Читать книгу: «Aufgewacht – In Handschellen»
Tektime
Copyright © 2025 von Melissa Stevens
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Übersetzt von Sabine Burmester
Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags oder des Autors in irgendeiner Form vervielfältigt werden, außer in den durch das US-amerikanische Urheberrecht gestatteten Fällen.
1
Officer Warren Hathaway trat in den Pausenraum des Polizeireviers ‒ und musste unwillkürlich das perfekte runde Hinterteil in der blauen Denim bewundern, dessen Besitzerin vornübergebeugt nach etwas im Kühlschrank kramte. Er hegte keinen Zweifel, zu wem es gehörte und seine Hand juckte, ihm einen Klaps zu geben oder schlimmer noch, ihn fest zu drücken ‒ was aber die wunderbare Besitzerin des Hinterteils sicher nicht schätzen würde. Wahrscheinlich würde sie ihn sogar wegen sexueller Belästigung verklagen. Während das bedeuten würde, dass sie nicht länger seine Vorgesetzte wäre, würde es auch bedeuten, dass er ohne Job dastünde ‒ und nach so einem Vorfall hätte sie sich sowieso geweigert, mit ihm auszugehen. Dann hätte er keine Aussicht mehr auf so einen peinlichen Moment wie diesen, bei dem er in ein Zimmer trat und verstecken musste, wie sein Körper auf sie reagierte. Stattdessen hätte er am Ende gar nichts mehr. Außerdem liebte er seinen Job und machte ihn gut. Es waren Momente wie dieser, wo er Dankbarkeit verspürte, dass die Dienstkleidung in dem ländlichen Polizeirevier in New Mexico, für das sie beide arbeiteten, eher leger war. Die Hemden entsprachen der Standarduniform für Polizisten und die Abteilung hatte sich für schwarz entschieden. Aber bei den Hosen waren sie weniger streng, und statt der beschissenen engen Uniformhose trug jeder Bluejeans.
»Verdammt.« Die Besitzerin des Hinterteils, das seinen Schwanz strammstehen und ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, stellte sich wieder aufrecht hin. Ihr langes dunkles Haar war am Hinterkopf zu einem engen Knoten gebunden. Ein Zusammentreffen im Supermarkt vor einigen Wochen war die einzige Gelegenheit gewesen, bei der Warren die genaue Länge ihres Haares herausgefunden hatte. Dieses Wissen geisterte unablässig in seinem Kopf herum. Er stellte sich vor, wie er seine Hand in ihren Haaren vergraben und sie gerade fest genug nach hinten ziehen würde, dass sie laut aufschreien würde, während er —
»Jemand hat schon wieder mein Sandwich geklaut.« Der Ärger in ihrer Stimme riss ihn aus seiner Träumerei heraus. Er passte nicht in seine Vorstellungswelt.
»Keine Ahnung, Sergeant. Haben Sie Ihren Namen draufgeschrieben?« Er verschob seinen Dienstgürtel, um die Wölbung in seiner Jeans zu überdecken. Das war wahrscheinlich eine gute Sache. Wenn er diesen Gedanken weitergesponnen hätte, hätte sie vielleicht seinen Ständer entdeckt, den er kaum verstecken konnte. Allerdings war das in ihrer Gegenwart so üblich, dass sie es gar nicht bemerkte. Vielleicht. Das übrige Team der Arbeitsschicht würde es aber bemerken. Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß allerdings nicht, wer mutig genug wäre, es Ihnen zu stehlen.« Warren fragte sich, nicht das erste Mal, was mit seiner Kontrolle passierte, wenn es um sie ging. Er hatte eine Zeitlang in Vice in Albuquerque gelebt. Damals hatte er seine körperlichen Reaktionen so gut unter Kontrolle gehabt, dass eine Stripperin auf seinem Schoß mit den Hüften hätte kreisen können, bis sie den Sex initiierte ‒ und nicht einmal ein Zucken auslöste. Und Sergeant Hayley Moreno musste einfach nur atmen – und schon war er hart genug, um Nägel einschlagen zu können.
»Mistkerl«, murmelte sie vor sich hin. »Jetzt muss ich mir entweder was zu Essen holen oder hungrig bleiben.«
»Bestellen Sie doch einen Lieferservice.« Er fand es offensichtlich, aber sie warf ihm einen Blick zu, der einen weniger starken Mann hätte vernichten können.
»Ja klar. Ich rufe einen Lieferdienst und zehn Minuten nach seiner Ankunft finde ich nur noch eine leere Schachtel vor, aus der ihr Barbaren alles weggefuttert habt.«
»Nicht ich, Boss. Meine Eier sollen genau dort bleiben, wo sie sind, danke.« Sie warf ihm einen weiteren vernichtenden Blick zu, drehte sich dann auf dem Absatz ihrer blank polierten schwarzen Loafers um und ging. Warren biss die Zähne aufeinander, schloss für einen Moment die Augen und versuchte, seinen Körper unter Kontrolle zu bringen ‒ aber das Bild, wie sie sich vor ihm bückte, blitzte vor seinen Augen auf und er konnte nur stöhnen.
»Alles in Ordnung?« Die Stimme gehörte zu Warrens Partner, Johnny.
»Ja, mir tun nur die Muskeln vom Training heute Morgen etwas weh.« Das war keine unsinnige Ausrede. Warren hatte sich angewöhnt, jeden Tag mindestens eine Stunde ins Fitnessstudio zu gehen, manchmal mehr. Er würde nicht der Idiot sein, der einem Verbrecher nicht hinterherrennen konnte, weil er zu viele Donuts gegessen und zu wenig auf dem Laufband trainiert hatte. Johnny wusste das und ging manchmal mit.
»Du hast es scheinbar darauf angelegt, dich so auszupowern. Wie lange warst du dort?«
»Offensichtlich zu lange.« Er hatte keine Energie, sich eine Lüge auszudenken, an die er sich nicht mehr erinnern und die ihm später um die Ohren fliegen würde. »Ich werde besser aufpassen und es die nächsten Tage ruhiger angehen lassen, bis die Schmerzen weg sind.«
»Mann, du musst eine Pause machen. Es gibt bessere Möglichkeiten für ein Herz-Kreislauf-Training.« Johnny lachte. Diesen Spruch hatte er jetzt schon öfter Warren gegenüber losgelassen.
»Ich weiß, ich weiß.« Warren schüttelte leicht den Kopf. »Aber ich bin nicht so attraktiv wie du. Es fällt mir schwer, jedes Wochenende eine neue Mieze aufzureißen.« Die Wahrheit war, dass er es seit Monaten nicht versucht hatte. Es gab nur eine Person, die er ins Bett kriegen wollte. Aber wenn er sie fragen würde, würde sie ihn schneller außer Gefecht setzen, als er die Worte formulieren könnte. »Ich gehe eben für kleine Jungs und dann können wir los.«
»Ich bin in einer Minute zurück.« Sein Partner füllte einen Thermobecher mit dem schrecklichen Kaffee der Polizeiwache. Wie Johnny diese Plörre überhaupt trinken konnte, wenn er nicht unbedingt musste, war Warren ein Rätsel. Er ging in der Hoffnung fort, seine Hormone und seinen Körper unter Kontrolle zu bekommen, bevor es irgendjemand bemerkte.
2
Sergeant Hayley Moreno schäumte vor Wut, als sie zu ihrem Auto ging. Drei Mal hatte sie sich diese Woche die Mühe gemacht, ein Lunch-Paket zusammenzustellen, nur um später ‒ als sie es wieder aus dem Kühlschrank holen wollte ‒ festzustellen, dass es weg war. Die Geschichte wurde langsam alt. Dann, als sie vor sich hingeflucht hatte, hatte Warren Hathaway geantwortet. Es kostete sie ihre gesamte Selbstkontrolle, um nicht hochzufahren und ihren Kopf gegen das Oberteil des uralten Kühlschrankes ‒ den das Dezernat nicht ersetzen wollte ‒ zu schlagen, als sie seine tiefe Stimme mit dem gedehnten Akzent hinter sich vernahm.
Verdammt, dieser Mann ist purer Sex auf zwei Beinen. Sie wollte ihn mit einem Happs verschlingen. Aber das würde nie und nimmer passieren. Sie hatte zu hart gearbeitet, um dorthin zu gelangen, wo sie jetzt war. In einer Führungsposition, und um den Respekt ihrer Männer zu gewinnen. Mit einem der Polizeibeamten zu schlafen, würde die ganze harte Arbeit in einer Nacht zunichte machen.
Eine heiße und schweißtreibende, extrem befriedigende Nacht, daran hatte sie keinen Zweifel. Aber das spielte keine Rolle. Egal, wie stark es sie erwischt hatte, wie heiß und unruhig er sie machte ‒ sie musste ihn ignorieren. Oder ihn dazu bringen, sie in Ruhe zu lassen. Sie tat ihr Bestes, damit ihre Beziehung geschäftlich blieb, streng auf der Ebene Officer/Sergeant. Aber verdammt, wenn nur das leise Grollen seiner Stimme nicht schon eine Ansammlung von Hitze und Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen verursachen würde.
Noch beunruhigender war die Erkenntnis, dass sie nicht alleine war. Die Beule in seiner Jeans war unverkennbar, und die Art, wie er seinen Dienstgürtel verschob, lenkte die Aufmerksamkeit nur noch mehr darauf, obwohl sie sicher war, dass er nicht bemerkte, dass sie es bemerkt hatte.
Sie stieg in das Dienstauto des Dezernats und ließ den Motor an, wobei sie den Motor eine Minute laufen ließ, bevor die Klimaanlage ansprang. Die überwältigende Hitze heute besserte ihre Laune nicht gerade, ebenso wenig wie ihr schlechter Schlaf in der letzten Woche. Sie litt immer mehr an Schlafmangel und schlechter Laune. Sie hatte über eine lange Zeit versucht, den nervigen und dennoch irgendwie zum Verzweifeln erotischen Mann zu ignorieren. Seit er vor einer Woche in ihre Schicht rotiert war, war das fast unmöglich geworden. Ebenso wie genügend Schlaf. Bilder von ihm, seinem übermütigem Grinsen, seinem zu muskulösen Körper und seiner vorlauten Klappe geisterten durch ihre Träume und machten den wenigen Schlaf, den sie kriegen konnte, nur noch frustrierender. In ihrer Lieblingsvorstellung benutzte er seinen Mund für etwas anderes, als ihr nur zu antworten. Aber Jedes. Einzelne. Mal wachte sie auf, bevor es dazu kam. Wenn das so weiterging, würde sie jemanden finden müssen, der ihr etwas Erleichterung verschaffte. Nicht, dass sie ein Fan von One-Night-Stands war, aber sie fing an, deren Vorzüge zu erkennen.
Seufzend stellte sie das Auto in den Rückwärtsgang und fuhr aus der Parklücke heraus, bevor sie den Gang einlegte und vom Parkplatz des Polizeireviers fuhr. Als Hathaway einen Lieferdienst vorgeschlagen hatte, hatte sich sich auf die Zunge beißen müssen, ihn nicht zu fragen, ob er ihr etwas holen könne, aber sie konnte ihr Team nicht als persönlichen Lieferdienst einsetzen, selbst diejenigen nicht, denen sie klar machen wollte, dass sie das Sagen hatte. Sie verschwieg ihm, dass sie zwei Tage zuvor eine Lieferung bestellt hatte und dass alles genau so gekommen war, wie sie es vorausgesagt hatte: Sie hatte auf die Ankunft gewartet, nur um dann festzustellen, dass die Bestellung zu dem Zeitpunkt, als sie sie quittierte, bereits verputzt worden war. Sie hatte ihre Fassung verloren und jedem einzelnem Teammitglied, das anwesend war, die Leviten gelesen und ihnen gedroht, jedem einzelnen die miesesten Aufgaben zuzuweisen, die sie sich nur vorstellen konnten. Sie hatte gedacht, dass es damit getan war ‒ bis ihr Lunch-Paket heute wieder unauffindbar war. Ihr fiel ein, dass Hathaway an jenem Tag nicht anwesend gewesen war und ihren Wutausbruch nicht mitbekommen hatte. Dem Himmel sei Dank für kleine Gefälligkeiten. Obwohl ‒ wenn er Zeuge von diesem gewesen wäre, hätte er sie vielleicht nicht länger provoziert.
Hayley fuhr auf den Parkplatz von Angie’s Diner ‒ ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt ‒ und meldete dann über Funk ihre Mittagspause an. Nachdem sie den Dispatcher informiert hatte, dass sie für einige Zeit nicht im Auto sein würde, ging sie hinein.
Sie trat durch die Tür und nahm ihre Sonnenbrille ab, steckte ein Ohrstück in die Hemdtasche direkt unter ihrer Dienstmarke, während sie sich nach einem leeren Tisch umsah. Dort. Ihr Lieblingstisch am Fenster war frei. Sie schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch und passte auf, dass nichts an ihrem Gürtel mit den Gästen kollidierte, als sie durch den Raum ging.
»Hey, Sweetie, weißt du, was du möchtest, oder soll ich dir eine Karte bringen?« Becky, die Kellnerin, brachte ihr ein großes Glas kaltes Wasser und stellte es vor ihr auf den Tisch, fast zur selben Zeit, als ihr Hinterteil den Stuhl berührte.
»Hey Becks.« Hayley kannte alle Kellnerinnen im Angie’s ‒ sie kam weiß Gott oft genug her. »Wie geht es Mario?«
»Sehr gut. Ist ziemlich beschäftigt, das Football-Camp fängt nächste Woche an und er versucht, alles fertig zu haben, wenn die Jungs auftauchen.«
»Das ist gut.« Hayley dachte einen Moment darüber nach, was sie haben wollte. Sie sollte einen Salat bestellen, es wäre besser für ihre Figur, aber verdammt, irgendwie war sie heute nicht willensstark genug. »Bring mir ein gebratenes Hähnchenschnitzel.«
»Kartoffelbrei und Gemüse? Oder möchtest du etwas anderes?«
»Welches Gemüse gibt es heute?«
»Gedünsteten Brokkoli.«
Hayley verzog das Gesicht. Sie würde Brokkoli essen, aber es war nicht gerade ihr Lieblingsgemüse und der Koch, der jetzt Schicht hatte, ließ ihn oft zerkochen. »Bring mir bitte einen Salat, ohne Dressing.«
»Und Kartoffelbrei oder Pommes?«
»Kartoffelbrei ist okay und bitte mit Soße drüber.« Wenn sie schon eine dickmachende Mahlzeit essen würde, könnte sie sie ebenso gut richtig genießen. Sie könnte heute Abend wieder gesünder essen. Sie ging regelmäßig ins Fitness-Studio, nicht so sehr aus Gewichtsgründen, sondern um mit jedem mithalten zu können, dem sie vielleicht hinterherrennen musste. Das Letzte, was sie brauchte, war, dass ihre Männer glaubten, sie wäre aufgestiegen und hätte jede Disziplin verloren. Sie konnte vielleicht nicht verhindern, dass ihr Hinterteil breiter wurde, während sie mehr Zeit auf dem Schreibtischstuhl als auf den Füßen verbrachte, aber sie konnte auf jeden Fall dafür sorgen, dass sie weiterhin acht Minuten pro Meile lief.
»Kein Problem. Ist Wasser recht oder möchtest du etwas anderes?«
»Wasser ist gut.«
»In Ordnung. Ich gebe die Bestellung gleich auf und bringe dir den Salat.«
»Danke, Becks.« Einer der Gründe, warum Hayley diesen Ort liebte, war, dass das Personal wusste, dass sie nur wenig Zeit hatte, wenn sie in Dienstkleidung erschien, und sie daher schneller bedienten. Sie wusste, dass sie es bei allen Einsatzkräften so machten und sie versuchte, die Situation nicht auszunutzen, indem sie zu oft herkam ‒ zumindest nicht, wenn sie im Dienst war. Heute brauchte sie jedoch jeden Trost, den sie kriegen konnte. Und eine gute Mahlzeit könnte helfen, sie davon abzuhalten, einen oder mehrere ihrer Polizeibeamten vor Ende der Arbeitsschicht zu erdrosseln. Sie nahm einen großen Schluck Wasser, lehnte sich zurück, starrte aus dem Fenster und dachte über die Woche nach. Bis jetzt blieb jede Menge zu wünschen übrig. Verpasste Mahlzeiten waren erst der Anfang. Auch fehlten plötzlich Berichte von ihrem Schreibtisch, von denen sie einige zuvor schon gesehen hatte. Andere waren von Polizeibeamten, das hatten sie unter Schwur versichert, abgegeben worden ‒ von Beamten, denen sie vertraute. Jemand hielt sie zum Narren und sie wusste nicht, warum. Aber sie nahm sich fest vor herauszufinden, wer es war und warum diese Person versuchte, sie in ein schlechtes Licht zu stellen.
Becky brachte den Salat und ging dann, um sich um ihre anderen Gäste zu kümmern. Hayley starrte beim Essen aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen, und dachte an einige der anderen Dinge, die in der letzten Woche verschwunden waren. Fehlende Lunchpakete warfen kein schlechtes Licht auf sie, es war nur nervig. Ein Beamter, gegen den wegen eines Autounfalls ermittelt wurde, war ein schlimmerer Fall, obwohl es sich nur um einen Blechschaden gehandelt hatte und eher Kopfschmerzen verursachte als Schlimmeres. Trotzdem, sie vermutete, dass der Beamte beim Fahren Textnachrichten geschrieben hatte, ein echtes No-Go, das ‒ falls es bestätigt würde ‒ sie in ein schlechtes Licht rücken würde. Obwohl nicht so schlecht, wie es ihn aussehen lassen würde. Er wäre derjenige, der eine Mahnung erhalten würde, und wenn es wieder passierte, würde er gefeuert werden.
Je mehr sie darüber nachdachte, umso klarere wurde ihr, dass es vielleicht etwas übertrieben war, all das zusammenzufügen und zu glauben, dass jemand hinter ihr her war. Sie hatte einfach eine schlechte Woche. Na und? Sie musste einfach durch den heutigen Tag kommen, dann vielleicht rausgehen und etwas trinken. Ein bisschen runterkommen. Heute war Freitag für sie, obwohl es erst Mittwoch war. Es gab keinen Grund, warum sie nicht die Möglichkeit ergreifen sollte oder könnte, sich zu entspannen. Vielleicht würde sie ihre Schwester anrufen und schauen, ob Denni heute Abend ausgehen wollte.
Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet ihr, dass wahrscheinlich gerade Gerichtssitzung war und Denni nicht abkömmlich sein würde. Denni war mittwochs normalerweise im Gerichtssaal und befasste sich mit einer Reihe von Mandanten. Nicht, dass sie an anderen Tagen keine Gerichtstermine hätte, aber aufgrund ihrer Position als Pflichtverteidigerin verbrachte Denni mittwochs oft Zeit im ‒ laut Hayley ‒ Gericht für Bagatelldelikte. Es war sehr wahrscheinlich, dass sie gerade dort war, also schickte Hayley ihr stattdessen eine Textnachricht: Hey, heute Abend beschäftigt? Wollen wir ausgehen und was trinken?
Becky brachte ihre Mahlzeit und Hayley legte das Telefon beiseite. Wahrscheinlich würde ihre Schwester sie erst in einigen Stunden lesen und beantworten. Das war in Ordnung, denn es würde auch einige Stunden dauern, bevor Halyey ihre Schicht hinter sich hatte und mehr darüber nachdenken konnte, was sie abends machen wollte.
Sie aß zu Ende, bezahlte und ging hinaus zu ihrem Auto, wo sie per Funk Bescheid gab, dass sie wieder verfügbar war. Jetzt musste sie nur den Rest des Tages hinter sich bringen, ohne jemanden umzubringen oder zum Krüppel zu schlagen. Oh, und idealerweise Warren Hathaway aus dem Kopf kriegen. Sie war sich jedoch nicht sicher, ob ihr Letzteres gelingen würde.
* * *
»Da ist dieser Typ«, hörte Hayley sich sagen, »der aussieht wie ein römischer Gott und doppelt so eingebildet ist. Wenn ich sicher wüsste, dass niemand es je herausfinden wird, würde ich auf jeden Fall eine Nacht ‒ oder zwei ‒ mit ihm verbringen.« Wie ist das passiert? Sie stellte ihre halbvolle Flasche Bier auf den Tisch und starrte sie an. Es würde ihre letzte sein. Als sie nach oben schaute, bemerkte sie, wie ihre Schwester sie mit weit aufgerissenen Augen ansah. Sie konnte nicht glauben, dass sie ihrer Schwester von Warren Hathaway erzählte, aber so war es: Die Worte purzelten aus ihrem Mund wie eine Flut, die nicht einzudämmen war. Sie war aber immer noch geistesgegenwärtig genug, um seinen Namen nicht zu nennen – dem Himmel sei Dank für kleine Gnadenerweise.
Denni hatte sie erreicht. Sie hatte im Laufe des Nachmittags auf Hayleys Nachricht geantwortet, dass, Himmel, ja, sie nach der Arbeit etwas trinken gehen wolle und sich um den Fahrer kümmern würde. Alles, was Hayley tun müsse, war aufzukreuzen und sich zu amüsieren. Und das tat Hayley. Es stellte sich heraus, dass ihre Schwester nicht alleine war, sondern ihre Freundin Marissa Todd ‒ eine andere Pflichtverteidigerin der Kanzlei ‒ mitgebracht hatte. Die drei Frauen hatten einiges getrunken, über Männer gesprochen, von wem sie träumten und wer ihre Zeit nicht wert war. Hayley war gerade bei der dritten Flasche ‒ sie fühlte sich locker und etwas beschwipst ‒, als sie ihn entdeckte. Er stolzierte durch den Raum, als ob er genau wüsste, wohin er ging. Und er wollte dahin. Und zwar schnell.
Sie konnte ihre Augen nicht von ihm abwenden, als Hitze durch ihren Körper flutete. Er war nervtötend und vorlaut, aber sie konnte auch nicht vergessen, wie heiß er war. Und heute Abend, in Cowboystiefeln, engen Jeans und einem altmodischen dünnen Hemd ‒ von dem sie sicher war, dass es vorne Perlmuttknöpfe hatte ‒ fiel es ihr noch schwerer zu vergessen, wie sehr sie ihn entweder auf seinen vorlauten Mund küssen oder ihn ohrfeigen wollte. Beides war gleichermaßen verlockend. So sehr Hayley es hasste zuzugeben ‒ sie hatte von beidem geträumt. Beides war gleichermaßen beglückend gewesen.
Sie schüttelte den Kopf, aber konnte die Augen nicht von ihm abwenden, als er durch den Raum stolzierte. Sie konnte ihre Augen nicht abwenden, als er auf eine Frau ‒ nun ja, eher ein Mädchen ‒ zuging, die nicht älter als dreiundzwanzig sein konnte. Hayley hatte Warrens Akte gelesen, er war mindestens zehn Jahre älter als dieses Mädchen, und sie fühlte sich auf jeden Fall an wie ein Mädchen im Vergleich zu ihren zweiunddreißig Jahren. Im Vergleich mit Hayley schien das Mädchen noch ein Kind.
