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Miguel de Cervantes

Don Quixote

Saga

Don Quixote ÜbersetztLudwig Tieck Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1605, 2020 Miguel de Cervantes-Saavedra und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726642919

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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PROLOG

Müßiger Leser. — Ohne Schwur magst du mir glauben, daß ich wünsche, dieses Buch, das Kind meines Gehirns, wäre das schönste, lieblichste und verständigste, das man sich nur vorstellen kann. Ich habe aber unmöglich dem Gesetz der Natur zuwider handeln können, daß jedes Wesen sein Ähnliches hervorbringt. Was konnte also mein unfruchtbarer, ungebildeter Geist anders erzeugen, als die Geschichte eines dürren und welken Sohnes, der wunderlich und voll seltsamer Gedanken ist, die vorher noch niemand beigefallen sind: wie erzeugt sichʼs auch gut in einem Gefängnisse, wo jede Unbequemlichkeit zu Hause ist, und alles traurige Geräusch seine Wohnung hat? Ruhe, ein angenehmer Aufenthalt, die Lieblichkeit der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Gemurmel der Quellen, diese Begünstigungen machen selbst die unfruchtbarsten Musen fruchtbar, und teilen der Welt Werke mit, die Bewunderung und Frucht erregen. Ein Vater hat wohl einen häßlichen, unliebenswürdigen Sohn, aber die Liebe, die er zu ihm trägt, knüpft ihm eine Binde um die Augen, so daß er seine Fehler nicht sieht, oder sie wohl für Annehmlichkeit und geistreiche Züge hält und sie allen seinen Freunden für Witz und Scharfsinn anrechnet. Ich aber, wenn ich auch der Vater scheine, bin nur der Gevatter des Don Quixote und will nicht dem Strome der gewöhnlichen Sitte folgen, dich nicht, geliebter Leser, wie wohl andere tun, mit Tränen in den Augen bitten, daß du die Fehler, die du an diesem Kinde wahrnimmst, vergeben oder übersehen mögest: denn du bist ja weder sein Verwandter noch sein Freund, du hast deine Seele für dich in deinem Körper, so uneingeschränkten Willen, daß einem das Herz im Leibe lacht, du bist in deinem Hause und darin so unumschränkter Herr, wie der König in seinen Domänen, und du weißt das Sprichwort recht gut zu schätzen, daß jeder in seinen vier Pfählen der Klügste ist. Dies zusammengenommen befreit und erlöst dich von jeder Achtung und Verpflichtung, und du kannst also von dieser Geschichte sagen, was dir gut dünkt, ohne Furcht, daß man dich für das Böse, das du sprichst, schelten, noch für das Gute, welches du von ihr redest, belohnen wird.

Ich wollte dir diese Geschichte nackt und bloß überreichen, ohne den Schmuck eines Prologs, ohne die unzählige Schar der herkömmlichen Sonette, Epigramme und Empfehlungsgedichte, die man vor den Anfang der Bücher zu setzen pflegt. Denn ich muß dir sagen, ob mir das Buch auszuarbeiten wohl einige Mühe kostete, halte ich doch die für die größte, diese Vorrede zu machen, die du jetzt liesest. Ich habe oft die Feder genommen, um zu schreiben, und sie ebensooft wieder hingeworfen, weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte: indem ich nun nachdenkend bin, das Papier vor mir, die Feder hinter dem Ohre, den Ellenbogen auf dem Tische und die Hand an der Wange, wohl sinnend, was ich sagen solle, tritt ein Freund von mir herein, der munter und verständig ist, und wie er mich so schwermütig sieht, fragt er nach der Ursache. Ich verhehlte sie ihm nicht, sondern sagte, wie ich auf den Prolog sinne, den ich zur Geschichte des Don Quixote machen wolle, und daß mich dies so anstrenge, daß ich ihn gar nicht machen und ebensowenig die Taten dieses edlen Ritters ans Licht stellen wolle. Soll ich denn nun nicht darüber in Sorgen sein, was der alte Gesetzgeber, der Haufen genannt, sagen wird, wenn er nun sieht, wie nach so vielen Jahren, in denen ich in Stillschweigen und Vergessenheit geschlafen habe, ich nun nach so manchem Jahre mit einer Lektüre hervortrete, trocken wie eine Binse, ohne Erfindung, mit schlechtem Stil, arm an Ideen und gänzlich ohne Gelehrsamkeit und Literatur, ohne Bemerkungen am Rande und ohne Anmerkungen am Ende des Buches, wie ich doch sehe, daß andere Bücher eingerichtet sind, auch fabelhafte und weltliche, die voller Sentenzen des Aristoteles, Plato und der ganzen Schar der Philosophen stecken, worüber sich alsdann die Leser verwundern und die Verfasser für belesene, gelehrte und beredte Männer halten! Wenn sie dann aber gar die Heilige Schrift zitieren! Dann muß man sie vollends für Sankt Thomasse oder andere Lehrer der Kirche halten, indem sie eine so treffliche Schicklichkeit beobachten, daß sie in einer Zeile einen Verliebten schildern und in der folgenden eine christliche Predigt halten, so daß es eine Lust ist, es zu hören oder zu lesen. Alles dieses mangelt meinem Buche, denn ich habe am Rande nichts bemerkt, und am Ende nichts angemerkt, noch weniger weiß ich, welchem Autor ich folge, um sie, wie es alle machen, vor dem Anfange nach dem Abc zu ordnen, indem sie beim Aristoteles anfangen und mit dem Xenophon und Zoylus oder Zeuxis endigen, wenn jener auch ein Verleumder und dieser ein Maler war. Auch wird es meinem Buche vor dem Anfange an Sonetten fehlen, wenigstens an solchen Sonetten, die Herzöge, Marquesen, Grafen, Bischöfe, Damen und weltberühmte Poeten zu Verfassern haben. Wenn ich freilich zwei oder drei meiner vertrauten Freunde bäte, so weiß ich wohl, daß ich Verse bekommen könnte, und zwar solche, daß ihnen jene nicht gleich kämen, die von den angesehensten Verfassern in unserm Spanien herrühren.

„Kurz, mein liebster Freund“, so fuhr ich fort, „ich bin entschlossen, daß der Herr Don Quixote in den Archiven von la Mancha begraben bleibe, bis der Himmel ihn mit allen diesen Dingen schmückt, die ihm jetzt mangeln, denn meine Unerfahrenheit und wenige Wissenschaft machen mich unfähig, ihm alles dies zu verschaffen, auch weil ich von Natur zu furchtsam und zu träge bin, das in Autoren aufzusuchen, die das nämliche sagen, was ich ohne sie sagen kann. Dies alles erzeugt in mir jene Angst und tiefe Schwermut, in der du mich gefunden hast: und das, was ich dir soeben erzählt habe, ist dazu mehr als hinreichende Ursache.“

Als mein Freund dies hörte, schlug er sich vor die Stirne, brach in das lauteste Gelächter aus und sagte: „Bei Gott, erst jetzt komme ich aus meinem Irrtum, in dem ich so lange gelebt habe, seit ich Euch kenne, indem ich Euch nämlich nach allen Euren Handlungen immer für einen vernünftigen und verständigen Menschen gehalten habe. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr ebensoweit davon entfernt seid, wie es der Himmel von der Erde ist.

Wie ist es möglich, daß so geringfügige Dinge, die so leicht zu machen sind, stark genug sein sollen, einen so reifen Geist, wie der Eurige ist, zu binden und zu verwirren, dem es ein leichtes ist, durch weit größere Schwierigkeiten zu brechen? Wahrlich, dies ist nicht Mangel an Geschicklichkeit, sondern nur überflüssige Trägheit. Soll ich Euch den Beweis darüber führen? Nun so hört mir aufmerksam zu, und Ihr werdet sehen, wie ich, indem man eine Hand umwendet, alle Eure Schwierigkeit hebe, allen Mangel, von dem Ihr sprecht, ersetze, der Euch so verwirrt und beängstigt, weshalb Ihr sogar der Welt nicht Euren berühmten Don Quixote schenken wollt, das Licht und den Spiegel der ganzen fahrenden Ritterschaft.“

„Nun, so sagt doch“, erwiderte ich, „wie wollt Ihr die Leere meiner Furcht ausfüllen, und das Chaos meiner Verwirrung in lichte Ordnung bringen?“

Worauf er antwortete: „Zuerst, was die Sonetten, Epigramme und Lobgedichte betrifft, die vor Eurem Buche fehlen, und die von würdigen, angesehenen Leuten sein müssen, so macht sich dies bald, denn Ihr dürft Euch nur selbst einige Mühe geben, sie zu schreiben und sie nachher taufen, und Namen vorsetzen, welche Ihr nur immer wollt, Ihr könnt ja gar den Priester Johann von Indien oder den Kaiser von Trapezunt adoptieren, von denen ich weiß, daß sie berühmte Poeten sind. Sind sie es nicht gewesen und es kommt irgendein Pedant oder Bakkalaureus, die Euch deshalb necken und die Wahrheit bezweifeln wollen, so sollt Ihr das nur verachten, denn wenn sie Euch selbst der Lüge überführen können, so dürfen sie Euch doch die Hand nicht abhauen, womit Ihr es geschrieben habt.

In Ansehung der Bücher und Autoren, die Ihr auf dem Rande zitieren wollt, und aus denen Ihr Sentenzen und Phrasen in Euer Buch aufgenommen habt, dürft Ihr nur einige Sentenzen und lateinische Brocken, die Ihr auswendig wißt, durcheinander werfen, oder die Euch wenigstens nicht viele Mühe machen, sie aufzusuchen, wie zum Beispiel, wenn Ihr von Freiheit oder Sklaverei sprecht:

Non bene pro toto libertas venditur auro.

Gleich nennt Ihr auf dem Rande den Horatius, oder wer es sonst gesagt hat. Sprecht Ihr von der Macht des Todes, so besinnt Euch nur geschwinde auf das:

Pallida mors aequo pulsat pede

Pauperum tabernas, regumque turres.

Sprecht Ihr von der Freundschaft und Liebe, die Gott auch gegen den Feind befiehlt, so dürft Ihr nur gleich in die Heilige Schrift einbrechen, ja Ihr könnt so keck sein und die göttlichen Worte selbst aufführen:

Ego autem dico vobis diligite inimicos vestros.

Handelt Ihr von schlechten Gedanken, so dürft Ihr nur das Evangelium anführen:

De corde exeunt cogitationes malae.

Kommt Ihr auf die Unzuverlässigkeit der Freunde, so ist gleich Cato da, der Euch sein Distichon anbietet:

Donec eris felix, multos numerabis amicos,

Tempora si fuerint nubila solus eris.

Und mit diesen und ähnlichen lateinischen Brocken halten sie Euch schon für einen Grammatiker, welches in unseren Tagen etwas Ansehnliches und Treffliches ist. Was aber die Anmerkungen am Ende des Buches betrifft, so dürft Ihr es nur ganz dreiste so machen. (Nennt Ihr irgendeinen Riesen in Eurem Buche, so fallt nur auf den Riesen Goliath, und bloß mit diesem, der Euch doch so gut wie gar keine Unkosten macht, könnt Ihr schon eine große Anmerkung ausfüllen, denn Ihr dürft nur schreiben: Dieser Riese Goliath oder Goliat war ein Philister, den der Schäfer David mit einem Steinwurf im Tale Terebintus tötete, wie es im Buche der Könige erzählt wird, in demselben Kapitel, welches davon handelt.).

Damit Ihr Euch aber auch als einen Mann zeigen könnt, der in den weltlichen. Dingen und der Kosmographie bewandert ist, so dürft Ihr es nur so einrichten, daß Ihr in Eurem Buche einmal den Tagofluß erwähnt, augenblicks könnt Ihr wieder eine herrliche Anmerkung niederschreiben: Dieser Fluß Tago führt seinen Namen von einem Könige von Spanien, er entspringt da und da und ergießt sich in den Ozean, indem er vorher die Mauern der berühmten Stadt Lissabon küßt, auch meint man, daß er Goldsand mit sich führe usw. Sprecht Ihr von Räubern, so will ich Euch gleich die Geschichte des Cacus schenken, die ich auswendig weiß. Wenn liederliche Weiber vorkommen, so habt Ihr ja den Bischof von Mondoñedo, der Euch die Lamia, Lais und Floria liefert, deren Anführung Euch in ziemliches Ansehen setzen wird. Nennt Ihr Grausame, so bietet Euch Ovidius die Medea an. Nennt Ihr Zauberinnen, so hat Homerus die Calypso und Virgilius die Circe. Sollen es tapfere Feldherren sein, so gibt Julius Cäsar Euch selbst in seinen Kommentarien, und Plutarch gibt Euch gleich tausend Alexander. Wollt Ihr von Liebe etwas abhandeln, so trefft Ihr, wenn Ihr nur ein Quentchen Italienisch wißt, auf den Leo Hebräus, der Euch ein ganzes Maß vollzapfen wird. Mögt Ihr Euch aber nicht nach fremden Gegenden bemühen, so habt Ihr ja den Fonseca von der Liebe Gottes zu Hause, wo Ihr und der Scharfsinnigste so viel über diese Materie finden werdet, als sein Herz nur wünscht. Kurz, Ihr braucht nichts weiter zu tun, als diese Namen zu nennen, oder diese Geschichten, die ich soeben genannt habe, in die Eurigen aufzunehrnen, und dann laßt mich nur für die Bemerkungen und Anmerkungen sorgen, denn ich schwöre Euch, daß ich den ganzen Rand vollschreiben und wohl vier Bogen am Ende des Buches verderben will.

Jetzt bleibt uns nur noch die Zitation der Autoren übrig, die man in anderen Büchern findet und die in den Eurigen fehlen. Diesem abzuhelfen gibt es ein sehr bequemes Mittel, denn Ihr braucht nur eins von den Büchern zu nehmen, in denen sie alle, wie Ihr sagt, von A bis Z zitiert sind. Das nämliche Abc könnt Ihr nun auch Eurem Buche anheften: sieht man auch die Lüge ganz deutlich, so tut Euch das nichts, da Ihr alle diese Autoren nicht braucht, und vielleicht ist doch einer oder der andere so einfältig, daß er glaubt, Ihr hättet sie wirklich alle bei Eurer einfachen schlichten Erzählung gebraucht. Überdies wird es niemand untersuchen, ob Ihr ihnen gefolgt seid, oder nicht, denn keiner kümmert sich darum, Ihr habt aber gar, wenn Ihr die Sache genau nehmt, alle der Sachen nicht nötig, die, wie Ihr sagt, Eurem Buche mangeln, denn das ganze Buch ist gegen die Ritterbücher gerichtet, die Aristoteles nicht kannte, die der heilige Basilius nicht erwähnt und Cicero niemals anführt; auch gehört in die Erzählung erdichteter Narrheiten keine pünktliche Wahrheit, oder Beobachtungen aus der Astrologie; auch die geometrischen Maße sind hier unnütz, sowie die Widerlegung der Argumente, deren sich die Rhetorik bediente; auch soll keinem eine Predigt gehalten werden, indem das Weltliche mit dem Göttlichen vermischt wird, eine Art Mischung, die kein christlicher Verstand billigen sollte. Euer Hauptzweck ist das darzustellen, was Ihr schreiben wollt, und je mehr Ihr das erreicht, je vorzüglicher wird Euer Buch sein, da Ihr Euch auch in Eurem Buche nichts weiter vorsetzt, als das Ansehen zu stürzen, indem bei der Welt und dem Haufen die Ritterbücher stehn, so gehen Euch auch die Sentenzen der Philosophen, die Ermahnungen der Heiligen Schrift, die Fabeln der Poeten, die Figuren der Redner, die Wunder der Heiligen gar nichts an, sondern Euer Augenmerk ist, Eure Erzählung in einem einfachen, ausdrucksvollen, edlen und geziemenden Stil zu verfassen, daß Eure Perioden sich wohlklingend und anständig fortbewegen und daß Ihr nach Eurer Absicht alles deutlich darstellt, ohne Eure Ideen durch Spitzfindigkeit oder Dunkelheit zu verwirren. Bewirkt, daß beim Lesen Eures Buches der Melancholische zum Lachen bewegt, der Lacher noch aufgeräumter werde, daß der Einfältige sich ergötze und der Verständige die Erfindung bewundere, daß der Ernste sie nicht verwerfe und der Klügere sie nicht verachten Kurz, richtet es ins Werk, daß Ihr das schlecht gegründete Ansehen dieser Ritterbücher zerstört, die von so vielen gehaßt und von noch mehreren verehrt werden; gelingt Euch dies, so ist Euch nichts Kleines gelungen.“

Mit andächtigem Stillschweigen hörte ich dem Rat meines Freundes zu und seine Gedanken waren mir so einleuchtend, daß ich sie alle, ohne mit ihm zu disputieren, billigte, ja mir selbst vornahm, aus ihnen diesen Prolog zu bilden, in welchem du nun, freundlicher Leser, seinen Verstand findest, sowie mein Glück, daß ich ihn zu einer Zeit antraf, da mir guter Rat so nötig war, zugleich aber auch eine Freude für dich entdeckst, indem dir nun die aufrichtige und unverstellte Historie des berühmten Don Quixote von la Mancha geschenkt wird, der, wie alle Einwohner auf dem Gefilde Montiel behaupten, der keuscheste Verliebte sowie der tapferste Ritter gewesen ist, den man wohl seit vielen Jahren dort herum bemerkt hat. Ich will dir den Dienst nicht sehr hoch anrechnen, den ich dir damit erweise, daß ich dich mit einem so merkwürdigen und ehrenvollen Ritter bekannt mache; aber das verlange ich von dir, daß du mir für die Bekanntschaft seines Stallmeisters Sancho Pansa danken sollst, in welchem ich alle stallmeisterliche Lieblichkeit, die in den Scharen der unnützen Ritterbücher zerstreut ist, habe vereinigen wollen. Und hiemit beschütze dich Gott und vergiß mich nicht.

Lebe wohl.

ERSTES BUCH
Von dem Stande und der Lebensweise des namhaften Edlen Don Quixote von la Mancha

In einem Dorfe von la Mancha, auf dessen Namen ich mich nicht entsinnen kann, lebte unlängst ein Edler, der eine Lanze und einen alten Schild besaß, einen dürren Klepper und einen Jagdhund. Eine Olla, mehr von Rind- als Hammelfleisch, des Abends gewöhnlich kalte Küche, des Sonnabends arme Ritter und Freitags Linsen, Sonntags aber einige gebratene Tauben zur Zugabe verzehrten drei Vierteile seiner Einnahme. Das übrige ging drauf für ein schönes Kleid, sammetne Schuhʼ und Pantoffeln derselben Art, desgleichen für ein sehr feines Tuch, mit dem er sich in den Wochentagen schmückte. Bei ihm lebte eine Haushälterin, die die Vierzig verlassen, und eine Nichte, die die Zwanzig noch nicht erreicht hatte, zugleich ein Bursche, in Feld- und Hausarbeit gewandt, der sowohl den Klepper sattelte als auch die Axt zu führen wußte. Die Zeit hatte unsern Edeln mit fünfzig Jahren beschenkt. Er war von starker Konstitution, mager, von dürrem Gesichte, ein großer Frühaufsteher und Freund der Jagd. Es gibt einige, die sagen, daß er den Zunamen Quixada oder Quesada führte; aber es läßt sich aus wahrscheinlichen Vermutungen schließen, daß er sich Quixana nannte. Dies aber tut unserer Geschichtserzählung wenig Eintrag, insofern wir nur in keinem Punkte derselben von der Wahrheit abweichen.

Es ist zu wissen, daß obengenannter Edler die Zeit, die ihm zur Muße blieb (und dies betrug den größten Teil des Jahres), dazu anwandte, Bücher von Rittersachen mit solcher Liebe und Hingebung zu lesen, daß er darüber sowohl die Ausübung der Jagd, als auch die Verwaltung seines Vermögens vergaß; ja seine Begier und Vertiefung in denselben ging so weit, daß er unterschiedliche von seinen Saatfeldern verkaufte, um Bücher von Rittertaten anzuschaffen, in denen er lesen möchte; auch brachte er so viele in sein Haus, als er deren habhaft werden konnte.

Sein Lesen also verwickelte ihn so, daß er die Nächte damit zubrachte weiter und weiter, und die Tage, sich tiefer und tiefer hineinzulesen; und so kam es vom wenigen Schlafen und vielen Lesen, daß sein Gehirn ausgetrocknet wurde, wodurch er den Verstand verlor. Er erfüllte nun seine Phantasie mit solchen Dingen, wie er sie in seinen Büchern fand, als Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen, Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen und anderen Unsinn. Er bildete sich dabei fest ein, daß alle diese erträumten Hirngespinste, die er las, wahr wären, daß es für ihn auf der Welt keine zuverlässigere Geschichte gab. Er behauptete, Cid Ruy Diaz sei zwar ein ganz guter Ritter gewesen, er sei aber durchaus nicht mit dem Ritter vom brennenden Schwerte zu vergleichen, der mit einem einzigen Hiebe zwei stolze und unhöfliche Riesen mitten durchgehauen habe. Mehr hielt er vom Bernardo del Carpio, weil er bei Roncesvalles den bezauberten Roland umgebracht, indem er die Erfindung des Herkules nachgeahmt, der den Anteus, den Sohn der Erde, in seinen Armen erwürgte. Viel Gutes sagte er vom Riesen Morgante, der, ob er gleich vom Geschlechte der Riesen abstammte, die alle stolz und unumgänglich sind, sich allein leutselig und artig betrug. Über alle aber ging ihm Reinald von Montalban, besonders wenn er ihn sah aus seinem Kastell ausfallen, rauben was er konnte, wenn er dann sogar das Bild des Mahommet entführte, welches ganz golden war, wie es die Geschichte besagt. Er sagte, um dem Verräter Galalon einige Tritte geben zu können, wolle er gern seine Haushälterin und als Zugabe auch seine Nichte fortschenken.

Als er nun mit seinem Verstande zum Beschluß gekommen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, den jemals ein Tor auf der Welt ergriffen hat, denn es schien ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung seiner Ehre, als zum Besten seiner Republik, ein fahrender Ritter zu werden und mit Rüstung und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen, um Abenteuer aufzusuchen und alles das auszuüben, was er von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht aufzuheben, und sich Arbeiten und Gefahren zu unterziehen, die ihn im Überstehen mit ewigem Ruhm und Namen schmücken würden. Der Unglückliche stellte sich vor, daß er mindestens zum Lohn seines tapferen Arms als Kaiser von Trapezunt würde gekrönt werden, und mit diesen schönen Gedanken, angefrischt von seiner seltsamen Leidenschaft, dachte er nun darauf, seine Entwürfe in Ausübung zu setzen. Zuerst begann er damit, einige Waffenstücke zu reinigen, die er von seinen Urgroßvätern geerbt und die gänzlich mit Rost und Staub bedeckt vergessen in einem Winkel standen. Er putzte und schmückte sie, so gut er konnte, wobei er aber gleich einen großen Mangel bemerkte, daß der Helm nämlich nicht vollständig, sondern nur eine Sturmhaube sei; aber seine Erfindsamkeit half dem ab, denn er verfertigte aus Pappen die untere Hälfte und verband sie mit der Haube, die dadurch den Anschein eines vollständigen Helmes erhielt. Es ist wahr, daß, um zu erproben, ob er stark genug sei, die Gefahr eines Kampfes auszuhalten, er sein Schwert zog und zwei Hiebe auf ihn führte, aber schon mit dem ersten das wieder vernichtet hatte, was er in einer Woche gearbeitet. Ihm gefiel die Leichtigkeit nicht, mit der er sein Werk zerstört hatte, und um sich vor dieser Gefahr zu sichern, arbeitete er es von neuem, fügte inwendig einige Eisenstäbe so an, daß er mit der Tüchtigkeit zufrieden war, und ohne eine andere Probe zu machen, hielt er sich für überzeugt, daß dieser Helm der trefflichste sei.

Sogleich ging er, seinen Klepper zu besuchen, ob dieser nun gleich mehr Dreiecke am Körper hatte, als ein Taler Dreier hat, und mehr Gebrechen als das Pferd des Gonela, das nur Haut und Knochen war, so schien es ihm doch, als wenn sich weder der Bukephalos Alexanders noch der Babieza des Cid mit diesem messen dürfe. Drei Tage verstrichen, indem er sann, welchen Namen er ihm beilegen solle, denn (wie er zu sich selber sagte) es sei unanständig, wenn das Pferd eines so berühmten Ritters, und das an sich so trefflich sei, keinen bekannten Namen führe. Er suchte nämlich den Namen so einzurichten, daß man daraus begriffe, was es vorher gewesen, ehe es einem fahrenden Ritter gedient, und was es nun sei; indem es der Vernunft gemäß, daß, sowie es einen anderen Herrn bekomme, ihm auch ein anderer Name zukommen müsse, der es ziere und sich für das neue Amt und die neue Lebensweise gezieme, in die es nun eingehe. Darauf, von den vielen Namen, die er bildete, vernichtete und vertilgte, umarbeitete, wegwarf und wieder annahm, um den besten zu erfinden, wählte er endlich die Benennung Rosinante, ein nach seinem Urteil erhabener, volltönender und bedeutungsvoller Namen, bezeichnend, daß er ein Klepper gewesen, ehe er seinen jetzigen Stand bekommen, auch daß er der erste und fürnehmste von allen Kleppern auf der Welt sei.

Da ihm dieser Name für sein Pferd so nach seinem Geschmacke gelungen, so suchte er einen andern für sich selbst. In dem Nachsinnen darüber verstrichen wieder acht Tage, und nun geschah es endlich, daß er sich Don Quixote nannte. Woher (wie gesagt wird) die Verfasser dieser wahrhaftigen Geschichte Gelegenheit genommen zu behaupten, daß er ganz ohne Zweifel Quixada und nicht Quesada geheißen, wie andere meinen wollen. Da er aber gedachte, daß der tapfere Amadis sich nicht begnügt, sich bloß trocken Amadis zu nennen, sondern noch den Namen seines Reiches und Vaterlandes hinzugefügt, um es berühmt zu machen, und sich daher Amadis von Gallia betitelt habe: so stehe es ihm ebenfalls als einem wackeren Ritter zu, den Namen seines Landes beizufügen, und er benannte sich also Don Quixote von la Mancha. Hiermit erklärte er nach seiner Meinung Vaterland und Geburtsgegend genau und ehrte sie zugleich, indem er den Zunamen von ihr entlehnte.

Die Rüstung war gesäubert, die Haube zum Helm gemacht, dem Klepper ein Namen gegeben, sein eigener festgesetzt; er sah ein, daß nun nichts fehle, als eine Dame zu suchen, in die er verliebt sei, denn ein irrender Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Laub und Frucht, ein Körper ohne Seele. Er sprach: „Wenn ich nun zur Strafe meiner Sünden oder zu meinem Glücke auf irgendeinen Riesen treffe (wie dies denn gewöhnlich fahrenden Rittern begegnet) und ich ihn in einem Anlaufe niederrenne, oder ihn mittendurch haue, oder kurz ihn überwinde und bezwinge, wär es nicht gut, jemand zu haben, zu dem ich ihn schickte, sich zu präsentieren? Wenn er dann hineinträte, vor meiner süßen Herrin sich auf die Knie niederließe und mit demütiger und unterwürfiger Stimme spräche: Meine Herrscherin, ich bin der Riese Caraculiambro, Herr der Insel Malindrania, den im Zweikampfe der mit Recht ewig gepriesene Ritter Don Quixote von la Mancha überwand. Er befahl mir, mich Euer Gnaden zu präsentieren, damit Ihro Hoheit nach Ihrem Wohlgefallen mit mir schalte.“ — O wie erfreut war unser wackrer Ritter, als er diese Rede gehalten, noch mehr aber, als er wußte, wem er den Namen seiner Dame geben solle. Es war, wie man glaubt, in einem benachbarten Dorfe ein Bauernmädchen von gutem Ansehen, in die er einmal verliebt gewesen war, welches sie aber (wie sich versteht) nie erfahren, er ihr auch niemals gesagt hatte. Sie hieß Aldonza Lorenzo und schien ihm tauglich, ihr den Titel der Herrin seiner Gedanken zu geben. Er suchte nun einen Namen, der dem seinigen entspräche, der eine Prinzessin und Herrscherin bezeichnend und ihr geziemlich sei, und er nannte sie daher Dulzinea von Toboso, denn sie war von Toboso gebürtig; ein Name, nach seinem Urteil musikalisch, fremdtönend und bezeichnend, wie alle übrigen, die er zu seinem Gebrauche erfunden hatte.

Von dem ersten Aufbruch des scharfsinnigen Don Quixote aus seinem Besitztume

Da er diese Vorkehrungen getroffen, konnte er es nicht länger aufschieben, seinen Vorsatz ins Werk zu richten, denn ihn drängte der Nachteil, der nach seiner Meinung der Welt durch seine Verzögerung erwüchse; ihn rief das Unrecht, das er vertilgen, die Ungebühr, die er einrichten, die Beschwer, die er aufheben, Mißbräuche, die er bessern, und Verschuldungen, die er vergelten müsse. Ohne also irgend jemand seinen Vorsatz mitzuteilen, ohne daß ihn einer bemerkte, rüstete er sich eines Morgens vor dem Tage (der einer der heißesten im Julius war) mit allen Waffenstücken, bestieg den Rosinante, setzte den übel gemachten Helm auf, faßte den Schild und ergriff die Lanze und zog durch eine kleine Tür des Hinterhofes aufs Feld hinaus, sehr zufrieden und vergnügt, daß sein guter Vorsatz einen so leichten Anfang gewann. Kaum aber sah er sich auf dem Felde, als ihn ein furchtbarer Gedanke mit solcher Gewalt befiel, daß er beinah sein angefangenes Unternehmen gänzlich aufgegeben hätte. Es kam ihm nämlich ins Gedächtnis, daß er noch nicht zum Ritter geschlagen sei und daß er also nach den Gesetzen der Ritterschaft mit keinem Ritter einen Waffenkampf weder halten könne noch dürfe, daß er ferner als neuer Ritter weiße Waffen führen müsse, ohne Sinnbild auf dem Schilde, bis seine Tapferkeit ihm eins gewinne. Diese Vorstellungen erschütterten seinen Vorsatz heftiglich, aber seine Torheit, mächtiger als jeder andere Grund, gab ihm ein, daß er sich vom ersten, auf den er träfe, zum Ritter wolle schlagen lassen, in Nachahmung vieler andern, die ebenso verfahren, wie er in den Büchern gelesen, die davon Meldung getan. Was die Weiße der Waffen beträfe, so gedachte er sie, wenn er einen Ort erreicht, so hell zu schleifen, daß sie den gefallenen Schnee an Weiße überträfen. Hiermit beruhigte er sich und setzte seinen Weg fort, ohne einen andern zu suchen als den sein Pferd eingeschlagen, denn er meinte, daß dies die Kunst sei, Abenteuer zu beginnen.

Indem nun unser frischer Abenteurer fortritt, sprach er zu sich selber. also: „Es leidet keinen Zweifel, daß in künftigen Zeiten, wenn die wahrhafte Geschichte meiner Taten an das Licht tritt, der Weise, der sie schreibt, gewiß nicht ermangelt, von meinem ersten so frühen Auszuge also anzuheben: Der feuerrote Apollo hatte kaum über das Angesicht der großen weitstreckigen Erde die güldenen Fäden seines schönen Haupthaares verbreitet; kaum hatten die kleinen buntgemalten Vögelein mit ihren Harfenzungen die rosichte Aurora mit süßer honiglieblicher Harmonie begrüßt, die das weiche Bett des eifersüchtigen Gemahls verließ, und durch die Tore und Balkone des Manchanischen Horizontes sich den Sterblichen zeigte: als der berühmte Ritter Don Quixote von la Mancha die müßigen Federn verließ, sein berühmtes Roß Rosinante bestieg und begann, über das alte und wohlbekannte Feld Montiel zu reiten.“ Er ritt jetzt in der Tat durch diese Gegend und fuhr weiter fort: „O beglückte Zeit! beglücktes Menschenalter! in dem meine preisvollen Taten ans Licht treten werden, die verdienen, daß man sie in Erz gießt, in Marmor haut und auf Tafeln zum Gedächtnis der künftigen Zeit malt! O du weiser Zauberer, wer du auch seist, dem es aufbehalten ist, die Chronik dieser Wundergeschichte zu stellen, o vergiß, ich flehe dich, den wackern Rosinante nicht, meinen unzertrennlichen Gefährten auf jedem Wege und in jeglicher Bahn.“ — Darauf sprach er, als wäre er in der Tat verliebt gewesen: „O Prinzessin Dulzinea! Herrin dieses gefangenen Herzens! wie quält es mich, daß Ihr mich verbannt und mit grausamer Härtigkeit mich verwerft, daß Ihr gebietet, ich solle nicht vor Eurer Schönheit erscheinen. O gedenkt, Herrscherin, dieses Euch unterworfenen Herzens, das so Großes um Eurer Liebe willen leidet.“

An diese Ausrufungen fügte er noch andern Unsinn, alles wie er in seinen Büchern gefunden hatte, indem er sich bemühte, ihre Sprache, soviel es ihm möglich war, nachzuahmen. Er zog dabei eine große Strecke fort, und die Sonne brannte so heftig und heiß auf ihn hinunter, daß sie ihm leicht die Sinne verrückt, wenn sie welche angetroffen hätte. Er zog den ganzen Tag fort, ohne daß er auf etwas stieß, das der Erzählung würdig war, worüber er sich entrüstete, denn er wünschte nur Gelegenheit, um sogleich die Tapferkeit seines starken Armes zu erproben.

So zog er den ganzen Tag fort, daß am Abend sein Roß und er vor Hunger beinah gestorben waren.

Er schaute nach allen Seiten um, ob er nicht ein Kastell erspähen könne, oder eine Schäferhütte, um sich zu erquicken und seiner Not abzuhelfen. Endlich erblickte er unfern dem Wege, auf dem er ritt, eine Schenke, die ihm wie ein Stern entgegenschien, der ihn in das Tor oder die Freistätte seiner Leiden winkte. Er eilte dorthin und erreichte sie mit dem Anbruche des Abends. Unter der Tür standen von ungefähr zwei Mädchen, von jenen, die man die gutwilligen nennt, die mit einigen Maultiertreibern, welche in dieser Schenke ihr Nachtlager hielten, nach Sevilla gingen. Wie nun unserm Abenteurer alles, was er dachte, sah oder sich einbildete, so erschien und sich zutrug, wie er es gelesen hatte, so kam es ihm sogleich, als er die Schenke sah, vor, dies sei ein Kastell mit seinen vier Türmen, mit Gesimsen von glänzendem Silber, mit Zubehör der Zugbrücke und des Burggrabens, nebst allen übrigen Dingen, mit denen dergleichen Kastelle geschildert werden. Er näherte sich der Schenke, die ihm ein Kastell schien, und da er nur noch wenig entfernt war, zog er dem Rosinante den Zügel an, in der Erwartung, daß ein Zwerg auf den Zinnen erscheinen würde, um mit einer Trompete das Zeichen zu geben, daß sich ein Ritter dem Kastelle nahe. Da er aber sah, daß er zögerte, Rosinante auch begierig war, sich dem Stalle zu nahen, so nahte er sich der Tür der Schenke und sah dort die beiden liederlichen Mädchen stehn, die ihm zwei schöne Fräulein oder zwei anmutige Damen schienen, die sich vor dem Tore des Schlosses in der Frische ergingen. Es traf sich indes, daß ein Schweinehirt, der von dem Stoppelfelde eine Herde Schweine versammeln wollte, und also in ein Horn stieß, auf dessen Schall sie alle zusammenkamen. Sogleich stellte sich Don Quixote das vor, was er wünschte, daß nämlich ein Zwerg das Zeichen seiner Ankunft gegeben habe. Mit großer Zufriedenheit also näherte er sich der Schenke und den Damen, die, da sie einen Mann auf diese Art gewaffnet, mit Schild und Lanze auf sich zukommen sahn, aus Furcht in die Schenke hineinlaufen wollten. Don Quixote aber, der ihre Furcht aus ihrem Entfliehn schloß, erhub das Visier aus Pappe, zeigte sein mageres und bestäubtes Gesicht und sagte mit zierlicher Weise und sanfter Stimme diese Worte: „Fliehen Eure Gnaden nicht und fürchten dieselben keinen Unglimpf, denn es gebeut der Orden der Ritterschaft, dem ich diene, keinen Raub oder Gewalttätigkeit an irgend jemand zu verüben, geschweige denn an so edlen Jungfrauen, mit denen mich Eure Gegenwart beglückt.“

Die Mädchen sahen ihn an und suchten sein Gesicht mit den Augen, welches das schlechte Visier verdeckte, aber da sie sich Jungfern nennen hörten (etwas, das ihrem Gewerbe so fern lag), konnten sie das Lachen nicht zurückhalten, sondern sie lachten so laut, daß sich Don Quixote entrüstete und sprach: „Es geziemt Bescheidenheit den Schönen wohl, und große Torheit ist es überdies, mit schlechter Ursach lachen; doch sage ich dies nicht zu Eurer Anhörung, noch daß ich Übelwollen zeige, denn ich habe keinen andern Willen, als Euer Diener zu sein.“ Diese Sprache verstanden die Damen nicht, und das üble Aussehn unseres Ritters vermehrte ihr Gelächter sowie seinen Zorn; sie hätten auch darin fortgefahren, wenn der Schenkwirt nicht hinzugekommen wäre, ein Mann, der, wie er sehr fett, auch überaus friedliebend war; als dieser diese Gestalt scheußlich gerüstet mit so ungeziemlichen Waffen, als der Zaum des Pferdes, die Lanze, der Schild und der kleine Harnisch war, erblickte, so fehlte wenig, daß er nicht das Vorbild von Fröhlichkeit der beiden Mädchen nachgeahmt hätte. Da er aber doch diese umbollwerkte Figur fürchtete, so entschloß er sich höflich zu reden und sprach also: „Wenn Eure Gnaden, Herr Ritter, Ruhe suchen, so finden sie außer einem Bette (denn wir haben keins in der Schenke) alles übrige im großen Überflusse.“ Als Don Quixote die Unterwürfigkeit des Kommandanten der Festung sah (denn dafür hielt er den Schenkwirt und die Schenke), antwortete er: „Für mich, Herr Kastellan, ist alles Ding genug, denn mein Schmuck sind die Waffen, meine Ruhe ist Streiten.“ Der Wirt dachte, da er sich Kastellan nennen hörte, jener hielte ihn für einen Gauner, die man wohl feine Kastilianer nennt, er war aber ein Andalusier, ein Eingeweihter in die falschen Künste der Karten, ein Schelm und ein Spottvogel wie ein Student oder Page, er antwortete daher: „So werden also Euer Gnaden Betten harte Steine,und Euer Schlaf ein beständiges Wachen sein, und wenn es sich so befindet, so dürft Ihr nur kecklich absteigen, denn Ihr trefft in diesem Hause Gelegenheit und Anstalt, ein ganzes Jahr nicht zu schlafen, geschweige denn eine Nacht.“ Indem er dies sagte, hielt er Don Quixote den Steigbügel, der mit vieler Mühe und Beschwer abstieg, wie ein Mann, der noch den ganzen Tag nüchtern geblieben war. Er sagte sogleich dem Wirte, daß er für sein Pferd große Sorgfalt tragen möge, denn es sei das schönste Tier auf der ganzen Welt, das Brot äße. Der Wirt beschaute es, aber es schien ihm nicht so trefflich, als es Don Quixote beschrieb, ja nicht einmal auf die Hälfte so gut. Er führte es in den Stall und kam dann zurück, um zu sehen, was sein Gast befehle, den indes die Jungfrauen entwaffneten, mit denen er sich wieder versöhnt hatte. Sie lösten den Brust- und Rückenharnisch ab, konnten es aber mit aller Arbeit nicht dahin bringen, die Kehle frei zu machen und den nachgeahmten Helm abzunehmen, der mit grünen Bändern unter dem Halse festgebunden war und von denen sie die Knoten ohne Schnitt nicht aufzulösen vermochten. Darin aber wollte er keineswegs einwilligen, er blieb also den ganzen Abend in seinem Helme und stellte die anmutigste, seltsamste Figur dar, die man sich nur einbilden kann. Er meinte, daß diejenigen, die ihn entwaffneten, vornehme Damen und Gebieterinnen aus einem Schlosse wären, und sagte daher mit vielem Anstande:

„O Rosinante! dies, meine Gebieterinnen, ist der Name meines Pferdes, und ich heiße Don Quixote von la Mancha. Ich sollte mich nicht zu erkennen geben, bis meine Tathandlungen in eurem Dienste mich kenntlich machten, aber es wird die Zeit kommen, wann Eure Hoheit mir gebieten und ich gehorchen soll, wann die Tapferkeit meines Arms, den Willen, euch dienstbar zu sein, bekunden wird.“ Die Mädchen, die solcher rhetorischen Figuren ungewohnt waren, antworteten nicht darauf, sondern fragten ihn nur, ob er nicht etwas zu essen begehre. Sie setzten also den Tisch, der Frische wegen, vor die Tür der Schenke, und der Wirt führte ein Stück schlecht geweichten und übel gekochten Stockfisches auf, nebst einem Brot, schwarz und schmutzig wie seine Waffen. Es war ungemein lächerlich, ihn essen zu sehen, denn da ihn der Helm und das Visier hinderten, konnte er mit den Händen nichts zu Munde führen, wenn es ihm nicht ein andrer gab und hineinsteckte. Eine der Damen bediente ihn auf diese Weise. Ihm aber zu trinken zu reichen war unmöglich, und wäre unmöglich geblieben, wenn der Schenkwirt nicht ein Rohr ausgehöhlt, ihm das eine Ende in den Mund gesteckt und durch das andere den Wein eingegossen hätte. Dies alles ertrug er geduldig, um nicht die Bänder seines Helmes zerschneiden zu lassen.

Indem die Sachen so standen, geschah es, daß ein Schweinschneider in die Nähe der Schenke kam, und indem er sich näherte, vier- oder fünfmal auf seiner Pfeife blies. Dies bestätigte Don Quixote völlig darin, daß er sich in einem berühmten Kastell befinde, daß man ihn mit Musik bediene, der Stockfisch Forelle sei, das Brot feine Semmel, die Huren Damen und der Schenkwirt Kastellan des Kastells; und somit hielt er den Anfang seines Auszugs für glücklich genug. Was ihn nur quälte, war, daß er noch nicht zum Ritter geschlagen, und er sich mithin nicht gesetzmäßig in ein Abenteuer einlassen dürfe, ohne den Orden der Ritterschaft empfangen zu haben.

Die zierliche Weise, wie Don Quixote zum Ritter geschlagen wurde

Von diesen Gedanken beunruhigt, ließ er seine magere und schlechte Abendmahlzeit nicht lange währen; als er sie geendigt, rief er den Wirt, mit dem er sich im Stalle verschloß, sich vor ihm auf die Knie niederließ und sprach: „Niemalen werde ich mich von hier aufheben, tapferer Ritter, bis Eure Gütigkeit mir eine Gabe bewilligt hat, um die ich flehe und die Euch zum Ruhme und der ganzen Menschheit zum Nutzen gereichen wird.“ Als der Wirt seinen Gast zu seinen Füßen sah und dergleichen Reden vernahm, betrachtete er ihn mit Verwunderung, ohne zu wissen, was er tun oder sagen solle. Er bat ihn, daß er aufstehen möchte, welches jener aber versagte, bis der Wirt ihm die Gabe bewilligte, um die er flehte. „Ich erwartete von Eurer Großmütigkeit nichts anderes, mein gnädiger Herr“, antwortete Don Quixote, „ich verkünde Euch also, daß die Gabe, um die ich gefleht habe, und die mir Euer liebreicher Sinn bewilligt, darin besteht, daß Ihr mich früh vor Tage zum Ritter schlagen mögt und daß ich in dieser Nacht in der Kapelle Eures Kastells die Waffen bewachen dürfe; mit der Frühe wird dann mein höchlichster Wunsch erfüllt, damit ich, wie es sich gebührt, in alle vier Teile der Welt ziehen könne, Abenteuer aufzusuchen zum Nutzen der Hilfsbedürftigen, wie es das Amt der Ritterschaft und der fahrenden Ritter ist, zu denen ich mich bekenne, und dessen Sinn zu solchen Taten gerichtet ist.“

Der Wirt, der, wie schon gesagt, ein Schelm war, und wohl einigen Verdacht über die Verstandesabwesenheit seines Gastes haben mochte, war jetzt völlig davon überzeugt, da er diese Reden hörte. Um sich für die Nacht eine Lust zu machen, nahm er sich vor, seiner Laune zu folgen. Er sagte also: daß er sehr gut verstehe, was er wünsche und flehe, und daß dergleichen Begehren sehr natürlich und schicklich für einen so trefflichen Ritter sei, als er scheine und sein heldenmütiger Anstand verkünde; er selbst habe sich in seinen Jugendjahren einigen ehrenvollen Übungen ergeben, habe gleichfalls verschiedene Teile der Welt durchzogen, seine Abenteuer aufzusuchen. Letztlich aber habe er sich entschlossen, sich in dieses sein Kastell zurückzuziehen, wo er mit seinem Vermögen und fremdem haushalte, alle fahrenden Ritter aufnehme, von was Art und Stand sie auch sein möchten, aus großer Liebe zu ihnen, und darum auch seine Habe mit ihnen teile, um ihre guten Absichten zu belohnen. Er fuhr fort, daß er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, wo man die Waffen bewachen könne, weil er sie niedergerissen, um eine neue aufzuführen, daß er aber wisse, daß man die Wache im Falle der Not an jedwedem Orte halten dürfe, und daß er also in dieser Nacht das Wachen in einem Hofe des Schlosses verrichten könne; mit der Frühe wolle er unter Gottes Beistand die nötigen Zeremonien so vornehmen, daß er ihm auf eine Weise den Ritterschlag geben wolle, wie ihn noch kein Ritter in der ganzen Welt erhalten. Er fragte ihn ferner, ob er Geld mit sich führe. — Don Quixote antwortete, daß er keinen Heller führe, weil er in den Geschichtbüchern von fahrenden Rittern niemals gelesen, daß irgendeiner Geld mit sich geführt habe. Hierauf sagte der Schenkwirt, daß er sich irre, daß, wenn es in den Geschichtbüchern nicht stehe, es den Autoren geschienen, daß es nicht nötig sei, von der Führung so unentbehrlicher Dinge zu schreiben, als Geld und reine Hemden wären, daß sie aber darum niemals gezweifelt, ob die Ritter dergleichen bei sich gehabt: es sei auch zuverlässig und ausgemacht, daß alle fahrenden Ritter auf den Fall der Not immer eine gute Börse bei sich hatten, desgleichen Hemden, wie auch eine kleine Büchse mit Salben, um die Wunden zu heilen, die sie empfangen möchten; denn in den Feldern und Wüsten, wo sie kämpften und die Wunden empfingen, war nicht immer jemand, der sie heilte, wenn sie nicht irgendeinen weisen Zauberer zum Freunde hatten, der sogleich zu Hilfe eilte, und durch die Luft in einer Wolke eine Jungfrau oder einen Zwerg mit einem so köstlichen Balsam schickte, daß man nur einen Tropfen davon zu kosten brauchte, um von allen Schmerzen und Wunden so völlig zu genesen, als wenn man gar keine Unpäßlichkeit empfunden. Diejenigen aber, die dergleichen Freunde nicht hatten, bei diesen wandernden Rittern ist es als eine gewisse Sache anzunehmen, daß ihre Edelknaben mit Geld und andern Notwendigkeiten versehen gewesen, wozu besonders Scharpie und Salben zum Verbinden gehören: wenn es aber geschah, daß diese Ritter ohne Edelknaben waren (welches aber in der Tat nur selten der Fall war), so hatten sie selber alles in sehr subtilen Schnappsäcken, die sie hinten auf dem Pferde hatten, daß es aussah, als wär es ein ander Ding von Wichtigkeit, denn aus obigen Gründen war es unter den fahrenden Rittern nicht sonderlich üblich, selber Schnappsäcke zu führen. Der Wirt riet ihm noch einmal (da er ihn schon wie seinen angenommenen Sohn ansähe, welcher er auch binnen kurzem würde), daß er nicht reisen solle, ohne Geld und die vorerwähnten Notwendigkeiten bei sich zu haben, er würde sehen, von welchem Nutzen sie seien, wenn er es am wenigsten gedächte.

