Читать книгу: «Leben ohne Maske»
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Impressum:
© Verlag Kern GmbH, Ilmenau
© Inhaltliche Rechte beim Autor
1. Auflage, Oktober 2020
Autor: Knut Wagner
Layout/Satz: Brigitte Winkler, www.winkler-layout.de
Bildquelle Titelmotiv: © piai | stock.adobe.com
Foto Autorenportrait: Sascha Willms
Lektorat: Anke Engelmann
Sprache: deutsch
ISBN: 978-3-95716-328-8
ISBN E-Book: 978-3-95716-308-0
www.verlag-kern.de
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Der Abdruck des Gedichtes „Sozialistischer Biedermeier“ erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Irene Bartsch.
Knut Wagner
Leben ohne Maske

Dieses Buch ist unserem Sohn gewidmet.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Dank
Erster Teil (1965 - 1967)
Auftritte im Studentenkeller
Zweiter Teil (1967 bis 1969)
Eine Frau fürs Leben
Dritter Teil (1969 bis 1971)
Theatertraum I
Vierter Teil (1971 bis 1974)
Lebenskrise
Fünfter Teil (1974 bis 1976)
Nirgends zu Hause
Sechster Teil (1976 bis 1978)
Karriere wider Willen
Siebenter Teil (1978 bis 1980)
August Stillmarks Tod
Achter Teil (1980 bis 1987)
Zum Schreiben berufen
Neunter Teil (1987 bis 1989)
Theatertraum II
Zehnter Teil (Herbst 1989)
Rebellion und Aufbruch
Prolog
Dieser Roman ist keine historische Abhandlung. Aber er ist auch keine reine Fiktion.
Vieles beruht auf tatsächlichen Begebenheiten. So flossen die Auftritte als Student im Jenaer Rosenkeller, das Coburg-Gastspiel des Meininger Theaters 1988 und die Herbstereignisse in Schmalkalden 1989 in die Romanhandlung ein. Auch griff ich auf Sagenhaftes, heimatgeschichtliche Dokumente und ein Stück überlieferter Familiengeschichte zurück.
Manches ist ausgedacht; und anderes ist auf der Grundlage tatsächlicher Begebenheiten „weitergedacht.“
Dichtung und Wahrheit sind ununterscheidbar verwoben. Am Ende steht etwas, was man als „authentische Fiktion“ bezeichnen könnte.
Dank
Ich danke meiner Frau für das Verständnis, das sie mir und meinem Schreiben in den zurückliegenden Jahren entgegenbrachte. Denn sie war es, die mir den Rücken frei hielt, damit ich ungestört Vormittag für Vormittag an diesem Roman schreiben konnte.
Auch habe ich meiner Mutter zu danken, dass sie bereit war, mit mir nach Schlesien zu fahren und mir mein Geburtshaus zu zeigen. Ohne diese Erfahrung wäre es nicht möglich gewesen, über meine Herkunft und die Vertreibung zu schreiben.
Erster Teil (1965 - 1967)
1. Kapitel
Nach einem missratenen Abitur, einer Lehre als Autoschlosser und einem kurzen Gastspiel auf der Großbaustelle Schwedt war Wolfgang froh, dass er Germanistik und Geschichte studieren konnte. Und für ein gutes Omen hielt er es, dass die Uni, an der er mit seinem Lehrerstudium begann, Friedrich Schiller hieß. Denn sein Lebenstraum war es, Theaterdichter zu werden.
Wolfgang Bruckner war zwanzig Jahre alt, als er im Oktober 1965 in der Kaffeestube der Uni Jena der Dinge harrte, die da kommen sollten.
Er saß mit dem Rücken zur Fensterfront, die in den quadratischen Innenhof zeigte, und hatte die Tische, die Tür und den Kaffeeausschank im Blick. Gelangweilt rührte er in seinem zuckersüßen Kaffee und sah der breithüftigen Frau hinterm Ausschank zu, wie sie an der fauchenden Kaffeemaschine herumhantierte und einem alten Mann mit Baskenmütze und dicker Brille ein Stück Quarkkuchen auf einen Glasteller schaufelte. Bei diesem Mann, einem Literaturprofessor, wird Wolfgang drei Jahre später in einer Klassik-Vorlesung sitzen und Professor Müller wird keinen Hehl daraus machen, was er vom Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR hält. „Ich bin gegen jede Art von Gewalt“, wird er sagen, und von diesem mutigen Bekenntnis wird Wolfgang so begeistert sein, dass er sich beim Beifallbekunden fast die Knöchel wund klopft.
Die Frau hinterm Tresen war freundlich. Und sinnlich ist sie auch, dachte Wolfgang. Dann gab er das Beobachten der Leute auf, griff nach seinem Campingbeutel, dessen Reißverschluss beim Aufmachen etwas klemmte und zerrte die Zeitschrift „Theater der Zeit“ hervor.
In der jüngsten Ausgabe stand ein ausführlicher Bericht über die 7. Arbeiterfestspiele, an denen er mit dem Arbeitertheater Schwedt teilgenommen hatte.
„Der Dramatische Zirkel des Erdölverarbeitungswerks Schwedt spielte im Frankfurter Kleist-Theater ‚Menschen in Bewährung‘. Uns tritt entgegen, was uns im Leben wie in der Kunst schon manchmal begegnet ist: der Arbeitsbummler und die gute Brigade, die nicht mit ihm fertig wird, das Neuerer-Kollektiv und einige verständnislose Mitarbeiter in der Betriebsleitung, die aus formalen Gründen und mangelnder Verantwortungsfreudigkeit eine technische Entwicklung boykottieren, und das liebende, strebsame Mädchen, das den Liebsten an eine andere, weniger wertvolle Dame zu verlieren droht.
So dargestellt, wäre es leicht, sofort über jede Figur den Stab der sozialistischen Moral zu brechen.“
Neu an der Geschichte sei, konstatierte der Theaterkritiker, dass den Beweggründen der „schwarzen Schafe“ nachgegangen würde und die Fäden so miteinander verknüpft seien, dass man von keiner Gestalt behaupten könne, sie sei absolut „weiß“ oder „schwarz“.
Jeder habe seine Bewährungsprobe, mancher bestehe die eine und versage doch bei der anderen, las Wolfgang, als plötzlich jemand „Mensch, Bruckner!“ sagte.
Es war Ulli, Ulli Flick, den er seit sieben Jahren nicht gesehen hatte. Im Februar 1958 waren Bruckners von Muldenburg in Sachsen nach Erfurt gezogen, und so lange war es her, dass sie sich nicht mehr gesehen hatten.
Wolfgang war hoch erfreut über diesen Zufall und schloss das „Theater der Zeit“. „Meine Lieblingslektüre“, sagte er und Ulli hockte sich neben Wolfgang an den runden Fünfer-Tisch: „Von hier aus habe ich die Tür am besten im Blick“, sagte er. Er studiere Jura und warte hier auf drei Weiber aus dem Ernteeinsatz, die er zum Kaffeetrinken eingeladen habe, fuhr er fort. „Es ist nämlich Sitte“, sagte Ulli, „dass die Erstsemester Germanistik/Geschichte mit dem Drittsemester Jura zusammen in den Ernteeinsatz fahren.“
„Da müssten die Weiber, auf die du wartest, ja in meiner Seminargruppe sein“, sagte Wolfgang. „Ich bin nämlich auch Erstsemester Germanistik/ Geschichte.“
„Und warum warst du dann nicht mit im Ernteeinsatz?“
„Weil ich mir beim Fußballspielen an der Ostsee den linken, kleinen Zeh gebrochen hatte“, sagte Wolfgang und erzählte Ulli ausführlich, wie es dazu gekommen war: „Wir waren ziemlich blau, als wir am letzten Urlaubstag Fußball spielten, und in meinem Besoffensein zog ich meine Schuhe aus. Ich spielte barfuß, und bei einer Fußabwehr als Torwart haute mir jemand, der den Ball nicht richtig traf und seine Lederturnschuhe angelassen hatte, den kleinen, linken Zeh weg. Erst beim Aufstehen merkte ich, dass es ein offener Bruch war. Nach einer Nacht im Rostocker Krankenhaus trat ich mit einem Gipsfuß die Heimreise an.“ Deshalb konnte Wolfgang weder an der feierlichen Immatrikulation Ende August noch am Ernteeinsatz teilnehmen.
„Sechs Wochen hinkte ich in die Unfallchirurgie und ließ den Zeh Woche für Woche röntgen“, sagte Wolfgang. „Das einzig Gute an dieser beschissenen Situation war, dass ich beim Röntgen Rehberg traf, den ich von der Oberschule her kannte. Er studierte Medizin in Jena und machte gerade ein Praktikum in der Unfallchirurgie. Er erzählte mir, dass er im Herbst von Jena nach Leipzig wechseln und seine Bude in der Mühlenstraße aufgeben würde. Und da ich noch keine Unterkunft hatte, fragte ich ihn, ob ich sein Zimmer kriegen könne. Er wusste zwar nicht, ob seine Wirtin das Zimmer wieder vermieten würde. Aber irgendwie bekam er sie rum.“ „Du kannst froh sein, dass du die Bude bekommen hast“, sagte Ulli. „Sonst wärst du in der ehemaligen Nudelfabrik mit acht Mann auf einem Zimmer gelandet.“
„Ich bedauere trotzdem, dass ich nicht mit im Ernteeinsatz war“, erwiderte Wolfgang. „Wir hätten viel Zeit zum Quatschen gehabt.“
„Aber das können wir ja nachholen“, sagte Ulli. „Am besten heute Abend in der ‚Weintanne‘. Oder hast du was anderes vor?“
„Nein“, sagte Wolfgang, und Ulli beschrieb ihm den Weg.
Dann beäugte er misstrauisch die Zeitschrift „Theater der Zeit“ und meinte: „Müsstest du nicht die ‚Lehrerzeitung‘ lesen?“
„Eigentlich ja“, sagte Wolfgang. „Aber darüber können wir ja heute Abend noch reden.“
Wenig später griff Ulli in seine Jackentasche und legte einen Stoß Fotos auf den Tisch. „Schnappschüsse aus dem Ernteeinsatz oben in Mecklenburg“, sagte er, und während er Wolfgang die Fotos zeigte, erklärte er: „Das ist Edda.“ Er deutete auf ein Mädchen mit langen Haaren und einem sinnlich-breiten Mund.
„Ein Kumpel durch und durch. Kein Kind von Traurigkeit, wenn du weißt, was ich meine“, sagte Ulli.
„Und das ist Doris. Sie ist eigentlich rothaarig. Auf Schwarz-Weiß ist das nicht zu sehen. Etwas slawischen Einschlag, ungemein ehrgeizig, und sie glaubt, sie könne einen verführen, indem sie ein Klein-Mädchen-Gesicht und Kulleraugen macht.“
Das ganze Gegenteil sei Christa, die alle nur Biene nennen würden, erklärte Ulli und tippte auf eine bildschöne, schwarzhaarige junge Frau, die zwischen den Kartoffelfurchen stand und direkt in die Kamera lächelte. Selbst in dem schlabbrigen Trainingsanzug sah sie noch verdammt gut aus, fand Wolfgang, und Ulli sagte: „Es ist unheimlich schwer, an sie ranzukommen. Total kühl, sag ich dir.“
Als die drei Studentinnen, die Ulli hinreichend beschrieben hatte, wenig später in der Kaffeestube auftauchten, wusste Wolfgang schon, wie sie hießen und wer sie waren. Eigentlich brauchten sich Doris aus Gera, Biene aus Karl-Marx-Stadt und Edda aus Potsdam gar nicht mehr vorzustellen.
Als Ulli sagte, dass Wolfgang zu ihrer Seminargruppe gehöre, staunten sie nicht schlecht, und Edda sagte: „Du bist also der Gesuchte.“
„Ein gebrochener Zeh hat ihn vorm Ernteeinsatz bewahrt“, sagte Ulli und zeigte den dreien die Fotos, die er von ihnen während der Arbeit auf dem Feld und beim Saufen am 7. Oktober gemacht hatte.
„Am Tag der Republik haben wir gesoffen wie die Löcher“, sagte Ulli.
„Mehr als das!“ Edda tat mächtig geheimnisvoll.
Doris fragte, ob sie mal das „Theater der Zeit“ haben könne, und vertiefte sich sofort in den Artikel über das Treffen der Studentenbühnen in Erfurt.
Als Wolfgang ihr eröffnete, dass er im Arbeitertheater Schwedt mitgespielt habe, sagte Doris: „Wir brauchen noch Männer für die Massenszenen.“
Biene, die einen äußerst vornehmen Eindruck machte, sagte: „Wir drei sind nämlich in der Studentenbühne“, und wedelte mit dem Probenplan, den sie sich gerade geholt hatten. Und Doris versuchte Wolfgang zu ködern, indem sie dem Stück, in dem sie die weibliche Hauptrolle spielte, Wichtigkeit verlieh: „Es ist die Geschichte eines Mannes, der sein Gesicht verliert. Doch mit der Erkenntnis seiner Selbstentwürdigung vollzieht sich in ihm eine grundlegende Wandlung.“
Das Stück, von dem Doris sprach, hieß „Die Lederköpfe“, und geschrieben hatte es ein gewisser Georg Kaiser.
Obwohl Wolfgang weder das Stück noch den Autor kannte, sagte er: „Ich werde’s mir überlegen.“
„Wir hoffen auf dich“, sagte Edda.
„Und ich erwarte dich heute Abend in der ‚Weintanne‘“, sagte Ulli.
Wenig später überquerte Wolfgang den Holzmarkt und holte seinen Koffer im Westbahnhof ab.
In der Mühlenstraße angekommen, klingelte er bei seiner Wirtin und ließ sich die Wohnungsschlüssel geben. „Sie haben noch mal Glück gehabt“, sagte sie. „Nach Ihnen werde ich das Zimmer nicht mehr vermieten“, und es schien, als habe sie ein schlechtes Gewissen, dass sie ihm eine Kellerwohnung anbot, die im Winter sehr kalt und sonst immer etwas feucht war.
Von einem kellerdunklen Treppenabsatz, der ebenerdig hinaus auf den Hühnerhof führte, ging links eine schmale, niedrige Tür ab, die in eine kleine Küche führte.
Die Größe der Küche schätzte Wolfgang auf etwa vier Quadratmeter. Mit schnellem Blick überflog er das Mobiliar: ein schmales Küchenbüfett, ein kleiner, schwarzer Kanonenofen, ein Kleinsttisch mit geschwungenen Füßen und zwei zierliche Stühle aus Holz.
Neben dem angerosteten Metallausguss mit dem schmucklosen Wasserhahn darüber, der einzigen Möglichkeit zum Waschen, befand sich ein schmales Fenster, unter dem es sich die Ameisen bequem machten.
Durch einen ausgeblichenen Türrahmen, bei dem die Tür fehlte, betrat Wolfgang das Wohn- und Arbeitszimmer.
Er stellte den Koffer und den Campingbeutel in der Mitte des Zimmers ab und schmiss sich in voller Montur übermütig auf die breite Kastenmatratze. Auf dem dicken, unbezogenen roten Federbett machte er Probeliegen. Er legte die Hände unter seinen Kopf und ließ das Zimmer auf sich wirken.
Vom Kopfteil der Liege aus konnte Wolfgang sehen, wie die Nachmittagssonne durch das Geäst der Obstbäume von nebenan schien und das warme Oktoberlicht durch zwei Fenster ins Zimmer fiel. Zwischen den sonnenbeschienenen Fenstern stand eine Kommode, und an der Wand über der Kommode hing ein leeres Bücherregal.
Mit dieser Aussicht beendete er sein Probeliegen. Er spürte, dass es sich nicht besonders bequem auf der harten Bettkante saß, und stellte fest, dass der kleine, braune Kachelofen, der das ganze Zimmer heizen sollte, nur einen reichlichen Meter vom Kopfteil der Kastenmatratze entfernt war.
Er starrte auf die gegenüberliegende Stubenwand: auf den dunkelbraunen Kleiderschrank, die bläulich gestrichene Holztür, die direkt in den Hühnerhof hinaus führte, und das Fenster, von dessen Rahmen der weiße Lack in großen Flocken abblätterte. Der einzige Stuhl, den es in diesem Zimmer gab, stand vor dem abgelederten, schwarzen, schweren Schreibtisch, den man genau hälftig zwischen die Tür und das Fenster gestellt hatte.
Wolfgang hätte sich überglücklich schätzen müssen, dass er eine eigene Bude hatte. Aber was er sah, fand er ziemlich beschissen. Dennoch begann er, sich häuslich einzurichten.
Er packte den Campingbeutel aus, in dem sich die Turnschuhe, der Trainingsanzug und fünf Bücher befanden: „Der große Duden“, „Wege zum Gedicht“, ein Bildband über Renoir und die Frauen, „Die deutsche Geschichte in einem Band“ und „Literatur im Überblick“.
Als Wolfgang den Duden mit dem blauen Einband auf das Hängeregal zwischen den zwei Fenstern stellte, die in Nachbars Garten gingen, musste er daran denken, wie er sich in der neunten Klasse von einer Fünf in Rechtschreibung auf eine Drei hochgearbeitet hatte. Mit dem Buchstaben A beginnend, schrieb er den Duden ab. Beim Wort Fatalismus angekommen, hörte er mit dem Dudenabschreiben auf, weil er es inzwischen auf eine Drei gebracht hatte. Und Wolfgang konnte sich gut daran erinnern, dass die Fünf in Rechtschreibung ihn nicht davon abgehalten hatte, zu erklären, dass er später einmal Schriftsteller werden wolle, und er führte Gerhart Hauptmann an, den großen Schlesier und Nobelpreisträger, der in Rechtschreibung auch eine Fünf gehabt haben solle. Zu jener Zeit las Wolfgang nur ungern, was ihm keinen Spaß machte und seinen gegenwärtigen Intentionen nicht entsprach. Er verehrte die Expressionisten und schrieb wirre und wilde Gedichte. Er schwärmte für „Baal“ und Hermann Hesse und alles, was vital und rotweintrunken war, zog ihn magisch an.
Wolfgang griff nach dem Buch „Wege zum Gedicht“ und musste daran denken, wie die Trommern ihn zur Teilnahme an einem Lyrikwettbewerb überredet hatte.
Nachdem Wolfgangs „Der Arbeiter“ in der Betriebszeitung abgedruckt worden war, hatte es sich bis in die Berufsschule herumgesprochen, dass Wolfgang Gedichte schrieb, und die dicke Trommern war von Wolfgangs Veröffentlichung so begeistert, dass sie ihn nach dem Unterricht zu sich bestellte.
Die Trommern, die Deutsch und Staatsbürgerkunde gab und – politisch gesehen – rot bis auf die Hosen war, meinte, dass er unbedingt am Lyrikwettbewerb „Jugend und Alltag“ teilnehmen müsse, der gerade für Schüler und Lehrlinge ausgeschrieben worden sei. „Ich arbeite in der Jury mit“, sagte sie. „Und es wäre unheimlich gut, wenn unsere Schule durch dich vertreten würde.“
Wolfgang schaffte es dank der Trommern auf einen der Podestplätze im Lyrikwettbewerb, und Peter Pollatschek, ein junger Schauspieler, trug Wolfgangs Gedicht auf der Abschluss-Matinee vor.
Am Ende des musikalisch-literarischen Programms wurden die Preisträger nach vorn gebeten. Kurt Steiniger, ein Lyriker, der sich mit Kindergedichten einen Namen gemacht hatte, gratulierte Wolfgang zu seinem Erfolg und drückte ihm das Buch „Wege zum Gedicht“ in die Hand. Als die Trommern nach Veranstaltungsschluss erfuhr, dass Wolfgangs „Arbeiter“ in der Anthologie „Das Lied des Volkes wird geschrieben“ erscheinen sollte, fiel sie ihm um den Hals. Sie vergaß, dass sie seine Lehrerin war, und drückte ihn eine ganze Weile liebevoll und innig an ihren fülligen Körper.
Als Wolfgang den Bildband über Renoir auf das oberste Brett des schmalen Wandregals stellte, flatterte ihm ein kleiner Zeitungsausschnitt entgegen, der ihm als Lesezeichen gedient hatte. Es war ein kleiner Zweispalter, der mit „Themen waren gut durchdacht“ überschrieben war und Wolfgang nochmals an seinen ersten literarischen Erfolg erinnerte.
Über die Matinee anlässlich des Lyrikwettbewerbs schrieb die Journalistin, die wie Nana Mouskouri aussah und während der Veranstaltung in der ersten Reihe neben Wolfgang gesessen hatte: „Dass nicht nur Erwachsene etwas von Gedichten verstehen, bewiesen die Teilnehmer einer Veranstaltung, die unter dem Motto ‚Jugend und Alltag‘ stand. Die Schüler und Lehrlinge zeigten in ihren Gedichten oft eine gedankliche Tiefe, die vom gründlichen Durchdenken ihrer Themen herrührte. Zu den wirklich vielversprechenden Begabungen, die sich vorstellten, zählt unbestritten Wolfgang Bruckner, ein 19-jähriger Autoschlosser.“
Wolfgang entschied sich, diesen kleinen Zeitungsartikel als Merkzettel an die Tür des hohen, schweren Kleiderschranks zu heften. Auf Augenhöhe, damit er nicht vergaß, warum er in Jena Germanistik und Geschichte studierte.
Als wolle er seinem Wunsch, Theaterdichter zu werden, Nachdruck verleihen, trennte Wolfgang aus dem Buch „Literatur im Überblick“ vorsichtig das Jugendbildnis des zwanzigjährigen Schiller heraus und brachte es mit einer Reißzwecke über der Erstrezension an, in der er als vielversprechende Begabung bezeichnet worden war.
Als Wolfgang die „Deutsche Geschichte in einem Band“ neben den Duden, die „Wege zum Gedicht“, und die „Literatur im Überblick“ stellte, erinnerte er sich daran, wie widerwillig er dieses historische Machwerk gelesen hatte, als er sich auf seine Aufnahmeprüfung an der Uni in Jena vorbereitet hatte.
Vom Geschichtsunterricht bei Doktor Landgraf wusste er, dass bei Leistungskontrollen immer die richtigen Allgemeinplätze und Schlagwörter gefragt waren, und so prägte er sich die Stellen ein, mit denen er auf jeden Fall punkten konnte: „Die Bürger der Deutschen Demokratischen Republik unter Führung der Arbeiterklasse, im Bündnis mit der Bauernschaft, der Intelligenz und allen anderen Werktätigen, haben den Weg gezeigt, der den realen Entwicklungsbedingungen entspricht. Das ist der Weg der demokratischen Herrschaft des Volkes. Das ist der einzige deutsche Weg, der den Interessen des Volkes entspricht.“
Als die Bücher, die Wolfgang mitgebracht hatte, den rechten Platz auf dem Hängeregal an der Fensterwand gefunden hatten, fiel ihm zu guter Letzt eine arg kastrierte Europakarte im DIN-A-3-Format in die Hand.
Unmittelbar nach dem 13. August 1961 war Wolfgangs Frust so groß gewesen, dass er sich die Karte gegriffen und die Ostblockstaaten, in die er hätte reisen können, weggeschnitten hatte. So waren auf der arg beschnittenen Europakarte nur noch die Länder zu sehen, die Wolfgang nicht bereisen konnte: BRD, Österreich, Italien, Griechenland, Jugoslawien und Albanien.
Wie eine schematische Darstellung eines Bergprofils, das stufenweise und gezackt von rechts unten nach links oben verlief, sah die Landkarte aus, die Wolfgang mit Reißzwecken an der Tür anbrachte, die zum Hof hinausging.
Am Schreibtisch sitzend, fiel der Blick ganz genau auf diese eigenartig zurechtgeschnittene Landkarte, und sie würde Wolfgang täglich daran erinnern, dass es ihm wohl nie vergönnt sein würde, sich die Welt anzusehen.
Schneller als gedacht war er mit dem Kofferauspacken fertig, schneller als gedacht hatte er seine Lieblingsschallplatten von „The Who“, den „Beatles“, Charles Aznavour, Esther und Abi Ofarim und Krugs „Jazz und Lyrik“ aus den Handtüchern und der Bettwäsche gewickelt und auf der Kommode abgelegt, auf der ein kleines Transistorradio und der Wecker standen, und schneller als gedacht hatte er seine Unterwäsche, den Schlafanzug, das Wechselhemd und seinen geliebten Rollkragenpullover im Kleiderschrank untergebracht.
Es schien, als habe alles seinen Platz gefunden. Aber Wolfgang fühlte sich beschissen, wenn er daran dachte, dass diese Kellerwohnung für vier Jahre sein Zuhause sein sollte, und er war froh, dass er sich mit Ulli in der „Weintanne“ verabredet hatte und nicht den ersten Abend alleine in dieser trostlosen Bude verbringen musste.
2. Kapitel
Durch einen dunklen, schweren Windfang betrat Wolfgang die „Weintanne.“ Es war eine geräumige, etwas düster wirkende Kneipe.
Rechts von der Theke war die Gaststube, in der ein paar Stammtisch-Brüder ihr Bier tranken und, vor sich hinpaffend, einen zünftigen Skat droschen. Links von der Theke war die Weinstube, in der an diesem Abend so gut wie niemand saß, und so fiel es Wolfgang nicht schwer, einen Platz zu finden, von dem aus er das ganze Kneipengeschehen gut überblicken konnte.
Auf Ulli wartend, bemerkte er, dass gleich links neben der Theke eine Wendeltreppe mit hellen Holzstufen und einem schwarz gestrichenen Metallgeländer in den ersten Stock ging. Die enge, steile Treppe führte zu den Privaträumen des Gaststättenehepaares und zu Ullis Zimmer, das sich ebenfalls direkt über der Kneipe befand.
Vor der ersten Stufe der Wendeltreppe lag eine gelbe Dogge auf einer kleinen, blauen Kinderdecke. Obwohl sie zu schlafen schien, achtete sie darauf, dass kein Fremder unerlaubt in die Privaträume kam, und Wolfgang, der eine unheimliche Angst vor Hunden hatte, dachte an den blinden Fendrich aus dem Hinterhaus, der an warmen Tagen die Werkstattfenster weit offen hatte und sich jedes Mal furchtbar darüber aufregte, wenn sie als Kinder durch den Vorderhof tobten. Wenn er abends mit seinem Schäferhund den Hinterhof betrat und sie gerade Haschen spielten, übte er Rache: Er hetzte seinen Hund auf sie.
Als Ulli die Wendeltreppe herunter kam, machte er einen großen Schritt über die schlafende Dogge und kam schnurstracks auf Wolfgangs Tisch zu.
Ulli bemerkte gleich, dass in Wolfgang irgendetwas vorging, und er fragte: „Is was?“
„Ich habe deinen Mut bewundert“, sagte Wolfgang.
„Welchen Mut?“
„Wie du über den Hund hinweggestiegen bist.“,
„Der kennt mich doch.“
„Ich hätte trotzdem Angst, über ihn hinwegzusteigen. Auch wenn er mich kennen würde“, erwiderte Wolfgang.
Die Fenster der Weinstube wurden indirekt beleuchtet, und man hatte den Eindruck, dass es draußen heller Tag war. Deshalb und durch den Wein, den Ulli und Wolfgang tranken, verloren sie völlig das Gefühl für die Zeit. Sie entsannen sich ihrer Heldentaten, auf die sie noch immer sehr stolz waren.
„Weißt du noch, in der siebenten Klasse, als wir vor die Schulleitung zitiert und regelrecht verhört wurden?“, sagte Ulli.
„Obwohl uns der Direktor gegenüber saß, gaben wir nicht zu, was Lehrer Hilbich schon lange zugegeben hatte“, sagte Wolfgang. „Drei Tage hielten wir durch, dann sagten wir, was eh schon jedem bekannt war.“
„Weil der Wirt nicht bereit gewesen war, an uns die Zigaretten zu verkaufen, hatte Hilbich Karl vorgegeben, sie seien für ihn, und der Wirt hatte uns daraufhin die gewünschten Zigaretten verkauft“, erinnerte sich Ulli. „Und weil wir versucht hatten, ein moralisch nicht einwandfreies Verhalten eines Lehrers zu decken, bekamen wir einen Verweis.“
„Den Wortlaut des Briefes, der den Eltern per Einschreiben zugestellt wurde, habe ich noch genau im Kopf.“
Wolfgang, der ein phänomenales fotografisches Gedächtnis besaß, kniff die Augen zusammen und sagte den Brieftext, den er vor sich sah, wie ein Gedicht auf: „Ich muss Sie leider von einem Vorfall während des Wandertages der Klasse 7a am Montag, dem 16. September 1957, in Rochsburg in Kenntnis setzen. Ihr Junge hat mit acht anderen Schülern der Klasse im Gasthof zehn Zigaretten und eine Schachtel Streichhölzer gekauft. Jeder gab dazu zehn Pfennige. Ihr Junge und die übrigen Schüler haben dann im Wald eine Zigarette geraucht. Ich bin gezwungen, Ihrem Sohn für dieses Verhalten einen Verweis zu erteilen und diesen in die Schülerpapiere einzutragen. Bitte wirken Sie ebenfalls erzieherisch auf Ihr Kind ein, damit so etwas nicht wieder vorkommt. Reißland. Direktor.“
„Der Verweis war schlimm“, sagte Ulli. „Aber viel schlimmer wäre es gewesen, wenn Reißland von unserem Austritt aus dem Gruppenrat Wind bekommen hätte.“
Wolfgang erinnerte sich noch ganz genau an jenen Morgen, als Ulli ihn auf dem Schulweg gefragt hatte, ob er Radio gehört hätte und wüsste, was in Ungarn los sei.
„Ich hatte mit meinem Vater bis in den späten Abend hinein alle möglichen Nachrichtensender gehört und am nächsten Morgen erzählte ich dir, dass die Russen in Ungarn mit Panzern Leute niederwalzen, und du warst darüber genauso empört wie ich“, sagte Ulli.
„Und als Fräulein Schmalz die Klasse betrat, versuchte sie, einer Ungarn-Diskussion aus dem Weg zu gehen. Man könne nicht viel darüber sagen, meinte die Schmalzen. Aber aus dir sprudelte nur so heraus, was du von den westlichen Nachrichtensendern gehört hattest“, spann Wolfgang die Geschichte weiter. „Und nachdem du Frage auf Frage gestellt hattest, sprach Fräulein Schmalz plötzlich von Konterrevolution. Aber keiner von uns wusste, was unter Konterrevolution zu verstehen war. Denn in Geschichte waren wir erst beim Faustkeil.“
„Als die Schmalzen uns weiszumachen versuchte, dass in Ungarn Feinde am Werk wären, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollten, erklärten wir unseren Austritt aus dem Gruppenrat,und der kleine Herbst, der ‚Eine schöne Ordnung ist das, die Menschen niederwalzt‘ in die Klasse gebrüllt hatte, schloss sich uns an“, sagte Ulli, der damals ihr Wortführer gewesen war.
„Fräulein Schmalz sagte, wir sollten uns das noch einmal gut überlegen. Nächste Woche sei Pioniernachmittag, und da könne man nochmals in Ruhe darüber reden“, erinnerte sich Wolfgang.
„Dass die Schmalzen den Austritt aus dem Gruppenrat nicht an die große Glocke hing, lag vielleicht daran, dass sie eine Woche später in den Westen ging“, sagte Ulli, und süffisant lächelnd fügte er an: „Vielleicht lag es aber auch daran, dass du ihr Lieblingsschüler warst. Sie hielt dich ja für eine poetische Begabung, und ich kann mich noch genau daran erinnern, wie wir uns anhören mussten, was du über einen ‚Nachmittag im Lustgarten‘ geschrieben hattest.“
„Aber mir war es unheimlich peinlich, als die Schmalzen meine Schreibkünste pries und ich meinen Aufsatz als gelungenes Beispiel für eine Schilderung von vorn bis hinten vor der ganzen Klasse vorlesen musste“, sagte Wolfgang.
Auf drei Seiten hatte er beschrieben, was er kurz vor einem Gewitter gesehen und empfunden hatte. Mit der drückenden Schwüle, dem fernen Gewittergrollen, dem aufkommenden Wind, der die Blätter der Büsche und die Zweige der Bäume zauste, hatte sein Aufsatz begonnen, und mit dem Verfinstern des Himmels und dem Tiefflug einer Amsel, die aufgeregt Zuflucht im Gebüsch suchte, hatte er geendet.
„Hatte sie nicht recht, als sie von deiner poetischen Begabung sprach?“
„Mag sein“, wiegelte Wolfgang ab und versuchte, das Thema zu wechseln. Auf einem der bunten Glasfenster war eine üppige Frau mit gelben Weintrauben im Haar zu sehen, und Wolfgang, der eine Vorliebe für vollbusige Frauen mit einem breiten Hintern hatte, fragte neugierig nach der dicken Frau Fendrich aus dem Hinterhaus.
„Die dicke Frau Fendrich ist noch dicker geworden“, sagte Ulli. Er konnte sich denken, warum Wolfgang nach ihr fragte, und als wolle er sich vergewissern, ob seine Annahme richtig sei, sagte er: „Weißt du noch, wie wir zwischen den Bretterstapeln standen und ihr beim Duschen zusahen?“
„Ich habe das Bild noch genau vor Augen“, sagte Wolfgang und erinnerte sich an jenen Abend, als er und Ulli, auf einem Bretterstapel der angrenzenden Tischlerei stehend, aufgeregt zusahen, wie Frau Fendrich das Licht im Badezimmer anmachte und sich in Fensternähe auszuziehen begann.
Wolfgang hockte zwischen den hoch aufgeschichteten Brettern und hoffte, Frau Fendrich möge die Gardine nicht zuziehen. Er sah, wie sie milchfarbig und dickbeinig unter der Dusche stand und das Wasser auf ihren fülligen Körper prasselte, bis die Badezimmerscheiben völlig mit Wasserdampf beschlagen waren.
„Von jenem Moment, da ich die dicke Frau Fendrich unter der Dusche gesehen hatte, kam ich nicht mehr los von ihr, und sie erschien mir sogar im Traum“, sagte Wolfgang. Er hatte ihre schweren Brüste, ihren stark behaarten Unterbauch und ihre dicken, fleischigen Oberarme vor Augen, und in seinen Knabenträumen ergoss er sich in die wuchtigen Schenkel von Frau Fendrich.
Die dicke Frau Fendrich war die erste Frau, die Wolfgang und Ulli nackt gesehen hatten, und nach der dritten Flasche Rotwein legten sie ihre pubertären Kindheitserinnerungen ad acta, und Wolfgang erzählte Ulli, wie es ihm nach seinem Umzug im Februar 1958 in Erfurt ergangen war.
„Als ich nach Erfurt kam, sächselte ich, und ich wurde von meinen Mitschülern ausgelacht, sobald ich den Mund aufmachte“, sagte Wolfgang. „In Muldenburg war ich gewohnt gewesen, unter den besten Schülern zu sein.“
„Der beste Junge“, warf Ulli ein, und Wolfgang sagte: „In Erfurt hingegen gehörte ich plötzlich zu den schlechtesten Schülern der Klasse. Selbst in Lieblingsfächern wie Geschichte, Russisch und Sport versagte ich. Obwohl ich glaubte, in Russisch sehr gut zu sein, bekam ich in der ersten Leistungskontrolle gleich eine Fünf. Ich bekam die erste Fünf in meinem Leben, und das in Russisch, wo ich immer auf Eins gestanden hatte. Frau Segler, so hieß die Russischlehrerin, fand das nicht sonderlich tragisch, denn fast alle Jungen der Klasse standen in Russisch auf Vier. Aber für mich brach eine Welt zusammen. Ich weinte, als ich nach Hause kam, und meine Mutter versuchte, mich zu trösten. Aber sie konnte das Schluchzen und Weinen, das den ganzen Nachmittag lang anhielt, nicht eindämmen.“
„Ich wusste gar nicht, dass du eine solche Memme warst“, warf Ulli ein. „Wenn der alte Burmeister, der zwei Stockwerke unter uns wohnte, nicht gewesen wäre, wäre ich wohl nie auf die Oberschule gekommen“, sagte Wolfgang. „Er war pensionierter Mathematiklehrer und gab mir in einigen Fächern Nachhilfeunterricht.“
„Schwierigkeiten, auf die Oberschule zu kommen, hatte ich nicht“, sagte Ulli. „Ich war der beste Junge in der Klasse, und Eichhorn, der gleich neben uns wohnte und Direktor der Erweiterten Oberschule war, ließ sich seine maßgeschneiderten Anzüge, die er brauchte, bei meinem Vater machen. Von daher spielte es keine Rolle, ob ich Arbeiterkind war oder nicht. Wenn du verstehst, was ich meine.“
„Und ob“, sagte Wolfgang. Er war ein Arbeiterkind. Und nur deshalb war er mit seinem mäßigen Notendurchschnitt auf die Oberschule gekommen.
„Das Abitur habe ich mit 1,8 gemacht“, sagte Ulli. Aber seinem Vater und ihm sei klar gewesen, dass es nicht einfach werden würde, einen Studienplatz für Jura zu bekommen.
„Also ließ mein Alter seine Beziehungen spielen und besorgte mir nach dem Abitur eine Arbeit im Archiv der Kreisstaatsanwaltschaft“, erzählte Ulli. „Der Kreisstaatsanwalt, der sich wie Eichhorn all seine Anzüge von meinem Vater schneidern ließ, war der Meinung, durch meine Tätigkeit im Archiv, seine Befürwortung und eine wohlwollende Beurteilung über mich stünden die Chancen für ein Jurastudium nicht schlecht. Und wie er es vorausgesagt hatte, kam es. Jetzt bin ich schon im zweiten Studienjahr. Aber das weißt du ja.“
„Bei mir lief nichts nach Plan“, sagte Wolfgang, „und mit meinem Vater lag ich ständig im Clinch. Besonders nach meinem missglückten Abitur. Meine Prüfung in Geschichte schaffte ich nämlich erst im zweiten Anlauf, und von meinem Vater bekam ich ständig zu hören, was für ein Versager ich doch sei.“
Da er nach dem missglückten Abitur nicht gewusst habe, was er machen sollte, sei er notgedrungen Autoschlosser geworden, meinte Wolfgang. „Als der Berufsberater mir eine anderthalbjährige, verkürzte Lehre als Autoschlosser anbot, dachte ich an die weißen Monteure an den Boxen berühmter Rennstrecken und sagte ‚Ja‘“, erklärte Wolfgang.
„Kann ich verstehen“, sagte Ulli. Denn er entsann sich plötzlich wieder jener Zeit, als sie wie besessen Autogramme von Motorradrennfahrern und Formel-I-Größen gesammelt hatten. Vom kleinen Muldenburg in Sachsen aus schickten sie ihre Wünsche nach Autogrammen in die große Welt. Sie schrieben an Juan Manuel Fangio in Buenos Aires, an Stirling Moss in der Londoner Buckingham Street und an Rudolf Carriciola in Lugano.
„Aber schon nach wenigen Wochen hatte ich die Schnauze gestrichen voll von meiner Autoschlosserlehre, weil mein Traum von den weißen Monteuren an den berühmten Rennstrecken der Welt auf mein Werkstattleben nicht zutraf“, sagte Wolfgang. Auch der Lehrmeister sei ihm mächtig auf die Nerven gegangen. „Wenn ich mal einen dieser beschissenen Bohrer, die nichts taugten, abbrach, sagte er seinen Lieblingssatz zu mir: ‚Jesus musste sterben, und du lebst.‘“
„Ziemlich originell“, sagte Ulli sarkastisch.
„Fand ich nicht“, sagte Wolfgang. „Von Anfang an wollte ich die Lehre schmeißen und ließ mich in der Schule hängen. Als mein Vater mitbekam, dass meine Leistungen in Werkstoffkunde, Fachrechnen und Fachzeichnen mangelhaft waren, tobte er und bestand darauf, dass ich meine Lehre unter allen Umständen zu Ende mache.“
Als er ein halbes Jahr später sein Facharbeiterzeugnis erhalten habe, erzählte Wolfgang, habe er mit einem Mal zu den besten Lehrlingen gehört, und schon während der Feierstunde im festlich geschmückten Rathaussaal habe sein Vater Zukunftspläne für ihn gemacht. Er habe gemeint, Wolfgang müsse unbedingt Kraftfahrzeugingenieur werden.
„Für meinen Vater war das Zeugnis ein Beweis, dass sein Sohn kein Versager war“, sagte Wolfgang. „Für mich jedoch war es weiter nichts als ein notwendiger Abschluss, der es mir erlaubte, eigene Wege zu gehen.“
Auf dem engen Gang zur Toilette ging Ulli hinter Wolfgang her, und als Sohn eines gefragten Maßschneiders fiel ihm sofort auf, dass Wolfgangs Klamotten – die weiche, schwarze Lederjacke, der braune Rollkragenpullover aus Kaschmir und die extra angefertigte Schlaghose aus Glenchek-Stoff – teuer gewesen sein mussten.
Kurze Zeit später, Ulli und Wolfgang saßen wieder an ihrem Tisch in der Weinstube, sagte Ulli: „Tolle Klamotten hast du. Die müssen ganz schön Schmott gekostet haben.“
„Den hab‘ ich in Schwedt gemacht“, sagte Wolfgang. „Pro Monat einen Tausender und mehr.“
„Schwedt klingt gut“, sagte Ulli, „irgendwie aufregend.“
„Klingt nach Großbaustelle des Sozialismus, nicht wahr“, antwortete Wolfgang ironisch.
„Eher nach Knast“, sagte Ulli. „Wenn ich recht informiert bin, kommen alle die nach Schwedt, die während ihrer Armeezeit verknackt werden.
Sie müssen im Stickstoffwerk arbeiten, habe ich gehört.“
„Kann sein“, sagte Wolfgang. „Ich jedenfalls war Motorenschlosser im Erdölverarbeitungswerk. Und auf der Suche nach dem großen Abenteuer war ich in einem ausgefliesten, wohltemperierten Glashaus gelandet, das sich ‚Klopfraum‘ nannte.“
„Erzähl!“ Ulli trank einen Schluck Rotwein und richtete sich auf eine längere Geschichte ein.
