Читать книгу: «Der kleine Eheretter»

Шрифт:

Monika Röder

DER KLEINE EHERETTER

EIN EINFACHES 3-SCHRITTE-PROGRAMM FÜR PAARE

2021


Reihengestaltung und Satz: Nicola Graf, Freinsheim, www.nicola-graf.com

Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann

Umschlagfoto: ©xyman - stock.adobe.com

Illustrationen: Monika Röder

Redaktion: Dr. med. Nicola Offermanns

Printed in Poland

Druck und Bindung: Dimograf Sp.z.o.o.

Erste Auflage, 2021

ISBN 978-3-8497-0384-4 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8273-3 (ePUB)

© 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autoren und zum Verlag finden Sie unter: www.carl-auer.de.

Wenn Sie Interesse an unseren monatlichen Nachrichten haben, können Sie dort auch den Newsletter abonnieren.

Carl-Auer Verlag GmbH

Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg

Tel. +49 6221 6438-0 • Fax +49 6221 6438-22

info@carl-auer.de

INHALT

VORWORT

1WIE WIR TICKEN: KLEINER ÜBERBLICK ÜBER DAS STRICKMUSTER DES MENSCHEN

Prägungen

Lernen am Modell

Lernen aus eigenen Erfahrungen

Der Prototyp im Gehirn

Wunde Punkte

Wiederholungen in der Ehe

Die Hoffnung auf »Heilung« durch den Partner

Was ist Streit? Kleiner Exkurs in die Neurobiologie

Überleben – die oberste Aufgabe unseres Gehirns

Integrierter Gefahrenscanner

Die drei Modi unseres Nervensystems

Streit und die Eskalationsspirale

Warum Streit nichts bringt

Wenn sich das Gehirn schrittweise abschaltet

Unwillkürliche Reaktion bei Angriff

2DAS 3-SCHRITTE-MODELL

Schritt 1: Raus aus dem Streit, rein in die Selbstverantwortung

Der Balken im eigenen Auge

Ausstieg aus dem Streit – aber wie?

Schritt 2: Selbstregulation

Regulieren statt runterschlucken

Schritt 3: Gespräche über wichtige Themen

Kleines Kommunikationstraining

Zusammenfassung des 3-Schritte-Modells

3WAS IST NORMAL? KLEINER EINBLICK IN BEZIEHUNGSDYNAMIKEN

»Die Zicke« und »der nette Kerl«

Verstärkererosion

Verlangensunterschiede und Polarisierung

Regenbogenqualitäten

Sprachen der Liebe

Heterozentrierung und Autozentrierung

Chronischer Stress

Berührungen

4PRÄVENTION: LANGFRISTIG GLÜCKLICH UND IM KONTAKT

Positivität statt Negativität

Engels- statt Teufelskreise

In Kontakt miteinander bleiben – emotionales Updating

Richtiges Zuhören

Restrukturierung des Systems

Noch ein Blick auf chronischen Stress

Noch ein Blick auf Verlangensunterschiede

Und noch ein Blick auf Berührungen

Resignative Reife und Balance

Ausklingende Schleifen

UND WEIL’S SO WICHTIG IST: NOCH MAL!

FALLS ES NICHT ALLEIN KLAPPT

Beziehungsratgeber

Professioneller Rat

Paarkurse

Wenn einer nicht mitmacht

Was kostet das?

Anlaufstellen bei Paarkrisen

ZU GUTER LETZT

EMPFOHLENE LITERATUR

VERZEICHNIS DER ÜBUNGEN

ÜBER DIE AUTORIN

Vorwort

Seit vielen Jahren arbeite ich mit Paaren. In Paartherapien ist oft ganz schön was los, manchmal fliegen richtig die Fetzen.

Ich bin nicht konfliktscheu, aber über die Jahre habe ich gelernt, dass es nichts nützt zu streiten. Hier werden viele Leserinnen und Leser das erste Mal stolpern: »Was? Soll ich jetzt noch mehr schlucken und unter den Teppich kehren?« Wahrscheinlich haben Sie den Eindruck, dass vieles Wesentliche in Ihrer Beziehung bisher noch nicht genügend geklärt wurde – meist, weil der andere konfliktscheu ist und schwierige oder emotionale Themen generell vermeidet. Das kann sehr belastend sein und mittelfristig dazu führen, dass Paare sich entfremden. Da bin ich ganz auf Ihrer Seite.

Allerdings nützt es auch nichts, über wichtige Themen zu streiten. Einzig der Effekt des Dampfablassens tut dabei gut. Inhaltlich kommt das Paar meist keinen Schritt weiter. Das erlebe ich sowohl privat als auch professionell immer wieder.

In den letzten Jahren habe ich mit einer Kollegin ein Lehrbuch für Paartherapie geschrieben und mich im Rahmen dessen viel mit Hirnforschung beschäftigt. Insbesondere die Polyvagaltheorie ist für mich zu einer Art Baukastensystem geworden, mit dem man Zwischenmenschliches nachvollziehbar erklären kann.

Und so hatte ich Lust, etwas Leichtverständliches zu schreiben, das jeder, der sich eine gelungene Partnerschaft wünscht, zur Hand nehmen kann. Funktionierende Partnerschaften sind nämlich gar nicht so kompliziert zu erklären, wie viele denken. Es gibt bewährte Regeln, die man eben ohne Wenn und Aber einhalten muss. Für eine harmonische Ehe gibt es keine Garantie. Aber wie Sie die Chancen fürs Gelingen deutlich steigern können, lesen Sie hier.

Und weil zwischen Theorie und Praxis oft Welten liegen, jeder Mensch anders ist und manche Leser und Leserinnen sich gern noch intensiver mit der Thematik beschäftigen möchten, habe ich am Ende jedes Abschnitts Übungen eingebaut. Wenn Sie am liebsten nur querlesen, können Sie diese auch einfach überspringen. Wenn die Übungen aber Ihr Interesse wecken, können Sie sie mit Stift und Herz bearbeiten und so das Erlernte noch intensiver mit dem eigenen Leben verknüpfen.

