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Max Kohlhaas
Das Weg ist das Ziel
Kein Reiseführer für Auswanderer
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Inhaltsverzeichnis
Titel
0
Ort
00
Komm' her
Komm' zur Ruh'
Einschlafphase
Knack.
Fremde Betten
000
Wie ein Schwert in Stein
Spiel mit
Morgen
Brückstück
Hallo Hallo du
Schleim
Kein Mucks
Nachtflucht
Erste Hilfe
Kein Anschluss unter dieser Nummer
Bitte sprechen Sie nach dem Piep
Lückenfüller
Zum Glück ist Descartes tot
Kopfmensch
Schön, dass du da bist
Tee & Kekse
Kress
Hallo Frank
Symbiose
//Tock..Tock..Tock..Tock//
Schneid' mich in Scheiben
Wurfzelt
Stadtmädchen
Nachschlag
Erwartungshaltung
Alte Marotten
Der große Knall
Eins plus Eins
Guten Morgen
Vordruck
Fernseher, wie fern? Sehr fern.
Unerwünschter Gast
Ungenaue Vergleiche
Epilog
Impressum neobooks
0
Das Weg ist das Ziel
Kein Reiseführer für Auswanderer
Max Kohlhaas
Die letzte Ruhe.
Ich stelle mir bei dem Ausdruck völlige Zufriedenheit, Vollständigkeit
Abwesenheit von Chaos, Pflicht und Entscheidung vor
Eine schöne Vorstellung, die mir aus der Menge an Stimmen zuzwinkert
Kein Gefühl, keine Erfahrung, kein Ort so fehlerlos
Und komplett das was es im Eigentlichen verspricht zu sein
Einsam, aber gut
Stille, aber ertragbar
Mehr als das; das tragende Element
Kein Ton
Kein Licht
Weder warm noch kalt.
Eine der Erde eingewandte Stadt ohne Menschen, ohne gesichterlose Erahnungen
Keine kurzen Einblicke mehr in Leben durch die als einzige hell erleuchtete
Fensterfront eines Wohnkomplexes
Ohne rettende Inseln zwischen denen ich mich nach Luft schnappend im Wasser
abstrample; Kein Wasser
Keine Farben
Keine Bilder
Keine Maler
Niemand an den gedacht, mit dem geredet, dem geschrieben werden muss
Keine Gedanken
Keine Gespräche
Keine Höflichkeit
Verantwortungslos
Ich werde nicht gebraucht und niemand braucht etwas von mir,
Weil ich nichts zu geben habe
Keine leeren Versprechungen
Keine vollen Gläser
Kein Durst oder Hunger
Kein Verlangen das Befriedigung sucht
Kein Gegenteil
Keine Geschichte
Keine Zukunft
Und ich bin nur einen Schnitt, Sprung, Stich, Schuss davon entfernt,
in diesem Sein nicht sein zu können
Ort
(Wenn der überhaupt wichtig ist)
Eine Stadt in der man nicht schauen müsste, bevor man über die Straße geht, es aber trotzdem tut, falls man den im Auto kennt und sich dankend zunicken möchte.
Überhaupt werden hier viele Dinge nur so gemacht, weil man vermutet, dass das in großen Städten auch so gemacht wird. Wer eine Stadt zum gefragten Touristenziel heranziehen will, braucht teure Parkplätze, alte Geschichten und neue Einkaufszentren. Hier gibt es nur die alten Geschichten, die Parkplätze sind alle kostenlos und wenn begrenzt, dann auf Zeit. Ein Ort zum Durchfahren.
Die Einkaufszentren liegen im oder auf dem Weg zum nächsten Ort, damit Menschen von außerhalb die Ruhe nicht stören oder auf die Idee kommen Parkplätze zu belegen.
Es gibt vier Ampeln. Alle davon überflüssig.
Ich bin gerne hier und bewege mich noch langsamer als die alten Leute auf dem Weg zum Kuchen. Vielleicht das Henkersmahl. Kirschkerne sind nicht ungefährlich.
Ich kenne keinen, aber alle auf der Straße.
Der Ort existiert Stein für Stein in meinem Kopf.
00
Wenn man mal verstanden hat
Wie die Stadt
Funktioniert
Wie Häuser Menschen atmen
Dass die Gässchen wie Wildwechsel
Kurz nach bis kurz vor der Dämmerung
Raubtier und Jäger
Wolf und "Ohne dich ist alles doof"
Die Stellen die unbelaufen sind
Wie naturbelassener Waldboden
Diejenigen die nicht in die Funktion passen
Wie ein alter Bunker oder ein Hochsitz
Wir sind der Schuss
Und der Überschuss
Ich bin das Todesurteil
Die Chance auf neues Leben
Der zündelnde Junge in der Scheune
Wind der das Feuer entfacht
Der Vogel der flüchtet und
Sich ein neues Paradies sucht
Bis zu dem Tag
An dem es jemand entdeckt
Komm' her
Quer über die gepflasterte Straße entdecke ich einen kleinen, gemütlichen Laden mit Schaufenster. Als ich näher komme erkenne ich den anscheinenden Besitzer des Geschäftes. Alt, etwas breiter gebaut, Wollpullover und eine graue Hose, sein Gesicht scheint zufrieden, soweit ich es durch die leichten Spiegelungen des Glases erkennen kann. Ich habe dieses Geschäft noch nie hier gesehen, seit meinem sechzehnten Lebensjahr ging ich wöchentlich mindestens zweimal durch diese Einkaufsgasse, vielmehr um mir die Leute als die Angebote anzuschauen oder mein Geld für überteuerte Getränke hinaus zu werfen.
Als ich näher komme, muss ich plötzlich wider Willen an einen alten Schulkameraden denken, den ich seit unseres Abschlusses, zu meinem Glück, nicht mehr gesehen hatte. Ich dachte seine Stimme aus dem Sprachorgan eines vermeintlichen Kunden der Bücherei wahrgenommen zu haben. Vielleicht jobbte er hier, um sich etwas Geld zurücklegen zu können, wie so viele es auch schon mir empfahlen.
Ich hatte bisher immer mehr oder weniger dankend abgelehnt und durchscheinen lassen, dass ich es nicht für nötig halte. Aber nicht weil ich genug habe, ganz im Gegenteil, eher, weil ich dachte, dass sich mein Weg auch ohne viel Geld wird richten lassen müssen. Natürlich ganz ohne Schicksalsgedanken.
