Читать книгу: «Angsttier»
Lola Randl
Angsttier
Roman
Unverkäufliches Leseexemplar
Erscheinungstermin 17. Februar 2022
Bitte beachten Sie die Rezensionssperrfrist bis zum ET.
Kontakt:
presse@matthes-seitz-berlin.de
vertrieb@matthes-seitz-berlin.de

Inhalt
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Da wurde seine Reue so groß,
dass ihm Zorn und Tobsucht ins Hirn schoss.
Er vergaß Anstand und Erziehung,
zerrte sein Gewand vom Leib, bis er völlig entblößt war.
So lief er über das Gefilde nackt in die Wildnis.
Iwein von Hartmann von Aue
I
Wenn man Eiszeit sagt, meint man meistens eigentlich Kaltzeit und wenn man ehrlich ist, weiß kein Mensch, wann und wie Kaltzeiten entstehen.
Zuerst wurden die Sommer nur ein bisschen kühler, aber hundert Jahre später waren sie dann schon richtig kalt und bald froren nicht nur die Seen, sondern auch die Flüsse zu und tauten nicht wieder auf. Mit jedem Niederschlag, der meist als Schnee fiel, wurde die Schicht ein bisschen dicker, und weiter oben im Norden waren manche Eisplatten schon kilometerdick.
Die Straße ging jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit immer geradeaus durch einen Kiefernwald. Nicht einmal eine Gelegenheit irgendwohin abzubiegen gab es, und so fuhren sie immer weiter und Jakob redete ohne Unterlass.
»Alles ist flüssig«, sagte er und machte eine kleine Kunstpause, um seiner Behauptung die richtige Wirkung zu verleihen. »Also natürlich ist nicht alles flüssig, aber die Gletscher schon.« Er beschrieb, wie sich die mächtigen Eisschilde nach Eurasien hineinschoben, wie sie durch die Gebirge flossen, sich in die Ebenen und in die Meere ergossen und alles unter sich begruben, was sich ihnen in den Weg stellte. Bäume, Sträucher, die Hütten der Ureinwohner, einfach alles wurde zermahlen. Nur die großen Steine widersetzten sich ihrem Untergang und schliffen sich zu runden Kugeln ab.
Friedel hatte schon Schwierigkeiten, sich das vorzustellen. »Wie kann etwas Flüssiges so stark sein?«, fragte sie und machte Jakob damit glücklich.
Eigentlich war es ganz erholsam, dass es mal nichts zu sehen gab, keine Häuser, über die man sich begeistern konnte, keine Grundstücke oder verlassene Höfe. Sonst schauten sie immer nach rechts und nach links, fuhren langsamer oder sogar nochmal zurück. Sie liebten es so übers Land zu fahren und zu fantasieren, wo man leben könnte, aber auf die Dauer war es auch ein bisschen anstrengend.
Als sie schon gar nicht mehr daran dachten, machte die Straße eine Kurve, ging bergab und nach einer weiteren Kurve, als es wieder bergauf ging, lichtete sich der Wald und der Blick auf eine weite, hügelige Landschaft tat sich auf. Vielleicht lag es an dem endlos monotonen Waldstück, aber dieser Anblick schien Jakob das Zauberhafteste, was er seit Langem gesehen hatte. Die Landstraße war größtenteils mit Kopfsteinplaster belegt und rechts und links von uralten Bäumen gesäumt. Die Felder ringsum wurden immer wieder von Baumgruppen und Büschen unterbrochen und an den Wegrändern lagen Ansammlungen von großen Steinen. Dieses Szenarium kam ihnen im ersten Moment ganz unwirklich vor, ganz anders als die gewohnte Kulturlandschaft mit ihren rechteckigen Flurstücken, und Jakob dachte wieder an die Eiszeit, oder vielmehr Kaltzeit, deren letzte Ausläufer diese Gegend geformt hatten.
Das erste Dorf, in das sie dann kamen, schien ein ganz normales Straßendorf zu sein und fast wären sie einfach nur durchgefahren, aber dann entdeckte Jakob eine kleine Kirche, die komplett aus den Steinen gebaut war, die hier überall herumlagen. Während Jakob das alte Gemäuer inspizierte, wollte Friedel sich den Dorfladen ansehen. Auf der Infotafel an der Kirche war vom Abdruck einer Tatze die Rede, die in einem der Steine über dem Eingang zu finden sein sollte. Weil die Tatze nur drei Zehen hatte, war den Menschen klar, dass es sich um einen Abdruck des Teufels handelte, der die Kirche zum Einsturz hatte bringen wollen. Weil aber die Gläubigen in der Kirche inbrünstig gebetet hätten, musste der Teufel schließlich aufgeben. Jakob war ein paar Schritte zurückgegangen, um den Abdruck zu suchen, aber noch bevor er ihn finden konnte, winkte Friedel ihn zu sich rüber.
Liebe Mutter,
Du wirst es nicht glauben: Wir ziehen aufs Land! Ja, Du hast ganz richtig gehört. Unsere Tage in der Stadt sind gezählt, und warum auch nicht. Ich kann ja schreiben, wo ich will, und Friedel macht jetzt auch immer mehr Homeoffice und muss nur noch ganz ab und zu in der Agentur sein. Schon die Ausflüge am Wochenende sind ganz wunderbar und die Zeit zusammen ist ein schöner Vorgeschmack darauf, wie es einmal sein wird, wenn wir erst das Richtige gefunden haben. Vielleicht trete ich sogar in die freiwillige Feuerwehr ein, oder in den Angelverein. Da wunderst Du Dich über Deinen Jungen, dass ich mal so etwas mache, stimmt’s?
Dein Jakob
Auf den Immobilienportalen waren die Preise für Häuser, die nicht allzu weit von der Stadt entfernt waren, bereits ins Astronomische gestiegen. Ihre einzige Chance, noch etwas Erschwingliches zu finden, war herumzufahren, sich durchzufragen und darauf zu hoffen, irgendwann auf ein Haus zu stoßen, das noch ganz frisch zu verkaufen oder aus irgendwelchen anderen Gründen noch unentdeckt geblieben war. Die Leute hier auf dem Land waren allerdings von Natur aus eher redefaul, um nicht zu sagen abweisend. Es war also unerlässlich, die Initiative zu ergreifen, und jetzt kam ihnen zugute, was Jakob in der Stadt manchmal ein bisschen auf die Nerven ging: Friedels offene und zugewandte Art.
Der Laden war in einem flachen Anbau aus den sechziger oder siebziger Jahren untergebracht, der sich an ein unscheinbares Arbeiterhaus mit grau-braunem Putz lehnte. Als Jakob dazukam, erzählte der Ladenbesitzer gerade etwas über eine Softeismaschine, die sich nicht mehr lohne, sodass er jetzt immer eine ganze Ladung in Plastikschälchen rauslasse und in den Tiefkühler stecke. Während sie auf dem steinhart gefrorenen Maracuja-Softeis herumkratzten, erzählte der Mann weiter, dass er die Woche über mit einer Kernbohrfirma in der Stadt arbeite. Jakob wusste wirklich nicht, warum Friedel ihn herübergewunken hatte, sie schien aber ganz in ihrem Element zu sein und kitzelte aus dem Dorfladenbesitzer noch heraus, dass er um halb fünf Uhr früh mit drei anderen zusammen losfuhr, um dann ab sieben auf einer Großbaustelle Löcher in Beton und Steinmauern zu schneiden. Jakob musste sie erst mit einem kritischen Blick fixieren, um ihr ihre Mission wieder ins Gedächtnis zu rufen. Als sie dann noch erfahren hatten, dass der Mann hauptsächlich Schnaps an die Säufer verkaufte, die keine Fahrerlaubnis mehr hatten, hakte Friedel endlich nach, was denn das für ein Haus sei, von dem er anfangs gesprochen hatte, und ob sie da vielleicht mal hinfahren könnten. Der Mann stockte und schien zu überlegen, dann ruderte er zurück. Es sei doch ganz schön runtergekommen und auch ziemlich abgelegen, mit nur einem anderen Haus gegenüber. Die meisten würden dort nicht wohnen wollen. »Aber warum denn?«, tat Friedel unbesorgt und versicherte, dass sie sowieso viel selbst machen wollten und die Ruhe dringend benötigten. Der Mann zuckte nur mit den Achseln. »Von mir haben Sie das aber nicht«, sagte er und beschrieb ihnen den Weg.
Sie mussten noch ein Dorf weiter fahren, dann einen abschüssigen Hohlweg hinunter, der mit Betonplatten belegt war, und weiter bis zu den beiden letzten Häusern, bevor der Weg in den Wald abbog. Sie parkten mit etwas Abstand und spazierten dann ganz unauffällig am Haus vorbei, quer über eine Wiese, eine Anhöhe hinauf. Wenn man sie so sähe, wäre natürlich völlig klar, was sie vorhatten, dachte Jakob.
Sie kamen auf eine Lichtung und setzten sich jeder auf einen Baumstumpf. Von hier aus konnten sie das ganze Dorf überblicken. Es bestand aus ungefähr zwei Dutzend Häusern, drumherum erstreckten sich die Felder. Es war ein sonnenklarer warmer Frühlingstag und am Horizont konnte man auch noch die nächste Ansammlung von Häusern, das nächste Dorf erkennen. Jakob atmete tief ein und hielt die Luft an. Wie würden sie am besten vorgehen? Sollten sie sich gleich offenbaren oder erst irgendwann im Laufe des Gesprächs auf das Haus zu sprechen kommen? Er war davon ausgegangen, sie würden das jetzt ganz genau beratschlagen, aber Friedel breitete die Arme aus und rannte einfach los, den Hügel hinunter. Offen für alles, was kommt, ohne Skript, ohne Taktik. Was für eine aufgesetzte Geste, diese ausgebreiteten Arme, dachte Jakob. Schlimmer aber war, dass sie ihn hier einfach so sitzenließ. Er spürte einen leichten Groll in sich aufsteigen und hatte nicht wenig Lust, aus Trotz noch eine Weile hier oben hocken zu bleiben, aber was hätte das bringen sollen? Also stand er auf und stapfte ihr hinterher, mit durchgestreckten Knien den Hügel hinunter. Diese etwas ungesunde Art zu gehen verschaffte ihm eine gewisse Genugtuung.
Als sie davorstanden, wirkte das Haus im ersten Moment ernüchternd. Der scharfkantige Spritzputz war zu großen Teilen abgefallen, die Plastikfenster aus DDR-Produktion mit Gardinen verhangen. Am Giebel wuchsen an einem rostigen Metallgitter Rosenbüsche hoch, die schon lange nicht mehr geschnitten worden waren. Alles sah schäbig aus und wirkte wenig einladend. Das Beste war das hügelige Feld, das sich hinter dem Haus erstreckte. In einer der Senken hatte sich Wasser gesammelt und es war ein kleiner Teich entstanden, auf dem etwas verloren zwei Schwäne schwammen. Wie groß diese Tiere doch waren, oder war nur der Tümpel so klein?
Ohne zu zögern, hatte Friedel den Knopf der Funkklingel gedrückt, der auf den glänzenden Edelstahlbriefkasten geklebt war. Kurz darauf bewegten sich die Gardinen, aber die Person dahinter wollte sich offensichtlich nicht zeigen. Jakob wäre in diesem Moment zurück zum Auto gegangen, aber Friedel klingelte gleich noch zweimal hinterher. Nicht viel später kam tatsächlich eine alte Frau hinter dem Haus hervor, tat aber eher so, als ob sie zufällig nach vorne käme und nicht weil Friedel geklingelt hatte. Ihr Strickoberteil, mit einem für ihr Alter recht großen Ausschnitt, hatte sie in die gesprenkelte Freizeithose gesteckt und diese so weit es ging nach oben gezogen. Sie wirkte wenig überrascht, dass sie da standen, und schlurfte mit ihren Plastikclogs und einem Eimer in der Hand zu ihnen ans Gartentor. Nachdem Jakob Hallo gesagt hatte und die Frau nicht reagierte, war er etwas aus dem Konzept gebracht, das es ja gar nicht gab. Vor allem aber lenkte ihn die Bewegung im Eimer ab, den die Frau hinter dem Türchen abgestellt hatte. Als er genauer hinsah, erkannte er, dass das Gefäß voller Schnecken war. Einige krochen bereits oben auf dem Rand herum, die anderen, weiter unten, waren nur ein matschiges Bündel aus Gehäusen und Kriechfüßen.
»Fressen wohl das Gemüse?«, fragte Jakob, um die Konversation doch noch in Gang zu bringen.
»Sind für die Enten«, antwortete die Frau knapp und schien damit das Gespräch schon wieder beenden zu wollen. Jetzt war es gut, dass Friedel die Führung übernahm und loslegte, wie toll doch das Haus sei und dass der nette Ladenbesitzer ihnen gesagt habe, dass es vielleicht zu verkaufen ist. Und überhaupt, dass sie ein junges Paar seien, ihr Leben radikal verändern wollen, sich niederlassen und so weiter und so fort, das volle Programm.
»Der Makler hat schon wen«, unterbrach die Frau sie in ihrem Redeschwall. Friedel stockte. »Aha, Sie haben einen Makler beauftragt? Dann können wir ja vielleicht auch mal mit dem sprechen.«
»Ich sag doch, der hat schon wen.«
Im Grunde tat Jakob die Frau ein bisschen leid, und er kam sich vor, als wollte er sie vertreiben. Dabei wünschte sie sich wahrscheinlich nichts sehnlicher, als mit einem Batzen Geld endlich für immer von hier zu verschwinden.
»Was für ein schöner Baum, so viele Kirschen«, setzte Friedel neu an und schaute zur üppigen Krone des alten Kirschbaums, der weiter hinten im Garten stand.
»Sauerkirschen. Wollen sie welche?«
Und ob sie welche wollten.
»Dann kriegt das Miststück sie wenigstens nicht«, nickte die Alte in Richtung des Hauses gegenüber.
Auf den ersten Blick sah das Nachbarhaus unbewohnt aus, als ob jemand mitten in der Renovierung aufgegeben hätte. Zwei ehemalige Fensteröffnungen waren mit weißen Steinen zugemauert und bis einen Meter über dem Boden klebte blankes Styropor am Sockel. Eine angelehnte Holzstiege führte ein paar Stufen zu einer Terrassentür hinauf, die in die Wand eingesetzt worden war. Im Kontrast zum Haus war der Rasen frisch gemäht und unkrautfrei, eine kleine Gruppe von Zypressen akkurat geschnitten.
Jakob musste anerkennen, dass Friedel mit ihrem Nichtplan ganz gut gelegen hatte. Zumindest redete die alte Frau jetzt ohne Unterlass, während sie die Kirschen pflückten. Jakob beobachtete von der wackeligen Stehleiter aus, wie Friedel sich bemühte, an den richtigen Stellen zu nicken, und er nickte dann auch und sagte »Ach ja« oder »Mhm«, wenn es ihm passend erschien. Das war gar nicht so einfach, die meisten Geschichten setzten etwas voraus, das sie nicht wussten, oder endeten irgendwo mittendrin. Oft war auch nicht klar, ob etwas nun gut oder schlecht zu bewerten war. Am Ende hatten sie auf jeden Fall mitbekommen, dass die Frau von gegenüber auf immer und ewig in Ungnade gefallen war, während ihr Sohn wohl ein ganz feiner Kerl sei und für irgendetwas nichts konnte, das sich Jakob nicht erschloss. Eine ganze Weile nickten und grinsten sie noch, bis endlich der Eimer so weit mit Kirschen gefüllt war, dass man es vertreten konnte, die Aufgabe als beendet anzusehen. Stillschweigend waren Friedel und er übereingekommen, vorerst nicht noch einmal nach dem Haus zu fragen.
Als Jakob die Kirschen im Kofferraum verstaute und mit ihren Badesachen vor dem Umkippen sicherte, entdeckte Friedel einen Wurf junger Kätzchen, die sich nicht weit von ihrer Mutter entfernt unter einer Hecke kugelten. »Ooch, wie süß!« Friedel hob eines hoch und musste feststellen, dass es das allersüßeste Kätzchen auf der ganzen Welt war.
»Die kommen weg«, sagte die Frau knapp und passte auf, wie Friedel reagierte. Natürlich hatte sie ins Schwarze getroffen und so fuhren sie wenig später zusammen mit dem süßesten Kätzchen über den Hohlweg zurück ins Dorf.
Es war schon erstaunlich, man hatte es Friedel wirklich abnehmen können, dass sie sich für die alte Frau interessierte, aber sobald die Autotüren geschlossen waren, war sie wie ausgewechselt und deklinierte Wörter wie Eigenkapital, Kaufpreisfinanzierung, Bausparvertrag, während sie gleichzeitig mechanisch das Kätzchen streichelte. Als Jakob einwarf, dass sie ja jetzt auch Miete bezahlten und dass sie mit diesem Geld dann einfach eine Hypothek tilgen würden, wurde sie fast ein bisschen böse. Sie nannte ihn blauäugig und sagte, etwas zu laut, dass eine solide Finanzierung, die auf mehreren Säulen steht, ein zentraler Punkt bei der ganzen Sache sei. Als Jakob sie besänftigen wollte, dass ihnen das Haus ja gar nicht zum Kauf angeboten worden war und die Diskussion deshalb sinnlos, rollte Friedel mit den Augen und schaute demonstrativ aus dem Seitenfenster. Den Rest des Weges fuhren sie schweigend zurück.
Sie hatten bei dem vietnamesischen Allesladen noch Gelierzucker und zwei Dosen Katzenfutter besorgt, und zu Hause machte sich Jakob gleich ans Entkernen der Kirschen. Die Katze, also Erich, wie sie jetzt hieß, beschnupperte argwöhnisch das unbekannte Dosenfutter, dabei war es allerbeste Qualität mit Thunfisch aus dem Nordatlantik. Wenn Erich gewusst hätte, dass er am nächsten Tag auf Biodosen, womöglich sogar fleischlos umgestellt werden würde, hätte er sich vermutlich anders verhalten. Der kleine Kater fixierte Jakob, dieses zweibeinige Riesentier, das mit ihm in die Wohnung gesperrt worden war, und pinkelte los.
Es hatte nicht lange gedauert, bis Friedel den Makler ausfindig gemacht und direkt angerufen hatte. Aus dem anderen Zimmer hörte Jakob sie erzählen, wie gut sie sich mit der alten Frau verstanden hätten und dass sie eine junge Familie wären, die ihr Leben ganz aufs Land verlegen wollten und gewillt seien, dafür einiges zu investieren, wie sie es nannte. Jakob konnte sich schwer vorstellen, dass ihre Ausführungen den Makler am Sonntagabend in irgendeiner Weise interessieren würden.
Das Fruchtfleisch löste sich äußerst widerspenstig von den Kernen, und von der scharfen Säure fingen die Nagelbetten zu brennen an. Die Kirschen waren nicht nur sauer, sondern gallebitter und hinterließen ein taubes Gefühl im Mund. Während Jakob Friedels Gequassel im Hintergrund lauschte, wurde ihm immer klarer, dass sie auf diese Weise keine Chance haben würden. Wenn man den Gang der Dinge noch ändern wollte, bedurfte es anderer Methoden, und er wusste auch, dass weder ihm noch Friedel diese Methoden zur Verfügung standen. Trotzdem weigerte er sich, die letzte Konsequenz aus seinen Schlüssen mit einem Namen zu verknüpfen: Wolfram, oder »Paps«, wie Friedel ihn nannte.
Friedels Familie, also genauer gesagt Wolfram, hatte es in einer westdeutschen Kleinstadt zu gewissem Vermögen und damit Selbstbewusstsein gebracht. Irene, seine Frau, tat das Ihrige, um die gottgegebene Überlegenheit noch etwas zu steigern. Sie hielt ihr Äußeres in Form, rauchte mit spitzen Fingern, pflegte einen abschätzigen Unterton und war auch sonst ein schreckliches Biest. Friedel war das einzige Kind, und ihre Eltern wollten natürlich nur das Beste für sie. Friedels Eltern verkörperten all das, was Jakob verabscheute. Aber man kann das eine nicht ohne das andere haben. Ohne den Umstand, dass Friedel so überbehütet und ohne die Möglichkeit jeglicher Gefährdung aufgewachsen wäre, hätte sie mit Sicherheit nicht diese unbeschwerte Leichtigkeit, mit der sie sich durchs Leben treiben ließ. Und das war es ja, was Jakob so sehr an ihr liebte: wie sie gegen nichts und niemanden Vorbehalte zu haben schien, alles und jeden mit offenen Armen empfing. Trotzdem, tauschen hätte er nicht mit ihr wollen. In gewisser Weise machte es ihn unverwundbar, immer misstrauisch zu sein, gefasst darauf, dass sich das Leben und die Vorstellung davon mit einem Schlag ändern konnte. Es war ja nicht so, dass seine Mutter nicht versucht hätte, gegen ihr Schicksal anzukämpfen, aber wenn man erst mal auf der falschen Seite ist, kann es schwer sein, den Graben zu überwinden. Ihre Karriere als Tänzerin hatte sie sofort aufgeben müssen, als sie mit ihm schwanger war, und in andere Berufsfelder konnte sie sich nie wieder so richtig einfinden. So hangelte sie sich von einer Männerbekanntschaft zur nächsten und gab die Hoffnung nicht auf, dass endlich mal der Richtige dabei wäre, einer, der es ernst meinte.
Das Handtuch, auf das er die Kirschen ausgekippt hatte, war bereits durchtränkt von dem roten Saft, der überall herumspritzte, nur nicht in den Topf. Er hatte überhaupt keine Lust mehr, sich mit diesen verdammten Kirschen herumzuplagen, schon gar nicht alleine, und stopfte sie zusammen mit dem Handtuch zurück in den Eimer. Obwohl er mit seinen rotverschmierten Händen extra nah an Friedel vorbeiging, um alles zusammen nach unten in die Restmülltonne zu bringen, nahm sie keinerlei Notiz von ihm. Als er zurückkam, wartete sie schon an der Tür. »Verkauft ist es noch nicht«, strahlte sie ihm entgegen. Jakob lächelte etwas gekünstelt. »Du bist ja wirklich der Hammer!«, sagte er und legte ihr die Hände um die Hüften. Das kam ihm aber doch etwas aufgesetzt vor, und er nahm die Hände wieder runter. Der Makler hatte ihr gesagt, dass jemand im Dorf schon länger an dem Haus interessiert sei und es im Grunde nur noch um die Details ging, das hieße aber auch, leitete Friedel daraus ab, dass es noch nicht zu spät sei, was sie ganz euphorisch machte.
Recht unvermittelt nahm sie seine Hand, führte sie an ihren Busen und fing an ihn zu küssen, was ihn daran erinnerte, dass bald Eisprung war. So gut es ging, hielten sie die fruchtbaren Tage ein, thematisierten es sonst aber nicht weiter, weil es ja auch dem modernen Verständnis von Sexualität widerspricht. Trotzdem wirkte der Sex irgendwie unfrei, seitdem es vor allem darum ging, schwanger zu werden. Sicherlich lag das auch an ihm und daran, dass er sich alle Lustgeräusche verkniff. Ganz am Anfang ihrer Beziehung hatte Friedel ihm unmissverständlich klargemacht, dass sein Sperma zusammen mit ihrer Scheidenflora einen unangenehmen Geruch verursacht. Also nicht nur unangenehm, sondern säuerlich, vergoren. Auch wenn sie nie wieder darüber sprachen, bekam Jakob es nicht mehr aus dem Kopf. Er hatte sich seither abgewöhnt, in Friedel zu kommen, und obwohl Friedel zur Verhütung ein Hormonstäbchen im Oberarm trug, spritzte er immer in die Hand ab und wischte es dann in die Unterhose oder ging nochmal ins Bad. Viel besser hätte er es gefunden, wenigstens auf Friedels Bauch oder ihren Brüsten zu kommen, aber so war ihre Beziehung nun mal nicht. Jetzt, wo er gezwungen war, in ihr zu kommen, blieben ihm die Lustgeräusche irgendwie im Hals stecken. Beziehungsweise wollte er nicht den Eindruck erwecken, auch noch Spaß an Friedels Ungemach zu haben.
In diesen Momenten war es unvermeidlich, nicht wieder an Peter zu denken. Peter hatte auch immer versucht, möglichst leise zu sein, wenn er Jakobs Mutter bestieg und Jakob in einem Beistellbett mit im Hotelzimmer lag. Jakob schaute dann an die Wand oder drückte das Gesicht ins Kissen und tat so, als würde er schlafen, bis Peter sich mit gepressten kehligen Geräuschen erleichtert hatte und anfing zu schnarchen.
Ein bisschen schräg war das schon, dachte Jakob, Friedel und er waren eigentlich bisher ganz glücklich gewesen, also ohne Kind, und wahrscheinlich hätten sie auch weiterhin ganz glücklich sein können. Nur war es früher, also noch bevor der Gedanke an ein Kind aufgekommen war, noch erfüllter gewesen, einfach so zu sein, oder erfüllender. Jetzt fehlte auf einmal etwas, das noch nie da gewesen war. Es hätte sich wie ein Verrat angefühlt, sich das Kind auf einmal nicht mehr zu wünschen, so als würde man das Kind, das es ja noch gar nicht gab, im Stich lassen. Dabei war ihnen beiden völlig klar, dass man sich Erfüllung nicht über ein Kind holen konnte, das wusste ja jeder. Vielleicht ging es auch einfach mehr um Vervollständigung als um Erfüllung.
Heute lenkte ihn zu allem Überfluss der kleine Kater ab, der neben dem Sofa die Unterhosen erforschte. Jakob musste aufpassen, nicht zu viel komisches Zeug zu denken und Sachen zusammenzubringen, die gar nicht zusammengehörten. Er machte weiter mit den Bewegungen und kam zu keinem Ende. Dann fielen ihm die kleinen behaarten Eier des Katers ein, die man dicht unter dem Anus sieht, wenn man den Schwanz hochhält. Nur nicht reinsteigern, dachte er, und kam endlich.
Zu den Katzenartigen während der Eiszeit vielleicht nur noch so viel: Die Säbelzahnkatze lebte in Rudeln, die vom dominantesten Männchen angeführt wurden. Nur diesem einen Anführermännchen war es erlaubt, Nachkommen zu zeugen, und sobald ein neues, stärkeres Männchen an die Macht kam, biss dieses die Katzenkinder, die der Vorgänger noch gezeugt hatte, nach der Geburt tot. Die Frage war natürlich schon, wie der Anführer eigentlich erkennen wollte, dass das nicht seine Kinder waren, wo doch selbst die Menschen den Zusammenhang zwischen Begattung und Schwangerschaft erst recht spät erkannt haben. Die Säbelzahnkatze starb mit der letzten Eiszeit aus, wobei nicht ganz klar ist, warum genau. Es könnte sein, dass die zunehmende Feuchtigkeit und die damit einhergehende Verwaldung ihr die weiträumigen Jagdgebiete genommen hatte. Es könnte aber auch an ihren zwar imposanten, aber gar nicht so praktischen Säbeln gelegen haben, die gut dazu geeignet waren, die Halsschlagadern und Luftröhren ihrer Opfer zu durchtrennen, aber schlecht zum Kauen. Aus diesem Grund konnte die Säbelzahnkatze nur die weichsten Teile ihrer Beute zu sich nehmen, die Innereien und Gedärme. Den Rest, also das Allerbeste, überließ sie den Aasfressern.
Noch am selben Abend erklärte Friedel das Asyl des kleinen Erich für beendet. Grund dafür war eine für Schwangere gefährliche Katzenkrankheit, auf die sie bei ihrer Recherche nach artgerechter Haltung von Hauskatzen gestoßen war. Dabei war Friedel ja noch nicht mal schwanger. Jakob wollte noch widersprechen, aber die Aussicht auf eine Spazierfahrt, bei der er seinen Gedanken nachhängen konnte, war so verlockend, dass er versprach, den Kater gleich am nächsten Tag zurückzubringen.
Das Tier miaute auf dem Beifahrersitz und versuchte, aus seinem Gefängnis zu entkommen, aber Jakob hatte den Karton mit Kreppband zugeklebt. Die endlos gerade Straße durch den Kiefernwald war ihnen letztes Mal auf der Rückfahrt gar nicht mehr so besonders aufgefallen, zumindest erschien sie ihnen da nicht so bedrückend, wie sie ihm jetzt wieder vorkam. Er machte das Radio an, aber anscheinend waren nur die Proletensender stark genug, um bis hierher durchzudringen.
Er schaute auf sein Handy. Kein Balken, null Empfang. Wirklich albern, aber aus irgendeinem Grund machte es ihn nervös, so abgeschnitten von der Zivilisation zu sein. Er atmete tief ein und wollte irgendetwas denken, was ihn von diesem klaustrophobischen Gefühl ablenken würde. Er stellte sich ein Auto vor, das an einem der Waldwege stand, einen älteren kleinen Sportwagen, wie sie früher als Auto für die selbstbewusste und unabhängige Frau angepriesen wurden. Als er etwas langsamer daran vorbeifuhr, sah er, dass die Fahrertür offenstand. Vielleicht brauchte jemand Hilfe. Sollte er anhalten oder doch besser weiterfahren? Vielleicht war es ein Unfall oder Überfall, oder beides. Er ging etwas näher zu dem Auto hin und schaute sich um. Der Zündschlüssel steckte noch, und er wollte schon rufen, als er ein Knacken im Wald hörte. Kurz darauf kam eine elegante Frau in einem cremefarbenen Kostüm aus dem Unterholz und zupfte sich noch ihren Bleistiftrock zurecht. Sie erschrak kurz, als sie Jakob bei ihrem Auto entdeckte. Jakob entschuldigte sich und erklärte, er habe gedacht, dass etwas passiert sein könnte. Als er dann schon wieder einsteigen und weiterfahren wollte, rief die Frau ihm noch hinterher: »Herr Niemeier, sind Sie das?« Wieso kannte ihn diese Frau, er wurde neugierig. Es stellte sich heraus, dass sie seine Arbeit interessiert verfolgte. Sein erstes Buch fand sie sehr gelungen und wollte wissen, wie sich das zweite entwickelte, an dem er ja gerade arbeitete. Er sagte ihr, dass er extra aufs Land ziehe, um sich mit aller Konsequenz in das Schreiben hineinbegeben zu können. Sie fand, dass das genau der richtige Weg sei und dass seine Notizen zu dem Buch ja schon eine unglaubliche Vorarbeit beinhalteten, von der das Werk mit Sicherheit sehr profitieren würde. Jakob pflichtete ihr bei, fragte sie aber noch, was sie von seinem Ansatz halte, den Text irgendwo zwischen ethnologisch und fiktional anzusiedeln. Sie fand das äußerst interessant. Dann meinte sie noch, dass er mit Friedel mal wieder in diesen kleinen libanesischen Imbiss gehen könne, wo sie früher oft gewesen waren.
Endlich kam die Stelle, wo die Straße bergab geht und der Wald sich lichtet. Er hasste diese Straße. Das nächste Mal würde er Musik mitnehmen oder einen Podcast hören.
Das Tageslicht wurde schon schwächer, als Jakob den Hohlweg zum Haus der alten Frau hinunterfuhr, der ihm jetzt fast schon ein bisschen vertraut vorkam. Im Haus brannte Licht, aber wie beim letzten Mal reagierte sie nicht auf die Funkklingel, wahrscheinlich war die Batterie seit Jahren leer. Friedel hatte noch ein Blumensträußchen und Pralinen in den ausgespülten Eimer gestellt, und im Strauß hing eine zusammengeklappte Karte, auf der in ihrer schönsten Schrift stand: »Uns hat es so gut gefallen bei Ihnen, hoffentlich sehen wir uns mal wieder. Und falls sie jemanden wissen, der sein Haus verkauft …« – und dann Friedels Nummer.
Jakob klopfte noch an der Tür, aber nichts rührte sich. Er ließ den Eimer stehen und ging mit dem Schuhkarton zu der Hecke, wo Friedel die Kätzchen entdeckt hatte. Er kniete sich hin und wollte gerade das Klebeband von der Schachtel zupfen, als er zusammenfuhr. Überraschend nah bei ihm stand ein stämmiger junger Mann in bunter Freizeitkleidung, der ihn mit seinen grünen Augen anstierte, während er mit einem Gartenschlauch den Rasen wässerte. Vermutlich hatte er schon die ganze Zeit da gestanden und ihn beobachtet. Jakob wunderte sich, dass er ihn vorher nicht bemerkt hatte, wollte aber auch nicht zu genau hinsehen. Auf gar keinen Fall wollte er sich auf ein Gespräch einlassen. Was hätte er auch sagen sollen, wenn der Mann ihn fragte, was er da macht. Er, mit dem Auto aus der Stadt, vor dem Haus der alten Frau mit dem ungeliebten Tier im Karton.
Der Kater schien zu spüren, dass das seine letzte Chance war, miaute so laut er konnte und kratzte an der Pappe. Jakob spürte die Hitze in sich aufsteigen und beeilte sich, schnell wieder ins Auto zu kommen. Er schleuderte den Karton mit der Katze auf den Beifahrersitz und startete den Motor. Im Rückspiegel sah er, wie der Mann raus auf die Straße kam und ihm nachschaute. Wie hatte er sich nur darauf einlassen können, die blöde Katze wieder hierher zurückzubringen? Es war doch klar, dass sie sich an dem Haus jetzt nicht blicken lassen durften. Um nicht wenden zu müssen und gleich wieder vorbeizufahren, folgte Jakob dem kleinen Feldweg, der schließlich an einem See mit Badestelle endete. Die hatten sie vorher gar nicht gesehen. Wenn sie hier wohnen würden, mit auch noch einer Badestelle in der Nähe … Jakob wollte sich lieber nicht vorstellen, wie perfekt alles sein könnte. Er zog sich aus, blieb aber noch einen Moment am Ufer stehen und genoss die frische Abendluft. Jetzt kam es ihm völlig übertrieben und unnötig vor, dass er so kopflos geflüchtet war. Warum hatte er nicht einfach ein paar Worte mit dem Mann gewechselt? Er hätte ihm erklären können, wie alles zusammenhängt, mit der Schwangerschaft, den Sauerkirschen und der Katzenkrankheit. Vielleicht hätten sie sogar Nummern ausgetauscht, falls der Mann mal was von einem Haus hörte.
Am besten war immer der Moment des Eintauchens in das kalte Wasser. Auf einmal ist alles anders. Die Temperatur, das Licht, die Töne, der Druck auf der Haut. Als Einzelwesen da oben zu schwimmen, auf dem tiefen dunklen See, in dem sich noch Tausende anderer Wesen tummelten, von denen er keine Ahnung hatte.
Beim Abtrocknen bemerkte er, dass es vollkommen still geworden war. Der Wind hatte sich gelegt und auch die Frösche und Vögel gaben keinen Laut mehr von sich. Jakob bewegte sich etwas, um wenigstens selbst Geräusche zu verursachen, aber auch das Abreiben mit dem Handtuch und das Aufsetzen der Füße auf den Boden wurden seltsam verschluckt. Rufen wollte er nicht, das kam ihm übertrieben vor. Lautlos zuckte ein Blitz über den See. Jakob hatte ihn wahrgenommen, aber nicht darüber nachgedacht, was dann passieren würde, und so traf ihn der Donnerknall, eine Sekunde später, vollkommen unvorbereitet. Vor Schreck blieb ihm der Atem stehen. Der Blitz musste recht nah eingeschlagen sein, er meinte sogar, dass sich der Erdboden ein bisschen bewegt hatte. Jetzt kam er sich ganz mickrig vor, wie er hier stand, mit dem Handtuch um die Hüften, umringt von riesigen Bäumen.
Der Wind frischte auf und brachte den ersten Regen. Erst fielen nur wenige, aber dicke, schwere Tropfen, die auf das Wasser platschten. Jakob löste vorsichtig das Kreppband, sodass der kleine Kater es am besten gar nicht mitbekam, setzte den Schuhkarton aufs Wasser und gab ihm einen leichten Stups. Der Karton schaukelte auf dem Wasser und die Tropfen schlugen auf den Deckel. Bald schon würde die Pappe durchweicht sein. Dann ging alles ganz schnell, der Wind war zum Sturm geworden und der Regen prasselte hinunter. Jakob riß sich los und flüchtete ins Auto.
Der Garten des Nachbarn war jetzt leer, und durch das Fenster der Plastiktür sah man das blaue Leuchten des Fernsehers. Eigentlich, dachte Jakob, wäre es schön, gleich für immer hier zu bleiben, und als er an einem Gasthof zum Rappen vorbeifuhr, entschloss er sich, dort einzukehren, bis das schlimmste Unwetter vorbei wäre. Als er durch den Flur auf die Gaststube zulief, hörte er von drinnen lautes Lachen. Wollte er da wirklich reingehen, noch könnte er einfach umdrehen und sich in die Stadt kämpfen.
Als er die Tür öffnete, war er erstaunt, dass nur der Wirt und noch zwei andere an der Theke standen. Im Fernsehen lief eine Gerichtssendung ohne Ton und auch von draußen drang durch das Isolierglas kaum etwas von den Geräuschen des Sturms herein. Der präparierte Pferdekopf gegenüber dem Eingang wirkte überraschend echt, und wenn er nicht so angestaubt gewesen wäre, hätte man glauben können, dass ein Pferd den Kopf durch die Wand gesteckt hatte. Jakob entschied sich für einen Tisch am Rand, von dem aus er den Raum gut überblicken konnte. Der Stuhl, den er vom Tisch zog, war schwer und ratterte laut über den Boden. Erst jetzt nahmen die Männer Notiz von ihm, verstummten augenblicklich und schauten zu ihm rüber.
»Nachtigall, ick hör dir trapsen«, rief einer an der Theke, was die anderen in schallendes Gelächter ausbrechen ließ. Jakob erkannte, dass sie gefüllte Bier- und Schnapsgläser zu einer Pyramide aufgestapelt hatten. Der Wirt kam zu ihm an den Tisch und Jakob bestellte ein kleines Bier und eine Frikadelle. Die Speisekarte behielt er, um noch die Sage zu lesen, die auf der ersten Seite abgedruckt war.
In einem Dorf lebte einmal eine Sippe, in der alle einen Kopf größer waren als die anderen Menschen in der Umgebung. Ihre Körper waren über und über mit Haaren bewachsen. Die behaarten Menschen hatten sich einen Turm gebaut und darin hing ein Pferdekopf. Wenn die behaarten Menschen nicht weiterwussten, fragten sie einfach den Pferdekopf, und der wusste dann, was zu tun war. Eigentlich interessierte Jakob viel mehr, was die Gruppe an der Theke anstellte, aber er wollte auch nicht so genau hinschauen und war froh, dass er etwas zu lesen hatte.
Die Dorfleute und die behaarten Menschen lebten lange in Frieden, bis eines Tages neue Siedler in das Dorf kamen. Schon bald gab es einen unter ihnen, der unbedingt wissen wollte, was es mit dem Pferdekopf auf sich hatte. In einer kalten stürmischen Nacht schlich der Siedler in den Turm und nahm den Pferdekopf von seinem Platz. In diesem Moment fing der Kopf zu sprechen an und prophezeite ihm, dass er nun auf ewig blind sein würde. Wenig später krachte der Turm in sich zusammen und begrub den Siedler mitsamt dem Pferdekopf. Die behaarten Ureinwohner des Dorfes verschwanden in den umliegenden Wäldern und wurden nie wieder gesehen. Warum das Blindwerden noch wichtig war, wenn man doch von Steinen erschlagen wurde, erschloss sich Jakob nicht. Er schaute zu dem schwarzen Pferdekopf an der Wand, der jetzt etwas meschugge zu ihm herunterschielte. Bei solchen mündlichen Überlieferungen, dachte er, blieben oft nur die sonderbaren Details und überflüssigen Grausamkeiten übrig, während Inhalt und Dramaturgie verkümmerten. Einer der Männer würfelte, anscheinend ein guter Wurf, und musste oder durfte dann den obersten Schnaps von der Pyramide trinken. Jakob spürte, dass sie ihn aus den Augenwinkeln ganz genau observierten. Er machte eine Geste zu den Männern, hob sein Glas, ein kleines Nicken, verbunden mit einem Lächeln, aber keiner von ihnen reagierte. Sie wussten, dass er aus der Stadt kam, dass er vermutlich ein Haus suchte oder jemanden besuchte, der schon ein Haus hatte. Wahrscheinlich wussten sie sogar, um welches Haus es ging.
Auf dem Rückweg stellte er sich vor, beim Bezahlen an der Theke mit den Männern noch ganz locker ins Gespräch gekommen zu sein. Sie hätten gesagt, dass sie Maurice hießen und Schatzmeister, wobei Schatzmeister natürlich ein Spitzname war. Er hätte gefragt, woher der Name käme, und sie hätten erzählt, dass Schatzmeister auch auflegt und dass das sein DJ-Name sei, und dann hätten sie ihn gefragt, wo er denn jetzt noch hinfahre, und er hätte ihnen noch zwei Bier ausgegeben und wäre dann los, nicht ohne schnell noch einen Schnaps mit ihnen zu trinken, den er nicht hätte abschlagen können.
Natürlich hatte Friedel die Zeit genutzt, in der er nicht da war, und mit Wolfram gesprochen. Vielleicht hatte sie ihn sogar genau deswegen losgeschickt. Wolfram hatte dann mit dem Makler gesprochen und anschließend wieder mit Friedel, und es war ihnen gelungen, einen Termin zu vereinbaren. Und wenn es ein Treffen gab, dann gab es auch eine Chance, strahlte sie. Das war ja im Grunde eine tolle Nachricht, aber so richtig glücklich machte Jakob die Sache nicht. Er hielt Friedels kampfeslustige Energie an diesem Abend kaum aus und verzog sich bald ins Bett. Dass »Paps« ihr Projekt Landleben in die Hand nehmen sollte, gefiel ihm überhaupt nicht, er zog es aber vor, jetzt besser nicht damit anzufangen.
Jakob hatte Friedel vor gut vier Jahren in der Bibliothek zum ersten Mal gesehen. Sie stand im Gang der Soziologie, und nachdem er sie dort entdeckt, aber nicht angesprochen hatte, ging sie ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Woran genau er damals dachte, wenn seine Gedanken um sie kreisten, war jetzt nur noch schwer zu sagen. Er wusste nichts von ihr, hatte nur ihre Erscheinung bewundert, wie sie so konzentriert ganz bei sich selbst war, zur gleichen Zeit aber auch locker und entspannt wirkte. Ihr graziler Körper und die etwas nachlässige Kleidung, die sehr bewusst ausgesucht war, taten ihr Übriges. Na ja, irgendwie war sie auch ganz normal und gar nicht so besonders, aber sogar das fand er in dem Moment toll. Dann kam sie lange nicht wieder, Jakob aber war von nun an fast jeden Tag in der Bibliothek und setzte sich immer so, dass er den Gang mit der Soziologie gut im Blick hatte. Wie blöd er gewesen war, sie nicht gleich anzusprechen, ärgerte er sich. Er versuchte weiter an seinem Buch zu schreiben, aber eigentlich hätte er das gleich lassen können. Und dann stand sie irgendwann wieder da, genau im selben Gang wie beim ersten Mal. Jetzt durfte er keine Minute warten. Er raffte sich auf und lief zu ihr hin. Es waren eigentlich nur ein paar Meter, trotzdem war er ganz kurzatmig, als er bei ihr ankam. Erst jetzt bemerkte er, dass sie ein paar Zentimeter größer war als er, das hatte er aus der Entfernung gar nicht vermutet. Er wusste nicht, wie er es anstellen sollte, aber das musste er gar nicht, sie sagte, dass sie Friedel sei, und lächelte. Auf seltsame Art wusste Jakob vom ersten Moment an, dass diese Frau genau das hatte, was ihm fehlte. Dass er sie brauchte und sie ihn.
Sie hatten sich direkt am Haus des Maklers verabredet. Das weiße Angeberauto von Friedels Eltern parkte direkt neben dem schwarzen Angeberauto des Maklers. Über den Parkbuchten war ein etwas zu großes Transparent gespannt, auf dem »Immobilienmakler R. Blaschke« stand, und dann gab es darauf noch ein verblichenes Bild, auf dem das Haus des Maklers zu sehen war, vor dem sie jetzt standen. Friedels Mutter war draußen geblieben, um zu rauchen. Vermutlich kannte sie das Stück, das gleich aufgeführt werden würde, schon zur Genüge.
Der Makler war ein windiger dünner Kerl mit Jeans und gestreiftem Hemd, der eindeutig zu viel Parfüm aufgetragen hatte. Die weißen Haare hatte er mit Dauerwelle oder Minipli irgendwie nach oben arrangiert, wahrscheinlich, um ein bisschen größer zu wirken. Betont energisch ging er auf die Familie zu und streckte jedem die Hand hin, erst Friedel, dann Wolfram und schließlich Jakob. Sein Händedruck war fest und entschieden, trotzdem spürte man eine leichte Unsicherheit, und vielleicht bildete Jakob sich das nur ein, aber er hatte etwas feuchte Hände. Während die Männer anfingen, sich gegenseitig auszutesten, wohlbedacht ihre Potenz als Geschäftsmänner herauszustreichen, stellte Jakob sich ans Fenster, das sich über den gesamten Giebel der ausgebauten Scheune erstreckte, und schaute auf den Innenhof. Auch wenn er potenzieller Nutznießer des Geschachers war, hielt er das Getue kaum aus. Er würde freundlich sein und sich nichts anmerken lassen, aber ihren Wohlstand und ihre Selbstgefälligkeit würde er immer hassen. Friedels Mutter besah sich draußen mit der Zigarette in der Hand die Hortensien und den Hibiskus. Wie herablassend sie jedes im Hof zur Schau gestellte Dekoelement taxierte, er konnte ihren Hochmut bis hier oben spüren. Ein älteres blaues Auto kam angefahren und parkte quer hinter den anderen Autos auf dem Kiesweg. Ein junger Mann in fleckig gebleichten Jeans stieg aus der Tür, Jakob erkannte den Nachbarn, den Mann mit den grünen Augen und dem Gartenschlauch. Er spürte eine Anspannung bis an die Kopfhaut, und seine Nackenhaare stellten sich auf. Am liebsten wäre er verschwunden, unsichtbar geworden. Er hörte Wolfram und den Makler hinter sich, konnte sie aber nicht genau verstehen, irgendetwas wurde beschlossen. Und Friedel, dieses saubere, perfekte und untadelige Wesen schaute zu, wie die alten Männer das Schicksal in ihrem Auftrag verbogen. Es ist ja nur zu ihrem Besten, wird sie denken. Auf einmal stand sie neben ihm und nahm seine Hand. Der Mann in den fleckig gebleichten Jeans registrierte das weiße Auto mit dem westdeutschen Kennzeichen und natürlich auch Jakobs Volvo, mit dem er letztes Mal vor ihm geflüchtet war. Er blickte zu Friedels Mutter und dann zu ihnen herauf, und Friedel drückte Jakobs Hand etwas fester.
Auf was genau sich schließlich geeinigt worden war, blieb nicht ohne Absicht im Verborgenen, aber jetzt wollte Wolfram endlich mal »die Hütte« sehen, das »Objekt der Begierde«. Jakob schmerzte seine profane Ausdrucksweise zutiefst, der dysphemistische Soziolekt des Kapitalisten, er spürte es geradezu körperlich. Wenigstens hatte er nicht schon vorher alles inspizieren wollen, wofür er überhaupt kämpfen sollte, dann wäre es richtig peinlich geworden.
Der Makler versuchte, sie bei der alten Frau anzukündigen, aber sie ging nicht ans Telefon. Trotzdem fuhren sie los, vorneweg der Makler, dann Friedels Eltern und als letzte Friedel und er.
Jakob erinnerte das ganze Rollkommando an die Jungsbanden, die sich in dem Brachland um das überteuerte Appartementhaus gebildet hatten, in das er mit seiner Mutter gezogen war. So ein Wohn- und Geschäftshaus, das eine Versicherungsgesellschaft an einer Ausfallstraße gebaut hatte, war zu dieser Zeit in kleineren Städten noch durchaus unüblich. Für seine Mutter war es die Gelegenheit, sich irgendwie abzusetzen von den »gewöhnlichen« Leuten, auch wenn sie sich die teure Miete und die Fernwärmeversorgung und den Videorekorder und das alles kaum leisten konnte. Marinus Bönickes Mutter hatte sich in deren Wohnung, die zwei Stockwerke über ihrer lag, ein Frisierstudio eingerichtet. Jedes Mal, wenn Marinus ihn mit in seine Zentrale nahm, wie er sein Kinderzimmer nannte, roch es dort extrem nach Haarspray und Zigarettenrauch, sodass Jakob im ersten Moment die Luft wegblieb. Aus irgendeinem Grund hatte Marinus ihn als seinen Adjutanten ausgewählt, obwohl Jakob als Jungsbandenkrieger eher ungeeignet war. Entweder hatte sich kein anderer finden lassen, oder Marinus hatte tatsächlich Fähigkeiten in Jakob erkannt, die ihm selbst abgingen. Die Jahre im Neubau waren in Jakobs Erinnerung eigentlich die schlimmste Periode seiner Kindheit. Wahrscheinlich war es die Zeit, in der seine Mutter sich endgültig von dem Gedanken verabschiedete, eine junge Frau zu sein, und diesen Abschied wollte sie gebührend feiern. Oft war er abends und auch nachts allein in der Wohnung. Er stellte sich ein tiefgefrorenes Fertiggericht in die Mikrowelle und aß vor dem Fernseher, wo er dann auch kurz einschlief, um später im Bett wachzuliegen und zu warten, bis jemand seine Mutter nach Hause brachte. Manchmal war es ein Mann allein, manchmal auch eine Gruppe. Entweder kannten sie seine Mutter schon oder hatten sie in irgendwelchen Kneipen aufgegabelt und auf veloursbezogenen Rücksitzen der Reihe nach durchgebumst, bis sie sie zu ihm in die Wohnung schubsten. Jakob stand dann meistens auf und achtete darauf, dass seine derangierte Mutter auch ins Bett ging und nicht auf noch mehr dumme Gedanken kam.
Der Makler drückte auf den Klingelknopf, bei dem sich Jakob mittlerweile fast sicher war, dass es sich um eine Attrappe handelte. Dann öffnete er einfach das Törchen und sie alle drängten in den Garten, der jetzt, mit den vielen Personen, erstaunlich eng wirkte. Bestimmt war die Frau zu Hause und beobachtete sie, wie sie von außen auf das Haus zeigten. Da, nach Süden, müsste natürlich ein großer Durchbruch hin, mit Terrasse davor und oben ins Dach eine Gaube, erklärte Friedel ihren Eltern im Flüsterton, die sichtlich schockiert vom schlechten Zustand der Immobilie waren. Es war kaum auszuhalten, wie sie gedanklich Löcher in den Schutzraum der Alten rissen und ihre Festung zerstörten, während sie drinnen ausharrte und hoffte, nicht entdeckt zu werden. Der Makler gab Anekdoten aus seiner Zeit als LPG-Vorsitzender zum Besten und Wolfram zog über die marode Bausubstanz her. Friedel komplettierte die Unterhaltung, indem sie über die Ostdeutschen wie eine Kindergärtnerin redete, wie erfindungsreich sie doch wären und dass sie auch aus ganz wenig etwas machen konnten. Jakob verzog sich unbemerkt unter den Kirschbaum. Die ausladenden Äste hingen so weit herab, dass man fast ganz darunter verschwinden konnte. Diesmal hatte er etwas Spaß an den sauren Früchten, die die Schleimhäute pelzig machten, und steckte sich immer drei oder vier davon in den Mund. Er hörte ein Klacken aus der Richtung des Nachbarhauses und schaute reflexartig rüber. Eine füllige Frau hatte die Terrassentür aufgezogen und kam die Holzstiege in den Garten herunter, immer mit dem linken Bein zuerst. Die Stretchleggings mit der Tunika in Oversize darüber waren ganz offensichtlich dazu gedacht, ihre Polster zu kaschieren. Jakob war irgendwie berührt, wie sie versuchte, ein halbwegs passables Bild von sich zu vermitteln, wo doch schon alle Kontrolle verloren war. So wie sie kampfeslustig herüberschaute, war klar, dass sie zu ihnen wollte. Der Rasen des Nachbargrundstücks war wirklich erstaunlich gepflegt, sehr kurz und sehr grün, sogar unter dem neu aufgestellten Industriezaun und außen herum war das Gras exakt einen Rasenmäher breit sauber geschnitten worden. Die anderen hatten das Klacken der Plastiktür gar nicht bemerkt, und als Jakob zu seiner Gruppe zurückkam, schien sich ein gewisser Konsens eingestellt zu haben, der Makler hatte seine DDR-Ehre behalten, Wolfram konnte stolz auf seine Tochter sein, und Irene saugte selig an ihrer Slimzigarette. Jakob genoß es, die Nachbarin in seinem Rücken näherkommen zu spüren. Auf einmal unterbrach der Makler seinen Redefluss und guckte an ihm vorbei.
»Ramona!« Er schien ziemlich aus seinem Konzept gebracht. Jetzt schauten auch Friedel und ihre Eltern zu der Frau. Was aus der Nähe sofort ins Auge stach, war ihr Damenbart, der nicht, wie Damenbärte sonst, aus einer haarigen Oberlippe bestand, sondern auch die Wangen und den Hals mit einem Flaum bedeckte. Das Gesicht bildete mit dem Hals mehr eine Fläche und ging nahtlos in die Tunika beziehungsweise direkt in den Körper über. Jakob hatte ein kleines Vergnügen an dem Schrecken, den seine Freundin und deren Eltern im ersten Moment hatten, bevor der Makler noch ein zweites Mal »Ramona« und dann »Wir haben gerade einen Termin« sagte. Jakob fielen ihre sanften grünen Augen auf, die in einem fremden Körper zu stecken schienen. Es war schwer zu sagen, ob ihre üppigen Rundungen weich oder eher recht fest waren, und er hätte sie gerne, nur so zum Test, einmal angefasst.
Was denn jetzt mit Denny sei, wollte sie wissen. Der Makler meinte, Denny könne ja auch einen Termin machen, genau wie jeder andere. So einfach wollte sie aber nicht klein beigeben, sie griff ihn am Hemdkragen, drängte ihn ein paar Meter zur Seite und zischte ihm etwas ins Ohr, das nur er verstehen konnte. Der Makler ließ mit Absicht die Hände einfach nach unten hängen, versuchte nicht, sich aus ihrem Griff zu befreien oder sie sonst irgendwie abzuschütteln. »Verkauft ist, wenn verkauft ist«, hörte man den Makler sagen.
Das muss der Moment gewesen sein, als der Nachbarin klar wurde, dass Denny, offensichtlich ihr Sohn, der Gartenschlauchmann mit dem blauen Auto, das Haus niemals bekommen würde. Der Makler würde ihre Abmachung, die vielleicht schon vor langer Zeit getroffen worden war, brechen und lieber den Weg des Geldes gehen. Und Jakob wurde zum ersten Mal klar, dass die Unterschrift unter einem Kaufvertrag nur ein Teil des Sieges sein würde, dass ein neues Leben auf dem Land noch ganz andere Probleme für sie bereithalten würde. Zum ersten Mal stieg ein kleiner Zweifel in ihm auf, ob er diese neuen Probleme, mit neuen Menschen, neuen Geschichten und Konstellationen überhaupt haben wollte.
»Du Dreckschwein, Ronny Blaschke! Besser, sie hätten dich damals nicht gefunden«, schubste die Nachbarin den Makler mit aller Kraft weg. Er taumelte, konnte sich aber gerade noch abfangen, bevor er ins Gras stolperte. Die alte Frau, die vorgab, nicht da zu sein, spitzte wieder hinter den Gardinen hervor, tat aber einen Teufel, sich jetzt herauszuwagen.
Friedels Eltern blieben noch einen Tag in der Stadt, es wäre ja auch komisch gewesen, wenn sie gleich wieder zurückgefahren wären. Die seltenen Male, die sie sonst zu Besuch waren, hatte Jakob als Quälerei in Erinnerung, aber diesmal fühlte es sich zu seiner Überraschung irgendwie o. k. an. Oder hatte er einfach schon aufgegeben? Friedel hatte Karten für eine nichtspeziesistische Theaterperformance besorgt. Anscheinend wollte sie ihren Eltern ganz arglos ihre Welt zeigen, oder zumindest das, was sie sich unter ihrer Welt so vorstellte. Jakob konnte das nicht nachvollziehen, er hätte sie eher in irgendeine Boulevardkomödie mit einem Altstar geführt oder in ein Varieté. Immerhin fand er selbst die Sache nicht uninteressant. Es war eigentlich kein richtiges Stück, sondern eine Dauerperformance, die im Foyer eines Theaters stattfand. Es gab vier menschliche Performer und ein festes Ensemble von sechs nichtmenschlichen, das aus Tauben bestand. Die Performer, also alle zehn, gingen im Grunde irgendwelchen normalen Beschäftigungen nach, wobei die Beschäftigungen der Sapiens auch teilweise ausgedacht oder aufgesetzt wirkten. Die Nichtmenschlichen verhielten sich entweder natürlicher oder waren bessere Schauspieler, auf jeden Fall brachten sie auch noch andere Freunde von der Straße mit in die Performance. Zum Leidwesen der Sapiensperformer, denn die Straßentauben waren sehr ungehobelt, machten sich am Essen zu schaffen und kackten alles voll. Friedels Eltern fanden das Stück reichlich abstrus, konnten sich aber gut darüber lustig machen. Am Ende waren sie alle ganz schön geplättet von den Ereignissen, auf dem Land und in der Stadt. Dummerweise war mit der Reservierung in dem israelisch-palästinensischen Restaurant, in das Friedel sie noch ausführen wollte, etwas schiefgelaufen, und sie entschieden, einfach nur zu dem Falafelladen bei ihnen um die Ecke zu gehen.
Als sie endlich mit ihren Sandwiches auf den selbstgezimmerten Bänken saßen, die auf einem der letzten unbebauten Grundstücke im Innenstadtbezirk aufgestellt waren, gelang es ihnen zum ersten Mal, recht entspannt über Geld zu reden. Es wäre natürlich Unsinn, wenn Friedel herumlaufen müsste und versuchen, einen Kredit zu bekommen. Wolfram wollte lieber einen Teil seines Depots auflösen und dann sei das Geld ja schon da. Jakob spürte eine Erleichterung, die er aber lieber verbarg. Es war ihm durchaus klar, dass es für ihn extrem schwer werden würde, Geld von einer Bank zu bekommen, und so war es genau genommen eine Riesenerleichterung. Er versprach seinen Anteil umgehend, allerspätestens wenn sein neues Buch erscheinen würde, an Friedels Eltern zurückzuzahlen. Die beiden gingen aber gar nicht weiter darauf ein, was ihn ein bisschen überraschte. Ob es daran lag, dass Jakob vielleicht schon bald der Vater ihres Enkelkinds sein würde und damit quasi zur Familie gehörte? Auf jeden Fall war er mehr intergriert als früher, und das fühlte sich gut an. Leider musste er so dringend pinkeln, und als Irene wieder anfing zu erzählen, wie sie sich damals hochgearbeitet und dann noch das größere Möbelhaus und die Villa gebaut hatten, konnte er sich endlich mal in den hinteren Teil der Brachfläche verziehen. Zwischen dem Gestrüpp lag einiges an Müll und Essensresten und eine Taube hinkte dazwischen herum. Er machte die Hose auf und pinkelte an einen Strauch, als er noch eine zweite Taube entdeckte, die neben ein paar Taschentüchern mit Kotresten lag und sich ruckartig bewegte. Als seine Augen sich mehr an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er, dass es nicht die Taube war, die sich bewegte, sondern eine Ratte, die daran herumzerrte. Wie ekelhaft, ob das welche von den Tauben waren, die auch bei der Perfomance mit dabei waren? Am liebsten wäre er schnell verschwunden, aber wenn man einmal angefangen hatte zu pinkeln … Es raschelte im Laub, und wie ein Pfeil schoss ein grauer Schatten aus dem Dunkeln hervor und direkt auf ihn zu. Jakob sprang zurück, aber die Alpharatte hatte sich schon an seinen Turnschuh gekrallt. Jakob schrie auf und versuchte hysterisch das Tier abzuschütteln, das sich in sein Hosenbein vorzuarbeiten versuchte. Er hob den Fuß hoch und packte die Ratte am Leib. Mit viel Kraft wand sich der feste Körper und riss mit Pfeifgeräuschen das Maul auf, um ihn irgendwie doch noch zu beißen. Er warf das Biest weg, aber nicht weit genug, und die Ratte flitzte gleich wieder auf ihn zu. Jakob rannte nach vorne ins Licht, zurück ins Stadtleben und machte sich die Hose zu.
Liebe Mutter,
wir haben unser Domizil gefunden! Wir halten es auch langsam wirklich nicht mehr aus in der Stadt und warten nur noch auf die Zusage. Der Makler hat versprochen, sich sehr für uns einzusetzen. Er findet es gut, wenn eine junge Familie diesen Schritt wagen will. Ja, Du hast richtig gehört: Familie. Wir werden bald ein Kind bekommen, und wer weiß, dann auch zwei oder drei …? Auf jeden Fall nutzen wir die fruchtbaren Tage. Friedels Eltern waren zu Besuch und haben ganz schön gestaunt, wie wir das alles anpacken. Sie bestehen darauf, dass sie uns das Geld geben, dann müssen wir nicht langwierig bei einer Bank herumtun, aber ich weiß noch nicht. Ich freue mich nur darauf, wenn ich im Garten stehe und die Pflanzen gieße, und am Samstag werde ich vor der Garage das Auto waschen, ja, das werde ich.
Übrigens, ist Dir mal ein übler Geruch aufgefallen, von Sperma in Zusammenhang mit der Scheidenflora?
Ich mein ja nur.
Dein Jakob
Am nächsten Tag kam der Anruf vom Makler, die Zusage. Sie waren natürlich hocherfreut und wollten, sobald es ging, zum Haus fahren, um es etwas genauer und auch von innen zu besichtigen, aber das war genau der heikle Punkt: Die alte Frau wollte auf keinen Fall eine weitere Besichtigung. Wenn ihnen das nicht passte, verkaufe sie lieber an Denny, der kenne das Haus ja. Friedel und Jakob willigten ohne zu zögern ein, was sollten sie auch groß von der Besichtigung des Hauses erwarten? Es war eines dieser kleinen Landarbeiterhäuser, die damals, in der jungen DDR alle nach dem gleichen Schema gebaut worden waren. Die Räume waren klein, und sie würden ohnehin fast alles neu machen müssen.
Die Wartezeit bis zum Notartermin war dann doch schwer auszuhalten. Sie konnten kaum einen anderen Gedanken fassen als an das Haus und das Land und schleppten sich wie Zombies durch die Tage. Dazu immer die Anspannung, schließlich konnte ja jederzeit jemand mit einem noch größeren »Paps« daherkommen. Zum Glück gelang es ihnen, in den Kaufvertrag mit aufzunehmen, dass der Kaufpreis auf ein sogenanntes Treuhandkonto hinterlegt werden sollte und sie im Gegenzug, sobald unterschrieben war, gleich in das Haus konnten. So würden sie wenigstens noch vor dem Winter ein paar schöne Wochen auf dem Land haben.
Und dann war es endlich so weit, der Tag der Beurkundung. Überraschenderweise waren auch Friedels Eltern angereist. Jakob war nicht ganz klar, warum eigentlich, aber er hielt sich zurück, um nichts in der Welt wollte er die Unterschrift jetzt noch gefährden.
Sie setzten sich alle um einen großen ovalen Tisch mit einer unangenehmen Glasplatte, der parfümierte Makler, Friedels Eltern, die alte Frau, der Notar, Friedel und er. In der Mitte standen eine Thermoskanne mit Kaffee, Sprudelwasser, kleine Saftfläschchen, Tassen und Gläser und ein Schälchen mit Kaubonbons. Jakob nahm sich ein Minifläschen mit Pfirsichnektar, als sich aber niemand sonst bediente, war es ihm ein bisschen peinlich. Der Makler hatte allerbeste Laune, der Notar wollte es so schnell wie möglich hinter sich bringen, und alle anderen waren einfach nur erleichtert, als es endlich losging. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
»Roswita Anni Koch, geboren 4. September 1942 in Königsberg, im folgenden ›Verkäufer‹ genannt«, fing der Notar zu lesen an. Frau Koch nickte und der Notar fuhr fort: »Friedel Agneta Richter, geboren am 26. Februar 1986 in Göttingen, im Folgenden ›Käufer‹ genannt«, und Friedel nickte. »Verkauft wird ein Grundstück …« Jakob räusperte sich und unterbrach: »Stopp, stopp, stopp. Ich bin ja auch Käufer.«
»Ach, dann doch?« Der Notar blickte in die Runde. »Das kann man alles noch ändern.«
Im Entwurf hatten ganz eindeutig ihre beiden Namen gestanden, da musste sich ein Fehler eingeschlichen haben.
»Wenn wir das Geld da reingeben, dann muss es auch Friedels Haus sein«, statuierte Wolfram. Jakob sah Friedel an, das konnte unmöglich ihr Ernst sein. Er forderte sie auf, das umgehend richtigzustellen. Sie hatte etwas feuchte Augen und schaute auf die Tischplatte. Dann sagte sie, dass es doch trotzdem ihr gemeinsames Haus sei, auch wenn nur ihr Name im Grundbuch stünde. Das glaubte er jetzt nicht, so leichtfertig würde sie nicht alles kaputtmachen. Das konnte nur ein Missverständnis sein. Jakob war fassungslos. Friedel wusste Bescheid und hatte ihm nichts davon gesagt. Sie sollte ihm bitte mal erklären, was das zu bedeuten hatte, aber sie schüttelte nur den Kopf. »Das Haus gehört dir doch trotzdem mit.« Unfassbar, erst wurde der Nachbar verarscht und jetzt war er an der Reihe. Sogar die Alte schaute betreten auf den Tisch. Jakob entschuldigte sich und verließ den Raum.
Auf der Toilette wurde ihm erst das ganze Ausmaß des Verrats bewusst, und der Ärger nahm ihn vollends in Beschlag. So schnell kann sich alles drehen. Er hörte, dass wohl auch Friedel das Besprechungszimmer verlassen hatte und vermutlich vor der Toilette auf ihn wartete. Das war’s, Endstation, in diesem miesen gefliesten Toilettencarrée, wo es nach chemischem Raumerfrischer roch. Er war in die Enge getrieben, seine Panik trieb ihm den Angstschweiß auf die Stirn. Er öffnete das milchige Fenster, es war gar nicht so tief bis zur Straße, und wenn man sich an der Regenrinne festhielt …
Ein Kind spürt sehr genau, wenn es nicht gewollt ist. Es kann sogar sein, dass es das so stark spürt, dass es versucht, seine Existenz zu verschleiern. Jakob hatte sich stets bemüht, für seine Mutter eher unsichtbar zu sein, auch wenn er dadurch natürlich nicht weniger ungelegen war. Gleichzeitig wollte er aber mit allen Mitteln vermeiden, dass sie wusste, dass er wusste, wie ungelegen er für sie war, sonst hätte sie ein schlechtes Gewissen gehabt und alles wäre noch schlimmer gewesen. Ob es überhaupt eine Chance gegeben hätte, dass es irgendwie anders gelaufen wäre und sie ein schönes Leben gelebt hätten, ist unklar und tut auch nichts zur Sache. Vielleicht, wenn sie tatsächlich mal eine richtige Familie geworden wären, mit einem lieben Mann und einem Haus und allem. Aber das passierte eben nicht. Oder sie hätten in einer kleinen coolen Wohnung ein Künstlerleben leben können, hätten nicht viel gehabt, aber wären glücklich gewesen. So war es aber nun mal nicht angelegt in ihnen. Wie hatte er nur so blöd sein können, zu denken, er könnte jemals irgendetwas daran ändern? Seinem Schicksal entkommt man nicht. Niemals. Und überhaupt, was für eine spießige Idee, als glückliche Kleinfamilie im eigenen Haus auf dem Land zu leben? Aus welchem noch so entfernten, absurden Grund hätte er Mitbesitzer einer solchen Immobilie sein sollen? Das Schlimmste war, dass er sich tatsächlich darauf hatte einlassen wollen. Er ärgerte sich fast mehr darüber, dass er so dumm gewesen war, als darüber, dass er verarscht und ausgebootet wurde. Aber er würde die Enttäuschung wegstecken, dafür hatte er Methoden, das hatte er gelernt. Er würde die Enttäuschung in sich begraben, irgendwo ganz tief drin, und nur wenn es gar nicht anders ging, um sich vor neuen dummen Ideen und neuen Enttäuschungen zu schützen, würde er den Grabstein der alten Enttäuschung etwas anheben, ein bisschen zur Seite schieben, nur ganz wenig und in den Abgrund schauen. Dann wäre sie wieder da, sie würde in ihm hochsteigen und ihm die Kehle zuschnüren. Sie würde sich auf seinen Brustkorb hocken und ihm das Atmen schwer machen und er wäre gewappnet.
Бесплатный фрагмент закончился.