Was Sie in diesem Buch erwartet

Wie funktionieren Partnerschaften? Was passiert bei Streit? Warum sind wir manchmal so kompliziert? Und wie können wir es besser machen?

Das werde ich Ihnen in diesem Büchlein in aller Kürze erklären. Dabei sage ich Ihnen, worauf es wirklich ankommt. Manche Dinge sind Pflicht, andere Kür. So ist es beispielsweise unumstößlich, dass Sie wichtige Themen niemals im Streit besprechen. Wichtige Themen brauchen voll funktionierende Gehirne. Aber Partnerschaften brauchen Gespräche über wichtige Themen wie Emotionen, Wünsche und Bedürfnisse. Weil das jedoch im Streit nicht funktioniert, ist es wichtig, dass die Beteiligten die Fähigkeit haben, sich selbst zu beruhigen. Das hat nichts mit Runterschlucken oder Vermeidung zu tun, sondern mit echter persönlicher Stabilität und Reife. Und wie das alles funktionieren kann, werde ich Ihnen nacheinander aufschlüsseln und in drei umsetzbare Schritte unterteilen.

Ich nehme Sie also an die Hand und begleite Sie auf Ihrem Weg zurück in eine harmonische Partnerschaft. Sie müssen diese Schritte nur noch in die Tat umsetzen – und zwar so oft wie möglich. Auch das lehrt die Neurobiologie: Neue Verhaltensweisen müssen durch Verknüpfung und häufige Wiederholungen verankert werden. Denn wir werden in diesem Prozess Ihr Gehirn »umbauen«. Und was über Jahre und Jahrzehnte anders trainiert worden ist, lässt sich nicht durch einen Schnipp verändern. Darum lesen Sie das Büchlein ruhig öfter.

Am wirkungsvollsten ist es natürlich, wenn Sie es mit Ihrem Partner zusammen Abschnitt für Abschnitt lesen und anschließend die Übungen unabhängig voneinander bearbeiten. So können Sie alles gut verinnerlichen und machen es schon bald wie im Schlaf richtig.

Nun gibt es natürlich auch die eine oder andere Partnerschaft, bei der sich einer von beiden nicht motivieren lässt, einen »Psychoratgeber« in die Hand zu nehmen, geschweige denn, ihn aktiv zu bearbeiten. Hier gilt: Machen Sie’s allein. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und setzen Sie das Gelernte um. Ich gehe fest davon aus, dass Sie Ihren Partner bzw. Ihre Partnerin damit überraschen werden. Vielleicht führt das allein schon vom Teufelskreis zurück in einen »Engelskreis«. Vielleicht ernten Sie aber auch Interesse und Neugier und können den anderen in einer zweiten Runde mit ins Boot holen.

Und falls das immer noch nicht ausreichen sollte, finden Sie am Ende des Buches Tipps, wo und wie Sie die für Sie passende professionelle Unterstützung finden.

Ich wünsche Ihnen von Herzen gutes Gelingen!

Monika Röder

P. S.: Noch ein Satz zum Titel Eheretter. »Ehe« steht hier für »verbindliche Partnerschaft« – ob mit Trauschein oder ohne. Zwischen Mann-Frau, Frau-Frau, Mann-Mann oder was dazwischen. Und ob mit göttlichem Segen oder ohne.


1

WIE WIR TICKEN: KLEINER ÜBERBLICK ÜBER DAS STRICKMUSTER DES MENSCHEN

Prägungen

Viele Paare streiten sich schon über die Frage, was Streit ist: »Sei doch nicht immer so aggressiv. Warum wirst du schon wieder laut?«, sagen die einen. »Das ist doch kein Streit. Das ist eine Diskussion!«, sagen die anderen. Wir sind durch unsere Herkunfts- und Familienkulturen unterschiedlich geprägt und empfinden ein bestimmtes Verhalten daher auch ganz unterschiedlich.

Wie ist das bei Ihnen? Finden Sie, Sie streiten zu viel? Oder zu wenig? Oder falsch? Durch welche Art von Auseinandersetzungen sind Sie geprägt? Wurde in Ihrem Elternhaus viel gestritten oder wenig? Wurde es auch mal feindselig? Destruktiv? Verletzend? War das Konfliktverhalten vielleicht auch gewalttätig?

Oder war es bei Ihnen zu Hause eher ruhig? Haben sich die Eltern für ihre Meinungsverschiedenheiten zurückgezogen? Oder haben sie Auseinandersetzungen gänzlich vermieden? Sollten alle nett und harmonisch miteinander sein? Wurden Konflikte evtl. auch unter den Teppich gekehrt?

Lernen am Modell

Was wir als Kinder erfahren haben, prägt oft unseren eigenen Stil, wie wir Konflikte gestalten. Wir lernen dabei am Modell, d. h. am Vorbild der Eltern und anderer Familienmitglieder. Wir sehen und spüren, wie diese miteinander umgehen, und lernen schon allein durch Beobachtung, was uns sinnvoll erscheint: Wenn es beispielsweise zwischen Vater und Mutter oder älteren Geschwistern ziemlich ruppig zugeht, diese dafür übel bestraft werden und uns das Angst macht, dann lernen wir, es lieber anders zu machen und nicht in die gleichen Fettnäpfchen zu treten. Oder wir lernen, genauso tough zu werden und zurückzuschießen.