Nebenbei fiel mir auf, dass die Bücherei für ebendiese viel zu klein ist. Sie besteht nur aus einem Raum, den man schon von außen völlig einsehen kann und noch nicht einmal dieser ist vollends mit Büchern bestückt. Die Glasseite ist frei, da man sonst weder raus noch rein schauen könnte und die Wand gegenüber des Fensters steht auch leer. Der Raum selbst ist geschätzte vier mal vier Meter groß. Links vom Fenster ist die Eingangstreppe, auf der auch mittlerweile meine Füße stehen und nach oben steigen. Als ich das Zimmer betrete, habe ich das Gefühl, ich werde wahrgenommen und bemerkt, aber aus irgendeinem Grund lässt man mich in Ruhe die Gegend erkunden. Ich habe nicht eines der Bücher mehr in Erinnerung. Die Atmosphäre lädt nicht zum Bücherlesen ein. Kein Sofa, kein alter, faltiger Sessel, noch nicht mal ein Stuhl, nur knarrender, löchriger Holzboden. Ich verkrieche mich in die linke hintere Ecke und tue als denke ich nach, mit gesenktem Kopf. Ich lausche dem Gespräch der beiden. Ich kann nicht hören, über was sie sich genau unterhalten. Es ergibt keinen Sinn, irgendwas mit „Stille“ und „schon wieder einer“ und „neue Leute“. Plötzlich höre ich einen der beiden meinen Namen sagen, nicht nur den Familiennamen, der in dieser Stadt alles andere als uneigentlich ist, sondern meinen vollständigen Namen. Aber woher sollten sie mich kennen, ich bildete mir immer ein, dass man mich nur an meinem Gesicht erkenne und mit ihm gab ich mir alle Mühe es unter meinem Hut zu verstecken. Haben sie mich doch erkannt? Nein das kann nicht sein. Sie sprechen nicht zu mir, ich hatte sie nur über mich reden hören. Vielleicht ja auch eine Verwechslung, ein ähnlicher Vor- und Nachname, der sich geflüstert so anhört, als meine man mich. Und überhaupt, wieso flüsterten sie eigentlich?
Durch diese Gedankengänge und kleine Panik in mir, muss ich mich ein wenig auffällig verhalten haben, denn als sie bemerken, dass ich nur so tue, als wäre ich beschäftigt, ergreift mein alter Schulkamerad ein Buch und sie heben die Lautstärke ihrer Unterhaltung, um darüber zu reden, dass sie es bald wieder nachbestellen müssen, weil es sich doch so gut verkaufe. Mit diesen und anderen rudimentären Worten löst sich ihre Unterhaltung auf und sie drehen sich zu mir um, zwar wieder ohne etwas zu sagen, aber trotz alledem kommt in mir das Gefühl hoch, sie hätten mich gefragt, ob sie mir helfen können. Ich blicke auf und sehe zuerst in das Gesicht meines Schulkameraden. Er ist es nicht. War es nie gewesen. Die ganze Zeit über hatte ich mich getäuscht. Er scheint noch älter als der Ladenbesitzer selbst, doch irgendetwas zeichnet ihn aus, dass er es nicht ist, der die Verantwortung trägt für das Geschäft.
Ich muss stark verwundert gewesen sein, dass sich meine Sinne so täuschten, oder vielleicht auch erleichtert, dass ich für kurz in meinen Gedanken versank und äußerliche Reize abprallen ließ. Der Besitzer wiederholt meinen Namen und fängt an zu lächeln. „Wir haben gerade von dir gesprochen!“
Er kommt auf mich zu, schlägt mir auf die Schulter und ergreift meine Hand, wie alte Freunde es tun. Ich kenne ihn aber nicht. Oder vielleicht erkannte ich ihn nicht, dachte ich mir. Wir unterhielten uns nicht lange über das Wetter, die Familie oder sonstigen oberflächlichen Kram, sondern sie brauchten meinen Rat. Sie verlangten danach.
Komm' zur Ruh'
Ich werde umgedreht und entdecke, dass die Ecke in der ich stehe gar keine ist, wie konnte ich so etwas nur übersehen? Es ist ein Flur, der entlang der Wand des Geschäftes führt, beziehungsweise wohl eher die hintere Wand des Geschäftes bildet. Wenn man von außen hineinschaute, konnte man es nicht erkennen, aber hier sehe ich zwei Türen und noch eine Abbiege die nicht einzusehen ist. Wir gehen wie selbstverständlich, aber doch bedrückt und ängstlich vor dem was kommt, zu der linken Seite der eigentlichen Bücherei weg, auf eine Tür zu.
Wie ein Arzt auf dem Weg zum Zimmer des Patienten mit der unbekannten Krankheit, die sich zwar in bekannten Symptomen äußert, aber nicht auf die üblichen Medikamente reagiert, komme ich mir vor.
Der jüngere der alten Männer öffnet die Tür und ich bin immer noch in der Arztrolle eingefroren. Da stehen tatsächlich zwei Betten wie sie im Krankenhaus üblich sind.
Der Raum ist dunkel, alles Licht was hinein fällt, stammt aus dem Geschäft und wird indirekt über die Wandreflexion nur noch geschwächt ins Zimmer getragen.
Das Zimmer selbst besitzt weder eine Lampe noch ein Fenster.
Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, ergeben sich Muster in einem der Betten, das andere steht leer. Ein dickwangiger, lebloser Bub von vielleicht 22 Jahren liegt auf dem Rücken, den Blick durch die geschlossenen Augen zur Decke gerichtet. Ich denke schon wieder an einen alten Schulkameraden, diesmal ist mir der Gedanke freundlicher erschienen, da ich mit dieser Erinnerung zumindest eine Zeit lang befreundet gewesen bin und sie mochte bis zu einem ungewissen Zeitpunkt.
Doch bevor ich weiter forschen kann, löst sich meine Erinnerung wieder auf. Der Junge steht aus seinem Bett auf und ist ein Mädchen, ein Mädchen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Eine kurze Frisur, viel zu ordentlich dafür, dass sie gerade erst aufgestanden ist. Sie trägt ein weißes Nachthemd. Es fällt an ihr herunter, als wäre es frisch gebügelt. Ich vermochte sogar einen Hauch des Bügelgeruches kurz zu erhaschen, vielleicht auch nicht.
Im Eingangsbereich des Raumes steht ein Tisch mit zwei Stühlen. Sie schwebt lautlos darauf zu. Als sie dann vor mir sitzt, setzte ich mich auch hin.
