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Der Mephisto-Club
Maria Anne Anders


© 2020 OCM GmbH, Dortmund

Gestaltung, Satz und Herstellung: OCM GmbH, Dortmund

Verlag: OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de

ISBN 978-3-942672-80-1

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Inhalt

1  Der Schulbasar

2  Der Sprinter

3  Überredungskünstler

4  Mephisto

5  Mitfahrer

6  Der Mephisto-Club

7  Besuchszeit

8  Friedewald

9  Hauptstadt

10  Chaostruppe

11  Nachwirkungen

12  Schlussbemerkung

13  Über die Autorin

14  Über den Verlag

15  Buchvorstellung

Der Schulbasar
oder warum Tannenzapfen mit Glitter
perfekte Weihnachtsgeschenke sind

Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin nur der Beobachter meines eigenen Lebens. Als wäre ich nicht ich selbst, sondern jemand, der eher zufällig in meiner Nähe steht und mich beobachtet. Manchmal ist es auch so, als würde ich über mein Leben lesen, über das ein anderer bereits vor langer Zeit geschrieben hat:

Jan langweilt sich sehr. Jan fragt sich, warum ausgerechnet er und sein Freund Karim für diesen Standdienst eingeteilt wurden. Er fragt sich außerdem, wo Karim so lange bleibt, und ob er vielleicht seinen Dienst schwänzen wird.

Ich meine, klar, jetzt gerade erzähle ich wirklich über mich.

Warum ich das mache? Keine Ahnung. Vielleicht will ich diesem Mysterium Jan Branner (das bin ich) etwas näherkommen – oder zumindest der Frage, warum ich mich nicht rechtzeitig in den Arbeitsplan des Basars eingetragen habe. Hätte ich mir doch ausrechnen können, dass ich sonst am uncoolsten Stand unserer Schule lande.

Wahrscheinlich werde ich kein einziges dieser Bastel-Dinge loswerden, die die Fünft- und Sechstklässler produziert haben.

Das ist natürlich der Moment, in dem meine Mutter die Bühne betritt: Sie hat ihren Geldbeutel bereits gezückt, bestimmt mit dem festen Vorsatz, mindestens zwanzig Euro auszugeben. Allerdings gerät sogar sie ins Schleudern, als sie sieht, was wir verkaufen.

„Was ist das?“ Sie deutet auf den Stapel Briefpapier, das Karla und Franzi aus der 6b gebastelt haben. Sie haben dafür Bilder aus Zeitschriften ihrer Eltern ausgeschnitten und auf weiße Papierbögen geklebt.

„Sieht interessant aus“, sagt mein Vater und greift nach einem Bogen, der mit dem Bild einer Schauspielerin im gelben Badeanzug beklebt ist.

Gut, dass meine Mutter sich bereits weggedreht hat. Sie beugt sich über den Pappkarton, in dem die Tannenzapfen liegen, die mit bunten Glittersternen beklebt sind.

„Wie viel kosten die?“

„Drei Euro das Stück.“ Ich muss mich anstrengen, ernst zu bleiben. Eigentlich soll ich die hässlichen Zapfen für dreißig Cent verkaufen oder vier Stück für einen Euro. Aber wenn ich die Preise so niedrig ansetze, müsste meine Mutter den ganzen Stand leerkaufen, um ihre zwanzig Euro auszugeben.

Mein Vater schiebt seine Brille auf der Nase nach vorne, um einen Tannenzapfen genauer zu betrachten. „Ganz schön viel Klebstoff“, stellt er fest.

„Das soll Schnee sein“, sage ich schnell. „Ein schneeüberzogener Weihnachtsbaum.“

„Er ist perfekt“, entscheidet meine Mutter. „Ich nehme drei Stück davon für Tante Constanze.“

Mein Vater verdreht die Augen.

„Drei Stück kosten zehn Euro“, sage ich. „Dann gibt es ein Blatt Briefpapier gratis dazu“.

Ich wickle den Papierbogen mit dem gelben Badeanzugmodel um die drei Tannenzapfen und überreiche das Päckchen meiner Mutter. Sie guckt mich ein bisschen irritiert an, hält dann aber den Zwanzigeuroschein über den Tisch, während sie mit der anderen Hand das Papier-Tannenzapfen-Knäuel in ihre Handtasche stopft.

„Stimmt so“, sagt sie laut. „Behalte die zwanzig Euro. Ist ja für einen guten Zweck.“

Man muss meiner Mutter lassen, dass sie eine Begabung für den richtigen Moment hat. Denn genau in diesem Augenblick ist unser Rektor, Herr Obertheim, genannt der Oberst, an den Stand getreten.

„Bravo“, sagt er zu meiner Mutter. „Andere Eltern sollten sich ein Beispiel an Ihnen nehmen.“

Was für ein Beispiel, denkt er, sind Mütter, die ihren Schwägerinnen potthässliche Tannenzapfen mit Glitter schenken?

„Ach, das ist doch nicht der Rede wert.“ Meine Mutter lächelt bescheiden. „Wir müssen schließlich die jungen Basteltalente unterstützen.“

Mein Vater hüstelt, was verdächtig nach einem unterdrückten Lachen klingt.

„Ich glaube, Pape* muss etwas trinken“, sage ich. „Im Erdgeschoss verkauft die 12b Glühwein.“

„Doch nicht etwa mit Alkohol?“ Meine Mutter wirft dem Rektor einen schockierten Blick zu, und ich könnte schwören, dass er gerade um zwei Zentimeter geschrumpft ist.

„Der Glühwein wird natürlich nur an Eltern verkauft“, sagt er.

„Und unter Vorlage eines Lichtbildausweises“, ergänzt Karim. Ich habe gar nicht gemerkt, dass er an unseren Stand getreten ist. Er hat eine Tasse in der Hand.

„Für uns gibt es alkoholfreien Punsch. Das schmeckt ganz ausgezeichnet. Möchten Sie probieren?“ Karim hält meiner Mutter die dampfende Tasse hin.

„Ach, du netter Junge“, sagt meine Mutter und winkt ab. „Komm, Hans-Jürgen, lass uns den Punsch-Stand suchen.“ Sie zieht meinen Vater am Mantelärmel, und der lässt sich bereitwillig abführen. Seit ich das Wort Glühwein erwähnt habe, ist sein Blick nämlich weniger finster als zuvor.

Auch die Miene des Rektors hellt sich auf, nachdem meine Mutter verschwunden ist. Er kehrt unserem Stand schnell den Rücken zu, wahrscheinlich um nicht selbst in Verlegenheit zu kommen, zerrupfte Papiersterne oder Krippenfiguren aus Salzteig kaufen zu müssen.

„Ach, auch hier?“, frage ich, als Karim sich zu mir hinter die Tischreihe zwängt. „Ich dachte schon, du wirst den Standdienst schwänzen.“

„Ich lasse doch meinen Kumpel nicht im Stich.“ Karim zwinkert mir zu. „Außerdem ist der Glühwein echt gut.“ Er schiebt mir die Tasse zu.

„Igitt, was ist das?“ Der stechende Geruch hält mich gerade noch rechtzeitig davon ab, an der Tasse zu nippen.

„Feuerzangenbowle“, sagt Karim und nimmt einen kräftigen Schluck. „Ich muss mir Mut antrinken.“

„So schlimm ist der Standdienst auch wieder nicht.“

„Hast du die Neuigkeiten noch gar nicht gehört?“ Karim macht eine vielsagende Kopfbewegung zum Stand schräg gegenüber. Dort, neben dem Treppenabgang, hat sich die Mathe-AG postiert; drei Tische, die in Hufeisenform aufgestellt sind.

„Häh“, ist alles, was mir dazu einfällt.

„Mensch, Jan. Jetzt schau doch mal genau hin“, sagt Karim.

Aber ich entdecke nichts Auffälliges. Hinter den Hufeisentischen stehen drei Mädchen aus der Oberstufe und verteilen ihr Mathequiz an alle, die vorbeigehen. Immer wieder bleibt einer der älteren Jungs am Stand stehen und versucht sich an den Aufgaben. Wobei die Jungs definitiv weniger durch die Preise motiviert werden, die es für richtig gelöste Aufgaben zu gewinnen gibt (ausgemusterte Mathebücher). Der einzige Grund, warum überhaupt jemand den Stand der Mathe-AG beachtet, ist vermutlich, dass sie alle heimlich in Pawlowka verknallt sind, die gerade ihren Kopf in den Nacken wirft und ihre langen Superhaare schüttelt, während sie laut auflacht. Den beiden Jungs, die sich eigentlich auf ihre Matheaufgaben konzentrieren sollten, fallen dabei fast die Stifte aus der Hand oder die Augen aus dem Kopf oder so.

„Echt peinlich, wie die sich an Pawlowka ranschmeißen“, sage ich zu Karim. „Sie hat doch einen Freund. Und seit wann sind ihre Haare eigentlich pink?“

„Du hast wieder mal überhaupt nichts mitbekommen.“

„Hat sie die Haare denn schon länger gefärbt?“

„Ich meine das mit Benny. Pawlowka hat mit ihm Schluss gemacht.“

„Bravo“, imitiere ich die Stimme unseres Rektors. „Andere Mädchen sollten sich ein Beispiel an Pawlowka nehmen.“ Karim und ich sind uns nämlich darin einig, dass Benny der größte Kotzbrocken aller Zeiten ist. Am Schulkiosk drängt er sich immer nach vorne. Als Karim sich einmal darüber beschwert hat, hat Benny ihm den Ellbogen noch fester gegen die Schulter gerammt und ihn als kleinen Hosenscheißer bezeichnet.

Wie gesagt, Benny ist ein Arsch. Leider sehen das viele an unserer Schule anders, besonders die Mädchen. Er ist eben ein besonders hübscher Arsch, wie Karim immer sagt. Und außerdem spielt er Fußball in der Kreisliga, und seine Noten sind auch ziemlich gut.

Ich finde das beängstigend.

„Was meinst du, soll ich mein Glück versuchen?“, fragt Karim und nickt wieder in Richtung des Mathe-Standes.

„Ich dachte, du stehst wegen Mathe auf der Kippe.“

„Du kannst ja die Aufgaben für mich lösen“, schlägt Karim vor. Mathe ist nämlich das einzige Fach, in dem ich immerhin auf einer Zwei stehe.

„Beim Wettbewerb haben doch nur Leute aus der Oberstufe eine Chance“, sage ich. „Und außerdem will ich kein altes Mathebuch gewinnen.“

„Ich auch nicht. Aber irgendwie muss ich an Pawlowka rankommen.“ Karim legt seine flache Hand auf die Brust und starrt den Mathe-Stand an.

„Echt jetzt?“, frage ich. „Sie ist doch viel zu alt für dich.“

„Du verkennst meine geistige Reife.“ Karim klingt gekränkt. Seine Hand tastet schon wieder nach der Glühweintasse.

Ich ziehe die Tasse außer Reichweite und greife nach dem Papierkorb, der unter dem Tisch steht (wahrscheinlich, um nach dem Basar die Bastelsachen entsorgen zu können). Kurz entschlossen kippe ich die Feuerzangenbowle in den Eimer.

„Was soll das?“, protestiert Karim.

„Jemand mit deiner geistigen Reife muss sich keinen Mut antrinken. Und außerdem solltest du an deine Vorbildfunktion denken.“

„Häh?“

„Immerhin sind wir so etwas wie Vorbilder für die Jüngeren. Sagt meine Mutter immer.“

„Seit wann glaubst du an den pädagogischen Quatsch, den deine Mutter erzählt?“

„Auf jeden Fall glaube ich, dass Pawlowka nicht auf kleine Jungs steht, die sie mit Alkoholfahne anhauchen.“

„Wie groß bist du noch mal?“

Vielleicht bin ich wirklich nur zwei Zentimeter größer als er. In den letzten Wochen hat er einen ganz schönen Wachstumsschub hingelegt.

„Wobei du auch ohne Alkohol keine Chance bei ihr hast“, sage ich schnell.

Ich bin mir nicht sicher, ob er meine letzte Bemerkung noch mitbekommen hat. Karim winkt Djamal zu, der den Korridor entlangkommt. Obwohl die beiden verwandt sind, sieht Djamal aus wie das genaue Gegenteil des pummeligen Karim, der sich in zu weiten Jeans und Kapuzenpullis am wohlsten fühlt. Djamal ist ein Riese, bestimmt zwei Meter groß. Er trägt jeden Tag ein blütenweißes Hemd; sogar jetzt lugt der Hemdkragen unter dem dunkelblauen Pulli hervor.

Karim und er geben sich ein High five, und es folgt ein Wortschwall, von dem ich genau gar nichts verstehe.

„Er ist doch schon seit drei Monaten hier“, beschwere ich mich. Und soweit ich weiß, ist Djamal nur deshalb bei Karims Familie, weil er in Rastatt einen Deutschkurs besucht. Trotzdem ist ihm bisher kein einziges deutsches Wort über die Lippen gekommen. Zumindest nicht in meiner Anwesenheit. Wie will er sich in Berlin verständigen, wenn er nächstes Jahr zum Studium dorthin zieht?

„Er ist halt schüchtern“, verteidigt Karim seinen Cousin.

„Auf Arabisch klingt er überhaupt nicht schüchtern.“

„Auf jeden Fall will er erst Deutsch reden, wenn er es richtig kann.“

„Das kann ja dann nur noch ein paar Jahre dauern.“

Djamal schaut mich an, und ich frage mich, ob er verstanden hat, was ich gesagt habe. Karim murmelt etwas, wobei ein Wort sich seltsamerweise anhört wie Pawlowka. Seit Karims Geständnis spukt mir ihr Name im Kopf herum. Jedenfalls greift er jetzt nach den hässlichen Papierbögen und hält Djamal einen davon unter die Nase. Soweit ich sehe, ist das Papier mit rosa Herzchen und ebenso rosafarbenen Buchstaben beklebt.

„Du glaubst doch nicht, dass dein Cousin uns etwas abkauft?“

Karim redet weiter auf Djamal ein. Und der greift tatsächlich in seine Hosentasche und zieht ein Zwanzigcentstück hervor, das er mir über den Tisch zuschiebt. Karim faltet den Briefpapierbogen ordentlich zusammen und klopft seinem Cousin auf die Schulter. Djamal steckt das Papier in seine Jackentasche und wird etwas rot im Gesicht, als ihm Karim zum Abschied etwas zuruft. Wieder klingt eines der Worte nach Pawlowka. Arabisch ist eine merkwürdige Sprache. Völlig unverständlich. Fast so schlimm wie Französisch, wo alle Wörter klingen, als hätte man sie in Rotwein ertränkt.

„Ich bin ein echtes Verkaufsgenie.“ Karim grinst mich an. Allerdings erstarrt das Grinsen in seinem Gesicht, als plötzlich wieder meine Eltern vor unserem Stand auftauchen. Ich freue mich mindestens genauso sehr wie er, sie zu sehen. Jetzt werde ich vermutlich nie erfahren, wie Karim seinen Cousin dazu gebracht hat, dieses hässliche beklebte Papier zu kaufen.

„Es ist ja so vorbildlich, wie sich die Kinder für einen guten Zweck einsetzen“, erklärt meine Mutter gerade einer Frau, in der ich mit Schrecken meine ehemalige Erdkundelehrerin erkenne.

„Fragt sich nur, ob sie überhaupt wissen, für welchen Zweck wir hier Geld sammeln“, erwidert Frau Dalmann in deutlich nüchternerem Tonfall.

Karim und ich schauen uns an. Karim zuckt genauso mit den Schultern wie ich.

In Frau Dalmanns Augen liegt ein triumphierendes Funkeln.

„Das Waisenhaus in Afrika“, fällt mir gerade rechtzeitig wieder ein. Natürlich, im Foyer sind seit einer halben Stunde Schülerinnen und Schüler der Fünften damit beschäftigt, Weihnachtsgeschenke für die Waisenkinder zu verpacken. Die Fünftklässler werden jedes Jahr dazu verpflichtet. Ich weiß noch, wie ich selbst damals eine Stunde lang versucht habe, ein halbwegs ordentlich aussehendes Päckchen zustande zu bringen. Dieses fiese dünne Papier ist immer an den Knickkanten gerissen. Geschenkeeinpacken wird bestimmt nie meine Kernkompetenz.

„Afrika?“ Frau Dalmann zieht eine Augenbraue nach oben, was kein gutes Zeichen bei ihr ist. Sie seufzt. „Diese Idee, man könne sein Gewissen beruhigen, wenn man an irgendwen in Afrika Weihnachtsgeschenke schickt und Geld spendet. Man weiß noch nicht mal, für welches Land. Und den Ländern geht es genauso schlecht wie zuvor … Oder wisst ihr wenigstens, für welches Land es ist?“ Sie sieht mich erwartungsvoll an.

„Uganda?“, fragt Karim. Und ich befürchte schon, dass Frau Dalmann als nächstes wissen will, wo in Afrika Uganda liegt. Aber glücklicherweise wechselt meine Mutter das Thema.

„Ich habe euch etwas mitgebracht“, sagt sie und hüstelt leise. Ich mache jede Wette, dass sie auch nicht weiß, wo Uganda liegt.

Meine Mutter zieht eine Tüte aus ihrer Handtasche. Ich wundere mich immer wieder neu darüber, was alles in ihrer Handtasche Platz findet.

„Die habe ich bei der Latein-AG gekauft“, erklärt sie. „Nach einem original römischen Rezept gebacken.“

Sie stellt die Tüte vor uns auf den Tisch.

„Kekse?“, fragt Karim.

„Ich dachte, ihr könntet eine kleine Stärkung gebrauchen.“

„Vielen Dank, Frau Branner.“ Karim lächelt meine Mutter an. „Die sehen köstlich aus.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob man das Lorbeerblatt mitessen soll“, bemerkt mein Vater, gerade noch rechtzeitig, bevor Karim sich das Plätzchen in den Mund stecken kann.

„Oh!“ Karim zieht das Grünzeug ab, das unter dem Keks klebt. „Na ja, was nicht tötet, härtet ab.“ Tapfer steckt er sich das Plätzchen in den Mund.

„Gut, oder?“, fragt meine Mutter. Karim reckt beide Daumen in die Höhe, während er noch kaut.

„Ah, da sind ja die von Sterrenbergs“, flötet meine Mutter. Und schon zieht sie meinen Vater wieder am Mantelärmel. Sobald die beiden sich umgedreht haben, greift Karim nach dem Papierkorb und spuckt den Keks aus. Oder zumindest die graue Masse, die davon übrig ist.

„Widerlich“, keucht er, und sieht erschrocken auf, als die Mädchen am Stand der Mathe-AG gegenüber lauthals auflachen.

„Ich glaube, Pawlowka ist endlich auf dich aufmerksam geworden“, bemerke ich.

„Was du nicht sagst“, zischt Karim. „Dann bleibt mir jetzt nichts anderes übrig, als sie mit meinem Charme von mir zu überzeugen.“ Er streicht sich die Haare aus der Stirn und steht auf.

„Was hast du vor?“

Karim schlendert bereits mit betont lässigem Gang auf den Stand der Mathe-AG zu. Wie ein todesmutiger Cowboy in einem alten Western. Wenn man weiß, welches Verhältnis er sonst zur Mathematik hat, ist dieser Vergleich durchaus angebracht.

Ich kann ihn unmöglich im Stich lassen. Kurzentschlossen verlasse ich ebenfalls meinen Posten. Doch ich komme nicht weit. Plötzlich greift jemand nach meinem Arm. Es ist meine Mutter.

„Nanu“, sagt sie. „Euer Standdienst ist doch noch nicht zu Ende.“

„Äh“, ist alles, was ich hervorbringe.

„Wir wollen nur kurz zum Stand der Mathe-AG.“ Karim taucht neben mir auf. „Können Sie uns vielleicht fünf Minuten am Bastelstand vertreten? Das wäre super wichtig für uns.“ Er legt seine Hand auf meine Schulter, und ich stammle etwas von dem Mathequiz.

„Er ist zu bescheiden“, sagt Karim. „Unser kleines Mathe-Ass wird die Aufgaben bestimmt mit links lösen. Also, mit der linken Gehirnhälfte.“

„Du hast aber auch einen guten Einfluss auf Jan“, flötet meine Mutter. „Natürlich vertreten wir euch gern, wenn ihr bei diesem Mathematikwettbewerb mitmachen wollt.“ Sie wirft den von Sterrenbergs einen triumphierenden Blick zu.

„Ähm ja“, verabschiedet sich mein Vater von ihnen und folgt meiner Mutter zum Bastelstand.

„Das Mathetalent hat Jan von dir“, höre ich meine Mutter zu ihm sagen, gerade laut genug, dass es auch die von Sterrenbergs gehört haben müssen.

„Na, wenn sie da nicht mal zu viel versprochen hat“, flüstere ich Karim zu. Aber er streckt schon die Hand aus, um von Pawlowka persönlich die Aufgabenblätter entgegenzunehmen. Mir bleibt gerade noch genug Zeit, mich darüber zu wundern, warum Karim ausgerechnet hier den Kontakt zu ihr suchen muss. Immerhin wohnt sie im Haus neben ihm. Er könnte ihr auch einfach über den Gartenzaun etwas zurufen oder so. Wobei irgendjemand erzählt hat, dass sie momentan bei ihren Großeltern ist. Ihre Eltern machen eine Kreuzfahrt. Oder eine Busfahrt. Irgendetwas Langweiliges, was eben alte Leute so machen, wenn sie in Rente sind und sechs Kinder haben, von denen fünf endlich aus dem Haus sind.

Und schon liegen die Matheaufgaben vor mir.

„Mein Freund hier ist ein echtes Mathe-Genie“, erklärt Karim. „Ich bin ja mehr so sprachbegabt.“

Pawlowka hebt die Hand zum Mund und gähnt.

Karim plappert trotzdem weiter.

„Ich konnte schon alle achtundzwanzig Buchstaben schreiben, bevor ich in die Schule gekommen bin.“

„Sechsundzwanzig“, sagt das Mädchen in dem Pulli mit Weihnachtsgirlandenmuster, das neben Pawlowka steht.

„Sechsundzwanzig? Ist das ein Tipp für die Matheaufgabe?“

„Es sind sechsundzwanzig Buchstaben.“

„Im Arabischen sind es aber achtundzwanzig.“

Jetzt sieht Pawlowka ihn tatsächlich an.

„Hör zu, Karim“, sagt sie, bevor er weiteren Unsinn von sich geben kann. „Du brauchst nicht versuchen, mich zu beeindrucken. Beeindruckt hätte mich vielleicht, wenn ihr bei der Vorbereitung des Basars geholfen hättet.“

„So toll ist dieser Basar auch wieder nicht. Du müsstest mal auf einen richtigen Basar …“

„Du kapierst auch gar nichts“, unterbricht ihn Pawlowka. „Weißt du was? Du und dein Freund, ihr seid die uninteressantesten Jungs, die ich kenne. Schaut euch doch mal um. Alle anderen hier haben sich engagiert und Dinge für unsere Weihnachtsaktion vorbereitet. Aber euch ist das alles egal. Und jetzt schwänzt ihr auch noch euren Standdienst.“

Das hat gesessen.

„Ich bin total engagiert“, protestiert Karim trotzdem.

Pawlowka verdreht die Augen.

„Willst du jetzt das Quiz machen oder nicht?“ Das Weihnachtsgirlandenmädchen wedelt mit dem Aufgabenbogen vor seinem Gesicht herum. „Wenn nicht, dann mach Platz für andere, die sich wirklich dafür interessieren.“

„Hah“, macht Karim.

Er glaubt genauso wenig wie ich daran, dass sich hier irgendjemand für etwas anderes interessiert als für Pawlowka.

„Und was ist mit dir?“ Pawlowka verschränkt ihre Arme vor der Brust und sieht mich herausfordernd an. „Willst du mich auch anmachen?“

„Nee, ich bin nur wegen der Matheaufgaben hier“, behaupte ich und schiebe ihr meinen Aufgabenbogen über den Tisch zu. „Fertig.“ Das stimmt zwar nicht ganz, denn ich habe eher wild einige Zahlen in die Kästchen eingetragen. Besonders die Lösung dieser komischen Aufgabe mit Fischen in einem Teich habe ich komplett geraten. Aber der Ausdruck auf dem Gesicht des Girlandenmädchens, nachdem ihr die Kinnlade nach unten geklappt ist, ist diese kleine Lüge wert.

„Komm, Karim, wir müssen zu unserem wichtigen Dienst am Bastelstand zurück.“

Karim klatscht meine Hand ab, als wir weitergehen.

„Ich schwöre, sie mag mich“, raunt er mir zu. „Sie kennt sogar meinen Namen.“

„Sie ist deine Nachbarin, Mann. Und zwar schon seit deiner Geburt.“

„Na und?“

„Wohin gehen wir eigentlich?“ Erst jetzt wird mir klar, dass wir in die falsche Richtung gehen. Karim eilt unbeirrt die Treppe nach unten, und steuert schon auf den Glühweinstand zu.

„Hey, warte“, rufe ich noch. Vor dem Stand herrscht ein unglaublicher Andrang. Jetzt weiß ich, warum es bei uns im ersten Stock so leer ist. Die ganze Schule scheint sich hier unten versammelt zu haben. In der Aula stimmt gerade das Schulorchester die Instrumente. Das denke ich zumindest im ersten Moment. Dann kommt mir die Tonfolge verdächtig bekannt vor. Stille Nacht, ziemlich schräg. Wahrscheinlich kann man es nur mit Feuerzangenbowle hier unten aushalten. Das erklärt auch, warum unser neuer Erdkundelehrer und Frau Dalmann so rote Nasen haben, als sie plötzlich vor mir auftauchen.

„Ah, Branner“, sagt die Dalmann, „ich wollte dich noch etwas fragen.“

„Ich hab’s leider eilig.“ Ich werfe mich der Glühweinstandmenge entgegen, bevor sie mich wieder nach der Lage von Uganda fragen kann oder so. „Sie finden mich später am Bastelstand“, rufe ich ihr noch über die Schulter zu. Bestimmt traut sie sich nicht, noch einmal dort vorbeizukommen. Und wenn doch, wird meine Mutter sie dazu überreden, einen Glitzertannenzapfen zu kaufen. Hah!

Und aua. Noch bevor ich aufsehe, weiß ich, wer mir gerade den Ellbogen in die Schulter gerammt hat.

„Pass auf, wo du hinläufst, Hosenscheißer“, raunt Benny mir bedrohlich zu, bevor er sich weiter durch die Menge boxt.

„Das war ein echter Kampf, dieses Zeug zu bekommen“, verkündet Karim, der vor mir auftaucht.

„Kinderpunsch?“, frage ich mit einem Blick auf die zwei dampfenden Tassen, die er in der Hand hält.

„Klaro“, behauptet Karim.

Ich nehme ihm die Tassen ab und drehe mich um. Irgendwie gelingt es mir, mich durch die Menge zur Treppe zurück zu schlängeln, ohne allzu viel von der Feuerzangenbowle zu verschütten. Das Zeug riecht wirklich abartig.

„Du hast es aber eilig“, ruft Karim mir nach. „He, was hast du vor?“

Und dann stehe ich auch schon vor dem Bastelstand und knalle die beiden Tassen vor meinen Eltern auf den Tisch. Ein Schwall roter Flüssigkeit schwappt über die Papierbögen (ist ja auch egal).

Meine Mutter, die gerade Frau von Sterrenberg ein dickes Salzteigjesuskind verkauft hat, dreht sich irritiert zu uns um.

„Danke für die Vertretung“, sage ich und dränge mich hinter den Stand zurück. „Die Schule hat euch zum Dank zwei Tassen Kinderpunsch spendiert.“

„Oh, das ist ja nett.“ Meine Mutter lächelt. „Wirklich alles sehr nett hier.“ Sie reicht meinem Vater eine der beiden Tassen, und als er daran riecht, lächelt er ebenfalls. Somit wären alle zufrieden. Außer Karim, der aus Protest nach der Plätzchentüte greift und sich einen der lateinischen Kekse in den Mund steckt, um zehn Sekunden später, immer noch kauend, auf dem Klo zu verschwinden.

Während meine Mutter weiter den Standdienst schmeißt, suche ich auf meinem Smartphone nach Uganda. Sicher ist sicher, falls die Dalmann doch noch einmal hier auftaucht.

In den nächsten fünf Minuten werde ich zum Uganda-Experten. Oder wusstet ihr, dass es dort schneebedeckte Berge gibt? Und dass Berggorillas in Uganda leben? Diese Menschenaffen sind vom Aussterben bedroht, wobei sie nicht nur durch Wilderer gefährdet sind, sondern auch durch Touristen, die fiese Infektionskrankheiten einschleppen.

Schließlich finde ich noch einen Artikel der Frauenzeitschrift Monalena, der davon handelt, dass der Bundespräsident kurz vor Weihnachten ein Waisenhaus in Uganda besuchen wird. Sein Flug geht am Abend des zweiundzwanzigsten. Ein privater Besuch, wie der Artikel betont. Unsere Schule kann sich jedenfalls etwas darauf einbilden, in welch berühmter Gesellschaft sie mit ihrem Spendenprojekt ist.

Dank meiner Mutter hat der Bastelstand die Rekordsumme von dreiunddreißig Euro und zwanzig Cent eingebracht. Und ich bin heilfroh, als mein Standdienst vorbei ist (verlängert um zwei Stunden, die ich mit Karim in der Schulaula abhängen musste, weil Pawlowka dort die Modenschau moderierte. Immerhin weiß ich jetzt, dass Pullover mit Weihnachtsgirlandenmuster in der Oberstufe der Renner sind). Der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien wäre damit auch überstanden. Noch viermal schlafen bis Heiligabend. Zwei Tage, bis Tante Constanze uns besucht. Mein Gott, Jan, bist du groß geworden. Bald kommt der Weihnachtsmann. Warst du auch schön artig?

Wenn ich daran denke, wäre Schule vielleicht doch die bessere Alternative.

* Die Frau, die meine Geschichte für mich aufschreibt, will klarstellen, dass ich meinen Vater wirklich Pape nenne (mit e statt a hinten). Das ist kein Tipp­fehler.


Der Sprinter
oder warum man sich nicht von seinen Eltern nach Hause begleiten lassen sollte

Gerade als ich mich mit Karim auf den Heimweg machen will, kommen auch meine Eltern aus der Schule. Karim winkt ihnen zu. Oh, Mann. Er ist manchmal wirklich dämlich. Heute Nachmittag war die Straße zu vereist, um mit dem Fahrrad zu fahren, und meine Eltern sind ebenfalls zu Fuß hier. Jetzt müssen wir den gesamten Weg nach Hause mit meinen Eltern zusammen zurücklegen. Ich war schon froh, dass sie nicht darauf bestanden haben, mich für den Heimweg einzusammeln. Andererseits ist es gut, dass sie nicht mehr Auto fahren. Nach der Menge an Kinderpunsch, die sie getrunken haben, sind sie beide nicht mehr so ganz nüchtern.

Als wir am Vorgarten der Villa der von Sterrenbergs vorbeikommen, in dem ein knallrotes Rentier mitsamt Schlitten steht, beginnt mein Vater zu singen. Rudolph, the red-nosed reindeer, Lalala la lala. Er tänzelt dabei über die Straße, mit einer Schrittfolge, die wie eine Mischung aus Walzer und Stepptanz aussieht, würde ich sagen. Meine Mutter kichert. Und ich würde am liebsten im Boden versinken.

„Echt süß, deine Eltern“, sagt Karim und streckt seine behandschuhten Daumen nach oben.

Wir drehen uns beide gleichzeitig um, als wir ein Motorgeräusch hören. Ein Sprinter biegt um die Ecke. Ich erkenne noch, dass der Oberst hinter dem Steuer sitzt. Nanu, seit wann fährt er einen Sprinter?

„Vorsicht, Herr Branner!“, schreit Karim. Da wird auch mir klar, dass mein Vater mit großen Walzerschritten vor den Sprinter taumelt. Meine Mutter kreischt und rennt mit ausgestreckten Armen auf meinen Vater zu, wahrscheinlich um ihn zur Seite zu stoßen. Oh Mist. Meine Eltern dürfen jetzt nicht überfahren werden, vier Tage vor Weihnachten.

Ich dachte immer, dass Bremsen bei einer Vollbremsung quietschen würden, aber alles, was ich höre, ist ein Plopp, als der Sprinter zum Stehen kommt.

„Eins-a-Landung“, ruft Karim und reckt schon wieder die Daumen nach oben.

Meine Eltern liegen auf der Straße. Meine Mutter hat meinen Vater zu Boden gerissen. Vollkommen unnötig, wie sich herausstellt, denn der Oberst hat wirklich ein prima Reaktionsvermögen. Vermutlich war er einer der wenigen Weihnachtsbasarbesucher, die tatsächlich nur Kinderpunsch in ihrer Tasse hatten. Allerdings scheint sein Kopf auf die doppelte Größe angeschwollen zu sein, während er Karim und mich durch die Windschutzscheibe anstarrt. Ich habe noch nie zuvor jemanden gesehen, der gleichzeitig blass ist und eine feuerrote Nase hat. Rudolph the red-nosed reindeer, denke ich und muss kichern. Der Oberst reißt die Sprintertür auf.

„Bist du betrunken?“, schreit er in meine Richtung. Aber dann wandert sein Blick von mir zu meinen Eltern, die sich inzwischen aufgerappelt haben.

„Ist Ihnen etwas passiert?“

„Mein Arm“, stöhnt meine Mutter.

„Mein Fuß“, jammert mein Vater und humpelt auf uns zu.

„Was war denn überhaupt los? Alles ging so schnell“, will der Rektor wissen.

„Jan“, stößt meine Mutter hervor. „Der Junge wäre Ihnen fast vor das Auto gelaufen.“

„So? Ich habe ihn gar nicht gesehen.“ Der Oberst kratzt sich die Glatze.

„Sie hätten ihn bestimmt überfahren“, sagt meine Mutter. „Mein Mann ist in letzter Sekunde auf die Straße gehechtet, um ihn wegzustoßen.“

„Ah, deshalb“, murmelt der Oberst und nickt.

„Und ich bin hinterher. Sicher ist sicher.“

„Du musst wirklich besser aufpassen, wenn du auf die Straße läufst“, sagt mein Vater zu mir.

„Aber …“

„Hast du Glühwein getrunken?“, unterbricht mich der Oberst.

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, springt meine Mutter mir bei. „Oder denken Sie, an Ihrer Schule …“ Sie lässt das Ende des Satzes offen. Kluger Schachzug.

Der Oberst schüttelt den Kopf.

„Natürlich nicht.“ Er streckt die Hand aus und wuschelt mir durch die Haare. „Einen richtigen Hans-Guck-in-die-Luft haben Sie da.“

„Jan-Guck-in-die-Luft“, sagt Karim und lacht. Auch du mein Freund, Karim. Mieser Verräter.

„Na, ist ja noch mal alles gutgegangen“, sagt der Oberst.

„Ich glaube nicht“, jammert meine Mutter. „Mein Ellbogen tut höllisch weh. Oh, entschuldigen Sie den Ausdruck; ich meine, tut verdammt weh.“

„Und mein Fuß“, ergänzt mein Vater und stöhnt schon wieder.

„Ist Ihnen übel? Schwarz vor Augen?“

„Ein bisschen vielleicht“, haucht meine Mutter. Sie sieht auch wirklich sehr blass aus.

Der Oberst geht entschlossen zu seinem Sprinter zurück und öffnet die hintere Tür.

„Dann alle mal einsteigen“, sagt er. „Wir fahren ins Krankenhaus. Karim, Jan, helft mir mal, die Weihnachtspakete nach hinten zu schaffen.“

Es ist fast ein Uhr in der Nacht, als der Oberst uns endlich zu Hause absetzt. Im Krankenhaus war die Hölle los. Man glaubt gar nicht, wie viele Leute kurz vor Weihnachten noch auf die Idee kommen, sich die Knochen zu brechen.

Immerhin hat sich die Warterei gelohnt. Meine Mutter hat einen dreifachen Bruch am Ellbogen und mein Vater einen gebrochenen Knöchel. Beide tragen Schienen, müssen aber nicht operiert werden. Sie sollen nach Weihnachten zur Kontrolle kommen, ob auch alles gut zusammenwächst. Bis dahin müssen sie sich viel Ruhe gönnen, behauptet meine Mutter.

Der Oberst hält mich am Jackenärmel zurück, als ich meinen Eltern ins Haus folgen will.

„Tut es dir nicht leid, was deine Eltern deinetwegen durchmachen müssen?“

„Äh, doch“, sage ich, und habe auf einmal tatsächlich ein schlechtes Gewissen. Vielleicht sollte ich dem Oberst die Wahrheit sagen, dass es nämlich mein Vater war, der auf die Straße getänzelt ist.

„Und weißt du, was das Schlimmste ist?“, will der Oberst wissen.

„Der dreifach gebrochene Ellenbogen?“

„Die armen Waisenkinder in Afrika bekommen wegen dir keine Weihnachtsgeschenke. Jedenfalls nicht rechtzeitig.“ Der Oberst macht eine Handbewegung zum hinteren Teil des Sprinters, in dem geschätzt hundert Weihnachtspakete lagern. Na ja, vielleicht auch einige weniger.

„Können Sie nicht einfach morgen früh zur Post fahren?“

„Wie stellst du dir das vor?“ Er schaut auf seine Armbanduhr. „Ich habe gerade noch genug Zeit zum Packen. In fünf Stunden fliege ich mit meinem Bruder nach Florida.“

Weihnachten in Florida? Das hätte ich dem alten Oberst gar nicht zugetraut.

„Dann bringe ich morgen die Pakete zur Post“, sage ich kurzentschlossen.

„Du?“ Der Oberst schaut wieder auf seine Uhr. „Ich wollte die Pakete bei der Hauptpostfiliale aufgeben. Damit sie rechtzeitig zu Weihnachten ankommen.“

„Ich kümmere mich darum, versprochen.“

„Du hast doch gar keinen Führerschein.“

„Pawlowka“, fällt mir ein. „Ich meine Paula Jacubowsky. Sie ist die Nachbarin von Karim. Und sie hat einen Führerschein. Sie hilft uns bestimmt.“ Ich habe keine Ahnung, warum ich das sage.

„Meinst du, sie kann einen Sprinter fahren?“

„Bestimmt“, behaupte ich. Allerdings nur, weil ich die Frage gar nicht richtig gehört habe. Mich beschäftigt immer noch die Frage, wie um alles auf der Welt ich Pawlowka davon überzeugen soll, dass sie den Pakettransport übernimmt.

„In Ordnung“, sagt der Oberst. „Paula ist ein zuverlässiges Mädchen. Ich lasse den Sprinter bei mir im Hof stehen. Weißt du, wo das ist?“

„Klaro.“ Natürlich weiß ich, wo der Oberst wohnt. Früher war das das beliebteste Haus für unsere Klingelpartys.

„Gut. Also, der Schlüssel steckt. Und wenn ihr die Pakete zur Post gebracht habt, stellt ihr den Wagen wieder bei mir ab. Den Schlüssel werft ihr in den Briefkasten.“

„Darauf können Sie sich verlassen“, sage ich, weil er wirklich sehr besorgt wirkt und auch erschöpft (was kein Wunder ist, wenn man mehrere Stunden mit meinen überdrehten Eltern im selben Wartebereich eines Krankenhauses verbracht hat).

„Und dass Paula auf den Sprinter aufpasst. Er gehört meinem Bruder.“

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sage ich. „Ich übernehme persönlich die Verantwortung.“

Ich bin mir nicht sicher, ob ihn der letzte Satz wirklich beruhigt.

„Wenigstens willst du alles wieder gutmachen“, seufzt er, bevor er in den Sprinter einsteigt.

Irgendwie hat Frau Dalmann ja recht damit, dass die Weihnachtspaketaktion nicht die Situation eines ganzen Landes plötzlich verbessern wird. Darüber denke ich nach, als ich in der Nacht noch einige Zeit wachliege. Aber dann stelle ich mir vor, dass es Kinder gibt, die sich auf genau diese Weihnachtsgeschenke freuen. Und ich bin mitverantwortlich dafür, wenn diese Kinder kein einziges Paket unter ihrem Weihnachtsbaum finden.

Soweit darf es nicht kommen.

Am Morgen stehe ich gegen neun Uhr vor Karims Haustür. Am liebsten wollte ich schon früher zu ihm, aber wie sich herausgestellt hat, kann meine Mutter mit nur einem Arm so gut wie nichts alleine machen. Ich musste ihr sogar das Frühstücksbrot schmieren. Und anschließend den Küchentisch abräumen, wozu mein Vater mit seinem gebrochenen Fuß auch nicht in der Lage ist. Und wo ich schon einmal dabei war, durfte ich gleich noch staubsaugen. Nur gut, dass Tante Constanze vorzeitig kommen wird, um den beiden zu helfen. Am Telefon hat sie bereits angekündigt, dass sie die Weihnachtsdekoration in unserem Haus aufmotzen wird (so hat sie es ausgedrückt).

Warum kann Weihnachten nicht einfach ausfallen?

„Bist du verrückt?“ Karim schreitet den schmalen Raum zwischen seinem Bett und dem Schreibtisch ab, hin und her, immer wieder. Ich beobachte ihn vom Schreibtischstuhl aus, nachdem ich ihm von meinem Gespräch mit dem Oberst erzählt habe.

„Die Pawlowka hat bestimmt keine Zeit, uns zu helfen“, sagt er. „Wahrscheinlich muss sie im Bioladen die Zutaten für das Weihnachtsessen bestellen. Oder sie ist beim Wohltätigkeitsbrunch der katholischen Jugend. Oder, was weiß ich, beim Monatstreffen der Voll-engagierten-Leute-die-nichts-von-langweiligen-Typen-wie-uns-wissen-wollen.“

So wie er sie hinstellt, ist er nun doch beleidigt wegen Pawlowkas gestriger Ansprache. Na ja, ich muss auch noch verdauen, dass sie uns als die uninteressantesten Jungs der Schule betitelt hat.

„Aber irgendwie müssen wir die Geschenke zur Post bringen.“

„Das ist dann wohl nicht mein Problem.“ Karim bleibt stehen und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Du hast doch die Feuerzangenbowle gekauft“, erinnere ich ihn. „Nur deswegen ist mein Vater vor den Sprinter getanzt.“

„Das sah aber auch zu komisch aus.“ Karim lacht. „Und deine Mutter, wie sie hinterhergehechtet ist.“

„Lass uns lieber überlegen, wie wir die Pakete zur Post bekommen.“

„War ja nur Spaß, mein Freund.“ Karim lässt sich aufs Bett fallen und schnappt sich sein Smartphone vom Nachttisch. „Lass mal schauen, wo diese Hauptpost überhaupt ist.“

„In Rastatt?.“

„Also, ich find hier keine Hauptpost in Rastatt.“

„Vielleicht in der Umgebung?“

„Es gibt eine Hauptpost in Wiesbaden. Ist das nicht in Bayern?“

„Quatsch. Zeig mal her.“ Ich rolle mit dem Schreibtischstuhl zum Bett, und Karim gibt mir sein Smartphone. „In Rastatt gibt es sieben Postfilialen.“

„Mann, so weit war ich auch schon“, sagt er. „Aber welche ist die Hauptpost?“

„Wir können anrufen und fragen.“ Ich tippe auf dem Display die Nummer der ersten Postfiliale an, die ich finde, und stelle den Lautsprecher an. Der Anruf wird fast sofort entgegengenommen.

„Poschtamt Raschtatt, Schröder“, sagt eine Männerstimme mit eindeutig badischem Dialekt.

„Äh, guten Tag, Herr Schröder“, stammle ich. In solchen Momenten schäme ich mich immer ein bisschen dafür, dass ich in Hannover geboren bin und deshalb das S-t nicht richtig aussprechen kann.

„Bin ich hier beim Hauptpostamt?“, bringe ich hervor (und es klingt jetzt doch fast nach Hauptposchtamt).

„Woher soll i wisse, wo du bisch?“ Herr Schröder scheint ein echter Witzbold zu sein.

„Sind Sie beim Hauptpostamt?“, versuche ich es anders.

„Warum Hauptposchtamt?“

„Kann ich bei Ihnen Pakete nach Uganda verschicken, die noch bis Weihnachten ankommen?“

„Hör mal, Bürschle“, grummelt Schröder, „I lass mi net verarsche.“ Der Telefonlautsprecher knackt.

Schröder von der Poscht hat einfach aufgelegt. Verdammter Mist.

Karim haut sich auf die Schenkel und lacht.

„Das hast du toll gemacht“, sagt er.

„Warum nimmt mich eigentlich nie jemand ernst?“ Meine Eltern werden sogar von unserem Rektor ernst genommen, wenn sie betrunken über die Straße tanzen.

„Wir haben ja noch sechs Postfilialen, die wir durchtelefonieren können“, sagt Karim. „Lass mich mal machen.“

Er schnappt sich das Smartphone und tippt eine weitere Nummer an.

Als ich schon denke, dass niemand mehr drangehen wird, meldet sich eine Frauenstimme.

„Sabine Beck, Tabakshop im Kaufmarkt.“ Sie klingt, als wäre sie ziemlich außer Atem. Aber auf jeden Fall wirkt sie netter als Herr Schröder. Allerdings nützt uns das auch nichts, wenn sie gar nicht bei der Post arbeitet, sondern im Kaufmarkt.

„Guten Tag, Frau Beck“, sagt Karim und runzelt die Stirn. „Ich dachte, ich rufe bei der Postfiliale an?“

„Post machen wir hier auch.“

„Ach so, prima. Ich habe ihre Nummer aus dem Internet. Es klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber ich suche nach einer Postfiliale, über die ich möglichst schnell Weihnachtspakete verschicken kann.“

„Verstehe“, sagt die Dame. „Zu Weihnachten bekommen wir sehr viele Pakete. Ich würde sagen, alle Pakete, die wir heute noch bekommen, kommen ganz bestimmt bis Heilig Abend an.“

„Das ist ja prima.“ Diesen säuselnden Tonfall hat Karim sonst nur, wenn er mit meiner Mutter redet. „Gilt das auch für Pakete, die ich ins Ausland schicken möchte?“

„Oh, ein Paket ins Ausland. Wohin genau?“

„Uganda.“

Einen Moment ist es still. Vielleicht beginnt Sabine Beck vom Tabakshop jetzt auch an der Ernsthaftigkeit des Anrufs zu zweifeln.

„Ich glaube nicht, dass das bis Weihnachten noch klappt“, sagt sie dann. „Warte mal.“ Im Hintergrund hört man, dass sie auf eine Tastatur tippt.

Schließlich meldet sie sich wieder. „Hier steht, dass es mit Premium-Tarif möglich ist, ein Paket innerhalb von fünf Tagen zuzustellen.“

Fünf Tage? Oh, Mist! So viel Zeit haben wir nicht.

„Haben Sie eine Idee, wie man das Paket schneller verschicken könnte? Vielleicht über ein anderes Postamt?“, fragt Karim.

„Tut mir leid. Ich kann mir vorstellen, wie wichtig es für dich ist. Aber du bist leider zu spät.“

„Gibt es wirklich keine Möglichkeit?“

„Deine Freunde freuen sich bestimmt auch noch später über das Geschenk. Meinst du nicht?“

„Vielen Dank. Und schöne Weihnachten“, sagt Karim.

„Schöne Weihnachten“, wünscht auch Sabine Beck.

„Immerhin war sie nett“, murmelt Karim. „Muss wohl an meinem Charme liegen.“

„Das nützt uns jetzt auch nichts.“ Ich lasse mich mit dem Schreibtischstuhl zurückrollen, bis ich gegen den Schrank knalle. „Oh Mann, was machen wir denn jetzt?“

Die einzige Idee, die ich habe, ist, dass wir im Internet nach anderen Paketzustellern suchen. Ich meine, hallo, wir leben im Zeitalter der Post-Globalisierung, wie mein Vater immer sagt. Irgendeine Möglichkeit muss es doch geben, diese Pakete bis Weihnachten nach Afrika zu bringen.

„Satz mit X“, sagt Karim, nachdem wir uns eine Stunde durch Versandbedingungen verschiedener Paketzusteller im Internet gelesen haben. „Das wird nix mehr.“

„Ich hab aber dem Oberst versprochen, dass ich mich um die Pakete kümmere.“

„Du kannst ja mal beim Weihnachtsmann anrufen. Vielleicht fliegt er zufällig nach Uganda.“ Karim streckt mir die Zunge raus.

„Mensch, Karim, du bist genial!“, rufe ich. „Der Bundespräsident kann unsere Pakete mitnehmen.“ Und bevor mich Karim für total durchgedreht hält, ziehe ich mein Smartphone hervor und zeige ihm den Artikel aus der Monalena.

„Da gibt es nur ein Problem. Oder zwei oder drei Probleme“, sagt Karim, nachdem er den Artikel gelesen hat. „Erstens: Der Bundespräsident ist in Berlin und wir sind hier. Zweitens: Selbst wenn wir in Berlin wären, würden wir nicht an den Präsidenten herankommen, um ihm die Sache mit den Paketen zu verklickern. Und drittens gibt es bestimmt Sicherheitsbestimmungen, dass er kein fremdes Gepäck transportieren darf oder so.“

„Mann, Karim, jetzt sei doch nicht so negativ“, gebe ich zurück. „Erstens müssen wir nach Berlin fahren. Und … und über zweitens und drittens machen wir uns Gedanken, wenn wir erst einmal in Berlin sind. Es gibt kein Problem ohne Lösung, sagt mein Vater immer.“

„Dir ist das wirklich ernst? Du willst das unbedingt durchziehen?“

„Auf jeden Fall. Du hast doch Pawlowka gestern gehört: Alle halten uns für die totalen Loser. Wir sind die, die sich angeblich für nichts interessieren. Das ist unsere Chance, ihnen zu beweisen, was wir auf dem Kasten haben.“

Erst als ich es gesagt habe, wird mir klar, dass es ein kluger Schachzug war, Pawlowka ins Spiel zu bringen. Karim hat den Köder jedenfalls geschluckt. Plötzlich ist er Feuer und Flamme für unsere Weihnachtspaketmission.


Überredungskünstler
oder warum man mit pinkfarbenen Haaren besonders gut lügen kann

Nachdem ich Karim überzeugt habe, müssen wir Problem Nummer eins lösen: Wie kommen wir mitsamt der Pakete nach Berlin?

Karim ist der Meinung, er könne seinen Cousin überreden, uns zu fahren. Er hat sich angeblich eine Strategie überlegt, in die er mich allerdings noch nicht einweihen will. Wobei ich eher vermute, dass er gar keinen ausgereiften Plan hat. Er ist verdächtig ruhig, während wir im Wohnzimmer Djamal dabei helfen, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Karims Eltern haben sich kurz zuvor von uns verabschiedet, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen.

„Macht man das nicht erst am vierundzwanzigsten? Es ist viel zu früh dafür, den Baum zu schmücken“, beschwere ich mich.

„In der Schule steht der Dekokram seit Ende November“, gibt Karim zurück. „Lass uns nur mal machen.“ Er zwinkert mir geheimnisvoll zu, als wäre das Baumschmücken schon Teil seiner angeblichen Strategie.

„Warum feiert ihr überhaupt Weihnachten? Dein Cousin ist doch auch Moslem, oder?“

„Und ihr? Ich dachte, dein Vater ist aus der Kirche ausgetreten?“

Karim hängt eine rote Glitzerkugel neben einen Strohengel. Diese Kugeln sind echt oberkitschig.

Djamal sagt etwas auf Arabisch. Er wirkt genauso wenig begeistert wie ich.

„Ist überhaupt nicht zu viel Schmuck“, antwortet Karim und wendet sich an mich. „Kein bisschen kitschig. Oder was meinst du, mein Freund?“

„Ich meine, dass du ihn endlich fragen solltest, ob er uns fährt.“

„Ich bin ja schon dabei“, behauptet Karim. „Du verstehst nichts von Verhandlungstaktik.“

Er nimmt die Glitzerkugel wieder ab, und hängt sie an einen anderen Zweig.

„Mach mal hier allein weiter“, sagt er dann. „Es ist besser, wenn ich das mit Djamal unter vier Augen bespreche.“

Die beiden haben es plötzlich ganz schön eilig, das Zimmer zu verlassen.

Ich bleibe allein zurück – mit einem Dutzend goldgelockter Engel und ungefähr fünf Mal so vielen Glitzerkugeln, die alle noch an den Baum gehängt werden müssen.

Puh. Als die letzte Kugel hängt, lasse ich mich in die Polster des Plüschsessels fallen. Mein Werk ist gar nicht so schlecht geworden. Verdienterweise nehme ich mir ein Plätzchen aus der Gebäckschale, die auf dem Couchtisch steht. Die Mandelkekse sind megalecker. Bestimmt schmecken die Schokotaler genauso gut mit ihrer dunkelbraunen, glänzenden Glasur. Bitterschokolade vom Feinsten. Und auch die Hörnchen mit Zitronenguss lassen mir schon das Wasser im Mund zusammenlaufen, als mir ihr Vanillegeruch in die Nase steigt.

Im Haus ist es allerdings verdächtig ruhig. Vor lauter Ungeduld futtere ich noch mehr Kekse. Irgendwann höre ich, dass der Hausschlüssel im Schloss umgedreht wird. Es klingt ganz genauso wie in unserem Haus (das ja auch fast genauso gebaut ist, wie alle Reihenhäuser hier im Viertel).

„Wir sind wieder da-ha“, ruft Karims Mutter.

So langsam könnten sich Karim und Djamal auch wieder blicken lassen. Man könnte sonst auf die Idee kommen, die beiden wollten sich nur davor drücken, den Weihnachtsbaum zu schmücken.

„Wie sieht der Baum aus?“, ruft Karims Mutter und öffnet die Wohnzimmertür. „Oh, wie schön!“

„Hm“, mache ich (da mein Mund noch voll ist) und greife automatisch noch mal zur Gebäckschale. Meine Hand hat schon fast das Ziel erreicht, als mir klar wird, dass es überhaupt keine Plätzchen mehr gibt.

„Ich hole Nachschub“, sagt Karims Mutter sofort. „Wo sind denn die anderen beiden Prachtexemplare?“

Das wüsste ich allerdings auch gerne.

Verhandlungstaktik hin, Verhandlungstaktik her. Es ist schon elf Uhr, und mein Smartphone sagt, dass wir mit dem Auto fast sieben Stunden nach Berlin brauchen. Vorher müssen wir allerdings unseren Eltern irgendwie klarmachen, dass wir dorthin wollen – falls Djamal uns tatsächlich fahren wird. Und ob er das tut, will ich jetzt endlich wissen!

Zuerst sehe ich in Karims Zimmer nach. Aber dort ist niemand. Wahrscheinlich sind die beiden im Gästezimmer, in dem Djamal wohnt. Also steige ich noch eine weitere Treppe nach oben, in das Dachgeschoss.

„Jaha?“, ruft Djamal, nachdem ich angeklopft habe.

Er öffnet mir die Tür. Sein Zimmer ist nicht groß. Deshalb wirkt der riesige Schreibtisch, der unter der Dachschräge steht, besonders überdimensioniert. Ein Stapel kleiner gelber Bücher liegt darauf, manche davon aufgeklappt und mit bunten Klebemarken versehen. Auch auf dem Nachttisch entdecke ich einige dieser Minibücher. Wow. Djamal hat es geschafft, diesem Zimmer das totale Studentenbuden-Flair zu verpassen. Vielleicht liegt das aber auch an seinem Wandschmuck. Ist das ein Stadtplan, den er dort aufgehängt hat? Etwa von Berlin?

Während ich mich umsehe, redet Karim unbeirrt weiter auf Djamal ein.

„Und, was sagt er?“, frage ich, als er den Wortschwall endlich unterbricht.

„Er freut sich außerordentlich darauf, uns zu fahren.“ Karim grinst zuerst mich, dann seinen Cousin, an. „Nicht wahr, Djamal? Hamoot mn el dehk.“

Den letzten Ausdruck verstehe ich, weil es einer der wenigen arabischen Sätze ist, die Karim mir beigebracht hat. Es ist eigentlich eher eine Art Füllsatz. So ganz glaubwürdig klingt Karim jedenfalls nicht.*

„Jah, jah.“ Djamal nickt mir kurz zu. Allerdings sieht er überhaupt nicht glücklich dabei aus.

„Ist er sich sicher?“, frage ich deshalb.

„Klar doch. Er hilft uns gern. Überhaupt kein Problem.“

„Jah, jah“, wiederholt Djamal und nickt noch heftiger.

„Aber es ist ganz schön weit nach Berlin.“

„Im Januar wollte er dort sowieso nach WG-Zimmern suchen. Jetzt fährt er einfach einige Tage früher. Ist kein Problem für ihn“, behauptet Karim.

„Kann er denn so kurzfristig Besichtigungstermine ausmachen?“

Die Erklärung überzeugt mich nicht. Klar. Ich weiß, dass Karims Cousin nächstes Jahr in Berlin studieren wird, soweit scheint die Geschichte plausibel. Trotzdem macht Djamal ganz und gar nicht den Eindruck, dass er freiwillig unseren Chauffeur spielt.

Djamal zieht einen Rucksack unter dem Bett hervor, in den er lustlos Kleidungsstücke stopft. Er packt auch einige der kleinen gelben Bücher ein.

„Sag schon, Karim. Wie hast du ihn überredet?“ Ich flüstere, obwohl Djamal mich ohnehin nicht verstehen kann.

„Erzähle ich dir später, vielleicht“, zischt Karim zurück. Er reicht seinem Cousin eines der Hefte. Antigen lautet der Titel, der auf der Vorderseite steht.

„Sind das Bücher für sein Studium?“, frage ich.

Karim schüttelt den Kopf.

„Alte Reclam-Hefte. Goethe, Schiller und so was. Djamal hat sie von meinem Vater.“

„Ich dachte, Djamal versteht kein Deutsch?“

„Irgendwie versucht er, mit diesen Heften Deutsch zu lernen“, sagt Karim und zuckt mit den Schultern.

„Keine gute Idee“, sage ich zu Djamal. „Diese komischen Dichter versteht man noch nicht mal, wenn man Deutsch als Muttersprache hat.“

Djamal schnürt seinen Rucksack zu, ohne mich zu beachten. Wahrscheinlich hat er nicht kapiert, dass ich ihn gemeint habe.

Goethe und Schiller sind nicht die besten Deutschlehrer, soviel ist klar.

„Hier seid ihr ja!“ Karims Mutter balanciert ein Tablett, auf dem ein Krug Kakao und die Schale mit dem Gebäck stehen. Sie ist sowas von old-school, dass es schon wieder originell ist.

Karim wischt einige der gelben Hefte zur Seite, damit seine Mutter das Tablett auf dem Schreibtisch abstellen kann.

„Trinkt, solange der Kakao schön warm ist“, sagt sie und gießt die Tassen voll. „Und dann müsst ihr mir erzählen, was ihr gerade ausheckt.“ Sie fügt noch einen Satz auf Arabisch hinzu, vielleicht die gleiche Frage an Djamal gerichtet.

Warum haben Mütter immer so feine Antennen, wenn ihr Nachwuchs gerade Pläne schmiedet?

„Gute Neuigkeiten“, sagt Karim schnell. „Djamal hat ein tolles WG-Zimmer in Berlin entdeckt. Er soll es morgen früh besichtigen. Ganz zentrale Lage und super Preis. Genau, was er gesucht hat.“

„Morgen schon?“ Karims Mutter drückt mir die Tasse mit dem Kakao in die Hand. „Aber wir können unmöglich mit ihm dorthin fahren. Papa hat am Sonntag Notdienst in der Praxis.“

„Ich weiß.“ Karim strahlt sie an. „Und deswegen haben Jan, mein Freund, und ich uns überlegt, dass wir Djamal begleiten. Wir werden für ihn dolmetschen. Obwohl es uns eigentlich zeitlich nicht passt, so kurz vor Weihnachten.“

Karims Mutter antwortet auf Arabisch. Und auch wenn ich nichts verstehe, ist mir klar, dass sie von Karims Vorschlag nicht begeistert ist. Djamal sagt etwas, wobei er gleichzeitig versucht zu lächeln und die Fäuste ballt, was ziemlich merkwürdig aussieht. Ich wüsste wirklich zu gern, wie Karim ihn dazu überredet hat, uns zu helfen. Welches Druckmittel kann er haben? Oder hat er tatsächlich so schnell ein WG-Zimmer organisiert, und Djamal ist nur deshalb so unglücklich, weil er jetzt seinen nervigen, kleinen Cousin als Dolmetscher an der Backe hat? An diese Variante kann ich nicht so recht glauben. Irgendetwas anderes steckt hinter der ganzen Geschichte.

„Auf keinen Fall soll Djamal einen Mietvertrag unterschreiben, bevor wir ihn gelesen haben.“

Mittlerweile haben Karim und seine Mutter wieder auf Deutsch umgeschaltet. Und spätestens als dieser Satz fällt, weiß ich, dass Karims Taktik erfolgreich war. Sie war sogar so erfolgreich, dass Karims Mutter uns gleich noch Hotelzimmer in Berlin buchen will. In einer Billighotelkette, direkt am Hauptbahnhof. Für zwei Nächte, damit wir nach der Wohnungsbesichtigung noch ein bisschen Berlin angucken können. Es reiche ja, wenn wir am dreiundzwanzigsten zurück seien, meint sie.

Wow, ich kann es nicht fassen. Wie hat Karim das hinbekommen?

Bevor ich vor Freude ausflippe, erhalte ich aber einen Dämpfer: Karims Mutter erlaubt die Reise nur, wenn auch meine Eltern zustimmen. Verdammter Mist.

Wer meine helikoptermäßigen Eltern kennt, weiß, dass wir jetzt ein richtiges Problem haben.

Als wir aus dem Haus treten, schließe ich für einen Moment die Augen und spüre die Wärme des Sonnenstrahls auf meinem Gesicht, der sich irgendwie zwischen den Wolkenschleiern hindurch auf die Erde verirrt hat. Für einen Dezembertag ist es heute Vormittag ungewöhnlich warm. Bestimmt wird es wieder nichts mit der weißen Weihnacht.

Ich öffne die Augen, als das Sonnenlicht plötzlich verschwindet. Jemand steht vor Karim und mir.

„Da seid ihr ja.“ Pawlowkas Tonfall verheißt nichts Gutes. Zusammen mit ihrer pinkfarbenen Haarmähne wirkt ihr Auftritt ziemlich alarmierend.

„Könnt ihr mir mal erklären, was das zu bedeuten hat?“

Sie hält uns ihr Smartphone vor die Nase, allerdings zu kurz, als dass ich auf dem Display etwas erkennen könnte.

Karim und ich sehen uns fragend an.

„Ähm?“, macht Karim. Sein Kopf ist auf einmal feuerrot. Armer Karim. Ich glaube, er ist tatsächlich in Pawlowka verknallt.

„Jetzt tut doch nicht so scheinheilig“, sagt sie. „Ihr beide habt doch immer nur Unsinn im Kopf.“

Und endlich drückt sie mir ihr Smartphone in die Hand.

Die Nachricht hat sie heute Morgen vom Oberst erhalten. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Oberst ihre Nummer kennt. Aber bei einer überengagierten Schülersprecherin wie ihr, hätte ich mir das eigentlich denken können.

Ich hoffe, Du passt gut auf den Sprinter auf. Danke, dass Du mit Jan die Aktion unterstützt.

„Ich kann das erklären“, sage ich langsam, und überlege fieberhaft, was ich ihr eigentlich sagen will.

„Da bin ich aber gespannt“, gibt Pawlowka zurück. „Was für ein Sprinter? Welche Aktion?“

Karim stößt mir seinen Ellbogen in die Seite.

„Es geht um Djamal“, sagt er schnell. „Ich habe dem Oberst gestern erzählt, dass wir heute mit meinem Cousin nach Berlin fahren.“

„Genau“, springe ich ihm bei. „Eigentlich hätte nämlich ein Bekannter vom Oberst die Spendenpäckchen der Schule nach Berlin fahren sollen.“

„In Berlin … in Berlin werden die Spenden zentral gesammelt und nach Uganda geschickt“, improvisiert Karim.

Einen Moment überlege ich, ob ich noch ergänzen soll, dass der Bundespräsident persönlich diese Sammlung übernimmt. Aber dieser Teil würde sich dann doch zu unglaubwürdig anhören. Die beiden Falten zwischen Pawlowkas Augenbrauen sind ohnehin bereits ziemlich tief. Glaubt sie uns nicht?

„Das Dumme ist nur, dass der Fahrer ausgefallen ist, der die Weihnachtspäckchen transportieren sollte.“ Karim redet so schnell, als ginge es um sein Leben. „Und deshalb hat der Oberst uns gefragt, ob wir die Pakete für ihn abliefern. Er stellt uns seinen Sprinter zur Verfügung.“

„Moment mal“, sagt Pawlowka und hält ihr Smartphone vor sich, als wäre es ein Stoppschild. „Eure Geschichte ergibt überhaupt keinen Sinn.“

„Wir fahren mit meinem Cousin nach Berlin und liefern für den Oberst die Geschenke ab“, wiederholt Karim. „Was soll da keinen Sinn ergeben?“

„Warum schreibt der Obertheim dann an mich, dass ich auf den Sprinter aufpassen soll?“

„Er hat wohl irgendetwas falsch verstanden“, murmle ich.

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9783942672801
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