Читать книгу: «Träume und Träumen»

Der Autor

Prof. Dr. med. habil. Michael Ermann ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker in Berlin, wo er vor allem als Berater, Supervisor sowie als Autor und Ausbildungspsychoanalytiker tätig ist. Er ist habilitiert für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse an der Universität Heidelberg und emeritierter Professor für Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort hat er 25 Jahre lang eine psychosomatische Abteilung geleitet. Er ist Mitbegründer und Herausgeber der Zeitschrift »Forum der Psychoanalyse« und der »Lindauer Beiträge«, in denen auch der vorliegende Band erscheint. Als Mitglied und Funktionsträger in wissenschaftlichen und berufspolitischen Gremien hat er die psychoanalytisch begründete Psychotherapie und Psychosomatik in den letzten Jahrzehnten mitgestaltet.
Michael Ermann
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3., aktualisierte Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-035553-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-035554-5
epub: ISBN 978-3-17-035555-2
mobi: ISBN 978-3-17-035556-9
Vorwort
Dieses Buch geht auf die Vorlesungsreihe zurück, die ich bei den Lindauer Psychotherapie Wochen im April 2000 gehalten habe1. Einhundert Jahre nach dem Erscheinen von Sigmund Freuds Traumdeutung war es die Absicht dieser Vorlesungen, dieses Jahrhundertwerk aus theoretischer und klinischer Sicht zu würdigen und die Entwicklungen nachzuzeichnen, die es in Gang gesetzt hat. Freud hat mit seinem auf den einzelnen Träumer zentrierten Ansatz einen völlig neuartigen psychotherapeutischen Umgang mit Träumen ermöglicht. Dieser Ansatz hat sich als unglaublich fruchtbar für das Verständnis des menschlichen Seelenlebens erwiesen und eine Epoche eingeläutet, die man als Jahrhundert des Unbewussten bezeichnen kann.
In der Art des Zugangs zu Träumen und des Umgangs mit ihnen in der Psychotherapie zeigen sich die divergierenden Entwicklungen der sog. tiefenpsychologischen Schulen, aber auch die Strömungen innerhalb der immer breiter werdenden Entwicklung der Psychoanalyse. Die gegenwärtig dominierende Entwicklungspathologie der sog. frühen Störungen stellt die Behandlungstheorie und -technik dabei vor besondere Herausforderungen. Sie kann sich nicht nur auf einen immer reicheren Fundus an klinischer Erfahrung stützen, sondern auch auf eine inzwischen weit entwickelte kognitive Traumpsychologie, welche bedeutende Bausteine zum Verständnis des niederstrukturierten Träumens beiträgt.
Daneben werden Traumbiologie und Schlafforschung für das Verständnis des Träumens immer wichtiger. Seit sich die anfängliche Gleichsetzung von REM-Schlaf mit Traumschlaf als unzutreffend erwiesen hat, sind bedeutende Annahmen Freuds zur Entstehung und Funktion des Träumens von dieser psychophysiologischen Traumforschung in ein neues Licht gerückt worden.
Die Veröffentlichung dieser Vorlesungen geht auf Anregungen aus dem Hörerkreis zurück. Die positive Resonanz hat mich ermutigt, die Traumlehre als ein Herzstück der psychoanalytischen Konzepte in einer allgemein verständlichen Weise einem breiteren Publikum nahe zu bringen.
Bei der Durchsicht für die 3. Auflage erschien der Text nach wie vor aktuell und machte nur geringfügige Änderungen erforderlich.
Dass der Kohlhammer Verlag dieses Unternehmen engagiert unterstützt hat, soll besonders betont werden.
Berlin, im Sommer 2020
Michael Ermann
1 Siehe hierzu auch: www.auditorium-netzwerk.de.
Dieser Bandes ist
Gaetano Benedetti (1920–2013)
gewidmet.
Er hat der psychoanalytischen Traumlehre
durch sein Lebenswerk neue kreative Impulse gegeben.
