Читать книгу: «Ich nannte ihn Krawatte»
E-Book-Ausgabe 2020
© 2012, 2020 Verlag Klaus Wagenbach
Emser Straße 40/41, 10719 Berlin
Covergestaltung: Julie August unter Verwendung des Gemäldes Koi-27 von © Jörn Grothkopp. Reihenkonzept von Rainer Groothuis. Das Karnickel zeichnete Horst Rudolph.
Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.

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ISBN 978 3 8031 4136 1
Auch in gedruckter Form erhältlich: 9783 8031 2829 4
Für Kris
[…] wie ausgeschieden du bist aus dieser Welt,
die schön ist und vielleicht einen Sinn hat,
wie ausgestoßen aus aller natürlichen Vollendung,
wie einsam in deiner Leere,
wie fremd und taub in dieser großen Stille […]
Max Frisch, Antwort aus der Stille
1
Ich nannte ihn Krawatte.
Der Name gefiel ihm. Er brachte ihn zum Lachen.
Rotgraue Streifen an seiner Brust. So will ich ihn in Erinnerung behalten.
2
Sieben Wochen sind vergangen, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. In diesen sieben Wochen ist das Gras dürr und gelb geworden. Die Zikaden sitzen zirpend in den Bäumen. Unter meinen Füßen knirscht der Kies. Im prallen Licht der Mittagssonne sieht der Park seltsam verödet aus. Aufgeplatzte Blüten an Ästen, die sich müde zu Boden neigen. Ein blassblaues Taschentuch im Gestrüpp, kein Windhauch bewegt es. Die Luft ist schwer und drückt auf die Erde herab. Ich bin ein zusammengedrückter Mensch. Ich nehme Abschied von einem, der nicht mehr wiederkommt. Seit gestern weiß ich es. Er kommt nicht mehr wieder. Über mir spannt sich ein Himmel, der ihn – für immer? – in sich aufgesogen hat.
Noch kann ich nicht glauben, dass unser Abschied ein endgültiger ist. In meiner Vorstellung könnte er in jedem Augenblick auftauchen, vielleicht als ein anderer, vielleicht mit einem anderen Gesicht, mir einen Blick zuwerfen, der sagt: Ich bin da. Kopf gegen Norden, den Wolken nachlächeln. Er könnte. Deshalb sitze ich hier.
3
Es ist unsere Bank, auf der ich sitze. Bevor sie zu unserer wurde, war sie meine gewesen.
Ich kam hierher, um mir darüber klarzuwerden, dass der Riss in der Wand, jener hauchfeine Sprung quer über den Regalen, drinnen wie draußen seine Gültigkeit hat. Zwei ganze Jahre hatte ich damit verbracht ihn anzustarren. Zwei ganze Jahre in meinem Zimmer, im Haus der Eltern. Hinter geschlossenen Augen hatte ich seine gebrochene Linie nachgezeichnet. Sie war in meinem Kopf gewesen, hatte sich darin fortgesetzt, war mir ins Herz und die Adern eingegangen. Ich selbst ein blutleerer Strich. Meine Haut totenbleich, da keine Sonne sie beschien. Manchmal hatte ich Sehnsucht nach ihrer Berührung. Ich stellte mir vor, wie es wäre, nach draußen zu gehen und endlich zu verstehen: Es gibt Räume, die man niemals verlässt.
An einem kalten Februarmorgen gab ich meiner Sehnsucht nach. Durch den Spalt in den Vorhängen konnte ich einen Schwarm Krähen ausmachen. Sie flogen auf und nieder, auf ihren Flügeln die Sonne, sie blendete mich. Einen stechenden Schmerz in den Augen, tastete ich mich die Wände meines Zimmers entlang bis zur Tür, stieß sie auf, zog mir Mantel und Schuhe an, eine Nummer zu klein, ging hinaus auf die Straße und weiter an Häusern und Plätzen vorbei. Trotz der Kälte rann mir der Schweiß von der Stirn und ich empfand eine sonderbare Genugtuung darüber: Ich kann das noch. Ich kann einen Fuß vor den anderen setzen. Ich habe es nicht verlernt. Alle Mühen, es zu verlernen, sind umsonst gewesen.
Ich versuchte nicht, mich zu täuschen. Nach wie vor ging es mir darum, für mich zu sein. Ich wollte niemandem begegnen. Jemandem zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil seines Gewebes zu werden, und dies galt es zu vermeiden.
4
Wenn ich an jenen ersten Freigang. Denn so muss sich ein Gefangener fühlen, der mit vergittertem Blick seine Zelle mit sich umherträgt, genau weiß, er ist nicht frei. Also wenn ich an jenen ersten Freigang zurückdenke, dann kommt es mir vor, als ob ich mich, eine Figur aus einem Schwarzweißfilm, inmitten einer bunten Szenerie bewegt hätte. Ringsherum schrien die Farben. Gelbe Taxis, rote Briefkästen, blaue Werbetafeln. Ihre Lautstärke betäubte mich.
Mit hochgeschlagenem Kragen bog ich um die Ecken und gab acht, dabei niemandem in die Füße zu stolpern. Mir graute bei der Vorstellung, mein Hosenbein könnte im Vorübergehen den Mantelzipfel eines anderen streifen. Ich presste die Arme an die Seiten und lief, lief, lief, ohne nach rechts, ohne nach links zu schauen. Die grausigste Vorstellung war die zweier Blicke, die sich in einem zufälligen Moment ineinander verhaken. Sekundenlang ineinander verweilen. Nicht loskommen voneinander. Solche Übelkeit. Ich war ihr Gefäß. Randvoll. Je weiter ich lief, desto mehr spürte ich das Gewicht meines Körpers. Ein dampfender Leib unter vielen zu sein. Einer stieß mich an. Ich konnte nicht länger an mich halten. Mit einer Hand vor dem Mund lief ich in den Park und übergab mich.