Lernen aus eigenen Erfahrungen

Neben dem Modell lernen wir auch aus eigenen Erfahrungen. Wenn wir spüren, dass unsere Eltern mit eigenen Problemen beschäftigt sind und uns nur bei bestimmten Leistungen beachten, dann verinnerlichen wir, dass wir etwas leisten müssen, um beachtet zu werden. Wenn wir erleben, dass unsere Eltern liebevolle Gefühle nicht zeigen können, dann lernen wir, mit wenig Zuwendung auszukommen. Vielleicht werden wir auch bloßgestellt oder lächerlich gemacht, wenn wir uns mit unseren Bedürfnissen und Gefühlen zeigen, also lernen wir, sie zurückzuhalten. Vielleicht werden wir sogar schlecht behandelt, geschlagen, abgewertet oder vernachlässigt. Wenn dann niemand da ist, dem wir unser Herz öffnen können, gewöhnen wir uns an, unsere Gefühle zu maskieren und uns unberührbarer zu zeigen, als wir eigentlich sind.

Der Prototyp im Gehirn

Diese Erfahrungen, die uns in frühen Jahren prägen, werden als Beziehungs- und Bindungsmuster bezeichnet. Sie sind aufgrund des frühen Stadiums in der Hirnentwicklung sehr stabil und meist unbewusst. Solche früh geprägten Muster bilden im Gehirn praktisch den Prototypen für spätere Beziehungserfahrungen. Das funktioniert wie ein Schubladensystem: Wir entwickeln Schubladen mit bestimmten Aufschriften, z. B.: »Ich bin intelligent«, »Ich bin liebenswert«, »Ich schaffe das«, »Ich bekomme Unterstützung, wenn ich sie brauche«, »Ich gehe auf andere zu und werde abgelehnt«, »Ich gehöre dazu und bin gern gesehen« etc. Und alle späteren Beziehungs- und Bindungserfahrungen werden dann in dieses Schubladensystem einsortiert.


Wunde Punkte

Im Gehirn sind dann stärkende und schützende Einstellungen abgespeichert – wie etwa, dass ich liebenswert bin, um Hilfe bitten kann oder klug bin. Doch was ist los, wenn jemand bestimmte wichtige Erfahrungen nicht gemacht hat? Vielleicht kennen Sie jemanden, der z. B. extrem viel leistet, aber nie das Gefühl hat, fertig zu werden? Oder jemanden, der ganz viel Lob und Anerkennung braucht, die positiven Rückmeldungen aber trotzdem nie richtig glaubt? Vielleicht kennen Sie das auch von sich selbst ein bisschen?

Hintergrund ist dabei oft, dass eben die entsprechenden Schubladen nicht oder nur ansatzweise angelegt wurden. Dem kleinen Kind ist vielleicht zu selten gespiegelt worden, dass es liebenswert, fleißig oder talentiert ist. Stattdessen wurden Schubladen angelegt wie »Ich muss alles allein schaffen« oder »Wenn’s mir mal gut geht, kommt ganz schnell was Schlechtes«. Aus diesem Defizit heraus entsteht ein fast unstillbares Bedürfnis danach, Lob oder Anerkennung zu bekommen. Doch wenn es keine Schublade gibt, bleiben die Komplimente einfach nicht hängen! Und jedes Lob des Partners oder der Freundin, jede Leistung fällt einfach durch, wie durch ein Fass ohne Boden.

AUS DEM WIRKLICHEN LEBEN: SABINE UND FRANZ

SABINE ist Kulturmanagerin, und FRANZ arbeitet als Grafiker in einem hippen Atelier. Ihre gemeinsamen Kinder sind groß und gerade aus dem Haus. Eigentlich lieben und schätzen sich beide sehr, aber immer wieder kommt es zu verbissenen Streitszenen, die jeden von beiden extrem belasten.

Heute ist der Auslöser wieder eine Banalität: Die Anspannung ist hoch, weil sie am Abend Freunde erwarten, die sowohl für Sabine als auch für Franz eigentlich stressig sind. Sabine fühlt sich mit den Vorbereitungen alleingelassen und schickt Franz von einer Aufgabe zur nächsten. Der erledigt sie widerstrebend, weil er es ja eh nicht recht machen kann. Innerlich werden beide immer gereizter, weil das Verhalten des anderen sie stresst: Sabine ärgert sich, weil Franz nur so schleppend mithilft und nicht wirklich bei der Sache ist, und Franz wird innerlich immer unmotivierter, weil er findet, dass Sabine ihn rumkommandiert und nur kritisiert.

Beide haben für diese Erlebnisse alte verinnerlichte Muster und Prägungen: Sabine stammt aus einem Elternhaus, in dem es wirtschaftlich eng zuging. Der Vater war meist abwesend und die Mutter mit Sabine und deren kleinen Geschwistern oft allein und völlig überfordert. Sabine musste die Mutter unterstützen und wurde mit ihren eigenen Anliegen und Bedürfnissen nicht gesehen. In emotional bedürftigen Situationen nicht gesehen zu werden und stattdessen das abwesende Gesicht des anderen zu sehen ist für sie zu einem wunden Punkten geworden.

In der Ehe war das anfangs anders. Bei Franz konnte sie sich verletzlich zeigen und wurde damit als Mensch angenommen. Er stand an ihrer Seite, interessierte sich für sie und gab ihr das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. In den letzten Jahren vermisst sie das und wird darüber immer wütender und bissiger.

Auch für Franz waren die ersten Jahre mit Sabine erfüllend. Er stammt aus einer sehr leistungsorientierten Familie. Eine Eins in der Schule bedeutete: Ich darf bei Papa auf den Schoß. Eine Zwei brachte noch ein kurzes Lächeln, bei einer Drei wendete der Vater sich ab. Auch bei Sabine spürte er anfangs ihre Bewunderung und fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben okay. Franz hat gelernt, alles zu geben, um sich liebenswert zu fühlen. Doch manchmal klappt es nicht. Er hat gefühlt keine Chance, es reicht nicht, was er gibt, und das ist ein wunder Punkt für ihn geworden. Wenn er dann noch Sabines Wut wahrnimmt, kommt mit der Angst vor Abwertung ein weiterer wunder Punkt dazu. Franz schaltet ab, zieht sich innerlich zurück und wirkt äußerlich unerreichbar.

