Читать книгу: «Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth»

Шрифт:

Theologischer Kommentar

zum Neuen Testament (ThKNT)

Herausgegeben von:

Stefan Schreiber

Angela Standhartinger

Ekkehard W. Stegemann

Angelika Strotmann

Peter Wick

Band 7

Luise Schottroff

Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth

Zweite, überarbeitete Auflage verantwortet und mit einem Vorwort von Claudia Janssen

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Umschlagbild entnommen aus

„Nestle-Aland – Novum Testamentum Graece“, S. 462

27. revidierte Auflage

© 1898, 1993 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart

2. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-037677-9

E-Book-Formate:

pdf: 978-3-17-037678-6

epub: 978-3-17-037679-3

mobi: 978-3-17-037680-9

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

In diesem Kommentar wird gezeigt, wie Paulus die Tora für Menschen aus den Völkern auslegt: konkret, lebensnah, sensibel und argumentierend. Er sucht nach Bildern für eine Hoffnung, die dem Tod standhält. Er schreibt die Gebete und Lieder auf, die in den messianischen Gemeinden seiner Zeit gesungen wurden. Und: Er widerspricht sich selbst, vor allem in seiner Vorstellung, wie Frauen zu sein hätten, und in seinem faktischen Umgang mit ihnen.

Dass in diesem Brief die berüchtigten, frauenfeindlichen Sätze, die im Namen des Paulus geschrieben wurden, zu finden sind, ist heute oft die erste Assoziation. Darüber hinaus ist der Brief durch die lange und ausgeprägte Auslegungstradition belastet, die Paulus zur Rechtfertigung christlicher Herrschaftspositionen benutzt hat: Die Gestalt des Paulus war die Projektionsfläche für christliche Amtsträger und ihre Herrschaft über das Kirchenvolk. Und – noch verhängnisvoller: Paulus war der Inbegriff einer christlichen Identitätsfindung durch negative Abgrenzung zum Judentum als einer „Gesetzesreligion“. – Eine Neuentdeckung des Paulus ist fällig.

Die erste Auflage des Kommentars zum Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth ist 2013 erschienen, für die Neuauflage wurde die Literaturliste durch aktuelle Veröffentlichungen ergänzt - im Sinne Luise Schottroffs, der es nie um Vollständigkeit ging, sondern um die Relevanz für eine sozialgeschichtliche, imperiumskritische und geschlechterbewusste Neulektüre des Paulus. Im Text wurden kleinere Fehler korrigiert und wenige Ergänzungen vorgenommen. Die Auslegung ist bleibend aktuell und repräsentiert den gegenwärtigen Stand der internationalen Paulusforschung. Luise Schottroffs Interpretation des Briefes ermöglicht es, verschiedene Perspektiven auf den Text zu entwickeln und für die eigene Weiterarbeit fruchtbar zu machen. Auch fünf Jahre nach ihrem Tod ist sie eine wichtige Lehrerin für diejenigen, die einen eigenen, kritischen und lebensdienlichen Zugang zu Theologie und Exegese suchen.

Prof. Dr. Dr. h. c. Luise Schottroff (1934–2015) lehrte Neues Testament an den Universitäten Mainz, Kassel und Berkeley/USA.

Prof. Dr. Claudia Janssen lehrt Neues Testament und Theologische Geschlechterforschung an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel.

Inhalt

Vorwort zur zweiten Auflage

1. Sozialgeschichte

2. Christlich-Jüdischer Dialog

3. Feministische Exegese

Vorwort

Einleitung: Wer war Paulus?

1. Paulus, der Jude

2. Paulus und der Messias

3. Paulus unter seinen Geschwistern

4. Der Alltag in den Städten des römischen Reiches

5. Paulus, der Mystiker

Kommentar

Basisinformation: Die Abfassungszeit des Briefes und der Ort Korinth

Die Abfassungszeit des Briefes

Der Ort der Gemeinde: Korinth

1,1–9

1,1–2

1,4–9

Basisinformation: Zeitvorstellungen und Eschatologie

1,10–18

1,14–17

Basisinformation: Die Weisheit dieser Welt

Basisinformation: Verleugnung der Kreuzigung

1,19–25

1,19.20

Basisinformation: Messiasgläubige aus den Völkern und ihre Identität

1,26–31

2,1–16

2,1–5

Basisinformation: Das „Wir“ der Gemeinde

2,6–16

3,1–23

3,1–4

3,5–11

3,12–17

3,18–23

4,1–13

4,1–5

4,6–13

4,14–21

5,1–13

5,1–5

5,6–8

5,9–13

6,1–11

6,9–11

6,12–20

Basisinformation: Bilder aus der Sklaverei für die Befreiung durch Gott

7,1–40

7,1–7

Basisinformation: Menschenverachtende Sexualität als gesellschaftliche Praxis

7,3–5

7,8–11

Basisinformation: Scheidungen

7,12–16

7,17–24

Basisinformation: Sklaverei

Basisinformation: Die Tora im 1 Kor

7,25–38

7,39.40

8,1–11,1

8,1–13

8,1

Basisinformation: Opferfleisch – Fleischkonsum

9,1–27

9,1–3

9,4–6

Basisinformation: Lohn für das Lehren der Tora

9,7–11

9,12–14

9,15–18

9,19–23

Basisinformation: Sünde und Tora in 1 Kor

9,24–27

Basisinformation: Sportwettkämpfe

Gedanken einer Nachgeborenen

10,1–11,1

10,1–13

10,14–22

Basisinformation: Die Körpertheologie des Paulus

10,23–11,1

11,2–16

11,2–6

11,7–15

11,16

11,17–34

11,17–22

Basisinformation: Gemeindeversammlung

11,23–26

Basisinformation: „Für euch“. Martyrium oder Opfer?

„Das tut zur Erinnerung an mich“

11,27–34

12,1–31

12,1–3

12,4–11

12,4–7

12,8–10

12,12–27

Basisinformation: Leib Christi: Ihr seid der Körper des Messias (12,27)

12,28–31

13,1–13

13,1–3

13,4–7

13,8–13

14,1–40

14,1–5

Basisinformation: Mit Gott in der Muttersprache reden ( / in Sprachen reden)

14,6–19

14,20–25

14,21–25

14,26–33

14,34–38

14,39–40

Basisinformation: 15,1–19: Auferstehungshoffnung im Kontext des römischen Reiches

Der Ausgangspunkt

Die Perspektive auf das gegenwärtige Leben und das Ziel des Textes 1 Kor 15

Sozialgeschichtliche Verortung

Jesu Antwort auf die Bestreitung der Auferstehung in Mt 22,23–33 und die Antwort des Paulus in 1 Kor 15

15,1–2

15,3–11

Basisinformation: Erscheinungen des Auferstandenen 1 Kor 15,5–8

15,12–19

15,20–22

15,23–28

15,29–34

15,30–32

15,35–38

15,39–41

15,42–44

15,45–50

15,51–53

15,54–58

16,1–24

16,1–4

Basisinformation: Die Gaben der Völker für Jerusalem

16,5–9

16,10–14

16,15–18

16,19–24

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Register (in Auswahl)

I. Altes Testament (einschließlich Apokryphen)

Genesis

Exodus

Levitikus

Numeri

Deuteronomium

1 Samuel

2 Samuel

Nehemia

2 Makkabäer

Hiob

Psalmen

Sprichwörter

Weisheit

Sirach

Jesaja

Jeremia

Ezechiel

Daniel

Hosea

Amos

Zefanja

II. Neues Testament (ohne 1 Kor)

Matthäus

Markus

Lukas

Johannes

Apostelgeschichte

Römer

2 Korinther

Galater

Epheser

Philipper

Kolosser

1 Thessalonicher

1 Timotheus

Philemon

Hebräer

Jakobus

1 Petrus

Judas

Offenbarung

III. Zwischentestamentliches und nachbiblisches Judentum

IV. Alte Kirche

V. Nichtjüdische und nichtchristliche antike Autoren

VI. Gnosis

Vorwort zur zweiten Auflage

Der Kommentar von Luise Schottroff zum Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth ist 2013 erschienen. Darin bietet sie eine gut verständliche, lebensnahe Interpretation dieser Schrift, die den Blick auf die Lebensbedingungen der korinthischen Gemeinde richtet, eine politische Analyse der Gewaltstrukturen im Imperium Romanum zugrunde legt und das alltägliche Ringen der Menschen um ihre Würde in den messianischen Gemeinschaften sichtbar macht. Die vorliegende zweite Auflage bietet in weiten Teilen den unveränderten Text der ersten. Die Literaturliste wurde durch aktuelle Veröffentlichungen ergänzt – im Sinne Luise Schottroffs, der es nie um Vollständigkeit ging, sondern um die Relevanz für eine sozialgeschichtliche, imperiumskritische und geschlechterbewusste Neulektüre der Schriften des Paulus im Kontext des antiken Judentums. Im Manuskript wurden kleinere Fehler korrigiert und wenige Ergänzungen vorgenommen. Ihre Auslegung ist bleibend aktuell und repräsentiert den gegenwärtigen Stand der internationalen Paulusforschung. Auch nach ihrem Tod ist Luise Schottroff eine wichtige Lehrerin für diejenigen, die einen eigenen, kritischen und lebensdienlichen Zugang zu Theologie und Exegese suchen.

Im Jahr 2013 erhielt Luise Schottroff anlässlich der Veröffentlichung des Kommentars den Leonore Siegele-Wenschkewitz-Preis der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) für ihr Lebenswerk. Denn, das wird deutlich: Den Ertrag ihrer sich über vier Jahrzehnte erstreckenden Forschungen zu Paulus hat sie in ihrer Auslegung des Ersten Briefs an die Gemeinde in Korinth verarbeitet. Die Leitlinien der Reihe Theologischer Kommentar zum Neuen Testament (ThKNT), deren Mitherausgeberin sie war, sind auch die zentralen Themen ihrer eigenen exegetischen Arbeit seit den späten 1970er Jahren: Sozialgeschichte, christlich-jüdischer Dialog und Feministische Theologie. Ihre Arbeiten waren und sind bleibend wegweisend für eine umfassende Neulektüre der Briefe des Paulus im deutschsprachigen Bereich und auch international. Das Erscheinen der zweiten Auflage ihres Kommentars soll deshalb zum Anlass genommen werden, ihre exegetische Arbeit in diesem Forschungsfeld umfassend zu würdigen.

1. Sozialgeschichte

In der Einleitung schreibt Luise Schottroff 2013, dass sie den ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth aus sozialgeschichtlich-theologischer Perspektive darstellen wird. Sie geht davon aus, dass das Schreiben an konkrete Menschen gerichtet ist, die Paulus so beschreibt: „nicht viele Weise, Mächtige und durch Geburt Privilegierte“, stattdessen „Ungebildete …, Schwache, von Geburt Benachteiligte, Verachtete, ‚Nichtse‘“ (1 Kor 1,26-28). Diese Perspektive bestimmt das weitere Vorgehen: So legt sie ihrer Auslegung eine detaillierte Untersuchung der Lebenssituation der korinthischen Gemeinde im Kontext der römisch-hellenistischen Gesellschaft des 1. Jahrhunderts zugrunde, die aus Menschen unterschiedlicher Völker und Sprachen zusammengesetzt war, aus Versklavten und Freien, Frauen und Männern. Diese gehörten nach ihrer Analyse mehrheitlich zu den Unterschichten. Die im Brief angesprochenen Probleme versteht sie nicht als Konflikte mit „Gegnern“, sondern als Auseinandersetzungen um Fragen der Lebenspraxis, deren Hintergründe sie in Form von „Basisinformationen“ entfaltet, zu Themen wie Sklaverei, Scheidung, Opfer/Fleischkonsum, Sexualität/Prostitution, Körpertheologie, Eschatologie. Dabei bezieht sie die offene und subtile Gestalt der Gewalt im römischen Reich durchgehend in ihre Auslegung ein: Kreuzigungen als Mittel politischer Abschreckung, „Spiele“ als Massenveranstaltungen, in denen Menschen gefoltert und getötet wurden, Sklaverei als Struktur der Bemächtigung über Menschen und ihre Körper. Dem setze Paulus das Bild der Gemeinde als „Körper des Messias“ entgegen, die Vorstellung eines kollektiven Körpers, mit dem Gott befreiend in der Welt handelt (1 Kor 12,12-27) und der nicht rein metaphorisch zu denken sei. Die Gemeinde verkörpert den Auferstandenen. Die vielfältigen sozialgeschichtlichen Informationen des Kommentars, die sich auf aktuelle historische, religionsgeschichtliche und archäologische Forschungen stützen, richten zum einen den Blick auf die harten Lebensbedingungen einer Gemeinde in den Strukturen der römisch-hellenistischen Welt, auf die bedrängte Lage von Frauen, Kindern, der Armen und Versklavten und eröffnen zugleich ein Verständnis für die Attraktivität der Botschaft des Evangeliums. Die Menschen erfahren sich in ihrer Gemeinschaft als messianischer Körper, der ihnen die Würde als Gottes Geschöpfe zuspricht und eschatologische Visionen von der gerechten Welt Gottes entwickeln lässt.

Die theologischen Grundlagen für diese sozialgeschichtliche Arbeit hat Luise Schottroff bereits 1979 in einem programmatischen Aufsatz dargelegt: „Die Schreckensherrschaft der Sünde und die Befreiung durch Christus nach dem Römerbrief des Paulus“.1 Darin zeigt sie, dass den Aussagen des Paulus zur Sünde, zur Bedeutung der Tora und dem befreienden Handeln Christi eine politische Analyse des Imperium Romanum zugrunde liegt. Die Kraft der Texte entfalte sich dann in besonderer Weise, wenn sie in diesem Kontext gelesen werden und nach der Bedeutung für den Alltag der Menschen in den Städten des Imperiums gefragt wird. Ihre Analyse zeigt, dass der für Paulus leitende Gedanke sei, dass die Sünde über alle Menschen wie über Sklav:innen herrsche und Christus die Befreiung aus dieser Herrschaft bringe. Der Herrschaftsraum der hamartia ist der kosmos, ihr Herrschaftsinstrument der Tod. Für die Ausübung ihrer Herrschaft bediene sie sich des nomos. Nach Schottroff ist damit nicht die Tora gemeint, sondern der Zwang, der es unmöglich mache, den Willen Gottes zu tun. Paulus denke die Weltherrschaft der Sünde in den Dimensionen des Imperium Romanum, die erst von den Glaubenden durchschaut werde. Sie erkennen, dass sich die Weltherrscherin sogar der Tora bedient. Luise Schottroff fragt weiter danach, was die Befreiung aus der Macht der Sünde konkret für die Menschen bedeutet habe. Paulus gehe es nicht in erster Linie um eine Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen, er denke apokalyptisch: Seine Hoffnung richte sich auf Gottes endgültiges Eingreifen, das mit der Auferstehung Jesu bereits begonnen habe. Diese Hoffnung auf einen endgültigen Herrschaftswechsel habe tiefgreifende politische Konsequenzen gehabt. Die Menschen fühlen sich nicht zuerst dem römischen Kaiser als dem Kyrios und seinen Institutionen gegenüber loyal, sondern dem Gott Israels und dem von ihm gesandten Messias.

Mit diesem Deutungsrahmen, in dem sie auch die anderen Briefe des Paulus liest, bereitete Luise Schottroff den Weg für weiterführende Studien sozialgeschichtlicher Exegese im deutschen Kontext und international im Kontext der Studien zur imperiumskritischen Paulusforschung, die aktuell unter dem Stichwort „Paul and Empire“ geführt werden. Von ihr selbst liegen eine Vielzahl von Veröffentlichungen im Bereich sozialgeschichtlicher Bibelauslegung vor.2 2009 hat sie zusammen mit alt- und neutestamentlichen Fachkolleg:innen das „Sozialgeschichtliche Wörterbuch zur Bibel“ herausgegeben.

2. Christlich-Jüdischer Dialog

Auf die grundlegende Frage, die Luise Schottroff 2013 in der Einleitung stellt: „Wer war Paulus?“ folgt als erstes die Überschrift: „Paulus der Jude“. In ihren Veröffentlichungen wird deutlich, dass der christlich-jüdische Dialog maßgeblich ihr Denken bestimmt. Im Kommentar zum Brief an die korinthische Gemeinde liest sie Paulus konsequent als jüdischen Autor, der seinen theologischen Traditionen treu geblieben ist, als er zum Glauben an Jesus als den Messias Israels kam. Damit positioniert sie sich innerhalb einer international geführten Debatte, die unter dem Stichwort „Paul within Judaism“ jüdisch- und christlich-theologische Forschungen zu Paulus bündelt.3 Ein zentrales Anliegen ihrer gesamten exegetischen Arbeit ist die Überwindung des christlichen Antijudaismus. Im Rahmen einer Theologie nach Auschwitz sieht sie es als wichtige Aufgabe an, antijüdische Stereotype und Denkschemata zu erkennen und Alternativen zu entwickeln – in dem Bewusstsein, dass es im deutschen Kontext bisher keine vollständig nicht-antijudaistische christliche Theologie gibt.

Seit Mitte der 1960er Jahre entstanden in der neutestamentlichen Wissenschaft erste Ansätze, die Schriften des Paulus im Kontext des antiken Judentums zu deuten, die aktuell unter der Überschrift „New Perspective on Paul“ bzw. „Post-New Perspective on Paul“ oder „Paul within Judaism“ diskutiert werden. Für die Debatte im deutschsprachigen Raum war das Buch von Krister Stendahl „Paul among Jews and Gentiles“ (1976) grundlegend, das 1978 unter dem Titel „Der Jude Paulus und wir Heiden“ übersetzt erschien. Dieses Verständnis des jüdischen Paulus nahm Luise Schottroff schon sehr früh auf und entwickelte es in ihrer eigenen Arbeit konsequent weiter.

Ende der 1980er Jahre wurde im Kontext deutschsprachiger Feministischer Theologie die Frage nach dem Antijudaimus in der christlichen Theologie in einer breiten Öffentlichkeit geführt, angestoßen vor allem von jüdischen Theologinnen. Sie kritisierten, dass auch Feministische Theologien unreflektiert antijüdische Stereotype christlicher Theologien fortschrieben, wie z.B. die Darstellung Jesu als dem „neuen Mann“, der Frauen aus einem patriarchalen, frauenunterdrückenden Judentum befreie. Der Band „Von der Wurzel getragen. Christlich-feministische Exegese in Auseinandersetzung mit Antijudaismus“, der 1996 von Luise Schottroff und Marie-Theres Wacker herausgegeben wurde, bildet die daraufhin entstandenen exegetischen Diskussionen und deren Ergebnisse ab. Der von ihr in diesem Buch veröffentlichte Aufsatz stellt Alternativen zum (oft antijüdisch konnotierten) Konstrukt „gesetzesfreies Heidenchristentum“ dar.4 Programmatisch fasst sie diese 2013 in der Einleitung des Kommentars zum ersten Brief an die Gemeinde in Korinth zusammen: „Paulus ist durch seine Berufung nicht Christ geworden, sondern ein göttlicher Bote, der die befreiende Botschaft von der Erweckung Jesus verbreitet. Paulus hat Befreiung vom Tun der Ungerechtigkeit unter der Herrschaft der Sünde verkündet, nicht Befreiung von der Tora und der Erfüllung ihrer Weisungen. Es geht also um die Befreiung zur Tora und nicht von der Tora.“

Luise Schottroff liest nicht nur die Briefe des Paulus, sondern auch die Evangelien im theologischen Kontext des Judentums. In ihrem Buch über die Gleichnisse Jesu, das 2005 erschienen ist und mittlerweile in 3. Auflage 2010 vorliegt, werden die neutestamentlichen Gleichnisse im Vergleich mit rabbinischen Gleichnissen konsequent von ihrem jüdischen Hintergrund her gedeutet.5 Posthum veröffentlicht wurden 2019 ihre Auslegungen zum Matthäus-Evangelium.6

3. Feministische Exegese

Auch in diesem Forschungsbereich ist Luise Schottroff eine der Pionierinnen. Bereits 1985 stellt sie in einem Aufsatz die Frage: „Wie berechtigt ist die feministische Kritik an Paulus?“7 und analysiert darin eine Reihe von Stellen aus seinen Briefen, in denen explizit von Frauen die Rede ist. Sie plädiert dafür, diese Aussagen im konkreten Kontext der jeweiligen Gemeindesituation auszulegen und die Auslegungsgeschichte (beginnend mit den Pastoralbriefen, über die Alte Kirche bis in die Gegenwart) gesondert zu betrachten. Das war für die Paulus-Rezeption in der Frühphase der Feministischen Theologie nicht selbstverständlich. Denn die Geschichte der Frauendiskriminierung und -unterdrückung im Christentum ist eng verbunden mit der Auslegung der Paulusbriefe, so Schottroff. Viele Frauen haben es deshalb abgelehnt, sich überhaupt mit Paulus, dem „Frauenfeind“ zu befassen, denn das seien „Rettungsversuche unrettbar unterdrückerischer Texte“8. Diese Haltung findet in vielen populären Paulusdeutungen auch weiterhin Nahrung, denn das Klischee des frauen- und körperfeindlichen autoritären Apostels, der gegen das jüdische Gesetz kämpft, hält sich beharrlich im Allgemeinwissen bis in die Gegenwart. Das Resümee von Luise Schottroff im Jahr 1985 war: „Gemessen am Selbstverständnis der Männerkirche und Männertheologie heute war Paulus ein feministischer Vorkämpfer.“ (246) Seitdem hat sich vieles grundlegend verändert, nicht zuletzt dank feministischer Forschungen und ihrer Rezeption in weiteren theologischen und kirchlichen Kontexten. Wissenschaftliche Feministische Exegese ist in der Folgezeit zu einer differenzierten Sichtweise paulinischer Theologie gelangt. In ihrem Überblick über die feministische Paulusforschung resümiert Luzia Sutter Rehmann, dass sich das Interesse verlagert habe: So ginge es nicht länger darum, die verdrängte Geschichte von Frauen in den paulinischen Gemeinden darzustellen, sondern um eine kritische Dekonstruktion androzentrischer Schriften und einen neuen Entwurf des Paulus und seiner Briefe.9

Feministische Theologie war ein wesentlicher Schwerpunkt von Luise Schottroff im Bereich der Forschung und in der universitär-politischen Arbeit, in der sie sich sehr für die Förderung und Vernetzung feministischer Theolog:innen engagiert hat. So war sie 1986 an der Gründung der European Society of Women in Theological Research (ESWTR) beteiligt, einem interreligiösen Netzwerk für Theologinnen aller Fachrichtungen. 1991 hat sie das „Wörterbuch der Feministischen Theologie“ mit herausgegeben, das 2002 eine vollständig überarbeitete und grundlegend erweiterte Auflage erfahren hat. Zu den Standardwerken im deutschsprachigen Bereich gehört auch das 1998 von ihr und Marie-Theres Wacker herausgegebene „Kompendium Feministische Bibelauslegung“, das einen Kurzkommentar mit dem Fokus auf Fragen des Geschlechterverhältnisses zu allen biblischen Büchern, einschließlich Apokryphen und ausgewählten außerkanonischen Schriften bietet. 2012 wurde es in englischer Übersetzung unter dem Titel „Feminist Biblical Interpretation. A Compendium of Critical Commentary on the Books of the Bible and Related Literature” erneut publiziert.

Feministische Theologie war für Luise Schottroff untrennbar mit befreiungstheologisch ausgerichteter Sozialgeschichte und Fragen des christlich-jüdischen Dialogs verbunden, wie exemplarisch ihr 1994 erschienenes Buch „Lydias ungeduldige Schwestern. Feministische Sozialgeschichte des frühen Christentums“ zeigt.10 Im vorliegenden Kommentar greift Luise Schottroff eigene Auslegungen aus früheren Zeiten auf und verändert sie zum Teil grundlegend, wie z.B. die Interpretationen von 1 Kor 11,2-16 oder 1 Kor 14,34-38. An diesen Beispielen zeigt sich, dass sie stets theologisch weitergearbeitet, aktuelle Literatur rezipiert und sich durchaus selbstkritisch mit eigenen Auffassungen auseinandergesetzt hat.

Die drei das Werk von Luise Schottroff prägenden Perspektiven: Sozialgeschichte, christlich-jüdischer Dialog und Feministische Theologie bestimmen auch das Konzept der Bibel in gerechter Sprache (2006.2011), zu deren Mitherausgeber:innen Luise Schottroff gehört. Hier ist sie für die Übersetzung des Matthäusevangeliums und auch des Ersten Briefs an die Gemeinde in Korinth verantwortlich, welche sie in dem vorliegenden Kommentar weiterentwickelt und deren Hintergründe sie ausführlich entfaltet.

Ich selbst habe viele Jahre mit Luise Schottroff zusammengearbeitet und aktuelle Projekte diskutiert. So konnte ich das Entstehen dieses Kommentars kontinuierlich mitbegleiten und freue mich deshalb besonders, dass er jetzt in einer zweiten Auflage erscheint. Eine Übersetzung des Kommentars ins Englische ist zurzeit in Planung, die dessen Rezeption auch international ermöglichen wird. Ich hoffe sehr, dass er auf lange Sicht Leser:innen findet, die sich mit den sorgfältigen, inspirierenden, manchmal überraschenden und immer von tiefer Spiritualität getragenen Auslegungen Luise Schottroffs auseinandersetzen und sich von ihrer Interpretation der Theologie des Paulus begeistern lassen.

Für die Unterstützung bei der Aktualisierung des Kommentars danke ich Dr. Marlene Crüsemann und Prof. Dr. Carsten Jochum-Bortfeld, für die sorgfältige Korrekturarbeit Christine Kötz.

Wuppertal, im August 2020

Claudia Janssen

Vorwort

Die Arbeit an diesem Buch hat mich auf eine Entdeckungsreise in die Lebenswelten einer großen römisch-hellenistischen Stadt, Korinth, geführt. Paulus war Reiseführer in die Geschichte der frühen römischen Kaiserzeit. In seinem ersten Brief nach Korinth wird die Härte des Alltagslebens dieser Stadt spürbar, auch die seines eigenen Lebens. Mitten in dieser Stadt hat sich eine widerständige Gemeinschaft von Menschen aus dem jüdischen Volk und den anderen Völkern zusammengefunden, die eine große Vision haben und aus ihr leben. Dies haben sie aus der Tora gelernt: Israels Gott will die Fülle des Lebens für alle Menschen und die ganze Erde. Paulus teilt den Weg dieser Gemeinschaft mit Begeisterung und Leidenschaft. Durch diesen Brief wurde Paulus für mich Quelle der Inspiration: Es ist möglich, selbst unter solchen Bedingungen ein gemeinsames Leben aufzubauen und sich an der Vision der Gerechtigkeit Gottes für die ganze Erde täglich zu orientieren.

Auf dieser Entdeckungsreise hatte ich treue Gefährtinnen, die mit mir die Neugier auf einen anderen Paulus und die Überraschung über unerwartete Entdeckungen teilten. Ohne den kontinuierlichen exegetischen und spirituellen Dialog mit Claudia Janssen wäre dieses Buch nicht entstanden. Marlene Crüsemann hat die Arbeit von Beginn an begleitet, neue Ideen über den zweiten Brief nach Korinth entwickelt – die für das Verständnis von 1 Kor und Paulus insgesamt grundlegend sind –, und zum Schluss hat sie die Mühe einer redaktionellen Gesamtkorrektur auf sich genommen. Ute Ochtendung hat das Manuskript durchweg kompetent betreut. Ihre Unterstützung und Umsicht hat mich immer wieder zu dieser Arbeit ermutigt. Ich habe die große Freude, mit einer Gruppe von fünf Kolleginnen regelmäßig an der Weiterentwicklung von Übersetzungen in der Bibel in gerechter Sprache arbeiten zu können. Dietlinde Jessen, Luise Metzler, Friederike Oertelt, Susanne Paul und Cathrin Szameit teilten mit mir die Überlegungen zur Übersetzung des ersten Briefes nach Korinth ins Deutsche – von den Details der Wiedergabe einzelner Wörter bis hin zu den grundlegenden Fragen der Relevanz solcher Texte für Gemeinden des 21. Jahrhunderts. Unsere gemeinsame Arbeit war und ist inspirierend, ermutigend und immer vergnüglich. Auf den Wegen der „Dönche“ erlebte ich viele Klärungsprozesse im Prozess meiner Arbeit. Ariane Garlichs stellte kreative und herausfordernde Fragen aus der Perspektive von Erziehungswissenschaft und Psychoanalyse.

Die Mitglieder des „Heidelberger Arbeitskreises für sozialgeschichtliche Bibelauslegung“ haben konstruktiv und kritisch Thesen und erste Entwürfe diskutiert. Wie notwendig und weiterführend es ist, das Neue Testament und Paulus aus der Perspektive des Alten Testaments und der Geschichte Gottes mit Israel zu begreifen, wurde für mich in diesen Diskussionen immer deutlicher.

Die Literaturbeschaffung für dieses Projekt lag weitgehend in den Händen des Teams der Landeskirchlichen Bibliothek Kassel, besonders von Herrn Thron. Er hat Berge von Neuerscheinungen, aber auch seltene und ältere Titel aufgespürt. Die Arbeit des ganzen Teams war eine große Unterstützung für mich. Benjamin Porps kam auch bei Schnee und auf vereisten Straßen mit dicken Fahrradtaschen voller Bücher zu mir. Auf seine bibliographische Kompetenz konnte ich mich verlassen. Mein herzlicher Dank gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kohlhammer Verlages, besonders Herrn Florian Specker vom Lektorat, der auch die Bildnachweise erarbeitet hat.

Ich danke allen, die mich auf diesem Weg begleitet haben, von Herzen. Es war eine wunderbare Zeit.

Kassel, 2012

Luise Schottroff

Einleitung: Wer war Paulus?

In diesem Kommentar stelle ich den ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth aus sozialgeschichtlich-theologischer Perspektive dar.1 Ich möchte meine Sicht auf Paulus, die sich bei der Arbeit daran entwickelt und geschärft hat, in fünf Schritten kurz darstellen. Dabei verweise ich jeweils auf die Textstellen in 1 Kor, bei denen in dem vorliegenden Kommentar weiteres Material zur Sache gefunden werden kann.

1. Paulus, der Jude

Paulus ist als Jude geboren, hat jüdisch gelebt und gearbeitet bis zu seinem Tod. Am Beginn seiner Arbeit für das befreiende Evangelium steht seine Berufung durch Gott. Diese Berufung war Paulus so wichtig, dass er in seinen Briefen vielfach auf sie Bezug nimmt, auch in 1 Kor (1,1; 15,8–10; 9,1.16–27 u. ö.). Durch die Berufung hat er den göttlichen Auftrag bekommen, besonders unter den unterdrückten Völkern des römischen Reiches, den ethne (s. zu 1,22–24), die Botschaft bekannt zu machen, dass der Gott Israels Jesus von den Toten erweckt hat. Jesus war ein jüdischer Mensch, der von Rom weniger als zwanzig Jahre zuvor hingerichtet wurde (s. zu 1,17.18; 2,6–8). Dass Gott diesen Hingerichteten erweckt hat, bedeutet, so verkündet es Paulus, dass die Welt nicht mehr der Herrschaft lebensfeindlicher Gewalten ausgesetzt ist. Gott hat den Todesstrukturen eine Grenze gesetzt. Gott hat damit das Volk Israel und die Völker (ethne) aus der Sklaverei befreit (15,20–22). Diese Sklaverei beschreibt Paulus als Herrschaft des Todes (3,22; 15,22.26.56), als Herrschaft der Sünde (15,56) und der Welt (kosmos 3,22). Diese Mächte zwingen die Menschen, als Mittäter und Mittäterinnen an ihrer Ungerechtigkeit teilzuhaben und sie in ihrem Leben zu praktizieren, d. h. die Tora nicht zu halten (6,9–11; 5,10–11). Politische Analyse und mythische Vorstellungen von weltbeherrschenden dämonischen Mächten fließen hier ineinander.

Sowohl mit der Vorstellung von Berufung als auch mit der von der Herrschaft der Sünde bewegt sich Paulus innerhalb der Traditionen des Judentums. Die Verzweiflung über die Weltmacht Sünde, die jeden und jede versklavt, ist z. B. Thema im 4. Esrabuch (zu Sünde s. Basisinformation bei 9,20). Für die Tradition, in der seine Berufung steht, verweist Paulus auf die prophetischen Bücher (s. zu 1,1). Erst unter dem Einfluss der Abgrenzung des Christentums vom Judentum ab dem zweiten Jahrhundert wurde diese Berufung als Beginn eines vom jüdischen Gesetz befreiten christlichen Lebens verstanden, also als „Bekehrung“. Dieser Begriff ist jedoch dem gegenüber, was Paulus selbst sagt, unangemessen. Paulus ist durch seine Berufung nicht Christ geworden, sondern ein göttlicher Bote, der die befreiende Botschaft von der Erweckung Jesu verbreitet.

Paulus hat Befreiung vom Tun der Ungerechtigkeit unter der Herrschaft der Sünde verkündet, nicht Befreiung von der Tora und der Erfüllung ihrer Weisungen. Es geht also um Befreiung zur Tora, nicht von der Tora (s. zu 7,19.20).

Der erste Brief des Paulus nach Korinth ist insgesamt als Auslegung der Tora primär für Menschen aus den Völkern zu verstehen, die sich dem Gott Israels und seinem Messias zu eigen gegeben haben. Sie verstehen sich selbst nicht als jüdisch. Von jüdischer Seite werden sie als Menschen aus den Völkern (ethne) gesehen und in das breite Spektrum nichtjüdischer Menschen, die jüdisch leben, eingeordnet. In der römisch-hellenistischen Gesellschaft hingegen und vonseiten römischer Behörden wurden sie wohl meist wie Juden und Jüdinnen behandelt. Der Brief gehört in die Geschichte jüdischer Schriftauslegung für die Gegenwart (Halacha; s. z. B. zu 10,1–13; 5,1–11) im ersten Jahrhundert.

Es wurde oft gefragt, ob Paulus mit seiner Vorstellung von der Bedeutung des Messias Jesus nicht bereits den Rahmen des Judentums gesprengt habe. Obwohl dies verbreitet angenommen wird, bleibt Paulus auch in seiner „Christologie“ im Rahmen jüdischer Vorstellungen seiner Zeit. Entscheidend ist für ihn das Sch’ma Israel / Höre Israel, Israels Gott ist einzig (s. 8,5–6). Für ihn verkörpert Gottes Messias mit seinem Leib und mit seinem ganzen Leben göttliches Handeln in der Welt des Volkes Israel und der Völker. Es gibt in seinen Schriften keine Ansätze, den Messias in irgendeiner Weise zu vergöttlichen (s. zu 8,5–6). „Messias“ ist als ein verkörpertes Handeln Gottes vorgestellt, weniger als eine einzelne Person, die von anderen Menschen abgegrenzt wird (s. zu 10,4). Die Annahme, dass das Wort „Messias“ in der ins Griechische übersetzten Form Christos / Gesalbter bei Paulus schon auf dem Wege sei, ein Eigenname zu werden, entspricht nicht seinem Umgang mit dem Wort. Für ihn ist es kein Name; wenn Paulus Christus / Messias sagt, spricht er von Gottes Gegenwart, die die Menschen aus der Sklaverei der Todesstrukturen befreit.

2. Paulus und der Messias

Der Messias ist von Gott erweckt worden, als die Weltmacht Rom ihn gekreuzigt hatte. Als Paulus von Gott für das Evangelium der Völker berufen wurde, begann er seinen Weg als Beauftragter Gottes, als Apostel (s. zu 1,1). Er versteht seinen Auftrag als Teil eines weltweiten Geschehens (s. 16,5–9), als Teil der Arbeit in einem Netzwerk, zu dem immer mehr Menschen gehören. Es geht ihm nicht darum, eine Kirche oder Religion zu stiften, sondern darum, die Befreiung von der Sklaverei des Todes und der Sünde in der damaligen Welt ausbreiten zu helfen. Für ihn geschieht diese Ausbreitung, wo Menschen sich zusammentun und gemeinsam in der Tora forschen, wie ihr Weg zur Gerechtigkeit Gottes aussehen kann. Der Begriff „Mission“ ist nur verwendbar, wenn er von dem Anspruch, einer Institution oder einer Lehre zur Macht zu verhelfen, freigehalten wird.

Mit der Erweckung des gekreuzigten Jesus hat Gott dem Tod und der Gewalt ein Ende gesetzt. Diese Botschaft ist Grundlage des Evangeliums, wie Paulus es in die Mittelmeerwelt trägt. Das römische Reich setzte seine Herrschaft durch offene und subtile Gewalt durch. Zu dieser Gewalt gehörten Kreuzigungen als Mittel der politischen Abschreckung, aber auch „Spiele“, d. h. Massenveranstaltungen in vielen Städten, in denen Menschen gefoltert und getötet wurden (s. 4,9). Die Massen sollten eine scheinbare Mitwirkung an großen Entscheidungen über Tod und Leben erleben und der Gewalt in den Arenen zujubeln. Wer diese Zustimmung zur Gewalt nicht mitmachte, war gefährdet, von Rom verfolgt zu werden. Die Angst vor Verfolgung hatte deshalb auch Menschen, die bereits zu den Gemeinschaften des Gottes Israels (ekklesiai theou) gehörten, dazu gebracht, die Kreuzigung ihres Befreiers zu verleugnen, also das Wort vom Kreuz zu verschweigen (s. 1,17.18), und ebenso auch die Auferweckung des Messias. Rom hatte bereits vor dem Auftreten des Juden Jesus, der von vielen Menschen als Gottes Befreier / Messias angesehen wurde, messianische Bewegungen verfolgt (s. Basisinformation vor 15,1). Paulus kämpft dafür, dass die Gemeinden Gottes in der Frage ihrer Zugehörigkeit zu einem Gekreuzigten, der von Gott zum Messias gemacht wurde, eindeutig blieben. Denn die Versammlung oder Gemeinde Gottes versteht er als Körper des Messias in dieser Welt. Die Vorstellung vom kollektiven Körper, mit dem Gott in der Welt handelt, ist nicht metaphorisch zu verstehen (s. zu 12,12.27). Die Gemeinde verkörpert mit allen ihren Gliedern den Messias und handelt messianisch, nach innen und nach außen. Sie nennt die Gewalt öffentlich beim Namen und baut eine Gemeinschaft auf, die Gottes Gerechtigkeit verwirklicht. Die Gerechtigkeit befreit die Sexualität aus ihrer Gewaltförmigkeit (s. 6,12–20; 7,1–40), sie gibt den Armen gleiche Rechte und unterbindet Privilegien der Reichen auf Kosten anderer Menschen (1,26–31; 11,17–34). Auch Frauen erhalten gleichrangige Würde mit Männern (s. 11,2–16). Die ethnische Vielfalt, die vielen Muttersprachen der Gemeindeglieder sollen nicht zugunsten der Verkehrssprache verschwiegen werden. Es wird um eine Form gerungen, wie sie öffentlich neben der Prophetie (in der Verkehrssprache) in der Gemeinde gehört werden können (Basisinformation bei 14,1).

