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Nelli Kossko

Du, mein geliebter „Russe“

Eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte

Roman


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dn.de abrufbar.

Titelillustration und Zeichnungen: Heinrich Stoppel

Lektorat: Carola Jürchott

Nelli Kossko

Du, mein geliebter „Russe“

Eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte

Roman

1. Auflage 2020

© 2020 ratio-books, Lohmar

Alle Rechte vorbehalten.

www.ratio-books.de

info@ratio-books.de


E-Book: ISBN 978-3-96136-086-4

Print: ISBN 978-3-96136-085-7

„Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als mutig gefasst die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es?“

Johann Wolfgang von Goethe

Inhalt

VORWORT

Auf der Straße des Todes

Der „Russe“ kommt mir nicht ins Haus!

Die Heimat erwartet euch, ihr Schufte!

Das gnadenlose Inferno

Weißt du, wie die Freiheit schmeckt?

Und wenn ich Hungers sterben müsste …

Nichts ist für ewig auf dieser Welt

Immer mehr Totgeglaubte tauchen wieder auf

Die deutsche Frage in Arthurs Familie

Ein neues Leben aufbauen

Die Befreiung

Frühling lässt sein blaues Band …

Die etwas beschnittene Freiheit

Uli lässt nicht locker

Ein schmerzliches Wiedersehen mit der Heimat

Jeder Tag bringt etwas Neues …

Es geht los

Liesels Lebewohl

EPILOG

VORWORT

Nachdem Faust sich mit mehreren Disziplinen auseinandergesetzt hatte und feststellen musste, dass er noch immer ein „armer Tor“ war, der „so klug als wie zuvor“ dastand, ließ er seine Gedanken schweifen. Vergeblich war seine Mühe, sich das Wissen der Welt anzueignen, weil er es trotz allem nicht geschafft hatte zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Fausts Grübeleien sind verständlich – auch wir setzen uns hin und wieder mit der Frage auseinander, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Man kann nur vermuten, dass der exzellente Schöpfer des Grüblers beim Verfassen seiner Tragödie die Antwort auf diese Frage längst ausgelotet hatte und überzeugt war, dass einzig die Liebe die Welt zusammenhalten kann. Sein Faust war auf der Bühne des Weltgeschehens nur die tragische Figur, die diese Erkenntnis aussprechen sollte, um die Welt und sich selbst nochmals zu überzeugen, dass dem so sei.

Auch die Schriftstellerin Nelli Kossko betont in ihren Werken die existenzielle Rolle der Liebe und stellt sie in den Mittelpunkt des Universums ihrer Helden. Das Leben ihrer Protagonisten besteht aus bunten und nicht unbedingt geraden Linien, die sich bis zum hohen Norden der ehemaligen Sowjetunion, in das vereiste und karge Kolymagebiet, rot verfärben. Rot wie das Blut in den Adern, das vor Kälte und Angst stockt, rot wie der vage Sonnenaufgang, dessen leuchtende Strahlen ein heftiges Unwetter verbergen, aber bevor dies geschieht, die Natur für einen Augenblick mit kosender Wärme überschütten. Rot wie die Wahnvorstellungen, die einen erschöpften, hungrigen und durch starkes Fieber entkräfteten Menschen überwältigen und ihm die Luft zum Atmen nehmen. Aber es gibt auch die grünen Linien, in deren Schicksalskurven die jubelnden Klänge der Hoffnungsmusik einen neuen Anfang evozieren. So empfindet Emma in der Trilogie „In den Fängen der Zeit“ ihr Leben. Als Kind wurde sie aus der gewohnten Umgebung gerissen, um sich in einer unfreundlichen fremden Welt wiederzufinden und den Kelch der Folgen der Vernichtungskampagne bis zur Neige zu leeren. Und dies nur aus einem einzigen Grund: weil sie als Deutsche geboren wurde und weil ihre Eltern Deutsche waren, die für die bösartigen Taten der machthabenden „Führer“ büßen mussten. Hart fiel diese Buße aus, an manchen Tagen war sie gar unerträglich, aber Emma hatte Glück im Unglück, sie blieb seelisch und körperlich heil und durfte in das bunte Gemisch der aufkeimenden Hoffnungen zurückzukehren. Nach langem Umherirren fand sie endlich den Weg in die heißersehnte Heimat, wo ihr alles lieb und vertraut war. Aber das Gefühl, angekommen und aufgehoben zu sein, sowie die Erkenntnis dessen, was sie all die Jahre am Leben gehalten und ihr die gedeihliche Kraft verliehen hatte, eröffnete sich ihr erst am „Endpunkt ihrer Irrungen“: „Da reise ich durch die halbe Welt, jage einer Fata Morgana nach, suche meine Heimat! Dabei habe ich vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen, habe das Wichtigste, was greifbar nahe liegt, übersehen: Da, hier, meine Lieben, ist es, mein Land, meine Heimat, meine Welt!“ Mit diesem Schlusssatz bekräftigt die Autorin den Gedanken des großen Dichters über den Zusammenhalt des „Innersten der Welt“ und legt der Heldin ihres Romans schlichte und so verständliche Worte in den Mund: „Hier, meine Lieben, ist es …“

Was manch einer als „faustbezogene“ Rhetorik bezeichnen würde, basiert bei Nelli Kossko auf der grundlegenden Realität ihrer eigenen zweifelsohne nicht immer rosafarbenen Schicksalslinien. Die Themen ihrer Romane entstammen nicht Grenzen überschreitender Fantasie, sie sind „der Familienchronik entnommen und stellenweise stark autobiografisch geprägt“, betont die Schriftstellerin. Geboren in einer russlanddeutschen Familie im Schwarzmeergebiet, „genoss“ sie selbst von klein auf das schreckliche Desaster, das diese ethnische Gruppe jahrzehntelang mit sich herumtragen musste: die Aussiedlung, Verschleppung, ein Leben in Gewahrsam und unter Kommandanturaufsicht, die Rückkehr in die alte Heimat Deutschland und die Integration. Weil sie ihre Vergangenheit, die sie immer wieder einholt, nicht verdrängen kann, teilt die Autorin sie mit ihrem Leser und erzählt ihm, wie ihre Verwandten diese grausamen Zeiten überlebten, wie es ihnen in der eisigen nördlichen Wüste erging und wie sie es schafften, einen neuen Weg einzuschlagen, der sie in die Freiheit führen sollte. Sie spricht von denen, für die die Verbannung zur „ewigen Ruhe“ bestimmt war und von denen, die sich aus diesem höllischen Kessel befreien konnten.

Der vorliegende Roman „Du, mein geliebter Russe!“ ist auch ein Abschnitt ihrer Familienchronik, in dem Nelli Kossko das herzbewegende Schicksal eines Liebespaares schildert. Die Ereignisse dieser deutsch-deutschen Liebesgeschichte spielen sich in Deutschland und im hohen Norden der ehemaligen Sowjetunion ab. Der russlanddeutsche Junge Arthur Gerber und das reichsdeutsche Mädchen Liesel Möller begegnen einander kurz vor dem Kriegsende in der Erwartung, sich niemals zu trennen und ein schönes Leben aufzubauen. Ein Leben in großer Zuversicht und unendlicher Gewissheit, dass die Liebe ihre kleine Welt für ewig zusammenhalten wird. In 17 kurzen Kapiteln beschreibt die Schriftstellerin die Geschehnisse des Jahres 1945 und verfolgt abwechselnd den Lebensweg ihrer Helden: den von Arthur, der zunächst in Magadan, der „Hauptstadt des Planeten der Gefangenen“ landete, und den von Liesel in Deutschland. Es wird Jahrzehnte dauern, bis sie sich wiedersehen, und ihr Treffen ist alles andere als das Happy End, von dem sie beide schwärmten. Das Glück, zusammen in Liebe zu altern, war ihnen nicht beschieden: Arthur, der als Russlanddeutscher zum Volksdeutschen wurde und doch „nicht arisch genug war“, wurde einer „Umerziehung“ unterzogen und ist zum Opfer zweier Diktaturen geworden. Die Gestapo und ihr sowjetisches Ebenbild, der NKWD, ließen ihn lange nicht aus den Augen. Auch Liesel traf es schlimm, aber sie gab nicht auf, weil sie nicht aufhören konnte, auf ihren „geliebten Russen, den Gutsten“ zu warten. Um ihre Sehnsucht nach dem Unerfüllten zu stillen, schreibt sie ihrem „geliebten Russen“ Briefe, in denen sie ihre Liebe ausschüttet, doch sie sollten den Empfänger erst ein halbes Jahrhundert später erreichen … Auch in diesem Werk bleibt die Autorin ihrem Thema treu, sie kann die Vergangenheit nicht der Vergangenheit überlassen und einen dicken Strich darunter ziehen, denn das „verpfuschte Leben“ von Millionen Opfern, die diese grausame Zeit in alle Winde verweht hat, kann sie nicht einfach abschütteln. Ihr Leben wurde auch von Ängsten und dem „reichhaltigen Instrumentarium der Inquisitoren“ geprägt. Verbote, Kündigungen und Missachtung sind keine leeren Begriffe – sie zeichneten sich als rote und grüne Linien auch in ihren Adern ab und hinterließen eine lange Schleife von Trauer und Schmerz. Davon hat sie eine raue Menge gesammelt. Aber auch Freude und Glück haben sich in ihrem Leben wie Sand am Meer angehäuft, und dessen sonnenüberströmten Körnchen ist sie gern bereit, ihren Mitmenschen zu schenken, denn sie glaubt fest daran, dass es nichts Wertvolleres auf der Erde gibt als die Liebe, die Menschen aufs „Innerste zusammenhält“.

