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Eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, eine Obsession, eine quälende Verstrickung.

„Ich wusste sofort, dass ich auf etwas Großes gestoßen war, auf etwas Einmaliges, auf einen Dichter, wie es sie zu allen Zeiten nur vereinzelt gegeben hat.“ Ein Bändchen mit Gedichten ist der Auslöser für eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, eine Obsession, eine quälende Verstrickung. „Schon von den ersten Zeilen ging eine Kraft aus, ein Licht, eine Dunkelheit, ein Schmerz, eine Schönheit, eine Wucht“ – so erzählt die Frau, die die Gedichte liest –, „dass sich die Welt in einem einzigen Augenblick für mich verändert hat, weil es in ihr jetzt diese Stimme gab.“ Die Stimme des Seelenverwandten, die Stimme eines Verlorenen. Nun setzt sie alles in Bewegung, um den Autor dieser Gedichte zu treffen, der unerreichbar ist im anderen Teil Deutschlands. Sie schreibt, sie ruft an. Als er eines Tages tatsächlich kommt, wird ihr Traum wahr. Und zum Albtraum. Denn der Mann, der kommt und bleibt, ist anders, als sie ihn sich erfunden hat.

Über die Autorin

Natascha Wodin, 1945 in Fürth geboren, lebt als freie Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Russischen in Berlin. Für ihre Bücher (u.a. »Die gläserne Stadt«, »Einmal lebte ich«, »Erfindung einer Liebe«) ist sie mit dem Hermann-Hesse-Preis und dem Adalbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet worden. Natascha Wodin erhielt 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse..

Natascha Wodin

Nachtgeschwister

Roman

Verlag Antje Kunstmann

Ich wage zu behaupten: Nahezu alles Wissen, das nicht Wissen um uns selbst ist, ist umsonst.

IMRE KERTÉSZ

MEINEN TÄGLICHEN WEG VON DER M-Straße in die I-Straße nenne ich den Weg zum leeren Briefkasten. Außer den üblichen Reklamesendungen, mit denen die verbeulten Briefkästen im Treppenhaus ständig vollgestopft sind, findet sich darin nur gelegentlich eine Sendung für die Studentin, von der ich die Wohnung vorübergehend gemietet habe. Kuverts mit Kontoauszügen ihrer Bank, Schreiben der Hausverwaltung, die ich absprachegemäß öffne, persönliche Reklamesendungen des Fitnessstudios, in dem die Sportstudentin gejobbt hat, bevor sie nach Australien ging. Einmal fand ich eine Ansichtskarte, auf der mein Name stand. Sie war von der Studentin, die mir herzliche Grüße aus Down Under schickte, von tollen Grillpartys am Strand schwärmte und mir eine gute Zeit in ihrer Wohnung wünschte. Auf der Vorderseite der Karte war eine junge Frau in weißen Shorts abgebildet, die vor dem Eingang zu einem Zoo stand und ein possierlich auf den Hinterbeinen stehendes Känguru fütterte.

Es ist drei Uhr nachmittags, aber es dunkelt schon, die Autos fahren mit Licht. Für viele ist der Arbeitstag bald zu Ende, aber ich bin erst vor einer halben Stunde aufgestanden und fühle mich deshalb auf eine diffuse Weise schuldig, obwohl ich nicht länger schlafe als andere, sondern nur zu einer anderen Zeit. Viele Jahre habe ich versucht, mich Jakobs Lebensrhythmus zu entziehen, aber auf Dauer gelang es mir nicht; nach und nach entfernte ich mich ebenfalls mehr und mehr vom Tagleben und geriet zunehmend in den Sog von Jakobs Nachtexistenz.

In der M-Straße, in der ich ein winziges Schlafzimmer habe, dessen Fenster auf eine verrußte Wand hinausgeht, ziehe ich mich meistens nur schnell an, ich putze mir nicht einmal die Zähne, sondern kämme mir nur schnell das Haar, nehme den bunten Stoffbeutel vom Haken, den ich meine Hinundhertasche nenne, und verlasse die Wohnung. Im Flur höre ich Jakob hinter der Tür zu seinem Arbeits- und Schlafzimmer schnarchen, ich höre ihn um Luft ringen im Schlaf; er scheint sich gegen die Luft zu wehren, mit ihr zu kämpfen wie mit einem Feind, der ihn im Schlaf erwürgen will. Ich weiß nicht, wie lange er schläft, seit ich ihn nicht mehr wecke, seit ich ihn seinem Schlaf überlassen habe, aus dem er nicht allein aufwachen kann.

Ich gehe also in Richtung I-Straße, wie jeden Nachmittag, der mein Morgen ist, kleine, stachelige Schneeflocken fallen mir in den Kragen und verwandeln sich in klebrigwarme Feuchtigkeit in meinem Nacken. Alles um mich herum ist eingeschmolzen in ein einheitliches, filziges Grau, der Himmel, die Luft, die Häuser, die Straßen. Den ganzen Winter leide ich an Reizhusten. Qualm, Ruß und Gestank der verheizten ostdeutschen Braunkohle gehen hier eine infernalische Symbiose mit den Ausstößen der neuen Westwagen ein, die jetzt auch hier die Straßen verstopfen. Die Wiedervereinigung der deutschen Luft scheint eine ungeahnte, lebensgefährliche Konzentration an Gift hervorzubringen.

Gewohnheitsmäßig umschiffe ich Baustellen und Absperrungen, balanciere an Baugruben entlang, denen ein Brechreiz erzeugender Verwesungsgestank entweicht. Andere Erdlöcher setzen einen seltsam chemischen Geruch frei, eine Art Zahnarztgeruch in vielfacher Konzentration. Es ist, als entströmte den aufgerissenen Eingeweiden der Stadt ein in Jahrhunderten aufgestauter Gestank, die Leichenfäulnis von Generationen, die jetzt freigesetzt wird von den Baumaschinen.

Vor dem Eingang zu einer Eckkneipe, die aus unerfindlichem Grund »Zum Seestern« heißt, liegt, geschützt unter dem Baugerüst, der gottergebene Schäferhund, der hier immer liegt, bei jedem Wetter und zu jeder Tages- und Nachtzeit, meist auch dann, wenn ich am frühen Morgen von der I-Straße zum Schlafen in die M-Straße gehe. Auch um diese Uhrzeit ist die Kneipe noch oder schon wieder geöffnet; sie scheint rund um die Uhr Herberge für solche zu sein, die auf der Strecke geblieben sind, die ihre alten Arbeitsstellen verloren und den Anschluss an die neue Gesellschaft nicht geschafft haben, Wendeabfall, abgewickelte, entsorgte Menschen. Für sie existieren diese Kneipenasyle, Heimathäfen, in denen sie unter sich sind und den Rest ihres Lebens vertrinken. Der Schäferhund, der den Eingang bewacht, hebt eine Braue und wirft mir träge einen halben Blick zu, während ich vorübergehe, eine von denen, die er kennt, die hier immer vorübergehen, jeden Tag, jede Nacht und bei jedem Wetter.

Die ganze Gegend ist gezeichnet von den Kürzeln einer unentzifferbaren Geheimschrift, die Fassaden der Häuser, Laternenpfähle, Baucontainer, irgendwelche nie gesichteten Wesen gehen um und schmelzen alles in diese Hieroglyphen ein, stecken ihr Terrain ab, zeichnen es mit ihren rätselhaften Chiffren. Aber es gibt auch lesbare Äußerungen: »Liebe das Leben und hasse den Staat« steht auf einer verrotteten, immer herabgelassenen Jalousie, »Die Anarchie ist machbar, Herr Nachbar« hat jemand an eine verrußte Mauer geschrieben, die zu einem Haus mit zerplatzten Karyatiden und halb eingestürzten Balkonen gehört. Auch die funkelnagelneue Fassade eines Hauses, dessen Sanierung bereits abgeschlossen ist und das aussieht wie ein luxuriöses Implantat in einem morschen Greisengebiss, ist bereits getauft, »Yuppies raus« steht in großen schwarzen Lettern auf dem schneeweißen neuen Putz mit den hellblauen Rosetten über den Fenstern.

Ich gehe an der Konditorei vorbei, wo es die vielstöckigen Buttercremetorten gibt, die mich an die westdeutschen Fünfzigerjahre erinnern, so fett und schwer wie nur möglich, das Riesenstück für eine Mark. Das Geschäft läuft; immer sieht man Kunden im Laden, die westliche Hungermode ist hier noch nicht angekommen.

Ein paar silbergespickte Punks mit roten und grünen Haarsicheln ziehen gemächlich an mir vorüber, begleitet von ihren langmütigen Hunden. Wer sind sie? Junge Westberliner, die hier einen neuen Abenteuerspielplatz gefunden haben, oder sind es junge Ostdeutsche, die so schnell in eine westdeutsche Antihaut geschlüpft sind? Nie weiß ich, was ich hier sehe, wo ich eigentlich bin, in welcher Zeit, an welchem Ort. Ist das noch der Osten oder schon der Westen, ist es die Vergangenheit oder schon die Zukunft? Ich weiß nur, dass ich in einer Welt des Verschwindenden bin, jeder Blick ist ein erster und ein letzter zugleich, schon morgen, schon in der nächsten Stunde kann das, was ich gerade sehe, für immer verschwunden sein. Ich schaue und möchte die Zeit anhalten, ich fühle mich wie die letzte Zeugin einer untergehenden Realität, ihre einzige Protokollantin; ich befinde mich in einem ständigen Wettlauf mit der Zeit, der ich entreißen muss, was unentwegt zu Ende geht.

Eine alte Frau kommt mir entgegen, schleppt ihre aufgedunsenen, aus den Schuhen quellenden Beine über das brüchige Pflaster. Sie hat die Augen auf den Boden unter sich geheftet und hält sich an ihrer Handtasche fest wie an einem Geländer. Woher kommt sie, wo geht sie hin? Man sieht, dass ihr schwerer Körper eine kaum noch tragbare Last für sie ist. Sie schafft immer nur drei, vier winzige Schritte hintereinander, dann muss sie anhalten, um zu verschnaufen, und jedes Mal scheint es, dass sie für immer stehen geblieben ist, dass sie es nicht mehr schaffen wird, ihren zu Tode erschöpften Körper noch einmal in Bewegung zu setzen.

Ich gehe, schaue und weiß schon wieder nicht, wo ich bin. Wie von einer Zeitmaschine wird man ständig von einer Epoche in eine andere katapultiert. Auf einer Straßenseite ein neu eröffneter, hypermoderner Copyshop, auf der anderen Straßenseite werden Kohlen abgeladen. Zwei Männer mit schwarz verschmierten Gesichtern heben die schweren, grobmaschigen Säcke, die noch genauso aussehen wie in der Nachkriegszeit, von einem Pritschenwagen und schleppen sie auf ihren Rücken in einen geöffneten Hauseingang. An einem Haus, das aussieht wie ein verwittertes, halb eingestürztes Dornröschenschloss, steht in neuen roten Leuchtlettern das Wort »Finnsauna«.

Ich biege in eine schmale, wenig frequentierte Straße ein, in der die Baumaschinen noch nicht angekommen sind, in der es wahrscheinlich noch fast genauso aussieht wie früher. Keine Geschäfte, kaum Autos, dunkle Toreinfahrten, Stille. Wie Wracks einst prächtiger Ozeanriesen stehen die Häuser an der Straße, verfallene Paläste, Stein, der sich selbst überlassen wurde, seinem Eigenleben, seinem natürlichen Verfall. Sichtbare Vergangenheit, Geschichte, Geschichtetes, von der Zeit Abgetragenes und neu Überlagertes, in zahllosen Schichten, lebender, überlebender, überlebter Stein, den es bald nicht mehr geben wird, auf den von allen Seiten das Heer der Baumaschinen zurückt. Ein einzelner, sonnenrot angestrichener Fensterrahmen kommt mir vor wie ein Schiffchen, das sein kleines farbiges Segel dem ozeanischen Ewigkeitsgrau der Straße entgegenhält. Die vielen Satellitenschüsseln, die stumm von den Häusern in die Straße schauen, erwecken den Eindruck irgendeines mysteriösen Radarsystems, das Außerirdische hier hinterlassen haben.

