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Lucy van Geldern

Traumtänzer

- Liebe auf den falschen Schritt

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

LESEPROBE von »Marleen - Wirbelwind auf vier Hufen«

LESEPROBE von »Hechtsprung ins Liebesglück«

Impressum neobooks

1. Kapitel

Verstohlen warf Conny einen Blick auf ihre Armbanduhr. Beharrlich hüpfte der Sekundenzeiger voran. Ganze zehn Minuten war sie zu spät dran. Sie musste sich sputen. Energischen Schrittes eilte sie durch die schier endlosen Gänge der Uni. Die gemütlich dahinschlendernden Studenten aus den älteren Semestern bedachten sie mit einem spöttischen Grinsen.

Sie rief sich den Weg in Erinnerung, den sie am Morgen schon einmal in entgegengesetzter Richtung zurückgelegt hatte. Jetzt erschien er ihr lang und verworren.

Ratlos blieb sie an einer Abzweigung stehen und drehte sich einmal um ihre eigene Achse, erfüllt von der stillen Hoffnung, einen Anhaltspunkt zu finden. Giftgrün leuchtete ein Bilderrahmen mit einem abstrakten Motiv an der Wand. An dieses zweifellos hochmoderne Kunstwerk erinnerte sie sich flüchtig. Ein wenig zuversichtlicher setzte sie ihren Weg fort.

Endlich entdeckte sie ihre Freundin. Ulrike lehnte lässig an der Wand und musterte die Vorübergehenden. Ihre Tasche lag neben ihr am Fußboden.

Als sich ihre Blicke kreuzten, winkte Conny und verlangsamte ihr Tempo.

»Entschuldige bitte, dass ich mich verspätet habe. Fast hätte ich einen Stadtplan gebraucht, um dich zu finden. Dieses Gebäude gleicht einem Irrgarten.« Erleichtert strich sie sich eine Strähne ihres knapp schulterlangen Haares aus dem Gesicht. »Dagegen war das Internat eine Puppenstube.«

Ulrike zog eine Grimasse. »Bitte erwähne das Internat nicht mehr. Die Zeit dort war zwar schön, aber auch anstrengend. Das letzte Jahr sind wir nur noch zum Lernen gekommen. Doch jetzt gehört uns die Welt! Keine Erzieher, keine Vorschriften. Hast du schon eine Vorstellung, was wir in unserer vielen freien Zeit anfangen?«

Einen Moment schwieg Conny und sah ihre Freundin aus wasserblauen Augen an. Spontan legte sie ein paar Walzerschritte ein. Einer der Studenten brachte sich mit einem raschen Satz in Sicherheit. Kopfschüttelnd ging er weiter.

Verstohlen, als ob sie etwas Weltbewegendes verraten würde, sah sie sich um und sagte mit leiser Stimme: »Tanzen, was denn sonst? Noch vor einem Jahr hatten wir uns vorgenommen, nie damit aufzuhören.«

»Stimmt«, rief Ulrike zustimmend. Ein grauhaariger Professor schlenderte an ihnen vorbei und runzelte kurz die Stirn. Dann lächelte er und nickte ihnen freundlich zu. »Durch den Stress der letzten Monate und dem allerersten Tag an der Uni ... Immer wieder haben wir es verschoben. Es wird höchste Zeit, dass wir uns darum kümmern. Erst kürzlich habe ich unsere Medaille vom Internatsfest bewundert. Ein Tanzclub muss her. So was gibt es an der Uni garantiert.«

»Siehst du«, jubelte Conny. »Und damit wir nicht nur in Erinnerungen schwelgen, sollten wir uns auf die Socken machen. Was liegt näher als ein Aufruf oder eine Kleinanzeige. Tanzverein gesucht. In der Eingangshalle der Uni stehen genug Pinnwände für so etwas.«

Ohne auf die Zustimmung ihrer Freundin zu warten, drehte Conny sich um und marschierte in die Richtung, aus der sie gekommen war. Ulrike zögerte einen Augenblick, dann folgte sie ihr das »Labyrinth«.

Erstaunlicherweise erreichten die beiden bereits nach kurzer Zeit die Halle des Hauptgebäudes. Bei der Immatrikulation hatten die Dimensionen des Raumes Conny mächtig viel Respekt eingeflößt. Langsam gewöhnte sie sich an die sechs Meter hohe Decke und die Säulen, die in streng geometrisch angeordnet, antike Größe vermittelten.

In der Halle wimmelte es nur so von Studentinnen und Studenten. Conny drängte sich der Vergleich mit einem Ameisenhaufen auf.

Etwas verloren standen die beiden Girls da und wussten nicht, wo bei diesem Dutzend Pinnwänden anfangen. Sie entschieden sich für die linke Seite und betrachteten den Blätterwald aus vielen kleinen und großen Zetteln. Keiner glich dem anderen, da gab es einen hellgelben mit fetter Blockschrift, in der eine Studentin dringend ein Zimmer suchte. Oder mit Fotos beklebte Anzeigen, auf denen PKWs aller Rostzustände feilgeboten wurden.

Mit wachsender Begeisterung studierten die beiden die Fresszettel. Bis plötzlich Conny einen schrillen Pfiff ausstieß.

»Ich glaube, ich bin fündig geworden. Hier, in der Spalte »Sport« steht eine Notiz vom Tanzclub Gelb-Rot. Die suchen immer Tanzpaare.«

»Zwei Mal in der Woche abends Tanzunterricht«, fuhr Ulrike fort. »Und der monatliche Beitrag ist erschwinglich. Das Einzige, was uns fehlt, sind die passenden Partner.« Ulrike grinste sie spitzbübisch an. »Mit dir tanze ich nie wieder. Das eine Mal, wo ich dich als Partner hatte, ist mir noch zu gut in Erinnerung. Meine Zehen waren wochenlang blaurot und geschwollen.«

»Ach, plötzlich bin ich das, die nicht tanzen konnte. Dabei hast du mich doch ständig aus dem Takt gebracht«, verteidigte Conny sich, ohne die Vorwürfe allzu ernst zu nehmen. »Also versuchen wir einfach, zwei geeignete Tanzpartner zu finden.«

»Einverstanden. Am besten, wir hängen eine Notiz an die Pinnwand. Vielleicht haben wir Glück und es meldet sich jemand. Es ist ja die Gelegenheit für uns, andere Studenten kennenzulernen.« Begeistert von der Idee öffnete Ulrike ihre Tasche und holte einen Zettel und einen Stift hervor. »Also, ich spendiere das Papier, und du lieferst den Text.«

»Ansonsten geht es dir noch gut, ja? Du zerbrichst dir gefälligst auch den Kopf. Schließlich wollen wir beide tanzen.«

Während Ulrike nachdenklich an ihrem Kuli kaute, musterte Conny die vielen verschiedenen Kleinanzeigen.

»Oben in großen Lettern »Suche« ...«

»Nein«, unterbrach Ulrike sie. »Wir suchen doch beide. Ich finde, der Text sollte mit `zwei tanzbegeisterte Studentinnen suchen männliche Tanzpartner für den klassischen Paartanz´ beginnen.«

»Hm«, Conny krauste die Stirn. »Wenn ich mir die vielen Zettel so ansehe, dann sind sie alle witzig und spritzig formuliert. Dagegen klingt unser Text ausgesprochen bieder und langweilig.« Sie drehte eine Locke ihres brünetten, knapp schulterlangen Haares um ihren Finger. »Locker luftig, jederzeit zu einem Tanz bereit - zwei fröhliche Studentinnen suchen geeignete Tanzpartner oder so.«

Während Conny Ideen produzierte, schrieb Ulrike fleißig mit.

»Wen das nicht abschreckt, der ruft uns bitte sofort an.« Conny unterbrach sich und sah ihre Freundin an. »Nun kommt die große Frage, welche Nummer geben wir an?«

Ulrike schüttelte den Kopf. »Am besten nehmen wir deine. Du hast dein Smartphone ständig dabei und bist somit gut erreichbar - anders als ich.«

»Einverstanden.«

In großen Ziffern schrieb Ulrike Connys Handy-Nummer auf und heftete den Zettel gut sichtbar neben das Schreiben des Tanzclubs. Ulrike warf einen letzten prüfenden Blick auf ihr gemeinsames Werk und hakte sich dann bei Conny unter, um mit ihr zur Mensa zu schlendern.

*

»Teppich beweg dich, Sauger steh still. Na gut, dann eben nicht ...« mit dem Schwung einer fröhlich vor sich hinzaubernden Bibi Blocksberg schob sie den Sauger durch den Raum. Hungrig stürzte er sich auf Staubfussel, verlorene Stecknadeln und kleinere Münzen. Immer wieder schepperte es vernehmlich im Rohr.

Das Klingeln von Münzen ließ Connys Arbeitseifer übergangslos auf null sinken.

Sie schaltete den Staubsauger aus und klappte ihn auf. Nun hörte sie endlich das ununterbrochene Schellen an der Wohnungstür.

Mit ein paar Schritten eilte sie zur Tür, linste durch den Spion und öffnete dann schwungvoll.

»Hallo Conny. Seit Minuten stehe ich hier und klingel Sturm. Beinahe wäre ich wieder gegangen. Dieses Getöse, was war das? Die Dusche?«

Ohne ihren Wortschwall zu unterbrechen, schlüpfte Ulrike an Conny vorbei, hinein in die winzige Studentenbude.

»Der Staubsauger ist so laut. Nur weil augenscheinlich ein paar Münzen in die Düse geraten sind, habe ich ihn überhaupt ausgeschaltet.«

Ulrike folgte ihr in das kombinierte Wohn- und Schlafzimmer. Während sie es sich im Schneidersitz auf dem Bett gemütlich machte, ging Conny daran, den Staubsaugerbeutel zu öffnen. Energisch krempelte sie die Ärmel ihrer Bluse hoch und tauchte mit ihrer rechten Hand in den Beutel.

»Leg lieber Zeitung unter. Ansonsten ist die ganze Arbeit umsonst«, riet ihr Ulrike gönnerisch und starrte sie durchdringend an. »Hat sich schon jemand gemeldet?«

»Wofür?«, fragte Conny, ohne ihre Wühlarbeit zu unterbrechen. »Ach so. Nein, jedenfalls nicht in der Zeit, seit ich zu Hause bin. Vielleicht habe ich es auch überhört.« Nach einer Weile hob sie triumphierend die Hand hoch. »Da, die ersten fünfzig Cent sind gerettet. Es sind noch mehr, die beim Saugen reingeflutscht sind. In ein paar Minuten bin ich steinreich.«

Es dauerte, bis Conny überzeugt war, dass sich keine Münzen mehr im Staubsauger befanden. Sie klappte das Gerät zu, räumte rasch die herumliegenden Sachen auf, und rieb sich demonstrativ die Hände an der Jeans ab. Zufrieden mit ihrer Rettungsaktion setzte sich zu ihrer Freundin aufs Bett.

»Wenn du etwas trinken möchtest, Saft, Tee oder Wasser. Es ist alles im Haus.«

»Ein Saft, bitte. Ich habe uns ein paar Erdnüsse und Chips mitgebracht. So können wir es uns beim Lernen ein wenig gemütlich machen.« Sie drehte ihre Tasche um, und die Knabbereien purzelten auf die Tagesdecke.

»Aber als Erstes prüfe bitte dein Smartphone!«

Gehorsam holte sie es vom Nachttischchen und prüfte das Anruferverzeichnis.

»Nein, leider nichts. Also, dann lass uns lernen! Es gibt keine Ausrede mehr!«

Kurz darauf saßen sie einträchtig beieinander und ackerten, jeder in seinem Fach. In Reichweite lagen aufgeschlagene Bücher, Notizzettelchen und ein Stapel von Filzschreibern.

»Hast du gewusst, dass Cäsar Epileptiker war?«, fragte Conny nach über einer Stunde. Ihr brummte der Kopf vom intensiven Pauken.

»Nee, ich weiß nur, dass sich in japanischen Berghotels die Rotgesichtsmakaken mit den Hotelgästen um die warmen Schwefelbäder balgen.«

Ulrike reckte sich, lockerte ihre angespannten Muskeln und warf einen Blick auf die Uhr.

»Gleich halb elf. Höchste Zeit, dass ich nach Hause komme. Heute meldet sich garantiert keiner mehr. Schade, ich hatte mich schon darauf gefreut.«

»Nicht nur du. Treffen wir uns morgen früh in der Halle und sehen nach unserem Zettel?«

»Ja. Was denn sonst?«

Conny begleitete ihre Freundin zur Tür und begab sich anschließend ins Bad. Keine Viertelstunde später lag sie in den Federn. Sie kuschelte sich in ihre Decke, und schon bald hatte sie der Schlaf übermannt. Als ihr Digitalwecker am Morgen klingelte, hatte sie im Traum an mindestens drei Turnieren teilgenommen und sich Blasen an den Zehen getanzt.

Als sie eine Dreiviertelstunde später an der Uni eintraf, wartete Ulrike bereits auf sie.

»Ich sehe es dir an. Du hast die halbe Nacht Anrufe entgegengenommen«, lachte sie. »Ich habe wie ein Stein geschlafen und hätte das Telefon gar nicht gehört, selbst wenn es ununterbrochen geklingelt hätte.«

Gemeinsam drückten sie die schwere Flügeltür auf. Schulter an Schulter steuerten sie die Pinnwand an.

»Das darf ja nicht wahr sein.« Ungläubig musterten sie ihr ehemals liebevoll beschriebenes Blatt Papier. »Ulrike, kneif mich. Sind wir hier in der Uni oder im Kindergarten?«

Mit skeptischen Blicken besahen sie ihren Aushang, der über und über mit Zeichnungen und dummen Bemerkungen bekritzelt war.

»Plattfüße können nicht tanzen - einsam? Sucht ihr Partner für zweisame Stunden? - Bin 86 und tanze wie ein junger Gott«, las Conny kopfschüttelnd vor. »Hier sind wir verkehrt. Dies ist kein Ort für geistige Ansprüche, sondern eher ein Platz für Komiker und Scherzbolde. So ein Mist.«

Auch wenn die Sprüche alle kameradschaftlich gemeint waren, so ärgerte Conny sich darüber. Gefrustet knetete sie ihre Mappe zwischen ihren Händen.

»Nun ja, das war ein Schuss in den Ofen«, meinte Ulrike versöhnlich, die ihre Freundin nur zu gut kannte. »Zu blöd. Weißt du was? Wir gehen zu dem Tanzclub und stellen uns vor. Oder wollen wir einen weiteren Anlauf wagen?«

Trotzig schüttelte Conny den Kopf. Ulrike drückte ihr die Tasche in die Hand und löste die Heftzwecken. Sie faltete das Papier zusammen, und dabei fiel ihr Blick auf die Rückseite.

»Hier steht noch etwas.« Sie glättete sorgfältig den Bogen, so dass sie die Notiz besser lesen konnte.

Conny war wie elektrisiert und riss den Zettel an sich. Fieberhaft überflog sie die wenigen Sätze.

»He, das ist aber nicht die feine Art«, protestierte Ulrike energisch, doch sie wartete geduldig, bis Conny mit dem Lesen zu Ende war.

Mit einem geheimnisvollen Lächeln gab Conny ihr das Blatt zurück. »Wer sagt es denn. Wir haben doch noch Erfolg. Wenn es stimmt, dann erhalten wir heute Abend von einem Jungen namens Andreas einen Anruf.«

Ulrike steckte das Blatt ein. Eine kleine, nachdenkliche Falte blieb auf ihrer Stirn, sie traute dem Frieden nicht recht.

»Das ist einer. Wir aber brauchen zwei Tänzer«, meinte sie. »Egal. Wir müssen los, sonst kommen wir noch zu spät zu unseren Vorlesungen! He, was ist los? Du siehst so entrückt aus. Kann ich dich in diesem Zustand allein lassen, oder muss ich mit irgendetwas Schlimmem rechnen?«

»Nein, nein. Überhaupt nicht. Ich kann den Abend kaum erwarten.«

»Treffen wir uns nachher in der Mensa?«

»Ja, ist eine gute Idee. Bis dann.«

Ihre Wege trennten sich für wenige Stunden.

*

»Was meinst du, ruft er noch an?«, unruhig rutschte Conny auf dem Bett hin und her. Dabei musterte sie ihre Freundin, die gedankenverloren einen Zettel zusammenfaltete.

Verstreut auf dem Bett lagen ihre Unterlagen. Dazwischen Teller und Tassen von einer eiligen Mahlzeit. Die ganze Zeit über hatte es keine von ihnen so recht geschafft, sich auf das Lernen zu konzentrieren. Immer wieder waren sie auf ihr liebstes Thema, das Tanzen abgeschweift. Und genau so oft hatten sie das Smartphone angestarrt, das auf dem Kopfkissen lag, in der Hoffnung des erlösenden Anrufs.

»Gleich neun Uhr. Hm, wenn überhaupt, dann in der nächsten halben Stunde. Ansonsten können wir nur froh sein, dass außer uns niemand von der Aktion Schneller Partner wusste. Stell dir vor, wie sich die anderen über uns lustig gemacht hätten.«

Conny blickte ununterbrochen das Smartphone. Wie eine Schlange, die eine Maus hypnotisiert, starrte sie das stylische Gerät an. Es tat ihr nicht den Gefallen zu klingeln, sondern schwieg eisern.

»Ich hole uns noch etwas zu trinken, mein Mund fühlt sich so trocken und staubig wie die Luft an.«

Schwungvoll rutschte sie vom Bett. Genau in diesem Moment klingelte es. Einen Atemzug stand sie verwirrt da, dann stürzte sie sich mit einem Hechtsprung auf den Apparat.

»Conny Mertens«, meldete sie sich. Rasch drückte sie auf Laut, sodass Ulrike jedes Wort verstand. Dennoch rückte ihre Freundin noch näher heran.

Eine sympathische, dunkle Stimme erklang.

»Hallo, hier ist Andreas. Ich rufe wegen eurer Notiz am Schwarzen Brett an.«

Der Klang der Stimme faszinierte Conny. Unbewusst fasste sie das Smartphone noch ein wenig fester, so als ob sie Angst hätte, es zu verlieren. Fieberhaft suchte sie nach den passenden Worten.

»Hallo. Ja, der Aushang war von mir, äh, von meiner Freundin und mir. Schön, dass du anrufst.« Nur mühsam brachte sie ein paar sinnvolle Sätze über ihre Lippen. Und im gleichen Moment ärgerte sie sich über ihre ungeschickte Ausdrucksweise.

»Ist doch eine Selbstverständlichkeit. Ich habe es ja auf dem Zettel vermerkt. Also, nun schieß los. Was für Tänzer sucht ihr? Ich habe verschiedene Lehrgänge besucht. Von Hip-Hop bis zu den klassischen Tänzen; überall besitze ich ein wenig Erfahrung.«

Vom Klang der Stimme gefesselt, vergaß sie völlig, dass Ulrike neben ihr saß.

»Das ist ja traumhaft. Mein Schwerpunkt liegt bei den klassischen Tänzen. Und damit würde ich auch gern weitermachen.«

Ein kräftiger Rippenstoß erinnerte Conny schmerzhaft an ihre Freundin. Leise flüsterte Ulrike ihr zu: »Und ich?«

»Es geht nicht allein um mich, Andreas. Meine Freundin sucht ebenfalls einen Tanzpartner. Kennst du zufälligerweise einen begeisterten Tänzer, oder möchtest du mit uns beiden tanzen?«

Einen Moment schwieg Andreas. Panisch überlegte sie, ob sie ihn mit ihrer Frage verschreckt hatte. Conny hörte nach einer Weile, wie er sich räusperte. »Mal sehen. Ich höre mich bei meinen Freunden um.«

»Das wäre toll. Ulrike und ich, wir möchten weiterhin zusammen trainieren.«

»Das verstehe ich. Wie wär es, wenn wir uns im Café am Marktplatz treffen. Dort unterhalten wir uns in aller Ruhe und besprechen die weiteren Einzelheiten. Seid ihr damit einverstanden?«

»Samstag Nachmittag?«, fragte sie, nach einem kurzen Seitenblick auf Ulrike, die heftig nickte. »Ja, gut. So ab vier Uhr?«

»Prima. Bis dahin höre ich mich nach einem zweiten Partner um. Vielleicht habe ich Erfolg. Versprechen kann ich allerdings nichts. Also schönen Abend noch.«

Schweigen. Andreas hatte das Gespräch beendet. Tief atmete Conny auf und sah ihre Freundin an. Das Smartphone hielt sie dabei noch immer fest.

»Diese Stimme. Ulrike hast du das gehört?«

»Ja, ich bin doch nicht taub. Dass du so von den Socken bist, wundert mich. Ich erlebe dich gerade von einer völlig neuen Seite. So durcheinander hab ich dich noch nie erlebt.« Skeptisch musterte sie Conny, die mit offenem Mund vor sich hinträumte.

Ohne ein Wort zu sagen, stand Ulrike auf und ging in die Küche. Als sie mit zwei Gläsern Saft zurück ins Zimmer kam, saß Conny noch immer unverändert da.

»Erwartest du einen weiteren Anruf?« Sie reichte ihr das Glas und machte es sich erneut auf dem Bett bequem. Verständnislos sah Conny sie an. Dann begriff sie endlich, was Ulrike meinte. Verwundert schüttelte sie den Kopf und legte das Smartphone wieder auf ihr Kissen. Schweigend hingen die Girls ihren Gedanken nach.

»Ich bin gespannt, ob er genau so gut aussieht, wie seine Stimme klingt.« Conny war die Erste, die nach einer Weile das Wort ergriff.

»Ja, stell dir nur vor: eine Stimme wie ein Traum, dazu aber ein dürrer Körper wie ein Skelett und lange, ungepflegte Haare.«

Conny sprang auf. »Wir sind Idioten! Hast du eine Ahnung, woran wir Andreas erkennen sollen? Das Café ist garantiert gut besucht! Die ganze Zeit haben wir uns über das Tanzen unterhalten. Doch keiner ist auf die Idee gekommen, ein Erkennungsmerkmal zu nennen. Ich weiß nicht einmal seinen Nachnamen.«

»Schau auf doch auf dein Smartphone. Schließlich gibt es so etwas wie eine Rückruffunktion.«

Schneller, als sie es von ihrer Freundin erwartet hätte, hechtete Conny zum Smartphone und tippte hektisch auf dem Display herum.

»Nichts. Er hat seine Nummer unterdrückt! Was machen wir nun?« Sie warf das ihr silberglänzendes Smartphone zurück auf das Bett und wanderte mehrere Minuten lang durch das Zimmer. Ulrike sah ihr dabei gelassen zu. Sie kannte Conny gut genug, um zu wissen, dass sie sich nach einiger Zeit wieder beruhigen würde. Danach konnten sie in Ruhe Pläne schmieden.

»So ein Mist. Ich benehme mich wie eine blutige Anfängerin. Was machen wir, wenn er am Samstag nicht kommt?«

»Bestimmt kommt er. Er ist garantiert nicht der Typ, der andere auf den Arm nimmt. Sonst hätte er nicht angerufen. Und was soll ich sagen? Im Gegensatz zu dir habe ich keinen Tanzpartner in Aussicht. An den Tagen, wo du dich mit Andreas triffst, drehe ich Däumchen und sehe euch zu. Schöne Perspektive.«

Langsam realisierte Conny, wie unangebracht ihr Theater war. Versöhnlich setzte sie sich hin und lächelte ihre Freundin an.

»Nein, du wirst nicht nur dasitzen und dich langweilen. Falls Andreas keinen Studenten kennt, der tanzen möchte, versuchen wir es direkt beim Club. Dort haben wir garantiert Erfolg. Und ansonsten hat unser Mister Unbekannt das zweifelhafte Vergnügen, abwechselnd mit uns beiden zu tanzen.«

Erneut sprang Conny auf. Sie spurtete in die winzige Küche und kam kurz darauf mit einer Piccoloflasche Sekt zurück.

»Zwar gibt es keinen Grund zum Feiern, aber zur Beruhigung der Nerven eignet er sich gut.«

2. Kapitel

Nervös ging Conny auf und ab. Tausend Schmetterlinge schienen in ihrem Magen zu flattern. Dabei kitzelten sie die Spitzen der Flügel ununterbrochen.

»O je, wie bist du nur aufgedreht«, lachte Ulrike.

»Kein Wunder. Letzte Nacht habe ich davon geträumt, dass ein Typ mit Frankenstein-Maske mich verfolgt und mit mir tanzen will.«

»Mach dich nicht verrückt. Du sollst dich ja nicht in ihn verlieben. Wir beide suchen nur einen Tanzpartner und keinen Mann fürs Leben!« Dennoch verstand sie Conny nur zu gut. Fast eine Woche hatte sie auf dieses Treffen gewartet, und nun endlich sollten sie Andreas persönlich kennenlernen.

Vor dem Eingang des Cafés blieb Conny abrupt stehen und sah ihre Freundin mit einem verzweifelten Blick an.

»Sitzt meine Frisur richtig? Passt der Pullover wirklich zur Hose? Stell dir bloß vor, wie peinlich es wäre, wenn ich unvorteilhaft gekleidet bin.«

Natürlich tat Ulrike ihr den Gefallen und musterte sie aufmerksam von oben bis unten. Zufrieden mit dem Ergebnis nickte sie.

»Dank des Friseurs sitzt dein Haar perfekt und mit deinen Klamotten hast du ebenfalls eine gute Wahl getroffen. Die Sachen sitzen perfekt und betonen deine schlanke Figur hervorragend. So herausgeputzt übersieht dich kein männliches Wesen.«

»Wirklich?«

»Also, nun mach mal einen Punkt! Schlimmer als ich siehst du nicht aus.«

Erleichtert strich Conny ihren Pulli glatt und überprüfte dann das Erscheinungsbild ihrer Freundin. Ulrike hatte ihr langes Haar heute zu einem eleganten Zopf geflochten und sah, wie sie, ungewohnt festlich aus.

»Auf in den Kampf.« Betont forsch drückte Conny die schwere Tür auf und betrat das Café.

»Hier sind wir verkehrt. Ulrike, das ist eindeutig der falsche Film. Ich sehe nur ein paar alte Omas, die mit Behagen Schwarzwälder Kirschtorte verzehren.«

Schon wollte Conny sich umdrehen und gehen, aber Ulrike hielt sie zurück.

»Das macht doch nichts. Im Gegenteil, so ist es für uns viel einfacher, Andreas zu erkennen. Wir nehmen einen Platz am Fenster. Dann sehen wir weiter.«

Da Ulrike recht hatte, fügte sich Conny, und sie machten sich auf die Suche nach einem geeigneten Sitzplatz.

»Hier sind wir richtig. Wir können den Eingang beobachten und haben gleichzeitig einen tollen Blick auf den Marktplatz. Gib mir deine Jacke, ich hänge sie auf.«

Beladen mit den Jacken ging Ulrike zur Garderobe und versorgte sie. Auf dem Rückweg erblickte sie eine verstaubte Jukebox, die versteckt zwischen ein paar Grünpflanzen stand. Ulrike kramte in ihrer Hosentasche und fischte eine Münze heraus. Aufmerksam studierte sie die Titel. Zu ihrem Bedauern entdeckte sie keine flotten Tanzlieder. Sie warf das Geld ein und wählte von Udo Jürgens das Lied »Aber bitte mit Sahne«.

Begleitet von den ersten Takten begab sie sich zurück zum Tisch.

»Hast du dich nicht verwählt? Dieser Song ist doch uralt.«

»Ich weiß, aber etwas Besseres gab es nicht. Und ich finde, mit ein bisschen Musik geht es gleich ein wenig leichter.« Sie setzte sich neben Conny, sodass beide den Eingang beobachten konnten.

Eine ältere Dame mit grauem Dutt kam auf sie zu und reichte ihnen die Karte. Die gestärkte Schürze, die sie zum schwarzen Kleid trug, strahlte blendend weiß.

»Was darf's denn sein?«

»Zwei Cappuccino und ...«, sagte Ulrike, und gemeinsam mit ihrer Freundin beugte sie sich über die Karte. »... zwei Eisbecher Nuss.«

»Mit Sahne?«

»Ja, bitte.« Als die Bedienung gegangen war, grinsten sich die beiden Freundinnen übermütig an.

»Jetzt verstehe ich, warum du »Aber bitte mit Sahne«, gewählt hast. Wir sind mal wieder auf dem Gesundheitstrip«, sagte Conny und leckte sich in Gedanken an den Eisbecher die Lippen. »Immer nur Salat - das ist auch nichts.«

»Immerhin können wir froh sein, dass sie Cappuccino im Angebot haben. Meine Oma erzählt mir ständig, dass es früher nur Kaffee im Kännchen gab.«

»Stimmt, bei der altbackenden Ausstattung hätte uns das auch passieren können.«

Das Warten begann. Am Eingang tat sich nichts, und der Uhrzeiger rückte immer weiter von der Vier ab und näherte sich vier Uhr fünfzehn.

Kurz darauf servierte die ältere Dame ihnen die Cappuccino und die Eisbecher. Er war genau so, wie Conny ihn liebte, mit viel Sahne und üppigem Krokant bedeckt. Während sie von der Sahne naschte, kreisten Connys Gedanken einzig und allein um Andreas. Sicher wollte er sie, als »Frischlinge« auf der Uni, nur auf den Arm nehmen. Da Ulrike felsenfest der Meinung war, dass die Verabredung nicht platzte, hielt sie aber den Mund.

»Bei den Preisen sollten wir den Eisbecher genießen«, sagte sie nach einer Weile genießerisch, und lutschte mit geschlossenen Augen am Krokant.

So verpasste sie den Augenblick, in dem die schwere Tür aufging und neue Gäste das Restaurant betraten.

»Da, schau mal die beiden Typen.« Ulrike deutete zum Eingang, wo die zwei Boys standen und sich umblickten. »Sind die nicht süß? Der eine hat heute Morgen sicher vergessen, sich die Haare zu kämmen. Seine flachsblonden Locken stehen völlig wirr umher.«

Aufmerksam beobachteten sie die Jungs, die so völlig unterschiedlich waren. Unsanft stieß Conny mit ihrem Ellenbogen in die Rippen von Ulrike.

»Der andere sieht aus, als gehe er jeden zweiten Tag zum Friseur. Und diese Figur - durchtrainiert von Kopf bis Fuß. Da bleibt einem nur der blasse Neid.« Flüchtig dachte sie daran, dass ein regelmäßiger Besuch im Fitnessstudio vielleicht besser wäre als der Tanzclub.

»Ich möchte wetten, die haben sich verlaufen. Was sonst suchen zwei so sympathische Typen in diesem Café?«

Schneller, als Conny es lieb war, bekam sie die Antwort. Zielstrebig hielten die beiden auf ihren Tisch zu.

»Ulrike, was machen wir nur? Gleich bekommen wir Gesellschaft.« Nervös rutschte Conny auf ihrem Stuhl hin und her. Sie beugte sich tief über ihr Eis und versuchte die Neuankömmlinge zu ignorieren. Verstohlen wagte sie einen Blick hinüber zu ihrer Freundin. Entspannt saß diese da und trank gelassen ihren Kaffee. Von Unruhe oder Unsicherheit keine Spur.

»Hallo, Conny und Ulrike?« Diese warme, samtene Stimme, Conny erkannte sie sofort. Andreas! Mit allem hatte sie gerechnet, nicht aber, dass Andreas als leibhaftiger Adonis vor ihr stand. Verdattert sah Conny auf, in seine dunklen, braunen Augen, in denen sie das Gefühl hatte, zu versinken. Langsam rutschte ihr der Löffel aus den Fingern. Rasch legte sie ihn auf den Tisch, um ihr Erschrecken zu verbergen.

»Ja, das sind wir«, hauchte sie. Mühsam rang sie um ihre Fassung und setzte ein verlegenes Lächeln auf. »Andreas und ...?«

»Martin.« Andreas reichte erst Conny, dann Ulrike die Hand. Nachdem sich die Vier begrüßt hatten, nahmen die Jungs Platz. Sofort ergriff Andreas das Wort.

»Bitte entschuldigt unsere Verspätung, aber mein Stratocruiser wollte nicht ganz so wie ich. Da mussten wir auf den Bus umsteigen.« Aufmerksam musterte Andreas Conny, die vor ihm saß und vor lauter Verlegenheit nicht wusste, wohin mit den Händen. »Wie du siehst, habe ich noch einen Tanzpartner für deine Freundin gefunden. Martin und ich wohnen zusammen im Studentenwohnheim. Als ich erfuhr, dass er früher in der Schulformation getanzt hat, war es ein leichtes, ihn zum Mitkommen zu überreden.«

Langsam verflog Connys Aufregung. Als Andreas schwieg, nutzte Conny den Augenblick, um ihre Neugierde zu befriedigen.

»Seid ihr auch neu in der Stadt?«, fragte sie Andreas. Ohne auf eine Antwort zu warten, redete sie einfach weiter. »Ulrike und ich sind das erste Semester an der Uni. Sie studiert Zoologie. Frag mich nicht, was das für ein verrücktes Fach ist. Tiere beobachten ...«

Vergnügt schüttelte sie den Kopf. »Nein, das ist nichts für mich, ich habe beschlossen, später Lehrerin zu werden.«

Conny hielt inne und musterte Andreas, der mit schief gelegtem Kopf lauschte. Interessierte es ihn überhaupt, was sie da erzählte? Aber eigentlich war es ihr egal. Sie freute sich darüber, Andreas kennenzulernen. In diesem Moment konnte sie über ihre panischen Gedanken nur noch lachen.

»Das hört sich wirklich vielversprechend an. Martin und ich, wir sind ebenfalls das erste Semester hier. Während ich mich mit trockenen Gesetzestexten herumschlage, um Jurist zu werden, versucht Martin in die Geheimnisse der Physik einzudringen.«

Die freundliche Bedienung unterbrach das vorsichtige Beschnuppern. Andreas und Martin machten es sich leicht mit der Bestellung. Sie orderten Schwarzwaldbecher.

Ulrike blinzelte ihrer Freundin zu und signalisierte ihr so: Volltreffer.

»Da unser Treffen ja das Ziel hat, gemeinsam und erfolgreich zu tanzen, habe ich einen Prospekt mitgebracht«, sagte Andreas und holte aus seiner Hosentasche ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor.

»Es ist das Info-Blatt vom Tanzclub. Da sind die Kurse ebenso verzeichnet wie die Trainingszeiten.«

Er reichte Conny den Prospekt. Neugierig nahm sie das bunt bedruckte Etwas entgegen und stöberte darin herum. Ulrike lehnte sich hinüber und las mit.

»Danke.« Conny gab Andreas den Prospekt zurück. Viel Neues stand da nicht drin. »Ich habe mir in den letzten Tagen die Homepage angesehen.«

»Stimmt, die Homepage ist viel aussagekräftiger. Aber die Frage ist jetzt«, begann Andreas, »ob wir mit unseren Tanzkenntnissen zusammenpassen? Anfänger sind wir alle nicht, wenn ich das richtig sehe. Ich denke mal, der Kurs für Fortgeschrittene mit dem späteren Ziel der Turnierreife passt zu uns.«

Fragend sah Andreas die beiden Mädchen an. Conny konnte sich des Gefühls nicht verwehren, dass er vor einer Absage Angst hatte.

»Ja, dieser Kurs dürfte zu uns passen. Ulrike und ich haben unsere Grundkenntnisse im Internat durch mehrere Lehrgänge erweitert. Hin und wieder waren wir auch auf einem Turnier dabei.«

»Das ist prima und gibt Anlass zum Optimismus. Ich schlage vor, dass wir uns am Montag im Tanzclub treffen und uns anmelden.«

Aufmerksam sah Andreas sich im Café um. »Schade, hier gibt es keine Tanzfläche, sonst hätte ich glatt eine Runde mit dir gedreht, Conny.«

»Na ja, das holen wir demnächst nach«, sagte Ulrike mit einem feinen Lächeln, der das Tempo von Andreas nicht geheuer war. »Wenn es klappt, tanzen wir noch oft genug miteinander.«

*

Überdimensional groß und bedrohlich, sie aus seinen roten Augen anblinzelnd, stürzte sich der Drachen auf Conny. Kräftig flatterten die bunten, bauschigen Flügel und wirbelten die Luft auf. Erschrocken machte sie einen Satz zur Seite, voll auf die Füße von Andreas.

»Aua.« Mehr vor Überraschung als vor Schmerz schrie er auf. Er ruderte mit den Armen und bekam Conny zu fassen. Unmittelbar neben ihnen klatschte das Ungeheuer auf den Boden.

»Das war knapp. Eigentlich dachte ich, Feuer spuckende Drachen sind ausgestorben.« Erleichtert atmete Conny auf und musterte den gefallenen Drachen. Ungefährlich und ohne Leben lag er vor ihr.

»Das täuscht«, lachte Martin, und strich sich durch die gerade eben gekämmten Haare, so dass sie wieder strubbelig in alle Richtungen standen. »Die Ungeheuer gibt es heute noch. In jungen Jahren tarnen sie sich allerdings hervorragend.«

Und Andreas fügte spöttisch hinzu: »Vor so ein bisschen Pappe und Stoff Angst zu haben, dazu gehört einiges.« Erst jetzt bemerkte Conny, dass er sie noch immer umfangen hielt. Langsam und sehr zögerlich befreite sie sich aus der kräftigen Umarmung. An seinem Blick erkannte sie, wie sehr er es bedauerte, sie nicht mehr in seiner unmittelbaren Nähe zu fühlen.

»Wo sind wir denn hier gelandet?« Skeptisch sah Martin sich in dem Korridor um. »An der Tür stand doch ...«

»Wir haben uns nicht geirrt«, stellte Andreas fest und blickte sich noch einmal genauer um.

Die Mitarbeiter des Tanzclubs waren eifrig dabei, Figuren und Dekorationsstücke umzuräumen. Keiner beachtete die Vier, die inmitten des Chaos ein wenig verloren herumstanden.

»An wen müssen wir uns wenden?«, fragte Ulrike.

»Auf der Homepage stand ein Ansprechpartner.« Conny krauste die Stirn und überlegte fieberhaft. »Mir fällt der Name nicht mehr ein. Kommt einer von euch darauf?«

Einheitliches Kopfschütteln.

»Wir müssen uns durchfragen«, meinte Andreas und ging frohen Mutes auf eine Frau mittleren Alters zu, die sich bemühte, die Stoffbahnen des Drachens zu bändigen.

»Entschuldigen Sie ...«, begann er. »Ich suche den Tanzlehrer. Wir vier«, er deutete hinter sich, »haben den Aushang in der Uni gelesen.«

Ohne in ihrer Arbeit innezuhalten, nickte die Frau. »Da drinnen im Saal, bei den Ruinen finden Sie Herrn Koberer. Er ist zuständig.«

Andreas bedankte sich und wagte sich zwischen die Kulissenschieber. Behutsam schlüpften sie an den Dekorationen vorbei in den Saal, stiegen im Gänsemarsch über Holzleisten und bückten sich, als eine Leinwand auf sie zusegelte.

Die Ruinen erwiesen sich als Konstrukte aus Pappmaché und Sperrholz.

»Vorsicht, nicht anfassen«, warnte ein Mann in einer fleckigen Latzhose. »Was kann ich für Sie tun?«

»Wir möchten uns für den Fortgeschrittenenkurs im Paartanz anmelden«, sagte Conny und atmete tief durch. Der Geruch nach Farbe stach ihr in die Nase. »Sind Sie Herr Koberer?«

»Ja.« Er richtete sich auf. Sie schätzte ihn auf Mitte vierzig. Er lächelte freundlich und wischte sich die Hände an der Hose ab. »Kommen Sie mit ins Büro. Ich werde nachsehen, ob ich noch Platz in dieser Gruppe habe.«

Sie folgten ihm hinaus in den Korridor bis an dessen hinteres Ende. In dem kleinen Zimmer zog er einen Ordner hervor und blätterte darin.

»Sie haben Glück. Sechs Plätze sind noch frei.«

»Dann sind es jetzt nur noch zwei«, sagte Andreas rasch. Erleichtert beobachtete Conny, wie Herr Koberer Anmeldebögen aus einer Schublade kramte und sie ihnen zuschob.

»Bitte ausfüllen und unterschreiben.«

Conny nahm den einzigen Kugelschreiber, der auf dem unordentlichen Schreibtisch lag, und machte den Anfang. Dann kamen Ulrike und Martin. Ganz zum Schluss füllte Andreas sein Formular aus. Verträumt beobachtete Conny ihn dabei. Seine schmalen Finger hielten den Schreiber in unnachahmlicher Eleganz. Jede seiner Bewegungen faszinierte sie. In Gedanken malte sie sich aus, wie es sein würde, wenn er sie liebevoll in den Arm nahm und sie das Spiel seiner Muskeln spürte.

»Danke schön.« Herr Koberer nickte. »Die Kursgebühr bezahlen Sie bitte bar oder per Überweisung. Der Unterricht fängt am Mittwochabend statt.«

Er begleitete die Studenten bis zum Ausgang und verabschiedete sich von ihnen. Schwungvoll öffnete Martin die Tür, und sie traten auf die Straße hinaus.

»Was machen wir nun?«, fragte Andreas. »Wir haben es geschafft. Habt ihr Lust, noch einen Schluck bei Ernies zu trinken?«

Ohne lange zu überlegen, nickte Conny. »Gern. Das muss gefeiert werden.«

»Also, auf zu Ernies!« Übermütig hakte sich Andreas bei Conny unter und zog sie sachte davon.

Conny schloss einen Augenblick die Augen. Sie glaubte, einen halben Meter über dem Boden zu schweben. Ihre Studienzeit schien unter einem guten Stern zu stehen.

Um die Nachmittagszeit war die Kneipe schlecht besucht. Ein wenig verloren saßen sie da und ließen sich etwas zu trinken bringen.

»Also Prost. Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit.« Andreas hob sein Glas, und die anderen kamen diesem Beispiel nach.

»Ich freue mich schon auf die erste Tanzstunde. Das wird sicherlich lustig«, sagte Martin in die Runde. »Im Club wimmelt es immer von Zuschauern. Da hast du sofort das Gefühl, als würden deine Schuhe wie Leim am Boden kleben.«

»Leim, ja genau. Danke für das Stichwort, Martin.« Andreas stellte sein Glas mit Schwung ab. »Könnt ihr Mädels mit Leim umgehen?«

Die Frage irritierte Conny. Worauf wollte er hinaus?

»Wozu wird diese Fähigkeit benötigt? Denkst du ans Dekorieren des Saals?«

»Das kommt bestimmt irgendwann auf uns zu. Nein, ich dachte an etwas anderes. Es geht jetzt auch nicht um Leim, sondern um Kleister. Also, wie sieht es aus? Ja oder nein.«

»Natürlich können wir. Mein Appartement ist das beste Beispiel.«

»Ihr scheut auch nicht davor zurück, Tapeten von den Wänden zu reißen? Abgebrochene Fingernägel und Farbkleckse im Gesicht werden mit stoischer Ruhe hingenommen? Kein hysterisches Gejammer?«

»Dumme Frage, wir scheuen vor nichts zurück! Das Einzige, was uns schreckt, sind Besserwisser«, konterte Ulrike.

»Das ist fein. Dann habt ihr garantiert am nächsten Wochenende Zeit.«

»Ach neee. Sollen wir dir beim Renovieren helfen? Scheust du dich vor der vielen Arbeit? Entweder rückst du mit der Sprache raus, oder du kannst auf unsere Hilfe verzichten.«

»Schon gut, schon gut, wenn ihr euch nicht gedulden könnt ...« Andreas griff nach seinem Glas und nahm einen großen Schluck. Dabei war er sich der Aufmerksamkeit aller bewusst. Verschwörerisch blickte er in die Runde. »Ihr seht das völlig richtig. Ich plane eine Renovierungs-Party. Vormittags wird gearbeitet und nachmittags gefeiert. Habt ihr Lust?«

»Da fragst du noch?« Aus funkelnden Augen sah Conny ihn an. »Wieso sagst du das nicht gleich! Für solche Aktionen sind wir immer zu haben. Nicht wahr, Ulrike?«

»Ja, doch. Wann?«

»Samstag früh.«

*

»Mir ist schlecht. Wahrscheinlich habe ich mir heute Mittag den Magen verdorben«, jammerte Conny. »Unter solchen Voraussetzungen werde ich keinen einzigen, vernünftigen Schritt zustande bringen.«

»Ist ja gut. Garantiert hast du nichts Verkehrtes gegessen. Es ist nur die Aufregung, die dir auf den Magen schlägt. Wieso eigentlich? Andreas?«

»Er ist ein toller Typ. Ich blamiere mich mit Sicherheit bis auf die Knochen.«

Aufmerksam betrachtete Ulrike das perfekt geschminkte Gesicht ihrer Freundin. Die leichte Blässe darunter konnte sie nur erahnen. Sie schob Conny das noch halbvolle Cola-Glas über den Tisch.

»Trink davon. Zucker ist gut für die Nerven.«

Gehorsam nahm sie ein paar Schlucke, und langsam beruhigte sich ihr Magen. Neugierig sah sie sich im Saal um. Zumeist in Paaren trafen die Kursteilnehmer im Club ein und suchten sich Sitzplätze an den zum größten Teil schon belegten Tischchen.

Martin und Andreas trafen ein. Sofort spürte Conny, wie ihre Magennerven erneut anfingen zu flattern. Hastig kippte sie die restliche Cola hinunter. Vielleicht half es ja.

»Hallo, da sind wir.« Fröhlich grinsend kamen die beiden auf sie zu. Sie hatten sich in Schale geworfen. »Wie sieht es aus? Habt ihr Lust zu tanzen?«

»Ja, natürlich. Gleich geht es los«, sagte Ulrike, während Conny verzweifelt nach Worten rang, um ein Gespräch mit Andreas anzufangen. Es fiel ihr zu ihrem großen Entsetzen nichts ein. »Ah, gerade kommt unser Tanzlehrer!«

Ein elegant gekleideter Herr mit kecker Stirntolle trat ein. Er trug eine dunkle Kombination und hielt den Stapel mit den Anmeldeformularen in der einen, das Mikrofon in der anderen Hand.

»Wow«, sagte Conny überrascht. »Da ist ja Herr Koberer. Beinahe hätte ich ihn nicht erkannt.«

Der Tanzlehrer trat auf das spiegelglatt polierte Parkett.

»Hallo und herzlich willkommen zur ersten Tanzstunde in unserem Kurs. Da mich alle inzwischen persönlich kennen, erspare ich mir eine Vorstellung. Darf ich Sie jetzt bitten, zu mir zu kommen?«

Lautes Stühlerücken, dann drängelten die Teilnehmer aufs Parkett. Conny sah sich nach Andreas um.

»Darf ich bitten?«, einladend hielt er ihr den Arm hin.

»Danke, gern.«

Gefolgt von Martin und Ulrike, begaben sie sich auf die Tanzfläche.

»Bitte bilden Sie Paare, sodass ich erkennen kann, wer zu wem gehört.« Verhaltenes Lachen, leises Raunen und das Tapsen von Schritten, die einzelnen Paare bildeten sich.

Vorsichtig zog Andreas sie dichter heran und drückte einmal kurz ihre Hand. Die Nervosität, die sie vorhin so gequält hatte, verschwand. Die Unruhe im Saal legte sich, und Herr Koberer ging mit prüfendem Blick durch die Reihen. Zufrieden nickte er und griff nach seinem Mikrofon.

»Als ersten Tanz habe ich für heute den Langsamen Walzer ausgesucht. Ich denke, dieser bietet sich an, damit Sie sich näher kennenzulernen. Aber auch für mich ist das die Gelegenheit, mich von Ihrem Können zu überzeugen.«

»Dann wollen wir mal«, sagte Andreas und wandte sich ihr zu. Schwach rieb ihre Kleidung aneinander. Dezent lag der Duft seines Rasierwassers in der Luft.

Wie trunken stand sie vor ihm und spürte jeden seiner Atemzüge.

Die ersten Takte des Walzers erklangen. Conny lauschte und versuchte, sich in die Musik hineinzufühlen. Vorsichtig legten die beiden ihre ersten Schritte auf dem Parkett hin. Geschickt, sehr selbstbewusst und sie nicht drängend, führte er sie. Rasch verschwanden die anfängliche Steifheit und die Unsicherheit. Gelassen bewegten sie sich im Rhythmus der Musik.

Immer wieder kreuzten sich ihre Blicke, und Conny hatte das Gefühl, wie Butter in der Sonne zu schmelzen. Seine Hand rutschte an ihrem Rücken ein Stück tiefer. Vertraulich blinzelte er ihr zu, oder bildete sie es sich nur ein? Ihre Gedanken schweiften ab. Andreas war mehr für sie als nur ein netter Tanzpartner. Das spürte sie deutlich. Und mit jedem Takt verstärkte sich dieses Gefühl.

Leise klang die Musik aus, viel zu schnell, wie Conny fand. Erwartungsvoll blieben die Paare stehen und wandten sich Herrn Koberer zu, der sie die ganze Zeit über beobachtet hatte.

»Das lief ja wie geschmiert. Deshalb machen wir gleich weiter mit dem Cha-Cha- Cha. Los geht es.«

Aufmunternd lächelte Andreas ihr zu und legte los. Der Rhythmus ging in ihr die Beine, so dass sie sich fast automatisch bewegten.

Wie Gespenster huschten sie über das Parkett, der Schwung und Elan von Andreas riss Conny mit. Immer mehr fühlte sie, wie sehr ihr das Tanzen in der vergangenen Zeit gefehlt hatte. Ihre Körper bewegten sich im Gleichtakt.

Die erste Dreiviertelstunde verging ziemlich rasch. Connys Atem ging schneller, und ihr Herz klopfte aufgeregt. Ob das nun am flotten Tanzen lag, wusste sie nicht so genau.

»Wirklich beeindruckend, was Sie mir heute zeigen. Bevor es allerdings weitergeht, legen wir eine kleine Pause ein.«

Herr Koberer wickelte das Mikrofonkabel auf und verließ den Rand der Tanzfläche.

Andreas führte Conny zum Tisch zurück. Dort warteten die beiden anderen schon auf sie. Begeistert sah Ulrike sie an, ihr war der Spaß an der Sache deutlich anzusehen.

»Wir holen etwas zu trinken. Darf es Mineralwasser sein?« Tief blickte Andreas in Connys blaue Augen und las die Antwort darin. Bei Ulrike begnügte er sich mit einem einfachen »Ja.«

Zusammen mit Martin verschwand er in Richtung Theke.

»Wie war's?« Begierig, die Erfahrungen ihrer Freundin zu hören, legte sich Ulrike fast auf den Tisch.

»Er tanzt wie ein junger Gott. Vom ersten Augenblick an habe ich mich bei ihm wohlgefühlt. Mit Schrecken denke ich an meine allererste Tanzstunde. Damals hatte ich das Gefühl, in einem Schraubstock zu stecken.«

Entspannt lehnte sich Conny in ihrem Sitz zurück und musterte ihre Freundin, die nach weiteren Informationen gierte.

»Und wie war es bei dir?«, erkundigte sich Conny. »Du kannst die Schritte doch um einiges besser als ich. Bei der Rumba hab ich zweimal einen Fehler gemacht. Du sicher keinen Einzigen.«

»Du hast mich durchschaut. Martin hat mir deswegen sogar ein Kompliment gemacht.«

Conny verdrehte die Augen und betrachtete ihre lackierten Fingernägel, deren Farbe perfekt auf ihren Rock abgestimmt war. »Ich denke, wir haben mit unseren Tanzpartnern den großen Fang gemacht - oder?«

3. Kapitel

Mit einer Denkermine, bei der jeder Charakterdarsteller neidisch geworden wäre, saß Conny auf der Bettkante. Neben ihr lag - ganz entspannt - Ulrike, die Arme unter dem Kopf verschränkt.

»Du hast vielleicht Probleme«, stichelte diese. »Eine alte, abgewetzte Jeans, ein schlabberiges Shirt, und fertig ist das Maleroutfit. Ich jedenfalls werde es nicht so kompliziert machen.«

»Ach du!«, rief Conny. »Hast du schon einmal daran gedacht, dass in so einem Studentenwohnheim mehr als hundert männliche Wesen auf einem Haufen hocken? An solch einem Ort kann ich doch nicht in Lumpen erscheinen!«

»Dann zieh halt dein nagelneues Seidenkostüm an! Damit bist du garantiert passend gekleidet.« Herzhaft gähnte Ulrike und richtete sich auf.

»Auf solche Gedanken kommst auch nur du«, grollte Conny. »Ich wollte einen vernünftigen Vorschlag von dir hören.«

»Bitte Frieden! Ich habe keine Lust, den Abend damit zu verbringen, über nicht vorhandene Kleiderprobleme zu diskutieren. Im Internat hast du ständig Klamotten getragen, die für ein solches Unterfangen geeignet waren.«

Entschlossen stand Ulrike auf und zog ihre Freundin von der bequemen Unterlage. »Wir durchforsten jetzt deinen Kleiderschrank. Ich bin mir sicher, dort werden wir fündig.«

»Das passt dir wohl so«, knurrte Conny. »Ich kenn das doch. Wenn du auch nur einen einzigen Blick in meinen Schrank wirfst, bin ich garantiert mehr als drei Kleidungsstücke los.«

Der Schlüssel klemmte leicht, als Ulrike versuchte, ihn umzudrehen. Ein gezielter Tritt gegen die Tür führte schließlich zum Erfolg. Knarrend öffneten sich die beiden Flügel und gewährten Einblick ins Innere. Sauber zusammengelegt lagen Pullover und T-Shirts in den Fächern. Auf der Kleiderstange, die sich in der Mitte stark durchbog, hingen Jacken, Hosen und Blusen. Gespannt betrachtete Ulrike den Inhalt. Anerkennend pfiff sie.

»Die meisten Sachen sind ja topmodisch und brandneu. Wo hast du die Klamotten früher immer untergebracht? Damals war dein Kleiderschrank im Gegensatz zu heute leer.«

»Ja, das möchtest du wohl wissen. In deiner Gegenwart waren meine Sachen doch nie sicher vor dir.« Conny dehnte jedes Wort im Munde. »Zu Hause, wo sonst. Und jetzt, da ich allein lebe ...« energisch schob sie ihre Freundin beiseite und wühlte in den Regalen. Skeptisch beobachtete Ulrike diese Aktion. Sie wusste genau, dass Conny keines der Kleiderstücke für geeignet fand. Und so war es auch. Jedes Teil nahm sie heraus, musterte es kopfschüttelnd und legte es wieder zurück.

»Halt, woher hast du dieses Shirt?« Plötzlich war Ulrike wie elektrisiert. Sie nahm ihrer Freundin das knallige Stück aus der Hand und besah es sich genauer. »Das ist doch mein Shirt. Vergangenes Jahr habe ich die gekauft, kurz vor den Sommerferien. Und seitdem vermisse ich es.«

»Deine Verwandtschaft mit einem Sieb ist nicht zu übersehen«, stichelte Conny, die den verwirrten Gesichtsausdruck ihrer Freundin mit Schadenfreude zur Kenntnis nahm. »Als ich einmal nicht wusste, was anziehen, da hast du es mir geliehen. Kurz darauf hast du es mir geschenkt, weil es dir urplötzlich zu eng war.«

»Stimmt, so ist das, wenn man sich ständig Gedanken für zwei machen muss.« Sie hielt das Shirt ins Licht. »Oha, da sind ja einige Flecken drin. Du Ferkelchen, immer nur die Stücke verderben, die ich dir vermache.« Ulrike warf ihr es ihr zu. Geschickt fing Conny sie auf und legte es über die Stuhllehne. »Zieh`s zum Renovieren an, dafür ist es noch gut genug. Und du kannst sicher sein, keiner von den anwesenden Herrschaften bemerkt, dass das Teil nicht mehr ganz aktuell ist.«

»Prima, ein Shirt habe ich jetzt. Aber was ziehe ich dazu an?«

»Da finden wir garantiert auch noch etwas. Keine Sorge!«

Erneut verschwand Ulrike im großen Schrank. Nur ihre ellenlangen Beine ragten noch hervor. Das Rumoren deutete auf eine intensive Inspektion ihres Kleiderschrankes hin. Nach einer Weile erklang dumpf ein Aufschrei aus der Tiefe. Langsam und mit hochrotem Kopf kam Ulrike nach einiger Zeit wieder zum Vorschein. Ihre langen, fast bis zur Taille reichenden Haare, sahen aus, als seien sie in einen Mixer geraten.

»Hier, sieh was ich gefunden habe.« Triumphierend wedelte sie mit der Hose vor Connys Nase herum. »Die passt doch einwandfrei dazu.«

Schweigend betrachtete Conny das Kleidungsstück und legte es zum Shirt. Betont langsam zog sie sich aus und probierte die ausgewählten Stücke.

»Die Hose kneift ein wenig. Dabei habe ich im Unterschied zu dir kein Gramm zugenommen.«

»Bei dir sieht man es bloß nicht so. Du kannst beruhigt sein. Beim Arbeiten gerätst du eh ins Schwitzen. Danach passt dir die Hose garantiert.« Ulrike ging mit nachdenklich gefurchter Stirn einmal um sie herum und nickte dann zustimmend. »Also, ich finde, das sieht toll aus. Keiner von den anwesenden Typen wird sich Gedanken über modische Aktualität oder irgendwelche Flecken machen. Schließlich sind sie zum Arbeiten da.«

Conny, die die ganze Zeit am Stoff herumgezupft hatte, grinste sie an. »Ich gebe mich geschlagen. Sollte allerdings Andreas laut brüllend vor mir wegrennen, dann ist das deine Schuld.«

»Zur Not nehme ich die ohne Weiteres auf mich. Schließlich weiß ich ganz genau, dass er nicht flüchten wird, sondern dir noch tiefer in die Augen sehen wird.«

Erneut wechselte Conny die Kleider. Die ausgewählten Klamotten drapierte sie auf einen Bügel und hängte sie außen am Schrank auf.

»Wie gefällt dir eigentlich Andreas?«

Ulrike runzelte die Stirn. Dieser Tonfall kam ihr merkwürdig vertraut vor.

»Ich finde ihn nett, falls du das meinst. Er sieht toll aus, ist ein spitzenmäßiger Tänzer und hat viel Humor. Für dich ist sicherlich die Erkenntnis am wichtigsten, dass er keine feste Freundin hat.«

»Genau. Du wirst es kaum glauben, aber ich freue mich tierisch aufs Renovieren. Es ist die Gelegenheit, Andreas noch besser kennenzulernen.« Verzückt sah Conny aus dem Fenster und seufzte leise. »Was meinst du, gefalle ich ihm?«

»Die Frage musst du ihm selber stellen, aber so wie er dich ansieht, garantiert.« Ununterbrochen betrachtete Conny die mausgraue Fassade des Nachbarhauses. Die Worte ihrer Freundin beruhigten sie nur ein wenig. Sanft zupfte Ulrike sie am Ärmel. »Eigentlich wollte ich dir dieselbe Frage stellen. Nur mit anderen Vorzeichen. Aber im Gegensatz zu dir bin ich mir doch recht sicher, dass Martin ein Auge auf mich geworfen hat.«

*

Mit großen Schritten stiegen Conny und Ulrike die Steintreppe hinauf. Die Tasche mit den Klamotten zum Wechseln und ein paar Getränken schien mit jedem Meter schwerer zu werden. Conny hatte das Gefühl, mit jeder Stufe dehne sich ihr Arm um drei Zentimeter. Ein Sack mit Steinen war garantiert leichter. Aufatmend holte sie Luft, noch eine Etage, dann hatte die Plackerei ein Ende.

Vierter Stock, so lautete die Auskunft von Andreas. Ausführlich hatte er ihr am Telefon den Weg bis zu seinem Zimmer beschrieben.

Oben angekommen ging es links herum. Andreas hatte versprochen, die Wohnungstür offen zu lassen. Sie betraten den spärlich beleuchteten Flur. Einsam und verlassen präsentierte sich ihnen der Gang. Dabei war Conny davon ausgegangen, dass ein Studentenwohnheim vor Leben nur so überlief.

Nachdenklich sah Ulrike sich um.

»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind? Niemand schleppt Möbel, und es liegt nicht ein Hauch von Farbe in der Luft.«

»Eigentlich schon. Garantiert hat Andreas vergessen, die Schränke auszuräumen. Und nun dürfen wir für ihn die Vorarbeiten erledigen.« Vor der dritten Zimmertür, die angelehnt war, blieb Conny stehen. Aufgeregt bummerte ihr Herz. Drinnen unterhielten sich Andreas und Martin. Und dazwischen das Poltern von schweren Sachen. Sie hob die linke Hand, um anzuklopfen. Irritiert von der dritten fremden männlichen Stimme, die im Zimmer erklang, hielt sie inne.

»Was ist? Hast du etwa plötzlich Angst bekommen?«, fragte Ulrike sie. Entschlossen klopfte Conny an, einen Augenblick herrschte Stille. Conny schien es, als ob alle die Luft anhielten und auf eine Explosion warteten.

Die braunlackierte Tür ging nun völlig auf, und ein unbekannter Typ erschien im Spalt. Als er die beiden Studentinnen sah, lächelte er ihnen freundlich zu.

»Conny und Ulrike? Fein, dass ihr den Weg gefunden habt. Ihr werdet schon sehnsüchtig erwartet.« Er trat zur Seite und machte eine einladende Geste. »Kommt herein.«

Neugierig traten sie ein. Noch standen die Möbel ordentlich an der Wand, aber dazwischen lagerten Umzugskartons mit Kleidung und Büchern. Andreas und Martin entdeckte sie in dem Gewirr sofort. Neben den beiden stand noch ein vierter Typ.

»Hallo Conny, hallo Ulrike. Habe ich es doch gewusst, ihr schreckt vor der Arbeit nicht zurück.« Mit großen Schritten trat Andreas über die Kartons auf sie zu. Seine Augen strahlten sie an, und Conny bekam weiche Kniee. Ihre letzten Zweifel schwanden. Sie hatte sie unsterblich in den sportlichen Andreas verliebt.

»Stellt erst einmal eure Taschen ab. Darf ich euch Bernd und Wolfram vorstellen? Sie sind meine Mitbewohner.«

Die beiden streckten Conny und Ulrike die Hand entgegen und begrüßten sie. An Bernd waren Conny sofort, als er ihnen die Tür geöffnet hatte, die hellblauen Augen und das wasserblonde Haar aufgefallen. Der Bräune im Gesicht nach zu urteilen, hielt er sich viel an der frischen Luft auf. Wolfram hingegen schien mit seinen rötlichen Haaren und dem blassen Gesicht mit Tausenden von Sommersprossen sonnenempfindlich zu sein. Er machte einen ausgesprochen gemütlichen Eindruck.

»Nachdem ihr euch jetzt beschnuppert habt, schlage ich vor, die unterbrochene Arbeit aufzunehmen«, verkündete Andreas sodann mit Feldherrnstimme. »Auf in den Kampf! Zielgebiet der Kartons ist die Bude von Martin. Sobald sie aus den Nähten platzt, ist Wolframs Zimmer an der Reihe. Tut mir leid - für Damen ist diese Arbeit nichts. Ihr Mädels dürft noch einen Augenblick Däumchen drehen.«

In Rekordzeit, wie Conny meinte, schafften die Jungs es, das Zimmer leer zu räumen. Bewaffnet mit Schraubenzieher und Hammer nahm Andreas sein Bett und den Kleiderschrank auseinander. Bernd und Wolfram trugen die sperrigen Teile davon.

Mit zwei Regalbrettern, die sie ohne Mühe tragen konnte, folgte Conny ihnen in das Reich von Martin.

Überall stapelten sich die demontierten Möbel und Kisten. Martins Bett diente als Ablagefläche für Kleinigkeiten und Kartons. Zwischen all dem Kram lugte zaghaft eine leicht welke Zimmerpflanze hervor. Conny suchte eine Lücke für die Bretter und resignierte schließlich.

»Kann ich dir helfen?« Überraschend stand Bernd hinter ihr. »Da oben, auf dem Schrank ist noch eine Ablagemöglichkeit.« Er nahm der verdutzten Conny die Last ab, stieg auf einen Hocker und verstaute sie. »So, das wäre geschafft. Für eine so hübsche Frau wie dich ist diese Arbeit eigentlich viel zu anstrengend.«

Mehr verwirrt als geschmeichelt von diesem Kompliment drängte sie sich an Bernd vorbei zurück ins andere Zimmer.

»Da bist du ja, ich hatte dich schon vermisst.« Bepackt wie ein Lastenesel, kam ihr Andreas entgegen.

»Bernd hat mir eben beim Verstauen der Bretter geholfen«, sagte sie und sah sich im leer geräumten Zimmer um. Sie entdeckte nur Wolfram, der mit einem Besen den Boden kehrte. Ulrike und Martin erblickte sie nirgends.

»Beginnst du schon mal mit dem Auslegen der Zeitungen? Du findest sie draußen im Flur hinter der Wohnungstür.«

»Ja, gut.«

Andreas verschwand mit seiner Last, und sie holte die alten Zeitungen und verteilte sie. Ulrike kam hinzu und half ihr.

»Wo warst du? Beinahe hätte ich eine Vermisstenanzeige aufgegeben.«

»In der Küche. Martin hat für heute Abend einen Kartoffelsalat vorbereitet. Diesen musste ich natürlich probieren.«

»Aha«, mehr sagte Conny nicht. Garantiert hatten sie nicht nur den Salat probiert. Innig hoffte sie, dass Andreas auch einmal auf eine solche Idee kam.

»Achtung heiß und fettig.« Andreas schleppte einen 10-Liter-Eimer Wasser ins Zimmer. »Ich bereite den Tapetenablöser vor. Beeilt euch mit dem Auslegen.«

So angemahnt sputeten sie sich. Kaum lagen die Zeitungen, da verteilte Andreas die Flüssigkeit großzügig auf die Wände. Große und kleine Rinnsäle hinterließen eine feuchte Spur, bevor sie das Papier durchnässten.

Conny schüttelte bei so viel planlosem Eifer den Kopf.

»Halt, nicht so heftig. Du verdirbst doch den Boden.«

»Das kann er ab. Er muss sowieso am Ende der Aktion gründlich gewischt werden.«

Ein weiterer Schwall tränkte die Tapeten. Ein feiner Sprühregen ging dabei auf ihn nieder. Conny wollte aufspringen und ihm ein Tuch reichen, aber er wischte sich einfach mit dem Hemdsärmel über das Gesicht.

»Wer weicht eigentlich hier wen auf?«, spottete Bernd unter der Tür.

»Du bist ja nur neidisch«, lachte Andreas. »Zehn Minuten muss das Zeug einwirken, dann kann die Spachtelkolonne loslegen.«

Bei diesen Worten blickte er die beiden Mädchen durchdringend an.

»Natürlich«, schimpfte Ulrike. »Wir dürfen die Dreckarbeit machen.«

»Ihr seid nicht allein. Wir helfen euch.«

Andreas beendete seine Einweichkampagne und ging ins Bad, um sich die Hände zu waschen. Mit einer Flasche Orangensaft und einem Schwung Plastikbecher kehrte er zurück.

»Letzte Tankstelle vor der Wüste«, rief Martin sie zusammen. »Wer nicht will, ist selbst schuld.«

Nacheinander wanderten die Flasche und die Becher zu den durstigen Helfern. Andreas blickte alle Augenblicke auf die Uhr. Schließlich rief er: »Schluss mit lustig! Spachtel marsch!«

Bernd kam mit einer Tasche an und deutete eine Verbeugung an.

»Greifen Sie zu, meine Damen und Herren! Jeder bitte nur einen Spachtel!«

Mit sanftem Nachdruck legte er Conny das Werkzeug in die Hand und sah sie dabei lange und durchdringend an. Ein merkwürdiges Gefühl beschlich sie, aber sie vermochte es nicht einzuordnen.

»Dann wollen wir mal sehen, wie gut die Tapete hält«, sagte sie zu Ulrike und trat an die Wand. »Wer steigt auf die Leiter? Andreas?«

»Wer sonst.« Bernd grinste Conny an. »Die gewagten Seilakte lässt er nicht doubeln.«

Gemeinsam schabten sie die sich aufwölbenden Bahnen ab. In kleinen Fontänen flogen die Papierstücke durch die Luft und landeten mit einem Klatschen auf den Zeitungen. Meter um Meter fraßen sich die Spachtel durch das aufgeweichte Zeug und rissen die Fetzen heraus.

Eine der Tapeten machte sich selbstständig. Immer schneller werdend rollte sie sich von oben nach unten ein. Bernd reagierte nicht rasch genug. Wie ein verhungertes Meeresungeheuer verschluckte die Tapete ihn. Heftig zerrte er an dem feuchten Papier und versuchte sich zu befreien. Conny, die neben ihm arbeitete, half ihm dabei, seinen Kopf auszuwickeln. Von oben bis unten mit Tapete dekoriert, stand er da. Die bis eben noch wasserblonden Haare waren grau und verklebt vom Lösungsmittel.

»Da hilft nichts mehr«, stellte Martin mit vergnügtem Gesichtsausdruck fest. »Du musst unter die Dusche und fällst als Arbeitskraft aus.«

»Was so eine Geisterbeschwörung doch für Folgen hat«, murmelte Wolfram. »Wir sollten uns vorsehen, nicht dass das Zimmer uns noch verschlingt!«

Er deutete auf die Wände, wo sich, wie von Geisterhand, ein Großteil der Bahnen selbstständig machte.

»Kleine Programmänderung«, verkündete Andreas. »Wir fangen an, das Zeug in die Müllsäcke zu packen. Liebe Conny, holst du sie? Sie liegen im Bad unter dem Waschbecken.«

Zustimmend nickte Conny und flitzte zum Bad. Doch bevor sie die Tür aufriss, fiel ihr zum Glück ein, dass Bernd duschen wollte. Sie stoppte so schwungvoll, dass sie mit dem Kopf gegen die Tür knallte.

»Wer stört?« erklang die Stimme von Bernd auf der anderen Seite.

»Ich bin es, Conny. Bernd gib mir bitte die Müllbeutel.«

Die Tür öffnete sich einen Spalt, und ein nackter Arm reichte ihr die Beutel heraus. Conny nahm den Packen und trug ihn ins Zimmer.

Als Andreas sie erblickte, strahlte sie an und trat ganz nah zu ihr heran. Obwohl noch ein klein wenig Luft zwischen ihre Kleidung passte, hatte Conny das Gefühl, es knistern zu hören.

*

Conny rutschte auf dem Bett zur Seite, um Andreas Platz zu machen. Eingezwängt zwischen Kartons und Möbeln saßen sie dicht nebeneinander. Vergeblich versuchte er seine Beine ein wenig auszustrecken, aber es gelang ihm nicht. Es herrschte zu große Platznot in Martins Zimmer.

Nervös nestelte sie an ihren Haaren und versuchte, den Locken ein wenig mehr Fülle zu verleihen. Dabei ärgerte sie sich im Stillen darüber, nicht doch noch ein Make-up aufgelegt zu haben. Ihr Shirt besaß ein wunderschönes Muster aus frischen Farbspritzern von der Decke und Kleisterflecken vom Tapezieren. Im renovierten Zimmer trocknete die neue Tapete langsam vor sich hin. Die Stunden emsiger Arbeit waren wie im Flug vergangen.

Jetzt saß sie da, und ihre Gedanken überschlug sich. Ihr Puls beschleunigte merklich. Nahm Andreas die Gelegenheit für einen kleinen, verschwiegenen Kuss wahr? Innigst hoffte sie, dass er den ersten Schritt wagte und diesen Moment des Alleinseins nutzte.

»Das Schlimmste ist überstanden«, zog Andreas eine erste Bilanz. »Morgen hilft mir Martin beim Um- und Einräumen. Danach brauche ich mir bis zum Ende des Studiums keine Gedanken mehr über das Renovieren zu machen. Ach, ist das beruhigend.«

»Das hängt davon ab, wie lange du studierst«, antwortete Conny enttäuscht. Ein Eimer Eiswasser hätte keine stärkere Wirkung auf sie haben können.

Die Tür ging auf. Martin stand unter dem Türrahmen, bis oben mit Bechern und Tellern beladen.

»Helft ihr mir bitte? Sonst fällt noch was runter.«

Conny sprang auf und streckte ihm die weit geöffneten Hände entgegen. Sie nahm Martin einen Teil des Geschirrs ab und reichte es an Andreas weiter. Ulrike tauchte auf, ebenfalls wie ein Packesel beladen. Ein wenig ratlos standen sie zu viert da. Viel Platz zum Drehen und Wenden war nicht vorhanden.

»Was nun? Essen wir im Stehen oder abwechselnd in Schichten?«, Andreas grinste spöttisch.

»Ich schlage vor, wir setzen uns alle erst einmal aufs Bett. Danach verteilen wir das Geschirr und zum Schluss die Fressalien.« Martin hatte die Lage voll im Griff.

Augenblicke später saßen sie dicht an dicht.

»Wolfram und Bernd essen in der Küche«, sagte Ulrike. Alle vier klapperten erwartungsvoll mit dem Geschirr. Die Salatschüssel und die Frikadellen machten die Runde.

»Alles nur eine Frage der Organisation«, prahlte Andreas. »Die beiden wussten von Anfang an, dass ihre Hilfe nur bei der Renovierung gebraucht wird.«

»So ist das also, ihr nutzt die Hilfsbereitschaft anderer schamlos aus«, stichelte Ulrike. »Deshalb nur eine kalte Kleinigkeit und kein first class Essen.«

»Genau, du hast es erfasst, wir sind nur arme Studenten«, antwortete Andreas, ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen.

Conny, die nach stundenlanger Arbeit einen großen Appetit hatte, stach einige Kartoffelstückchen auf ihre Gabel und probierte. Doch der Salat schmeckte so, wie er aussah, blass und fad.

»Hat jemand Sardinen dabei?«, fragte Conny.

»Wieso?«, erkundigte sich Andreas verdattert. »Möchtest du etwa noch welche?«

»Nein, aber diese Fischchen hätten sich in dieser Enge sehr wohl gefühlt.«

Allgemeines Gelächter klang auf, aber Conny weilte mit ihren Gedanken schon wieder anderswo. Selten saß sie so dicht neben Andreas. Sie musste sich nur ein ganz klein wenig nach links beugen, dann lag sie in seinen Armen.

»Was ist Bernd eigentlich für ein komischer Kauz?«, fragte Conny in die gemütliche Stimmung hinein. »Ständig war er da und half mir, seine blauen Augen schienen mich jedes Mal zu verschlingen.«

»Nur, damit du von Anfang an beruhigt bist«, meinte Andreas. »Jede Frau ist von Bernd irritiert.«

»Ach so, und deshalb hat es dich gar nicht weiter gestört«, stichelte sie, fühlte aber gleichzeitig, dass er mit etwas hinter dem Berg hielt.

»Es ist so ...« Andreas suchte nach den passenden Worten. Nur mit Mühe konnte sich Conny ein schadenfrohes Grinsen verkneifen. Deutlich spürte sie, wie verlegen er war.

»Bernd ist andersherum gepolt.«

Ein kleiner Moment verging, bis Conny und Ulrike den Sinn verstanden.

»Und da fehlen dir doch tatsächlich die Worte«, rief Ulrike. »Ich finde nichts dabei. Und ich dachte schon, er will dir Conny ausspannen.«

»Nein, nein. Bernd ist wirklich völlig in Ordnung«, meinte Martin und stocherte auf seinem Teller herum. »Schmeckt euch der Salat? Ich habe das Gefühl, da fehlt etwas.«

»Genau Alterchen. Es fehlt das Salz. Aber so etwas kann man von dir auch nicht verlangen.«

Wie von der Tarantel gestochen, sprang Andreas auf. »Salat - Kabelsalat. Martin, wo habe ich meine tolle Halogenlampe?«

Er öffnete den erstbesten Karton und suchte wie besessen darin. Dann stürzte er sich auf den Nächsten. Kopfschüttelnd sah Conny ihm dabei zu. Wozu hatten sie sich die Mühe gemacht und alles ordentlich eingeräumt?

»Hör auf, bevor du alles durcheinanderbringst«, sagte Martin. »Du hast sie als aller erstes verpackt, damit sie ja sicher verwahrt ist. So leid es mir tut, du wirst sie erst Morgen vorführen können.«

Doch Andreas war nicht zu bremsen. Nachdenklich blieb er einen Moment stehen, die Stirn in Falten gelegt. Danach stapelte er die mühsam aufgeschichteten Kisten um. Die Drei mussten ihre Füße hochheben, damit er genug Platz zum Suchen hatte. Endlich, als er die fünfte Kiste geöffnet und durchwühlt hatte, hielt er etwas Silbriges in der Hand. Seine Augen glänzten genauso, wie der kleine Doppeldecker. Es war eine filigrane Arbeit, aus dünnem Metall geformt. Geschickt und nur wenig sichtbar waren unten die Lämpchen befestigt.

»Mein großes Schmuckstück. Dieser Flieger bekommt einen Ehrenplatz an der Decke.« Stolz hielt er ihn in die Luft und ließ das Flugzeugmodell ein paar Loopings drehen. »Diese Lampe habe ich von meinen Eltern zum bestandenen Abi geschenkt bekommen.«

Andreas hielt ihn Conny und Ulrike einmal dicht vor die Nase. Dabei passte er allerdings auf, dass keine von den beiden das Kunstwerk berührte.

»Doch, dieser Doppeldecker ist spitze«, sagte Conny bewundernd.

Mit allergrößter Sorgfalt räumte Andreas den Flieger wieder weg. Ein wenig schob und rückte er die Kiste noch hin und her, um danach bei Conny Platz zu nehmen.

»Möchte noch jemand Salat?« Ulrike hob die Schüssel hoch und sah sie alle fragend an. »Ein kleiner Rest ist noch da. Ansonsten gibt es jetzt einen Nachtisch.«

Verblüfft sahen Conny und Andreas sie an.

»Ja, da staunt ihr«, lachte Ulrike. »Ich habe Bernd etwas Geld gegeben, und ihn gebeten, eine Packung Eis zu besorgen.«

Ulrike sammelte das schmutzige Geschirr ein. Wie selbstverständlich half ihr Martin dabei.

Schwer beladen verließen die beiden das Zimmer. Conny beobachtete die Aktion mit Erleichterung, so war sie wenigstens für einen Moment mit Andreas allein. Vor lauter Nervosität knetete sie ihre Finger, bis sie sich endlich ans Herz fasste. Zögernd legte Conny ihre Hand auf den muskulösen Oberschenkel von Andreas und übernahm einfach die Initiative. Sie konnte nicht länger im Ungewissen leben.

Andreas schien nur auf eine solche Geste gewartet zu haben. In seinen Augen lag das gleiche Lächeln, das sie schon am allerersten Tag bei ihm so gemocht hatte. Er drehte sich leicht zu ihr und hob seinen linken Arm. Sachte, sehr sachte und sehr zärtlich streichelte er ihr mit den Fingerkuppen über das Gesicht. Er zeichnete die kleine Stupsnase und ihre sanft geschwungenen Lippen nach. Vor lauter Wohlbehagen schloss Conny die Augen und öffnete den Mund ein wenig.

Andreas verstand sie sehr wohl. Noch ein Stückchen rutschte er näher heran und nahm sie in die Arme. In Conny explodierte ein Feuerwerk der Gefühle. Sie spürte seinen Herzschlag, der genau wie der ihre immer schneller ging. Zart, warm und ganz sanft fanden seine Lippen die ihren. Unterdrückt stöhnte Conny auf, sie fühlte, wie seine Zunge sich einen Weg durch ihre leicht geöffneten Lippen suchte. Sie tastete sich weiter vor und schon bald waren sie in einen innigen Zungenkuss vertieft.

Erst als sie beide keine Luft mehr bekamen, lösten sie sich voneinander. Behaglich kuschelte Conny sich noch ein wenig tiefer in seine Umarmung. Sie wollte ihm so nahe wie nur möglich sein.

»Das war schön«, flüsterte sie leise.

»Ja«, antwortete er und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Habe ich dir schon einmal gesagt, dass ich dich liebe?«

Sachte schüttelte Conny den Kopf. »Nein, bis jetzt ist mir so etwas noch nicht zu Ohren gekommen.«

Er beugte sich herunter, bis ganz dicht an ihr Ohr. Zärtlich knabberte er an ihrem Ohrläppchen, und in einer kleinen Pause flüsterte er ihr zu: »Ich liebe dich.«

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220 стр. 1 иллюстрация
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9783738037821
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