Don Quixote versprach, seinen Rat auf das pünktlichste zu befolgen, und sogleich wurde ausgemacht, daß er die Waffen in einem Hofe bewachen solle, der zur Seite der Schenke lag. Don Quixote nahm sie alle und legte sie auf einen Trog, der neben einem Brunnen stand, dann nahm er seinen Schild, faßte die Lanze und fing vor dem Troge an, mit edlem Anstande auf und ab zu gehen: indem er diesen Spaziergang anfing, fing die Nacht an, völlig hereinzubrechen.

Der Schenkwirt erzählte allen, die in der Schenke waren, von der Torheit seines Gastes, wie er die Waffen bewache und Hoffnung hege, zum Ritter geschlagen zu werden. Alle verwunderten sich über diese seltsame Art von Narrheit und betrachteten ihn von weitem, wie er mit friedlichen Gebärden einmal vorüberging, zurückschritt, sich auf die Lanze stützte und seine Augen auf die Waffen heftete, ohne sich weit von ihnen zu entfernen. Es war völlig Nacht, aber so heller Mondschein, daß alles, was der neue Ritter vornahm, ganz deutlich von allen gesehen wurde.

Es fiel einem von den Maultiertreibern, die in der Schenke waren, ein, seinen Tieren Wasser zu geben. Er mußte dazu notwendig Don Quixotes Waffen wegnehmen, die auf dem Troge standen; aber als dieser ihn nahe kommen sah, rief er mit lauter Stimme: „O du, wer du auch seist, übermütiger Ritter, der du dich nahst, die Waffen des allertapfersten Fahrenden anzurühren, den je ein Schwert umgürtete, siehe wohl zu, was du tust, berühre sie nicht, wenn du nicht dein Leben als Strafe deines Übermutes verlieren willst.“ — Der Eseltreiber kümmerte sich um diese Reden nicht (aber für sein Wohlbefinden wäre es besser gewesen, wenn er sich darum gekümmert hätte), sondern nahm die Waffen herunter und warf sie eine große Strecke weit von sich. Als Don Quixote dieses erblickte, schlug er die Augen zum Himmel und richtete darauf seine Gedanken, wie es schien, zu seiner Gebieterin Dulzinea und sprach: „Helft mir, Gebieterin, in dieser ersten Gefahr, die sich dem Euch unterworfenen Herzen darbeut; entzieht mir nicht in diesem ersten Wagestück Eure Gunst und Hilfe.“ Indem er dies und andere dergleichen Dinge sprach, warf er den Schild weg, faßte mit beiden Händen die Lanze und gab dem Eseltreiber einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, mit welchem er ihn so behende auf den Boden hinlegte, daß, wenn noch ein zweiter Schlag gefolgt wäre, jener keines Wundarztes zu seiner Heilung bedurft hätte. Nachdem dies getan war, sammelte er die Waffen wieder auf und fing wieder an, mit derselben Gemütsruhe wie erst, auf und ab zu gehen. Kurz nachher, ohne zu wissen, was sich zugetragen (denn der erste Eseltreiber lag noch ohne Bewußtsein auf dem Boden), kam ein anderer, in der nämlichen Absicht, seinen Maultieren Wasser zu geben; er machte Anstalt, die Waffen herabzuwerfen, um den Trog frei zu machen. Don Quixote, ohne ein Wort zu sprechen und irgend jemand um seine Gunst zu flehen, warf zum zweiten Male den Schild weg, ergriff zum zweiten Male die Lanze, und ohne weitere Umstände schlug er dem zweiten Eseltreiber mehr als dreimal auf den Kopf und eröffnete ihn an vier unterschiedlichen Stellen. Auf das Geschrei liefen alle aus der Schenke zusammen, und unter diesen war auch der Schenkwirt. Als Don Quixote sie sah, faßte er seinen Schild, legte die Hand auf seinen Degen und sprach: „O Herrin der Schönheit! Kraft und Stärke meines schwachen Herzens! Zu dieser Frist wende die Augen deiner Größe auf deinen gefangenen Ritter, dem ein furchtbares Abenteuer bevorsteht!“ — Hierdurch wurde, nach seinem Urteil, sein Gemüt so erfüllt, daß er nicht einen Fußbreit gewichen wäre, wenn ihn auch alle Eseltreiber in der Welt angegriffen hätten.

Als die Gefährten der Verwundeten dergleichen sahen, fingen sie an, nach Don Quixote aus der Ferne mit Steinen zu werfen, wogegen er sich, soviel es ihm möglich war, mit seinem Schilde verwahrte, es aber dabei nicht wagte, den Trog zu verlassen, um seine Waffen nicht unbeschirmt zu lassen. Der Schenkwirt rief, um sie abzuhalten, dazwischen, er habe es ihnen vorher gesagt, daß er närrisch sei und daß ihn seine Narrheit freisprechen würde, wenn er sie auch alle umbrächte. Don Quixote aber schrie noch lauter und nannte sie alle Verräter und Nichtswürdige, der Herr des Kastells aber sei ein feiger und schlechtgearteter Ritter, weil er es dulde, daß man also gegen fahrende Ritter verführe; sobald er den Orden der Ritterschaft empfangen, wolle er auch über seine Verräterei mit ihm Rücksprache nehmen. — „Was aber euch übrige betrifft“, fuhr er fort, „so seid ihr gemeines Gesindel, auf welches ich gar nicht weiter achte; werft, nähert euch, kommt heran und beleidigt mich, soviel ihr könnt, ihr sollt den Lohn empfangen, der eurem Unsinn und Aberwitz gebührt.“ Diese Worte sprach er mit so vieler Kühnheit, daß alle, die ihn angriffen, von Furcht befallen wurden. Hierdurch und durch die Überredungen des Schenkwirts bewogen, hörten sie auf zu werfen, er aber erlaubte den Verwundeten, sich wegzubegeben und kehrte dann zur Bewachung seiner Waffen mit eben der Ruhe und Friedlichkeit zurück, mit welcher er sie begonnen.

Dem Schenkwirt mißfielen die Possen seines Gastes, er beschloß also, sie abzukürzen und ihm lieber sogleich den fatalen Ritterorden zu erteilen, ehe noch mehr Unheil daraus erwüchse. Er ging also zu ihm und entschuldigte sich über die Beleidigung einiger pöbelhaften Menschen, die sie ganz ohne sein Mitwissen verübt, weshalb er sie auch geziemlich ihres Übermutes halber gestraft habe. Er wiederholte, was er ihm schon gesagt hatte, daß er in seinem Kastelle keine Kapelle habe, daß sie aber zu dem, was noch zu tun, wenig vonnöten sei; alles was zur Feierlichkeit gehörig, bestehe hauptsächlich im Nackenschlage mit der Hand und im Schulterschlage mit dem Degen, soviel er von den Zeremonien des Ordens wisse, und daß dies mitten auf dem Felde vollbracht werden könne; mehr als genug habe er in der Bewachung der Waffen getan, zu der zwei Stunden hinreichend wären, auf welche er aber mehr als vier aufgewandt habe. Don Quixote glaubte dies alles und antwortete, er sei sogleich bereit zu gehorchen und möchte alles so schnell als möglich beendigen, denn wenn man ihn wieder angriffe und er schon zum Ritter geschlagen sei, gedenke er keine Person im ganzen Kastell lebendig zu lassen.

Dieser kluge und vorsorgliche Kastellan nahm sogleich ein Buch, in welchem er seinen Häcksel und die Gerste für die Eseltreiber anschrieb, und ging so und mit einem Jungen, der ein Endchen Licht trug, und mit den beiden obengenannten Jungfrauen zu Don Quixote hin. Diesem gebot er, sich auf die Knie niederzulassen, und indem er in seinem Buche las (als wenn er ein andächtiges Gebet hersagte), erhub er unter dem Lesen die Hand und gab ihm einen guten Schlag an den Hals, hierauf einen zierlichen Rückenschlag mit seinem eigenen Schwerte, indem er immer zwischen den Zähnen murmelte, als wenn er etwas hersagte. Dann befahl er der einen Dame, ihm das Schwert umzugürten, die es auch mit vieler Artigkeit und ziemlichem Anstande tat, ob sie gleich große Mühe hatte, bei diesen Zeremonien nicht in ihr erstes Lachen wieder zu verfallen; doch hielten die Tapferkeiten, die sie den neuen Ritter verüben gesehen, die Lachlust in ihre Schranken zurück. Indem sie ihm das Schwert umgürtete, sprach die wackere Dame: „Gott mache Eure Gnaden zu einem glücklichen Ritter und gebe Euch glückliche Kämpfe.“ Don Quixote fragte nach ihrem Namen, um zu wissen, wem er für die empfangene Vergünstigung verbindlich, weil er gesonnen, ihr einen Teil der Ehre, die ihm die Tapferkeit seines Armes erwerben würde, abzutreten. Sie antwortete mit vieler Demut, daß man sie Tolosa nenne, sie sei die Tochter eines Pfandlehners zu Toledo, und sie wolle ihm in allem dienen und ihn für ihren Herrn erkennen. Don Quixote antwortete, daß sie sich aus Liebe zu ihm künftig Donna Tolosa nennen solle. Sie versprach es ihm, und die andere befestigte ihm die Sporen, mit der dasselbe Gespräch wie mit der Schwertdame begann. Er fragte nach ihrem Namen, und sie sagte, daß man sie die Müllerin nenne, denn ihr Vater sei ein angesehener Müller zu Antequera. Don Quixote bat sie gleichfalls, sich Donna Müllerin zu nennen, indem er ihr Dienste und Dankbarkeit anbot.

Nachdem schnell und eilig diese unerhörten Zeremonien beendigt waren, konnte Don Quixote die Zeit nicht mehr erwarten, sich auf dem Pferde zu sehen, um auszuziehen und Abenteuer aufzusuchen. Er lief sogleich zum Rosinante, bestieg ihn und umarmte seinen Wirt, indem er ihm so wunderliche Dinge sagte und seine Verbindlichkeit, daß er von ihm zum Ritter geschlagen, so erhöhte, daß es sich nicht wiederholen und erzählen läßt. Der Schenkwirt, um ihn nur bald aus seiner Schenke zu wissen, antwortete ebenso rhetorisch, aber kürzer, und ließ ihn, ohne seine Zehrung zu verlangen, auf gut Glück fortziehen.

Was unserm Ritter begegnete, als er die Schenke verließ

Mit Tagesanbruch verließ Don Quixote die Schenke, so zufrieden, vergnügt und hocherfreut, sich als Ritter zu sehen, daß er fast vor Entzücken den Sattelgurt seines Pferdes zerriß. Er erinnerte sich aber des Rats seines Wirtes, in Ansehung der notwendigen Erfordernisse, die er mit sich führen solle, vorzüglich Geld und Hemden, und beschloß also nach Hause zurückzugehen, um sich zugleich mit einem Edelknaben zu versorgen, wozu er einen Bauer, seinen Nachbar, bestimmte, der arm war und Kinder hatte, ihm aber zum Dienste eines Edelknaben der Ritterschaft vorzüglich tauglich schien.

Mit diesen Vorstellungen lenkte er den Rosinante nach der Gegend seines Dorfes zu, der, als wenn er diese Absicht verstünde, mit solcher Bereitwilligkeit zu laufen anfing, daß es schien, als wenn seine Beine den Boden nicht berührten. Er war noch nicht weit geritten, als es ihm vorkam, als wenn rechts aus einem Gebüsche die schwache Stimme einer Person ertöne, die Klagen führe. Kaum hatte er sie vernommen, als er sprach: „Ich danke dem Himmel für die Gnade, die er mir widerfahren läßt, indem er mir so schnell Gelegenheiten vorführt, die Pflichten meines Standes zu erfüllen und die Früchte meines edlen Entschlusses einzusammeln; ohne Zweifel rühren diese Klagen von einem Notgeängsteten her, der meiner Liebe und Hilfe benötigt ist.“ — Er lenkte zugleich den Zügel und ritt mit dem Rosinante dahin, woher ihm die Stimme zu kommen schien. Als er im Gebüsche nur wenige Schritte gemacht hatte, sah er eine Stute an einer Eiche, an einem andern Eichbaume aber einen Jungen gebunden, der von den Schultern bis zu den Hüften nackt war, ungefähr fünfzehn Jahr alt sein mochte und eben derjenige war, der Klagen geführt hatte, und das nicht ohne Grund, denn ein Bauer von starkem Ansehen schlug ihn mit einem ledernen Riemen und begleitete jeden Streich mit einer Warnung und einem Rate, indem er sagte: „Die Zunge laß still bleiben, aber die Augen müssen munter sein.“ Der Junge antwortete: „Ich will es nicht wieder tun, lieber Herr, um Gottes Barmherzigkeit, ich will es nicht wieder tun, ich verspreche, künftig auf das Vieh mehr achtzugeben.“

Als Don Quixote sah, was vorging, rief er mit erhabener Stimme: „Ungezogener Ritter! schlecht geziemt es sich, diejenigen zu bekämpfen, die sich nicht verteidigen können; besteigt schnell Euer Roß und ergreift Eure Lanze“ (denn für eine Lanze sah er das an, was er an der Eiche gelehnt fand, an der die Stute festgebunden war), „damit ich Euch zeige, daß es Schändlichkeit sei, also zu verfahren.“ — Der Bauer, der diese ganz geharnischte Gestalt über sich erblickte, die ihm mit der Lanze vor dem Gesichte focht, hielt sich schon für tot und antwortete mit bittender Stimme: „Herr Ritter, der Junge, den ich da abstrafe, ist mein Knecht, der eine Herde Schafe hüten soll, die ich hier in der Gegend halte; aber er ist so unachtsam, daß mir jeden Tag ein Stück fehlt, und darum bestrafe ich seine Unachtsamkeit und Bosheit, denn er sagt, ich tue es aus Geiz, um ihm den Lohn nicht zu bezahlen, den ich ihm schuldig bin, aber bei Gott und meiner Seele, er lügt es.“

„Lügen! in meiner Gegenwart, du gemeiner Bube!“ rief Don Quixote aus, „bei der Sonne, die uns bescheint, ich renne dich durch und durch mit dieser Lanze, wenn du ihm nicht ohne Widerspruch bezahlst, oder bei dem Gotte, der uns schirmt und schützt, ich vernichte dich augenblicklich; sogleich binde ihn los!“

Der Bauer ließ den Kopf hängen und band, ohne ein Wort zu sagen, seinen Knecht los. Diesen fragte Don Quixote, wieviel sein Herr ihm schuldig sei, worauf er antwortete: „Neun Monate, und jeden Monat sieben Realen.“ Don Quixote rechnete es zusammen und fand, daß die Summe dreiundsechzig Realen betrug; er befahl hierauf dem Bauer, sie sogleich auszuzahlen, falls er nicht umkommen wolle; der erschrockene Bauer antwortete, so gewiß er dastehe und geschworen habe (ob er gleich gar nicht geschworen hatte), es betrage nicht soviel, denn man müsse die Kosten von drei Paar Schuhen abrechnen, die er ihm gegeben, ebenso einen Real für zwei Aderlässe, die er ausgelegt habe, als er unpaß gewesen. „Dem mag also sein“, antwortete Don Quixote, „aber was die Schuhe und die Aderlässe betrifft, so magst du sie für die Streiche abrechnen, die du ihm unverschuldet gegeben hast; hat er das Leder deiner von dir bezahlten Schuhe zerrissen, so hast du dafür dasjenige seines Körpers zerrissen; hat der Barbier ihm Blut abgezapft, da er krank war, so hast du es ihm in seiner Gesundheit abgezapft; dafür ist er dir also nichts schuldig.“

„Das Unglück, Herr Ritter, ist nur, daß ich kein Geld bei mir habe. Will aber Andres nur mit mir nach Hause kommen, so will ich ihm einen Real auf dem andern bezahlen.“

„Mit ihm gehen!“ rief der Junge, „schönen Dank; nein, mein Herr, daran ist nicht zu denken, denn wenn er mich allein hätte, so würde er mich schinden wie einen Sankt Bartholomäus.“

„Fürchte nichts“, antwortete Don Quixote, „genug, daß ich es ihm bei seiner Ehrfurcht gegen mich gebiete, er soll mir bei dem Orden der Ritterschaft, den er empfangen, schwören, dich freizulassen und den Lohn gewiß zu bezahlen.“

„Seht wohl zu, gnädiger Herr, was Ihr sprecht“, antwortete der Bursche, „denn mein Herr ist kein Ritter und hat auch gar keinen Orden der Ritterschaft empfangen, er ist ja der reiche Hans Dickbauch, der Nachbar von Quintanar.“

„Das hindert wenig“, antwortete Don Quixote, „auch Dickbäuche können Ritter sein, um so mehr, da jedermann der Sohn seiner Taten ist.“

„Das ist wahr“, sagte Andres, „aber von was für Taten ist mein Herr ein Sohn, der mir meinen sauer verdienten Schweiß verweigert?“

„Ich verweigere dir ihn nicht, Freund Andres“,.antwortete der Bauer, „und wenn du nur mit mir kommen willst, so schwörʼ ich dir bei allen Orden der Ritterschaft in der Welt, ich will dir bezahlen, wie ich gesagt habe, einen Real auf den andern, und obendrein lauter blank geschliffene.“

„Auf die Geschliffenheit bestehe ich nicht“, sagte Don Quixote, „wenn Ihr ihm nur Realen gebt, so bin ich damit zufrieden; trachtet aber, daß Ihr es vollführt, wie Ihr geschworen habt, sonst schwöre ich bei dem nämlichen Eide, daß ich Euch wieder aufsuche und züchtige und daß ich Euch wiederfinden werde, und wenn Ihr Euch auch besser als eine Eidechse verbergen könntet. Wenn Ihr aber wissen wollt, wer Euch dies gebeut, um desto mehr Grund zu haben, Euer Versprechen zu vollführen, so erfahret: Ich bin der tapfere Don Quixote von la Mancha, der Vernichter jeglicher Ungebühr und Beschwer und somit Gott befohlen: vergiß nicht, was du versprochen und geschworen, bei Strafe der angekündigten Strafe.“

Mit diesen Worten gab er seinem Rosinante die Sporen und verließ sie. Der Bauer folgte ihm mit den Augen, und da er bemerkte, daß er das Gehölz verlassen und nicht mehr zu sehen war, wandte er sich zu seinem Knecht Andres und sagte: „Nun komm, mein Sohn, daß ich dir bezahle, was ich dir schuldig bin, wie es mir der Vernichter aller Ungebühr geboten hat.“ — „Ich schwöre Euch“, sagte Andres, „tut Ihr nicht, was der gnädige Herr, der wackere Ritter, Euch befohlen hat (der tausend Jahre leben möge) und der ebenso tapfer als verständig ist, beim Sankt Rochus schwörʼ ich Euch, bezahlt Ihr nicht, so suchʼ ich ihn wieder auf, damit er das tut, was er gesagt hat.“ — „Ich schwöre dir ebenfalls“, sagte der Bauer, „daß ich für das Gute, das ich dir wünsche, noch die Schuld zu vergrößern wünsche, um die Bezahlung zu vergrößern.“ Er nahm ihn zugleich beim Arm und band ihn wieder an die Eiche, worauf er ihm so viele Hiebe gab, daß er ihn halbtot schlug. „Nun, Freund Andres“, sagte er dabei, „ruft doch nun den Vernichter jeglicher Ungebühr und seht, wie er diese vernichten wird; ich glaube, Euch geschieht noch nicht genug; ich habe fast Lust, Euch das Fell abzuziehen, wie Ihr sagtet.“ Endlich band er ihn doch los und gab ihm die Erlaubnis, seinen Richter aufzusuchen, um das gesprochene Urteil zu vollstrecken. Andres ging erbost hinweg und schwur, sogleich den tapfern Don Quixote von la Mancha aufzusuchen, ihm alles, was vorgefallen sei, aufs genaueste zu erzählen, um sich alles siebenfach bezahlen zu lassen. Aber er ging dennoch weinend fort, und sein Herr lachte.

Also vernichtete der tapfere Don Quixote die Ungebühr und war über diesen glücklichen Erfolg ungemein vergnügt, er glaubte seine Ritterschaft auf die schönste und edelste Weise angetreten zu haben und legte mit großer Selbstzufriedenheit den Weg nach seinem Dorfe fort.

So kam er auf eine Stelle, wo sich der Weg in vier andre teilte, und sogleich fielen ihm die Kreuzwege ins Gedächtnis, an denen die fahrenden Ritter stillhielten, um zu überlegen, welche Straße sie nehmen sollten; also hielt er gedankenvoll still, und nachdem er genug gesonnen, ließ er dem Rosinante den Zügel, um dem Willen seines Gaules seinen eigenen zu unterwerfen, der auch seiner vorigen Absicht folgte, sich nämlich nach seinem Stalle zu begeben. Als Don Quixote ungefähr zwei Meilen geritten war, erblickte er eine Anzahl Menschen, die, wie sich nachher auswies, Kaufleute aus Toledo waren, die nach Murzia gingen, um Seide einzukaufen. Es waren sechs Männer, die mit Sonnenschirmen reisten, ihnen folgten vier Bediente, ebenfalls beritten, und drei Burschen zu Fuß für die Maulesel. Kaum hatte sie Don Quixote entdeckt, so hielt er dies auch schon für ein neues Abenteuer. Er setzte sich also mit edlem und kühnem Anstande in den Steigbügeln fest, hielt die Lanze bereit, bedeckte mit dem Schilde die Brust und lagerte sich dann in der Mitte des fahrenden Weges, weil er glaubte, daß dort die Ritter vorbeikommen müßten, denn daß sie dergleichen sein müßten, zweifelte er nicht. Als sie so nahe gekommen, daß sie ihn sehen und hören konnten, erhub Don Quixote die Stimme und sprach mit kecker Gebärde: „Alle Welt sei hier angehalten, wenn nicht alle Welt bekennt, daß in aller Welt keine schönere Dame lebe, als die Kaiserin von la Mancha ist, die unvergleichbare Dulzinea von Toboso.“

Die Kaufleute hielten still, um die Worte zu hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die sie hersagte, und aus dieser Gestalt und den Worten merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides angehörte. Sie wollten aber gern erfahren, warum ihnen dergleichen Geständnis abgefordert werde, und einer von ihnen, der gern spottete und dabei witzig war, sagte: „Herr Ritter, wir alle kennen die gute Dame nicht, von der Ihr sprecht, zeigt sie uns, und ist sie so schön, wie Ihr behauptet, so wollen wir freiwillig und ohne allen Zwang die Wahrheit bekennen, die Ihr von uns fordert.“

„Wenn ich sie euch zeigte“, antwortete Don Quixote, „was hättet ihr dann getan, eine so bekannte Wahrheit zu gestehen? Es ist vonnöten, daß ihr es ohne zu sehen glaubt, gesteht, behauptet, beschwört und dafür kämpft; wo nicht, so beginnt der Streit, ungezogenes und stolzes Volk. Einen nach dem andern will ich bestrafen, wie es sich nach den Rittergesetzen ziemt, oder euch alle zugleich bekämpfen, wie es Sitte und übler Gebrauch unter Gesindel von eurem Gelichter ist, als wofür ich euch halte und erkenne, indem ich der guten Sache vertraue, die auf meiner Seite ist.“

„Herr Ritter“, antwortete der Kaufmann, „ich flehe Euch im Namen aller dieser Prinzen, welches wir sind, daß Ihr unser Gewissen nicht beschweren mögt, und uns eine Sache, die wir nie sahen, nie hörten, bekennen laßt; aber Euer Gnaden sei nur von der Güte, uns ein Bildnis dieser Dame zu zeigen, wäre es auch nur so groß als ein Weizenkorn; denn wenn man dem Faden nachgeht, so findet man auch den Knäuel, und damit wollen wir uns dann zufriedenstellen, und auch Euch Genüge leisten. Ich glaube selbst, daß wir alle schon für sie sind, und wenn man auch auf dem Bildnisse sähe, daß das eine Auge schief sei, und ihr aus dem andern Zinnober und Schwefelstein triefe, so wollen wir dem ungeachtet, um Euch gefällig zu sein, alles zu ihren Gunsten sagen, was Ihr nur verlangen werdet.“

„Nichts fließt! niederträchtige Bestie“, rief Don Quixote im Zorne entbrannt, „nichts fließt, sag ich dir, was du behauptest, außer Ambra und Zibet zwischen Seiden, nichts ist schief oder bucklig, sondern sie ist gerader als eine Spindel von Guadarrama; aber ihr sollt die schreckliche Lästerung bezahlen, die ihr gegen die große Schönheit meiner Dame ausgestoßen habt.“

Mit diesen Worten legte er die Lanze gegen den, der gesprochen hatte, ein, und rannte mit solcher Wildheit und Wut auf ihn zu, und hätte es sich nicht so glücklich getroffen, daß Rosinante mitten im Wege gestolpert und gefallen wäre, so wäre es wohl dem übermütigen Kaufmann übel ergangen. Rosinante stürzte und rollte seinen Herrn eine gute Strecke ins Feld hinein. Er gab sich Mühe, aufzustehn, aber er vermochte es nicht, so hinderte ihn die Lanze, der Schild, die Sporen, der Helm und das Gewicht der alten Rüstung. Indem er sich bestrebte, aufzustehn, und es doch nicht konnte, rief er: „Flieht nicht, feiges Gesindel, elendes Gesindel! vernehmt, daß ich nicht durch meine Schuld, sondern durch Schuld meines Pferdes hier liege.“ Als einer von den Maultierjungen, der nicht sonderlich aufgeräumt war, den armen Umgefallenen diese Schmähungen sagen hörte, konnte er dies nicht leiden, ohne ihm eine Antwort auf die Schultern zu geben. Er ging hin zu ihm, nahm seine Lanze, zerbrach sie in mehrere Stücke und mit dem einen davon fing er an, unserm Don Quixote so viele Schläge zu geben, daß er ihn unter der Last und dem Drucke seiner Waffen wie Getreide mahlte. Seine Herren riefen ihm zu, daß es genug sei und er ihn lassen möchte, aber der Junge war einmal erbittert, und wollte das Spiel nicht verlassen, ohne alle seine Trümpfe rein auszuspielen, er nahm also auch die übrigen Stücke der Lanze und zerschlug sie alle auf dem elenden Niedergestürzten, der während des Ungewitters von Schlägen, das auf ihn niederprasselte, nicht das Maul hielt, sondern dem Himmel, der Erde und den Straßenräubern drohte, wofür er sie hielt.

Der Junge wurde müde, und die Kaufleute setzten ihren Weg fort und hatten noch viel von dem armen Geprügelten zu sprechen. Als dieser sich allein sah, versuchte er es von neuem, sich aufzuheben; aber da es ihm unmöglich fiel, als er gesund und wacker war, wie konnte er es jetzt, so zermahlen und zerprügelt ausrichten? Dabei aber pries er sich doch glücklich, denn er hielt dies für ein Ungück, das nur den fahrenden Rittern eigentümlich sei, wobei er alle Schuld auf sein Pferd schob. Er konnte sich aber durchaus nicht erheben, denn er war am ganzen Körper zerschlagen.

Da er sich nun gar nicht bewegen konnte, so verfiel er endlich auf sein gewöhnliches Mittel, nämlich an irgendeine Stelle in seinen Büchern zu denken. Sein Zorn brachte ihm eine vom Balduin ins Gedächtnis und vom Marquese von Mantua, als Carlot den Balduin verwundet im Gebirge ließ. Diese Geschichte kennen die Kinder, die Jugend weiß sie, die Alten rühmen und glauben sie, und sie ist auch außerdem so wahrhaftig, als die Wunderwerke Mahomets es sind. Dieser Umstand schien ihm auf seine Lage am meisten passend zu sein, er wälzte sich daher mit dem Ausdruck eines großen Schmerzes auf der Erde herum, und sagte mit schwacher Stimme alles, was der verwundete Ritter im Walde sagt. So sprach er die Romanze bis zu den Versen:

O du Marques von Mantua fein,

Mein Ohm, verwandtes Herz!

Es traf sich, daß bei diesen Versen ein Bauer aus seinem Dorfe und sein Nachbar vorüberging, der einen Sack Korn zur Mühle gebracht hatte. Als dieser einen Mann auf dem Boden liegen sah, ging er zu ihm hin, und fragte ihn, wer er sei und was ihm fehle, daß er sich so überaus betrübt anstelle. Don Quixote glaubte fest, dieser sei der Marques von Mantua, sein Ohm, und antwortete also nichts Weiteres, sondern fuhr in der Romanze fort, in der er sein Unglück und die Liebe des Kaisersohns zu seinem Gemahl vortrug, ganz so, wie es das Lied besingt. Der Bauer stand verwundert da, als er dergleichen Unsinn hörte; er machte das Visier los, das von den Schlägen in Stücke gegangen war, und reinigte ihm dann das Gesicht, das voll Staub lag. Er hatte ihn kaum gesäubert, als er ihn erkannte und ausrief: „Ei, Herr Quixada! wer hat Euer Gnaden denn so zugerichtet?“ — Jener aber fuhr immer fort, auf alle Fragen mit der Romanze zu antworten.

Da dies der gute Mann sah, machte er ihm, so gut er es konnte, Brust und Rücken frei, um nachzusehn, ob er verwundet sei, aber er fand weder Blut noch eine Verletzung. Er bestrebte sich, ihn vom Boden aufzuheben, und mit vieler Mühe brachte er ihn auf seinen Esel, weil er dies für die bequemere Art von Reiten hielt. Die Waffen suchte er bis auf die Stücke der Lanze zusammen und band sie auf den Rosinante, den er beim Zügel faßte, seinen Esel aber an einem Stricke führte, und so den Weg nach seinem Dorfe antrat, sehr nachdenklich über den Unsinn, den er Don Quixote sagen hörte.

So kamen sie gegen Abend an das Dorf, aber der Bauer wartete, bis es finster würde, damit man nicht den zerschlagenen Edlen als einen so üblen Ritter sehn möchte. Als ihm nun die Zeit günstig deuchte, zog er in das Dorf hinein und nach Don Quixotes Wohnung, wo alles in Verwirrung war. Der Pfarrer und der Barbier des Ortes, die Don Quixotes gute Freunde waren, befanden sich dort, und die Haushälterin sagte eben mit lauter Stimme: „Was sagt nun Eure Ehrwürden, Herr Lizentiat Pedro Perez (so hieß der Pfarrer), zu meines Herrn Unglück? Seit sechs Tagen ist er nicht zu sehen, nicht sein Pferd, nicht die Lanze und Schild, nicht die Waffen! Ich will nicht gesund hier stehn, wenn ich es nicht weiß, und es ist ebenso wahr, wie geboren werden um zu sterben, daß ihm seine verfluchten Ritterbücher, die er immer las, den Verstand verrückt haben! Ich erinnere mich jetzt, daß ich ihn oft habe sagen hören, wenn er für sich sprach, daß er ein fahrender Ritter werden möchte, und ausziehn, um in der ganzen Welt Abenteuer aufzusuchen. Hole doch Satan und Barrabas alle dergleichen Bücher! denn sie haben den feinsten Kopf in der ganzen Mancha um seinen Verstand gebracht.“

Die Nichte sagte das nämliche und fügte noch hinzu: „Wißt, Meister Nicolas“ (denn so hieß der Barbier), „daß mein Herr Oheim, wenn er manchmal in diesen unmenschlichen Unglücksbüchern zwei Nächte und zwei Tage las, am Ende das Buch wegwarf, den Degen nahm und auf die Mauer losschlug; wenn er dann ermüdet war, sagte er, er habe vier Riesen, so groß wie Türme, umgebracht, der Schweiß, den er von der Anstrengung vergoß, behauptete er, sei Blut aus den Wunden, die er in der Schlacht empfangen habe; dann trank er schnell einen großen Becher kaltes Wasser aus und war gesund und ruhig, wobei er sagte, daß das Wasser ein köstliches Getränk sei, das ihm der weise Esquife, ein großer Zauberer und sein Freund, gebracht habe. Ich gebe mir aber vor allem die Schuld, daß ich Euch nicht von den Torheiten meines Herrn Oheims unterrichtet habe, damit wir vorher dazugetan hätten, ehe er das geworden ist, was er jetzt ist, so hätte man all die vielen heidnischen Bücher verbrannt, die es wahrhaftig ebensowohl als Ketzer verdienen.“

„Das sag ich auch“, sagte der Pfarrer, „und wahrlich! morgen soll die Sonne nicht untergehn, ehe wir sie verurteilt und zum Feuer verdammt haben, damit sie nicht jemand anders verführen sie zu lesen, und es ihm dann so ergeht, wie es meinem guten Freunde ergangen sein muß.“

Alles dieses hörten der Bauer und Don Quixote mit an, und der Bauer begriff daraus völlig die Krankheit seines Nachbars; er rief nun mit lauter Stimme: „Man geruhe dem Herrn Balduin aufzumachen und dem Herrn Marques von Mantua, der schwer verwundet ankommt, ebenso dem Herrn Mohren Abindarraez, den der Kommandant von Antequera, der tapfere Rodrigo de Narvaez, gefangen führt.“

Bei diesen Worten liefen sie alle hinaus, und wie nun die beiden ihren Freund, die andern ihren Herrn und Oheim erkannten, der noch nicht von seinem Tiere abgestiegen war, weil er nicht konnte, wollten ihn alle umarmen. Er aber sagte: „Bleibt alle zurück, denn ich komme durch Schuld meines Pferdes schwer verwundet an: bringt mich zu Bett und ruft, wenn es möglich ist, die weise Urganda, daß sie meine Wunden heile und untersuche.“

„Nun, da haben wirʼs ja“, sagte die Haushälterin, „mein Herz sagte es mir wohl, wo meinen Herrn der Schuh drückte, wir wollen Euch mit Gottes Hilfe, gnädiger Herr, selber schon heilen, ohne daß die Urganda dazu komme. Verflucht, und noch hundertmal, und noch tausendmal verflucht mögen die Ritterbücher sein, die Euer Gnaden so zugerichtet haben.“

Sie brachten ihn sogleich zu Bette, um seine Wunden zu untersuchen, da sie aber keine fanden, sagte er, daß er ganz zerquetscht sei, weil er mit seinem Rosse Rosinante einen schweren Fall getan, in Bekämpfung von zehn Riesen, den ungeheuersten und wildesten, die man wohl auf einem großen Teile der Erde finden könne. — „Ha, ha!“ sagte der Pfarrer, „müssen die Riesen an den Tanz? Bei meiner Seele, morgen vor Abend sollt ihr alle verbrannt sein.“

Sie taten tausend Fragen an Don Quixote, aber er antwortete auf alle nichts weiter, als man möchte ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen, welches ihm das nötigste sei. Dies geschah auch, und der Pfarrer erkundigte sich bei dem Bauer umständlicher, auf was Art er Don Quixote gefunden habe. Dieser erzählte alle Tollheiten, die jener auf der Erde liegend und unterwegs gesprochen habe, welches den Lizentiaten in seinem Vorsatze bestärkte, der am folgenden Tage sogleich seinen Freund, Meister Nicolas den Barbier, abrief, mit dem er sich nach der Wohnung Don Quixotes begab.

Lustiger und feierlicher Gerichtstag, den der Pfarrer und Barbier im Büchersaale unseres scharfsinnigen Edlen hielten

Er war immer noch im Schlafe, als der Pfarrer sich von der Nichte die Schlüssel zu dem Zimmer geben ließ, in welchem sich die verurteiten Bücher befanden. Sie gab ihn sehr gern, und alle gingen hinein, auch die Haushälterin. Im Zimmer standen mehr als hundert Autoren in Folio, die gut eingebunden waren, und außerdem noch mehrere in kleinerer Figur. Sowie die Haushälterin sie erblickte, ging sie eilig aus der Stube, kam aber sogleich mit einer Schale Weihwasser und einer Rute zurück, indem sie sagte: „Da nehmt hin, Herr Lizentiat, besprengt die Stube, damit nicht einer von den vielen Zauberern, die in diesen Büchern stecken, uns bezaubern möge, weil wir ihnen jetzt zu nahe tun und sie aus der Welt schaffen wollen.“

Der Lizentiat lachte über die Einfalt der Haushälterin und befahl dem Barbier, daß er ihm ein Buch nach dem andern reichen solle, um sie anzusehn, weil sich vielleicht einige finden möchten, die die Feuerstrafe nicht verdienten. „Nein“, sagte die Nichte, „es muß nicht einem einzigen vergeben werden, denn sie sind alle Verbrecher; es wäre am besten, sie durch die Fenster in den Hof zu schmeißen, sie da auf einen Haufen zu packen und Feuer dran zu legen;ʼoder man könnte sie auch in den Hinterhof bringen, und da den Scheiterhaufen errichten, weil uns dann der Rauch nicht beschwerlich fiele.“

Dasselbe sagte die Haushälterin, so große Eile hatten sie, diese Unschuldigen ums Leben zu bringen; aber der Pfarrer gab ihnen nicht nach, sondern er bestand darauf, vorerst die Titel zu lesen.

Viele Stunden lang währte das Strafgericht über die unseligen Ritterschmöker. Buch um Buch, Foliant nach Foliant flog zum Fenster hinaus und endete ehrlos und schimpflich auf dem Scheiterhaufen.

Von dem zweiten Auszuge unseres wackern Ritters Don Quixote von la Mancha

Während der Pfarrer und die Nichte ihrem Zerstörungswerk oblagen, fing auf einmal Don Quixote an, mit lauter Stimme zu schreien: „Wohlauf! wohlauf! ihr tapfern Ritter! Wohlauf! es ist vonnöten, die Stärke eurer tapfern Arme zu zeigen, damit die Höflinge nicht das Beste im Turniere gewinnen!“ Auf dies Geschrei und Lärmen liefen sie hinzu und brachen dadurch das Gericht über die andern Bücher ab.

Als sie zu Don Quixote kamen, war er schon aus dem Bette aufgestanden; er schrie und tobte und schlug von allen Seiten um sich, wobei er so wach war, als wenn er gar nicht geschlafen hätte. Sie unterliefen ihn und warfen ihn mit Gewalt auf sein Bett; als er darauf ein wenig beruhigt war, wandte er sich zum Pfarrer und sagte: „Wahrlich, Herr Erzbischof Turpin, große Schande ist es für uns, die wir die zwölf Pairs genannt werden, so mir nichts dir nichts den Hofrittern den Sieg dieses Turniers zu lassen, da wir übrigen Abenteurer doch den Preis der vorigen drei Tage gewonnen haben.“ — „Beruhigt Euch, Herr Gevatter“, antwortete der Pfarrer, „Gott wird es fügen, daß das Glück sich wieder wendet und daß das, was heut verloren ist, morgen wieder gewonnen wird, jetzt tragt nur für Eure Wohlfahrt Sorge, denn Ihr müßt über die Maßen entkräftet sein, wenn Ihr nicht gar schlimm verwundet seid.“ — „Verwundet nicht“, sagte Don Quixote, „aber gewiß sehr zerschlagen und zerquetscht, denn der Bastard Don Roland hat mich unsäglich mit dem Stamme einer alten Eiche zerprügelt und bloß aus Neid, weil er gewahr wird, daß ich sein einziger Nebenbuhler in der Tapferkeit bin; aber ich will nicht Reinald von Montalban heißen, wenn er mir nicht alles, sobald ich nur von diesem Bette aufstehe, trotz allen seinen Bezauberungen bezahlen soll: jetzt aber bringt mir augenblicklich Speise, denn dieser bedarf ich am meisten, und nachher will ich schon auf Rache denken.“

Sie taten es, sie gaben ihm zu essen und überließen ihn dann dem Schlafe zum zweiten Male, indem alle seine Torheit bewunderten. In dieser Nacht verbrannte die Haushälterin alle Bücher, die sie im Hofe und Hause antraf, und so sind wohl manche umgekommen, die verdient hätten, in ewigen Archiven aufbewahrt zu werden, aber das Schicksal und die Trägheit des Richters vergönnte es ihnen nicht, und so erfüllte sich an ihnen das Sprichwort, daß die Gerechten zugleich mit den Sündern büßen müssen.

Ein Mittel, das der Pfarrer und der Barbier gegen die Krankheit ihres Freundes ersonnen, war, das Bücherzimmer zu vermauern und anzustreichen, damit er es nicht wiederfinde, wenn er aufstände, weil mit der weggeräumten Ursache auch die Wirkung aufhören würde, wobei sie sagen wollten, daß ein Zauberer Bücher, Zimmer und alles entführt habe; dies ward wirklich mit großer Schnelligkeit ins Werk gesetzt. Nach zweien Tagen erhub sich auch Don Quixote, und sein erster Gang war, nach seinen Büchern zu sehen, und da er das Zimmer nicht da fand, wo er es gelassen hatte, wandelte er suchend von einer Seite zur andern. Er ging dahin, wo die Tür gewesen war und tastete mit den Händen und blickte mit den Augen hin und her, ohne ein einziges Wort zu sprechen; nachdem so eine geraume Zeit verflossen war, fragte er endlich die Haushälterin, wo sich denn sein Bücherzimmer befinde. Die Haushälterin, die schon auf ihre Antwort abgerichtet war, sagte: „Was für ein Zimmer, oder was sucht Ihr denn irgend da, gnädiger Herr? Wir haben im Hause weder das Zimmer, noch die Bücher mehr, denn alles hat der leibhafte Teufel mitgenommen.“

„Nicht der Teufel“, sagte die Nichte, „sondern ein Zauberer, der auf einer Wolke in derselben Nacht kam, nachdem Euer Gnaden tags vorher abgereist waren; er stieg von einer Schlange ab, auf der er wie ein Ritter saß, ging in das Zimmer, und was er drinne gemacht hat, weiß ich nicht, aber nach einer kleinen Weile flog er wieder zum Dache hinaus und ließ das Haus voller Rauch, und als wir zusehn wollten, was er gemacht hatte, fanden wir weder Buch noch Zimmer mehr; nur das erinnere ich mich noch, wie auch die Haushälterin, daß im Augenblicke, als der alte Kerl fortfliegen wollte, er laut sagte, daß er aus heimlicher Feindschaft, die er gegen den Herrn der Bücher und des Zimmers habe, ein Unheil angerichtet, das man nachher schon finden würde. Ich glaube, er nannte sich den weisen Munnaton.“

„Freston wird er gesagt haben“, sprach Don Quixote.

„Ich weiß nicht“, antwortete die Haushälterin, „ob er Freston oder Friton hieß, aber sein Name endigte sich auf ton.“ — „Dieser“, antwortete Don Quixote, „ist ein weiser Zauberer und mein großer Feind, denn er ist mir gram, weil er durch seine Kunst und Wissenschaft in Erfahrung gebracht, daß ich einst in künftigen Zeiten einen Zweikampf mit einem Ritter bestehn werde, den er begünstigt, und ich soll ihn überwinden, ohne daß er es zu hindern vermag, und derohalben erzeigt er mir so viele Unart, als er nur kann. Aber ich verkündige ihm, daß er dem nicht widerstreben noch ausweichen kann, was der Himmel einmal verhängt hat.“

„Das ist gewißlich wahr“, sagte die Nichte, „aber warum wollen sich der Herr Oheim in dergleichen Händel mischen? Wäre es nicht angenehmer, ruhig zu Hause zu bleiben, als in der Welt herumzuziehn, um das Brot der Betrübnis zu kosten? Gar nicht einmal zu erwähnen, daß mancher nach Wolle geht und geschoren nach Hause kommt.“

„O Nichte!“ rief Don Quixote aus, „welche ungereimte Dinge sprichst du da! Bevor mich einer scheren sollte, müßte der eher so Haut als Bart dran strecken, der sich nur unterfinge, ein einziges meiner Haare zu berühren.“ Sie antworteten ihm nichts weiter, weil sie sahen, daß er in Zorn geriet. Er hielt sich noch ferner vierzehn Tage ganz friedlich im Hause, ohne den Argwohn zu veranlassen, daß er in seinen vorigen Tollheiten fortfahren werde; in dieser Zeit führte er sehr anmutige Gespräche mit seinen beiden Gevattern, dem Pfarrer und Barbier, in welchen er behauptete, daß das, was der Welt am meisten vonnöten, fahrende Ritter wären, und daß in ihm die fahrende Ritterschaft wieder auferstünde. Der Pfarrer widersprach ihm einmal, ein andermal gab er ihm recht, denn wenn er nicht mit dieser Klugheit verfuhr, konnte er nicht mit ihm fertig werden.