5
Ich kannte den Park und auch die Bank bei der Zeder kannte ich. Ferne Kindheit. Mutter würde mich zu sich winken, auf ihren Schoß hochnehmen und mir mit ausgestrecktem Zeigefinger die Welt erklären. Schau, ein Sperling! Sie machte Tschirp-tschirp. Ihr Atem auf meinen Wangen. Ein Kitzeln im Nacken. Mutters Haare wehten sachte hin und her. Wenn man klein ist, so klein, dass man glaubt, es wird ewig so bleiben, ist die Welt ein freundlicher Ort. Das war mein Gedanke, als ich sie wiedererkannte. Die Bank meiner Kindheit. Diese Bank, auf der ich lernen sollte, dass nichts so bleibt, wie es ist, und dass es sich trotzdem lohnt, auf der Welt zu sein. Ich lerne es immer noch.
Er würde sagen: Es war eine Entscheidung.
Und tatsächlich entschied ich mich dazu, über den Rasen zu gehen, auf die Bank zu und davor stehen zu bleiben. Ich war allein, umgeben von Stille. Niemand da, der mich dabei ertappt hätte, wie ich einmal, dann noch einmal um die Bank herum, in immer enger werdenden Kreisen um sie herumwanderte. Der Geschmack im Mund, als ich mich schließlich niedersetzte. Der Wunsch, wieder Kind zu sein. Wieder aus Augen zu schauen, die staunen. Ich meine, es sind meine Augen, die zuallererst krank geworden sind. Mein Herz ist ihnen lediglich nachgefolgt. Und so saß ich in viel zu dünnem Gewand. Noch dünner die Haut, unter der ich fröstelte.
6
Danach trieb es mich jeden Morgen hierher. Ich sah dem Schnee zu, wie er fiel, ich sah dem Schnee zu, wie er wieder schmolz. Glucksendes Rinnsal. Mit dem Frühling kamen die Menschen und ihre Stimmen. Ich saß mit zusammengebissenen Zähnen. Ein Würgen im Hals. Das war der Riss in der Wand. Er trennte mich von denen, die eingewoben waren. Ein verliebtes Pärchen schlenderte flüsternd an mir vorbei. Die heimlichen Worte, die zu mir herüberdrangen, tönten fremd wie die Worte einer Sprache, die ich nicht beherrschte. Ich bin glücklich, hörte ich, unsagbar glücklich. Ein klebriger Zungenschlag. Ich schluckte das Würgen hinunter.
Ob mich jemand bemerkte, ich bezweifle es, und wenn, dann wohl so, wie man ein Gespenst bemerkt. Man sieht es, klar und deutlich, mag nicht glauben, dass man es gesehen hat, und blinzelt es fort. Ich war ein solches Gespenst. Sogar die Eltern nahmen mich kaum mehr wahr. Wenn ich ihnen zu Hause im Eingang oder auf dem Flur begegnete, raunten sie ein ungläubiges Ah, du bist’s. Sie hatten es längst aufgegeben, mich zu den Ihren zu zählen. Wir haben unseren Sohn verloren. Er ist gestorben, noch vor seiner Zeit. So müssen sie es empfunden haben. Als einen lebendigen Verlust. Allmählich jedoch hatten sie sich damit abgefunden. Die Trauer, die sie anfangs um mich gehabt haben mögen, war der Einsicht gewichen, dass es nicht in ihrer Macht lag, mich zurückzugewinnen, und wie sonderbar die Situation für sie auch sein mochte, selbst im Sonderbaren hatte sich bald eine gewisse Ordnung eingestellt. Man wohnt nebeneinander unter einem Dach, und solange nichts davon nach draußen dringt, hält man es für schlichtweg normal, so unter einem Dach zu wohnen.
7
Heute begreife ich, dass es unmöglich ist, jemandem nicht zu begegnen. Indem man da ist und atmet, begegnet man der ganzen Welt. Der unsichtbare Faden hat einen vom Augenblick der Geburt an mit dem anderen verbunden. Ihn zu kappen, dazu bedarf es mehr als nur eines Todes, und es nützt nichts, dagegen zu sein.
Als er auftauchte, hatte ich keine Ahnung.
Ich sage: Er tauchte auf. Denn so war es. An einem Morgen im Mai war er plötzlich aufgetaucht. Ich saß auf meiner Bank, den Kragen hochgeschlagen. Eine Taube flog auf. Mir wurde schwindlig von ihrem Flügelschlag. Als ich die Augen zu- und wieder aufmachte, war er da.
Ein Salaryman*. Mitte fünfzig. Er trug einen grauen Anzug, ein weißes Hemd, eine rotgrau gestreifte Krawatte. In seiner Rechten schlenkerte er eine Aktentasche, braunes Leder. Er ging, sie hin- und herschlenkernd, mit vornübergeneigten Schultern und abgewandtem Gesicht. Irgendwie müde. Ohne mich anzuschauen, setzte er sich auf die gegenüberliegende Bank. Schlug ein Bein über das andere. Verharrte so. Bewegungslos. Das Gesicht in seiner Abgewandtheit gespannt. Er wartete auf etwas. Etwas würde geschehen. Gleich, gleich. Erst nach und nach lösten sich seine Muskeln und er lehnte sich seufzend zurück. Solch ein Seufzen, in ihm war das Etwas, welches nicht geschehen war.
Ein flüchtiger Blick auf die Uhr, dann zündete er sich eine Zigarette an. Der Rauch stieg in Kringeln empor. Das war der Beginn unserer Bekanntschaft. Ein scharfer Geruch in meiner Nase. Der Wind blies den Rauch in meine Richtung. Noch ehe wir Namen ausgetauscht hatten, war es dieser Wind, der uns miteinander bekannt machte.
8
War es sein Seufzen gewesen? Oder die Art, wie er die Asche wegschnippte? Selbstvergessen, von sich selbst vergessen. Ich scheute nicht davor zurück, ihn so, wie er mir gegenübersaß, zu betrachten.
Ich betrachtete ihn wie ein vertrautes Objekt, eine Zahnbürste, einen Waschlappen, ein Stück Seife, und auf einmal sieht man es wie zum ersten Mal, seinem Zweck vollständig entfremdet. Kann sein, dass es diese seine Vertrautheit war, die ein besonderes Interesse in mir hervorrief. Seine gebügelte Gestalt war die tausender anderer, die tagein und tagaus die Straßen füllen. Sie strömen aus dem Bauch der Stadt und verschwinden in hohen Gebäuden, in deren Fenstern der Himmel in einzelne Teile zerbricht. Sie sind der Durchschnitt, typisch in ihrer Unauffälligkeit, rasierte Vorstadtgesichter, zum Verwechseln ähnlich. Er zum Beispiel hätte mein Vater sein können. Ein beliebiger Vater. Und doch war er hier. So wie ich.
Wieder seufzte er. Diesmal leiser. Wer so seufzt, dachte ich, ist nicht nur irgendwie müde. Fühlte es mehr, als dass ich es dachte. Ich fühlte, das ist einer, der des Lebens müde ist. Die Krawatte schnürte ihm die Kehle zu. Er lockerte sie, sah erneut auf die Uhr. Gleich war es Mittag. Er packte sein Bentō* aus. Reis mit Lachs und eingelegtem Gemüse.
9
Er aß langsam, kaute jeden Bissen zehn Mal. Er hatte Zeit. Den Eistee schlürfte er in kleinen Schlucken. Auch dabei sah ich ihm zu. Schon fast ohne Verwunderung über mich selbst. Denn damals ertrug ich es kaum, einem andern beim Essen und Trinken zuzusehen. Er jedoch tat es mit solcher Behutsamkeit, dass ich darüber meine Übelkeit vergaß. Oder wie soll ich es beschreiben: Er tat es in vollstem Bewusstsein dessen, was er tat, und dies machte aus einem alltäglichen Akt wie diesem einen bedeutsamen. Jedes einzelne Reiskorn nahm er in sich auf, brachte sich ihm gleichermaßen dar, mit einem dankbaren Lächeln.
Bei jedem anderen wäre ich auf und davon gelaufen, hätte das Mahlen des Kiefers für eine Bedrohung, das Malmen der Zähne für eine Gefahr gehalten. Ich fand es ungeheuerlich, wie eins ums andere in den Mund hinein und hinunter in die Gedärme rutschte. Ich selbst schlang, ohne nachzudenken. Der innere Zwang, mich zu erhalten, mich trotz allem zu erhalten, war mir ein Rätsel, dem auf den Grund zu gehen ich sorgsam unterließ. Besser nicht nachdenken darüber.
Sobald er fertiggegessen hatte, war er wieder ein gewöhnlicher Salaryman. Er schlug die Zeitung auf, las den Sportteil zuerst. Die Giants*, fett gedruckt, hatten einen triumphalen Sieg davongetragen. Zustimmend nickte er, während er mit dem Finger die Zeilen entlangfuhr. Ein Ring. Er war also verheiratet. Ein verheirateter Giants-Fan. Wieder zündete er sich eine Zigarette an. Danach noch eine und noch eine, der Qualm hüllte ihn ein.
10
Der Park war durch seine Anwesenheit kleiner geworden. Er bestand nun aus nur mehr zwei Bänken, seiner und meiner, den paar Schritten, die uns voneinander trennten. Wann würde er aufstehen und gehen? Die Sonne war von Süden nach Westen gewandert. Es kühlte ab. Er verschränkte die Arme. Die Zeitung lag aufgeblättert auf seinen Knien. Eine Schar Schulkinder kam lärmend über den Rasen gestolpert. Zwei ältere Frauen unterhielten sich über ihre Krankheiten. So ist das Leben, sagte die eine, man wird geboren, um zu sterben. Er war eingeschlafen. Schwerer Kopf. Die Zeitung flatterte zu Boden. Jederzeit kann es zu Ende gehen, hörte ich, manchmal habe ich gar kein Gefühl mehr da drinnen.
Im Schlaf löste sich sein Gesicht auf. Silbrige Strähnen in der Stirn, unter den Lidern jagte ein Traum den anderen. Zuckende Oberschenkel. Ich empfand etwas, dünn wie der Faden Speichel, der aus seinem offenen Mund heraushing. Noch fehlte mir aber das Wort dafür. Erst jetzt fällt es mir ein. Mitgefühl. Oder der jähe Impuls ihn zuzudecken.
Als er endlich erwachte, sah er müder aus als zuvor.
11
Sechs Uhr.
Er zog die Krawatte enger. Der Park füllte sich mit den Geräuschen des herannahenden Abends. Eine Mutter rief: Komm, wir gehen nach Hause. Der zärtliche Klang, als sie nach Hause rief. Ein Ziehen im Nabel. Er strich sich die Haare aus der Stirn, gähnte, stand auf. In der Rechten die Aktentasche. Wartete eine unschlüssige Sekunde lang. Worauf? Ging los und verschwand, grauer Rücken, hinter einem der Bäume. Ich sah ihm nach, bis er gänzlich verschwunden war, und es muss wohl in diesem Moment gewesen sein, in dem kurzen Moment, da ich ihn aus den Augen verlor, dass ich so seufzte wie er.
Und wenn schon. Ich schüttelte mich. Ich schüttelte ihn ab. Was hatte ich mit einem zu tun, den ich ohnehin nie mehr wiedersehen würde? Die alte Übelkeit erfasste mich. Unerträglich, wie ich mich schauend in das Schicksal eines Fremden gemengt hatte. Als ob es mich beträfe. Voll alten Ekels schüttelte ich ihn aus meinen Händen und Füßen. Wie schon gesagt: Ich hatte keine Ahnung. An jenem Abend, als ich mich zu Bett legte, das Laken schlug Wellen, an jenem Abend hatte ich nicht die geringste Ahnung, warum ich, kurz vor dem Ertrinken, sein Gesicht an der Wand zerbröseln sah. Ich trieb im Gewässer meiner Ahnungslosigkeit. Durch den Spalt in den Vorhängen schien der Mond darauf.
12
Ich hatte ihn nicht vergessen, als ich mich Tags darauf auf den Weg in den Park machte. In meinen Träumen war er mir abwechselnd als ein Reiskorn, eine Zigarette, ein Baseballschläger, eine Krawatte erschienen. Das letzte Bild war ein verschwommenes: ein Mann in einem Raum ohne Wände. Mit jedem Schritt wurde es blasser, ich löschte es aus.
