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Martin Lohmann
Das Kreuz mit dem C
Martin Lohmann
Das Kreuz mit dem C
Wie christlich ist die Union?
Butzon & Bercker
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ISBN 978-3-7666-1242-7
E-BOOK ISBN 978-3-7666-4101-4
EPUB ISBN 978-3-7666-4102-1
© 2009 Butzon & Bercker GmbH, 47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de
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Umschlaggestaltung: Christoph Kemkes, Geldern
Umschlagfoto: Bertold Werkmann – Fotolia.com
Satz: Schröder Media GbR, Dernbach
Inhalt
Vorwort
Worum es geht
Das C will mehr
Feigheit vor dem Freund
Das C und sein Wert
Grundsätzliches Placebo?
Das C in den Programmen
Denn sie wissen nicht, wer sie sind
Konservativ – was ist das eigentlich?
Exklusivität für alle!
Das C und das Lebensrecht
Wir sind mehr wert
Das C und der Mensch
Zukunft? Nein danke!
Das C und die Familie
Süßes Gift mit Todesfolge
Das C und Gender
Das Phänomen Merkel
Das C und die beste Ich-AG
Worauf es ankommt
Im C ist Zukunft
Der Tod gehört mir?
Spätabtreibung und Patientenverfügung
Der Marsch durch die Union
Das C braucht Christen!
Keine Angst vor Profil!
Thesen, Fragen, Anregungen
Anhang
Das neue CDU-Grundsatzprogramm:
Zehn zentrale Forderungen
Fakten und Namen zur CDU
Parteivorsitzende der CDU
Fakten und Namen zur CSU
Parteivorsitzende der CSU
Interessante Internetadressen
Dank
Vorwort
Die Frage nach der Christlichkeit der Union ist keineswegs mehr eine theoretische. Spätestens seit der von vielen Christen als ebenso plump wie populistisch empfundenen Kritik der CDU-Chefin an Papst Benedikt XVI. ist das Verhältnis zwischen vielen katholischen Wählern und der Union gespannt. Die aus christlicher Sicht höchst problematische und für viele Christen verbotene Forschung mit embryonalen Stammzellen, die nur aus getöteten, noch nicht geborenen, ganz jungen Menschen „gewonnen“ werden könne, sowie die fahrlässige Bemerkung Merkels zum Papst, mit der sie dem Eindruck Raum bot, dieser sei in Fragen des Holocaust nicht ganz eindeutig, haben offengelegt, wie sehr die Nähe der Christen zur Union gelitten hat. Es gibt eine größere Unzufriedenheit und wahltechnisch gesehen auch Heimatlosigkeit unter Christen, als dies der Unionsspitze lieb sein kann.
Noch scheint das Argument zu ziehen, die Union sei halt das kleinste aller Übel. Noch scheinen sich viele kleine C-Parteien, die in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen werden, nicht als Alternative anzubieten. Doch die Wahlverweigerung und die Flucht weg von der Merkel-Union werden zunehmen. Und immer wieder spielt dabei die Frage eine Rolle: Wie christlich ist eigentlich die Union? Ist sie noch christlich? Christlicher als andere? Worin unterscheidet sie sich? Kann man als überzeugter Christ diese Union noch wählen? Dabei machen nicht wenige keinen besonders großen Unterschied mehr zwischen der von einer ostdeutschen Pastorentochter geführten einstigen Adenauer-Partei und der bayerischen Schwester, in der allerdings manch imposante barocke Kulisse über eine ebenfalls wachsende inhaltliche Dünnheit und den Verlust von christlichem Profil leichter hinwegtäuschen kann.
Also: Wie christlich ist die Union? Die Frage klingt für manche vielleicht etwas böse, für andere ist sie seit Jahren etwas, auf dessen Beantwortung sie mehr als gespannt sind. Jedenfalls diejenigen, die noch einen Funken Hoffnung haben und sich nicht frustriert abwenden. Aber: Kann man so fragen? Kann man überhaupt eine belastbare Antwort finden? Die einen haben sie längst gefunden, andere spielen mit ihr. Und die, die eine Antwort gefunden haben, geben sich entschieden enttäuscht – oder aber gelassen zuversichtlich. Ein Thema ist das, was mit dieser Frage verbunden ist, allemal. Erst recht in einem Superwahljahr. „Mutig, dass du das überhaupt noch fragst, dass du diese Frage noch zu stellen wagst“, sagt mir ein Journalistenkollege, als er von meinem Vorhaben dieses Buches erfährt. Für ihn sei die Antwort doch längst klar – und leider negativ. Jedenfalls, wenn man nach dem C bei den C-Parteien frage, meint er. „Na dann viel Spaß auf der Suche nach einer Antwort“, meint ein anderer eher spöttisch. „Was willst du da schon erwarten!“ – schiebt er hinterher.
Bei keinem anderen Buchprojekt habe ich so viele Kommentare, mitleidsvolle Hinweise und aufmunternde Tipps bekommen wie in diesem Fall. Die Frage nach dem C im Namen einer oder gar zweier Parteien scheint also wirklich zu interessieren. Sie ist aktuell. Sie findet ihre Antwort. So oder so.
Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich vielleicht auch schon einmal gefragt, warum man eine der Unionsparteien eigentlich wählen sollte? Haben auch Sie im Bekanntenkreis schon einmal eine hitzige Debatte miterlebt, in der es um das C und unsere Politik geht? Wollen auch Sie wissen, wofür eigentlich diese Union im Unterschied zu anderen Parteien in Deutschland steht – oder nicht steht?
Dann lade ich Sie herzlich ein zu dieser Diskussion. Denn eines ist sicher: Es ist immer wieder ein Kreuz mit diesem einen Buchstaben, der für so viel Anspruch steht. Immer wieder wenden sich bisher Treue enttäuscht ab von einer Partei, die wie keine andere für etwas Besonderes steht. Eigentlich. Doch: Wofür aber steht dieses C heute noch? Wofür kann und darf es stehen? Ist es ein Hindernis auf dem Weg in die Moderne? Ist es nur schmückendes Beiwerk für nette Festtagsreden oder ist und wird es mehr und mehr zu einer echten Herausforderung für seine Politiker und die Bürger? Gibt es neue Interpretationen des hohen C, das für manche zum hohlen C geworden ist? Verkörpert das C im Parteinamen eher rückwärtsgewandte Tradition oder zukunftsorientierte Avantgarde?
Dieses Buch will aufrütteln und ermuntern. Es will Mut machen, aus der Mittelmäßigkeit des Unverbindlichen auszubrechen. Erst recht in diesen schwieriger gewordenen Zeiten, in denen deutlicher als sonst erkennbar zu werden scheint, dass vieles als Wert gesehen wurde, was in Wirklichkeit kein Wert war und ist. Ohnehin zeigt sich schon seit Längerem, dass die Menschen sich mehr Qualität und – um eine gerne benutzte Metapher zu nehmen – mentales Schwarzbrot zutrauen, als manche Politiker sich selbst zutrauen. Das C ist moderner und aktueller, als es viele wahrhaben wollen. In ihm steckt mehr Zukunft als vielfach geahnt. Und die Wähler fragen danach. Nicht alle. Aber viele. Nicht laut. Aber leise. Nicht in geschlossenen Gruppen. Aber eben doch insgesamt mehr, als vielfach erkannt.
Dieses Buch lädt ein, etwas vermeintlich Altes und allzu häufig Vergessenes als Neues zu entdecken. Nicht als Rückschau, sondern als Blick nach vorn. Die Zukunft will es so! Denn es ist Zeit für einen freien und mutigen Blick auf das, was wirklich morgen trägt. Ja, es geht auch darum, einen vergrabenen Schatz wenigstens einmal zu orten – um ihn heben zu können. Und es geht darum, im Kreuz mit dem C eine Chance zu entdecken, Politik aus christlicher Verantwortung zu wagen. Nicht eine christliche Politik! Keine evangelische oder katholische Politik! Keinen Fundamentalismus! Das wäre wahrlich alles andere als christlich.
Wozu wir auffordern müssen, ist, sich nicht mehr zu verstecken als Christ mitten in der Welt, in Europa und Deutschland. Nichts birgt so viel Dynamik und Humanität wie das C! Ohne das C verlieren wir nicht nur unsere Kultur, sondern letztlich das Leben. Die Zeit der Minderwertigkeitskomplexe ist vorbei. Schluss mit jeder Ängstlichkeit! Allen, die sich über das mangelnde Profil in der Union beklagen, kann nur geraten werden: mitmachen, einmischen, einmischen und abermals einmischen! Und allen in der Politik, die noch oder wieder ahnen oder sich wenigstens sagen lassen, wie wichtig und kraftvoll das C sein kann, wissen nur zu gut: Gerade in schwierigen Zeiten sind klare christliche Antworten gefragt. Krisenzeiten verlangen nach Profil. Wir brauchen einen Kompass, aber gewiss nicht noch mehr Weichspülmittel. Es ist Zeit für das C!
Bonn-Bad Godesberg, 31. März 2009
Martin Lohmann
Worum es geht
Das C will mehr
Früher war doch irgendwie alles einfacher. Als Konrad Adenauer noch Kanzler war, als die Menschen in Deutschland noch sonntags zur Kirche gingen, als die Bundesrepublik noch ein christliches Land war – da war doch alles klar. Über das „C“ hat man damals nicht diskutiert. Meint man. Und heute? Ein Konrad Adenauer könnte wohl kaum mehr Bundeskanzler werden. Wirklich? Jetzt sind wir doch längst eine Republik der Gottlosen geworden. Wirklich? Mit Kirche kann uns doch keiner mehr kommen. Wirklich? Multikulti statt christlich. Wirklich? Es geht doch gar nicht anders: Angela Merkel kann keinen Adenauer geben. Man kann und darf sie nicht vergleichen mit ihm. Wirklich? Eine wiederverheiratete geschiedene protestantische Frau ist halt auch im Blick auf das „C“ nicht mit Ansprüchen zu konfrontieren, die für einen Konrad Adenauer noch selbstverständlich waren. Wirklich? Heute muss man das „C“ eher verstecken oder allenfalls zu einer netten Beiwerksfloskel verkümmern. Alles andere wäre utopisch und keineswegs zeitgemäß. Wirklich? Die Kanzlerin kann halt nicht so viel C bieten wie andere. Wirklich? Es wäre auch unzeitgemäß. Tatsächlich?
Wir brauchen Politiker, die sich einen zuverlässigen Kompass leisten, Menschen mit Mut zur Wahrheit und Profil. Nicht nur, weil sich so viele überlegen, wen sie denn noch wählen können. Nicht nur durch neue politische Gruppierungen, die mit Engagement Protest üben gegen die sogenannten etablierten Parteien. Sondern grundsätzlich. Es wird gefragt, was denn ein C im Parteinamen noch wert ist – in der Debatte zum Lebensschutz, bei den Fragen zur Stammzellgewinnung, im Wirtschaftsleben, bei Überlegungen zum Recht auf Arbeit, im Blick auf den gerechten Lohn, in der Frage nach dem, was Familienpolitik eigentlich sein sollte, im Streit um die Patientenverfügung, im Datenschutz. Und überhaupt überall dort, wo die Sehnsucht nach Freiheit mit der Kultur der Verantwortung kollidiert beziehungsweise erst richtig ins Miteinander zu kommen beginnt. Freiheit, die ich meine – was ist das? Steckt im C ein verstaubter und womöglich verklemmter kirchlicher Anspruch? Oder nicht doch wesentlich mehr? Sind die persönlichen Lebensbiografien der Maßstab oder nicht doch mehr? Woran haben sich Politiker zu orientieren?
Alte Fragen neuer Menschen
Einerseits verlieren die Kirchen an Einfluss. Andererseits wächst das Bedürfnis nach Orientierung, nach Halt und nach belastbaren Hinweisen für ein gelingendes Leben. Während die Kirchlichkeit abnimmt, bleibt oder wächst sogar die Religiosität. Der Mensch im postindustriellen Zeitalter hat auch Züge eines Menschen im postkirchlichen Zeitalter. Aber in einem postreligiösen Zeitalter befindet er sich nicht. Seine Fragen sind und bleiben als die alten modern: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wie kann ich ein sinnvolles Leben finden? Was ist Freiheit wirklich?
Während die Individualisierung des Lebens zunimmt, entsteht andererseits ein wachsendes Bedürfnis nach mentalen und gefühlten Kuschelecken gemeinschaftlichen Erlebens. Wenigstens das. Nicht nur an den Kassen der Vergnügungsparks bilden sich allmorgendlich lange Schlangen am Einlass. Auch die Zugehörigkeit zu sogenannten Communities im Internet hat Konjunktur. Soziale Kontakte im Netz ersetzen mit ihrer „erlebbaren“ Wärme die Kälte der im wirklichen Leben erfahrenen Vereinzelung. Second Life oder First Life? Second Life als First Life? Und überall lugt die Frage hervor: Was ist der Mensch? Was trägt? Was macht Sinn? Wo kann ich leben?
Was das mit unserer Frage nach dem C zu tun hat? Auch die Politik und ihre Politiker leben in dieser Verunsicherung, sind Teil einer Gesellschaft, die auf der Suche ist. Das kann ihnen nicht vorgeworfen werden. Aber: Sie haben einen Anspruch – und der Souverän, also das Volk, an sie. Erst recht, wenn sie sich mit einem Buchstaben „schmücken“, dem viele sehr vertrauen. Einem Buchstaben, der für eine bestimmte Vertrauenswürdigkeit steht, für eine Qualität, die über die „ganz normale“ Oberflächlichkeit hinausweist.
In den jeweiligen Programmen der Parteien steht zu diesem C manches. Aber Papier ist geduldig. Und Grundsätze werden formuliert. Mehr aber auch nicht. Vor allem, wenn es um das alte C geht. Das „alte“ C? Ist es vielleicht deshalb ein Kreuz mit ihm, weil es sich letztlich dem gestalterischen Zugriff entzieht? Weil es mit Konsequenzen verbunden ist, die fordernd sind – und herausfordernd?
C oder nicht C?
All dem soll hier nachgespürt werden. Wir wollen wissen, was mit dem C möglich ist und was nicht. Wir wollen wissen, ob und welche Chancen und Risiken in ihm stecken. Und wir wollen wissen, ob es für die Handelnden in den C-Parteien eine Überforderung ist oder gar sein muss. Es geht um das Menschenbild, um Freiheit und Würde, um Verantwortung und Zukunft. Es geht darum, welchen Stellenwert all dies in der Union hat oder haben müsste.
Seit Jahren ist nicht zuletzt die Beantwortung der Frage nach dem Recht auf Leben ein Ärgernis für viele. Und als in den Jahren nach der Wende die Union eine neue, gemeinsame gesetzliche Regelung zur Abtreibung suchte, orientierte man sich an dem, was im Unrechtsstaat DDR Recht war. Seither gilt bundeseinheitlich, also deutschlandweit: Abtreibung, sprich die Tötung noch nicht geborener Menschen, ist und bleibt Unrecht, wird aber – unter bestimmten, sehr großzügig gehandhabten Bedingungen – grundsätzlich nicht bestraft. Straffreies Unrecht. Damals wurde diese Regelung als Kompromiss gefeiert. Damals aber wandten sich auch viele von den Unionsparteien ab, weil sie eine auf Tötung hin erlaubte Kompromissregelung für nicht vereinbar hielten mit dem hohen C, das die Parteien nach wie vor im Namen tragen.
Zu ähnlichem Entsetzen führte bei vielen Christen eine Debatte zur Nutzung von embryonalen Stammzellen im Herbst 2007. Genauer gesagt: Manche Befürworter einer schon damals für begrenzte Zeit erlaubten „Nutzung“ von getöteten Embryonen erregten Ärgernis. Vor allem die Bundesforschungsministerin, ihres Zeichens auch noch gelernte Theologin, erzeugte nicht nur bei Bischöfen Verärgerung, sondern auch bei in der Politik engagierten und für die Politik interessierten Christen.
Annette Schavan ordnete eine ziemlich vage Aussicht auf – man muss es so sagen – ziemlich unwahrscheinlichen Forschungserfolg grundsätzlichen Regeln des Lebensrechtes unter. Sie war diejenige, die auf einem Parteitag so redete, dass anschließend eine – wenn auch nicht überwältigende – Mehrheit für die weitere Verschiebung eines Stichtages entstehen konnte. Das beim ersten Mal geschaffene Unrecht, zu Forschungszwecken die bis zu einem bestimmten Stichtag im Rahmen der künstlichen Befruchtung entstandenen „überzähligen“ Embryonen zu „nutzen“, wurde mit Hilfe der katholischen Theologin und stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Schavan verlängert.