In Stress-Situationen gehen Sabine und Franz meist beide in ihre Muster. Es folgt ein wechselseitiges Geschehen, das beim Müllrausbringen oder Tischdecken beginnen und in tagelangem eisigen Schweigen enden kann.

Wiederholungen in der Ehe

Die Wissenschaft streitet noch immer darüber, wie groß der Anteil an genetischer Veranlagung versus Sozialisation bei der Ausprägung unseres Verhaltens ist. Fakt ist: Ein großer Anteil dessen, was wir brauchen und wie wir ticken, wurde biografisch geprägt und damit erlernt. Bei Stress gibt es meist eine »Geschichte hinter der Geschichte«. Das bedeutet, dass es zu den heutigen Verletzungen ganz ähnlich gestrickte Erfahrungen auch in der Vergangenheit gibt.

In der Partnerschaft tauchen unsere frühen Prägungen somit wieder auf. Hier zeigen sich unsere Verletzlichkeiten, hinter denen oft frühere Verletzungen stehen. Der eine reagiert empfindlicher auf einen heftigen Tonfall, der andere dagegen auf Gefühle des Verlassenwerdens und der Nächste auf etwas zu lockere Sprüche. Und hier zeigen sich unsere unterschiedlichen Bedürfnisse: beim einen nach mehr Nähe, beim anderen nach mehr Austausch und Lebendigkeit und beim Dritten nach Harmonie.

Die Hoffnung auf »Heilung« durch den Partner

Es liegt in der Natur von Paarbeziehungen, dass wir uns vom Partner bzw. der Partnerin wünschen, der oder die andere möge unsere Bedürfnisse stillen, uns guttun und wir könnten daran wachsen. In guten Zeiten funktioniert das auch meist. Aber in schlechten Zeiten tun wir uns gegenseitig weh. Manchmal triff eine Verletzung auf einen alten wunden Punkt oder ein ungestilltes Bedürfnis von früher. Das löst dann in unserem autonomen Nervensystem – der Steuerungszentrale, die für unsere innere Regulation von Herzschlag, Atmung, Muskelspannung usw. zuständig ist – eine Kettenreaktion aus. Unser innerer Gefahrenscanner, das Früherkennungssystem von Bedrohungen, erkennt das Verhalten als alten Schmerz.

Wird dieser Automatismus ausgelöst, funktioniert er wie ein innerer Schalter, mit dem körperliche Prozesse wie von selbst auf eine Abwehrreaktion umgeschaltet werden. Das Umschalten nennt man deshalb Trigger. Ein Wort, eine Geste, ein Verhalten hat dann das Potenzial, einen gerade noch freundlichen Menschen mit einem Schnipp in eine plötzlich feindselige Person zu verwandeln. Wie das genau funktioniert, erkläre ich im nächsten Abschnitt.

Alles Wissenswerte in Kürze

In den ersten Lebensjahren bildet sich im Gehirn der Prototyp für spätere Beziehungs- und Bindungserfahrungen. Positive Erfahrungen prägen unser Erleben von Partnerschaft ebenso wie ungestillte Bedürfnisse und Verletzungen. Für die wunden Punkte erhoffen wir vom Partner Linderung oder Heilung. Zeigt der aber ein Verhalten, das auf einen wunden Punkt trifft, schaltet unser Nervensystem unwillkürlich um in eine Verteidigungsoder Angriffshaltung.

Blick nach innen

Nach jedem Abschnitt haben Sie die Möglichkeit, das Erlernte mit eigenen Erfahrungen zu verknüpfen. Die direkte Auseinandersetzung mit sich selbst, mit eigenen Themen und Erfahrungen fördert die Integration und intensiviert den Lernprozess.

Wenn Sie keine Lust dazu haben, überspringen Sie den Übungsteil einfach.

Übung: Reflexion meines eigenen Konfliktverhaltens

•Wie war die Konfliktkultur in meiner Herkunftsfamilie?

•Wie sind meine Eltern als Paar mit Konflikten umgegangen?

•Wie sind beide mit mir als Kind in schwierigen Situationen umgegangen?

•Gibt es weitere prägende Erfahrungen zu Konflikten?


•Welches Konfliktmuster habe ich ausgehend von dieser Erfahrung selbst entwickelt?

•Mache ich es ähnlich, wie ich es gelernt habe? Oder habe ich eher das Gegenteil entwickelt?

•Welche guten Kompetenzen habe ich in Konflikten?

•Wo bin ich zufrieden mit mir, weil ich eine Kompetenz früh gelernt, gut verinnerlicht oder in späteren Jahren selbstständig entwickelt habe?


Übung: Meine wunden Punkte

Sie haben nun einige Aspekte erwähnt, die Sie im Laufe Ihres Lebens erworben haben. Oft sind es die schwierigen Erfahrungen, die zu »wunden Punkten« und damit zu sogenannten Triggern werden: Das Gehirn erkennt Worte oder ein bestimmtes Verhalten, woraufhin es autonom und automatisch umschaltet auf ein inneres Defensivsystem. Hier haben Sie die Möglichkeit, einige persönliche Triggerpunkte zu identifizieren:

•Welche Worte/welche Verhaltensweisen lassen mich bei meinem Partner/meiner Partnerin automatisch auf Abwehr schalten?

•Welche Worte/welche Verhaltensweisen lassen mich bei meiner Mutter automatisch umschalten?

•Welche Worte/welche Verhaltensweisen lassen mich bei meinem Vater automatisch umschalten?

•Welche Worte/welche Verhaltensweisen lassen mich bei meinen Kindern automatisch umschalten?

•Welche Worte/welche Verhaltensweisen lassen mich beim Sex automatisch umschalten?

•Welche Worte/welche Verhaltensweisen lassen mich bei der Arbeit automatisch umschalten?