Rose Steinmark

Münster


„Ewig bleibt es unverloren,

was das Herz dem Herzen gab.“

Adalbert Stifter

Der Mann kramte in einer Schachtel mit alten Fotos, holte eines nach dem anderen heraus, warf einen Blick darauf und legte die Erinnerungsstücke seines bewegten Lebens behutsam zurück. An den ganz alten Bildern, denen aus der Vor- und Nachkriegszeit, blieb sein Blick länger haften. Es waren nicht viele, aber sie weckten besonders schmerzhafte Erinnerungen an die größten Verluste seines Lebens – die der Heimat, der Familie, der ersten Liebe und all seiner jugendlichen Ideale und Träume …

Plötzlich hielt er inne, schaute auf ein Foto in seinen Händen. Es war vergilbt, einige Male geknickt, an einigen Stellen abgeschürft, die Ecken etwas bestoßen. Die Gesichter auf dem Bild, unscharf und verschwommen, waren kaum zu identifizieren. Doch trotz allem konnte man darauf ein junges Paar erkennen, das dem Fotografen glücklich und übermütig zuwinkte. Der junge Mann in deutscher Wehrmachtsuniform hatte seinen Arm liebevoll um die Schultern des Mädchens gelegt, sie schmiegte sich vertrauensvoll an ihn, der Wind, der Schalk, spielte mit ihren Haaren, zerzauste sie und eilte davon. Die beiden lachten lauthals – man konnte es sehen und fast hören, sie waren verliebt und glücklich, auch das konnte man ihnen an den Augen ablesen. Und sie hofften auf eine glückliche Zukunft …

Der Mann schob die Schachtel beiseite und vergrub sein Gesicht in den Händen. Er hatte die Erinnerungen daran immer wieder verdrängt, hatte sich selbst nicht gestattet, daran zu denken, sodass sie mit der Zeit verblasst waren, an Farbe verloren hatten, ja unwirklich erschienen. Nicht, weil er sie nicht wahrhaben wollte, nein, er durfte sich es einfach nicht erlauben, denn zwischen diesem Foto und der Gegenwart, in der er lebte, leben musste, lagen Welten, viele Welten, die jede Möglichkeit eines Wiedersehens mit der Frau auf dem Bild nicht nur praktisch, nein, auch theoretisch völlig ausschlossen.

Die Erinnerungen überkamen ihn, als hätte die Zeit plötzlich den Rückwärtsgang eingelegt …


Auf der Straße des Todes
1947. Straflager Sussuman/Sowjetunion

„Na ihr, Fritzen, wer von euch kann Russisch?“ Der junge Leutnant schaute sich grinsend die Reihen der Kriegsgefangenen auf dem Appellplatz des Lagers an und wartete gelangweilt ab. Die „Fritzen“, fast allesamt russlanddeutsche Jungs, die nach dem Einmarsch der Deutschen in die Ukraine im Zweiten Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen worden und nach Kriegsende in Gefangenschaft geraten waren, ahnten Böses. Was sollte die Frage? Klar, konnten die meisten mehr oder weniger Russisch radebrechen, sie hatten ja Russisch auch als Fach in der Schule gehabt, einige hatten auch schon an der Universität in Odessa studiert. Außerdem waren die deutschen Kolonien von russischen und ukrainischen Dörfern umgeben, da konnte doch fast jeder Deutsche ein paar Brocken Russisch oder Ukrainisch. Aber war es auch ratsam, das jetzt zuzugeben?

„Sollten wir uns vielleicht melden?“ Hans Malsam bewegte kaum die Lippen, als er seinem Freund, Arthur Gerber, diese Frage zuflüsterte. „Kei-nes-falls!“, zischte Arthur zurück, „dann bringen die uns womöglich sofort in den Hinterhof, wo bestimmt schon das Erschießungskommando auf uns wartet!“

„Leute, ich melde mich“, kam es halblaut aus der Reihe hinter ihnen. „Sollen die mich abknallen, ist immer noch besser, als das tagtägliche elende Krepieren hier, das uns bevorsteht …“ Die Stimme wurde lauter, und ein Junge trat vor und verkündete: „Ich kann Ukrainisch!“ „Bravo, Molodez!“, grinste der Offizier zufrieden und klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter. „Wer noch so intelligent ist, nach vorn mit euch, los, aber dalli!“ Sein prüfender Blick tastete die Reihen der Häftlinge ab.

„Du, ich melde mich auch“, meinte Hans, an Arthur gewandt, „schlimmer kann´s doch nicht werden!“

„Halt, du Hammel! Lass uns abwarten, mach doch keine Dummheiten“, versuchte Arthur, seinen Freund vor dem, wie er meinte, Schlimmsten zu bewahren, aber der war schon nach vorn getreten und meldete sich gerade beim Leutnant: „Ich kann Russisch.“

Arthur war außer sich, sah seinen Freund ins Verderben rennen, wollte ihn aber nicht im Stich lassen. So schrie er verzweifelt, bevor ihm andere zuvorkommen konnten, aus vollem Halse: „Ich auch! Ich kann auch Russisch!“ und stürmte nach vorn zu seinem Freund.

In die Reihen der Gefangenen kam Bewegung, nun wollten sich viele melden, doch der Leutnant hob die Hand: „Stop!“ Dann fragte er, zu Arthur gewandt: „Dein Freund?“ und kommentierte nachdenklich, ohne eine Antwort abzuwarten: „Wahre Freundschaft ist Gold wert! Ich schätze das sehr! Und weil ihr so treue Freunde seid, dürft ihr auch zusammenbleiben!“ „Oder zusammen sterben“, raunte es auf Deutsch aus den hinteren Reihen.

Dann brüllte der Leutnant mit einer schneidigen Stimme, die gerade noch fast warm geklungen hatte, schrille Befehle in die eisige Luft: „Achtung! Stillgestanden! Und Marsch-Marsch! – in die Unterkünfte!“

Die graue Masse der Gefangenen beeilte sich wegzukommen, strebte auseinander und strömte in alle Richtungen, um dann wie Sand in den Baracken zu versickern. Zurück blieben der Leutnant mit seinen Soldaten und die drei Freiwilligen. Das kleine Grüppchen strebte dem Lagertor entgegen, allen voran der Leutnant, gut eingepackt in einen langen warmen Schafspelz und Filzstiefel, ihm folgten die drei Gefangenen in zerlumpter Wehrmachtsuniform mit zerschlissenen Decken um die Schultern und ungeheuerlicher Fußbekleidung sowie einer Kopfbedeckung aus alten Lappen, die ans Absurde grenzte. Die Jungs bewegten sich nur mit größter Mühe fort, hatten Schwierigkeiten, dem starken eisigen Wind standzuhalten, der gnadenlos auf sie einpeitschte, und kamen durch die dünne Luft außer Atem, die in diesen Breiten bei 45-50 und mehr Grad Minus keine Seltenheit war. Von den Wachsoldaten, die hinter ihnen marschierten und sie im Visier ihrer Maschinenpistolen hielten, und deren Wachhunden nahmen sie keine Notiz – Gewöhnungssache: Hunde gehörten wie auch das Tor, dem sich die kleine Gruppe näherte, schon seit nunmehr drei Jahren zu ihrem Alltag.

Das Tor des Lagers, das mit dreifachem Stacheldraht umzäunt und mit zahlreichen Wachtürmen bestückt war, dieses Tor in die freie Welt, wie man meinen könnte, war den dreien hinlänglich bekannt. Jeden Morgen schlängelte sich hier eine endlose Raupe von Hunderten vermummter Gestalten hindurch, die sich in Begleitung von Wachhunden und Soldaten langsam in Richtung Goldmine wälzte und dann von ihr geschluckt wurde, um am späten Abend, ausgemergelt und kraftlos, wieder ausgespuckt zu werden. Was erwartete sie wohl heute dahinter?

„Nun, was bringst du uns diesmal vorbei?“ Der Mann hinter dem Fensterchen der Durchgangsstelle am Tor blätterte gutgelaunt in den Papieren, die ihm der Leutnant durchgereicht hatte.

„Das heißt nicht ‚was‘, sondern ‚wen‘“, korrigierte ihn dieser mürrisch, worauf der Spaßvogel hinter der Glasscheibe zu bedenken gab:

„Das sind doch keine Menschen, die Bestien hier, diese Deutschen.“ Und, an die Jungs gewandt, meinte er höhnisch:

„Euch blüht, wie ich ahne, eine schöne Überraschung, das habt ihr auch verdient – alle, bis auf den letzten Deutschen werden wir ausmerzen! Ich werde vor Lachen verrecken, wenn ich den letzten Deutschen hängen sehe!“

Der verdutzte Leutnant riss ihm fast die Papiere aus der Hand: „Du hast wohl heute nicht genug gesoffen, he?“ Dann befahl er seinem Trupp weiterzugehen.

Am Gebäude der Verwaltung blieben sie erneut stehen, und die Soldaten meldeten sich beim Offizier ab. Von quälender Ungewissheit und zermürbender Angst hin- und hergerissen, traten die Häftlinge aus der grimmigen Kälte durch die offene Tür und glaubten, im Paradies gelandet zu sein. Diese Wärme …, die behagliche, wohltuende Wärme, in die die vermummten Gestalten so unerwartet eintauchten, trieb ihnen Tränen in die Augen, die sie am liebsten geschlossen gehalten hätten, damit der Spuk nicht verrauchte.

Doch nein, der Leutnant meldete seinem Vorgesetzten, er wäre zur Stelle und wolle Meldung erstatten: Er hätte den ihm aufgetragenen Befehl ausgeführt und die Freiwilligen zugestellt.

Eine Zeit lang passierte gar nichts, doch den „zugestellten Freiwilligen“ war dies mehr als recht: Mit der behaglichen Wärme, ja, Hitze im Raum kehrte wieder Leben in ihre ausgemergelten, steifen Körper zurück, sie tauten auf, lächelten einander zögernd an, und auf ihren Gesichtern stand mit riesigen Lettern die zaghafte Frage geschrieben: Vielleicht ist doch alles nicht so schlimm? Sie wollten daran glauben, o Gott, wie gern sie doch daran glauben wollten! Ein ganz schwaches Gefühl der Geborgenheit keimte in ihnen, langsam und zögernd, ein kleines Flämmchen Hoffnung loderte auf, sie aber verschlossen sich mit aller Gewalt dieser Versuchung, denn zu oft waren sie heimtückisch betrogen, aufs Eis geführt, verraten und verkauft worden.

Arthur hätte ein Lied davon singen können, ein langes, trauriges Lied. „Aber jetzt, jetzt nicht daran denken!“ Er nahm sich zusammen und wischte sich verstohlen das Nass aus den Augen. Sein Blick fiel auf Hans und den neuen Kumpel, der sich zuvor als Robert vorgestellt hatte. Auch sie saßen da wie bestellt und nicht abgeholt, wussten nicht, wie ihnen geschah, rätselten ganz bestimmt darüber, was das alles zu bedeuten hatte und bangten der nächsten Stunde entgegen.