Der Körper des Messias, Jesu Körper, und die einzelnen Körper der Menschen sind Ort der Gegenwart Gottes (11,23; 12,12.27; 6,19). Im Abendmahl sind diese unterschiedlichen Dimensionen des Begriffs „Leib Christi“ (soma Christou) untrennbar miteinander verbunden. Das Abendmahl ist der Ort der immer wieder erneuerten Vergegenwärtigung der körperlichen Gegenwart Gottes und des Messias.

3. Paulus unter seinen Geschwistern

Paulus versteht sich als ein Ausleger der Tora in Gemeinschaft. Auch die Menschen aus den Völkern haben schnell große Kompetenz erworben, die Tora zu kennen und für ihr Leben in der Gemeinschaft des Leibes Christi auszulegen. Paulus hatte Anteil an diesen Auslegungsgemeinschaften. Er bekommt keine Sonderrechte (s. 5,3–5), wenn die Versammlung auf der Grundlage der Tora Entscheidungen fällt.

Paulus war nicht der einzige von Gott gesandte Bote des befreienden Evangeliums. Seine Briefe sind meist mit anderen Menschen gemeinsam geschrieben (s. 1,1) und enthalten vieles von der Sprache der Gemeinden, ihren Gebeten und Diskussionen. Paulus „hatte“ nicht „Mitarbeiter“, die er dirigierte, sondern arbeitete mit anderen Geschwistern gemeinsam für das Evangelium (16,1–24). Im Leib Christi sollte es keine Beziehungen von oben nach unten geben. In der Auslegungsgeschichte ist Paulus vielfach als Gestalt, die Macht über andere hat, die Lehrdifferenzen mit Autorität entscheidet und die Gemeinde „ermahnt“ (s. 1,10), verstanden worden. Diese Paulusdeutung hat sein Bild nachhaltig geprägt – gerade auch durch entsprechende Wortwahl in Bibelübersetzungen. So wurde er zur Identifikationsfigur für Leitungsleute, die Herrschaft in der Kirche beanspruchten. Zugleich aber verbreitete dieser Paulus auch Furcht und Abwehr bei denen, die unter Hierarchien litten und an gerechten Beziehungen in der Kirche arbeiteten.

Frauen in den Gemeinden waren für Paulus gleichwertige Arbeiterinnen für das Evangelium. Aber wenn es um Frauen und ihre Sexualität und Beziehungen zum anderen Geschlecht geht, wird seine Ambivalenz ihnen gegenüber sichtbar. Er will zwar nicht, dass messianische Männer zu Prostituierten gehen. Die Prostituierten selbst bleiben dabei für ihn aber nahezu unsichtbar. Und es bleibt unsichtbar, dass ein relevanter Teil der Gemeinden aus Frauen besteht, die ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise durch Prostitution verdienen mussten. Für die Paulusrezeption im 21. Jahrhundert sollte eine Wiederentdeckung des Bruders Paulus begleitet sein von der offenen Aussprache über seine Ambivalenz in bestimmten Fragen. Paulus verbreitete auch Vorstellungen, die in der Geschichte der Kirche und der von ihr beeinflussten Gesellschaften Frauen und Männer unterdrückt und gequält haben. Das gilt besonders für Menschen, die gleichgeschlechtlich leben (6,9), und für Frauen in patriarchalen Ehen (7,10.36). Die unterdrückerische Seite des Paulus ist durch die Auslegungstradition noch zusätzlich verstärkt worden. Die Kritik an Paulus sollte in den Gemeinden des 21. Jahrhunderts, auch in Gottesdiensten, besprochen werden.

4. Der Alltag in den Städten des römischen Reiches

Paulus redet relativ häufig von seinen eigenen Lebensbedingungen. Er muss hart arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er ist vor allem auf seinen endlosen Fußmärschen durch die Weiten der nördlichen Mittelmeerländer Gefahren ausgesetzt (4,12; 16,5–9). Er ist zudem andauernd in politischer Gefahr. Als Fremder braucht er Schutz in den Städten. Römische Behörden in den Städten und z.T. auch die Bevölkerung sind schnell bereit, Verkünder eines Gottesfriedens, der sich von dem Frieden der pax romana grundlegend unterscheidet, zu verfolgen, verprügeln, zu verhaften und mit dem Tod zu bedrohen (4,11–13).

Die Lebensbedingungen der Mehrheitsbevölkerung in den Städten werden in vielen Einzelheiten dieses Briefes erstaunlich deutlich. Paulus redet von Armut und von mangelnder Bildung (1,26–31). Er kritisiert die Rhetorik der öffentlichen Veranstaltungen (2,1–5) und wohl auch die Prügel für Kinder in den Schulen (4,21). Er spricht sachkundig über Architektur (3,9–17), über Gerichtsbarkeit und über die Vielsprachigkeit der Städte und ihre Probleme (14). Viele Aspekte des antiken Stadtlebens lassen sich in diesem Brief entdecken. Erschütternd ist dabei die Präsenz der Gewalt im Alltag, vor allem der Gewalt in den Massenveranstaltungen (4,9–13) und im Umgang mit Sklavinnen und Sklaven (7,21–24).

Dieser Brief ist geschrieben, um Geschwistern Mut zu machen – durch Toraauslegung, die auf diesen Alltag bezogen ist, und durch den Lobpreis des Gottes Israels. Die ersten Kapitel des Briefes zeigen, wie mühselig es für die Gemeinde ist, sich aus den eigenen Mittäterschaften und Verwicklungen herauszuarbeiten, aus Konkurrenzverhalten, gewohnter Unterordnung unter vielfältige Herrschaften und der Normalität von Gewalt in den sexuellen Beziehungen. Selbst beim Abendmahl versuchen noch einige ihre gewohnten Privilegien auszuleben. Die Gratwanderung zwischen den öffentlichen Kulten der Stadt, die Kapitel 8 und 10 deutlich machen, ist beeindruckend. Ab Kapitel 12 redet Paulus dann weniger von den Schwierigkeiten im Alltag, sondern vor allem von den Reichtümern, mit denen Israels Gott die unterdrückten Völker in dieser Situation beschenkt hat. Sie sollen gewiss sein, dass Gott den Todesstrukturen ein Ende gesetzt hat, als er Jesus von den Toten erweckte. Sie können sich freuen an neuen Begabungen, an der Kompetenz, Tora auszulegen, der Fähigkeit Kranke zu heilen und öffentlich zu sprechen. Alles dieses sind Gaben, die Gottes Geist erweckt und wachsen lässt.

5. Paulus, der Mystiker

Gottes Geist, die heilige Geistkraft, wohnt in den Körpern der Menschen, die Gott angehören (6,19). Paulus spricht im Plural, wenn er von den Erfahrungen mit Gottes Geistkraft spricht: „Wir“ alle, die ganze Gemeinde, sind in der Lage Weisheit, die Gott offenbart, in Worte zu fassen, ja sogar öffentlich darüber zu reden (2,6–10). Aber „wir“, die Gemeinde, sprechen auch die Sprache der Engel (13,1; 2,6–16) und erforschen die verborgenen Tiefen Gottes. Die Sprache, mit der Paulus über den göttlichen Geist spricht, ist maßlos („alles“ z. B. 13,7) und begeistert. Paulus erzählt ähnlich von seinen eigenen Gotteserfahrungen (15,8–10; 2 Kor 12,2–5). Aber er beschränkt diese ekstatische Gotteserfahrung, die das ganze Leben verändert, nicht auf sich oder einen kleinen Personenkreis. Die paulinische Mystik ist eine demokratisierte Mystik (13,1–13).

Die messianische Gemeinschaft in Korinth besteht mehrheitlich aus wenig gebildeten, aus schwer arbeitenden und von Gewalterfahrungen verletzten Menschen. Welcher Kontrast zwischen diesem überbordenden Gottvertrauen und ihrer Lebenswirklichkeit! Die Gotteserfahrung, die Sicherheit, dass Gottes Geist in ihnen wohnt, war ihre Kraftquelle. Paulus hat ihnen nicht eine neue „Lehre“ gebracht. Er und andere Männer und Frauen haben Menschen gelehrt, in der Tora und in ihrem Leben nach Gott zu forschen und aus dieser Quelle Kraft zu schöpfen.

Der erste Brief nach Korinth liest sich mühselig, wenn er auf der Suche nach Gegnern, Streit und Lehrauseinandersetzungen gelesen wird. Der Brief verwandelt sein Gesicht, wenn man vom Beginn an die Sprache der Begeisterung und des Glücks über den großen Reichtum hört und ernst nimmt. 1,4–9 ist nicht eine in Briefen stereotype Danksagung, sondern ein in Anrede an die Geschwister verwandeltes Gebet des Lobpreises. Keine Begabung fehlt euch! (1,7) Ist das höfliche Übertreibung, taktisches Gerede? Es wäre schade um den Reichtum, der bei solcher Lektüre unentdeckt bliebe. Bereits dieser erste Abschnitt des Briefes ist geprägt von Wörtern, die Fülle, ja sogar Maßlosigkeit ausdrücken: Ihr seid reich – in jeder Hinsicht (1,5), an allem. Diese Sprache durchzieht den Brief; es lohnt, sich auf eine eigene Spurensuche nach dem Mystiker Paulus zu begeben, nach den Mystikerinnen und Mystikern in Korinth, einer messianischen Gruppe dieser Hafenstadt Griechenlands Mitte des 1. Jahrhunderts.

Kommentar
Basisinformation: Die Abfassungszeit des Briefes und der Ort Korinth
Die Abfassungszeit des Briefes

Die Chronologie der Reisen und Briefe des Paulus beruht auf Schätzungen. Sie haben eine relativ zuverlässige Grundlage durch Apg 18,11.12. Da wird erzählt, dass 18 Monate nach Beginn des Aufenthaltes des Paulus in Korinth ein Konflikt zwischen Paulus und jüdischen Menschen in Korinth vor dem Statthalter der römischen Provinz Achaia mit Namen Gallio verhandelt wird. Gallios Amtszeit in Korinth lässt sich einigermaßen zuverlässig auf die Zeit Mitte 51 bis Mitte 52 datieren.1 Zur Zeit der Abfassung des Briefes befindet Paulus sich in Ephesus (16,8). Dieser Aufenthalt ist vermutlich identisch mit der Ephesuszeit, die Apg 19,1–20,1 beschreibt. Die Abfassungszeit wird in der Forschungstradition unterschiedlich geschätzt.2 Diese Schätzungen beruhen auf der wegen 1 Kor 15,32 einleuchtenden Annahme, dass Paulus sich schon einige Zeit in Ephesus aufhält, als er den Brief schreibt. Sein Aufenthalt in Korinth liegt also schon einige Jahre (zwei bis vier?) zurück. Zwischen ihm und der Gemeinde bestanden jedoch Kontakte durch Briefe (s. 5,9) und Reisende (s. nur 16,10.12.17). Es findet ein „reges Hin und Her“ statt.3

Der Ort der Gemeinde: Korinth

Strabon (ca. 64 v. Chr. – 19 n. Chr.), ein Geograph und Historiker, beschreibt die Lage Korinths: „Korinthos [wird „das reiche“ genannt] wegen seines Handels; denn an der Landenge gelegen und Herr zweier Häfen, von denen einer Asien, der andere Italien zugekehrt ist […] Erwünscht war es […] beiden, sowohl den Kauffahrern aus Italien wie aus Asien, mit Vermeidung der Fahrt über Maleä [Südspitze des Peloponnes], ihre Ladung dorthin zu bringen.“4 Der Hafen nach Westen heißt Lechaion, der nach Osten Kenchreae (erwähnt in Apg 18,18; Röm 16,1).

Die Geschichte Korinths ist zur Zeit des Paulus schon lange von Rom bestimmt. Rom hatte die alte griechische Stadt 146 v. Chr. in einer Strafaktion zerstört. „Nachdem Korinthos lange Zeit verwüstet geblieben war, wurde es seiner günstigen Lage wegen vom göttlichen Cäsar wiederhergestellt [im Jahr 44 v. Chr.], in dem dieser viele Ansiedler aus der Klasse der Freigelassenen dahin sandte.“5 Im Jahre 27 v. Chr. wurde Korinth Hauptstadt der römischen Provinz Achaia, in der Roms Statthalter residierte und auch Gericht hielt. Apg 18,12 erwähnt das bema / die Tribüne, auf der der Statthalter öffentlich verhandelte.6 Die Stadt war wie jede römische Großstadt ein Platz für Handel und Kult mit Geschäften, Märkten, Handwerksbetrieben, Tempeln, Theatern und Bädern. Der Reiseschriftsteller Pausanias berichtet 173 n. Chr. über das römische Korinth und seine prächtigen Bauten.7 Nach Plutarch war Korinth ein Banken- und Finanzzentrum.8

Über die Bevölkerung Korinths in der römischen Kaiserzeit gibt es einige Informationen in antiken literarischen Quellen. Ein anschaulicher Text von Alkiphron (Mitte 3. Jahrhundert) spricht von zahlreichen arbeitslosen, hungrigen Männern und daneben von großem Reichtum.9 Diese Darstellung stimmt mit der generellen sozialgeschichtlichen Einschätzung für die Stadtbevölkerung des römischen Reiches überein.10 90 % der Bevölkerung lebten am Existenzminimum oder darunter. Der erste Brief des Paulus nach Korinth ist selbst ein weiteres sozialgeschichtlich auswertbares Dokument, das die sozialen und ökonomischen Unterschiede in der Bevölkerung und die Bedeutung der Sklaverei für die Ökonomie sichtbar macht.11

In der Stadt gab es einen größeren jüdischen Bevölkerungsanteil. Philo (30 v. Chr. – 45 n. Chr.)12 erwähnt eine jüdische Kolonie in Korinth (etwa 41 n. Chr.). Weitere Zeugnisse für diese jüdische Kolonie in Korinth sind 1 Kor (z. B. 7,18) und Apg 18,1–18. Aus späterer Zeit (wohl 4. Jahrhundert) stammt eine Inschrift: „[syna]goge Hebr[aion].“13

Für das Verständnis des Briefes ist es wichtig, sich die soziale und kulturelle Entwurzelung vieler Menschen in dieser Stadt vor Augen zu halten. Sie war sowohl durch die römische Siedlungspolitik (s. o. das Zeugnis des Strabon) als auch durch die wirtschaftliche Situation bedingt: zwei Häfen, Durchgangsverkehr von Waren, Menschen und sogar Schiffen, die über den Isthmus gezogen wurden. Der römische Kaiserkult seit Augustus versuchte, die Menschen einzubinden und sie in die Loyalität Rom gegenüber zu zwingen.14

1,1–9

1 Paulus, nach dem Willen Gottes vom Messias Jesus als Apostel gerufen, und Sosthenes, der Bruder, 2 an die Gemeinde Gottes in Korinth, an die durch den Messias Jesus geheiligten Menschen, die gerufen wurden, heilig zu leben – und zugleich an alle Menschen überall, die den Namen Jesu Christi anrufen. Er ist ihr und unser Befreier. 3 Unter euch wohne Gnade und Friede von Gott, unserem Ursprung, und von unserem Befreier Jesus Christus.

4 Euretwegen spreche ich immer wieder Dankgebete zu meinem Gott, weil euch im Messias Jesus die Zuwendung Gottes geschenkt worden ist. 5 Denn in Christus seid ihr an allem reich geworden, begabt zu jeder Sprache und zu jeder Erkenntnis. 6 Ihr bezeugt den Messias und darin beweist ihr zunehmend Stärke. 7 Daher fehlt bei euch keine gottgegebene Fähigkeit, während ihr darauf wartet, dass unser Befreier Jesus, der Messias, offenbar wird. 8 Bis zur Vollendung wird er euch festigen, so dass ihr am Tag unseres Befreiers Jesus Christus nicht angeklagt werdet.

9 Gott ist treu. Durch Gott seid ihr in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus, des Messias, unseres Befreiers, gerufen.

1,1–2

Dieser Brief ist der älteste Paulusbrief, der im Neuen Testament überliefert ist.15 In seiner Briefeinleitung (1,1–3) charakterisiert Paulus die Absender nur kurz, ausführlicher die Adressatin: die messianische Versammlung in Korinth.

1,1 1,1 Paulus sagt über sich selbst, er sei vom Messias Jesus nach Gottes Willen zum Apostel gerufen worden. Über seine Berufung spricht er in 1 Kor 9,1; 15,8–10; Gal 1,1.13–17. Die Apostelgeschichte malt das Geschehen legendär als Christusvision erzählerisch aus (Apg 9,1–22 vgl. 26,12–18; 22,6–16). In der Auslegungstradition ist die Berufung oft als „Bekehrung“ im Sinne einer Abkehr von Judentum gedeutet worden.16 Paulus selbst versteht seine Berufung als Gottes Ruf, das Evangelium zu den Völkern zu bringen, d. h. zum neuen Exodus im Namen des von Gott erweckten Messias Jesus. Damit wendet er sich von seiner Arbeit gegen die messianischen Gemeinden ab, nicht aber vom Judentum. Er arbeitet nun für eine jüdisch-messianische Bewegung, zu der auch Menschen aus den Völkern hinzukommen. Diese Arbeit geschieht im Auftrag Gottes, als dessen Gesandter / Apostel er handelt. Die Vorstellung, Paulus habe sein Apostelamt im Sinne der späteren kirchlichen Ämter verstanden, ist unangemessen. Paulus selbst stellt sich in die Kontinuität der Prophetie Israels, s. Gal 1,15; Jes 49,1.

Bereits in der ersten Zeile seines Briefes erwähnt Paulus den Messias / Christus Jesus. christos ist die griechische Übersetzung des hebräischen Wortes maschiach / Gesalbter und Messias die gräzisierte Form des hebräischen Wortes.

Paulus verwendet das Wort mit und ohne zusätzliche Nennung des Eigennamens „Jesus“ (s. z. B. 1,6). Das Wort christos ist für ihn kein Eigenname, sondern verweist auf die Salbung und damit auf eine von Gott gewirkte Beauftragung. Der Gesalbte verkörpert Gottes Handeln für die Befreiung des Volkes. Das Wort christos ist kein Hoheits- oder Würdetitel, der Personen eine übermenschliche oder göttliche Qualität verleiht, die sie von allen anderen Menschen unterscheidet. Das Wort christos bei Paulus sollte mit „Gesalbter“ oder mit „Messias“ übersetzt werden und nicht durchweg mit „Christus“, da das Wort „Christus“ im gegenwärtigen Christentum häufig als exklusiver Würdetitel und Eigenname dieses einen Messias Jesus verstanden wird.

Das Wort nimmt jüdische Tradition auf.17 Es spielt für Paulus eine zentrale Rolle, wie schon das neunmalige Vorkommen in den neun ersten Versen des Briefes zeigt. „Die Salbung Jesu ist ein wichtiger Schlüssel, um ihn in seiner Würde als Messias / Christus als Teil einer ihn unterstützenden Gemeinschaft zu begreifen.“18 Paulus kann auch von der Gemeinde sagen, Gott salbe sie (2 Kor 1,21). Dass Gott den Messias zum König einsetzt, setzt Paulus klar voraus. Es gibt für ihn eine gegenwärtige und in die Zukunft reichende Königsmacht des Auferstandenen (s. besonders 15,20–28; s. zu 15,24). Zentrale Bedeutung kommt der Messianität Jesu für Paulus und für die Gemeinde in Korinth zu, weil es die Macht des Messias ist, die alle anderen Gewalten und Mächte in der Welt überwindet (s. zu 8,5).

Paulus erwähnt Sosthenes als Mitverfasser. Er versteht sich durchweg in seinen Briefen als „Autor im Plural“.19 Auch wenn er in 1,4 wie oft in 1 Kor im Singular als Absender spricht, so hat er doch nicht den Anspruch, der Chef von „Mitarbeitern“ zu sein oder als einzelner Autor verstanden zu werden. Er versteht sich vielmehr als Teil einer geschwisterlichen Gemeinschaft. Sosthenes nennt er Bruder und redet so auch die Gemeinde als Geschwister an (z. B. 1,10). Diese geschwisterliche Beziehung ist durch „gegenseitige Verantwortlichkeit und Solidarität“ charakterisiert.20. Sie setzt die biblische und nachbiblische Tradition fort, nach der die Glieder des Volkes Israel sich wegen ihrer Bindung an den einen Gott Israels als Schwestern und Brüder verstehen.21 Die Menschen nichtjüdischer Herkunft verbindet diese Geschwisterbeziehung nicht nur miteinander, sondern auch mit dem Volk Israel. Sie eröffnet ihnen eine Alternative zur patriarchalen Familie. Die Beziehungen in der patriarchalen Familie sind in der Regel asymmetrisch, die in der Gemeinde nicht. Ob die Autorität der Apostel, Apostelinnen, Lehrer und Prophetinnen eine asymmetrische Beziehung herstellt, wird zu fragen sein (s. zu 3,11).

1,2 1,2 Die Gemeinde in Korinth wird von Paulus vierfach charakterisiert. Er nennt sie „Versammlung / ekklesia Gottes“. Das Wort hat noch seinen profanen Sinn: Versammlung an einem konkreten Ort – wie in Korinth so auch an anderen Orten (16,1.19). Diese Ortsversammlungen haben untereinander z.T. rege Kontakte. Doch denkt Paulus noch nicht an eine „Kirche“ im übergreifenden Sinne. Für ihn ist jede einzelne Versammlung von Messiasgläubigen Volk Gottes an diesem Ort.22 Sie beerbt Israel nicht, sondern kommt in Solidarität hinzu. Das Wort ekklesia knüpft neben seiner profanen Bedeutung an die alttestamentliche Geschichte Gottes mit dem Volk Israel an.23 Kahal Adonaj wird in der Septuaginta auch mit ekklesia Gottes wiedergegeben und bezeichnet z. B. die Vollversammlung Israels am Sinai (Dtn 4,10) oder die gottesdienstliche Gemeinde (Ps 35,18). Das Wort synagoge kann im selben Sinne gebraucht werden. Ein Neben- oder Gegeneinander von Ekklesia als christlicher Kirche und „der“ Synagoge als Judentum gibt es zu dieser Zeit noch nicht. In der Stadt Korinth gab es Raum für große Versammlungen zu unterschiedlichen politischen Zwecken (s. z. B. Apg 18,12–17). Solche Versammlungen standen den Menschen vor Augen, wenn sie das Wort ekklesia hörten. Deshalb hat das Wort eine deutliche politische Doppelsinnigkeit: Die Versammlung Gottes ist eine Alternative zur städtischen Volksversammlung, in der die jeweils politisch Herrschenden ihre Interessen darstellen und durchsetzen. So ist die Gemeinde als „alternative Gesellschaft […] in der Geschichte Israels verwurzelt und steht im Gegensatz zur pax Romana.“24

Dass die an den Messias Glaubenden Gerufene und Heilige genannt werden, stellt erneut ihre Beziehung zum Gott Israels in den Mittelpunkt. Gott hat sie gerufen wie er den Apostel gerufen hat (1,1). Diese Berufung (z. B. 7,17) oder auch Erwählung (1,28) hat ihr Leben grundlegend verändert. Sie leben nun dem göttlichen Auftrag entsprechend nach der Tora (7,17 s. dort). Die Bezeichnung „Heilige“ knüpft an die Heiligkeit des Volkes Israel an (Lev 19–20). Die Heiligkeit der Gemeinde wird im 1 Kor nachdrücklich herausgestellt. Die Gemeinde ist Ort der Gegenwart Gottes (3,16) und sie ist Leib Christi (12,12.27).

Die ausführliche theologische Würdigung der Gemeinde in der Adresse des Briefes schließt Paulus ab, indem er diese Gemeinde in die weitere Gemeinschaft aller, die den Namen unseres kyrios Jesus Christus rufen, einbezieht.

Die Wendung ist durchaus wörtlich zu nehmen: Die Glaubenden rufen öffentlich: „Jesus ist unser Befreier“ / kyrios Jesus (s. 12,3). Der Name, der gerufen wird, ist der Name „Jesus“. Jesus ist ein alltäglicher Name für jüdische Männer (Joschua, Jeschua). Im frühen Christentum erhält dieser alltägliche Name als Eigenname dieses Messias, der von Rom gekreuzigt und von Gott erweckt wurde, theologische Bedeutung.25 Jesus erhält diesen Namen von Gott, damit in diesem Namen sich die Knie der „himmlischen, irdischen und unterirdischen“ Mächte beugen sollen (Phil 2,10). Mit diesen Mächten sind Kräfte bezeichnet, die die Erde und die Menschenwelt knechten (s. 3,22; 15,24; weitere Erklärung s. zu 15,24). Der Name Jesus verkörpert die von Gott bewirkte Befreiung, denn Jesu Schicksal war bestimmt von der Erniedrigung. Gott setzte seinem Tod und seiner Erniedrigung ein Ende. Er wurde von Gott erhöht. Eine weitere Theologie des Namens Jesus findet sich in Mt 1,21.23. Wenn die Menschen den Namen Jesu anrufen, stellen sie sich in die Gemeinschaft mit dem von Gott aus der Gewalt und dem Tod befreiten jüdischen Mann. So wird er für sie zum kyrios / Herrn, zum Befreier.

Das Wort kyrios ist ebenfalls ein Wort aus dem gesellschaftlichen Alltag zur Zeit des römischen Reiches. Es bezeichnet gängige Herrschafts- und Hierarchieverhältnisse: über Sklavinnen und Sklaven, Abhängige (vom pater familias) innerhalb der Familie, des oikos / Haushalts, und politische Herrschaftsverhältnisse. Der Kaiser in Rom ist kyrios / dominus der Völker im Imperium Romanum. Wenn in diesem Kontext Menschen Jesus für sich zum alleinigen (s. 8,6) kyrios erklären, werden zum mindesten alle anderen Herrschaftsverhältnisse, in denen jede Frau und jeder Mann leben, relativiert und in Frage gestellt. So verändert der Gebrauch dieses Wortes die Beziehungen, in denen die Einzelnen leben. In den christlichen Handschriften der LXX und in neutestamentlichen Schriftzitaten wird das Wort kyrios als Platzhalterwort für den Gottesnamen verwendet.26 Deshalb ist diskutiert worden, ob die kyrios-Bezeichnung Jesus auf eine Stufe mit dem Gott Israels stellt. Diese Schlussfolgerung blendet den Alltagsbezug des Wortes aus. Sie ist zudem auf dem Hintergrund des jüdischen Monotheismus problematisch. Eher ist anzunehmen, dass das Wort kyrios durch seinen Alltagsbezug für Herrschaftsbeziehungen für Jesus gebraucht werden kann, ohne dass eine Gleichbenennung mit dem Ersatzwort für das Tetragramm empfunden wird. Es erhält seinen Sinn durch den Gegensatz zu den alltäglichen Herrschaftsverhältnissen.

1,3 1,3 Gnade und Friede – beide Wörter haben bei Paulus einen vollen theologischen Klang, wobei er mit diesem Gruß auch an Briefsitten und den jüdischen Friedensgruß anknüpft.27 Die Zuwendung Gottes (Gnade / charis) wird bei den Beschenkten in ihrem Handeln wirksam.28 Der Friede, der von Gott kommt, steht in Kontrast zur Friedenspropaganda für den römischen Frieden, der pax romana. Der Friede der pax romana wird durch militärische und nichtmilitärische (Rechtswesen, Verwaltung) Gewaltausübung bei den unterworfenen Völkern erreicht. Kaiser Augustus (27 v. Chr. – 14 n. Chr.) spricht in seinem Testament davon, dass unter seiner Herrschaft „im ganzen Herrschaftsbereich des römischen Volkes, zu Wasser und zu Lande ein durch Siege gefestigter Friede“29 sein Ziel war, das er immer wieder auch erreichte. Der Friede Gottes hat nach der biblischen Tradition eine ganz andere Qualität: Er bedeutet umfassendes Wohlergehen in Gemeinschaft und Glück für Menschen, für ganze Städte, für ein Volk, den schalom; dieser Friede orientiert sich also am guten Leben der Menschen, nicht an den Interessen politischer Herrschaft. Durch den Messias Jesus hat Gott sich den Menschen zugewendet und den Frieden auch für die Leute in Korinth zugänglich gemacht.

1,4–9

In 1,4–9 berichtet Paulus über seine Dankgebete, in denen er Gott für den Reichtum der Gemeinde in Korinth dankt – in einem langen Schachtelsatz (von 1,4–8): Der Reichtum besteht in Charismen / von Gott geschenkten Fähigkeiten oder Gaben. Das Wort charisma taucht in 1,7 auf; er nennt (1,5) als solche geschenkten Fähigkeiten: Redefähigkeit (logos) und Erkenntnis (gnosis). In 12,4–11 wird er detaillierter auf sie eingehen. Die Geistkraft Gottes bewirkt diese Fähigkeiten. Der Abschnitt würdigt die Gemeinde positiv ohne Einschränkung, obwohl Paulus in den Kapiteln 12–14 auch Kritik an der Handhabung der göttlichen Gaben äußert. Er kritisiert dort Versuche, mit ihrer Hilfe Hierarchien zu bilden. Es gibt Überlegungen, ob 1,4–9 das Ziel haben, die Adressatinnen und Adressaten zu einer wohlwollenden Aufnahme des Briefes zu veranlassen.30 Doch der Abschnitt ist eher darauf konzentriert, die Grundlagen der Gemeinde und damit des neuen Lebens aller Beteiligten zu nennen: die Zuwendung Gottes (1,4.9), die Gemeinschaft mit dem Messias (1,4.9.6) und die Erwartung eines gerechten Gerichtes Gottes für die ganze Welt (1,8).

1,41,4 Die Zuwendung (charis) Gottes wird in der Gemeinschaft des Messias erfahren und in den von der Geistkraft bewirkten Fähigkeiten. Die Gemeinde besteht mehrheitlich aus Menschen, die mit den Händen arbeiten (s. zu 1,26). Sie dürften fast alle Analphabetinnen und Analphabeten sein oder nur eine geringe Ausbildung bekommen haben.31 Wenn Paulus hier die geistgewirkten Fähigkeiten des Redens und der Erkenntnis hervorhebt, wird deutlich, wie sehr die messianische Gemeinschaft die Beteiligten beschenkt.

1,51,5 Sie gewinnen die Fähigkeit, freimütig öffentlich zu sprechen (logos), sowohl in der Gemeinde als auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit (14,24). Kapitel 14 zeigt, welche Bedeutung das öffentliche Reden in der Gemeinde hat. Der Brief zeigt durchweg, dass bei den Angeredeten Erfahrung und Kompetenz in der Auslegung der Schrift vorausgesetzt werden kann. Dass Paulus diese Fähigkeiten und Kompetenzen auf Männer beschränkt wissen will (14,34), ist durch nichts angedeutet und schon deshalb ist 14,34 – das Redeverbot für Frauen in der Gemeindeöffentlichkeit – nicht als Votum des Paulus anzusehen (s. zu 14,34). Die Gabe des logos umfasst Sprache und Vernunft, eine Vernunft, die in der Gesellschaft als exklusive Fähigkeit der Elite in der Gesellschaft angesehen wurde, da sie zum Planen, Gestalten und Regieren befähigt. Die Erkenntnis (gnosis) wird nicht nur intellektuelle Fähigkeiten meinen, sondern auch von der Geistkraft gewirkte: Erkenntnisse zu empfangen und weiterzugeben, die aus göttlicher Offenbarung stammen.

1,6 1,6 „Ihr bezeugt den Messias und darin beweist ihr zunehmend Stärke.“ Die Übersetzung der Lutherbibel 1984 lautet: „Denn die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden.“ Hier bleibt offen, wer predigt oder Zeugnis ablegt. In der Auslegungstradition gibt es darüber den Konsens: Paulus. Damit wird oft die Deutung des Wortes ebebaiothe / [das Zeugnis wird] gefestigt oder gestärkt als passivum divinum verbunden.32 Durch diese Deutung wird die Gemeinde ausschließlich als Objekt gesehen. Doch in 1,5 ging es um ihre Fähigkeiten und Aktivitäten. 1,6 ist im Griechischen ein Nebensatz und beginnt mit kathos, was hier wohl „entsprechend“ bedeutet. Inhaltlich will dieser Nebensatz die Begabung mit geistgewirkten Fähigkeiten als Prozess deutlich machen. Dieser geht mit dem Bezeugen (martyrion) einher, dass durch den Messias Jesus Befreiung von der Einbindung in Gewalt und Zerstörung geschieht. logos und gnosis bedeuten inhaltlich: das Zeugnis vom Messias Jesus, das die Gemeinde öffentlich ablegt. Dazu gehören Mut und Stärke, die von Gott bewirkt werden (s. die obige Übersetzung, die für ebebaiothe die Deutung als passivum divinum offenhält).

Basisinformation: Zeitvorstellungen und Eschatologie

Die Zeitvorstellungen der Alten Welt und der Bibel müssen aus ihrem Kontext heraus verstanden werden. Sie können nicht unreflektiert mit heutigen Zeitvorstellungen identifiziert werden. Ein wichtiger Unterschied ergibt sich schon daraus, dass heute normalerweise Zeit als objektiv messbar verstanden wird und als linear – von einem nicht mehr erkennbaren Anfang in eine Zukunft, die unendlich ist, eine Zeit, die immer so weitergeht. In der Antike gab es noch keine entsprechenden Uhren, die tags und nachts gleichmäßig weiterlaufen. Sie sind Voraussetzung heutiger Zeitvorstellungen.

In den paulinischen Briefen werden die biblischen Zeitvorstellungen vorausgesetzt: Die Zeit ist gestaltet und gegliedert durch Gottes Handeln. Schöpfung und Exodus sind göttliches Handeln, das in die Vergangenheit gehört, von der die Menschen der Gegenwart lernen können. Auch die Zukunft ist von der Gottesbeziehung bestimmt: Sie ist das „Kommende“ (ta mellonta 3,22), sie bringt das „Ende“ / telos (1,8; 10,11; 15,24). Mit dem Ende wird jedoch nicht ein Ende der Zeit erwartet, sondern das Ende der Leiden der Menschheit. In 15,24 wird das Ende beschrieben: Gott entmachtet jede Herrschaft, Gewalt und Macht. Daran ist auch in 10,11 gedacht. Die gegenwärtige Gemeinde ist die Gemeinschaft derer, „auf die das Ende der Aionen gekommen ist“, also das Ende des „Aions dieser Welt“. Diese Wendung bezeichnet nicht eine Zeitspanne, sondern einen Machtraum, in dem Herrschende im Interesse einer lebensfeindlichen Macht agieren (2,7.8; 1,20; 3,18). Dieses „Ende“ wird ersehnt, es bedeutet das Ende der Gewalt und der Leiden und die Zeit, in der „Gott alles in allem“ ist (15,28). Das deutsche Wort Ewigkeit versucht diese Vorstellung umfassenden Friedens bei Gott wiederzugeben. Diese Entmachtung der lebensfeindlichen Gewalten hat mit der Auferstehung des Messias begonnen, darum sind sie schon im Untergang begriffen (2,7), und die Gemeinde erfährt schon ihr „Ende“ (10,11; vgl. 3,22). So kann Paulus auch sagen: „die Jetztzeit / kairos ist bedrängend, sie gerät aus den Fugen“ (7,29). Doch Gottes Zukunft ist nahe und sie verändert jetzt schon die Praxis des Lebens für die Glaubenden (vgl. Röm 13,11). Die Gegenwart ist die Zeit der Beziehung zu Gott und zu göttlichem Handeln in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Zu dem zukünftigen Handeln Gottes gehört das gerechte Gericht über die ganze Menschheit und die Vollendung (15,24). Darum sind die Glaubenden Wartende (1,7). Sie warten auf die endgültige Offenbarung, das Kommen des Messias (1,7). Die Auferstehung Christi ist Beginn des Heils; der Messias ist gegenwärtig und er ist der Kommende. „Solange aus diesen Aussagen nicht ideologische und dogmatische, von Erfahrungen abgeschottete Konzepte werden, bleibt es aber naturgemäß bei einem Ineinander von Erwartung und Gegenwart.“33 In der Gegenwart warten die Glaubenden auf die Vollendung (15,24), aber sie erwarten auch das gerechte Richten Gottes (s. dazu 3,13–17; 4,5 u. ö.). Der „Tag“ des Richtens (1,8; 3,13; 5,5) nimmt die alttestamentliche Vorstellung des Tages Adonajs auf. Er wird bei Paulus auch Tag des Befreiers Jesus Christus genannt (1,8; s. auch 5,5 in Teilen der handschriftlichen Überlieferung). Ob Paulus an den Messias als endzeitlichen Richter denkt, bleibt dabei offen.34

Es sind vor allem zwei Deutungsmuster, die die Wahrnehmung dieser Zeitvorstellungen seit ca. 1970 geprägt haben: 1. das Konzept Naheschatologie / „Parusieverzögerung“; 2. das Konzept einer nicht-dualistischen Eschatologie.

Die erstere Vorstellung ist seit Ende des 19. Jahrhunderts bis ins ausgehende 20. Jahrhundert vorherrschend gewesen. Sie deutete die Eschatologie Jesu und des Paulus als Naherwartung, die das Reich Gottes in Jahren, aber nicht Jahrzehnten erwartet. Die „Nähe“ des Reiches Gottes wird dabei also in linearer Zeit gedacht. Da das Reich Gottes nicht kam, habe die enttäuschte Naherwartung dazu geführt, dass die Glaubenden sich in der Welt dauerhaft einrichteten.35 Durch die Vorstellung eines Gottesreiches am Ende von Zeit und Geschichte entsteht ein Dualismus von Geschichte und Ewigkeit, Diesseits und Jenseits.

Ein zweites demgegenüber grundsätzlich verändertes Deutungsmuster entstand vor allem in Befreiungstheologien. Hier wird die Relevanz der Zukunftshoffnungen für die Gegenwart betont und die Zeit als Zeit in Beziehung zu Gott gedeutet. Der Satz „das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“ redet hier von der Nähe Gottes in der Gegenwart, aus der Hoffnung für die Zukunft entsteht.36 Dieses Konzept bezieht die Lebenssituation der Menschen, die in den biblischen Texten zu Wort kommen, in die Deutung ein. Für den 1 Kor bedeutet das, dass die Lebenssituation des Paulus und seiner Adressatinnen und Adressaten im Kontext des römischen Reiches zu berücksichtigen ist. Hier warten Menschen auf die Offenbarung des Messias (1,7), die ein Ende der Gewalt in ihrem Alltag herbeisehnen.

Zusammenfassend lässt sich für die Eschatologie des Paulus sagen: Sie ist Deutung der Gegenwart aus der Beziehung zu Gott.

1,7.8 1,7.8 Geistgewirkte Begabungen und das öffentliche Zeugnis vom Messias erhalten ihre Stärke auch durch die Erwartung, dass der Messias kommen wird, um der Gewalt der gottfeindlichen Mächte ein Ende zu setzen (1,8 vgl. 15,24). Die Gemeinde wird auf dem schwierigen Weg in der Realität der Gesellschaft durch Christus (oder Gott?) gestärkt, sodass die Glaubenden fähig werden, nach der Tora zu leben (s. zu 7,19). Von diesen Schwierigkeiten ist in 1 Kor vielfach die Rede, z. B. von den Schwierigkeiten, nur dem Einen Gott zu gehören in einer Stadt, die vielfach religiöse Ansprüche an die Menschen stellt (Kapitel 8–10). Die stärkende Gemeinschaft mit dem Messias wird sie behüten und im Gericht Gottes vor der Anklage bewahren. Am Tag des Gerichtes wird der Messias seine Arbeit für die Festigung der Gemeinde am Ziel sehen. Sie werden nicht angeklagt, so wird der Tag des Gerichtes zum Tag der Befreiung.37

1,9 1,9 Während Paulus bisher über sein Dankgebet (1,4) und damit über die Gemeinde und zu der Gemeinde geredet hat, spricht er hier eine andere Sprache, die des Trostes: Er vergewissert die Gemeinde der Treue Gottes, die sie in der Gemeinschaft mit dem Messias bereits erfahren haben. Von der Osten-Sacken betont zu Recht, die Liebe / agape untereinander als Erfüllung der Tora sei die „vorrangige Manifestation […] der Treue Gottes“38 und sei auf die konkreten Gemeindeverhältnisse bezogen. Das zeigt auch der Fortgang des Briefes.

1,10–18

10 Ich ermutige euch, Geschwister, vertraut auf den Namen Jesu, unseres Messias und Befreiers, und sprecht mit einer Stimme. Lasst keine Risse zwischen euch entstehen, haltet fest zusammen in gemeinsamem Geist und gemeinsamer Überzeugung. 11 Die Sklavinnen und Sklaven der Chloë haben mir von euch berichtet, meine Geschwister, dass es bei euch Streit gibt. 12 Damit meine ich, dass alle ihre Unterschiede betonen: Ich gehöre zur Paulusgruppe, ich zur Apollosgruppe, ich zur Kephasgruppe, ich zur Messiasgruppe. 13 Ist Christus teilbar? Ist etwa Paulus euretwegen gekreuzigt worden, oder wurdet ihr in den Namen des Paulus eingetaucht? 14 Ich bin Gott dankbar, dass ich außer Krispus und Gaius niemanden von euch getauft habe. 15 So kann niemand behaupten, in meinen Namen eingetaucht zu sein. 16 Ich habe zwar auch alle Menschen im Haushalt des Stephanas getauft. Sonst aber niemand, soweit ich weiß. 17 Der Messias hat mich nicht beauftragt zu taufen, sondern die frohe Botschaft zu verbreiten, und das nicht in beredter Menschenweisheit, damit das Kreuz Christi nicht seine Kraft verliert. 18 Denn von der Kreuzigung zu erzählen gilt denen als unklug, die zugrunde gehen. Uns aber rettet es, weil es Gottes Kraft Wirklichkeit werden lässt.

1,10 1,10 Es gibt Streit in der Gemeinde in Korinth. Paulus spricht von Rissen oder Meinungsverschiedenheiten (1,10) und von Streitigkeiten (1,11). In 11,18 kommt er auf die Risse zurück und es wird (11,22) deutlich, dass sie durch demütigendes Verhalten Wohlhabender gegenüber Armen beim Abendmahl entstehen. Für den Streit, auf den Paulus sich in 1,10–17 bezieht, sind die Konturen weniger deutlich.

Die breite Diskussion über die „Gegner“ des Paulus in Korinth hat sich als irreführend erwiesen. Sie arbeitete mit der Vorstellung von einer Gruppe, die eine andere theologische Lehrmeinung vertritt als Paulus. In dem Brief selbst werden jedoch eine solche theologische Gegenposition und eine durchgängige Differenz mit Paulus nicht erkennbar, wohl aber Auseinandersetzungen wegen Einzelfragen der Lebenspraxis, in denen es innerhalb der Gemeinde oder auch zwischen Paulus und der Gemeindeversammlung (5,1–13) Meinungsunterschiede gibt. Die Auslegungsgeschichte des 1. Korinthers ist geprägt von der hermeneutischen Annahme, dieser Brief bekämpfe „Gegner“ in Korinth. Man hat Polemik, Verurteilungen, Schärfe, Ironie in ihm gefunden. Diese Annahme beruht auf einem Vor-Urteil. In der folgenden Auslegung wird der Text ohne diese Vorannahme ausgelegt. Nur selten werde ich dabei explizit die gegnerorientierte Auslegung widerlegen – um den Text von der Gegnerschaft gegen die Gegner des Paulus zu entlasten. Die Annahme von „Gegnern“ beruht auf der aus der späteren Kirchengeschichte stammenden Frontstellung der Rechtgläubigkeit gegen Häresie. So erschien 1 Kor als erstes Dokument der Verteidigung des rechten Glaubens der Kirche gegen Abweichler und Paulus als der Vater der kirchlichen Rechtgläubigkeit.

Paulus hält die Risse in der Gemeinde für heilbar, weil alle den Namen Jesu anrufen und sich dem Messias und Befreier anvertraut haben. Deshalb sollte es möglich sein, mit einer Stimme zu sprechen und gemeinsam zu erreichen, dass die Einstellung und die Ziele (nous) einerseits und die Meinungen und Überzeugungen (gnome) andererseits wieder übereinstimmen.

1,11 1,11 Paulus sagt, woher er von den Streitigkeiten weiß: „von denen der Chloë“.39 Die Leute der Chloë können Sklavinnen und Sklaven sein (vgl. die Genitivkonstruktion in Röm 16,10.11), aber es ist auch denkbar, dass Chloë die Gastgeberin einer Gruppe von Frauen ist (vgl. Apg 9,39; 1 Tim 5,16). Deutlich ist nur die inhaltliche Position, die diese Gruppe vertritt: Sie steht dem Streit kritisch gegenüber und weiß Paulus auf ihrer Seite.

1,12 1,12 Es gibt Leute, die sich voneinander abgrenzen. Paulus übertreibt, wenn er sagt, „jeder“ sei daran beteiligt, denn mindestens die Chloëgruppe macht dabei nicht mit. Manche ordnen sich Paulus zu, manche Apollos und manche Kephas / Petrus. Andere protestieren gegen diese Abgrenzungen, indem sie sich Christus zuordnen. Die Zugehörigkeit zum Messias ist schließlich die Grundlage der ganzen Gemeinde. Die Christusleute sind vermutlich eine Gruppe, die diese Profilierungen ablehnt. In 3,3–4 wird erkennbar, dass Paulus die Selbstdefinitionen, durch die sich einige mithilfe eines Predigernamens von anderen abgrenzen, für Arroganz hält, die sich an die Strukturen dieser Welt anpasst.40 Sie sollte in der Gemeinde überwunden werden. Er stellt in 3,1–17 sein Verhältnis zu Apollos als Alternative dazu dar: Gott hat sie beide jeweils für ihre Arbeit beauftragt. Es gibt keinen Rangunterschied zwischen ihnen. In 4,6 sagt er, er habe sein Verhältnis zu Apollos als Beispiel genommen, von dem in der Gemeinde gelernt werden kann. Hier in 4,6 zeigt sich auch, dass er die Orientierung an der Tora als Grundlage für die Überwindung der Arroganz ansieht („sich nicht über die Schrift hinwegsetzen“). Man kann dafür auf Jer 9,22f. (vgl. 1 Kor 1,31) verweisen: Die Alternative zur Orientierung an Weisheit, Stärke oder Wohlstand unter Menschen ist die Orientierung, die aus dem Loben Gottes kommt. Viel lässt sich also über die Streitigkeiten in Korinth nicht sagen. Wir haben nur die Sicht des Paulus auf sie, wie sie sich vor allem aus 1,12; 3,3–4; 4,6 erkennen lässt. Er hält diese Profilierungen für zerstörerisches Konkurrenzverhalten (4,6). Niemand ist vor Gott wichtiger als andere Geschwister. Paulus vertritt die Gleichrangigkeit aller Glieder des Leibes Christi. Spekulationen, welche Inhalte die Menschen mit einer Zuordnung zu bestimmten Predigern verbunden haben (also: Worum geht es der Apollosgruppe? etc.), sind müßig. Paulus sagt darüber nichts. Er kritisiert die Profilierungen als solche. Es geht ihm nicht darum, einzelne Leute oder Gruppen in der Gemeinde zu verurteilen, sondern darum, Konkurrenzstrukturen sichtbar zu machen und zu kritisieren – als zerstörerisch und als Produkt einer Welt, die von Gewalt gezeichnet ist.41

Wie stark Konkurrenz und Profilierung auf Kosten anderer der gesellschaftlichen Ordnung der römisch-hellenistischen Welt zugrunde liegen, macht Cicero in seinem Lob des Verhaltens von Jungen deutlich: „Wie groß ist der Eifer bei ihren Wettkämpfen! Wie wichtig sind die Wettkämpfe selbst! Wie jauchzen sie vor Freude, wenn sie gewonnen haben! Wie schämen sich die Unterlegenen! Wie ungern lassen sie sich beschuldigen! Wie stark ist ihr Wunsch, gelobt zu werden! Welche Mühen nehmen sie nicht auf sich, um an der Spitze ihrer Altersgenossen zu stehen! Wie gut ist ihr Gedächtnis für Leute, die es gut mit ihnen meinten, und wie groß ihr Verlangen, sich dankbar zu erweisen!“42 Dieses Verhalten wird den Jungen anerzogen und von erwachsenen Männern nach Möglichkeit praktiziert. Frauen ordnen sich solchen Strukturen zu, auch wenn sie sie meist nicht aktiv übernehmen.43

1,13 1,13 Hier wird absichtlich die Absurdität der Konsequenzen, die solche Konkurrenzstrukturen und Profilierungen hätten, von Paulus auf die Spitze getrieben.

1,14–17

Diese Sätze legen die Vermutung nahe, dass denjenigen, die die Taufe vorgenommen haben, von einigen ihrer Anhänger besondere Autorität zugemessen wird, die es ihnen erlaubt, sich gegeneinander zu profilieren. Aus einer Schrift von Tertullian (gestorben nach 200) ist zu entnehmen, dass er Konflikte wegen des Taufens kennt, die strukturell dem Konflikt in Korinth vergleichbar sind. Tertullian möchte das Recht zu taufen eigentlich auf den Bischof und von ihm beauftragte Amtsträger beschränken. Andererseits sieht er sich genötigt, das Recht aller Glaubenden zu taufen zu akzeptieren. Darum macht er Einschränkungen für das Taufrecht aller. Ganz energisch spricht er sich dagegen aus, dass sich Frauen das Recht nehmen zu taufen oder dass es ihnen zugesprochen wird. Dabei wird deutlich, dass es deswegen Konflikte gab, in denen die egalitäre Position unter Berufung auf Paulus vertreten wird.44 Die Kontroverse um das Recht der Frauen zu taufen zeigt, dass einerseits den Täufern eine besondere Qualität zugesprochen wird, diese aber andererseits im Widerspruch zum egalitären Charakter der Gemeinde steht. Paulus erwähnt in 1 Kor keine Frauen als Täuferinnen, nur Männer, denen wegen des Taufens eine besondere Qualität zugeschrieben wird, die auf die von ihnen Getauften ausstrahlt. Frauen als Täuferinnen sind also für Paulus kein Thema. Doch aus der Diskussion, in die Tertullian Einblick gibt, und aus Apg 18,1–3; 25f. lässt sich begründet vermuten, dass auch Priska in Korinth Menschen getauft hat.

Paulus versucht in 1,14–17a, seine Rolle als Täufer möglichst kleinzureden, um zu verhindern, dass jemand sich auf die Taufe durch Paulus beruft, um sich selbst dadurch Sonderrechte zuzuschreiben.

1,14 1,14 Krispos könnte mit dem Synagogenvorsteher (Apg 18,8) identisch sein, der sich von der messianischen Botschaft überzeugen ließ und in Korinth Einfluss gehabt zu haben scheint. Paulus erwähnt nicht – anders als Apg –, dass sein „Haus“, also Familie und Sklaven / Sklavinnen mit ihm gemeinsam Glieder der messianischen Gemeinde werden.

Gaius ist wohl identisch mit dem Gaius von Röm 16,23. Dort wird er Gastgeber des Paulus und der ganzen Gemeinde / Versammlung genannt. Versuche, aus den spärlichen Informationen etwas über den ökonomischen und sozialen Status beider Männer zu sagen, sind weitgehend hypothetisch geblieben. Möglicherweise ist Gaius einer der Wohlhabenderen in der Gemeinde,45 falls Röm 16,23 bedeutet, dass er mehreren Hausgemeinden gleichzeitig einen Versammlungsort bieten konnte.

1,16 1,16 Stephanas und sein Haus werden in 16,15–18 ausführlicher erwähnt. Aus diesen Informationen ist nicht auf Wohlstand zu schließen, sondern auf eine ökonomische Existenz etwas oberhalb der Subsistenz.46

1,17 1,17 Für Paulus steht Konkurrenz innerhalb der Gemeinde im Widerspruch dazu, dass der Messias Jesus am Kreuz gestorben ist. Die Gemeinde in Korinth, jede und jeder Mensch in ihr, hat sich diesem Messias und dem Gott Israels anvertraut. In einer römischen Stadt einem Messias als Befreier / kyrios zu vertrauen, der im römischen politischen Interesse gekreuzigt wurde, schafft andere Strukturen des Zusammenlebens und der Lebensführung als die der Herkunftsgesellschaft. In ihr ist solche Konkurrenz an der Tagesordnung (3,3 etc.). Im Leib Christi ist sie es nicht. Das Thema Kreuz kommt nicht plötzlich, wie man oft gemeint hat und 1,17b ist auch nicht Überleitung zu einem neuen Thema,47 sondern Vertiefung des Themas seit 1,10. Der innere Zusammenhang der Themen Konkurrenz und Kreuzigung zeigt sich auch in Kapitel 3.4, s. z. B. 3,3 und 3,18–23. Zäsuren zwischen 1,17 und 1,18 machen diesen Zusammenhang unsichtbar.

„Nicht in Weisheit der Rede“ / sophia logou – so grenzt Paulus in 1,17 das Evangelium ab. Welche Weisheit lehnt Paulus hier (vgl. 2,1) ab?

Basisinformation: Die Weisheit dieser Welt

Paulus benutzt in seiner Erörterung der Weisheit der Welt eine Rhetorik der Negationen und Antithesen.48 Die negativ qualifizierte Seite ist häufig als paulinische Darstellung der Lehre oder Meinung der „Gegner“ gelesen worden. Auch die feministische Diskussion bleibt meist in diesem Deutungsmuster; sie hält die Gegner des Paulus für korinthische Prophetinnen mit einer Weisheitsbotschaft, die ihnen Stärke und Statusgewinn in der Gemeinde verschafft.49 Mit solchen Vorstellungen von Gegnerinnen oder Gegnern ist oft die Annahme verbunden, sie verträten eine radikale präsentische Eschatologie (so wird dann besonders 4,8 gedeutet), seien also „enthusiastisch“.50 Betrachtet man jedoch die paulinischen Angaben, wer denn nun diese Weisheit vertritt, so zeigt es sich, dass er nicht konkrete einzelne Menschen im Blick hat. So kann er von „Weisheit des Wortes“ (1,17) reden, auch von „Weisheit der Menschen“ (2,5 vgl. 1,25; 2,9; 2,4 in einer abweichenden Textlesart) oder von „Weisheit dieser Welt“ (1,20; 3,19, s. ähnlich: 1,21; 3,20) bzw. von der Weisheit „dieses Aions“ (2,6; 3,18). Paulus zeichnet hier Strukturen „der Welt“ (kosmos). Es ist nicht anzunehmen, dass irgendwer sagt: „ich verfüge über die Weisheit der Welt“, wohl aber, dass es für die meisten Menschen attraktiv ist, als weise zu gelten. Paulus sieht eine Gesellschaft vor sich, in der sophia / Weisheit strukturell denen zuzuordnen ist, die in ihr etwas darstellen, die anerkannt sind.

Die gesellschaftlichen Strukturen der Welt, die nach Paulus durch Weisheit gekennzeichnet ist, lassen sich in groben Konturen nachzeichnen. So sieht Paulus diese Weisheit:

 Die Weisheit hat einen Aspekt von Bildung und Beredsamkeit (s. 1,17.19.20; 2,4.13; 3,20).51

 Das Weisheitsstreben bringt Konkurrenz und kauchasthai / sich in die Brust werfen / prahlen / überlegen sein wollen hervor (1,12; 3,18–22; 4,7.8).

 Die Weisheit verhindert die Solidarität mit dem gekreuzigten Jesus / Messias und anderen Gekreuzigten (1,18).

 Die Weisheit hat zur Kreuzigung Jesu durch die „Archonten“ geführt (2,6–8).

 Die Weisheit wird in gesellschaftlichen und gleichzeitig mythischen Vorstellungen beschrieben. Die alte Frage, ob mit den „Archonten“ in 2,6–8 Dämonen oder Herrschende gemeint sind,52 beantworte ich mit „sowohl als auch“. Paulus spricht in dieser Frage die Sprache der apokalyptischen und gnostischen Mythologie,53 doch finden die dämonischen Mächte auch Verkörperungen in Herrschaftsmächten, z. B. in politischen Machthabern. Die Herrschenden sind die sichtbare Spitze des unsichtbaren Eisbergs der Mächte. Irdisch, unterirdisch und im Himmel arbeiten Herrschaftsmächte daran, sich die Menschen zu unterwerfen und sie zu Instrumenten des Todes zu machen. Für Paulus ist diese Vorstellung von Mächten wichtig, s. 15,24; 3,22; Röm 8,38.39; Phil 2,10.

Die Biografien der Gemeinde und des Paulus selbst sind Zeugnis dafür, dass der Weisheit der Welt und ihren Mächten Gottes Macht entgegentritt: 1,26–31; 2,1–5; 4,8–13; ebenso ist die Auferweckung eines von Rom Gekreuzigten der machtvolle Widerspruch Gottes gegen die tödlichen Strukturen dieser Welt (1,18–31). Teil dieses Zeugnisses ist auch die „counter-rhetoric“ des Paulus,54 die den Zielen antiker Elite-Rhetorik entgegensteht.55 Während die Elite-Rhetorik ein Mittel zur Herrschaft über Menschen sein will und die Ideologie imperialer Macht vertritt, ist die paulinische Rede an Gerechtigkeit für die Armen und die Opfer der Gewalt orientiert.

Die biblische Tradition spricht in die Gegenwart dieser Erfahrung von Weisheit der Welt und ihrer Überwindung: In 1,18 bezieht Paulus sich dafür auf Jes 29,14, in 1,31 auf Jer 9,22.23; in 2,9 auf eine unbekannte Schrift; 3,19.20 auf Hiob 5,12.13 und Ps 94,11. Hier in 3,20 ersetzt Paulus das Wort „Menschen“ im Schriftwort durch „Weise“, um den aktuellen Bezug unmissverständlich zu machen. Die zentralen Stichworte – „Weisheit“ der Menschen, die Gott zunichtemacht (Jes 29,14), Begrenztheit des Herzens / Verstandes „der Menschen“ (2,9 unbekanntes Zitat) und das „prahlen“ / kauchasthai (Jer 9,22.23) der paulinischen Darlegungen – korrespondieren mit der Schrift.

1,18 1,18 Was ist mit dem logos vom Kreuz, meist mit „Wort vom Kreuz“ übersetzt gemeint? Wer spricht hier das Wort zu wem und was ist sein Inhalt?

Mit dem Kreuz ist die Kreuzigung Jesu in Jerusalem gemeint. In den Jahren, als Pilatus Präfekt von Judaea war (26–36 n. Chr.), ist Jesus durch die römische Armee öffentlich hingerichtet worden. Paulus nimmt auch in 2,6–8 auf die Kreuzigung Bezug. Das römische Imperium hat die Kreuzigung zur politischen Disziplinierung der Bevölkerung, vor allem der versklavten Menschen aus den unterworfenen Völkern, benutzt.56 Es gab römische Kreuzigungen, manchmal als Massenkreuzigungen, vor Jesu Tod und lange danach. Als dieser Brief nach Korinth geschrieben wurde, war Kreuzigung eine reale Bedrohung für die Menschen, zumal für die unteren Klassen der Gesellschaft. Die Angst aufzufallen und der Druck, sich anzupassen, waren groß und hielten die Bevölkerung unter Kontrolle. Ein solidarisches Wort über einen Gekreuzigten oder Tränen der Trauer in der Öffentlichkeit konnten zu Verhaftung und der eigenen Hinrichtung führen.57 Einen Gekreuzigten als von Gott Auferweckten zu verehren, bedeutete eine riskante politische Kühnheit, die jederzeit lebensgefährlich werden konnte, unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Solange das römische Reich Kreuzigungen durchführte, hätte das Kreuz niemals ein Symbol sein können, es sei denn ein Symbol der Gewalt (s. Basisinformation bei 11,23).

Seit Augustus verfolgte Rom eine umfassende und politisch motivierte Religionspolitik. Es gab eine wohldurchdachte Staatsreligion oder besser Loyalitätsreligion, die den ideologischen Zielen der pax romana diente.58 Sie war in den Tempelgebäuden der Großstädte unübersehbar präsent, auch in Korinth (s. 8,10). Die von Rom unterworfenen Völker konnten weiter mit ihren angestammten Religionen leben, solange sie nicht mit der staatlichen Loyalitätsreligion in Konflikt gerieten. Jüdische Menschen sind immer wieder in solche Konflikte geraten.59 Neben dieser fragilen Duldung nichtrömischer Religionen gab es gesellschaftlich abweichenden Gruppierungen gegenüber eine kontinuierliche Unterdrückungspolitik durch Kaiser und Senat. In diese Linie gehört ein Edikt im Jahre 19 n. Chr., das u.a. die jüdische Bevölkerung Roms traf:

„Der Einführung fremder Religionsgebräuche, namentlich der ägyptischen und jüdischen Kulte, gebot er [Tiberius] Einhalt. Er zwang die Leute, die sich zu solchem Aberglauben bekannt hatten, die zu ihrem Gottesdienst gehörigen Kleider samt allem Kultgerät zu verbrennen. Die jungen Juden ließ er als Soldaten zum Kriegsdienst ausheben und unter diesem Vorwand über die Provinzen mit ungesundem Klima verteilen. Die übrigen Angehörigen dieses Volkes und die Anhänger judaisierender Sekten wies er aus Rom aus.“60 Zwar sind im Jahr 19 n. Chr. die „judaisierenden Sekten“ noch nicht auf Jesus-Messias-Gruppen zu beziehen, doch zeigen sich hier die religionspolitischen und rechtlichen Voraussetzungen, mit denen die Gemeinde in Korinth rechnen musste.

Basisinformation: Verleugnung der Kreuzigung

In 1,18 muss Paulus sich mit Menschen innerhalb der Gemeinde in Korinth auseinandersetzen, die es eine moria / Torheit, Dummheit, Unklugheit finden, von der Kreuzigung Jesu und damit auch von den Kreuzigungen solidarisch zu reden. Der Druck war so groß, dass immer wieder Menschen ihre Zugehörigkeit zu Jesus verleugneten (aparneo oder arneo z. B. Mt 26,34.70). Ein anderes griechisches Wort dafür ist skandalizo / Anstoß nehmen. In der Gestalt des Petrus haben die synoptischen Evangelien dieser Erschütterung und Gefährdung der Solidarität mit Jesus und miteinander ein einfühlsames Denkmal gesetzt. Petrus hat Jesus verraten, obwohl er es nicht wollte. Die Angst war zu groß (Mk 14,66–72 mit Parallelen). Diese Erzählung ist lange nach Jesu Tod aufgeschrieben und weitererzählt worden, nicht weil Petrus als ein schwacher Charakter erinnert werden sollte, sondern weil es Mut machte, dass er der Angst unterlegen war und dann doch wieder aufstand und an der Seite des Auferstandenen zu finden war. In den Evangelien spielt die Gefährdung durch politischen Druck eine große Rolle, s. die Flucht aller Jüngerinnen und Jünger nach Jesu Verhaftung (Mk 14,50) oder auch Mk 4,17; Mk 8,34–38 (mit Parallelen). Diese Traditionen werden nicht mit dem Bewusstsein erzählt: Uns kann das nicht passieren. Die Beteiligten wussten, dass die Angst vor brutalen Hinrichtungen und Folter nicht fern von ihnen war. Wenn Paulus sich mit Menschen in der korinthischen Gemeinde auseinandersetzt, die es töricht oder unklug finden, den Auferstandenen als Gekreuzigten in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, dann hat er nicht „Gegner“ oder Häretiker vor sich, die eine andere Glaubenslehre verfolgen, sondern Menschen, die fragten, ob die Gemeinschaft mit dem Messias nicht auch ohne die politische Gefährdung möglich sei.

Aus den Zeugnissen über Verfolgungen christlicher Gemeinden geht hervor, dass Gläubige im Gerichtsverfahren oder schon vorher abtrünnig wurden und ihre Geschwister dann sogar verraten haben.61 Neben diese Zeugnisse über Ereignisse 64 bzw. ca. 110 n. Chr. treten Berichte über innergemeindliche Diskussionen aus dem 2. Jahrhundert. Hier findet sich auch das Argument, die Gefährdung durch den Gekreuzigten auf sich zu nehmen, sei „dumm“. So berichtet Tertullian, es habe „Gegner des Martyriums“ gegeben, die argumentierten, es sei „zwecklos“, das eigene Leben zu opfern, weil man sich als dem gekreuzigten Messias Jesus zugehörig öffentlich bekennt. „Ach die guten, einfältigen Seelen wissen nicht, was geschrieben steht und wie es gemeint ist, wo, wann und vor wem man das Bekenntnis abzulegen habe – aber leider ist es nicht Einfalt, sondern Dummheit, ja sogar Wahnsinn, für Gott zu sterben, denn dieser will mich ja erretten.“62 Die „Torheit“, in Korinth von der Kreuzigung zu erzählen, wird aus diesem Text verständlich, auch wenn er aus der Zeit um 200 n. Chr. stammt. „Die Haltung zum Martyrium steht immer in Einklang mit der Interpretation von Christi Leiden und Tod.“63

Wenn es so deutlich geworden ist, warum Menschen Christus untreu wurden, ist weiter zu fragen, warum andere es nicht wurden, warum sie dem Druck standhielten. Was haben sie durch ihre Zugehörigkeit zum Messias gewonnen? Die Messiasgemeinschaft hat gemeinsam die Kraft entwickelt, der gesellschaftlich vorgegebenen Lebensweise eine Alternative entgegenzusetzen. So wurden „die Weisheit der Welt“ und die Macht der Gewalten dieser Welt überwunden. Der Christ Justin schreibt über seine Gemeinschaft (vor 165 n. Chr.): „Obwohl wir uns so gut auf Krieg, Mord und alles Böse verstanden hatten, haben wir alle auf der weiten Erde unsere Kriegswaffen umgetauscht, die Schwerter in Pflugscharen […] und züchten Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Menschenfreundlichkeit […]. Wenn wir nämlich auch mit dem Schwert hingerichtet, wenn wir gekreuzigt, […] werden, so fallen wir […] doch nicht von unserem Bekenntnisse ab.“64 Von dem greisen Polykarp (hingerichtet am 22.2.156 n. Chr.) wird legendenhaft erzählt, dass er nach seiner Verhaftung in eine Rennbahn gebracht wurde, in der die wilden Tiere schon darauf warteten, Menschen zu zerreißen. In dieser Situation wird er aufgefordert, seine Haut zu retten: „Schwöre beim Glück des Kaisers! Gehe in dich, sprich: Weg mit den Gottlosen.“65 Mit den Gottlosen sind die Feinde Roms gemeint, die wegen ihrer Ablehnung der römischen Loyalitätsreligion als atheistisch oder gottlos galten. „Polykarp aber schaute mit finsterer Miene über die ganze Masse der in der Rennbahn versammelten heidnischen Scharen hin, streckte die Hand gegen sie aus, seufzte, sah gen Himmel und sprach ‚Weg mit den Gottlosen‘! Der Prokonsul drang noch mehr in ihn und sprach: Schwöre und ich gebe dich frei, fluche Christo!“66 Der Prokonsul hat sich also von Polykarps List nicht täuschen lassen. Polykarp konnte ehrlichen Herzens die Menschen in der Rennbahn, die auf das Morden warteten, gottlos nennen. Der Prokonsul jedoch verlangte die Verfluchung Christi, die Distanzierung von Feinden Roms (Gottlose) und die Anerkennung der römischen Loyalitätsreligion. Polykarp ist gestorben; es ging ihm um seine eigene Befreiung von den Gewalten und um die Befreiung seiner Geschwister.67

Der logos vom Kreuz ist das Erzählen von der Kreuzigung und den Kreuzigungen, von der Gewalt im Alltag der Gesellschaft. Dieses Erzählen macht die Gewalt sichtbar und bezeugt, dass Gott dieser Gewalt ein Ende setzt. Die Auferweckung des Gekreuzigten hat ihn zur Lebensmacht werden lassen. Dadurch dass die Glaubenden des Gekreuzigten gedenken, vollziehen sie Gottes Auferweckungstat neu. Die dynamis 1,18b ist zugleich die Kraft Gottes, die den Messias nicht dem Tod überließ und die diejenigen verwandelt, die sich dem gekreuzigten und auferstandenen Messias anvertrauen. Damit definiert sich nicht eine Gruppe (die Glaubenden) als solche, die schon Gerettete im Sinne des kommenden Gottes und seines Richtens sind. Sie sind vielmehr befreit zum neuen Leben und zugleich Wartende; Auferstehende, die sich nach Gottes Heil für die ganze Erde sehnen (s. Basisinformation vor 1,7.8). Ihr verändertes Leben ist jetzt schon Erfahrung zukünftigen Heiles – darum die präsentische Formulierung (sozomenoi).68 Es kommt darauf an, die theologische Füllung der paulinischen Rede vom „Wir“ der Gemeinde zu bedenken (s. Basisinformation vor 2,6). Das „Wir“ sind die Menschen, die die real existierende Gemeinde ausmachen und in dieser Realität die Vollkommenheit der Zukunft Gottes erkennbar werden lassen.

Paulus selbst hat die Bedrohung und den Kampf um ihre Überwindung immer wieder am eigenen Leib erlebt (s. 15,30–34; 4,9–13).

1,19–25

19 Denn es steht in der Schrift: Ich zerstöre die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Forschenden setze ich ins Unrecht. 20 Wo sind die Weisen? Wo sind sie, die das Sagen haben? Wo sind die, die in dieser Welt das Wort führen? Hat Gott nicht die Weisheit der Welt als kurzsichtig erwiesen? 21 Umgeben von Gottes Weisheit hat die Welt mit ihrer Weisheit Gott nicht erkannt. Deshalb hat Gott es den Glaubenden geschenkt, sie durch die unkluge Verkündigung zu retten. 22 Es gibt jüdische Menschen, die Zeichen Gottes erbitten, und griechische Menschen, die Weisheit suchen; 23 und wir verkündigen den gekreuzigten Messias. Manche jüdische Menschen halten das für gefährlich, manche aus den Völkern für unvernünftig. 24 Denen, die von Gott gerufen werden, ob jüdisch oder nichtjüdisch, verkörpert der Messias göttliche Macht und göttliche Weisheit. 25 Denn das Unkluge, das zu Gott gehört, ist weiser, als Menschen es sind; und das Schwache, das zu Gott gehört, ist stärker, als Menschen es sind.

Paulus schließt an seine Kritik der gesellschaftlichen Strukturen, die in der Gemeinde Gottes überwunden werden sollen, in 1,19–25 eine theologische Reflexion über die Kreuzigung des Messias an.

1,19.20

Er beginnt mit einem Schriftwort (Jes 29,14). Für ihn ist die Schrift nicht eine formale Autorität, die von oben Debatten beendet.69 Die Schrift spricht für ihn wie für andere jüdische Menschen unmittelbar in die eigene Gegenwart, ist Weisung für die Gegenwart (s. zu 10,1). Jes 29,14 sagt, was durch die Auferweckung des Gekreuzigten geschah: Gott hat der „Weisheit der Welt“, dieser umfassenden gesellschaftlichen und politischen Macht (s. zu 1,17), eine Grenze gesetzt. Dieses göttliche Handeln benennt Paulus mit starken Worten. Er nennt es zerstören / apollymi und ins Unrecht setzen / für ungültig erklären (atheteo; hier setzt er ein destruktiveres Wort als Jes 29,14 – krypso ein) und weiterhin: als Dummheit / Kurzsichtigkeit erweisen (moraino). Vergleichbar sind diese Worte dem katargeo, das die Entmachtung der Herrschaften und Gewalten benennt (2,6; 15,24.26). Er fragt in 1,20 wie nach einem radikalen politischen Umbruch (in Anlehnung an Sprache der Schrift70): Wo sind sie geblieben, die Vertreter der Weisheit der Welt? Es sind die Weisen, d. h. die Bildungselite, die schriftkundigen Verwaltungsleute (grammateus – in diesem korinthischen Kontext sind nicht speziell jüdische Schriftgelehrte gemeint, s. Apg 19,35). Sie haben das Sagen in entscheidenden Fragen der Organisation des städtischen Lebens und des Handels. Weiterhin nennt Paulus mit dem griechischen Wort syzetetes Leute, die öffentlich argumentieren und u. U. auch Entscheidungsmacht haben (s. eine solche Szene Apg 17.19.20).71 Öffentliche Rede wurde seit Augustus überwacht.72 Tacitus berichtet über eine Diskussion wohl aus dem Jahre 75 n. Chr., in der der Niedergang der Rhetorik beklagt wird: Die Rede habe die nötige libertas / Freiheit verloren und die rhetorische Ausbildung bringe nur wirklichkeitsferne Sachverhalte zur Diskussion.73 Aufgeschrieben hat Tacitus diese Klagen erst zu einer späteren Zeit, als er weniger Repression befürchten musste.

1,21 1,21 In der ersten Hälfte dieses Verses bereitet die Deutung der präpositionalen Wendung en te sophia tou theou Schwierigkeiten. Ist gemeint, dass Gott aufgrund seiner Weisheit die Erkenntnis verhindert hat? 1,20 sagt: emoranen, Gott hat die Kurzsichtigkeit bewirkt. Das en in 1,21a wäre also kausal zu deuten. Eine andere Deutung versteht das en lokal. Die Welt ist umgeben von Gottes Weisheit, seiner Schöpfung und seiner Tora, und erkennt dennoch Gott nicht. Diese Deutung nimmt die Gedanken von Röm 1,18–31 auf.74 Eine eindeutige Klärung ist nicht möglich. In 1,21b gibt moria / Unklugheit Fragen auf: Erscheint die Botschaft vom Kreuz denen, die die Kreuzesnachfolge überflüssig finden (s. 1,18), als dumm? Dann wäre sie nur vermeintlich unklug. Oder: Ist die Botschaft vom Kreuz unklug / kurzsichtig / dumm / töricht? Ein Blick auf 1,26–31 hilft bei der Entscheidung. Durch die Auferweckung des Gekreuzigten ergreift Gott Partei für die Erniedrigten. Sie werden für dumm gehalten – von denen, die sie von der Bildung möglichst ausschließen. Viele können tatsächlich nicht lesen und schreiben. Gott hat viele Ungebildete in Korinth berufen. Paulus will deutlich machen, dass diese Berufungen inhaltlich mit der Auferweckung eines Gekreuzigten zusammengehören. Deshalb spricht er von der moria / Unklugheit der Verkündigung. Die Wortwahl ist durch das ablehnende Urteil über die Kreuzigung verursacht (s. 1,18). Hier nun nimmt Paulus es positiv auf: Ja, Gott ist so unklug, er erwählt die Erniedrigten, den Gekreuzigten und die Ungebildeten. Paulus spielt also hier (und 1,25) rhetorisch mit dem Wort moria / Unklugheit.

1,22–24 1,22–24 Paulus benutzt hier Begriffspaare: Joudaioi und Hellenes bzw. Joudaioi und ethne. Wer ist mit diesen Bezeichnungen gemeint und wie sind sie zu übersetzen?

Joudaios ist in dieser Zeit und weit darüber hinaus75 ein ethnisch-regionaler Begriff, der mit „Judäer / Judäerin“ übersetzt werden müsste.76 Dieser ethnisch-regionale Begriff schließt den Kult mit ein. Wie andere ethne / Völker teilt das jüdische Volk z. B. Land, Blutsbande, Geschichte, Recht, Kultus, Sitte. Als Beispiel aus den Quellen kann Josephus, contra Apionem I 6 dienen:77 Das jüdische Volk ist anderen Völkern vergleichbar. Der regionale Sinn des Wortes bleibt auch erhalten, wenn jüdische Menschen weit außerhalb des Mutterlandes leben. Entsprechendes gilt auch für andere Völker. Dieser Befund deckt sich mit dem paulinischen Sprachgebrauch, auch in 1 Kor. Joudaioi sind ein ethnos, auch wenn dieser Sprachgebrauch nicht explizit vorkommt (aber z. B. Joh 11,48), denn er assoziiert mit dem Jüdischsein: Beschneidung (7,18), Tora / nomos (7,19) und Opfer / Altar (10,18) in Jerusalem. Der Begriff Israel kata sarka (10,18) / das real existierende Israel mit dem Tempel in Jerusalem entspricht dem Begriff jüdisches ethnos. Die Anhängerschaft des Messias Israels, die nicht jüdischer Herkunft ist, ordnet sich dem Gott Israels zu (s. u. Basisinformation zu „Messiasgläubige“ zu 1,24), sie werden aber nicht zu Juden und Jüdinnen, wie 1,24 zeigt. Zu dieser Zeit gibt es keinen Begriff, der ein Volk über eine „Religion“ definiert. Ein Begriff von Religion, der den materiell-körperlichen Bereich nicht einschließt, ist modern.78 Für Paulus und seine Zeit gehört zum Jüdischsein eine Lebenspraxis, eine Geschichte, das Land Judaea und der Gott Israels. Die Frage, wer ist Joudaios und wer nicht, spielt keine institutionelle Rolle – weder aus der Innensicht noch von außen.79 Erst der spätere Fiscus Judaicus, eine römische Steuer, die jüdische Menschen ausbeuten und demütigen soll, bringt römische Untersuchungen hervor, wer denn nun eigentlich jüdisch sei.80 Wie kann das Wort Joudaios also übersetzt werden? Historisch korrekt wäre „Judäer / Judäerin“, da deutsche Wörter wie „Jude / Jüdin“ und die Vorstellung von „Judentum“ primär eine Religion assoziieren. Der Begriff „Judentum“ und „Religion“ im modernen Sinne existiert zu dieser Zeit nicht.81 Doch die Kontinuität der jüdischen Geschichte über Jahrhunderte würde heute unsichtbar, wenn die historisch korrekte Übersetzung benutzt würde. Deshalb wird hier weiterhin mit „Jude / Jüdin“ übersetzt. Im deutschen Kontext mit der Geschichte der Shoah, der Verfolgung und Ermordung von Millionen jüdischer Menschen durch Deutsche, muss die Kontinuität der Geschichte des jüdischen Volkes damals und heute sichtbar bleiben.82

Hellenes bezeichnet das griechische ethnos / Volk ganz analog zur Vorstellung vom jüdischen Volk. Hier in 1,22–24 sind speziell korinthische Messiasgläubige aus den Völkern im Blick, wenn sie die Kreuzesnachfolge ablehnen, wie 1,23 zeigt. Es geht in 1,22 nicht um eine generalisierende Charakterisierung des griechischen und jüdischen Volkes als solche, die Weisheit suchen und Zeichen „fordern“, wie oft übersetzt wird (s. dazu u.), sondern um konkrete Menschen und ihre Einwände gegen die Solidarisierung mit einem Gekreuzigten. In diesen Versen ist zu unterscheiden, was Paulus über konkrete Menschen – bzw. zu ihnen – zu sagen hat und was der Text an darüberhinausgehenden Voraussetzungen zu erkennen gibt. Zunächst zu den Voraussetzungen:

1. Paulus benutzt die Begriffe Hellenes und ethne hier und 1 Kor 10,32; 12,13 als austauschbar. Ihre Bedeutungen in damaligem gesellschaftlichem Lebenszusammenhang überschneiden sich, doch die Begriffe sind nicht deckungsgleich. Hellenes werden griechisch sprechende Menschen genannt, auch wenn wie hier anzunehmen ist, dass sie zwar Griechisch als Verkehrssprache sprechen, aber ethnisch nicht aus dem griechischen Volk stammen.83 Ethne sind aus der Perspektive Roms die Völker, die sich das Imperium Romanum unterworfen hat oder unterwerfen sollte.84 Aus jüdischer Perspektive sind ethne die nichtjüdischen Völker, die den falschen Göttern dienen und nicht nach der Tora leben. Dieser jüdische Sprachgebrauch findet sich in 1 Kor (5,1; 10,20; 12,2).

Davina Lopez macht mit guten Argumenten deutlich, dass für das Verständnis des Evangeliums für die ethne / Völker bei Paulus nicht nur die jüdische Perspektive zu berücksichtigen ist, sondern auch die römische.85 Gottes Berufung sendet Paulus (Gal 1,16) zu den Völkern, die von Rom mit Gewalt beherrscht werden. Gott hat den Messias auferweckt, um dem Volk Israel und den Völkern Befreiung zu eröffnen. Wie Gott einst Jeremia als Prophet zu den Völkern gesandt hat (Jer 1,5),86 werden nun Paulus und andere jüdische und nichtjüdische Menschen zu den Völkern im Imperium Romanum gesendet. Davina Lopez zeigt an römischen öffentlichen Kunstwerken, wie die Völker in der römischen Propaganda als minderwertig, weibisch und bedrohlich dargestellt werden, um so den Massen einzuprägen, wie sinnvoll und notwendig ihre Unterwerfung durch Rom ist. Zu den Voraussetzungen, die 1 Kor 1,22–24 zu erkennen gibt, gehört also das Völkerevangelium, s. besonders 1,24. Die Gemeinde in Korinth besteht aus jüdischen und griechisch sprechenden Menschen aus den Völkern, die Gott in die Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferweckten Messias gerufen hat.

2. Die konkrete Auseinandersetzung, die Paulus in 1 Kor 1,22–24 anspricht, betrifft die Solidarisierung mit dem Gekreuzigten. Es gibt jüdische Menschen, die Zeichen erbitten, dass ein Gekreuzigter tatsächlich der Messias sei. Es geht nicht darum, dass generell jüdische Menschen Zeichen „fordern“ (so häufig in der Übersetzungstradition von 1,22). Es geht auch nicht darum, dass Paulus Zeichen grundsätzlich ablehnt (s. nur Röm 15,19). Vielmehr ist die Auferweckung des Messias durch Gott dieses Zeichen (vgl. Mt 12,38–42), es muss erkannt werden. Doch es gibt Menschen, die es nicht verstehen und die Kreuzigung für einen Sieg römischer Gewalt halten, dem Gott nicht widersprochen hat. Darum wird die Kreuzesnachfolge ihnen zum skandalon. Kreuzesnachfolge erscheint ihnen nur noch als verfängliches Verhalten, das unnötig römische Gewalt provoziert (vgl. Joh 11,48).

Im Blick auf die Bedrohung mit römischer Gewaltausübung im Alltag Korinths sollte aus heutiger Perspektive die Angst dieser jüdischen und nichtjüdischen Anhängerschaft des Messias Jesus ernst genommen werden.

Die von Gott in die messianische Gemeinschaft Gerufenen (1,24) sind für Paulus uneingeschränkt Teil ihrer unterschiedlichen Herkunftsvölker. Indem der Messias für sie als Gekreuzigter Gottes Kraft und Weisheit offenbart, bejahen sie Christi Auferweckung nicht nur in ihren Köpfen, sondern vollziehen sie in ihrem Leben.

1,25 1,25 Mit der Auferweckung des Gekreuzigten hat Gott die gesellschaftlichen Strukturen „der Menschen“ entwertet. Stärke / Macht und Weisheit geschieht durch die Auferweckung Gottes im Leben und nicht durch Erfolg in einer Gesellschaft, die auf Gewalt aufgebaut ist (s. auch Basisinformation „Weisheit dieser Welt“). „Das Unkluge, das zu Gott gehört, …“ bezieht sich auf die Kreuzigung, aber auch auf Menschen, s. 1,26–28. Der Genitiv bezeichnet die Zugehörigkeit.

Basisinformation: Messiasgläubige aus den Völkern und ihre Identität

In 1,24 nennt Paulus Messiasgläubige aus den Völkern in der korinthischen Gemeinde Hellenes und unterscheidet sie von Messiasgläubigen im jüdischen Volk. Der in älterer Literatur gebrauchte Ausdruck „Heidenchristen“ ist ungeeignet wegen des abwertenden Sinnes des Wortes Heiden, der weder dem jüdischen Sprachgebrauch (gojim, ethne) noch dem des Paulus entspricht. Das Wort „christlich“ ist für diese Zeit noch nicht anwendbar, wie auch das Folgende zeigt.

Die Messiasgläubigen aus den Völkern werden durch die Berufung des Gottes Israels nicht zu Juden und Jüdinnen. In ethnischer Hinsicht (denn so sind die Begriffe Joudaioi und Hellenes in 1 Kor 1,22–24 zu deuten) ändert sich an ihrer Identität nichts. Streng genommen ist jedoch auch der Kult Teil der ethnischen Identität. Ihren Kult haben sie jedoch geändert. Offensichtlich ist es kein Anliegen des Paulus, über Identitätsfragen genau nachzudenken. Die Schwierigkeit und Ungenauigkeit, die der Begriff Hellenes (s. zu 1,22–24) enthält, kann nicht aufgelöst werden. Es kann sein, dass diese Menschen weder griechischen noch römischen Völkern entstammen. Sie leben in Korinth und partizipieren an der dort herrschenden Kultur, Sprache und den imperialen Kulten.87 Der Brief des Paulus nimmt auf Kulte und Kultmahlzeiten in Tempeln Bezug (8,10)88 und auf Lebensmittel, die Gottheiten geweiht sind und auf dem Markt verkauft werden (s. 10,25 und die Kapitel 8–10 insgesamt). In 8,4–6 erwähnt Paulus eine Vielzahl von Gottheiten, die allerdings nicht mit der Einzigkeit des Gottes Israels vereinbar sind. Zum Konflikt musste diese Einzigkeit Gottes dann führen, wenn Messiasgläubige aus den Völkern ihre Loyalität mit dem römischen Imperium zeigen sollten. Die Kultstätten auf dem Forum Korinths und die Spiele und Schauspiele in Korinth dürften die Orte gewesen sein, die für Messiasgläubige aus den Völkern die Möglichkeit von Konflikten mit römischen Loyalitätserwartungen mit sich brachten.89 In dieser Hinsicht waren sie in derselben Situation wie Juden und Jüdinnen, die in Korinth lebten.

Was lässt sich über die Identität der Messiasgläubigen aus den Völkern im Verhältnis zum jüdischen Volk sagen? Wir haben zur Beantwortung dieser Frage fast nur die Perspektive des Paulus zur Verfügung. Nur in 5,1–13 nämlich wird ansatzweise eine unterschiedliche Sicht der Gemeindevollversammlung sichtbar. Die Gemeinde legt die Schrift in der Frage des Zusammenlebens eines Mannes mit seiner Stiefmutter anders als Paulus aus (s. zu 5,1–13). Dass die Schrift / die Tora (s. nomos 7,19) des jüdischen Volkes Grundlage der Lebensgestaltung aller Messiasgläubigen ist, zeigt sich in 1 Kor durchweg (s. zu 7,19). Paulus kann bei seinen Adressatinnen und Adressaten detaillierte Schriftkenntnisse voraussetzen, wie z. B. Kapitel 10 zeigt. Obwohl viele Leute in der Gemeinde nicht gebildet sind (1,26; s. auch schon oben zu 1,4–9), sind sie geübt, an der aktuellen Schriftauslegung aktiv teilzunehmen.90 Sie praktizieren jüdisch, leben nach der Tora, werden aber nicht als Jüdinnen und Juden verstanden, weder von sich selbst noch von jüdischen Menschen. Auch für sie und ihresgleichen wurde erst der Fiscus Judaicus nach 70 n. Chr. zur Notwendigkeit, sich in der Frage der jüdischen Identität römischen Behörden gegenüber zu erklären.

Die Einzigkeit des Gottes Israels (8,4–6) im Sinne des „Höre Israel / Sch’ma Israel“ gilt für sie ebenso wie für jüdische Menschen. In Kapitel 8–10 diskutiert Paulus halachische Konsequenzen der Einzigkeit Gottes für den korinthischen Alltag. Dieser Alltag ist durch Kulte definiert, die Israel fremd sind. Auch die Herkunftsreligionen sind jetzt für die Messiasgläubigen fremde Kulte, an denen teilzuhaben ihnen nicht mehr möglich ist. Die paulinische Halacha / Auslegung in diesen Fragen bewegt sich im Rahmen der Halacha des zeitgenössischen Judentums. Aus 7,19 geht hervor, dass Paulus es als Selbstverständlichkeit ansieht, dass die Messiasgläubigen aus den Völkern die Tora uneingeschränkt einhalten, auch wenn er ebenso selbstverständlich annimmt, dass die Männer nicht beschnitten werden – im Unterschied zu Juden. Er rechnet dabei nicht mit einer eingeschränkten Tora für die Völker (s. zu 7,19). Es wird vielmehr deutlich, dass bestimmte Seiten jüdischer Lebenspraxis das jüdische Volk als ethnos kennzeichnen und deshalb von Menschen, die einem anderen ethnos angehören, nicht praktiziert werden, vor allem der Tempelkult in Jerusalem (10,18) und die Beschneidung. Es ist zu vermuten, dass alle übrigen Aspekte jüdischen Lebens nach der Tora, sofern sie nicht im Paulustext auftauchen, auch zur Lebenspraxis der nichtjüdischen Messiasleute in Korinth gehören: Sabbat, Speisevorschriften u.a. In Kapitel 8–10 diskutiert Paulus den Umgang mit fremden Gottheiten und nicht Speisevorschriften, wie oft angenommen wird. Die Tempelsteuer scheint nicht gezahlt zu werden, aber die Sammlung für Jerusalem (16,1–4) wird als Ausdruck der Beziehung zu Jerusalem und damit zu Israel verstanden.91 Die Beziehung zu Israel wird von Paulus als Adoption durch Gott gedeutet92 oder auch als Hinzukommen oder Hinwenden zum Gott Israels (Apg 14,15; 15,19).

Die Messiasgläubigen aus den Völkern verpflichten sich also auf die Einzigkeit des Gottes Israels (8,4–6) und auf das Halten der ganzen Tora (7,19). Israels Vorfahren werden auch zu ihren Vorfahren (10,1) – doch sie gehören weiterhin einem anderen ethnos an.

Aus der Perspektive von außen werden sie später christianoi bzw. christiani genannt.93 Diese Bezeichnung bedeutet, dass sie von außen als jüdisch-messianische Gruppe verstanden werden, wie es schon vorher und neben ihnen auch andere im Judentum gab. Als solche werden sie auch von Rom verfolgt, denn es gibt eine kontinuierliche Politik römischen Misstrauens gegen jüdischen Messianismus.94 Das Wort christianoi bzw. christiani sollte in Texten des ersten und beginnenden 2. Jahrhunderts mit „Messiasanhängerschaft“ übersetzt werden. Das Wort christlich impliziert eine Abgrenzung vom Judentum, die es weder von innen noch von außen gab.

Die Frage nach der Identität der Messiasgläubigen in Korinth erlaubt keine einfache Antwort. Menschen aus nichtjüdischen Völkern leben jüdisch und binden sich uneingeschränkt an den Gott Israels. Die Frage nach ihrer Identität im Sinne von inneren und äußeren Behörden hat offensichtlich niemand gestellt. Dazu passt, dass auch die Frage, was eigentlich einen Judaios ausmacht, nicht Gegenstand von Definitionen war, sondern wenn sie überhaupt gestellt wurde, durch Aufzählungen von Aspekten der Lebenspraxis beantwortet wurde.95

Im Blick auf die spätere christliche Geschichtsschreibung, auch über die Gemeinde in Korinth, ist klar festzustellen: Die von christlicher Seite später betriebene Abgrenzung von Judentum wird zwar oft schon in die Zeit des 1. Jahrhunderts hineinprojiziert, aber dieses Geschichtsbild ist falsch. Eine Abgrenzung vom Judentum gab es weder bei den Messiasleuten aus den Völkern noch wurde ihnen gegenüber eine Abgrenzung durch jüdische Mitglieder der Synagoge, die den Messias Jesus ablehnten, betrieben. Auch von römischer Seite waren beide Gruppen demselben gesellschaftlichen Druck und politischen Misstrauen ausgesetzt. Die Trennungspolitik war dann im 2. Jahrhundert das Werk einiger „Kirchenväter“.96

Erst für den fiscus Judaicus nach der jüdischen Niederlage gegen Rom im Jahre 70 n. Chr. haben römische Behörden das Interesse gehabt, genau zu wissen, wer jüdisch ist und wer nicht.97 In diesem Zusammenhang tauchen auch kurze Beschreibungen von Leuten auf, die auf Messiasgläubige aus den Völkern passen könnten: „inprofessi Judaicam viverent vitam / Leute, welche, ohne sich zum Judentum zu bekennen, nach jüdischem Ritus lebten“;98 Cassius Dio berichtet von zwei Verwandten des Kaisers, die wegen Atheismus verurteilt wurden und schließt dann eine allgemeine Notiz an über „alloi es ta tou Joudaion ethe exokellontes / andere, die sich in jüdische Lebensformen hineintreiben ließen“.99 Auch wenn nicht genau zu erschließen ist, ob es sich um Messiasgläubige aus den Völkern handelt oder um andere Leute aus den Völkern, die mit dem Judentum sympathisieren, sind diese Notizen für 1 Kor interessant. Sie zeigen, wie der Blick von außen auf solche Gruppen aussieht.

Shaye Cohen (1999, 140–174) hat sechs heuristische Kategorien für die „Beginnings of Jewishness“ / Anfänge des Jüdischseins aufgelistet (z. B. die Macht des jüdischen Gottes anerkennen oder / und einige oder mehrere jüdische Rituale praktizieren). Sie zeigen, wie wir uns den Weg von Menschen aus den Völkern vorstellen können, die in irgendeiner Weise jüdisch lebten ohne jüdisch zu sein. Es waren unorganisierte, undefinierte und dezentrale Prozesse. Der Befund für die korinthische Gemeinde fügt diesem Bild nur eine Variante hinzu, eine Variante unter vielen, die aber insgesamt ins Bild passt.

1,26–31

26 Seht doch auf euch, Geschwister: Ihr seid gerufen. Es sind nämlich unter euch nicht viele Gebildete von ihrer Herkunft her, nicht viele Mächtige, nicht viele aus den Elitefamilien. 27 Vielmehr hat Gott die Ungebildeten der Welt erwählt, um die Gebildeten zu beschämen; und die Schwachen der Welt hat Gott erwählt, um die Starken zu beschämen. 28 Und die Geringen und die Verachteten der Welt hat Gott erwählt, die, die nichts gelten, um denen, die etwas sind, die Macht zu nehmen. 29 Das geschieht, damit kein Mensch vor Gott überheblich ist. 30 Durch Gott seid ihr mit dem Messias Jesus verbunden, der uns von Gott her zur Weisheit befähigt und zur Gerechtigkeit und Heiligung und Befreiung. 31 So geschieht, was geschrieben steht: Wer groß sein will, preise die Größe der Ewigen.

Die Biografie der geschwisterlichen Gemeindeglieder in Korinth ist selbst ein Zeugnis der Auferweckung des Gekreuzigten. „Seht doch“ beginnt der Text: An euch selbst ist das Eingreifen Gottes in die Gewaltstrukturen sichtbar. Gott hat diejenigen gerufen, die in der Stadt Korinth unten sind: Ungebildete, politisch Machtlose und Menschen, die schon durch ihre Herkunft auf die Verliererseite der Gesellschaft gehören; „Nichtse“ aus der Perspektive von oben – so fasst 1,28 zusammen. Die Verwandlung, die Gottes Eingreifen gebracht hat, bedeutet für diese „Nichtse“, dass sie Leib Christi geworden sind (1,30a) und Christi Weisheit in ihnen Gestalt gewonnen hat. Er hat ihnen Bildung, Gerechtigkeit, Heiligung und Befreiung gebracht (30b; s. schon 1,5). Die Gebildeten und Mächtigen verlieren in diesem Geschehen ihre Macht (1,27–29). Sie können sich nicht mehr wegen ihrer Besitztümer brüsten (1,29). Was bedeutet das konkret?

Paulus greift in diesem Text auf die biblische Tradition zurück: Die Erwählung der Armen durch Gott und die Erwählung des kleinen Israel (s. nur 1 Sam 2,7–10; Dtn 7,6–8). Er legt die Schrift für die Gegenwart aus; er bezieht sie auf die Erfahrungen der Menschen in der korinthischen Gemeinde. Explizit bezieht er sich auf Jer 9,22.23 (in 1,29.31), implizit auf den breiten Traditionsstrom des Evangeliums der Armen in der Schrift (in 1,26–28).

1,26 1,26 Gott hat Menschen in Korinth gerufen (klesis), er hat sie erwählt (1,27.28). Sie sollen auf Gottes Handeln schauen, auf Gottes Rufen und Erwählen. Wie im biblischen Sprachgebrauch beziehen sich „rufen“ und „erwählen“ auf denselben Akt Gottes (s. z. B. Jes 41,9). Das Rufen Gottes setzt einen Prozess der Verwandlung in Gang und gibt den Gerufenen einen Auftrag. Sie sind gerufen wie auch Paulus selbst gerufen ist (s. 1,1). In der Auslegungsgeschichte von 1,26 ist oft versucht worden, das Wort klesis statisch zu deuten, so dass es den sozialen Status der Gemeindeglieder festschreibt. Wer arm und ungebildet ist, bleibt auch arm und ungebildet.100 Diese Deutung wird durch die Deutung desselben Wortes in 7,20 verursacht. In 7,20 gehe es um die Festschreibung des sozialen Status, an dem die Zugehörigkeit zum Leib Christi nichts ändert („Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat“, Einheitsübersetzung 1982). Diese Übersetzung von 7,20 wie die entsprechende Deutung von 1,26 dient dem politischen Inter esse an einer sozialen Status-quo-Theologie und trifft den biblischen und paulinischen Gedanken nicht (s. zu 7,17–24).

Paulus verwendet drei Begriffe für eine Skizze der sozialen Zusammensetzung der Gemeinde in 1,26: nicht viele Weise, Mächtige und durch Geburt Privilegierte. Diese und ähnliche Begriffe (s. 1,27–28) und ihre Gegenbegriffe werden biblisch und außerbiblisch in unterschiedlichen Reihungen zur Beschreibung gesellschaftlicher Unterschiede benutzt.101 Als Gegenbegriffe benutzt Paulus: Ungebildete (mora), Schwache, von Geburt Benachteiligte, Verachtete, „Nichtse“ (1,27–28).

Die Begriffe sind ungenau und auch untereinander austauschbar. Hier in 1 Kor 1,26–31 wird der ökonomische Aspekt (arm – reich) nicht explizit erwähnt, er ist jedoch implizit präsent. Es ist möglich, dass mit diesen Reihungen von Gegensatzbegriffen der Gegensatz zwischen der kleinen Oberschicht, z. B. der städtischen Führungsschicht und der Mehrheit der Bevölkerung bezeichnet werden soll. Die Mehrheit lebt in Armut, hat kaum Zugang zu Bildung und ärztlicher Versorgung und wird von der Führungselite auch noch verachtet.102 Diese ungenauen Begriffe des Paulus sind also durchaus sozialgeschichtlich verifizierbar. Eine Mittelschicht gibt es nicht. Ob tatsächlich einige wenige aus der korinthischen Führungselite der Messiasgemeinde angehören, ist schwer zu beurteilen.103

Die Lebensbedingungen der Bevölkerungsmehrheit in den Städten des römischen Reiches sind ungesund und hart. Die Wohnungen der Armen in Mietshäusern haben keine Küche und keine Abwasserversorgung, manche sind fensterlos. Der stinkende Schmutz auf den Straßen und die Gewalttätigkeit im Alltagsleben machten das Leben gefährlich. Kinder wuchsen unter solchen Bedingungen zwischen den Erwachsenen auf. Nur die Hälfte der Neugeborenen erreichte das 10. Lebensjahr.104 Im 1. Korintherbrief werden diese Lebensbedingungen vorausgesetzt und sind direkt oder indirekt erkennbar.105

Für die Deutung dieses Textes ist es jedoch weniger entscheidend, wieviele Menschen mit Wohlstand und Bildung – oder relativem Wohlstand – der Gemeinde angehören, sondern welche Rolle ihnen in der Gemeinde zugeschrieben wird. In der westlichen Exegese des 20. Jahrhunderts hat sich im Zusammenspiel mit der Ideologie des Kalten Krieges gegen den sozialistischen Osten ein „neuer Konsens“ herausgebildet, der egalitäre Organisation des gewaltförmigen Kommunismus verdächtigt. Nach diesem „neuen Konsens“ wurde die Einschätzung vertreten, dass in der Gemeinde Arme und Reiche zusammenlebten.106 Dabei wird den Reichen und Gebildeten die Führung der Gemeinde zugewiesen. So entstand das Deutungsmuster des „Liebespatriarchalismus“. Es besagt, dass das Christentum überleben konnte, weil es ein harmonisches und hierarchisches Zusammenleben von Reichen und Armen, Männern und Frauen ermöglichte. Die in der gesellschaftlichen Hierarchie oben Angesiedelten wendeten sich in Liebe denen unten zu, die sich ihnen in Gehorsam unterordneten.107 Inzwischen ist die egalitäre Struktur frühchristlicher Gemeinden stärker in den Blick geraten.108

1,27.28 1,27.28 In den zwei folgenden Versen skizziert Paulus die Veränderung, die das Zusammenleben in der Gemeinde für die gesellschaftliche Differenz von oben und unten bedeutet. Die Erniedrigten werden von Gott erwählt und die Weisen, Starken und Angesehenen werden entmachtet. Was bedeuten die Verben, die Paulus für diese Entmachtung verwendet, kataischynein / beschämen und katargein / außer Geltung setzen? Beide Verben beziehen sich auf Gottes endzeitliches Gericht (s. zu 1,7 und Basisinformation Zeitvorstellungen und Eschatologie), das noch nicht geschehen ist, aber schon die gegenwärtige Situation verändert. Es entzaubert und entmachtet die Leute, die in der Gesellschaft Privilegien haben – auch die wenigen, die vielleicht der Gemeinde angehören. Damit öffnet sich auch für sie ein Weg der Befreiung von ungerechten Strukturen. Paulus steht hier in der Tradition des biblischen Evangeliums der Armen, wie es z. B. viele prophetische Texte und Psalmen vertreten. Sein Text enthält Bezugnahmen auf 1 Sam 2,1–10 (LXX). In 1 Sam 2,10 LXX ist der Text von Jer 9,22.23 mit dem Hannalied verknüpft, in dem die Entmachtung der Starken und die Erhöhung der Erniedrigten besungen wird. Es zeigt sich, dass Paulus auch dann die Schrift wiedergibt, wenn er nicht explizit darauf hinweist (das geschieht erst in 1,31) oder zitiert. 1 Kor 1,26–31 kann als Neuformulierung des Hannaliedes bezogen auf die Situation in Korinth bzw. im römischen Reich der Zeit des Paulus verstanden werden.

In 1,28 klingt die Schöpfung aus dem Nichts (vgl. Röm 4,17) an: Gott hat das Nichtseiende erwählt (1 Kor 1,28), er hat es ins Dasein gerufen (Röm 4,17). Gott macht die Toten lebendig, er schafft Leben aus dem Nichts. Paulus denkt bei der Schöpfungskraft Gottes nicht nur an die Erschaffung des Lebens in der Vergangenheit, sondern genauso auch in der Gegenwart. Was in Korinth geschah, als Gott Erniedrigte der Stadt zum Leib Christi zusammenfügte, ist Schöpfung aus dem Nichts, Auferstehung der Toten, Erhöhung der Erniedrigten. Damit soll nicht Gottes vergangenes und zukünftiges Handeln unwichtig werden, sondern das gegenwärtige Geschehen mitten ins volle Licht der Zuwendung Gottes gestellt werden. Wenn die ungebildeten und machtlosen Männer und Frauen in der Gemeinschaft mit dem Messias ihr Leben neu gestalten, geschieht Schöpfung aus dem Nichts, Rechtfertigung derer, die in Unrecht verstrickt sind (Röm 4,5). Bei dieser Deutung wird Rechtfertigung nicht mehr auf das Individuum in Beziehung zu Gott eingeengt, sondern Gottes Handeln auf das Leben der Menschen als Teil ihrer Welt und Gesellschaft. Gottes Handeln schließt die Mächtigen ein. Auch sie werden an einen neuen Platz gestellt.109

In 1,28 erwähnt Paulus noch einen weiteren Aspekt der gesellschaftlichen Situation derer, die unten sind: Sie werden verachtet. Hier nimmt er deutlich Bezug auf die Verachtung der Menschen, die mit Handarbeit ihr Brot verdienen müssen, durch die, die sich ihrer Bildung und Wohlhabenheit rühmen. Cicero schreibt: „Alle Handwerker befassen sich mit einer schmutzigen Tätigkeit, denn eine Werkstätte kann nichts Edles an sich haben. Am wenigsten kann man die Fertigkeiten gutheißen, die Dienerinnen von Genüssen sind: ‚Fischhändler, Metzger, Köche, Geflügelhändler und Fischer‘ […]“110

Lukian erzählt in seinem „Traum“ von zwei Frauen, die ihm erschienen: „die eine eine Arbeiterin, kräftig und derb wie ein Mann, mit struppigem Haar, die Hände voller Schwielen, mit aufgeschürztem Gewand, voller Kalkstaub“.111 Sie ist Steinmetzin, ein Gewerbe, das in Korinth häufig vorkam.112 Eine zweite Frau erschien Lukian im Traum: die Bildung (paideia). Sie bewertet die Steinmetzarbeit und rät ihm davon ab, Steinmetz zu werden: „Du wirst ja nichts als ein Arbeiter sein, der sich körperlich plagen und darauf die ganze Hoffnung seines Lebensunterhaltes setzen muss, selber unscheinbar, mit geringem und gemeinem (agenne) Verdienst, mit niedriger Gesinnung, eine minderwertige Person in der Öffentlichkeit […] eben nichts weiter als ein Arbeiter und einer aus der großen Menge, der jedesmal vor dem gerade Mächtigen sich duckt, dem guten Redner scherwenzelt, ein Hasenleben führt und die Beute der Mächtigen ist.“113 Cicero und Lukian zeigen, wie sehr Handarbeit und Bildung voneinander getrennt sind und dass die Gebildeten sich die Bildung finanziell leisten können und Selbstbewusstsein beziehen aus der Verachtung derer, die mit der Hand arbeiten.114

Auf diesem Hintergrund wird verständlich, welche Befreiung die Berufung Gottes für die Ungebildeten und Verachteten bedeutete. Sie waren nun Teil einer Gemeinschaft, in der ihre Würde als Heilige im Zentrum stand und in der ihnen Fähigkeiten und Klugheit zuwuchsen.

1,29 1,29 Das Überlegenheitsbewusstsein der Gebildeten und Wohlhabenden auf Kosten der Ungebildeten und Armen ist vor Gott nichts wert. Sie haben sich ihrer Weisheit, ihrer Macht und ihres Reichtums wegen (s. Jer 9,22) gerühmt / gebrüstet. Es geht um das Überlegenheitsbewusstsein und die damit verbundenen Handlungsmöglichkeiten der Elite. Zwar wird die Stadt noch von ihnen beherrscht, aber für die Messiasgemeinde sind sie entmachtet. Die „Weisheit der Welt“ bringt Strukturen des Sich-brüstens / kauchasthai hervor (s. o. Basisinformation zu „Weisheit dieser Welt“ bei 1,17).

Es wäre unangemessen, dieses Sich-Brüsten oder Prahlen moralisch zu bewerten. Es gehört zur Aufgabe der Elite, die hierarchische Struktur der Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Darum fängt schon bei den Körpern der Neugeborenen der Elite eine Formung für die Aufgabe der Überlegenheit an.115

Die in der Auslegungsgeschichte häufige Ontologisierung des „Sich-Rühmens“116 geht an den gesellschaftlichen Realitäten vorbei und auch an ihrer Zerstörungskraft für die Gemeinde in Korinth, die Paulus in 1,10–17 aufzeigt. Diese Ontologisierung des „Sich-Rühmens“ ist häufig auch für den christlichen Antijudaismus genutzt worden: Die Hybris „des frommen Juden“ repräsentiere die Hybris „des Menschen“ vor Gott.117

1,30 1,30 In 1,30 breitet Paulus den ganzen Reichtum aus, in dem die Messiasgläubigen als Gemeinschaft leben. Diesen Reichtum haben sie von Gott erhalten, der sie zum Leib Christi machte. Die bei Paulus häufige Wendung en Christo Jesu blickt gleichzeitig auf Gottes Handeln, der einen von Rom Gekreuzigten auferweckt, und auf das Ergebnis des Handelns Gottes: Die Gegenwart des Messias in Gestalt einer Gemeinschaft von Menschen an einem konkreten Ort, Korinth, und an vielen anderen. Die Wendung ist fast gleichbedeutend mit der paulinischen Rede vom Leib Christi (soma Christou). Die ungebildeten und erniedrigten Menschen, die in Korinth Leib Christi sind, haben nun Weisheit von Gott (vgl. 1,24; s. zu 1,5 und Basisinformation nach 1,25): Sie erkennen Gottes Handeln in Korinth, sie leben nach der Tora (s. zu 7,19) und sie bilden eine Tora-Auslegungsgemeinschaft von großer Kompetenz, auch wenn sie mehr oder weniger Analphabeten und Analphabetinnen sind.

Gerechtigkeit – die „uns“ Gott als Geschenk zuwendet, obwohl auch die Hafenarbeiter und Straßenhändlerinnen in Korinth sehen, wie sehr sie in Strukturen des Unrechts verstrickt sind. Sie erleiden Unrecht durch Machtmissbrauch, sind also Opfer. Aber sie sind selbst auch Täter und Täterinnen. Das Geschenk der Gerechtigkeit führt die Messiasgläubigen in die Erfüllung der Tora. Zwischen „unserer“ Gerechtigkeit und der Gerechtigkeit Gottes zu unterscheiden, verhindert, den Zusammenhang von beiden zu erkennen. Gottes Gerechtigkeit ist sein befreiendes Handeln, dass die Messiasgläubigen fähig macht zum Halten der Tora.

Heiligung – durch die Gemeinschaft mit Christus werden die Menschen zu Heiligen (s. o. zu 1,2).

Befreiung – vgl. Röm 3,24. Das hier verwendete Wort apolytrosis bezieht sich in der gesellschaftlichen Realität auf den Loskauf von Gefangenen durch Lösegeld,118 aber das Wort bringt zugleich die Befreiung des versklavten Volkes Israel aus Ägypten in Erinnerung.119 Das zeigt sich daran, dass die Metapher nicht an der Frage orientiert ist, was denn nun der Kaufpreis war. Gottes Handeln hat die Messiasgläubigen aus der Sklaverei befreit. Im Zusammenhang von 1 Kor 1,30 ist dabei an die Befreiung von den Strukturen dieser Welt zu denken, die im Römerbrief „Sünde“ genannt werden. Das Leben unter den Bedingungen des römischen Reiches wird auch für Freigeborene als Sklaverei bezeichnet.120 Dass der korinthischen Gemeinde Sklavinnen und Sklaven angehören ist eindeutig, auch wenn der Nachweis im Einzelnen schwierig ist. Personennamen und Gruppenbezeichnungen (die Leute der Chloë 1,11; das Haus des Stephanas 1,16) können auf Versklavung hindeuten.121

Wenn also die Zugehörigkeit zum Messias in 1,30 apolytrosis bringt, dann ist Befreiung von der Sklaverei im Sinne der strukturellen Sünde und des Lebens in einem System der Gewalt gemeint. Befreiung vom rechtlichen Status der Versklavung für Sklavinnen und Sklaven ist damit nicht gemeint, wohl aber ein Leben als „Freigelassene Christi“ (7,22). Sie sind den Freigeborenen in der Gemeinde gleichgestellt. Die Gemeinde arbeitet gemeinsam für eine Lebensgestaltung in der Gemeinde und darüber hinaus, die der Weisheit der Welt und ihrer Lebensfeindlichkeit ein Ende setzt.

1,31 1,31 Paulus führt einen Satz, der in Anlehnung an Jer 9,23 (LXX) bzw. 1 Sam 2,10 (LXX) formuliert ist, als Schriftzitat ein. Paulus hat andere Vorstellungen vom Zitieren als die gegenwärtige historische Wissenschaft (s. Basisinformation bei 7,19). Die Einführung des Zitates ist ebenfalls ein Kürzel, er sagt nur hina kathos und deutet seine Schrifthermeneutik an: Gott rede in der Schrift „unseretwegen“ (Röm 4,23.24; 1 Kor 9,10). Gottes Wort in der Schrift soll von „uns“ (s. Basisinformation vor 2,6) gelebt werden. Sich des kyrios rühmen / den kyrios preisen – hat zu unterschiedlichen Deutungen geführt: Ist Gott oder Christus gemeint? Paulus hat den Satz als Schriftzitat verstanden wissen wollen, deshalb sollte er auf Gott gedeutet werden und kyrios als Platzhalterwort des Tetragramms.122 Gott zu loben ist die wahre und unerschöpfliche Kraftquelle – nicht aber eigenen Besitz oder Bildung gegen Andere auszuspielen.

2,1–16

2,1–16 2,1–16 besteht aus zwei Abschnitten, die inhaltlich aufeinander bezogen sind. Der erste Abschnitt 2,1–5 setzt das Leben des Paulus, speziell sein Auftreten als Bote Gottes vor der Gemeinde, in Bezug zur Kreuzesnachfolge der Gemeinde (1,26–31). Die Botschaft Gottes (katangellein 2,1; kerygma 2,4), die er überbringt, ist Offenbarungsrede (2,1) und Rede, in der göttliche Kraft wirkt (2,5). In 2,6–16 wird die Offenbarungsrede in ihrer grundsätzlichen Bedeutung erklärt. Auch die Gemeinde wird nun zum Subjekt der Offenbarungsrede. Schon das „Wir“ in 2,6 schließt Paulus als Boten Gottes mit der Gemeinde zusammen. Dieser Abschnitt spricht von dem unendlichen Reichtum der Erfahrung von Gottes Geistkraft und Weisheit in einer Gemeinde, die sich von der „Weisheit der Menschen“ (2,5), der „Weisheit dieses Äons“ (2,6), dem „Geist dieser Welt“ (2,12.13) trennt. Diese Trennung hat große Folgen für die Lebenspraxis (s. o. zu 1,2). Die Weisheit und Geistkraft, die von Gott kommt, macht die Gemeinde fähig, die Kreuzigung Jesu als Gewalttat der Mächtigen zu durchschauen, die der Logik der „Weisheit dieses Aions“ folgt (2,6–8). Und: Sie macht sie fähig, den eigenen Reichtum, den Gottes Geistkraft bringt, zu bejubeln: Wir haben den Geist Gottes (2,16).

2,1–5

1 Als ich zu euch kam, Geschwister, trat ich auch nicht als glänzender Redner und Weisheitslehrer auf, um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden. 2 Denn ich kam zu der Überzeugung, dass bei euch nichts so wichtig sei wie der Messias Jesus, und zwar als Gekreuzigter. 3 Ich kam zu euch in Schwäche und Furcht und mit großem Bangen. 4 Meine Rede und meine Botschaft bestanden nicht aus gewinnenden Weisheitsworten, sondern kamen aus der Erfahrung von Geist und gottgegebener Kraft. 5 So beruht euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf der Kraft Gottes.

2,1–4 2,1.4 In den Abgrenzungen von einem „Übermaß“ an Redekunst oder Weisheit im Sinne der gesellschaftlichen Normen wiederholt Paulus, was er schon in 1,17.20 gesagt hat: Es gibt in der Gesellschaft Korinths – wie überhaupt der hellenistischrömischen Öffentlichkeitskultur – eine Redekunst, die der Selbstdarstellung und der Ideologie des Imperium dient.123 Solche öffentliche Rede ist das Feld auch für die Bewährung von Männlichkeit, die dem Herrschaftssystem Ausdruck geben und ihm dienen soll. Es geht hier bei dieser Abgrenzung nicht um Gegner / Gegnerinnen des Paulus in der Gemeinde, sondern um die notwendige Distanz des Paulus und der Gemeinde zu einer öffentlichen Kultur, die der Gewalt dient.

Schon das erste Wort dieses Abschnittes kago / auch ich schließt Paulus und die Gemeinde zusammen. In 2,3 nimmt er es noch einmal auf. Sie sind eine Gemeinde aus Ungebildeten, die Gottes Weisheit leben, und so tritt auch Paulus auf. Was ist damit gemeint? Paulus verfügt zweifellos über eine gründliche Ausbildung als Ausleger der Tora bei einem berühmten pharisäischen Lehrer in Jerusalem, Gamaliel (vgl. Apg 22,3). Er verfügt jedoch nicht über ein besonderes rhetorisches Charisma oder eine Ausbildung im öffentlichen Reden und Auftreten. In 2 Kor 10,10 zeigt sich, dass es Gemeindemitglieder gibt, die kritisieren, dass sein Auftreten schwach sei.124 Es scheint ihnen, dass er sich hinter seinen Briefen versteckt, denn sie „wiegen schwer und sind voller Kraft“ (BigS). Es sind Zweifel angebracht, ob die Briefe, die ja in der Versammlung vorgelesen wurden, damals leicht verständlich waren, auch wenn die Gemeinde vieles in ihnen wiedererkennen konnte. Doch es bleibt das Faktum, dass er am Aufbau messianischer Gemeinschaften im Imperium Romanum maßgeblich beteiligt war, also trotz mangelnder rhetorischer Bildung durch seine „counter-rhetoric“125 viele Menschen erreicht und für ein neues Lebensziel gewonnen hat.

2,2 2,2 Bewusst und nachdrücklich hat Paulus bei seinem ersten Auftreten in Korinth den Messias Jesus in den Mittelpunkt gestellt, und zwar als Gekreuzigten. Er erwähnt hier nicht, dass Gott den gekreuzigten Messias erweckt hat, dass er ihn nicht dem Tod und der Gewalt überlassen hat. Doch ohne dieses Gotteswunder bleibt die Kreuzigung Jesu ein Zeichen politischer Unterdrückung zur Abschreckung der Bevölkerung. Dass Paulus hier die Kreuzigung so isoliert als Inhalt seiner Botschaft nennt, ist im Zusammenhang von 1,17–25 verständlich. Der öffentlichen Solidarität mit dem Gekreuzigten und damit den vielen Gekreuzigten darf nicht aus dem Weg gegangen werden (s. o. Basisinformation Verleugnung der Kreuzigung). Doch seine Botschaft erschöpft sich schließlich nicht in der Mitteilung der puren Tatsache der Kreuzigung. Deshalb vergegenwärtigt die Botschaft, die von Jesu Kreuzigung erzählt, in den Gemeinden bereits als solche machtvoll die Auferstehung und den Auferstandenen – auch ohne explizite Worte dazu.

2,3 2,3 Paulus spricht hier sehr persönlich: Damals, als er zu der Gemeinde kam (s. 2,1), kam er „in Schwäche“. Wenn er sich in 2,3 auch wie in 2,1 auf die Situation seines Anfangs in Korinth bezieht, was sprachlich möglich ist, entsteht die Frage, ob er sich tatsächlich als Gründer der korinthischen Gemeinde versteht, weil er hier die Existenz einer Gemeinde schon für seinen Beginn voraussetzt. In 3,6 vergleicht er seine Anfangsarbeit mit einem Pflanzen, in 3,10 mit dem Legen eines Fundamentes, in 4,14.15 nennt er sich Vater, der die Gemeinde geboren oder gezeugt hat (vgl. Gal 4,19). Widersprechen diese Aussagen Apg 18,2–4? Dort wird berichtet, dass Paulus bei seinem Aufenthalt in Korinth bei dem Ehepaar Prisca und Aquila wohnt. Es gibt Gründe zu vermuten, dass sie bereits vor seiner Ankunft Teil einer messianischen Hausgemeinde in Korinth sind (s. zu 16,19). So könnte Paulus’ Arbeit in Korinth auch in dieser Gemeinde ihre erste Basis gehabt haben. Seine Formulierungen in 1 Kor 3,6.10; 4,14.15 müssen dem nicht widersprechen: Er hat in jedem Fall Entscheidendes zum Aufbau der Gemeinde beigetragen. Ihn als Gründer der Gemeinde zu bezeichnen ist der kirchlichen Auslegungstradition wichtiger als ihm selbst.

Seine Schwäche ist für Paulus eine immer wiederkehrende Sorge.126 Er muss eine schwere chronische Krankheit gehabt haben. Was es genau war, das ihn so hinfällig machte, ist nicht zu erkennen. Wo er seine Schwäche erwähnt oder beklagt, spricht er zugleich von der Erfahrung der Kraft Gottes – gerade in den Stunden der Schwäche. So auch hier. Trotz seiner Schwäche in der Anfangszeit in Korinth war seine Verkündigung voller Geistkraft und Machterweise Gottes (2,4.5). So wiederholt sich an seinem Körper das Geschick Jesu, der am Kreuz starb und von Gott neu ins Leben gerufen wurde (vgl. 2 Kor 4,10). Die Lebendigkeit und Gegenwart des Messias ist ein Gotteswunder, das sich im Leben der Menschen wiederholen kann, im Leben des Paulus wie in dem der Gemeinde (1,26–31). Die Wendung „Furcht und Zittern“ nimmt alttestamentliche Sprache auf. Sie kann sich auf die Ehrfurcht vor der Macht Gottes beziehen (Jes 19,16; Ex 15,16; Dtn 11,25), aber auch auf das Erschrecken, das Gewalt unter Menschen auslöst (Ps 55,6). Doch ist die Wendung hier auf das Auftreten des Paulus bezogen und verdeutlicht seine Erfahrung der Hinfälligkeit: Er hatte Angst, zu versagen, seine Aufgabe nicht erfüllen zu können. In der Auslegungsgeschichte finden sich theologische Verallgemeinerungen für die Beschreibung der Schwäche und Angst des Paulus, z. B. als „demütige Hinnahme […] des Willens Gottes“,127 als Abhängigkeit von Gott. Damit wird die physische und psychische Not zur Nebensache. Paulus geht es hier nicht um die Demut und Christusförmigkeit der verkündigenden Menschen, sondern um eine persönliche Erfahrung von Not, an die die Gemeinde in Korinth sich erinnert.

2,5 2,5 Im Griechischen beginnt 2,5 mit „hina“, meist so übersetzt: „damit“ euer Glaube (z. B. nicht auf Menschenweisheit stehe). Wie oft in der neutestamentlichen Sprache bezeichnet das griechische hina hier jedoch nicht Ziel oder Zweck, sondern die Folge.128 Wenn hina final gedeutet wird, ergibt sich, dass es Gottes (oder des Paulus) Absicht war, Paulus mit mangelnder Redekunst und in Krankheit vor die Gemeinde zu stellen; seine Schwäche wäre dann Mittel zum Zweck. Damit entstehen absurde Konsequenzen, z. B. dass Gesunde für die Kreuzesverkündigung ungeeignet seien. Es ist wichtig, die individuelle Not dieses Menschen Paulus als das zu nehmen, was er über sie sagt: als große Belastung und Behinderung. Dass die Gemeinde trotzdem durch diese Verkündigung Vertrauen zu Gott gewann, ist ein von Gottes Macht gewirktes Wunder. Die pistis ist das Vertrauen darauf, „dass Gott die Toten lebendig macht“ (Röm 4,17). Die Übersetzung des Wortes mit „Glauben“ kann missverständlich sein, z. B. im Sinne eines Für-wahr-Haltens von bestimmten Lehren.129

Basisinformation: Das „Wir“ der Gemeinde

In den paulinischen Briefen wechselt Paulus häufig von der Anrede in der 2. Person Plural, die der Form eines Briefes an eine Gemeinde entspricht, in ein „Wir“. So auch in 1 Kor 2,6.130 Gott ist Vater dieser „Wir“, und der Messias ihr Befreier (1,3.8.9.10). Diese „Wir“ sprechen das Sch’ma Israel (8,6; vgl. Dtn 6,4) und setzen damit den Gewalten (8,5) eine Grenze. Die „Wir“ sind Menschen, die von Gott Kraft und Weisheit erhalten (1,18.30). Sie sind es, die Gott lieben (2,9) und von Gott gerettet werden (1,18). Sie empfangen die Offenbarung Gottes (2,10.12) und geben sie weiter (2,6.13 vgl. 1,5). Sie sind mit göttlichem Verstand begabt (2,16).

In Kapitel 10 setzt Paulus die „Wir“ seiner Gegenwart in Beziehung zu Israel in der Wüste. Die „Wir“ lernen von „unseren Vätern und Müttern“, die aus Ägypten auszogen (10,1). Diese „Wir“ der Gegenwart sind das soma Christou (10,16; 12,27). Paulus schließt sich selbst in dieses „Wir“ mit ein. In 10,11; 1,18; 2,6 definiert er das „Wir“ eschatologisch. Er nennt sie: „die gerettet werden“ / sozomenoi (1,18). Das Urteil im Gericht Gottes, über das niemand etwas wissen kann, ist für sie eine Hoffnung und Kraftquelle. Sie erleben jetzt schon den Anfang vom Ende der Gewalt und der Macht der „Aionen“ dieser Welt (10,11; s. dazu schon oben Basisinformation Zeitvorstellungen bei 1,7). Darum ist das Wir der Gemeinde mit dem Messias Gottes identisch geworden und ist als Leib Christi die Autorität, an der sich die Legitimität aller einzelnen Botschafterinnen und Botschafter Gottes entscheidet (3,17.22.23).

Sätze wie diese zeigen, dass der Leib Christi / das soma Christou in der Gegenwart und im Alltag der Welt und ihrer Gewaltstrukturen der Messias ist. Die emphatische Rede über die „Wir“ schließt nicht aus, dass Paulus die Gemeinde nicht auch scharf kritisiert.

2,6–16

6 Wir reden dennoch von Weisheit, Weisheit unter den Vollkommenen. Dies ist aber eine Weisheit, die nicht von dieser Welt abhängt und auch nicht von den Herrschenden dieser Welt. Sie sind dabei, ihre Macht zu verlieren. 7 Wir reden von göttlicher Weisheit, im Geheimnis verborgen, die Gott vor aller Zeit bereitet hat, um uns an der göttlichen Gegenwart teilhaben zu lassen. 8 Niemand von den Herrschenden dieser Welt hat sie erkannt. Denn wenn sie die Weisheit erkannt hätten, hätten sie den Repräsentanten der göttlichen Gegenwart nicht gekreuzigt. 9 Vielmehr ist es gekommen, wie es geschrieben steht: Was kein Auge sah und kein Ohr hörte und was in keines Menschen Herz hinaufstieg, das hat Gott denen, die sie lieben, bereitet. 10 Uns hat es Gott durch die Geistkraft enthüllt. Die Geistkraft ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes. 11 Welche Menschen können andere Menschen verstehen, wenn nicht Menschengeist in ihnen ist? So versteht auch niemand Gott ohne Gottes Geistkraft. 12 Wir haben nicht den Geist der Welt erhalten, sondern die Geistkraft, die von Gott kommt, damit wir verstehen, was Gott uns geschenkt hat. 13 Diese Erfahrung geben wir weiter, nicht in der gelehrten Sprache menschlicher Weisheit, sondern in der Sprache, die die Geistkraft lehrt. Den Menschen, die von der Geistkraft erfüllt sind, öffnen wir die Geschenke der Geistkraft. 14 Menschen, die einfach vor sich hin leben, nehmen das Geschenk der göttlichen Geistkraft nicht an, weil sie das für unklug halten. Sie können das Geschenk nicht erfassen, denn es kann nur mit Hilfe der Geistkraft zur Wirkung kommen. 15 Die von der Geistkraft Erfüllten aber befragen alles, ihr göttlicher Geist jedoch kann von keinem Menschen bewertet werden. 16 Denn: Wer hat die Gedanken der Ewigen erkannt, wer will sie belehren? Wir haben Gedanken der Ewigen.

Dieser Abschnitt ist oft als Fremdkörper innerhalb des Briefes empfunden worden. Ursachen dafür waren vor allem die Vorstellung von den Vollkommenen (teleioi) in 2,6 als widersprüchlich zu 3,1–4 und die Sprache insgesamt. Es finden sich Parallelen zu dieser Sprache in der jüdischen Weisheit, der Gnosis und in hellenistischen Kulten.131 Ich setze hier jedoch folgende Entscheidungen bereits voraus: Der Text stammt von Paulus, und es ist nicht hilfreich anzunehmen, dass er eine Auseinandersetzung mit Gegnern führt (s. zu 1,10). Das „Wir“ des Textes ist von zentraler inhaltlicher Bedeutung. Es bezieht sich auf die Gemeinde als Körper / Leib Christi (s. o. Basisinformation nach 2,5). Das „Wir“ bezieht sich nicht exklusiv auf besonders qualifizierte Verkündiger oder auf eine Gruppe innerhalb der Gemeinde, die sich als durch Gottes Offenbarung herausgehoben ansieht. Paulus spricht in diesem Abschnitt von einer überwältigenden Glückserfahrung der „Wir“, der Gemeinde.

Adolf Deissmann 1925 (1911), 86, schrieb zu Recht von 2,6–16, diese Sätze seien eine von Paulus’ „größten Konfessionen“. Sie müssten „der Ausgangspunkt sein, wenn man ein großes Verständnis des Paulus gewinnen will“.

2,6 2,6 Die Glückserfahrung im Leib Christi werden zur Sprache gebracht (2,6.7.13). Das Wort lalein umfasst nicht nur das rationale zwischenmenschliche Sprechen, sondern auch das Lallen der Kinder, Musik, Geschwätz und die Sprache der Tiere.132 1 Kor 12–14, die drei Kapitel über Erfahrungen mit dem pneuma, der Geistkraft Gottes, können als Kommentar zu 2,6–16 gelesen werden. Paulus kritisiert in 1 Kor 14 zwar chaotische Gottesdienste, nicht aber das glossolalein grundsätzlich, das geistgewirkte Reden in vielen Muttersprachen (s. Basisinformation zu 14,1). In 14,15 wird im Detail klarer, was er hier in 2,6–16 mit der geistgewirkten Sprache (lalein) meint: Mit dem Herzen133 und dem Verstand beten und singen, d. h. mit pneuma und nous. Es gibt z. B. Lieder und Gebete in der Muttersprache, die für andere unverständlich sind (14,14). Im Deutschen können wir dazu sagen: Sie kommen aus tiefstem Herzen; Paulus sagt dazu „beten mit dem pneuma“. Er will dieses Beten und Singen nicht trennen oder gar ausspielen gegen ein Beten und Singen in der Verkehrssprache. Beides ist wichtig. Das lalein in 2,6 bezieht sich nicht nur auf das sich mitteilende Sprechen, sondern auch auf Beten aus tiefstem Herzen und auf Singen. Auch das Singen in der „Sprache der Engel“ ist Paulus nicht fremd (s. 13,1). Es ist nicht abwegig, auch Visionen in die Erfahrung des lalein einzubeziehen.134 2,6–16 umfasst auch das rationale Sprechen wie besonders 2,16 zeigt, wo Paulus das Wort nous betont.

Um den Reichtum des geistgewirkten lalein (2,6.7.13) zu veranschaulichen, soll ein Text berücksichtigt werden, der traditionell zur Erläuterung des „Redens in Sprachen“ im Sinne von 1 Kor 14 verwendet wird: Das Testament Hiobs. Es ist eine jüdische Schrift aus der römischen Kaiserzeit, die sich nicht genau datieren lässt. In dieser Schrift werden Offenbarungserfahrungen narrativ beschrieben. Hiob spricht mit seinen drei Töchtern am Ende seines Lebens und vermacht ihnen drei Gürtel, die Gott ihm geschenkt hatte, als er in großer Not war. Er hatte sie umgelegt, und sofort waren alle seine Krankheiten verschwunden:

7 „Und danach war mein Leib gestärkt durch den Herrn, als hätte er überhaupt nichts erlitten. 8 Ja, auch den Schmerz im Herzen vergaß ich. 9 Der Herr aber sprach machtvoll mit mir und tat mir das Vergangene und das Künftige kund. 10 Daher, meine Kinder, jetzt, da ihr diese (Gürtel) besitzt, wird der Feind euch gewiß niemals angreifen, ja, ihr werdet auch nicht seine Gedanken in eurem Herzen haben. 11 Denn (sie) sind ein Schutz vom Vater. Steht nun auf, umgürtet euch (mit ihnen), bevor ich sterbe, damit ihr schauen könnt (die Engel), die zu meiner Seele kommen, damit ihr die Geschöpfe Gottes bewundert.“ XLVIII 1 Also stand die erste (der drei Töchter) Hemera genannt, auf und legte sich ihr Band um, wie der Vater gesagt hatte. 2 Und sie bekam ein anderes Herz, so daß sie nicht mehr an irdische Dinge dachte. 3 Sie redete begeistert in engelhafter Sprache und schickte ein Lied zu Gott empor gleich dem Gesang der Engel.135

Die beiden anderen Töchter Hiobs legen dann ebenso einen Gürtel um und sprechen und singen in der Sprache der Engel. Auch hier sind rationale Sprache und Engelsprache nicht gegeneinander abgegrenzt. Beides gehört zusammen. Hiob gibt seine Offenbarungserfahrung an seine Töchter weiter. Er macht in seiner Rede deutlich, dass die Offenbarung eine Begegnung mit Gott ist, die den Körper heilt und das Innere des Menschen von den Gedanken des Teufels (47,10) oder den irdischen Dingen (48,2) bzw. den Dingen des kosmos (49,1; 50,1) befreit. Auch Paulus benennt sofort diese Befreiung von den Strukturen des kosmos / der Welt in 2,6b.8: Die Offenbarungserfahrungen haben nichts mit der Weisheit dieses Äons und der Archonten / der Herrschenden dieses Äons (dazu s. zu 2,8) zu tun. Positiv bestimmt er den Inhalt der Offenbarung und des lalein, des Redens und Singens darüber, als Weisheit unter den Vollkommenen (2,6, s. dazu auch 14,20). Die Vollkommenheit hat zwei Dimensionen:

1. Wenn Menschen Gott begegnen „von Angesicht zu Angesicht“ (13,12), dann verwandelt sie diese Begegnung zu neuen Geschöpfen. Alles was von Gottes Zukunft ersehnt wird, geschieht schon jetzt – mitten in der vom Tod und der Gewalt der Mächte beherrschten Welt. Die Vollkommenheit ist nicht ein Status von Menschen,136 sondern eine unendlich reiche Erfahrung von Glück und Befreiung. Es ist die unmittelbare Erfahrung der Zuwendung Gottes (2,9; 13,12) zu denen, die ihn lieben.

2. In 2,9 wird die zweite Dimension der Vollkommenheit sichtbar. Die Liebe zu Gott drückt sich im Tun des Willens Gottes aus. Es ist die Tora als der Wille Gottes, als das Vollkommene (Röm 12,2), die Vollkommenheit bewirkt. In der Bergpredigt wird dieser Aspekt ganz entsprechend ausgedrückt: „Seid nun vollkommen wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Mt 5,48). Die Tora ermöglicht es, Gott nachzuahmen, indem Menschen in ihrem Handeln Gottes Handeln abbilden. Der babylonische Talmud erläutert diesen Aspekt der Vollkommenheit. Es „sagte R. Hama b. R. Hanina: Es heißt (Dtn 13,5): dem Herrn, eurem Gott, sollt ihr folgen; ist es denn einem Menschen möglich, der Göttlichkeit zu folgen, es heißt ja (Dtn 4,24): denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer!? Vielmehr [lehrt dies], dass man den Handlungen des Heiligen, gepriesen sei er, folge. Wie er die Nackten kleidet … so kleide auch du die Nackten. Wie der Heilige … Kranke besucht, so besuche auch du die Kranken“ (bSota 14 a).137

2,7 In 2,7 wird die göttliche Weisheit, die den Vollkommenen in der Gottesbegegnung offenbart wird, die im „Geheimnis Verborgene“ genannt (vgl. 14,2). Der Inhalt der Offenbarung ist das eschatologische Geheimnis im Sinne von 1 Kor 4,1; 13,2; 15,51; vgl. Röm 11,25.33. Das Geheimnis ist Gott selbst und Gottes Handeln in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.138 In der Gottesbegegnung wird das Geheimnis Gottes so offenbart, dass sich für die, die sehen oder hören, Wege in die Zukunft öffnen. Die Geheimnisse sind verborgen, aber Gott macht sie denen offenbar, die Gott lieben. Sie erhalten das pneuma, die Geistkraft, die ihnen Augen und Ohren für Gott gibt.

In Röm 11,33–36 findet sich ein inhaltlich verwandter hymnischer Lobpreis Gottes und seiner Verborgenheit. Auch 1 Kor 2,9.10 lässt sich als Lobpreis verstehen. Niemand kann Gott erforschen, Gott selbst gibt sich zu erkennen und gibt die Geistkraft und den Verstand (nous) dazu (2,16). So lässt sich das lalein der Weisheit Gottes mit Röm 11,33 füllen: „Welch’ unermesslicher Reichtum Gottes, welch’ tiefe Weisheit und unerschöpfliche Erkenntnis …“. Das ist Sprache über das Geheimnis Gottes, die sich singen und beten lässt.

Die Weisheit Gottes wird in 2,7b noch ein weiteres Mal als Begegnung mit Gott in zwei geradezu emphatische Gedanken gefasst: Gott hat die Weisheit schon von Ewigkeit her für die Empfangenden bestimmt; sie gibt den Menschen dabei Anteil an Gottes doxa (kabod), am göttlichen Glanz, an Gottes Gegenwart, an Gott selbst;139 vgl. zu 2,8b Röm 8,29.

2,8 2,8 Die Herrschenden dieses Äons, deren Macht schon durch Gott gebrochen wurde (s. 2,6) sind die Behörden und Machthaber, die Jesu Kreuzigung zu verantworten haben (s. o. zu 1,18). Aber diese politisch Herrschenden sind nur die sichtbaren Akteure in einem Netz der Gewalt und Zerstörung, das Paulus und viele Menschen seiner Zeit auch dämonischen Mächten zuschreiben können. Politische Strukturen offenbaren mythische Dimensionen und damit ihre strukturelle Gewalt. Das Wort aion umfasst Zeit und Raum als Machtgefüge, das Gott entgegensteht. Dass die Herrschenden Jesus gekreuzigt haben, zeigt die Gottferne dieser Herrschaftsstrukturen der Gegenwart. Das römische Imperium wird in 2,8 als Gewaltsystem analysiert (s. dazu schon oben Basisinformation „Weisheit dieser Welt“ vor 1,18). Zugleich wird die Grenze sichtbar, die Gott ihm gesetzt hat. Dass der Gekreuzigte kyrios tes doxes genannt wird betont denselben Gedanken wie 1 Kor 8,5–6: Es ist ein Kyrios, der den Herren dieser Welt Grenzen setzt. In ihm ist Gott gegenwärtig (vgl. 2 Kor 4,6).140 Die doxa Gottes qualifiziert diesen kyrios im Unterschied zu allen anderen kyrioi dieser Welt. Der Genitiv ist ein Genitivus qualitatis.141 Dieser kyrios hat als der Auferstandene den Glaubenden die Teilhabe an der göttlichen Gegenwart eröffnet. Auf kyrios tes doxes als Gottesprädikat (vor allem in aeth. Henoch 22,14 u. ö.) ist hier nicht angespielt. Es geht nicht darum, Christus gottheitlich zu qualifizieren.

2,9 In 2,9 zitiert Paulus aus der Schrift, doch dieses Zitat hat sich nicht auffinden lassen.142 2,10a Seine Herkunft ist also unbekannt. Doch es ist von Paulus inhaltlich und sprachlich voll in den Zusammenhang integriert: Der Hauptsatz steht in 2,10a, das Zitat benennt das Objekt göttlicher Offenbarung: Das, was kein Auge gesehen hat …, hat Gott uns … offenbart.

In 2,10b–15 schreibt Paulus eine kleine Abhandlung über das pneuma / die Geistkraft.

2,10b 2,10b: die Geistkraft wird uns von Gott gegeben, um Gott zu begegnen (s. o. 2,7 zu mysterion / Geheimnis).

2,11 2,11 erläutert die geschenkte Gottgleichheit, die das Kennen Gottes möglich macht, durch einen Vergleich mit dem Erkennen von Mensch zu Mensch. 2,12 2,12 stellt den Geist der Welt abgrenzend dem Geist, der von Gott kommt, gegenüber; vgl. die Abgrenzung der Weisheit, die von Gott kommt, von den Herrschenden dieses Äons 2,6.7. Zu den alltagspraktischen Konsequenzen solcher Abgrenzung s. o. Basisinformation „Weisheit dieser Welt“ vor 1,18. 2,12b: Die Geistkraft Gottes macht uns fähig, die Geschenke Gottes wahrzunehmen: Die Befreiung durch den Messias, die das neue Leben als Körper Christimöglich macht.

2,13 2,13 Die Geistkraft ist Lehrerin einer neuen Sprache (s. zu 1,5). Zu dieser neuen Sprache gehört die Fähigkeit, geistgewirktes Sehen, Hören und lalein zu deuten, es in verständliche Sprache oder auch in die aktuelle Situation zu übersetzen. Das Wort sygkrinein, das ich mit „deuten“ übersetze, ist oft als „vergleichen“, „prüfen“ o. ä. übersetzt worden. Man nahm an, dass ekstatische Äußerungen und Prophezeien einer kritischen Prüfung durch Vergleichen unterzogen werden mussten (z. B. „in dem wir Geistliches mit Geistlichem prüfen“143). Zu Recht kritisiert Dautzenberg: „Tatsächlich eine eigenartige Vorstellung. In den paulinischen Gemeinden hätte es schon eine Proto-Inquisition gegeben“.144 Dautzenberg hat ausführliche und mich überzeugende Argumente für die Übersetzung von sygkrinein (und diakrinein / diakrisis in 12,10; 14,29) als „deuten“ vorgetragen.145 Den Dativ plural pneumatikois löse ich im Blick auf 2,14.15 nicht als Neutrum, sondern als androzentrisches Maskulinum auf: Die Deutung richtet sich an „die Menschen, die von der Geistkraft erfüllt sind“.

2,14 2,14 redet von psychikoi. Dieser Begriff hat zur Frage geführt, ob Paulus in seiner Vorstellung von Menschen dualistisch denkt: Die psyche qualifiziere Menschen negativ, erst das pneuma mache sie zu Menschen in Beziehung zu Gott. Doch der „psychische“ Leib ist bei Paulus der von Gott geschaffene Leib / Mensch (s. 1 Kor 15,44.45);146 und der pneumatische Leib / Mensch ist der in ein neues Leben Auferstandene mitten in den Erfahrungen der Gewalt und Erniedrigung des Alltags. „Wenn Paulus von Auferstehung spricht, hat er diese konkreten Körper vor Augen. Diesen geschundenen, verachteten, gequälten Körpern spricht er zu, dass sie wertvoll sind, Tempel der heiligen Geistkraft … (vgl. 1 Kor 6,19)“.147

In 2,14b und 15 verwendet Paulus dreimal das Wort anakrinein. Menschen, die von Gottes Ruf nicht erreicht worden sind (2,14), fehlt das von der Geistkraft bewirkte Urteilsvermögen (anakrinein). Deshalb halten sie die Geistkraft Gottes und die Auferstehung eines Gekreuzigten (s. 1,18) für unklug, für dumm.

2,15 2,15 Von der Geistkraft erfüllte Menschen haben ein besonderes Urteilsvermögen (anakrinein). Sie durchschauen die Herzen der Menschen148 und die Erfahrungen im Alltag. Gottes Geistkraft macht sie fähig, die Verstrickungen anderer und die eigenen Verstrickungen zu erkennen und zu verändern. Das endgültige Urteilen über Menschen aber ist allein Gott überlassen, darum können die von Geistkraft Erfüllten von niemand gerichtet werden (anakrinein), vgl. 4,1–4, auch nicht von anderen Geistmenschen. Das bedeutet nicht, dass Gemeindeglieder sich nicht selbst und gegenseitig kritisieren, denn der Brief ist ein Dokument wechselseitiger Kritik zwischen Paulus und der Gemeinde. Diese Kritik ist vom Urteil Gottes jedoch klar unterschieden. Gottes Urteil setzt der Kritik untereinander Grenzen: Die Geistkraft Gottes in den Mitmenschen ist kein Gegenstand der Kritik und Beurteilung. Doch alle Fragen der Lebensgestaltung sind in gemeinsamer Schriftauslegungsarbeit und gegenseitiger Kritik auszuhandeln.

2,16 2,16 bringt den entscheidenden Gedanken des ganzen Abschnitts, das große Glück, soma Christou zu sein, noch einmal zusammenfassend zur Sprache. Paulus zitiert zunächst Jes 40,13 „Wer hat den Verstand der Ewigen erkannt …?“ Gottes Tiefen (2,10) sind allen Menschen verborgen (vgl. Röm 11,34–35). Die Antwort auf die rhetorische Frage aus Jes 40,13 in 2,16a lautet: niemand. So hat es ja auch das Zitat unbekannter Herkunft 2,9 gesagt: kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört. 2,16b Doch die „Wir“, der Leib Christi, sind durch Gottes Zuwendung (2,12) mit dem größten Glück beschenkt (vgl. 2,10). Als Teile des Leibes Christi sehen wir Gott von Angesicht zu Angesicht (13,12), auch wenn wir in Strukturen der Gewalt von Leiden und Tod umgeben sind. Wir sehen die Gerechtigkeit Gottes, auf die wir hoffen. Wir hören die Selbstoffenbarung Gottes in den Worten der Tora. Ohne Gotteskraft sehen die Menschen nur den Sieg der Gewalt, wenn sie auf den Gekreuzigten und die Gekreuzigten schauen; sie sagen: Es ist unklug, sich auf Solidarität mit Gekreuzigten einzulassen (2,14). Die mit Gottes Geistkraft Begabten sehen, dass der Gekreuzigte von Gott dem Tod entrissen wurde, er ist aufgestanden. Wir sehen und erfahren die Auferstehung aller Toten, auf die wir hoffen. Das alles fasst der triumphierende kurze Schlusssatz zusammen: „Wir haben den Verstand / Gedanken der Ewigen“. Paulus legt hier Wert auf das Wort nous / Verstand / Gedanken (s. auch 14,14.15 und oben zu 2,6). Die Gabe Gottes bringt Augen für die Auferstehung und für Gottes neue Schöpfung, aber auch den kritischen Verstand, der alles erforscht (2,10), auch die eigene Verstrickung in die weltweite Sünde, in die Strukturen des Kosmos (s. o. 2,6.8 und Basisinformation zu „Weisheit dieser Welt“ zu 1,17).

Die Gemeinde ist Ort der Gegenwart Gottes. Der 1. Brief nach Korinth ist von solchen Glückssätzen durchzogen (s. auch Einführung zu 3,1-23).

In Jes 40,13 LXX bezieht sich das Wort kyrios auf Gott. In der paulinischen Antwort steht in einigen griechischen Handschriften: Wir haben Gedanken des Messias. Andere Handschriften schreiben: Gedanken des kyrios. Howard (1977, 80) zeigt überzeugend an zeitgenössischen Texten, dass Menschen wie Paulus das Tetragramm in griechischen Texten noch nicht wie spätere Versionen der Septuaginta durch kyrios ersetzten, sondern das Tetragramm in hebräischen Buchstaben in den griechischen Text einfügten. In Sätzen, die Schriftzitate dann kommentierten, wurden Bezugnahmen auf das Tetragramm mit kyrios vollzogen. Paulus kann hier also in seiner Antwort auf Jes 40,13 kyrios geschrieben haben und Gott (das Tetragramm des Zitates) damit aufgenommen haben. Im 2. Jahrhundert wurde zunehmend das Wort kyrios auf Christus gedeutet. Die Handschriften, die hier Christos statt kyrios schreiben, wollten mehr christologische Eindeutigkeit erreichen: „Wir haben Gedanken des Messias“ – als Antwort auf die Frage: „Wer hat die Gedanken der Ewigen erkannt?“. Es muss Hypothese bleiben, was Paulus anstelle des Tetragramms geschrieben hat. Er benutzt aber kyrios für Jesus / den Messias noch nicht in einem durch dieses Wort auf Gott verweisenden Sinne.149 Es ist wahrscheinlich, dass er in der Antwort (2,16b) auf Gott verweist. Bei der Interpretation des Paulus ist der nachpaulinische Prozess der Christologisierung, der hier sichtbar wird, zu berücksichtigen. Paulus versteht den Messias nicht als gottheitliche Gestalt.

3,1–23

3,1–23 In 3,1–23 (und Kapitel 4) führt Paulus im Detail aus, wofür er in 1,10–2,16 die Grundlagen geschaffen hat: Die Zusammengehörigkeit mit dem Messias Jesus, der von Rom gekreuzigt und vom Gott Israels aufgeweckt wurde und nun in der Gemeinde lebendig ist, hat Konsequenzen für das Zusammenleben. Konkurrenzstrukturen und andere Machtkämpfe um Herrschaft in der Gemeinde zeichnen zwar die „Welt“ und ihre Weisheit, sie widersprechen aber dem Messias und der Erwählung der Erniedrigten durch Gott. Paulus versteht seinen Brief als väterliche Ermutigungs- und Erziehungsrede in diese Situation hinein. Mit 3,1–4 knüpft er an 1,10–18 an. Er kritisiert Machtkämpfe in der Gemeinde fundamental. Sein Hauptziel ist dabei, dass die Gemeinde den Reichtum Gottes, den der Leib Christi geschenkt bekommen hat, wahrnimmt und daraus die Kraft zur Gestaltung der Gerechtigkeit schöpft. Die großen Ermutigungen sind Herzstücke dieser väterlichen Erziehungsrede von 1,10–4,21: Sie finden sich in 1,30.31; 2,6–16; 3,16.21b–23. Sie führen 1,4–9 fort. Hier hatte er von seiner Dankbarkeit Gott gegenüber für ihren Reichtum berichtet und ein erstes Mal den begeisterten Ton angeschlagen, der sich in seinen Ermutigungssätzen durchhält.

In 3,5–11 spricht Paulus über sein Verhältnis zu Apollos, das in den Konkurrenzen eine Rolle spielt. Er benutzt dabei zwei Bildfelder: eines vom Gartenbau und eines vom Hausbau. In 3,12–17 zeigt sich dann, dass er das Gebäude, die Gemeinde, als Tempel und Wohnort Gottes versteht. Es geht hier um die große Verantwortung aller, die an dem Gebäude arbeiten. In 3,18–23 fasst Paulus seine bisherigen Gedanken zu den Konkurrenzen und zur Heiligkeit der Gemeinde zusammen.

3,1–4

1 Doch, ihr Geschwister, ich konnte euch nicht als Menschen anreden, die von der Geistkraft erfüllt sind. Ihr wart Kinder eurer Zeit, Säuglinge in Christus. 2 Muttermilch habe ich euch zu trinken gegeben, nicht feste Nahrung. Ihr wart noch nicht so weit und seid es auch jetzt noch nicht. 3 Denn ihr lebt noch gefangen in euren Begrenzungen. Wenn es bei euch Konkurrenzen und Streit gibt, seid ihr dann nicht Kinder eurer Zeit, die so leben, wie es in der Gesellschaft üblich ist? 4 Wenn einige sagen: Ich gehöre zur Paulusgruppe, andere, ich gehöre zur Apollosgruppe, benehmt ihr euch da nicht wie alle anderen?

3,1 Eigentlich sollten sie als Geistmenschen leben können: 3,1 knüpft an 2,15 an, aber faktisch steht ihre Praxis im Widerspruch zu ihrer Beziehung zu Gott. Sie leben in ihrem Alltag so, als hätten sie keine messianische Befreiung erfahren: Sie passen sich an die Strukturen dieser Welt an (sarkinoi vgl. 3,3).

3,1.2 3,1.2 benutzt Paulus ein Bild: Er hat die Gemeinde wie eine stillende Mutter oder Amme Milch trinken lassen, da sie wie Säuglinge waren, die feste Speise noch nicht vertragen; ja dieser Zustand hält sogar bis in die Gegenwart an. Dass es Stufen in der Erziehung gibt, die mit der Ernährung erst durch Milch, dann durch feste Kost verglichen werden, hat außerbiblische Parallelen.150 Ungewöhnlich ist jedoch vor diesem Hintergrund, dass Paulus dabei dieses Bild auf sich selbst bezieht151 und sich mit einer stillenden Mutter oder Amme vergleicht. Paulus bringt an den wenigen Stellen, an denen er sich in elterliche Beziehung zur Gemeinde setzt, wenn er sich Vater nennt, die Mutter auch ins Spiel (hier: 4,14–16).152 In einer Gesellschaft, in der Männlichkeit der Ideologie des Imperium dient und als Repräsentation von Herrschaft öffentlich dargestellt werden soll, ist seine Selbstdarstellung deutlich nicht-männlich (vgl. sein Verhältnis zur öffentlichen Rhetorik 2,1). Damit wird seine Arbeit als Erzieher der Gemeinde bewusst von Dominanzanspruch freigehalten.153 Paulus macht sich darüber hinaus als nicht-männlicher Mann angreifbar und lächerlich: Er vollzieht ein bewusstes „queering“154, d. h. er hält sich nicht an die gesellschaftlich verlangte Ordnung der Geschlechter- und Herrschaftsidentität. Milch und feste Speise beziehen sich auf die unterschiedliche Deutlichkeit der Kritik an Machtkämpfen, nicht auf zwei Versionen des Evangeliums, wie häufig diskutiert wird.

3,3.4 3,3.4 sollten nicht als Polemik verstanden werden, sondern als Kritik, die darauf hinweist, was für Strukturen sich in Konkurrenzen und Streit erkennen lassen: die ahnungslose Anpassung an gesellschaftliche Machtkämpfe, die auf Unterdrückung anderer Menschen zielt. kata anthropon (vgl. den Gebrauch des Wortes anthropos in 1,25; 2,5 und 3,4) „wie es unter Menschen üblich ist“, wertet nicht Menschsein als solches ab. Vielmehr geht es um gesellschaftliche Strukturen, die zerstören statt aufzubauen: Menschsein ohne Gott. Überzeugungskraft gewinnt sein aufklärendes Argument daraus, dass er voraussetzen kann: Eben dies wollen die Angeredeten ja gerade nicht. Sie wollen nach Gottes Willen leben.

3,4 nimmt auf 1,11–13 Bezug. Hier äußert er deutliche Kritik; dies ist die feste Speise (3,2), die Paulus bisher nur weniger massiv vertrat.

3,5–11

5 Wer ist denn Apollos und wer ist Paulus? Wir beide haben dafür gearbeitet, dass euer Gottvertrauen wächst, beide so wie wir von der Ewigen beauftragt wurden. 6 Ich habe gepflanzt, Apollos hat gegossen, doch Gott hat das Wachstum geschenkt. 7 Gott schenkt das Wachstum, deshalb ist es nicht wichtig, wer pflanzt oder wer gießt. 8 Wer pflanzt oder wer gießt, tut dies in Gemeinschaft. Beide werden jedoch eigenen Lohn empfangen entsprechend ihrer Arbeit.

9 Wir arbeiten gemeinsam mit Gott. Gottes Acker, Gottes Bauwerk, das seid ihr. 10 Weil mir von Gott die Gnade geschenkt wurde, habe ich wie ein kluger Baumeister am Fundament gearbeitet. Andere bauen weiter. Wer weiterbaut, soll sich Gedanken machen, wie es weitergeht. 11 Ein anderes Fundament kann niemand legen als das, das schon von Gott gelegt ist. Das Fundament ist Jesus, der Messias.

3,5 3,5 In den Streitigkeiten sind nach Paulus’ Vorstellung er selbst und Apollos gegeneinander ausgespielt worden. Deshalb stellt Paulus nun ausführlich sein Verhältnis zu Apollos und beider Bedeutung für die Gemeinde in Korinth dar (bis 4,6). Seine Absicht dabei ist deutlich zu machen, dass sie nicht konkurriert haben und auch nicht dazu taugen, Konkurrenz unter Mitgliedern der Gemeinde zu begründen. Das sagt er deutlich gegen Ende dieser Darlegung zum Thema Paulus und Apollos (in 4,6). Seine Darlegung enthält grundlegende Aussagen zu seiner theologischen Vorstellung von Gemeinde und seiner Beziehung zu ihr.

Apollos ist auch aus der Apostelgeschichte (18,24–28; 19,1) bekannt. Er war ein hochgebildeter Jude aus Alexandria, der sich dem Messias Jesus zugehörig wusste. Er redete darüber in der Synagoge in Ephesus und begegnete dort Prisca und Aquila. Sie förderten ihn, wohl durch genaue Unterweisung über die Taufe im Namen Jesu. Die Messiasgemeinde in Ephesus gab ihm Empfehlungsschreiben an die Gemeinde in Korinth. Dort wurde er als große Unterstützung empfunden, da er jüdischen Menschen in Korinth durch Toraauslegung zeigte, dass Jesus der Messias Israels (und der Völker?) sei. Diese Darstellung der Apostelgeschichte passt zu dem, was Paulus selbst erzählt. Er bezeichnet sich und Apollos in 3,5 gleichermaßen als von Gott beauftragte Diener für die Gemeinde (diakonoi; vgl. 3,9 Gottes Mitarbeiter). Beide haben von Gott unterschiedliche Aufträge. Was „dienen“ hier bedeutet, zeigt das Folgende ab 3,6.

In 3,6–11 benutzt Paulus zwei Bilder, die 3,5 erläutern sollen: ein Bild vom Gartenbau und eines vom Hausbau. Apollos und Paulus sind gleichrangig in ihrer Arbeit für den Garten bzw. das Gebäude, das Entscheidende jedoch kommt beide Male von Gott: das Wachstum (3,6) und das Fundament (3,11).

3,6 3,6 Das Pflanzen und Bewässern deutet eher auf Gartenbau hin, da Felder in der Regel nicht künstlich bewässert werden.155 Es ist zu bezweifeln, dass es Paulus wichtig ist zu sagen, er habe die Gemeinde gegründet (s. o. zu 2,3). Es geht ihm hier nur um die zeitliche Abfolge seiner Arbeit und der des Apollos. Dass Paulus zeitlich vor Apollos in Korinth war, erzählt auch die Apostelgeschichte.

3,7 3,7 betont die Gleichwertigkeit der Arbeit und das für diese Arbeit entscheidende Handeln Gottes.

3,8 3,8 Noch einmal wird die Zusammengehörigkeit der beiden Arbeiter ausgedrückt: Sie sind eins, aber sie werden einzeln nach ihrer Arbeitsleistung von Gott Lohn empfangen, vgl. 3,12–15.

3,9 3,9 Apollos und Paulus sind Mitarbeiter Gottes an Gottes Pflanzung und an Gottes Bauwerk. In der Auslegungsgeschichte hat es dogmatische Bedenken gegeben, Menschen als Mitarbeiter Gottes anzusehen, deshalb finden sich Auslegungen, die das syn- / mit in dem Wort synergoi / Mitarbeiter auf die Gemeinsamkeit von Paulus und Apollos beziehen.156 Doch diese Deutung ist sprachlich nicht überzeugend. Es ist zudem im Kontext wichtig, die Gegenwart des Handelns Gottes auch in der Arbeit von Menschen zu erkennen, s. 3,10.11. Es hat weiterhin in der Auslegungsgeschichte Deutungsmuster gegeben, die Paulus in seiner Beziehung zur Gemeinde als absolute Autorität herausarbeiten. 3,6–9 spricht eine andere Sprache:

Das Land / die Pflanzung und das Bauwerk sind Gottes Werk, Gottes Mitarbeiter sind die ausführenden Arbeiter in Gottes Auftrag, diakonoi (3,5).157

3,10.11 3,10.11 In 3,9b hat Paulus ein Gleichnis vom Gebäude begonnen, das die Gemeinde verbildlicht. Es reicht bis 3,17. Ab 3,12 zeigt sich, dass er das Gebäude als Tempel Gottes versteht.

In 3,10 beginnt Paulus, er habe als weiser Architekt das Fundament des Bauwerkes gelegt. Das Fundament158 ist der erste Teil des Bauwerkes, der architekton der Bauleiter.159 Paulus war durch Gott beauftragt und hat als erster an diesem Bauwerk gearbeitet. Er will sich damit nicht gegenüber anderen, die an dem Bauwerk – wie ja auch er selbst – weitergebaut haben, als Gemeindegründer einen höheren Rang zusprechen. Er hat begonnen, andere machen weiter. In 3,11 redet er dann von dem Fundament, „das gelegt ist“. Er sagt nicht: „das ich gelegt habe“. So liegt es nahe, keimenon / das gelegt ist als passivum divinum zu deuten: Gott hat das Fundament gelegt. Für Paulus entsteht dadurch kein Widerspruch zu 3,10. Er denkt von der Sache her, nicht vom Bild. Gott hat gehandelt, als das Bauwerk Gemeinde entstand. Das Fundament, der erste Teil des Bauwerkes ist Jesus, der Messias. Er sagt nicht: Das Fundament ist die Verkündigung vom Messias Jesus. Das Bauwerk ist der Messias selbst. Das Bild wird durchbrochen. Ähnliches geschieht mit dem Bild vom Körper Christi in Kapitel 12 (s. zu 12,12–27). Die Gemeinde ist der Körper Christi – sie wird nicht nur mit einem Körper verglichen. Der Messias ist das Fundament, die Gemeinde wird nicht nur mit einem Bauwerk verglichen. Sie ist das Haus, in dem Gott wohnt (s. 3,16).

3,12–17

12 Wer immer auf das Fundament aufbaut, mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, Hölzern, Stroh, Schilf – 13 der Beitrag aller Einzelnen wird sichtbar werden. Der Tag wird ihn ans Licht bringen. Denn im Feuer wird es offenbar. Die Qualität der Arbeit aller wird das Feuer prüfen. 14 Für das Stück, das ihr weitergebaut habt, werdet ihr Lohn empfangen, wenn es bestehen bleibt. 15 Für das Stück, das verbrennt, werdet ihr die Konsequenzen tragen, aber ihr werdet trotzdem gerettet werden, wie aus einem brennenden Haus.

16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und Gottes Geistkraft in euch wohnt? 17 Wer den Tempel Gottes zerstört, wird selbst Zerstörung erleben. Denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.

Alle die am Bauen der Gemeinde beteiligt sind, müssen sich vor Gott verantworten. Gott prüft die Qualität des Bauwerkes – Paulus erzählt hier ein Gleichnis. Das Bauwerk gerät in Brand. Aus Gottes Sicht ist das eine Stunde der Wahrheit für die Bauleute. Paulus nimmt dieses Bild aus der Realität der Brände in den hellenistisch-römischen Großstädten. Er nennt die Feuerprobe den „Tag“ (3,13). Die Vorstellung vom Tag Gottes und vom Gerichtsfeuer hat biblische Tradition. Paulus denkt hier an eine Feuerprobe; eine Prüfung Gottes; sie sollte aber nicht mit Gottes endgültigem Gericht gleichgesetzt werden (s. 3,15 vgl. 11,32). Er stellt sich vielmehr eine Prüfung durch Gott vor, die Menschen, die gefehlt haben, erzieht. Paulus hat in seinem Bild von der Gemeinde als Bauwerk die Arbeit an einem Tempelgebäude vor Augen, wie er sie vermutlich z. B. an der Dauerbaustelle des herodianischen Tempels in Jerusalem gesehen hat.160

3,12 Er gestaltet sein Bild mit Sachkenntnis, wie u.a. 3,12 zeigt. Hier zählt er Baumaterialien auf unter dem Gesichtspunkt, dass die Bauleute ihre Brennbarkeit bedenken müssen. Das „Weiterbauen“ schließt also auch bauleitende Kompetenzen ein, denn nur die Bauleitung kann solche Entscheidungen fällen. Daraus ist zu erkennen, dass er sich als Architekt (3,10) nicht gegenüber den anderen Bauleuten hervorheben wollte. Er nennt folgende Materialien: Gold und Silber – sie wurden z. B. für Tempel verwendet.161 Sodann erwähnt er „kostbare Steine“. Die Septuaginta spricht von der Verwendung von „kostbaren großen Steinen“ für Fundament oder Oberbau von Tempel und Königspalästen (III Kön. 6,2; 7,46–50).162 Deshalb ist es naheliegend, bei den „kostbaren Steinen“ nicht an Edelsteine zu denken. Dafür spricht auch, dass Paulus bei seinem Bildgebrauch so sachkundig spricht. Stein ist schließlich das entscheidende Baumaterial für jedes Gebäude. Die Bearbeitung der großen Steinquader vor der Verwendung ist aufwendig,163 sodass das Wort „kostbar“ für die Steinquader angemessen ist. Edelsteine als Schmuck des zukünftigen Jerusalem wie Apk 21,19–21 sind zwar auch in die Erwägung der Deutung der Steine in 3,12 einzubeziehen. Doch Paulus redet hier aus eigener Anschauung großer Gebäude, deshalb ist die Deutung auf Steinquader vorzuziehen. Die letzten drei Wörter, die Baumaterial aufzählen, beziehen sich auf Dachschindeln164, Stroh und Schilf. Sie werden im hellenistischen Bauwesen nicht für große Gebäude in Städten verwendet, wohl aber für „ländliche Wohnungen in ärmeren Gegenden“.165 Paulus spricht über die Materialien und über Brandschutzüberlegungen ähnlich wie antike Baumeister.166 3,16–17 sind abschließende feierliche Sätze über die Gemeinde als Tempel Gottes.

3,13 3,13 Das Feuer der richterlichen Prüfung167 durch Gott, also eine mythische Vorstellung, und das Bild vom brandgefährdeten Bauwerk sind hier zusammengebracht. Dabei bleibt der Bezug auf Erfahrungen des Alltags präsent. Die Brandgefahr und der Brand von Häusern und Stadtteilen waren alltäglich.168 Bei der Deutung des Gleichnisses vom (Tempel-)Bauwerk (3,9b–17) ist einerseits die Lebenserfahrung als Grundlage des Bildes ernst zu nehmen. Andererseits ist auf die im Text expliziten Brücken zur Sache, die gedeutet werden soll, zu achten. Das heißt für 3,13: Das Gebäude gerät in Brand und nun zeigt sich, wessen Arbeit durch ihr brandfestes Baumaterial Bestand hat. Es geht nicht darum, das Gottesgericht als Feuerprobe für die Gemeinde darzulegen. Es geht um die Verantwortung der Bauleute vor Gott.

3,14 3,14 Die Bauarbeiter, deren Beitrag zum Bauwerk im Feuer Bestand hat, bekommen Lohn. Hier stimmt das Bild nicht mit der Realität überein, denn Menschen, die mit der Hand arbeiten, brauchen den Lohn schon am Abend des Arbeitstages.

3,15 3,15 Entsprechend erleiden diejenigen Einbußen, deren Baubeitrag verbrennt.

Doch Paulus will damit nicht sagen, dass die Menschen, deren Beitrag zum Aufbau der Gemeinde keine Qualität hat, deswegen im endzeitlichen Gericht dem ewigen Tod überantwortet werden. Sie werden mit Leuten verglichen, die aus einem brennenden Gebäude gerade noch gerettet werden (vgl. Judasbrief 23; ähnlich Am 4,11). Worin die Einbuße besteht, wird nicht ausgemalt, ist nicht wichtig. In 11,32 findet sich ein ähnlicher Gedanke: Gott erzieht Menschen, aber er will sie nicht vernichten.

3,16 3,16 Jetzt sagt Paulus explizit, was die theologische Grundlage seines Gleichnisses vom Bauwerk ist: Die Gemeinde ist der Tempel Gottes. Paulus spricht vergewissernd: „Wisst ihr nicht?“. Das Bild Tempel bedeutet: An diesem Ort wohnt Gott / Gottes Geistkraft (vgl. 2 Kor 6,16). Hier geht es nicht um einen Anspruch, den wahren Tempel Gemeinde169 vom Tempel in Jerusalem abzugrenzen, wie in älterer Auslegung angenommen wurde. Es geht um Einbeziehung der messianischen Gemeinde in Korinth in das Verhältnis des Volkes Israel zu Gott und Gottes Verhältnis zu Israel. Auch die Menschen aus den Völkern gehören zum Gott Israels. Ähnliches geschieht z. B. mit der Bezeichnung der Gemeinde als „Heilige“ und „Versammlung Gottes“ (s. zu 1,2). Ein ähnliches Bild wie hier findet sich in Qumran: Die Gemeinschaft wird ein „heiliges Haus“ für Israel genannt.170

Die Vorstellung, dass die Gemeinde als Gemeinschaft der Ort ist, an dem Gott gegenwärtig ist, spricht der Gemeinschaft eine unüberbietbare Würde und Kraft zu.

3,17 Der scharfe Ton von 3,17 verglichen mit 3,15 hat immer wieder zu einer gewissen Verwunderung geführt und zu Überlegungen, welche furchtbare innere Bedrohung durch „Gegner“ gemeint sein könnte. Wahrscheinlicher ist es, dass Paulus an die Zerstörung der messianischen Gemeinde durch römische Instanzen, bzw. die Verantwortlichen der Stadt Korinth denkt, also an Bedrohung von außen. Sie ist in der historischen Situation naheliegend. Die Gemeinde könnte aus der Stadt vertrieben werden, Mitglieder könnten angeklagt und verurteilt werden oder sie könnte sich auflösen, weil die Menschen zu viel Angst haben (s. o. zu 1,18). Paulus stellt dann die Zerstörung der Gemeinde als des Tempels Gottes in den Zusammenhang der Geschichte der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Zu dieser Zeit stand der zweite Tempel zwar noch, doch es gab düstere Befürchtungen und Weissagungen seiner Zerstörung durch fremde Herrscher, z. B. Dan 9,26 LXX, wo auch das Verb phtheirein / zerstören benutzt wird. Auch dieser Tempel des Gottes Israels in Korinth ist bedroht, und Gott wird seine Zerstörung vergelten. Der Satz benutzt die Form der Talio (s. z. B. Ex 21,24), ein Recht, bei dem Tat und Tatfolge einander entsprechen. 3,17 steht in der prophetischen Tradition des Danielbuches (s. z. B. 7,11.12). Die angekündigte „Zerstörung“ des Zerstörers sollte primär nicht auf eine einzelne Person gedeutet werden, sondern auf den von Gott bewirkten Untergang einer Unrechtsherrschaft.

3,17b fasst die Gedanken zur Gegenwart Gottes noch einmal zusammen. Der kleine Schlusssatz „… der seid ihr“ macht klar: Die Menschen in der Gemeinde sind heilig (vgl. 1,2; Lev 19,2), sie sind Ort der Gegenwart Gottes. Täglich laufen diese Menschen, die in Korinth leben, an prächtigen Tempeln meist römischer Götter vorbei. Paulus vergewissert sie: Nicht diese Marmortempel, ihr selbst in der Gemeinschaft eurer zerbrechlichen Leiber, seid Tempel, in dem der Eine Gott Israels wohnt.

3,18–23

18 Niemand soll sich selbst etwas vormachen. Wer von euch in dieser Weltzeit weise zu sein meint, sollte sich ihr nicht anpassen, um wahrhaft weise zu sein. 19 Die Weisheit dieser Welt ist nämlich Geschwätz vor Gott. Es steht in der Schrift: Gott fängt die Weisen mit ihrer eigenen Schlauheit. 20 Und auch das steht in der Schrift: Die Ewige kennt die Pläne der Weisen und weiß, wie vergeblich sie sind. 21 Deshalb soll sich niemand bei den Leuten groß aufspielen.

Niemandem seid ihr unterworfen: 22 Sei es Paulus, sei es Apollos, sei es Kephas, sei es die Welt, sei es Leben, sei es Tod, sei es die Gegenwart, sei es die Zukunft. Alles ist euer, 23 ihr aber gehört zum Messias, und der Messias zu Gott.

Paulus fasst zusammen, was er im Bisherigen an kritischer Analyse der Strukturen dieser Welt bereits bei Namen genannt hat. Menschen betrügen sich selbst, indem sie die Gewalt ihrer Mittäterschaft in der Gesellschaft nicht wahrhaben wollen. 3,21b–23 sind majestätisch formulierte Sätze über die Heiligkeit der Gemeinde.

3,18 3,18 Selbsttäuschung ist auch für Messiasgläubige der Weg in die schleichende Anpassung an die Strukturen der Welt. So entsteht Mittäterschaft, die ihre Korrumpierung nicht wahrnimmt. Es ist ein bewusster Prozess der Veränderung notwendig: weg von der Weisheit, die in der Gesellschaft etwas gilt, hin zur moria / Unklugheit, die sich öffentlich an die Seite der Gewaltopfer stellt, vgl. Röm 12,2.

3,19 3,19 Paulus spielt wieder einmal mit dem Wort moria: In Gottes Augen ist die „Weisheit der Welt“ moria / Dummheit – angepasstes Gerede, das die Gewaltstrukturen befestigt. Paulus zitiert dafür die Schrift, zunächst Hiob 5,12.13, wobei es ihm besonders auf den Gedanken der panourgia der Weisen ankommt: ihre Schlauheit, die andere schädigt.

3,20 In 3,20 fährt Paulus mit einem weiteren Schriftzitat (Ps 94,11) fort, in dem er das biblische Wort „Menschen“ durch „Weise“ ersetzt, um den Bezug zur gegenwärtigen Situation deutlicher zu machen: Gott durchschaut die Weisheit der Welt.

3,21a 3,21a benennt die Überheblichkeit, die die Machtgier begleitet, wie 1,29 (Jer 9,22).

3,21b Mit 3,21b beginnt ein triumphierender Lobpreis der Heiligkeit der Gemeinde. Im Ton und in der Feierlichkeit ist er Röm 8,38.39 vergleichbar.

„Alles gehört euch“ kehrt einerseits die Herrschaftsstruktur um, die in der Gemeinde entstanden ist („ich gehöre zur Paulusgruppe“ etc. 1,12), und bezieht sich andererseits auf die Zugehörigkeit zu Gott (3,23): Die, die von aller Herrschaft befreit sind, gehören Gott ganz.

3,22 3,22 Das Lied preist eine Vollendung, die von Gottes Zukunft erhofft wird und die doch schon in der Gegenwart erfahrbar ist: Die Befreiung von Strukturen der Unterdrückung in der Gemeinde (3,22a) und der Gesellschaft (3,22b). Die Tyrannei der Gesellschaft wird von Mächten ausgeübt, die Paulus hier „Welt“, „Tod und Leben“ und „Gegenwart und Zukunft“ nennt. Die zwei Wortpaare finden sich auch Röm 8,38. Alles ist vergiftet, auch das Leben, weil Menschen zu Sklaven und Sklavinnen der Gewalt werden und die Gegenwart eine Zeit des Schreckens ist.171 Dieser Schreckensherrschaft hat Gott ein Ende gemacht, als er Christus von den Toten erweckte.

3,23 3,23 Die Sklaverei hat ein Ende, wir gehören zu Christus und damit zu Gott. In dem letzten Wort dieses Triumphliedes – Gott – klingt das Sch’ma Israel an (s. 8,6; vgl. Dtn 6,4) und die Vollendung, wenn alle Mächte unterworfen sind und „Gott alles in allem“ ist (15,25–28). Es ist das Werk des einen Gottes, dass jetzt schon die Heilung der Welt spürbar ist: in der Gemeinschaft der Menschen mit dem Messias.

4,1–13

1 So sollt ihr uns einschätzen: Wir dienen dem Messias und uns ist die Verantwortung für die göttlichen Geheimnisse anvertraut. 2 Also: Denen eine Verantwortung übertragen ist, die müssen vertrauenswürdig sein. 3 Für mich ist es nicht entscheidend, ob ich von euch oder einem menschlichen Gerichtstag beurteilt werde. Ich urteile auch nicht über mich selbst. 4 Ich bin mir keiner Schuld bewusst, doch deshalb bin ich noch nicht gerecht gesprochen. Die Ewige allein urteilt über mich. 5 Deshalb urteilt nicht vor der Zeit, ehe die Ewige kommt. Sie wird das von der Finsternis Verborgene in Licht tauchen und das Anliegen der Herzen offenbar machen. Dann werden alle von Gott ihre Anerkennung erhalten.

6 Euretwegen Geschwister, habe ich das an mir und Apollos deutlich gemacht, damit ihr durch uns lernt, dass der Grundsatz gilt: Nicht über die Schrift hinaus! Dann spielt ihr nicht die eine Seite gegen die andere aus, um selbst wichtig zu sein. 7 Wer macht dich denn so besonders? Was hast du, das du nicht empfangen hast? Da du es aber geschenkt bekamst, warum machst du dich wichtig, als hättest du es nicht geschenkt bekommen? 8 Seid ihr wirklich schon satt? Seid ihr schon reich? Seid ihr ohne uns zu königlicher Würde gelangt? Wäre es doch bloß so, dann könnten wir an eurer königlichen Würde teilhaben. 9 Mir kommt es aber so vor, als habe Gott uns Gesandte ans Ende der Prozession in die Arena gestellt, an den Platz derer, die zum Tode verurteilt sind; so werden wir zum Schauspiel für die Welt, für Engel und Menschen. 10 Wir sind wegen des Messias unklug geworden. Und ihr, seid ihr die klugen Leute Christi? Wir sind schwach, und ihr, ihr seid stark? Seid ihr angesehen? Wir werden verachtet. 11 Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst, wir laufen in Lumpen, werden geschlagen und sind obdachlos. 12 Wir arbeiten hart mit unseren eigenen Händen; wenn wir beschimpft werden, segnen wir; wenn wir verfolgt werden, halten wir durch. 13 Wenn wir verleumdet werden, stellen wir die Dinge freundlich richtig. Wie Kehrdreck der Welt sind wir geworden, Abschaum in den Augen der Leute, bis jetzt!

4,1–5

An den Lobpreis des Leibes Christi in 3,21b–23 schließt Paulus nüchterne Gedanken zu den Kompetenzen der Gemeinde in Rechtsfragen an. Die Gemeinde hat rechtliche Kompetenz (vgl. 2,15; s. zu 6,1; 5,1–13), die aber eine deutliche Grenze findet, wenn es um Entscheidungen geht, die allein Gott fällen wird. So kann die Gemeinde ein Urteil über Menschen abgeben, die von Gott zum Lehren, Prophezeien u.a. beauftragt sind, doch die Gemeinde muss sich der Begrenztheit ihres Urteilens bewusst bleiben. Die Deutungsgeschichte dieses Abschnittes ist wiederum durch die häufige Vorannahme belastet, Paulus habe es in Korinth mit Gegnern zu tun, denen er mit Schärfe gegenübertrete (z. B. in 4,3).

4,1 4,1 gibt das Thema für den kleinen Abschnitt (4,1–5) an: Es geht um die Bewertung der Arbeit von Leuten wie Paulus und Apollos durch die Gemeinde. Möglich ist, dass die Wortwahl: ein Mensch / anthropos soll bewerten … auf die Unterscheidung göttlichen und menschlichen Urteilens verweisen will; vgl. 4,3.5. In der obigen Übersetzung habe ich mich für die Deutung entschieden, dass Paulus hier die Gemeinde meint, und deshalb den Plural gewählt: „So sollt ihr uns einschätzen …“ Gegenstand des Bewertens kann nur die Arbeit im Auftrag des Messias sein. Darum verweist Paulus für sich und andere hier auf die Beauftragung: dem Messias zu dienen und mit Gottes Geheimnissen (s. dazu zu 2,7) verantwortlich umzugehen.

4,2 4,2 Das bedeutet: Bei der Beurteilung kann es nur um die Zuverlässigkeit bei der Erfüllung des messianischen Auftrags gehen.

4,3 4,3 Paulus möchte die Maßstäbe in Erinnerung bringen. Die Gemeinde hat ein Recht, ihn zu beurteilen, aber davon hängt sein Heil nicht ab, weil das Urteil durch ein Gremium von Menschen gesprochen wird. Der Begriff menschlicher Gerichtstag / anthropine hemera ist wohl eine ad-hoc-Wortschöpfung in Anlehnung an die biblische Rede vom (Gerichts-)Tag, die sich aber nicht auf Gerichtsverfahren vor städtischen oder römischen Behörden (wie Apg 18,12–17) bezieht. Der Begriff meint hier die Gemeindeversammlung und macht deren Differenz zum Gottesgericht deutlich. Ist 4,3 verächtlich gemeint? Man kann den Satz so lesen, aber auch ganz anders: Paulus will die Maßstäbe klarstellen: Es geht um Beurteilung durch Menschen, nicht durch Gott, sei es die Gemeinde oder ein anderes menschliches Gremium, sei es durch sich selbst in einer Selbstprüfung, die er ablehnt.

4,4 Was mandabei zu Tage fördert, sagt 4,4, ist der Eindruck, von keiner Schuld zu wissen. Das Ergebnis solcher vermeintlichen Selbstprüfung hat keine Relevanz für die Frage, ob er vor Gott gerecht ist. Darüber urteilt allein Gott.

4,5 In 4,5 wird Kritik an Vorgängen in der Gemeinde sichtbar. Dort könnte es Leute geben, die sich selbst ein vorweggenommenes Urteil im Sinne Gottes zutrauen im Blick auf Paulus, Apollos und vergleichbare Leute. Es könnte sein, dass auf diese Weise die Kompetenz der Gemeinde, Leute zu beurteilen (4,1.2), in die Konkurrenzkämpfe eingebunden wird; auf die Konkurrenzen kommt Paulus in 4,6.7 nämlich zurück.

4,5b beschreibt das Gottesgericht als Geschehen von Gerechtigkeit: Alles Verborgene wird sichtbar und Gott begegnet der Wahrheit eines jeden Menschen. Das „Wollen der Herzen“ steht für die Ganzheit eines Menschen, die Verstand, Entscheidungskraft, Sehnsucht und Vertrauen umfasst.172 Der ‚Lohn‘ für die Taten des Lebens (3,8.14) ist Anerkennung durch Gott. Auch hier wird – wie in 3,14.15 das Gottesgericht nicht als Strafgeschehen, sondern als Ort der endgültigen Heilserfahrung dargestellt. In den Formulierungen „das von der Finsternis Verborgene“ und die „Planungen / das Wollen / die Anliegen der Herzen“ variiert Paulus biblische Sprache.173

In 4,1–5 wird die Bedeutung der umfassenden Gerechtigkeit des Gottesgerichtes für das Zusammenleben in der Gegenwart deutlich: Wo Menschen ihre Maßstäbe verlieren, da setzt das zukünftige Gottesgericht notwendige Grenzen. 4,1–5 ist nicht allgemeine Belehrung, sondern ein Einspruch aus gegebenem Anlass: der Anpassung an Machtstrukturen der „Welt“ innerhalb der Gemeinde.

4,6–13

Dieser Abschnitt beginnt mit einer abschließenden Argumentation gegen die Profilierungs- und Konkurrenzstrukturen, die Paulus für die Gemeinde als Machtstrukturen der Welt ablehnt (4,6–7). In 4,8–13 stellt er diesen Strukturen ein anderes Bild entgegen: das einer Gemeinde, die mit den Letzten in der Gesellschaft das Schicksal teilt und sich mit ihnen solidarisiert. Diese Letzten sind zu sehen, wenn die feierlichen Prozessionen in den Zirkus oder das Amphitheater einziehen. Da werden Menschen mitgeführt, von denen alle Zuschauenden und die Betroffenen schon wissen, dass ihr Tod zur Volksbelustigung für die kommenden Stunden geplant ist.

4,6 4,6 Die immer wieder in der Auslegungsgeschichte zu findende Behauptung, zwischen Paulus und Apollos habe ein Konkurrenzverhältnis bestanden, hat keinen Anhalt an Paulustexten selbst. Im Blick auf 4,6 ist sie absurd. Er sagt hier, er habe beider Verhältnis als Gegenmodell gegen Konkurrenzen angesehen und dargestellt. „Sich nicht über die Schrift hinwegsetzen“ bezieht sich in diesem Zusammenhang konkret vor allem auf Jer 9,22.23 (s. 1,29–31), da er aus diesem Text das Stichwort kauchasthai / überheblich sein / prahlen mehrfach aufnimmt (1,29.31; 3,21) – so auch in 4,7. Jer 9,22.23 lautet: „… Die Weise rühme sich nicht ihrer Weisheit, der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, die Reichen rühmen sich nicht ihres Reichtums, sondern dessen rühme sich, wer sich rühmt: zu begreifen und mich zu erkennen, dass nämlich ich, Gott, Güte, Recht und Gerechtigkeit auf Erden wirke …“ Dieser Text dient für Paulus als ein roter Faden, der sich durch die Erörterung der Konkurrenzstrukturen zieht: Macht gewinnen Menschen nicht durch Ausspielen ihrer Überlegenheit gegeneinander, sondern dadurch, dass sie gemeinsam aus der Nähe Gottes leben (s. o. zu 1,29–31). Aber Paulus wird hier auch über den Bezug zu Jer 9,22.23 hinaus grundsätzlich: Die Schrift, die gemeinsam auslegt und gelebt wird, ist Quelle und Maßstab des Lernens.174 Daran haben er und Apollos sich gehalten.

4,7 4,7 ist der Schlüssel zur ab 4,8 folgenden Gegenüberstellung von „Ihr“ zu „Wir“. Die „Ihr“ ab 4,8 und das „Du“ in 4,7 gehören zusammen: ein fiktives Gegenüber in der Gemeinde, das sich anderen Gemeindegliedern überlegen sehen möchte und größere Macht als andere für sich in Anspruch nimmt. Nach Meinung des Paulus setzt dieses Verhalten voraus, dass Menschen vergessen, dass die guten Gaben, die sie erhalten haben, von Gott geschenkter Reichtum sind (s. 1,4.5; 2,12). Und sie sehen über die Realität hinweg.

4,8 Deswegen fragt er in 4,8 kritisch: Seid ihr satt? Seid ihr reich? Die Angeredeten wissen, dass sie weder satt noch reich im Sinne ihrer Gesellschaft sind (s. 1,26–28) und dass es viele Menschen neben ihnen gibt, die unter Hunger, Armut und Gewalt leiden. Die Fragen des Paulus sollen ins Bewusstsein rufen, dass jedes Überlegenheitsverhalten (kauchasthai) unrealistisch und unsolidarisch ist. Das „Wir“ in 4,8–12 ist das „Wir“ der Gemeinde, des Leibes Christi (s. dazu oben Basisinformation nach 2,5). Mit „Ihr“ sind nicht Gegner gemeint, sondern einzelne oder kleine Gruppen in der Gemeinde, die sich zu einem Verhalten verleiten lassen, von dem sie sich mehr Sicherheit versprechen als von der Nähe zu einem Gekreuzigten. In einer von Machtkämpfen und Gewalt gestalteten Gesellschaft sucht hier eine Gemeinde einen Weg zu einer Alternative. Und das ist nicht so einfach, weil die Menschen ein solidarisches Zusammenleben noch nicht kennen und die Strukturen der Gesellschaft es behindern. Paulus spottet in 8b: Es wäre nützlich, wenn ihr schon zur Herrschaft gelangt wäret, dann könnten wir mit euch regieren. Realität ist jedoch: Weder ihr noch wir sind an Herrschaft beteiligt, im Gegenteil (s. 1,26–28). Ob man diese Fragen als Ironie oder gar beißende Ironie bezeichnen soll,175 möchte ich bezweifeln. Eher zeigen sie angesichts der Realität absurde Konsequenzen der Konkurrenzkämpfe auf.

4,9 4,9 Paulus setzt nun ein erschreckendes Bild176 gegen alle Versuche, sich an Gewaltstrukturen anzupassen: Wir sind von Gott gesandt als die Letzten in der Gesellschaft. Man kann uns mit den Todgeweihten in den Prozessionen der gewalttätigen Massenveranstaltungen Roms vergleichen und identifizieren. Zunächst zu den Einzelheiten in 4,9a: Hier in 4,9a nennt Paulus die „Wir“: „Apostel und Apostelinnen“. Gott hat uns, die Apostel und Apostelinnen, an den Platz der Letzten der Gesellschaft gesetzt (apedeixen). Hier ist die Vorstellung von Apostolat auf alle bezogen, die von Gott gesandt sind, das Evangelium zu verkünden. Die Boten und Botinnen Gottes, die den Frieden des Gottes Israels für alle Völker der Welt verkünden und ausbreiten,177 hat Gott in der Gesellschaft an den Ort der Letzten gesetzt. Das ist ihre Realität und ihr von Gott bestimmter Ort. Apostolat beinhaltet keine Sonderrolle in der Gemeinde.178 Alle Glieder des Leibes Christi haben eine entsprechende Aufgabe für das Evangelium zu erfüllen. Die Beschreibung des gottgegebenen Ortes der Apostel und Apostelinnen in 4,9–13 passt auf alle korinthischen Gemeindeglieder (s. u.). Er ist zugleich Realität und göttliche Bestimmung. An diesem Ort stehen sie als Gottes Gesandte. Damit absolute Klarheit besteht, was das für ein Ort ist, sagt Paulus: Wir sind „Letzte“ wie „die Todgeweihten“ in den Gewaltspielen.

Das seltene Wort „die Todgeweihten“ (epithanatios)179 bezieht sich auf Menschen, die zum Tode verurteilt sind und deren Hinrichtung Teil der öffentlichen Gewaltinszenierungen ist. In den Massenveranstaltungen in Amphitheatern, Theatern und anderen Großveranstaltungsorten wurde häufig als Höhepunkt der Darbietungen die öffentliche Erniedrigung und Ermordung eines Menschen inszeniert.180 Paulus vergleicht sich und seinesgleichen mit diesen Menschen, wahrlich den „Letzten“ in einer auf diktatorischer Gewalt beruhenden Gesellschaft. Die Todgeweihten sind entweder Kriegsgegner oder wegen irgendwelcher Taten, die aus römischer Sicht Verbrechen sind (s. 15,32), zum Tode Verurteilte. In 4,9b begründet Paulus, warum er diesen Vergleich wählt: Er, seinesgleichen und diese „Letzten“ werden öffentlich erniedrigt und verachtet: Sie sind ein „Schauspiel“ (theatron). Dann benennt er das grauenerregende Publikum: „Die Welt / kosmos, Engel und Menschen“. Er hat das Bild dieses lust- und todesgierigen Publikums von Gewaltspielen vor Augen und sieht mehr als nur eine Menschenansammlung. Er sieht die ganze Welt als mordgierig – und auch mythische Wesen – Engel181 – sind daran beteiligt. In 4,13b kommt Paulus auf dieses Publikum noch einmal zurück.

Gewaltinszenierungen vor Massenpublikum hatten für das römische Reich grundlegende Bedeutung. Sie übten die Gewöhnung an Morde und Erniedrigungen ein: „Die Herren des Kaiserreiches hatten gelernt, sich der einstmals aus religiösen Gründen eingeführten Feste zu bedienen, um desto sicherer die Massen zu beherrschen.“182 Carcopino 1979 weist zudem zu Recht auf die Alibifunktion dieser Spiele bei faktischer Machtlosigkeit der Menschen hin: „In einer Zeit, in der die Volksversammlungen ruhten und der Senat lediglich nachsprach, was ihm aufgetragen war, konnte sich die Volksmeinung nur in der rauschenden Stimmung der munera und ludi äußern.“183 Die Menschen sollten mit den Gladiatoren mitfiebern. „Das Volk verrohte, und seinen Rausch erhöhte der Parteigeist, der Menschen immer erfasst, wenn sie einem öffentlichen Wettkampf beiwohnen. Man ergriff für diesen oder jenen Gladiatoren Partei.“184 Auf diesem Hintergrund wird noch einmal deutlicher, warum Paulus den Konkurrenzkampf innerhalb der Gemeinde kritisiert und die Solidarität mit dem Gekreuzigten und den Gekreuzigten als unvereinbar mit Machtkämpfen ansieht. In Korinth, der römischen Kolonie, waren Gewaltspiele noch häufiger als in anderen Städten und hatten große Relevanz für die Stadtöffentlichkeit.185

Paulus lenkt den Blick in 4,9 (und 4,13) auf die Hinrichtungsopfer und auf das Publikum. Der folgende Text von Seneca (gestorben 65 n. Chr.) setzt sich ebenfalls mit dem Publikum von Gewaltspielen auseinander, wenn auch aus elitärer Distanz. Seneca setzt voraus, dass er sich von derlei Massenansammlungen auch fernhalten kann. Diese Wahlmöglichkeit dürften wenige Menschen für sich gesehen haben. Der öffentliche Druck teilzunehmen und mitzumachen war enorm.186 Seneca beschreibt eine Mittagsveranstaltung, bei der nicht Gladiatoren, sondern zum Tod verurteilte Verbrecher sich gegenseitig umbringen, bis niemand mehr übrig ist. Dieses Morden sei beim Publikum noch beliebter als Gladiatorenkämpfe, sagt Seneca. Er ist in die Mittagsveranstaltung gegangen, weil er dachte, die Morde fänden nur im Vormittags- und Nachmittagsprogramm statt. Über Mittag erwartete er ein heiteres Zwischenprogramm.

..., je größer die Volksmenge ist, unter die wir uns mischen, desto mehr Gefahr besteht. Nichts aber ist so schädlich für einen guten Charakter, wie sich bei irgendeiner Schaustellung niederzulassen: dann nämlich schleichen sich durch Vermittlung des Vergnügens Fehlhaltungen besonders leicht ein. 3 Was, meinst du, sage ich? Habgieriger kehre ich zurück, ehrgeiziger, genußsüchtiger, nein – grausamer und unmenschlicher, weil ich unter Menschen gewesen bin.

Durch Zufall bin ich in das Mittagsprogramm des Zirkus geraten, Scherze erwartend und Witze und etwas Entspannung, womit sich der Menschen Augen vom Menschenblut erholen: das Gegenteil ist der Fall. Was vorher gekämpft worden ist, war Mitleid; nun läßt man die Mätzchen, und es ist der reine Mord: nichts haben sie, sich zu schützen. Dem Hieb mit ganzem Körper ausgesetzt, schlagen sie niemals vergeblich zu. 4 Das ziehen die meisten den regulären Kampfpaaren und sonst beliebten vor. Warum sollten sie es nicht vorziehen? Nicht Helm, nicht Schild weist ab das Schwert. Wozu Finten? All das ist Verzögerung des Todes. Morgens wirft man den Löwen und Bären Menschen vor, mittags ihren Zuschauern. Mörder werden auf deren Befehl künftigen Mördern vorgeworfen, und den Sieger heben sie für einen weiteren

Mord auf; Abschluß ist der Kämpfenden Tod: mit Schwert und Feuer wird die Sache ausgefochten. Das geschieht, bis leer die Arena ist. 5 ‚Aber Straßenraub hat einer verübt, ermordet hat er einen Menschen‘. – Was also? Weil er gemordet hat, hat er verdient, derartiges zu erleiden: du, was hast du Unseliger verdient, derartiges zu sehen? ‚Töte, schlag zu, brenne ihn! Warum läuft er so zimperlich ins Schwert? Warum tötet er nicht tollkühn genug? Warum stirbt er ohne Begeisterung?‘ Mit Peitschenhieben treibt man sie ins Blutbad. ‚Gegenseitige Schwertstreiche sollen sie mit bloßer und sich darbietender Brust hinnehmen.‘ Unterbrochen ist die Vorstellung. ‚Unterdessen sollen erwürgt werden Menschen, damit wenigstens etwas passiert.‘ – […] 6 Entziehen muß man der Masse die zarte und zu wenig am Sittlichen festhaltende Seele: leicht läuft man zur Mehrheit über. Einem Sokrates und Cato und Laelius hätte ihren eigenen Charakter zu zerstören die wesensfremde Masse vermocht:187

Die Perspektive der Opfer lässt sich nur ahnen. Der folgende Text von Apuleius (geboren 125 n. Chr.) stammt aus einem Roman. Er erzählt vom Schicksal eines Mannes, der durch Zauberei in einen Esel verwandelt wird. Trotz der Romanform bietet der Text wertvolle sozialgeschichtliche Informationen. Der Autor gibt hier einen Einblick in die Aufführung eines Gewaltspiels in Korinth. Bei diesem Spiel ist als Höhepunkt der Aufführung die öffentliche Vergewaltigung einer zum Tode verurteilten Frau durch diesen Esel und die anschließende Zerfleischung der Frau durch wilde Tiere geplant. Der Text gibt die Möglichkeit, über die Perspektive der Opfer nachzudenken.188 Der Esel erzählt:

Aber zunächst will ich, was ich schon anfangs hätte tun sollen, euch wenigstens jetzt berichten, wer er und woher er war: Thiasus – so hieß nämlich mein Herr – stammte aus Korinth, der Hauptstadt der ganzen Provinz Achaia. Er hatte, wie seine Abstammung und Würde es forderte, stufenweise die Ämter durchmessen und war nun für das fünfjährige höchste Amt bestimmt worden. Um dem Glanz des Posten zu entsprechen, den er übernehmen sollte, hatte er ein Gladiatorenspiel von dreitägiger Dauer in Aussicht gestellt und suchte in größerem Umfang seine Freigebigkeit zu beweisen. Schließlich war er in seinem Eifer, öffentlich Ehre einzulegen, damals auch nach Thessalien gelangt, um sich edle wilde Tiere und berühmte Gladiatoren von dort zu beschaffen, und, da alles nach Wunsch geordnet und alles gekauft war, rüstete er zur Heimkehr.189

Hier zeigt sich, wie teuer die Spiele waren und wie sie mit den politischen Ämtern verbunden waren. Korinth war eine Hochburg der Spiele. Apuleius erzählt weiter, wie ein solches Spiel in Korinth ablief. Zurück in Korinth:

[…] und bestimmt mich für ein öffentliches Schauspiel. Und da weder jene meine treffliche Gemahlin wegen ihrer angesehenen Stellung noch sonst eine andere für eine große Belohnung sich finden ließ, so sucht man irgendeine minderwertige Person, die durch Urteilsspruch des Statthalters zum Tod durch die Bestien verurteilt war, dazu aus, vor aller Augen mit mir öffentlich im Theater aufzutreten. [...] – Sieh! da war auch der für die Darstellung bestimmte Tag gekommen. Man führt mich zum Oval des Theaters, während das Volk mir in begeistertem Aufzug das Geleit gibt. Und da der Anfang des Schauspiels den kurzweiligen Tänzen der Bühnenkünstler gewidmet wurde, stand ich solange vor dem Tor und rupfte mit Vergnügen als Futter das üppige Gras, das unmittelbar beim Zugang sproßte. Dabei erfreute ich oftmals meine neugierigen Augen durch das offenstehende Tor an dem anmutigen Anblick des Schauspiels. Knaben und Mädchen in der Blüte jugendlichen Alters von herrlicher Gestalt, in glänzendem Gewand, mit graziösem Schritt zogen in wohlgeordneter Aufstellung anmutige Bahnen, um einen griechischen Waffenreigen zu tanzen, bald zum radförmigen Rund sich windend, bald zur schrägen Reihe sich verbindend und dann ein offnes Viereck bildend mit zwei Keilen und wieder sich gruppenweis gliedernd zu zwei Teilen. Aber sobald der Schlußklang der Trompete den vielverschlungenen Windungen des sich wiederholenden Hin und Her ein Ende gemacht hatte, wird der Vorhang geschlossen und die Gardinen zusammengefaltet und die Bühne hergerichtet.

Der Höhepunkt der Aufführungen wird vorbereitet:

[...] Da lenkt auch schon ein Soldat seinen Lauf mitten über den Platz, um nunmehr auf Verlangen des Volkes das Weib aus dem Kerker zu holen, das, wie gesagt, wegen vielfachen Verbrechens zum Tod durch die Bestien verurteilt und für die herrliche Hochzeit mit mir bestimmt war. Und schon wird, uns zum Ehelager bestimmt, sorgsamst ein Bett bereitet: Schildpatt aus Indien leuchtete daran, ein Pfühl von Flaumfedern bauschte sich darauf, und eine Decke aus Seide schimmerte darüber. Aber mich quälte, ganz abgesehen auch von der Berührung des frevelhaften und besudelten Weibes, ganz besonders die Angst vor dem Tode; denn ich dachte in meinem Innern so: wenn wir beide in Liebesumarmung verschlungen sind, dann kann doch die Bestie, welche auch immer es sein mag, die zum Verderben des Weibes losgelassen wird, nicht so verschmitzt klug oder so kunstvoll abgerichtet oder so brav enthaltsam sein, um nur das an meiner Seite liegende Weib zu zerfleischen, mich aber als nicht verurteilt und nicht schuldig zu schonen.

Also war ich schon nicht mehr um meine Schamhaftigkeit, sondern um mein Leben selber besorgt. Während darum mein Wärter gespannt sich der Aufgabe hingab, mein Lager ordentlich zurechtzumachen und das ganze Gesinde teils mit dem Dienst für die Jagd beschäftigt, teils durch das wollüstige Schauspiel noch in Verzückung versetzt war, so daß mir für meine Gedanken freie Entscheidung gelassen wurde, auch niemand daran dachte, einen so zahmen Esel groß bewachen zu müssen, setze ich allmählich verstohlen einen Fuß vor den andern, und wie ich das nächste Zirkustor erreichte, mache ich mich nunmehr in geschwindestem Laufe davon und komme, nachdem ich eilends ganze sechs Meilen zurückgelegt, nach Kenchreä, der Stadt, die als der vornehmen korinthischen Kolonie zugehörig gilt und vom Ägäischen und Saronischen Meerbusen bespült wird. Dort ist auch ein Hafen, ein überaus sicherer Zufluchtsort für die Schiffe, der von zahlreichem Volk belebt ist. Ich meide also das Getümmel und wähle mir einen abgelegenen Ort am Gestade. Dort ruhe ich unmittelbar in der Nähe der brandenden Flut, gleichsam im weichen Schoße des Sandes ausgestreckt, meinen müden Leib aus.190

Die Opfer erleiden Vergewaltigung und Tod. Das Publikum gibt sich dem Rausch von Lust, Blut und Gewalt hin. Der Text erzählt nicht etwas Singuläres, sondern einen typischen Verlauf. Der Text stammt aus einem Roman. Der Esel konnte fliehen, die Frau nicht. Männer und Frauen waren Opfer der Spiele. Das Publikum ließ sich zur Mittäterschaft verleiten.

Paulus sieht sich und die Gemeinde in der Öffentlichkeit in einer mit den Letzten, den Todgeweihten, vergleichbaren Situation.

4,10 4,10 erklärt, warum er und andere an diesen Ort gestellt werden: Weil sie so „unklug“ sind, sich mit einem Gekreuzigten zu verbünden. Deshalb sind sie verachtet und schwach und noch einmal fragt Paulus kritisch: Seht ihr euch tatsächlich auf der Seite der Gewinner: klug, stark und angesehen?

4,11 4,11 beschreibt die Realität: Hunger, Durst, lumpige Kleidung, Geschlagenwerden und Heimatlosigkeit. Davon berichtet Paulus öfter (2 Kor 6,5; 11,23.27).191 Es ist nicht nur die Erfahrung derer, die häufig im römischen Reich unterwegs sind, auch auf viele Menschen, die länger in einer Stadt leben, trifft diese Erfahrung zu. Für Menschen in Korinth, einer römischen Kolonie, allemal. Die Migration auf der Suche nach Arbeit hatte enorme Ausmaße. Zu Beginn des Verses hat Paulus betont: „bis zu dieser Stunde“ – dieses harte Leben ist unsere Realität, jetzt.

4,12.13a In 4,12.13a wird klar: Wir sind dabei nicht passive Opfer, wir arbeiten mit unseren eigenen Händen – für unseren Lebensunterhalt – und wir verbreiten, noch wenn wir beschimpft und geschlagen werden, Gottes Frieden auf der Erde: Wir segnen, die uns beschimpfen; wir stehen Verfolgungsdruck durch, und wenn wir verleumdet werden, stellen wir die Lügen freundlich richtig.

4,13b 4,13b Für die Welt / kosmos, für alle sind wir bis jetzt Unrat und Abschaum.192

Paulus kommt hier wieder auf die Situation der öffentlichen Erniedrigung zurück, die er in 4,9 zum Ausgangspunkt gemacht hat. Die Hinrichtungsopfer in den Triumphzügen, den Zirkusprozessionen und anderen Gewaltspielen sind die „Letzten“ (4,9), der verachtete „Abschaum“ (4,13). Ihr Tod ist der gefeierte Höhepunkt der Darbietung. Nun ist die Welt angeblich für das Publikum wieder in Ordnung, denn die „Bösen“ sind vernichtet.

Paulus benennt in 4,9–13 reale Erfahrungen, die er selbst und andere machen. Er beschreibt die Realität des Lebens vieler Menschen als die Realität des Ortes, an den Gott sie gestellt hat. Gott hat sie ausgesandt, den Völkern Befreiung anzukündigen und Alternativen zum Terror des Imperiums aufzubauen. Das blutgierige Massenpublikum ist auch Teil der Völker / ethne, zu denen der Gott Israels jetzt seine Botinnen und Boten der Befreiung schickt. Paulus ist später auch so gestorben, wie er es hier im Bild voraussieht: als Todgeweihter, als verurteilter Verbrecher in der Arena. Wir finden zwar nur Andeutungen über seinen Tod in den Quellen (1 Clem 5,5–7), doch ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er bei der Verfolgung der Messiasanhängerschaft durch Nero in Rom (ca. 65 n. Chr.) ums Leben kam. Über diese Verfolgung und die Hinrichtungen zur Volksbelustigung berichtet Tacitus (gestorben 120 n. Chr.):

Und so wurden zuerst die Personen verhaftet, die sich als Christen bekannten, dann aufgrund von deren Aussagen ein weiterer großer Personenkreis, und sie wurden nicht nur des Verbrechens der Brandstiftung, sondern auch des Hasses gegen das Menschengeschlecht für schuldig befunden. Und mit den Todgeweihten trieb man noch seinen Spott: man hüllte sie in Tierhäute und ließ sie von Hunden zerfleischen, oder sie wurden, ans Kreuz geschlagen und für den Flammentod bestimmt, nach Tagesschluß als Beleuchtung für die Nacht verbrannt. Für dieses Schauspiel hatte Nero seinen Park zur Verfügung gestellt. Zugleich veranstaltete er ein Circusspiel, wobei er im Aufzug eines Wagenlenkers sich unter den Pöbel mischte oder sich auch wirklich auf einen Wagen stellte. Dies führte dazu, daß sich Mitleid regte, wenn auch gegenüber Schuldigen, die die schwersten Strafen verdient hatten: man nahm an, daß sie nicht dem allgemeinen Wohl, sondern der Grausamkeit eines einzelnen zum Opfer fielen.193

Von den Schauspielen, die mit den todgeweihten Männern und Frauen aufgeführt wurden, berichtet auch 1 Clem 6,2: Es wurden auch Frauen verfolgt, „die als Danaiden und Dirken194 furchtbare und ruchlose Mißhandlungen erlitten …“195 Die Mythen der Danaiden und der Dirke lieferten den Theaterstoff für die öffentliche Demütigung, Qual und den Tod dieser Frauen.

In 4,9–13 geht es Paulus nicht darum, zum Heldenmut zu erziehen,196 sondern Menschen zu befähigen, den Ort der „Letzten“, an dem sie sich befinden, als Ort zu gestalten, an den Gott sie gestellt hat, damit sie den unterdrückten Völkern die Befreiungsbotschaft verkünden und vorleben. Er sieht die Gemeinde und sich selbst in der prophetischen Tradition der Schrift: als Gesandte Gottes, die daran verzweifeln, zum Gespött der Menschen zu werden und ihrer Gewalt ausgesetzt zu sein. Sie können sich nur gegenseitig festhalten und sich dessen vergewissern, was Paulus in diesem Brief immer wieder sagt: Der Tod wird seine Macht verlieren (15,26; 3,21–23 u. ö.). Ein prophetischer Text, der als Gesprächstext zu 4,9–13 dienen kann, ist Jer 20,7–13.

4,14–21

14 Ich schreibe das nicht, um euch zu beschämen, sondern um euch als meine geliebten Kinder zu fordern. 15 Und wenn ihr auch Tausende hättet, die euch in Christus wie Kinder maßregeln, so habt ihr doch nicht viele Väter. Weil mir der Messias Jesus die Kraft gab, habe ich euch nämlich durch die befreiende Botschaft geboren. 16 Ich bitte euch also, macht es wie ich! 17 Deshalb habe ich euch Timotheus geschickt, meinen geliebten Sohn, der mit unserem Befreier treu verbunden ist. Er wird euch an meine Wege mit dem Messias erinnern, wie ich sie überall in jeder Gemeinde auch lehre. 18 Einige haben sich aufgebläht, dass ich nicht zu euch komme. 19 Ich werde schnell zu euch kommen – so die Ewige will – und werde dann die Worte der Wichtigtuer nicht ernst nehmen, sondern die Gotteskraft. 20 Die gerechte Welt Gottes beruht nämlich nicht auf Machtworten, sondern auf göttlicher Kraft. 21 Was wollt ihr denn? Dass ich mit einem Stock zu euch komme oder mit Liebe und dem Geist der Demut?

4,14–21 4,14–21 ist der Abschluss der väter- und mütterlichen Ermutigungs- und Erziehungsrede (seit 1,10) über die Konsequenzen der Solidarität mit dem gekreuzigten Messias für das gemeinsame Leben. In diesem Abschluss denkt Paulus über seine eigene Beziehung zur Gemeinde nach. Er versteht sich als väterlicher und mütterlicher (s. 3,2) Erzieher, der ermutigen will, nicht beschämen und strafen. Er benutzt in diesem Abschnitt durchgehend Begriffe und Vorstellungen, die in der antiken Bildungsdiskussion zu Hause sind: Pädagoge (4,15), Vater (4,15–17), Nachahmung (4,16 vgl. Weg in 4,17), erinnern (4,17), lehren (4,17), Stock (4,21). Er versteht sich als Lehrer im Geist von Liebe und Demut (4,21).

4,14 4,14 Die Kritik an Konkurrenzstrukturen in der Gemeinde ist nicht als Beschämung gemeint, sondern ermutigend: Ihr könnt etwas ändern!

4,15 4,15 Paulus unterscheidet seine Erziehungspraxis von der der „Pädagogen“. Das Wort bezeichnet die niederste Stufe eines Lehrers für Kinder, meistens Sklaven oder Sklavinnen, die selbst kaum ausgebildet sind.197 Dem Unterricht durch Pädagogen stellt er seinen eigenen als „Vater“ gegenüber. Er begründet, warum er sich als Vater versteht: Er hat die Angeredeten gezeugt / geschaffen / geboren. Das griechische Wort gennao hat diese Bedeutungsbreite. Da Paulus sich der Gemeinde gegenüber auch als Mutter bezeichnet (s. o. zu 3,2), ist es auch hier möglich, dass er das Gebären der Mutter ins Spiel bringt. Die Vorstellungen von 4,15 gehören in den Zusammenhang jüdischer Erziehungstradition. Vater und Mutter lehren die Kinder, und ihr Lehren ist ein Neuschaffen. Wenn die Wörter Vater / Mutter im Zusammenhang des Lehrens metaphorisch gebraucht werden, bezieht sich Erzeugen / Gebären auf den Unterricht. Es ist darum hier in 4,15 weniger an die Gemeindegründung durch Paulus gedacht, als an sein Lehren.198 Insgesamt ist Paulus zurückhaltend darin, sich als Vater der Gemeinde zu bezeichnen, während er Gott immer wieder Vater nennt. Er bleibt damit im frühchristlichen Diskussionszusammenhang: Die Vaterherrschaft des römischen Reiches wird abgelehnt.199 Menschen sollten von der Gemeinde nicht Vater genannt werden (Mt 23,8–10).200 Wenn Lehrende metaphorisch Väter oder Mütter heißen, so wird im Zusammenhang so wie hier immer deutlich, dass damit nicht die absolute Herrschaft des Vaters im Sinne des römischen Reiches verbunden ist, sondern eine begrenzte Macht.

Die negative Abgrenzung von den „Pädagogen“ stellt bewusst den Kontrast zwischen griechisch-römischem Schulwesen einerseits und Erziehung durch Paulus bzw. jüdischer Schule andererseits heraus.201 Die Angeredeten kommen mehrheitlich aus armen Verhältnissen und werden kaum einen eigenen Pädagogen gehabt haben.202 Auch sonst wird ihre Schulbildung nur dürftig sein (s. o. zu 1,4–9), da in der griechisch-römischen Gesellschaft die Eltern (die Schule und) das Lehrpersonal finanzieren mussten.203 Im jüdischen Lebenszusammenhang sorgte in der Regel die Gemeinde für die Bezahlung.204 So sagt Paulus: Selbst wenn ihr viele „Pädagogen“ in eurem Gemeindeleben („in Christus“) hättet, sie hätten euch nicht die Lehre vermitteln können, die ein Vater / Lehrer der Tora lehrt. Ich lehre euch als meine Kinder und ermutige euch durch meine Unterweisung (4,14). Die zahllosen „Pädagogen“ „in Christus“ sind wohl so zu verstehen, dass sich die Angeredeten eine Bildung / Ausbildung wünschen, wie sie sich die reichen Leute in Korinth leisten können. Paulus möchte klarmachen: Es geht „in Christus“ um andere Methoden und Inhalte der Bildung als in der Gesellschaft. Dafür steht sein Lehren als Vater.

4,16.17 4,16.17 erläutern Inhalt und Methode des väterlich-mütterlichen Lehrens. Inhalt sind „die Wege“ (die Halacha) des Paulus im Messias. Er lehrt die Tora – bezogen auf das gegenwärtige Handeln Gottes durch den Messias (vgl. das Evangelium in 4,15; zur Bedeutung der Tora s. auch zu 7,19). Seine Lehre drückt sich auch in seiner Lebenspraxis aus. Darum gehört die „Nachahmung“ und das „Erinnern“ an die Wege des Paulus selbst zur Methode. Das Erinnern und die mimesis stehen in der Tradition der Nachahmung in der Schrift. Der Gedanke der Nachahmung wird dort anders ausgedrückt: „Seid heilig, denn ich, Adonaj, bin heilig“ (Lev 19,2 u. ö.), vgl. Mt 5,48. Gemeint ist nicht das Kopieren Gottes oder hier in 4,16 des Lehrers, sondern ein Verhalten, das der Beziehung zu Gott oder dem Lehrer entspricht.205

Die Lehrmethode umfasst weiterhin das Bilden von Netzwerken des Lehrens. Timotheus (s. auch 16,10) ist Schüler und Lehrerkollege, der dieselben Inhalte und Methoden weitergibt, oft auch als Mitverfasser der Briefe des Paulus (2 Kor 1,1; Phil 1,1; Phlm 1). Paulus hat mit ihm auf gleicher Augenhöhe zusammengearbeitet (zu ihm s. bes. Apg 16,1–3). In 4,17 nennt er ihn: Geliebtes Kind, d. h. Schüler; treu verbunden mit dem Messias. Timotheus war nach Apg 16,1 schon Anhänger des Messias, ehe er sich mit Paulus verband. Schülersein ist nicht daran gebunden, dass der Lehrer den Schüler oder die Schülerin für die Botschaft vom Messias gewonnen hat (s. auch o. zu 4,15 und der Frage, ob Paulus sich als Gemeindegründer darstellt).

Er hat Timotheus nach Korinth geschickt, weil er die gleiche Lehre und Praxis vertreten kann.

4,18.19 4,18.19 Einige in der Gemeinde haben Paulus dafür kritisiert, dass er nicht selbst kommt. Sie erwarten von ihm, dass er sich als hervorgehobene Autoritätsperson versteht. Er kündigt an, dass er bei seinem nächsten Aufenthalt diesen Vorwurf durchschauen werde. Hat die Arbeit dieser Menschen eine Grundlage in der Kraft, die Gott gibt, damit die Gerechtigkeit wächst?

4,20 4,20 Es kommt auf die Gotteskraft an. Wo sie gegenwärtig ist, ist die gerechte Welt Gottes gegenwärtig. Der Begriff basileia tou theou ist zentral für die Botschaft Jesu nach den Evangelien. Bei Paulus taucht er seltener auf, ist aber ebenso wichtig. Es ist ein Begriff jüdischer Tradition, der Hoffnung auf eine neue Schöpfung ausdrückt: Gott allein ist König, wirkt im Himmel und auf der Erde. Es ist eine umfassende Vision der Hoffnung für die ganze Erde, Himmel und Erde, die ganze Menschheit. In einer Gemeinde, in der Gottes Kraft gegenwärtig ist, ist diese Zukunft schon erfahrbar. Diese Gotteskraft braucht keine Machtworte und hervorgehobenen Machtpositionen.

4,21 4,21 Paulus schließt seine lange Erziehungs- und Ermutigungsrede (seit 1,10) mit einer Frage: Soll ich mit einem Stock kommen? Es ist aus der Frage klar, er würde nicht gern mit einem Stock kommen. Er nimmt hier Bezug auf die in der Erziehung der Kinder allgegenwärtige und harte Prügelstrafe. Seine Frage kann nicht wörtlich gemeint sein, denn in der Erwachsenenbildung wurde auch in der Antike nicht geprügelt. Gemeint ist nach dem Zusammenhang, dass er erwartet, dass die Konkurrenzstrukturen und Machtkämpfe in der Gemeinde ein Ende finden sollen. Paulus setzt die Prügelstrafe für Kinder als gängig voraus; ob er sie kritisiert, ist zu fragen. Der gefeierte Rhetoriker Quintilian206 hat gegen Ende des 1. Jahrhunderts den pädagogischen Wert der Prügelstrafe bezweifelt. Doch die gängige Praxis hat dies nicht verändert. Schule war für Kinder ein Leidensweg, in der hellenistisch-jüdischen Kultur207 wie in der jüdischen Kultur.208


Abb. 1: „Römische Schule. Züchtigung eines Knaben. Wandgemälde aus Herculaneum“.209

Die Liebe und der Geist der Demut (4,21) sind nach Paulus’ Absicht Grundlage seines Lehrens. Er versteht dieses Konzept wohl auch als Absage an Prügel wie an das ganze gesellschaftlich übliche Erziehungssystem (s. o. zu paidagogos 4,15) in der hellenistisch-römischen Kultur. In Hebr 12,6–11 dagegen wird die Prügelstrafe als selbstverständlicher Teil der Erziehung akzeptiert (s. besonders 4,6).

Liebe und der Geist der Demut sind Alternativen zur Orientierung an Herrschaft und der Arroganz der Macht (vgl. Mt 5,5 im Gegensatz zu Lk 1,51b „die ihr Herz darauf gerichtet haben, sich über andere zu erheben“).

Es ist damit zu rechnen, dass die Mehrheit der Gemeindeglieder Analphabeten und Analphabetinnen sind, die wenig und nicht effektive Schulbildung erfahren haben. Dennoch entsteht mit den messianischen Gemeinden ein an der Auseinandersetzung mit der Tora orientiertes Bildungsangebot und ein Netzwerk von Lehrenden mit neuerworbener Kompetenz. Die Erziehung geschieht weitgehend mündlich210 und lebenspraktisch.

5,1–13

1 Allerdings ist bei euch von einer verbotenen sexuellen Beziehung zu hören, noch dazu von einer, die es nicht einmal unter den Menschen aus den Völkern gibt: Jemand lebt mit der Frau seines Vaters. 2 Und ihr unterstützt das noch, statt es zu bedauern und jemanden, der so lebt, aus eurer Mitte zu entfernen. 3 Über den, der so gehandelt hat, habe ich mein Urteil schon gesprochen, als sei ich anwesend. Zwar bin ich körperlich abwesend, in der Geistkraft aber bei euch zugegen. 4 Wenn ihr im Namen Jesu, dem wir gehören, zusammenkommt – mein Geist wird dann bei euch anwesend sein –, so ist die Kraft Jesu, unseres Befreiers, bei euch gegenwärtig. 5 Ihr sollt diesen Mann dem Satan übergeben, so dass er sein Leben ohne den Schutz der Gemeinde führen muss. Denn so kann er am Gerichtstag der Ewigen gerettet werden. 6 Ihr steht nicht gut da. Wisst ihr nicht, dass wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? 7 Befreit euch von dem alten Sauerteig und beginnt als neuer Teig, denn ihr seid ungesäuertes Brot. Unser Pessach begann doch mit der Hinrichtung des Messias. 8 Lasst uns das Fest feiern, nicht mit altem Sauerteigbrot, nicht mit dem Sauerteig der Lebensfeindlichkeit und Gemeinheit, sondern mit dem ungesäuerten Brot der wahren Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit. 9 In meinem Brief hatte ich euch geschrieben, ihr solltet euch nicht darauf einlassen, mit Menschen zusammenzuleben, die mit Sexualität unverantwortlich umgehen. 10 Damit habe ich natürlich nicht alle Leute gemeint, die unter den Bedingungen der Welt so leben, oder die, die geldgierig sind, andere ausbeuten oder andere Gottheiten verehren. Dann müsstet ihr schließlich aus der Welt auswandern. 11 Heute schreibe ich euch, dass es jetzt darum geht, euch nicht auf Lebensgemeinschaften mit Menschen einzulassen, die Bruder oder Schwester genannt werden, aber mit Sexualität unverantwortlich umgehen oder geldgierig sind, andere Gottheiten verehren, Mitmenschen verleumden, im Rausch anderen schaden oder sie ausbeuten. Mit solchen Leuten sollt ihr nicht gemeinsam essen. 12 Ist es etwa meine Aufgabe, die Leute außerhalb der Gemeinde nach der Tora zu beurteilen? Habt ihr nicht die Aufgabe, innerhalb der Gemeinde nach der Tora Entscheidungen zu fällen? 13 Die draußen wird Gott richten. Entfernt aus eurer Mitte die, die Unrecht tun.

In diesem Kapitel 5,1–13 geht es um die Heiligkeit der messianischen Gemeinschaft und ihre Gefährdung von innen. Am Schluss zitiert Paulus einen Gedanken aus dem Deuteronomium, der dort mehrfach begegnet (13,6; 17,7 u.a.): „Entfernt aus eurer Mitte die, die Unrecht tun“ (1 Kor 5,13). Wie im Deuteronomium oder dann auch dem rabbinischen Kommentar dazu (Sifre Deuteronomium)211 wird jeweils nach der Erörterung eines einzelnen Rechtsfalles, der die Heiligkeit des Volkes als Ganzes in Frage stellen könnte, dieser den Rechtsentscheidungen zugrundeliegende Satz zitiert. Auch die Gemeinde ist nach Paulus zu einer gemeinsamen rechtlichen Beurteilung auf der Grundlage der Tora verpflichtet (5,12). Dieser Grundsatz des Deuteronomiums ist in 1 Kor 5,2.9.11 deutlich als Paulus’ Entscheidungsgrundlage erkennbar. Paulus sieht die Heiligkeit der Gemeinde durch einen konkreten Fall gefährdet: Ein Mann „hat“ seine Stiefmutter. Dies ist für Paulus porneia (5,1 vgl. 5,11) / Verstoß gegen Tora durch die Verbindung eines Mannes mit einer Frau, die ihm nach der Tora verboten ist. Paulus und die Gemeinde sind sich uneinig in dieser Rechtsfrage. Er sieht eine Gefährdung der Heiligkeit der Gemeinde durch diese Verbindung zweier Menschen, die Gemeinde hat anders entschieden. Sie hält die Verbindung in diesem Fall für rechtlich (im Sinne der Tora) erlaubt.

Paulus erörtert in 5,1–5 den Rechtsfall, in 5,6–8 beschreibt er die Heiligkeit der Gemeinde mit Bildern aus der Pessachtradition, in 5,9–13 ordnet er den konkreten Fall in eine Übersicht über andere nach seiner Meinung entsprechende Fälle von möglichen Toraübertretungen innerhalb der Gemeinde ein.

5,1–5

5,1 5,1 Paulus hat von einem Fall von porneia in der Gemeinde gehört: sexuellem Fehlverhalten212 gemessen an der geschriebenen Tora und ihrer aktuellen Auslegung. Die geschriebene Tora findet sich in diesem Falle in einer Auflistung verbotener sexueller Beziehungen in Lev 18,8; s. auch 20,11; Dtn 23,1; 27,20. Paulus zitiert das Verbot von Lev 18,8 nicht, setzt es aber deutlich voraus. Ein Mann „hat“ die Frau seines Vaters. Er lebt vermutlich in einer festen Lebensgemeinschaft mit seiner Stiefmutter. Es ist wegen 5,11 zu vermuten, dass dieser Mann aus den Völkern stammt. Seine Frau, die ehemalige Stiefmutter, bleibt völlig im Dunkeln.213 Sie könnte Mitglied der Gemeinde sein, wahrscheinlicher ist es jedoch, dass sie keine Messiasanhängerin ist. Sie wäre sonst in den Augen des Paulus Toraübertreterin und die Folge dieser Tat müsste auch sie treffen. In Lev 20,11 wird die Frau genannt, wo es um die Bestrafung geht – hier nicht. Verbindungen von Söhnen mit einer Nebenfrau des Vaters in Zusammenhängen, in denen Polygamie praktiziert wird, sind relativ häufig, z. B. im Alten Testament. Söhne nehmen die Frauen des Vaters in Besitz, oft um nach seinem Tod ihren Erb- und Machtanspruch durchzusetzen (s. Gen 35,22; 49,4; 2 Sam 16,21.22).214 Über die Verbindung von Ruben und Bilha, der Nebenfrau seines Vaters (Gen 35,22), verliert das Jubiläenbuch harte Worte. „Deswegen ist geschrieben und angeordnet, daß ein Mensch nicht liegen soll mit der Frau seines Vaters“ und beide sollen sterben.215 Lev 18,8; Jub. 33, ebenso wie Mischna und Talmud216 setzen voraus, dass die Praxis, sich mit einer Frau des Vaters, die nicht die eigene Mutter ist, zu verbinden, immer noch aktuell ist. Dabei muss es sich nicht um Nebenfrauen handeln. Ebenso können es Frauen aus späteren Ehen des Vaters217 sein als der mit der Mutter dieses Mannes. In der Mischna wird in einem anderen Zusammenhang ein Beispiel für eine Familienkonstellation deutlich, die solch eine Verbindung nahelegt. Eine Witwe, die noch jugendlich ist, soll ohne finanziellen Schaden das Haus des gestorbenen Mannes verlassen dürfen, wenn die Stiefkinder noch jung sind. Ihre mögliche Begründung sei: „… weil sie selbst noch ein Kind und auch jene noch Kinder seien.“218 Die hohe Sterblichkeit junger Frauen bei Geburten hat für Witwer neue Ehen mit jungen Frauen (Heiratsalter in der Regel 12 ½ – 13 Jahre)219 nahegelegt und viele jung zu Witwen älterer Männer gemacht. So waren sie dann für Söhne im passenden Alter. Diese gesellschaftlichen Zusammenhänge galten für jüdische und hellenistischrömische Verhältnisse.220 Das Verbot von Stiefmutter-Sohn-Beziehungen sicherte die sexuellen Besitzrechte des Vaters, auch über seinen Tod hinaus (Lev 18,8). Die Verbote sehen solche Verbindungen als Gefährdung der patriarchalen Ordnung. Es ist irreführend, eine solche Verbindung „Inzest“ zu nennen. Im heutigen Zusammenhang setzt „Inzest“ Blutsverwandtschaft voraus. Die antike Tradition, die das Verbot einer Verbindung mit der Stiefmutter diskutiert, sieht die Verbindung mit der Stiefmutter für fast ebenso ungesetzlich an wie die mit der Mutter. Grundlage sind dabei nicht biologische, sondern soziale Vorstellungen. Die Besitzrechte der Väter, die auch die Körper ihrer Frauen umfassen, gelten sowohl in der jüdischen als auch in der hellenistisch-römischen Gesellschaft als Grundpfeiler der Lebensordnung. Die Verbindung von Ehe, gesetzmäßigen Kindern und Besitz ist nach Cicero „Ursprung der Stadtgemeinde und gleichsam die Pflanzstätte des Gemeinwesens“.221 Trotz der Widerständigkeit der jüdischen Gemeinschaften dem Besitz- und Gewaltsystem des römischen Reiches gegenüber, in der Frage der sozialen Rechte des Vaters teilt Paulus die Vorstellungen Ciceros: Eine Verletzung der Rechte des Vaters stellt die Gemeinschaft in Frage. Dies ist umso erstaunlicher, als Paulus ja die Gemeinde geschwisterlich versteht und gegen die patriarchale Ordnung kritisch ist (s. zu 4,15). Er ist zurückhaltend darin, sich in der Gemeinde Vater nennen zu lassen, verficht hier aber nachdrücklich sexuelle Tabus, die die Besitzrechte des Vaters in der Gesellschaft schützen. Dieses inkonsequente Verhalten ist mit seiner Argumentation vergleichbar, mit der er Frauen in der Geschlechterbeziehung traditionell patriarchal auf Unterordnung festlegen will, obwohl er selbst anders praktiziert (s. zu 11,2–16).

5,2 5,2 macht einen Konflikt zwischen Paulus und der Gemeinde sichtbar. Es geht um die Bewertung der Stiefmutter-Stiefsohn-Beziehung. Die Gemeinde akzeptiert das Paar in ihrer Mitte und besteht sogar darauf. Sie versteht also den Fall nicht als porneia / verbotene sexuelle Beziehung im Sinne von Lev 18,8 und sieht die Heiligkeit der Gemeinde nicht gefährdet. In der jüdischen Rechtsdiskussion, die wir aus späteren Quellen kennen (vor allem Talmud, Sanhedrin 58a.b)222, wird deutlich, dass es für Proselyten mindestens zur Zeit Rabbi Aqibas aus jüdischer Sicht umstritten war, ob sie eine Verbindung mit der Stiefmutter eingehen konnten. Das Argument für die Erlaubnis einer solchen Verbindung war, dass ein Proselyt nicht mehr mit seinem Vater verwandt sei. Nun sind jedoch Männer aus den Völkern in der korinthischen Gemeinde aus Sicht des Paulus keine Proselyten (s. o. zu 1,22–24).223 Doch Paulus sieht die Gemeinde an die ganze Tora gebunden (s. zu 7,19). Die Gemeinde selbst scheint daran nicht zu zweifeln, wohl aber an der Auslegung der Tora in dieser Frage durch Paulus. Diese Differenz in der Toraauslegung findet eine Parallele in der Diskussion über die Gültigkeit dieser Toraweisung für Proselyten (s. o.). Der erste Brief des Paulus nach Korinth kann als Dokument jüdischer Rechtsdiskussion in der Zeit seiner Entstehung angesehen werden. In der korinthischen Gemeinde diskutieren Menschen aus den Völkern über die Auslegung der Tora in ihre gesellschaftliche Situation und sie streiten sich darüber mit Paulus. Die Frage, sind wir nun jüdisch oder was sind wir sonst? spielt keine Rolle, vielmehr: was sagt die Schrift „unseretwegen“ (1 Kor 9,10, s. zu 10,1), für uns hier in Korinth als messianische Gemeinde?

5,3.4 5,3 und 5,4 Paulus möchte die Ausschließung des Mannes (und der Frau?) doch noch erreichen. Er möchte aus der Ferne als Mitglied der Gemeindevollversammlung mitreden; er möchte im Geiste anwesend sein. Die Gemeindeversammlung trifft sich in der machtvollen Gegenwart des Befreiers Jesus und in seinem Namen. Das ist wörtlich zu nehmen. Der Name Jesu wurde vermutlich laut ausgerufen. Die Rechtsprechung für die Gemeinde geschieht in der Gemeinde als Auslegungsgemeinschaft.224 Paulus hat mit seiner Stimme keine größere Macht als andere Beteiligte. Das traditionelle Auslegungsmuster, „Paulus und seine Gegner“ bestimmt zwar die Auslegungstradition, ist aber dem Text nicht angemessen.225

5,5 5,5 nennt das Urteil des Paulus. Der Infinitiv paradounai / übergeben zu Beginn von 5,5 kann von 5,4 „ich habe geurteilt“ abhängig sein, oder es ist in 5,5 stillschweigend „es ist nötig“ (dei) zu ergänzen. Inhaltlich ist es beide Mal klar: Es ist das Urteil des Paulus und er will, dass die Gemeinde genauso urteilt und dann handelt. Was bedeutet dieses Urteil? Nach der Tora (Lev 20,11) sollten der Mann und seine Stiefmutter hingerichtet werden. Nach Jub. 33 sollen beide gesteinigt werden (vgl. so auch Mischnatraktat Sanhedrin 7,4; s. o. zu 5,1). In diesem Mischnatraktat (9,6) wird deutlich, wie ein Ausleger (R. Aqiba) in einem anderen Fall (ein Nichtpriester hat im Heiligtum den Dienst verrichtet) urteilt: Er muss erdrosselt werden; die Mehrheitsmeinung jedoch sagt: Tod durch Gottes Hand, also vielleicht ein frühzeitiger Tod durch Krankheit. Der Mischnatraktat Keretot verlangt erwiesene Vorsätzlichkeit (1,2) für die Bestrafung einer Beziehung zur Stiefmutter. Nun ist aus der Mischna kaum auf reale Rechtsprechung und Hinrichtungspraxis zu schließen. Aber auch hier wird deutlich, dass der Rechtsprechung ein lebendiger Austausch von Meinungen über Toraauslegungen zugrundeliegt. In 1 Kor 5,5 zeigt sich, dass Todesstrafen zur Erhaltung der Heiligkeit der Gemeinschaft für diese Gemeinschaft und für Paulus in diesem Kontext völlig außerhalb des Horizontes liegen,226 obwohl er Todesstrafen für Toraübertretungen im jüdischen Mutterland kannte. Seine Auslegung von Lev 20,11 bedeutet: Übergabe an Satan. Über Vermutungen ist nicht hinauszukommen, was das heißt. Sicherlich bedeutet es den Ausschluss aus der Gemeinde (s. 5,7.13). Die Folge könnte der physische Tod sein. Der ewige Tod vor Gott wird jedoch ausgeschlossen. Satan erscheint hier vielleicht als der von Gott gesandte Todesengel.227 Vor allem aber ist der Satan Akteur des aionos toutou / dieser Welt (2 Kor 4,4). Das Leben in den Strukturen „der Welt“ d. h. der Gesellschaft z. B. der Stadt Korinth ist als lebensfeindlich erfahren worden. Was es bedeutet, in dieser Gesellschaft zu überleben – oder auch nicht – ist allen Beteiligten klar. Der Mann verliert den Schutz der messianischen Gemeinschaft.

5,6–8

Paulus möchte die Trennung von dem Mann, der nach seiner Meinung die Tora übertritt, für die Gemeinde mit einem weiteren Argument begründen: So wie beim Brotteig die Gärung durch ein kleines Stück Sauerteig bewirkt wird, so nimmt die ganze Gemeinde durch einen Toraübertreter Schaden. Dann (5,7a) vergleicht er die geforderte Trennung mit dem gründlichen Ausfegen des Sauerteigs vor Beginn des Pessachfestes. Die Gemeinde wird so zu ungesäuertem Brot, wie es zum Pessachfest gehört. In 5,7b wechselt er noch einmal den Vergleich, bleibt aber im Bildfeld vom Pessach: Der Tod des Messias bedeutet für die Gemeinde ein Pessachgeschehen. 5,8 spricht dann von einem Pessachfest, das die Gemeinde mit ungesäuertem Brot begeht. Das Brot wird als Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit gedeutet. Diese Verse sind durch den mehrfachen Wechsel des Vergleichspunktes schwierig. Sie bestehen aus einer Assoziationskette, die ihr Bild zunächst vom Brotbacken (5,6), dann vom Pessach-Mazzotfest nimmt (5,7.8). Paulus erwähnt: Sauerteigausfegen, ungesäuertes Brot, Pessachlamm und Feier mit ungesäuertem Brot.

5,6 5,6 Die Sache, von der ihr so überzeugt seid (kauchema), ist nicht gut zu nennen. (Das griechische Wort kauchema bezeichnet den Gegenstand des Rühmens.) Es ist doch allgemein bekannt, fährt Paulus fort, dass wenig Sauerteig ausreicht, um den ganzen Tag zu vergären (vgl. Mt 13,33.34; Gal 5,9). Sauerteigbrot ist das vorwiegend gegessene Brot, da man es für gesünder hielt als ungesäuertes.228 Paulus benutzt Alltagserfahrung, um sein Argument auszudrücken: Auch eine einzelne Person wie dieser Mann kann eine ganze Gemeinschaft gefährden, die solche Toraübertretung bejaht. Da die Angeredeten den Mann, um den es hier geht, nicht für einen Übertreter der Tora halten, ist Paulus’ Argument wenig überzeugend, allenfalls eine Mahnung, sich auf seine Sicht einzulassen. Die Sauerteigmetapher sollte nicht als Hinweis auf kultische Unreinheit gelesen werden. Dazu bietet die Sauerteigmetapher im Neuen Testament keinen Anlass.229 Die Metapher enthält auch sonst keine negative Füllung (Fäulnis, Schmutz oder Unsittlichkeit). Auf der Bildebene geht es um die Fähigkeit des Sauerteiges, den ganzen Teig durchzugären. Und auf der Sachebene geht es um die Gemeinde und ihre Toratreue.

5,7 5,7 Vor Beginn des jüdischen Pessachfestes wird aller Sauerteig aus dem Haus fortgeschafft und darauf geachtet, dass der ungesäuerte Teig für die Festmazzen nicht ungeplant säuert.230 Durch das Stichwort Sauerteig in 5,6 assoziiert Paulus nun diese Sitte des jüdischen Pessachfestes (nach Ex 12,15). Das Fortschaffen des Sauerteigs ist für Paulus der Vergleichspunkt: Trennt euch von diesem Mann. In den anschließenden Nebensätzen wechselt Paulus nicht das Bildfeld Pessach, wohl aber den logischen Ablauf auf der Bildebene. In 5,7a soll die Gemeinde den Sauerteig fortschaffen, jetzt soll sie nicht das ungesäuerte Brot backen oder essen, sondern sie soll es selbst sein. Die Gegenüberstellung alt – neu bezieht sich eher auf die Sachebene als auf das Pessachbild. Den Vergleichspunkt nennt er: Seid neu Gewordene! Der ungesäuerte Teig (phyrama) und die Mazzen (azymoi) werden zum Bild für das Neu-sein der Gemeinde. Das neue Leben, auf das sich die Menschen in Korinth eingelassen haben (s. Röm 6,4), unterscheidet sich von dem alten Leben nach den Gesetzen „dieser Welt“. Es geht um die Erneuerung gegenüber dem Todesdienst in dieser Welt – oder wie Paulus im Römerbrief sagt: gegenüber dem Sklavendienst unter der Weltherrschaft der Sünde (Röm 6,12; 12,2).

Der abschließende Nebensatz: „denn ihr seid ungesäuertes Brot!“ begründet die Aufforderung mit einem Satz der Vergewisserung: Ihr seid befreit durch den Gott Israels! Ihr seid schon neugeworden – sowie ihr Tempel Gottes seid (3,16 vgl. 3,21). Dass die umfassende Befreiung geschehen ist, drückt auch 5,7b aus. Paulus bleibt in dem Bild vom Pessachfest, doch die Logik des Gedankens kommt nicht aus dem Bild, sondern aus der Sache: Durch den Messias hat Gott etwas Neues geschaffen, denn sein Tod war nicht das Ende der Hoffnung, sondern ein Anfang. Mit seinem Tod begann seine Auferweckung und die Auferweckung derer, die zu ihm gehören. Das Schlachten des Pessachlammes ist ein Bild für die gemeinte Sache: Wir – die Gemeinde – feiern die Befreiung;231 wir wiederholen das Passafest „unserer Väter und Mütter“ (10,1) heute, wir stellen uns in diese Tradition (zur Typologie s. zu 10,1). Die Vorstellung von Sühnetod oder Sühnopfer, die hier in der Auslegungstradition häufig gefunden wurde, wird von Paulus weder mit dem Bild (Pessachlamm)232 noch mit der Sache (Befreiung durch die Auferweckung des gekreuzigten Messias)233 verbunden.

5,8 5,8 Das Pessachfest, das die messianische Gemeinde feiert, drückt die Absage an die Anpassung an die Welt / die gewaltförmige Gesellschaft (kakia und poneria) aus und befestigt eine Lebenspraxis in unverfälschten Beziehungen (eilikrinia) und Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit. Die ideologischen Lügengebilde der gewalttätigen Gesellschaft werden hier sichtbar gemacht und es wird ihnen eine Alternative entgegengesetzt. Tacitus hat die Verblendungsstrategien imperialer Gewalt im römischen Reich in klassischer Weise beschrieben: „Stehlen, Morden, Rauben heißen sie mit falscher Bezeichnung ‚Herrschaft (imperium)‘, und wo sie Einöde schaffen, nennen sie das ‚Frieden‘“ (Tacitus, Agricola 30,4, geschrieben 98 n. Chr.).234

Das Bild vom Pessachfest wird in 5,8 noch einmal verändert: Die Gemeinde isst das ungesäuerte Brot in wahrer Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit. Es ist zu Recht gefragt worden, ob Paulus voraussetzt, dass in der korinthischen Gemeinde das Pessachfest gefeiert wird. Jedenfalls denkt er, dass die Gemeinde die Pessachfestlegende kennt. Es ist möglich, dass das Pessachfest auch gefeiert wurde. Es ist zu dieser Zeit zwar ein Wallfahrtsfest in Jerusalem und im Tempel, aber es wurde wohl auch in der Diaspora begangen – vielleicht in modifizierter Form.235 Die Exodustradition wird hier wie in Kapitel 10 dieses Briefes nicht nur als bekannt vorausgesetzt, sondern ist ein wesentliches Deutungselement der Gegenwart der Gemeinde.

Es ist erstaunlich, wie zugewandt und uneingeschränkt ermutigend Paulus in 5,6–8 redet, nachdem er in 5,1–5 die Gefährdung der Gemeinde, die ja auch hier Thema bleibt, so kompromisslos behandelt hat. Es ist doch dieselbe Gemeinde, der er in 5,7 Heiligkeit zuspricht, die er in 5,1–5.6 hart kritisiert hat! Er kann doch eigentlich davon ausgehen, dass seine scharfe Kritik keinen Erfolg haben wird und der Mann in der Gemeinde bleibt. Die Gemeinde ist eben nicht der Meinung, dass er ein Toraübertreter ist. Dennoch nennt Paulus sie ungesäuertes Brot (5,7 vgl. 10,17).

In 2 Kor wird sich zeigen, wie tief die Sorge und die Verzweiflung des Paulus reichten. Er befürchtete die Selbstzerstörung der Gemeinde Gottes. Trotz des in 1 Kor aussichtslos erscheinenden Konfliktes hat später die Gemeinde den Mann zur Rechenschaft gezogen. Am Ende steht dann eine liebevolle Lösung für alle Beteiligten, auch für den betroffenen Mann (2 Kor 2,3–11; 7,8–13).

Für Menschen des 21. Jahrhunderts mag die Verzweiflung des Paulus kaum nachvollziehbar sein, da eine Verbindung von Stiefsohn und Stiefmutter nicht mehr als Zerstörung der Gemeinschaft gilt. Doch die Sorge, dass die Gemeinschaft von Menschen, die Gerechtigkeit zu leben versuchen, fragil sein könnte, hat die Zeiten überdauert.

5,9–13

In diesem letzten Argument für die Ausschließung des Mannes, der mit seiner Stiefmutter zusammenlebt, führt Paulus aus, dass die Heiligkeit der Gemeinde durch sozialen Umgang, vor allem gemeinsame Mahlzeiten, mit Menschen, die die Tora übertreten, gefährdet ist. Hintergrund der paulinischen Vorstellung sind das Heiligkeitsgesetz (Lev 17–26) und ähnliche Vorschriften im Alten Testament und nachbiblischen Judentum.236 Sie werden hier auf eine konkrete Gemeinschaft von Heiligen, die Gemeinde in Korinth, angewendet. Sofern die Völker der Welt nicht nach der Tora lebten, wurden sie als unrein / sündig angesehen. Es geht dabei um ihre gesamte Lebenspraxis. Das Wort unrein bezieht sich in diesem Zusammenhang nicht auf rituelle Reinheit / Unreinheit, sondern auf die Lebenspraxis ohne Tora.237 Paulus benutzt das Wort unrein hier nicht, wohl aber in 7,14. Die Unreinheit / Sünde der Völker der Welt ist erst dann ein Problem für toratreu Lebende, wenn sie durch sozialen Umgang wie gemeinsame Mahlzeiten zu Mittätern und Mittäterinnen werden.238 In einem früheren Brief an die Gemeinde hat Paulus eine Generalregel für diese Frage genannt (5,9.10). 5,11 wendet die Generalregel auf die konkrete Situation an: Es gibt einen Bruder in der Gemeinde, der die Tora aus Paulus’ Sicht übertritt. Er gefährdet die Heiligkeit aller.

5,9 5,9 Von dem früheren Brief ist über diese Bemerkung hinaus nichts bekannt. In ihm hat Paulus generell das Zusammenleben mit Menschen, die die Tora übertreten, eine Gefährdung der Heiligkeit genannt. In einer Aufzählung nennt er zunächst diejenigen, die die Sexualgebote der Tora nicht halten (vgl. 5,1). Verbreitet ist die moralische oder ethische Deutung der Begriffe in 5,9–11. Doch auch wenn sich Toragebote mit Moralvorschriften anderer Kulturen in Einzelaspekten decken, das Bezugssystem ist hier die Tora bzw. ihre zeitgenössische Auslegung und nicht ein Moralkodex der nichtjüdischen Welt.

5,10 5,10 Die Generalregel bedarf der Anwendung auf die konkrete Situation. Darum betont 5,10, diese Generalregel sei nicht grundsätzlich und immer anwendbar. Die Diskussion findet sich im nachbiblischen Judentum immer wieder: Wann kann ich mich auf den notwendigen sozialen Kontakt mit Andersgläubigen einlassen, wann muss ich mich fernhalten.239 Kapitel 8–10 zeigen ein ausführliches Nachdenken über Situationen, auf die Toratreue sich einlassen können oder die sie meiden sollten. Auch dort sind gemeinsame Mahlzeiten das wichtigste Thema, s. nur 10,27.28. Es gab immer Kontakte zwischen Menschen jüdischer Tradition und Menschen aus den Völkern, doch versuchten Toratreue, bei solchen Gelegenheiten nicht selbst die Tora zu übertreten, z. B. durch Trinken von Wein, der fremden Göttern geweiht worden war, oder durch Anpassung an den torafernen Lebensstil. Paulus nennt hier Übertretungen der Sexualgesetze (der Tora), der Gesetze gegen Eigentumsdelikte und die Anbetung fremder Götter (eidololatreia). Die pleonexia / Habgier, gilt im nachbiblischen Judentum wie im Neuen Testament als grundlegende Sünde,240 denn sie bedeutet, Geld wie einen Gott anzubeten (z. B. Kol 3,5; Mt 6,19–24 Mammonsdienst). Die Kritik am unendlichen „Mehrhabenwollen“ (pleonexia) entstand mit der Durchdringung der Ökonomie durch die Geldwirtschaft. Die Gemeinde in Korinth kann nicht aus der Gesellschaft auswandern, aber sie braucht einen verantwortlichen Umgang mit ihr und den in ihr wirksamen Mächten.

5,11 5,11 Inhaltlich ist der gesamte Zusammenhang klar: 5,11 bietet die konkrete Anwendung der Generalregel. Sprachlich ist der Beginn des Verses unklar, wenn man den Aorist als Bezeichnung eines zurückliegenden Geschehens ansieht. Es wird diskutiert, ob Paulus hier seinen damaligen Brief korrigiert oder seine damalige Äußerung inhaltlich verdeutlicht („In Wahrheit habe ich damals geschrieben“). Sprachlich241 und inhaltlich ist es jedoch naheliegend, 5,11 als Konkretion seiner damaligen Äußerung bezogen auf die aktuelle Situation zu deuten („Jetzt schreibe ich euch, um klarzustellen“).

Paulus weitet jetzt die Liste der gefährdenden Situationen aus: Zunächst nennt er die Gemeinschaft, besonders gemeinsame Mahlzeiten mit Menschen, die sich an Beschimpfungen oder Verleumdungen beteiligen. Wie man sich das konkret in Korinth vorstellen kann, zeigt z. B. Mt 5,10.11 vgl. 1 Kor 4,12. Man hätte die Gemeinde in Korinth z. B. als politisch verdächtig beschimpfen und sie damit in Gefahr bringen können. Weiterhin nennt Paulus Alkoholmissbrauch und Beraubung. Sie können zur Falle für Mittäterschaft werden, wenn man gemeinsam feiert. Alkoholmissbrauch ist auch im nachbiblischen Judentum Thema: „Bei jeder Feier und Festversammlung, wie sie bei uns üblich sind, gelten als bewunderungswürdig und kostbar die folgenden Dinge: völlige Freiheit, Ungebundenheit, Sicherheit, Trunkenheit, Ausgelassenheit, Gelage, Ueppigkeit, Schwelgen, Herumstreifen, nächtliche Ausschweifungen …“ berichtet Philo von Alexandrien und hat wohl primär den hellenistisch-römischen Lebensstil der Oberschichten im Blick.242

Paulus weitet also die Gefährdung durch den Mann, der mit seiner Stiefmutter lebt, zur Gefährdung durch andere Menschen aus, die der Gemeinde angehören und einen exzessiven Stil in die Gemeindemahlzeiten hineinbringen. Diesen Stil zu feiern und miteinander umzugehen hatten sie in ihrem bisherigen Leben kennen gelernt – und er war in Korinth zweifellos auch gesellschaftlich akzeptiert.

5,12.13 5,12.13 Die Menschen aus den Völkern werden von Gott gerichtet werden. Gott wird Gerechtigkeit schaffen. Das Gerichtsbild Mt 25,31–46 kann als Veranschaulichung des hier Gemeinten dienen. Es erzählt in mythischer Sprache vom Gericht nach den Taten. Das „Richten“ der Gemeindeglieder ist jetzt Aufgabe der Gemeinde. Paulus spielt wieder mit dem Wort krinein wie 2,13–15; 4,1–5. Das „Richten“ innerhalb der Gemeinde heißt: nach der Tora den Fall beurteilen und notfalls die Person aus der Mitte der Gemeinde entfernen. Das Zitat aus dem Deuteronomium (17,7 u. ö. s. o. die Einführung zu 5,1–13) benennt die Grundlage der Entscheidungsfindung. Doch dürfte das Problem weiter bestehen, da Paulus sich in diesem konkreten Fall mit der Gemeinde nicht darüber einig ist, ob der Mann, um den es geht, ein „Böser“ ist, der Unrecht begeht, indem er die Tora übertritt. Erst später nach Abschluss dieses Briefes hat der Konflikt eine gute Lösung gefunden (s. o. zu 5,8).

6,1–11

1 Bringt es jemand bei euch fertig, bei einem Streitfall untereinander vor das Gericht derer zu gehen, die ungerecht handeln, und nicht vor das Gericht der heiligen Geschwister? 2 Wisst ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? Wenn von euch die Welt gerichtet wird, wie könntet ihr unfähig sein, Kriterien für Alltagskonflikte zu haben? 3 Wisst ihr nicht, dass wir die Engel richten werden, warum sollten wir dann nicht in Fragen der Lebensbedürfnisse richten? 4 Wenn ihr doch Kriterien für Fragen des Alltagslebens habt, wieso setzt ihr Leute zur Rechtsprechung ein, die in der Gemeinde nichts gelten? 5 Ich sage das, damit ihr euch ändert! Gibt es bei euch denn keinen weisen Mann oder keine weise Frau, die in der Lage wären, in Streitfällen unter den Geschwistern zu entscheiden? 6 Ziehen stattdessen die Geschwister sich gegenseitig vor Gericht, und zwar vor Gerichte von Außenstehenden? 7 Ist es nicht überhaupt schon eine Niederlage, dass ihr gerichtliche Auseinandersetzungen untereinander habt? Warum lasst ihr euch nicht lieber Unrecht tun, warum lasst ihr euch nicht lieber berauben? 8 Stattdessen handelt ihr ungerecht und beraubt einander, und das unter Geschwistern.

9 Oder wisst ihr nicht, dass alle, die ungerecht handeln, die gerechte Welt Gottes nicht mitgestalten werden? Täuscht euch nicht! Alle, die mit Sexualität unverantwortlich umgehen, die andere Gottheiten verehren, die in der Ehe oder in gleichgeschlechtlichen Beziehungen das Recht Gottes verletzen, indem sie sexuelle Gewalt gegen Abhängige ausüben, 10 alle, die andere bestehlen oder gierig nach immer mehr Geld und Besitz sind, die im Rausch anderen schaden, die verleumden und ausbeuten – sie alle werden die gerechte Welt Gottes nicht mitgestalten. 11 Einige von euch hatten diese Ungerechtigkeiten begangen. Dennoch sind sie von euch abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht gemacht im Namen unseres Befreiers Jesus, des Messias, und durch die Geistkraft, die von unserem Gott kommt.

Dieser Abschnitt knüpft an die vorangehende Erörterung der Gemeinde als Rechtsinstanz für interne Fragen (s. besonders 5,12) an. Paulus ist besorgt, es könne jemand aus der Gemeinde in einem internen Streitfall eine Rechtsinstanz außerhalb der Gemeinde in Anspruch nehmen. Es scheint um einen Fall von Betrug, Raub oder Diebstahl zu gehen (6,7–8.9–10). Seine Hauptargumente sind dabei: Ihr seid kompetent und ihr habt die Rechtsgrundlagen für euer Urteilen. Wie am Schluss von Kapitel 5 (5,9–11) erinnert er (in 6,9–10) an die rechtlichen Richtlinien, die sich aus der Tora ergeben, in Form einer Liste. Die Gemeinde besteht zu einem Teil aus Menschen, die früher an Verbrechen und Vergehen beteiligt waren (6,11). Jetzt sind sie aber heilig geworden, Gottes Geistkraft gibt ihnen neue Kompetenzen. Die Fortsetzung in 6,12–20 beschäftigt sich mit einem weiteren Fall innergemeindlichen Missbrauchs von Sexualität wie schon 5,1–13. Die Tora ist die Rechtsgrundlage des Handelns der Gemeinde, wie die diskutierten Einzelfälle und der Katalog der Toraübertretungen zeigen.

6,1 6,1 Paulus sorgt sich. Jemand in der Gemeinde will sich vor einem außergemeindlichen Gericht gegen ein anderes Mitglied der Gemeinde Recht verschaffen. Paulus lehnt die Gerichte und die Rechtsprechung der Stadt und des römischen Reiches als Gericht von ungerechten Menschen243 (6,1) ab, die zu Recht von der ganzen Messiasgemeinschaft verachtet werden (6,4). Das liegt nicht nur an eigenen schlechten Erfahrungen des Paulus (2 Kor 11,23.25), sondern vor allem an der notorischen Ungerechtigkeit dieser Gerichte gerade gegenüber den Armen. Schon Cato (234–149 v. Chr.) hatte diese Ungerechtigkeit beim Namen genannt: „Diebe, die Privatleute schädigen, bringen ihr Leben in Fesseln und Beinschellen zu, Diebe, die die Staatskasse schädigen, in Gold und Purpur“.244 Juvenal (ca. 60–130 n. Chr.) schreibt: „Der größte Teil des Eisens wird zu Fesseln verwendet, so daß man fürchten muß, daß es zu Pflugscharen, Hauen und Jäthacken nicht mehr reicht. Glücklich unsere Urahnen […], da man […] Rom mit einem Gefängnis zufrieden sah!“245

Petron, Sat 14 (gestorben ca. 66 n. Chr.) beschreibt weitere Aspekte des ungerechten Justizwesens:

Wozu nützen die Gesetze,

wenn der Mammon nur regiert,

wenn der kleine Mann der Straße immer den Prozeß verliert? […]

Also ist ein Trödelladen und nichts weiter das Gericht:

Wer den Vorsitz hat, dem zahle,

sonst kriegst du die Ware nicht!246

Die rabbinische Kritik an römischer Justiz ist nicht weniger scharf: „So wie das Schwein, wenn es sich nieder streckt, seine Klauen von sich gibt, [gleichsam] sagend: Sehet, daß ich rein bin, so auch berühmt sich die Regierung Edoms,247 während sie vergewaltigt und raubt, dabei aber sich den Anschein gibt, als ob sie den Richterstuhl in Stand setzte. Es traf sich mit einem Machthaber, der die Diebe, die Ehebrecher und die Zauberer zu Tode verurteilt hatte, daß er, sich bückend, seinem Berater zuflüsterte: All die drei [Verbrechen] habe ich in einer Nacht verübt.“248

Die Forderung, die Paulus erhebt, eine eigene interne Rechtsprechung in jedem Fall den öffentlichen Gerichten vorzuziehen, gehört in jüdische Tradition: „Wer die Richter Israels verlässt, […] der verleugnet zuerst Gott, u. hinterher verleugnet er die Tora“.249

Die Kritik an der römischen Gerichtsbarkeit bedeutet nicht, dass Paulus die römische Ordnung gewaltsam umstürzen will. Die Tora und der Gott Israels stehen hier für eine weltweite Gerechtigkeit, die innerhalb dieser römischen Ordnung bereits in kleineren Gemeinschaften gelebt werden kann. Die Perspektive dabei ist, immer mehr Menschen für die Gerechtigkeit zu gewinnen und so für ein Ende der Gewalt und der Mittäterschaft zu arbeiten. So haben immer wieder jüdische Menschen römische Instanzen auf ihre Rechtlichkeit festgelegt und sie auch in Anspruch genommen. „Sieh, sehr gut (Gen. I 30) – das ist das Himmelreich, und sieh sehr gut – das ist das Römerreich. Ist denn das Römerreich sehr gut? Das sollte mich wundern! Sondern [das ist darum], weil es das Recht des Menschen einfordert“.250 Ähnlich wie Paulus in Röm 13,1–7 wird hier das römische Reich als von Gott eingesetzt verstanden, das bei seiner Rechtsforderung auch dann zu behaften ist, wenn Menschen in diesem Rechtssystem schlechte Erfahrungen machen. Das Rechtssystem ist wichtig, wird aber faktisch oft von seinen Gerichten missbräuchlich genutzt. Paulus kritisiert diese Rechtsprechung als Rechtsprechung ungerechter Menschen (6,1), doch steht das nicht im Widerspruch zum Paulus der Apostelgeschichte, der an das kaiserliche Gericht appelliert (Apg 16,37–39; 25,10–12).

6,2 6,2 Die politische Dimension der jüdischen und paulinischen Vorstellung von weltweiter Gerechtigkeit wird in 6,2 ganz deutlich. Es geht in Korinth nicht nur darum, die Gerechtigkeit Gottes in einer Nische, in jüdischen bzw. messianischen Gemeinschaften, zu leben. Die Vision für die Zukunft ist die weltweite Gerechtigkeit Gottes. An deren weltweitem Beginn steht das ersehnte, zukünftige messianische Gericht, das den ungerechten Mächten und Gewalten ein Ende setzt (1 Kor 15,24–27). Mit der Auferweckung des gekreuzigten Messias hat dieses Geschehen seinen Anfang genommen. Das Richten des Messias oder der Heiligen Gottes bringt heilende Gerechtigkeit251 über ganz Israel (Mt 19,28) und über die ganze Welt (6,2.3). Diese mythischen Vorstellungen eines messianischen Gerichtes252 ergeben kein einheitliches Bild und sollen dies auch gar nicht. Es wird manchmal von einer messianischen Gestalt vollzogen (z. B. Mt 25,31–46), manchmal auch von Gottes Erwählten wie hier. Dieses Gericht ist noch nicht das letzte Gericht Gottes (s. z. B. 1 Kor 15,28; Apk 21,1–8 / Jes 25,8); aber auch hier gibt es keine systematische Abgrenzung. Wenn es heißt: Die Armen und die Verfolgten werden Anteil an der gerechten Welt Gottes / basileia tou theou erhalten (Mt 5,3.10), so ist ebenfalls die Vorstellung, dass die Heiligen Gottes mit Gott mitregieren und damit richten (basileuein), präsent. – Entsprechend kann es heißen: Die Unrecht getan haben, werden keinen Anteil an der basileia tou theou erhalten (6,9–10). Sie werden nicht mit Gott gemeinsam Gerechtigkeit auf der ganzen Erde aufrichten.

Die Menschen in der korinthischen Gemeinde sind zum Teil ehemalige Verbrecher und Verbrecherinnen – sowohl im Sinne der Tora, aber viele auch im Sinne des römischen Rechtes: z. B. Diebe und Räuber (6,9–11). Diese Menschen haben eine neue Heimat gefunden, in der sie mit der Tora leben und Gerechtigkeit aufbauen. Diese Gerechtigkeit enthält eine Vision für die ganze Welt. Es ist ein unglaublicher Kontrast zwischen der Realität dieser Menschen und ihrer großen weltumspannenden Hoffnung, an die Paulus sie erinnert. Sie sollen diese Vision nicht aus den Augen verlieren – auch nicht im mühseligen Alltag.

In der Auslegungstradition gibt es zwei Denkmuster, die verhindern, die mitreißende Kraft dieses Textes 6,1–11 zu erkennen: 1. die Vorstellung, es ginge bei diesem Streitfall um banale Alltagsangelegenheiten, die angesichts der großen Vision Lappalien sind; 2. Paulus gehe mit den Angeredeten ironisch und sarkastisch um.

In 6,2 nennt Paulus den Streitgegenstand elachista253 (Geringes – gemessen an der messianischen Vision); in 6,3.4 spricht er von biotika / Alltägliches; in 6,7.8 scheint Paulus etwas genauer zu sein, er spricht vom Erleiden von Unrecht und Beraubtwerden: aposterein / jemandem etwas vorenthalten, berauben, betrügen, unterschlagen und entreißen. Ähnliche Sachverhalte bezeichnet das Verb vielleicht Sir 4,1 („bringe die Armen nicht um ihren Lebensunterhalt“) und Jak 5,4 („ihr habt den Menschen, die eure Felder bestellten, Lohn vorenthalten“). Straßendiebstahl heißt eher kleptein (s. 6,10) und Gewaltanwendung beim Diebstahl heißt harpazein / rauben (6,10).254 Was genau geschehen ist, lässt sich nicht sagen. Doch sind Betrug, Raub und Diebstahl im römischen Reich keine Lappalien. Diese Vergehen werden von römischen Gerichten sehr hart bestraft – jedenfalls wenn sie von Armen verübt werden.255 Sie sind auch für die Opfer keine Lappalien. Die römisch-hellenistische Literatur bietet Darstellungen der Allgegenwart von Diebstahl, Raub und Gewalt auf den Straßen vor allem der Großstädte.256 Reiche Leute bewegten sich vorzugsweise mit großer Entourage von Abhängigen, die sie bewachen mussten.257 Sie ließen auch ihre Häuser aufwendig bewachen. Für Arme war die Straße nur dann weniger gefährlich, wenn sie wirklich nur noch Lumpen und leere Taschen besaßen. Auch wenn diese Erfahrungen von Gewalt ausüben und / oder Gewalt erleiden alltäglich sind, so sind sie doch schwere Minderungen des Lebens. Viele in der Gemeinde kennen Stehlen und Bestohlen werden aus eigener Erfahrung. Ein Gemeindeglied hat vielleicht Langgewohntes fortgeführt. Ein Armer in der Gemeinde hat einen anderen Armen betrogen oder bestohlen. Wenn Paulus also von den Kriterien für elachista / geringe Dinge spricht, kann es nicht darum gehen, dass er Diebstahl, Raub oder Betrug für geringfügig hält, auch nicht, dass sie in der Gesellschaft für Lappalien gehalten werden. Ihm geht es um das Argument vom Größeren zum Kleineren: Wer am Richten über die Welt beteiligt werden wird, kann auch alltägliche Einzelfälle beurteilen.

Paulus erinnert die Menschen an ihre Vision: Wem solch eine Zukunft weltweiter Gerechtigkeit verheißen ist, dem sollten die kleinen Schritte zur Gerechtigkeit im Alltag möglich sein! Paulus ermutigt zu den kleinen Schritten. Ironie und Sarkasmus würde niemandem helfen.

Das Wort anaxios / unwert, unwürdig (6,2) bedeutet, dass die Angeredeten von anderen oder auch von sich selbst als unfähig zu gerechten Urteilen innerhalb der Gemeinde angesehen werden. Unterschichtangehörige sind in Richter- und Leitungsfunktionen nicht anzutreffen.258 Sie sind gesellschaftliche „Nichtse“ (1,2–8). Das Wort anaxios / unwürdig bezieht sich hier auf kriteria. Das Wort heißt: (mentale) Fähigkeit zu richten und zu prüfen bzw. den Standard des Richtens, Kriterien des Richtens. Es benennt in einer 2. Bedeutung auch die Instanz, z. B. einen Gerichtshof.259 Hier geht es darum, dass die Angeredeten sich nicht für unwert / unfähig halten sollen, Kriterien des Richtens zu haben und anzuwenden. Die gängige Auslegungstradition sagt recht einmütig etwas anderes zu dieser Stelle: „seid ihr ungeeignet für die geringfügigsten Rechtshändel“.260 Diese Wortbedeutung von kriteria wird als Sonderbedeutung des Wortes für 1 Kor 6,2.4 angenommen: „d. Rechtssache, d. Rechtshandel, d. Prozeß“.261 Es geht jedoch bei kriteria einerseits um die z. B. mentalen Kompetenzen zu richten, andererseits um die Maßstäbe dazu. Das heißt für 1 Kor 6: Es geht um die juristischen Kompetenzen der Menschen, die gesellschaftlich für „Nichtse“ geachtet werden (6,2) und um die Tora als Richtschnur und Maßstab für diese Kompetenzen (6,4).

6,3 6,3 Paulus wiederholt das Argument von 6,2. Engel können manchmal Botinnen und Boten Gottes sein. Hier aber sind sie eher Boten und Botinnen der unsichtbaren Mächte, die die Menschen negativ beeinflussen, jener Mächte und Gewalten, denen Gott ein Ende setzt (15,24) vgl. 4,9.

6,4 6,4 Die Kriterien für Alltagsangelegenheiten werden in 6,9–10 aufgezählt. Sie gehen auf Toraauslegung zurück (s. dort). Die Rechtsinstanzen außerhalb der Gemeinde, die in Korinth vorhanden sind, werden von der Gemeinde verachtet. Der Grund dieser Verachtung ist in 6,1 genannt: Sie sind ungerecht nicht nur gemessen an der Tora, sondern auch am römischen Recht (s. o. zu 6,1.2). 6,4 spricht davon, dass jemand, der vor Gericht klagen will, Richter „einsetzt“ (kathizete). Diese Formulierung entspricht der Prozedur römischen Privatrechtes.262 Es ist möglich, dass die Gemeinde als Ganze sich daran beteiligt hat, Richter von außerhalb anzurufen, denn Paulus redet im Plural.

6,5 6,5 Pros entropen wird oft übersetzt mit „zur Beschämung“ und als Demütigung verstanden, doch das griechische Wort hat breitere Bedeutung;263 auch: jemanden zum Umdenken zu bringen. Darum geht es Paulus hier, nicht darum, die Angeredeten zu demütigen.

6,6 6,6 Die „Ungläubigen“ haben andere Gottheiten als den Gott Israels; das Wort bezieht sich hier auf die Richter außerhalb der Gemeinde. Es enthält allerdings nicht unbedingt eine negative Wertung wie die „Ungerechten“ in 6,1 vgl. 6,4 (s. dort), s. nur 7,12–15.

6,7.8 6,7.8 Das griechische Wort krima bedeutet: (rechtliche) Entscheidung. Es ist eine Niederlage für die Solidarität innerhalb der Gemeinde, wenn es zu rechtlichen Entscheidungen kommen muss. Paulus schlägt eine Alternative vor. In Fällen wie diesem ist es sinnvoll, das Unrecht hinzunehmen. Es geht um einen konkreten Fall; die Person, um die es geht, lebt in der Gemeinde. Die näheren Umstände sind den Beteiligten bekannt, auch Paulus. Unklar ist, wen Paulus in 6,8 anredet, wohl kaum die ganze Gemeinde. Meint er die Person, die Unrecht getan hat oder diejenigen, die das Unrecht mithilfe außergemeindlicher Rechtssprechung vergelten wollen und dabei ihrerseits Unrecht tun? Die Strafen öffentlicher Institutionen waren schließlich unverhältnismäßig hart. Man hat für 6,7.8 angenommen, Paulus strebe einen grundsätzlichen Rechtsverzicht innerhalb der Gemeinde an. Aber damit ist die stillschweigende Voraussetzung verbunden, Paulus rede als Lehrer überzeitlicher ethischer Normen. Er hat ein anderes Verständnis von Lehre nach der Tora: Sie will auf konkrete rechtliche Entscheidungen hinaus; „rechtlich“ nicht nur im Sinne von Rechtsinstitutionen, die der Tora verpflichtet sind, sondern auch im weiteren Sinne eines Rechtes, das sich aus der toragemäßen Gerechtigkeit für das Zusammenleben ergibt.

In solch einem Fall auf den Rechtsweg auch innerhalb der Gemeinde zu verzichten, kann bedeuten, dass der Person, die Unrecht tat, ein Weg zurück in die Gemeinschaft und ihre Gerechtigkeitsarbeit geöffnet wird.

Die Analogien aus der antiken Literatur zum Verzicht auf den Rechtsweg264 und der Vergeltungsverzicht nach der Jesustradition enthalten Vergleichbares und Nichtvergleichbares zu diesem Fall. Mt 5,39–41 beschreibt Gewalterfahrungen, denen nicht mit gleicher Münze heimgezahlt wird, sondern auf die öffentlich sichtbar durch demonstrative Verdoppelung des erlittenen Unrechtes geantwortet wird. Dies ist eine wirksame Unterbrechung des Zirkels der Gewalt.265 Vergleichbar mit 6,7 ist der Verzicht auf die mögliche Vergeltung und der Versuch, dem Gegner einen Spielraum zu schaffen. In Mt 18,15–17 ist die Ausgangslage vergleichbar: ein Vergehen einer einzelnen Person gegen eine andere innerhalb der Gemeinde. Hier wird versucht, Täter oder Täterin zuerst diskret unter vier Augen, dann gemeindeöffentlich zur Wiedergutmachung zu bewegen. Der nächste Schritt in die Gemeindeöffentlichkeit geschieht zunächst in kleinerem Rahmen. Der Versuch, der Täterin oder dem Täter Handlungsspielraum zu ermöglichen und den Menschen für das toragemäße Leben zurückzugewinnen, ist sehr deutlich und vergleichbar mit 6,7. Erst wenn das gar nicht gelingt, soll diese Person nach Mt 18,17 wie eine Außenstehende behandelt werden dürfen, d. h. wohl, sie darf eventuell auch vor ein außergemeindliches Gericht gebracht werden und / oder aus der Gemeinde ausgeschlossen werden.

Бесплатный фрагмент закончился.

4 413,68 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
15 декабря 2025
Объем:
748 стр. 14 иллюстраций
ISBN:
9783170376793
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги