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Lise Gast

Kleiner Bruder Ben

Saga

Kleiner Bruder Ben

© 1968 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711509708

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

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Damals waren wir noch sehr arm. Vier von fünf Schwestern besaßen gemeinsam einen Mantel, und der war geschenkt. Sie mußten sich mit dem Tragen auf eine gut ausgeklügelte Art abwechseln, aber es klappte fast immer. Die fünfte brauchte keinen. Sie lief in Joppe und Hosen der Brüder herum, und wir merkten erst, daß sie noch nie ein Kleid besessen hatte, als wir zu einer Konfirmation eingeladen wurden. Abgesehen vom Taufkleidchen natürlich, in dem wir alle nacheinander einmal gesteckt haben, am bisher höchsten Feiertag unseres Lebens.

Trotzdem führten wir ein lustiges Leben. Wir bewohnten unterm Dach eines alten Klostergebäudes in Westfalen drei Räume. Einer war groß und hell, ein Giebelzimmer mit breitem Fenster, die beiden anderen rechts und links winzige Schlafkämmerchen. Eine Küche haben wir uns später selbst dazu gebaut. Das war eine Zeit! Alles voll Bauschutt und Sägespäne, die großen Jungen hämmerten und klopften, und als Tür bekamen wir vom Gutsherrn eine noch wenig gebrauchte Stalltür geschenkt. Dafür aber wurde unsere Küche die gemütlichste der Welt. Großmutter saß mit dem Strickzeug dort und paßte auf die Schularbeiten der Kleinen auf – meist waren es nicht nur unsere, sondern noch etliche aus dem Dorf –, und von nebenan hämmerte Mutters Schreibmaschine. In dieser Küche haben wir nicht nur gekocht, gebacken und gewaschen, sondern auch geschneidert, gespielt, getanzt und Gäste bewirtet.

Wenn unser Lehrer zur Klavierstunde kam, gab es hinterher ein großes Kaffeetrinken in der Küche. Dabei spielten wir Zitateraten oder „Zwanzig Fragen“, und es gab großes Hallo, wenn einer von uns dem Lehrer ein Schnippchen schlagen konnte. Einmal wußte er nicht, aus welchem Gedicht die Zeilen stammen: „Ein alter Oberst erzog mich und sagte dabei: Ich lehre dich Gottesfurcht und Reiterei.“

Wir sind mit den wunderbaren Balladen Münchhausens, des letzten ritterlichen Dichters, groß geworden, weil Mutter ihn noch gekannt hat und schätzt, und können viele seiner Gedichte auswendig. Das war ein Sieg? Alles, was nit Pferden zusammenhängt, ist in unserer Familie nun einmal wichtig.

Mit einem Pferd passierte dann auch der Unfall. Es war ein schlimmer, deshalb nannten wir ihn schlicht, „den Unfall“. Kleine Unfälle kamen bei uns öfter vor, wie das in großen Familien üblich ist. Eine von uns flog vom Rad und riß sich den Oberschenkel auf, eine fuhr in ein langsam fahrendes Auto und kam mit einer geschwollenen Nase heim, daß wir sie kaum wiedererkannten. Das war Ackus. Ackus war die wildeste von uns. Eigentlich heißt sie Angelika. Aber das bedeutet „Engel“, und ein Engel ist sie nie gewesen, das klingt so ein bißchen nach Kitsch und Lockengold. Hellblond, sprühend vor Temperament, mit dunkelblauen Augen, hätte sie gut ein Junge sein können, zumal sie sportlich alle andern übertraf. Großmutter hat sie einmal beobachtet, als sie im Gutshof Fußball spielte, vier Stunden lang. Ihre Partner wechselten laufend, sie hielten ihr Tempo nicht durch. Wenn mal keiner da war, kickte sie den Ball senkrecht an der Klostermauer hoch und stoppte ihn wieder ab, pausenlos. Einmal flog er in den Hundezwinger. Keiner der gerade anwesenden Dorfjungen traute sich, ihn wieder herauszuholen. Ackus ging hinein, nahm den Ball, faßte den Hund, der natürlich mit hinauswollte, am Nackenfell und ging rückwärts, freundlich, aber streng mit ihm sprechend. Es war ein großer Schäferhund mit scharfem Gebiß; und die Hunde, die im Zwinger sein müssen, sind fast immer bissig. Großmutter sagte, sie habe noch eine Viertelstunde hinterher eine Gänsehaut gehabt.

Ackus’ große Liebe war Ben, unser Jüngster. Sie spielte mit ihm, verwöhnte ihn und brachte ihm vieles bei, was eigentlich noch nichts für ihn war: lange Gedichte, lateinische Zitate und altkluge Redensarten. Einmal ging es abends mit ihm auf der Straße neben einem fremden Herrn her, der den Kleinen freundlich ansprach.

„Sieh mal, Junge, den schönen hellen Stern da oben!“

„Das ist der Jupiter!“ erklärte Ben gelassen. Ackus strahlte vor Stolz. Es war wirklich der Jupiter. Mutter sah die leidenschaftlich-zärtliche Liebe von Ackus zum jüngsten Bruder manchmal ein bißchen mit Sorge.

„Erstens verwöhnst du ihn“, sagte sie gelegentlich, „und zweitens, Ackus: Ben ist reich, er hat ein Zuhause und Geschwister und sieht so nett aus, daß ihm alle Herzen zufliegen. Es gibt Kinder, die vom Leben benachteiligt sind, behinderte oder schwach begabte oder einfach weniger hübsche – solche darf man über den eigenen Geschwistern nicht vergessen.“

Sie dachte dabei an das bedauernswerte kleine Mädel eines Hofarbeiters, das von den andern oft geschubst und schlecht behandelt wurde. Ackus hatte es ihr einmal selbst empört erzählt und berichtet, sie habe die anderen „vermöbelt“.

Auf Mutters Ermahnung sagte Ackus etwas beschämt: „Aber der liebe Gott hat uns doch erstmal die Geschwister geschenkt, damit wir uns um sie kümmern.“

„Sicher. Aber man muß auch abgeben können, Kind“, erwiderte Mutter leise. „Eigene Kinder und reizend aussehende Geschwister zu lieben ist keine Kunst und kein Verdienst. Familienegoismus ist auch Egoismus.“

Ackus ging nachdenklich hinaus. Am Nachmittag beobachtete Mutter, wie Ackus im Gutshof stand, einen der phlegmatischen Ackergäule am Zügel, der darauf wartete, eingespannt zu werden, und jenes kleine Mädel hinaufhob.

„Nun darfst du reiten, du und niemand anderes“, erklärte sie, während ihre Augen vor Eifer funkelten. „Reiten ist das Schönste auf der Welt. Gefällt es dir?“

Mutter mußte lächeln. Das kleine Mädel versuchte zu nicken, während es sich angstvoll an die strähnige Mähne klammerte. Es war sicher froh, als Ackus es wieder herunterhob.

Mit Ben passierte der Unfall, ziemlich kurz vor der Adventszeit, die für uns alle die schönste Zeit des Jahres ist. Er wurde von einem Pferd mitgeschleift und sah schlimm aus. Er trug zwei Schädelbrüche davon, der kleine Kerl. Selbst der Arzt machte ein bedenkliches Gesicht. Zu dieser Zeit haben auch wir Kinder erfahren, was das Gebet bedeuten kann, und Gott erhörte uns. Ben kam durch. Er lag zwar wochenlang im Krankenhaus, aber er kam durch.

Wir besuchten ihn natürlich, so oft wir konnten, obwohl es weit war, und wir außerhalb der Schulzeit wenig frei hatten. Wir mußten früh um sechs zum Omnibus, zu dem man zwanzig Minuten lief, und kamen erst nachmittags um drei heim. Das hinderte uns aber nicht, den kleinen Bruder zu besuchen. Eine oder einer von uns griff sich jeden Tag das uralte, klapprige Fahrrad und jagte ins Städtchen. Mutter fuhr vormittags. So bekam Ben jeden Tag zweimal Besuch.

Er wurde von sehr freundlichen Schwestern gepflegt. Sie liebten ihn alle. Und sein Zimmer füllte sich mit dummen und ungeeigneten Spielsachen, die viele Bekannte, die von dem Unfall gehört hatten, heranschleppten: Blechschmetterlinge, die man aufziehen konnte und die scheußlich schepperten, ein Kindertelefon, das klingelte, und Bälle, die wir immer wieder unter dem Bett suchen mußten. Ein Junge aus dem Dorf brachte Ben sogar einen Papierdrachen! Als ob der im Krankenzimmer steigen könnte! Was haben wir da gelacht! Aber es war gut gemeint. Wir selbst hatten natürlich kein Geld, ihm teures Spielzeug zu kaufen. Also machten wir selbst welches. Am erfinderischsten war Ackus.

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9788711509708
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