Kann man eine solche Partei noch wählen? Ist das noch christlich? Ist eine solche Haltung vereinbar mit den christlichen Grundsätzen? Verabschiedet sich gar die Partei mit dem C still und heimlich vom C? Ist es nicht so, dass die Wähler sich längst mehr Profil und Glaubwürdigkeit zutrauen als viele Politiker ihnen – und sich selbst? Wo sind die echten Köpfe, die echten Persönlichkeiten? Wer oder was ist heute die Christlich Demokratische Union?
Deshalb erscheint es notwendig, weiterhin darauf hinzuweisen, dass es in Deutschland beispielsweise einen unglaublichen Etikettenschwindel in der Familienpolitik gibt. Vieles von dem, was bereits vor einigen Jahren erkannt wurde, zeigt sich heute eher noch verschärft. Einen Zweifel kann es nicht mehr geben: Auch in der CDU wird vielfach kräftig Etikettenschwindel betrieben. Schwungvoll und zum Teil äußerst charmant. Schon seit geraumer Zeit fragen sich viele ihrer Wähler, was denn die einst christlich geprägte Partei mit ihrem entsprechenden Profil auch heute noch von anderen Parteien unterscheidet. Vieles deutet längst darauf hin, dass die Partei unter der Führung von Angela Merkel nicht mehr die Partei Konrad Adenauers ist. Zum Teil sind das selbst Persönlichkeiten, die ihren Aufstieg der katholischen Kirche und einer entsprechend christlichen Prägung verdanken, von denen vermutet werden muss, dass sie der Diktatur des Relativismus längst verfallen sind. Vor dieser Diktatur hatte Joseph Kardinal Ratzinger in seiner letzten Predigt vor der Wahl zum Papst Benedikt XVI. aus gutem Grunde gewarnt. Doch leider wurde diese Warnung auch einige Jahre nach ihrer Äußerung offensichtlich vor allem in der CDU überhört.
Im Anfang war es nicht so
Kalter Kaffee oder einfach nur Utopisches von vorgestern? Ein erhellender Rückblick mag überraschen. Denn das C hat tatsächlich eine lange und gute Geschichte innerhalb der Union. Es reicht sogar bis ins 19. Jahrhundert zurück. Bemerkenswert, was man so alles findet, wenn man in den alten Akten stöbert. Zum Beispiel, dass das C stets mehr sein sollte als ein nettes Beiwerk. Und: Dass es den jeweils Verantwortlichen eine echte Verpflichtung sein wollte.
Was sicher einige Zeitgenossen heute verwundert, ist die Tatsache, wie es zu dieser Bedeutung des C für die Politik kommen konnte. Im 19. Jahrhundert hätten nämlich vor allem die Katholiken – wie das leider heute nicht wenige tun – allen Grund gehabt, sich der wachsenden antikatholischen Stimmung zu unterwerfen und lieber stillschweigend geduckt zu erscheinen. Das Gegenteil war der Fall. Dem wachsenden staatlichen Druck setzten sie ein geradezu trotziges, selbstbewusstes Dennoch entgegen. Jetzt erst recht – so schien die Devise zu sein. Einen Mangel an christlichem Selbstbewusstsein gab es damals offenbar nicht. Jedenfalls nicht so stark wie heute.
Es war vor allem der Koblenzer Joseph Görres, der mit seinem „Rheinischen Merkur“ zu einer Art Wortführer gegen staatliche Bevormundung in Glaubensfragen wurde. Die Glaubensfreiheit wurde zur Antriebsfeder für viele katholische und auch evangelische Christen im säkularisierten Staat. Aus dem Katholischen Club in der Paulskirche wurde später das katholische Zentrum als eine politische Partei, in der unter anderem von 1870 an Ludwig Windthorst wirkte. Zusammen mit der nach 1920 abgespaltenen Bayerischen Volkspartei wurde das Zentrum zu einem Gegenspieler für die protestantisch geprägte preußische Regierung.
Hier sind auch die Wurzeln des sozialen Katholizismus zu suchen, der seine Ausprägung in der Katholischen Soziallehre fand. Katholische Namen wie Emmanuel von Ketteler und Adolph Kolping und evangelische Namen wie Johann Heinrich von Wichern mit seiner „Inneren Mission“ stehen noch heute für das sozialpolitische Engagement christlicher Persönlichkeiten. Im Zusammenhang mit diesem Einsatz stehen auch im ausgehenden Kaiserreich und der beginnenden Weimarer Republik Parteigruppierungen wie die „Christlich-Nationale Bauernpartei“, die „Volkskonservativen“ und der „Christlich Soziale Volksdienst“. Übrigens hatte Adam Stegerwald bereits 1920 mit seinem „Essener Plan“ die Idee einer überkonfessionellen Partei. Seine Idee kam wegen der jeweiligen konfessionellen Abneigungen zu früh. Aber bereits in seinen Gedanken finden sich die Begriffe, die später zur Gründung der CDU beitragen sollten: deutsch, christlich, demokratisch, sozial.
Bekenntnis zur klaren Orientierung
Erst die Erfahrung des Nationalsozialismus mit seiner antichristlichen Ideologie und seiner Menschenverachtung brachte dann nach dem Zweiten Weltkrieg die Erkenntnis, dass die Christen der verschiedenen Konfessionen im täglichen und vor allem politischen Leben mehr eint als trennt. Hermann Ehlers beschrieb das auf dem Hamburger Parteitag der CDU 1953 in der Rückschau so: „Wir sind beim Neubeginn unseres politischen Weges 1945 nicht aus theoretischen Erwägungen, sondern aus praktischen, in Not und Tod bewährten Erfahrungen zu der Überzeugung gekommen, dass es für uns keine andere tragfähige Grundlage unseres politischen Handelns geben kann als die Verantwortung vor dem Worte Gottes.“ Also: Es gab eine sehr bewusste Entscheidung für das C. Ohne das C und seine Verpflichtung wäre die Gründung der Union nicht denkbar gewesen. Oder anders, wie es der Bonner CDU-Bundestagsabgeordnete Stephan Eisel formuliert: „So war das C ein bewusstes Bekenntnis gegen die Ausschaltung aller ethischen Prinzipien in der Politik.“
Stimmt. Denn auch der erste CDU-Abgeordnete für die Bundesstadt am Rhein, die damals provisorische Hauptstadt war, hielt in seinen Erinnerungen genau dies fest. Konrad Adenauer beschrieb die damalige Überzeugung, „dass nur eine Partei, wurzelnd in dem weiten christlichen Boden, auf festen ethischen Grundsätzen und gestützt auf alle Schichten des deutschen Volkes, in der Lage sein würde, Deutschland aus seiner Not wieder aufzurichten“. Es mag für manche Ohren heute pathetisch klingen, ist aber genau so gemeint gewesen, was im September 1945 in den Kölner Leitsätzen gleichsam als Grundsatzprogramm so formuliert wurde: „Gott ist der Herr der Geschichte und der Völker, Christen die Kraft und das Gesetz unseres Lebens. Die deutsche Politik unter der Herrschaft des Nationalsozialismus hat diese Wahrheit geleugnet und missachtet. Das deutsche Volk ist deshalb in die Katastrophe getrieben worden. Rettung und Aufstieg hängen ab von der Wirksamkeit der christlichen Lebenskräfte im Volke. Deshalb bekennen wir uns zum demokratischen Staat, der christlich, deutsch und sozial ist.“
Klingt wie von früher. Ist es aber nur eine nette Geschichte aus längst vergangenen Tagen? Oder steckt vielleicht auch heute ein grundsätzlicher Auftrag in dem, was damals grundsätzliche Überzeugung war? Konrad Adenauer jedenfalls war dagegen, dass die CDU nicht mehr sein müsse als eine weltanschaulichneutrale Sammlungspartei. Vorschläge und Debatten hierzu gab es bereits damals. Aber der Alte mischte kräftig mit an dem, was im März 1946 in Neheim-Hüsten programmatisch so festgeschrieben wurde: „Wir betrachten die hohe Auffassung des Christentums von der Menschenwürde, vom Wert jedes einzelnen Menschen als Grundlage und Richtschnur unserer Arbeit im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben unseres Volkes.“ Ein klares Bekenntnis zum C, wie auch bei der Konstituierung der CDU als Gesamtpartei unter dem Vorsitz von Adenauer im Mai 1950 in Königswinter bei Bonn. Damals berief man sich auf die „Gesamtvertretung des politischen Willens aller sich zum christlichen Gedanken bekennenden Kräfte in ganz Deutschland“. Nahtlos schloss sich 1956 im Statut der Partei dazu an: „Die Christlich Demokratische Union Deutschlands will das öffentliche Leben im Dienst des deutschen Volkes und des deutschen Vaterlandes aus christlicher Verantwortung und nach dem christlichen Sittengesetz auf der Grundlage der persönlichen Freiheit demokratisch gestalten.“
Kanzlerin des Diffusen?