Warren sprach kurz mit ihr, drehte sich dann um und ging zu einem Mann. Sie sprachen miteinander und Hayley beobachtete, wie Hathaway das Gespräch zu dominieren schien. Als sie fertig waren, schien der andere Mann sich davonzuschleichen, so, als ob Hathaway ihn einen Scheißkerl genannt hätte und dass er besser woanders hingehen und sich jemand anderes für seine Belästigungen suchen solle, als dieses Mädchen. Hathaway ging zurück zu der Frau, überreichte ihr etwas, was wie eine Karte aussah, sprach noch eine oder zwei Minuten länger mit ihr und ging dann fort.
Hayley fand nicht viel Bewunderungswürdiges an den Männern, deren Chefin sie war, aber das schien – zumindest aus dem zu schließen, was sie sah ‒ ein zumindest halbwegs nobles Verhalten zu sein, und sie war wirklich beeindruckt. Zumindest ein bisschen. Sie war vielleicht etwas angeheitert, aber sie war nicht total bekloppt. Noch nicht.
Sie setzte ihre Flasche wieder an und nahm einen weiteren Schluck, während sie mit den Augen verfolgte, wie er zurück durch den Raum ging, um einen anderen Beamten zu treffen. Denjenigen, der Barney genannt wurde. James Barnacle war sein wirklicher Name, aber er war so übereifrig und pedantisch, dass die meisten Leute ihn ‒ selbst mitten ins Gesicht ‒ Barney nannten. Er hatte schon lange aufgehört, darauf hinzuweisen, dass dies nicht sein Name war und hatte den Spitznamen einfach akzeptiert.
Hayley versuchte, den Spitznamen nicht zu benutzen, zumindest nicht laut, weil er ihr sonst eines Tages garantiert laut über die Lippen käme ‒ in seiner Gegenwart. Obwohl er den Namen von anderen Männern scheinbar zu akzeptieren schien, selbst von Vorgesetzten, vermutete sie, dass er ihn von ihr ‒ einer Frau ‒ nicht so leicht annehmen würde.
Sie seufzte, als sie beobachtete, wie die beiden Männer sich gegenseitig auf die Schulter klopften und lächelten, während sie sich unterhielten. Manchmal war es zum Kotzen, eine Frau in einem Männer-Job zu sein. Aber Hayley hatte, so lange sie denken konnte, immer Polizeibeamtin sein wollen. Sie liebte ihren Beruf und würde ihn für nichts hergeben. Sie setzte die Flasche erneut an den Mund und trank sie in einem großen Zug leer – nicht, dass noch viel übrig gewesen wäre, aber darauf kam es nicht an.
Wenn sie nicht wüsste, dass es sich herumsprechen und sie den Respekt ihrer Beamten verlieren würde, würde sie quer durch den Raum gehen, sich das wunderbare Hinterteil greifen, das sich in der Jeans perfekt abzeichnete, und ihn dazu bringen, mit ihr nach Hause zu fahren.
Schade nur, dass dies ein Traum bleiben würde.
Marissa kam von der Toilette zurück, mit einer weiteren Runde Flaschen in den Händen.
»Ich sollte wirklich nicht«, sagte Hayley, als die Freundin ihrer Schwester eine weitere Flasche Bier vor sie hinstellte.
»Du musst nicht fahren und du musst morgen nicht arbeiten. Genieße es«, sagte Marissa.
»Ich feiere«, warf Denni ein. »Lass mich nicht alleine feiern.«
»Wenn du es so siehst.« Hayley nahm die neue Flasche hoch und setzte sie wieder an. Es war so lange her ‒ länger als sie denken konnte ‒, seit sie wirklich entspannt war und mehr als zwei oder drei Drinks an einem Abend getrunken hatte. Vielleicht war es genau das, was sie brauchte. »Was feiern wir denn?«
»Einen Sieg. Einen großen Sieg.« Denni hob ihre Flasche zum Prost.
»Geht es um etwas, was ich hören will?« Hayley zog eine Augenbraue hoch. Denni war Pflichtverteidigerin. Sie musste Leute verteidigen, die sich keinen Anwalt leisten konnten. Auf Grundlage einer Anklage durch das Polizeirevier ‒ oder genauer gesagt, durch die Bezirksstaatsanwaltschaft ‒ und auf Grundlage von Beweismaterial, das von der Polizei zusammengetragen wurde.
»Ich glaube schon. Ich hatte einen Jugendlichen, der wegen Vergewaltigung angeklagt war. Er hatte kein Alibi. Die Beweise gegen ihn waren ziemlich eindeutig. Das Opfer hatte ihn identifiziert. Ich hatte nicht geglaubt, dass wir überhaupt eine Chance hätten. Nun ja, nicht, solange die DNA nicht zurück war. Durch das biologische Beweismaterial, das im Krankenhaus entnommen wurde, konnte der Junge innerhalb von einer Stunde nach dem Angriff freigesprochen werden. Er ist nicht älter als einundzwanzig. Er ist wirklich noch ein Kind.«
»Das ist gut, aber konnten sie die Identifikation durch die Zeugin erklären?«
»Sie war am frühen Abend mit dem Jungen auf einem Date gewesen und er hat sie zum Sex gedrängt; war nicht erfreut, dass sie nein gesagt hatte, aber hat sie wieder am Studentenwohnheim abgesetzt. Als sie weniger als zwanzig Minuten später angegriffen wurde, übrigens von hinten, hatte sie vermutet, dass er es war. Sie hat ihrem Vergewaltiger aber nie wirklich ins Gesicht gesehen.«
»Das ist wirklich zu dumm.« Hayley schüttelte den Kopf. »Haben sie die DNA durch die CODIS-Datenbank laufen lassen?«
»Sie sucht immer noch nach einem Treffer, aber die Ergebnisse reichten schon aus, um meinen Klienten freizubekommen. Das ist ein großer Sieg für mich.«
»Es ist ein toller Sieg.« Hayley hob ihre eigene Flasche zum Prost, an dem sie sich vorher nicht beteiligt hatte. »Obwohl – ich würde viel öfter gratulieren, wenn du auf derselben Seite wärst.«
»Ich stehe auf derselben Seite wie du. Der Seite der Gerechtigkeit.«
Hayley ging nicht darauf ein. Es ging um einen alten Streit zwischen ihnen, und sie wollte heute Abend nicht davon anfangen. Heute Abend ging es ums Feiern und Spaß haben, nicht darum, alte Unstimmigkeiten aufzuwärmen.
»Auf deinen Sieg.« Hayley hob ihre Flasche und hoffte, dass ihre Schwester den Wink verstand. So war es auch: Denni hob ebenfalls ihre Flasche.
»Auf die Gerechtigkeit.«
»Auf die Gerechtigkeit.« Marissa hob ihr Glas mit Limonade zum Prost. Sie stießen mit ihren Getränken an und Hayley nahm einen großen Schluck. So sehr sie es auch versuchte, aber sie konnte ihren Blick nicht von der Stelle abwenden, wo Warren stand ‒ und fragte sich, ob er es wert sein könnte.
3
Die Nackenhaare standen ihm zu Berge, sodass Warren den Raum nach der Person absuchte, die ihn beobachtete. Er brauchte nicht lange, um sie zu entdecken, aber er brauchte einige Minuten, um zu realisieren, wer sie war. Er war es eben nicht gewohnt, die unglaublich heiße Sergeant Hayley Moreno mit offenem Haar oder ohne Dienstkleidung zu sehen. Es war ein Anblick, den jeder Mann mindestens einmal gesehen haben musste, um ihn voll und ganz zu schätzen.
Ihre Verwandlung in eine hartgesottene und kompetente Frau, die seinem Dezernat vorstand, bestand in einer fast vollständigen Veränderung. Sie trug einen blutroten Haltertop, das ihre körperlichen Vorzüge perfekt zur Geltung brachte. Er wollte zu ihr gehen und seine Jacke um ihre Schultern legen, einfach, damit niemand anderes sie sehen konnte. Er liebte die Art, wie sie aussah, aber er wollte, dass dieses Top, diese viele nackte Haut, nur für ihn da war.
Nein. Das würde zu weit gehen. Er hatte keinen Anspruch auf sie. Sein Körper lechzte nach ihr, aber sie war ein erwachsener Mensch, der nein sagen konnte, wann sie wollte. Warren wünschte nur, sie würde nicht nein zu ihm sagen.
Einige der Männer im Team hatten keinen weiblichen Sergeant gewollt, aber Warren machte es nichts aus, für eine Frau zu arbeiten. Zumindest nicht für eine, die so kompetent war wie Hayley. Er hatte für ein paar Frauen gearbeitet, die es offenbar auf die Männer in ihrer Abteilung abgesehen hatten. Das war mehr als nur ein bisschen abschreckend. Hayley machte jedoch nicht diesen Eindruck. Sie war eine Frau, die ‒ obwohl sie sich wie der Rest der Polizeibeamten kleidete oder zumindest wie die übrigen Sergeants ‒ nicht zu verbergen versuchte, dass sie eine Frau war. Nicht, dass das einfach sein würde. Warren wusste keinen passenderen Ausdruck, sie zu beschreiben, als gut gebaut, zumindest keinen höflichen. Er würde viel dafür geben, eine Nacht mit ihr zu verbringen. Die Vorstellung, dass sich daraus mehr entwickeln könnte? Nun, das überstieg seine Vorstellungskraft, zumindest im Moment. Soweit er herausfinden konnte, hatte sie seit Monaten keinen Freund mehr gehabt. Falls sie Sex hatte, dann höchstens heimlich. Entweder One-Night-Stands oder mit jemandem, der es genauso geheim hielt wie sie. Warren wollte dieser Jemand sein. Es war ihm egal, ob sie es geheimhalten und sie sich heimlich treffen mussten. Er war bereit mitzuspielen, um herauszufinden, ob sie im Bett genauso heiß, verführerisch und bezaubernd war wie außerhalb. Aber das eine Mal, als er mit ihr ausgehen wollte, hatte sie ihn abgewiesen.
Normalerweise hätte er sie vielleicht noch einmal gefragt, aber er wusste, dass er sie nur verärgern würde, wenn er zu sehr drängte. Außerdem verstieß es jetzt, da er in ihrer Schicht arbeitete, gegen die Vorschriften. Als er sie vor einigen Monaten zum ersten Mal gefragt hatte, war sie noch Sergeant gewesen, aber nicht seine Sergeant, sodass es zwar etwas heikel gewesen wäre, aber nicht völlig gegen die Vorschriften. Jetzt war es jedoch unmöglich. Zumindest solange sich nichts änderte.
* * *
Er starrte auf die Leiche herunter, die in sich zusammengesunken auf dem Boden lag, wie eine weggeworfene Stoffpuppe. Die zierliche brünette Frau hatte nicht viel an, nur einen BH und einen Slip, aber daneben lagen eine Jeans und ein T-Shirt, die vermutlich ihr gehörten. Sie sah aus wie zwanzig, vielleicht einundzwanzig, wahrscheinlich eine Studentin des Middle New Mexico Community College. Warren glaubte, er hätte diese Art Fälle hinter sich gelassen, als er Albuquerque verlassen hatte. Er hatte telefonisch schon Bescheid gegeben und wartete jetzt. Passte auf die Leiche auf, bis jemand herkommen konnte, um den Vorfall zu dokumentieren. Sie würden Fotos machen und Proben von allem nehmen, aber er hatte wenig Zweifel. Hierbei handelte es sich um ein Tötungsdelikt.
Sein Partner, Johnny befand sich ungefähr sechs Meter entfernt im Gebüsch und übergab sich. Warren schüttelte den Kopf, aber sagte nichts. Irgendwann einmal war er es gewesen, der sich am Tatort die Seele aus dem Leib gekotzt hatte ‒ wie fast alle bei ihrem ersten Tötungsdelikt ‒, zumindest alle, die die üblen Tatorte erwischt hatten. Was diesen hier betraf, so war es nicht angenehm, aber er hatte schon Schlimmeres gesehen. Wenn er eine Vermutung abgeben müsste, so würde Warren sagen, dass sie wahrscheinlich sexuell missbraucht und erdrosselt worden war. Außer, dass er nach ihrem Puls tastete, hielt er Abstand, um so wenig wie möglich zu stören. Dennoch überwachte er den Tatort. Er wollte nicht irgendwelche Beweismittel verunreinigen, die vielleicht zu dem Killer führen könnten, aber er wollte auch nichts verpassen.