Nutzen dieser Übungen:

Reflexionen der eigenen Vergangenheit haben nicht das Ziel, irgendjemanden anzuklagen. Das Erkennen von Muster und Herkunft unseres eigenen Beziehungs- und Konfliktverhaltens trägt dazu bei, uns selbst besser verstehen und annehmen zu können. Und das ist die Basis zur Veränderung und zur Entwicklung wirksamer Lösungen.

Was ist Streit? Kleiner Exkurs in die Neurobiologie

Streit entsteht fast automatisch, wenn eine Person getriggert wird und unwillkürlich in eine Angriffs- oder Verteidigungshaltung umschaltet. Und das hat wieder mit unserem autonomen Nervensystem zu tun.

Überleben – die oberste Aufgabe unseres Gehirns

Unser Gehirn besteht grob vereinfacht gesagt aus drei Bereichen, die sich evolutionsbiologisch bottom-up, also im Schädel von hinten unten nach vorn oben, entwickelt haben. Der basale und älteste Bereich ist der Hirnstamm. Sein höchstes »Interesse« ist es, dass wir überleben. Er sorgt dafür, dass unser Herz schlägt und die Atmung sowie Stoffwechsel und Kreislauf funktionieren. Es gibt extreme Lebenssituationen wie z. B. einen Schock und traumatische Situationen, in denen alle höheren Hirnfunktionen kollabieren und nur noch der Hirnstamm arbeitet, damit wir überleben.


Darüber liegt das evolutionsbiologisch jüngere limbische System. In diesem Bereich sind unsere Gefühle angesiedelt, die emotionale Alarmzentrale und auch unser Gedächtnis. Hier sind all unsere Erinnerungen in sortierter Form abgespeichert. Ausnahmen gibt es bei traumatisierten Menschen, bei denen manche Erinnerungen aufgrund des damals erlebten Stresses nicht chronologisch, sondern eher verstreut abgespeichert sind. Ein Körpergefühl, bestimmte Worte oder ein Geräusch können also ohne systematische Geschichte abgelegt sein und damit einzeln getriggert werden. Ein vergleichbares Geräusch oder ein Geruch alleine kann dann eine innere Kettenreaktion auslösen und den Organismus in den traumatischen Zustand zurückkatapultieren.

Im limbischen System gibt es auch ein Alarmsystem, das wir Amygdala nennen. Die Amygdala ist dafür zuständig, im gesamten Organismus Alarm auszulösen, sobald über die Sinne etwas erkannt wird, das in der Erinnerung irgendwann mal als Gefahr bewertet wurde. Und weil es für unser Nervensystem die höchste Priorität darstellt, unser Überleben zu sichern, ist die Amygdala so übergründlich, dass sie lieber zehnmal falsch positiven Alarm auslöst, als dass ihr eine Gefahr durch die Lappen geht.

Ganz oben und vorne im Gehirn liegt der Neokortex als Teil der Großhirnrinde. Er ist der evolutionsbiologisch jüngste Teil und unterscheidet uns Menschen und einige andere Säugetiere in besonderem Maße von einfacheren Organismen. Von hier aus sind alle höheren Fähigkeiten vernetzt, die uns Menschen ausmachen: z. B. die Fähigkeit zur Handlungsplanung, Selbstreflexion, Kreativität und Empathie sowie unser Humor.

Integrierter Gefahrenscanner

Wie kommt es nun dazu, dass wir streiten? Um das zu verstehen, sind noch ein paar neurobiologische Faktoren wichtig: die Neurozeption und die verschiedenen Modi, in die unser autonomes Nervensystem umschalten kann.

Jeder Mensch hat einen integrierten Gefahrenscanner – die Neurozeption. Das ist eine Art Antennensystem, das ständig und unterhalb der Bewusstseinsschwelle unsere Umgebung scannt. Auch während eines Gesprächs, bei der Arbeit oder beim Sex nimmt unser Nervensystem wahr, ob in der Umgebung alles in Ordnung ist. Es vergleicht die unbewusst wahrgenommenen Geräusche, Gerüche und sonstigen Empfindungen mit den Erfahrungen und Erinnerungen im limbischen System. Sobald etwas als potenzielle Gefahr erkannt wird – das Schreien eines Kindes, ein Donnergrollen, der Geruch von Rauch oder auch der bedrohlich veränderte Blick oder Tonfall beim anderen –, schlägt die Amygdala Alarm, und das Nervensystem schaltet auf einen Defensivmodus um. Das kann auch passieren, wenn der Auslöser heute gar keine große Bedrohung mehr darstellt, der Mensch inzwischen erwachsen, stark und souverän ist und die Situation mit seinem heutigen Repertoire eigentlich locker bewältigen könnte.


Die drei Modi unseres Nervensystems

Der andere neurobiologische Aspekt, dessen nähere Betrachtung sich lohnt, sind die drei unterschiedlichen Modi, in denen sich unser autonomes Nervensystem befinden kann: das soziale Kontaktsystem (ventraler Vagus), die Mobilisierung (Sympathikus: Kampf oder Flucht) und die Immobilisierung (dorsaler Vagus: Resignation, Totstellreflex oder Kollaps).

Wenn wir uns wohl und sicher fühlen – allein oder mit einem anderen zusammen –, sind wir im Modus des sozialen Kontaktsystems. Neurobiologisch gesprochen ist hier der ventrale, also vordere, Teil des Vagus – eines wichtigen Hirnnervs – aktiv. Das bedeutet, dass unser gesamtes Gehirn inklusive des Neokortex voll funktionsfähig ist: Wir haben einen weiten Blick auf die Situation, können selbstkritisch sein, haben Humor und können uns in den anderen einfühlen. Wir fühlen uns wohl, können lachen und uns freuen. Wir erlauben uns, zu kommen und zu gehen, und wir können Nähe genießen. Wirklicher zwischenmenschlicher Kontakt ist nur möglich, wenn sich beide Partner im sozialen Kontaktsystem befinden.

Sobald unser Gefahrenscanner eine potenzielle Gefahr identifiziert hat – wir also getriggert sind –, schaltet unser Nervensystem um auf einen Defensivmodus. Die erste Variante ist dabei die Mobilisierung. Blitzschnell und unterhalb der Bewusstseinsschwelle wird der Sympathikus, das Stress-System des Menschen, aktiviert und bereitet Körper und Geist auf Kampf oder Flucht vor: Die Muskelspannung im gesamten Körper steigt. Das Herz schlägt schneller, die Gefäße insbesondere in den Extremitäten verengen sich, was evolutionsbiologisch den Effekt hat, dass es bei Kratzern und Verletzungen nicht unnötig stark blutet. Die Gefühle sind negativ geprägt. Gedanken werden wertend und sind geleitet von Wut oder Angst. Der Blick ist fokussiert auf die Gefahr, wohingegen unwichtige Wahrnehmungen links und rechts ausgeblendet werden. Es kommt zu einem »Tunnelblick«. Der Kiefer verspannt sich, um zubeißen zu können – eigentlich lächerlich heutzutage, da wir nicht mehr mit unserem Körper kämpfen oder beißen, aber hier hinkt die Evolution der Entwicklung unserer modernen Gesellschaft etwas hinterher.

Es gibt noch einen dritten Modus und damit ein weiteres Defensivsystem, in das unser Nervensystem schalten kann – er ist mit dem hinteren, dorsalen Teil des Vagusnervs verbunden: die Immobilisierung bzw. der »Shutdown«. Bei Tieren nennen wir das den Totstellreflex. Dieser Modus wird dann aktiviert, wenn der Abgleich der Wahrnehmungen aus der Umgebung mit den Erinnerungen auf eine Art Resignation hinausläuft: Kämpfen habe ich x-mal probiert und keine Chance gehabt. Flüchten kann ich nicht – zum Beispiel, weil ich zu klein und unterlegen bin oder weil ich verheiratet bin, wir Haus und Kinder zusammen haben und ich aus der Nummer nicht mehr so leicht herauskomme.

Soziales Kontaktsystem (ventraler Vagus)


Mobilisierung (sympathisches Nervensystem) – Kampf/Flucht


Immobilisierung (dorsaler Vagus) – »Shutdown«, Totstellreflex


Dieser Modus ist in gefährlichen Situationen überlebenswichtig. Im Shutdown werden Hormone und Botenstoffe ausgeschüttet, die die Schmerzwahrnehmung betäuben. Das Gehirn ist gefühlt leer. Das »Totstellen« hat außerdem den Effekt, dass der Angreifer nicht weiter angestachelt wird und sich der Schaden dadurch in Grenzen hält. Manchmal kommt es auch zu einer Dissoziation. Im Betroffenen kann sich das so anfühlen, als sei er oder sie unter einer Glasglocke, bestimmte Körperteile gehörten nicht mehr dazu, oder es kommt zur Wahrnehmung eines Heraustretens aus dem Körper, um weniger Schmerz zu spüren und den Angriff besser aushalten zu können. Bei einem Streit interpretiert das Gegenüber den Shutdown aufgrund des unterbrochenen Kontakts oft als Blockade oder Ignoranz.

Alle drei Modi können natürlich auch in Misch- bzw. abgeschwächten Formen auftreten. Es gibt zum Beispiel einen sehr sinnvollen Übergang zwischen sozialem Kontaktsystem und beginnender Aktivierung des sympathischen Nervensystems, also beginnendem Kampf- oder Fluchtmodus, um sich bei wichtigen Anliegen klar positionieren und durchsetzen zu können. Oder es gibt einen beginnenden Shutdown, in dem das System nicht ganz in Richtung Koma heruntergefahren ist, aber wirklicher sozialer Kontakt dennoch einfach nicht mehr möglich ist.

AUS DEM WIRKLICHEN LEBEN: NOCH MAL FRANZ UND SABINE

Wenn SABINE unter Stress steht, regt sie sich schneller über Dinge auf, die sie sonst viel entspannter tolerieren kann. An besagtem Abend, zu dem sie Freunde eingeladen haben, kommt sie schon gestresst von der Arbeit. Im Supermarkt gibt es weder den fest eingeplanten Eisbergsalat noch ihren Lieblingswein. Zu Hause angekommen stört es sie schon, dass FRANZ das Auto nicht in die Garage gefahren hat, sie sagt aber noch nichts.

Franz ist zu Hause. Er hat sich für den Abend früher freigenommen, was ihm die missmutigen Blicke der Kollegen eingehandelt hat. Auch bei ihm sind also bereits Knöpfe gedrückt, die seine alte Wunde triggern, nicht genügend zu leisten und dadurch nicht mehr geliebt zu werden. Er ist mit Staubsaugen beschäftigt und begrüßt Sabine nur flüchtig quer durchs Wohnzimmer.

Aufgrund der lieblosen Begrüßung steigt Sabines Spannung noch weiter an. Sie hat schon einen beginnenden »Tunnelblick« und kommt in dieser gestressten Verfassung auch nicht auf den Gedanken, selbst freundlich auf Franz zuzugehen und ihn liebevoll zu küssen. Stattdessen pfeffert sie in der Küche die Einkäufe auf den Tisch und lässt die Schranktüren zuknallen.

Die Gefahrenscanner beider Partner haben längst die Anspannung beim anderen gelesen und innerlich den Sympathikus aktiviert. Bei Franz wie bei Sabine beschleunigt sich der Herzschlag, die Atmung wird schneller, und der erhöhte Muskeltonus macht die Bewegungen heftiger und ruppiger.