Bei meiner Bank angelangt, war ich erleichtert, die seine leer vorzufinden. Dort, wo er gesessen hatte, war keine Spur von ihm zurückgeblieben. Ein Putztrupp war gerade dabei, die Mülleimer auszuräumen. Die Zigarettenstummel waren bereits zusammengefegt und in einen Plastikbeutel gekippt worden. Kein Ascheflöckchen erinnerte an ihn. Der Park war so groß, wie er eben war. An einem der Grashalme, die hier und dort aus dem Kies herauswuchsen, funkelte ein Tautropfen. Ich bückte mich nach ihm, er war warm von der Morgensonne. Als ich wieder hochkam, war er, wie am Tag davor, plötzlich aufgetaucht.
Ich erkannte ihn an seinem Gang. Ein wenig schief. Wie wenn er jemandem ausweichen wollte. So gehen die Menschen, die es gewohnt sind, sich durch eine wimmelnde Masse zu bewegen. Er trug denselben Anzug, dasselbe Hemd, dieselbe Krawatte. Die Aktentasche, schlenkernd. Eine Wiederholung. Er setzte sich, schlug die Beine übereinander, wartete, lehnte sich zurück. Seufzte. Dasselbe Seufzen. Blies den Rauch in Kringeln aus Nase und Mund. Ihn aus meinem Gedächtnis löschen zu wollen, war nunmehr vergeblich. Er war da, hatte in mir Platz genommen, war eine Person geworden, über die ich sagen konnte: Ich erkenne sie wieder.
13
Er hatte ein Stück Brot bei sich. Umständlich wickelte er es aus dem Papier, zerriss es in immer kleinere Hälften, formte Kügelchen daraus und streute sie vor die gurrenden Tauben. Für euch, hörte ich ihn murmeln. Und als er fertig war: Ksch-ksch. Weiße Federn wirbelten auf ihn herab. Eine war auf seinem Kopf gelandet. Sie verfing sich in seinem zurückgekämmten Haar und gab ihm etwas Verspieltes. Wäre er in T-Shirt und kurzen Hosen dagesessen, man hätte ihn für ein Kind halten können. Sogar die Langeweile, in die er kurz danach verfiel, war die eines Kindes. Er witschte unruhig hin und her. Bohrte die Fersen in den Boden. Blähte die Wangen auf. Ließ die Luft langsam entweichen.
Ich musste an die zähe Ewigkeit eines eben erst angebrochenen, endlos hingestreckten Tages denken. Die Gewissheit, dass er vergehen würde, war nichts gegen die fade Melancholie, mit der er verging, und Melancholie, dachte ich weiter, war das Wort, das uns beiden auf die Stirn geschrieben stand. Es verband uns. Wir trafen uns in ihm.
Im Park war er der einzige Salaryman. Im Park war ich der einzige Hikikomori*. Etwas stimmte nicht mit uns. Er sollte eigentlich in seinem Büro, in einem der Hochhäuser, ich sollte eigentlich in meinem Zimmer, zwischen vier Wänden hocken. Wir sollten nicht hier sein oder wenigstens nicht so tun, als ob wir hierher gehörten. Hoch über uns ein Kondensstreifen. Wir sollten nicht hochschauen, in diesen blauen, blauen Himmel. Ich blähte die Wangen auf. Ließ die Luft langsam entweichen.
14
Zu Mittag kamen andere wie er. Sie kamen in Grüppchen, setzten sich, die Krawatte über die Schulter nach hinten geworfen, auf die Bänke weiter abseits, und saßen, ein jeder mit seinem Bentō, fröhlich plaudernd beieinander. Endlich Pause, lachte einer, endlich Beine ausstrecken. Sein Lachen setzte sich fort in dem der anderen.
Warum war er nicht bei ihnen? Ich stellte Mutmaßungen an. Vielleicht war er einfach nur ein Durchreisender und er hatte den Anschluss verpasst. Musste warten, bis. Oder war einfach nur. Ich konnte es mir nicht erklären.
Sein Bentō, das waren dieses Mal Reisbällchen, Tempura*, ein Algensalat. Er brach die Stäbchen entzwei, hielt inne, wischte sich, eine heimliche Bewegung, mit dem Handrücken über die Augen. Sein angespannter Kiefer, ich sah es, er zitterte. Beschämt sah ich, er weinte. Es war ein zugeschnürtes Weinen, und ich allein war sein Zeuge. Die Beschämung darüber hielt an: Wer weint zu helllichter Stunde? Wer stellt sich dermaßen bloß? Und nicht nur sich selbst, sondern auch mich, seinen Beobachter! Er sollte nicht weinen, nicht vor mir. Er sollte die Tür hinter sich zumachen. Er sollte das wissen. Dass Weinen Privatsache ist. Mich schauderte wie bei der Erinnerung an einen zerquetschten Leib auf dem Asphalt. Schaurig. Daneben zu stehen, dumm vor Betroffenheit. Die weiße Hand, merkwürdig verdreht, zeigte auf mich. Von allen Umstehenden auf mich. Ich wollte blind sein. Das Licht der Rettungswagen schrie mich an. Nie wieder, hatte ich mir geschworen, wollte ich teilhaben am Leid eines anderen. Er sollte das wissen. Dass Weinen und Sterben Privatsache sind.
15
Ein Räuspern. Er hatte sich gefasst. Eben noch mit zitterndem Kinn, nun wieder gerade und ohne zu blinzeln. Eine Zigarette zwischen den Lippen ging er hinter das Gebüsch. Ein Reißverschluss zurrte auf und wieder zu. Das Knacken von Ästen. Ich hatte zu viel gesehen. Noch bevor er zurückkam, war ich auf den Beinen und davongelaufen. Aus dem Park hinaus, über die Kreuzung, an Fujimotos Gemischtwarenhandlung vorbei. Nach Hause. In mein Zimmer. Das Einrasten des Schlosses. Ich war in Sicherheit. Staubiges Flirren, ich zog die Vorhänge zu.
Am nächsten Morgen schlief ich länger als sonst. Ich überhörte das Läuten des Weckers nebenan, blieb liegen, schlief wieder ein. Träumte von einem unsichtbaren Faden, der mir die Luft zum Atmen nahm. Japsend wachte ich schließlich auf. Nichts war geschehen. Mit diesem Satz, nichts war geschehen, und seinen Folgesätzen, nichts geschieht, nichts wird jemals geschehen, machte ich mich auf den Weg.