Diese schlug auch schon bald, als aus einem der Zimmer ein untersetzter Uniformierter, ein Oberst, herauskam, der ihre Namen aufrief, einen nach dem anderen: „Gerber! Malsam! Hermann!“ Die Jungs sprangen auf und starrten den Bulligen an, als hinge ihr Leben von ihm ab. In gewisser Weise war es auch so, und der Bullige kostete seine Macht über die Häftlinge in seinem Lager auch gern voll und ganz aus. Jetzt aber hatte er es eilig: Aus der Hauptverwaltung des Gulag in Magadan war der Befehl eingetroffen, wegen des Fachkräftemangels Häftlinge mit Abitur auszusortieren und zu Ausbildungslehrgängen in die Zentrale zu schicken. Man brauchte Standardisierer, Vermesser, Buchhalter, Facharbeiter in den Kraftwerken und Kohlegruben, auf den Goldfeldern und in den Uranminen.

„So, und nun …“ Der Oberst legte eine längere Pause ein und schaute auf seine Uhr am Handgelenk. „In einer Stunde kommt der Laster, der euch nach Magadan bringt.“ Er sah die Häftlinge eine Weile unverwandt an und genoss sichtlich den Horror, der sich auf ihren erstarrten Gesichtern abzeichnete: Im Laster? 800 Kilometer weit? Bei Minus 45-50 Grad? Das war der sichere Tod durch Erfrieren!

Doch dann ließ der Oberst Gnade walten: „Habt euch schon in die Hosen gemacht, wie? Halb so schlimm, die ganze Sache. Es ist ein Laster mit Deckplane und einem kleinen Kanonenofen drin, der unentwegt geheizt werden muss. Also wird es von euch abhängen, ob ihr in der weißen Einöde erfriert oder lebend in Magadan ankommt!“ Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand hinter der Tür.

Die drei sahen einander ratlos an – und nun? Sollte das ihr Ende sein? Oder vielleicht doch nicht? Würden sie diese Etappe ihrer unfreiwilligen Irrfahrt durch die aus den Fugen geratene Welt auch noch bewältigen können?

Es gab praktisch wenig Chancen, aber auch keinen Ausweg, außer sich zu fügen und auf Gott zu vertrauen. „Amen!“, sagte Robert plötzlich, als hätten alle drei das Gleiche gedacht und er damit einen Strich, einen dicken, fetten Strich, unter ihrem neuen unfreiwilligen Abenteuer ziehen wollen.

„Leider“, fuhr er traurig fort, „haben wir uns von unseren Kameraden nicht verabschieden können. Ob wir uns in diesem Leben je wiedersehen werden?“

Plötzlich hupte draußen ein Auto. Laut, schroff und ungeduldig. „Das könnte unser Laster sein!“ Hans lief zum Fenster: „Scheint so, der Fahrer fuchtelt wie wild mit den Armen, gibt Zeichen. Na, dann wollen wir mal, Leute. Und bringt eure Kleidung in Ordnung!“ Trotz des Ernstes der Lage mussten sie über den letzten Satz lachen, aber wo Hans recht hatte, hatte er recht: Ein Teil der Lappen musste fester um den Kopf gewickelt werden, der andere um die Füße, auch die Decken wollten gekonnt fest um die Schultern gelegt werden. Dann begab sich das Himmelfahrtskommando nach draußen und bestieg den Laster.

Hier gab es einige Überraschungen: Der Ofen war angezündet und schon glühend heiß, in einer Ecke fanden sie Steinkohle in rauen Mengen, in der anderen Proviant in viel bescheideneren Mengen: jeweils ein Brot pro Person, 10 Salzheringe, eine Tüte mit Graupen, ein Säckchen voll getrockneter Kartoffeln und ein kleines Päckchen Salz. Ein Teekocher, drei Blechschüsseln und drei Aluminiumlöffel waren auch dabei.

Alles in allem war es ziemlich zufriedenstellend: Wenn die Reise ohne unverhoffte Hindernisse verlief, würde sie mindestens drei Tage lang dauern, dann würden die Vorräte halbwegs reichen – man war ja nicht gerade verwöhnt worden in den letzten Jahren! Doch was, wenn etwas schiefging, und schiefgehen konnte vieles. Was dann? Es war hier keine Seltenheit, dass Menschen unterwegs wegen eines lächerlichen Motorschadens oder eines plötzlichen Erdrutsches erfroren, weil es keine Möglichkeit gab weiterzukommen.

Die drei Häftlinge hatten leider keine Wahl, sich für oder gegen diese Reise zu entscheiden, und so fuhr der Laster nach dem Kommando „Auf geht’s!“ vom Gelände des Lagers und nahm Kurs auf Magadan, die Hauptstadt des Planeten der Gefangenen.

Die Reise führte über die einzige Straße, die berühmt-berüchtigte Kolyma-Fernstraße, auch „Straße des Todes“ oder „Straße der Knochen“ genannt, weil sie buchstäblich auf den Knochen von Tausenden und Abertausenden Gefangenen gebaut worden war. Wegen des Permafrosts und des sumpfigen Bodens konnten die Leichen der Gefangenen nicht ordentlich begraben werden, und so verscharrte man sie in der Straße und verlegte darauf anschließend die Fahrbahn.

Der Laster quälte sich tagelang mühevoll durch die in Schnee und Eis eingeschweißte Gegend, versank in Schneewehen und wurde mit Hilfe der Fahrer von anderen Lastern wieder aus ihnen befreit, ratterte stur weiter, bis er dann, nach fünf Tagen am Ziel angelangt, seinen Geist aufgab. Aus dem Laster wurden drei Menschen geborgen – bewusstlos, mit starken Erfrierungen, beinahe verhungert.

Im städtischen Krankenhaus versuchte man, die Häftlinge ins Leben zurückzuholen, doch bei einem versagten alle Mittel und Mühen: Robert starb am zweiten Tag nach der Ankunft in Magadan, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

„Ob wir uns je wiedersehen werden?“ Auf diese seine Frage hatte er nun die Antwort erhalten: Für ihn gab es kein Wiedersehen, nie mehr und mit niemandem, weder mit seinen Kameraden im Lager noch mit den Eltern zu Hause, mit der Schwester, mit seinem Mädchen, mit allem, was ihm lieb und teuer gewesen war. Es blieb ihm nur noch die ewige Ruhe im eisigen Boden der Kolyma.

Seine beiden Kameraden saßen mit gesenkten Köpfen schweigend an seinem Bett und nahmen Abschied.

„Ist vielleicht auch besser so“, meinte Arthur plötzlich nachdenklich, „ich würde mit ihm gerne tauschen, guck doch mal, wie entspannt, ja zufrieden sein Gesichtsausdruck ist … Es ist, als habe er das Schlimmste hinter sich gelassen und Frieden mit der Welt geschlossen, der Welt, in der man ihm so viel Unrecht angetan hat.“ „Du spinnst wohl!“ Hans sprang aufgebracht von der Bettkante auf. „Zugegeben, es gibt wenig Hoffnung darauf, dass wir lebend aus dieser Hölle herauskommen, ganz wenig, vielleicht nur ein einziges Prozent, aber immerhin – ein ganzes Prozent! Und das müssen wir uns zu eigen machen und ausnutzen, es bleibt uns in unserer Lage nichts anderes übrig …“ Da Arthur bedrückt schwieg, ereiferte sich Hans immer mehr, führte überzeugende Beispiele und Argumente an, und als auch das nichts brachte, fuhr er stärkere Geschütze auf: „Und was soll aus Liesel, deinem Mädchen in Deutschland, und eurer Liebe werden?“

Arthur wurde kreidebleich und reagierte unerwartet schroff auf dieses Argument seines Kameraden, denn ohne es zu wollen, hatte Hans seinen wundesten Punkt berührt, Erinnerungen an Dinge wachgerufen, an die er sich verboten hatte zu denken: an seine Zeit im Lazarett in Fritzlar, an die zauberhafte Schwester Lisa, seine Liesel mit ihren rehbraunen Augen und der blonden Mähne, an die heißen Nächte und zarten Küsse, an ihre Träume …


Der „Russe“ kommt mir nicht ins Haus!
1947-1948. Fritzlar/Nordhessen

Die schwachen winterlichen Sonnenstrahlen bahnten sich zaghaft den Weg durch das Fenster in der Schräge, drangen zunächst in den oberen Teil des Schlafzimmers ein, und einigen gelang es, das Bett zu erreichen, auf dem sich eine junge Frau unruhig im Schlaf hin und her wälzte. Es war immer wieder derselbe schaurige Traum, der sie seit Jahren fast jede Nacht heimsuchte: Sie lief ihrem geliebten Arthur entgegen, lag fast schon in seinen Armen, doch da tat sich plötzlich ein tiefer, dunkler Abgrund direkt vor ihren Füßen auf und verschluckte ihren Geliebten, ihr Ein und Alles. Sie rief verzweifelt nach ihm, schrie seinen Namen in den Wind und … wachte auf, geweckt von ihrem eigenen Schrei. Kaputt und zerschlagen, als hätte sie die ganze Nacht hindurch Berge versetzen müssen, schleppte sie sich zur Kommode, auf der, kunstvoll eingerahmt, ein Bild stand. Das Bild zeigte ein junges Paar, das glücklich und übermütig dem Fotografen zuwinkte. Der junge Mann in deutscher Wehrmachtsuniform hatte seinen Arm liebevoll um die Schultern des Mädchens gelegt, sie schmiegte sich vertrauensvoll an ihn, der Wind spielte mit ihren Haaren, zerzauste sie und eilte davon. Die beiden lachten lauthals – man konnte es sehen und fast hören, sie waren verliebt und glücklich, auch das konnte man ihnen an den Augen ablesen. Und sie hofften auf eine glückliche Zukunft …

Die Gesichter auf dem Bild waren scharf, nicht verschwommen und gut zu erkennen, das Foto war wie neu, als ob es erst gestern gemacht worden wäre. Kein Wunder, denn für Liesel, so hieß die junge Frau, bedeutete es mehr als ein Heiligenbild in der Kirche; ohne das Bild hier auf der Kommode konnte sie sich ihr Leben gar nicht mehr vorstellen, denn es war ein Andenken an ihren Arthur, der im Krieg irgendwo in der weiten Welt verschollen war. Trotz aller Unkenrufe glaubte Liesel fest daran, dass er am Leben geblieben war und eines schönen Tages zu ihr zurückkommen würde.

