach draußen gejagt. Alles hat eben auch seine gute Seite.
Gestern habe ich endlich meine Zeitungen bekommen! Ganze zwei Wochen hatte ich darauf gewartet, nun wurden sie mir endlich ausgehändigt. Ich habe hier die Nowaja Gaseta abonniert, die lese ich mit Unterbrechungen schon die ganzen vier Jahre, seit ich in Haft bin. Dank dieser Zeitung weiß ich wenigstens, was in Russland, in der Welt und vor allem in der Ukraine passiert. Das ist wahrscheinlich eine der letzten normalen Zeitungen hierzulande. Sie berichtet vorwiegend über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Sport. Das Übliche eigentlich, aber die Artikel sind gut, interessant und vor allem wahrheitsgetreu geschrieben. Allein das reicht schon aus, um in der heutigen russischen Gesellschaft als Oppositionelle, Volksfeinde und Erfüllungsgehilfen des State Department zu gelten. Obwohl die Volksfeinde normalerweise nicht in kleinen Redaktionen, sondern in geräumigen Büros sitzen. Die Zeitung erscheint dreimal pro Woche, aber die Ausgaben treffen hier im Lager mit ein- oder zweiwöchiger Verspätung ein. Ich bin froh, dass sie mir den Fernseher und nicht die Zeitung weggenommen haben. Lieber erfahre ich die Wahrheit mit zwei Wochen Verspätung, als dass ich jeden Tag mit neuen Lügen gefüttert werde. Eine Ausgabe ist ausschließlich den Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkrieges gewidmet. Sehr interessant. Der Krieg – für mich nach wie vor eines der spannendsten historischen Themen – ist wie ein riesiger schwarzer Brandfleck auf der ganzen Menschheit. Hier geht es um die Menschen, die vielleicht mehr gelitten haben als alle anderen, um die Kriegsgefangenen. Du liest die ganzen Geschichten und begreifst, dass das, was mit dir passiert, nicht mal ein Zehntel so schlimm ist wie das, was jeder Einzelne von ihnen durchgemacht hat. Die heutigen Bedingungen sind mit denen von damals gar nicht zu vergleichen. Die größte Tragödie der sowjetischen Kriegsgefangenen bestand aber gar nicht einmal darin, dass zwei Drittel von ihnen in der Gefangenschaft gestorben sind, und auch nicht darin, dass sie furchtbare Entbehrungen und Qualen erleiden mussten, zu denen das Fehlen jeglicher Nahrung und oftmals Schwerstarbeit gehörten. Sondern darin, dass viele nach ihrer Rückkehr ins Gefängnis mussten und mit Verachtung gestraft wurden, und selbst wenn ihnen das Gefängnis erspart blieb, war die Verachtung bisweilen schlimmer. In der Heimat hielt man sie für Feiglinge und Verräter und behandelte sie entsprechend. Sie mussten mit diesem nicht zu tilgenden Fleck auf ihrer Biografie und vor allem in ihrem Inneren leben, so wollte es die Stalinsche Politik, und so wurden sie vom sowjetischen Volk behandelt, das der Partei und dem Führer ergeben war. Ein verfluchter Staat. Ungerechtigkeit ist meiner Meinung nach einer der zentralen Begriffe in diesem Krieg.
Ein Artikel hat mich dann wieder zu dem Buch von Murakami zurückgebracht, das ich kürzlich gelesen habe, und zwar zu den Episoden über die japanischen Gefangenen, die in einem Lager in Irscha (Krasnojarskij Kraj) unter unmenschlichen Bedingungen gearbeitet haben und umgekommen sind. Murakami ergreift Partei für seine Landsleute, das merkt man dem Text an, das ist auch normal. Beiläufig erwähnt er die Exekution von mehreren Chinesen in der von Japan besetzten Mandschurei, angeblich war da alles rechtens, und trotzdem hatte der junge Offizier, der die Hinrichtung befehligte, große Gewissensbisse, zusammen mit dem Autor natürlich. Schön, elegant und nachvollziehbar beschrieben. Leider hat Murakami vergessen, wie die Japaner die von ihnen festgesetzten Engländer und Amerikaner behandelten, unter welchen Bedingungen sie lebten und wie hoch ihre Sterblichkeit war. Und die Millionen von getöteten chinesischen Zivilisten sind sowieso ein Thema für sich, das Japan nicht gerade zu Ehren gereicht. Jeder Staatsbürger und erst recht jeder Patriot versucht die Leistungen und Leiden des eigenen Volkes und Landes in den Vordergrund zu stellen und die Verbrechen zu ignorieren, unter den Teppich zu kehren oder nur am Rande zu erwähnen. Die Nowaja Gaseta schreibt über dieses Lager in Irscha, nicht nur Japaner, sondern auch Gefangene aus anderen unterlegenen Kriegsparteien und sowjetische Häftlinge mussten in den dortigen Bergwerken arbeiten. Im ersten Winter sind tatsächlich mehr Japaner als andere gestorben, aber das hatte nichts mit den Bedingungen zu tun, die waren für alle gleich, die Japaner sind einfach mit dem harten Klima in Sibirien und dem ungewohnten Essen nicht zurechtgekommen. Es dauerte keine drei Jahre, bis sie alle repatriiert wurden und auf ihre Insel zurück durften, aber Stalins Maschinerie zermalmte weiter menschliche Leben und Schicksale, wobei sie keinen großen Unterschied zwischen Russen, Japanern oder wem auch immer machte.
In der Zwischenzeit haben wir wieder Strom, und draußen scheint die Sonne.
Das Leben geht weiter.
12Die Aktivisten sind Rote, Böcke: Gefangene, die mit der Verwaltung kollaborieren, in der Kantine, Kleiderkammer, als Bibliothekare oder Barackenälteste verrichten sie die unterschiedlichsten Tätigkeiten.
Tag 17
Eine schwere Nacht. Ich habe wieder schlecht geschlafen und war lange vor dem Wecken munter. Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als morgens mit Kopfschmerzen aufzuwachen. Später habe ich dann in mehreren Anläufen noch ein bisschen Schlaf nachgeholt. Wieder Schwindel, dunkle Punkte vor den Augen und Ohrensausen. Heute bekomme ich wieder eine Infusion, was soll’s, das hilft immerhin.
Über Nacht hatte sich Schnee auf die Barackendächer gelegt, aber der feuchte Morgen hat ihn schnell vertrieben. Ein paar besonders hartnäckige, hohe Schneehaufen, die schon mächtig geschrumpft sind, leisten noch Widerstand und verteidigen verzweifelt ihre Streifen an den Zäunen wie die Deutschen Berlin.
Heute ist ein ganzer Haufen Natschalniki mit vor Sternen strotzenden Schulterklappen dagewesen. Sie haben mich gefragt, ob ich an einer Videokonferenz mit einem Bonzen aus Moskau, einem Mitglied des Föderationsrats, teilnehmen würde. Ich habe kurz überlegt und zugesagt. Manchmal muss man einfach Verhandlungen mit dem Feind führen, und sei es nur, um seine Kapitulation entgegenzunehmen. Dazu wird es hier sicher nicht kommen, wahrscheinlich wird er nichts sonderlich Konkretes sagen, sondern sich wie üblich nach meinen Haftbedingungen und meinem Befinden erkundigen. Aber eine offizielle Persönlichkeit von diesem Rang wird wohl kaum aus eigener Initiative und ohne die Zustimmung oder eine Anweisung von oben den Kontakt zu mir suchen. Das ist natürlich ein gutes Zeichen, aber warten wir erst einmal das Gespräch ab, die Tatsache, dass es stattfindet, ist wahrscheinlich wichtiger als sein Inhalt.
Aus der Kleiderkammer habe ich eine neue Häftlingsuniform, Hausschlappen, Bettwäsche und drei Paar Socken bekommen. Eine merkwürdige Zusammenstellung, vor allem wenn man bedenkt, dass ich eigentlich nichts davon brauche. Aber das ist hier immer so: Wenn du was brauchst, kannst du betteln, bis du schwarz wirst; wenn du nichts brauchst, schmeißen sie dir irgendwas hin, was ihnen gerade in die Hände fällt, nur damit sie in ihrem Bericht vermerken können, dass sie sich gekümmert haben.
Heute habe ich fast einen halben Tag im Krankentrakt zugebracht. Wieder Proben, dieses Mal auch noch Blut aus der Vene. Es wollte nicht in den vorgesehenen Behälter laufen: niedriger Blutdruck und zu dickflüssig, sie mussten den zweiten Arm nehmen. Untersuchung. Der Oberdruck ist tatsächlich unter hundert. Die anderen Parameter sind ganz in Ordnung, die Werte sind nicht exzellent, aber auch nicht schlecht. »Bislang ohne besondere Vorkommnisse«, wie sich der Arzt auszudrücken beliebte. Der richtige Einbruch käme nach der dritten Woche. Schauen wir mal, ich dachte, nach der zweiten. Sie haben ein EKG gemacht, das war auch unauffällig. Gut, dass es noch halbwegs in Ordnung ist. Aber das kommt sicher von den Infusionen, danach fühle ich mich immer besser und sehe, meint der Arzt, auch frischer aus. Diesmal waren es schon anderthalb Liter. Die Menge wird langsam gesteigert, und vielleicht kommen auch noch andere Substanzen hinzu, schließlich hat mein Körper keine endlosen Reserven. Wenn sie zu Ende gehen, wenn der kritische Punkt erreicht ist, würde der Doktor mich, das hat er schon angekündigt, zwangsernähren, sterben lassen würde er mich nicht. Nicht wegen mir, sondern wegen meiner Mutter und den Kindern. Künstliche Ernährung, das sind dann keine Nährlösungen aus der Flasche mehr, sondern ein Gummischlauch, der durch die Nase in den Magen führt. Eine ganz unangenehme Sache. Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt. Und wenn doch, dann kann ich mit Sicherheit keinen Widerstand mehr leisten oder irgendwelche Erwägungen anstellen. Diese Grenze ist bei jedem Menschen individuell. Mal sehen, wo sie bei mir liegt.
Dann musste ich zum Psychiater und zum Endokrinologen. Bei allen dasselbe, sie machen sich Sorgen und kündigen Kontrollen an. Für den Psychologen hat meine Kraft nicht mehr gereicht, ich habe abgesagt. Wieder Kärtchen sortieren, auf dämliche Fragen antworten und diesen unglückseligen Gefängnispsychologen, die eigentlich selbst Hilfe brauchen, ins Gesicht sehen, dazu war ich nicht mehr in der Lage. Ich hatte heute schon genug Aufmerksamkeit von Seiten der Miliz, mehr als genug. Und sie steigert sich von Tag zu Tag, das macht mich stutzig. Dafür hat mir der Doktor ein paar frappierende Geschichten aus seiner fünfzehnjährigen Dienstzeit als Lagerarzt erzählt, sein Fundus ist unerschöpflich. Besonders beeindruckend fand ich die Geschichte von einer älteren alleinerziehenden Mutter und ihrem Sohn, einem aidskranken Ex-Junkie, der in dem Lager hier saß. Wie er über und über mit Einstichstellen bedeckt war und sie die finstersten Spelunken abgeklappert hat, um ihn aufzuspüren. Wie er sich angesteckt hat und dann eingerückt ist. Schon damals ging es ihm gesundheitlich nicht besonders gut, obwohl er noch nicht alt war, und im Knast wurde es nicht besser. Der Doktor hat ihn bestmöglich versorgt und schließlich erreicht, dass er aktiviert wurde – vorzeitig entlassen wegen seines schlechten Gesundheitszustandes. Wie er den Burschen schließlich unterhakte und nach draußen führte, während der sich mit der anderen Hand auf einen Stock stützte, weil er kaum noch laufen konnte. Wie die Mutter die beiden sah und ihnen an dem langen Zaun aufgelöst entgegenkam. Wie sie weiter telefonisch in Kontakt blieben und der Doktor ihn behandelte, weil die medizinische Versorgung draußen nicht unbedingt besser war. Er spritzte sich nicht mehr – weil er nicht mehr wollte und auch nicht mehr konnte. Wie es ihm schlechter ging und er ein halbes Jahr später nicht mehr laufen konnte. Fünf Jahre hat er noch gelebt, die er mit seiner geliebten Mutter verbrachte. Für die beiden war das eine gute Zeit, weil sie zum ersten Mal wirklich glücklich waren.
Tag 18
Die Nacht war recht ruhig, ich habe lange geschlafen und bin ausgeruht. Am Morgen musste ich allerdings drei, vier Mal aufstehen: Erst das Ritual des feierlichen Auf- und Abtragens der Speisen, dann die Kontrolle, dann die Registrierung … Heute kam direkt nach dem Wecken der Diensthabende mit einem Thermometer, weil er die Temperatur in der Zelle messen wollte. Ich habe ihn abgewimmelt und gesagt, ich würde nicht mehr frieren.
