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Maxi Hill
...ach, dieses ewige Sehnen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
SOMMER 1962
TEIL 1 — DIE VERGANGENHEIT
DIE ANDERE MARIA
DER ANDERE TEIL DES LEBENS
IM AUFWIND DES LEBENS?
DIE LAST DES GEWÖHNLICHEN LEBENS
WIE DAS SO IST MIT DER WAHRHEIT
EIN NEUS LEBEN
IN EWIGER HOFFNUNG
DER FREMDE GAST
NEUE HOFFNUNG AUF LEBEN
BENNO
ZUSAMMEN GEHT ALLES BESSER
DAS LEBEN GIBT; DAS LEBEN NIMMT
TEIL 2 — ZURÜCK ZUR GEGENWART
EIN GEFÄHRLICHER BESUCHER
EMY
PAUL
MARIA
MAXI HILL
Impressum neobooks
SOMMER 1962
Minute um Minute ringt sie mit sich, ob sie den müden Knochen Ruhe schenken oder doch noch die leidige Pflicht erfüllen sollte. Sie muss sich ihre Situation selbst zuschreiben, hatte sie doch ihre Kinder nie konsequent angehalten, ihr zur Hand zu gehen. Und wenn sie ehrlich mit sich ist, dann macht sie lieber alles allein. Karla, die älteste ihrer drei Töchter, würde freiwillig anpacken, aber sie ist nicht mehr zuhause. Sie hat jetzt ihr eigenes Leben und wartet sehnsüchtig darauf, ein Kind bekommen zu können. Die zweite Tochter, Franka, hat auch endlich einen Mann gefunden. Lange war Franka traurig, weil ihre große Schwester Karla, wann immer es ging, ihren Kopf auf die Schulter von Theo legen konnte. Wolf, der junge Mann, mit dem Franka jetzt geht, ist nicht Marias Typ, aber das Mädchen ist hin und weg von dem strohblonden Kerl. Heute bei dem schönen Wetter ist sie mit ihm auf dessen Java unterwegs, und Maria betet, es möge ihrem Mädchen nichts passieren. Neues Leben — neue Sorgen. Wann hören die einmal auf? Nie. Niemals. Nicht für eine Mutter.
Elias, ihrem neunzehnjährigen Stammhalter, würde sie niemals eine der Hausarbeiten auferlegen. Das ist sie seinem Vater Hannes schuldig, so glaubt sie. Und die jüngste, die Emy, ist fast sechzehn, aber sie ist jenes Kind, das von Anbeginn eine Sonderrolle in ihrer Familie gespielt hat — in jeder Hinsicht.
Maria Jahn streicht mit einer Hand eine ihrer dunklen Locken aus der Stirn, die für manch einen noch immer beneidenswert sind. Mit der anderen prüft sie am großen Wassertopf, der auf dem Küchenherd steht, ob das Wasser heiß genug ist für den Berg an Buntwäsche, den zu waschen sie sich für den Nachmittag vorgenommen hatte. Auszuruhen wäre Frevel. Das Wetter ist zu schön, als dass man es ungenutzt lassen könnte. In zwei Stunden könnte die Wäsche trocken sein.
Maria Jahn, geborene Theiss, war einmal eine sehr schöne Frau. Es gab Zeiten, da wurde sie wegen ihrer Schönheit umgarnt, dass es ihr lästig wurde, ja geradezu peinlich, besonders wenn Hannes in der Nähe war. Und es gab Zeiten, da nutzte ihre Schönheit gar nichts mehr, da stand sie allein auf weiter Flur und musste zusehen, wie sie klarkam. Diese Zeit und noch vieles mehr hat sie still gemacht, in sich gekehrt, aber nicht verbittert — so glaubt sie jedenfalls, trägt sie doch ihr Los längst ohne Klage.
Der heiße Dampf steigt in ihr mattes Gesicht und lässt es erblühen wie einst. Die an der Werkbank geschundenen Fingerknöchel rubbeln über das Waschbrett, als ginge es um Leben und Tod. Eine Bluse und noch eine Bluse, ein Paar Socken und noch und noch und noch eines. Pullover und Röcke, die vom Kochen fleckigen Schürzen und die Arbeitshosen von Elias, der in ihrem Werk eine Lehre gemacht hatte und der inzwischen ein richtig guter Arbeiter ist. Trotzdem muss er bald zur Armee, was Maria seelisch zusetzt. Viele junge Männer hat man mit ähnlichen Argumenten für den Wehrdienst begeistert, wie einst Hannes. Aber das eine mit dem anderen zu vergleichen, ist heutzutage gefährlich.
Vertieft in das ewige Auf und Ab über die Rillen des Waschbrettes aus Zink hört sie den ersten Pfiff nicht, der von der Wiese hinter dem Haus durch das offene Fenster tönt. Ein zweiter. Und dann die junge Stimme, die ihr wohl bekannt, aber weniger angenehm ist.
»Emy? Emy!«
Maria streift den Seifenschaum von den Handrücken, die Feuchtigkeit wischt sie an der Schürze ab. Nach dem dritten Ruf hat sie das Fenster erreicht. Unten steht der siebzehnjährige Hardy, der gehätschelte Sohn einer zugezogenen Familie, den seine Eltern einst Bernhard taufen ließen. Der Mund des Jungen sitzt heute merkwürdig schräg im naiven Gesicht, das irgendwie noch Babyspeck trägt, seine Augen aber spiegeln die Hinterlist eines Erwachsenen, vielleicht auch die Verlegenheit eines Sünders, so genau kann es Maria nicht deuten.
»Ist Emy da?«, fragt das Gesicht, in dem die Augen zu funkeln beginnen. Bernhard, den alle Welt nur Hardy ruft, ist ein Junge, den die Nachbarn wohlerzogen nennen. Stets höflich, fast servil, grüßt er alle Leute, und auch sonst kennt man keine bösen Jungenstreiche von ihm. Und wenn es einmal einen Grund zur Klage gibt, hat seine Mutter sofort das Zepter in der Hand und macht daraus eine Heldentat. Maria Jahn hatte nie Zeit, darüber zu grübeln, dennoch ist sie bisweilen skeptisch, weil ihr ein Junge mit solch heuchlerischer Art unheimlich ist. Und sie weiß genau, woran ihre Abneigung gegen jede Heuchelei liegt.
»Nein, Emy ist nicht da«, antwortet Maria und will wieder zu ihrer Arbeit zurück.
»Wo ist sie denn?«
»Das kann ich dir nicht sagen«, hält Maria sich kurz.
»Aber ich kann es Ihnen sagen!«
Sogar von hier oben kann Maria sehen, wie die weichlichen Lippen des Jungen zu beben beginnen. »Sie treibt sich am Baggersee rum und sitzt bei Jeff Kugler im Auto. Und... na ja… Sie wissen schon, was das bedeutet. «
Kaum sind seine Worte verklungen, verschwindet Hardy um die Hausecke. Maria bleibt wortlos zurück. Eine, zwei Minuten steht sie da, blinzelt in den hellen Tag, den sie selbst viel lieber für ein paar schöne Stunden genutzt hätte. Dann schlurft sie zurück zu ihrem Waschzuber und rubbelt, was die Fingerknöchel hergeben. In ihrem Kopf nur ein Name: Jeff. Jeff Kugler ist der jüngste Sohn eines Großbauern aus dem Nachbardorf. Nicht, dass sie etwas gegen Großbauern hätte. Irgendwer muss schließlich dafür sorgen, dass die Leute satt werden. Aber sie, Maria Jahn, hatte mit dieser Spezies reicher Bauern in den kärgsten Jahren ihre spezielle Erfahrung gemacht. Es war während mühseliger Touren über Land, um die man nicht herumkam, wollte man nach dem Krieg seine Kinder satt bekommen.
Wenn sie ehrlich mit sich ist, hat sie die leidige Zeit längst abgehakt, nicht aber ihre ärgste Begegnung mit einem Bauernsohn, an den sie Jeff Kugler jetzt erinnert. Aber genau davon will sie nichts mehr hören. Etwas ganz anderes überwiegt in ihrer matten Enttäuschung. Sollte Emy ebenso unvorsichtig sein? Dieser Jeff ist immerhin bekannt für das, was die Leute in ihrer Heimat herum-schwuchteln nannten. Hier sagt man es drastischer: herumhuren.
Hure! Dieses Wort, wie auch immer gesprochen, tut ihr noch nach Jahren so sehr weh, dass sie es mit schmerzhaft heftigem Rubbeln im Waschzuber ertränkt. Lange Zeit war ihr die Angelegenheit wie eine vorübergehende Krankheit erschienen, die längst ausgeheilt schien. Innerlich glaubte sie seit Jahren, das alte Schicksal endlich bezwungen zu haben, weil sie ihre Sehnsucht bezwungen hat. Aber jetzt war wieder etwas da, was Angst macht — oder vielleicht Wut?
Darüber kann sie nicht einmal entscheiden, als ihre Wäsche längst im lauen Sommerwind flattert, sie ihre Locken gebändigt hat und sich bei einer Zigarette ein paar Minuten Ruhe gönnt.
Es gibt eine Erklärung dafür, dass es Angst sein könnte, und eine andere, dass es Wut ist. Über beide Gründe hat sie nie gesprochen, nie sprechen können. Aber diese Selbsterkenntnis hilft ihr an diesem Tag nicht, einen Fehler zu begehen, einen weiteren in ihrem Leben, das von allen Übeln viel zu viele für sie bereitgehalten hat, als dass sie es ein schönes Leben nennen könnte.
Es geht auf achtzehn Uhr zu. Die Tür knarrt leise und Emy, das junge, unbeschwerte Mädchen, tritt strahlend über die Schwelle. Sie ist schön anzusehen, sogar schöner als ihre Schwestern. Wer wüsste besser, wozu Schönheit führen kann, als Maria Jahn.
Emy Jahn sieht ihre Mutter auf der Ofenbank sitzen, eine Zigarette rauchen und den Qualm ins offene Ofentürchen pusten. Das ist schon immer ein sicheres Zeichen, dass es ihrer Mutter gut geht. Gerade will sie etwas sagen, als Maria mit ungewöhnlich derber Stimme herausfährt: »Hast du bei diesem Jeff im Auto gesessen?«
»Ja, stell dir vor…«, sprudelt es aus ihr heraus. Noch lächelt sie, aber sie stoppt ihre Worte, weil das Gesicht der Mutter in Sekunden nicht dasselbe geblieben ist, das sie liebt. »Ich wollte dir gerade…«
Noch ehe der Satz ausgesprochen ist, fährt die Hand der Mutter kraftvoll über das junge Gesicht. Emy ist so erschrocken, dass sie kein Wort mehr herausbringt, dafür schießen Tränen aus ihren Augen und benetzen ihr junges, gerade noch fröhliches Gesicht.
Es ist das zweite Mal in Emys ganzem Leben, dass ihre Mutter die Hand gegen sie erhoben hat. Beim ersten Mal war sie noch klein, und sie hat den Umstand, dass der Mutter die Hand ausgerutscht war, einzig Benno zugeschrieben. Benno, ein Onkel, der seine Heimat durch den Krieg verloren hat und bei ihnen nur Unterschlupf suchte, war dann geblieben und hatte Mutters Herz erobert. Emy, die als einzige der vier Geschwister keinen Vater kannte, weil der im Krieg geblieben war, noch ehe sie geboren wurde, mochte keinen Mann im Haus. Auch Benno konnte Emy, die jüngste von Marias Kindern, nie wirklich leiden. Warum, das blieb ihr für alle Zeit verborgen, aber in der Tiefe ihres Herzens glaubt sie, weil sie so klein und hilflos war, unbeholfener als Karla und wehleidiger und anhänglicher als Franka und Elias.
Und nun das! Die Ohrfeige der Mutter kam so plötzlich, dass Emy nicht einmal misstrauisch werden konnte, was Mutters Wandlung bewirkt haben könnte.