Und heute? Man mag geneigt sein, spätestens an dieser Stelle ein lautes Veto, zumindest aber ein entschiedenes „Aber“ einzuwerfen. Denn so könne und wolle man doch jetzt nicht mehr formulieren. Und so klingt eben vieles auch ganz anders. Im Parteiorgan „Union“ vom Herbst 2008 beispielsweise schreibt die Parteivorsitzende als Bundeskanzlerin auf einer Panoramaseite mit sympathisch lächelndem Portraitbild einen Aufruf zum Superwahljahr 2009 – und erwähnt kein einziges Mal einen Begriff wie „christlich“. Kernaussage ist hingegen: „Wir werden unseren Anspruch, die einzige Volkspartei der Mitte zu sein, einlösen.“ Es gehe darum, „den Bürgerinnen und Bürgern den Weg aufzuzeigen, auf dem die CDU Deutschland in das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts führen will“. Von „Bildungsrepublik“ ist die Rede, und natürlich von Sozialer Marktwirtschaft. Nur in diesem Zusammenhang taucht – freilich etwas diffus – das Wort „Werte“ auf, denn die CDU stehe seit Ludwig Erhard „für geordnete Märkte und gemeinsame Werte auch jenseits von Angebot und Nachfrage“.
Und was ist mit dem C? Es wird gerne verschwiegen oder – wenn überhaupt – eher unverbindlich einmal erwähnt. Weil das aber letztlich nicht geht, weil das C stets eine Verbindlichkeit mit sich bringt, wird es für viele buchstäblich zu einem Kreuz, das nicht mehr zu passen scheint. Den einen tut es weh, den anderen ist es nicht nahe genug an den Kirchen dran. Die einen nehmen es als wohlklingende Floskel, andere verlangen nach klarer und längst überfälliger Profilierung.
Doch seien wir ehrlich. Denn auch diese Forderungen und Fragen sind im Jahr des 60. Geburtstages des Grundgesetzes alles andere als neu. Bereits zum 25. Geburtstag der deutschen Verfassung sah der Nestor der Katholischen Soziallehre und Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning beide „Unionsparteien vor der Wertfrage“. Seine Erkenntnisse und Forderungen in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ von 1974 haben auch 2009 nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil. Beide Parteien, die CDU und die CSU, hätten von Anfang an das C in besonderer Weise vor die Wertfrage gestellt – und sich selbst einen hohen Anspruch gegeben. Mehr noch: Sie stellen an sich selbst einen „ebenso strengen Anspruch und unterwerfen sich der Messung an ebendiesem Maßstab“. Es stehe außer Zweifel, dass „man weit über die Kreise hinaus, von denen die Gründung der CDU und CSU ausging oder die sich diesen Parteien zuwandten, aufgrund der gemachten Erfahrungen entschlossen war, den in Weimar unternommenen Versuch eines wertneutralen Staates nicht zu wiederholen“, sondern den Bau der neuen Gesellschaftsordnung auf einem „Consensus über vorgegebene Werte“ zu gründen.
Ohne C keine Identität
60 Jahre und kein bisschen greise – so könnte man der 1949 in Bonn verabschiedeten deutschen Verfassung zurufen. Es liegt auf der Hand, im Zusammenhang mit unserem Thema einen Blick darauf zu werfen, wie sehr dieses Grundgesetz mit dem C verbunden ist, und auch, wie viel Segen aus diesem C möglich war und möglich sein wird. Die Präambel beginnt mit der „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ und ist wahrlich mehr als nur ein nettes Vorwort. Schon gar nicht ein unverbindliches. Es ist zumindest, wie einmal formuliert wurde, ein Vorsatz. Es ist eine Grundentscheidung, ein Schlüssel zur Gültigkeit des Vorgegebenen, ein – um das christliche Identifikationsmerkmal des Kreuzes zu bemühen – unersetzbares Pluszeichen der gesamten Gesellschaftsordnung, von der manche richtig sagen, sie sei die freieste und menschengerechteste der Welt. Der in Bonn lebende Karlsruher Verfassungsrichter Udo di Fabio sieht in dieser Präambel gar die „tiefe kulturelle Verknüpfung von Christentum und Rechtskultur des Verfassungsstaates“ und hält eine „Entkoppelung von Politik und Christentum, von Staat und Kirche“ für undenkbar.
Das C, sprich der christliche Gott, spielt übrigens in einigen Landesverfassungen ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle. Von „Ehrfurcht vor Gott“ und „Gottesfurcht“ ist etwa in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz die Rede. „Gott“, „Gewissen“ und „Achtung der Würde des Menschen“ werden eigens in der Bayerischen Verfassung betont. Völlig verstaubt kann also das C und alles, was mit ihm verbunden ist, auch heute nicht sein. Horst Köhler hat – um nur ein Beispiel zu nennen – bei seiner Eidesleistung den angebotenen Zusatz „So wahr mir Gott helfe“ 2004 ausdrücklich in seiner Antrittsrede als Bundespräsident hervorgehoben. Er verstand seinen Amtseid als „Verpflichtung, zur Erneuerung Deutschlands beizutragen“. Als persönlichen Kompass nannte er dabei sein „christliches Menschenbild und das Bewusstsein, dass menschliches Tun am Ende immer vorläufiges Tun ist“.
Es ist kein Zufall, dass die vielen Väter und die wenigen Mütter des Grundgesetzes an den Anfang der deutschen Freiheitsordnung eine Verpflichtung gestellt haben, die – zum Schutze der Demokratie – dem demokratischen Zugriff entzogen ist und entzogen bleiben wird. Auch dieser § 1 hat etwas mit dem C zu tun. Dort heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das kann man nur verstehen, wenn man die Menschenwürde als etwas Vorgegebenes begreift, also etwas, das nicht geschaffen werden kann, sondern nur respektiert werden muss. Nach christlichem Verständnis ist jeder Mensch – ob reich oder arm, gesund oder krank, angesehen oder nicht, klein oder groß, geboren oder noch nicht, gläubig oder ungläubig, schwarz oder weiß, jung oder alt – ein Abbild Gottes und von ihm erschaffen. Oder, wie es Papst Benedikt XVI. in seiner Antrittspredigt im April 2005 formulierte: „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.“ Und deshalb heißt es ohne Ausnahme und ohne Wenn und Aber: Die Würde „des Menschen“ ist unantastbar. Punkt. Nein, eigentlich: Drei Ausrufezeichen!
Fundament, kein Fundamentalismus
Warum das wichtig ist? Wichtig gerade für unser Thema? Weil sich genau an diesen Fragen beziehungsweise deren aktueller Konkretisierung und dem mit dem C im Parteinamen verbundenen Anspruch vielfach jene Diskussion entzündet, die nach der Christlichkeit der Unionsparteien fragen lässt. Wer sich dieser Diskussion aber stellt, sollte – bei aller Kritik an den C-Parteien – sich zunächst einmal vor Augen führen, dass die mit dem besonderen Anspruch gegründeten Parteien niemals vorhatten oder hätten vorhaben können, gleichsam politische Kirchen zu sein oder zu werden. Weder war geplant, kirchliches, also katholisches und evangelisches Gedankengut eins zu eins in die Politik zu übersetzen, noch war und kann geplant sein, losgelöst von kirchlichen Überzeugungen eine Art Kirchenersatz auf politischer Bühne zu sein. Es gibt also letztlich so etwas wie eine abgefederte Unabhängigkeit der Abhängigkeiten. Was zu den keineswegs nur von C-Politikern definierten Grunderkenntnissen des deutschen Staates und seiner Fundamente gehört, ist von Politikern erklärt worden. Im Parlamentarischen Rat saßen politisch Interessierte und Politiker, nicht aber Moraltheologen oder Dogmatiker. In ihrer christlichen Freiheit oder – um Martin Luther zu bemühen – in der Freiheit eines Christenmenschen legten sie das Fundament für die gesellschaftliche Ordnung wie auch das Fundament für die Parteien.