Dies war ein verdächtiger Aktivitätsaufruf gewesen. Jemand meinte, er hätte einen schwarzen Pick-up mit unbekannter Automarke gesehen, der an den Stadtgrenzen Müll ablud, und hatte dies berichtet. Warren hatte erwartetet, ein paar Müllsäcke zu finden, vielleicht ein paar alte Reifen ‒, aber keine Leiche. Tötungsdelikte kamen in Blackjack nicht häufig vor, und bis heute konnte er sich nicht erinnern, wann es den letzten gegeben hatte. Trotzdem ‒ dies war nicht seine erste Leiche seit seinem Beginn beim Polizeirevier vor einem Jahr. Er war zu mehreren verdächtigen Todesfällen gerufen worden, die sich aber als solche herausstellten, bei denen ein älterer Mensch aufgrund von Krankheit oder hohem Alter gestorben und über mehrere Tage nicht aufgefunden worden war. Ganz abgesehen von mehreren tödlichen Autounfällen, obwohl diese ‒ seit der Installation neuerer Sicherheitsvorrichtungen in Fahrzeugen und der stärkeren Verfolgung von Alkohol am Steuer ‒ nicht mehr so häufig wie in früheren Zeiten vorkamen. Es gab aber gelegentlich immer noch den einen oder anderen Proleten, der auf einer Landstraße zu schnell fuhr, aber das kam meistens in ferner entlegenen Gegenden vor und war nichts, wofür das Polizeirevier zuständig war ‒ außer, sie wurden als Unterstützung bei einem hässlichen Unfallort gebraucht. Zu so einem wurde er vor einigen Monaten nach seinem Arbeitsbeginn gerufen. Zwei Familien, ein Frontalzusammenstoß, mehrere Tote, einschließlich mehrerer Kinder.
Er schloss die Augen und drängte die Erinnerung beiseite. Das Hier und Jetzt war es, worum er sich kümmern musste. Sei achtsam im Jetzt. Er schaute auf die Leiche vor ihm herunter und versuchte sich zu erinnern, ob er sie früher schon einmal gesehen hatte. Sie sah vage bekannt aus, aber er konnte sie nicht einordnen. Und außerdem sah sie im Moment nicht gerade vorteilhaft aus.
Das Knirschen von Kies unter Johnnys Schritten kündigte sein Kommen an. Es musste Johnny sein, sie waren die Einzigen hier draußen und es war noch niemand anderes eingetrudelt.
»Tut mir leid«, sagte Johnny. Ein rascher Blick offenbarte ein rotes Gesicht.
»Kein Problem. Das passiert uns allen mindestens einmal. Oder zumindest den meisten von uns. Für dich der erste, nehme ich an?«
»Mein erster, der nicht natürlich ist.« Johnny schüttelte den Kopf. »Ich hatte noch nicht einmal einen Autounfall, zumindest keinen tödlichen ‒ noch nicht.« Er klopfte an seinen Kopf, als wäre er aus Holz.
Daraufhin sah Warren den jüngeren Mann noch einmal genauer an. Er war nicht so viel jünger, aber plötzlich fühlte er sich alt, als er an die Zeit beim Polizeirevier in Albuquerque dachte. »Das ist einer der vielen Gründe, warum ich die Stadt verlassen habe.«
»Was meinst du?« Johnny nickte in Richtung des Mädchens.
Warren wünschte, er könnte ihren Körper bedecken, ihr zumindest etwas Würde zurückgeben, die der Tod ‒ und wahrscheinlich auch die Minuten oder Stunden davor ‒ ihr genommen hatte, aber das war gegen die Vorschriften. Sofern es keinen Grund gab, ihn zu bedecken, wie beispielsweise um zu verhindern, dass Gaffer und Nachrichtensender nicht genehmigte Fotos schossen, wird der Tatort nicht gestört, sofern es nicht erforderlich ist.
»Ich weiß es nicht.« Warren schaute kurz weg, unfähig, seine Vermutung darüber zu äußern, wer sie war oder was passiert war.
»War sie nicht neulich abends im Silver Spur?« Johnny neigte den Kopf, um ihr Gesicht besser sehen zu können.
»Ich erkenne sie nicht, aber möglich ist es. Es waren viele Frauen dort.« Mindestens siebzig Prozent des Publikums waren Frauen gewesen, was bei den verbilligten Drinks nicht überraschend war, obwohl Warren erwartet hatte, dass mehr Männer versuchen würden, sie unter ihrem benebelten Urteilsvermögen anzubaggern. Er war hingegangen, weil er müde war und sich entspannen wollte, vielleicht auch, um jemanden zu finden, der ihn von seiner Vorgesetzten ablenken würde ‒ stattdessen war sie dort. Und sah aus wie ein feuchter Traum. Nach einem Drink ‒ und nachdem er eingeschritten war, als ein Mann nach einer eindeutigen Absage eines Mädchens etwas handgreiflich wurde ‒ hatte er es aufgegeben, sie zu vergessen und ging allein nach Hause.
Er warf einen weiteren Blick auf das Mädchen und versuchte, sie sich für den Abend zurechtgemacht vorzustellen, mit schöner Frisur und vielleicht etwas Makeup. Sie sah tatsächlich bekannt aus, aber er erinnerte sich immer noch nicht, sie vor ein paar Tagen abends in der Bar gesehen zu haben. Obwohl, und das würde er niemals vor jemandem zugeben, außer vor sich selbst ‒ sobald er die Sergeant entdeckt hatte, hatte er keine Augen mehr für eine andere Frau in der Bar gehabt. Sie schienen alle wie ein schlechter Ersatz, sobald sie ihm unter die Haut gegangen war. Und unter die Haut gegangen war sie ihm tatsächlich – schon seit mehreren Wochen.
»Das stimmt, du warst schon fort, als es passiert ist.« Johnnys Stimme riss Warren aus seiner Erinnerung daran heraus, wie unglaublich Hayley letzte Nacht ausgesehen hatte ‒ als sie mit zurückgeworfenem Kopf dasaß und über eine Bemerkung von einer der Frauen an ihrem Tisch lachte.
»Was ist passiert?«
»Der lautstarke Streit auf der Tanzfläche«, sagte Johnny. »Zwei Mädchen, wobei ein Mann an einem von ihnen zog und versuchte, sie auseinanderzureißen. Ich bin ziemlich sicher, dass dies das Mädchen ist, an dem er gezogen hat.«
Warren runzelte die Stirn. »Wie hat der Mann ausgesehen?«
»Ich weiß nicht.« Die Antwort seines Partners kam automatisch. »Größer als sie, aber nicht groß. Vielleicht eins siebzig oder eins fünfundsiebzig. Schlank, aber nicht dünn. Blond. Durchschnittliches Aussehen. Glaubst du, er hat es getan?«
»Ich weiß nicht. Erinnerst du dich, wie das andere Mädchen ausgesehen hat?«
»Oh, ja. Ich erinnere mich. Sie war blond und gut gebaut. Kurzer Rock, Western-Hemd, das über der Hüfte zusammengebunden war, schicke Westernstiefel mit verschiedenen Farbmustern im Leder.«
Warren blinzelte. Johnny hatte das blonde Mädchen genau beobachtet. Er konnte nicht viel sagen. Seine Beschreibung von Hayley an diesem Abend wäre wahrscheinlich genauso detailliert.
»Was ist nach dem Streit passiert?«
»Das Mädchen hat sich von dem Mann wegziehen lassen. Er zog sie in seine Arme und sie tanzten davon. Das andere Mädchen ging wutschnaubend zur Bar, wo sie einen Drink bestellte und zu einem der Männer sprach, der auf einen Barhocker saß.«
»Vergiss nicht, den Kriminalbeamten all das zu erzählen, sobald sie hier sind.«
Johnnys Augen wurden groß. »Glaubst du, ich hab den Mann gesehen, der sie umgebracht hat?«
»Das ist möglich.«
»Verdammt.« Sein Partner verstummte eine Zeitlang.
Warren wollte keine Vermutung darüber anstellen, was durch seinen Kopf ging. Er hatte genug mit seinen eigenen Gedanken zu tun. Die meisten davon waren nicht sehr angenehm.
Die Beamten brauchten fast eine Stunde, bis sie am Tatort auftauchten. Mittlerweile war Warren mehr als nur ein bisschen verärgert. Es war besser als die Stunden, die er bei seiner letzten Polizeieinheit verbracht hätte, aber Babysitter an Tatorten zu spielen, stand auf seiner Liste mit den am wenigsten angenehmen Aufgaben ganz oben. Babysitter für Leichen zu spielen, stand noch höher auf der Rangliste. Dieses hier war beides.
»Danke, dass Sie gewartet haben. Ist es richtig, dass sie die Ersten am Tatort waren?« Detective Howard hatte sich und seinen Partner, Detective Cooley, bereits vorgestellt, aber Hathaway hätte sie auch ohne Einführung erkannt. Die goldenen Abzeichen an Gürtel und Hose, die zusammen mit einem Hemd und gelockerter Krawatte getragen wurden, ließen nur wenig andere Möglichkeiten zu. Zumindest hier draußen, zu dieser morgendlichen Uhrzeit, besonders an einem Samstag. Es war immer noch so früh, dass die Sonne kaum über den Berg geklettert war. Nicht, dass es extrem früh gewesen wäre. Zu dieser Jahreszeit kam die Sonne nur selten vor sieben Uhr früh hervor. Warren hatte seit mehr als dreißig Minuten kein Auto auf der Highway vorbeifahren sehen.
»Ja, waren wir.« Warren ging einen Schritt auf ihn zu. Er war sein Senior Partner, obwohl Johnny mit dem Beamten aus Blackjack ungefähr einen Monat länger zusammengearbeitete hatte, als er. Warren hatte mehr Erfahrung. Johnny war ein Neuling, ein Rekrut gewesen, als er anfing. Obwohl Warren neu in der Gegend war und eine Menge lernen musste, verfügte er bereits über Erfahrung. Nicht, dass sie anfangs Arbeitspartner gewesen wären, nein, sie waren erst seit ungefähr den letzten vier Monaten zusammen. Bislang. Warren mochte Johnny und hatte keine Beschwerden gegen ihn vorzubringen, jedenfalls keine größeren.
»Haben Sie die Leiche identifiziert?«, fragte Howard und zog ein kleines Notizbuch aus seiner Hemdtasche.
»Nein«. Warren blickte zurück an die Stelle, wo sie immer noch lag, »Als ich keinen Puls getastet habe, hat mein Partner auf mein Geheiß den Untersuchungsrichter und euch angerufen. Wir haben uns sofort zurückgezogen und auf einen Experten gewartet.«
»Gut. Gut.« Howard machte ein paar Notizen in dem kleinen Büchlein. »Wann sind Sie eingetroffen?«
Warren beantwortete seine Fragen ‒ und es waren einige ‒, während Cooley mit Johnny sprach und mit seinem Telefon einige Fotos machte. Es würde mehr, offiziellere Fotos geben, sobald die Tatortkommission aufgetaucht wäre, aber diese würden vorerst reichen, um weiterzumachen.
Seit der Ankunft von Howard und Cooley war fast eine Stunde vergangen, als die Tatortkommission eintraf, zusammen mit dem Gerichtsmediziner, um die Leiche des Mädchens mitzunehmen. Die Kriminalbeamten waren zu unterschiedlichen Zeiten eingetroffen und hatten Warren ihre Fragen gestellt. Nach einer weiteren Stunde waren sie wieder frei und gingen zurück auf Streife. Sie gingen zurück zu ihrem Auto und Johnny drehte sich zu Warren, als dieser den Motor anließ und auf den Highway fuhr, zurück auf ihre Route.
»Das wird mir noch einige Zeit nachgehen.«
»Das wird es. Aber hoffentlich lösen sie das Problem schnell, und dann haben wir wenigstens das.« Warren nahm einen tiefen Atemzug und konzentrierte sich auf die Straße ‒ und ließ sich auf ihrem Weg zur Mitte der Stadt von dem starken Verkehr von dem ablenken, was sie gerade hinter sich gelassen hatten.
»Ich hoffe es.« Sein junger Partner verstummte für einige Zeit und sprach dann erneut: »Hast du ihnen gesagt, was ich vorige Nacht gesehen habe?«
»Es hat sich nicht ergeben, aber wenn ich es sage, ist es nur ein Gerücht. Du hättest es selber erwähnen sollen.«
»Hab ich.« Johnny atmete hastig aus. »Sie haben mir ein paar Fragen darüber gestellt. Ob ich ihren Namen wüsste oder den des Mannes, mit dem sie fortgegangen ist? Hatte ich sie früher schon dort gesehen? Diese Art Sachen. Ich habe ihnen gesagt, was ich wusste.«
»Gut. Es nicht zu sagen, vermittelt den Eindruck, als ob du Dinge versteckst, selbst, wenn das nicht der Fall ist. Also sei hundert Prozent direkt und offen. Nimm einfach an, dass jede Einzelheit ans Licht kommt und gib alles zu, bevor sie es auf andere Weise herausfinden.«
»Ich habe nichts zuzugeben, sondern habe ihnen alles gesagt, was ich sowieso wusste.« Er schaute weg. »Es ist nicht so, als hätte ich etwas zu verstecken. Ich habe nichts falsch gemacht.«
»Genau. Vergiss das nicht. Einige Leute wollen das verheimlichen, was sie auf eigene Faust getan haben, weil sie es irgendwie für privat halten. Aber wenn man zu einem Mord oder Mordopfer befragt wird, lässt es einen einfach schuldig aussehen.«
»Bist du sicher, dass es Mord war?« Johnnys Tonfall verriet, dass er sich nicht so sicher war.
»Fällt dir irgendein Grund ein, warum sie sich all ihrer Kleidung entledigen, sie einfach so beiseite schmeißen und sich dann hinlegen und sterben sollte?«
»Wenn du es so formulierst …«
»Genau. Ich habe keine Zweifel daran, dass ihre Leiche abgelegt wurde, ebenso wie ihre Kleidung. Ich vermute, dass noch ein oder zwei besondere Dinge über die Leiche und was mit ihr gemacht wurde, ans Licht kommen werden. Aber sonst nicht viel weiteres Beweismaterial.«
»Wie kommst du darauf? Hast du irgendwas gesehen?«
Warren schüttelte den Kopf. »Einfach mein Bauchgefühl.«
»Irgendwie glaube ich nicht, dass Cooley oder Howard viel darauf geben werden, was dein Bauchgefühl sagt.«
»Das ist der Grund, warum ich nichts gesagt habe. Ich will ihnen nicht den Eindruck vermitteln, als ob ich ihnen Ratschläge geben wolle, wie sie ihren Job zu machen haben.«
»Wahrscheinlich eine gute Idee.«
Per Funk kam ein Anruf: Einbruch, ein paar Häuserblöcke von der roten Ampel entfernt, vor der sie gerade standen.
»Wir übernehmen das.« Warren sprach zuerst. »Bestätige es bitte.« Er betätigte den Schalter für die Scheinwerfer und machte sich auf den Weg zu der angegebenen Adresse ‒ dankbar, etwas anderes zu tun zu haben.
4
Hayley starrte aus dem Fenster ihres Büros, das keinen Blick auf die Stadt, sondern auf den Gruppenraum bot. Sie saß also da und beobachtete, wie ihre Beamten an den Schreibtischen ihre Berichte schrieben. Die Tische wurden jeweils von mehreren genutzt, da die Beamten die meiste Zeit ihrer Schicht außerhalb des Polizeireviers verbrachten ‒ auf Streife. Aber das hielt die Beamten nicht davon an, Ansprüche geltend zu machen. Ein Teil ihrer Aufgaben bestand darin, dafür zu sorgen, dass alles reibungslos ablief und die Berichte pünktlich und mit möglichst wenig Überstunden eingereicht wurden. Das bedeutete, dass niemand während der Arbeitszeit herumstand und untätig darauf wartete, dass jemand einen bestimmten Schreibtisch freimachte. Als sie jetzt hinausschaute, war nur ein Schreibtisch besetzt. Nun ja, nur einer war von einem ihrer Beamten besetzt. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass ihre Schicht bereits seit fast einer Stunde zu Ende war. Er war schon zu lange da draußen, was sonst nicht seine Art war. In den sechs Monaten, in denen sie für diese Schicht zuständig war, hatte sie gelernt, dass die meisten Männer ihre Schreibarbeit erledigten und dann so schnell wie möglich gingen. Seit er eine Woche zuvor in ihre Schicht versetzt worden war, war Warren Hathaway in der Regel einer der Ersten, der seine Tagesberichte fertigstellte, sie abgab und sich aus dem Staub machte. Mit einem Seufzer ging sie hinaus, um zu sehen, woher die Verzögerung kam.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie, als sie sich neben den Schreibtisch stellte, wo er tippte und sich auf den uralten Computerbildschirm konzentrierte. Es sah zu ihr hoch, als sie sich neben ihn stellte.
»Ja. Ich mach dies nur eben fertig. Es war ein ereignisreicher Tag.«
Sie versuchte, sich an die Berichte zu erinnern, die über ihren Schreibtisch gewandert oder in ihrer E-Mail gelandet waren. Sein Partner, Reed, Johnny ‒ falls sie sich recht erinnerte ‒ hatte einen Bericht über eine Leiche eingereicht.
»Sie waren der erste am Tatort einer Leiche, richtig?«, fragte Hayley und hoffte, dass er sie nicht ausschließen würde, wie so viele der Männer es taten. Einen Bericht über das zu schreiben, was sie gesehen und getan hatten war eine Sache, es war Papier oder genauer, heutzutage, ein Computerbildschirm und nicht eine andere Person. Beides war unpersönlich und einfacher, als mit einer anderen Person direkt zu sprechen.
»Ja, so war es.« Er machte eine Pause. »Ich bin fast fertig. Ich wollte einfach alles niederschreiben, bevor ich irgendwas vergesse.« Er las noch einmal in dem kleinen Notizbuch, das immer in seiner Hemdtasche steckte, bevor er ein paar weitere Wörter eintippte. Sie war von seinem Tippen beeindruckt. Schnell und gezielt, fast ohne Korrekturen vorzunehmen. Unwillkürlich fragte sie sich, ob er eine Art Tippkurs absolviert hatte. Er tippte für ein oder zwei weitere Minuten, drückte dann mit der Maus auf Senden und lehnte sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück.
»Okay«, sagte er seufzend. »Alles fertig. Heute war ein Höllentag. Ich fahre jetzt nach Hause und mache Feierabend.« Er sah kurz zu ihr hoch. »Sofern Sie nicht etwas anderes für mich zu tun haben?«
»Nein. Es ist spät. Gehen Sie. Normalerweise sind Sie einer der ersten, der geht. Ich wollte nur schauen, ob alles in Ordnung ist.«
»Alles okay. Es war einfach ein voller Tag und es gab viel, was in den Bericht hinein musste.«
»Gut zu hören. Hauen Sie ab. Sie müssen sich etwas ausruhen, bevor morgen alles wieder von vorne losgeht.« Er war ihr letzter Beamter, der Schluss machte. Sie würde noch ein paar Minuten brauchen, um Sachen abzuschließen und würde dann ebenfalls nach Hause fahren. Alles andere konnte bis morgen warten.
* * *
Zu Hause trat Hayley durch die Tür und begann, ihre Klamotten auszuziehen. Als Erstes kam ihr Dienstgürtel dran ‒ derjenige mit Handschellen, Pfefferspray und Pistolen-Holster ‒ und legte ihn auf das Tischchen neben der Tür. Sie zog die Pistole aus dem Holster und nahm sie auf dem Weg ins Schlafzimmer mit. Die Pistole wurde auf den Nachttisch gelegt, bevor sie ihr Uniformhemd und die zugehörige Jeans auszog. Seufzend trat sie ins Badezimmer und überlegte kurz, ob sie duschen sollte. Es war ein langer Tag gewesen und sie war müde. Eine Dusche könnte sie etwas munterer machen und erfrischen, zumindest bis es Zeit zum Schlafen war.
Warum zum Teufel denn nicht?, fragte sie sich, als sie Slip und BH auszog. Es dauerte nicht lange, die Dusche anzustellen und die Temperatur einzustellen. Sobald sie ihre Klamotten fortgeräumt hatte ‒ die Schmutzwäsche ließ sie in der Wäschekammer auf den Boden fallen und die anderen hängte an den Haken auf der Rückseite der Tür ‒ trat sie unter den heißen Strahl und stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Als das heiße Wasser über ihre Haut strömte, war es besser, als sie es sich vorgestellt hatte. Die Wärme drang in ihre Muskeln und sie wünschte, sie könnte tagelang dort stehen.
Hayley wünschte, nicht das erste Mal, dass sie sich einen Whirlpool auf der hinteren Veranda würde leisten können. Wasser war schön, aber heißes Wasser war einfach großartig. An manchen Tagen wollte sie nichts lieber, als stundenlang in einem warmen Whirlpool zu liegen. Besonders an Tagen, wo sie das Gefühl hatte, nie wieder warm zu werden. An solchen Tagen war ein Whirlpool ihr sehnlichster Wunsch.
Sie war sich nicht sicher, wie lange sie unter dem dampfenden Strahl gestanden hatte, aber sie wusste, dass das Wasser kalt werden würde, wenn sie nicht bald aus der Dusche stieg. Sie hasste kaltes Wasser, und kalte Duschen waren sogar noch schlimmer. Hayley beendete ihre Dusche und stellte das Wasser ab. Sie trat raus auf den Plüschteppich – eines der wenigen Dinge, mit denen sie sich selbst verwöhnte ‒, griff nach einem Handtuch und schlang es um sich herum. Sie wickelte ein weiteres um den Kopf, als sie überlegte, was sie zum Abendessen zubereiten könnte.
Etwas Einfaches. Sie war zu müde zum Kochen. Ihr Magen grummelte und sie entschied sich gegen den Lieferdienst, da es zu lange dauern würde. Ebenso wie das Auftauen einer Pizza. Hayley seufzte und versuchte sich zu erinnern, was im Kühlschrank war. Reste, die sie einfach aufwärmen konnte. Es fiel ihr nicht viel ein, sie würde nachschauen müssen. Sie zog sich eine Trainingshose ‒ deren Beine sie abgeschnitten und so in Shorts verwandelt hatte ‒ und ein übergroßes T-Shirt an, das fast bis auf den Saum der Shorts herunterhing, sodass sie manchmal kaum zu sehen war. In diesen bequemen Klamotten machte sie sich auf den Weg in die Küche, um etwas fürs Abendessen zusammenzusuchen.
Im Allgemeinen kochte Hayley gern, aber nur für eine Person zu kochen war deprimierend und machte wenig Spaß. Sie vermisste es, für andere Menschen zu kochen, Menschen, die ihr Essen und den Aufwand, den sie hineinsteckte, mochten. Sie hatte schon viel zu lange niemanden mehr gehabt, für den sie kochen konnte ‒ nur für sich selber und gelegentlich ihre Schwester oder eine andere Freundin. Sie war zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt gewesen, um sich um Männer zu kümmern. Einen Mann kennenzulernen, nahm Zeit und Energie in Anspruch, die sie nicht hatte. Vielleicht würde sie später Zeit für die Partnersuche und eine Beziehung haben, aber momentan konzentrierte sie sich auf ihre Karriere. Sie wollte der erste weibliche Kapitän bei der Polizei in Highland County sein.
Ja, sie wusste, dass Highland County in der Zeit etwas hinterherhinkte. Verdammt, es hatte sogar mal einen weiblichen Präsidentschaftskandidaten gegeben! Dieser hatte nicht gewonnen, aber Hayley konnte sich nicht beschweren ‒ sie hatte nicht für sie gestimmt. Hayley mochte, dass sie eine Frau war, aber das war auch schon alles, was sie an der Kandidatin gemocht hatte. Ihre Politik und ihre Taktik hatten sie abgeschreckt. Es war ihr schwergefallen, in der letzten Wahl für irgendjemanden zu stimmen und wünschte, dass es einmal einen Kandidaten geben würde, für den man stimmen konnte ‒ statt gegen jemanden zu stimmen oder das kleinere zweier Übel zu wählen. Sie schüttelte den Kopf und wendete ihre Aufmerksamkeit wieder ihren eigenen Zielen zu. Highland County war immer noch etwas konservativ. Nicht, dass die Leute nicht glaubten, dass auch eine Frau den Job machen könnte. Genau das tat sie ja. Aber es war nicht einfach gewesen, die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass sie kompetent war und nicht ausfallen würde, um Kinder zu kriegen oder sie großzuziehen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie Kinder wollte.
Hayley liebte ihre Schwester, ebenso wie den Rest der Familie, aber sie verstanden sie nicht. Sie schüttelte den Kopf. Der Vater hatte sein Bestes getan um ihr, als die älteste von zwei Mädchen, alles beizubringen, was sie ‒ seiner Meinung nach ‒ nach seinem Tode wissen musste. Sie sah sich gern als einzigen Sohn ihres Vaters. Er hatte ihr beigebracht zu jagen, zu schießen, einen Reifen zu wechseln und alle notwendigen Reparaturarbeiten am Auto zu erledigen.
Einige Leute waren gekränkt und hatten gefunden, dass sie wie eine Prinzessin hätte behandelt und verwöhnt werden sollen, aber sie war dankbar. Sie war unabhängig und hasste es, um Hilfe bitten zu müssen. Und obwohl sie gelernt hatte, dass es keine Schwäche war zuzugeben, dass man gelegentlich etwas Hilfe braucht, war es manchmal schwer. Ihr Vater hatte ihr die Fähigkeiten an die Hand gegeben, sie selber zu sein, und sie liebte ihn dafür umso mehr. Der Rest ihrer Familie hatte dafür gesorgt, dass sie trotzdem all die traditionellen weiblichen Dinge beherrschte, die Harley als archaischen weiblichen Mist bezeichnete. Kochen war eine dieser Fähigkeiten, die sie als nicht notwendig angesehen hatte. Es gab andere Dinge, die ihre Familie ihr beigebracht hatte, aber Kochen war einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Es hatte sie lange Zeit gekostet, um herauszufinden, dass Kochen zumindest ein kleines bisschen mit Wissenschaft zu tun hatte. Einer chemischen Reaktion. Sobald sie verstanden hatte, wie das funktionierte, konnte sie mit Rezepten herumspielen und sie zu ihren eigenen machen. Das war der eigentliche Teil, den sie liebte. Herauszufinden, wie etwas funktionierte. Etwas Neues herzustellen und zu sehen, ob jemand es mochte. Niemanden zu haben, der ihr Essen aß, machte Kochen weit weniger attraktiv.
In der Küche öffnete sie den Kühlschrank und starrte für einige Minuten hinein, ohne etwas zu sehen. Nichts sagte ihr zu, aber sie wusste, dass sie essen musste, sonst würde sie es später bereuen. Ein niedriger Blutzuckerspiegel führte zu schlechter Laune und Zittern. Das war ihr in der Vergangenheit einige Male passierte, und sie hatte aus dem Fehler gelernt. Sie musste regelmäßig essen, um beides zu verhindern. Protein war am Besten, aber was sonst noch? Sie starrte einige weitere Minuten in den Kühlschrank, um ihr Gehirn zu zwingen, sich aus den Zutaten darin etwas zu zusammenzuzaubern.
Hayley überlegte kurz, sich einen Drink zu mixen oder vielleicht eine der drei Bierflaschen in der Tür des Kühlschranks zu öffnen, als sie an das Abendessen dachte, aber verwarf die Idee wieder. Sie brauchte keinen Alkohol, um sich zu entspannen. Sie hatte hart daran gearbeitet, nicht wie ihr Vater zu werden. Hayley würde vielleicht gelegentlich ein Bier trinken, aber sie trank nicht regelmäßig und sie hatte niemals so viel intus, dass sie sich nicht erinnern konnte, was sie unter Alkoholeinfluss getan oder gesagt hatte. Sie liebte ihren Vater, aber sie würde nicht werden wie er.
Mit einem Kopfschütteln widerstand sie dem Drang, jeden Tropfen Alkohol in ihrem Haus einfach in den Ausguss zu gießen. Sie war stärker als dieser Drang. Sie konnte ihn im Haus haben. Sie konnte nur trinken, wenn sie es wollte. Hayley wurde nicht von demselben Verlangen, demselben Bedürfnis getrieben, das ihrem Vater das Leben gekostet hatte, als sie erst siebzehn war. Hayley fragte sich manchmal, ob ihr Vater bessere Entscheidungen getroffen hätte ‒ wenn er beschlossen hätte, nicht Auto zu fahren oder an diesem Abend zu Hause zu bleiben ‒, ob er dann vielleicht überlebt hätte. Dann fragte sie sich, ob sie das überhaupt gewollt hatte. Er war fies gewesen, wenn er betrunken war. Er hatte geschrien und geschlagen, wenn er besoffen war. Hayley hatte gelernt, ihm aus dem Weg zu gehen, wenn er trank, zumindest meistens. Denni hatte nicht so viel Glück gehabt.
Es war mehrere Male vorgekommen, dass Hayley zwischen ihren Vater und Denni treten musste ‒ als ihr Vater betrunken und besonders fies war ‒ und ihre Schwester beschützt hat. Mehr als einmal hatte sie sich gefragt, unter welchem Einfluss ihre Eltern gestanden hatten, als sie ihrer Schwester ihren Namen gegeben haben. Was für eine Art Name war Denni? Hayleys Mutter sagte, sie wäre nach dem Bruder ihres Vaters benannt worden … Dennis. Echt jetzt? Denni?
Hayley schüttelte den Kopf und nahm die Fernbedienung für die Stereoanlage hoch. Sie musste an etwas anderes denken. An etwas weniger Depressives. Musik würde helfen. Nachdem sie ihre Lieblings-Playliste angestellt und sie laut genug gestellt hatte, um aus vollem Hals mitsingen zu können, ging sie zurück zum Kühlschrank und öffnete dieses Mal das Eisfach. Es starrten sie zwei gefrorene Pizzen, sechs Fertiggerichte und ein paar Packungen Hähnchenfleisch an, die neben dem Eiswürfelbehälter gestapelt waren. Wenn sie Zeit hatte, kochte sie lieber selbst, aber sie war eine vielbeschäftigte Frau und konnte eingestehen, zumindest sich selbst gegenüber, dass sie nicht immer die Zeit oder Energie hatte, nach der Arbeit zu kochen. Sie brauchte einige Zeit, um eines der Fertiggerichte auszuwählen, aber nur einige Minuten, um es aufzumachen und in den Ofen zu schieben. Sie hatte es auch mit der Mikrowelle versucht, aber sofern sie nicht in echter Eile war, bevorzugte sie das Aufwärmen im Ofen. Es schmeckte einfach besser.
Nachdem sie die Zeituhr eingestellt hatte, ging sie zurück ins Schlafzimmer, wo ihr E-Reader lag. Sie war mitten in einer Geschichte und konnte sie nichts Schöneres vorstellen, um sich von der Arbeit abzulenken, als in eine andere Welt einzutauchen.
5
Warren ging nach einer der längsten Arbeitsschichten, die er seit seinem Beginn im Polizeirevier von Blackjack absolviert hatte, nach Hause und setzte sich aufs Sofa, während er das Restaurantessen, das er er auf dem Weg nach Hause abgeholt hatte, auf den Couchtisch vor ihm abstellte.
»Lass sein«, sagte er zu Jake, als der schwarze Labrador sich mit wedelndem Schwanz nach vorne beugte, um an der Tüte zu schnüffeln. Ohne zu zögern setzte Jake sich, ließ die Tasche in Ruhe und sah Warren mit erwartungsvollen Augen an. Warren stieß einen lauten Seufzer aus und hievte sich wieder hoch. Jake folgte und ließ die Tüte mit dem Essen auf dem Weg zur Küche zurück. In der Küche schnappte sich Warren einen Papierteller, eine Gabel, ein paar Papierservietten und eine Dose Limo. Er hätte alles vor dem Hinsetzen holen sollen, aber er hatte nicht so weit im Voraus gedacht. Er nahm alles mit zurück ins Wohnzimmer. Jake war immer noch hinter ihm und stieß schwanzwedelnd gegen alle Möbelstücke. Warren blickte zu seinem Kameraden herunter ‒ der einzige, der seit Jahren mehr als ein paar Monate durchgehalten hat. »Musst du nach draußen?«
Der Hund sprang mit den Vorderpfoten hoch und raste zur Tür. Er starrte mehrere Sekunden auf den Türknauf und dann zurück zu Warren.
»Ich komme. Gib mir eine Sekunde.« Er öffnete die Tür und ließ den Hund nach draußen in den umzäunten Garten. Als er in der offenen Tür stand, öffnete er die Dose und nahm einen langen Schluck, während er auf den Hund wartete. Jake war gut erzogen und wusste, dass er – wenn er nicht sein Geschäft erledigte und schnell wieder reinkam ‒ eine Zeitlang warten musste, zumindest bis Warren wieder aufstand, was eine Stunde dauern könnte. Nach nicht mehr als drei oder vier Minuten kam Jake zurück und schlüpfte an Warren vorbei ins Haus. Zufrieden ging Warren wieder nach drinnen und schloss die Tür. Jake saß jetzt neben dem Sofa und wandte seine Aufmerksamkeit der Tüte auf dem niedrigen Tisch zu. Warren ging zurück zur Couch und setzte sich wieder hin. Er machte den Fernseher an und stellte den Geschichtskanal ein, während er die Tüte öffnete. Er wollte etwas, um seine Gedanken von der Arbeit abzulenken, und die Lokalnachrichten würden sie nur wieder dorthin zurückbringen. Egal, was der Geschichtskanal zeigte, es wären zumindest alte Nachrichten.
Warren zog eine Schachtel nach der anderen aus der Tüte. Es war mehr, als er heute Abend essen konnte, aber er hatte mehr als ein Gericht gewollt. Es würde halten, sodass er nicht gezögert hatte, eine größere Bestellung aufzugeben. Als er etwas vom Hühnchen mit Cashewnüssen und etwas vom Rindfleisch auf den Teller packte, den er sich geschnappt hatte, dachte er an Sergeant Moreno. Hayley. Er fragte sich, was sie bestellt hätte und ob sie eine Gabel oder Stäbchen zum Essen nehmen würde. Mag sie überhaupt chinesisches Essen? Er schüttelte den Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Fernseher zu, lehnte sich zurück und begann zu essen. Jake lag auf dem Boden und beobachtete ihn aufmerksam, aber bettelte nicht. Er wartete einfach. Er wusste, dass er – wenn er sich gut benahm ‒ den Teller bekommen würde, sobald Warren fertig war.
