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Klaus Schönenberg

Schüereball

Ein anderer Dorfkrimi


Klaus Schönenberg

Schüereball

Ein anderer Dorfkrimi

Cover: Klaus Schönenberg

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ISBN E-Book 978-3-96136-080-2

ISBN Print 978-3-96136-079-6

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Personen:

Frank Linden, Privatschnüffler in Wahlscheid

Ingrid Grün, seine Freundin

Anat und Rinah Liesenthal – Juden in Köln

Ihre Kinder Michaela und Daniel

Christina, Michaelas Enkelin

Wilhelm und Heidrun Merkelbach, Bauern in Wahlscheid

Werner, ihr Sohn

Joachim Schiermeister, Baulöwe in Wahlscheid

Elisabeth, seine Frau

Richard, Joachims Vater

Karin genannt „Kiki“, Joachims Enkelin

Rolf Pratt, Kommissar in Siegburg

Bettina Engels, Pratts Gehilfin und Nichte

Stammbaum im Anhang

Die Historie:

1918 und 1919 – Beginn einer Freundschaft in der Eifel am

Ende des Ersten Weltkriegs

1935 bis 1945 – Vorkriegs- und Kriegsjahre in Köln und Wahlscheid

1955, 1975, 2003 – Ereignisse in Wahlscheid

All things are connected

Entschuldigung:

Bei allen, die sich auf die Schochen getreten fühlen, möchte ich mich auf´s Herzlichste entschuldigen. Ähnlichkeiten mit lebenden oder dahingeschiedenen Personen sind rein zufällig und ohne böswillige Absicht gewollt. Die halbwahren historischen Bezüge habe ich so hingebogen, dass sie auf die hier erzählte Geschichte passen.

– Der Autor in Wahlscheid im Januar 2020 –

Die Sprache:

Bei einer Mundart handelt es sich nicht um eine Sprache im Sinne einer einem Land, einem Staat oder Nation zuzuordnenden Landes- bzw. Verkehrssprache, sondern um ein Lebensgefühl.

In Wahlscheid wird selbstverständlich „platt“ gesprochen. Irgendwas zwischen „Kölsch“ und Rheinisch-Bergisch. Mindestens, wenn die wesentlichen Dinge des Lebens besprochen werden. Die Dialoge wurden mit wenigen Ausnahmen in so genanntem Hochdeutsch geschrieben. Der geneigte ortsansässige Leser mag sich den Wahlscheider Zungenschlag vorstellen, die Immies werden den eh nie begreifen.

Schüereball / Schüreball

Die Schreibweise

En Schüer ist eine Scheune. Die Schreibweise Schür träfe nicht ganz den Zungenschlag der Gegend. Es mogelt sich ein fast unhörbares „e“ zwischen das diakritische „ü“ und den Konsonanten „r“. Die korrekte Schreibweise ist also „Schüer“ und die damit verbundene Orgie also ein „Schüereball“.

Für

Jean „Schang“ Jülich

Ein Gerechter unter den Völkern

und

Günther Schwarz (16 Jahre alt)

Johann Müller (16)

Bartholomäus „Barthel“ Schink (16)

Gustav Bermel (17)

Franz Rheinberger (17)

Adolf Schütz (18)

Hans Steinbrück (23)

Roland Lorent (24)

Peter Hüppeler (31)

Heinrich Kratina (38)

Josef Moll (41)

Wilhelm Kratz (42)

Johann Krausen (57)