Sie beginnt zu reden. Ich höre ihr nicht genau zu. Eigentlich überhaupt nicht. Weil mich die Situation in der ich mich befinde, viel zu sehr beschäftigt und in eine Traumwelt reißt.
Jeden Moment dachte ich, ich sollte aufwachen und mich fragen, wieso ich an alte Schulfreunde dachte, jeden Moment dachte ich, sie reißen alle drei ihre Masken runter und entpuppen sich als meine drei besten Freunde, die mich, eben weil sie mich so gut kennen, exzellent hinters Licht geführt haben.
Doch nichts passierte, sie redet weiter.
Ihr Gesicht fällt plötzlich in sich zusammen, sie sackt in sich ein und bevor ich, aus meiner Träumerei gerissen, etwas fragen kann, werde ich schon wieder weitergeschoben, raus aus dem Raum, mit einem freundlichen: „Sie ist müde, sie muss etwas schlafen. Sie sind aber auch ein guter Zuhörer.“
Während ich hinaus geschoben werde, kann ich bei einem Blick zurück eine kurze, Macht ergreifende Handbewegung des alten Mannes gegenüber des Mädchens ausmachen.
Einschlafphase
Zurück in den eigentlichen Bücherraum gedrängt scheint mir alles plötzlich so unfreundlich. Das urige, heimatliche Gefühl dieses kleinen Raumes war verschwunden. Das bisschen was mal da war.
Übrig geblieben ist das Gefühl von Unheil in mir und eine erschreckende, lauernde Atmosphäre.
Der Grund dafür, neben den seltsamen Geschehnissen in diesen Wänden, ist unter anderem die nicht dämmernde, sondern in ihrer vollen Pracht scheinende Nacht. War ich denn wirklich so lange mit meinen Gedanken beschäftigt? Wie lange hat das Mädchen mir etwas erzählt?
Der alte Holzboden knarrt mit jedem Schritt den ich tue lauter.
Inzwischen sind beide Männer wieder anwesend. Sie haben Tee mitgebracht. Er wird mir angeboten, ich trinke.
Es ist eine Pfirsich-Schwarztee-Mischung. Ich habe ihn noch nie getrunken, aber der Geschmack erinnert mich an ein Kindheitserlebnis:
Ich war damals gerade sechs geworden, dass weiß ich noch so genau, weil mir meine liebe Großmutter seit meinem sechsten Geburtstag bis hin zu meinem achtzehnten immer eine Schachtel Pralinen schenkte. Es waren immer die gleichen.
Eine rechteckige, blaue Verpackung mit einer roten, breiten Schleife umbunden.
Wenn man die Verpackung öffnete, stach einem, sobald man den von der Luft gehaltenen Deckel vorsichtig abnahm, eine weiße, seidene Decke entgegen. Hauchdünn und duftend.
Unter der Decke war eine weiße Papierschicht und darunter endlich die Schokoladentrüffel, die mit Haselnusscreme gefüllten Waffeln, zwei Kokospralinen, an der rechten Seite eine Auswahl an Pralinen mit sämtlichen Nüssen, links das gesamte, wünschenswerte Nougatbuffet und in der Mitte eine einzige Rumpraline aus weißer Schokolade und dunkler Verzierung oben auf.
Insgesamt waren es 32 Pralinen.
Doch es gab Regeln. Dieses Geschenk war die Art meiner Großmutter mir das Genießen beizubringen. Ich durfte immer nur eine Praline am Tag essen.
Das sagt sich jetzt, da ich weiß wie es funktioniert so leicht, aber mit sechs Jahren hätte ich gerne mein heutiges Wissen besessen.
Von solchen Abreibungen auf den blanken Hosenboden kann ich heute nur noch träumen.
Als meiner Mutter damals auffiel, dass ich an einem Tag drei anstatt einer gegessen hatte, legte sie mich auf ihr schönes Sommer-Blumenkleid über die Knie und verpasste mir Schläge, die ihr wohl einst zustanden.
Wenn meine Großmutter mich sonst schon nichts gelehrt hatte, dann zumindest den Genuss und den Verzicht, mit meiner Mutter als ihrem Helfer.
Das Jahr in dem ich sechs wurde, war das einzige in dem ich Prügel bezog wegen Verstoß gegen die Regeln. Später stellte ich es geschickt an.
Mein Geburtstag lag und liegt immer noch im Dezember und die Neujahrsnacht war eine der wenigen Ausnahmen im Jahr, an denen es kleinen Kindern wie mir damals erlaubt war bis nach Mitternacht auf zu bleiben.
Ein jeder wahrer Genießer wie ich es war, kann sich schon längst denken, was mein Plan war.
Ich aß also um kurz vor Mitternacht eine und eine Minute später, als sich meine Familie in den Armen lag, um das neue Jahr zu feiern, die zweite Praline. Damit hatte ich keine Regel gebrochen und trotzdem mehr als sonst.
Meine Großmutter hätte mir sicherlich auch zu späteren Geburtstagen als dem achtzehnten weiterhin Pralinen geschenkt, aber kurz nach Neujahrsbeginn erlag sie ihrem Brustkrebs, wie er allen Frauen der Familie bisher früher oder später zuteil wurde. Ich hatte bis dorthin schon zehn der Pralinen gegessen, also waren noch zweiundzwanzig übrig und ich schwor mir von nun an mir jedes Jahr nur eine einzige zu gönnen. Sie waren so süß, dass ich mir um ihre Haltbarkeit keine Gedanken machen musste, sie würden, wenn sie müssten, meine Person selbst überleben und einem kleinen Kind noch den Genuss eintrichtern.
Sie würden also bis zu meinem vierzigsten Lebensjahr anhalten.
Zurück aus meiner Erinnerung, in die sehr verwirrende Wirklichkeit geschmissen, versuche ich den Grund für mein Abschweifen wiederzufinden. Genau. Der Tee.
Ebenso wie die dünne Decke, unter der die Pralinen sanft gebettet waren roch, schmeckt der Tee den mir die beiden mir höchst suspekten, aber doch freundlichen Männer einschenkten.
Als kleinen Genuss zum Tee gibt es etwas Süßes. Der Mann mit der Brille und dem Bart hält mir eine große, weiße Porzellanschüssel vor und ich wusste, weil auch sie es so getan hatten, dass ich nur eine Kleinigkeit daraus entnehmen sollte, wenn ich mir einen peinlichen Moment ersparen will.