Sabine spürt beim Blick auf die Uhr ein Gefühl der Überforderung, das sie zusätzlich unter Stress setzt. Überforderung ist für sie assoziiert mit der schwachen Mutter und daher ein Selbstbild, das sie auch bei sich selbst ablehnt. In ihr entsteht das Bedürfnis, beruhigt, getröstet und unterstützt zu werden. Aufgrund der Aktivierung des Sympathikus kann sie das aber nicht mehr in einem empathischen und wohlwollenden Tonfall äußern, sondern ruft stattdessen ins Wohnzimmer: »Hast du eigentlich gesehen, wie viel Uhr es ist? Und du bist noch am Saugen! Wie sollen wir das denn schaffen?«


Jetzt wird in Franz die alte Wunde getriggert: Wie ich es mache, ist es falsch. Es reicht nicht, was ich tue. Ich habe keine Chance, es recht zu machen. Er weiß aus Erfahrung: Es lohnt sich nicht, mit der aufgebrachten Sabine zu streiten, und er weiß auch, dass er jetzt nicht einfach verschwinden kann. Sein Nervensystem kippt in einen Shutdown. Die Atmung wird flacher, das Hirn ist wie leer. Er hört Sabine nicht mehr richtig, fühlt sich innerlich einsam und von der Welt abgeschnitten. Dennoch räumt er den Staubsauger weg, trottet pflichtbewusst in die Küche, stellt sich teilnahmslos an den Schrank und wartet auf weitere Anweisungen.

Auch bei Sabine funktioniert die Neurozeption unterhalb der Bewusstseinsschwelle so schnell, dass eine logische Reflexion der Situation nicht möglich ist. Sie liest den abgeschalteten Ausdruck in seinem Gesicht und seiner Haltung, und auch bei ihr werden noch mehr alte wunde Knöpfe gedrückt: »Ich bin in Not und werde nicht gesehen. Ich werde wieder alleingelassen, meine Gefühle und Bedürfnisse haben keine Berechtigung.« Doch Sabines Nervensystem hat im Gegensatz zu Franz eine Präferenz für die Aktivierung des Kampfprogramms. Ihre verzweifelte Reaktion ist nicht resigniert, sondern wird immer konfrontativer, bissiger und verletzender. Ihre vorwurfsvollen Worte rauschen durch Franz’ Ohren hindurch. Der Kontakt ist verloren.

Streit und die Eskalationsspirale

Jetzt noch einmal zur Frage: Was ist Streit? Streit ist im neurobiologischen Sinne eine Dynamik, in der beide Partner getriggert sind – in der also bei beiden Nervensystemen der Defensivmodus aktiviert ist und sie in ein Kräftemessen einsteigen. Das autonome Nervensystem heißt so, weil es autonom und unabhängig von rationalen Erwägungen entweder in den Kampf-/Fluchtmodus oder in den Shutdown schaltet.

Ist der Startknopf einmal gedrückt, beginnt eine innere Kettenreaktion und damit eine sich wechselseitig aufschaukelnde Dynamik: die Eskalationsspirale. Die ersten Anzeichen können so subtil und versteckt sein, dass ein fremder außenstehender Mensch sie nicht lesen könnte, aber die innere Eskalation beginnt: eine Augenbrauenbewegung, ein Augenverdrehen, ein leichtes Schnauben oder Seufzen, ein minimal veränderter Tonfall oder eine bestimmte Körperhaltung. Aber der Empfänger konstruiert daraus die Botschaft! Das heißt: Wer die Botschaft hört oder sieht, entscheidet über ihre Bedeutung. Gibt es beim Empfänger wie oben dargestellt einen wunden Punkt, eine Bedürftigkeit oder eine Verletzung, so kann das beim anderen ebenfalls noch unterhalb der Bewusstseinsschwelle eine Abwehrreaktion auslösen – auch dort beginnt eine innere Eskalation. Die wird ebenfalls vom Partner bzw. von der Partnerin gelesen, die wiederum darauf reagiert. Jetzt nimmt die Eskalationsspirale wie im Beispiel von Franz und Sabine Fahrt auf.

Meist gibt es bereits ein umfangreiches gegenseitiges Triggergeschehen, bevor dem einen oder anderen Beteiligten bewusst wird, was hier läuft. Tritt der Angriff des anderen ins Bewusstsein, wird die Situation meist nicht besser: Jetzt wird erst recht noch mal was draufgepackt und zurückgeschossen. Die Eskalationsspirale wird größer und ist bei manchen Paaren geprägt von Verächtlichkeit, Beleidigungen oder auch Gewalt.

Alles Wissenswerte in Kürze

Unser Gehirn hat ein eingebautes System zur Gefahrenerkennung, das ständig die Umgebung nach potenziellen Bedrohungen abscannt. Dabei ist es übervorsichtig und meldet lieber falsch positiven Alarm, bevor es eine Gefahr übersieht. Wird etwas erkannt, das im Gedächtnis als schmerzvoll oder gefährlich abgespeichert ist, schaltet es blitzschnell auf ein Angriffsoder Verteidigungssystem um.

Dabei können auch »kleine« Gefahren wie z. B. das genervte Verhalten eines Partners, das früher bei den Eltern oder in anderen belastenden Lebenssituationen als bedrohlich erlebt wurde, dazu führen, dass ein Kampf eingeleitet wird.

Die ersten Anzeichen sind oft so subtil, dass der gefühlte Angriff und die eingeleitete Gegenwehr nicht bewusst werden, aber die innere Eskalation beginnt. Das Gegenüber jedoch nimmt es neurozeptiv wahr, fühlt sich wiederum angegriffen und reagiert mit einem Gegenangriff oder einer Blockade. So können scheinbar banale Situationen (wie der klassische Konflikt um die Zahnpastatube) eskalieren.

Blick nach innen

Übung: Selbstwahrnehmung im Konflikt


Sie haben in der vorigen Übung einige Ihrer persönlichen Triggersituationen identifiziert. Auch die nächste Übung zielt darauf ab, die Neurozeption und andere innere, autonome Prozesse bewusster werden zu lassen und noch früher zu erkennen, wann ein inneres Eskalationsgeschehen beginnt. Wir brauchen diese Selbstwahrnehmung, weil Signale, die wir als Bedrohung empfinden, unsere präfrontalen Hirnfunktionen runterfahren, diese aber zur Konfliktlösung essenziell sind. Auf dem Weg heraus aus der Partnerschaftskrise geht es immer wieder darum, das eigene innere Geschehen bewusst zu machen, um später gezielt regulierend eingreifen zu können und damit endlich zu wirklicher Bedürfnisbefriedigung zu finden.