In dieser Zeit verhandelte Don Quixote mit einem Bauer, seinem Nachbar, einem wackern Manne, der aber nicht sonderlichen Witz im Kopfe hatte. In diesen drang er so sehr, redete ihm zu und versprach ihm so viel, daß der gute Landmann sich entschloß, mit ihm auszuziehn und als sein Knappe zu dienen. Unter anderen Dingen sagte ihm Don Quixote, daß es für ihn der größte Gewinn sei, mit ihm zu ziehn, denn es könnte ihm sehr leicht ein Abenteuer aufstoßen, in dem statt der Streu, die er jetzt verließe, eine Insel gewonnen würde, über die er ihn zum Statthalter setzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen verließ Sancho Pansa (so hieß der Bauer) Frau und Kinder und ward der Knappe seines Nachbars. Don Quixote sorgte ferner dafür, Geld anzuschaffen, er verkaufte also ein Stück, verpfändete ein anderes, alles aber in eiliger Unordnung, und brachte so eine ansehnliche Summe zusammen. Er versah sich auch mit einem Schilde, den er von einem Freunde borgte, befestigte, so gut er konnte, seinen zerschlagenen Helm, und bestimmte seinem Knappen Sancho Tag und Stunde, wann er sich auf den Weg machen wolle, damit dieser sich mit allem Nötigen versehen könne; vor allen Dingen aber befahl er ihm, einen Schnappsack mitzunehmen. Jener versprach, ihn nicht zu vergessen, und daß er selbst einen Esel mitnehmen wolle, der sehr wacker sei, denn er besitze nicht die Gabe, viel zu Fuß zu laufen. Das mit dem Esel verschnupfte Don Quixote ein wenig, denn er überlegte sogleich, ob er sich eines fahrenden Ritters entsinnen könne, der seinen Knappen eselweise beritten mit sich geführt, aber nicht ein einziger kam ihm in die Gedanken; doch bewilligte er demohngeachtet, ihn mitzunehmen, mit dem Vorsatze, ihn bald ehrenvoller beritten zu machen, weil er Gelegenheit habe, dem ersten unhöflichen Ritter, der ihm aufstieße, sein Pferd zu nehmen. Er versorgte sich auch mit Hemden und anderen Dingen, dem Rate zufolge, den ihm der Schenkwirt gegeben hatte. Als nun alles getan und vollbracht, zogen sie in einer Nacht, ohne daß Sancho von Frau und Kindern, oder Don Quixote von Haushälterin und Nichte Abschied genommen, aus dem Dorfe aus, wobei sie kein Auge bemerkte und sie so eilig reisten, daß sie mit Tagesanbruch sicher waren, nicht eingeholt zu werden, wenn man sie auch aufsuchen sollte. Sancho Pansa zog auf seinem Tiere mit Schnappsack und Schlauch wie ein Patriarch einher, indem er sich schon in seinen Gedanken als den Statthalter der Insel sah, die ihm sein Herr versprochen hatte.

Don Quixote war bemüht, dieselben Wege wieder einzuschlagen, die er auf seiner ersten Reise genommen hatte, und diese gingen über das Feld Montiel; auf diesem zog er auch jetzt fort und mit weniger Gefährlichkeit als das vorige Mal, denn da es frühmorgens war, so trafen ihn die Sonnenstrahlen nur von der Seite und ermüdeten ihn nicht. Indem sprach Sancho Pansa zu seinem Herrn: „Schaut auch, Herr fahrender Ritter, wohl zu, daß Ihr des nicht vergeßt, was Ihr mir von wegen der Insel versprochen habt. Ich will sie gewiß statthaltern, und wäre sie noch so groß.“ Hierauf erwiderte Don Quixote: „Du mußt verstehn, Freund Sancho Pansa, daß es eine sehr gewöhnliche Sitte der alten fahrenden Ritter war, ihre Knappen zu Statthaltern von Inseln oder Reichen zu machen, die sie gewannen, und ich bin fest entschlossen, daß durch mich ein so edler Brauch nicht erlöschen soll, lieber denke ich darauf, ihn zu verbessern, denn oft, ja vielleicht meistenteils warteten sie, bis ihre Knappen alt waren, schon müde im Dienst und der bösen Tage und der noch bösern Nächte überdrüssig; dann gaben sie ihnen die Würde eines Herzogs oder mindestens eines Markgrafen von irgendeiner Mark oder einer Provinz, je nachdem sie groß oder klein war. Aber wenn du lebst und ich leben bleibe, so kann es wohl geschehen, daß ich innerhalb acht Tagen ein Reich gewinne, das andere, daranhängende in sich begreift, und es mag dann zutreffen, daß du in dem einen von diesen als König gekrönt wirst: dieses ist auch nichts Sonderliches, denn nach dem, was und wie alles den fahrenden Rittern begegnet, das man weder je gesehn noch sich vorstellen kann, kann es sich gar leicht fügen, daß ich noch mehr gebe, als ich dir verspreche.“

„Auf die Art“, antwortete Sancho Pansa, „wenn ich nun durch ein solches Wunderwerk, wie Euer Gnaden da sagt, König würde, so würde Hanne Gutierrez, meine Alte, Königin, und meine Kinder Infanten?“

„Wer zweifelt denn daran?“ antwortete Don Quixote.

„Ich zweifle“, sagte Sancho Pansa, „es kommt mir vor, wenn Gott auch Königreiche auf die Erde herunterregnen ließe, so paßte doch keins davon auf den Kopf der Marie Gutierrez. Nein, Herr, nicht für einen Dreier paßt sie sich zur Königin; Gräfin mag eher gehn, und auch das nur mit Gottes Beistand.“

„Laß du alles Gott empfohlen sein, Sancho“, antwortete Don Quixote, „der wird dir geben, was dir am besten zusteht, aber erniedrige dein Gemüt nicht so sehr, daß du dich mit etwas Geringerem als der Stelle eines Gouverneurs zufriedenstelltest.“

„Das soll nicht geschehen, mein gnädiger Herr“, antwortete Sancho, „da ich vollends einen so trefflichen Herrn in Euer Gnaden habe, der schon weiß, was er mir geben soll, das mir heilsam und zuträglich ist.“

Von dem guten Glücke, welches der tapfere Don Quixote in dem greulichen und unerhörten Abenteuer mit den Windmühlen hatte, nebst andern Glücksfällen, die der Aufbewahrung würdig

Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen, die hier auf dem Felde standen, und sowie sie Don Quixote erblickte, sagte er zu seinem Knappen: „Das Glück führt unsere Sache besser, als wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu nehmen, mit der Beute wollen wir den Anfang unseres Reichtums machen, denn dies ist ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst, diese Brut vom Angesichte der Erde zu vertilgen.“

„Welche Riesen?“ fragte Sancho Pansa.

„Die du dorten siehst“, antwortete sein Herr, „mit den gewaltigen Armen, die wohl zwei Meilen lang sind.“

„Seht doch hin, gnädiger Herr“, sagte Sancho, „das, was da steht, sind keine Riesen, sondern Windmühlen, und was Ihr für die Arme haltet, sind die Flügel, die der Wind umdreht, wodurch der Mühlenstein in Gang gebracht wird.“

„Es scheint wohl“, antwortete Don Quixote, „du bist in Abenteuern nicht sonderlich bewandert. Es sind Riesen, und wenn du dich fürchtest, so gehe von hier und ergib dich in einiger Entfernung dem Gebete, indes ich die schreckliche und ungleiche Schlacht mit ihnen beginne.“

Mit diesen Worten gab er seinem Pferde Rosinante die Sporen, ohne auf die Stimme seines Knappen Sancho zu achten, der ihm noch immer nachrief, daß es ganz gewiß Windmühlen und nicht Riesen wären, was er angreifen wollte. Aber er war so fest von den Riesen überzeugt, daß er weder auf die Stimme seines Stallmeisters Sancho hörte, noch sich zu sehn bemühte, bis er dem Orte, wo sie standen, nahe gekommen war. Da rief er mit lauter Stimme: „Entflieht nicht, ihr feigherzigen und niederträchtigen Kreaturen! Ein einziger Ritter ist es, der euch die Stirn bietet.“ Zugleich erhob sich ein kleiner Wind und setzte die großen Flügel in Bewegung. Als Don Quixote dies gewahr ward, fuhr er fort: „Strecktet ihr auch mehr Arme aus als der Riese Briareus, so sollt ihr es dennoch büßen!“ Und indem er dies sagte und sich mit ganzer Seele seiner Gebieterin Dulzinea empfahl, die er anflehte, ihm in dieser Gefährlichkeit zu helfen, wohl von seinem Schilde bedeckt, in der Rechten die Lanze, sprengte er mit dem Rosinante im vollen Galopp auf die vorderste Windmühle los und gab ihr einen Lanzenstich in den Flügel. Doch der Wind drehte ihn so heftig herum, daß die Lanze in Stücke sprang, Pferd und Reiter aber eine große Strecke über das Feld weggeschleudert wurden.

Sancho Pansa trabte mit der größten Eilfertigkeit seines Esels herbei, und als er hinzu kam, fand er, daß Don Quixote sich nicht rühren konnte, so gewaltig war der Sturz, den Rosinante getan hatte. „Gott steh uns bei!“ sagte Sancho; „sagte ichʼs Euer Gnaden nicht, daß Ihr zusehen möchtet, was Ihr tätet, und daß es nur Windmühlen wären, die ja auch jeder kennen muß, wer nicht selber welche im Kopfe hat!“ — „Gib dich zur Ruhe, Freund Sancho“, antwortete Don Quixote, „das ist Kriegsglück, das am meisten von allen Dingen einem ewigen Wechsel unterworfen ist; um so mehr, da ich glaube, und es auch gewiß wahr ist, daß eben der weise Freston, der mir mein Zimmer und meine Bücher geraubt hat, mir auch jetzt diese Riesen in Mühlen verwandelt, um mir den Ruhm ihrer Besiegung zu entreißen. So groß ist die Feindschaft, die er mir entgegenbringt! Aber endlich, endlich wird er doch mit allen seinen bösen Künsten nichts gegen die Kraft meines Schwertes vermögen!“

„Gott mag es so fügen“, antwortete Sancho Pansa und bemühte sich, ihn aufzurichten; worauf er ihn auf den Rosinante setzte, dessen Glieder ausgerenkt waren, und so verfolgten sie, indem sie sich von dem überstandenen Abenteuer unterhielten, den Weg nach dem Hafen Lapice. Dort, meinte Don Quixote, müsse es viele und mancherlei Abenteuer geben, weil es ein so besuchter Ort sei; über den Verlust seiner Lanze war er sehr betreten, und indem er darüber mit seinem Knappen sprach, sagte er: „Ich erinnere mich gelesen zu haben, daß ein spanischer Ritter, Diego Perez de Vargas genannt, als in einer Schlacht sein Schwert zersprang, einen gewaltigen Zweig oder Ast von einer Eiche riß und mit diesem am selbigen Tage solche Taten verrichtete und so viele Mohren zerschlug, daß er den Zunamen des Zerschlägers annahm, von welcher Begebenheit sich auch späterhin seine Nachkommen Vargas und Zerschläger nannten. Dieses wird darum erzählt, weil auch ich von der ersten Steineiche einen Zweig abzureißen gedenke, der gerade so gewaltig ist, wie jener, und mit welchem ich mir solcherlei Taten zu tun in den Sinn gesetzt, daß du dich glücklich preisen wirst, dazu auserlesen zu sein, sie anzuschauen und ein Zeuge von Dingen zu werden, die man kaum wird glauben können.“

„Das gebe Gott!“ sagte Sancho, „ich glaube auch alles, wie es Eure Gnaden da erzählt, aber setzt Euch doch ein bißchen gerade, denn mir dünkt, Ihr hängt so auf der Seite; daß ist gewiß noch ein Malzeichen von dem Falle.“

„Es ist wahr“, antwortete Don Quixote, „und wenn ich aus Schmerz nicht klage, so geschieht es nur, weil es fahrenden Rittern nicht ziemlich ist, über irgendeine Wunde zu klagen, und wenn selbst die Eingeweide hindurchkämen.“

„Wenn dem so ist, so läßt sich nichts dagegen sagen“, antwortete Sancho, „aber das weiß Gott, daß Ihr mir eine Liebe tätet, wenn Ihr klagtet, falls es Euch irgendwo weh tut; von mir kann ich versichern, daß ich mich über den allerkleinsten Schmerz beklage, wenn es sich nicht auf die Stallmeister der fahrenden Ritter ebenfalls erstreckt, daß sie nicht klagen dürfen.“

Don Quixote mußte über die Einfalt seines Stallmeisters lachen und antwortete, daß er sich beklagen könne, wie und wie oft es ihm beliebe, denn er habe bis dahin noch nichts vom Gegenteil in den Vorschriften der Ritterschaft gelesen. Sancho sagte, er bemerke, daß es Zeit sei zu essen. Sein Herr meinte, daß er dessen noch nicht bedürfe, er könne aber essen, soviel er wolle. Mit dieser Erlaubnis richtete sich Sancho auf seinem Tiere so bequem ein, als er nur konnte; er nahm aus dem Schnappsacke, was er hineingepackt hatte, und so folgte er reitend und essend seinem Herrn eine große Strecke, indem er von Zeit zu Zeit den Schlauch mit so vielem Anstande an den Mund setzte, daß ihn der ausgelernteste Gastwirt von Malaga hätte beneiden können. Wie er nun so fortzog und die Schlückchen immer schneller wiederholte, gedachte er keines Versprechens mehr, das ihm sein Herr getan hatte, hielt es auch für keine Beschwerde, sondern für eine große Ergötzung, herumzuirren und Abenteuer aufzusuchen, wenn sie auch noch so gefährlich sein sollten.

Sie mußten endlich die Nacht unter einigen Bäumen zubringen, und von dem einen Baume brach Don Quixote einen trockenen Zweig ab, der ihm zur Lanze dienen sollte, an dem er auch das Eisen befestigte, das ihm von der zerschlagenen übriggeblieben war. Don Quixote schlief die ganze Nacht hindurch nicht, sondern dachte an seine Gebieterin Dulzinea, um es nachzutun, was er in seinen Büchern gelesen, wie die Ritter ohne Schlaf viele Nächte in den Waldungen und Einöden zubrachten und sich mit dem Andenken ihrer Herrscherinnen unterhielten. Nicht also trieb es Sancho Pansa; da er den Magen, und zwar mit keinem Habersüppchen angefüllt hatte, schlief er die ganze Nacht aus einem Stücke und wäre auch nachher nicht erwacht, wenn ihn sein Herr nicht aufgeweckt hätte, denn die Strahlen der Sonne, die ihm auf das Gesicht schienen, sowie der Gesang der Vögel, die von allen Zweigen mit jubelndem Gesange die Ankunft des neuen Tages feierten, vermochten es nicht. Als er sich ermuntert hatte, schenkte er seinem Schlauche eine Umarmung, wobei er ihn viel eingefallener fand, als den Abend vorher, und sich von Herzen darüber betrübte, weil es nicht aussah, als wenn sie auf diesem Wege seine Auszehrung würden heilen können. Don Quixote begehrte nicht zu frühstücken, weil er sich, wie schon gesagt, mit nahrhaften Vorstellungen unterhalten hatte.

Sie ritten auf der Straße nach dem Hafen Lapice weiter, den sie auch drei Stunden nach Sonnenaufgang entdeckten. „Hier“, rief Don Quixote, als er ihn erblickte, „Bruder Sancho, hier können wir die Hände bis an die Ellenbogen hinauf in das tauchen, was man Abenteuer nennt; aber vernimm, wenn du mich auch in der allergrößten Gefahr erblicken solltest, darfst du doch niemals die Hand an den Degen legen, um mich zu verteidigen, außer du müßtest gewahr werden, daß ich vom Pöbel oder gemeinen Volke beleidigt würde, in einem solchen Falle ist es dir gestattet, mir beizustehen: sind es aber Ritter, so ist es dir nach den Rittergesetzen keineswegs erlaubt oder vergönnt, mir zu helfen, bis du selbst zum Ritter geschlagen bist.“

„Seid versichert, gnädiger Herr“, antwortete Sancho, „daß ich Euch darin pünktlich Gehorsam leiste, vollends da ich sehr friedliebend bin und mich nicht gern in Schlägereien und Händel einmenge; aber freilich, wenn einer meine eigene Person angreifen wollte, da würde ich nach Euren Gesetzen nicht fragen, denn göttliche und menschliche Gesetze erlauben, daß sich jedermann wehren darf, wenn ihm was zuleide geschieht.“

„Das leugne ich auch gar nicht“, antwortete Don Quixote, „nur in dem Umstande, daß du mir nicht gegen Ritter beistehen darfst, sollst du deine natürliche Hitze bändigen.“

„Ich sage ja auch, daß ich es tun will“, antwortete Sancho, „und diese Vorschrift will ich so genau halten, wie den Sonntag.“

Als sie so redeten, zeigten sich auf dem Wege zwei Brüder von dem Orden des heiligen Benedikt, die auf zweien Dromedaren ritten, denn viel kleiner waren die Maultiere nicht, auf denen sie saßen; sie trugen Brillen und Sonnenschirme. Ihnen folgte eine Kutsche, von vieren oder fünfen zu Pferde und zwei Eseltreiberjungen zu Fuße begleitet. In der Kutsche war, wie man nachher erfuhr, eine biskayische Dame, die nach Sevilla zu ihrem Gemahl reiste, der in einem ehrenvollen Geschäfte nach Indien ging. Die Patres reisten nicht mit ihr, ob sie gleich dieselbe Straße zogen, aber kaum hatte sie Don Quixote gesehen, als er zu seinem Stallmeister sagte: „Wenn ich mich nicht trüge, so ist dieses das berühmteste Abenteuer, das jemals gesehen worden, denn diese schwarzen Dinge, die dort kommen, sind gewiß zwei Zauberer, die in jener Kutsche eine geraubte Prinzessin fortführen, und es ist also vonnöten, diesem Ungebühr nach meinem vollen Vermögen zu steuern.“

„Das wird noch schlimmer ausgehen als mit den Windmühlen“, sagte Sancho, „seht, gnädiger Herr, das sind Brüder des heiligen Benedikt, und in der Kutsche sind wohl andre reisende Leute. Hört, was ich sage, und seht, was es ist, daß Euch der Teufel nicht einen Irrtum macht.“

„Ich habe dir, Sancho, schon gesagt“, antwortete Don Quixote, „daß du wenig von der Natur der Abenteuer verstehst; was ich sage ist Wahrheit, wie du sogleich gewahr werden sollst.“

Mit diesen Worten ritt er fort und stellte sich in die Mitte des Weges, den die Patres kamen, und als er so nahe war, daß sie seine Rede vernehmen konnten, sagte er mit lauter Stimme: „Teuflisches und heidnisches Gesindel! sogleich gebt die erhabenen Prinzessinnen frei, die ihr mit Gewalt in jener Kutsche fortführt! Wo nicht, so seid gefaßt, plötzlich den Tod als gerechte Strafe eurer Übeltaten zu empfangen!“

Die Patres hielten an und verwunderten sich sowohl über Don Quixotes Gestalt, als auch über seine Rede, welche sie also beantworteten:

„Herr Ritter, wir sind weder teuflisch noch heidnisch, sondern zwei Mönche von Sankt Benedikt, die ihre Straße ziehn und nicht wissen, ob in jener Kutsche mit Gewalt fortgeführte Prinzessinnen sind oder nicht.“

„Ich achte nicht auf eure listigen Reden, denn ich kenne euch Lügenbrut“, sprach Don Quixote, und ohne eine andere Antwort zu erwarten, spornte er den Rosinante, und griff mit solcher Wut und Keckheit den vordersten Mönch mit eingelegter Lanze an, daß, wenn sich der Pater nicht behende vom Maultiere geworfen, er ihn übel von seiner Höhe heruntergestürzt, schwer verwundet oder gar getötet hätte. Als der zweite Mönch inne ward, wie man seinen Gefährten behandelte, stieß er seine Beine in das Gebäude seines trefflichen Maultiers und fing an, leichter als der Wind, über das Feld zu rennen. Als Sancho Pansa den Mönch auf der Erde liegen sah, stieg er behende von seinem Esel ab, machte sich über ihn und fing an, ihm die Kleider auszuziehn. Die Jungen der beiden Mönche kamen nun hinzu und fragten ihn, warum er diesen auskleide? Sancho antwortete, daß ihm dieses rechtmäßig zustehe, als die Beute der Schlacht, die sein Herr Don Quixote gewonnen habe. Die Jungen, die keinen Scherz verstanden, auch nicht wußten, was er mit der Beute und der Schlacht sagen wollte, und Don Quixote weitab von sich erblickten, wie er mit denen in der Kutsche sprach, nahmen Sancho, schmissen ihn auf den Boden, rissen ihm die Haare aus dem Barte und richteten ihn mit Fußtritten so übel zu, daß er ohne Atem und Besinnung auf der Erde liegen blieb. Ohne einen Augenblick zu warten, stieg nun der zitternde Mönch, ganz blaß im Gesichte, wieder auf sein Maultier und trabte, sowie er sich beritten sah, seinem Gefährten nach, der in einer weiten Entfernung still hielt und den Ausschlag dieses Überfalls abwartete; ohne aber weiter den Verlauf der Begebenheit zu erwarten, setzten sie ihren Weg fort und machten so viele Kreuze, als säße ihnen der Teufel auf den Schultern.

Don Quixote befand sich, wie schon gemeldet, bei der Dame in der Kutsche und sagte: „Eure Schönheit, meine Gebieterin, mag nun wieder mit ihrer Person nach ihrem Wohlgefallen schalten, denn der Stolz Eurer Räuber liegt auf den Boden gestreckt, bezähmt durch die Stärke dieses meines Armes. Und damit Ihr nicht in Sorgen steht, den Namen Eures Befreiers zu erfahren, so wißt, daß ich Don Quixote von la Mancha bin, fahrender Ritter und Abenteurer, Gefangener der ohnevergleichbaren und schönen Donna Dulzinea von Toboso. Zum Lohn der Wohltat, die Ihr von mir empfangen, begehre ich nichts weiteres, als daß Ihr nach Toboso kehrt, Euch meinerseits dieser Dame präsentiert und ihr sagt, was ich zu Eurer Befreiung getan.“

Alles was Don Quixote sagte, hörte ein Stallmeister, der ebenfalls die Kutsche begleitete und ein Biskayer war, mit an. Da dieser sah, daß er den Wagen nicht wollte fortlassen, wenn er nicht den Weg nach Toboso einlenkte, wie er forderte, so machte er sich an Don Quixote, und indem er die Lanze anfaßte, sagte er mit seiner schlechten kastilianischen und noch schlechteren biskayischen Sprache: „Weg, Ritter, damit du dich wegscheren! Bei Gott, an den ich bete, läßt du nicht den Kutsch, ich dich so schlachten, als wärst du Biskayer!“

Don Quixote verstand seine Meinung wohl und antwortete mit ungemeiner Ruhe: „Wärst du ein Ritter, wie du es nicht bist, so hätte ich dich für deinen Aberwitz und deine Frechheit schon gezüchtigt, du dienender Sklave!“

Der Biskayer versetzte hierauf: „Ich kein Ritter? Schwör zu Gott, du so lügst, wie ein Christ! Schmeiß Lanz weg, greif Säbel und gleich sollst sehn, wen die Mäus am besten gefangen kriegen; Biskayer zu Land, Edelmann zu See, Edelmann zum Teufel und lügst, sagst duʼs anders!“

„Du wirst es ja sehen“, antwortete Don Quixote, und zugleich warf er die Lanze auf die Erde, faßte sein Schwert, legte den Schild vor, und griff den Biskayer mit dem Vorsatze an, ihm das Leben zu nehmen. Der Biskayer, der ihn so ankommen sah, wollte von dem Maultiere absteigen, weil es ein schlechtes gedungenes war, auf das er sich nicht verlassen konnte, aber er mußte sich begnügen, seinen Degen zu ergreifen. Er bedachte aber, daß er der Kutsche nahe sei, er nahm also aus ihr ein Kissen, das ihm zum Schilde diente, und nun gingen die beiden gegeneinander, als wären sie die tödlichsten Feinde gewesen. Die übrigen suchten Frieden zu stiften, aber vergeblich, denn der Biskayer erklärte mit seinen schlecht gesetzten Worten, wenn sie ihn seine Schlacht nicht ausfechten ließen, er seine Herrschaft und alle anderen totmachen wollte, die ihn stören würden. Die Dame in der Kutsche, von dem, was sie sah, erschreckt und entsetzt, befahl dem Kutscher, etwas beiseite zu fahren, und so wollte sie von weitem dem hartnäckigen Kampfe zuschauen.

Zum Anbeginnen gab der Biskayer dem Don Quixote über die Schulter und den Schild einen so gewaltigen Hieb, daß, wenn der Schild nicht geschützt hätte, der Ritter davon bis auf den Gürtel gespalten wäre. Don Quixote, der das Gewicht dieses ungeheuerlichen Hiebes fühlte, rief mit lauter Stimme: „O Gebieterin meiner Seele, Dulzinea! Blume der Schönheit! helft Eurem Ritter, der, Eurer hohen Trefflichkeit genug zu tun, sich in diesem hartnäckigen Kampfe befindet!“ Dies sprechen, das Schwert schwingen, sich mit dem Schilde schirmen und auf den Biskayer zustürzen, tat er in einem Augenblicke, entschlossen, alles auf das Glück eines einzigen Hiebes ankommen zu lassen. Der Biskayer, der ihn also auf sich zustürzen sah, schloß aus seiner Keckheit seine Absicht und war willens, es eben wie. Don Quixote zu machen. Er erwartete ihn also, von seinem Kissen beschirmt, wobei er sein Maultier weder auf die eine noch die andre Seite wenden konnte, denn vor Müdigkeit, und auch weil es an dergleichen Possen nicht gewöhnt war, konnte es keinen Schritt tun.

Also, wie gemeldet, rannte Don Quixote gegen den vorsichtigen Biskayer, das Schwert geschwungen und mit dem Vorsatze, ihn mittendurch zu hauen. Ebenso erwartete ihn der Biskayer, das Schwert geschwungen, von seinem Kissen geschirmt, und alle Umstehenden voll Furcht und Erwartung, was sich aus diesen gräßlichen Hieben ergeben möchte, mit denen sie sich beiderseits bedrohten. Die Dame in der Kutsche und ihre Bedienten taten allen Heiligenbildern und Kapellen in Spanien tausend Gelübde, daß Gott ihren Diener und sie selber aus einer so großen Gefahr erretten möge.

Hochgeschwungen waren die mörderischen Schwerter der beiden tapfern und ergrimmten Kämpfer, die dem Himmel, der Erde und der Unterwelt zu dräuen schienen, so groß war ihre Kühnheit und ihr Mut. Wer zuerst seinen Streich ausführte, war der hitzige Biskayer, der so kräftig und wütend ausholte, daß, wenn sich das Schwert nicht unterwegs gewandt hätte, dieser einzige Streich hinreichend war, dem edlen Mute und allen künftigen Abenteuern unsres Helden ein Ende zu machen; aber das Glück, das ihn wichtigern Dingen aufsparte, drehte das Schwert seines Gegners, so daß es auf die linke Schulter schlug und ihm weiter keinen Schaden zufügte, als daß es diese ganze Seite von der Rüstung entblößte, und auf dem Wege einen großen Teil des Helmes, sowie die Hälfte des Ohres mit sich nahm, welches alles mit einem entsetzlichen Gekrache auf die Erde stürzte und eine Strecke weit wegflog.

Heiliger Gott! Wer wäre imstande die Wut genügend zu beschreiben, die das Herz unsers Manchaners erfaßte, als er sich so zugerichtet sah! Ich will nicht mehr anführen, als daß sie von der Art war, daß er sich von neuem in den Bügeln erhub, das Schwert mit beiden Händen faßte und damit so rasend auf den Biskayer loshieb, daß, ohngeachtet jener mit dem Kissen über dem Kopfe gepanzert war, trotz diesem herrlichen Schirme der Hieb wie ein Berg herabfiel, so daß ihm Blut aus der Nase, dem Munde und den Ohren strömte und er im Begriff war, von dem Maultiere zu fallen, auch gewiß herabgestürzt wäre, wenn er nicht den Hals umfaßt hätte. Dennoch aber verloren die Füße die Steigbügel, die Arme ließen los, und das Maultier, von dem fürchterlichen Hiebe scheu gemacht, lief übers Feld und warf seinen Herrn mit wenigen Kapriolen auf den Boden.

Mit vieler Ruhe betrachtete Don Quixote dies alles, aber sowie er ihn liegen sah, stieg er vom Pferde, ging sehr schnell zu ihm und setzte ihm die Spitze seines Degens ins Gesicht, mit dem Befehle, sich zu ergeben, falls er ihm nicht den Kopf abhauen solle. Der Biskayer lag ohne Bewußtsein da und konnte kein Wort sprechen, und es wäre ihm übel ergangen, denn Don Quixote war blind, wenn nicht die Damen aus der Kutsche, die bis dahin mit Entsetzen dem Zweikampfe zugesehen hatten, herbeigeeilt wären und ihn sehr artig gebeten hätten, ihnen die große Gnade und Gunst zu erzeigen und ihrem Stallmeister das Leben zu schenken.

Don Quixote erwiderte hierauf mit sehr ernster und feierlicher Stimme: „Unendlich, schöne Damen, bin ich erfreut, euer Begehr zu erfüllen, aber die Bedingung und Bewilligung besteht darin, daß dieser Ritter mir versprechen soll, nach dem Dorfe Toboso zu gehn, und sich meinerseits vor der ohnvergleichlichen Donna Dulzinea zu präsentieren, damit sie nach ihrem Willen mit ihm schalten möge.“

Die erschrockenen und trostlosen Damen, ohne sich mit Don Quixote in Erörterungen einzulassen oder sich weiter nach der Dulzinea zu erkundigen, versprachen, daß der Stallmeister alles vollbringen werde, was man ihm gebiete. — „So sei es denn, im Vertrauen auf Euer Wort, daß ich ihm kein Unheil weiter zufüge, wofür er mir sehr verbunden sein kann.“

Ein anmutiges Gespräch zwischen Don Quixote und Sancho Pansa, seinem Stallmeister

Indessen hatte sich Sancho Pansa aufgerichtet, den die Burschen der Patres gemißhandelt hatten; er hatte der Schlacht seines Herrn Don Quixote aufmerksam zugeschaut und herzlich zu Gott gebetet, daß er ihm den Sieg verleihen und eine Insel gewinnen lassen möge, über welche er ihn, seinem Versprechen gemäß, zum Statthalter setzen könne. Da er nun merkte, daß der Kampf entschieden war und sein Herr wieder auf den Rosinante steigen wollte, kam er hinzu, ihm den Steigbügel zu halten, und ehe jener noch aufgestiegen war, warf er sich vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte sie und sagte: „Erinnere sich mein gnädiger Herr Don Quixote nunmehr, mir die Regierung der Insel zu schenken, die in diesem hartnäckigen Kampfe gewonnen ist, sie sei auch noch so groß, ich fühle Tüchtigkeit in mir, sie zu regieren, trotz einem in der ganzen Welt, der nur je Inseln regiert hat.“

Hierauf erwiderte Don Quixote: „Wisse, Bruder Sancho, daß dieses Abenteuer, wie dem ähnliche, keine Inseln-, sondern nur Kreuzwegsabenteuer sind, in denen man nichts gewinnt als zerschlagene Köpfe und abgehauene Ohren. Fasse Geduld, es werden sich Abenteuer einstellen, die dir nicht nur eine Statthalterschaft, sondern wohl noch mehr eintragen sollen.“

Sancho war sehr erfreut und küßte wieder die Hand und den Harnisch, worauf er ihm auf seinen Rosinante half, selbst den Esel bestieg und seinem Herrn nachritt, der, ohne weiter mit denen in der Kutsche zu sprechen, sich eilig in ein nahgelegenes Gehölz wandte. Sancho folgte ihm im vollen Trabe seines Tieres, aber Rosinante war so behende, daß er sich weit entfernt sah und seinem Herrn laut zurufen mußte, er möchte auf ihn warten. Don Quixote tat es, er hielt den Rosinante so lange an, bis ihn sein Knappe eingeholt hatte, der darauf, als er nahe gekommen, sagte: „Es wäre wohl gut, Herr, wenn wir uns in eine Kirche flüchteten, denn da der so übel zugerichtet ist, mit dem Ihr Euch geschlagen habt, so ist er imstande, alles der heiligen Brüderschaft zu klagen, daß sie uns fangen; haben die uns aber einmal hingesetzt, so kann wahrhaftig der Himmel drüber einfallen, ehe sie uns wieder herauslassen.“

„Sei ohne Sorge“, sagte Don Quixote, „wann hast du jemals gesehn oder gelesen, daß ein fahrender Ritter vor Gericht geführt sei, wenn er auch tausend Homicidien begangen hätte.“

„Von den Omecilien versteh ich nichts“, antwortete Sancho, „habe mich auch zeitlebens auf keine eingelassen, aber das weiß ich, daß sich die heilige Brüderschaft drum bekümmert, wer sich auf dem freien Felde rauft; alles übrige geht mich nichts an.“

„Du darfst nicht zweifeln, Freund“, antwortete Don Quixote, „daß ich dich aus den Händen der Chaldäer, geschweige der Brüderschaft erretten wollte. Aber sage mir aufrichtig, hast du wohl einen so tapfern Ritter, als ich bin, auf der ganzen bisher bekannten Erde gesehn? Hast du in den Historien von einem gelesen, der beweist oder bewiesen hat größere Kühnheit in Angriffen, mehr Festigkeit in der Ausdauer, mehr Geschicklichkeit, zu verwunden, und größere Behendigkeit, niederzuwerfen?“

„Die Wahrheit ist“, antwortete Sancho, „daß ich niemals keine Historie gelesen habe, denn ich kann nicht lesen und schreiben, aber das will ich behaupten, daß ich einem so verwegnen Herrn, als Eure Gnaden, in meinem ganzen Leben noch nicht gedient habe, und Gott gebe nur, daß die Verwegenheit nicht so bezahlt wird, wie ich schon gesagt habe. Ich bitte aber Euer Gnaden, sich zu kurieren, denn aus dem Ohre läuft vieles Blut, ich habe Scharpie und etwas weiße Salbe im Schnappsacke.“

„Alles wäre besser“, sagte Don Quixote, „wenn ich darauf gefallen wäre, mir eine Flasche von dem Balsame Fierabrasʼ zu machen; denn mit einem einzigen Tropfen könnten wir Zeit und Medizin ersparen.“

„Was für eine Flasche und was für ein Balsam ist das?“ fragte Sancho Pansa.

„Dieser Balsam“, erwiderte Don Quixote, „von welchem ich das Rezept im Gedächtnis habe, ist so beschaffen, daß ich mit ihm den Tod nicht zu fürchten, oder an irgendeiner Wunde zu sterben zu besorgen brauche. Wann ich ihn also verfertige und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu tun, als wenn du mich in einer Schlacht mittendurch gehauen siehst (wie dies denn oftmals begegnet), die Hälfte des Körpers, die auf den Boden gefallen ist, sauber aufzuheben, sie behende, ehe das Blut erkaltet, auf die andre Hälfte, die im Sattel sitzt, aufzupassen und sie sorgfältig und gerecht einzufugen. Zugleich gibst du mir zwei Schluck von dem genannten Balsam zu trinken, und du wirst sehn, daß ich dann so gesund bin wie ein Fisch.“

„Wenn das so ist“, sagte Sancho, „so will ich mich der Regierung der versprochenen Insel begeben, und ich verlange zum Lohn meiner vielen und tapfern Dienste nichts anderes, als daß Ihr mir das Rezept dieses erstaunlichen Getränkes mitteilt, wovon nach meiner Rechnung die Unze wohl ihre zwei Realen wert sein mag, und mehr brauchʼ ich dann nicht, um mein Leben ehrlich und lustig hinzubringen. Aber nun muß ich noch wissen, ob es ihn zu machen viel kosten wird.“

„Mit weniger als für drei Realen kannst du drei Quart zubereiten“, antwortete Don Quixote.

„Meiner Seel!“ rief Sancho aus, „warum macht Ihr ihn denn nicht und lehrt es mich gleich?“

„Sei nur ruhig, Freund“, sagte Don Quixote, „noch größere Geheimnisse will ich dich lehren, noch größern Lohn sollst du empfangen, aber jetzt wollen wir auf die Kur denken, denn das Ohr schmerzt mich mehr, als ich es sage.“

Sancho nahm aus dem Beutel Scharpie und Salbe, aber als Don Quixote sah, wie sein Helm verdorben war, wollte er schier den Verstand verlieren. Er legte die Hand an das Schwert, erhub die Augen zum Himmel und sagte: „Ich schwöre hier beim Schöpfer aller Dinge, bei den heiligen vier Evangelien, wo sie am umständlichsten geschrieben stehn, eben das Leben zu führen, welches der große Marques von Mantua führte, als er schwur, den Tod seines Neffen Balduin zu rächen: welches darin bestand, auf keinem Tischtuche zu essen, mit seiner Gemahlin sich nicht zu ergötzen, nebst andern Dingen, deren ich mich nicht erinnere, die ich aber hier zugleich mitschwöre, bis ich vollständige Rache an dem genommen, der mir diesen Schimpf erwiesen.“

Als Sancho dies hörte, sagte er: „Bedenkt, mein gnädiger Herr Don Quixote, daß, wenn der Ritter das tut, was Ihr ihm befohlen habt, nämlich hinzugehen und sich der Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, daß er dann alles getan hat, was ihm zukommt, und also keine andere Strafe verdient, wenn er kein neues Verbrechen begeht.“

„Du hast gut und trefflich gesprochen“, antwortete Don Quixote, „ich vernichte also den Eid, insofern ich eine neue Rache nehmen wollte: aber ich wiederhole und bestätige ihn, das obgenannte Leben zu führen, bis ich mit Gewalt von einem Ritter einen so schätzbaren Helm erobere, als dieser ist. Und gedenke nur nicht, Sancho, daß ich dieses vom Zaune breche, sondern ich ahme hierin buchstäblich das nach, was sich in Ansehung des Helmes des Mambrin zutrug, der dem Sacripante so kostbar war.“

„Laßt doch, gnädiger Herr, den Teufel diese Schwüre holen“, versetzte Sancho, „die der Seligkeit zum Schaden und dem Gewissen zur Last gereichen! Bedenkt nur, wenn wir nun in vielen Tagen auf keinen Menschen treffen, der einen Helm führt? Was sollen wir dann machen? Sollen wir den Schwur erfüllen, der so viel Unbequemlichkeit und Drückendes hat, wie in den Kleidern zu schlafen und in keiner Herberge einzukehren, nebst tausend andern Kasteiungen, die in dem Schwure des unsinnigen alten Kerls, des Marques von Mantua, vorkommen, den Ihr nun wieder in Gang bringen wollt? Bedenkt nur, gnädiger Herr, daß auf allen diesen Wegen hier keine geharnischten Männer reisen, sondern Eseltreiber und Fuhrleute, die gar keine Helme tragen, ja die vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen Helm haben nennen hören.“

„Darin irrst du“, antwortete Don Quixote, „denn nicht zwei Stunden werden wir auf den Kreuzwegen fortreisen, ohne mehr Geharnischte anzutreffen, als nach Albraca kamen um Angelika, die schöne, zu entsetzen.“

„Wennʼs geschieht, so magʼs sein“, sagte Sancho, „und ich bitte Gott, daß es uns gut gelinge und daß bald die Zeit kommen mag, die Insel zu gewinnen, die mir so köstlich ist, dann will ich sterben.“

„Ich habe es dir gesagt, Sancho, sei unbesorgt, denn wenn uns auch eine Insel fehlen sollte, so sind ja doch die Reiche Dänemark und Sobradisa noch, die sich dir wie ein Paar Handschuhe anpassen werden und die dich um so mehr vergnügen müssen, da sie auf dem festen Lande liegen. Aber wir wollen die der Zeit überlassen; jetzt schau zu, ob du in deinem Schnappsack etwas Eßbares führst: dann wollen wir sogleich ein Kastell aufsuchen, wo wir die Nacht herbergen und den Balsam machen können, von dem ich dir gesagt; ich schwöre es dir zu Gott, daß das Ohr mich heftig schmerzt.“

Sancho zog hierauf eine Zwiebel und ein wenig Käse hervor, nebst etlichen Stückchen Brot und sagte: „Dies sind aber keine Gerichte, die sich für einen so tapfern Ritter, als Eure Gnaden sind, schicken.“

„Übel verstehst du dies“, antwortete Don Quixote; „erfahre also, Sancho, daß die Ehre der fahrenden Ritter darin besteht, in einem Monate nicht zu essen, und selbst wann sie essen, das, was ihnen in die Hände fällt; du würdest auch davon versichert sein, wenn du so viele Historien wie ich gelesen hättest, denn trotz der großen Menge habe ich nicht in einer einzigen erwähnt gefunden, daß die fahrenden Ritter gegessen hätten, wenn es sich nicht etwa traf, daß sie ein prächtiges Bankett anrichteten, sonst begnügten sie sich an den übrigen Tagen mit der Entbehrung. Wenn ich nun freilich wohl einsehe, daß sie nicht ohne Essen sowie ohne die übrigen natürlichen Bedürfnisse leben konnten, denn sie waren ebensolche Menschen, wie wir es sind, so versteht sich doch auch von selbst, da sie die meiste Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden, und zwar ohne einen Koch zubrachten, daß ihre gewöhnlichen Speisen in solchen ländlichen Gerichten bestehen mußten, wie du mir da eben anbietest. Also, Freund Sancho, sorge nicht, mir etwas Schmackhaftes zu geben, wenn du nicht die Welt neu schaffen und die fahrende Ritterschaft aus ihren Angeln heben willst.“

„Nehmtʼs nicht übel, gnädiger Herr“, sagte Sancho, „da ich, wie ich schon oft gesagt, weder lesen noch schreiben kann, so versteh ich auch drum keine Regel vom Handwerk der Ritterei. Ich will aber künftig den Schnappsack mit aller Art von trockener Frucht versorgen, für Euch, der Ihr ein Ritter seid, für mich aber, der ich es nicht bin, will ich ihn mit andern Sachen versorgen, die kerniger und gewichtiger sind.“

„Ich sage ja nicht, Sancho“, erwiderte Don Quixote, „daß die fahrenden Ritter gezwungen seien, nichts als die Früchte zu essen, von denen du da sprichst, sondern nur, daß ihr gewöhnlicher Unterhalt darin und in etlichen Kräutern bestand, die sie im Felde fanden und kannten und welche ich ebenfalls kenne.“

„Es ist ein Glück“, antwortete Sancho, „mit solchen Kräutern bekannt zu sein, und wie ich mir vorstelle, wird wohl einmal eine Zeit kommen, wo wir gezwungen sind, aus dieser Bekanntschaft Nutzen zu ziehen.“

Hiermit gab er ihm das, was er bei sich hatte, und sie aßen friedlich und gesellig miteinander. Da sie aber begierig waren, einen Ort zu finden, wo sie in der Nacht einkehren könnten, so beendigten sie schneller ihre dürftige und trockene Mahlzeit. Dann stiegen sie zu Pferde und eilten sehr, um noch vor Nacht eine Ortschaft zu erreichen; aber die Sonne ging so wie ihre Hoffnung unter, das zu finden, was sie wünschten, als sie sich bei einigen Hütungen etlicher Ziegenhirten befanden, bei denen sie anzuhalten beschlossen. Sancho war eher verdrießlich, daß er keine Herberge mehr erreicht hatte, aber sein Herr desto vergnügter, unter freiem Himmel schlafen zu können, denn er glaubte durch jeden ähnlichen Vorfall ein Besitztumsrecht mehr zu erhalten, wodurch er um so deutlicher seine Ritterschaft beweisen könne.

Das Abenteuer mit den Yangueser Pferdeknechten

Er wurde von den Ziegenhirten sehr bereitwillig aufgenommen, und nachdem Sancho, so gut es sich tun ließ, für den Rosinante und seinen Esel gesorgt hatte, folgte er dem Geruche von einigen Stücken Ziegenfleisch, die über dem Feuer in einem Kessel kochten. Er war auch gleich des Willens, den Versuch zu machen, ob es sich nicht schicken wolle, sie ohne weiteres aus dem Kessel in seinen Magen zu führen, aber dieser Vorsatz wurde dadurch vereitelt, daß die Hirten das Fleisch vom Feuer nahmen, auf der Erde einige Schaffelle ausbreiteten, sehr bald ihren ländlichen Tisch fertig hatten und hierauf die beiden mit dem besten Willen zu dem, was vorrätig war, einluden. Um die Felle herum lagerten sich ihrer sechs, die sich dort in der Hütung befanden, nachdem sie Don Quixote vorher mit ungeschickten Komplimenten genötigt hatten, sich auf einem Troge niederzulassen, den sie umkehrten. Don Quixote setzte sich. Sancho aber blieb stehen, um den Becher herumzureichen, der aus Horn gemacht war. Als ihn sein Herr stehen sah, sagte er: „Sancho, damit du die Vorzüge erkennest, die die fahrende Ritterschaft mit sich führt und wie geehrt diejenigen sind, die in irgendeinem ihr zugehörenden Amte stehen, damit du merkest, wie solche von der Welt geachtet und geehrt werden, will ich, daß du an meiner Seite und in der Gesellschaft dieser braven Leute sitzest, daß du ein und eben das mir seiest, der ich doch dein Herr und eigentlicher Gebieter bin, daß du aus meiner Schüssel essest und trinkest, woraus ich trinke. Denn von der fahrenden Ritterschaft kann man das nämliche sagen, was von der Liebe gesagt wird, daß sie alle Dinge gleichmacht.“

„Großen Dank!“ sprach Sancho, „aber ich muß Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich etwas Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die Wahrheit bekennen, so schmekken mir Brot und Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten, wenn ich nur langsam kauen soll, wenig trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die Lust ankommt, oder andre Dinge tun, die sich mit der Einsamkeit und Freiheit vertragen. Also, gnädiger Herr, könnt Ihr die Ehre, die Ihr mir zudenkt, da ich ein Diener und Zubehör der fahrenden Ritterschaft bin, ich meine, Euer Edelknappe, lieber in was anders verwandeln, das mir bequemer und nutzbarer ist: denn dies nehme ich hiemit für empfangen und entsage ihm von jetzt an bis in Ewigkeit.“

„Du sollst dich dennoch niedersetzen, denn der Himmel erhöht den, der sich selbst erniedrigt.“ Und zugleich faßte er ihn beim Arm und zog ihn mit Gewalt an seine Seite nieder. Die Ziegenhirten begriffen von diesem Rotwelsch der Knappen und fahrenden Ritter nichts, sie aßen, schwiegen still und beschauten ihre Gäste, die sehr anmutig und behende Stücke, wie die Faust groß, hinunterkauten.

Das Fleisch war verzehrt; als zweites Gericht legten sie auf die Felle eine große Menge Eicheln, wobei sie einen Käse aufsetzten, der härter war, als wenn er aus Kalk gearbeitet wäre. Das Trinkhorn war auch nicht müßig, denn es ging häufig herum, bald voll, bald ausgeleert, wie der Eimer an einem Schöpfrade, so daß einer von den beiden preisgegebenen Schläuchen bald ausgeleert war. Nachdem Don Quixote von seinen Wirten Abschied genommen, hielt er auf einer Wiese an, die frisches Gras bedeckte und durch die ein frischer, angenehmer Bach floß; teils eingeladen, teils gezwungen beschlossen sie hier in der Hitze der Mittagsstunde auszuruhen, die eben heftig zu brennen anfing. Don Quixote und Sancho stiegen also ab und ließen den Esel und Rosinante nach ihrem Gelüste von dem schönen Grase fressen, sie selbst aber eröffneten den Schnappsack, und Herr und Knecht verzehrten friedlich und ohne Zeremonien miteinander, was sie darin antrafen.

