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Mia C. Brunner
Tödliche Klamm
Allgäu-Krimi

Zum Buch
Tod in der Felsschlucht In den Voralpen wütet ein Jahrhundertunwetter. Als ein gewaltiger Erdrutsch in der Breitachklamm im idyllischen Oberallgäu eine verweste Leiche freilegt, stellt deren Identifizierung Hauptkommissar Florian Forster zunächst vor ein scheinbar unlösbares Rätsel. Niemand in der Gegend wurde zur fraglichen Zeit als vermisst gemeldet und auch die polizeiliche Datenbank liefert keine verwertbaren Hinweise. Wer ist die unbekannte Person und warum musste sie sterben? Seine Kollegin Jessica Grothe ermittelt währenddessen in einem schweren Verkehrsunfall. Hinweise legen nahe, dass ihre beiden Fälle miteinander zusammenhängen. Doch was hat der Unfall mit den sterblichen Überresten in der Felsspalte zu tun? Während die Ermittlungen nur sehr schleppend verlaufen, kommt Forsters ganz persönlicher Erzfeind ihm und seiner Familie wieder gefährlich nahe …
Mia C. Brunner wurde in Wedel in der Nähe von Hamburg geboren. Seit 15 Jahren lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im Allgäu. Waren es früher nur Kurzgeschichten, die sie für ihre Kinder schrieb, machte sie später ihre ersten Krimierfahrungen mit selbstverfassten Dinnerkrimis, in denen sie ihre Faszination fürs Schreiben und ihre Leidenschaft fürs Kochen verbinden konnte. Nach »Schattenklamm«, »Schonfrist« und »Tödliche Klamm« ist »Mordsklamm« ihr vierter Allgäu-Krimi im Gmeiner-Verlag.
Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:
Mordsklamm (2020)
Tödliche Klamm (2019)
Schonfrist (2017)
Schattenklamm (2016)
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
Lektorat: Christine Braun
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © pencake / photocase.de
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-8392-6082-1
Haftungsausschluss
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
1
Kein einziges Auto kam ihm entgegen.
Die Dunkelheit des frühen Wintermorgens hätte etwas Friedvolles gehabt, wäre da nicht dieses tosende Unwetter gewesen, das die gesamte Region seit Stunden fest im Griff hatte.
Es stürmte, der Wind wütete und es regnete Bindfäden.
Die Tropfen prasselten unaufhörlich gegen die Windschutzscheibe und der Motor röhrte so laut, dass er die Musik seiner Lieblingsband nicht mehr hören konnte, obwohl er den kleinen schwarzen Drehknopf an dem alten Radio schon bis zum Anschlag aufgedreht hatte. Das Radio war bereits über 35 Jahre alt. Genau wie das Auto. Die alte rostige Karosserie des Kleintransporters bestand inzwischen fast nur noch aus Ersatzteilen, bunt zusammengewürfelt in den unterschiedlichsten Farben. Er hatte sich nie die Mühe gemacht, alles einheitlich neu zu lackieren. Der Motor aber war noch original. Eben echte deutsche Wertarbeit. Damals hatte man noch gewusst, wie man gute Autos baute. Deshalb behielt er den Wagen, den er vor Jahren von seinem Vater geerbt hatte. Er würde ihn um nichts in der Welt gegen eine dieser modernen Massenanfertigungen eintauschen. Er liebte seinen klapprigen Oldtimer.
In der Ferne, dort direkt vor den Bergen, blitzte es fast ununterbrochen. Dieses unberechenbare Wetter zusammen mit der unheimlichen Dunkelheit wären Anlass genug, den heftig von Windböen durchgerüttelten Wagen an den Straßenrand zu lenken und zu warten, bis die Weiterfahrt wieder sicher war.
Doch dann würde er zu spät kommen. Und das wäre unverzeihlich, denn eine weitere verpasste Chance konnte er sich einfach nicht leisten.
Mehr als 80 Stundenkilometer gab der Motor nicht her, egal wie fest er das Gaspedal durchtrat. Und jetzt, da die Straße leicht bergauf ging, bewegte sich die Tachonadel nur knapp über die 60, erlaubt waren 100.
Bis Kempten würde er in dieser Geschwindigkeit noch über eine halbe Stunde brauchen. Wenn sein neuer Chef sehr pingelig war und ihm die paar Minuten, die er zu spät kam, gleich vorhalten würde, wäre seine Probezeit vermutlich vorbei, ehe sie überhaupt angefangen hatte. Um 5 Uhr war Arbeitsbeginn und er wollte auf gar keinen Fall eine Viertelstunde später bereits wieder auf dem Heimweg sein, ebenso arbeitslos wie das halbe Jahr davor.
Konzentriert starrte er auf die Straße vor sich, trat das Gaspedal immer noch voll durch und war leicht beunruhigt, weil die alten und leuchtschwachen Scheinwerfer nur gut fünf Meter des Asphaltes vor dem Wagen erhellten. Der gelbe Lichtkegel drang einfach nicht durch den heftigen Regen, der wie ein schwerer dunkler Vorhang direkt vor seiner Windschutzscheibe zu hängen schien.
Ein Blitz schlug plötzlich krachend in einen großen Baum unweit der Straße ein und ließ ihn kurzzeitig lichterloh erglühen. Das grelle Licht und das augenblicklich folgende Donnergrollen ließen ihn erschrocken zusammenfahren. Beinahe hätte er das Lenkrad losgelassen, beinahe wäre der Wagen nach links ausgeschert, doch er fing ihn geschickt ab und seufzte erleichtert.
Das hätte böse enden können.
Er rieb sich beunruhigt mit der rechten Hand den Nacken, stellte aber schnell fest, dass er beide Hände am Lenkrad brauchte, um sein Auto in der Spur zu halten. Die Straße war nass und extrem rutschig, obwohl es seit zwei Tagen keinen Nachtfrost mehr gegeben hatte. Die Räder schlingerten gefährlich über die glitschige Fahrbahn. Gut war allerdings, dass es kein Eisregen war, der vom Himmel fiel, denn die nahezu profillosen alten Reifen taugten für so ein Wetter überhaupt nicht mehr. Dann hätte er mit dem Zug nach Kempten fahren müssen, und dann wäre er definitiv nicht pünktlich angekommen.
Plötzlich riss er voller Panik die Augen auf, starrte durch den Regen in die für einen kurzen Augenblick taghell aufleuchtende, doch dann wieder schwarze Nacht, riss das Lenkrad hart nach rechts und preschte den Abhang neben der Straße hinunter. Der alte Wagen rutschte erst und begann anschließend unkontrolliert zu schlenkern. Die Vorderreifen blockierten, als er jetzt mit beiden Füßen gleichzeitig aufs Bremspedal stieg und es mit aller Kraft nach unten drückte. Dann verlor er die Kontrolle über das heftig vibrierende Lenkrad und konnte nicht verhindern, dass der Transporter hart nach rechts ausscherte, ganz plötzlich die Richtung änderte und sich überschlug. Sein Kopf prallte gegen den Holm der Fahrertür, der Sicherheitsgurt vor seiner Brust brach ihm das linke Schlüsselbein und schnitt ihm tief in die Haut über seiner Schulter. Doch der Wagen kam einfach nicht zum Stehen. Das sich jetzt mehrmals überschlagende Auto schleuderte ihn erst zurück in den Sitz, dann mit voller Wucht gegen das Lenkrad. Die Windschutzscheibe brach im selben Moment wie seine Rippen. Herumfliegende Scherben zerschnitten ihm Hals und Gesicht.
Noch bevor der Transporter weit ab der Straße endlich zum Stehen kam, verlor er das Bewusstsein.
Hauptkommissar Kern blieb am Straßenrand stehen und beobachtete die Einsatzkräfte der Verkehrspolizei und die Sanitäter, die nach getaner Arbeit bereits wieder auf dem Weg zu dem am Straßenrand geparkten Krankenwagen waren.
In der Ferne hörte man das rhythmische Wummern der Rotorblätter des Rettungshubschraubers, der sich langsam entfernte. Es hatte endlich aufgehört zu regnen, nachdem in der Nacht ein Sturm gewütet hatte, der seinesgleichen suchte.
So ein heftiges Unwetter gab es in dieser Region nur alle paar Jahre.
In seiner direkten Nachbarschaft in Kempten waren einige Keller und Tiefgaragen vollgelaufen, weil das Kanalsystem unter den Straßen völlig überlastet war und die heruntergeregneten Wassermassen nicht mehr aufnehmen konnte. Wäre das alles Schnee gewesen und kein Regen, hätte man in den höher liegenden Alpendörfern den Notstand ausrufen müssen. So war nur hier und da eine Verbindungsstraße unterspült oder von einem Erdrutsch verschüttet worden.
Vorsichtig setzte Kern einen Fuß in das nasse Gras am Straßenrand und drückte mit der Spitze seines ausgetretenen Lederhalbschuhs prüfend in den aufgeweichten Boden. Dann trat er einen Schritt zurück und schüttelte heftig seinen Kopf.
»Sie gehen«, befahl er seiner jungen Kollegin, gestikulierte dabei wild mit dem rechten Arm und zeigte schließlich auf den alten Transporter, der etwa 30 Meter von der Straße entfernt im matschigen Ackerboden lag, gleich neben dem provisorischen Metallgerüst, das durch den Aufprall des Wagens komplett zerstört worden war. Die breite, mehrere Zentimeter tiefe Furche, die das von der Straße geschleuderte Auto in den aufgeweichten Boden gezogen hatte, hatte sich durch den Regen mit Wasser gefüllt.
»Na los, gehen Sie«, wiederholte er ungeduldig. »Vergewissern Sie sich, dass es ein Unfall war, dann ist der Bericht schnell geschrieben.«
Ihm war schleierhaft, was er hier sollte, schließlich war das ganz offensichtlich ein zwar tragischer, aber dennoch ganz normaler Verkehrsunfall. Doch sein Chef Hauptwachtmeister Götze hatte ihn hierhergeschickt, damit er herausfand, ob es sich um grobe Sachbeschädigung handelte. Schließlich war das Unfallfahrzeug geradewegs in eine geplante Baustelle eines ausländischen und sehr einflussreichen Logistikunternehmens gerast, das sich hier im Allgäu niederlassen wollte und über 300 Arbeitsplätze schaffen sollte. Das Fahrzeug hatte das Gerüst mit dem überdimensionierten Werbeplakat zerstört.
Die geplante Allgäuer Niederlassung der Firma wurde trotz der wirtschaftlichen Vorteile für die Region von der hiesigen Bevölkerung mehrheitlich abgelehnt. Schon seit Wochen gab es vereinzelt kleine Demonstrationen. Ein anonymer Drohanruf eines besorgten Bürgers im Sekretariat des Bürgermeisters vor ein paar Tagen, bei dem auch Morddrohungen ausgesprochen wurden, hatte die Staatsanwaltschaft und Hauptwachtmeister Götze schließlich veranlasst, Ermittlungen einzuleiten.
Jessica seufzte und stieg nach kurzem Zögern den Abhang hinunter. Schon nach wenigen Metern durchdrang die Feuchtigkeit ihre gefütterten Wildlederstiefel, die knöcheltief im Matsch versanken. Jeder ihrer Schritte machte ein schmatzendes Geräusch, immer dann, wenn sie ihren nassen Schuh aus der durchweichten Erde zog.
Heute war ihr dritter Tag im Dienste der Kemptener Kriminalpolizei.
Hauptwachtmeister Götze war anfangs nicht begeistert gewesen, dass ausgerechnet die ehemalige Freundin von Hauptkommissar Forster eine Bewerbung eingereicht hatte. Er hatte händeringend nach einem Ersatz für den Kollegen Jakob gesucht, der zum Ende des letzten Jahres in Rente gegangen war, doch hatte er Unruhe im Kollegium befürchtet. Jessica hatte ihn schließlich überzeugen können, dass sie und ihr Ex-Freund erwachsen genug waren, professionell mit der Sache umzugehen. Ihre Arbeit würde mit Sicherheit nicht unter ihrer Situation leiden. Jessicas Worte und die durchweg guten Empfehlungen ihrer ehemaligen Vorgesetzten aus Hamburg hatten den Hauptwachtmeister schließlich dazu veranlasst, Jessica einzustellen und an die Seite von Hauptkommissar Detlef Kern zu setzen. Er hatte ja auch kaum eine Wahl. Eine alleinerziehende Mutter hatte immer den größten Anspruch auf eine Stelle in Wohnortnähe und stach jeden männlichen Mitbewerber aus.
»Entschuldigen Sie bitte.« Jessica winkte einem entgegenkommenden Sanitäter zu und lächelte freundlich. »Können Sie mir sagen, wie es dem Fahrer des Transporters geht? Hauptkommissarin Grothe«, stellte sie sich schließlich vor und reichte dem jungen Mann ihre Hand. Gleichzeitig zückte sie ihren Dienstausweis und hielt ihn dem Rettungssanitäter so entgegen, dass er ihn lesen konnte.
»Was hat denn die Kriminalpolizei hier zu suchen?«, bemerkte dieser und sah sie verwundert an. »Das ist doch ein stinknormaler Unfall.« Dann zog er eine Schachtel Zigaretten aus seiner rechten Hosentasche, sah kurz zum Rettungswagen hinüber und schob die Schachtel seufzend wieder zurück.
Jessica legte den Kopf leicht schräg, schob die Hände in ihre Jackentaschen und schaute fragend in seine Richtung. Nichts zu erklären hatte in den meisten Fällen mehr Wirkung, als unnütze Fragen aus reiner Höflichkeit zu beantworten.
»Der Mann ist schwer verletzt«, begann der Sanitäter schließlich zu berichten und seufzte etwas genervt. »Keine Ahnung, ob er das überlebt. Das Lenkrad hat ihm sicherlich sämtliche Bauchorgane zerquetscht. Die Feuerwehr musste ihn mit der Flex aus dem Auto befreien. Er war regelrecht eingeklemmt. Nahezu alle Knochen des Mannes sind gebrochen. Schlüsselbein, Rippen, beide Beine mehrfach. Vermutlich schlimmste innere Verletzungen«, zählte er auf. »Wenn der noch mal aufwacht, dann grenzt das an ein Wunder.«
»Das hört sich schlimm an. Danke für die Auskunft«, bemerkte Jessica nur und ließ den jungen Mann einfach stehen. Jetzt würde sie noch einen Verkehrspolizisten oder einen Beamten der Spurensicherung ansprechen, der einigermaßen kompetent wirkte und ihr mit Sicherheit bestätigen konnte, dass das schlimme Unwetter schuld war an diesem schrecklichen Unfall und dass es sich keineswegs um einen Anschlag auf die Speditionsfirma handelte. Letzteres war selbstverständlich absoluter Quatsch. Der verunglückte Mann würde doch nicht sein Leben riskieren, um ein simples Baugerüst dieser Firma zu zerstören. Noch dazu wirkte das Gerüst um einiges stabiler als die alte Rostlaube, die einige Meter vor Jessica total zerstört auf der Seite lag, begraben unter dem riesigen Werbeschild.
»Frau Grothe, warten Sie.« Der junge Sanitäter hinter ihr griff nach ihrem Arm, bekam aber nur den Stoff ihres Mantels in die Finger. »Mir ist da noch etwas eingefallen.«
»Was denn?«, polterte Jessica etwas zu rüde. Sie mochte es gar nicht, wenn man sie ungefragt anpackte, fuhr herum und entriss ihm wütend ihren Arm.
Der Sanitäter hob entschuldigend beide Hände und zuckte schließlich bedauernd mit den Schultern. »Das Unfallopfer war zweimal für wenige Sekunden ansprechbar, was wirklich schon ein Wunder war«, begann er und zuckte erneut entschuldigend mit den Schultern. »Ich habe ihn gefragt, wie er heißt, doch er hat immer nur gesagt, er hätte Jesus überfahren. ›Der Herrgott möge mir vergeben, ich habe Jesus getötet‹, hat er gestammelt. Merkwürdig, oder?« Er lächelte und hob zum Abschiedsgruß die Hand. »Das Morphin hat wohl recht schnell gewirkt und ihn halluzinieren lassen.«
Wenig später ließ sich Jessica von einem Beamten der Spurensicherung die Personalien des Unfallopfers geben. Nachdem sie in Ermangelung eines Taschentuchs mit dem linken Jackenärmel ihres Mantels den Schlamm vom Kennzeichen gewischt hatte, tippte sie neben den Personalien auch die Buchstaben und Zahlen des Nummernschilds in das Notizbuch ihres Smartphones.
»Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, dass der Fahrer absichtlich in das Baugerüst gefahren ist?«, fragte sie schließlich, schob das Telefon zurück in die Innentasche ihres Mantels und schlang die Arme um den Oberkörper, anstatt die Jacke zu schließen. Jetzt, Anfang Februar, war es zwar nicht mehr so frostig wie den ganzen Januar über, und auch der Schnee war bereits seit einer Woche weggetaut, doch es war immer noch empfindlich kalt.
»Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder?«, fragte der junge Beamte ungläubig. »Ist die Kripo etwa hier, weil ein Anschlag vermutet wird?«
»Ich mache nur meinen Job.« Jessica sah den jungen Mann streng an. »Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen unbekannt eingeleitet aufgrund diverser Kleinststraftaten gegen den Konzern, der sich genau hier ansiedeln will. Ist wohl eine politische Entscheidung, mit der nicht jeder einverstanden ist. Immerhin will die Region die Arbeitsplätze und die Steuereinnahmen. Der gemeine Bürger allerdings will das wohl nicht.«
»Die ganzen Demos, ja, verstehe.« Der Beamte nickte. Dann wies er mit ausgestrecktem Arm in Richtung Fahrbahn. »Der Wagen ist dort von der Straße abgekommen«, erklärte er. »Meiner Meinung nach würde niemand in diesem Winkel von der Straße fahren, wenn er das Baugerüst rammen wollte. Mal abgesehen von dem schlechten Wetter, dem aufgeweichten Boden und der schlechten Sicht«, jetzt hob er auch den zweiten Arm, hielt den einen parallel zur Straße und den anderen in Richtung des Unfallfahrzeuges, »würde niemand im rechten Winkel von dieser Straße herunterfahren, wenn er größtmöglichen Schaden anrichten wollte. Da würde der ganze Schwung abhandenkommen und der Wagen viel zu schnell an Geschwindigkeit verlieren. Und das Werbeplakat ist ja auch nicht beleuchtet. Man sieht es nachts von der Straße aus gar nicht.« Er schüttelte den Kopf.
»Die Unfallursache ist also einzig und allein auf die schlechten Wetterbedingungen zurückzuführen«, schloss Jessica und rieb sich mit dem Handrücken ihre eiskalte Nase. Auch ihre inzwischen komplett nassen Füße schmerzten bereits vor Kälte. Sie wollte unbedingt von dieser feuchten Wiese herunter.
»Der Fahrer hat in jedem Fall das Lenkrad bereits auf der Straße spontan herumgerissen. Ob er während der Fahrt eingeschlafen ist, einen Herzinfarkt hatte oder einem entgegenkommenden Fahrzeug ausgewichen ist …« Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Das kann uns wohl nur der Fahrer selbst beantworten.«
Das leise Brummen des Laptops vor ihr machte sie wahnsinnig.
Der Bericht zum tragischen Unfall auf der Bundesstraße war schon lange getippt, und doch mochte sie den Fall nicht abschließen, indem sie den kurzen Text abspeicherte, ausdruckte und ihrem Kollegen Kern zur Unterschrift vorlegte.
Auf der Fahrt zurück zum Präsidium hatte Jessica Hauptkommissar Kern von allen Erkenntnissen berichtet, ihm erzählt, dass sie vorhatte, das Nummernschild und die Personalien noch einmal zu überprüfen und den endgültigen Bericht der Spurensicherung abzuwarten, bevor sie den Fall abschlossen. Doch ihr Vorgesetzter wollte von der ganzen Angelegenheit nichts wissen. Für ihn war die Sache klar. Es war ein dem Unwetter geschuldeter Unfall. Die zuständigen Beamten der Verkehrspolizei würden sich um den Rest kümmern. Damit brauchte sich die Kripo nun wirklich nicht herumschlagen.
Dieses Büro, das sie sich mit Hauptkommissar Kern teilte, war größer als alle anderen hier im Präsidium und lag im obersten Stockwerk des Gebäudes, mit einer herrlichen Aussicht über die Innenstadt. Auf dieser Etage war es das einzige Arbeitszimmer. Daneben gab es ein Badezimmer und drei Lagerräume, in denen ausgediente Schreibtische, alte Computerbildschirme und allerlei unwichtiger Kram aufbewahrt wurden, der eigentlich längst auf den Müll gehörte. Doch beschweren wollte sich Jessica nicht. Kerns Büro war perfekt gelegen, ruhig und absolut ohne jeden menschlichen Durchgangsverkehr. Hier hatte man wirklich seine Ruhe.
Leider stand ihr Schreibtisch etwas versteckt in einer Nische direkt neben der Tür. Sie saß mit dem Rücken zum Fenster und starrte stattdessen auf eine hellgrau gestrichene Betonwand. Der Schreibtisch ihres Kollegen Kern allerdings dominierte den ganzen Raum, indem er zentral und leicht schräg mitten im Zimmer stand, nur einen modernen Aktenschrank hinter sich und mit der atemberaubenden Aussicht durch das große Fenster ideal platziert.
»Kurz und knapp formuliert. Perfekt«, lobte Kern, der urplötzlich hinter ihr stand und ihr über die Schulter sah. »Ausdrucken und rüberbringen.« Er schlich zurück zu seinem Schreibtisch und ließ sich in den neuen Lederstuhl fallen, den er erst gestern geliefert bekommen hatte. Hauptwachtmeister Götze hatte das Teil nach langem Ringen schließlich genehmigt, nachdem Kern ihm wiederholt ein Attest seines Hausarztes vorgelegt hatte, der die Rückenschmerzen des Beamten auch auf die unsachgemäße Haltung beim Sitzen zurückführte und einen orthopädisch unterstützenden Stuhl vorschlug. Jessica vermutete als Ursache für seine schmerzende Wirbelsäule allerdings eher seine gut 20 Kilo Übergewicht und seine Unsportlichkeit. In den dritten Stock kam er nur sehr langsam und schwer nach Atem ringend.
Kerns alter Stuhl stand jetzt nebenan in einem der Lagerräume. Er seufzte zufrieden und strich fast liebevoll über die weichen Armlehnen, bevor er sich zurücklehnte und selig die Augen schloss.
Unter ihrem eigenen Schreibtisch strichen ihre nackten Füße vorsichtig über den rauen dunkelgrünen Teppich. Jessica überlegte kurz, ob sie ihre nassen Stiefel wieder anziehen sollte, bevor sie aufstand, entschied sich dann aber dagegen. Ihre Schuhe und Socken waren nach dem morgendlichen Ausflug über die feuchtkalte Wiese so nass, dass sie jetzt unter der Heizung vor dem Fenster standen beziehungsweise über ihr hingen. Der Heizkörper lief zwar auf Hochtouren und es war fast unerträglich warm hier im Büro, doch vermutete Jessica, dass die Stunden bis zum Feierabend nicht ausreichen würden, um die Feuchtigkeit komplett zu trocknen, vom Dreck ganz zu schweigen. Ihre schönen neuen Stiefel waren ruiniert.
Also lief sie barfuß und mit bis zum Knie hochgekrempelter Hose zum Drucker hinüber, der auf einem kleinen Tischchen in einer Zimmerecke stand, und wartete geduldig, bis der Bericht ratternd und brummend aus dem Gerät glitt. Sie nahm die Zettel, ging zu Kerns Tisch, platzierte die Papiere direkt vor ihrem Kollegen auf der ledernen roten Schreibunterlage und stellte zum wiederholten Male fest, dass sie noch nie so einen aufgeräumten Schreibtisch gesehen hatte. Auch keiner ihrer ehemaligen Hamburger Kollegen war derart ordentlich wie Hauptkommissar Kern. Außer vielleicht Wolfgang, ihr verstorbener Schwager.
Es klopfte.
Noch bevor Hauptkommissar Kern die Augen geöffnet hatte, schwang die Tür auf und Hauptkommissar Forster stürzte in den Raum, blieb abrupt stehen, als er Jessica erblickte, und hielt erschrocken die Luft an.
Er räusperte sich und hob etwas unbeholfen die rechte Hand, doch Jessica konnte nicht deuten, ob er grüßen oder sich die Augen reiben wollte, denn jetzt hatte er ihre nackten Füße entdeckt und starrte sie ungeniert an.
»Grüß Gott, Herr Forster«, mischte sich Kern belustigt ein. »Was gibt’s? Ist lange her, dass Sie sich in mein Büro bemüht haben.«
Florian riss sich vom Anblick der Füße seiner Ex-Freundin los und schaute jetzt zu Kern. In seinem Gehirn überschlugen sich die Gedanken. Als er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, bekam er keinen Ton heraus.
»Ähm«, räusperte er sich schließlich erneut, rieb sich nervös mit der linken Hand den Nacken und griff mit der rechten bereits wieder nach dem Türgriff. »Entschuldigung – falsche Tür.« Er verließ den Raum genauso hektisch, wie er ihn betreten hatte. Hinter ihm schlug die Tür krachend ins Schloss.
»Hauptwachtmeister Götze hat mich ja bereits vorgewarnt«, bemerkte Kern amüsiert. »Forster hat heute seinen ersten Arbeitstag nach seinem Urlaub. Der arme Kerl hat vermutlich gerade erst erfahren, dass seine Verflossene jetzt seine Kollegin ist.«
»Tut mir leid«, sagte Jessica und wusste doch nicht, wofür sie sich eigentlich entschuldigte.
»Kein Problem.« Kern schickte Jessica mit einer Handbewegung wieder auf ihren Platz an ihren kleinen Schreibtisch, lehnte sich in seinem rückenschonenden Sessel zurück und schloss erneut die Augen. »Ich hoffe nur, so etwas passiert jetzt nicht alle naslang. Ich hab hier oben nämlich gern meine Ruhe.«
»Ich hab gedacht, du weißt es, Chef.« Berthold sah bedrückt aus. So zusammengesunken, wie er auf dem Stuhl vor Hauptkommissar Forsters Schreibtisch saß, wirkte er trotz seiner immensen Körpergröße von 2,10 Meter beinahe klein und zerbrechlich. »Hat Hauptwachtmeister Götze denn nichts erzählt?«
»Götze hat überhaupt nichts gesagt, verdammte Scheiße«, fluchte Florian und ließ sich hinter dem Schreibtisch auf seinen Bürostuhl fallen.
Er hatte sich benommen wie ein Trottel eben im Büro vom alten Kern. Natürlich wusste er, dass das Kommissariat einen Nachfolger für den Kollegen Jakob gesucht hatte. Florian hatte insgeheim schon befürchtet, Götze würde Berthold an die Seite von Kern setzen und ihm selbst dann einen neuen Anfänger zuordnen. Florian wusste, dass Hauptwachtmeister Götze die Frischlinge ungern an die Seite der ältesten Beamten im Dezernat setzte. Doch diese Angelegenheit hatte sich ja jetzt erledigt. Götze hatte Jessica eingestellt, keinen blutjungen Anfänger.
Florian massierte sich mit den Fingern die Schläfen, doch diese Aktion beruhigte ihn gar nicht.
Er war wie ein Vollidiot ins oberste Stockwerk gerannt, um sich zu vergewissern, ob es wirklich stimmte, ob Jessica wirklich ihren Job bei diesem Anwalt aufgegeben hatte, um in ihren alten Beruf zurückzukehren.
Doch warum hier? Warum ausgerechnet in seinem Revier?
Sie hatte sich nach ihrem unverschämten Geständnis im letzten Spätsommer komplett in Luft aufgelöst. Zuerst hatte sie ihren Handyvertrag gekündigt, sodass seine zahlreichen Versuche, sie zu erreichen, ins Leere gelaufen waren. Kurz darauf war sie aus dem Reihenhaus ausgezogen und er hatte sie und die zwei Kinder ihrer Schwester, die bei ihr lebten, weder über das Einwohnermeldeamt noch über ihren kleinen Sportwagen und das Straßenverkehrsamt ausfindig machen können. Der Wagen war abgemeldet. Die Nachmieter im Reihenhaus bestätigten ihm zwar, dass Jessica immer noch Eigentümerin des Hauses war, dass sie aber nur eine Postfachadresse von ihr hatten. Er hatte versucht, von irgendeinem Staatsanwalt den Wisch zu bekommen, um bei der Post die Meldeadresse für das Schließfach zu erfahren, doch auch hier hatte er keinen Erfolg gehabt. Ihren Job hatte sie gekündigt und Florian hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal gewusst, ob sie überhaupt noch in Kempten war. Dann hatte er ewig Christian Hanke hinterhertelefoniert, dem Mann, mit dem Jessica ihn betrogen hatte. Doch das Arschloch, das ihm wochenlang vorgegaukelt hatte, er wäre ein guter Freund, war einfach nicht erreichbar gewesen.
Alles, was Florian wollte, war eine Erklärung. Er hatte nichts bemerkt. Alles war wie immer gewesen, und plötzlich – wie aus dem Nichts – hatte sie die Beziehung beendet und war untergetaucht. Er verdiente eine Erklärung. Das war sie ihm schuldig.
Verdammt noch mal, ja. Sie war ihm das schuldig.
Seit Ende November kannte er ihre neue Adresse. Warum er nicht früher daran gedacht hatte, sich bei der Schule zu informieren, die Svenja besuchte, wusste er nicht. Als er vor dem Mietshaus stand, in dem seine Ex-Freundin mit den zwei Kindern jetzt wohnte, und er nur fremde Namen auf den Klingelschildern entdeckte, hatte er beschlossen, endlich einen Abschluss zu finden, endlich die Sache auf sich beruhen zu lassen. Sie wollte ihn nicht mehr sehen und er würde ihr nicht mehr hinterherlaufen.
»Denkst du an den Termin bei der Sicherheitsfirma, Chef?«, erinnerte ihn Berthold und lächelte ihm etwas mitleidig zu. »Wir haben nur noch 20 Minuten.« Er tippte sich auf sein Handgelenk, so als würde er eine Armbanduhr tragen, die ihn vor dem Zuspätkommen warnte, stand auf und ging zur Tür.
»Ja, klar.« Florian rieb sich mit beiden Händen das Gesicht und erhob sich ebenfalls. »Hast du die Unterlagen von der Staatsanwaltschaft?«
2
Sie öffnete die Glastür zum kleinen halbrunden Balkon im ersten Stock, trat hinaus ins helle Sonnenlicht und atmete tief durch. Der Himmel war klar, ohne jede Wolke, und die Sonne wärmte ihr Gesicht. Eine leichte Brise wehte und bewegte den Saum ihres dünnen Seidenmorgenmantels. Die winterliche Februarkälte kroch langsam ihre Beine hinauf und ließ sie frösteln, doch das helle Licht in ihrem Gesicht war so angenehm, dass sie noch einige Minuten ausharrte, bevor sie ins Schlafzimmer zurücktrat und die Tür wieder schloss.
Heute war einer der guten Tage. Heute fühlte sie sich nicht erschöpft und müde, sondern ausgeruht und innerlich von einem Frieden erfüllt, den sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Und sie hatte Appetit. Auf Rührei und Speck. Und Kaffee.
Die große breite Steintreppe ins Erdgeschoss hatte sie schon so viele Wochen nicht mehr betreten, dass sie an der obersten Stufe zuerst zögerte, doch dann mit einem Lächeln im Gesicht und erhobenen Hauptes hinunterschritt, als wäre sie eine Königin.
Der Eingangsbereich war groß und die überdimensionierten Fenster ließen eine solche Flut an Licht in den Raum, dass sie die Augen zukneifen musste. Ihr Zimmer im oberen Stock war seit Wochen dunkel, die schweren Vorhänge immer verschlossen.
»Luise?«, rief sie und wunderte sich selbst über ihre feste, klare Stimme. Kein Halsweh, keine Heiserkeit.
»Frau Wiedemann.« Die kleine rundliche Luise erschien in der Tür zum Salon und schaute sie erschrocken an. »Verzeihen Sie bitte, ich dachte, Sie schlafen noch. Ihr Tee ist gleich fertig.«
»Heute keinen Tee, Luise. Haben wir Eier und Speck im Haus? Ich habe so sehr Appetit auf etwas Deftiges. Und vielleicht einen Kaffee.«
Luise zögerte, betrachtete die Hausherrin zweifelnd, nickte dann aber ergeben und begab sich in die Küche.
»Ist mein Mann schon in seiner Praxis?« Frau Wiedemann war Luise in die Küche gefolgt und setzte sich jetzt an den kleinen Tisch vor dem Fenster, der den Blick in den großen gepflegten Garten freigab. Selbst jetzt im Winter wirkte er aufgeräumt und lud zum Verweilen im Freien ein. Vielleicht würde sie später einen kleinen Spaziergang zu der großen Eiche am Grundstücksende machen.
»Ich serviere Ihnen das Frühstück im Salon, Frau Wiedemann. Ich bin gleich fertig.« Luise beeilte sich, Schüsseln und Pfannen bereitzustellen und die Eier und den Speck aus dem Kühlschrank zu holen. Die Kaffeemaschine lief bereits.
»Nein, nein. Hier ist es viel schöner, Luise. Stellen Sie es einfach hier auf den Tisch.«
»Alexander Richter«, stellte der schlanke Mann in der schwarzen Uniform sich höflich vor und reichte der Dame an der Tür seinen Dienstausweis. »Richter Security, wir sind für die Sicherheit in diesem Haus verantwortlich und würden gern mit Ihnen oder Ihrem Mann sprechen.«
»Herr Dr. Wiedemann ist nicht im Haus. Ich bin nur die Haushälterin. Ich weiß nicht …«, stammelte sie unsicher und verstummte dann. Die drei Männer vor der Tür machten sie nervös. Hinter Herrn Richter von der Sicherheitsfirma standen noch ein Polizeibeamter in Uniform und ein Mann in Zivil mit Jeans und schwarzer Lederjacke. Alle drei lächelten freundlich.
»Ist Frau Wiedemann denn im Hause?«, fragte Herr Richter jetzt und spähte an der kleinen dicken Frau vorbei in den Flur der Villa. »Es gibt da einige Unstimmigkeiten und ich würde gern wissen, wie Richter Security damit umgehen soll. Immerhin geht es um Ihrer aller Sicherheit.«
»Ja, gut. Aber könnten Sie nicht wiederkommen, wenn Dr. Wiedemann da ist? Wir erwarten ihn am Nachmittag.« Luise schob die Tür etwas weiter zu und versperrte den schmalen Durchlass mit ihrem imposanten Körper. »Herr Dr. Wiedemann schätzt es gar nicht, wenn fremde Besucher in seinem Haus sind, während er nicht anwesend ist.«
»Verstehe.« Richter nickte und lächelte wieder entwaffnend. »Doch die Angelegenheit ist äußerst dringend. Ich habe mir sogar erlaubt, zwei Beamte der Kripo mitzubringen, da wir vermuten, dass gestern Abend bei Ihnen eingebrochen worden ist. Wir haben schon die Außenanlage begutachtet und würden jetzt auch gern einen Blick ins Haus werfen. Können wir bitte mit Frau Wiedemann sprechen?«, wiederholte er sein Anliegen, legte die Hand auf die schwere Eingangstür und drückte vorsichtig dagegen. Hauptkommissar Florian Forsters Hand legte sich von hinten auf seinen Arm und zog ihn von der Tür weg.
»Wir haben wirklich nur ein paar kurze Fragen und vermutlich handelt es sich um ein Missverständnis«, mischte sich jetzt Florian ein und hielt der Dame einen Zettel entgegen. »Dieses Schreiben erlaubt uns, Haus und Garten zu untersuchen. Die Vorfälle der letzten Nacht haben einen Staatsanwalt veranlasst, einen Durchsuchungsbeschluss zu unterschreiben. Das zeigt doch die Dringlichkeit unseres Anliegens. Bitte lassen Sie uns rein.«
Die kleine Dame biss sich nervös auf die Unterlippe, trat dann zurück und ließ die drei Herren eintreten.
»Warten Sie bitte in der Bibliothek.« Sie wies mit der Hand zur linken Seite, vergewisserte sich, dass alle drei Männer den Raum neben der Steintreppe betraten und beeilte sich dann, ihrer Arbeitgeberin vom Besuch zu berichten.
Im Vergleich zum Eingangsbereich mit der breiten Marmorempore und der schweren Steintreppe wirkte dieser Raum beinahe erdrückend klein. Außerdem war er dunkel. Die wandhohen Bücherregale aus massivem Nussbaumholz waren über und über mit dicken Wälzern bestückt. Klassiker der Weltliteratur in edlen Einbänden aus Leder mit goldenen Verzierungen reihten sich an moderne Literatur, eine ganze Reihe Bibeln in unterschiedlicher Ausführung und medizinische Fachliteratur. Ein kleiner Kamin war neben der Tür in die Wand eingelassen und zwei Ohrensessel standen davor. Das einzige Fenster war mit dunklen Vorhängen aus dichtem Stoff behangen und ließ nur mattes Licht von draußen in das Zimmer. Direkt vor dem Fenster stand ein kleines Kaffeetischchen mit zwei samtbezogenen Stühlen.
Kommissar Berthold Willig stand fasziniert vor dem hohen Regal und fuhr mit dem Zeigefinger ehrfurchtsvoll über die mit Gold eingelassenen Lettern einer alten Sonderausgabe von Shakespeares »Hamlet«.
»Damit ich das wirklich richtig verstehe, Alex«, begann Florian und ließ sich auf einem der Sessel vor dem Kamin nieder. »Ihr habt festgestellt, dass die Alarmanlage für über zwei Stunden ausgeschaltet war und jemand um das Haus geschlichen ist, aber keines der Fenster ist beschädigt und die Haustür wurde ganz normal mit einem Haustürschlüssel geöffnet.«
»Zweimal. Einmal um etwa 3 Uhr morgens und einmal um kurz nach 5 Uhr«, bestätigte Alexander Richter, schob den schweren Vorhang beiseite und schaute in den Vorgarten. »Wir betreuen dieses Haus seit drei Jahren. Es ist noch nie vorgekommen, dass die Alarmanlage so lange aus war. Normalerweise schaltet sich das Gerät nach geraumer Zeit eigenständig ein, damit uneingeschränkter Schutz auch dann besteht, wenn man das manuelle Aktivieren einmal vergessen sollte. Man muss diese Funktion durch eine besondere Tastenkombination und einen Schlüssel unterdrücken, wenn die Anlage dauerhaft deaktiviert bleiben soll. Vor einem Jahr«, fuhr er fort, »war im ganzen Stadtviertel Stromausfall und selbst in so einem Fall bezieht die Anlage ihre Energie über ein Notstromaggregat und bleibt aktiviert.«
Florians nächste Frage erübrigte sich also. Er hatte vermutet, dass der heftige Sturm von letzter Nacht vielleicht für den Ausfall der Sicherheitsanlage verantwortlich gewesen war.
Florian kannte Alexander Richter bereits seit fast 20 Jahren. Sie hatten als Jugendliche im selben Fußballverein trainiert, bis Alexander als junger Erwachsener in den damals noch recht unpopulären, neu gegründeten Rugbyverein gewechselt war. Heute trainierte er ehrenamtlich den Kemptener Rugbynachwuchs.
»Und einen Schlüssel zu dem Haus und den Geheimcode für die Alarmanlage haben nur die Wiedemanns?«
Alexander Richter setzte sich auf den zweiten, noch freien Ohrensessel und nickte.
»Das Ehepaar Wiedemann, die Haushälterin Luise Kramer und wir natürlich, Richter Security, also ich und meine vier Mitarbeiter«, zählte der Sicherheitsbeamte auf.
In diesem Moment hörten sie jemanden an der Eingangstür.
Kommissar Willig hob alarmiert den Kopf und starrte durch den Spalt in der Tür in den Flur, Richter sprang auf und lief zum Fenster, um hinauszusehen. Hauptkommissar Forster erhob sich etwas langsamer, ging zur Tür, schob sie mit dem Fuß etwas weiter auf und schaute ebenfalls in den Flur.
Vor der Haustür fiel ein Schlüsselbund scheppernd auf die Granitfliesen, jemand fluchte. Sekunden später wurde die Haustür aufgeschlossen und ein Mann in einem dicken Wintermantel und mit etwas schütterem dunkelbraunem Haar stürmte in den Eingangsbereich, sah sich hektisch um und rief nach der Haushälterin. Dann drehte er sich um und gab routiniert die Tastenkombination am Display neben der Tür ein, um den ansonsten folgenden Alarm zu deaktivieren.
»Herr Dr. Wiedemann?« Florian trat aus dem Schatten der dunklen Bibliothek, gefolgt von Berthold Willig und Alexander Richter, und hielt seinen Dienstausweis in die Höhe. »Kripo Kempten, mein Name ist Hauptkommissar Forster.«
»Oh Gott«, rief der Hausherr entsetzt, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und ging dann auf den Beamten zu. »Ist etwas mit meiner Frau? Ist Monika etwas passiert? Um Gottes Willen.«
Noch bevor Florian verneinend den Kopf schütteln konnte, sah er im Augenwinkel eine Frau die steinernen Stufen herunterkommen.
»Keine Panik, Schatz«, begrüßte Monika Wiedemann ihren Gatten. »Mir geht es sehr gut.« Dann nickte sie den drei Herren zu, die vor der massiven Eichenholztür zur Bibliothek standen und zu ihr hinaufsahen. »Guten Tag, die Herren.«
Das Bild, das diese Frau bot, erschütterte Florian so sehr, dass er sich anfangs nicht von ihrem Anblick losreißen konnte. Ihr Alter war schwer einzuschätzen. Ihre Haut war dermaßen blass und dünn, dass die Adern an Händen und Hals deutlich als dunkle Linien zu erkennen waren. Das Haar hing stumpf und wasserstoffblond an ihrem Kopf herunter und reichte bis zu ihren Schultern. Durch die helle Bluse aus edlem, zartem Stoff sah man deutlich Schulterknochen und Schlüsselbeine hervorstechen. Ihr ganzer Körper war so dünn und gebrechlich, dass Florian sich kaum vorstellen konnte, woher sie die Kraft nahm, auf eigenen Füßen zu stehen. Er bemerkte, wie auch ihr Ehemann sie entsetzt anstarrte, als sie die Treppe hinunterschwebte, lautlos und unheimlich wie ein Geist, beinahe durchsichtig.
Dr. Wiedemann lächelte jetzt und lief seiner Frau entgegen. »Dir geht es besser. Schön«, sagte er und nahm sie in seine Arme.
»Kommst du jetzt schon aus der Praxis?«, fragte sie und wirkte verwundert.
»Ich war in Frankfurt, Moni, das habe ich dir doch erzählt. Ich bin vor drei Tagen gefahren. Das Klassentreffen«, half er ihr auf die Sprünge, doch Frau Wiedemann schüttelte nur langsam den Kopf.
Dann sah sie entschuldigend zu den drei Männern hinüber. »Ich bin manchmal etwas neben der Spur«, erklärte sie lachend. »Aber heute geht es mir gut.«
»Das freut mich sehr, Liebes.« Dr. Wiedemann geleitete seine Frau die restlichen Stufen hinunter, indem er ihre Hand in seine Armbeuge legte. »Und was kann ich für Sie tun? Sie haben mir mit dem Polizeiwagen in meiner Auffahrt einen ganz schönen Schrecken eingejagt.«
Die vier Männer nahmen im Wohnzimmer Platz. Florian bemerkte, wie Dr. Wiedemann immer wieder durch die große Terrassentür in den imposanten Garten schaute und seine Frau beobachtete, die dick eingepackt in einen teuren Pelzmantel neben dem kleinen Gartenteich stand und in die Ferne blickte. Sein Gesichtsausdruck wechselte zwischen Sorge und Unzufriedenheit. Es wirkte fast so, als würde ihm nicht gefallen, dass seine Frau dort draußen alleine herumlief.
Der Blick auf die Alpen war atemberaubend. Die Sicht war klar, der Himmel hellblau und die Sonne schien. In der Ferne ragte der Grünten empor. Eine weiße Schneehaube zierte seinen Gipfel. Vor Mai würde der Schnee auf den höher gelegenen Berggipfeln auf gar keinen Fall schmelzen. In manchen Jahren waren die Spitzen der Allgäuer Berge nur für zwei Monate im Jahr schneefrei.
»Und Sie sagen, jemand hat gestern Abend die Alarmanlage deaktiviert?«, wandte Herr Wiedemann sich jetzt an den Chef der Sicherheitsfirma. Er hatte sie vor drei Jahren beauftragt, seine Villa zu sichern, nachdem Einbrecher versucht hatten, ins Haus zu gelangen. Seitdem Richter Security das Anwesen elektronisch überwachte, war nichts dergleichen mehr vorgefallen.
»Nicht nur das, Herr Dr. Wiedemann«, erklärte Alexander Richter seinem Auftraggeber. »Jetzt, da Sie mir erneut bestätigt haben, dass Sie drei Tage nicht im Hause waren, kommt mir auch die Tatsache komisch vor, dass ihr Wagen gestern Abend das Grundstück verlassen hat und erst nach guten zwei Stunden zurück in die Garage fuhr.«
»Der Mercedes meiner Gattin?«, fragte Wiedemann dazwischen und suchte durch das Fenster erneut nach seiner Frau im Garten. Sie war bereits an der hinteren Grundstücksgrenze.
»Sie meinen also, Ihre Frau hätte das Haus für zwei Stunden verlassen und vergessen, die Alarmanlage zu aktivieren?«, mischte sich jetzt Florian ein, während Berthold der Haushälterin half, die Kaffeetassen von dem Tablett auf dem Glastisch anzurichten und Kaffee einzuschenken.
»Nein, das meine ich nicht«, brummte Dr. Wiedemann etwas unhöflich, lächelte dann entschuldigend und griff nach der Porzellantasse mit dem dampfend heißen Getränk. »Meine Frau ist krank, wie Sie sicher schon bemerkt haben. Seit Wochen hat sie ihr Schlafzimmer nicht verlassen. Deshalb war ich ja so erschrocken, als ich sie eben auf der Treppe gesehen habe.« Er nippte an der Tasse, entschied dann, dass der Kaffee noch viel zu heiß war, und stellte die Tasse zurück auf den Unterteller.
»Darf ich fragen, an welcher Krankheit ihre Gattin leidet?«, brachte sich jetzt Berthold ins Gespräch ein und fing sich einen ärgerlichen Blick vom Doktor ein.
»Meine Frau leidet unter schweren Depressionen und Angstzuständen.«
»Und behandeln Sie sie selbst?«, fragte Berthold und zog unmerklich den Kopf ein, so als fürchtete er eine wütende Schimpftirade von Dr. Wiedemann. Doch als er Florians anerkennendes Lächeln sah, fühlte er sich etwas sicherer. »Sie sind doch Arzt.«
Dr. Wiedemann sah den jungen Beamten beinahe verächtlich an. »Ich bin Allgemeinmediziner, kein Psychologe«, erklärte er leicht ungehalten. »Doch meine Frau ist seit drei Jahren bei einem befreundeten Psychotherapeuten in Behandlung. Und er spricht vor allem die medizinische Unterstützung durch Medikamente mit mir ab, also ja, auch ich versuche, meiner Frau zu helfen. Aber was hat das mit der kaputten Alarmanlage zu tun?«
»Die Anlage ist nicht kaputt, sondern wurde manuell für einen kurzen Zeitraum deaktiviert. Das ist ein Unterschied«, verteidigte Alexander Richter sich und seine Firma. »Wie es unsere Art ist, möchten wir für Ihre absolute Sicherheit sorgen. Und gestern Abend hat ein Außenstehender an Ihrer Anlage gespielt, wenn es Ihre Frau und Ihre Haushälterin nicht waren. Scheinbar hatte diese Person auch einen Schlüssel.«
»Sie haben doch Luise und meine Frau befragt«, polterte Dr. Wiedemann zurück. »Die beiden waren es nicht. Die Medikamente meiner Frau lassen ja auch gar nicht zu, dass sie sicher Auto fährt. Der Wagen wurde von ihr seit Monaten nicht bewegt.« Er stand auf und trat ans Fenster, hob die Hand und winkte seiner Frau, die bereits wieder auf dem Rückweg war und in Richtung Villa ging. Sie winkte ihrem Mann zurück.
»Suchen Sie einfach die Person, die angeblich hier im Haus war und die mit dem Wagen gefahren ist, aber tun Sie mir den Gefallen und halten Sie meine Frau da raus. Ihr Zustand lässt es nicht zu, dass sie sich ängstigt. Wir haben lange daran gearbeitet, dass sie wieder ruhig schlafen kann. Auch dank der Medikamente«, fügte er hinzu und wandte sich dann an Hauptkommissar Forster.
»Ich möchte eine Anzeige gegen unbekannt aufgeben. Und suchen Sie zuerst bei Herrn Richters Angestellten. Vielleicht ist dort einer dabei, der sich etwas Geld nebenbei verdienen will und sich bei reichen Leuten bedient. Ich gebe also eine Anzeige auf. Das kann ich doch bei der Kripo tun, oder ist da eine andere Abteilung zuständig?« Er sah Hauptkommissar Forster fragend an.
»Nein, den Fall übernehmen ich und mein Kollege Willig. Wir ermitteln ja bereits im Namen der Staatsanwaltschaft, aber natürlich ist es hilfreich, wenn auch Sie den Vorfall melden und für Fragen weiterhin zur Verfügung stehen. Und ich würde Sie bitten, in naher Zukunft zu überprüfen, ob vielleicht etwas gestohlen wurde.«
»Und ich möchte Sie bitten, etwaige Anschuldigungen gegen die Mitarbeiter meiner Firma zu unterlassen«, drohte Alexander Richter, bewirkte mit seinen Worten aber nur, dass Herr Dr. Wiedemann ihn wütend anstarrte.
»Dann erwarte ich spätestens morgen Ihren Anruf bezüglich gestohlener Gegenstände«, wiederholte Florian und griff nach seiner Kaffeetasse.
Dr. Wiedemann nickte und begrüßte seine Frau, als sie durch die Terrassentür das Wohnzimmer betrat.
3
Die welken Blumen auf dem Grab seiner Frau sahen erbärmlich aus. Letzte Woche, als die Temperaturen noch merklich unter null Grad lagen, waren die Rosen mit einer dünnen Schicht kristallklarem Eis überzogen gewesen und hatten in der Sonne geglitzert. Jetzt war der ganze Strauß matschig braun und verwelkt. Er hätte ein Gesteck aus Tannenzweigen an ihrem Geburtstag aufs Grab legen sollen. Es war schließlich Winter. Auch war die Erde auf dem Grab noch trostlos leer, da er bisher keine Gelegenheit gehabt hatte, sich über die Begrünung Gedanken zu machen. Immerhin war Petra im November gestorben, kurz bevor der erste Frost ins Allgäu kam und eine Bepflanzung unmöglich machte. In ein paar Wochen würde er sich darum kümmern. Oder besser, er würde einen Gärtnerdienst beauftragen. Die hatten mehr Erfahrung als er und würden das Grab mit Sicherheit professioneller bepflanzen und pflegen.
Nachdem er die alten Blumen entsorgt hatte, verließ er den Friedhof wie jeden Sonntagnachmittag über den kleinen Weg durch die schön angelegte Teichlandschaft zum Nebenausgang, wo er sein Auto geparkt hatte.
Als er die Hand in seine Manteltasche schob, nach seinem Autoschlüssel suchte und ihn schließlich herauszog, fiel ein kleiner Zettel zu Boden, wurde vom Wind erfasst und ein paar Meter über den matschigen Sandweg geweht, bis der winzige Papierschnipsel in einer Pfütze liegenblieb. Einen kurzen Moment überlegte er, ihn einfach liegen zu lassen, doch als die Schmerzen und dieses verdammte Engegefühl in seinem Brustkorb ganz plötzlich zurückkamen und eine erneute Panikattacke ankündigten, bückte er sich doch nach dem Zettel, hob ihn auf und schaute auf die Zahlen und Buchstaben, atmete dabei tief ein und aus, so gut es mit seinen momentanen Beklemmungen eben ging, und überlegte fieberhaft.
Er musste diesen Beweis zerstören. Das Wasser aus der Pfütze würde dafür nicht ausreichen. Die Tatsache, dass niemand die Daten auf dem kleinen Bahnticket, das er vor ein paar Tagen in Oberstdorf aus dem Automaten gezogen hatte, auf ihn zurückführen können würde, da ja kein Name oder keine Adresse vermerkt war, beruhigte ihn keineswegs. Er musste das Ticket zerstören.
Es war unmöglich, das feuchte Papier anzuzünden, musste er feststellen, als er die Flamme seines Feuerzeugs an den Zettel hielt. Doch er bemerkte zufrieden, dass die Hitze des Feuers die Thermoschicht des Zettelchens pechschwarz färbte und die Zahlen unleserlich machte. Als sich zudem die Worte »Kempten (Allgäu) Hauptbahnhof« in schwarzes Wohlgefallen aufgelöst hatten, lächelte er zufrieden, auch weil die Schmerzen in seiner Brust langsam nachließen. Er legte das wertlose Ticket vorsichtig zurück in die Pfütze und schob das Feuerzeug in seine Hosentasche.
Ja, ein Problem war gelöst.
»Bin wieder da«, rief Jessica, warf ihren Haustürschlüssel achtlos auf die Anrichte im kleinen Flur und drückte mit ihrem Hintern die Wohnungstür zu. »Ich habe Essen mitgebracht! Hallo, Rico!«
Der junge Ecuadorianer, der aus ihrer Küche geeilt war und jetzt direkt vor ihr stand und sie anstrahlte, hob grüßend die Hand. »Holla, Frau Grothe«, sagte er und es klang etwas gepresst, doch sein stetes Lächeln überspielte seine Unsicherheit. Trotz des eisigen Wetters draußen trug er in der Wohnung ständig nur knielange Hosen und kurzärmelige Hemden und wirkte durch seinen leicht dunklen Teint, als wäre er gerade frisch aus dem Urlaub gekommen. Und so war es vermutlich auch. Gab es in Ecuador überhaupt Winter, Schnee und Kälte?
»Sag doch bitte Jessica zu mir, Rico«, schlug sie zum wiederholten Mal vor und bemühte sich, ebenfalls freundlich zu lächeln. Doch der vergebliche Versuch, ohne Zuhilfenahme ihrer Hände aus ihren nassen Stiefeln zu steigen, ließ sie genervt das Gesicht verziehen. »Mistdinger!«, fluchte sie, lehnte sich gegen die Wand, beugte sich hinunter und zog mit beiden Händen an dem rechten Stiefel, der nur langsam, als hätte er sich an ihrem Bein festgesaugt, von ihrem Fuß glitt. »Verdammter Mistschuh«, zischte sie durch die fest zusammengebissenen Zähne, schaute auf und sah in drei grinsende Gesichter.
»Was gibt’s denn zu essen, Jessy?«, fragte Svenja, und Tobi griff bereits nach den zwei Plastiktüten, die Jessica neben der Anrichte abgestellt hatte und die herrlich nach Currywurst und Pommes dufteten.
»Oh, be careful, Tobi«, rief Rico entsetzt, als eine der Tüten geräuschvoll gegen die Wand klatschte, besann sich dann aber darauf, dass er nach Kempten gekommen war, um besser Deutsch zu lernen, nahm Tobi das Essen ab und sagte ermahnend: »Du mussen aufpassen gut.«
»Du musst gut aufpassen«, belehrte ihn Svenja, nahm Tobi an die Hand und lief zurück in die Küche.
Die Entscheidung, ein Au-pair für die beiden Kinder zu besorgen, um wieder ganztags arbeiten zu können, war Jessica zuerst schwergefallen. Und auch der durchaus sympathische ecuadorianische Deutschstudent Ricardo Hernandez war nicht ihre erste Wahl gewesen. Jessica hätte durchaus lieber ein junges Mädchen als Aufpasserin für die achtjährige Svenja und ihren drei Jahre jüngeren Bruder Tobias gehabt, doch Rico stellte sich als überaus kompetent und freundlich heraus und fand sofort einen Zugang zu Tobi und Svenja. Er war jetzt seit zwei Wochen bei ihnen und hatte den Haushalt und die Kinder bereits besser im Griff, als Jessica es je gehabt hatte. Und er kam gut an bei den Nachbarn, besonders bei den weiblichen. Das lag mit Sicherheit auch an seinem blendenden Aussehen, doch vor allem die älteren Damen, die in diesem Mehrfamilienhaus wohnten, schätzten seine überschwängliche Höflichkeit, seine Hilfsbereitschaft und sein humorvolles Wesen. Er hatte die sonst so zurückhaltende, etwas grantige und misstrauische Allgäuer Frauenwelt hier im Haus im Sturm erobert. Bei den Männern war das anders. Den Allgäuer Männern hielt er einen Spiegel vor, in dem sie sich selbst nicht wiedererkannten und sich äußerst bedroht fühlten. Doch Rico quittierte jede versteckte Beleidigung oder unangebrachte Bemerkung mit einem freundlichen Lächeln.
»Du musst gut aufpassen«, wiederholte er jetzt Svenjas Worte und lachte so schallend, dass Jessica ebenfalls bessere Laune bekam, sich auch von ihrem zweiten Schuh befreite und das Paar achtlos in die Ecke warf.
»Hast du alle Mörder gefasst und eingesperrt, Jessica?«, fragte Rico grinsend. Seit drei Tagen, seit Jessica ihren Job im Kemptener Präsidium angetreten hatte, stellte er ihr diese Frage immer, wenn sie die Wohnung zu Feierabend betrat.
»Ausnahmslos alle«, gab Jessica dann immer augenzwinkernd Auskunft. »Wir werden heute also gut schlafen können.«
Es schneite so heftig, dass der Scheibenwischer an Hauptkommissar Forsters Dienstwagen auf Hochtouren lief und trotzdem kaum die Windschutzscheibe freihalten konnte. Beinahe hätte er den Abbieger verpasst, weil er die abzweigende Straße durch das Schneegestöber nicht gesehen hatte.
»Kreuzkruzifix«, fluchte er und riss das Lenkrad herum, als der Wagen nach der Kurve dem Graben neben der Straße gefährlich nah kam. Die Hinterräder des Autos schlitterten über den mit Schnee bedeckten Asphalt. Doch Florian hatte das Fahrzeug schnell wieder im Griff, drosselte jetzt aber vorsorglich das Tempo. Mit gerade einmal 15 Stundenkilometer lenkte er den Wagen durch den Schneesturm und starrte dabei angestrengt auf die Straße vor sich.
»Welcher depperte Siach geht bei so einem Wetter bloß wandern? Wahrscheinlich irgend so ein Flachlandtourist«, schimpfte er ärgerlich, doch von seinem Kollegen Willig auf dem Beifahrersitz kam keine Reaktion. Berthold hielt sich krampfhaft am Innengriff der Beifahrertür fest und hatte die Augen weit aufgerissen, als würde er Achterbahn fahren und direkt auf einen dreifachen Looping zurasen. Welchen depperten Wanderer sein Chef meinte, konnte Berthold eh nur spekulieren. Er vermutete, Forster sprach von dem Herrn, der die Polizei gerufen hatte, weil er auf seiner morgendlichen Tour durch die Breitachklamm eine Leiche gefunden hatte, und nicht von der Leiche selbst. Das wäre immerhin etwas pietätlos gewesen.
Nach mehreren Wochen Tauwetter und Temperaturen über zehn Grad hatte der Winter sich heute Mittag mit Unwetter und bis zum Nachmittag mit fast 40 Zentimetern Neuschnee zurückgemeldet. Die Schneeräumfahrzeuge kamen kaum hinterher, wenigstens die Hauptverkehrsstraßen einigermaßen frei zu halten, der große Parkplatz vor dem Eingang der Breitachklamm war ein einziges weißes Meer aus Schnee. Jetzt gab Hauptkommissar Forster noch einmal Gas und pflügte den Streifenwagen durch den Schnee. Er wollte so nah wie möglich an das kleine Tickethäuschen kommen und hoffte inständig, dass er sich gut genug erinnern konnte, wo ungefähr die Holzpfosten standen, die die Bereiche des Parkplatzes abgrenzten und in Parzellen einteilten.
Er war vor über zwei Jahren das letzte Mal hier gewesen. Im Sommer.
Direkt hinter ihm fuhr Erwin Buchmann, der Gerichtsmediziner, zusammen mit seiner Kollegin in einem weißen Transporter. Er nutzte die kurzzeitig entstandene Fahrrinne von Florians Wagen. Ohne sie wäre er vermutlich schon am Anfang des Parkplatzes mit dem schweren Fahrzeug im Schnee stecken geblieben.
Hauptkommissar Forster hielt direkt vor dem Eingang zur Klamm und wollte gerade aussteigen, als sein Dienstwagen einen kleinen Satz nach vorne machte und dann langsam gegen einen dieser Pfosten rutschte, die nur noch wenige Zentimeter aus dem Schnee herausschauten. Als der Transporter die hintere Stoßstange des Dienstwagens zusammendrückte, die ächzend ein metallisch knirschendes Geräusch von sich gab, war Florian bereits aus dem Wagen gesprungen und versank augenblicklich bis zum Knie im Schnee.
Er schloss die Augen, atmete einmal tief durch und wartete mehrere Sekunden, bis er sich schließlich umdrehte, Jacke und Mütze vom Rücksitz holte, sich seinen Schal dreimal um den Hals wickelte und in die Daunenjacke schlüpfte.
»Sag mal, wo hast du eigentlich fahren gelernt, du Zipfel?«, fuhr er schließlich Erwin Buchmann an, als der aus dem Transporter stieg und ebenfalls laut fluchte.
»’tschuldige, Mann. Konnte nicht rechtzeitig bremsen.«
Die vier mussten beinahe eine halbe Stunde gehen, bis sie den vermeintlichen Unfallort erreichten. Dort trafen sie auf das Team der österreichischen Bergrettung aus dem Kleinwalsertal, das zuerst gerufen worden war. Doch die Unglücksstelle lag auf deutschem Boden, sodass die Zuständigkeit den deutschen Kriminalbeamten oblag.
Direkt vor ihnen klaffte ein großes Loch. Ein gewaltiger Erdrutsch hatte mindestens zwei Meter des Weges mitgerissen, auf dem sie standen, und Schutt, Felsbrocken und Erde in die weiter unten liegende Breitach gespült. Vom Fluss selbst war von hier oben nichts zu sehen, denn es war jetzt am späten Nachmittag bereits so dunkel, dass Florian kaum mehr als die Umrisse seiner Kollegen erkennen konnte. Doch das Rauschen des Wassers dröhnte laut und klang bedrohlich. Einen Sturz aus dieser Höhe in den reißenden Fluss würde man wohl nur schwerverletzt überleben.
Wenn man viel Glück hatte.
»Waren Sie schon unten?«, fragte der Hauptkommissar den Bergretter auf der anderen Seite der breiten Grube zwischen ihnen und leuchtete gleichzeitig mit seiner Taschenlampe suchend über die entstandene Schutthalde.
»Die Leiche liegt weiter unten. Ich war schon dort«, gab der junge Mann Auskunft. »Wenn Sie runter wollen, muss ich Sie abseilen, anders ist es unmöglich.«
Jetzt sah Florian die Seile, die weiter oben an einem Baum befestigt und mit allerlei Karabinerhaken und Knoten gesichert waren. »Na, dann wollen wir mal.« Der Hauptkommissar seufzte. »Ich gehe zuerst. Ewe, du kommst nach. Die anderen beiden bleiben hier oben«, befahl er, fing das Gurtsystem auf, das der Bergretter ihm zuwarf, und ließ sich schließlich beim Abstieg helfen, ohne zu wissen, was ihn dort unten erwarten würde.
Der Scheinwerfer war über und über mit Dreck überzogen. Das Gerät war genau wie er beim Herunterlassen durch braunen Schlamm gerutscht und an Felsen geschlagen. Sollte er jemals wieder diese schleimige Soße von seinem Körper und seinen Klamotten bekommen, würden die unzähligen blauen Flecken sichtbar werden, die er an Armen und Beinen hatte. Sich in dieser Dunkelheit einen felsigen und nassen Abgrund abseilen zu lassen, war keine gute Idee gewesen, leider aber eine Notwendigkeit. Mit dem Ärmel seiner verschmutzten Jacke wischte er die matschige Dreckschicht vom Scheinwerfer und endlich wurde es etwas heller hier unten.
»Obacht«, hörte er Ewes Stimme weiter oben brüllen, gefolgt von einem polternden Geräusch, das stetig lauter wurde und auf ihn zuzukommen schien. Geistesgegenwärtig sprang Hauptkommissar Forster zurück, trat dabei ungeschickt auf einen glitschigen Stein, rutschte aus und landete schmerzhaft auf seinem Hinterteil. Der schwere Metallkoffer des Gerichtsmediziners, der sich verselbständigt hatte, krachte im gleichen Augenblick gegen eine Felswand neben ihm und blieb dort liegen. Das Teil hätte ihn nicht nur von den Füßen gerissen, sondern ihm vermutlich beide Schienbeine gebrochen.
»Das ist heute schon der zweite Anschlag auf mein Leben«, brüllte Florian seinem Freund Ewe entgegen, um den tosenden Lärm der Breitach hinter ihm zu übertönen.
»Tut mir echt leid«, schrie der Gerichtsmediziner. »Hast du die Leiche schon gefunden?« Er glitt den letzten Felsvorsprung hinunter, stand schließlich direkt neben Florian und löste den Karabiner an seinen Gurten. »Die Österreicher meinen, sie liegt etwas weiter flussabwärts.«
Den Anblick hätte er sich gern erspart. Das, was sie schließlich fanden, das, was der Wanderer als Leiche erkannt haben will, sah alles andere als menschlich aus. Florian hatte eine Person erwartet, die tragischerweise beim unerlaubten Klettern abgerutscht war und seit zwei oder drei Tagen unentdeckt in einer Felsspalte lag. Das, was sie fanden, war zuerst nur ein Schädel. Ein menschlicher Schädel ohne Nase, ohne Augen. Eine Gesichtshälfte war zerfetzt und von teils ledriger, teils schleimiger Haut bedeckt. Die andere Hälfte war blanker Knochen. Etwa einen Meter entfernt lag der Torso, ebenfalls nahezu vollständig skelettiert und fast gänzlich zerstört. Nur wenige der zahlreichen Knochen waren nicht gebrochen und zersplittert. Das rechte Bein fehlte komplett.
»Wer hat den Kerl bloß so zugerichtet? Das ist ja grauenvoll«, stöhnte der Hauptkommissar und musste sich abwenden. »Wie lange liegt der wohl schon hier?«
»Höchstens ein paar Stunden«, erklärte Ewe. Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe glitt über die zertrümmerten Knochen. An einigen größeren Brüchen hielt der Gerichtsmediziner inne und sah sie sich genauer an.
»Ein paar Stunden? Willst du mich verarschen? Der ist doch bereits total verrottet«, rief Florian angewidert und wies jetzt wieder auf den Schädel. »Keine Haut mehr dran, außer das bisschen im Gesicht.«
»Na ja, das stimmt ja jetzt nicht«, brüllte Ewe und versuchte das Grollen des rauschenden Flusses zu übertönen. »Hautfetzen, Sehnen und Muskelstränge liegen hier doch überall zwischen den Knochen. Wird eine Scheißarbeit, alles einzusammeln. Das werden wir erst morgen bei Tageslicht machen können.«
»Ja, gut«, würgte Florian, der froh war, dass er diese beschriebenen Hautfetzen und Sehnen nicht sehen konnte. Aber die Vorstellung reichte bereits, in ihm Übelkeit und Abscheu hervorzurufen, und er trat vorsorglich ein paar Schritte zurück. Nicht, dass er unwissend womöglich noch auf irgendwelchen Leichenteilen stand. Hier allerdings war er dem reißenden Fluss so nahe, dass aufspritzendes Wasser, das unaufhörlich mit großer Geschwindigkeit gegen einen Fels schlug, ihm in wenigen Sekunden die Kleidung durchnässte. Er wischte sich die unzähligen Wassertropfen aus dem Gesicht und suchte sich eine trockenere Position.
»Und wie viele Stunden, schätzt du, ist der Kerl tot?«
»Stunden? Der Tod trat vor vielen Monaten oder sogar Jahren ein. Ich muss das alles erst genau untersuchen, bis ich es präzise sagen kann«, erklärte Ewe und blickte etwas verwirrt zu Florian auf. »Wie kommst du denn bei diesem Anblick darauf, dass die Person erst ein paar Stunden tot ist?«
»Das hast du mir doch gerade gesagt, du Idiot«, polterte Forster wütend. »Du hast gesagt, der Mann liegt erst ein paar Stunden hier unten.«
»Das stimmt ja auch«, nickte Ewe und Florian konnte sein breites Grinsen im Licht des Scheinwerfers sehen. »Aber von einem Mann habe ich nicht geredet. Das hier«, er deutete auf die Knochen vor sich, »ist eine Frau. Das erkennt man deutlich unter anderem an den Beckenknochen. Erwachsen, aber das Alter möchte ich hier im Dunkeln nicht schätzen.«
»Boah, Mann. Willst du mich heute mal richtig wütend machen, oder was?« Florian war kurz davor, auf seinen Freund loszugehen, ihn am Kragen zu packen und vom Boden hochzureißen. Vielleicht würde er ihm dann auch gleich eine Kopfnuss verpassen. Jedenfalls fehlte dazu nicht mehr viel und nur der Gedanke an die herumliegenden Leichenteile hielt ihn von diesem Vorhaben ab.
»Die Brüche sind alle ganz frisch, soweit ich das erkennen kann. Ich vermute also, die Leiche hat bereits seit geraumer Zeit weiter oben gelegen. Vermutlich sogar vergraben.«
Der Lichtkegel der Taschenlampe leuchtete kurz nach oben.
»Der Erdrutsch muss den Torso mitgerissen haben. Durch den Sturz sind die Knochen gebrochen und jetzt liegt die skelettierte Leiche hier unten seit ein paar Stunden«, betonte Ewe und brach in schallendes Gelächter aus.
4
Die stickige Heizungsluft in seinem Büro im ersten Stock des Präsidiums bekam ihm gar nicht. Wenn er den ganzen Tag nicht an die frische Luft konnte, bekam er spätestens zu Mittag Kopfschmerzen. Das Problem an den alten Heizkörpern hier im Gebäude war, dass sie entweder gar nicht funktionierten oder sich nicht regulieren ließen und permanent heiße Luft produzierten. Sein Büro hatte inzwischen bereits 25 Grad. Florian stützte seine Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab und massierte sich mit den Fingerspitzen die Schläfen. Nach ein paar Minuten stand er genervt auf, lief zum Fenster und öffnete es. Ein Schwall frischer, eiskalter Luft und viele große weiße Schneeflocken strömten in das aufgeheizte Zimmer. Der weiße Puder legte sich auf die Fensterbank und schmolz augenblicklich.
Das Team der Spurensicherung war zusammen mit den Mitarbeitern der Gerichtsmedizin und heute mit den Helfern der bayerischen Bergwacht erneut zum Tatort gefahren, um die Leiche zu bergen. Da wäre er völlig fehl am Platz. Also musste er hier warten und hoffte, dass noch heute die ersten Ergebnisse vorliegen würden. Da Ewe ihm nicht sagen konnte und auch keine grobe Schätzung abgeben wollte, wie lange die Frau bereits tot war, blieb Florian nichts anderes übrig, als mehr oder weniger wahllos die ungeklärten Vermisstenmeldungen der letzten Jahre durchzusehen. Da er die Region schlecht eingrenzen konnte – die Frau konnte schließlich auch aus Berlin oder Hamburg stammen, schließlich war das Allgäu eine beliebte Ferienregion –, war die ganze Angelegenheit zum Scheitern verurteilt. Ewe hatte zwar gestern Abend bereits einige Proben genommen, die ihnen helfen würden, eine DNA zu ermitteln, aber auch hier lagen dem Hauptkommissar aus dem Labor noch keine Ergebnisse vor.
Nachdem Florian ein paarmal tief die frische Winterluft eingeatmet hatte, schloss er das Fenster und klopfte sich die Schneeflocken vom Pullover.
»Mein Gott, ist das kalt hier in deinem Büro«, hörte er eine Stimme hinter sich und fuhr erschrocken herum. In der Tür stand Christian Hanke, der Profiler aus München, mit dem er im letzten Jahr für mehrere Monate zusammengearbeitet hatte und der ihm dann zum Dank seine Freundin Jessica ausgespannt hatte. Florians Gesicht verfinsterte sich, doch Hanke schien es nicht zu bemerken.
»Ich dachte, ich könnte mich hier kurz aufwärmen und einfach mal Hallo sagen«, redete der Profiler unbeirrt weiter, schloss die Tür hinter sich und kam mit weit geöffneten Armen auf Florian zu. »Schließlich haben wir uns ein paar Monate nicht gesehen. Ich war gerade in der Gegend«, erklärte er weiter, blieb dann aber abrupt stehen und ließ die Arme sinken. Mit diesem wütenden Gesicht und den vor der Brust verschränkten Armen würde Florian seine angedeutete Umarmung sicher nicht erwidern.
»Ist irgendwas?«, fragte Christian jetzt leicht verunsichert.
Florian hyperventilierte fast vor Wut, biss die Zähne fest zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. »Ich kann einfach nicht glauben, dass du hier hereinspaziert kommst«, zischte er und es klang bedrohlich, »und dann so tust, als wäre nichts gewesen.«
Hanke hätte verwunderter nicht aussehen können, ging zwei Schritte zurück und ließ sich auf den Stuhl vor Florians Schreibtisch sinken. Dann schüttelte er den Kopf und lächelte zaghaft. »Geht es wieder um Jessica?«, fragte er schließlich vorsichtig, denn bereits im letzten Jahr war der Hauptkommissar phasenweise extrem eifersüchtig auf den Profiler gewesen, obwohl es dafür natürlich nie einen Grund gegeben hatte. Genauso wenig wie es jetzt einen gab, denn Christian Hanke hatte Jessica genau wie Florian seit Monaten nicht gesehen. »Hat sie dich wieder einmal abserviert?«
»Du verdammtes Arschloch«, war alles, was er hörte, bevor ihn ein gezielter Schlag mit der Faust in sein Gesicht vom Stuhl fegte und er der Länge nach auf dem Boden lag. Sofort stemmte er sich hoch und riss die Arme in die Höhe, um einen erneuten Schlag abwehren zu können. Doch Florian stand jetzt wieder am Fenster, hatte ihm den Rücken zugewandt und starrte hinaus, seine Arme über dem Kopf, die Hände in seinen Haaren am Hinterkopf vergraben. Er hörte ihn unverständlich fluchen und schwer atmen.
»Ich schließe aus deiner Reaktion«, sagte Hanke ruhig, aber leicht gereizt und sich das schmerzende Kinn reibend, »dass du und Jessica mal wieder eine Beziehungspause eingelegt habt. Liege ich mit der Vermutung richtig?«
»Eine Beziehungspause?«, fauchte Florian, fuhr wutentbrannt herum und wäre dem Profiler am liebsten an die Gurgel gegangen. »Was stimmt nur nicht mit dir, du elender Sauseckl, blödes Riesenarschloch. Stell di itt dümmer, wia d’ bisch!«
Christian Hanke dachte nach und starrte den Hauptkommissar dabei unverwandt an. Schließlich setzte er sich wieder auf seinen Platz auf den Holzstuhl vor dem Schreibtisch, ließ Florian aber nicht aus den Augen.
»Ich bin jetzt seit knappen drei Wochen wieder in Deutschland, davor war ich vier Monate mit meiner Frau und meiner Tochter in Neuseeland und davor«, betonte er, »warst du noch sehr glücklich mit deiner Jessica, soweit ich mich erinnere. Wann, bitte schön, soll ich dir mit deiner Freundin denn was auch immer angetan haben? Wenn du andeuten willst, ich und Jessica …«, er unterbrach sich und seufzte laut. »Ich schwöre, ich habe niemals auch nur das geringste Interesse an Jessica gehabt, das über eine freundschaftliche Ebene hinausgeht.«
Florian brummte verächtlich. Er glaubte Hanke kein einziges Wort. »Halt deine verdammte Klappe und verschwinde einfach!«
Es klopfte zaghaft an der Tür und Christian sah den Hauptkommissar fragend an, machte aber keine Anstalten, das Büro zu verlassen.
»Ja?«, sagte Florian nach kurzem Zögern und die Tür wurde vorsichtig aufgeschoben.
Jessicas Kopf erschien. Sie schaute suchend im Raum umher und entdeckte schließlich Christian und kurz danach Florian. »Christian? Was machst du denn hier? Bist du zurück aus Neuseeland?« Sie stürmte fast ins Zimmer und fiel dem Münchener Profiler zur Begrüßung spontan um den Hals. »Schön, dich zu sehen.« Dann löste sie sich aus der Umarmung und sah unsicher zu Florian hinüber.
»Was willst du hier?«, blaffte dieser sie rüde an. Jetzt erst sah er die Zettel, die Jessica in der Hand hielt.
»Das Labor hat erste Ergebnisse zu deinem Leichenfund in der Breitachklamm geschickt. Leider an Kommissar Kern und nicht an dich.« Ob sie bedauerte, dass sie hergeschickt wurde und so nicht vermeiden konnte, ihm zu begegnen, oder ob es lediglich eine Floskel war, die man halt so sagte, wenn das Labor mal wieder Faxnummern vertauscht hatte, konnte er nicht ausmachen, doch er nickte und nahm Jessica die Zettel ab.
Als die junge Hauptkommissarin grußlos sein Büro verlassen wollte, rief Christian ihr hinterher: »Hast du deinem Freund denn nicht ausgerichtet, dass ich ein paar Monate in Neuseeland und nicht erreichbar war? Er denkt jetzt, du würdest ihn mit mir betrügen.« Er lief zu ihr, baute sich vor Florians Ex-Freundin auf und versperrte ihr den Weg zur Tür.
Jessica schaute erst zu Florian, dann direkt in Christians Augen und zog fast unmerklich den Kopf ein. Dann nickte sie. »Ja, Christian, genau das sollte er auch denken«, flüsterte sie. »Es tut mir leid.« Dann drängte sie sich an ihm vorbei und verließ fluchtartig das Büro. Die Tür fiel krachend ins Schloss und Florian blieb völlig fassungslos zurück.
»Schick di, Alma!« Mit der flachen Hand schlug sie der Buntgescheckten auf ihr knochiges Hinterteil, drängte sich an der Kuh vorbei, trat in den Gang und wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Dann zog sie ihr Kopftuch zurecht, wischte die Handflächen an ihrer Jeans sauber und machte sich auf den Weg ins Freie.
Die Arbeit im Kuhstall war anstrengend und sehr schweißtreibend. Nicht nur, weil die Mistgabel schwer war, sondern vor allem, weil die ganze Gülle und die großen Körper der Rindviecher die Luft im Stall aufheizten und man vor lauter Gestank kaum atmen konnte. Doch wider Erwarten mochte sie die Kühe, und auch das Melken und Misten machten ihr nichts aus. Kühe waren freundliche Wesen ohne jegliche Arglist oder Falschheit. Eben durch und durch positiv, trotz der widrigen Umstände, in denen sie lebten. Alma und die anderen Kühe hassten den Stall und wollten zurück auf die Weide, doch sie fügten sich mit stoischer Gelassenheit ihrem Schicksal. Im Februar war es einfach noch viel zu kalt da draußen.
Die Hühner dagegen waren anders. Dummes, flatterndes Federvieh, das zu nichts taugte, außer zum Eierlegen. Der Hahn konnte mit seinem penetranten Gekrähe Tote aufwecken, die Hühner scharrten den ganzen lieben langen Tag im Dreck und suchten Körner. Strunzdumm, das Geflügel. Sie mochte die Hühner nicht. Doch das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Ein paar unliebsame Begegnungen mit dem Flattervieh hatten ihre Schwiegermutter schließlich dazu bewegt, sie von dieser Arbeit zu befreien.
Der Hof, auf dem sie seit etwa einem Jahr lebte, war klein. Günther, ihr Mann, besaß gerade einmal acht Kühe, 20 Hühner, ein paar Gänse und zwei Schweine. Das meiste an Fleisch, Eiern und Milch diente dem Eigenbedarf, der klägliche Rest wurde im hofeigenen Laden verkauft, neben Marmelade, selbst geräucherter Wurst, Käse, Obst und Gemüse. Auch den Hofladen betrieb einzig und allein ihre Schwiegermutter Erna, ein herrisches altes Weib, das unzufrieden und immer griesgrämig aus der Wäsche guckte. Es war ein Wunder, dass der Laden so gut lief und sie nicht mit ihrem unhöflichen und unfreundlichen Auftreten die Kundschaft vergraulte. Hier in der Gegend kannte man halt Erna vom Lochbichlerhof.
Doch ohne die kleinen Aushilfsjobs, die ihr Mann Günther in der Umgebung verrichtete, würde der Hof nicht genug abwerfen, um zu dritt einigermaßen sorgenfrei zu leben. Er half anderen Landwirten bei der Ernte und war durchaus talentiert, die eine oder andere Landmaschine, die ihren Geist aufgegeben hatte, mit wenig Aufwand wieder zum Leben zu erwecken. Er hatte sich hier in der Gegend unentbehrlich gemacht, war allseits beliebt und seine Arbeitskraft wie auch seine Gesellschaft war gern gesehen. Neben dem ortsansässigen Schützenverein war er Mitglied im Kegelclub, spielte regelmäßig Karten am Stammtisch im Dorfgasthof und erledigte seine Aufgaben als gelernter Jagdhelfer. Wegen all dieser Tätigkeiten hielt er sich nur selten auf dem Hof auf, und das war es, was sie am meisten an ihm schätzte.
5
»Und ist deine Schätzung denn wirklich korrekt?« Florian hob die Hand und winkte der Kellnerin, die zwei Tische weiter ein älteres Ehepaar bediente, ihm jetzt aber freundlich zunickte und ihm so signalisierte, dass sie gleich an ihren Tisch kommen würde.
»Wenn ich eine Aussage treffe, ist das keine Schätzung, sondern eine exakte Bestimmung des Todeszeitpunktes. Außerdem wollten wir hier nicht über die Arbeit sprechen«, bemerkte Ewe leicht genervt und trank schnell den letzten Schluck des Bieres aus, denn die Kellnerin war schon auf dem Weg zu ihnen.
»Noch ein Weizen, bitte«, rief er ihr entgegen und sah dann zu seinem Freund.
»Für mich auch«, brummte Florian und hielt der jungen Frau an ihrem Tisch wortlos sein leeres Glas entgegen, ohne sie anzusehen.
Erwin Buchmann schüttelte verständnislos den Kopf. »Was ist denn los mit dir? Noch nicht einmal zwei Wochen bei der Arbeit und schon wieder urlaubsreif«, bemerkte er belustigt, als die Bedienung mit den leeren Gläsern und den Tellern abgezogen war. »In Zellamsi warst du eindeutig netter zu den hübschen Kellnerinnen. Und die eben war doch ganz süß.« Ihr gemeinsamer Urlaub im schönen Ort Zell am See in Österreich hatte eigentlich nur aus täglich zwei Stündchen Skifahren und vielen feuchtfröhlichen Stunden Après-Ski auf diversen Hütten bestanden. Florian konnte sich gar nicht erinnern, ob er in den zwei Wochen überhaupt mal richtig nüchtern gewesen war. Jedenfalls ist der liebevolle Begriff »Zellamsi« aufgrund der ständig schweren Zunge und der vielen arabischen und asiatischen Touristen, die es nicht besser wussten, einfach hängengeblieben.
»Zwölf Jahre liegt die Leiche der Frau schon in der Breitachklamm?« Florian ging auf die Bemerkung seines Freundes gar nicht ein. »Und die Todesursache?«
»Mein Gott, Florian, jetzt reicht’s aber.« Ewe sah ihn ärgerlich an. »Ja, zwölf Jahre. Todesursache war ein Genickbruch, DNA ist bestimmt. Steht alles im Bericht, den du dann morgen lesen kannst.«
»Aber …«
»Schluss jetzt. Trink!«, befahl Ewe, als die junge Kellnerin das Bier brachte und Florian zuzwinkerte. Der lächelte nur etwas gequält, griff nach dem Glas auf dem Tisch, aber anstatt einen Schluck zu nehmen, stellte er es zurück und ließ es gleich wieder los. Dann rieb er sich mit beiden Händen über das Gesicht.
»Mit der Arbeit lenkst du dich nur ab«, stellte Florians Freund besorgt fest. »Was ist los mit dir?«, wiederholte er, hob sein eigenes Glas und stieß es sanft klirrend gegen das zweite. »Trink!«
»Christian hat mich heute auf dem Präsidium besucht«, erwähnte Florian schließlich fast tonlos.
»Dass das Arschloch sich noch in deine Nähe traut, nach allem, was er dir angetan hat.« Ewe schüttelte fassungslos seinen Kopf. »Der ist sich wohl nicht bewusst, wie wir Allgäuer so etwas regeln. Der hätte sich leicht eine fangen können, der Idiot.«
»Hat er ja.«
»Was hat er?«
»Hab ihm voll eine …!« Ganz unbewusst rieb sich Florian die rechte Hand, die zur Faust geballt war, starrte dann auf seine Hände und fuhr sich schließlich nervös durchs Haar.
Als er aufsah, lächelte Ewe zufrieden und nickte. »Er hat es verdient«, schloss der junge Gerichtsmediziner und nickte zur Bekräftigung seiner Worte. »Niemand spannt einem Allgäuer ungestraft seine Freundin aus.«
»Das ist ja das Problem«, fuhr Florian nach kurzem Zögern fort. »Die Sache mit Jessica ist nie passiert.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Ach, scheiße, Mann. Jessica hat mich nicht betrogen. Das hat sie nur behauptet, um mich ganz schnell loszuwerden. Und ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum.«
»Versteh mir einer die Frauen«, sagte Ewe nach kurzem Zögern und versuchte noch einmal, seinen Freund zum Trinken zu animieren, indem er sein Weizenglas anhob und ihm zuprostete.
»Wem sagst du das.« Florian nickte heftig. »Ich hab ja schon Schwierigkeiten, die Allgäuer Frauenwelt zu verstehen, aber die norddeutschen Frauen sind um Längen schlimmer. Es ist, als würde man eine andere Sprache sprechen.« Dann griff er endlich nach seinem Bierglas, hielt aber erneut inne. Der Ausdruck auf seinem Gesicht verriet, dass er angestrengt nachdachte. Schließlich nickte er erneut. »Es ist tatsächlich eine andere Sprache, die wir sprechen. Es ist nicht gut, sich mit Frauen einzulassen, die eine völlig andere Mentalität haben als man selbst. Schluss mit der Sache. Prost, Ewe.«
Der Gerichtsmediziner trank einen großen Schluck aus seinem Glas und sah seinen Freund dann lange und durchdringend an. Er begriff, dass Florian mit der Angelegenheit noch nicht abgeschlossen hatte und Jessica nicht so leicht aufgeben konnte, wie er behauptete.
»Du bist mein Freund, also darf ich es geradeheraus sagen: Du bist ein Idiot, wenn du nicht siehst, dass du und Jessica, dass ihr euch ähnlicher gar nicht sein könnt. Beide Sturschädel, beide rechthaberisch, beide starke Persönlichkeiten, die sich nie etwas sagen lassen. Gleiche Mentalität – gleiche Art Probleme zu lösen, nämlich durch Vermeidung und Weglaufen. Daran kann es also wirklich nicht liegen! Ihr sprecht absolut die gleiche Sprache!«
»Gibt es schon Neuigkeiten von der Staatsanwaltschaft?«, wollte Hauptkommissar Kern wissen. Er saß wie üblich in seinem bequemen Lederstuhl hinter seinem Schreibtisch und nippte vorsichtig an der Tasse mit dem heißen Kakao, den Jessica ihm aus der kleinen Teeküche im zweiten Stock mitgebracht hatte. »Sobald wir die Unterschrift haben, planen wir den Einsatz. Reischmann und Willig sind mir als Unterstützung zugeteilt.«
»Noch ist nichts gekommen. Ich kann noch mal anrufen«, bot Jessica an und griff schon nach dem Hörer.
»Himmel, nein. Es ist doch schon 14 Uhr«, fuhr Kern dazwischen. »Wenn wir den Wisch in der nächsten Stunde kriegen, dann müssen wir heute noch los.« Er schüttelte heftig den Kopf und lächelte dann wissend. »Sie müssen noch viel lernen, Fräulein Grothe.«
Jessica drehte sich um und rollte mit den Augen, atmete tief ein und aus und ging dann zurück zu ihrem Schreibtisch. Was dachte ihr Kollege sich nur dabei, sie »Fräulein« zu nennen. Sie war doch nicht seine Sekretärin oder gar Dienstmagd. Bereits mehrmals hatte sie daran gedacht, ihm das Du anzubieten, um diese ungeliebte Anrede zu umgehen, doch das konnte sie nicht tun. Er war beinahe doppelt so alt wie sie. Das gehörte sich einfach nicht.
»Wäre es nicht besser, wir würden abends die Razzia durchführen, Herr Kern?«, schlug sie zum wiederholten Male vor. »Immerhin geht es um einen Club. Da ist doch am Nachmittag noch nichts los.«
»Und das ist gut so«, bestimmte Hauptkommissar Kern und nickte. »Ich stürme bestimmt keinen Puff mit zwei Frischlingen und einer zierlichen Blondine, Fräulein Grothe. Haben Sie eine Vorstellung, was dort für ein Gesocks rumhängt? Da müsste ich um unser aller Sicherheit fürchten.«
»Erfahrungsgemäß kann ich da nur sagen, dass abends die Wahrscheinlichkeit höher ist, die großen Fische zu erwischen. Und das ist doch der Sinn der Sache, oder?«
»Nicht für mich«, sagte Kern lächelnd und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Ob wir jemanden verhaften oder nicht, ist völlig irrelevant. Die Kriminalitätsrate wird durch zwei oder drei Verhaftungen mehr kaum merklich sinken. Das ist wie ein Kampf gegen Windmühlen. Sie müssen da viel entspannter werden, Fräulein Grothe.«
»Hören Sie verdammt noch mal auf, mich ›Fräulein‹ zu nennen«, explodierte Jessica urplötzlich. »Ich heiße Frau Grothe, oder eben Jessica, Herr Kern!«
Der Hauptkommissar stand langsam von seinem Platz auf und ging mit versteinerter Miene um den Schreibtisch herum, verschränkte die Arme vor seiner Brust und starrte seine junge Kollegin wortlos an.
Und Jessica starrte ungeniert zurück.
Dann lächelte Kern etwas überheblich. »Eine andere Anrede als diese müssen Sie sich bei mir erst einmal verdienen, Fräulein Grothe!«
Alexander Richter sah den Hauptkommissar kritisch von oben bis unten an.
»Falls du vorhast, am Training teilzunehmen«, begann er und grinste breit, »kann ich dir sagen: Gegen meine Jungs siehst du echt alt aus, Flo.«
»Sehr witzig, Alex.«
Die letzten zwei Arbeitstage waren hart gewesen. Das lag weniger daran, dass die Arbeit besonders stressig war, als vielmehr an der Tatsache, dass er nach dem Abend mit Ewe einfach zu wenig Schlaf bekommen hatte. Heute hatte er frei, hatte endlich mal wieder sieben Stunden am Stück geschlafen und genoss den Tag bei einer ausgiebigen Joggingrunde durch Durach und am Sportplatz vorbei. Die kalten Temperaturen machten ihm wenig aus. Es hatte seit zwei Tagen nicht mehr geschneit und die Wege waren gut geräumt und gestreut.
»Warum trainierst du draußen? Ich dachte, Rugby ist so ein Ding mit auf den Boden werfen und sich im Dreck suhlen. Das könnte bei den Minusgraden und dem gefrorenen Rasen sehr schmerzhaft werden.« Florian beobachtete die Jungs, die in einer großen Runde am Rand des Spielfeldes entlangliefen und sich dabei lachend miteinander unterhielten. Keiner der jungen Männer war älter als 25 Jahre, schätzte er, doch nahezu alle waren muskelbepackt und extrem durchtrainiert und breitschultrig.
»Die Jungs laufen sich nur ein wenig warm, dann geht’s zum Krafttraining«, erklärte Alex und brüllte ein paar Befehle über den Sportplatz. »Außerdem verwechselst du diese Sportart wohl mit American Football. Rugby ist ein sehr taktisch geprägter Sport. Gibt es eigentlich schon etwas Neues im Wiedemann-Fall?«
Florian schüttelte den Kopf. »Auf den Überwachungsvideos, die du uns gegeben hast, ist nichts Verwertbares zu finden. Einmal sieht man einen Schatten, mehr nicht. Wieso ist die Haustür eigentlich nicht visuell überwacht, wenn doch ansonsten das ganze Haus von allen Seiten gefilmt wird?«
»Ja, das ist auch so eine Sache.« Alexander Richter lehnte sich rückwärts an den Zaun, der den Sportplatz von der Straße abtrennte, und rieb sich mit der rechten Hand über das Gesicht.
»Das Gerät ist zwei Tage vor dem Vorfall ausgefallen, ausgerechnet«, fluchte Alex und ballte die Hände zu Fäusten.
»Ist euch das bei Richter Security denn nicht aufgefallen?«, fragte Florian und begann, ein wenig auf der Stelle zu hüpfen. Wenn er sich bei diesen Temperaturen nicht bewegte, war es trotz langer Unterhose, Schal und Mütze in seiner Joggingkleidung ziemlich kalt.
»Natürlich ist es uns aufgefallen«, erklärte der Rugbytrainer. »Wir haben Dr. Wiedemann auch umgehend informiert, doch er wollte aufgrund seiner mehrtägigen Abwesenheit die Reparatur erst eine Woche später vornehmen lassen. Jetzt allerdings behauptet er, er hätte nicht einschätzen können, wie gefährlich so eine ausgefallene Kamera für die Sicherheit seines Hauses und seiner Frau ist. Er droht, Richter Security zu verklagen, weil wir die Situation unterschätzt und ihm nicht eindringlich genug die Risiken vermittelt hätten.« Nun seufzte er vernehmlich.
»Glaubst du, die Kamera ist absichtlich zerstört worden?«, fragte Florian. »Das würde hervorragend zu einem geplanten Einbruch passen.«
»Kann sein. Wir überprüfen das Gerät gerade. Aber ist denn überhaupt etwas gestohlen worden?«
»Monika Wiedemann, die Ehefrau, vermisst ihre Kette. Irgendein mit Diamanten besetztes Teil aus Platin. Ist laut Expertise über 25.000 Euro wert. Mehr fehlt scheinbar nicht.«
»Oh Mann, das ist nicht gut für das Image meiner Firma«, bemerkte Richter, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über den Nasenrücken und kniff die Augen fest zusammen. »Scheiße.«
»Wird schon, Alex.« Florian boxte ihm aufmunternd gegen den Oberarm. »Ich muss weiter. Ruf mich an, wenn du weißt, was mit der Kamera passiert ist, okay?«
Als Alexander Richter nickte, hob Florian zum Gruß noch einmal die Hand und setzte seine Joggingrunde fort.
6
Die Weste war steif und schwer. Sie wog mehrere Kilo und presste sich an den Oberkörper. Es war unangenehm, das Teil zu tragen. Auch das Atmen war anstrengender, weil man nicht nur das Gewicht des Brustkorbs, sondern auch das der Bleiweste heben und senken musste. Damals auf der Polizeischule hatte sie einmal an einem Leistungstest teilgenommen, der verdeutlichte, wie sehr das Gewicht der Weste die Ausdauer beeinflusste. Normalerweise lief sie eine Stunde auf dem Laufband, ohne großartig ins Schwitzen zu kommen. Mit Weste musste sie bereits nach einer Viertelstunde völlig entkräftet abbrechen.
»Wir haben Verstärkung bekommen«, verkündete Hauptkommissar Kern, schob sein Handy, mit dem er eben telefoniert hatte, in die Brusttasche seiner Lederjacke und griff nach seiner Weste. »Zwei weitere Beamte kommen separat und treffen sich mit uns in der Seitenstraße gegenüber des Einsatzortes.« Er sah sich in der Runde im Einsatzfahrzeug um. Reischmann und Willig, beide Anfang 20, wenig Erfahrung und sichtlich nervös. Des Weiteren seine neue Kollegin Jessica Grothe – sie schaute verbissen aus dem Fenster, als der Kleinbus in Richtung Innenstadt abbog. Sie hatte laut eigener Aussage bereits an solchen Einsätzen teilgenommen, doch war sie eine zierliche Frau. Ein Krimineller ohne Skrupel würde sie einfach über den Haufen rennen. Einem Mann hatte sie kräftemäßig nichts entgegenzusetzen. Kern machte sich Sorgen um seine drei Schützlinge. Bei einer Drogenrazzia waren meist auch Schusswaffen involviert. Er hoffte inständig, dass alles nach Plan verlief. Für die Verstärkung durch zwei weitere Beamte war er deshalb sehr dankbar. Auch, weil er eigentlich nicht damit gerechnet hatte, denn das Präsidium war aufgrund diverser Krankheitsfälle seit Wochen unterbesetzt. Doch der Einsatz konnte nicht warten. Insider hatten verraten, dass die verdächtigen Drogenhändler sich in Kürze absetzen wollten.
»Ich erwarte, dass sich alle Anwesenden genau an meine Anweisungen halten«, beschwor er die drei, als der Kleinbus hielt. Alle nickten. »Da kommt ja schon der Streifenwagen.«
Jessica Grothe schloss kurz die Augen, als sie sah, wer aus dem Auto hinter ihnen stieg.
»Guten Abend, Herr Hauptkommissar«, begrüßte Florian Forster den älteren Kollegen und reichte ihm die Hand. Neben ihm stand Hauptkommissar Dietmar Heller, ein sehr erfahrener Beamter mittleren Alters, und lächelte freundlich. »Wie sieht Ihr Plan aus?«
»Das Gebäude hat zwei Eingänge«, begann Kern zu berichten, holte einen Grundrissplan hervor und faltete ihn auseinander. »Die Tür vorne ist nicht das Problem. Der Bereich ist übersichtlich, da er in einen Flur führt mit nur einem einzigen Durchgang zum Barbereich. Die Front ist also gut zu sichern.«
Jetzt deutete er auf den Hof hinter dem Gebäude. »Die Hintertür ist eine kleine Holztür, die laut unserem Informanten nicht verschlossen ist, da der Hof von den Gästen zum Rauchen genutzt wird. Dahinter allerdings befindet sich ein Gang mit diversen Türen zu Waschräumen, zum Getränkelager und einem Aufenthaltsraum. Da sieht’s etwas kritischer aus.«
»Verstehe«, sagte Florian nur. »Und was ist mit diesen Fenstern? Sind das eventuelle Fluchtmöglichkeiten?« Er deutete auf eine Fensterfront an der Seite des Gebäudes. Die andere Seite grenzte fensterlos an das Nebengebäude.
»Ja«, bestätigte Hauptkommissar Kern. »Auch wissen wir nicht sicher, ob es einen Zugang zum Nebengebäude gibt, deshalb schlage ich vor, dass wir sehr zügig arbeiten und so viele Personen festsetzen wie irgend möglich. Am besten wird es sein, wenn wir alle im Barbereich zusammentreiben. Dieser Raum hat nur zwei Zugänge und keine Fenster.«
»Gut.« Forster nickte. »Dann sollten wir drei Teams bilden.«
Hauptkommissar Kern sah sich in der sechsköpfigen Runde um. Es war klar, dass immer ein erfahrener Beamter mit einem Frischling arbeiten musste, doch für den Hintereingang bräuchten sie eigentlich mindestens zwei erfahrene Polizisten. Sein Blick blieb an Jessica Grothe hängen, dann nickte er, als er die denkbar beste Entscheidung getroffen hatte.
»Heller und Reischmann sichern die Seitenfenster«, befahl er schließlich. »Wenn ich mich über Funk melde, kommen Sie rein.«
Hauptkommissar Heller nickte und der junge Kommissar Reischmann stellte sich neben den älteren Kollegen.
»Forster«, sprach Kern jetzt Florian direkt an. »Sie würde ich gern an den Hintereingang schicken.«
Ob es eine Bitte oder nur ein Vorschlag war, wusste Florian nicht, doch er stellte die Entscheidung nicht infrage, sondern nickte ebenfalls.
»Sie bekommen Hauptkommissarin Grothe an Ihre Seite. Sie hat im Gegensatz zu Kommissar Willig etwas mehr Erfahrung«, fuhr er fort. »Willig und ich gehen vorne rein. Alles klar soweit? Wir stehen in Funkkontakt.«
Wieder nickten alle und Florian sah verstohlen zu Jessica hinüber, die so tat, als würde ihre Weste nicht richtig sitzen. Sie zog die Klettverschlüsse fester und atmete mehrmals tief durch. Ihr Atem verwandelte sich in der Winterkälte in weiße Nebelschwaden.
Der Innenhof hinter dem Club war menschenleer, doch aus den Fenstern der Nebengebäude drang genug Licht, um den ganzen Bereich zu erhellen, sodass sie alles sehen konnten, obwohl es schon nach 19 Uhr und eigentlich bereits stockdunkel war.
»Jessy?« Florian, die Hand bereits auf der Klinke der kleinen Holztür, wartete nur noch auf den Befehl von Hauptkommissar Kern. Mit der freien Hand kontrollierte er, ob der Knopf in seinem Ohr richtig saß.
»Was denn?«, fragte Jessica, griff nach ihrer Waffe, zog sie aus dem Halfter und entsicherte sie. Dann stellte sie sich neben Florian.
Der aber schob sie mit ausgestrecktem Arm hinter seinen Rücken. »Du bleibst dicht hinter mir, verstanden?«
»Aber das ist doch Schwachsinn. Hinter dir bin ich doch überhaupt keine Hilfe«, fauchte sie flüsternd. »Ich nehme die zwei Türen rechts, du die Türen links.«
»Du bleibst dicht hinter mir.« Der Befehl klang unerbittlich, fast schon drohend.
Jessica nickte zwar, sah Florian aber wütend an.
»Forster? Grothe? Sie gehen leise rein und kontrollieren die hinteren Räume«, hörten sie plötzlich die Stimme von Hauptkommissar Kern in ihren Headsets. »Sobald Sie eine Person entdecken, geben Sie Laut und wir stürmen vorn.«
»Klar, Boss«, flüsterte Florian und drückte die Klinke hinunter.
»Und, Grothe«, wieder erklang die Stimme von Kern, »Sie bleiben wirklich hinter Forster. Das ist ein Befehl. Wir wollen Sie nämlich beide nicht verlieren.«
Florian grinste breit, als er sich ein letztes Mal zu Jessica umsah. Dann schob er langsam die Hintertür auf und trat in den schmalen Gang.
»Laut Plan ist das hier das Lager.« Florian deutete auf die erste Tür auf der rechten Seite. Er vergewisserte sich, ob Jessica hinter ihm stand und ob die Durchgangstür zum Barbereich zehn Meter vor ihnen zu war. »Du sicherst den Gang. Ist die Hintertür jetzt verschlossen?«
Als Jessica nickte und den kleinen Schlüssel in die Höhe hielt, der innen im Schloss gesteckt hatte, verschwand Florian im Lagerraum, sah sich kurz um und kam sofort wieder heraus.
»Keiner drin«, flüsterte er und verschwand fast augenblicklich hinter der Tür gegenüber.
»Kripo Kempten«, hörte Jessica ihn sagen und starrte auf die Tür, hinter der Florian verschwunden war. Der abgewetzte kleine hellblaue Aufkleber, auf dem ein eindeutig männliches Strichmännchen abgebildet war, verriet, was sich hinter der Tür befand. »Kommen Sie bitte mit. Hose zu, Spülen nicht vergessen.«
Hauptkommissar Kern meldete sich über Funk und wollte wissen, ob sie alles überprüft hatten, als die Tür aufging und ein älterer Mann in Jeans und Kapuzenpullover aus der Toilette torkelte und nur nicht umfiel, weil Florian ihn im Nacken und am linken Oberarm festhielt und vor sich herschob.
»Wow«, lallte der Typ. »Heiß, die Uniform.« Er stolperte und fiel Jessica direkt in die Arme. »Du bisch neu hier, oder?« Sein Atem roch unangenehm säuerlich nach schalem Bier und Zigaretten.
Jessica befreite sich und schubste den Mann brutal an die gegenüberliegende Wand. »Fass mich nicht an«, fauchte sie und schaute dann ärgerlich zu Florian, der ihr leicht belustigt zuzwinkerte.
»Tut mir leid«, flüsterte er trotzdem, drückte sich in dem schmalen Gang an den beiden vorbei, um kurz darauf vor der Tür mit dem rosa Aufkleber und dem weiblichen Strichmännchen stehenzubleiben.
»Das Ding hat Brüste«, sagte er leicht irritiert.
Erneut drang Kerns Stimme aus dem Headset.
Erst jetzt reagierte Florian auf Kerns Anfrage. »Nein, Kern, noch nicht. Wir haben noch zwei Türen.«
Er sah sich zu Jessica um, die den sturzbetrunkenen, aber ansonsten völlig harmlosen Mann immer noch auf Armeslänge von sich fernhielt.
»Geh du rein«, schlug er vor. »Das ist das Damenklo.«
Doch der Raum war leer wie zuvor schon das Lager.
»Wir schicken ihn zurück an die Bar«, schlug Jessica vor und deutete mit einer Kopfbewegung zu dem Betrunkenen, der inzwischen langsam die Wand hinunterrutschte und dabei leise vor sich hin summte. Aus dem letzten Raum drangen mehrere Stimmen und Musik. »Da müssen wir zusammen rein.«
»Gut«, stimmte Florian zu und sprach den Mann an. »Hey, Sie …!«
»Ich mach das schon«, unterbrach ihn Jessica, ging zu dem Betrunkenen hinüber und half ihm wieder auf die Beine.
»Hey, Süßer«, hauchte sie ihm ins Ohr. »Geh doch schon vor an die Bar und bestelle mir einen Cocktail. Ich komme gleich nach.«
»Mmh, jaaaaa«, lallte der Typ, grinste etwas debil und rollte mit den Augen. Dann schwankte er durch den Gang, ging durch die Tür und war verschwunden.
»Okay«, sagte Florian nur, riss sich von dem Bild los, das die Szene gerade in ihm ausgelöst hatte, und schüttelte den Kopf. »Ähm, Kern? Wir holen jetzt noch ein paar Leute aus dem letzten Raum. Geben Sie uns noch eine Minute, dann können Sie vorne stürmen. Fenster sind alle gesichert, die Hintertür ist verschlossen.«
»Heller? Reischmann? Kommen Sie nach vorn. Wir gehen rein«, hörte Jessica die Stimme ihres Vorgesetzten in ihrem Ohr.
Das weiße Pulver auf dem Tisch war das Erste, was Jessica auffiel, als sie sich einen schnellen Überblick verschaffte. Fünf Personen, alles leicht bekleidete Frauen, drei stehend, zwei am Tisch sitzend. Und dann das Kokain, ordentlich mit einer Kreditkarte zusammengeschoben zu zwei schmalen weißen Linien.
»Mist!« Eine schnelle Handbewegung fegte den Puder vom Tisch und verteilte ihn als hellen Staub auf dem dunkelbraunen Teppichboden.
»Bist du verrückt«, rief die Rothaarige am Tisch entsetzt, sprang dann aber erschrocken auf, als sie die beiden Beamten in Uniform in der Tür entdeckte. Der Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, fiel scheppernd zu Boden.
»Kripo Kempten, Hauptkommissar Forster«, stellte sich Florian vor. »Würden Sie bitte alle mitkommen.« Er deutete auf die offene Tür. »Halten Sie außerdem Ihre Ausweise bereit.«
»Das war nur für den Eigenbedarf«, stammelte die Rothaarige, stellte den Stuhl wieder auf, setzte sich und lächelte gelassen. Sie war mit Abstand die Älteste hier im Raum und hatte sowohl als Tänzerin als auch als Prostituierte ihre beste Zeit schon lange hinter sich. »Nur, falls Sie beide hier eben irgendetwas gesehen haben«, ergänzte sie und zwinkerte dem Hauptkommissar herausfordernd zu.
»Ich habe jedenfalls gesehen, dass Sie kein Haschisch konsumiert haben«, entgegnete Florian und starrte die Rothaarige drohend an, bevor er ein gewinnendes Lächeln aufsetzte. »Sie können mir ja nachher erzählen, wer Ihnen das Zeug gegeben hat, vielleicht vergesse ich dann, was ich gesehen habe. Meine Damen, darf ich jetzt bitten?« Er zeigte wieder auf die Tür.
In diesem Moment brach im vorderen Bereich des Clubs ein Tumult aus. Menschen schrien, es polterte, die Beamten brüllten Befehle, Glas zerbrach. Dann fiel ein Schuss.
»Scheiße«, fluchte Forster. »Du kümmerst dich um die Frauen.« Er drehte sich auf dem Absatz um, zog seine Dienstwaffe und rannte Richtung Bar.
»Willig, kommen Sie nach vorn!«, hörte Jessica die hektische Stimme von Hauptkommissar Kern. »Heller, wo sind Sie? Ich brauche Verstärkung. Forster, Grothe, wir brauchen Unterstützung.« Wieder fielen Schüsse.
»Die Schlüssel«, sagte Jessica und sah sich im Raum um. Ihr Blick blieb an der Rothaarigen am Tisch hängen. »Schlüssel! Sofort!«, brüllte sie.
»Wieso?«
»Entweder Sie geben mir jetzt die Schlüssel«, fauchte Jessica wütend, zog ihre Waffe und richtete sie auf die rothaarige Frau, »oder Sie gehen alle zusammen mit mir nach vorn.« Sie streckte die freie Hand aus und ging auf den Tisch zu.
»Da geh ich bestimmt nicht hin«, sagte die Frau und warf Jessica einen Schlüsselbund zu. »Hauptsache, Sie lassen uns später auch wieder frei.«
Mit dem Fuß schob sie die Tür langsam einen Spaltbreit auf und schaute vorsichtig in den matt beleuchteten Raum mit den Stehtischen, den mit rotem Samt bezogenen Sofas in den Nischen auf der linken Seite und der gut zehn Meter langen Theke vor der rechten Wand.
Alles war still. Vor der Bar lagen drei Männer bäuchlings auf dem Boden, die Hände auf ihren Hinterköpfen verschränkt. Einer von ihnen war der betrunkene Typ aus dem Gang, ein anderer scheinbar der Barkeeper, denn er trug ein Hemd, auf dessen Rückseite das Emblem des Clubs prangte. Der dritte war mindestens zwei Meter groß und breitschultrig. Berthold Willig legte ihm gerade Handschellen an, während der junge Kommissar Reischmann die drei mit seiner Waffe in Schach hielt.
»Was war denn hier los, Berthold?«, fragte Jessica, betrat den Raum und schaute sich erneut nach allen Seiten um. »Und wo sind die anderen?«
»Oh, Jessica!« Berthold schaute kurz auf, konzentrierte sich dann aber wieder auf seine Arbeit. »Da kam jemand aus dem Büro dort hinten und hat geschossen.«
Erst jetzt bemerkte Jessica die offen stehende Tür auf der anderen Seite des Raumes. Dieser Raum war im Grundrissplan nicht eingezeichnet gewesen.
»Ist noch jemand drin?«, fragte sie und schritt langsam auf die besagte Tür zu, ihre Waffe schussbereit vor sich.
»Hauptkommissar Kern hat schon nachgesehen. Keiner mehr drin. Der Schütze ist da lang, Kern und die anderen sind hinterher.« Berthold wies auf die breite Holztreppe neben der Bar, die in den ersten Stock führte.
Wieder fielen Schüsse. Jemand rief etwas, doch es war keiner ihrer Kollegen, denn ihr Ohrknopf übertrug keine Signale.
»Ich gehe hoch«, entschied Jessica, hielt dabei aber das kleine Mikro zu, das ihre Stimme übertragen hätte, und legte die Schlüssel auf einen der Stehtische, der nicht umgefallen war.
»Dort hinten, erste Tür links, habe ich fünf Personen eingesperrt. Bringt diese hier auch nach hinten, sperrt sie ein und postiert euch dann unten an der Treppe.« Sie lief los, nahm immer zwei Stufen auf einmal, bis die Treppe einen Bogen machte und das obere Stockwerk sichtbar wurde.
»Wo seid ihr?«, flüsterte sie ins Mikro und hoffte auf Antwort von einem ihrer Kollegen.
»Jessica?« Es war Florian, den sie hörte. »Bleib, wo du bist. Der vordere Gang oben hat viele Türen, das ist zu gefährlich. Wir haben uns in den Nebenflur retten können und sitzen hier fest.«
Sie hörte jemanden unterdrückt stöhnen und dann die Stimme von Hauptkommissar Kern, der beruhigend auf seine Leute einredete. Sie ignorierte Florians Anweisung, schlich die letzten Stufen hinauf und schaute blitzschnell kurz um die Ecke.
Wieder fielen Schüsse, dieses Mal in ihre Richtung. Neben ihr schlug eine Kugel in das Treppengeländer ein. Holzsplitter flogen durch die Luft.
»Bist du etwa schon an der Treppe? Verdammt, Jessy!«
»Reg dich ab, Florian. Die beiden waren schon auf dem Weg zu euch, als ich um die Ecke gesehen habe«, berichtete Jessica. »Wir sollten jetzt schnell sein.«
Nach kurzem Zögern und ein paar schweren Atemzügen hörte sie Florians Stimme in ihrem Ohr.
»Gut. Was schlägst du vor?«
»Sind es mehr als zwei?«
»Keine Ahnung. Bisher haben wir nur zwei gesehen«, kam dieses Mal die Antwort von Hauptkommissar Kern. »Aber wir müssen uns beeilen, Heller braucht dringend einen Arzt«, ermahnte er. »Was schlagen Sie also vor, Frau Grothe?«
»Ich werde jetzt in den Gang treten und vier Mal schießen. Genau vier Mal. Achtet darauf, dass ihr euch nicht verzählt, denn die zwei Typen werden sicher auch schießen. Vier Mal«, beschwor sie ihre Kollegen. »Danach rennt ihr aus dem Neben- in den Hauptgang und macht sie kalt.«
Es kam keine Antwort. Kein einziger Laut drang durch die Funkverbindung.
»Habt ihr eine bessere Idee?«
»Sie schießt wirklich gut, Kern. Sie wird uns schon nicht in den Rücken schießen«, hörte sie wieder Florians Stimme. »Heller hält nicht mehr lange durch.«
»Ist gut, dann los.«
Jessica schloss kurz die Augen, fühlte die Waffe, die sie fest in beiden Händen hielt, atmete tief durch und sprang dann in den ungeschützten Gang.
Das Erste, was sie sah, war ein wütend aussehender, großer Mann mit pechschwarzem Haar, der mit einer Waffe auf sie zielte und sofort schoss.
Die Kugel zischte durch die Luft und verfehlte nur um wenige Zentimeter ihren Kopf.
Ihr erster Schuss ging daneben. Er schlug auf Höhe seines Brustkorbes in den zehn Meter entfernten Türrahmen schräg hinter ihm ein, ihre zweite Kugel traf seinen Arm, die Wucht riss ihn von den Beinen. Er torkelte und fiel gegen die Wand, schrie schmerzerfüllt auf, ließ aber die Pistole nicht los. Stattdessen schoss er in die Decke.
Ein zweiter Mann, etwas kleiner, mit blondem, viel zu langem Haar, zielte über die Schulter ihres ersten Gegners und schoss dreimal schnell hintereinander. Jessica sprang in die Nische gegenüber der Treppe, schoss wahllos zweimal durch den langen Flur und spähte um die Ecke.
Forster und Kern traten unmittelbar nach den vier Schüssen von Jessica aus dem Seitenflur und feuerten auf die beiden Männer, die sich nun blitzschnell ins Zimmer hinter ihnen flüchteten. Florian und Kern liefen auf die Tür zu, die hinter den Schützen ins Schloss gefallen war.
Florian postierte sich links und Hauptkommissar Kern rechts an der Wand neben der Tür.
»Geht’s dir gut?«, hörte Jessica Florian flüstern, trat aus der Nische und nickte. Dann richtete sie ihre Waffe auf die Tür und schritt langsam durch den Flur.
»Ich schieße wieder vier Mal«, sagte sie, sah die beiden Männer an und nickte dann. »Genau vier Mal. Danach stürmt ihr das Zimmer und ich halte euch den Rücken frei.«
Kern griff nach der Türklinke und stieß die Tür mit Schwung auf, dann ging er in Deckung.
Und Jessica schoss, zielte durch die offene Tür, traf einen Schreibtisch, der vor einem vergitterten Fenster in dem Zimmer stand, schoss ein zweites und ein drittes Mal und hatte den Flur schon zur Hälfte durchquert, als sie ihren Kollegen »Jetzt!« zurief und ein viertes Mal schoss.
Es war inzwischen kurz vor Mitternacht, alle waren müde und total erledigt, doch es war wichtig, nach so einem nervenaufreibenden Einsatz gemeinsam zur Ruhe zu kommen und noch ein bisschen zu reden. Deshalb hatte Hauptkommissar Kern seine Truppe zu später Stunde noch in eine Kneipe zu einem Bier eingeladen. Jetzt saßen alle um einen großen Tisch in einem recht ruhigen Bereich des Gastraumes, tranken, redeten und lachten, und alle Anspannung der letzten Stunden fiel von ihnen ab.
Hauptkommissar Heller war mit einem glatten Durchschuss in der Schulter ins Krankenhaus eingeliefert worden und hatte schon wieder Witze gerissen, als die Wirkung des Schmerzmittels einsetzte, das der Notarzt ihm gespritzt hatte. Alle anderen waren unverletzt.
Den gesuchten Drogenhändler hatten sie nicht erwischt, wohl aber seine zwei Unterhändler, die den Beamten der Nachtschicht jetzt gerade genügend Informationen lieferten, um eine Fahndung nach ihrem Boss auszuschreiben – mit präziseren Angaben, als sie sie bisher hatten.
»Ich erhebe mein Glas und bedanke mich für die gute Zusammenarbeit. Großartiger Einsatz, der trotz anfänglicher Pannen zu einem guten Ende gefunden hat.« Hauptkommissar Kern stand an der Stirnseite des langen Tisches und prostete allen zu. »Kommissar Willig, Kommissar Reischmann, Sie sind zwar noch grün hinter den Ohren, haben mich aber dennoch sehr positiv überrascht. Gute Arbeit, Jungs.«
Berthold grinste breit.
Jetzt erhob Kern sein Glas in Richtung Hauptkommissar Forster. »Danke«, sagte er nur. »Für alles.«
Florian hob ebenfalls sein Glas und nickte Kern anerkennend zu.
Dann war Jessica an der Reihe. Zuerst sah Hauptkommissar Kern seine junge Kollegin lange an. Schließlich lächelte er. »Großartige Mitarbeit, Jessica. Ich bin übrigens Detlef.«
Zufrieden lächelnd nippte sie an ihrem Glas und stellte es auf den Tisch zurück. Sie würde sich für ihren Einsatz und ihr scheinbar unkontrolliertes Trommelfeuer in den nächsten Tagen mit Sicherheit rechtfertigen müssen. Der Dauerbeschuss auf Verbrecher welcher Art auch immer war gänzlich unüblich und wurde im Polizeidienst nicht toleriert. Trotzdem hatte ihr Einsatz seinen Zweck erfüllt und schließlich zur Verhaftung zweier lang gesuchter Krimineller geführt. Außerdem, und das war für sie bei Weitem wichtiger, hatte es ihr die persönliche Anerkennung ihres Kollegen Kern beschert, auf die sie bisher vergeblich gewartet hatte.
Er respektierte sie jetzt.
Endlich.
Erst nach über zwei Stunden verließen sie schließlich alle gemeinsam die Kneipe und machten sich auf den Heimweg.
»Ich bring dich«, sagte Florian, schob die Hände in die Taschen seiner dunkelblauen Uniformhose und ging neben Jessica den breiten Fußweg entlang.
»Brauchst du nicht.« Jessica schüttelte heftig den Kopf. »Ich hab’s nicht weit. Wohne hier ja gleich um die Ecke.«
»Ich weiß«, antwortete Florian. »Trotzdem. Du gehst nicht allein.«
Jessica lachte schallend. »Ich habe eine Waffe, Florian. Wer, bitte schön, sollte es also wagen, mich zu überfallen?« Sie blieb stehen und schaute ihren Ex-Freund belustigt an.
Florian hielt ihrem Blick stand. »Ich bring dich trotzdem heim«, bestimmte er dann und setzte sich wieder in Bewegung. »Komm. Es ist kalt.« Doch so kalt konnte ihm gar nicht sein. Er hatte weder seine Jacke geschlossen, noch trug er Schal oder Mütze.
Sie liefen schweigend nebeneinanderher. Die Stadt war still, die Straßen waren von den Laternen hell erleuchtet. Kein Auto fuhr unter der Woche um diese Zeit, mitten in der Nacht. Jeder, der morgen zur Arbeit musste, lag bereits seit Stunden im Bett.
Der große Platz vor dem Rathaus war gespenstisch leer. Im Sommer standen überall vor den unzähligen Cafés hübsch geschmückte Tische mit bunten Stühlen und großen Sonnenschirmen. In der Adventszeit waren überall Buden aufgebaut, ein Karussell für die Kinder und Glühweinstände. Es roch dann nach allerlei leckeren Süßigkeiten, Bratwurst und Maroni und die Luft war erfüllt von Weihnachtsmusik, Lachen und Kindergeschrei. Jetzt war alles totenstill.
Sie bogen in die kleine Nebenstraße ab und Jessica blieb an einer schweren Holztür vor einem mehrgeschossigen Mietshaus stehen.
»Hier wohne ich«, sagte sie, rieb sich die kalten Hände und schaute zu den Fenstern im zweiten Stock hinauf, hinter denen die Kinder hoffentlich friedlich schliefen.
»Ja, ich weiß«, sagte Florian wieder und räusperte sich. »Du, Jessy?«
Sie schlang die Arme fest um ihren Körper und sah ihn nur fragend an.
»Was ist mit uns beiden passiert, Jessy?« Sein Blick wirkte ein wenig verzweifelt. »Wir waren heute ein gutes Team«, sagte er leise. »Wir waren doch immer ein gutes Team.«
Er sah, wie sie nervös auf ihrer Unterlippe zu kauen begann und fest die Augen schloss, bevor sie langsam den Kopf schüttelte. »Bitte, Florian. Lass es gut sein«, flehte sie.
Doch anstatt ihrem Wunsch zu folgen, griff Florian behutsam nach ihren Oberarmen und er ging einen Schritt auf sie zu. »Was ist mit uns passiert?«, wiederholte er seine Frage, kam ihr ganz nah, legte seine Stirn vorsichtig an ihre und sah ihr in die Augen.
Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht, glaubte seinen Herzschlag zu fühlen und begann zu zittern. Sie sehnte sich nach ihm. Er war nach den beiden Kindern einmal der wichtigste Mensch in ihrem Leben gewesen, ein Mensch, den sie nie verlieren wollte, den sie über alles geliebt hatte. Ja, Florian hatte recht. Sie waren ein gutes Team gewesen.
Als sie sich ihm entziehen wollte, legten sich seine Hände beinahe reflexartig blitzschnell links und rechts an ihren Hals, seine Finger gruben sich in ihr Haar und hielten ihren Kopf ganz fest.
»Bitte … bitte. Ich vermisse dich schrecklich, Jessy.« Er wischte mit dem Daumen seiner rechten Hand eine einzelne Träne von ihrer Wange, küsste ihr Haar oberhalb ihrer Stirn. Als er ihre Hände auf seinem Bauch spürte, knapp unterhalb seines unteren Rippenbogens, und sie ihn nicht von sich stieß, sondern ihre Finger sich durch seine offene Jacke in den Stoff seines Hemdes gruben, schloss er die Augen, küsste ihr weitere Tränen vom Gesicht und hielt kurz vor ihrem Mund inne. Ihre Lippen berührten sich nicht, doch dieser kurze Moment, der Moment, der eine gemeinsame Zukunft heraufbeschwören oder zerstören konnte, der Moment zwischen Hoffen und Bangen, war das Ergreifendste, aber auch das Erregendste, das er je erlebt hatte. Er wollte sie, mehr als alles andere, und er fürchtete sich vor ihrer Reaktion.
»Wenn ich dich jetzt küsse, Jessy«, hauchte er fast tonlos und seine Hände begannen unkontrolliert zu zittern. »Wenn ich dich jetzt küsse … werden wir uns dann morgen … Werden wir irgendwann … wieder ein Team sein?«
Sekunden vergingen wie lange Minuten. Keiner von ihnen bewegte sich.
Und dann zerstörte Jessica diesen wunderbaren Moment mit nur einem einzigen Wort.
»Nein.«
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