Als ich den Park betrat, saß er zusammengekrümmt über seiner Zeitung. Neben ihm die leere Bentō-Box. Er schnarchte. Die Giants und das Geheimnis ihres Erfolges, las ich, an ihm vorüberschleichend, auf seinen Knien. Die Krawatte hatte er aufgeknüpft. Sie baumelte lose um seinen Hals. Gekräuseltes Nackenhaar. Ich gab es auf. Und auch das war eine Entscheidung. Es aufzugeben und ihm, der da schnarchte, einen Namen zu geben. So weit war es gekommen, dass ich ihm einen Namen gab. Nicht Honda. Nicht Yamada. Nicht Kawaguchi. Ich nannte ihn einfach Krawatte. Der Name passte zu ihm. Rotgrau.
16
Krawatte also.
Es ist die Krawatte, die Sie trägt, nicht umgekehrt. Später war das ein Scherz zwischen uns. Die Krawatte trägt Sie. Woraufhin er lächelte, dann lachte, in lautes Gebrüll losbrach. Du hast Recht. Es ist ein Irrtum, zu glauben, ich sei derjenige, der sie trägt. Ich trage nichts, gar nichts. Woraufhin er abrupt abbrach, dann schwieg, nur mehr schwieg. Hätte ich dieses Schweigen vorausgesehen, ich hätte ihm einen anderen Namen gegeben. Doch um seines Lachens willen, des Lachens, das seinem Schweigen voranging, hat es sich wohl gelohnt, ihn so zu nennen. Viel zu selten hat er gelacht.
Der Name verpflichtete mich ihm. Wie davor schon ein vages Mitgefühl, begann ich, eine vage Verantwortung zu empfinden. Bei ihm zu sein, ihn nicht alleine zu lassen. Grotesk das, Verantwortung für einen Menschen zu empfinden, von dem man nicht mehr nur sagen konnte: Ich erkenne ihn wieder. Sondern: Ich kenne ihn. Ich weiß, wie er atmet, wenn er schläft. Der Name verwickelte mich. Nicht länger fühlte ich die Freiheit, einfach aufzustehen und davonzugehen. Dass ein Name solch eine Macht besitzt.
17
Ein halber Monat verging. Er erschien jeden Montag, Punkt neun, jeden Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Nur an den Wochenenden blieb er aus. Er fehlte mir dann. Ich hatte mich so weit an seine Anwesenheit gewöhnt, dass mir der Park in seiner Abwesenheit, meine eigene Anwesenheit darin irgendwie sinnlos vorkam. Ohne ihn, der mir Fragen aufgab, war ich ein Fragezeichen, das keinen Zweck erfüllt. Auf einem weißen Blatt Papier steht es da und fragt ins Leere hinein.
Einmal, im Juni, es war ein wolkenschwerer Freitag, war er gerade dabei einzunicken, als es zu nieseln anfing. Er schreckte hoch, stülpte sich die Zeitung über den Kopf, während ich, vorsorglicher Freigänger, meinen Schirm aufspannte, die Beine einzog, mich ganz unter das schützende Dach kauerte. Erst tröpfelte es, aus Tropfen wurden bald Schnüre. Er streckte die Hände in den Regen, ließ die Zeitung fallen, schloss die Augen. Ich beobachtete, wie sich das Wasser in seinen Händen sammelte. Er hatte sie zu einem Becher geformt. Plitsch-platsch, es sprenkelte ihn an. Ich war überrascht. Kein Salaryman setzt sich gerne dem Regen aus. Ringsherum war der Park undeutlich verwaschen. Fliehende Leute überall. Kein Mensch, der gesund ist, setzt sich gerne dem Regen aus. Ganz und gar hingegeben, schien er, schon nass bis auf die Knochen, kein größeres Glück zu kennen als derart nass zu werden. Ich starrte gebannt auf sein glückliches Gesicht. Er öffnete die Augen. Blickte mich, unvermutet, durch den Regen hindurch an. Ich sprang auf. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mit diesem unvermuteten Blick, der um mich wusste. Ich bin nicht allein, stand darin, du bist da. Dann schloss er erneut die Augen.
18
Ich war aus meiner Unbemerktheit gefallen, aus meinem Gehäuse. Aber das stimmt so nicht. Sein Blick und die Anerkennung, die mir daraus entgegengeleuchtet war, hatten lediglich den Raum um mich herum ein wenig gelichtet. Morgens nickte er mir zu. Ich nickte zurück. Abends hob er die Hand, wenn er ging. Ich hob die meine. Ein stummes Einverständnis. Du bist da. Ich bin da. Wir haben beide das Recht, einfach nur da zu sein.
Was sich zwischen uns verändert hatte, war bloß eines. Ich ahnte es. Dass ich jetzt, da er mich bemerkt hatte, ein Bild in ihm geworden war. Er hatte jetzt eine Vorstellung von mir, und seine tägliche Begrüßung galt dem Bild, das er sich von mir gemacht hatte. Er besah es sich. Ruhig. Sein Schauen war nicht aufdringlich. Ich wurde aufgenommen in seine Erinnerungen. Er erinnerte sich an einen Tag am Meer, feinkörniger Sand, struppiges Dünengras, er erinnerte sich an den Bart seines Vaters, harte Stoppel am Kinn, an ein bestimmtes Licht, wie es an einem Morgen im Spätherbst über den Rücken seiner Frau hinfiel, an ein Lächeln im Schaufenster, zufällig, das warme Fell einer Katze, die sich an ihn schmiegte. Er hatte tausend Erinnerungen, tausend Bilder, und ich war jetzt, da er mich bemerkt hatte, eines davon.
Ich ließ es zu. Ich bot ihm mein Profil, hielt still, damit er es in sich aufnehmen konnte. Schaute selbst auch zu ihm hin. Nahm ihn weiter in mich auf. So wurde aus unserer minimalsten Bekanntschaft eine minimale Freundschaft.
19
Miteinander zu sprechen wäre zu diesem Zeitpunkt noch eine Übertretung gewesen. Da war eine Grenze, der Kiesweg. Hier meine, dort seine Bank. Dazwischen Grashalme, ein rollender Ball, ein Kind, das hinterherpurzelte.