Inhalt

Frank

Eifel, April 1918 Wilhelm

Wahlscheid 2001 Werner

Wahlscheid, Juli 1935 Heidrun

Wahlscheid, August 1938 Joachim

New York, Mai 2003 Christina

Köln, Anfang November 1938 Anat

Wahlscheid, Juni 1955 Joachim

Köln, November 1938 Anat

Wahlscheid, Mai 2003 Christina

Köln, November 1938 Anat

Wahlscheid, Mai 2003 Werner

Wahlscheid, November 1938 Wilhelm

Wahlscheid, Mai 2003 Frank

Wahlscheid, August 1939 Richard

Köln, 1943 Anat

Siegburg, Mai 2003 Frank

Köln, Frühjahr 1943 Michaela

Wahlscheid, Sommer 1975 Richard

Köln, April 1943 Michaela

Wahlscheid, Mai 2003 Frank

Wahlscheid, April 1943 Michaela

Wahlscheid, Mai 2003 Frank

Wahlscheid, Mai 1943 Elisabeth

Wahlscheid, Mai 2003 Kiki

Wahlscheid, September 1955 Elisabeth

Wahlscheid, Mai 1943 Heidrun

Wahlscheid, Mai 2003 Ingrid

Wahlscheid, Mai 1943 Wilhelm

Wahlscheid, Mai 2003 Frank

Wahlscheid, Mai 1943 Heidrun

Wahlscheid, Mai 2003 Joachim

Wahlscheid, Mai 1943 Werner

Wahlscheid, Mai 2003 Joachim

Wahlscheid, Mai 1943 Wilhelm

Wahlscheid, Mai 2003 Christina

Wahlscheid, Mai 2003 Frank

Wahlscheid, Juni 1943 Werner

Wahlscheid, Mai 2003 Frank

Wahlscheid, Mai 2003 Pratt

Wahlscheid, Mai 2003 Kiki

Wahlscheid, Mai 2003 Ingrid

Wahlscheid, Mai 2003 Werner

Wahlscheid, Mai 2003 Bettina

Wahlscheid, Ende Mai 2003 Schüereball

Wahlscheid, Herbst 2003 Epilog

Erläuterungen

Frank

Irgendwie hatte er ja gewusst, dass es eines Tages passieren würde. Nur – dass es hier, quasi in seinen eigenen vier Wänden sein würde – das hat ihn dann doch erstaunt. Als er den plötzlichen Druck auf seiner Brust spürt und ihm bewusst wird, was gleich mit ihm geschehen würde, als sich das dumpfe Klatschen in seine Wahrnehmung drängt und ihm schlagartig klar wird, dass er nur noch Sekunden hat, um seine letzten Gedanken zu sortieren, verlangsamt sich seine Umgebung zu einer zähen Zeitlupenstudie. Das Gefieder des possierlichen Vogels im Gebüsch gegenüber sträubt sich, die winzigen Äugelchen blicken zornig auf die Stelle, wo die Kugel durch den Kirschlorbeer geschossen kam, die Flügel schlagen zwei-dreimal, bevor sich das kleine Federbällchen erschreckt davon macht. Die Katze auf dem Stuhl neben ihm hebt interessiert den Kopf, die Ohrdreiecke wie kleine Lauschsegel auf den Kurs des Vogels gerichtet, der spontan vorbereitete Adrenalinstoß aber vom Rechenzentrum im Hirn zurückgepfiffen, als dem Tier die Fluchtgeschwindigkeit des Vogels klar wird. Wie oft hatte er sich schon vorgenommen, sich mal mit den einheimischen Vogelarten zu beschäftigen. Nun weiß er noch nicht einmal, welchem Federvieh sein letzter Blick gilt. Die Katze dreht ebenso quälend langsam wie gelangweilt den Kopf zu ihm um, reagiert mit einem kurzen Zucken der Ohren, als der Knall der Waffe ins Zentrum ihres Bewusstseins rückt. Er selbst sinniert noch darüber nach, ob eine Gewehrkugel schneller oder langsamer als der Schall ist, als er feststellt, dass sich ein roter Fleck auf seinem Feinripp ausbreitet.

„Was war das? Hast du den Knall gehört?“ Ingrid, seine Mitbewohnerin, bezeichnet ihre Beziehung immer noch als Wohngemeinschaft, obwohl sie seit mehr als fünf Jahren nicht nur Tisch, sondern auch Bett teilen. So etwas passiert eben, wenn zwei verzweifelt an der Jugend und der individuellen Freiheit hängen. Da neben der regelmäßigen chemischen eine dauernde gesetzliche Verbindung keine nennenswerten Vorteile brachte und diverse Scheidungen und Trennungen im Bekanntenkreis nichts als Stress verursacht hatten, hat man es eben dabei belassen. Ihre Stimme klingt wie aus einer tiefen Höhle, wie durch den Wolf gedreht. Er will ihr antworten, aber er muss feststellen, dass sein Sprachzentrum gelähmt ist, sein Hirn offensichtlich schon auf Notbetrieb umgestellt hat und nur noch für die wichtigsten Steuermechanismen da ist.

„Du wolltest den Rasen mähen – hast du versprochen.“ Ja – zum Teufel, wie kommst du bloß drauf, dass mich das jetzt im Moment interessiert. Komm gefälligst her und hilf mir! Sind nie da, wenn man sie wirklich braucht. Vielleicht hätte er doch seine Finger aus der Sache heraushalten sollen. Wie konnte er nur annehmen, dass dieser geldgeile Clan das einfach so auf sich beruhen lassen würde. Zu tief hatte er im Dreck gegraben, aber Ungerechtigkeit konnte er eben nicht so einfach hinnehmen, abgesehen davon, dass er sich davon auch eine recht ordentliche Belohnung versprochen hatte.

Der Rest ist noch ein Flackern der Augen, entsetzte Schreie, Gezerre an seinem Hemd, hektische Betriebsamkeiten und letztlich der Sturz ins Bodenlose, Dunkelheit und Ruhe.

Eifel, April 1918
Wilhelm

Mit Juden hatte er eigentlich noch nie Kontakt gehabt. Und jetzt hatte ihm der Leutnant diesen Kölner Schöngeist an die Seite gestellt und sie zusammen auf diesen vorgeschobenen Posten befohlen. Seit Tagen lagen sie nun schon unter Sperrfeuer aus dem Wäldchen gegenüber und die Lage im Matsch des Schützengrabens wurde allmählich brenzlig. Anat, der junge Mann neben ihm, war kaum ein Jahr älter als er, Wilhelm Merkelbach, Bauernsohn aus einem Nest im Bergischen, das für den Kölner „knapp vor dem Ural“ lag, wie alles, was auf der Schäl Sick, der östlichen Rheinseite, liegt. Aber immerhin hatte Anat Liesenthal Mut bewiesen, als vor ein paar Tagen eine Kontaktaufnahme zu ihrem Befehlsstand in dem kleinen Eifeldörfchen hinter ihnen angesagt schien und irgendwer über die freie Pläne laufen und Meldung machen musste. Seitdem hatte sich doch etwas mehr Respekt vor dem Menschen mit dem verdächtigen Glauben eingestellt. Der schlanke, hochgewachsene Bursche hatte Tabak mitgebracht und dem Küchenbullen ein schönes großes Stück Pökelfleisch geklaut. „Schweinefleisch? Du? – Ich dachte immer .…“ – „Glaubst du, Gott wäre glücklicher, wenn ich hier verhungere?“ Sprach´s, machte sich über den Batzen her und teilte den Kanten in gleiche Stücke auf.

Anat war Spross einer kölnischen Goldschmied-Dynastie, die schon seit vier Generationen in der Domstadt Werkstatt und Geschäft betrieb. Sie war sogar mit der Bankiersfamilie Oppenheim verwandt, die als einer der ersten jüdischen Familien Anfang des 19. Jahrhunderts wieder in Köln siedeln durfte, nachdem die liberalen Einflüsse der Französischen Revolution im Rheinland spürbar wurden. Ständig nervte er Wilhelm mit klugen Sprüchen und Gedichten, die zu lernen sein preußisch korrekter Lehrer in der einzügigen Dorfschule nicht für wichtig gehalten hatte. Was hätte es auch genutzt, wenn er bei der Kartoffelernte im Aggerbusch mit krummem Buckel über Theodor Storms „Schimmelreiter“ philosophieren oder Passagen aus Victor Hugos Spätwerk hätte zitieren können.