Sancho hatte Rosinantes Füße nicht gebunden, denn er kannte ihn als so sanft und einen solchen Feind aller Ausschweifungen, daß ihn alle Stuten von der Weide von Cordova nicht von dem Wege Rechtens ablenken konnten. Das Schicksal und der Teufel, der nicht immer schläft, fügten es aber, daß ein Zug galizischer Füllen von Yanguesern durch das Tal getrieben wurde, die mit ihren Koppeln mittags gern an Orten still liegen, wo sie Gras und Wasser finden; der Platz also, auf welchem Don Quixote ruhte, war auch den Yanguesern sehr willkommen.

In Rosinante stieg bald der Wunsch auf, sich mit den liebenswürdigen Stuten zu ergötzen; er witterte sie also kaum, als er auch schon gegen seine sonstige Gewohnheit und Natur, ohne von seinem Herrn Erlaubnis zu bitten, sich in einen eiligen Trab setzte, um jenen Stuten seine Wünsche mitzuteilen. Diesen aber war mehr an der Weide als an anderen Dingen gelegen, sie empfingen ihn also mit Hufen und Zähnen, so daß sie ihm bald den Gurt zersprengten, und er nackt ohne Sattel dastand. Was ihm aber noch weniger gefiel, war, daß die Treiber, da sie die Gewalt sahen, die ihren Stuten geschah, mit Knütteln herbeieilten und ihn mit Prügeln so bedeckten, daß er kraftlos auf den Boden stürzte.

Don Quixote und Sancho, die die Abprügelung des Rosinante mitangesehen hatten, liefen eiligst herbei, und Don Quixote sagte zu Sancho: „Wie ich gewahr werde, Freund Sancho, sind jene dort keine Ritter, sondern gemeine Menschen und schlechtes Volk. Dies sage ich, weil du mir deshalb wohl in der gerechten Rache beistehen darfst, die ich wegen der Gefährdung Rosinantes nehmen will, die er unter unseren Augen erlitten hat.“

„Was Teufel können wir für Rache nehmen?“ antwortete Sancho, „sie sind über zwanzig Mann, und wir sind nur zwei, ja vielleicht gar nur anderthalben.“

„Ich bin für hundert!“ versetzte Don Quixote, zog, ohne sich in weitere Gespräche einzulassen, den Degen und griff die Yangueser an, ebenso tat Sancho Pansa, vom Beispiele seines Herrn gereizt und angefeuert. Zum Anfange gab Don Quixote dem einen einen starken Hieb, der in die Schulter drang und das lederne Koller zerschnitt. Da die vielen Yangueser sich so von zwei einzelnen Menschen gemißhandelt sahen, liefen sie alle mit ihren Knütteln herbei, trieben die beiden in die Mitte hinein und schlugen nun mit vieler Gewalt und Rührigkeit von allen Seiten auf sie ein. Schon mit der zweiten Begrüßung lag Sancho auf dem Boden, und eben dies begegnete dem Don Quixote, ohne daß ihn Geschicklichkeit oder Mut retten konnten, sondern er sank zu den Füßen des Rosinante nieder, der sich noch nicht hatte aufheben können: woraus man annehmen kann, wie gewaltig die Wirkung von Krippenstangen in den Händen erzürnter Bauern ist. Als sie nun glaubten, genug und zuviel getan zu haben, trieben sie eilig die Koppeln zusammen und ließen die beiden Abenteurer in schlechtem Zustande und noch schlechterm Humore liegen.

Der erste, der sich besann, war Sancho Pansa; da er sich so nahe bei seinem Herrn fand, sagte er mit schwacher und kranker Stimme: „Herr Don Quixote! ach Herr Don Quixote!“

„Was begehrst du, Bruder Sancho?“ erwiderte Don Quixote, ebenso schwach und erschöpft wie Sancho.

„Ich begehrte, wennʼs möglich wäre“, antwortete Sancho Pansa, „daß Euer Gnaden mir nur zwei Schluck von dem Tranke Fieberfraß reichen möchten, wenn Ihr ihn gerade bei der Hand habt, denn vielleicht ist er für zerschlagene Knochen nicht minder als für Wunden nützlich.“

„Wenn ich Unglückseliger diesen Trank besäße, was ginge uns dann ab?“ sagte Don Quixote; „aber ich schwöre dir auf die Ehre eines fahrenden Ritters, Sancho Pansa, nicht zwei Tage sollen verlaufen, wenn das Glück es nicht anders fügt, und ich will ihn besitzen oder nicht gesund vor dir stehen.“

„Wie viele Tage werden dann“, fragte Sancho Pansa, „nach Eurer Meinung verlaufen, in denen wir weder gehen noch stehen können?“

„Was mich angeht, muß ich bekennen“, sagte der zerprügelte Ritter Don Quixote, „daß ich die Zahl dieser Tage nicht genau anzugeben weiß; aber ich messe mir selber alle Schuld bei, indem ich nicht gegen Menschen das Schwert hätte ziehen müssen, die nicht so wie ich geschlagene Ritter sind; ich glaube daher, daß zu meiner Strafe, der ich die Gesetze der Ritterschaft verletzte, es der Gott der Schlachten zugegeben hat, daß ich deshalb gezüchtigt würde. Darum Bruder Sancho, laß dir dieses für jetzt und immerdar gesagt sein, weil es für unsere beiderseitige Wohlfahrt wichtig ist: wenn du siehst, daß dergleichen Pöbel uns eine Ungebühr erzeigt, wart nicht, bis ich das Schwert ziehe, denn ich werde solches keinesweges wieder tun, sondern greife du sogleich nach deinem Degen und züchtige sie nach Herzenslust. Kommen ihnen aber Ritter zu Hilfe, dann werde ich dir auch mit aller meiner Gewalt zu helfen wissen, denn du hast ja tausend Zeichen und Beweise gesehen, wie weit sich die Kraft dieses meines tapferen Armes erstreckt.“

So eingebildet war der arme Mann auf die Besiegung des wackeren Biskayers. Dem Sancho Pansa aber schien diese Weisung seines Herrn nicht so durchaus trefflich, er antwortete daher: „Gnädiger Herr, ich bin ein friedfertiger, stiller, ruhiger Mann, ich binʼs gewohnt, Leiden zu tragen, denn ich habe Frau und Kinder, die ich ernähren und erziehen muß: lasse es sich der gnädige Herr also ebenfalls gesagt sein, befehlen kann ich es nicht, daß ich auch keineswegs mein Schwert ziehen werde, so wenig gegen gemeine Leute, wie gegen Ritter, indem ich alle Ungebühr nach Gottes Barmherzigkeit verzeihe, die man mir erwiesen hat, erweist, oder die mir noch künftig erwiesen werden möchte, erwiesen wird und erweislich gemacht sein kann von hoch oder niedrig, arm oder reich, Ritter oder Knecht, ohne irgendeinen Stand von dieser Vergebung auszuschließen.

Aber ich will darauf schwören, so wahr ich ehrlich bin, daß ein Pflaster mehr als Reden heilsam wäre. Seht doch, gnädiger Herr, ob Ihr aufstehn könnt, so wollen wir dem Rosinante aufhelfen, der es freilich nicht verdient, denn er ist doch die hauptsächlichste Ursache der ganzen Prügelei. Ich hätte so was nie von Rosinante geglaubt, denn ich hielt ihn für einen so keuschen und ordentlichen Kerl wie mich selber. Aber es ist wohl wahr, man braucht lange Zeit, um die Leute kennenzulernen, und kein Ding ist in diesem Leben gewiß. Wer hätte das denken sollen, gnädiger Herr, als Ihr dem verfluchten Ritter die greulichen Hiebe gabt, daß sobald hinterher eine so tüchtige Tracht von Prügeln folgen sollte, die nun unsere armen Schultern haben erleiden müssen?“

„Doch sind die deinigen, Sancho“, antwortete Don Quixote, „wahrscheinlich noch zu dergleichen Vorfällen abgehärtet, aber ich bin in ungewalktem Zeuge aufgewachsen, es ist also deutlich, daß ich die Leiden dieses Unfalles noch tiefer empfinden müsse, und wäre es nicht, daß ich meinte, und nicht bloß meinte, sondern fest versichert wäre, daß dergleichen Unannehmlichkeit notwendig mit dem Tragen der Waffen verbunden ist, so würde ich vor bloßem Zorne augenblicklich sterben.“

Hierauf antwortete der Knappe: „Gnädiger Herr, wenn solche Unfälle die Ernte der Ritterschaft ausmachen, so sagt mir doch, ob sie selten oder oft eintreffen, oder ob sie nur in gewissen Jahreszeiten zur Reife kommen, denn ich glaube, daß wir nach zwei solchen Ernten vergeblich auf die dritte lauern würden, wenn uns Gott nicht nach seiner unendlichen Barmherzigkeit zu Hilfe käme.“

„Wisse, Freund Sancho“, sagte Don Quixote, „daß das Leben der fahrenden Ritter tausend Gefahren und Unglücksfällen unterworfen ist, und durch nichts anderes werden die fahrenden Ritter zu Königen und Kaisern eingeweiht, wie es die Erfahrung an so vielen und verschiedenen Rittern bewiesen hat, deren Geschichte ich umständlich weiß; wie ich dir auch gleich von einigen erzählen könnte, wenn es mir die Schmerzen erlaubten, die sich bloß durch die Stärke ihres Armes zu einer solchen Höhe emporgeschwungen haben, nachdem sie sich vorher oft und vielmals in mancherlei Unglück und Trübsal gesehn hatten. Denn der tapfere Amadis von Gallia sah sich in der Gewalt seines Todfeindes, des Zauberers Arcalaus, von welchem als gewisse Wahrheit erzählt wird, daß er ihm mehr als zweihundert Streiche mit dem Zaume seines Pferdes gegeben habe, nachdem er ihn an eine Säule in seinem Hofe festgebunden. Ein geheimer aber glaubwürdiger Autor schreibt ebenfalls, wie der Ritter des Phöbus in einem gewissen Schlosse plötzlich in eine gewisse Falle geraten sei, die sich unter seinen Füßen eröffnet habe, er sei hierauf in einem tiefen unterirdischen Abgrund an Händen und Füßen gefesselt worden, worauf sie ihm, was man ein Klistier nennt, aus Schneewasser und Sand gegeben, welches ihm übel bekam. Und wäre ihm nicht in dieser großen Fährlichkeit ein Weiser, sein guter Freund, zu Hilfe gekommen, so möchte es dem armen Ritter schlimm ergangen sein. Ich darf mich also wohl mit diesen wackern Leuten trösten, denn der Unglimpf, den sie erduldeten, war noch härter, als den wir heute haben aushalten müssen; überdies, Sancho, mußt du wissen, daß die Wunden nicht verunglimpfen, die man mit den Instrumenten erhält, die ein andrer zufällig in den Händen hat, auch steht es im Gesetze vom Duelle mit ausdrücklichen Worten: ,Schlägt ein Schuster einen andern mit dem Leisten, den er in den Händen hat, so kann von jenem nicht gesagt werden, daß er geprügelt sei, wenn freilich gleich Leisten und Prügel aus Holz erwachsen.‘ Ich sage dies, damit du nicht auf den Gedanken verfällst, weil wir in diesem Kampfe zerschlagen sind, seien wir darum auch verunglimpft, denn die Waffen, die jene Menschen führten und mit denen sie uns zerklopften, waren nichts weiter als ihre Krippenstangen, und kein einziger von ihnen, soviel ich mich erinnern kann, führte eine Lanzenstange, oder Schwert und Dolch.“

„Mir ließen sie gar nicht Zeit“, antwortete Sancho, „dies alles zu beschauen; denn kaum hatte ich meinen wackern Degen herausgezogen, so ölten sie mir die Schultern mit ihren Hebebäumen auch schon so ein, daß ich Gesicht und Gehör verlor und mich auf den Beinen nicht halten konnte, so daß mir kein Gedanken zum Denken übrigblieb, ob mir die Stangenkrücken eine Verunglimpfung sind oder nicht, so überwältigte mich der Schmerz von den Hieben, die sich ebenso meinem Gedächtnisse wie meinen Schultern eingedrückt haben.“

„Höre auf damit und nimm die Kraft deiner Schwäche zusammen, Sancho“, antwortete Don Quixote, „und so will ich ebenfalls tun, damit wir nach dem Rosinante sehn können, ich glaube, daß der Arme nicht den schlechtesten Teil unsers Unglücks genossen hat.“

„Darüber muß man sich nicht verwundern“, antwortete Sancho, „denn er ist ebenfalls ein fahrender Ritter. Worüber ich mich aber verwundere, ist, daß der Esel so frei und ohne Handgeld davongekommen ist, da unsere Hände und Füße es so haben entgelten müssen.“

„Das Glück läßt bei Unfällen immer noch eine Türe offen, durch welche man sich retten kann“, erwiderte Don Quixote. „Hiermit meinʼ ich, daß dieses Tierlein uns nunmehr den Rosinante ersetzen kann, damit ich so ein Kastell aufsuchen möge, in welchem ich von meinen Wunden genese. Auch halte ich diese Reiterei mir nicht zu Unehren, denn ich erinnere mich, gelesen zu haben, daß jener wackere alte Silenus, Begleiter und Erzieher des fröhlichen Gottes des Gelächters, als er in die Stadt mit hundert Toren einzog, ungemein vergnügt auf einem herrlichen Esel ritt und saß.“

„Es ist gut, wenn er ritt und saß, wie Ihr da erzählt“, antwortete Sancho, „aber es ist doch ein großer Unterschied, ob einer so ritt und saß, oder wie ein Sack mit Dreck querüber hängt.“

Hierauf erwiderte Don Quixote: „Die Wunden, die in Schlachten empfangen werden, geben Ehre, aber nehmen sie nicht; also Freund Pansa, trachte nichts weiteres zu erwidern, sondern wie schon gesagt, erhebe dich lieber so gut du vermagst, und lege mich dann, wie es dir am besten deucht, über deinen Esel, damit wir fortziehn, ehe die Nacht beginnt und wir aus diesem einsamen Walde kommen mögen.“

Und mit dreißig Seufzern, sechzig Jammerausrufungen und hundertundzwanzig Flüchen und Verwünschungen über den, der ihn dort hingebracht habe, machte Sancho Anstalt und stand auf dem halben Wege wie ein Bogen zusammengekrümmt, ohne daß es ihm möglich war, sich gerade aufzurichten: mit solcher Mühseligkeit zäumte er seinen Esel auf, der sich ebenfalls, bei der unmäßigen Freiheit dieses Tages, ziemlich weit entfernt hatte. Darauf gingen sie zum Rosinante, der, wenn er sich nur hätte beklagen können, gewiß nicht hinter Sancho oder seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Kurz, Sancho packte Don Quixote über den Esel, an dessen Schweif er den Rosinante band, er selbst führte den Esel am Stricke, und so trat er nach und nach den Marsch nach der Gegend an, wo er die ordentliche Straße vermutete. Das Schicksal, welches ihn aus dem Guten ins Bessere führte, brachte sie nach einer kleinen Meile auf den wirklichen Weg, auf dem sich eine Schenke zeigte, die ohne Widerspruch nach Don Quixotes Gedanken ein Kastell war. Sancho bestand darauf, es sei eine Schenke, Don Quixote nein, sondern ein Kastell; ihr Streit bestand solange, bis sie ganz nahe gekommen waren, worauf denn Sancho ohne weitere Untersuchung mit seiner Koppel hineinzog.

Was dem sinnreichen Edlen in der Schenke begegnete, die er für ein Kastell hielt

Der Schenkwirt, der Don Quixote quer über dem Esel hängen sah, fragte Sancho, was ihm fehle. Sancho antwortete, ihm fehle nichts, als daß er von einem Felsen herunter einen Fall getan habe, wodurch ihm die Rippen ein wenig zerschlagen wären. Der Schenkwirt hatte eine Frau, nicht so wie die meisten dieses Standes gesinnt, denn sie war von Natur mitleidig und es dauerte sie das Unglück ihres Nächsten: sie nahm es also sogleich über sich, Don Quixote wiederherzustellen, und ihre Tochter, ein junges Mädchen von hübschem Aussehn, stand ihr darin bei, ihren Gast zu verpflegen. In derselben Schenke diente eine asturianische Magd, mit breitem Munde, großem Hinterkopf, platter Nase, einem schiefen und einem nicht ganz gesunden Auge; aber alle Fehler wurden durch die Anmut des Körpers ersetzt. Ihre Höhe von den Füßen bis zum Kopfe betrug nicht ganz drei Fuß, und ihre aufgetürmten Schultern zwangen sie, mehr als sie es gemocht hätte, den Boden zu beschauen. Diese zarte Jungfrau unterstützte wieder die Tochter, und beide besorgten dem Don Quixote ein elendes Bett in einer Scheune, die, wie man an deutlichen Spuren sah, seit vielen Jahren dazu gedient hatte, das Stroh aufzubewahren; hier wohnte zugleich ein Eseltreiber, dessen Bett vom dem unsers Don Quixote etwas entfernt war, und ob es gleich nur aus den Sätteln und Decken seiner Maultiere bestand, doch das Lager des Don Quixote bei weitem übertraf, welches auf zwei ungleichen Bänken gebaut war, über welche man vier ungehobelte Bretter legte, auf diese wurde eine Matratze, nicht dicker als eine Decke, ausgebreitet, voller Klöße, die, wenn man nicht an einigen zerrissenen Stellen gesehn hätte, daß sie Wolle waren, man sie dem Gefühle nach wohl für Kiesel hätte halten können, dazu zwei Bettücher aus steifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden man ohne sich um einen zu verrechnen hätte zählen können, wenn man sich die Mühe hätte geben wollen.ʼ

In dieses vermaledeite Bett mußte sich Don Quixote niederlegen, worauf ihn die Wirtin und ihre Tochter auf dem ganzen Körper bepflasterten, indem Maritorne dazu leuchtete, denn so hieß die Asturierin. Beim Pflasterauflegen bemerkte die Wirtin, wie Don Quixote allenthalben blutrünstig war und sagte, es schienen ihr mehr Spuren von Schlägen als einem Falle zu sein. „Schläge waren es nicht“, sagte Sancho, „sondern der Felsen hatte viele Spitzen und Ecken, wovon jeder einen blauen Flecken zurückgelassen hat.“ Er fuhr fort: „Seid doch von der Güte, liebe Frau, und sorgt, daß noch einige Lappen übrigbleiben mögen, denn sie werden nicht unnütz sein, weil mir der Buckel auch ziemlich weh tut.“

„Ihr müßt also“, antwortete die Wirtin, „wohl auch einen Fall getan haben?“

„Das nicht“, sagte Sancho Pansa, „sondern von dem Schrecken, als ich meinen Herren herunterfallen sah, tut mir der ganze Körper weh, als wenn ich tausend Prügel bekommen hätte.“

„Das ist wohl möglich“, sagte die Tochter, „denn mir träumt oft, als wenn ich von einem Turme herunterfiele und gar nicht auf die Erde kommen könnte, und wenn ich dann aus meinem Traume erwache, bin ich so müde und zerschlagen, als wärʼ ich wirklich heruntergefallen.“

„Da liegt der Hund begraben“, antwortete Sancho, „daß ich, ohne irgend zu träumen, sondern wacher als ich jetzt bin, ebenso braun und blau wurde wie mein Herr Don Quixote.“

„Wie heißt der Ritter?“ fragte die asturische Maritorne.

„Don Quixote von la Mancha“, antwortete Sancho Pansa, „er ist ein abenteuernder Ritter, und der beste und kräftigste, den man wohl seit langem in der Welt gesehn hat.“

„Was ist ein abenteuernder Ritter?“ fragte die Magd.

„Seid Ihr denn so neu in der Welt, daß Ihr das nicht wißt?“ versetzte Sancho Pansa. „So wißt denn, mein Kind, daß ein abenteuernder Ritter ein Mann ist, der in zwei Augenblicken geprügelt wird und als Kaiser regiert. Heute ist er die unglückseligste und jämmerlichste Kreatur auf Erden und morgen hat er zwei oder drei Kronen von Königreichen zu verschenken, die er seinem Stallmeister geben kann.“

„Wie kommt es denn aber, da Ihr einem so gewaltigen Herrn dient“, sagte die Wirtin, „daß Ihr noch nicht einmal, wie ich glaube, eine Grafschaft im Besitz habt?“

„Das ist noch zu früh“, antwortete Sancho, „denn es ist noch nicht länger als einen Monat, daß wir nach Abenteuern herumsuchen, und bis jetzt haben wir noch kein rechtes getroffen, auch geschieht es wohl, daß man ein Ding sucht und ein ganz andres findet. Das ist aber wahr, daß, wenn mein Herr Don Quixote von der Verwundung oder dem Falle wieder aufkommt, und ich nicht davon einen Schaden zurückbehalte, ich meine Hoffnungen nicht gegen die höchste Würde in Spanien vertausche.“

Dieses ganze Gespräch hörte Don Quixote sehr aufmerksam mit an; so gut er konnte, richtete er sich im Bette auf, nahm die Hand der Wirtin und sagte: „Glaubt mir, schöne Dame, daß Ihr Euch glücklich preisen könnt, in dieses Euer Kastell meine Person beherbergt zu haben, denn wenn ich mich nicht selber lobe, unterlasse ich es darum, weil Eigenlob ungeziemlich; jedoch kann Euch mein Stallmeister erzählen, wer ich bin. Nur dieses will ich sagen, daß der Dienst, den Ihr mir erwiesen, ewiglich in meinem. Gedächtnisse leben wird; solange ich lebe, werde ich Eurer Unterstützung gedenken, und hätten die hohen Himmelsmächte es doch nicht also verhängt, daß die Liebe mich ihren Gesetzen unterworfen, und den Augen der schönen Undankbaren, die ich mir nur heimlich nenne, untertänig gemacht hätten, damit die Augen jener schönen Jungfrau die Gebieterin meines Willens sein dürften.“

Verwirrt standen die Wirtin, die Tochter und die edle Maritorne da, als sie diese Redensarten des fahrenden Ritters vernahmen, die sie ebensowenig verstanden, als wenn er Griechisch gesprochen hätte; soviel merkten sie aber, daß sie alle als Höflichkeit und Komplimente eingerichtet sein sollten: da sie aber an dergleichen Sprache nicht gewöhnt waren, so sahen sie ihn an, verwunderten sich, und da er ihnen ein ander Wesen schien, als die Leute, mit denen sie sonst umgingen, so beantworteten sie seine Höflichkeit mit Wirtshausredensarten und gingen dann fort; die asturische Maritorne sorgte aber erst für Sancho, der dieser Aufmerksamkeit ebensosehr bedurfte wie sein Herr.

Der Eseltreiber war mit ihr einig geworden, daß sie sich in der Nacht miteinander ergötzen wollten, und sie hatte ihm ihr Wort gegeben, sowie die Gäste zur Ruhe gebracht und ihre Herrschaft eingeschlafen wäre, wolle sie ihn aufsuchen und ihm, soviel er nur wollte, zu Willen sein. Es war von dieser edlen Magd bekannt, daß sie kein so gegebenes Wort gebrochen hat, wenn sie es auch ohne Zeugen auf einem Berge gegeben hätte, denn sie war auf ihr Herkommen stolz, und hielt es sich nicht für schimpflich, als Magd in der Schenke zu dienen, denn sie sagte, Unglück und ein unverdientes Schicksal haben sie soweit heruntergebracht.

Das harte, schlechte, elende und nichtswürdige Bett des Don Quixote stand voran in der Mitte des sternbeschienenen Stalles, dicht daneben machte sich Sancho sein Lager, welches nichts als eine schilfene Matte war und eine Decke, die eher das Ansehen von grobem geschorenem Tuche als von Wolle hatte. Hierauf folgte das Bett des Eseltreibers, wie schon gesagt, aus den Sätteln und dem Schmucke seiner besten beiden Maultiere zubereitet, deren er zwölf hatte, die spiegelblank, dick und sehr ansehnlich waren, denn er war einer der reichsten Eseltreiber von Arevalo.

Nachdem der Eseltreiber noch einmal sein Vieh besucht und ihnen das zweite Futter gegeben hatte, streckte er sich auf seinen Sätteln hin und erwartete seine gewissenhafte Maritorne. Schon war Sancho bepflastert und im Bette, aber der Schmerz in seinen Seiten erlaubte ihm noch nicht einzuschlafen, und Don Quixote hielt vor Schmerz die Augen weit offen, wie ein Hase. In der ganzen Schenke herrschte Stille, es brannte auch kein ander Licht weiter als eine Lampe, die in der Mitte des Eingangs aufgehängt war. Diese nächtliche Einsamkeit, sowie die Bilder, die unser Ritter beständig aus seinen Büchern, den Urhebern seines Unglücks, in den Gedanken hatte, bildeten in seinem Kopfe eine der seltsamen Narrheiten, auf die nur eine Einbildung verfallen kann. Er bildete sich nämlich vor, in ein sehr berühmtes Kastell geraten zu sein (denn wie schon gesagt, Kastelle mußten ihm alle Schenken sein, in denen er herbergte) und daß die Tochter des Schenkwirts eine Tochter des Herrn vom Kastelle sei, die sich in sein überaus edles Betragen verliebt und ihm versprochen habe, sich ohne Wissen ihrer Eltern heimlich in der Nacht zu ihm zu schleichen und eine Zeitlang bei ihm zu liegen. Über diese tolle Erfindung, die er für die ausgemachteste Wahrheit hielt, fing er an sich zu ängstigen, und über den gefährlichen Kampf zu sinnen, den seine Keuschheit zu bestehen haben würde, doch gelobte er in seinem Herzen keine Falschheit gegen seine Dame Dulzinea von Toboso zu begehn.

Indem er noch über diesen Gedanken brütete, kam die Zeit und Stunde (für ihn eine Unglücksstunde), die die Asturierin festgesetzt hatte. Sie schlich also im Hemde und barfuß, die Haare unter einer wollenen Mütze aufgebunden, nach dem Orte, wo die drei lagen, und suchte leise und mit bedächtigem Fuße ihren Eseltreiber. Sie war kaum zur Tür herein, als sie auch Don Quixote bemerkte, der sich im Bette trotz seinen Pflastern und den Schmerzen seiner Rippen aufrichtete, und die Arme ausstreckte, um seine schöne asturische Jungfrau zu empfangen, die leise und schüchtern mit den Händen tappte, um den geliebten Gegenstand zu finden. Sie traf auf die Arme des Don Quixote, der sie heftig bei der Hand ergriff, sie zu sich zog und sie, ohne daß sie ein Wort zu sagen wagte, zwang, sich auf sein Bett zu setzen. Er befühlte alsbald das Hemd, das, wie es von Segeltuch war, ihm doch der feinste und zarteste Zindel schien. Um die Hände trug sie Glaskorallen, die ihm den Glanz köstlicher orientalischer Perlen verbreiteten; die Haare, die sich den Pferdemähnen näherten, waren ihm leuchtende Fäden des arabischen Goldes, deren Funkeln selbst die Sonne verdunkelte, ihr Atem, der nach verdorbenem, abgestandenem Salate roch, war ihm ein Strom von süßem, gewürzhaftem Wohlgeruch; kurz, seine Einbildung malte sie mit allen jenen Farben aus, wie er in seinen Büchern die Schilderungen von andern Prinzessinnen gefunden hatte, die kommen, um nach dem schwerverwundeten Ritter ihrer Liebe zu sehn, mit allem übrigen Schmuck, der dort aufgewandt wird. Der arme Mann war auch so verblendet, daß weder die Berührung, noch der Atem, noch andre Dinge, die die edle Jungfrau an sich hatte und die jedem andern als einem Eseltreiber Übelkeit erregt hätten, enttäuschen konnten; sondern er hielt sie für eine Göttin der Schönheit, faßte sie zart bei den Händen und sagte mit lieblicher und leiser Stimme: „Ich möchte Ausdrücke finden können, schöne und erhabene Dame, um für eine so große Gnade zu danken, wie Ihr mir durch den Anblick Eurer herrlichen Schönheit habt erzeigen wollen: aber das Glück, welches nie müde wird die Edlen zu verfolgen, hat mich auf dieses Lager geworfen, auf welchem ich zerquetscht und zerschmettert liege, so daß, wenn ich auch gesonnen wäre, Eurem Wunsche Genüge zu leisten, es mir unmöglich fiele. Jedoch zu dieser Unmöglichkeit kommt eine andere, größere hinzu, nämlich die versprochene Treue, die ich der ohnvergleichlichen Dulzinea von Toboso angelobt habe, als der einzigen Beherrscherin meiner innersten Gedanken. Wäre mir dieses nicht entgegen, so würdet Ihr mich als keinen so trägen Ritter schauen, der ungenutzt ein so großes Glück aus den Händen läßt, welches Eure überschwengliche Güte mir hat verschaffen wollen.“

Maritorne war voller Verdruß und schwitzte, sich von Don Quixote festgehalten zu sehen, und ohne ihn zu verstehen oder nur auf seine Reden achtzugeben, bemühte sie sich stillschweigend, sich von ihm loszumachen. Der edle Eseltreiber, den seine bösen Vorsätze munter hielten, hatte seine Geliebte bemerkt, sowie sie zur Tür hereingetreten war, er hatte auch allem, was Don Quixote sagte, aufmerksam zugehört; böse darüber, daß ihn die Asturierin für einen andern verfehlt habe, ging er dem Bette des Don Quixote näher, um zu sehen, auf was diese Reden, die ihm unverständlich waren, hinauswollten. Da er aber sah, daß die Magd bemüht war, sich loszumachen, und daß Don Quixote arbeitete, sie festzuhalten, nahm er diesen Spaß sehr übel, reckte den Arm in die Höhe und ließ einen so schrecklichen Faustschlag auf das magere Gesicht des verliebten Ritters niederfallen, daß er ihm den Mund mit Blut überschwemmte, und damit noch nicht zufrieden, stieg er auf ihn hinauf und trat ihn von einem Ende zum andern in schneller Bewegung mit Füßen. Das Bett, welches schwach war und auf keinem festen Grunde ruhte, konnte die hinzugefügte Last des Eseltreibers nicht aushalten, sondern stürzte in sich zusammen, auf welches Poltern der Schenkwirt erwachte und sogleich glaubte, daß Maritorne Händel verursacht habe, weil sie ihm auf sein lautes Rufen keine Antwort gegeben. In diesem Argwohne stand er auf, zündete ein Licht an und begab sich nach dem Orte, wo er das Geräusch vernommen hatte. Als die Magd ihren Herrn kommen sah, dessen Zorn sie sehr fürchtete, kroch sie zitternd und bebend ins Bett zu Sancho Pansa, der schon schlief, wo sie sich zusammenkrümmte und in ein Knäuel drückte.

Der Wirt trat herein und sagte: „Wo bist du, Hure? denn ich weiß, daß das deine Streiche sind.“ Indem ward Sancho munter, und da er die Last auf sich fühlte, meinte er, daß ihn der Alp drücke und schlug rechts und links mit den Fäusten aus, wobei er Maritornen nicht selten traf. Als diese den Schmerz fühlte, ließ sie die Schamhaftigkeit fahren und gab dem Sancho die Faustschläge so kräftig zurück, daß er völlig aus seinem Schlafe wach wurde. Wie er nun diese Begegnung merkte, ohne zu wissen, von wem sie ihm komme, wehrte er sich nach aller Macht, umfaßte sich mit Maritornen, und die beiden begannen nun die wütendste und lächerlichste Schlägerei von der Welt. Beim Schein vom Lichte des Wirtes sah nun der Eseltreiber die Verfassung seiner Dame, er ließ Don Quixote und eilte dahin, wo seine Hilfe vonnöten war. Dasselbe tat der Wirt, aber in andrer Absicht, um nämlich die Magd zu züchtigen, weil er glaubte, daß sie allein den ganzen Lärm verursacht habe. Wie man nun im Sprichwort sagt, die Katze an der Ratze, die Ratze am Stricke, der Strick am Stocke, so schlug der Eseltreiber auf Sancho los, Sancho auf die Magd, die Magd auf ihn, auf die Magd der Wirt, und alle arbeiteten mit solcher Hast durcheinander, daß sie sich auch nicht einen Augenblick zu Atem kommen ließen. Das beste war, daß das Licht des Wirtes ausging, in der Finsternis schlugen sie so unbarmherzig aufeinander ein, daß, wo ein Arm hinfiel, keine gesunde Stelle blieb.

Es traf sich, daß in dieser Nacht in der Schenke ein Häscher schlief, einer von der sogenannten heiligen alten Brüderschaft von Toledo; als dieser das ungeheure Lärmen der Schlacht vernahm, rüstete er sich mit seinem Stabe und der Amtsbüchse, trat im Dunkeln in das Gemach und sagte: „Friede im Namen der Gerechtigkeit! Friede im Namen der heiligen Brüderschaft!“ Der erste, auf den er traf, war der gemaulschellte Don Quixote, der in seinem zerbrochenen Bette mit aufgehobenem Munde und ohne Bewußtsein lag, er fühlte mit der Hand seinen Bart und rief: „Respekt vor der Gerechtigkeit!“ Da er aber sah, daß der, den er festhielt, nicht Atem holte oder sich rührte, hielt er ihn für tot und die übrigen Anwesenden für seine Mörder. In dieser Meinung schrie er mit lauter Stimme: „Verschließt die Tür der Schenke, daß keiner entwischt, denn hier ist ein Mensch umgebracht!“

Dieser Ausruf erschreckte alle und jeder ließ den Kampf in eben dem Augenblicke fahren, als er den Ausruf vernahm. Der Wirt zog sich nach seiner Stube, der Eseltreiber nach seinen Sätteln, die Magd nach ihrem Verschlage zurück; nur die beiden Unglücklichen Don Quixote und Sancho konnten sich nicht von der Stelle rühren, wo sie lagen. Der Häscher ließ hierauf den Bart des Don Quixote los, um Licht zu suchen und die Verbrecher zu fangen, aber er fand keins; denn der Wirt hatte die Lampe mit Vorsatz ausgelöscht, als er in sein Zimmer zurückging, er war also genötigt, nach dem Feuerherde zu gehn, wo er nach vieler Arbeit und langer Zeit ein anderes Licht anzündete.

Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeit, die den braven Don Quixote und seinen wackern Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem Unglück für ein Kastell hielt

Um diese Zeit hatte sich Don Quixote von seiner Betäubung erholt, und mit demselben Ton der Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen Stallmeister angerufen hatte, als er von den Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er auch jetzt wieder an: „Freund Sancho, schläfst du? Schläfst du, Freund Sancho?“

„Wie zum Henker, soll ich denn schlafen?“ antwortete Sancho voller Verdruß und Ärgernis, „es ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich alle Teufel über mich hergemacht hätten.“

„Du kannst gewißlich versichert sein“, antwortete Don Quixote, „daß ich entweder ohne alle Kenntnisse bin, oder daß dieses Kastell hier ein verzaubertes ist, denn du mußt erfahren — — — Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode aufbewahren willst.“

„Ich schwöre“, antwortete Sancho.

„Ich sage dies nur“, fuhr Don Quixote fort, „weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemand zu kränken.“

„Nun ich sage ja, daß ich schwöre“, entgegnete Sancho, „ich willʼs ja verschweigen, bis Euer Gnaden tot ist, und ich bitte Gott nur, daß ich es morgen schon entdecken dürfte.“

„Und du bist mir so zuwider, Sancho“, antwortete Don Quixote, „daß dein Wunsch meinem Leben eine so nahe Grenze steckt?“

„Das ist nicht deswegen“, versetzte Sancho, „sondern es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben, und es ist immer mein Wunsch, daß sie von dem Aufheben nicht verfaulen möchten.“

„Es sei also denn“, sagte Don Quixote, „daß ich deiner Liebe und deinem Worte vertraue, du mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eins der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen Verstande? Was von andern verborgenen Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen vergraben lasse, um die Treue nicht zu brechen, die ich meiner Gebieterin Dulzinea von Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen, daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder vielleicht (und vielmehr ist dieses Gewißheit) weil, wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es geschah, daß eben, da ich in den süßesten und liebevollsten Gesprächen begriffen war, ohne daß ich sehn oder wissen konnte woher sie komme, ein Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen angehörte, und mir einen solchen Schlag auf den Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber der Unenthaltsamkeit des Rosinante halber uns die Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst. Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten Mohren bewacht und mir nicht zugedacht ist.“

„Und mir auch nicht“, antwortete Sancho, „denn über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt, daß das mit den Krippenstangen nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen haben, was man uns gereicht hat? Euer Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in den Armen gehabt; aber ich? Nichts als die kräftigsten Püffe, die ich noch zeit meines Lebens gefühlt habe. Ich Unglücklicher! Ich bin zum Unglücke auf die Welt gekommen! ich bin kein fahrender Ritter und denke es auch niemals zu sein, und doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!“

„Also bist du ebenfalls geprügelt?“ fragte Don Quixote.

„Habʼ ichʼs denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?“ rief Sancho.

„Gib dich zur Ruhe, mein Freund“, antwortete Don Quixote, „denn ich will alsbald den köstlichen Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen ganz gesund machen soll.“

Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich widerwärtigen Angesichte, fragte er seinen Herrn: „Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen will?“

„Der Mohr kann er nicht sein“, antwortete Don Quixote, „denn die Verzauberten lassen sich vor niemand blicken.“

„Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich fühlen“, sagte Sancho, „das können meine Schultern bezeugen.“

„Das können die meinigen ebensowohl“, erwiderte Don Quixote, „aber dies ist dennoch kein hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten Mohren zu halten.“

Der Häscher kam näher, und da er die beiden in einem so ruhigen Gespräche antraf, stand er voll Erstaunen still. Don Quixote lag aber immer noch mit aufgerecktem Gesichte da, weil er sich, so zerschlagen er war, nicht regen oder bewegen konnte. Der Häscher ging also zu ihm und sagte: „Nun, wie stehtʼs, mein guter Kerl?“

„Ich würde mich anständiger ausdrücken“, erwiderte Don Quixote, „wenn ich in Eurer Stelle wäre. Spricht man hierzulande so mit fahrenden Rittern, Ihr Lümmel?“

Der Häscher, der sich von einem so schlecht aussehenden Menschen so schlecht behandelt sah, verlor die Geduld und warf die Lampe mit allem Öle an Don Quixotes Kopf, worauf er ihn mit zerschlagenem Kopfe liegen ließ und in der Finsternis gleich wieder hinausging. Sancho Pansa sagte: „Ganz gewiß, gnädiger Herr, ist dies der verzauberte Mohr, der für andere den Schatz aufheben muß, für uns aber Faustschläge und Lampenschmisse aufhebt.“

„So ist es“, antwortete Don Quixote, „und es ist nichts weiter gegen dergleichen Zauberdinge zu tun, wie es denn auch unnütz ist, sich darüber zu ärgern und zu erzürnen, denn sie sind nur unsichtbare Phantome, sodaß wir an ihnen durchaus keine Rache nehmen können, wenn wir sie auch schaffen wollten: besser ist es, Sancho, du stehst auf, wenn du es vermagst, gehst zum Kommandanten dieser Festung und verschaffst dir etwas Öl, Wein, Salz und Rosmarin, um den heilsamen Balsam zu verfertigen, denn ich glaube, er würde mir jetzt gut tun, da vieles Blut aus der Wunde fließt, die mir das Gespenst geschlagen hat.“

Mit vielen Schmerzen seiner Gebeine erhob sich Sancho und ging im Finstern hinaus. Er begegnete dem Häscher, der auf der Lauer stand, wie es mit seinem Feinde ablaufen würde. Da sagte Sancho zu ihm: „Wer Ihr auch seid, mein Herr, seid so gut und erzeigt mir die Wohltat, mir ein wenig Rosmarin, Öl, Salz und Wein zu geben, um einen der besten fahrenden Ritter auf der ganzen Erde gesund zu machen, der dort im Bette schwer verwundet liegt, von den Händen des verzauberten Mohren, der in dieser Schenke umgeht.“

Nach dieser Rede hielt ihn der Häscher für einen Unsinnigen; da es aber schon anfing Tag zu werden, machte er die Tür zur Schenke auf und rief den Wirt, dem er die Bitte dieses verständigen Mannes mitteilte. Der Wirt gab ihm sogleich das Verlangte, und Sancho ging zu Don Quixote zurück, der den Kopf auf den Händen stützte und sich über den Lampenschlag sehr beklagte, der ihm aber kein anderes Übel als zwei tüchtige Beulen zugefügt hatte, denn was er für Blut hielt, war nur Schweiß, den er dieses Vorfalls halber und wegen des überstandenen Leidens vergoß. Er nahm nun sogleich die Simpla, aus denen er ein Kompositum machte, indem er sie zusammentat und eine gut Zeit kochen ließ, bis sie nach seiner Meinung die gehörige Kraft erreicht hatten. Er forderte alsbald eine Flasche, um den. Trank hineinzugießen, da aber in der Schenke keine zu haben war, so entschloß er sich, ihn in ein Ölbehältnis aus Blech zu tun, mit welchem ihm der Wirt großmütig ein Geschenk machte. Hierauf betete er über das Behältnis wohl achtzig Paternoster, ebenso viele Ave Marias, Salves und Kredos, und bei jedem Worte machte er ein Kreuz, als wenn er sie einsegnete; bei diesem ganzen Vornehmen waren Sancho, der Wirt und der Häscher gegenwärtig, denn der Eseltreiber war stillschweigend fortgegangen, um seine Tiere zu füttern.

Nachdem er alles vollbracht hatte, wollte er gleich die Trefflichkeit seines erfundenen köstlichen Balsams probieren, er trank also das Übriggebliebene aus, was er nicht in die Ölflasche hatte füllen können, und es war wohl ein viertel Quart in dem Kochtopfe zurückgeblieben. Er hatte es aber kaum getrunken, als ihn ein so heftiges Erbrechen befiel, daß er nichts im Magen behielt, und durch diese Anstrengung und Ängstigung geriet er in einen starken Schweiß, worauf er befahl, daß man ihn zudecken und allein lassen solle. Sie taten es und er schlief über drei Stunden, worauf er erwachte und sich so stark fühlte, und seine Schmerzen so gelindert, daß er sich für ganz gesund hielt und wirklich glaubte, er besitze nun den Balsam des Fierabras, mit welchem er nun künftig ohne Furcht alle Kämpfe, Schlachten und Händel, seien sie auch noch so gefährlich, bestehn könne.

Sancho Pansa, der seinen Herrn auch zum Erstaunen besser fand, bat um das, was noch im Topfe zurückgeblieben sei, welches nicht wenig war. Don Quixote bewilligte ihm dies, und er ergriff mit vollem Zutrauen und der größten Begierde den Topf mit beiden Händen und trank wohl ebensoviel als sein Herr hinunter. Der Magen des armen Sancho mußte aber von schwächrer Reizbarkeit sein, denn vor dem Erbrechen hatte er solche Beängstigungen, wobei er schwitzte und sich quälte, daß er fest überzeugt war, daß dies seine letzte Stunde sei, worüber er ebenso böse als traurig wurde und den Balsam und den Totschläger, der ihn ihm gegeben hatte, verwünschte. Da Don Quixote dies sah, sagte er: „Ich glaube, Sancho, daß dein ganzes Unheil daher rührt, daß du nicht zum Ritter geschlagen bist, denn ich bin der Meinung, daß niemand, der nicht Ritter ist, sich dieses Getränkes bedienen dürfe.“

„Wenn Ihr das wußtet“, versetzte Sancho, „warum in Satans Namen habt Ihr es mich denn kosten lassen?“ Indem fing der Balsam an zu wirken und der arme Stallmeister entledigte sich seiner Bürde aus beiden Kanälen mit solcher Eil, daß weder die Binsenmatte, auf der er lag, noch das Tuch, mit dem er zugedeckt war, jemals wieder gebraucht werden konnten. Er schwitzte unter solchen Beklemmnngen und Martern, daß nicht bloß er, sondern alle übrigen glaubten, sein Leben ginge zu Ende. Dieses Ungewitter und Übelbefinden dauerte ohngefähr zwei Stunden, worauf er sich nicht so wie sein Herr befand, sondern so erschöpft und ermattet war, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte. Don Quixote aber, der sich, wie gesagt, gesund und kräftig fühlte, wünschte gleich abzureisen, um Abenteuer aufzusuchen, denn jeder Augenblick, den er zögerte, schien ihm ein Verlust für die Welt und die Unglücklichen, die seiner Hilfe und seines Beistandes bedürften, vorzüglich da er nun auf seinen Balsam vertrauend um so sicherer zum Werk schreiten könne; von seinem Vorhaben angetrieben, sattelte er also selbst den Rosinante und zäumte das Tier seines Stallmeisters auf, den er hierauf anziehn half und ihn dann auf den Esel setzte. Alsbald stieg er selbst zu Pferde und ergriff eine Stange, die in einem Winkel des Hofes stand, die ihm zur Lanze dienen sollte. Über zwanzig Menschen, die in der Schenke waren, standen umher und sahen ihm zu, unter diesen befand sich auch die Tochter des Wirtes, von der auch er wieder kein Auge verwandte, und von Zeit zu Zeit einen Seufzer, schwer, wie aus dem Innersten seines Leibes, heraufholte, wovon alle meinten, es geschähe deshalb, weil ihm die Rippen sehr weh täten, wenigstens dachten so diejenigen, die ihn am vorigen Abend hatten bepflastern sehn.

Als sie nun beide beritten waren, rief er am Tor der Schenke den Wirt herbei, und sagte mit feierlicher und ernster Stimme: „Viel und groß sind die Gefälligkeiten, Herr Kommandant, die ich in Eurem Kastelle erfahren, und es ist meine Pflicht, Euch durch mein ganzes Leben dafür dankbar zu sein. Kann ich sie Euch vergelten, indem ich an irgendeinem Frechen Rache nehme, der Euch Ungebühr erzeigte, so wißt, daß es mein Gewerbe mit sich führt, den Schwachen beizustehn, die zu rächen, die Unrecht erleiden und den Übermut zu züchtigen. Sammelt Euer Gedächtnis, und wenn Ihr ein Ding der Art findet, welches Ihr mir auftragen mögt, so verspreche ich bei dem Orden der Ritterschaft, den ich empfangen habe, Euch genug zu tun und Euch nach allen Euren Forderungen zu bezahlen.“

Mit eben der Feierlichkeit antwortete der Wirt: „Herr Ritter, es ist mir gar nicht vonnöten, daß Ihr mich wegen irgendeiner Ungebühr rächt, denn ich nehme meine Rache immer selbst, wenn es die Gelegenheit fügt; was ich bedarf, ist nur, daß Euer Gnaden die Zehrung dieser Nacht bezahlt, das Heu und den Hafer für die beiden Tiere, sowie das Abendessen und die Betten.“

„Dieses ist also eine Schenke?“ fragte Don Quixote.

„Und eine sehr vorzügliche“, antwortete der Wirt.

„So habe ich mich also bisher getäuscht“, erwiderte Don Quixote, „denn wahrlich, ich dachte es sei ein Kastell und kein unansehnliches. Weil es aber kein Kastell, sondern eine Schenke ist, so kann hier nichts Weiteres geschehen, als daß Ihr die Bezahlung mir erlassen mögt, denn ich kann unmöglich dem Orden der fahrenden Ritter zuwiderhandeln, von denen ich gewiß weiß (denn bisher habe ich noch nirgend das Gegenteil gelesen), daß sie niemals ihre Herberge oder andre Dinge in den Schenken bezahlten, denn freiwillig und ohne Eigennutz wurde ihnen allerwege gute Aufnahme bereitet, zum Lohn der unsäglichen Mühseligkeiten, denen sie sich unterzogen, indem sie Nacht und Tag Abenteuer suchten, im Winter und Sommer, zu Fuß und zu Pferde, Hunger und Durst, Hitze und Kälte erlitten, und allen Unfreundlichkeiten des Himmels und jeder Widerwärtigkeit der Erde unterworfen waren.“

„All das kümmert mich nicht“, versetzte der Wirt, „bezahlt was Ihr schuldig seid und geht mir mit dem Ritterkrame, denn der taugt in meinem Krame gar nichts, sondern ich will das Meinige haben.“

„Ihr seid ein aberwitziger, elender Schenkwirt!“ antwortete Don Quixote und gab dem Rosinante die Sporen, schwang die Lanze und ritt zur Schenke hinaus, ohne daß ihn einer zurückhielt; er aber, ohne zurückzuschauen, ob ihm sein Stallmeister folge, entfernte sich eine ziemliche Strecke. Der Wirt, der ihn ohne bezahlt zu haben wegreiten sah, wandte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen, der aber die Antwort gab, da sein Herr nicht habe bezahlen wollen, begehre er solches auch nicht zu tun, er sei der Stallmeister eines fahrenden Ritters, er müsse also mit seinem Herrn derselben Vorschrift und Gesetzgebung gehorchen, in den Herbergen und Schenken durchaus nichts zu bezahlen. Der Wirt wurde böse und drohte ihm, falls er nicht bezahle, wolle er ihn so mahnen, daß er es fühlen würde. Worauf Sancho erwiderte, kraft der Ritterschaft, der sein Herr zugetan sei, würde er nicht einen Heller bezahlen, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, denn durch seine Schuld sollte nicht dieser alte und löbliche Gebrauch der fahrenden Ritter verlorengehn, und die Stallmeister zukünftiger Zeiten sollten sich niemals über ihn beklagen, oder ihm einen so gerechten Vorwurf machen dürfen.

Das böse Schicksal des unglücklichen Sancho fügte es so, daß sich unter den Leuten, welche in der Schenke waren, vier Tuchscherer von Segovia, drei Nadelhändler vom Markte von Cordova und zwei Landstreicher aus Sevilla befanden, lustiges, aufgewecktes, und ebenso boshaftes und schadenfrohes Volk, die, wie von einem Geiste zugleich angetrieben, Sancho nahmen und ihn vom Esel hoben, worauf einer das Bettuch des Wirtes herausholte, sie ihn darauf legten und dann die Augen in die Höhe richteten; sie bemerkten aber, daß die Decke zu dem Werke, das sie vornehmen wollten, zu niedrig sei; sie entschlossen sich also, in den Hof zu gehn, der nur vom Himmel beschränkt wurde. Hier legten sie Sancho mitten auf das Tuch, warfen ihn in die Höhe und fingen ihn wieder auf, wie man es wohl mit den Hunden als ein Fastnachtsspiel zu machen pflegt. Der arme Geprellte erhub ein so lautes Geschrei, daß es in die Ohren seines Herrn drang, der sogleich stillhielt, um aufmerksam hinzuhorchen, weil er dachte, es möchte ihm ein neues Abenteuer bevorstehn, bis er bemerkte, daß derjenige, der so jammerte, sein Stallmeister sei: sogleich lenkte er um und ritt in einem steifen Galopp zur Schenke zurück, die er verschlossen fand, er umkreisete sie also, um irgendeinen Eingang zu finden. Sowie er an die Mauern des Hofes kam (die nicht sonderlich hoch waren), sah er das üble Spiel, das mit seinem Stallmeister vorgenommen wurde. Er sah ihn durch die Luft mit solcher Anmut und Behendigkeit niederfallen und wieder aufsteigen, daß er gewiß darüber gelacht hätte, wenn sein Zorn nicht zu mächtig geworden wäre. Er machte also den Versuch, vom Pferde auf die Mauer zu steigen, aber er war so schwach und steif, daß er nicht einmal aus dem Sattel kommen konnte, worauf er vom Pferde herunter denen, die Sancho prellten, so schreckliche Schmähungen und Verwünschungen zurief, daß sie sich unmöglich niederschreiben lassen. Sie aber ließen sich im Lachen und ihrer Beschäftigung nicht stören, auch ließ der flüchtige Sancho seine Klagen nicht, die er bald mit Drohungen, bald mit Bitten vermischte; alles aber war ohne Erfolg und Nutzen, bis sie aus Müdigkeit ihr Werk ließen. Sie führten also seinen Esel herbei, setzten ihn darauf, bekleideten ihn mit seinem Mantel, und da ihn die mitleidige Maritorne so ermattet sah, schien es ihr dienlich, ihm mit einem Becher Wasser zu Hilfe zu kommen, das sie auch selbst aus dem Brunnen schöpfte, damit es um so frischer sei. Sancho nahm den Becher und setzte ihn zum Munde, hielt aber bei dem Zurufen seines Herrn inne, welcher schrie: „Sohn Sancho, trink kein Wasser, mein Sohn, trinkʼs nicht, es bringt dich um! Schaue hier den köstlichen Balsam (wobei er ihm die blecherne Flasche zeigte), mit zwei Tropfen, die du davon nimmst, bist du gesund und frisch!“

Bei diesen Worten sah ihn Sancho über die Schultern an und sagte unter andern, härtern Redensarten: „Ihr habt wohl schon wieder vergessen, daß ich kein Ritter bin, oder Ihr wollt wohl, daß ich die Eingeweide noch vollends herausspeien soll, die mir etwa noch übrig geblieben sind? Behaltet Euren Trank ins Teufels Namen und laßt mich!“ — Und indem er diese Worte noch sprach, fing er auch schon an zu trinken. Da er aber beim ersten Schlucke spürte, daß es Wasser sei, hatte er keine Lust fortzufahren, sondern er bat Maritorne, ihm Wein zu geben, die es auch mit gutem Willen tat, und ihn sogar von ihrem Gelde bezahlte; denn man kann mit Recht von ihr sagen, daß sie in ihrem Stande immer noch einige Spuren und Schatten vom Christentum behalten hatte.

Nachdem Sancho getrunken hatte, trat er seinen Esel in die Seite, und sowie das Tor der Schenke aufgemacht wurde, rannte er hindurch, sehr zufrieden, daß er doch nichts bezahlt und seinen Willen durchgesetzt habe, wenn es auch auf Kosten seiner gewöhnlichen Bürgen, nämlich seiner Schultern, geschehen war. Der Wirt behielt freilich als Bezahlung seiner Schuld den Schnappsack zurück, aber Sancho hatte es in dem Tumulte nicht bemerkt. Der Wirt wollte, als er hinaus war, das Tor verriegeln, aber die Prellenden gaben es nicht zu, denn diese waren Leute, die den Don Quixote, wenn er auch wirklich ein fahrender Ritter von der Tafelrunde gewesen wäre, doch nicht für zwei Dreier achteten.

Hier wird das Gespräch erzählt, welches Sancho Pansa mit seinem Gebieter Don Quixote führte, nebst andern Abenteuern, die der Erzählung würdig sind

Sancho kam so zermalmt und ermattet zu seinem Herrn, daß er sich kaum auf seinem Tiere erhalten konnte. Als ihn Don Quixote sah, sagte er: „Jetzt bin ich völlig überzeugt, mein getreuer Sancho, daß jenes Kastell oder Schenke verzaubert sein muß, denn jene, die sich ein so unmenschliches Spielwerk mit dir machten, was können sie wohl sein, als Gespenster und Wesen aus einer andern Welt! Als ich außerhalb der Mauer des Hofes deiner kläglichen Tragödie zusah, war es mir nicht möglich, die Mauer zu besteigen, oder mich nur vom Rosinante herunterzuheben, weil sie mich gleichfalls bezaubert hatten. Aber ich schwöre dir bei meiner Ehre, hätte ich nur hinaufsteigen oder mich herunterheben können, so wollte ich dich so gerächt haben, daß diese Spitzbuben und Mörder ewig ihres Spaßes hätten gedenken sollen, wenn ich auch hierin die Gesetze der Ritterschaft hätte übertreten müssen, die, wie ich dir schon oft gesagt habe, nicht erlauben, daß ein Ritter gegen einen, der es nicht ist, das Schwert ziehe, wenn er es nicht zur Verteidigung seines Lebens und seiner Person, oder im dringendsten Falle der Not tut.“

„Ich hätte mich gerächt, ich mochte nun Ritter oder nicht Ritter sein, aber ich war nicht imstande: dabei aber glaube ich immer noch, daß die, welche den Spaß mit mir trieben, keine Gespenster oder verzauberte Menschen waren, wie Euer Gnaden sagen, sondern Menschen von Fleisch und Bein, wie wir, denn ich habe sie auch alle, als sie mich in die Luft schmissen, bei ihrem Namen nennen hören, so hieß der eine Peter Martin, der andere Tenorio Hernandez und der Wirt Hans Palomeque der Linksche: so gnädiger Herr, seid Ihr auch gewiß nicht verzaubert gewesen, als Ihr nicht auf die Hofmauer kommen, oder nicht vom Pferde heruntersteigen konntet, sondern was ich davon halte, ist, daß, wenn wir weiter so nach Abenteuern herumsuchen, es bald mit uns Abend und gute Nacht werden wird, so daß wir am Ende nicht wissen, was an uns Kopf oder Bein ist. Das klügste und beste wäre nach meinem Verstande, jetzt gleich, da die Erntezeit ist, nach unserm Dorfe zurückzugehn, und nicht so von Hinz nach Kunz, von Brot in Not und Tod herumzuziehn.“

„Wie wenig verstehst du, Sancho“, antwortete Don Quixote, „von den Elementen der Ritterschaft! Fasse dich in Geduld, denn die Zeit, in welcher du es mit Augen siehst, wird kommen, wie ehrenvoll es sei, dieses Gewerbe zu treiben. Wenn nicht, so sprich, gibt es auf der Welt ein größeres Vergnügen, läßt sich der Freude irgend etwas anders vergleichen, wie wenn man eine Schlacht gewinnt, oder über seinen Feind triumphiert? Wahrlich, nichts anders kommt diesem bei.“

„Das mag wohl sein“, antwortete Sancho, „doch kann ichʼs nicht begreifen; ich begreife nur das, daß seit wir fahrende Ritter sind, oder vielmehr seit Ihr es seid (denn ich darf mich nicht zu so trefflichen Herren rechnen), wir noch keine einzige Schlacht gewonnen haben, außer der mit dem Biskayer, und da kamt Ihr nur mit halbem Ohre und zerschlagenem Helme durch: seitdem aber hat es nichts als Prügel und Prügel, Püffe und Püffe gegeben, ich bin zum Überschuß noch geprellt, und obendrein von verzauberten Personen, an denen ich keine Rache nehmen kann, um das Vergnügen über einen überwundenen Feind zu schmecken, wie Ihr es nennt.“

„Dies ist es, was mich verdrießt und was dich ebenfalls verdrießen muß, Sancho“, antwortete Don Quixote; „aber ich will von nun an streben, mir ein Schwert von solcher Eigenschaft zu erwerben, daß derjenige, welcher es führt, keiner Art von Verzauberung unterworfen ist; das gute Glück kann mir wohl gar das des Amadis in die Hände spielen, als er sich den Ritter des brennenden Schwertes nannte. Dieses Schwert war eins der trefflichsten, das ein Ritter in der Welt nur führen kann, denn außer obgenannter Tugend schnitt es so scharf wie ein Schermesser, und keine Rüstung, so stark und verzaubert sie auch sein mochte, konnte ihm Widerstand leisten.“

„Ich bin ein Glückskind“, sagte Sancho, „daß, wenn sichʼs nun auch so schickt, und Euer Gnaden ein solches Schwert antrifft, es doch nur wieder, wie der Balsam, für einen geschlagenen Ritter was taugen wird, der Schildknapp aber nur seine Qual daran erlebt.“

„Fürchte dies nicht, Sancho“, antwortete Don Quixote, „der Himmel wird es besser mit dir meinen.“

Unter diesen Gesprächen zog Don Quixote mit seinem Schildknappen fort, als Don Quixote mit einem Male eine große und dichte Staubwolke bemerkte, die ihm auf seinem Wege entgegenzog; sowie er sie bemerkte, wandte er sich zu Sancho und sagte: „Dies ist der Tag, o mein Sancho, an welchem sich zeigen wird, was mir das Schicksal aufbewahrt hat; dies ist der Tag, sagʼ ich dir, an dem sich mehr als an irgendeinem andern die Tapferkeit meines Armes kundgeben wird, an welchem ich Taten zu tun gesonnen bin, die in den Büchern des Ruhms für alle künftigen Jahrhunderte eingeschrieben werden sollen. Siehst du jene Staubwolke, Sancho, die sich dort erhebt? Ein unzähliges Heer erregt sie, welches, aus verschiedenen und zahlreichen Völkern geworben, uns von dort entgegenzieht.“

„So müssen es zwei sein“, sagte Sancho, „denn von der andern Seite steigt eben ein solcher großer Staub auf.“

Don Quixote drehte sich um und sah, daß es wahr sei, worüber er sich sehr freute, denn er war überzeugt, daß es zwei Armeen wären, die hier zusammenkämen, um sich in der Mitte der großen Ebene eine Schlacht zu liefern, denn in jedem Augenblicke war seine Phantasie mit Streit, Bezauberungen, Siegen, Unglücksfällen, Liebe und Zwiespalt angefüllt, so wie er es in seinen Büchern gelesen hatte, und alles was er sprach, dachte und tat, schloß sich diesen Dingen an. Die Staubwolken, die er sah, erregten zwei große Herden von Schafen und Hammeln, die auf demselben Wege von zwei verschiedenen Seiten kamen, die aber der Staub so bedeckte, daß man sie nur ganz nahe sehn konnte, Don Quixote aber behauptete so kräftig, daß es Armeen wären, daß Sancho sie ebenfalls zu sehn glaubte und nur fragte: „Was sollen wir aber dabei tun, gnädiger Herr?“

„Was?“ rief Don Quixote aus, „den Unterdrückten und Hilfsbedürftigen Beistand leisten! Du mußt wissen, Sancho, daß diejenigen, die uns von dort entgegenziehn, unter Anführung und Kommando des großen Kaisers Alifanfaron stehn, Herrn der großen Insel Taprobana; jener aber, der hinter mir kommt, ist sein Feind, der König der Garamanten, Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel, so genannt, weil er mit entblößtem Arm in die Schlachten zu ziehn gewohnt ist.“

„Warum sind sich aber diese Herren so böse?“ fragte Sancho.

„Sie sind sich deshalb böse“, antwortete Don Quixote, „jener Alifanfaron ist ein verstockter Heide, dabei aber in die Tochter des Pentapolin verliebt, die eine sehr schöne und überaus liebenswürdige Dame und eine Christin ist, ihr Vater will sie aber dem Heidenkönige nicht überliefern, wenn er nicht vorher dem Glauben seines falschen Propheten Mohammed entsagt und den unsrigen annimmt.“

„Bei meinem Bart“, sagte Sancho, „Pentapolin tut recht, und ich will ihm dazu helfen, soviel in meinen Kräften steht.“

„So sprichst du, wie du sollst, Sancho“, sagte Don Quixote, „denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen, braucht man den Ritterschlag nicht erhalten zu haben.“

„Das trifft sich ja gut“, antwortete Sancho, „aber wo lassen wir den Esel solange, wo wir ihn wiederfinden, wenn die Schlägerei aus ist, denn so auf ihm als Reiter in die Schlacht zu ziehn, ist doch bisher wohl noch nicht gebräuchlich gewesen?“

„Du hast recht“, sagte Don Quixote, „was du mit ihm vornehmen kannst, ist, ihn auf gut Glück laufen zu lassen, er mag sich nun verlieren oder nicht, denn sobald wir Überwinder sind, werden wir eine solche Menge von Pferden erbeuten, daß selbst Rosinante Gefahr läuft, gegen ein ander Roß vertauscht zu werden. Nun sei aber aufmerksam, denn ich will dir die vornehmsten Ritter kenntlich machen, die sich in diesen beiden Heeren befinden, damit du sie aber besser sehen und bemerken könnest, so wollen wir uns auf diese Anhöhe zurückziehn, von wo aus wir beide Heere genau beobachten können.“

Sie taten es und stellten sich auf einen kleinen Hügel, von wo man die beiden Herden, die für Don Quixote eine Armee waren, gut genug hätte sehn können, wenn die Staubwolken, die sich erhoben, sie nicht verdeckt und den Augen entzogen hätten. Er sah aber dennoch mit seiner Einbildung alles, was er nicht wirklich sehn konnte und fing nun mit erhabener Stimme also an: „Jenen Ritter, den du in gelber Rüstung siehst und der in seinem Schilde einen gekrönten Löwen führt, zu den Füßen einer Jungfrau hingeschmiegt, ist der tapfre Laurcalco, Herr von der silbernen Brücke. Jener dort, dessen Harnisch mit goldenen Blumen bestreut ist und der in seinem Schilde drei silberne Kronen im blauen Felde führt, ist der Großherzog von Quiraloia.

Jener Riese dort, der ihm zur Rechten steht, ist der nie genug gepriesene Brandarbaran von der Kegelbahn, Herr von den dreien Arabien, der mit einer Drachenhaut bedeckt ist und als Schild eine Tür führt, welche, wie man sagt, von jenem Tempel genommen ist, den Simson einriß, als er sich durch seinen eigenen Tod an seinen Feinden rächte. Nun wende aber die Augen einmal auf jene Seite und schaue in dem Vortrabe jenes Heeres den stets siegenden und niemalen besiegten Timonel von Carcajona, Herrn des neuen Biskayas, dessen Rüstung mit vier verschiedenen Farben prangt, mit Blau, Grün, Weiß und Gelb, in seinem Schilde führt er eine goldene Katze im hellen Felde, mit einem einzigen Worte zur Unterschrift, nämlich Miau, als den Anfang des Namens seiner Dame, die, wie man sagt, Miulina ist, die Tochter des Herzogs Alfenriquen von Algarbien. Jener dort, der so gewaltig den Rücken des ungeheuren Rosses belastet, und dessen Rüstung so weiß wie der Schnee ist, ist ein neuer Ritter, von französischer Nation, genannt Pierre Papin, Herr der Baronie Utrique. Jener, der die eisernen Fersen in die Seiten des bunten und gewandten Zebras stößt, und ganz blaue Waffen führt, ist der ansehnliche Herzog von Nervia, Espartafilardo vom Walde, der als Sinnbild auf seinem Schilde ein Spargelfeld führt, mit der Unterschrift: Mein Glück wächst nach.“ —

So nannte er noch viele Ritter, von einer wie von der andern Schwadron, die er sich einbildete, allen gab er aus dem Stegreife ihre Waffen, Farben, Sinnbilder und Inschriften, die er aus dem Schatze seiner unerhörten Torheit schöpfte.

Hilf Himmel, wie viele Provinzen nannte er noch, wie viele Nationen zählte er auf, indem er jeder mit erstaunlicher Behendigkeit die ihr zukommenden Attribute erteilte, trunken und entzückt von dem, was er in seinen lügenhaften Büchern gelesen hatte! Sancho Pansa stand über diese Reden verwundert, ohne ein Wort zu sagen, er drehte nur von Zeit zu Zeit den Kopf hin und her, ob er die Ritter und Riesen, die sein Herr aufzählte, nicht erblicken möchte, da er aber durchaus keinen entdeckte, sagte er: „Gnädiger Herr, hol mich der Teufel, wenn ein Mensch oder Riese oder Ritter von allen, die Ihr da nennt, zu finden ist, wenigstens kann ich sie nicht sehen und es muß wohl wieder alles Verzauberung sein, wie mit den Gespenstern voriger Nacht.“

„Wie sprichst du also?“ antwortete Don Quixote, „hörst du nicht das Wiehern der Rosse, der Trompeten Schmettern, das Gelärm der Trommeln?“

„Ich höre nichts weiter“, antwortete Sancho, „als Blöken von Schafen und Hammeln.“ — Und dies war es auch, denn die beiden Herden waren nun ziemlich nahe gekommen.

„Deine Furchtsamkeit“, sagte Don Quixote, „macht, Sancho, daß du weder richtig siehst noch hörst, denn eine von den Wirkungen der Furcht besteht darin, die Sinne zu verwirren und dadurch die Dinge anders erscheinen zu lassen, als sie in der Tat sind: trägst du also so große Bangigkeit, so tritt beiseite und laß mich allein, denn allein bin ich hinreichend, der Partei den Sieg zu verschaffen, zu welcher ich mich schlage.“ Und mit diesen Worten gab er dem Rosinante die Sporen, faßte in der Rechten die Lanze, und somit schoß er wie ein Sonnenstrahl von dem Erdhügel herunter. Sancho schrie laut und rief: „Haltet doch, mein gnädiger Herr Don Quixote, ich schwörʼs zu Gott, Hammel und Schafe sind das, was Ihr angreifen wollt! haltet! O um Gottes Barmherzigkeit willen, was sind das für Tollheiten! da ist ja kein Riese, kein Ritter, keine Katze, keine Rüstung, weder ganze noch geteilte Schilde, noch blaue Felder, noch der Teufel und seine Großmutter. Was, ums Himmels willen, nehmt Ihr für Dinge vor?“

Aber Don Quixote hielt deshalben nicht an, sondern rief vielmehr mit lauter Stimme: „Auf, ihr Ritter, die ihr unter den Fahnen des tapfern Kaisers Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel streitet, folgt mir alle und ihr sollt sehen, wie leicht wir ihn an seinem Feinde Alifanfaron von Trapobana rächen wollen!“ Sowie er dieses sprach, stürzte er mitten in das Heer der Schafe hinein und begann ein so verwegenes und wütiges Lanzenstechen, als wenn er wirklich mit Todfeinden zu kämpfen hätte. Die Schäfer und Hirten, die die Herde führten, riefen ihm zu, daß er nicht also verfahren möchte, da sie aber sahen, daß sie damit nichts ausrichteten, griffen sie zu ihren Schleudern, und begannen seine Ohren mit Steinen, wie die Faust groß, anzureden. Don Quixote kümmerte sich um die Steine nicht, sondern sagte, indem er sich von allen Seiten herumtummelte: „Wo bist du, stolzer Alifanfaron, hieher zu mir, der ich ein einzelner Ritter bin, damit ich Mann gegen Mann deine Kräfte erproben und dir das Leben nehmen kann, als vergeltende Schmach, die du dem tapfern Pentapolin Garamanta beweisest. Indem führte eine Schleuder ein Korn herbei, das ihn in die Seite traf und zwei Rippen hineinschlug. Wie er diese üble Behandlung sah, hielt er sich für tot oder schwer verwundet, gedachte seines Getränks, nahm seine Flasche, setzte sie an den Mund und fing an, sich das Getränk einzugießen; aber er hatte noch nicht soviel hinuntergetrunken, als ihm nötig schien, so kam eine zweite Zuckermandel und traf die Hand und Flasche mit solcher Gewalt, daß sie in Stücke ging, auf dem Wege drei oder vier Zähne und Backenzähne eingeschlagen und zwei Finger der Hand grausam zerquetscht wurden. So heftig war der erste Wurf und so heftig der zweite, daß der arme Ritter gezwungen war, sich vom Pferde herunterzubegeben. Die Schäfer kamen herbei und meinten, daß sie ihn umgebracht hätten, sie trieben also hastig die Herde zusammen, luden die ermordeten Stücke auf, die sich bis auf sieben beliefen, und so entfernten sie sich, ohne etwas anderes abzuwarten.

In der ganzen Zeit stand Sancho auf dem Hügel, sah den Tollheiten seines Herrn zu, und riß sich den Bart aus, indem er die Stunde und den Augenblick verfluchte, in welchem er seine Bekanntschaft gemacht hatte. Da er nun sah, daß er auf der Erde lag und daß die Hirten fortgingen, stieg er den Hügel hinunter, ging zu ihm und fand ihn in einem sehr schlimmen Zustande, ob er gleich noch Besinnung hatte; er sagte also zu ihm: „Sagte ichʼs Euch nicht; mein Herr Don Quixote, daß Ihr halten möchtet und daß das, was Ihr angriffet, keine Soldaten, sondern eine Herde Hammel war?“

„So hat sie der Schelm von Weisen, mein Feind, verwandelt und entstellt, und du mußt wissen, Sancho, daß es diesen Wesen etwas Leichtes ist, alles so scheinen zu lassen, wie sie es wollen; dieser Boshafte also, der mich verfolgt, neidisch über den Ruhm, den ich, wie er merkte, in dieser Schlacht erwerben möchte, hat den Zug der Feinde in eine Herde Schafe verwandelt. Glaubst du dies nicht, so tue, Sancho, ich beschwöre dich, ein Ding, damit du deines Irrtums los werdest und merkest, wie ich die Wahrheit rede; besteige deinen Esel und reite ihnen nach, so wirst du gewahr werden, sowie sie nur eine kleine Strecke entfernt sind, nehmen sie ihre erste Gestalt wieder an, sind keine Hammel mehr, sondern Menschen so recht und gerecht, wie ich sie dir erst beschrieben habe. Doch entferne dich für jetzt nicht, denn ich bedarf deiner Hilfe und Liebe: komm her und sieh, wieviele Backen- und Vorderzähne mir mangeln, denn mir ist, als hätte ich keinen einzigen im Munde behalten.“

Sancho machte sich so nahe an ihn, daß er die Augen fast in seinen Mund steckte, und dies geschah, indem der Balsam schon im Magen Don Quixotes gewirkt hatte; indem sich also Sancho an ihn machte, um in seinen Mund zu schauen, schoß er heftiger als eine Büchse das von sich, was er in sich führte und alles in den Bart des mitleidigen Stallmeisters hinein. „Heilige Mutter Gottes!“ rief Sancho, „was ist mir da zugestoßen? Gewiß ist der arme Sünder auf den Tod verwundet, denn das Blut stürzt ihm aus dem Halse.“ Da er sich aber ein wenig sammelte und an Farbe, Geschmack und Geruch merkte, daß es kein Blut, sondern der Balsam aus der Flasche sei, den er ihn hatte trinken sehn, ergriff ihn ein so heftiger Ekel, daß auch sein Magen sich umwandte, und er seinen Gebieter bespie, worauf sie sich beide wie Brillanten ausnahmen. Sancho lief nach seinem Esel, um aus dem Schnappsack etwas zu holen, sich abzutrocknen und seinen Herrn zu heilen, da er aber diesen nicht fand, war er im Begriff den Verstand zu verlieren. Er fluchte von neuem und nahm sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und nach Hause zu gehn, wenn er auch selber seinen Gehalt und die Hoffnung auf die Regierung der versprochenen Insel verlieren sollte.

Jetzt erhub sich Don Quixote, steckte die linke Hand in den Mund, weil ihm die Zähne immer noch weh taten, mit der andern faßte er die Zügel des Rosinante, der sich nicht von der Seite seines Herrn gerührt hatte (so redlich und schön war sein Gemüt) und ging zu seinem Stallmeister, der sich mit der Brust über seinen Esel lehnte und die Backen zwischen den beiden Händen hielt, wie ein Mensch, der in den tiefsten Gedanken versunken ist. Als Don Quixote diese Zeichen einer so gewaltigen Schwermut bemerkte, sagte er: „Wisse, Sancho, daß ein Mensch nicht mehr ist als ein andrer, wenn er nicht mehr tut als ein andrer; alle diese Stürme, die uns verfolgen, sind Beweise, daß sich das Wetter bald aufheitern muß und daß unsre Sachen zum Glücke ausschlagen müssen, denn es ist unmöglich, daß so Glück als Unglück immer daure. Hieraus folgt, daß, da wir viel Unglück überstanden, das Glück uns nahe sein muß. Drum laß die Betrübnis über Widerwärtigkeiten, die mir zustoßen, da sie dich nicht mit betreffen.“

„Also nicht?“ antwortete Sancho; „war denn der, den sie gestern prellten, ein andrer als ich in eigener Person? Und der Schnappsack, der heute mit allen meinen Habseligkeiten weg ist, gehört wohl einem andern als mir?“

„Also der Schnappsack ist weg?“ fragte Don Quixote.

„Freilich ist er weg“, antwortete Sancho,

„Auf diese Weise haben wir heute nichts zu essen“, erwiderte Don Quixote.

„Es wäre übel“, versetzte Sancho, „wenn hier auf den Wiesen nun auch alle die Kräuter weg wären, die Euer Gnaden kennt, wie Ihr sagt, mit denen sich, wenn alles weg war, unglückliche fahrende Ritter, wie Ihr einer seid, behelfen.“

„Mit alle dem“, antwortete Don Quixote, „wäre mir jetzt ein Laib Brot oder ein Stückchen Hering viel erwünschter, als alle Kräuter. Aber vor allen Dingen besteige dein Tier, Sancho, mein Getreuer, und folge mir: denn Gott, der für alle sorgt, wird auch uns nicht vergessen, da wir besonders alles, was wir arbeiten, zu seinem Dienste arbeiten, denn er speist die Fliegen in der Luft, die Gewürme der Erde und die kleinen Kreaturen der Flut.“

„Euer Gnaden“, sagte Sancho, „taugt besser zum Prediger als zum fahrenden Ritter.“

„Die fahrenden Ritter, Sancho, verstehen alles und müssen alles verstehen“, antwortete Don Quixote, „denn ein fahrender Ritter aus den verflossenen Jahrhunderten mußte, wenn es die Gelegenheit gab, eine Rede oder Predigt mitten auf freiem Felde halten können, so gut, als wenn er auf der Universität Paris den Gradus empfangen hätte: woher es sich auch schreibt, daß die Lanze nicht die Feder schmäht, die Feder nicht die Lanze.“

„Es gehe so, wie Euer Gnaden sagt“, antwortete Sancho, „wir wollen weiter und für die Nacht ein Unterkommen suchen, und Gott möge uns nur an einen Ort führen, wo es keine Bettücher und Preller gibt, keine Gespenster oder verzauberte Mohren, denn wenn das wiederkommt, so mag der Teufel vollends Sack und Pack holen.“

„Bitte du Gott, mein Sohn“, sagte Don Quixote, „und nimm du selbst den Weg, welchen du willst, denn dieses Mal soll es auf deiner Wahl in Ansehung des Unterkommens beruhen. Gib mir aber die Hand und fühle mit dem Finger, wie viele Vorder- und Backenzähne mir rechts in der obern Kinnlade fehlen, denn dort fühle ich den Schmerz.“

Sancho steckte die Finger hinein, fühlte aufmerksam und fragte: „Wie viele Backenzähne hatten Eure Gnaden denn sonst auf dieser Seite?“

„Vom Augenzahne vier“, antwortete Don Quixote, „alle vollständig und gesund.“

„Bedenkt wohl, was Ihr sagt“, antwortete Sancho.

„Viere sagʼ ich, oder gar fünf“, erwiderte Don Quixote, „denn weder Vorder- noch Backenzahn habe ich mir jemals in meinem Leben ausziehen lassen, auch ist mir keiner von Krankheit oder Flüssen ausgefallen.“

„Hier auf der untern Kinnlade“, sagte Sancho, „habt Ihr zwei Backenzähne und einen halben, in der obern aber keinen halben und keinen ganzen, denn alles ist so platt wie meine flache Hand.“

„Oh, ich Elender!“ rief Don Quixote aus, als ihm sein Stallmeister diese traurige Neuigkeit hinterbrachte, „ich hätte lieber einen Arm hingegeben, nur nicht den, der das Schwert regiert, denn du mußt wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne ist wie eine Bäckerei ohne Backofen, und ein Zahn ist viel höher als ein Diamant zu achten. Aber allem diesen sind die unterworfen, die wir uns zum strengen Orden der Ritterschaft bekennen, also steige auf, mein Freund, und führe an, denn ich will dem Wege folgen, den du aussuchst.“

Sancho tat es und richtete sich dahin, wo er eine Herberge erwartete, ohne den Weg zu verlassen, auf dem er sich eben befand. So zogen sie langsam fort, denn der Schmerz der Kinnbacken erlaubte Don Quixote nicht, still zu sein oder sehr zu eilen. Sancho bemühte sich also, ihm einige Unterhaltung und Ergötzung zu verursachen und unter andern Dingen, die er vortrug, war auch das, was man im folgenden Kapitel erzählen wird.

Weises Gespräch, welches Sancho mit seinem Herrn führte; Abenteuer, welches diesem mit einem Leichnam begegnete, und andere preiswürdige Begebenheiten

„Ich glaube, gnädiger Herr, daß alle die Unglücksfälle, die uns in diesen Tagen begegnet sind, gewiß eine Strafe vorstellen, weil Ihr Euch gegen den Orden Eurer Ritterschaft versündigt habt, denn Ihr habt Euren Schwur nicht in Erfüllung gesetzt, auf keinem Tischtuche zu essen und nicht mit der Königin Euch zu ergötzen, nebst allem übrigen Zubehör, was Ihr, gnädiger Herr, alles zu tun geschworen habt, bis Ihr die Blechhaube von dem Schandriem, oder wie der Mohr sonst heißen mag, denn das weiß ich jetzt nicht, erobert habt.“

„Sehr hast du recht, Sancho“, antwortete Don Quixote, „aber die Wahrheit zu sagen, es war meinem Gedächtnisse entfallen, und du kannst ebenfalls vergewissert sein, daß zur Strafe, weil du mich nicht zeitig genug erinnert, dich die Prelle betroffen hat. Aber ich will es wieder gutmachen, denn im Orden der Ritterschaft gibt es für alle Dinge Mittel.“

„Aber habʼ ich denn, um Gottes willen, geschworen?“ fragte Sancho.

„Es kommt nicht in Betracht, ob du geschworen hast“, antwortete Don Quixote, „denn soviel ich einsehen kann, bist du nicht völlig vor aller Teilnehmung gesichert; es mag nun aber sein oder nicht, so ist es nicht undienlich, auf ein Mittel zu denken.“

„Wenn die Sachen so stehn“, sagte Sancho, „so trachtet ja, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht ebenso wie den Schwur vergeßt, sonst kriegen die Gespenster wohl von neuem Lust, sich mit mir Spaß zu machen, und vielleicht verfallen sie auch auf Euch, wenn sie Eure Hartnäckigkeit gewahr werden.“

Unter diesen und andern Gesprächen überfiel sie auf dem Wege die Nacht, ohne daß sie einen Ort entdecken konnten, wo sie die Nacht zubringen möchten; das schlimmste aber war, daß sie fast vor Hunger starben, denn mit ihrem Schnappsacke war ihnen auch aller Vorrat an Lebensmitteln verschwunden, und um ihr Unglück vollständig zu machen, ereignete sich ein Abenteuer, das in der Tat und ohne künstliche Nachhilfe eins war, die Nacht brach nämlich mehr mit zunehmender Finsternis herein. Sie setzten aber dennoch ihren Weg fort, denn Sancho glaubte in zwei oder drei Stunden gewiß auf eine Schenke zu treffen, da sie sich auf dem großen Wege befanden.

Indem sie so fortzogen, die Nacht finster, der Stallmeister hungrig und der Herr nach Speise lüstern war, sahen sie, daß ihnen auf ihrer Straße eine Menge von Lichtern entgegenkamen, die Sterne schienen, die sich bewegten. Sancho erschrak, indem er es bemerkte, und dem Don Quixote war es nicht ganz geheuer; jener zog den Strick seines Esels, dieser den Zaum seines Pferdes an, und so standen sie beide und schauten aufmerksam hin, was sich daraus ergeben würde; sie sahen, wie ihnen die Lichter entgegenzogen und wie sie immer größer wurden, je näher sie ihnen kamen. Bei dieser Wahrnehmung fing Sancho an wie Espenlaub zu zittern, und dem Don Quixote richteten sich auf dem Haupte die Haare in die Höhe; er ermannte sich aber ein wenig und sagte: „Ohne Zweifel, Sancho, ist dieses das allergrößte und furchtbarste Abenteuer, in welchem es vonnöten sein wird, alle meine Gewalt und Kraft aufzubieten.“

„Ach, ich Unglückskind!“ antwortete Sancho, „wenn das Abenteuer aus Gespenstern besteht, wie es sich fast dazu anläßt, wo einen Buckel hernehmen, um alles auszuhalten?“

„Seien es immerhin Gespenster“, sagte Don Quixote, „so werde ich dennoch nicht zugeben, daß sie dir nur ein einziges Haar krümmen. Trieben sie jüngst ihren Scherz mit dir, so durften sieʼs, weil ich nicht auf die Mauer des Hofes konnte, aber jetzt befinden wir uns in offenem Felde, wo ich, soviel ich nur mag, Hiebe mit meinem Schwerte ausholen kann.“

„Wenn sie nun das Schwert bezaubern und kraftlos machen, wie sie schon sonst getan haben“, sagte Sancho, „was hiftʼs da, das Feld mag frei sein oder nicht?“

„Sei es wie es will“, versetzte Don Quichote, „so bitte ich dich, Sancho, einen guten Mut zu fassen, denn die Erfahrung wird dir zeigen, wie ich dieses Unternehmen anfassen will.“

„Gott gebe, daß es so verfaßt werde“, sagte Sancho, und zugleich stellten sie sich auf die Seite des Weges, um von neuem aufmerksam hinzusehen, was das doch mit den wandernden Lichtern sein möchte, und so endeckten sie nach und nach viele Gestalten in weißen Gewändern, bei deren fürchterlichem Anblicke Sancho Pansa vollends den letzten Mut verlor, und so mit den Zähnen klapperte, als wenn ihn ein Fieber ergriffe, wobei sein Zittern und Zähneklappern sich in dem Maße vermehrte, in welchem sie die Gegenstände genauer erkennen konnten. Denn sie sahen nun wohl zwanzig in weißen Hemden, alle beritten, mit brennenden Fackeln in den Händen, hinter denen eine Bahre folgte, mit Schwarz behängt, der sechs andre Gestalten beritten nachzogen, in schwarzen Flören bis auf die Füße ihrer Maultiere hinunter verhüllt (denn daß es keine Pferde waren, sah man an dem langsamen Gange); die in den weißen Hemden murmelten etwas mit dumpfer und kläglicher, Stimme.

Diese wunderbare Erscheinung, in der Stunde und an diesem einsamen Orte, war gewiß vermögend, das Herz Sanchos mit Furcht zu erfüllen, auch selbst das seines Gebieters, und Don Quixote gab auch der Furcht ein wenig Raum, als Sancho schon von den letzten Funken seines Mutes verlassen war. Der Gebieter aber ermunterte sich bald, der sich stracks lebhaft in seiner Phantasie vorbildete, wie dieses eins von den Abenteuern aus seinen Büchern sei. Er machte nämlich in seinen Gedanken die Trage zu einer Totenbahre, auf welcher sich ein schwerverwundeter oder toter Ritter befände, den zu rächen ihm allein vorbehalten sei; er legte also ohne weiteres Bedenken die Lanze ein, setzte sich im Sattel fest und lagerte sich dann mit edlem Anstande und Bezeigen in die Mitte des Weges, wo die weißen Gestalten durchaus vorbei mußten, die er mit lauter Stimme, als er sie nahe genug befand, also anredete: „Haltet an, Ritter, wer ihr auch sein mögt, Rechenschaft zu geben, wer ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr geht, wer derjenige ist, den ihr auf der Bahre mit euch führt, denn nach dem äußern Anscheine habt ihr Unrecht entweder verübt oder erlitten und es geziemt sich und ist vonnöten, daß ich solches wisse, um euch für das Unheil, welches ihr gestiftet, zu züchtigen, oder euch für die Ungebühr zu rächen, die man an euch verübt.“

„Wir haben Eile“, antwortete einer von den Weißen, „und die Schenke ist noch weit, so daß wir uns nicht aufhalten können, die Rechenschaft zu geben, die Ihr verlangt.“ Damit trieb er sein Maultier an und wollte weiter. Diese Antwort wurde von Don Quixote höchlich übel empfunden, er faßte also den Zügel und sagte: „Haltet an und seid höflicher, gebt mir die Rechenschaft, die ich verlange, oder ich muß Euch insgesamt bekämpfen.“ Das Maultier war scheu und erschrak so sehr, als es den Zügel gehalten fühlte, daß es sich bäumte und rücklings seinen Reiter auf den Boden warf. Ein Bursche zu Fuß, der den im Hemde niederstürzen sah, schimpfte hierauf auf Don Quixote, der, schon im Zorn entbrannt, nichts Besseres wünschte, die Lanze faßte, einen von den Schwarzbeflorten angriff und ihn verwundet zu Boden legte; nun machte er sich an die übrigen, und es war eine Freude zu sehen, wie gewandt und schnell er alle angriff und auf sie einhieb, so daß es schien, als wenn in diesem Augenblicke an Rosinante Flügel gewachsen wären, von solcher Flüchtigkeit und Majestät war sein Betragen. Die in den Hemden waren furchtsame und unbewaffnete Leute, sie verließen alle sogleich ohne Widerstand den Kampf und flüchteten mit den brennenden Fackeln über das Feld weg, so daß es nicht anders aussah, als wenn sie eine Maskerade in einer lustigen, schwärmerischen Nacht aufführen wollten. So konnten sich auch die Leidtragenden, von ihren Schleppen und Unterkleidern zurückgehalten und festgehalten, nicht zur Wehr setzen, so daß auch auf alle diese Don Quixote nach Herzenslust einprügelte und sie ihm erschreckt gern das Feld ließen, denn sie alle hielten ihn nicht für einen Menschen, sondern für den Teufel aus der Hölle, der gekommen sei, um den Leichnam abzuholen, den sie auf der Bahre mit sich führten. Sancho schaute mit Verwunderung der großen Keckheit seines Gebieters zu und sagte bei sich selber: „Gewiß ist doch mein Herr so tapfer und gewaltig, wie er immer sagt.“

Eine brennende Fackel lag auf der Erde neben dem, den Don Quixote zuerst vom Maultiere geworfen; bei ihrem Scheine ersah ihn dieser, ging zu ihm, setzte ihm die Spitze der Lanze ins Gesicht und verlangte, daß er sich unterwerfen möge, falls er ihn nicht umbringen solle; worauf der Liegende antwortete: „Ich bin nur zu sehr unterworfen, denn ich kann mich nicht rühren und habe ein Bein gebrochen; ich bitte Euch, gnädiger Herr, wofern Ihr ein christlicher Ritter seid, mich nicht umzubringen. Ihr würdet damit eine Sünde gegen die Kirche begehen, denn ich bin ein Lizentiat und habe die ersten Orden.“

„Welcher Teufel führt Euch denn hieher“, sagte Don Quixote, „da Ihr ein Mann der Kirche seid?“

„Kein Teufel, gnädiger Herr“, versetzte der Gefallene, „sondern mein Unstern.“

„Noch ein größerer ist über Euch verhängt“, sagte Don Quixote, „wenn Ihr mir nicht gleich auf meine anfängliche Frage genug tut.“

„Ich will Euer Gnaden mit wenigen Worten genug tun“, antwortete der Lizentiat. „Ich heiße Alonzo Lopez, bin aus Alcovendas und komme jetzt mit elf andern Priestern, die mit ihren Fackeln entflohen sind, von Baeza, wir wollen nach der Stadt Segovia und führen einen Leichnam, der auf jener Bahre liegt, einen Ritter, der in Baeza starb, wo er beigesetzt ward und dessen Gebeine wir jetzt, wie gesagt, in sein Familienbegräbnis nach Segovia führen, in welcher Stadt er geboren ist.“

„Und wer hat ihn umgebracht?“ fragte Don Quixote.

„Gott, vermittelst eines tödlichen Fiebers, welches er ihm schickte“, antwortete der Lizentiat.