Jammern hilft nicht, nimm das Leben wie es ist!, dieser Satz, von Oma Irma, den die mit fremdem Klang gesprochen hatte, geht in ihrem Kopf herum. Diesen Satz sollte nach Omas Meinung jedes Kind in seinem Kopfe tragen. Wann in ihrem Leben waren Omas Weisheiten mehr wert als die von ihrer Mam? Niemals. Und warum muss sie jetzt daran denken? Sie jammert nicht einmal, obwohl sie sehr verletzt ist, schlimmer, als flösse Blut. Nicht ihre Wange schmerzt, es ist das Herz, das die enttäuschte Seele nicht beruhigen kann. Emy liebt ihre Mutter mehr als alles auf der Welt. Wie konnte passieren, was jetzt ist…? Und woher wusste die Mutter von Jeffs Auto, mit dem der Aufschneider sie und ihre Freundinnen am See zu beeindrucken versucht hat. Jeff und sein Bruder Jockel schlagen gerne mit einer Überraschung auf, dort, wo man viele junge Leute vermuten kann. Nicht jeder findet das gut. Auch Emy denkt dabei eher an Prahlerei, weil die meisten derer, die sie beindrucken wollen, nicht einmal ein eigenes Fahrrad besitzen. Jeff ist der jüngste des Großbauern aus dem Nachbardorf, aber er fährt bereits einen blauen P70. Immerhin, er wird nicht mehr nass, wenn es regnet. Das war es auch, was er ihr ins Ohr geflüstert hatte, als sie für einen Moment das Gefühl erleben durfte, in einem Auto zu sitzen und die Welt durch die Frontscheibe zu betrachten. Es war die Art, wie Jeff es sagte, und der Blick, der sie maß, dass sie sofort wieder ausgestiegen war.
Was findet die Mutter daran so schlimm, und woher weiß sie überhaupt davon? Wie Emy es auch wendet, sie findet keine Antwort.
Erst am späten Abend hält es das Mädchen nicht mehr aus. Sie setzt sich zwar schweigend an den Tisch, aber es scheint ihr, als habe auch die Mutter denselben Drang wie sie, so zu tun, als sei sie gerade erst zur Tür hereingekommen. Stockend wechseln ein paar Worte über den warmen Sommertag und wie nebenbei auch über die Sache mit Jeffs Auto. Dann aber sagt Mutter ein paar Worte mehr über Hardy, und wie er sein Wissen laut vor dem Haus verkündete. Emy kann es nicht fassen. Hardy ist ein schmieriger Typ, er würde viel zu gerne selbst ihr Freund sein, weil sie aber nichts dergleichen möchte, plagt ihn die Niederlage, bestenfalls die Eifersucht. Aber muss man deswegen die halbe Welt verrückt machen? Sie war bei Gott nicht die einzige, die Jeff überzeugen konnte, sein Ein- und Alles zu bewundern. Vielleicht hatte Jeff mehr als das im Sinn. Vielleicht. Aber nicht für Emy.
Das Entsetzen ihres jüngsten Mädchens, um das sie einmal vor aller Welt ein großes Theater spielen musste, aber auch Emys Tränen, lassen Maria Jahn in der folgenden Nacht hellwach in ihrem Bett liegen.
Dicht bei ihr in jenem Bett, das jede andere Frau mit einem Mann teilt, den sie liebt oder der sie liebt, schlummert Emy mit tiefen, schweren Zügen. Die Erinnerung an gute Zeiten in diesem Bett gehörte in ein anderes Leben. Es war weggeschmolzen, wie der Schnee im März. Mehr als neun Jahre lang war sie morgens sorglos und glücklich mit Hannes erwacht – immer zur selben Zeit. Nie wieder, auch nicht später, als sie wieder Hoffnung schöpfte, waren die Morgenstunden so leicht für sie gewesen. Warum hat sie so viele Jahre ihres Lebens allein mit Sehnen verbracht? Warum war sie vom Leben so gestraft?
Die Luft ist lau, erfüllt von gedämpften Geräuschen. Ein junges Käuzchen ruft sein ku-witt, ku-witt aus den großen Eichen vor dem Haus durch die Nacht. Manchmal hört Maria auch ein hu-hu-huuu, wenn die Balzzeit gekommen ist. Glückliche Vögel bleiben nicht ihr ganzes Leben allein, wenn ein Partner stirbt. Aber sie machen auch kein Geschrei darum, wenn ein Kuckucksei im Nest liegt.
Etwas raschelt unten auf dem Rasen, der den Leuten als Wäscheplan dient. Einen kleinen Bereich der Wiese, wo besonders gutes Gras wächst, hat die alte Merschanka mit Reisigbündeln abgetrennt, um dort die frischgewaschenen, noch feuchten Laken auszubreiten, damit das Chlorophyll das Leinen bleichen kann. Die Alte besteht darauf, es sei ihr Stück Wiese, obwohl es doch ein Mietshaus ist und niemand mehr Rechte hat als der andere, wie überhaupt in diesem Staat nie mehr jemand größere Rechte haben sollte als der andere. Die Mieter im Haus halten sich daran. Mit der Merschanka legt man sich nicht an, bei der geht es nicht mit rechten Dingen zu, sagen sie hinter vorgehaltener Hand und beteuern zugleich, das Bleichen sei ohnehin aus der Mode, seit man das gute Spee bekommt.
Maria geht längst eine andere Geschichte durch den Kopf. Eine wenig schmeichelhafte. Die achtzigjährige Cecilia Merschank hatte ihrer Tochter Lotte Salman die Hölle heiß gemacht, als Lotte vor nunmehr sechzehn Jahren für Maria gelogen hat. Und wie sie gelogen hatte!
Lottes Mutter konnte nicht wissen, warum Lotte ein schlechtes Gewissen hatte. Auch Maria hatte sich mit dieser Lüge abgefunden, die nicht aus schlechtem Charakter geboren war und die sie, Maria, vor Schande bewahrt hat. Wie viel Sudelei hat es im Leben schon gegeben, die sie überstanden hat. Was sind dagegen die Sorgen um ihr Mädchen, die ihr ein unfertiger Mensch in den Kopf gepflanzt hatte. Sie hätte es sofort wissen müssen, hatte ihre Kinder doch gut erzogen.
Erzogen? Was hat sie an ihren Kindern erzogen? Sie haben sich alles abschauen müssen von der Mutter und den Alten. Maria war weder mit viel Zeit noch mit großen Worten gesegnet, das musste sie gar nicht. Die Kinder haben sich gegenseitig befähigt, und das war auch nötig, weil es das Leben mit Maria Jahn nicht gut gemeint hat.
Diese schlaflose Nacht wird ihre gedankenschwerste der letzten Jahre.
Der Blick zurück in ihr Leben übertönt alles, was am Nachmittag war. Und sie glaubt Emy inzwischen längst, dass es so war, wie sie es erzählt hat. Aber sie wird sich nicht entschuldigen, das muss eine Mutter nicht.
Wenn einer das Leben kennt, dann ist sie es, das würden sogar ihre Feinde unterschreiben, wenn sie welche hätte.
Sie hat keine. Wer sollte ihr etwas neiden?
Ihr Leben mit all den Entbehrungen, mit all den Enttäuschungen, sogar mit ein paar Lügen, zieht in dieser schlaflosen Nacht an Maria vorbei.
Alles beginnt am Ende einer sehr glücklichen Zeit.
TEIL 1 — DIE VERGANGENHEIT
JUNI 1944
Maria Jahn sieht die Bilder ihres Lebens wie in einem Reigen an sich vorbeiziehen. Erst ist es ein bunter Reigen, wie sie ihn als Kind getanzt hat, aber dann werden die Bilder immer grauer, immer düsterer. Alles um sie herum war kalt, war grau, war trostlos. Sie selber war grau, fühlte sich tot, so tot, wie ihr geliebter Hannes. Dabei hatte sie noch so große Hoffnung, dass er bald ganz zu ihr nachhause zurückkommt. Das waren jene unglückseligen Monate, in denen sie auf jeden Laut gelauscht hatte, der ihn ankündigen könnte.
Schon zweimal war er unverhofft von der Front auf Urlaub gekommen, und schon zweimal war ihnen der Abschied zur Hölle geworden. Beim letzten Mal hatte er gesagt: »Liebes Mariechen, wenn ich nicht wiederkomme, sollst du für immer wissen: Ich liebe dich, wie nichts auf der Welt. Manchmal, wenn ich im Schützengraben liege, mein Leben überdenke und glaube, dass es bald zu Ende sein könnte, bedauere ich sehr, dass keines meiner Kinder meinen Namen trägt.«
»Du kommst wieder«, hatte sie geflüstert, obwohl es ihr ganz anders zumute war, obwohl sie in ständiger Angst lebte, ihn an den vermaledeiten Heimatstolz der Deutschen zu verlieren. Ihr wäre sein Vaterstolz viel lieber gewesen.
Seit Hannes an der Front war, wusste sie umso mehr, wie sehr sie ihn liebte. Damals, als sie aus der Gegend von Breslau hierhergekommen war und in ihrer düsteren Mansarde lebte, glaubte sie noch, sie klammere sich an den erst besten Notnagel, um nicht mutterseelenallein in der fremden Gegend zu sein, wo sie niemanden sonst als ihre Kollegen kannte, wenngleich sich mit der Zeit auch liebe Gäste dazugesellten, die ihr wohlgesonnen waren und die ihre Arbeit als Kaltmamsell im »Weißen Schwan« schätzten. Hannes war ihre große und einzige Liebe und er wird es immer bleiben. Zuerst war es das Leuchten in seinen Augen und der Ausdruck in seinem Gesicht so voll Zärtlichkeit, was ihr sofort gesagt hatte: Dieser und sonst keiner. Später verfiel sie auch seiner Stimme, die warm und tief war und die so wundervolle Worte sagen konnte, wie sie noch keine von einem Mann gehört hatte.
Irgendwann war es dann passiert. Sie konnte nie mehr genau sagen, was genau geschehen war. Ihre Blicke über den Tresen hinweg? Sein Zwinkern, als sie ihn bedient hatte. In derselben Nacht wusste sie dann, wie sanft und warm sich seine Haut anfühlte, wie er behutsam durch ihr Haar strich und wie er sie zärtlich zu küssen begann. Spätestens dann hatte sie begriffen, dass sie keine Wahl hatte. Hannes war die Liebe ihres Lebens. Dass er noch tausend andere fantastische Seiten hatte, die sie überaus liebte, machte das Glück ihres Lebens vollkommen.
Wie konnte sie damals schon ahnen, dass es eine Liebe voller Tragik werden könnte. Wenn man glücklich ist, so glücklich, dass man sich über jedes Kind freut, das er einem in den Leib pflanzt, ahnt man nicht, diese Liebe würde gar nicht ihr ganzes kleines Leben ausfüllen.
Seit er weg war, hatte sie tausendmal seine Stimme gehört, mit ihm geredet, als stünde er neben ihr. Viel zu lange lebte sie in der Hoffnung, dieser gottverdammte Tag sei ein einziger Irrtum.
Im ersten Moment verfluchte sie den Überbringer der entsetzlichen Meldung mehr als die wahren Verbrecher, die ihr ganzes Übel zu verantworten hatte? War das der Traum der Menschen? Immer mehr an Land und an Macht. Sie verfolgten mit stolzer Brust, wie soldatische Einheiten in fremdes Land vorstießen. Glaubte man wirklich, das ging, ohne Leid zu säen? Leid auf der einen wie auf der anderen Seite.
Der Ortsgruppenführer in seiner senfgelben Uniform mit den angsteinflößenden rotweißen Kragenspiegeln stand vor ihr, die eine Hand geradeaus zum Hitlergruß gestreckt, in der anderen ein kleines Bündel undefinierbare Dinge. Es war nur ein Moment, ein winziger Stich in ihr Herz, bis sie im Bündel den Brustbeutel von Hannes erkannte. Die ersten Worte des Mannes hallten im Gewirr zwischen unsäglicher Angst und beißender Wut ungehört durch Marias Kopf. Der wohlgenährte Mann in seiner strammen Pose donnerte ein paar Kampfesschwüre heraus — jetzt erst recht — bis Maria endlich verstand, dass es ernst war, wie niemals zuvor in ihrem Leben etwas ernster war. »… für Führer und Vaterland gefallen: Heil Hitler!«
Sie weinte nicht einfach wie gewöhnlich, wenn die Angst und die Erschöpfung sie in unerträgliche Unruhe versetzten. Sie brüllte ihren Schmerz heraus, mit beiden Fäusten auf der uniformierten Brust des Mannes trommelnd. Er zeigte sich standfest und führte seine Rede schnöde weiter. »Dieser Krieg wird nicht mehr lange dauern. Die Zeiten sind hart, da müssen wir alle Opfer bringen und stark sein…«
Marias Augen weiteten sich, die Luft in ihren Lungenflügeln wurde knapp, und in den Adern schien das Blut zu stocken. Nach kurzer Besinnung schrie sie ihn an: »Ihr Mörder!« Danach konnte sie ihre Wut nicht mehr bezwingen: »Opfer bringen … Noch mehr Opfer … Mit dem Mutterkreuz des Führers an der Brust stark sein? Bis zum Ende …? Bis zum bitteren Ende, nicht wahr …! Wie bitter soll es noch für mich werden?«
Der Mann kniff die Lippen zusammen und hielt ihr das Blechschild entgegen, so, als müsste er den Beweis erbringen, dass Hannes Jahn nicht zum Feind desertiert ist, dass er gestorben ist wie ein Held im Kampf für Führer und Vaterland. Diese Erkennungsmarke hatte die ganze Zeit in der fleischigen Hand eines dickfälligen Menschen gelegen, wie ein kleiner Triumph der Wahrheit. Für einen Bruchteil einer Sekunde wünschte Maria sich, es könnte sein wie im Märchen von Schneewittchen, das sie noch gestern den Kindern vorgelesen hat. Der Jäger war ein guter Mensch. Er hatte die schöne Königstochter verschont, der bösen Stiefmutter aber hatte er ein falsches Herz zum Beweis für Schneewittchens Tod gebracht.
Dieser Mensch vor ihren Augen jedoch war kein gutmütiger Jäger. Seine Uniform war nicht hoffnungsvoll grün und dennoch war er der erste Mensch, der die Wucht ihrer Verzweiflung auszuhalten hatte.
Das Grauen erfasste sie irgendwann endgültig. Die Demütigung dieser herzlosen Propaganda vom notwendigen Opfer in einem solchen Moment schlug ohne Vorwarnung in puren Hass um. Sie beugte sich nach vorn, entriss dem Mann das Bündel Geld, das er als Entschädigung mitgebracht hat, öffnete die obere Klappe des Herdes und warf das Geld in den schwarzen Schlund. Wie konnte sie noch wissen, was sie tat? Ihre Beine versagten längst den Dienst und sie ging auf den hölzernen, frisch gescheuerten Dielen in die Knie, ließ den Schmerz über sich hereinbrechen und mit lautem Geschrei wieder aus sich herausströmen.
Lotte, die Tochter der alten Cecilia Merschank, war in Begleitung des Mannes gekommen. Sie hatte den Tag herbei gefürchtet, an dem Maria diese Nachricht bekommt, dieselbe, wie sie selbst eine schon vor elf Monaten bekommen hatte. Sie wusste, was es bedeutete, mit drei kleinen Kindern allein da zu stehen — in dieser Zeit. Auch Lotte war vom Verlust ihres Mannes durch den Kugelhagel des Feindes gezeichnet, aber sie hatte nur ein kleines Balg, wie sie immer sagte, und dazu hatte sie noch die Mutter bei sich, die den Haushalt beinahe alleine bestritt und die in ihrer Derbheit sogar die geizigen Bauern dazu bringen konnte, etwas Essbares herauszurücken. Weiß der liebe Gott, wie sie das machte.
Das halbe Dorf hatte vom Tod des Hannes Jahn eher gewusst als seine Familie. Auch Hannes Mutter Alma Fischer verschonte man vorsorglich von dieser Meldung, bis die Obrigkeit sich ihrer Pflicht entledigt hatte.
Keiner ging gerne mit dieser Art Nachricht zu den Witwen oder Müttern und Vätern. Man schob es hinaus mit dem Vorbehalt, man müsse abwarten, ob die Frontnachricht der Lage entspricht.
Geistesgegenwärtig nahm Lotte einen Feuerhaken und kratzte die Geldscheine aus der Asche, in der gottlob nur noch wenige Funken Glut steckten.
Irgendwann war Maria zu erschöpft, um noch länger zu schreien. Sie winselte vor sich hin und führte viele Worte im trockenen Mund, die niemand ganz verstand, die aber die Namen ihrer drei Kinder benannten, und wie sie ohne einen Vater auskommen sollten in dieser schweren Zeit: Karla. Franka. Elias.
Vereint half man ihr wieder auf die Beine, und ebenso vereint versuchte man ein zaghaftes Versprechen, sie jeder Zeit zu unterstützen. Was immer darunter zu verstehen war, dem Mann glaubte sie schon damals kein Wort. Und was Lotte betraf, so wusste sie längst, wo die Grenzen ihrer Hilfe zu erwarten waren.
Bevor der Mann in Uniform seinen Arm weit von sich steckte und seine Mission für Führer und Vaterland als beendet betrachtete, war ihm noch die heilige Pflicht eingefallen, auch ganz andere Worte zu einer Kriegswitwe sagen zu müssen:
»Es ist das Zeitalter der Frauen, Maria, aber an eines solltest du immer denken: Wenn wir den Krieg endlich gewonnen haben, dann hat dein Hannes mit seinem tapferen Kampf es erst möglich gemacht. «
Im gegenwärtigen Augenblick und noch lange danach nahm sie nichts mehr von dem wahr, was sie umgab. Sie verstand nicht einmal mehr, was um sie herum geschah, was ihre Kinder taten, was man im Radio über den Frontverlauf verkündete, den sie stets mit wachem Interesse und ängstlichem Bangen verfolgt hatte. Nicht einmal zu ihrer Schwiegermutter Alma fand sie den Weg. Es sah so aus, als floh sie innerlich von ihrer Welt, in der sie bislang so glücklich war mit ihrem Hannes. Und nicht genug, es sah auch so aus, als wünschte sie, es käme jemand, um auch sie zu vernichten, auch sie von dieser jämmerlichen, ungerechten Welt zu erlösen, sie in Staub und Asche zu verwandeln und endlich von den Qualen zu befreien. Es kümmerte sie keine schlaflose Nacht, kein Regen im Winter, kein Sturm in den Wipfeln und unter den Dachfirsten, der das Haus zu zerreißen drohte. Alles war nur die Folge dessen, was zu ihrem Leid geführt hatte — der erbarmungslose Krieg.
Auch Alma Fischer — Hannes‘ Mutter hatte noch einmal geheiratet und trug nicht mehr den Namen, den ihr Sohn noch trug — fand den Weg zu Maria erst spät. Es gab eine Zeit, da war sie gram mit Hannes, weil er keine Hiesige wollte, weil er sich partout in diese Schlesierin verlieben musste. Wer weiß, warum die aus ihrer Heimat bis in diese Gegend gekommen war, und wer weiß, was eine treibt, die täglich von fremden Menschen umgeben ist und in diesem feinen Etablissement jedem ums Maul gehen muss. Und überhaupt, sie war viel zu zart, um einmal einen Haushalt zu führen, der ihrem Erstgeborenen gebührte.
Die Zeit nach dieser unsäglichen Nachricht — vom ersten Hahnenschrei bis zum ku-witt des Käuzchens bei Nacht — war eine unsägliche Qual für Maria. Daran änderte auch nichts, dass Karla, die schon sechs Jahre alt war, sie mit Tee versorgte, ihr die wenigen Gänge abnahm, die ein Kind schon bewältigen konnte, auch wenn vom Brot, das sie vom Bäcker holte, stets der Kanten abgenagt war.
Als der Frühling kam, spürten die Nachbarn, dass eine deutliche Veränderung in Maria begann. Die Zeit der Trauer war dem Trotz gewichen, der seit Kindertagen in Maria schlummerte. Man sah sie wieder in ihrem schönsten Kleid mit den Kindern an der Hand durch das Dorf spazieren. Sie war eine Erscheinung, der man gerne hinterher schaute. Vor allem die wenigen Männer, die es an der Heimatfront noch gab. Ihre Beine waren wieder leicht, ihr Körper schien über der Erde zu schweben, als hoben sie tausend Engel in den Stand des Himmels. Nur am Abend zuhause in ihrem Bett flossen bittere Tränen, kämpfte die Wut gegen die Erschöpfung der mühseligen Tage, hörte sie all die Laute, als trafen sie durch dicke Watte auf ihr Ohr. Völlig gefühllos lag sie da wie in den Falten von Gottes Mantel gebettet, und sie wartete darauf, dass sie einen Weg gewiesen bekam, den eine von Gott verlassene Frau zu gehen hat. Sie wusste nicht, dass alles der großen Sehnsucht geschuldet war, die sie für Jahre nicht loslassen würde.
Irgendwann sah sie ein, es würde ihr niemand helfen können, wenn sie sich nicht selbst half. Die übergroße Liebe von Hannes musste sie schon viel zu lange entbehren, aber sie war kaum imstande, ihre eigene Liebe an die Kinder weiterzugeben. Jede Regung ihres Herzens brachte den Schmerz zurück, den der Verlust von Liebe und Geborgenheit bewirkte.
DIE ANDERE MARIA
Jeden Abend, wenn sie die Kinder zu Bett brachte, kam die Erinnerung daran, was einmal war. Hannes nahm immer Elias, seinen Stammhalter, auf die Schultern, Maria die beiden Mädchen an den Händen. Zusammen blieben sie solange an deren Bettchen stehen, beteten mit ihnen und strichen jedem behutsam über das Haar bis zu den Augen hinunter und drückten ganz sanft die müden Lider zu. Ein Ritual, dem Maria, seit Hannes an der Front war, nie wieder gefolgt ist. Solange jeder glaubte, dieser Krieg ginge sehr schnell vorbei, erschien es ihr als Verrat, wenn sie seine Rolle so einfach übernommen hätte. Später konnte sie nicht wieder damit beginnen, zu schwer war ihr die Zeit der Angst geworden, es könnte nie mehr so sein. Und nun ist es so. Es wird nie mehr so sein.
Dicht bei den Kindern roch Maria an diesem Abend die unschuldigen Körper und glaubte, sie würden nach Hannes riechen. Sie blickte vom selig einschlummernden Gesicht des kaum dreijährigen Elias weg in die Dunkelheit. Betäubt von der Vorstellung, den Rest des Lebens allein und einsam leben zu müssen, und in ständiger Sorge, die Kinder und sich selbst satt zu bekommen, stand sie bisweilen sehr lange reglos im kalten Zimmer, das mit Decken verdunkelt war, um dem Feind, der immer näher kam, kein winziges Zeichen für seine Vernichtungsabsicht zu geben. Warum will der Feind uns vernichten? Wir haben ihm nichts getan! Allerdings wusste sie auch nicht, was der als Feind benannte Russe ihnen getan hatte. Sie kümmerte sich nie um Politik. Nur eines drückte seit Monaten schwer auf ihr. Der Feind hat mir das Liebste genommen, das ich je hatte.
Wie kannst du nur so geliebt haben? fragte sie sich immer wieder. Ein Mensch kann nur einmal so lieben.
Das war es, was sie in ständiger Starre hielt. Diese Starre löschte alles in ihr aus, was einmal Maria Jahn, geborene Theiss, gewesen war, die von der Liebe nicht genug bekommen konnte und die ganz sicher noch mal seine Saat für weitere drei Kinder in ihrem Leib aufgenommen hätte, hätte ihr Liebster nicht den Verführungsparolen folgen müssen, die man übers Volk ausgeschüttet hat.
Immer wenn das Elend in ihr am größten geworden war und sie mit ihrer Sehnsucht nicht gewusst hatte wohin, kramte sie in der alten Truhe, wo die Kinder nichts zu suchen hatten. Aus einer abgegriffenen Mappe zog sie auch heute ein Blatt Papier, das sie einmal zerknüllt, aber dann wieder akribisch glattgebügelt hatte, um es ihrem kleinen Altar zuzuführen, den jeder Mensch braucht, um seiner Seele gerecht zu werden.
Zuerst liest sie im Stehen, dann versagen ihre Beine und sie sinkt auf das Bett, das den Zauber des Glücks längst verloren hatte.
Einheit 35 641 . Im Felde, Januar 1944
Sehr geehrte Frau Jahn!
Bei den schweren Abwehrkämpfen südlich Newel fiel am 13. Mai 1944 in der Feuerstellung der Batterie Ihr Mann Hannes Jahn im Kampf um die Freiheit Großdeutschlands in soldatischer Pflichterfüllung getreu seinem Fahneneid für Führer und Vaterland.
Er hat einen kurzen und schmerzlosen Tod erlitten.
Die Batterie verliert in Ihrem Mann einen sehr pflichtbewussten, tapferen und bewährten Richtkanonier und einen sehr geschätzten Kameraden. Zugleich im Namen seiner Kameraden spreche ich Ihnen meine wärmste Anteilnahme aus. Mit besonderem Bedauern denke ich an Ihre drei Kinder, die nun vaterlos sind. Die Batterie wird Ihrem Manne stets ein ehrendes Andenken bewahren.
Die Gewissheit, dass Ihr Mann für die Größe und Zukunft unseres ewigen Deutsche Volkes sein Leben hingab, möge Ihnen in dem schweren Leid, das Sie getroffen hat, Kraft geben und Trost sein.
In aufrichtigem Mitgefühl grüße ich Sie mit
H e i l – H i t l e r !
H. Seemann, Oblt.
Die Lüge vom östlichen Feind des deutschen Volkes hing fest in den Köpfen, die ließ sich nicht mehr korrigieren und wurde zum ewigen Marschgepäck einer Generation Verführter. Wie kann eine einfache Frau begreifen, wer Opfer und wer Täter ist. Aber wie so oft wurden die Opfer zu Tätern, als die Gunst des Sieges sie erreichte. Bald hatte der Russe vor den Toren der Heimat gestanden und die Menschen packten zusammen, was zum Überleben nötig war. Sie flüchteten vor dem Feind, dessen Rache sie fürchteten. Was wäre zu fürchten gewesen, gebe es keine Schuld?
Nach dem ausgebliebenen Endsieg zurück in ihrem Dorf, wurde Maria, wie auch alle anderen, die mit dem Tod ihrer Liebsten genug bestraft waren, von einigen Wendehälsen sogar in die Reihen der Kriegsverbrecher eingestuft. Das Sagen hatte zwar überall die sowjetische Administration, aber es gab auch Deutsche, die sich der neuen Macht anbiederten, um selbst ungeschoren zu bleiben.
Der Krieg war aus, aber das Leben wurde nicht leichter. Im Gegenteil. Jetzt gab es nicht einmal mehr die ohnehin geringe Chance, von einem Bauern ein paar Kartoffeln, ein Stück Speck oder Butter zu bekommen. Die jungen Burschen waren in den letzten Kämpfen verheizt worden, die Alten schafften die Bestellung ihrer Felder kaum. Über allem herrschte die Besatzungsmacht. Jeder Scheffel Weizen wurde zwangsvereinnahmt, jeder Liter Milch, jedes schlachtreife Stück Vieh. Der Weizen wuchs so leidlich wieder auf den Feldern, aber es gab keine Müller mehr, die ihn zu Mehl zermalmten. Die steckten noch in den Gefangenenlagern oder lagen in der fremden Erde fern der Heimat.
Wenn Maria dann am Abend zur Ruhe kam — und das geschah selten genug — wusste sie, wohin ihr Leben driften könnte, wenn sie sich nicht selbst befreite. Der Krieg hatte in ihrem Dorf kaum Schäden angerichtet, sah man von der Plünderei ab, die vermutlich nicht nur durch die Sieger geschah, und sah man ab von den kranken Seelen, die allerorts zu spüren waren. Sie musste also nicht damit rechnen, in das Heer der Trümmerfrauen berufen zu werden, wie es in den Städten der Fall war. Aber was konnte sie tun, ihre Not zu lindern? Was würde in ihrer Tagesbilanz stehen können? Windeln gewaschen, Kinder gefüttert, Wäsche geflickt und Suppe gekocht, Suppe aus Kartoffelschalen, weil es für mehr nicht reichte, nie reichen würde, weil es nichts mehr gab, was man im Handumdrehen beschaffen konnte. Auch fehlte ihr das Geld.
Irgendwann wird das Leben wieder ein besseres und man kann wieder etwas kaufen. Aber wovon?
Viele der Frauen aus dem Dorf gingen jetzt zur Fabrik, und sie waren sogar stolz darauf. Es musste auch für Maria einen Weg geben, eine andere Rolle zu spielen, als es gegenwärtig aussah. Sie hatte die Pflicht, ihren Kinders den Versorger zu ersetzen. Solange Hannes täglich zum Werk gegangen war, hatte sie für ihn Essen gekocht, pünktlich am Werkstor gestanden und ihn mit einem Essgeschirr und einem heimlichen Kuss wieder an die Werkbank verabschiedet. Jetzt sollte sie es sein, die den Weg ging, den zu gehen sie sich selbst nie hätte vorstellen können.
Die Not zwang Maria, eine Arbeit anzunehmen. Es war ihr klar – und das war auch der Grund für ihr Zögern – dass sie keine große Rolle spielen konnte im Heer der routinierten Arbeiterinnen. Einzig in der hiesigen Fabrik hatte sie jedoch die Chance, eine niedere Arbeit zu bekommen.
Auf ihrem Weg zur Fabrik betete sie jeden Tag vor sich her: »Ich brauche keine Ausbildung. Ich kann zupacken. Ich kann einfach arbeiten und am Ende meinen Lohn nachhause tragen.«
Inzwischen stand sie tagein, tagaus an der Werkbank und stanzte undefinierbare Werkstücke aus undefinierbarem Stoff für undefinierbare Zwecke.
Die Arbeit war nicht nur ungewohnt, sie raubte Maria die Lebenssäfte. Schon nach drei Stunden dampfte ihr Leib vor Anstrengung, als wäre sie über den Waschkessel gebeugt. Ihr weiches, lockiges Haar hing in Strähnen über der Stirn. Gerade lehnte sie schwer atmend an einer Säule und konnte den Stanzhebel nicht mehr herunterdrücken, als der Vorabeiter an der Tür stand und ihr Dilemma sah. So sehr sie sich bemühte, der schwere Hebel rutschte ihr einfach aus den Händen, so fest sie ihn auch zu packen versuchte.
Langsam kam der Mann auf sie zu, der Genosse Papst genannt werden wollte. Er umschlich den jungen Körper, der die letzte Kraft zu mobilisieren versuchte, um nicht wegen Arbeitsbummelei herausgeschmissen zu werden.
Die Augen des Mannes schielten schräg über ihren Körper, die Lippen folgten in gleicher Weise, ehe sie herausbrachten: »Komm mit ins Kistenlager, danach bekommst du einen leichteren Auftrag von mir. «
Der Mann war ein kräftiger Typ, dem der Krieg und der Hunger vermutlich nichts anhaben konnten. Sein Hosenbund spannte, obwohl die Hosen an den meisten, mageren Männerleibern kaum noch Halt fanden. Marias Blick wurde für nur eine Sekunde kess, bis sie sich besann, wer sie war und wo sie sich befand. So sehr sie sich nach Aufmerksamkeit sehnte, bei diesem Mann hatte sie das Gefühl, es ging ihm um eine biologische Notwendigkeit, nicht um die Seele oder gar die Liebe. Ihr half nichts, als die Zähne zusammenzubeißen und sich voll der mühevollen Arbeit zu ergeben. Sie antwortete nichts, aber in ihrem Kopf blieb der Zweifel: Ein leichterer Auftrag würde ihr schon gefallen. Immerhin hat sie nach zehn Stunden im Werk noch einmal eine zweite Schicht zuhause. Halb wütend, halb gleichgültig, trabte der Mann davon. Auf seinen Lippen ein Lied von Joannes Heesters: Tausend Mal möcht ich dich küssen.
Es war nur dieses Lied, das sie mit dem Mann versöhnt hatte. Wer diese Lieder sang, die auch ihr Hannes gerne gehört hatte, konnte nicht schlecht sein. Leider hatte sie nicht den Mut und erst recht nicht die Kraft, es ihm später einmal zu sagen. Für die Worte, die sie dafür gefunden hätte, wäre ein winziges Stück Papier ausreichend gewesen. Das lag nicht an ihrer pathologischen Befangenheit, eher an der heimlichen Freude über sein verkapptes Kompliment.
Es war nicht nur der Hunger und das entbehrungsreiche Leben, die Maria alle Kraft nahmen. Jetzt kam noch die ständige Angst dazu, was gerade zuhause mit den Kindern sein könnte, ob die Nachbarn einsprangen, wenn etwas passierte.
Sie könnte sich nirgendwo vergnügen, solange ihre Kinder zuhause auf sie warteten. Karla war gerade erst sieben geworden und Franka noch keine fünf. Ganz zu schweigen von Elias, der zwar zeitweilig von seiner Patentante in der Nachbarschaft betreut wurde, aber auch das war für Maria kein Grund für Sorglosigkeit. Und dann war da noch die Liebe, die sich für immer aus ihrem Herzen, aus ihrem Leib, von ihren Lippen und den Brüsten und den Schenkeln verabschiedet hatte — für immer? Wenn sie nur wollte, letzteres könnte sie ganz leicht ändern. Aber Liebe und Triebe sind zwei linke Schuhe.
Bisweilen wurde sie in ihrem täglichen Kampf um die schnöde Dinge des Lebens fast schon hysterisch und war bisweilen an der Grenze des Irrsinns. Wie schlecht es in ihr aussah, sollte niemand, wollte auch niemand hören. Jeder glaubte, er könnte seinem bisschen Leben das Beste abringen und für immer und ewig in seiner Hand behalten, aber das war Illusion. Zufälle sind es, die den Gang des Lebens bestimmen. Der schönste Zufall war, dass sie Hannes geradewegs vor seine Füße gefallen war. Zufall, dass er seine kleine Schwester nicht dabei hatte, die ihn hätte davon abhalten können, dass sie sich näher kommen konnten. Schöne Zufälle. Und dann die andere Sorte: Zufall, dass im tiefsten Russland diese Granate gesplittert ist und die Schläfe von Hannes erwischt hat.
Die jüngsten Zufälle für Maria waren ganz anderer Gestalt. Der todbringende Krieg hatte zwar den »Weißen Schwan« verschont, aber nicht diese Seite ihres Leben, die mit dem Haus verwurzelt war, bis Karla geboren wurde. Oben unter dem Dach hatte sie gewohnt, unten war sie als Kaltmamsell in einer gute Anstellung. Niemand brauchte jetzt eine Kaltmamsell, wenn schon keiner mehr wirklich satt wurde.
Ob es auch ein Zufall war, dass die Mutter zuhause in Schlesien lebte und deshalb nicht für ihre Enkel da sein konnte, darüber richtete sie nicht. Sie war es, die ihre schlesische Heimat verlassen hatte, gottlob, denn man hörte seit Jüngstem nichts Gutes von dort. Aber das änderte nichts daran, dass genau genommen ihr Leben eine Anhäufung von Zufällen war. Nur selten waren es die geplanten Dinge, die ihr Leben zu dem gemacht haben, was es ist. Wie könnte sie das wieder umkehren? Wie könnte sie ihre Richtung selbst bestimmen?
Marias stetig wachsender Wille, etwas zu ändern, hatte Folgen. Zunächst sah es aus, als habe es sich gelohnt. Für jeden Menschen spart das Schicksal eine Überraschung auf, aber leider haben auch Überraschungen immer zwei Seiten.
DER ANDERE TEIL DES LEBENS
Wurde das Leben im kleinen Dorf zu trist, kam Lotte die Stufen herauf und setzte sich zu Maria. Gemeinsam rauchten sie die Zigaretten, die eine von beiden erstehen konnte. Manchmal schloss sich Lilli den beiden an. Sie war die Enkelin einer streng-gläubigen Umsiedlerin aus Pommern. Lillis Mutter war auf der Flucht verschollen und Lilli litt an dem, was die Leute einst Schwindsucht nannten. Jetzt nannte man es Tuberkulose. Dennoch rauchte Lilli ohne Skrupel, was Maria gar nicht gefiel, was ihr aber zu kritisieren nicht zustand. Lilli war sehr jung, aber es zog sie dennoch zu den beiden Frauen, weil die Zeit alte Freundschaften auseinandergerissen hatte. Zusammenzuhalten war das Gebot der zurückgebliebenen Witwen ohne Zuversicht. Auch Lilli betraf dies zu einem bestimmten Teil. Sie würde nicht lange leben, was die Frauen ahnten und weshalb sie das junge Ding bei sich akzeptierten, auch wenn sie in deren Beisein verhaltener über ihre Probleme des Lebens sprachen. Vor Lotte allein musste sich Maria nie verstellen, auch sie hatte ihren Mann verloren, auch sie war noch zu jung, um gänzlich ohne Liebe leben zu können. Aber Lotte stand unter der unsichtbaren Fuchtel ihrer Mutter, die rigoros entschied, was für Lotte und deren Tochter Siglinde das Beste war. Wenn Lotte eine eigene Idee hatte, die der Mutter nicht gefiel, wenn sie mal raus musste aus den vier Wänden, dann brauchte sie immer ein Alibi, und dafür eignete sich am besten Maria.
Es war ein trüber Tag Anfang März. Die Wolken hingen schwer und reglos bis zu den Wipfeln der hohen Eichen. In dieser Tristesse konnte auch bei Maria keine Lust aufkommen, noch irgendeiner notwendigen Arbeit nachzugehen. Auch sie brauchte ein paar Minuten am Tag nur für sich. Im Radio sang Margot Friedländer: Bei mir bist du schön. Es war ein neues Lied, aber es erinnerte sie sofort daran, was Hannes sehr gerne zu ihr gesagt hat, wenn er sie lieben wollte. Und sie haben sich oft geliebt, so oft es ging.
Nur keine Melancholie, sagte sie sich und freute sich, dass Lotte mal wieder ein wenig Abwechslung in ihr Leben brachte. Eine Tasse Muckefuck musste ihnen für die Gemütlichkeit genügen. Zuerst redete Lotte über die junge Blondine, die auf der Dorfstraße wohnte und von allen die fesche Lola genannt wurde, obwohl sie Gerda hieß. Diese Gerda stand im Ruf, ihr gutes Leben ihrem Körper zu verdanken und dem, was ein Mann damit machen durfte. Bei einem, es war ein wohlhabender, aber von Schönheit verschont gebliebener alternder Gnom, saßen offenbar die Scheine sehr locker, wenn er vornüber gebeugt und humpelnd zu Gerda schlich und sie ihm bereitwillig die Tür öffnete.
Gerda war von geheimnisvoller Art. Nicht durch ihre Schönheit, es war die Unsicherheit in ihr, die sie äußerlich aufreizend, innerlich zurückhaltend erscheinen ließ. Vermutlich fürchtete sie sich vor Fragen von jedermann und sprach nur mit Menschen, von denen sie Aufdringlichkeit nicht erwartete. Sie musste niemandem Rede und Antwort stehen. Fast jeder im Dorf wusste, woher Gerda ihre schönen Kleider hatte, in denen sie bewundert wurde, und fast jeder beneidete sie darum, wenngleich man die Quelle ihres Vorteils allerorts verurteilte. Die Frauen schüttelten sich vor Abscheu bei diesem ganz bestimmten Gedanken an den Mann. Klein und krumm, mit einem Buckel auf den Schulterblättern und mit einer hervorstechenden Nase und grimmig blitzenden Augen im Gesicht, erinnerte die unappetitliche Gestalt an einen scharf-schnäbligen Geier. Und doch war er bei Gerda der häufigste Kunde, dem sie nie die Tür zuschlug. Das ging so lange, bis Gerda selbst einen Buckel vor sich her trug. Das Mädchen, das sie dann zur Welt brachte und für das der Bucklige viel zu zahlen bereit war, sah seinem Erzeuger wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich, was mit den Jahren noch schrecklich zunahm.
»Das arme Kind hat nun die Sünden der Mutter ein Leben lang am Hals«, sagte Lotte, und blies den beißenden Rauch ihrer selbstgedrehten Zigarette in die Luft, bis er sich unter dem Lampenschirm zu einem dichten Schwaden sammelte, der renitent auf seinen Platz beharrte. Maria stand auf und öffnete das Ofentürchen, so wie sie es gewöhnt war, um ihre Kinder zu schützen. Aber das kleine Manöver half gegen den Qualm von zwei Rauchenden nicht viel.
Während Lotte ihren Kopf streckte, als sei sie stolz auf sich und ihre Worte, den vollen Busen herausstreckte und sich wohlig räkelte, zuckte Maria mit den Schultern, schaute auf ihre Füße, vermied es aber strikt, Lotte in die Augen zu schauen. Sie war keine, die über andere Leute richtete. Maria Jahn hatte mit sich zu tun und mit dem ständigen Gefühl, sie sei von innen ausgehöhlt worden und nur die leere Hülle ihres Herzens wäre noch da. Seit über zwei Jahren lebte sie ohne Hoffnung. Seit über zwei Jahren war kaum eine Stunde vergangen, wo sie nicht die Liebe und die Hingabe ihres Hannes vermisste, der es immer gut mit ihr meinte. War es möglich, dasselbe Glück noch einmal zu erleben?
Die brennende Sehnsucht, von liebenden Händen gestreichelt zu werden, kam aus den Windungen ihres Hirns gekrochen und machte sie traurig. Sie glaubte, im Herzen immer gleich geblieben zu sein, aber sie zweifelte mit den Monaten, ob gleich stolz oder gleich feige. Wenn sie das so genau wüsste, könnte sie vielleicht ihrem Leben noch eine Wendung geben.
»Die Lola«, sagte sie, ohne Lotte anzusehen, »ich meine, die Gerda hat doch auch ihren Mann verloren. Oder? Wenn man einsam ist, wird die Qual der Stille zu laut. «
Maria schaute gedankenschwer in eine Weite, von der Lotte keine Vorstellung hatte.
»Deine Sprüche«, entgegnete Lotte. »Du und ich, wir bleiben doch auch vernünftig.«
»Ist die Vernunft das beste Mittel gegen das Nichts? «
»Bei dir ist doch niemals Nichts. Du hast doch immer Trubel um dich herum. «
Trubel ja, dachte Maria, aber musste sie Lotte erklären, was der Unterschied zwischen Leben und Liebe ist? Nicht einmal ihre Liebe kann sie noch leichten Herzens weitergeben, höchstens an die Kinder, nicht an einen anderen Menschen, weil es keinen gibt, nie mehr geben wird, der ihre Liebe verdient. Gegen das entsetzliche Gefühl ihrer Einsamkeit half nur noch die Härte gegen sich selbst. Sie glaubte sogar, des Sehnens längst müde zu sein, weil sie kein Ziel mehr fand und keinen inneren Frieden hatte.
»Ich vermisse ihn so«, sagte sie vorsichtig aber innerlich zufrieden, weil Lilli nicht dabei war. »Nachts spüre ich ihn… du weißt schon wie. Und dann, dann ist mein Laken feucht…« Mit schrägem Blick aus tränenden Augen knispelte Maria an ihren Fingernägeln, die an der Werkbank gelitten hatten, für deren Pflege sie aber nicht mehr die Zeit aufbrachte. Das war der Moment für Lotte, die den ganzen Abend schon wie ein Schakal um jedes Wort herumschlich. Jetzt war der beste Moment gekommen, um zuzuschlagen. Nicht sehr vorwurfsvoll, eher euphorisch schleuderte sie ihre Gedanken vor Maria über den blanken Küchentisch: »Dann tu endlich etwas dagegen! Es wird höchste Zeit, uns von unserer verflixten Witwen-Moral zu erlösen. Wir sind noch jung, wir sollten leben, wir sollten lieben, jetzt, und nicht später, wenn wir alt und verbraucht sind. «
Maria war zu deprimiert, um zu antworten, aber es war auch das erste Mal, dass sie ihre qualvolle Einsamkeit, ihr nutzloses Sehnen, so deutlich benannt hatte. Erst einmal blieb sie starr wie ein hypnotisiertes Huhn und versuchte, an etwas anderes zu denken. Nicht an Gerda mit ihren Freiern, nicht an sich selbst und ihren Zwang, eines liebesbedürftigen Gedankens gar nicht mehr fähig sein zu dürfen. Nicht einmal an Hannes dachte sie. Das verkniff sie sich immer öfter, seit der Kerl im Werk so deutliche Forderungen gestellt hatte. Seit diesem Tag wusste sie es wieder: Sie war noch immer ansehnlich und jung genug für einen Mann. Es gab sogar schon Momente, da war sie Lottes Meinung gewesen, die sie damals noch gar nicht kannte. Aber dafür hatte sie sich sofort geschämt.
»Am Samstag ist im Oberland der erste Tanzball. Was hältst du davon…«, fuhr Lotte in Marias stille Gedanken. Die verstand nicht. Das heißt, sie hörte die Frage nicht einmal, nickte scheinbar ohne Grund. Das letzte Mal war sie noch vor dem Krieg mit Hannes im Oberland, das unweit hinter der Stadt begann, die ihrerseits zu entfernt lag, um oft genug besucht zu werden. Ins Oberland waren sie gefahren, als Karla noch nicht geboren war.
»Heißt das, du kommst mit?« Die Lautstärke der Worte, die eine Freude ausdrückten, holte Maria in die triste Stube zurück, die stickig von Rauch der einzige Raum war, in dem sie lebte, weil sie in diesem Raum eine Aufgabe hatte. Die Schlafräume waren für die Freude am Leben nutzlos geworden.
»Ich…? Wohin soll ich …?«
»Ins Oberland zum Tanz. Es wird endlich Zeit für ein bisschen Zerstreuung.«
Als Maria begriff, dass etwas auf sie zukam, was gerade noch in ewiger Ferne gelegen hatte, um nicht zu sagen, was nie wieder zu ihrem Leben gehören sollte, fühlte sie sich innerlich so zerrissen, dass sie ein Frohlocken unter dem Anschein der Empörung vergrub.
»Du bist wohl nicht bei Troste. Wie soll man denn bis dahin kommen?«
»Mit den Fahrrädern. Es sind etwas mehr als zwanzig Kilometer, und wenn wir zeitig genug losfahren... «
In Lottes Gesicht ging etwas vor, was Maria nicht erkannte. War es ein Jubeln, ein Jauchzen oder gar der Triumph, gesiegt zu haben? War sie deshalb so unverhofft gekommen und hatte sie, Maria, jetzt das Stichwort geliefert, auf das die Lotte den ganzen Abend spekuliert hatte?
»Ich warte nicht, bis sich der Max mit seiner Kneipe endlich aufrafft. Und wenn, hier gibt es keine Männer, die wir nicht kennen.«
Das stimmte, aber absurd blieb es dennoch für Maria.
»Ich habe kein Fahrrad. Und überhaupt, was zieht man da an? Nein, das ist nichts mehr für mich.«
»Komm schon. Das Fahrrad besorge ich und ein Kleid finden wir auch noch. Lass mich nur machen…«
Komm schon, das waren früher immer die Worte ihrer Mutter, wenn eines der heranwachsenden Kinder überzeugt werden musste. Mutter Irma sprach es nur anders aus, schlesisch. Kummocke, wie man an viele Worte zuhause das ocke anhing. Früher, als sie noch Kind war, hatte die Mutter immer gesiegt, genau wie Lotte heute.
Erst später, als Maria in ihrem Bett lag, das Röcheln der Kinder belauschte und unter der Decke mit ihren Händen über die nackte Haut ihres Körpers strich, als wollte sie prüfen, ob sie noch frisch genug ist für diese Art Zerstreuung, ging es ihr auf. Die Tanzbälle in dieser bewussten Lokalität waren schon vor dem Krieg berüchtigt als sündige Hölle. Von weither kamen die Mädchen und ebenso die Freier. Es gab dort einen Teil des Tanzbodens, der mit bunten Spiegeln ausgelegt war, was die Männer besonders mochten und was gewisse Frauen bei jedem Schritt kalkulierten. Von organisierter Unzucht sprach man damals — aber das war zu einer anderen Zeit. Die alte Zeit war auf Zucht und Ordnung geprägt, musste man der noch gehorchen? Hatte sie nicht genug Leid über die Menschen gebracht?
Noch ehe Maria in den Schlaf fiel, tröstete sie sich damit: Eine Absage an Lotte wäre fatal gewesen. Wenn die sich etwas in den Kopf setzte, war sie versessen darauf. Und in dieser Eigenschaft ähnelte sie zumindest ihrer Mutter Cecilia Merschank.
IM AUFWIND DES LEBENS?
Es war einer der letzten Tage im März, der sich extra für sie herausgeputzt zu haben schien. Der Himmel war klar, nur ein paar Wolkenfetzen flogen dahin. In den Bäumen vor dem Haus schlugen die Finken, und ein Elsternpaar sammelte fleißig Nistwerk und trug es in die hohe Birke. Für einen kurzen Moment dachte Maria daran, wie gefährlich die Elstern für die winzigen Finken werden könnten und wie ungerecht doch das Leben der Kreaturen war. Die Starken nutzen die Schwachen aus, laben sich an deren Schwäche und glauben noch, es wäre ihr Recht, das ihnen vom Schöpfer zugedacht wurde.
Maria war jetzt fertig angezogen und probierte, wie sie mit dem Täschchen, das sie gewöhnlich über der Schulter trug, weil diese Art zu tragen Hannes sehr gut gefiel, auf dem Fahrrad zurechtkommen würde. Immer noch vermochte sie nicht wirklich zu begreifen, was sie da tat. Aber irgendetwas sagte ihr ganz deutlich, dass sie Lottes Vorschlag innerlich erregt hatte. Die Kinder waren versorgt. Elias kümmerte sich nicht um die Mama, wenn seine Patentante Anna ihm nur einen leckeren Plins mit selbstgepflückten Heidelbeeren vor die Nase stellte. Karla und Franka warfen Blicke kindlichen Staunens auf die Mutter, die sich herausgeputzt hatte, wie nie mehr in letzter Zeit. Sie wusste, was sie trieb, aber wie hätte sie ihren Kindern erklären sollen, was ewige Sehnsucht ist und was sie bewirkt.
Ihr Herz schlug merkwürdig hart. Wovor hatte sie mehr Respekt? Vor der langen Fahrt auf dem fremden Gefährt, das Lotte besorgt hatte und von denen sie eines vor Jahren ein letztes Mal bestiegen hatte. Oder kribbelte der Gedanke an den Tanz in ihr und an die dafür nötigen Tänzer?
Wenn sie es sich richtig überlegte, war sie ein wenig befangen auch gegen Lotte, die seither an ihren Lippen hing, wenn sie nur davon sprachen. Maria konnte Lottes Bewegungen sehr gut einordnen. Ihr draller Körper stand auf Angebot, auf ein: Sieh her, ich bin noch jung und frisch. Seit Maria zugestimmt hatte, suchte Lotte umso öfter ihre Nähe. Vermutlich hatte sie Angst, Maria könnte es sich noch einmal anders überlegen. Inzwischen wusste sie auch, wie Lotte das Vorhaben vor ihrer Mutter begründet hatte. Natürlich fühle sie sich nur verantwortlich, Maria zu begleiten. Darüber verlor die selbsternannte Freundin zu Maria logischerweise kein Wort.
Die Mädchen Karla und Franka winkten der Mama hinterher. Hinter den Gardinen versteckt standen wie eh und je jene Frauen, die notorisch keiften, wenn einer der Männer aus dem Dorf Maria oder auch Lotte oder jeder anderen Witwe zu Hilfe eilte. Sie wussten nicht, wie es denen ging, die allein zurückgeblieben waren. Deren Männer waren unversehrt oder wenigstens lebend von der Front zurückgekehrt oder rasch aus der Gefangenenschaft entlassen worden. Es gab auch Männer im Dorf, die gar nicht an der Front waren. Weiß der Geier, wie sie es angestellt hatten.
Eine der Frauen rief später den Mädchen zu, als die beiden Witwen längst um die Kurve geradelt waren: »Findet ihr das schön von eurer Mama? Habt ihr keine Angst so alleine?« Franka nickte, aber Karla schüttelte ihren Kopf. Sie hatte unlängst gehört, wie ihre Mama über die Keifenden geredet hatte, und wie sie sagte, dass sie böswillig seien und dass der liebe Gott sie nicht mit Barmherzigkeit gesegnet hätte. Zwar kannte jeder hier die Gefahr, die vom Zeltlager ausging, das im Wald, kaum einen Kilometer entfernt von den Russen aufgeschlagen worden war. Aber keines der Kinder konnte die Angst der Erwachsenen verstehen. Die Kinder gingen gern dahin, wo gesungen und getanzt wurde und wo des Öfteren einmal eine Schöpfkelle Suppe übrig war. Auch wenn sie die Soldaten nicht verstanden, sie waren stets freundlich zu ihnen.
Die Fahrt mit den Rädern ging bereits an den Teichen vorbei, führte dann nach sechs Kilometern den steilen Berg hinauf, wo sie ihr Gefährt schieben mussten. Von oben ging es leicht abschüssig bis zur Stadt, was für Maria, die ungeübter im Radeln war als Lotte, eine winzige Erholung versprach.
Hinter der Stadt ging es dann stetig bergauf. Maria kämpfte nicht nur gegen Atemnot an, auch gegen ihre untrainierten Muskeln, die schon jetzt ihren Dienst zu versagen drohten. Wie sollte es erst auf der Rückfahrt werden, wenn sie vom Tanzen erschöpft sein wird. Ob überhaupt jemand mit ihr tanzen würde? Lotte hatte diese Bedenken brüsk zerstreut: Dann tanzen wir eben miteinander. Wozu sind wir zwei?
Der Wind nahm zu und Maria kämpfte auch noch mit ihren wild fliegenden Haaren, die ihr die ganze Zeit ins Gesicht schlugen. Das Kopftuch saß zu locker, aber sie konnte es nicht ständig wieder fester binden, weil sie nicht dauernd absteigen wollte. Sie war schon Hemmschuh genug für Lotte, der es gar nicht schnell genug ging; überhaupt erschien ihr Lotte merkwürdig geheimnisvoll. Maria hatte ihr geliebtes Hütchen für eine Fahrradtour noch ungeeigneter gefunden, was sich jetzt rächte. Wenigstens schob sie von Zeit zu Zeit mit einer Hand eine vorwitzige Locke zurück unter das schützende Tuch, wobei sie ständig aus der Spur kam und das Fahrrad zu schlingern begann. Wie wird sie nur aussehen, wenn sie erst angekommen waren? Wer wird sie zum Tanz auffordern, wer wird mit mildem Blick in ihr gerötetes Gesicht schauen wollen, wie es Hannes getan hatte, meistens, und wie sie es seit langem vermisste.
Vor dem Gasthaus, das direkt an der Straße stand, stiegen sie endlich ab und schoben die Räder auf den Hof. Vor der Tür zum Saal stand eine Traube junger Männer, die den ankommenden Mädchen erwartungsvoll entgegen schauten. Maria sah es wohl, dass Lotte unbemerkt eine Hand hob. Lotte war nicht so schüchtern wie sie, das musste sie akzeptieren. Zwei der Kerle schlugen einem anderen freundschaftlich auf die Schulter. Dieser junge Mann trug eine Schiebermütze und es war derjenige, der Lotte zugewinkt hatte. Von einem anderen, hochgewachsenen, der im Lichtkegel stand und dessen Haar glänzte, hörte Maria die Worte: »Nichts für mich.« Es war wie ein Schlag ins Gesicht, obwohl sie nicht wusste, wem die Worte des Mannes galten, den sie pomadig nennen würde, aber nur wegen der glänzenden Paste in seinem Haar. Ein anderes Urteil stand ihr nicht zu.
Drinnen im Saal gab es noch immer die vom Krieg verschonte Tanzfläche, wie Maria noch nie eine gesehen hatte, wie sie ihr aber in allen Einzelheiten beschrieben worden war, und die stimmten: Ein Karree aus blauen, gelben und roten Glasflächen direkt vor dem Bühnenpodest, wo die Kapelle saß. Unter dem Glas brannte Licht — welch eine Verschwendung!
Später konnte sie beobachten, wie das Licht blau oder gelb, manchmal auch rot an den Beinen der Tanzenden empor kroch bis tief unter die Kleider der Frauen. Das schien der geplante Sinn dieser Fläche zu sein, die damit zum Ruf des Hauses beitrug. Drumherum in zwei Reihen standen Holztische und hölzerne Stühle, die bereits zur Hälfte belegt waren. Am Tresen stand der Wirt, der mit Adleraugen jeden taxierte, der von seiner Tochter, die den Einlass machte, hereingelassen worden war. In der Vitrine hinter dem Mann standen nur drei Flaschen Schnaps, ein Klarer, vermutlich Wodka, mit dem die Russen handelten. Ein Brauner vom Schwarzmarkt, und die Flasche mit grünem Pfefferminzlikör, der im Licht funkelte wie ein Smaragd. Daneben ein Fass, dessen Zapfhahn der Chef bereits bediente.
Die kleine Kapelle spielte sich leise ein. Einer auf einem Schifferklavier, ein anderer an einem Schlagzeug und einer der drei Musiker wechselte zwischen Flöte und einem golden glänzenden, gebogenen Instrument mit kleinen Hebeln, das Maria noch nie zuvor gesehen, vermutlich aber schon gehört hatte, denn dessen Töne gefielen ihr besonders gut und erweckten nie gesehene Bilder zum Leben, von Meer und Strand und Himmel und Sonne.
Erst einmal saßen die beiden Frauen nur da, lauschten der Musik und beobachteten, wie sich der Saal zu füllen begann. Zum Trinken war noch nicht die Zeit gekommen. Sie mussten ihr bisschen Geld gut einteilen. An der großen Eingangstür standen jene Kerle, die keine Plätze beanspruchten. Sie holten sich vom Wirt, was sie brauchten und standen wie in den Startlöchern, um schnell bei ihren Auserwählten sein zu können. Maria schaute zweimal verstohlen auf die Gruppe und könnte meinen, auch für sie sei nichts dabei, wie es der pomadige gesagt hatte. Kurz darauf waren auch jene beiden unter den Wartenden, die ihr schon, vor der Tür aufgefallen waren: Der große, pomadige, der sie beide abwertend beurteilt hatte, ebenso der mit der Schiebermütze, der Lotte zugewinkt hatte. Jetzt starrten sie immerzu in ihre Richtung. Im schummerigen Licht des Saales glänzte das Haar des Größeren nicht mehr so auffällig und er sah auch sonst gar nicht mehr so garstig aus. Der Kleinere, dem Lotte offenbar gefiel, stand auf dem Sprung, als wartete er ungeduldig auf den Startschuss, um quer über die Tanzflächen zu rennen.
Mit dem Auftakt zum Tanz hatte es auch Lotte sehr eilig, mit eben diesem Kerl, den sie offenbar von irgendwo kannte, für zwei Runden auf der Tanzfläche zu verschwinden. In der Tanzpause hatte sie Maria atemlos erklärt, sie habe diesen Waldi auf dem Schwarzmarkt kennengelernt, habe ihm einen Mantel und ein paar fast nagelneue Schuhe ihres Mannes vermacht und sei dafür großzügig belohnt worden. Vermacht? Und belohnt. Für Maria hörten sich die Worte nicht nach Schwarzmarkt an, aber darüber sollte sie nicht sinnen. Die Menschen brauchten ihre speziellen Methoden, um nicht zu verhungern, bisweilen auch dunkle Kanäle.
Nach dem zweiten Tanz blieb Lotte ganz weg. Maria kam sich mal wieder verlassen vor. Erst jetzt kam ihr der Gedanke, für Lotte nur das Alibi gewesen zu sein, um sich mit diesem Kerl zu treffen. Weiß der Geier, woher sie ihn wirklich kannte und wo die beiden jetzt waren.
Es ging ihr besser, wenn sie sie sich nicht dauernd umschaute, ob Lotte zurückkam, also bestellte sie sich einen winzigen Likör, nippte aber nur daran, weil sie sich einen zweiten nicht mehr leisten wollte. Das Zeug brannte in ihrer Kehle und es war ihr, als müsste sie sofort eine Zigarette haben, aber allein ohne Lotte zu rauchen, traute sie sich nicht.
Sie verfolgte die Bewegungen des Musikers mit dem blechernen Instrument und hoffte, er würde es nie wieder weglegen. Und dann hoffte sie ebenso sehr, der Kerl, der sie zu den ersten Tänzen aufgefordert hatte, käme nicht noch einmal. Alles Hoffen schien umsonst, als sie hinter sich eine Stimme vernahm, die etwas sagte wie: Wie wär's mit uns beiden? Mit ihr hatte diese Stimme nichts zu tun, redete sie sich ein. Wenn sie einfach nicht reagierte, würde er sich um eine andere Frau bemühen, Frauen gab es ja mehr als Männer.
»Darf ich bitten?«, sagte die Stimme jetzt spürbar höflicher. Trotzig drehte Maria den Kopf und erkannte, dass es nicht der unmusikalische Trampel von vorhin war. Der Kerl, aus dem die Worte kamen, sah auf einmal so normal aus, blickte sie so offen an, dass Maria die Absurdität ihrer Lage gar nicht erkannte. Normalerweise sprangen die Mädchen freudig auf, wenn sie nur einer aufforderte. Sie aber blieb sitzen, schüttelte ihren Kopf noch immer mit der Einstellung, sie habe den unbeholfensten Tänzer der Welt vor sich. Es war aber der Kerl mit der vielen Pomade im Haar, dem sie vermutlich noch vor einer halbe Stunde gar nicht zugesagt hatte. Nix für mich. Seine Augen sahen für einen Moment fast so aus wie Hannes Augen, nicht so klar aber freundlich, nur heller, nebelgrau, was auf Maria ungewöhnlich wirkte. Sie wusste im selben Moment, dass sie sich nur etwas vormachte, dass sie, wenn sie mit ihm zur Tanzfläche ginge, sofort eine andere Meinung haben würde. Diese Kerle hatten über die Jahre des Krieges vermutlich nie richtig zu tanzen gelernt.
»Ich bin Paul«, sagte er, während sein Kopf mitsamt der Schulter eine leichte Verbeugung andeutete. »Ich wohne hier… ich meine, etwas weiter oben… auf dem Hof meiner Eltern.« Es schien abrupt, wie er seine Vorstellung beendete, aber Maria liebte es, wenn ein Mann höflich war. Und dass sich einer erst vorstellte und erst dann sein Recht einforderte, hatte sie das erste Mal nur von Hannes erlebt, und das blieb so bis zuletzt.
Irgendetwas zog sie vom Stuhl. Er hob seine Arme zur Tanzposition und sie legte sich willenlos hinein und schwebte mit ihm davon, als sei sie von einem Schluck Pfefferminzlikör bereits berauscht. Bei seinen vielen Drehungen, die für seine kräftige Statur federleicht ausfielen, jedenfalls im Gegensatz zu ihrem ersten Tänzer, schaute sie immer wieder zur kleinen Bühne, um ihren Lieblings-Musiker nicht aus den Augen zu verlieren.
»Der Saxophonspieler gefällt dir wohl?«
Aha, dachte sie. So heißt das Instrument also. Dann lachte sie: »Nicht so sehr der Spieler wie das Instrument«, erwiderte sie, obwohl sie aus unerklärlichem Grund nach ein paar Drehungen bereits außer Atem war.
»Wer bist du? Woher kommst du?«
»Ich bin kein Wer«, versuchte sie seine Nähe durch innere Distanz zu vergrößern. »Und ich bin wohnhaft, wo du noch nie warst.«
»Wohnhaft? Ist dein Zuhause auch wie die Haftanstalt?«
Warum sollte sie darauf etwas erwidern. Ihr Zuhause ist keine Haftanstalt, obwohl sie das Leben irgendwie ebenso einengte. Weil sie nichts sagte, zog er sie kräftig an sich heran: » Dann wird es Zeit, dass dich einer aufmuntert.«
Als sie seine starken Arme spürte, wurde sie ganz leicht, ganz biegsam, als sei ihre Zeit mit Hannes zurückgekommen.
»Ich heiße Maria«, sagte sie zögernd, aber noch ehe sie von ihren Kindern oder ihrem Schicksal reden konnte, schob der Mann, der Paul hieß, ihren Oberkörper wieder etwas von sich, schaute durchdringend in ihr Gesicht, lächelte aber süßsäuerlich und sagte: »Maria? Hoffentlich bist du keine Heilige.«
Sie wusste mal wieder nichts zu erwidern. Heilig war sie gottlob nicht, aber das hieß ja nicht, dass sie Gott verdammte, obwohl es nach dieser elenden Zeit nun wirklich einen Grund dafür gegeben hätte.
Ab jetzt tanzte dieser Paul immer wieder mit ihr, blieb gleich an ihrem Tisch sitzen, weil Lotte noch nicht wieder aufgetaucht war. Maria fühlte sich von dem starken Mann wie in den Himmel gehoben. Früher mit Hannes hatten sie oft getanzt, und sie waren sehr gut aufeinander eingespielt, was sie bei diesem Mann noch vermisste, logisch, alles brauchte seine Zeit. Bei seinen wilden Drehungen, wenn er sie über die Spiegelfläche wirbelte, dass ihr Rock zu schweben begann, konnte sie seinen großen Schritten nicht gut folgen und ihre Füße stießen bisweilen zusammen. Jedes Mal entschuldigte sie sich bei ihm, obwohl ja nicht nur sie die Schuldige war, wenn der Rhythmus nicht stimmte. Ihm fehlte die Einfühlung auf ihren Körper, wie ihr das Gefühl für seine Größe noch fehlte. Auch wenn sein Blick mehr zum Spiegel ging als zu ihr, fühlte sie seinen festen Griff, als sei das einer, der sie sicher durchs Leben geleitete. Dennoch stießen ihre Schuhe mal wieder gegeneinander, so ungeübt sie nach den Jahren der Entbehrung von allem Lustvollen war.
»Es tut mir leid…«, rutschte wenigstens ihr heraus. Er sah keinen Grund, sich zu entschuldigen. Im Gegenteil.
»Wenn du dich noch einmal entschuldigst, bist du mir diese Nacht schuldig«, raunte er ihr ins Ohr. »Du ahnst nicht einmal, wie sie dir gefallen könnte.«
Sie lachte, und das Lachen hatte auf einmal einen himmlischen Klang. Als die Musik wieder aufspielte und Maria dem fremden Mann in die Augen schaute, fiel ihr ein Satz ein, den Hannes einmal zitierte und der von einem Nietzsche stammen soll. Was gedacht werden kann, kann auch ausgeführt werden. Aber diese Weisheit des ihr unbekannten Nietzsche lag für Maria gefühlt in großer Ferne.
Sie tanzten noch eine Stunde zusammen und tranken miteinander. Paul war nicht geizig. Sie spürte die Kraft eines Bauernburschen in seinen Armen und in seinem Leib, die nicht einmal Hannes hatte, und der war sehr sportlich gewesen. Und sie spürte das watteweiche in ihm, das er bekam, wenn er sagte: »Augen hast du, die könnten einen schon um den Verstand bringen.«
Dass er dabei mehr auf ihre Bluse als in die Augen schaute, wunderte sie, erklärte es sich aber mit einer gewissen Scheu eines jungen, unerfahrenen Mannes. Dieses Bild verflüchtigte sich schnell, wenn Paul sie kraftstrotzend und zielsicher über das Parkett wirbelte. Ob ihrer Fehleinschätzung kam ein sonderbares Gefühl in sie, das lauwarme Glück flüchtiger Paare, das sie zu verdrängen suchte. Was sollten jetzt ihre tiefen Gedanken? Es gab viel mehr Frauen als Männer, hübsche und weniger hübsche, jüngere als sie und ältere. Manch eine ließ diesen Paul nicht aus den Augen, andere schickten wütende Blicke zu Maria. Er aber wich nicht von ihrer Seite. Maria fühlte sich nicht nur innerlich hochgehoben, sie war zum ersten Mal so voller Mut und fühlte sich so wichtig, dass sie nur noch singen wollte. Die Kapelle spielte Lilli Marlene, und Maria sang mit. »Vor der Kaserne vor dem großen Tor stand eine Laterne und steht sie noch davor. So wolln wir uns da wiedersehen, bei der Laterne wollen wir stehen, wie einst Lilli Marlen. Unsre beiden Schatten sah‘n wie einer aus, dass wir uns so lieb hatten, das sah man gleich daraus. Und alle Leute sollen sehen, wenn wir bei der Laterne stehen, wie einst Lilli Marlen…
Die beiden Schatten hatten es Paul angetan. Wenn sie in sein Gesicht sah, schien es ihr, als sei er sehr zufrieden, wie einer, der etwas genau dort haben wollte, wo es momentan war.
»Wollen wir nicht woanders hin gehen, wo unsere Schatten… ich meine, wo man ungestört …reden kann?«
Das klang zwar nicht sonderlich überlegen aber immerhin vernünftig. Vermutlich wollte er sich der anderen Frauen erwehren, die ihn belauerten. Auch wenn ihr die Musik ausnehmend gut gefiel, zu reden war immer erstrebenswert. Zudem musste sie nicht mehr ständig darauf achten, dass sie von Paul nicht ausschließlich auf der Spiegelfläche herumgewirbelt wurde, bis ihr Rock sich aufblähte und er dabei seine Blicke nicht vom Spiegelboden ließ. Das war das Einzige, was sie jetzt nicht länger brauchte. Zumal man bei der lauten Musik nicht einmal richtig miteinander reden konnte. Das Reden war die Seite des Lebens, die sich von ihr verabschiedet hatte, das wahre Reden jedenfalls. Nicht der Plausch mit den Nachbarn, nicht der mit den Kindern. Das Reden, wie sie es mit Hannes so gut konnte… Sie hob mit beiden Händen ihr welliges Haar an und ließ es langsam wieder in den Nacken fallen. Jetzt bloß nicht an Hannes denken, befahl sie sich. Jetzt lag ihr am Herzen, etwas von Paul zu erfahren, wie er lebte, wie er dachte, was er plante. Also mussten sie reden. Nicht mehr ganz so widerwillig verließ sie den Saal und ging mit ihm mit. Draußen wird sie von sich selbst sagen, sie folge nur dem Wunsch, es Lotte gleichzutun, die sich offenbar irgendwo anders als auf der Tanzfläche prächtig amüsierte. Wann hatte sie sich zuletzt einmal amüsiert?
Es war stockdunkle Nacht. Nicht eine helle Laterne gab es weit und breit, aber Paul führte sie sicher über die Straße und nach ein paar Schritten durch ein Tor in einen offenbar großen Hof. Die Fenster vom Wohnhaus waren alle dunkel. Also schliefen die Leute, die darin wohnten.
»Hier wohnen wir«, flüsterte er wie ein Kind, das sich heimlich aus dem Bettchen schlich. »Meine Eltern und ich. Wir haben viel Land und einen Stall voller Vieh. «
Paul öffnete eine hölzerne Tür. Sie quietschte in den Angeln, aber er hatte offenbar den Bogen raus, das Geräusch zu verhindern.
»Wo sind wir hier…?«
»Bei den Zossen«, sagte er, »aber keine Sorge, die schlafen jetzt auch.« Was sind denn Zossen, fragte sie sich, aber die Blöße, in seiner Welt nicht Bescheid zu wissen, gab sie sich nicht. Paul hatte plötzlich einen asthmatischen Atem bekommen, als er raunte: »Hast du schon mal gesehen, wenn ein Hengst die Stute besteigt?«
Oh ja, das hatte sie wohl, und sie war sehr jung und sehr erschrocken vor dem rötlichen Schwengel, der seinen Weg kraftvoll suchte. Paul wartete nicht auf ihre Antwort, zerrte aber merkwürdig an ihrem Mantel.
»Hier ist es nicht so kalt.« Paul flüsterte verdächtig. Sie dachte, seine Eltern dürften nichts von seiner Bekanntschaft erfahren. Noch nicht. Sein Satz vom Gefängnis konnte darauf schließen lassen. Dabei war er doch mehr als erwachsen und konnte für sich selbst bestimmen.
Es war in der Tat warm in dem Raum, der offenbar sehr groß war, größer als vermutet. Sie tasteten sich vorwärts bis zu einer Wand, an der eine Bank stand oder etwas andres, was mit Stroh ausgelegt war. Also konnte man hier gut sitzen und reden. Und vielleicht nahm er sie auch jetzt wieder in seine starken Arme. Sie stellte sich jedenfalls vor, wie es sein könnte, nicht nur auf der Tanzfläche zu spüren, noch begehrenswert zu sein.
»Die Wärme kommt von den Tieren«, sagte er wie nebenbei, aber nicht mehr flüsternd. »Deinen Mantel brauchst du gar nicht.«
Das stimmte. Es war warm, aber ob die Wärme anhielt, wenn sie sich nicht mehr wild im Tanz drehten, nur noch still dasaßen und redeten, oder ob die Wärme, die sie spürte, nur von innen kam, solange sie so aufgewühlt war von dem verblüffenden Umstand, blieb abzuwarten. Wer würde nicht aufgeregt sein, wenn man ausgerechnet dem Mann gefiel, von dem man geglaubte, dass er einen beim ersten Blick bereits abgekanzelt hatte.
Paul drückte sie auf das Stroh. Sein Griff war fest, aber nicht hart oder unvorsichtig. Dennoch war das Gefühl, nach so langer Zeit wieder von einem Mann dirigiert zu werden, äußerst befremdlich. Sie musste ihm von Hannes erzählen, unbedingt, und davon, wie sie jetzt lebte. Aber wie konnte sie es anstellen, um ihn nicht zu verstimmen.
»Haben wir nicht ein Glück, dass wir noch leben?«, flüsterte sie und fischte im Dunklen nach seiner Hand, die nicht mehr nur an ihren Mantelknöpfen großen Gefallen gefunden hatte.
»Glück nenne ich es nicht«, raunte er, schien aber keine Lust zu haben, über das Warum zu reden.
»Die meisten Menschen wären schon glücklich, wenn sie nur das Leben zurückbekommen würden, was sie mal hatten«, versuchte sie es noch einmal und hoffte, er würde sie jetzt fragen. Er fragte nicht nach ihrem Leben, was sie sehr schade fand. Immerhin wollte sie nichts anderes, als klare Verhältnisse, jetzt, wo sie wusste, wo er wohnte und was er war. Als Bauernsohn hatte er bestimmt kein leichtes Leben; aber totsicher auch keine Not.
Noch immer ließ er nicht von ihren Knöpfen, die zugegeben nicht leicht zu öffnen waren.
»Wie soll man wissen, was Glück ist, wenn man ihm nie begegnet.« Mit seinen merkwürdig melancholischen Worten floss ein Stöhnen aus dem Mund, das bedauernswert war, das aber auch genau das Gegenteil sein konnte. Sie war eine erwachsene Frau und kannte die Nöte der Männer nur zu gut.
»Möchtest du nicht mehr reden?«, entfuhr es ihr, obwohl ihr inzwischen statt seiner Hände auf ihrem Leib erst einmal seine Lippen auf ihrem Mund gefallen würden.
Sein schwerer Atem blieb, aber erst einmal erfuhr sie bei jedem Knopf, den er öffnete etwas mehr von Paul: Er war als Bauer von der Front verschont worden, um für Brot und Kartoffeln zu sorgen, und er führte auch jetzt ein ziemlich gutes Leben, weil er mit den Russen gut konnte, wie er sagte und was immer das heißen mochte. Aber Glück nenne er es dennoch nicht. Es war ein kluger Schachzug, nichts weiter. Seine Hände wurden ungestümer, aber jetzt suchten sogar seine Lippen nach ihren, was Maria erregte. Mit schwerem Atem stieß er heraus: »Von mir aus sollte kämpfen wer wollte. Ich hatte keine Lust, mich im Schützengraben als Rabenfraß wiederzufinden.«
So aufgewühlt sie auch war, diese Haltung von Paul tat Maria weh. Ein lediger Bauernsohn ließ lieber die Väter von Tausenden Kindern verrecken? Wie viele Kinder standen jetzt ohne Väter da, und wer würde sie ernähren? Zugegeben, Paul hatte bei der Ernährung der Menschen eine maßgebliche Rolle zu spielen und sie durfte ihm nichts übel nehmen. Jeder Mensch hätte so entschieden, wenn ihm das Glück hold gewesen wäre. Ihre Argumente würde er niemals verstehen, weil er ihre Geschichte nicht — noch nicht — kannte. Andererseits erschreckte sie der nächste Moment nicht minder, wenn auch nicht so negativ.
In seiner Atemnot, die sie beim Tanzen an Paul nicht gespürt hatte, flüsterte er ihr zu, dass er später etwas Butter und was immer sie brauchen würde, aus dem Speicher holen würde.
»Später«, wiederholte er mit einer Bestimmtheit, die seine Hände bestätigten. Ihr Mantel lag längst im Stroh und das Kleid, das sein Interesse am Knöpfen noch verstärkt hatte, befand sich nicht mehr dort, wo es hingehörte.
Maria wusste nicht, wohin das alles führen würde, aber in diesem Moment war sie Paul sehr dankbar für das Angebot, das er ihr nicht hätte machen müssen. Auf diese Weise kam ihr Ausflug auch den Kindern zugute, Hannes‘ Kindern.
Trotz ihrer ungewissen Erwartung schämte sie sich noch immer für ihre erste Einschätzung, die sie zu oberflächlich getroffen hatte. Er war nicht der pomadige Stenz mit der niederträchtigen Geste, den sie in ihm gesehen hatte. Er war ein Mann mit viel Liebe im Herzen und mit Händen wie jeder Mann sie hatte. Diese Hände suchten jede Rundung ihres Körpers. Irgendwann gestand er: »Ich hatte noch nie eine so zarte Frau bei mir. «
»Oh, wie viele waren es denn?«
Auch wenn ihm das Sprechen immer schwerer fiel, antwortete er in die Dunkelheit: »Ach, im Grunde nur meine Mutter und meine Schwester, aber … na ja, man ist ein Mann und man sucht etwas fürs Leben. «
Fürs Leben suchte Maria auch, insofern verstand sie ihn sehr gut. Bei Paul gab es nur den einen Umstand. Sie konnte sich nicht vorstellen, auf einem Bauerngut zu leben und zu arbeiten. Davon hatte sie keinen Schimmer. Und überhaupt. Paul würde ihre drei Kinder niemals akzeptieren. Wenn sie sich nachher trennen, würde es für ihn — egal was noch passierte — ein Abschied sein.
Paul fand alles aufregend, was er berührte, und das sagte er immer wieder. Er zog sie rittlings auf seinen Schoß und feuerte tausend atemlose Schwüre in ihre Ohren, die Maria teils beflügelten, teils erschreckten.
»Eine wie du sollte immer zu mir gehören. Hörst du? Immer!«
Wenn sie je eines wollte, dann war es Beständigkeit. Aber in dieser Nacht ging es ihr dann doch ziemlich schnell mit seinem Blick in die Zukunft. Das Ganze erschien ihr so absurd, so verrückt, um nicht verrucht zu sagen. Aber es war kein Traum. Ihr Verstand arbeitete normal und es war trotzdem geschehen, was sie in einsamen Nächten erträumt, ja erlebt hatte, aber eben nur im Traum.
»Unsere Schatten sind eins. Das wolltest du doch, nicht wahr?«
So sehr ihr seine Zuwendung gefiel, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann wusste sie, dass sie noch vor zwei Wochen fest überzeugt war, jeder andere Mann würde ihre Liebe und Treue zu Hannes zerreißen, würde sie innerlich ihrer Selbstachtung berauben. Niemals hätte sie sich verziehen, was sie an diesem Tag — in dieser Nacht — zuließ, ja geradezu mit ihrer Singerei von den verschmolzenen Schatten herausgefordert hatte und nun bis zum letzten Zuge genoss. Noch vor zwei Wochen war sie bereit gewesen, sich in Lumpen und Asche zu hüllen, nur weil sie einem Mann zu gefallen schien. Nun lag sie hier mit einem wildfremden, wenn auch begehrenswerten Mann, um den sie von anderen Frauen, totsicher auch von Lotte, beneidet wurde. Sie selbst hatte sie nur einen Gedanken: Das Leben. Das Leben ist wieder in mich gedrungen. Es hat sich zwischen mich und Hannes geschoben, aber es wird sich nicht zwischen mich und die Kinder schieben. Niemals. Es wird mich vielleicht viel Kraft kosten, vor den Leuten im Dorf mit der neuen Liebe zu bestehen, aber wer sollte es mir verübeln, wenn ich die Last des gewöhnlichen Lebens abstreifen will oder wenigstens auf vier Schultern verteilen, so, wie Paul es angedeutet hatte.
Ziemlich rasch brachte Paul Maria zurück zum Lokal. Er lief schnell, zu schnell, wie sie fand. Er dürfte sie ruhig noch ein paar Mal küssen, ehe sie wieder ins Licht traten, doch er sagte nur, er mache sich Sorgen, ob Lotte noch da sei, damit sie, Maria, nicht alleine nachhause müsse. Wohin sie genau musste, fragte er nicht und sie drängte ihm ihr Leben auch nicht auf. Noch nicht.
Die Kapelle saß noch an einem Tisch und trank, was der Wirt spendiert hatte. Sonst waren kaum noch Gäste da. Lotte und ihr Kerl saßen auf den kalten Stufen und stritten, bis Lotte wutentbrannt das Fahrrad schnappte und Maria hinter sich herzog.
Nach zwei Stunden kamen sie zuhause an, gerade noch rechtzeitig vor dem ersten Hahnenschrei. Mit Lotte war die ganze Fahrt über nicht gut Kirschen essen, weshalb Maria vermied, über ihr eigenes neues Glück zu reden, schon gar nicht darüber, wie dankbar sie Lotte im Grunde für deren Hartnäckigkeit war.
Die Kinder schliefen fest, und in der Wohnung hatte es nicht einmal ein Chaos gegeben. Maria fand keine Lust, noch ins Bett zu schlüpfen, zu sehr hingen ihre Gedanken an dieser Nacht mit Paul, der ersten mit einem Mann nach Hannes. Paul Zimmer, formten ihr Lippen, die zwar nur spärlich, aber immerhin auch wieder einmal geküsst worden waren. Maria Zimmer?
Nun stand sie da und etwas hatte sich grundlegend verändert. Es hatte ihr in letzter Zeit allen Mut geraubt zu glauben, sie könnte nie wieder lieben, was sie dazu bewogen hatte, sich von jedem Mann zurückzuziehen, um ihren tristen Weg ausschließlich für ihre Kinder, für Hannes‘ Kinder, weiterzugehen. Sie sah diesen Weg der Entbehrung jeglicher Liebe viel zu lange als richtig und zwingend an und war sogar entschlossen gewesen, ihn nicht zu verlassen.
Doch jetzt gab es Paul…
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