Aber er hörte aufmerksam zu und langsam erschlossen sich ihm die Feinheiten seiner eigenen Sprache und er fasste den festen Vorsatz, sich nach dem vermaledeiten Krieg ein oder zwei Bücher zu kaufen und es selbst mal mit Lesen zu versuchen, wenn er des Abends in seiner kleinen Dachkammer im elterlichen Hof mit wehem Kreuz und hungrigem Bauch auf den Strohmatratzen lag. Vielleicht konnte er auch den Pastor um ein Buch angehen – aber er war sich nicht sicher, ob ihn dieser nicht mit spöttischem Gelächter davonjagen würde.

„Der Krieg ist sowieso bald vorbei“, hatte Anat erzählt, als sie kauend im Dreck hockten. „Die Offensive an der Marne ist ins Stocken geraten und unsere Leute kriegen tüchtig Haue. Einer der Melder hat es mir erzählt. Dann macht´s bumm! Und aus ist´s mit Kaiser und Vaterland.“ Wie so oft hatte er dem 19-jährigen Kameraden geglaubt und in dieser Nacht lange über die Konsequenzen nachgedacht. Unvorstellbar, ein Leben ohne die strenge Ordnung und Hierarchie, dem Postmeister, dem Dorfpolizisten – wie sollte das funktionieren? Aber sein Weltbild war eh schon ins Wanken geraten, als er in seiner deutschen Wehrmacht auf Juden traf, die wie selbstverständlich neben ihm Dienst taten und keinen Hehl aus ihrer Treue zu Heimat und Kaiserreich machten. Zuhause im Dorf wurden sie als „Saujüdden“ und „Vaterlandsverräter“ beschimpft, und wie er vom Hörensagen wusste, gab es nur ein paar jüdische Familien an der Sieg und in Siegburg, einer Stadt, die für ihn so unendlich weit weg war, dass er sich kaum erinnern konnte, jemals dort gewesen zu sein. Geschweige denn in Köln, jener Stadt, von der ihm sein weltgewandter Kamerad so viel erzählte. Anat war mit seinen Eltern sogar einmal nach Hamburg gefahren. Sie hatten den Bruder seines Vaters zum Schiff begleitet, das ihn nach New York bringen würde, um dort eine – wie nannte Anat es noch – Dependance ihres Kölner Geschäfts zu eröffnen.

Wenn Anat gewusst hätte, welch ein Segen diese verwandtschaftliche Beziehung einmal für seine Familie sein sollte.

Es lagen noch vier scheußliche Wochen vor ihnen, bis der Krieg für sie endlich vorbei war, sie in Gefangenschaft gerieten und einige Monate später, im Frühjahr 1919 gemeinsam nach Hause zurückkehren konnten und jeder für sich wieder in seine Welt eintauchte, die sich grundlegend geändert hatte. Einen Kaiser gab es nicht mehr, ein Sozialdemokrat hatte die Republik ausgerufen und während sie in französischer Gefangenschaft festsaßen, hatten Wahlen zur Nationalversammlung stattgefunden. So unterschiedlich die beiden waren, ihre Freundschaft sollte über den Tod hinaus Bestand haben.

Erst viele Jahre später sollte Wilhelm bewusst werden, dass viele Männer weniger Glück hatten als die beiden. Sie kamen schwer traumatisiert, verstümmelt oder verwundet nach Hause. Oder überhaupt nicht mehr. Eine arrogante, inzüchtige Monarchie mit einem Kaiser, dessen Dummheit nur noch von seiner Selbstüberschätzung übertroffen wurde, hatte diesen Krieg angezettelt und ein Volk in ein Unglück gestürzt, das noch drei Jahrzehnte andauern sollte, bis ein Selbstreinigungsprozess in Gang kam, der wenigstens für Europa die Chance für eine Befriedung der Nationen bot.

Wahlscheid 2001
Werner

Werner Merkelbach hatte nie geheiratet. Gelegenheiten hatte es genug gegeben, aber eigentlich war er zufrieden mit seiner Rolle als Bauer auf dem Hof, den er gemeinsam mit seinen Eltern bewirtschaftete. Mitte der Sechziger starb sein Vater Wilhelm bei einem Unfall mit dem Traktor, seine Mutter hatte sich von dem Schock nie erholt und starb zwei Jahre später. Werner wurde bewusst, dass auch er nicht ewig als einsamer Bauer würde überleben können. Er verpachtete einige der Äcker und Wiesen, die zum Hof gehörten, und gestaltete einen Teil des am Flüsschen Agger gelegenen Weidelandes in einen Campingplatz um. Das erwies sich als Goldgrube, denn viele kleinere Angestellte und Arbeiter aus dem nahen Köln sehnten sich nach einem ruhigen Wochenende auf dem Land und so waren die 80 Stellplätze bald vermietet. Die winzige Kneipe, die er in einem Teil des Hofs ausbaute, war bald Anlaufpunkt für die „Etagenwanzen“, wie die Camper von den Einheimischen genannt wurden.

Nach und nach baute Werner den alten Stall und die beiden Scheunen in Wohnungen um und so entstand rund um das alte Wohngebäude ein kleiner, heimeliger Wohnpark. Das bescherte ihm keine Reichtümer, aber er konnte gut davon leben, ohne sich sonderlich anstrengen zu müssen.