„So hat mich also“, sagte Don Quixote, „der Herr des Himmels der Mühe überhoben, seinen Tod zu rächen, wenn ihn ein andrer verursacht hätte, da es aber der getan hat, der ihn erschlagen hat, so kann ich nichts tun, als schweigen und die Achseln zucken, wie ich auch tun müßte, wenn er mich selber erschlüge. Ihr, ehrwürdiger Herr, müßt also nur noch erfahren, daß ich ein Ritter aus la Mancha bin, Don Quixote genannt, dessen Amt und Beruf es ist, durch die Welt zu ziehn, um Ungeradheiten gerade zu machen und allen Beschwerden abzuhelfen.“

„Ich sehe nicht ein, wie das Ungeradheiten gerade machen heißt“, sagte der Lizentiat, „denn was mir gerade war, habt Ihr krumm gemacht, weil ich ein Bein gebrochen habe, welches vielleicht zeit meines Lebens nicht wieder gerade wird, und die Beschwerde, der Ihr bei mir abgeholfen habt, besteht darin, daß Ihr mir eine Beschwerde zugezogen habt, die mir wohl auf immer beschwerlich fallen wird, und daß Ihr auf Abenteuer zieht, hat mir ein Unglück zugezogen, das mir teuer genug wird zu stehen kommen.“

„Nicht alle Dinge“, antwortete Don Quixote, „geschehn auf gleiche Weise. Das Unglück, Herr Alonzo Lopez, war, daß, wie Ihr so durch die Nacht zogt, mit Euren Umhängseln und den brennenden Fackeln, brummelnd, Trauergewänder schleppend, Ihr mir ganz eigentlich als böse Geister aus der Unterwelt vorkamt, deshalb konnte ich nicht meine Pflicht vernachlässigen Euch anzugreifen, und ich hätte Euch angegriffen, wenn ich auch unumstößlich überzeugt gewesen wäre, daß Ihr leibhaftige Teufel aus der Hölle seiet, als wofür ich Euch ansah und hielt.“

„Da mir also dies mein schlimmes Glück zugezogen hat“, sagte der Lizentiat, „so bitte ich nur Euer Gnaden, den Herrn fahrenden Ritter, der mich in so großes Irrsal versetzt hat, mir doch unter dem Maultier hervorzuhelfen, denn das eine Bein steckt mir zwischen Steigbügel und Sattel.“

„Wir reden schon seit einer Stunde miteinander“, antwortete Don Quixote, „warum wartet Ihr so lange, mir Euer Bedrängnis zu sagen?“ Zugleich rief er Sancho Pansa zu, daß er herbeikommen möchte; dieser aber war mit dem Herbeikommen nicht eilig, denn er war in Arbeit, einen Küchenesel abzupacken, den die wackern Herrn trefflich mit Eßwaren versorgt mit sich führten. Sancho machte einen Sack aus seinem Mantel und stopfte, soviel er nur mochte und konnte, in diesen Beutel hinein, lud ihn auf sein Tier, worauf er sich zu seinem Herrn begab und dem Herrn Lizentiaten unter dem Maultier hervorhalf, ihn hinaufsetzte und ihm seine Fackel reichte. Don Quixote sagte ihm hierauf, daß er sich wieder zu seinen Gefährten begeben möchte, die er seinerseits, der Beschwer halber, um Verzeihung bäte, da es nicht in seiner Gewalt gestanden, sie zu unterlassen. Sancho sagte hierauf: „Wenn diese Herren vielleicht wissen wollen, wer der tapfere Mann gewesen, der ihnen so zugesetzt, so sagen Euer Ehrwürden dreist, er sei der berühmte Don Quixote von la Mancha, der sich mit einem andern Namen nennt der Ritter von der traurigen Gestalt.“

Hiemit entfernte sich der Lizentiat, und Don Quixote fragte Sancho, was ihn bewogen, ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen. „Ich will es Euch sagen“, antwortete Sancho: „ich habe Euch eine Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die dem armen Manne gehörte, und da spielte Euer Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die ich noch in meinem Leben gesehn habe, ob es nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet, oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne fehlen, weiß ich nicht zu sagen.“

„Es ist nicht dieses“, antwortete Don Quixote, „sondern dem Weisen, dem es aufbehalten ist, die Geschichte meiner Taten zu schreiben, hat es geschienen, daß es gut sei, wenn ich mir noch einen andern Beinamen erwählte, wie es alle Ritter der Vorzeit getan haben; denn so hieß einer der Ritter vom brennenden Schwerte, ein andrer der vom Einhorn, jener von den Jungfrauen, dieser der vom Vogel Phönix, ein andrer der Ritter vom Greifen, noch ein andrer der des Todes, und bei diesen Namen und Wahrzeichen waren sie auf der Fläche der ganzen Erde bekannt: also sage ich dir, hat der schon genannte Weise es deiner Zunge und deinen Gedanken eingegeben, mich den Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen, wie ich mich auch von jetzt in Zukunft zu nennen gedenke, und damit sich ein solcher Name noch besser für mich schickt, bin ich willens, wenn es die Gelegenheit fügt, auf meinem Schilde eine überaus klägliche Gestalt abmalen zu lassen.“

„Wir brauchen mit dieser Gestalt nicht Zeit und Geld wegzuwerfen“, sagte Sancho, „sondern was Ihr tun könnt, ist, Eure eigene Gestalt sehn zu lassen, und denen, die Euch betrachten, Euer Antlitz zu zeigen, weiter brauchtʼs dann nichts, denn ohne ein andres Bild oder Inschrift werden sie Euch gewiß den von der traurigen Gestalt nennen. Das ist gewißlich wahr, denn ich versichre Euer Gnaden (das sage ich aber, um zu spaßen), daß der Hunger und die ausgeschlagenen Backzähne Euer Gesicht so übel zugerichtet haben, daß Ihr, wie schon gesagt, die traurige Malerei gar wohl entbehren könnt.“

Don Quixote lachte über Sanchos Scherzhaftigkeit, nahm sich aber doch vor, sich bei diesem Namen zu nennen, sowie er sich auch nach seinem Vorsatze seinen Schild wolle bemalen lassen.

Er wollte nun nachsehn, ob der Leichnam auf der Bahre nur aus Gebeinen bestände, oder nicht, aber Sancho gab es nicht zu, sondern sagte: „Gnädiger Herr, Ihr habt dieses gefährliche Abenteuer von allen, die ich mit angesehn habe, am allerschönsten beendigt. Diese Leute, wenn sie auch jetzt überwunden und geschlagen sind, könnten darauf kommen, daß sie doch nur von einem einzigen Manne überwunden wären, deshalb aufgebracht und beschämt möchten sie umkehren und uns suchen, um uns noch das Nötige beizubringen. Der Esel ist, wie er nur sein muß, das Gebirge nahe, der Hunger groß, das beste wäre also, wir zögen uns nun ganz sanft und leutselig zurück und so gehe denn, wie man sagt, der Tote nach dem Grabmale, der Lebendige nach dem Brotschranke.“ Mit diesen Worten trieb er seinen Esel voran und bat seinen Herrn, ihm zu folgen, dem es auch schien, daß Sancho nicht unrecht habe, und ihm also ohne Widerspruch nachritt. Sie waren noch nicht lange zwischen zwei Bergen fortgezogen, als sie sich in einem geräumigen und abgelegenen Tale befanden, wo Sie stille hielten und Sancho seinen Esel ablud. Auf dem grünen Boden gelagert, vollbrachten sie nun mit der Würze des Hungers zugleich ihr Frühstück, Mittagsmahl, Vesperbrot und Abendessen, indem sie ihren Magen mit den mancherlei Gerichten sättigten, die die Herren Geistlichen des Verstorbenen (die selten ohne Versorgung sind) auf ihrem Küchenesel bei sich gehabt hatten. Es erfolgte aber eine neue Widerwärtigkeit, die Sancho für die schlimmste von allen hielt, daß sie nämlich keinen Wein zu trinken hatten, ja nicht einmal Wasser, um den Mund naß zu machen; so vom Durst gepeinigt, sagte Sancho, da er die Wiese, auf welcher sie waren, mit kurzem frischem Grase bedeckt sah, was man im folgenden Kapitel erfahren wird.

Von demunerhörten und nie gesehenen Abenteuer, welches kein weltberühmter Ritter mit weniger Gefahr vollbracht, als es vom tapfern Don Quixote von la Mancha vollbracht wurde

„Es ist nicht anders möglich, gnädiger Herr, denn diese Kräuter geben ein aufrichtiges Zeugnis davon, als daß hier herum eine Quelle oder ein Strom sich befinden muß, der diese Kräuter naß macht, drum wäre es wohl dienlich, wenn wir etwas weitergingen, damit wir irgendwas antreffen, womit wir diesen schrecklichen Durst löschen könnten, der uns quält und der wahrhaftig noch mehr als der Hunger peinigt.“

Dieser Rat schien dem Don Quixote gut, er nahm also den Rosinante beim Zügel, Sancho nahm seinen Esel, auf welchen die Überbleibsel ihres Nachtessens geladen wurden, beim Stricke, und so zogen sie tappend über die Wiese, denn die Finsternis der Nacht war so groß, daß sie nicht vor sich sehn konnten. Sie hatten noch keine zweihundert Schritte gemacht, als sie das gewaltige Gebrause eines Wassers hörten, wie wenn es sich von hohen und steilen Felsen herunterstürzte. Dieses Brausen war ihnen sehr erfreulich und sie hielten still, um zu unterscheiden, von welcher Seite das Geräusch komme; indem aber hörten sie ein anderes Rauschen, das ihnen die Freude über das Wasser verwässerte, dem Sancho besonders, der von Natur furchtsam und kleinmütig war: sie hörten nämlich, wie taktmäßig gewisse Schläge ertönten, zugleich mit einem Gerassel von Eisen und Ketten, dies, mit dem fürchterlichen Rauschen des Wassers verbunden, hätte jedes andre Gemüt als das des Don Quixote mit Furcht erfüllt. Die Nacht war, wie gesagt, dunkel, und sie standen jetzt unter einigen hohen Bäumen, deren Blätter, vom sanften Winde erregt, still und schauerlich rauschten, so daß die Einsamkeit, der Ort, die Dunkelheit, das Geräusch des Wassers und das Flüstern der Blätter Furcht und Grausen erwecken durften, da sie überdies sahen, wie die Schläge nicht aufhörten, der Wind nicht ruhig wurde, noch der Morgen anbrach, wobei ihnen noch die Gegend völlig unbekannt war, in der sie sich befanden. Doch Don Quixote, angefrischt von seinem furchtlosen Herzen, bestieg den Rosinante,-nahm den Schild, faßte die Lanze und sprach: „Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um vom Himmel herab in dieser unsrer ehernen Zeit das Alter zu rufen, welches man nur das von Gold, oder das goldene zu nennen pflegt. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind: ich bin, sage ich noch einmal, derjenige, der die Tafelrunde, die zwölf französischen Pairs, die neun Helden erwecken muß, ja ich muß die Platirs, die Tablantes, Olivantes und Tirantes, die des Phöbus und die Belianis in Vergessenheit bringen, samt der ganzen Schar berühmter fahrender Ritter in vormaligen Jahrhunderten, indem ich in unserm gegenwärtigen Jahrhunderte dergleichen Großtaten ausüben werde, so wunderseltsame Waffenkämpfe, daß sie die glorreichsten verdunkeln müssen, die jene jemals vollbrachten. Du merkst, getreuer und redlicher Edelknappe, wohl die Finsternisse dieser Nacht, die wundersame Einsamkeit, dieses leise verwirrende Flispern der Bäume, das fürchterliche Rauschen jenes Wassers, welches wir aufsuchten, und das herniederzustürzen und zu brausen scheint von mondhohen steilen Gebirgen, samt dem unaufhörlichen Schlagen, das unsre Ohren trifft und sie verwundet, welche Dinge zusammen, ja jedes für sich hinreichen, Furcht, Schrecken und Grausen selbst der Brust des Mars einzuflößen, wie vielmehr dem Herzen desjenigen, der nicht gewöhnt ist an dergleichen Begegnisse und Abenteuer. Alles aber, was ich dir geschildert, sind ebenso viele Erwecker und Entzünder meines Mutes, so daß mir das Herz im Busen vor Begierde springt, mich in dieses Abenteuer einzulassen, stelle es sich gleich mit den furchtbarsten Schwierigkeiten entgegen. Drum also ziehe dem Rosinante den Sattelgurt ein wenig zusammen und lebe wohl, erwarte mich hier drei Tage und nicht länger, wenn ich in so vieler Zeit nicht zurückkehre, magst du nach unsrer Heimat zurückkehren, und von dort, um etwas Edles und Verdienstliches zu tun, dich nach Toboso wenden und der unergleichlichen Herrin, meiner Dulzinea, verkündigen, daß ihr gefangener Ritter umgekommen sei, indem er sich Taten unterfangen, die ihn würdig gemacht hätten, sich den Ihrigen zu nennen.“

Als Sancho diese. Reden seines Herrn hörte, fing er an überaus kläglich zu weinen und sagte: „Gnädiger Herr, ich weiß gar nicht, warum Ihr Euch doch mit solchem gräßlichen Abenteuer einlassen wollt; es ist jetzt Nacht, kein Mensch sieht uns hier, wir können ja schnell umlenkern und der Gefahr aus dem Wege gehn, wenn wir auch in drei Tagen nichts trinken sollten; da uns auch kein Mensch hier sieht, so kann uns ja auch keiner für feige Leute ausgeben; da ich noch überdies den Pfarrer in unserm Dorfe, den Ihr wohl auch kennen werdet, habe predigen hören, daß, wer sich mutwillig in Gefahr begibt, darin umkomme; also ist es nicht gut, Gott so in Versuchung zu führen und so ein gräßliches Wesen anzugreifen, wo man nicht anders als durch ein Wunderwerk entrinnen kann; da der Himmel überdies so viel für Euch schon getan hat, indem er Euch von der Prelle lossprach, die mich betroffen, indem Ihr als Sieger gesund und frei aus dem Treffen mit der großen Schar kamt, die den Verstorbenen begleiteten; rührt und bewegt aber alles dieses noch nicht Euer hartes Herz, so glaubt nur zuverlässig und der Gedanke muß Euch bewegen, daß, sowie Ihr von mir geht, ich aus Furcht dem meine Seele gebe, der sie nur mitnehmen mag. Ich habe Vaterland, Weib und Kinder verlassen, um in Eure Dienste zu kommen, weil ich mich zu verbessern, aber nicht zu verschlimmern dachte; aber freilich, allzuviel zerreißt den Sack, und so sind auch meine Hoffnungen in die Brüche gefallen, denn anstatt, daß ich nun die verfluchte Unglücksinsel bald bekommen sollte, die Ihr mir so oft versprochen habt, werde ich dafür lieber gar an einem wüsten Ort allein gelassen, den kein menschlicher Fuß betritt. Oh, um tausend Gottes willen, gnädiger Herr, fügt mir nicht ein so erschreckliches Unglück zu, oder wenn Ihr denn ja durchaus darauf bestehn wollt, Euch dieser Tat zu unterfangen, so wartet doch wenigstens bis zum Morgen, denn soviel ich mit meiner Kunst begreife, die ich als Schäfer gelernt habe, muß binnen drei Stunden Tagesanbruch sein, denn der Kopf des Kleinen Bären steht ganz gerade über uns, und Mitternacht ist, wenn er sich unter der Linie linker Hand befindet.“

„Dem sei wie ihm wolle“, antwortete Don Quixote, „man soll weder jetzt noch jemals von mir sagen können, daß Tränen und Bitten mich abgehalten, das zu tun, was ich meiner Ritterpflicht schuldig bin; also bitte ich dich, Sancho, ruhig zu sein, denn der Gott, der es mir ins Herz gepflanzt, mich in dieses nie gesehene und entsetzliche Abenteuer einzulassen, wird auch für meine Wohlfahrt sorgen und dich in deiner Traurigkeit trösten: was dir jetzt obliegt, ist, dem Rosinante den Sattelgurt festzumachen und dann hier zu warten, denn ich kehre bald, lebendig oder tot, zurück.“

Da Sancho sah, wie unerschütterlich der Entschluß seines Herrn sei, wie wenig über ihn seine Tränen, Ratschläge und Bitten vermochten, wollte er die Probe machen, was er durch List ausrichten könne, daß er wohl den Tag erwarten müsse; indem er also dem Pferde den Sattelgurt festzog, band er zugleich sacht und unvermerkt mit dem Stricke seines Esels dem Rosinante beide Beine zusammen, so daß Don Quixote, als er nun fortreiten wollte, es nicht konnte, weil sich das Pferd nicht anders als in Sprüngen bewegte. Als Sancho den guten Erfolg seiner Hinterlist bemerkte, sagte er: „Seht, gnädiger Herr, wie von meinen Tränen und Bitten bewegt, es der Himmel so verordnet, daß sich Rosinante nicht bewegen kann; wollt Ihr nun doch auf Eurem Sinn beharren und ihn spornen und anreizen, so werdet Ihr dadurch das Glück nur böse machen, und wie man sich auszudrücken pflegt, gegen den Stachel lecken.“

Don Quixote wollte hierüber verzweifeln, denn je mehr er dem Pferde die Sporen gab, je weniger wollte es sich fortbewegen, und ohne auf den Verband zu verfallen, faßte er den Entschluß, ruhig zu bleiben und zu warten, ob es entweder Morgen werden, oder Rosinante berühriger werden möchte, weil er gewiß die Schuld jeder andern Ursachʼ, nur nicht Sanchos Erfindsamkeit beimaß. Er. sagte also: „Da dem so ist, Sancho, daß Rosinante sich nicht bewegen kann, so muß ich damitzufrieden sein, zu warten, bis mir die Morgenröte lacht, ob ich gleich darüber weine, daß sie ihre Ankunft verzögern wird.“

„Ihr braucht nicht zu weinen“, antwortete Sacho, „denn ich will Euch Zeitvertreib genug verschaffen und bis zum Tage Geschichten erzählen, wenn Ihr nicht etwa absteigen und auf dem frischen Grase nach fahrender Ritter Weise schlafen wollt, damit Euch der Tag noch munterer findet, und Ihr um so besser das entsetzliche Abenteuer, worauf Ihr wartet, anfassen könnt.“

„Was nennst du absteigen oder schlafen?“ sagte Don Quixote, „gehöre ich denn etwa zu jenen Rittern, die Ruhe in den Gefahren suchen? Schlaf du, der du zum Schlafen geboren bist, oder tue was du willst, ich werde meinerseits das tun, was meiner Würde am besten zusteht.“

„Seid nicht böse, mein lieber gnädiger Herr“, antwortete Sancho, „ich habʼs nicht darum gesagt.“ Zugleich drängte er sich dicht an ihn, stemmte die eine Hand auf den vordern Sattelknopf, die andre auf das Hinterteil des Sattels, so daß er den linken Schenkel seines Herrn umarmt hielt, ohne es zu wagen, sich einen Finger breit zu entfernen: solche Furcht flößten ihm die Schläge ein, die unaufhörlich abwechselnd erklangen.

Indem geschah es, vielleicht von der Kühle des Morgens, der schon anbrach, vielleicht auch, daß Sancho einige treibende Speisen gegessen hatte, oder ob es bloß eine Veranlassung der Natur sein mochte (und dieses scheint am glaubwürdigsten), genug, es kam ihm der Wunsch und das Begehren an, das zu tun, was kein andrer für ihn tun konnte; aber die Furcht, die in sein Herz Eingang gefunden, war so groß, daß er sich nicht einen Finger breit von seinem Herrn zu entfernen getraute: der Gedanke aber, seinen Antrieb nicht auszurichten, war ebenso unzulänglich; was ihm also zum Besten seines Heiles zu versuchen übrig blieb, war, daß er seine rechte Hand von dem Hinterteile des Sattels herunternahm und mit dieser gewandt und ohne Geräusch die nie verschürzte Schleife löste, die ganz allein und ohne irgend andern Beistand seine Hosen in die Höhe hielt, so daß sie mit der aufgemachten Schleife plötzlich niederfielen, und ihm nur noch wie Fußschellen blieben, worauf er denn das Hemd bestmöglichst erhob und in die Luft hinein beide Sitzteile reckte, die nicht unansehnlich zu nennen. Dieses vollbracht (womit er glaubte das meiste vollstreckt zu haben, um aus seiner großen Angst und Not zu kommen) zeigte sich eine andre, größere Not, denn er fürchtete, seine Tat nicht ohne Geräusch und Lärmen verrichten zu können, somit also biß er die Zähne zusammen, zog Kopf und Schultern in eins und hielt den Atem, so sehr er nur konnte, an sich; aber allen diesen Vorkehrungen zum Trotz widerfuhr es ihm, daß er unversehens ein kleines Geräusch verursachte, sehr verschieden von jenem, welches ihn in so große Furcht versetzt. Don Quixote vernahm es und sagte: „Welch ein Geräusch ist dies, Sancho?“ —„Ich weiß nicht, gnädiger Herr“, antwortete dieser, „es mag leicht wieder was Neues sein, denn Glücksfälle wie Unglücksfälle kommen selten einzeln.“ Und zugleich machte er zum zweiten Male Anstalt, sein Glück zu versuchen, welches ihm so gut ausschlug, daß ohne größeres Geräusch und Aufsehn als das vergangene er sich von der Last befreit sah, die ihm so große Qual verursacht; da aber der Sinn des Geruchs bei Don Quixote nicht weniger reizbar als der des Gehörs war, Sancho ihm auch so nahe und zur Seiten stand, daß fast in gerader Linie die Dünste zu ihm hinaufstiegen, so war es nicht anders möglich, als daß einige davon seine Nasenlöcher erreichten, und kaum hatten sie diese verspürt, als er ihnen auch schon zu Hilfe eilte und sie zwischen die Finger klemmte, worauf er mit einem etwas näselnden Tone sagte: „Es scheint, Sancho, du habest große Furcht.“

„Wohl hab ich sie“, antwortete Sancho; „aber woraus merkt das Euer Gnaden jetzt mehr als sonst?“

„Weil du jetzt stärker als sonst riechst und nicht nach Ambra“, antwortete Don Quixote.

„Das mag wohl sein“, sagte Sancho, „aber ich bin nicht schuld, sondern Euer Gnaden, der mich zu mir so ungewohnten Taten herumzieht.“

„Entferne dich drei oder vier Schritte von hier“, sagte Don Quixote (indem er immer noch die Nase zwischen den Fingern hielt), „und künftighin magst du besser berechnen, wer du seist, und was du mir schuldig bist, denn meine große Herablassung gegen dich hat diese deine Geringschätzung erzeugt.“

„Ich wette“, versetzte Sancho, „Euer Gnaden denkt, ich habe mich in Ansehung meiner verrechnet und ein Ding getan, das nicht sein sollte.“

„Noch übler ist es, Freund Sancho, es zu rühren“, antwortete Don Quixote.

Mit diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten Herr und Diener die Nacht; da aber Sancho merkte, daß der Morgen mehr heraufrückte, machte er mit vieler Behendigkeit den Rosinante los und sich die Hosen fest. Sowie Rosinante sich befreit sah, so wenig er sonst ungestümer Natur war, schien er wie neu belebt zu werden, denn er hob die Vorderbeine bis zur Schnauze, weil er (mit seiner Erlaubnis seiʼs gesagt) keine andre Courbetten zu machen verstand. Da Don Quixote sah, wie sich Rosinante freiwillig bewegte, nahm er dies für ein gutes Zeichen und hielt sich nun für geschickt, das furchtbare Abenteuer zu bestehn. Indem zeigte sich auch das helle Morgenrot, wobei man die Gegenstände genau unterscheiden konnte, und Don Quixote sah, daß er sich unter einigen hohen Bäumen befand, die Kastanien waren, welche den dichtesten Schatten machen; er hörte aber zugleich, wie das Stampfen fortging, doch sah er nichts, was es verursachen könne; deshalb ließ er ohne längeren Verzug den Rosinante die Sporen fühlen, nahm wieder von Sancho Abschied und befahl ihm drei Tage und nicht länger sein zu warten, wie er schon einmal getan hatte. Sancho fing wieder an zu weinen, da er von neuem diese traurigen Reden seines trefflichen Herrn vernahm, und entschloß sich, ihn nicht bis zur letzten Vollendung dieses Handels zu verlassen. Sein Herr war durch diese Gesinnung gerührt; aber nicht so sehr, daß er irgend Schwäche gezeigt hätte, sondern er verstellte sich so gut er konnte, und richtete sich nun nach der Gegend, aus der das Geräusch des Wassers, sowie das Stampfen ertönte. Sancho folgte ihm zu Fuß, am Stricke, wie er immer tat, seinen Esel führend, den treuen Gefährten seiner glücklichen und widerwärtigen Schicksale. Nachdem sie so eine ziemliche Strecke zwischen den Kastanien und finstern Bäumen zurückgelegt hatten, gelangten sie auf eine kleine Wiese, die von hohen Felsen begrenzt wurde, von denen sich ein reißender Wasserstrom herunterstürzte: am Fuße der Felsen standen einige schlechtgebaute Hütten, mehr Trümmern von Gebäuden als Hütten ähnlich, aus denen, wie sie bemerkten, das Geräusch und Lärmen der ununterbrochenen Schläge ertönte. Rosinante wurde von dem Gelärm des Wassers und der Schläge scheu, aber Don Quixote beruhigte ihn und ritt allgemach auf die Hütten zu, indem er sich von ganzem Herzen seiner Dame empfahl, sie anflehte, daß sie ihn in dieser greulichen Tathandlung und Unterfängnis begünstigen möge, auf dem Wege empfahl er sich Gott ingleichen, daß er ihn nicht vergessen möchte. Sancho blieb nicht zurück, machte den Hals so lang als er nur konnte, und schaute dem Rosinante zwischen den Beinen hindurch, um zu sehn, was ihm so große Furcht und Angst verursacht hatte. Als sie noch hundert Schritte weiter gegangen waren und um die Ecke eines Felsen lenkten, erschien und entdeckte sich offenbar die wahre Ursachʼ (so daß kein Zweifel übrig blieb) von jenem entsetzlichen und furchtbaren Geräusch, welches ihnen so große Furcht und Angst die ganze Nacht hindurch verursacht hatte, und es waren (wenn du es, mein Leser, nicht schon aus Verdruß und Ärger erraten hast) sechs Walkstampfen, die mit ihren abwechselnden Schlägen jenes Lärmen hervorbrachten.

Als Don Quixote sah, was es war, wurde er still und erschrak vom Kopf bis zu den Füßen. Sancho sah ihn an und bemerkte, wie sein Haupt auf die Brust gesunken war, zum Zeichen seiner Beschämung. Auch Don Quixote sah den Sancho an und bemerkte, wie dieser die Backen zusammenkniff und ihm die Lippen vor Lust zu lachen zitterten, mit deutlichen Zeichen, daß er vor Lachen platzen möchte, bei welchem Anblicke seine Melancholie nicht so anhaltend war, um ein Lächeln über Sanchos Miene zurückhalten zu können. Wie nun Sancho sah, daß sein Herr den Anfang gemacht habe, löste er seinen Zwang so gewaltsam auf, daß er sich mit den Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor Lachen zu bersten. Viermal gab er sich zur Ruhe und viermal kehrte er zu seinem Gelächter mit gleichem Ungestüm zurück, worüber sich Don Quixote dem Teufel hätte ergeben mögen, da er noch überdies parodischerweise diese Worte sagte: „Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um vom Himmel herab in dieser unsrer ehernen Zeit das goldene Alter oder das von Gold zu rufen. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind“; und so hielt er nun wieder den größten Teil der Rede her, die Don Quixote gesagt hatte, als sie zuerst das furchtbare Stampfen vernommen. Da Don Quixote sah, daß Sancho Spaß über ihn machte, erzürnte und erboste er sich dergestalt, daß er die Lanze aufhub und ihm zwei Schläge zuteilte, so gewaltige, daß, wenn er sie so auf dem Kopfe wie auf den Schultern bekommen hätte, er nicht nötig gehabt hätte den Lohn auszuzahlen, wenn er ihn nicht seinen Erben hätte gönnen wollen. Da Sancho merkte, wie übel seine Possen ausschlugen, sagte er mit äußerster Demut, in Furcht, sein Herr möchte etwa noch weiter gehn: „Beruhigt Euch, gnädiger Herr, denn bei Gott, ich spaße nur.“

„Wenn du spaßest, so spaße ich nicht“, antwortete Don Quixote. „Glaubt Ihr denn nicht, mein lustiger Herr, daß, wenn es nun, wie es Walkhämmer waren, ein ander gefährlich Abenteuer gewesen wäre, ich nicht hinlänglichen Mut gezeigt habe, um es zu unternehmen und zu vollenden? Bin ich denn, ein Ritter, verpflichtet, alle Töne zu kennen und zu unterscheiden, um zu wissen, welche von Walkstampfen herrühren, und welche nicht? Da es überdies sein kann, wie es auch die Wahrheit ist, daß ich zeit meines Lebens nicht dergleichen gesehn habe, wie Ihr sie doch müßt gesehn haben, als ein gemeiner Bauer, unter derlei Dingen geboren und aufgewachsen. Sonst macht, daß diese sechs Stampfen sich in sechs Riesen verwandeln, und einen nach dem andern will ich am Bart zupfen, oder alle zugleich, und wenn ich sie nicht alle mit aufgereckten Fersen niederstrecke, dann macht, soviel Ihr wollt, Euren Spaß aus mir.“

„Ich willʼs nicht wieder tun, mein gnädiger Herr“, versetzte Sancho, „ich bekenne ja auch, daß ich mit meinem Lachen ins Ungebührliche geraten bin; aber sagt mir doch, da wir wieder in Frieden leben, ob Gott Euch wohl aus irgendeinem Abenteuer, das Euch begegnet ist, so gesund und heil wie aus diesem errettet hat? Ist es denn nicht ein Ding zum Lachen und zum Erzählen, wie wir eine so erstaunliche Furcht ausgestanden haben? Wenigstens habe ich sie ausgestanden, denn von meinem gnädigen Herrn weiß ich wohl, daß er nicht weiß und einsieht, was Furcht und Bangigkeit ist.“

„Ich leugne nicht“, antwortete Don Quixote, „daß das, was uns zugestoßen, nicht ein Ding, würdig zu lachen, sei; aber nicht ebenso würdig ist es zu erzählen, denn nicht alle Leute sind verständig genug, um den rechten Fleck einer Sache zu treffen.“

„Wenigstens“, antwortete Sancho, „wußte mein gnädiger Herr mit seiner Lanze den rechten Fleck zu treffen, er wollte mir dem Kopfe was anflicken und gabʼs den Schultern: gelobt sei Gott und meine Geschicklichkeit dafür, daß ich mich auf die Seite wandte, aber es mag nun so hingehn, denn man hat mir immer gesagt: Wer dich liebt, der züchtigt dich, besonders da große Herrn, wenn sie einem Bedienten ein hartes Wort gesagt haben, ihm wohl ein Paar Hosen zu schenken pflegen, ob ich freilich wohl nicht weiß, was sie schenken, wenn sie gar Schläge austeilen, wenn die fahrenden Ritter nicht nach Schlägen etwa Inseln oder Königreiche auf dem festen Lande verschenken.“

„Also könnte es sich leichtlich fügen“, sagte Don Quixote, „daß alles, was du da sagst, zur Wahrheit würde: vergib also das Geschehene, künftig wirst du verständiger sein; wisse auch, daß die ersten Bewegungen nicht in der Gewalt des Menschen stehn und sei von nun an für die Zukunft in einem Dinge unterrichtet, damit du dich in Schranken haltest und nicht so ohne Not Reden gegen mich führst, denn so viele Ritterbücher ich auch gelesen habe, deren unzählige sind, so habe ich doch niemals gefunden, daß irgendein Stallmeister mit seinem Herrn so viel gesprochen habe, wie du mit dem deinigen sprichst, und wahrlich ich halte dieses für einen großen Fehler, sowohl von deiner, als von meiner Seite: von deiner, daß du so wenige Achtung gegen mich hast: von meiner, daß ich mich nicht in größere Achtung setze.“

„Alles ist ganz gut, wie Euer Gnaden spricht“, sagte Sancho, „aber ich möchte doch gern wissen, wieviel der Stallmeister eines fahrenden Ritters in jenen Zeiten verdiente, und ob sie sich monatlich oder tageweise, wie die Handlanger bei den Maurergesellen, verdungen.“

„Ich glaube nicht“, antwortete Don Quixote, „daß dergleichen Stallmeister jemals für Gehalt gedient haben, gewiß immer nur für Gnade; habe ich dir aber in meinem zurückgelassenen Testamente etwas Bestimmtes ausgemacht, so ist es nur darum geschehn, weil ich nicht weiß, wie in unsern so unglückseligen Zeiten die Ritterschaft geraten wird, und weil ich nicht will, daß so geringfügiger Dinge wegen meine Seele in jener Welt Kummer leide: denn du mußt wissen, Sancho, es gibt keinen gefahrvollern Stand, als den eines Abenteurers.“

„Das ist wahr“, sagte Sancho, „denn schon allein das Lärmen von Walkhämmern kann das Herz eines so männlichen fahrenden Abenteurers, wie Euer Gnaden ist, erschrecken und beunruhigen; aber Ihr mögt sicher sein, daß ich künftig nicht meine Lippen auftun will, um was Lustiges über Eure Sachen zu sagen, sondern bloß um Euch als meinem Herrn und Gebieter Ehre zu erweisen.“

„So“, versetzte Don Quixote, „wirst du leben auf dem Angesichte der Erden, denn in Ermangelung der Eltern sollen die Herren so wie die Eltern geehrt werden.“

Das hohe Abenteuer und die preisliche Eroberung von Mambrins Helm, nebst andern Dingen, die dem unüberwindlichen Ritter zustießen

Indem fing es an ein wenig zu regnen, und Sancho schlug vor, in die Walkmühle einzukehren; aber Don Quixote hatte wegen des vorgefallenen Spaßes einen solchen Abscheu gegen sie gefaßt, daß er durchaus nicht einkehren wollte, sondern er schlug einen Weg rechts ein, und so gerieten sie auf eine andre Straße, als auf welcher sie erst gereist waren. Es währte nicht lange, so erblickte Don Quixote einen Menschen, der beritten war und auf dem Kopfe ein Ding trug, das wie Gold glänzte. Kaum hatte er ihn bemerkt, als er sich auch schon gegen Sancho kehrte und sagte: „Ich bin der Meinung, Sancho, daß es kein Sprichwort gebe, welches nicht eine Wahrheit enthalte, denn alle sind Sprüche, die aus der Erfahrung, der Mutter aller Wissenschaften, geschöpft sind, so auch jenes, welches heißt: Schließet sich dir eine Tür zu, tut sich die andre auf. Wenn nämlich das Glück heut nacht die Tür vor uns zuschloß, und das Gesuchte nicht finden ließ und uns mit Walkmühlen täuschte, so schließt sie uns zur Vergeltung jetzt ein schöneres und unbezweifeltes Abenteuer auf, wobei es nur meine Schuld sein dürfte, wenn ich es nicht bestände, denn jetzund kann ich es nicht auf meine Unkenntnis der Walken, oder auf die Finsternis der Nacht schieben. Dieses wird gesagt, weil, falls ich nicht irre, uns dorten einer entgegenkommt, der auf seinem Kopfe den Helm Mambrins trägt, wegen dessen ich den Schwur getan, wie du weißt.“

„Bedenkt, gnädiger Herr, was Ihr sagt, und seht, was. Ihr tut“, sagte Sancho, „daß es ja nicht wieder Walken sind, die uns am Ende noch recht walken und alle Sinne zusammenklopfen möchten.“

„Du Satan statt Mensch!“ versetzte Don Quixote, „was tun denn Helm und Walken miteinander?“

„Das weiß ich nicht“, antwortete Sancho, aber wahrhaftig, dürfte ichnur so wie sonst reden, so würde ich schon solche Sachen sagen, daß Ihr einsehn müßtet, Ihr irret Euch in Eurer Behauptung.“

„Wie kann ich mich in meiner Behauptung irren, nichtswürdiger Zweifler?“ versetzte Don Quixote, „sprich, siehst du denn nicht jenen Ritter, der uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und auf dem Kopfe einen goldenen Helm trägt?“

„Alles was ich sehn und worin ich Euch unterstützen kann“, antwortete Sancho, „ist nichts als ein Mensch, der auf einem grauen Esel, so wie meiner ist, reitet, und der auf dem Kopfe ein Ding hat, das blitzert.“

„Und dies ist eben der Helm Mambrins“, sagte Don Quixote; „geh irgendwo beiseite und laß mich allein mit ihm, so sollst du sehn, wie ich ohne ein Wort zu sprechen, zur Ersparung der Zeit, dieses Abenteuer beendigen will und mir den Helm verschaffen, den ich mir so herzlich gewünscht habe.“

„Das Beiseitegehn ist gar nicht nötig“, versetzte Sancho. „Aber“, fing er wieder an, „mag uns Gott nur Tausendgüldenklee und keine Walke bescheren.“

„Ich habe dir befohlen, Mensch, du sollst niemals, ja nicht in Gedanken einmal der Walken erwähnen“, so rief Don Quixote, „oder ich gelobe — — — ich will nicht mehr sagen, aber ich möchte dir die Seele zusammenwalken.“

Sancho schwieg still, weil er fürchtete, sein Herr möchte das Gelübde vollführen, welches er ihm so kräftig in den Bart geworfen hatte. Mit dem Helme, dem Pferde und dem Ritter aber, welche Don Quixote sah, verhielt es sich also: in jener Gegend waren nämlich zwei Dörfer, von denen das eine so klein war, daß es keinen Barbier hatte, das andre benachbarte aber war mit einem versorgt, und daher bediente der Barbier des größeren Dorfes zugleich das kleinere, in welchem ein Kranker gerade einen Aderlaß nötig hatte und ein andrer sich wollte den Bart scheren lassen, weshalb der Barbier eben kam und ein Bartbecken von Messing mit sich führte, und da es das Schicksal um die Zeit gerade regnen ließ, und er seinen Hut, der wohl neu sein mochte, nicht gern verderben lassen wollte, setzte er das Becken auf den Kopf, welches wohl, da es geschliffen war, eine halbe Meile weit schimmerte. Er ritt in der Tat, wie Sancho gesagt hatte, auf einem grauen Esel, und dies zusammen war dem Don Quixote der Apfelschimmel, der Ritter und der goldene Helm, denn es war ihm nur ein leichtes, alle Dinge, die er sah, nach seiner verrückten Ritterschaft und seinen irrenden Gedanken einzurichten. Als er nun bemerkte, daß der arme Ritter ihm nahe genug war, legte er, ohne sich in weitere Reden einzulassen, die Lanze im vollsten Trabe des Rosinante ein, mit dem Vorsatze, jenen durch und durch zu, rennen; als er ihm nahe genug gekommen, schrie er ihm zu, ohne seinen wütenden Lauf anzuhalten: „Verteidige dich, nichtswertes Geschöpf, oder überliefre freiwillig, was mir nach allem Rechte zukommt!“

Der Barbier, der, ohne zu wissen weshalb, dieses Gespenst auf sich anrennen sah, fand kein besseres Mittel, den Lanzenstoß von sich abzuhalten, als sich vom Esel herabfallen zu lassen. Er hatte aber kaum die Erde berührt, als er sich leichter wie eine Gemse wieder erhob und mit so großer Behendigkeit über das Feld rannte, daß ihn der Wind selbst nicht eingeholt hätte. Das Bartbecken ließ er auf der Erde liegen, womit sich Don Quixote zufriedenstellte und sagte, daß der Heide verständig genug gewesen und daß er dem Biber trefflich nachgeahmt habe, der sich auch, wenn ihn die Jäger verfolgen, das mit den Zähnen abbeiße, weshalb sie Jagd auf ihn machen, wie ihn der Instinkt seiner Natur lehre. Er befahl dem Sancho den Helm aufzuheben, der ihn in die Hände nahm und sagte: „Mein Seel! ein köstliches Bartbecken, unter Brüdern ist es seinen Taler wert“; zugleich gab er es seinem Herrn, der es sich stracks auf den Kopf setzte und es rund herum drehte, um das Visier zu finden; wie er es aber nicht antraf, sagte er: „Jener Heide, der nach seinem Maße diesen berühmten Helm zuerst schmieden ließ, muß in der Tat ein gewaltiges Haupt gehabt haben, und was noch schlimmer ist, so fehlt die eine Hälfte.“

Als Sancho das Bartbecken einen Helm nennen hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken, aber da ihm der Zorn seines Herrn wieder in die Gedanken kam, brach er in der Mitte ab. „Worüber lachst du, Sancho?“ fragte Don Quixote.

„Ich lache nur“, gab er zur Antwort, „wenn ich mir den gewaltigen Kopf denke, den der Heide muß gehabt haben, dem die Sturmhaube gehörte, die für mich einem Barbierbecken so ähnlich sieht, wie ein Ei dem andern.“

„Weißt du, was ich mir einbilde, Sancho? dieses weltberühmte Rüststück, dieser bezauberte Helm, muß durch einen ganz außerordentlichen Zufall in die Hände eines solchen geraten sein, der seine Herrlichkeit nicht zu schätzen verstand, und so in seiner Unwissenheit, da er sah, wie er das feinste Gold sei, die eine Hälfte abbrach, um sich damit zu bereichern, und somit die andre Hälfte zu einem Dinge machte, das, wie du bemerkest, einem Barbierbecken gleich sieht. Scheine dieser Helm aber, was er wolle, für mich, der ich ihn kenne, ist diese Verwandlung ohne Bedeutung, überdies will ich ihn im ersten Orte, wo sich ein Schmied befindet, fertigmachen, und zwar so, daß ihn jener Helm nicht übertrifft, ja ihm nicht einmal gleichkommt, den der Gott der Schmiede für den Gott der Schlachten arbeitete. Unterweilen aber will ich ihn tragen, so gut ich kann, denn etwas ist besser als nichts und wenigstens wird er doch hinreichend sein, mich gegen einen Steinregen zu beschützen.“

„Vielleicht“, sagte Sancho, „wenn die Steine nicht etwa aus Schleudern geworfen werden, so wie man sie im Kampfe der beiden Armeen warf, als sie Euch die Backenzähne ausstießen und die Ölflasche zerbrachen, in der sich der gebenedeite Balsam befand, der mich fast die Eingeweide ausbrechen ließ.“

„Es kümmert mich nicht sonderlich, diesen verloren zu haben, denn du weißt, Sancho“, sagte Don Quixote, „daß ich das Rezept davon im Gedächtnisse habe.“

„Auch ich habʼs im Gedächtnisse“, antwortete Sancho, „aber wenn ich ihn in meinem Leben mache, oder gar koste, so sei die Stunde meine letzte: ich denke auch gar nicht in den Fall zu kommen, wo ich ihn nötig hätte, denn ich will mich schon mit allen meinen fünf Sinnen in acht nehmen, niemals verwundet zu werden und auch keinen andern zu verwunden. Ob ich noch einmal geprellt werden möchte, davon will ich nichts sagen, denn solchen Unglücksfällen läßt sich nicht gut vorbeugen, und wenn sie eintreffen, so kann man nichts weiter tun, als die Schultern einziehen, den Atem anhalten, die Augen zudrücken, und sich dann in Gottes Namen gehn lassen, wohin es das Schicksal und das Bettuch meint.“

„Du bist ein schlechter Christ, Sancho“, sagte Don Quixote bei diesen Worten, „denn du vergissest niemals eine Beleidigung, die dir einmal widerfahren ist: edlen und großmütigen Seelen aber ist es anständiger, auf dergleichen Nichtswürdigkeiten keineswegs Rücksicht zu nehmen. Auf welchem Beine bist du lahm? Welche Rippe hast du zerbrochen? Wo den Kopf zerschlagen, daß du diesen Spaß gar nicht wieder vergessen kannst? Denn beim Lichte den Vorfall besehn, war er nur Spaß und Zeitvertreib, und hätte ich ihn anders genommen, so wärʼ ich schon längst umgekehrt und hätte, um dich zu rächen, mehr Unheil angerichtet, als die Griechen wegen der geraubten Helena stifteten, die, wenn sie zu dieser Zeit, oder Dulzinea zu jener Frist gelebt hätte, überzeugt sein dürfte, nicht den großen Ruf der Schönheit erlangt zu haben, den sie nun davongetragen hat.“

Bei diesen Worten schickte er einen tiefgeholten Seufzer in die Luft und Sancho antwortete: „So magʼs denn für Spaß gelten, da aus der Rache kein Ernst werden wollte; ich weiß aber doch auch, was Ernst und was Spaß ist, und ich weiß auch, daß der Spaß mir niemals aus dem Gedächtnisse kommen wird, wie er sich auch auf ewig meinen Schultern eingeprägt hat. Wir wollen aber von was anderm reden, und nun sagt mir doch, gnädiger Herr, was machen wir mit dem Apfelschimmel, der mir wie ein grauer Esel aussieht, den der arme Kerl uns hier überlassen hat, den Ihr überwunden habt? Denn nach der Art, wie er sich auf die Beine machte und in Gottes Welt hineinlief, läßt sich wohl schließen, daß er nicht Lust hat, jemals umzukehren, und bei meinem Barte, der Graue ist wacker.“

„Es war niemals meine Gewohnheit“, sagte Don Quixote, „die zu berauben, die ich überwinde, auch ist es keine Rittersitte, die Pferde den Überwundenen zu nehmen und sie unberitten zu lassen, wenn es sich nicht etwa fügt, daß der Sieger im Kampfe sein eignes Roß verlor, dann ist es ihm allerdings vergönnt, das des Besiegten zu nehmen, als einen Preis, der ihm nach dem Kriegsrechte zusteht. Also Sancho, laß dieses Roß, oder diesen Esel, oder wofür du es halten magst, denn sowie uns sein Herr in der Entfernung sehn wird, kehrt er ohne Zweifel zu ihm zurück.“

„Gott weiß, wie gern ich ihn mitnehmen möchte“, sagte Sancho, „oder wenigstens gegen meinen austauschen, der mir nicht so wacker scheint! Wie sind doch die Gesetze der Ritterschaft so genau, daß man nicht einmal einen Esel gegen den andern austauschen darf; ich möchte aber doch wissen, ob ich nicht zum allerwenigsten das Sattelzeug austauschen dürfte.“

„Hierin bin ich nicht sonderlich sicher“, sagte Don Quixote, „im Zweifelsfalle aber, bis ich besser unterrichtet sein werde, entscheide ich so, daß du es austauschen magst, wenn du dessen nämlich im äußersten Grade bedürftig bist.“

„So zum äußersten bedürftig“, antwortete Sancho, „daß ichʼs für meine eigene Person nicht nötiger hätte.“ Mit dieser Erlaubnis tauschte er die Kleider sogleich um, und zierte seinen Esel so köstlich, daß er ihm wohl zehnmal besser schien, als vorher. Nachdem dieses geschehen war, frühstückten sie mit dem, was ihnen noch als Beute von dem Küchenesel übriggeblieben war, und tranken von dem Wasser des Stromes, der die Walkmühlen trieb, ohne den Kopf nach diesen hinzudrehen; so heftig war der Haß, den sie, wegen ihrer Furcht, gegen die Mühlen gefaßt hatten. Nachdem sie ihren Zorn und die Schwermut ertränkt hatten, stiegen sie wieder auf, und ohne einen bestimmten Weg einzuschlagen (weil es fahrenden Rittern gut ansteht, sich keinen festen Weg vorzusetzen), zogen sie die Straße, die Rosinante erwählte. Dieser Wahl folgte sein Herr und auch der Esel, der immer nachging, wohin sein guter Freund und trefflicher Gesellschafter führte. Sie gerieten demohngeachtet auf die große Straße und zogen ihr auf gut Glück nach, ohne sich eine Absicht vorzusetzen.

Don Quixote erteilt vielen Unglücklichen die Freiheit, die man wider Willen hinführte, wohin sie ungern gingen

Der Ritter erhob die Augen und sah, wie auf der Straße, die er zog, ihm wohl zwölf Menschen zu Fuß entgegenkamen, die wie die Perlen eines Rosenkranzes mit den Hälsen auf eine große eiserne Kette gereiht waren, und an den Händen Handschellen trugen. Mit ihnen kamen zwei Leute zu Pferde und zwei zu Fuß. Die zu Pferde waren mit geladenen Flinten bewaffnet, die zu Fuß mit Spieß und Schwert, und sowie sie Sancho erblickte, sagte er: „Das ist eine Kette mit Ruderknechten, die der König zwingt, ihm auf den Galeeren zu dienen.“

„Wieso zwingt?“ fragte Don Quixote; „wie kommt der König dazu, irgend jemand zu zwingen?“

„Das sage ich nicht“, antwortete Sancho, „sondern das sind Leute, die man wegen ihrer Verbrechen verurteilt hat und sie zwingt, auf den Galeeren zu dienen.“

„In Summa“, versetzte Don Quixote, „wenn ich dich recht verstehe, so gehn jene Leute, die man fortführt, gezwungen, und nicht nach eignem freien Willen.“

„Wahrhaftig nicht“, sagte Sancho.