Inhalt
1 Vorwort
2 1. Vorlesung Freuds »Traumdeutung«
3 Die Bedeutung der Traumdeutung
4 Biographischer Hintergrund
5 Freuds Selbst-Analyse
6 Der Initialtraum der Psychoanalyse
7 Assoziationen und Kommentare
8 2. Vorlesung Zur Metapsychologie des Träumens und der Träume
9 Das dynamische Unbewusste
10 Das Verdrängte und das Bewusste
11 Grammatik der Träume
12 Primärvorgang und Traumarbeit
13 Traumzensur
14 Detaildeutung von Träumen
15 Der Traum als Wunscherfüllung und Hüter des Schlafes
16 3. Vorlesung Traumdeutung nach Freud: Weiterentwicklungen – Alternative – Neuerungen
17 Weiterentwicklungen: Die Neubewertung des manifesten Traums
18 Der Ansatz der Ich-Psychologie
19 Der Ansatz der Neopsychoanalyse
20 Der Ansatz der Selbst-Psychologie
21 Die Alternative: C.G. Jung – Traum und Individuation
22 Jungs Traumlehre
23 Archetypisches Wissen
24 Jungs Umgang mit Träumen
25 Der Traum bei Jung und Freud im Vergleich
26 Neuerungen: Traum, unbewusstes Denken und unbewusste Phantasie
27 Traum und unbewusste Phantasien
28 Traum und unbewusstes Denken
29 Traum und Revérie
30 4. Vorlesung Der Traum und die Neurowissenschaften: Träumen, Gehirn und Gedächtnis
31 Kasuistik
32 Kognitive Traumpsychologie
33 Explizites und implizites Gedächtnis
34 Dynamik des Gedächtnisses
35 Traumbiologie
36 Neuroanatomische Grundlagen
37 Das Neuron
38 Ergebnisse der Schlaf-Traum-Forschung
39 Traumerinnerung
40 Der Traummechanismus
41 Traumerzählungen und die Wirkung der Traumdeutung
42 5. Vorlesung Archaische Ich-Zustände und niederstrukturiertes Träumen
43 Merkmale von niederstrukturierten Träumen
44 Kasuistik
45 Phänomenologie
46 Entstehung und Funktion niederstrukturierter Träume
47 Therapeutische Konsequenzen
48 Niederstrukturierte Träume und die Übertragung
49 Implizite Übertragung in niederstrukturierten Träumen
50 Implizite Beziehungsarbeit
51 Schlusswort
52 Literatur
53 Arbeiten des Autors zum Thema Träume und Träumen
54 Weiterführende Literatur
55 Sachverzeichnis
56 Personenverzeichnis
1. Vorlesung
Freuds »Traumdeutung«
Flectere si nequeo superos, acheronta movevo
Motto von Sigmund Freuds Traumdeutung2
Als vor mehr als hundert Jahren am 4. November 1899 in Leipzig Freuds später so berühmtes Buch Die Traumdeutung3 erschien, wurde es – an der Auflage gemessen – eine Enttäuschung. Bis zur zweiten Auflage wurden nur knapp über 100 Exemplare verkauft. Dennoch hat Freud es schon damals für ein überragendes Werk gehalten und wohl deshalb darauf bestanden, dass es den Beginn eines neuen Jahrhunderts markieren sollte: Es trug das Erscheinungsjahr 1900, obwohl es noch im vorangehenden Jahrhundert erschienen war.
Tatsächlich gehört es zu den großen Werken, die das 20. Jahrhundert geprägt haben. Es gibt keine Kultursprache, in die es nicht übersetzt worden ist. Allein der Fischer Verlag, der über die deutschsprachigen Rechte verfügt, erzielte mit der Traumdeutung beeindruckende Jahresauflagen: 80.000 als Taschenbuch, 30.000 als Studienausgabe und immerhin 10.000 gebundene Exemplare.
Was macht die Traumdeutung zu einem so besonderen Werk, von dem man behaupten kann, dass es einen Durchbruch in der Geistesgeschichte des Abendlandes und einen Markstein in der westlichen Kulturgeschichte darstellt?
Abb. 1: Sigmund Freuds »Traumdeutung« sollte das neue Jahrhundert einläuten. Obwohl 1899 bei Franz Deuticke erschienen, trug es auf Drängen von Freud das Erscheinungsjahr 1900.
Die Bedeutung der Traumdeutung
Verschiedene Kulturen haben über Jahrhunderte hinweg Traditionen in der Traumdeutung entwickelt. Wir kennen solche Traditionen in Persien, in China und im Zwei-Flüsse-Land des alten Arabien. Berühmt sind die biblischen Träume, die weitreichende Deutungen erfahren haben, beispielsweise der Josef-Traum des Alten Testaments. Auch unsere abendländische Kultur hat ein traditionsreiches Interesse an Träumen. Vor allem die mitteleuropäische Romantik widmete Träumen eine besondere Aufmerksamkeit. Was aber all diesen Traumlehren vor Freud gemeinsam ist, ist ihr überindividueller Ansatz. Sie alle betrachten Träume als Ausdruck transzendenter, schicksalhafter oder mystischer Kräfte, die den Menschen zum Sprachrohr jenseitiger oder überzeitlicher Botschaften machen, und interessieren sich nicht für individuelle Motive. Sie alle »deuten« Träume gleichsam ohne den Träumer.
Erst mit Freud veränderte sich die Vorstellung, dass sich in Träumen irrationale, überirdische Botschaften Ausdruck verschaffen. Er war der Erste, der dieser Sichtweise eine wissenschaftlich fundierte Traumdeutung entgegensetzte, indem er die Entstehung, die Funktion und die Bedeutung von Träumen auf eine theoretische Grundlage stellte. Darin liegt die wegweisende Bedeutung seiner Traumlehre für die Wissenschaft vom Traum.
Doch die Bedeutung der Traumdeutung als Markstein der Kulturentwicklung geht weit darüber hinaus. Mit Freuds Annäherung an Träume und an das Träumen sind nämlich weitreichende Entdeckungen verbunden, die ein fundamental neues Verständnis des Menschen im 20. Jahrhundert eröffnet haben. Indem er das Individuum, d. h. den einzelnen Träumer, in das Zentrum seiner Überlegungen stellte, rückte er nicht nur vom mystisch-transzendentalen Ansatz früherer Traumlehren ab. Dieser auf das Individuum zentrierte Ansatz eröffnete ihm grundsätzliche Einsichten in die Struktur und Dynamik der Psyche und führte dazu, dass seine Traumtheorie zur Grundlage einer neuen Theorie des Seelenlebens wurde, die sich mit den Prozessen des individuellen Seelenlebens befasst – der Psychoanalyse.
