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Litersum
Musenfluch
Lisa Rosenbecker

Copyright © 2020 by


Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: info@drachenmond.de

Lektorat: Natalie Röllig, Lektorat Bücherseele

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

Charakterillustrationen: Judith Kowalczuk

ISBN 978-3-95991-921-0

Alle Rechte vorbehalten

Für meine Omas

Uda, Marianne und Gerti.

Dank euch weiß ich,

dass man für Fantastik nie zu alt ist.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Nachwort

Danksagung

Kapitel Eins


Die letzten Augenblicke vor dem Betreten einer Buchwelt waren immer die schönsten.

Sobald ich mich von der Gruppe der Buchblogger und Leser löste, die sich auf dem Bürgersteig vor dem Buchladen Books by Bea versammelt hatten, und auf die Tür zuging, verstummten alle und richteten die Blicke auf mich. Nahezu greifbare Aufregung lag in der Luft. Ich drehte mich noch einmal zu ihnen um, die Klinke schon in der Hand. Sie machten einen vorsichtigen Schritt auf mich zu, die Augen glitzernd vor Vorfreude. Meine Mundwinkel zuckten, die Begeisterung war ansteckend. Doch ich musste die Kontrolle behalten. Ich atmete einmal tief durch.

»Denkt an die Regeln«, sagte ich. »Ihr habt genau eine Stunde, um euch umzusehen, dann treffen wir uns am Ausgangspunkt wieder. Ihr könnt mit den Charakteren reden und alles, was nicht anders ausgeschildert ist, anfassen. Aber es ist verboten, irgendwas aus den Kulissen, die ihr gleich betreten werdet, mitzunehmen oder etwas von euch dort liegen zu lassen.« Eine junge Frau aus der Gruppe hob die Hand. Ich wusste genau, was sie fragen wollte. »Nein, es gibt keinen Souvenir­shop. Ihr dürft aber so viele Fotos schießen, wie ihr möchtet.« Mit enttäuschtem Ausdruck senkte sie den Arm. Ja, es war verschenktes Potenzial, keine Andenken zu verkaufen, aber das ließ sich nicht ändern.

Ich sah die dreizehn Anwesenden nacheinander an, doch es gab keine Fragen mehr. Mit einem Nicken drehte ich mich um. Gut. Sie waren eine ruhige Gruppe und würden hoffentlich keinen Ärger anrichten. Ich straffte die Schultern, dachte an die Buchwelt, in die ich wollte, und öffnete die Tür zum Buchladen. Nicht der Verkaufsraum des Ladens wartete dahinter auf uns, sondern die Bibliothek eines Schlosses aus einer anderen Welt. Der leicht muffige, aber unverwechselbare Duft von vergilbtem Papier strömte uns entgegen und vermischte sich mit der Londoner Stadtluft.

Hinter mir keuchte die Gruppe auf. Ich lächelte.

»Folgt mir.« Die Dielen knarzten unter mir, als ich einen Fuß auf den alten Bodenbelag setzte. Ich hielt die Tür auf und die Gruppe strömte an mir vorbei in die heiligen Hallen des Gemäuers. Noch vor einem halben Jahr hatte man uns weismachen wollen, dass Körperkontakt nötig war, um Menschen in das Litersum zu führen. Aber das war, wie vieles andere, eine Lüge gewesen.

Meine »Kunden« wagten sich zunächst nur zögerlich vor, dann wich ihre Scheu der Neugierde und ihre Bewegungen wurden selbstsicherer. Sie rissen die Augen auf, schauten sich in der Bibliothek um, die sie nur aus dem Buch The Last Dragonheart kannten, das gerade so angesagt war. Ausrufe des Staunens, teilweise auch des Unglaubens, hallten durch den Saal. Vergessen waren die Fotos und Stories, die sie hatten machen wollen. Sie genossen den Moment und ich schmunzelte darüber, als ich die Tür hinter uns schloss.

Jemand trat neben mich.

»Wie ist das möglich?«, fragte eine der Bloggerinnen, deren Account in den sozialen Netzwerken Heather Reads hieß. Der Name prangte in großen Lettern auf ihrem Shirt. »Von draußen wirkte das Haus so klein, wie kann es hier drinnen so riesig sein?«

Ich blickte hinauf zu der Decke der Bibliothek, die unerreichbar schien. Sie hing noch höher als die der ZwiBi und dort war der Anblick schon atemberaubend. Aber das hier …

»Magie«, antwortete ich und zwinkerte der jungen Frau zu.

Sie grinste und nickte. »Ich sehe schon, Zauberer verraten nie ihre Tricks.« Mit großen blauen Augen gesellte sie sich zu den anderen zurück, die durch die Gänge zwischen den Regalen streiften und sich gegenseitig versicherten, dass sie wirklich hier waren und auch dasselbe sahen.

Dabei wussten sie nicht einmal, wo »hier« war. Sie dachten, sie wären in einer unfassbar gut gemachten Pop-up-Buchwelt gelandet, die sich auf die Räumlichkeiten aus einem aktuellen Bestseller spezialisiert hatte. Doch in Wirklichkeit waren sie im Litersum – und mitten in der Geschichte, die sie so liebten. Ein Raunen ging durch die Gruppe, als sich die vermeintlichen Schauspieler zeigten. Dabei waren es die echten Charaktere aus dem Buch. Nun, so echt man als Fiktion eben sein konnte. Die Mädchen kreischten begeistert und auch die Jungen, die heute hergekommen waren, betrachteten die Charaktere staunend. Nun wurden doch die Handys gezückt und Selfies geschossen. Interessanterweise war es bei diesen wie bei den Buchcharakteren selbst – sowohl in »echt« als auch auf den Fotos sahen sie unterschiedlich aus. Je nachdem, wie sich der Betrachter einen gewissen Charakter vorstellte. Diese Tatsache war mir zumindest zum Teil schon durch meine Gespräche mit anderen Anti-Musen wie mir bekannt gewesen. Dass es sich auch auf die Fotos auswirkte, hatte ich später in den Foren erfahren, über die ich die Termine für die nächste Pop-up-Buchwelt verkündete. Dort gab es hitzige Diskussionen über das Aussehen der »Schauspieler«. Fast so ausschweifend wie vor ewigen Zeiten bei einem gewissen Kleid, das für manche weiß-gold und für andere blau-schwarz war. Zum Glück bohrten meine Kunden bei mir nicht tiefer nach und akzeptierten darüber hinaus ein paar Dinge, die unerklärlich waren, um sich selbst die Illusion nicht zu zerstören. Wie zum Beispiel, warum man den Innenraum des Ladens erspähte, wenn man kurz vor dem Besuch der Pop-up-Welt durch das Fenster nach drinnen blickte, und nicht das, was einen dann hinter der Tür erwartete. Oder wieso es ebenjener Buchladen war, der nur fünf Minuten nach den Besuchen wieder durch die Tür betreten werden konnte, während von der anderen Welt nichts mehr zu sehen war.

Vor den Terminen sorgte Lauren, die Inhaberin, dafür, dass der Eingang abgeschlossen war und sich keiner vorab in den Laden verirrte und noch verwirrter war, wenn er anschließend direkt in die Pop-up-Welt eintauchte. Eigentlich war es schade, dass die Menschen ihren Glauben an Magie selbst dann nicht zuließen, wenn sie direkt von ihr umgeben waren. Ich stieß sie mit der Nase darauf, und trotzdem suchten sie in allem die Logik oder speisten sich selbst mit fadenscheinigen Erklärungen ab. Hauptsache, nichts gefährdete ihre Realität. Dafür zogen sie sich dann doch lieber in Bücher und Geschichten zurück. Vielleicht behalf sich das Litersum aber auch mit einem kleinen Trick und pflanzte diese Zweifel an der Existenz von Magie selbst in den Köpfen der menschlichen Besucher ein, um sich zu schützen. Wer wusste schon, was geschehen würde, wenn die Menschen tatsächlich erkannten, dass es Magie wirklich gab? Nein, es war vermutlich besser so, wenn meine Kunden mit diesen schönen Lügen leben konnten.

Während sich die Buchverrückten mit den Charakteren unter­hielten, die diese Besuche dank der sich bietenden Abwechslung guthießen, zog ich mich in eine Regalreihe zurück und zückte meine Geldbörse. Ich steckte die losen Scheine aus meiner Jackentasche hinein und zählte dabei sicherheitshalber noch mal nach. Doch es war alles da, jeder der heute Anwesenden hatte seine zwanzig Pfund bezahlt. Damit würde ich über die nächsten Wochen kommen.

Ich gähnte. Vielleicht sollte ich mir mal wieder eine richtige Cola gönnen, um die Müdigkeit zu vertreiben, die sich seit Wochen an mich klammerte wie eine nervende Klette. Der Konkurrenzdrink, den ich während meiner Schichten im Heartbreak Hotel zu mir nahm, war einfach nicht damit zu vergleichen. Ich überschlug kurz die noch anstehenden Kosten für die Woche und lächelte zufrieden, als mein Budget einer guten Cola zustimmte.

»Hallo, Riley«, sagte plötzlich eine tiefe Stimme neben mir. Ich drehte mich um. River Heart, einer der Helden des Romans, in dessen Welt wir uns befanden, war wie aus dem Nichts aufgetaucht und lehnte neben mir an einem der Regale. Die Arme vor der Brust verschränkt, schaute er freundlich zu mir herab. Seine hellblonden, fast schon weißen Haare glänzten im Sonnenlicht. Kein Wunder, dass so viele der Leserinnen und Leser ihm verfallen waren. Ich kannte das Buch nicht, aus dem er stammte, hatte kein eigenes Bild von ihm, daher erschien er mir so, wie sich die Autorin ihn erdacht hatte. Bereits bei unserer ersten Begegnung waren mir seine schönen blauen Augen aufgefallen. Darauf achtete ich bei jedem, den ich traf, als Erstes. Sie enthüllten die wahre Natur einer Person. Ob Mensch oder Buchcharakter. Denn so gut Charaktere auch von ihren Schöpfern ausgearbeitet worden waren, ihren Augen fehlte doch dieses gewisse Etwas. Bei den Bureal-Kindern, die eine Mischung aus beiden darstellten, war das nicht der Fall.

»Hi«, grüßte ich zurück. »Hast du schon genug von deinen Verehre­rinnen?« Ich beugte mich vor und schaute an ihm vorbei. In ein paar Meter Abstand warteten einige der Mädchen mit gezückten Handys darauf, dass er sein Gespräch mit mir beendete. Ob ihnen auffiel, dass sie hier keinerlei Empfang hatten?

»Habe ich nie«, gab River säuselnd zurück. »Ich wollte nur fragen, ob du gedenkst, deinen Teil der Abmachung einzuhalten.« Er streckte die Hand aus.

»Wie konnte ich das nur vergessen?« Ich wühlte im Chaos meiner Tasche herum, bis ich fand, was er verlangte. Er grinste, als ich ihm den Schokoriegel überreichte. Genauso wie es verboten war, Dinge aus dem Litersum in die echte Welt zu bringen, war es untersagt, Dinge aus der echten Welt in einer Buchwelt zu hinterlassen. Von einigen Ausnahmen mal abgesehen. Aber hey, es war ebenfalls verboten, Scharen an Buchverrückten in das Litersum zu führen, also machte ein Schokoriegel mehr oder weniger auch keinen Unterschied. River hatte seine Vorliebe für das süße Zeug bei seinem letzten Besuch in der echten Welt entdeckt, hatte ohne Geld und sonstige Bekannte dort aber Schwierigkeiten, ranzukommen. Deswegen hatten wir einen Deal ausgehandelt. Sein Schweigen über meine Aktivitäten in seiner Buchwelt im Gegenzug für ein paar Schokoriegel. War nur fair. Und wesentlich leichter zu erfüllen als die teilweise wahnwitzigen Forderungen anderer Charaktere aus Buchwelten, bei denen ich die Besuche dann leider nicht umsetzen konnte.

Denn auch nach den Vorkommnissen vor einem halben Jahr, bei denen eine Anti-Muse eine Buchwelt gerettet und damit unseren Ruf aufpoliert hatte, waren die Vorbehalte gegenüber den Bureal-Kindern wie mir noch immer da. Nicht jeder wollte sich mit uns abgeben, und noch weniger würden meine halb-legalen Besuche im Litersum toleriert werden, die ich seitdem aufgenommen hatte. Wobei der legale Teil daran lediglich meine Anwesenheit war. Dass ich Menschen dafür Geld abknöpfte … Es war besser, niemand erfuhr davon. Vor allem jetzt, da Mnemosyne, ich nannte sie die Herrscherin über das Litersum, und Mrs Patton von der Musenagentur eine Einheit aufbauten, die wie eine Art Polizei das Geschehen im und um das Litersum beobachtete und im schlimmsten Fall auch sanktionierte. Die dazu gegründete und im Knotenpunkt angesiedelte Taskforce META, die unter der Schirmherrschaft von Emma Holmes und Thia Watson stand, steckte noch in den Kinderschuhen, pflegte aber bereits jetzt Kontakte zur Polizei der echten Welt, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein. Zudem wurde sie aktuell von Bureal-Kindern und Buchcharakteren unterstützt, die Seite an Seite arbeiteten, um welten- und universenübergreifende Angelegenheiten, quasi auf der Metaebene, zu regeln. Für das Litersum hatte diese Entwicklung nur Vorteile, für jemanden wie mich eher nicht.

»Ich danke dir«, sagte River, ohne den Blick von dem Schokoriegel zu lösen. Er steckte ihn in die Tasche seiner Leinenhose, tippte sich kurz an den Kopf und zog von dannen. Seine Bewunderinnen erwarteten ihn schon. Die Mädchen wechselten sich damit ab, gemeinsam Fotos mit ihm zu schießen.

Genau eine Stunde ließ ich den Buchliebhabern, dann trommelte ich alle zum Aufbruch zusammen. Traurig, aber mit einem begeisterten Glitzern in den Augen fanden sie sich wieder vor der Tür ein, durch die wir gekommen waren. Ich zählte sie kurz durch, kam auf dreizehn und scheuchte sie zurück in die echte Welt. Sie unterhielten sich aufgeregt, zeigten sich ihre Fotos und kamen aus dem Schwärmen über die Schauspieler, die voll in ihren Rollen aufgegangen waren, gar nicht mehr heraus. Wenn sie wüssten …

»Wann gibt es wieder freie Termine?«, fragte ein Blogger, als ich die Tür hinter mir zuzog und die Verbindung zur Buchwelt kappte. Sofort verstummten alle und richteten die Blicke auf mich. Sie gingen davon aus, dass ich heute noch weitere, bereits ausgebuchte Gruppen in die Pop-up-Buchwelt führte, weshalb man nicht noch einmal spontan einsteigen konnte. Und davon, dass es pro Besuch nur dreizehn Teilnehmer sein durften, die nur eine Stunde Zeit hatten, bevor der nächste Termin anstand. Doch das waren Lügen, Vorwände, um die Besichtigungen einzugrenzen. Mein Alltag ließ einfach nicht mehr zu, die Dreizehn war meine Lieblingszahl und zu viele Besichtigungen an einem Tag erhöhten möglicherweise die Gefahr, entdeckt zu werden. Und davon hätte niemand etwas.

In Gedanken ging ich meinen Terminplan durch.

»Vielleicht in zehn Tagen«, antwortete ich. »Ihr werdet es im Forum erfahren. Ich hoffe, ihr hattet Spaß?« Erneut versanken sie in Schwärmerei und Vorfreude auf das nächste Mal. Sehr gut. So würde die Kasse weiter klingeln. Ich sah ihnen hinterher, als sie sich in alle Himmelsrichtungen verstreuten. Ein paar von ihnen wollten noch etwas zusammen essen gehen.

Apropos essen … Das Heartbreak Hotel wartete auf mich. Trotz der Aussicht auf noch mehr Arbeit schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Der alte Diner mit dem Rockabilly-Charme war einer meiner liebsten Orte in London. Die pastellfarbenen Bänke und Metall­tische, die alten Radios und die Jukebox, die nur noch diesen einen Song von Elvis spielen konnte – sie strahlten Vertrautheit aus. Seit Jahren war die Atmosphäre gleich, hieß mich willkommen, egal, wie sehr ich mich verändert hatte. Oder die Welt um mich herum.

Meine Schürze lag schon hinter dem Tresen bereit, als ich im Diner ankam. Sophia, die an diesem Abend mit mir die Schicht übernahm, hatte sie mir rausgelegt. Sie grüßte mich mit einem strahlenden Lächeln. Es war mir ein Rätsel, wie sie es nach einem langen Tag an der Uni noch auf die Reihe brachte, zu arbeiten und fröhlich auszusehen. Mich kostete es alle Anstrengung, die Gäste mit der vorgeschriebenen Freundlichkeit zu empfangen. Denn auch wenn ich den Diner liebte, lag mir das dauernde Reden mit den Gästen nicht. Das Aufnehmen der Bestellungen, die kurzen Small Talks und die Verabschiedungen gepaart mit dem Dauerlächeln schlauchten mich. Meine kurzen Unterredungen mit den Bloggern, die sich die meiste Zeit um sich selbst kümmerten, glichen im Vergleich dazu einer Erholung. Die Müdigkeit ließ meine Muskeln jetzt schon aufstöhnen und ich hatte noch acht Stunden Arbeit vor mir, in denen die grelle Neonröhrenbeleuchtung mir in den Augen brennen würde. Ab und zu zwang ich mich hinter dem Tresen zu einem Moment der Ruhe, trank einen Schluck der Cola-Konkurrenz und atmete tief durch. In einem dieser Augenblicke gesellte sich Sophia zu mir. Sie stellte einen Stapel dreckiges Geschirr vor die Durchreiche zur Küche, wo es von den Aushilfen in Empfang genommen wurde. Mit schnellen Griffen zapfte sie sich ein Wasser aus dem Hahn und lehnte sich neben mich an die Schränke. Ich bewunderte ihre dunkel­blaue Jeans, die an manchen Stellen große Löcher hatte. Es gab nicht viele, denen das stand, aber Sophia war eine von ihnen. Gepaart mit dem am Bauch zusammen­geknoteten karierten Hemd passte sie ganz hervorragend zum Flair des Diners, weshalb unser Chef ihr diesen Stil durchgehen ließ. Andere Restaurantbesitzer wären an die Decke gegangen. Auch bei mir, weil ich mit einem grauen Strickpullover, schwarzen Hosen und lavendelfarbenen Chucks nicht wirklich wie eine Kellnerin aussah. Aber zum Heartbreak Hotel passte es.

Sophia deutete mit dem Kopf auf den Innenraum. »Ganz schön viel los heute.«

Ich nickte. »Man könnte meinen, wir wären die Einzigen, die heute offen haben. Als gäbe es im Rest der Stadt nichts mehr zu essen.«

»Das sind die Apfel-Pancakes. Die locken alle hierhin«, sagte Sophia und lachte. Sie strich sich eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr. Mein Magen knurrte wie aufs Stichwort. »Wann hast du das letzte Mal was gegessen?«, erkundigte sie sich mit zusammen­ge­zogenen Augenbrauen.

»Keine Ahnung. Mir reicht erst mal die Cola.«

Sophia schüttelte den Kopf. »Natürlich. Ich frage Joey mal, ob er ein paar Reste für uns übrig hat. Vielleicht sind wieder ein paar Pfannkuchen missglückt.«

Tatsächlich kam sie wenig später mit einem Teller voller Pancakes samt karamellisierten Apfelstücken zurück.

»Die sehen aber nicht angekokelt aus«, stellte ich fest, als ich einen ersten Bissen nahm. Sophia steckte sich schmunzelnd ein Stück Obst in den Mund. Ihre grünen Augen blitzten wissend auf. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen. Joey hatte die Pancakes extra für uns gemacht. Von wegen Reste … Ich holte Luft, doch Sophia ließ mich nicht zu Wort kommen.

»Ich gehe heute Abend mit ein paar Freunden noch etwas trinken. Hast du Lust, mitzukommen?«

Meine To-do-Liste blinkte vor meinem inneren Auge auf. Die Grafikaufträge warteten … Ganz zu schweigen von den Kosten für einen Drink in London. »Sorry, aber heute ist es echt schlecht.«

Sophia verzog den Mund zu einer missmutigen Schnute. »Das ist es immer.«

»Ich wünschte wirklich, es wäre nicht so. Entschuldige.« Ein Paar in einer Sitzecke winkte mir zu. Ich schluckte den letzten Bissen hinunter, legte die Gabel neben den Teller und wischte mir die Hände an einem Geschirrtuch ab. »Die Pflicht ruft.«

Am Ende meiner Schicht taten mir die Füße weh und ich sehnte mich nach meinem Bett. Doch der Tag beziehungsweise die Nacht war noch lang. Ich legte meine Schürze in den Schrank im Hinter­zimmer, bedankte mich bei Joey für das Essen und machte mich auf den Weg nach Hause. Vor der Tür zog ich meine Jacke fester um mich. Es wurde immer kälter, und schneller, als mir lieb war, würde der Winter kommen, und mit ihm die dunklen Tage, die nie zu enden schienen.

Zurück bei der Buchhandlung, durch deren Tür ich am Mittag die Buchverrückten geführt hatte, stellte ich erstaunt fest, dass im Verkaufsraum noch Licht brannte. War Lauren etwa noch immer hier? Statt zur Haustür zu gehen, die in meine Wohnung über der Buchhandlung führte, klopfte ich an die Tür von Books by Bea. Ich wollte nur kurz schauen, ob alles in Ordnung war. Vielleicht war Lauren auch wieder in einer Geschichte abgetaucht und hatte die Zeit vergessen.

Es dauerte nicht lange, bis sie nach vorne kam und mir öffnete. Ihre dunkelbraunen Haare thronten in einem losen Knoten auf ihrem Kopf. Lauren war nur ein paar Jahre älter als ich, Mitte zwanzig, und führte die Buchhandlung nun schon seit drei Jahren. Ihr Vater war überraschenderweise sehr krank geworden und er und ihre Mutter Bea, nach der der Laden benannt war, hatten die Arbeit dort aufgeben müssen. Er aus gesundheitlichen Gründen, sie, weil sie ihn pflegte. Wenn Not am Mann war, half Bea aus, ansonsten aber war Lauren mit ihren drei Mitarbeiterinnen auf sich allein gestellt ‒ und handhabte es wunderbar. Sogar jetzt, nach einem langen Tag, hatte sie noch ein Lächeln für mich übrig, als sie mir die Tür aufhielt.

»Was machst du denn noch hier?« Sie ließ mich rein und schloss hinter uns ab.

»Dasselbe könnte ich dich fragen. Du hast doch schon seit Stunden Feierabend.«

Laurens Augen glänzten und sie rieb sich die Hände. »Die neuen Bücher für diesen Monat sind gekommen, ich dekoriere gerade den Tisch, damit der Verkauf direkt morgen starten kann. Hast du Lust, zu helfen?«

Die To-do-Liste … Doch Lauren überließ mir die möblierte Wohnung über dem Laden zu einer Miete, die weit unter dem Niveau vom Rest der Stadt lag. Sie verlangte nie etwas als Gegenleistung, doch ich war ihr etwas schuldig. Ab und an auszuhelfen, musste drin sein.

»Klar«, sagte ich und zog meine Jacke aus. Im Laden war es angenehm warm und das Schleppen von Büchern dadurch schweiß­treibender, als man meinte. Lauren trug nur ein blassrosa kurzärmeliges Shirt über der dunklen Jeans. Sie winkte mich mit sich in den hinteren Teil des Ladens in die Jugendbuch-Ecke. Auf einem Roll­wagen lagen die Novitäten und warteten darauf, auf einem runden Tisch in der Mitte platziert zu werden. Lauren deutete darauf.

»Die High-Fantasy-Titel kommen auf diesen Tisch, die anderen dort drüben hin, damit bin ich aber schon fast fertig. Du kannst die übrigen Bücher stapeln und den Rest ins Regal stellen …«

»Alphabetisch sortiert nach dem Nachnamen der Autorinnen und Autoren, ich weiß.«

Sie grinste. »Sehr gut, du hast es dir gemerkt. Dann lasse ich dich kurz allein und hole die Deko. Ich habe ganz tolle Sachen auf Etsy gefunden.«

Sie verschwand im Nebenraum und ich machte mich an die Arbeit. Ob ich wollte oder nicht, ich blieb immer wieder an den Klappen­texten jener Bücher hängen, deren Cover mir gefielen. Einige der Geschichten klangen sehr vielversprechend. Aber der Preis und die Zeit zum Lesen, die man nicht mit dazukaufen konnte, schreckten mich ab. Vielleicht irgendwann mal …

»So.« Lauren war zurückgekehrt, in den Händen hielt sie eine große braune Pappschachtel. Darin funkelte und blitzte es. Dolche aus Plastik, goldbesprühte Federn, glitzernde Kristalle … Sie hatte keine Kosten und Mühen gespart. Einige der Dekorationen waren bereits älter und öfter verwendet worden, andere jedoch nigelnagelneu. Die Auslage würde am Ende ein Hingucker sein. Lauren hatte immer hervorragende Ideen, um Bücher in Szene zu setzen. Sie erläuterte mir bereits ihre Pläne, während wir die Bücher vom Rollwagen auf dem Tisch platzierten. Das schmückende Beiwerk stellte sie drum herum. Ja, es sah wirklich toll aus. Dann aber hievte sie den Stapel eines Titels auf den Tisch, der keineswegs neu war. Das Cover, auf dem eine Pik-Bube-Spielkarte mit zwei identisch aussehenden Kerlen aufgedruckt war, kannte ich mittlerweile schon gut. Es ging dabei um zwei junge Zwillingsbrüder aus einer High-Fantasy-Welt, der eine ein böser Magier, der andere ein guter König.

»Lauren.«

»Ja?«, fragte sie zuckersüß und verriet damit, dass sie genau wusste, worauf ich anspielte.

»Das ist keine Neuerscheinung.«

»Ich weiß«, sagte sie. »Aber das Buch ist noch immer zu unbekannt. Alle sollen es lesen! Das ist die Gelegenheit, um den Verkauf noch mal anzukurbeln. Es passt wunderbar zu den Neuheiten.« Sie nahm eines der Hardcover vom Stapel und strich über den Einband. »Du weigerst dich ja auch beharrlich, obwohl wir die Buchwelt schon besucht haben und sie dir gefallen hat.«

Ja, ich hatte Lauren einen Einblick in die Welt ermöglicht, die sie so verehrte. Zugegeben, auch ich war beeindruckt gewesen, aber die Zeit … Lauren hielt mir das Buch unter die Nase. »Lies es. Bitte. Ich schenke es dir. Probier es wenigstens mal.«

Zähneknirschend nahm ich ihr das Buch ab. Ich wollte keine Geschenke. Doch Laurens flehender Blick brachte mich ins Wanken. Als wir damals in der Welt von The Silver Throne gewesen waren, hatte sie mit Informationen um sich geschmissen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Ihr fehlte jemand zum Austausch. Jemand, mit dem sie von diesem komischen Magier schwärmen konnte, der eigentlich der Bösewicht war, aber irgendwie auch nicht … Sie nannte ihn einen Loki-Verschnitt. Getroffen hatten wir ihn nicht, was vermutlich besser war, sonst wäre Lauren bestimmt in Ohnmacht gefallen. Wie bei dem anderen Typ aus Shadow & Fire. Oder dem aus Kingdom of Hell and Fury. Alle waren von demselben Kaliber, demselben Klischee. Bad Boys und dunkle Prinzen waren gerade in. Ein bisschen konnte ich es sogar verstehen, ich war Lucifer aus der gleichnamigen Serie verfallen … Aber bei seinem Anblick hysterisch kreischen? Nein … Vielleicht sollte ich Lauren beim nächsten Mal ein paar der Blogger und Bloggerinnen vorstellen. Unter ihnen befand sich sicherlich der eine oder andere Fan ihres Lieblingsbuchs.

»Danke«, presste ich hervor und legte den Titel beiseite. Ich freute mich wirklich. Ein neues Buch hatte ich das letzte Mal gekauft vor … Ewigkeiten. Ich nahm mir fest vor, es zu lesen, es zumindest anzufangen, sollten sich ein paar Minuten dazu finden.

Lauren klatschte in die Hände. »Lass dir nicht allzu lange Zeit, bis du anfängst. Es warten ja noch zwei weitere Bände auf dich.«

Ich schnaubte. Na super, dann würde ich vielleicht in drei Jahren mit der Trilogie durch sein …

Wir platzierten die restlichen Bücher auf dem Tisch, bis Lauren mit der Anordnung zufrieden war. Meine Arme schmerzten, meine Füße spürte ich mittlerweile gar nicht mehr.

»Wie lief es heute mit den Bloggern? Ich habe einen kurzen Blick auf sie erhascht, als ihr zurückgekommen seid. Sie sahen sehr glücklich aus.« Lauren platzierte einen Stein mit glatten Kanten und roségolden besprühte Mosaiksteinchen auf dem Tisch neben ihrem Lieblingsbuch.

»Sie haben sich artig verhalten und die Charaktere nicht angeleckt«, sagte ich und grinste. Und ja, es hatte einmal einen Vorfall in dieser Richtung gegeben. Seitdem hatte ich dort Buchwelten-Hausverbot. Lauren wusste von meinem Dasein als Anti-Muse, was eigentlich auch gegen die Regeln verstieß. Doch der Tag, an dem ich mir die Wohnung über dem Laden angesehen hatte, war kein guter gewesen. Meine Laune stand damals auf einem Tiefpunkt, ich hatte gerade einen Kuss-Auftrag versemmelt und meine Schwester … Jedenfalls rutschte es mir heraus, als Lauren mich mit mitfühlendem Blick fragte, ob es mir gut gehe. Schluchzend erzählte ich ihr alles und sie hörte mir zu. Und dann vermietete sie mir die Wohnung über dem Laden. So viel Glück hatte ich noch nie gehabt. Aber sie war so ein Mensch ‒ viel zu gut für jemanden wie mich. Oder ich ihrer nicht würdig genug, je nachdem, wie man es betrachtete. Denn ich hatte ihr nicht viel zurückzugeben. Wäre es nur nach ihr gegangen, hätte ich trotz fehlendem Abschluss und nicht vorhandener Ausbildung einen Job in Books by Bea bekommen. Ihre Mutter hatte allerdings ihr Veto eingelegt und das verhindert. Dass sie mir die Räumlichkeiten über dem Laden vermieteten, war wohl auch nur Lauren zu verdanken, ebenso meine heutige Einnahmequelle. Nach unserem ersten gemeinsamen Ausflug ins Litersum, mit dem ich mich direkt nach meinem Einzug bei ihr bedankt hatte, waren wir auf die Idee mit den Pop-up-Buchwelten gekommen und sie hatte mir ihre Buchhandlung bereitwillig als Treffpunkt und die Tür für den Übergang in das Litersum zur Verfügung gestellt. Seither kamen auch mehr Kunden her, die von den Pop-up-Welten gehört hatten und hofften, abseits der offiziellen Termine einen Blick darauf erhaschen zu können, was für Lauren gut war, weil diese Leute dann in ihrer Buchhandlung strandeten und mir ein bisschen meiner Schuld ihr gegenüber abnahmen. Redete ich mir zumindest ein.

Ich schnappte mir meine Jacke, und Lauren begleitete mich in den vorderen Verkaufsraum.

»Willst du noch einen Tee?«, fragte sie. »Oder einen Kaffee für eine Nachtschicht? Du hast ja immer was zu tun. Du könntest mir auch noch etwas über den heutigen Besuch erzählen.«

Ich lächelte matt. »Danke, aber ich brauche nichts mehr. Vermutlich gehe ich gleich ins Bett.«

»Das wäre das Beste. Du siehst echt müde aus. Dann vielleicht morgen Abend?«

»Vielleicht«, antwortete ich.

Ihren Augen sah ich an, dass sie mir das nicht abkaufte. »Oh, Moment«, sagte sie und verschwand nach hinten. Kurze Zeit später kam sie mit The Silver Throne zurück und drückte es mir in die Hand. »So leicht kommst du mir nicht davon.«

Ich nahm es ihr ab. »Das war keine Absicht.«

»Sicher.« Sie zwinkerte mir zu. »Doch an Elian kommst du nicht vorbei. Und auch Kaden und Darren warten noch auf dich! Es gibt so viele tolle Reihen zu entdecken! Und jetzt ab ins Bett mit dir.«

Ich rollte mit den Augen, verabschiedete mich und ging in meine Wohnung über dem Laden. Wobei Wohnung übertrieben war. Das winzige Einzimmerapartment war verwinkelt und voller Schrägen, aber das Einzige, was ich mir in dieser Gegend Londons leisten konnte. Und das auch nur dank Laurens Großzügigkeit. Ich legte das Buch auf das Tischchen neben dem Sofa, das auch gleichzeitig mein Bett war. Das Kissen und die Decke lagen noch genauso zerknüllt da, wie ich sie am Morgen zurückgelassen hatte. Und dennoch wirkten sie so einladend wie nie zuvor. Meine Tasche stellte ich auf den kleinen Esstisch, den ich vor allem als Ablagefläche nutzte, streifte Jacke und Schuhe ab und warf beides neben die Wohnungstür. Ich streckte mich und meine Muskeln protestierten. Doch es waren meine Füße, die mich anflehten, mich hinzulegen. Ich sah auf die Uhr. Verdammt, schon so spät. In ein paar Stunden musste ich wieder aufstehen. Mein Blick fiel auf den Boden vor der Wohnungstür. In der Unordnung hatte ich gar nicht bemerkt, dass Post gekommen war. Der Postbote hatte sie durch den Schlitz an der Tür geworfen. Ich hob einen braunen Umschlag sowie einen Brief auf.

Auf dem Umschlag stand lediglich mein Vorname in der mir bekannten Handschrift von Alexandra. Meine Mentorin aus der Musenagentur hatte mir Unterlagen für einen Auftrag vorbeigebracht. Seit den Vorfällen vor einem halben Jahr durften auch die Anti-­Musen die Agentur betreten und die Akten selbst entgegennehmen, doch es war auch möglich, den alten Ablauf mit einer Mentorin als Vermittlerin beizubehalten. Da ich kaum Zeit hatte, nutzte ich diesen Service. Ich sah dann zu, dass ich den Kuss-Auftrag ausführte, wenn ich Zeit hatte, und meldete mich bei ihr, sobald sie die Unterlagen wieder abholen konnte. So vergeudete ich keine Sekunde für Botengänge durch das Litersum. Darüber hinaus hatte ich mit Alexandra kaum Kontakt, wir lagen nicht unbedingt auf einer Wellenlänge.

Eine Woche hatte ich nun Zeit, den angehenden Autor oder die Autorin zu küssen und eine Idee auszulöschen. Hoffentlich wohnte er oder sie nicht so weit weg oder in der Nähe einer Buchhandlung und ich bekam es ohne Probleme in meinem Terminplan unter.

Der zweite Brief steckte in einem Umschlag aus dickem creme­weißen Papier. Meine Adresse war in dicken Lettern aufgedruckt, oben rechts prangte ein weiß-goldenes Logo, das mir nichts sagte. Keine Briefmarke, kein Absender. Merkwürdig. Ich riss den Umschlag auf und zog den gefalteten Bogen heraus.

Es war eine Einladung für die an die Musenagentur gekoppelte Akademie, die im Sommersemester des nächsten Jahres für alle Bureal-­Kinder ihre Pforten öffnen würde. Bisher waren nur die Erfinder und die Musen dort ausgebildet worden, in Zukunft sollten auch alle anderen dort aufgenommen werden. Man würde uns nicht nur bei den Aufträgen unterstützen, sondern uns auch die Geschichte des Litersums lehren sowie Inhalte, die uns in der echten Welt voranbrachten. So zumindest hieß es in dem Schreiben. Um uns einen Eindruck von den Angeboten zu verschaffen, würden wir bereits im bevorstehenden Wintersemester Schnupper- und Orientierungskurse belegen können, bevor wir uns dann für unseren weiteren Weg entschieden. Neben der Akademie oder der Rückkehr zu seinem »alten« Leben gab es auch noch andere Optionen.

Die Bureal-Kinder nutzten ihre Gaben, bis sie dreißig wurden, dann verebbte die Magie, nur die Fähigkeit zum Wandeln durch die Welten blieb bestehen. Die meisten von ihnen nahmen bereits davor oder danach normale Jobs an und suchten das Litersum später nur noch privat auf. Durch das so entstandene Netzwerk der älteren Bureal-Kinder konnten die neuen Generationen quasi überall auf der Welt einen Job finden, auch schon weit vor der dreißig. Egal in welcher Branche. Vorausgesetzt, man eignete sich dafür und besaß die entsprechenden Kompetenzen. Fürs Faulenzen wurde man nicht belohnt. Auch ich hätte möglicherweise von diesen Kontakten profitieren können, doch das stand für mich außer Frage. Ich wollte mich nicht auf andere verlassen. Ich wollte mit meinen eigenen Fähigkeiten, meinen eigenen Qualitäten – so karg sie auch sein mochten – überzeugen und mich aus eigener Kraft um mich kümmern. Und bei einem Job, den ich schlussendlich nur über das berühmte Vitamin B bekommen hätte, wäre das nicht der Fall. Damit würde ich mich nicht gut fühlen und das war es mir nicht wert. Zumal ich bezweifelte, dass mein Werdegang für irgendetwas ausgereicht hätte.

Ich las mir das Schreiben zwei Mal durch. Dort stand, dass der Besuch der Akademie angeblich nichts kostete, aber nichts darüber, wie lange eine Ausbildung dauerte. Es wurde auf eine Infoveran­staltung verwiesen, die in einem Monat stattfinden sollte. Dort werde man alle weiteren Fragen beantworten und genauer auf die Pläne für die Zukunft eingehen. Man freue sich auf uns und werde sich um uns kümmern.

Ich faltete den Brief zusammen und ging zur Küchenzeile. Die Post legte ich auf dem Tisch ab. Aus dem Kühlschrank holte ich mir eine Dose Cola, öffnete sie und trank einen Schluck. An die schmale Theke gelehnt betrachtete ich die Einladung.

Es waren viele Versprechungen, die sie machten. Große. Ob sie sie einhalten würden … zweifelhaft. Versprechen glitten schnell über die Lippen, bauten Erwartungen auf. Und wenn sie gebrochen wurden und die Hoffnung verpuffte, rissen sie mehr als das mit sich. Ein Stück Herz. Ein Stück Vertrauen.

Ich trank die Cola leer und ließ den Brief links liegen.

Unter meiner Bettdecke fand ich meinen Laptop, der beim Hochfahren aus dem letzten Loch pfiff.

»Lass mich nicht im Stich, Thor.« Das alte Gerät sprühte ab und an ein paar Funken, wenn ich das Ladekabel anschloss, daher der Name. Er hatte sich schon so verhalten, als ich ihn im Secondhandladen kaufte.

Doch der Gott des Donners fuhr ohne Murren hoch. Ich checkte meine Mails und fand zwei neue Grafikaufträge vor: ein Flyer für eine Party sowie eine Save-the-Date-Karte für ein junges Paar. Die Party war bereits in einer Woche, das Design brauchte der Käufer idealerweise bis zum nächsten Tag. Für die besonders eiligen Sachen bekam ich mehr Geld und ich grinste. Dann schaute ich auf die Uhr und stöhnte. Die Mail war von gestern.

Er benötigte den Flyerentwurf heute. Ich startete das Design­programm, das ewig zum Laden brauchte, und holte mir in der Zwischen­zeit noch eine weitere Cola. Es würde noch eine lange Nacht werden. Auf meinem Rückweg zum Sofa kam ich an dem Beistelltisch vorbei, auf dem das Buch lag.

»Irgendwann klappt es noch mit uns beiden. Oder damit, etwas trinken zu gehen. Oder mit dem belanglosen Geplauder bei einer Tea Time. Irgendwann.« In einer anderen Zeit. Einem anderen Leben. Ich nahm einen Schluck aus der Dose und machte mich an die Arbeit.

Kapitel Zwei


Du verarschst mich doch.«

Mein Wecker und ich führten eine sehr innige Beziehung, in der man offen und ehrlich miteinander reden konnte. Ich schaltete den Alarm aus und fuhr mir mit den Händen über das Gesicht. Draußen war es noch dunkel, ich hatte gerade einmal drei Stunden Schlaf hinter mir. Gefühlt war es noch mitten in der Nacht. Doch die Zeitungen trugen sich nun mal nicht von selbst aus. Auch heute nicht.

Stöhnend schlug ich die Decke beiseite und rollte mich vom Sofa. Mein Rücken schmerzte, Strecken machte es nicht gerade besser. Augenreibend tapste ich in das kleine Bad, warf alle Klamotten von mir und stieg unter die Dusche. Das Wasser erwachte blubbernd zum Leben und fegte lautstark durch die alten Rohre. Es klang, als würde eine riesige Welle anrauschen, aus der Brause prasselte dann allerdings nur ein Rinnsal.

Anschließend schlang ich mir ein Handtuch um und wischte mit der Hand das Kondenswasser von einer Ecke des Spiegels. Meine Augen waren gerötet, die Haut darunter dunkel. Das Grau meiner Iriden wirkte dadurch noch blasser. Fast so hell wie meine blonden Haare. Hoffentlich würde Fred, mein Chef bei der Zeitung, mir nicht wieder unterstellen, dass ich Drogen nahm, um wach zu bleiben. Das tat er jedes Mal, wenn ich so aussah. Dabei lag es nur an den Nachtschichten und dem Auf-den-Bildschirm-Starren.

Ich schlüpfte in die bereitgelegten Klamotten, föhnte meine Haare und schob sie unter eine Mütze. Zu dieser Uhrzeit war es draußen bereits winterlich kalt und eine Erkältung konnte ich mir nicht leisten. Ich stopfte auch die dünnen Handschuhe in meine Tasche, schwang mir diese um und machte mich auf den Weg.

Meine Glieder waren träge, mein Mund trocken und mein Magen knurrte. Doch sobald ich aus der Haustür trat, traf mich die Kälte wie ein Schlag und rüttelte mich wach. Alles andere war für den Moment vergessen.

Beim Verlagshaus holte ich einen kleinen Rollwagen ab, der randvoll mit der heutigen Ausgabe der London Locally gefüllt war, ohne mir einen doofen Kommentar seitens Fred einzubrocken. Zwei Stunden benötigte ich für meine Route durch London. Normale Menschen brauchten für diese Strecke länger, ich konnte es dank meiner Gabe und den magischen Türen von Buchläden ein wenig abkürzen. Trotzdem war ich müde und meine Muskeln schmerzten, als ich mich auf den Rückweg machte. Ich brachte den leeren Wagen zurück, steckte den Scheck von Fred ein und ging wieder nach Hause. Es dämmerte schon. Ich hatte noch gut zwei Stunden, ehe ich zur Schicht ins Heartbreak Hotel aufbrechen musste. Konnte ich mir noch ein wenig Schlaf gönnen? Nur ein paar Minuten, bevor ich noch andere Aufgaben erledigte? Meine Augen waren ganz trocken und ich musste ständig blinzeln. Das würde mich den Rest des Tages wahnsinnig machen.

Am Haus angekommen wurde mir die Entscheidung abgenommen. Lauren schleppte ein paar Kisten aus einem Transporter in den Laden, der erst in zwei Stunden öffnen würde. Ich schnappte mir auch eine und folgte ihr. Dem Gewicht nach zu urteilen, waren es keine Bücher, dafür waren sie zu leicht. Lauren eilte mir auf halbem Weg zurück entgegen.

»Riley! Du kommst wie gerufen! Stell den Karton einfach im Lager zu den anderen. Danke!«

Sie huschte an mir vorbei, zurück zur Straße. Gemeinsam schleppten wir noch vier Boxen in das Hinterzimmer, ehe Lauren den Laden abschloss. Wir legten unsere Jacken an die Kasse, dann ging es ans Auspacken.

»Was ist denn da drin?« Ich deutete auf einen der Pappkartons.

Lauren zückte ein Teppichmesser und schnitt durch das Klebeband. Sie klappte den Deckel beiseite. »Kleine Geschenke. Das Straßenfest steht an und die hier will ich an die Kunden weitergeben.« Sie zog etwas aus dem Karton. Es war ein Teebeutel, auf dessen Verpackung das Logo des Ladens prangte.

»Die sind echt hübsch.«

»Ich habe noch Lesezeichen und werde Kekse backen. Kam das letzte Mal echt gut an.«

»Planst du auch wieder ein kleines Event?«

»Ja. Darum muss ich mich noch kümmern. Du könntest nicht zufällig ein paar echte Buchcharaktere für den Abend organisieren?« Ihre Augen blitzten hoffnungsvoll auf.

Ich hob eine Augenbraue. »Du weißt, dass sie es nicht länger als ein paar Stunden in unserer Welt aushalten, bevor sie wortwörtlich und ohne Vorankündigung ins Litersum zurückgezogen werden. Erkläre das mal deinen Kunden, wenn sie auf einmal mitten in der Veranstaltung verpuffen. Außerdem ist es für sie momentan superschwer, eine Genehmigung für einen Ausflug in unsere Welt zu bekommen. Und ich werde niemanden ohne eine solche herbringen, das ist noch illegaler, als Menschen ins Litersum mitzunehmen … glaube ich zumindest. Ich weiß nicht mal, ob das überhaupt geht.«

»Hm. Schade. Aber hättest du nicht Lust, einen Charakter zu spielen? Ich gebe dir, wenn möglich, auch eine Rolle, in der du nichts anderes tun musst, als dazustehen und die Leute böse anzufunkeln. Plus etwas Hübsches zum Anziehen.«

»Das könnte mir gefallen«, sagte ich und grinste.

Lauren tippte sich mit dem Zeigefinger an den Kopf. »Das dachte ich mir. Also bist du dabei? Es ist nächsten Mittwoch, von nachmittags bis spätabends. Essen und Trinken geht natürlich auf mich. Und du darfst dir fünf Bücher aussuchen, die ich dir schenke.«

Mit anderen Worten: ein unbezahlter Tag voll Arbeit. Dafür aber Verpflegung. Und Bücher, die ich nicht würde lesen können. Laurens Blick war flehend. Ich schluckte.

»Kommt drauf an, wie ich im Heartbreak Hotel eingeteilt bin. Ich gebe dir schnellstmöglich Bescheid, ja?«

»Supi. Das Kostüm müssten wir dann noch anpassen, aber …«

Die Klingel über der Eingangstür des Ladens läutete – was unmöglich war, da sie verschlossen war. Lauren blinzelte. »Habe ich ver­gessen abzuschließen?«

»Nein. Ich stand neben dir.«

Wir sahen uns einen Herzschlag lang an. Ich warf den Teebeutel zurück in die Kiste und ging zur Tür des Lagers. Von hier konnte man nicht in den vorderen Verkaufsraum sehen, aber eventuell etwas hören. Tatsächlich. Schritte und Gemurmel. Jemand war in den Laden eingebrochen! Und wir hatten die Jacken samt Handys vorne liegen lassen. Verdammt.

Lautlos deutete ich Lauren mit dem Kopf an, mir zu folgen. Sie hatte noch immer das Teppichmesser in der Hand. Wir huschten in den hinteren Verkaufsraum. Mein Blick fiel auf den Tisch, den wir gestern Abend zusammen bestückt hatten. Ich schnappte mir den Dolch aus Plastik und den roségolden besprühten Stein. Er war schön schwer und würde sicherlich wehtun, wenn er auf einen Schädel traf. Der Dolch würde mir im schlimmsten Fall nicht helfen, aber zur Abschreckung sollte er reichen. Lauren musterte meine Auswahl kritisch, vor allem den Stein. Vermutlich hatte er einiges gekostet, so schön, wie er aussah. Aber Sicherheit war mir gerade wichtiger.

Schritt für Schritt gingen wir zum Hauptraum, meine Hände wurden feucht und ich drückte meine Finger fester zusammen. Wir schlichen um die Ecke in den vorderen Teil des Ladens.

Zwei Männer standen dort und sahen sich um, als wäre es das Normalste der Welt.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Lauren mit zitternder Stimme, bevor ich sie davon abhalten konnte. Ich blieb dicht neben ihr, ließ die Eindringlinge nicht aus den Augen. Meine Muskeln brannten vor Anspannung und mein Herz raste.

Die Männer drehten sich zu uns um, seelenruhig. Ich war überrascht darüber, wie jung sie wirkten, höchstens Anfang zwanzig, genau wie ich. Sie trugen schwarze Lederjacken über dunkelgrauen Shirts sowie schwarze Hosen ‒ wie eine halbe Boyband mit Dresscode. Jung, gut gebaut und der identische Klamottenstil machte sie auf den ersten Blick nicht unterscheidbar. Unerklärlicherweise richtete sich meine Aufmerksamkeit auf den Rechten der beiden. Irgendwas an seiner Ausstrahlung zog mich an. Seine dunklen Haare und der leichte Bartschatten standen in starkem Kontrast zu seinen strahlenden Augen – die mich interessiert musterten.

Es fröstelte mich, als mir dämmerte, dass wir sie niemals überwältigen könnten, da sie uns kräftemäßig weit überlegen waren. Ich schluckte schwer und packte meine provisorischen Waffen fester. Mein Blick huschte umher und blieb an dem Gesicht des linken Mannes mit den dunkelblonden Haaren hängen. Irgendetwas stimmte daran nicht. Er riss die Augen auf, trat einen Schritt zurück und hob die Hände.

»Entschuldigung, dass wir einfach so hereinplatzen. Wir wollten euch nicht erschrecken.«

Lauren schnaubte. »Wie seid ihr hier reingekommen?«

»Durch die Tür«, erwiderte der Mann ruhig. Unwillkürlich machte ich einen Schritt auf ihn zu. Er legte den Kopf schief, als ich sein Gesicht musterte. Die Augen. Hellbraun, funkelnd – aber einen Tick zu leblos. Ich entspannte mich und ließ die Hände sinken.

»Du bist ein Buchcharakter.« Meine Stimme war kratzig und ich räusperte mich.

Er lächelte mich an. »Richtig. Und ich – wir – sind in einem offiziellen Auftrag hier.« Langsam senkte er einen Arm und griff sich in die linke Jackentasche. Lauren und ich wichen gleichzeitig einen Schritt zurück. Er zog eine Marke ähnlich der eines Detectives aus der Tasche. Auf dem goldenen Material war ein mir bekanntes Logo eingraviert. Lauren warf mir einen unsicheren Blick zu. Ich nickte nur kurz und auch sie entspannte sich.

»Ihr seid von der Taskforce.«

»Richtig. Wir sind hier, weil wir ein paar Fragen an Riley Bell haben. Ich nehme an, das bist du?« Er steckte die Marke wieder ein und deutete mit dem Kinn auf mich. Ich nickte. Mein Puls wurde schneller. Jetzt hatten sie mich also erwischt.

»Möchte jemand einen Tee?«, fragte Lauren plötzlich und legte mir eine Hand auf den Arm. Ich entspannte mich etwas, aber ein ungutes Grummeln in meinem Magen blieb.

»Sehr gern«, antwortete der Mann.

»Gib mir die Deko, Riley. Bin gleich wieder da.«

Ich presste die Lippen aufeinander und händigte Lauren den Dolch und den Stein aus. Der Schweiß in meinen Händen hatte die Farbe des Steins angegriffen, sie klebte nun zum Teil an meinen Fingern und die blanken silbrigen Mosaiksteinchen kamen darunter zum Vorschein. Lauren zog missmutig die Brauen zusammen, sagte aber nichts. Ohne die provisorischen Waffen fühlte ich mich schutzlos. Ich verschränkte die Arme vor der Brust.

»Verratet ihr mir auch eure Namen?«, presste ich schließlich hervor.

Der Buchcharakter lächelte. »Mein Name ist George Farley, das hier ist mein Kollege Noah Carver.« Ich sah dem jungen Mann ins Gesicht, der die ganze Zeit still neben seinem Kollegen gestanden hatte. Seine grün-braunen Augen waren die eines Menschen. Und wunderschön. Voller Leben und heller Sprenkel, die im Licht schimmerten. Ich konnte nicht wegsehen, war wie gebannt davon. Sie passten nicht so recht zu seinem leicht gequälten Gesichtsausdruck. Er war attraktiv, nur leider erkannte man in dem Moment nicht viel davon, weil er so verkniffen dreinblickte.

»Kennen wir uns?«, fragte er mit tiefer Stimme und holte mich damit aus meiner Trance. Ups.

»Nicht dass ich wüsste.« An diese Augen würde ich mich erinnern. Ganz bestimmt. »Was bist du?«

»Erfinder«, antwortete er. So also sah einer von ihnen aus. Ein Bureal-­Kind mit der Gabe, Ideen zu erschaffen und sie an die guten Musen weiterzugeben, die sie dann wiederum mit einem Kuss an Autoren verschenkten. Ich hatte sie mir anders vorgestellt. Irgendwie verschroben … Dieser Noah wirkte … ganz normal. Bis auf den Gesichtsausdruck, der den Anschein erweckte, als hätte er Schmerzen. Die dunkelbraunen Haare hingen ihm leicht zerzaust in die Stirn, der einzige Punkt, in dem er mit meinem Bild eines Erfinders übereinstimmte.

Gut, dass du keine Vorurteile hast, Riley, meldete sich mein Sarkasmus. Er ist genauso normal wie du auch.

»Wenn du einen Moment Zeit hättest«, setzte George Farley mit einem kurzen Blick zu Noah hinzu, »würden wir uns gern mit dir unterhalten, Riley.«

»Schießt los.« Ich verlagerte mein Gewicht von einem Bein aufs andere. Meine Muskeln schrien: Lauf weg! Und doch bewegte ich mich keinen Zentimeter.

Noah griff in seine Jackentasche. Er zog einen Frischhaltebeutel heraus und hielt ihn mir hin. »Die gehört zu dir, oder?«

Zögernd streckte ich meine Finger nach dem Beutel aus und nahm ihn entgegen. Schöne Hände, schoss es mir durch den Kopf, als wir uns kurz berührten.

Es war kein Frischhaltebeutel, sondern eine Beweismitteltüte. Darin steckte eine beschriftete weiße Karteikarte. Ich strich das Plastik glatt, um die Wörter entziffern zu können. Hitze stieg mir ins Gesicht, als die Buchstaben vor meinen Augen sichtbar wurden. Mein Vorname. Mein Pseudonym im Internet. Ein Hinweis auf die Pop-up-Buchwelten und die Adresse von Books by Bea. Schwarz auf weiß, mit Kugelschreiber in einer schönen Handschrift. Mit Bleistift war daneben in einer anderen Schrift ein Datum gekritzelt, es handelte sich um den Termin eines vergangenen Besuches im Litersum.

»Woher habt ihr die?«

»Kommt sie nicht von dir?«, fragte Noah.

»Nein. Ich habe diese Karte noch nie gesehen.«

Die beiden Männer warfen sich einen vielsagenden Blick zu.

»Ich schwöre, dass sie nicht von mir kommt, auch wenn mein Name darauf steht.« Das entsprach der Wahrheit. Aber natürlich verstand ich, wieso das schwer zu glauben war.

»Die Angaben sind korrekt, oder?«

Ich ballte die Hände zu Fäusten. Lügen war zwecklos. »Ja.«

Erneut griff Noah in seine Jackentasche. Was hatte er da noch alles drin? Dieses Mal kam ein Foto zum Vorschein. Nein, zwei.

»Kennst du diese jungen Frauen?« Ich gab ihm den Beweismittelbeutel im Austausch für die Bilder und er steckte ihn wieder ein. Die beiden jungen Frauen waren ungefähr in meinem Alter. Sie lächelten mit jeder Menge Bücher in den Armen, die sie in die Kamera hielten. Mein Magen zog sich zusammen und ich presste die Lippen aufeinander. Die Gesichter kamen mir vage bekannt vor und ihre T-Shirts mit den Logos und die Nicknamen bestätigten meinen Verdacht, dass ich den beiden schon begegnet war. Ich schluckte schwer. Noah versteifte sich, seine Stimme war rau, als er sagte: »Ich werte das als ein Ja.«

»Ich habe sie schon mal getroffen.«

Wieder wechselten die Männer einen Blick. Die Rettung erreichte mich in Gestalt von Lauren, die Tee und Kekse brachte. Sie setzte ein Tablett auf einem Stapel Bücher neben uns ab und schenkte ein paar Tassen ein. George nahm eine davon, Noah lehnte ab. Auch ich wollte nichts, meine Hände zitterten zu sehr. Lauren schnappte sich selbst einen Becher und stellte sich ganz entspannt neben uns. Sie griff nach einem ihrer selbst gemachten Schokokekse, für die ich normalerweise alles stehen und liegen ließ, aber gerade wurde mir allein von dem Geruch schlecht.

»Worum geht es denn?«, erkundigte sich Lauren.

Noah warf mir einen fragenden Blick zu.

»Sie weiß Bescheid. Redet ruhig weiter«, erklärte ich.

Seine Miene war ausdruckslos, als er fortfuhr, doch der missbilligende Unterton in seiner Stimme entging mir nicht. »Das sind Isabel Rubens und Emily White. Sie sind ganz normale Menschen aus der echten Welt. Die beiden waren für jeweils knapp vierundzwanzig Stunden verschwunden, ehe sie in der Londoner ZwiBi gefunden wurden. Isabel vor drei Wochen, Emily vor drei Tagen. Beide waren verwirrt und erinnerten sich nicht daran, wer sie sind oder wie sie in das Litersum kamen. Geschweige denn, dass sie überhaupt wussten, was das Litersum ist. Bei Emily haben wir gestern diese Visitenkarte gefunden. Du hast die beiden – und andere – in das Litersum geführt, oder?«

»Dreizehn gehen rein, dreizehn wieder raus«, sagte ich.

»Wie bitte?«, mischte sich George ein.

»Es stimmt. Ich habe die beiden und andere Menschen in das Litersum mitgenommen. Aber ich habe ihnen und auch mir klare Regeln und Grenzen gesetzt. Eine davon lautet: Ich achte darauf, dass alle, die mit reingekommen sind, auch wieder mit rausgehen. Keiner mehr und keiner weniger. Es sind immer dreizehn Leute, die ich mitnehme. Und bisher habe ich auch immer alle wieder mit heraus­genommen. Wenn diese beiden also im Litersum gestrandet sind, dann nicht meinetwegen.«

»Du gibst also zu, dass du mit diesen angeblichen Pop-up-Welten diverse Regeln gebrochen hast.« George legte den Kopf schief.

Ich straffte die Schultern und antwortete: »Ja.« Noahs Blick huschte zu Lauren. »Sie hatte keine Ahnung«, warf ich ein. »Ja, sie weiß, dass ich eine Anti-Muse bin und was ihr seid. Aber sie hat nichts mit den Übertritten in das Litersum zu tun.« Den letzten Satz sagte ich direkt an Lauren gewandt. Sie sollte ja nicht auf die Idee kommen, etwas anderes zu behaupten. Ich würde sie nicht in meinen Mist hineinziehen. Sie presste die Lippen zusammen und sah mich entschuldigend an.

»Das Einweihen von Menschen in die Belange des Litersums ist verboten«, erwiderte George und trank genüsslich einen Schluck Tee. Seine Augen blitzten herausfordernd auf.

»Dessen bin ich mir durchaus bewusst.«

Seelenruhig setzte er die Tasse wieder auf dem kleinen Tellerchen ab. Noah wartete still, seine Hände hatte er in die Hosentaschen gesteckt. Gab es zwischen den beiden eine Hierarchie? Angespannte Stille breitete sich aus. Ich konnte mein Blut in den Ohren rauschen hören.

»Keks?«, fragte Lauren und hielt den Teller mit dem Gebäck hoch. Die Männer lehnten ab und George räusperte sich.

»Die jungen Frauen sind erst ein paar Tage nach den offiziell von dir durchgeführten Übertritten verschwunden und im Litersum aufgefunden worden. Was glaubst du, wie sie nach deinen Terminen dort gelandet sind? Gab es noch weitere Besuche, von denen wir nichts wissen? Hast du sie noch einmal in die Welt geführt und dort vergessen?«

»Ich hätte sie unter keinen Umständen zurückgelassen. Das schwöre ich. Ich kann mir nicht erklären, wie die beiden danach ins Litersum gekommen sind, es gab keine weiteren Besuche, bei denen sie dabei waren«, sagte ich mit leicht zitternder Stimme. »Wie geht es ihnen jetzt?«

Noah hob den Kopf. »Interessiert dich das wirklich?«

Ich biss mir auf die Lippe. Lauren griff nach meinem Arm und ich entspannte mich wieder. »Natürlich tut es das«, gab ich zwischen zusammengepressten Zähnen zurück. »Ist das so schwer zu glauben?«

»Bei einer Anti-Muse? Ja, das ist es.« Noah reckte das Kinn und schaute mich mit altbekannter Arroganz an. So sahen die meisten Buchcharaktere auf mich herab. So sahen die Musen auf uns herab. All jene, die glaubten, sie wären besser als wir, nur weil sie in einer schicken Akademie lebten, zu der wir anderen noch keinen Zugang hatten. Dabei hatten wir an unserer Gabe genauso wenig Anteil wie sie. Wir erfüllten auch nur unsere von der Agentur übertragenen Aufgaben. Dass bei den Anti-Musen mehr dahintersteckte als nur das Auslöschen von Ideen, wusste ich selbst erst seit Kurzem. Wir konnten Ideen mithilfe der Wandler verändern, sogar verbessern und zurückgeben, doch das schien noch nicht überall angekommen zu sein. Es würde noch dauern, bis die Vorurteile abgebaut wurden und wir vielleicht wieder mit den Wandlern zusammenarbeiteten … Falls es überhaupt so weit kam. In den letzten Monaten hatte es mehrere Treffen mit Anti-Musen aus England gegeben, eine Art Stammtisch, bei dem wir uns austauschten. Dort hatten wir unsere Erfahrungen geteilt und sie waren in der Hinsicht nahezu identisch. Wir waren uns auch einig, dass sich das ändern musste. Dazu brauchte es allerdings auch Geduld von unserer Seite.

»Wie geht es ihnen?«, wiederholte ich mit Nachdruck.

Noah erwiderte meinen Blick mit unverhohlenem Missfallen. Seine Augen, die vor wenigen Momenten noch Wärme ausgestrahlt hatten, wirkten kalt. Leider waren sie trotzdem wunderschön.

»Den Umständen entsprechend. Sie erinnern sich noch immer an nichts. Aber das könnte sich ändern«, sagte er und es klang wie eine Drohung.

Ich schluckte meine Wut herunter, die mich nicht weiterbringen würde. Das tat nur die Arbeit. Ich sah zu George.

»Dreizehn gingen rein, dreizehn kamen wieder raus. Ich habe niemanden im Litersum zurückgelassen, und wenn sie später auf andere Weise dort hingelangt sind, kann ich nichts dafür.«

Noah schnaubte. »Natürlich nicht. Weil Anti-Musen ja nie etwas zum Verschwinden bringen.«

George schien irritiert von Noahs Reaktion und sah zu Lauren, als wollte er sehen, was sie dazu sagte. Die starrte Noah böse an.

Ich biss mir auf die Zunge. Es kostete mich alle Mühe, seinen Kommentar zu ignorieren und ihn nicht anzubrüllen.

»Wir ermitteln in alle Richtungen«, warf George ein. »Trotzdem wäre es gut, wenn du mir sagen könntest, wo du an den Tagen zwischen dem Verschwinden der jungen Frauen und ihrem Auftauchen im Litersum warst.« Er zückte einen kleinen Notizblock aus seiner Jackentasche. Damit er die Hände zum Schreiben frei hatte, nahm Lauren ihm die leere Tasse ab und stellte sie zurück auf das Tablett. George beobachtete jede ihrer Bewegungen ganz genau. Erst als sie fertig war, nannte er mir die Daten, und ich rasselte meinen Tagesablauf herunter, soweit ich mich erinnern konnte. Ich war in den entsprechenden Zeiträumen nicht im Litersum gewesen. Denn außer zu den Besuchen mit den Bloggern betrat ich es so gut wie nie.

George nickte, als ich fertig war. »Wir werden dich heute mit einer Mahnung davonkommen lassen, Riley. Aber sollte uns noch einmal zu Ohren kommen, dass du Gruppen von Menschen in das Litersum führst, wird das ernste Konsequenzen haben. Falls dir nicht vorher schon Strafen wegen dieser Sache drohen, wenn Mrs Patton von alldem erfährt und entscheidet, in dieser Angelegenheit selbst etwas zu unternehmen. Sollte dir noch etwas einfallen, kannst du in unsere Zentrale im Knotenpunkt kommen. Gleich neben der Agentur.«

Noah kniff die Augen zusammen und musterte George skeptisch. Oh ja, ihm passte es gar nicht, dass sein Kollege mich laufen ließ. Mein Herz hingegen klopfte schnell. Kam ich wirklich so davon? Dann traf mich die Erkenntnis wie eine eiskalte Dusche. Ich war gerade dabei, eine meiner besten Einnahmequellen zu verlieren. Mehrere Hundert Pfund würden mir in Zukunft durch die Lappen gehen. Die Miete … Meine Knie wurden weich. Laurens Hand legte sich auf meinen Rücken und stützte mich.

»Danke«, sagte sie an meiner Stelle. »Ihr wisst ja, wo ihr uns finden könnt, falls nötig.«

George lächelte sie an. »Einen schönen Tag noch.« Er drehte sich um und ging zum Ausgang, wo er auf seinen Kollegen wartete. Noahs Blick war auf mich gerichtet, wie ich erschrocken feststellte. Seine Miene wirkte undurchdringlich, die fein geschwungenen Kiefer­knochen stachen scharf hervor. Ich hielt ihm stand und starrte zurück. Mit einem Kopfschütteln wandte er sich schließlich ab und folgte George, um ihm die Tür zu öffnen. Sie traten hindurch in eine Welt, die nicht in unserem Universum lag. Offensichtlich hielten auch verschlossene Türen Bureal-Kinder nicht auf und es war möglich und den Mitgliedern der Taskforce erlaubt, auch Buchcharaktere auf diese Weise durch Welten zu schleusen. Im nächsten Moment fiel die Tür mit einem Klingeln ins Schloss und die beiden waren verschwunden.

»Aus welcher Achtzigerjahre-Sendung haben die denn ihre Jacken geklaut? Ich habe jeden Moment darauf gewartet, dass sie zu singen anfangen«, sagte Lauren und nach einem Moment des Zögerns lachte ich kurz auf.

»Keine Ahnung. Offensichtlich ist man in Sachen Uniform bei der Taskforce noch nicht ganz beim Optimum angelangt.« Meine Schultern entspannten sich. »Tut mir leid, dass die beiden einfach so hier aufgekreuzt sind. Das wollte ich nicht.«

»Es ist ja nichts passiert.« Lauren schob mich sanft zu einem Sofa und drückte mich in die Polster. »Du trinkst jetzt auch erst mal einen Tee.«

»Eine Cola wäre mir lieber«, murmelte ich.

Sie winkte ab. »Nichts da. Du musst jetzt den Tee probieren, den ich bei dem Fest an die Kunden verteile.« Sie drückte mir eine Tasse mit rotem, heißem Wasser in die Hand. Mehr war Tee für mich nicht. Doch Lauren zuliebe trank ich einen Schluck. Es schmeckte allerdings nach nichts. Was vermutlich an mir lag, nicht an dem Getränk. Wenn ich gestresst, nervös oder ängstlich war, hatte das einen negativen Einfluss auf meinen Geschmackssinn.

»Lecker«, murmelte ich.

»Du bist eine schlechte Lügnerin«, erwiderte Lauren. »Trink ihn trotzdem leer, etwas Warmes tut dir gut.« Sie hatte recht. Meine Finger kribbelten dank der Wärme und meine Hände hörten auf zu zittern.

»Danke.«

»Die Mädchen«, fuhr Lauren fort und knibbelte an ihrem Pullover. »Du weißt wirklich nicht, wie sie wieder im Litersum gelandet sind? Hast du vielleicht doch weitere Termine vereinbart, ohne es mir zu sagen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Wenn sie noch einmal in das Litersum gegangen sind, dann nicht mit mir.«

»Du solltest dich kurz hinlegen. Du siehst ganz blass aus.«

Mir blieb noch gut eine Stunde bis zu meiner Schicht im Diner. Eigentlich hatte ich sie für ein paar Auftragsarbeiten nutzen wollen. In diesem Zustand würde aber ohnehin nur Mist dabei herauskommen. Ich trank den Tee leer und umarmte Lauren zum Abschied, was sie fast so sehr überraschte wie mich, denn sie versteifte sich kurz, bevor sie auch mich an sich drückte. Als ich mich noch mal umdrehte, ertappte ich sie dabei, wie sie mir mit gerunzelter Stirn hinterhersah. Als müsste sie darüber nachdenken, ob sie mir glauben sollte oder nicht.


In der Wohnung führte mein erster Weg zum Kühlschrank. Eine eiskalte Cola würde mich munter machen. Mit den Fingern auf die Dose tippend stand ich in der Küche. Der Kühlschrank brummte und blubberte.

Was jetzt?

Die Idee mit den Pop-up-Buchwelten war gestorben. Wie sollte ich diesen Ausfall ausgleichen? Noch ein Nebenjob? Einen so flexiblen, wie ich ihn brauchte, würde ich so schnell nicht finden. Mehr Auftragsarbeiten? Möglich, aber dazu müssten erst mal mehr Anfragen reinkommen. Erst vor Kurzem hatte ich etwas Geld in die Hand genommen und ein paar Werbeanzeigen geschaltet, deren Effekt aber noch auf sich warten ließ. Ich hatte mir das mit dem Grafikdesign in den letzten Monaten, nachdem ich Thor gekauft hatte, selbst anhand von Tutorials beigebracht und hoffte, dass es in Zukunft für einen guten Zuverdienst reichte. Ich fand mich recht gut und meine Kunden waren bisher auch zufrieden. Die Chancen standen nicht schlecht. Hoffte ich.

Ich überschlug kurz mein Erspartes und das Gehalt, das ich diesen Monat noch erhielt. Es würde mich zwei Monate über Wasser halten, bevor ich in Schwierigkeiten kam. Besser als nichts. Ich trank die Cola leer und erweckte Thor zum Leben. Mein erster Impuls wollte mich dazu antreiben, nach Stellenausschreibungen zu suchen. Doch die beiden Mädchen spukten mir im Kopf herum. Traf letzten Endes doch mich die Schuld daran, dass sie im Litersum gestrandet waren? Immerhin war ich es, die sie damit in Berührung gebracht hatte. Und möglicherweise auch mit etwas, was ihnen eine Rückkehr auf eigene Faust ermöglichte? Oder waren sie anderen Bureal-Kindern begegnet und zusammen mit ihnen ins Litersum zurückgekehrt?

Ich rief das Forum Literabookish auf, das ich als Werbeplattform für die Ausflüge ins Litersum und meine Auftragsarbeiten nutzte, und durchforstete dort die Kommentare unter meinen Beiträgen. Ich ging mehrere Wochen zurück und las mir die zahlreichen Einträge der Leser und Blogger durch, durchwühlte alles. Es gab viele Kommentare dazu, wie schön die Erfahrung in der Welt von River gewesen sei, einige lobende Stimmen über die Charaktere und so weiter. Ich fand sogar einen Eintrag einer der beiden Bloggerinnen, die man ein paar Tage später verwirrt aufgefunden hatte. Zu diesem Zeitpunkt, einen Tag nach dem Besuch in der angeblichen Pop-up-Welt, schien sie noch bei allen Sinnen gewesen zu sein, zumindest las sich die Schilderung ihrer Perspektive so.

Ich scrollte weiter. Meine Augen schmerzten, ich musste das Bedürfnis unterdrücken, mir ständig mit den Fingern über das Gesicht zu fahren. Vielleicht sollte ich wirklich etwas schlafen. Träge blinzelnd las ich mich durch alle Beiträge, bis ich bei jenen ankam, die nach dem Ausflug gestern gepostet worden waren.

Lobende Stimmen, Diskussionen über River, Fragen nach dem nächsten Termin. Alle dreizehn Teilnehmer hatten etwas geschrieben. Also waren auch gestern alle wieder mit in die echte Welt gekommen. Wie immer. Seufzend lehnte ich mich zurück in die Sofakissen und schloss kurz die Augen.


Mit einem Zucken fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Meine Augen brannten noch schlimmer, in meinem Hals steckte ein dicker Kloß. Ich befeuchtete meine Lippen, die sich ganz trocken anfühlten. Verdammt, wie spät war es? Ich strich mit den Fingern über das Touchpad des Laptops und er leuchtete auf. Es blieben mir zwanzig Minuten, um mich für die Arbeit im Diner fertig zu machen. Gerade noch genug Zeit.

Rechts unten am Bildschirm blinkte eine Benachrichtigung. Jemand hatte einen neuen Kommentar unter meinem Beitrag im Forum gepostet. Ich klickte darauf und das Browserfenster öffnete sich. Der Eintrag stammte von einer der Teilnehmerinnen gestern und bezog sich auf ihre Freundin, die ebenfalls mit in Rivers Welt gewesen war.

Mir stockte der Atem.

Bookish Wednesday: Hat jemand seit heute Morgen was von Anna von Your & My Books gehört? Wir waren zum Frühstück verabredet, aber sie ist nicht aufgetaucht. Sie ist nicht zu Hause, geht nicht an ihr Handy und reagiert nicht auf Nachrichten. Mache mir Sorgen, denn das ist nicht ihre Art.

Nein.

Das musste ein schlechter Scherz sein.

Mein Herz drohte mir aus der Brust zu springen. Konnte es sein … war noch eine der Bloggerinnen verschwunden? Ich klappte den Laptop zu. Meine Hände verkrampften sich zu Fäusten. Wenn die Mädchen nach dem Ausflug in das Litersum verschwanden, war das nicht meine Sorge. Sie alle waren erwachsen und für sich selbst verantwortlich. Ich hatte nichts damit zu tun. Es war nicht meine Aufgabe, mich darum zu kümmern.

Ich erhob mich, schnappte mir eine Cola und trank sie auf dem Weg ins Bad leer. Eine schnelle Dusche würde meine schmerzenden Muskeln lockern und mich auf andere Gedanken bringen.

Falsch gedacht. Der Kommentar ging mir noch immer nicht aus dem Kopf, als ich umgezogen und für die Arbeit fertig in meiner Wohnung stand. Das würde sicher eine total entspannte Schicht im Diner werden.

Ich band meine Schuhe zu, schnappte mir den Hausschlüssel und öffnete die Tür.

Im Zurücklassen war deine Familie schon immer gut, flüsterte mir eine innere Stimme zu. Meine Stimme. Die einer jüngeren Version von mir. Ich hielt inne. Wenn ich jetzt einfach weitermachte, mich nicht für das Schicksal der jungen Frau interessierte, war ich nicht besser als meine Schwester Jamie. Auch sie war gegangen, ohne sich umzudrehen. Hatte die Verantwortung für mich abgestreift und mich allein bei unserer Rabenmutter gelassen. Das würde ich ihr nie verzeihen. Und mir? Würde ich mir vergeben, wenn ich mich nun genauso verhielt wie sie?

Und wenn es die Taskforce herausfand, würden sie früher oder später wieder vor meiner Tür stehen, und wie ich mich dann guten Gewissens rausreden sollte … Georges Warnung klingelte mir in den Ohren. Besser, ich kam ihnen zuvor.

Ich schloss die Tür und setzte mich an den Laptop zurück. Erneut scrollte ich mich durch die Kommentare. Niemand hatte etwas von der Bloggerin gehört, sie war nach wie vor verschwunden. Würde sie wie die anderen im Litersum auftauchen? Aber wie war das möglich? Egal warum, es war Eile angesagt. Denn wenn es ihr erging wie den anderen, würde man sie ohne Gedächtnis wiederfinden. Vielleicht konnte man das verhindern, wenn man sie früher in die echte Welt zurückholte.

Stöhnend dachte ich an den nächsten notwendigen Schritt. Der Gang zu Noah Carver und George Farley war unausweichlich. Blieb nur zu hoffen, dass sie mich nicht direkt vor Ort verhaften würden … sofern sie die Befugnis dazu hatten. Ich würde ohnehin zu spät zu meiner Schicht im Diner kommen, aber lieber so als gar nicht. Oder sollte ich erst danach zu ihnen gehen? Nein, dann konnte es für das Mädchen schon zu spät sein.

Ich wählte die Nummer des Diners. Nach zweimaligem Klingeln nahm jemand ab.

»Heartbreak Hotel Diner, Sophia am Apparat, wie kann ich Ihnen helfen?«

»Hey, hier ist Riley. Ich verspäte mich etwas. Kannst du mich bei Clint entschuldigen? Ich komme nach, so schnell ich kann.« Stille am anderen Ende. Dann ein Rascheln und endlich wieder Sophias Stimme.

»Geht es dir nicht gut, Riley? Du bist nie zu spät.«

»Es ist alles in Ordnung. Ich muss nur noch schnell etwas wirklich Wichtiges erledigen.«

»Okay. Aber beeil dich. Clint ist heute nicht gut drauf. Und es sind viele Gäste da.«

»Geht klar. Danke!«

Ein ungutes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Aber ich wusste, ich würde keine Ruhe finden, wenn ich jetzt zur Arbeit ging. Eins nach dem anderen. Mit einer frischen Dose Cola bewaffnet machte ich mich auf den Weg zum Knotenpunkt.

Kapitel Drei


Die Schönheit des Knotenpunkts war wie immer atemberaubend. Das Kommen und Gehen der Charaktere, das Auf- und Zuschlagen der Türen, gepaart mit dem Geruch von Papier und den schillernden Farben der unzähligen Buchläden, kreierten eine Atmosphäre des Aufbruchs, aber auch des Heimkehrens. Alles hier war stets im Wandel wie das Litersum selbst und doch beständig. Im letzten halben Jahr hatte sich einiges verändert. Mnemosyne hatte als Reaktion auf die Vorkommnisse in der Buchwelt Stage of Death Magie angewandt und dem Litersum eine Art Upgrade verpasst sowie das Gebäude der Taskforce erschaffen und die Akademie ausgebaut. Aber nicht nur das: Jede Magie, die außerhalb ihrer Heimat-Buchwelt ausgeübt wurde, verschob das Gleichgewicht im Litersum ein wenig und sorgte für Veränderungen, wenn es sich wieder einpendelte. Zu viel, und es würde unwiderruflich kippen. Deswegen war das Wirken von Zaubern abseits ihrer Geschichten allen Charakteren verboten oder nur unter Auflagen möglich. Mnemosyne selbst hatte bewusst dagegen verstoßen und es blieb abzuwarten, welche Folgen ihr Handeln haben würde. Von alldem bekam ich abseits der Erzählungen beim Stammtisch nichts mit, weil es mein restliches Leben kaum tangierte.

Doch jedes Mal, wenn ich mich in den riesigen Hallen wiederfand, erhaschte ich einen Eindruck davon, wie groß und unbegreiflich diese magische Welt, dieses Universum war. Im Vergleich dazu war ich nur ein unbedeutender Wimpernschlag. Ich lockerte die Schultern und suchte das Gebäude der Taskforce. Wie angekündigt, befand sich der Hauptsitz direkt neben der Agentur. Der gotische Bau, dessen Fassade an eine Kirche erinnerte, wirkte alt und so, als hätte er schon immer an genau dieser Stelle gestanden. Aber er war ganz neu, eine Kreation von Mnemosyne und ihren Töchtern, den Musen, die innerhalb der Grenzen des Litersums Neues zu erschaffen vermochten.

Sogar den Geruch nach altem, nassem Stein hatten sie imitiert. Er zog mir in die Nase, als ich die scheinbar in die Jahre gekommene Holztür öffnete und das Foyer betrat. Das Innere mutete auf den ersten Blick ebenfalls wie eine Kirche an. Unter den gebogenen hohen Decken beherbergte das Gebäude allerdings ein modernes Großraumbüro, das vom vorderen Teil lediglich durch einen Wartebereich und eine Theke getrennt wurde. Sanft leuchtende Lampen hingen an endlos scheinenden Kabeln von der Decke herunter und erhellten die Tische aus dunklem Holz und den Boden aus poliertem Marmor. Ein paar Umzugskartons standen hier und da herum, Zeugen des jungen Alters der Einrichtung. In der Luft lag der Duft von Kaffee, altem Gemäuer und Leder. Im Gegensatz zur Haupthalle herrschte hier eine angenehme Ruhe. Nur vereinzelt saßen Frauen und Männer an den Tischen oder räumten Kisten aus.

Ich trat an den Empfang und nur wenige Augenblicke später kam eine junge Frau zu mir herüber. Sie fasste sich die blonden Haare im Gehen zu einem Zopf zusammen und zupfte ihr Shirt zurecht.

»Hallo. Wie kann ich Ihnen helfen?« Ihren Augen nach zu urteilen, war sie ein Buchcharakter. Sie lehnte die Arme locker auf den Tisch, das Leder ihrer schwarzen Jacke knarzte.

»Hi. Ich bin auf der Suche nach Noah Carver und George Farley. Sie meinten, ich solle mich melden, wenn ich noch Hinweise zu einem Fall habe.«

»Kleinen Moment.« Die Frau stieß sich vom Tresen ab und ging zum hinteren Ende des Raumes. An einem der Arbeitsplätze verharrte sie. Ihre Worte waren nicht zu verstehen, doch wenig später tauchte ein Kopf unter dem Schreibtisch hervor. Dem dunkelbraunen Haarschopf nach zu urteilen, handelte es sich dabei um Noah. Er richtete sich auf und folgte der jungen Frau nach vorne, die ihn in meine Richtung wies. Zwei Tischreihen vorher bog sie ab. Noah musterte mich erst skeptisch, dann aufmerksam, als er auf mich zukam. Heute trug er nur ein dunkles Langarmshirt, die Lederjacke war nirgends zu sehen. So gefiel er mir besser, irgendwie nahbarer.

»Was machst du hier?« Er verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich glaube, dass eine weitere Bloggerin verschwunden ist«, murmelte ich.

Noahs Gesichtszüge entglitten ihm. »Wieso das?«

»Ich habe einen Kommentar im Forum gefunden, der mir nicht geheuer ist.«

»Komm mit«, befahl er mir.

Ich ging um die Theke herum und folgte ihm durch das Büro. Unterwegs schnappte er sich einen Schreibtischstuhl von einem anderen Tisch und rollte ihn neben seinen eigenen. Mit der Hand wies er mich an, Platz zu nehmen.

»Was genau ist passiert?« Er tippte ein Passwort auf die Tastatur und der Computer erwachte aus dem Ruhezustand. Nur teure Technik stand hier herum, das Neueste vom Neuesten. Oder eben das Beste, was man mit mächtiger, alter Musen- und Göttermagie zu zaubern vermochte. Wenn ich doch nur auch Dinge auf diese Weise erschaffen könnte … Fast all meine Probleme würden sich in Sekundenbruchteilen in Luft auflösen.

»Riley?« Noah wedelte mit einer Hand vor meinem Gesicht herum und schreckte mich auf.

»Sorry. Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Ruf mal das Forum Literabookish auf. Und such nach Einträgen von meinem Pseudonym.«

Noah machte sich ans Werk. Er ließ die Finger über die Tastatur fliegen und vertippte sich nicht ein Mal. Seine Hände gefielen mir …

»Hier?« Auf dem Bildschirm prangte die braun-graue Benutzeroberfläche des Forums.

»Ja.« Ich beugte mich ein Stück nach vorne und zeigte auf den entsprechenden Eintrag. Dabei stieg mir der Geruch von Zitrone und einem Männerdeo in die Nase. Noah roch wirklich gut. Ich räusperte mich und richtete meine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm. Ein paar Klicks und etwas Scrollen später war der Beitrag von Bookish Wednesday zu sehen, den ich heute Morgen entdeckt hatte. Mittlerweile waren danach noch ein paar Kommentare dazugekommen. Alle hatten denselben Inhalt. Niemand hatte etwas von Anna gehört, seit sich die Wege der Bloggerinnen nach dem Termin getrennt hatten. Aber ihren Berichten zufolge war sie wieder mit in die echte Welt zurückgekehrt. Ihre Freundinnen hatten sich noch von ihr verabschiedet, sie also mit eigenen Augen gesehen.

»Und du hast keine Ahnung, was danach passiert sein könnte?«, wollte Noah von mir wissen. Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und musterte mich aufmerksam.

»Nein.«

»Du siehst aber ein, dass das kein gutes Licht auf dich wirft, oder? Drei illegale Abstecher ins Litersum, drei Mal verschwindet kurz darauf eine junge Frau.«

»Ich mag eine Regelbrecherin sein, aber dumm oder ignorant bin ich nicht«, erwiderte ich. Ich war mir der prekären Lage durchaus bewusst, das ungute Gefühl im Magen war ein eindeutiges Indiz dafür.

Noahs Blick ruhte auf mir, er fuhr jeden Zentimeter meines Gesichtes nach, als wollte er sich jeden Zug, jede Sommersprosse merken und alle meine Reaktionen genauestens unter die Lupe nehmen. Ich richtete mich auf, da mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit unangenehm war. Er räusperte sich.

»Ist dir während eures Aufenthaltes dort etwas Verdächtiges aufgefallen? Hat dieses Mädchen mit einem der Charaktere geredet? Hat sie etwas mitgehen lassen?«

»Soweit ich das beurteilen kann, hat sie sich nicht anders verhalten als der Rest der Gruppe. Ich kann mich nicht an sie direkt erinnern, aber mir ist niemand negativ aufgefallen. Keiner hat nervös gewirkt oder wollte besonders schnell wieder gehen.«

»Und da bist du dir zu einhundert Prozent sicher?« Noah legte den Kopf schief. In seiner Frage schwang ein Hauch Skepsis mit, über den auch sein einfühlsamer Blick nicht hinwegtäuschen konnte.

Noch nie hatte ich an meinen Beobachtungen gezweifelt. Ich hatte mich immer für einen aufmerksamen Menschen gehalten. Zumindest bisher. Aber was, wenn die langen Tage und Nächte nun ihren Tribut forderten und mich nachlässig machten? Bröckelte meine Zuverlässigkeit?

Ich schwieg und das war Antwort genug. Noah presste die Lippen aufeinander und seine Kiefermuskeln zuckten. Ich schluckte schwer. »Es tut mir leid. Ich kann mir das wirklich nicht erklären«, schob ich hinterher.

Er drehte den Kopf zu mir, ich wich seinem Blick aus. Dass er mir nicht glaubte, wusste ich auch so. Ein paar Sekunden war es still zwischen uns und ich traute mich nicht, noch etwas zu sagen. Als ich gerade aufstehen und gehen wollte, meldete sich Noah zu Wort.

»Wieso bringst du überhaupt Menschen in das Litersum, wo es doch verboten ist?«, fragte er und wandte sich wieder dem Forum zu.

»Weil ich das Geld brauche.«

»Kannst du dir nicht einen richtigen Job suchen?«

»Mensch, dass ich da nicht von selbst draufgekommen bin«, pampte ich zurück. »Ich gebe meine anderen drei Jobs einfach ganz schnell auf und lüge mir eine Ausbildung zusammen, dann ist das bestimmt ein Klacks.«

Noah hielt im Scrollen inne und musterte mich von der Seite. Als ich seinen Blick erneut auf mir spürte, stieg mir vor Scham Hitze in die Wangen. Er wusste es ja nicht besser, ich hätte ihn nicht so anfahren dürfen.

»Tu…«

»Tut mir leid«, sagte er, bevor ich es konnte. »Ich … Das geht mich nichts an.«

Ich senkte den Kopf, noch immer unfähig, ihm in die Augen zu sehen.

Noah rief den Blog des verschwundenen Mädchens Anna auf. »Ich möchte mich auch für mein Verhalten in der Buchhandlung entschuldigen, als ich meine schlechte Laune an dir ausgelassen habe. Das war falsch.«

Ich nickte langsam. Das hätte ich nicht erwartet. Noah tippte etwas ein und rief eine Seite auf der Homepage auf. Er notierte sich ihre Adresse aus dem Impressum und fand ein aktuelles Selfie von ihr. »Ist sie das?«

»Ja.« Strahlend blaue Augen blickten uns entgegen. Ihr Lächeln war ansteckend. Mein Magen zog sich zusammen und ich packte die Armlehnen des Schreibtischstuhls fester. Warum nur war sie verschwunden? Und hatte ich etwas damit zu tun? Brummend spuckte der Drucker das Foto des Mädchens ein paar Mal aus und Noah überreichte mir eine Kopie.

»Damit werden wir rumgehen und uns erkundigen, ob jemand sie gesehen hat«, erklärte Noah.

»Okay.« Das war es dann wohl. Mehr konnte ich nicht tun. Oder? Ein Blick auf die Uhr und mein schlechtes Gewissen verdreifachte sich. Ich würde so verdammt viel zu spät kommen. Seufzend sackte ich im Stuhl zusammen, wollte nur noch einen Moment durchatmen, bevor ich mich wieder der echten Welt stellte. Hoffentlich vergaß Clint nicht, dass ich sonst … Moment. Das Gedächtnis. Ich richtete mich auf. »Wieso bitten wir Mnemosyne nicht um Hilfe? Sie könnte in den Erinnerungen der verschwundenen und dann wieder aufgetauchten Mädchen lesen und rausfinden, was ihnen passiert ist, oder?«

Noahs Augen blitzten auf. Eine Hand ans Kinn gelegt, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück. »Keine schlechte Idee. Im Fall von Malou hat sie auch die Erinnerungen der Londoner Polizei manipuliert. Vielleicht kann sie …«

»Nein«, schaltete sich eine weitere Stimme ein. George trat an den Tisch. Er lächelte mir freundlich zu, als wäre es total normal, dass ich hier war. »Eine schöne Idee, aber nicht umsetzbar. Mnemosyne ist aktuell nicht in der Lage, das zu tun. Außerdem ist diese Taskforce gegründet worden, um ihr Arbeit abzunehmen, nicht, um ihr noch mehr zu beschaffen.«

»Was hindert sie daran?«, hakte ich nach.

George lehnte sich an den Schreibtisch und verschränkte die Arme. »Jede Magie hat ihren Preis, auch die einer fiktiven Göttin. Sie hat sich mit dem Bau der Taskforce, dem Ausbau des Knotenpunktes sowie der Zwischenweltsbibliotheken und der Akademie verausgabt und muss in ihrer Welt erst wieder zu Kräften kommen. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie Magie wirken kann. Solange sind wir dran.« Er lächelte stolz. »Was machst du eigentlich hier, Riley?«

Ich wiederholte, was ich zuvor schon Noah erzählt hatte. George hörte aufmerksam zu und stellte ab und an ein paar Zwischenfragen. »Es ist nett, dass du gleich vorbeigekommen bist.«

»Ich würde wirklich gern mehr tun, wenn ich könnte.«

Er zuckte mit den Schultern. »Solange du nicht weißt, wo das Mädchen ist, sehe ich da aktuell keine Möglichkeit.«

»Können wir denn nichts anderes tun, um festzustellen, wo sie sich aufhält, als herumzufragen und zu warten? Wer weiß, was in der Zwischenzeit mit ihr passiert.«

»Nicht dass ich wüsste.«

Der kleine Funken Hoffnung, der bei der Idee mit Mnemosyne in mir erwacht war, erlosch. Zähneknirschend stemmte ich mich aus dem Stuhl und wandte mich an Noah, um mich zu verabschieden. Doch der Erfinder beachtete mich gar nicht. Seine Augen waren zusammengekniffen, der Mund stand leicht offen. Seine Hände ruhten auf den Oberschenkeln. Schmunzelnd betrachtete ich ihn. Das sah irgendwie süß aus. George räusperte sich und ich schrak zusammen.

»Spuck es aus, Carver.«

Noah nickte abwesend. Er zog die Tastatur zu sich und tippte etwas ein. Ich sank zurück auf den Stuhl und rutschte näher an ihn heran.

»Was tust du?«, fragte ich. Seine Augen richteten sich auf mich. Sie wurden eine Sekunde groß, als wäre er überrascht darüber, dass ich noch da war.

»Was weißt du über die Auren?«, wollte er wissen.

»Was für Auren? Ah, meinst du die, die im Knotenpunkt gescannt werden? Wenn ja, dann war das auch schon alles.«

»Fangen wir also bei null an«, sagte er, diesmal ohne tadelnden Unterton.

George kam um den Tisch herum und blieb hinter uns stehen. »Du meinst, du kannst sie darüber lokalisieren?«

»Vielleicht«, antwortete Noah. Er drehte sich zu mir. »Jeder Buchcharakter besitzt eine individuelle Aura. Man kann sie nicht sehen, aber sie ist da. Im Litersum dient sie als Ausweis. Damit kann ein Charakter Genehmigungen und Tickets für einen Besuch in einer anderen Welt, echt oder fiktiv, beantragen. Scanner an den Türen zentraler Stellen wie dem Knotenpunkt, den ZwiBis, einigen wichtigen Buchwelten und Orten in der realen Welt lesen diese Aura außerdem aus. Nach dem Vorfall vor einem halben Jahr hat sich Mnemosyne dazu entschlossen, diese Scanner an jeder Tür in jeder Welt anzubringen, von der aus man Zugang in andere Bereiche des Litersums und unseres Universums hat, also alle Buchläden und Bibliotheken, beispielsweise auch an der von Books by Bea. So lässt sich der Weg eines jeden Einzelnen genau nachverfolgen. Bureal-Kinder sind davon ausgenommen, denn unsere Aura entspringt beiden Welten und kann nach wie vor nicht ausgelesen werden. Das schafft selbst Mnemosyne nicht. Warum auch immer, aber etwas an uns entzieht sich sogar ihrer Kontrolle.«

»Und wie ist das bei Menschen?«

»Genau das ist der Knackpunkt. Ich weiß es nicht. In den Vorlesungen an der Akademie hat man uns beigebracht, dass Menschen entweder keine haben, weil es in ihrer Welt nichts Magisches gibt, oder aber sie nicht messbar sind. Nach allem, was in der letzten Zeit passiert ist, weiß ich jedoch nicht, was ich davon halten soll. Vielleicht hat sich durch die Eingriffe von Mnemosyne auch hier etwas geändert.« Noah gab ein paar Dinge in ein kryptisch aussehendes Programm ein, das als Antwort eine kurze Liste ausspuckte. »Das sind die Aurenscanner-Daten der Tür von Books by Bea. Wie man sieht, wurde Georges Besuch gestern aufgezeichnet, meiner nicht, weil der Scanner mich nicht erfassen kann. Außerdem wurden einige Übertritte anderer Buchcharaktere registriert, sonst aber nichts. Du tauchst nicht auf und auch deine Blogger nicht. Offensichtlich sind die Scanner noch nicht in der Lage, menschliche Auren zu scannen, sofern diese überhaupt eine haben. Das Mädchen über diesen Weg zu finden, können wir also vergessen.«

Noah schob die Tastatur von sich und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Arme vor der Brust verschränkt.

George legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Tut mir leid. War aber eine gute Idee.«

»Ich hatte schon bessere.«

»Wie habt ihr denn die anderen Mädchen aufgespürt?«, fragte ich.

George war es, der mir antwortete. »Wir gar nicht. Man hat uns gerufen, nachdem ein paar Buchcharaktere sie fanden. Auch wir wissen um die Besonderheit der Augen und dass sich unsere von denen der Menschen unterscheiden. Spiegel der Seele und so … Und bei diesen Mädchen war ganz klar zu erkennen, dass sie nicht hierhergehörten. Vom Äußeren her, dafür steckte zu viel Leben in ihren Augen, und aufgrund der Tatsache, dass sie keine Ahnung hatten, was das Litersum ist. Bureal-Kinder konnten es also auch nicht sein.«

Unwillkürlich huschte mein Blick zu Noah. Zu seinen Augen. Verdammt, ich war wie besessen von ihnen. Ich brauchte dringend Zucker, der würde mich sicherlich wieder auf die richtige Bahn lenken.

»Hättet ihr was zu trinken für mich? Eine Cola vielleicht?«

»Kommt sofort.« George drehte sich um und entfernte sich von uns.

»Danke!« Ich tippte mit den Fingern auf der Stuhllehne. »Mal angenommen, es wäre möglich, eine menschliche Aura im Litersum aufzuspüren. Dann könnten wir doch aktiv nach dem Mädchen suchen gehen, oder?«

»Wir?«, fragte Noah und richtete sich auf.

»Wir im Sinne von ihr. Angehörige des Litersums.«

Er runzelte die Stirn. Seine Nase zog sich kraus, während er über meine Worte nachdachte. »Ja. Ja, es wäre möglich, das Mädchen so zu finden. Je nachdem, wie sensitiv und reichweitenstark das System ist, mit dem man die Spur der Aura verfolgt. Allerdings wäre Mnemosyne die Einzige, die das einrichten könnte, und sie steht nicht zur Verfügung.«

»Mhm.«

In dem Moment kam George mit einer Cola zurück. Mein Magen grummelte, kurz bevor ich sie ihm abnahm, der Deckel zischend nachgab und ich sie beim ersten Ansetzen halb leer trank. Oh ja, das hatte ich gebraucht. Zufrieden und laut seufzend stellte ich die Dose auf dem Schreibtisch ab. Die Gesichtsausdrücke von George und Noah schwankten zwischen Unglauben, Belustigung und peinlicher Berührtheit.

»Ein Laster muss der Mensch haben«, erwiderte ich.

»Je ungesünder, desto besser?«, wollte Noah wissen.

Sein Kollege stieß ihm gegen den Arm. »Lass sie. Sie ist alt genug. Außerdem hast du mit deinen …«

»Danke, George, das reicht.« Noah wedelte mit den Händen, und George verstummte, ein Schmunzeln auf den Lippen. Nein, ich war jetzt gar nicht neugierig geworden.

Schnell trank ich auch noch die andere Hälfte der Cola aus, bevor mir die beiden den Spaß daran verderben konnten. Dabei kreisten meine Gedanken um Auren, Scanner und verlorene Menschen …

»Sagt mal, wie findet ihr einen Buchcharakter, wenn er in der echten Welt verloren geht? Ich weiß, dass sie nach einiger Zeit von selbst in das Litersum zurückgezogen werden. Aber angenommen, jemand müsste frühzeitig zurückgeholt werden. Wie spürt ihr ihn auf?«

»Noch gar nicht«, antwortete Noah. »Dafür gibt es aktuell keine Lösung, diese ist aber in Arbeit und …«

George beugte sich zu mir herunter und deutete mit dem Finger auf Noah. »Schau genau hin. So wird eine Idee geboren.« Hinter vorgehaltener Hand lachte ich, als Noah mit den Augen rollte und George naserümpfend ansah.

»Nicht mal im Entferntesten«, erwiderte er. »Das war ein Einfall, mehr nicht. Eine Idee, eine echte Idee, macht sich ganz anders bemerkbar.« Für einen Moment glaubte ich, dass er noch mehr dazu sagen wollte, doch dann verstummte er. Seine Schultern sackten herab und die Lippen waren nicht mehr als ein dünner Strich. Er wandte den Blick ab. »Wie dem auch sei. Danke, dass du Bescheid gegeben hast, Riley, den Rest übernehmen wir. Sollten wir noch mal deine Hilfe benötigen, melden wir uns.«

Es war, als würde mir alle Luft aus der Lunge gepresst. Nein, er musste mir nicht verraten, was er nun tat, eigentlich sollte es mir auch egal sein. Er würde seine Sache sicher gut machen und das Mädchen finden. Aber … ich war enttäuscht darüber, nicht mehr zu erfahren. Und überrascht, dass ich enttäuscht war. Das Ziel, mir die beiden vom Leib zu halten, hatte ich erreicht. Nun konnte ich ganz entspannt wieder zurückgehen, aber … Oh. Oh, verdammt.

Ich sprang auf und der Schreibtischstuhl rollte schwungvoll ein paar Meter weit. George zuckte kurz zusammen, Noah verzog keine Miene.

»Der Diner. Die Schicht. Verdammt. Ich komme viel zu spät.« Schnell schnappte ich meine Tasche und war schon um den Schreibtisch gesprintet, als ich mich noch einmal zu den beiden umdrehte. George winkte mir hinterher. Noah sah mich missmutig an. Beim ersten Anzeichen dafür, dass ich nichts mehr tun musste, nahm ich Reißaus. Das passte ihm und seinen Vorurteilen sicher wunderbar in den Kram. Sollte es doch. Es kümmerte mich nicht, was er über mich dachte, solange er mich in Zukunft in Ruhe ließ und mir das Verschwinden der Mädchen nicht in die Schuhe schob. Trotzdem blieben mir die Worte des Abschieds im Halse stecken. Ich musste einmal schwer schlucken, bevor ich doch noch etwas herauspressen konnte.

»Danke für die Cola.« Ohne einen Blick zurück machte ich mich auf den Weg zum Diner. Dumm nur, dass meine Gedanken hartnäckig waren und mit mir kamen.

Kapitel Vier


Clints Rüge über mein Zuspätkommen fiel kurz, aber heftig aus. Er ließ mich mit einer Warnung davonkommen, weil sonst auf mich Verlass war. Noch nie war ich zu einer meiner Schichten oder einem anderen Job zu spät erschienen und es würde ganz sicher nicht noch mal vorkommen. Das schlechte Gewissen sowie die Angst, dass ich damit alles aufs Spiel setzte, waren viel zu groß. Ich nahm mir fest vor, in Zukunft nie wieder die Zeit aus den Augen zu verlieren.

An diesem Tag strengte ich mich im Diner besonders an. Ich schenkte den Gästen ein Lächeln, streute hier und da ein paar Komplimente in die Gespräche ein und gönnte mir außer ein paar kurzen Trinkpausen keine Auszeit. Clint sollte nicht auf die Idee kommen, dass er mit jemand anderem besser beraten wäre als mit mir. Sophias sorgenvolle Blicke entgingen mir nicht, aber ich ignorierte sie. Wenn ich ihr erklärte, wieso ich zu spät gekommen war, würde sie mir ohnehin nicht glauben. Ganz zu schweigen davon, dass ich damit einen weiteren Regelbruch begehen würde, den ich mir nicht leisten wollte. Die ganze Sache mit den verschwundenen Bloggerinnen war schlimm genug und jeder weitere Fehltritt wäre meine eigene Schuld. Nein. Es reichte. Ich musste das alles abhaken und darauf bauen, dass Noah und George des Rätsels Lösung fanden. Und das Mädchen. Wo sich Anna wohl gerade aufhielt? Vielleicht war sie sogar in einer Buchwelt, die sie mochte? Vielleicht sorgten wir uns unnötig und sie machte gerade eine wunderbare Erfahrung? Schön wäre es … Aber es war nicht richtig. Und ich hatte doch irgendwie schuld daran, da sie nur meinetwegen überhaupt in Kontakt mit dem Litersum gekommen war.

»Woran denkst du?« Sophia tauchte neben mir auf, als ich gerade ein paar Gläser in die Spülmaschine hinter dem Tresen räumte.

»Daran, dass ich so ein Industrie-Teil auch zu Hause gebrauchen könnte. Nur zwei Minuten und alles ist supersauber.« Quietschend gab die Klappe der Maschine dem Druck meiner Hände nach und rastete mit einem Klicken wieder in geschlossener Position ein.

»Aha. Und woran denkst du wirklich?«

»An den Dienstplan für die nächsten Tage. Ich hoffe, dass ich am Mittwoch Frühdienst oder frei habe.«

Sophia hob die Augenbrauen. »Du und das Wort ›frei‹ in einem Satz? Dass ich das noch erleben darf! Was hast du denn vor?«

»Das Straßenfest bei mir zu Hause findet wieder statt. Und Lauren hat mich darum gebeten, ihr im Laden auszuhelfen. Ich wollte zumindest mal nachfragen. Aber nach der Pleite heute traue ich mich nicht. Jetzt kann ich nur noch hoffen.«

»Soll ich mal mit Clint reden?«

»Das ist lieb, aber nein danke. Das muss ich schon selbst ausbaden.«

Schulterzuckend sagte Sophia: »Wenn du meinst.«

Die restliche Schicht verlief zum Glück ereignislos. Meine Wangen schmerzten von dem ständigen Lächeln und ich fragte mich, wie andere Menschen das freiwillig dauerhaft aushielten. Meine Füße reihten sich in das Klagen meiner Muskeln ein und ich hätte mich am liebsten sofort auf den Boden des Diners geschmissen und geschlafen, als meine Pflichtstunden vorbei waren. Da ich die verlorene Zeit hinten dranhängte, endete meine Schicht später als sonst und die Müdigkeit zermürbte mich. Ich schaffte es gerade noch so, die Schürze in den Wäschekorb zu werfen und mich bei der Küchenmannschaft zu verabschieden, ehe ein langes Gähnen Besitz von mir ergriff.

Mit hängenden Schultern machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich bemerkte erst spät, dass ich bei den jungen Frauen, die mir dabei begegneten, nach dem Gesicht von Anna suchte. Vielleicht war sie ja doch schon wieder aufgetaucht?

Zu Hause angekommen, verlief mein erster Gang wie immer zum Kühlschrank. Der Deckel der Cola-Flasche gab zischend nach und ich trank einen schnellen Schluck daraus, ehe ich sie auf dem Beistell­tisch neben dem Sofa abstellte. Ich ließ mich in die Kissen fallen und kramte nach Thor, der nach kurzem Flackern meinem Willen nachgab und hochfuhr.

Die Seite des Forums war noch immer im Browser geöffnet, ein Klick und sie frischte sich auf. Doch die neuen Kommentare, die sich unter dem Beitrag gesammelt hatten, lieferten nicht das gewünschte Ergebnis. Ganz im Gegenteil. Anna war noch immer weg und ihre Freundin auf der Suche nach ihr. Die Eltern hätten sich schon mit der Polizei in Verbindung gesetzt, die allerdings erst drei Tage nach einem vermeintlichen Verschwinden aktiv wurde. Einen Tag noch also, bevor auch die reale Welt anfing, nach Anna zu suchen – und vermutlich ins Leere laufen würde. Natürlich konnte es sein, dass Anna aus freiem Willen abgehauen und den Kontakt zu Freunden und Familie abgebrochen hatte. Aber die Tatsache, dass bereits zwei andere Bloggerinnen, die ebenfalls mit mir in Kontakt gestanden hatten, zeitweise auch wie vom Erdboden verschluckt gewesen waren, machte das doch unwahrscheinlich. Ich griff nach der Cola und hielt mir das kühle Glas der Flasche an die Stirn. Ein Schauder überlief meinen Rücken, und meine angespannten Muskeln protestierten angesichts dieser Anstrengung. Wie um alles in der Welt konnte so etwas nur passieren? War das vielleicht alles nur ein Traum und ich würde jeden Moment aus einem Zuckerschock erwachen, unter einem Berg voll Arbeit, der mich unter sich begraben hatte? Ich rieb mit meiner freien Hand über den Sofabezug und tippte im Anschluss mit dem Zeige­finger auf Thor. Ein winziger Funken blitzte auf und verpasste mir einen kleinen Schlag. Sonst passierte nichts. Ich war also tatsächlich wach. Aus meiner hinteren Hosentasche zog ich das zusammen­gefaltete Foto von Anna, das ich von Noah bekommen hatte. Ich breitete es auf dem Tisch aus und fuhr die Faltlinien mit dem Finger nach. Annas Augen schienen meinen Bewegungen zu folgen.

»Wo bist du nur?« Keine Antwort. Wie auch, ich lebte schließlich nicht in Hogwarts, wo es sprechende Bilder gab. In diesem Moment hätte ich aber so ziemlich alles dafür getan, an die Karte des Rumtreibers für das Litersum zu kommen, um Anna zu finden. »Es tut mir leid. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Aber irgendwie ist es meine Schuld, dass du verschwunden bist, oder?« Wieder keine Reaktion. Nur das Gluckern des Kühlschranks, das Bitzeln meiner Cola und die Geräusche der Straße plätscherten auf mich ein. War Anna so allein wie ich in diesem Moment? Fühlte sie sich einsam? Wie musste es für sie sein in einem Universum, in dem es nichts Vertrautes gab wie das wässrige Gemurmel eines alten Kühlschranks, der manchmal unter Schluckauf litt? Mein Herz zog sich zusammen, als sich vor meinen Augen das Bild eines Mädchens manifestierte, das sich in eine Decke geschlungen in einer Ecke eines dunklen Zimmers zusammenkauerte und wartete. Auf etwas, irgendetwas, was die Dunkelheit durchbrach und sie fortbrachte. Irgendwohin, nur weg von hier. Nein, das war nicht Anna, aber so könnte sie sich fühlen, in genau diesem Moment. So wie ich mich damals gefühlt hatte …

Dein Selbstmitleid kannst du dir sparen, tadelte ich mich. Diese Zeit, dieses Verhalten war vorbei. Anna war es, der geholfen werden musste. Ich stand auf und lief im Zimmer auf und ab. Nur nicht zurückwerfen lassen. Immer nach vorne sehen. Ich nahm das Foto und hängte es mit ein paar Klebestreifen, die ich in einer Schublade in der Küche aufbewahrte, an die Wohnungstür. Ich wollte mir ihr Gesicht einprägen, damit ich sie zwischen anderen wiederfand, falls ich sie sehen sollte. Egal ob in der echten Welt oder im Litersum. Ihre Augen kamen auf dem Bild nicht so schön zur Geltung, das war bei Fotos immer schwer, aber ich würde sie bestimmt wiedererkennen. Falls ich sie denn jemals wiedersah. Ich drückte ihr und auch Noah und George die Daumen, dass sie sie bald gesund und munter fanden.

Meine Augen waren trocken, trotzdem setzte ich mich noch an den Laptop und arbeitete einige Grafikaufträge ab, die sich angesammelt hatten. Als ich ununterbrochen zu blinzeln anfing und das Gähnen zum Dauerzustand wurde, gab ich auf. So machte es auch keinen Sinn. Ich schaltete mein Handy ein, um den Wecker zu stellen, und entdeckte eine Nachricht von Sophia, die schon ein paar Stunden alt war. Es ging um die Schichten im Diner, an die ich gar nicht mehr gedacht, geschweige denn nachgesehen hatte, als ich gegangen war.

Clint hat den neuen Arbeitsplan vorhin aufgehängt und mir auch per Mail geschickt, weil ich schon weg war. Schon gesehen? Du hast am Mittwoch die Frühschicht. Mit dem süßen Mike. ;)

Das waren ja ausnahmsweise mal gute Nachrichten. Und zwar nur das mit der Frühschicht. Mit Mike konnte ich nichts anfangen, auch wenn alle anderen Mädels ihn so toll fanden. Egal ob Angestellte oder Gast. Und seine Augen waren bei Weitem nicht so schön wie die von …

Stopp. Diesen Gedanken führst du nicht weiter aus. Das ist die Müdigkeit, vielleicht träumst du schon. Bei klarem Verstand wäre dir das jetzt nicht in den Sinn gekommen. Zu kraftlos, um den Schlafanzug anzuziehen, kroch ich unter die Decke und schlief augenblicklich ein.

Wäre ich Dornröschen und mein Wecker der Prinz in schimmernder Rüstung – ich hätte ihm nach seinem Kuss eine reingehauen. Viel zu früh und viel zu unsanft riss er mich mitten aus einem Traum, an den ich mich direkt nach dem Aufwachen schon nicht mehr erinnern konnte. Ein paar Sekunden lang kämpfte ich darum, die Orientierung zurückzugewinnen, dann wankte ich ins Bad. Halbwegs wach schlüpfte ich in frische Klamotten. Und täglich grüßte das Murmeltier. Die Zeitungen trugen sich nicht von allein aus. Beim Rausgehen erschrak ich kurz, als ich das Foto von Anna entdeckte. Dann fiel mir wieder ein, wieso es dort hing. Ich schluckte den Kloß hinunter, der sich in meinem Hals bildete.

»Pass bloß auf dich auf.«

Der kalte Wind pfiff mir um die Ohren, als ich auf die Straße trat. Ich fasste meine langen Haare zu einem lockeren Zopf zusammen und zog meine Mütze über. Schnell stopfte ich die letzten losen blonden Strähnen unter den Stoff, damit sie mich nicht kitzelten. Das machte mich auf Dauer wahnsinnig. Ich rieb mir über das Gesicht und meine müden Augen brannten, als ich sie wieder öffnete. Im angelaufenen Spiegel hatte ich mich nicht wirklich gesehen, trotzdem überraschte es mich nicht, als sich Fred an diesem Tag einen Kommentar nicht verkneifen konnte. Er schob gerade einen Wagen voller Zeitungen aus dem Lager und rollte ihn mir vor die Füße. Ohne mich aus den Augen zu lassen, wischte er sich die tintenbefleckten Hände an seiner alten Jeans ab.

»Du siehst ziemlich fertig aus.«

»Danke, sehr reizend von dir.«

Aus einem Ordner auf einem kleinen Beistelltisch zupfte er den Routenplan für heute raus und streckte ihn mir hin. Wer zu spät kam, für den blieben nur noch die unbeliebten Strecken mit den schwierigen Kunden, allerhand kratzbürstigen Hunden und schwer zugänglichen Vorgärten und Briefkästen. Heute allerdings war es mir egal, welche Straßen ich abklappern musste, Hauptsache, es war schnell wieder vorbei. Kurz bevor ich den Plan in die Finger bekam, zog Fred ihn weg.

»Bist du sicher, dass es dir gut geht? Hast du was genommen? Brauchst du Hilfe?« In seinen grauen Augen lag Sorge. Aber eher von jener Art, die man sich um zu ersetzende Mitarbeiter machte, nicht solche, die man aus Empathie zu anderen empfand.

Ich schüttelte den Kopf. »Hör zu. Wenn du willst, pinkele ich dir in einen Becher. Außer zu hohe Werte an Koffein und Zucker wirst du darin nichts finden.«

Fred verzog angewidert das Gesicht. »Danke, ich verzichte. Aber sollte ich mitbekommen, dass du lügst und vielleicht andere da mit reinziehst, kannst du gleich zu Hause bleiben. Haben wir uns verstanden? Ich kann keine Drogen in meiner Firma gebrauchen.«

Hatten sich alle gegen mich verschworen? Das war nun schon die dritte Warnung in wenigen Tagen. Oder war ich gerade einfach nur furchtbar gut darin, mich in Schwierigkeiten zu bringen? Ich atmete tief durch, ehe ich etwas von mir gab, was ich bereuen würde.

»Tut mir leid. Ich verspreche dir, ich konsumiere keine Drogen. Und ich handele nicht damit. Es ist nur Müdigkeit.« Bevor er es sich anders überlegen konnte, nahm ich den Griff des Zeitungswagens in eine Hand und streckte die andere aus. Fred fuhr sich mit den Fingern durch den dichten Bart und verteilte etwas von der Tinte darin.

»Na gut«, sagte er. »Ich glaube dir. Aber du solltest dringend mal schlafen, Mädchen.« Er hielt mir das Blatt hin, ich schnappte es schnell, ehe er es sich anders überlegen konnte.

»Sobald mich jemand dafür bezahlt, mache ich das.«

Kopfschüttelnd wandte sich Fred ab und ich begab mich auf meine Route, die heute fast doppelt so lang war im Vergleich zu sonst, aber auch entsprechend mehr Geld brachte.


Meine Finger waren eisig, als ich Stunden später zu meiner Wohnung zurückkehrte. Mittlerweile war es später Morgen, doch hartnäckige Wolken verdeckten die Sonne, als wollten sie deren wärmende Strahlen ganz für sich allein. Wenn der Winter kam, würde die Kälte Alltag werden. Vielleicht sollte ich dann endlich mal meine Magie anwenden und an ganz schlimmen Tagen in andere Länder flüchten, in denen Sommer herrschte. Neuseeland zum Beispiel. Möglich wäre es. Ich konnte jederzeit dorthin. Doch die Arbeit mitzunehmen war nicht drin, und die Grafikaufträge allein würden mich niemals über Wasser halten. Und Auswandern … Nein. Unmöglich. Ich hatte es bisher nicht mal weiter als ein paar Blocks von meinem alten Zuhause geschafft, obwohl ich theoretisch überall hätte hinziehen können. Der Plan war ursprünglich ein anderer gewesen. An meinem achtzehnten Geburtstag wollte ich eigentlich so weit wie möglich weg von meinem alten Zuhause und meiner Mutter fliehen … Aber als der Tag dann kam, konnte ich es nicht durchziehen. Ich brachte es nicht über mich, sie im Stich zu lassen, und wenn ich zu weit weg war, fühlte es sich genau so an. Obwohl ich ihr nichts schuldig war, wollte ich in der Nähe sein, falls es einen Notfall gab. Und der würde früher oder später eintreten, so wie meine Mutter lebte … Die entsprechenden Stellen hatten meine Nummer und konnten mich kontaktieren. Keine Ahnung, was mich damals geritten hatte, sie ohne das Wissen meiner Mutter zu verteilen, aber nun war es so und ließ sich nicht mehr ändern. Ich hatte mir selbst ein paar Fesseln angelegt, jetzt musste ich damit leben.

Aber ein Ausflug könnte drin ein. Gerade jetzt, da die Pop-up-Buchwelten nicht mehr zur Verfügung standen.

Wofür du auch immer noch einen Ersatz brauchst.

Manchmal hasste ich mein Gewissen. Fast genauso sehr wie meinen Wecker.

Wie um sich für diesen Gedanken zu rächen, ratterte mein Hirn eine Liste von Dingen herunter, die es noch zu tun gab. Grafikaufträge. Schichten im Diner. Aufräumen. Den Kuss-Auftrag. Lauren beim Straßenfest unterstützen.

Ich brauchte eine Cola. Ganz schnell. Doch vorher wollte ich Lauren noch die guten Nachrichten überbringen. Der Laden war mittlerweile geöffnet, doch so früh verirrten sich kaum Kunden hierher. Erst in und nach der Mittagspause wurde es voller. Umso überraschter war ich, als ich Lauren im Laden im Gespräch mit zwei Kunden vorfand, die mit dem Rücken zum Eingang standen. Beim Läuten der Türklingel drehten sich alle drei um.

»Ich bin gleich bei Ihnen … Oh, Riley! Du kommst wie gerufen!« Lauren schob sich an den beiden Männern vorbei und kam zu mir. Doch ich achtete gar nicht auf sie, denn erst jetzt erkannte ich die beiden Lederjacken … Noah und George waren zurück. Ihre Gesichter zeigten kaum eine Regung, als sich unsere Blicke trafen. Lediglich Noahs Miene verfinsterte sich, als er mich von oben bis unten musterte. Dann schob sich Lauren in mein Sichtfeld.

»Deine Lippen sind ganz blau«, sagte sie vorwurfsvoll und griff nach meiner Hand. »Und deine Finger auch. Wieso hast du deine Handschuhe nicht mitgenommen? Es wird morgens doch stetig kälter. Hier, trink erst mal einen Tee.«

Lauren zog mich mit sich zur Kasse. Auf einem Beistelltisch stand ein Tablett, darauf ein Stövchen mit einer Kanne. Sie schenkte mir eine dunkelbraune, herb riechende Brühe in eine Tasse und drückte sie mir in die Hände. Erst fühlte es sich fürchterlich heiß an, dann gewöhnte ich mich dran und genoss die wunderbare Wärme, die meinen Fingern wieder Leben einhauchte.

»Trink!«, forderte sie mich auf und ihr zuliebe kam ich der Aufforderung nach. Es schmeckte ganz widerlich, aber erfüllte seinen Zweck. Der Tee wärmte mich von innen wie von außen. Noah und George verfolgten das Ganze schweigend. Nichts an ihnen verriet, warum sie hier waren. Ob es gute oder schlechte Gründe hatte.

»Hi«, sagte ich deshalb nur, als ich meine Finger wieder spürte. Sowohl George als auch überraschenderweise Noah ließen sich zu einem kleinen Lächeln hinreißen, als sie meine Begrüßung erwiderten. Unsicher darüber, was ich als Nächstes tun sollte, nahm ich einen weiteren langen Schluck der braunen Brühe, die sich wohl Darjeeling schimpfte. Das zumindest behauptete der Aufkleber auf dem goldenen Päckchen, das neben der Kanne auf dem Tablett stand.

»Wir sind wegen Lauren hier«, meinte George.

Mein Herz sackte mir in die Knie. »Wie… Wieso das?«

Lauren legte eine Hand auf meinen Rücken. »Keine Sorge, sie brauchen nur meine Hilfe.«

Ich sah zwischen den dreien hin und her. »Wobei?« Wollten sie Lauren über mich ausfragen? Um doch noch einen Grund zu finden, damit sie mir die Schuld an allem geben konnten?

Noah streckte seine Hand aus. Auf der Innenfläche lag ein merkwürdiges Ding. Ein schmales Glasröhrchen, ungefähr so lang wie Noahs Zeigefinger, eingefasst von gravierten Metallscheiben auf beiden Seiten. In dem Röhrchen schwappte eine klare Flüssigkeit, die je nach Einfall des Lichts in schillernden Farben glitzerte. »Das kann uns vielleicht dabei helfen, Anna zu finden.«

»Was ist das?«

»Es hat keinen Namen.«

Stirnrunzelnd sah ich zu ihm auf. »Und woher hast du es?«

»Von Malou.«

»Du meinst die Anti-Muse, die vor einem halben Jahr quasi alles auf den Kopf gestellt hat?«

»Wenn du es so nennen willst.«

»Und wo hat sie das Ding her? Geklaut?«

Noah hob das Kinn und zog die Brauen zusammen. Schmeckte ihm der Witz etwa nicht? Dabei hatte er selbst noch vor ein paar Tagen darauf angespielt, dass die Anti-Musen, die man früher auch Diebinnen genannt hatte, Dinge entwendeten und verschwinden ließen. Er schien nicht gerade ein Fan von uns zu sein. Dass er in so einer wichtigen Sache dann doch eine Anti-Muse um Hilfe bat, war umso seltsamer, wobei ja auch die Taskforce aktuell von einer Anti-Muse geleitet wurde. Wir starrten uns an wie zwei Kinder, die sich ein Blickduell lieferten. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Jetzt bot sich für ihn die Gelegenheit, rauszuhauen, was ihn an den Anti-Musen störte. Ich wollte es hören, ihm Widerworte geben. Ihm all das vor den Latz knallen, was ich all jenen sagen wollte, die mich arrogant ansahen, mich aber nie getraut hatte. Ich biss mir auf die Lippe, um die Worte zurückzuhalten, die mir schon auf der Zunge lagen. Noahs Blick huschte zu meinem Mund, nur für eine Sekunde. Mein Herzschlag beschleunigte sich und mir wurde auf eine ganz andere Art warm. Ich ertrug das herausfordernde Funkeln seiner Augen nicht mehr und drehte den Kopf weg.

Lauren grinste breit, wohingegen George mit übertriebener Intensität das Etikett der Teeverpackung neben der Kanne untersuchte.

»Sie hat es zusammen mit Mnemosyne entwickelt«, sagte Noah mit belegter Stimme. »Es handelt sich dabei um Wasser aus der Quelle Hippokrene aus der Heimat der Musen, dem Berg Helikon. Es besitzt wohl magische Eigenschaften, die durch die Symbole auf der goldenen Fassung steuerbar sind. Mithilfe des Quellwassers lässt sich ›Falsches‹ aufspüren.« Es gefiel mir nicht, wie er mich dabei ansah. Zum Glück sprang Lauren mir zur Seite.

»Was genau bedeutet das?«

»Es bedeutet«, mischte sich George ein, »dass wir damit in der Lage sind, Auren aufzuspüren, die sich in den falschen Welten befinden. Gib mal her.« Er nahm Noah das Ding ab und drehte an den Scheiben der Fassung.

»Halt!« Ich streckte die Hand aus und legte sie auf die von George. Der sah überrascht auf, hielt aber in der Bewegung inne. »Können wir das vielleicht im hinteren Verkaufsraum machen? Wo uns nicht jeder von draußen aus sieht?«

George blinzelte, als wäre ihm gar nicht aufgefallen, dass es noch andere Menschen gab außer uns. »Natürlich. Entschuldigung.«

Lauren deutete mit dem Daumen in die Richtung des kleinen Büros hinter der Kasse. »Wenn ich es richtig verstanden habe, wird dieses Experiment den ganzen Tag in Anspruch nehmen, oder? Dann sage ich den Mädels kurz Bescheid, dass sie den Laden heute ohne mich schmeißen müssen.«

»Experiment?«, hakte ich nach.

»Das werden die beiden dir sicher gleich erklären. Geht schon mal vor.«

Hinten angekommen stellte ich erfreut fest, dass sich der Tisch mit den Neuerscheinungen schon gut geleert hatte. Die neuen Bücher schienen gut zu laufen. Ob ich mir wieder den Dolch oder den Stein schnappen sollte? Nur zur Sicherheit? Wer weiß, was für ein »Experiment« sich die beiden Möchtegern-Detektive da ausgedacht hatten?

»Wie seid ihr beide eigentlich bei der Taskforce gelandet?«, fragte ich.

»Wir haben uns freiwillig auf einen Aufruf gemeldet«, antwortete George. »Ich war beziehungsweise bin in meinem Buch nur ein langweiliger Stubenhocker und dachte, ich ändere mal was dran. Die Worte von Tom Almon, der vor einem halben Jahr in einer fremden Geschichte gestorben ist, haben mich nachdenklich gemacht und mich dazu inspiriert, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, soweit möglich.«

Noah sah nicht so aus, als ob er etwas ergänzen wollte, also redete ich weiter.

»Kanntet ihr euch vorher schon?«

George grinste. »Nein. Aber dazu ist die Taskforce ja da. Um Brücken zwischen den Bewohnern des Litersums und der echten Welt zu bauen. Wir verstehen uns echt gut. Nur wenn man ihm seine Skittles wegisst, wird Noah ungehalten.«

»Skittles, mhm?«, neckte ich und musste schmunzeln. »Na ja, ich würde meine Cola auch nicht mit jedem teilen, ich kann das schon verstehen.«

Noah warf George einen selbstgefälligen Blick zu. Bevor ich ihn noch mal fragen konnte, warum er bei der Taskforce war, kam Lauren zurück.

Sie war ganz in ihrem Element und stieß mitsamt Tablett und Tee zu uns. Sie drückte mir eine weitere volle Tasse in die Hand und flüsterte, sodass nur ich es hören konnte: »Wann hast du das letzte Mal etwas Anständiges gegessen? Du bist fürchterlich blass.«

Ich nahm ihr die Tasse ab. »Gestern Abend im Diner«, log ich. Ehrlich gesagt erinnerte ich mich nicht. Ich sah ihr an der Nasenspitze an, dass sie mir nicht glaubte, und wollte sie beruhigen. »Sobald die halbe Boyband wieder weg ist, koche ich mir was. Versprochen.«

Sie grunzte zufrieden. Das Loch in meinem Magen wurde noch größer. Aber nicht vor Hunger. Ihr Verhalten war dem meiner Schwester Jamie manchmal so ähnlich. Es erinnerte mich an Zeiten, die gleichzeitig schlechter und besser gewesen waren als heute. Die mich immer wieder in ein Wechselbad der Gefühle abtauchen ließen, wenn ich an sie dachte. Am Ende aber stand ich doch immer noch allein da und nichts hatte sich geändert.

»Also«, sagte ich, »was habt ihr mit dem Ding ohne Namen und seiner geheimnisvollen Magie vor?«

George drehte erneut an den Scheiben und stellte eine mir nicht verständliche Reihenfolge der Symbole ein. Er beobachtete Laurens Reaktion und lächelte stolz, weil sie seinen Bewegungen fasziniert folgte. Anschließend streckte er die Hand aus und balancierte das Ding auf der Innenfläche. Zunächst passierte nichts, dann kam Bewegung in die Flüssigkeit. Wie ein in Glas gebannter Sturm tobte sie in ihrem kleinen Gefängnis, schlug in Wellen gegen die Wände und schäumte. Von einer Sekunde auf die andere verfärbte sich das Wasser. Die nun indigoblaue, fast schwarze Flüssigkeit hüllte Georges Hand in Schatten. »Ich gehöre nicht in diese Welt, in dieses Universum. Und das Wasser kann es anhand meiner Aura ›spüren‹ und reagiert darauf.«

»Wow«, hauchte Lauren und starrte mit großen Augen auf das magische Ding. »Darf ich mal?«

George reichte den Gegenstand an Lauren weiter. Kaum lag er auf ihrer Hand, wurde das Wasser im Glas wieder farblos.

»Oh nein! Habe ich es kaputt gemacht?«

»Nein«, beruhigte George sie und drückte sie kurz am Arm. »Du bist in dieser Welt hier genau richtig, deswegen erkennt es dich nicht als ›falsch‹. Um genau das – und etwas anderes – zu testen, sind wir hier.« Er fuhr mit den Fingern über die Drehscheiben und positionierte sie neu. Dabei berührten seine Finger ihre Haut. Lauren wurde regungslos, ihre Wangen röteten sich. George bekam das nicht mit oder ließ es sich jedenfalls nicht anmerken. Er zog die Hände zurück, als er neue Symbole auf dem Gegenstand eingestellt hatte. Doch nichts passierte. Wie gebannt starrten wir auf die Flüssigkeit, die sich nicht regte.

»So wie es sein soll«, murmelte Noah. Mir dämmerte, wieso sie hier waren. Wieso sie Laurens Hilfe brauchten und wozu das magische Ding gut sein sollte.

»Ihr wollt sie mit ins Litersum nehmen und testen, ob man ihre Aura dort auslesen kann. Und gegebenenfalls auch verfolgen.«

Noah nickte mir anerkennend zu. »Richtig. Das hier ist ein Proto­typ, den Malou gemeinsam mit Mnemosyne und Mrs Badham, der Bibliothekarin der Londoner ZwiBi, entwickelt hat. Er soll beim Aufspüren von Buchcharakteren in der echten Welt helfen. Nachdem wir gestern über die Auren gesprochen haben, ist mir wieder eingefallen, dass an so etwas gearbeitet wird. Und ich dachte mir, vielleicht kann man es auch andersherum nutzen. Um Menschen im Litersum zu finden.«

Breit grinsend klopfte George ihm auf die Schulter. »Ist eben ein Erfinder, der Gute.«

Noah rollte mit den Augen, aber einer seiner Mundwinkel zuckte verdächtig.

»Die Musen stehen bestimmt bei dir Schlange, um an eine Idee von dir zu kommen, oder?« Lauren kicherte und wurde dann rot. »Oh … ähm. Also das sollte jetzt nicht irgendwie zweideutig klingen oder so.« Hilfe suchend sah sie zu mir.

Ich hob abwehrend die Hände. »Ich habe keine Ahnung, wie das läuft. Sorry.« Schmunzelnd blickte ich zu Noah, weil ich gegen meinen Willen neugierig war, ob das der Wahrheit entsprach. Seine Lippen waren zusammengepresst, die sonst so schönen Augen schimmerten unheilvoll. Jeglicher Kommentar blieb mir angesichts des finsteren Ausdrucks im Hals stecken.

»Alle Musen sind Diebinnen, auf die eine oder andere Art«, presste er hervor. Bevor jemand weitere Fragen stellen konnte, hatte er sich umgedreht und lief Richtung Ausgang. »Wir sollten gehen, jede Minute zählt. George, du nimmst Lauren, wir treffen uns im Hauptquartier«, befahl er seinem Kollegen. Wenige Augenblicke später erreichte er die Ladentür, zog sie ohne Umschweife auf und war in der nächsten Sekunde verschwunden. Total perplex verharrten wir an Ort und Stelle. Er hatte uns einfach stehen lassen. George schüttelte den Kopf. »Im einen Moment ist er so schlau, im nächsten vergisst er jegliche Gesetzmäßigkeiten«, murmelte George und nahm Lauren das magische Ding ab. »Ich kann Lauren nicht mitnehmen. Ich selbst kann ja nicht mal ohne Hilfe ins Litersum zurück, wenn ich ohne Ticket unterwegs bin. Vorerst bin ich für meine Arbeit bei der Taskforce noch auf Noah angewiesen, bis eine andere Lösung gefunden wurde.« Er griff in seine Jackentasche und zog ein Handy hervor. Lauren sah fragend zu mir.

»Ich kann euch mitnehmen«, warf ich ein und George ließ das Handy sinken. »Ich werde Lauren ins Litersum bringen. Und später wieder nach Hause. Sie geht mit mir rein und auch mit mir wieder raus.« Ich trat an die Seite meiner Freundin und sie lächelte mich dankbar an. Ich hätte sie ohnehin nicht der halben Boyband überlassen. Meinetwegen steckte sie überhaupt hier mit drin, also würde ich mich auch darum kümmern, dass ihr nichts passierte. Ein Nicken war die einzige Antwort. Ich öffnete die Tür und wir folgten George in den Knotenpunkt.

Kapitel Fünf


Der Duft nach Papier und Tinte empfing uns, Noah war bereits im Gewusel aus Buchcharakteren verschwunden und nicht mehr zu sehen.

»Was ist denn auf einmal in ihn gefahren?«, fragte ich George, während wir Seite an Seite zum Gebäude der Taskforce liefen. Auch Lauren kannte den Knotenpunkt bereits und folgte uns, ohne wie bei ihrem ersten Besuch hier alle zwei Meter stehen zu bleiben und das Schauspiel vor uns zu bewundern. Trotzdem glitzerten ihre Augen angesichts der wahr gewordenen Magie und ich bemühte mich, neben ihr zu laufen und sie nicht zu verlieren. Nicht auch noch sie …

»Ich weiß es nicht genau. Er redet generell nicht gern über sein Dasein als Erfinder oder sein Leben an der Akademie.«

»Und was sollte der Seitenhieb auf die Musen?«

»Musst du ihn selbst fragen.«

»Wäre sonst ja auch zu einfach gewesen.«

George zuckte mit den Schultern. Ich hielt Lauren am Arm zurück und ließ mich mit ihr ein paar Schritte zurückfallen. Als George außer Hörweite war, wandte ich mich an Lauren.

»Willst du überhaupt helfen? Oder habe ich dich gerade gegen deinen Willen verschleppt?«

Lauren lächelte matt. »Als ob du das könntest. Ich will wirklich helfen. Einerseits dem Mädchen, aber vor allem dir.«

»Mir?«

»Natürlich dir. Es ist nicht zu übersehen, dass du dir die Schuld an alldem gibst. Und das tut dir nicht gut. Ganz abgesehen davon, dass es totaler Quatsch ist.«

Ich stolperte und konnte mich gerade noch fangen. »Quatsch? Sehe ich nicht so. Meinetwegen sind sie in Kontakt mit dem Litersum gekommen. Mit mir hat es angefangen.«

Lauren zuckte zusammen. »Du hast sie aber nicht dort ausgesetzt.«

»Was macht dich eigentlich so sicher, dass ich nicht lüge?«

Sie hob eine Augenbraue. George warf einen Blick über seine Schulter und spitzte die Ohren.

»Weil du so was niemals tun würdest«, erwiderte sie lauter, als nötig gewesen wäre.

George drehte den Kopf weg und beschleunigte seinen Gang. Vor Rührung bildete sich ein Kloß in meinem Hals, den ich mit Mühe hinunterschluckte. Es war lange her, dass ich geweint hatte, aber in diesem Moment fiel es mir schwer, die Tränen zurückzuhalten. Ich trat einen Schritt zur Seite und umarmte Lauren. Sie atmete überrascht ein und blieb stehen. Dann legte sie die Arme um mich und drückte sich an mich.

»Danke«, sagte ich, meine Stimme klang belegt.

Sie antwortete nicht, aber das musste sie auch nicht. Als wir uns voneinander lösten und den Weg fortsetzten, fühlte ich mich leichter. Egal was kam, ich war nicht allein. Plötzlich baute sich ein Druck in meiner Brust auf und mir fiel das Atmen schwer. Altbekannte Angst griff nach mir, lullte meinen Geist ein und flüsterte mir Warnungen zu. Lauren würde nicht bleiben. Lauren würde gehen, mich allein lassen. Ich blieb stehen, kniff die Augen zusammen und fuhr mir mit den Händen über das Gesicht.

»Riley?« Laurens sorgenvolle Stimme drang gedämpft zu mir durch. Etwas berührte mich am Arm und griff nach mir. Laurens Hand?

Blinzelnd öffnete ich die Augen, grelle Punkte bedeckten mein Sichtfeld und machten mich schwummrig.

»Was ist los?«

»Ich bin etwas müde. Und ich habe Hunger.« Das entsprach zwar auch der Wahrheit, war aber nicht die Ursache für den Aussetzer. Dabei dachte ich, ich hätte den Großteil, den schlimmsten Teil der Gedanken und der Angst, schon lange hinter mir gelassen. Ich durfte jetzt nicht einknicken, sie nicht wieder in mein Leben lassen. Zumindest so lange nicht, bis wir das Mädchen gefunden hatten. Das hatte Priorität, nicht mein Befinden.

Den Rest des Weges wich Lauren mir nicht mehr von der Seite. Im Gebäude der Taskforce angekommen schob sie mich sofort auf einen Stuhl neben Noahs Schreibtisch und ging mit George los, um mir etwas zu essen und zu trinken zu besorgen. Trotz aller Proteste meinerseits ließ sie sich nicht davon abbringen. George wollte ihr auch eine kurze Führung durch das Gebäude geben, nachdem Lauren aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen war. Das verschaffte mir ein paar Momente zum Durchatmen.

Noahs Stuhl war leer und weit und breit keine Spur von ihm. Ich sah mich ein bisschen in dem auf alt gemachten Gebäude um, das die Taskforce beherbergte. Das Team der neu gegründeten Einheit war noch recht klein, aber Emma Holmes und Thia Watson waren meines Wissens gerade dabei, diverse Buchwelten abzuklappern und geeignete Charaktere für ihre Sache zu gewinnen. Auf jeden Fall sollten sie über einen Uniformwechsel nachdenken. So wirkte es nämlich, als wäre der Kostümdesigner einer wirklich schlechten Fernsehproduktion am Werk gewesen. Diese knarzenden Lederjacken …

Wie aufs Stichwort ließ sich der Träger einer von ihnen neben mir auf den Stuhl fallen. Es war Noah. Er wirkte gefasster und hatte sogar ein schwaches Lächeln für mich übrig, als ich mich zu ihm umdrehte.

»Wo warst du?«, fragte ich.

Er strich mit der Hand mehrmals über seine Jacke. »Musste schnell was erledigen. Tut mir leid.« Ein paar kurze Haare, die wie die eines Tieres aussahen, fielen zu Boden, als er die Finger von der Jacke löste.

Lauren und George retteten ihn vor weiteren Fragen meinerseits. Sie stellten eine Dose Cola sowie einen Teller mit ein paar kleinen Sandwiches vor mir ab. Zielsicher griff ich nach der Dose, was mir einen strengen Blick von Lauren und ein triumphierendes Lächeln von George einbrachte. Lauren stieß George mit der Faust spielerisch in die Seite und streckte ihm die Zunge raus. Darüber vergaß ich für einen Moment das Zuckergetränk in meiner Hand. Was genau hatte ich verpasst?

Noah schien davon nichts mitzubekommen. Er starrte auf meine Cola.

Ich öffnete die Dose und hielt sie ihm hin. »Willst du auch einen Schluck?«

»Nein danke.« Kopfschüttelnd wandte er sich ab. »George, gibst du mir bitte den Aufspürer?«

»Den was?«, wollte der Buchcharakter wissen.

»Das magische Ding.«

»Ah.« George händigte Noah das Gerät aus.

»Aufspürer?«, hakte ich nach.

Noah deutete darauf. »Es kann spüren, was man ist, und hoffentlich auch, wo man ist. Ich halte ›Aufspürer‹ daher für einen passenden Namen.«

»Nicht sehr kreativ für etwas, das voller Magie ist«, warf ich ein.

»Die kreativen Ideen würde ich in deiner Gegenwart auch nicht preisgeben.«

Lauren zog scharf die Luft ein und auch George schaute etwas entrüstet zu seinem Kollegen. Ich stellte die Dose auf den Tisch, aus der ich gerade hatte trinken wollen. Die Lust auf Zucker war mir vergangen. Noah drehte an den goldenen Scheiben seines Aufspürers und ignorierte alles andere. Als er fertig war, streckte er ihn Lauren hin. Die verschränkte die Arme vor der Brust und bedachte ihn mit einem Blick, den sie sonst für die Kunden aufsparte, die mit schlecht verpacktem Essen und tropfenden Kaffeebechern in den Laden kamen und sich zu nah an die Bücher wagten.

Schnell griff ich nach einem der Sandwiches und biss hinein. Es schmeckte nach nichts, aber ich kaute fleißig. Lauren beobachtete mich und ihre Miene wurde weicher. Mit unverständlichem Gemurmel griff sie nach dem Aufspürer und riss ihn Noah fast aus der Hand. Kaum berührte das Glas ihre Haut, erwachte das Quellwasser wieder zum Leben. Es tobte, wogte in dem unsichtbaren Sturm hin und her. Der Farbwechsel fand dieses Mal nicht zu einem Indigoblau statt, sondern zu einem satten, dunklen Rot. Es stand in starkem Kontrast zu Laurens heller Haut. Der Anblick war gruselig, weil es echtem Blut zum Verwechseln ähnlich sah. Lauren beäugte die Flüssigkeit interessiert und voller Neugierde. Sie drehte das Gerät im Schein der Lampen und begutachtete es von allen Seiten. George, der etwas blass um die Nase aussah, hatte den Blick abgewandt. Ich legte das Sandwich zurück, weil ich angesichts der Vorstellung von Blut nichts mehr herunterbekam. Mein Magen rebellierte gegen den einen Bissen und zur Beruhigung nahm ich dann doch einen Schluck von der Cola.

Noah nickte zufrieden. »Menschen haben also tatsächlich eine Aura, die von der der Buchcharaktere unterschieden werden kann. Das müssen auch Malou und Mnemosyne unbedingt erfahren.« Ob er dieser Malou gegenüber auch solche harschen Kommentare vom Stapel ließ wie bei mir? Oder hatte sie sich seinen Respekt schon verdient? Dann musste ich nur schnell eine Buchwelt vor dem Untergang bewahren, und es wäre vorbei mit den blöden Sprüchen. Kein Problem. Haha.

»Was jetzt?«, fragte ich.

»Jetzt testen wir, ob das mit dem Aufspüren wirklich funktioniert«, antwortete Noah, dem die leicht angespannte Stimmung entweder nicht auffiel oder er ignorierte sie. Sollte mir recht sein. Je eher wir hier fertig waren, umso schneller konnte ich zurück und noch etwas arbeiten. Wir tauschten unsere Handynummern aus, um uns gegenseitig auf dem Laufenden zu halten und im Notfall zu kontaktieren.

»Nimm Lauren und bring sie irgendwohin im Knotenpunkt. Wir geben euch zehn Minuten Vorsprung, dann kommen wir euch nach. Sofern alles funktioniert.« Noah stand auf und beugte sich zu Lauren hinüber. Er drehte an den Scheiben des Aufspürers und als er ihn Lauren aus der Hand nahm, behielt das Quellwasser seine blutrote Färbung. Wieder positionierte Noah die Scheiben neu.

»Was stellst du da eigentlich ein?«, fragte Lauren nach, wovon er sich allerdings nicht beirren ließ. Stattdessen sprang George ein.

»Mit den unterschiedlichen Kombinationen aus Symbolen sagt man dem Ding quasi, was es tun soll. So weiß es, in welcher Welt beziehungsweise welchem Universum es sich befindet, wonach es Ausschau halten und was es ›tun‹ soll. Du kannst es außerdem auf eine spezielle Aura prägen, nach der es dann sucht. Das wollen wir testen. Dafür stellen wir das Buchsymbol für das Litersum ein, der Kreis in dem Viereck steht für das ›Falsch‹, das durch das Quellwasser erkannt wird. In diesem Fall bist das du, weil du als Mensch eigentlich nicht in das Litersum gehörst. Und durch das Einstellen des X, während du es in der Hand hältst, haben wir den Aufspürer nun auf dich geprägt. Er sollte dich im Idealfall auch über weitere Strecken spüren und dich finden können.«

»Und wenn es funktioniert«, schob ich ein, »lasst ihr ihn nach anderen falschen beziehungsweise menschlichen Auren suchen. Nach Anna.«

»Richtig. Zuerst müssen wir aber prüfen, ob das theoretisch funktioniert, sonst verschwenden wir nur unsere Zeit«, sagte Noah. »Ihr könnt jetzt gehen. Die zehn Minuten laufen.«

Ich stemmte mich hoch und verließ zusammen mit Lauren das Hauptquartier. Auf der Suche nach einem idealen Versteck sah ich mich in der weiten Halle, die der eines riesigen Bahnhofs glich, um. Die Lautstärke bereitete mir Kopfschmerzen, vor allem das Läuten der Türen der Länder-Buchläden, durch die Buchcharaktere in andere Welten huschten, machte mir zu schaffen. Wie Pfeile bohrte es sich in meine Ohren, meinen Kopf. Ich nahm Laurens Hand und führte sie durch das Gewusel in Richtung Hallenende. Kurz bevor wir dieses erreichten, bog ich zwischen zwei Buchläden ab, die laut den Schildern über den Eingängen zu Kanada und Alaska gehörten. Der Duft, der aus ihren Fenstern strömte, roch nach alten Zedern, Ahornsirup und unberührtem Schnee. Auf der Rückseite ließen wir uns an der Wand nach unten rutschen. Ich lehnte mich mit dem Rücken an das Holz, aus dem der kanadische Laden errichtet worden war. Es vibrierte leicht und die Magie des Litersums prickelte an meiner Haut.

»Wir spielen Verstecken in einem anderen Universum«, sagte Lauren atemlos und lachte auf. Mein Kopf schmerzte zu stark, um ihr eine Antwort zu geben. Jeder Laut schien einer zu viel, selbst wenn er von mir kam. »Meinst du, es würde auffallen, wenn ich auswandere und in einer Buchwelt einziehe?«

Ein stechender Schmerz fuhr mir durch die Brust. »Das ist nicht witzig, Lauren.«

Sie lief rot an. »Entschuldige, du hast recht. Das war unangebracht und tut mir leid. Aber stell dir doch mal vor, wie schön es wäre, wenn wir Seite an Seite mit diesen fantastischen Welten leben könnten. Ohne Grenzen.«

»Wundervoll«, murmelte ich. »Gerade stelle ich mir aber lieber ein riesiges Himmelbett vor.«

Lauren kicherte. »Konntest du mit deinem Chef schon wegen Mittwoch sprechen?«

»Ja«, presste ich hervor, um nicht unhöflich zu erscheinen. »Ich habe Frühschicht und kann dir anschließend helfen.«

Lauren klatschte erfreut in die Hände, was mir einen stechenden Schmerz vom Kopf in den Rücken schickte. Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. Nur für einen Moment … Nur ganz kurz …


Jemand rüttelte an mir. »Riley. Wach auf.«

Ich blinzelte, was ich sofort bereute, als die grellen Flecken der Außenwelt mich blendeten. Lauren saß noch immer neben mir, eine Hand auf meiner Schulter. Zwei Schatten bedeckten unsere ausgestreckten Beine. Noah und George hatten uns gefunden. Der Aufspürer zu ihren Füßen drehte sich auf seinen seitlichen Scheiben im Kreis wie ein aufgeregtes Hündchen, das stolz seinen Fund zelebrierte. Noah hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und sah auf mich herunter. Seine Haare warfen Schatten auf sein Gesicht, weshalb ich den Ausdruck seiner Augen nicht sehen konnte. Bedachte er mich wie George mit einem mitleidigen Blick? Ich zog mich an der Hauswand hoch und kam auf wackeligen Knien zum Stehen.

»Wie lange war ich weg?«

»Nur ein paar Minuten. Geht es wieder?« Lauren erhob sich ebenfalls, wich mir aber nicht von der Seite.

»Ja«, sagte ich, doch meine Stimme war ganz rau. Ich fühlte mich, als wäre einer der Buchläden über mir eingestürzt. Noah beobachtete meine Bewegungen ganz genau, ohne sich anmerken zu lassen, was er dachte. Sicher zweifelte er daran, dass ich fit genug für unser Vorhaben war, aber ich würde Lauren auf keinen Fall mit ihnen allein lassen. Also reckte ich mich und setzte ein zuversicht­liches Lächeln auf.

Noah bückte sich und hob den Aufspürer hoch. »Dann kommen wir zur nächsten Stufe. Riley, du bringst Lauren in eine Buchwelt. Irgendeine, die dir einfällt. Wir werden versuchen, euch auch dort zu finden. Ihr habt wieder zehn Minuten.«

Ich nickte und stieß mich von der Wand ab. Lauren nahm mich an die Hand, wohl eher, um mich zu stützen, als mich nicht zu verlieren. George und Noah blieben hinter dem Buchladen zurück.

»Wohin willst du?«, fragte ich Lauren.

»Du darfst es dir aussuchen.«

Ich wollte Ruhe, Stille. Welche Buchwelt konnte mir das bieten? In meinen Gedanken formte sich das Bild einer Akademie aus einem High-Fantasy-Roman, den ich vor etlichen Jahren gelesen hatte. Sie beherbergte eine alte, riesige Bibliothek, in der die Gelehrten des Königreiches arbeiteten, Wissen aus der ganzen Welt zusammen­trugen und Besuchern Auskunft gaben, wenn diese mit einer Anfrage zu ihnen kamen. Sie schrieben auf magischem, unzerstörbarem Papier, das aus den großen Blättern der Bäume hergestellt wurde, die um die Akademie herum wuchsen. Nur Wald und Wiesen umgaben das Gebäude und im Inneren herrschte Ruhe. Perfekt.

Ich drückte Laurens Hand und zog sie in Richtung eines Buchladens. Mit dem Gedanken an die Welt und eine ganz bestimmte Einrichtung darin flüsterte ich den Namen des Buches vor mich hin und trat durch die Tür.

Den Marmorboden erkannte ich sofort wieder. Er sah genauso aus wie in meiner Vorstellung, schöner noch, weil das Licht, das durch das Buntglasfenster fiel, ihn mit einem silbrigen Schimmer überzog. Laurens Augen weiteten sich und sie ließ meine Hand los. Sie machte ein paar Schritte nach vorne, blickte zur Decke hinauf und drehte sich im Kreis. Vier Stockwerke, wenn nicht sogar mehr, ging es nach oben. Regale bedeckten die Wände, umgeben von Galerien, die durch Treppen miteinander verbunden waren. Papiergeruch, vermischt mit dem Duft von Wald, hing in der Luft. Ein tiefer Atemzug, in Kombination mit der Stille um uns herum, beruhigte meinen Herzschlag.

»Sieh dir das an, Riley«, flüsterte Lauren, aber doch so laut, dass ich sie hören konnte. Sie wartete ein paar Meter vor mir auf mich und deutete auf etwas auf dem Boden. Lächelnd stellte ich mich neben sie und betrachtete das bunte Mosaik zu unseren Füßen. Der Lageplan der Bibliothek, festgehalten mit Abertausenden kleinen, schillernden Steinen.

»Sucht ihr etwas Bestimmtes?«

Ein junger Mann mit blonden, lockigen Haaren stand vor uns, in den Armen balancierte er einen Stapel Bücher. Große wasserblaue Iriden leuchteten mir entgegen. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass er kein Mensch, sondern ein Buchcharakter war, so lebhaft wirkten seine Augen. Seine ganze Ausstrahlung glich einem Strahlen wie die Sonne am Morgen eines neuen Tages. Blinzelnd schüttelte ich den Kopf. Ich musste wirklich müde sein, wenn mir solche Worte und Gedanken in den Sinn kamen.

»Nein danke. Wir wollen uns nur etwas umsehen«, antwortete ich. Wenn es ihn wunderte, dass wir total unpassend gekleidet waren und allem Anschein nach nicht aus dieser Welt stammten, ließ er es sich nicht anmerken, vermutlich wusste er genau, dass wir nicht hergehörten. Er lächelte breit und hob die Hand zum Abschied, was den Stapel in seinen Händen zum Schwanken brachte. Er kam mir irgendwie bekannt vor …

»Falls ihr doch noch Hilfe braucht, ich sitze dahinten.« Mit dem Kinn deutete er auf einen Schreibtisch, auf dem sich etliche weitere Berge aus Büchern türmten. Aus ebenjener Richtung eilte eine junge Frau, vielleicht um die achtzehn, auf den jungen Mann vor uns zu. Bevor es zu einer Katastrophe kommen konnte, nahm sie ihm ein paar der Bücher ab, die in gefährliche Schieflage geraten waren.

»Hast du deine Geschichte endlich gefunden, Ilias?«

Er lächelte sie an. »Nein. Noch nicht. Aber diese hier werden mir bei der Suche helfen.«

Das Mädchen schüttelte schmunzelnd den Kopf. Ihre dunklen Haare fielen ihr weich über die Schultern, als sie die Bücher forttrug. Sie war ganz in Schwarz gekleidet wie die Nacht. Ilias lachte.

»Du musst ein bisschen geduldiger werden, Mai.«

Die junge Frau hielt inne und tat einen tiefen Atemzug.

Ilias zuckte zusammen, als eine unsichtbare Böe seine Haare erfasste und sie durcheinanderwirbelte. Er schloss die Augen, bis der kleine Sturm vorüberzog und sich im Raum verlor. Leise fluchend, aber mit einem Grinsen auf den Lippen folgte er Mai zum Schreibtisch.

»Kennst du ihn?« Lauren stand neben mir und sah den beiden nach.

»Ja und nein.«

»So genau wollte ich es gar nicht wissen«, sagte Lauren gespielt gekränkt.

»In der Buchwelt, in der wir uns befinden, ist er ein Kind. Dass er nun als Erwachsener hier ist, sollte eigentlich nicht möglich sein.«

»Vielleicht täuschst du dich?«

»Nein. Ganz sicher nicht.«

»Dann ist es möglicherweise einfach ein besonderes Buch, für das andere Regeln gelten«, überlegte Lauren.

»Ja«, sagte ich leise. »Das ist es wohl.« Oder Mnemosynes Magie zeigte die ersten Nebenwirkungen.

»Komm, lass uns zu den Sitzecken rübergehen und dort auf George und Noah warten.«

Da ich keine bessere Idee hatte, ging ich auf Laurens Vorschlag ein. Sobald ich mich in einen der abgesessenen, aber weichen Sessel fallen ließ, wollte ich nicht mehr aufstehen. Er war hundertmal gemütlicher als mein Bettsofa. Lauren setzte sich mir gegenüber, ein Buch in der Hand, das sie aufschlug und in dem sie blätterte. So oft, wie ich blinzeln musste, hätte Lesen keinen Sinn gemacht. Ohne Thor konnte ich auch nicht produktiv sein. Wieso nur hatte ich ihn nicht mitgenommen? So verplemperte ich kostbare Zeit. Es sei denn …

»Lauren, würdest du mich wieder wecken, wenn die beiden da sind?« Viel länger als ein paar Minuten würde es sicherlich nicht dauern.

»Natürlich! Ruh dich aus. Ich werde müde, wenn ich dich nur ansehe.«

Kaum hatte ich die Augen geschlossen, dämmerte ich weg.


Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich mich erholt. Zu entspannt dafür, dass es nur ein paar Minuten gewesen waren. Mein Magen grummelte unangenehm und meine Zunge wirkte irgendwie pelzig. Lauren saß noch immer in ihrem Sessel, das Buch auf dem Schoß. Ihr Blick allerdings war auf etwas in der Ferne gerichtet.

Ich zog mein Handy aus der Tasche und entsperrte das Display. Verdammt. Fast zwei Stunden waren vergangen. Mehrere Nachrichten von Noah wurden auf dem Bildschirm angezeigt, erst halbstündlich, dann immer enger getaktet, bis hin zu einer Nachricht alle paar Minuten.

Der Aufspürer hat die Fährte aufgenommen. Weiter als bis zu der Buchhandlung ist er aber noch nicht gekommen. Wir warten ab.

Er sucht noch immer. Gutes Versteck.

Gleich fängt er an zu rauchen.

George hat Kaffee geholt.

Der Aufspürer dreht sich immer noch.

Ich glaube, das wird nichts mehr.

Das Rot verblasst. Er verliert die Verbindung.

Ist alles okay?

Riley?

RILEY!

Ruf mich zurück!!!

Da erst entdeckte ich die mittlerweile fünf verpassten Anrufe, der letzte war gerade mal ein paar Minuten her. Ich tippte auf seinen Namen und die Verbindung baute sich auf, während ich sagte: »Lauren, es funktioniert nicht. Wir können gehen.«

Sie reagierte nicht. Während das erste Tuten an mein Ohr drang, stand ich auf und ging um sie herum, damit ich ihr ins Gesicht sehen konnte. Vielleicht hatte sie sich gerade mal wieder in Tagträumereien über fiktive Charaktere verloren, die hier sehr echt schienen …

Noah hob in dem Moment ab, in dem ich in Laurens Augen schaute. Vor Schreck über den Anblick ließ ich fast das Handy fallen. Meine Finger verkrampften sich um das Gerät.

»Riley, verdammt«, herrschte Noah mich an, seine Stimme leicht panisch. »Wo seid ihr denn?«

»Noah«, krächzte ich. »Etwas stimmt nicht.«

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353 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783959919210
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