Es war 1975, sein fünfzigster Geburtstag. Werner hatte ein Menü für das gute Dutzend Freunde zusammengetüftelt, die sich mehr oder minder regelmäßig zum Schwafeln, Kochen, Essen und der Dezimierung des einen oder anderen Weinkellers zusammenfanden. Als Hauptgang sollte es „Penis Aggertalensis” geben, wie er das butterzarte Fleischgericht nannte. Dazu schnitt er ein Rinderfilet der Länge nach auf, sodass ein rechteckiges, einen Zentimeter dickes Stück Fleisch vor ihm auf der Tischplatte lag. Dieses wurde kräftig gepfeffert und gesalzen und mit körnigem Dijonsenf eingeschmiert. Darauf kam eine dünne Lage Sauerkraut und Kirschen, deren Saft zuvor mit Madeira eingedickt wurde. Diese Lage rollte er wie eine dicke Roulade auf, verschnürte das Päckchen mit Küchengarn und briet es in einer großen Pfanne von allen Seiten kräftig an. In Alufolie eingepackt würde es vier bis fünf Stunden bei 80 Grad im Backofen brauchen, bis die Temperatur im Innern des Fleischs exakt 55 Grad betrug.

Dazu gab es kurz angedünsteten Blumenkohl mit Sahne und herzhaftem Bergkäse gratiniert. Für die Soße aus Pfifferlingen wurden Zwiebeln mit den Pilzen angeschwitzt und mit einer Mischung aus schwarzem Pfeffer, etwas Muskatnussblüten, Piment und Curry bestreut und mit Brühe abgelöscht. Mit reichlich Sahne musste das dann gründlich einkochen, bis die Soße kurz vor dem Servieren mit kalter Butter montiert, mit Worcester-Sauce abgeschmeckt und mit frischer Petersilie bestreut wurde. Dazu gab es natürlich reichlich Rotwein und nach der x-ten Flasche 68er Chateau Monbousquet kam das Gespräch mal wieder auf die Rente und auf die Zeit nach den eigenen Zähnen. Ob man dann wohl so gemütlich im Altersheim zusammenhocken und alte Rock&Roll-Nummern in beliebiger Lautstärke würde anhören können? Autark wolle man bleiben, am besten mit eigener Krankenschwester, wohl gefülltem Weinkeller und selbstbestimmten Essensplänen.

Jedenfalls pflanzte sich an jenem denkwürdigen Tag diese Idee in Werners Kopf und im Laufe der Zeit hatten diese Vorstellungen vom Rentnerdasein in seine Umbaupläne Einzug gehalten. Heute, zwei Jahrzehnte später wohnten in den 20 kleinen Wohnungen 15 Ruheständler paarweise oder einzeln mit acht jungen Menschen zusammen. Letztere wohnten umsonst, solange sie in der Ausbildung waren oder studierten. Ihre Miete sollten sie später an die Kasse der Alters-Wohngemeinschaft zahlen, sobald sie eigenes Geld verdienten. In dem langsam aber stetig gewachsenen Gebäudekomplex war ein Gemeinschaftsraum integriert, der sich mit der angeschlossenen Küche zu einem gut besuchten öffentlichen Restaurant entwickelt hatte, das die Bewohner liebevoll „Carpe Diem“ getauft hatten.

Wenn auch manch einer die Vorgänge in Werners Umfeld mit einigem Misstrauen begegnete, so war er doch ein respektables Mitglied der dörflichen Gemeinschaft. Aus der Politik hielt er sich konsequent heraus und außer der Freiwilligen Feuerwehr gehörte er keinem Verein an. Sein Umgang mit den Menschen war von gegenseitigem Respekt geprägt und denen, die er nicht mochte, begegnete er mit gleichgültiger Belustigung, bisweilen auch mit zynischem Humor.

Ständigen Stress hatte er nur mit der Stadtverwaltung. Er wartete Ewigkeiten auf eine Baugenehmigung, Vorschriften wurden akribisch kontrolliert, seine Restaurantküche lag unter ständiger Beobachtung des Ordnungsamtes und verdächtig häufig wurden in der WG wohnende ausländische Studenten von den Behörden auf ihr Bleiberecht kontrolliert. Seit Jahren versuchte man ihm nachzuweisen, dass sein Campingplatz für die in der Agger gefundenen Giftstoffe verantwortlich sei. Ein Gegengutachten, von ihm selbst in Auftrag gegeben, stellte allerdings eindeutig fest, dass die gleichen Werte auch flussaufwärts gemessen werden konnten, sein Campingplatz also kaum die Ursache für die erhöhten Werte sein konnte. Indes wurde sein Gutachten von der Verwaltung bisher ignoriert.

Einen richtigen Hebel, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, hatte bisher niemand ansetzen können. Werner hatte sich mit Anwälten beraten und achtete sehr genau auf die Einhaltung von Verordnungen und Vorschriften.

Schon in den 60er Jahren waren viele Hektar Wiese und Acker entlang der Agger von den Pächtern und Bauern aufgegeben worden, weil die Erträge deutlich zurückgingen. Sie verkauften das Land nach und nach für kleines Geld an die Clique der örtlichen Baulöwen, allen voran die Schiermeisters, deren Familienoberhaupt sich nach dem Krieg trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Nazi-Vergangenheit vom Kleinbauern zum größten und reichsten Gierschlund entwickelt hatte. Zuerst der alte Richard und nach dessen Tod sein anmaßender Sprössling Joachim, mit dem sich Werner, seit sie gemeinsam die harten Bänke der Wahlscheider Volksschule gedrückt hatten, in stetem Zoff befand. Unter dem Deckmantel des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Menschenfreundlichkeit versuchte er mit hinterfotziger Lobbyarbeit im Stadtrat Mehrheiten dafür zu finden, das Gelände an der Agger im Nutzungsplan als Bauland auszuweisen. Seit Jahren schon trieb der „Clan der Sizilianer“, wie Werner sie nannte, ein Projekt voran, die gesamten Flächen am Fluss in einen Vergnügungspark mit Hotels und umfangreichen Freizeitanlagen umzubauen. Bisher fehlten dazu die letzten Mehrheiten im Rat und das Filetstück des Areals mit Werners Campingplatz und Wohnanlage.