Es war schon wie ein festes Ritual: Jeden Morgen nach dem Aufwachen ging sie zur Kommode, nahm das Bild in die Hand, streichelte es mit einer zarten Bewegung und flüsterte: „Guten Morgen, mein Gutster!“ „Gutster“ nannte sie ihn scherzhaft, weil er sie einmal in seinem schwarzmeerdeutschen Dialekt zärtlich „meine Gutste“ genannt hatte. Manchmal begrüßte sie ihn mit den Worten: „Guten Morgen, mein geliebter ‚Russe‘!“, tat dies aber mehr den Eltern und dem Bekanntenkreis zum Trotz, die Arthur, der aus einer deutschen Kolonie im Süden Russlands stammte, naserümpfend als Russen und Nichtarier ablehnten: Diese Beutegermanen, diese sogenannten „Volksdeutschen“, sind keine echten Deutschen, keine Arier! Aus ihrem Mund klang es scheußlich, doch es war ja auch verständlich – Russland und die Russen waren im Krieg Deutschlands ärgste Feinde gewesen, aber für sie war ihr Arthur es nicht, nie und nimmer.

„Mama, aufstehen!“ Ein kleiner Knirps mit schwarzen Kulleraugen steckte sein Lockenköpfchen durch die Tür, stürmte aber sofort, ohne eine Antwort abzuwarten, ins Zimmer und auf den Schoß der Frau: „Bisschen kuscheln … schmusen?“ Liesel drückte ihren Sohn fest an sich, herzte, knuddelte und küsste ihn ab und konnte gar nicht damit aufhören. Dem Kleinen gefiel es nicht sonderlich, doch er ließ seine Mutter gewähren: Er liebte es, sich in ihre Arme zu kuscheln und ihrer Stimme zu lauschen. „Ein Märchen!“, kam sodann das Kommando, „das von dem Prinzen und dem Drachen!“ Liesel begann das Märchen vom braven Prinzen zu erzählen, doch mitten im Erzählfluss fragte der Junge unvermittelt: „Mutti, was ist ein Bastard?“

Liesel stockte der Atem, sie hielt erschrocken inne: Sollte ihr Vater wieder einmal …?

„Hat Opa zu mir gesagt, ‚russischer Bastard‘ hat er gesagt und wieder mit mir geschimpft. Er mag mich nicht!“ Das Kind war den Tränen nahe. Liesel riss sich mit Mühe zusammen, legte schützend die Arme um ihren Sohn, hielt ihn noch fester an sich gepresst und murmelte:

„Aber nicht doch, Uli, mein Kind, wo denkst du hin? Hast vielleicht etwas angestellt?“ „Nein, Ehrenwort nicht! Ich wollte bloß ein Spielzeug haben, so eins, wie Ferdi hat. Weißt du, Opa hat ihm ein so schönes Auto geschenkt, ein so schönes!“ Uli geriet mit leuchtenden Augen ins Schwärmen. „Und mir nicht.“ Das Leuchten in Ulis Augen erlosch, er sah traurig zur Mutter hoch. „Unser Opa hat zu viele Sorgen, wahrscheinlich hat auch das Geld für zwei Autos nicht gereicht“, murmelte Liesel verwirrt und versuchte abzulenken: „Weißt du was? Ich erzähl dir lieber von deinem Papa.“

Der Vorschlag wurde jauchzend angenommen, denn Mamas Erzählungen von seinem tapferen Papa, dem unerschrockenen, starken und allen überlegenen Helden, dem gutmütigen und liebevollen Papa konnte kein Märchen die Waage halten. Uli konnte der Mutter ewig zuhören, wenn sie von seinem Papa sprach, so auch jetzt, als beide – Mutter und Sohn, jeder auf seine Art – auf den Schwingen der Fantasie der grauen und trostlosen Wirklichkeit entschwanden, dem Wiedersehen mit dem Papa entgegen. Doch die Rückkehr von dieser märchenhaften Reise war unvermeidlich, so unvermeidlich wie die bange Frage, die das Kind seiner Mutter jedes Mal mit Tränen in den Augen stellte: „Und wann kommt er endlich wieder heim?“

… Damals war Liesel Möllers Welt noch in Ordnung, obwohl der Krieg schon vor Deutschlands Toren tobte, die Lebensmittel rigoros rationiert waren, die Luftangriffe der feindlichen Bomber immer öfter und heftiger wurden, und sie, eine junge Krankenschwester, bis zum Umfallen im Lazarett arbeiten musste. Sie war (und sie schämte sich, sich das selbst einzugestehen) glücklich, unverschämt glücklich, trotz aller Widrigkeiten.

Die Entbehrungen machten ihr nichts aus, sie lebte, wie sie behauptete, von und für ihre große Liebe, die Liebe zu dem gutaussehenden jungen Soldaten, dem Verwundeten, der aus Nordfrankreich in das Lazarett in ihrer Stadt eingeliefert worden war. Alles an ihm war ungewöhnlich: sein Auftreten, seine Haltung, sein dunkelbraunes gewelltes Haar, vor allem aber die Augen – zwei große blau-grüne Seen, in die Lisa willig, ohne jedweden Widerstand eintauchte und sofort darin versank. Als er sich dann mit seiner dunklen samtenen Stimme vorstellte, war es endgültig um sie geschehen: Er war es, ihr langersehnter Prinz!

Sie kamen sich sofort näher und verstanden sich auf Anhieb.

Er heiße Arthur, erzählte er Liesel, und sei an der rechten Hand verwundet worden, leider, denn er spielte leidenschaftlich gern Violine, würde aber wahrscheinlich in Zukunft auf sein Hobby verzichten müssen. Er erzählte auch, dass seine Familie früher immer sonntags musiziert hatte: Der Vater spielte Fußharmonium, die Mutter Akkordeon, sein Bruder Mandoline und er Geige. Arthurs Erzählung war traurig und klang irgendwie fremdartig, sodass Liesel unwillkürlich die Frage herausrutschte: „Wo kommst du eigentlich her? Du hast einen so komischen Akzent?“

Die Reaktion des jungen Mannes war unerwartet: Der Gesichtsausdruck, eben noch heiter und freundlich, wurde hart, verschlossen und abweisend, er schmetterte schroff, in kurzen Sätzen die Antwort in den Raum, als wäre es eine militärische Meldung: „In meiner Familie waren alle Deutsche! Wir haben früher in Russland gelebt. Wir sprachen Deutsch. Doch es gab naturgemäß gewisse Einflüsse. Von außen. Auch russische.“

„Dann bist du also Russe?!“ Diese Frage hätte sie nicht stellen dürfen, das begriff Liesel sofort, auch, dass sie dadurch alles vermasselt hatte – sie hätte sich ohrfeigen können! Geplagt von Reue und Scham, versuchte sie zu retten, was noch zu retten war, erklärte, sprach, ohne Punkt und Komma, fand jedoch ihr klägliches, jämmerliches Gestammel selbst nicht überzeugend. Dann verstummte sie, brach in hilflose, reumütige Tränen aus und stürmte nach draußen. Lange noch, nachdem die hübsche Krankenschwester aus dem Krankenzimmer gelaufen war, lag Arthur auf seinem Bett und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Deutsche, Russen – eine Zwickmühle, aus der es scheinbar keinen Ausweg gab. Ganze 19 Jahre lang war er Deutscher, schlicht und ergreifend Deutscher in einem deutschen Dorf in einer deutschen Kolonie in der Ukraine gewesen, und zu keiner Zeit schien jemand Zweifel daran gehabt zu haben. Dann begann man, an dieser Bezeichnung herumzudoktern, sie in Frage zu stellen. Wann und warum waren diese neuen, fremd anmutenden Begriffe in die Welt gesetzt worden, die der Bezeichnung „Deutsche“ oder „Deutscher“ den Anstrich von Minderwertigkeit verliehen?

Er gestand sich ungern ein, dass dieser Umschwung mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Ukraine begonnen hatte. Ungern, weil damit der Verlust vieler seiner Hoffnungen und Ideale verbunden war, seiner und vieler junger Menschen in seiner Umgebung, die in den deutschen Soldaten anfangs Befreier vom Joch der kommunistischen Herrschaft gesehen hatten, was auch aus ihrer Vergangenheit verständlich war: Den Enteignungen der Bauern und ihrer Verbannung in die unwirtlichen Gegenden des riesigen Landes waren Jahre des Terrors (1937-1938) gefolgt, in denen die gesamte gebildete Schicht der Deutschen ausgerottet worden war – darunter auch sein Vater, der in ihrem Dorf Lehrer gewesen war. Später folgten die Enteignungen und die große Hungersnot, die Tausende von Leben dahingerafft hatte. Dabei hatte sich doch alles scheinbar gut angelassen: Die Dorfbewohner bekamen ihren während der Zwangskollektivierung enteigneten Grund und Boden zurück, und das Vieh, die landwirtschaftlichen Geräte und Maschinen der Kolchose wurden unter ihnen aufgeteilt. Doch die Kehrseite der Medaille war, dass sie urplötzlich keine Deutschen, keine Deutschen im eigentlichen Sinne des Wortes mehr waren, keine „astreinen“ Deutschen, nein: Jetzt hießen sie „Volksdeutsche“, die einer „Umerziehung unterworfen werden mussten, um zur Festigung des Deutschtums beizutragen“. Auf alle Fälle waren sie nicht arisch genug und bedurften einer Aufbesserung. Dabei legten die NS-Stellen ihr Augenmerk vor allem auf die Jugendlichen, die sich hervorragend als Kanonenfutter eigneten. Doch diese gewannen mit der Zeit mehr Einblick hinter die Kulissen, sodass die anfängliche Begeisterung allmählich einer vorsichtigen Besinnung, teilweise gar Enttäuschung Platz machte, zumal man doch Fremder blieb – Volksdeutscher, Deutschstämmiger, Umsiedler. Und da gab es noch Abstufungen – Administrativumsiedler, das abwertende „Beutegermanen“ und das verächtliche, hässliche „Russen“.

Arthur wurde nicht oft mit solchen Schmähbegriffen konfrontiert, aber ausgerechnet in Liesels Elternhaus wurde ihm seine Herkunft zum Verhängnis, alle – ihr Vater, die zwei Schwestern, sogar die so verständnisvolle und warmherzige Mutter – lehnten ihn ab.

„Das hat uns noch gefehlt!“, donnerte Liesels Vater los, als sie der Familie von Arthur erzählte und fragte, ob sie ihn am Sonntag zum Mittagessen mitbringen durfte. „Wo hast du diesen Iwan überhaupt aufgegabelt?“, brüllte ihr Vater, ein untersetzter bulliger Mann mit Geheimratsecken und Hitlerschnurrbart unter der Adlernase: „Russen haben mir hier gerade noch gefehlt!“

„Vater, ich …“ Er ließ Liesel nicht ausreden. „So was kommt mir nicht ins Haus, nie und nimmer!“ Wutentbrannt, das Gesicht rot angelaufen, lief er aufgeregt im Zimmer auf und ab.

„Vater hat recht“, unterstützte ihn aufgebracht die spindeldürre Berta, Liesels älteste Schwester, und fügte giftig hinzu: „Hast wohl keinen deutschen Jungen bezirzen können? Musste es ausgerechnet ein Russe sein, unser Feind?“ Ihre Stimme überschlug sich.

„Was hast du dir dabei eigentlich gedacht? Was sollen denn die Leute sagen, wenn das ans Licht kommt: Liesel, ein Russenflittchen?!“, echote Erna, Liesels jüngere Schwester. „Begreifst du denn nicht, dass deine Liebschaft himmelschreiend ist, wo doch unsere Männer in Russland kämpfen!“ Sie schluchzte laut los und lief aus dem Zimmer.

Auch Paul Möller schickte sich an zu gehen, warf seiner Tochter noch einen warnenden Blick zu und sagte in die bleierne Stille kurz, aber bestimmt: „Nein. So was kommt mir nicht ins Haus! Und dabei bleibt’s!“

Jeden Morgen, wenn Liesel ihren Dienst antrat, lief sie an Arthurs Zimmer vorbei, öffnete vorsichtig einen Spalt breit die Tür und sah hinein: Wenn er wach war, ging sie auf Zehenspitzen zu seinem Bett, schlang ihre Arme um seinen Hals und gab ihm einen zärtlichen, scheuen Kuss. Wenn er schlief, ließ sie ihren Blick einige Sekunden auf seinem Gesicht ruhen – das reichte ihr auch schon, um glücklich zu sein: Ich hab ihn gesehen, er ist da, er ist bei mir!

Doch ihr Glück war ein zartes Pflänzchen, zerbrechlich und wehrlos, es gab niemanden, der seine schützende Hand darüber gehalten hätte, nicht in dieser grausamen Zeit. Bei dem Gedanken an Arthurs baldige Entlassung und seine Rückkehr an die Front wurde ihr schwarz vor Augen, ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen und wollte aus der Brust springen: Niemals wieder, nie im Leben würde sie einen Mann so lieben können wie ihren Arthur, diesen klugen schwarzmeerdeutschen Jungen, ihren geliebten „Russen“.

Sie wusste damals selbst noch nicht, wie recht sie behalten sollte.

Doch zunächst kam Arthurs Entlassung aus dem Lazarett, und anschließend gab es … zwei Wochen Genesungsurlaub!

Arthur erzählte ihr freudestrahlend die Neuigkeit, holte tief Luft und setzte noch eins drauf: „Ich habe Nachricht von meiner Mutter bekommen! Stell dir vor – sie, mein Bruder und meine Schwester sind im Warthegau, in Polen eingetroffen!“

„Wieso in Polen? Ich dachte, die sind irgendwo in der Ukraine oder so …“

„Das weiß ich nicht genau, aber alle sogenannten ‚Volksdeutschen‘ – und das sind unter anderem auch wir – sollten im Endeffekt ‚heim ins Reich‘, so hieß es, als ich noch zu Hause gewesen war. Nun scheint man diese Pläne in die Tat umzusetzen. Egal, wie, wo und wann – ich fahre zu meiner Familie, und du kommst mit! Und keine Bange“, fügte er lachend hinzu, als er Liesels unsicheren, ja angstvollen Blick erhaschte, „meine Mutter macht kein Theater, die ist nicht so, wirst sehen!“ Er fasste das Mädchen um die Taille und wirbelte es in der Luft herum. Dann blieben sie einige Minuten engumschlungen stehen, als wären sie für immer miteinander verschmolzen.

„Die Erlaubnis habe ich schon bekommen.“ Arthurs Stimme war heiser, er riss sich fast mit Gewalt von Liesel los und sagte: „Ich geh meinen Marschbefehl und die gesamten Papiere abholen, und du sieh zu, dass du Urlaub bekommst!“

Die Angst fuhr Liesel in die Knochen: „Darauf wird die Lazarettleitung nicht eingehen, nie im Leben!“, gab sie unter Tränen verzweifelt zu bedenken.

„Dann sagst du ihnen einfach, dass du heiraten wirst und unbedingt noch diese Woche zur Brautschau erscheinen musst!“ Er schickte ihr noch einen Handkuss und eilte davon.

Liesel ließ sich verwirrt auf die Bank fallen. Was meinte ihr Arthur mit „heiraten“? Doch nicht etwa …? Meinte er das wirklich im Ernst?! Das mit dem Heiraten?!

„Fräulein Möller!“, unterbrach die Stimme der Oberschwester ihre wilden, ungeordneten Gedanken. „Da sind Sie ja, Fräulein Möller. Sie werden dringend im OP gebraucht, ein neuer Verwundetentransport ist eingetroffen, es gibt Arbeit …“

Ja, ja, die Arbeit. Liesel stand auf und ging mit gesenktem Kopf und vor Glück strahlendem Gesicht ins Lazarett: Es ist doch wahr geworden, das Märchen, an das sie nicht zu glauben gewagt hatte!

Arthur hatte alles geregelt und eine Heiratserlaubnis bei seiner Dienststelle beantragt: „Jetzt beginnt der Papierkrieg.“ Mit finsterem Gesicht reichte er Liesel die Liste mit den Papieren, die man für die Genehmigung brauchte. „Das kann dauern, so viel Zeit haben wir ja gar nicht!“, meinte er niedergeschlagen, doch plötzlich hellte sich sein Gesicht wieder auf, und er rief fröhlich und lauthals: „Aber du bist meine Verlobte, und als solche stelle ich dich meiner Familie auch vor! Einverstanden?“

Ob sie was …? Das hätte er nun wirklich nicht zu fragen brauchen. Liesel lief nach Hause, packte ihre Reisetasche und eilte, ohne eine Notiz von ihrer Umgebung zu nehmen, zur vereinbarten Stelle am Bahnhof. Nichts konnte sie aufhalten, weder der lautstarke Skandal, den ihr Vater vom Zaun brach, als sie mit dem Verlobungsring am Finger zu Hause aufgetaucht war und der Familie ihre Entscheidung mitgeteilt hatte, Arthur zu heiraten, noch die Tränen der Mutter und das Gezeter der Schwestern. Sie ließ alles hinter sich, weit, weit hinter sich und lief ihrer Zukunft entgegen, der Zukunft mit Arthur, ihrem geliebten „Russen“.

Sie war kein Spaziergang, diese Reise nach Litzmannstadt, das heute Lodz heißt, durch das zerbombte Deutschland, auf die sich Liesel und Arthur frohen Mutes begaben: Die Bomber der Alliierten machten Jagd auf die mit Menschen vollgepferchten Züge und warfen ihre todbringende Last mit Vorliebe auf die großen Verkehrsknotenpunkte ab, sodass die Fahrt zu einem endlosen Aus- und Umsteigen, mit langen Fußmärschen und mehr oder weniger langen Pausen in Luftschutzkellern wurde. Es war eine Reise mit Schrecken ohne Ende, aber die beiden haben sich in den Kriegsjahren schon einigermaßen daran gewöhnt, auch war das Szenario ja immer das gleiche: Dem Auf und Ab der Sirenen folgte unheimliche Stille, in der das leise Summen der Bomber allmählich zu einem bedrohlichen Brummen wurde, und dann der ohrenbetäubende Krach der Bombeneinschläge – einer nach dem anderen und dicht beieinander, in Sekundenabständen. Es kamen immer wieder neue Flieger, und es gingen immer wieder Bomben hoch, es krepierten Granaten und ratterten Maschinenpistolen, aber Arthur und Liesel schlugen sich von einer Station zur anderen durch und siehe da: Nach drei Tagen erreichten sie Litzmannstadt und standen endlich vor Elsa Gerbers Tür – erschöpft, elend, abgespannt, mit Tränen der Erleichterung in den Augen, aber glücklich.

Liesel wurde sofort in die Familie aufgenommen, auch sie schloss die drei auf Anhieb in ihr Herz, was ihr nicht schwerfiel, denn sie waren warmherzig, offen und freundlich, man musste sie einfach liebhaben! „Russisch“ war Arthurs Familie überhaupt nicht, nicht die stattliche Mutter mit ihrer ungewöhnlich aufrechten und stolzen Haltung und dem freundlichen Wesen, nicht Arthurs schlaksiger Bruder Eduard und auch nicht die kleine quirlige Kathi – alle sprachen ein perfektes Deutsch, in dem jedoch noch etwas anderes leise mitschwang – ob es Schwäbisch war? Es erinnerte aber auch ein bisschen an das Hessisch, das man in ihrer Gegend sprach. Und auch sonst stimmte alles: Sie waren gepflegt, schlicht, doch sauber und ordentlich gekleidet. Vor allen Dingen aber waren sie alle so offenherzig, so aufgeschlossen und lieb zu ihr!

Liesel und Arthur zu Ehren bereitete Elsa Gerber ein Festessen zu und lud auch ihre beste Freundin, eine Frau aus ihrem Heimatdorf, ein. Mitten im angeregten Gespräch am Tisch fragte Elsa plötzlich, an Arthur gewandt: „Sag mal, Kind, was haben denn die Soldaten, deine Kameraden, zum Anschlag auf den Führer gesagt?“ Liesel, an derart offene Gespräche nicht gewohnt, schrak zusammen, doch hier schien niemand Anstoß an Elsas Frage genommen zu haben, man war ja unter sich. „Was sie gesagt haben?“ Arthur schaute sich in der Runde um. „Na, was wohl? Ist doch klar: Hätte es den erwischt, wäre dieser unsinnige Krieg zu Ende, und das Volk, wir alle wären frei und glücklich.“ Er machte eine lange Pause und fügte leise hinzu: „Wie es scheint, geht sowieso alles den Bach hinunter … Aber wir lassen uns diesen schönen Abend doch nicht vergällen, denn wir können ein Wunder feiern – unser Wiedersehen. Also, prost!“

Es war in der Tat ein wunderbarer Abend voller Freude und zaghafter Zuversicht, die Familie freute sich über das Wiedersehen, das im Wirrwarr des Krieges schier unmöglich erschien, über dieses unverhoffte Wiedersehen fernab der Heimat.

Nachts um vier klopfte es an der Tür – fordernd, laut, herrisch.

Als Elsa die Tür aufmachte, fiel sie beinahe in Ohnmacht: Vor ihrer Tür standen vier SS-Männer, einer von ihnen brüllte mit zum Hitlergruß erhobenem Arm: „Heil Hitler!“

Es war die geheime Staatspolizei, die Gestapo, der unermüdliche Wächter über die innere Sicherheit des deutschen Reiches, bekannt für ihre Unerbittlichkeit, Unbarmherzigkeit, Rücksichtslosigkeit und Brutalität … Arthur wurde verhaftet und abgeführt. Ihm wurde „Zersetzung der Wehrkraft“ vorgeworfen – „öffentlich gehässige, hetzerische, von niedriger Gesinnung zeugende Äußerungen über die NSDAP, den Staat und den Führer“.

Liesel lief sich die Füße wund, klapperte alle in Frage kommenden Ämter und Stellen ab, bis sie endlich herausfand, dass ihr Arthur wegen Hochverrats zum Tod durch Erschießen verurteilt worden war. Mehr war nicht zu erfahren, so sehr sie sich auch abmühte.

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Heimreise anzutreten – allein, ohne Arthur.

Sie ging ins dunkle Nichts, wo es keine Hoffnung, keine Zuversicht, keine Liebe gab, nur Dunkelheit, Bomben, Angst und Kälte …


Die Heimat erwartet euch, ihr Schufte!
1948-1950. Magadan/Sowjetunion

Verdammt! Ohne es zu wollen, hatte Hans seinen wundesten Punkt berührt, Erinnerungen an Dinge wachgerufen, an die er sich verboten hatte zu denken: an seine Zeit im Lazarett in dem malerischen Städtchen Fritzlar, an die zauberhafte Schwester Liesel mit ihren rehbraunen Augen und der blonden Mähne, an die heißen Nächte und zarten Küsse. An die Frau, die er liebte und heiraten wollte.

Das tat nun wirklich weh, sehr sogar. Arthur sah seinen Freund wütend an und ließ dann den Kopf hängen. Tja, wo er recht hatte, hatte er recht. Hatte nicht viel geholfen, dieses Verdrängen, dieses Nichts-mehr-wissenwollen von der Vergangenheit – plötzlich war alles mit voller Wucht da, als hätte er erst gestern seine Liesel im Arm gehalten und zärtlich geküsst.

Als er damals während dieses unseligen Besuchs bei seiner Familie in Litzmannstadt von der Gestapo abgeholt worden war, hatte man ihn zum Tod durch Erschießen verurteilt. Nach dem „Wieso“ und „Warum“ zu fragen, wäre müßig gewesen, eine Antwort hätte er sowieso nicht bekommen, nicht von der Gestapo. Arthur malte sich keine großen Chancen aus: Was er gesagt hatte, hatte er gesagt, das zu leugnen, war schlicht und ergreifend dumm, denn es gab eine Zeugin, die der Gestapo Bericht über sein „nicht arisches Benehmen und die frevelhaften Worte über den Führer“ erstattet hatte.

Diese Zeugin war übrigens die Freundin seiner Mutter. Er stand also auf verlorenem Posten und wollte sich nichts vormachen. Aber da war doch noch Liesel, um die seine Gedanken kreisten, seine Liesel, die jetzt irgendwo draußen mutterseelenallein hilflos durch die feindselige, aus den Angeln geratene Welt irrte! Und er war an allem schuld, er hatte sie also doch ins Unglück gestürzt, wie ihr Vater immer prophezeit hatte. Arthur stöhnte vor Wut und Hilflosigkeit: Gab es denn wirklich keinen Ausweg?

Als er sich wieder einmal in seiner Verzweiflung die Hände an der Betonwand blutig boxte, flog die Zellentür mit Wucht auf. An der Schwelle stand der SS-Obersturmführer, zu dem man ihn jeden Tag zum Verhör brachte. „Mitkommen, Gerber!“, befahl er mit schneidiger Stimme und zischte: „Hast Glück gehabt, du russisches Schwein! Riesenglück! Das versteh einer: Statt den Vaterlandsverräter an die Wand zu stellen, wird er begnadigt! Nee …“ Der Gestapomann schüttelte den Kopf. „Die Gestapo ist heutzutage auch nicht mehr das, was sie mal war, nee!“

Im Büro angekommen wiederholte er: „Hörst du, du verdammter Schweinehund? Du bist begnadigt worden! Aber freu dich nicht zu früh: Statt gehängt oder erschossen zu werden, wirst du an die Front geschickt – da wird Kanonenfutter gebraucht! Du kommst an die vorderste Linie! Und das ist auch der sichere Tod, da kommt selten jemand lebend raus!“

Arthur kam heraus, fast heil kam er aus der Hölle heraus, nur eine Verletzung am Bein hatte er abbekommen. Er hatte unglaubliches Glück gehabt. Mit der Versprechung des aufsichtshabenden SS-Mannes, dies sei noch nicht das Ende der Geschichte, wurde er bald aus dem Lazarett entlassen, aber da war der Krieg auch schon zu Ende, und seine Einheit geriet in amerikanische Gefangenschaft.

Wieder einmal Schwein gehabt, denn man erzählte sich grauenhafte Geschichten vom Schicksal ehemaliger Sowjetbürger, die in die Hände der Russen gefallen waren. Arthur und seine zwei Landsleute, die er zufällig im Lazarett getroffen hatte, hofften, diesem Schicksal mit Hilfe der Amerikaner zu entkommen.

Doch die Sowjets machten ihnen einen dicken Strich durch die Rechnung, das heißt, nicht nur sie allein: Die vertragliche Grundlage für die Auslieferung der Personen, die von der UdSSR als ihre Staatsbürger deklariert wurden, war das Abkommen von Jalta, das die Überstellung der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter an die Rote Armee vorsah. Sicher wussten die Amerikaner, was sie da taten, doch wähnten sie die repatriierten Gefangenen auf dem Weg in ihre angestammte Heimat.

Die Realität sah jedoch ganz anders aus: Den Opfern zweier Diktaturen wurden nach stundenlangen Verhören in Sammellagern im Eilverfahren ihre Urteile verkündet. Es gab eigentlich nur drei Urteile: Todesstrafe, 25 Jahre Straflagerhaft und Verbannung auf ewige Zeiten. Wie, wieso und warum, wusste keiner, und niemand hielt es für notwendig sich, sie darüber aufzuklären.

Die russischen Repatriierungsoffiziere beherrschten ihr Handwerk und brachten ihre Opfer mit ausgeklügelten Methoden fast um den Verstand: Die Jungs sollten zugeben, dass sie sich freiwillig zum Dienst bei der deutschen Wehrmacht gemeldet hätten. Manche hielten nicht stand und gaben alles zu, was man von ihnen verlangte. Daraufhin verschwanden sie aus dem Lager, und keiner wusste, wohin. Arthur und seine Freunde beharrten auf der Wahrheit und wollten auf keinen Fall ihre Aussagen ändern, selbst dann nicht, als die sowjetischen Militärs härtere Register zogen. Arthur hatte die ganze Zeit über das Gefühl, dass, wenn er schlapp machen und unter Druck die Forderung der Militärs erfüllen würde, sein Ende besiegelt war.

Er hatte seit der Verurteilung durch die Gestapo damals in Polen immer wieder nach einer Möglichkeit gesucht, Liesel ein Lebenszeichen von sich zu geben, damit sie zumindest wusste: Er ist am Leben. Das war aber ein Ding der Unmöglichkeit, denn er hatte schon seit Langem keine Verbindung mehr zur Außenwelt: Zuerst ließ ihn die Gestapo nicht aus den Augen, dann ihr sowjetisches Ebenbild, der NKWD. Die wenigen Zivilisten, die es ihm gelungen war anzusprechen, zuckten bedauernd mit den Schultern und eilten mit eingezogenen Köpfen davon.

Bald hieß es, man würde die Gefangenen in die Heimat bringen, kurz darauf kam der Befehl, sich reisefertig zu machen.

Einen Tag später ging es los: In aller Eile wurde der erste Transport zusammengestellt und in Güterwaggons verladen, 45-50 Mann pro Waggon. Die Rotarmisten lachten, scherzten und wiederholten immer wieder: „Nach Hause! Nach Hause!“ Auch so mancher Gefangene versuchte ein Lächeln, doch Arthur gefror das Blut in den Adern, als er das Transparent an der Front der Lokomotive las: „Rodina schdjot was, njegodjai!“ („Die Heimat erwartet euch, ihr Schufte!“)

Sie bekamen pro Waggon einen Eimer Graupen und einen Eimer Wasser zugeteilt, auch einen Eimer Kohle für den runden eisernen Ofen in der Mitte des Waggons. Das war alles. Doch nein, es gab noch Stroh auf dem Boden, mit dem sich ein Schlaflager herrichten ließ.

Als der Transport nach anderthalb Monaten in Wladiwostok, der größten sowjetischen Hafenstadt am Stillen Ozean, ankam, bot sich den Eisenbahnern ein Bild des Grauens: Aus den Waggons quälten sich Hunderte von halbverhungerten, bis auf die Knochen abgemagerten Gestalten, verlaust und verdreckt. Arthur sah das Entsetzen in den Augen der Hafenarbeiter: Sie sollten Gefangene, Faschisten, an Bord eines Frachters bringen, hieß es, doch das hier waren Gespenster, lauter halbtote Kreaturen, die jede Minute verenden konnten.

Die Gefangenen, die nach der endlosen Fahrt von einem Ende des Riesenlandes zum anderen erstmals festen Boden unter den Füßen spürten und den blauen Himmel, die gleißende Sonne, die grünen Bäume und das graue Meer sahen, weinten vor Freude und taumelten vor Glück. Bevor man die elenden Gestalten im Laderaum des Frachters „verstaute“, führte man sie in Kolonnen ins Badehaus, desinfizierte die Lumpen, die ihnen als Kleidung dienten, gab jedem einen Napf mit lauwarmer dünner Graupensuppe und Verpflegung für die bevorstehende Seereise nach Magadan: sieben Heringe und einen Laib Brot. Das sollte für die siebentägige Reise reichen.

„Hör mal, hast du denn nichts mehr von deiner Liesel gehört?“, fragte Hans seinen Freund zum wiederholten Mal. „Hey, Arthur, ich hab dich was gefragt!“ Hans stupste seinen Freund vorsichtig an. „Schläfst du etwa?“ „Nee, ich bin wach.“ Arthur war mit seinen Gedanken in der Vergangenheit, wollte noch ein wenig bei den Bildern verweilen. Doch Hans …

„Was wolltest du wissen, Hans? Du hattest mich doch etwas gefragt?“

„Und ob ich dich etwas gefragt habe.“ Hans‘ Tonfall klang beleidigt. „Und das nicht nur ein Mal. Ich wollte nämlich wissen, ob du etwas von deiner Verlobten, deiner Liesel, gehört hast. Weiß sie etwas von dir, weißt du was von ihr?“

Wieder der stechende Schmerz in der Brust: Musste der Kerl immer wieder in der Wunde herumstochern?! Was hatte er denn davon? Doch laut sagte Arthur mit ruhiger Stimme: „Ich kann nur hoffen, dass sie heil nach Hause gekommen ist. Sie aber wird glauben, dass ich erschossen wurde. Ich hatte keine Möglichkeit, ihr zu sagen oder zu schreiben, dass ich am Leben bin!“

„Ist vielleicht auch besser so“, meinte Hans traurig, „denn wenn sie wüsste, was wir alles hinter uns haben …“

„… und was uns noch alles bevorsteht“, setzte Arthur seinen Gedanken fort.

Eine Zeit lang schwiegen sie. Dann fragte Hans in die Stille: „Was meinst du, was haben die mit uns vor? Und was sollen das für Lehrgänge sein?“

„Mir soll’s egal sein.“ Arthur gähnte gelangweilt. „Ich melde mich höchstwahrscheinlich zum Buchhaltungskurs an.“

„Toller Beruf! Vor allen Dingen so romantisch“, meinte Hans ironisch. „Was Besseres fällt dir wohl nicht ein?“ „Dafür brauch ich mir dann aber nicht mehr den Hintern abzufrieren, die drei Winter in Sussuman haben mir vollkommen gereicht: Mir schien manchmal, dass nicht nur meine Glieder steif vor Kälte, sondern dass auch all meine Sinne und das Gehirn erfroren waren. Das hält kein Mensch durch!“

Hans schwieg betreten. „Aber Magadan scheint schon ein besserer Ort in dieser Hölle zu sein,“ gab er dann zu bedenken. „Hast du es bemerkt? Hier ist es draußen viel wärmer als in Sussuman, heute sind es vermutlich nur minus 30 Grad Celsius …“

„Sussuman liegt ja auch 800 Kilometer weiter nördlich, nur ‚schäbige‘ 400 Kilometer von Oimjakon entfernt! Und das, mein Lieber, ist der Ort, der mit einer Tiefsttemperatur so an die minus 65-67 Grad als der Kältepol aller bewohnten Gebiete der Erde gilt.“

„Das glaub ich dir nicht! Woher willst du das wissen?“ Hans starrte seinen Freund ungläubig an. „Aus den Büchern, mein Freund, aus den Geografiebüchern! Hast du in der Schule gepennt?“, amüsierte sich Arthur. „Das hätte ich nicht gedacht!“ Hans war perplex. „Da krieg ich ja im Nachhinein noch einen Schrecken, wenn ich bedenke, wo wir drei Jahre lang geschuftet haben! In der Hölle, in der Eishölle! Du liebes bisschen!“ Hans schaute so verdattert drein, dass Arthur lachen musste: „Halb so schlimm, Kamerad, halb so schlimm! Vielleicht ändert sich ab jetzt einiges. Und was auf uns zukommt? Schlimmer, als es bisher war, kann es nicht kommen, und jede Suppe wird bekanntlich nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Jetzt aber wollen wir uns aufs Ohr hauen, und morgen werden wir weitersehen …“

Hans hätte gern noch ein bisschen geredet, doch er kannte Arthurs unbeugsamen Willen: Wenn der etwas gesagt hatte, hielt er sich eisern daran.

In der Nacht wälzte sich Hans auf seiner Pritsche hin und her und fand keinen Schlaf: Was würde ihnen wohl der nächste Tag bringen? Diese ständige Ungewissheit konnte einen in den Wahnsinn treiben, besonders, wenn man, wie in ihrem Fall, keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge hatte. Andererseits konnte eigentlich nichts schiefgehen, denn schlimmer als zuvor … Konnte es denn noch schlimmer werden?

Er erinnerte sich daran, wie sie vor drei Jahren nach monatelanger Reise in einem Transport mit Kriegsgefangenen im Magadaner Hafen Nagajewo angekommen waren: Hungrig, verlaust und verdreckt wurden die Häftlinge in ihrer verschlissenen, zerlumpten Kleidung auf offene Lastwagenanhänger verladen und in die 700 Kilometer nördlich gelegene Siedlung Sussuman gebracht.

Sie glaubten, auf der Fahrt in die Hölle zu sein: Es war Spätherbst und schon ziemlich kühl, der Regen wollte und wollte nicht aufhören, der eisige Wind peitschte unbarmherzig auf sie ein, und es gab kein Entkommen. Hans musste immer wieder darüber staunen, wie viele Entbehrungen ein Mensch aushalten, wie viel Leid und Kummer er ertragen kann. Denn nur wenige hatten sich bei dieser Horrorfahrt erkältet, keiner war draufgegangen. Ein Wunder!

Die Häftlinge wurden auf verschiedene Lager rund um die Siedlung verteilt, Hans und Arthur durften – Gott sei Dank! – zusammenbleiben.

Der Anblick des Lagers, in das sie gebracht wurden, war mehr als gewöhnungsbedürftig: Von einem dreifachen Stacheldrahtzaun umgeben und mit zahlreichen Wachtürmen versehen, lag das Prachtstück auf einer kahlen Anhöhe, gut einsehbar von allen Seiten. Kein Baum, kein Busch, kein Gebäude in der Nähe – das erleichterte den Wachposten ihre Arbeit und ließ die Gefangenen nicht auf abwegige Gedanken kommen. Obwohl jeder Mensch, der bei klarem Verstand war, sofort erkennen musste, dass eine Flucht aus diesem Lager, überhaupt aus dieser Gegend, unmöglich war.

Noch am Tag der Ankunft wurden ihnen nach einem kurzen Appell Werkzeuge zugeteilt. Jeder bekam einen Spaten, eine Spitzhacke, ein Brecheisen und eine Schubkarre.

„Das hier“, sagte der Lagerleiter, „ist die Ausrüstung eines Goldgräbers, denn von nun an werdet ihr beim Goldschürfen eingesetzt, und wehe, wenn ihr die Normen nicht erfüllt! Dann gibt es Strafen.“

„Herrje!“, meinte Hans entsetzt beim Anblick dieser Ausrüstung. „Das ist ja Werkzeug aus dem Mittelalter!“ Er sah seinen Freund fassungslos an, als erwarte er von diesem wirklich eine Erklärung. „Und damit gewinnen die hier Gold?!“, ließ Hans nicht locker.

„Du, Hans!“ Arthur dämpfte die Stimme, so gut es ging. „Wollen wir, wenn die anderen dabei sind, nicht Russisch reden? Mir scheint, wir sind hier schon von Anfang an durch unsere Fremdartigkeit aufgefallen. Hast du denn die argwöhnischen, bisweilen bösen Blicke nicht gesehen, die uns die anderen zuwerfen, wenn wir Deutsch reden?“

„Was hat denn unser Deutsch mit der Feindseligkeit zu tun? Hier sind doch alle Häftlinge wie du und ich.“ „Das schon, aber sie sind Russen“, fiel ihm Arthur ins Wort. „Russen, deren Land von Deutschland überfallen wurde. Was Wunder, wenn sie in jedem Deutschen einen Feind, einen Erzfeind, sehen.“

„Tja, noch eine Belastung mehr“, murmelte Hans, „als ob es nicht ohnehin schon genug gewesen wären.“ Diese Entscheidung fiel beiden schwer, denn Russisch war eben nicht ihre Muttersprache und wenn sie sprachen, war der verräterische Akzent nicht zu überhören.

Doch die Vorsichtsmaßnahme war überflüssig: Die Insassen des Lagers waren fast ausschließlich politische Häftlinge, und diese wussten sehr wohl zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Sie hießen die Neulinge willkommen „im sowjetischen Eldorado“, dem Ort mit den größten Goldvorkommen und den meisten Straflagern in der UdSSR, boten ihre Hilfe an, gaben ihnen nützliche Ratschläge.

Ob sie etwas zu tauschen hätten, wollte ein untersetzter Mann mit Vollbart und gütigen, aber wachsamen Augen wissen. Da die beiden offensichtlich nicht verstehen konnten, was er von ihnen wollte, wurde der Mann deutlicher: „Ich meine, so wie ihr da ausstaffiert seid, werdet ihr den Winter nicht überleben – diese lächerlichen Schuhe, die zerfetzten leichten Jacken und die Käppis könnt ihr vergessen. Hoffentlich habt ihr etwas Brauchbares, Nützliches, das ihr gegen haltbare, robuste Sachen eintauschen könnt. Sehr gefragt sind auch allerlei interessante Dinge, wie Uhren, Herrenringe, Kettchen, Feuerzeuge und Ähnliches.“

Jetzt verstanden die beiden, was los war, und überlegten fieberhaft, was sie dem Mann anbieten konnten. Als hätte dieser ihre Gedanken erraten, sagte er breit grinsend: „Wir hier haben nichts anzubieten, aber die Kriminellen in der Nachbarbaracke betreiben regen Handel, bei denen kann man sogar Lebensmittel gegen Wertsachen bekommen. Ich heiße übrigens Pawel.“ Sein Blick fiel auf Arthurs Verlobungsring: „Na, wer sagt’s denn! Das ist ja schon was!“

„Kommt nicht in Frage!“ Arthur vergrub hastig die Hand mit dem Verlobungsring in seiner Tasche. „Nee, da müsst ihr mir schon die Hand abhacken, ehe ich den Ring hergebe!“

Er kramte in seinem Rucksack, und zum Vorschein kamen zwei Hemden, ein Paar Socken, eine lange Unterhose, ein Handtuch, Rasierzeug, Zahnpasta und eine Zahnbürste. Das alles breitete er auf einer der Pritschen aus, legte seine Armbanduhr dazu und nach kurzem Zögern auch noch die Mundharmonika. Das Gleiche tat auch Hans mit seinen Siebensachen.

Pawel sah sich die Sachen an, murmelte: „Nicht überwältigend“ und ging, wie er sagte, zu den „Wohlhabenden, den Reichen“, in die Baracke der Kriminellen. Es dauerte nicht lange, da kehrte er mit einem komischen Kauz zurück. Eigentlich war es ein gewöhnlicher, etwas schlaksiger Mann mittleren Alters, doch alles an ihm erschien so seltsam, dass er unwillkürlich die Blicke auf sich zog: Er ging nicht, er tänzelte regelrecht auf seinen viel zu langen, Stelzen ähnelnden Beinen in die Baracke, sein Körper vollführte wellenartige Bewegungen, als ob er damit wedelte wie ein Hund mit dem Schwanz, die Schlitzaugen mit dem stechenden Blick schienen keinen der Anwesenden anzuschauen, und trotzdem konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er alle und alles im Auge behielt.