„Da gibt es nicht viel zu erzählen“, sagte Wolfgang. „Tag für Tag stand ich vor einem lärmenden Einzylinder, dessen Hubraum ich ab und an mit einer Kurbeldrehung veränderte. Ich hatte verbleite und unverbleite Benzinsubstanzen zu prüfen. Stinklangweilig war das.“
Im Theaterspielen habe er den einzigen Ausweg aus diesem Dilemma gesehen, meinte Wolfgang und griff nach seinem Rotwein.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich, auf der Suche nach dem großen Abenteuer, als Kleindarsteller in einem Produktionsstück enden würde, das im Erdölverarbeitungswerk spielt“, sagte Wolfgang zu Ulli. „Ende Juni dann traten wir mit dem Stück ‚Menschen in Bewährung‘ bei den Arbeiterfestspielen auf. Die Uraufführung war im Kleist-Theater Frankfurt/Oder. Und mit großem Pomp bekamen wir beim anschließenden Empfang von Willi Stoph, dem Ministerpräsidenten, die Goldmedaille überreicht. Walter Ulbricht konnte an diesem Tag leider nicht kommen.“
„Hab ich mir gedacht“, witzelte Ulli. Er erhob sein Glas und sagte: „Auf deinen Neubeginn in Jena. Und auf alle Weiber, die wir kennen und lieben.“
Ulli und Wolfgang prosteten sich zu. Aber erst, als der Wirt kam und abkassieren wollte, merkten sie, wie betrunken sie waren.
Als Ulli aufstand und seinen Stuhl laut nach hinten scharrte, sagte er: „Zum Klöße-Essen aber kommst du doch.“ Denn an jedem Wochenende kamen Ullis Eltern nach Jena und aßen mit ihrem Sohn Grüne Klöße, nach dem bewährten Rezept von Ullis Mutter, und irgendeinen Sonntagsbraten.
„Auf jeden Fall“, sagte Wolfgang.
Eine Woche später wurde Ulli geext: Während des Ernteeinsatzes hatte er am Tag der Republik mit drei anderen Jungen seiner Seminargruppe im Suff eine Ulbricht-Briefmarke an den Türrahmen geklebt und sie bespuckt.
Davon aber ahnte Wolfgang nichts, als er volltrunken durchs nachtdunkle Jena lief. Wenn ich es recht bedenke, dachte er, hatte ich während meiner gesamten Schulzeit nur einen einzigen Freund, und das war Ulli. Fast den ganzen Heimweg über sinnierte Wolfgang über das Thema Freundschaft, und er musste unwillkürlich an Melzer Bernd denken.
Bruckners und Melzers wohnten Tür an Tür, und Wolfgang konnte sich noch genau daran erinnern, als Melzer Bernd, der ein Jahr älter war als er, eines Tages bei ihm klingelte und fragte, ob er „Am Fuße der Blauen Berge“ sehen könnte, eine amerikanische Westernserie, die damals im Westfernsehen lief. „Wir sehen kein Westfernsehen“, sagte Wolfgang, obwohl bekannt war, dass auf dem Boden unterm Dach eine Westantenne installiert worden war. Wolfgang log Melzer Bernd an, weil sein Vater das so wollte, denn Westfernsehen war verboten. Also tat Wolfgang, was sich für den braven Sohn eines SED-Funktionärs gehörte: Er wahrte den Schein und log.
Jeder heuchelte sich, so gut es ging, durchs Leben, dachte Wolfgang. Die anbefohlenen Wahrheiten zählten, und die betete er vor, wenn er in der Schule nach irgendwas gefragt wurde. Nur im stillen Kämmerlein legte er den offiziellen Meinungsmantel ab und gehorchte, wie die meisten, seiner Vernunft, um nicht zu verblöden. Er hörte Radio Luxemburg, sah „Panorama“ und las, wenn er Gelegenheit dazu hatte, was verboten war. Auf dem nächtlichen Heimweg in die Mühlenstraße stellte er erschrocken fest, dass er durch die Schule, die Eltern und den Staat zum Lügner erzogen worden war. Das Verleugnen war zu einer Art Gesellschaftsspiel geworden, an dem sich jeder mehr oder weniger beteiligte.
Allein seinem Vater gab er die Schuld, dass er in der Erfurter Zeit keinen Freund wie Ulli mehr gefunden hatte, und er hasste seinen Vater.
Jeden Hausaufsatz, den er schrieb, musste er seinem Vater vorlegen, und es geschah nie, dass sein Vater damit einverstanden war. Wolfgangs Aufsatz war so eine Art Vorlage für seinen Vater, und er arbeitete ihn in seinem Sinne gehörig um.
Es entstand eine „unreine Fassung“, die Wolfgang fein säuberlich abzuschreiben hatte, und während des Abschreibens saß sein Vater neben ihm und achtete streng darauf, dass Wolfgang keine Fehler machte. Aus Angst stellten sich bei Wolfgang Flüchtigkeitsfehler ein, und sein Vater wurde fuchsteufelswild.
Wenn sich Wolfgang verschrieb, musste er den gesamten Text nochmals abschreiben. Wolfgang hatte das Gefühl, alles falsch zu machen und ein Versager zu sein.
Total kaputt kam Wolfgang gegen drei Uhr nachts in seiner Kellerwohnung an. Besoffen, wie er war, schaffte er es gerade noch, sich die Lederjacke und die Schuhe auszuziehen. Er warf sich auf das dicke Federbett und war froh, dass das Karussellfahren in seinem Kopf nach kurzer Zeit nachließ. Aber gegen die Träume, die ihn in seinem Betrunkensein heimsuchten, war er machtlos.
Zuerst zwang ihn Ulli, über die zähnefletschende Dogge zu steigen, dann biss sich der Schäferhund, den der blinde Fendrich nach ihm schickte, an seiner kurzen Lederhose fest, und schließlich kreiste der Traum nur noch um Hasso, einen scharfen bissigen Schäferhund, der dem alten Scholl gehört hatte.
Wolfgang lag im Gras einer Waldlichtung, von großen, dunklen Fichten umgeben. Er war ein kleiner Junge, und seine Großmutter, die Reisig zum Feuermachen sammelte, war im Dickicht verschwunden. Wolfgang hatte Angst, sie könne nicht wiederkommen, und seine Angst nahm zu, als plötzlich Hasso, der wildernde, rotbraune Schäferhund, neben ihm auftauchte. Er jagte, ein Reh hetzend, an Wolfgang vorbei. Dann gab es einen lauten Knall, der ihn in panische Angst versetzte, und Wolfgang schrie nach seiner Großmutter. Aber statt der Großmutter erschien der angsteinflößende Förster, der den Todesschuss auf Hasso abgegeben hatte.
Als Wolfgang erschrocken aufwachte, hatte er noch den Todesschuss und das letzte Aufheulen des Hundes im Ohr und merkte, dass er einen mächtigen Brummschädel hatte. Bei dem Versuch, sich auf die Bettkante zu setzen, wurde ihm speiübel. Aber kotzen musste er nicht. Es war neun Uhr morgens, und für zehn Uhr hatte Hetzel, der Sekretär der FDJ-Grundorganisation, zu einem ersten Treffen eingeladen.
Wolfgang erhob sich ganz langsam, tastete sich an den Stuhl heran, über dessen Lehne seine verknitterte Schlaghose hing. In der Tasche endlich fand er die recht zerknitterte Einladung, auf der stand, was da zwei Stunden lang verhandelt werden sollte. Seine Kopfschmerzen wurden nicht besser, als er las: „Liebe Jugendfreundin, lieber Jugendfreund! Dein Jugendverband wird dich während deines Studiums mit Rat und Tat unterstützen, erwartet jedoch von dir gleichfalls viele Anregungen und eine stetige Bereitschaft zur aktiven Mitgestaltung der Tätigkeit der FDJ an der Universität. Wir sehen unsere Hauptaufgabe darin, dass wir alle Persönlichkeiten werden, die ihre Fähigkeiten und Talente in den Dienst des Sozialismus stellen, die nicht vor Schwierigkeiten zurückschrecken und stets einen parteilichen Standpunkt beziehen.“
Wolfgang, dem der Alk vom Vorabend noch immer ziemlich zusetzte, sagte laut vor sich hin: „Diese Veranstaltung werde ich mir klemmen.“
Da er nicht vorhatte, ein Vorzeige-FDJler oder gar FDJ-Sekretär zu werden, wanderte die Einladung des FDJ-Hochschulsekretärs Hetzel, einem Oberassistenten des Germanistischen Instituts, in den leeren Papierkorb neben dem Schreibtisch.
Wolfgang entschied sich an diesem verkaterten Morgen dafür, sein erstes Studienjahr mit einem Lyrikseminar am Nachmittag und nicht mit einer FDJ-Pflichtveranstaltung am Vormittag zu beginnen.
3. Kapitel
Obwohl sich Wolfgang nach dem Abend in der „Weintanne“ geschworen hatte, sich nie wieder zu besaufen, folgte schon bald das nächste Besäufnis: die erste Seminargruppen-Fete im Mädchenheim.
Die drei Doppelstockbetten, die sonst den meisten Platz im Raum einnahmen, waren fachmännisch zerlegt worden, und mit den sechs Matratzen hatten die Mädchen drei Zimmerecken gemütlich ausgelegt. Auf dem einzigen Tisch, der an die Wand in Türnähe geschoben worden war, stand ein großer Eimer mit einem Gebräu aus Prima-Sprit und Kirschlikör, und aus dem Lautsprecher eines alten Schallplattenspielers war die Stimme von Esther Ofarim zu hören, die unentwegt ihre Hits sang.
Die Mädchen und Jungen der zwölfköpfigen Seminargruppe hockten grüppchenweise auf den Matratzen, diskutierten laut und kämpften dabei gegen die laute Musik an.
„Jetzt wird nicht mehr herumgesülzt. Jetzt wird getanzt“, sagte Edda und griff nach Wolfgang, der neben ihr lag, und zerrte ihn zu den Klängen von „Ich werde Sehnsucht haben, Sehnsucht nach dir“ in die Mitte des Zimmers, und beim Tanzen und Knutschen unter der dreiarmigen Stubenlampe, die mit rotem Krepp-Papier verhangen war, bahnten sich kurze Lieben und lebenslange Freundschaften an.
Bisher wusste Wolfgang nur, dass Edda aus Potsdam stammte und nach dem Abitur als Hilfskraft im Krankenhaus gearbeitet hatte. Und er wusste, was er sah, wenn er ihr im Seminar gegenüber saß: Sie hatte schulterlanges Haar, katzengrüne Augen, ein ovales Gesicht, eine hohe, breite Stirn und einen schmallippigen, breiten Mund. Und an ihrem Mienenspiel war leicht abzulesen, ob sie mit dem Gesagten einverstanden war oder nicht.
Während Edda und Wolfgang engumschlungen unter der rot verkleideten Stubenlampe tanzten, sang Doris, der das Gebräu aus Prima-Sprit und Kirschlikör mächtig in den Kopf gestiegen war, völlig zugedröhnt: „Du bist fortgegangen, so hat alles angefangen.“
Daraufhin löste sich Edda plötzlich aus Wolfgangs Umarmung, warf ihre grau-grünen, ausgelatschten Pumps, die ihr beim Tanzen lästig geworden waren, durch das Zimmer, und nur noch in Strümpfen tanzend, meinte sie beschwipst zu Wolfgang, der sie erstaunt ansah: „Ich halte es mit der Greco. Ich bin, wie ich bin.“
Obwohl Edda kein Wort Französisch verstand, geschweige denn sprechen konnte, hatte sie ein Faible für französische Literatur und französische Chansons.
Und so schrie sie, den Tanz mit Wolfgang unterbrechend, allein in der Mitte des Zimmers stehend: „Kann denn keiner von euch Flaschen Französisch? Ich will endlich wissen, wonach ich tanze.“
„Wenn ihr einen Moment still seid, kann ich euch den Text übersetzen“, sagte der schwule Nunweiler, der keinen Tropfen Alkohol angerührt hatte und das Betrunkensein der anderen verabscheute.
Während sich die Schallplatte, auf der Charles Aznavour zu hören war, langsam und knackend drehte, übersetzte der hoch sensible Nunweiler: „Was ist aus denen geworden, die die Freiheit verteidigen wollten? Sie hatten ihre Kinder, ihre Eltern gern, und erst recht den Wein und die Liebe. Aber ihnen fehlte die Freiheit. Doch sie waren zu schwach: Als sie aufbrachen, standen ihnen nach wenigen Schritten Polizisten mit Pistolen gegenüber.“
Obwohl alle ziemlich besoffen waren, hatte nach der Nunweilerschen Übersetzung von Aznavours „Liberté, Liberté“ keiner mehr Lust zu tanzen. Irgendwie war die Stimmung hin. Nur Edda konnte von den französischen Chansons nicht genug bekommen und legte von der Greco „Die toten Seelen der Dichter“ auf.
Der dicke Höhn, der von Wolfgangs Gedichten wusste, sagte, ganz heiser vom Schreien: „Auch wir haben eine Dichterseele unter uns“ und prostete Wolfgang mit dem Sprit-Kirschlikör-Gebräu zu.
„Du?“, sagte Edda überrascht. Sie ging zum Plattenspieler und machte ihn aus.
„Was also hat uns Wolfgang Bruckner zu sagen?“, grölte der dicke Höhn, der von der Armee her das Saufen gewohnt war. „Dein Auftritt, Poet“, brüllte Höhn. Und da Wolfgang schon ziemlich voll war, fiel es ihm nicht schwer, einige seiner Gedichte vorzutragen.
Eines hieß: „Verlange nicht, dich zu vergessen“ und war einer zigeunerhaft aussehenden Schallplattenverkäuferin gewidmet, die Wolfgang als Oberschüler platonisch geliebt hatte.
Edda gefielen Wolfgangs Gedichte, und Wolfgang fand Edda so aufreizend schön, dass er nicht müde wurde, sie auf dem Weg vom Mädchenheim in die Weigelstraße alle paar Meter abzuknutschen.
Als er das erste Mal Eddas Zimmer in der Weigelstraße betrat, war es draußen ungemütlich kalt. Es war ein verdammt trister Abend, und Edda war froh, dass Wolfgang sie besuchte.
Edda hatte einen weiten, grünen, sackähnlichen Strickpullover an. Auf dem Tisch stand eine Kanne Tee und auf dem Sofa lag eine Katze.
Draußen plätscherte der Regen vom Dach auf die Terrasse unterm Fenster, und Edda schien in einem Stimmungstief zu stecken.
„Bist du auch der Meinung von Doris, dass ich die Heidlern zu stark attackiert habe und zu boshaft zu ihr war?“, fragte sie etwas schuldbewusst und spielte auf ihren Ausbruch im Philosophieseminar „Dialektischer Materialismus“ an.
„Vielleicht bist du etwas zu weit gegangen, als du sagtest, die Heidlern sollte erst einmal Sartres ‚Existentialismus ist ein Humanismus‘ lesen, damit sie wisse, worüber sie überhaupt rede“, sagte Wolfgang. Und er erinnerte sich, dass dieser Bemerkung, mit der sich Edda den Unmut der kleinen, bebrillten Philosophin zugezogen hatte, bereits ein heftiger, lautstark geführter Wortwechsel vorausgegangen war.
Edda hatte der Heidlern, die das Seminar leitete, vehement widersprochen, als diese den Existentialismus als subjektiven Idealismus abzutun versuchte. Edda vertrat, aufsässig, wie sie war, die Meinung, der Existentialismus sei ein Marxismus, bei dem der Mensch und nicht die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Geschichte im Mittelpunkt der Betrachtung stünden.
„War es falsch, was ich gesagt habe?“, wollte Edda wissen.
„Etwas diplomatischer hättest du schon sein können.“
„Diplomatie ist nicht meine Stärke“, sagte Edda. Sie war eine extreme Verfechterin des Existentialismus, hielt Camus‘ „Pest“ und Sartres „Der Ekel“ für zwei der wichtigsten Bücher, die man unbedingt gelesen haben musste, und tendierte in allem, was sie tat, zum Underground. Deshalb verwunderte es nicht, dass sie Wolfgang eine Taschenbuch-Ausgabe aus einem Westverlag über die Beat-Generation zeigte, die sie gerade las.
Wolfgang jedoch hatte noch nichts von Allen Ginsberg oder Jack Kerouac gehört, und die Beatniks, wie diese Schriftsteller genannt wurden, waren für ihn böhmische Dörfer.
Edda hielt das für eine unverzeihliche Wissenslücke, und sie beschrieb umfassend, was es mit den sogenannten Beatniks auf sich habe, die Ende der 50er Jahre die Gesellschaft und den Literaturbetrieb in Amerika aufgemischt hätten. „Sie rebellierten gegen das satte, selbstzufriedene Leben der Spießer und empfanden die gesellschaftlichen Verhältnisse als einengend und steril“, sagte sie, „und was ich an ihnen so mag, ist ihre Vorliebe für soziale Außenseiter und sozial Gestrandete.“
Als Vagabund habe Kerouac die USA durchstreift, „und die Menschen, die er beschreibt, sind immer auf der Suche nach ihrem Platz im Leben und nach ihrer inneren Selbstbestimmung. Das macht ‚On the Road‘, Kerouacs Sensationserfolg von 1957, so lesenswert und wertvoll für mich.“ Von der DDR-Gegenwartsliteratur, die sie lesen mussten, hielt Edda hingegen so gut wie nichts. „Christa Wolfs ‚Geteilter Himmel‘ mag ja noch gehen“, sagte sie. „Aber Kants ‚Aula‘, ich bitte dich.“
„Ich finde auch, dass es ein geschwätziges Buch ist, und wenn ich höre, wie selbstgefällig Kant daraus vorliest, könnte ich kotzen“, sagte Wolfgang.
„Aber bitte nicht hier!“
Schon am ersten Abend, den Wolfgang und Edda in trauter Zweisamkeit miteinander verbrachten, hatten sie ein solches Vertrauen zueinander, dass sie sich erzählten, was sie bisher keinem anderen gesagt hatten.
Edda erklärte, dass sie Lektorin an einem Verlag werden wolle. Auf keinen Fall werde sie später einmal vor eine Klasse treten, sagte sie. Ihr fehle einfach das Verständnis für die unteren Klassenstufen. Und Wolfgang vertraute ihr an, dass er dieses Lehrerstudium nur angefangen habe, weil er sonst keine Chance gehabt hätte, Germanistik zu studieren. Obwohl er sich anschicke, Lehrer zu werden, hasse er seit seiner Oberschulzeit die Lehrer, besonders Doktor Landgraf, der ihn im Abi durch die Geschichtsprüfung fallengelassen hatte. Er wolle Theaterdichter werden, sagte Wolfgang.
„Stückeschreiber, meinst du“, sagte Edda. „Kann ich mir denken. Die Gedichte, die du schreibst, sind ja nicht schlecht.“
In Geschichte tue er, was er tun müsse, um durch die Prüfungen zu kommen, sagte Wolfgang, und in Germanistik hole er sich das nötige Rüstzeug, um Schriftsteller zu werden.
In der Stube war es kalt, und Edda rieb ihre zur Faust geballten Hände aneinander. Dann gab sie Wolfgang Bücher von Václav Havel und Pavel Kohout mit auf den Weg. Und als sie ihn hinunter an die Tür brachte, für einen Moment lang in der zugig kalten Einfahrt stand und sich von ihm verabschiedete, sagte sie: „Kohout oder Havel müssten wir spielen. Und nicht die ‚Lederköpfe‘“.
Mitte November, während der Proben zu den „Lederköpfen“, begannen sich Edda, Biene, Wolfgang und Mike Mutzke mächtig zu langweilen. Sie waren als Dienerinnen und Meuterer besetzt. Aber die Massenszenen, in denen sie mitspielten, würden erst im Februar geprobt, erklärte ihnen der beleibte, rothaarige Kuhnert, der die Regie führte. Und sein Argument, wenn man auch nicht selbst auf der Bühne stehe, müsse man von Probe zu Probe an der Entwicklung des Stücks teilnehmen, zog weder bei Biene und Edda noch bei Wolfgang und Mike, die irgendwie die Lust am Theaterspielen zu verlieren schienen.
Edda hatte keine Lust mehr, für Doris bei Texthängern die Souffleuse zu spielen, und Biene genügte es nicht, durch nervige Terminabsprachen für ein störungsfreies Proben auf der Mensa-Bühne oder im Arbeitsraum des Germanistischen Instituts zu sorgen. Auch Wolfgang und Mike fanden es ungemein ätzend, nur gefragt zu sein, wenn Bröml seinen großen Auftritt als Stadthauptmann hatte und der rustikal zurechtgezimmerte Königsstuhl zur rechten Zeit auf die Bühne getragen werden musste.
Alle hatten es irgendwie satt, dass sie Abende lang auf den Proben herumsaßen, wo es für sie so gut wie nichts zu tun gab. Sie fanden es unbefriedigend, bei den Proben mucksmäuschenstill zuhören zu müssen, wie Doris oder Bröml ihre großen Monologe abließen. Denn Kuhnerts Augenmerk galt in dieser Phase nur den Hauptdarstellern und den Monologen, an denen herumgefeilt wurde, bis dem Regisseur die Puste ausging und die Darsteller total kaputt gespielt waren.
Nach einer der abendlangen Proben fassten sich Edda, Biene, Wolfgang und Mike ein Herz und teilten Kuhnert unverhohlen mit, dass die gegenwärtige Situation sie anstinken würde.
Kuhnert war kurzzeitig irritiert, dann begriff er, dass sie sich unterfordert und nicht-gebraucht fühlten, und er sagte: „Gut, dann macht ihr eben bis zu den Endproben der ‚Lederköpfe‘ Programmarbeit.“ Programmarbeit könne nicht schaden. Dabei könne man nur lernen, sagte er und fragte provokant: „Habt ihr schon eine Idee?“
„Wie wäre es mit einem Heine-Abend?“, konterte Edda geschickt.
Kuhnert ging auf den Vorschlag ein und innerhalb von sechs Wochen stampften sie einen Heine-Abend aus dem Boden.
„Was mir vorschwebt, ist ein ausgeflippter Salonlöwe Heinrich Heine, der sich im Salon der Rahel Varnhagen auf Kosten seines Freundes Adalbert von Chamisso über die Romantik lustig macht, scharfzüngig über das Spießertum herfällt und sich abfällig über unglückliche Lieben äußert“, erklärte Edda, als sie Wolfgang, Biene und Mike in ihr Vorhaben einweihte. Weder der politische Dichter des „Weberlieds“ noch der melancholische Schwerenöter, der, an Syphilis erkrankt, seine Matratzengruft nicht mehr verlassen könne, wären für sie von Interesse.
Das Programm könne überall dort aufgeführt werden, wo ein Podest vorhanden sei, auf dem ein Tisch und drei Stühle Platz hätten, sagte Edda, und die Besetzung der Rollen sei für sie klar.
Biene hatte pechschwarze, lange Haare, die sie zu einem Dutt zusammengebunden hatte, und vom Profil her sah sie etwas jüdisch aus. Biene mache einen vornehmen Eindruck und sei eine belesene Frau, die ihre Kritik in einem leicht ironischen Unterton anbringen könne, sagte Edda. Von daher sei die Rolle der Gastgeberin, die in ihrem Salon Chamisso und Heine empfange, Biene wie auf den Leib geschrieben.
„Als Rahel Varnhagen hast du die Aufgabe, den Gästen ab und an Rotwein einzuschenken und das Publikum darüber zu informieren, was es über die Freundschaft zwischen Chamisso und Heine wissen muss“, sagte Edda zu Biene. „Viel Text kommt da nicht auf dich zu. Aber du bist es, die die Geschicke des Abends lenkt, und du bist es, die vermittelnd eingreift, wenn Heine und Chamisso hart aneinander geraten.“
Michael Mutzke, genannt Mike, war etwas kleinwüchsig. Sein wohl gescheiteltes Haar, das streng nach hinten gekämmt war, glänzte pomadig. Er wirkte äußerst naiv und hatte ein bleiches, rundes Kindergesicht.„Das romantische Schwärmen nimmt man dir ab“, sagte Edda zu ihm. „Deshalb schlage ich vor, dass du den Chamisso spielst und Wolfgang den Heine.“
Die Rollenverteilung war klar, und der Text bestand aus einer Aneinanderreihung von Zeilen aus Heine-Gedichten, die einen abendfüllenden, aber rasant vorgetragenen Dialog ergaben.
Für einen gewissen Wein-Nachschub war im Salon der Varnhagen durch Biene gesorgt, und so steigerte sich Wolfgang, von der Studentenkelleratmosphäre und dem Rotwein inspiriert, in die Rolle des Heinrich Heine hinein.
In seiner Ironie und seinem Spott war Wolfgang nicht zu übertreffen, er spielte den kleinen Mike als Chamisso total an die Wand. „Das Gespräch auf der Paderborner Heide“, das eine ernsthaft gemeinte Abrechnung mit der Literatur der Romantik sein sollte, geriet zur Farce und wurde zu den Glanzpunkten des Abends. Chamissos Schwärmereien wurden durch Heines sarkastische Erwiderungen zunichtegemacht und dem Gelächter preisgegeben.
Mike: „Hörst du nicht die fernen Töne, / wie von Brummbass und von Geigen?“
Wolfgang: „Ei, mein Freund, das nenn ich irren, / Von den Geigen hör ich keine, / Nur die Ferklein hör ich quirren, / Grunzen nur hör ich die Schweine.“
Mike: „Hörst du nicht das Waldhorn blasen? / Jäger sich des Weidwerks freuen? / Fromme Lämmer seh ich grasen, / Schäfer spielen auf Schalmeien.“
Wolfgang: „Ei, mein Freund, was du vernommen, / Ist kein Waldhorn noch Schalmeie, / Nur den Sauhirt seh ich kommen, / Heimwärts treibt er seine Säue.“
Den Schlusspunkt unter das Programm aber setzte Wolfgang mit Heines „Wanderratten“. Nur im Licht des grellen Punktscheinwerfers stehend, das Publikum in Dunkel getaucht, deklamierte er: „Es gibt zwei Arten von Ratten. Die hungrigen und die satten. Die einen bleiben vergnügt zu Haus. Die anderen wandern aus.“ Diese Verse, einfach so ins Publikum hineingesprochen, verfehlten ihre Wirkung nicht. Zuerst Schweigen, dann ein unerwartet großer Beifall. Edda, Biene, Wolfgang und Mike freuten sich über den Erfolg.
Hetzel, der im Clubrat war, tobte. Dass der Schwerpunkt des Abends nicht auf dem politischen Dichter des Weberlieds gelegen habe und „Das Wintermärchen“ mit seinen politischen Botschaften völlig unter den Tisch gefallen sei, könne nicht akzeptiert werden, erklärte er. Heine hätte eine andere Wirkung erfahren müssen. Der große Beifall am Ende der Vorstellung? Der habe nicht viel zu bedeuten. Platt aufs Heute übertragen, hätten die Leute in die „Wanderratten“ hineingeheimnist, was Heine gar nicht beabsichtigt habe, und dass mehr Publikum gekommen wäre als sonst, habe wohl an dem provokanten Titel „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ gelegen, der mehr als irreführend gewesen sei.
Wolfgang habe eine beeindruckende schauspielerische Leistung hingelegt, sagte Edda. Sie saßen an der Bar des Studentenkellers und Edda griff nach einem großen Humpen Frischbier, der ihr über den Tresen zugeschoben wurde.
4. Kapitel
Die Aufführung der „Lederköpfe“ war ein großer Erfolg, und auf der Premierenfeier, die feucht-fröhlich bis in die frühen Morgenstunden andauerte, gab jeder irgendetwas zum Besten. Doris und Bröml sangen bis zum Erbrechen „Wenn die Igel in der Abendstunde“, und Wolfgang erzählte, wie das Arbeitertheater Schwedt zu seiner Goldmedaille gekommen war.
„Weil das Stück noch nicht fertig geschrieben war, sollten wir nicht für die Arbeiterfestspiele nominiert werden“, erzählte Wolfgang. „Aber da erschien plötzlich Hans-Peter Minetti, den ich als Achtjähriger im Thälmann-Film bewundert hatte, auf einer der Abendproben.“
Minetti war in der Programmkommission der Arbeiterfestspiele, und er war nach Schwedt gekommen, weil ihn sein Freund Gerhard Winterlich, der Leiter des Arbeitertheaters, darum gebeten hatte. Winterlich kannte Minetti vom Schauspielstudium in Weimar her, und er wollte wissen, ob sein Stück für eine Teilnahme an den Arbeiterfestspielen tauge.
„Minetti, der Mitglied des ZK der SED war, zeigte sich nach der Probe beeindruckt und versprach, sich dafür einzusetzen, dass wir ins Festprogramm aufgenommen würden“, erzählte Wolfgang. „Minetti sagte, dass er auf der nächsten ZK-Tagung darüber sprechen wolle, wie ökonomische Probleme, die in Wirklichkeit noch nicht gelöst seien, auf der Bühne bereits gelöst würden. Und als Beispiel dafür werde er ‚Menschen in Bewährung‘ anführen. Nach Minettis Rede auf dem 9. Plenum des ZK der SED waren wir aus dem Schatten des Kulturhaussaales ins Licht der Öffentlichkeit getreten, und Minetti sorgte dafür, dass wir für die Arbeiterfestspiele nachnominiert wurden.“
„Freunde im ZK muss man haben“, sagte Kuhnert, und der Stadträtin für Kultur, die Wolfgangs Rede vergnügt zugehört hatte, kam ein Gedanke. „Was hältst du davon“, sagte sie zu Kuhnert, „wenn wir euch zu den nächsten Arbeiterfestspielen delegieren würden?“
Kuhnert war begeistert: „Wir müssten nur ein passendes Stück finden.“
„Das dürfte doch keine große Schwierigkeit sein“, sagte die Stadträtin für Kultur mit ihrer verrauchten Stimme.
Bei der nächsten Aufführung der „Lederköpfe“ in der Mensa saß die Stadträtin mit zwei Mitarbeitern der Gewerkschaft Kunst im ausverkauften Zuschauerraum. Nach der Vorstellung bat Kuhnert alle Darsteller, sich im Saal einzufinden. Die Stadträtin für Kultur eröffnete allen Anwesenden, dass die Studiobühne, auf Grund ihrer gezeigten Leistungen, für die Arbeiterfestspiele vorgesehen sei. Sie sagte, mit Blick auf die zwei Herren, die sie mitgebracht hatte, dass im Vorfeld die Wahl auf Alexej Nikolajewitsch Arbusows „Der weite Weg“ gefallen sei.
Bei Arbeiterfestspielen seien Uraufführungen gefragt und Arbusows Stücke würden derzeit von fast jedem Theater gespielt, gab Wolfgang zu bedenken. Kuhnert hingegen war begeistert. Für die Studentenbühne sei es ungemein wichtig, eine große Inszenierung zu machen, die zudem noch großzügig gefördert würde. Allerdings sehe er ein, dass man das Stück nicht so spielen könne, wie es vorliege. Er denke da an eine eigene Bearbeitung.
Hetzel erklärte, das sei eine gute Möglichkeit, sich mal einem breiten Publikum zu präsentieren, und die Mehrheit stimmte dem Vorschlag der Stadträtin für Kultur zu.
Doch Edda und Wolfgang waren nur schwer davon zu überzeugen, dass „Der weite Weg“ das richtige Stück sei. Es spielte 1935, als in Moskau die Metro gebaut wurde.
Verärgert über das Abstimmungsergebnis vom Vorabend saß Wolfgang am nächsten Morgen in der Kaffeestube der Uni, als plötzlich Edda hereinschneite und ihm zu seinem großen Erfolg gratulierte. Als sie Wolfgangs verdutztes Gesicht sah, musste sie lachen. „Du erhältst den Lyrikpreis der Friedrich-Schiller-Universität in diesem Jahr“, sagte sie. „Hier ist der Beweis.“
Sie reichte ihm die druckfrische Uni-Zeitung über den Tisch:„Auf den Innenseiten in der Mitte.“
Auf der rechten Seite war die Ehrentafel der Preisträger abgedruckt, auf der Wolfgang seinen Namen las. Auf der linken Seite standen zwei Gedichte von ihm: „Mahnung“ und „Alltäglich“. Thema des einen war der Vietnam-Krieg, Thema des anderen der Atomtod.
„Schade, dass man nur deine politischen Gedichte abgedruckt hat“, sagte Edda.
Mitte Juni war die Auszeichnungsveranstaltung, die sich Edda nicht entgehen ließ. Die Veranstaltung fand im kleinen Kreis statt, und der Clubraum des Kulturbundes mit seinen wenigen Plätzen war völlig ausreichend.
Nachdem jeder Preisträger drei seiner Gedichte vorgetragen hatte, überreichte Doktor Schütt die Preise. Wolfgang erhielt ein Medaillon, auf dem der junge Schiller zu sehen war.
„Als Ansporn für die weitere literarische Arbeit“, sagte Schütt, den Wolfgang von seiner Aufnahmeprüfung her kannte.
Nach dem offiziellen Teil saßen Wolfgang und Edda mit den anderen Preisträgern zusammen. Es wurde viel geredet und gesoffen. Von einem Jurymitglied habe er erfahren, dass Doktor Schütt das Zünglein an der Waage gewesen sei, sagte Lüttke, für den es nur zum zweiten Preis gereicht hatte. „Wenn er nicht für dich gestimmt hätte, hätte ich die Nase vorn gehabt“, konstatierte er etwas beleidigt.
„Doktor Schütt scheint mein Glücksbringer zu sein“, sagte Wolfgang. Nach seinem Reinfall an der Schauspielschule in Schöneweide hatte er sich in einem Anflug von Verzweiflung und Größenwahn an der Uni in Jena beworben und war im April 1967 zu seiner Überraschung zur Eignungsprüfung eingeladen worden.
Für Wolfgang war es ein Glücksfall, dass Doktor Schütt der Hauptprüfer war. Schütt war Sprachwissenschaftler, gab Seminare in Mittelhochdeutsch, hielt Vorlesungen in Wortbildung, und ein Steckenpferd von ihm war das Theater.
Bevor er mit dem Prüfungsgespräch begann, blätterte Doktor Schütt in den Bewerbungsunterlagen, und die Vier in Geschichte schien ihn zu irritieren.
„Sie wissen, dass es nicht einfach werden wird, mit diesem Zeugnis Geschichte zu studieren“, schickte er voraus, und der Regionalgeschichtler Doktor Brunnengräber, der als Zweitprüfer neben Schütt saß, nickte bestätigend.
„Ich weiß.“ Auf Schütts Frage, wo er jetzt arbeite, antwortete Wolfgang:
„Im Erdölverarbeitungswerk Schwedt. Da bin ich Motorenschlosser, und in meiner Freizeit spiele ich Theater.“
Wolfgang erzählte begeistert, wie Gerhard Winterlich, Schauspieler und Regisseur aus Dresden, auf die Großbaustelle Schwedt gegangen sei und ein Stück über das Erdölverarbeitungswerk schreibe, in dem Wolfgang mitspiele.
„Da wissen Sie ja besser über den Bitterfelder Weg Bescheid als ich“, Doktor Schütt lächelte und zog genüsslich an seiner Zigarre. Anscheinend mochte er Proleten, die Theater spielten und Schriftsteller, die den Bitterfelder Weg beschritten. Doktor Brunnengräber war mit Wolfgangs Antworten, die für einen Zweitfächler in Geschichte ausreichend zu sein schienen, zufrieden. Wolfgang hatte seine Aufnahmeprüfung bestanden.
„Doktor Schütt scheint auf Autoschlosser wie mich zu stehen“, sagte Wolfgang zu Lüttke. Mit seinen 34 Jahren studierte Lüttke Philosophie.
Davor war er Baggerfahrer im Braunkohlentagebau gewesen und hielt sich, wenn er besoffen war, für den größten Lyriker der Jetzt-Zeit. Ständig versuchte er, Edda anzumachen, und wurde nicht müde, ihr sein Gedicht „Schenkel, geworfen ins All“ ins Ohr zu blasen.
So auch jetzt. Edda fand Lüttkes Annäherungsversuche widerlich und bat Wolfgang: „Lass uns gehen.“
„Jetzt schon?“ Wolfgang unterhielt sich gerade angeregt mit dem Chefredakteur der Universitätszeitung, der sich der Landschaftslyrik verschrieben hatte.
„Jetzt schon!“, wiederholte Edda dringlich und entschieden. Vor der Tür änderte sie ihre Meinung. „Ich habe keine Lust, jetzt schon nach Hause zu gehen.“
„Ich auch nicht“, sagte Wolfgang. „Wie wär‘s mit dem Fuchsturm bei Nacht?“
„Auf jeden Fall aufregend.“
Manchmal war es gruselig und beschwerlich, auf nächtlichen Wegen durch den Wald oder dicht am Abhang entlang zu laufen. Als sie den „Fuchsturm“ erreichten, war die Gaststätte geschlossen. Dennoch bedauerten sie nicht, den langen Weg gemacht zu haben.
Sie genossen den warmen Sommerabend, und sie fanden es unheimlich romantisch, von der alten Mauerbrüstung aus auf die Lichter der Stadt zu sehen, die tief unten im Tal lag.
Der nachtdunkle Wald umgab sie. Als im nahen Gehölz ein Hase aufsprang, schrak Edda zusammen. Wolfgang nahm ihr die Angst, indem er sie fest umarmte, und sie küssten sich. Wolfgang spürte Eddas weiche Lippen und ihren feuchten Mund.
Während er nicht müde wurde, Edda zu streicheln und zu küssen, machte sie den Reißverschluss ihrer Männerjeans auf. Doch da er in seiner Unerfahrenheit nicht tat, was Edda anscheinend von ihm erwartete, konnte sie nicht ahnen, wie stark er nach ihrem Körper verlangte, und da er Edda aus falscher Scham nicht offen sagte, was er für sie empfand, konnte sie auch nicht wissen, wie sehr Wolfgang sie liebte. Und so musste sie zu dem Schluss kommen, dass Wolfgangs Liebe zu ihr rein platonischer Natur war.
Weder Wolfgang noch Edda konnten sich erklären, weshalb Kuhnert mitten in der Prüfungszeit eine außerordentliche Mitgliederversammlung der Studentenbühne einberufen hatte. Kuhnert gehörte zu den wenigen Diplomanden des Germanistischen Instituts und lenkte seit drei Jahren erfolgreich die Geschicke der Studentenbühne. Für alle unerwartet erklärte Kuhnert, dass sich für ihn kurzfristig eine Regieassistenz am Theater in Gera ergeben habe und er deshalb die Leitung der Studentenbühne von heute auf morgen abgeben müsse. Auch könne er nicht, wie beabsichtigt, die Regie für den „Weiten Weg“ übernehmen.
Alle dachten, Bröml, der als Stadthauptmann in den „Lederköpfen“ geglänzt hatte, würde Kuhnerts Nachfolge antreten. Aber der erklärte: „Mit Beginn des vierten Studienjahres beginnt für mich das ‚Große Schulpraktikum‘. Das geht bis Dezember. Dann habe ich meine Staatsexamensarbeit zu schreiben. Dann kommen die Abschlussprüfungen. Viel Zeit fürs Theaterspielen bleibt mir da nicht.“
Damit war Bröml aus dem Rennen, und alle sahen sich verwundert und ratlos an. Der einzige, der eine Antwort zu haben schien, war Kuhnert. Er meinte, es sei zwar ungewöhnlich, wenn die Leitung der Studentenbühne in die Hände eines Mannes aus dem ersten Studienjahr gelegt würde. Aber er sehe in Wolfgang einen geeigneten Nachfolger. Erst gestern sei Wolfgang mit dem Lyrikpreis ausgezeichnet worden, und so traue er ihm zu, das Stück „Der weite Weg“, wie vorgesehen zu bearbeiten. „Auch zweifle ich nicht daran, dass Wolfgang Regie führen kann“, erklärte Kuhnert. Und was die Arbeiterfestspiele betreffe, habe Wolfgang die meisten Erfahrungen. Er sei also der richtige Mann für die Aufgaben, die ab Herbst anstehen würden, und so wurde Wolfgang von einem Tag auf den anderen Leiter der Studentenbühne.
Die Mitglieder der Studentenbühne waren vom Ernteeinsatz befreit, und so hatten sie bis Mitte Oktober Zeit, sechs Wochen lang ungestört zu proben.
Schneller als gedacht waren die Leseproben zu Arbusows „Der weite Weg“ abgeschlossen, und Wolfgang konnte mit dem Proben der einzelnen Szenen beginnen, die er bereits umgeschrieben hatte. Aber mit der Euphorie des Probens war es vorbei, als die Stadträtin für Kultur Wolfgang brieflich mitteilte, es sei nicht mehr daran gedacht, die Studiobühne zu den Arbeiterfestspielen zu delegieren. Am Telefon sagte sie ihm, die Kommission, die die Studentenbühne für die Arbeiterfestspiele vorgeschlagen habe, sei zu dem Schluss gekommen, dass Arbusows Stück nur geringe Erfolgsaussichten habe.
Mit dieser Hiobsbotschaft hatte niemand gerechnet. Aber alle Beteiligten waren Wolfgangs Meinung: „Es wird nicht weiter probiert. Wir setzen das Stück ab.“
5. Kapitel
Kurz vor Weihnachten nahm Hetzel Wolfgang beiseite und sagte ihm, dass er unbedingt eine öffentliche Erklärung abgeben müsse, warum „Der weite Weg“ von Arbusow abgesetzt worden sei. Auf der Fachschaftsversammlung Anfang Januar sei dafür die beste Gelegenheit, meinte Hetzel und drückte Wolfgang eine Rede aufs Auge, die gewissenhaft vorbereitet sein wollte. Denn das Absetzen eines sowjetischen Stücks stellte zu dieser Zeit ein Politikum dar. Als ihm dann noch die Kluin (sprich: Tamara) eröffnete, über die Weihnachtsfeiertage müssten 30 Seiten Russisch übersetzt werden, sonst gäbe es die Teilnahmebestätigung für den Russisch-Kurs nicht, drehte Wolfgang durch. Alles schien ihm über den Kopf zu wachsen. Es sei eine Schikane, über die Weihnachtsfeiertage eine solche Aufgabe aufzugeben, schrie er. „Wer mich sprechen will, findet mich in Alt-Jena“, brüllte er und verließ den Raum.
Nach Wolfgangs Auftritt, der die Russisch-Tante mächtig erbost hatte, kam Wachsmuth ins „Alt-Jena“, setzte sich an Wolfgangs Tisch und sagte: „Saufen ist keine Lösung.“
„Ich werde die Scheiße nicht mitmachen, und wenn ich geext werde“, sagte Wolfgang.
Wachsmuth versuchte, ihn zu beruhigen. Er habe da zwei Slawistinnen an der Hand, die ihnen die 30 Seiten bis nach den Weihnachtsfeiertagen übersetzen würden, sagte er.
„Meinst du, die machen das für uns?“
„Auf jeden Fall“, sagte Wachsmuth. „Von Tamara lassen wir uns doch das Leben nicht vermiesen“, und er bestellte zwei doppelte Wodka.
In der Fachschaftsversammlung des Germanistischen Instituts waren die organisatorischen Fragen, die das Frühjahrssemester betrafen, schnell geklärt und so nahm sich Hetzel als FDJ-Hochschulsekretär das Recht heraus, eine Stunde lang über das Thema „Klassenstolz und Nationalbewusstsein“ zu referieren.
„Junge Leute sprechen nicht gerne über ihre Gefühle“, konstatierte Hetzel. „Aber als wir kürzlich mit der Studentenbühne in Berlin waren, kamen zwei unserer Leute mit Westberlinern ins Gespräch, und am nächsten Tag sprachen sie darüber. Einer sagte, so aktiv und parteilich habe er sich selbst noch nie im Gewi-Seminar erlebt“, Hetzel frohlockte. „Bei solchen Anlässen merkt man eben doch, dass wir uns alle schon als Bürger der DDR fühlen und nicht auf die verlogene Losung ‚Wir sind doch alle Deutsche‘ hereinfallen.“
Das Stichwort „Studentenbühne“ war gefallen, und am Ende seiner äußerst zähen Ausführungen, die niemanden vom Hocker gerissen hatten, erteilte Hetzel Wolfgang das Wort.
Da alle sehnsüchtig darauf warteten, dass bald Schluss war, sagte Wolfgang: Obwohl die Geschichte, die sich mit dem Stück „Der weite Weg“ verbinde, eine endlose sei, wolle er sich kurzfassen, und er erklärte, warum die Studentenbühne das Stück abgesetzt habe.
„Ende November, die erste Durchlaufprobe des ersten Aktes war bereits erfolgt, erfuhren wir, dass wir nicht mehr für die Arbeiterfestspiele nominiert sind“, berichtete er. „Daraufhin setzten wir das Stück ab, obwohl wir schon viel Arbeit in dieses Vorhaben investiert hatten.“ Dass die Stimmung nicht rosig sei und der letzte Optimist sich pessimistisch zu färben beginne, ließe sich wohl denken. Aber vom Auseinanderfallen der Studentenbühne könne nicht gesprochen werden, erklärte Wolfgang.
„Wie nun weiter in dieser misslichen Lage, in die wir unverschuldet gekommen sind?“, Wolfgang versuchte, eine Antwort zu geben: „Im Moment sind wir dabei, ein brauchbares Konzept für unsere künftige Arbeit zu finden. Schade ist, dass die Aufführungen, die auf dem internationalen Studentenbühnentreffen in Zagreb 1966 gezeigt wurden, für uns kein Maßstab sein können.“
Die Studentenbühnen der westlichen Länder würden sich auf die Darstellung sexuell gehemmter Menschen versteifen und ergingen sich in Schilderungen pathologischer Fälle, zitierte Wolfgang aus dem Bericht einer Hallenser Beobachtungskommission. „Die Studentenbühnen versuchten, den primitiven, erotischen Bedürfnissen des Publikums gerecht zu werden, und die Würzburger Studentenbühne ging sogar so weit, auf der Bühne eine vollkommene Striptease-Show aufzuführen, um sich finanziell zu sanieren, wie die Vertreter nach dem skandalösen Abbruch der Veranstaltung bekannt gaben.“
„Aber das, was sich gegenwärtig als Trend abzeichnet, entspricht nicht unseren Intentionen“, fuhr Wolfgang fort, ohne dass er verriet, wie der Spielplan aussehen sollte, der ihm bereits vorschwebte. Die zornigen jungen Männer, die in England für Aufsehen sorgten, wollte Wolfgang auf die Bühne bringen, und er dachte dabei an John Osbornes „Blick zurück im Zorn“.
Wenn er auch noch nicht wisse, welches Stück als Nächstes aufgeführt werde, so wisse er mit Bestimmtheit, dass Ende des Monats das Programm „Oktoberlyrik“ im Studentenkeller Premiere habe, schloss Wolfgang. „Das zeigt doch, wie irrig es ist, uns nach dem Absetzen des Stücks ‚Der weite Weg‘ antisowjetische Tendenzen unterstellen zu wollen.“
Nach der Rede, die Wolfgang vor der Fachschaft gehalten hatte, machte ihn Wachsmuth mit den zwei Studentinnen bekannt, die ihnen die 30 Seiten Russisch übersetzt hatten. Schon während des Vorstellens verknallte sich Wolfgang in die füllige Slawistin mit den prallen Lippen. Sie hieß Judith.
Wolfgang sagte, dass er sich fürs Übersetzen revanchieren wolle. Er wolle einen ausgeben, sagte er, und Wachsmuth, Wolfgang, Judith und ihre unscheinbarere Freundin wechselten vom Hörsaal 13 in die „Sonne“, das erste Haus am Platz.
Sie machten mächtig einen drauf und ließen sich die grünen und blauen Cocktails schmecken, die Wolfgang spendierte.
Judith sagte, dass sie für Jewtuschenko schwärme, und Wolfgang drehte sich ihr zu. An der Bar der „Sonne“ sitzend, rezitierte er: „Du flüsterst, so blass, schwach, schwer. Und was nachher?“
Gegen Mitternacht brachen sie auf, und Wolfgang brachte Judith nach Hause. Das Mädchenwohnheim lag am Rande der Stadt und beim Abschiednehmen küssten sie sich. Wolfgang schob Judith seine Hand unter den mit Seide gefütterten dicken Wollrock und spürte die weiche Innenfläche ihrer Schenkel. Judith konnte herrlich küssen. Ihr Mund saugte sich fest und ließ ihn nicht wieder los. Es machte ihm nichts aus, dass er die letzte Straßenbahn verpasste und nun einen zweieinhalbstündigen Nachhauseweg vor sich hatte, und er hatte auch keine Angst, an dem langen Bretterzaun vorbei gehen zu müssen, hinter dem in tiefster Dunkelheit eine Russenkaserne lag.
„Oktoberlyrik“ war das Programm überschrieben, das bald darauf im Studentenkeller Premiere hatte. Edda hatte es zusammengestellt. Obwohl der Titel einen hausbackenen Eindruck machte, steckte es voller unterschwelliger Botschaften, die pur nicht hätten ausgesprochen werden können, und es hatte nichts mit politisch-plakativen Gedichten zu tun, wie sich das der FDJ-Hochschulsekretär Hetzel vorgestellt hatte.
Da Edda wusste, dass sowjetische Lyrik die Leute nicht von den Sitzen riss, hatte sie einige provokante Gedichte von Jewgeni Jewtuschenko ausgewählt, die eine Art Chiffre waren und erlaubten, auszusprechen, was in der DDR unter der Decke schwelte. So wurden Bonzen gegeißelt und Apparatschiks karikiert.
Biene, Wolfgang und Mike, die schon beim Heine-Abend erfolgreich zusammengearbeitet hatten, waren jedenfalls froh, dass es den Russen Jewtuschenko gab. Seine Gedichte erlaubten es ihnen, öffentlich zu lesen, was sie fühlten und dachten, ohne sich selbst ins Schussfeld SED-treuer Assistenten oder Dozenten zu bringen. In einer Zeit des Aufbegehrens und des Zorns gegen den politischen Dogmatismus benutzten sie die Gedichte für ihre eigenen Zwecke, und die Verse Jewtuschenkos waren Wolfgang wie auf den Leib geschrieben.
Wolfgang trug Schlaghosen, hatte die Beatles im Ohr und rebellierte gegen die Väter-Welt. Er versuchte, Jewtuschenkos Draufgängertum an den Tag zu legen, und gefiel sich in der Rolle des zornigen jungen Mannes. Es machte ihm Spaß, die Gedichte Jewtuschenkos wirkungsvoll an den Mann zu bringen, in denen persönlichste Gefühle wie Enttäuschung, Einsamkeit und Depression zum Ausdruck kamen und so verstand es sich von selbst, dass er während des Rezitierens den Blick auf Judith gerichtet hatte, die in der ersten Reihe vor dem kleinen, flachen Bühnenpodest saß. „Es findet stets sich eine Frauenhand, / damit sie kühl und leicht und unverwandt, / aus Mitleid mehr als auf der Liebe Wink, / wie einen Bruder dich zur Ruhe bring“, rezitierte Wolfgang und sah dabei Judith in die großen, braunen Augen.
Mike Mutzke sprach die Verse von Andrei Andrejewitsch Wosnessenski, einem kleinen Russen, der in Amerika mit Allen Ginsburg in einem Stadion aufgetreten war und mit seinen Amerika-Gedichten den Wortführer der Beatgeneration an die Wand gespielt hatte.
Am Ende der Veranstaltung ließ Biene einen Hut herumgehen. Die eine Hälfte der Einnahmen kam in die Kasse der Studentenbühne, die andere Hälfte wurde, wie es Sitte war, versoffen.
Nach Veranstaltungsschluss saßen Wolfgang und Mike noch lange auf den unbequemen, kleinen Holzhockern in einer der Kellernischen und klönten. Ab und an griffen sie nach den großen Bierhumpen, die sie neben sich auf dem flachen Bühnenpodest abgestellt hatten.
„Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Programm einen solchen Zuspruch finden würde“, sagte Wolfgang. Mike meinte: „Nach dem Erfolg heute Abend könnten wir doch mal einen Lyrikabend mit eigenen Gedichten machen.“ Bis März sei Zeit genug, sagte er. Gedichte seien genug da, man müsste sie nur geschickt zusammenstellen.
Wolfgang ließ sich auf Mikes Vorschlag ohne großes Nachdenken ein, denn er merkte, dass Judith gehen wollte.
„Abgemacht“, sagte Mike.
„Abgemacht“, sagte Wolfgang, der es äußerst eilig hatte, Judith zu folgen.
Auf der Straße, sie waren auf dem Weg zur Straßenbahn, sagte Judith: „Du warst großartig.“
„Ich bin immer großartig.“ Wolfgang glaubte, dass er Judith an diesem Abend rumkriegen könnte.
Nachdem er Judith vor der Tür des Mädchenwohnheimes lange genug geküsst, ihr ungeniert unter den Rock gegriffen und sie nach allen Regeln der Kunst befummelt hatte, nahm er an, dass sie ihn mit nach oben in ihr Zimmer nehmen würde. Aber Judith löste sich aus seiner Umarmung und stieß ihn weg. Sie habe einen festen Freund, eröffnete sie ihm. Er sei Ingenieur und älter als sie.
Wolfgang ließ von Judith ab. Wieder einmal hatte er das Gefühl, jämmerlich versagt zu haben.
In der Folgezeit entstanden eine Reihe von Weltschmerzgedichten über unglückliche Lieben, die Wolfgang an jenem Lyrikabend vortrug, zu dem Mike ihn überredet hatte.
Eine Stunde lang trugen Wolfgang und Mike ihre Gedichte im überfüllten Studentenkeller vor, und Wolfgangs Gedichte waren allesamt Liebeserklärungen, zu denen er im wirklichen Leben nicht fähig war. Dass Edda und Judith an diesem Abend nicht in den Studentenkeller gekommen waren, enttäuschte ihn maßlos.
Waren nicht fast alle Gedichte ihnen gewidmet?
„Obwohl dieser Abend ein Erfolg war, werde ich keine Gedichte mehr schreiben“, sagte Wolfgang zu Mike. „Und die Weiber können mir gestohlen bleiben.“
Mike sah ihn entgeistert an. Für ihn, der selbst feinfühlige Verse schrieb, war Wolfgang ein begnadeter Lyriker: „Doch nicht, weil ein FDJnik wie Hetzel meint, in einer Gesellschaft, die alle Grundlagen für die Entfremdung des Menschen überwunden habe, sei kein Platz für die Literatur der Einsamkeit?“
„Es hat mit Hetzel, diesem Blödling, der keine Ahnung von Literatur hat, nichts zu tun“, sagte Wolfgang. „Ich habe einfach das Gefühl, mein großes Ziel, Theaterdichter zu werden, aus den Augen verloren zu haben“ In Zukunft werde er sich nur noch aufs Studium und aufs Stückeschreiben konzentrieren, kündigte er an. „Das Bearbeiten und Inszenieren von Stücken, die uns aufoktroyiert werden, führt zu nichts!“ Er habe sich entschlossen, selbst ein Stück zu schreiben. Im vierten Studienjahr komme man nicht mehr zum Theaterspielen, deshalb sei das dritte Studienjahr am geeignetsten, einen solchen Plan umzusetzen. Mit der Uraufführung des Stücks wolle er sich einen würdigen Abgang aus Jena verschaffen und sich als Dramatiker einen Namen machen.
Mike hörte erstaunt zu, als Wolfgang das erste Mal laut über sein Stück nachdachte: „Ich denke, dass ich den Entwurf im Oktober fertig habe und im April 1968 die Uraufführung sein könnte.“
„Und wenn du es bis Oktober nicht schaffst?“
„Auch nicht schlimm.“ Von Schwedt her wisse er, wie es gehe, wenn ein Stück noch während der Proben fertig geschrieben werde. Das Stück heiße „Der Gast oder Der Versuch zu leben“, verriet Wolfgang. „Es ist ein Fünf-Personen-Stück, und ich werde Autor, Regisseur und Hauptdarsteller sein. Die anderen Rollen werden Doris, Biene, Edda und Wachsmuth spielen.“ Und damit er das nötige Handwerkszeug habe, werde er das Dramenseminar bei Frau Professor Doktor Wertheim belegen.
„Ich denke, du stehst auf Osborne, Araball und den jungen Brecht?“
„Das mag sein, dass ich Osborne verehre, weil ich gerne ein solch zorniger junger Mann wäre wie er, und dass ich nicht genug von Brechts ‚Baal‘ kriegen kann, stimmt auch“, sagte Wolfgang. „Und für Fernando Araball begeistere ich mich so, weil ich mal einen Filmbericht über ihn gesehen habe. Er saß in einer Badewanne und vor ihm, auf einem Brett, stand eine Schreibmaschine, auf die er mit zwei Fingern eindrosch. Während er, an seinem Stück schreibend, in der Wanne saß, sprangen zwei schöne Weiber um ihn herum und gossen warmes Wasser nach. Und wenn ihm nicht gefiel, was er geschrieben hatte, zog er das Blatt aus der Maschine, zerknüllte es zu einer Papierkugel und fraß sie auf.“
„Im Seminar ‚Klassisches Drama‘ wird das nicht gefragt sein“, stellte Mike belustigt fest.
„Aber das schließt doch nicht aus, dass man sich fit machen kann fürs Stückeschreiben. Von Schiller, glaube ich jedenfalls, kann man eine Menge lernen.“
„Das mag sein“, sagte Mike. „Und du willst wirklich keine Gedichte mehr schreiben?“
„Nein“, sagte Wolfgang. „Und von den Weibern habe ich auch die Schnauze gestrichen voll.“
Zweiter Teil (1967 bis 1969)
6. Kapitel
Schon eine Woche später hatte Wolfgang vergessen, was er Mike über das Gedichteschreiben und die Frauen gesagt hatte. Da nämlich begegnete er Heidi zum ersten Mal.
Er saß im Arbeitsraum des Germanistischen Instituts, und Heidi, die sich auf ein Hölderlin-Seminar vorbereitete, sah sinnend vor sich hin. Sie schien so in Gedanken zu sein, dass sie gar nicht mitbekam, wie lange Wolfgang sie durchdringend musterte.
Heidi hatte große, hellblaue Augen, und was er von ihrer Brust unter ihrem langärmligen rosa Strickpullover sehen konnte, gefiel ihm sehr.
Als sie aufstand und ihre Bücher in die Bibliothek zurückbrachte, sah er sie von hinten. Er sah ihre auffallend breiten Hüften und wie gebannt starrte er auf ihren Hintern. Als sie zurückkam, auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz war, sah er ihre breiten Schenkel, die sich unter ihrem schwarzen Rock abzeichneten. Was für eine Frau, dachte er, und als sie wenig später im Seminarraum nebenan verschwand, fragte Wolfgang Lieschen, die studentische Hilfskraft war, wer die Studentin mit dem schwarzen Rock und dem rosa Pullover gewesen sei.
„Meinst du Heidi?“, fragte Lieschen, die in der Studentenbühne für die Requisiten zuständig war, weil sie lispelte. „Ich meine die mit den wasserblauen Augen und dem herrlichen Hintern, wenn du es genau wissen willst“, sagte Wolfgang.
„Das ist Heidi. Heidi Stillmark. Drittes Studienjahr Englisch/Deutsch. Und sie wohnt mit mir auf einem Gang“, sagte Lieschen. „Ich bezweifle aber stark, dass du an sie rankommst. Sie ist äußerst zurückhaltend. Und weil es ziemlich umständlich sein muss, nach Arnsbach zu kommen, wo sie wohnt, fährt sie nur alle drei Wochen nach Hause. Hab ich jedenfalls gehört.“
Auf der nächsten Heimfahrt, es war an einem Freitagnachmittag, wollte es der Zufall, dass Wolfgang, Heidi und der dicke Höhn im selben Abteil saßen. Und da der Zug zwischen Jena und Erfurt an diesem Tag dreieinhalb Stunden brauchte, weil es kurz vor Weimar einen Schienenbruch gegeben hatte, war genügend Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Rudi Höhn, der aus Meiningen stammte, kannte Heidi von den ungezählten Heimfahrten vorher.
„Das ist Heidi“, sagte er. „Sie kommt aus dem Wald wie ich.“
„Was unschwer an dem rollenden R zu erkennen ist“, fügte Heidi hinzu.
„Bis nach Zella-Mehlis fahren wir zusammen“, sagte Rudi. „Dann heißt es für Heidi umsteigen.“
Heidi erzählte, dass sie von Zella-Mehlis aus noch gute anderthalb Stunden brauche, bis sie zu Hause sei. Zuerst gehe es auf einer einspurigen Nebenstrecke bis zur ersten Haltstelle in Birkenhall, und von da aus müsse sie zu Fuß drei Kilometer zurücklegen, bevor sie in Arnsbach sei, einem kleinen Dorf, das in einem schmalen Seitental des Thüringer Waldes liege.
Nachdem Wolfgang erfahren hatte, wo Heidi zu Hause war, riss der dicke Höhn das Wort wieder an sich und machte Heidi mit Wolfgang bekannt.
„Das ist Wolfgang Bruckner“, sagte er und wies mit einer großen Geste auf Wolfgang. „Seine Gedichte, die er schreibt, sind nicht zu verachten.
Theater spielt er auch, und er trägt sich sogar mit dem Gedanken, ein Stück zu schreiben.“
„Ein Dichter also“, sagte Heidi etwas ironisch, und Wolfgang erwiderte:
„Rudi trägt immer mächtig dick auf.“
„Nur nicht das Licht unter den Scheffel stellen“, sagte Rudi. Dann verließ er das Abteil, um auf dem Gang eine Zigarette zu rauchen.
Heidi vertiefte sich wieder in ihre Tucholsky-Lektüre, die sie kurzzeitig unterbrochen hatte.
Wolfgang hingegen, der Heidi genau gegenüber saß, schwieg und starrte wie hypnotisiert auf Heidis Beine und ihre geschlossenen Knie. Er hatte das Gefühl, dass es mit den Frauen und dem Gedichteschreiben auf keinen Fall vorbei war. Es schien ihm, als stehe er vor einem folgenschweren Neubeginn.
Als Rudi nach seiner Raucherpause wieder ins Abteil kam, verwickelte er Wolfgang sofort in ein Gespräch über den Germanistenball.
„Für das beschissene Programm bin ich nicht verantwortlich“, sagte Wolfgang. In einer Szene, die im Olymp spiele, müsse er mit einem Nachthemd auf der Bühne herumspringen und, warum auch immer, „Konfetti, Konfetti“ schreien. Mehr als peinlich sei das.
„Lassen wir uns überraschen“, sagte Höhn, und Heidi, die von ihrem Buch aufsah, meinte: „Ganz so schlimm wird es schon nicht werden.“
Bevor Wolfgang sich mit einem saloppen „Tschüss“ von Rudi und Heidi verabschiedete und den Zug in Erfurt verließ, drückte er Heidi eine Einladung für den Germanistenball in die Hand, auf der in verschnörkelt-alter Schrift geschrieben stand:
„Wird ein großer Spannungsbogen
straflos von ihm zu ihr gezogen,
so stimmt das nur in einem Fall:
Bezugsfeld Germanistenball.“
Für Wolfgang wäre der Germanistenball stinklangweilig gewesen, hätte es da nicht Heidi gegeben, die er sofort mit an die Bar zerrte und in ein Gespräch über die „lost generation“ und Hemingway zu verwickeln versuchte.
Aber Heidi war kein Hemingway-Fan. Vielmehr hatte sie sich für das Kontrastprogramm zur „lost generation“ entschieden. Sie schreibe ihre Staatsexamensarbeit über Max Walter Schulz und dessen Buch „Wir sind nicht Staub im Wind“, sagte sie. Der Untertitel laute: „Roman einer unverlorenen Generation.“
Wolfgang war baff. Eine Anglistin, die über DDR-Gegenwartsliteratur schrieb, war ihm bisher noch nicht untergekommen. Und völlig verblüfft war er, als Heidi ihm erklärte, dass sie sich besonders für Mittelhochdeutsch interessiere, weil das ihrem Dialekt am nächsten käme.
Irgendwie fällt sie total aus dem Rahmen, dachte Wolfgang, und fand Heidi ungemein anziehend.
Sie hatte ein grünes Samtkleid an, das tief ausgeschnitten war und ihre weiblichen Formen betonte. Von ihren Beinen bekam Wolfgang nur etwas mehr zu sehen, wenn Heidi bei „Baby, Baby, balla, balla“ in die Hocke ging und dabei ihre Knie heftig nach rechts und links schwang. Es schien ihr zu gefallen, wie Wolfgang sie beim Rock and Roll auf der Tanzfläche umherschleuderte.
Als sie wieder auf ihren Barhockern saßen, achtete sie peinlichst genau darauf, dass ihr Kleid nicht zu weit übers Knie rutschte, wenn sie sich Wolfgang beim Cocktailtrinken etwas zudrehte. Vielleicht war es ihrer prüden Erziehung geschuldet, dass sie mit ihren Reizen so geizte, dachte Wolfgang. Sie schien sich sogar für ihren etwas zu breit geratenen Hintern zu schämen.
Vom ersten Augenblick an wusste Wolfgang: die oder keine. Das Gute am Germanistenball, auf dem es unheimlich laut zuging, war, dass man die Köpfe ganz dicht zusammenstecken musste, wenn man verstehen wollte, was der andere sagte.
„Im Dorf kennt jeder jeden, und die Leute sind äußerst nachtragend“, sagte Heidi. So werfe man ihr Hochnäsigkeit vor, weil sie sich mit den Jungen, die mit ihr in die Schule gegangen seien, nicht abgegeben habe. Und seit sie einem Burschen, der mit ihr Kirmes machen wollte, einen Korb gegeben habe, halte man sie für eine arrogante Ziege.
Auf ihn wirke Heidi äußerst zurückhaltend und bescheiden, sagte Wolfgang. Er hätte nicht vermutet, dass sie in ihrem Heimatdorf als hochnäsig und arrogant galt. „In der Stadt ist das anders“, fuhr er fort. „Da schert sich keiner um den anderen.“
„Die Typen auf dem Dorf sind meistens äußerst langweilig“, sagte Heidi. „Da brauche ich ja nicht zu befürchten, dass du schon vergeben bist.“
„Wär‘ das schlimm?“
„Ich tue mich schwer mit Frauen, die schon in festen Händen sind.“
„Warum?“
„Aus falscher Rücksicht? Aus einer gewissen Angst heraus?“
„So ängstlich siehst du nicht aus.“
„Man kann sich auch täuschen“, Wolfgang trank einen Schluck. „Du glaubst gar nicht, was für eine Angst ich vor Hunden habe.“
„Diese Angst kenne ich beileibe nicht“, auch Heidi griff zum Glas. „Mein Vater ist Hundezüchter. Im Moment hat er sieben Dackel.“
„Das kann ja heiter werden“, sagte Wolfgang, „wenn ich mal bei euch aufkreuze.“
„Bis dahin“, sagte Heidi, „hat sich deine Angst vor Hunden sicherlich gelegt.“
Sie hatten den ganzen Abend über miteinander geredet, getanzt und getrunken, trotzdem kam Wolfgang nicht so richtig an sie ran. Heidi schien eine uneinnehmbare Festung zu sein. Obwohl sie sich beim Unterhalten und Cocktailtrinken an der Bar ein gutes Stück näher gekommen waren, fiel das Abschiednehmen vor der Tür des Mädchenwohnheimes dürftig aus. Mehr als einen Abschiedskuss gab es nicht, und auf Wolfgangs Frage, wann er sie wiedersehen könne, antworte sie vage. Sie hätte viel zu tun. In acht Wochen gelte es, fünf Prüfungen zu bestehen, drei davon seien wichtig fürs Staatsexamen im nächsten Jahr.
Sie machte ihm wenig Hoffnung, dass sie sich in nächster Zeit öfter mal treffen könnten. „Ab dem dritten Studienjahr ist das Studium kein Zuckerschlecken“, sie entzog sich Wolfgangs Umarmung, als er sie zum Schluss noch einmal wild abknutschen wollte.
Obwohl Heidi sich auch in den folgenden Wochen ungemein spröde zeigte, unternahm Wolfgang alles, um an sie heranzukommen. Bei Seifert, den er gut kannte und der in Heidis Seminargruppe ging, erkundigte er sich, wann sie wo Seminare oder Vorlesungen habe, und lief ihr dann wie zufällig über den Weg. Aber zu langen Gesprächen oder gar Besuchen im Mädchenwohnheim kam es nicht. Wenn sie sich am Rande einer Vorlesung trafen, gingen sie auf einen Sprung in die Kaffeestube oder in die nahegelegene Milchbar.
Es waren flüchtige, kurze Begegnungen, an denen sie beide ihren Spaß hatten. Sie freuten sich, wenn sie sich sahen. Doch weil Heidi stark auf das Schreiben ihrer Staatsexamensarbeit und die entscheidenden Abschlussprüfungen fokussiert war, lehnte sie jegliches Schwofen im Studentenkeller ab. „Ich bin doch nicht zum Saufen nach Jena gekommen“, erklärte sie Wolfgang kategorisch, als er nicht verstehen konnte, dass sie keine Zeit für ihn und ausschweifende Abende im Studentenkeller fand.
Trotzdem schien Heidis Haltung auf Wolfgang abzufärben. Er stürzte sich in sein Studium, wie man es bisher von ihm nicht gekannt hatte.
Sein Zimmer sah aus wie eine Räuberhöhle. Auf seinem Schreibtisch türmten sich Textbücher, Fachliteratur über „Deutsche Klassik“ und eigene Texte. Das Referat über Schillers „Fiesko“ nahm er sehr ernst, und er wälzte viel Sekundärliteratur. Wenn er nicht gerade die Dramen Schillers beackerte, schrieb er an seinem Stück „Der Gast oder Der Versuch zu leben“.
Es sollte autobiografische Züge tragen und die drei Frauenrollen schrieb er Biene, Doris und Edda auf den Leib. Auch schien es, als sei das Stück eine Art Therapie, um die Auseinandersetzungen mit seinem Vater, sein bisheriges Versagen und seine unglückliche Liebe zu Edda bewältigen zu können.
Die Veränderungen, die in Wolfgang vor sich gingen, waren offensichtlich. Er machte kein Hehl mehr daraus, dass er eine Vorliebe für vollbusige Frauen mit breiten Hüften hatte. Er schwärmte für Renoirs „Diana, die Jägerin“. Da von ihr keine billige Kopie zu bekommen war, begnügte er sich mit der „Badenden“ von Auguste Renoir und hängte sich das Bild direkt über sein Bett. Seine Vermieterin konnte ruhig sehen, auf welchen Typ Frau er stand.
An einem Abend, als Heidi untröstlich war, weil sie in Psychologie nur eine Drei bekommen hatte, sagte Wolfgang, der sie im Wohnheim besuchte: „Lass uns einen Spaziergang durch die Gärten unten am Hang machen.“
Sie gingen durch üppig blühende Gärten, die schwer nach Flieder dufteten, und Wolfgang überraschte Heidi mit einem Gedicht. Es hieß „Bleibe“ und war ihr gewidmet. Sie war verlegen und glücklich zugleich, als sie las: „Der Dornenstrauch in mir hat eine Knospe, / die keinen Frühling braucht, um aufzublühen. / Nur eines, eigentlich nur dieses: dich. / Und einen Preis hat dieses Blühen: BLEIBE.“
Sie umarmte ihn, und er spürte, wie erregt sie war.
„Und ich“, sagte sie, „möchte alt werden mit dir.“
Dass sie vom Altwerden sprach, obwohl sie erst 21 Jahre alt war, verwunderte Wolfgang, und er dachte: Sie ist eben eine ungewöhnliche Frau. Schwer zu durchschauen.
Ihre Beziehung wurde immer fester und so war es kein Wunder, dass Heidi ihn zu einer Feier im kleinen Kreis einlud, auf der die bestandenen Examensprüfungen begossen werden sollten.
Als Wolfgang das Gartenlokal im Seidelpark betrat, brauchte ihm niemand zu sagen, wo Heidi, Beate und Anne saßen. Er hörte sie schon von weitem lautstark schnattern, und als er vor dem rustikalen Sechser-Tisch stand, sagte Heidi: „Da bist du ja endlich.“
Bernd, der mit Beate liiert war, sagte: „Somit wäre unsere Männerrunde komplett.“ Und Jochen, ein Sportstudent, sagte: „Ich gehöre zu Anne.“
„Alles klar“, sagte Wolfgang und setzte sich zu Heidi, die schon mächtig in Stimmung war. „Jetzt sind wir dem Staatsexamen schon ein ganzes Stück näher gekommen“, sagte sie. „Drei von fünf Prüfungen haben wir schon geschafft.“
„Mit Bravour geschafft“, ergänzte Beate, die sich vor jeder Prüfung vor Aufregung erbrechen musste.
Obwohl an diesem Abend viel getrunken wurde, musste keiner kotzen.
Und als man gegen Mitternacht aufbrach, hatte jeder von ihnen zwölf Rhöntropfen, etliche Biere und eine halbe Flasche Gamza-Rotwein intus.
Heidi hatte mehr getrunken als sonst, sie war ausgelassener als sonst, und sie war nicht so zugeknöpft wie sonst. Vor der Tür des Gartenlokals schien Heidi zu spüren, wie warm die Nacht war. Der Vollmond stand hell am Himmel, und sie sagte übermütig: „Wir sollten im Schleichersee baden gehen.“
„Jetzt?“
„Jetzt“, sagte Heidi.
Sie stürzten sich nackt in den Schleichersee, bis der ABV mit seinem großen Schäferhund am Strand erschien und das Badevergnügen bei Nacht unterband. Wahrscheinlich hatte ihn jemand, der neidisch auf die ausgelassenen Nacktbader war, informiert. Der Vollmond schien durch die majestätisch großen Bäume. „Kommt raus!“, rief er. „Es ist streng verboten, hier zu baden!“
Wolfgang hatte Angst vor dem Schäferhund und nur zögernd folgte er Heidi, die, im flachen Wasser angekommen, mutig auf das Ufer zuschritt. Der ABV hatte nur Augen für Heidi, Beate und Anne. Zu Wolfgang, Bernd und Jochen sagte er süffisant: „Dann noch viel Spaß.“ Und drohend fügte er hinzu: „Und verhaltet euch ruhig auf dem Heimweg. Sonst gibt’s Ärger!“
Heidi, die sich mit ihrem Unterrock und ihrem Schlüpfer notdürftig abgetrocknet hatte, war völlig nackt unter ihrem dünnen Sommerkleid, als sie durchs nächtliche Jena liefen, und Wolfgang konnte sehen, wie das Kleid auf ihren nassen Hüften klebte.
Als sie Richtung Stadt auf den Paradiesbahnhof zuliefen, sagte Wolfgang: „Ich muss jetzt links weg.“
„Ich auch“, sagte Heidi zur Überraschung aller. „Ich will doch endlich sehen, wo Wolfgang haust.“
Im Dunkeln betraten sie Wolfgangs Kellerwohnung und Heidi sagte:
„Licht brauchen wir nicht zu machen. Der Mond ist hell genug.“
„Aber zur Orientierung ist es vielleicht nicht schlecht, wenn ich mal kurz das Licht anmache“, sagte Wolfgang.
„Orientierung kann nicht schaden“, Heidi klang ziemlich beschwipst.
„Orientierung ist immer gut.“
Als sie „Die Badende“ über Wolfgangs Bett sah, sagte sie: „Da bin ich ja in bester Gesellschaft“ und fing an, sich auszuziehen. Als sie nackt in der Stube stand und ihr Kleid über den Stuhl vorm Schreibtisch legte, musste Wolfgang, der in der Tür zur Küche stand, daran denken, wie er die dicke Frau Fendrich nackt unter der Dusche gesehen hatte.
Er löschte das Licht, zog sich aus und legte sich zu Heidi auf das weiche Federbett. Später sagte Heidi, die entspannt und erschöpft neben ihm lag: „Sind wir nicht geschaffen füreinander?“
„Ich denke schon.“ Wolfgang war mit seinen Gedanken bereits beim ersten gemeinsamen Ostsee-Urlaub. Drei Wochen zusammen in einem Zelt, dachte er. Was Schöneres kann es doch gar nicht geben.
7. Kapitel
Wenige Tage vor dem gemeinsamen Ostseeurlaub rief Heidi an. Sie könne nicht mit zum Zelten fahren, ihre Mutter liege mit einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus und müsse operiert werden. „In dieser Zeit muss ich mich um den Haushalt kümmern“, sagte Heidi. Ihr Vater und ihr Großvater müssten von ihr bekocht werden. Wenn Wolfgang sich entschließen könnte, nach Arnsbach zu kommen, wäre sie sehr froh, meinte Heidi.
Einen Tag vor Heidis Geburtstag fuhr Wolfgang mit dem 14-Uhr-30-Zug von Erfurt in Richtung Meiningen und stieg nach einer Stunde Bahnfahrt in Zella-Mehlis um. Dann ging es mit einer Dampflokomotive auf einer einspurigen Nebenstrecke bis zur ersten Haltestelle in Birkenhall, und von da aus musste Wolfgang drei Kilometer zu Fuß zurücklegen, bis er das Stillmarksche Haus am Rande von Arnsbach erreicht hatte.
Nichtsahnend trat er durch das Hoftor, das sperrangelweit offen stand. Kaum hatte er den Hof betreten, rannten ihm drei kläffende Dackel entgegen. Angst durchzuckte ihn. Er stand wie angewurzelt und hielt den Atem an, als einer der Dackel an ihm hochzuspringen versuchte.
In diesem Moment ertönte ein Pfiff. Ein Mann um die vierzig kam um die Hausecke herum. Die Dackel rannten zu ihm „Hunde, die bellen, beißen nicht“, sagte er und lachte, als er sah, wie vorsichtig Wolfgang auf ihn und die Hunde zukam.
August Stillmark hatte ein rundes Gesicht und auffallend große, wasserblaue Augen. Seine Kinnpartie schimmerte rosig und glatt wie bei einem Kind. Seine dunkelblonden Haare lagen streng gescheitelt altmodisch nach hinten gekämmt. Er war mittelgroß und etwas übergewichtig.
„Du also bist Heidis neuer Freund“, sagte er. Anscheinend hatte er keine Ahnung, dass seine Tochter wild entschlossen war, diesen schlaksigen Kerl mit dem blässlichen Vogelgesicht und den schulterlangen Haaren zu heiraten.
Heidi kam aus dem Haus, fiel Wolfgang um den Hals, und schien sich riesig zu freuen, dass er gekommen war. Sie nahm ihm den Campingbeutel ab und sagte: „Komm rein!“
Sie führte ihn in eine kleine Kammer, in der nur ein Bett, ein Schrank, ein kleiner Tisch und ein alter Holzstuhl standen. Es war die frühere Wurstkammer, und Heidi meinte, als sie Wolfgangs missmutigen Blick sah: „Für ein paar Tage geht es schon mal. Und viel wirst du sowieso nicht in diesem Zimmer sein.“
Wenig später rief Heidi durchs Haus: „Opa, wir kommen kurz mal hoch zu dir“. Ihr Großvater saß in einem bequemen Sessel seitlich vorm Fenster. Um sich besser unterhalten zu können, wechselte der alte Mann vom Sessel auf das schmale, kurze Sofa. Am Küchentisch sitzend, hatte er nun Heidi und Wolfgang besser im Blick, die ihm gegenüber auf den alten, weiß gestrichenen Stühlen Platz nahmen.
Louis Stillmark war 80 Jahre alt und sah aus, wie man sich einen Großvater vorstellt, der weißhaarig und weise und immer milde gestimmt seiner geliebten Enkelin Geschichten von früher erzählt.
„Ich kann kaum glauben, dass es, auf den Tag genau, 22 Jahre her sind, dass Karoline und ich deine Mutter, die hoch schwanger war, ins Krankenhaus nach Birkenhall gebracht haben“, sagte er. „Als deine Mutter die ersten Wehen bekam, zogen wir uns in aller Eile an und brachten sie zu Fuß ins Krankenhaus. Denn im Dorf gab es keine Hebamme, nicht mal eine Gemeindeschwester. Und ein Auto war weit und breit nicht verfügbar“, erinnerte er sich. „Wir schlichen also los, hinterm Haus ins Feld, am Waldrand entlang und am Mühlenteich vorbei, wo die Russen ein Zelt stehen hatten. Es war zwar gefährlich. Aber es war der kürzeste Weg, den wir kannten. Unterwegs sprachen wir kaum ein Wort und schafften es in einer guten halben Stunde bis zum Krankenhaus. Mit einer kleinen Tasche gaben wir Lisbeth beim Pförtner ab und eilten, so schnell wir konnten, teils im Dauerlauf, teils schleichender Weise, um nicht aufzufallen, nach Hause. Am nächsten Tag dann wurdest du im Birkenhaller Krankenhaus geboren.“
„Und morgen feiere ich meinen 22. Geburtstag auf der Schneidmühle“, meinte Heidi. Das sei mit Lisa, ihrer Patentante, so abgemacht.
Nach dem Abendbrot sagte Heidi, dass sie sich jetzt ums Mittagessen für morgen kümmern müsse und Wolfgang, der ihr beim Kochen nicht unnütz im Weg herumstehen wollte, wechselte von der Küche in die Wohnstube. Er sah sofort, dass hier ein Musiker und Hundenarr zu Hause sein musste. An der linken Wand, von der Tür aus gesehen, stand ein aufgeklapptes Klavier, und auf dem Wohnzimmerschrank gleich rechts lag, zwischen einem wuchernden Asparagus-Stock und einem Rauhaardackel aus weißglasiertem Porzellan, eine löwenzahngelbe Trompete.
Heidis Vater saß auf dem Sofa. Auf dem Wohnzimmertisch vor ihm türmten sich Ausstellungskataloge und Zuchtbücher. „Setz dich doch“, August Stillmark deutete auf einen Stuhl. „Ich will herausfinden, woher die Junghündin abstammt, die mein Schul- und Dackelfreund Hartfried gekauft hat.“
Der Stammbaum sei entscheidend für die Zucht, sagte August Stillmark zu Wolfgang, der es sich im Polsterstuhl ihm gegenüber bequem gemacht hatte. August Stillmark sprach über das Ausleseprinzip bei Teckel-Welpen und bei Wolfgang, der null Ahnung von Hunden hatte, kam der Gedanke an Herrenrasse und Euthanasie auf. Er fand es ungeheuerlich, dass Welpen mit einem Kehlstrich getötet und Teckel mit Epilepsie ausgemerzt wurden.
Als Wolfgang und August Stillmark wenig später ein Bier miteinander tranken und sich über den Tisch zuprosteten, sagte August Stillmark: „Aus Erfurt also bist du.“
„Ja“, antwortete Wolfgang.
„In Erfurt habe ich meinen ersten Dackel erfolgreich ausgestellt.“ 1941, als Zwanzigjähriger habe er zum ersten Mal an einer Ausstellung für Teckel teilgenommen, und seit gut zwanzig Jahren züchte er erfolgreich Dackel, sagte August Stillmark und fing an, seine bisher größten Erfolge aufzuzählen. Dabei betrachtete er ein Bild, das über dem Wohnzimmerschrank hing. Auf dem DIN-A4-großen Foto war „Bärbel v. d. Loibe“ zu sehen, eine rote Langhaarhündin, mit der August Stillmark bei der Hauptzuchtschau im Jahre 1955 den Siegertitel geholt hatte. „Sie lief in der Gebrauchshundeklasse Hündinnen V1“, sagte August Stillmark. Es sei eine Wucht gewesen, wie sie sich gezeigt habe.
Allerdings war die Aufnahme, an der er sich so sehr ergötzte, Tage nach der Ausstellung im Atelier des Stadtfotografen gemacht worden. „Bärbel v. d. Loibe“ stand auf einem kleinen, mit weißer Seide überzogenem Podest und schien das grelle Licht der Fotolampen zu genießen. August Stillmark beschrieb die rote Langhaarhündin, als handele es sich um eine Frau. „Sie hatte auffallend dunkle, ovale Augen, eine schön verlaufende Brustlinie, einen sehr guten Rücken und vorbildliches Haar“, schwärmte er.
Auch Heidi könne die Schönheit eines Dackels beurteilen, sagte er und erzählte voller Stolz, dass sie als Oberschülerin eine Abhandlung über Hunde geschrieben habe. „Ich habe mir diese Arbeit gut aufgehoben“, er gab seinen Sofaplatz für kurze Zeit auf und kramte im oberen Fach des Wohnzimmerschranks, dessen Aufsatz aus einem schmalen Holzteil und einem breiten Glasteil bestand.
August Stillmark wurde fündig und reichte Wolfgang Heidis Arbeit, die den Titel „Der Hund, ein treuer Freund des Menschen“ trug. Als Fünfzehnjährige hatte Heidi diese reich bebilderte Abhandlung angefertigt, und dass sie nur eine Zwei bekommen hatte, ärgerte August Stillmark noch immer. Dem Lehrer, der die Arbeit bewertet hatte, sprach er jeden Sachverstand ab. Heidi verstehe was von Hunden. Sie könne gut mit ihnen umgehen, meinte er.
Als Wolfgang den Schnellhefter aufschlug, fiel ihm eine Postkarte entgegen, die als Lesezeichen diente. Auf der Vorderseite war der Deutsche Doggenrüde „Ajax von Wieland“ abgebildet, der mit den Worten „Kapitaler Deckrüde mit bester Vererbung, mehrfach mit Vorzüglich und ersten Preisen prämiert“ angepriesen wurde.
Auf der Rückseite stand: „Herrn Kapellmeister August Stillmark, Teckelzucht-Anstalt, Arnsbach.“
„Die ist sicherlich an dich gerichtet“, sagte Wolfgang und schob August Stillmark die Karte über den Tisch. „Von meinem besten Freund Oehring“, sagte der. „Obwohl er Dackel züchtete, hielt er sich einen gefleckten Deutschen Doggenrüden.“
Oehring sei immer zu Späßen aufgelegt gewesen und hätte immer schrullig-lustige Karten geschrieben, die nur Eingeweihte verstehen konnten, erzählte Stillmark und gab den Postkarten-Text zum Besten: „Werter Freund Stillmark! Ich suche einen jungen Langhaar- oder Rauhaarteckel-Rüden mit Zettel, gesund & in Ordnung. Falls Du mir einen Tipp geben kannst, wo ich die Dinge finden kann, dann gib bitte Hals & ich erscheine zur Besichtigung & Abnahme.“
Wolfgang verstand nur Bahnhof. Aber August Stillmark wusste, was gemeint war. „Auf gut Deutsch heißt das: Er sucht einen jungen Teckelrüden, der Stammbaum hat, staupe- und tollwutgeimpft ist, Wesen hat und eine vielversprechende Form besitzt. Sobald ich einen solchen Hund gefunden habe, soll ich ihm Bescheid geben, und er kommt, um sich den Teckel anzusehen und zu kaufen.“
Wolfgang erinnerte sich an Nelly und Fricka, Hunde vom blinden Fendrich, die ihm als Kind furchtbare Angst eingeflößt hatten. Er tippte auf das Bild eines Schäferhundes, der rehbraun war, und sagte: „So sah Hasso aus.“ Hasso, der dem alten Scholl in der Unterstadt gehört habe, sei beim Wildern im Wald erwischt und vom Förster erschossen worden, erzählte er.
„Den Kerl, der meinen Hund erschießt, würde ich umbringen“, sagte August Stillmark und verließ seinen Sofaplatz. Er legte die Ausstellungskataloge und Zuchtbücher zurück in den Wohnzimmerschrank, griff nach seiner Trompete und spielte den ersten Satz des Hummel-Konzerts an. Dann sagte er: „Ich habe in Erfurt zwei Jahre lang das Thüringische Landeskonservatorium besucht und 1950 erfolgreich abgeschlossen.“
Als August Stillmark sich für das externe Musikstudium in Erfurt entschieden hatte, war er noch Betriebsschlosser auf der Schneidmühle in Silberberg gewesen. Tagsüber schärfte er Sägen und an manchem Wochenende besserte er seinen Lohn auf, indem er in Kirmeskapellen spielte. Oskar Anschütz verstand zwar, dass August Stillmark sich etwas durchs Musikmachen dazu verdiente, aber völlig unverständlich war ihm, dass sein Schwiegersohn Woche für Woche zum Trompetenunterricht nach Erfurt fuhr.
August Stillmark jedoch nahm die beschwerlichen Bahnfahrten nach Erfurt zwei Jahre lang an jedem Wochenende in Kauf, weil er hauptberuflich Musik machen wollte. Er war 29 Jahre alt und sein Lebenstraum war es, erster Solotrompeter in einem Theaterorchester zu werden.
Oskar Anschütz hatte nichts für die Pläne seines Schwiegersohnes übrig. Er brauchte einen Mann, der fest zupacken konnte und immer verfügbar war, wenn auf der Schneidmühle außer der Reihe Arbeiten zu verrichten waren. Selbst im Stall gab es immer etwas zu tun, und für das ständige Trompetespielen seines Schwiegersohnes, der sich Abend für Abend für den Wochenendkurs am Konservatorium präparierte, hatte er kein Verständnis.
„Nicht zum Aushalten war das“, sagte August Stillmark. Und so sei ihm die Entscheidung, ins elterliche Haus nach Arnsbach zu ziehen, nicht schwergefallen. 1949 sei das gewesen, „Butzkes, eine Umsiedlerfamilie aus Schlesien, gingen zu Verwandten nach Hessen, und die Mansardenwohnung wurde frei. Meine Mutter war zwei Jahre zuvor gestorben, und mein Vater war ganz allein im Haus.“
Gleich nach dem Umzug habe er beim Alten in der Schneidmühle gekündigt und die Stelle als erster Trompeter im Schau- und Tanzorchester Birkenhall angenommen, erzählte August Stillmark. Denn von Kindesbeinen an sei es sein Wunsch gewesen, hauptberuflich Musik zu machen. „Als ich zehn Jahre alt war, nahm ich Privatunterricht im Fach Violine beim Großvater meiner Stiefschwester“, sagte August Stillmark. „Während meiner Lehrzeit ließ ich mich im Fach Trompete unterrichten, und als Lehrausbilder habe ich sogar einen Schülerchor geleitet.“
„Ich habe nie ein Instrument gelernt, und ich habe nie im Schulchor mitgesungen“, sagte Wolfgang. Und er gestand, dass er total unmusikalisch sei. August Stillmark wollte das nicht glauben. „Jeder ist musikalisch“, sagte er und begann sofort, Wolfgangs Rhythmusgefühl zu prüfen.
Auf dem Sofa sitzend, nahm er die Position eines Schlagzeugers ein. Mit seinen ausgestreckten Zeigefingern trommelte er Takte auf die Tischplatte. Wolfgang gelang es kein einziges Mal, den vorgegebenen Rhythmus nachzuklopfen.
Das aber hielt August Stillmark nicht davon ab, Wolfgang einem weiteren Test zu unterziehen. Er stellte sich vors Klavier und schlug einzelne Töne an, die Wolfgang nachsingen sollte. Aber Wolfgang traf keinen der angeschlagenen Töne richtig. Er merkte nicht einmal, wenn er einen halben oder ganzen Ton daneben lag.
Für August Stillmark, der ein absolutes musikalisches Gehör besaß, war das nicht zu begreifen. Aber er ließ nicht locker.
Als er gerade dabei war, Wolfgang zu zeigen, wie er die Trompete ansetzen und halten müsse, um einen vernünftigen Ton aus ihr herauszukriegen, schob Heidi ihren Kopf durch die spaltbreit geöffnete Wohnstubentür und bewahrte Wolfgang vor einer weiteren Blamage.
„Das Mittagessen für morgen ist fertig“, sagte sie. „Es gibt Hühnerfrikassee. Wenn du Lust hast, kannst du schon mal davon probieren.“
August Stillmark hatte immer Lust, wenn es ums Essen ging, und so stand er Augenblicke später vorm Gasherd in der Küche und löffelte aus einem großen Topf das heiße Frikassee. Am genüsslichen Schlürfen hörte man, dass es ihm schmeckte.
Bevor August Stillmark am nächsten Morgen das Haus verließ, über die Wiese hinterm Haus ging und der PGH im Feld zustrebte, legte er ein Briefkuvert mit 50 Mark auf den Küchentisch und blies, im Korridor stehend, „Happy birthday to you“.
Wolfgang, den der frühmorgendliche Auftritt aus dem Schlaf gerissen hatte, hörte, wie Heidi von der Balustrade der oberen Etage herab sagte: „Schönen Dank für das Ständchen.“ August Stillmark rief von unten zurück: „Viel Spaß auf der Schneidmühle.“
8. Kapitel
Die Toreinfahrt zur Schneidmühle in Silberberg war doppelt so breit wie die vorbeiführende Hauptstraße, und über der gesamten Toreinfahrt prangte ein gewaltiges Firmenschild aus Holz, das wie ein Riesen-Transparent wirkte. In großen, schwarzen Lettern war zu lesen. „Emil Anschütz, Sägewerk & Zimmerei“.
Wie ein großes L lagen die Gebäude der Schneidmühle vor ihnen. Die Firma Anschütz, die einst 21 Leute beschäftigt hatte, war in den Jahrzehnten ihres Bestehens zu einem Kleinbetrieb geschrumpft und nannte sich jetzt „Metallwaren Emil Anschütz.“
Exzenter lärmten in der kleinen Werkstatt unter der ehemaligen Kutscherwohnung, in der Pfennigabsätze gefertigt und Kofferscharniere gestanzt wurden.
Von der fünfköpfigen Belegschaft arbeiteten drei in der Produktion: Onkel Fritz, Onkel Rolf und Tante Herta. Lisa, Heidis Patentante, war im Kontor beschäftigt und half in der Werkstatt nur mit, wenn Not am Mann war. Oskar, Heidis Großvater, schaute nur ab und an in die Werkstatt. Ansonsten kümmerte er sich nicht um den Metallbetrieb, in dem zwei seiner Töchter und die beiden Schwiegersöhne arbeiteten.
Als Heidi und Wolfgang an der kleinen Werkstatt vorbeigingen, die sich gleich links an einer der Giebelseiten befand, blieb Heidi stehen und sagte: „Falls jemand aus der Verwandtschaft einen Ferienjob oder kurzfristig Arbeit brauchte, war immer ein Exzenter frei.“
Sie standen vor einem niedrigen Fenster. Sie habe oft in den Ferien hier gearbeitet, Heidi zeigte in die kleine, dunkle Werkstatt und versuchte, sich durch lautes Klopfen ans Fenster bemerkbar zu machen. Aber der Lärm in der Werkstatt war so groß, dass niemand davon etwas mitbekam.
Beim flüchtigen Blick durchs Fenster nahm Wolfgang schemenhaft zwei Männer und eine Frau wahr. Der mit der Latzhose, der an der Bohrmaschine stehe, sei Onkel Fritz, und Onkel Rolf sei der mit dem blauen Kittel, der gerade Draht zerschneide, und Tante Herta sitze mit dem Rücken zu ihnen an einem Exzenter, erklärte Heidi. „Aber die lernst du ja alle noch heute Nachmittag kennen. Spätestens heute Abend.“
Tante Lisa, die auf Heidi und Wolfgang gewartet hatte, nahm sie an der Haustür in Empfang. Sie war eine füllige, vollbusige Frau, die eine gewisse Warmherzigkeit ausstrahlte. Ihr Blick jedoch wirkte etwas kalt, was ihren grün-grauen Augen geschuldet war. Sie trug eine weiße, kurzärmlige Sommerbluse, die ziemlich tief ausgeschnitten war, und ihr cremefarbener Rock, der handbreit über ihren dicken Knien endete, spannte etwas über ihrem Unterbauch.
Lisa war 37 Jahre alt, und ihr vierjähriger Sohn, eines von drei Kindern, hing ihr im wahrsten Sinne des Wortes am Rockzipfel. Scheu und verschämt gab er Heidi und Wolfgang die Hand. Dann hüpfte er ausgelassen durch den dunklen Flur vor ihnen her.
Als Wolfgang und Heidi die große Bauernküche betraten, unterbrach Minna Anschütz ihr Hantieren am Herd.
Heidis Großmutter war klein und zierlich. Ihre grauen Haare, die glatt nach hinten gekämmt waren, wurden durch einen Knoten zusammengehalten. Weil es ihr streng konservativ eingestellter Mann so wollte, trug sie auch an diesem heißen Augusttag eine Alltagstracht, zu der ein langer, schwarzer Rock gehörte.
Minna freute sich über Heidis Besuch, drückte sie fest an sich und gratulierte ihr zum Geburtstag. Dann erkundigte sie sich sofort danach, wie es der Großen gehe. Heidis Mutter Lisbeth, die Älteste ihrer Töchter, war für sie die Große, obwohl sie die Kleinste war, und die jüngste Tochter war für sie die Kleine, obwohl sie die Größte war.
Wolfgang setzte sich unbeachtet auf einen Stuhl in der Ecke.
Heidi sagte, dass ihre Mutter vielleicht schon am nächsten Montag aus dem Krankenhaus entlassen würde.
Minna war erleichtert darüber und setzte die Kartoffeln auf. „Und was macht dein Vater so?“
„Fast jedes Wochenende tritt er auf irgendeinem Sommerfest auf“, sagte Heidi. „Heute Morgen hat er für mich ‚Happy birthday‘ gespielt.“
Während des Mittagessens lernte Wolfgang auch Heidis Großvater kennen, der ihm am Nachmittag sein einstiges Imperium zeigte.
„Vor hundert Jahren wurde der Betrieb gegründet, und vor zehn Jahren musste ich die Zimmerei und das Sägewerk aufgeben“, sagte Oskar Anschütz und schob das schwere Holztor des Sägewerkes, das auf rostigen Metallrollen lief, mit einem Ruck in der Mitte auseinander.
Heidis Großvater war groß und kräftig. Er hatte ein rundes Gesicht, tiefbraune Augen und einen grauen Stoppelbart wie Hemingway, und sein kerzengerader Gang ließ vermuten, dass er einst ein guter Turner gewesen war. Zur Feier des Tages trug er eine schwarze Anzughose, ein langärmliges, weißes Hemd und eine schwarze Weste mit einem grau-glänzenden Rückenteil aus Seide.
Seinen Rundgang durch die kühle, schummrige Dunkelheit der Schneidmühle begann er am Gatter, dem Herzstück des Sägewerks, das nur noch ab und an schlug, wenn Oskar Bamberg für gute Freunde oder Nachbarn aus großen, dicken Stämmen Bohlen schnitt.
Einige Meter hinterm Gatter befand sich ein viereckiger Einstieg, der hinunter in den Spänebunker führte. Der Spänebunker war dunkel und gruselig, denn nur von oben fiel Licht ein. Und Wolfgang, der an Höhenangst litt, war beeindruckt, wie Oskar Anschütz mit seinen 69 Jahren die schmale, lange Holzleiter im Zimmermannsgang hinabstieg. Er war unerschrocken, und Angst vor Ratten, die Wolfgang beim Abstieg in das dunkle Loch befiel, schien er nicht zu haben.
Nachdem der Spänebunker inspiziert worden war, folgte Wolfgang Heidis Großvater in einen nach Hobelspänen riechenden, großen Raum, durch dessen Dielenritzen das Grün der Wiese schimmerte und der Bach, der an der Mühle vorbeifloss, deutlich zu hören war. „Auf dieser Maschine“, sagte Oskar Anschütz, „hoble ich noch heute Fußbodenbretter für die Leute – so nebenbei.“ Anfang der dreißiger Jahre sei diese Spezialhobelmaschine das Modernste gewesen, was es auf diesem Gebiet gegeben habe, wusste er zu berichten. Fürs Hobeln der Fußbodenbretter sei nur noch ein Arbeitsgang nötig gewesen. Unter- und Oberseite wurden erstmals gleichzeitig bearbeitet.
Und dass Oskar Anschütz zur gleichen Zeit zwei Francis-Turbinen in Betrieb genommen habe, erfüllte ihn noch immer mit Stolz. Er habe einen Kunstgraben angelegt, um die Wasserkraft besser nutzen zu können, und mit den zwei Turbinen habe er sich unabhängig von der Stromversorgung gemacht, die während des Krieges und in der Nachkriegszeit oft zusammengebrochen sei.
Oskar Anschütz griff nach einem großen Hebel an der Wand und sagte: „Den brauchte ich nur runterziehen, und Strom für die Maschinen, das Licht im Haus und im Stall war da. Wir waren unabhängig von dem, was geschah. Und durch die Landwirtschaft, die wir hatten, konnten wir uns selbst versorgen. So kamen wir über die schlechten Zeiten, ohne Hunger zu leiden.“
Mit jedem Wort, das dem wortkargen Oskar Anschütz über die Lippen kam, mit jedem Schritt, den Wolfgang in eine ihm unbekannte, nach Harz, Sägespänen und Rinde riechende Welt tat, wurde er in die wechselvolle Geschichte der Schneidmühle hineingezogen, die im Jahre 1867 begonnen hatte. Da nämlich hatte der Dielenschneider Christian Anschütz sich mit seiner zweiten Frau Johanna Regina und sechs Kindern in Silberberg niedergelassen und aus einer alten Ölmühle eine konkurrenzfähige Schneidmühle gemacht.
Der Rundgang durch die schummrige, spinnwebige Dunkelheit der Schneidmühle endete, wo er begonnen hatte: am Gatter, dem Herz des Sägewerks, das kaum noch schlug. Denn 1957, in sozialistischer Zeit, ließen sich Zimmerei und Sägewerk nicht mehr halten. Dem Privateigentum an Produktionsmitteln wurde zu Walter Ulbrichts Zeiten der Garaus gemacht, und Betriebe in der Größenordnung von der Schneidmühle Anschütz wurden verstaatlicht oder kaputtgemacht.
„Um das Unternehmen zu retten, mussten wir die Produktion umstellen und die Beschäftigten-Zahl auf unter zehn herunterfahren“, sagte Oskar Anschütz und trat, zusammen mit Wolfgang, aus dem dunklen Tor der Schneidmühle in das gleißende Sonnenlicht dieses heißen Augusttages.
Sie standen auf dem leeren, kiesgrauen Holzplatz, auf dem sich früher unzählige Holzstapel getürmt hatten, und Heidis Großvater sagte: „Vor zehn Jahren bekam ich nicht mehr die Holzzuteilungen, die ich brauchte, und die Schneidmühle war nicht mehr zu retten.“
Er blickte auf die Stallungen, die sich zwischen der Schneidmühle und dem Wohnhaus befanden: „Früher holten wir das Langholz mit eigenen Fuhrwerken aus dem Wald, und neben der Schneidmühle betrieben wir eine große Landwirtschaft. Wir hatten Pferde und Kühe und Schweine. Und Geflügel sowieso. Aber seit der Kollektivierung der Landwirtschaft vor zehn Jahren ist das vorbei.“
Wolfgang hörte Heidi sprechen und während Oskar Anschütz an den Stallungen vorbei auf das Wohnhaus zulief, folgte Wolfgang Heidis Stimme. Er fand Heidi und Tante Lisa auf der Wiese hinterm Haus im Schatten eines alten Apfelbaums. Sie unterhielten sich laut. Theo saß am seichten Wasser des Baches. Er hielt eine Weidenrute in der Hand und tat, als würde er angeln.
Von der Wiese aus sah Wolfgang an der Rückseite der alten Schneidmühle hoch, und ihm kam die Schneidmühle wie eine Arche vor, die Oskar Anschütz über schwierige Zeiten wie Inflation und Weltwirtschaftskrise, Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit und das erste Jahrzehnt DDR gebracht hatte.
„Hat er dir erzählt, dass er vor der Inflation der reichste Mann im Dorf war?“, fragte Tante Lisa, die schwer im weichen Gras lagerte. „Nein“, sagte Wolfgang. „Er hat nur von einem kleinen, schwarzen Notizbuch gesprochen, in dem er damals genau festhielt, was er den elf Zimmerleuten an Wochenlohn zahlte.“
„Das kann ich dir zeigen!“ Lisa stand auf, zupfte sich die trockenen Grashalme von ihrem Rock, und Wolfgang folgte ihr ins Kontor, in dem Lisbeth Stillmark gearbeitet, Rechnungen geschrieben und vielleicht auch Courths-Mahler gelesen hatte.
Das Kontor war klein. Vorm Fenster zum hinteren Garten stand ein großer, schwerer Schreibtisch. An der Wand links hing ein riesiger Stammbaum, auf dem die Anschützens bis ins sechste Glied lückenlos aufgeführt waren, und in die Wand rechts war ein Tresor eingelassen. Tante Lisa öffnete ihn und gab Wolfgang das kleine, schwarze Notizbuch zu lesen. Ein Wilhelm Möller bekam während der Inflationszeit Anfang Oktober 1923 vier Millionen Reichsmark als Wochenlohn, las Wolfgang. Anfang November waren es bereits 300 Milliarden 300 Millionen, die Oskar an Wilhelm Möller zahlte. Auch eine Ausgabe des Thüringer Hausfreunds vom 7. April 1923 wurde wie ein Heiligtum behandelt und im Tresor aufbewahrt. Im lokalen Anzeigenteil stand, dass der Zimmermeister und Sägewerksbesitzer Emil Anschütz infolge einer schweren Operation im vollendeten 60. Lebensjahr am 6. April 1923 gestorben sei. Und von historischem Wert, wie Wolfgang fand, war die Titelseite, auf der vermeldet wurde: „Eben erhalten wir ein Telegramm aus Moskau, nach dem Lenin an den Folgen eines Herzleidens gestorben ist. Mit ihm barst eine Säule, die das neue Rußland getragen hat. Sein richtiger Name war Wladimir Iljitsch Uljanow.“
Ein Tresor voller historischer Raritäten, dachte Wolfgang und gab Lisa die Zeitung und das schwarze Notizbuch zurück.
Durch das einzige Fenster des Kontors konnte Wolfgang sehen, wie Heidi auf der Wiese hinterm Haus mit Theo Fußball spielte, und Lisa sagte: „Wenn du genau wissen willst, wen du da zur Freundin hast, solltest du mal einen Blick auf diesen Stammbaum werfen.“
Wolfgang bestaunte die weitverzweigte Ahnenreihe, die den Platz einer halben Wand einnahm, und Lisa, die in der Verwandtschaft als die große Bewahrerin angesehen wurde, deutete auf den Namen ihres Ur-Ur-Großvaters Heinrich Anschütz, der am 7. Februar 1784 in Zella-Mehlis geboren und Kohlenbrenner gewesen war.
Sich intensiv mit dem Stammbaum der Anschützens zu beschäftigen hätte bedeutet, der Geschichte von Johann Heinrich Anschütz, seinem Sohn Christian und dessen Sohn Emil und dessen Sohn Oskar und dessen Kindern und Kindeskindern nachzugehen und sich eingehend mit dem Schicksal von Kohlenbrennern und Dielenschneidern, von Schneidmüllern und Zimmermeistern zu befassen. Aber dazu war keine Zeit an diesem Nachmittag. Denn in der grau gestrichenen Gartenlaube, die Oskar Anschütz vor Jahrzehnten selbst gezimmert und aufgestellt hatte, saßen bereits Heidi, Minna, Oskar, Onkel Rolf, Tante Herta, Onkel Fritz und der kleine Theo am Geburtstagstisch.
Als Tante Lisa und Wolfgang sich zu ihnen setzten, pustete Heidi die 22 Kerzen aus, die flackernd auf dem reich gedeckten Tisch standen, und schnitt zur Feier des Tages die Schwarzwälder Kirschtorte an. Bis in den späten Abend hinein wurde gefeiert und getrunken. Man probierte die Erdbeerbowle, die Minna gemacht hatte. Man trank Bier und prostete sich mit Schnaps zu. Man stieß mit Wein an und ließ die Sektkorken knallen.
Als Tante Lisa ihren Sohn, der total übermüdet war, ins Bett brachte, verließ auch Oskar Anschütz die Geburtstagstafel. Auch er ging ins Bett, obwohl es noch hell war. „Er geht zwar mit den Hühnern ins Bett. Aber morgens steht er nicht mit ihnen auf“, kommentierte Onkel Rolf Oskars vorzeitigen Aufbruch.
„Vor neun lässt er sich kaum blicken“, sagte Fritz. Und Rolf, der voller Häme gegen den Alten schien, wollte von Wolfgang unbedingt wissen, was Oskar Anschütz ihm beim großen Rundgang durch die Schneidmühle so erzählt hatte.
„Er hat mir erzählt, dass er noch heute auf der Spezialmaschine, die er Anfang der 30er-Jahre angeschafft hat, für die Leute Fußbodenbretter hobelt.“
„Und hat er dir auch gesagt, was er mit dem Geld macht?“
„Nein.“
„Das trägt er in den Konsum. Dafür kauft er sich Schokolade, die er heimlich isst, und Schnaps“, sagte Tante Herta erbost. Im Gegensatz zu Lisa war sie flachbrüstig, schielte leicht und hatte ein mausgraues Kostüm an, unter dem sie eine herrenhemdartige, hoch geschlossene Bluse trug.
„Vorgestern“, sagte Rolf, „hat sich Oskar den Kopf mit Kampferspiritus eingerieben, weil sein Eiswasser alle war. Und als er merkte, dass seine Kopfhaut zu brennen anfing, hat er geschrien, und ich habe ihm eine ganze Dose Panthenolspray auf den Kopf gesprüht.“
„Wie eine Frau lief Oskar den halben Tag mit seiner Kopfpackung herum“, sagte Onkel Fritz, und alle lachten.
„Er ist eben ein schrulliger, alter Mann“, sagte Lisa, die ihren Vater nicht weiter dem Gespött preisgeben wollte. Wolfgang sagte, dass er den Schneidmüller bewundere. Er besitze Charisma und sei für sein Alter noch unheimlich vital.
„Vital ist er“, sagte Onkel Rolf, „weil er sich geschont hat, seit ich ihn kenne.“
„Wenn wir auf der Wiese standen und Heu machten, lag er auf seinem Sofa, weil er angeblich die Hitze nicht vertrug. Aber wir mussten sie ertragen“, erzählte Onkel Fritz. „Und abends dann, wenn das Heu vom Wagen in die Scheune gegabelt werden musste, spielte er den starken Mann.“ „Komm, Mann“, sagte Tante Herta. „Es ist spät.“ Und Onkel Rolf gehorchte. Bevor er sich jedoch erhob, griff er nach einer dicken, schwarzen Zigarre und steckte sie in die aufgenähte Brusttasche seines kurzärmligen, karierten Campinghemds. „Wegzehrung“, sagte er lächelnd.
„Hast du gesehen, was für ein Nassauer er ist?“, sagte Fritz zu Wolfgang. Die Konkurrenz zwischen den Schwiegersöhnen war spürbar. Jeder der beiden fühlte sich zum Chef berufen. Aber der Alte gab die Zügel nicht aus der Hand.
Nachdem Onkel Rolf und Tante Herta gegangen waren, eröffnete Heidi ihrer Großmutter, ihrer Patentante und ihrem Patenonkel, dass sie sich im nächsten Jahr verloben und in zwei Jahren heiraten wolle.
Daraufhin sagte Lisa: „Mädchen, Mädchen, mach bloß die Augen auf, Heiraten ist kein Pferdekauf.“
„Wenigstens das Mittelstück passt“, meinte Fritz, schenkte Wolfgang Schnaps nach und prostete ihm zu.
Heidis Großmutter tat, als habe sie die frivole Bemerkung ihres Schwiegersohns nicht gehört, und sagte: „Als Oskar und ich uns das Jawort gaben, war ich 18 Jahre alt und im dritten Monat schwanger. Lisbeth kam am 10. September 1922 zur Welt.“
9. Kapitel
Als Heidi und Wolfgang am nächsten Vormittag wieder in Arnsbach eintrafen, wollte August Stillmark von Wolfgang unbedingt wissen, wie ihm der Alte gefallen habe. Heidi kam Wolfgangs Antwort zuvor: „Er hat ihn stark beeindruckt.“ Tatsächlich war Wolfgang fasziniert von Oskar Anschütz, weil er groß und kräftig war und einen Stoppelbart wie Hemingway hatte.
August Stillmark hingegen hasste seinen Schwiegervater und sagte: „Wenn der alte Schneidmüller mal stirbt, werde ich nicht zu seiner Beerdigung mitgehen, und mein Name wird auch nicht unter den trauernden Hinterbliebenen zu finden sein.“
Wolfgang wurde das Gefühl nicht los, dass August Stillmark alles unternahm, um seinen Schwiegervater abzuqualifizieren. Es schien, als wolle er dem Niedergang der Schneidmühle den rasanten Aufstieg einer PGH entgegensetzen, die er mit aufgebaut hatte, und Wolfgang hatte das Gefühl, als wolle August Stillmark ihm vor Augen führen, dass er mehr als sein Schwiegervater vorzuweisen habe. Denn von dem Sägewerk, in dem einst 21 Leute beschäftigt waren, war nichts als eine kleine Metallbude übrig geblieben, in der zwei Männer und eine Frau Kofferscharniere stanzten.
„Als ich beim alten Menz vor 13 Jahren als Werkzeugmacher anfing, waren wir drei Leute“, sagte August Stillmark zu Wolfgang. „Aber das war nur in den ersten drei Jahren der Fall. Dann stockten wir jedes Jahr die Personaldecke mehr und mehr auf, und da es sich herumgesprochen hatte, dass es bei uns gutes Geld zu verdienen gab, hatten wir ziemlichen Zulauf und konnten uns die besten Leute raussuchen. Jetzt sind wir 21 Mann. Mit uns geht es bergauf, und durch einen Anbau wollen wir die Werkstatt im nächsten Jahr modernisieren und erweitern.“
Bei Gelegenheit wolle er Wolfgang den Betrieb zeigen, in dem er als Werkzeugmacher und Technologe arbeite, sagte August Stillmark. An diesem Samstagvormittag wurde er nicht müde, Wolfgang gegenüber zu betonen, wie gefragt die Messerköpfe der Firma Menz seien, die er mit entwickelt habe.
Stunden später saß Louis Stillmark gedankenversunken auf der verwitterten, grünen Gartenbank, die an der Giebelseite des alten Holzschuppens stand, und Wolfgang setzte sich zu ihm.
Es war heiß an diesem frühen Nachmittag, und Heidi sagte vom Küchenfenster aus: „Heute Abend muss ich unbedingt zum Gießen auf den Friedhof gehen.“
Louis Stillmark, der trotz der Hitze ein langärmliges, weißes Hemd, eine anthrazitfarbene Strickjacke und gelbe, kariert gemusterte Hauslatschen anhatte, meinte plötzlich unvermittelt zu Wolfgang: „Ich hatte Pech mit meinen Frauen. Zwei Mal bin ich Witwer geworden.“
Im Alter von 60 Jahren habe er seine zweite Frau Karoline verloren. Sie habe es mit der Bauchspeicheldrüse gehabt und sei kurz darauf gestorben, sagte Louis Stillmark. Besonders tragisch aber empfand Wolfgang, was Louis Stillmark ihm über die Todesumstände seiner ersten Frau erzählte, und es störte ihn nicht, dass Heidis Großvater weit ausholte.
„Es war im ersten Weltkrieg“, sagte Louis Stillmark. „Ich war Kanonier. In Metz hatte ich als Ungedienter im März 1915 einrücken müssen, ab Februar 1916 hatte man uns ins Schlachtgetümmel an der Ostfront geworfen. Als unser Regiment bei der Offensive in Französisch Flandern Ende Mai 1918 eine strategisch wichtige Hügelkette erstürmte, bekam ich eine Woche später das Eiserne Kreuz zweiter Klasse und durfte zwei Wochen später auf Heimaturlaub fahren. Aber als ich nach Hause kam, erfuhr ich schon am Bahnfof, dass meine Frau am Tag zuvor beerdigt worden war.“
Louis Stillmark machte eine Pause. „Ich war einen Tag zu spät gekommen“, sagte er. Auguste, seine erste Frau, war an Influenza gestorben. Seine fünfjährige Tochter Minna war von einem Tag auf den anderen Halbwaise geworden.
„Glücklicherweise nahm ihre Patentante, deren Ehe kinderlos war, sie so lange zu sich, bis ich im Januar 1919 aus dem Militärdienst in Hersfeld entlassen wurde.“
Obwohl diese Geschichte fast 50 Jahre zurücklag, trieb es Louis Stillmark beim Erzählen noch immer die Tränen in seine hellblauen, vom grauen Star getrübten Augen.
Wenig später betrat August Stillmark den Hof und gesellte sich zu seinem Vater und Wolfgang. Er setzte sich in den Schatten der Halle und begann, die Sense zu dengeln, denn er hatte Tante Anna versprochen, ihr beim Mähen der Wiese zu helfen. Heidi sagte Tante Anna zu der alten Frau, obwohl sie mit Stillmarks nicht verwandt oder verschwägert war. Sie war eine gute Nachbarin, die schwer an Asthma litt.
Als August Stillmark mit dem Dengeln der Sense fertig war, setzte er sich zu Heidi, Wolfgang und Louis Stillmark, die schon mit dem Kaffeetrinken begonnen hatten. Der weiße Gartentisch, an dem sie saßen, stand unter einem alten Apfelbaum. Die ersten frühreifen Äpfel lagen wie Billardkugeln im sommerheißen Gras. Die Grillen zirpten laut, und unter dem dichten, großen Blätterdach des knorrigen Apfelbaums sitzend, konnte man hören, wie der Dachstuhl und die Ziegel vor Hitze knackten und knisterten.
Er könne kaum glauben, dass das Haus vor 40 Jahren gebaut worden sei, sagte Louis Stillmark. „Im Oktober 1926 hatten wir uns entschlossen, ein eigenes Haus zu bauen. Zu Weihnachten lag die Bauzeichnung vor, und im Februar, zu meinem 40. Geburtstag, hielt ich den Bauschein in den Händen, und dem Baubeginn im Frühjahr 1927 stand nichts mehr im Weg“, erzählte er. „Das Grundstück, das wir benötigten, hatte Karoline mit in die Ehe gebracht, und der Hausbau sollte insgesamt 9.100 Mark kosten.“
Bis zum Richtfest und dem Decken des Daches sei alles wie am Schnürchen gelaufen, berichtete Louis Stillmark. „Aber als das Haus im November 1927 bezugsfertig war, geriet ich in arge Bedrängnis. Und ich konnte die Handwerker-Rechnungen nicht bezahlen, weil der Landrat in Kassel uns erst ein Jahr später den zugesicherten Kredit über 2.500 Mark gewährte.“
So habe der Vater seiner ersten Frau, der die Tüncherarbeiten ausgeführt habe, fast zwei Jahre auf sein Geld warten müssen, sagte Louis Stillmark. „Wenn er nicht so viel Verständnis für meine missliche Lage aufgebracht hätte, wäre unser Traum vom eigenen Haus noch in letzter Sekunde geplatzt. Ihm war es zu danken, dass wir das Haus zu viert Ostern 1928 beziehen konnten.“
Als Louis Stillmark mit seiner Hausgeschichte endlich zu Ende war, sagte August Stillmark unüberhörbar laut: „Wer Heidi einmal heiratet, erbt das Haus, ob er will oder nicht.“
Als die Hitze etwas nachgelassen hatte, half August Stillmark Tante Anna beim Mähen. Heidi und Wolfgang machten sich auf den Weg zum Friedhof. Der Gang auf den Friedhof war für Heidi etwas Selbstverständliches und an heißen Tagen obligatorisch. Die Blumen mussten gegossen werden, und ein Grab, das ungepflegt war, war eine Schande.
Im Schatten einer großen Fichte stand ein weißer, großer Grabstein, auf dem mit schwarzer Schrift geschrieben stand: Karoline Stillmark, geb. Büchner, *18. Februar 1888, +3. Oktober 1947 in Arnsbach.
„Ich war zwei Jahre alt, als meine Großmutter starb. Und als sie tot war, habe ich nach ihr gefragt. Ich wollte wissen, wo sie ist“, sagte Heidi. „Als Kind habe ich oft mit meinem Großvater vor diesem Grab gestanden.“
Wolfgang sah Heidi zu, wie sie sich über das Grab bückte, welke Blüten von den lilafarbenen Stiefmütterchen zupfte und anschließend zwei Mal hintereinander mit einer großen Zinkgießkanne goss.
Viele Leute waren an diesem Abend auf dem Friedhof. Gießkannen schwenkend bewegten sie sich zwischen den Grabreihen. Sie verharrten andächtig vor den efeubewachsenen oder blumengeschmückten Gräbern und gedachten ihrer Verstorbenen.
Für Heidi war es ein Leichtes, vor Gräbern in die Familiengeschichte einzutauchen. Für Wolfgang hingegen verlor sich die Spur seiner Vorfahren im Dunkel. Im schlesischen Hausdorf lag sein Großvater begraben, der bei einem Bergwerksunglück ums Leben gekommen war, und Onkel Heinrich, der Bruder seiner Mutter, war in Tschudskoj-Bor südwestlich von Petersburg gefallen.
Krieg und Vertreibung hatten die Familienbande durchschnitten. Die einzige Brücke, die es zwischen damals und jetzt gab, war seine Großmutter, die ihm märchenhaft verbrämt, in Kindertagen Geschichten aus der schlesischen Heimat erzählt hatte.
Als Heidi und Wolfgang vom Friedhof kamen, saß Louis Stillmark noch immer auf der Bank an der Giebelseite des alten Holzschuppens. Er zeigte sich zufrieden, dass Heidi nach Karolines Grab gesehen hatte. „Sie war eine herzensgute Frau“, sagte er. „Aber sie ist leider nur 59 Jahre alt geworden.“
„Ich werde auch mal nicht älter“, sagte August Stillmark, der vom Mähen auf Tante Annas Wiese kam.
Der frühe Tod seiner Mutter beschäftigte ihn sein Leben lang. Er war 26 Jahre alt, als sie gestorben war.
August Stillmark, die Sense in der Hand, fragte Wolfgang, ob er schon mal gemäht habe. „Gesichelt habe ich schon, aber noch nie gemäht.“
Das brachte August Stillmark auf die Idee, Wolfgang zu zeigen, wie gemäht wird.
Er suchte im Schuppen nach einer zweiten Sense, schärfte sie mit einem Wetzstein, der, wie er Wolfgang erklärte, nicht zu hart sein durfte, und drückte Wolfgang den Sensenstiel in die Hand.
„Jetzt kann’s losgehen“, sagte er, und Wolfgang folgte ihm auf das große Stück Wiese hinterm Haus.
Ein Mann müsse in der Reihe mähen können, sagte August Stillmark, und seine Kurzunterweisung geriet zu einem Fachvortrag. Aufrecht müsse man stehen und dürfe sich keinesfalls nach vorn beugen, wenn man zum Mähen aushole. Das Sensenblatt sollte so auf dem Gras aufliegen, dass die Sensenspitze sich nicht in der Erde festhaken könne. Auch dürfe der Halbkreis, den man mit der Sense beschreibe, nicht zu groß sein, und August Stillmark machte Wolfgang vor, wie mit einem gleichmäßigen Kraftaufwand und gleichmäßig großen Schwüngen das Gras gleichmäßig kurz abgemäht wurde.
Trotz der eingehenden Belehrung und des Vormachens kam bei Wolfgangs Mähversuchen nur wüstes Hacken heraus, und August Stillmark sah ein, dass Wolfgang ein Großstädter war, der wohl nie das Mähen lernen würde. Wolfgang solle die Sense zurück in den Schuppen hängen, sagte er. Während Wolfgang vom hinteren Grundstück aus auf das Haus zuschritt, die Sense wie Gevatter Tod geschultert, ließ August Stillmark sein scharfes Sensenblatt leicht durch das feuchte Gras gleiten. Mit dem Mähen hörte er erst auf, als die Dunkelheit hereinbrach und der bleiche Mond rund und hell über den nachtschwarzen Bergen aufstieg.
Am nächsten Morgen wartete August Stillmark auf Hartfried, seinen Schul- und Dackelfreund, mit dem er jeden Sonntag einen zweistündigen Spaziergang auf den nahegelegenen Kohlberg unternahm.
Punkt zehn stand Hartfried vorm Hoftor, um August Stillmark abzuholen, und jeder von ihnen hatte zwei Dackel dabei.
Als sie den Kohlberg erreicht hatten, genossen sie den herrlichen Blick in die Rhön, die sich in der Ferne bläulich abzeichnete, und wenig später tauchten sie, ihre Spazierstöcke schwenkend, in den Wald ein, der ihnen ausreichend Schatten bot.
Der Weg war schmal, und die Bäume waren hoch und August Stillmark und Hartfried atmeten die Waldluft tief ein und hatten Spaß, wenn ihre Dackel eine Wildspur aufnahmen und ihr kläffend folgten, und sie erzählten sich, was sie sonst keinem erzählten. Sie waren eben richtige Freunde seit ihrer Schulzeit, und nur für die Zeit, in der sie beim Militär gewesen waren, hatten sie Arnsbach kurzzeitig verlassen. August Stillmark hatte als Soldat in der 36. Kompanie in Dänemark gedient, und Hartfried, groß und stark, wie er gebaut war, war bei der Waffen-SS gewesen. Aber das hatte ihrer Freundschaft keinen Abbruch getan. Auf Hartfrieds Dritte-Reich-Vergangenheit kamen sie so gut wie nie zu sprechen, sie sparten bewusst aus, was ihre Verbundenheit hätte stören können. Und so drehten sich ihre vielen, endlos langen Sonntagsgespräche fast ausschließlich um Hunde, Familie und Beruf.
Hartfried lobte an diesem Tag seinen Schwiegersohn in den höchsten Tönen. Gleich nach dem Studium an der Ingenieurschule habe dieser eine Stelle in der Abteilung für Forschung und Entwicklung bekommen, sagte Hartfried, der mit seinem Bruder zusammen einen kleinen Metallbetrieb besaß, in dem Rändelräder für Uhren aller Art und Größe gefertigt wurden.
„Ab dem nächsten Jahr werden wir eine Injektionsvorrichtung für Diabetiker auf den Markt bringen“, verriet er. An der Entwicklung dieses neuen Produktes habe sein Schwiegersohn eine große Aktie.
„Einen Schwiegersohn mit technischem Verständnis und handwerklichen Fähigkeiten werde ich wohl nicht bekommen“, sagte August Stillmark enttäuscht. Er stellte mit Bedauern fest, dass Wolfgang völlig unmusikalisch war, Angst vor Hunden hatte, nicht Ski fahren konnte und als Großstädter wenig Verständnis für das Haus und die Belange des Dorfes aufbrachte.
Und schwer hinnehmbar war es für August Stillmark, dass Wolfgang noch dazu ein Evakuierter war. Ein Einheimischer als Schwiegersohn wäre ihm lieber gewesen, was ihn zu dem Satz veranlasste: „Freist du über’n Mist, weißt du, wer er ist.“
Als Hartfried sah, wie untröstlich August Stillmark in diesem Moment war, sagte er: „Bis zur Hochzeit fließt noch viel Wasser den Berg hinunter und vielleicht läuft Heidi bis dahin noch etwas Besseres über den Weg.“
„Schön wäre es“, sagte August Stillmark. „Aber meine Tochter hat sich schon entschieden. In zwei Jahren will sie heiraten“, und er fügte verärgert hinzu: „Ich kenne meine Frau, und ich kenne meine Tochter. Was die sich in den Kopf setzen, machen sie wahr.“
Als Heidi die dampfenden Klöße, den Schweinebraten, das Rotkraut und die Schale mit der braunen Soße, die nicht fehlen durfte, auf den Tisch brachte, sagte August Stillmark: „Ohne Klöße kein Sonntag“, und während er sich zwei Klöße auf seinen Teller gabelte, lobte er Heidis Kochkünste. „Kochen kann sie. Das hat sie von ihrer Mutter“, er goss reichlich Soße über die Klöße.
August Stillmark war ein schwergewichtiger Mann. Obwohl er nur mittelgroß war, wog er über zwei Zentner. Er war ein Genussmensch, der unheimlich gern aß. Seit seiner Operation vor 13 Jahren habe er nur noch ein Drittel Magen, und dass er wieder so essen könne, sei ein wahres Wunder, stellte er schließlich zufrieden fest.
„Es war eine schlimme Zeit“, sagte er und gab endlich einmal zu, dass er es ohne Lisbeth nicht geschaffte hätte, wieder gesund zu werden.
Denn Lisbeth Stillmark hatte alles unternommen, um ihren Mann wieder aufzupäppeln: Sie arbeitete nur stundenweise, damit sie ihrem Mann das Essen immer frisch kochen konnte, und sie kochte nur, was er vertrug. Sie nahm die schlechte Laune ihres Mannes hin, wenn es, besonders in den ersten Monaten nach der Operation, gesundheitliche Rückschläge gab. Das Wichtigste für sie war, dass er wieder auf die Beine kam.
„Zwei Jahre dauerte es, bis ich wieder arbeitsfähig war“, sagte August Stillmark, und putzte das zweite Schälchen Pflaumenkompott weg.
Als Heidi ihm die Kompottschale wegnahm und anfing, das Geschirr abzuräumen, sagte August Stillmark: „Lisbeth wird doch verstehen, dass ich sie heute Nachmittag nicht mit besuchen komme.“ Er müsse bei der Kapelle „Edelweiß“ aushelfen, brachte er als Entschuldigung vor und zog sich nach einem opulenten Mittagessen in die Schlafstube zurück, um ausgiebig Mittagsschlaf zu halten.
Stunden später trat August Stillmark als Gasttrompeter bei einem Sommerfest in der „Hasenhohle“ auf, und Heidi und Wolfgang besuchten Lisbeth Stillmark im Krankenhaus.
Wolfgangs erste Begegnung mit Lisbeth Stillmark kam jedoch nicht über ein „Guten Tag“ hinaus. Denn Krankenhausbesuche waren für Wolfgang seit jeher ein Horror, und die Krankenhausluft, die in Lisbeth Stillmarks Zimmer herrschte, setzte ihm arg zu. Er wurde bleich, fühlte sich einer Ohnmacht nahe und sagte: „Es tut mir leid. Aber ich muss an die Luft, sonst kippe ich hier noch um.“
Lisbeth Stillmark, die Wolfgang sympathisch fand, brachte Verständnis für ihn auf. Sie war ihm nicht böse, dass er vorzeitig das Zimmer verließ und unten vorm Krankenhaus auf Heidi wartete, bis die Besuchszeit zu Ende war.
Als August Stillmark am Abend von seinem Sommerfest-Auftritt ziemlich betrunken nach Hause kam, fragte er Heidi, wie es im Krankenhaus gewesen sei und wie es Lisbeth gehe.
„Es geht ihr so gut, dass sie schon morgen Mittag aus dem Krankenhaus entlassen wird.“
Ihrem Vater war anzumerken, wie froh und erleichtert er darüber war, und für Wolfgang war die Mission Arnsbach erfüllt.
10. Kapitel
Am nächsten Morgen fuhr Wolfgang mit dem Bus von Birkenhall aus zurück nach Erfurt. Auf der Rückfahrt musste er an den ersten Abend in Arnsbach denken: August Stillmark war in Erzähllaune gewesen und hatte sich im Herbeten seiner Vorfahren, die bis ins vierte Glied zurückreichten, gefallen. Die breiten Hüften, die alle Büchnerschen Frauen hätten, seien auf die Urgroßmutter seiner Mutter zurückzuführen. Die habe Maria Barbara geheißen. Und Heidi schlage in diese Linie.
August Stillmark war versessen auf Familiengeschichte, und es interessierte ihn brennend, wo Wolfgang geboren worden war. „In Hausdorf“, sagte Wolfgang. Aber er wusste nicht, wo das lag. Er kannte den polnischen Namen seines Heimatdorfes nicht, und er wusste auch nicht, wo er die ersten beiden Jahre seines Lebens verbracht hatte.
Wolfgangs Auskunft, dass er nicht wisse, wo sein Geburtsort sei, quittierte August Stillmark mit einem Kopfschütteln. Er konnte beim besten Willen nicht verstehen, dass jemand seinen Geburtsort nicht kannte und nichts über seine Vorfahren wusste.
Als Wolfgang sagte, dass er aus Schlesien stamme und in Sachsen aufgewachsen war, meinte August Stillmark: „Also bist du ein Evakuierter“, und ausladend breit erklärte er, dass die Leute in Arnsbach in Hiesige, Unhiesige, Zugezogene, Fremde und Evakuierte eingeteilt würden.
„Ich als Einheimischer bin ein Hiesiger, weil ich in Arnsbach geboren bin“, dozierte er. „Meine Frau ist eine Unhiesige, weil sie aus einem der umliegenden Dörfer stammt. Und wer in Arnsbach wohnt, ohne in eine hiesige Familie eingeheiratet zu haben, ist ein Zugezogener. Und wer von weiter her ist – zum Beispiel aus Berlin – ist ein Fremder. Und Evakuierte sind Leute, die nach dem zweiten Weltkrieg aus Schlesien, Pommern oder Ostpreußen kamen und hier hängengeblieben sind.“
Auf der Stufenleiter der gesellschaftlichen Anerkennung standen die Evakuierten, zu denen Wolfgang zählte, auf der untersten Sprosse der Dorfhierarchie.
„Für kurze Zeit hatten wir auch mal Evakuierte im Haus. Zwangseinquartierung“, sagte August Stillmark. „Butzke hießen die Leute und wohnten oben in der Mansarde.“ Sie seien aus Schlesien, aus der Nähe von Breslau, gekommen und Anfang der 50er-Jahre nach Hessen gegangen, wo ihr Sohn bei einem Bauern untergekommen war.
„Wir waren heilfroh, als sie endlich auszogen und wir wieder das Haus für uns alleine hatten“, sagte August Stillmark.
Wenn Wolfgang daran dachte, welch großen Wert August Stillmark auf Herkunft, Heimat und all den Kram gelegt hatte, kam ihm die Welt, in der Heidi lebte, bizarr und unendlich fremd vor, und er konnte sich beileibe nicht vorstellen, irgendwann einmal in Arnsbach leben zu müssen. Großstädte hatten etwas Inspirierendes für ihn, und er war froh, wieder zu Hause in Erfurt zu sein.
Wolfgang saß im Wohnzimmer und hämmerte von morgens bis mittags auf seine alte Reiseschreibmaschine ein, und mit Riesenschritten schrieb er sich auf das Ende des Stücks zu, dessen Inhalt schnell erzählt ist: André, die Hauptfigur, hat die Schnauze gestrichen voll von der Schule, dem Lehrmeister und seinem Vater. Von Abenteuerlust getrieben, geht er auf eine Großbaustelle. Als er sich in die sieben Jahre ältere Kellnerin Irene verliebt, gibt sie ihren zwielichtigen Lebenswandel und er sein Frust-Saufen auf. Er versucht ernsthaft, seinen Platz im Leben zu finden. Er geißelt die Scheinmoral und versucht, die Gesellschaft zu ändern. Am Ende des Stücks gibt Irene ihr verruchtes Kellnerinnen-Dasein auf und beschließt, in einer neu erbauten Kaufhalle als Verkäuferin zu arbeiten. Sie glaubt, dass Andrés Liebe so groß sei, dass er bei ihr bleibe. Aber André sieht ein, dass die Großbaustelle nicht seine Endstation sein kann. Er verlässt Schwedt und lässt Irene, die mit ihm ein neues Leben beginnen wollte, enttäuscht zurück und beginnt im Herbst 1965 mit dem Studium.
Die Geschichte, an der Wolfgang schrieb, nahm ihn so gefangen, dass es ihm nichts ausmachte, wenn seine Großmutter, von einer unbändigen Unruhe getrieben, in der Wohnung herumgeisterte. Während er schrieb, ging sie in der Stube unruhig umher, packte Sachen und hantierte an der Schutzkette der Korridortür herum. Nach Hause wollte sie, wenn man sie fragte.
Wolfgang ging äußerst liebevoll mit seiner Großmutter um, selbst wenn das Herumhantieren an der Schutzkette ungeheuer nerven konnte, flippte er nie aus. Vielleicht war ihm deshalb die Anfangsszene so gelungen, in der der alte Linke, etwas vergesslich schon, ständig nach der Zeitung fragt, die noch nicht gekommen ist.
Bis seine Mutter, die halbe Tage im Kaufhaus arbeitete, nach Hause kam, kümmerte sich Wolfgang um seine Großmutter. Sie war leicht dement und konnte nicht mehr alleine auf die Straße gelassen werden. Denn in einem herannahenden Auto sah sie keine Gefahr. So nahm Wolfgang sich oft Zeit und ging mit seiner Großmutter in den Anlagen entlang des Flutgrabens spazieren. Und er hatte sich daran gewöhnt, dass sie ihn mit ihrem Sohn verwechselte und ihn Heinrich nannte. Onkel Heinrich war Theatermaler in Berlin gewesen und 1942 in Russland gefallen.
Sobald seine Mutter die Wohnung betrat, verließ Wolfgang das Haus und erholte sich vom Schreiben und dem Aufpassen auf seine Großmutter, indem er Nachmittage lang die Stadt durchstreifte.
Auf einem seiner Streifzüge begegnete er Trebing, den er seit seiner Oberschulzeit kannte und urig lange nicht gesehen hatte.
Trebing, auf Kurzbesuch bei seinen Eltern, erzählte Wolfgang, dass er sein Studium an der TU Dresden nach drei Jahren geschmissen habe und jetzt Volontär beim Fernsehen sei. „Ich habe riesiges Glück gehabt, dass ich zu den 20 Volontären für Regie gehört habe“, meinte Trebing.
„Schon ab diesem Jahr wurde keiner mehr angenommen.“
Wie sie früher in der Mitropa gesessen hatten, saßen sie jetzt in der Bodega, bestellten in schneller Folge Bier, das ihnen die resolute Wirtin mit der verrauchten Stimme und den dicken Oberarmen auf die blank gescheuerte Tischplatte stellte.
„Wir Volontäre haben uns sehr schnell angefreundet“, sagte Trebing, und trank den Schaum ab, bevor er am beschlagenen Bierglas herunterlaufen konnte. „Jeden Abend treffen wir uns irgendwo und diskutieren, und in einem Punkt sind wir uns alle einig: Im Suff hat man die besten Ideen.“
Daher seien sie selten nüchtern, meinte Trebing lächelnd, bestellte sich einen doppelten Weinbrand und kam mächtig in Fahrt. Wolfgang, der an allem interessiert war, was Trebing über‘s Fernsehen zu berichten wusste, unterbrach den Dicken, wie Trebing auch genannt wurde, kein ein einziges Mal in seinem Redefluss.
Gleich am ersten Tag habe man ihnen gesagt, dass der Fernsehfunk nicht die Aufgabe hat, Kunst zu produzieren, sondern ein Propaganda- und Agitationsinstrument der SED sei, erzählte Trebing.
„Ziemlich hart“, sagte Wolfgang. Er wusste zwar, dass die Fernsehproduktionen nicht viel mit Kunst zu tun hatten, aber dass man das so offen zugab, erstaunte ihn schon.
„Das Beste, was wir haben, ist unser Berufsausweis“, sagte Trebing. „Damit kommt man praktisch in jede Veranstaltung. Man zeigt nur den Ausweis vor und sagt ‚Deutscher Fernsehfunk‘, da machen alle sofort eine tiefe Verbeugung und lassen dich hinein.“
Die Wirtin beugte sich über den Tisch, griff nach den leeren Biergläsern und fragte: „Noch’ne Runde?“
„Na, klar“, sagte Trebing, und Wolfgang nickte.
„Zum Fernsehen bin ich nur gegangen, damit ich an der Filmhochschule Babelsberg mal Regie studieren kann“, sagte Trebing. Zurzeit beschäftige er sich hauptsächlich mit regietechnischen Arbeiten für den Filmzirkel, erzählte Trebing. Daneben schreibe er auch Lieder und lyrische Prosa, und er zeigte Wolfgang ein Vietnamgedicht, das er in der letzten Zeit geschrieben hatte:
Vietnam
Die Blume
Zertreten im Staub
Verstummt das Lachen
Die Stadt ist wie tot
Und vor den Palästen der Kaiserzeit
Stehn feindliche Söldner, das Volk ist in Not
Da tönt der Ruf – FNL – durchs Land
Und eh‘ sich der Morgen im Flusse spiegelt
Ist die Stadt in ihrer Hand
Es weht eine Fahne über HUE
Geschmückt von Blumen
Die Fahne des Sieges
Es kam eine neue Zeit nach Hue
Mit Menschen, die schwören: Was auch gescheh –
Immer lebe Hue
„Vietnamgedichte sind eine schwierige Kiste“, sagte Wolfgang. „Ich hab mich noch nicht dran versucht.“
„Aber du könntest es“, sagte Trebing. „Du bist der größere Lyriker von uns beiden.“
„Im Moment jedoch“, sagte Wolfgang, „habe ich der Lyrik abgeschworen und schreibe gerade an einem Stück.“
„Thema?“
„Großbaustelle.“
„War ja auch nicht anders zu erwarten“, sagte Trebing und erinnerte sich daran, wie er und Wolfgang nach der Premiere der „Irkutsker Geschichte“ in der nächtlichen Mitropa gesessen hatten und, der Oberschule und der Lehrer überdrüssig, bis in den frühen Morgen Aufbruchspläne geschmiedet hatten. Sie hatten Brühe mit Ei gelöffelt und viel zu kaltes, schales Bier getrunken, und sie hatten durchs schmutzige Fenster der verräucherten Mitropa gesehen, wie sowjetische Soldaten, die Heimaturlaub bekommen hatten, auf dem Bahnsteig standen und mit ihrem schweren Gepäck in den Zug nach Brest stiegen.
„Sobald du fertig bist mit dem Stück, musst du mir unbedingt ein Exemplar schicken“, sagte Trebing.
„Versprochen“, sagte Wolfgang, als er mit Trebing die Bodega verließ.
Wenn Wolfgang über den Anger ging, traf er immer Freunde, mit denen er übers Theater und das Gedichteschreiben sprechen konnte. Meistens liefen ihm Meyer, ein Volontär bei der „Thüringischen Landeszeitung“, oder Jungschauspieler Pollatschek, der gerade probenfrei hatte, über den Weg. Meyer war zwei Jahre jünger als Wolfgang. Er war rothaarig und hatte mächtig viel Pomade in seine Haare geklitscht. Wie er sie am Morgen gekämmt und gescheitelt hatte, lagen sie noch am Nachmittag.
Meyer war immer in Eile und hatte eine komische Art, sich die Werke der Weltliteratur anzueignen. „Im Moment lese ich nur Stücke, weil mir die Zeit zum Romanelesen fehlt“, sagte er. „Strindberg steht auf meinem Programm. Den solltest du lesen“, riet er Wolfgang.
„Wie ich dich kenne, wirst du dich für ‚Fräulein Julie‘ begeistern“, sagte Meyer, der auf dem Sprung zum nächsten Pressetermin war.
Wesentlich mehr Zeit für ein Gespräch nahm sich Pollatschek. Unter der großen Angeruhr stehend, erzählte er Wolfgang von Claus Hammels „Morgen kommt der Schornsteinfeger“, einem Gegenwartsstück, das am Erfurter Schauspielhaus erfolgreich uraufgeführt worden war. Bei der Premiere habe es drei Mal Zwischenapplaus gegeben, einen davon habe er als Lyriker bekommen, sagte er. Dass man jetzt erwäge, die Rolle des Lyrikers aus Zeitgründen zu streichen, konnte er nicht verstehen und fühlte sich in seiner Ehre gekränkt.
Die Literaturwissenschaft, die von Hammel kaum Notiz nehme, sollte sich mal näher mit diesem Autor befassen, meinte Pollatschek und brachte Wolfgang auf die Idee, die Staatsexamensarbeit über Claus Hammels „Morgen kommt der Schornsteinfeger“ zu schreiben.
Aber vorerst schrieb Wolfgang an seinem Stück „Der Gast oder Der Versuch zu leben“, das Mitte September schon in seiner Gesamtheit vorlag, und es schien, als könne es, wie geplant, im April 1968 von der Studentenbühne aufgeführt werden.
Aber diesen Plan durchkreuzte eine Fisteloperation, der sich Wolfgang kurzzeitig unterziehen musste. Zuerst hatte er einen Furunkel am Hintern gehabt, dann war der Furunkel aufgegangen, aber eine stecknadelkopfgroße Öffnung war geblieben, aus der es ständig nässte. Obwohl es Wolfgang ziemlich peinlich war, ging er deshalb zum Arzt. „Eine Steißbeinfistel“, sagte der Arzt. „Keine große Sache. Das ist schnell gemacht“, und für Wolfgang war es beruhigend zu hören, dass mit einem längeren Studienausfall nicht zu rechnen sei.
Anfang Oktober sollte die OP sein, und so fuhr Wolfgang Ende September nach Jena, übergab Birgit Hielscher die Geschäfte der Studentenbühne und vervielfältigte mit ihr zusammen das Stück. Da nicht sicher war, ob Wolfgang zur Spielplanbesprechung Mitte Oktober schon wieder fit sein würde, instruierte er die Hielschern.
Er sagte ihr, wie sie beim Vorstellen des Stücks vorgehen solle und welche Besonderheiten sie unbedingt erwähnen müsse. Die erste Besonderheit sei, dass ein Student ein Stück für Studenten geschrieben habe, das in der Gegenwart spiele, sagte Wolfgang. Die zweite Besonderheit sei, dass er den Hauptdarstellern die Rollen buchstäblich auf den Leib geschrieben habe. Und drittens liege der besondere Reiz der Inszenierung darin, dass die Endfassung des Stücks während der Proben erarbeitet werde.
„Und was muss unbedingt gesagt werden, wenn es um den Inhalt des Stücks geht?“, wollte die Hielschern wissen. „Dass die Frage nach dem Sinn des Lebens aufgeworfen wird, die jede Generation neu für sich beantworten muss“, meinte Wolfgang. Schon der Titel „Der Gast oder Der Versuch zu leben“ weise unmissverständlich auf diese Problematik hin.
Vier Wochen nach seiner Operation lag Wolfgang noch immer im Krankenhaus und hatte keine Kunde, wie die Spielplan-Diskussion Mitte Oktober ausgegangen war, und seine telefonischen Versuche, Birgit Hielscher zu erreichen, waren gescheitert. Vielleicht wurde der Termin verschoben, dachte Wolfgang, den das Schweigen der Hielschern arg beunruhigte. Erst Ende Oktober ließ sich Birgit Hielscher blicken. Sie kam laut lachend ins Krankenzimmer geschneit, und an der übertriebenen Freundlichkeit, die sie zur Schau stellte, spürte Wolfgang sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Ich habe eine traurige Nachricht für dich“, sagte sie. „Dein Stück ist abgelehnt worden.“
Dass es zu dieser Entscheidung gekommen sei, habe zum größten Teil an Hetzel gelegen, dem es mit seiner demagogisch plumpen Art gelungen sei, die Mehrheit der Leute hinter sich zu bringen, erzählte Birgit. „Zuerst machte sich Hetzel lustig über die grammatischen Fehler im Text, die eines Germanisten unwürdig seien. Dann bezeichnete er es als Größenwahn, wenn jemand wie du Autor, Hauptfigur und Regisseur in einer Person sein wolle“, berichtete sie. „Und meinen Einwand, dass wir uns schon am Nationaltheater Weimar nach einem jungen Schauspieler umgesehen hätten, der Regie führen könnte, ignorierte er mit einer nicht zu überbietenden Überheblichkeit.“
Hetzel habe den Oberassistenten heraushängen lassen, sagte Birgit Hielscher. Dann habe er mit seinem Verriss losgelegt, ohne dass jemand versucht hätte, ihn zu stoppen.
Hetzel, für den die Lehrstücke Brechts das hohe C der Theaterkunst waren, nahm Wolfgangs Stück wie einen faulen Fisch auseinander. Abgesehen davon, dass die Großbaustellen-Romantik eines Abiturienten kaum jemanden interessiere, war Hetzel der Meinung, dass dem Stück etwas sehr Wesentliches fehle, nämlich die dramatische Substanz. Das Stück habe keine Fabel und drehe sich nur um den Helden, der nichts weiter sei als ein Medium der Selbstverständigung. André, die Hauptfigur, wolle zwar anders sein als die anderen, aber dieses Anderssein würde nicht einleuchtend erklärt. Wie ein Messias käme André daher, wie ein passiver Wanderer aus Strindbergs „Damaskus“ gehe er durch die Welt und versteige sich in existenzialistische Formulierungen. Dies sei politisch untragbar, giftete Hetzel. Auch Mike Mutzke habe nicht mit herber Kritik gespart. Dass ein 18-jähriger Abiturient sich in eine sieben Jahre ältere Kellnerin verliebt, möge noch angehen. Aber dass ein 18-Jähriger und eine nuttige Kellnerin die Welt retten wollten, sei einfach lachhaft, meinte er. Im Übrigen sei die Weltsicht der Kellnerin Irene pessimistisch und menschenfeindlich, was durch nichts zu rechtfertigen sei.
Und Wachsmuth, der große Glattscheißer vor dem Herrn, fühlte sich bemüßigt zu erklären, dass er es ablehne, die Rolle des Karrieristen Frank zu spielen. „So sind unsere Menschen nicht“, habe er gesagt.
„Mit Hetzels Verriss hätte ich noch gerechnet“, sagte Wolfgang. „Aber nicht mit den Reaktionen von Mutzke und Wachsmuth.“
Aufs Schlimmste gefasst, fragte er die Hielschern, mit der er auf dem Krankenhaus-Balkon stand: „Und was haben Doris, Biene und Edda gesagt?“
„Edda hat geschwiegen, den ganzen Abend“, sagte Birgit. Aber Doris und Biene bliesen in Wachsmuths Horn. Biene meinte, sie habe keine Lust, eine Unterhaltungsschriftstellerin zu spielen, der es nur um Geld und Wohlstand gehe. Auch Doris erklärte, dass sie es ablehne, eine junge Journalistin zu spielen, die dem Autor nur als Beweis für die Scheinmoral der Gesellschaft diene, ansonsten aber völlig blutlos sei, und ihr kurzes Statement gipfelte in dem Satz: „Auch ich halte den jetzigen Stückentwurf für nicht spielbar.“
Nunweiler, der sich nur am Versmaß klassischer Dramen berauschen konnte, ging noch einen Schritt weiter. Mit einer unverhohlenen Dreistigkeit habe er am Schluss der Veranstaltung erklärt, dass es vielleicht besser wäre, Wolfgang würde ein neues Stück schreiben und seinen jetzigen „Versuch zu leben“ vergessen.
„Alle meine Versuche zu erklären, warum wir das Stück spielen sollten, fanden kein Gehör“, sagte Birgit Hielscher. „Wenn du dabei gewesen wärst, wäre das nicht passiert“, und ihr war anzumerken, dass sie sich irgendwie schuldig fühlte.
Für Wolfgang war es ein herber Rückschlag. Denn mit der Uraufführung seines Stücks „Der Gast oder Der Versuch zu leben“ verband er die große Hoffnung, als Theaterdichter (sprich: Dramatiker, sprich: Stückeschreiber) Furore zu machen.
Einen Tag später schon musste er einen weiteren Rückschlag hinnehmen: Er bekam Fieber, und die primär verschlossene Wunde wurde aufgemacht. „Die Wunde muss aufbleiben und von unten herauf heilen“, sagte der Stationsarzt. Da die Wunde, in die bequem sechs große Tupfer hineingingen, sehr tief sei, könne das einige Wochen oder gar Monate dauern, prophezeite er Wolfgang.
11. Kapitel
Weil Wolfgangs Wunde am Steiß einfach nicht zuheilen wollte, war lange Zeit ungewiss, ob er sein Studium wie geplant fortsetzen könne. Man erwog sogar, ihn wegen des krankheitsbedingten Ausfalls die versäumten Semester wiederholen zu lassen. Aber zu guter Letzt ließ man ihn doch zum großen Schulpraktikum zu.
Frau Doktor Gärtner, die Methodik-Tante in Deutsch, war nämlich der Meinung, dass Wolfgang das Versäumte schnell aufholen könne, wenn er durch seinen Mentor schrittweise und behutsam ans Unterrichten herangeführt werde.
Aber daraus wurde nichts, denn Wolfgangs Mentor war von einem Tag auf den anderen stellvertretender Direktor geworden. Der bisherige Stellvertreter war über Ungarn, wo er Urlaub gemacht hatte, in den Westen abgehauen. Die Aufregung an der Schule war groß, und Wolfgangs Mentor musste binnen kürzester Zeit in die Leitungstätigkeit eingeweiht werden und auf Grund der veränderten Situation einen neuen Stundenplan erstellen.
Er sagte, Wolfgang müsse für ihn die Grammatikstunde in der 6a halten und drückte ihm seine recht knappe Stundenvorbereitung in die Hand, mit der Wolfgang eine ihm fremde Klasse betrat und ganz auf sich allein gestellt seine erste Stunde hielt.
Als Wolfgang nach dieser Stunde ziemlich geschafft aus der Klassenzimmertür trat, stand sein Mentor aufgeregt auf dem Gang und teilte ihm die nächste Hiobsbotschaft mit. Er sei mit dem Stundenplan-Ändern noch immer nicht fertig, sagte er und bat Wolfgang, für ihn den Unterricht in der 8a zu übernehmen.
Wieder drückte er ihm ein paar spärliche Unterlagen in die Hand, und wieder ging Wolfgang völlig unvorbereitet in eine Klasse, die er nicht kannte. Dieses Mal war es Geschichte, was er zu unterrichten hatte. Er musste die Pariser Kommune behandeln, und wenn er Brechts „Tage der Kommune“ nicht so gut gekannt hätte, wäre er total eingebrochen.
Schon am ersten Tag hatte Wolfgang seine Feuerprobe bestanden, denn keine der Stunden, die er plötzlich aus dem Stegreif halten musste, hatte er vor den Baum gefahren.
Zwei Tage vor Weihnachten war das Praktikum zu Ende. Wolfgang wurde ins Direktorenzimmer gerufen, und sein Mentor händigte ihm die Beurteilung aus:
„Vom 26. August bis 30. November 1968 absolvierte Herr Bruckner an unserer Schule in den Fächern Deutsch und Geschichte seine Praktika. Er unterrichtete in den Klassen 6, 8 und 10. In beiden Fächern schloss Herr Bruckner sein Praktikum erfolgreich mit der Examensprobe ab.
Es kann eingeschätzt werden, dass Herr Bruckner die Anforderungen, die die Schule an einen sozialistischen Lehrer stellt, erfüllt hat. Im Praktikum zeichnete er sich durch parteiliche Haltung, Einsatzbereitschaft, fachliches Wissen und Drang zur Selbständigkeit aus.“
Ganz am Schluss der vierseitigen Beurteilung stand, dass Wolfgang auf Grund der gezeigten Leistungen das Prädikat „Sehr gut“ erteilt wird. Darauf war Wolfgang besonders stolz, denn es strafte alle Lügen, die ihn bisher zum Versager abgestempelt hatten.
Als Wolfgang über die Weihnachtsfeiertage nach Arnsbach fuhr, zeigte er Heidi die Beurteilung. „Kompliment“, sagte sie und gratulierte ihm dazu, dass er beide Examensstunden mit „Eins“ gemacht hatte.
„Es war ein großes Glück, dass ich trotz der versäumten zwei Semester zum Großen Schulpraktikum zugelassen wurde“, sagte er. „Ich hatte richtig Glück im letzten halben Jahr.“
„Das kann ich nicht von mir behaupten“, meinte Heidi. „Mein Start ins Lehrersein an der Dorfschule in Höhnberg hätte nicht schlechter sein können.“
Denn zu Beginn des Schuljahres waren alle Lehrer aufgefordert worden, eine Resolution zu unterschreiben, in der der Einmarsch der fünf Bruderländer in die CSSR für gut geheißen wurde.
Heidi jedoch fand, dass es eine große Schweinerei war, was sich da in der Welt tat, und verweigerte ihre Unterschrift.
Auf Grund dieser Tatsache war sie als Querulant verschrien, und der Direktor konnte sie von Anfang an nicht leiden. Er hielt sie vom ersten Tag an für aufmüpfig und arrogant, und er schikanierte sie, wo es nur ging. So ließ er sie nicht in den oberen Klassen unterrichten, obwohl sie die Befähigung dazu hatte, und er gab ihr den miserabelsten Stundenplan, den man sich denken konnte. Vier Mal in der Woche musste sie ihren Englischunterricht am späten Nachmittag geben. Auch bürdete der Direktor ihr Aufgaben auf, die Heidi als pure Schikane empfand.
„Nach den Weihnachtsferien“, erzählte Heidi Wolfgang, „soll ich vor der Schulleitung darüber berichten, wie ich die Arbeiter- und Bauernkinder in meiner Klasse gefördert habe. Dazu hat man mir noch den Losverkauf für eine Tombola anlässlich der Messe der Meister von Morgen aufgebrummt.“
Der Grund dafür liege auf der Hand, sagte Heidi. „Vorige Woche bin ich unfreiwillig Zeuge einer Parteiversammlung gewesen, da ich in einem Nebenraum saß und Arbeiten korrigierte. Man sprach über die CSSR-Angelegenheit und sagte, auch an unserer Schule wären solche ‚Elemente‘. Es handle sich dabei um den Kollegen Konzak und die Kollegin Stillmark.“
„Wenn du so weitermachst“, sagte Wolfgang, „wirst du noch ein richtiger Revolutionär“, und er freute sich, dass Heidi kein braves, biederes Dorfschulmeisterlein war, das seinen unfähigen Vorgesetzten die Füße küsste. „Ich wäre schon froh, wenn ich im nächsten Jahr nichts mehr mit diesen Hinterwäldlern zu tun hätte und mit dir zusammen an einer anderen Schule unterrichten könnte“, sagte Heidi. „Am liebsten würde ich an einen Ort gehen, wo der Lehrer noch nicht der letzte Dreck ist.“
Es war ihr anzumerken, wie sehr sie die Schule in Höhnberg satthatte und wie sehr sie einen Neuanfang herbeisehnte.
Mit Blick auf das kommende Jahr sagte sie: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich auf unsere Hochzeit und unser Leben danach freue.“
„Vorher heißt es aber noch für mich, die Abschlussprüfung im Juni zu bestehen“, sagte Wolfgang. „Und bis März muss ich die Staatsexamensprüfung geschrieben haben.“
„Das dürfte wohl kein Problem sein“, sagte Heidi.
Aber die häuslichen Verhältnisse ließen es nicht zu, dass Wolfgang ungestört an seiner Staatsexamensarbeit schreiben konnte. Denn seine Großmutter war schon so dement, dass sie beaufsichtigt werden musste. Und dieses Beaufsichtigen fiel Wolfgang zu, weil er der Einzige war, der nicht arbeiten ging.
Wolfgangs Großmutter wusste kaum noch, was sie tat. Von Unruhe getrieben, klimperte sie ständig mit dem Schlüsselbund, tappte durch alle Zimmer, und während Wolfgang am Wohnzimmertisch saß und schrieb, hörte er das unruhige Tappen, und er hörte, wie seine Großmutter an der Klinke der Korridortür rüttelte. Auf der verzweifelten Suche nach einem Ausweg schlug Wolfgangs Großmutter mit der Schutzkette rasselnd gegen die Tür.
Wolfgang konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Entnervt unterbrach er sein Schreiben und wandte sich seiner Großmutter zu, die auf ihren Gängen durch den Korridor manchmal Kot verlor. Wolfgang machte es nichts aus, die Scheißeklümpchen vom braunen Linoleum aufzuwischen. Er war nicht so geruchsempfindlich und reagierte nicht so allergisch wie seine Mutter, die nach jedem Malheur, das Meta Larsen passierte, herumschrie und kotzen musste.
Wolfgang wurde erst von seiner Aufsichtspflicht entbunden, wenn seine Mutter am Nachmittag aus dem Kaufhaus kam. Aber da hatte Wolfgang schon so viele Nerven gelassen, dass ihm die Kraft fehlte, zu einem späteren Zeitpunkt an seiner Arbeit weiterschreiben zu können. Auch bedrückte es ihn sehr, wie schnell der geistige Verfall seiner Großmutter voranschritt.
Wolfgangs Großmutter wollte sich nützlich machen, und so ließ sie sich tagelang von ihrer Tochter das Stricken wieder und wieder zeigen. Sie wollte tun, was sie immer getan hatte. Aber die Nadeln und das Garn gehorchten ihr nicht mehr.
Als Wolfgangs Großmutter merkte, dass ihr nicht mehr gelang, was ihr sonst mit Leichtigkeit gelungen war, war sie zu Tode betrübt und wütend über sich. „Ich bin ein altes Kalb“, sagte sie unglücklich. „Schlagt mich doch tot! Ich bin zu nichts mehr nutze.“
Sie sah keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Sie schmiss die Stricknadeln weg und weinte.
Es war zwar schrecklich für Wolfgang, mit ansehen zu müssen, wie verzweifelt seine Großmutter war, als sie merkte, dass sie nicht mehr stricken konnte. Aber den größten Schreck jagte sie ihm ein, als sie auf dem Fensterbrett des dritten Stockes stand.
Wolfgang war gerade auf dem Rückweg von einem Kurzeinkauf, der keine Viertelstunde gedauert hatte, als er von der Straße aus sah, wie seine 78-jährige Großmutter auf dem Fensterbrett stand. Die Fensterflügel waren sperrangelweit offen, und Wolfgang rannte wie um sein eigenes Leben. Er war heilfroh, als er seine Großmutter, die nicht mehr wusste, was sie tat, vom Fensterbrett runter und wieder in der Stube hatte.
Damit seine Großmutter keine Dummheiten mehr machen konnte, schraubten sie ihr die Fenster zu, und am Abend tagte der Familienrat. Jedem war klar, dass Meta Larsen keinen Augenblick mehr aus den Augen gelassen werden konnte und rundum betreut werden musste.
Wolfgangs Vater sagte, dass er sich um einen Pflegeheimplatz kümmern wolle. Obwohl das äußerst schwierig sei und dauern könne. Wolfgangs Mutter erklärte, dass sie so lange zu arbeiten aufhören werde, bis ein Pflegeheimplatz für Meta Larsen gefunden sei. Nachdem sie ihre Stelle im Kaufhaus gekündigt hatte, blieb sie vierzehn Tage später zu Hause, um ihre Mutter fortan ganztägig beaufsichtigen zu können.
Aus diesem Grund brauchte sich Wolfgang tagsüber kaum noch um die Betreuung seiner Großmutter zu kümmern. Aber dafür wurden nachts seine Nerven aufs Ärgste strapaziert. Denn Wolfgangs Großmutter geisterte durch die Zimmer. Urplötzlich stand sie vor Wolfgangs Bett, strich ihm über den Kopf, und wenn er hochschreckte, wich sie zurück. Sie sagte etwas Tröstendes, das Wolfgang nicht verstand, und ging zurück in ihr Zimmer.
Es kam aber auch vor, dass Wolfgangs Großmutter nachts mehrmals aus ihrem Bett fiel und um Hilfe schrie. Sie lag auf dem Bettvorleger aus Ziegenfell, wusste nicht, wo sie war, und Wolfgang und seine Mutter hievten sie zurück in ihr Bett. Auf den Rat ihrer Tochter, nicht alleine in der Nacht aufzustehen, hörte sie nicht, und schon kurze Zeit später war wieder ein Plumpsen und Schreien zu hören. Denn Wolfgangs Großmutter konnte nicht aufhören, ihre Füße immer wieder auf den Bettvorleger zu setzen und aufzustehen, selbst wenn sie schwach und taumelig war.
Nach solchen nächtlichen Aktionen fand Wolfgang kaum in den Schlaf, und wenn er morgens erwachte, fühlte er sich wie gerädert und war zu keiner vernünftigen Arbeit mehr in der Lage.
Es war Ende Januar, und Wolfgang glaubte nicht mehr daran, die Staatsexamensarbeit, die Anfang März abgegeben werden musste, fertig zu kriegen. Verzweiflung suchte ihn heim. Denn von der Staatsexamensarbeit hing sein zukünftiges Leben mit Heidi ab.
Ohne Staatsexamensarbeit keine Zulassung zu den Abschlussprüfungen, ohne Abschlussprüfungen kein Staatsexamen, ohne Staatsexamen kein Einsatz als Absolvent und ohne Absolventeneinsatz kein gemeinsames Unterrichten an einer Landschule.
Wolfgang wusste sich keinen Rat mehr. Er schrieb Heidi, in welch beschissener Lage er sich befinde. Und Heidi, die Verständnis für Wolfgangs Situation hatte, machte ihm das Angebot, seine Arbeit bei ihr in Arnsbach zu Ende zu schreiben. Bis zum Abgabetermin seien es noch vier Wochen, und in vier Wochen Abgeschiedenheit und Ruhe könne man einiges schaffen, sagte Heidi. So kam es zu Wolfgangs zweitem Besuch in Arnsbach.
12. Kapitel
Als Wolfgang am Sonntagmorgen anreiste, sagte er: „Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich freue, in den nächsten vier Wochen mit dir zusammen zu sein.“
„Mir geht es genauso“, sagte Heidi und umarmte ihn fest.
„Eine betrübliche Nachricht muss ich dir jedoch machen“, sagte Heidi. „Meine Eltern erlauben es nämlich nicht, dass wir zusammen auf der Doppelbettcouch im Mansardenzimmer schlafen. Mein Vater ist der Meinung, solange wir nicht verheiratet seien, müssten wir getrennt schlafen. Meiner Mutter und ihm sei es einst auch nicht anders gegangen.“
„Eine lächerliche Ansicht, wie ich finde“, sagte Wolfgang. „Mit List und Tücke werden wir aber trotzdem zu unserem Vergnügen kommen.“
„Das denke ich auch“, sagte Heidi.
In Heidis Mansardenzimmer angekommen, in dem Wolfgang den ganzen Februar über sitzen und an seiner Staatsexamensarbeit schreiben würde, sagte Heidi: „Das Beste ist, wenn ich unten in der Kammer schlafe und du hier oben in der Mansarde. Da kannst du aufstehen, wann du willst, und an deiner Arbeit schreiben, solange du willst. Ab halb sieben früh hast du deine Ruhe. Da ist keiner mehr zu Hause. Außer meinem Opa. Und der wird dich nicht groß stören. Mittags wird er von meiner Mutter versorgt. Sonst macht er seinen Kram alleine. Im Höchstfall musst du ihm mal aus der Zeitung vorlesen.“
Der Sonntag war wie im Flug vergangen, und gegen zehn Uhr abends räumte Heidi die aufgestapelten Zeugnishefte vom Tisch. „Ich habe wieder nicht geschafft, was ich wollte“, sagte sie zu Wolfgang. „Zwei Drittel der Zeugnisse habe ich erst geschrieben.“
„Den Rest schaffst du doch spielend“, sagte Wolfgang. „Bis Donnerstag ist noch viel Zeit.“
„Ich habe eine äußerst turbulente Woche vor mir“, sagte Heidi. „Viel Zeit bleibt mir da nicht.“
Als Heidi am nächsten Nachmittag nach Hause kam, war sie äußerst geschafft, und ohne sich nach Wolfgangs Arbeitsfortschritten zu erkundigen, sagte sie: „Heute hatte ich acht Stunden Unterricht. Und hospitiert wurde auch noch.“
In den ersten beiden Stunden habe Konzak in seiner Eigenschaft als Kreisfachberater für Englisch hospitiert, erzählte Heidi. Wenn nicht gerade hospitiert werde, komme sie in Englisch fast ohne Vorbereitungen aus.
„Die Englischstunden sind eine wahre Erholung für mich“, sagte Heidi. „Da habe ich festen Boden unter den Füßen, was ich von Deutsch nicht gerade sagen kann. Da schwimme ich manchmal mächtig, und mit oft dürftigen Vorbereitungen hangle ich mich dann wie ein Seiltänzer von einer Stunde zur anderen.“
Davon war aber nichts zu merken, als der Direktor in der dritten Stunde hospitiert hatte. „Ich war gut vorbereitet“, sagte Heidi. „Ich habe Grammatik gemacht. Trotzdem waren die Schüler lieb und haben ganz toll mitgearbeitet. Der Direktor hatte nichts an meiner Stunde auszusetzen. Er war äußerst zufrieden mit meiner Arbeit.“
Dann fragte sie Wolfgang, wie er mit seiner Arbeit vorangekommen sei und womit er sich den lieben langen Tag vertrieben habe.
„Ich habe versucht, mich etwas nützlich zu machen“, sagte Wolfgang. „Zuerst habe ich in der Wohnstube, der Küche, bei deinem Opa und hier oben in der Mansarde Feuer gemacht und ab und an nachgelegt, dann habe ich im Hof zwei Stunden lang Schnee geschippt und zu guter Letzt deinem Großvater eine Zigarre angeschnitten und Feuer gegeben.“
„Und während er rauchte, hat er dir irgendwas von früher erzählt“, sagte Heidi.
„Ja“, sagte Wolfgang, „und ich habe ihm unheimlich gern dabei zugehört.“
„Und was hast du so erfahren, wenn man fragen darf“, höhnte Heidi.
„Von den Russen hat er erzählt.“
„Von den Russen“, wiederholte Heidi.
„Ja, von den Russen“, sagte Wolfgang. Als Historiker wusste er, dass der Erste Weltkrieg durch die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand ausgelöst worden war, und er konnte sich schwach daran erinnern, was ihm in den Geschichtsvorlesungen über den Frieden von Brest-Litowsk und den Versailler Vertrag erzählt worden war. Aber mehr wusste er nicht.
Schon deshalb hatte er aufmerksam zugehört, als Heidis Großvater davon sprach, dass er am 2. Dezember 1915 an die Ostfront gekommen sei und sein Regiment monatelang einen Stellungskrieg in den Pijetsümpfen nahe der Stadt Tschernobyl geführt habe.
Louis Stillmark war beim Durchbruch in Ostgalizien dabei gewesen. Sie hatten am 6./7. Juli 1917 die russischen Angriffe bei Zbrowo zurückgeschlagen, und Louis Stillmark war auch dabei, als zwölf Tage später die deutschen Gegenstöße an der Ostfront begannen und die Russen sich hinter den Fluss Sereth zurückziehen mussten.
Vom Besiegen der Russen am Sereth-Fluss im Ersten Weltkrieg war Louis Stillmark auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zu sprechen gekommen, und das hatte sich so angehört: „Als die Amerikaner im Mai 1945 Arnsbach verlassen hatten, tauchten einige Tage später Russen auf. Sie campierten an der Dreschhalle, genau uns gegenüber. Die Soldaten erbaten sich von uns Kartoffeln, Zwiebeln und Holz für die Kochstelle. Wir waren erleichtert, dass sich die so gefürchteten Soldaten ordentlich verhielten. Es waren zehn Mann, und ich versorgte sie mit einem geschlachteten Huhn und Ziegenmilch, an die sie offensichtlich gewöhnt waren.“
„Amen“, sagte Heidi, die diese Opa-Geschichten zur Genüge kannte.
Ein wahrer Sitzungsmarathon erwarte sie morgen: Parteilehrjahr, Gewerkschaftsversammlung und danach die letzte Dienstbesprechung vor den Winterferien, meinte sie. „Das kann spät werden.“
Und es wurde auch spät.
Gegen 23 Uhr wurde sie von einem Kollegen, der in Birkenhall wohnte, vorm Hoftor abgesetzt, und Wolfgang, der noch beim Lesen war, hörte das Klappen einer Autotür.
Heidi war ziemlich aufgekratzt, als sie zu später Stunde die Mansarde betrat. Sie ließ sich in einen der beiden Sessel fallen und fing sofort zu erzählen an, was sich in der Dienstbesprechung, die sie noch immer in Rage brachte, abgespielt hatte. Der Direktor habe sie vor versammelter Mannschaft heruntergeputzt, weil sie keine Elternbesuche gemacht habe, sagte Heidi. Er habe die Anweisung gegeben, dass bis Ende des Schuljahres alle Elternhäuser besucht werden müssten, und als sie zu sagen wagte, dass ihr das nicht möglich sei, habe er in scharfem Ton gemeint: „Ein Lehrer muss sich darüber klar sein, dass er ein sozialistischer Erzieher ist. Wer das nicht einsieht, kann eben nicht Lehrer sein.“
„Offensichtlich will man mich abservieren“, sagte Heidi. „Da man mir fachlich nicht beizukommen scheint, will man mir anderweitig einen Strick drehen.“
Heidi lag seelisch und moralisch total am Boden, als sie Wolfgang erzählte, welchen Schikanen sie an der Schule in Höhnberg ausgesetzt war, und am nächsten Tag, Wolfgang half seiner Schwiegermutter beim Abwaschen, erzählte er Lisbeth Stillmark davon.
Besonders in der Anfangszeit habe Heidi oft weinend erklärt, dass sie sich nicht als Lehrer eigne und sofort aus dem Schuldienst herauswolle, verriet ihm Lisbeth Stillmark. Da er zum Ausweinen nicht da gewesen sei, habe sie eben Heidi ein bisschen aufgerüttelt und getröstet. „Ich habe ihr ein paar Gläschen Rhöntropfen gegeben und ihr gesagt, dass es nun einmal nicht ihr Charakter sei, zu katzbuckeln und anderen Leuten nach dem Mund zu reden“, sagte Lisbeth Stillmark. Auch ihr Vater habe deshalb seinen Beruf als Lehrausbilder aufgegeben. Das liege nun mal in der Familie.
„Und damit war die Sache aus der Welt?“, fragte Wolfgang.
„So gut wie“, sagte Lisbeth Stillmark.
Als Heidi am Donnerstagabend endlich mit dem Schreiben der restlichen Zeugnisse fertig war, sagte sie: „Wenn das blöde Manöver ‚Schneeflocke‘ nicht wäre, würde ich mich sogar auf den morgigen Tag freuen können. Zeugnisausgabe, ein bisschen Vorlesen aus irgendeinem Buch. Und Schluss. Ist aber nicht so. Zeugnisausgabe in der ersten Stunde, dann Manöver ‚Schneeflocke‘ bis 13 Uhr. Du kannst dir nicht vorstellen, wie mich das ankotzt, dieses Kriegspielen im Schnee.“
Heidi hatte sich eigentlich vorgenommen, Wolfgang in den Winterferien bei seiner Staatsexamensarbeit zu helfen. Aber schon am Sonntagvormittag ging es ihr nicht besonders gut. Sie hatte plötzlich keinen Appetit, ließ das Mittagessen stehen, bekam Schüttelfrost und legte sich sofort ins Bett. Sie glaubte, eine mögliche Erkältung mit Wärme und Teetrinken abfangen zu können. Einen Tag später aber bekam sie Fieber, und der Arzt musste geholt werden. Der Arzt stellte eine Blasenentzündung fest und schrieb sie sofort krank. Eine Woche Bettruhe verordnete er ihr und verschrieb ihr Tabletten. Aus Furcht, dass die recht harmlose Krankheit sich zu etwas Ernstlichem entwickeln könnte, verkroch sie sich in ihrem Bett, und Wolfgang bekam sie nur zu Gesicht, wenn er ihr Tee in die hintere Kammer brachte und sehen wollte, wie es ihr ging.
„Wie habe ich mich auf diese zwei Wochen Ferien gefreut“, sagte Heidi. „Jetzt liege ich auf der Nase, habe mit mir zu tun und kann dir kein bisschen bei deiner Arbeit helfen. So schwer hat es mich erwischt.“
Durch die Tabletten und das ständige Wärmen und Liegen fühlte sich Heidi ziemlich geschwächt, und sie hatte einfach keine Lust, irgendetwas zu tun, was nach Arbeit roch. Und dem Manöver „Schneeflocke“ gab sie die Schuld, dass sie bei herrlichstem Winterwetter im Bett lag und die Tage mit Wolfgang nicht genießen konnte.
Als sie in ihren nassen Schuhen in der Kälte gestanden und auf den Bus gewartet habe, habe sie sofort gemerkt, dass sie sich was weggeholt hatte, sagte Heidi. Drei Stunden habe dieses beschissene Manöver „Schneeflocke“ gedauert, drei Stunden sei sie durch den tiefen Schnee ihren Schülern hinterher getappt.
„Die Marschkolonne übers Feld, auf dem der Wind eisig pfiff, wurde von einem Jungen aus der achten Klasse angeführt. Er ging mit seinem Luftgewehr, das er geschultert hatte, offimäßig voran, und wir folgten ihm durch den knietiefen Schnee. Als wir verschwitzt in einem Steinbruch ankamen, mussten meine Schüler auf Luftballons schießen“, erzählte Heidi. „Nach der Schießstation ging es zurück in die Schule. Auf dem Schulhof stand eine dampfende Gulaschkanone, und für jeden gab es einen Teller Bohnensuppe.“
Danach hätten sie alle durchfroren und mit nassen Füßen auf den Schulbus gewartet, der ewig nicht kam, erboste sich Heidi noch immer.
„Wenn das beschissene Manöver ‚Schneeflocke‘ nicht gewesen wäre, würde ich jetzt nicht mit dieser unangenehm-schmerzhaften Blasenentzündung im Bett liegen“, motzte Heidi.
In ihr dickes Federbett gemummelt, fragte sie, wie Wolfgang mit seiner Arbeit vorankäme und versuchte, ihm gute Ratschläge zu geben. Mit fiebernasser Stirn riet sie ihm, so viel wie möglich Fakten zu sammeln, die sich exakt auswerten ließen, und sie legte ihm dringend ans Herz: „Lass dich auf keinen Fall zu vorschnellen Verallgemeinerungen hinreißen. Und vermeide allzu subjektive Meinungsäußerungen. Das hat man in wissenschaftlichen Arbeiten nicht gern.“
Ob man es gern hatte oder nicht, Wolfgang würde seine Arbeit auf jeden Fall mit einem Affront gegen die lahmarschige Literaturwissenschaft der DDR beginnen, und er wusste auch schon wie. Als Autor wollte er etwas bewegen, etwas umstürzen wollte er, und das las sich dann so: „Statt einer Monographie über den Dramatiker Claus Hammel, der zwischen 1962 und 1967 fünf Stücke schrieb, die allesamt erfolgreich aufgeführt wurden, liegen nur ein paar dürftige Rezensionen vor, und die Umstrittenheit des Stücks ‚Morgen kommt der Schornsteinfeger‘, das das Publikum in ein Für und Wider spaltet, wird von der Kritik weitgehend unterschlagen. Hier offenbart sich, dass die Literaturwissenschaft nur ungenügend auf sozialistische Zeitstücke und Gegenwartsautoren wie Hammel reagiert. Mir scheint, die Literaturwissenschaft wartet darauf, bis Hammel gesehen werden kann, wie wir die Klassiker heute sehen. Wenn die Gegenwartsdramatik nach einer Analyse verlangt, so muss sie heute von uns getroffen werden. Ein Warten auf die nötige Distanz ist ein Warten auf Godot, der nicht kommt.“
Nach einer Woche strenger Bettruhe war Heidi auf dem Weg der Besserung und half Wolfgang, wie versprochen, seine Staatsexamensarbeit zu einem glücklichen Ende zu bringen.
Gemeinsam gingen Heidi und Wolfgang das bisher Geschriebene durch, und stundenlang diskutierten sie darüber, was gut herausgearbeitet war, unbedingt überarbeitet oder neu bedacht werden sollte.
Einig waren sich Heidi und Wolfgang darüber, dass der „Versuch über das Glück“, wie Hammels Stück im Untertitel hieß, ins Zentrum der Betrachtung gestellt werden müsse. Sie konnten sich gut in die Lage der Hauptfiguren hineinversetzen: Jette und Jule waren Mitte zwanzig. Als sie von einem alten Mietshaus, das abgerissen wird, in eine geräumige Hochhauswohnung zogen, glaubten sie, ihr Glück gefunden zu haben. Aber Jette stellte plötzlich fest, dass ihre Arbeit sie nicht glücklich machte. Sie suchte nach dem Glück, konnte es aber weder auf der Seite ihrer früheren Freunde noch auf der Seite ihrer neuen Freunde finden. Auch gelang es ihr nicht, nach dem Umzug, der ein Neubeginn sein sollte, unbelastet von der Vergangenheit zu leben.
Auch Heidi und Wolfgang sehnten sich nach Zweisamkeit, Liebe und Verständnis, nach einer eigenen Wohnung und nach einer Arbeit, bei der sie Erfüllung spürten.
Wolfgang und Heidi konnten Jette verstehen, die, im Gegensatz zu Jule, unter Glück etwas anderes verstand als Wohlstand, Arbeit und berufliche Karriere. Auch sie verurteilten Wohlstandsdenken und jene neureichen Schmarotzer, die sich die Mangelwirtschaft der DDR zunutze machten und durch Schwarzarbeit und Schachern ziemlich viel Geld scheffelten. Und im Gegensatz zur Widerstandskämpferin Sellin, einer Figur des Stückes, hielten es Wolfgang und Heidi auch nicht für das große Glück, dass sie im Sozialismus leben konnten.
Während Wolfgang verstehen konnte, dass Jette Glück empfand, wenn sie die Welt veränderte, konnte Heidi mit Jettes Aussage, dass der Sozialismus für sie Heimat sei, nichts anfangen. Denn unter Heimat verstand Heidi etwas grundsätzlich anderes. Arnsbach war für sie Heimat und nicht der Sozialismus.
Strittig für Heidi war auch, dass Wolfgang so viel Augenmerk auf das Formale des Stücks legte. Aber für Wolfgang war die Struktur des Stücks das Wichtigste, weil da der Gewinn für sein eigenes Schreiben am größten sei, meinte er. Und wenn Heidi versuchte, unwissenschaftliche Passagen auszumerzen, zeigte sich Wolfgang oft uneinsichtig und sie gerieten in Streit.
Für das Thema „Die dramatischen und epischen Elemente in ‚Morgen kommt der Schornsteinfeger‘“ hatte sich Wolfgang ja nur entschieden, um ein besserer Theaterdichter zu werden. Zu wenig Dramatik, zu viel Epik hatte man auch seinem Stück angelastet, und so war die Auseinandersetzung mit Claus Hammel eine Art Selbstverständigung. Deshalb verstieg sich Wolfgang oft in Theorien, die unhaltbar waren und mit einer um Objektivität bemühten wissenschaftlichen Abhandlung nichts zu tun hatten.
„Behauptungen ohne stichhaltige Beweise haben in einer literaturwissenschaftlichen Arbeit nichts zu suchen“, sagte Heidi, und wenn sie nicht so sehr auf Logik und Wissenschaftlichkeit geachtet hätte, hätte Wolfgang seine Staatsexamensarbeit im Übereifer vielleicht noch in letzter Minute versemmelt.
„In einem Essay kannst du deinen Gedanken freien Lauf lassen. Aber in einer Staatsexamensarbeit hast du nur nachzuweisen, dass du wissenschaftlich arbeiten kannst und ab und an zu interessanten Aussagen kommst“, sagte Heidi. Nicht der Literat sei gefragt, sondern der Germanist, der mit dem literaturwissenschaftlichen Vokabular umzugehen weiß und ein Thema solide und brav abhandeln kann, meinte sie. „Erst die Pflicht, dann die Kür.“
13. Kapitel
Den ganzen Februar über hatte Wolfgang in Heidis Mansardenzimmer gesessen und an seiner Staatsexamensarbeit geschrieben, und während dieser Zeit hatte er die Gepflogenheiten im Stillmarkschen Haus, Heidis Eltern und Louis Stillmark wieder ein bisschen näher kennengelernt.
Heidis Großvater hatte einen dünnen, etwas faltigen Hals, und man hatte den Eindruck, als sei sein Hemdkragen zwei Nummern zu groß. Louis Stillmark trug meistens ein weißes, langärmliges Hemd mit einer anthrazitfarbenen Wollweste darüber, und in seiner Küche roch es nach frisch gekalkter Wand, Bratkartoffeln und Zigarrenrauch.
Wenn Wolfgang tagsüber Langeweile verspürte oder mit seiner hochwissenschaftlichen Arbeit nicht so recht vorankam, setzte er sich gern zu Louis Stillmark in die kleine, überheizte Küche und hörte sich an, was Heidis Großvater so aus seinem Leben zu erzählen wusste. Als Kind hatte sich Louis Stillmark am liebsten in der Töpferwerkstatt seines Großvaters mütterlicherseits aufgehalten, und während er haarklein berichtete, wie es in der Töpferwerkstatt zugegangen war, hatte Wolfgang Filmszenen aus dem kleinen Muck vor Augen. Der Großvater sei ein kleines Männchen gewesen, der immer zu Scherzen aufgelegt war, berichtete Louis Stillmark. „In der Töpferwerkstatt habe ich mich am wohlsten gefühlt.“
„Gibt es Bilder von ihm?“, fragte Wolfgang.
„Nein“, sagte Louis Stillmark. „Nicht von ihm und nicht von meiner Mutter, die nervenkrank war und in einer Heilanstalt starb.“
Auf der Kommode in Louis‘ Küche standen postkartengroße, holzgerahmte Bilder. Und an der schmucklos geweißten Wand darüber hing ein großer verglaster Bilderrahmen mit einem Sammelsurium unterschiedlichster Fotos, die von unterschiedlicher Größe waren.
„Mein Vater war wesentlich robuster als meine Mutter. Obwohl er als Ringschmied ein Leben lang hart und schwer gearbeitet hat, ist er 89 Jahre alt geworden“, sagte Louis Stillmark. „Ich soll ihm unheimlich ähnlich sein.“
„Das stimmt“, sagte Wolfgang, der an der Wand über der Kommode ein Foto entdeckt hatte, auf dem ein alter, grauhaariger Mann aus einem Fenster lächelte.
Die Ähnlichkeiten zwischen Louis Stillmark und seinem Vater waren verblüffend. Aber so alt wie sein Vater wurde Louis Stillmark nicht. Er war 83 Jahre alt, als er nach einem Treppensturz starb.
Obwohl Louis Stillmark so schlecht sah, dass er sich die Zeitung vorlesen lassen musste und die Leute nur schemenhaft erkannte, konnte er genau sagen, wer auf welchem Bild zu sehen war.
Als Wolfgang auf einem Schulbild, auf dem 71 Schüler mit ihrem Lehrer zu sehen waren, Heidis Großvater nicht finden konnte, sagte Louis Stillmark von seinem Sessel aus: „Ich bin der Dritte von links in der oberen Reihe.“
Wolfgang ging die obere Reihe der Schulanfänger durch und stieß auf einen bleichgesichtigen, blonden Jungen mit auffallend hellen Augen. „Als Junge war ich immer etwas schwächlich“, hörte er Louis Stillmark vom Fenster her zigarrepaffend sagen: „Zum Ringschmied war ich nicht geeignet, und so wurde ich Packer. Denn ich hatte eine schöne geschwungene Schrift.“
Und weil er eine so schöne Handschrift hatte, wurde er später im Turnverein Schriftführer, und seine Protokolle sahen wie gemalt aus. Jahrzehntelang sei er Protokollführer vom „Turnverein 1877“ gewesen, erzählte Louis Stillmark voller Stolz. Und wenn er an den Gewinn der „Deutschen Meisterschaft im Schlagball“ zurückdachte, wurden seine Augen feucht. Denn Louis Stillmark hatte nahe ans Wasser gebaut.
Gleich neben dem Schulbild war an zentraler Stelle hinterm Glas des großen dunkelbraunen Bilderrahmens Louis Stillmark als Soldat zu sehen. Wie einen Großwildjäger in der Savanne hatte man ihn aufgenommen. In der Ausgehuniform eines Kanoniers, mit schmucker Mütze und einem Wollmäntelchen, stand er auf einem Feld im flachen Flandern, die linke Hand in die Hüfte gestützt, den Feldstecher umgehangen und den Blick gen Westen gerichtet. So posierte er vor der Kamera.
Auf das ovale Bild angesprochen, sagte Louis Stillmark: „Das ist im Herbst 1915 gemacht worden, als ich die Grundausbildung an Karabiner und Kanone hinter mir hatte und zum Landsturm kam. Da war ich 28 Jahre alt.“
Seit einer Mittelohrvereiterung, die er im August 1918 nach einem Rückzugsgefecht in Französisch-Flandern bekommen hatte, hörte Louis Stillmark auf dem linken Ohr sehr schlecht. Die kurze Zeit im Feldlazarett habe nicht ausgereicht, um die Sache auszukurieren, erklärte Louis Stillmark, und so sei es zu diesem bleibenden Hörschaden gekommen.
Da Louis Stillmark aber kein Wort verpassen wollte, wenn sich unterhalten wurde, vergrößerte er seine Ohrmuschel mit der linken, hohlen Hand, um besser hören zu können. Denn er war ungemein neugierig auf das, was gesagt wurde. Und wenn er am Sonntagabend für zwei Stunden zum Bier in den „Stern“ ging, wollte er mitreden können, wenn sich über dies und das unterhalten wurde.
Von daher war es unerlässlich, dass er genau wusste, was in der Zeitung stand. Da er aber schon lange nicht mehr die kleinen Buchstaben lesen konnte, musste ihm aus der Zeitung vorgelesen werden.
Sein Augenlicht tue es nicht mehr her, sagte Louis Stillmark.
Da Wolfgang gern bei Louis Stillmark in der kleinen, überheizten Küche saß, wenn er mit seiner Arbeit nicht so recht vorankam, übernahm er gern das Vorlesen.
Louis Stillmark, der jahrzehntelang als Packer in der Birkenhaller Bohrerfabrik gearbeitet hatte und erst mit 75 Jahren in Rente gegangen war, interessierte sich noch immer für die Werkzeugindustrie in Birkenhall.
Und Wolfgang las ihm vor, was unter der Überschrift „Gemeinsam werden wir die Zukunft meistern“ geschrieben stand: „Ende des vorigen Jahres beschloss der Ministerrat der DDR, dass in den Zentren des Maschinenbaus, in Karl-Marx-Stadt, Magdeburg und Birkenhall, Kombinate zu bilden seien. Schnell wurde dieser Beschluss in Birkenhall umgesetzt.
Genosse Kehr, der Direktor des neu gebildeten Werkzeugkombinats, stellte sich mit einigen Mitarbeitern auf einer Belegschaftsversammlung des Stammbetriebes vor. Die sozialistische Industrialisierung müsse in Zukunft auch im Raum Birkenhall vorangetrieben und das Klein-Klein der Werkzeugproduktion schrittweise beseitigt werden, erklärte der Kombinatsdirektor. So sei der Neubau von zwei großen Produktionshallen geplant. ‚Die meisten Grundstücke, die wir für den Neubau brauchen, haben wir bereits erworben‘, meinte er auf Anfrage. Über mögliche Restflächen, die noch benötigt würden, werde bis Juni entschieden. ‚In fünf Jahren werden in den Hallen I und II 4.000 Menschen arbeiten, die mit modernster Technik Ringschlüssel, Mähklingen, Bohrwerkzeuge und Sägen herstellen‘, führte Genosse Kehr weiter aus und schloss seine zukunftsweisende Rede mit den Worten: ‚Ich bin gewiss, dass uns das unter der Führung der Partei der Arbeiterklasse gelingen wird.‘“
Als Louis Stillmark am Abend erzählte, was übers Kombinat in der Zeitung gestanden habe, rastete August Stillmark völlig aus. „Unser Acker und unsere Wiese werden diesem Neubau zum Opfer fallen. Auf unserem Grund und Boden werden sie das Kombinat errichten“, schrie er. „Zuerst nimmt man uns das Land, dann verleibt man sich die Produktionsgenossenschaften ein, und wir verlieren unsere Freiheit.“
„Ganz so schlimm wird es schon nicht werden“, sagte Lisbeth Stillmark. Aber es gelang ihr nicht, ihren Mann zu beruhigen, und Wolfgang, der Zeuge von August Stillmarks cholerischem Anfall war, verstand die Reaktion seines zukünftigen Schwiegervaters nicht. Er verstand nicht, wie man sich so gegen den Fortschritt stellen konnte.
Bis auf den cholerischen Anfall August Stillmarks war während der vier Wochen, die Wolfgang in Arnsbach verbracht hatte, nichts geschehen, was sich grundlegend von seinem ersten Besuch in Arnsbach unterschieden hätte.
Die Gepflogenheiten im Stillmarkschen Haus waren immer dieselben. Der Alltag verlief in festen Bahnen, und die Rollenverteilung war streng geregelt.
August Stillmark lebte seine Hobbys aus. Er war Hundezüchter, Zuchtrichter, Konzert- und Kirmestrompeter. Und er war der Herr im Haus.
Lisbeth Stillmark hatte zu gehorchen. Sie hatte für sein leibliches Wohl zu sorgen und jeden Tag ein frisch zubereitetes Essen auf den Tisch zu bringen. Die Speisen, die sie kochte, mussten August Stillmark bekommen und magenverträglich sein.
So konnte Lisbeth Stillmark, die sich um den Haushalt, die Hunde und die Hühner zu kümmern hatte, nur halbe Tage in der Buchhaltung eines kleinen Holzbetriebs arbeiten.
Meistens kam sie halb zwölf nach Hause und kochte das Essen für ihren Mann und ihren Schwiegervater, und halb zwei, wenn sie mit dem Abwasch fertig war, ging sie wieder an die Arbeit, damit sie wenigstens auf sechs Stunden am Tag kam. Es waren widrige Umstände, in die sich Lisbeth Stillmark im Laufe ihrer Ehe gefügt hatte.
Am letzten Freitag im Februar ließ Wolfgang seine Examensarbeit grau einbinden und lud Heidi anschließend zum Kaffeetrinken in den „Hessischen Hof“ ein. Als sie sich zur Feier des Tages am hellen Nachmittag mit Rotwein zuprosteten, sagte Heidi: „Ich freue mich schon auf die Zeit, wenn wir zusammen arbeiten und zu Hause alles ausdiskutieren können.“ Ihr fehle jetzt nämlich immer jemand, mit dem sie sich unterhalten könne, gestand Heidi.
„Du glaubst gar nicht, wie mir die Lehr- und Lernmaschinen, die ich täglich um mich habe, zum Hals heraus hängen“, sagte sie. „Du musst mir unbedingt dabei helfen, damit ich mich nicht zu einem hinterwäldlerischen Dorftrampel entwickle.“
„Ich werde mir Mühe geben“, sagte Wolfgang. Seine Staatsexamensarbeit über Claus Hammels „Morgen kommt der Schornsteinfeger“ hatte er am 1. März 1969 im Germanistischen Institut Jena fristgemäß abgegeben.
Vier Wochen später wurde Wolfgang ins Prorektorat bestellt. Der Prorektor fragte Wolfgang, ob er sich schon Gedanken über seinen zukünftigen Einsatzort gemacht habe.
Wolfgang sagte, dass er an eine Landschule gedacht habe. Dabei sei es ihm egal, ob das oben in Mecklenburg oder hier in der Nähe sei. Hauptsache Dorf. Dafür hätten sich Heidi und er entschieden, erzählte Wolfgang.
Aber nur im Rahmen der Familienzusammenführung hätten Heidi und Wolfgang die Chance, eine Wohnung auf dem Lande zu kriegen und gemeinsam an einer Schule unterrichten zu können, erklärte der Prorektor. Aber das setze voraus, dass Heidi und Wolfgang verheiratet seien.
„Unsere Hochzeit ist am Samstag vor Ostern“, sagte Wolfgang. Bei seinem nächsten Gespräch mit dem Prorektor bekam er den Einweisungsschein für Erfurt-Land ausgehändigt.
14. Kapitel
Wolfgang bedauerte, dass seine Großmutter bei seiner Hochzeit nicht dabei sein konnte. Denn Meta Larsen liebte Feiern und Festlichkeiten, Gemütlichkeit und Spaß. Aber als Wolfgang heiratete, wusste sie schon manchmal nicht mehr, was sie tat, und damit seine Eltern in Ruhe und ohne Gewissensbisse feiern konnten, engagierten sie für diesen Tag eine kleine, etwas dickliche Frau mit einem rosigen Gesicht, die sich auf Pflegefälle verstand.
Wochen später war seine Großmutter jedoch schon so verwirrt, dass sie rundum betreut werden musste, und als das nicht mehr von seiner Mutter und einer Pflegerin, die halbtags kam, zu bewältigen war, wurde seine Großmutter Anfang Juni in ein Heim gebracht. Und an Wolfgang war es gewesen, seine Großmutter zum Einsteigen in den Kleintransporter zu bewegen, als sie abgeholt wurde.
Vor der ersten Prüfung besuchte Wolfgang seine Großmutter im Pflegeheim in Sondershausen. Er stand unbeholfen an ihrem Bett und schaute sie an: ihre eingefallenen Wangen, die trockenen Lippen und die knochig-bleichen Hände. Er beugte sich über sie, und sie erkannte ihn zum Erstaunen der Schwester.
Meta Larsen war noch einmal aus ihrer Apathie erwacht.
Wolfgang schüttelte ihr das Bett auf, dann half er ihr, sich aufzusetzen. Es gab kein großes Gespräch mehr zwischen ihnen. Meta Larsen kämpfte verzweifelt gegen ihre Müdigkeit, sie bäumte sich auf gegen ihre Schmerzen und griff nach ihm. Wolfgang spürte ihre Hände, und das Einzige, was er für seine Großmutter noch tun konnte, war, dass er sich zu ihr beugte und sie umarmte. Er konnte sie nicht ansehen, ohne zu heulen, und die Frau, die das Zimmer mit seiner Großmutter teilte, sah den beiden stumm zu.
Als Wolfgang ging, versprach er seiner Großmutter, sie bald wieder zu besuchen. Aber er ahnte nicht, dass er sie das letzte Mal lebend gesehen haben sollte.
Als er nach Hause kam und seine Eltern ihn fragten, wie es Meta Larsen gehe, sagte Wolfgang, das Eingewöhnen falle ihr schwer, und die Schwester habe gesagt, mit unserem nächsten Besuch sollten wir zwei Wochen warten.
In den nächsten drei Wochen galt es für Wolfgang, sieben Prüfungen an der Uni zu bestehen, und er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, wie es seiner Großmutter im Pflegeheim in Sondershausen erging.
Nach der feierlichen Exmatrikulation lief ihm vor der Eingangstür zum Audimax Birgit Hielscher über den Weg. Sie sagte, Wolfgang solle sich nicht wundern, wenn er in Bälde, so drückte sie sich aus, Post vom Zentralrat der FDJ aus Berlin bekäme. Sie habe sein Stück zum Wettbewerb „Junge Dramatiker gesucht“ eingereicht.
Wolfgang, der mehr als erstaunt darüber war, ging mit Birgit auf einen Sprung in die Kaffeestube, und dort erzählte sie ihm, wie blöd sich Hetzel benommen habe, als er für das Aus von Wolfgangs Stück gesorgt hatte. „Ich habe seine Machenschaften nicht erkannt“, sagte sie, und es tat ihr noch immer leid, dass Wolfgangs Stück von der Studentenbühne nicht aufgeführt worden sei. Und mehr als unglücklich war die Hielschern, dass sie sich Brechts „Kleinbürgerhochzeit“ aufs Auge hatten drücken lassen. Sie ging fest davon aus, dass die Inszenierung ein Flop werden würde. „Wen interessieren schon die paar Zoten, die da gerissen werden“, sagte sie. Selbst wenn man das Stück mit ein paar Liedern aufpeppen würde, wäre es nicht zu retten.
Stunden später hatte Wolfgang mit dem dicken Höhn und Wachsmuth in der „Sonne“ mächtig einen draufgemacht und war erst mit dem 0-Uhr-15-Zug von Jena nach Hause gefahren.
Am nächsten Mittag lag er noch im Bett. Er bekam kaum die Augen auf, als das Telefon, das im Korridor stand, nicht aufhören wollte, zu klingeln. Er hatte mächtige Kopfschmerzen, als er den Hörer abhob. „Endlich“, sagte eine Frauenstimme, und Wolfgang erfuhr, dass seine Großmutter gestorben war.
Wolfgang war völlig aus dem Gleichgewicht. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er war 24 Jahre alt. Er hatte das Staatsexamen in der Tasche und durfte sogar in den elften und zwölften Klassen unterrichten. Er war gewohnt, Prüfungen abzulegen. Aber im Entgegennehmen von Todesnachrichten war er völlig ungeübt.
Er ertrug den Korridor nicht mehr. Erst recht nicht die Wohnung. Er stürmte aus der Tür und sprang das Treppenhaus hinunter. Er rannte durch Straßen, und erst als er hinterm Bahnhof die Steinstufen zum Stadtpark vor sich sah, fiel ihm ein, dass er Vater und Mutter hätte anrufen können. Aber er rannte weiter durch den Park.
Zum ersten Mal seit Jahren dachte er: Vielleicht kann Vater mir helfen? Und zum ersten Mal seit Jahren ging er zu ihm ins Büro, und zum ersten Mal seit Jahren dachte er: Hoffentlich ist Vater da.
Er konnte seinen Vater nicht ansehen, als er sagte: „Oma ist tot.“
Die Trauerfeier fand in einer kleinen Kapelle am Rande des Hauptfriedhofs statt, und der junge, rundgesichtige Pfarrer mit den schwarzen, streng gescheitelten Haaren sagte: „Meta Larsen war neunundsiebzig Jahre alt, als sie starb“, und rhetorisch gekonnt beschrieb er die Lebensfahrt von Wolfgangs Großmutter, die am 30. Januar 1890 begonnen und Ende Juli 1969 im Pflegeheim in Sondershausen zu Ende gegangen war: Meta Larsen wurde als uneheliches Kind in der Kolonie Michelsdorf geboren. Der spätere Stiefvater mochte sie nicht, und so wuchs Meta Larsen bei ihren Großeltern auf, die eine Stellmacherei hatten. Der Stiefvater war Geigenbauer, stammte aus Lampertsdorf und zog, sobald er ein Instrument an den Mann gebracht hatte, oft mit Zigeunern umher, und so hatte ihre Mutter Anna Wrensch, die in Weigelsdorf wohnte, ein schweres Los. Sie war Weberin und lebte von der Heimarbeit, die sie machte.
Meta Larsen ging schon in jungen Jahren in Stellung bei feinen Leuten. Aber mit ihren Ehen hatte sie Pech.
Als sie Franz Paulitschek im Jahre 1913 heiratete, wusste sie nicht, dass sie ein Jahr später – mit vierundzwanzig Jahren – Witwe sein würde. Ihr erster Mann fiel im Ersten Weltkrieg. In Flandern sei er gefallen, hieß es. Mit 27 Jahren heiratete sie Heinrich Larsen, ihren zweiten Mann, und schenkte ihm drei Kinder. 1928 beschlossen sie, ein Haus zu bauen. Sie bezogen es im Herbst 1929. Ein Jahr später kam ihr Mann bei einem Grubenunglück ums Leben.
Meta Larsen war Kranzbinderin, sie hatte drei Kinder, die es durchzubringen galt. Sie waren zwölf, neun und sieben Jahre alt, und die Hypothek auf das Haus galt es abzuzahlen.
Dann kam der Zweite Weltkrieg, und Heinrich, ihr Sohn, fiel am 23.3.1942 in einem Gefecht bei Bossino/Russland, zirka 75 Kilometer südostwärts von Petersburg. Dass ihr Sohn „für die Größe und den Bestand von Reich, Führer und Volk gefallen war“ und in Tschudskoj-Bor bei Bossino in einem Einzelgrab lag, war kein Trost für sie, und sie war nahe daran, sich das Leben zu nehmen.
Der Erste Weltkrieg hatte sie mit vierundzwanzig Jahren zum ersten Mal zur Witwe gemacht, mit 40 Jahren war sie durch das Grubenunglück in Hausdorf zum zweiten Mal Witwe geworden, und der Zweite Weltkrieg nahm ihr den Sohn, auf den sie so große Hoffnungen gesetzt hatte. Er war Theatermaler in Berlin gewesen und hätte ein großer Künstler werden können.
Im Jahre 1943 überwies sie die letzte Monatsrate, und die Hypothek auf das Haus war getilgt. Sie war unheimlich froh. Denn zum ersten Mal seit 15 Jahren war sie schuldenfrei und das Haus gehörte ihr. Aber drei Jahre später, im Oktober 1946, wurden sie aus Schlesien vertrieben, und sie mussten das Haus in Hausdorf verlassen.
Für Meta Larsen, ihren Schwiegersohn, ihre Tochter und ihren Enkel begann auf dem Gleis zwei des Glatzer Hauptbahnhofs eine Odyssee ohne Wiederkehr. In Güterwaggons gepfercht, fuhren sie mit einem Sammeltransport durchs zerstörte Nachkriegsdeutschland.
Das Gepäck bestand aus einem Reisekorb auf Rädern, worin sich alles befand, was Wolfgangs Eltern und seine Großmutter nun besaßen.
Vertreibung, Erster und Zweiter Weltkrieg: Wie ein großes Geschichtsbuch, das er nur ungenügend kannte, kam Wolfgang das Leben seiner Großmutter vor. Ihm wurde bewusst, dass er die Orte, in denen seine Großmutter gelebt hatte, nicht kannte. Schlesische Dörfer wie Michelsdorf oder Weigelsdorf hatten polnische Namen bekommen, und da die deutschen Namen auf polnischen Landkarten fehlten, wusste Wolfgang nicht, wo die Lebenslandschaften seiner Großmutter lagen.
Am Tag ihres Begräbnisses wurde ihm klar, dass er so gut wie nichts über seine Herkunft und seine Vorfahren wusste, und nur in den Geschichten seiner Großmutter spielte sein Geburtsort, den er nicht kannte, eine Rolle. Märchenhaft dunkel und tragisch war, was seine Großmutter ihm über Hausdorf erzählt hatte.
Es war heller Vormittag, als Wolfgang am Grab seiner Großmutter stand und an die letzte Begegnung im Pflegeheim denken musste: Als er zum werweißwievielten Mal seiner Großmutter das Kopfkissen und die Bettdecke umgedreht hatte – es war heiß an diesem Tag – hatte sie „Durst“, gesagt und war sich mit der Zunge über die trockenen Lippen gefahren. Sie sagte: „Bier ..., a Flaschla Bier!“
Daraufhin sagte er: „Mach’s gut. Ich komme gleich wieder.“ Und schrittweise bewegte er sich mit dem Rücken zur Tür. Seine Großmutter winkte, und er winkte zurück. Dann ließ sich Meta Larsen auf das hochgebettete Kopfkissen fallen, und Wolfgang hielt es nicht mehr aus. Er stürmte aus dem Zimmer und an den offenen Türen vorbei. Er hörte seine Großmutter: „A Flaschla Bier, a Flaschla Bier bring‘ mir noch.“ Aber er war unfähig, ihr diesen Wunsch zu erfüllen, und er ließ sie warten bis an ihr Ende.
Dabei war sie es gewesen, die ihn getröstet hatte, als seine über alles geliebte Katze spurlos verschwand und er sich aufs Sofa warf und furchtbar heulte. Da setzte sich seine Großmutter zu ihm und strich ihm tröstend über seinen Kopf. „Man darf sich nicht unterkriegen lassen“, hörte er seine Großmutter sagen.
Langsam und vorsichtig wurde der Sarg seiner Großmutter an zwei Seilen in die Erde gelassen. Die Trauergemeinde, die sich ums Grab scharte, war klein, und Heidi stand neben Wolfgang. Sie sang mit ihrer hellen, klaren Stimme „Jesu geh‘ voran.“ Und Wolfgang merkte zum ersten Mal, dass Heidi christlich erzogen war und die gängigsten Kirchenlieder kannte, die zu Traueranlässen gesungen wurden.
Aufgefordert, ans Grab zu treten, warf er eine Rose und ein Schäufelchen Erde auf den braunen Sarg. Dann trat er zurück in den Kreis der Schwarzgekleideten.
Dritter Teil (1969 bis 1971)
15. Kapitel
Nach dem Begräbnis von Meta Larsen hatten es Wolfgang und Heidi unheimlich eilig, mit der Straßenbahn vom Erfurter Hauptfriedhof auf den Busbahnhof zu kommen. Am frühen Nachmittag nämlich waren sie mit dem Direktor der Schule, an der sie ab September unterrichten würden, verabredet, und der Mittagsbus war die einzige Möglichkeit, um diese Zeit nach Oberneusitz zu kommen. Denn nur morgens, mittags und abends war dieses weltabgeschiedene Nest in Erfurt-Land mit dem Bus zu erreichen.
Es war schweineheiß, als sie an einer kaum befahrenen, staubigen Kreuzung, die einen Kilometer von Oberneusitz entfernt war, den stickigen Überlandbus verließen und das erste Mal auf das Dorf zuliefen. Sie gingen auf einer langen, schmalen Chaussee auf Oberneusitz zu: ihren künftigen Einsatzort.
Heidi hatte einen schwarzen Kostümrock und eine weiße Rüschenbluse an, und Wolfgang trug seinen schwarzen Hochzeitsanzug und hatte ein weißes Dederonhemd an und einen schwarzen Binder um.
Rechts und links der Straße: Pflaumenbäume und freies Feld, und über den ersten Häusern des Dorfes, die man in der Ferne sehen konnte, eine wolkenlose Bläue.
Die Hitze war mörderisch, und der aufgeweichte Asphalt roch stark nach Teer, und wenn die Schatten der Chausseebäume nicht gewesen wären, wäre der Weg nach Oberneusitz zu einer noch größeren Tortur geworden. Das Dorf, das sie anvisierten, war für Wolfgang und Heidi eine unbekannte Größe, und die Menschen, die in diesem 210-Seelen-Dorf wohnten, waren ihnen allesamt unbekannt. Aber lange würde es nicht dauern, und sie stünden vor den Klassen, die sie heute noch nicht kannten, und es hieß, auf die Fragen der Schüler die richtigen Antworten zu geben.
Wolfgang und Heidi schraken ein wenig zusammen, als plötzlich ein Pferdefuhrwerk rasant vom Feld auf die Straße bog. Auf dem Kutschbock saß ein glatzköpfiger alter Mann, einen Stumpen im Mund, und auf der Ladefläche hockten die LPG-Frauen, die vom Rübenhacken kamen. Der Kutscher knallte mit der Peitsche, die Pferde galoppierten, und die Frauen auf der Ladefläche lachten, winkten und kreischten.
„Die sind schneller da als wir“, sagte Wolfgang. „Ich beneide sie nicht“, sagte Heidi, die ans Rübenhacken in dieser Gluthitze dachte.
Nach einer Weile erreichten Wolfgang und Heidi endlich das gelbe, rostig lädierte Ortsschild „Oberneusitz“.
Aus dem Schweinestall rechts neben der Straße war das tausendstimmige Quieken und Schreien der Schweine zu hören und die Entlüftungsventilatoren der Schweinemastanlage surrten auffallend laut. Die Stallfrauen in ihren blauen Kitteln hatten roterhitzte Gesichter und karrten Mist.
Links drüben, nicht unberührt vom Gestank der Schweinemastanlage und dem lauten Quieken der Schweine, lag der kleine Dorffriedhof im Schatten großer Bäume. Über den Wipfeln schwirrten die Schwalben. Wie Pfeile durchschossen sie die Luft, die das Land heiß umschloss.
Wie in einer Dunstglocke kamen sich Wolfgang und Heidi vor, in der es schwerfiel zu atmen, und vor Wolfgangs Augen verschwamm für Augenblicke der Dorffriedhof mit seinen riesigen Bäumen und den funkelnden Grabsteinen dazwischen. „Nicht weinen, nicht weinen, wenn ich sterbe“, hörte er seine Großmutter sagen.
„Meine Großmutter war eine tapfere Frau. Ich habe sie geliebt“, sagte Wolfgang. „Davon hat man aber wenig gemerkt“, sagte Heidi. Die Leute seien über sein Verhalten am Grab verwundert gewesen. Sie habe gehört, wie jemand gesagt habe: „Ihr Leben lang hat sie sich um ihn gesorgt, und jetzt hat er nicht mal Tränen für sie.“
„Ich hab‘ mich doch nur an das Versprechen gehalten, dass ich ihr gegeben habe“, sagte Wolfgang, und er hörte die Bitte seiner Großmutter: „Nicht weinen, nicht weinen, wenn ich sterbe.“ Sollte Wolfgang dadurch härter und männlicher werden, weil seine Großmutter glaubte, er sei zu weich für die Welt?
Zwischen dem Friedhof unweit der Straße und den ersten Häusern des Dorfes war eine Pferdekoppel, in der zwei Fohlen ungezügelt ungelenke Luftsprünge machten.
In der Mitte des Dorfes, das still und staubig in der Mittagshitze döste, standen auf dem Dorfplatz, genau gegenüber der Kneipe, zwei große Mähdrescher. Die Traktoristen ließen sich ihre Bockwurst-Brause-Mahlzeit schmecken, und ein Schäfer band seine Hunde an den Holzlatten eines Vorgartenzauns fest. Bevor er die Straße überquerte, blieb er einen Moment stehen und sah Wolfgang und Heidi erstaunt und misstrauisch an. Dann verschwand er in der Kneipentür und die beiden Hunde am Zaun bellten.
Daraufhin traten die zwei Traktoristen ins gleißende Mittagslicht, dessen Helle kaum zu ertragen war, und bestiegen die höllisch heiße Kanzel ihrer Mähdrescher. Höllenlärm verursachend, stürzten sie sich fluchend in die Ernteschlacht. Hupend und grinsend fuhren sie an Heidi und Wolfgang vorbei, die gerade die Schule am Ende des Dorfes erreicht hatten.
Die Schule war ein barackenähnlicher Flachbau. Der Direktor stand auf den Stufen vor der Eingangstür. Er hieß Sandruschek und erwartete sie zum ersten Gespräch.
„Ist etwas passiert?“, fragte er verwundert und etwas unbeholfen, als er Wolfgang und Heidi in ihren schwarzen Trauerklamotten sah. „Meine Großmutter ist gestorben“, sagte Wolfgang. „Heute Vormittag war das Begräbnis.“
„Das tut mir leid“, sagte der Direktor. „Es hat sich ja hoffentlich an ihrem Einsatz nichts geändert“, fügte er etwas verunsichert hinzu.
„Nein“, sagte Wolfgang. „Alles bleibt wie abgesprochen.“
„Dann ist es ja gut“, der Direktor zeigte ihnen die Schule. Er führte sie ins Lehrerzimmer, ins Sprachkabinett, auf das er mächtig stolz war, und in den Biologie-Raum.
Auf dem Lehrertisch lag ein heller Sommerhut, und ein alter Mann etikettierte gerade eine Reihe von Spiritus-Gläsern, in denen Embryos in den verschiedensten Entwicklungsstadien zu sehen waren.
„So sieht menschliches Leben aus“, sagte er schmunzelnd und sah Heidi an, als wolle er feststellen, ob sie schon schwanger sei.
Der Direktor sagte: „Herr Rechn, mein Stellvertreter, 63 Jahre alt, der keine Ferien kennt.“
Der alte Rechn gab Wolfgang und Heidi, vor der er sich sogar etwas verbeugte, die Hand und Sandruschek sagte: „Bruckners. Die neuen Absolventen.“
„Wir sind Nachbarn“, sagte der alte Rechn. „Ich wohne mit meiner Frau in dem alten Lehmgemäuer am Schulplatz. Früher habe ich sogar in der Kirche die Orgel gespielt.“
Nachdem sie den Bio-Raum verlassen hatten, warfen sie einen kurzen Blick ins Geschichtskabinett. „Ihr Heiligtum“, sagte Sandruschek zu Wolfgang, in dem er anscheinend mehr den Geschichts- als den Deutschlehrer sah.
Das Direktorenzimmer, in das er Wolfgang und Heidi bat, war pomphaft eingerichtet: dicke Teppiche, protzige Besuchersessel, ein großer Repräsentativ-Schreibtisch und eine Zweit-Stundentafel, ein Veranstaltungs- und Organisationsplan, der stabsfeldmäßig durchgestellt war. Der Direktor steckte Fähnchen und hängte verschiedenfarbige Metallplättchen an eine große Tafel. Er kam sich wohl wie ein großer Feldherr vor. „Die roten bekommen Sie“, sagte er zu Heidi. „Und Sie kriegen die blauen“, zu Wolfgang. Er redete von unterrichtsarmen Tagen und vom Hort und AG-Stunden und von einem Stundenpolster, das für einen variablen Einsatz sehr wichtig sei.
Sandruschek machte auf Wolfgang einen autoritären Eindruck, und er dachte an seinen Vater, nach dessen Willen alles immer gehen musste. Auch Sandruschek hatte seine festen Vorstellungen vom Leben auf dem Dorfe und vom Unterrichten an einer Landschule, und mit Wolfgang und Heidi glaubte er, seine Pläne an der Schule und im Dorf durchbringen zu können.
Nachdem der Direktor ihnen gesagt hatte, in welchen Klassen sie unterrichten würden, meinte er am Schluss des Gesprächs: „Auch mit Ihrer Wohnung geht alles klar.“
Wenig später trafen sie sich mit dem Bürgermeister, einem großgewachsenen, schwergewichtigen Mann mit klobigen Händen. Er stand vor einem Haus, das schräg gegenüber von der Kirche und der alten Schule lag. Äußerst schroff begrüßte er den Direktor. Aber wesentlich freundlicher verhielt er sich Heidi und Wolfgang gegenüber.
Der Bürgermeister schloss die Haustür auf und der Blick fiel in einen dunklen Flur, der gelb ausgefliest war, und auf eine enge, steile Holztreppe, die nach oben führte.
Oben angekommen, es gab nur ein Stockwerk in diesem Haus, machte der Bürgermeister die Türen zur Toilette, zum Wohnzimmer, zur Schlafstube und der Küche auf. „Das ist die Wohnung“, sagte er. „Einen Dachboden gibt es nicht, und der ehemalige Giftraum unten kann als Abstellraum für die Aschekübel genutzt werden.“
Wolfgang und Heidi besahen sich die Räume genau, die ihr künftiges Zuhause sein sollten. Die Küche war unheimlich lang. Sie wirkte wie ein schmaler Tanzsaal, und Sandruschek sagte zu Heidi, wie er die Küche einrichten würde.
Wolfgang stand am Küchenfenster, und sein Blick glitt über den Garten der Nachbarin bis zur Mühlenrampe und zu Rosas Kneipe. Der Direktor machte Heidi noch immer Vorschläge, wie die Küche am besten abzuteilen wäre. „Durch ein geschicktes Abtrennen könnte hier ein Kinderzimmer gewonnen werden“, er schritt ein Drittel der Küche ab.
Alle Zimmer, außer der Toilette, hatten eine schräge Wand, und die meisten Fenster zeigten zur Dorfstraße. Wolfgang fand, dass das Wohnzimmer wenig einladend aussah: In der leeren Ofenecke lag ein Stück Blech, und wo das Ofenrohr in den Schornstein gegangen war, war die Tapete voller Ruß.
„Für einen neuen Ofen sorgen wir“, sagte der Bürgermeister. „Bei den dünnen Wänden kann es auch mal ganz schön kalt werden.“
„Früher war das Standesamt hier drin“, sagte der Direktor. Und mit Blick auf die geölten, schwarzen Dielen meinte Sandruschek: „Darauf würde ich Linoleum oder Auslegeware legen.“
Die weitere Diskussion über Bodenbelag und Ofengröße überließ Heidi den Männern. Sie stand am Fenster, sah auf die klein gepflasterte Dorfstraße hinunter und auf das Haus gegenüber mit dem violetten Putzanstrich.
Ein Traktor mit einem schweren Anhänger voll Getreide fuhr hupend am Haus vorbei. Das Hupen galt der Nachbarin aus dem Haus von gegenüber. Trotz der Hitze trug sie Gummistiefel, als sie aus dem Hoftor trat und die Dorfstraße hoch bis zum Wiegehäuschen ging, und Heidi musste darüber ein wenig lächeln. Aber ein trauriges Bild gab die Telefonzelle ab, die sich gleich neben dem Wiegehäuschen befand. Die Tür stand offen, die Scheiben waren demoliert, und der Hörer war abgerissen. Die Verbindung zur Welt war gekappt.
„Mehr haben wir nicht zu bieten“, sagte der Bürgermeister und drückte Wolfgang die Wohnungsschlüssel in die Hand.
16. Kapitel
Am nächsten Tag stiegen Wolfgang und Heidi wieder auf der kaum befahrenen, staubigen Kreuzung aus dem Überlandbus und liefen in der Mittagshitze auf der langen, asphaltierten Chaussee auf Oberneusitz zu.
Dieses Mal hatten sie luftige Sommerklamotten an und jeder von ihnen trug einen großen Rucksack, auf den eine zusammengerollte Luftmatratze geschnallt war. Abwechselnd zogen sie einen hellbraunen Lederkoffer hinter sich her, der auf Rollen lief.
Nachdem sie die Rucksäcke und den Koffer in der langen Küche abgestellt hatten, in der außer einem Küchenherd, einem Schuhregal und einer runden Metallgarderobe nichts stand, machten sie sich an die Arbeit.
In der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft BHG kauften sie sich drei unterschiedliche Besen, eine Kehrschaufel, Reinigungsmittel, zwei Plasteeimer und ein Bündel Scheuerlappen.
Zwei Tage lang schrubbten und wischten sie gründlich die Zimmer und den Korridor. Danach begannen sie mit dem Renovieren der Räume. Zuerst kamen die Toilette, die Schlafstube und die Wohnstube dran, und zum Schluss nahmen sie sich die Küche vor.
Bis sie jedoch mit dem Tapezieren der Wohn- und Schlafstube fertig waren, kampierten sie eine Woche lang auf ihren Luftmatratzen, die sie in der langen, schmalen Küche ausgelegt hatten. Eine Woche später kam ein großer Laster, der die Möbel aus Heidis Mädchenzimmer brachte, und wieder eine Woche später begann die Vorbereitungswoche, in der Wolfgang und Heidi ihre Kollegen kennenlernten und erfuhren, in welchen Klassen sie unterrichten würden. Zu diesem Zeitpunkt sahen Wolfgang und Heidi keine Schwierigkeiten, die das Leben in Oberneusitz und das Unterrichten an einer kleinen Landschule mit sich bringen könnte.
Heidi glaubte, dass sie sich ohne Probleme auf einem Dorf wie Oberneusitz einleben könnte, und Wolfgang war überzeugt, dass er in Oberneusitz trotz des Unterrichts und der üblichen außerunterrichtlichen Verpflichtungen genügend Ruhe finden würde, um schreiben zu können. Das flache Land, das er liebte, würde ihn ganz sicher zu einer Fülle von Landschaftsgedichten inspirieren.
Zum Eröffnungsappell auf dem Schotterhof hinter der Schule waren alle Lehrer und Schüler angetreten, und Sandruschek stellte dem versammelten Rund Heidi und Wolfgang vor. Beide waren Klassenlehrer: Wolfgang in der sechsten, Heidi in der achten Klasse.
In den ersten Wochen war der Focus ganz auf die gemeinsame Arbeit in der Schule gerichtet.
Abend für Abend saßen Wolfgang und Heidi sich am Wohnzimmertisch unter der Schräge gegenüber. Sie schrieben an ihren Klassenleiter- und Stoffverteilungsplänen und machten ihre Stundenvorbereitungen. Die Abende waren mit Schul- und Streitgesprächen angefüllt, und sie genossen die ungestörte Zweisamkeit, das „Inselleben zu zweit“.
Als Ende September ein Brief vom Zentralrat der FDJ ins Haus schneite, schien Wolfgangs Glück perfekt zu sein: Zum Glück in der Liebe, dem erfolgreichen Start ins Lehrersein kam nun die erneute Hoffnung, doch noch ein erfolgreicher Theaterdichter zu werden, und es schien für Wolfgang keine Rolle zu spielen, dass der Zentralrat der FDJ, von dem der Brief kam, die Kaderschmiede für das ZK der SED war.
Er erfuhr, dass er zu den Preisträgern des Wettbewerbs „Junge Dramatiker gesucht“ gehöre. Das Stück „Der Gast oder Der Versuch zu leben“, das er im zweiten Studienjahr geschrieben hatte, war zwar nicht aufgeführt worden, aber es hatte ihm das Tor zum „Arbeitskreis Dramatik“ geöffnet. Der Leiter war Claus Hammel, über dessen Stück „Morgen kommt der Schornsteinfeger“ Wolfgang seine Staatsexamensarbeit geschrieben hatte.
Zufälle gibt es, dachte Wolfgang und war auf die Auszeichnungsveranstaltung am Ende der Herbstferien gespannt.
Bis dahin ging ihm die Arbeit in der Schule spielend von der Hand, und er fand nachmittags sogar Muße, über das flache Land zu gehen, das sich bis Erfurt erstreckte.
In kürzester Zeit hatten sich Wolfgang und Heidi bei den Leuten im Dorf Sympathien erworben, und in der Euphorie des Anfangs entging ihnen völlig, in was für einem abgelegenen Nest sie wohnten.
Der Dorfkonsum hatte am Montag geschlossen, und nur jeden Dienstag und Donnerstag gab es frisches Brot. Dann standen Frauen und Kinder mit Körbchen, Taschen und Netzen auf der unbelebten Dorfstraße und registrierten aufmerksam jedes Autogeräusch, das sich vom Dorfeingang her dem Schulplatz mit der großen, alten Linde näherte. Alle warteten an diesen Nachmittagen auf den blauen Skoda des Bäckers, der aus Vieselbach, einem sechs Kilometer entfernten Nachbardorf, kam. Um die Wartezeit bis zum Brötchen- oder Brotkauf zu verkürzen, spielten die Kinder Haschen oder Verstecken, und die Frauen unterhielten sich so lange, bis der Skoda des Bäckers auf dem Schulplatz hielt. Dann schlossen die Frauen und Kinder das parkende Auto kreisförmig ein, und der Bäcker, der die schubsende Menge überragte, brachte seine Brote und Brötchen an die Leute.
Dass Oberneusitz weitab vom Schuss war, fiel Wolfgang eigentlich erst auf, als die Auszeichnungsveranstaltung Ende Oktober in Berlin anstand. Sage und schreibe zwei Tage brauchte er, um nach Berlin zu kommen: Mit dem Arbeiterbus, der gegen 18 Uhr vor der Dorfkneipe in Oberneusitz hielt, fuhr er am Donnerstagabend nach Erfurt. Er übernachtete bei seinen Eltern, damit er am Freitagmorgen mit der sogenannten Bonzenschleuder um 4.45 Uhr nach Berlin fahren konnte und pünktlich um zehn Uhr im Zentralrat der FDJ war.
Der Zentralrat der FDJ residierte in einem alten Prunkbau „Unter den Linden“, und alle, die in diesem Haus angestellt waren, hatten Blauhemden an, egal, wie alt sie waren. Das jedenfalls war der erste Eindruck, den Wolfgang gewann, als er dem Pförtner in der gläsernen Eingangsloge seine Einladung zeigte.
Der Pförtner, der im Alter von Wolfgangs Vater war, verwies ihn in eine Art Warteraum, in dem sich die Jungdramatiker einfanden, die zur Auszeichnungsveranstaltung nach Berlin geladen waren.
Für die aus allen Teilen der Republik angereisten, hoffnungsvollen Theaterautoren war ein fülliger FDJ-Funktionär verantwortlich, dem das Blauhemd mächtig über seinem Bierbauch spannte. Wie sich später herausstellen sollte, war Born ein gemütlicher und trinkfester Kerl.
Sobald alle Autoren da wären, ginge es in den Spreewald nach Prieros, in ein Schulungsheim der FDJ, sagte Born. Da hätte man drei Tage lang Zeit, sich zu beschnuppern und die Mentoren näher kennenzulernen.
Von Zeit zu Zeit betrat er den Warteraum, sah in die Runde und prüfte, ob noch jemand dazugekommen sei, und nachdem er das letzte Häkchen hinter den letzten Ankömmling auf seiner Namensliste gemacht hatte, sagte er: „Auf geht’s. Draußen steht der Bus, der uns nach Prieros bringt.“ Das Schulungsheim war früher der Sommersitz von Wilhelm Pieck gewesen, und das gepflegte Grundstück mit den drei Flachbauten, die u-förmig angeordnet waren, lag inmitten einer Kiefernlandschaft. Es gab sogar einen Swimmingpool.
Nachdem man die Zimmer bezogen und sich etwas frisch gemacht hatte, traf man sich in einem hellen, geräumigen Speiseraum zu einem kleinen Empfang.
Als Leiter der Jury beglückwünschte Claus Hammel alle eingeladenen Autoren. Von der Vergabe von Preisen und einer Rangfolge der eingereichten Arbeiten habe man abgesehen, sagte Hammel, was bei Wolfgang und den anderen Autoren auf Verwunderung stieß. Denn hatte nicht jeder darauf gehofft, den Wettbewerb für sich entschieden zu haben?
Alle Arbeiten seien vielversprechende dramatische Entwürfe, die innerhalb der nächsten Zeit zu aufführungsreifen Theaterstücken entwickelt werden sollten, erklärte Hammel. Statt eines Preises, mit dem ein Autor, der fürs Theater schreiben wolle, nichts anfangen könne, bekomme jeder der Anwesenden einen Mentor, der ihm helfen werde, das eingereichte Stück zur Bühnenreife zu bringen.
An dieser Stelle seiner Rede stellte Claus Hammel seine fünf Mitstreiter vor, alles erfahrene Theaterleute, die in Rostock, Berlin, Schwerin, Magdeburg und Erfurt als Regisseure arbeiteten.
Jeweils ein Mentor betreue drei Autoren, sagte Hammel, der mit Blick auf die gängige Theaterpraxis ungewöhnlich scharf formulierte: „Wir lassen nicht zu, dass talentierte Autoren, die fürs Theater schreiben wollen, von den kleinen Scheißern am Theater, den Dramaturgen, kaputt gemacht werden.“
Schon von daher sei der „Arbeitskreis Dramatik“, dessen Mitbegründer und Leiter er sei, dringend notwendig, meinte Hammel. Dieses Bündnis von erfahrenen Theaterleuten und talentierten Autoren, das es in dieser Form bisher nicht gegeben habe, stelle ein erfolgversprechendes Modell dar.
Nachdem er die Aufgaben des „Arbeitskreises Dramatik“ kurz umrissen hatte, griffen alle nach den Sektgläsern, die auf der weiß eingedeckten, langen Tafel vor sich hin perlten, und stießen auf gutes Gelingen an.
Es war ein schönes Gefühl, zu den Auserwählten zu gehören, die man zu Theaterdichtern (sprich: Stückeschreibern) machen wollte, dachte Wolfgang, der dem prickelnden Sekt, in dem sich das Nachmittagslicht brach, kräftig zusprach. Auch hatte er den Eindruck, dass er mit Landowsky, der ihm als Mentor zugeteilt worden war, ein gutes Los gezogen hatte.
Landowsky war Oberspielleiter in Erfurt und hatte mit einer Reihe von Shakespeare-Inszenierungen für republikweites Aufsehen gesorgt. Dass Wolfgang an solch einen erfolgreichen Regisseur gekommen war, der sich zudem noch gut mit Hammel verstand, freute ihn. Von daher, glaubte Wolfgang, habe er gute Karten, dass aus seinem dramatischen Versuch bald ein bühnenreifes Stück werde. Dass Landowsky im Umgang mit Gegenwartsautoren seine Erfahrungen hatte und taktisch ungemein klug bei seiner Stückkritik vorging, zeigte sich schon im ersten Gespräch, das Wolfgang mit ihm hatte.
„Ihre rhythmische Begabung ist groß“, sagte Landowsky. „Viele Sätze scheinen in einem Versmaß geschrieben zu sein. Behalten Sie das auf jeden Fall bei“, und dass er Wolfgang in diesem Zusammenhang mit Volker Braun und Heiner Müller verglich, erfüllte diesen mit Stolz. „Der Rhythmus und Gestus Ihrer Sprache gefällt mir an Ihrem Stück am besten“, sagte Landowsky und kam von der Form auf den Inhalt zu sprechen.
„Der Ausgangspunkt Ihres Stücks jedoch ist gewagt“, meinte er. „André lehnt den Weg ab, den in unserer Republik Zehntausende junger Menschen gehen. Der Autor, also Sie, erklären sich eindeutig solidarisch mit dem Helden. Von daher gibt es eine Reihe von Fragen: Lehnen Sie den normalen Weg über Lehre oder Oberschule ab? Halten Sie den Weg für falsch? Oder beschreiben Sie in Ihrem Stück die Entwicklung eines Außenseiters in unserer sozialistischen Gesellschaft?“
„Für mich ist André kein Außenseiter. Er ist vielmehr ein junger Mensch, der das Abenteuer sucht und erst durch harte Erfahrungen seinen Weg in der Gesellschaft findet.“
„Dann müssen Sie das auch zeigen“, sagte Landowsky. Der Hauptmangel des Stücks bestehe darin, dass der Zuschauer zu wenig gezeigt bekomme, durch welche Auseinandersetzungen oder Ereignisse André beeinflusst werde.
„Ich bekomme immer nur das Resultat der Veränderung mitgeteilt, aber nicht den Prozess“, kritisierte er. „Ihr Stück ist eigentlich eine gute Vorarbeit für einen Roman. Ich meine Ihre Fähigkeit, Vorgänge episch zu fassen. Sie malen die Stationen der Handlung sehr plastisch aus, aber Sie zeigen nicht die Momente der Auseinandersetzung.“ Alles sei ausgezeichnet geschrieben, aber ohne dramatische Höhepunkte, so Landowsky am Ende des ersten Gesprächs. „Natürlich lässt sich der Stoff dramatisch behandeln. Aber ich wollte Sie auf die Schwächen und Stärken des Stoffes und der Behandlung durch Ihre Führung aufmerksam machen“, fügte er hinzu und schloss die Kladde mit dem Manuskript, die während des Gesprächs offen auf dem Tisch gelegen hatte. „Wir sollten auf jeden Fall überlegen, wie aus diesem Stückentwurf ein echtes Drama werden könnte.“
Als sie sich am nächsten Abend auf den großen, weichen Ledersesseln im Kaminzimmer gegenüber saßen und tüchtig dem Braunen zusprachen, Schnaps der Marke „Goldkrone“, den Hammel ausgegeben hatte, erzählte Wolfgang, wie er nach Schwedt gekommen war und dass sein Stück autobiografische Wurzeln habe. Er berichtete vom Ohrenabschneiden im Suff und beschrieb eine der Mutproben, die einem jungen Kerl den Kopf gekostet hatte. Zu nächtlicher Stunde habe ein Kranfahrer versucht, einem Bauarbeiter mit der Schaufel des Baggers den Helm vom Kopf zu nehmen. Er war aber zu tief gekommen und hatte dem Bauarbeiter den Kopf abgeschert.
Solche Dinge seien hochdramatisch und müssten unbedingt in das Stück eingebaut werden, Landowsky kam ins Fabulieren: „Statt der Befindlichkeiten eines Abiturienten könnten die Schwierigkeiten beim Verändern der Welt und das große Abenteuer auf einer sozialistischen Großbaustelle hautnah und exemplarisch gezeigt werden.“ An der Exposition des Stücks, die von Andrés Gesprächen mit seinen Eltern und dem alten Linke bestimmt würden, könne festgehalten werden. Auch die Figuren Irene, Frank und Helga könnten erhalten bleiben. Das bisherige Figurenensemble müsste nur durch eine originelle Brigade personell erweitert werden.
„Ich hatte zwar nicht vor, eines der üblichen Brigadestücke zu schreiben“, sagte Wolfgang. „Aber denkbar wäre es schon, eine Brigade auf die Bühne zu bringen, die Andrés Entwicklung entscheidend beeinflusst.“
Landowskys Rat befolgend, arbeitete Wolfgang das Stück vom Herbst bis in den Winter hinein grundlegend um. Er erfand eine Brigade, die aus originellen Typen bestand, wie er meinte: Da war der kinderlose Brigadier Massig, der sich rührend um Achim, einen Waisen kümmerte. Da war der kauzige Steinesammler Simmel, der sich der neuen Technik verweigerte, und da war Böhlke, der Frauenheld, der seiner Unterhaltspflicht nicht nachkam und deshalb für gehörig Streit in der Brigade sorgte.
Aus André, dem Außenseiter, versuchte Wolfgang einen Mitgestalter der Gesellschaft zu machen, der durch das Abenteuer Schwedt und die Begegnung mit der Brigade zur Einsicht kommt, dass er ein Maschinenbau-Studium aufnehmen muss, damit er später als Bauleiter den Einsatz der modernen Technik bestens beherrscht.
Wolfgang glaubte, alles berücksichtigt zu haben, wozu Landowsky geraten hatte, und als er zwischen den Weihnachtsfeiertagen die neu geschriebenen Szenen durchkorrigierte, hatte er ein gutes Gefühl. Die Auseinandersetzung Andrés mit Frank, der ein übler Karrierist war, hielt Wolfgang dramatisch für gelungen, weil in dieser Szene mit der Scheinmoral in der Gesellschaft hart ins Gericht gegangen wurde.
Am Silvestertag verschnürte Wolfgang das Manuskript wie ein Heiligtum und schickte es als verspätetes Weihnachtsgeschenk an Landowsky.
Anfang Januar brachen für Wolfgang und Heidi eisige Zeiten an. Draußen war es klirrend kalt, und ihre Wohnung war nur sommertauglich. Wolfgang stand drei Mal in der Nacht auf und warf ein paar Kohlen in den kleinen Ofen, damit es am Morgen einigermaßen erträglich war. Aber trotz des dreimaligen Nachlegens waren die Fensterscheiben am nächsten Morgen bis obenhin zugefroren, und ein Sichtloch musste gekratzt werden, wollte man sehen, was draußen los war.
So war es kein Wunder, dass nach einem viertägigen Kälteeinbruch die Wasserleitung in der Küche eingefroren war und der alte Kaiser, der Mann für alle Fälle, geholt werden musste.
„Kein Problem“, sagte er, zog an seiner Stummelpfeife und machte sich daran, die Wasserleitung aufzutauen.
Im Feuerwehrraum, der direkt unter der schmalen, langen Küche war, nahm er einen kleinen Kanister und goss Benzin über ein Bündel Rohrleitungen, die sich in einem Zementviereck befanden, das in die Erde eingelassen war.
Das Verteilerstück aus Plaste begann zu schmoren. Als durch die Küchendielen der erste Qualm kam, rannte Wolfgang hinunter in den Feuerwehrraum. Er riss den Feuerlöscher von der Wand und half dem alten Kaiser beim Löschen.
„Das Wasser läuft wieder“, schrie Heidi vom Küchenfenster aus dem alten Kaiser zu.
„Ist ja gut, wenn’s wieder läuft“, sagte der Alte und ging seiner Wege.
Kaum war der alte Kaiser abgezogen, rief die Briefträgerin aus dem dunklen, winterkalten Hausflur: „Post!“ Wolfgang sprang wie angestochen die schmale, hohe Treppe hinunter. „Vom Theater in Erfurt“, sagte die Postfrau. „Darauf habe ich schon lange gewartet“, hoch erfreut riss Wolfgang ihr den Brief aus der Hand.
Er stürmte ins Wohnzimmer, ließ sich auf einen der Drehsessel fallen und begann Landowskys Brief zu lesen, der mehr und mehr einem Verriss gleichkam: „Der Streit zwischen André und der Brigade über Kultur ist gut geschrieben, aber ist er auch kulturpolitisch wichtig? Wollen Arbeiter wirklich nur Sonntagsfahrten und eine Leinwand mit viel Fleisch?“, schrieb Landowsky. „Natürlich gibt es solche Bauarbeiter – aber welche sind für unsere Zeit und unseren Weg typisch? Stinkt die Moral der Arbeiter wirklich so?“ Wolfgang las immer hastiger: „So geht meiner Meinung nach die große Anklage des André nicht. André klagt nicht nur die Arbeiter an, sondern es scheint, Sie – der Autor – klagen die Arbeiterklasse in der DDR überhaupt an. Auch schmeckt mir die ganze Brigade nicht: von fünf Personen sind bei Ihnen drei ausgemachte Schweinehunde. Die Brigade ist nicht typisch für unser Leben. Statt Menschen aus Fleisch und Blut versuchen Sie, ein Lebensprinzip zu beschreiben, und ich habe Sie im Verdacht, dass Sie das Prinzip der ewigen Veränderung, der Unruhe, der Auflösung des Bestehenden beschreiben wollen.“ Wolfgang blätterte atemlos um und las weiter. „Gravierende Fehler machen Sie auch beim Figurenaufbau: André ändert sich, während der Karrierist Frank, Andrés Gegenspieler, immer ekelhafter wird. Frank ist ein Brunnenvergifter, aber keine lebendige Theaterfigur. An welcher Universität hat der eigentlich studiert, fragt man sich. Und was ist das für ein sozialistisches Land, wo Studenten zu solchen Schweinen erzogen werden? Da stimmt es eben in Ihrer Dramaturgie noch nicht.“ Im letzten Satz schrieb Landowsky: „Schreiben Sie doch über Menschen aus Ihrem Leben, mit all ihren Fehlern und Schwächen. Und denken Sie dabei an die dialektischen Grundregeln ...“
Enttäuscht legte Wolfgang das vernichtende Urteil Landowskys aus der Hand. Nie mehr würde er das Stück „Der Gast oder Der Versuch zu leben“ in die Hand nehmen, nahm er sich vor.
17. Kapitel
Nach den eisigen Zeiten, die Wolfgang und Heidi während des Kälteeinbruchs Anfang des Jahres miterlebt hatten, konnten sie dem schneereichen Winter Ende Januar sogar etwas an Reiz abgewinnen.
Schnee trieb am Fenster vorbei, und der Schneepflug und ein Streufahrzeug waren seit den Nachtstunden im Einsatz, ohne die Situation in den Griff zu bekommen.
Im Radio redete man von Ortschaften, die von der Außenwelt abgeschlossen waren und mit Armeehubschraubern versorgt werden mussten. Ganz so schlimm war es in Oberneusitz noch nicht, obwohl der Bürgermeister im Dorffunk den Katastrophenalarm ausrief und die Menschen informierte, dass ein Kettenfahrzeug der LPG die Versorgung der Bevölkerung aufrecht erhalten würde.
Vor den Haustüren türmte sich der Schnee, und die Leute versuchten, sich freizuschaufeln. Es gab nur einen schmalen Weg zum Bürgermeisteramt und zur Kneipe. Drei Tage lang fiel der Bus aus, der die Leute aus dem Dorf morgens zu ihrer Arbeit nach Erfurt brachte, und drei Tage lang brauchten Heidi und Wolfgang nicht zu unterrichten, weil der Schulbus nicht durch die Schneemassen kam.
Heidi stand am Wohnzimmerfenster. Aus dem Radio hinter ihr kamen Katastrophen-Meldungen und auf der Straße unten liefen Kinder Ski oder zogen einen Schlitten hinter sich her. Wie auf alten Gemälden, dachte Heidi.
Dann hörte sie, dass sich im Lautsprecher des Ortsfunks gleich neben dem Fenster etwas tat. Nach einer verzerrten Musik und einem lauten Knacken und Poltern ertönte die Stimme von Zimmermann, dem Bürgermeister. Er sagte mehrmals hintereinander durch, dass die LPG die Brotversorgung übernommen habe und der Jeep bald im Unterdorf eintreffen müsse. Jede Durchsage des Bürgermeisters, selbst wenn er sie wiederholte, hörte sich anders an, weil Zimmermann erst während des Sprechens anfing zu denken. Erst dann fiel ihm ein, was er den Leuten eigentlich sagen wollte, und so geriet fast jede seiner Ansagen zur Farce. Als der Jeep wenig später auf dem tiefverschneiten, kümmerlich geräumten Lindenplatz hielt, stellte sich Wolfgang zu den Frauen und Kindern, die bei Schnee und Kälte auf Brot und Brötchen warteten.
Wenig später saßen sie gemütlich am Wohnzimmertisch, und Heidi säbelte mit einem großen Messer dicke Scheiben vom frischen Brot ab. Wolfgang, der im Sessel ihr gegenüber saß, schnitt sich von der hartgefrorenen Butter, die zu lange in der winterkalten Küche gelegen hatte, ebenfalls dicke Scheiben ab und legte sie auf das frische, warme Brot.
Heidi saß auf der Couch, im Rücken die zusammengerollten Federbetten. Und als sie nach der Brotzeit am späten Mittag die Betten wegräumen wollte, fragte Wolfgang: „Wozu?“ Er stand auf, machte das Radio aus, das in der Schrankwand vor sich hin dudelte, und drückte Heidi auf die ungemachten Betten.
Es war heller Nachmittag, als sie ihr Liebesspiel beendeten, und von der Straße her kam das Geräusch lärmender Kinder, die sich mit Schneebällen bewarfen.
In diesen Tagen der Abgeschiedenheit bekam Wolfgang wieder Lust, an seinem Stück weiterzuarbeiten. „Bevor du das Kind kriegst, möchte ich damit fertig werden“, sagte er zu Heidi, und während der Februar-Ferien entstand ein Großteil der nunmehr dritten Fassung von „Der Gast oder Der Versuch zu leben“, die er seinem Mentor Ende März zuschickte.
Postwendend kam Landowskys Antwort. „Jetzt sind Sie auf dem richtigen Weg“, schrieb er. „Ja, das werden Menschen. Ich bin glücklich, dass Sie jetzt noch einmal von vorn angefangen haben.“
Es gab wenig, was Landowsky zu monieren hatte. In manchen Szenen gebe es noch Längen und Wiederholungen, merkte er an. Aber das sei kein Problem. Das könne man schnell in Ordnung bringen.
„Der Grundeinfall, den alten Linke bei einem Fußbad über das Leben und Andrés Abenteuerlust philosophieren zu lassen, ist eine Wucht“, fand Landowsky, und er riet Wolfgang dazu, diese gelungene Szene noch auszubauen.
Überhaupt war Landowsky des Lobes voll über die neugeschriebenen Szenen. „Jetzt stimmt die Exposition, und Andrés Entwicklung, die sich durch die Auseinandersetzung mit der Brigade ergibt, ist Szene für Szene ablesbar“, schrieb er. Er sei schon auf den Schluss gespannt, schrieb er, und machte Wolfgang Mut, die Neufassung des Stücks erfolgreich zu Ende zu bringen.
Selbst zu Ostern saß Wolfgang am Schreibtisch vorm Fenster, das zum Lindenplatz zeigte, und schrieb an seinem Stück, von dem er glaubte, dass es bald aufgeführt werde. Heidi hingegen hatte es sich auf der Doppelbettcouch unter der Schräge bequem gemacht und las – möhrenschnurpsend – in der Broschüre „Schmerzlos gebären“.
Als sie auffallend laut in einen Apfel biss und eine Decke auf dem Fußboden ausbreitete, um gymnastische Übungen für Schwangere zu machen, unterbrach Wolfgang das Hämmern auf seine Schreibmaschine.
„Das Beste wird sein, wir machen einen kleinen Osterspaziergang“, sagte er, und so gingen Heidi und Wolfgang am Ostersonntag durch die Felder hinterm Dorf. Heidi war hochschwanger. Als sie am Vordersee vorbeikamen, der voller Jungenten war, blieb Heidi stehen. Dickbäuchig und etwas kurzatmig machte sie am Zaun zur Entenfarm halt. Ein Hühnerhund zog an einer langen Kette und bellte die beiden Spaziergänger an. Aus dem Meer gelbflaumiger Jungenten, die sich zu Hunderten auf der großen Wiese vorm Vordersee tummelten, fischte ein Mann die Kümmerlinge heraus und warf sie gegen die Holzwand der Entenfarm.
Wolfgang hielt Heidi die Augen zu: Sie sollte sich keinen Schock holen. Und das Kind in ihrem Leib sollte kein Rohling werden.
Sie kehrten der Entenfarm den Rücken und gingen auf einem schmalen Sandweg talwärts. Kühe mit prallen Eutern, belästigt von Fliegen und Bremsen, drängten sich bedrohlich an den dünnen Elektrozaun, der Heidi und Wolfgang von der angsteinflößenden Herde trennte.
Nach der Koppel mit den brüllenden Kühen folgte ein Rapsfeld, das zu blühen begann, und Heidi sagte: „Henry soll er heißen, wenn es ein Junge wird.“
„Henry soll er heißen“, wiederholte Wolfgang. Er riet zur Umkehr. Denn es war unheimlich heiß an diesem Sonntagnachmittag, und er hatte Angst, Heidi könnte Probleme kriegen, kurzatmig und füllig, wie sie war.
Als Heidi vier Wochen später ihren Schwangerschaftsurlaub antrat, verließ sie Oberneusitz und kehrte bis zur Geburt ihres Kindes ins Stillmarksche Haus nach Arnsbach zurück. Die Gründe lagen auf der Hand: In Arnsbach gab es eine Hebamme, in Oberneusitz nicht, und innerhalb von fünf Minuten konnte Heidi im Krankenhaus in Birkenhall sein, wenn es die Situation erforderte.
Sie fühle sich in Arnsbach einfach sicherer als hier, sagte Heidi. „Und zur Not kann mir meine Mutter beistehen.“
Wolfgang hatte Verständnis für Heidis Lage und akzeptierte schweren Herzens, dass er bis Ende Juni ein Strohwitwer-Dasein führen musste. Einen Vorteil jedoch hatten die endlos langen Abende, die er jetzt in Oberneusitz verbringen musste: Er hatte viel Zeit zum Korrigieren der Arbeiten, die bis zum Schuljahresende noch durchzusehen waren, und mit dem Umschreiben des Stücks wurde er eher fertig als gedacht.
Landowsky jedoch war vor Spielzeitende als Oberspielleiter von Erfurt nach Cottbus gewechselt. Auf Grund der räumlichen Entfernung sei eine weitere Mentorenschaft nicht mehr möglich, teilte er Wolfgang Mitte Juni mit. Er sei aber überzeugt, dass Wolfgangs Stück in Bälde zur Bühnenreife geführt werden könne. Als Maßstab fürs Schreiben, fügte Landowsky hinzu, könne Wolfgang das Stück „Der Betrug“ dienen, das gegenwärtig noch am Erfurter Schauspielhaus gespielt werde und das er sich unbedingt ansehen müsse.
„Da ich ja nun nicht mehr direkt mit Ihnen zusammenarbeiten kann, habe ich den Chefdramaturgen gebeten, dass sich das Theater und besonders er sich direkt um Sie kümmert. Als Ihr zukünftiger Betreuer wird er ganz sicher in den ‚Arbeitskreis Dramatik‘ kooptiert. Ich bin gespannt, was Sie über das Stück ‚Der Betrug‘ denken. Das Stück wurde von mir mit entwickelt und war wohl mit ein Grund, weshalb ich als Oberspielleiter nach Cottbus berufen wurde.“
Wolfgang staunte nicht schlecht, als er sich das Stück ansah. Schon nach den ersten Szenen merkte er, dass er einem windigen Theatermann auf den Leim gegangen war, dessen Ratschläge er genau befolgt hatte.
Obwohl es in dem Stück „Der Betrug“ um Normenschaukelei und um eine ungerechte Prämienvergabe ging, bestand die Brigade, die Wolfgang auf der Bühne sah, aus Typen wie Massig, Böhlke und Simmel, und es gab auch einen alten Mann, der viel Verständnis für den ungestümen, jungen Helden aufbrachte und ihm während eines ausgiebigen Fußbads, das er nahm, die Welt und das Leben erklärte. Dass dieser alte Mann Böstel und nicht Linke hieß, war nur ein schwacher Trost für Wolfgang.
Und als die Brigade den jugendlichen Empörer, der lautstark für die Durchsetzung der sozialistischen Arbeitsmoral eingetreten war, zum Studium delegierte, trennte er sich von seiner Freundin, einer Kellnerin. Die Ähnlichkeiten zwischen André und Irene in Wolfgangs Stück und dem Bernd und der Helga in „Der Betrug“ waren unverkennbar. Wolfgangs Stück gab es schon, und Landowsky, von dem Wolfgang tief enttäuscht war, hatte ihn als Ideengeber benutzt.
Als die Taxe auf der nächtlichen Chaussee auf Oberneusitz zufuhr, dachte Wolfgang: Vielleicht ist es besser, dass ich Lehrer bin.
Zu Hause angekommen, warf er sich auf die Doppelbett-Couch und weinte und er war froh, dass er alleine war und Heidi nicht mit ansehen musste, was für eine Heulsuse er war.
Dennoch schwor er sich in jener Nacht, seine Theatererfahrungen, die er zum Stückeschreiben brauchte, auf eigene Faust zu sammeln, und insgeheim beschloss er, Dramaturg zu werden.
18. Kapitel
Nach der Geburt ihres Sohnes, der mit vierzehntätiger Verspätung Mitte Juli in Birkenhall zur Welt gekommen war, hatte sich die Lebenssituation für Wolfgang und Heidi grundlegend verändert.
Heidi war zu Hause, wusch Windeln und bügelte Baby-Sachen. Nur durch das Radio, das Musik und Nachrichten brachte, war sie mit der Welt verbunden. Aber wenn Reklame-Sprüche West („Was eine ideale Hausfrau unbedingt braucht“) oder Kommentare Ost über „Die Frau im Sozialismus“ kamen, machte sie sofort das Radio aus. Idiotische Werbung und plumpe Agitation ertrug sie nicht.
Henry, der, im Stubenwagen sitzend, auf einer Gummipuppe kaute, sah ihr zu, wie sie mit dem Staubsauger über die Auslegeware fuhr, und beim Entstauben der Bücher im Gelben Salon stieß Heidi auf alte Hefter aus ihrer Studienzeit und Brechts „Lied von der Kapitulation“. Es war bitter, aber sie musste lachen, wenn sie daran dachte, dass sie ihre Staatsexamensarbeit über das Weltbild Hölderlins und die tatenarmen, gedankenschweren Deutschen geschrieben hatte.
Warum habe ich eigentlich studiert, fragte sie sich, wenn ich in diesem Dorf rumhänge und nur sechs Stunden Englisch in der Woche geben kann? Wehmütig griff sie nach den Briefen mit den gutgemeinten Ratschlägen, die ihre Mutter ihr gab. Sie probierte die vorgeschlagenen Kochrezepte aus und achtete peinlichst genau darauf, dass das Mittagessen pünktlich auf dem Tisch stand, wenn Wolfgang aus der Schule kam.
Wenn Henry schrie, sah sie besorgt nach ihm. Sie griff nach den Windeln und weichte sie im Windeltopf ein. Nachdem sie Henry frisch gewickelt hatte, gab sie ihm die Flasche.
Als die ersten Herbststürme kamen, Regen gegen die Scheiben klatschte, wurde Heidi von einem gewaltigen Stimmungstief heimgesucht. Ihr missfiel alles, und Wolfgang gelang es nicht, sie zu trösten. Denn Heidi fühlte sich ausgeschlossen vom Leben in der Schule, vom Leben im Dorf, von der Welt, und sie sah keine Perspektive für sich.
Sechs Stunden Unterricht in der Woche, sonst hörte und sah Heidi nichts von der Welt, und das ging ihr auf die Nerven. „Zuerst genießt du die Ruhe, aber dann bringt sie dich um“, sagte sie. „Zuerst ist man froh, dass man eine Wohnung hat, aber dann erkennt man, was das für eine Wohnung ist, und man weiß, warum man sie so leicht bekommen hat.“
Wolfgangs Versuch, die Widrigkeiten des Alltags herunterzuspielen, schlugen fehl. Heidi hörte nicht auf, die untragbaren Zustände zu beklagen. „Wenn du denkst, jetzt könntest du den Kleinen baden, ist plötzlich das Wasser weg, und wenn du denkst, jetzt könntest du einkaufen gehen, hat der Konsum, die einzige Verkaufsstelle im Dorf, garantiert geschlossen, und da merkst du, wohin es dich eigentlich verschlagen hat“, sagte sie. „Und wenn ich daran denke, dass es in Oberneusitz keine Kinderkrippe und keinen Kindergarten gibt und alles so weitergehen soll wie jetzt, könnte ich mir den Strick nehmen.“
Sechs Jahre lang nur auf den Haushalt und das Kind festgelegt zu sein und im Höchstfall sechs Stunden Unterricht in der Woche geben zu können, hielt Heidi für unzumutbar, und auch für Wolfgang wurde die schulische Situation in diesem zweiten Jahr Oberneusitz immer prekärer.
Als der Direktor einen Ersatz für Heidi gefunden hatte und es dadurch plötzlich zu einem Lehrerüberhang im Fach Deutsch kam, erwog Sandruschek ernsthaft, aus Wolfgang einen Hauptsportlehrer zu machen. Dass Wolfgang andere Ambitionen hatte, schien den Direktor nicht zu interessieren. Gemeinsam mit dem Kreisturnrat, der extra aus Erfurt angereist war, versuchte Sandruschek vergeblich, Wolfgang auf den gewünschten Kurs zu bringen.
Wolfgang sagte, dass er zwar das Fußballtraining der Schulmannschaft leiten könne, aber sonst sportlich eine Null sei. „Von daher eigne ich mich keinesfalls zum Hauptsportlehrer“, meinte er, und Sandruschek und der Kreisturnrat waren mächtig sauer, weil Wolfgang den bereits vorbereiteten Qualifizierungsvertrag nicht unterschrieb.
„Ich habe Deutsch und Geschichte studiert. Und das habe ich aus gutem Grund getan“, sagte er. „Und da möchte ich schon fachgerecht eingesetzt werden.“
Falls mal ein Lehrer, der Sport gebe, ausfalle, würde er natürlich einspringen, erklärte er noch bereitwillig. Aber das genügte Sandruschek nicht.
Mit so viel Sturheit habe er nicht gerechnet, sagte der Direktor verärgert. Der Kreisturnrat zeigte sich äußerst enttäuscht darüber, dass ein junger Lehrer nicht bereit sei, den Gegebenheiten einer kleinen Landschule Rechnung zu tragen. „Sportunterricht kann jeder junge Lehrer geben, ob er nun ein Ass im Turnen war oder nicht“, meinte er. Das sei nur eine Frage der Einstellung.
„Ich denke, dass das nicht das letzte Gespräch über Ihre Perspektive an dieser Schule gewesen sein wird“, sagte der Kreisturnrat, als er sich von Wolfgang verabschiedete.
Sport statt Stückeschreiben kam für Wolfgang nicht in Frage, und er widersetzte sich vehement Sandruscheks Plan, aus ihm einen Hauptsportlehrer zu machen. Immer häufiger lehnte er sich in den Dienstbesprechungen über Sandruschek und seinen autoritären, selbstherrlichen Leitungsstil auf.
Aber eine Anweisung Sandruscheks hatte Wolfgang strikt zu befolgen: Er musste an jeder Gemeinderatssitzung in Oberneusitz teilnehmen und die Belange der Schule vertreten, was höchst selten nötig war. Auch hatte Wolfgang dem Direktor über jeden Besuch des Gemeinderates kurz zu berichten. Denn Sandruschek wollte unbedingt wissen, wie der Gemeinderat tickte, um für die Schule das Maximale an kommunaler Unterstützung herausholen zu können.
So besuchte Wolfgang auf Geheiß von Sandruschek seit einem Jahr die Gemeinderatssitzungen, und wenn es nicht so traurig gewesen wäre, hätte man laut loslachen können. Denn jedes Mal wurde sich fürchterlich über dieselben Dinge gestritten, und jedes Mal, egal, was auf der Tagesordnung stand, meldete sich der Feuerwehrhauptmann Bartsch zu Wort und forderte, was er immer forderte: eine Kleiderkammer für die Freiwillige Feuerwehr das Dorfes.
„Kameraden“, rief er, als gehe es in eine Schlacht. Der Bürgermeister versuchte jedes Mal, die allbekannten, wortreichen Angriffe des Feuerwehrhauptmanns abzuwehren, indem er mit seinen großen, klobigen Händen ratlos in der Luft herumfuchtelte. Es gäbe keinen Raum in der Gemeinde, den er der Feuerwehr zur Verfügung stellen könne. Und das Jugendzimmer, auf das Bartsch spekuliere, sei tabu.
Dass das Jugendzimmer nur zum Hören lauter Musik und zum heimlichen Saufen benutzt würde, wies der Bürgermeister zurück. In der sozialistischen Gesellschaft müsse sich die Jugend frei entfalten können, erklärte Zimmermann kategorisch, und alles lachte.
Die ständigen Querelen zwischen Bartsch und Zimmermann, die sich unheimlich lange hinziehen konnten und jegliche Tagesordnung sprengten, fand Wolfgang unerträglich. Aber noch unerträglicher fand er es, dass Sandruschek ihn zum Hauptorganisator eines Sportfestes am „Tag der Republik“ verdonnert hatte, für das er die Jugendlichen und Erwachsenen des ganzen Dorfes begeistern sollte.
Nachdem Wolfgang im Gemeinderat erläutert hatte, dass es sich bei diesem Sportfest um einen Fernwettkampf zwischen allen Landgemeinden republikweit handle, an dem möglichst viele Erwachsene jeglichen Alters teilnehmen sollten, sahen sich alle Gemeindevertreter etwas erstaunt an.
Hocke, der LPG-Vorsitzende, sagte süffisant: „Ich weiß nicht, ob die Frauen, die im Schweinestall arbeiten und um die fünfzig sind, ein großes Interesse am Weitsprung oder am 100-Meter-Lauf haben.“ Alles lachte.
„Aber Kugelstoßen, das müsste doch gehen“, sagte der Vorsitzende der BSG Traktor Oberneusitz. Er zeigte sich aufgeschlossen gegenüber den Fernwettkämpfen der Landgemeinden und versprach hoch und heilig, dass alle Fußballer sich daran beteiligen würden.
Das zeige, dass die Sportler der Betriebssportgemeinschaft den Staatsratsbeschluss über Körperkultur und Sport richtig verstanden hätten, meinte der Bürgermeister. Er sagte Wolfgang seine volle Unterstützung zu und hoffte auf eine große Beteiligung am Sportfest.
Nach der Gemeinderatssitzung setzte sich Wolfgang noch ein bisschen an den Tisch zu dem Vereinsvorsitzenden der BSG Traktor, dem LPG-Vorsitzenden, dem Bürgermeister und dem stumpenpaffenden Feuerwehrhauptmann, die an diesem Abend nur ein Ziel hatten: sich gegenseitig unter den Tisch zu saufen.
Als Wolfgang Stunden später die schmale Korridortreppe hoch polterte, merkte er, wie betrunken er war. Bevor er sich ins Bett neben Heidi legte, holte er aus der Küche einen Eimer und stellte ihn neben sein Bett. Durch Wolfgangs lautes Hantieren wurde Heidi wach, und es dauerte nicht lange, und Wolfgang musste sich übergeben.
Henry fing zu weinen an, und Heidi sagte erbost: „Eine Zumutung ist das!“, und wechselte mit Henry vom gelben in den blauen Salon.
„Hilf mir doch“, rief Wolfgang mit dem Kopf überm Eimer. Aber Heidi reagierte nicht. Am „Tok Tok“ hörte sie, dass der alte Sickel aus der Kneipe kam, und sie hörte, wie sich Wolfgang im Nebenzimmer erbrach und nach ihr rief.
Henry lag neben ihr auf der blauen Ausziehcouch unter der Schräge, und Heidi steckte ihm den Nuckel in den Mund, um ihn zu beruhigen.
Wolfgang, im Zimmer nebenan, hing mit dem Kopf über dem Eimer. „Ich kann nicht mehr“, sagte er wehleidig. „Hilf mir doch!“ Er hörte, wie eine der ungezählten Mausefallen, die er auf dem Korridor aufgestellt hatte, zuschnappte, und er hörte, wie der alte Sickel seine Krücken unüberhörbar laut auf dem Pflaster aufsetzte. Der Beckmann aus „Draußen vor der Tür“ geisterte durch Wolfgangs versoffenes Gehirn, und jedes Mal, wenn er das Geräusch der Krücken auf dem Pflaster vorm Haus hörte, lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. Es war ein Gefühl der Ohnmacht und der Angst, einer Maschinerie ausgesetzt zu sein, die den Menschen deformiert.
Am nächsten Morgen stand Wolfgang vor dem Spiegel, der über dem Waschbecken in der Küche hing. Brechreiz schüttelte ihn, und er unterbrach das Rasieren.
Heidi, die grußlos hereingekommen war, stand vorm Gaskocher und machte in einem Emailletopf Henrys Flasche warm.
„Saufen und kotzen – das ist alles, was du kannst“, sagte sie und probierte, ob Henrys Baby-Milch warm genug war.
„Nicht zum Aushalten ist das“, Heidi verließ angewidert die Küche, und Wolfgang, der mit Sandruschek im Clinch lag, weil er sich nicht fügen wollte, wie er sich früher immer seinem Vater hatte fügen müssen, gab Heidi Recht. Er sah ein, dass sie in Oberneusitz keine Perspektive hatten und irgendwas passieren musste.
19. Kapitel
Durch Zufall fiel Wolfgang eine Woche später die September-Ausgabe der Zeitschrift „Theater der Zeit“ in die Hände, und als er las, dass die Theater in Meiningen und Nordhausen einen Dramaturgen suchten, fragte er Heidi, an welchem der Theater er sich bewerben solle.
„Am besten an beiden“, sagte Heidi, von der sich Wolfgang in den Herbstferien beim Abfassen der Bewerbung bereitwillig helfen ließ. Denn offizielle Schreiben waren für Wolfgang immer ein Gräuel. Heidi hingegen machte es nichts aus, Briefe zu schreiben, die nach bestimmten, formalen Regeln aufgebaut sein mussten.
„Zuerst einmal müssen wir schreiben, warum du überhaupt am Theater arbeiten willst“, sagte Heidi zu Wolfgang, der alles ziemlich nervig fand, und sie schrieb: „Da ich mich beruflich verändern möchte, um meine persönlichen Pläne auf künstlerischem Gebiet verwirklichen zu können, frage ich an, ob Sie für die Spielzeit 1971/72 einen Regieassistenten oder Dramaturgen suchen. Wenn das der Fall sein sollte, bitte ich Sie, mir bis Ende November davon Mitteilung zu machen, weil ich bis Dezember meine Kündigung einreichen muss.“
„Nachdem wir gesagt haben, warum du zum Theater willst, müssten wir jetzt all das aufzählen, was Eindruck auf einen Intendanten machen könnte“, sagte Heidi. Es gelte, die interessantesten Dinge aus Wolfgangs Lebenslauf herauszufiltern, meinte Heidi und sie forderte Wolfgang auf, ihr zu erzählen, wie sich seine Theaterleidenschaft von Kindesbeinen an entwickelt habe.
„Da muss ich aber verdammt weit ausholen“, sagte Wolfgang. „Als Oberschüler habe ich mit selbstgeschriebenen Gedichten Rezitationswettbewerbe gewonnen. Während meiner Lehrzeit war ich Mitglied der Jugendbühne in Erfurt, und als ich meine Lehre beendet hatte, ging ich als Motorenschlosser nach Schwedt und spielte in dem Stück ‚Menschen in Bewährung‘ mit, das bei den Arbeiterfestspielen in Frankfurt/Oder mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde.“
„Goldmedaille hin, Goldmedaille her“, sagte Heidi. „Auf deine dramaturgischen Fähigkeiten kommt es an, und die müssen wir mehr in den Blickpunkt rücken.“
Fähigkeiten als Dramaturg habe er sich während seiner Studentenbühnenzeit beim Umarbeiten des Stücks „Der weite Weg“ und beim Erarbeiten von Lesungen und literarischen Programmen erworben, führte Wolfgang an. „Auch habe ich meine Staatsexamensarbeit über die epischen und dramatischen Elemente in ,Morgen kommt der Schornsteinfeger‘ von Claus Hammel geschrieben. Diese Arbeit, die mit ,Sehr gut‘ bewertet wurde, würde ich als wissenschaftliche Untermauerung meiner dramaturgischen Fähigkeiten ansehen.“
Heidi brachte zu Papier, was Wolfgang ihr über seine Schauspiel- und Schreibversuche gesagt hatte, und das, was Heidi gekonnt niedergeschrieben hatte, hörte sich recht dramatisch und schlüssig an.
„Jetzt musst du die Bewerbung nur noch abschreiben und wegschicken“, sagte Heidi zu Wolfgang. „Mal sehen, wer zuerst anbeißt.“
Schon eine Woche später erhielt Wolfgang Antwort aus Meiningen und Nordhausen. „Ich danke Ihnen für die Bewerbung. Da sich erst im Laufe der nächsten Tage entscheiden wird, ob bei uns die Position des Schauspieldramaturgen vakant ist, bitte ich Sie um Geduld. Auf jeden Fall sollen Sie wissen, dass ich an Ihrer Bewerbung interessiert bin und Sie unverzüglich zu Vertragsverhandlungen einladen werde, wenn sich die Situation bei uns geklärt hat“, schrieb der Meininger Intendant.
Da sich aber in den nächsten vierzehn Tagen in Meiningen nichts geklärt hatte, nahm Wolfgang das Angebot des Nordhäuser Intendanten an, der an einem Kennenlernen Wolfgangs sehr interessiert war und ihn für Anfang November zu einem persönlichen Gespräch einlud.
Am ersten Sonnabend im November fuhr Wolfgang für einen Tag nach Nordhausen, saß einen Vormittag lang auf dem breiten Sofa in der Intendanz und unterhielt sich mit Mühlheim, der erst vor kurzem Intendant geworden und von Haus aus Opernsänger (sprich: Heldentenor) war.
„Was wissen Sie eigentlich über diese Stadt und unser Theater?“, fragte Mühlheim provozierend und grinsend.
„Ich weiß nur, dass in Nordhausen der berühmte Doppelkorn gebrannt wird und dass dieses Theater ein Dreisparten-Theater ist, mit Oper, Operette, Ballett und Schauspiel“, sagte Wolfgang. „Aber mehr weiß ich nicht.“
„Das wird sich ganz bestimmt ändern“, sagte der Intendant und begann, Wolfgang über die Aufgaben und die Besonderheiten des Nordhäuser Theaters zu unterrichten.
Die wichtigste Aufgabe des Theaters sei es, auf die Bedürfnisse des Publikums einzugehen, dozierte er. „Da muss man sich schon genau überlegen, wie man das Publikum auf eine Schauspielinszenierung vorbereitet und im Programmheft für das Stück wirbt.“
In der jüngsten Vergangenheit habe man es einfach nicht fertig gebracht, mit dem Programmheft Interesse für wichtige Stücke zu wecken, erboste sich der Intendant. Er griff in die Schublade seines ausladend großen Mahagoni-Schreibtischs und förderte zwei solcher Programmhefte zutage.
In dem Programmheft zu Shakespeares „Maß für Maß“ stand: „Shakespeare zeigt ein Stück der Entwicklung der antagonistischen Klassengesellschaft, deren Inhumanität und Missachtung des Individuums.“
Und Mühlheim schäumte regelrecht, als er Wolfgang die Ankündigung des Stücks „Die Ausgezeichneten“ zu lesen gab: „ ... indem der Autor die verschiedenartigsten Haltungen der Frauen beleuchtet, kommt es zu einer echten Auseinandersetzung um Fragen der Ehrlichkeit im Sozialismus.“
„Wer möchte schon ein Stück sehen, das so angekündigt wird?“, fragte der Intendant.
„Ich jedenfalls nicht“, entgegnete Wolfgang und war sich mit Mühlheim einig, dass Programmhefte verständlich, locker-flockig und unterhaltsam geschrieben sein müssten.
„Um der Rolle als kulturelles Zentrum im Territorium gerecht zu werden, müssen wir neue Wege gehen“, sagte Mühlheim. Es sei daran gedacht, noch im nächsten Jahr, eine zweite Spielstätte zu schaffen. „Für dieses ,Theater unterm Dach‘, das zu einem Treffpunkt junger Leute werden soll, sind Sie der richtige Mann“, er beugte sich über den Schreibtisch. „Denn in Ihrer Bewerbung habe ich gelesen, dass Sie Mitglied der Studentenbühne waren und mit Lesungen und literarischen Programmen, teils mit eigener Lyrik, das Publikum im Studentenkeller begeistert haben.“
Auch müsse in Zukunft mehr Augenmerk auf Uraufführungen und die Zusammenarbeit mit jungen Autoren bei der Entwicklung von neuen Stücken gelegt werden. Nur so könne das Nordhäuser Theater für Berliner Rezensenten interessant werden und sich republikweit einen Namen machen.
Mühlheim gab unumwunden zu, dass es ihn ungeheuer schmerze, wenn interessante Aufführungen seines Theaters überregional kaum zur Kenntnis genommen würden, und er wetterte gegen die arroganten Rezensenten vom „Theater der Zeit“, für die das Nordhäuser Theater hinter den sieben Bergen liege und mit dem abschätzigen Etikett „Provinztheater“ versehen werde.
Und dass nach den Premieren lediglich in der Bezirkspresse eine wohlwollende Empfehlung erschien, die von einem Oberlehrer verfasst wurde, ärgerte Mühlheim ungemein. Nur fundierte Rezensionen könnten die Theaterarbeit weiterbringen.
„Sie wissen also, auf was Sie sich einlassen?“
„Ich denke schon.“
„Wir saufen nicht nur Doppelkorn“, sagte der Intendant. „Wir versuchen auch, gutes Theater zu machen.“ Er brauche einen Mann, der fürs Theater brenne, erklärte er Wolfgang, der schriftstellerische Erfahrungen habe und mit Jugendlichen umgehen könne. „Ein Seiteneinsteiger wie Sie tut uns gut, denke ich. Denn die Gefahr, betriebsblind zu werden und im eigenen Saft zu schmoren, ist an kleinen Theatern besonders groß. Deshalb habe ich mich bei der Vergabe der Dramaturgenstelle bewusst für einen Deutschlehrer und nicht für einen Absolventen der Theaterhochschule Leipzig entschieden.“
Ein Studium der Germanistik und Geschichte sei ein ebenso gutes Rüstzeug für einen Dramaturgen. Mühlheim erhob sich hinter seinem schweren Schreibtisch, ging feierlich und ernst auf Wolfgang zu, der sich ebenfalls vom schweren Ledersofa erhoben hatte, und in der Mitte des großen, hellen Zimmers kam es zwischen Wolfgang und dem Intendanten zu einem, unter Theaterleuten üblichen Handschlagvertrag.
Mitte Januar fuhr Wolfgang ein zweites Mal nach Nordhausen, und zum ersten Mal traf er mit dem künftigen Oberspielleiter zusammen. Felber und Wolfgang übernachteten im selben Hotel. Während des Frühstücks am Samstagmorgen machten sie sich miteinander bekannt, und Felber entschuldigte sich dafür, dass er Wolfgang den Spielplan, über den zu reden war, erst vor einer Woche zugeschickt hatte.
Als sie mit dem Frühstück fertig waren, schlug Felber vor, im Hotel zu bleiben, um sich über den Spielplan auszutauschen. Die Theaterkantine sei dazu ungeeignet, da es zu viele gäbe, die mithören könnten, meinte Felber.
Um unnötigen Theaterklatsch zu vermeiden, suchten sie ein kleines Vereinszimmer auf, das gleich neben dem Frühstücksraum lag. „Hier können wir uns in aller Ruhe unterhalten.“ Felber schickte voraus, dass er sich beim Aufstellen des Spielplans an die Faustregel gehalten habe, nach der sich die meisten der DDR-Theater richten würden: eine klassische Tragödie, ein sowjetisches Stück, ein DDR-Gegenwartsstück, eine Komödie jedweder Art, eine Märchenproduktion für Kinder und Erwachsene zu Weihnachten und ein Kinderstück. Zu bestimmten Anlässen werde auch auf die bürgerliche Dramatik des 19. und 20. Jahrhunderts zurückgegriffen, erklärte er. Aber meist bleibe die siebente Spielplan-Position Werken des sozialistischen Realismus vorbehalten.
„So habe ich folgende Stückauswahl vorgenommen“, sagte Felber: „Maria Stuart“ von Schiller, „Der Schatten“ von Jewgeni Schwarz, „Der Aufstieg der Edith Eiserbeck“ von Rolf Gozell, Brechts „Happy End“ oder „Die Falle“ von Robert Thomas, „Die Weihnachtsgeschichte“ nach Dickens und das Kinderstück „Nein, diese Hanne“.
Als Wolfgang bemängelte, dass moderne Autoren wie Osborne im Spielplan fehlen würden, bekam er von Felber zur Antwort: Ein kleines Theater wie Nordhausen sei nicht in der Lage, die nötigen Tantiemen aufzubringen, um Stücke von Osborne und Pinter, Anouilh oder Ionesco aufführen zu können.
„Schade“, sagte Wolfgang, der in diesem Moment erst begriff, wie schwierig es war, einen attraktiven und zuschauerträchtigen Spielplan auf die Beine zu stellen. Da waren finanzielle Gegebenheiten und ideologische Kriterien zu erfüllen, an die Wolfgang nicht im Entferntesten gedacht hatte.
Als sie wenig später, auf dem Weg in die Intendanz, durchs Theater gingen, sagte Felber: „Bevor wir zum Alten gehen, sollten wir mal einen kurzen Blick auf die Bühne werfen.“
Der Regisseur Ruppert, der gerade Grabbes „Napoleon und die hundert Tage“ inszenierte, hatte nichts dagegen, dass der neu verpflichtete Oberspielleiter und der zukünftige Schauspieldramaturg im Zuschauerraum saßen und sich die Probe ansahen.
Ruppert ging in der fünften Reihe wie ein Dompteur auf und ab, das Stück im Kopf, sprach er den Schauspielern die Sätze so vor, wie er sie von ihnen hören wollte, und er verfuhr wie ein Choreograf. „Zwei Schritte vor. Und jetzt ihren Satz ...“, sagte Ruppert. „Einen Schritt nach hinten. Und dann ihren Satz ...“
Wie willige Werkzeuge benutzte Ruppert die Schauspieler, die nicht wussten, warum sie welchen Schritt nach welchem Satz tun sollten. Aber sie machten es, weil Ruppert es von ihnen verlangte. Er war ein unduldsamer Despot, und jeder hatte sich zu fügen.
Nach einer halben Stunde flüsterte Felber Wolfgang zu: „Ich glaube, wir haben genug gesehen“, und sie verließen leise und unauffällig den dunklen Zuschauerraum.
Als sie die Treppe zur Intendanz hochgingen, fragte Felber: „Was meinen Sie zur Probe?“
„Ich finde es unmenschlich, wie Ruppert mit den Schauspielern verfährt.“
„Das mag sein“, sagte Felber. „Aber Ruppert macht gutes Theater und hat sich unter der Regisseuren in der DDR einen Namen gemacht. Er ist da, wo ich hin will.“
„Aber hoffentlich nicht mit dieser Methode.“
„Keine Bange“, sagte Felber. „Beim Inszenieren geht jeder anders vor.“ Hoffentlich, dachte Wolfgang, der für kaltschnäuzige Intellektuelle, die über Leichen gingen, nichts übrig hatte.
„Habt ihr mal unten reingeguckt?“, fragte der Intendant.
„Ja“, sagte Felber.
„Und?“, fragte der Intendant.
„Herr Bruckner hält Rupperts Regiestil für menschenverachtend“, antwortete Felber.
„Menschenverachtend“, wiederholte Mühlheim. „Da haben Sie noch nicht miterlebt, wie er im Jargon der Fäkalienabfuhr klassische Stücke inszeniert“, sagte er zu Wolfgang. „Aber wir sollten uns nicht länger bei einem Regisseur aufhalten, der uns mit Ende der Spielzeit sowieso verlässt. Wenden wir uns der Zukunft zu.“
Der Intendant hatte die Stückliste vor sich liegen und fragte Felber, weshalb hinter Brechts „Happy End“ ein großes Fragezeichen stehe.
„Im Moment ist noch nicht geklärt, ob wir eine Musik bekommen“, sagte Felber. Auch liege das schon lange angeforderte Material für „Happy End“ noch nicht vor.
„Da keine Planungssicherheit gegeben ist, sollten wir diese Spielplan-Position gleich streichen“, sagte der Intendant zu Felber, und zu Wolfgang gewandt fragte er: „Und warum sollten wir das Stück ,Maria Stuart‘ gerade jetzt in Nordhausen spielen?“. Es schien, als wolle er Wolfgang ein bisschen auf den Zahn fühlen.
Aber Wolfgang, der mit dieser Frage nicht in Verlegenheit zu bringen war, konterte geschickt: „In diesen revolutionären Zeiten, in denen wir leben, gehört ein klassisches Stück über Revolutionszeiten einfach auf die Bühne.“ Das Thema „Macht und Menschlichkeit“ habe an Aktualität nichts eingebüßt, erklärte er. „Zwei geschichtliche Prinzipien stehen sich in den beiden Frauen gegenüber, von denen die eine das Überlebte vertritt und dem zukunftsweisenden Neuen weichen muss.“
Wolfgang erinnerte sich an das Seminar „Klassisches Drama“ bei Frau Professor Wertheim und setzte das Gelernte gekonnt ein. „Was Elisabeth an politischer Wirksamkeit gewinnt, verliert sie an menschlicher Würde“, führte Wolfgang aus. „Und in dem Augenblick, in dem Maria Stuart auf ihre Machtposition verzichtet, gewinnt sie ihre menschliche Würde zurück. Damit zieht Maria die Sympathien auf sich, obwohl der Dichter über ihre historisch reaktionäre Rolle keinen Zweifel lässt.“
„Ende des Seminars“, sagte Mühlheim zufrieden lächelnd und fragte Felber, wer das Stück inszenieren werde.
„Ich“, sagte Felber. Und Wolfgang, zum Intendanten blickend, frotzelte: „Hoffentlich gehört er nicht zu jenen Regisseuren, die beim Inszenieren der ,Maria Stuart‘ partout nicht auf den Koitus auf dem Thron verzichten können.“
Mühlheim hatte das Gefühl, dass die Chemie zwischen Felber und Wolfgang stimme. „Da ich sehe, dass ihr gut miteinander könnt“, sagte der Intendant, „werde ich Herrn Bruckner auch längerfristig unter Vertrag nehmen“, und er drückte Wolfgang einen Dreijahresvertrag in die Hand. „Sie brauchen nur noch zu unterschreiben“, sagte Mühlheim, und Felber musste lachen, als er Wolfgangs ungläubiges, verdutztes Gesicht sah.
„Ich kann ihn aber erst unterschreiben, wenn meine Kündigung durch ist“, sagte Wolfgang. „Das kann noch einige Wochen dauern.“
„Wir haben Zeit“, sagte der Intendant und erklärte das Gespräch für beendet.
Drei Tage später erhielt Heidi vom Kreisschulrat in Nordhausen einen Brief, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass ihr Einsatz an einer der Stadtschulen möglich sein werde. Bei der Beschaffung des Krippenplatzes werde man ihr behilflich sein. „Die Wohnungsfrage wird, nach unserer Kenntnis, vom Theater in Nordhausen geregelt“, erklärte der Kreisschulrat in seinem Schreiben. „Sobald der Arbeitsplatzwechsel Ihres Mannes nach Nordhausen besiegelt ist, reichen Sie bitte beim Kreisschulrat Erfurt-Land ihren Versetzungsantrag ein.“
Als Wolfgang am Mittag aus der Schule kam, fiel ihm Heidi freudetrunken um den Hals. „Ein Geschenk des Himmels ist das“, sagte sie und wedelte aufgeregt mit dem Brief des Kreisschulrates vor Wolfgangs Gesicht herum. „Ein knappes halbes Jahr und wir sind raus aus dem Schlamassel, und dieses Leben hier in Oberneusitz hat ein Ende für uns“, Heidi konnte ihr Glück kaum fassen.
„Ein Krippenplatz, Vollbeschäftigung für mich, eine Arbeit für dich und eine Wohnung, um die sich das Theater kümmern will. Was wollen wir mehr?“
20. Kapitel
Acht Wochen später jedoch, Wolfgang wartete darauf, dass seine Kündigung angenommen wurde, schrieb ihm der Intendant einen Brief, der einem K.-o.-Schlag gleichkam. „Ich bin eigentlich etwas verwundert, dass Sie in letzter Zeit überhaupt nichts mehr von sich hören ließen und dass ich gezwungen bin, mir meine Auskünfte bei ihrer vorgesetzten Dienststelle einzuholen“, monierte Mühlheim. „Wie mir der Rat des Kreises Erfurt heute mitteilt, sind Sie einer Aufforderung zu einem Gespräch am gestrigen Tag nicht nachgekommen, weil Sie verreist sind. Es wurde nun angenommen, dass Sie nach Nordhausen gefahren sind, um Ihre Sache zu klären. Ihr Direktor hat Ihnen – soweit ich erfuhr – mitgeteilt, dass Sie mit Ihrer Einberufung zur Armee im Herbst rechnen müssen. Unter diesem Aspekt sind doch nun alle Schritte, die Sie unternehmen, zu sehen. Es scheint doch völlig unangebracht, vor Ableistung Ihres Wehrdienstes den Beruf zu wechseln, zumal unsererseits ein Antrag auf Freistellung nicht erfolgen kann. Da ich hier nicht noch ein weiteres Jahr ohne Schauspieldramaturg arbeiten kann, bitte ich Sie, mir den Dreijahresvertrag zurückzuschicken.“
Wolfgang war erschüttert darüber, wie die Volksbildung ihn zu linken versuchte, und erboste sich. „Diese Schweine“, sagte er. „Ich werde ihn zur Rede stellen, diesen miesen Kreisschulrat.“
Aber der Kreisschulrat wollte mit Wolfgang nicht sprechen, er ließ sich verleugnen oder hatte einfach keinen Termin in nächster Zeit frei. Er ließ Wolfgang lediglich durch Sandruschek ausrichten, dass seine Kündigung nicht genehmigt werde und er im Herbst zur Armee komme. Also bestätigte sich, was Mühlheim ihm geschrieben hatte.
Wolfgang jedoch schwor sich, gegen diese Verfahrensweise der Volksbildung vorzugehen, und er entschloss sich, seinen Vater, dessen Operation unmittelbar bevorstand, im Krankenhaus zu besuchen.
Die Stationsschwester war freundlich. Sie nannte Wolfgang die Zimmernummer, und er ging den braun gebohnerten Gang entlang: links hohe, weiße Türen und rechts hohe, weiße Fenster. Er klopfte. Betrat das Zimmer. Es war leer. Die Armbanduhr seines Vaters lag verloren auf dem Nachttisch. Die Bettdecke war zurückgeschlagen und das Betttuch verrutscht. Sein Vater hatte offenbar vergessen, es glatt zu ziehen. Selbst die Jacke überm Stuhl und das Kofferradio, von dem sich sein Vater nicht trennen konnte, deuteten auf Ruhelosigkeit hin.
Wolfgang verließ das Zimmer, er lief den Gang weiter und fand seinen Vater mit anderen Patienten auf einem Balkon. Wolfgang gab jedem reihum die Hand, und sein Vater, erstaunt über Wolfgangs plötzlichen Besuch, sagte: „Das ist mein Sohn.“
„Der Lehrer?“, fragte einer.
Wolfgangs Vater nickte und sah auf die gegenüberliegende Fensterfront, und er kam auf Patienten zu sprechen, die schon operiert waren und dort drüben lagen.
Erwin Bruckner hatte Lungenkrebs. Ein Lungenflügel sollte ihm entfernt werden „Der Professor wird’s schon machen“, sagte er. Aber er konnte Wolfgang dabei nicht ansehen.
Schließlich sagte er: „Gehen wir runter.“
In Trainingsanzug und Pullover wollte Erwin Bruckner aber nicht in den Park. Er zog sich den Anzug an, stand unendlich lange vorm Spiegel und kämmte sich.
„Lass gut sein“, sagte Wolfgang, und sein Vater, der sich unheimlich viel Zeit zum Anziehen nahm, sagte: „Es muss ja sehr eilig sein, was du mir zu sagen hast.“
„Ich bin in argen Schwierigkeiten“, sagte Wolfgang. „Ich habe Zoff mit der Volksbildung und du als erfahrener Kaderleiter und langjähriges Mitglied der Konfliktkommission kennst dich bestens in arbeitsrechtlichen Fragen aus und kannst mir ganz sicher helfen.“
Es war das erste und letzte Mal, dass Wolfgang seinen Vater um Rat fragte.
Sie gingen in den Park, setzten sich auf eine schattige Bank, und sein Vater hörte Wolfgang aufmerksam zu, als er ihm von der Entscheidung des Kreisschulrats berichtete.
„Arbeitsrechtlich ist dagegen nichts zu machen“, sagte sein Vater. „Es tut mir leid, dass ich dir nicht helfen kann.“
Ein ausgiebiges Gespräch mit letzten Wahrheiten kam nicht mehr auf zwischen ihnen. Wolfgangs Vater saß einsilbig neben ihm auf der Bank, und Wolfgang dachte nur noch an den Bus, den er erreichen musste.
„Wann musst du gehen?“
„Halb sechs.“
Zehn Minuten blieben ihnen noch, und sie schwiegen vor sich hin. Dann ließ Wolfgang seinen Vater auf der Parkbank zurück.
Unterwegs zum Bus dachte Wolfgang an das Krankenzimmer, an die Unordnung darin, und er dachte daran, wie sein Vater gezögert hatte, bevor er ihm die Hand gab und sagte: „Mach’s gut.“
„Du auch“, hatte Wolfgang erwidert und dabei an den verdammten Sechs-Uhr-Bus gedacht.
Als er nach Hause kam, fragte ihn Heidi, wie es seinem Vater gehe. „Er wird morgen operiert“, sagte Wolfgang. „Er lässt dich grüßen.“
„Und was hat er zur Ablehnung deiner Kündigung gesagt?“
„Es ist alles rechtens, hat er gesagt.“ Gegen die Volksbildung komme man nicht an.
„Wir werden nicht klein beigeben“, sagte Heidi. „Diesem Gesocks von Funktionären werden wir’s zeigen.“ Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass Wolfgangs Kündigung von der Volksbildung so mir nichts, dir nichts abgeschmettert worden war.
„Wir werden uns beschweren“, sagte sie kämpferisch.
„Wo?“
„Beim Staatsrat! Eine Staatsratseingabe werden wir machen, die sich gewaschen hat“, verkündete Heidi siegesgewiss.
„Es gibt gesetzliche Bestimmungen, gegen die kommst du nicht an“, sagte Wolfgang resigniert.
„Aber einen dritten Winter halte ich das nicht durch. Schon gar nicht mit dem Kind!“
„Musst du auch nicht.“
„Und wie soll das gehen?“
„Wir werden diese Wohnung aufgeben“, erklärte Wolfgang. „Wir werden einen Versetzungsantrag stellen und zu deinen Eltern in die Mansardenwohnung ziehen, die seit dem Tod deines Großvaters leer steht.“
„Das wäre schön“, sagte Heidi. Von dieser Art Ausweg war sie überrascht.
Und mit einem Umzug nach Arnsbach konnte sie sich sofort anfreunden.
„In der Zeit, in der du anderthalb Jahre bei der Armee bist, wäre ich unter“, meinte sie hocherfreut. „Ich könnte arbeiten gehen, und meine Mutter und ich könnten uns in die Betreuung des Kleinen teilen. Denn meine Mutter geht ja sowieso nur halbtags auf Arbeit.“
Heidi hatte plötzlich Hoffnung, dass sich die verfahrene Situation doch noch zum Besseren hin klären könnte, und Wolfgang hatte nur ein Ziel: das Schuljahr ohne weitere Komplikationen zu Ende zu bringen.
Als die Sommerferien begannen, packten Heidi und Wolfgang ihre Sachen und zogen Anfang Juli mit Henry nach Arnsbach. Für Heidi ging es zurück ins elterliche Haus. Sie kehrte zurück in die Berge und das Dorf, das ihr von Kindesbeinen an vertraut war, und sie kehrte zurück in ihr Lieblingszimmer, in dem sie ihre Aufsätze geschrieben und während des Erledigens der Hausaufgaben ihrem Großvater auf der benachbarten Wiese beim Mähen zugesehen hatte.
Seit ihr Großvater im Februar 1971 nach einem Treppensturz gestorben war, stand die gesamte obere Etage des Hauses leer. Deshalb freuten sich Lisbeth und August Stillmark, als Heidi und Wolfgang die Mansardenwohnung im Stillmarkschen Haus bezogen. Durch den Umzug hatte es bei Heidi auf Anhieb mit einer Teilzeitstelle an einer Polytechnischen Oberschule in Birkenhall geklappt. So stand fest, dass Heidi ab September wöchentlich 16 Stunden unterrichten und neben Deutsch vorrangig Englisch geben würde.
Während Heidis berufliche Zukunft vorerst im Groben abgesteckt war, wusste Wolfgang Anfang August noch immer nicht, wie es mit ihm weitergehen würde.
Unruhig und gereizt wartete er Tag für Tag auf Post vom Wehrkreiskommando Erfurt. Denn er wollte so schnell wie möglich wissen, wo und bei welcher Einheit der Nationalen Volksarmee er seinen Grundwehrdienst ableisten sollte.
Obwohl das Wehrkreiskommando Birkenhall inzwischen für ihn zuständig war, bestand das Wehrkreiskommando in Erfurt darauf, dass Wolfgang in Erfurt gemustert wurde. Die Musterungskommission befürchtete nämlich, dass Wolfgang ihr durch seinen Umzug nach Arnsbach durch die Lappen gehen könnte. Für sie war er als feste Größe eingeplant und sollte bei der Infanterie in Prenzlau Dienst tun.
Aber im Wehrkreiskommando hatte man die Rechnung ohne den Musterungsarzt gemacht. Als Wolfgang endlich gemustert wurde, kam ihm der Arzt bekannt vor. Zwar wusste er nicht, wo er diesem schwarzhaarigen, rundgesichtigen jungen Mann im weißen Kittel schon einmal begegnet war.
Der junge Arzt, der in Jena studiert hatte, hatte Wolfgang aber auf Anhieb erkannt. Er hatte ihn als Heine und mit eigenen Gedichten im Studentenkeller erlebt, und als er Wolfgang fragte, ob er noch Gedichte schreibe, stutzte Wolfgang kurz. Aber dann fiel bei ihm der Groschen, und er sagte: „Sie also gehörten zu den Medizinern, die auf der Treppe im Studentenkeller saßen und von meinen unanständigen Liebesgedichten, für die ich viel Kritik einstecken musste, hellauf begeistert waren.“
„Genau“, sagte der junge Musterungsarzt und fing an, Wolfgang in die Augen und den Hals zu sehen. Er hörte ihn routinemäßig ab, und zum Schluss prüfte er mit seinem Hämmerchen, ob Wolfgangs Reflexe in Ordnung waren. Nach einem kurzen Schlag unters Knie schnellte Wolfgangs Bein extrem nach vorn.
„Die Reflexe sind in Ordnung“, sagte der junge Musterungsarzt lachend, und als er sich angehört hatte, welche Umstände dazu geführt hatten, dass Wolfgang in Erfurt und nicht in Birkenhall gemustert wurde, schien es, als wolle er Wolfgang unter allen Umständen etwas Gutes tun. Er begann Wolfgang lang und breit, nach allen möglichen Beschwerden und Operationen auszufragen.
„Als ich mit dem linken Meniskus Beschwerden bekam, hörte ich mit dem Fußballspielen auf. Denn ich hatte keine Lust, mich operieren zu lassen“, erzählte Wolfgang. „Der rechte Meniskus macht Ihnen sicherlich auch große Beschwerden“, sagte der Arzt und schrieb in den Musterungsbogen, dass der Meniskus beidseitig schwer beschädigt sei. Dann fragte er Wolfgang, ob er schon mal operiert worden sei. Von der Art und Schwere einer Operation hinge es nämlich ab, ob jemand zum aktiven Wehrdienst eingezogen werden könne oder nicht.
Im ersten Moment fiel Wolfgang nur die Blinddarm-Operation ein. „Hatten Sie wirklich keine anderen Operationen“, fragte der Musterungsarzt voller Nachdruck. „Doch“, sagte Wolfgang. „Ich hatte zwei Fisteloperationen am Steiß.“
„Na, also“, sagte der junge Musterungsarzt erleichtert und erfreut. „Das sind Operationen, mit denen wir was anfangen können“, und nachdem er sich noch einmal im Musterungskatalog vergewissert hatte, sagte er: „Es tut mir leid. Aber mit dieser Krankengeschichte muss ich Sie ,untauglich‘ für den aktiven Wehrdienst schreiben.“ Am Grinsen des Musterungsarztes sah Wolfgang, dass er sich über die Überraschung freute, die er Wolfgang beschert hatte.
„Danke“, stammelte Wolfgang. Und als er wie benommen das Zimmer verließ, rief ihm der Arzt nach: „Mit Gedichten kann man manchmal auch spät Erfolg haben.“
Obwohl Wolfgang ausgemustert worden war, gab es für ihn keinen Anlass, Luftsprünge zu machen. Denn die Theaterchance war verspielt und ein Verklagen der Volksbildung zwecklos.
Obwohl er mit Heidi und Henry nach Arnsbach gezogen war, befand sich Wolfgang nach wie vor in einer sehr unangenehmen Situation: Eine Handvoll guter Gedichte und ein Stück, an dessen Uraufführung selbst Wolfgang nicht mehr glaubte, reichten nicht aus, um freiberuflicher Schriftsteller zu werden. Und so griff Wolfgang nach dem Strohhalm, der sich ihm bot, und biederte sich aus Existenzgründen bei der Abteilung Volksbildung in Birkenhall an.
An der Berufsschule suchte man einen Fachlehrer für Deutsch und Geschichte, hatte Wolfgang gehört, und nach einem kurzen Gespräch mit dem Leiter der Abteilung Berufsbildung bekam er die Stelle. „In Zukunft werden Sie Erwachsene unterrichten. Und das wird Ihnen ganz sicher Spaß machen“, tönte Burkhardt und stellte Wolfgangs Arbeitsvertrag rückwirkend auf den 1. August 1971 aus.
Aber für Wolfgang stand fest: Er würde nur so lange als Lehrer arbeiten, bis er literarisch so weit war und sich den Sprung in die Freiberuflichkeit finanziell leisten konnte.
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