Nachdem er mit dem Wasserbauingenieur einer Lohmarer Fachfirma das Gegengutachten besprochen hatte, stand für ihn allerdings fest, dass hinter den Vorgängen rund um die Grundstückverkäufe mehr steckte, als ihn zur Aufgabe seines Campingplatzes zu bewegen. Eine Mehrheit für den Bau der geplanten Hotelklötze lag aber mit der derzeitigen Sitzverteilung im Stadtrat in weiter Ferne. So blieb Werner gelassen, aber wachsam.

Dem Erfolg seiner Kneipe, dem „Carpe Diem“ indes tat dies keinen Abbruch. Zuweilen verirrten sich auch Mitglieder des „Clans“ oder Volksvertreter in das Restaurant. Sie gaben sich volksnah und jovial, aber wenn sie zu anmaßend wurden, bekamen Sie den Spott der anderen Gäste und des Personals zu spüren.

Wahlscheid, Juli 1935
Heidrun

„Mach´s gut. Und wenn ihr in Köln keine Bleibe mehr habt, dann kommt ihr zu uns aufs Land.“ Wilhelm und Anat verabschiedeten sich herzlich mit einer Umarmung. Auch die beiden Frauen, Wilhelms Frau Heidrun und Rinah, die Anat vor neun Jahren geheiratet hatte, drückten sich einen Kuss auf die Wange.

Der „Bahnhofs-Gustav“, in Personalunion Bahnhofs-Vorsteher, Schrankenwärter, Kneipenwirt und oberste Informations-Instanz im Dorf, runzelte die Stirn ob solcher Vertraulichkeit, murmelt sich einen Fluch in den grauen Bart und setzte Dienst-Mütze und -Miene auf, als der Zug heranrumpelte und mit Gefauche zum Stehen kam.

Anat, Rinah und ihre beiden Kinder Michaela und der kleine Daniel waren zur Sommerfrische zwei Tage am Wochenende auf dem Hof der Merkelbachs in Wahlscheid gewesen und wollten nun mit dem Zug nach Köln zurückfahren. Sie würden gut zwei Stunden unterwegs und rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit wieder in ihrer Wohnung in der Budengasse sein. So konnten sie einigermaßen sicher sein, nicht von einem Trupp Braunhemden aufgehalten und schikaniert zu werden.

„Die Kölner“, wie Heidrun die Liesenthals nannte, waren gerne hier auf dem Land, denn auf dem kleinen, aber gemütlichen Bauernhof waren sie keinen Angriffen ausgesetzt, die in der Stadt zwar nicht offen zum Ausbruch kamen, aber immer latent vorhanden waren. Trotz des Ansehens, das die Familie Liesenthal in Köln seit Generationen genoss, ließen sie auch die Menschen in ihrer näheren Umgebung spüren, dass sie als Juden nicht erwünscht waren. Da half es wenig, dass Rinah ein Mündel des Kaufhausbarons Leonard Tietz war, der bis zur Arisierung 1933 das größte Kaufhaus in Köln führte. Das war erst zwei Jahre her, aber man hatte den Eindruck, als läge eine Ewigkeit dazwischen.

Die beiden Männer waren ihr in den letzten Tagen merkwürdig bedrückt vorgekommen, hatten lange und mit ernster Miene auf der Bank neben der Scheune gesessen und miteinander geredet und auch jetzt, als sie der Dampflok mit den vier Waggons hinterher winkten, spürte Heidrun, dass ihrem Mann ein dicker Kloß im Hals steckte. Früher hatten die vier immer viel und ausgelassen gelacht, Anat hatte Wilhelm mit seinem überlegenen Wissen über Literatur gehänselt und Willi hatte mit dem Singen von Heimatliedern, die er im Männerchor gelernt hatte, gekontert. Anschließend waren sie dann über die Vorräte des Selbstgebrannten hergefallen und hatten sich köstlich amüsiert. „Man muss in Würde besoffen und alt werden können“, war ihr Leitspruch, den sie dann immer wieder glucksend und wie Kinder kichernd von sich gaben. Die beiden Frauen ließen sie gewähren, erzählten miteinander und nutzten die Zeit, sich näher kennen zu lernen. Heidrun hatte ihrer neuen Freundin ein altes Bergisches Rezept beigebracht: Dielsknall, auch Puttes genannt. Jedes Dorf in der Umgegend hatte einen anderen Namen für das deftige Gericht aus geriebenen Kartoffeln, Mettwurst und gekochtem Schinken. Hinzu kamen noch üppig Pfeffer, Rosinen, Pflaumen und Eier. Das Ganze wurde dann mit reichlich Schmalz zu einem Teig verrührt und in eine runde Backform gegeben, die mit Speckstreifen ausgelegt war. Eigentlich ein Gericht für kalte Winterabende, aber es war Anats Leibgericht und er riss Witze über das Stück Schweinefleisch, das ihnen im Frühjahr 1918 das Leben gerettet hatte. Er konnte geduldig vor dem alten Backes neben der Scheune sitzen und den ca. 2-stündigen Garprozess des Kartoffelkuchens abwarten, der sich dann, auf einen großen Teller gestürzt, als herrlich duftendes, krosses Backwerk präsentierte. Dazu liebte er einen guten Löffel von diesem schwarzen, klebrigen Rübenkraut und er hatte sein Vergnügen daran, wenn die drei Kinder am Tisch bis zu den Ellenbogen eingesaut waren.

Überhaupt hatten auch die drei „Pänz“ eine Menge Spaß miteinander. Die beiden Stadtkinder genossen es, alle paar Monate einige Tage durch die Wälder, Wiesen und Scheunen der Umgebung zu streunen. Heidrun und Wilhelms Sohn Werner wurde 1925, ein Jahr nach ihrer Heirat geboren, Michaela war ein Jahr jünger und der kleine Daniel würde bald sechs werden.

Hoffentlich würden sie sich in Köln durchsetzen können. Gegen diesen Hass und die Gleichgültigkeit konnte auch all das Geld, das ihr Vater verdient hatte, nicht ankommen, ging es Heidrun durch den Kopf. Traurig hatte Anat berichtet, dass die braune Flut nun auch den Kölner Karneval erreicht hatte. Seit die Gestapo ihr Hauptquartier für den Gau Köln-Aachen mitten in der Stadt eingerichtet hatte, war man in der Kölner Innenstadt nicht mehr sicher und im Rosenmontagszug, wichtigste Ikone Kölner Brauchtums, waren Wagen mit antisemitischen und rassistischen Hetzparolen mitgefahren. Die Kölner Karnevalsvereine hatten sich weitgehend mit den neuen Herren arrangiert, denn wer aufmuckte oder der humorlosen Bande den Spiegel vorhielt, wurde drangsaliert und bekam Auftrittsverbot, wie der Büttenredner Karl Küpper, der den dämlichen Nazigruß mit „Eß et am rähne?“ oder „Bei uns im Keller litt der Dreck esu huh!“ veräppelte. Anat hatte sich jahrelang im von Max Salomon gegründeten und allseits respektierten jüdischen Karnevalsverein „Kleiner Kölner Klub 1922“ engagiert, aber mittlerweile war auch der Kölner Fasteleer von den braunen Rotten infiltriert und er wurde kaum noch eingeladen. Ein Vereinsleben war ihm als Jude ohnehin verwehrt, aber seine finanziellen Zuwendungen wurden vom Komitee gerne angenommen, hatte ihr Rinah erzählt.

„Komm, wir fahren heim.“ – Willi riss seine Frau aus ihren Gedanken. „Willst du nicht noch auf ein Bier und einen Schnaps in den Bahnhof?“ Trotz der gedrückten Stimmung gestern Abend hatten die beiden Freunde zwar eine gute Portion Alkohol gehabt, aber sie wollte ihrem Mann nicht seine gewohnte Einkehr nehmen. „Nein – ich will heim, mir ist nicht nach Gustav“, meinte er mit einem Blick auf den Bahnhofsvorsteher, der in seiner Strickjacke jetzt wieder wie ein Wirt aussah und mit seinem alten Kumpel, dem Kürten-Scheng, auf der Bank saß und sich von seiner Schwester den Schnaps bringen ließ. Eine Frau hatte Gustav nicht und außer seiner Schwester Gertrud hätte es auch kaum eine Frau bei diesem ewig greinenden und vor sich hinknurrenden alten Dickschädel ausgehalten.

Der wahre Grund, warum Willi nach Hause wollte, war Heidrun nicht verborgen geblieben. An der Theke in der Gaststätte saß Richard Schiermeister, der „Dorfschulze“, wie er von allen genannt wurde. Bei der Gemeindewahl 1933 war er mit seinen wirren Hetz-Parolen mit Pauken und Trompeten durchgefallen, aber ein Jahr später wurde er nach der neuen Reichs-Gemeindeverfassung vom Landrat in Siegburg als „Gemeindeschulze“ eingesetzt. Willi war schon mehrfach aufs Übelste mit dem grobschlächtigen Schwätzer aneinandergeraten, vor allem Willis Freundschaft zu einem Juden wurde von ihm ständig böse kommentiert.

Sie stiegen in den Wagen, Wilhelms ganzer Stolz: ein Brennabor Typ P von 1919, den ihm sein Onkel, der im Nachbarort die Tochter des Kohlenhändlers geheiratet hatte, vor ein paar Jahren geschenkt hatte. Das Gefährt stammte aus der ersten Serie von Fahrzeugen, die nach dem Krieg wieder in Brandenburg gebaut worden waren und entsprechend anfällig war der 8-Zylinder mit seinen 24 PS auch. Aber Willi war ein geschickter Handwerker und er bekam so allerlei wieder ans Laufen.

Wahlscheid, August 1938
Joachim

Als er des Nachmittags mit seinem Vater durch den Ort fuhr, hatte Joachim die beiden schon gesehen, als sie aus dem Zug stiegen: Das Judenmädchen und ihr kleiner Bruder, die wieder mal im Dorf auftauchten und von den Merkelbachs abgeholt wurden, um bei den Judenfreunden zu schmarotzen, wie sein Vater das nannte. Der musste es wissen, denn er war der Ortsvorsteher.

„Lass bloß die Finger von denen“, hatte ihn sein Vater gewarnt. Dass das keine richtigen Menschen sind, hatte er schon kapiert, aber das schöne, hochgewachsene Mädchen mit den langen schwarzen Haaren interessierte ihn doch, seit er nachts trotz der sommerlichen Hitze das dicke Plumeau bis zum Kinn hochzog, damit nur ja niemand merkte, dass er wieder und wieder Hand an sich legen musste, um den Druck seiner knapp 14 Lenze loszuwerden. Natürlich plagte ihn das schlechte Gewissen, aber es war an der Zeit, das gierige Gerede seiner Schulfreunde zu überprüfen. Sonst war er überall der Wortführer, aber mangels praktischer Erfahrung konnte er in dieser Hinsicht nicht viel zu den Halbwahrheiten und den Phantastereien der Beuede* beitragen. Er hatte keine Schwester oder Cousine, wo er mal am Badetag durchs Schlüsselloch spinksen* konnte, und so beschränkten sich seine optischen Eindrücke auf einige Zeichnungen und zerknitterten Fotos, die seine Kumpels in der Tasche ihrer kurzen Lederhosen mit sich herumtrugen, um damit anzugeben.

Nein – er musste endlich eigene Erfahrungen sammeln und warum nicht mit dieser Judengöre, die ja ohnehin kein richtiges Mädchen ist, aber offensichtlich über die geeigneten Attribute verfügte, um als Anschauungsmaterial zu dienen. Da konnte sein Vater eigentlich nichts dagegen haben. Außerdem wollte er sich ja auch nicht erwischen lassen. Er wusste, dass die Kölner Freunde der Merkelbachs in den beiden Zimmern des Anbaus wohnten, wenn sie auf dem Hof waren. In dem Anbau hatten Willis Eltern gewohnt, bis sie vor einigen Jahren kurz hintereinander starben und ihrem einzigen Sohn den Bauernhof überließen. Und nun nisteten sich die beiden Judenbälger hier ein, um ein paar Tage der Sommerferien auf dem Land zu verbringen. Die Weide reichte fast bis an das Haus heran und lediglich ein Weg aus Steinplatten, in deren Zwischenräumen Gras und Unkraut hervorguckten, trennte den Zaun aus handgedrehtem Stacheldraht von der Hauswand. Der helle Mond stand auf der anderen Seite des Hauses und er konnte unbemerkt und im Schlagschatten bis an das Fenster herantreten in der Hoffnung, durch die kleinen Sprossenfenster einen vorwitzigen Blick nach innen werfen zu können. Gefahr drohte ihm nicht, denn er hatte gesehen, dass Wilhelm Merkelbach mit seinem Sohn Werner und dem kleinen Daniel zu einem Hochsitz gewandert waren, um Wild zu beobachten. Die Bäuerin hielt sich in der Küche auf und putzte Gemüse.

Michaela saß am kleinen Tisch an der Wand rechts von ihm und las in einem Buch. Links standen zwei Betten, die durch zwei schmale, hohe Nachtschränkchen voneinander getrennt waren. Das Mädchen hatte ihr sonst streng nach hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenes Haar offen über den Schultern hängen. Ihr Kleid, die hellrosa Bluse und die Schürze lagen achtlos hingeworfen auf einem kleinen Teppich. Auch ihr war es offensichtlich viel zu warm nach diesem heißen Sommertag und so trug sie nur eine Unterhose und ein dünnes ärmelloses Hemd. Der Raum war durch zwei Kerzen auf dem Tisch und einer Spirituslampe an der Decke beleuchtet. Der Hof verfügte zwar über Strom, aber die Leitungen reichten offensichtlich noch nicht bis in diesen Anbau. Die Tür zum dunklen Flur gegenüber stand offen, um etwas Frischluft in das Zimmer zu lassen. Wahrscheinlich hatte das Mädchen die Fenster geschlossen, um die Mücken fernzuhalten. Sie hatte ihren Kopf in die linke Hand gestützt, ihre rechte lag auf dem nackten Oberschenkel. Das flackernde Licht der Kerze beleuchtete ihr gespannt lesendes Gesicht und er konnte sehen, wie ihre Augen über die Seiten flogen. Ab und zu blätterte sie um. Fasziniert beobachtete Joachim, wie sich ihre Schenkel rhythmisch öffneten und schlossen, offenbar in nervöser Anspannung, die die Geschichte in dem dicken Wälzer hervorrief. Er konnte sich nicht satt sehen. Plötzlich klappte sie das Buch zu, stand auf und räkelte sich, streckte die Arme nach beiden Seiten und hinter den Kopf. Die kleinen Brüste drückten gegen den Stoff, als sich der junge Körper dehnte. So etwas hatte Joachim noch nie gesehen. Gebannt starrte er durch die Scheibe, als Michaela plötzlich mitten im herzhaften Gähnen und Strecken innehielt und ihre Augen weit aufriss.

„Was machst du da, du Schwein?!“ Joachim erstarrte. Sie hatte ihn entdeckt. Jetzt musste er sehen, dass er fortkam und zwar schnell. Noch konnte er hoffen, dass sie ihn zwar gesehen, aber nicht erkannt hatte. Notfalls konnte er alles abstreiten. Sein Vater würde ihn windelweich hauen, wenn er erführe, dass er einem Judenmädchen hinterher stieg. In wilder Panik versuchte er, über den Stacheldrahtzaun zu klettern, um über die Weide zu entkommen. In der Dunkelheit verfehlte er den untersten Draht und riss sich ein gehöriges Loch in sein Hemd, als er abrutschte. Ein heißer Schmerz durchzuckte seinen rechten Oberschenkel und die linke Hand, als die gebogenen Nägel in sein Fleisch schnitten.

Er hörte noch, wie das Fenster aufgestoßen wurde und die Bäuerin irgendwas hinausrief, als er endlich den Zaun überwunden hatte und sich humpelnd davon machte. Das würden sie ihm büßen, die verdammten Juden, diese blöde Kuh – wehe, sie würde ihm mal in die Finger geraten.

New York, Mai 2003
Christina

Die zehn Stunden im Flieger hatten Christina gutgetan. Sie hatte fast vier Stunden fest geschlafen und die restliche Zeit über Notizen und Unterlagen gebrütet. Der Mittelplatz links neben ihr war frei geblieben und der junge Mann am Fenster hatte während des Fluges kaum einen Mucks getan, sich ab und zu kichernd in T.C. Boyles Africa-Epos „Water Music“ vertieft oder vor sich hingeschlummert.