Nach dem Essen stellte Warren die Reste in den Kühlschrank, gab Jake seinen Teller zum Sauberlecken und warf ihn dann in den Abfall, bevor er zurück zur Couch ging. Dieses Mal kam Jake näher und legte seinen Kopf auf Warrens Knie. Er legte seine Hand auf den Kopf des Hundes und kraulte ihn geistesabwesend hinter den Ohren, während er sich fragte, ob Hayley Hunde mochte. Warren hatte mal eine Freundin gehabt, die schwörte, dass sie sie mochte, aber Jake wie Dreck behandelte, obwohl sie ihr eigenes Katzenpaar verhätschelt und bemuttert hatte. Die Katzen hätten eine Warnung sein sollen, aber Warren war zeitweise von ihrem hübschen Gesicht abgelenkt gewesen. Er hatte nicht lange gebraucht, um zu sehen, dass dieses hübsche Gesicht kaum ihre nicht gerade herausragende Persönlichkeit verdecken konnte. Die Beziehung hatte nicht lange gehalten. Nur bis sie angefangen hatte, Warren dazu zu drängen, Jake loszuwerden ‒ vielleicht ein oder zwei Monate nach Beginn ihrer Freundschaft. Vor die Wahl gestellt, hatte Warren diese getroffen … Jake. Er rubbelte die Ohren des Hundes und ließ die Anspannung des Tages abfallen. Aus vielen Quellen hieß es, dass Haustiere die Stressbelastung senken. Warren wusste aus Erfahrung, dass das stimmte. Egal, wie schlecht der Tag gewesen war, er kam zu Jake zurück nach Hause und der Hund schien zu wissen, wie er sich fühlte. Ob er alleingelassen werden wollte oder ob er wollte, dass man ihm die Füße leckte. Das war eine Sache, die Warren immer noch etwas zu schaffen machte, aber wusste, dass es eine tröstliche Sache für den Hund war, also ließ er ihn gelegentlich seine Füße ablecken. Bis er es nicht mehr aushalten konnte. Dann würde er Jake befehlen, aufzuhören ‒ und das würde er sofort tun.
Einigen schien es vielleicht nicht so, aber Jake war ein guter Kamerad. Er half Warren durch schwierige Tage, wie den heutigen, und was konnte man mehr verlangen?
* * *
Am nächsten Tag ging Warren wie üblich zur Arbeit. Johnny schien etwas still zu sein, aber nicht genug, um es zu kommentieren, und jeder ging seinen Aufgaben nach. Er war mit der Schicht zur Hälfte durch, und es war seine dritte Fahrt zurück zum Dezernat gewesen ‒ dieses Mal mit einem Teenager, der bei der Zerstörung von Tischen in einem öffentlichen Park geschnappt wurde ‒, als Sergeant Moreno durch den Gruppenraum geschritten kam. Sie sah wütend aus, und im Moment war er einfach froh, dass die Wut nicht gegen ihn gerichtet war. Er konnte jedoch nicht anders und beobachte, wie sie fortging.
»Mann, wenn sie dich bei diesem Blick erwischt, wird sie dir deinen Hintern auf dem Silbertablett servieren.« Johnnys Stimme neben ihm riss ihn zurück zu seinen Aufgaben. »Und lass es auch L T nicht sehen. Wenn er dich dabei erwischt, dass du eine Vorgesetzte so anschaust, wirst du möglicherweise aus der Abteilung fliegen.«
Warren spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg, als er sich wieder mit seiner Arbeit beschäftigte, aber er sagte nichts. Was hätte es gebracht, es abzustreiten? Er war erwischt worden. Er musste nur aufpassen, dass es nicht noch einmal passierte. Das Letzte, was er gebrauchen konnte, war, dass Lieutenant Watterson zwischen Warren und Sergeant Moreno ein Techtelmechtel vermutete. Das würde Warren seinen Job kosten, und möglicherweise sogar Hayley. Das würde er ihr nicht antun, auch wenn er sie so sehr in seinem Bett haben wollte, dass er es förmlich schmecken konnte. Er wollte sich umdrehen, um einen letzten Blick auf sie zu werfen, zwang sich aber, wegzuschauen. Stattdessen führte er den Jungen zu einem Schreibtisch und ließ ihn seine Eltern anrufen, damit sie ihn abholten. Während sie warteten, würde Warren mit ihm über sein Vergehen sprechen und versuchen, die Gründe dafür herauszufinden. Er hasste es, einen Jungen ohne Vorstrafen festzunehmen, er wollte jedem möglichst eine zweite Chance geben. Dieses Mal war das Vergehen geringfügig, aber wenn Warren ihm entweder Angst einjagen oder seine Eltern dazu bringen konnte, ihn strenger zu behandeln, sodass er nie wieder aufgegriffen werden musste ‒ dann war es das wert.
* * *
Am Montagmorgen saß Warren kerzengerade im Bett, aufgeschreckt durch das Klingeln seines Telefons. Es war sein freier Tag und er hatte vorgehabt, ein oder zwei Stunden länger zu schlafen, bevor er ins Fitness-Studio gehen wollte. Danach wollte er zum Haus seiner Schwester fahren, um später am Nachmittag nach ihr und den Kindern zu sehen, wenn sie zu Hause wären.
»Hathaway.« Er hatte schon vor langer Zeit aufgehört, hallo zu sagen, besonders, wenn er nicht wusste, wer am anderen Ende der Leitung war.
»Officer Hathaway, hier ist Detective Howard. Wann gehen Sie heute morgen zur Arbeit?«
Warren blinzelte, als sein vom Schlaf benebeltes Gehirn versuchte, sich auf die Worte des anderen Mannes einen Reim zu machen. »Hm. Ich gehe heute nicht, Sir. Heute ist mein freier Tag.«
»Können Sie herkommen? Ich habe gerade den Bericht gelesen, den Sie am Samstag zum Schichtende eingereicht haben, und ich würde gern etwas ausführlicher mit Ihnen sprechen.«
»Sicherlich, aber Sie müssen sich etwas gedulden. Ich fürchte, Sie haben mich gerade geweckt.«
»Kein Problem. Wie lange brauchen Sie wohl, bis Sie hier sind?« Howard schien es nichts auszumachen, dass Warren nicht in den nächsten zehn Minuten vor Ort sein konnte.
Er blickte auf die Uhr, acht Uhr fünfzehn. »Das hängt davon ab, ob ich in Uniform oder Freizeitkleidung kommen soll?«
»Nehmen Sie besser die Uniform. Keine Sorge, ich werde dafür sorgen, dass Sie bezahlt werden, wenn es mehr als einige Minuten dauert.«
»Darum mache ich mir keine Sorgen, Sir.« Er rechnete im Kopf durch, wie lange er zum Anziehen und für den Weg zum Dezernat brauchen würde. »Ich kann ungefähr um neun Uhr dreißig dort sein, wenn es recht ist.«
»Das ist in Ordnung. Bis dann. Oh, und Officer?«
»Ja?«
»Kommen Sie hoch in den zweiten Stock, wir warten dort auf Sie.«
»Ja, Sir. Bis dann.«
Der Kriminalbeamte legte auf, ohne sich zu verabschieden. Das war keine Überraschung für Warren. Viele Beamte waren so, wenn es um etwas Geschäftliches oder eine Ermittlung ging. Er hatte es selbst ein- oder zweimal so gemacht. Seufzend rollte er sich aus dem Bett und machte sich auf den Weg ins Badezimmer. Er würde seinen Workout auf später verschieben müssen, dafür war jetzt keine Zeit.
* * *
Am zweiten Tag seiner Unterstützung des Kriminalbeamten bei den Ermittlungen zum Mordfall stellte Warren fest, wie sehr er diesen Teil des Jobs vermisst hatte. Nicht den Mord oder die Körperteile, sondern das tiefere Denken ‒ nach mehr Informationen zu graben, mögliche Verdächtige und Motive herauszuarbeiten. In Albuquerque war er kein Kriminalbeamter gewesen, sondern bei der Schutzpolizei tätig gewesen, wo er mehr in die Tiefe gehen musste als ein Streifenpolizist ‒ sowohl dort als auch hier in Blackjack.
Es fühlte sich gut an, mehr zu machen, als Strafzettel auszustellen und auf Anrufe wegen häuslicher Gewalt und Ruhestörung zu reagieren. Okay, okay. Gelegentlich gab es auch einen Anruf wegen Diebstahl oder Raubüberfall, der die Monotonie unterbrach, aber nicht häufig. Warren hatte in dem Jahr, in dem er bei der Polizei in Blackjack tätig war, mehr mit abgehauenen Teenagern zu tun gehabt ‒ von denen die meisten nach ein paar Tagen wieder nach Hause kamen ‒ als mit etwas, was über Ordnungswidrigkeiten hinausging.
Nicht, dass er seine Arbeit bei der Schutzpolizei nicht gemocht hatte ‒ denn das hatte er. Auch hatte er den Wechsel unbedingt gebraucht. Nach drei Jahren bei der Schutzpolizei ‒ im Bereich Kinderprostitution und Menschenhandel ‒ stand er kurz vorm Burnout. Das war einer der wichtigsten Gründe gewesen, warum er gegangen war und neu angefangen hat. Das, und die Tatsache, dass Nancy Hilfe brauchte.
Seine Schwester, Nancy, war damals frisch verwitwet. Ihr Mann Thomas war durch eine Straßenbombe in Afghanistan getötet worden und hatte sie mit vier Kindern unter sechs Jahren zurückgelassen. Die Eltern von Thomas lebten im Staate New York, woher auch er stammte. Durch die Entfernung waren sie nur eine begrenzte Hilfe. Außerdem ‒ das hatte Nancy zwar nicht gesagt, aber Warren hatte den Eindruck ‒ schienen sie sie für Thomas' Tod verantwortlich zu machen, zumindest teilweise, und sie hatten nicht viel Kontakt.
Warren und Nancy hatten drei weitere Geschwister, eine Schwester und zwei Brüder, aber er stand ihr am nächsten, sowohl beziehungsmäßig als auch geographisch. So war es manchmal in größeren Familien.
Auf jeden Fall ging es Nancy jetzt besser, und obwohl Warren immer noch aushalf, brauchte sie ihn nicht mehr so häufig. Diese Tatsache machte Warren sowohl glücklich als auch traurig. Glücklich, weil es ihr besser ging. Durch den Verlust von Thomas war sie nur noch ein Schatten ihres früheren Ichs gewesen, und es war schön zu sehen, dass sie wieder Boden unter den Füßen gewonnen hatte, zumindest meistens. Sie war noch nicht offen für eine neue Beziehung, oder zog sie diese überhaupt in Betracht, aber sie wurde mit den Kindern, ihrem Job und dem Alltag fertig. Das war der Grund, warum ihre bessere Gemütsverfassung ihn traurig machte: Er hatte den größten Teil des letzten Jahres mit seiner Nichte und seinen Neffen verbracht, und jetzt, wo Nancy ihn nicht mehr so häufig brauchte, vermisste er sie alle. Er kam immer noch oft vorbei, aber er ließ ihnen auch Zeit und Freiraum. Dadurch hatte er mehr freie Zeit. Zeit, die er nutzen konnte, um ein bisschen zu daten.
Wenn nur die eine Person, die in seinen Gedanken – und gelegentlich seinen Träumen –
umhergeisterte, mit ihm ausgehen würde. Er wusste, warum Sergeant Hayley Moreno ihn abgewiesen hatte. Sie war sein Boss und sie hatte hart gearbeitet, um diese Position zu erlangen. Das respektierte er. Vielleicht war es Zeit für eine Veränderung, eine, die das Problem beseitigen würde? Vielleicht sollte er darüber nachdenken, den Streifendienst zu verlassen, vielleicht ein wenig aufzusteigen.
Er schüttelte den Kopf und verdrängte sein Wunschdenken. Er hatte einen Fall, auf den er sich konzentrieren musste, und sein Wunschdenken hielt ihn davon ab.