Die Grundlage dafür bildet eine besondere Technik der Traumdeutung, in der die Einfälle des Träumers zu einzelnen Traummotiven, die »Assoziationen«, wie Freud es nennt, zum Ausgangspunkt der Deutung werden. Der Träumer ist für die Deutung seiner Träume also mindestens genauso wichtig wie der Traumdeuter. Statt Träume gewissermaßen von außen her »objektiv« zu deuten, etwa auf der Basis einer überindividuellen Symbolik, nähert Freud sich ihrer Bedeutung über die Einfälle des Träumers gleichsam von innen an.
Zugleich widmet er sich den einzelnen Details, die in den komplexen Traumbildern und -geschichten enthalten sind, und ihrer höchstpersönlichen, aus dem Alltag und der Lebensgeschichte des Träumers entlehnten Bedeutung. Diese Detaildeutung ist ein weiteres Charakteristikum seiner Deutungstechnik und unterscheidet sie von der bis dahin vorherrschenden Globaldeutung – dem Deuten »en masse«, wie er es nennt.
Mit der Traumdeutung gelang Freud der endgültige große Durchbruch zur Psychoanalyse. Darin liegt ihre größte Bedeutung. Freud selbst bezeichnete sie später in seinem »Abriss der Psychoanalyse«4 als den Eckpfeiler der jungen Wissenschaft.
Es besteht kein Zweifel, dass es bereits vor 1900 in Freuds Schriften bedeutende Bausteine zur Psychoanalyse gab. Insbesondere die »Studien zur Hysterie«5 sind ein wegweisender Beitrag in ihrer Entwicklung. Doch die Traumdeutung enthält im berühmten siebenten Kapitel die erste umfassende Ausarbeitung, in der Freud eine komplexe, in sich schlüssige Lehre von den Funktionen des Unbewussten vorlegte, mit denen er die Psychoanalyse als Wissenschaft etablierte.
Im literarischen und wissenschaftlichen Werk von Freud ist die Traumdeutung ein Monolith. Für ihn war sie in sich abgeschlossen. Anders als in der unermüdlichen Fortentwicklung seiner anderen Ideen, nahm er später an ihr keine substanziellen Veränderungen mehr vor.6 Er begann zwar mehr als 30 Jahre später seine »Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse«7 mit einem Kapitel, das er »Revision der Traumdeutung« überschrieb. Es handelte sich dabei aber nicht um eine eigentliche Revision, d. h. um maßgebliche Veränderungen der ursprünglichen Konzepte auf der Grundlage neuerer Erkenntnisse und Ideen, sondern vielmehr um ein Plädoyer für eine hinreichende Berücksichtigung von Träumen in der psychoanalytischen Behandlung, die in der Zwischenzeit unter seinen Mitarbeitern und Schülern mit der Entwicklung der Ich-Psychologie deutlich an Bedeutung verloren hatte.
Biographischer Hintergrund
Wissenschaftliche Errungenschaften und Vermächtnisse sind – wie die meisten schöpferischen Leistungen der Menschheit – nicht nur auf dem Hintergrund des Zeitgeistes zu sehen, sondern auch vor dem Hintergrund der persönlichen Biographie ihrer Schöpfer. Vergegenwärtigen wir uns deshalb zunächst Freuds Lebenssituation zu der Zeit, in der er seine Traumdeutung schrieb (
Tab. 1).
Tab. 1: Lebensdaten von Sigmund Freud bis zum Erscheinen der Traumdeutung

Sigmund Freud (1856–1939) hatte sich als Mediziner zunächst der Neurophysiologie zugewandt und war 1885 Privatdozent der Neuropathologie an der Wiener Universität geworden, wo er ursprünglich eine akademische Laufbahn anstrebte. Während eines viermonatigen Stipendiats an der Salpétiêre, dem Armenkrankenhaus in Paris, lernte er bei Jean Martin Charcot (1825–1893), der die Abgrenzung zwischen epileptischen und hysterischen Anfällen entdeckt und begonnen hatte, Hysterikerinnen in Hypnose zu behandeln. Charcot gilt als bedeutender Neurologe des 19. Jahrhunderts. Er vertrat als Erster die Auffassung, dass Neurosen durch unbewusste »fixe Ideen« hervorgerufen werden können.
Diese Idee entwickelte Freud weiter, nachdem er nach seiner Rückkehr – vor allem aus wirtschaftlichen Gründen – eine Privatpraxis in Wien eröffnete. Anfangs behandelte er neurotische Patientinnen und Patienten mit Elektrotherapie und Hypnose. Später entwickelte er die Methode der freien Assoziation, die ihn zu der Auffassung gelangen ließ, dass verdrängte sexuelle Motive eine bedeutende Ursache der Hysterie darstellen.
Es gab zwei Freundschaften, die in dieser Zeit sehr wichtig für ihn waren. Die eine war die Freundschaft zu Joseph Breuer (1842–1925), der deutlich älter und beruflich erfahrener war als er und den man als seinen Mentor bezeichnen kann. Breuers Hauptinteresse galt der Physiologie und der Frage, welchen Zweck biologische Vorgänge haben. Damit wandte er sich gegen das einseitig mechanistische Denken der Medizin der damaligen Zeit. Auf diese Weise erkannte er in der Behandlung der »Anna O.«, dass hysterische Symptome durch Kränkungen motiviert sein und durch »kathartische« Abreaktion der aufgestauten Gefühle günstig beeinflusst werden können.
Von Breuer erhielt Freud entscheidende Anregungen für die Behandlung seiner hysterischen Patientinnen. Einige behandelten sie sogar gemeinsam. Ihre Erfahrungen legten sie 1895 in dem gemeinsamen Buch »Studien über Hysterie« nieder. Es beschreibt die Verdrängung traumatischer Erfahrungen als Grundlage für die Entstehung hysterischer Krankheitssymptome und markiert als wichtigstes Buch vor der Traumdeutung den Beginn der Psychoanalyse. Doch die Freundschaft ging bald darauf auseinander, weil Breuer sich der Radikalität und Ausschließlichkeit nicht anzuschließen vermochte, die Freuds damals der Sexualität für die Entstehung seelischer Krankheiten zuerkannte – eine Auffassung, mit der er 1896 bei seinem Vortrag vor dem Wiener Verein für Psychiatrie und Neurologie heftige Ablehnung hervorgerufen hatte.8
Die andere Freundschaft war die sehr enge, man möchte sagen liebevolle Beziehung zu Wilhelm Fließ (1858–1928), der über lange Zeit Freuds persönlicher und wissenschaftlicher Vertrauter war und in Berlin als HNO-Arzt arbeitete. Sie standen in einem langjährigen Briefwechsel9 miteinander, der die verschiedenen Stufen von Freuds Selbst-Analyse und seiner Ideen zur Traumdeutung – ja zur Psychoanalyse überhaupt – dokumentiert. Freud schenkte ihm Anfang November 1899 zum 50. Geburtstag das erste Vorausexemplar seiner Traumdeutung. Bei diesem Anlass spekulierte
Abb. 2: Freud und der Berliner HNO-Arzt Wilhelm Fließ, der Vertraute, Freund und Berater während der Entstehung der Traumdeutung (© akg-images).
er, von der Bedeutung seiner Ideen überzeugt, ob man nicht irgendwann an dem Hause, in dem er seinerzeit den berühmten Traum von Irmas Injektion hatte, eine Tafel mit dem Text anbringen würde: »Hier enthüllte sich am 24. Juli 189510 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traums.« Tatsächlich wurde diese Tafel mehr als ein dreiviertel Jahrhundert später dort angebracht: Das war im Jahr 1977 in dem kleinen Vorort am Kahlenberg bei Wien.
Freud hatte nach seiner Rückkehr aus Paris im September 1886 die Hamburger Kaufmannstochter Martha Bernays (1861–1951) geheiratet. In den darauffolgenden Jahren bekamen sie sechs Kinder. Das älteste, Mathilde, wurde 1887, das jüngste, Anna, 1895 geboren. 1891 bezog die Familie die Wohnung in der Wiener Berggasse, in der Freud bis zu seiner Emigration im Jahre 1938 wohnte und praktizierte. Sie ist heute als Museum zu besichtigen.
Eine Zäsur in seiner inneren Entwicklung war der Tod seines Vaters im Jahre 1896. »Der Tod eines Vaters ist das wichtigste Ereignis im Leben eines Mannes«, schrieb er später dazu in der Traumdeutung. Dieses »wichtigste« Ereignis bewirkte, dass er anfing sich intensiv mit seinen seelischen Prozessen zu befassen. Dazu dienten ihm vornehmlich seine Träume und er begann sie systematisch zu analysieren. Diese Beschäftigung mündete in eine Selbst-Analyse – die erste »Lehranalyse« der Geschichte.
Freuds Selbst-Analyse
An dieser Stelle muss man betonen, dass »Analyse« damals – ähnlich wie in den Naturwissenschaften, z. B. der Chemie – auch im Kontext der Psychologie von Freud noch als ein »objektivierendes« Verfahren aufgefasst wurde, in dem die Seele, z. B. in der Manifestation von Träumen, als Objekt der Erkenntnis verstanden wurde. Insofern schuf Freud mit seiner Selbst-Analyse ein Paradigma, das die Psychoanalyse über ein halbes Jahrhundert beherrschte und das Michael Balint, einer der großen Psychoanalytiker in der Mitte des 20. Jahrhunderts, später als »Ein-Personen-Psychologie« charakterisierte.
Heute herrscht hingegen eine andere Auffassung vor, die dem Paradigma einer »Zwei-Personen-Psychologie« im Sinne von Balint11 entspricht. Wenn man diesem Verständnis folgt, ist das »Analysieren« ein Zwei-Personen-Stück, in dem das Unbewusste beider Partner im analytischen Prozess miteinander kommuniziert und die Begegnung als etwas Drittes, nämlich als Spiegel der Erkenntnis erschafft. Demnach kann man sich gar nicht effizient selbst analysieren, weil man seine eigene psychische Innenwelt immer nur durch den Filter der eigenen Verarbeitungs- und Abwehrmechanismen und deshalb immer nur innerhalb des bereits Bekannten erfasst. Erst die Begegnung mit dem anderen bzw. die Beziehung zu anderen erschafft einen Standort außerhalb der eigenen Subjektivität und ermöglicht die Erkenntnis im Spiegel des anderen.