„N‘Abend, allerseits!“ Er tippte mit zwei Fingern an sein schmieriges Käppi und beobachtete die Runde aus den Augenwinkeln. „Ein Neuzugang?“

Als die Jungs nickten, fuhr er fort: „Willkommen im sonnigen Kolyma!“ und wieherte wie ein Hengst über seinen eigenen Witz. „Habt ihr was anzubieten?“ Der Kriminelle gab sich scheinbar gleichgültig.

Noch ehe Arthur oder Hans antworten konnten, baute sich Pawel vor den Sachen auf: „Du wirst mit mir verhandeln müssen, klar?“ und trat zur Seite.

„Und was genau wollt ihr da verkaufen?“ Der Zappelige bemerkte die Uhren und konnte seinen Blick nicht mehr von ihnen wenden. „Was verlangst du dafür? Für beide Uhren?“ Pawel überlegte nicht lange: „Brauchbare warme Kleidung, ordentliches Schuhwerk und Mützen mit Ohrenklappen für beide!“ Als der Kriminelle empört zu sprechen ansetzte, schnitt ihm Pawel barsch das Wort ab: „Du bist hier nicht auf dem Basar. Es gibt ja außer dir noch andere Interessenten. Entweder du schlägst ein oder …“

„Schon gut, lass uns verhandeln.“ Der Kriminelle sah seine Felle davonschwimmen und wurde zappelig. Nach langem Hin und Her verschwand der Schlaksige, um bald darauf mit zwei Kumpanen zurückzukehren, die einige Kleiderbündel in die Baracke schleppten. Es waren alles alte, getragene Kleidungsstücke, und Pawels Freunde mussten sich Mühe geben, um aus den Bündeln brauchbare Sachen auszusortieren. Sie begutachteten sorgfältig jedes Stück, ehe sie es zur Seite legten. Danach konnte der Handel stattfinden: für zwei Wattehosen, zwei Wattejacken, zwei paar robuste Halbstiefel und zwei Ohrenmützen boten sie dem Käufer zwei Uhren und eine goldene Herrenkette an. Der schien nicht ganz zufrieden zu sein, tastete mit unstetem Blick gierig die restlichen Sachen auf der Pritsche ab. Als er der Mundharmonika gewahr wurde, hellte sich sein Gesicht auf. „Heureka!“, rief er erfreut und streckte die Hand nach ihr aus. Doch er hatte nicht mit Pawels Standhaftigkeit und seiner zähen Verhandlungskunst gerechnet.

„Du bekommst sie, wenn du noch zwei warme Schals drauflegst!“, meinte Pawel warnend. Das Zähneknirschen des Schlaksigen war nicht zu überhören, sein wütender, hasserfüllter Blick nicht zu übersehen. Er gab seinen Gehilfen ein Zeichen, und diese führten seinen stummen Befehl aus und warfen noch zwei Schals auf den Kleiderhaufen. Dann trotteten sie schweigend Richtung Ausgang.

Auf Pawels Anraten legten Arthur und Hans ihre Altkleidersammlung sorgsam ausgebreitet auf die Pritschen unter die Strohsäcke – eine Maßnahme gegen eventuellen Diebstahl.

„So, Jungs.“ Pawel war offensichtlich zufrieden mit dem Handel. „Jetzt seid ihr für den Winter gewappnet, und der steht schon vor der Tür. Passt auf eure Sachen auf und genießt die letzten Sonnenstrahlen, denn warm ist es hier nur ganz kurz. Bekanntlich ist das hier ein wunderlicher Planet, auf dem zwölf Monate lang Winter herrscht und den Rest des Jahres Sommer ist.“

Er hatte, weiß Gott, recht: Frühling, Sommer und Herbst dauerten hier zusammen insgesamt weniger als zwei Monate. Dafür aber veränderte sich die Landschaft von einem Tag auf den anderen – stürmisch und ungestüm. Die Flora schien im Frühling zu bersten, als ob sie es eilig hätte und vieles nachholen wollte: Die dünnen schwindsüchtigen Lärchen bekamen neue leuchtend grüne Nadeln, und der sumpfige Boden und die Hänge der Hügel grüne Gewänder, sogar das Krummholz, das sich im Winter unter der Last der klirrenden Kälte auf der Erde ausgebreitet hatte, stand nach einigen Tage wieder kerzengerade, ganz zu schweigen von den Pilzen und Blaubeeren, die hier in der kurzen Zeit in rauen Mengen aus der Erde sprossen. Diese Eigenart der Natur war verblüffend, unerklärlich und, wie jedes Phänomen, ebenso faszinierend wie die unbeschreibliche, unglaubliche Jungfräulichkeit der Natur!

Diese wenigen lauwarmen Tage waren trotz der Sklavenarbeit auf den Goldfeldern ein Segen für die Gefangenen, denn auf dem Weg zur Arbeit und zurück ließ die Wache die Lagerinsassen manchmal auf den unendlich weiten Blaubeerfeldern, die sich wie eine riesige blaue Decke bis zum Horizont erstreckten, „weiden“. Das war ein wahres Wunder, wenn man bedachte, dass sich dieser Schatz in einer Gegend mit Permafrostboden befand, wo im Sommer nur zehn bis fünfzehn Zentimeter der Erdoberfläche auftauten. Es gab so viele saftige, reife Beeren, dass man sie nicht einzeln pflückte, sondern eine Handvoll nach der anderen in den Mund stopfte, oft samt den Blättern. Das aber tat dem Appetit der Menschen keinen Abbruch, denn neben den jungen Kerzen und Nadeln des Krummholzes und der Lärchen waren die Blaubeeren ein wirksames Mittel gegen den Skorbut, der in den Straflagern wegen des Vitaminmangels wütete.

Die Gefangenen mussten auch winters bei -50 Grad Celsius mit ihren mittelalterlichen Geräten Gold schürfen, die Norm war bis zu 150 Karren goldhaltiges Gestein pro Arbeitstag, und dieser dauerte 14 Stunden. Erfüllten sie die Norm nicht, wurde den Sträflingen ein Teil der ohnehin kargen Brotration entzogen. Es war die Hölle, die reinste Hölle, und sie hatten drei Jahre lang darin gesteckt!

„… Und jetzt kommen die mit ihren Lehrgängen und so ‘nem Quatsch! Wird wohl wieder derselbe Salat sein, denn Gulag bleibt Gulag!“ Hans zog sich die Decke über den Kopf und versuchte einzuschlafen.

Der nächste Morgen begann mit Überraschungen – nicht umsonst sagt der Volksmund: „Morgenstund hat Gold im Mund!“

Zuerst bekamen sie ein herrliches Frühstück! Ein fürstliches, wie Arthur erstaunt ausrief: Brot mit etwas Butter(!) und Blaubeermarmelade, eine dünne Scheibe Fisch, einen Napf voll Graupengrütze und ein Glas trüber Flüssigkeit, die entfernt an Tee erinnerte.

Dann überstürzten sich die Ereignisse. Als Erstes brachte man sie in die Aula der benachbarten Schule, wo schon ein Dutzend Anwärter auf einen Platz in den Lehrgängen versammelt war.

Was weiter geschah, konnte anfangs keiner der Anwesenden begreifen. Denn das, was ihnen der Offizier da oben auf dem Podium zu erklären versuchte, war so absurd, so unmöglich, ja ungeheuerlich, dass keiner im Saal den Sinn seiner Worte begreifen konnte. Ihr Verstand, all ihre Sinne, ihr ganzes Wesen weigerte sich zu glauben, was der Mann da sagte:

„In Abänderung des Strafurteils … teilweises Fehlurteil … in Anbetracht besonderer Umstände … Verbannung auf ewige Zeiten … Verbannungsort Kolyma … Freigänger …“ Die Satzfetzen prasselten auf die Häftlinge nieder, und es dauerte seine Zeit, bis sie sie einordnen konnten, bis ihnen der Kern der Rede einigermaßen klar wurde: Sie werden aus dem Lager entlassen, dürfen jedoch als Sondersiedler ihren Standort in der Kolymaregion nicht verlassen.

Nach einigen Fragen und Erläuterungen wurde klar: Ab jetzt waren sie keine Häftlinge mehr, sondern Verbannte auf ewige Zeiten, sie durften sich am Ort ihrer Verbannung im Umkreis von zehn Kilometern frei bewegen – jeder weitere Meter konnte ihnen zum Verhängnis werden und Strafen bis zu fünfzehn Jahren Haft nach sich ziehen.

Nachdem der Offizier seine Ausführungen beendet hatte, blieb es in der Aula still, so still, dass man das Summen einer Fliege hätte hören können, wenn sich denn um diese Jahreszeit eine hierher verirrt hätte. Eine Minute … zwei … drei … Dann explodierte der Saal – jubelnde Schreie, Lachen, Rufe und Tränen, Flüsse von Freudentränen, deren sich die gemarterten jungen Männer nicht schämten.

Es war gewiss nicht die große Freiheit, aber man saß auch nicht mehr im Käfig, man musste nicht mehr nur dem fremden Willen folgen, man konnte, wenn auch in begrenztem Maße, einige Entscheidungen selbst treffen. Es war ein schon lange nicht mehr dagewesenes Glücksgefühl, Arthur und Hans kamen nicht aus dem Freudentaumel heraus.

Nun galt es erstmal, in einem der Lehrgänge einen Beruf zu erlernen. Da der von Arthur angepeilte Lehrgang für Buchhaltung belegt war, entschied er sich für den Beruf eines Fachmanns für Standardisierung, Hans ließ sich auf die Liste der Dreher setzen.

Statt der Spitzhacken und Brecheisen hielten sie nun Bücher in den Händen, richtige Bücher, sie durften lesen, so viel sie wollten, sie hatten auch Stifte und Papier, konnten jetzt schreiben, Briefe schreiben …

Konnten Briefe schreiben … Ja, das auch, doch an wen und wohin? Weder Arthur noch Hans wussten, wo ihre entwurzelten, in der ganzen Welt verstreuten Familien und Verwandten waren. Und Liesel? Ihre Adresse wusste Arthur auswendig, doch wer würde schon einen Brief aus dieser Hölle ins besiegte, feindliche Deutschland durchlassen?

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214 стр. 24 иллюстрации
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9783961360864
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