Warren war überrascht gewesen, als er sich mit Detective Howard zusammengesetzt hatte, nachdem der Beamte ihn zuvor angerufen hatte. Über eine Stunde lang hatte der andere Mann ihn zu dem eingereichten Bericht befragt. Nicht nur zu dessen Inhalt, sondern auch dazu, warum er bestimmte Punkte aufgenommen hatte. Warum hatte Warren dies oder jenes hinzugefügt? Sie hatten ihn nicht beschimpft oder bedroht, sondern gebeten, ihnen zu helfen. Das allein hatte ihn schon verdammt überrascht, aber er hatte sofort eingewilligt. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch nicht daran gedacht hatte, den Streifendienst zu verlassen, wollte er unbedingt helfen, den Mörder des Mädchens zu finden. Er hatte jetzt einen Namen für sie, Tanalynn Snyder. Tanalynn ‒ er sah sich den Namen noch einmal an und dachte, nicht zum ersten Mal, dass es ein seltsamer Name war. Er musste jedoch zugeben, dass sie wahrscheinlich die Einzige mit diesem Namen in ihrer Klasse war. Er schüttelte den Kopf und schaute sich die Seiten an, die er vor sich ausgebreitet hatte. Er hatte in den letzten Tagen ein Dutzend Leute befragt, und das war die einzige Möglichkeit, sich alles zu merken: einfach alles immer wieder lesen, bis ihm etwas auffiel. Er wusste, dass ihm etwas auffallen würde. Das musste einfach so sein.
6
Hayley betrat am Mittwochmorgen, dem letzten Tag vor ihren freien Tagen, das Polizeirevier und rechnete schon halb mit einer frechen – halbwegs unangebrachten – Bemerkung von Hathaway, da dies der einzige gemeinsame Tag zwischen ihren freien Tagen war. Aber er schien nicht da zu sein. Das war etwas seltsam für den Beginn einer Schicht, aber nicht ungewöhnlich. Manchmal kam etwas dazwischen. Sie ging in ihr Büro, um vor der Schichtbesprechung noch ein paar Dinge zu erledigen.
Dreißig Minuten später betrat sie den Besprechungsraum und war bereit, den Tag in Angriff zu nehmen. Während sie darauf wartete, dass die Männer und Frauen, die am Rand des Raumes saßen und standen, zur Ruhe kamen, ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen und bemerkte erneut Hathaways Abwesenheit, obwohl sie diesmal damit gerechnet hatte. Auf ihrem Schreibtisch lag eine Notiz, in der ihr mitgeteilt wurde, dass einer der Beamten ihn um seine Unterstützung bei einer Mordermittlung gebeten hatte.
Das war ihr recht. Ein paar zusätzliche Tage ohne den Mann würden ihr nichts ausmachen. Sie ärgerte sich innerlich darüber, dass sie jetzt überhaupt nach ihm suchte. Er war zwar nervig, aber sie musste zumindest sich selbst eingestehen, dass er ein guter Polizist war. Hathaway hatte nichts Unangemessenes getan, aber er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er mehr als nur eine berufliche Beziehung wollte. Hayley hatte abgelehnt, und er hatte es dabei belassen, aber sie war sich der heißen Blicke, die er ihr manchmal zuwarf ‒ wenn er dachte, niemand würde es bemerken ‒ sehr bewusst. Sie konnte nur hoffen, dass niemand anderes es bemerkt hatte. Sie hatte hart gearbeitet, um sich als Polizistin Respekt zu verschaffen, und noch härter, um Sergeant zu werden. Das wollte sie nicht für einen Mann aufgeben.
Selbst nicht für einen so sexy und verführerischen Mann wie Hathaway.
Hayley hatte eine Strategie, was das Ausgehen mit Männern von der Arbeit anging ‒ sie tat es einfach nicht. Es war eine Strategie, die sie für Hathaway vielleicht aufgegeben hätte, wenn sie nicht seine Vorgesetzte gewesen wäre. Aber da sie es war, würde es niemals passieren.
Nachdem sie die Aufgaben verteilt hatte ‒ darunter auch die Zuweisung eines vorübergehenden Partners für Hathaways Partner, Johnny Reed ‒ kehrte sie in ihr Büro zurück. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass sie ‒ wenn sie jetzt nicht alles auf ihrem Schreibtisch in Angriff nahm ‒ nach zwei freien Tagen drei Tage brauchen würde, um den Rückstand aufzuholen.
* * *
Hayley war nach Schichtende auf dem Weg zu ihrem Auto, als sie an ihm, der gerade hereinkam, vorbeiging. Er lächelte und nickte, sie tat dasselbe, ging aber wortlos weiter. Es gab keinen Grund ‒ außer, dass sie es wollte ‒ anzuhalten und mit ihm zu sprechen. Jemand könnte es bemerken. Er könnte es als Ermutigung auffassen. Was sie definitiv nicht wollte. Warum sich mit etwas quälen, das man nicht haben kann? Mit einem Kopfschütteln setzte sie sich hinter das Steuer ihres Autos und schloss die Tür.
»Du musst dringend flachgelegt werden.« Ihre Stimme hallte in dem leeren Auto wider, als sie ihn im Rückspiegel davongehen sah und nicht umhin kam, zu bemerken, wie perfekt seine Jeans sein Hinterteil umspannte.
Hayley schüttelte den Kopf und ließ den Motor an. Er verschwand im Polizeirevier und sie legte den Gang ein. Es hatte keinen Sinn, länger zu warten. Sie war müde, und obwohl sie den ganzen Tag nicht viel mehr getan hatte, als am Schreibtisch zu sitzen und Papierkram zu erledigen, schmerzte ihr ganzer Körper. Sie konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und sich in einer Wanne voller heißem Wasser zu entspannen. Wieder einmal wünschte sie sich einen Whirlpool ‒ nicht, dass sie die Blasen gebraucht hätte, aber sie liebte es, in heißem Wasser zu baden, und in einem Whirlpool wäre das viel einfacher. Sie verdrängte diesen Wunschtraum und konzentrierte sich auf die Straße. Aus irgendeinem Grund schien der Verkehr heute Abend dichter zu sein als sonst, und sie brauchte fast doppelt so lange wie die üblichen fünfzehn Minuten, um nach Hause zu kommen. Als sie in die Einfahrt einbog, biss sie die Zähne zusammen, um nicht all die idiotischen Autofahrer um sie herum anzuschreien. Sie stellte das Auto ab, sammelte ihre Sachen ein und ging nach drinnen, wo sie hoffte, sich entspannen zu können. Normalerweise fing sie schon an, auf der Auffahrt lockerer zu werden, aber es war, als würde heute etwas gegen sie arbeiten und sie wurde nur noch angespannter und angespannter, bis sie – als sie die Vordertür aufsperrte – soweit war auszurasten.
Hayley hasste es, ihre Fassung zu verlieren, teilweise, weil sie dann fast immer etwas sagte, was sie nicht so meinte und so die Situation, egal welche, nur verschlimmerte. Nein. Das würde sie nicht machen. Nicht heute. Sie ließ sich selbst hinein und legte die mitgebrachten Papiere auf den Tisch neben der Tür. Dann machte sie sich auf den Weg ins Schlafzimmer, wobei sie sich unterwegs Stück für Stück ihrer Uniform entledigte.
Dreißig Minuten später sank sie – mit auf dem Kopf aufgetürmten und festgesteckten Haaren ‒ bis unters Kinn ins Schaumbad ein. Die riesige Wanne im Badezimmer war ein entscheidender Grund gewesen, warum sie dieses Haus gekauft hat. Wenn sie schon keinen Whirlpool haben konnte ‒ und sie konnte sich unmöglich einen leisten ‒, dann würde es eben eine Badewanne sein, die groß genug war, sie vollständig, bis auf den Kopf, mit heißem, dampfenden Wasser zu bedecken. Denni fand, sie wäre merkwürdig. Sie lebte in der Wüste, und da wurde es heiß ‒ wie konnte sie es nur aushalten, in so heißem Wasser zu sitzen, dass ihre Haut sich rosa verfärbte? Zumindest war es das, was Denni sie immer wieder fragte. Hayley war sich nicht sicher. Sie wusste nur, dass heißes Wasser sie beruhigte, sie auf eine Weise besänftigte, wie nichts anderes. Hayley vermutete, dass ein Leben in der Wüste damit zusammenhing. Nicht, dass sie noch mehr Hitze brauchte, aber ihr Körper wollte mehr Feuchtigkeit. Ja, sie wusste, dass heißes Wasser die Haut austrocknete und nicht umgekehrt, aber an Tagen wie heute war ihr das egal.
Als sich die fürchterliche Anspannung in ihr langsam löste, begann das Wasser kalt zu werden und der Schaum war verschwunden. Der Schaum war ihr eigentlich egal, außer, dass er angenehm roch, aber sie brauchte mehr Wärme, also ließ sie ein paar Zentimeter Wasser ab und drehte den Warmwasserhahn auf. Hayley bewegte die Hände und Beine im Wasser, um das hinzugefügte Wasser zu verteilen, damit es keine heißen Stellen in der kühlen Wanne gab, drehte das Wasser ab, als die Wanne wieder voll war, und lehnte sich zurück. Sie schloss die Augen und legte den Kopf gegen den Rand der Wanne, während sie versuchte, ihren Kopf von all dem dummen Mist zu freizukriegen, der sich den ganzen Tag über dort angesammelt hatte. Berichte, die schon vor Tagen hätten abgegeben werden müssen, lagen heute auf ihrem Schreibtisch, und die verantwortlichen Beamten hatten geschworen, sie rechtzeitig abgegeben zu haben. Hayley wusste, dass die Berichte am Vortag noch gefehlt hatten, aber wie konnte sie das beweisen? Und ihr Lunch war wieder verschwunden. Diesmal hatte sie jedoch keine Zeit gehabt, ins Restaurant zu gehen, und sie hatte das Spiel zu satt, um sich erneut etwas zu bestellen, also hatte sie das Essen ausfallen lassen.
Als ob der Gedanke daran ihren Magen erinnerte, dass er leer war, knurrte und rumorte er und machte seine Unzufriedenheit deutlich kund.
Mist, sie musste etwas essen, aber nichts im Haus klang lecker, oder zumindest nichts, was nicht mindestens fünfundvierzig Minuten Vorbereitungs- und Kochzeit erforderte. Und obwohl ihr die Zeit nichts ausmachte, hatte sie heute Abend keine Lust zu kochen ‒ nicht für sich allein. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr graute ihr vor der Vorstellung, etwas zum Essen zu suchen. Als ihr klar wurde, dass sie sich nur wieder selbst unter Druck setzte, beschloss sie, dass es reichte. Sie würde sich das Essen liefern lassen, aber das schränkte ihre Möglichkeiten etwas ein. Es gab nicht so viele Restaurants, die hierher lieferten.
Nachdem sie den Entschluss gefasst hatte, zog sie den Stöpsel raus, stand auf, stieg aus der Wanne, ohne zu warten, bis das Wasser abgelaufen war, und griff nach einem Handtuch. Nachdem sie es sich um den Körper gewickelt hatte, ging sie ins Schlafzimmer, wo sie ihr Handy liegengelassen hatte. Sie hatte kurz überlegt, es mit ins Badezimmer zu nehmen, dann aber beschlossen, dass sie sich ohne es besser entspannen könnte. Jetzt wollte sie es doch. Sie rief bei Rocky's, ihrer Lieblingspizzeria, an und gab die Bestellung auf, dann wandte sie sich dem Kleiderschrank zu. Sie hatte etwa vierzig Minuten Zeit, bis ihr Essen geliefert wurde, und so verlockend es auch war, einfach ins Handtuch gehüllt zu bleiben ‒ es würde nicht gut aussehen, wenn eine Sergeant vom Polizeirevier fast nackt an die Tür ginge.
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