Trotz der vielen Unterbrechungen am Morgen hat sich der Schlaf wie aus einem Guss angefühlt. Im Gefängnis hat man ja einen besonders empfindlichen Schlaf. Ich wache nicht auf, wenn ich geweckt werde oder wenn die Zellentür plötzlich quietscht, sondern schon lange vorher, wenn jemand auch nur vor der Tür stehen bleibt oder spätestens wenn das eingeschaltete Videoregistriergerät leise piepst. Das Gefängnis lehrt den Menschen, immer auf der Hut zu sein, Antenne an, wie sie hier sagen, selbst wenn du schläfst. […] In der Nacht hatte ich wieder mehrere Träume, sie waren kurz, bewegt und wie immer zusammenhanglos. Einen Traum habe ich mir gemerkt. Ein großer Asteroid raste auf die Erde zu, und weil der Untergang der Menschheit unmittelbar bevorstand, wurde eine Generalamnestie verkündet. Meine Familie holte mich ab, wir waren im Auto unterwegs. Wir hielten an einem Laden. Ich ging hinein, um einzukaufen, und als ich wieder auf den Parkplatz kam, tauchte am dunklen Abendhimmel dieses Objekt auf. Weil der Himmel bewölkt war, konnte ich es nicht genau erkennen, aber den Umrissen nach musste es riesig sein, dutzende Male größer als der Mond in der Nähe. Die Leute neben mir blieben auch stehen und schauten nach oben auf diese dunkle Silhouette. Wir hatten weder Angst noch eine Vorahnung, dass wir gleich alle umkommen würden, es war eher wie ein apokalyptisches Ergötzen an einem ungewöhnlichen Regenbogen oder einer Finsternis. Aber natürlich war da auch so etwas wie Ausgeliefertsein und Bedrückung. Dann änderte sich das Licht, und das Objekt geriet aus dem Blickfeld, obwohl natürlich alle begriffen, dass es immer noch da war und unaufhaltsam näher kam. Die Leute wandten sich wieder ihren Beschäftigungen zu, aber ohne jede Eile, und wir fuhren weiter. Wohin, war unklar: entweder nach Hause, um Abendessen zu machen, oder an einen sicheren Ort, obwohl es den nicht gab. Wie in »Melancholia« von Lars von Trier. Schrecklich und faszinierend zugleich.
Am Morgen reichte die Kraft des Schnees lediglich für spärlichen Reif auf den Dächern, der später taute, aber der Tag blieb trotzdem sehr kalt und windig. Ihn als frühlingshaft zu beschreiben, weigert sich der Stift. Es heißt, wenn das Eis von den Flüssen verschwunden ist, wird es wärmer. Das kann ich nur schwer glauben. Ich fürchte eher, dass es hier nie wärmer wird. Morgen ist immerhin Sommeranfang …
Ich wurde zu dem gestern angekündigten Videoanruf gebracht. In dem kleinen Telefonraum saßen so viele Natschalniki, dass sich nur mit Mühe ein Platz für den Stuhl fand, auf dem ich sitzen sollte. Vor dem Guckloch standen noch weitere Schulterklappenträger. Ein Event in der Provinz. Die Videoverbindung wurde nicht über die offizielle Leitung hergestellt, sondern einfach über Skype mit Laptop und Webkamera. Die Verbindung war wackelig, aber Bild und Ton funktionierten.
Der offizielle Vertreter war erstens eine Vertreterin, Ljudmila Borissowna, und zweitens die Mutter von Xenia Sobtschak. Das fand ich während des Gesprächs heraus. Eine ziemlich nette Frau, sie war zwar Duma-Abgeordnete, hatte den Anruf aber selbst initiiert. Weil sie sich nach meinen Befinden, den Haftbedingungen und den anderen üblichen Dingen erkundigen wollte. Ich sollte ihr noch einmal erklären, was ich bezweckte und ob ich nicht etwa aufgeben wolle. Ich wiederholte das, was ich schon dem Anwalt gesagt hatte, als ich den Hungerstreik begonnen hatte, vielleicht etwas ausführlicher. Das Gespräch war zwar anfangs etwas förmlich, was ich auch erwartet hatte, aber es wurde in einem vertrauensvollen und wohlwollenden Ton geführt. Etwas später trat auch Xenia in Erscheinung. Zunächst hörte man ihre Sätze aus dem Off, dann kam sie selbst ins Bild: Zuerst sah man die Haare, dann die Brille, dann die Augen, dann war sie ganz da, teilte sich den Bildschirm mit ihrer Mutter und übernahm irgendwann natürlich die Initiative. Worte der Unterstützung, die Bitte aufzuhören, Infos über Solidaritätsaktionen. Alle redeten durcheinander. Die ständigen Lags13 im Skype taten ihr Übriges, um das Chaos zu verstärken. Xenia zeigte ein T-Shirt mit der Aufschrift »Freiheit für Senzow«. Ich machte das Victory-Zeichen und rief »Ruhm der Ukraine!«. Aus dem seriösen Gespräch war eine lustige Show geworden, aber wir drei waren zufrieden. Ich sagte ihnen, meine Mutter hieße auch Ljudmila, was sie allerdings schon wussten. Ich kann mich nach wie vor schwer an den Umstand gewöhnen, dass fremde Menschen so viel über mich wissen. Wir verabschiedeten uns gut gelaunt, sehr vertraut.
Als die Vorstellung zu Ende war, schaute ich die Beamten an – zufrieden war keiner, Fragen hatte auch niemand. Ich verabschiedete mich von denen, die sich zu dieser Schau versammelt hatten, und ging mit dem Diensthabenden in meine Klause. Die Freundlichkeit, mit der sie mich einlullen wollen, reichte heute übrigens so weit, dass sie mich mehrmals nicht mit dem Familiennamen, sondern mit dem Vornamen ansprachen. Ich bin gespannt, ob sich diese Tendenz nach dem heutigen Videoanruf fortsetzt oder ob es nur eine aufgesetzte Freundschaft auf Zeit war.
Gegen Abend brach draußen ein Schneesturm los: Wind, Schnee, Feuchtigkeit und Nebel.
13Lag, Gamersprache, Unterbrechung des Spiels aufgrund technischer Probleme
Tag 19
Der erste Sommermorgen sieht in Labytnangi wie folgt aus: Die Dächer, die Fenster, die Erde, der kleine Platz, auf dem die Häftlinge neulich Fußball gespielt haben, ist von Schnee bedeckt, Schneestöße fegen über die zentrale Allee. Der Wind heult wie eine hungrige Wölfin. Die Sicht beträgt ungefähr fünfzig Prozent, weil mein Fenster von der anderen Seite auch von Schneeflocken zugeweht ist. Ich möchte keinen Kommentar zu dieser Situation abgeben.
In aller Frühe sind zwei Vollzugsbeamte mit einem großen Thermometer gekommen und haben ein weiteres Mal die Temperatur in der Zelle gemessen. Über 20 Grad. Zufrieden sind sie wieder gegangen. Ich bin schon längst zufrieden, seit ich nämlich den Elektroheizer habe. Nach dem gestrigen Telefonat nimmt die Freundlichkeit und Aufmerksamkeit der Milizionäre absurde Züge an. Da ich im gestrigen Gespräch erwähnt hatte, dass ich hier im Norden im letzten halben Jahr schon zwei Zähne verloren habe, waren die oberen Chargen allgemein beunruhigt und behelligten den Doktor mit Anrufen, da sie meine gesundheitliche Verfassung und die Berichte über den Zustand dieser zwei Zähne alarmierend fanden. Einen halben Tag lang gab der Doktor zähneknirschend und – meistens – geduldig am Telefon Auskunft und schickte entsprechende Bescheinigungen nach oben. Grundtenor: Die Zähne seien nun mal futsch, da sei nichts mehr zu machen, da sie wohl kaum nachwachsen würden. Der Zustand des geschätzten Patienten bewege sich indessen weitestgehend im Normbereich, wobei er natürlich nicht vollkommen normal und schon gar nicht gut sein könne, was aber am Hungerstreik liege. Nahezu täglich würden Untersuchungen gemacht und Proben genommen und die medizinische Versorgung sei tadellos, man solle sich da oben um die eigenen Angelegenheiten kümmern, ihm obläge die Verantwortung für den Patienten wie im Allgemeinen für den gesamten Krankentrakt, dessen Arbeit nun wegen dieses Großalarms für mehrere Stunden praktisch zum Erliegen gekommen sei. Auch hier spare ich mir den Kommentar, die Situation ist auch so klar.
Es wurde extra ein Kardiologe her beordert, der mich untersuchen sollte. Hat er gemacht. Und gesagt, dass bis jetzt alles in Ordnung sei. Das ist erfreulich, weniger erfreulich war sein Ausdruck »bis jetzt«. Aber bis jetzt brauche ich mir darüber noch keine Gedanken zu machen. Als die Infusion gelegt wurde, ist die Vene geplatzt, die Lösung ist unter die Haut gelaufen, und es hat sich eine Blase gebildet. Also kam der andere Arm an die Reihe, die Beule, hat die Schwester gesagt, würde »sich verlaufen«. Sie hat dann für alle Fälle eine kleinere Nadel genommen, weswegen die ganze Prozedur geschlagene vier Stunden gedauert hat statt der üblichen zwei. Ich fand das total mühsam, ist echt anstrengend, so eine Infusion, besonders wenn sie sich so in die Länge zieht.
Dann war noch irgendein Vorgesetzter von meinem Doktor da, auch ein Oberstleutnant. Hatte einiges zu erledigen, ist aber natürlich auch wegen mir gekommen. Es dauert nicht mehr lange, und der ganze Apparat ist nur noch mit einem einzigen Patienten beschäftigt. Er hat auch einen Blick auf meine Werte geworfen. Berauschend sind sie natürlich nicht, aber für die Länge des Hungerstreiks auch nicht völlig katastrophal. Für Montag wurde ein Konzil mit einem knappen Dutzend Ärzte anberaumt. Nicht von hier, sondern von draußen. Anfang nächster Woche wird es also hektisch: Awtosak, Transport durch die Stadt, Gang durch das zivile Krankenhaus in militärischer Begleitung und Verschrecken des Personals und der Besucher durch verstörenden Anblick. Unser Zirkus gibt ein eintägiges Gastspiel in der Stadt. Keine Ahnung, wozu das nötig ist, hat wahrscheinlich was mit der von oben verordneten Fürsorge zu tun, die mir langsam auf die Nerven geht.
Draußen heult unterdessen der Sommer à la Labytnangi.
Tag 20
Der Allgemeinzustand hat sich stabilisiert, der Schlaf ist ruhiger geworden, ich kann länger schlafen, obwohl ich nach wie vor Thermounterwäsche und Socken trage, das ist nicht besonders angenehm, aber warm. Komischerweise fühle ich mich jetzt besser als zu Beginn des Hungerstreiks. Der Organismus hat sich offenbar umgestellt, und die Infusionen zeigen Wirkung. Die Schwäche macht mir natürlich zu schaffen, aber was soll’s, wo soll die Kraft auch herkommen.
[…]
Heute Morgen war der Beamte mit seinem Thermometer wieder da – wir haben also ein neues Ritual. Als das Mittagessen gebracht wurde, kam anstelle des Diensthabenden sein Stellvertreter aus der anderen Schicht, das war der, den ich ganz zu Anfang mit meiner Hungerstreik-Erklärung »überfallen« hatte. Er war damals ziemlich erschrocken und hat mich praktisch am Schlafittchen in die Dienststube geschleift, denn die Erklärung eines Hungerstreiks ist ein besonderes Vorkommnis, und kein Beamter möchte, dass sich so etwas in seiner Schicht ereignet. Jetzt war er gar nicht wiederzuerkennen, hinsichtlich Moral und Kultur ein ganz anderer Mensch, wahrscheinlich machte er auch beim Flashmob »Der nette Milizionär« mit. Ich musste lachen, als ich hörte, wie der Suppenkapo ihn vor der Tür instruierte und ihn über alle Facetten des Essensverweigerungsrituals in Kenntnis setzte. Der Milizionär mit seiner neu erworbenen Höflichkeit war zum ersten Mal an diesem Spektakel beteiligt und wollte sich keine Blöße geben, der Suppenkapo veranstaltete die Show dreimal täglich, weswegen er jedes Detail bis ins Letzte auswalzte. Kaum betrat nun ein neuer Schauspieler die Bühne, kam es auch schon zu einer kleinen Irritation. Die große Stahltür an der Zelle verfügt neben dem Schloss auch noch über eine Kette. Sie verhindert, dass sich die Tür sofort vollständig öffnet. Normalerweise schiebt der Beamte erst den Kopf, dann die Hand durch den Türspalt und, prüft mit einem Rütteln, ob die zweite, die Gittertür, auch verschlossen ist. Erst danach wird die Kette abgenommen, und es folgt der übliche Begrüßungsdialog. Ich drehe mich mit dem Gesicht zur Wand, dann wird die Gittertür geöffnet, und der Suppenkapo kommt mit seinen Tellern hereinspaziert. Heute allerdings war die Kette nicht vorgelegt, und die Stahltür sprang sofort auf. Der Milizionär war völlig perplex, hatte sich aber schnell gefasst und spielte seine Rolle weiter. Er schloss die Tür wieder, hakte die Kette ein und wiederholte den Vorgang nach dem vorgeschriebenen Muster, obwohl die ganze Aktion bar jeder Vernunft war. Es ist zwecklos, in diesem System nach irgendeiner Form von Vernunft zu suchen. Man kann diese Provinzposse nur mit einem müden Lächeln quittieren.
Der Wasserwart ist inzwischen zu einem Wart der Stille geworden. Er bringt mir nach wie vor mein heißes Wasser, aber er spricht nicht mit mir, höchstens ganz kurz, angelegentlich, wenn er mir den Rasierer gibt oder etwas anderes. Sein Gesicht habe ich schon lange nicht mehr gesehen, ich begnüge mich mit seiner Stimme und seinen Händen, was mir aber vollkommen ausreicht.
Inzwischen projizieren meine Dämonen abends keine Restaurantspeisen oder Hausmannskost mehr vor mein inneres Auge. Sie suchen sich etwas so Konkretes und Realistisches wie die Balanda und fallen nicht mehr auf meine kulinarischen Wahlkampfversprechen herein. Sie beknien alle und jeden in meinem Gehirnkasten, versuchen, ein Komplott mit den Händen zu schmieden, um ein paar Löffel Grütze oder Suppe abzufassen, wenn ich mit dem Rücken zur Zellenwand stehe. Die Dämonen kennen keine Moral, sie verstehen nicht, dass man jeden täuschen kann, sogar die Videokamera, nur nicht sich selbst. Denn damit muss man leben, und leben soll man ja, das wissen wir von Solschenizyn, nicht mit der Lüge. Als die Dämonen gemerkt haben, dass aus ihrem Plan vorerst nichts wird, bilden sie einen Hungerkreis und träumen von einer Diät, von einer doppelten Ration also, die ich bekomme, wenn ich den Hungerstreik beende. Brot mit Butter, besser gesagt mit Margarine, ein bisschen fetteres Fleisch auf der Suppe, eine halbe Tasse Milch statt einer kleinen Pfütze. Aber ich löse die Dämonenversammlung auf. Für eine doppelte Ration oder einen gestohlenen Löffel Suppe werde ich meine Prinzipien nicht verraten.
Als ich so zehn, elf war, bekamen wir im Sommer immer Besuch von Verwandten. Es waren viele, die meisten lebten im Ural, auf der Krim waren wir die einzigen. Also kamen sie zu Besuch oder auf Urlaub oder machten bei uns Station auf dem Weg in den Urlaub, es waren in jedem Sommer mehrere Delegationen, manchmal kamen sie auch für länger und verbrachten ihre ganzen Sommerferien bei uns. Das war in der Sowjetunion so üblich, und zwar nicht nur unter Verwandten und Freunden, sondern auch unter Bekannten. Die Leute waren freundlicher und offener, auch unsere Familie, wir hatten immer gern Gäste. Neben dem Ökotourismus auf dem Dorf und am Meer waren Ausflüge auf der Halbinsel ein Muss. Mit diesem Besuch fuhren wir nach Bachtschissaraj, sahen uns den Palast des Khans an, in dem sich ein Museum befand, und was es da sonst noch Sehenswertes gab. Ich war bestimmt vorher schon mal in dem Museum gewesen und später noch viele weitere Male, aber dieser Ausflug ist mir im Gedächtnis geblieben. Weniger der Ausflug an sich, der fast den ganzen Tag dauerte, als der Besuch des besagten Khanspalastes. Und es war auch weniger das Abschreiten der Gemächer, das Betrachten der Ottomanen, auf denen sich der Khan mit seinen Kissen gerekelt hatte, es waren nicht die kleinen Innenhöfe mit den Springbrunnen usw. Der Palast machte keinen großen Eindruck, schon gar nicht auf Erwachsene. Der damalige Herrscher der Krim lebte nicht luxuriös, und wenn man das sieht, ahnt man, wie schlecht es den einfachen Menschen gegangen sein muss. Ich fand etwas anderes beeindruckend – ein Bild, nicht seinen ästhetischen Wert, sondern das, was auf dem Bild dargestellt war. In einem Raum, offensichtlich in diesem Palast, stand ein Mann, seiner Kleidung nach zu urteilen slawischer Herkunft, umringt von verstörten und erschrockenen Dienern, Hofleuten und der Leibgarde des Khans. Der Herrscher saß auf seinem Thron, trampelte wütend mit den Füßen und schaute den Gast zornig an. Dieser stand würdevoll und gelassen da und blickte dem Khan direkt in die Augen. Die Reiseleiterin erzählte uns die Begebenheit, die dem Bild zugrunde lag. Ich kann mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, aber die Geschichte war ungefähr folgende: Bei dem Mann handelte es sich um einen Gesandten, der zum Khan geschickt worden war und sich nicht vor ihm niederwerfen wollte, was nach hiesigen Gepflogenheiten als unverschämt galt. Der Khan wurde zornig und warf ihn ins Verlies, in dem er zwanzig Jahre saß und als kranker Greis starb. Diese Geschichte hat mich damals sehr beeindruckt. Es kam mir schrecklich und unmöglich vor, auf das Leben, auf die Sonne im Sommer und alles andere verzichten zu müssen, nur weil man sich nicht vor dem Herrscher verneigen wollte. Der Zehnjährige von damals war nicht zu der Haltung bereit, die der abgebildete Abgesandte hatte, und blieb fasziniert vor dem Gemälde stehen. Ich bin froh, dass im Leben dieses Jungen viele Dinge geschehen sind, die ihn stark verändert haben, und als der Moment gekommen war, den er weder erwartet noch herbeigesehnt hatte, konnte er die richtige Entscheidung treffen. Zwanzig Jahre Kerker sind durchaus ausgemessen, um einem Tyrannen wenigstens einmal die Verbeugung zu verweigern.
Inzwischen sind das Fenster, die Dächer und auch der Weg wieder schneefrei, aber es fallen immer noch feine Flocken, am Straßenrand liegen Schneehaufen, die die Häftlinge mit großen, haarsträubend quietschenden Schlitten auf der Betonstraße abtransportieren.
Heute geht’s in die Banja. Ich habe meine kleine Hütte geputzt, die Bettwäsche und die Unterwäsche gewechselt, mich geduscht und rasiert. Ich fühle mich herrlich erfrischt, aber auch so schlapp, als hätte ich einen ganzen Anhänger Kohle entladen. Das Wort des Tages des diensthabenden Wachmanns, der mich heute begleitet hat: »Von dir gibt’s ja eine Menge interessantes Zeug auf YouTube.«
Tag 21
In der Nacht habe ich geträumt, ich bin bei der Amtseinführung von Putin dabei und stehe in einer vorderen Reihe vor der Bühne. Mit Tränen in den weit aufgerissenen Augen singt der Führer ein Lied, und die Menge singt mit. Ich singe nicht, obwohl ich wie viele andere auch ein Mikro vor mir stehen habe. Danach kommt ein Ethnofilm über zwei indianische Mädchen aus Mittelamerika, die sich im Wald eine Hütte bauen. Nur das eine Mädchen wohnt dort, das andere kommt mit dem Fahrrad zu Besuch, um ihr zu helfen. Zum Schluss bin ich auf einem Empfang in einem Luxushotel, mit Taschen aus dem Knast, die Dame an der Rezeption will mich nicht einchecken lassen, obwohl sie sagt, es sei alles in Ordnung, das Zimmer sei bis zum Ende des Festivals für mich reserviert und ich würde schon von allen erwartet. Dann kommen Dmitri Malikow und seine Frau oder Freundin. Wir begrüßen uns, er setzt sich neben mich auf einen Hocker, sie umarmt mich von hinten, sie sagen, wie froh sie seien, mich zu sehen. Was wollen die denn hier? Träume haben ja ihre eigene oder besser gesagt keine Logik. Es lohnt sich nicht, nach einem tieferen Sinn zu suchen.
Am Morgen hatte der Schnee wieder alle Flächen in Beschlag genommen und nur wenige schwarze Punkte und Streifen in der Landschaft unberührt gelassen. Dann folgte sein hartnäckiger Kampf gegen die Feuchtigkeit, die sich ein Stück Straße und einen Teil der Dächer zurückeroberte. Die eingeteilten Häftlinge kratzten mit ihren Schaufeln und Schlitten über die zentrale Allee. Sie waren kaum zu sehen, dafür aber gut zu hören. Die gestrige Vertretung des Diensthabenden, ein baumlanger Dagestaner, kam heute gegen Ende der Schicht ein letztes Mal, um die Essensausgabe zu kontrollieren und die Raumtemperatur zu messen. In seinen riesigen Pranken wirkte das ziemlich große Außenthermometer spielzeugklein. So viele nette Bemerkungen, wie er in den letzten vierundzwanzig Stunden geäußert hat, hat er mit Sicherheit während seiner gesamten Dienstzeit nicht von sich gegeben. Normalerweise gebraucht er ganz andere Ausdrücke, und wenn ihm die Worte ausgehen, nimmt er die Fäuste zu Hilfe. Aber hier ist er ein ganz anderer.
Gestern und heute musste ich in den Krankentrakt zur Untersuchung, also eigentlich alles wie immer, nur dass ich dieses Mal nicht von meinem Doktor, sondern von anderen Ärzten untersucht wurde. Der Doktor hatte nämlich gestern Geburtstag, fünfundvierzig ist er geworden, ein kleines Jubiläum. Er hat zwar behauptet, er trinke nicht besonders viel und wolle nicht groß feiern, vor allem damit ihm der Kater am Tag danach erspart bleibt, aber nach seiner zweitägigen Abwesenheit zu urteilen, muss irgendwas schiefgelaufen sein. Gestern hat die Krankenschwester die Untersuchung vorgenommen. Eigentlich war das gar keine richtige Untersuchung: Blutdruck, Puls, Temperatur, Gewicht, »wie ist Ihr Befinden?« Als einzige medizinische Fachkraft ist sie für eine Viertelstunde in die Rolle des Arztes geschlüpft, hat nachgefragt, sich erkundigt und banale und uns beiden ohnehin bekannte Tatsachen verkündet. Jeder will wichtig aussehen, besonders wenn der Chef nicht da ist. Heute war ein junger Arzt in derselben Weise zugange, ewig verschlafen, wie ein Hamster, den man aus dem Winterschlaf gerissen hat. Ich habe ihn im Krankentrakt schon ein paar Mal flüchtig gesehen, er sah immer gleich aus: aufgedunsen und angeschlagen. Muss irgendwo hier, ganz in der Nähe seinen Bau haben. Er hat dieselben Messungen vorgenommen, dabei aber keinen übermäßigen Eifer an den Tag gelegt. Wer ein Arztdiplom in der Tasche hat und ständig im Halbschlaf ist, gibt sich nicht mit solchen billigen Zurschaustellungen ab. Ich wiege heute nur noch 77 Kilo. Der Doktor hat das junge Murmeltier angerufen und gesagt, er käme gegen Abend und würde mich an den Tropf hängen. Alle Anwesenden äußersten einvernehmlich ihre Zweifel an dieser Ankündigung. Umso besser. Von den dauernden Infusionsnadeln und Blutabnahmen tun mir schon die Venen weh, die am linken Arm ist sogar entzündet und verhärtet.
Der Doktor und ich sind praktisch befreundet. Ich habe zwar eigentlich in den vier Jahren in diesem System nie den Wunsch gehabt, jemandem näherzukommen, der Schulterklappen trägt, mir Befehle erteilt und mich beaufsichtigt. Aber der hier ist in erster Linie Arzt, militärisch ist an ihm nur die Unform, nicht sein Wesen. Zu Beginn war es allerdings anders. Im ersten halben Jahr hier im Lager sind wir uns nur ein paar Mal begegnet und immer aneinander gerasselt. Er wollte sich mit verbalen Interventionen hervortun, aber ich bin keiner, der den Kopf einzieht und irgendwelche Bemerkungen schweigend über sich ergehen lässt. Deswegen waren unsere ersten Gespräche kurz und explosiv. Auch die erste Unterhaltung, nachdem ich in Hungerstreik getreten war, kann ich nicht als angenehm bezeichnen. Der Doktor sagte, er hätte für solche Sachen nichts übrig, es wäre sowieso alles für die Katz. Dann hielt er einen Monolog zu politischen Themen: dass die Ukraine für ihn kein richtiger Staat sei, dass Russen und Ukrainer ein Volk seien, dass wir unsere Nationalisten abschütteln und reumütig in den mütterlichen Schoß zurückkehren sollten. Solche Sprüche bin ich von russischen Milizionären gewöhnt. Meistens sind sie aber auch noch glühende Anhänger der Sowjetunion und von WWP, der ihnen die Illusion gibt, die Sowjetunion werde zu neuem Leben erwachen. Der Doktor steht auch auf Putin, aber für die Sowjetunion und die Kommunisten hat er nichts übrig, denn er ist Monarchist, verehrt Nikolaus II. und ist orthodox. Bei derart entgegengesetzten Positionen war die Lage für uns eigentlich ziemlich aussichtslos. Mit der Zeit – wir hatten ja dann oft und lange miteinander zu tun – hat sich herausgestellt, dass wir uns in anderen, alltäglichen Dingen sehr ähnlich sind. Politische Themen meiden wir seither, ich zumindest, ansonsten ist mir der Doktor sehr gewogen, und ich erwidere diese Aufgeschlossenheit. Er hat zwei Kinder im selben Alter wie meine. Er ist auch nicht von hier, sondern aus dem Süden. Seinen Wehrdienst hat er in der Ukraine abgeleistet und nur gute Erinnerungen an die Leute dort. Wir haben ähnliche Vorlieben, was Essen und Trinken, Lebensart und Lebensansichten angeht. Zu guter Letzt haben wir festgestellt, dass wir beide leidenschaftlich gern das ukrainische Computerspiel S.T.A.L.K.E.R. spielen. Da ging das Herz des Doktors auf. Ich bin ja ein alter Gamer, S.T.A.L.K.E.R. ist einfach klasse, es ist eins meiner Lieblingsspiele. Der Arzt war Anfänger, S.T.A.L.K.E.R. war sein erstes Spiel und seine einzige Cyberliebe. Dann hat er sich über mich im Internet informiert, weil ihm, wie ich später erfuhr, plötzlich Zweifel kamen an meinem Urteil, nun wusste er alles einzuordnen. Ich habe ihn gewarnt, dass sich ein allzu vertraulicher Umgang mit mir negativ auf seine Karriere auswirken könnte. Woraufhin er sich eine Zigarette ansteckte und sagte: »Drauf geschissen. Wenn ich will, kann ich jederzeit in Rente gehen.« Damit war die Sache geklärt.