Ich verstecke mich tiefer im Kragen meines Mantels, ich friere, und ich habe Angst davor, gesehen zu werden. Man kennt sich in diesem Viertel, viele kennen hier Jakob und wissen, dass ich seine Frau bin, die zu werden ich einst nicht zu träumen wagte, und die zu sein ich mich jetzt so schäme. Jeder, der an mir vorbeigeht, kann jemand sein, der mich kennt, ohne dass ich es weiß. Jeder, der weiß, dass ich Jakobs Frau bin, kann, so scheint es mir, bis auf den Grund meines Fiaskos sehen. Ich gehe wie durch eine Schneise wissender Blicke, die mich für eine Unwissende halten, und mein einziger Triumph ist, dass das nicht stimmt, dass ich eine wissende Betrogene bin. Aber dieser Triumph ist gleichzeitig meine tiefste Schmach. Ich weiß es nur deshalb, weil ich Jakobs Leben ausspioniere, fortgesetzt und zwanghaft, getrieben von der Hoffnung, nichts mehr zu finden, das mich zwingt, Jakob zu verlassen, obwohl ich keine Ahnung habe, warum ich immer noch bei ihm bin, was mich noch an ihn bindet außer der Angst vor dem Alleinsein mit mir selbst. Vielleicht ist diese Angst so groß, dass ich lieber mich selbst aufgebe als Jakob; vielleicht brauche ich ihn nur noch, um mir selbst nicht begegnen zu müssen. Vielleicht brauche ich auch meinen Hass gegen Jakob, um meine Angst nicht mehr zu spüren. Schon oft habe ich geglaubt, jemanden zu hassen, aber ich hatte keine Ahnung, was Hass wirklich ist, was für eine Macht er besitzt und wie er funktioniert. Ich habe gedacht, dass Hass zu Entzweiung, zu Trennung führt, aber das Gegenteil ist der Fall. Der Hass bindet mich stärker, unauflöslicher denn je an Jakob, der Hass hat die Eigenschaft, den Hassenden mit dem Gegenstand seines Hasses zu verschweißen, und in dieser Aussichtslosigkeit reproduziert und potenziert er sich unentwegt selbst, wie eine Stichflamme, die sich ständig an sich selbst entfacht. Ich gehe und versuche, mich zu erinnern, immer wieder. Wie das alles angefangen hat. Ich suche nach des Rätsels Lösung, ich suche so fieberhaft und panisch danach, als ginge es um meinen Kopf, als handelte es sich um das Rätsel jener Sphinx, die jeden tötet, der die Lösung nicht findet. Ich bin der Wahnidee verfallen, dass ich Jakobs Rätsel lösen, dass ich in mir den Blick finden muss, der ihn erklärt und damit entmachtet. Ich bilde mir ein, dass mich nur das retten kann. Retten vor dem Gefühl, dass ich nicht mehr leben kann, solange Jakob lebt. Dass es nur diese Wahl gibt. Er oder ich. Ich gehe, versteckt in meinem Mantelkragen, und höre mein Herz hämmern: er oder ich, er oder ich… Ich gehe und versuche, mich zu erinnern. Immer wieder, zum hundertsten, zum tausendsten Mal fange ich von vorn an…

Es war dreieinhalb Jahre vor dem Mauerfall, als ich das kleine, schon etwas angegilbte Taschenbuch auf dem Wühltisch einer Buchhandlung fand. Ich nahm es mit, weil es nur eine Mark kostete und weil mir der Name des Autors ins Auge fiel: Jakob Stumm. Ein Dichter, der ausgerechnet Stumm hieß. Es klang wie ein Witz. Ich fand unter den Ramschexemplaren noch einen Erzählband von Arthur Schnitzler, eine Taschenbuchausgabe von Thomas Bernhards »Kalkwerk« und Nabokovs »Einladung zur Enthauptung«, dann ging ich zur Kasse und bezahlte bei dem freundlichen Buchhändler, in dessen Laden ich einst eine meiner allerersten Lesungen hatte. Wir unterhielten uns noch ein wenig, dann trat ich wieder hinaus auf die Straße, in den windigen, regnerischen Apriltag. Aus irgendeinem Grund erinnere ich mich genau, dass ich ein gebatiktes Kopftuch in stumpfen Lilatönen mit gelblichen und orangefarbenen Sprenkeln trug.

Erst etwa einen Monat später fiel mir der kleine Gedichtband des Autors mit dem seltsamen Namen zufällig wieder in die Hände. Ich schlug es auf und war wie vom Blitz getroffen. Schon von den ersten Zeilen, auf die mein Blick gestoßen war, ging eine Kraft aus, ein Licht, eine Dunkelheit, ein Schmerz, eine Schönheit, eine Wucht, dass ich zurückprallte und mich buchstäblich an der Tischkante festhalten musste, um nicht vom Stuhl zu fallen. Ich wusste sofort, dass ich auf etwas Großes gestoßen war, auf etwas Einmaliges, auf einen Dichter, wie es sie zu allen Zeiten nur vereinzelt gegeben hat.

Mein Freund Paul, mit dem ich seit über dreizehn Jahren zusammenlebte, arbeitete für eine Dritteweltorganisation und war gerade auf einer seiner langen Auslandsreisen. Ich war für mehr als fünf Monate allein in unserem Häuschen auf dem Land, das wir zusätzlich zu unserer Stadtwohnung in Nürnberg gemietet hatten. Es war ein einfaches, im billigen Nachkriegsstil erbautes Einfamilienhaus, das am Rand eines typischen Schlafdorfes stand, in dem es keine Bauern mehr gab. Alle Einwohner arbeiteten irgendwo in der Stadt; tagsüber war der Ort ausgestorben, abends belebt nur von dem blauen Geflimmer der Fernseher hinter den gefältelten Gardinen. Außer der Kirche, die jede Viertelstunde die Zeit schlug, gab es hier nur noch einen kleinen Edeka-Laden und eine Gaststätte, die neben der einstigen Dorflinde stand und »Zur Linde« hieß. Man konnte hinaufsteigen zu einer Aussichtsplattform, von der aus man einen weiten Blick über die Miniaturberge und Täler der Fränkischen Schweiz hatte und deretwegen sich manchmal ein paar Touristen in den Ort verirrten.

Aus den hinteren Fenstern unseres Häuschens sah man in einen Wald aus Kirschbäumen. Es war Mai, die Bäume standen in voller Blüte, ich sah hinaus in das gischtende Weiß vor meinem Fenster; an diesen Augenblick erinnere ich mich genau: Ich hatte meine Augen von dem vor mir liegenden Buch gehoben, und für immer hat sich mir die erste Kunde von Jakob Stumm mit dem Bild des weißen Blütenozeans verbunden. Von diesem Moment an war nichts mehr so, wie es eben noch gewesen war, in einem einzigen Augenblick hatte sich die Welt für mich verändert, weil es jetzt in ihr diese Stimme gab, die Stimme aus diesem halb verwitterten Bändchen mit Gedichten, die Stimme irgendeines sang- und klanglosen Jakob Stumm, der, wie im Klappentext zu lesen war, in der DDR lebte.

Ich hatte Angst vor dem Weiterlesen, davor, dass ich schließlich doch keinen Platz finden würde in den Gedichten, dass das Gefundene sofort wieder das Verlorene sein würde. Wahrscheinlich, so nahm ich vorweg, war ich beim Aufschlagen des Buches nur auf einen grandiosen Zufallstreffer des Autors gestoßen, der Rest würde mir genauso wenig sagen wie der größte Teil der mir bekannten deutschen Gegenwartslyrik. Doch je weiter ich las, immer fieberhafter umblätternd, desto weiter, gewaltiger, dröhnender wurde der Raum, in den ich eintauchte. Es war, als öffnete sich hinter jeder Tür noch eine und noch eine; ich stockte, es verschlug mir den Atem, aber es ging weiter, immer weiter, jede Zeile, die ich las, schien die vorherige noch zu übertreffen an Sprachgewalt. Das andere Deutschland, in dem ich nie gewesen war, das immer nur ein Schattendasein in meinem Bewusstsein geführt hatte, war schlagartig zum wichtigsten Ort der Welt für mich geworden. Es musste tatsächlich irgendein ganz anderes, meiner Vorstellungswelt unzugängliches Deutschland sein, wenn es der Ursprungsort solcher Gedichte war.

Das kleine Buch war schon vor sechs Jahren in einem angesehenen westdeutschen Verlag erschienen; im Klappentext hieß es, dass die Gedichte die erste Veröffentlichung des Autors waren und dass sie in DDR nicht erscheinen durften. Der Autor, der fünf Jahre älter war als ich, lebte in Leipzig und schlug sich, wie es hieß, als Fabrikarbeiter durch. Vor dem Hintergrund der Gedichte klangen die kurzen biografischen Angaben ungeheuerlich, sie lieferten, sozusagen, den Beweis für den Realitätsgehalt der Gedichte. Sie handelten von der Finsternis und Verdammnis eines Menschen, der der einsamste und verlorenste war, von dem ich je gehört hatte. Ein Arbeiter, der Worte fand für eine Welt, die eine Wüste war, eine Wüste, in der es außer ihm kein einziges anderes Lebewesen gab. Ein Arbeiter, der Worte fand für seine aussichtslose Sehnsucht nach einem anderen Leben. Es waren die Worte eines Verkannten und Verbannten, die Klopfzeichen eines Unterirdischen, eines Verschütteten, die ich vernommen hatte. Klopfzeichen, die mir galten; ich wusste es, ich wusste es mit einer Sicherheit wie noch nie etwas vorher. Wie sollte ich ihm mitteilen, dass ich ihn gehört hatte, dass er ein Gefundener war?

Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich an einem Ort gewohnt, wo ich der DDR so nah war wie jetzt, in dem Häuschen in der Fränkischen Schweiz. Es waren nur knappe hundert Kilometer bis zum Grenzübergang Hirschberg; ich sah die Schranken und Wachttürme vor mir, die Elektrozäune und die eisigen Gesichter der Grenzbeamten; ich sah das graue Nichts der Transitstrecke nach Westberlin vor mir, ich erinnerte mich genau an das Ausfahrtsschild mit der Aufschrift »Messestadt Leipzig«. Es war eine unwirkliche Vorstellung, dass Jakob Stumm mir räumlich so nah war, dass er denselben Himmel sah wie ich, dass bei ihm vielleicht derselbe Regen fiel wie hier, dass die Landschaft hinter Leipzig vielleicht der glich, die ich hier aus dem Fenster sah. Fast kam es mir vor wie ein heimlicher, verbotener Blick in sein vor mir verborgenes Leben, seine Wirklichkeit hinter den Gedichten, hinter der undurchdringlichen Grenze zur anderen deutschen Welt. Er war nur zwei Autostunden von mir entfernt und doch unerreichbarer als er es irgendwo auf den Fidschi-Inseln gewesen wäre.

Ich betrachtete sein Foto auf der Rückseite des kleinen Bandes. Das Brustbild einer absichtsvoll verdunkelten, im Gegenlicht aufgenommenen Gestalt ohne Umgebung, ohne Hintergrund. Die Umrisse eines offenbar nicht allzu groß gewachsenen, ungeschlacht wirkenden Mannes, der im Leeren stand, wuchtig und zugleich irgendwie schwankend. Man sah ihm den Arbeiter, den Underdog deutlich an, man schien das Maschinenöl an dieser Gestalt zu riechen, den Schweiß körperlicher Arbeit. Alles andere als ein Schöngeist, ein feinsinniger Intellektueller, vielmehr ein Wesen aus dem Reich des mir kaum vorstellbaren Proletariats der DDR. Ein klobiges, slawisch wirkendes Gesicht mit einer scharfen senkrechten Falte über der Nasenwurzel, die die Stirn in zwei Hälften zu teilen schien. Es ging etwas völlig Unzugängliches, Undurchdringliches von ihm aus; er gab der Kamera keinen Zentimeter von sich preis. Es war, als blickte man auf ein Haus ohne Fenster und Türen. Und zugleich auf eine Lichtgestalt. Der Fotograf hatte dem Mann in der unansehnlichen Arbeitskluft einen Heiligenschein verliehen. Die von hinten durchleuchteten zerzausten Locken, die einem verspäteten Hippie gehören konnten, bildeten am Rand einen hellen, flimmernden Lichtkranz um seinen wuchtigen Kopf. Ein unnahbarer, verschatteter Cherub, dessen Geheimnis nicht zu ergründen war. Je länger ich ihn ansah, desto unsicherer wurde ich mir seiner Existenz außerhalb von mir, desto mehr schien er ein Teil von mir selbst zu werden, ein inneres Bild meiner Sehnsucht, das ich in die Außenwelt projizierte.

Eine biografische Tatsache, in der ich bisher nur einen Zufall gesehen hatte, gewann plötzlich schicksalhafte Bedeutung für mich. Mein Leben hatte einst in Leipzig begonnen, im Körper einer jungen ukrainischen Zwangsarbeiterin, die, interniert in einem Außenlager des KZs Buchenwald, für einen Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns arbeiten musste, eine der Zahllosen, die die Nazis während des Kriegs aus ihren östlichen Heimatländern nach Deutschland verschleppt hatten, zur Zwangsarbeit. Jetzt war ich getrennt von Jakob Stumm, aber damals, in meiner bewusstlosen Vorzeit, war ich an dem Ort, an dem er sich jetzt befand. Wahrscheinlich, so sagte ich mir, hatte er auch schon damals, ein Kind noch, in Leipzig gelebt, und ich war sicher, dass unsere Verbindung bereits aus dieser Zeit stammte, dass Leipzig unser gemeinsamer Ursprungsort war und unsere Fäden sich schon damals miteinander verknüpft hatten.

Ich traute mich nicht, bei seinem Verlag anzurufen, wahrscheinlich hätte man mir, einer fremden Anruferin, seine Adresse ohnehin nicht preisgegeben. Ich schrieb einen Brief und schickte ihn an die Adresse des Verlags, mit der Bitte um Weiterleitung an den Autor. Nun konnte ich beginnen zu warten.

Draußen regnete es. Der Regen schlug an die Fensterscheiben, rauschte im Laub der Kirschbäume, trommelte auf den Beton der kleinen Veranda, gurgelte in der Dachrinne. Es regnete und regnete, als hätte die Ewigkeit eingesetzt. Die Felder standen unter Wasser, mein Garten hinter dem Haus war längst ertrunken, mehr und mehr schien die flüssige Materie Oberhand über die feste zu gewinnen, mehr und mehr fiel der Regen vom Himmel in sich selbst hinein. Auf dem Nachbargrundstück stand ein Pferd im Morast, reglos, mit gesenktem Kopf, als wäre es für immer eingeschlafen im Regen oder im Stehen gestorben.

Die Wochen vergingen, und es kam keine Antwort von Jakob Stumm. Wahrscheinlich, so dachte ich, hatte mein Brief ihn gar nicht erreicht, entweder hatte der Verlag ihn nicht weitergeschickt, oder er war irgendwo in dem dunklen Spalt zwischen den Welten verschwunden. Schließlich stellte sich heraus, dass eine meiner Freundinnen den Cheflektor des Verlags kannte, in dem Jakob Stumms Buch erschienen war. Sie versprach mir, ihn anzurufen, und kurz darauf war ich im Besitz der Buchstaben und Zahlen, die direkt zu Jakob Stumm führten, zu seiner privaten Adresse in Leipzig.

Wenn gegen Mittag der gelbe Postwagen vor dem Haus hielt und wieder wegfuhr, lief ich in fiebriger Erwartung hinaus zum Briefkasten, der am Gartentor hing wie ein verwittertes Vogelhäuschen, doch wieder vergingen die Wochen, und auch auf den Brief, den ich direkt nach Leipzig geschickt hatte, kam keine Antwort. Nur von Paul bekam ich fast jeden Tag einen Luftpostbrief vom anderen Ende der Welt. Als ich ihn vor dreizehn Jahren kennenlernte, glaubte ich, dem Albtraum meiner Vergangenheit endlich entronnen zu sein. Der Welt meiner Eltern, die nach dem Ende des Kriegs zu überflüssiger Menschenbeute in Deutschland geworden waren, sogenannte Displaced Persons, die in ihren Heimatländern als Verräter und Kollaborateure galten, weil sie sich hatten zwingen lassen, für den deutschen Kriegsfeind zu arbeiten, in Deutschland blieben sie slawische Untermenschen, der bolschewistische Weltfeind im eigenen Land. Ich wuchs im Bewusstsein meiner negativen Besonderheit auf. Die deutsche Schule war meine tägliche Folterbank, mein täglicher Pranger. Ich saß allein in der letzten Bank, und alle sahen sich nach mir um. Ich war schuld daran, dass zahllose deutsche Väter und Söhne in Russland gefallen oder als Krüppel aus dem Krieg zurückgekommen waren; ich war schuld daran, dass russische Soldaten ungezählten deutschen Frauen das Schlimmste angetan hatten; ich war schuld daran, dass die Russen den Deutschen ihr halbes Land weggenommen hatten; ich war schuld daran, dass die Russen dem Verlobten unserer Lehrerin Fräulein Schorrn die Augen mit glühenden Kohlen ausgebrannt hatten. Mein Vater war zu einem steinernen Gast in Deutschland geworden, er war in seine Innenwelt emigriert, meine Mutter zerbrach und nahm sich das Leben, als ich zehn Jahre alt war. Meine einzige Hoffnung war schon im Kindesalter der deutsche Mann, der mich später einmal heiraten würde. Die Ehe, die ich mit neunzehn Jahren einging, war mehr als das Erhoffte, ein gesellschaftlicher Aufstieg, von dem ich nicht zu träumen gewagt hatte. Doch das gehobene deutsche Bürgertum, das ich für das höchste Glück auf Erden gehalten hatte, erwies sich sehr schnell als neues Gefängnis für mich, eine Welt, in der ich mir nach kurzer Zeit vorkam wie ein Zierfisch in einem Aquarium. Erst als ich schließlich beinah über Nacht in die Welt der linken deutschen Studenten geriet, begann für mich endlich das Leben. Ich lernte Menschen mit völlig anderen Gedanken und Ansichten kennen, mit ganz anderen Bedürfnissen und Lebensentwürfen; zum ersten Mal in meinem Leben war es nichts Schlechtes mehr, eine Russin zu sein, es war, im Gegenteil, etwas Gutes; ich stammte nicht von Untermenschen ab, sondern vom fortschrittlichsten Volk der Welt, das als erstes das Experiment des Sozialismus gewagt hatte. Kurz nach meiner Scheidung lernte ich Paul kennen, einen Soziologiestudenten, und zog mit ihm in eine Wohngemeinschaft. Er war völlig anders als mein geschiedener Mann; er versuchte nicht, mich zu bevormunden, zu erziehen, zu verändern, im Gegenteil, er schien mich zu bewundern, er war der erste Mensch in meinem Leben, der mich so liebte wie ich war, der mir die Freiheit gab, ich selbst zu sein. Aber meine Freiheit währte nicht lange. Der Raum, den Paul mir für mich gab, füllte sich langsam und schleichend mit Angst, immer mehr Angst. Die Angst begann in mich hineinzustürzen wie durch einen gebrochenen Damm. Mein ganzes bisheriges Leben hatte mein Körper unentwegt die Kampfenergie erzeugt, die ich zum Überleben gebraucht hatte. Jetzt bedrohte mich plötzlich nichts mehr, und das schien die größte Bedrohung zu sein. Die überflüssig gewordene Kampfenergie, die mein Körper weiterproduzierte wie ein Automat, den ich nicht anhalten konnte, verwandelte sich, so schien es mir, ständig in Angstenergie. Die Bedrohung kam jetzt nicht mehr von außen, sondern aus mir selbst. Jetzt war ich selbst die Gefahr geworden, und dieser Gefahr konnte ich nicht mehr entrinnen, vor ihr gab es kein Versteck. Ich war in einem Körper mit etwas zutiefst Feindseligem, mit irgendeinem zweiten, mir unbekannten Lebewesen, das ständig versuchte, mich zu töten.

Damals begann es mit dem Schreiben, dem ganz anderen als in meiner Jugend, als ich Liebesgeschichten erfand, deren Unglück romantischer war als mein eigenes. Jetzt war es vorbei mit der Romantik; ich saß hinter geschlossenen Vorhängen, weil jeder Blick in die Außenwelt haltlose Panik in mir erzeugte, und schrieb um mein Leben, ich schrieb im Wettlauf mit der Angst, deren Namen ich finden musste, bevor sie mich verschlang. Zum ersten Mal begriff ich, dass ich keine normale Kindheit gehabt hatte, dass das, was mir als Kind meiner Eltern in Deutschland widerfahren war, ganz offensichtlich zum Verlust wesentlicher Persönlichkeitsanteile geführt hatte, wie mein Psychotherapeut es in seinem Gutachten für die Krankenkasse ausdrückte. Hätten meine Eltern mich ein paar Monate früher gezeugt, wäre ich wahrscheinlich nicht am Leben geblieben. Die Fortpflanzung war laut Adolf Hitler ein Privileg der hochbeinigen, erbgesunden deutschen Frau; die Kinder der Zwangsarbeiterinnen, der robusten, kurz stampfenden Slawinnen, wie Hitler sie nannte, wurden den Müttern sofort nach der Geburt weggenommen und in sogenannte Aufzuchtsräume für Bastarde gebracht, wo man sie verhungern ließ. Darüber sprach damals niemand in Deutschland, es kamen immer mehr Gräuel über den Genozid an den Juden ans Tageslicht, aber niemand gedachte der Millionen verschleppter Zwangsarbeiter, niemand wusste, wie viele von ihnen an Vernichtung durch Arbeit zugrunde gegangen waren, an Hunger, an Entkräftung, an Krankheit, wie viele man erschlagen, erschossen hatte. Auch ich wusste es nicht. Mir stand die Erkenntnis noch bevor, das Begreifen meiner Herkunft und meiner Zusammenhänge in der Welt, der Einbruch des Bewusstseins in meinen dunklen, pflanzenartigen Innenraum.

Mehr und mehr wurde ich zu Pauls Pflegefall, er rettete mich täglich vor etwas, das erst durch ihn in Gang gekommen war. Er besaß irgendeine geheime, unerklärliche Macht über das zweite, fremde Lebewesen in mir, nur er konnte es bezähmen, in Schach halten wie ein Dompteur ein wildes Tier. Ich versuchte es mit einer jahrelangen Psychotherapie, ich versuchte es mit der Philosophie, mit der Soziologie, mit der Poesie, mit den Menschen, mit Gott und mit dem Teufel. Ich versuchte es mit Krieg und Ergebung, ich ließ allen Widerstand fahren, ich warf mich der Angst in die Arme, damit sie mich endlich umbrachte, aber die Angst brachte mich nicht um, sie lachte nur über mich. Meine einzige Rettung blieb Paul. Ich konnte mich längst nicht mehr fragen, ob ich ihn liebte, darum ging es nicht mehr. Ich brauchte ihn, ich brauchte ihn wie der Ertrinkende die Planke. Und über diese Planke wusste ich nichts anderes zu sagen, als dass sie eben eine Planke war und ihre einzige Eigenschaft darin bestand, mich über Wasser zu halten. Ich konnte in Paul nichts anderes mehr sehen als diese Funktion für mich, womit ich ihm fortgesetzt Unrecht tat, aber ich konnte es nicht ändern. Ich wusste, dass ich nicht genesen konnte, solange ich Paul nicht losließ, solange ich es nicht wagte, aus seiner Schutzzone herauszutreten und mir selbst zu begegnen; jeden Tag, jede Stunde setzte ich an zum Sprung, ich lebte unentwegt in dieser angesetzten, abgebrochenen Bewegung, in deren Verhinderung auf halbem Weg sich Tag für Tag meine ganze Kraft verbrauchte. Paul gehörte zur Welt der anderen, er war meine einzige, brüchige Verbindung zu dieser Welt, aber seit ich Jakob Stumms Gedichten begegnet war, hatte sich alles verändert. Ich war nicht mehr allein. Zum ersten Mal gab es jemanden, mit dem ich die Unzugehörigkeit zu den anderen teilte, ich war einem Zweiten in meiner Wüste begegnet, einem nie erträumten deutschen Bruder.

Als vor einigen Jahren mein erstes Buch erschienen war, hatten sich mir plötzlich Türen geöffnet, die von da aus, wo ich herkam, gar nicht als Türen vorstellbar waren. In meiner Kindheit hatte man mir den Eintritt ins deutsche Schwimmbad verweigert, weil man fürchtete, ich würde es verseuchen mit meinem russischen Schmutz, jetzt wurde ich ins Allerheiligste der deutschen Literatur gerufen. Rezensionen in allen großen Zeitungen, Interviews, Einladungen zu Lesungen, Literaturpreise. Alles das kam mir vor wie die Vorbereitung meiner endgültigen Hinrichtung. Wenn es noch eine Steigerung meiner Außenweltphobie gab, dann hatte sie jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Hätte eine gute Fee mir einen Wunsch freigestellt, hätte ich mir gewünscht, mich mit einem Knopfdruck unsichtbar machen zu können, zu verschwinden aus all den Blicken, die jetzt auf mich gerichtet waren und die im nächsten Augenblick entdecken mussten, dass ich ein Fehler im System war, ein Kuckucksei, die Braut mit Blut im Schuh.

Ich wartete auf Antwort von Jakob Stumm. Um nicht ganz allein zu sein, hatte ich nach Pauls Abreise meinen Nachbarn, ebenfalls Städtern, die sich hier ein altes Bauernhaus gekauft hatten, eines der kleinen Kätzchen abgenommen, das in einer ausrangierten Scheune im Ort geboren war. Es hatte Angst vor mir, es ließ sich nicht anfassen, verkroch sich stundenlang in dem engen dunklen Spalt hinter dem Badeofen oder schoss in Anfällen haltloser Tollheit durch die Zimmer. Es stieß Blumentöpfe von der Fensterbank, kratzte die Tapeten von der Wand und dachte nicht daran, die Katzentoilette zu benutzen. Täglich fügte es meinen von seinen Krallen und Zähnen gemusterten Armen und Beinen neue blutige Spuren hinzu. Das Einzige, was das kleine Monstrum zu besänftigen vermochte, war ausgerechnet meine Schreibmaschine. Sobald ich zu tippen anfing, sprang es auf den Schreibtisch, ließ sich vertrauensvoll neben der Maschine nieder und folgte fasziniert, mit fast hypnotischer Aufmerksamkeit der Bewegung des Wagens; ab und zu tippte die grau melierte Pfote prüfend auf das eingespannte Blatt Papier.

Ich schrieb im wahrsten Sinn des Wortes für die Katz. Das, was mich früher vor dem endgültigen Ertrinken in meiner Angst gerettet hatte, war jetzt nur noch Qual, nur noch Selbstverhinderung. Die Worte hatten ihre Magie verloren, im Licht der Öffentlichkeit war ihr Glanz für mich sofort erloschen; ich sah in der Beschäftigung des Schreibens nur noch mein Scheitern am Leben, nur noch einen Käfig aus Buchstaben, in den ich mich ständig selbst einschloss.

Immer wieder trug ich in Gedanken das Wenige zusammen, was ich von Jakob Stumms Welt kannte. Zu den Schätzen meiner Transitstrecken- und Raststätten-DDR gehörten das Wort Autofahrerbier, das ich einmal auf einer Fahrt nach Westberlin aufgeschnappt hatte, der dünne Bohnenkaffee, bei dessen Bestellung man für Milch und Zucker extra bezahlen musste, ein junges Paar mit nagelneuen Eheringen an den Fingern, das in einer Raststätte saß wie in einem Nobelrestaurant und mit schweigender Andacht Schwarzwälder Kirschtorte verzehrte, ein kleiner Junge, der an einer Imbissbude »Kaugummi, der klebt« verlangt hatte, woraus ich schloss, dass es in der DDR mindestens zwei Sorten Kaugummi gab, einen, der klebte, und einen, der nicht klebte. Einmal hatten wir gesehen, wie ein Betrunkener im besseren Teil einer Raststätte, wo wir und andere Westdeutsche Wildgulasch mit Nudeln für zwei Mark achtzig aßen, von zwei Kellnern dezent, aber mit unmissverständlicher Bestimmtheit aufgefordert wurde, das Lokal zu verlassen, worauf der Mann sofort gehorsam aufstand und wankend davonging. Ich erinnerte mich an Devisenläden mit dichten Vorhängen an den Schaufensterscheiben, an verwitterte, nie besetzte Zeitungskioske, hinter deren schmutzblinden Scheiben verblichene Zeitschriften ausgestellt waren. Ich erinnerte mich genau, dass eine davon »Der Funkamateur« hieß.

Oft gingen meine Gedanken zu einem Traum, den ich einmal geträumt hatte. Ich fuhr in der Abendsonne mit dem Auto auf einer kleinen, hügeligen Asphaltstraße durch Wiesen und Felder, ich wusste, dass ich im anderen Deutschland war, aber zugleich war es auch Russland. Das Deutsche und das Russische, das in mir selbst immer ein antipodischer Gegensatz geblieben war, waren ineinander übergegangen, waren eine Einheit geworden. Kein Auto kam mir entgegen, während ich fuhr, mein eigenes war das einzige weit und breit, ich war allein, zum ersten Mal in meinem Leben eins mit mir selbst und glücklich in einer Stille, die es im rasenden Tempo der westlichen Konsumwelt nicht mehr gab.

Ein einziges Mal, vor sehr langer Zeit, war ich in Ostberlin gewesen. Es musste etwa 1966 gewesen sein, ich hatte vor kurzem den deutschen Mann geheiratet und war von einem passlosen, staatenlosen Wesen zu einer deutschen Staatsbürgerin geworden. Nun überschritt ich, ausgestattet mit einer Tagesaufenthaltsgenehmigung, ängstlich festgeklammert am Arm meines deutschen Ehemannes, zum ersten Mal in meinem Leben die Grenze zu dem Teil der Welt, aus dem meine Eltern kamen. Mein Mann hatte mir das Wochenende in Berlin zum Geburtstag geschenkt, und zum Sightseeingprogramm gehörte natürlich auch ein Besuch im Ostteil der Stadt. Wir gingen durch die dunkle, eisige Schlucht des fast menschenleeren Alexanderplatzes, über den nur ab und zu ein Auto fuhr, mit schwachen Scheinwerfern hineinleuchtend in die Welt des Kommunismus, wo man seit jeher auf mich wartete, um an mir Rache zu nehmen für den Verrat meiner Eltern, die, anstatt den Heldentod fürs Vaterland zu sterben, für die Rüstungsindustrie des deutschen Kriegsfeindes gearbeitet hatten. Der eisige Wind, der sich hier zwischen den dunklen Gebäudekolossen herumtrieb, schien mir bereits aus Russland zu kommen, aus dem Totenreich der sibirischen Lager, wo die Schwester meiner Mutter einst für immer verschollen war. Ich war sicher, dass ich in die Falle gegangen war, dass man mich im nächsten Augenblick ergreifen und auch dorthin bringen würde, wo nachts die Wölfe heulten und wo einem das Haar im Schlaf an der Pritsche festfror.

Was ich schließlich sah, verwirrte alle meine Vorstellungen vom Ordnungsgefüge der Welt. Ich wusste genau, dass Menschen, die an Gott glaubten, im Kommunismus verfolgt und umgebracht wurden, dass der Gottesglaube im Kommunismus verboten war, aber wir waren um eine Ecke gebogen und standen plötzlich auf einem Weihnachtsmarkt. Viele weihnachtlich geschmückte Buden waren zu sehen, es wurden Lebkuchen, Glühwein und Rauschgoldengel verkauft, eine elektrische Orgel, die aussah wie eine antike, bunt blinkende Lokomotive, spielte »Oh du fröhliche«. Vor einem Karussell, dessen erleuchtete Gondeln sich in der dunklen Nacht drehten, hatte sich eine lange Warteschlange aufgereiht. Die Menschen standen stumm und starr in der Kälte und warteten, in einer soldatisch korrekten Zweierreihe, niemand sprach, niemand lachte, selbst die eingemummten Kinder an den Händen ihrer Eltern mucksten sich nicht. Einerseits musste das Leben im Kommunismus noch viel schrecklicher sein, als ich es mir immer vorgestellt hatte, wenn die Menschen schier zu erfrieren bereit waren, nur um einmal Karussell fahren zu dürfen, andererseits konnte es sich gar nicht um den Kommunismus handeln, weil hier »Oh du fröhliche« und »Ihr Kinderlein kommet« gespielt wurde. Die sogenannte Ostzone war ein völlig undeutbarer, unbegreiflicher Ort für mich geworden.

Oft fiel mir jetzt Jan ein, der einzige DDR-Bürger, den ich einmal etwas näher kennengelernt hatte. Er hatte als Anhalter auf einer leeren, staubigen Straße am Rand der Hortobágy-Puszta in Ungarn gestanden, und wir hatten ihn mitgenommen. Ein paar Tage lang hatten wir die Puszta gemeinsam durchstreift und uns angefreundet. Nach dem Urlaub hatten wir uns noch eine Weile Briefe geschrieben, dann hatte Jan uns mitgeteilt, dass er sein Studium abgeschlossen und eine Stelle bei den Zeisswerken bekommen hatte. Es beschäme ihn, es uns sagen zu müssen, aber Kontakte mit dem westlichen Ausland seien ihm nun nicht mehr erlaubt.

Wenn ich an diese erste und einzige Erfahrung mit einem DDR-Bürger dachte, überfiel mich jähes Entsetzen. Was hatte ich getan? Wenn einem Mitarbeiter der Zeisswerke Kontakte mit dem westlichen Ausland untersagt waren, konnten sie dann einem Dichter erlaubt sein, der seine Gedichte im Lager des Klassenfeindes veröffentlicht hatte, wahrscheinlich von der Stasi beobachtet wurde? Mit meinen Freunden in Moskau korrespondierte ich nie per Post, das war viel zu gefährlich für sie, wir bedienten uns stets einer »okasija«, einer uns mehr oder weniger bekannten Person, die aus Moskau nach Deutschland reiste oder umgekehrt. Jedes Mal waren es langwierige und manchmal abenteuerliche Aktionen, die schließlich zu einer persönlichen Briefübergabe führten. Und den Brief an Jakob Stumm hatte ich einfach in den Briefkasten eingeworfen, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, was das für ihn bedeuten könnte. Es war schon Ende August, ich hatte immer noch keine Antwort bekommen, nicht einmal ein paar höfliche Dankesworte an eine westdeutsche Kollegin und Bewunderin, und immer wieder überfielen mich horrible Vorstellungen. Hatte ich Jakob Stumm ans Messer geliefert, hatte ich ihn politischen Repressalien ausgesetzt, hatte man in meinem Brief irgendeine schlecht getarnte staatsfeindliche Aktivität erblickt, in die Jakob Stumm verwickelt war? Antwortete er mir nicht, weil er das gar nicht konnte, da man ihn verhaftet hatte, da er im Gefängnis saß? Unentwegt kreiste ich im Rad meiner qualvollen Fragen nach dem Grund seines Schweigens, ich malte mir immer neue Horrorbilder aus, vielleicht, so sagte ich mir, hatte ich eine falsche Adresse bekommen, vielleicht war er inzwischen umgezogen, vielleicht war er für längere Zeit verreist, vielleicht war er krank, vielleicht war er tot, aber in der letzten Drehung des Rads kam ich immer wieder auf dieselbe Erklärung. Jakob Stumm schrieb mir nicht, weil er kein Interesse daran hatte, weil er ein ganz anderer war, als ich vermutet hatte. Nicht der Unterirdische und Verschollene, als der er mir in seinen Gedichten erschienen war, im Gegenteil, er war ein in der DDR bekannter und verehrter Untergrunddichter, dem die Verwerfung durch den Staat eine besondere Popularität verlieh, genau jenen Heiligenschein, mit dem ihn der Fotograf auf seinem Autorenfoto umgeben hatte. Nicht ich allein hatte erkannt, dass er ein großer, ein bedeutender Dichter war, mein Brief an ihn war nur einer von vielen. Ich hatte an das Ich seiner Gedichte geschrieben, nun sah ich die Augen eines Fremden auf meine Zeilen gerichtet, und mich versengte die Scham. Jakob Stumms Augen hatten sofort gelesen, was ich verschwiegen hatte, was zwischen den Zeilen stand, denn Augen wie die seinen konnten zweifellos zwischen den Zeilen lesen, und zwischen den Zeilen, die sich weitgehend um das Schreiben, um literarische Dinge drehten, hatte ich ihm viel mehr als meine Bewunderung angeboten, viel mehr als nur jede erdenkliche Unterstützung für ihn, falls er dieser bedürfen sollte, ich hatte ihm alles von mir angeboten, obwohl ich nichts besaß. Ich besaß nur ihn. Und diese meine Armut hatte er beim Lesen meines Briefes sofort erkannt. Ich hatte versucht, die Abgründe zwischen meinen Zeilen so gut wie möglich zu kaschieren, aber so etwas entging einem Sprachmeister wie Jakob Stumm natürlich nicht. Immer wieder fühlte ich den Blick seiner wissenden Augen auf mir, ich sah seine belustigt hochgezogene Augenbraue, bevor er meinen Brief zusammenknüllte und in den Papierkorb warf. Den ersten und dann noch einmal den zweiten.

Als ich schließlich bei der Telefonauskunft anrief, tat ich es nicht, weil ich hoffte, die Nummern der DDR könnten der westdeutschen Auskunft bekannt sein und jemand wie Jakob Stumm könnte dort überhaupt ein Telefon besitzen. Ich spielte nur ein Spiel. Ich wollte so tun, als wäre es eine Kleinigkeit, Jakob Stumms Telefonnummer zu erfahren und mit ihm in Verbindung zu treten, und ich wollte einmal hören, wie sein Name klang, wenn ich ihn ins Ohr der Außenwelt sprach. Ohne nachzudenken hatte ich die Nummer der Auslandsauskunft gewählt und wurde zu meiner Überraschung darüber belehrt, dass die Nummern der DDR bei der Inlandsauskunft zu erfragen waren. Der Alleinvertretungsanspruch der BRD für alle Deutschen hatte mich kurzerhand zur Bewohnerin eines Landes mit Jakob Stumm gemacht, und zwei Minuten später war ich im Besitz einer Telefonnummer, die man mir so prompt und selbstverständlich angesagt hatte, als hätte ich nach einem Anschluss irgendwo im Nachbardorf gefragt.

Ich war drauf und dran, in irres Gelächter auszubrechen. Ich hatte Jakob Stumm am anderen, für mich unerreichbaren Ende der Welt gewähnt, seit Monaten beschäftigte mich nur noch die Frage, wie ich mit ihm in Kontakt kommen könnte; ich hatte mir bereits ausgemalt, nach Ostberlin zu fahren und von dort aus auf die Suche nach ihm zu gehen, ich hatte daran gedacht, trotz des Schreibverbots an Jan zu schreiben und ihn zu bitten, Jakob Stumm für mich ausfindig zu machen, ich hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, einfach loszufahren und die Transitautobahn bei Nacht und Nebel zu verlassen. Und dabei hatte mich von Jakob Stumm nie mehr getrennt als eine Nummer aus zwölf Zahlen, die jetzt vor mir auf einem Zettel standen.

Mehrere Tage und Nächte schrieb ich fieberhaft Sprechentwürfe, die alle im Papierkorb landeten. Immer wieder setzte ich neu an, aber entweder klangen die Worte zu banal oder zu pathetisch, und je realer die Vorstellung wurde, Jakob Stumm anzurufen, desto deutlicher spürte ich, dass ich dazu nie den Mut aufbringen würde. Erst einmal wollte ich die Nummer wählen, um herauszufinden, ob sie auch wirklich existierte. Immer noch erschien es mir unglaubwürdig, dass die DDR die privaten Telefonnummern ihrer Bürger dem Klassenfeind auslieferte, vor dem sie sie sonst mit Mauer, Elektrozäunen und Selbstschussanlagen schützte.

Obwohl ich gar nicht mehr vorhatte, mich zu melden, sondern nur noch mit der feigen Hoffnung spekulierte, für einen Moment Jakob Stumms Stimme zu hören, klopfte mein Herz zum Zerspringen, während ich die Nummer wählte. Es stellte sich heraus, dass das Anrufen in der DDR genau dieselbe Geduldsprobe war wie das Anrufen meiner Freunde in Moskau. Ständig brach die Verbindung zusammen, immer wieder musste ich mit dem Wählen von vorn anfangen, es dauerte über eine halbe Stunde, bis sich aus dem ozeanischen Krachen und Brodeln in der Leitung endlich ein winziges, zitterndes Rufzeichen löste. Es wiederholte sich, drei Mal, fünf Mal, zehn Mal, niemand meldete sich. Es war, als lauschte ich langen, flachen Meereswellen nach, die an einem leeren Strand versandeten, und auf einmal begriff ich, dass ich in diesem Augenblick mehr von Jakob Stumm wusste als je zuvor. Ich wusste, dass er in diesem Augenblick nicht zu Hause war. Es war der erste Sonntag im September, draußen regnete es schon wieder, und soeben hatte in seiner leeren Wohnung das Telefon geläutet.

Noch nie hatte ich Jakob Stumm in irgendwelchen sozialen Zusammenhängen gesehen, nie war er für mich herausgetreten aus dem unbewohnten Raum einer Gedichte, immer war ich mit ihm allein auf der Welt gewesen, jetzt dachte ich zum ersten Mal daran, dass Männer in seinem Alter meistens verheiratet waren und Kinder hatten. Plötzlich bestand Jakob Stumms Unerreichbarkeit für mich nicht mehr darin, dass er in der DDR lebte, sondern dass er ein Ehemann und Familienvater war. Ich sah einen Fabrikarbeiter vor mir, dem seine Frau, wenn er abends erschöpft und schmutzig von der Arbeit nach Hause kam, eine Flasche Bier auf den Tisch stellte, während die Kinder lärmten und auf seinen Schoß wollten. Und jetzt, an diesem Sonntagnachmittag im September, war Jakob Stumm mit seiner Familie irgendwo unterwegs, vielleicht gingen sie an den Sonntagen zum Kaffeetrinken bei Eltern oder Verwandten.

Der zweite Jakob Stumm war in diesem Augenblick mit seinen Freunden zusammen, die, wie er selbst, alle der Subkultur angehörten, inoffizielle Literaten und Künstler. Ich lieh mir das Bild einer Moskauer Hinterhausküche, ich blickte in eine Versammlung von Menschen, vor deren Worten ein ganzer Staat zitterte, deren Worten so viel Bedeutung und Sprengkraft beigemessen wurde, dass man sie verbot. Dieser Jakob Stumm war ein Mensch, vor dem ich mich fürchtete. Ich fühlte mich klein und bedeutungslos, ich war das Produkt einer bürgerlichen Waren gesellschaft, in der das, was ich schrieb, nur an seinem Marktwert gemessen wurde, an Moden und Trends; mein Schreiben war in einem luftleeren Raum angesiedelt und interessierte nur gescheiterte, versprengte Einzelwesen meiner eigenen Art. Vor dem Jakob Stumm, der in diesem Moment mit seinen Freunden in verschworener Gemeinschaft in einer konspirativen Hinterhofküche saß, war ich nicht durch das Einzelnsein verbunden, von ihm war ich gerade dadurch getrennt.

Der dritte Jakob Stumm ging an diesem Sonntag im September irgendwo hinter Leipzig mit seiner Freundin im Regen spazieren. Aus irgendeinem Grund konnte ich mir die Frau, die er liebte, nicht anders vorstellen als mit langem schwarzen Haar. Sie gingen über aufgeweichte Wege zwischen Wiesen und Feldern, es machte ihnen nichts aus, nass zu werden, im Gegenteil, sie gingen gern durch den Regen, es war ein Ritual zwischen ihnen, ein geheimes Liebesritual. Sie hielten sich an den Händen, sprachen und lachten, rutschten aus auf der glitschigen Erde, manchmal strich sich die Frau die tropfenden schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht, manchmal blieben sie stehen und küssten sich mit regennassen Lippen. Später, als sie wieder zu Hause waren, in der Wohnung, in der vor kurzen das Telefon geläutet hatte, stand die Frau im Zimmer und frottierte mit einem Handtuch ihr langes schwarzes Haar, das im Regen nass geworden war. Und Jakob Stumm saß etwas abseits auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch und sah ihr dabei schweigend und bewegungslos zu.

Auch am nächsten und übernächsten Tag antwortete die Nummer in Leipzig nicht, und zwei Wochen später immer noch nicht. Das Rauschen und Gurgeln in der leeren Leitung war identisch geworden mit dem Geräusch des Dauerregens vor dem Fenster. Ich wählte, aber ich erwartete keine Antwort mehr, ich spielte nur noch ein Spiel. Mit jeder Zahl, die ich wählte, näherte ich mich Jakob Stumms Wohnung in Leipzig. Mit der ersten Null verließ ich mein eigenes Ortsnetz, die zweite Null führte mich vor alle potenziellen Auslandsnummern der Welt, die folgenden Zahlen kreisten die Länder ein, dann setzte jene Meeresakustik ein, die mir sagte, dass ich im Telefonnetz der DDR angekommen sein musste. Nun begann der Kampf mit den Widerständen, die dieses Telefonnetz mir entgegensetzte; immer wieder wurde ich aus der Leitung geworfen und musste von vorn beginnen, was mein Spiel nicht verdarb, sondern, im Gegenteil, die Spannung steigerte. War ich, gegen die aufsässigen Widerstände hindurch, endlich bis zu der Zahl gekommen, hinter der in meiner Vorstellung Leipzig begann, hielt ich zum ersten Mal mit dem Wählen inne und lauschte. Ich sah die Hallenschiffe des Leipziger Kopfbahnhofs vor mir, ein mir vage bekanntes Bild, von dem ich mit Sicherheit annehmen konnte, dass Jakob Stumm es kannte. Das Rauschen in der Leitung erschien mir jetzt wie das Geräusch unter dem schwingenden Flügelpaar eines riesigen Vogels, darunter die Nacht der fremden, unsichtbaren Stadt, die die seine und einst auch meine war.

Die nächsten Zahlen, die ich wählte, kreisten seinen Stadtteil ein, seine Straße, sein Haus. Jetzt war ich da, ich stand im Treppenhaus. Wieder hielt ich inne und lauschte, in eine anonyme Stille, in der ich eine Spionin war. Ein Armeleutehaus, ein Haus für Arbeiter, abgewohnt und verlottert. Verbotenes Terrain für Westdeutsche, das gut gehütete Geheimnis schäbigster DDRWirklichkeit. Ich stand da und lauschte, angstvoll darauf gefasst, dass im nächsten Augenblick eine Tür klappen, dass man mich entdecken würde. Das Rauschen an meinem Ohr war jetzt das Rauschen in der Tiefe des Treppenhauses, im Innersten des DDR-Alltags. Es roch nach Keller, nach verbranntem Fett, die Wände genauso abgewetzt wie in Moskauer Treppenhäusern, ein defektes Minutenlicht. Die alten, abgetretenen Holzstufen kannten seine Füße, das ranzige Geländer trug die Abdrücke seiner Hände. An der Wand rechts neben der Haustür die verbeulten Metallbriefkästen; an einem von ihnen stand sein Name. Jakob Stumm. Oder J. Stumm. Oder einfach Stumm. An den Wohnungstüren keine Namen, nur Nummern, wie in Moskau. Türen, die nichts preisgaben vom Geheimnis derer, die hinter ihnen wohnten. Ich wählte die letzte Zahl und stand vor Jakob Stumms Tür. Er wohnte im obersten Stockwerk, wie ich selbst die meiste Zeit meines Lebens. Der oberste, billigste Rang des Theaters. Im Innern der Wohnung schrillte das Telefon, niemand nahm ab. Auf irgendeinem verstaubten Möbel stand ein einsamer altmodischer Apparat und vibrierte, gequält von elektromagnetischen Wellen, die ihm irgendein unbelehrbarer Anrufer mit unerklärlicher Ausdauer sandte. Manchmal sah ich ein Telefon, das in irgendeiner seit langem unbesetzten, toten Amtsstube schrillte. Manchmal erschien mir das Bild eines Telefons, das auf einer Felsklippe hoch über dem Meer stand und im Nichts zwischen Himmel und Erde läutete.

Seit meinem ersten Brief an Jakob Stumm war schon fast ein halbes Jahr vergangen, es schien keinen Weg zu ihm zu geben, und allmählich begann er, in seine Gedichte zurückzukehren, ins Stofflose, ins Körperlose. Ich sah ihn in einer schemenhaften, fliehenden Bewegung, entlang an Schienen, im Nebel, im Rauch, auf der glasigen Erde aus seinen Gedichten, auf der das Licht unter seinen Füßen zersprang.

Es kam vor, dass mir der Exbauer, von dem wir das Haus gemietet hatten, einen Besuch abstattete. Er hatte ein blaurotes, gedunsenes Gesicht und roch stark nach Alkohol. Immer kam er scheinbar deshalb, um mir etwas zuzustecken, ein Stück selbst geräucherten Speck oder ein paar Eier aus seinem Hühnerstall. Er wusste von meiner russischen Herkunft und nannte mich im Dialekt der Region vertraulich »Russla«. Die verborgene Absicht seiner Besuche schien darin zu bestehen, mich so oft wie möglich mit seinem wankenden Körper zu streifen, mich mit dem Ellenbogen an der Brust zu stoßen oder wie aus Versehen mit der Hand über meinen Bauch zu fahren. Ich hatte Angst vor ihm und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Er war mein Vermieter, er brachte mir Geschenke mit, und seine als zufällig kaschierten Berührungen erinnerten mich an bestimmte Situationen aus meiner Kindheit. Immer hatte ich mich in meiner Angst vor bestimmten »Onkeln« schuldig gefühlt, wegen genau dieser Angst, weil ich den Blicken und Berührungen eines Erwachsenen etwas unterstellte, das nur meine eigene Schlechtigkeit bewies. Diese Schuld- und Schamgefühle wirkten bis heute nach, sodass ich immer nur versuchte, so zu tun, als würde ich die unmissverständlichen Annäherungsversuche des betrunkenen Exbauern gar nicht bemerken; ich wich seinen Zudringlichkeiten so gut wie möglich aus, während ich, besonders wenn er spätabends kam, schon bei Dunkelheit, fast panische Angst vor ihm hatte. Eines Tages begriff ich plötzlich, woher das Wort »Russla« stammen musste. Wahrscheinlich hatte auf dem Hof des Bauern während des Krieges eine junge russische Zwangsarbeiterin gearbeitet. Die Verschleppten mussten nicht nur in der Industrie schuften, zahllose Handwerksbetriebe, Privathaushalte und Bauernhöfe hatten damals ihr »Russla« gehabt, rechtlose junge Mädchen wie meine Mutter, mit denen betrunkene, lüsterne Bauern wahrscheinlich nicht so zartfühlend umgehen mussten wie dieser heute mit mir.

Die Landschaft begann schon, sich mit den ersten Leuchtfarben des Herbstes zu schmücken, es hatte endlich zu regnen aufgehört; das Pferd auf dem Nachbargrundstück war aufgewacht, es schwang seinen blonden Schweif und nahm sich mit seinen samtigen Lippen die Wildäpfel, die ich aus dem Gras aufhob und ihm vorsichtig, auf der flachen Hand, über den Zaun reichte. Als ich wieder einmal die Nummer in Leipzig wählte, riss das ewig leere, zirpende Rufzeichen in der Leitung plötzlich ab, und irgendein schriller, bellender Laut fuhr mir ins Ohr. Erst der Schmerz in meinem blau angelaufenen Finger sagte mir, dass dieser Finger wahrscheinlich schon seit Minuten auf die Telefongabel drückte.

Von nun an wurde jeder meiner Anrufe beantwortet. Immer mit diesem keuchenden, bellenden Laut, der mir jedes Mal wieder das Bild eines Mannes suggerierte, der von einer langen Reise nach Hause zurückkehrt; er betritt sein Haus und hört schon auf der Treppe das Läuten des Telefons aus seiner Wohnung. Mit dem schweren Gepäck in beiden Händen läuft er die letzten Stufen zu seiner Wohnung so schnell wie möglich hinauf, stellt Koffer und Tasche ab, nestelt hastig den Schlüssel aus seiner Jackentasche und öffnet die Tür. Abgestandene, stickige Luft schlägt ihm entgegen, er läuft keuchend über den Flur, in das Zimmer, in dem das Telefon auf seinem verstaubten Schreibtisch schrillt, und reißt atemlos, wenig erfreut über den Anruf in einem so unpassenden Augenblick, den Hörer von der Gabel. Als er sich melden will, stößt seine trockene Kehle nur einen Misston aus, einen abgehetzten, bellenden Laut, der dennoch die eine Silbe seines Nachnamens erkennen lässt. Jemand hatte ihn genau im Augenblick seiner Rückkehr abgepasst, hatte ihm nicht einmal Zeit zum Durchatmen gelassen.