Instinktiv scheint Freud dies gespürt zu haben, wenn er seinen Freund Fließ als sein analytisches Gegenüber verwendete, dem er seine Selbst-Reflexionen anvertraute und auf dessen Kommentare er Wert legte. In gewisser Weise geriet Fließ damit in die Rolle des ersten Lehranalytikers. Dennoch darf diese Metapher nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine systematische Verwendung und Nutzung der Beziehung mit dem Ziel der Selbst-Erkenntnis noch lange nicht im methodischen Rahmen der damaligen Zeit lag.
So sehr der methodische Wert einer Selbst-Analyse aus der heutigen Sicht also in Frage gestellt wird – um 1895 begab sich Freud mit ihr auf noch nie betretenen Boden. Das war in mehrfacher Hinsicht genial. Das Erste war der völlig neue Einblick in den Ursprung von Träumen. Freud entdeckte in ihnen die halluzinatorische Erfüllung unbewusster sexueller Wünsche der Träumer. Das Zweite waren weitreichende Postulate über das normale und neurotische Seelenleben. Freud leitete aus den Mechanismen, die beim Träumen wirksam werden, allgemeine Annahmen über die Funktionen der Psyche ab, auf denen er sein Modell der Psychoanalyse begründete. Das Dritte war die völlig neuartige erkenntnistheoretische Basis seiner Entdeckungen, die Veröffentlichung subjektiver Erlebnisinhalte und Bewertungen als Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnis.
Die Veröffentlichung des persönlichen Traumlebens und der auf sexuelle Inhalte abzielenden Kommentare dazu bedeuteten in der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Skandalon ohnegleichen. Dieser Bericht einer Selbst-Analyse, noch dazu als Basis eines wissenschaftlichen Theoriegebäudes, war ein ungeheures Wagnis.
Man muss sich vergegenwärtigen, in welchem Umfeld das geschah, um die Reichweite dieser Pioniertat zu erfassen: Das medizinische Denken war damals von Virchows Zellularpathologie dominiert, mit der die vermeintliche Objektivität über alles Irrationale triumphierte. Das Maßgebliche war die materielle Veränderung in der Zelle als kleinste bekannte Lebenseinheit. Was nicht sichtbar war, galt nichts für die wissenschaftliche Erkenntnis.
In diesem Milieu nun wagte ein ehemaliger Neurophysiologe, der von der objektiven zur psychologischen Medizin konvertiert war, seine Träume und seine Assoziationen dazu zu veröffentlichen. Das allein war schon eine gesellschaftliche Sensation in der josephinischen Gesellschaft im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die von Etikette und einer gewissen Doppelmoral beherrscht war, in der der Schein mehr Geltung hatte als das Sein. Aber mehr noch: Die mitveröffentlichten Deutungen brachen mit ihren Anspielungen auf unbewusste sexuelle Regungen mit allen Tabus, die damals insbesondere im Hinblick auf die öffentliche Verleugnung des Sexuellen das gesellschaftliche Leben beherrschten.
Und schließlich die für die Wissenschaftler größte Provokation: Mit seinen Offenbarungen verband Freud den Anspruch der Wissenschaftlichkeit für weitreichende Spekulationen, mit denen er das Menschenbild seiner Zeit umstürzte. Indirekt forderte er damit, Subjektivität als Forschungsmethode anzuerkennen!
Freuds Traumdeutung war also nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch eine Provokation. Inhaltlich, indem sie den Träumer und seine Motive zum Ausgangspunkt seiner Deutungen machte, dabei verdrängte sexuelle Wünsche als Traummotive betonte – und damit das Konzept des persönlichen Unbewussten in die Traumwissenschaft einführte. Methodisch aber, indem sie die Selbstexploration zur Forschungsmethodik erhob und damit gleichsam das Subjekt als Instrument in die Forschung einführte.12
Es ist daher kein Wunder, dass Freud mit seinen Entdeckungen Wien in helle Aufregung versetzte und zum Gespött in der psychiatrischen und neurologischen Welt wurde – einer Welt, an der er selbst sehr hing und die ihn nun zum Außenseiter machte. Über die Aufnahme, die die Traumdeutung bei ihrem Erscheinen fand, war er enttäuscht. Aber er hatte die Ablehnung, die seine Ideen erfuhren und die die Psychoanalyse fortan über weite Strecken ihrer Entwicklung begleiten sollte, bereits in dem berühmten »Traum von Irmas Injektion« vorweggenommen, dem Traum, der im Zentrum seiner Traumdeutung steht und den man als den Initialtraum der Psychoanalyse bezeichnet hat.
Der Initialtraum der Psychoanalyse
Freud träumte den »Traum von Irmas Injektion« in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1895 im Schloss Bellevue am Kahlenberg bei Wien. Er publizierte ihn in der Traumdeutung in der Form eines Traumprotokolls.