Trotz aller Unkenrufe erschien der Doktor am Nachmittag bei der Arbeit. Frisch, munter und fröhlich, wie es sich für ein Geburtstagskind gehört. Gestern hat er nicht gefeiert, sondern will heute, aber nur im engsten Familienkreis. Auch das haben wir gemeinsam: Ich feiere auch lieber im engen Familienkreis als in einer großen lauten Runde. Also hat er mich flugs untersucht, die entzündete Vene mit einem Jodgitter bepinselt und gesagt, es sei alles halb so wild, solange die Nieren nicht versagten, er würde aber versuchen, diesen Moment vorherzusehen, und riet mir, auf der Hut zu sein, immerhin ginge es ja um mich. Der Doktor gab seinem jüngeren Kollegen eine Anweisung für die Infusion und trollte sich Richtung Heimat. Der junge Arzt erwies sich als geschickt und war gar nicht mehr so jung, sein Sohn kam in diesem Jahr in die Schule, er sah einfach nur aus wie ein ewig verschlafener Student. Wie der Doktor zu sagen pflegte: »Ein kleiner Hund ist auch im Alter noch ein Welpe.«
Draußen hatte es inzwischen aufgehört zu schneien, alles taute und matschte. Der Sommer in Labytnangi erinnerte an den Winter auf der Krim.
Tag 22
Seit dem Morgen ist draußen wieder Neujahr. In der Nacht hat es geschneit, und wieder ist alles zugeweht. Es fehlt nur noch der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten mit den Glöckchen. Statt des Weihnachtsmanns kommt der Awtosak, und ab geht’s ins städtische Krankenhaus zu einem wissenschaftlichen Symposium, das sich mit der Gesundheit von O. G. Senzow befasst.
Ich war vor einem halben Jahr schon mal hier, weil mein Herz untersucht und ich wegen meines Rheumas geröntgt wurde. Damals waren zwei Kleintransporter unterwegs: im ersten fuhr ich in einem Käfig unter Aufsicht, im zweiten saß die Verstärkung: eine Spezialeinheit in schwarzen Sturmhauben mit Maschinengewehren und Hund. Als wir in dieser Besetzung am Haupteingang der Klinik aufkreuzten, pressten sich die Patienten gegen die Wand, schließlich wurde ein gefährlicher Terrorist eingeliefert, den man wie den Bär an der Kette hereinführte. Heute hatte ich etwas Ähnliches erwartet und mich schon auf das unangenehme und fast vergessene Gefühl von Handschellen eingestellt. Doch alles war viel simpler, ohne Spezialeinheit und Maschinengewehre. Ich wurde in einer GAZelle transportiert, einer kleinen grünen Minna, Handschellen wurden keine angelegt. Zugeständnis an einen Hungerstreikenden. Vielleicht hatten sie auch verstanden, dass ich es trotz des roten Flieger-Bändchens nicht darauf ankommen lassen würde. Begleitet wurde ich im Wesentlichen von leitenden Beamten, alle mindestens im Rang eines Majors. Der Sicherheitschef, der Kommandeur der Wachkompanie und sogar der Lagerleiter empfingen uns am Klinikeingang und waren bis zum Abschluss aller Untersuchungen anwesend. Die Natschalniki verhielten sich außergewöhnlich höflich und korrekt. Besonders bemüht war ein junger Sicherheitsdienstler, wie der Kornett auf seinem ersten Ball. Wahrscheinlich dachte er, ich hätte vergessen, wie er, als ich nach meiner Ankunft im Lager registriert und gefilzt wurde, mich nackt ausziehen und hinkauern musste, damit sie überprüfen konnten, ob ich etwas im Darm versteckt habe, von der Seite an mich herantrat und mich hysterisch anschrie, ich hätte ihm noch keinen Gruß entboten. Er schrieb dazu sogar einen Bericht, aber in der Dunkelzelle konnte er mich nicht einbunkern, ich war nämlich schon in Einzelhaft, deswegen bin ich ohne Strafe davongekommen. Heute ist er ein anderer. Die Menschen können sich ändern, wenn sie wollen. Hier ist es allerdings nicht die Änderung der inneren Einstellung, sondern die äußere Anpassung.
Wir mussten nicht lange fahren, vorn lief die ganze Zeit Krug. Ich wundere mich nicht, dass die Beamten häufig Chanson, Gangsta-Rap hören. Der Knast mit seinem ganzen Drum und Dran durchdringt ihr Leben bis in die kleinsten Poren, sie haben den Knastslang besser drauf als alle Knackis. Deswegen ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn man in der Grünen Minna Songs von Krug hört. Zumal er immer authentisch ist, das geht ans Herz, da spielt es keine Rolle, in welcher Kluft du steckst: in der eines Milizionärs oder in der eines Häftlings. Diesmal betrat unser netter Trupp das Gebäude durch den Hintereingang und kam in die Aufnahme, in der das gesamte Konzil dann auch abgehalten wurde. Ich gab Proben ab, überall und nirgends wurden irgendwelche Werte genommen, ein EKG-Gerät wurde gebracht, ein Ultraschallgerät hereingerollt. Das volle Programm. Der Raum war ziemlich groß, außer den Beamten in Uniform und ein paar Genossen in Zivil waren auch noch etliche MTA der verschiedensten Fachrichtungen in den unterschiedlichsten Kitteln zugegen. Ein Dutzend Untersuchungen und mindestens genauso viele Messungen. Alle Ärzte waren freundlich und zuvorkommend, wie es sich für Ärzte gehört. Nur einer war grob und taktlos, er duzte mich, als hätten wir zusammen schon eine Kiste Kognak geleert und sähen uns hier nicht zum ersten Mal. Als ich ihm Paroli bot, stutzte er, nicht jeder kann halt das Echo vertragen. Wie sich herausstellte, war das der Intensivmediziner, die sind große Zyniker, der hier war einer von der schlimmsten Sorte, weswegen ihn alle im Krankenhaus hassten, was er mit ebensolchem Hass erwiderte. Die Anwesenden wollten wissen, warum ich in Hungerstreik getreten war, und keiner glaubte an einen Erfolg. Ich kam mir vor wie auf einem Fließband, nach zwei Stunden war alles vorbei. Berichte gibt es noch keine, aber das Grundergebnis ist klar: Noch ist nichts Schlimmes passiert.
Auf dem Rückweg sah ich mein Spiegelbild in der polierten Scheibe des FSVD14-Busses: ein Knacki, ein Knastbruder reinsten Wassers, die Fresse, die Jacke, die Mütze. Kein Wunder, dass so viele Ärzte zusammengelaufen waren, um dieses merkwürdige Wesen in Augenschein zu nehmen, das man auch noch anfassen konnte, schließlich war man hier im Streichelzoo. Nach drei Wochen Hungerstreik fühlte ich mich jetzt besser als zu Beginn. Angeblich hat sich mein Organismus umgestellt, entschlackt und regeneriert, es war nicht nur eine Schwäche, sondern auch eine Leichtigkeit eingetreten, die das Heilfasten hervorbrachte. Aber das würde höchstens noch eine Woche andauern, dann käme der Abfall: Von da an würde sich der Organismus langsam selbst verzehren, Azeton und Eiweiß würden in den Nieren vermehrt auftreten und weitere negative Effekte würden sich einstellen. Aber was soll’s. Lassen wir es auf uns zukommen, momentan ist alles noch im grünen Bereich.
Ein Natschalnik war da, ich wurde in sein Büro im ersten Stock zitiert. Es ging darum, dass zwei Personen auf einmal gekommen waren und mich besuchen wollten. Da ich aber nur eine Person empfangen durfte, sollte ich mich entscheiden. Der erste war der Erzbischof der Krim, der offenbar auf Anweisung von Filaret, dem Kiewer Patriarchen, und meiner Mutter angereist war. Der zweite war Askold, mein Freund in der Ferne und Kollege, der einen Film über mich dreht15. Ich sagte dem Geistlichen ab und entschied mich für Askold, er stand mir näher und würde mir vielleicht ein paar interessante Dinge erzählen, mit den Popen habe ich es nicht so, im Gegensatz zu Gott, außerdem weiß ich da ohnehin schon, worauf das Gespräch hinausläuft.
[…]
Gleich im Anschluss an das Treffen mit Askold kam Dima, mein Anwalt. Wir haben bis acht Uhr abends geredet. In diesem dreistündigen Gespräch habe ich mehr erfahren als im ganzen letzten halben Jahr. Die Aktien von mir und den anderen politischen Gefangenen sind auf der ganzen Welt im Umlauf. Breit gestreut, angefangen von den einfachen Leuten bis hin zu den Führern der G7, die auf ihrem nächsten Treffen unter anderem auch diese Frage besprechen wollen. Die Welle rollt an, ich hätte nicht erwartet, dass sie so groß wird. Vier andere politische Gefangene haben sich mit mir solidarisiert und sind ebenfalls in einen Hungerstreik getreten, unter anderem Sascha Koltschenko, mein Mitstreiter und Berater, ein echter Revolutionär, mit dem ich zusammen vor Gericht stand. Aber wie will Tundra16 denn hungern! Er hatte schon immer eine labile Gesundheit und sah aus wie ein Darsteller aus einer Massenszene in einem Film über Konzentrationslager. Aber er ist innerlich stark, und das ist viel wichtiger. Ich habe niemanden aufgefordert mitzumachen, aber sei’s drum, herzlich willkommen, Leute! Zusammen und bis zum Ende!
Der Tag heute war sehr ausgefüllt: Klinik, die Rolle im FSVD-Film, Askold, mein Anwalt, neue Zeitungen sind da, ich habe ausgelesene gegen neue Bücher getauscht, auf meine Bitte hin die Körperhygieneutensilien aus meiner alten Einheit ausgehändigt bekommen, dafür Zeitungen, die ich durchgelesen habe, dorthin abgegeben, da sitzen auch ein paar Jungs, die ganz wild sind auf ein paar Happen verspäteter Wahrheit. Gerade mal zwei Stunden war ich heute in meiner Zelle, die ganze restliche Zeit irgendwo unterwegs. Sechs Visitationen musste ich über mich ergehen lassen. Jetzt brauche ich ein paar Tage Zeit, um alle Informationen und Eindrücke zu verdauen. Morgen kommt mein Anwalt noch mal kurz vorbei, und zwar mit diesem Popen. Die heutige Information der Natschalniki, ich müsse mich für einen Besucher entscheiden, war falsch, denn Geistliche darf ich jederzeit empfangen. Der Priester ist mit Askold und meinem Anwalt angereist, er will mich nicht von meinem Vorhaben abbringen oder bekehren, sondern mich kennenlernen und mit mir ins Gespräch kommen. Er missioniert nicht, sondern unterstützt viele ukrainische politische Gefangene, er ist so was wie ein orthodoxer Menschenrechtler. Also wurde ein neuer Antrag aufgesetzt. Vielleicht darf der Priester dann morgen zu mir.
Inzwischen ist es Frühling geworden: Seit Mittag scheint die Sonne, sie hat den Schnee schon fast zum Schmelzen gebracht. Es heißt, das Eis auf den Flüssen sei getaut und nun würde es bald warm werden. Heute habe ich gemerkt, dass in der Ferne dicke Eisschollen bersten. Das Geräusch hört man bis hierher.