Dieses Fundament ist aber weder eine Einladung zum toleranzfreien Fundamentalismus noch eine von jeder Vorgabe freie losgelöste Neudefinition dessen, was das C bedeutet. Hinzu kommt auch dies, worauf nicht nur Oswald von Nell-Breuning hinwies: Den Gründern, die „ihre Partei als christlich bezeichneten und das C in deren Namen aufnahmen, war es zweifellos darum zu tun, im Gegensatz zum integralistisch überbetonten Konfessionalismus den interkonfessionellen Charakter ihrer Gründungen herauszustellen; insofern brachte das C mehr das Negative, die Absage an die konfessionelle Trennung, zum Ausdruck als ein positives Bekenntnis zu christlichen Normen und Werten, die man ganz selbstverständlich als verbindlich ansah und annahm, sodass es eines eigenen Hinweises darauf nicht bedurfte.“
Diese Selbstverständlichkeit ist offenbar weithin verdunstet. Heute erscheint es daher schwieriger als früher zu sein, beurteilen zu wollen, was gut und böse, was richtig und falsch nach christlichem Glauben ist. Christliche Sittenordnung – das ist ein nicht mehr verstandener Begriff. Vergessen werden darf übrigens nicht, dass die in der Präambel des Grundgesetzes definierte Verantwortung vor Gott und den Menschen nicht ausdrücklich als ausschließlich christlich gemeint war und ist. Diese Verantwortung schließt alle Gottgläubigen ein, jedenfalls alle, die sich dem alttestamentlichen Gott verpflichtet wissen. Das sind Juden, Christen und Muslime. Letztlich sind es alle, die davon überzeugt sind, dass die Menschenwürde unantastbar sein und bleiben muss und es unverletzliche wie unveräußerbare Rechte geben muss. Der Staat kann nur als humaner funktionieren, wenn er die Natur des Menschen und seiner ihm vorgegebenen Rechte und Pflichten berücksichtigt, sie also nicht der Beliebigkeit anheimstellt. Wo aber sind die Grenzen? Wie weit geht die Freiheit eines Christenmenschen? Wie christlich darf, wie christlich kann und wie christlich müssen die Unionsparteien sein? Gestern, heute und morgen?
So gesehen und weil es keinen Fundamentalismus auf der Grundlage des so beschriebenen Fundamentes geben kann, ist stets zu Recht betont worden, dass es eine christliche Politik nicht geben kann. Wohl aber eine Politik aus christlicher Verantwortung. Wenn schon der Staat mit seinem Grundgesetz weltanschaulich neutral, aber keineswegs wertneutral ist, um wie viel mehr darf und muss ein Anspruch an die C-Parteien formuliert und eingefordert werden? Müssen, dürfen und sollen sie sich unterscheiden von anderen? Wenn ja, wo und wie? Haben sie mehr zu bieten als andere? Können und sollen sie klarer und zugleich toleranter sein als andere politische Parteien? Stehen sie nicht vor einer neuen Herausforderung zur Klarheit, wenn allenthalben erkannt wird, dass – wie es selbst die Zeitschrift „Stern“ bemerkt – es eine neue Sehnsucht nach alten Werten in der Gesellschaft gibt? Stimmt die Beobachtung des Bundesverfassungsrichters di Fabio, dass vor allem die 68er-Bewegung traditionelle und bewährte Werte deformiert und zerstört hat und zu einer „fatalen gesellschaftlichen Bindungslosigkeit“ führte? Ist seine Beschreibung richtig, dass es unserer Gesellschaft „an Identität und innerer Stärke“ fehlt, um in der „Auseinandersetzung mit anderen Kulturen bestehen zu können“?
Mehr als andere?
Wenn ja, wäre und ist es dann nicht gerade eine Herausforderung an die Parteien mit dem C, den vergessenen Schatz zu heben, sich aus den Verneblungen der 68er-Verführungen zu befreien und den Mut zum toleranten Profil der Klarheit zu wagen? Wie viele verdrängte, versteckte und geleugnete Chancen stecken und schlummern im C? Ist das C konservativ oder progressiv oder liberal? Ist alles nur noch Mitte? Und was ist die Mitte? Was kann sie sein? Was muss sie sein? Reicht es, wenn die C-Parteien seit der Wahl 2005 gesellschaftliche Debatten lediglich in möglichst unverbindliche Kompromissmuster münden lassen? Zwingt der Anspruch, eine Volkspartei bleiben zu wollen, gar zu einer profillosen Kompromissverliebtheit? Ist das, was etwa in der Familienpolitik seit einigen Jahren propagiert wird, C-gerecht, fair und human? Kann es – um ein wahrlich umstrittenes Feld des Lebens anzusprechen – im Lebensrecht Kompromisse auf Kosten des Lebensrechtes geben? Embryonale Stammzellen, Patientenverfügung, Sterbehilfe – was haben, was hätten die Unionsparteien hier mehr anzubieten als andere? Was wäre und ist wirklich modern? Wo könnten sich mehr Humanität, mehr Freiheit und mehr Lebensqualität abzeichnen? Ist das C nur ein Kreuz oder ist es vielleicht eine Chance?
C-Politiker geben hier unterschiedliche, nachdenkliche Antworten, fragt man sie nach der persönlichen Bedeutung des C für sie. Der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, antwortet auf die Frage „Was mir das C für mein politisches Engagement bedeutet“: „Christ zu sein, bedeutet für mich, frei zu sein – frei von Ängsten und Furcht zu sein und stattdessen voller Hoffnung und Zuversicht leben zu können. Sich in der Kirche, in der Gemeinde geborgen zu fühlen. Mein christlicher Glaube dient mir daher als innerer Kompass. Für mich bedeutet das konkret, dass ich mir politische Entscheidungen nicht leicht mache, dass ich abwäge, prüfe und darüber nachdenke, wo die ethischen Grenzen unseres Handelns liegen. Der Mensch darf nicht alles tun, wozu er technisch fähig ist. Das gilt beispielsweise für das Thema Spätabtreibung oder die Humangenetik mit dem wichtigen Bereich der Stammzellforschung. Wir dürfen den Lebensschutz nicht den anderen überlassen, sondern müssen als Union ein eindeutiges Profil zeigen.“
Mehr als schöne Formeln?
Der junge Bundestagsabgeordnete hätte sich deshalb „auch eine andere Position der CDU bei der Stammzelldiskussion gewünscht“. Die beschlossene Verschiebung des Stichtags hält er „für falsch“ und bekennt: „Wir müssen das Leben von Anfang bis Ende schützen, es in seiner Fülle annehmen. Das ist für mich ein Ergebnis meines christlichen Glaubens, der zwar häufig in der Politik auf die Probe gestellt wird, der sich aber nicht verändert hat durch mein politisches Engagement.“ Der Politiker ist gar davon überzeugt, dass die Union mit ihren „christlichen Prinzipien und der Orientierung an Werten wie Würde, Nächstenliebe und Rücksichtnahme“ sich unterscheide „von allen anderen politischen Richtungen“. Und den Kritikern seiner Partei gibt er gleich einen Rat mit auf den Weg. Sie sollten sich „einbringen und für die christlichen Werte auch politisch einstehen“. Es sei, so Mißfelder, „möglich, das ,C‘ in der Politik hochzuhalten“, zumal dies „in der heutigen Zeit wichtiger denn je“ sei.
Horst Seehofer, der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident, bekennt auf Nachfrage Ähnliches und erklärt zunächst einmal, dass das „C“ im Namen der CSU ein Bekenntnis zum christlich-abendländischen Menschen- und Weltbild sei. Daraus ergebe sich für die CSU „der Auftrag, jeden Tag und jede Stunde dafür zu arbeiten, dass es den Menschen in unserem Land besser geht“. Sein Leitmotiv des politischen Handelns: Politik als Dienst am Menschen. Und dann kommen Formulierungen, die schön klingen, aber eben im konkreten Alltag stets einer Überprüfung unterzogen werden müssen: „Das christliche Menschenbild geht vom Einzelnen aus – von dem Menschen in seiner Würde und Freiheit. In der Schöpfungsgeschichte schenkte Gott dem Menschen einen freien Willen und gab ihm die Fähigkeit, Gutes und Böses zu erkennen und entsprechend zu handeln. Der Mensch ist zur Freiheit und Selbstbestimmung berufen. Dieses Menschenbild erlaubt Unterschiede zwischen den Menschen – es gilt, jeden mit seinen besonderen Stärken zu akzeptieren, ihm freie Entfaltung zu lassen und ihn zu fördern, aber auch Eigenverantwortung einzufordern. (...) Wer alle gleich machen will, wer an den Staat glaubt und nicht an die Kraft des Einzelnen, wer vorgibt, wie die Menschen zu leben haben, beraubt die Menschen der Freiheit.“
Der bayerische CSU-Löwe spricht vom „Rang der Freiheit des Individuums“, erwähnt die „Verantwortung für den anderen, so wie in der katholischen Soziallehre und der evangelischen Sozialethik die Prinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität miteinander verknüpft sind“, lobt die Vorzüge der Sozialen Marktwirtschaft und die aus den christlichen Werten erwachsende Verpflichtung „auch zur Verantwortung gegenüber künftigen Generationen“, nennt die Bewahrung der Schöpfung und reklamiert den Schutz von Ehe und Familie. Den Kindern wolle man in den Schulen Werte vermitteln, weil unsere Gesellschaft diese Werte brauche. Auch wenn es „uns als Menschen nicht jederzeit vergönnt“ sei, diese Werte „vollständig selbst zu erfüllen“, seien sie doch als Richtschnur unerlässlich. Für Seehofer heißt das C „nicht Unfehlbarkeit. Es gibt Licht und Schatten. Den Schatten auszublenden, wäre falsch. Regeln sind keine Belastung, sondern eine Hilfe. Aber selbst wenn man sie nicht einhalten kann, bleiben sie eine wichtige Orientierung im Leben“, schreibt Seehofer.
Lippenbekenntnisse? Schöner Schein? Oder vielleicht doch realistischer Einblick in die lebbare Wirklichkeit? Nur theoretisches Programm oder Ansatz zur Realpolitik? Über all das ist zu reden. Darüber soll auch gestritten werden. Dieses Buch soll und will ein Diskussionsbeitrag dazu sein. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
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Feigheit vor dem Freund
Das C und sein Wert
Der Blick nach Berlin lohnt immer. Nicht nur, weil dort seit einigen Jahren eine bemerkenswerte Frau das Land regiert. Nicht nur, weil Berlin eine faszinierende Stadt ist. Nicht nur, weil zwischen Reichstag und den Parlamentsgebäuden rund um ihn eine bedeutungsschwangere Atmosphäre der Wichtigkeit bei manchem Besucher aus der sogenannten Provinz das respektvolle Staunen möglich macht. Nicht nur, weil dort eine Wirklichkeit des Raumschiffs entstanden ist, gegen die ähnliche Entwicklungen im beschaulichen Bonn nichts als kaum wahrnehmbare Zuckungen waren. Nein, es ist die Symphonie aus Vergangenheit und Zukunft, die dieser Hauptstadt eine ganz eigene, eine unvergleichliche Wirklichkeit verleiht.
Nicht zuletzt ist es – zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer – auch eine neue Generation von Politikern, die der deutschen Demokratie für die medial wahrgenommene Wirklichkeit ein anderes Gesicht verleihen, als dies zu Bonner Zeiten der Fall war. Bonn, die Stadt des Grundgesetzes und der erfolgreichsten Demokratiezeit auf deutschem Boden, liegt am Rhein, ist Teil eines über zwei Jahrtausende gewachsenen Charakters, der wesentliche Züge des Christlichen trägt. In Bonn spielte und spielt Kirche eine selbstverständliche Rolle. Auch wenn sich in Bonn, das sich seit dem Verlust des Hauptstadttitels tapfer Bundesstadt nennt, vieles ändert und anno 2009 nicht mehr verglichen werden kann mit den Gründerjahren der Bundesrepublik, so ist bis heute das Christliche irgendwie da. Regelmäßiges Kirchengeläute von nicht allzu weit entfernt war im Regierungsviertel immer zu hören, wenn man wollte. Manche sagen gar, der Geist des rheinisch-katholischen Adenauers sei auch noch Jahrzehnte später nicht ganz erloschen. Rheinisch-katholisch – das weiß man im Rheinland – steht für die der rheinischen Weltoffenheit entsprechende Mentalität der Leichtigkeit des Seins, auch gegenüber allem Kirchlichen, das man zwar ernst nimmt, aber bitte nie zu ernst.
Die andere Hauptstadt
Bonn war Hauptstadt. Berlin ist es. Und hier an der Spree muss man schon etwas genauer suchen, um christliche Kultur zu entdecken. Es gibt sie. Aber sie ist keineswegs so alt und in der Geschichte verwurzelt wie im Rheinland, wo mit den Römern bereits vor zweitausend Jahren das C, um im Bild dieses Buches zu bleiben, zu den Menschen kam. Der märkische Sand konnte damals noch mehr als zwölf Jahrhunderte nicht ahnen, dass die Zivilisation auch an die Spree kommen würde. Sie kam. Mit beeindruckendem Selbstbewusstsein. Heute ist Berlin eine Metropole der Welt, die für vieles in Deutschland Maßstab ist. Eine Metropole, die zahlreichen Kulturen Heimat bietet und im wahrsten Sinne des Wortes bunt schillernd ist.
So etwas prägt. So etwas prägt auch Politiker, die aus dem ganzen Land anreisen, um hier Politik für ganz Deutschland zu machen. Berlin prägt mit seiner Macht der Faszination und Größe übrigens mehr, als das Bonn jemals wollte oder auch konnte. Irgendwie war es am Rhein leichter, seine Heimat aus seinem Wahlkreis mitzubringen und ihr Gehör zu verschaffen. Bonn prägte so gesehen nicht. Bonn ließ gewähren. Bonn war tolerant, weil es nicht anders konnte.
Berlin ist da anders. Die Atmosphäre ist hier weit weniger christlich angereichert als anderswo. Sicher, auch das Christliche hat seinen Platz. Aber eben neben vielem anderen. Vertretern der Kirchen fehlt eine Aura des etwas Besonderen. Sie sind eher so etwas wie gleichberechtigte Lobbyisten in der Schar der anderen Verbands- und Interessenvertreter. Sie sind gerne gesehene Gesprächspartner, aber sie müssen mehr um ihr politisches Beachtungsgewicht kämpfen als ihre Vorgänger in Bonn. Es ist nun einmal so. Berlin hat mit seiner säkularisierten und auch bisweilen gottlosen Wirklichkeit die Kraft, von sich aus ins Land zu wirken. Dabei weiß jeder, dass Berlin nicht Deutschland ist und Deutschland nicht Berlin. Mag sein, dass man dieses Phänomen quasi entschuldigend und, wie es jemand einmal sagte, strafmildernd durchaus gewichten muss, wenn man gerade im Blick auf den Reichstag und das Kanzleramt sowie den um diese Stätten kreisenden Mikrokosmos die Frage nach dem C stellt. Ich plädiere also für Fairness, wenn scharf und mit dem Unterton der zweifelsfrei gegebenen harten Antwort aus den anderen und womöglich selbstverständlich christlich geprägten Regionen des Landes nach dem C in der Union gefragt wird.
Das C unter vielem anderen
Ähnliches gilt übrigens auch für München. Auch München ist nicht Bayern, und Bayern ist nicht München.
Das C hat in Oberbayern eine ganz andere Verwurzelung im Leben als etwa im nördlichen Franken. Und München ist sowieso nichts als München. So wie Berlin der Mittelpunkt ist, ist es München auch. Und wie in der Bundeshauptstadt die Lebenswirklichkeit keineswegs nicht automatisch christlich ist, so ist sie es auch in der bayerischen Landeshauptstadt nicht. Obwohl in München die Liebfrauenkirche das Stadtbild so prägt wie in Berlin der Funkturm am Alexanderplatz. Die Hedwigskathedrale jedenfalls liegt etwas abseits in Berlin, obwohl sie mittendrin liegt.
Und was heißt das alles jetzt für unsere Frage? Man muss es einfach wissen und berücksichtigen, wenn C-Politiker, die sich auf der politischen Bühne in Berlin und auf den Empfängen und Tagungen in der Metropole perfekt zu bewegen verstehen, zum C befragt werden. Es wäre einfach unfair, sie mit jener Schablone zu bewerten, die vor einigen Jahrzehnten am Rhein vielleicht noch berechtigt gewesen ist. Bonn bot als Bühne allenfalls das Kanzlerfest oder die übersichtlichen Sommerfeste der Ländervertretungen. Das Beethovenfest zu Ehren des in Bonn geborenen Musikgenies fand schon wieder ohne Bundesprominenz statt. In Berlin hingegen müssen sich, wie gelegentlich von ihnen selbstbewundernd geklagt wird, die Politiker täglich entscheiden, welche der zahlreichen Einladungen sie denn wahrnehmen. Am besten alle nacheinander. Viel Ablenkung, wenig C. So ist es nun einmal. Fast könnte man sagen: Das C geht unter in Berlin.
Könnte das eine Rechtfertigung sein für nicht nur in Berlin feststellbare Entwicklungen? Oder doch nur eine Erklärung? Ist die Berliner Republik, von der man im Unterschied zur nie so bezeichneten Bonner Republik unmittelbar nach dem Umzug vom Rhein an die Spree zu reden begonnen hat, längst östlicher und heidnischer geworden? Mit entsprechender Ausstrahlung auf – nicht zuletzt – die C-Politiker und damit auf das von der Zentrale aus geprägte und überall im Lande wahrgenommene Profil der C-Parteien? War es vielleicht doch ein Fehler, dass nach dem Fall der Mauer verhindert wurde, einen Katholischen Arbeitskreis in der Union zu gründen – gleichsam als Ergänzung zum Evangelischen Arbeitskreis? Diesen hatten engagierte Christen in der Politik zu Bonner Zeiten ins Leben gerufen, um der im Rheinland vornehmlich katholisch geprägten CDU ein ökumenisches Gegengewicht zu bieten. Doch entsprechend engagierte Versuche, mit demselben Argument nach der Wende ein sichtbares katholisches Forum zu installieren, scheiterten in den Neunzigerjahren, auch am Widerstand eines prominenten protestantischen Unionspolitikers. Der dann ins Leben gerufene und nach dem früheren Kölner Erzbischof und Sozialethikers benannte Kardinal-Höffner-Kreis schaffte den Sprung aus einem eher unverbindlichen Gesprächskreis ohne besondere Wirkung ins mehr als nur Nette und Freundliche nicht, obwohl er bei der Bundestagsfraktion der Union angesiedelt ist und als Vorsitzenden einen Unionspolitiker hat. Einen in der Partei verankerten und als Teil dieser Partei wahrgenommenen Katholischen Arbeitskreis, vergleichbar mit dem Evangelischen Arbeitskreis, mit einer eigenen Publikation gibt es bis heute nicht. Leider.
Ganz anders, aber religiös
Im Konzert der Meinungen und Überzeugungen scheint das C im pluralistischen Berlin kaum oder nur eine geringe Chance zu haben. Ist das vielleicht einer der Gründe, warum sich die neue deutsche Republik ganz anders präsentiert als die vermeintlich christlicher geprägte alte Republik des Westens? Ist die Klage, die man gelegentlich hört, dass der Geist der Berliner Republik letztlich an vielem schuld sei bis hin zur Verdunstung des C in der Union, ernst zu nehmen? Wohl kaum. Es wäre zu kurz gesprungen, derart monokausal Veränderungen erklären zu wollen. Richtiger wird sein, daran zu erinnern, dass die Union, dass deren Köpfe Teil einer Gesellschaft sind, die sich stets verändert und auch schon verändert hat. Irgendetwas wird schon dran sein an dem Spruch, dass jede Gesellschaft die Politiker hat, die sie verdient. Will sagen: Die Politiker sind Teil der Gesellschaft und haben eben jene Gesellschaft, aus der heraus sie kommen, widerzuspiegeln. Von einer Vorbildfunktion und der Verantwortung, die sie etwa als gewählte Vertreter des Souveräns zu tragen haben, einmal abgesehen: Sollen sie völlig anders sein als die deutsche Wirklichkeit? Und ist diese nicht längst weitgehend vom C befreit? Sollen Unionsvertreter also päpstlicher als der Papst sein?
Viel wurde in der Vergangenheit darüber diskutiert und spekuliert, dass die Zeiten des Religiösen, also auch die Zeiten des C, mehr und mehr der Geschichte angehören. Von Säkularisierung war die Rede, ja selbst innerhalb der Kirchen wurde ein säkularisiertes Christentum beklagt. Der moderne Mensch, so hörte man ab und an, sei ein aufgeklärter und kaum mehr religiöser. Die moderne Gesellschaft, also auch und gerade die deutsche, werde eine entchristlichte Gesellschaft sein, eine, in der es vielleicht noch christliche Angebote im Supermarkt der Meinungen geben könne, aber eben keine mehr, in der das mit dem Christentum verbundene Religiöse einen markanten Stellenwert haben werde.
Was die östlichen Länder des wiedervereinten Deutschland betrifft, so ist tatsächlich zu beobachten, dass es christenfreie Zonen gibt. Tatsächlich gibt es hier wie nirgendwo auf dem Kontinent Landstriche, in denen der Kommunismus ganze Arbeit bis in den Wurzelgrund geleistet hat. Nirgendwo sonst mit Ausnahme von Teilen Tschechiens gibt es derart C-freie Zonen. In entsprechenden Untersuchungen werden als religiös besonders entleerte Regionen Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt genannt – im Unterschied zu den religiös stärkeren Regionen wie Bayern, Baden-Württemberg, Saarland, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Ob die C-freie Wirklichkeit im Osten aber prägend sein kann und sollte für ganz Deutschland und seine C-Parteien, ob das gar ein Ausweis von Aufklärung und Freiheit sein könnte, das darf zumindest heftig bestritten und debattiert werden. Und mit Modernität hat es wohl auch nichts zu tun, wenn man den Stifter des C in der Darstellung am Kreuz für ein gewagtes und absurdes Kunstwerk hält und allen Ernstes noch nicht einmal kulturgeschichtlich eine Ahnung davon hat, dass es Jesus Christus wirklich gegeben hat.
Deutschland – ein säkularisiertes und religionsfreies Land? Kann die Union also getrost weniger C zulassen, weniger christlich sein als einst, weil ja ohnehin das C im Volk verdunstet? Der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung wartet diesbezüglich mit Überraschungen auf. Dort kommt man – etwa im Januar 2009 – nach sorgfältigen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Deutschland ein religiöses Land ist. Sic! Denn die meisten Deutschen gehören einer Religionsgemeinschaft an. Und die soziale Infrastruktur ist vor allem von christlichen Institutionen, Angeboten und Einrichtungen geprägt. Schulen, Krankenhäuser, Senioreneinrichtungen, Kindergärten – die meisten sind in kirchlicher Trägerschaft. Präsent ist das C auch durch Vereine und Verbände, durch Kinder- und Jugendgruppen und zahlreiche Aktivitäten, nicht zuletzt von Menschen im Ehrenamt. Gewiss: In Oberbayern ist das eher und häufiger zu erfahren als in Berlin oder Cottbus. Aber insgesamt lässt sich feststellen, dass das C im Leben der Deutschen erkennbar vorhanden ist. Mal mehr, mal weniger profiliert.
Es gibt Unterschiede. So gelten im Osten des Landes nicht mehr als durchschnittlich rund 30 Prozent als religiös, im Westen sind es knapp 80 Prozent. Insgesamt glauben etwas weniger als zwei Drittel an die Existenz eines göttlichen Wesens, 70 Prozent betrachten sich irgendwie als religiös, ein Viertel davon sogar als sehr religiös. Für 15 Millionen Menschen in Deutschland spielt also die Religion eine lebensprägende Rolle. Bemerkenswert ist hier, dass von den rund dreieinhalb Millionen Muslime in Deutschland 90 Prozent religiös sind, davon die Hälfte sogar hochreligiös. Offenbar gibt es hier eine stärkere Bindung an das, was vergleichbar bei den Christen an Bindungskraft verloren hat. Die hohe Religiosität, die man allgemein beobachtet, mündet jedenfalls nicht automatisch in einer bleibenden oder gar wachsenden Kirchlichkeit. Im Gegenteil. Das C scheint seine konkrete Verbindlichkeit ein wenig zu verlieren. Jedenfalls im Blick auf die Kirchen, mit denen weithin das C verbunden wird. Zwar sind die Katholiken in Deutschland heute konfessionell gesehen eine Mehrheit von 25,7 Millionen. Doch es gibt nach wie vor hohe Austrittszahlen, und wenn die Prognosen mancher Experten stimmen, dann wird der Mitgliederschwund in den kommenden fünfzehn Jahren weitere fünfzehn oder gar mehr Prozent betragen. Religion ja, Kirche eher nein – so sieht es vielfach aus.
Deutschland ist anders
Man muss eben auch diese Realität im Blick haben, wenn man über das Kreuz mit dem C nachdenkt und eine Antwort auf die Frage nach der Christlichkeit der Union sucht. Es ist eben nicht so simpel, wie viele meinen. Auch Peter Ramsauer, der CSU-Landesgruppenchef in Berlin, weiß das. Und plädiert – wie viele andere auch – für Fairness. Das eine stimmt eben genauso wenig wie das andere, meint er: Die klagende Behauptung aus konservativen Kirchenkreisen, dass christliche Überzeugungen keine Rolle mehr in Deutschland spielten – wie auch zumeist aus derselben Ecke die selbst definierte Berechtigung, der Union den Anspruch zum Führen des C in einer säkularisierten Gesellschaft abzusprechen. Beides sei Unsinn. Beides sei falsch. Enttäuschten Traditionalisten fehle gelegentlich ebenso wie vielen Kritikern das Gespür dafür, wie lebendig christliche Überzeugungen nach wie vor in Deutschland seien, wenngleich sich auch vieles heute anders ausdrücke. Den Wandel müssten Politiker nicht nur sehen, sondern auch berücksichtigen.
Zu diesem Wandel gehört auch eine Erkenntnis, die der CDU-Mann Hermann Kues im Jahr 2008 in einer theologischen Fachzeitschrift formulierte. Bestimmte Selbstverständlichkeiten seien verloren gegangen, denn die Union werde nicht mehr wie früher trotz ihres ökumenischen Charakters vor allem als Partei katholischer Christen verstanden. Der Katholik Kues sieht – auf einen möglichen Katholischen Arbeitskreis in der Union angesprochen – gleichwohl hier keinen wirklichen Bedarf und meint, ein solcher Kreis müsse ja erst einmal bestimmen, was denn das Katholische ausmacht. Das sei gar nicht so leicht – liest man, und wundert sich, wo doch eine solche Bestimmung im evangelischen Bereich trotz der dort gegebenen Vielfalt und Unterschiedlichkeit offenbar vor vielen Jahrzehnten kein wirkliches Problem gewesen zu sein scheint. Der Befragte wiegelt lieber ab und lenkt in eine Ecke. Wenn es sich bei einem solchen Arbeitskreis lediglich um ein Bündnis derer handeln würde, die traurig darüber sind, dass bestimmte Traditionen nicht mehr funktionieren, dann wäre eine solche Plattform nicht zukunftsfähig. Aber nach einer solch engstirnigen Gruppierung war der Bundestagsabgeordnete und Staatssekretär gar nicht gefragt worden. Erstaunlich, dass da offenbar eine regelrechte Angst subkutan vorhanden ist! Denn viele keineswegs engstirnige und rückwärtsgewandte Katholiken wüssten schon gerne, wo denn ihre durchaus weltoffene Stimme in der Union von heute und morgen eine Stimme haben könnte.
Gespräche wie die mit Hermann Kues sind symptomatisch. Sie zeigen einerseits ein Ringen mit dem C, andererseits eine gewisse Unsicherheit, Profilträgern des C eine wirkliche Chance zu geben. Es gibt in der Union so etwas wie die Furcht vor dem C. Es gibt so etwas wie die Angst vor dem Verlust der eigenen uneingeschränkten Deutungshoheit. Es ist und klingt vor allem richtig, wenn C-Politiker fordern, man solle das C nicht wie eine Monstranz vor sich hertragen, weil das niemanden wirklich überzeuge. Es ist ja ebenfalls richtig, dass früher selbstverständliche Verbindungsund Karrierelinien von der konfessionell gebundenen Jugend bis hin in die Verantwortungsebene der Union heute weggebrochen sind. Und es ist nicht zu bestreiten, dass die einst funktionierende Partnerschaft zwischen der Soziallehre der Kirche und der Union Macken bekommen hat.
Feierliche Beschwörung des C
Vieles ist schwieriger, komplexer und pluraler geworden. Das Dominikanerkloster Walberberg bei Bonn gibt es nicht mehr. Die enge Beziehung in den Kinderjahren der Republik von hier aus nach Bonn und umgekehrt ist Geschichte. Was einmal mit kirchlicher Unterstützung etwa 1957 im Blick auf die dynamische Rente entstehen konnte, kann heute weder vom Verfahren noch von der Sache so einfach kopiert werden. Und wenn C-Politiker heute mit kritischem Unterton anmerken, dass die Soziallehre sich auch viel zu wenig mit alltagstauglichen Überlegungen beschäftige, wenn sie von ihr fordern, sie müsste Überlegungen dazu anstellen, wie der Sozialstaat künftig aussehen könnte – vor allem hinsichtlich des Verhältnisses von Individualismus, Staat und Gesellschaft, dann, ja dann schieben sie den Schwarzen Peter allzu einfach von sich weg und suchen Schuld für ein gestörtes Verhältnis dort, wo diese Schuld sicher nicht ursächlich anzusiedeln ist.
Ich will zitieren, was Hermann Kues in der Herder-Korrespondenz im Herbst 2008 zum C sagte, weil es deutlich macht, wie sehr dies ein Thema ist – oder auch nicht. Auf die Frage, ob sich die CDU nicht gerne grundsätzlich mit der Herausforderung des C im Parteinamen befasse und eher dieses Erbstück als gegeben hinnehme, lautet die Antwort: „Die CDU ist auch immer eine sehr pragmatische Partei gewesen, die Dinge konkret umgesetzt hat. Aus dem christlichen Menschenbild lassen sich bestimmte soziale Verpflichtungen ableiten, gleichzeitig auch die Berufung des Menschen zur Freiheit. Das muss sich beides in praktischer Politik niederschlagen. Wenn die CDU etwa nicht sozial sensibel ist, verliert sie schnell Wahlen. (...) Hinter jeder politischen Entscheidung steckt ja letztlich ein bestimmtes Bild vom Menschen und der Gesellschaft. (...) Das C ist schließlich der Markenkern der Union. Solange sie mit dem C im Namen operiert, muss sie es auch immer wieder deuten, an die praktische Politik rückkoppeln und es begründen. (...) Die CDU würde ohne das C ihre Identität verlieren.“
Große Worte eines engagierten Politikers und eines überzeugten Christen. Bloß: Könnte vieles von diesem Bekenntnis – mit Ausnahme der Markierung des Markenkerns – nicht auch von einem engagierten Politiker manch anderer Parteien ebenso überzeugend gesagt werden? Viele fragen doch nicht nur theoretisch, wo denn der Unterschied der C-Parteien in der pragmatischen Politik zu anderen ist. Und was bitte macht denn die Identität der Union aus, die sie verlieren könnte, wenn es das edle Erbstück nicht mehr gäbe? Freiheit, Menschenbild, Verantwortung, soziale Gerechtigkeit, Werte, Demokratie – sind das heute (noch) exklusive Bestandteile des Profils einer C-Partei? Wo ist denn wirklich der Unterschied zur FDP oder zur SPD? Letztere operiert auch gerne mit dem Begriff des christlichen Menschenbildes. Wo ist zum Beispiel der identitätsstiftende Unterschied in der Stammzelldebatte erkennbar geworden? Wo wird er sichtbar in der Frage der Spätabtreibungen? Wo in der Debatte über Patientenverfügungen? Wo war er denn bei der Neuregelung des § 218 nach dem Fall der Mauer, als man einen Kompromiss suchte zwischen dem Recht auf Tötung noch nicht geborener Menschen und dem Anspruch der Unantastbarkeit der im Bonner Grundgesetz deklarierten Menschenwürde?
| Offene Fragen Wie prägend ist Berlin?Was sind feierliche Beschwörungen des C wert?Wer weiß noch in der Union, was das C bedeutet? |
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