Eine große Halle – viele Gäste, die wir empfangen. – Unter ihnen I r m a, die ich sofort beiseite nehme, um gleichsam ihren Brief zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, dass sie die »Lösung« noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast, so ist es wirklich nur deine Schuld. – Sie antwortet: Wenn du wüsstest, welche Schmerzen ich jetzt habe im Hals, Magen und Leib, es schnürt mich zusammen. – Ich erschrecke und sehe sie an. Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke, am Ende übersehe ich da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben wie die Frauen, die ein künstliches Gebiss tragen. Ich denke mir, sie hat es doch nicht nötig. – Der Mund geht dann auch gut auf, und ich finde rechts einen großen Fleck, und anderwärts sehe ich an merkwürdigen, krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nachgebildet sind, ausgedehnte weißgraue Schorfe. – Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt … Dr. M. sieht aber ganz anders aus als sonst: er ist sehr bleich, hinkt, ist am Bart kinnlos… Mein Freund O t t o steht jetzt auch neben ihr, und Freund L e o p o l d perkutiert sie über dem Leibchen und sagt: Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie er spüre)… M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift sich ausscheiden… Wir wissen auch unmittelbar, woher die Infektion rührt. Freund O t t o hat ihr unlängst, als sie sich unwohl fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen … Propionsäure … Trimethylamin (dessen Formel ich fettgedruckt vor mir sehe) … Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig … Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein.13

Abb. 3: Schloss Bellevue am Kahlenberg bei Wien. Hier träumte Freud in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1895 den »Traum von Irmas Injektion«, den »Initialtraum« der Psychoanalyse (© Österreichische Nationalbibliothek).
Aus meiner Sicht erzählt dieser Traum vor allem von den Hoffnungen und Ängsten des Träumers bei seiner Beschäftigung mit der Psychoanalyse, die er selbst entwickelte.
Dieses Motiv klingt übrigens bereits in der Auswahl des Mottos an, unter dem er die Traumdeutung publiziert: Flectere si nequeo superos, acheronta movebo.14 In ihm ist Freud als Hoffnungsträger mit Aeneas identifiziert und wendet sich als Gründer der jungen Wissenschaft, die das neue Jahrhundert mit einen umwälzenden Werk begrüßt, direkt an die Götter. Zugleich zeigt es aber auch in der Identifikation mit Hera und Alekto die Furcht vor den Kräften der Unterwelt und ihrem zerstörerischen Potenzial.15
So auch im Irma-Traum. Er zeigt Freud in der Situation des Goetheschen Zauberlehrlings, der von den Kräften bedroht wird, die er herbeigerufen hat. Diese Auffassung beruht auf der Analyse und den Assoziationen, die Freud selbst in seiner Traumdeutung mitgeteilt hat, und auf meinen eigenen Ideen.
Assoziationen und Kommentare
Es beginnt mit einer großen Halle und vielen Gästen. Das ist ein würdiger Auftakt der neu entstandenen Psychoanalyse, die hier – mit dem Erscheinen der Traumdeutung – ihren großen öffentlichen Auftritt hat und dazu einen festlichen, aber auch repräsentativen Rahmen wählt. Eine »junge Wissenschaft«, wie es damals oft hieß, und ihr Schöpfer auf dem Weg zu Anerkennung, Erfolg und Ruhm!
Dann aber tritt Irma auf, eine Patientin von Freud, die wegen Schmerzen in seine Behandlung gekommen und deren Behandlung kurz vor diesem Traum ausgesetzt worden war. Sie war die erste Patientin, mit der er von Anfang an konsequent seine neue Technik der freien Assoziation betrieben hatte, der er also vorgegeben hatte, alles unzensiert auszusprechen, was ihr in den Sinn kam.
Aber die Behandlung hatte nicht das erhoffte Ergebnis: Am Abend vor dem Traum war Irmas Hausarzt, der gleichzeitig der Kinderarzt von Freuds Kindern war, zu ihm ins Haus gekommen und hatte berichtet, dass er Irma wieder gesehen hätte und dass sie noch immer – wenngleich weniger als früher – unter Schmerzen litte. Zeigen sich hier nicht schon die Zweifel an der Wirksamkeit der neuen Methode? Fürchtet Freud sich nicht davor, der Begrenztheit gelassen ins Antlitz zu schauen? Und macht er Irma deshalb – gleichsam vorauseilend – Vorwürfe?
Oder fürchtet er womöglich ganz andere Schmerzen, die er im Traum in Irmas vieldeutige Anspielung fasst: »Wenn du wüsstest …« Das klingt nach seelischem Schmerz, vielleicht nach dem Schmerz einer Übertragungsliebe, die den ganzen Menschen – »Hals, Magen und Leib« – ergreift und mit der Freud sich zu dieser Zeit auseinanderzusetzen beginnt und in der er womöglich das eigentlich Skandalöse seiner neuen Methode ahnt.
Im Traum ist Freud erschrocken. Rasch äußern sich Zweifel an seiner Methode und was sie anrichtet: »Sie sieht bleich und gedunsen aus.« Aber zugleich ist da noch ein anderer Gedanke, der ihn erschrecken lässt: Dass er eine »organische Affektation« übersehen haben könnte. In diesem Zweifel steckt seine Auseinandersetzung mit der damals etablierten Medizin, die an eine organische Verursachung von Neurosen glaubte. Man hielt damals chronisch-degenerative Veränderungen der Nerven für ihre Ursache – daher auch der Name. Freud grenzt sich mit seinem psychodynamischen Ansatz von dieser Auffassung ab, aber nicht ohne Selbstzweifel. Wird er sich gegen die Übermacht der etablierten somatischen Medizin behaupten können oder wird er kläglich scheitern?