„Da dem so ist“, erwiderte sein Herr, „so tritt hier die Ausübung meines Gewerbes ein, Zwang aufzuheben und den Unglücklichen zu helfen und beizustehen.“

„Bedenkt Euch wohl, gnädiger Herr“, sagte Sancho, „die Gerechtigkeit, die den König vorstellt, begeht keinen Zwang oder Unrecht an dergleichen Leuten, sondern sie werden nur wegen ihrer Verbrechen gestraft.“

Indem kam die Kette mit den Ruderknechten heran, und Don Quixote bat die Wache mit vieler Höflichkeit, ihm den Grund oder die Gründe gefälligst mitzuteilen, warum man diese Leute auf solche Weise fortführe? Einer von den Wachen zu Pferde antwortete, es seien Ruderknechte, Sklaven Seiner Majestät des Königs, die auf die Galeeren gebracht würden, mehr könne er nicht sagen und mehr sei ihm auch nicht bekannt. „Desohngeachtet“, erwiderte Don Quixote, „wünschte ich von jedem insbesondre die Ursachʼ seines Unglücks zu erfahren.“ Er fügte noch so viele und so höfliche Bitten hinzu, um seinen Wunsch durchzusetzen, daß der andre von der Wache zu Pferde sagte: „Wir haben zwar das ganze Register und alle Urteilssprüche von jenen Nichtswürdigen bei uns, aber wir haben jetzt keine Zeit, sie auszupacken und zu lesen, der Herr darf sie nur selbst befragen, sie werden ihm auf alles Antwort geben, denn diese Menschen tun und sprechen gern Nichtswürdigkeiten.“

Mit dieser Erlaubnis, die sich Don Quixote würde genommen haben, wenn man sie ihm nicht gegeben hätte, ging er nach der Kette und fragte den vordersten, um welcher Sünden willen er in so schlechtem Aufzuge ginge. Dieser antwortete, er gehe als ein Verliebter so.

„Und für nichts anders?“ versetzte Don Quixote. „Bringt man die Verliebten nach den Galeeren, so hätte ich schon seit langem dorten rudern müssen.“

„Meine Liebe ist nicht von der Art, wie der Herr meint“, versetzte der Ruderknecht, „meine Leidenschaft war, daß ich einen Korb mit Wäsche mit so heftiger Zärtlichkeit liebte, und ihn so kräftiglich umfaßte, daß ich ihn noch nicht mit meinem Willen aus den Armen lassen würde, wenn ihn mir die Justiz nicht mit Gewalt entrissen hätte. Ich war auf der Tat ertappt, eine lange Untersuchung war unnötig, die Sache machte sich bald, ich bekam zweihundert Streiche auf den Buckel, ward zur Zugabe drei Sommer den Wasserenten gewidmet und damit hat das Ding ein Ende.“

„Was sind Wasserenten?“ fragte Don Quixote.

„Wasserenten sind die Galeeren“, antwortete der Ruderknecht.

Don Quixote tat dem zweiten die nämliche Frage, der aber gab keine Antwort, sondern war still und schwermütig; der erste aber antwortete für ihn und sagte: „Dieser, gnädiger Herr, geht mit uns, weil er ein Singvogel ist, ich meine ein Musikus und Sänger.“

„Wie das?“ fragte Don Quixote, „Musiker und Sänger werden auf die Galeeren geschickt?“

„Nicht anders“, antwortete der Ruderknecht, „kein böser Ding auf der Welt, als in der Not singen.“

„Ich habe vielmehr sagen hören“, sprach Don Quixote, „daß, wer singt, sein Unglück bezwingt.“

„Wie es kommt“, sagte der Ruderknecht, „denn wer einmal singt, muß zeitlebens ächzen.“

„Das ist mir unverständlich“, sagte Don Quixote; einer von der Wache aber antwortete: „Herr Ritter, in der Not singen bedeutet unter diesen rechtlichen Leuten auf der Tortur bekennen; dieser Sünder bekam die Tortur und bekannte. Er ist ein Viehdieb und nach seinem Geständnisse auf sechs Jahre auf die Galeeren verurteilt, außer daß er schon zweihundert Hiebe auf den Rücken bekommen hat; er ist immer nachdenklich und traurig, weil ihn die übrigen Schelme, die mit ihm gehn, schlecht behandeln, ihn verachten und verspotten, weil er bekannt und nicht das Herz gehabt hat, nein zu sagen; denn sie sagen, ein Nein habe nur zwei Buchstaben mehr als ein Ja, und ein Delinquent könne kein besser Glück wünschen, als daß auf seiner Zungenspitze sein Leben oder sein Tod schwebe, wenn keine andern Zeugen und Beweise gegen ihn sind: und so ganz haben sie meiner Meinung nach nicht unrecht.“

„So scheint es mir ebenfalls“, sagte Don Quixote und wandte sich zum dritten, den er wie die vorigen befragte; der antwortete auch behende und mit großer Bereitwilligkeit. „Ich gehe auf fünf Jahre zu den allerliebsten Wasserenten, weil mir zehn Dukaten mangelten.“

„Zwanzig wollte ich herzlich gern geben“, sagte Don Quixote, „um Euch aus Eurem Unglücke zu lösen.“

„Das kommt mir vor“, antwortete der Ruderknecht, „als wenn einer mitten auf der See Geld hätte, und doch Hungers sterben müßte, weil er nirgends einkaufen kann, was er braucht; hätte ich diese zwanzig Dukaten zur rechten Zeit gehabt, die Ihr mir jetzt anbietet, so hätte ich damit die Feder des Schreibers geschmiert, und den Kopf meines Sachwalters so aufgeklärt, daß ich mich heute mitten auf dem Platze von Zocodover in Toledo befinden könnte, und nicht hier, wie ein Hund angekoppelt zu gehn brauchte; aber Gott ist mächtig, und man muß Geduld haben.“

Don Quixote kam zum vierten, einem Manne mit einem ehrwürdigen Gesichte, dem ein silberweißer Bart bis auf die Brust herunterhing; als er diesen nach der Ursach fragte, aus der er fortgeführt würde, fing er an zu weinen und antwortete nichts. Aber der fünfte Gefangene diente zu seinem Dolmetscher und sagte: „Dieser ehrwürdige Mann kommt auf vier Jahre auf die Galeeren, nachdem er vorher seinen Umzug zu Pferde und in großer Pracht gehalten hat.“

„Also wird er wohl“, sagte Sancho Pansa, „öffentlich am Pranger gestanden haben.“

„Freilich“, versetzte der Ruderknecht, „und sie haben es ihm darum getan, weil er ein Mittler für das Ohr und auch für die übrigen Gliedmaßen gewesen ist; dieser Ritter ist nämlich ein Kuppler und hat nebenher auch einige Streiche als Zauberer ausgeübt.“

„Hättet Ihr nicht dieser Streiche erwähnt“, sprach Don Quixote, „so würde ich nicht einsehn, wie er als bloßer Liebesmittler sich die Strafe zugezogen hätte, auf den Galeeren zu rudern, sondern man hätte ihn vielmehr zum General derselben ernennen sollen, denn also müssen die Dienste eines Liebesmittlers belohnt werden; dieses Amt erfordert verständige Leute und ist in einem gut eingerichteten Staate von äußerster Notwendigkeit, so wie es immer Leute von gutem Herkommen ausüben müßten.“

„So ist es auch“, sagte der wackre Greis, „und wahrhaftig, gnädiger Herr, ob ich gleich in der Zauberei unschuldig war, so konnte ich doch das Liebesmitteln nicht leugnen, ich glaubte aber damit nichts Böses zu tun, denn meine lautre Absicht war, daß alle Leute fröhlich sein möchten, in Ruhe und Frieden leben, ohne Hader und Zwietracht; aber dieser gute Wille hat mir nichts geholfen, ich muß dahin, von wo ich gewiß nicht wiederkomme, denn ich bin schon alt und habe außerdem noch ein Übel in der Blase, das mir keinen Augenblick Ruhe läßt.“

Er fing hierauf von neuem an zu weinen, wodurch Sancho so gerührt ward, daß er vier Realen aus dem Busen zog und sie ihm als Almosen reichte. Don Quixote ging weiter und fragte den folgenden nach seinem Vergehn, der viel fröhlicher als der vorige antwortete: „Ich gehe dorthin, weil ich zu übermäßig mit zwei Muhmen scherzte und mit zwei andern Muhmen, die mir nicht verwandt waren, kurz, ich trieb den Scherz so ins Mannigfaltige, daß durch all dies Scherzen eine so verworrene Verwandtschaft entstand, daß sie kein Genealogist wieder ins reine zu bringen vermag. Alles kam aus, Freunde fehlten, Geld mangelte, so geschahʼs, daß ich den Handel verlor und auf sechs Jahre zu den Galeeren verdammt wurde. Mir ist es recht, es ist meine Strafe, ich bin jung, das Leben geht fort, und nur mit dem Tode ist alles aus. Wollt Ihr, Herr Ritter, diesen armen Schelmen eine Gabe mitteilen, so wird es Euch Gott im Himmel belohnen, und wir auf Erden wollen sorgfältig in unsern Gebeten zu Gott bitten, daß er Euch Leben und Wohlsein in so vollem Maße schenke, wie es Euer edler und trefflicher Charakter verdient.“

Dieser war wie ein Student gekleidet, und einer von der Wache sagte, er sei ein großer Redner und geschickter Lateiner. Diesen allen folgte ein Mann von guter Bildung, wohl dreißig Jahre alt, der mit dem einen Auge nach dem andern schielte: die Weise, wie er angefesselt war, war von der der übrigen ein wenig unterschieden; am Fuße hatte er eine so große Kette, daß sie sich ihm um den ganzen Leib wickelte, am Halse trug er zwei Ringe, von denen der eine zur Kette gehörte, am andern aber war ein sogenannter aufmerksamer Freund befestigt: zwei Eisenstäbe zogen sich von oben bis zum Gürtel herunter, wo sie sich wieder in zwei Ringen endigten, an welchen seine beiden Hände mit zwei großen Schlössern angeschlossen waren, so daß er weder die Hände zum Munde erheben, noch auch den Kopf zu den Händen herunterbeugen konnte. Don Quixote fragte, warum dieser Mann soviel mehr Eisen als die übrigen an sich habe. Die Wache antwortete, weil er allein mehr Verbrechen als alle übrigen zusammen begangen habe, und daß er so verwegen und listig sei, daß sie ihn immer noch nicht sicher glaubten, wenn sie ihn auch so umständlich gefesselt hätten, sondern stets seine Flucht befürchteten.

„Welche Verbrechen“, sagte Don Quixote, „kann er begangen haben, wenn er keine größere Strafe als die Galeeren verdient?“

„Er ist auf zehn Jahre verurteilt“, versetzte die Wache, „und das ist so gut wie der Tod; man braucht,nicht mehr zu wissen, als daß dieser redliche Mann der berühmte Gines Friedberg ist, sonst auch Hans Gines Diebsfinger genannt.“

„Herr Kommissarius“, rief sogleich der Ruderknecht, „laßt uns sachte gehn und geht nicht darauf aus, Namen und Beinamen her zu erzählen. Gines ist mein Name und nicht Hans Gines, Friedberg ist mein Zuname und nicht Diebsfinger, wie Ihr mich nennt, und jeder sorge nur für sich, und er wird genug zu tun finden.“

„Nicht so hochmütig“, versetzte der Kommissarius, „du mein Herr Spitzbube von der ersten Sorte, wenn ich dich nicht zum Schweigen bringen soll, wie es dir gewiß nicht lieb ist.“

„Nun gut“, versetzte der Ruderknecht, „man muß sich in Gottes Schicksale fügen, aber es kommt gewiß der Tag, wo man erfahren soll, ob ich Hans Gines Diebsfinger heiße oder nicht.“

„Nennen sie dich denn nicht so, Straßenräuber?“ fragte der Wächter.

„Ja“, antwortete Gines, „aber ich willʼs schon dahin bringen, daß sie mich nicht so nennen, oder ein Ding tun, was ich schon weiß. Wenn Ihr uns, Herr Ritter, was geben wollt, so gebt her und geht mit Gott, Ihr seid zu neugierig, das Leben von andern Leuten zu wissen.“

Der Kommissarius erhob seinen Stab, um dem Friedberg auf seine Drohungen zu antworten, aber Don Quixote legte sich dazwischen und bat, ihn nicht zu schlagen, denn es sei dem, dem die Hände so fest gebunden wären, wohl zu gönnen, die Zunge frei zu brauchen; worauf er sich gegen alle an der Kette wandte und sprach: „Aus alledem, was ihr mir gesagt habt, vielgeliebte Brüder, habe ich soviel verstanden, daß, wenn ihr gleich für Vergehungen gestraft werdet, ihr euch doch mit Widerwillen eurer Züchtigung unterwerft und sehr ungern und gegen euren Willen derselben entgegenwandelt. Auch ist es wohl möglich, daß der wenige Mut, den dieser auf der Tortur bewies, der Geldmangel bei jenem, bei diesem der Mangel an Freunden, und überhaupt das schlechte Urteil des Richters Ursachʼ eures Unglücks ist, daß ihr nicht die Gerechtigkeit gefunden habt, die euch eigentlich zukam: welches alles sich jetzt so meinen Gedanken vorstellt, daß ich angereizt, überredet, ja gezwungen bin, euch den Zweck deutlich zu machen, zu welchem der Himmel mich auf die Erde versetzte und den Orden der Ritterschaft, den ich bekleide, erwählen hieß, als in welchem es mein Gelübde erheischt, ein Freund der Hilfsbedürftigen zu sein, wie aller, die unter dem Drucke der Gewalt seufzen. Es ist mir aber bekannt, wie es eine Regel der Klugheit ist, das nicht im Bösen zu tun, was sich im Guten ausrichten läßt, daher ergeht meine Bitte an diese Herren der Wache und den Herrn Kommissar, euch gefälligst loszufesseln und in Frieden gehn zu lassen, denn es wird nicht an Leuten mangeln, die dem Könige auf bessere Weise dienen mögen, denn mir scheint es etwas Hartes, diejenigen zu Sklaven zu machen, die Gott und die Natur als freie Leute geboren werden ließ. Überdies, meine Herrn Wächter“, fuhr Don Quixote fort, „haben ja diese Unglückseligen euch nichts getan; dorten aber wird jeder für seine Vergehungen büßen, denn Gott im Himmel lebt, das Böse zu bestrafen und das Gute zu belohnen, und es ziemt sich nicht, daß ehrliche Männer die Henker andrer Männer sind, die ihnen nichts zuleide taten. Ich bitte euch deshalb mit dieser Ruhe und Freundlichkeit, damit ich euch danken könne, wenn ihr mein Begehren erfüllt, falls ihr es aber nicht auf diesem Wege ausrichtet, so steht diese Lanze, dieses Schwert, meinem tapfern Arme zu Gebote, um euch mit Gewalt zu zwingen, es also zu vollstrecken.“

„Nun, das ist hinlänglich toll“, sagte der Kommissarius, „ein herrlicher Unsinn nach all dem Geschwätz! Wir sollen die Sklaven des Königs freilassen! Als wenn wir die Macht hätten, das zu tun, oder er da, es uns zu befehlen. O geht, mein Herr, mit Gott, und setzt Euch auf dem Kopfe Euer Bartbecken zurecht und bekümmert Euch nicht um ungelegte Eier.“

„Ihr seid selbst ungelegt und ungefegt und ein Ungeheuer von Spitzbuben!“ antwortete Don Quixote. Und in demselben Augenblicke rannte er so wütig auf jenen ein, daß er sich nicht zur Wehr setzen konnte, sondern von der Lanze schwer verwundet zu Boden stürzte, welches für ihn glücklich ausschlug, denn es war derselbe, der die Flinte führte. Die übrige Wache erstaunte und erschrak über diesen unerwarteten Angriff, da sie sich aber wieder sammelten, zogen die zu Pferde den Degen, die zu Fuß ergriffen ihre Spieße, und alle machten sich über Don Quixote, der sie mit aller Geistesruhe erwartete. Ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen, wenn nicht die Ruderknechte, da sie diese günstige Gelegenheit, sich freizumachen, sahn, sie in der Tat benutzt hätten, indem sie die Kette, an der sie aufgereiht waren, zerbrachen. Hierauf entstand eine solche Verwirrung, daß die Wachen, bald zu den Ruderknechten laufend, die sich losmachten, bald Don Quixote angreifend, der sie angriff, durchaus nichts ausrichten konnten. Sancho seinerseits half dem Gines Friedberg aus seinen Eisen heraus, der zuerst frei und ohne alle Fesseln im Felde herumlief, sich über den niedergestürzten Kommissarius machte und ihm Degen und Flinte abnahm; hierauf legte er die Flinte bald auf diesen an, bald zielte er nach jenem, ohne loszuschießen, so daß bald keiner von der Wache mehr das Feld behauptete, denn alle entflohen, teils vor der Flinte des Friedbergs, teils vor dem Steinregen, den die freigewordnen Ruderknechte erregten. Sancho wurde über diese Begebenheit sehr betrübt, denn er glaubte, daß die Entfliehenden sogleich der heiligen Brüderschaft den ganzen Vorfall anzeigen würden, die die Sturmglocken läuten möchte, um die Verbrecher einzufangen. Diese Besorgnis trug er auch seinem Herrn vor und bat ihn, sich eiligst zu entfernen, damit sie sich in das nahegelegene Gebirge verstecken könnten.

„Es mag drum sein“, sagte Don Quixote, „aber ich weiß, was mir vorerst zu tun obliegt.“ Worauf er denn alle Ruderknechte zusammenrief, die sich schon zerstreut und den Kommissar bis aufs Hemd ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn her, um zu sehen, was er haben wollte; er aber sagte: „Braven Leuten steht es gut an, für empfangene Wohltaten dankbar sein, und Undankbarkeit ist eine derjenigen Sünden, durch welche man Gott am meisten erzürnt: dies sage ich, weil ihr, meine edlen Herren, gesehn und deutlich genug erfahren habt, wie Großes ihr von mir empfangen; zum Lohn dafür wünsche und begehre ich, daß ihr diese Kette, die von eurem Halse abfiel, wieder auf euch nehmt, euch gleich auf den Weg macht, und euch nach der Stadt Toboso begebt, um euch dort der Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, ihr sagend; daß ihr Ritter, der von der traurigen Gestalt, euch sende und schicke, worauf ihr denn Punkt für Punkt alles erzählen sollt, was sich in diesem berühmten Abenteuer bis zu eurer wirklichen Befreiung zugetragen hat: ist dieses vollbracht, so könnt ihr in Gottes Namen gehn, wohin es euch gefällt.“

Im Namen der übrigen antwortete Gines Friedberg: „Was Ihr uns da, gnädiger Herr und unser Erretter, auftragt, ist von der äußersten Unmöglichkeit, es auszurichten, denn wir können nicht in Gesellschaft auf den Straßen ziehn, sondern einzeln und getrennt, und jeder für sich besorgt, ja es wäre gut, wenn wir uns in die Eingeweide der Erde verkriechen könnten, damit uns nur die heilige Brüderschaft nicht findet, die gewiß sehr bald Jagd auf uns macht. Was Ihr tun mögt und mit Billigkeit tun könnt, ist, diese Dienstleistung und Wanderschaft nach der Dame Dulzinea von Toboso in eine Anzahl Ave Marias und Credos zu verwandeln, die wir zu Eurem Besten abbeten wollen, denn das läßt sich bei Tag und Nacht, auf der Flucht und auf der Ruhe, in Krieg und Frieden tun: aber zu glauben, daß wir wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückkehren werden, ich meine, daß wir unsre Kette wieder aufnehmen und uns damit auf den Weg nach Toboso machen sollen, ist, als wollte man glauben, es sei jetzt Nacht, da es doch zehn Uhr morgens ist, und es von uns verlangen, heißt Birnen vom Ulmbaum fordern.“

„Aber ich schwöre“, sagte Don Quixote sehr ergrimmt, „Ihr Don Hurensohn, oder Don Hans Gines Diebsfinger, oder wie Ihr sonst heißen mögt, daß Ihr allein gehn sollt, alle Eure Eisen zwischen den Beinen und die ganze Kette über den Buckel gehängt.“

Friedberg, der nicht von geduldiger Gemütsart war (auch schon daraus begriffen hatte, daß Don Quixote nicht gescheit sei, daß er das tolle Unternehmen angefangen, sie freizumachen) gab, da er sich so behandelt sah, seinen Kameraden einen Wink, die sich alsbald von allen Seiten entfernten, und einen solchen Hagel von Steinen nach Don Quixote schleuderten, daß er nicht Hände genug hatte, um sich mit seinem Schilde zu schirmen, wobei der arme Rosinante sich aus allem Spornen nichts mehr machte, als wenn er aus Erz gegossen wäre. Sancho kroch hinter seinen Esel und verbarg sich dort vor dem Sturmwetter von Steinen, das auf sie beide herabstürzte. Don Quixote konnte sich nicht so ganz schützen, daß ihn nicht einige Kiesel so gewaltig auf den Leib getroffen hätten, daß sie ihn auf die Erde warfen. Er war kaum niedergefallen, als sich der Student über ihn machte, ihm das Bartbecken vom Kopfe nahm, ihm damit drei oder vier Schläge auf den Rücken gab und es so lange gegen die Erde schmiß, bis es in Stücke brach; er nahm ihm überdies eine Schärpe ab, die er über der Rüstung trug und hätte ihm ohne Zweifel selbst die Hosen ausgezogen, wenn ihn daran nicht der Beinharnisch gehindert hätte. Dem Sancho nahmen sie seinen Mantel und ließen ihn entkleidet, worauf sie untereinander die in der Schlacht gewonnene Beute verteilten, und jeder sich nach einer andern Gegend davon machte, eifriger besorgt, der furchtbaren Brüderschaft zu entwischen, als sich mit der Kette zu beladen, und sich vor der Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren.

Der Esel und Rosinante, Sancho und Don Quixote blieben zurück, der Esel kopfhängend und nachdenklich, indem er je zuweilen die Ohren schüttelte, wohl in der Meinung, daß der Steinregen, der seine Ohren getroffen, noch nicht aufgehört habe: Rosinante neben seinem Herrn hingestreckt, ebenfalls durch einen Wurf niedergestürzt: Sancho ohne Mantel, und in Furcht vor der heiligen Brüderschaft: Don Quixote ungemein verdrießlich, sich so schlecht von denen behandelt zu sehn, denen er so großes Gut verschafft hatte.

Was dem berühmten Don Quixote in dem schwarzen Gebirge begegnete, eines der wundersamsten Abenteuer, die in dieser wahrhaften Geschichte vorgetragen werden

Wie sich nun Don Quixote so übel behandelt sah, sagte er zu seinem Stallmeister: „Immer, Sancho, habe ich sagen hören, den Nichtswürdigen Gutes erzeigen, heiße Wasser ins Meer tragen: hätte ich deinen Worten geglaubt, so hätte ich freilich diesen Verdruß nicht erfahren, aber da es nun geschehn ist, so sei die Geduld mein Trost und daß ich ins künftige vorsichtiger sein werde.“

„Ihr werdet gerade so vorsichtiger sein“, antwortete Sancho, „wie ich ein Türke bin, da Ihr aber doch sprecht, daß Ihr dieses Unglück nicht erfahren, wenn Ihr mir geglaubt hättet, so glaubt mir nur jetzt, damit Ihr nicht ein ander noch größer Unglück erlebt, denn Ihr müßt wissen, daß sich die heilige Brüderschaft nichts um die Ritterschaft schert, denn sie gibt für alle fahrenden Ritter zusammen noch keine zwei Dreier, und mir ist immer schon, als wenn uns ihre Spieße um die Ohren brummten.“

„Du bist eine geborne Memme, Sancho“, sagte Don Quixote, „damit du aber nicht sagen könnest, ich sei halsstarrig und befolge niemals deinen Rat, will ich dieses Mal tun, was du mir rätst, und dem Unheil, das du fürchtest, aus dem Wege gehn: doch nur unter der einen Bedingung, daß du niemals, so im Leben wie im Sterben, niemandem sagen dürfest, ich zöge mich aus Furcht vor der Gefahr, sondern nur deinen Bitten zu gefallen zurück: denn sagst du es anders, so lügst du, und jetzt wie alsdann, auch alsdann so wie jetzt werde ich dich Lügen strafen, und du wirst lügen, so oft du es denken oder sagen magst, und erwidre nichts weiter, denn wenn du es nur denkst, daß ich irgendeiner Gefahr aus dem Wege trete, vorzüglich dieser, die in der Tat einen kleinen Anschein von begründeter Furcht mit sich führt, so bin ich entschlossen, hierzubleiben und ganz allein alles zu erwarten, nicht allein diese heilige Brüderschaft, die dich besorgt macht, sondern zugleich alle Brüder der zwölf israelitischen Stämme.“

„Gnädiger Herr“, antwortete Sancho, „sich zurückziehn ist ja nicht fliehen, zu warten ist kein Verstand, wenn die Gefahr größer ist, als man sie nur erwarten kann, kluge Leute schonen sich heute für morgen, und setzen ihr ganzes Glück nicht an einem Tage, und wenn ich gleich nur ein gemeiner Mann und Bauer bin, so habe ich doch jederzeit meine Ehre darin gesucht, mich verständig aufzuführen: drum laßtʼs Euch nicht gereuen, meinen guten Rat anzunehmen, sondern steigt auf den Rosinante, wenn Ihr könnt, wo nicht, so will ich Euch helfen, und folgt mir nach, denn es schwant mir, daß wir die Beine nötiger als die Hände brauchen werden.“

Don Quixote stieg auf, ohne irgendwas zu antworten, Sancho auf seinem Esel sitzend führte an, und so gelangten sie in einen Teil des schwarzen Gebirges, dem sie sich nahe befanden; Sancho hatte die Absicht, es ganz zu durchschneiden und sich nach Viso oder Almodovar del Campo zu begeben, und sich etliche Tage in diesen Berggegenden zu verstecken, damit sie von der heiligen Brüderschaft nicht gefunden würden. Er faßte neuen Mut, als er entdeckte, daß sein Mundvorrat, der sich auf dem Esel befunden hatte, aus der Schlacht mit den Ruderknechten gerettet war, etwas, das er für ein Wunderwerk hielt, da die Ruderknechte auf dergleichen so heftige Jagd gemacht hatten.

Noch in dieser Nacht kamen sie bis in die Mitte des schwarzen Gebirges, und Sancho schlug vor, die Nacht und noch etliche nachfolgende Tage dort zuzubringen, wenigstens so lange, als ihre Speisekammer sie versorgte, und also machten sie ihr Nachtlager in einer Gegend zwischen zwei Felsen, in der sich viele Korkbäume befanden. Aber das Fatum führte den Gines Friedberg, diesen berühmten Schelm und Räuber, der durch Tugend und Tollheit des Don Quixote von der Kette erlöst war und der ebenfalls aus Besorgnis vor der heiligen Brüderschaft, die er mit großem Rechte fürchtete, auf den Einfall kam, sich in das Gebirge zu verstecken, diesen brachte sein Schicksal und seine Furcht an die nämliche Stelle, die sich Don Quixote und Sancho Pansa erwählt hatten, er erkannte sie und traf sie, da sie eben einschlafen wollten. Wie nun Bösewichter immer undankbar sind, die Not auch oft das Äußerste versucht, so fiel Gines, der weder dankbar noch von edler Gesinnung war, darauf, dem Sancho Pansa seinen Esel zu stehlen, indem er auf den Rosinante keine Rücksicht nahm, den er für ein gänzlich wertloses Stück, sowohl zum Verpfänden als zum Verkaufen, achtete. Sancho Pansa schlief. Er stahl ihm sein Tierlein, und eh es noch tagte, war er schon so weit entfernt, daß er nicht wiedergefunden werden konnte.

Die Morgenröte ging auf, die Erde zu erfreuen und Sancho Pansa zu betrüben, denn er traf seinen Grauen nicht mehr an; wie er sich ohne ihn sah, begann er so heftig und laut den allerkläglichsten Jammer, daß Don Quixote bei seinem Geschrei erwachte und folgende Reden vernahm: „O du mein eingeborner Sohn! du in meinem väterlichen Hause erwachsen! du Kleinod meiner Kinder, Trost meines Weibes, Neid meiner Nachbarn, Stütze meiner Arbeiten! O du Ernährer meiner halben Person, denn du verdientest mir täglich sechsundzwanzig Maravedis, und das war mein halbes Auskommen.“

Da ihn Don Quixote so jammern hörte und die Ursachʼ davon einsah, suchte er Sancho mit den besten Trostgründen zu beruhigen, er bat ihn, sich in Geduld zu fassen und versprach ihm zugleich eine Verschreibung, auf welche er drei von den fünf Eseln erhalten solle, die er zu Hause habe. Hiemit stellte sich Sancho zufrieden und trocknete seine Tränen, er faßte einen neuen Mut und sagte Don Quixote für seine Wohltätigkeit herzlichen Dank, dem sich, wie er nur das Gebirge betreten hatte, das Herz erhub, denn diese Örter schienen ihm besonders für Abenteuer schicklich, wie er sie suchte. Ihm fielen alle die wunderbaren Begebenheiten in die Gedanken, die in dergleichen Einsamkeiten und wilden Gebirgen den fahrenden Rittern begegnet waren. Hingerissen und vergeistert von diesen Vorstellungen zog er fort, ohne an was weiteres zu denken, auch Sancho hatte keinen andern Gedanken (seitdem er glaubte auf einer sichern Straße zu reisen), als seinem Magen mit den Eßwaren gütlich zu tun, die ihm noch von der Beute der Geistlichen geblieben waren; so folgte er seinem Herrn, aus dem Beutel herauslangend, in seinen Wanst hineinstopfend, wobei er für ein neues Abenteuer, solange er auf solche Weise reiste, nicht einen Pfennig gegeben hätte.

Indem hub er die Augen auf und bemerkte, wie sein Herr anhielt, bemüht, mit der Spitze seiner Lanze einen Bündel aufzuheben, der auf der Erde lag, er machte sogleich Anstalt, ihm zu helfen, wenn es nötig wäre, und als er näher kam, hub jener mit der Lanzenspitze ein Reitkissen und einen Mantelsack auf, beide halb oder vielmehr ganz vermodert und zerrissen; sie waren aber von so großem Gewicht, daß Sancho absteigen mußte, um sie aufzuheben, worauf ihm sein Herr befahl, nachzusehn, was sich im Mantelsacke befinde. Sancho richtete dieses Gebot mit vieler Behendigkeit aus, und ob der Mantelsack gleich mit Kette und Schloß zugemacht war, so konnte er doch durch die Löcher alles sehn, was er enthielt, nämlich vier Hemden von der feinsten Leinwand, noch andres linnenes Gerät, sehr nett und sauber, in einem Tuche fand er eine ziemliche Summe goldener Taler, und sowie er diese erblickte rief er aus: „Gelobt sei Gott, der uns endlich ein Abenteuer zubereitet, das was trägt!“, und so wie er weiter suchte, fand er ein kleines Taschenbuch mit reichen Verzierungen: dieses ließ sich Don Quixote reichen und befahl ihm, das Geld zu bewahren und für sich zu behalten. Sancho küßte ihm für diese Güte die Hand, und indem er noch alle Wäsche aus dem Mantelsacke aussackte, stopfte er alles in den Beutel, der seine Vorratskammer war, hinein. Alles dieses sah Don Quixote mit an und sagte: „Es scheint, Sancho, (und anders ist es gar nicht möglich) daß ein verirrter Reisender, der durch dieses Gebirge gezogen ist, von Räubern angefallen sei, die ihn umgebracht und an irgendeiner verborgenen Stelle begraben haben.“

„Das kann nicht sein“, antwortete Sancho, „denn wären es Räuber gewesen, so hätten sie das Geld wohl nicht liegen lassen.“

„Du hast recht“, sagte Don Quixote, „und so kann ich nicht raten, noch begreifen, was es wohl sein mag; doch Geduld, wir wollen sehn, ob sich in dieser Schreibtafel nicht irgend etwas aufgezeichnet findet, wodurch wir auf die Spur geraten und das entdecken, was wir gern wissen möchten.“

Er schlug das Buch auf, und zuerst fand er als Konzept, aber doch mit deutlichen Buchstaben geschrieben, ein Sonett, welches er laut ablas, sowie einen Liebesbrief, den er gleichfalls zum besten gab.

Als Don Quixote diesen Brief geendigt hatte, sagte er: „Hieraus sowie aus den Versen läßt sich nichts weiter ermessen, als daß der Verfasser von beiden ein unglücklich Liebender sei.“ Er blätterte hierauf die ganze Schreibtafel durch und fand noch andere Verse und Briefe, von denen er einige lesen konnte, andre nicht; aber der Inhalt von allen waren Klagen, Trauer, Mißtrauen, Lust und Unlust, Gunst und Verschmähung, jene gepriesen, diese beweint. Indes Don Quixote das Buch durchsuchte, durchsuchte Sancho den Mantelsack, ohne in ihm sowie in dem Reitkissen eine Naht unbeachtet zu lassen, er untersuchte und erforschte jede Falte, er pflückte jedes Häufchen Wolle auseinander, denn er wollte nichts aus Eilfertigkeit oder Achtlosigkeit übergehn: eine solche Gier hatten in ihm die gefundenen Goldstücke erweckt, die sich auf über hundert beliefen, und ob er gleich nicht mehr als die schon gefundenen fand, so glaubte er sich doch für die Prelle, für das Brechmittel, die Einsegnungen der Krippenstangen, die Faustschläge des Eseltreibers, für den Verlust des Schnappsackes, die Beraubung des Mantels und für allen Hunger, Durst und Mühseligkeit, die er nur immer im Dienste seines trefflichen Herrn ausgestanden hatte, durch die Güte, daß ihm dieser Fund überlassen wurde, hinlänglich belohnt. Der Ritter von der traurigen Gestalt ging mit dem heftigen Wunsche schwanger, zu wissen, wer der Herr des Mantelsackes sei. Aus dem Sonette wie aus dem Briefe, aus den goldnen Münzen wie aus der feinen Wäsche zog er den Schluß, daß es kein andrer als ein Verliebter von Rang und Stand sein könne, den Verschmähung und Unfreundlichkeit seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Entschlusse geführt habe; da aber in dieser unwohnbaren wilden Gegend niemand zu sehn war, den er hätte fragen können, so richtete er nunmehr seine Sorgfalt darauf, seinen Weg fortzusetzen, immer mit der Einbildung angefüllt, daß ihm imn diesen Wüsteneien notwendig ein seltsames Abenteuer aufstoßen müsse.

So wie er noch mit diesen Gedanken fortzog, bemerkte er, wie er auf dem Rücken des Berges, der vor ihm lag, ein Mensch sich mit wundernswürdiger Schnelligkeit von Stein zu Stein und von Busch zu Busch in Sprüngen fortbewegte: er war halb nackt, sein Bart schwarz und dick, die dichten Haare in Verwirrung, die Füße ohne Schuh und die Beine ganz unbedeckt; um die Schenkel trug er Beinkleider, dem Anschein nach von bräunlichem Samt, aber sie waren so zerrissen, daß man an vielen Stellen das Fleisch erblicken konnte; sein Kopf war entblößt, und ob er gleich, wie gesagt, schnell vorüberlief, sah und erkannte der Ritter von der traurigen Gestalt dennoch alle diese Merkmale. So viele Mühe er sich aber auch gab, war es ihm doch unmöglich, ihm zu folgen, denn der Schwachheit des Rosinante widerstand es, scharf in diesen Unwegen zu rennen, da überdies sein Gemüt saumselig und phlegmatisch war.

Plötzlich fiel es dem Don Quixote ein, daß eben dieser der Herr des Reitkissens und des Mantelsacks sein müsse, und zugleich faßte er den Vorsatz, ihn aufzusuchen, und wenn er auch ein Jahr im Gebirge herumziehn müßte, um ihn zu finden: somit befahl er dem Sancho, vom Esel abzusteigen und von der einen Seite die Runde um den Berg zu machen, indem er von der andern Seite herumgehn wollte, weil sie durch diese Anstalt vielleicht den Menschen anträfen, der mit so großer Eilʼ ihnen vorübergerannt sei.

„Das kann nicht geschehn“, antwortete Sancho, „denn so wie ich mich von meinem werten Herrn entferne, ist die Furcht bei mir, die mir tausenderlei Schrecken und Einbildungen verursacht: das, was ich jetzt sage, mag zugleich zur Nachricht dienen, daß ich mich in Zukunft nicht um einen Fingerbreit von Euer Edlen entfernen werde.“

„Es sei also“, sprach der von der traurigen Gestalt, „und es freut mich sehr, daß du meinem Geiste so fest vertraust, der dich auch niemals verlassen soll, selbst wenn dein Geist deinen Körper verließe: gehe mir also langsam, oder wie es dir am besten deucht, nach, gebrauche deine Augen statt Lichter, indem wir durch diese Klüfte schweifen; vielleicht treffen wir den Menschen, den wir erblickten, der ohne allen Zweifel der Eigentümer unsers Fundes sein muß.“

Worauf Sancho die Antwort gab: „Es wäre doch besser, ihn nicht zu suchen, denn wenn wir ihn finden und er vielleicht der Herr von dem Gelde ist, so folgt daraus klärlich, daß ich es ihm wiedergeben muß; drum ist es besser, wir lassen diese unnütze Mühe, damit ichʼs mit gutem Gewissen einstecken kann, bis wir auf eine andre nicht so vorwitzige und mühselige Weise den wahrhaftigen Herrn entdecken, vielleicht zu einer Zeit, wenn es schon verzehrt ist, wo dann der Kaiser sein Recht verloren hat.“

„Du bist im Irrtume, Sancho“, antwortete Don Quixote, „indem wir nur auf die Vermutung geraten sind, daß er der Eigentümer sein möge, sind wir auch schon verpflichtet, ihn zu suchen und ihm sein Geld zurückzugeben: suchen wir ihn aber nicht, so ist die Vermutung, daß er der Eigentümer sein möchte, für uns so gut ein Verbrechen, als wenn wir es gewiß wüßten: also, Freund Sancho, möge dir das Suchen keinen Verdruß erregen, denn es ist meine Sache, ihn aufzufinden.“ Mit diesen Worten spornte er den Rosinante, und Sancho folgte auf seinem Esel nach. Nachdem sie um einen Teil des Berges geritten waren, sahen sie in einem Bache ein totes, von Hunden und Raben halb verzehrtes, gesatteltes und aufgezäumtes Maultier liegen, welches sie in der Vermutung bestätigte, daß der Flüchtling der Eigentümer des Tieres und des Mantelsackes sei. Wie sie es noch beschauten, hörten sie eine Pfeife, wie von einem Hirten, der eine Herde führt, und sie sahen auch links eine große Anzahl Ziegen, und hinter diesen, oben auf dem Bergrücken einen Hirten, der sie hütete, einen alten Mann. Don Quixote rief und bat, daß er zu ihnen herunterkommen möchte. Jener antwortete mit lautem Geschrei, wie sie in diese Gegend gekommen wären, die wenig oder gar nicht betreten würde, außer von den Füßen der Ziegen oder der Wölfe, oder andrer Bestien, die sich dort herumtrieben. Sancho antwortete, er möchte herunterkommen, und sie wollten ihm dann alles erzählen.

Der Ziegenhirt stieg herunter, und als er an die Stelle kam, wo Don Quixote stand, sagte er: „Ihr beschaut gewiß den Mietesel, der hier tot in dem Loche liegt, er liegt nun wahrhaftig schon seit sechs Monaten auf der Stelle da; aber sagt, habt ihr irgends seinen Herrn nicht getroffen?“

„Wir haben nichts getroffen“, antwortete Don Quixote, „als ein Reitkissen und einen Mantelsack, die wir nicht weit von hier fanden.“

„Auch ich habʼs gefunden“, antwortete der Ziegenhirt, „aber ich habʼs niemalen aufnehmen wollen, ja ihm nicht einmal nahekommen, weil ich vor Schaden bange war, und daß sieʼs mir mal für einen Diebstahl auslegen könnten; der Teufel ist pfiffig und legt uns oft was vor die Füße, worüber man stolpert und fällt, man weiß nicht, wieʼs kommt.“

„Gerade wie ich gesagt habe“, antwortete Sancho, „denn auch ich habʼs gefunden, aber ich mochte ihm nicht auf einen Steinwurf nahekommen: da hab ichʼs gelassen, und da mag es bleiben, wie es war, denn ich mag nicht die Katzen, daß sie mich kratzen“.

„Sagt mir doch, guter Freund“, sprach Don Quixote, „wißt Ihr nicht etwas Näheres von dem Herrn der Sachen?“

„Was ich Euch sagen kann“, antwortete der Ziegenhirt, „ist, daß es nun gerade sechs Monate sein mögen, einige Tage auf und ab, als ein junger Herr zu einer Schäferhütung kam, drei Meilen von hier; er sah vornehm und stattlich aus und ritt auf eben dem Maulesel, der nun hier tot liegt, er hatte auch das nämliche Felleisen, das Ihr, wie Ihr sagt, gefunden und nicht angerührt habt. Er fragte uns, welcher Teil des Gebirges am wildesten und einsamsten wäre, worauf wir ihm die Gegend nannten, in der wir uns jetzt befinden, und so ist es auch, denn wenn Ihr Euch nur noch eine halbe Meile tiefer hineinbegebt, so findet Ihr vielleicht keinen Rückweg, und es ist schon ein Wunder, wie Ihr nur bis hieher gekommen seid, denn kein Weg noch Fußsteig führt nach dieser Stelle. Wie also der junge Mensch unsre Antwort vernommen hatte, ritt er nach der Gegend fort, die wir ihm bezeichnet hatten, indem uns allen sein schönes Ansehn gefiel und wir uns über seine Fragen verwunderten, sowie über die Hast, mit der er alsbald den Weg ins Gebirge einschlug. Seitdem sahn wir ihn nicht mehr, bis er nach etlichen Tagen einem von unseren Hirten begegnete, ohne ein Wort zu sprechen sich an ihn machte und ihm viele Schläge und Stöße gab, worauf er sich der Schäfertasche bemächtigte und Brot und Käse, das drinnen war, herausnahm, hierauf aber mit erstaunlicher Schnelligkeit in das Gebirge zurückrannte. Da etliche von uns Ziegenhirten dies erfuhren, gingen wir wohl zwei Tage in den wüstesten Gegenden des Gebirges herum, um ihn zu suchen, worauf wir ihn denn auch in der Höhlung eines großen, dicken. Korkbaumes fanden. Er kam sehr ruhig auf uns zu, seine Kleidung war schon zerrissen, sein Angesicht entstellt und von der Sonne verbrannt, so daß wir ihn kaum wiedererkannten, doch gaben uns seine Kleider, ob sie schon zerrissen waren, Merkmale genug, woraus wir abnahmen, daß er der nämliche sei, den wir suchten. Er grüßte uns sehr höflich und sagte uns in wenigen und verständigen Worten, daß wir uns nicht über sein Bezeigen verwundern möchten, denn so müsse er sein Wesen treiben, um eine gewisse Buße zu vollbringen, die ihm wegen seiner mannigfaltigen Sünden aufgelegt sei. Wir baten ihn hierauf, daß er uns doch sagen möchte, wer er sei, aber dazu konnten wir ihn nicht bringen, worauf wir ihn auch ersuchten, wenn er zu seinem Unterhalte etwas bedürfte, sollte er uns sagen, wo wir ihn antreffen könnten, denn wir wollten es ihm mit aller Liebe und Freundschaft bringen; wäre aber auch dies nicht nach seinem Wohlgefallen, so möchte er uns wenigstens darum ansprechen, es aber den Hirten nicht mit Gewalt wegnehmen. Er dankte uns für unsere Freundschaft sehr und bat uns wegen der Gewalttätigkeiten um Verzeihung, versprach auch, uns ins künftige um Gottes willen darum anzusprechen, ohne jemand Leids zu tun. Was aber seine Wohnung betreffe, fuhr er fort, so habe er keine andre, als das, was er gerade fände, wenn ihn die Nacht überraschte. Er endigte seine Rede mit solcher herzdurchdringenden Wehklage, daß wir alle, die wir zuhörten, von Stein hätten sein müssen, wenn wir nicht auch geweint hätten, denn wir erinnerten uns, in welcher Gestalt wir ihn das erstemal gesehen hatten, und wie wir ihn nun vor uns sahn, denn wie gesagt, er war ein sehr schöner und ansehnlicher junger Herr, und seine höflichen und wohlgesetzten Reden bewiesen auch, daß er von vornehmer Familie sein mußte, und ob wir, seine Zuhörer, gleich nur Bauersleute waren, so war doch seine Lieblichkeit so stark, daß selbst ein bäurisches Gemüt davon durchdrungen werden mußte. Indem er nun noch am besten in seiner Rede fortfuhr, hielt er plötzlich inne und verstummte, lange Zeit verschloß er die Augen, indes wir alle verwundert dastanden und warteten, was aus dieser Verzückung werden sollte. Es war uns ein kläglicher Anblick, denn sowie er die Augen wieder aufmachte, sah er lange Zeit ganz starr den Boden an, ohne die Augenwimpern zu bewegen, dann drückte er sie wieder zu, rührte die Lippen und zog die Augbrauen zusammen, woraus wir leichtlich abnahmen, daß ihn wieder ein Anstoß von Wahnsinn überfiele. Er gab uns auch zu erkennen, wie richtig unsre Vermutung gewesen sei, denn wild sprang er plötzlich von der Erde auf und warf sich auf den, der ihm am nächsten stand mit so großer Gewalt und Wütigkeit, daß, wenn wir ihn ihm nicht aus den Händen rissen, er ihn gewiß mit Faustschlägen und Hieben umgebracht hätte, wobei er beständig ausrief: „Ha! nichtswürdiger Fernando! jetzt sollst du deine Beleidigungen bezahlen, diese.Hände sollen dir das Herz ausreißen, in welchem alle Bosheiten herbergen und wohnen, vorzüglich Betrug und Hinterlist.“ Er fügte noch mehr Reden hinzu, die sich alle darauf bezogen, von einem Fernando Übels zu sprechen und ihn als einen Verräter und Nichtswürdigen zu behandeln. Wir verließen ihn sehr betrübt, und er, ohne ein Wort zu sagen, entfernte sich von uns und rannte so schnell in das Buschwerk und die Steinklippen hinein, daß wir ihm nicht folgen konnten. Daraus schlossen wir aber, daß die Raserei ihn nur zuzeiten überfiele und daß ein gewisser Fernando ihm ein überaus großes Unrecht zugefügt haben müsse, daß er dadurch so weit heruntergebracht sei. Diese Vermutungen haben sich auch bestätigt, denn er hat sich seitdem oftmals sehn lassen, manchmal um die Schäfer zu bitten, daß sie ihm etwas von ihrem Essen mitteilen möchten, manchmal nimmt er es ihnen aber auch wieder mit Gewalt weg, denn sobald er in seiner Raserei ist, achtet er nicht darauf, wenn ihm die Hirten auch alles in Güte anbieten, sondern er erobert es mit Schlägen, und wenn er wieder bei Sinnen ist, bittet er es um Gottes willen und mit vieler Höflichkeit und Artigkeit, auch dankt er ihnen mit vieler Rührung und Vergießung häufiger Tränen. „Seitdem, meine Herrn“, fuhr der Ziegenhirt fort, „haben ich und vier andre Schäfer, zwei Knechte nämlich und zwei von meinen Freunden, uns vorgenommen, ihn so lange zu suchen, bis wir ihn finden, und wenn wir ihn gefunden haben, wollen wir ihn, seiʼs nun mit Güte oder Gewalt, nach Almodovar führen, das nur acht Meilen von hier liegt, und ihn da kurieren lassen, wenn seine Krankheit eine Kur verträgt, oder doch, wenn er bei Sinnen ist, von ihm erfahren, wer er sein mag, damit man der Familie Nachricht von seinem Unglücke geben kann. Dies, meine Herrn, ist alles, was ich euch auf eure Fragen antworten kann, der, dem die Sachen gehören, die ihr gefunden habt, ist der nämliche, den ihr mit so großer Behendigkeit und halb nackt vorüberrennen saht“ (denn Don Quixote hatte ihm schon erzählt, wie er einen Menschen im Gebirge habe klettern sehn). Dieser war durch das, was ihm der Ziegenhirt erzählt hatte, in Erstaunen gesetzt, und seine Begierde, zu erfahren, wer der arme Wahnsinnige sei, war dadurch um vieles erhöht, er nahm sich also nochmals, wie er schon vorher beschlossen hatte, vor, ihn im ganzen Gebirge aufzusuchen und keine Kluft und keine Höhle unbeachtet zu lassen, bis er ihn endlich gefunden hätte. Das Schicksal führte es aber besser, als er es erwartete oder hoffte, denn in demselben Augenblicke zeigte sich in einem hohlen Wege zwischen den Bergen der junge Mensch, den er suchte, der etwas für sich murmelte, was man nicht nahe an ihm, viel weniger in der Entfernung verstehn konnte. Seine Tracht war, wie sie oben beschrieben ist, nur bemerkte Don Quixote in der Nähe, daß das zerrissene Koller, das er trug, vom feinsten corduanischen Leder war, wodurch er völlig überzeugt wurde, daß ein Mensch, der solche Kleider führe, von keinem gemeinen Stande sein müsse.

Als der Jüngling näher kam, grüßte er sie mit rauher und heiserer Stimme, aber mit vieler Höflichkeit. Don Quixote erwiderte den Gruß ebenso artig, stieg vom Rosinante ab und umarmte ihn mit edlem Anstande und großer Leutseligkeit, indem er ihn eine geraume Zeit fest in seinen Armen geschlossen hielt, als wenn er ihn seit vielen Jahren kennte. Der andre, den man den Zerlumpten von der kläglichen Gestalt nennen könnte, wie Don Quixote der von der traurigen heißt, entfernte ihn ein wenig von sich, nachdem sie sich wieder aus den Armen gelassen hatten und legte seine Hände auf die Schultern Don Quixotes, er beschaute ihn dann, als wollte er sich besinnen, ob er ihn kennte, vielleicht ebenso erstaunt, die Gestalt, Bildung und Waffenrüstung Don Quixotes vor sich zu sehn, als Don Quixote erstaunt war, ihn zu erblicken. Der erste, der endlich nach der Umarmung redete, war der Zerlumpte, und er sagte:

„Wahrlich, mein Herr, wer Ihr, da ich Euch nicht kenne, auch sein mögt, so danke ich Euch dennoch für diese Beweise von Freundschaft, die Ihr mir soeben gegeben habt, und ich wünschte imstande zu sein, daß ich etwas mehr als meinen guten Willen, Euch zu dienen, zur Vergeltung anbieten könnte; aber das Schicksal hat mir nichts weiter übriggelassen, womit ich dergleichen edle Teilnahme erwidern kann, als meine guten Wünsche.“

„Meine Wünsche“, antwortete Don Quixote, „bestehn nur darin, Euch zu dienen, so daß ich entschlossen war, diese Berge nicht eher zu verlassen, bis ich Euch gefunden und von Euch erfahren hätte, ob für Euer übermäßiges Leiden, das Eure kümmerliche Lebensweise genug andeutet, nicht irgendeine Linderung zu finden sei. Ich beschwöre Euch bei dem, was Ihr im Leben am meisten geliebt habt, oder noch liebt, mir zu sagen, wer Ihr seid, mir den Grund zu entdecken, der Euch soweit führte, in diesen Einöden wie ein wildes Tier zu leben und zu sterben. Und ich schwöre“, fuhr Don Quixote fort, „bei dem Orden der Ritterschaft, den ich empfangen habe, so ein unwürdiger Sünder ich auch bin, und bei dem Stande eines fahrenden Ritters schwöre ich, daß, wenn Ihr hierin, edler Herr, mein Begehren erfüllt, ich mein Versprechen erfüllen werde, wie ich verpflichtet, da ich der bin, der ich bin, und Euer Unglück zu vermitteln, wenn es eine Vermittelung zuläßt, oder mindestens mit Euch zu weinen, wie ich es Euch versprochen habe.“

Der Ritter vom Gebüsche, wie er diese Rede dessen von der traurigen Gestalt vernahm, tat nichts weiter, als daß er ihn beschaute und wieder beschaute, und wiederum vom Kopf bis zu den Füßen beschaute, und nachdem er ihn genug betrachtet hatte, sagte er: „Wenn Ihr etwas zu essen bei Euch habt, so gebt es mir um Gottes willen, denn sowie ich gegessen habe, will ich nach Eurem Befehle alles tun, als Danksagung für so freundschaftliche Gesinnungen, wie Ihr mir bewiesen habt.“

Sogleich holten Sancho aus seinem Beutel und der Ziegenhirt aus seiner Tasche etwas hervor, womit der Zerlumpte seinen Hunger stillen konnte, der wie ein Blödsinniger alles mit solcher Hast verschlang, daß er schnell einen Bissen nach dem andern ohne zu kauen hinunterschluckte, wobei während dem Essen weder von ihm noch von denen, die ihm zusahen, ein Wort gesprochen wurde. Als er gegessen hatte, machte er Zeichen, daß sie ihm folgen möchten, wie sie auch taten; er führte sie auf einen grünen Wiesenplatz, den sie in der Nähe um die Biegung eines Felsen antrafen. Als sie dort waren, setzte er sich im Grase nieder, die übrigen taten das nämliche und keiner sprach ein Wort, bis der Zerlumpte, nachdem er sich ganz nach seiner Bequemlichkeit gesetzt hatte, sagte: „Wenn ihr es wünscht, meine Herren, daß ich euch kürzlich die Unermeßlichkeit meiner Leiden erzähle, so müßt ihr mir versprechen, weder durch eine Frage, noch auf andre Weise den Faden meiner traurigen Geschichte zu zerreißen, denn sowie dieses geschieht, werde ich keineswegs die Erzählung vollenden können.“

Don Quixote versprach alles im Namen der übrigen, und jener fing nach dieser Versicherung also an:

„Mein Name ist Cardenio, mein Geburtsort eine der vornehmsten Städte in Andalusien, meine Familie ist edel, meine Eltern sind reich und mein Unglück ist so groß, daß meine Eltern es beweinen werden, meine Familie darüber trauern wird, ohne daß sie mir mit ihren Reichtümern helfen können; denn um die Verhängnisse des Himmels abzuwenden, sind die Güter des Glücks von wenigem Nutzen. In dieser nämlichen Stadt lebte der Himmel, den die Liebe mit aller ihrer Herrlichkeit geschmückt hatte, um meine Sehnsucht zu erregen: so groß war die Schönheit Lucindens, eines Mädchens, nicht minder edel und reich als ich, aber von besserm Glück und geringerer Standhaftigkeit, als sie meiner edlen Liebe schuldig war. Diese Lucinde ward von mir seit meinen frühesten Jahren geliebt und angebetet und sie liebte mich mit jener Kindlichkeit und Einfalt, die ihrer Jugend natürlich waren. Unsre Eltern kannten unsre Absicht und waren nicht unwillig darüber, denn sie sahen wohl ein, daß die Zeit unsre Vermählung herbeiführen würde, etwas, das gut mit der Gleichheit unsers Adels und Vermögens übereinstimmte. Unsre Jahre nahmen zu und mit ihnen wuchs unsre beiderseitige Liebe, so daß es Lucindens Vater für gut hielt, mir aus unverwerflichen Rücksichten den Zutritt in seinem Hause zu verweigern. Durch diesen Vorfall ergossen sich Tränen auf Tränen, Wünsche beflügelten Wünsche, denn war auch unsern Zungen Stillschweigen auferlegt, so konnten sie doch unsre Federn nicht verstummen machen, die gewöhnlich dreister als die Zungen die Empfindungen des Herzens zu erkennen geben, denn die Gegenwart des geliebten Gegenstandes macht nur zu oft den kühnsten Vorsatz und die verwegenste Zunge zaghaft und unberedt. O Himmel! wie viele Briefe schrieb ich ihr! wie viele Antworten, so erfreulich als anständig erhielt ich von ihr! Wie viele Gesänge, wie so manche verliebten Lieder wurden von mir gedichtet, in denen das Herz alle seine Empfindungen darstellte, seine brünstigen Wünsche malte, ihr Andenken feierte und sich ihrem Dienste widmete! Wie ich nun sah, daß diese Liebe mich verzehrte, daß mein Geist über den Wunsch, sie zu sehn, verschmachtete, faßte ich den Vorsatz, das beste und einzige zu tun, um das erwünschte und verdiente Gut zu besitzen, und dies war, sie von ihrem Vater zu meiner rechtmäßigen Gattin zu verlangen. Es geschah und er antwortete, wie er meinen Vorschlag annehmlich und ehrenvoll fände, und wünsche, mir ebenso zu erwidern, da aber mein Vater noch lebe, sei es diesem am besten anständig, diese Anfrage zu tun, stimme er aber nicht mit ganzem Willen damit überein, so sei Lucinde kein Mädchen, um sie verstohlen zu versprechen oder anzunehmen. Ich dankte ihm für seine edle und verständige Antwort, und versprach, daß mein Vater selbst sogleich meinen Antrag wiederholen werde, worauf ich mich auch sogleich zu meinem Vater begab, um ihm meine Wünsche mitzuteilen, und sowie ich in sein Zimmer trete, finde ich ihn mit einem offenen Briefe in der Hand, und ehe ich ihn noch anreden kann, sagte er zu mir: „Lies, Cardenio, diesen Brief und sieh, welche Gnade dir der Herzog Ricardo erzeigt.“ Dieser Herzog Ricardo ist ein Großer von Spanien, der seine Besitzungen im schönsten Teile von Andalusien hat. Ich nahm und las den Brief, der mir so schmeichelhaft schien, daß es mir selber unverständig vorkam, wenn mein Vater sich nicht dem Willen des Herzogs gefügt hätte, der mich sogleich zu sich verlangte, um der Gesellschafter, nicht der Diener, seines ältesten Sohnes zu sein, wofür er versprach, mich so zu befördern, wie es der Achtung angemessen sei, die er für mich habe. Ich las den Brief und verstummte, noch mehr, als mein Vater sagte: „In zwei Tagen, Cardenio, wirst du abreisen, um den Willen des Herzogs zu erfüllen, und danke dem Himmel, daß sich dir so ein Weg eröffnet, auf dem deine Verdienste ihren schönsten Lohn erhalten können.“ Diesen Worten fügte mein Vater noch andre väterliche Ermahnungen hinzu. Die Zeit meiner Abreise näherte sich, in einer Nacht sprach ich Lucinden, erzählte ihr, was vorgefallen sei, ging dann zu ihrem Vater und bat, einige Zeit zu warten und auf keine Partie für sie zu denken, bis ich gesehn hätte, was Ricardo mit mir vorhabe: er versprach es, und sie bestätigte sich mir mit tausend Schwüren und heißen Tränen.

Ich kam beim Herzoge Ricardo an. Er empfing mich so gnädig und freundschaftlich, daß dies sogleich den Neid seiner ältern Diener in Bewegung setzte, weil sie meinten, die Gunstbezeigungen, die der Herzog mir bewies, könnten ihnen zum Nachteile gereichen; wer mir aber vor allen mit Freundschaft entgegen kam, war der zweite Sohn des Herzogs, Fernando, ein schöner, feuriger Jüngling, großmütig und verliebt, der mich in kurzer Zeit so sehr zu seinem Freunde machte, daß sich alle darüber verwunderten, und ob mir gleich der ältere Sohn auch sehr günstig war, so war dies doch nicht mit dem Enthusiasmus zu vergleichen, mit dem mich Don Fernando liebte. Wie es nun unter wahren Freunden kein Geheimnis gibt, das sie sich nicht mitteilten, so wurde ich auch so sehr Don Fernandos Vertrauter, daß ich alle seine Gedanken erfuhr, vorzüglich eine Liebschaft, die ihm nicht weniger Unruhe verursachte. Er liebte nämlich ein Landmädchen, eine Vasallin seines Vaters, die so schön, sittsam, verständig und tugendhaft war, daß man schwer bestimmen konnte, welche von diesen Eigenschaften in ihr die vorzüglichsten wären. Diese Vorzüge des schönen Landmädchens führten die Leidenschaften Don Fernandos so weit, daß er, um ihre ganze Gunst und Liebe völlig zu besitzen, ihr versprach, ihr Gemahl zu werden, weil sie sich ihm auf keine andre Weise ergeben wollte. Ich versuchte es als Freund, ihn mit den dringendsten Gründen und überzeugendsten Wahrheiten von diesem Vorsatze zurückzubringen; da ich aber sah, wie unnütz meine Bemühungen waren, nahm ich mir vor, die Sache seinem Vater, dem Herzoge Ricardo, zu entdecken. Don Fernando aber, der schlau und klug war, argwöhnte und fürchtete dies, weil er wohl einsehn konnte, daß ich in meiner Lage als ein redlicher Diener gezwungen sei, eine Sache zu entdecken, die dem herzoglichen Hause so nachteilig werden konnte. Um mich also zu hintergehn, sagte er mir, daß er kein besseres Mittel wüßte, aus seinem Gedächtnisse das Bild jener Schönheit, die sich seiner so gänzlich bemächtigt hatte, zu entfernen, als auf einige Monate zu verreisen, und zwar, wie er wünschte, meinen Vater zu besuchen und zugleich in Angelegenheiten des Herzogs einige schöne Pferde in meiner Vaterstadt auszusuchen und zu kaufen, die in der Tat die trefflichsten Pferde hervorbringt. Ich hatte kaum diesen Vorschlag vernommen, als ich auch, von meiner Leidenschaft angegetrieben, ihn als den glücklichsten und heilsamsten Gedanken billigte, obgleich die wahre Ursach dieses Entschlusses nicht die beste war, denn sogleich fiel er mir als die glücklichste Gelegenheit auf, meine teure Lucinde wiederzusehn. Ich billigte und lobte also seinen Vorsatz, und bestätigte ihn darin, ihn sobald als möglich auszuführen, denn die Abwesenheit vermöge viel selbst über die heftigste Leidenschaft; indem er mir aber diesen Vorschlag tat, hatte er schon, wie ich nachher erfuhr, unter dem Titel eines Gemahls, die Gunst des Landmädchens genossen und wartete nur auf eine schickliche Gelegenheit, sich ohne Schaden dem Herzoge entdecken zu können, weil er sich vor den Maßregeln seines Vaters fürchtete, wenn dieser seine Unbesonnenheit erführe. Wie aber die Liebe bei den Jünglingen fast immer nur Begierde ist, die sich das Vergnügen zu ihrem letzten Ziele setzt, im Genusse dann alle Wünsche mit verschwinden, und sich dann das vermindert, was Liebe schien, weil sie die Grenze nicht überschreiten können, die die Natur setzt, welche Grenze aber für die wahrhaftige Liebe gar nicht gestellt ist: also, wie Don Fernando die Gunst seines Landmädchens genossen hatte, verstummten seine Wünsche, sein Feuer erlosch und wie er erst diese Reise vorgab, um seine Leidenschaft zu heilen, so nahm er sie jetzt im Ernste vor, um das nicht zu erfüllen, was er in der Leidenschaft versprochen hatte.

Der Herzog gab die Erlaubnis und befahl mir, ihn zu begleiten; wir kamen in meiner Heimat an, mein Vater empfing ihn nach seinem Stande, und ich besuchte sogleich Lucinden, wodurch meine Liebe, die weder gestorben noch eingeschläfert war, von neuem belebt wurde. Zu meinem Unglücke erzählte ich dem Don Fernando von ihr, weil ich meinte, ich dürfte ihm, als meinem vertrautesten Freunde, nichts verhehlen; ich lobte ihm die Schönheit, Liebenswürdigkeit und den Verstand der Lucinde so sehr, daß meine Lobpreisungen in ihm den Wunsch erregten, ein Mädchen zu sehn, das mit allen Vollkommenheiten so ausgestattet sei. Zu meinem Verderben erfüllte ich seinen Wunsch, ich zeigte sie ihm beim Scheine einer Nacht an einem Fenster, wo wir uns gewöhnlich zu sprechen pflegten; er sah sie So Schön, daß er über diesen Anblick alle Schönheit, die er nur je gesehn hatte, durchaus vergaß. Er wurde still, verlor seine Munterkeit, ward in sich verschlossen und mit einem Worte so verliebt, wie ihr es in der fortgesetzten Erzählung meines Unglücks erfahren werdet. Um seine Leidenschaft noch mehr zu entflammen, die er mir verbarg und nur in der Einsamkeit dem Himmel vertraute, mußte er durch einen Zufall an einem Tage einen Brief von ihr finden, in welchem sie mich bat, sie von ihrem Vater zur Gemahlin zu verlangen, der so geistreich, edel und in solchen Ausdrücken der Liebe geschrieben war, daß er mir schwur, in Lucinden vereinigten sich alle Schönheiten des Körpers und der Seele, die unter den übrigen Weibern einzeln verteilt wären. Ich muß gestehn, so gerecht die Lobeserhebungen mir auch schienen, in denen sich Don Fernando über Lucinden ergoß, so fiel es mir doch verdrießlich, sie aus seinem Munde zu hören, ich fing an, ihn zu fürchten und ihm weniger zu trauen, denn es verging kein Augenblick, in welchem er nicht über Lucinden gesprochen hätte, ja er lenkte das Gespräch auf sie, wenn es gleich noch so gewaltsam geschehn mußte, wodurch in meiner Brust eine gewisse Eifersucht erweckt wurde, nicht, weil ich an Lucindens Tugend und Treue gezweifelt hätte, sondern weil ich das Unglück ahnte, das mich nachher wirklich betroffen hat. Don Fernando ließ sich immer die Papiere zeigen, die ich an Lucinden schrieb und die sie mir zur Antwort schickte, unter dem Vorwande, daß ihm der geistreiche Ton in beiden so wohl gefalle. So geschah es auch, daß Lucinde mich einst um ein Ritterbuch gebeten hatte, welches sie lesen wollte und welche Lektüre sie ungemein liebte, sie forderte nämlich den Amadis von Gallia.“

Don Quixote hatte kaum die Ritterbücher nennen hören, als er sagte: „Hättet Ihr mir, mein Herr, gleich im Anfange Eurer Erzählung gesagt, daß das Fräulein Lucinde die Ritterbücher geliebt habe, so wäre keine weitere Lobpreisung nötig gewesen, um mir ihren hohen Verstand kundzugeben, auch würde sie mir nicht so trefflich erschienen sein, wie Ihr sie uns, Señor, gezeichnet habt, wenn ihr der Geschmack an dieser lieblichen Lektüre ermangelt hätte; meinethalben ist es auch nicht vonnöten, noch mehr Worte zur Beschreibung ihrer Schönheit zu verschwenden, sowie über ihren hohen Wert und Verstand, denn aus diesem ihrem Geschmacke ersehe ich, daß sie die schönste und verständigste Frau von der Welt gewesen; doch, Señor, würde es mir zur Freude gereichen, wenn Ihr ihr mit dem Amadis von Gallia zugleich den herrlichen Don Rugel von Graecia übersandt hättet, denn ich weiß, Donna Lucinde hätte sich sehr über Darayda und Garaya gefreut, nicht minder über die Wohlredenheit des Schäfers Darinel, sowie über die wundernswürdigen Verse in seinen Eklogen, die er mit ungemeiner Anmut, mit Witz und Freimütigkeit singt. Doch läßt sich diese Fahrlässigkeit mit der Zeit vielleicht verbessern, und um sie zu verbessern, dürfte mein werter Herr nur mit mir nach meiner Heimat kommen, wo ich ihm mit mehr als dreihundert Büchern aufwarten könnte, die die Freude meiner Seele und die Unterhaltung meines Lebens ausmachen. Doch halte ich im stillen dafür, daß ich keins von allen behalten habe, soweit hat es die Bosheit der schlechten und neidhaften Zauberer durchgesetzt. Doch mein Herr vergebe mir, daß ich meinem Versprechen zuwider gehandelt, seine Erzählung nicht zu unterbrechen, denn da ich von Ritterschaft und fahrenden Rittern hörte, war es mir ebenso unmöglich, nicht etwas darüber zu sagen, wie es den Sonnenstrahlen unmöglich ist, nicht zu wärmen, oder dem Schimmer des Mondes, nicht feucht zu sein. Ich bitte also um Verzeihung, sowie um die Fortsetzung, denn dieses ist, was ich mir zur Stunde am meisten wünsche.“

Indem Don Quixote dies alles sprach, ließ Cardenio seinen Kopf auf die Brust heruntersinken und schien in tiefen Gedanken vergraben, und obgleich ihn Don Quixote zweimal bat, in seiner Geschichte fortzufahren, hob er doch weder den Kopf auf, noch sprach ein Wort; nach langer Zeit aber richtete er den Kopf gerade und sagte: „Ich kann es mir nicht aus den Gedanken schlagen, und kein Mensch auf Erden wird es mir aus den Gedanken schlagen, oder mich eines andern überreden, und der soll ein Lümmel sein, der sich selbst vom Gegenteil überredet, oder etwas anders glaubt, als daß der Schuft von Meister Elisabath wirklich bei der Königin Madasima geschlafen habe.“

„Und ich sage nein und beschwöre das“, antwortete Don Quixote mit großer Heftigkeit, indem er sich wie gewöhnlich erzürnte, „dies ist eine schreckliche Bosheit, oder richtiger zu reden, Hundsfötterei! Die Königin Madasima war eine hocherhabene Dame und es läßt sich unmöglich glauben, daß eine so glorreiche Prinzessin bei derlei Lausekerl geschlafen habe, und wer das Gegenteil meint, lügt es wie ein Hundsfott; und dieses will ich ihm zu Fuß oder zu Pferde, bewaffnet oder unbewaffnet, bei Tage oder in der Nacht, oder wie es ihm gut dünkt, beweisen.“

Cardenio schaute ihm sehr ernsthaft ins Gesicht, er hatte schon seinen Anfall von Wahnsinn und war wenig aufgelegt, seine Geschichte fortzusetzen, Don Quixote war aber ebensowenig zum Hören aufgelegt, so sehr war er durch das erbittert, was er von der Madasima hatte hören müssen. Wie sonderbar! daß er sich so für sie verwandte, als wäre sie seine eigene und wahrhaftige Dame; so sehr hielten ihn seine sündhaften Bücher in Stricken! Wie sich aber Cardenio, der schon verrückt war, für einen Lügner und Hundsfott schelten hörte, nebst andern ähnlichen Benennungen, so empfand er den Spaß übel, ergriff einen Kieselstein und warf ihn mit solcher Gewalt dem Don Quixote auf die Brust, daß dieser rücklings überstürzte. Als Sancho Pansa seinen Gebieter in solcher Manier behandeln sah, machte er sich mit geballter Faust über den Verrückten, der Zerlumpte aber empfing ihn so, daß er ihn mit einem Faustschlage zu seinen Füßen niederstreckte, worauf er sich auf ihn begab und ihm nach Herzenslust die Rippen eintrampelte. Der Ziegenhirt, der jenem beistehen wollte, unterwarf sich der nämlichen Gefahr, und nachdem er sie alle besiegt und zerprügelt hatte, stand er ab und entfernte sich mit edler Ruhe, um sich in den Bergen zu verlieren. Sancho richtete sich auf, und wütend, sich so ohne Verschulden zerklopft zu sehn, fiel er darauf, am Ziegenhirten seine Rache zu nehmen, weil er ihm die ganze Schuld zuschrieb, daß er sie nicht gewarnt hätte, wie jenen Menschen zuzeiten eine Tollheit befiele, damit sie sich nach dieser gegebenen Warnung vor ihm hätten hüten können. Der Ziegenhirt antwortete, daß er es wohl gesagt habe, wenn er es aber nicht gehört habe, so sei das nicht seine Schuld. Sancho Pansa erwiderte; und ebenfalls erwiderte der Ziegenhirt, und aus allen diesen Erwiderungen ergab sichʼs, daß sie sich in die Haare gerieten und solche Faustschläge zuteilten, daß, hätte Don Quixote nicht Frieden gestiftet, sie in Stücke gegangen wären. Sancho rief, mit dem Ziegenhirten verwickelt: „Laßt mich nur, gnädiger Herr Ritter von der traurigen Gestalt, denn dieser da ist ein Bauer wie ich und kein geschlagener Ritter, ich kann also selbst für die verübte Beschwer Genugtuung nehmen, und mich Faust gegen Faust wie ein ehrlicher Kerl prügeln.“

„So ist es“, sagte Don Quixote, „aber ich sehe ein, daß er an dem, was uns zustieß, unschuldig ist.“ Er machte sie also friedsam, und Don Quixote fragte den Ziegenhirten von neuem, ob es nicht möglich sein sollte, den Cardenio aufzufinden, denn er hege den herzlichsten Wunsch, den Beschluß seiner Historie zu erfahren. Der Ziegenhirt wiederholte, was er schon einmal gesagt hatte, daß man seinen Aufenthalt nicht mit Gewißheit angeben könne, wolle er aber fleißig in diesen Gegenden herumwandern, so würde er ihn gewiß, gescheit oder verrückt, antreffen.

Von den wunderbaren Dingen, die dem tapferen Ritter von la Mancha im schwarzen Gebirge begegneten, und wie er die Buße des Dunkelschön nachahmte

Der Ziegenhirt trennte sich von Don Quixote und dieser bestieg wiederum den Rosinante und befahl dem Sancho, ihm zu folgen, der es auf seinem Tier im hohen Verdrusse tat. Sie reisten langsam weiter und gelangten an die rauhesten Gegenden des Gebirges; Sancho starb beinahe vor Lust, mit seinem Herrn zu disputieren und wünschte nur, daß jener das Gespräch anfangen möchte, damit er nicht dem gegebenen Befehle zuwiderhandelte; da er aber das lange Stillschweigen nicht aushalten konnte, sagte er endlich: „Herr Don Quixote, gebt mir Euren Segen und die Erlaubnis, nach meinem Hause zurückzukehren, daß ich meine Frau und Kinder wiedersehe, denn mit ihnen kann ich doch alles sprechen und schwatzen, was ich Lust habe; aber daß Ihr verlangt, ich soll mit Euch Tag und Nacht durch diese Wüsteneien ziehen, ohne zu reden, was mir in den Mund kommt, heißt mich bei lebendigem Leibe begraben. Ja, wäre es noch der Fall, daß die Tiere sprechen könnten, so könnte ich doch mit meinem Esel alles reden, wozu ich nur Lust hätte, und so mein schlimmes Glück verschmerzen; aber das ist zu hart und keine Geduld reichte da aus, zeit seines Lebens nach Abenteuern herumzusuchen, und immer nur Prügel und Prellen, Tritte und Faustschläge anzutreffen, und bei alledem nicht einmal das Maul auftun dürfen, daß man gar nicht herausreden darf, was man auf dem Herzen hat, als wenn man stumm wäre.“

„Ich verstehe dich, Sancho“, antwortete Don Quixote, „du willst platzen, weil ich deiner Zunge einen Zaum angelegt habe, ich will ihn also hiemit auflösen, sprich was du willst, doch unter der Bedingung, daß diese Freiheit nur gilt, solange wir in diesen Bergen herumziehn.“

„Ich nehmʼ es an“, sagte Sancho, „und so will ich auch gleich reden, was Gott nur bescheren mag, ich will gleich anfangen, meine Erlaubnis zu benutzen und also, wie kamt Ihr denn dazu, Euch so der Königin Madam Trine anzunehmen, oder wie sie heißen mag? Was gingʼs Euch an, ob sie Freunds mit dem Salbader gewesen ist, oder nicht? Hättet Ihr Euch darum nicht bekümmert, denn Ihr waret nicht Richter in der Sache, so wäre der Verrückte in seiner Geschichte fortgefahren, und so wäre nichts von Kieselstein noch Prügeln oder Maulschellen vorgefallen.“

„Wahrlich, Sancho“, antwortete Don Quixote, „wüßtest du es so gut, wie ich es weiß, welch eine ehrenvolle und vorzügliche Dame diese Königin Madasima gewesen, gewiß würdest du finden, daß ich noch zu viele Geduld bewiesen, indem ich den Rachen nicht sogleich zerschmetterte, der dergleichen Lästerungen ausstieß; denn eine Lästerung ist es, zu sagen, ja nur zu denken, daß eine Königin die Beischläferin eines Wundarztes sei. Das Wahre an der Sache ist, daß dieser Meister Elisabath, von dem der Verrückte redete, ein sehr verständiger Mann und kluger Kopf war. Er diente der Königin zum Ratgeber und Arzte; aber zu vermeinen, daß sie seine Geliebte gewesen, ist eine Widersinnigkeit, die schwere Züchtigung verdient; und damit du einsiehst, wie Cardenio nicht wußte, was er redete, mußt du nur darauf merken, daß, als er dieses sagte, er schon ohne Verstand war.“

„Das sag ich eben“, antwortete Sancho, „daß man auf die Reden eines Verrückten nicht acht geben müsse, denn hätte das Glück Euch nicht beigestanden, so daß der Kieselstein Euch nach dem Kopfe wie nach der Brust geflogen wäre, so befänden wir uns nun herrlich dafür, daß wir uns der Dame angenommen haben, die Gott verderben mag, und beim Wetter, dann warʼs gleich, Cardenio mochte verrückt sein oder nicht.“

„Gegen Gescheite und gegen Verrückte ist jedweder fahrende Ritter gezwungen, sich für die Ehre der Frauen, welche es auch seien, einzustellen, wievielmehr für Königinnen von so hohem Stande, und gar für die Königin Madasima, die ich wegen ihrer guten Eigenschaften. ganz vorzüglich liebe, denn außer, daß sie über alle Maßen schön war, war sie auch sehr vorsichtig, und in allen Leiden, deren sie viele erlebte, außerordentlich geduldig, und eben der Rat und die Gesellschaft des Meisters Elisabath waren ihr von großem Nutzen und halfen ihr alles Unglück mit Klugheit und Gelassenheit ertragen, und hieraus nahm der unwissende und schlechtdenkende Pöbel Gelegenheit, zu denken und zu sagen, daß sie seine Beischläferin gewesen, aber sie lügen, sag ich abermals, und lügen tausendmal, alle diejenigen, die es denken oder sagen.“

„Ich denkʼs nicht, ich sagʼs nicht“, antwortete Sancho, „sie mögenʼs selber ausmachen, jeder wische seine eigne Nase; haben sie beieinander geschlafen oder nicht, Gott magʼs wissen, jeder fege vor seiner Tür, ich bekümmere mich um nichts, es ist nicht meine Sache, fremde Eier zu bekritteln, wer einkauft und lügt, es auf seine Rechnung kriegt; und nicht wahr, nackt bin ich auf die Welt gekommen, nackt gehʼ ich wieder fort, mir kannʼs nichts eintragen. Magʼs jeder treiben, wie er will, was kümmertʼs mich? So mancher geht nach Wolle und kommt geschoren nach Hause; wie kann man ein freies Feld durch Tore verschließen? Gott ist der Richter über alles.“

„In Gottes Namen, halt!“ rief Don Quixote, „welche Tollheiten, Sancho, stopfst du da ineinander? Was haben deine Sprichwörter mit unserer Materie zu tun? Bei deinem Leben, Sancho, schweig und denke künftig nur darauf, wie du deinen Esel anspornen mögest, laß dich aber über das unbekümmert, was dich nichts angeht. Begreife überdies mit allen deinen fünf Sinnen, daß alles, was ich getan habe, tue und tun werde, durchaus und in allen Stücken den Gesetzen der Ritterschaft gemäß ist, die ich besser innehabe als alle die Ritter, die sich nur jemals zu ihnen bekannten.“

„Gnädiger Herr“, antwortete Sancho, „ist denn das auch eins von den herrlicher Rittergesetzen, daß wir hier, ohne Weg und Steg, wie die Unsinnigen in den Bergen herumziehn, um einen Verrückten aufzusuchen, der, wenn wir ihn nun finden, vielleicht darauf verfällt, das zu beschließen, was er angefangen hat; ich meine nicht seine Geschichte, sondern Euern Kopf und meine Rippen, wo er dann wohl beschließt, sie ganz in Stücke zu schmeißen?“

„Schweig! sag ich dir abermal“, rief Don Quixote, „wisse, daß ich nicht bloß aus Begier, den Verrückten zu finden, durch diese Berge schweife, sondern ich will hier vielmehr eine Tathandlung unternehmen, wodurch ich mir ewigen Namen und Ruhm auf dem ganzen Umkreise der entdeckten Erde zu erwerben gedenke: diese soll so beschaffen sein, daß ich dadurch allem, was einen fahrenden Ritter vollendet und berühmt machen kann, die Krone aufsetzen will.“

„Und ist sie sehr gefährlich, diese Tathandlung?“ fragte Sancho Pansa.

„Nein“, erwiderte der von der traurigen Gestalt, „denn der Würfel mag wohl so fallen, daß wir uns bald wieder antreffen; aber alles beruht auf deiner Betriebsamkeit.“

„Auf meiner Betriebsamkeit?“ fragte Sancho.

„Ja“, sagte Don Quixote, „denn kehrst du bald von dorten zurück, wohin ich dich schicken will, so wird sich auch bald meine Qual endigen und sofort meine Glorie zu leuchten anfangen. Und damit du nicht länger in Erwartungen bleiben und sinnen mögest, worauf meine Reden hinaus wollen, so wisse, Sancho, daß Amadis von Gallia einer der vollkommensten fahrenden Ritter war. Nein, unrecht ist es, zu sagen, einer; er war von allen der fürnehmste, ja der einzige, der König von allen, die der Lauf der Zeiten seitdem hervorgebracht. Schlimm möchte es dem Don Belianis und allen denen bekommen, die da meinen, daß sie sich ihm in irgendwas vergleichen dürfen, denn ich schwöre, daß sie darinnen irren. Amadis ist den tapfern und verliebten Rittern zum Kompaß, Leitstern, zur Sonne gesetzt, damit wir ihn alle nachahmen sollen, die wir zu den Fahnen der Liebe und der Ritterschaft geschworen haben. Wenn dies nun alles Wahrheit ist, so leuchtet es mir ein, Freund Sancho, daß der fahrende Ritter, der ihm am nächsten kommt, auch dem Kranze und Ruhme eines vollendeten Ritters am nächsten steht; ein Ding aber, in welchem dieser Ritter vorzüglich seine Klugheit, seine Würde, sein Dulden, seine Standhaftigkeit und Liebe bewies, war, wie er sicht entfernte, von der Dame Oriana verschmäht, um auf dem Felsen Armut Buße zu tun, als er seinen Namen in Dunkelschön veränderte, ein wahrlich bedeutender Name, der sich zu der Lebensweise schickte, die er sich vorgesagt hatte. Es ist mir nur viel leichter, ihn hierin nachzuahmen, als darin, daß ich Riesen zerspalte, Drachen köpfe, Schlangen erdroßle, Armeen vernichte, Flotten aufreibe und Bezauberungen löse; da nun diese Örter sich so gut zu dergleichen Vornehmen schicken, so will ich auch diese Gelegenheit nicht aus den Händen lassen, die mir jetzt mit so großer Bequemlichkeit ihr Stirnhaar anbeut.“

„Vornehmlich“, sagte Sancho, „was wollt Ihr denn nun hier in der Einsamkeit tun?“

„Es ist dir ja schon gesagt“, antwortete Don Quixote, „daß ich den Amadis nachahmen will, einen Verzweifelten, Törichten und Wütigen vorstellen, und zugleich den gewaltigen Don Roldan in die Nachahmung ziehen, als er an einer Quelle die Zeichen fand, daß Angelika die Schöne mit dem Medor eine Schändlichkeit begangen habe, worüber er aus Verdruß rasend wurde, Bäume ausriß, die Gewässer der klaren Quellen trübte, Hirten erschlug, Herden zerriß, die Hürden verbrannte, die Häuser niederriß, das Vieh gebunden führte, und tausend andere Tollheiten beging, die eines ewigen Andenkens in Büchern würdig sind. Will ich aber den Roldan, Orlando oder Rotolando (denn er führt alle drei Namen) nicht in allen seinen Rasereien nachahmen, so nehme ich mir doch für, so gut ich kann, eine Auswahl unter denen, die mir die vorzüglichsten scheinen, zu veranstalten, vielleicht begnüge ich mich aber auch in der Nachahmung des Amadis,der keine schädlichen Rasereien beging, sondern sich mit Weinen und Klagen zufriedenstellte und dennochden allerschönsten Ruhm errang.“

„Es scheint doch“, sagte Sancho, „daß die Ritter, die so was taten, dazu gereizt wurden, und eine Ursache hatten, diese Narrheit und Buße zu machen; aber was hat Euer Gnaden für Ursach, rasend zu werden? Welche Dame hat Euch verschmäht? oder was für Zeichen habt Ihr gefunden, um zu wissen, daß die Dame Dulzinea von Toboso mit einem Mohren oder Christen Narrenpossen gemacht habe?“

„Da, da liegtʼs eben“, antwortete Don Quixote, „und das ist gerade die Blume meiner Unternehmung: denn daß ein fahrender Ritter aus Gründen rasend wird, darin zeigt sich so wenig Anstand als Talent; die Kunst liegt darin, ohne alle Ursach unsinnig zu werden, um dadurch seiner Dame zu verstehn zu geben, daß, wenn das am grünen Holze geschieht, wie vielmehr am dürren. Vollends da ich hinlänglich Ursach in der langen Abwesenheit von meiner ewig geliebten Dulzinea von Toboso finde: also Freund Sancho, verliere nicht die Zeit damit, mir eine so edle, glückliche und nie erhörte Nachahmung ausreden zu wollen; unsinnig bin ich, und unsinnig will ich bleiben, bis du mir die Antwort auf einen Brief bringst, mit dem ich dich an meine Dulzinea senden will. Ist die Antwort von der Art, wie sie meine Treue verdient, so ist meine Narrheit und meine Buße zu Ende; erfolgt das Gegenteil, so werde ich im Ernste unsinnig: du magst also eine Antwort zurückbringen, von welcher Art sie auch sei, so werde ich auf jeden Fall aus dem Kampfe und den Leiden erlöst, in denen du mich verlässest, so daß ich, gescheit, mich des Glückes freue, welches du mir bringst, oder, unsinnig, das Unglück nicht empfinde, das du mit dir führst. Aber sage mir, Sancho, verwahrst du auch den Helm Mambrins sorgfältig? Ich sah, wie du ihn vom Boden aufhobst, als ihn jener Undankbare zerschmettern wollte und es ihm nicht gelang, woraus man eben die Trefflichkeit seines Metalls ermessen kann.“

Auf dieses antwortete Sancho: „Bei Gott, Herr Ritter von der traurigen Gestalt, alles kann ich nicht ausstehn und in Geduld anhören, was Ihr sagt, und dadurch komme ich manchmal auf den Gedanken, daß alles, was Ihr mir von Ritterschaft sagt, und von Königreiche und Kaisertümer gewinnen und Inseln verschenken, und andre Gnaden und Herrlichkeiten auszuteilen, wie es die fahrenden Ritter in der Art haben sollen, daß alles das nur Windbeutelei und Lügen sind und alles nur Luftklöße, oder Luftschlösser, wie es heißen mag; denn wenn ich Euch sagen höre, daß ein Barbierbecken ein Helm Mambrins sei und daß Ihr länger als vier Tage in diesem Irrtume beharrt, was soll ich wohl anders denken, als daß dem, der so was glaubt und behauptet, im Kopfe was losgegangen ist? Das Becken, das voller Beulen ist, habe ich im Beutel hier, bei mir zu Hause will ichʼs mir zurechte machen lassen, und mich drinne barbieren, wenn Gott mir so gnädig ist, daß ich noch einmal meine Frau und Kinder wiedersehe.“

„Wahrlich, Sancho, bei demselben Gotte, bei dem du vorher geschworen hast“, antwortete Don Quixote, „du hast den allerdümmsten Verstand, den nur jemals noch ein Stallmeister gehabt hat. Wie ist es möglich, daß du, der schon so lange in meiner Gesellschaft ist, nicht einsiehst, wie alles, was die fahrenden Ritter angeht, nur wie Hirngespinst, Narrheit und Unsinn aussieht, und alles verkehrt und wunderlich scheint? Nicht deswegen, weil es sich also befindet, sondern weil immer ein ganzes Regiment von Zauberern hinter uns herläuft, die alle unsere Dinge verändern und verwandeln, und sie nach ihrem Gefallen auswechseln, je nachdem sie uns beschützen oder verfolgen, und so scheint, was dir wie ein Barbierbecken aussieht, mir der Helm Mambrins, und ein anderer wird es wieder für was andres ansehen; auch war es eine herrliche Vorsicht des Weisen, der auf meiner Seite ist, es so einzurichten, daß allen das ein Bartbecken scheint, was doch wahrhaftig und in der Tat der Helm Mambrins ist, denn da er von so unermeßlichem Werte ist, würde mich die ganze Welt verfolgen, um ihn nur zu besitzen; da sie ihn aber nur für ein Barbierbecken ansehen, kümmern sie sich nicht sonderlich darum, wie es sich auch bei jenem auswies, der ihn zerbrechen wollte und ihn dann mit Verachtung auf dem Boden liegen ließ, wo er ihn wahrlich nicht um alle Welt gelassen hätte, wenn er seine Preislichkeit gekannt. Hebe ihn gut auf, Freund Sancho, denn jetzt brauche ich ihn nicht, sondern ich will im Gegenteile alle diese Waffenstücke ablegen, damit ich so nackt sei, wie ich vom Mutterleibe kam, wenn es mir einfällt, in meiner Buße mehr den Roldan als den Amadis nachzuahmen.“

Unter diesen Gesprächen waren sie an den Fuß eines hohen Felsen gelangt, der unter vielen umgebenden wie eine einzelne abgeschnittene Klippe dastand: an seinem Saume floß ein sanfter Bach vorüber und bewässerte in seinen Krümmungen eine grüne und angenehme Wiese, die dem Auge einen sehr erfreulichen Anblick darbot; viele wilde Bäume standen umher, auch häufige Pflanzen und Blumen machten die Gegend sehr anmutig. Diesen Platz erwählte sich der Ritter von der traurigen Gestalt, um seine Buße zu vollbringen, und sowie er angelangt war, rief er mit lauter Stimme, als ob er schon unsinnig wäre: „Dies, o ihr Himmel, ist der Ort, den ich mir erwähle, um hier das Unglück zu beweinen, welches ihr selbst über mich verhängt habt! Dieses hier ist der Platz, wo die Tränen meiner Augen die Wellen dieses kleinen Bächleins anschwellen sollen, hier sollen meine immerwährenden tiefen Seufzer immerwährend das Laub dieser Bergbäume bewegen, als Zeugen und Beweise der Qual, die mein tief zerschnittenes Herz erleidet. O ihr, wo ihr auch sein mögt, ländliche Gottheiten, die ihr in dieser unbewohnbaren Gegend euren Aufenthalt habt, o hört die Klagen des unglücklich Liebenden, den schwere Trennung und eingebildeter Argwohn hieher geführt haben, in dieser Wildnis zu jammern, und über die Härtigkeit jener schönen Undankbaren zu klagen, jenem Preise, jener Krone aller menschlichen Schönheit. O Dulzinea von Toboso, du Tag meiner Nacht, Glanz meiner Trübsale, Kompaß meines Weges, Stern meines Glücks (schenke dir der Himmel so gutes Glück, als du es dir nur selber wünschen magst), erwäge den Ort und den Zustand, zu dem mich die Trennung von dir geführt hat, o erwidre mir mit Güte, wie es meine Treue wohl verdient hat. O ihr einsamen Bäume, ihr zukünftigen Gesellschafter meiner Abgeschiedenheit, gebt mir mit dem sanften Rauschen eurer Zweige ein Zeichen, daß euch meine Gegenwart nicht lästig fällt. O du, mein Stallmeister, liebwerter Gefährte im Glück und Unglück, fasse nunmehr wohl in dein Gedächtnis auf, was du mich wirst verrichten sehn, damit du es jener wieder sagen und erzählen kannst, die die Ursach von allem ist.“ — Und sowie er dieses sagte, stieg er vom Rosinante herunter, nahm ihm augenblicklich Zaum und Sattel ab, gab ihm mit der flachen Hand einen Schlag auf den Rükken und sagte: „Die Freiheit gibt dir der, der ohne Freiheit ist, o du Roß, so wunderbar in deinen Taten, wie unglücklich in deinem Schicksale: wandle, wohin du willst.“

Wie Sancho dies sah, sagte er: „Es ist gut, daß uns einer der Mühe überhoben hat, dem Grauen den Sattel abzunehmen, sonst sollte es wahrhaftig so wenig fehlen, ihm einen Schlag mit der Hand zu geben, als Lobpreisungen herzusagen: wäre er aber auch zugegen, so litte ich es doch nicht, daß man ihm den Sattel herunternähme, denn ihn geht das nichts an, er ist auf keine Weise in die Liebhaberei mit verwickelt, ebensowenig in die Verzweiflung, denn soweit denke ich es mit Gottes Hilfe niemals zu bringen. Aber wahrhaftig, Herr Ritter von der traurigen Gestalt, wenn es mit meinem Abmarsch und Euren Unsinnigkeiten ein Ernst werden soll, so wäre es wohl besser, da der Graue weg ist, den Rosinante dafür wieder aufzuzäumen, denn sonst möchte die Zeit meines Abreisens und Wiederkommens lange währen, denn wenn ich den Weg zu Fuß mache, so weiß ich nicht, wann ich da sein oder wiederkommen möchte, denn ich bin, um es kurz zu machen, ein schlechter Wandersmann.“

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Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
Объем:
910 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788726642919
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Правообладатель:
Bookwire
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