Zwei Jahre lang hatte ich mich darin geübt, das Sprechen zu verlernen. Zugegeben, es war mir nicht gelungen. Die Sprache, die ich gelernt hatte, durchdrang mich, und sogar, wenn ich schwieg, war mein Schweigen beredt. Ich sprach innere Monologe, sprach unentwegt in die Sprachlosigkeit hinein. Der Klang meiner Stimme jedoch hatte sich in mir verfremdet. Nachts wachte ich zuweilen schweißgebadet aus einem Albtraum auf, nur um ihn fortgesetzt zu finden in dem rohen Aaah, das aus meinem Bauch, meinen Lungen, meiner Kehle drang. Wer ist das, der da schreit, fragte ich mich und schlief wieder ein. Wanderte durch eine Landschaft, in der jeder Laut im Moment seines Entstehens verhallte. Der letzte Satz, den ich ausgesprochen hatte, war gewesen: Ich kann nicht mehr. Punkt. Ein vibrierender Punkt. Danach war etwas zugeschnappt. Die Anstrengung, die es kosten würde, dort weiterzusprechen, wo ich aufgehört hatte, stand gegen die Sinnlosigkeit, in Worte zu fassen, was sich nicht ausdrücken ließ.
Mein Zimmer glich nach wie vor einer Höhle. Hier war ich groß geworden. Hier hatte ich im eigentlichsten Sinne meine Unschuld verloren. Ich meine, groß zu werden bedeutet einen Verlust. Man glaubt zu gewinnen. In Wahrheit verliert man sich. Ich trauerte um das Kind, das ich einmal gewesen war und das ich in raren Momenten in meinem Herzen wild um sich schlagen hörte. Mit dreizehn war es zu spät gewesen. Mit vierzehn. Mit fünfzehn. Die Pubertät ein Kampf, an dessen Ende ich mich verloren hatte. Ich hasste mein Antlitz im Spiegel, das Sprießende, Treibende darin. Die Narben an meiner Hand stammen alle von dem Versuch, es wiedergutzumachen. Unzählige Spiegel, zerschlagen. Ich wollte kein Mann sein, der glaubt, er gewinnt. In keinen Anzug hineinwachsen. Kein Vater sein, der seinem Sohn sagt: Man muss funktionieren. Vaters Stimme. Mechanisch. Er funktionierte. Wenn ich ihn ansah, sah ich eine Zukunft, in der ich langsam, zu langsam ums Leben kommen würde. Nichts funktioniert, hatte ich zurückgegeben. Und dann: Ich kann nicht mehr. Dieser letzte Satz war mein Leitspruch. Das Motto, das mich überschrieb.
20
Derart überschrieben saß ich auf meiner Bank, als er wieder einmal, Punkt neun, plötzlich aufgetaucht war. Es war ein Donnerstag, ich erinnere mich: Er kam, gebeugt wie unter einer schweren Last. Ich bildete mir ein, er sei über Nacht gealtert. Die Falten an seinem Hals, als er mir zunickte. Da bist du ja. Ich nickte zurück. Und mehr noch als das: Ich nickte eine Einladung. Mir selber unbegreiflich, nickte ich ihm, der gealtert war, zu und nickte selbst dann noch, als er mir entgegenkam, zögernd, über die Grenze hinweg, und mir eine Zigarette anbot.
Ōhara Tetsu. Er verbeugte sich leicht. Hajimemashite.* Du rauchst nicht? Ist gut. Fang besser gar nicht damit an. Es ist eine Abhängigkeit. Siehst du, ich brauche das. Er setzte sich neben mich, zwischen uns seine Aktentasche. Das Klicken des Feuerzeugs, er paffte. Eins dieser Dinge, sagte er, die ich nicht lassen kann. Wieder nickte ich. Ich habe alles probiert. Umsonst. Ich komme nicht los davon. Mir fehlt der Wille. Sicher kennst du das. Belegte Stimme, er hüstelte. In der Firma, sagte er weiter, rauchen alle. Es ist der Stress, der nie aufhört. In der Firma. Er bückte sich, drückte die Zigarette aus. Den Rest des Morgens verbrachten wir schweigend auf unserer Bank. Mit einem Nicken war sie zu unserer geworden.
Hin und wieder kam jemand vorbei. Eine Mutter, die einen Kinderwagen schob. Ein hinkender Mann. Ein Grüppchen Schulschwänzer in zerknitterten Uniformen. Die Erde drehte sich. Auffliegende Vögel. Ein Schmetterling, der sich für Sekunden auf der Bank gegenüber niederließ. Nebeneinander sitzend, schauten wir ihm nach, wie er davonschwebte. Leise Ahnung, dass es von nun an kein Zurück mehr gäbe.
21
Von Kyōko, sagte er, als er zu Mittag sein Bentō auspackte. Karaage* mit Kartoffelsalat. Von meiner Frau. Sie ist eine wunderbare Köchin. Magst du? Nein? Er lächelte verlegen. Du musst wissen, sie steht jeden Morgen um sechs Uhr auf, um mir mein Bentō zuzubereiten. Dreiunddreißig Jahre lang. Jeden Morgen um sechs. Und das Beste daran: Es schmeckt! Er rieb sich den Bauch. Fast zu gut, stockend, für einen wie mich. Aber, nicht wahr, ich habe Glück! Mit diesen Worten wandte er sich seinem Essen zu.
Vor meinem inneren Auge sah ich Kyōko, seine Frau, im Nachthemd in der Küche stehen. Zischendes Öl. Ein Klecks Marinade an ihrem Ärmel. Sie hackt und rührt. Schält. Schneidet. Salzt. Das ganze Haus ist erfüllt von den Geräuschen des Hackens und Rührens. Des Schälens. Schneidens. Salzens. Er wacht auf. Noch halb im Schlaf, denkt er: Ich habe Glück. Er denkt es mit einer in ihrer Unermesslichkeit kaum erträglichen Traurigkeit: Ich habe verdammt großes Glück. Er steht auf. Geht ins Badezimmer. Beugt sich über das Waschbecken und dreht kaltes, sehr kaltes Wasser auf. Hält das Gesicht hinein, die Haare, den Nacken. Dreht weiter. Taucht auf. Und wieder unter. Bleibt untergetaucht. Dreht zu. Bleibt unten. Hört das Glucksen im Abfluss. Dreht auf. Zu. Auf. Zu. Sieht, wie das Wasser sich in Tropfen, die Tropfen sich in Tröpfchen teilen. Ein Klecks Zahnpasta am Beckenrand. Weiß auf Weiß. Er greift mit dem Finger hinein und –
– Kyōko weiß es nicht. Ein leichtes Aufstoßen. Er sprach wie zu sich selbst: Kyōko weiß nicht, dass ich hierher komme. Ich habe es ihr nicht gesagt. Gedehnte Silben: Ich ha-be ihr nicht ge-sagt, dass ich mei-ne Ar-beit ver-lo-ren ha-be.