Wenn er sie dann zum Fenster nimmt, ihr in den Hals schaut und sie dabei etwas »Sträuben« zeigt, liegt darin wiederum eine Anspielung auf das Verführerische, das für beide in der analytischen Begegnung zum Tragen kommt. Das künstliche Gebiss wirkt da vielleicht ernüchternd, andererseits weist es aber auch auf die Gefährlichkeit des Blickes in den gezähnten Schlund hin – ein Motiv, das später in der Psychoanalyse als »Vagina dentata« (gezähnte Scheide) immer wieder auftaucht und zur Metapher von Kastrationsängsten männlicher Träumer wird.
Die Thematik der Gefährlichkeit der Begegnung und der Gefahr von Fehlentwicklungen setzt sich auch in den folgenden Motiven fort. Zwar geht der Mund nun »gut auf« – der Widerstand wird offenbar gebrochen, wie es der anfänglichen Konzeption der Psychoanalyse entsprach, in der es noch nicht darum ging, Widerstände zu analysieren, um darüber einen Zugang zum unbewussten Hintergrund zu erlangen, sondern sie zu beseitigen. Aber es zeigen sich sofort andere Makel, die an schwerwiegende Verfehlungen gemahnen: Mit den »merkwürdigen krausen Gebilden« in den »Nasenmuscheln« stellt Freud einen Bezug zu seinem Freund Fließ her. Er nannte diesen auch den »Nasenfließ«, weil er als HNO-Arzt mit einer Arbeit über die Ähnlichkeit mancher Bildungen im Nasennebenhöhlenbereich, eben diesen Kräuselungen, mit Bildungen im Genitalbereich Aufsehen erregt hatte. Diese Idee stellte die gedankliche Nähe im Denken beider Männer heraus.
Aber diese Nähe macht es auch schwer, sich von dem gravierenden Behandlungsfehler zu distanzieren, der Fließ bei der Operation einer Patientin unterlaufen war, als er vergaß, einen Tupfer herauszunehmen, was zu schwerwiegenden Komplikationen geführt hatte. Es gab danach eine lange Affäre wegen möglicher juristischer Konsequenzen.
Angesichts solcher Bedrohungen ruft Freud im Traum Dr. M. hinzu. In ihm identifiziert er in seinen Einfällen Breuer, den älteren, erfahrenen Freund und Mentor, von dem er viel für seine Behandlung von Hysterikerinnen gelernt hatte, wenngleich dieser seine radikalen sexualorientierten Ansichten nicht teilt. Hierin scheint Freud ihn für behindert und wenig entwickelt zu halten: »Dr. M. sieht aber ganz anders aus als sonst, er ist sehr bleich, hinkt, ist am Bart kinnlos.«
Allerdings – wenn man die Patientinnen »über dem Leibchen perkutiert« – wird es vielleicht leichter, den notwendigen Abstand zu halten. Selbst wenn man die »infiltrierte Hautpartie trotz des Kleides« spürt, die Übertragungsliebe also trotz aller Zurückhaltung nicht aus der Welt schaffen kann.
Als Hintergrund klingt hier das Motiv der körperlichen Berührung in der psychotherapeutischen Behandlung an. In diesem Zusammenhang ist wahrscheinlich eine intensive Eifersucht von Freuds Ehefrau Martha auf seine Patientinnen bedeutsam, die in verschiedenen Briefen dokumentiert ist. Den Hintergrund dafür bilden Probleme, die dadurch entstanden waren, dass Freud seine Patientinnen früher, in der Phase vor der Assoziationstechnik, auch massiert hatte.
Schließlich endet der Traum mit einer Verwirrung um das rechte Präparat mit einer nochmaligen Anspielung darauf, wie gefährlich, eindringend und vielleicht sogar beschmutzend eine – psychoanalytische – Behandlung sein kann: »Propylpräparat, Propylen, Propionsäure, Trimethylamin … Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig. Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein.«
Diese Ideen zu Freuds Irma-Traum sind sicherlich fragmentarisch. Es gibt dazu eine umfangreiche Literatur.16 Der Traum von »Irmas Injektion« hat die Psychoanalytiker bis in die neueste Zeit zu den verschiedensten Mutmaßungen und Kommentaren inspiriert.
Freud selbst gelangte bei seiner Selbstdeutung zu dem Ergebnis, dass dieser Traum den Sinn hatte, ihn von der Verantwortung für das schlechte Befinden seiner Patientin Irma zu entlassen. Er schrieb: »Der Traum erfüllt einige Wünsche, welche durch die Ereignisse des letzten Abends in mir rege gemacht worden sind. Das Ergebnis des Traums ist nämlich, dass ich nicht schuld bin an dem noch vorhandenen Leiden Irmas und dass Otto daran Schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas unvollkommene Heilung geärgert, der Traum rächt mich an ihm, indem er den Vorwurf auf ihn selbst zurückwendet. Von der Verantwortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem er dasselbe auf andere Momente zurückführt.«17
Wenn ich in meinen Kommentaren auf andere Aspekte, nämlich auf die Problematik um Nähe und Distanz und auf das Berührungstabu in der Beziehung zu Patientinnen eingehe, dann schwebt mir vor, dass diese Aspekte in der Geschichte der Psychoanalyse später noch eine bedeutende Rolle spielen sollten. Insofern handelt es sich um einen wirklichen Initialtraum der Psychoanalyse, in dem sich bereits eine zentrale Thematik der nachfolgenden Entwicklung konstelliert hat.
