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Copyright: © 2021 Michael Kornas-Danisch
KISHOU II
Und so da ENTSCHIEDEN war
Und so da UNTERSCHIEDEN war
Und so da GETRENNT war
Das EINE von dem EINEN
So war da
RAUM
So war da
HIER
Und NICHT HIER
AUGE
Und HORIZONT
So war da ein SEHNEN und SUCHEN
Des EINEN
Nach dem ANDEREN
So war da ein SEHNEN und SUCHEN
Des EINEN
Nach SICH SELBST.
Das Drom der Afeten
Im Labyrinth des Unbegreiflichen und das Tal der Fügung
Die Zeichen des Dompteurs
Es war ein großer Tag für Tek. Er wusste sehr lange schon, dass in ihm ein ‚Dompteur’ heranwuchs – wie man seine außergewöhnliche Spezies in der hohen Ebene des Zweiten Tals Des Zweiten Droms bezeichnete. Früher gab es viele von ihnen, doch seit unzähligen Zeiten schon war keiner mehr unter dem Volk der Afetiten gewesen, der dessen große Kunst in sich trug.
Im Stamm der Grabenmacher allerdings herrschte Uneinigkeit darüber. Zu viele Zeiten waren vergangen, als der letzte Dompteur unter ihnen war. Mit dem Beginn des Versiegens der Großen Wasser vor langer Zeit schon, nahm ihre Zahl stetig ab – bis eines Tages keiner mehr unter ihnen war. Die meisten der Afetiten waren daher der Ansicht, dass die Zeiten der Dompteure vergangen, und die Zukunft niemals mehr einen von ihnen hervorbringen würde.
Gewiss, Tek trug das Zeichen des Dompteurs in den Augen – seine Augäpfel hatten diese unverkennbare zartblaue Färbung und die Pupillen in der tiefgrünen Iris bildeten einen aufrecht stehenden Spalt – wie es nur dem Dompteur zu Eigen war. Sie schützten ihn vor dem hypnotischen Blick des Rjuchhus, indem sie sich augenblicklich bei dessen Angriff schlossen – so konnte sein lähmender Blick nicht in sie eindringen. Aber es konnte auch alles eine Laune der Natur sein, dass Tek diese Zeichen trug. Zu viele Zeiten waren vergangen, als dass die meisten der Afetiten annehmen mochten, dass in ihm tatsächlich seit undenklichen Zeiten wieder ein Dompteur unter ihnen war. So gab es nur sehr wenige – vor allem unter den Alten – die meinten, in dem jungen Tek tatsächlich einen Dompteur zu erkennen, und sie wiesen ihn in die Kunst des Pfeilefangens in der Art ein, wie es in den Legenden überliefert, und wie es nur der Dompteur zu beherrschen in der Lage war.
Viel war von den Fähigkeiten und den Besonderheiten eines Dompteurs nicht mehr bekannt. Sie herrschen über sich selbst in einer Weise, das gar die Zeit die Macht über sie verlor – so erzählte man. Daher rührte wohl auch die Bezeichnung 'Dompteur', der doch nur die Hilflosigkeit spiegelte, der Unfasslichkeit seiner Kunst einen Namen zu geben. Hingegen ohne jeden Zweifel waren sie einzigartige Bogenschützen, und so unfehlbar sie den Pfeil in sein Ziel zu führen vermochten, sollten sie auch Gewalt über ihn gehabt haben, wenn sie selbst einmal sein Ziel werden sollten.
Tek hatte bereits viel der Zeit seines jungen Lebens damit verbracht, diese hohen Kunst zu erinnern und zu vervollkommnen – und nur ein Dompteur konnte es bis zu jener Vollendung bringen, dass er mittels seines Spinschuhs selbst viele Pfeile zur gleichen Zeit abzuwehren im Stande war. Der Stamm der Grabenmacher nutzte diese alte Verteidigungsstrategie der Dompteure, die dereinst von ihnen nur gegen das Rjuchhu gerichtet war, in aller Unvollkommenheit und so gut es eben ging, nunmehr in ihrem Kampf gegen die feindlichen Stämme der Langen Schatten – im Streit um die noch wenigen verbliebenen Oasen.
Der Spinschuh war eine kunstfertig hergestellte längliche Schale aus dem Holz des Turkelbaumes – denn nur der hatte die genügende Festigkeit und Härte, um dem Pfeil zu widerstehen. Der Grabenmacher trug ihn mittels einer Art Handschuh, mit dem der Spinschuh fest verbunden war. Mit dieser Vorrichtung fing er den Pfeil ab, um ihn in einer schnellen Drehung des Körpers wieder aus der Schale herauszuschleudern – möglichst in die Richtung, aus der er gekommen war.
Tek war gut vorbereitet, und dies nun war der Tag, an dem er seine Kunst erproben wollte. Dies war der Tag, an dem es sich zeigen sollte, ob er tatsächlich ein Dompteur war – oder eben nicht.
Die Grabenmacher hatten sich für das riskante Schauspiel weit aus ihrer befestigten Oase in bekannt gefährliches Terrain hineingewagt. Bis hierher reichten ihre Gräben und Tunnel nicht mehr. Späher hatten vorher hier an diesem Ort, wo es wie überall nur noch spärliche Anzeichen früherer Vegetation gab, lockeren Boden ausgemacht – ein gefährliches Zeichen. Der Boden war im allgemeinen sehr hart, spröde und ausgetrocknet. Dort wo er keine Risse aufwies, ein kleines Schotterfeld sich auszubreiten schien, oder auch sonst nicht die übliche Härte vermuten ließ, musste man mit dem Schlimmsten rechnen – einem Rjuchhu. Diese hatten nämlich die Eigenart, sich zu vergraben und mit Erde zu bedecken, um nicht erkannt zu werden. Sobald sich ihnen etwas näherte, erhoben sie sich aus dem Boden, um ihr tödliches Werk zu beginnen.
Es waren nicht viele, die mit Tek gekommen waren, um der Vorführung beizuwohnen. Es waren vor allem Alte, darunter seine Lehrer, einige besonders Tapfere und natürlich Rahon, der Erste des Stammes. Der glaubte auch nicht daran, dass Tek ein Dompteur war – zumal er nicht besonders kräftig aussah. Tek war noch sehr jung, und er hatte nicht die Statur, aus dem ein Recke hervorgehen sollte, aber Rahon war nun einmal der Führer des Stammes, und durfte nicht vor der Gefahr zurückschrecken, die diese Prüfung in sich trug.
In respektablem Abstand gruben sich die Neugierigen in den harten Boden ein, um einigermaßen Deckung zu haben, falls die Erde vor ihnen tatsächlich einen Rjuchhu in sich barg.
Als es soweit war, ging Tek allein hinaus in das freie Feld. Er ging sehr langsam, bis er nahe genug der Stelle war, an der die Konsistenz des Bodens bösen Verdacht aufkommen ließ. Dann blieb er stehen und wartete. Nachdem er so eine Weile regungslos gestanden hatte, griff er endlich zu seinem Spinschuh und zog ihn von der Schulter. Ohne jede Eile streifte er ihn über seine rechte Hand, und verfiel dann wieder in Regungslosigkeit. Er schien zu wissen, wann die Zeit war – und sie kam.
Dort, wo das Erdreich jene verräterische Konsistenz eines lauernden Rjuchhu aufwies, wölbte sich plötzlich der Boden nach oben. Die sich aufbäumende Blase hatte nur kurzen Bestand, bevor sie den Körper des Rjuchhu freigab. Seine Form erinnerte an eine umgestülpte flache Suppenschüssel von beträchtlichen Umfang. Die erkennbare Oberseite des Wesens bestand aus einer einzigen dunkelgrauen, groben Hornplatte, über die sich feine, helle Linien quer über den gesamten Panzer zogen. Worauf es sich erhob – oder auf welche Weise es sich fortbewegte, war nicht zu erkennen. Auf der Tek zugewandten Seite der schweren Hornplatte des Untiers war eine Mulde, in dem eine Kugel ruhte – und zu beiden Seiten dieser Mulde öffneten sich, kaum das es aus dem Boden hervorgebrochen war, seltsame rohrartige Gebilde, die wie die Nüstern einer überdimensionierten Nase aussahen, und in dessen Innern, lange, dünne Stachel aus der Wandung ragten.
Einen winzigen Moment stand sich das ungleiche Paar gegenüber, dann katapultierte plötzlich dieses kugelförmige Gebilde aus der Vertiefung des Panzers, und schlug nach kurzem, hohen Flug, gehalten von einer Art Liane, die ihren Ursprung im Zentrum der Mulde hatte, nur wenige Schritte vor Teks Füßen in den Boden. Ein seltsames augenartiges Etwas stierte Tek aus dieser Kugel heraus an. Es bestand aus einer großen, kreisrunden und grellgelben Fläche mit einem großen und nicht minder grellen, roten Punkt darin, der, umspielt von in wilder Bewegung herumtanzender schwarzer Punkte und fadenförmiger Linien, in dessen Zentrum ruhte.
Die Grabenmacher, die das Schauspiel beobachteten, hatten sich längst schon leichte Tücher vor die Augen gelegt, so konnten sie gerade noch ein ungefähres Bild von der Szene bekommen – waren dafür aber einigermaßen sicher vor dem paralysierenden Blick des Unwesens.
Tek reagierte nicht – aber das konnte alles heißen. Niemand reagiert, dessen Blick von dem Auge eines Rjuchhu erfasst worden war – er erstarrt zu einem unbeweglichen Ziel, an dem das Rjuchhu sein Werk ungehindert vollenden kann. Doch Teks Regungslosigkeit war zu diesem Zeitpunkt noch kein Indiz für sein Versagen – denn auch der Dompteur würde in Unbeweglichkeit verharren. Er würde warten. Warten auf den Moment des eigentlichen und todbringenden Angriffs des Rjuchhu. Und der kam.
Teks Pupillen hatten sich längst reflexartig geschlossen, als der Kopffortsatz des Rjuchhu vor ihm einschlug. Er konnte noch immer gut sehen, aber es waren keine Farben mehr. Seine Umgebung zeigte sich nur noch in grauen Tönen. Und in dem Unterschied, der das Dunkle von dem Hellen trennt, sah er auch einige Augenblicke später die langen Stacheln auf sich zurasen, die das Untier aus seinen Nüstern gegen ihn blies. Wohl ein Dutzend kleiner spitzer Pfeile suchte nach ihm, denen sofort eine zweite und eine dritte Salve des Ungeheuers folgte.
Nun reagierte Tek.
~*~
Das neue Land
Vor Kishous Augen, in erahnbarer Ferne, tat sich ein Licht auf, das sich allmählich vergrößerte. Das Ende des Allsein, und der Eintritt in die Zweite Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms. Eine seltsame Schwere begann sich in ihr auszubreiten. Das Laufen bereitete zunehmend Mühen – als würde etwas versuchen, sie aufzuhalten. Alles um sie herum bewegte sich verlangsamt, wie durch tiefes, schweres Wasser – doch gleichzeitig zog auch etwas an ihr ... Ein unaufhaltsamer Sog bestimmte die Richtung ... Sie hatte keine Kontrolle mehr über irgend etwas. Es war ein Zerren, Halten und Ziehen gleichzeitig, und ein milchiger Schleier legte sich über ihr Bewusstsein – allein das Ziel war bestimmt. Alles Drängen, Aufhalten, Ziehen und Zerren hatte nur eine Richtung ...
Das Licht in der Ferne vergrößerte sich zusehends, und gewann derart an Intensität, dass die Augen schmerzen. Es musste bereits in ihr sein, denn es half nicht mehr, sie zu schließen. Gleichzeitig verstärkte sich die Schwere ihres Körpers. Ein unerträglicher Druck presst ihre Brust zusammen, dass sie für einen Moment nicht mehr Atmen konnte. Gerade als die Panik in ihr aufkommen wollte, war es schlagartig vorbei.
Sie atmete befreit tief durch und öffnete die Augen. Erstaunliches bot sich ihnen. Sie fand sich und ihre Gefährten in einer Art Waldlichtung – oder genauer – eigentlich wohl tatsächlich in einer großen Waldlichtung.
Doch dieser Wald war nicht gerade dicht zu nennen, und die verblichenen Stämme der Bäume hatten keinerlei Blätter. Ausgeblichen und nackt standen sie da herum, wie skurrile Skelette. Der Boden war bedeckt mit hohem Gras – oder es sollte zumindest einmal welches gewesen sein, denn es erinnerte hier eher an verstreut eingestampftes Stroh. Der überall sichtbare Boden zwischen den Büscheln war hart und ausgetrocknet und von feinen Rissen durchwebt.
Wo die Baumskelette den Blick in das unbekannte Land nicht verstellen konnten, zeigte sich eine weite Steppe – und in der Ferne vereinzelte Berge, aus denen dunkler Rauch wie Säulen senkrecht in einen hellblauen Himmel aufstiegen, als wollten sie ihn stützen.
Sie drehte sich auf der Stelle und betrachtete prüfend das noch nie zuvor Gesehene ... „Das Allsein ...!“, fiel ihr plötzlich auf. „Es ist weg!“ Ihre Augen suchten angestrengt die Gegend ab, aus der sie gekommen waren – oder von der sie zumindest meinte, dass sie gekommen waren. „Die Berge ... Die Stadt der Tausend Spiegel ...! Wo ist denn das alles?“
„Das verdrängte das Allsein im Ersten Tal der Ersten Ebene des Ersten Droms, wenn ihr erlaubt!“, erklärte das Untere Squatsch sogleich willfährig. „Im Ersten Drom! Dies hier ist nicht das Erste Drom, wenn ihr gestattet. Hier verdrängt die Zweite Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms das Allsein. Ja, ja – das Zweite Drom – und wo das Eine ist, kann das andere nicht sein. Nein, nein – kann es nicht. Nun, also ... es ist vielleicht nicht ganz nach eurem Geschmack, aber es ist ...!“
„Aber man kann ja gar nicht mehr erkennen, wo wir hergekommen sind. Wie kommen wir denn dann wieder zurück?“, wurde er von einer erschrockenen Kishou unterbrochen.
„Zurück ...!“, schmeckte das untere Squatsch das Wort ab, und seine buschigen Augenbrauen zuckten fragend in die Höhe. „Nun, also ... zurück ...” Der für seine gedrungene Gestalt viel zu große Kopf wiegte nachdenklich auf dem kurzen Hals hin und her. „Also ... ein ,Zurück’ lässt sich nicht vom Allsein verdrängen. Verzeiht meine Unbemessenheit. Aber im Großen Belfelland ... hier haben die Pfade immer nur eine Richtung. ... immer nur ein Richtung!“ Er unterstrich seine entschuldigende Geste mit einem bedächtigen Schulterzucken.
„Wie?!“, horchte Kishou auf. Es gibt keinen Weg zurück? Du meinst, ich kann nicht mehr nach Hause zurück?!“ Eine tiefe Betroffenheit zog sich über ihr Gesicht, und sie fühlte, wie etwas in ihr kurz davor war, die Fassung zu verlieren.
„ja – nein, nein ...!“, suchte das Untere Squatsch nach Worten.
„Madame KA sagt, man findet seine Vergangenheit immer auf dem Wege, der vor einem liegt!“, schaltete sich Mo mit ihrer klaren Stimme besänftigend ein.
In Kishou flogen die Gedanken durcheinander. Sie verstand das nicht – aber hatte ähnliches Trautel Melanchful nicht auch einmal gesagt – kurz bevor sie in jener Nacht den seltsamen Schlüssel aus der Truhe zog? Und so, wie Mo es nun sagte, klang es doch irgendwie, als würden sie dennoch nach Hause finden – und sie wollte unbedingt, dass es so gemeint war. Es musste so gemeint sein! „Du meinst, ich komme trotzdem wieder nach Hause?“, fragte sie entsprechend suggestiv. Und sie erwartete unbedingt ein klares ,Ja!’.
Mo zeigte ihr geheimnisvolles und fast unmerkliches Lächeln, und als hätte sie die Gedanken Kishous gelesen, sagte sie denn auch tatsächlich dieses „Ja!“ mit der geforderten Klarheit: „... so ist es entschieden und vom Allsein getrennt!“, fügte sie noch hinzu.
Kishou fiel ein großer Stein vom Herzen. Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt!“, lachte sie nun befreit in die Richtung des Unteren Squatsch, der verlegen mit dem Kopf wackelte. „Verzeiht meine kleine Unbemessene Verdrängung des Allsein!“, entschuldigte er sich.
„Ist schon gut!“, wiegelte Kishou sehr beruhigt ab und blickte nun endlich interessiert um sich herum. „Es ist alles vertrocknet hier – sieht richtig unheimlich aus. Aber immerhin gibt es hier endlich wieder sowas wie Bäume und Pflanzen. Ich dachte schon, ich seh’ sowas gar nicht mehr. Sieht es hier überall so aus?“, fragte sie zweifelnd beim Anblick der hölzernen Skelette.
„Ja! ... Nein. Nein, es verdrängen noch einige Oasen ... einige Oasen in diesem Drom das Allsein!“, berichtigte sich das Untere Squatsch eilig. „Einige Oase verdrängen hier durchaus noch das Allsein ... verdrängen sie. Nicht viele, aber noch einige. Einige noch!“
„Oasen? Was ist das?!“
„Nun – es sind ...”, überlegte das Untere Squatsch. „... es verdrängt dort noch einiges Wasser das Allsein. Einiges Wasser noch. Also ... es erscheint dort alles so, wie es einst überall das Allsein verdrängte. Überall! – mit Blättern ... und Blüten und so ..., wenn ihr meine Worte vom Allsein verdrängen und wohl bemessen könnt!“
Kishou konnte! – und ihre freudige Erregung war nicht zu übersehen. „keine Sorge, ich hab’ ja nun schon einige Übung mit eurer komischen Ausdrucksweise. Du meinst also, hier gibt es noch richtige Bäume mit Blättern und Blumen und richtiges Wasser?“ Ihre Augen leuchteten. „Kommen wir auf dem Weg ins Dritte Drom an solchen ... Oasen vorbei?!“, fragte sie sogleich.
„Ja, ja – nein ... nun ...!“ Das Untere Squatsch wiegte fast verzweifelt seinen Kopf hin und her, und wollte mit der Antwort wohl nicht so recht heraus.
„Wie ...! Nicht?“, fragte Kishou, und eine tiefe Enttäuschung wollte sich in ihr breit machen.
„Doch, doch!“, beeilte sich das Untere Squatsch sofort abzuwiegeln, begann aber sogleich wieder mit dem zweifelnden Wiegen seines viel zu großen Kopfes. „Es ist nur nicht so einfach ... nicht ganz einfach ...!“
„Wieso?!“, maulte Kishou.
„Nun ... es verdrängt seit vielen Zeiten das Allsein ein ...“, er suchte verzweifelt den Blick von Mo. Die aber schaute gleichfalls interessiert. Sie war seit Unzeiten nicht mehr in diesem Drom gewesen, und wusste ebensowenig wovon das Untere Squatsch sprach, wie Kishou. Das gleiche traf auch auf Boorh zu – aber den bezog das Untere Squatsch eh nicht in sein Hilfeersuchen ein. „Nun ... also – da sind zum Einen die Stämme der Grabenmacher ...!“
„Grabenmacher?!“, fragte Kishou nach.
„Ja ... die Stämme der Grabenmacher. Der Grabenmacher – und die Stämme der Langen Schatten!“
„Und?!“, bohrte Kishou weiter.
„Nun ja ... also ... ihr müsst bemessen ... vor sehr vielen Zeiten verdrängten eine Vielzahl von Stämmen das Allsein der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms. Sehr viele Stämme!“, sprudelte er nun endlich los. „Aber die Wasser versiegten. Es verdrängte also nicht mehr genügend der Wasser das Allsein. ... nicht mehr genügend! Das Land verdorrte. Es verdorrte. und und es war entschieden, dass die Stämme der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms in großen Entscheidungen miteinander ihre Kräfte bemaßen. Viele Entscheidungen verdrängten das Allsein ... in vielen Zeiten ... bis nur noch zwei der Stämme das Allsein verdrängten. Nur zwei noch. Denn es kann nicht einer sein, wo der andere ist! – Wem sag’ ich das. Wem sag’ ich das!“ Er machte eine entschuldigende Geste in Richtung Mo, bevor er fortfuhr. „Alle Oasen, die noch das Allsein verdrängen in dieser Zeit ... alle Oasen sind nun Reviere der Grabenmacher oder der Langen Schatten. Und da der eine Sein will, wo der Andere ist, ... verdrängen noch immer große Bemessungen der Kräfte das Allsein! Noch immer!“, schloss er mit bedauerndem Schulterzucken.
Kishou hatte mit großen Augen dem Bericht gelauscht und ließ nun hörbar die Luft aus ihrem Munde entweichen. „Ach du Schreck. Versteh' ich das richtig? Du meinst die Kämpfen gegeneinander?“, versicherte sie sich noch einmal es richtig übersetzt zu haben.
„So ist es entschieden, und so verdrängt es das Allsein!“, bedauerte das Untere Squatsch.
„So ’n Mist! ´s wär’ ja auch zu schön gewesen!“, fiel es enttäuscht aus Kishou heraus. „Aber du und Boorh sind doch so was wie die Könige der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms, wenn ich richtig verstanden habe ...?!“, fiel ihr plötzlich ein.
„ja, ja – selbstverständlich! Ohne jeden Zweifel! So ist es Entschieden und so verdrängt es das Allsein!“, bestätigte das Untere Squatsch mit Nachdruck – und seine gedrungene Gestalt war bemüht, sich möglichst gerade aufzurichten. „Meine Wenigkeit ist Herrscher über die Zweite Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms. So verdrängt es das Allsein – ... verdrängt es!“, Proklamiert er in bemüht majestätischer Haltung.
„Und du konntest da nichts machen?!“, fragte Kishou erstaunt.
„Nein ... nein ...!“, kam es nun allerdings sehr zögerlich aus dem Unteren Squatsch heraus. Er sackte wieder etwas in sich zusammen, während seine kleinen Kulleraugen unzielgerichtet durch die Gegend wanderten. Der Fortgang der Unterhaltung war ihm sichtlich unangenehm. „Aber das Drom ... wird ja sowieso ins Allsein überführt. ... wird es. Wen kümmert’s ... so verdrängt doch immerhin ein wenig Abwechslung das Allein ...!“, versuchte er unbeholfen abzuwiegeln. „Oh – oh ... verzeiht meine kleine Unbemessene Verdrängung!“, war er sogleich bemüht, sich zu entschuldigen. Es war ihm immerhin schnell klar, dass seine letzte Bemerkung nicht ,vollkommen bemessen‘ war. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass ihr es seid, die kommen wird! Keine Ahnung!“, versuchte er sich nun in einer Erklärung. „Nicht die geringste! Keine Ahnung! Verzeiht die Unbemessenheit meiner Verdrängung. Trautel Melanchful hat wohl in ihrer Ankunft entschieden, ... dass ihr es seid, die das Allsein in der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms verdrängen werdet. Ja, das hat sie. Aber… die Ankunft war nicht vollkommen bemessen vom Allsein verdrängt. Nicht vollkommen bemessen! Wenn ich gewusst hätte, dass ihr es seid ... ihr es seid ...!“
Er sprudelte plötzlich wie ein Wasserfall und gestikulierte dabei wild mit seinen kurzen Ärmchen. „Ich habe kein Vertrauen zu Trautel Melanchful. Kein Vertrauen! Ich habe das Allsein in der Stadt der tausend Spiegel eigentlich nur verdrängt, ... nur verdrängt, um die Gelegenheit zu nutzen, diesem plattfüßigen Axtträger da ...!“ Er machte eine kleine Geste zu Boorh, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. „Oh… oh, verzeiht meine kleine Unbemessene Verdrängung!“, beeilte er sich, sich zu entschuldigen. „... mit Boorh ... mal einige ernste Worte vom Allein zu verdrängen! Ja, das wollte ich. Wenn ich gewusst hätte, dass ihr es seid. ... ihr es seid ... Verzeiht die Unbemessenheit meiner Verdrängung! ... Das Untere Squatsch ist überaus stolz, ... sehr stolz mit euch gemeinsam das Allsein auf dem Pfad zur großen Entscheidung mit Suäl Graal zu verdrängen!“, verkündete er nun fast hastig mit würdevoller Geste, um ihr dann vertraulich und mit gedämpfter Stimme zuzuraunen, „Ich weiß nur nicht, was dieser hochbeinige Bartträger damit zu tun hat?!“ Er zuckte jedoch im gleichen Moment etwas zusammen. „Verzeiht meine kleine Unbemessene Verdrängung!" Er musste wohl immerhin erahnen, dass seine Häme gegen Boorh nicht unbedingt etwas für die Ohren von Kishou war – aber es sollte ihm wohl niemals gelingen, sich rechtzeitig zu bremsen.
„Ich weiß gar nicht, was ihr alle gegen Trautel Melanchful habt!“, schüttelte Kishou verständnislos den Kopf. „Sie hat nie so von euch gesprochen. Sie hat mich doch ausdrücklich zu euch geschickt, weil sie meinte, dass ich es nur mit euch zusammen schaffen kann. Wieso ...!“
„Verzeiht die Unbemessenheit meiner Verdrängung!“, wurde sie vom Unteren Squatsch unterbrochen, während er sein Jackett mit den Händen glättete, und sich in die Brust warf. „Wenn ihr so entscheidet, so ist es entschieden und so verdrängt es das Allsein!!“ proklamierte er. „Selbstverständlich stehen die bescheidenen Kräfte ... die bescheidenen Kräfte, die in mir das Allsein verdrängen, euch in allen Zeiten ... in allen Zeiten zur Verfügung. Gemeinsam werden wir die große Entscheidung vom Allsein verdrängen – werden wir!. Auch die anderen werden immer an eurer Seite sein…!“, vollendete er mit erhabenen Gesichtsausdruck., „... und von ihren Kräften vom Allsein verdrängen, was immer ihnen möglich ist ... ihnen möglich ist! ... wenn es auch noch so wenig ist!“, schloss er wie beiläufig ab.
„Ist schon gut!“, lächelte Kishou. „Ich freu‘ mich riesig, dass ihr bei mir seid, aber lass uns lieber jetzt nicht von Suäl Graal sprechen. Bis ins Dritte Drom ist es sicherlich noch ein ganzes Stückchen, und wer weiß, was uns bis dahin noch alles erwartet. Lasst uns also aufbrechen.
„Oh ja – oh ja, was uns erwartet. Was uns erwartet ...!“, reagierte das Untere Squatsch, und wiegte dabei vielsagend seinem Kopf – als er von der ohrenbetäubenden Stimme Boorhs unterbrochen wurde, der in vollem Brustton den Namen „Kurluk!“ brüllte, und dabei die Hände zu einem Trichter geformt, vor den Mund hielt.
Das untere Squatsch zuckte merklich zusammen.
„Kurluk!“, rief Boorh noch einmal und lauschte dann wieder konzentriert in die Steppe hinein.
„Wer ist ,Kurluk’?!“, fragte Kishou verwundert.
„Nun ... also ...!“ Das Untere Squatsch zeigte sich seltsam kleinlaut, und schielte verstohlen zu Boorh hinüber. „Also Kurluk’ ist ... ähm ...”
„Wo ist der Ort, an dem Kurluk das Allsein verdrängt!“, wurde er in diesem Moment von Boorh angefahren.
Durch das Untere Squatsch ging erneut ein merklicher Ruck „Nun ... also ... Kurluk ist ...”, begann er zuerst sehr gedrückt – um sich nach einem verstohlenen Blick in die Runde dann doch so hoch er eben konnte aufzurichten. „Das Untere Squatsch hat Kurluk mit Hilfe der Grabenmacher vor sehr vielen Zeiten bereits in der Erde, und nahe dem Allsein festgesetzt!“, verkündete er nun in einem erstaunlich zusammenhängenden Satz und ebenso unmissverständlich in die Richtung Boorhs. „Ihr müsst bemessen ...”, wendete er sich sogleich vertraulich an Kishou, als es Boorh erst einmal für einen Moment offenbar die Sprache verschlagen hatte, „... Kurluk verdrängt nicht gerade in Einfachheit das Allsein. Er verdrängt das Allsein, wie Boorh es verdrängt – gewissermaßen … wenn ihr bemessen wollt, was ich meine… Nur er kann ihn beherrschen – und Mo, versteht sich. ... Und Mo! In ihm war ein Ärgernis verdrängt vom ...” Weiter kam er nicht.
Boorh hatte offensichtlich seine Fassungslosigkeit überwunden. „Wo ist der Ort bemessen, an dem Kurluk das Allsein verdrängt!“, brüllte er donnernd auf die kleine gedrungene Gestalt des Unteren Squatsch hinunter, und er sah dabei aus, als wollte er sich jeden Moment auf ihn stürzen.
„Ruhig, Dicker. Ruhig!“, bemühte sich das Untere Squatsch die Situation herunterzuspielen. „Wir werden diesen ,Großzahnträger‘ ... schon wieder vom Allsein verdrängen ... werden wir schon!“
„Wo ist der Ort bemessen, an dem Kurluk das Allsein verdrängt!“, donnerte es noch einmal dröhnend aus dem Munde Boorhs.
„Ich kann es nicht entscheiden!“, reagierte das Untere Squatsch nun doch etwas nervös. „Es sind inzwischen so viele Zeiten vergangen ... viele Zeiten!“, entschuldigte er sich bei Kishou, die nur immer wieder verwundert mit großen Augen vom Unteren Squatsch zu Boorh – und wieder zurück schaute. „Ich kann es nicht entscheiden!“, gestand er nun auch Boorh. „Kurluk ist dein! Kurluk ist bemessen in deiner Zeit ... in deiner Zeit! du musst den Ort vom Allsein trennen! – Er gehört zu Boorh!“, wendete er sich nun wieder an Kishou. „Er gehört zu seinem Revier. Zu seinem Revier! Er muss bemessen, wo sich vom Allsein verdrängt, was das Seine ist – wenn ihr meine Worte wohl bemesst!“
Kishou schaute noch immer mit großen Augen, und ,bemaß nicht wohl’ – und Boorh schäumte. Er wendete sich ins Landesinnere und sein Blick glitt konzentriert über den Horizont. Nun war es wenigstens endlich still. Auch das Untere Squatsch war verstummt. Boorhs Mine war finster, wie er den Horizont durch die Baumskelette hindurch abtastete.
Ohne den Blick abzuwenden, bewegte er sich nach einer Weile auf Mo zu, und beide nahmen sich bei den Händen. Eine ganze Weile standen sie so da, gemeinsam Hand in Hand, und fixierten den Horizont – als Mo plötzlich leicht in einem bläulichen Ton zu fluoreszieren begann. Nur wenig später hob sich ihr rechter Arm und ihre Hand wies in eine Richtung. „Es ist entschieden!“, sagte sie nur. Der Schein um sie herum verschwand, und ihre Hände lösten sich.
Ein zufrieden grinsender Boorh wandte sich um. „Boorh entscheidet: Der Pfad zu dem Ort, an dem Kurluk das Allsein verdrängt, ist von Boorh bemessen und in Mo entschieden!“ Er schaute dann doch etwas betreten zu Kishou hinüber und stapfte zu ihr. „Verzeiht Boorhs kleine Unbemessenheit. Boorh entscheidet: Kurluk ist sehr wichtig für Boorh, und Boorh ist sehr wichtig für Kurluk!“
Kishou war heilfroh, dass Boorh sich wieder beruhigt hatte, und stupste ihn neckisch in den haarigen Bauch. „Ist schon gut, Dicker!“, grinste sie. „Ich darf das doch sagen, oder?!“, raunte sie leise zu ihm nach oben.
Das breite Grinsen Boorhs war Antwort genug. „Entscheidet Kishou noch ein wenig das kleine Allsein aufzusuchen, bevor ihr die Zweite Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms vom Allsein verdrängt?“, fragte er.
„Nein, lass mal!“, winkte sie ab. „Ich fühl‘ mich gut – eigentlich fast wie gerade ausgeschlafen!“, fiel ihr nun auf, und ihr Blick wandte sich, die Sonne suchend, zum Himmel. „Komisch...!“, wunderte sie sich. „Der Tag kann noch nicht besonders alt sein. Wie lange waren wir dem im Allsein unterwegs?“
„Boohr entscheidet: Im Allsein ist keine ,Länge’ bemessen!“
„Wie – keine ,Länge’?!“
„Boorh entscheidet: Allsein ist nicht ,lang’!“, versuchte er es noch einmal.
Hä? ... aber wir waren doch ...!“
„Nein, nein!“, mischte sich das Untere Squatsch ein, und watschelte mit wichtigem Gang zu den Beiden hin. „Nur das vom Allsein Verdrängte hat eine ,Länge’. Nur was vom Allsein verdrängt ist! Allsein ist nicht verdrängt vom Allsein! – nein, das ist es nicht – also hat es keine ,Länge’!“
„Versteh' ich nicht ... ich kann mich doch noch genau erinnern!“
„Erinnern ... Erinnern ...!“ Das Untere Squatsch wiegte seinen Kopf zweifelnd und mit hochgezogenen Augenbrauen hin und her. „Erinnern hat ,Länge’. Erinnern ist: vom Allsein verdrängen!“, dozierte er. „Erinnern ist in Kishou – ja das ist es! Kishou ist verdrängt vom Allsein! Kishou hat Erinnern und ,Länge’! Aber Allsein hat kein Erinnern! Allsein hat keine ,Länge’! – Nein, hat es nicht!“ Er schüttelte noch einmal nachdrücklich den Kopf.
„Ich werd’s überschlafen!“, wehrte Kishou achselzuckend ab. „Lass uns erstmal los, sonst stehen wir noch morgen hier!“
Es war doch alles etwas verwirrend, und die praktische Orientierung in der neuen und fremden Umgebung schien ihr erst einmal doch wichtiger und spannender. So machte man sich endlich auf den Weg, und nahm die Richtung, die Mo vorgab.
Von den unzähligen Baumskeletten abgesehen, die überall in großer Zahl – mal in kleinen Gruppen, oder etwas weiter entfernt, zuweilen auch als offenbar ausgedehnte Wälder auftauchten, war es eine ausgesprochene Steppenlandschaft – mehr oder weniger übersät von dicken Grasbüscheln und vereinzelten Sträuchern und Büschen, die in einem harten, von feinen Rissen durchzogenen Boden staken. Alles war verdorrt und stand regungslos und stumm in der Landschaft, wie Mahnmale einer vergangenen Zeit. Vereinzelt erhoben sich in der Ferne Berge. Auf manchen von ihnen standen jene dunklen Rauchsäulen, die Kishou schon bemerkt hatte, und die den Berg gradlinig mit dem Himmel verbanden. Mit zunehmender Höhe breiteten sie sich aus, bis sie sich mehr und mehr im Blau des Himmels verloren.
„Es ist schön, mal was anderes zu sehen, als nur Steine und Sand – aber auch ziemlich unheimlich, wie das alles hier aussieht!“, stellte Kishou fest, die an der Seite des Unteren Squatsch hinter Mo und Boorh herschritt. „Wieso haben die Stämme, die hier leben, eigentlich so komische Namen?!“, ging es ihr durch den Kopf. „,Lange Schatten’ ... und ,Grabenmacher’...?!“
„Nun ja – also, die vom Stamme der Langen Schatten verdrängen eine hochgewachsene Gestalt vom Allsein. Ziemlich hochgewachsen. Aber ihr Umfang verdrängt nicht besonders viel vom Allsein. Nein – nein, nicht sehr viel!“ Er deutete mit seinen patschigen Händen in etwa den Umfang an. „Vielleicht so ... nicht mehr. Nein – mehr nicht. Die Sonne ... verdrängt zuweilen einen sehr langen Schatten vom Allsein, ... sehr lange Schatten, wenn sie den Lauf ihres Lichtes begrenzen. Sehr lange Schatten!“
Kishou gluckste etwas amüsiert. „So einfach ist das? – und die Grabenmacher? Sag’ nicht, die machen Gräben!“, belustigte sie sich.
„Ja. Ja. Wie Kishou entscheidet, so verdrängt es das Allsein!“
„Echt?!“, lachte Kishou. Sie stellte sich Wesen vor, die mit einem Spaten herumliefen und immer nur damit beschäftigt waren Löcher zu buddeln ... „Und was soll das – ich meine, wieso machen die das?“, wollte sie nun auch wissen.
„Nun ...,!“, bemühte sich das Untere Squatsch zu erklären, „Als die großen Wasser noch flossen in der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms, mussten viele Gräben und Tunnel vom Allsein verdrängt werden. Viele Gräben und Stollen ... mussten sie. ... damit die Wasser überall diesen Ort bemessen konnten. ... ja, sehr viele Stollen und Gräben waren nötig in jener Zeit. Sehr viele!“ Er wiegte, sich erinnernd, seinen rundlichen Kopf. „Und sie waren auch sehr hilfreich gegen die Rjuchhus ... durchaus sehr hilfreich!“
„Wie – Rjuchhus ...?“
„Nun ja – also ... Die Tunnel und Gräben verdrängten durchaus einen Schutz vom Allsein …gegen die Rjuchhus ... und in diesen Zeiten selbstverständlich auch gegen die Korks!“
Kishou kratzte sich nachdenklich den schwarzen Schopf. Sie meinte, den Namen schon einmal gehört zu haben. ... Boorh hatte ihn erwähnt, als sie Schutz vor dem rollenden Berg in einem Krater gesucht hatten, erinnerte sie sich nun. Aber was das war ...?. „Was ist ein Rjuchhu?“
~*~
Die Prüfung
Durch die Tücher vor den Augen der Grabenmacher war die weitere Szene kaum mehr zu verfolgen. Zu schnell ging alles. Tek wirbelte um seine Achse, dass ihn die erste Salve knapp verfehlte, um die zweite mit seinem Spinschuh abzufangen. Und im Ausweichen vor der Dritten lag bereits die Körperdrehung, mit der er die gefangenen Pfeile in den Kopffortsatz des Ungeheuers lenkte. Fast geräuschlos drangen die spitzen Stäbe in das hypnotische Auge des Untiers ein. Die Kugel erhob sich, um dann mehrmals hart auf den Boden aufzuschlagen. Sie wirbelte herum, und hatte offenbar keine Orientierung mehr.
Tek war bereits auf dem Weg. Mit schnellen Schritten war er bei dem Rjuchhu, sprang zwischen dessen Nüstern auf den Panzer – und bevor der seinen Kopffortsatz wieder einbringen konnte, hatte Tek bereits den dünnen Tentakel kurz über seiner Wurzel mit dem Messer abgetrennt.
Er setzte sich in die Vertiefung des Panzers anstelle seines eigentlichen Kopfes und ergriff den übriggebliebenen Fortsatz des Tentakels. Wie mit einem Steuer ließ sich nun das Untier von Teks Hand lenken, und ein großer Triumph lag in seinem Gesicht. Es war der erste Rjuchhu, der ihm unterlegen war – und es würde nicht der Letzte sein.
Fast ehrfürchtig erhoben sich die Grabenmacher aus ihren Deckungen, und streiften sich die Tücher von den Gesichtern. Der junge Tek war ein Dompteur, und niemand konnte mehr einen Zweifel daran haben.
Rahon ließ es sich nicht nehmen, dem von Tek domestizierten nahenden Rjuchhu entgegenzulaufen, und auf ihn aufzuspringen. Gemeinsam ritten sie bald durch die schweren Tore Zargos – der Oase, die ihren Stamm beheimatete.
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Neue Erfahrungen
Das Untere Squatsch wiegte nachdenklich seinen zu großen Kopf ...
„Was ist ein Rjuchhu?!“, wiederholte Kishou noch einmal ihre Frage.
„Nun – also ... das Rjuchhu ist eine unangenehme Verdrängung vom Allsein. Sehr unangenehm!“
„ja und? – wieso?
„Nun – das Rjuchhu verdrängt ein großes Revier vom Allsein. Viel Raum. Sehr viel Raum! Es duldet niemals andere Verdrängungen vom Allsein in seinem Revier – auf keinen Fall. Nein – niemals. Sehr gefährlich für all die anderen Wesen, die in diesem Drom das Allsein verdrängen! Sehr gefährlich!“
„Aha ...!“
„Nein! ... nicht einmal ein anderes Rjuchhu wird von ihm geduldet. Darum sind nicht viele Rjuchhus bemessen in der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms. Nein – nein. Nicht sehr viele. Das Rjuchhu bemisst die Verdrängungen aller Zeiten vom Allsein, als sein Revier! Sein Revier!“
„Aha – und was hat das mit den Gräben von den Grabenmachern zu tun?!“, bohrte Kishou weiter.
„Nun ja ... Ich bemaß es bereits in euch ... bemaß ich bereits. Die Stämme der Grabenmacher verdrängen viele Gräben, Tunnel und Stollen um ihre Oasen herum vom Allsein – verdrängen sie. Wie einst für den Lauf der Wasser. Gräben und Stollen verdrängen nun auch einen Schutz vom Allsein gegen das Rjuchhu vom Allsein! ... einen Schutz – ja!“
Kishou gab sich erst einmal zufrieden. Nicht zuletzt, weil sie feststellte, dass die Sonne in diesem Drom offenbar eine spürbare Wirkung zeigte. „Es wäre schön, wenn wir einen etwas schattigeren Weg finden könnten. Es ist ganz schön warm hier!“ Sie bedauerte es ein weiteres Mal, keinen Hut von zu Hause mitgenommen zu haben.
Zu Hause ... Sie sah in ihrem Geist ihren großen, bunten und wilden Garten vor sich, in dem immer etwas zu beobachten war – und sie hörte den Ruf Trautel Melanchfuls, wenn sie gekocht hatte ... Sie schaute um sich. Zuweilen war auch hier etwas zu hören. Aber es war gerade einmal das Knacken kleiner Zweige in den traurigen Buschresten, die sie zuweilen mit ihren Körpern striffen. „Übrigens – als wir noch da waren, wo wir aus dem Allsein gekommen sind – also bevor wir losgingen – hast du so komisch reagiert, als ich meinte: wer weiß, was uns auf dem Weg ins Dritte Drom noch alles bevorsteht! Wieso hast du da so komisch geguckt? – Weißt du was ich meine? – grad' als Boorh nach diesem Kurluk rief!“
„Oh – oh ja. Oh ja!“, erinnerte sich das Unteren Squatsch.
„Und? – wieso hast du so komisch reagiert?!“
„Nun ja ... es verdrängen gewissermaßen ... durchaus ... Schwierigkeiten das Allsein. Durchaus!“
„Schwierigkeiten? ... wie meinst du das?!“, horchte Kishou auf.
„Nun, also – bedenkt ... bevor ihr das Dritte Drom vom Allsein verdrängt, ... also ...!“ Er machte ein paar fahrige Bewegungen mit seinen kurzen Ärmchen. „... müsst ihr zunächst einmal das Zweite Tal der Zweiten Ebene des Zweiten Droms vom Allsein verdrängen ...!“
„Ja klar – und?!“ So zögerlich, wie das Untere Squatsch auf die Frage reagierte, konnte das sicherlich noch nicht alles gewesen sein, was es dazu sagen konnte.
„Ja – nein. ... es sind die Grenzen!“
„Die Grenzen?!“
„Ja – ja ... es sind immer die Grenzen. Sehr schwierig – sehr schwierig!“ Sein Kopf wackelte nur so hin und her.
„Was ist mit der Grenze zum Zweiten Tal der Zweiten Ebene des Zweiten Droms?!“
„Oh – nun ... es verdrängt sich dort ein Labyrinth vom Allsein!“
„Ein Labyrinth?“
„Ja. Nein ... nicht einfach ein Labyrinth ...!“
„Sondern ...?“
„,Das Labyrinth des Unbegreiflichen’!“
„Was ist das denn nun wieder?!“ Kishous Stirn verzog sich in Falten.
„Keine Ahnung. Keine Ahnung. Ich kann es nicht bemessen, ... und schon gar nicht vom Allsein verdrängen!“ Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Eine kleine Verdrängung Suäl Graals. ... damit die Afetiten sich nicht in Vollkommenheit bemessen können ... also ... sich vollkommen vom Allsein verdrängen können, in den Afetonen!“
„Du meinst, sowas wie die ,Falle der Zeit’ im ersten Drom! Seh’ ich das richtig?“
„Äh ... Eine Falle der Zeit?“, Wunderte sich das Untere Squatsch, und seine Augenbrauen zogen sich nach oben. "Aber natürlich. Zweifellos. Ihr musstet ja schon einmal eine Grenze Suäl Graals überschreiten! ... musstet ihr ja. Und ohne meine Wenigkeit. Sehr beachtlich! Sehr beachtlich. Eine Falle der Zeit war darin bemessen, so sagt ihr? ... Falle der Zeit?"
„Ja!“, Klärte Kishou ihn auf. „Die Grenze zum Ersten Tal der Ersten Ebene des Ersten Droms war sowas. Boorh meinte, Suäl Graal wollte ursprünglich damit die Kyiten daran hindern, zu den Kyaten zu kommen ...”
„Zweifellos! – Zweifellos! in solcher Weise verdrängt es auch hier das Allsein!“, wurde sie sofort vom Unteren Squatsch bestätigt.
„Oh man ...!“ Kishous Blick richtete sich verzweifelt in den Himmel. „Ich hätt’s mir denken können. Weiß wenigstens irgendwer, warum es ,das Labyrinth des Unbegreiflichen’ heißt?“
„Niemand. Niemand!“ Das Untere Squatsch schüttelte bedauernd sein Haupt.
Kishous Blick suchte erneut mit einem tiefen Seufzer den Himmel auf ... „Natürlich nicht. Natürlich nicht! Wissen Mo und Boorh davon?!“
„Nein – nein ... Mo und das Zwergenhirn ... Oh – oh, verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung ... Mo und äh ... Boorh verdrängten das Allsein in all den Zeiten im Ersten Drom!“
„Und die Grenze zum Dritten Drom?“ Fragte Kishou nun Böses ahnend.
Der Kopf des Unteren Squatsch verlor wieder seine stabile Lage. „... führt durch ,Das Tal der Fügung’!“
„Das Tal der Fügung?!“
„Das Tal der Fügung!“, bestätigte der mit bedauernder Geste. "Zumindest trennte man so etwas in mir vom Allsein. Vor langer Zeit schon. Sehr langer Zeit schon. ..ein kleiner Ausflug im Allsein. ... war noch einmal kurz im Zweiten Tal der Zweiten Ebene des Zweiten Droms. Sehr viele Zeiten sind seither vergangen. ... nur ein kleiner Ausflug im Allein – nicht der Rede wert. Nicht der Rede wert ...aber niemand kann das Allsein verlassen, der es betritt ...!", äffte er noch einmal mit rollenden Augen Boorh nach.
„Was für eine Fügung?“ Wollte Kishou wissen.
Das Untere Squatsch hob in einer erneuten bedauernden Geste beide Arme in die Höhe. „Legenden ... Legenden!“
„Du hast mal wieder keine Ahnung, stimmt's?“
Das Untere Squatsch nickte zaghaft mit seinem Kopf.
„Und auch sonst kann es uns niemand sagen, oder? Fragte sie noch, der sicheren Antwort gewiss.
Der Kopf des Unteren Squatsch wechselte erwartungsgemäß die Richtung und bewegte sich nun etwas beschämt von links nach rechts.
Kishou seufzte laut. „Schöne Aussichten!“
„Ihr werdet einen Pfad durch die Grenzen vom Allsein verdrängen. Kein Problem. Kein Problem für euch! Und mit meiner bescheidenen Hilfe ...!“
„Nun fang du auch noch an ...!“, stöhnte Kishou missmutig. „Is’ ja auch egal!“, sagte sie sich, und versuchte, an etwas anderes zu denken ... An die Oasen zum Beispiel. Hatte nicht Trautel Melanchful mal eine Geschichte erzählt, wo solche Oasen vorkamen. ... nein – in der Geschichte hießen sie ,Inseln’, und waren über ein weites großes Wasser verstreut. Es war die Geschichte von dem Fährmann, der es irgendwann zu mühevoll fand, mit seinem kleinen Boot immer zwischen den Inseln hin und her zu fahren. Da hat er große Brücken gebaut zwischen den Inseln, dass es wie ein einziges großes Land war. Die Bewohner der Inseln konnten nun nach belieben und ohne Mühe und wann immer sie wollten in ihren bequemen Kutschen von einer Insel zu jeder anderen gelangen, und es war ein reger Verkehr zwischen ihnen.
Bald schon vermischten sich die Bewohner der vielen Inseln untereinander, und mit ihnen die Tiere, die Bäume, die Sträucher und die Blumen.
Doch dann versiegte der Verkehr zwischen ihnen, bis niemand mehr die Brücken betrat. Es gab zu jener Zeit keinen Grund mehr, sie zu überqueren, denn es war nun auf jeder Insel genau so, wie auf jeder anderen. Und alle Bewohner auf allen Inseln langweilten sich, und auch der Fährmann langweilte sich auf seinem kleinen Boot.
Da verstand er endlich, dass er all die Brücken gar nicht gebaut hatte, um sich vor der Mühe zu bewahren, sondern um zu verstehen, warum er die Mühen einst auf sich genommen hatte ...
Vielleicht hätte sie sich ja in ihrem großen Garten auch irgendwann einmal gelangweilt, überlegte Kishou, als die Sonne gerade jenen Ort am Himmel fand, von dem sie sich schon bald verabschieden würde. Sie wollte die letzten Strahlen nutzen, um noch in ihrem Licht den Tag mit einer Mahlzeit zu beschließen. Also machten sie Rast. Sie setzte sich auf einen großen, trockenen Grasbüschel und begann in ihrem Bündel herumzukramen. „Gibt es hier auch Tiere?!“, fragte sie in die Runde. „Ich hab’ manchmal was gehört, aber ich war mir nicht sicher!“
„Boorh entscheidet: Die Zweite Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms verdrängt sehr viele Wesen vom Allsein!“
„Nicht viele!“, widersprach das Untere Squatsch. „Nicht viele! Meine Wenigkeit bemisst nicht mehr ,sehr’ viele!". Er warf einen kleinen Seitenblick auf Boorh, der durchaus etwas spöttisches hatte. „Nun ja, es verdrängen hier noch durchaus viele Wesen das Allsein – durchaus. Aber über die Zeiten der versiegenden Wasser ist ihre Zahl geschwunden. Versiegt! ... wie die Wasser!“
„Ich hab’ aber noch keines gesehen!“, gab Kishou mit vollem Munde zu bedenken!“
„Wo eines ist, kann ein anderes nicht sein! Sie sind im allgemeinen bemüht ... bemüht den Raum zu respektieren, ... zu respektieren, der euer ist!“
„Wie meinst du das?!“
„Sie sind bemüht euer Revier nicht zu verletzen – und das ihre zu schützen!“ Erklärte Mo mit ihrer klaren Stimme.
„Hab’ ich ein Revier?“, fragte Kishou erstaunt.
„Madame KA sagt, in jedem Wesen verdrängt ein ein Revier das Allsein – sein Körper ist sein Zentrum. So ist es entschieden!“, antwortete Mo.
„Und so verdrängt es das Allsein!“, lachte Kishou kauend und streckte schulmeisterlich den Zeigefinger in die Höhe. Immerhin hatte sie ja schon bemerkt, dass in diesem Drom das Allsein offenbar nicht nur 'getrennt', sondern vor allem 'verdrängt' wird. Die Mahlzeit tat ihr offenbar sehr gut.
Das erwartete Lächeln Mos blieb aber aus. Stattdessen verengten sich plötzlich ihre Augen, und ihr Blick fiel nach innen. Auch das Untere Squatsch und Boorh wandten sich wie verabredet zu Mo. In ihren Gesichtern lag eine Spannung. Es war nicht zu übersehen, dass irgend etwas nicht stimmte.
Kishou blickte fragend von einem zum anderen. „Ist was?“, fragte sie verunsichert.
Niemand antwortete. Doch plötzlich weiteten sich die Augen Mos wieder, und ihr Kopf erhob sich. „Wir haben ein Revier verletzt!“, sagte sie leise und erhob sich. „Bereitet euch vor!“ Sie wendete sich ab, und verschwand kurz darauf zwischen den hohen, trockenen Gräsern, Büschen und Baumgerippen.
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Die Verweigerung
In dir ist entschieden: ,Tek – der Dompteur’! Und wie es entschieden ist, so verdrängt es das Allsein!“
Es war Rahon, der diese Worte sprach. Die vollzählig versammelten Grabenmacher des Ortes reagierten mit einem tiefen, zustimmenden Brummen, und wippten dabei mehrmals gemeinsam mit den Oberkörpern.
Der Stamm hatte sich noch am selben Abend, kurz nach der Rückkehr der Gruppe, die Tek begleitet hatte, auf dem am Rande Zargos befindlichen Dorfplatz versammelt. Sie saßen dort dicht gedrängt in einem großen Kreis.
Rahon, mit einer Lanze bewaffnet, lief ziemlich aufgeregt um den in der Mitte des Kreises sitzenden Tek herum. Er suchte offenbar nach Worten, denn er stoppte seinen Gang, und umkreiste nun Tek in der anderen Richtung. „Niemand von uns ...!“ Er verhielt wieder in seinem unsteten Lauf, um die Richtung abermals zu wechseln. „... niemand von uns erinnert sich einer solchen Verdrängung des Allseins! ... niemand!“ Das letzte Wort wiederholte er fast für sich, während er nachdenklich in sich gekehrt Halt machte. „Nicht die Ältesten unter uns!“, fügte er ebenso leise hinzu.
Sein Körper richtete sich ruckartig zur vollen Größe auf, und er blickte musternd in die Runde seines Stammes. „Der Stamm der Grabenmacher verdrängt nun ein Geschick vom Allsein, dessen Entschiedenheit das Maß des Widerstands der Langen Schatten weit übersteigt!“ Er wendete sich abrupt zu Tek, und rammte seine Lanze tief in den Boden. „Mit der Kraft der Rjuchhus wird die Zeit der Grabenmacher soviel Raum vom Allsein verdrängen, dass alle Oasen Teil ihres Reviers sein werden! In der Bemessenheit der Kraft der Rjuchhus werden wir bald dort das Allsein verdrängen, wo jetzt noch Stämme der Langen Schatten den Raum bemessen!“
Ein Brummen und Körpernicken hinter ihm gab seinen Worten zustimmenden Rückhalt.
„So ist es entschieden, und so verdrängt es von nun an das Allsein!“, schloss er seine Rede, während er mit einem Ruck seine Lanze aus dem Boden zog. Er machte kehrt, und setzte sich im Innenkreis seiner Stammesgenossen nieder. „Nun sprich du – Tek – Dompteur – Wie viele Rjuchhus wirst du für uns in Besitz nehmen können, in einer Zeit, in der zwei volle Monde das Allsein Verdrängen? Dieser Raum ist bemessen, um ihn mit anderen Vorbereitungen zu füllen!“, stellte er fest. „Wir werden als erstes Luegra in Besitz nehmen, und ihn als einen Ort der Grabenmacher vom Allsein verdrängen. In Luegra verdrängt die nächstliegende Oase der Langen Schatten das Allsein, und in ihr soll sich als Erstes unsere neue Macht bemessen!“
Tek antwortete nicht gleich. Er schien unsicher zu sein und starrte fast verlegen vor sich hin. „Wo ein Ding ist, kann ein ander Ding nicht sein!“, flüsterte er mehr, als das er sprach. Es war zu leise, als das es von den Umliegenden gehört werden konnte. Endlich richtete er seinen Blick auf. „Ich bin Tek, Afetit vom Stamme der Grabenmacher ...!“, hob er endlich an. Er zögerte wieder etwas. „Aber ich bin auch Tek der Dompteur!“, setzte er fort und blickte dabei fast auffordernd in die Menge.
„So verdrängt es das Allsein!“, erwiderte Rahon unter der Zustimmung seiner Landsleute.
Teks Blick senkte sich kopfschüttelnd. „Und ich weiß nicht ...!“
Rahon nickte verständig. „Es verdrängen an diesem Orte nicht sehr viele der Rjuchhus das Allsein. Es ist nicht von Bedeutung für unser Ziel, sollte sich der Raum, den du benötigst, um einen vollen Mond erweitern!“
Tek schüttelte erneut verlegen mit dem Kopf. „Nein ... nein, dass ist nicht, was ich bemesse. Der Afetit kann nicht sein, wo ein anderer schon ist!“, fügte er mit wieder leiser werdender Stimme hinzu. Eine kleine irritierende Pause entstand, und alle Blicke lagen fragend auf Tek, der sich nervös auf den Lippen herumbiss. „Ihr trennt nur Tek, den Afetiten vom Stamm der Grabenmacher in mir vom Allsein ... aber ich bin Tek, der Dompteur ...!“ Er suchte nach Worten.
Der Versuch war nicht gerade geneigt, die Irritation bei den Umsitzenden aufzuheben.
„Und?!“, fragte Rahon.
„Schon sehr früh bemaß ich die Entschiedenheit eines Dompteurs in mir ... Ein Dompteur aber hat keinen Stamm. Sein Stamm ist das Volk der Afeten!“
Endlich war es heraus, und er blickte fragend, und nach Bestätigung suchend in die Gesichter seiner Stammesbrüder – doch er fand nur fragende und unverständige Blicke. Nun endlich musste auch der Rest heraus. „Wo ein Ding ist, da kann ein ander nicht sein!“, sagte er nun so laut, dass jeder es vernehmen konnte. Ein Damm in ihm schien gebrochen, denn die anfängliche Verlegenheit wich nun schon fast einer Belehrung. „Wo ein Afetit ist, kann ein anderer Afetit nicht sein – und auch in den Stämmen der Langen Schatten verdrängen die Afetiten das Allsein. Bis zu dieser Zeit war das Maß meiner Verdrängung vom Allsein nicht genügend bemessen – meine Zeit noch zu wenig dem Allsein erwachsen, um mich mit euch im Kampf gegen die Stämme der Langen Schatten zu messen. Doch in dem Dompteur ist von Anbeginn vom Allsein verdrängt, dass dies in keiner Zeit in ihm entschieden sein kann. In mir sind verdrängt vom Allsein die Entschiedenheiten all der Zeiten, von denen die Überlieferungen zeugen, wie es zu allen Zeiten in dem Dompteur entschieden war – und wie es schon war in den Zeiten, als die großen Wasser noch flossen, und die vielen Stämme der Afetiten noch nicht den Raum einnehmen wollten, der von anderen Afetiten vom Allsein verdrängt, und in Besitz genommen war. Der Dompteur sagt, dass es nicht entschieden ist in den Afetiten dort zu sein, wo ein anderer Afetit schon ist – der Afetit kann den anderen Afetit nicht dem Allsein zuführen, um zu sein statt seiner!“
Tek hatte alles gesagt. Er verstummte und die bleierne Stille und unverständigen Blicke seiner Stammesmitglieder erinnerten ihn wieder daran, dass nicht er derjenige war, der an diesem Ort den Ton angab. Fast ein wenig erschrocken über seine vorlauten Belehrungen senkte er fast entschuldigend seinen Kopf.
Nun endlich machte sich eine große Unruhe unter den Grabenmachern Luft – nur Rahon schien noch immer fassungslos. „Willst du darin bemessen, dass du dich deinem Stamm verweigerst? – Das du keine Rjuchhus vom Allsein verdrängen und domestizieren wirst, um sie mit deinem Stamm gegen die Reviere der Langen Schatten zu führen?“
Tek schüttelte nach einem Moment des Zögerns, mit gesenktem Blick seinen Kopf. „In dem Dompteur ist nicht entschieden, solches vom Allsein zu verdrängen!“, hauchte er fast.
Rahon war aufgesprungen, und rammte ungehalten seine Lanze erneut in den Boden. „Du verdrängst als Grabenmacher das Allsein! Dein Revier bemisst den Boden deines Stammes. Du bist verdrängt vom Allsein in den Grenzen dieses Raumes, und damit der Zeit der Oase Zargo – deren Bemessungen die der meisten anderen Oasen an Größe und Erhabenheit überschreitet!“ Sein sehniger Arm richtete sich starr nach unten und wies zum Boden ... Dies ist ein Ort der Grabenmacher! Und so, wie die Oase Zargo Besitz des Stammes der Grabenmacher ist, so ist auch Tek, der Dompteur, Besitz des Stammes der Grabenmacher. Wie könnte es anders sein!“, wütete er ungehalten.
Tek schien sich noch etwas mehr in sich hinein zu ducken. „Die Grenzen des Dompteurs sind weiter als die Zargos und die der Grabenmacher!“, ließ er sich vernehmen, ohne den Kopf anzuheben. „Sie enden erst dort, wo die Grenzen das Drom beschließen!“ Seine Stimme klang leise, hastig und verzweifelt.
Rahon war außer sich. „Solange der Raum, der in Tek das Allsein verdrängt, in den Grenzen Zargos wandelt – solange seine Zeit in diesem Raume bemessen ist – solange gehört er dem Stamme der Grabenmacher!“, zürnte er lautstark unter der Zustimmung seiner Landsleute. „Der Stamm der Grabenmacher wird entscheiden, was mit dir geschieht!“ Er wendete sich an die unruhige Meute. „ergreift ihn und nehmt ihm seinen Raum, dass nur noch sein bloßes Erscheinen das Allsein verdrängt!“, rief er in die Menge.
Sofort fiel eine Meute der Grabenmacher über ihn her, und zerrten ihn über den Platz und durch den Ort. Die Grabenmacher hatte Fackeln entzündet, und folgten unter lautstarken Rufen dem Gefangenen. Sie sperrten ihn unweit des Versammlungsortes in das ,Engerle’ – ein kleines, nur mannshohes und walzenförmiges Türmchen, das fensterlos und aus dicken Mauern bestehend, gerade mal soviel Raum darin bot, dass man aufrecht stehend, sich darin drehen konnte. Es gehörte in diesem Drom zu den üblichen Formen der Bestrafung bei einem schweren Vergehen.
„Bedenke, wie du entschieden sein wirst, wenn Zargo im neuen Licht der Sonne das Allsein verdrängt!“ Die drohenden Worte Rahons waren das Letzte, was Tek vernahm, bevor sich die schwere Tür des Engerle dumpf mit den starken Mauern vereinte. Tek war gefangen, und er wusste nur zu gut, was geschehen würde, wenn er seine Haltung nicht änderte ...
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Flucht
Zu viele Zeiten waren vergangen, seit der letzte Dompteur unter ihnen war. Zu viele Zeiten, als das es eine Erinnerung daran gab, was einen Dompteur ausmachte, und wie er einzuschätzen war.
Tek war zu schmächtig, als das man in ihm vor seiner Prüfung einen tatsächlichen Dompteur vermutet hätte. Ein Dompteur musste groß und stark sein – so hätte man aufgrund seiner Fähigkeit den Rjuchhu zu bezwingen, eher erwartet. Und so wenig, wie man über die Zeit von seinem Äußeren verstand, so wenig verstand man von dem, was sein Inneres ausmachte.
Tek wusste lange schon, dass diese Zeit kommen würde, und ebenso lange wusste er, dass er dem Drängen seines Stammes nicht folgen konnte. Er war lange genug unter ihnen, als das er nicht auch wusste, was dann geschehen würde. Er fürchtete diesen Moment, der keinen Raum des Ausweichens bot. Und dennoch wollte er nie die Hoffnung aufgeben, dort bleiben zu können, wo von Anbeginn seiner Zeit sein Revier war. Und so war auch eine Trauer in ihm, denn es war der Moment der Gewissheit, dass sein Stamm ihm nicht folgen würde – das er allein war. Lange schon hatte er sich auf diesen Tag vorbereitet ...
Tek ging, so weit es die Enge des Raumes noch zuließ, in die Hocke, und sprang dann senkrecht in die Höhe. Als er wieder zurückfiel rammte er seine Füße mit aller Macht in den festen Boden. Ein dumpfes, hohles Geräusch war zu vernehmen, bevor der Boden unter seinen Füßen nachgab, und er in ein tiefes Loch unter sich viel. Tek war ein Afetit vom Stamme der Grabenmacher, und er hatte nicht nur seine Lektionen als Dompteur gut gelernt ...
Der Gang, der sich nun vor ihm auftat, war nicht besonders geräumig. Er war nur geschaffen, einen einzigen Afetiten aufzunehmen – der zudem nicht besonders groß war. Er hatte ihn nur für sich und für diesen Moment heimlich gegraben – vor langer Zeit schon.
In gebückter Haltung hastete er den engen Gang entlang, der nur einen Weg kannte, und ohne jede Abzweigung direkt zu einem bestimmten Ort führte. Als der Gang endete, fand er dort jenes Werkzeug, dass das wichtigste eines jeden Grabenmachers war – einen Spaten. Er hatte ihn einst dort abgelegt, um sich dicht hinter der starken Befestigung des Ortes wieder nach oben zu graben. Dort fand er auch einen Bogen und einen Spinschuh.
Der Bogen war nicht irgendein Bogen, wie jeder Afetit ihn sein Eigen nannte, und wie auch er bislang einen unter den Grabenmachern besaß. Seine Zeichnung verriet, dass dieser hier von der Wurzel eines Turkelbaumes stammte, der schon sehr alt gewesen war. Es bedurfte sehr viel Mühe, Zeit und Geschick, aus ihr einen Bogen heraus zu schälen. So war es ohne Zweifel der Bogen eines Dompteurs, denn nur ein Solcher verstand sich in dieser hohen Kunst. Tek fand ihn seinerzeit tief in der Erde, als er den Tunnel für seine Flucht grub, und er musste dort schon undenkliche Zeiten gelegen haben. Das Signum seines Schöpfers war an einem Ende des Schaftes eingebrannt – ein Bogen, in dem fächerartig angeordnet drei Pfeile lagen.
Das Zeichen war ihm auf seltsame Weise vertraut. Wenngleich er doch meinte, es nie zuvor gesehen zu hatte, so wusste er doch, dass der Bogen über all die Zeiten hier auf ihn gewartet hatte ...
Es dauerte nicht lange, und sein Spaten durchstieß die letzte handbreit Erde, die ihn noch von der Freiheit trennte. Lautlos machte er sich im Schutze der Dunkelheit in die öde Steppe davon ... .
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Revierverletzungen
Mo war kaum verschwunden, da zog Boorh langsam seine Axt aus dem Schulterhalfter, und schritt nach kurzer Musterung der Umgebung in die entgegengesetzte Richtung Mos davon.
Kishou verstand nicht, was Mo meinte, als sie sagte, sie sollten sich bereit halten, und kramte vorsichtshalber eilig ihr Bündel zusammen. Und dann geschah es.
Wie aus dem Nichts heraus tauchten zwischen den Buschhölzern und kleinen Bodenerhebungen zwei unheilvolle Wesen auf. Ihre gewaltigen Körper ruhten auf kurzen, stämmigen Beinen. Starke Knochenplatten, wie Schiefertafeln angeordnet, schlugen im Laufschritt der Monster geräuschvoll aufeinander. Aus dem mächtigen Kopf ragte ein langes, wuchtiges Horn, dass sich nach oben hin verdickte und an eine riesige Keule erinnerte.
Mit einem spitzen Schrei sprang Kishou auf und rannte, was die Beine hergaben. Die beiden Tiere kamen aus der Richtung, in der Mo verschwunden war, und die Überraschung war perfekt. Das Untere Squatsch, das einige Schritte vor Kishou gesessen hatte, reagierte zu spät. Der mächtige Schlag der Hornkeule traf ihn in die Seite und katapultierte ihn wie ein loses Steinchen ein gutes Stück weit über die Lichtung. Noch im Fluge löste sich seine Erscheinung auf, und wurde zu einer flirrenden Wolke, als würden unzählige kleine Insekten versuchen, sich gegenseitig einzuholen. Die Konturen der wunderlichen Wolke rundeten sich immer mehr ab, während sich in ihrer Mitten ein gleißend leuchtender Kern heraus kristallisierte.
Kishou hatte das alles schon einmal in der Stadt der tausend Spiegel mit großer Faszination beobachtet. Nun aber bemerkte sie nichts davon und rannte nur. Für einen kurzen Moment bemerkte sie Boorh, als der ihren Weg kreuzte, und sich den Unwesen entgegenstellte. Sie versuchte eine Gruppe von Baumskeletten zu erreichen, die nicht weit von ihrem Rastplatz standen. Ein lautes Krachen ließ ihren Kopf für einen Moment herumfahren, und sie sah, wie das Horn eines dieser Wesen in den mit beiden Händen zur Abwehr gehaltenen Schaft von Boorhs Axt einschlug, mit dem er versuchte, den Angriff zu parieren. Sie lief weiter, so schnell sie konnte, und sah nicht mehr, wie der stämmige Körper Boorhs von der Wucht des Schlages wie ein Holzscheit hinweggefegt wurde. Er überschlug sich mehrmals und kam erst ein ganzes Stück weiter zur Ruhe.
Sie hatte die Baumgruppe inzwischen erreicht, und begann sogleich in den ersten Stamm der sich ihr bot, hineinzuklettern. Das Holz war hart und spröde, und übersät von kleinen warzenartigen Ausbuchtungen. Sie fand guten Halt, und es gelang ihr tatsächlich noch rechtzeitig eine ausreichende Höhe zu erklimmen, bevor das zweite der Monster sie erreichte.
Sie sah für einen kurzen Augenblick, wie Boorh ein zweites Mal von der schweren Keule des anderen Tieres getroffen und hinweggefegt wurde – als ihr Baum schwer erzitterte. Ihr Verfolger hatte dem Stamm einen mächtigen Schlag versetzt. Es knarrte entsetzlich. Dem nachfolgenden Schlag hatte das trockene und spröde Holz nichts mehr entgegenzusetzen. Der Stamm riss in der Mitte der Länge nach auseinander, und seine beiden Hälften kippten gegen die benachbarten Baumskelette. Der Ast, an dem Kishou sich geklammert hatte, brach, und sie stürzte herab. Sie wurde von den dicken, getrockneten Grasbüscheln am Boden aufgefangen, als das Untier sich bereits in Bewegung setzte, um das Hindernis, das Kishou nun von ihm trennte, zu umrunden. Sie lag für einen Moment benommen am Boden, und sah verschwommen, wie Boorh ein wiederholtes Mal zu Boden gegangen, von dem keulenhörnigen Kontrahent erneut angriffen wurde ... da war das Unheil bereits hinter ihr.
Mit einem Satz sprang sie Zwischen den aufgerissenen Stamm des Baumes hindurch, um sich sofort tief auf die Erde zu ducken. Der harte Schlag der Hornkeule ging im selben Moment auf sie herab – und kam gerade um ein Haar über ihrem Rücken, sich in dem Spalt des geborstenen Stammes verkeilend, zum Stehen.
Als sie Augenblicke später den Kopf hob, sah sie, wie das andere Tier gerade sein mächtiges keulenbeschwertes Haupt über den am Boden liegenden Boorh hoch anhob, um damit zum entscheidenden Schlag auszuholen. Sie sah auch noch den zuckenden Lichtbogen, der in diesem Moment das Untere Squatsch – oder das, was er nun war – mit Boorh verband. Doch da war sie schon aufgesprungen und rannte ...
Der harte Schlag der mächtigen Keule, der indes in dem mit beiden Händen hoch aufgerichteten schützenden Schaft der Axt Boorhs endete, pflanzte sich unter seinem Urschrei durch ihn fort, und stempelte einen tiefen Eindruck seines Körpers in den festen Boden. Als das Untier gerade zu einem zweiten Schlag ausholen wollte, hatte Boorh bereits den Schaft seiner Axt über dessen Horn gelegt, und wurde mit dem, zum erneuten Schlag ausholenden Prügel nach oben gerissen. Er vollführte über dem Tier eine große Rolle und landete rücklings auf dem breiten, Nacken des Monsters. Unter einem mächtigen Schrei schnellte Boorh seinen Körper nach hinten, und rammte dabei die Axt hoch über seinen Kopf rücklings in das mächtige Haupt des Tieres. Die rückwärtige Klinge seiner Axt durchbrach fast mühelos die starke Panzerung des schweren Schädels. Wie von einem Blitz getroffen brach das Monster in sich zusammen.
Kishou hatte von all dem nichts mitbekommen. Sie rannte längst wieder – aber nicht besonders weit. Denn unversehens tauchte ein drittes dieser Gewalten direkt vor ihr auf. Unter einem spitzen Schrei machte sie auf dem Absatz kehrt, und hetzte wieder zurück. Sie lief direkt auf das erste Monster zu, dessen Horn sich zwischen dem auseinandergerissenen Baum verkeilt hatte, und nun unter lautem Schnauben und brüllen versuchte, wieder freizukommen. Sie musste auch zu ihrem Erschrecken erkennen, dass ihr augenscheinlich nur noch wenige Momente verblieben, bis es ihm gelingen würde ... Ein zurück gab es nicht mehr, das dritte Monster war bereits so gut wie bei ihr. Sie spürte die mächtige Keule bereits über sich, als sie mit einem riesigen Satz unter das Horn des ersten Monsters sprang, und sich tief darunter duckte. Keinen Augenblick zu spät – denn im selben Moment wurde der harte Schlag ihres Verfolgers von dem gerade frei werdenden Horn des ersten Monsters aufgehalten, und rammte diesen erneut tief in die Kerbe des gerissenen Baumstamms.
Kishou rannte bereits wieder – und blindlings und voll in Mo hinein. Die leuchtete ein klein wenig auf, als Kishou kopflos in sie hinein stieß. Für den Moment eines Wimpernschlages stand Kishou benommen ungläubig vor ihr. Es war, als wäre sie mitten im Lauf stehengeblieben. Sie hatte keinerlei Aufprall bemerkt ... Doch dann hatte sie sich bereits gefasst und rannte schon wieder. „Mo – schnell, komm ... wir müssen auf irgendeinen großen Baum!“, schrie sie. Sie schaute sich noch einmal um, als sie von Mo nichts hörte – und blieb erschrocken stehen.
Mo machte keinerlei Anstalten zu fliehen. Sie stand einfach nur da und sah dem rasenden Monster entgegen. „Mo ...!“, schrie Kishou erschrocken – als das Tier direkt vor Mo plötzlich zum stehen kam. Es schwang seinen Kopf mit dem mächtigen Horn vor ihr hin und her, aber es griff nicht an. Außer Atem sah Kishou mit offenem Munde, wie das massige Tier schnaubte, seinen Kopf mit dem Horn hin und her warf, und mit seinem kurzen säulenartigen Beinen den Boden aufscharrte – und dabei Stück für Stück nach hinten auswich. Plötzlich wendete es sich schnaubend um, und trottete von dannen.
Kishou war fassungslos. Langsam und immer noch misstrauisch schlich sie an Mos Seite und starrte in die breite Schneise, die das mächtige Tier auf seinem Abzug in dem trockenen Gras hinterlassen hatte.
„Wie hast du das gemacht?“, fragte sie keuchend und gänzlich außer Atem. „Wieso hat er dir nichts getan?!“
„Wo Mo ist, kann er nicht sein. So ist es entschieden und so verdrängt es das Allsein!“, sagte Mo ruhig, und strich dabei Kishou über das ungläubige Haupt. „Verzeiht meine Unbemessenheit. Mo erkannte die Gefahr, und ging ihr entgegen. Doch nicht jedes dieser Wesen konnte sie aufhalten!“
„Macht ja nichts!“, zuckte Kishou abwesend mit der Schulter. „Ist ja alles noch mal gut gegangen ...!“ Sie verstand das alles nicht, aber sie war zu durcheinander, um etwas Vernünftiges sagen zu können. Der Schock saß noch tief.
Mo nahm sie bei den Schultern und führte sie zu dem Platz zurück, wo sie gerastet hatten. Dort fanden sie Boorh, breit grinsend auf seinem gefällten Ungeheuer sitzend. „Boorh entscheidet: Boorhs Augen bemaßen Kishou, die Bezwingerin Suäl Graals und Befreierin der großen Wasser, wie sie den Kräften zweier mächtiger Knüppelhörner in vollkommener Bemessung widerstand!“, rief er den Ankommenden dröhnend entgegen.
„Du spinnst!“, sagte Kishou und musste doch, wenn auch etwas gequält, grinsen.
„Was man von dieser axtschwingenden Plattnase nicht gerade behaupten kann!“, hörte man jemand anderen vor sich hermaulen. Das Untere Squatsch war inzwischen wieder zu seiner gewohnten Gestalt zurückgekehrt, und schimpfte leise, während er herüberstapfte, vor sich hin. „... aber ich sag’s ja immer wieder, lange Haare verdrängen auf sumpfigen Boden das Allsein. Auf sumpfigen Boden! Wenn man diesen hohlhackigen ... Oh. Oh – verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung!“, entschuldigte er sich schnell bei Kishou, die ihn etwas verwundert entgegenschaute.
„Was war das?!“, fragte Kishou, die endlich wieder einigermaßen zu sich kam.
„Knüppelhörner – ,gemeine’ Knüppelhörner!“, erläuterte das Untere Squatsch schulterzuckend. „Es verdrängen noch ,spezielle’ von ihnen das Allsein! Das waren aber gewöhnliche Verdrängungen. Nicht ganz ausgegoren. Noch nicht genügend bemessen ...!“
„Knüppelhörner? – So heißen die?!“, fragte Kishou.
„Knüppelhörner! Ja, ja – Knüppelhörner. So verdrängen sie das Allsein!“, bestätigte das Untere Squatsch.
„Und warum haben die uns angegriffen? Wir haben doch gar nichts gemacht?!“
„Doch, doch – haben wir, haben wir!“, erklärte das Untere Squatsch mit bedauerndem Schulterzucken.
„Wir sind in ihren Körper eingedrungen!“, schaltete sich nun Mo ein.
„Wie ...?!“, wunderte sich Kishou.
„Madame KA ist entschieden ...”, erklärte Mo, „... der Körper eines Wesens ist mehr als das, was eure Augen vom Allsein trennen. Madame KA ist entschieden, eure Augen bemessen nur sein Zentrum – Ich bemaß es schon einmal in euch! Ihr könnt seinen wahren Raum mit euren anderen Sinnen bemessen und vom Allsein verdrängen, wenn ihr so entscheidet!“
„Ach so!“, staunte Kishou. „jetzt versteh' ich ... Bei mir zu Hause in unserem Garten sind ganz viele Tiere. Ich hab’ auch ein paar Hasen. Und wenn sie keine Lust haben mit mir zu spielen, dann hoppeln sie immer ein paar Schritte weiter, wenn ich ihnen näher komme. Ist das sowas?!“, fragte sie mit großen Augen.
„So ist es entschieden!“, lächelte Mo.
„Und weil meine Hasen kleiner sind als ich, müssen sie immer weghoppeln!“, sinnierte Kishou weiter. „... aber für die Knüppelhörner sind wohl eher wir die Hasen, und sollten schleunigst weghoppeln!“, Grinste sie verstehend. „Außer du wohl!“, richtete sie sich an Mo. „Da waren die wohl wieder die Hasen!“
„Mo bat sie um Verzeihung!“, lächelte sie. Es war nicht Mos Absicht, ungebeten in ihr Revier einzudringen, und es damit zu verletzen. Die Knüppelhörner haben Mo verstanden!“
„Dann sind sie eigentlich gar nicht so böse, wie sie tun!“ meine Kishou zu verstehen. „Eigentlich sind wir ja dann Schuld! Na ja ... oder wenigsten war’s ein Missverständnis!“, dachte sie laut. Ihr kam das Monster in den Sinn, dessen Horn sich in dem aufgerissenen Baumstamm verklemmt hatte. Sie wandte sich um, und schaute zu dem mächtigen Tier hinüber, das grade einen Steinwurf weit von ihnen noch immer in dem Holz eingeklemmt war. Es war inzwischen von den Anstrengungen der Befreiungsversuche ermattet, und saß entkräftet auf dem Boden. „können wir’s nicht da irgendwie loskriegen?!“, fragte sie. „Er schafft’s vielleicht nicht mehr alleine!“
„Das wird das kreuselhaarige Stemmholz ja wohl noch allein vom Allsein verdrängen können – wird er ja wohl!“, stellte das Untere Squatsch mit einem kleinen Seitenblick auf Boorh fest, um sich sogleich bei Kishou für eine kleine Unbemessenheit zu entschuldigen.
Kishou schaute Boorh bittend an, und der zeigte ein willfähriges Grinsen. Gemeinsam gingen sie zu dem ermatteten Brocken hinüber, und Boorh schulterte das mächtige Horn des Tieres. Obwohl Kishou ein Einsehen hatte – ja sogar bereits so etwas wie Mitleid verspürte – hielt sie sich doch besser hinter Mo.
Boorh brüllte auf und stemmte mit einem Ruck das Horn des Tieres aus seiner Verkeilung. Etwas schwankend erhob es sich, und trottete davon.
Kishou schaute zufrieden. „na bitte – gar nix los!“, stellte sie leicht übertrieben fest, um dann aber doch noch einen Stoßseufzer loszuwerden. „Aber hier bleiben will ich auf keinen Fall!“, entschied sie mit einem Blick auf das etwas weiter entfernte tote Knüppelhorn. Sie ging, um ihr Bündel aufzusammeln, und band es sich um die Schulter. Die Sonne schickte bereits die letzten Strahlen über den Horizont und färbte den Himmel in ein purpurnes Rot. „Wenigstens noch ein Stückchen!“, meinte sie. „Ich hab’ ja noch meinen Besonderen Apparat der das Licht vom Allsein trennt, wenn’s zu dunkel wird!“ Sie klopfte sich auf ihre Bluse zwischen Brust und Bäuchlein.
Sie wendeten sich gerade zum Aufbruch, als Mo erneut in jene seltsame Starre verfiel, bevor die Knüppelhörner kamen. Kishous spürte, wie ihre Haut sich zusammenzog und sich die Haare aufstellten. Zu nah war noch das letzte Geschehen.
Mo drehte sich langsam um sich selbst, und fixierte mit starren Augen auf der anderen Seite des Platzes einen kleinen Felsen, der unweit vor ihnen inmitten einer kleinen Baumgruppe stand.
„Ist wieder was?“, schluckte Kishou hörbar. Und suchte in der selben Richtung nach irgendwelchen Bewegungen.
„Mo ist nicht entschieden!“
„Vielleicht ein kleines Tier ... also was ungefährliches ...!“, erhoffte Kishou flüsternd.
„Mo ist nicht entschieden. Doch in Mo ist entschieden, dass es zu dieser Zeit keine Gefahr vom Allsein verdrängt!“ Ihre Haltung entspannte sich wieder.
„Du meinst, du würdest es merken, wenn es was schlimmes sein würde?!“, fragte Kishou sichtlich nervös.
Mo lächelte und legte den Arm um Kishou. „Wenn ihr so entscheidet, so verdrängt es das Allsein!“, sagte sie nur. Gemeinsam gingen sie zu den Anderen zurück um mit ihnen noch ein Stück weit in die anbrechende Nacht hineinzugehen.
~*~
Erste Begegnung
Tek duckte sich tief hinter den Felsen, als er gewahr wurde, wie eines der drei seltsamen Gestalten seine Deckung aufmerksam musterte. Seine Augen waren weit aufgerissen, und sein Atem ging schwer. Er war zutiefst verwirrt, und fürchtete nun zudem, entdeckt zu sein.
Er hatte diese Wesen nie zuvor gesehen – dass heißt, bis auf eines von ihnen. Dem Unteren Squatsch war er in frühen Tagen schon einmal begegnet, als es für kurze Zeit einmal in Zargo auftauchte. Er erinnerte sich an dieses kleine Untersetzte Wesen. Er wusste, dass es das Untere Squatsch war – nach den Legenden gar einer der Herrscher über dieses Drom. Aber viel wusste er nicht von ihm – nicht mehr, als er von den Alten aufgeschnappt hatte.
Er wusste auch aus erzählten Legenden von Mo und Boorh, aber die hatte er natürlich nie gesehen und erkannte sie somit auch nicht. Er hatte die Gruppe noch rechtzeitig entdeckt, um den Kampf mit den Knüppelhörnern mitzuerleben. Diese Wesen verfügten augenscheinlich über ungeheure Kräfte, aber keiner von ihnen konnte dem Stamm der Grabenmacher zugehören – und auch nicht dem der Langen Schatten. Da war sich Tek absolut sicher. Aber wer waren sie dann?
Der größte Teil seiner Verwirrung aber galt diesem seltsamen Wesen, dass nicht viel größer war, als das ihm immerhin schon bekannte Untere Squatsch. Die Gruppe war noch zu weit entfernt, um es richtig erkennen zu können, dennoch spürte Tek, wie sich seine Haut bei deren Anblick fröstelnd zusammenzog. Etwas Unerklärliches ging von ihr aus – etwas unerklärliches und wunderbares.
Er richtete sich vorsichtig wieder etwas auf, und lugte hinter seiner Deckung hervor – um sofort wieder abzutauchen. Jetzt starrten alle diese Wesen zu seinem Versteck hinüber. Seine Augen suchten hektisch nach einem geeigneten Rückzug. Aber er müsste wenigstens für einen Augenblick dafür seine Deckung aufgeben ... Wieder richtete er sich vorsichtig auf, und sah gerade noch, wie die Gruppe im kahlen Gestrüpp der schroffen Landschaft verschwand.
Tek atmete tief durch – man hatte ihn nicht entdeckt. Er verharrte noch eine Weile hinter seinem Felsen, bevor er tief geduckt, von Deckung zu Deckung laufend, der seltsamen Gruppe folgte. Er hatte keine Ahnung, warum er es tat, aber es schien ihm unmöglich seine Entdeckung wieder einfach entschwinden zu lassen. Zumal eines dieser Wesen so wundersam schien, dass er es auf keinen Fall verlieren durfte, bevor er nicht wusste, was es war. Es war da ein seltsames und schweres Gefühl des Erinnerns in ihm, dass ihm fast den Hals zuschnürte. Aber die Erinnerung hatte keine Bilder ...
Das große Wesen im weißen Gewand besaß ein außergewöhnlich großes Revier. Um nicht entdeckt zu werden musste er in jedem Fall vermeiden, dessen Grenzen zu überschreiten ...
~*~
Der Auftrag Suäl Graals
Rahon tobte.
Die Bewohner Zargos blickten betreten auf die leere, runde Kammer des Engerle, in dem sie nun einen reumütigen Tek zu finden erhofften.
Ein kleiner Grabenmacher drängte sich durch die Menge – seine Kleidung und Haare waren verschmutzt mit Sand und Staub. „Der Tunnel verdrängt das Allsein bis dort drüben vor dem Grenzwall!“, rief er aufgeregt, noch bevor er Rahon, der offenbar das Ziel seines Drängens war, endlich erreichte. Sein Arm wies in die entsprechende Richtung.
Rahon war verstummt, als er den Jungen kommen sah, und nickte nun mit finsterer Miene. „So verdrängt es das Allsein!“, sagte er, und blickte angestrengt überlegend zum Himmel. Plötzlich machte er ein paar Schritte auf die schwere, hölzerne Tür der Kammer zu, und warf sie wütend in das Schloss. „Der junge Tek hat den Ort und seinen Stamm verraten. Er verdrängt nun nicht mehr das Allsein als ,Tek, der Dompteur, vom Stamme der Grabenmacher!“ Er holte tief Luft. „Er gehört nicht mehr zu uns!“, schrie er erbost in die Menge, was von denen mit einem tiefen Brummen und zustimmenden Nicken bestätigt wurde. „Geht in eure Reviere, und sammelt die Pfeile, Bögen, und sonstigen Besonderen Apparate. Schon morgen werden wir den Pfad bemessen gegen Luegra, der Oase der Langen Schatten. Tek kennt unseren Plan und wird sie warnen. Wir müssen die Eroberung vom Allsein verdrängen, bevor ihre Zeit genügend Raum bietet, sich auf uns vorbereiten zu können!“
Sofort stob die Menge in alle Richtungen auseinander. Nur der kleine Grabenmacher, der den Tunnel erkundet hatte, blieb zurück. Mit leuchtenden Augen schaute er zu Rahon hoch. „Darf ich dabei sein, wenn wir Luegra als einen Ort der Grabenmacher vom Allsein verdrängen?!“
Rahon schüttelte lächelnd mit dem Kopf. „Nein Kleiner. Du verdrängst noch nicht genügend Zeit und Raum vom Allsein. Es wird schwer werden ohne die Unterstützung deiner Bemessungen, aber wir werden es noch einmal ohne dich vom Allsein verdrängen müssen!“, fügte er tröstend hinzu.
Der Kleine nickte verständig und ernst. „Dann werde ich den Tunnel wieder dem Allsein zuführen, den Tek bemessen hat, damit nicht noch einmal jemand aus dem Engerle entfliehen kann.
„Wenn du dies vom Allsein verdrängen würdest, wäre darin eine große Hilfe für mich entschieden – denn sonst müsste ich es womöglich selber tun, und könnte dann nicht zur rechten Zeit unseren Stamm gegen Luegra führen!" Rahon war wohl zurecht der Anführer von Zargo. Er verstand es sehr gut, mit seiner Gefolgschaft umzugehen.
Der Kleine zog stolz seinen ebenso kleinen Spaten von der Schulter, den jeder Grabenmacher wie einen Teil seines eigenen Körpers ganz selbstverständlich mit sich trug. „Mach dir keine Sorgen!“, sagte er, und klopfte dabei Rahon beruhigend auf den Oberarm – bis an seine Schulter reichte er eben noch nicht. „Ich mach das schon!“ Und schon war er weg.
Rahon wollte sich gerade auch auf den Weg in sein Revier machen, als er die kleine Gruppe von Grabenmachern bemerkte, die geradewegs auf ihn zukam. Sie stritten scheinbar miteinander, und einer von ihnen stieß immer wieder die anderen von sich, wenn sie ihm zu nahe kamen. Rahon erkannte in ihm den alten Kasid, einen der ältesten Grabenmacher dieses Ortes. Er lag schon seit einigen Tagen im Sterben, und war eigentlich lange schon viel zu schwach, sein Revier zu verlassen.
Ungläubig blickte Rahon auf die sich ihm nähernde Gruppe, und fixierte den Alten misstrauisch, als die Gruppe ihn endlich erreicht hatte. Irgend etwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. „An dir verdrängt kein Spaten das Allsein, Kasid!“, sagte er zu dem Alten – eher, um überhaupt irgend etwas zu sagen. Denn der Alte schien alles andere als schwach und sterbend, und schaute ihn vielmehr mit durchdringenden Augen an.
„Kasid braucht seinen Spaten nicht mehr!“, antwortete dieser, ohne seinen durchdringenden Blick von Rahon zu lassen. „Du bist Rahon, der Führer dieses Ortes, und du bist der, dessen Wort zählt in Zargo – einem jener wenigen Orte in der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms, in denen die Wasser noch nicht gänzlich versunken sind!“
Rahon zögerte einen Moment. Es waren nicht die Worte, die ein Grabenmacher sprach. „Du solltest es bemessen können!“, antwortete er ausweichend. „Aber ich frage mich, ob sich in dir Kasid vom Allsein verdrängt. Ich kenne Kasid, doch du ...!“
„Kasid ist nicht mehr in eurer Zeit!“, unterbrach ihn der Alte mit fester Stimme. „Ich nutze nur das Nachleuchten seines verlassenen Ortes, um an dem deinen zu sein!“
Rahons Brauen zuckten nach oben, als sich seine Augen weit öffneten. Er hatte eine böse Ahnung, die ihm im selben Augenblick als Gewissheit erschien. Es woben sich viele Legenden um die Fähigkeiten eines Dompteur – diese war ihm fremd, doch es konnte nicht anders sein ... „Du bist Tek, der Dompteur, der die schwäche Kasids nutzt, um in ihm statt seiner das Allsein an diesem Ort zu verdrängen!“ Während er dies ausrief, hatte er bereits seine Lanze erhoben und sie mit aller Wucht gegen den Alten geschleudert. Der kurze Flug der Lanze musste nur wenige Schritte überwinden, bevor die Gewalt des Wurfes den gespitzten Stab tief in den Körper des Alten trieb.
Das Abbild Kasids zeigte keinerlei Reaktion, und starrte mit seinem durchdringenden Blick weiter in Rahons Augen – und wie von Geisterhand geführt, verließ die Lanze langsam den Körper des Alten auf dem selben Wege, wie sie in ihn eingedrungen war. Rahon und die Gruppe, die Kasid begleitet hatte, erstarrte.
Als der Stab den Körper gänzlich verlassen hatte, begann er sich zu drehen, und richtete seine Spitze gegen Rahon. Unfähig sich zu rühren, sah er, wie sich die Lanze in Augenhöhe langsam auf ihn zu bewegte, bis die scharfe Spitze direkt zwischen seinen Augen zum stehen kam – gerade, dass sie seine Nasenwurzel berührte. Rahon schloss die Augen. Er war nicht fähig irgend etwas zu tun.
Der Druck der Spitze ließ plötzlich nach, und als er die Augen wieder öffnete, sah er, wie sich das hintere Ende des Lanzenschaftes langsam nach oben bewegte, bis sie gänzlich senkrecht stand. Mit einem Zischen stieß sie nach unten und bohrte sich zwischen seinen Sandalen tief in den Boden ...
„Du solltest nicht meine Macht herausfordern!“, sagte die Stimme des Alten. „In dir ist nur eine Zeit, in der du das Allsein verdrängst, weil ich so entschieden habe. Ich kann auch anders entschieden sein! Es ist Deine Unwissenheit, die meinen aufkommenden Zorn beschwichtigt. So will ich in dir vom Allsein trennen: Ich bin kein kleiner Dompteur eures Volkes, den ihr als Tek vom Allsein verdrängt!“
Rahon spürte, wie die Erstarrung von seinem Körper wich, und er seine Glieder wieder zu bewegen in der Lage war. „Wer bist du dann?!“, quetschte er angestrengt aus seiner noch nicht ganz befreiten Kehle hervor.
„Ich bin die Ursache, und ich bin die Wirkung!“, tönte es aus dem Munde Kasids, und seine ohnehin dunkle Stimme klang plötzlich, als hätte sie sich verdoppelt. „Ich bin der Schatten, der das Licht spiegelt. Ich bin wider dem Allsein – Suäl Graal, Hüterin der Großen Tore der Großen Wasser, und Herrscherin, über alles was da war, ist, und sein wird!“
Rahon spürte, wie sich seine Haut eng um ihn zusammenzog. Bleich sank er, wie alle anderen auch, langsam auf seine Knie. „Verzeih die Unbemessenheit meiner Verdrängung ...!“, stotterte er zutiefst erschrocken. „... ich konnte nicht ahnen ...!“
„So höre denn, was ich dir zu sagen habe!“, unterbrach ihn die durchdringende Stimme, die nun nichts mehr mit dem alten Kasid zu tun hatte. Auch seine Lippen bewegten sich nicht mehr, als er sprach – und seine Augen schienen über den knienden Rahon hinweg ins Unendliche zu schauen.
„Dies ist die Zeit der Entscheidung!“, sprach es.
„Das Untere Squatsch,
Herrscher über die Zweite Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms,
Hat seine Untertanen,
Hat sein Volk,
Verraten.
Er hat Einlass gewährt,
In die Zweite Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms,
Kishou,
Die da entschieden ist,
Die Große Ordnung Suäl Graals zu stören.
Kishou,
In sich tragend,
Die Macht aller vergangenen Dompteure,
In sich tragend,
Die Macht des Erkennens,
Doch auch in sich tragend,
Die Ohnmacht der Unerfahrenheit,
Und damit der Aufhaltsamkeit,
Ist entschieden,
Zu erfahren,
Und damit unaufhaltsam zu werden!“
Der Blick des Alten kehrte wieder zurück aus der Unendlichkeit, und bohrte sich erneut in die Augen Rahons. Auch seine Lippen bewegten sich nun wieder.
„So höre denn, was ich dir auftrage:
Du wirst Deinen Stamm zu einer Stätte führen, die ich dir benennen werde.
Dort wirst du zusammentreffen mit weiteren Stämmen der Grabenmacher, als auch der Stämme der Langen Schatten. Gemeinsam und unter deiner Führung solltet ihr die Kraft haben, das Wesen, das als Kishou erkannt werden will, und sich mit Macht vom Allsein trennt, zu vernichten und dem Allsein zuzuführen!“
Rahons Augenlider ruckten nach oben. Er sollte sich mit den Langen Schatten vereinigen ...? Der Blick Suäl Graals erstickte aber sogleich den Reflex des Widerspruchs.
„Doch damit nicht genug!“, setzte Suäl Graal in der Erscheinung Kasids fort. Die Macht Kishous ist groß. Zu groß, als das ihr es wagen solltet, ihr zu begegnen. So wird sich auch ein großes Heer der Korks bei euch einfinden, die ich nahe genug verstreut fand, um dem Verlangen meiner Entschiedenheit zur rechten Zeit beiwohnen zu können. Sie werden sich deinen Anweisungen unterwerfen, wie auch die Stämme der Langen Schatten, bis das die Entscheidung vollendet, und vollkommen entschieden vom Allsein verdrängt sein wird! Ihr aber haltet euch in gebührenden Abstand und mit gebundenen Augen gegenüber der, die als Kishou erkannt sein will, wie ihr es entscheidet, wenn ihr auf den Rjuchhu trefft. Von dort sollt ihr eure Pfeile zum Ort des Zieles führen – während das Heer der Korks deinem lautenden Befehl folgend, vordringt. All dies, was ich in dir nun vom Allsein getrennt, trenne ebenso vom Allsein in deinem Gefolge und auch in den Stämmen der Langen Schatten, und sie werden gehorchen!“
Die Ausführungen des Alten waren wohl zu Ende, und es entstand eine kleine Pause, bevor seine Stimme noch einmal nachfragte. „Ist da noch etwas, dass du wissen solltest?!“
Rahon biss sich auf die Lippen. „Du verlangst viel von mir und meinem Stamm. Die Langen Schatten ... .“
„Suäl Graal ,verlangt’ nicht, Suäl Graal ist entschieden!“, wurde er von der unheimlichen Stimme aus Kasids Körper barsch unterbrochen – sie kam wieder aus unbewegtem Munde.
Rahon schluckte, und senkte erschrocken seinen Blick. „Wo ist der Ort der Zusammenkunft, und wo verdrängen wir das Wesen vom Allsein, das als Kishou erkannt sein will?!“, fragte er sehr kleinlaut.
„Gut! – Das ist die Frage, die ich hören wollte, und die in mir vom Allsein trennt, dass du mich verstanden hast!“, antworteten die unbewegten Lippen Kasids. Ihr werdet euch zusammenfinden im Angesicht der verbotenen Stätte – im Schatten des vierten Winkels, welcher erscheint, wenn die Sonne die verbotene Stätte zu Gänze bemessen hat!
„Rahons Augen weiteten sich erschrocken „Die ,Verbotene Stätte’ ...?
„So soll es euch gestattet sein in der Zeit, die eure Tat an Raum bemisst!“, unterbrach ihn die Stimme sofort wieder. „Sucht und folgt der Fährte des Dompteurs. Dort, wo ihr seine Zeit bemisst, werdet ihr die anderen – und Kishou bemessen!“
Die Stimme verstummte. Die durchdringenden Augen des Alten fielen wieder durch Rahon hindurch, und begannen glasig zu werden. Langsam neigte sich der alte Körper steif nach hinten über seinen Schwerpunkt hinaus, um endlich wie ein gefällter Baum nach hinten umzukippen, und auf dem Boden aufzuschlagen. In den weit geöffneten Augen war kein Leben mehr zu erkennen. Der Körper war nur noch das Nachleuchten eines einstmaligen Wesens, das sich in einer Zeit des Ausglimmens mit dem Sande vereinigen würde – wie sich alle Zeit irgendwann mit der des Sandes vereint ...
Es dauerte noch einige Zeit, bis sich in Rahon und den Anderen wieder etwas regte.
Noch sichtlich benommen erhob er sich endlich und atmete einige Male tief durch. „In euch ist vom Allsein getrennt, wie Suäl Graal entschieden ist, und was nunmehr das Allsein verdrängen wird!“, sagte er, und man sah ihm an, dass es ihm nicht leicht fiel, diese unerwartete Entwicklung anzunehmen. Es war nicht dieses Wesen, das Suäl Graal ,Kishou’ nannte, dass in ihm Unmut und Besorgnis auslöste – er konnte die Bedrohung nicht einschätzen, die von ihm ausgehen sollte. Es war eher zum einen der Umstand, dass sie gegen das Untere Squatsch kämpfen sollten, dessen Untertan sie immerhin alle waren, und der sich niemals in ihre Angelegenheiten eingemischt hatte – aber noch viel mehr die kaum ertragbare Vorstellung, sich mit den Langen Schatten verbünden zu müssen. Das hatte es nicht gegeben, seit die Wasser begannen zu versiegen, und der Kampf der Stämme um die verbliebenen Oasen ihren Anfang nahm. Jene Ära lag weit vor der Zeit Rahons, und inzwischen erinnerte sich niemand mehr an den ursprünglichen Anlass der Fehden unter den Stämmen, von denen nur noch diese zwei geblieben waren. Die fehlende Erinnerung war längst ersetzt durch einen allgemeinen Hass gegen ,die Fremden’, die nicht zum eigenen Stamm gehörten, und daher keinen Anspruch hatten auf die immer weniger werdenden Oasen.
„Geht – und verdrängt das eure vom Allsein! Ich werde den Stamm zusammenrufen, um das Unvermeidliche in ihnen vom Allsein zu trennen!“, sagte Rahon knirschend. „Wir werden mit der nächsten Sonne aufbrechen, um in ihrem Untergang die verbotene Stätte zu bemessen!“
Ohne weitere Worte ließ er die Gruppe stehen und verließ den Ort des Geschehens. Er ging in sein Revier, um das 'Lange Horn' zu blasen, dessen weitreichender Ton den Stamm aufrief, sich auf dem Versammlungsplatz Zargos einzufinden.
~*~
Entdeckungen
Mo hatte die Führung übernommen. Sie schritt voran, wie es jemand tut, der keinen Zweifel an der einzuschlagenden Richtung hat. Ab und zu verharrte sie einen Augenblick und schien in das weite Land hineinzuhorchen – machte dann zuweilen einen harten Schlenker und änderte die Richtung. Das war aber kein Ausdruck von Orientierungslosigkeit, sondern ihr Gespür für die Grenzen der Reviere, die hier die verschiedensten Wesen wohl für sich in Anspruch nahmen, und die respektiert werden wollten. Weitere böse Überraschungen, wie die mit den Knüppelhörnern, galt es möglichst zu vermeiden.
Es war ganz im Sinne Kishous, die sehr wohl Mos Verhalten verstand – wenn sie auch selbst nichts von dem bemerkte, was Mo immer wieder zu einer Korrektur der Richtung ihres Marsches veranlasste. Um so mehr versuchte sie ihre Augen möglichst überall gleichzeitig zu haben. Der Schrecken mit den Knüppelhörnern saß ihr noch tief in den Knochen, und sie hoffte sehr, dass ihnen eine Wiederholung erspart bliebe.
Es tauchten dennoch immer wieder einmal irgendwelche, oft seltsam anmutende Wesen auf, wie sie Kishou niemals zuvor gesehen hatte. Nur in den wenigsten Fällen schienen sie etwas mit den Tieren gemeinsam zu haben, die sie von ihrem großen Garten her kannte. Sie wäre oft gern stehengeblieben, um sie genauer zu betrachten, aber sie wagte es nicht, um nicht womöglich im gemeinsamen Marsch von der Gruppe zurückzufallen. Sie hielt sich eher möglichst in der Mitte des kleinen Trecks auf – und natürlich auch noch an der Seite Boorhs. Hinter ihnen watschelte das Untere Squatsch – hin und wieder leise vor sich hinschimpfend, wenn er mit seinen kurzen Beinen irgendein Hindernis nicht so ohne weiteres überwinden konnte.
Irgendwelche Geräusche waren immer zu hören. Entweder kamen sie von den zuweilen recht seltsamen Lauten der unzähligen Wesen, die dieses öde Land bewohnten, oder von brechenden kleinen Ästen der kahlen Bäume, die das Gewicht irgendeines Tieres nicht mehr zu tragen vermochten. Nicht zuletzt war da immer das Rascheln des trockenen, hohen Grases, das sie selbst oder irgendwelche Tiere verursachten, die in seinem Schutz verborgen die Steppe durchstrichen.
Die Landschaft mutete Kishou immer seltsamer an, je länger sie unterwegs waren. Es war ein sehr wildes Land – eigentlich zunächst ohne größere Besonderheiten – wenn man einmal davon absah, dass es im Gegensatz zum Ersten Drom nahezu sanft in seinen landschaftlichen Formen erschien.
Nur wenige hartkantige Felsen waren zu sehen, alles war eher abgerundet oder bestenfalls borstig – wie die Brust Boorhs, kam es Kishou einen Moment in den Sinn. Unzählige kleine Hügel und Täler – die mehr Senken als wirkliche Täler waren, sorgten für ein stetes auf und ab des Marsches. Aber das war nicht jeder Zeit ersichtlich, weil immer wieder ausgedehnte kahle Wälder und Baumgruppen die wechselnden Höhen für die Augen ausglichen. Die Bäume in den Senken wollten wohl einst der Sonne ebenso nahe kommen, wie diejenigen auf den Hügeln. Das, was die Landschaft letztlich wirklich seltsam erscheinen ließ, war, dass ihr bei aller Vielfalt jegliche Farben fehlten. Alles verlor sich in der Kontrastlosigkeit zwischen allen möglichen von zumeist hellen Brauntönen.
Wenn sie die Höhe eines Hügels überschritten, und dieser einigermaßen baumlos war, konnte Kishou in gehöriger Entfernung immer wieder diese schwarzgrauen Säulen erblicken, die sich verschiedentlich in den Himmel erhoben, und immer wieder ihre Verwunderung hervorriefen. Große, dunkle Berge schoben sie unablässig aus ihren Gipfeln hinaus.
„Boorh entscheidet: Es verdrängen sich viele Feuerberge in der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms!“, ließ Boorh sich entgegen seiner gewohnten Wortkargheit vernehmen. Er hatte wohl das Staunen Kishous über diese Erscheinungen aus ihren geweiteten Augen, und ihrem offenen Mund erraten, mit denen sie bei jeder Gelegenheit zu ihnen hinüber starrte. Oder vielleicht war er auch so wortselig, weil er es offenbar genoss, all das zu sehen. Er hatte immerhin wohl eine halbe Ewigkeit auf diesen Anblick seiner zweiten Heimat verzichten müssen.
„Sie erinnern mich an eine Geschichte, die mir Trautel Melanchful mal erzählt hat – da gab es viele rauchende Berge – manchmal kam auch Feuer aus ihnen raus. Sind das solche Berge?", fragte sie fasziniert.
„Boorh entscheidet: Wenn Kishou so entscheidet, so verdrängt es das Allsein!“
Mo war wieder einmal stehen geblieben und erspürte mit geschlossenen Augen die Gegend. Dieses Mal bedurfte es aber nicht des besonderen Gespür Mos, um zu erkennen, dass sie nicht alleine hier in der Gegend waren. Ein unüberhörbares Gezeter, schreiende Laute und das Krachen berstender Äste zeigte an, dass unweit vor ihnen offenbar ein heftiger Kampf entbrannt war.
Kishou schrak heftig zusammen, und drängte sich dicht an Boorh, der in dem selben Augenblick bereits seine Axt aus dem Schulterhalfter gezogen hatte. Aber es war wohl mehr ein Reflex, denn eine unmittelbare Bedrohung bestand nicht. Der Kampf fand ohne Zweifel ein erklägliches Stück weiter vor ihnen statt.
Mo schien letztlich auch eher unbeeindruckt von dem Geschehen, und schwenkte einfach nur nach rechts ab, wie sie es immer tat, wenn sie meinte, ein Revier umgehen zu müssen.
„Was ist das?!“, fragte Kishou dennoch etwas besorgt.
Boorh schob bereits seine Axt wieder in seine Ruhestätte zurück. „Boorh entscheidet: Nur eine kleine Bemessung der Kräfte!“
Kishou konnte zwar die Ruhe seiner Haltung keineswegs teilen, fühlte sich dann aber doch besser, nachdem niemand von ihren Begleitern eine ernste Gefahr erkannte.
Nachdem sie offenbar erfolgreich dem Kampfgeschehen ausgewichen waren, kamen sie bald in ein ausgedehntes Waldgebiet. Es war ein unheimlicher Ort, befand Kishou, denn obwohl der Wald sehr dicht war, hatte die Sonne keinerlei Schwierigkeiten, ihren Weg bis zum Boden zu finden. Das blattlose Geäst bot trotz seiner Dichte den gleißenden Strahlen der Sonne kaum einen Widerstand. Mächtige hölzerne Stämme, die sich hoch in den Himmel reckten, standen dicht an dicht mit fingerdicken Stöckchen, die nicht mehr die Zeit gefunden hatten, erwachsen zu werden, und beim kleinsten Anstoß brachen.
Hellbraun war alles hier um sie herum. Ein helles, sandiges Braun, das sich nicht von den trockenen Gräsern unterschied – und auch nicht von dem Boden, aus dem sie vor langer Zeit einmal hervorgekrochen waren. Ein einziges, großes, wunderliches Skelett, das jegliches Fleisch verloren hatte. Und doch schien es, als wollte es leben. Kishou schauderte. Das stetige Krachen des spröden Holzes um sie herum, wo immer sie mit ihm in Berührung kamen, ließ es nicht zu, dass die Ohren voraushörten, um eventuelle Gefahren einschätzen zu können.
Seltsamerweise war dieser brüchige Wald offenbar frei von allen Wesen, die dieses Drom bewohnten. Nicht ein einziges Mal änderte Mo ihre Richtung, was darauf hindeutete, dass sie tatsächlich ganz allein in dieser seltsamen Kulisse wandelten. Als sich Kishou bei Mo darüber verwunderte, gab sie ihr zu verstehen, das man einen solchen Ort nicht verteidigen konnte, ohne ihn zu zerstören. Ein so brüchiges Revier wird niemand in Besitz nehmen wollen.
Bis zum Abend brauchte es, bis sie den knöchernen Wald durchschritten hatten. Als sie aus ihm heraustraten, fanden sie sich am Ufer eines gigantischen Sees wieder – zumindest das, was von ihm übrig geblieben war, vermutete Kishou in einer entsprechenden Äußerung sofort. Sie wurde in ihrer Annahme von Boorh sogleich bestätigt.
Der Anblick der weiten öden Fläche erinnerte sie an ihre ersten Schritte in der Ersten Ebene des Ersten Tals des Ersten Droms, nachdem sie Trautel Melanchful verlassen hatte – und sie ertappte sich dabei, dass sie nach unten schaute, um ihre Fußspuren zu sehen. Nach einer leichten Dünung erstreckte sich das weißlich-braune Tuch des ehemaligen Seegrundes bis zum Horizont, und riss dort in einem Spiegelbild die rote Abendsonne in tausend Fetzen. Doch sehr schnell erkannte sie die Unterschiede zu ihrer ersten Erfahrung. Der Boden war nicht gleichmäßig bedeckt mit feinem Sand, wie sie es im Ersten Drom Anfangs vorgefunden hatte. Hier war er brüchig – wie eine riesige zerborstene Glasscheibe: flach aus großer Höhe aufgeschlagen, in tausend Scherben gesprungen – und doch in einem Stück geblieben.
Kishou setzte sich, wo sie stand, und schnürte sich das Bündel von der Schulter, um erst einmal einen kräftigen Schluck aus ihrem Wasserbeutel zu nehmen. Noch nie zuvor bis zu diesem Augenblick hatte sie das Drama der Dürre so deutlich empfunden wie in diesem Moment. Eine ganze Weile saß sie so da, und starrte in die zerrissene Ebene hinein. Auch Boorh und Mo schienen sehr beeindruckt. Regungslos und mit versteinerten Gesichtern konnten auch sie sich offenbar nicht von dem Anblick lösen.
„Boorh entscheidet, wenn Kishou die Großen Wasser wieder wieder sein lässt im Großen Belfelland, werden ihre Augen vom Allsein trennen, was auch Boorhs Augen vom Allsein trennten, als er zuletzt diesen Ort bemaß!"
Kishou antwortete nicht, nur ihre Hand bewegte sich langsam nach oben zu ihrer Brust, bis sie den großen kristallenen Schlüssel darunter spürte. Durch ihre Bluse hindurch umspannte ihre Hand hart den langen Schaft. „Werden wir eine Oase sehen?“, fragte sie plötzlich leise, ohne ihren Blick abzuwenden.
„Boorh entscheidet: Der Pfad Kishous in das Zweite Tal der Zweiten Ebene des Zweiten Droms verdrängt den Ort ,Sahier’ vom Allsein. Es ist der ,Stamm des Zehnten’, der diesen Ort sein Eigen nennt. Doch Boorh kann nicht entscheiden, ob Sahier noch das Allsein verdrängt, nachdem nur noch zwei Stämme an diesem Ort bemessen sind – wie das Untere Squatsch entschieden ist.
Die Blicke von Boorh und Mo wanderten zu dem Erwähnten, der wohl von der ganzen Situation noch am wenigsten beeindruckt war. Er kannte das Land und seinen Niedergang – er hatte es in der langen Zeit mit angesehen, und sich längst daran gewöhnt. „Oh ...!“, stichelte er gespielt erstaunt gegen Boorh, und musste sich dabei fast den kurzen Hals verrenken, um zu dem nahestehenden Muskelberg aufzuschauen. „Er hat sich was gemerkt! Er hat sich tatsächlich was gemerkt – hat er sich! Wenn eine Zeit dafür ist, musst du in mir unbedingt den Trick vom Allsein trennen, wie du das bemessen ... oh – oh ... verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung ... ich – äh ...!“ Er watschelte kopfwackelnd und schulterzuckend zu Kishou hinüber. „Natürlich, natürlich – es verdrängt dort eine Oase das Allsein – nicht sehr groß, ... nicht sehr groß! Die Grabenmacher hatten den ,Stamm des Zehnten‘ vor vielen Zeiten dem Allsein zugeführt. – hatten sie! ... und verdrängten jenen Ort fortan vom Allsein als ein Revier der Grabenmacher! Allerdings vor noch nicht sehr vielen Zeiten – nicht sehr vielen – nahm der Stamm der langen Schatten die Oase in seinen Besitz. Es war ein furchtbares Gemetzel ... ja, das war es! Nun ja, nun ja. Die Zeit der Oase verdrängt nicht mehr viel Raum vom Allsein – nicht mehr sehr viel. Aber sie ist noch immer im Besitz der Langen Schatten!“ Er wackelte mit dem Kopf. „Aber wie ich schon sagte, wir müssen vorsichtig sein. Aber wenn der Plattfuß da ... . Oh – oh ... verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung ...!“ Er räusperte sich verlegen. „Also mit Mo und Boorh und meiner Wenigkeit können wir es sicherlich wagen, die Oase zu bemessen. Sicherlich! Ohne Frage das! Euer Beutel ist sicherlich nicht mehr gut gefüllt – ist er nicht, und ein Bad wäre wohl für euch ... nun ja – ... eine vollkommen bemessene Verdrängung des Allseins – wäre es wohl!“
„Baden ... was für ein Traum!“, schwärmte Kishou mit einem tiefen Seufzer. Sie nahm ein kleines Steinchen auf, und warf es im hohen Bogen von der Dünung herunter. „Plumps!“, sagte sie, als das Steinchen auf den harten Boden des einstigen Sees aufschlug. Sie lächelte dabei und zuckte resignierend mit den Schultern.
„Noch eine andere Oase verdrängt das Allsein – nicht sehr viel Zeit ist bemessen von diesem Ort!“, wusste das Untere Squatsch noch zu berichten. „Sie ist als ,Zargo’ vom Allsein getrennt – als Zargo! ... und ein Revier der Grabenmacher. Sie ist größer als Sahier – ja das ist sie! ... hat mehr Zeit. Aber ist wohl auch unangenehmer – ja das ist sie!“
„Was ich ehrlich gesagt nicht so recht verstehe, ist, warum wir vor den Afeten Angst haben müssen?“, wunderte sich Kishou. „Ich meine, du bist doch hier der König oder so was – also du herrschst doch über sie, oder nicht? Das Volk der Ky war doch auch sehr nett zu mir, nachdem ich Boorh getroffen hatte.
Dieses Thema war dem Unterem Squatsch offenbar nicht besonders angenehm. Er wackelte nervös mit seinem Kopf, trat von einem Bein auf das andere, und blickte immer wieder verstohlen zu Boorh und Mo hinüber, die sich inzwischen auch gesetzt hatten, und mit unbewegtem Blick auf den See starrten. Er vergewisserte sich wohl, dass sie ihn nicht hören konnten, bei dem, was er nun eingestehen musste. „Nein, nein – ja – doch ... natürlich! Ich bin ich der Herrscher über diesen Teil des Droms – das bin ich schon ... Das bin ich ohne jeden Zweifel ...!“, raunte er, und blickte dabei erneut verstohlen zu Boorh hinüber, als befürchtete er, dass dieser ihn hören konnte. „Aber ... ich bin eben doch nur ein ... – na sagen wir – ein halber Herrscher. ... Also natürlich ist in meiner Wenigkeit ein gänzlicher Herrscher ... keine halben Sachen – nein, nein – keine halben Sachen ...!“ Er rückte näher an Kishou heran, um noch etwas leiser sprechen zu können. „Aber wie ihr ja wisst, ist auch in Boorh ein Herrscher über diesen Teil des Droms vom Allsein verdrängt – also zur Hälfte ist auch er ...!“ Er schob sich noch etwas mehr an Kishou heran ... „..natürlich nur zur Hälfte! Aber das Volk verdrängt leider nicht viel Intelligenz vom Allsein, und meint immer, was größer bemessen ist, und eine Axt mit sich herumschleppt ...” Er wiegte seinen zu großen Kopf hin und her und kratzte sich nervös an seinem Hals herum ... „Nun sagen wir mal ... „er rückte sein Sakko zurecht. „... in mir verdrängt sich nun einmal nicht eine ganz so gewaltige Erscheinung vom Allsein ... nicht äh ... nicht ganz so gewaltig!" Nun schüttelte er fast ein wenig ärgerlich den Kopf. „Dabei bin ich sehr mächtig – sehr mächtig! Immerhin beherrsche ich das Allsein. Meine Wenigkeit verdrängt das Sein vom Allsein ... verdrängt es! – niemand außer mir ist dazu im Stande ... ihr habt’s ja bemessen – ihr habt’s bemessen ...!“
„Du meinst, wenn du dich in diese komische Kugel verwandelst – das sieht echt toll aus!“, sagte Kishou anerkennend. „Aber was machst du damit, mehr passiert ja eigentlich nicht ...!“
„Oh nein – Oh doch, doch!“, wurde sie vom Unteren Squatsch fast erschrocken unterbrochen. „Um das Allsein zu verdrängen, bedarf es einer ungeheuren Kraft – einer ungeheuerlichen Kraft. Niemand verfügt über solch ungeheuerliche Kräfte – ... außer meiner Wenigkeit – Oh, oh – Verzeiht diese kleine Unbescheidenheit – außer euch selbstverständlich, selbstverständlich außer euch!“
Kishou stutzte. „Außer mir? Was ist das denn nun wieder – wie kommst du denn auf so was?!“
„Aber ihr habt eben nicht das Problem, das ich habe!“, Überhörte er die Frage Kishous. „Ihr seid viele, doch ich bin nur einer. ... nur einer! Da braucht es eben noch mindestens eines weiteren, der meine Kraft vom Allsein trennt! Nun ja ... Ohne so jemanden ... „sein Blick sprang wieder einen verstohlenen Moment zu Boorh hinüber ... „Ohne so einen angeberischen Kraftmeier ... Oh, oh – verzeiht die kleine Unbemessenheit meiner Verdrängung ... Also ich meine ... Also ich will es mal so bemessen: Ohne so einen Boorh ist meine Kraft eben ... nun ja ... eben nur eine Kraft. ... eine Kraft eben – nicht mehr! ... und eine Kraft ist nunmal Allsein. Es muss jemand da sein, der sie letztlich vom Allsein verdrängt. ... Meine Kraft! ... Und jeder meint dann aber zu bemessen, er wäre es gewesen! Er! Aber in Wirklichkeit ...”
„Ach so!“ In Kishous Gesicht ging ein großes Licht auf. „Jetzt verstehe ich!“, sagte sie, und ein breites Grinsen erschien in ihrem Gesicht. „Deswegen ...!“ Sie kicherte etwas vor sich hin. Endlich hatte sie verstanden, warum das Untere Squatsch immer so gegen Boorh stichelte ...
„Äh – deswegen? ... fragte das Untere Squatsch irritiert.
„Ist ja auch egal!“, wiegelte Kishou ab. Aber danke, dass du mir erklärt hast, was du da eigentlich machst. Dann verstehe ich jetzt dein Problem. Deswegen herrscht ihr hier eigentlich auch zu Zweit. Wenn du allein kommst, nimmt man dich wohl nicht so richtig ernst – oder?“
„Genau so ist es entschieden, und genau so verdrängt es das Allsein! Genau so ist es!“ Das Untere Squatsch machte einen ehrlich bemitleidungswürdigen Eindruck. „In meiner Wenigkeit verdrängt sich der Herrscher eines ganzes Volkes vom Allsein – eines ganzen Volkes – und das Volk bemisst keinen Respekt vor seinem Herrscher ... Nur weil der nicht ganz so dick ist ... Oh, oh – verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung ...!“
„Schon gut!“, lächelte Kishou und strich tröstend über seinen Arm. „Setz dich doch auch noch ein bisschen. Es ist gerade so schön hier zu sitzen und sich vorzustellen, wie es wäre, wenn hier vor uns nichts als Wasser wäre, und hinter uns eine bis zum anderen Horizont reichende große Wolke aus grünen Blättern und Blüten in allen Farben!“
„Oh, oh – wenn Ihr gestattet!“ Die kleinen Kulleraugen des Unteren Squatsch leuchteten auf, und er beeilte sich, neben ihr Platz zu nehmen.
„Jetzt wo Boorh wieder da ist, wird das Volk sicherlich sehr bald erkennen, wer du bist, und man wird wieder Respekt vor dir haben!“, tröstete Kishou. „Es ist nun einmal so entschieden, dass ihr nur gemeinsam das Allsein verdrängen könnt!“
„So entscheidet Kishou, und wie Kishou vollkommen bemessen entschieden ist, so verdrängt es das Allsein!“, bestätigte das Untere Squatsch, und es war zum ersten Mal eine erstaunliche Ruhe und Zufriedenheit in ihm zu entdecken – und Kishou lächelte in sich hinein, als sie bemerkte, dass sie bereits anfing, sich in den seltsamen Worten der Chemuren auszudrücken. Dann aber verzog sich ihr Gesicht doch wieder zu einer nachdenklichen Mine. „Mmh – das ist dann aber auch wieder so eine komische Sache ... Ich dachte, ich hätte verstanden, dass Boorh seine Kraft von dir braucht, um etwas in die Tat umzusetzen ... so ist es doch gemeint – oder?!“
„ja, ja – genau so. Genau so verdrängt es das Allsein!“, beeilte sich das Untere Squatsch zu bestätigen, um gar nicht erst irgendwelche Zweifel aufkommen zu lassen.
„Aber im Ersten Drom warst du doch nicht da, und Boorh hat doch alles allein gemacht ...?
„Oh nein, nein – Boorh hat im Ersten Drom kein Allsein verdrängt!“
„Aber ich war doch immer dabei, und hab’ geseh’n ...!“
„Oh nein, oh nein – nichts hat Boorh verdrängt vom Allsein. Boorh hat kein Sein vom Allsein verdrängt. Niemand kann im ersten Drom das Sein vom Allsein verdrängen – nicht einmal ihr…!“ Er stockte und schluckte verlegen. „Verzeiht die kleine Unbemessenheit dieser Verdrängung vom Allsein ... aber sie ist eigentlich doch vollkommen bemessen – wenn ihr gestattet ...!“
„Häh ... „ In Kishous Gesicht stand ein großes Fragezeichen. „jetzt versteh' ich aber gar nichts mehr!“
„Nun – äh – das Erste Drom ist Allsein. Allsein! ... und niemand kann ein Sein vom Allsein verdrängen, bevor es entschieden und vom Allsein getrennt ist! Niemand kann das!“
„Wie ...?“
„Nun, so ist es. So ist es vom Allsein verdrängt. Boorh und Mo haben das Sein ,entschieden’ und vom Allsein ,getrennt’ im ersten Drom – doch um das entschiedene und vom Allsein ,getrennte‘ vom Allsein zu ,verdrängen‘, ... braucht es das Untere Squatsch – braucht es meine Wenigkeit!“ Er fing wieder sichtlich an, nervös zu werden. „Das ist ja gerade mein Problem, dass niemand es versteht. Das niemand es versteht und jeder zu bemessen meint, es wäre Boorh allein! ... Boorh allen!“, er wiegte verzweifelt seinen Kopf hin und her und seufzte tief auf.
Das Gedankenkarussel, das in Kishous Kopf mal wieder heftig im Kreise fuhr, war ihr hinlänglich bekannt, und sie hoffte entsprechend auf den Augenblick eines rettenden Widerstands. Tatsächlich dauerte es dieses Mal gar nicht so lange ... „Das würde ja bedeuten ... das Erste Drom ist gar nicht wirklich – also ich meine ... es wäre ja dann eigentlich nur irgendwie sowas ... wie ... wie eine Idee ... oder sowas wie eine Art Traum!?“
„Eine Entscheidung!“, wurde sie vom Unteren Squatsch korrigiert. „Nur erst eine Entscheidung! So verdrängt es vollkommen bemessen das Allsein. Es ist zunächst eine Entscheidung. Es trennt das Sein vom Allsein ...!“
Kishou kamen in dem Moment die Worte Trautel Melanchfuls in den Sinn, in denen sie einmal meinte, das Große Belfelland sei ein besonderer Ort, an dem nichts so wäre wie es scheint, und doch läge in allem das Wahre ... „Das heißt ... das Erste Drom war noch gar nicht Wirklich, sondern nur erst die Entscheidung für ein Sein, das hier im Zweiten Drom dann zur Wirklichkeit wird ...!“, grübelte sie laut nach ...
„Dank meiner Wenigkeit! So ist es. Eben Dank meiner Wenigkeit. Genau so ist es entschieden und verdrängt es das Allsein. Eure Entscheidung ist vollkommen bemessen und vom Allsein getrennt, und ebenso verdrängt es das Allsein ...!“ Die Augen des Unteren Squatsch leuchteten hell und er wiegte seinen kugeligen Körper aufgeregt hin und her. Endlich, so schien es ihm wohl, hatte ihn jemand verstanden.
„Deshalb war das auch so’n komisches Gefühl, als wir das Erste Drom mit dir durch’s Allsein verließen – und aus dem Allsein rauskamen … als wenn man aufwacht ... is’ ja verrückt alles ...”, staunte Kishou. Sie schüttelte etwas resignierend den Kopf. „Also so irgendwie hab’ ich’s wohl verstanden ... Jetzt wird mir immerhin einiges klarer – aber ich glaube, es ist im Moment noch ein bisschen viel auf einmal!“ Sie schaute einen Augenblick in die kleinen Murmelaugen des Unteren Squatsch und grinste plötzlich. „Danke, dass du mich aufgeweckt hast!“, sagte sie mit einem kleinen Anflug von Spitzfindigkeit.
Das Untere Squatsch überhörte die kleine Ironie in der Bemerkung Kishous und fühlte sich endlich einmal wieder angemessen wichtig – wie lange hatte er das nicht mehr erlebt.
Über die ausgiebige Unterhaltung war die Sonne nun endlich unter dem Horizont verschwunden und ein unbeschreibliches Farbenspiel überzog den sterbenden Himmel. Kishou gähnte herzhaft. „Wir werden die Nacht wohl hierbleiben!“, stellte sie mit einem Blick zu Mo und Boorh fest, die nebeneinander sitzend, mit eingefrorenen Gesichtern auf dem Boden hockten. „Also dann – Gute Nacht, Unteres Squatsch!“, verabschiedete sie sich von ihm, krabbelte auf allen Vieren zu Boorh hinüber und machte es sich in seinem Schoß bequem. Es war doch allemal immer wieder sicherer dort – man wusste ja nie ... und im Gegensatz zum ersten Drom, waren hier zudem doch immerhin schon Temperaturunterschiede spürbar, und die Nacht war kühler als der Tag.
Kishou kuschelte sich tief in Boorhs Schoß, als sich plötzlich eine wohlige Wärme um sie herum ausbreitete. Als sie die Augen verwundert noch einmal aufschlug, sah sie um sich herum ein mattes rötlich fluoreszierendes Licht – wie eine Glocke lag es über Boorh und ihr. Eine Art wabernder, stehender Blitz ging von ihrer Wandung ab – und als ihre Augen der Erscheinung folgten, fand sie dessen Ursprung in einer kleinen, flirrenden Kugel, wie aus tausend unsteten Insekten, in dessen Mitte sich ein leuchtender Kern befand. Er strahlte nicht so heftig, wie sie es schon einmal gesehen hatte – es war dagegen eher nur ein glimmen. Aber Kishou verstand nun, was die Ursache der Wärme war. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen schlief sie ein.
~*~
Rahon gehorcht
Die ,Verbotene Stätte’ war nicht weit von Zargo entfernt. Gerade einmal ein Tagesmarsch trennte die Oase von jenem Ort, der von Suäl Graal bestimmt war, sich mit ihren Todfeinden zu verbünden.
Rahon wählte nicht den direktesten Weg dorthin. Er nahm einen etwas längeren in Kauf, um von einem der höheren Hügel das Areal dieses normalerweise gemiedenen Ortes überblicken zu können, bevor sie es endgültig erreichen würden. Das Misstrauen saß tief. Noch niemals in allen bekannten Zeiten war es zu einer Verbrüderung mit den Langen Schatten gekommen – und Rahon war nicht nur ein unerschrockener Krieger, er erwies sich auch immer wieder als äußerst scharfsinnig.
Suäl Graal war so verhasst wie gefürchtet unter den Afeten, was wohl für alle Völker aller Drome dieser Welt galt – sie war es ja schließlich, die das Große Belfelland mit seinen Dromen den langsamen aber unaufhaltsamen Untergang geweiht hatte. Und wenn man ihr folgte, dann nur ihrer Macht wegen, der niemand etwas entgegen setzen konnte – und um ihrer Wut zu entgehen. Sie alle kannten die Geschichte ihres Droms und die Zeiten der fließenden Wasser nur noch aus den Legenden. Aber alle sahen auch den weiteren, langsamen aber steten Niedergang ihres Lebensraumes, der jede zurückliegende Zeit bereits als eine ,ehemals blühende‘ erscheinen ließ. Jede bereits vergangene Zeit hatte allenthalben immer noch mehr geboten, als die Aktuelle.
Es muss eine außerordentlich große Macht sein, die es zu bekämpfen gilt, dachte sich Rahon. Suäl Graal hatte es nicht nötig, für irgend etwas Hilfe anzufordern, daran ließ keine der Legenden einen Zweifel. Wenn sie es dennoch tat, so musste etwas ungeheuerliches Geschehen sein. Wer waren diese Fremden, die imstande waren, Suäl Graal herauszufordern, und die das Große Belfelland, und damit auch ihren Lebensraum, zerstören wollten? – und warum will Suäl Graal sie vernichten, wenn die doch nichts anderes im Sinne führen, als Suäl Graal selbst? Das alles ergab keinen Sinn.
Aber Rahon hatte nun die Macht Suäl Graals am eigenen Leibe erfahren. Und wenn auch alles keinen rechten Sinn ergab, so blieb doch nur der Gehorsam, um vielleicht Schlimmeres zu vermeiden.
~*~
Vereinigung
Sie hatten das angestrebte Ziel ihres Umwegs erreicht. Eine kleine Gruppe seines Gefolges bildete ein schweigendes Spalier, um Rahon den Weg zu der Stelle auf der Anhöhe frei zu machen, von dem man am besten auf das weite Feld der Verbotenen Stätte blicken konnte. Sie lag inmitten einer ausgedehnten, flachen Lichtung, die nur spärlich mit trockenen Gräsern überwuchert war, und bestand aus vier gigantischen dreieckigen Platten aus Felsgestein, die sich an den Ecken ihrer Fundamente vereinten, und sich nach außen geneigt, schräg in den Himmel erhoben, wie die Blätter einer gigantischen farblosen Blüte in der Morgensonne. Den Blütenkelch bildete gewissermaßen ein quadratischen Innenhof, den die vier gigantischen Felsplatten begrenzten.
Dieser Innenraum – die eigentliche ,Verbotene Stätte’ – die vielleicht 200 Schritte durchmaß, unterschied sich in nichts von seiner äußeren Umgebung. Ein kahler, trockener Boden breitete sich darin aus. Nichts außergewöhnliches war innerhalb seiner Begrenzung zu erkennen – wenn man davon absieht, dass man an diesem Ort nicht einmal einen einzigen vertrockneten Grashalm fand. Und doch würde kein Afetit es jemals wagen, diesen Hof zwischen den vier weit geöffneten Felsplatten zu betreten. Viele Legenden rankten sich um diesen Ort. Ihnen gemeinsam war ein Bezug zu Suäl Graal, die dort ihr Unwesen trieb – oder die sich zumindest zuweilen dort aufhalten sollte. Es war ein unheiliger Raum, um den man einen möglichst großen Bogen machte.
Rahons Hände krampften sich um den Schaft seiner Lanze. Es dürfte wohl kaum das erste Mal gewesen sein, dass er von einer Anhöhe herab den Feind erspähte. Aber noch niemals waren es so viele auf einmal – und noch undenkbarer war es, dass er nicht herabsteigen sollte, um gegen sie zu kämpfen.
Das ganze Unterfangen ergab für Rahon wenig Sinn – und noch weniger gab es einen Grund, Suäl Graal zu trauen. Was, wenn es nur eine Falle war – wenn sie sich mit den Langen Schatten verbündet hatte? – Was freilich auch nicht viel Sinn ergab.
Die einzig unumstößliche Tatsache war: die Langen Schatten waren da. Es mochten drei oder vier Stämme sein, die sich dort unten zusammenfanden – Stämme der Grabenmacher waren nicht auszumachen. Zeitlich betrachtet sollten zumindest zwei der Stämme der Grabenmacher zugegen sein. Sie wären räumlich ebenso wie er in der Lage, diesen Ort in der zur Verfügung stehenden Zeit zu erreichen. Das allerdings musste nicht bedeuten, dass sie nicht doch wenigstens in der Nähe waren. Sie würden sich nicht viel anders Verhalten als er selbst, und erst einmal aus sicherer Distanz das Geschehen erkunden. Die Grabenmacher mussten, so lange es irgend möglich war, vermeiden, sich mit den Langen Schatten in einem Nahkampf zu befehden. Sie wären ihnen in gleicher Stärke unterlegen – einfach schon von daher, weil die Langen Schatten um einiges größer waren als sie, und folglich mit ihren Handwaffen über eine größere Reichweite verfügten. Sie waren zudem hervorragende Nahkämpfer und trotz ihrer klobigen hölzernen Schilde äußerst beweglich.
Solange es also möglich war, bekämpften die Grabenmacher den Feind aus der Distanz mit ihren Bögen. Hier genossen sie den Vorteil der besseren Schützen – und den des Fängers, der jedem Schützen zugeordnet war. Sie trugen keine Schilde, wie die langen Schatten . Der Schütze brauchte zwei freie Hände für sein Tun. Die Aufgabe des jeweiligen Fängers war es daher, den Schützen zu sichern, und mit seinem Spinschuh die gegnerischen Pfeile abzufangen und möglichst zurück zu schleudern.
Aber auch die langen Schatten waren sich offenbar nicht sicher, ob Suäl Graal nicht versuchte, sie zu hintergehen. Das dumpfe Stampfen aus der Ferne zeugte davon, wie Rahon sofort erriet.
Eine besondere Kriegsstrategie der Grabenmacher bestand darin, sich unter die Stellungen der Langen Schatten zu graben, um dann überraschend mitten unter ihnen aufzutauchen – oder sie in unterirdisch ausgehobene Fallen stürzen zu lassen. Die Langen Schatten erwehrten sich gegen diese Strategie mit bolzenartig zugehauenen großen Steinen, die sie mittels einer auf Kufen gelagerten Hebevorrichtung herumzogen, um sie regelmäßig auf den Boden aufschlagen zu lassen. Auf diese Weise versuchten sie, etwaige Hohlräume und Untertunnelungen zum Einsturz zu bringen, bevor sie ihnen gefährlich werden konnten.
Das Ganze konnte natürlich auch genauso ein Zeichen dafür sein, dass sich die Langen Schatten auf einen Kampf vorbereiteten ... Dagegen sprach aber dann wiederum die Offenheit ihrer Stellung, die als Treffpunkt ausgewiesen war. Die Langen Schatten vermieden normalerweise tunlichst den Kampf im freien überschaubarem Feld, in dem sie zur ungehinderten Zielscheibe der Bogenschützen ihrer Feinde wurden.
Rahons Blick wandte sich zum Himmel. Für eine Untertunnelung der Langen Schatten war die Zeit nicht mehr. Die Sonne hatte längst ihren Zenit überschritten, und sie brauchten noch eine kleine Zeit, bevor sie jenen Schatten erreichten, den einer der dreieckigen Felsplatten in der Abendsonne auf den Boden warf, und der bereits die eingetroffenen Stämme der Langen Schatten zu überfluten begann. Ihm blieben also wenig Möglichkeiten mit der Situation umzugehen.
Wortlos rammte er seine Lanze in den Boden, streckte beide Arme weit von sich, und spreizte dabei die Finger auseinander. Die Grabenmacher verstanden die Aufforderung, die in dieser Geste lag, und begannen, sich gleichmäßig links und rechts von ihm zu einer langen Front auszubreiten. Auf diese Weise boten sie den Schützen der Langen Schatten kein klares Ziel und sie selbst behinderten sich nicht gegenseitig in ihrem Schussfeld.
Sie machten ihre Bögen bereit, und die jeweiligen Fänger traten einige Schritte vor sie. Dann kam das Zeichen von Rahon, und das lange und nunmehr lückenhafte Band seines Stammes setzte sich in Bewegung. Bevor sie den Rand des lichten Areals erreichen würden, war es eher unwahrscheinlich, dass sie von den Langen Schatten entdeckt wurden,. So war die Aufmerksamkeit auf jenen Augenblick gerichtet, da sie aus dem Schutz der verdorrten Vegetation heraustreten würden, um die weite Lichtung zu betreten.
Dieser Augenblick war nicht sehr fern, und als er eintrat, kündigte sich ihre Entdeckung unmissverständlich damit an, dass augenblicklich das dumpfe Stampfen der Bolzen verstummte.
Rahon hob seine Lanze über den Kopf und richtete sie entlang der Kampflinie seines Gefolges aus, und die Grabenmacher stoppten ihr weiteres vordringen. Es waren weniger als tausend Schritte, die beide Heere noch voneinander trennte. Noch zu weit für die Bogenschützen, aber jeder weitere Schritt wollte nun abgeschätzt werden.
Rahon wartete. Sein Blick durchstreifte aufmerksam die Ebene. Zwei Richtungen schienen ihm dabei besonders wichtig, denn dort verharrte sein Blick immer wieder für einen Moment. Die eine lag etwas seitlich rechts von ihnen, die andere zur Linken, fast ein Stück hinter der verbotenen Stätte. Das Verhalten der Langen Schatten war aus dieser Entfernung noch schwer abzuschätzen. Größere Bewegungen waren nicht zu erkennen.
Rahons Augenlider ruckten nach oben. Das worauf er lauerte war eingetreten. Fast gleichzeitig traten in den erwarteten Richtungen zwei weitere langgezogene Kampflinien in das freie Feld. Ihre Aufstellung und ihre Richtung ließ keinen Zweifel daran, dass es sich um Stämme der Grabenmacher handelte. Soweit entsprachen die Ankündigungen Suäl Graals also der Wahrheit.
Er hob wiederum seine Lanze, dessen Spitze nun nach Vorn wies. Mit verhaltenem Marsch setzte sich die Formation wieder in Bewegung. Kurz darauf konnte man bereits erkennen, dass die beiden anderen Stämme es ihnen gleichtaten. In einem großen Sternmarsch bewegten sich die drei Gruppen auf das Heer der Langen Schatten zu.
~
Auge in Auge
Es war der Punkt erreicht, wo die Pfeile auf langem Flug ein Ziel erreichen konnten, und die Spannung stieg an. Die Stämme der Grabenmacher begannen sich mehr und mehr zu vereinigen und einen großen, ausgedehnten Halbkreis zu bilden, der die Langen Schatten einschloss. Ihre strategische Position war ohne Zweifel die bessere, aber das Bild trog, denn die Zahl ihrer Kämpfer war klar geringer als die der Gegner, und in einem offenen Nahkampf hätten sie wohl trotz ihres gefährlich anmutenden Kessels kaum eine wirkliche Chance.
Die Nervosität wuchs, und immer häufiger war in den Reihen ein leises Pitchen mit einem darauf folgenden summenden Ton zu hören. Es klang, wie die langen Flügel eines großen Insektes. Es waren die angeschlagenen Sehnen der Bögen, die in der wachsenden Nervosität immer wieder auf ihre Spannkraft überprüft wurden.
Die Langen Schatten verhielten sich bis zu diesem Zeitpunkt erwartungsgemäß. Sie igelten sich hinter ihren großen Schildern in ihrer gewohnten Verteidigungsstellung ein. Doch jeder Grabenmacher wusste, dass zwischen den Schilden bereits Pfeilspitzen hervorlugten, deren Schäfte auf gespannten Sehnen ruhten. Die Augen der Fänger unter den Grabenmachern waren geübt, und hatten jede dieser Pfeilspitzen in ihrem Blick.
Die Mitte der Formation der Grabenmacher überschritt als Erste den Beginn des weiten Schattens, den eine der riesenhaften pyramidenförmigen Felsplatten inzwischen auf das freie Feld zeichnete. Wie ein überdimensionales Dach erhob sie sich in ihrer Neigung über das Herr der Langen Schatten.
Dann standen sie sich nur noch einen Steinwurf gegenüber. Eine unheimliche Stille trat ein, als sich die beiden Lager misstrauisch belauerten. Selbst das vereinzelte Summen der Bogensehnen war verstummt. Jeder wartete gespannt auf den nächsten Augenblick, und auf den, der darauf folgte. Jedes noch so kleine Geräusch, und war es auch nur das kaum vernehmbare Knacken eines Gelenks, verursachte in seiner Umgebung, dass sich dort die Nackenhaare hochstellten. Die Spannung war zu hoch, als dass sie noch lange aufrechterhalten werden konnte.
Und dann geschah es.
Ein leises, zischendes Geräusch war zu hören, als der Pfeil den engen Spalt zwischen zwei Schildern der Langen Schatten verließ, um seinen Auftrag nach einem kurzen, gradlinigen Flug, in Rahons Körper zu erfüllen.
Es waren zwei der besten Fänger, die ihm zugeteilt waren. Sie erkannten das Ziel des Pfeils, kaum das er aus den Schildern herausgetreten war – und sie waren auf ihren Platz, kaum das der Pfeil die halbe Strecke seines rasenden Fluges zurückgelegt hatte. Ein kurzes ,Ratsch’ war zu hören, als er in die glatte Wandung des Spinschuhs des vorderen Fängers glitt, um ihn fast im selben Moment auf der anderen Seite wieder zu verlassen. So schnell wie er kam, kehrte er zu seinen Auftraggeber zurück, um durch den selben Schlitz zwischen den schützenden Schildern wieder einzudringen, aus dem er hervorgetreten war. Es war ein meisterlicher Konter. Ein leises Aufstöhnen zeigte das Ende seines Irrfluges an. Der Kopf eines Langen Schatten erhob sich über den Schilderwall, dessen weit aufgerissene Augen auf das Ende des Pfeilschaftes schielten, der tief in seiner Stirn steckte. Dann verschwanden Kopf und Pfeil wieder.
Rahon war geistesgegenwärtig genug, im Moment des Pfeilfluges zu erkennen, dass sie verloren wären, wenn diesem Pfeil der offene Kampf folgen sollte. Brüllend schleuderte er seine Lanze einige Schritte vor sich in den Boden, stieß seine beiden Fänger zur Seite und marschierte forschen Schrittes und ohne jeden Schutz geradewegs auf die verblüfften Langen Schatten zu. „Wer von euch seine Hand gegen mich erhebt, der erhebt sie gegen Suäl Graal! Und so wie Suäl Graal diesen da eben dem Allsein zuführte, ist sie entschieden, es mit jedem tun, der die Hand gegen mich erhebt. Denn in mir ist entschieden: Rahon, die Hand Suäl Graals, der zu folgen euer Auftrag ist!“ Schäumend und grollend stand er breitbeinig und mit geöffneten Armen zwischen den Fronten. „Also wer will es noch einmal wagen!“, brüllte er in den Wald von Schildern hinein.
Er war sich sehr bewusst, wie hoch sein Spiel war – wie sehr er bluffte. Er hatte sehr stark aufgetragen und ziemlich maßlos übertrieben. Aber es war die einzig denkbare Chance für die Grabenmacher, der Katastrophe zu entgehen. Wenn die Langen Schatten sich nicht beeindrucken ließen, war er im nächsten Moment tot – und nach kurzer, heftiger Schlacht, drei ganze Stämme der Grabenmacher mit ihm. Wenn sie aber auf seine Worte hereinfielen, bestand immer noch die Möglichkeit, dass Suäl Graal ihn für seine Anmaßung abstrafte, um ihm zu zeigen, welches ihre tatsächliche Hand ist – dann wäre es auch um ihn geschehen. Sein Kalkül war es, dass es nicht im Interesse Suäl Graals sein konnte, wenn es hier zu einer offenen Schlacht zwischen den Grabenmachern und den Langen Schatten kommen würde, und sie ihm deshalb schon gewähren lassen müsste. Seine Rechnung ging auf.
Nach einem kurzen Moment der gespannten Stille löste sich plötzlich eines der Schilder aus der Wand, und ein bärtiger Kopf kam darüber zum Vorschein. Er hatte den langen, grauen Bart hinter seinen Hals zu einem Zopf verflochten. Stehend überragte er Rahon fast noch einmal um seine halbe Länge. Es mochte wohl der Anführer eines der Stämme sein. Er kam nun einige Schritte auf Rahon zu, und warf unwillig sein Schild in den Sand. In der Hand hielt er ein grobes Schwert. „Suäl Graal hat das Erscheinen deiner Zeit entschieden, und hier nun verdrängst du das Allsein, Grabenmacher!“, rief er ihm mit der Dunkelheit einer Stimme zu, die in keinem Verhältnis zu der dürren Schlaksigkeit seines Körperbaus stand. „Doch es ist nicht unser Wille einen Pakt mit den deinen vom Allsein zu verdrängen!“ Drohend richtete er sein Schwert in die Richtung Rahons. „Der Pakt endet mit der Bemessung dessen vom Allsein, was in Suäl Graal entschieden ist!“
„So ist es entschieden, und verdrängt es das Allsein!“, rief Rahon, von der Geste des Langen Schatten wütend, äußerlich jedoch unbeeindruckt, zurück.
Innerlich sah es freilich etwas anders aus. Er wusste, dass er für genau diesen zukünftigen Augenblick einen Plan haben musste, der ihm und seinen Stämmen die Möglichkeit gab, noch rechtzeitig eine ausreichende Distanz zu den Langen Schatten herzustellen. Unter diesen Kräfteverhältnissen durfte es auf keinen Fall zu einem Nahkampf kommen. Aber noch hatte er keine Vorstellung davon, wie er das bewerkstelligen sollte. Die Vernichtung jenes Wesens, das Suäl Graal Kishou nannte, war verknüpft mit dem Schicksal seiner Stämme, und musste entsprechend gut vorbereitet sein.
„Korks!“, hallte es in diesem Moment laut aus den Reihen der Grabenmacher heraus. Alle Köpfe fuhren herum. Das rote Licht der Abendsonne brach sich in einem langen dünnen Band spiegelnder Körper, das sich in der Entfernung am Rande des Areals aus den Hügeln herausschälte. In atemloser Stille starrte alles gebannt in die Richtung der Aufmarschierenden – und die Hände krampften sich um die Waffen.
„Es ist in Suäl Graal entschieden, dass die Entscheidungen der Korks den Bemessungen deiner Worte folgen!“, presste endlich der Anführer der Langen Schatten aus schmalen Lippen hervor. Es war nicht zu übersehen, dass ihm alles andere als wohl bei dem Anblick der metallischen Körper war, und er sich versichern wollte, dass von ihnen erst einmal keine Gefahr ausging.
„Das solltest du nie vergessen!“, konterte Rahon, und sein Zeigefinger richtete sich wie die Spitze einer Lanze gegen den bärtigen Widersacher. Es war in diesem Moment eine wichtige Trumpfkarte für ihn – wohl wissend, dass diese Karte sich ebenso schnell gegen ihn selbst wenden würde, wenn der Auftrag erledigt war.
Das Heer der Korks, das dort schnell näher kam, hatte ein beeindruckendes Ausmaß, und Rahon war sich bei diesem Anblick seiner Sache alles andere als sicher. Noch nie hatte er eine solche Masse dieser Ungetüme gesehen, denen man normaler Weise bereits bei weit kleiner Anzahl letztlich nur mit Flucht begegnen konnte. Es war alles andere als leicht vorstellbar, dass er sie in der Hand hatte – dass sie auf ihn hören würden ...
In den beiden Lagern der Stämme wurde es langsam unruhig. Mit jedem Schritt der Korks verringerte sich die Chance einer vielleicht noch möglichen Flucht, oder irgendwelcher Vorbereitungen für Gegenmaßnahmen.
„Du solltest in deinen ,Freunden‘ vielleicht eine Begrüßung vom Allsein verdrängen, bevor sie so entscheiden!“, sagte der Lange Schatten mit verbissener Ironie, aber sichtlich nervös, während er sein Schild wieder vom Boden aufnahm!“ Das seltsame Krächzen der Korks war inzwischen nicht mehr zu überhören.
Rahon durfte sich seine Unsicherheit nicht anmerken lassen. Wortlos wendete er sich ab und lief – vorbei an der Aufstellung seines Gefolges – den Korks mit langen Schritten geradewegs entgegen. Mit Hochspannung waren alle Blicke an seinen Weg geheftet, während sich der Abstand zwischen ihm und den Korks schnell verringerte.
Sie sahen in der Entfernung, wie er vor dem endgültigen Zusammentreffen plötzlich stehen blieb – und kurz bevor die Gestalt Rahons mit dem Meer der Korks endgültig verschmolz, stoppten auch sie plötzlich ihren Aufmarsch. Es war aus der Entfernung nicht zu erkennen, was sich dort Hinten genau abspielte, aber nach einer kleinen Weile bewegte sich Rahon wieder zurück, und auch die Korks setzten sich erneut in Bewegung. Der Abstand zwischen ihm und den Eisenwesen verringerte sich aber nicht mehr. Es war augenscheinlich, dass sie ihm folgten.
Auf beiden Seiten explodierte die Hochspannung in einem spontanen, befreienden Jubel. Bögen, Schilder und Schwerter reckten sich erleichtert in den abendroten Himmel, während Rahon an der Spitze eines gewaltigen Heeres von Korks, das ihm folgte wie eine Schafherde, mit hochaufgerichteten Gang zurückschritt.
Auch dem Anführer der Langen Schatten war seine Entspannung durchaus anzusehen, Er beherrschte sich allerdings, seine Erleichterung im gemeinsamen Jubel vor den Grabenmachern zu entblößen. So ebbte denn auch das Erleichterungsgebaren seines Gefolges sehr schnell wieder ab. Die Ruhe ihres Anführers erinnerte sie wohl schnell wieder daran, dass es der Feind war, der dieses Heer befehligte, und es war in diesem Falle nicht einmal eine Beruhigung, dass dies nur ein Pakt auf Zeit war, und mit der Erfüllung des Auftrags endete. Suäl Graal hatte ihnen zwar Belohnung versprochen, aber es gab auch auf Seiten der Langen Schatten niemanden, der Grund hatte, ihr zu trauen.
Mit der sich stetig verringernden Distanz der Eisenwesen zu ihnen, verstummte auch die Begeisterung der Grabenmacher. Ihre Reihen begannen sich aufzulösen, und man versuchte doch, einigen Abstand zu den Korks zu gewinnen.
Als Rahon seinen Marsch innehielt, kam auch die eiserne Lawine der Korks zum stehen. Fast ehrfürchtig starrten alle auf die Monstren mit ihren leblosen Gesichtern. Gegen das riesige Heer der Korks erschienen die Afetiten, wie ein Häufchen verlaufener Kaninchen.
Die Korks bildeten, in unzähligen Reihen aufgestellt, eine breite Front, und standen regungslos formiert und exakt ausgerichtet. Ihre krächzenden Laute aus dieser Nähe waren ohrenbetäubend und fast schon schmerzhaft. Rahon drehte sich um, und schrie etwas zu ihnen hinüber. Ohne einen Übergang brach das Krächzen schlagartig ab. Die nun entstandene Ruhe wirkte beim Anblick der Kampfmaschinen aber fast noch bedrohlicher. Er wendete sich nun an den Anführer der Langen Schatten: „In Suäl Graal ist entschieden, das die Spur Teks – einem Dompteur vom Stamme der Grabenmacher, der, seinen Stamm verratend, sich mit dem Feinde Suäl Graals verband – jenen Ort bemessen wird, der in Suäl Graal als ,Kishou’ entschieden ist. Wir werden ohne Verzug den Pfad nach Zargo vom Allsein verdrängen, um von dort die Spur Teks zu bemessen!“
Er drehte sich nun im Kreise, und rief laut, dass alle ihn hören konnten: „Die Sonne verdrängt schon bald nicht mehr das Allsein. Fackeln sollen ihre Bemessungen ersetzen – und erhaltet ihr Leben mit dem, was auf dem Pfade das Allsein verdrängt!“
Die Afetiten mieden normalerweise einen Marsch durch die Nacht – nicht zuletzt schon der Rjuchhus wegen. Aber die Dringlichkeit des Auftrages ließ das Abwarten des nächsten Tages nicht zu.
Bald schon setzte sich der lange Treck in Bewegung. Voran die Grabenmacher – mit etwas Abstand die Langen Schatten – und mit einem ordentlichen Abstand das Heer der Korks, wie Rahon es ihnen befohlen hatte. In der Bewegung war ihr Krächzen nicht abzustellen – aber das war sicherlich nicht der entscheidende Grund, sie auf diese Distanz zu halten.
~
Unlösbares Rätsel
Das dunkle Vlies der Nacht legte sich über das Drom, und die Fackeln loderten auf. Ihr trockener Zunder zog überall eine Spur glimmenden Goldregens hinter sich her. Wie ein leuchtender Wurm schlängelte sich das lange Band des ungleichen Trupps durch die Hügel der kargen Landschaft.
Die Langen Schatten hatten die besten Fährtensucher. Sie waren seit Urzeiten, als man noch nach anderem jagte als nach Grabenmachern, legendär unter den Afetiten. Sie würden Tek finden – und mit ihm Kishou, daran gab es keinen Zweifel.
Rahon versuchte sich die Macht eines einzelnen Wesens vorzustellen, das eines solchen Kampfheeres bedurfte, um vernichtet zu werden. Er erinnerte sich an die alten Legenden, die vom Kampf der Afeten gegen Suäl Graal erzählten. Auch damals waren die Korks ihre Verbündeten – sie waren zu eben jenem Zweck von den Ky erschaffen worden. Nur einer Suäl Graal stellte man ein solches Heer entgegen, und nur sie hat die Macht, einer solchen Kraft zu widerstehen ...
Rahon konnte das Rätsel nicht lösen.
~*~
Die Sechsfüßler
„Wenn ich so drüber nachdenke, ist es mir eigentlich ein Rätsel, das bis jetzt alles gut gegangen ist!“
„Wie entscheidet ihr?!“ Boorhs zottige Augenbrauen schoben sich verwundert nach oben, und gaben ein paar runde schwarze Knopfaugen preis.
Sie waren mehr als die Hälfte des Tages an dem ehemaligen See entlang marschiert, dessen Ufer von dem toten Wald gesäumt wurde, den sie am Abend zuvor verlassen hatten. Der Marsch blieb ebenso ungestört, wie jener durch den Wald. Das kahle Ufer war wohl auch nicht sehr attraktiv für die Wesen dieses Droms, um sich dort häuslich niederzulassen. Irgendwann endete das Waldgebiet, und sie verließen das Ufer und drangen nun wieder ins Landesinnere vor. Die Landschaft war nun sehr flach und steppig. Unzählige Gerippe von ehemaligen niedrigen Büschen staken in dem von der Sonne und der Trockenheit zerrissenen harten Boden.
„Na ja – ich meine, wenn ich so drüber nachdenke ... Suäl Graal hat doch so eine riesige Macht. Die kann ganze Berge durch die Gegend kullern; die Erde beben lassen, dass alles zusammenfällt. Sie kann die Zeit verrückt spielen lassen, und lässt Feuer vom Himmel fallen ... wer weiß, was sie noch alles kann!“
„Boorhs Augenbrauen rückten noch eine Etage höher.
„Na ja – ich meine ... wir haben bis jetzt immer großes Glück gehabt. Aber wieso?!“
Boorh kratzte sich nachdenklich unter seinem Bart. „Boorh entscheidet: Boorh kann das Wort ,Glück’ nicht vollkommen bemessen und vom Allsein trennen. Doch Boorh entscheidet: Ihr seid Kishou, die Bezwingerin Suäl Graals und Befreierin der Großen Wasser. Suäl Graal hat keine Macht über euch!“
„Ach Boorh ...!“, maulte Kishou „Das sagst du immer so leicht. Aber das ist doch alles eigentlich nur verrückt ... Warum lässt Suäl Graal nicht die ganze Zeit Feuer vom Himmel fallen, die Erde beben, und was weiß ich noch alles. ... wenn sie das doch kann. Wie lange würden wir das überstehen? Wieso hört es irgendwann immer wieder auf, und dann passiert wieder eine ganze Weile nichts? Wieso lässt sie mich überhaupt soweit kommen ... Das ergibt doch eigentlich gar keinen Sinn!“
Boorh wühlte nach wie vor in seinem Bart. „Boorh entscheidet: Suäl Graal, die Hüterin der Großen Tore der Großen Wasser und Herrscherin über alles was da ist, würde eure Niederlage vom Allsein verdrängen – wenn sie es vom Allsein trennen könnte. Boorh entscheidet: Suäl Graal kann aber nicht!“
Kishou musste lachen. „Suäl Graal kann aber nicht!“, äffte sie Boorh kichernd nach. „So einen einfachen Satz hab’ ich ja noch nie von dir gehört. Klingt gar nicht wie Boorh!“
Boorh grinste nur und strahlte.
„Nein – aber trotzdem ...!“, wurde sie nun wieder ernster. „Irgendwas stimmt da nicht. Es ist alles irgendwie ... Ich weiß auch nicht. Ich meine ... es muss einen Grund geben, dass sie ihre Macht nicht ununterbrochen ausspielt. Und wenn du recht haben solltest, und sie es tatsächlich nicht kann, ... was wohl kaum vorstellbar ist – müsste es auch einen Grund dafür geben? ... aber ich kann mir beim besten Willen nix vorstellen!“ Sie seufzte laut auf. „Na ja – is’ ja auch egal. Besser so als anders!“, grinste sie etwas gequält.
Mo hielt in diesem Moment in ihren Marsch inne. Es war ja nichts Ungewöhnliches, und Kishou erwartete mal wieder einen Schwenk nach links oder rechts – doch der kam dieses mal nicht. Mo stand einfach nur da und lauschte ins Land.
Die anderen waren inzwischen auf ihre Höhe aufgerückt und Kishou blickte angestrengt in die Richtung, die Mo fixierte. Die streckte in diesem Augenblick ihren Arm nach vorn und wies zum Horizont vor ihnen, und endlich erkannte Kishou den Grund ihres Verharrens – und sie meinte auch im selben Augenblick etwas zu spüren. Der harte Boden unter ihren Füßen schien etwas zu zittern.
„Oh nein ... „ fiel es aus ihr heraus. Nicht noch Mal – ich hätte nicht davon reden sollen ...!“ Am Horizont erschien eine sehr breite, langgezogene Staubwolke, die schnell näher zu kommen schien. Kishous Kopf fuhr herum. Das Land war hier sehr flach, und bot keinerlei erkennbaren Schutz, und auch ein seitliches Ausweichen war nicht sonderlich erfolgversprechend, aber doch ohne Alternative. „kommt schnell!“, rief sie, und wollte schon loslaufen, als sie von Mo aufgehalten wurde.
„In Mo ist entschieden, es verdrängt keine Zeit der Flucht das Allsein an diesem Ort!“, sagte sie in erstaunlicher Beherrschtheit, obwohl selbst in ihrem Gesicht so etwas wie eine Spannung abzulesen war. „Es ist entschieden in ihnen, diesen Ort zu bemessen. In Mo ist entschieden, dass sie nicht sein können, wo Mo ist!“
„Sie?!“, fragte Kishou aufgeregt „Wer ist ,Sie’?!“
„Sechsfüßler!“, erklärte das Untere Squatsch in unaufgeregter Sachlichkeit. „Es verdrängen dort Sechsfüßler das Allsein - ,große Sechsfüßler‘. Es gibt auch ,kleine Sechsfüßler‘, aber das da sind ,große Sechsfüßler‘, Ja, ja. ,Große Sechsfüßler‘!“
Ein klein wenig atmete Kishou innerlich auf, denn es war etwas, das ihren Gefährten offenbar nicht unbekannt war, und es klang immerhin nicht nach ein Angriff Suäl Graals. Andererseits sah es ja nun dadurch nicht gerade weniger bedrohlich aus, was da auf sie zukam ... „Hat Suäl Graal die geschickt?!“, fragte sie doch noch einmal vorsichtshalber nach.
„Nein ... nein – nicht sehr wahrscheinlich. Nicht Suäl Graal!“, entschied das Untere Squatsch, und wiegte seinen runden Kopf hin und her. „Große Sechsfüßler! Es verdrängen dort große Sechsfüßler das Allsein. ... Nicht sehr ungewöhnlich an diesem Ort. Nicht sehr ungewöhnlich! Solche Zeiten verdrängen immer wieder mal das Allsein. Nichts ungewöhnliches!“ Er machte eine abschätzige Geste. „Es sind große Erscheinungen, aber haben nur wenig Raum – sehr, sehr wenig Raum. Aber sie trennen sich vom Allsein in großen Herden. Viele kleine Räume – sehr dicht das Allsein verdrängend – sind dann doch ein großer Raum. Ein sehr großer Raum!“ Er machte eine Handbewegung über den Horizont mit seinen kurzen Ärmchen und zuckte bedauernd mit den Schultern.
Die Tiere waren inzwischen so nahe gekommen, dass Kishou sie erkennen konnte – und es war alles andere als beruhigend, was da auf sie zukam. Sie hatten eine stattliche Größe, waren bullige Erscheinungen auf sechs Beinen, und wohl deshalb so schnell. Es mussten Tausende sein, die da auf einer weit auseinandergezogenen Front direkt auf sie zukamen. Kishou klammerte sich an den Arm Boorhs und schaute mit großen Augen auf das nahende Unheil. „Und was machen wir jetzt?!“, rief sie ängstlich gegen das ansteigende Grollen der Hufschläge.
Die Frage erübrigte sich. Es war längst nichts mehr, was sie hätten ,machen‘ können. Wohl deshalb schon, kam auch keine Antwort von Mo. Sie schien in eine Art Starre verfallen zu sein – als würde sie sich auf die Ankunft der Tiere vorbereiten.
„Es ist vielleicht besser – vielleicht ist es angemessener, wenn ihr einige Schritte zurücktretet!“, vernahm sie statt dessen das Untere Squatsch an ihrer Seite. „Einige Schritte hinter Boorh und Mo ... und vor meine Wenigkeit! Es ist doch eine sehr schmutzige Sache die da das Allsein verdrängt! – eine sehr schmutzige Sache! Immer dasselbe – sehr unangenehm!“
Er zog Kishou etwas zurück, dass sie hinter Boorh und Mo stand, und ging dann selbst noch einige watschelnde Schritte hinter sie.
Kishous Herz schlug bis zum Hals, und sie starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die rasende Lawine aus bulligen Leibern. Sie hatte keine Ahnung, wie sie dem Unheil entkommen sollten. Einzig die Ruhe der anderen hielt ihre aufkommende Panik im Zaum.
Mos Augen waren geschlossen, und sie erhob in diesem Moment ihren rechten Arm. In Einhalt gebietender Geste streckte sie ihre Handfläche den Tieren entgegen. Obwohl die Geste als Solche eindeutig war, erschien sie doch eher lächerlich, gemessen an dem zügellosen Ansturm der riesigen Herde. Kishou schaute nervös hinter sich, um sich zu vergewissern, dass das Untere Squatsch hinter ihr war. Sie sah in eine flirrende Kugel mit einem grell leuchtenden Kern, dass sie geblendet die Augen schießen musste. Als sie wieder vor sich sah, konnte sie im Nachbild des Lichtes, zwischen Mo und Boorh hindurch gerade noch sehen, wie die Wand aus heranstürmenden Leibern sich plötzlich teilte, als wollte sie nach links und rechts ausweichen. Sie waren vielleicht noch 500 Schritte von ihnen entfernt.
Sie wollte gerade erleichtert aufatmen, als sich in diesem Moment die rasende Meute jedoch wieder vereinigte und erneut ungebremst auf sie zukam. Ein gellender Schrei entfuhr ihrer Kehle, der aber von dem Donnern der Hufen verschluckt wurde. Zu Tode erschrocken schlug sie die Arme vor ihr Gesicht, als die Körper schon fast über ihnen waren. Ohrenbetäubender Donner erfüllte die Luft von allen Seiten her kommend. ... Von allen Seiten?
Kishou blinzelte an ihren schützenden Armen vorbei. Was sie sah war so unwirklich wie wunderbar. Kurz vor ihnen teilte sich die Herde erneut in zwei Teile, als würde man einen Keil in diese Wand getrieben haben. Sie stoben mit atemberaubender Geschwindigkeit vor ihnen auseinander, und an ihnen vorbei.
Ungläubig schaute Kishou um sich. Sie trieben, wie auf einer uneinnehmbaren Scholle, in einem Meer von dickwanstigen Leibern, die sich hinter ihnen sofort wieder vereinigten.
Mo stand unbeweglich wie eine Statue, und ihre Handfläche stand wie ein scheinbar unbezwingbares Schild den Gewalten entgegen. Nur ihr weißes Gewand bewegte sich, wie in einem Orkan. Boorh stand mit gerüsteter Axt reglos neben ihr, und das zottige Haar machte einen wilden Tanz auf seinem Haupt.
Kishou hustete, und hielt sich wieder die Hände vor das Gesicht. Unmengen von Sand und Staub wurde aufgewirbelt und nahmen ihr den Atem. Endlich ließ sie sich auf den Boden fallen und schlug ihre Jacke über ihren Kopf ...
Das Inferno schien von endlose Dauer, und doch war es so plötzlich vorbei, wie es hereingebrochen war. Sie lugte vorsichtig unter ihrer Jacke hervor. Eine dicke Staubwolke lag in der Luft, aber vor den Tieren war nichts mehr zu sehen. Das Donnern der Hufen war nur noch hinter ihnen – und entfernte sich mehr und mehr.
Sie hustete und schüttelte ihr langes Haar, um den Sand wieder loszuwerden – erhob sich, und klopfte die Kleider ab. Der Staub lichtete sich schnell, und Augenblicke später war der ganze Spuk bereits wieder vorbei.
Mo hatte ihre Hand wieder heruntergenommen, und hinter sich vernahm Kishou ein leises, aber ungehaltenes Schimpfen. Das Untere Squatsch hatte wieder seine normale Gestalt angenommen und hielt einen ungebremsten Vortrag über die immer-wieder-gleiche-Sauerei mit diesen Massenverdrängungen, während es verzweifelt versuchte, sein Sakko vom Staube zu befreien. Dem folgte dann die gewohnte erschrockene Entschuldigung, als er bemerkte, wie ihn Kishou grinsend dabei beobachtete. Sie fühlte sich befreit und erleichtert, und schaute mit Bewunderung zu Mo. „Wie hast du das gemacht? – oder besser: wie hast du denn das entschieden – ... oder vom Allsein verdrängt, oder sowas – wie ihr das so sagt!“, fragte sie in der Ausgelassenheit tiefster Erleichterung, und doch ehrlich schwärmend.
Mo lächelte, als sie Kishou so sah, aber es war auch eine kleine Verwunderung in ihrem Gesicht zu lesen. „Mo entscheidet nicht, Mo ist entschieden, und Mo verdrängt nicht das Allsein, in Mo ist das Allsein verdrängt. So kann nicht sein ein Anderes, wo Mo ist – so wie nichts die Zeit und den Raum Kishous füllen kann, was nicht Kishou ist.“
„So entscheidet Boorh!“, nickte der bestätigend.
„Und so ist es entschieden!“, lächelte Mo sanft.
„Und so verdrängt es das Allsein!“, setzte das Untere Squatsch fort, während er noch immer an seinem Sakko herum klopfte.
„Und so ist es vom Allsein verdrängt!“, schloss Mo die Runde.
Kishou schaute zweifelnd von einem zum anderen. „Habt ihr lange gebraucht, um dass zusammen einzuüben?“ Fragte sie ausgelassen. „Ich bin nur froh, dass es nicht Suäl Graal war. Ich wittere sie schon hinter jedem Baum!“ Sie schüttelte noch einmal kräftig ihre Mähne, in der Hoffnung, den Sand doch noch wenigstens einigermaßen heraus zu bekommen!“ Wie lange brauchen wir denn noch bis ... äh ... Dingsda ... zu der Oase?!“
„Ihr meint Sahier!“, fragte Mo.
„Nun ...!“ Das Untere Squatsch wiegte überlegend seinen Kopf hin und her. „... zweimal wird die Sonne das Allsein verdrängen – zwei Mal!“
„Puh – dann wird es aber auch langsam Zeit!“, seufzte Kishou, und klopfte bezeichnend auf ihr abgemagertes Bündel. „Und diesen ... diesen ... na du weißt schon – was du suchst!“, wende sie sich an Boorh. „Wo werden wir es finden – vor, oder nach Sahier?“
„Kurluk!“, erriet Boorh sofort.
„Ach ja ...!“ Kishou verdrehte die Augen. „Wer soll sich das alles merken!“
„Mo ist noch nicht vollkommen entschieden, wo es das Allsein verdrängt!“, meinte Mo.
„Oh nein – oh doch ...!“, griff das untere Squatsch ein. Noch bevor wir Sahier vom Allsein verdrängen, ist die Zeit Kurluks. Bald schon ist die Zeit – bald schon!“ Er wiegte nachdenklich seinen Kopf. „... zumindest ungefähr – ungefähr bald schon!“
Boorhs Augen blitzten auf. „Boorh entscheidet: ,bald schon‘ ist ,gut’!“
Die Gruppe setzte sich wieder in Bewegung. Kishou bemerkte, dass Mo allerdings nicht die selbe Richtung beibehielt, sondern etwas weiter nach rechts auswich. Verwundert fragte sie nach, warum sie die Richtung änderte. Das Land war flach und übersichtlich, und weit und breit war nichts zu sehen, dem es auszuweichen galt.
Mo wies in die Richtung, aus der die Sechsfüßler kamen. „Erinnert ihr euch, als die großen Sechsfüßler sich das erste Mal trennten, und sich doch wieder vereinten?!“
„Allerdings!“, schnaufte Kishou. „Mir ist fast das Herz stehengeblieben!“
„Es verdrängt noch ein anderes Wesen dort das Allein, dessen Revier sie schonten!“
„Wie ...? aber da war doch nichts – das hätten wir doch längst sehen müssen!“
„Seine Zeit ist bemessen in der Erde – doch sehr dicht an deren Oberfläche!“, verriet Mo.
„Unter der Erde, meinst du?!“, staunte Kishou. Aber dann muss es ganz schön groß sein, nach dem Bogen zu urteilen, den die Sechsfüßler um die Stelle gemacht haben. Was lebt denn da unten – in der Erde?!“
„Das Rjuchhu!“, war Mos knappe Antwort.
„Ein Rjuchhu?!“, erschrak Kishou. Alles was sie bisher von diesem Wesen gehört hatte, war geneigt, ihr gehörigen Respekt einzuflößen. Sie blickte angestrengt zu der Stelle, wo sie meinte, dass es ungefähr gewesen ist – aber es war auf diese Entfernung beim besten Willen nichts zu erkennen.
Der Rest des Tages verging schnell, ohne das noch etwas außergewöhnliches geschehen wäre. Todmüde, wie immer nach den endlosen Märschen, schlief sie nach hereinbrechen der Dunkelheit in Boorhs Schoß ein.
~*~
Die Jagd beginnt
Rahon ließ halten. Nach dem Besteigen des nächsten Hügels würden sie in der Ferne Zargo sehen können, und das galt es auf jeden Fall zu vermeiden. Nicht wegen der Langen Schatten – die kannten wie er selbst jedem Ort in diesem Drom, in dem eine Oase zu finden war. Es war wegen der Korks. Er wollte sie nicht unnötig auf Zargo aufmerksam machen, wenngleich die Korks keinerlei Plan hatten, und sicherlich nicht in der Lage wären, sich den Ort zu merken. Sie konnten ja nicht einmal auf die Idee kommen, sich an einen Ort zu erinnern – Korks konnten auf überhaupt keine Ideen kommen. Es waren ,Besondere Apparate’ – und sehr einfache dazu. Dennoch wollte Rahon es auf jeden Fall vermeiden, dass sie Zargo zu Nahe kamen. Es war nur so ein Gefühl, und das reichte aus, ihn vorsichtig sein zu lassen.
Die Korks behielten ihre Distanz zu den Afetiten, die Rahon ihnen aufgetragen hatte, und stoppten entsprechend, als das Heer der Stämme zur Ruhe kam. Er lief im Laufschritt nach Hinten, an seinem Gefolge vorbei, zu den Langen Schatten, um Linsilf aufzusuchen. Dies war, wie er inzwischen wusste, der Name des Anführers der Langen Schatten. Er war identisch mit dem, der ihm bereits von ihrem ersten Zusammentreffen her bekannt war, und der offenbar die Führung auch der anderen seiner Stämme übernommen hatte.
Rahons ausgestreckter Arm wies auf zwei kleine Hügel zur Rechten, nicht weit von ihrem Standort. „Sein Pfad war zwischen diesen beiden Hügeln entschieden – dies haben wir bereits vom Allsein getrennt, bevor wir zur verbotenen Stätte aufbrachen, um deine Stämme zu treffen. Bemesst dort den weiteren Verlauf seiner Fährte!“
„Fürchtest du, dass wir deinem Revier zu nahe kommen?“, spöttelte Linsilf, der wohl bemerkte, dass Rahon es vermied, bis vor die Tore Zargos zu marschieren – und er lachte in die Reihen seiner Gefolgsleute hinein.
Rahon wendete sich ruhig zu ihm. „Nein, ich fürchte um euch!“, konterte er. „Die noch sehr jungen Grabenmacher, die in Zargo zurückbleiben mussten, und voller Sehnsucht der Zeit harren, da sie gegen euch kämpfen dürfen, könnten bei dem Anblick deiner Leute ihren Gehorsam verlieren und deine Stämme dem Allsein zuführen. Doch Suäl Graal braucht euch noch!“
Die Beleidigung saß. Linsilf riss sein Schwert aus dem Gürtel und setzte dessen Spitze an die Kehle Rahons. „Wie alles eine Zeit hat, im Zweiten Drom, so ist auch in diesem Pakt eine Zeit bemessen – sei dessen Gewiss! Und wenn sein Maß erfüllt ist, und die darauf folgende Zeit das Allsein verdrängt, dann wird mein Eisen erneut diesen Ort deines Reviers bemessen, doch wird es dann nicht mehr dort verharren!“, zischte Linsilf. Seine Hand zitterte, und es war ihm anzusehen, wie sehr er sich beherrschen musste, nicht schon jetzt seinen Wunsch in die Tat umzusetzen.
Rahon tat unbeeindruckt. „Du bist unbeherrscht, Linsilf!“, sagte er mit übertriebener Ruhe, und schaute ihm mit fast schon sanften Blick direkt in die Augen. „Ein Afetit ist nicht unbeherrscht. Suäl Graal könnte meinen, in dir keinen Afetiten vom Allsein zu verdrängen. Wieviel Zeit wäre in dir dann wohl noch bemessen, um deine kleinen Begehrlichkeiten zu erfüllen? Geh' jetzt, und bemiss deine Sache gut!“ Ohne dem zitternden Schwert an seiner Kehle eines Blickes zu würdigen, wendete sich Rahon ab, und ging ruhig zu seinen Mannen zurück. Linsilf schäumte innerlich, aber er war eben doch ein Afetit, und die Beherrschung behielt letztlich die Oberhand.
~
Vermeintlicher Verrat
Die Stämme der Langen Schatten und ihre Fährtensucher übernahmen nun die Führung des Heeres. Rahon hielt mit seinen Stämmen einen guten Abstand zu ihnen, denn von nun an war nicht vorhersehbar, wann sie auf Tek, und damit auf Kishou und ihr Gefolge treffen würden. Die Korks folgten krächzend und gehorsam im geforderten Abstand.
Tek hatte sich nicht bemüht, seine Spuren zu verwischen, oder sonst irgendwie Vorsicht walten zu lassen auf seiner Flucht. Er hatte wohl zu keiner Zeit damit gerechnet, dass man ihm folgen würde, und so war es für die erfahrenen Fährtensucher der Langen Schatten keine besondere Aufgabe, seinen Weg zu finden. Afetiten brauchten ebensowenig wie das Volk der Ky im ersten Drom den Schlaf, oder regelmäßige Ruhepausen. So waren sie an diesem Morgen, als sie das Umland Zargos erreichten, bereits auf der Fährte Teks, und kamen schnell voran.
Ab und an lief Rahon an die Spitze des Heeres zu den Langen Schatten, um sich von dem Erfolg der Fährtensuche zu vergewissern – und um möglichst den Zeitpunkt nicht zu verpassen, wenn sie auf ihr Ziel stoßen würden. Er brauchte auf jeden Fall einen Spielraum, um reagieren zu können, wenn sie Kishou vernichtet hatten, und der Pakt damit aufgehoben sein würde.
Er ließ seinen Blick über den Horizont wandern. Immerhin gab es nun eine Erklärung für den Verrat Teks. Er hatte sich offenbar ohne die Kenntnis der Grabenmacher mit diesem Wesen, dass Suäl Graal mit Kishou bezeichnete, verbündet, um mit ihr das Volk der Afetiten dem Allsein zuzuführen. Er dachte nach, woher wohl Tek Kenntnis von diesem Wesen bekommen haben könnte. Nicht einmal seine engsten Vertrauten hatten offenbar etwas von seinem Erscheinen bemerkt. Wie hatte er unbemerkt Kontakt aufnehmen können? – Woher wusste er von von diesem Wesen? Niemand hatte jemals den Namen vernommen, noch überhaupt von etwas Fremden gehört, das in die Zweite Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms eingedrungen war.
Das Untere Squatsch! – schoss es ihm endlich durch den Kopf ... Das Untere Squatsch war zuweilen in Zargo. Seit dem letzten Mal waren schon unzählige Zeiten vergangen. Aber Tek hatte schon eine Zeit – und er war bereits ein Dompteur. Ein Dompteur ist ein Dompteur bereits dann, wenn er sich vom Allsein trennt – ging es ihm durch den Kopf. Niemand kann mehr genau sagen, welche Fähigkeiten ein Dompteur außer den allgemein bekannten hat. Der Verrat musste von sehr langer Hand vorbereitet gewesen sein – und es hatte niemand jemals etwas bemerkt ... Er schüttelte mit dem Kopf bei dieser Feststellung. Niemand hat es über die ganze Zeit bemerkt. Auch dem Unteren Squatsch hatte man niemals etwas angesehen – dieses kleine, dickliche Wesen, das immer schimpfte und immer darauf bestand, er sei der Herr dieses Droms ...
Rahon schüttelte zum wiederholten Male sein Haupt. Er schien immer so harmlos. Niemand nahm ihn ernst, und man lachte gern über ihn. Seine Stirn zog sich in Falten. Tatsächlich weisen die Legenden das Untere Squatsch als den Herrscher über die Zweite Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms aus – aber es sind eben doch nur Legenden, fiel im sogleich ein. Die Erscheinung und die tatsächliche Machtlosigkeit des kleinen schwitzenden Männleins gaben nun vielleicht eine andere Auskunft über ihn, als eine, die ihn als Herrscher auswies. ... Oder sollte man ihn unterschätzt haben, und er versucht sich nun zu rächen ...
Aber hoch über allen Fragwürdigkeiten stand das Rätsel: Was mochte es für ein Wesen sein, das eine allmächtige Suäl Graal veranlasste ein ganzes Heer gegen sie aufzustellen. Wer oder was war Kishou?
~*~
Fragen
„Au ...!“ Kishou war mit dem Fuß gegen die fast versteinerte Wulst einer alten Wurzel gestoßen, die unter einem Teppich, hohen, trockenen Grases aus dem Boden ragte. Auf einem Bein hüpfend massierte sie ihre schmerzenden Zehen.
„Nichts passiert! Nichts passiert!“, winkte das Untere Squatsch gestikulierend ab, während er eilig zu Kishou aufschloss. „Nur eine kleine Revierverletzung in der Vollkommenheit eurer Verdrängung. Nichts passiert! – Aber wenn ihr so entscheidet werde ich ...!“
„Danke, ist schon gut!“, wehrte Kishou ab, als das Untere Squatsch sich an ihrem Bein zu schaffen machen wollte. Mit dem Versuch eines Lächelns stellte sie den Fuß wieder auf den Boden. „Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt!“ Es war tatsächlich nicht weiter schlimm, und nach einigen etwas gehumpelten Schritten war die Sache schon wieder vergessen.
Durch die ausgedehnte, zundertrockene Graslandschaft, war das Fortkommen etwas mühselig. Immer musste man seine Beine über die dicken und festen Grasnaben heben. Das Untere Squatsch, dass nun wieder einige Schritte hinter Kishou lief, nahm die Gelegenheit des Vorfalls zum willkommenen Anlass, guten Gewissens und in ,angemessenen Verdrängungen vom Allsein’, über die beschwerlichen Umstände des Marsches die ganze Zeit über leise vor sich her zu schimpfen. Er hatte ja aufgrund seiner Körpermaße auch die größte Mühe mit dem dichten und spröden Bewuchs. In einem Zick-Zack Kurs lief er durch die kahlen Stellen zwischen den Grasnaben hindurch, wie durch ein nicht enden wollendes Labyrinth. Unweit zur linken war die Landschaft hügeliger, und man konnte ausgedehnte Wälder erkennen, wenn man genau hinsah. Bald würden sie einen dieser Berge erreichen, die unaufhörlich dicke Rauchsäulen aus ihren Gipfeln schoben. Er lag fast in ihrer Marschrichtung, und sie würden wohl an seinen Ausläufern vorbeikommen.
„Wieso gibt es hier eigentlich keinen Wind?!“, fragte Kishou laut nach Vorn zu Mo und Boorh. Sie beobachtete schon die ganze Zeit diese Rauchsäulen, bis ihr endlich auffiel, dass sie immerzu den direktesten Weg in den Himmel nahmen. „Ich hab’ eigentlich noch nie einen richtigen Wind verspürt, seit wir unterwegs sind – im ersten Drom auch schon nicht!?“
„Der Wind ist verdrängt vom Allsein im Dritten Drom!“, antwortete Mo.
„Im Dritten Drom?“
„So ist es entschieden!“, war wieder Mos knappe Antwort.
„Wieso erst im Dritten Drom?“, fragte Kishou verwundert. „Was hat denn das Drom mit dem Wind zu tun?“
„Madame KA sagt, der Wind ist der Atem dem Großen Belfellands.“
„Na schön ...!“, meinte Kishou schulterzuckend, aber wieso ist dann hier kein Wind. Wir sind doch hier auch im Großen Belfelland – oder wo?!“
„Es ist entschieden, dass Große Belfelland atmet, wenn die Grenze des Zweiten Droms überschritten, und das Dritte Drom das Allsein verdrängt!“
Kishous Stirn zog sich in Falten, und sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Das soll nun wieder einer verstehen ... Manchmal hab’ ich das Gefühl, das Große Belfelland gibt’s gar nicht wirklich. Es ist einfach nur alles ein einziges großes Rätsel!“
Mo schaute sich zu ihr um, und ein kleines Lächeln lag in ihrem Gesicht. Sie wartete, bis Kishou zu ihr aufgeschlossen hatte. "Seid ihr nicht gekommen, es zu lösen?", sagte sie, und legte ihr weißes Gewand um die Schulter Kishous. So gingen sie gemeinsam weiter. Kishou spürte einen warmen Schauer durch ihren Körper gleiten. Sie erinnerte sich an Trautel Melanchful, an ihren bunten, großen Garten ... und an ihr kleines Bäuchlein, das sich gerade sehr wohl fühlte. „Wir bleiben doch immer zusammen – oder?!“, fragte sie leise, und reckte ihren schwarzen Schopf fragend nach oben zu Mo.
„So ist es entschieden!“, lächelte sie.
~*~
Gebotene Distanz
Tek warf seinen Spaten hinunter, und sprang dann selbst von dem letzten Ast des alten Baumes, der sich als stark genug erwies, sein Gewicht zu tragen. Er war glücklicherweise recht klein und nicht besonders schwer, so das er einen Baum fand, den er ein Stück weit erklimmen konnte. Von dort oben hatte er die weite, kahle Steppe einigermaßen gut übersehen können.
Seit dieses wunderliche Wesen mit ihren Gefährten das Ufer des ehemaligen Sees dort, wo der Wald endete, verlassen hatte, und nun mit ihnen Land einwärts lief, konnte er nicht mehr folgen, ohne Gefahr zu laufen, bemerkt zu werden. Es gab in dieser öden Weite keine Deckungsmöglichkeiten So musste er ausharren, bis sie sich weit genug entfernt hatten. Er hatte aus sicherer Entfernung mit angesehen, wie die Sechsfüßler über das Land brachen, und die seltsamen Wesen direkt in sie hineingerieten. Es verging eine ganze Weile, bis sich die Staubwolke wieder gelegt hatte. Ungläubig erkannte er vier kleine Punkte, die sich noch immer in der selben Richtung bewegten. Was mochten das für Wesen sein, die den Ansturm tausender großer Sechsfüßler widerstanden?
Tek war ein Dompteur – und er spürte immer deutlicher, dass er der Ursache seines Seins begegnet war. So, wie alles im Großen Belfelland nicht ohne Ursache war, so konnte auch sein Erscheinen in dieser Welt nicht ohne Ursache sein – er verstand sie nur noch nicht. Er verstand noch nicht, was dieses Wesen von ihm forderte, ... und ob er sich zu erkennen geben durfte.
Er nahm seinen Bogen auf, den er vor dem Baum abgelegt hatte, und begab sich hinaus in die Steppe. Von hier unten konnte er sie nicht mehr sehen, aber er wusste in welche Richtung er zu gehen hatte – und er wusste, dass er sie nicht verlieren durfte. Etwas geduckt lief er durch die offene Ebene, und folgte gradlinig den Weg, den auch die anderen genommen hatten.
Als er schon eine Weile den Ort überschritten hatte, an dem die Gruppe von den Sechsfüßlern überrollt wurde, stockte er. Es war das Gespür des Dompteurs, der ihm Einhalt gebot.
Seine Augen musterten konzentriert den Boden in seiner näheren Umgebung. Sein Körper fror ein und seine Muskeln spannten sich. Langsam zog er seinen Spinschuh von der Schulter und streifte ihn über die rechte Hand. Er wusste, dass er in das Revier eines Rjuchhu eingedrungen war. Tek war noch sehr jung, aber der Instinkt eines Dompteurs ist keine Frage des Alters.
Das Rjuchhu würde auch ihn in diesem Moment spüren. Sie wussten beide voneinander in dem selben Moment, als ihre Reviere aufeinandertrafen. Er hatte den Ort bereits ausgemacht, unter dessen Boden sich, knapp unter der Oberfläche, das Rjuchhu verbarg. Er musste schon sehr lange dort lauern, denn die Erde unterschied sich kaum noch von seinem Umfeld. Nur das Gespür eines Dompteurs sah noch den feinen Unterschied.
Etwas in Tek schreckte plötzlich auf, und riss ihn aus jener konzentrierten Trance, mit der sich der Dompteur auf den Kampf vorbereitet. Wie von einem unsichtbarem Seil gezogen, bewegte er sich langsam Rückwärts.
Er hatte das Revier des Rjuchhu wieder verlassen und blickte zum Horizont, der in der Entfernung von einem Feuerberg unterbrochen wurde. Er durfte keine Zeit verlieren, und er durfte vor allem nicht Gefahr laufen, auf sich aufmerksam zu machen. Es war nicht die Zeit für einen Kampf mit dem Rjuchhu. Langsam entspannte sich sein Körper wieder. Er zog den Spinschuh von seiner Hand und wendete sich entschlossen ab. Er umging das Revier des Rjuchhu, wie es zuvor auch Mo getan hatte. Geduckt nahm er die Verfolgung wieder auf.
~*~
Kurluk
Kishou, Mo, Boorh und das Untere Squatsch hatten die ersten Ausläufer des Feuerbergs erreicht. Der Weg wurde steiniger und stieg langsam an. Vereinzelt standen verkrüppelte Baumskelette herum, und kündeten von dem zur Linken, in der Entfernung sichtbar beginnenden Wald. Die Erde war über und über bedeckt mit großen und kleinen Felsbrocken. Sie waren zum Teil sehr zerklüftet, porös und von dunkler Farbe. Viele von ihnen waren stark abgerundet und regelrecht zu Kugeln geformt. Sie mochten einst vom Berg heruntergerollt, und sich abgeschliffen haben.
Kishou starrte fasziniert zum Gipfel des Berges, der ihr erschien, wie ein überdimensionaler Schornstein. Sie betrachtete die schwarze, säulenförmige Rauchwolke, wie sie die Strahlen der Sonne zerschnitt, und einen langen Schatten über das Land warf – als ihr Mos Arm, in dem sie noch immer eingehakt neben ihr lief, entglitt.
Mo war plötzlich stehengeblieben, und schien auf irgend etwas konzentriert. Kishou schaute um sich. Sie erwartete, dass Mo wieder einmal die Richtung wechseln würde, was immerhin seit ihrem Zusammentreffen mit dem Rjuchhu nicht mehr geschehen war. Doch Mo machte keine Anstalten, den Marsch in irgendeiner Richtung fortzusetzen. Ihr Kopf wendete sich langsam nach links, und ihre Augen bestrichen aufmerksam das grobe Umland.
„Was ist denn?“, fragte Kishou etwas besorgt.
„Es ist eine Grenze überschritten!“, antwortete Mo abwesend, während ihre Augen weiter die Umgebung zu ihrer Linken abtasteten.
„Eine Grenze?!“, erschrak Kishou, „Suäl Graal? ... ich seh’ nix – auch keine Pyramiden ...!“ Sie drehte sich aufgeregt im Kreise und suchte nach den möglichen Boten des Unheils. In dem Schreck vergaß sie ganz und gar, dass auch jedes Revier sich in einer Grenze bemaß – wie sie es bei den Knüppelhörnern ja bereits erfahren hatte.
„Es ist ein Sein, dessen Raum eine große Zeit bemisst. Wir haben bereits die Grenzen seines Reviers überschritten!“, sagte Mo ohne von ihrer Konzentration abzulassen.
„Aber ich seh’ nichts!“, stellte Kishou nervös fest, und begab sich vorsichtshalber in die Nähe Boorhs. „Vielleicht wieder unter der Erde ... Ein Rjuchhu!“, kam es ihr in den Sinn.
Mo schüttelte langsam den Kopf. „Kein Rjuchhu verdrängt hier das Allsein. Doch es ist in der Erde entschieden!“
„Der Feuerberg!“, blitzte es plötzlich im Unteren Squatsch laut auf. „Ja ... ja – der Feuerberg! Kann schon sein ... Wenn ich ihn so vom Allsein verdränge?! ... Kann schon sein ... Verzeiht meine Unbemessenheit ...!“, wendete er sich kurz an Kishou. „Aber dieser Ort ... dieser Feuerberg hier ...!“
„Kurluk!“, fiel es wie ein Donner aus Boorh heraus, und sein Mund wollte sich nicht mehr schließen. Seine Augen waren weit aufgerissen, und er begann aufgeregt hin und her zu laufen – kniete sich auf den Boden und betastete ihn, als würde er den Gesuchten darunter spüren können.
Mos Arm streckte sich, und wies in die Richtung, die ihre Augen schon eine Weile fixierten. Alle Blicke folgten ihrem Hinweis. Unscheinbar, doch bei näherer Betrachtung dennoch erkennbar, wies der flache Boden dort eine seichte Vertiefung auf – als wäre im Laufe vieler Zeiten eine Lockere Erde unter ihrem Gewicht etwas abgesunken, bevor sie sich wieder verhärtet hatte.
„Kurluk!“, brüllte Boorh, und war schon auf dem Weg. Noch im Laufen riss er seine Axt aus dem Schulterhalfter, und schon nach wenigen Schritten war er am Ort. Mit einem wahren Urschrei trieb er die Klinge seiner Axt in den harten Boden, dass die festen Erdbrocken nur so auseinander stoben. „Kurluk!“, brüllte er immer wieder um seine Axt erneut in den Boden zu schlagen.
„Da sehr ihr’s – Da seht ihr’s ...!“ Das untere Squatsch wiegte auf dem kurzen Hals sein kugeliges Haupt bezeichnend hin und her. „Ein großes Borstenvieh mit dem Hirn eines ,Kleinen Sechsfüßlers’ ... will mit einer kleinen Axt ... Das Bartgesicht meint tatsächlich Kurluk aus den Tiefen des Allsein einfach so ausgraben zu können! – Und wenn ich ,Tiefen’ sage, dann meine ich ,Tiefen’! Dieser Schlankfüßler ... Oh – oh, verzeiht meine kleine Unbemessene Verdrängung!“, wendete er sich mit großen entschuldigenden Augen an Kishou. „Aber wenn ihr so entscheiden wollt, sagt doch diesem ... Boorh, dass er damit aufhören ... das er damit aufhören soll!“
Kishou wusste die ganze Situation nicht so recht einzuschätzen. Aber irgendwie tat ihr Boorh Leid, wie er da wie ein Besessener die Erde aufwühlte. Das, was dort unten irgendwo begraben war, musste ihm wohl sehr viel bedeuten. „Boorh!“, rief sie so laut sie konnte.
Boorhs Axt stoppte im Schwung über seinem Kopf, und ein fast ängstliches Augenpaar schaute zu Kishou hinüber.
„Warte ein Moment!“, rief sie dem Tobenden zu. „Das Untere Squatsch hilft dir!“ Sie hatte zwar nicht die geringste Ahnung, wie das aussehen sollte, aber sie hatte ja inzwischen verstanden, dass Boorh das Untere Squatsch brauchte, wenn es um wirklich große Sachen ging – und das musste hier wohl so etwas sein.
Das Untere Squatsch schien gerade etwas gewachsen zu sein und nickte mit einem kleinen Seitenblick großmütig und verständig zu Kishou. „Na dann woll’n wir mal – dann woll’n wir mal!“, sagte er, und watschelte mit wichtigem Gang zum Rand des ausgemachten Ortes. Dort angekommen drehte er sich noch einmal lächelnd und nickend zu Kishou um. Endlich wandte er sich wieder Boorh zu, und seine Augen schlossen sich. Augenblicke später begann wieder das seltsame Schauspiel, das Kishou immer wieder auf’s Neue faszinierte.
Das Untere Squatsch verlor zunehmend seine Konturen und verblasste im selben Maße zu einer durchscheinenden klumpigen Wolke. Kurz darauf begann diese Wolke mit zunehmenden Tempo um einen Mittelpunkt zu rotieren, und bald sah es wieder so aus, als würden Tausende kleinster Insekten ihre Bahn um einen glutroten Ball in seinem Mittelpunkt aufnehmen, der schnell an Helligkeit gewann – bis sein weißblau gleißendes Licht es nicht mehr zuließ, es länger zu betrachten. Eine Sonne war geboren.
Im selben Maße veränderte sich der Ausdruck Boorhs. Sein erschrockener Blick löste sich zugunsten einer ausdruckslosen Verklärtheit. Sein Körper entspannte sich zusehends, und wie in einem Zeitraffer schob er seine Axt in den Schulterhalfter zurück um anschließend mit leicht geöffneten Beinen die Arme seitlich weit von sich zu strecken.
Das weitere Geschehen ließen Kishous Augen und Mund weit offen stehen. Eine Glocke aus flirrender Luft legte sich über den Ort des Geschehens. Eine Art kreiselnder Rüssel bildete sich an ihrem höchsten Punkt, der aber bald schon begann auf ihrer Hülle hin und her zu gleiten – begleitet von fließenden Farben auf dem Rand der bläulichen Glocke – wie das Farbenspiel auf der Haut einer Seifenblase.
Der sich schnell verjüngende Rüssel veränderte seine Form und Position ständig und scheinbar willkürlich, und fand sein Ende in der rotierenden Wolke von dem, was kurz vorher noch das Untere Squatsch war. Aber das war nicht wirklich zu erkennen, weil der gleißend helle Kern nicht zuließ, es zu betrachten.
Als würde unter der wabernden Hülle eine andere Zeit herrschen, kippte Boorh plötzlich wie in gedehnter Zeit nach hinten und schlug wie ein gefällter Baum auf der Erde auf. Sein Körper sprang nach dem ersten Aufprall noch einmal ein kleines Stück in die Höhe, um dann endlich liegend zur Ruhe zu kommen. Kishou kniff unwillkürlich die Augen zusammen, als der Körper in seiner vollen Fläche auf den Boden aufschlug. Es verlief alles zwar unwirklich langsam, aber dennoch war die Härte des Aufschlags spürbar.
Boorh indes schien von alle dem nichts zu bemerken. Seine ausdrucklosen Augen waren starr geradeaus gerichtet, als seine Arme sich langsam nach oben bewegten, um sich mit zu Fäusten geballten Händen gegen den Himmel zu strecken. Die Decke der Hülle über ihm bekam rötlich-blaue Flecken und wurde zuweilen fast undurchsichtig – als diese Flecken plötzlich ineinander in einem Punkt verschwammen und ein gleißender Blitz aus ihnen herab fuhr, und Boorhs Fäuste umhüllten. Ein dickes, waberndes Tau aus Licht verband seine Fäuste mit der Hülle der flirrenden Blase. Das Licht begann langsam an seinen mächtigen Armen herabzufließen, wie die Lava vom Gipfel eines Vulkans. Die Arme begannen zu zittern. Boorhs Mund öffnete sich und er schrie ohne das der kleinste Laut seinen Mund verlassen sollte. Dann rissen plötzlich seine Arme auseinander und teilten das Tau aus Licht in zwei Hälften.
Kishou spürte, wie der Boden erzitterte, als die brennenden Fäuste Boorhs lautlos in den Boden einschlugen.
~*~
Unheimliche Begegnung
Teks Herz schlug bis zum Hals. Was seine Augen sahen, übertraf alles, was er sich hätte vorstellen können. Er war die ganze Zeit sehr schnell gelaufen, um wieder den Anschluss zu finden – bevor die fremden Wesen vielleicht in einen Wald verschwinden würden.
Er holte sie schneller ein, als er erwartet hatte, und verfolgte nun, kaum einen Steinwurf weit entfernt und versteckt hinter einem Felsen, das unwirkliche Schauspiel. Dabei sprang sein Blick unaufhörlich hin und her – zwischen dem Geschehen um den am Boden liegenden Hünen, und diesem seltsamen, kleinen Wesen, bei deren Anblick seine Pupillen zu flackern begannen – unschlüssig, ob sie sich vor ihrer Erscheinung schützen sollten oder nicht. Er spürte ein fast schon quälendes Gefühl, sie in Besitz nehmen zu müssen. Es schien ihm gleichsam die Forderung dieses wunderlichen Wesens, dem er sich nicht entziehen durfte – aber es war nicht wirklich eine Bedrohung. Es war etwas anderes. Etwas das er nicht einzuschätzen vermochte. Noch nie war er der Fremden so Nahe gewesen, und jetzt, so schien es ihm, war sie noch viel zu weit weg. Er vergaß fast alle Vorsicht, und sprang von Deckung zu Deckung, um dichter heran zu kommen an das überwältigende Geschehen – und an dieses Wesen, das aus irgendeinem Grunde ihm gehörte ...
Die Erde erzitterte, als die Fäuste des auf dem Boden liegenden plötzlich in die Erde schlugen. Der Fels, hinter dem sich Tek verbarg stand nicht sehr stabil, und kippte langsam nach hinten. Mit einem Satz sprang er aus der bedrohlichen Lage hinter den nächsten Stein, der sich ihm bot.
Als er hinter seiner neuen Deckung hervorlugte, sah er, wie die Erde unter dem am Boden Liegenden langsam aufbrach. Ein grollendes Donnern erfüllte die Luft. Das kleinere Wesen, dessen Anblick ihn so fesselte, lief nun hinüber zu dem großen Wesen mit dem langen weißen Gewand, und ergriff dessen Arm. Dann erzitterte die Erde erneut und bäumte sich unter dem am Boden Liegenden einige Male etwas auf, bis sie sich endgültig unter ihm erhob und zu einem Hügel anwuchs.
Kleine und große feste Erdklumpen, Gestein und kleine Felsbrocken brachen aus dem Hügel heraus und rollten herab. Tek vernahm ein Brüllen, wie er es noch nie zuvor gehört hatte, und das von diesem, auf der Spitze der Erdaufschüttung liegenden Wesen zu kommen schien. Dann war da plötzlich noch ein zweites Brüllen – noch markerschütternder. Er hatte keinen Vergleich für diesen dunklen, alles zermürbenden Laut – und dann erkannte er dessen Ursprung.
Das riesige, weit aufgerissene Maul eines Monsters schälte sich aus dem Berg heraus, der nun keiner mehr war. Je zwei ungeheur große Zähne staken wie aufgepflanzte Krummdolche in seinem oberen und unteren Kiefer, die auch bei geschlossenem Maul nicht darin verschwanden, sondern sich kreuzend vor das Maul legten. Mehr und mehr schälte sich das Untier aus den Erdmassen heraus, bis es endlich in seiner ganzen Wucht überschaubar war.
Ein Dompteur versteht seine Furcht zu beherrschen, doch dieser Anblick verlangte selbst von einem Solchen sehr viel. Der voluminöse Kopf des Monsters saß auf einem sehr kurzen und dicken Hals, dem ein wuchtiger Körper folgte – mit zwei kurzen Ärmchen und zwei mächtigen Hinterläufen. Ein langer massiger Schwanz, der sich an sein Ende noch einmal dreiteilen sollte, vervollständigten die grausige Erscheinung. Hornplatten bedeckten seinen gesamten Körper. Eine lange Reihe von ihnen zog sich zackenartig aufgerichtet – und jede von ihnen hakenförmig etwas nach vorn gekrümmt – über die ganze Länge des Rückens der massigen Erscheinung.
Teks Blick suchte erschrocken nach dem kleinen Wesen, das ihm so wichtig war. Es war nicht zu sehen. Das große Wesen hielt es unter seinem weißen Gewand verborgen. Aber sie machten keine Anstalten der Flucht, und das große Wesen lächelte gar ... Teks Blick suchte nach der fremden haarigen Gestalt, unter dem sich das Monstrum aus der Erde erhoben hatte. Er fand sie zwischen zwei dieser Knochenzargen sitzend – brüllend, und die geballten Fäusten hoch gegen den Himmel gestreckt.
Erst jetzt bemerkte Tek das fehlen des grellen Lichtes, das am Rande dieser seltsamen Kuppel leuchtete. Statt dessen war da das kleine Männlein, dass ihn an das Untere Squatsch erinnerte, und dem er vor vielen Zeiten in seinen sehr jungen Jahren begegnet war. Es ging in diesem Augenblick zu dem großen Wesen mit dem weißen Gewand hinüber und gestikulierte mit seinen kurzen Armen ...
~*~
Revierverletzungen
„Sag’ diesem Grobian, er soll gefälligst nicht so viel Geschrei vom Allsein verdrängen – er soll endlich aufhören mit diesem Geschrei. Er verschreckt ja damit das arme Tier!“, schimpfte das Untere Squatsch gestikulierend, während es zu Mo hinüberging, die gerade eine zu Tode erschrockene Kishou unter ihrem weißen Gewand verbarg ... „Oh – oh ... verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung!“, beeilte er sich schnell hervorzubringen, als er sie unter dem Gewand Mos bemerkte. „Ich habe nicht bemessen ...!“
„Ist schon gut!“, beeilte sich Kishou mit unüberhörbar zittriger Stimme zu versichern. Es war ihr äußerst peinlich, soviel Angst zu haben – wo doch alle anderen ihr signalisierten, dass keinerlei Gefahr bestand. Aber der Anblick eines solchen Monsters hatte wohl den größten Alarm in ihrem kleinen Bäuchlein ausgelöst, an den sie sich jemals erinnern konnte. Noch immer zitternd vor Aufregung rieb sie an ihm herum. „Entschuldige Mo!“, stotterte sie nun, während sie sich unsicher wieder aus dem schützenden Tuch herausschälte – freilich ohne dabei die Nähe zu ihr aufzugeben. „Wenn ich gewusst hätte ... so hab’ ich mir den nicht vorgestellt!“, schluckte sie, und beäugte vorsichtig das, was die anderen ,Kurluk’ nannten. Sie hoffte sehr, dass dieses Tier sie nicht bemerkte. Im Moment jedenfalls schien es mit anderem beschäftigt. Es schnaubte unaufhörlich, gab seltsame Dunkle Laute von sich, und warf seinen brachialen Kopf mit weit aufgerissenen Rachen immer wieder in die Höhe.
Boorh schwang sich endlich von seinem Hochsitz, und kletterte geschickt vom dem Tier herunter. Man sah, dass sich sein Körper noch an jeden Tritt erinnerte, als wäre er gestern das letzte Mal auf ihm geritten. Mit dem breitesten Grinsen im Gesicht, dass Kishou jemals an ihm gesehen hatte, kam er zu ihnen. „Boorh entscheidet: Es ist Kurluk, der Gefährte Boorhs und der Gefährte Mos. Nun auch der Gefährte Kishous. Boorh entscheidet, Kishou, die Bezwingerin Suäl Graals und Befreierin der Großen Wasser wird mit Kurluk in schon wenigen Zeiten Das Dritte Tal der Dritten Ebene des Dritten Drom vom Allsein verdrängen!“
„Und der gehorcht dir wirklich?!“, konnte sich Kishou doch nicht verkneifen, ängstlich zu fragen.
„,Nur’ ihm! ,nur’ ihm! – und Mo versteht sich!“, mischte sich das Untere Squatsch etwas nörgelnd ein. „Aber wen wundert’s – wen wundert’s: Wie der Herr ... wie der Herr ... so’s ... na ja, ... kann ich grad' nicht vom Allsein trennen, wie das weitergeht ...!“
Boorh grinste selig. „Kurluk ist: ,Boorh will’! – Kurluk ist ,gut’!“, proklamierte er stolz. Wobei unklar bleiben sollte, ob sich sein Stolz auf Kurluk bezog, oder auf den Umstand, dass er sich gemerkt hatte, was für ihn ,gut’ und ,böse’ bedeutete.
Mo horchte plötzlich auf und wendete sich um. Aufmerksam musterte sie die Umgebung.
„Ist was entschieden?“, fragte das Untere Squatsch, und schaute prüfend in die selbe Richtung.
„Mo ist nicht vollkommen entschieden ... was hier das Allsein verdrängt!“, erwiderte sie horchend. „Doch Mo ist entschieden, dass etwas ihr Revier verletzt. Und Mo ist ebenso entschieden: es ist nicht das erste Mal, dass es die Grenze Mos überschreitet!“
„Du meinst, hier ist noch irgendwo was?“, fragte nun auch Kishou, und beteiligte sich an der Suche. „Hoffentlich nicht Suäl Graal, die würd’ mir jetzt gerade noch fehlen!“, fügte sie mit verhaltenem Ton hinzu.
„Nein, zu gering ist das Revier bemessen, das in das Mos eindringt!“ Ihr Kopf hob sich plötzlich etwas, und ihr Blick musterte nun den Horizont in der Richtung, aus der sie gekommen waren. „Es ist entschieden, noch etwas verdrängt das Allsein – doch dieses bemisst einen sehr großen Raum!“
„Oh je ... „ reagierte Kishou nervös. Ihr Bäuchlein wollte wohl heute nicht mehr zur Ruhe kommen. „... klingt alles nicht sehr gut!“ Ihre Augen begaben sich bereits auf die Suche nach geeigneten Fluchtmöglichkeiten. „Wenn man wenigstens wüsste, was es ist ...”
Die Gegend, aus der sie kamen, und die nun von Mo angezeigt wurde, war nicht einzusehen. Die vielen großen Gesteinsbrocken behinderten den Blick in die tiefer gelegene Ebene.
Kishou lief ein Stück weit zu einem großen Felsen, der aus dem Boden ragte. Von dort oben müsste man mehr sehen können, hoffte sie. Seine Oberfläche war sehr porös und gab ihren Händen guten Halt. Wenige Augenblicke später schon stand sie auf seinem höchsten Punkt und schaute in die Ebene hinein. Das Erste was sie sah, versetzte sie zunächst einmal eher in Erstaunen, als das sie sich erschrak. Erst der Zweite Blick weitete ihre Augen mit Schrecken. „Korks!“, fiel es aus ihr heraus. Sie waren noch ein Stück weit entfernt, doch nahe genug, um alle Einzelheiten des Geschehens dort unten sehen zu können.
Es war zunächst eine riesige Zahl von Afetiten, die sich auf sie zu bewegten, und die sich in diesem Moment in zwei Teile aufspalteten. Durch diese aufklaffende Lücke ergoss sich eine Unzahl jener Wesen, mit denen Kishou schon einige böse Erfahrungen machen durfte. Es waren Korks. Wie dickflüssiges Metall ergossen sich ihre reflektierenden Eisenkörper durch den breiten Kanal, den ihnen die Afetiten schufen.
Kishou fuhr herum „Da unten kommen unheimlich viele Wesen – vielleicht Bewohner von hier!“, rief sie so laut sie konnte zu den anderen hinüber. „Aber es sind auch Korks dabei ... unheimlich viele Korks!“ Ihre Stimme überschlug sich fast, während sie wie wild gestikulierend in die Richtung der aufkommenden Gefahr wies. So übersah sie diese kleinen dunklen Stäbchen, die sich in diesem Moment von den Afetiten her in den Himmel erhoben, und deren Summe wie eine kleine dunkle Wolke in ihre Richtung schwebte ...
~*~
Gefahr
Tek duckte sich tief in seine Deckung, als er plötzlich Kishou auf sich zukommen sah. Seine Augen suchten nach Ausweichmöglichkeiten, aber er konnte noch nicht einschätzen, was das Ziel dieses Wesens war – oder war er bereits erkannt ...?
Er lugte vorsichtig an seinem Schutz vorbei. Das kleine, sonderbare Wesen, begann sehr nah bei ihm auf einen größeren Felsen zu klettern. Tek vergewisserte sich, dass sein Versteck so hoch war, das es genügend Schutz vor Entdeckung bot. Zum ersten Male hörte er auch die Stimme dieses Wesens, und es schnürte ihm fast den Hals zu. Es konnte unmöglich die Stimme nur einer Verdrängung vom Allsein sein – ging es ihm durch den Kopf. Nie zuvor hatte er einen solchen Klang vernommen. Er hörte bruchstückhaft etwas von Afetiten und von Korks – was konnte das Wesen meinen?
Tek kauerte sich tief geduckt mit dem Rücken an dem Felsen, der ihm Deckung bot, und lauschte den verwirrenden Klang der Worte des sonderbaren Wesens. Dann war es still ... Er schaute nach oben, als erwartete er, dass noch weitere Worte von ihr über seinen Deckung kippen würden – doch es blieb still. Aber stattdessen entdeckte er eine kleine, dunkle Wolke am Himmel, die sich seinem Aufenthaltsort schnell näherte.
Tek war ein Afetit und er war ein Dompteur. Er wusste, wie der Pfeil sich im Blau des Himmels abzeichnete – und er hatte schon unzählige Male beobachten können, wenn sich viele von ihnen am Himmel vereinigten ...
~*~
In letzter Sekunde
Nein!“ Ein gellender Schrei durchbrach die Stille aus jener Richtung, der Kishou gerade eiligst den Rücken gekehrt hatte.
Sie fuhr erschrocken herum – und erstarrte. Ein fremdes Wesen – ein Afetit vielleicht – raste mit höllischen Tempo direkt aus sie zu. In seinem Gesicht zeichnete sich Panik ab ... und er stülpte während des Laufes etwas über seine rechte Hand. Es kam alles so plötzlich, und der Schrei dieses Wesens hallte noch immer in Kishou nach. Wie versteinert starrte sie dem Rasenden entgegen – als sie den leichten Luftzug spürte.
Boorhs große zweischneidige Axt war die Ursache, als sie dicht an ihr vorbei sein Ziel in dem auf sie zueilenden Fremden suchte. Der machte eine jähe Drehung – gerade, als die Axt in ihn einschlagen wollte. Sie rutschte fast an seinem schmächtigen Körper entlang und riss ein Stück seines groben Leinenhemdes mit sich. Er taumelte und fiel – als Kishou einen surrenden Ton in der Luft vernahm, dem gleich darauf ein kleines ,Ratsch’ folgte. Die erste Pfeilspitze hatte sich dicht bei ihr in den festen Boden gebohrt.
Der Fremde schien bei seinem Sturz kaum den Boden berührt zu haben, so schnell stand er bereits wieder – direkt vor Kishou. Sein Körper drehte sich, und im selben Augenblick schlugen bereits die ersten Pfeilspitzen in dieses Ding ein, in dem seine rechte Hand steckte – um sie auf der anderen Seite ebenso schnell wieder in der entgegengesetzten Richtung zu verlassen. Es schien eine Art Tanz. Der schmächtige Körper drehte und wendete sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Ein Regen von Pfeilen ging auf Kishou herab und spickte die Erde um sie herum, doch nicht ein einziger fand sein erhofftes Ziel. Jene, die es hätten finden können, fanden ihr Ende in der seltsamen Halbschale, die der Fremde trug.
Nach nur wenigen Augenblicken war der Spuk vorbei. Einen Moment lang suchten die Augen des Fremden noch den Himmel ab, dann wendeten sie sich zu Kishou.
Die stand noch immer wie versteinert am selben Fleck, unfähig zu begreifen, was geschehen war. Nun aber lief ein Schauer durch ihren Körper, als der Blick des Fremden sie traf. Noch nie hatte sie solche Augen gesehen. In einem sanften, hellen Blau, das einen Blick in den Himmel freizugeben schien, lag die leuchtend-grüne Iris wie das Blatt eines gerade erst erwachten Baumes. Ein schwarzer, breiter Schlitz, der den Boden mit dem Himmel verband, teilte das Blatt beinahe in zwei Hälften. „Ich ... ich ...!“, stammelte Kishou. Weiter kam sie nicht, denn Boorh und Mo waren bereits bei ihr. Mo legte sofort schützend ihr Gewand um sie, die von all dem aber nichts zu bemerken schien. Wie paralysiert starrte sie in die Augen des Fremden.
„Boorh entscheidet: Du bist ein Dompteur!“, polterte Boorh sogleich los, während er mit einem kleinen Ruck einen Pfeil aus seinem Oberarm riss – um sogleich den Fremden mit einem anerkennenden Schlag auf die Schulter zu versehen. Den jungen Afetiten, der ebenso versteinert stand, und nicht von den Augen Kishous lassen konnte, traf der Schlag gänzlich unvorbereitet. Wie ein Stück leichten, ausgetrockneten Holzes fegte es ihn davon.
„Verzeih meine kleine Unbemessenheit!“, war Boorh darauf ehrlich erschrocken. Er wollte dem Gestrauchelten zu Hilfe eilen – der aber stand bereits wieder.
Verschiedene rote Flecken auf Boorhs Körper ließen vermuten, dass der Pfeil, den er gerade aus seinem Arm gezogen hatte, nicht der Einzige war, der ihn getroffen hatte. Mo und er waren in den Pfeilregen hineingelaufen, in dem Versuch, Kishou zu retten – und er wusste wohl nun sehr genau, was seine Axt beinahe angerichtet hätte.
„Ihr müsst schnell fort!“, rief der Afetit, der offenbar endlich seine Fassung wiedergefunden hatte. „Ihr müsst fliehen!“ Seine Augen richteten sich ängstlich in den Himmel.
„Was ist entschieden?!“, fragte Mo mit dieser erstaunlichen Ruhe, die sie offenbar niemals verlor.
„Ich kann es nicht bemessen!“, antwortete der Gefragte mit fast verzweifelter Stimme. „Ich kann es nicht bemessen, ... aber ihr müsst schnell diesen Ort verlassen!“ Und dann sprudelte es förmlich aus ihm heraus. „Es verdrängen dort Stämme der Grabenmacher das Allsein – und es verdrängen dort Stämme der Langen Schatten das Allsein ... ich.. ich kann es nicht bemessen ... Doch Tek kennt die Bemessungen ihrer Pfeile! Sie verdrängen vereint das Allsein! ... sie sind gerichtet gegen euch ...! Tek kann es nicht bemessen ...!“
„Was ist entschieden in den Korks?!“, wurde er von Mo unterbrochen.
„Korks?!“, staunte Tek mit weit aufgerissenen Augen. Als wäre es das Stichwort gewesen, waren nicht mehr aus all zu weiter Entfernung, leise die krächzenden Laute der Eisenwesen zu hören.
„Stämme der Grabenmacher? ... der Grabenmacher – zusammen mit Stämmen der Langen Schatten? – und alle zusammen verdrängen das Allsein gemeinsam mit den Korks ...?“, kam nun auch die verwunderte Stimme des Unteren Squatsch aus dem Hintergrund.
Boorh richtete sich in aller Größe auf. „Boorh entscheidet: Es ist eine Verdrängung Suäl Graals vom Allsein!“ Sein Gesicht verfinsterte sich. Er lief zu einem der fast runden, riesigen Steine, und stemmte seinem Rücken unter ihn. Langsam gab der runde Klotz nach, und kam in Bewegung. Zögerlich gab er seinen Widerstand gegen die Kräfte Boorhs auf, und begann bedächtig, dem Gefälle folgend, seine erzwungene Reise.
„Kommt!“, sagte Mo nur, und wendete sich bereits mit Kishou in ihrem Arm um.
„Boorh entscheidet, Boorhs Axt wird einige Entscheidungen bemessen, und vom Allsein verdrängen!“, rief er ihr fast trotzig nach.
„Kommt!“, wiederholte Mo nur. „Es ist entschieden!“
Auch das Untere Squatsch setzte sich nun in Bewegung, und folgte Mo, die geradewegs auf Kurluk zusteuerte. Boorh, fest seine Axt umfassend, blickte unschlüssig zwischen Kurluk, und dem sich langsam und stolpernd entfernenden Gesteinsbrocken hin und her.
„Komm endlich, du plattfüßiger Beulenmacher, du plattfüßiger! Du hast doch vom Allsein getrennt was entschieden ist!", schimpfte das Untere Squatsch. „Oh – oh verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung!“, beeilte er sich schnell in das Gewand Mos hinein zu sagen. Er lief neben ihr einher, und hatte wohl für einen Moment übersehen, das Kishou unter ihrem Gewand verborgen war.
Boorh gab endlich auf. Missmutig wollte er sich gerade den anderen anschließen, als sein Blick auf den kleinen Afetiten fiel. Der stand einfach nur da, und blickte hinter Mo her – oder besser hinter dem, was sich unter ihrem Gewand abzeichnete.
„Was ist es, das du dort vom Allsein verdrängst?!“, fragte Boorh.
„Ich?“, schreckte der Angesprochen auf „... ich ... ich kann es ... nicht bemessen ...!“
„Boorh entscheidet: Du wirst aber bemessen haben, was entschieden ist!“
„Du entscheidest ... Du entscheidest ...!“, schluckte der Kleine. „... ich darf mit euch kommen?!“
Boorh schaute noch einmal Bedauernd in die Richtung seiner stolpernden Kugel. Die hatte inzwischen schon etwas Fahrt aufgenommen, und auf ihrer unregelmäßigen Bahn eine Weitere angestoßen, die es nun der Ersteren gleichtat. Dann wendete er sich wieder zu dem Afetiten. „Boorh entscheidet: Du bist ein Dompteur! Und Boorh entscheidet. Du bist der Dompteur, der Kishou, die Bezwingerin Suäl Graals und Befreierin der Großen Wasser, vor dem Allsein bewahrte! Boorh entscheidet: Du verdrängst nun das Allsein in dem Revier Kishous!“ Seine Axt in den Schulterhalfter schiebend wendete er sich um, und stapfte los.
„Kishou – Hast du bemessen? ... die Bezwingerin Suäl Graals und Befreierin der Großen Wasser, hast du bemessen? Der kleine Afetit hatte Mühe mit Boorh Schritt zu halten und war über alle Maßen aufgeregt,
„... Und Boorh entscheidet: du bist vor allem der Dompteur, der der Axt Boorhs in der Vollkommenheit seiner Bemessung zu widerstehen vermochte!“, proklamierte er anerkennend ...
~*~
Rahons List
Rahon entdeckte es im selben Moment, als es sich unweit vor ihnen an dem Ausläufer des Feuerbergs, der direkt vor ihnen lag, auf einem Felsbrocken stehend, zeigte. Er gab sofort das Zeichen zum Halt.
Die Stämme liefen, seit sie den Wald passiert hatten, auf breiter Front nebeneinander, denn Rahon erwartete auf Grund der Spuren in jeden Augenblick, dass sie auf die Fremden stoßen würden – und er wollte in diesem Moment auf keinen Fall in den hinteren Reihen stehen. Auch den Korks hatte er sicherheitshalber befohlen, dichter aufzuschließen.
Diese Maßnahme hatte sich bereits bewährt, wenn auch gänzlich anders, als erwartet. Sie liefen blind in die Falle des Rjuchhu hinein – was acht Afetiten das Leben kostete. Drei davon waren seine Stammesangehörigen. Allein ihre große Übermacht, und vor allem das schnelle Eingreifen der Korks, die bereits dicht zu ihnen aufgeschlossen waren, hatten schlimmeres verhindert.
Rahon brauchte nur wenige Augenblicke für seine Entscheidungen. Die Gestalt dort auf dem Felsen war aus diese Entfernung noch nicht klar zu erkennen. Es war keines der Unzähligen Wesen, die dieses Drom belebten, dessen war er sich sicher – und es war den Spuren nach die Zeit, da er mit einem Aufeinandertreffen rechnen durfte. Es konnte Tek sein, der sich dort oben einen Überblick verschaffte – allein die Unvorsicht, mit dem sich die Gestalt präsentierte, stand dieser Spekulation entgegen. Vielleicht war es ja bereits jenes Wesen, das es zu vernichten galt.
Rahon befahl sofort, dass die Stämme weiter auseinanderrücken, um den Korks einen Weg nach vorn freizumachen. Augenblicke später schon ergossen sie sich durch die gebildete breite Schneise der beiden Stämme.
Rahon reagierte keineswegs spontan. Er hatte sich auf diesen Augenblick vorbereitet, und jede Einzelheit war bereits Teil seines Plans – deren Details auch den Grabenmachern bekannt war. Von Mund zu Mund wurde er während des Marsches durch die Reihen seiner Stämme weitergegeben, und so wusste jeder von ihnen, was als nächstes geschehen würde. Er war nicht zufällig der Führer eines der größten Stämme der Grabenmacher – und Suäl Graal hatte sicherlich nicht zufällig ihn erwählt, das Heer zu führen. Er war scharfsinnig und schreckte vor nichts zurück, um seine Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen.
Als die ersten Reihen der Korks die Schneise durchquert hatten, rannte er los. Er lief mitten in die Formierung der metallischen Gestalten hinein, und sprang einem der Korks auf den Rücken. Geschickt hangelte er sich an ihm hoch und klammerte sich an seinen Hals. Seine Beine ruhten auf den Ausbuchtungen des Kork, aus denen die dünnen, stangenartigen Laufglieder hervortraten. Er musste in jedem Fall an Vorderster Front sein, um ohne Verzögerung zu erfahren, wann ihre Aufgabe erfüllt, und damit der unselige Packt mit den Langen Schatten aufgehoben war. Niemand wusste, wann die Korks nach Erfüllung des Auftrags von Suäl Graal wieder freigegeben werden. Vielleicht schon in dem selben Augenblick der Vernichtung des Fremden, vielleicht auch erst etwas später – wenn die Korks wieder zurückgekehrt waren, und sich direkt unter ihnen befanden. Die Korks konnten ja schließlich nicht sagen, ob ihr Angriff erfolgreich war. Die Stämme der Afetiten hätten sich erst selbst überzeugen müssen – und dann wäre es für eine angemessene Reaktion möglicherweise bereits zu spät. So war es sein Plan, bei erfolgreicher Vernichtung des fremden Wesens, das sich bei dem Unteren Squatsch aufhielt, drei Pfeile gleichzeitig senkrecht in den Himmel zu schießen.
Für die Langen Schatten – so war die offizielle Verabredung – hätte es die Bedeutung, dass sie und die Grabenmacher zur Unterstützung des Kampfes aufrücken sollten. Die Stämme der Langen Schatten und die der Grabenmacher sollten sich zu diesem Zwecke trennen, um von zwei Seiten gleichzeitig in den Kampf eingreifen zu können. Auf diese Weise wäre für die Grabenmacher die benötigte Distanz gewährleistet, und sie könnten sich im entscheidenden Moment zurückziehen, während die Langen Schatten in die Falle der Korks geraten würden – die entweder noch den Befehlen Rahons gehorchten, oder aber inzwischen frei waren. Das Eine bedeutete wie das Andere das Ende der Langen Schatten.
Rahon verlor keinen Gedanken daran, dass sein Entkommen aus dieser Situation mehr als fraglich war. Aber eben genau das war seine Stärke – und es lag außerhalb der Vorstellungskraft der Langen Schatten, dass Rahon sich bedenkenlos selbst opfern würde – auch das war im Kalkül Rahons eingegangen.
Das Aufsitzen Rahons auf den Kork war das Zeichen für die Afetiten, eine gemeinsame Salve von ihren Bögen auf den Ort abzuschießen, wo sich die Gestalt zeigte. Es war aus dieser Entfernung sicherlich noch nicht sehr effektiv, aber mit etwas Glück konnte der Vorteil dieses Überraschungsmoments sogar bereits die Entscheidung bringen – immerhin sollte dem Fremden jetzt noch die Deckung fehlen. Rahons Augen folgten der Wolke aus Pfeilen, die bereits ihren höchsten Punkt erreicht hatten, und sich nun langsam gegen das Ziel neigte. Die Gestalt auf dem Felsen war inzwischen wieder verschwunden.
Die Korks kamen schnell voran. Im Laufschritt sprangen sie mehr, als das sie liefen, und auch den leichten Anstieg schienen sie nicht einmal zu bemerken. Allein ihr Krächzen war in solch unmittelbarer Nähe, mitten unter ihnen, schier unerträglich.
Rahon stutzte. Dort oben bewegte sich etwas auf sie zu, und es war nicht schwer zu erraten, was es war. Eine kleine Lawine aus mehreren Felsbrocken stolperte ihnen mit zunehmender Geschwindigkeit entgegen. Vielleicht war es Zufall. Aber es schien ihm nicht sehr wahrscheinlich. Der auf dem Felsen gestanden hatte, musste die anrückenden Heere gesehen haben, soviel war sicher. Das wiederum konnte nur bedeuteten, das die Steinlawine die erste Reaktion des Feindes war – ein erster Verteidigungsakt, ... oder die Vorbereitung zu einem Angriff ...!
Er sah um sich in die ausdrucklosen Fratzen der Korks. Was sollte er ihnen Befehlen? Bemesst die Steine, die da vorn das Allsein verdrängen? Die Legenden beschreiben die Korks als ,Besondere Apparate’ – geschaffen, das sein dem Allsein zuzuführen. Rahon hatte, wie fast alle Afetiten, seine Erfahrungen mit den Korks, und so wusste er, dass Korks nicht gemacht waren, um vor irgend etwas auszuweichen, von dem sie angegriffen wurden ...
Er beobachtete den stolpernden Lauf der einzelnen Brocken aufmerksam, und versuchte abzuschätzen, wo sie in die breite Front der Korks einbrechen würden. Es war aber kaum möglich, dies mit Sicherheit voraus zu sagen. Er hoffte nur, das er selbst von ihnen verschont blieb, denn ohne ihn wären die Stämme der Grabenmacher vielleicht verloren.
Dann geschah es. Scheppernd krachten die Geschosse in die Reihen der ehernen Kreaturen und rissen lange Schneisen in sie hinein. Nur vielleicht zehn Reihen neben ihm riss einer der Brocken die stählernen Leiber auseinander. Die harten Einschläge schlugen eine Welle der Zerstörung in die Korks, die sich beidseitig der steinernen Geschosse während ihres Eindringen fortsetze. Die auslaufende Welle des nächst liegenden Einschlags neben ihm erreichte noch gerade seinen direkt benachbarten Kork. Der bekam einen kräftigen, seitlichen Stoß von einem stürzenden Kampfgenossen – und rammte seinerseits jenen Kork, auf dem Rahon ritt. Der kam einen Moment ins taumeln – fiel aber glücklicherweise nicht.
Rahon atmete tief durch ... Unberührt und mit dem Gleichmut eines Treppenwurms wurden die geschlagenen Lücken sofort wieder von nachrückenden Korks besetzt.
In unmittelbarer Nähe des Felsens, auf dem vorher die Gestalt erschienen war, ließ er halten. Es reichte völlig aus, wenn ein einzelner Kork seine Befehle hörte, oder sonstwie wahrnahm. Alle anderen wussten es damit offenbar auch. Er sprang nur kurz vom Rücken seines zweistelzigen Gefährts, um die Deckung eines Felsen zu nutzen. Ohne weitere Verzögerung setzte sich der Tross sofort wieder in Bewegung.
Mit einer gewissen Faszination betrachtete er die endlos anstürmenden Massen der gleichförmig formatierten Korks – wie sie sich kurz vor seinem schützenden Fels wie ein einziger Körper, gemeinsam reagierend, kurz aufspalteten, um sich hinter dem Stein sofort wieder zusammen zu schließen.
Der gleichförmige Tritt ihrer Laufglieder wirbelte eine Menge Staub auf. Rahon zog sein leichtes Tuch vom Hals, und band es schützend vor die Augen. So wartete er ab, bis endlich die letzte Reihe seiner unwirklichen Kampfgefährten seine Deckung passiert hatten. Gebannt lauschte er dem sich entfernenden Rhythmus der federnden Schritte – jeden Moment erwartend, darüber die untrüglichen Zeichen eines beginnenden Kampfes zu vernehmen. Die ersten Reihen der Korks sollten das Ziel schon erreicht haben ...
Doch entgegen seiner Erwartung trat plötzlich Stille ein!?
Vorsichtig kroch er aus seiner Deckung hervor. Tatsächlich waren die letzten Reihen der Korks nicht sehr weit gekommen – sie standen nun kaum einen Steinwurf vor ihm in vollkommener Bewegungslosigkeit. Für einen Moment war Rahon irritiert und dachte angestrengt nach. Das hier passte nicht in seine Vorstellungen des Ablaufs der Sache ...
Es konnte Zweierlei bedeuten: Entweder sie hatten ihr aufgetragenes Werk bereits vollendet, und es gab nichts mehr zu tun – die Überraschung des Pfeilregens hatte den Kampf bereits entschieden – oder aber es gab niemanden an dem Ort, der bekämpft werden konnte ...? Die erste Möglichkeit schloss ein, dass ihm vielleicht keine Zeit bleiben würde, rechtzeitig die Pfeile abzuschießen, bevor die Korks nunmehr über ihn herfielen. Er konnte ja das Zeichen erst geben, wenn er sich von der tatsächlichen Vernichtung der Fremden überzeugt hatte ... Zweitere würde lediglich bedeuten, dass die Jagd noch nicht zu Ende war.
Vielleicht gab es aber auch noch eine dritte Möglichkeit – eine, die ihm nicht in den Sinn kommen wollte ...
Er zog seinen Bogen von der Schulter und legte drei Pfeile in die Sehne, bevor er sich auf den Weg machte. Er wollte wenigstens jederzeit für das Zeichen bereit sein.
Vorsichtig schlängelte er sich kurz darauf durch die dichten Reihen der Korks, die bislang keinerlei Notiz von ihm nahmen. Sein Kopf bewegte sich ohne Unterlass hin und her. Es war nicht leicht, sich durch den getrübten Blick des Tuches zu orientieren, und gleichzeitig dabei etwaige verräterische Bewegungen der Korks nicht zu übersehen. Das Tuch von den Augen zu nehmen, wollte er aber auch nicht riskieren, bevor er nicht wusste, was sich an der Spitze der Korks vielleicht abspielte. Die Warnung Suäl Graals war eindeutig.
Endlich hatte er die vorderste Reihe erreicht. Er blickte angestrengt zwischen sie hindurch. Er sah auf einen lichten Ort – und dieser Ort war leer ...
Rahon ließ den Bogen sinken und streifte das Tuch von den Augen. Er drängte sich durch die letzten Korks hindurch und betrat die freie Fläche. Sein Blick fiel sofort auf das Loch im Boden, das sich nicht weit von ihm auftat. Er lief hinüber und schaute nachdenklich in die große, und unübersehbar frisch aufwühlte und tiefe Kuhle, und versuchte sich einen Reim darauf zu machen. Die Stirn in Falten gelegt, schaute er über das Land ... Dessen Zeit auch immer hier das Allsein verdrängte, kann noch nicht weit gekommen sein, dachte er bei sich.
Sein Blick fiel auf zwei reliefartige Eindrücke auf der anderen Seite der Mulde. Er lief um die Grube herum und betrachtete nachdenklich die deutlichen Abdrücke. Rahon war kein besonders begabter Spurenleser, aber das musste man hier auch nicht sein, um sofort zu bemerken, dass es sich hier um die Abdrücke von Läufen handelte. Er legte überlegend den Kopf auf die Seite. Läufe solchen Ausmaßes hatte er noch nie gesehen. Gehörten sie dem fremden Wesen, das sie dem Allsein zuführen sollten?
Rahon nickte: So wird es das Allsein verdrängen! – und er meinte eine Vorstellung von der Kraft dieses Wesens zu bekommen. Aber immerhin – es war vor ihnen geflohen!
Wieder suchten seine Augen den Blick in die Weite des Landes „Etwas, das flieht, fürchtet zu unterliegen. Es ist also besiegbar!“, Sagte er leise zu sich, und kehrte zurück zu den Korks.
Die Jagd war noch nicht vorbei, wusste er nun. Doch alle Zeit ist bemessen in ihrem Ende. Dieses Gesetz kennt keine Ausnahme. So würde auch die Zeit der Jagd ihr Ende finden. Daran konnte es keinen Zweifel geben.
Er bestieg wieder einen der Korks und gab den Befehl zum Rückzug. In weiten Schritten lief das Heer wieder hinunter zu den Stämmen. Rahon bemerkte nicht zum ersten Mal auf seinem Ritt, dass die Korks die Stöße ihrer schweren Körper bei den Sprüngen mit ihren stelzenartigen Beinen erstaunlich gut abfingen. Es war fast bequem, auf ihnen zu reiten. ...
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