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Markus Hengstschläger

Die Lösungsbegabung

GENE SIND NUR UNSER WERKZEUG. DIE NUSS KNACKEN WIR SELBST!


Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren bzw. Herausgeber und des Verlages ist ausgeschlossen.

1. Auflage

© 2020 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – München, eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Gesetzt aus der Palatino, Cera Compact Pro

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

Red Bull Media House GmbH

Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15

5071 Wals bei Salzburg, Österreich

Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT

Umschlaggestaltung: kratkys.net

Lektorat: Maria-Christine Leitgeb

ISBN 978-3-7110-0279-2

eISBN 978-3-8974-1937-7

Für Elke

Um die Lesbarkeit des Buches zu verbessern, wurde darauf verzichtet, neben der männlichen auch die weibliche Form anzuführen, die gedanklich selbstverständlich immer miteinzubeziehen ist.

Inhalt

Vorwort – gegen die Mitmachkrise

WAS WIR WOLLEN – die Wünsche des Menschen an die Zukunft

Erfolg im Wandel der Zeit

Für die Zukunft Neues erschaffen

Sich für das Vorhersehbare und für das Unvorhersehbare rüsten

WAS WISSENSCHAFT (NICHT) KANN – vom ungerichteten zum gerichteten Menschen?

Die Verbesserung des Menschen?

Ein neuer Mensch durch Genoptimierung?

Der Mensch und die digitale Revolution

WAS DER MENSCH (NICHT) IST – Gene und Umwelt

Der lösungsbegabte, innovative Mensch

Der denkende Mensch

Der soziale Mensch

Der mutige Mensch

WAS ES BRAUCHT – Gegenwartskompetenz

Die richtige Mischung

Die nachhaltige Förderung von Mut

Gerichtete und ungerichtete Strategien

Die beflügelnde Wechselwirkung

Die Chance des Unvorhersehbaren

Die Zukunft der Gegenwart

WO ES ETWAS BRAUCHT – im Namen der Lösungsbegabung

Die Vielfalt von Wissen und Bildung

Talent- und Personalmanagement neu gedacht

Forschung mit fließenden Übergängen

Gesellschaft und Politik

Das alte und das neue Arbeiten

Die Renaissance des Sich-Einbringens

Exkurs

Danksagung

Literatur

Vorwort – gegen die Mitmachkrise

»Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.« (Seneca)

Große Herausforderungen unserer Zeit wie zum Beispiel der Klimawandel, der Einfluss disruptiver Technologien auf unser Leben im digitalen Wandel, Terrorismus, die Gefahr eines Atomkrieges oder die Flüchtlingskrise erinnern ganz augenscheinlich und täglich daran, wie dringend neue kreative Ideen und innovative Konzepte auf allen Ebenen gebraucht werden. Donald Trump ist wahrlich nicht das einzige, aber ein sehr präsentes Beispiel dafür, welche Gefahren gegenwärtig von politischem Populismus ausgehen. Anlässlich des Todes des Afroamerikaners Georg Floyd empörte sich die Welt vollkommen zu Recht wieder einmal darüber, dass Rassismus den Menschen auf diesem Planeten einfach schon zu lange begleitet. Und schließlich meldete sich noch ein anderer bekannter Begleiter der Menschheit wieder einmal zu Wort – eine Pandemie. Das SARS-CoV-2-Virus machte klar, wie unverzichtbar es ist, globale aktuelle Probleme anzugehen, zeigte aber auch, wie wichtig es plötzlich sein kann, kleine, vielleicht unter anderen Umständen banal wirkende Probleme lösen zu können.

Mit dem Blick auf all die vielen neuen und alten Herausforderungen manifestiert sich das Bewusstsein darüber, dass es nun einmal vorhersehbarere und unvorhersehbarere Anteile der Zukunft – mit allen Übergängen dazwischen – gibt. Die COVID-19-Pandemie ist ein Beispiel dafür, dass das, womit sich der Mensch auseinandersetzen muss, wofür Lösungen gebraucht werden, nicht immer einfach in zwei Zukünfte, eine vorhersehbare und eine unvorhersehbare, unterteilt werden kann. So klar es ist, dass Pandemien immer wieder kommen können, so unvorhersehbar ist es, welcher Erreger wann, wie und mit welchem Ausmaß die Welt heimsuchen wird. Für so manche bereits gut bekannte Herausforderungen der Menschheit ist es schon fünf vor zwölf. Und es kommen aber mit Sicherheit demnächst andere, heute noch gar nicht bekannte Problemstellungen dazu. Konsequenterweise ergibt sich die Frage, ob die Zukunft heute vorhersehbarer ist, als sie das früher einmal war, oder ob sie weniger vorhersehbar geworden ist. Wird die Zukunft in Zeiten digitaler Revolution und Industrie 4.0, durch globale Vernetzung, nahezu uneingeschränkte Daten- und Informationsverfügbarkeit, Big Data, Predictive Analytics, das Auswerten digitaler Fußabdrücke in sozialen Netzwerken, Internet of Things und künstliche Intelligenz immer kalkulierbarer? Oder zeigen uns überraschende Wahlergebnisse, exzentrische Politikerpersönlichkeiten, Finanzkrisen, gesellschaftliche Transformationsprozesse, Fukushima, 9/11, durch Klimawandel ausgelöste, extreme Wetterereignisse oder Virus-Pandemien immer öfter, wie VUKA (volatil, unsicher, komplex und ambivalent) die Welt geworden ist? Die einen argumentieren, dass in unserer heutigen digitalisierten Datenwelt der einzelne Mensch, Kommunen, Staaten und Unternehmen so transparent, durchschaubar und »gläsern« sind wie noch nie in der Geschichte unseres Planeten. Die anderen wiederum sprechen schon immer öfter vom völligen Verlust der Vorhersehbarkeit.

Globale Einigkeit scheint aber darüber zu bestehen, dass Ausmaß und Geschwindigkeit der Veränderung enorm zugenommen haben. Das Ende der Linearität, exponentieller Wandel und permanent zunehmende Beschleunigung scheinen dazu zu führen, dass jeder täglich immer mehr vorhersehbare Dinge zu erledigen hat, aber sich auch immer öfter und immer mehr mit unvorhergesehenen Entwicklungen und Ereignissen konfrontiert sieht. Es scheint fast so, als würden in unserer schnelllebigen Welt sowohl vorhersehbare als auch unbekannte Fragestellungen immer öfter und immer schneller in unserem privaten und beruflichen Alltag aufschlagen. Das schafft für die Zukunft der Gegenwart natürlich Chancen, schürt aber auch Ängste.

Wir haben so viel erreicht! Die Welt ist so viel besser geworden! Ja, es gibt noch sehr viele ungelöste Probleme, und es kommen, oft vom Menschen selbst verschuldet, auch stetig neue dazu. Wir müssen also dranbleiben. In Anbetracht der vielen über die Medien permanent zeitgleich in jedes Wohnzimmer transportierten, globalen und lokalen Problemstellungen darf es aber nicht verwundern, dass Menschen sich und ihren Talenten immer öfter die Lösungen dafür nicht mehr zutrauen. Und unweigerlich taucht die Frage auf: »Was würde mein Beitrag schon daran ändern?« Dann nehmen politischer Frust, die Ablehnung jeglicher Andersdenkender, die Flucht in eine ausschließlich anonymisierte Beteiligung, psychische Überbelastungssyndrome und Ängste aller Art logischerweise zu. Und schon steckt man in der Mitmachkrise. Irgendwie scheint die weithin bekannte und kontinuierlich erfahrbare Tatsache, dass das Unergründbare dem Menschen mehr Angst macht als das Vorhersehbare, ja auch nachvollziehbar. Auf vorhersagbare Trends und Ereignisse kann man sich einstellen, man kann sich gerichtet auf die Fragen, die sich dabei ergeben, vorbereiten und dann die daraus abgeleiteten Leitlinien immer wieder bei solchen oder ähnlichen Situationen zum Einsatz bringen. Die Auffassung, das Unvorhersehbare entziehe sich vollkommen der Planbarkeit und man könne sich darauf nicht vorbereiten, hat sich aber ohne großen Widerspruch mehr oder weniger schleichend in die Liste der Begründungen für Untätigkeit eingereiht. Innere Widerstände gegen die Beschäftigung mit der Unvorhersehbarkeit, mit dem Unbekannten, basieren in Wirklichkeit oft auf einer übertriebenen Angst vor Kontrollverlust. Hier gilt es für das an sich vernunftbegabte Wesen Mensch, ein Konzept bereitzustellen, seine genetisch mitbestimmten evolutiv Jahrtausende alten Ängste zu überwinden. Die Vernunft weiß bereits, dass viele dieser instinktiven Ängste in unserer Zeit nicht nur ihren Nutzen verloren haben, sondern uns immer öfter einfach nur im Weg stehen. Aber für das tief verwurzelte, verinnerlichte Gefühl der Angst braucht es genauso wirkungsvolle Gegenmittel wie etwa für das Gefühl der Hilflosigkeit.

Natürlich spielen Gene bei der Entstehung von Gefühlen und dem Verhalten eine Rolle. Aber der Mensch ist bei all diesen Aspekten nicht auf seine Gene reduzierbar. Er ist das Produkt der Wechselwirkung von Genetik und Umwelt. Und die aktuellen Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Epigenetik, die die Brücke zwischen sozialen und biologischen Effekten schlägt, weisen darauf hin, dass der Mensch sein Leben und sein Verhalten, und gewissermaßen auch das seiner Nachkommen, noch mehr als früher angenommen, selbst in der Hand hat. Es ist richtig, dass die wissenschaftlichen Entwicklungen, die technologischen Möglichkeiten zur Veränderung von Genen betreffend, in den letzten Jahren große Schritte gemacht haben. Aber die Utopie, dass sehr bald durch Genoptimierung ein immer glücklicherer und viel leistungsstärkerer Mensch kreiert werden kann, der Lösungen für alle Probleme der Menschheit aus dem Ärmel schütteln wird, entbehrt zum aktuellen Stand der Forschung jeglicher ernsthaften wissenschaftlichen Grundlage. Wir müssen also wirklich dranbleiben. Aber wir können es ja auch.

»Ich kann, weil ich will, was ich muss.« (Immanuel Kant)

Ob im Kleinen oder im Großen, für die Lösung eines ganz bestimmten Problems bedarf es zuerst einmal des Erwerbes des dafür entsprechenden Wissens und des Aneignens der dafür spezifisch relevanten Kompetenzen. Das allein führt aber noch nicht zu einer neuen Idee oder einer kreativen Lösung. Dafür muss der wissende Mensch neue Wege beschreiten, motiviert Extra Miles gehen und schließlich auch entsprechend handeln. Die Voraussetzungen dafür entstehen allerdings immer nur dann, wenn das wichtigste angeborene und genetisch mitbestimmte Potenzial des Menschen – seine Lösungsbegabung – entwickelt und laufend abgerufen werden kann. Lösungsbegabung setzt sich aus vielen, auch genetischen Komponenten zusammen, die nichts wert sind, wenn wir sie nicht durch die entsprechende Umwelt zur Entfaltung bringen und im Team anwenden. Der Mensch ist einerseits das wohl lösungsbegabteste Wesen des Planeten und andererseits die alternativlose Chance auf dem Weg in eine erfolgreiche, humane, lebensbejahende Zukunft. Wie kann es also gelingen, bei uns und unseren Kindern das zum Erblühen zu bringen, was die Menschheit im Innersten zusammenhält: das mutige, kreative und kooperative Sich-Einbringen jedes Einzelnen?

Für das uneingeschränkte Erblühen der Lösungsbegabung braucht es in Zukunft eine neue Gegenwart. Es braucht eine neue duale Gegenwartskompetenz mit der Bereitschaft, sich permanent gleichzeitig mit bereits voraussagbaren, aber auch mit noch unvorhersehbaren zukünftigen Fragestellungen zu beschäftigen. Sowohl gerichtete, also fokussierte, orientierte, zielstrebige Strategien als auch ungerichtete, also flexible, ergebnisoffene Strategien sollen dabei laufend parallel zur Anwendung kommen. Das richtige Mischungsverhältnis dieser beiden Vorgehensweisen immerzu an sich ändernden Rahmenbedingungen zu reiben und dadurch zu optimieren, ist eine unverzichtbare Komponente einer von individuellem mutigem Einsatz geprägten, zukunftsorientierten Gegenwart. Erst aus der Umsetzung solch eines dualen Ansatzes entstehen die fünf Fundamente für die Entfaltung der Lösungsbegabung: 1) Mut aus Sicherheit, 2) die gegenseitig beflügelnde Wechselwirkung der Instrumente gerichteter und ungerichteter Strategien, 3) das Fördern von Schnittstellen zwischen verschiedenen Disziplinen und Kulturen, 4) ein gesteigerter Kreativitätsprozess und 5) das Aufrechterhalten der Chancen für Serendipität, also auch etwas finden zu können, was man nicht gesucht hat. Solch ein Konzept soll Einzug halten in der Bildung, im Talent- und Personalmanagement, in Wissenschaft und Forschung, der Politik, der Arbeitswelt und unserem Privatleben. Das Ziel ist, dass jeder Einzelne seine Lösungsbegabung entfalten kann und sich damit kooperativ für Lösungen aktueller Problemstellungen einbringen kann.

1)Es braucht Mut, sich durch gerichtete Konzeptplanung auf zwar vorhersagbare, aber eben noch nicht gelöste Fragen der Zukunft vorzubereiten. Und es braucht noch viel mehr Mut, sich auf das Unbekannte vorzubereiten. Wenn ich weiß, was kommt, bereite ich mich gewissenhaft und zielgerichtet darauf vor, um dadurch eine sehr wahrscheinliche und realistische Chance auf Erfolg zu nutzen. Das schafft Sicherheit und dadurch gleichzeitig die Basis für den Mut und die Risikobereitschaft, auch den bisher bewährten Weg immer wieder einmal in andere Richtungen zu verlassen. Für das Unvorhersehbare muss ich in der Gegenwart durch höchstmögliche Individualität, Flexibilität und Diversität Konzepte und Strategien entwickeln und bereithalten, um auch Antworten auf Fragen zu ermöglichen, die ich heute noch gar nicht kenne. Man kann und soll sich für beides rüsten, um beides zu gestalten. Und das sollte man immer machen und immer jetzt machen.

2)Es gibt kein noch so bewährtes Handeln, das nicht auch noch verbesserbar ist. Es gibt keine noch so sichere Strategie, die nicht noch inkrementell optimierbar ist. Wenn man parallel immer wieder ungerichtete Strategien, vielleicht sogar mit der Hoffnung auf radikale Ansätze, verfolgt, können die dabei entstandenen Erfahrungen, die dabei gefundenen Lösungen und die dabei gemachten Fehler unglaublich befruchtend für den »bisher so erfolgreichen Lebensweg« und »das noch so bewährte Handeln« sein. »Es war schon immer so« und »So hat es immer funktioniert« heißt nicht, dass sich die Zeiten nicht ändern können oder dass es nicht noch besser geht. Umgekehrt bilden all das Wissen, all die Erfahrungen und all das Können aus den Kernbereichen der sicheren bewährten Strategien einen mächtigen Pool an (Human-)Ressourcen, Netzwerken und Handwerkszeug, um die Erfolgswahrscheinlichkeit neuer, vielleicht riskanterer Strategien zu beflügeln.

3)Die der menschlichen Natur grundsätzlich innewohnende Neugier auf andere Disziplinen beziehungsweise Kulturen soll stimuliert werden. Berührungsängste gegenüber anderen gilt es zu schmälern. Auch hierbei müssen dem wissenden Menschen unbedingt entsprechende Erfahrungen als Basis für sein zukünftiges Handeln ermöglicht werden. Schließlich bergen Ideen, die an den Schnittstellen zwischen verschiedenen Fachgebieten und Kulturen geboren werden, höchstes Potenzial dafür, neue Lösungen und Innovationen zu initiieren. Genau solche Ideen entstehen gern dann, wenn man in seiner eigenen Disziplin mutig gerichtet und ungerichtet gestaltet und sich gleichzeitig auch mit anderen Fachbereichen, Ansichten und Herangehensweisen beschäftigt, um zu lernen und um sich zu rüsten.

4)Auch ein kreativer Prozess entspringt der Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt. Er ist die Quelle für neue Problemlösungsansätze mit bisher nicht bedachten Mitteln. Um etwas Neues zu erschaffen, muss unterschiedliches Wissen miteinander verknüpft werden, beziehungsweise müssen bereits bestehende Lösungsansätze in anderen Zusammenhängen gedacht und schließlich angewendet werden. Das Erarbeiten solcher Neukombinationen beziehungsweise bisher noch nicht erkannter Verflechtungen setzt einerseits den Zugang zu verschiedenen Eindrücken, Informationen, Erfahrungsschätzen und Lösungskonzepten voraus und baut andererseits auf der Bereitschaft, der Motivation, der Flexibilität und auch dem Mut auf, solche neuen Zusammenhänge zu denken. Kreative Ansätze folgen einem dialektischen Prinzip, das im Wechselspiel zwischen Bekanntem und Unbekanntem, zwischen Wissen und Fantasieren, zwischen diszipliniertem Denken und Experimentierfreude, zwischen Struktur und Freiraum, zwischen der eigenen Kernkompetenz und einem Out-of-the-box-Denken erblüht. Das Hin- und Hergehen zwischen gerichteten und ungerichteten Strategien macht aus den Menschen Querdenker, steigert die Möglichkeiten für Inspirationen und fördert kreative Prozesse.

5)Um sich immer wieder einzubringen, bedarf es lebenslanger kontinuierlicher Bereitschaft, dazuzulernen und auszuprobieren. Das Erschaffen von neuen Lösungsansätzen ist kein einmaliges Ereignis, sondern eine immerzu fortlaufende Entwicklung. Gegenwart ist kein Event, sondern ein Prozess. Dafür muss sich jeder Einzelne auf den Weg machen, immer weitergehen und mit offenen Augen und Ohren wachsam bleiben, um Chancen und neue Lösungen erkennen zu können, wenn sie sich bieten. Wer im Heute konsequent in Bewegung ist, kann in Zukunft Dinge finden, die er nie gesucht hat.

Der 2017 verstorbene Gesundheitsstatistiker Hans Rosling bezeichnet in seinem letzten Buch Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist mit Possibilisten Menschen, die weder unbegründeten Hoffnungen anhängen noch sich durch unbegründete Befürchtungen ängstigen lassen, Menschen also, die sich konstant der überdramatischen Weltsicht widersetzen. Hans Rosling sagte über sich selbst: »I’m a very serious ›possibilist‹«. Machen wir doch uns und den nächsten Generationen das Angebot, Ermöglicher zu werden durch die Förderung des gegenwartskompetenten Einsatzes des wichtigsten Potenzials des Menschen – der Lösungsbegabung. Nach einem Vortrag kam einmal eine Zuhörerin zu mir und sagte: »Der Mensch hat doch eigentlich gar keine Ausreden – er muss für die Probleme unserer Zeit einfach Lösungen entwickeln!« Ich habe nicht widersprochen.

Markus Hengstschläger, Hinterbrühl, Kitzbühel, 2020

WAS WIR WOLLEN – die Wünsche des Menschen an die Zukunft
Erfolg im Wandel der Zeit

Man könnte argumentieren, dass man auf persönlicher Ebene dann Erfolg hat, wenn man die Ziele erreicht, die man sich selbst gesetzt hat. Und auch unternehmerisches Handeln könnte dann als erfolgreich gelten, wenn man die Unternehmensziele erwirtschaftet. Das ist selbstverständlich plausibel, wirft aber eine Reihe von Fragen auf. Wenn man sich in der Gegenwart Ziele setzt, die man dann in der Zukunft eben vielleicht auch erreicht, so setzt das voraus, dass man schon viel über die Zukunft beziehungsweise über das in Zukunft möglicherweise Erreichbare weiß beziehungsweise gewusst hat. Es ist zweifelsohne ausgesprochen wichtig und richtig, sich für die bereits bekannten Anteile der Zukunft Ziele zu setzen und auch Strategien zu entwickeln, die es nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich machen, dann auch erfolgreich zu sein. Der Begriff »erfolgreich« sollte aber aus drei Gründen weiter gefasst werden. Erstens hängen die gesetzten Ziele davon ab, womit man sich betreffend das Ergebnis seiner Bemühungen zufriedengibt. Und was, wenn man sich die Latte einfach zu niedrig legt? Zweitens könnte es sein, dass gesetzte Ziele bei genauerer Betrachtung in der Zukunft nicht den Wert haben, den man ihnen in der Gegenwart noch gibt. Hierbei bestehen außerdem auch große Unterschiede zwischen den Generationen. Ein hohes Einkommen, das Besitzen eines tollen Hauses, das Fahren eines exklusiven Autos, viele Follower (ob influenced oder nicht) oder das Erreichen eines hohen Betriebsergebnisses – all die Earnings before interest and taxes (EBIT) – werden von manchen mehr, von anderen weniger als Statussymbole gesehen. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Frage, ob sie noch als repräsentativ für erbrachte Leistungen gesehen werden. Sie sind aber sicher nicht immer und automatisch das Resultat »erfolgreichen« – im Sinne von »wertvollen« – Handelns. Und noch viel wichtiger: Sie verändern die Welt auch nicht notwendigerweise zum Besseren. Drittens sind viele individuelle Leistungen, viele große Errungenschaften und Innovationen in der Menschheitsgeschichte nicht das Resultat eines Planes mit gesetzten Zielen gewesen. Vor allem deshalb nicht, weil sie in der Gegenwart noch vollkommen unvorhersehbar gewesen sind. Gesetzte, konkrete Ziele sind meist nur Lösungen für bereits bekannte Probleme, aber tragen oft sehr wenig zur Bewältigung von Aufgaben bei, die wir heute noch gar nicht kennen.

Grundsätzlich wird Erfolg sehr individuell gesehen und folglich auch nicht einheitlich bewertet. Was für den einen schon erfolgreich ist, ist für den anderen Standard oder gar nicht von Interesse. Der Erfolg wird außerdem oft mehr an der Reaktion der sozialen Umgebung gemessen. Und das, obwohl die Ausgangsbasis doch eigentlich sehr ähnlich sein müsste. Die Beschreibung der Bedürfnisse und Motivationen des Menschen, nach der vom amerikanischen Psychologen Abraham Maslow entworfenen Bedürfnispyramide, könnte einmal als erster Ansatzpunkt genommen werden. Die fünf Ebenen mit all ihren fließenden Übergängen reichen von den Grundbedürfnissen (Ernährung, Atmung, Schlaf, Fortpflanzung etc.) über Sicherheitsbedürfnisse (Gesundheit, körperliche, seelische und materielle Sicherheit, Arbeit, Wohnung, Familie etc.), soziale Bedürfnisse (Liebe, Gruppenzugehörigkeit, Kommunikation etc.), Individualbedürfnisse (Erfolg, Unabhängigkeit, Freiheit, Ansehen, Wertschätzung etc.) bis hin zu den individuellsten Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung (seine Kreativität, seine Talente und Potenziale ausschöpfen zu können, Persönlichkeitsentwicklung, seinem Leben einen Sinn zu geben).

Die ersten vier sind Defizitbedürfnisse, die, wenn man sie nicht oder nur sehr eingeschränkt erfüllen kann, zu physischen oder psychischen Störungen führen. Und obwohl das auch für die Wachstumsbedürfnisse der Selbstverwirklichung zutrifft, können diese nie wirklich vollständig befriedigt werden. Maslow hat dieses Modell später noch erweitert und ist davon ausgegangen, dass die Befriedigung all dieser Bedürfnisse, und im Besonderen der Selbstverwirklichung, nur schwer und nicht von allen Menschen erreichbar sind. Am Rande sei erwähnt, dass auch eine maslowsche Bedürfnispyramide für den digitalen Wandel vorgeschlagen wurde, um die Werte zu beschreiben, die eine Welt der Interaktion von Menschen und Maschine auch im Zusammenhang mit dem Design digitaler Technologien prägen sollen (Spiekermann: Ethical IT Innovation, 2016). Einerseits findet man in der maslowschen Hierarchie den Begriff »Erfolg« unter den Individualbedürfnissen, gemeinsam mit dem Wunsch nach Wertschätzung, Prestige oder Ansehen. Ökonomischer Erfolg, das Haus, das Auto etc., wird oft deshalb angestrebt, weil sie dem Menschen zu Status, Anerkennung und Bewunderung verhelfen. Andererseits muss man aber auch die Frage stellen, ob nicht unter bestimmten Umständen, unter bestimmten Lebensbedingungen und Voraussetzungen das Stillen von Grund- und Sicherheitsbedürfnissen schon als erfolgreiches Leben angesehen werden muss, so bedauerlich das auch ist. Und noch viel bedauerlicher ist schließlich, dass die Erfüllung vieler, vor allem so wichtiger Bedürfnisse wie zum Beispiel Ernährung, Gesundheit oder Sicherheit immer noch viel zu oft nicht in den Händen des Individuums liegen. Jeder soll für sich selbst entscheiden, was sein gutes Leben ausmacht! Wie viel Arbeit in der Gegenwart und in der Zukunft liegt noch vor uns, um das Ziel zu erreichen, in einer so »gerechten« Welt leben zu können, in der dieser Appell endlich seine Naivität verliert?

Selbst Hans Rosling, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Menschen zu zeigen, wie sehr sich die Welt auch beim Befriedigen von Grund- und Sicherheitsbedürfnissen verbessert hat, hat stets zusätzlich darauf hingewiesen, dass noch sehr viel Luft nach oben ist (Rosling: Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, 2018). Bilder von hungernden Menschen, vom Bürgerkrieg in Syrien, vom Elend in Flüchtlingslagern oder auch von mit COVID-19-Erkrankten überfüllten Intensivstationen schüren zumindest für unsere Gegenwart noch den einen oder anderen Zweifel am Ausgangspunkt für die Homo-Deus-These. Yuval Noah Harari argumentiert, dass, nachdem Hunger, Kriege und Seuchen für die meisten Menschen ihre Bedeutung verloren haben, die nächsten Erfolgsebenen, die der Homo sapiens auf dem Weg zum Homo deus anstrebt, Unsterblichkeit und ewiges Glück sind (Harari: Homo Deus: A Brief History of Tomorrow, 2016). Auch wenn es vollkommen verständlich ist, dass in Zeiten einer Corona-Krise auch ge- und verzweifelt wird, so bleibt es doch ein Faktum, dass im Vergleich zu den letzten Jahrhunderten die Konsequenzen von Seuchen wie auch von Krieg und Hunger weltweit verhältnismäßig eingedämmt werden konnten. Und selbst, wenn im Speziellen im Silicon Valley unglaublich viel Geld in die entsprechende Forschung gepumpt wird, so ist es doch wissenschaftlich aktuell unumstritten, dass die Unsterblichkeit des Homo sapiens noch in keiner Weise unmittelbar vor der Tür steht.

»Aber wie steht es mit dem ewigen Glück, dem Glücklichsein? Vorausgesetzt, die grundlegendsten Bedürfnisse können gestillt werden, scheint gerade das Führen eines glücklichen Lebens immer öfter als Erfolgsparameter Nummer eins angesehen zu werden. Wer es schafft, ein glückliches Leben zu führen, hat es geschafft. Aber was ist das – ein glückliches Leben? Der emotionale Zustand der Deutschen zum Beispiel lässt sich wahrscheinlich mit Zufriedenheit auf hohem Niveau beschreiben. Selbst in Zeiten der Euro-Finanzkrise, der Euro-Schuldenkrise oder auch der polarisierenden Zuwanderungsdebatte nahmen die Lebenszufriedenheit und das gesamtdeutsche Glücksniveau zu. Ob nun das Glück im Augenblick oder das Glück, das man empfindet, wenn man sagt, sein Leben könne so wie jetzt eigentlich weiterlaufen, es ist stets von vielen Einflussfaktoren abhängig. Gern werden als die wichtigsten dafür Geld, Gesundheit, Gemeinschaft und genetische Disposition (angeborene Persönlichkeitsmerkmale) angegeben (Schlinkert, Raffelhüschen: Deutsche Post Glücksatlas, 2018).«

Nicht nur im Wandel der Zeit, sondern auch im Lauf eines Lebens ändert sich die Lebenszufriedenheit (Frey, Frey Marti, Glück: die Sicht der Ökonomie, 2010). Was man gern als die U-Kurve des Glückes bezeichnet, beschreibt, dass die Lebenszufriedenheit, ob bei Frauen oder Männern, in der Jugend hoch ist, Mitte 40 auf einen Tiefpunkt sinkt und dann wieder steigt. Der kanadische Psychoanalytiker Elliott Jaques hat den Begriff »Midlife-Crisis« geprägt. Kieran Setiya, Professor für Philosophie am Massachusetts Institute of Technology (MIT), vermutet hinter der »Mid-Career-Crisis« das Schwinden der Wahlmöglichkeiten, die Tyrannei der Projekte, die eines nach dem anderen abgeschlossen und durch neue ersetzt werden, das Fokussieren auf das Beheben von Problemen, anstatt Projekten von existenziellem Wert nachzugehen, und letztendlich auch das Wissen, dass ein kompletter Bruch mit dem Bestehenden zwar gut, aber nicht machbar sein könnte. »Die Zufriedenheit liegt immer entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit; kein Wunder, dass sich die Gegenwart leer anfühlt. Und was noch schlimmer ist: Wenn ein Projekt für Sie eine Bedeutung hat, dann ist nicht nur Ihre Befriedigung aufgeschoben, sondern Ihre Arbeit an dem Projekt zerstört seine Bedeutung.« (Setiya: Die Krise in der Karrieremitte, 2019). Man ist irgendwie geneigt zu hinterfragen, ob stetiger – um nicht zu sagen monotoner – Erfolg auf einem gewissen Niveau überhaupt glücklich macht. Der wahrgenommene Erfolg verliert vielleicht mit der Zeit an Kraft. Und so könnte auch die Zufriedenheit unter objektiv gleichbleibenden Rahmenbedingungen sinken. Es drängt sich der Verdacht auf, dass das stetige Arbeiten an sicheren, bekannten Projekten, ohne immer wieder einmal etwas Neues, etwas anderes zu machen, sogar unglücklich machen könnte.

Die Europäische Wertestudie (European Value Study) hat sich das Monitoring von Werthaltungen, Einstellungen und Wertewandel in der Gesellschaft schon seit Jahren zur Aufgabe gemacht. Zwischen 1990 und 2018 hat beispielsweise die Bedeutung von Freizeit, Familie und Freunden in der österreichischen Bevölkerung deutlich zugenommen. Im Jahr 2018 haben nur mehr knapp die Hälfte der Österreicher (48 Prozent) der Aussage zugestimmt, dass Arbeit im Leben sehr wichtig sei. Im Jahr 1990 waren es noch 62 Prozent. Wohingegen sich die Einstellung zu guter Bezahlung nicht wesentlich geändert hat, wird es immer wichtiger, im Beruf die Möglichkeit zu haben, eine eigene Initiative zu entfalten, die Arbeitszeiten mitgestalten zu können und einen Beruf mit Verantwortung auszuüben. All das unterstützt schon früher gemachte Beobachtungen, dass Arbeit als Teil der Persönlichkeitsentfaltung und Selbstverwirklichung fungiert (Aichholzer, Friesl, Hajdinjak, Kritzinger: Quo vadis, Österreich? Wertewandel zwischen 1990 und 2018, 2019). Arbeit ist also auch der Selbstverwirklichungsebene der maslowschen Bedürfnishierarchie zuzuordnen. Hoffentlich lässt sich das für immer mehr Menschen auch entsprechend umsetzen und mit der gleichzeitig steigenden Bedeutung von Freizeit, Familie und Freunden unter einen Hut bringen. Im Wandel der Zeit ändern sich also die Vorstellungen darüber, was das Leben lebenswert macht. Das ist nicht weiter verwunderlich. Wir leben allerdings in ein und derselben Gegenwart mit verschiedenen Generationen. Und hier scheint der Wandel über die Vorstellungen darüber, was Erfolg im Leben ist, immer wieder für Diskussionen zu sorgen.

»Es ist die Katastrophe. Die Haltung, nichts Wesentliches mehr ändern, nichts Großes mehr leisten, nichts Wegweisendes mehr erreichen zu wollen, breitet sich immer weiter aus. Und das, während die Menschheit vor großen Aufgaben steht. Oder vielleicht gerade deswegen? Weil man vor lauter Anforderungen lieber gar nicht mehr hinschauen will? Das Klima kollabiert, die Meere werden zugemüllt, die Populisten übernehmen Regierungen, die digitale Revolution bedroht Unternehmen und Arbeitsplätze – und jene, die sich der Probleme annehmen sollten, fragen erst einmal nach dem Handy, der Überstundenregelung und ihrer persönlichen Work-Life-Balance?«, schreibt die Betriebswirtschaftsprofessorin Evi Hartmann in ihrem 2018 erschienenen Buch Ihr kriegt den Arsch nicht hoch: Über eine Elite ohne Ambition. Vor Verallgemeinerungen gilt es natürlich zu warnen, und es gab und gibt solche und solche in allen Generationen in allen Gegenwarten. Aber auch die Vertreter der angesprochenen Generationen selbst plädieren dafür, dass sich die Unternehmen auf den Wertewandel in der Arbeitswelt einstellen müssen. Immer mehr junge Menschen wollen heute flexibler, freier und selbstbestimmter arbeiten – Freiheit und Freizeit ist ihnen wichtiger als Geld (Burkhart: Die spinnen, die Jungen! Eine Gebrauchsanweisung für die Generation Y, 2016). Nach über einem Vierteljahrhundert, das ich nun schon junge Menschen an Universitäten unterrichte, schließe ich mich mit meinem ganz persönlichen Eindruck Kerstin Bund, der Autorin des Buches Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen, an: Die wollen arbeiten, nur eben anders.

Einer erfüllenden Arbeit nachzugehen, ist ohne Zweifel für viele Menschen ein wesentlicher Parameter für ein glückliches und »erfolgreiches« Leben. Es muss angesprochen werden, dass die Gruppe jener Menschen, die unfreiwillig keine Arbeit haben, in der Gesellschaft keine Stimme hat, sich eventuell zurückzieht und dann empfänglich für populistische Strömungen werden kann. Für gar nicht wenige wird ihre Arbeit aber dieser Vorgabe auch nicht gerecht. Und für wieder viele Menschen stehen die Erfolgserlebnisse, die sie als ihre größten aufzählen würden, in gar keinem Zusammenhang mit Arbeit. Das macht natürlich auch Sinn. Erfolge kann man in vielen Zusammenhängen feiern. Erfreulicherweise ist für viele eine Leistung auch dann ein anzustrebendes Ziel, wenn sie nicht zu für jedermann sichtbaren, quantifizierbaren Erfolgsergebnissen führt. Unglaublich vieles wird auf dieser Welt geleistet, was zu selten oder oft gar nicht von Erfolg im quantifizierbaren Sinn gekrönt ist. Es zählt einfach zu den größten Leistungen und Erfolgen der Menschheit, einem traurigen Menschen Trost zu spenden, einem Pflegebedürftigen bei ganz alltäglichen Dingen zu helfen, einem Menschen auf der Flucht ein Zuhause zu bieten, einem einsamen Menschen Zeit zu schenken, für einen Fragenden eine Antwort zu finden oder einem Kind Geborgenheit zu geben. Die Liste all dieser so wichtigen, primär sinnstiftenden Leistungen wäre unendlich erweiterbar.

»Also was ist Erfolg? Was bedeutet es, ein gutes, erfolgreiches Leben zu leben beziehungsweise leben zu können? Eine allgemeingültige Antwort darauf kann es nicht geben. Ich persönlich kann dem Ansatz der Mitglieder des Redaktionsteams der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft, Tobias Hürter, Rebekka Reinhard und Thomas Vašek einiges abgewinnen. Zum einen geht es um die Unterscheidung von drei Arten von Erfolg, die aber natürlich auch Überlappungen aufweisen. Der ökonomische, quantifizierbare Erfolg, der aus Leistung genauso wie aus Zufall resultieren kann, wird vom ästhetischen Erfolg unterschieden, der mit kreativen Tätigkeiten wie Kochen, Musizieren, Schreiben, Tanzen und vielem mehr im Zusammenhang steht und natürlich einem subjektiven Urteil unterliegt. Und schließlich gibt es noch eine dritte Erfolgsart – den sogenannten ethischen Erfolg, der für das objektiv Gute steht und zum Beispiel der Wissenschaft oder der Ökologie dient. Die Autoren schlagen aber vor allem vor, statt vom ›Erfolg‹ eines Menschen, von seinem ›Werk‹ zu sprechen. Dieser Begriff beschreibt sowohl das Tätigsein selbst (am Werk sein) als auch das Ergebnis, ein Werk mit Bestand, das den Tag überdauert. Das Werk, das Lebenswerk, ob nun künstlerisches, wissenschaftliches oder unternehmerisches Tun, soziales Engagement oder die Erziehung der Kinder, macht zu Recht stolz, weil es das Ergebnis unseres Wirkens und nicht des Zufalls ist (Hürter, Reinhard, Vašek: ›Das Märchen vom Erfolg‹, 2015).«

»Es ist nicht ein biologischer Antrieb oder unser Belohnungs- und Bestrafungs-Trieb, sondern es ist einfach unser Wunsch, unser Leben voll Sinn zu führen, es selbst zu gestalten und dabei unsere Fähigkeiten zu erweitern.« (Pink: Drive: Was Sie wirklich motiviert, 2010).

Natürlich kann man nichts dagegen haben, dass Menschen gern glücklich sind. Der Ansatz, es sei Erfolg genug, wenn man selbst nur glücklich und zufrieden ist, muss allerdings aus verschiedenen Gründen hinterfragt werden. Und einen Zusammenhang zwischen Glück und Erfolg kann man ohnedies nur bedingt ausmachen, wohl wissend, dass es in der Kunst, der Wissenschaft, dem sozialen Engagement, der Wirtschaft und vielem mehr schon so oft und so viele beeindruckende Lebenswerke von unglücklichen beziehungsweise unzufriedenen Menschen gegeben hat. Das schließt umgekehrt aber natürlich wiederum nicht aus, dass ein erfolgreiches Lebenswerk auch glücklich machen kann und soll. Es sagt aber auch nicht, dass eine in Aussicht gestellte Erfolgsgarantie glücklicher macht. Und die Geschichte hat noch etwas gezeigt: Ob ein Werk unter – im finanziellen, politischen oder gesellschaftlichen Sinn – »sicheren«, zielgerichteten Bedingungen durchgeführt wurde, oder ob »unsicher« ans Werk gegangen wurde, lässt nicht unbedingt Voraussagen über seinen Erfolg zu. Es ist selbstverständlich in vielen Zusammenhängen notwendig und sinnvoll, sich Ziele zu setzen, auf die man hinarbeiten kann. Und ohne Extra Miles kein Erfolg. Das gilt für das persönliche Leben genauso wie für das strategische, unternehmerische Handeln. Das Arbeiten mit dem vorhersehbaren Ziel und Resultat vor Augen macht aber weder unbedingt glücklicher, noch ist es notwendigerweise erfolgreicher als ein Streben, ohne automatisch auf einen bekannten Endpunkt zuzusteuern. Das ist eine Tatsache, die jeder, der in der Grundlagenforschung arbeitet, kennt und sogar schätzt. Es ist aber auch klar, dass viel ungerichtetes »Am-Werk-Sein« letztendlich irgendwann und immer wieder einmal zu ganz konkreten Produkten und in weiterer Folge Innovationen führen kann. Und umgekehrt dienen viele endliche Ansätze (einzelne Projekte) großen Konzepten und Ideen (ganzen Prozessen), so wie etwa die Entwicklung konkreter Solargeräte den Anstrengungen gegen den Klimawandel dient, oder ein einzelnes Geschäft dem Wachstum des Unternehmens nutzt.

Erfolg zu haben, indem man sich auf die bekannte Zukunft strategisch einstellt, ist überlebenswichtig. Aber solch ein Vorgehen wird erst gemeinsam mit dem ergebnisoffenen Ausschauhalten nach dem Sinn, um sich selbst auch immer wieder einmal zu »etwas anderem« herauszufordern, um nicht nur den gängigen gesellschaftlichen Symbolen für Leistung entgegenzufiebern und um dem Unvorhersehbaren seine Chance zu geben, zu einem Ganzen, zu einem wirklich erfolgreichen Werk beziehungsweise Lebenswerk.

Für die Zukunft Neues erschaffen

Im Jahr 2010 gründeten wir den Thinktank Academia Superior – Gesellschaft für Zukunftsforschung, dessen wissenschaftlicher Leiter ich neben meiner universitären Hauptbeschäftigung seitdem bin. Dieser Think- und Dotank (www.academia-superior.at) wird von einem großen wissenschaftlichen Beirat unterstützt, in dem ein Nobelpreisträger für Medizin genauso vertreten ist wie zum Beispiel Historiker, Rechtswissenschaftler, Ökonomen, Mathematiker, Wirtschaftsjournalisten oder Physiker. Das Ziel von Academia Superior ist es letztendlich, klare Handlungsempfehlungen zu erarbeiten, die Chancen und Potenziale für die Gestaltung der Zukunft eröffnen sollen. Das zentrale Element dabei ist das seit zehn Jahren jährlich stattfindende Surprise-Factors-Symposium. Im Zuge dieser Symposien haben wir immer mit Gästen aus verschiedensten Disziplinen über die größten Entdeckungen, Entwicklungen und Überraschungen der letzten Jahre in ihren jeweiligen Fachbereichen diskutiert. Was war das Unvorhersehbare, das Unvorhersehbarste in der jeweiligen Disziplin? Wie geht man mit der unbekannten Zukunft um, und was lernt man daraus? Wie bereitet man sich auf die Zukunft vor? Neben vielen österreichischen Expertinnen und Experten haben wir diese Fragestellungen zum Beispiel mit dem US-amerikanischen Wirtschaftsjournalisten und ehemaligen Herausgeber des Harvard Business Review, Alan Webber, der US-amerikanischen Datenanalystin bei E-Bay, Gayatri Patel, dem US-amerikanischen Mathematiker John L. Casti, der dänischen Schriftstellerin Janne Teller, dem britischen Kybernetiker Kevin Warwick, dem deutschen Politiker Hans-Dietrich Genscher, der saudischen IT-Beraterin und Initiatorin von »Woman2Drive« Manal al-Sharif, dem polnischen Friedensnobelpreisträger Lech Wałȩsa, der britischen Sportadministratorin Susan Campbell, dem US-amerikanischen Gesundheitsexperten David Katz, der Schweizer Computergrafik-Wissenschaftlerin Nadia Magnenat Thalmann, dem Psychologen und Stanford-Professor Michal Kosinski oder der US-amerikanischen Kriegsfotografin Andrea Bruce (um nur einige zu nennen) diskutiert. Eine der wohl wesentlichsten Komponenten einer zukunftsorientierten Gegenwart, so die immer wieder geäußerte Ansicht, ist die grundlegende Bereitschaft, sich einzubringen und neue Wege zu beschreiten, um Lösungen zu finden.

Glück, Erfolg und das Betreten von unbekanntem Land haben sogar so manches gemeinsam. Sie sind zu Schlagworten der modernen Welt geworden, die sehr oft und, weil auch nicht ganz einfach zu präzisieren, sehr breit verwendet werden. Alle wollen es, niemand weiß so recht, wie es zu erreichen ist, aber alle sind sich sicher, ohne Kreativität und ohne eine ordentliche Portion harte Arbeit ist es nicht zu schaffen. Das Wichtigste aber ist die flächendeckend anzutreffende, tiefe Überzeugung, dass Glück, Erfolg und neue Wege zu gehen, zu den mächtigsten Elementen einer gestaltenden Gegenwart gehören. Ob das mit einem generalisierten Verständnis für die Bedeutung blühenden Fortschrittes für den Menschen zu tun hat, sei einmal dahingestellt.

»Unter philosophischen, politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen oder etwa medizinischen Aspekten betrachtet, Fortschritt entsteht immer durch Veränderung in menschlichen Gesellschaften und führt zu grundlegenden Verbesserungen. Sowohl in der neolithischen Revolution am Übergang von den Jägern und Sammlern zu den Siedlern und Ackerbauern, als auch in der industriellen oder der digitalen Revolution, die Schritte hin zum Besseren wurden durch gezielte, von Menschen gemachte Veränderungen befördert. Die entsprechende ethische Abwägung vorausgesetzt und eine manchmal blauäugige Fortschrittsgläubigkeit moderner Gesellschaften auch durchaus kritisch gesehen, haben aber sicher nicht alle, aber zumindest viele ›Fortschritte‹ der Menschheitsgeschichte im Kern das Ziel verfolgt, die Welt für den Menschen besser zu machen. Ja, so manche haben das nicht nur nicht erreicht, sondern sogar das Gegenteil bewirkt. Aber andererseits, was alles hat der Mensch in seiner Geschichte bewerkstelligt. Sowohl die Anzahl als auch das Ausmaß der Verbesserungen sind wahrlich beeindruckend. Ob in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Lebenserwartung, Chancengerechtigkeit, Sicherheit, Wohlstand, Freiheit und vielem mehr – es besteht kein Zweifel daran, dass es der Menschheit noch nie so gut ging wie heute. Und all das ist das Resultat des Fortschrittes (Rosling: Factfulness, 2018; Pinker: Enlightenment Now, 2018).«

Es bleibt zu hoffen, dass es der größte Wunsch aller Menschen, ob Wissenschaftler, Künstler, Personen, die im Sozialbereich arbeiten, Politiker, Lehrer, Eltern, Handwerker, Unternehmer etc. ist, die Welt durch ihr Wirken, ihr Lebenswerk, durch den Erfolg ihrer Ideen oder Handlungen, um ein Stück weit besser zu machen. Ein wesentlicher Aspekt dreht sich dabei darum, seine Talente und all die harte Arbeit einzusetzen, um etwas Neues zu erschaffen.

Und es gibt wahrlich noch viel zu tun. In so vielen Bereichen wie beispielsweise Klima, Armut, Hunger, Bildung, Gesundheit, Menschenrechte, Ethik, die Gefahr eines Atomkrieges, Pandemien, der Einfluss disruptiver Technologien aus der Verschmelzung von Bio- und Informationstechnologie, die Flüchtlingsproblematik, Terrorismus, Rassismus oder auch Populismus herrscht immer noch dringender Bedarf an kreativen, innovativen Lösungsansätzen. Bei allen Komponenten, die das Überleben des Menschen gefährden, tritt global immer mehr, aber auch immer noch zu wenig Übereinstimmung ein. Aber zum Beispiel bei politischen oder wirtschaftlichen Fragestellungen gibt es keine globale Übereinstimmung, keine gemeinsame Identität oder Loyalität. Die Frage, was denn nun das Bessere wäre, wird nicht selten global und lokal (»glokal«) kontrovers diskutiert. Aber neben den großen, medial äußerst präsenten und daher weltweit debattierten, gibt es noch unzählige »kleinere«, aber deswegen nicht unwichtige Fragestellungen, für die Lösungen mehr als dringend gebraucht werden. Und wir alle müssen täglich in unserem Alltag unzählige Probleme lösen. Ganz allgemein ist zu sagen, dass eine zu geringe Kreativität, eine zu geringe Lust auf Neues in der Gegenwart die Zukunft des Menschen aufs Spiel setzen würde. Der Mensch muss immer wieder seine Komfortzone verlassen. Und Krisensituationen oder gar die Todesangst vor einer Virus-Erkrankung sollten dafür eigentlich nicht notwendig sein.

»Geht es im wirtschaftswissenschaftlichen Zusammenhang darum, etwas Neues zu erschaffen, trifft man unweigerlich auf ein Schlagwort – Innovation. Ausgehend von den Arbeiten des österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter (Schumpeter: The Theory of Economic Development, 1912) unterscheidet man zwischen Invention (der Erfindung) und Innovation. Inventionen sind die zugrunde liegenden Ideen vor der Markteinführung, wohingegen Innovationen deren Umsetzung und Verwertung am Absatzmarkt darstellen. Und wenn eine Innovation schließlich gewinnbringend verbreitete Anwendung am Markt findet (sich verkaufen lässt) und sich durchsetzt, spricht man gern auch von Diffusion. So verstanden, handelt es sich dementsprechend erst dann um eine Innovation, wenn das Resultat kreativen Denkens und Lernens zu Produkten, neuen Verfahren oder Dienstleistungen führt, die sich am Markt auch verwerten lassen und durchsetzen.«

Innovationen in diesem ökonomischen Sinn sind unverzichtbare Hebel des Fortschrittes des Menschen. Dennoch wird aus sehr nachvollziehbaren Gründen der Begriff »Innovation« heute wesentlich breiter definiert und verwendet. So brauchen wir zum Beispiel Innovationen für den Klimaschutz, innovative Konzepte im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte oder etwa eine innovative Europapolitik. Speziell, wenn es etwa um globale Herausforderungen für die Menschheit geht, hat bereits in den letzten Jahrzehnten eine breitere Definition und Anwendung des Innovationsbegriffes Fuß gefasst (Meissner, Polt, Vonortas: Towards a broad understanding of innovation and its importance for innovation policy, 2016).

»Innovation is the generation of new products or services that have a market and that people are willing to spend money on. But this definition is somewhat limited, in my opinion. A broader definition describes innovation more as a mindset; a way of looking at the world. An approach that questions the usual and helps create the unusual«, sagt Professor Soumitra Dutta, der Mitherausgeber von zwei wichtigen internationalen Innovationsberichten, dem Global Innovation Index (in Kooperation mit der World Intellectual Property Organization) und dem Global Information Technology Report (in Kooperation mit dem World Economic Forum in Davos) (Dutta: It’s about creating something unusual, 2016). Der Global Innovation Index vergleicht die Länder dieser Welt nach ihrer Innovationskraft, ihrer Innovationsleistung. Unter Berücksichtigung vieler Input-Indikatoren wie etwa das politische und wirtschaftliche Umfeld, Humanressourcen, Bildung, Infrastruktur, Forschung und Entwicklung, entsprechende Investitionen etc. und Output-Indikatoren wie zum Beispiel wissenschaftliche und technologische Leistungen oder neu entwickelte kreative Produkte etc. wird an jedes Land ein Innovation Score vergeben. Seit Jahren belegt die Schweiz hier weltweit den Spitzenplatz, im Jahr 2019 gefolgt von Schweden, den USA, der Niederlande, dem United Kingdom, Finnland, Dänemark, Singapur, Deutschland, Israel, Korea, Irland, Hongkong, China, Japan, Frankreich, Kanada, Luxemburg, Norwegen, Island und Österreich (um die ersten 21 bis zu Österreich zu nennen; www.globalinnovationindex.org). Es gibt auch ein entsprechendes European Innovation Scoreboard der EU-Kommission, das im Jahr 2019 von Schweden angeführt wurde, gefolgt von Finnland, Dänemark, den Niederlanden, Luxemburg, Belgien, dem United Kingdom, Deutschland, Österreich, Irland, Frankreich usw. Die europäischen Schlusslichter bilden Bulgarien und Rumänien (zu finden unter www.ec.europa.eu). Auch der österreichische Rat für Forschung und Technologieentwicklung bewertet jedes Jahr in einem detaillierten Leistungsbericht die Stärken und Schwächen des österreichischen Forschungs-, Technologie- und Innovationssystems im internationalen Vergleich (www.ratfte.at/leistungsberichte.html). Österreich ist durchaus ein Forschungsland. Allerdings besteht noch Luft nach oben, etwa im Bildungssystem, bei kompetitiv vergebenen Mitteln für Grundlagenforschung, den Rahmenbedingungen für Unternehmensgründungen, bei Risikokapital oder dem Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Andererseits unternimmt Österreich aber gerade viele begrüßenswerte Anstrengungen, um zu den sogenannten Innovation-Leaders aufzuschließen. Länder mit natürlichen Rohstoffen, die oft sogar als Forschungs- und Innovationsbremse wirken, können es sich leisten, die Ergebnisse von Innovationsketten aus anderen Ländern zu kaufen. Billiglohnländer verfolgen oft die Strategie, das, was andere erfinden, einfach nur viel billiger zu produzieren. Aber für Länder (beziehungsweise Unternehmen in diesen Ländern), die diese Optionen auf Dauer nicht haben, gilt: innovate or die.

»Das Wort Innovation leitet sich von dem lateinischen Verb innovare ab und bedeutet daher ›Erneuerung‹. Verwendet wird der Begriff ›Innovation‹ heutzutage in vielen verschiedenen Fachgebieten und Anwendungsbereichen. In der Geisteswissenschaft beschreibt er das Forschen nach neuen Erkenntnissen, in der Wirtschaft bezeichnet man so das am Markt erfolgreiche Resultat von Forschung und Entwicklung, in der Kunst und Kultur sucht man neue innovative Ausdrucksformen oder Designinnovationen, man spricht von sozialen Innovationen bei neuen sozialen Praktiken, die gut für die Gesellschaft und ihre Mitglieder sind, der Begriff »Bildungsinnovationen« beschreibt Erneuerungen im Bildungsbereich, juristische Innovationen spiegeln sich oft in neuen Gesetzen wider, es werden internationale Preise für politische Innovationen vergeben, es besteht dringender Bedarf an Umweltinnovationen, man spricht sogar von innovativer Kindererziehung und vielem mehr.«

Innovationen werden häufig nach ihrem Ziel kategorisiert. Die so entstehenden Kategorien weisen oft Überlappungen auf, was strikte Abgrenzungen unmöglich macht. Eine gängige Unterscheidung wird zwischen Produktinnovationen und Prozessinnovationen getroffen. Erstere inkludieren materielle und immaterielle Werke, also etwa das Smartphone oder eine entsprechende Kundendienstleistung. Eine große und relevante Gruppe stellen die sogenannten Technologieoder Verfahrensinnovationen dar. Dazu zählt man zum Beispiel auch die Entwicklungen neuer digitaler Technologien. Innovationen können etwa genauso die Organisation eines Unternehmens betreffen. Es gibt Innovationen, die Geschäftsmodelle (beispielsweise die Geschäftsstrategie) oder den Service (etwa das Betreuen von Reklamationen) betreffen, und es gibt auch zum Beispiel Managementinnovationen. Bei den sogenannten Umweltinnovationen wie neuen Konzepten für den Umweltschutz oder den Sozialinnovationen wie etwa neue Strategien zur Bekämpfung von Hunger, Armut oder Chancenungleichheit ist eine Verwertung am Markt im finanziellen Sinn nicht das Ziel. Politische, urbane oder zum Beispiel juristische Innovationen verfolgen nicht selten ein größeres Spektrum an verschiedenen Zielen. Auch diese Aufzählung könnte noch weitergeführt werden.

Eine andere Unterteilung hat wiederum mehr den Entstehungsprozess und die Auswirkungen von Innovationen im Fokus. Auch hier herrschen viele Unschärfen, und die Frage, welche Attribute einer Innovation zuzuschreiben sind, ist nicht selten Auslegungssache. Letzteres gilt gerade für die Unterscheidung zwischen inkrementellen Innovationen, die Weiterentwicklungen von bereits Bestehendem (Evolution) sind, und sogenannten radikalen Innovationen, deren Neuheits- und Veränderungsgrad höher eingestuft wird (Revolution). Allerdings werden vor allem auch in der digitalen Welt Begriffe wie »radikal« oder »Revolution« mittlerweile nahezu inflationär verwendet. Aber das absolute Lieblingswort und Must-have einer vom Silicon Valley inspirierten Innovationswelle ist »disruptiv« (zerstörerisch). Wagniskapitalgeber überzeugen zu wollen, ohne eine disruptive Innovation im Angebot zu haben, scheint immer mehr ein Ding der Unmöglichkeit zu werden. Der Ursprung dafür liegt in dem Konzept der »Schöpferischen Zerstörung« – ein Begriff, der schon früher entstand, aber erst durch die Arbeiten Joseph Schumpeters zur Basis dessen werden konnte, was später »disruptive Innovation« genannt wurde. Dieser Begriff wurde von Clayton M. Christensen, Professor an der Harvard Business School, geprägt. Wohingegen etablierte Unternehmen sehr oft auf erhaltende inkrementelle Innovationen (Sustaining Innovations) setzen, beginnen neue kleinere Unternehmen (Start-ups) mit disruptiven Innovationen soweit am Markt zu wachsen, bis sie die etablierte Konkurrenz, die sie übersieht, verdrängen (Christensen: The Innovator’s Dilemma, 1997). Der im Jahr 2020 verstorbene Wirtschaftswissenschaftler musste sich auch mit Kritik an seiner Theorie auseinandersetzen. So manche argumentieren schon seit Jahren, dass sich aber eben oft auch solche Unternehmen durchsetzen, die erfolgreich step by step innovieren, ohne jemals disruptive Konzepte auf den Markt zu bringen. Dennoch steht fest, dass das Wort »disruptiv« gerade in Zeiten der digitalen Revolution zu einem Leitbegriff des Wandels geworden ist.

Der Begriff Closed Innovation beschreibt einen Prozess, bei dem Forschung, Entwicklung und Umsetzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit vom »Labor« bis zum Patent und dann erst zur Anwendung am Markt betrieben werden. Demgegenüber gibt es aktuell einen Trend hin zur Open Innovation, die sich nicht innerhalb der Grenzen der Institution beziehungsweise des Unternehmens bewegt. Demand Pull Innovations oder Market Pull Innovations werden durch Wünsche vom Markt initiiert. Professor Eric von Hippel vom Massachusetts Institute of Technology hat schon vor geraumer Zeit das Konzept der User Innovation geprägt, bei dem das Feedback der Kunden das Unternehmen dazu bringt, einen entsprechenden Innovations-prozess in Gang zu bringen. Der Autor und Silicon Valley-Entrepreneur Eric Ries hat das Konzept der Lean-Start-ups entworfen, bei dem mit wenig Kapital Unternehmen gegründet werden, die mit einem reduzierten Produktzyklus möglichst schnell Prototypen auf den Markt bringen und dann anhand des Feedbacks der Kunden weiterentwickeln. Technology Push Innovations nennt man solche, bei denen für neue Technologien entsprechende Anwendungsansätze gesucht beziehungsweise entwickelt werden. Cross Innovations kommen dann zustande, wenn übergreifend über Branchen und Disziplinen gedacht und entwickelt wird. Auf einem Kongress habe ich einmal den Speaker und Cross-Industry-Innovationsexperten Ramon Vullings kennengelernt (www.ramonvullings.com). Vullings hat im April 2020 eine E-Mail versendet, in der er aufgezeigt hat, wie viele Cross Innovations im Zuge der COVID-19-Pandemie entstehen. Aus was alles man zum Beispiel Mund-Nasen-Schutzmasken herstellen kann und welche Unternehmen aus ganz anderen Branchen sich da eingebracht haben, ist wahrlich beeindruckend. Im österreichischen Rat für Forschung und Technologieentwicklung haben wir uns auch mit der Thematik der frugalen Innovationen beschäftigt. Frugale Innovationen sind vereinfachte, anwendungsorientierte, in der Regel günstige Entwicklungen auf dem Technologieniveau, das beim Kunden den gewünschten Nutzen erzeugt.

Auf der Ebene des Individuums wird Kreativität, die schöpferischen Kraft eines Menschen, als alternativloser Ausgangspunkt für Innovationsfähigkeit gesehen. Dr. Frederik G. Pferdt ist Googles Chief Innovation Evangelist (Head of Innovation & Creativity Programs) und unterrichtet an der d.school der Stanford University kreatives Denken. Die d.school – offiziell The Hasso Plattner Institute of Design – wurde im Jahr 2005 dank der Finanzierung des SAP-Gründers Hasso Plattner mit dem Ziel ins Leben gerufen, den Studenten Kreativität und Innovationskraft mittels Design Thinking zu lehren (»The d.school helps people develop their creative abilities.«). Frederik G. Pferdts Aufgabe ist es, den Mitarbeitern von Google auf der ganzen Welt dabei zu helfen, kreativ und innovativ zu sein: »Um innovativ zu sein, braucht der Mensch Vertrauen in die eigenen Ideen. Und das entwickelt sich am besten in einem Umfeld, das auf Neues positiv und im wahrsten Sinne neugierig reagiert.« (Pferdt: »Ja – und?«, 2016).

»Es besteht kein Zweifel, dass Innovationskraft auf der Ebene des individuellen Menschen sowohl ausgeprägten Mut, Neuland zu betreten, als auch eine hohe Kreativität voraussetzt. Die Thesen dieses Buches beziehen sich nicht auf Innovation im rein wirtschaftswissenschaftlichen Sinn, sondern vielmehr auf Inspirationen, Entdeckungen, vernetztes Denken, Querdenken, Kreativität und Ideenreichtum.«

Damit sich eine Innovation im ökonomischen Sinn durchsetzt, damit sie sich am Markt gewinnbringend verwerten lässt, damit man am Ende des Tages daraus ein Geschäftsmodell entwickeln kann, damit man die Konkurrenz in Schach halten kann und damit sich nachhaltig Gewinne erwirtschaften lassen, bedarf es noch vieler zusätzlicher Komponenten: entsprechende Finanzierungsstrategien, eventuell Produktionsstrategien, sicher immer Kosten-Nutzen-Kalkulationen, Marktanalysen, Vermarktungskonzepte, Werbung, Vertriebskonzepte, Kundenbeziehungsnetzwerke, die entsprechenden rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und vieles mehr. Andererseits muss betont werden, dass auch viele dieser Umsetzungsprozesse vom Ideenreichtum und der Kreativität des individuellen Menschen abhängig sind und dementsprechend dadurch auch nachhaltig positiv beeinflussbar sind.

Nicht jede Idee ist erfolgreich umsetzbar, weil dafür noch viele andere Komponenten notwendig sind und viele zusätzliche Schritte entworfen und gegangen werden müssen. Umgekehrt ist aber doch der Ursprung der meisten Innovationen eine neue Idee, unabhängig, ob sie zum Beispiel neue Produkte oder Leistungen betrifft oder dazu führt, bereits bestehende Innovationen erfolgreich auf neuen Märkten einzusetzen. Zusätzlich ist der Umsetzungsprozess von Ideen immer zweifelsfrei auch von der individuellen Kreativität des Menschen geprägt. Vielleicht noch mehr Kraft entwickelt Kreativität unter dem Gesichtspunkt einer heutigen breiten Anwendung des Begriffes »Innovation« wie zum Beispiel im Zusammenhang mit künstlerischen Innovationen, sozialen Innovationen, Bildungsinnovationen oder Umweltinnovationen.

Sich für das Vorhersehbare und für das Unvorhersehbare rüsten

»Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern darauf, auf die Zukunft vorbereitet zu sein.« (Perikles, 5. Jahrhundert vor Christus)

Im Zusammenhang mit der von dem SARS-CoV-2-Virus ausgelösten COVID-19-Pandemie wurden immer wieder Fragen diskutiert wie »War das nicht vorhersehbar?« oder »Konnte man sich auf das nicht besser vorbereiten?«. Immer wieder tauchte dabei der Begriff »Schwarzer Schwan« auf, der für ein Ereignis steht, das selten und höchst unwahrscheinlich ist, unerwartet eintritt, enorme Konsequenzen hat und im Nachhinein oft einfach zu erklären ist. Nassim Nicholas Taleb, auf den dieser Begriff zurückgeht (Taleb: Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse, 2008), hat aber darauf hingewiesen, dass er selbst globale Pandemien als weiße Schwäne bezeichnet hat. Ein weißer Schwan ist ein Ereignis, das mit Gewissheit irgendwann eintritt. Dementsprechend ist es auch nicht entschuldbar, darauf nicht vorbereitet zu sein (Taleb, Spitznagel: »Die Corona-Pandemie ist kein schwarzer Schwan«, 2020). Damit reiht er sich in die lange Liste all jener ein, die das Risiko von Pandemien immer mit kalkuliert haben. Weltweit entsprechend auffällig kommuniziert wurde, dass der Microsoft-Gründer Bill Gates bereits 2015 vor einer solchen gewarnt hat. Aus verschiedensten Gründen wurde Gates in Corona-Zeiten das Ziel von wüsten Verschwörungstheorien und Fake News, inklusive Behauptungen, er plane, die Menschheit durch Mikrochips unter der Haut zu kontrollieren. Solche und viele andere Hoaxes (Falschmeldungen, die weiterverbreitet werden) über Bill Gates gab es etwa auf Twitter und Facebook. Die beliebtesten YouTube-Videos, die Fake News und Verschwörungstheorien zu Gates und Corona verbreiteten, wurden im März und April 2020 mehrere Millionen Male angesehen. Dass Pandemien die Menschheit immer wieder heimgesucht haben und heimsuchen werden, war und bleibt vorhersehbar. Die dritte Pest-Bakterien-Pandemie kostete beispielsweise am Ende des 19. Jahrhunderts weltweit 12 Millionen Menschen das Leben, in den Jahren 1918–1920 fielen vielleicht etwa 50 Millionen Menschen der Spanischen Grippe zum Opfer, seit Anfang der 1980er-Jahre sind etwa 39 Millionen Menschen an dem durch das HI-Virus (HIV) ausgelösten Immunschwächesyndrom (AIDS) gestorben, und seit November 2019 begannen die Übersterblichkeitsraten in verschiedensten Ländern im Zuge der COVID-19-Pandemie zu steigen. Auch wenn man oft nicht genau weiß, wann, wo und mit welchen Konsequenzen, die Tatsache, dass Pandemien zur selten eintretenden, aber vorhersehbaren Zukunft gehören, spiegelt sich seit vielen Jahren in all den entsprechenden Gremien, Sitzungen, Papieren und Konzepten wider, die von den meisten Regierungen dieser Welt zur Vorbereitung darauf initiiert wurden. Wie gut diese Vorbereitungen sind und schließlich im Ernstfall auch umgesetzt werden (können), variiert allerdings international stark.

»Die Corona-Pandemie erinnert mit viel Nachdruck daran, dass das Morgen nicht einfach in eine vorhersehbare Zukunft und eine unvorhersehbare Zukunft unterteilt werden kann. Allgemein gilt es zu sagen, dass es immer vorhersehbarere und weniger vorhersehbare Anteile der Zukunft gibt. Ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass der Grad der Vorhersehbarkeit eine Frage des Gesichtspunktes beziehungsweise des Betrachters sein kann. Was für den einen eher unberechenbar war, war für den Experten auf diesem Gebiet vielleicht eindeutig vorauszusehen. Es gibt zwei Zukünfte, und es gibt vor allem jede Form von Übergängen zwischen diesen beiden (Hengstschläger: ›Zwei Zukünfte‹, 2018.)«

Aus Individualperspektive kann man eigentlich immer nur von vorhersehbareren und unvorhersehbareren Zukunftsanteilen sprechen. Aber wie sieht das in einer heute so global vernetzten Welt aus? Gibt es nicht immer irgendwo irgendwen, der das kommen gesehen hat? Mit dem nötigen Ernst betrachtet, darf man aber schon die Frage stellen, ob die Zukunft heute allgemein vorhersehbarer geworden ist, als sie es früher einmal war, oder ob sie weniger berechenbar geworden ist. Wir leben in einer vermessenen Welt, mit Menschen, die vermessen werden, manchmal freiwillig, oft aber auch unfreiwillig. Und die weltweite Verfügbarkeit von Daten und Informationen war noch nie so hoch wie heute. Nicht nur aufgrund der globalen Riesenunternehmen aus dem Silicon Valley, die möglicherweise ohnedies schon alles über alles und jeden wissen, oder wegen der allgegenwärtigen Überwachung in China, ganz allgemein hat der digitale Wandel den Menschen und die Welt so gläsern gemacht wie noch nie. Wetterdaten, Klimadaten, Unternehmensdaten, Wirtschaftsdaten, Migrationsdaten, Gesundheitsdaten, Daten betreffend Kaufverhalten oder Kommunikation, Mobilitätsdaten und vieles mehr werden gesammelt, gespeichert, ausgewertet und gehandelt wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. All diese Big Data können heute herangezogen werden (immer mehr auch über künstliche Intelligenz), um in der Gegenwart Voraussagen (Predictive Analytics) über die Zukunft zu machen. Und schon könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Zukunft noch nie so kalkulierbar und vorhersehbar war wie heute.

Andererseits verwenden viele den Begriff »volatil«, um die heutige Welt mit ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft zu beschreiben. Volatilität steht für Schwankungen und Unbeständigkeiten in relativ kürzeren Zeitspannen, also für instabile, nicht vorhersehbare, unberechenbare Zustände. Das Akronym, das wie kaum ein anderes aktuell zur Beschreibung des Zustandes der Welt verwendet wird, ist VUKA (volatil, unsicher, komplex, ambivalent). Aber auch die Unvorhersehbarkeit der Zukunft hat schon eine gut belegbare Tradition. Die 1895 geäußerte Zukunftsprognose von Gottlieb Daimler für das 1886 von Carl Benz entwickelte Automobil bescheinigte ihm den Bau von höchsten 5000 Stück, weil schließlich nicht mehr Chauffeure existierten, um Autos zu steuern. Zwei Jahre nachdem Konrad Zuse seine Rechenmaschine Z3, den ersten funktionsfähigen Computer, baute, soll 1943 der IBM-Chef Thomas J. Watson angeblich gesagt haben, dass er glaube, es gäbe weltweit Bedarf an vielleicht fünf Computern. Und als Tim Berners-Lee sein 1989 entwickeltes World Wide Web im Jahr 1991 bei einem Kongress in San Antonio vorstellen wollte, hat man seine Präsentation als nicht spannend genug für das Vortragsprogramm eingestuft. »Die Nazi-Diktatur sahen Politiker ebenso wenig voraus wie später das deutsche Wirtschaftswunder. Von der Ölkrise wurden Ökonomen so überrascht wie Politiker von den 68er-Protesten und der Umweltbewegung. Stattdessen rechnete man in den Sechzigern damit, dass man bald Bergwerke auf dem Mond betreiben würde. Und dass es 1989 zur Wiedervereinigung kommen würde, hielten noch wenige Monate zuvor die Experten für ebenso unwahrscheinlich wie im Jahr 2015 die Möglichkeit, dass ein narzisstischer Aufschneider wie Donald Trump je US-Präsident werden könnte«, schreibt Ulrich Schnabel in der Wochenzeitung Die Zeit (Schnabel: »So kommt das Neue in die Welt«, 2019). Und so manche sprechen sogar schon davon, dass wir in einer VUKA-Welt mit einem völligen Verlust der Vorhersehbarkeit leben – die Gegenwart also immer weniger über die Zukunft weiß.

Ob nun berechenbarer oder unergründbarer, die Zukunft wird heute von vielen Menschen mit dem Gefühl eines immer höheren Veränderungsgrades in Verbindung gebracht. Fast jede Technologie, die schon heute, aber morgen noch viel mehr, unser Leben prägt, hat eine digitale Komponente. Exponentielle Entwicklungen sind zum Markenzeichen des digitalen Wandels mit der Universaltechnologie der künstlichen Intelligenz geworden. Eine Besonderheit unserer Gegenwart ist die Tatsache, dass lineare Entwicklungen gegenüber exponentiellen Prozessen immer mehr in den Hintergrund geraten. Sowohl das Ausmaß als auch die Geschwindigkeit der Veränderung scheint stetig zuzunehmen. Der Eindruck, dass wir in immer hektischeren und schnelllebigeren Zeiten leben, hat sich festgesetzt. Der große Wunsch nach Entschleunigung, der Kampf gegen permanentes Multitasking, Achtsamkeitstraining (Mindfulness), Meditation, das gemütliche Hygge als das dänische Geheimnis des Glückes, aktive Auszeiten vom Smartphone, Digital Detox und die Überwindung der Angst, etwas zu verpassen (FOMO – Fear of missing out), sind nur ein paar wenige der populär gewordenen Bemühungen, wieder Geschwindigkeit herauszunehmen. Es scheint zurzeit aber alle Strömungen zu geben. Für viele Menschen, und nicht nur für jene in der Midlife-Crisis, scheint nämlich das alltäglich Erlebte keine Befriedigung zu bieten und Vorhersehbarkeitsgrad und Monotonie wiederum zu hoch zu sein. Für jene können Freizeit und Urlaub nicht aktions- und temporeich genug sein, vollgepackt mit »Abenteuern« wie permanenten Social-Media-Chats in Echtzeit, Wochenendshopping, Tinder-Bekanntschaften oder Partymeilen. Und doch scheint die Mehrheit der Menschen ihre berufliche und private Welt auch ohne all das schon als immer hektischer, stressiger und psychisch belastender zu erleben. Auf viele Menschen kommt die Zukunft zumindest gefühlt einfach zu schnell und mit zu vielen Fragezeichen zu. Auch deshalb nehmen psychische Erkrankungen in unserer Gegenwart stark zu, bis hin zur Berufsunfähigkeit aus psychischen Gründen.

»Ich hatte in meiner Jugend einmal ein kurzfristiges Interesse an Punk (aber auch an anderen Jugendbewegungen), habe manchmal Punk-Musik gehört und mich sogar manchmal entsprechend ge[ver]kleidet. Ein richtiger Punk war ich jedoch nie. Dafür könnte man viele Begründungen aufzählen. Eine, die mir heute im Nachhinein als bedeutend erscheint, ist die Tatsache, dass mir auch der Slogan der Punkbewegung »No Future« nie wirklich zugesagt hat. Selbst wenn man diesen Slogan auch so interpretieren kann, dass, wenn es keine Zukunft gibt, man doch gerade jetzt etwas bewirken kann (Bude: Gesellschaft der Angst, 2020) – ich persönlich war immer ein Fan der Gegenwart mit einem ganz speziellen Hang für die Zukunft. Ich habe immer an die Zukunft geglaubt. Ich wollte im Jetzt meinen Teil beitragen und wollte gleichzeitig immer wissen, was mir die Zukunft bringen wird. Warum aber will der Mensch die Zukunft überhaupt vorhersehen? Eigentlich hatte die Zukunft in der Gegenwart schon immer Hochsaison: das Orakel von Delphi im antiken Griechenland, die Seherin Kassandra aus der griechischen Mythologie, Auguren im alten Rom, die den Götterwillen aus dem Flug und Geschrei der Vögel lasen, die Prophezeiungen des Nostradamus, all die Kartenleger und glas-kugel-affinen Wahrsager bis hin zur Krake Paul, die bei der Weltmeisterschaft 2010 Fußballspielergebnisse voraussagte. Der Mensch will etwas über die Zukunft wissen, weil er gegenwärtige Entscheidungen und Handlungen von dem abhängig machen will, was kommen wird.«

Und das ist natürlich sehr verständlich und auch sehr gut so. Zumindest wenn die Voraussagen auf etabliertem Wissen und bereits gemachten Erfahrungen basieren. Der Ansatz, sich für die Zukunft zu rüsten, mündet zumeist außerdem auch automatisch – manchmal mehr und manchmal weniger – in die Gestaltung derselben. Um in der Gegenwart entsprechende Entscheidungen treffen zu können, muss die Zukunft auch keinesfalls hundertprozentig kalkulierbar sein. Natürlich kann und soll man hier auch mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Wer das blinkende Licht der Sturmwarnung am Seeufer sieht, weiß, dass die Wettervorhersage (die noch nie so treffsicher war wie heute) eine stürmische Zukunft voraussagt. Wenn man daraufhin mit seinem Segelboot den sicheren Hafen aufsucht, nimmt man enormen Einfluss auf seine Zukunft. Spätestens seit der neolithischen Revolution hat der Wetterblick in die Zukunft eine ganz besondere Bedeutung für den Homo sapiens als Ackerbauer. Wenn man bei einem Gesundheitscheck (auch diese Checks waren noch nie so aussagekräftig wie heute) von einem erhöhten Risiko, in Zukunft an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder an Diabetes zu erkranken, erfährt, kann man durch eine entsprechende Adaptierung seiner Lebensgewohnheiten betreffend Rauchen, Alkohol, Ernährung, Fitness oder Stress seine Zukunft gestalten. Und unternehmerische Entscheidungen sind stets von vielen Parametern und Daten (die noch nie in einem solchen Ausmaß zur Verfügung standen und berechnet wurden wie heute) abhängig, anhand derer man versucht, dem Mysterium Zukunft etwas auf die Schliche zu kommen. Das ist quasi das tägliche Geschäft erfolgreichen Unternehmertums. Wer sich in der Gegenwart auf die Zukunft vorbereitet, gestaltet also die Zukunft auch. Es ist nachvollziehbar, ja sogar einzumahnen, dass man sich in der Gegenwart für die Zukunft, die man schon kennt, mit gerichteten, bewährten Strategien rüstet. Und wenn bewährte Konzepte dafür noch nicht existieren, macht es natürlich Sinn, solche ergebnisorientierten Strategien dafür zu entwickeln. Man kann sich aber nicht auf alles vorbereiten, und man kann sich nicht für alles rüsten. Außerdem kann es sein, dass man Abwägungen treffen muss, indem man sich auf das Wahrscheinlichste vorbereitet und dadurch das Unwahrscheinlichere jetzt einmal nicht mitberücksichtigen kann. Aber selbst wenn es nicht so wahrscheinlich ist, absichern will man sich gegen alles, was man schon weiß und was eintreten könnte. Man will sich versichern. Und jene, die uns versichern, wollen ihr Risiko dann auch noch einmal versichern – Rückversicherungen versichern Versicherungen. Wir würden uns am liebsten gegen alles Mögliche absichern. Das alles betrifft den reaktiven Anteil des Sich-Rüstens für die Zukunft. Reaktiv deshalb, weil wir uns in all diesen Fällen auf etwas einstellen, für etwas ab- und versichern und unsere Entscheidungen auf etwas abstimmen, was so oder so ähnlich schon einmal da gewesen ist. Die dabei gemachten Erfahrungen, das in diesem Zusammenhang bestehende Wissen, ermöglicht es uns, die Gegenwart entsprechend darauf abzustimmen und damit die Zukunft mitzugestalten. Und bei vielen Entscheidungen, von denen der Mensch täglich Tausende trifft, spielt Intuition auf der Basis von Erfahrungen eine große Rolle. Wir könnten gar nicht so unzählige, oft auch kleine Entscheidungen in so kurzer Zeit fällen, würden wir in jedem Fall in Ruhe darüber nachdenken müssen.

Es braucht viele neue Ideen, um Lösungen für Fragestellungen entwickeln zu können, von denen man schon weiß, dass sie kommen werden. Aber was, wenn die Zukunft so gut wie nicht beziehungsweise gar nicht bekannt ist? Was, wenn keinerlei Erfahrungen dafür zur Verfügung stehen? Und schon sieht man wieder schwarze Schwäne vor den Augen. John Casti hat in diesem Zusammenhang zum Beispiel den Begriff »X-Event« geprägt. Ein X-Event ist demnach ein von Menschen verursachtes Ereignis, das nicht genau vorhersagbar ist. Die Strategien sind natürlich ganz andere als bei gut vorhersehbaren Ereignissen, aber auch gegen X-Events kann man sich absichern (Casti: Der plötzliche Kollaps von allem, 2012). Eines der wesentlichsten Gestaltungselemente der Gegenwart ist es, etwas Neues, noch nie Dagewesenes zu schaffen, mit dem man einerseits vielleicht einmal Fragen beantworten kann, die man heute noch gar nicht kennt, weil sie erst morgen kommen. Andererseits aber sind Entdeckungen, Erkenntnisse, neues Wissen und innovative Technologien, die in der Gegenwart entwickelt werden, in der Lage, eine Zukunft entstehen zu lassen, die ohne sie nie gekommen wäre.

WAS WISSENSCHAFT (NICHT) KANN – vom ungerichteten zum gerichteten Menschen?
Die Verbesserung des Menschen?

Die COVID-19-Pandemie wurde zur weltweiten Bühne für ein hoch emotionalisiertes Schauspiel der Gegensätze zwischen den Hoffnungen der Menschen an die Wissenschaft und den realen aktuellen Möglichkeiten der Wissenschaft. Aber wo steht die Forschung mit all ihrem die Natur des Menschen betreffenden Wissen heute wirklich? Was ist von den nicht mehr verstummen wollenden Prognosen zu halten, dass sich der Homo sapiens am Sprung zu einer Transformation auf ein nächstes Level befindet? Schreibt das Zusammenfließen von Gen- und Informationstechnologie gerade den Beginn einer neuen Menschheitsgeschichte? Welche von den Investoren des Silicon Valleys geschürten Erwartungen lassen sich bald oder zumindest irgendwann einmal in die Wirklichkeit umsetzen? Ist die Lösung für alles in Form eines immerzu fehlerfrei und reibungslos funktionierenden Menschen in greifbarer Nähe? Der Philosoph Immanuel Kant hat die großen Fragen, mit denen sich der Mensch beschäftigen soll, wie folgt formuliert: »Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?« Wagen wir einen Blick.

Der Mensch ist das Resultat von Mutation und Selektion. Auch wenn man die Evolutionstheorie untrennbar mit dem Namen Charles Darwin und seinem 1859 veröffentlichten Buch On the Origin of Species: By Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life verbindet, die spannendsten Befunde dazu, zum Beispiel aus der Molekulargenetik, gab es damals natürlich noch nicht. Was Darwin schon wusste, war, dass Organismen sich in der Natur exponentiell vermehren können, ihre Nahrungsgrundlage aber oft nur linear wächst. Varianten von Individuen, die gegenüber anderen von Vorteil sind, werden den Kampf um die limitierten Ressourcen gewinnen und einen Fortpflanzungsvorteil daraus ziehen (»survival of the fittest«). Heute weiß man, dass jeder Mensch mit seinem individuellen genetischen Erbgut (Genom), bestehend aus etwa 3,3 x 109 Basenpaaren DNA (die Basen der DNA heißen Adenin, Thymin, Guanin, Cytosin), geboren wird. Nach den Regeln des sogenannten genetischen Codes stehen immer drei aufeinanderfolgende Basen für eine Aminosäure. Ein definierter Abschnitt der DNA, der bestimmte Informationen repräsentiert, kann als Gen bezeichnet werden. Wie viele Gene der Mensch genau hat, ist immer noch nicht endgültig aufgeklärt. Aktuell sprechen viele von 21 000 bis 22 000. Gene werden im Körper über sehr sensible und stark regulierte Prozesse in Proteine, die aus Aminosäuren bestehen, übersetzt. Proteine übernehmen in unserem Körper unzählige verschiedene Aufgaben beim Aufbau und bei der Funktion von Körperzellen, Geweben und Organen. Mutationen sind zufällige Veränderungen im Genom, die sowohl vorteilhafte als auch ungünstige Auswirkungen haben können. Mutationen sind also ungerichtete Ereignisse, die, wenn sie Keimzellen betreffen, auch an die nächste Generation vererbt werden können. Im Laufe der Evolution vermitteln die meisten Mutationen letztendlich negative Effekte auf die Überlebenschance ihrer Träger, manche können sich aber günstig auswirken. Selektion ist ein hochdynamischer Prozess, weil die Frage, ob eine Mutation vorteilhaft oder nachteilig ist, von einer Umwelt abhängt, die sich in einem permanenten Veränderungsprozess befindet. Der österreichische Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal schreibt in seinem Buch Mensch: Woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen dazu: »Letztendlich verdanken Menschen als eines der Topmodelle der Evolution ihre Existenz vielen in der Stammesgeschichte entstandenen Schlüsselinnovationen. Aber die Evolution hat nicht intelligent geplant, sondern pragmatisch gebastelt – auch und besonders am Organ des Geistes, dem Gehirn.« Und an anderer Stelle: »Evolution ist kein auf ein Ziel hin orientierter Prozess.«

Vollständigkeitshalber sei an dieser Stelle erwähnt, dass es den Begriff »gerichtete Evolution« in der Wissenschaft auch gibt. Dieser Begriff beschreibt aber ein Verfahren, mittels dem man im Labor Proteine, Nukleinsäuren und Enzyme gezielt herstellen kann. Für die Entwicklung dieses biotechnologischen Verfahrens erhielt die US-Forscherin Frances H. Arnold im Jahr 2018 den Chemie-Nobelpreis.

Im Zuge der Evolution entstand das Konzept der sexuellen Fortpflanzung, das unter anderem dafür sorgt, dass genetische Diversität erhalten und noch gesteigert werden kann. Der Begriff »Rekombination« beschreibt dabei ablaufende Prozesse, über die dafür Sorge getragen wird, dass sowohl zwischen den Mitgliedern verschiedener Generationen, aber auch zwischen den Mitgliedern der gleichen Generation ein signifikantes Maß an genetischer Verschiedenartigkeit existiert. Abgesehen von eineiigen Zwillingen, deren Genom (aber nicht ihr Epigenom – die DNA-Modifikationen, die die Aktivität von Genen regulieren) gleich ist, ist die DNA jedes Homo sapiens einzigartig. Auch wenn etwa 99,9 Prozent des Erbguts zweier Menschen identisch sind, sind die individuellen genetischen Unterschiede von großer Relevanz. Der genetische Unterschied zwischen zwei Menschen, wenn man ihn in Prozent der gesamten DNA ausdrückt, erscheint zugegebenermaßen eigentlich gering, aber er bildet gemeinsam mit den für jeden Menschen individuellen Umwelteinflüssen aller Art (die natürlich auch bei eineiigen Zwillingen nicht gleich sind) die Basis menschlicher Individualität. Diese genetische Individualität des Menschen ist im Zusammenspiel mit der genetischen Vielfalt aller Organismen unseres Planeten auch Teil des evolutiven Konzepts, höchstmögliche Resilienz gegenüber neuen Umweltbedingungen aufrechtzuerhalten. Man könnte es wagen, daraus den Schluss zu ziehen, dass sich die Evolution durch das permanente ungerichtete Bereitstellen möglichst vieler »genetischer Antworten« auf die Unvorhersehbarkeit ihrer Zukunft vorbereitet.

Die natürliche Selektion findet ohne Einwirkungen des Homo sapiens statt. Der Mensch hat aber mindestens seit dem Holozän (Nacheiszeit) über Züchtungen in die Evolution von Tieren und Pflanzen zielgerichtet eingegriffen. Die dabei stattfindende gerichtete Auswahl von Individuen mit vom Menschen erwünschten Eigenschaften führt zu künstlicher Selektion, da die anderen von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden. Findet eine Auslese von Individuen durch Fortpflanzungsvorteile gegenüber Geschlechtsgenossen derselben Art statt, spricht man von sexueller Selektion. Die menschliche Evolution ist in der Gegenwart noch am Laufen, und der Mensch nimmt auch darauf immer mehr Einfluss. Einerseits, indem er die Umwelt und die Selektionsbedingungen selbst stark verändert und mitbestimmt. Der Klimawandel muss als sehr prominentes Beispiel dafür genannt werden, und es muss auch gleich die Frage aufgeworfen werden, ob sich der Homo sapiens evolutiv an diese Bedingungen anpassen könnte. Allgemein ist zu sagen, dass die Hoffnung auf evolutionäre Anpassung als Argumentation für die Untätigkeit des Menschen nicht taugt. Nicht nur, weil dafür wohl die Zeit nicht mehr reichen wird, sondern auch aus unzähligen anderen Gründen ist der Kampf gegen den Klimawandel und seine Konsequenzen unverzichtbar. Der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht beschreibt, dass, wenn es zusätzlich zu der Bewältigung des Klimawandels nicht gelingt, das enorme aktuelle Artensterben aufzuhalten, sich die Welt in naher Zukunft dramatisch verändern wird. Und wenn man auch heute weiß, dass das Bevölkerungswachstum irgendwann von allein abflachen wird, so wird doch bis dahin bereits eine enorme Krisensituation eintreten (Glaubrecht: Das Ende der Evolution: Der Mensch und die Vernichtung der Arten, 2019).

Ein anderes Beispiel wäre Laktoseintoleranz, also Verdauungsprobleme nach dem Verzehr von Milchprodukten, die evolutiv die ursprünglich »normale« Variante für den Menschen darstellt. Doch nach dem Siegeszug der Viehzucht in der westlichen Welt war es ein Selektionsvorteil, Milchprodukte gut zu vertragen. Und daher hat das Auftreten der Laktoseintoleranz in diesen Breiten, im Gegensatz zu Südafrika oder China, extrem abgenommen. Andererseits nimmt der Mensch auch über das Vorantreiben des medizinischen Fortschrittes und seine sich ausbreitende Anwendung Einfluss auf seine eigene Evolution. Die Medizin hatte und hat vielschichtige Auswirkungen auf den Menschen, auf seine Überlebenschance, seine Reproduktion, die Anzahl gesunder Jahre im Leben, die Lebenserwartung und vieles mehr. Ein Beispiel dafür, wie schnell Evolution heute noch abläuft und sich der medizinische Fortschritt auf die menschliche Biologie auswirken kann, leitet sich aus den Forschungsergebnissen des Evolutionsbiologen Philipp Mitteröcker von der Universität Wien ab. Ein bekanntes Dilemma der Evolution stellt die Tatsache dar, dass ein breites weibliches Becken zwar die Chance, auch große Kinder mit hohen Überlebenschancen zu gebären, steigert, aber gleichzeitig ein nicht allzu breites Becken für den aufrechten Gang von Vorteil ist. Bemerkenswerterweise hat die Zunahme von Kaiserschnittgeburten seit etwa 1950 bereits eine evolutionäre Veränderung dieser anatomischen Dimensionen bewirkt (Mitteröcker, Huttegger, Fischer, Pavlicev: Cliff edge model of obstetric selection in humans, 2016.)

»Schon seit Menschengedenken beeinflusst sich also der Homo sapiens auch selbst. Und das soll er auch, denn er kommt unfertig mit seinem individuellen Genom zur Welt und muss sich durch seine Umwelt, Erziehung und durch seine eigene Tätigkeit erst ›entwickeln‹ (lassen). Die Vorstellungen darüber, was das Ziel dieses lebenslangen Arbeitens an sich selbst sein könnte oder sollte, haben sich in der Geschichte permanent gewandelt und bleiben bis heute zwischen verschiedenen Kulturen durchaus unterschiedlich. Aber der Traum vom ›Verbessern‹ des Menschen oder gar von des Menschen ›Optimum‹, also von dem, was der Naturforscher, Schriftsteller und Philosoph der Aufklärung, Jean-Jacques Rousseau, einmal als Perfectibilité, als unendlich fortsetzbares Streben des Menschen nach Perfektion, bezeichnete, zieht sich als immer wiederkehrendes Motiv durch die gesamte Menschheitsgeschichte (siehe auch Hengstschläger: Eine genoptimierte Menschheit?, 2016).«

Und dennoch – schon einmal das, was die meisten Menschen als die erstrebenswerteste Basis für diesen Prozess ansehen, nämlich gesund zu sein und zu bleiben, ist einerseits alles andere als einfach und wirft andererseits auch viele Fragen auf. Der Gesunde – im Gegensatz zum Kranken – als das Optimum des Menschen ist zweifelsfrei ein bedeutendes Konzept, das aber eben auch nicht schon alles gewesen sein kann. Ein erfülltes und erfolgreiches Leben beinhaltet eindeutig mehr, als »nur« gesund zu sein. Und mehr kranke Menschen als vielleicht oft gedacht, führen ein sehr erfülltes produktives Leben. Hinzu kommt, dass die Grenzen zwischen »gesund« und »krank«, oder einfach nur »anders« fließend und daher schwer zu ziehen sind. Zum Beispiel Verhaltensauffälligkeiten, der Zustand der Psyche oder körperliche Eigenschaften – bis wann eigentlich ist etwas nur anders als bei anderen und ab wann spricht man dabei von krank? Und welchem beträchtlichen Wandel unterlagen die Ansichten darüber im Laufe der Menschheitsgeschichte? Ein Wandel, der durch die enorme Zunahme an Wissen über die Natur des Menschen bestimmt war und auch von Moden und der Veränderung gesellschaftlicher Normen abhängig zu sein scheint. Womit der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, recht oder nicht recht hatte, sei einmal dahingestellt, aber seine Beiträge dazu und Ansichten darüber, was als »normal« und nicht als »verrückt« und was als »seelisch krank« einzustufen ist, haben die Welt zweifelsfrei verändert. Und gerade der, dem wir so viel Wissen über das Wesen des Menschen verdanken, wird zitiert mit dem Satz: »Der Mensch ist so armselig, wenn er nichts will, als am Leben zu bleiben.«

»Der Zusammenhang zwischen dem Verbessern des Menschen und der Frage nach seiner Gesundheit drängt sich auf. Viele der modernen Innovationen der Medizin, von Medikamenten bis hin zu anderen, beispielsweise chirurgischen Innovationen, die für das erstrebenswerte Konzept des Erhaltens oder Wiederherstellens des gesunden Urzustandes entwickelt wurden, können auch für andere Zwecke eingesetzt werden. Sehr oft sind es heute gerade diese medizinischen Entwicklungen, die als Handwerkszeug gesehen und verwendet werden, um des Menschen Optimum zu erweitern, mit dem Ziel, noch nie da gewesene Stufen zu erreichen. Der Mensch, so scheint es zumindest, hat sich die Möglichkeiten geschaffen, seine individuellen Grenzen zu verschieben, und hat damit seinem Enhancement Tür und Tor geöffnet.«

Grundsätzlich kann die Tatsache, dass der Mensch unfertig startet und durch lebenslanges Lernen seinen Geist und durch körperliche Ertüchtigung seinen Organismus »optimieren« kann, auch seiner Kreativität und seinem Ideenreichtum dienen. Und die Hoffnung lebt, dass die Tatsache, dass das individuelle Verständnis darüber, was für wen das Bessere ist, schließlich auch zur Individualisierung beiträgt. Körperliche Eigenschaften, handwerkliches Geschick, Kunst und Kultur, Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften, soziale Kompetenzen – die Liste dessen, was das individuelle Ziel seiner Anstrengungen sein kann, scheint nahezu unendlich erweiterbar. Und die Individualität erlebt dabei ihre wundersame Vermehrung noch zusätzlich dadurch, dass das Verständnis darüber, was besser ist, äußerst unterschiedlich ist. Oder muss man in diesem Zusammenhang davor warnen, dass Modeerscheinungen, allgegenwärtige Werbung, gesellschaftlicher Druck auf nicht der Norm entsprechende Individuen, die heute nahezu globale digitale Vermittlung allgemein erstrebenswerter Trends, die Angst vor Shitstorms nach dem Vertreten von Ansichten abseits des Mainstreams, Durchschnittsfrömmigkeit und vieles mehr zu einer beängstigenden Gleichmacherei führen? Diente das permanente Verbessern seines Selbst in Urzeiten vielleicht noch der Erlangung eines Fortpflanzungsvorteils, so zeigt sich heute immer öfter, dass dominante gesellschaftliche Trends, wie etwa einem falschen Schönheitsideal folgende (ver-)hungernde Modells, tatsächlich eher zum Gegenteil führen können. Wer kann überhaupt wissen, was morgen das Bessere wäre? Wer soll darüber bestimmen dürfen?

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09 ноября 2024
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271 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783711053046
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