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Die Pause danach. Ich war zum Mitwisser geworden. Eben erst ausgesprochen, hatte uns sein Geheimnis zu Verbündeten gemacht. Es war das Gewicht in meinen Füßen, die Unmöglichkeit, endgültig, auf und davonzugehen. Er hatte sich mir anvertraut, allein mir. Ich schaute auf die Schuhe, die mich drückten. Ausgebeult und abgegangen. Einen halben Meter vor sich stellte er die Fersen auf. Schwarzes Leder, glattpoliert. Vaters Schuhe, schoss es mir durch den Kopf. Ob wohl auch er manchmal Sehnsucht danach hat, sich jemandem anzuvertrauen? Mit einiger Bitterkeit bemerkte ich: Ich wusste weniger über ihn als über den, dessen Namen ich vor knapp drei Stunden erst erfahren hatte. Ein Grund mehr, neben ihm sitzen zu bleiben und ihm erneut, über seine Aktentasche hinweg, zuzunicken.
Schon komisch. Er nahm den Faden wieder auf. Es ist nicht so, dass ich es Kyōko nicht sagen wollte. Nein, ich wollte es. Aber dann. Ich brachte es nicht übers Herz. Irgendetwas hielt mich zurück. Vielleicht die Gewohnheit. Grauer Rauch aus seinem Mund. Die Gewohnheit, in der Früh aufzustehen und mir das Gesicht zu waschen. Sie bindet mir die Krawatte. Im Hinausgehen rufe ich: Einen schönen Tag. Sie ruft: Dir auch. Sie winkt mir nach. Bei der ersten Wegbiegung drehe ich mich noch einmal nach ihr um. Ihre Gestalt vor dem Haus. Wie eine wehende Fahne. Ich könnte zurücklaufen. Aber da kommt schon der Bus. Ich steige ein. Es geht zum Bahnhof. In den Schnellzug. Nach A. In die U-Bahn. Nach O. Auf eine Art, er lachte, geht es. Nicht ich. Er lachte noch immer. Es geht.
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Und du? Was treibt dich her? Ich zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung? Hm, du bist ja noch jung. Achtzehn? Ich fror ein. Neunzehn? Zwanzig? Unglaublich, so jung. Alles vor sich zu haben. Nichts hinter sich. Er seufzte. Unglaublich, selbst einmal so jung gewesen zu sein. Dabei. Was heißt das schon? Ich meine, es gibt für jeden nur ein Alter. Ich war und bin, werde immer achtundfünfzig sein. Du aber. Pass auf, welches Alter du dir aussuchst. Es klebt an einem. Es klebt einen zu. Das Alter, das du dir aussuchst, ist wie Klebstoff, der sich um dich herum verhärtet. Diese Weisheit stammt allerdings nicht von mir. Ich habe sie aus einem Buch. Einem Film. Ich weiß es nicht mehr. Man merkt sich Sachen. Unglaublich. Man merkt sich ein Leben lang Sachen.
Während er in der Zeitung las, dachte ich darüber nach, was er gesagt hatte. Doch je mehr ich darüber nachdachte, entglitt mir das Was und stattdessen war es das Wie, das mich gefangen nahm. Der verbrauchte Tonfall, mit dem er den Wörtern einen herben Geschmack beigegeben hatte. Ob jung oder unglaublich, beides hatte so, wie er es gesagt hatte, eine würzig schwere Note bekommen und beides war so, wie ich es gehört hatte, ein und dasselbe Wort gewesen. So spricht man, dachte ich, wenn man sehr lange geschwiegen hat. Alle Wörter sind einem dann gleich und man kann kaum verstehen, was das eine vom anderen trennt. Ob Klebstoff oder Leben, es machte keinen allzu großen Unterschied.
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Sein Schlaf kam jäh. Auf Seite zwei des Sportteils hatte er ihn erwischt. Die Lehne im Rücken war er mit gesenktem Kopf eingedöst. Seine Handflächen offen über dem Mannschaftsbild der Giants. Ein Netz aus Linien. Die des Herzens durchkreuzt. Schmierige Druckerschwärze am rechten Zeigefinger. Wieder glich er einem Kind. Harmlos. In seiner Harmlosigkeit unbeschützt. Und wieder spürte ich den Wunsch, ihn zuzudecken, diesen natürlichen Wunsch, ihn, wie auch immer, vor einem Unheil zu bewahren.
Als er erwachte, war es schon halb sechs vorbei. Gähnend streckte er sich und wischte sich den Sand aus den Augen. Ein paar Minuten noch, sagte er zwinkernd, dann geht der Tag zu Ende. Keine Überstunden heute. Er faltete die Zeitung zusammen. Das Schönste am Arbeiten ist das Nachhausekommen. Mein erster Satz, wenn ich, durch die Tür herein, im Eingang stehe. Es riecht nach Knoblauch und Ingwer. Frisch gedünstetem Gemüse. Ich stehe im Eingang, sauge diesen Geruch in mich ein und sage: Das Schönste am Arbeiten ist das Nachhausekommen. Kyōko schimpft mich einen Dummkopf dafür. Aus ihrem Mund klingt es wie das zärtlichste Du. Ganz ohne Beleidigung. Verstehst du? Sie könnte mich weitaus Schlimmeres nennen. Einen Lügner, einen Betrüger. Und trotzdem wäre darin, ich hoffe es inständig, dieselbe Zärtlichkeit, mit der sie mich einen Dummkopf schimpft. Obwohl. Ich will es lieber nicht wissen. Solange noch Hoffnung ist, will ich nicht wissen, wie es wäre, wenn ich ihr die Wahrheit sagte. Und wozu überhaupt? Sie hat Besseres, sehr viel Besseres als die Wahrheit verdient.
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Fünf vor sechs. Er zupfte sich die Krawatte zurecht. Nicht zu hastig. Eher, als ob er sich zurückhalten müsste. Ein gezäumtes Pferd, das sich selbst am Riemen reißt. Immer wieder schüttelte er seinen Arm in die Höhe, schob den Hemdsärmel beiseite, schaute auf die Uhr. Ich gehe jetzt. Drei vor sechs. Nein, ein bisschen noch. Zwei vor sechs. Nun aber wirklich. Eins vor sechs. Also dann. Bis morgen? Ich nickte. Er sagte leise, fast nicht hörbar: Ich danke dir. Ein letzter Blick auf das Handgelenk. Punkt sechs. Mit einem Ruck hatte er sich erhoben. Ich tat es ihm nach. Wir standen Aug in Aug, gleich groß. Auf Wiedersehen. Meine Stimme. Nach zwei Jahren des Schweigens war sie von gläserner Durchsichtigkeit. Auf Wiedersehen. Das war es. Ein krispes Aufeinandertreffen von Konsonanten und Vokalen. Noch einmal verstummte ich. Danach brach es aus mir heraus: Mein Name ist Taguchi Hiro. Ich bin zwanzig Jahre alt. Zwanzig ist das Alter, das ich mir ausgesucht habe. Ich verbeugte mich, linkisch, blieb in der Verbeugung, bis er gegangen war. Sonderbare Genugtuung: Ich kann das noch. Mich jemandem vorstellen. Ich habe es nicht verlernt. Auch wenn mir mein Name auf der Zunge zerkrümeln mag.
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Während ich nach Hause ging, spann ich seine Geschichte weiter. Vielleicht hatte es gereicht, dass er sich mir anvertraut hatte, und er würde an diesem Abend noch heimkehren und sich aussprechen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht würde er es so lange hinausschieben, bis die letzten Ersparnisse aufgebraucht wären. Und vielleicht war es gerade das, worauf er wartete: Dass Kyōko dahinterkäme. Dass sie eines Tages aufwachte, mit dem mulmigen Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Sie würde Nachforschungen anstellen, ihm auf die Schliche kommen, ihn zur Rede stellen. Und vielleicht waren wir uns eben darin ähnlich. Wir sahen beide dabei zu, wie uns alles entglitt, und fühlten beide eine heimliche Erleichterung darüber, nicht in der Lage zu sein, die Dinge geradezubiegen. Vielleicht war das der Grund, warum wir aufeinandergetroffen waren. Um gleichzeitig und unabweisbar festzustellen: Dass es uns nicht möglich ist, nicht von hier, nicht von jetzt aus, das, was geschehen ist, rückgängig zu machen. Und vielleicht war deshalb seine Geschichte auch die meine. Sie handelte von dem, was er unterlassen hatte und was demnach nicht rückgängig zu machen war.
So viele Menschen, die nach Hause gingen. So viele Schuhe im Gleichschritt, ich kam aus dem Takt. Dort vorne, unter der Straßenlaterne, sah ich Vater, wie er an einem blühenden Strauch vorbei, den Blick stur zu Boden, von der Arbeit kam. Er sah mich nicht. Ich hatte mich rechtzeitig hinter einem Getränkeautomaten versteckt. Ich wollte uns, ihm und mir, die Peinlichkeit ersparen, uns auf offener Straße zu begegnen und nichts zu sagen zu wissen. Erst als er um die Ecke gebogen war, tat es mir leid, ihm nicht wenigstens einen Guten Abend gewünscht zu haben.
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Ein herrlicher Tag, was? Wenn der Himmel so blau ist, würde man am liebsten ans Meer hinausfahren. Schade eigentlich. Er sah kopfschüttelnd an sich herunter. Da habe ich frei und bin es doch nicht. Aber morgen ist auch noch ein Tag. Er setzte sich. Seufzte. Taguchi Hiro also. Ich dachte ja schon, du seist stumm und irgendwie, ich gebe es zu, wäre mir das sogar recht gewesen. Natürlich nicht wirklich, wenn du verstehst. Er kratzte sich am Kinn. Vor dem Grün der Bäume hinter ihm warf eine Läuferin die Arme in die Luft. Sie trabte weiter, rotes Stirnband. Von der Straße kam leises Gehupe. Das Geräusch von Autos, an- und abschwellend. Es verfing sich in den Büschen ringsherum, blieb außerhalb des innersten Kreises, der uns umschloss.
Er fuhr unvermittelt fort. Irgendwie wäre es mir recht, wenn Kyōko wüsste, dass ich hierher komme. Sie tröstet mich, die Vorstellung, sie wüsste, instinktiv, aus ihrem Bauch heraus, wäre, weil sie es wüsste, meine Komplizin, machte mir zuliebe mit. Erbärmlich, nicht wahr? Die Vorstellung, sie würde aus freien Stücken mitmachen. Heute früh, als sie mir die Krawatte band, sagte sie, und sie sagte es ernst: Wenn man nur verrückt genug wäre, alles anders zu machen. Einmal auszubrechen, sagte sie und holte kurz Luft. Das wäre der Moment gewesen, ihr zu gestehen, dass ich längst draußen bin. Aber da hatte sie die Krawatte schon fertiggebunden und was blieb, war alleine die Scham. Ich schäme mich meiner Scham. Wie viel Kraft ich dafür aufwende, sie vor mir selbst und Kyōko zu verbergen. Denn es ist doch so: Ich habe nicht nur meine Arbeit verloren. Der Verlust, der am schwersten wiegt, ist der der Selbstachtung. Mit ihm fängt aller Niedergang erst an. Wenn man am Ende eines überfüllten Bahnsteigs steht, die Lichter des herannahenden Zuges sieht und sich dabei ertappt, den einen Augenblick zu berechnen, in dem ein Sprung auf die Gleise den sicheren Tod bedeuten würde. Man tritt einen Schritt nach vorn. Man spürt jetzt! jetzt! jetzt! und dann: Nichts! So ein dunkles Nichts! Nicht einmal dafür taugt man noch. Der Zug fährt ein. Er ist voller Menschen. Man spiegelt sich in den Fenstern, die an einem vorübergleiten, und erkennt sein eigenes Gesicht nicht mehr.
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