In dieser Übung können Sie also weitere Aspekte des Konfliktgeschehens bewusst werden lassen. Stressen Sie sich nicht, wenn Sie zunächst nur wenige Wahrnehmungen finden. Am besten betrachten Sie diese Übung als »Kickoff«, als erste Gehversuche, um sich selbst und Ihren Partner zukünftig in Konfliktsituationen besser zu beobachten und dadurch bewusster handeln zu können. Hier sind einige Beobachtungskriterien dafür:

•Wie verändert sich die Sprache meines Partners im Konflikt und wie verändert sich meine eigene Art zu sprechen?

•Werden die Worte schneller, lauter oder langsamer, leiser?

•Wie viel (Nach-)Druck liegt in meiner Sprache versus wie energielos klingt sie?

•Verändert sich die Tonhöhe? Wird sie eher höher oder tiefer?

Partner/Partnerin:

Ich selbst:

•Wie verändert sich die Sprache inhaltlich? Wird sie schärfer, bedrohlicher? Wird sie hoffnungsloser, resignierter?

•Kommt es vermehrt zur Formulierung von Superlativen (z. B. etwas ist »extrem«, »schrecklich«, »unfassbar« …)? Oder zu Verallgemeinerungen (»nie«, »dauernd«, »alles« …)?

Partner/Partnerin:

Ich selbst:

Lenken Sie Ihre Wahrnehmung nun auf Ihren Körper. Welches sind Ihre persönlichen Reaktionen auf gefühlte Angriffe, auf Druck und Vorwürfe etc.? Scannen Sie Ihren Körper dabei nach Zeichen von Anspannung, Druckgefühlen, Unwohlsein, Zittern, Schweiß, Schmerz, Übelkeit, Schwächegefühlen etc. Wo und wie spüren Sie den ausgelösten Alarm in Ihrem Körper? Zeichnen Sie Ihre Körperwahrnehmungen in die Skizze ein.

Was im Inneren des Körpers Ihres Partners oder Ihrer Partnerin abgeht, wissen Sie nicht. Aber wir können meist umso besser die äußerlich erkennbaren Signale ablesen. Nehmen Sie darum die andere Skizze, um die Körperzeichen des anderen einzuzeichnen.



Nutzen dieser Übung:

Viele Menschen fühlen sich besonders in Streitsituationen und Eskalationen ohnmächtig dem Geschehen ausgeliefert. Es fühlt sich an wie »Es geschieht mit mir … etwas geht mit mir durch … mir sind die Sicherungen durchgebrannt …«. Durch die Selbstreflexion und Schärfung der Wahrnehmung eigener Prozesse und Handlungen gewinnen wir an Handlungsfähigkeit und damit am Vermögen, das Konfliktgeschehen zu steuern.

Warum Streit nichts bringt

Wir haben oben gesehen, wie das Gehirn funktioniert, um zu überleben und sich vor Gefahren zu schützen. Es gibt einen Mechanismus, der es dem Menschen ermöglicht, sich in Gefahrensituationen auf das Wesentliche, nämlich den Angriff oder die Flucht, zu konzentrieren: Die Hirnfunktionen, die fürs Überleben gerade nicht nötig sind, werden ausgeschaltet. Was sich evolutionsbiologisch bottom-up aufgebaut hat, wird nun top-down deaktiviert.

Wenn sich das Gehirn schrittweise abschaltet

Was passiert bei dieser Deaktivierung? Auf der somatischen Ebene wird im Kampf- oder Fluchtmodus beispielsweise die Verdauungstätigkeit runtergefahren. Auch die Sinnesaktivitäten werden stufenweise eingestellt, damit wir nicht durch die Blümchen auf der Wiese von der wahrgenommenen Gefahr abgelenkt werden.

So bewirkt das Umschalten auf den Kampf- oder Fluchtmodus, dass wir nicht mehr alles mit weitem Blick sehen, sondern fokussiert auf die Gefahr schauen und andere Dinge übersehen. Auch das Hörvermögen ist nachweislich so verändert, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes Dinge überhören. Das bedeutet, dass wir im getriggerten Modus freundliche Worte oder Gesten des Partners bzw. der Partnerin nicht wahrnehmen, sondern dass unser Sinnessystem suchend darauf ausgerichtet ist, den nächsten Angriff, die nächste Gemeinheit oder die nächste Bestätigung für unsere Bedrohungshypothese zu finden.

Doch es geht noch weiter. Wir haben gehört, dass unsere menschlichen Fähigkeiten der Selbstreflexion und Kreativität, unser Humor und auch unsere Empathiefähigkeit maßgeblich im Bereich des Neokortex vernetzt sind. Dieser Bereich wird im Angriffsstress zuerst deaktiviert. Wir können heute einen Menschen mit massivem Stress in den Hirnscanner schieben und über bildgebende Verfahren sehen, wie dort beispielsweise im Bereich, in dem die Empathiefähigkeit oder das Sprachzentrum vernetzt sind, aufgrund nachlassender Aktivität weiße Stellen sichtbar werden.

Unser aufs Überleben ausgerichtetes System fokussiert sich im vermeintlichen Angriffsfall auf seine Selbstverteidigungs- bzw. Selbstschutzfähigkeiten. Überflüssiger kognitiver Luxus wird deaktiviert. So bitter es klingt: Das bedeutet, dass unser Gehirn nicht mehr vollständig funktioniert. Wir sind nicht mehr im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 713,71 ₽

Жанры и теги

Возрастное ограничение:
0+
Объем:
186 стр. 78 иллюстраций
ISBN:
9783849782733
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги