Читать книгу: «Der behauste Mensch»
Kurt E. Becker
Der behauste Mensch
Von vier Wänden und einem Dach über dem Kopf
Im Dialog mit 77 Persönlichkeiten von Aristoteles bis Stefan Zweig
Patmos Verlag
Inhalt
Widmung
Wie bei Hempels unterm Sofa
Einleitung
Gespräche zur Anthropologie
»Unmöglichkeit, durch Naturgesetze die Natur zu erklären …«
Wo Menschen leben können, leben Menschen
Im Gespräch mit Johann Gottfried Herder
Den Wohlstand seiner Stadt befördern
Im Gespräch mit Niccolò Machiavelli
Von der Erde Ökonomie lernen
Im Gespräch mit Novalis
Die Natur – das Grausamste und Fremdeste
Im Gespräch mit Rainer Maria Rilke
Mit der physischen Welt in gutem Vernehmen
Im Gespräch mit Friedrich Schiller
Weltgeschichte ist die Geschichte der Stadtmenschen
Im Gespräch mit Oswald Spengler
Zusammenhängenden Wohnsitzen abhold
Im Gespräch mit Tacitus
Gespräche zur Architektur
»Dauer und Festigkeit«
Die schönste Baukunst auf Erden
Im Gespräch mit Jacob Burckhardt
Der überbaute Raum ist das Wesen des Hauses
Im Gespräch mit Carl von Clausewitz
Man mag doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine
Im Gespräch mit Johann Wolfgang von Goethe
Architektur: Ausdruck der Seele
Im Gespräch mit Gerhart Hauptmann
Die Baukunst – das große Buch der Menschheit
Im Gespräch mit Victor Hugo
Architektur – die am wenigsten geschätzte Kunst
Im Gespräch mit Ellen Key
Geplagte Sklaven der drei M
Im Gespräch mit Friedrich Nietzsche
Vom Nutzen, der Dauerhaftigkeit und der Schönheit
Im Gespräch mit Andrea Palladio
Stütze und Last
Im Gespräch mit Arthur Schopenhauer
»Profanbauten mit Geist und Seele«
Im Gespräch mit Alphons Silbermann
Anthroposophische Architektur – Formen des organischen Lebens
Im Gespräch mit Rudolf Steiner
Unsere Lebensweise hat die Uniformität unserer Wohnhäuser zur Folge
Im Gespräch mit Otto Wagner
Autobiografische Gespräche
»Mitten ins Erinnerungsland hinein«
Mitten auf den Gottesschoß gesetzt
Im Gespräch mit Lou Andreas-Salomé
Fliegen durch Räume ohne Grenzen
Im Gespräch mit Ernst Barlach
Eine unschätzbare Perle
Im Gespräch mit Annette von Droste-Hülshoff
Es hat viel für sich, in einer kleinen Straße geboren worden zu sein
Im Gespräch mit Emmy Hennings
Kleine weltvergessene Stadt
Im Gespräch mit Charlotte Niese
Ein Tag glich dem andern
Im Gespräch mit Wanda von Sacher-Masoch
Das erste Goetheanum – ein Doppelkuppelbau
Im Gespräch mit Marie Steiner
Ein ganzes Wald- und Mühlenidyll
Im Gespräch mit Theodor Storm
Gespräche zur Ethik
»Das rechte Maß«
Ablassen von der Gier, mehr zu besitzen
Im Gespräch mit Augustinus
Grundbedingung der Menschennatur
Im Gespräch mit Anicius Boethius
»Nichts zu viel«
Im Gespräch mit Carl Gustav Carus
Grundregeln des gesellschaftlichen Lebens
Im Gespräch mit Hedwig Dransfeld
Lernen, sich nach den herrschenden Sitten zu richten
Im Gespräch mit Adolph Freiherr von Knigge
Den Reichtum erkläre ich nicht für ein Gut
Im Gespräch mit Seneca
Gespräche zur Kultur
»Bei-sich-selbst-Sein des Lebens«
Eine Art neuer Aristokratie
Im Gespräch mit Charles Baudelaire
Verfügungsrecht über alle Bequemlichkeiten der Erde
Im Gespräch mit Cicero
Liebe zur Schönheit
Im Gespräch mit Ralph Waldo Emerson
Kultur als Verirrung
Im Gespräch mit Rudolf Christoph Eucken
Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen
Im Gespräch mit Adolf Loos
Flecke beseitigen
Im Gespräch mit Magda Trott
Gespräche zur Ökonomie
»Um des bloßen Lebens willen entstanden«
Ökonomie ist – Hauswirtschaft
Im Gespräch mit Aristoteles
Die »guten alten Zeiten« waren keine guten alten Zeiten
Im Gespräch mit Andrew Carnegie
Das Freigeld und die Investition in Immobilien
Im Gespräch mit Silvio Gesell
Verfall unserer Kultur
Im Gespräch mit Friedrich Albert Lange
Grundbesitz – ein Handelsartikel
Im Gespräch mit Karl Marx
Verflüchtigung der Substanz des Eigentums
Im Gespräch mit Joseph A. Schumpeter
Großstädtisches Leben
Im Gespräch mit Georg Simmel
Lob der nützlichen Investition
Im Gespräch mit Adam Smith
Das Haus besitzt ihn, nicht aber er das Haus
Im Gespräch mit Henry David Thoreau
Gespräche zur Philosophie
»Der Mensch – Glied in der Kette der Naturzwecke«
Fast nichts hat Bestand
Im Gespräch mit Marc Aurel
Frucht der Erkenntnis
Im Gespräch mit Michail Bakunin
Wohnplätze menschlicher Leiden und Freuden
Im Gespräch mit Gustav Theodor Fechner
Glied in der Kette der Naturzwecke
Im Gespräch mit Immanuel Kant
Das Dasein ist nicht für den Seienden bestimmt
Im Gespräch mit Giacomo Leopardi
Vergeude keine Energie; veredle sie!
Im Gespräch mit Wilhelm Ostwald
Aufhören, uns selbst zugrunde zu richten
Im Gespräch mit Leo Tolstoi
Gespräche zur Psychologie
»Symbole des Weiblichen«
Das Wohnhaus – Ersatz für den Mutterleib
Im Gespräch mit Sigmund Freud
Erinnerung an das Paradiesesleben im Mutterleib
Im Gespräch mit Georg Groddeck
Die Seele wünscht sich oftmals die Befreiung
Im Gespräch mit Carmen Sylva
Gespräche zum Sozialen
»Unsichtbar unerfasslichen Gewalten unterworfen«
Der Mensch im Stadium völliger Unsicherheit
Im Gespräch mit Hermann Broch
Ein harmonisches Gesamtbild der Häuslichkeit
Im Gespräch mit Hedwig Dohm
Die Zeit der Wohnungsnot
Im Gespräch mit Friedrich Engels
Wohnen im Wertewandel
Im Gespräch mit Martin Greiffenhagen
Die Fenster sind gemacht, dass man sie öffne, die Türen, dass man sie schließe
Im Gespräch mit Florence Nightingale
»Dies ist mein«
Im Gespräch mit Jean-Jacques Rousseau
Gemeinschaft und Gesellschaft
Im Gespräch mit Ferdinand Tönnies
Es gibt alles, nur keine Wohnungen
Im Gespräch mit Kurt Tucholsky
Architektonische Unglücksfälle
Im Gespräch mit Thorstein Veblen
Fünfhundert im Jahr und ein Zimmer für sich allein
Im Gespräch mit Virginia Woolf
Gespräche über Stadt und Städte
»Die Stadt ist die komplizierteste Gestaltung menschlichen Zusammenlebens«
Heizung mit Steinkohlen überall
Im Gespräch mit James Fenimore Cooper
Schickt einen Philosophen nach London
Im Gespräch mit Heinrich Heine
Reiseandenken wie in Mariazell
Im Gespräch mit Egon Erwin Kisch
Enge, krumme, stinkende Straßen
Im Gespräch mit Heinrich von Kleist
Menschenunwürdige Mietskasernen
Im Gespräch mit Carl von Ossietzky
Spießbürgerliche Gesinnung
Im Gespräch mit Voltaire
Kultur schaffen und verteidigen
Im Gespräch mit Stefan Zweig
Utopische Gespräche
»Alles ist Gemeinbesitz«
Wie es die Natur erfordert
Im Gespräch mit Francis Bacon
Alles ist Gemeinbesitz
Im Gespräch mit Tommaso Campanella
Utopia: Kein Eigentum, Häuserwechsel alle zehn Jahre
Im Gespräch mit Sir Thomas Morus
Bibliografie der Quellenwerke
Editorische Notiz und Danksagung
Über den Autor
Über das Buch
Impressum
Hinweise des Verlags
Martin Greiffenhagen,
meinem Doktorvater, in memoriam
Wie bei Hempels unterm Sofa
Einleitung
Zeige mir, wie du haust, und ich sage dir, wer du bist. Unser Haus, unsere Behausung, unsere Wohnung sind Ausdruck unserer Persönlichkeit; zugleich verweisen sie auf das So-und-nicht-anders-Sein unserer individuellen wie unserer kollektiven Existenz auf diesem Planeten. Wer sesshaft ist, vier Mauern um sich hat und ein Dach über dem Kopf sein Eigen nennt, lebt anders als ein Nomade oder ein Flüchtling. Und selbstverständlich hat das Behaust- wie das Unbehaustsein auch eine ethische wie eine spirituell-religiöse Dimension, die es immer mitzubedenken gilt.
Am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu wollen seine neuen Jünger ihn kennenlernen, und sie fragen ihn: »Wo wohnst du?« Seine Antwort: »Kommt und seht.« Er lädt sie zu sich nach Hause ein. Dieses »Zuhause« Jesu verweist auf eine umgreifend religiöse Dimension unseres Lebens. Das Haus ist Bild des Himmels und Bild der Erde. Jesus sagt: »Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen, und ich gehe, euch eine Wohnung zu bereiten.« Die Umwelt- und Gerechtigkeitsenzyklika »Laudato si’« von Papst Franziskus trägt den Untertitel »Über die Sorge für das gemeinsame Haus« – und dieses gemeinsame Haus ist nichts anderes als unser blauer Planet.
Wohngeschichte ist Kulturgeschichte
Wer eine Wohnung hat, kann Gastgeber sein und sich großzügig zeigen; Obdachlosigkeit grenzt aus und isoliert. Wohngeschichte ist Kulturgeschichte; der Wohnraum ist Resonanzraum des Lebens, eine erweiterte Leiblichkeit des Menschen. Die Wohnung gehört zur Intimsphäre, ist Teil der Persönlichkeit; deshalb ist sie unverletzlich, und die Polizei braucht einen richterlichen Beschluss, wenn sie Einlass begehrt. Wenn man jemanden wirklich treffen und auslöschen will, zerstört man sein Haus.
Als Behauste sind wir privilegiert im Vergleich zu den Unbehausten. Aber wir sind auch verantwortlich für unser Haus, haben Sorge dafür zu tragen, dass es erhalten und nachhaltig bewohnbar bleibt. Wenn es bei uns zu Hause beständig aussieht »wie bei Hempels unterm Sofa«, legen wir sichtbar Zeugnis von einer besonderen Art und Weise unseres Hausens ab. Die heute gängige abwertende Verwendung dieses Begriffs (etwa für »sich wüst aufführen«, hausen »wie die Vandalen«) gewinnt substantiell vor allem dort an Gewicht, wo es eben tatsächlich aussieht »wie bei Hempels unterm Sofa« oder wo die Rede ist von Gefährdungen unserer Welt, die durch rücksichtslose Menschen verursacht werden. Und es gibt viele Hempels in dieser menschlichen Welt. Und viele Sofas.
Der Begriff »hausen«, wie er in diesem Buch verwendet wird, knüpft hingegen an die ursprüngliche Bedeutung an und meint »wohnen, wirtschaften, haushalten«, mehr noch: das menschliche Sein auf Erden schlechthin – im Sinne des Existenzphilosophen Martin Heidegger, wie er nicht zuletzt im Begriff Heimat zum Ausdruck kommt. Ähnlich im Griechischen: Oikos ist das Haus im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, oikein heißt wohnen. Hausen ist also ein Zu-Hause-Sein, im eigenen Anwesen sein; verwandt, aber aus anderer Perspektive gedacht, ist das englische to house: beherbergen, Raum geben (und dadurch ermöglichen).
Die in diesem Buch versammelten fiktiven Gespräche mit Persönlichkeiten der europäischen und der anglo-amerikanischen Geistesgeschichte bewegen sich im weitgefassten Umfeld von Architektur, Städtebau, Stadtplanung, Ökonomie, Ökologie, Bau- und Immobilienwirtschaft. Sie beziehen philosophische, sozialwissenschaftliche und psychologische Fragestellungen mit ein, immer auch im Blick auf ganz persönliche Schicksale, Erfahrungen und Anekdoten, wie sie sich zum Beispiel aus den Lebenserinnerungen meiner »Gesprächspartner« erschließen. Das »Behaustsein« erweist sich als ein in den unterschiedlichen Epochen der Geschichte bis hinein in unsere Tage so und nicht anders gewordenes Sein – des individuellen Menschen einerseits, der gesamten Spezies andererseits. Selbst die Texte des Gestern und des Vorgestern lassen immer wieder auch unsere aktuellen Fragestellungen durchscheinen und offerieren Antworten auf die großen Fragen unserer Gegenwart.
In der fortgeschrittenen Industriegesellschaft ist der Wechsel der Arbeit nicht selten auch mit einem Wechsel des Wohnortes verbunden. Vom mehr oder minder freiwillig Umziehenden, dessen Umzug bedingt ist durch den Wechsel der Arbeitsstelle, zu unterscheiden ist der Flüchtling, der aus seiner Behausung – aus welchen Gründen auch immer, Kriege oder Naturkatastrophen etwa – gewaltsam Vertriebene, der sich an einem anderen Ort, meist sogar in einem anderen Land, ein neues Zuhause suchen muss. Fraglos hat der Begriff »Flüchtling« viele Facetten und ist konnotiert mit Verlust von Heimat, von Sicherheit und von Identität. Geflohene sind Entwurzelte. Die große Mehrheit der Menschen indes in unserer so und nicht anders gewordenen Gegenwart, zumindest in unserer Hemisphäre, ist in einer bestimmten Gegend verwurzelt, auf Dauer sesshaft; das Behaustsein erweist sich als Definiens zivilisierten menschlichen Lebens. Und das über die Zeiten hinweg – von den ummauerten Städten als identitätstiftenden Behausungsentitäten über Burgen und Festungen bis hin zum afrikanischen Kral, um nur einige Beispiele zu nennen.
Diese Definition schließt den Zustand des »Unbehaustseins«, wie Hans Egon Holthusen ihn beschrieben hat, ein. Der »unbehauste Mensch« in Holthusens Sinne ist ein Sonderfall des Behaustseins und beschreibt im Konkreten das Lebensgefühl der Trümmergeneration nach dem Zweiten Weltkrieg, die mit ihren Behausungen auch ihre Heimat verloren hatte, in Ruinen leben und aus den Ruinen ein neues Behaustsein schaffen musste. Unbehaust lebt freilich auch der Obdachlose in einem Zustand des Mangels an einem Dach über dem Kopf, aber durchaus an einem ihm angestammten Platz, der auch verteidigt wird – entweder vorübergehend oder auf Dauer. Aber auch »mobile« soziale Gruppierungen, wie wir sie etwa bei den Nomadenvölkern oder in der US-amerikanischen Wohnwagenkultur finden, gehören in die Kategorie des »Unbehaustseins« ohne spezifische Sesshaftigkeit, die identität- und heimatstiftende »mobile« Behausung quasi von Ort zu Ort bewegend. Im Rückgriff auf literarische Texte von Goethe über Rilke bis Kafka analysiert Holthusen die Situation des modernen Menschen in seinem Geworfensein schlechthin, verbunden mit einer zwangsläufigen Loslösung von alten geistigen Ordnungen. Der »unbehauste Mensch« steht insofern auch als Symbol für die Zerbrechlichkeit behausten Existierens. »Hausen« ist keine Selbstverständlichkeit. Das verdeutlicht der als Flüchtling Unbehauste genauso wie der im Krieg ausgebombte Unbehauste oder der Obdachlose als – in der Regel – Opfer der modernen Leistungs-, Überfluss- und Konsumgesellschaft.
Behaustsein ist das Ergebnis eines umfassend-schöpferischen Prozesses in und an den Wirklichkeiten unserer Welt und wird so als Wirkung wiederum selbst zum kulturellen, sozialen, politischen, ökonomischen und ökologischen Element des Wirklichen. Diese Wirkung kann auch beschrieben werden als umfängliche Arbeit des Menschen an der Welt; sie beinhaltet im Ergebnis das So-und-nicht-anders-Sein des Menschen in einer Zeit und an einem Ort. In diesem existentiellen Sinn schreibt Martin Heidegger: »Bauten behausen den Menschen.« Und weiter: »Das althochdeutsche Wort für bauen, ›buan‹, bedeutet Wohnen. Dies besagt: bleiben, sich aufhalten … Die Art, wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen. Mensch sein heißt: als Sterblicher auf der Erde sein, heißt: wohnen.« Schließlich erwächst aus dem Hausen aber, Heidegger folgend, auch eine doppelte Verpflichtung zum Bewahren der Schöpfung vor Schaden und zur Vermeidung von Bedrohungen: »Der Grundzug des Wohnens ist … Schonen. Er durchzieht das Wohnen in seiner ganzen Weite. Sie zeigt sich uns, sobald wir daran denken, dass im Wohnen das Menschsein beruht, und zwar im Sinne des Aufenthalts der Sterblichen auf der Erde.« Und diese Erde gelte es zu bewahren, nicht zuletzt vor Missbrauch durch den Menschen und seine Technik.
»Heuristik der Furcht«
Die Arbeit an der Welt, das Herrichten der Erde zur Basis menschlicher Behausungen, hat uns die Möglichkeit globalen Betroffenseins von Katastrophen vor Augen geführt und damit der Globalisierung eine bizarre Dimension des Schreckens verliehen. Aus jenen kollektiven Bedrohungen, die die Menschen selbst hervorgebracht haben, leitet Hans Jonas eine »Heuristik der Furcht« ab, die in der Tat neue Wertsetzungen und Orientierungen ermöglichen könnte. Es geht um eine Re-Humanisierung der Technik, deren verantwortungslose Verselbständigung und Ent-Humanisierung sicherlich nicht in der Absicht ihrer Erfinder angelegt war. Das damit verbundene Paradoxon ist das bizarre Symbol unseres zivilisatorischen Gewordenseins schlechthin. Dem Menschen als »Mängelwesen« (Arnold Gehlen) – ohne Kleidung, vier Mauern um sich herum und ein Dach über dem Kopf überhaupt nicht überlebensfähig – ist es dank seines Genius einerseits, wegen seiner Hybris andererseits gelungen, sich zunächst seine Existenz gegenüber den Unbilden der Natur zu sichern, sich anschließend aber in eine existenzbedrohende Krise hineinzumanövrieren. Und letztlich als Initial dieses »Manövers« steht der oikos – im Griechischen das Haus oder auch das Herdfeuer, seit Aristoteles der Ursprung aller Ökonomie, die nichts anderes war als »Hauswirtschaft«, die Bewirtschaftung der einzelnen Behausung zum einen und die Bewirtschaftung der kollektiven Behausung, der polis, zum anderen.
Die Konsequenzen der daraus folgenden atemberaubenden Entwicklung sind bekannt. Sie führte in unserer Moderne zu einem steten Diskurs zwischen Ökologen und Ökonomen. Denn die ökonomische Eindimensionierung der zivilisierten Welt mit ihren Mechanismen zur Ausbeutung der Erde und der Spezies vor allem in der Dritten Welt hat das Ökosystem über alle Grenzen hinaus mit vielen irreversiblen Schäden belastet. Im Ausdruck »Anthropozän« für das vom Menschen geprägte Erdzeitalter klingt eine Bilanz des Schreckens mit an. In der Enzyklika »Laudato si’« aus dem Jahr 2015 bilanziert Papst Franziskus im ersten Kapitel unter der Überschrift »Was unserem Haus widerfährt« umfassend die Folgen von Umweltverschmutzung und Klimawandel in all ihren Facetten von der Abfall- und Wegwerfkultur über die Wasserfrage und den Verlust der biologischen Vielfalt bis hin zur generellen Verschlechterung der Lebensqualität und zum sozialen Niedergang. Seine Kritik gilt dem globalen Wirtschaftssystem, in dem Spekulation und Streben nach finanziellem Ertrag vorherrsche ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf die Menschenwürde und die Umwelt. Franziskus folgert: »So wird deutlich, dass die Verschlechterung der Umweltbedingungen und die Verschlechterung im menschlichen und ethischen Bereich eng miteinander verbunden sind.«
Speziell die Themenkomplexe Umwelt, Klimawandel, Atommüll, Müllbelastung, aber auch die demografische Entwicklung sind Gegenwartsrisiken und bereits bei Hans Jonas genauso inkludiert wie die daraus folgenden Konsequenzen notwendigen nachhaltig-ökologischen Wirtschaftens. Damit verbunden: die Frage nach der Urbanisierung unseres Planeten. Und so sind wir bei einer das menschliche Kollektiv betreffenden Fragestellung. Denn die Einzelnen und die Veränderung ihres Verhaltens sind zwar wichtig. Aber von entscheidender Bedeutung ist die Frage nach einer neuen kollektiven Ethik in dieser so und nicht anders gewordenen Wirklichkeit unserer Welt im ersten Jahrhundert des zweiten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung – und das ganz im Sinn des päpstlichen Schreibens »Laudato si’«. Was 2000 Jahre gutging (mit allerdings beständig zunehmenden Risiken vor allem im 20. und 21. Jahrhundert), kann nicht hoffnungsfroh in alle Zukunft linear fortgeschrieben werden. Denn die Risiken der Urbanisierung mit all ihren Implikationen, wie wir sie seit Jahren kennen und diskutieren, werden nicht kleiner, sondern größer. Denken wir exemplarisch nur an die CO2-Emissionen der privaten Haushalte oder die der Wegwerfgesellschaft geschuldeten Plastikabfälle, die den direkten Weg von der Stadt in die Ozeane finden. Nicht von ungefähr machte vor einigen Jahren das Wort von der »Risikogesellschaft« (Ulrich Beck) die Runde. Die Stadt der Menschen, einstmals eine Enklave in der nichtmenschlichen Welt, breite sich über das Ganze der irdischen Natur aus und usurpiere ihren Platz, schreibt Hans Jonas. Im Zusammenhang mit dieser Usurpation dürfen nicht unerwähnt bleiben – mehr noch: müssen in besonderer Art gebrandmarkt werden – die menschenverachtenden Verwerfungen des Hausens etwa in den brasilianischen Favelas, den südafrikanischen Townships oder den elendigen Flüchtlingslagern überall auf der Welt, sogar innerhalb der Verantwortung unserer europäischen Zivilisation, einen Skandal in Permanenz markierend. Fraglos steht unser Verständnis menschlichen Seins auf dem Prüfstand der Vernunft und der Menschlichkeit.
Die Natur wehrt sich. Das Wetter schlägt Kapriolen, die Erderwärmung schreitet unaufhaltsam voran und die Sturmfluten werden häufiger und heftiger. Aber auch die große Zahl neu aufgetauchter krankmachender Erreger, von HIV über Ebola bis zu den Coronaviren, dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit darauf zurückzuführen sein, dass die natürlichen Lebensräume der Tierwelt immer rascher zerstört werden. Tiere, deren eigene Behausungsterritorien der Urbanisierung zum Opfer fallen, weichen in die Nähe menschlicher Siedlungen aus und übertragen Erreger auf den Menschen. Wie notiert Hans Jonas bereits Ende der 1970er-Jahre mit prophetischer Weitsicht? Das Natürliche sei von der Sphäre des Künstlichen verschlungen worden, und gleichzeitig erzeuge das totale Artefakt, »… die zur Welt gewordenen Werke des Menschen, die auf ihn und durch ihn selbst wirken, eine neue Art von ›Natur‹, das heißt eine eigene dynamische Notwendigkeit, mit der die menschliche Freiheit in einem gänzlich neuen Sinn konfrontiert ist«.
Prozess der Rationalisierung
Als »Berufsmenschen ohne Herz und Genussmenschen ohne Geist«, als arbeitsteilige Fachidioten und hedonistische Konsumenten also, charakterisierte Max Weber den modernen Menschen im Zeitalter des entfesselten Kapitalismus, von ihm häufig auch als »Raubtier-Kapitalismus« bezeichnet. Verbunden war diese Art Kapitalismus Weber zufolge mit einem universalen Prozess der Rationalisierung, im Verbund ein »stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit« schaffend, in dem der Einzelne genauso wie das Kollektiv in die Zwangsjacke ökonomischer Zweckrationalität gesteckt wurde. Unter »Rationalisierung« verstand Weber den zivilisatorischen Modernisierungsprozess schlechthin in seinen vielfältigen Gestalten von Bürokratisierung, Spezialisierung, Säkularisierung und kapitalistischer Produktionsweise – begleitet von einer durch die Wissenschaft forcierten »Entzauberung der Welt«. Die Wissenschaft beraubte und beraubt die Welt ihres Zaubers und damit auch ihrer Götter. Das zauberhaft-irrational Göttliche wird ins Abseits gedrängt und fristet ein eher kümmerliches Dasein gegenüber der dominanten nüchtern-anonymen Ratio, die – wie in alten Zeiten die Religion – alle Wirklichkeiten unserer Zivilisation durchdringt und auch im Sozialen auf alle Strukturen und Funktionen Einfluss nimmt. Weber zufolge transformieren »die kalten Skeletthände der rationalen Ordnung« die westlichen Gesellschaften bis auf ihre Fundamente. Die vereinigten Kräfte aus Kapitalismus, Wissenschaft, Bürokratie und Rationalisierung werden zur schicksalhaften Macht, vor der es kein Entrinnen gibt. Genuiner Ursitz dieser Macht ist die Stadt, in ihrer »ganzen Organisation darauf eingerichtet, Eigenwilligkeit und Selbständigkeit abzutöten«, wie uns der US-amerikanische Architekturkritiker Lewis Mumford wissen lässt. Er analysiert demaskierend: »Auszuwählen, zu unterscheiden, Klugheit, Mäßigung oder Vorsicht zu üben, Selbstbeherrschung bis zur Enthaltsamkeit zu treiben, andere Maßstäbe als diejenigen des Marktes zu besitzen, sich andere Grenzen als diejenigen des alsbaldigen Verbrauchs zu setzen – das alles ist böse Ketzerei, die den ganzen Mythos von Megalopolis in Frage stellen und ihre Wirtschaft zum Erliegen bringen würde.«
Die Wirtschaft in der Stadt: ausgerichtet auf Konsum in Permanenz, unbeschränktes Wachstum und einen totalen Markt, vom Einzelnen bedingungs- und bewusstlos Konformität einfordernd. Wo kann in einem solchen Szenario, in dem das Individuum zum Appendix quasi ausschließlich kommerziell-ökonomischer Mechanismen und Interessen wird, Hoffnung keimen?
Mumford, nonkonformistischer Autor eines epochalen zweibändigen Werkes über »Die Stadt«, antwortet wie folgt: »Eine brauchbare Lösung dieses Problems, um das sich die ganze Zukunft unserer städtischen Kultur dreht, hängt davon ab, dass wir das Bild einer organischeren Welt entwickelten, welches allen Dimensionen der lebendigen Organismen und der menschlichen Persönlichkeit gerecht wird.« Und weiter: »Daher müssen wir uns jetzt die Stadt nicht in erster Linie als einen Ort vorstellen, wo man Geschäfte macht oder regiert, sondern als wichtiges Organ, das der neuen menschlichen Persönlichkeit Ausdruck verleiht und Geltung verschafft. Der Persönlichkeit des ›Menschen in der einen Welt‹.«
Vielfalt der Perspektiven
Es sind die immer wiederkehrenden und immer brachialer werdenden Krisen, welcher Provenienz diese auch immer sein mögen, die mit den Fragen nach ihrer Lösung auch immer wieder die »globale« Welt thematisieren, eine universale Hoffnung verbindend mit den Geboten einer menschheitlichen Ethik verbindlichen Hausens. Wissen, Ethik und Hoffnung im Verein malen kein neues Bild vom Menschen in seinem Behaustsein, eher ein seit Jahrtausenden bekanntes. Eines allerdings, das viel Spielraum für Entwicklungen lässt – positive wie negative.
Die Vielfalt der Perspektiven beim Blick auf menschliches Behaustsein in der Geistesgeschichte ist auf jeden Fall bemerkenswert. Fast alle Themen, die uns Heutige interessieren, haben zu ihrer Zeit auch unsere Vorfahren beschäftigt. Die Ästhetik der Architektur findet dabei genauso ihren Platz wie deren Gewichtung nach Form und Funktion oder deren soziale Aspekte, genauso wie ihre Wirkung in der Stadt oder in der Natur (als von der Architektur einzelner Objekte oder eines Dorfes beherrschte Landschaft). Ökonomische Aspekte sind mit dem Behaustsein per se verbunden, denn am Anfang aller systemischen Wirtschaft, wie wir sie kennen, steht der oikos, Haus und Herdfeuer also, neben der Kleidung Überlebensgarant des Mängelwesens Mensch. Auch die Frage nach dem Sozialen und dem Für und Wider von Eigentum, verbunden mit religiöser oder politischer Einflussnahme, hat die Menschen von Epoche zu Epoche begleitet und immer wieder zu neuen Antworten herausgefordert und inspiriert. Die Psychologen haben sich auf die Spurensuche nach dem seelischen nervus rerum des Behaustseins begeben wie die Philosophen nach dessen Warum und Sinnhaftigkeit.
Sehr persönliche Zugänge zum Behaustsein in unterschiedlichen familialen und sozialen Umgebungen verschaffen uns die auf Lebenserinnerungen basierenden Gespräche. Jüngeren Datums sind die in dieser Einleitung skizzierten Fragen nach Ökologie und Nachhaltigkeit, beherrschend in der Vergangenheit dagegen eher die Fragen nach der Versorgung, auch der energetischen, und der Sicherung menschlichen Existierens schlechthin. Überhaupt sind mit der Frage der Existenz Vertreter aller wissenschaftlichen Disziplinen befasst, mündend naturgemäß auch und speziell in den Themenkomplex des Miteinanderumgehens in familialen, dörflichen und städtischen Konstellationen des Sozialen, vulgo: die Ethik. Generell erweist sich die Frage nach der Ethik im Hausen als Essenz auch unserer Gegenwart und mehr noch unserer Zukunft: Welche Lehren für unser Selbstverständnis in dieser Zeit, für den Umgang miteinander, vor allem aber auch für den Umgang mit der Natur und deren Ressourcen müssen wir ziehen, um in Würde überlebensfähig zu bleiben?
Die Corona-Pandemie hat uns Segen und Fluch unserer Art des Hausens vor Augen geführt und uns einmal mehr mit der unabweisbaren Tatsache konfrontiert, dass wir, unserer Ratio-Gläubigkeit zum Trotz, Entscheidungen ins Ungewisse hinein treffen und dafür Verantwortung übernehmen müssen. Nach Corona ist das zivilisatorische Grunddilemma denen, die auf die wesentlichen Fragen unserer Existenz zu antworten versuchen, deutlicher vor Augen als vorher: Unsere gesamte Lebensweise überall auf diesem Planeten, speziell aber unser Behaustsein, steht auf dem Prüfstand. Corona hat gezeigt, dass ein transnationales Gemeinsames (mit Ausnahme des globalen Betroffenseins von der Pandemie) noch nicht vorhanden ist. Die erhoffte, gewünschte, beschworene oder auch nur herbeigeredete »eine Welt« ist letztlich nur die eine von der Pandemie betroffene Welt; transnationaler Gemeinsinn, auch ein konzertiertes Handeln über Ländergrenzen hinweg, ist dagegen eine Utopie.
Utopie einer besseren Welt
Eine Utopie, ja, gewiss. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Denn jede große Hoffnung basiert letztlich auf einer Utopie von einer besseren Welt, einem besseren Leben und einem besseren Behaustsein auf unserem blauen Planeten. Und zwar für alle Menschen. Denn letztlich liegt es an der Spezies selbst, ob die Erzählung von der Menschheit ihren Platz in der Erd- und Weltgeschichte als Dystopie oder als Utopie finden wird – unter stillschweigendem Einbezug der Tatsache, dass es eine Fortschreibung der Erd- und Weltgeschichte nur unter utopisch-visionären Gesichtspunkten geben kann. Denn eine dystopische Realität wäre, menschheitlich betrachtet, das Ende von allem, auch das Ende aller Erzählungen. Aber »der Mensch hofft, solange er lebt«, wie wir von Theokrit vor mehr als zwei Jahrtausenden gelernt haben. Und in den Text vom Sinn seiner Existenz, der jedem Menschen eingeschrieben ist, ist auch die Hoffnung miteingeschrieben, in der Bedrohung mehr denn je.
Was für den Menschen generell gilt, gilt auch für den Menschen als Behausten: Er trägt seinen Zweck und damit auch seine Hoffnung in sich. Die Entelechie – der Endzweck – des Behaustseins hat sich über die Zeiten hinweg nicht verändert. Als Behauster ist der Mensch ein im Haus mit seinesgleichen Schutzsuchender und -findender. Dabei gewinnt das englische Sprichwort »My home is my castle« speziell vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie eine vieldimensionale Bedeutung. Die auch digital hochgerüstete Behausung mit ihren technischen Vehikeln sichert einerseits vielen Menschen den Arbeitsplatz durch vernetzte, örtlich und zeitlich grenzenlose Heimarbeit unter gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer zumindest virtuellen Teilhabe am sozialen Leben, birgt andererseits aber auch die Gefahr, sich dem »Allzeit-Jetzt«, dem »Rund-um-die-Uhr«-Diktat der digitalen Welt auszuliefern, um wenigstens zwei von zahlreichen real sich ergebenden und im konkreten Beispiel einander bedingenden Phänomenen zu erwähnen.
Nicht vernachlässigt werden darf auch die Frage nach einer gesunden Behausung – Gesundheit definiert in einem umgreifenden Sinn des Wortes von den medizinischen Herausforderungen über die psychologischen bis hin zu den sozialen. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die These, dass in unserem zivilisatorischen Gewordensein ein gesundes Leben künftig ausschließlich als Ergebnis – im besten Sinn des Wortes – nachhaltigen Hausens möglich sein wird. Hinzuweisen ist last but not least aber auch auf die Relevanz wissenschaftlicher Forschung und ein damit verbundenes Fortschreiten zur Entlastung menschlichen Lebens auf diesem Planeten. Denn nur wissenschaftliche Erkenntnis im Verbund mit »guter« Technologie liefert uns die Vision eines menschengemäßen zukünftigen Lebens und Hausens. Wie auch immer: Dass die essentielle Schutzfunktion der Behausung unter den Bedingungen einer zunehmenden, quasi apokalyptischen Gefährdung unserer Welt auch weiterhin höchste Relevanz beanspruchen muss, ist das bleibende Vermächtnis nicht zuletzt jener Persönlichkeiten der Geistesgeschichte, die wir in diesem Buch befragen. Und deren Antworten verheißen Hoffnung und Bestärkung – auch im Zweifel und sogar in der Verzweiflung.
Gespräche zur Anthropologie
»Unmöglichkeit, durch Naturgesetze die Natur zu erklären …«
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Wo Menschen leben können,
leben Menschen
Im Gespräch mit Johann Gottfried Herder
Herr Herder, im Zusammenhang mit der Entwicklung der Natur und der Erde stellen Sie eine höchst interessante Frage – die nämlich, ob wir unseren Wohnplatz, die Erde, uns selbst und nicht den Elementen schuldig sind.
Herder: Wenn diese nach immer fortwirkenden Naturgesetzen periodisch aufwachen und das Ihre zurückfordern, wenn Feuer und Wasser, Luft und Wind, die unsere Erde bewohnbar und fruchtbar gemacht haben, in ihrem Lauf fortgehen und sie zerstören; wenn die Sonne, die uns so lang als Mutter wärmte, die alles Lebende auferzog und an goldenen Seilen um ihr erfreuendes Antlitz lenkte – wenn sie die alternde Kraft der Erde, die sich nicht mehr zu halten und fortzutreiben vermag, nun endlich in ihren brennenden Schoß zöge; was geschähe anders, als was nach ewigen Gesetzen der Weisheit und Ordnung geschehen musste? Sobald in einer Natur voll veränderlicher Dinge Gang sein muss, sobald muss auch Untergang sein; scheinbarer Untergang nämlich, eine Abwechslung von Gestalten und Formen. Nie aber trifft dieser das Innere der Natur, die, über allen Ruin erhaben, immer als Phönix aus ihrer Asche ersteht und mit jungen Kräften blüht.
Das gilt auch für das Wohnen der Menschen, für sein Behaustsein?
Herder: Schon die Bildung unseres Wohnhauses und aller Stoffe, die es hergeben konnte, muss uns also auf die Hinfälligkeit und Abwechslung aller Menschengeschichte bereiten; mit jeder näheren Ansicht erblicken wir diese mehr und mehr.
Konkret ein Wort zu Ihrer Sicht auf den behausten Menschen! Wodurch ist er charakterisiert, was macht ihn wesentlich?
Herder: Jeder liebt sein Land, seine Sitten, seine Sprache, sein Weib, seine Kinder, nicht weil sie die besten auf der Welt, sondern weil sie die bewährten Seinigen sind und er in ihnen sich und seine Mühe selbst liebt. So gewöhnt sich jeder auch an die schlechteste Speise, an die härteste Lebensart, an die roheste Sitte des rauesten Klimas und findet zuletzt in ihm Behaglichkeit und Ruhe. Selbst die Zugvögel nisten, wo sie geboren sind, und das schlechteste, raueste Vaterland hat oft für den Menschenstamm, der sich daran gewöhnte, die ziehendsten Fesseln.
Für das Leben und das Wohnen der Menschen heißt dies konkret was?
Herder: Überall, wo Menschen leben können, leben Menschen, und sie können fast überall leben. Da die große Mutter auf unserer Erde kein ewiges Einerlei hervorbringen konnte noch mochte, so war kein anderes Mittel, als dass sie das ungeheuerste Vielerlei hervortrieb und den Menschen aus einem Stoff webte, dies große Vielerlei zu ertragen … Unter allen … veränderlichen, ziehbaren, empfänglichen Geschöpfen ist der Mensch das empfänglichste: Die ganze Erde ist für ihn gemacht, er für die ganze Erde.
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Johann Gottfried Herder, geboren am 25. August 1744 in Morag, Ostpreußen, gestorben am 18. Dezember 1803 in Weimar, war ein deutscher Dichter, Übersetzer, Theologe, Geschichts- und Kulturphilosoph der Weimarer Klassik. Er war einer der einflussreichsten Schriftsteller und Denker deutscher Sprache im Zeitalter der Aufklärung.
Den Wohlstand seiner Stadt befördern
Im Gespräch mit Niccolò Machiavelli
Herr Machiavelli, Sie gelten als einer der ersten »Consultants«, wie wir heute sagen würden, und sind in Ihrem Wirken mittendrin in einer Epoche, die den modernen Individualismus begründet hat. Dieser Individualismus steckt heute, so sieht es aus, in einer Sackgasse. Was wäre Ihr Rat?
Machiavelli: Es ist notwendig, dass die Menschen, die in irgendeiner Gesellschaftsordnung miteinander leben, häufig zur Selbsterneuerung gebracht werden – gleichgültig, ob aus Anlass äußerer oder innerer Ereignisse. Dies geschieht entweder durch ein Gesetz, das die Menschen, die zur gleichen Gemeinschaft gehören, immer wieder unter Kontrolle hält, oder durch einen wirklich tüchtigen Mann, der aus ihrer Mitte hervorgegangen ist und durch sein Beispiel und sein treffliches Wirken die gleiche Wirkung hervorbringt wie das Gesetz.
Leistung steht im Mittelpunkt unserer Wirtschaftsordnung. Wie war das zu Ihrer Zeit?
Machiavelli: Ein Herrscher soll seine Mitbürger ermuntern, ruhig ihre Arbeit zu verrichten im Handel, in der Landwirtschaft und in jedem anderen Gewerbe, damit sich der eine nicht scheut, seinen Besitz zu mehren aus Furcht, er könnte ihm wieder genommen werden, und der andere sich aus Furcht vor Steuer nicht scheut, ein Handelgeschäft zu eröffnen. Er sollte vielmehr Belohnungen aussetzen für jeden, der solches unternehmen will und der die Absicht hat, in irgendeiner Weise den Wohlstand seiner Stadt oder seines Landes zu fördern.
Gab’s sonst noch Tipps für Ihren »Principe« zur Beförderung der Wirtschaft und des Wohlstands einer Stadt?
Machiavelli: In ihren öffentlichen Magazinen halten gute Herrscher stets einen Jahresbedarf an Getränken, Nahrungsmitteln und Brennholz; außerdem haben sie immer für ein Jahr Arbeitsgelegenheiten in den öffentlichen Gewerbebetrieben, die der Lebensnerv der Stadt sind und von denen das niedere Volk lebt.
Tugend war ein wichtiges Stichwort in Ihren Schriften. In diesem Zusammenhang haben Sie eine sehr pointierte Art, Ihrem Fürsten die Entfaltung menschlicher Potentiale zu empfehlen.
Machiavelli: Die größte Kraftentfaltung zeigt sich immer da, wo der freien Wahl am wenigsten Spielraum bleibt. Es fragt sich also, ob es nicht besser wäre, Städte in unfruchtbaren Gegenden zu bauen; denn dort sind die Menschen gezwungen, tüchtig zu arbeiten, können weniger dem Müßiggang ergeben sein und müssen einiger leben, weil sie wegen der Armut der Gegend weniger Grund zu Zwistigkeiten haben.
Und wenn es doch mal zu Müßiggang kommt?
Machiavelli: Wo aber die günstige Lage eines Landes Müßiggang zur Folge haben könnte, muss man dafür Sorge tragen, dass die Gesetze Pflichten auferlegen, zu denen die günstige Lage nicht zwingt.
In diesem Zusammenhang hatten Sie eine sehr gute Meinung von den Deutschen. Nicht zuletzt deswegen, weil die dem freien Markt abhold waren und Sie daraus eine gewisse Rechtschaffenheit ableiteten.
Machiavelli: Diese Rechtschaffenheit in unserer Zeit findet sich eigentlich nur noch bei den Deutschen. Dies hat zwei Ursachen: Die erste ist die, dass sie nur geringen Handelsverkehr mit ihren Nachbarn unterhalten haben. Sie begnügten sich stets mit den Erzeugnissen ihres Landes und kleideten sich in die Wolle, die ihnen ihre Heimat gibt. Damit war die Ursache zu jedem Verkehr und der Anfang zu jeder Verderbnis beseitigt. Die zweite Ursache ist die, dass diese Städte, die sich noch eine freie und unverdorbene Verfassung erhalten haben, keine Edelleute unter ihren Mitbürgern dulden, noch erlauben, dass einer ihrer Mitbürger ein Leben wie ein Adeliger führt. Ja, mehr noch, sie achten streng auf absolute Gleichheit im Innern und sind die erbittertsten Feinde der Herren und Ritter ihres Landes, da sie den Adel für die Wurzel der Verderbnis und die Ursache jeder staatlichen Unordnung halten.
Herr Machiavelli, 600 Jahre später hat sich die Welt der Deutschen sehr verändert. Wir sind zwischenzeitlich Exportweltmeister und handeln sogar mit Immobilien. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Niccolò Machiavelli, 1469 geboren, 1527 gestorben, war Politiker, Diplomat, Philosoph und Dichter. Er gilt als einer der bedeutendsten Staatsphilosophen der Neuzeit und wird von vielen als Theoretiker der Macht verkannt. Tatsächlich war Machiavelli überzeugter Republikaner und betrachtete die Herrschaft eines »Principe« lediglich als notwendiges Übergangsstadium.
Von der Erde Ökonomie lernen
Im Gespräch mit Novalis
Herr Novalis, Ihre Idee vom Menschen hat nicht zuletzt die Anthroposophie immer wieder aufs Neue inspiriert. Was ist Ihre Idee vom Menschen?
Novalis: Der Mensch hat gleichsam gewisse Zonen des Körpers. Sein Leib ist die nächste, was ihn zunächst umgibt die zweite, seine Stadt und Provinz die dritte; so geht’s fort bis zur Sonne und ihrem System. Die innigste Zone ist gleichsam das Ich, und diesem steht, als der höchsten Abstraktion, Kontraktion – die höchste Reflektion, Expansion, die Welt entgegen. So der Punkt dem atmosphärischen Raum.
Und der Mensch als Teil der Natur steht wiederum unter deren Gesetzen.
Novalis: Die Natur ist Feindin ewiger Besitzungen. Sie zerstört nach festen Gesetzen alle Zeichen des Eigentums, vertilgt alle Merkmale der Formation. Allen Geschlechtern gehört die Erde; jeder hat Anspruch auf alles. Die Frühern dürfen diesem Primogeniturzufalle keinen Vorzug verdanken. – Das Eigentumsrecht erlischt zu bestimmten Zeiten. Die Amelioration und Deterioration steht unter unabänderlichen Bedingungen. Wenn aber der Körper ein Eigentum ist, wodurch ich nur die Rechte eines aktiven Erdenbürgers erwerbe, so kann ich durch den Verlust dieses Eigentums nicht mich selbst einbüßen.
Die Toten leben ewig in unserer irdischen Behausung? Sie gehören zu unserem Behaustsein dazu?
Novalis: Der Mensch lebt, wirkt nur in der Idee fort, durch die Erinnerung an sein Dasein. Vor der Hand gibt’s kein anderes Mittel der Geisterwirkungen auf dieser Welt. Daher ist es Pflicht, an die Verstorbenen zu denken. Es ist der einzige Weg, in Gemeinschaft mit ihnen zu bleiben.
Unser irdisches Behaustsein ist mit vielerlei Risiken konfrontiert?
Novalis: Mächtige Überschwemmungen, Veränderungen der Klimate, Schwankungen des Schwerpunkts, allgemeine Tendenz zum Zerfließen, sonderbare Meteore sind die Symptome dieser heftigen Inzitation, deren Folge den Inhalt eines neuen Weltalters ausmachen wird. So nötig es vielleicht ist, dass in gewissen Perioden alles in Fluss gebracht wird, um neue, notwendige Mischungen hervorzubringen, und eine neue, reinere Kristallisation zu veranlassen, so unentbehrlich ist es jedoch ebenfalls, diese Krisis zu mildern und die totale Zerfließung zu behindern, damit ein Stock übrig bleibe, ein Kern, an den die neue Masse anschieße und in neuen schönen Formen sich um ihn her bilde. Das Feste ziehe sich also immer fester zusammen, damit der überflüssige Wärmestoff vermindert werde, und man spare kein Mittel, um das Zerweichen der Knochen, das Zerlaufen der typischen Faser zu verhindern.
Ein Wort zum Haushalt?!
Novalis: Der Hof ist eigentlich das große Muster einer Haushaltung. Nach ihm bilden sich die großen Haushaltungen des Staats, nach diesen die kleinern, und so herunter. Wie mächtig könnte nicht eine Hofreform wirken! Der König soll nicht frugal, wie ein Landmann oder ein begüterter Privatmann sein; aber es gibt auch eine königliche Frugalität, und diese scheint der König zu kennen. Der Hof soll das klassische Privatleben im Großen sein.
Welche Rolle billigen Sie der Frau zu?
Novalis: Die Hausfrau ist die Feder des Hauswesens. So die Königin die Feder des Hofs. Der Mann fourniert, die Frau ordnet und richtet ein. Ein frivoles Hauswesen ist meistenteils die Schuld der Frau. Dass die Königin durchaus antifrivol ist, weiß jedermann. Daher begreife ich nicht, wie sie das Hofleben, wie es ist, ertragen kann. Auch ihrem Geschmack, der so innig eins mit ihrem Herzen ist, muss die fade Monotonie desselben unerträglich auffallen.
Krankheiten haben Ihrer Überzeugung zufolge heilsame Wirkungen?
Novalis: Krankheiten sind gewiss ein höchst wichtiger Gegenstand der Menschheit, da ihrer so unzählige sind und jeder Mensch so viel mit ihnen zu kämpfen hat. Noch kennen wir nur sehr unvollkommen die Kunst, sie zu benutzen. Wahrscheinlich sind sie der interessanteste Reiz und Stoff unsers Nachdenkens und unserer Tätigkeit. Hier lassen sich gewiss unendliche Früchte ernten, besonders, wie mich dünkt, im intellektuellen Felde, im Gebiete der Moral, Religion und Gott weiß in welchem wunderbaren Gebiete noch.
Ihr Blick auf das große Ganze der Schöpfung scheint ökologisch geprägt?!
Novalis: Man muss die ganze Erde wie ein Gut betrachten und von ihr Ökonomie lernen.
Ich danke für das Gespräch.
Novalis, geboren am 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt, gestorben am 25. März 1801 in Weißenfels, eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, war ein deutscher Schriftsteller der Frühromantik und Philosoph. Seinem Roman »Heinrich von Ofterdingen« entstammt die blaue Blume, Sinnbild schlechthin der Romantik.
Die Natur – das Grausamste und Fremdeste
Im Gespräch mit Rainer Maria Rilke
Herr Rilke, im Zeitalter des Klimawandels und einer fortschreitenden Umweltbedrohung lassen Sie uns bitte über das Verhältnis des Menschen zur Natur miteinander sprechen. Zu diesem Themenkomplex haben Sie eine überaus dezidierte Meinung.
Rilke: Da könnte mancher sich auf unsere Verwandtschaft mit der Natur berufen, von der wir doch abstammen als die letzten Früchte eines großen aufsteigenden Stammbaumes. Wer das tut, kann aber auch nicht leugnen, dass dieser Stammbaum, wenn wir ihn, von uns aus, Zweig für Zweig, Ast für Ast, zurückverfolgen, sehr bald sich im Dunkel verliert; in einem Dunkel, welches von ausgestorbenen Riesentieren bewohnt wird, von Ungeheuern voll Feindseligkeit und Hass, und dass wir, je weiter wir nach rückwärts gehen, zu immer fremderen und grausameren Wesen kommen, sodass wir annehmen müssen, die Natur, als das Grausamste und Fremdeste von allen, im Hintergrunde zu finden.
Nun lebt der Mensch aber in der Natur und von ihr. Er ist ein Teil von ihr.
Rilke: Der Umstand, dass die Menschen seit Jahrtausenden mit der Natur verkehren, (ändert daran) nur sehr wenig; denn dieser Verkehr ist sehr einseitig. Es scheint immer wieder, dass die Natur nichts davon weiß, dass wir sie bebauen und uns eines kleinen Teiles ihrer Kräfte ängstlich bedienen. Wir steigern in manchen Teilen ihre Fruchtbarkeit und ersticken an anderen Stellen mit dem Pflaster unserer Städte wundervolle Frühlinge, die bereit waren, aus den Krumen zu steigen. Wir führen die Flüsse zu unseren Fabriken hin, aber sie wissen nichts von den Maschinen, die sie treiben. Wir spielen mit dunklen Kräften, die wir mit unseren Namen nicht erfassen können, wie Kinder mit dem Feuer spielen, und es scheint einen Augenblick, als hätte alle Energie bisher ungebraucht in den Dingen gelegen, bis wir kamen, um sie auf unser flüchtiges Leben und seine Bedürfnisse anzuwenden. Aber immer und immer wieder in Jahrtausenden schütteln die Kräfte ihre Namen ab und erheben sich, wie ein unterdrückter Stand gegen ihre kleinen Herren, ja nicht einmal gegen sie – sie stehen einfach auf, und die Kulturen fallen von den Schultern der Erde, die wieder groß ist und weit und allein mit ihren Meeren, Bäumen und Sternen.
Was schlussfolgern Sie daraus?
Rilke: Der gewöhnliche Mensch, der mit den Menschen lebt und die Natur nur so weit sieht, als sie sich auf ihn bezieht, wird dieses rätselhaften und unheimlichen Verhältnisses selten gewahr. Er sieht die Oberfläche der Dinge, die er und seinesgleichen seit Jahrhunderten geschaffen haben, und glaubt gerne, die ganze Erde nehme an ihm teil, weil man ein Feld bebauen, einen Wald lichten und einen Fluss schiffbar machen kann. Sein Auge, welches fast nur auf Menschen eingestellt ist, sieht die Natur nebenbei mit, als ein Selbstverständliches und Vorhandenes, das so viel als möglich ausgenutzt werden muss …
In diesem Missverhältnis messen Sie der Kunst eine große Bedeutung bei?!
Rilke: Es ist nicht der letzte und vielleicht der eigentümlichste Wert der Kunst, dass sie das Medium ist, in welchem Mensch und Landschaft, Gestalt und Welt sich begegnen und finden. In Wirklichkeit leben sie nebeneinander, kaum voneinander wissend, und im Bilde, im Bauwerk, in der Symphonie, mit einem Worte in der Kunst, scheinen sie sich, wie in einer höheren prophetischen Wahrheit, zusammenzuschließen, aufeinander zu berufen, und es ist, als ergänzten sie einander zu jener vollkommenen Einheit, die das Wesen des Kunstwerks ausmacht.
Herr Rilke, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Rainer Maria Rilke, geboren am 4. Dezember 1875 in Prag, damals Österreich-Ungarn, gestorben am 29. Dezember 1926 in Val-Mont bei Montreux, Schweiz, eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke, war ein österreichischer Lyriker deutscher und französischer Sprache. Er gilt als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne; politisch sah er im italienischen Faschismus ein Heilmittel in einem gefährdeten Europa.
Mit der physischen Welt
in gutem Vernehmen
Im Gespräch mit Friedrich Schiller
Herr Professor, Sie sollen beim Bau Ihres Gartenhauses in Jena selbst Hand angelegt haben, waren also Baumeister in eigener Sache, Ihres eigenen umbauten Raums. Lassen Sie uns aber heute nicht über Ihre praktischen Erfahrungen beim Bauen miteinander sprechen, sondern einen großen Blick tun auf die Natur, von der wir heute wissen, dass sie durch Gebäudeemissionen Schaden nimmt und dadurch eine wesentliche Ursache des Klimawandels forciert. Sind die menschlichen Hervorbringungen Feinde der Natur oder können wir durch unsere Einsicht in die Naturgesetze einen Ausgleich bewirken?
Schiller: Eben der Umstand, dass die Natur im Großen angesehen, aller Regeln, die wir durch unseren Verstand ihr vorschreiben, spottet, dass sie auf ihrem eigenwilligen freien Gang die Schöpfungen der Weisheit und des Zufalls mit gleicher Achtlosigkeit in den Staub tritt, dass sie das Wichtige wie das Geringe, das Edle wie das Gemeine in einem Untergang mit sich fortreißt, dass sie hier eine Ameisenwelt erhält, dort ihr herrlichstes Geschöpf, den Menschen, in ihre Riesenarme fasst und zerschmettert, dass sie ihre mühsamsten Erwerbungen oft in einer leichtsinnigen Stunde verschwendet und an einem Werk der Torheit oft jahrhundertelang baut – mit einem Wort – dieser Abfall der Natur im Großen von den Erkenntnisregeln, denen sie in ihren einzelnen Erscheinungen sich unterwirft, macht die absolute Unmöglichkeit sichtbar, durch Naturgesetze die Natur selbst zu erklären und von ihrem Reiche gelten zu lassen, was in ihrem Reiche gilt, und das Gemüt wird also unwiderstehlich aus der Welt der Erscheinungen heraus in die Ideenwelt, aus dem Bedingten ins Unbedingte getrieben.
Unser Verhältnis zur Macht der Natur ist von Furcht geprägt?
Schiller: Noch viel weiter als die sinnlich unendliche führt uns die furchtbare und zerstörende Natur, solange wir nämlich bloß freie Betrachter derselben bleiben. Der sinnliche Mensch freilich und die Sinnlichkeit in dem Vernünftigen fürchten nichts so sehr, als mit dieser Macht zu zerfallen, die über Wohlsein und Existenz zu gebieten hat.
Sehen Sie einen Ausweg aus diesem natürlichen / kultürlichen Dilemma?
Schiller: Das höchste Ideal, wonach wir ringen, ist, mit der physischen Welt, als der Bewahrerin unserer Glückseligkeit, in gutem Vernehmen zu bleiben, ohne darum genötigt zu sein, mit der moralischen zu brechen, die unsere Würde bestimmt. Nun geht es aber bekanntermaßen nicht immer an, beiden Herren zu dienen, und wenn auch … die Pflicht mit dem Bedürfnisse nie in Streit geraten sollte, so geht doch die Naturnotwendigkeit keinen Vertrag mit dem Menschen ein, und weder seine Kraft noch seine Geschicklichkeit kann ihn gegen die Tücke der Verhängnisse sicherstellen. Wohl ihm also, wenn er gelernt hat zu ertragen, was er nicht ändern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann!
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Johann Christoph Friedrich Schiller, ab 1802 von Schiller, geboren am 10. November 1759 in Marbach am Neckar, gestorben am 9. Mai 1805 in Weimar, war Arzt, Dichter, Philosoph und Historiker und lehrte in Jena Geschichte. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker, Lyriker und Essayisten. Philosophisch stand er unter dem Einfluss Immanuel Kants; von ihm auch inspiriert, aber mit spezifisch eigenen Akzenten versehen war sein Natur- und Schönheitsbegriff.
Weltgeschichte ist die Geschichte der Stadtmenschen
Im Gespräch mit Oswald Spengler
Nicht nur in puncto Ihrer zyklischen Geschichtstheorie haben Sie eine besondere Sicht auf die Weltgeschichte, Herr Spengler.
Spengler: Es ist eine ganz entscheidende und in ihrer vollen Bedeutung nie gewürdigte Tatsache, dass alle großen Kulturen Stadtkulturen sind. Der höhere Mensch … ist ein städtebauendes Tier. Dies ist das eigentliche Kriterium der »Weltgeschichte«, das sie von der Menschengeschichte überhaupt aufs Schärfste abhebt – Weltgeschichte ist die Geschichte des Stadtmenschen … Daraus folgt aber, und das ist wesentlicher als alles andere: Alle politische, alle Wirtschaftsgeschichte kann nur begriffen werden, wenn man die vom Lande sich mehr und mehr absondernde und das Land zuletzt völlig entwertende Stadt als das Gebilde erkennt, welches den Gang und Sinn der höheren Geschichte überhaupt bestimmt.
Eine Entwicklung, die Sie freilich höchst kritisch sehen.
Spengler: Mit der Zivilisation tritt das Klimakterium ein. Die uralten Wurzeln des Daseins sind verdorrt in den Steinmauern ihrer Städte. Der freie Geist – ein verhängnisvolles Wort! – erscheint wie eine Flamme, die prachtvoll aufsteigt und jäh in der Luft verlodert … Und zuletzt beginnt die riesenhafte Weltstadt, die Stadt als Welt, neben der es keine andere geben soll, die Vernichtungsarbeit am Landschaftsbilde …
Nicht von ungefähr sprechen Sie von der »Todessymbolik« der Stadt.
Spengler: Der Steinkoloss »Weltstadt« steht am Ende des Lebenslaufes einer jeden großen Kultur. Der vom Lande seelisch gestaltete Kulturmensch wird von seiner eigenen Schöpfung, der Stadt, in Besitz genommen, besessen, zu ihrem Geschöpf, ihrem ausführenden Organ, endlich zu ihrem Opfer gemacht. Diese steinerne Masse ist die absolute Stadt. Ihr Bild, wie es sich mit seiner großartigen Schönheit in die Lichtwelt des menschlichen Auges zeichnet, enthält die ganze erhabene Todessymbolik des endgültig »Gewordenen«. Der durchseelte Stein gotischer Bauten ist im Verlauf einer tausendjährigen Stilgeschichte endlich zum entseelten Material dieser dämonischen Steinwüste geworden.
Allerdings, und da ist Ihre geradezu prophetische Weitsicht bemerkenswert, sahen Sie schon zu Ihrer Zeit die Entwicklung der Stadt noch nicht an ihrem Ende angelangt.
Spengler: Die Weltstädte der westeuropäisch-amerikanischen Zivilisation haben noch bei Weitem nicht den Gipfel ihrer Entwicklung erlangt. Ich sehe – lange nach 2000 – Stadtanlagen für zehn bis zwanzig Millionen Menschen, die sich über weite Landschaften verteilen, mit Bauten, gegen welche die größten der Gegenwart zwerghaft wirken, und Verkehrsgedanken, die uns heute als Wahnsinn erscheinen würden.
Herr Spengler, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Oswald Spengler, geboren am 29. Mai 1880 in Blankenburg im Harz, gestorben am 8. Mai 1936 in München, war ein deutscher Geschichtsphilosoph, Privatgelehrter und Schriftsteller, der in seinem Hauptwerk »Der Untergang des Abendlandes« eine zyklische Geschichtstheorie entwickelte als Gegensatz zur vorherrschenden linearen Geschichtsschreibung.
Zusammenhängenden Wohnsitzen abhold
Im Gespräch mit Tacitus
Ihre Beschreibung meiner Vorfahren, Herr Tacitus, ist berühmt, berüchtigt, eindrucksvoll und tendenziös. Eine generelle Charakteristik der Germanen vielleicht vorab?!
Tacitus: Die Germanen möchte ich für die ureingeborenen Bewohner dieses Landes halten, für ein Volk, das sich wohl kaum mit später zugezogenen Fremdenrassen versippt hat … Daher auch ein und derselbe Körperschlag durch diese ganze, doch so zahlreiche Menschenmasse: das blaue, trotzige Auge, das rotblonde Haar, der gewaltige Wuchs. Eine Kraft allerdings nur zum stürmenden Angriff geschaffen; der anhaltenden Anstrengung, der Arbeit ist sie nicht in gleichem Maße gewachsen.
Ein Wort zum Land und was die Germanen daraus machen?
Tacitus: Das Land bietet im Einzelnen verschiedene Gestaltungen, aber der allgemeine Charakter ist schauriger Urwald und düsterer Moorgrund … Der Boden ziemlich ergiebig. Obstbäume gedeihen nicht. Das Land ist reich an Vieh, dieses aber meist von kleinem Schlag. Selbst dem Hornvieh fehlt das gewohnte stattliche Wesen und der Stolz des Hauptes. Eine zahlreiche Herde – das ist die Freude des Germanen, das Vieh sein einziger und geliebtester Reichtum.
Was wissen wir denn über die »behausten« Germanen zu Ihrer Zeit?
Tacitus: Dass die Völker germanischen Stammes keine Städte haben, ja, überhaupt zusammenhängenden Wohnsitzen abhold sind, ist allbekannt.
Was lässt sich über die Wohn-Gewohnheiten meiner Vorfahren sagen?
Tacitus: Jeder wohnt für sich und von den Nachbarn entfernt, wie gerade ein Quell, ein Feld, ein Gehölz zur Siedlung ladet. Der germanische Weiler bildet nicht die geschlossenen Häuserreihen des römischen Dorfes; jeder stellt sein Haus nach allen Seiten frei, vielleicht zum Schutz gegen Feuersgefahr, vielleicht weil man es überhaupt nicht besser versteht.
Mit welchen Materialien und wie wird denn gebaut?
Tacitus: Steinbau und Ziegeldach sind unbekannt; alles ist von Holz, plump und ohne Rücksicht auf Auge und Schönheit. Nur werden einzelne Teile des Baus mit einer feinen glänzenden Lehmart übertüncht und erinnern so einigermaßen an Malerei und Farbenornamentik.
Mit den »Kellern« der Behausungen hat es eine besondere Bewandtnis?!
Tacitus: Unterirdische Höhlen graben sie sich, belasten die Wölbung noch mit einer dichten Dungschicht und schaffen sich so eine Zuflucht für den Winter und einen Bergungsort für Lebensmittel. Ein solcher Bau macht die Strenge der Winterkälte erträglicher.
Die germanische Wirtschaft kommt völlig ohne Geldmittel aus …?
Tacitus: Geldgeschäft und Wucherzins sind unbekannte Dinge und darum gewissenhafter gemieden, als wenn sie gesetzlich verboten wären.
Die Allmende gehörte zu den germanischen Selbstverständlichkeiten?!
Tacitus: Die Feldmarkung, je nach der Anzahl der Bebauer größer oder kleiner, gehört der ganzen Gemeinde als Gesamtbesitz, und diese verteilt die Grundstücke unter ihre Mitglieder nach Maßgabe des Ranges.
Und auch mit dem Ackerbau hatte es eine besondere Bewandtnis …
Tacitus: In den Wettkampf mit der Ertragfähigkeit und Ausdehnung des Bodens seine Arbeit einzusetzen, Obstpflanzungen anzulegen, Wiesland auszuscheiden, einen Garten zu bewässern, versteht der Germane nicht; nur seine Aussaat an Getreide soll ihm die Erde leisten.
Herr Tacitus, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Publius Cornelius Tacitus, geboren um 58 n. Chr., gestorben um 120, war ein bedeutender römischer Historiker und Senator. Zu seinen bedeutendsten Schriften gehört »De origine et situ Germanorum liber« über Geografie und Kultur der Germanen, seinen Landsleuten nicht zuletzt als Gegenbild der eigenen korrupten und dekadenten Gesellschaft vor Augen gehalten.
Gespräche zur Architektur
»Dauer und Festigkeit«
*
Die schönste Baukunst auf Erden
Im Gespräch mit Jacob Burckhardt
Herr Professor Burckhardt, lassen Sie uns über den großen Michelangelo Buonarroti als Architekten miteinander sprechen, bitte.
Burckhardt: Michelangelo hat sich nicht zur Architektur gedrängt. Seine dämonisch gewaltige Formenbehandlung in der Skulptur und Malerei brachte die Bauherren darauf, von ihm auch Rat, Entwurf und Leitung für die Gebäude zu verlangen. Der erste Auftrag (1514 durch Leo X.) war eine Fassade für S. Lorenzo in Florenz; sein Plan wurde allen andern, auch demjenigen Raffaels, vorgezogen. Man bewahrt eine Skizze desselben noch im Palazzo Buonarroti, den er selbst viele Jahre bewohnte und den sein Neffe, der als Dichter bekannte Michelangelo Buonarroti der Jüngere, zu einem Museum für das Andenken des Oheims eingerichtet hat.
Ab wann, mit welchem Bauwerk begann Michelangelos Wirkungsgeschichte als Architekt?
Burckhardt: Ganz frei gestaltend treffen wir ihn erst in der berühmten Grabkapelle der Mediceer (sog. Sagrestia nuova) am rechten Querschiff derselben Kirche. Keinem Künstler ist je freiere Hand gelassen worden; man kann kaum entscheiden, ob er die Kapelle für seine Denkmäler baute oder die Denkmäler für die Kapelle meißelte (um 1529). Als Ganzes ist sie ein leichtes, herrliches Gebäude, welches das Prinzip brunelleschischer Sakristeien auf das Geistvollste erweitert und erhöht darstellt. Es ist nicht bloß die reinere und vollständigere Handhabung einer unteren und einer oberen Pilasterordnung, was hier den ganzen Fortschritt des 16. Jahrhunderts im Verhältnis zum 15. klarmacht, sondern vor allem ein höheres Gefühl der Verhältnisse. Man übersieht daneben einzelne schon überaus bedenkliche Füllformen, z. B. die Nischen über den Türen u. dgl.; man rechtfertigt die Schrägpfosten der oberen Fenster vielleicht sogar durch altetruskische Vorbilder und die Ausfüllung der beiden Grabnischen mit einer spielenden Architektur durch den Vorteil, dass die Figuren um so viel größer scheinen.
Worin besteht denn das Besondere seiner Architektur?
Burckhardt: Seine wahre Größe liegt hier wie überall in den Verhältnissen, die er nirgends, auch nicht von den antiken Bauten, kopiert, sondern aus eigener Machtfülle erschafft, wie sie der Gegenstand gestattet. Sein erster Gedanke ist nie die Einzelbildung, auch nicht der konstruktive Organismus, sondern das große Gegeneinanderwirken von Licht- und Schattenmassen, von einwärts- und auswärtstretenden Partien, von oberen und unteren, mittleren und flankierenden Flächen. Er ist vorzugsweise der im Großen rechnende Komponist. Vom Detail verlangt er nichts als eine scharfe, wirksame Bildung. Die Folge war, dass dasselbe unter seinen Händen ganz furchtbar verwilderte und später allen Bravourarchitekten für die größten Missformen zur Entschuldigung dienen konnte …
Zu seinen Spätwerken gehört die Porta Pia.
Burckhardt: Ein verrufenes Gebäude, scheinbar reine Kaprice; aber ein inneres Gesetz, das der Meister sich selber schafft, lebt in den Verhältnissen und in der örtlichen Wirkung der an sich ganz willkürlichen Einzelformen. Diese Fenster, dieser starkschattige Torgiebel usw. geben mit den Hauptlinien zusammen ein Ganzes, das man auf den ersten Blick nur einem großen, wenn auch verirrten Künstler zutrauen wird. Innerhalb der Willkür herrscht eine Entschiedenheit, welche fast Notwendigkeit scheint.
Zu erwähnen wären sicher viele weitere Großwerke wie der Umbau der Diokletiansthermen zur Kirche S. Maria degli Angeli oder sein Beitrag zu den kapitolinischen Bauten. Aber lassen Sie uns abschließend auf den Petersdom zu sprechen kommen.
Burckhardt: Erst als Greis erhielt Michelangelo durch Paul III. den Auftrag zur Vollendung der S. Peterskirche, von welcher hier im Zusammenhang die Rede sein muss. Ohne auf die Geschichte des Baues im Einzelnen einzugehen …
Nach der Zwischenherrschaft des jüngern San Gallo trat Michelangelo ein. Es bedurfte seines ganzen schon gewonnenen Ruhmes und seiner Verzichtung auf jeden Lohn, um seinem Entwurf den Sieg zu sichern. Eine der Freskoansichten des damaligen Roms in der vatikanischen Bibliothek stellt den Bau ungefähr so dar, wie er ihn haben wollte: ein gleicharmiges Kreuz, dessen vorderer Arm in der Mitte der Fassade eine nur viersäulige, aber in riesigem Maßstab gedachte Vorhalle aufweist. Die Kuppel hätte diesen vorderen Arm des Kreuzes ebenso völlig beherrscht als die gleich langen drei übrigen Arme. – Von dem jetzt vorhandenen Gebäude hat Michelangelo zunächst die Außenseiten der hinteren Teile des Unterbaues mit Pilastern und Attika zu verantworten. Sie sind eine bizarre, willkürliche Hülle, die Bramantes Entwurf schmerzlich bedauern lässt; die vier Ecken zwischen den halbrund heraustretenden Tribünen sind durch schräge Wände abgestumpft; die Fenster zeigen eine Bildung, die an Kaprice mit der Porta Pia wetteifert … Viel gemäßigter verfuhr Michelangelo im Innern, dessen Organismus (Pilaster, Nischen, Gesimse, auch wohl die Angabe des Gewölbes) wenigstens soweit ihm angehört, als nicht späterer, zumal farbiger Schmuck einen neuen Sinn hineingebracht hat … Das hier ausgesprochene System ist es, welches einen so ungeheuren Einfluss auf den Innenbau der ganzen katholischen Welt ausgeübt hat und als Kanon in tausend Variationen nachgeahmt wurde. Als einfaches Gerüst ist diese Bekleidung großartig gedacht; das Vor- und Zurücktreten des Gesimses ist verhältnismäßig sparsam gehandhabt, sodass dem Letzteren seine herrschende Wirkung bleibt; die Pilaster sind ebenfalls noch einfach; erst die Nachahmer wollten durch Vervielfältigung der Glieder die Wirkung überbieten. Die Kassettierung der großen Tonnengewölbe, zwar erst beträchtlich später, aber doch wohl nach der Absicht des großen Meisters ausgeführt, ist in ihrer Art klassisch zu nennen und unbedenklich als das beste Detail der ganzen Kirche zu betrachten, während die Einzelbildung der Pilaster und Gesimse doch nur von mittlerm Werte ist.
Die Kuppel Michelangelos, an Form und Höhe derjenigen der frühern Baupläne gewaltig überlegen, bietet vielleicht von außen die schönste und einfachste Umrisslinie dar, welche die Baukunst auf Erden erreicht hat.
Außer meinem Dank für das Gespräch, Herr Professor, wäre diesem Urteil nichts mehr hinzuzufügen.
Jacob Christoph Burckhardt, geboren am 25. Mai 1818 in Basel, gestorben am 8. August 1897 ebenda, war ein Schweizer Kulturhistoriker mit Schwerpunkt Kunstgeschichte; er lehrte an den Universitäten Zürich und vor allem Basel. Friedrich Nietzsche, der als Deutschlands jüngster Universitätsprofessor von Leipzig nach Basel gekommen war, würdigte ihn als »unseren großen, größten Lehrer«. Herausragend: Burckhardts Studien zur Geschichte der Renaissance in Italien.
Der überbaute Raum
ist das Wesen des Hauses
Im Gespräch mit Carl von Clausewitz
Herr von Clausewitz, Sie als Theoretiker der Kriegsführung äußern sich zur Architektur? Was ist denn Ihr »Approach«, wie wir in unserer heutigen Diktion fragen würden?
v. Clausewitz: Wenn es einen Gedanken gibt, der würdig ist, in der Architektonik zu herrschen, so ist es der historische … Darum … sollte die Architektonik sich als den Träger des historischen Prinzipes ansehen, die Geschlechter aneinander erinnern, den Nachhall ihres Daseins zu einer festen Form kristallisieren. Für alles, was öffentliche Gebäude heißt, ist dieser Gedanke längst anerkannt: Selbst große Familien haben ihre historischen Erinnerungen an Schlösser und Häuser geknüpft und diesen mehr oder weniger den dazu geeigneten architektonischen Charakter zu geben gesucht. Warum sollte der Bauherr eines schlichten Wohnhauses nicht denselben Gedanken haben?
Gute Frage, was aber ist denn der spezifisch historische Charakter von Wohnhäusern?
v. Clausewitz: Offenbar Dauer und Festigkeit … Außer dem Eindruck von Dauer und Festigkeit gibt es aber noch ein anderes Merkmal des historischen Charakters: nämlich, dass der Bau seine reale und keine fingierte Bedeutung an sich trage. Ein altes Schloss, im 14. oder 15. Jahrhundert gebaut, mit Gräben und Türmen, also neben der Eigenschaft des Wohnlichen mit der der Verteidigungsfähigkeit versehen, ist durchaus historisch. Eine Nachahmung solcher Bauart im 18. Jahrhundert würde es nicht sein; ebenso wenig, wenn jemand sein Haus in Form eines Tempels oder einer Moschee erbaut. Das Familienhaus soll kein Schauspieler, sondern eine wirkliche Person sein. Ein entlehnter Charakter eignet sich dagegen zuweilen für öffentliche Gebäude, weil sich hier oft eine Verwandtschaft zwischen dem wahren Zweck des Gebäudes und dem entlehnten Charakter in vielen und starken Zügen ausspricht, während bei Privathäusern es nur das zufällige Gedankenspiel des Bauherrn sein würde.
Lassen Sie uns auf die Frage nach dem Zweck von Wohnhäusern zu sprechen kommen!
v. Clausewitz: Der Zweck ist der oberste, leitende Gedanke bei jedem Bau und muss also in ihm sogleich erkannt werden. Bei öffentlichen Gebäuden aber, die gänzlich als wahre Kunstwerke, also mit einem poetischen Charakter auftreten, tritt dieser Hauptgedanke offenbar mehr in den Hintergrund, und die verschiedenen leitenden Ideen bilden sich, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu einer Gruppe. Beim Privathause, wenn es nicht ein wahres Denkmal sein soll … ist das nicht der Fall: Der Zweck herrscht allein und alles … und so entsteht der Charakter des Schlichten und Nützlichen. Ein kleines Privathaus mit vielen vor- und zurücktretenden Teilen muss einem missfallen, weil es etwas Launiges hat, das Gefühl der Unzweckmäßigkeit wird durch keinen anderen Gedanken verdrängt. Je kleiner ein Privathaus ist, umso einfacher müssen die Linien seiner Umfassungsmauer sein, umso mehr muss es sich dem wahren Würfel nähern. Wie dieser Gedanke des Nützlichen und Schlichten uns auch ästhetisch beherrscht, sehen wir aus der Bemerkung, dass zu wenig Tiefe überhaupt einen ungemütlichen Eindruck macht, dass aber das kleine Haus viel mehr verhältnismäßige Tiefe verträgt und erfordert als das große, dass sich also der ästhetische Eindruck nicht bloß nach den geometrischen Verhältnissen richtet.
Und schließlich Ihre Ansichten zu Wesen, Ziel und Kosten?!
v. Clausewitz: Der innere, der überbaute Raum ist das Wesen des Hauses, und es wird unserem Verstande immer Vergnügen machen, diesen zu den angewandten Mitteln, das heißt zu den Umfassungsmauern, unvermutet groß zu finden. Ich behaupte, dass dieser ökonomische Gedanke einen bestimmten Einfluss auf den ästhetischen Eindruck hat. Verzierungen also, die auf seine Kosten geschehen, sind bei kleinen Häusern gefährlich, sie stören mehr als sie fördern.
Ganz anders aber ist es mit den äußeren Zierraten der Wände; diese geschehen nicht auf Kosten des Wesens. Man würde uns ganz falsch verstehen, wenn man glaubte, wir setzten den Begriff des Nutzvollen und Schlichten in dem geringsten Aufwand der Kosten zur Erreichung des Zwecks. Die Kosten des Baues sind etwas, was in der ästhetischen Welt gar nicht vorhanden ist. Es wäre lächerlich, zu sagen, ein kleines nutzloses Privathaus, vom edelsten Marmor aufgeführt, sei weniger schön als vom gemeinen Stein. Die Mittel, welche angewandt sind und die wir mit dem Zweck vergleichen, sind nicht das Geld, die Kräfte, die Zeit; alle diese Dinge sind verschwunden. Es sind die Massen, die vor unseren Augen stehen. Eine feine Kuppel kann tausendmal so viel kosten als ein unförmliches Bohlendach und doch schlichter erscheinen.
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz, geboren am 1. Juli 1780 in Burg bei Magdeburg, gestorben am 16. November 1831 in Breslau, war ein preußischer Generalmajor, Heeresreformer, Militärwissenschaftler und -ethiker. Sein Hauptwerk »Vom Kriege« hatte großen Einfluss auf die Entwicklung des Kriegswesens in allen westlichen Ländern und wird bis heute an Militärakademien gelehrt. Seine Theorien über Strategie, Taktik und Philosophie finden auch im Bereich der Unternehmensführung sowie im Marketing Anwendung. Dass er ein fulminanter, tiefgründiger Kritiker des Zeitgeistes war, zeigt nicht zuletzt seine Auseinandersetzung mit der Architektur.
Man mag doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine
Im Gespräch mit Johann Wolfgang von Goethe
Herr Geheimrat, Sie haben eine sehr präzise Vorstellung von der Ethik des Bauens, um es ein bisschen hochtrabend zu formulieren.
Goethe: Der Bauende soll nicht herumtasten und versuchen. Was stehen bleiben soll, muss recht stehen und wo nicht für die Ewigkeit doch für geraume Zeit genügen. Man mag doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine.
Ihr Beispiel für hohe Baukunst ist das Straßburger Münster. Da gibt es bei Ihnen einen Vorher-Nachher-Effekt.
Goethe: Als ich das erste Mal nach dem Münster ging, hatt’ ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntnis guten Geschmacks. Auf Hörensagen ehrt’ ich die Harmonie der Massen, die Reinheit der Formen, war ein abgesagter Feind der verworrenen Willkürlichkeiten gotischer Verzierungen. Unter der Rubrik Gotisch, gleich dem Artikel eines Wörterbuchs, häufte ich alle synonymische Missverständnisse, die mir von Unbestimmtem, Ungeordnetem, Unnatürlichem, Zusammengestoppeltem, Aufgeflicktem, Überladenem jemals durch den Kopf gezogen waren. Nicht gescheiter als ein Volk, das die ganze fremde Welt barbarisch nennt, hieß alles gotisch, was nicht in mein System passte, von dem gedrechselten, bunten Puppen- und Bilderwerk an, womit unsere bürgerlichen Edelleute ihre Häuser schmücken, bis zu den ernsten Resten der älteren deutschen Baukunst, über die ich, auf Anlass einiger abenteuerlichen Schnörkel, in den allgemeinen Gesang stimmte …
Ihr Eindruck dann, als Sie dieses Bauwerkes zum ersten Mal ansichtig wurden?
Goethe: Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich der Anblick, als ich davortrat. Ein ganzer, großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelheiten bestand, ich wohl schmecken und genießen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte. Sie sagen, dass es also mit den Freuden des Himmels sei, und wie oft bin ich zurückgekehrt, diese himmlisch-irdische Freude zu genießen, den Riesengeist unserer älteren Brüder in ihren Werken zu umfassen. Wie oft bin ich zurückgekehrt, von allen Seiten, aus allen Entfernungen, in jedem Lichte des Tags zu schauen seine Würde und Herrlichkeit. Schwer ist’s dem Menschengeist, wenn seines Bruders Werk so hocherhaben ist, dass er nur beugen und anbeten muss.
Erwin von Steinbach, der Erbauer, galt Ihnen als Genie. Warum? Sie haben einen fiktiven Dialog mit dem Baumeister zu Papier gebracht. Lassen Sie uns daran teilhaben.
Goethe: Wie oft hat die Abenddämmerung mein durch forschendes Schauen ermattetes Auge mit freundlicher Ruhe geletzt, wenn durch sie die unzähligen Teile zu ganzen Massen schmolzen und nun diese, einfach und groß, vor meiner Seele standen und meine Kraft sich wonnevoll entfaltete, zugleich zu genießen und zu erkennen. Da offenbarte sich mir in leisen Ahnungen der Genius des großen Werkmeisters. Was staunst du?, lispelt er mir entgegen. Alle diese Massen waren notwendig, und siehst du sie nicht an allen älteren Kirchen meiner Stadt? Nur ihre willkürlichen Größen hab ich zum stimmenden Verhältnis erhoben. Wie über dem Haupteingang, der zwei kleinere zu Seiten beherrscht, sich der weite Kreis des Fensters öffnet, der dem Schiffe der Kirche antwortet und sonst nur Tageloch war, wie hoch drüber der Glockenplatz die kleineren Fenster forderte. Das all war notwendig, und ich bildete es schön … Und so schied er von mir … Deinem Unterricht dank ich’s, Genius, dass mir’s nicht mehr schwindelt an deinen Tiefen, dass in meine Seele ein Tropfen sich senkt der Wonneruh des Geistes, der auf solch eine Schöpfung herabschauen und gottgleich sprechen kann: Es ist gut!
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Johann Wolfgang von Goethe, geboren am 28. August 1749 in Frankfurt am Main, gestorben am 22. März 1832 in Weimar, Politiker, Minister, Naturforscher, Theaterintendant, gilt als Deutschlands bedeutendster Dichter.
Architektur: Ausdruck der Seele
Im Gespräch mit Gerhart Hauptmann
Herr Hauptmann, Ihr Geleitwort zu Kurt Hielschers »Deutschland. Landschaft und Baukunst« enthält Elementares zu Architektur und Behaustsein des Menschen. Ein Freund amerikanischer Hochhauskonstruktionen waren Sie grundsätzlich nicht.
Hauptmann: Wenn die Eisenkonstruktion des amerikanischen Häuserturms den letzten romanischen, den letzten gotischen, den letzten der alten Renaissancebauten, profan oder sakral, ersetzt haben wird, dann freilich ist alles dahin, was wir heute bewegten Gemütes als Deutschland bezeichnen. Es ist dahin, ohne die leiseste Möglichkeit einer Wiedererneuerung.
Hielschers Fotos evozieren bei Ihnen eine fast schon nostalgisch melancholische Interpretation des Behaustseins.
Hauptmann: Man betrachte also mit Aufmerksamkeit jene Baugebilde, … betrachte sie im Ganzen und Einzelnen, in ihrer nützlichen Zweckhaftigkeit sowohl als in dem, worin sie nur Schönheit zum Zwecke haben. Man betrachte ihre äußere Form, mit der sie Wind und Wetter trotzen, und ihre innere, umfriedete Form: Überall wird man finden, dass sie Ausdruck des menschlichen Wesens, der menschlichen Seele, des menschlichen Schicksals sind. Da aber Ausdruck und Sprache ein und dasselbe ist, wird man sagen, dass diese Gebilde sprechen, dass sie menschliches Wesen, menschliche Seele, menschliches Schicksal auf eine nahezu universelle Weise aussprechen.
Was erfahren wir über den Menschen beim Blick auf diese Bauten?
Hauptmann: Medium des Entstehens dieser Gebilde ist die Kunst. Und auch darum sprechen sie, weil Kunst unter anderem durch und durch Sprache ist. Was aber sprechen sie über das menschliche Wesen, die menschliche Seele, das menschliche Schicksal aus? Sie sprechen aus, wie sich das menschliche Wesen zu gestalten sucht, wie sich die menschliche Seele gegen das Schicksal abzugrenzen, zu sichern und in Sicherheit zu entfalten sucht. Sie sprechen aus, wieweit das Schicksal solche Bestrebungen zuließ oder hinderte.
Konkret heißt das was hinsichtlich des Menschen als behaustem Wesen?
Hauptmann: Es handelt sich hier um die Sprache des menschlichen Kollektivwesens, seiner Kollektivseele und des menschlichen Schicksals überhaupt. Das Individuelle ist dabei nirgends rein herauszulösen, wenn man auch sagen kann, dass es im Innern eines Zimmers mehr als im ganzen Hause, im ganzen Hause mehr als in einer Stadt zum Ausdruck kommt.
Fallen Ihnen dazu konkrete Beispiele ein?
Hauptmann: Man sehe daraufhin das Lutherstübchen auf der Wartburg an oder das Eseltreiberstübchen oder auch Goethes Schlafzimmer. Man könnte weiter fortfahren und feststellen, es komme im Innenraum überhaupt mehr zum Ausdruck als im Außenraum, weil dieser im Wesentlichen Schutz und Hülle ist und das Intimste, Eigenste und Zarteste der Seele es ist, was geschützt und umhüllt werden muss.
Der Architekt als Psychologe?
Hauptmann: Über das Psychische der Architektur wird vielleicht einmal mehr als heute gesprochen werden. Man würde dabei die Beantwortung zweier Grundfragen versuchen müssen: inwieweit Architektur Ausdruck der Seele ist und wieweit sie rückwirkend Seelen beeindruckt und bildet.
Ich danke für das Gespräch.
Gerhart Hauptmann, geboren am 15. November 1862 im schlesischen Kurort Obersalzbrunn, gestorben am 6. Juni 1946 in Agnetendorf (Agnieszków) in Schlesien, war ein deutscher Dramatiker, Schriftsteller, Dichter und Shakespeare-Übersetzer. 1912 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Die Baukunst –
das große Buch der Menschheit
Im Gespräch mit Victor Hugo
Ihrer Überzeugung nach wurde das große Buch der Menschheitsgeschichte in Stein gemeißelt bzw. mit Steinen gemauert, Monsieur Hugo?
Hugo: In Wahrheit bildet, vom Ursprunge der Dinge an bis einschließlich zum 15. Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung, die Baukunst das große Buch der Menschheit, das Hauptausdrucksmittel des Menschen in seinen verschiedenen Entwicklungszuständen, sei es nun als Macht oder sei es als Intelligenz … So ist während der sechs ersten Jahrtausende der Welt, von der urältesten Pagode Hindustans an bis zum Kölner Dom, die Baukunst die große Schreibkunst des menschlichen Geschlechtes gewesen. Und das ist dermaßen in der Wahrheit begründet, dass nicht nur jedes religiöse Sinnbild, sondern auch jeder menschliche Gedanke in diesem ungeheuern Buche seine Seite und sein Denkmal besitzt.
Mit einer erstaunlichen Entwicklungsgeschichte …
Hugo: Jede Zivilisation beginnt mit der Priesterherrschaft und endigt mit der Demokratie. Dieses Gesetz freiheitlicher Entwicklung, welches an die Stelle der Einheit tritt, ist in der Baukunst niedergeschrieben. Denn wenn wir auf diesen Punkt Gewicht legen, so muss man nicht glauben, dass die Mauerkunst vermögend sei, nur den Tempel zu bauen, nur den Mythus und die kirchliche Symbolik darzustellen, nur die geheimnisvollen Tafeln des Gesetzes auf seine steinernen Seiten in Hieroglyphenschrift einzutragen. Wenn es so wäre, wie ja in jedem menschlichen Gesellschaftszustande ein Augenblick eintritt, wo das geheiligte Sinnbild sich abnutzt und vor dem freien Gedanken verschwindet, wo der Mensch sich dem Priester entzieht, wo das Auswachsen der philosophischen Wissenschaften und Systeme die Grenzlinie der Religion durchbricht, so würde die Baukunst diesen neuen Zustand des menschlichen Geistes nicht wiedergeben können: Ihre auf der Vorderseite beschriebenen Blätter würden auf der Rückseite leer bleiben, ihr Werk würde verstümmelt und ihr Buch unvollständig sein. Das geschah nun freilich nicht.
Sondern? Die Baukunst – Kulminationspunkt aller Kräfte des Menschen?
Hugo: Alle physischen und alle geistigen Kräfte der Gesellschaft liefen in demselben Punkte, der Baukunst, zusammen. In dieser Weise und unter dem Vorwand, der Gottheit Kirchen zu bauen, entfaltete sich die Kunst in großartigen Verhältnissen …
Bis zur Erfindung des Buchdrucks …
Hugo: Bis zu Gutenbergs Auftreten war die Baukunst die hauptsächliche schriftliche Kunst, die Allgemeinschrift. Dieses granitene Buch wird im Orient begonnen, vom griechischen und römischen Altertum fortgesetzt, und das Mittelalter schreibt dessen letzte Seite. Übrigens zeigt sich jene Erscheinung einer Volksbaukunst, welche … die Baukunst einer Gesellschaftskaste verdrängt, bei ganz gleichartiger Richtung in der menschlichen Intelligenz, auch in andern großen Epochen der Geschichte. Also: Um ein Gesetz, welches verlangen könnte, in zahlreichen Bänden aufgedeckt zu werden, hier nur summarisch darzustellen, so folgte im Innern des Morgenlandes, an der Wiege der Urzeiten, auf die Baukunst der Hindus diejenige der Phönizier, als die reiche Mutter der arabischen Baukunst; im Altertum schloss sich an die ägyptische Baukunst, von welcher der etruskische Stil und die Zyklopenbauten nur eine Abart sind, die griechische an, von welcher der römische Stil nur eine mit dem karthagischen Gewölbe überlastete Verlängerung ist; in den neueren Zeiten trat an Stelle des romanischen der gotische Baustil. Und wenn wir diese drei Stilreihen trennen, so finden wir an den drei ältern Schwestern – der Baukunst der Hindus, der ägyptischen und der römischen – dasselbe Symbol wieder, das heißt: die Priesterherrschaft, die Kaste, die Einheit, das Dogma, den Mythos, Gott; und was die drei jüngern Schwestern – die phönizische, griechische und gotische Baukunst – betrifft, so finden wir, wie groß übrigens die Formenverschiedenheit, welche ihrer Natur anhaftet, auch sein mag, gleichfalls die nämliche Bedeutung, das heißt: die Freiheit, das Volk, den Menschen.
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Victor-Marie Hugo, geboren am 26. Februar 1802 in Besançon, gestorben am 22. Mai 1885 in Paris, war Schriftsteller, Publizist und Politiker und gilt neben Molière, Voltaire und Balzac vielen Franzosen als ihr größter Autor überhaupt.
Architektur –
die am wenigsten geschätzte Kunst
Im Gespräch mit Ellen Key
Frau Key, von Ihren Zeitgenossen als »Kulturmenschen« hatten Sie keine allzu hohe Meinung. Ihr zum Teil äußerst negatives Urteil findet sich in allen Kunst- und Kulturbereichen – namentlich auch gegenüber der das Behaustsein prägenden Architektur. Nicht von ungefähr hatten Sie ja auch Ihr Wohnhaus selbst entworfen.
Key: Wenn man von dem Grenzgebiet der Kunst den Gedanken auf ihr großes Feld lenkt, so zeigt es sich, dass das ganze zeitgenössische Europa in ästhetischer Bildung so weit zurücksteht, dass die Kunst, die nicht bloß die am tiefsten in das tägliche Leben eingreifende ist, sondern auch die, welche während jeder starken Kunstblüte die natürliche Grundfeste der Skulptur und der Malerei war und im Ansehen ihnen ebenbürtig – nämlich die Architektur – jetzt die am wenigsten geschätzte ist.
Im Blick auf Stadtplanungsmaßnahmen etwa heißt das Ihrer Überzeugung nach in puncto der Wertschätzung der Architektur konkret was?
Key: Sie ist sogar derart vernachlässigt als Kunst, dass es Hauptstädte gibt, wie z. B. Stockholm, welche glauben, den Rat eines künstlerischen Architekten bei ihren Gebäudeanordnungen entbehren zu können, und in denen man, rücksichtslos gegen die Meinung der hervorragendsten Fachmänner, einzig dastehende Möglichkeiten zu schönen architektonischen Anordnungen zerstört; in denen man ein originelles Terrain zur Plattheit ebnet und wo dann ungebildete Baumeister den Raum mit einer »gefrorenen Musik« füllen, die Drehorgelmusik ist. Überall müssen die alten, stilvoll einfachen Landhäuser weichen, nicht dem edleren Geschmack einer neuen Zeit, nein, um einen Tummelplatz für das alles eher als dionysische Bacchanale der Stillosigkeit zu eröffnen, dessen Zug von den Städten hinaus in die Fluren führt. Auf keinem Gebiet entbehrt die Zeit so sehr eines eigentümlichen Ausdrucks ihres Lebens als auf dem der Architektur; auf keinem Gebiet wird die Bedeutung der schaffenden Phantasie mehr unterschätzt.
Das bedeutet im Umkehrschluss für gelungene Architektur in Gegenwart und Vergangenheit?
Key: Ein schöner Neubau wirkt in seiner jetzigen Umgebung auf uns ebenso fremd wie eine Apfelsine in einem Kartoffelland, während die Schöpfungen der Architektur in den vornehmen Zeiten der Kunst organisch aus den Lebensbedürfnissen der Gesellschaft hervorwuchsen. Wenn man die Kenntnissumme zum Bildungsexponenten macht, dann ist ein Zeitungsjunge unserer Tage »gebildet« im Verhältnis zu einem Bürger des Mittelalters oder der Antike. Aber auf welchem anderen kulturellen Niveau als die führenden Männer der Gegenwart befanden sich zum Beispiel die Athener, die willig die Ausgaben für die Bauwerke ihrer Stadt auf sich nahmen, als ihnen von Perikles die Wahl gestellt wurde, von den Kosten befreit zu werden, aber dann auch der Ehre des Werkes verlustig zu gehen; oder die Männer, die sich freuten, den gotischen Dom und das Rathaus in reizvollem Zauber sich über ihre eigenen Wohnstätten erheben zu sehen? Die Seele des antiken, des mittelalterlichen Bürgers erhob sich mit jedem Pfeiler, mit jeder Spitze der öffentlichen Gebäude der Stadt, die so zu tief wirkenden Bildungsmitteln wurden. Die Gegenwart führt die geistesärmsten Gebäude auf; ja selbst die Kirche, von der es doch heißt, sie repräsentiere die heiligsten Zwecke, wird gewöhnlich durch den wohlfeilsten Unternehmer erbaut, der die Bestellungen nach dem Preiscourant annimmt und sie im Dutzend ausführt!
Der Architekt als Künstler erfährt keine Beachtung, geschweige denn Anerkennung?
Key: Wenn ausnahmsweise wirkliche Künstler den Auftrag erhalten, eine öffentliche Arbeit auszuführen, so wird die Kunst noch so wenig geschätzt, dass, während man für Gegenwart und Nachwelt die Namen der Donatoren des Werkes eingräbt, die Künstler kaum genannt werden! »Sie sind ja bezahlt«, wie bei einem solchen Anlass bezeichnend geäußert wurde. Dass der Teil seiner Seele, den der Künstler in sein Werk gelegt hat, das Unschätzbare ist, das ist kein Gesichtspunkt für den Geldmann der Gegenwart. Der Börsenfürst hebt nicht – wie einer der gekrönten Männer der Renaissance – den Pinsel des Malers vom Boden auf, sondern er klopft ihm auf die Schulter und bietet ihm Zigaretten an. Er gibt selten dem Künstler Gelegenheit, sein Haus zu bauen oder zu dekorieren, aber er dekoriert seine Soiréen mit dem Künstler. Und in diesem für die Künstler zeittötenden Umgang lernt er selten etwas von der künstlerischen Lebensanschauung, aber er lernt gewisse Kunstausdrücke, die sich auf Ausstellungen gut machen.
Ich danke für das Gespräch.
Ellen Karolina Sophie Key, geboren am 11. Dezember 1849 auf Herrenhaus Sundsholm, Gemeinde Västervik, gestorben am 25. April 1926 in dem von ihr selbst entworfenen Haus »Strand« am Vätternsee bei Ödeshög, war eine schwedische Reformpädagogin und Schriftstellerin. 1896 erschien ihre Schrift »Missbrauchte Frauenkraft«. In dieser, 1898 auch ins Deutsche übersetzten Abhandlung äußerte sie die Auffassung, der natürliche Platz einer Frau sei das Haus und ihre einzige Berufung diejenige zur Mutterschaft.
Geplagte Sklaven der drei M
Im Gespräch mit Friedrich Nietzsche
Herr Professor Nietzsche, eine allzu hohe Meinung haben Sie nicht von den Architekten und Stadtplanern in Ihrer Zeit?!
Nietzsche: Ich gehe durch die neuen Straßen unserer Städte und denke, wie von allen diesen gräulichen Häusern, welche das Geschlecht der öffentlich Meinenden sich erbaut hat, in einem Jahrhundert nichts mehr steht und wie dann auch die Meinungen dieser Häuserbauer umgefallen sein werden. Wir haben uns über unser Dasein vor uns selbst zu verantworten; folglich wollen wir auch die wirklichen Steuermänner dieses Daseins abgeben und nicht zulassen, dass unsere Existenz einer gedankenlosen Zufälligkeit gleiche.
Woran mangelt es?
Nietzsche: Stille und Weite, weit gedehnte Orte zum Nachdenken, Orte mit hochräumigen langen Hallengängen für schlechtes oder allzu sonniges Wetter, wohin kein Geräusch der Wagen und der Ausrufer dringt und wo ein feinerer Anstand selbst dem Priester das laute Beten untersagen würde: Bauwerke und Anlagen, welche als Ganzes die Erhabenheit des Sich-Besinnens und Beiseitegehens ausdrücken.
Ihr Ideal eines Gebäudes?
Nietzsche: An einem griechischen oder christlichen Gebäude bedeutet ursprünglich alles etwas, und zwar in Hinsicht auf eine höhere Ordnung der Dinge: Diese Stimmung einer unausschöpflichen Bedeutsamkeit lag um das Gebäude gleich einem zauberhaften Schleier. Schönheit kam nur nebenbei in das System hinein, ohne die Grundempfindung des Unheimlich-Erhabenen, des durch Götternähe und Magie Geweihten, wesentlich zu beeinträchtigen; Schönheit milderte höchstens das Grauen – aber dieses Grauen war überall die Voraussetzung. – Was ist uns jetzt die Schönheit eines Gebäudes? Dasselbe wie ein schönes Gesicht einer geistlosen Frau: etwas Maskenhaftes.
… das schöne Gesicht einer geistlosen Frau: Kommen wir zu Ihrem Urteil über die Menschen, die in Gebäuden und Städten wohnen und arbeiten?
Nietzsche: Die geplagten Sklaven der drei M, des Moments, der Meinungen und der Moden.
Wie wirkt dieses moderne Sklaventum?
Nietzsche: Die Einzelnen denken mit einer Hast und Ausschließlichkeit an sich, wie noch nie Menschen an sich gedacht haben; sie bauen und pflanzen für ihren Tag, und die Jagd nach Glück wird nie größer sein, als wenn es zwischen heute und morgen erhascht werden muss: weil übermorgen vielleicht überhaupt alle Jagdzeit zu Ende ist.
Das Bild der Jagd: Was oder wer wird gejagt?
Nietzsche: Die gebildeten Stände und Staaten werden von einer großartig verächtlichen Geldwirtschaft fortgerissen. Niemals war die Welt mehr Welt, nie ärmer an Liebe und Güte. Die Gelehrtenstände sind nicht mehr Leuchttürme oder Asyle inmitten aller dieser Unruhe der Verweltlichung; sie selbst werden täglich unruhiger, gedanken- und liebloser.
Ihrer Einschätzung nach hat diese Geldwirtschaft erheblichen Einfluss auch auf die Wirtschaft im Allgemeinen und auf die Kultur.
Nietzsche: Da ist die Selbstsucht der Erwerbenden, welche der Beihilfe der Kultur bedarf und ihr zum Danke dafür wieder hilft, aber dafür freilich zugleich Ziel und Maß vorschreiben möchte. Bildung würde von den Anhängern derselben als die Einzige definiert werden, die der Mann, in Bedürfnissen und deren Befriedung, durch und durch zeitgemäß wird, mit der man aber zugleich am besten über Mittel und Wege gebietet, so leicht wie möglich Geld zu gewinnen.
Etwas präziser bitte: Was konkret heißt das für die Bildung und Ausbildung der Menschen?
Nietzsche: Jede Bildung ist hier verhasst, die über Geld und Erwerb hinaus Ziele steckt, viel Zeit verbraucht. Nach der hier geltenden Sittlichkeit steht gerade das Umgekehrte im Preise, nämlich eine rasche Bildung, um bald ein Geld verdienendes Wesen zu werden, und doch eine so gründliche Bildung, um ein sehr viel Geld verdienendes Wesen werden zu können. Den Menschen wird nur so viel Kultur gestattet, als im Interesse des allgemeinen Erwerbs und des Weltverkehrs ist, aber so viel wird auch von ihm gefordert.
Was ist Ihr Ideal hinsichtlich der Bildungsziele?
Nietzsche: Ein tüchtiger Handwerker oder Gelehrter nimmt sich gut aus, wenn er seinen Stolz bei seiner Kunst hat und genügsam und zufrieden auf das Leben blickt. Nichts hingegen ist jämmerlicher anzuschauen, als wenn ein Schuster oder Schulmeister mit leidender Miene zu verstehen gibt, dass er eigentlich für etwas Besseres geboren ist. Es gibt gar nichts Besseres als das Gute! Das ist: irgendeine Tüchtigkeit haben und aus ihr schaffen, virtù im italienischen Sinne der Renaissance.
Ihr Urteil über Architekten?
Nietzsche: Der Architekt stellt weder einen apollinischen noch einen dionysischen Zustand dar: Hier ist es der große Willensakt, der Wille, der Berge versetzt, der Rausch des großen Willens, der zur Kunst verlangt. Die mächtigsten Menschen haben immer die Architekten inspiriert; der Architekt war stets unter der Suggestion der Macht. Im Bauwerk soll sich der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur Macht versichtbaren; Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit in Formen, bald überredend, selbst schmeichelnd, bald bloß befehlend. Das höchste Gefühl von Macht und Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck, was großen Stil hat.
Herr Nietzsche, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Friedrich Wilhelm Nietzsche, geboren am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen, gestorben am 25. August 1900 in Weimar, begraben an der Kirchenmauer in seinem Geburtsort, Philosoph, Dichter, Philologe, Großdenker der ewigen Wiederkehr des Gleichen als Grundlage eines bejahenden Lebensprinzips – den einen geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus, den anderen prophetischer Deuter schlechthin der menschlichen Existenz in unserer Zeit.
Vom Nutzen, der Dauerhaftigkeit
und der Schönheit
Im Gespräch mit Andrea Palladio
Signor Palladio, wer Ihre Villa La Rotonda in Vicenza gesehen hat, weiß, dass Sie ein Baumeister im besten Wortsinn sind. Sprechen wir also über das Bauen. Was sind dessen wesentliche Kriterien?
Palladio: Bevor man zu bauen beginnt, muss man jedes Teil des Grund- und Aufrisses des Gebäudes, das man errichten will, sorgfältig bedenken. Drei Dinge müssen, wie Vitruv sagt, bei jedem Bau berücksichtigt werden, ohne die kein Bauwerk gelobt zu werden verdient, und zwar der Nutzen oder die Annehmlichkeit, die Dauerhaftigkeit und die Schönheit. Deshalb könnte man ein Bauwerk nicht vollkommen nennen, das dem Nutzen genügt, aber nicht von Dauer ist, oder von Dauer, aber nicht annehmlich, oder beides ist, aber keine Anmut besitzt.
Wie wird Annehmlichkeit erreicht, wie Dauerhaftigkeit, heute würden wir von Nachhaltigkeit sprechen?
Palladio: Annehmlichkeit wird man dann erzielen, wenn man jedem Glied den nötigen Platz gibt und einen passenden Ort, nicht kleiner, als die Würde es erfordert und nicht größer, als es dem Zweck entspricht, das heißt, wenn die Loggien, Säle, Zimmer, Vorratsräume, Kornspeicher den ihnen gemäßen Ort einnehmen. Der Dauerhaftigkeit wird man Genüge leisten, wenn alle Mauern lotrecht ausgerichtet und im unteren Teil dicker sind als im oberen und wenn sie gute und ausreichende Fundamente haben, wenn zudem die oberen Säulen genau über den unteren zu stehen kommen und alle Öffnungen, wie Ausgänge und Fenster, übereinander liegen: So soll Solides über Solidem, das Leere über dem Leeren zu liegen kommen.
Nicht zu vergessen ein Wort zur Schönheit?!
Palladio: Die Schönheit ergibt sich aus der schönen Form und aus der Entsprechung des Ganzen zu den Teilen, der Teile untereinander und diese zum Ganzen, sodass ein Bau wie ein ganzer, wohlgestalter Körper erscheint, in dem ein Glied dem anderen entspricht und alle Glieder notwendig dem entsprechen, was man vorhat.
Die Kosten spielen natürlich auch eine Rolle?!
Palladio: Wenn man diese Dinge in der Zeichnung und im Modell bedacht hat, muss man sorgfältig alle Ausgaben berechnen, die auf einen zukommen können, sogleich das Geld bereitstellen und das benötigte Material vorbereiten, damit nichts während der Arbeit fehlt, das die Fertigstellung des Werks behindern könnte. Dem Bauherrn wird kein geringes Lob zuteilwerden, wenn der ganze Bau keinen bescheidenen Nutzen hat, wenn er mit der gebotenen Zügigkeit ausgeführt ist und alle Mauern auf gleiche Weise hochgezogen sind und entsprechend aufsteigen, damit sie nicht Risse bekommen, wie man sie an den Bauten zu sehen pflegt, die über längere Zeit und ungleichmäßig hochgezogen wurden.
Ihre Ideen zur Konzeption eines Hauses im Besonderen?
Palladio: Damit die Häuser dem Nutzen der Familie entsprechen …, soll man große Sorgfalt verwenden nicht nur auf die wesentlichen Teile wie die Loggien, die Säle, prächtig ausgestatte Zimmer und geräumige Treppen, hell und leicht zu ersteigen, sondern auch, dass die kleinen und unansehnlichen Teile zum Dienst an den größeren und würdigeren an den dazu geeigneten Platz gelegt sind. Weil nun, so wie beim menschlichen Körper, einige Glieder schön sind und edel, andere hingegen hässlich und unedel, und weil wir sehen, dass jene dennoch der Letzteren durchaus bedürfen, ja ohne sie nicht bestehen können, so müssen auch im Bauwerk einige Teile ansehnlich und würdevoll, andere dagegen weniger elegant sein, ohne die jedoch die schönen Teile nicht funktionieren könnten und so einen Teil ihrer Würde und Schönheit verlieren würden. Aber wie der gnädige Gott, der diese unsere Glieder derart angeordnet hat, dass die schönsten so gesetzt sind, dass sie gesehen werden, die weniger edlen aber an verborgenen Stellen, so werden auch wir beim Bauen die hauptsächlichen und wichtigen Teile augenfällig anordnen, die weniger schönen jedoch an Orte, die dem Auge so viel wie möglich verborgen sind, denn dort wird man alles Hässliche unterbringen und all das, was Verlegenheit verursachen könnte und selbst das, was schön ist, hässlich erscheinen ließe.
Und eine gehörige Portion Pragmatismus steckt natürlich auch in Ihrer Architektur-Konzeption!?
Palladio: Darum finde ich es gut, wenn man ganz unten im Hause, in Teilen, die ich manchmal unter der Erde anlege, die Keller, die Lager für Holz, die Vorratskammern, die Küchen, die Speisezimmer, die Waschküchen, die Öfen und all das andere unterbringt, das man für das tägliche Leben braucht. Daraus ergeben sich zwei Vorteile: Zunächst der, dass der obere Teil des Hauses von dergleichen ganz frei bleibt. Sodann ein nicht minder wichtiger, sofern es sich in einem Obergeschoss gesünder lebt, denn sein Fußboden liegt fern von Bodenfeuchtigkeit. Dazu kommt, dass es, indem es höher liegt, einen schönen und gefälligen Anblick wie Ausblick bietet. Auch wird man dafür sorgen, dass das Gebäude im Übrigen auch große, mittlere und kleine Räume hat, die nebeneinanderliegen, sodass man sich ihrer abwechselnd bedienen kann. Die kleinen Räume teilen sich in Studierzimmer, Bibliotheken oder solche zum Aufbewahren von Reitzeug oder von Geräten für andere Beschäftigungen, die wir alltäglich brauchen, die man aber in Räumen, in denen wir schlafen, essen oder Gäste empfangen, nicht gut aufbewahrt. Der Bequemlichkeit dient auch, wenn die Zimmer für den Aufenthalt im Sommer weit und geräumig sind und gegen Norden liegen, die für den Winter gegen Süden oder Westen. Sie sollen eher klein sein, denn im Sommer suchen wir Schatten und Wind, im Winter die Sonne, die kleinen Zimmer erwärmen sich schneller als die großen. Die Räume aber, die wir im Frühling und Herbst nutzen wollen, werden sich gegen Osten wenden und über Garten und Grün blicken. In diesem Teil werden auch die Studierzimmer und Bibliotheken sein, denn man nutzt sie eher am Morgen als zu anderen Tageszeiten. Doch die großen Zimmer sollen zu den mittleren und diese zu den kleinen so liegen …, dass ein Teil des Hauses mit dem anderen verbunden ist und somit der Baukörper ein besonderes Miteinander der Glieder zeigt, das das Ganze schön und ansehnlich macht.
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Andrea di Pietro della Gondola, genannt Palladio, geboren am 30. November 1508 in Padua, gestorben am 19. August 1580 in Vicenza, war Italiens bedeutendster Architekt der Renaissance in Oberitalien, der erste große Berufsarchitekt überhaupt, und bedeutender Architektur-Theoretiker. Nach ihm benannt ist der Palladianismus, ein klassizistisch geprägter Baustil.
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