14FSVD für Föderaler Strafvollzugsdienst, Strafvollzugsbehörde in der Russischen Föderation
15Es handelt sich um Askold Kurow und seinen Film »The Trial: The State of Russia vs Oleg Sentsov«, der die Inhaftierung und den Schauprozess gegen Oleg Senzow thematisiert (Anm. d. Übersetzerin).
16Spitzname des ukrainischen politischen Gefangenen Alexander Koltschenko noch aus Zeiten vor der Haft
Tag 23
Seit dem Morgen ist es sonnig und ziemlich warm. Das Wetter ist wirklich umgeschlagen. Mein Befinden ist gut. Die Nacht war auch ruhig, trotzdem bin ich für meine jetzigen Verhältnisse ziemlich früh aufgestanden.
Die ersten zwei Stunden habe ich damit zugebracht zu überlegen, wie der Regisseur heißt, der »Odyssee im Weltraum«, »Uhrwerk Orange«, »Shining« und andere Meisterwerke gedreht hat. Seine Arbeiten gefallen mir, er hat ganz unterschiedliche Filme gemacht, ich habe viel über ihn gelesen, aber sein Name war mir entfallen, und ich konnte mich partout nicht erinnern. Irgendwann ließ die Gedächtnisschwäche nach, und die Erleuchtung kam: Stanley Kubrick! Natürlich! Manchmal fallen einem tatsächlich die großen Namen nicht ein. Ich musste an ihn denken, weil ich gestern meine Bücher getauscht und ein paar Science-Fiction-Werke bekommen habe: Stanisław Lem und Arthur C. Clarke. Weil ich in Einzelhaft bin, darf ich nicht in die Bibliothek, deswegen habe ich aus dem Gedächtnis was von dem bestellt, was vorhanden ist. Für eine Lagerbibliothek ist der Bestand gar nicht schlecht, ich habe schon fast die gesamte Klassik durch, jetzt will ich mal was Leichteres. Science Fiction habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Als sowjetischer Teenie mochte ich Science-Fiction und historische Romane, wie jeder Jugendliche. Ich habe den traditionellen Ray Bradbury, den spannenden Robert Heinlein und den mitreißenden Harry Harrison gelesen und noch viele andere, aber diese drei haben mir besonders gut gefallen. Die Erwachsenen haben immer fasziniert von den Brüdern Strugazki gesprochen und sie »legendär« genannt. Ich habe »Der Knirps« und »Picknick am Wegesrand« gelesen, fand es aber nicht besonders spannend. Als ich dann in der zweiten Hälfte der Dreißiger war, wenige Jahre, bevor meine Gefängnis-Odyssee begann, habe ich sie wieder zur Hand genommen, war begeistert und habe praktisch alles gelesen, gedruckt oder als E-Book, das war mir egal, ein Jahr lang war ich im Strugazki-Fieber. Für mich sind sie »große Schriftsteller«. Bessere Science-Fiction-Autoren habe ich nicht gefunden, wahrscheinlich gibt es auch keine. Nicht alles hat mich in absolute Begeisterung versetzt, aber die meisten Werke haben mich sehr berührt. Typisch für die Strugazkis ist ein minimalistischer Stil, in dem der Mensch, seine Welt und seine Beziehungen im Vordergrund stehen und die erfundene Umgebung lediglich dazu dient, all das zu enthüllen, das ist es, was mich an ihren Büchern reizt. Ihrem Renommee nach zu urteilen, geht es anderen auch so. Jetzt will ich mal Lem und Clarke lesen. Bislang habe ich nur die klassischen Verfilmungen ihrer Werke gesehen: Tarkowski und Kubrick. Allerdings haben die Regisseure die Originaltexte stark verändert. Jetzt möchte ich sie und die anderen Werke in den beiden Sammelbänden lesen. Mit Ostap Bender bin ich fertig. »Die Antilope«, die ich als älteres Kind schon einmal gelesen hatte, ist natürlich nicht so lustig wie »Die zwölf Stühle«, dafür aber spannender. Das Buch hat einen starken Schluss, in dem der Protagonist sein Wesen offenbart. Trotz seiner Leichtigkeit und Sorglosigkeit ist er einsam und unglücklich. Er sucht die Nähe zu seinen eigentlich geringgeschätzten und erbärmlichen Mitstreitern! Eine Waise will eine Familie, egal welcher Art. Bender hat gemerkt, dass ein Leben ohne Liebe, Familie, Freundschaft und nahestehende Menschen sinnlos und unbefriedigend ist, selbst wenn man einen Koffer mit einer Million hat. Warum haben die Autoren Benders Abenteuer eigentlich nicht noch auf einen dritten Band ausgeweitet? Hatten sie das Gefühl, dass sie das Niveau nicht halten können, oder haben sie gedacht, ihr Protagonist müsse so und nicht anders enden? Leider kann ich sie nicht mehr fragen.
Gegen Mittag ging der zweite Teil der Serie über Miliz und Geistlichkeit über die Bühne. Die pikierten Beamten rückten mit ihrem Geistlichen an und löcherten mich eingehend, warum ich gestern noch nicht an Gott geglaubt habe, heute aber plötzlich glaube und einen Geistlichen sehen will. Ich konnte nur auf die Erleuchtung meiner sündigen Seele verweisen sowie darauf, dass mir tags zuvor niemand erklärt hat, dass ich Geistliche immer empfangen darf, unabhängig von den geltenden Besuchsregeln. Es entspann sich eine recht rege Diskussion über Geistliches und Administratives. Besonders eifrig beteiligte sich der Priester, den mir die Miliz anstelle des angereisten empfehlen wollte, wo ich doch nun den Wunsch geäußert habe, mich in den Schoß der Kirche zu begeben. Ich sagte, Pope sei nicht gleich Pope und der mit der Uniform unter der Kutte stünde für mich nicht zur Debatte, ich wollte den sehen, der von der Krim gekommen sei. Die Diskussion wurde hitziger und engagierter. Am meisten ereiferte sich ein Oberstleutnant, der als »Menschenrechtsbeauftragter« gekommen war, sich also eigentlich für mich hätte einsetzen sollen, aber er benahm sich so, als sei er der »Verwaltungsbeauftragte«. Ich verfasste eine Verzichtserklärung für diesen Geistlichen, und die beiden Seiten des Konfessionskonflikts gingen auseinander. Daraufhin fragte der Pope empört, was denn der Priester der Ukrainischen Orthodoxen Kirche auf dem Gebiet der Russischen Orthodoxen Kirche zu suchen habe? Er hätte ja gar keine Befugnisse, hier irgendwelche Handlungen auszuüben. Dieser Diener Gottes war, wie sich herausstellte, in erster Linie ein Diener des Staates. So geriet ich aus Versehen in die große Schlacht zwischen dem Moskauer und dem Ukrainischen Patriarchat. Und da anschließend einen halben Tag lang Schweigen herrschte – ich wurde weder zu dem Priester noch zu meinem Anwalt gebracht –, nahm ich an, dass sich das Epizentrum der Auseinandersetzungen in höhere Sphären verlagert hat.
Und so war es auch. Erst gegen Abend konnte ich meinen Anwalt treffen. Zusammen mit dem Priester hatte er einen ungleichen Kampf gegen die Mächte der Finsternis geführt und versucht, zu mir vorzudringen. Die Natschalniki hatten unter den verschiedensten Vorwänden Zeit geschunden und fast noch den Metropoliten bemüht, zu guter Letzt verweigerten sie dem Priester von der Krim und mir ein Treffen. Sie beriefen sich auf das Fehlen entsprechender Dokumente und Genehmigungen, es ginge eben nicht. Zu anderen Gefangenen in anderen russischen Gefängnissen war er bereits vorgelassen worden, aber diesen Versuch hier hatte die Russische Orthodoxe Kirche erfolgreich verhindert. Sei’s drum. Ich setzte ein kurzes Schreiben für den heldenhaften Priester von der Krim auf und übergab es meinem Anwalt, ich entschuldigte mich für die entstandene Situation, bat ihn, wieder zurückzufahren und die ukrainischen politischen Gefangenen vor Ort und auch andere zu unterstützen, nicht noch länger vor dem Lager auszuharren und hier anzuklopfen, weil das im Moment keinen Sinn hatte. Er war gekommen, um mich zu unterstützen, ich schrieb ihm, dass ich eigentlich keine Unterstützung brauche, dass ich innerlich stark sei und – falls nötig – selbst noch ein gutes Dutzend Leute unterstützen könnte. Ich tauschte mich kurz mit meinem Anwalt über unsere Angelegenheiten aus, schrieb für einige wichtige Personen noch ein paar Zeilen, und dann musste er auch schon mit Askold und dem Priester zum Flugzeug. Er versprach, in zwei, drei Wochen wiederzukommen. Seine heutigen Nachrichten waren nicht erfreulich: das Hin und Her mit dem Priester, meine Tochter konnte ihre Auslandsreise nicht antreten und an anderen Stellen gab es auch Probleme.
Draußen fiel den ganzen Tag ein feiner Herbstregen. Das musste an dem Tag liegen.
Am Abend ist das wichtigste Ereignis des Tages eingetreten – ich wurde aus der Einzelzelle in den Krankentrakt verlegt! Der Doktor hatte gesagt, er werde sich darum bemühen, aber ich habe nicht geglaubt, dass er das schafft, hat er aber, also habe ich meine Habseligkeiten zusammengepackt und bin dem Diensthabenden gefolgt. Hier ist es natürlich besser. Aber darüber schreibe ich morgen, jetzt ist es schon zu spät.
Tag 24
Zu Ehren meiner Verlegung hat der alte Stift seinen Geist aufgegeben, also nehme ich einen anderen. Wegen der interkonfessionellen Auseinandersetzungen, meines Umzugs und Einrichtens auf der Krankenstation habe ich meine Infusion erst am Abend bekommen, und die ganze Prozedur hat sich bis nach Mitternacht hingezogen. Das ist aber nicht so schlimm, im Revier geht es nicht so streng zu, und der Doktor ist hier der Boss.
[…]
Der Krankentrakt ist ein zweistöckiges, eher kleines Gebäude. Im Erdgeschoss sind die Behandlungs- und Untersuchungsräume, der Zahnarzt, das Röntgen und andere Funktionsräume. Im ersten Stock sind ein paar Büros, in einem davon sitzt mein Doktor, ein kleines Sprechzimmer, und die andere Hälfte der Etage, hinter einer vergitterten Stahltür, ist die Station. Sie ist ebenfalls nicht groß: fünf Zimmer, ein kleiner Speisesaal, ein Fernsehraum und ein Waschraum mit Toilette und Dusche.
Ich habe ein eigenes Vierbettzimmer in der Nähe des Eingangs zugeteilt bekommen, die bisherigen Patienten kamen raus, dafür kamen zwei Videokameras rein, extra für meine Wenigkeit. Das Zimmer ist recht geräumig, vier Betten und genauso viele Nachtschränke und Hocker. Mir reicht eins von jedem. Außerdem gibt es zwei große Fenster, wie zu Hause, ohne Gitter. Die Aussicht ist allerdings nicht besser, da nützt auch der erste Stock nichts, dieselbe zentrale Allee und vis-à-vis eine Baracke, eine andere allerdings. Die Hälfte des Ausschnitts ist Himmel, das ist gut, heute gibt’s allerdings nichts Spannendes zu sehen: grau in grau und Sprühregen, fein dosiert. Gewöhnliches Herbstwetter, ungewöhnlich nur für Anfang Juni. Das geht aber nur mir so, die Einheimischen finden nichts dabei. Die Heizkörper wärmen zwar nicht, aber immerhin ist es hier drin nicht kalt.
In der letzten Nacht habe ich – das erste Mal seit drei Wochen – ohne Socken geschlafen, ein seliges Gefühl. Geschlafen habe ich an dem neuen Ort allerdings schlecht, gegen Morgen habe ich sogar leicht gefroren. Ich bat um eine zweite Decke, die mir sofort gebracht wurde. Unter der liege ich jetzt, trinke heißes Wasser aus einem Becher, der neben mir auf dem Fensterbrett steht, und schreibe diese Zeilen. Es fühlt sich so an, als wäre ich nicht aus einer Einzelzelle in den Krankentrakt verlegt worden, sondern hätte mich in einem Fünf-Sterne-Hotel behaglich eingerichtet. Mein Befinden ist auch normal, aber der Doktor hat mich vorgewarnt, das würde nicht mehr lange anhalten, eine Woche höchstens, dann käme es zu einer Verschlechterung mit ungewissen Folgen: eine Krise. Ich lasse es auf mich zukommen und genieße den Moment.
Im Krankentrakt arbeiten drei rote Häftlinge und mehrere Entwürdigte17. Die Roten sind als medizinische Fachkräfte (einer hat eine Ausbildung für EKG und Röntgen), Krankenpfleger und Sanitäter beschäftigt. Die Entwürdigten putzen die Räume und die Toilette und entsorgen den Müll. Das Übliche also. Die Leute sind aber ganz in Ordnung, der Doktor duldet hier keine unangenehmen Typen. Gerade mal ein Dutzend Häftlinge liegen auf Station, darunter vier Muschiki18: Einer liegt fest, einer sitzt im Rollstuhl, einer hat keine Beine und geht an Krücken, und der letzte hinkt bloß. Ein Trupp aus Versehrten sozusagen. Da habe ich wenigstens ein bisschen Unterhaltung, anders als mit dem schweigenden Schlüsselwart. Auf der Station sind auch noch andere erkrankte Häftlinge aus den verschiedenen Kasten: Rote, ehemalige Aktivisten, Entwürdigte und andere Wolle19. Aber die halte ich mir vom Leib. Mit denen habe ich keine Themen. Sie sind angehalten worden, sich nicht mit mir einzulassen, na klar. Ich bin hier auch nicht auf der Suche nach Freunden, das Gefängnis ist dafür der denkbar schlechteste Ort, die zwischenmenschlichen Beziehungen sehen hier anders aus. Die Jungs nehmen ihre Mahlzeiten im Speisesaal ein, mir wird das Essen – dem Ritual gemäß – aufs Zimmer gebracht und im Beisein des Vollzugsbeamten auf den Nachttisch gestellt. Der Suppenkapo ist einer von hier, auch er wirft sich einen weißen Kittel über, und nun ist endlich auch die weiße Mütze als Requisite da. Zwar noch keine Kochhaube, aber immerhin.
Das Temperaturmessungsritual ist vereinfacht worden – das Thermometer, das angenehme 21 Grad zeigt, hängt direkt im Zimmer, der Wert wird allerdings trotzdem mit dem Registriergerät dokumentiert. All inclusive. Im Fernsehzimmer gibt es natürlich einen Fernseher, eingeschaltet wird er nach Plan, zweimal pro Tag, morgens und abends. Das finde ich eigentlich in Ordnung, da kann ich mir die Nachrichten ansehen, alles andere interessiert mich kaum. Am Sonntag würde ich mir allerdings gern Kisseljows Talkshow ansehen, seine Grimassen habe ich in den letzten drei Wochen wirklich vermisst.
Heute Morgen waren hier alle auf den Beinen und haben die Station auf Hochglanz gebracht. Hoher Besuch aus Moskau wird erwartet. Die Frau Oberst kommt wahrscheinlich wegen mir, sie ist auch eine medizinische Koryphäe. Der Doktor ist von ihrem Besuch ganz und gar nicht begeistert, offenbar hat man ihr die Hölle heiß gemacht, denn, ich zitiere: »Nicht jeder Natschalnik wagt bei diesem Wetter eine Überfahrt auf dem Ob.«
Die unangenehme Natschalniza ist dann gar nicht gekommen. Es kursieren Versionen von einem gekenterten Kanu und einem defekten Fallschirm. Dafür erschienen Heerscharen anderer Delegationen. Zuerst kamen die ranghöchsten Milizbeamten mit einem Fotoapparat und einem grauhaarigen Onkel mit gefärbtem Schnurbart. Ich hatte ihn zuvor schon ein paar Mal gesehen – er ist der oberste Menschenrechtsbeauftragte hier in der Region. Während seiner früheren Besuche versuchte er mir immer weiszumachen, er sei gerade zufällig vorbeigekommen und habe einfach mal reinschauen wollen, obwohl er bis dato hier höchstens ein bis zwei Mal pro Jahr gesehen wurde. Dieses Mal verheimlichte er nicht, dass sein Weg oder besser gesagt die gerade wieder in Betrieb genommene Fähre ihn direkt zu mir geführt hatte. Wir sprachen über mein Befinden, die Haftbedingungen und das Übliche. Der Mann bietet immer wieder Anlass zum Staunen. Erst sagte er, ich hätte mich in den drei Monaten seit unserem letzten Treffen gar nicht verändert, stimmt schon irgendwie, mir ist in der Zeit kein zweites Paar Ohren gewachsen, und 15 Kilo weniger fallen ja nicht wirklich ins Auge. Dann sagte er, er könne es nicht gutheißen, dass ich hier eine privilegierte Behandlung erfahre. Woraufhin ich wissen wollte: welche genau? Ich habe nicht um ein Einzelzimmer gebeten, und die zwei installierten Videokameras sind nicht mein Eigentum, also bin ich auch nicht besser gestellt als die anderen Häftlinge hier im Revier. Zum Schluss sagte er, ich sei kein politischer Gefangener, sondern ein ganz gewöhnlicher Verbrecher, da ich nach einem Paragrafen des Strafgesetzbuches verurteilt worden sei. Seiner Meinung nach käme deshalb ein Austausch politischer Gefangener gegen Straftäter nicht in Frage. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: Hat das russische Recht denn spezielle Paragrafen, nach denen politische Gefangene verurteilt werden? Von dieser Frage fühlte er sich mitsamt seiner Logik in die Enge getrieben, befreite sich aber kurzerhand, indem er an seinem schwarzen Schnurbart zog. Noch so ein »Verwaltungsbeauftragter«, nur ohne Uniform, aber die hatte er wahrscheinlich nach langem Tragen vor nicht allzu langer Zeit abgelegt, denn sie hatte ihm ihren bleibenden Stempel aufgedrückt. Irgendwann lief das Gespräch dann in ruhigeren Bahnen, er musste feststellen, dass ich nicht vorhatte, den Hungerstreik früher oder später abzubrechen, und gab mir zum Abschied die Hand.
Genau eine halbe Stunde später erschien eine leicht veränderte Delegation, dieses Mal mit zwei Rechtsaufsichtsbeamten an der Spitze. Ihre Äußerungen waren förmlicher und kürzer. Wieder kam die Frage nach den Haftbedingungen und danach, ob meine Meldungen und Beschwerden abgesandt würden. Ich sagte, dass ich bislang keine Meldungen und Beschwerden verfasst hätte, und schon gar nicht an ihre Organisation. Darüber waren diese Personen, die Äußerungen von Gefangenen prinzipiell ignorieren, etwas erstaunt, sie zuckten mit den Schultern und traten ab.
Ihnen folgten, beinahe auf dem Fuß, zwei Beamte niederen Ranges, der Chef des Sicherheitsdienstes und ein Mitarbeiter. Sie wollten wiederum wissen, wer mich auf die Idee gebracht hat, meinem Anwalt einen Brief an die Führer der G7 zu übergeben. Sie glaubten, die Regierungschefs hätten auf meine Initiative hin ihre Tagesordnung so geändert, dass sie anstatt über das Klima nunmehr über politische Gefangene aus der Ukraine sprachen. Immerhin haben sie mich nicht verdächtigt, ich hätte die Einberufung des Treffens zu verantworten. Das würde ihnen ähnlich sehen, so indoktriniert, wie sie sind. Gegen Ende kam die Frage: »Gegen wen führt die Ukraine einen Hybridkrieg?« Ich sagte, ich sei außerstande, auf rhetorische und dumme Fragen zu antworten. Andere Themen hatten sie nicht vorzubringen und machten sich langsam ans Verabschieden. Auf meine Frage bezüglich der Briefe erhielt ich die Antwort, die Post – auch der Mailverkehr – würden schlecht funktionieren, ich solle warten. Was nun glaubwürdiger war – ihr Lächeln oder ihre Worte –, wusste ich nicht. Die Natschalniki gingen weg, und ich blieb auf dem Bett sitzen. Dieses Mal hatte ich während des Gesprächs gesessen, und sie hatten gestanden. Normalerweise war es umgekehrt, für hungernde terroristische Verbrecher waren heute andere Regeln zur Anwendung gekommen.
Gegen Ende des Tages bat mich der Doktor, die Urinmege zu erfassen und zu notieren. Das konnte ich ihm nicht abschlagen, zumal wenn es erforderlich war. Ich bekam einen kleinen Eimer mit Markierungen und ein Tagebuch zur Erfassung der ausgeschiedenen Flüssigkeit. Ab morgen führe ich Buch.
17Die unterste Kaste (Schlag): Hähne (Schwule) und Unberührbare (Vergewaltiger)
18Anständige Häftlinge, die schwarze Kaste, die Masse, der Stamm der Unterwelt
19Wolle – Häftlinge, die nicht mehr zu den Muschiki, den Anständigen, gehören, weil sie sich irgendetwas haben zuschulden kommen lassen.
Tag 25
Mit zwei Decken war die Nacht warm und angenehm, ich habe gut geschlafen. Dabei ist es schwer mit dem Schlaf – vom Licht her lassen sich Tag und Nacht überhaupt nicht mehr unterscheiden, auch tagsüber dringt kaum Sonne durch den verhangenen Himmel. In den letzten Tagen war mein Befinden im Prinzip stabil, obwohl ich schwach war und mir die Kraft gefehlt hat. Ich stehe nicht abrupt aus dem Bett auf, sonst wird mir schwindelig, und ich muss erst Kraft dafür sammeln, die innere Batterie ist so gut wie leer. Ich habe überhaupt keine Lust, in meinem neuen Domizil auf und ab zu gehen. Ich möchte lieber sitzen und noch lieber liegen. Ich bewege mich nur, wenn es nötig ist: Toilette, Wasser holen, ärztliche Untersuchungen, Proben, Behandlungen und zweimal pro Tag die Fernsehnachrichten. Heute Morgen habe ich mich besonders schlecht gefühlt. Es kam plötzlich und war sehr heftig. Bei der Untersuchung wurde der Blutdruck gemessen: der Oberdruck war 73, kein Wunder, dass ich mich so schlapp fühle. Nachher kommt die Infusion, danach ist es immer besser.
Was angenehm ist: Mein Bett steht direkt am Fenster, und wenn ich mich mit dem Rücken gegen das Fensterbrett lehne, kann ich bei Tageslicht lesen. Nach so vielen Jahren Lesen bei künstlichem Licht ist das einfach eine Wonne. Meine Augen freuen sich. Aber ich merke, dass meine Sehkraft abgenommen hat, was natürlich nicht verwunderlich ist. Die Tür meines Zimmers Nummer 1, die zur Hälfte verglast ist, liegt direkt neben der Stationstür, dem Waschraum und dem Speisesaal, bei mir kommen also alle vorbei. Mich interessiert es kaum, was da draußen im Korridor passiert. Aber die Leute, die vorbeigehen, interessieren sich brennend für das Leben und den Alltag des gefährlichen Häftlings. Ich bin so etwas wie der einzige Teilnehmer der Reality Show »Hinter der Scheibe«. Ich nehme das nicht weiter tragisch, das erste Interesse wird sich sowieso bald legen, das ist ja immer so. Im Erdgeschoss des Krankentraktes sitzt rund um die Uhr ein Milizionär, der die Häftlinge in der Ambulanz und auf der Station kontrolliert. Er führt jetzt bei mir die Kontrollen und Registrierungen im Zwei-Stunden-Takt durch. Der DGLL muss sich mit diesen niederen Tätigkeiten also nicht mehr befassen, beaufsichtigt aber weiterhin das ritualisierte Auf- und Abtragen der Speisen sowie das Messen der Raumtemperatur.
Als ich neulich geduscht habe, war ich nicht nur von dem Skelett frappiert, das mich aus dem Spiegel anblickte, sondern auch von dem netten Duschkabinchen. Obwohl die Verniedlichungsform für dieses Plastikmonster eigentlich nicht angebracht ist. So etwas habe ich noch in keinem Gefängnis gesehen, normalerweise gibt es einfache Blechkannen ohne Trichter, zwei Wasserhähne und ein Loch im Boden. Eine Gummimatte ist schon Luxus. Und hier steht nun so ein zwar leicht ramponiertes, aber ganz modernes Schickimicki-Teil. Da könnten gut und gern zwei Personen zusammen duschen, das ist allerdings unter Knackis nicht üblich. Die Dusche hat ein elektronisches Bedienfeld für verschiedene Modi, mehrere Strahlarten, einen Sitz für Wassermassage und so weiter und so fort, es gibt sogar eine Lichtorgel und Lautsprecher. Ich singe nicht gern unter der Dusche, deswegen habe ich keine Backing-Tracks eingestellt, aber die Duschkabine nötigt mir Respekt ab, wenn auch ihre meisten Funktionen außer Betrieb sind. Das Geheimnis, wie dieses Wunderding auf die Krankenstation gekommen ist, lässt sich schnell lüften. Der Arzt hatte die Wunderdusche für seine frühere Wohnung angeschafft, in der sie fast das ganze Badezimmer einnahm. Sehr zu seinem Verdruss, aber seine reizende Gattin hatte sie sich nun einmal gewünscht. Als der Umzug ins neue Heim anstand, stellte sich heraus, dass das Bad dort noch kleiner war, und deswegen musste man sich des Duschmonsters entledigen. Freudig übereignete der Arzt die Duschkabine der Krankenstation. Manche Leute schleppen von der Arbeitsstelle Sachen weg, andere welche hin. Je nachdem, ob man sich mit seiner Arbeit identifiziert oder nicht. Der Doktor gehörte zu der Sorte, die alles hinschleppen. Ins Revier.
In der Laufzeile der Nachrichten wurde heute gemeldet, dass Kira Muratowa, die bekannte Regisseurin, in Odessa gestorben ist. Das ist traurig. Mit dreiundachtzig war sie natürlich nicht mehr ganz jung. Und sie hat wirklich einiges geleistet. Ich habe sie nicht persönlich gekannt, aber ihr Beitrag zur Kunst, ihre unverwechselbare Filmsprache verdienen Respekt. Sie gehörte nicht zu meinen Lieblingsregisseuren, aber ihre frühen Arbeiten gefallen mir, besonders der Film »Langer Abschied«, vieles hat mir sehr geholfen, als ich in meinem ersten Spielfilm die Beziehung zwischen Mutter und Sohn dargestellt habe, Muratowa ist natürlich ein anderes Kaliber. Möge sie als Regisseurin unvergessen bleiben und als guter Mensch in Frieden ruhen.
Die kleinen Teufel, die tief in meinem Inneren immer noch am Leben sind, spielen ihr altes Spiel – sie setzen allen einen Floh ins Ohr, wollen einen Kanten Brot mausen, um ihn nachts, unter der Bettdecke, heimlich und von den Kameras unbemerkt zu essen. Ich habe sie mit Knüppeln in ihre Höhlen zurückgescheucht, die anderen sind unters Bett geflüchtet.
[…]
Die so furchtbar erwartete Kontrollbeamtin aus Moskau ist eingetroffen. Statt der vermeintlich giftigen Megäre (die offenbar nicht übersetzen konnte) kam eine nette Blondine im reifen Alter. Aufgeschlossen, intelligent, fachlich versiert, humanistisch gesinnt. Natürlich hat sie auch einen Blick auf das Lager und den Krankentrakt geworfen, aber es war klar, dass ihr Besuch dem Häftling im Hungerstreik galt. Sie studierte meine Krankenakte, meine Werte, den Bericht des Konzils, den Medikationsplan. Im Großen und Ganzen zeigte sie sich zufrieden mit der Arbeit meines Doktors und war einverstanden mit dem, was er unternehmen wollte, wenn eine Verschlechterung eintreten würde, was schon bald der Fall sein konnte, da einige Werte bereits abgefallen waren. Dann sprachen wir unter vier Augen, aber es ging weniger um mich als um die Krim, die sie im letzten Sommer besucht und die ihr sehr gefallen hat. Danach fuhr sie ins städtische Krankenhaus, in dem ich diese Woche untersucht worden war, und nahm dessen technische Ausstattung in Augenschein, insbesondere die Intensivstation, um sich ein Bild davon zu machen, was mich erwarten würde, sollte ich langsam »wegtreten«. So gingen wir auseinander und hatten, so schien es, bei dem anderen jeweils einen guten Eindruck hinterlassen. Wenn man überraschend einem netten Menschen begegnet, ist man immer positiv berührt.
[…]
Tag 26
Die Krise, die der Doktor angekündigt hat, ist eingetreten. Gestern hat sie sich schon angedeutet, heute schlägt sie mit voller Wucht zu. Der Abfall ist plötzlich gekommen und war heftig. Ich merke ganz deutlich, dass die Pumpe nicht mehr mitmacht. Meine Hände und Füße sind eiskalt, fast blau. Ich kriege keine Luft. Mir ist schwindelig, ich fühle mich benommen. Der Organismus hat seine Reserven aufgebraucht und greift auf die eigene Substanz zurück. Am Morgen lag der systolische Wert bei siebzig, der diastolische war gar nicht zu messen, der Puls auch nicht. Ich fühle mich beschissen. Dabei ging die Infusion gestern fast fünf Stunden, sogar mit neuen Präparaten mit Aminosäuren und anderen ergänzenden Substanzen, aber auch das hat die Lage nicht gerettet. Nach dem Tropf wollte ich schnell zur Toilette und wäre dort beinahe zusammengeklappt. Mit letzter Kraft habe ich mich zurück ins Bett geschleppt. Viel Wasser getrunken. Da war es schon fast ein Uhr. Geschlafen habe ich eigentlich gut, aber ich habe sehr gefroren, die Heizung ist nämlich abgestellt, seit es draußen wärmer ist. Dabei ist es bedeckt, es fällt Regen, der immer wieder in Schnee übergeht. Das passt zu meiner Stimmung. Alarmiert und kämpferisch. Auch die Werte sind auf breiter Front im Keller. Das Azeton im Urin hat zugenommen, seit zwei Tagen spüre ich es auch im Mund. Er fühlt sich extrem trocken an, obwohl ich sehr viel trinke. Obwohl mit den Infusionen Flüssigkeit zugeführt wird, zeigt die Wasserbilanz, dass ich mehr ausscheide als aufnehme. Die Entwässerung hat eingesetzt, der Körper kann das Wasser nicht mehr speichern. Das ist gefährlich für die Nieren. Den Ärzten bereitet allerdings das Herz die meisten Sorgen: Auf dem EKG sieht man, dass es unerfreuliche Entwicklungen gibt, der Herzschlag ist verlangsamt, und es gibt Herzrhythmusstörungen.
Die drei sind fast seit dem frühen Morgen da. Mein Doktor, sein Vorgesetzter aus der Verwaltung und die Kontrolltante aus Moskau. Drei Oberstleutnante mit Approbation sind mit einer einzigen Frage beschäftigt: wie sie meine Gesundheit retten können. Zum Glück versuchen sie nicht, mich zum Aufgeben zu bringen, sie wissen, dass das zwecklos ist. Der Vorgesetzte von meinem Doktor und die Kontrolltante haben sich offenbar von der Idee verabschiedet, an ihre Arbeitsplätze in der Verwaltung zurückzukehren, und bleiben hier, bis sich die Lage geklärt und stabilisiert hat. Der Doktor hat mehr Angst als ich. Ich muss ihn beruhigen und aufbauen. Seine Hände haben heute fast unmerklich gezittert. Es ist ihm anzusehen, dass ihm mein Zustand sehr nahegeht. Nicht etwa, weil er Angst hat, dass die Mortalitätsrate im Lager steigen könnte, sondern aus anderen, rein menschlichen Gründen. Es wurde ein weiteres Konzil im städtischen Krankenhaus einberufen, um die Meinungen und Ratschläge der dortigen Kollegen einzuholen. Laut Plan hätte das Konzil morgen stattfinden sollen, aber aufgrund der aktuellen Lage wurde es für heute Nachmittag anberaumt.
Jetzt stehen mir wieder Transport, Eskorte, Krankenhaus und Untersuchung bevor. Das wird natürlich anstrengend, vor allem in meinem derzeitigen Zustand, aber es muss sein, ich verstehe das, es ist keine bloße Formalität. Die freien Ärzte wollen mich vielleicht gleich dabehalten, aber ich werde mich weigern. Dazu besteht keine Veranlassung, ich vertraue ihnen weniger als den Ärzten im Gefängnis. Das klingt vielleicht komisch, ist aber so. Die da draußen wollen mich gleich zwangsernähren. Das ist sehr erniedrigend, erst kriegt man was gespritzt, damit man nicht verkrampft und keinen Widerstand leistet. Ich will auf keinen Fall wie ein willenloses Stück Gemüse mit einem Schlauch in der Nase daliegen, durch den Sondenkost fließt. Meine Ärzte vom FSVD versuchen das bislang zu verhindern, und das finde ich gut. Bislang läuft es doch, mit den Infusionen. Von jetzt an gibt’s die einfach täglich, viel und noch mit anderen Sachen.
Während die Miliz den Transport vorbereitet und die Ärzte die letzten Untersuchungsergebnisse in die Formulare eintragen, liege ich im Bett und schreibe diese Zeilen. Im Gefängnis fehlt vieles, was es draußen gibt, dafür gibt’s das, was draußen meistens fehlt – Zeit. Zeit im Überfluss. Der eine sitzt zehn Jahre, der andere zwanzig. Da ist viel Zeit zum Nachdenken. Was zum Beispiel den letzten Lebensabschnitt ausgemacht hat, was gewesen ist, was man erlebt hat, die Fehler, das Scheitern, die Verluste. Ich bin dem Schicksal dankbar für mein kompliziertes und interessantes Leben, aber ich würde das alles trotzdem nicht noch einmal durchmachen wollen. Ich bereue nichts und würde auch nichts ändern wollen. Und nicht nur, weil es nicht geht. Sondern weil es eben so kommen musste. Nichts passiert zufällig. Als ich an meinem zweiten Film – »Rhino« – gearbeitet habe, wollte ich die Gedanken des Protagonisten skizzieren, der über sein schweres Schicksal sinniert. Er dachte: »Wozu das Ganze?« Zum Ende hin findet er eine Antwort: »Nicht wozu, sondern wofür?« Jetzt bin ich selbst in dieser Situation. Und es geht auch schon aufs Ende zu. Nie war der Ausdruck »Sieg oder Tod!« für mich so konkret wie jetzt. Und nachdem Putin seinem Volk gegenüber wieder einmal offen erklärt hat, mich nicht austauschen zu wollen, ist der Sieg in weite Ferne gerückt, wohingegen sich der Tod bereits anschleicht.
Wir fuhren also in die Klinik zum zweiten medizinischen Symposium, das sich dem nunmehr kritischen Zustand des Patienten Senzow widmete. Wieder war ein buntes Gemisch, bestehend aus mehreren Natschalniki von der Miliz, allen drei leitenden Ärzten und einer ganzen Horde Fachärzten zugegen. Das Gespräch war kurz und heftig. Während sich die Ärzte meine letzten Werte und das EKG ansahen und sich austauschten, musste ich draußen in der Grünen Minna bleiben. Es waren so viele Milizionäre mitgefahren, dass für zwei kein Platz blieb und sie im Stakan sitzen mussten. Was nicht geschadet hat, dann haben sie wenigstens mal gemerkt, wie eng die Dinger sind. Nachdem wir hoch in die Aufnahme gegangen waren, konfrontierten mich die Ärzte mit den Fakten und meinen Wahlmöglichkeiten. Die Fakten waren: Mein Zustand hatte sich so rapide verschlechtert, dass reale Lebensgefahr bestand. Das Herz schlug nur noch halb so oft, wie es der Norm entsprach, und die winzige Reserve würde höchstens noch für zwei Tage reichen. Entweder würde ich also den Hungerstreik sofort beenden oder man würde mich wegen der kritischen Befunde auf die Intensivstation verlegen. Dort würde man mich ans Bett fesseln, mir einen Krampflöser spritzen und über die oberen und unteren Körperöffnungen Nährlösungen zuführen, alles andere wäre eine Frage von Stunden.
Ich weigerte mich, den Hungerstreik zu beenden. Es entspann sich ein kurzer, hitziger Dialog im Format »einer gegen alle« in Gegenwart etlicher Zuschauer. Ein Kompromissvorschlag wurde unterbreitet: Man würde mir die Substanz oral verabreichen, wenn ich mich einverstanden erklärte, was hieß, ich müsste sie schlucken und dürfte sie nicht wieder ausspucken. Die Entscheidung lag bei mir, es entstand eine Pause, alle schwiegen, die Stille sprang auf dem gekachelten Boden auf und ab wie ein Tennisball aus Plastik. Ich schaute den Ärzten ins Gesicht und begriff, dass sie es ernst meinten und ich binnen einer Stunde von zwei Schläuchen umwickelt sein würde – einen im Mund und einen im After. Ich sagte, ich würde mich der Ernährung über den Mund nicht verweigern. Alle atmeten erleichtert auf. Die Versammelten gingen auseinander. Ich unterschrieb den Verzicht auf die Einlieferung ins städtische Krankenhaus und die Einwilligung in die Aufnahme der Nährsubstanz. Als ich zur Unterschrift ansetzte, fiel ein Tropfen aus meinem Finger, der eben für die Blutentnahme angestochen wurde, aufs Papier. Damit hatte ich den Vertrag praktisch mit Blut besiegelt. Bloß gut, dass es kein Pakt mit dem Teufel war.
Im Revier gab es die erforderlichen Spezialpräparate nicht, aber der Intensivmediziner, der »nette« Doktor mit der Goldkette, mit dem ich mich das letzte Mal angelegt und mit dem ich so aneinandergeraten war, zeigte sich plötzlich von seiner generösen Seite, spendierte etwas aus seinen Vorräten und gab sogar noch ein paar Tropfpräparate dazu. Die Anspannung legte sich, schließlich unterhielten wir uns in einem normalen Ton und knurrten uns nicht mehr an. Angeblich sind alle Intensivmediziner so, sie wissen das meiste, weil sie am häufigsten mit dem Tod in Berührung kommen. Und deshalb ist das menschliche Leben für sie nichts Abstraktes, sondern etwas ganz Konkretes, mit dem sie jeden Tag zu tun haben. Deswegen hatte ich keine Wut auf ihn, außerdem war es in dem Gespräch um das Wesentliche gegangen. Er sagte schließlich, das Präparat sei keine endgültige Lösung, kein Allheilmittel, es könne die Nahrung nicht ersetzen, sei nur ein Aufschub, und wie lange ich damit durchhalten würde, sei ungewiss, denn der Organismus sei bereits sehr geschwächt. Das nächste Mal würde er mich in jedem Fall auf die Intensivstation einweisen – die er, wie sich herausstellte, leitete – und die Maßnahmen anordnen, die er für richtig hielt. Einige andere Ärzte stießen in dasselbe Horn: Wieso karrt ihr den Typen hierher zu uns, wenn er partout nicht leben will, und haltet uns von der Arbeit ab, lasst ihn hier, wir werden es ihm schon zeigen. Deswegen will ich auch nicht hierbleiben: Für die freien Ärzte bin ich ein Knacki, für die Ärzte im Knast ein Mensch. Also fahre ich lieber mit meinen Ärzten zurück nach Hause, ins Revier.
Hier rückt mir wieder die Psychologin auf die Pelle – mit ihren traurigen Augen und den üblichen Floskeln. Sie weiß, dass unsere Unterhaltungen nicht immer kurz sind, deswegen hat sie mir eine Infobroschüre über die Schädlichkeit des Hungerns dagelassen. Sie enthält Bilder über Hungernde, in der Phase 20+ ist eine Person dargestellt, die nur noch aus Schädel besteht. Heute jedenfalls tritt der Tod nicht ein, heute weicht er zurück. Jetzt geht’s erst mal zur Infusion, die sich wahrscheinlich bis in die Nacht hinziehen wird. Draußen hat der Regen aufgehört, aber die Wolken haben sich noch nicht verzogen.
Tag 27
Vom frühen Morgen an Sonne und blauer Himmel. Im Gegensatz zu den beiden letzten Tagen steht mein Befinden heute im Einklang mit dem Wetter. Es passt sich irgendwie immer meinem Zustand an oder umgekehrt. Gestern hing ich wieder bis Mitternacht am Tropf, geschlagene sieben Stunden. Um das Prozedere etwas zu vereinfachen und die Venen nicht vollkommen zu ruinieren, sie sind nämlich schon völlig zerstochen und kaum noch zu finden, wurde ein Venenkatheter gelegt. Ich weiß, wie die alten, sowjetischen Exemplare funktionieren, und war nicht besonders scharf darauf. Aber die heutigen Modelle sind anders: Sie werden am Unterarm eingesetzt, es tut nicht weh, und wenn sie nicht in Betrieb sind, stören sie eigentlich nicht, lange Infusionen lassen sich mit ihnen viel besser ertragen. Den Katheter und die Infusion hat der Arzt gelegt, der dem verschlafenen Frettchen ähnelt. Er ist eigentlich gar kein Arzt, sondern nur Krankenpfleger, aber es hat ihm geschmeichelt, als die Kontrolltante ihn als Hilfsarzt bezeichnet hat. Er ist zwar kein diplomierter Mediziner, aber geschickt und flott, und es tut nicht weh, er hat es drauf. Gestern früh, als ich schon am Wegtreten war und das noch nicht einmal mitbekam, hat sich die ewig jammernde Schwester mit mir abgegeben, sie fand weder Puls noch Blutdruck. Sie erzählte was von einem präkollaptischen Zustand, dass man solche Patienten früh gar nicht munter kriegt, »und dann fasst man sie an, und sie sind schon kalt …« Während sie mein EKG aufzeichnete, offenbarte sie auch noch ihr Talent als professionelles Klageweib. Mir wurde das zu viel und ich bat sie, diese ganzen Geschichten für sich zu behalten und mich mit ihrem Gruselkram zu verschonen. Meine Stimmung entsprach meiner Lage. Die Schwester ist natürlich an die Decke gegangen und hat mir gedroht, mir nichts über meine EKG-Werte zu sagen, obwohl sie furchtbar schlecht seien, als würde ich gleich ins Koma fallen. Man ändert die Menschen nicht, jeder fühlt sich berechtigt und im Recht. Sie wiederum ist gar keine Schwester, sondern Ärztin. Es gibt hier nicht so viel Personal, ein knappes Dutzend Mitarbeiter, trotzdem bringe ich ihren Status manchmal durcheinander, ich hatte ja bislang immer nur mit dem Chef zu tun und war in seinem Sprechzimmer. Gestern hatte er allerdings eine Sitzung nach der anderen und war mit zwei vorgesetzten Kollegen damit beschäftigt, Berichte über meine Gesundheit und deren Stabilisierung zu verfassen und nach oben zu übermitteln. Deswegen habe ich die Infusion gestern bei mir im Zimmer bekommen und so die anderen Mitarbeiter kennengelernt.
Man kann nicht behaupten, dass sich alles nur um mich dreht, obwohl es sich manchmal wirklich so anfühlt. So vergesse ich wahrscheinlich bald, dass ich immer noch im Gefängnis sitze. Die Vollzugsbeamten erinnern mich allerdings hin und wieder daran. Jetzt gibt es wieder jeden Tag die Routinekontrollen, nachdem sie drei Wochen lang unter den Tisch gefallen waren. Ein äußerst passender Moment. Ich habe es zum Glück gerade noch geschafft, auf den Katheter hinzuweisen, als die plötzliche Leibesvisitation begann. Der Nachttisch und das Bett wurden auch durchwühlt. Was suchen die da eigentlich ständig? Einen Totmacher? Kein normaler Knacki würde ein Messer zwischen seinen Sachen bunkern, das wäre saugefährlich, Verstecke gibt es viele, »Nester«, aus denen man sich das – anonyme – Ding wenn nötig holen kann. Oder suchen sie etwa unter dem Kopfkissen oder in den Socken ein Stück Brot, das mir die Dämonen, über die ich schreibe, ständig unterschieben wollen? Aber weder die Miliz noch die Dämonen verstehen, dass eine Brotrinde gegenwärtig mein Verderben und nicht meine Rettung wäre. Wer klug ist, wird nicht Vollzugsbeamter. Heute Morgen wurden mir zwei neue Ausgaben der Nowaja Gaseta gebracht. Neu, naja, für die hiesigen Gefilde neu, sie waren wie immer zwei Wochen alt. In beiden Nummern waren einige Artikel herausgeschnitten. Wahrscheinlich ging es darin um mich. Und was soll das? Sie denken, dass sie meine Informationen irgendwie beschränken können, und verletzen das Gesetz über den freien Zugang zu letzteren, indem sie die arme Zeitung, die ich schließlich über sie abonniert habe, zerfleddern. Über die Folgen dieser Dummheit macht sich irgendwie keiner Gedanken. In den ganzen vier Jahren habe ich mich immer noch nicht an die Dummheit und Kurzsichtigkeit der Miliz gewöhnt. Dem ukrainischen Priester den Zutritt verweigern, Briefe zurückhalten, die mir der Anwalt mitgebracht hat, und jetzt eine offiziell erschienene Zeitung zensieren. Wo ist da die Logik? Die Antwort ist Stille und ein schwaches Wimmern in den leeren Gehirnkästen.
Das Wichtigste ist, dass ich mich heute wirklich besser fühle. Als wäre ich aus einer Höhle gekrochen und auf einen Hügel gestiegen. Der Blutdruck ist zwar niedrig (80/60), aber nicht kritisch, der Puls ist auch sehr schwach, aber immerhin vorhanden. Es wäre auch merkwürdig gewesen, wenn keine Verbesserung eingetreten wäre, wenn man bedenkt, was sie mir gestern alles infiltriert haben. Die Nährpräparate entfalten natürlich auch ihre Wirkung. Zuerst dachte ich, das sei so was wie Babynahrung oder Proteine, weil es so aussieht. Aber als ich die Zusammensetzung auf der Packung gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass die Substanz nur wenig Eiweiß und Kalorien enthält und zu achtzig Prozent aus Vitaminen, Mineralien und anderen für einen geschwächten Organismus wichtigen Substanzen besteht. Umso besser, ich dachte, ich hätte mit dem Beginn der oralen Ernährung meinen Hungerstreik schon zur Hälfte abgebrochen. Es ist aber keine Nahrung, es sind nur stärkende Substanzen, das ist in Ordnung. Deswegen spare ich mir das Theater mit dem Füttern vom Löffel und nehme die Masse selbstständig ein. Die Substanz wird mit ein paar Löffeln Wasser aufgelöst und mir alle vier Stunden verabreicht. Die Portionen sind klein, aber es reicht, um die Hosen oben zu halten. Die warme Flüssigkeit kleidet den Magen angenehm aus und schützt zugleich die Schleimhaut, die bei einem Hungerstreik extrem in Mitleidenschaft gezogen ist. Der Brei schmeckt nach Milch und Chemie. Wonach genau, kann ich nicht sagen, die Rezeptoren im Mund bilden sich langsam zurück. Der Doktor sagt, der Geschmack käme irgendwann zurück, wenn auch vielleicht nicht ganz. Meine Zunge hat jedenfalls die Farbe der Zimmerwände: helles Beige. Das Azeton im Mund spürt und riecht man. Es wird bleiben, mich bis zum Schluss begleiten, denn es fehlt dem Organismus ja weiter an Nahrung, er verzehrt sich selbst, und das ausgeschiedene Azeton ist nur ein sekundäres Symptom dieses unerfreulichen Prozesses.
In den letzten vier Wochen habe ich sozusagen auf praktischem Wege sehr viel über die Medizin im Allgemeinen und über den menschlichen Organismus im Besonderen gelernt. Ich will immer wissen und verstehen, was um mich herum passiert, im vorliegenden Fall ist es das, was in mir drin passiert. 76 Kilo. Das Gewicht nimmt jetzt nur sehr langsam ab, aber im fortgeschrittenen Stadium eines Hungerstreiks ist das immer so. Ich hatte nie Übergewicht, und Muskeln werden langsamer verbrannt als Fett.
Der Arzt hat mich untersucht und gesagt, ich solle mich nicht zu früh freuen, das Herz sei noch immer schwach und instabil, aber die Situation sei auf jeden Fall schon besser als gestern. Die Kontrollärztin hat im Übrigen, wie es so schön heißt, einen angenehmen Eindruck hinterlassen und ist gestern Nacht nach Moskau zurückgeflogen, um ihre Vorgesetzten davon zu unterrichten, wie unter ihrer aktiven Mitwirkung der Hungerstreikende gerettet wurde. Heute bekomme ich wieder eine mehrstündige Infusion. Dieses Mal hat mir eine Schwester kurz vor der Rente, die ich noch nicht kannte, den Zugang gelegt. Sie ist vielleicht ein guter Mensch und schafft es, den Häftlingen Analgin zu verabreichen, aber eine Infusion, noch dazu mit einem Katheter, ist nichts für sie: Sie hat sich und mich reichlich gequält. Dafür hat sie zu mir gesagt, nach den sechs Stunden Tropf sähe ich schon viel besser aus und mein Gesicht hätte nicht mehr diesen erdbraunen Ton vom Morgen. Ein Glück, dass sie mich gestern nicht gesehen hat …
Ich habe mich geduscht und rasiert. Aus dem Spiegel schaut mich noch immer dieser ausgezehrte knochige Kerl an. Im Vergleich zur letzten Woche sieht er nicht besser aus, im Gegenteil. Er hat einen überproportional großen Kopf, dafür aber kein Gesicht mehr. In den letzten Tagen hatte ich gar keinen Sinn für Körperhygiene, also nutze ich jetzt den Moment, in dem es besser geht. Normalerweise brauche ich für die beiden Verrichtungen zwanzig Minuten. Heute habe ich mehr als eine Stunde damit zugebracht. Ich habe mich gefühlt wie ein hundertjähriger Greis: kraftlos, alles dauert lange und kostet Mühe. Außerdem fand ich den Plastiktütenarm mit dem Katheter hinderlich. Aber halb so wild, es ging schon.
Ich habe das Bett frisch bezogen und mich hingelegt. Die heutige Linderung ist natürlich keine grundlegende Verbesserung. Das ist klar. Der Zustand ist momentan stabil, hat der Doktor gesagt, aber wie lange es dauert, bis der nächste Zusammenbruch kommt, weiß keiner. Und dass er kommen wird, ist sicher, und sicher ist auch, dass die zweite Krise heftiger werden wird als die erste, dann werde ich der diabolischen Intensivstation nicht entkommen. Ich hoffe, dass der Organismus noch zwei Wochen durchhält. Ich glaube, in den nächsten zwei Wochen entscheidet sich die Sache. Hoffentlich schaffe ich das.
Einschluss. Das elektrische Licht wurde abgeschaltet, aber im Zimmer ist es so hell, dass ich lesen und schreiben kann, auch wenn ich mich nicht ans Fenster setze. In den Abendnachrichten hieß es, die Präsidenten der Ukraine und Russlands hätten miteinander telefoniert. Die Themen sind immer die gleichen: Donbass, Waffenstillstand, Kriegsgefangene. Sie sind übereingekommen, dass Besuche von Bürgerbeauftragten in den Gefängnissen organisiert werden sollen: ihre Leute bei ihren Gefangenen, unsere bei uns. Wenn es das erste Gespräch gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht gefreut, aber das gab es schon so oft im Laufe der vier Jahre, dass ich seit Langem nur noch an mich selbst glaube und mich nur noch auf mich verlasse. Abwarten. Zwei Wochen.
Бесплатный фрагмент закончился.