Schokotropfen, mit Schokolade umhüllte Kaffeebohnen, Blätterkrokant und anderes Gutes birgt das Innere der Schüssel, aber rasch entscheide ich mich für etwas in Silberpapier gepacktes. Ausgepackt und zerteilt mit meinen Zähnen, stelle ich fest, dass es eine Nougat Pistazien Praline ist. Sie ist gut und zerfließt mir auf der Zunge bis in die Wangen.
Knack.
Dieses Geräusch, so grell und schrill, so durchdringend und drängelnd. Es erfüllt meine Brust mit einem Gefühl der unsicheren Reue und nagelt mir von innen, metallisch klingend, gegen die Schädeldecke.
Die beiden weisen mit Händen und Füßen an, dass ich mich erheben und ihnen in das linke, hintere Zimmer folgen soll.
Ich fühle mich plötzlich wie die Praline: Mein wunder Knackpunkt, der schon für alle deutlich sichtbar war, wird langsam von der fließenden Hülle befreit und attackierbar.
Es waren die kleinen Süßigkeiten und die süßen Kleinigkeiten die mich am Meisten interessierten, mir aber auch oft das Herz brachen. Warum sonst wäre mir die kleine Bücherei, umrandet von hohen Häusern und billigen Boutiquen aufgefallen?
In dieser, für mich inzwischen kitschig, romantischen Kleinstadt musste man zwar sehr geduldig sein, aber unmöglich war es nicht, ein wenig abnormale Besonderheit zu finden.
Ich erinnerte mich an den grünen Laden. Er hieß zwar: „Was ich mag, magst du vielleicht auch“, ich jedoch nannte ihn den grünen Laden, weil der Besitzer, wissentlich oder nicht, ...
in jeder Speise, in jedem Trank, auf jedem Tisch, auf jedem Schrank, auf den Tellern, Tassen, Schuhen, den Langspielplatten, Instrumenten oder Uhren, immer etwas Grünes hatte. Und sei es auch nur eine Feder, ein Faden, eine Frucht oder ein Fleck, etwas war immer grün. Manchmal glaubte ich, wenn ich umher stöberte, zwischen zufällig gewählten Verkaufsstücken, ihm auf den Leim gegangen zu sein. Dass dieser graue Pullover, den ich in der Hand hielt, nichts Grünes aufzuweisen schien. Doch als ich ihn siegessicher wieder zusammen legte, sprang mir die Innenseite des Kragenschildchens ins Auge. Grün.
Egal ob es eine Kunst, ein Spiel mit maximal einer Hand voll Detailverliebter oder der Tick des Verkäufers war, es war etwas abnormal Besonderes, dass bestimmt nicht jedem auffiel, wenn er den winzigen Laden betrat, falls man ihn in all dem Gewusel von Hektik überhaupt fand oder beachtete.
Fremde Betten
Es riecht überall nach Wald.
Als ich aus meinen Erinnerungen erwache, finde ich mich in einem kleinen Raum. Ich stehe mittendrin und auch außerhalb. Es ist das vermeintliche Krankenzimmer.
Die Bettlägerige starrt mich an ohne zu blinzeln. Ihr Gesicht ist deutlich zu erkennen, obwohl es nahezu gänzlich dunkel hier ist. Es ist ohne jegliche Mimik, frei von Ausdruck oder Beschwerden.
Sie schaut einfach nur.
Die beiden Alten sind nicht hier, sie müssen noch im Laden sein. Sicher sind sie im Laden. Ich bin es ja schließlich auch.
Ich bewege mich nicht, weil mir nicht danach ist. Stehe wie fest gekettet und erwidere den Blick der mir Unbekannten. Sie muss sich doch das Gleiche von mir denken: „Steht da einfach nur und tut nichts, schaut mich einfach nur an.“ Also spreche ich: „Weshalb liegen sie“, ich werde unterbrochen. Ihr Mund öffnet sich, aber ich verstehe kein Wort. Ich ziehe die Brauen zur Geste, dass ich nichts gehört habe. Sie nimmt den rechten Zeigefinger vor ihren Mund, befielt mir still zu sein und zieht die Decke zurecht. Die Türe öffnet sich und meine Augen schmerzen vom plötzlichen Licht. Einer der Männer steht im Rahmen, der ältere, und er hält einen Gegenstand in der linken Hand. Es sieht aus wie eine Streichholzschachtel.
Aber was will er jetzt damit?! Licht ins Dunkle bringen! Es hängt keine Lampe an der Decke, er will also den Raum erhellen. Aber eine Kerze steht auch nirgendwo.
Er macht zwei lange Schritte und steht vor dem Bett, schaut über seine Schulter zu mir rüber, so als stelle er sicher, dass ich zuschaue bei dem was er tut.
Er gibt die Schachtel an die Frau im Bett, deren Gesichtsausdruck lange nicht mehr neutral ist. Seit sie mich ruhig gestellt hat, wirkt sie angespannt. Ihre Spannung droht fast zu zerreißen, als sie die Zündhölzer in den Händen hält. Mit einer Bewegung schiebt sie die Lade aus der Hülle und verteilt den Inhalt auf ihrer Brust.
Ohne lange zu zögern, zieht sie mehrere Hölzer nacheinander an der Zündfläche entlang. Keines geht an, keines verhält sich so, wie man es von ihm erwartet hätte.
Zusehens fängt die Frau an zu zittern und zu schwitzen. Sie wird noch unruhiger, zappelt umher, während sie die Hölzer entlang streicht und als das Letzte nach mehreren kläglichen Versuchen unter einer kleinen Rauchwolke bricht, bricht ihr Frust in einem Wutanfall aus. Sie tobt im Bett umher, beißt ins Laken, schlägt ihre Fäuste gegen die Wand und schreit.
Nein. Moment.
Ich schlage mir mit der flachen Hand gegen die Ohren. Ich höre nichts. Sie tobt, aber ich höre keinen Mucks.
Der alte Mann dreht sich vom Bett weg und muss mich wohl sofort verstanden haben: „Ganz ruhig, unsere Frau Blattzweig hier ist eben etwas durcheinander.“
Dem Himmel sei Dank, ich bin nicht taub.
„Was meinen Sie mit durcheinander? Ist sie stumm?“
„Nun, wissen Sie, sie war einst eine angesehene Online Journalistin...
Sie schrieb Kolumnen für eine große Zeitung, Berichte für viele regionale Blätter und landete ihren größten finanziellen Erfolg mit einem Skandal über einen bekannten Politiker, in einem Schmierblatt, dessen Verwaltungsgebäude vor einigen Jahren Opfer eines politischen Anschlags wurde und nicht mehr länger existiert.
Von ihrem Honorar für diesen bahn- und intimitätsbrechenden Bericht, flog sie mit ihrem alten Vater an sein Wunschziel auf dieser Erde: Alaska.
Sie versuchte den Vater zuerst noch zu überzeugen, doch in einem Hotel zu übernachten, aber er hatte sich diesen Trip sein Leben lang erträumt und genauestens ausgemalt.
So mieteten sie also eine kleine Holzhütte am Knie eines Berges von einem Einwohner der nächstgelegenen Stadt.
Gemütlich an einem See gelegen, um sie herum nur Felsen und Schnee.
In der dritten Nacht gab es ein Erdbeben.
Sie wurden von einem Schneerutsch überrollt.
Eingesperrt in der Hütte und ohne Handyempfang, versuchten sie den Kamin wieder frei und an zu bekommen, denn der Schnee hatte sich durch den Schornstein auf die Feuerstelle verschlagen und sie erlischt. Es wurde kälter und kälter in der Hütte, sie zogen alle warmen Sachen an, die sie fanden. Schließlich war die Feuerstelle wieder frei. Unsere Frau Blattzweig nahm also die übrig gebliebenen Streichhölzer und versuchte das Feuer wieder zu entfachen, aber keine Chance, jedes Holz brach ab oder wollte einfach nicht zünden. Sie mussten sich also zusammenlegen und sich gegenseitig warm halten, aber ihr Vater schaffte es nicht. Er erfror.
Eine bis zwei Stunden später fand man sie unter dem Schnee, sie hatte ihren Vater immer noch in die Arme geschlossen und bewegte sich keinen Zentimeter von ihm.“
„Sie grausames Monster! Und Sie geben ihr immer wieder defekte Streichhölzer!“
Ich will meiner Wut Ausdruck verleihen, schreie und will den alten Mann schlagen. Aber ich kann mich nicht bewegen. „Was haben Sie mit uns gemacht?! Wieso kann ich mich nicht bewegen, aber schreien und sie kann sich bewegen, aber nicht schreien?!“
„Bleiben Sie ruhig, ich werde Sie gleich erlösen.“
„Nein! Sie werden es jetzt tun, ich möchte Ihnen weh tun!“
„Wenn dem so ist, werde ich Sie noch etwas hier stehen lassen. Bis morgen.“
Er dreht sich um und geht in Richtung Tür.
Er stoppt und greift nach etwas auf dem Boden. Da liegt noch ein Streichholz. Unbenutzt.
Die Hülle der Hölzer hat Frau Blattzweig vor Wut durch den Raum geworfen. Er hebt sie auch auf und zündet mit einem Gesichtsausdruck der sagt: „Geht doch.“ und einem leichten Kopfschütteln das Holz.
Ich blicke zu ihr herüber, aber sie ist schon vor Erschöpfung eingeschlafen. Ansonsten wäre sie wohl vollends ausgerastet. Der Mann schließt die Tür.
000
Langsame, halblaute, elektronische Musik.
Gedimmtes Licht; Puls: 120 Schläge pro Minute - Tendenz steigend.
Sie mag es, wenn ich sie drücke.
Sie mag es sehr wenn ich sie drücke, ziehe, ihr aus Jux widerspreche,
nur um im nächsten Moment alles zuzulassen.
Wir haben beide etwas gleichzeitig auszuleben und zu verstecken.
Mein Geheimnis kennt sie, ihres hat sie mir nicht gesagt,
es ist ihr aber wie mit dickem Edding
auf die Lider uns ins Gesicht geschrieben:
Ich bin der perfekte Übergangsmensch,
eine Zwischenlösung die nie die Wahrheit
aber zumindest den Anschein ihrer darstellt,
wenn man es nur sehen will.
Und ihr Wille ist alles was sie hat.
Die Ehrlichkeits- und Realitätsfesseln der Sonne,
haben wir mit ihrem Untergehen abgelegt
und flüstern uns nun schöne, zweckgebundene Liebeslügen zu.
Ich weiß es, bin mir dessen bewusst,
dass ich mich mit meinen Worten und Taten am Meisten betrüge,
aber ist sie sich dieser Scheinheiligkeit auch bewusst?
Wie ein Schwert in Stein
So wache ich auf.
Ich liege.
Es ist dunkel, aber meine Augen stört das nicht.
Im Bett gegenüber liegt die stille Frau.
Mein Kopf liegt zur linken Seite geneigt auf dem Kissen. Ich auf dem Rücken, in der gemütlichsten Position, unter der angenehmsten Decke die es gibt.
Sie starrt mir ängstlich in die Augen, wie ein Kind, dass man zum ersten Mal allein unter Fremden lässt. Sie zittert.
Mir fällt auf, dass es sehr kalt in unserem Zimmer ist und ihre Decke auf dem Boden liegt.
Als ich abwechselnd sie und ihre Decke anschaue, mit fragendem Blick, der, wie ich hoffe, ausdrückt: "Soll ich Ihnen helfen sich wieder zuzudecken?", hebt sie ihre beiden zittrigen Hände von der Brust und deutet ein STOPP.
Ich zögere kurz, will ihr aber dann doch Gutes tun, auch wenn es gegen ihren Willen ist.
Ich kann mich nicht bewegen.
Erst jetzt fällt mir die Schwere auf.
Die Leichtigkeit, wohlige Wärme und Versunkenheit, die mich eben noch so behütet hat aufwachen lassen, fühlt sich nun an, als stecke ich in fast ausgekühltem Grießbrei, bis zum Hals.
Es ist warm, aber es hält mich fest, das Federbett drückt mir auf die Lunge und erschwert mir das Atmen. Ich versuche mich zu beruhigen und spüre einzeln in verschiedene Teile meines Körpers. Ich habe Muskelkater. Überall. Als wäre ich einen Marathon gerannt. Und anschließend noch drei weitere. Ich schaue zu Frau Blattzweig herüber und finde Ruhe in ihren Augen.
Sie zittert nicht mehr. Ihr Gesicht wird zu dem einer besorgten und wohlwollenden Mutter. Sie streckt sich, greift nach ihrer Decke und deckt sich wieder zu, besser als ich sie je hätte betten können. Eingekuschelt sieht sie nun wieder zu mir, noch sanftmütiger als zuvor, legt einen Finger auf ihre leicht geöffneten Lippen und schließt langsam ihre Augen, ohne den Blickkontakt zu mir zu verlieren. Ich komme wieder zur Ruhe, die schwere Decke wird wärmend, die kalte Luft an meinem Gesicht angenehm kühl und das Bett eine Herberge.
Ich erinnere mich an den Tee der beiden Herren und mir wird flau nur beim Gedanken daran. Er muss vergiftet gewesen sein. Das ist es. Ich wurde vergiftet.
Was bleibt mir nun? Gefangen in Gemütlichkeit.
Also schließe ich die Augen und fange an zu träumen.
Spiel mit
Ich traf sie in einer nur durch Kerzenlicht beleuchteten Bar in der Altstadt. Ihre Figur war die einer Genießerin. Sie wusste was sie wollte. Ob es Drinks, Zigarettenmarke, Musik oder Männer waren. So sah sie für mich aus. Mittellanges dunkelbraunes Haar, ein rundes blasses Gesicht, braune Augen, die wie mit Ölkreide gemalt glänzten und die Hälfte ihres Gesichts ausfüllten.
Ich weiß nicht wie ich es schaffte, doch wir kamen ins Gespräch.
Es gab nicht viel zu sagen. Eigentlich genügte ihr Blick und ihre Körpersprache um zu wissen, dass sie das dachte, was ich mich nicht zu denken traute.
Wir verließen zusammen die Bar, raus auf die engen, von hohen, dunklen Häusern eingesperrten Straßen. Ich folgte ihr, sie zog mich. Meine Hand fest in ihre eingeschlossen. Dass diese schwitzte schien ihr gerade recht. Wir sprachen nicht miteinander, sie ging und ich folgte, wie ein Junge der von seiner Mutter durch die neue, große Welt des Einkaufens, beschützt geführt wird.
Sie klaute mir, wenn sie selbst vom Bestaunen der Nacht, dass sie, trotzdem sie schon länger hier zu wohnen schien, tat, abließ, ein Funkeln aus meinen weit geöffneten Augen, dass sich sofort in
ein Gefühl von Wärme und ein kurzes Drücken auf meinem Handrücken verwandelte.
Nachdem die Lichter lange hinter uns waren, traten wir in ein schmales Eckhaus. Sie kramte ihren Schlüssel aus der Tasche ohne mich los zu lassen. Drei Schritte durch das dunkel gekachelte Foyer in den Aufzug, der mitten im Gebäude frei nach oben führte. Es war ein Gitteraufzug, man konnte beim Steigen ins Haus schauen und an die Eingangstüren der Wohnungen.
Erst jetzt, im zweiten Stockwerk, fiel mir auf, dass noch sechs weitere Personen im Aufzug standen. Er war nicht zu groß um sie zu übersehen, wir kuschelten sogar fast alle miteinander, aber ich
war so in der Szene des Moments verloren, dass sie mir entgangen waren.
Vierter Stock, ich öffnete das Gitter mit beiden Händen. Alle stiegen aus, wir auch. Es waren drei Mädchen und drei Jungs die mit uns gefahren waren. Jedes Mädchen schnappte sich einen Jungen und sie verschwanden jeweils hinter einer Tür. Ich klopfte an einer Tür die sich vor mich schloss, weil ich meine Göttin verloren hatte und fragen wollte, wo sie ist. Die Tür öffnete nur einen Spalt weit. Aus dem 20-jährigen Mädchengesicht von eben ist ein 40-jähriges Kassiererinnen-Gesicht geworden, dass zu mir, ohne ein Wort von mir gehört zu haben sagte: „Hier ist besetzt, komm in einer Stunde wieder.“
Eskorten? Oh nein, ist meine Göttin eine Eskorte, die die Liebe nur zu gut kennt und weiß wie man sie spielt, damit Jünglinge und Laufburschen der verlorenen Romantik ihr zu Füßen liegen? Bitte nein, das darf nicht wahr sein, sie schien so echt und unverkrampft.
Doch sollen Freudenmädchen nicht genau so sein? Ich wurde reingelegt.
Verloren, enttäuscht und orientierungslos stand ich also im dunklen Flur und mein Mädchen war.. Sie griff mich von hinten an der Hand und zog mich weiter. Ein kurzer Blick von ihr, der in meinem
Kopf klang: „Nanana!“
Wir betreten ein Zimmer. Ihr Zimmer anscheinend. Sehr große Laufflächen zwischen den wenigen Möbelstücken. Ein Bett, ein Schrank, ein Sofa, ein Teppich, ein Tisch. Und ein kleiner Balkon, bei Nacht allerdings uninteressant. Bei solch einem Mädchen sowieso.
Ich stand beim Tisch, forschte nach Hinweisen, zumindest wollte ich so aussehen als ob.
Sie saß mittlerweile auf ihrem Bett und schaute genervt rüber: „Was ist? Fickst du mich jetzt endlich?“, ich musste schlucken und versuchte mir meinen Gleichgewichtsverlust nicht anmerken zu lassen.
Wieder vom Sofa aufgestanden, ging ich einen Schritt auf sie und das Bett zu. Sie hatte sich mittlerweile in Jeans, Jacke und Schuhen in erwartender Haltung, wie ein Hund der seinen eigenen Schwanz jagt, auf das Bett gekniet. „Jetzt mach schon!“ und sie schlug sich auf den viel zu schönen Hintern, „Worauf wartest du denn?!“
Ich war wie in Schockstarre. In meinem Kopf kreisten hunderte Gedanken.
Los, Druck, Wow!, Nein, Ja, Ja, Name, Herzschlag, atmen, Sie doch nicht, viel zu schön, Macht sie Scherze?, Ist das ein Test?, Ironie?, Darf ich lachen?, Will sie's trotzdem?, Ist es unhöflich abzulehnen?...
In mir kam das Gefühl auf zu verschwinden.
Es war mir unangenehm, schon immer, wenn Frauen ganz klar sagten was sie wollten.
Aber wenn sie nichts sagten, war das frustrierend und ich verlor mich in Gedanken.
Meinen Finger auf dem Rufknopf des Aufzugs schaute ich zurück und sie stand in ihrer Tür, lehnte am Rahmen mit überkreuzten Beinen und zuppelte an ihrer Jackentasche herum wie ein Grundschulmädchen, dass dir sagt, dass sie dich liebt. Sie grinste verwegen in ihren Kragen und streckte ihre Hand nach dem Boden aus. Ich schlurfte auf sie zu, nahm ihre Hände in meine, roch an ihren Haaren und wir küssten uns.
Dann setzten wir uns auf ihr Bett und verbrachten den Rest der Nacht und den Vormittag damit, uns Geschichten aus dem Kindergarten, der Einschulung, der großen Pause und dem Abschlussball unserer Kinder zu erzählen.
Morgen
„Guten Morgen, Herr K., hab' ich mit Ihnen eigentlich schon mal übers Lügen gesprochen?“
Der Alte sitzt an meinem Bett. Er raucht gezwungen entspannt eine Zigarette und ascht in den Ascher, den er auf Höhe meiner Knie aufs Bett gesetzt hat.
„Wenn ich zum Beispiel „Guten Morgen“ sage, will ich damit bezwecken, dass Sie mir zuhören, aufwachen, die Augen öffnen und mir im Rahmen Ihrer Möglichkeiten zeigen, dass Sie da sind.“
Ich schaue auf seine Zigarette. Er hält sie zwischen Daumen und Mittelfinger. Der Rest seiner Finger ist so weit wie möglich von der Glut gespreizt.
„Wie viel Uhr ist es?“, frage ich. „Ich weiß währenddessen aber, dass ich Sie glauben lasse, dass ich Ihnen Gutes für diesen neuen Tag wünsche.“ - „Ich habe etwas Hunger, gibt's Frühstück?“,
„Wer ist es also den ich zuerst belüge? - Ich! - Genau! - Mich selbst! - Ich lüge mir vor, Ihnen etwas zu wünschen, weiß aber, dass es mir hier nur darum geht, einen Zuhörer zu finden. Sie denken sich vielleicht sogar, dass es abstrus, geschmacklos,... penetrant-lächerlich! ist, dass Ihnen einer der beiden die Sie hier eingesperrt haben, einen schönen guten Morgen entgegnet, während er seelenruhig seine erste Zigarette seit 17 Tagen raucht.“ - „Kaffee? Tee? Eine Scheibe Toast vielleicht?“ - „Sehen Sie! - Wieso mache ich das?! Es ist ihnen ja nicht mal aufgefallen! - Ganz klar!“ - „Dass der Roomservice hier nicht gerade für das Hotel spricht?“ - „Ich lüge mir selbst etwas vor!“, er zieht an seiner Zigarette und die Asche fällt ihm auf die Hose. „Niemand sonst erntet mehr Betrug und Enttäuschung aus unseren Lügen als wir selbst.“
Ich denke laut: „Immerhin einer also, der uns zuhört.“, „Wachen Sie auf, Herr K.! Wachen Sie auf! Aufwachen! Genug gefaulenzt! Jetzt wird gearbeitet! Sie haben Überstunden abzubauen, die ich Ihnen später nicht anrechne! Wachen Sie doch endlich auf! Gut sehen Sie heute aus! So erholt und gesund. Auf Wiedersehen, Herr K.! Auf das Wiedersehen.“
Er sitzt leicht nach vorn gebeugt in erwartender Haltung, die Beine auf doppelte Schulterbreite geöffnet da und starrt mir ins Gesicht. „Auf Wiedersehen!“, sagt er schon wieder.
Er bleibt sitzen, starrt und zündet sich, die bereits hinter seinem Ohr klemmende, Nächste an. Er zupft sich das Hemd zurecht, wischt die Asche von seinem Schoß, steht auf, schiebt den Stuhl mit der Sitzfläche unter mein Bett, nimmt den Aschenbecher in die Hand, atmet aus, ein, aus, zieht an der Zigarette und geht zur Tür. In seinen Wolken eingedeckt spricht er dann, halb in der Tür stehend, mit dem Fußboden: „Es ist zehn nach elf, Frühstückszeit ist vorbei“, geht schlendernd aus der Tür und lässt sie hinter sich zufallen. Der übrige Rauch wirbelt immer langsamer und findet auch bald, dass das Gespräch nun vorüber ist.
Brückstück
Es ist ein langer Samstag und man kann die Leute noch um kurz vor Acht auf der Straße hören.
Ich liege in meinem Bett und denke nach. Ich denke an eine meiner früheren Freundinnen.
Sie war sehr handzahm, klein und verspielt. Ein Kind fast, aber im Alter und mit den Angewohnheiten einer 23-Jährigen. Sie wohnte zusammen mit einer Freundin aus ihrer Kindeszeit jetzt zum Studium in Osnabrück. Ich fuhr sie einmal die Woche besuchen, wenn sie nicht zu mir kam. An diesem Wochenende, an das ich mich erinnere, liefen wir zu dritt, ich und sie mit ihrer Mitbewohnerin durch das große Dorf, die schöne eng gebundene Innenstadt, auf der Suche nach einer Möglichkeit zu tanzen. Wild und frei, wie es unserem Alter entsprach. Mit Alkohol, verwirrten aber lustigen Blicken, quer über die Tanzfläche, wenn man sich gegenseitig dabei ertappt, nicht zu wissen und gerade zu raten, wie man zu solcher Musik wohl tanzt.
Ein Ort an dem man die Zeit vergessen kann, wenn man nur genug trinkt und hoffentlich nichts aufweckend dazwischen geschoben wird, in Form von Auswurf durch die Speiseröhre oder die Erinnerung an das wirkliche Leben und seine Probleme, die angesichts dieser scheinheilen Welt, verständlicherweise noch viel überdimensionierter wirken.
Wir fanden in einer Seitengasse, parallel zur durch die Innenstadt führenden Hauptstraße, einen kleinen, in dunklem, grünen Licht schimmernden Eingang. Eine alte Holztür ohne Fenster, wie sie an vielen alten Kellereingängen zu finden ist. Über oder neben der Tür stand nichts geschrieben.
Nur ein kleines Klingelschild mit der Aufschrift Debauche. Wir gingen hinein ohne zu klingeln.
Wie ich schon vermutet hatte, gingen wir erst mal eine Treppe hinab, sehr schmale, hohe und kurze Stufen, fast als würde man in eine freigelegte Salzgrotte hinab steigen, nur nicht ganz so schwül.
Die beiden Mädchen liefen voraus, als wären sie schon einmal hier gewesen, ich kam geduckt und mit den Armen zum Schutz über dem Kopf, damit ich mir ihn nicht stieß, langsam hinterher.
Unten angekommen war die Schiebetür schon offen von meinen Vorläuferinnen. Ein roter Schein fiel hindurch, jedoch nur sehr schwach.
Ich betrat den Raum und vor mir fand ich einen Haufen von buckligen Decken, auf einer Liegefläche oval angeordnet, die fast den kompletten, winzigen Raum einnahmen. Beim genaueren Hinsehen und nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dachte ich meine Freundin dort, unter einer dieser Decken, schlafen zu sehen. Ich wartete und schaute genauer hin. Sie drehte sich auf die andere Seite und sie sah ihr tatsächlich sehr ähnlich, genau wie ihre Nachbarin. Dort lagen auf einer Art Bühne, die vollständig Matratze war, jede Menge Mädchen die meiner Freundin ähnlich sahen, aber keine war sie. Einige hatten ihren Klamotten von gestern an, andere ihre Frisur der letzten Woche kopiert, aber ich fand immer kleine Unterschiede, wie eine zu lange Nase, einen zu spitz geformten Unterkiefer oder eine andere Art Entspannung in der Mimik während sie schläft. Alle schliefen sie tief und fest, aber keine davon konnte eine von denen sein die ich suchte, dessen war ich mir sicher.
An der rechten Seite der Liegefläche sah es aus als wäre der Boden gekachelt. Plötzlich Klick und überall rote Punkte an der Wand die sich bewegten, alle in die gleiche Richtung. Ruhig, ohne Musik, überhaupt hörte ich keinen Ton in dieser Bar. Die Kacheln waren, stellte sich heraus, eine weitere, winzige Treppe, die entlang des Bettes ein paar Meter tiefer führte, in einen Abschnitt den man noch als Flur hätte gelten lassen können.
Der kleine Flur war schwach beleuchtet. Ich ging ein paar Meter und alles war schwarz. Der Boden, die Wände, die Hocker und die Theke die hier auf der linken Seite standen. Alles was glänzte waren die Flaschen auf der Theke, vor den bar-typischen Spiegeln und die Zapfanlage. Aber niemand stand hinter der Theke.
Ich tappte weiter durch den Flur und fand die nächste Tür nur durch abtasten der Wand, da sie schwarz wie alles andere war. Ich stieß sie offen und sofort hörte ich ein Klavier spielen und helles Tageslicht fiel durch den Spalt. Es war fast unglaublich was ich dann sah.
Ein Raum so groß, dass es eine Eingangshalle eines Bahnhofs hätte sein können. Zwei in Holz verkleidete, viereckige Säulen ragten vom Boden bis zur Decke und stützen den Raum. Statisch und emotional. Laminatboden.
An der Kopfseite, in vier bis fünf Meter Höhe, befand sich eine Fensterreihe, die sich über die gesamte Raumlänge erstreckte. An der linken und rechten Seite des Raumes führten jeweils zwei Stufen auf einen podestartigen Rand. Ich schlich mich zwischen den beiden Säulen hindurch und sah das Klavier, an dem ein Mann, mit dem Rücken zu mir, hellblaues Hemd, beige Schirmmütze, Jeans und schwarze Lederschuhe und meine Freundin saßen. Er spielte gerade schwere Akkordfolgen die den Raum, so hell er auch war, mit Misstrauen erfüllten.
Vielleicht vertonte er meinen Eintritt.
Schirmmützchen stieß meine Freundin leicht an und sie entlockte der Klaviatur eine kleine Verzierung, ein Solo sozusagen, bestehend aus 9 Tönen, dass dem Spiel ein Ende brachte. Als die Töne sich verloren, sprach der Kerl mit seinem ganzen Körper, wie einer ihrer besten Freunde mit ihr: „Wow! Wo hast du das denn gelernt? Das war ja unglaublich schön!“ und fuchtelte dabei mit seinen Händen viel zu doll in der Luft und an ihr herum. „Ach, das war doch gar nichts..“ sagte sie beschämt und ich dachte mir, dass es das wirklich nicht war.
„Wollen wir nicht etwas trinken gehen und uns danach etwas gehen lassen?“, fragte er. „Zu den andern nach oben?“, fragte meine Freundin in froher Erwartung.
„Nein, wir können zu mir gehen, da sind wir ungestörter.“
Er fragte nur sie. Ihre Mitbewohnerin stand, genau wie ich, einfach nur herum und horchte dem Schauspiel. Ich war inzwischen auf den Tribünenplätzen der Vorstellung angekommen. Auf den Seitenpodesten des Raumes führten weitere Treppen nach oben, auf eine Art Innenterrasse. Dort stand ich wortlos. Meine Freundin schaute mich an und ich las in ihrem Blick die Frage, ob das in Ordnung sei, wenn sie jetzt mit ihm gehe. Ich fuchtelte mit der Hand, dass sie schon endlich gehen sollen und sagte: „Solang du den Kerl nicht fickst.“ Sie lachte mir zu und sagte: „Du bist der Beste!“
Dann zeigte Schirmmützchen ihr den Weg und sie verschwand. Mitbewohnerin ging zurück an die Bar und war auch aus dem Raum verschwunden. Nur noch Schirmmützchen und ich waren übrig geblieben.
Ich ging zu ihm hinunter auf die Klavierfläche. Er hatte furchtbar schlechte Haut, fast als würde er Kette rauchen und jede Zigarette mit dem Gesicht aus machen.
Er stand auf und lief durch die Gegend. Dann unterhielten wir uns.
Ich Hast es ja schön hier.
Er Ja es ist schon etwas Besonderes.
Ich Aber wie hält sich so ein Scheißladen denn eigentlich?
Er Was soll das denn jetzt bedeuten?
Ich Seien wir mal ehrlich, das Beste hast du hier nicht zu bieten, noch nicht einmal den durchschnittlichen Eckkneipenkram.
Er Findest du?
Ich Hier läuft keine Musik, du bist ganz allein hier, es ist sehr teuer ausgestattet. Wie
machst du das? Wie kannst du dir diesen Scheiß leisten?! Wieso ist dieser Laden immer noch geöffnet?! Du hast doch keine zahlenden Kunden!
Er Aber dafür Glückliche.
Ich Papperlapapp! Du bist ein Arschloch und das weißt du auch! Verführst hier meine Freundin, mit deiner ach so mysteriösen Art und Bar, redest ihr ein, sie sei ein Talent sondergleichen!
Er Oh, das ist sie wirklich!
Ich Halt's Maul! Du verlogener Hund!
Er Es tut mir Leid, ich muss jetzt gehen. Auf Wiedersehen.
Ich Ja, auf Wiedersehen. Typen wie dich seh' ich jeden Tag.
Also ging er und beendete die Beziehung zwischen mir und ihr.
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