Jakob Stumm meldete sich jetzt mit derselben Beharrlichkeit, mit der er sich vorher nicht gemeldet hatte. Er schien jetzt immer zu Hause zu sein und seinen Platz direkt neben dem Telefon zu haben, weil er immer prompt nach dem ersten Läuten abnahm, und jedes Mal stieß er die eine Silbe seines Namens mit diesem höchst unmelodischen, atemlosen, bellenden Laut hervor. Bei jedem Anruf war ich darauf gefasst, dass eine Frau das Telefon abnehmen würde, aber das geschah nie. Immer schien er allein in der Wohnung zu sein, nie hörte ich irgendwelche Geräusche aus dem Hintergrund, bei ihm war es genauso still wie bei mir. Ich konnte nicht glauben, dass diese im wahrsten Sinn des Wortes abstoßende Stimme Jakob Stumm gehörte, manchmal erinnerte mich der Laut, den er von sich gab, an den eines Soldaten beim Zählappell, aber das Unbegreiflichste war, dass er, nachdem er sich gemeldet hatte, nie etwas sagte oder fragte, er wurde nicht ärgerlich, nicht wütend, er legte nicht auf, sondern antwortete mir jedes Mal wieder mit meinem eigenen Schweigen. Ich hörte ihn atmen, ich hörte ihn rauchen. Ich rauchte ebenfalls und fragte mich, was er hörte. Mir war, als wirkte die Sprechmuschel des Telefons wie ein Stethoskop, das mein wildes Herzklopfen in vielfacher Lautstärke an ihn weiterleitete. Seine Zigarettenzüge waren etwas länger als meine, er schien den Rauch tiefer einzusaugen in seine Lungen und blies ihn geräuschvoller aus als ich. Ab und zu hörte ich das Schnalzen seines Feuerzeugs und den besonders tiefen ersten Zug an der neuen Zigarette. Er sagte nichts, er schien mir mein eigenes Schweigen zurückzugeben, um mich zu beschämen, mir den Spiegel meiner Feigheit vorzuhalten. Hin und wieder erreichte mich ein kleines, dumpfes Geräusch, als stieße er mit seinem Körper irgendwo an, an einem Gegenstand, an der Kante seines Schreibtischs. Mit wem schwieg er so beharrlich und rätselhaft? Vielleicht mit der Frau mit dem langen schwarzen Haar? Hatten sie sich vielleicht gestritten, und nun glaubte Jakob Stumm, dass sie am anderen Ende war, dass sie ihm diese wortlosen Zeichen sandte? Oder vermutete er einen Spitzel in der Leitung, der ihn mit seinen Schweigeanrufen zermürben, provozieren wollte? Setzte er ihm sein eisernes Gegenschweigen, seinen längeren Atem entgegen? Oder erkannte man in der DDR, ebenso wie in Moskau, schon am besonderen Klingelzeichen des Telefons einen Anruf aus dem Ausland? Wusste er, dass ich es war, die Adressatin der zwei Briefe aus Westdeutschland, die er bei seiner Rückkehr zu Hause vorgefunden hatte? Ich lauschte in die Leitung und sah in irgendeiner Amtsstube der Stasi endlose Meter leeres Tonband auflaufen, das nur mit Zigarettenzügen bespielt war. Ich fühlte mich wie bei einem Schweigeduell, das ich jedes Mal verlor, weil nie Jakob Stumm auflegte, sondern schließlich immer ich. Am nächsten Tag rief ich wieder an, meistens spätabends oder nachts, und er nahm sofort ab, als hätte er schon gewartet. Während ich vor dem dunklen Fenster zum Kirschbaumwald saß, das mir mein Spiegelbild zurückwarf, sah ich auch ihn vor einem dunklen Fenster sitzen, unsere Spiegelbilder flossen ineinander, vor das meine schob sich seine Gestalt mit dem angewinkelten, auf dem Tisch abgestützten Arm, in der Hand der Telefonhörer, in den er hineinlauschte, über seinem Kopf, im Licht der Lampe, schwammen die Rauchschwaden seiner Zigaretten, ich erkannte seine wuchtigen Schultern, die scharfe, senkrechte Stirnfalte, sein von hinten durchleuchtetes Haar, das einen flimmernden Lichtkranz um seinen Kopf bildete. Immer wieder nahm ich mir vor, mich beim nächsten Mal zu erkennen zu geben, die einfachen, unverdächtigen Worte zu sagen, die am Anfang meines ersten Telefongesprächs mit ihm hätten stehen müssen; immer wieder suchte ich nach diesen unschuldigen, unbefangenen Worten, aber es gab sie nicht in mir, es hatte sie nie gegeben.

Als ich zum Flughafen fuhr, um Paul abzuholen, kam mir die Geschichte mit Jakob Stumm vor wie eine Fata Morgana, die mir lediglich meine Angst vorgegaukelt hatte. Immer wenn Paul für längere Zeit wegfuhr, vergaß ich ihn. Er wurde bedeutungslos für mich wie für einen Schiffbrüchigen die Planke, die ihm von einer großen Welle entrissen wurde. Und Jakob Stumm hatte ich zu meiner Ersatzplanke gemacht. Seine Gedichte hatten mir einen vorübergehenden Ort angeboten, eine vorübergehende Zuflucht in der Zeit ohne Paul. Ich hatte ein großes, überwältigendes Gefühl gebraucht, ein dramatisches Szenario, um die Angst auszutricksen, ihr etwas wegzunehmen von ihrem Platz in mir.

Erschöpft und unrasiert kam Paul durch die Sperre auf dem Flughafen. Er war viel zu leicht gekleidet für die deutsche Jahreszeit, mit seinem großen Überseerucksack, verbrannt von der afrikanischen Sonne, mit seinem ausgebleichten Haar sah er aus wie ein heimkehrender Seefahrer, der genau wusste, wie sehnsüchtig er zu Hause erwartet worden war.

Die Zeit bis Ende November verbrachten wir gemeinsam in der Fränkischen Schweiz. Zu diesem Termin hatten wir das fadenscheinige, in schneereicher Höhe stehende Häuschen gekündigt, weil wir es nicht noch einmal durch den Winter bringen wollten. Als wir es verließen, war es der endgültige Abschied von Jakob Stumm für mich. Ich ließ ihn für immer zurück in dem Haus in den Kirschbäumen, die jetzt kahl und tropfend im Nebel standen.

Über Weihnachten und Neujahr fuhren wir zu Pauls Eltern, die in einer kleinen Hafenstadt an der Nordsee wohnten. Pauls Vater war Hafenarbeiter, der »min Deern« zu mir sagte, die Mutter eine immer etwas verwirrte, verdutzte Frau, die in einem epischen plattdeutschen Singsang sprach. Paul lebte seit Langem in einer anderen Welt, die seine Eltern nicht verstanden, auch von mir wussten sie fast nichts, aber ich galt ihnen seit Langem als Schwiegertochter. In der Küche, wo der weihnachtliche Gänsebraten im Rohr brutzelte, stand auf der Fensterbank ein Käfig mit einem Kanarienvogel, der, auf einer Schaukel sitzend, sich selbst in einem Spiegel anpickte und unermüdlich Pauls und meinen Namen krächzte, wie Pauls Mutter es ihm beigebracht hatte. Wir gingen im schneidenden Nordseewind auf dem Deich oder im Watt spazieren, die ganze Nacht hörte ich im Schlaf das entfernte Tuten der Nebelhörner. Auf der Rückfahrt machten wir Station bei Freunden und verbrachten Silvester und noch ein paar weitere Tage mit ihnen in dem eingeschneiten Dorf, in dem sie mit ihren zwei Kindern, einem Hund, zwei Schafen, einem Pferd und einem Pfau wohnten, der, Räder schlagend, draußen im Schnee herumstolzierte. Am fünften Januar kamen wir spätabends wieder zu Hause an, erschöpft von der langen, staureichen Fahrt bei starkem Schneefall. In der Post, die unsere Nachbarn für uns gesammelt hatten, fand ich einen Brief mit einer mir unbekannten Briefmarke. Auf der Rückseite des dünnen, blaugrauen Kuverts stand in Maschinenschrift die mir bekannte Leipziger Adresse von Jakob Stumm.

Den Anfang meiner Straße markiert eine rote Backsteinkirche, die stumm an der Ecke steht. Seit ich hier wohne, ist sie geschlossen. Ein anmutiger, verrußter Engel auf dem Portal kehrt der schmalen, baumlosen Straße den geflügelten Rücken.

Ich kaufe schnell noch etwas in dem kleinen Laden ein, der auf dem Weg liegt und das frische Obst und Gemüse, das in Kisten draußen vor der Tür steht, mit einer Kunststoffplane vor der undefinierbaren, dichten Feuchtigkeit schützt, die der Himmel ständig absondert wie ein mit Schmutzwasser getränkter Schwamm. Wohnzimmerlädchen wie dieses schießen wie Pilze aus dem Boden und verschwinden genauso schnell wieder, Eintagsfliegen, Kehricht auf dem Weg der von allen Seiten anrückenden Baumaschinen, die Platz schaffen für die neuen Feinkostläden und Boutiquen, für die Supermärkte und Einkaufszentren.

In dem Haus, in dem ich wohne, hat vor Kurzem ein Café eröffnet, das »Briefe an Felice« heißt. Gemeint ist Felice Bauer, der Franz Kafka in den Jahren von 1913 bis 1917 über fünfhundert Briefe an diese Adresse geschrieben hat, eine Adresse, die jetzt meine ist. Ich weiß nicht, ob es zwischen den Schriftstellern Jakob Stumm und Franz Kafka eine Parallele gibt, wie Kritiker oft behaupten, offenbar deshalb, weil auch Jakob in seinen Büchern viel über anonyme Mächte schreibt, über eine namenlose, mystische Schuld, aber ich sehe eine deutliche Parallele zwischen Felice Bauer und mir. Auch ich bin eine Frau, die in den Augen eines Mannes am Eingang zur Welt steht und ein Eintrittsgeld verlangt, das er nicht bezahlen kann. Auch ich bin das Unmögliche für einen Mann, Gottes Idee von der Frau, die zu seiner Verhinderung als Schriftsteller erschaffen wurde, als Widersacherin seiner Literatur. Und auf meiner Flucht vor dieser Rolle bin ich ausgerechnet hier gelandet, im einstigen Haus von Felice Bauer, so, als sei es völlig gleichgültig, wohin ich laufe, weil es für mich kein Entrinnen gibt, weil ich mich am Ende doch wieder in meiner Geschichte mit Jakob verfange.

Ich stemme die schwere Haustür neben dem Café auf und bin in dem engen dunklen Innenhof, in den sich nie ein Sonnenstrahl verirrt. Wie überall, so renovieren die Leute auch hier ihre Wohnungen, neben den Mülltonnen türmen sich ausgerissene Teppichbeläge, alte Sanitärteile, zerbrochene Möbelstücke, eine Ratte schnuppert vorsichtig an einer verschimmelten Matratze. Der Putz an den schmucklosen Rückseiten der Häuser sieht aus wie schorfige, zerplatzte Haut, die in weißgrauen, kalkigen Schuppen abblättert und zu Boden fällt. Vor mir eines der Bilder, die für meine westdeutschen Augen immer noch erstaunlich sind. Im Rahmen eines geöffneten Fensters hat sich eine junge Frau niedergelassen, eingehüllt in einen großen, unförmigen Mantel sitzt sie mit angezogenen Beinen auf der Fensterbank, mit einem Buch auf den Knien, und liest. Mitten im Winter sitzt sie in diesem geöffneten Fenster und liest, das kalte Nieseln der Luft scheint sie gar nicht zu bemerken. Sie sitzt dort mit ihrem Buch und liest völlig unverdrossen, ihr Anblick zaubert das Bild eines fernen südlichen Strands in diesen tristen, winterkalten Hof.

Ich öffne die schmale, niedrige Holztür zum Hinterhaus, durch die man in das Haus einsteigt wie in einen Schrank. Aus dem verrosteten, ramponierten Briefkasten, an dem neben dem Namen der Studentin völlig sinnlos auch mein Name steht, ergießt sich auch heute eine Flut von Werbesendungen. Wochenendreisen nach Paris, Einkaufsfahrten zum sogenannten Polenmarkt, moderne Gasetagenheizungen, Baumarktartikel, Jeans und Lederjacken, Sofortkredite zu horrenden Zinsen für die neuen, leichtgläubigen Mitglieder der Marktwirtschaft. Deren Interesse an der westlichen Kaufmichwelt scheint aber bereits deutlich abgekühlt zu sein, denn die zur Entsorgung bereitgestellte Obstkiste unter den Briefkästen quillt über von den bunt bedruckten Hochglanzblättern. »Und immer wieder wächst das Gras, hoch und wild und grün«, hat jemand mit grüner Farbe an die Wand neben den Briefkästen geschrieben, auf die verblichenen Reste eines nur noch ahnbaren Musters, das vielleicht einmal hellblau war und irgendwann wahrscheinlich mit einer Gummiwalze aufgerollt wurde. Jetzt sieht dieses Muster aus wie eine schon fast verschwundene urzeitliche Höhlenmalerei, auf die jemand sein Credo gesetzt, der sichtbar bewegten Geschichte der Wand eine neue Schicht aus grünen Pinselstrichen hinzugefügt hat.

Seit der alte Mann aus der Parterrewohnung gestorben ist, steht diese Wohnung leer. In der Tür klafft ein Loch, das offenbar mit einer Axt hineingeschlagen wurde. Als ich eines Tages von der M- in die I-Straße kam, sah ich schon von Weitem das gleißende blaue Licht von Rettungs- und Feuerwehrwagen vor meinem Haus. Im engen Hausflur wimmelte es von Feuerwehrmännern, Sanitätern und Polizisten, die Tür zur Parterrewohnung stand weit geöffnet, und auf dem Teppich vor einem Bett, das auf einer Couch aufgeschlagen war, lag der alte Mann. Er war nur mit einem Unterhemd bekleidet, das sich nach oben, über seine Rippen verschoben hatte, und das gesamte Blut seines schneeweißen Körpers schien sich in seinem aufgerichteten Glied gestaut zu haben, das violettfarben und zum Bersten gespannt von dem bleichen Körper abstand und obszön ins Leere deutete. Allem Anschein nach war der alte Mann gestorben, vielleicht hatte er sich gerade ausgezogen und war umgefallen vor seinem Bett, aber konnte ein Toter eine Erektion haben? Mir schien, dass der unerklärliche Auflauf von Rettungs- und Ordnungskräften etwas mit dieser Erektion zu tun hatte, mit irgendeiner besonderen, Aufsehen erregenden Todesart des alten Mannes. Oder, so fragte ich mich, starben Männer vielleicht immer so, bäumte ihr Körper sich auf diese Weise noch einmal auf gegen den Tod? War es dem wüstenartigen Zustand meiner Bildung geschuldet, dass ich das nicht wusste? Neben dem Toten stand ein Polizist und schrieb etwas in einen Notizblock. Seine Uniform unterstrich die Nacktheit der Leiche mit dem aufgerichteten, wie im Augenblick vor einer Zeugung für immer erstarrten Glied; meine Augen stießen mit denen des Polizisten zusammen, ich wurde rot und ging schnell weiter.

Offenbar hatte der alte Mann keine Verwandten, durch das Loch in der Tür beobachte ich seit seinem Tod den Verfall seiner Hinterlassenschaft, die niemand abgeholt hat. In der kalten, feuchten Erdgeschosswohnung mit den vergitterten Fenstern frisst der Schimmel allmählich alles auf, was von dem alten Mann in der Welt zurückgeblieben ist. Die Tapeten, die Sessel, die Vorhänge, den Schirm der Stehlampe neben dem Fernseher, der unter der allmählich herabrieselnden Zimmerdecke aussieht wie gepudert. Das aufgeschlagene Bett liegt immer noch auf dem Sofa, das faulige Loch in der Bettdecke ist wie ein Nest, aus dem endlos Bettfedern ausschlüpfen und sich allmählich im ganzen Zimmer ausbreiten, sie kriechen an den rußgeschwärzten Vorhängen hinauf, an den Sesseln, an den Kleidern des Mannes, die immer noch über einem Stuhl hängen, überall sitzen sie und scheinen leise, kaum merklich zu atmen wie kleine haarige Tiere.

Dass die Wohnung in dem neuen, völlig überlaufenen Modestadtteil so lange leersteht, verheißt nichts Gutes. Wahrscheinlich lohnt sich die Neuvermietung nicht mehr, weil bereits die Sanierung des Hauses geplant ist. Man ist froh, wenigstens einen Mieter auf so praktische Weise losgeworden zu sein. Ständig rasen Feuerwehrwagen durch die Straßen, weil in den aufgewühlten Stromnetzen der alten Häuser Kabelbrände ausbrechen, aber gelegentlich soll es sich auch um Brandstiftung handeln. Die neuen Investoren entmieten auf diese Weise Häuser, aus denen die alteingesessenen Mieter nicht freiwillig weichen wollen. Andere Häuser stehen seit langer Zeit leer und verfallen, weil die sogenannten Eigentumsverhältnisse ungeklärt sind. Niemandshäuser, schön anzusehende, halb in Wildwuchs versunkene Ruinen, durch deren eingeschlagene Fenster Elstern hin- und herfliegen. Mein und der Studentin Schicksal in diesem Haus ist jedenfalls ungewiss. Gewiss ist nur, dass wir früher oder später das Feld räumen müssen, samt dem Franz Kafkas Briefen an Felice gewidmeten Café.

Ich steige die alte, ächzende Holztreppe hinauf, die mit Einkäufen gefüllte Hinundhertasche zieht an meiner Schulter. Das Treppenhaus, in das ein scharfer, salmiakartiger Geruch aus den Außentoiletten strömt, wird von den Mietern ganz selbstverständlich als Erweiterung des Wohnraumes benutzt. Vor den Türen stehen Schuhe, Kohleneimer, Kisten, Besen, undefinierbares Kleinmobiliar. Die Türen selbst sind Schreibflächen, auf denen Besucher, die niemanden zu Hause antreffen, ihre Nachrichten hinterlassen, entweder mit einem Stift geschrieben oder mit einem scharfen Gegenstand für immer eingeritzt ins Holz, wie die Herzen und Initialen, die Verliebte in Baumrinden schneiden. Jakobs ostdeutsche Lebenswelt, nach der meine Fantasie einst so fieberhaft gefahndet hat. Es ist immer noch unwirklich für mich, dass ich jetzt hier bin, dass ich das alles sehe; auch jetzt, wie einst bei meinen Anrufen in Leipzig, komme ich mir vor wie eine Lauscherin, eine Spionin in einer fremden, in sich geschlossenen Welt, die sich vor mir verbergen will. Ich habe keine Ahnung, was die Leute in diesem Haus über mich denken, was sie denken würden, wenn sie wüssten, dass ich nicht nur eine Westdeutsche, sondern außerdem noch eine Russin bin. Wahrscheinlich verkörpere ich hier alles existierende Übel, die alte und die neue Besatzungsmacht in einer Person.

Mit einem kunstlos fröhlichen Hallo überholt mich die junge Frau, die unter mir wohnt und Roswitha heißt, genannt Rossi, wie mir die an ihre Wohnungstür gekritzelten Nachrichten verraten. »Alle Kinder sind Wessis, nur nicht die Rossi, die is ne Ossi«, lautet eine davon. Ich weiß nicht, was der Schreiber damit sagen wollte, aber offenbar sieht er die Adressatin als letzte, standhafte Mohikanerin der aussterbenden ostdeutschen Spezies, was ebenfalls nicht gerade besagt, dass ich hier willkommen bin. Rossis schwere Schnürstiefel poltern auf der Treppe, der Fahrradrucksack mit den roten Rücklichtern hüpft auf ihren Schultern. Sie strahlt eine mir von westdeutschen Frauen ganz unbekannte Ungebrochenheit aus, eine natürliche Frische, die ich an ostdeutschen Frauen oft beobachte. Sie haben lockere, kunstlose Frisuren, sie bewegen sich weder manierlich noch betont lässig, sondern irgendwie federnd, dynamisch, mit einer selbstbewussten, weder herausfordernden noch sich verhüllenden Erotik. Etwas an ihnen erinnert mich an alte deutsche Volkslieder, an »Abendstille«, »Ännchen von Tharau« und »Im Frühtau zu Berge«.

Hinter der zweiten, gegenüberliegenden Tür auf meiner Etage höre ich Frau Juttka herumscharren, mit ihrem Kanarienvogel sprechen. Außer Jakobs Mutter ist sie meine einzige Bekannte aus dem einstigen DDR-Proletariat und der einzige Mensch im Haus, mit dem ich ab und zu spreche, ein Homunkulus, eine winzige, verwachsene alte Frau mit einem Buckel, der wie eine parasitäre botanische Wucherung auf ihrem rechten Schulterblatt sitzt. Mit der kleinen grünen Tüllschleife, die wie festgewachsen ist auf ihrem Kopf, könnte sie Irma la Douce im Alter sein. Ihr Leben lang hat sie als Wäscherin gearbeitet, nach der Wende hat man sie in Rente geschickt. Ein paar Straßen weiter sieht man hinter verschmierten Scheiben die leeren, verwüsteten Räume der ehemaligen Rewatex-Wäscherei, in der sie zuletzt gearbeitet hat. Früher, sagt sie, hat man zusammengehalten, jetzt geht jeder seiner eigenen Wege. Früher war sie beliebt bei den Männern, sie gingen bei ihr ein und aus, erzählt sie. Der Hitler hat ma sterilisiert wegen mein Buckel, erklärt sie immer wieder mit einem gewissen Stolz, als hätte Hitler den Eingriff an ihr höchstpersönlich vorgenommen und als sei das eine besondere Ehre für sie gewesen, für die der Buckel sich fast gelohnt hat. Die Männer haben Spaß jehabt mit mir, fügt sie sachlich hinzu, bei mir konnte ja nüscht mehr passieren, det wusste jeder. Zweimal, so erzählt sie, war sie verheiratet, der erste Mann ist im Krieg geblieben, der zweite hat sich totgesoffen. Den Eingriff in ihren Unterleib hat man offenbar nicht besonders sorgfältig durchgeführt, denn seither leidet sie an einem schweren Gebärmuttervorfall, der jetzt, im Alter, so drastisch geworden ist, dass sie ständig Schmerzen hat und einen Teil des Tages im Liegen verbringen muss. Neben Hansi, dem stummen Kanarienvogel, ist der Gefährte ihres Nachwendelebens der Fernseher, der Tag und Nacht läuft, sie schwärmt für den Talkmaster Hans Meiser und leistet sich von ihrer Wäscherinnenrente eine Schachtel Mon Cherie pro Woche. Die Westdeutschen, die in ihre Welt eingedrungen sind, kann sie nicht leiden, sie schimpft sie Ausländer und Jesindel. Ich weiß nicht, ob sie mit mir eine Ausnahme macht oder ob sie mich für eine Inländerin hält, aber mich nennt sie liebevoll »meine Kleene«.

Ich nestle den Schlüsselbund aus meiner Hinundhertasche und schließe die Tür zur Wohnung der Studentin auf. Ich habe kein Glück mit dieser Wohnung. Ein paar Tage nach der Abreise der Studentin, nachdem ich mit meinem Stehpult, meinem Computer und einer Kiste mit russischen Wörterbüchern eingezogen war, wurde ich morgens von durchdringenden metallischen Schlägen geweckt. Ich war gerade erst eingeschlafen, sprang wieder aus dem Bett, lief ans Fenster und erstarrte. Am Nachbarhaus wurde ein Baugerüst aufgestellt. Damit hätte ich rechnen müssen, die ganze Gegend ist eine einzige Baustelle, aber diesmal hatte mich mein schon lebenslanges Baustellenschicksal so prompt und mit einer so hanebüchenen Konsequenz ereilt, wie ich es noch nie erlebt hatte.

Nachts arbeitete ich, am Tag war es unmöglich, gegen Morgen schlief ich ein paar Stunden, dann, wenn der Donner der Presslufthämmer einsetzte, floh ich aus der Wohnung und trieb mich stundenlang in den kalten, windigen Straßen herum, ich setzte mich in Cafés und trank drei Espressi hintereinander, um nicht im Sitzen einzuschlafen, oder ich ging in der Wohnung der Studentin auf und ab und hatte das Gefühl, verrückt zu werden. Ich wurde hinausgetrieben aus der letzten Ritze, die ich noch für mich hatte finden können, ich wurde, so schien mir, endgültig hinausgetrieben aus der Welt. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass im alten China Kriminelle, die sich eines besonders schweren Verbrechens schuldig gemacht hatten, durch Lärm hingerichtet wurden. Der Verurteilte musste sich unter eine große Glocke legen, die anschließend von einem Henker geschlagen wurde. Es soll der qualvollste Tod sein, den ein Mensch erleiden kann. So fühlte ich mich in dieser Wohnung, wie unter der chinesischen Hinrichtungsglocke. Die Wände vibrierten, in der Küche fielen die Tassen aus dem Regal, die Lampen schaukelten unter der Decke. Es hätte mich nicht gewundert, wenn die Presslufthämmer plötzlich durch die Wand gekommen wären. Mein individuelles Bauschicksal war an diesem Ort in ein kollektives eingeflossen, endlich fühlte ich mich als Teil der ganzen normalen Welt, aber das war in diesem Fall ein schwacher Trost. Meine Verzweiflung ging so weit, dass ich an die langen spitzen Rouladenspieße dachte, die mir in einer Küchenschublade der Studentin aufgefallen waren; ich stellte mir vor, dass ein ganz kurzer, winziger Stich ins Trommelfell genügt hätte, und die chinesische Glocke wäre schlagartig und für immer verstummt. Immer war ich der Meinung, dass die Welt ohne Musik unerträglich wäre, jetzt fragte ich mich zum ersten Mal, ob es nicht erträglicher gewesen wäre, auf die Musik zu verzichten, als ständig den ganzen akustischen Rest der heutigen Welt mithören zu müssen.

Eines Morgens, ich hatte seit zwei Wochen kaum noch geschlafen, gab ich auf. Ich floh vor den Presslufthämmern in mein Bett in die M-Straße, und so ist es seither geblieben. Nachts, wenn es ruhig ist, arbeite ich in der I-Straße, gegen Morgen, bevor der Lärm einsetzt, gehe ich zum Schlafen hinüber in die M-Straße. So ist es gekommen, dass ich zwei Wohnungen habe und überhaupt keine mehr. Aus der einen fliehe ich vor Jakob, aus der anderen vor dem Lärm.

Ich stelle meine Hinundhertasche mit den Einkäufen ab, hänge meine Jacke an die Garderobe und gehe ins Bad. Es liegt hinter dem Schlafzimmer der Studentin, einem Kämmerchen mit einem alten Kleiderschrank und einer Liege, über der, wie oft auch in russischen Wohnungen, ein Wandteppich hängt. Auf der Liege steht ein blaues Tastentelefon, das für mich genauso überflüssig ist wie der Briefkasten, weil mich hier niemand anruft. Drei oder vier Mal hat das Telefon geläutet und jemand wollte die Studentin sprechen; einmal war es ein Mann, der mich hoffnungsvoll mit Birgit ansprach und völlig niedergeschmettert zu sein schien, als er von mir erfuhr, dass die Studentin für ein Jahr nach Australien gegangen ist. Ich unterhielt mich eine Weile mit ihm, ich stellte mir vor, er würde sein Interesse für die Studentin auf mich übertragen, ein schöner junger Mann, wenigstens ein einziger, für den ich das bedeuten würde, was Jakob für so viele Frauen bedeutet. Aber natürlich wurde nichts daraus, das Einzige, was den Anrufer an mir interessierte, war mein potenzielles Wissen über die Studentin, die ihn offenbar ohne jede Nachricht über ihren Verbleib zurückgelassen hatte.

Ich ziehe die Kleider, die ich vor einer halben Stunde angezogen habe, wieder aus, stelle mich in die neue Acrylwanne und drehe die Dusche auf. Das Bad ist mit einer Rigipswand von der Küche abgeteilt, eine der typischen Nachwendelösungen in den alten badlosen Wohnungen. Ich lasse mich von dem warmen, leicht faulig riechenden Wasser aus dem Duschkopf berieseln, bei dem ich zwischen fünf Strahlenarten wählen kann, von tropischem Wolkenbruch bis zu englischem Nieselregen. Alles entspricht in diesem Bad modernstem Standard, nur das alte Abflussrohr widersetzt sich hartnäckig der neuen westlichen Technik, die man dem morschen Organismus des Hauses gewaltsam eingepflanzt hat. Ich scheue kaum noch ökologische Todsünden bei der Dosierung von Rohrreinigern, die ich in dem neuen Drogeriemarkt an der Ecke kaufe und in den Abfluss kippe, aber sie sind völlig wirkungslos, gemacht für westdeutsche, nicht für ostdeutsche Verstopfungen. Genauso gut könnte man versuchen, einen Darmverschluss mit einem Lutschbonbon zu bekämpfen.

Ich trockne mich ab, putze mir die Zähne, kämme mein nasses Haar aus, creme mich ein und ziehe mich wieder an. Dann gehe ich hinüber in die Küche, die über die Hälfte ihres Raumes samt Fenster ans Bad abtreten musste und jetzt nur noch ein kleines dunkles Kämmerchen ist. Für einen Tisch und Stühle hat der Platz nicht mehr gereicht, es gibt nur eine schmale Esstheke und zwei Barhocker mit schwarzen Lederpolstern. Der junge Nachwendehaushalt ist mit einer Vielzahl von Küchengerät ausgestattet, das ich selbst nie besessen habe. Neben einem Eiscrusher, einem Eierkocher, einem elektrischen Dosenöffner stoße ich immer wieder auf Gegenstände, die ich noch nie gesehen habe und deren Bestimmung mir im Dunkeln bleibt. Die Studentin hat sich in ein paar Jahren mehr Westen angeeignet als ich mir in meinem ganzen Leben.

Während der Wasserkessel auf der unregelmäßigen, laut fauchenden Gasflamme steht, esse ich im Stehen ein Käsebrot und einen Apfel. Das Teetrinken hat mir Jakob beigebracht. Er ist alles andere als ein Feinschmecker; wenn er allein ist, ernährt er sich nur von Dosenfisch und Leberwurst, wenn er sich überhaupt ernährt, aber auf Tee verzichtet er nie. Seine Begeisterung dafür hat er schon aus der DDR mitgebracht, der Westen ist ein Teeparadies für ihn. Er probiert alle Sorten aus, die man bekommen kann, die Zubereitung ist eine heilige Handlung für ihn. Er weiß genau, welcher Tee mit Milch getrunken wird und welcher ohne, welche Art Zucker zu welcher Sorte passt. Die Kanne Tee steht immer auf einem Stövchen neben ihm auf dem Schreibtisch, das Schreiben scheint für ihn untrennbar mit dem Teetrinken verbunden zu sein.

Ich gehe mit der Kanne und einer großen Tasse hinüber in das Zimmer, in dem ich arbeite. Es ist das Wohn- und Arbeitszimmer der Studentin, das mit Ikeamöbeln und einer alten Kredenz ihrer Großmutter eingerichtet ist. Neben einem der zwei Fenster steht ein desolates Ficusbäumchen auf dem Boden, das in diesem lichtlosen Verlies schon die Hälfte seiner Blätter verloren hat. Draußen ist es inzwischen endgültig dunkel geworden, ich mache kein Licht, sondern stelle mich ans Fenster, nippe am heißen Tee und rauche meine Morgenzigarette. Das Nachbarhaus auf der anderen Seite des Hofs ist so nah, dass man den Bewohnern buchstäblich in die Teller sehen kann. Fast niemand hat hier Vorhänge an den Fenstern, jeder kann jeden bei allen alltäglichen Verrichtungen des Lebens beobachten, beim Kochen, beim Essen, beim Duschen und beim Sex. Niemand kümmert sich darum.

Ich beobachte, wie ein Mann ein blondes Kind füttert, das in der Küche in einem Kinderstuhl sitzt und gehorsam den Brei schluckt, der ihm in den Mund geschoben wird. In einem anderen Fenster hat eine junge Frau ihren rechten Fuß in die Küchenspüle gestellt und wäscht ihn mit einer anmutigen Verrenkung unter einem Strahl aus dem Wasserhahn. In einem Zimmer mit einem Hochbett im Hintergrund sitzen junge Leute auf dem Fußboden, rauchen und unterhalten sich. Eine der Frauen hat langes neonblaues Haar. Direkt gegenüber ein unwirkliches Bild, wie ein Gemälde: der nackte Körper einer Frau, die bäuchlings auf dem Boden liegt, die Hände verschränkt unter dem Kinn; nur zwei Kerzen brennen im Zimmer, beleuchten die reglose, bronzefarbene Gestalt mit dem dunklen gelockten Haar, das auf dem Boden ausgebreitet ist wie ein riesiger Fächer. Sie liegt einfach so da, reglos, als würde sie für einen Fotografen posieren, der aus einem unsichtbaren Winkel des Zimmers sein Objektiv auf sie richtet. Zwei Fenster weiter die mir schon gut bekannte Leserin. Eine füllige Frau mittleren Alters, die jeden Abend mit Lockenwicklern und Lesebrille in einem Sessel neben einer Schrankwand sitzt und unter einer Stehlampe liest. Ich weiß nicht, was sie liest, die Dicke der Bücher deutet auf irgendwelche alt- oder neumodischen Schmöker hin; aber sie sieht nicht fern, sie liest, regelmäßig und unbeirrbar, jeden Abend mehrere Stunden. Auch sie ist ein Teil der Lesewelt, in der ich mich hier befinde. Nur in Moskau habe ich bisher so viele lesende Menschen gesehen. Die Straßen, durch die ich gehe, sind von Privatbibliotheken gesäumt, überall hinter den Fenstern stehen mit Büchern gefüllte Regale, die Menschen lesen in den Cafés, in Warteschlangen, an den U-Bahn- und Straßenbahnhaltestellen, einmal habe ich sogar einen Mann gesehen, der im Gehen las. Er ging auf der Straße, nicht mit dem Schritt eines Spaziergängers, sondern dem eines Menschen, der zielsicher auf einen bestimmten Ort zustrebt, und dabei hielt er ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und las. Er hob die Augen nicht beim Gehen, er schien völlig vertieft zu sein in seine Lektüre, und trotzdem stieß er nirgends an auf seinem Weg, er ging völlig sicher, als sei er mit dem Ortungssystem einer Fledermaus ausgestattet und als sei das Gehen auf der Straße und das gleichzeitige Lesen eine für den Menschen ganz normale Kombination zweier Tätigkeiten. In einer auf Dauerentertainment geschalteten Welt aus Shopaholics und Zwangskonsumenten fühle ich mich hier wie unter Dissidenten, fast wie unter den lebenden Büchern aus Ray Bradburys Roman »Fahrenheit 451«.

Ich drücke die Zigarette im Aschenbecher aus und knipse das Licht an. Über mir das gewohnte Schaben. Frau Juttka, die über alle Vorgänge im Haus Bescheid weiß, sagt, dass der ehemalige Förster, der in der Wohnung über mir wohnt, mit einem Küchenmesser die Ölfarbe von seinen Fußböden abkratzt. Nach der Wende hat man seine Revierförsterei in der Lausitz aufgelöst und ihn nach Berlin geschickt, zu einer »Anpassnahme«, wie Frau Juttka sagt. Sobald er von dieser Anpassnahme, die ihn zum Baumarktverkäufer ausbilden soll, nach Hause kommt, beginnt er zu schaben, Tag für Tag schabt er sich durch die Farbschicht auf seinen Dielen hindurch zum Holz, zu seinem Wald.

Ich zögere den Beginn der auf mich wartenden Arbeit hinaus und stelle den Fernseher an. Es läuft eine Talkshow, eine der vielen, die regelmäßig zu Verhören ausarten, sobald ehemalige DDR-Bürger unter den Gästen sind. Jeder Westdeutsche darf seinem ostdeutschen Landsmann öffentlich die Gesinnungsfrage stellen, das gehört zur politischen Korrektheit; jeder Exbewohner der DDR, der nicht damit aufwarten kann, dass er von der Stasi beschattet wurde, ist verdächtig, ein potenzieller Angeklagter, der dem westdeutschen Rechtsstaat in Gestalt eines x-beliebigen Wichtigtuers und Medienschwätzers seine Unschuld beweisen muss. Niemand stellt den westdeutschen Inquisitoren die Gegenfrage nach deren Moral, nach deren Lebensläufen. Eine völlig verschüchterte ostdeutsche Lehrerin wird ins Kreuzverhör genommen, man unterstellt ihr allein aufgrund ihres Berufs Zusammenarbeit mit der Stasi. Man spricht so mit den Leuten, als hätte die einzige Dauerfrage ihres Lebens darin bestanden, ob sie für oder gegen den Staat waren, darüber hinaus will niemand etwas von ihrem Leben in der DDR wissen.

Ich stelle den Fernseher wieder ab und drücke auf den Knopf des Computers. Mein Stehpult ist das einzige Möbelstück in dieser Wohnung, das mir gehört. Der Mann einer Freundin hat es mir vor einigen Jahren wegen meiner Rückenschmerzen gebaut. Zu dieser Zeit war ich bereits so aufgeschmissen in meinem Leben mit Jakob, dass ich, überwältigt von so viel Aufmerksamkeit und ungewohnter Fürsorge, fast in Tränen ausgebrochen wäre. Seither ist das Stehpult mein ständiger Begleiter. Es passt in den Kofferraum des Autos, und immer, wenn ich für längere Zeit den Ort wechsle, nehme ich es mit, es ist schon fast ein Teil meines Körpers. Früher habe ich meine Schreibmaschine auf das Pult gestellt, aber während Jakob bis heute mit der Hand schreibt und den handschriftlichen Text dann unter lautem Fluchen mit zwei Fingern in seine alte, tonnenschwere DDR-Maschine hackt, habe ich mich irgendwann dem Druck der Norm ergeben und einen Computer angeschafft. Die Kombination zwischen dieser neuen Technik und dem altmodischen Stehpult ist ein wenig unpraktisch. Das Pult ist nicht stabil genug für den schweren Monitor, dieser steht links neben mir auf dem kleinen Schreibtisch der Studentin, getragen von einer Bücherkiste, die ihn auf meine Augenhöhe hebt. Das Pult selbst muss nur die Tastatur tragen und jenes kleine, gewichtslose Utensil, das ein humorvoller Erfinder Maus genannt hat.

Seit ich das Schreiben aufgegeben habe, mache ich Brotarbeit, ich übersetze russische Krimis ins Deutsche. Der Verlag hat mir gleich sechs Bücher in Auftrag gegeben, sodass ich bei meinen geringfügigen Ausgaben vorübergehend genug verdiene, um leben zu können. Meine Ernährerin ist eine äußerst produktive russische Autorin, die ich noch nie getroffen, nur einmal im Fernsehen gesehen habe, auf einem großen, aus Plüsch und Seide bestehenden Bett, auf dem sie mit ihrem rosa gefärbten Pudel im Arm saß und über Schuld und Sühne philosophierte. Auf den mit Goldlettern bedruckten Bucheinbänden sind mondäne Frauenleichen in leichter Bekleidung zu sehen, chromblinkende Luxusautos, sympathisch wirkende Mafiabosse und Auftragskiller mit Sonnenbrillen. Meine Arbeit besteht weitgehend darin, mir den Kopf über das Newspeak der postsozialistischen russischen Gesellschaft zu zerbrechen und es im Deutschen zu reproduzieren, Übersetzungen für Wörter zu finden, die in keinem Wörterbuch stehen, da sie einer flüchtigen, absurden Übergangssprache angehören.

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02 октября 2024
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280 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783956142260
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