Diese Thematik sollte nämlich die weitere Entwicklung der psychoanalytischen Behandlungsmethode maßgeblich beeinflussen. Sie bewirkte z. B. die Einführung des sog. Abstinenzprinzips. Freud selbst scheint ihr in der ihm eigenen Abgeklärtheit begegnet zu sein. Bei anderen hat sie trotz der Einführung des Abstinenzprinzips immer wieder zu Verfehlungen, Zerwürfnissen und tragischen Entwicklungen Anlass gegeben. C.G. Jungs Begegnung mit Sabina Spielrein und Sandor Ferenczis mutuelle Analyse mit »R. N.« sind dafür bewegende Beispiele.
Abb. 4: Sigmund Freud im Kreise seiner Familie zur Zeit der Arbeit an der Traumdeutung um 1898 (© akg-images).
Der Irma-Traum fiel in Freuds persönlicher Entwicklung in eine Zeit der untergründigen Enttäuschtheit. Die akademische Laufbahn hatte er zu Gunsten der Familiengründung aufgegeben, aber der erhoffte finanzielle Erfolg hatte sich in der Praxis nicht eingestellt. Aus seinem weiteren Lebensverlauf wissen wir, wie viel ihm Anerkennung, Geltung und Erfolg bedeuteten. Umso mehr muss er darunter gelitten haben, dass er in der Phase der Anfänge der Psychoanalyse aufgrund seiner Ansichten – er äußerte sich in dieser Zeit bereits öffentlich zur sexuellen Ätiologie der Hysterie – in der wissenschaftlichen Welt in einem Abseits befand.
Dabei begleiteten ihn sicher auch eigene Zweifel, wie die Anspielung auf die Organmedizin und auf die mangelhafte Wirksamkeit der Methode zeigen. Man kann sich sogar fragen, ob darin nicht gar ein Zweifel an der Nützlichkeit der ganzen Psychoanalyse zum Ausdruck kam, der schließlich in das erwähnte Schlussmotiv mündete: »Wahrscheinlich war die Spritze auch nicht rein.«
Aber es sind vermutlich nicht nur Ängste und Zweifel an der Nützlichkeit und Wirksamkeit der Psychoanalyse, die in diesem Traum zum Ausdruck kamen, sowie Ängste vor persönlicher Diskreditierung im gesellschaftlichen Umfeld und in der wissenschaftlichen Welt. Wenn Freud diesen Traum in das Zentrum seiner Traumdeutung stellt, dann auch deshalb, weil er ganz im Sinne des Mottos seines Buches damit den Acharon überschreitet, den Fluss an der Grenze zur Unterwelt. Er lässt seine Leser an den Ängsten teilhaben, die wachgerufen werden, wenn man sich mit den Kräften des Unbewussten verbündet.
2 Vgl. »Das Verdrängte und das Bewusste« in der 2. Vorlesung.
3 Freud S (1900): Die Traumdeutung. GW Bd. 2/3.
4 Freud S (1938): Abriss der Psychoanalyse. GW Bd. 17.
5 Freud S (1895): Studien über Hysterie. GW Bd. 1.
6 Die Traumdeutung erschien zu Lebzeiten von Freud bis 1930 auf Deutsch in 8 Auflagen, die nur geringfügige Veränderungen und Ergänzungen gegenüber der Erstausgabe enthielten.
7 Freud S (1933): Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. GW Bd. 15.
8 Freud S (1896): Zur Ätiologie der Hysterie. GW Bd. 1.
9 Freud S (1959): Aus den Anfängen der Psychoanalyse. Briefe an Wilhelm Fließ. Abhandlungen und Notizen 1887–1902. Imago, London. (Nachdruck: Fischer, Frankfurt a. M. 1962).
10 Am 24. Juli 1895 gelang Freud während eines Aufenthaltes in Schloss Bellevue bei Wien die nach seiner Auffassung erste vollständige Analyse eines Traums, nämlich die des Traums von »Irmas Injektion«.
11 Balint M (1949): Wandlungen der therapeutischen Ziele und Techniken in der Psychoanalyse. In: Die Urformen der Liebe und die Technik der Psychoanalyse. Klett, Stuttgart 1966.
12 Diese Formulierung spielt auf einen Satz von Victor von Weizsäcker an, der seine psychosomatisch-anthropologischen Studien mit dem Anspruch verband, »das Subjekt wieder in die Medizin einzuführen«. Einen ähnlichen Paradigmenwechsel gab es fünf Jahrzehnte später, als sich innerhalb der Psychoanalyse und anderer Humanwissenschaften der methodische Schwerpunkt von der Betrachtung der Psyche als Objekt des Forschers hin zur gemeinsamen Beziehung und geteilten Erfahrung weiterentwickelte (vgl. Balint o. a. a.).
13 Freud S (1900) S. 111.
14 »Weigern’s die droben, so werde ich des Abgrunds Kräfte bewegen.« (Übersetzung von R. A. Schröder).
15 Ich werde in der 2. Vorlesung auf dieses Motto noch einmal zurückkommen.
16 Mertens hat alle 24 Arbeiten darüber zusammengestellt: Mertens W (1999): Traum und Traumdeutung. Beck, München, S. 133.
17 Freud S (1900) S. 123.
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