Wieder und wieder musste sie die alten Fotos betrachten und in dem Stapel alter Schulhefte stöbern. Christina hatte sie vor einigen Wochen in einem Karton im Nachlass ihrer Großmutter gefunden. Es waren ihre Tagebücher und sie reichten zurück bis ins Jahr 1936, als sie gerade mal 10 Jahre alt war und endeten Mitte 2002, einige Wochen bevor sie starb. Die Lebenslinie konnte man an der Handschrift über die Jahrzehnte hinweg ablesen, von der schnörkeligen, Stil suchenden Schrift der Kindheit bis zur geübten geradlinigen Hand einer erwachsenen Frau. Erst die Eintragungen der letzten Monate waren von ihrem Krebsleiden gezeichnet, zittrig, zuletzt kaum noch lesbar. Die Kriegsjahre 1940 bis 1945 fehlten zwar, aber die abenteuerlichen Geschichte ihrer Flucht aus Köln waren in einer Kladde des Jahres 1946 nacherzählt. Christina hatte Hinweise gefunden, dass die Oma Ihre Tagebücher aus der Kriegszeit auf ihrer Flucht hatte zurücklassen müssen. Christina war froh, dass sie während ihres Studiums einen Lehrgang in Sütterlin absolviert hatte. Die Einträge der ersten Jahre waren in dieser kompliziert aussehenden deutschen Schrift verfasst, erst später war ihre Großmutter zu der normalen lateinischen Schreibschrift übergegangen.

Christina war in die Fußstapfen ihres Vaters getreten, der sie und ihre Mutter zwar schon vor langer Zeit verlassen und einen Lehrauftrag in Pennsylvania angenommen, aber dennoch einen nicht geringen Einfluss auf die Erziehung und ihre geistige Entwicklung genommen hatte. Sie hatte an der State University Europäische Geschichte und Geographie studiert und nebenbei intensiv Deutsch gelernt.

„Frieden finden .…“ – so lautet der letzte Eintrag in den Tagebüchern; ohne Datum, die Sehnsucht einer Sterbenden. Von ihrer Mutter wusste Christina, dass Oma Michaela Liesenthal im Frühjahr 1943 über Holland nach England gekommen war. Während der Flucht vor dem Nazi-Regime war ihre Tochter Heidemarie, Christinas Mutter, zur Welt gekommen. Die damals 18-jährige Jüdin war auf einem Boot mit anderen Flüchtlingen auf die britische Insel gebracht worden und hatte dort einige Monate bei einer jüdischen Familie gewohnt, bis sie im Mai 1945 endlich eine Schiffspassage nach New York erhalten hatte. Dort angekommen hatte sie einige Tage gebraucht, um in diesem brodelnden Schmelztiegel zurecht zu kommen und die Familie ihres Großonkels Joseph Liesenthal zu finden. Dieser war schon vor dem Ersten Weltkrieg ausgewandert und seine Nachkommen betrieben gemäß der Familientradition Goldschmiedegeschäfte in Manhattan. Es kostete Michaela einige Mühe, mit holprigem Englisch und dem Kleinkind auf dem Arm mit Hilfe der Angestellten bis zu dem großen Anwesen des Clans in Westchester County vorzudringen. Immerhin bot ihr die Familie eine neue Heimat und eine Beschäftigung im Haushalt und später als Verwalterin des familieneigenen Gestüts an. Erst viele Jahre später, 1972, zog sie nach Brockport im Monroe County, als ihre Tochter den Geschichtsprofessor Joseph Hudson heiratete, der an der dortigen State University Geschichte und Politik lehrte. Sie selbst hat nie geheiratet und Christina fand in den Tagebüchern auch keine Hinweise auf Liebschaften mit Männern, wohl aber eine Reihe von Andeutungen, die man mit etwas Phantasie als eine unterdrückte Sehnsucht nach nicht ausgelebten, gleichgeschlechtlichen Beziehungen interpretieren könnte. Nirgends gab es einen Hinweis auf den Vater ihrer Tochter. Wenn später einmal die Rede von Heidemaries Vater war, hieß es immer, er sei Deutscher und im Krieg geblieben.

Ihre Großmutter war eine bildschöne Frau gewesen und Christinas Mutter hatte erzählt, dass es nicht an Gelegenheiten gemangelt hatte, nette und meistens steinreiche junge Männer kennenzulernen, die im Hause der Liesenthals ein- und ausgingen. Mit ihrem freundlichen, aber zurückhaltenden Wesen hielt sie sich indes alle Interessenten auf Distanz und bald wurde aus der „harten Nuss“ in Anspielung auf ihre deutsche Herkunft ein „everlasting Fraulein“. In ihrem Tagebuch hatte sie an einer Stelle dazu geschrieben: „… ewig dumm, ewig langweilig, ewig gleich, was wirklich ewig ist, wissen sie nicht.“ Andeutungen wie diese fanden sich zuhauf in den Heften und sie waren es auch, die Christina neugierig gemacht hatten, mehr über die Vergangenheit ihrer Großmutter zu erfahren.

„Die Eltern, der Bruder sind tot – so viele sind gestorben, das böse Pack überlebt und hat alles genommen.“ Christina hatte diesen Eintrag zuerst auf die Judenpogrome und die Tatsache bezogen, dass in beiden neuen deutschen Staaten viele der Naziverbrecher weiterhin als unbescholtene Bürger leben und sogar hohe und höchste Ämter besetzen konnten. Nach und nach begriff sie aber, dass diese Anmerkungen sehr konkret auf Ereignisse anspielten, die in unmittelbarem Zusammenhang mit persönlichen Erinnerungen aus der Jugend Michaelas stehen mussten.

Einen deutlichen Beweis dieser These fand sie schließlich zwischen den vielen Papieren und Unterlagen, die Oma Michaela mit nach Brockport gebracht und dort auf dem Dachboden der Hudsons verstaut hatte. Der Brief aus dem Jahr 1959 stammte von einem Anwalt aus Bonn und war mit einer einfachen Schreibmaschine geschrieben und in deutscher Sprache verfasst. Vielfach auseinander- und wieder zusammengefaltet, hatte er arg gelitten. Überdies war das Papier irgendwann einmal feucht geworden und einige Textpassagen waren mit einem Tintenfüller unterstrichen. Nun war der Text nicht mehr vollständig zu entziffern.

„… können wir Ihnen mitteilen, daß die Fa-----------Gemeinde Wahlscheid lebt und mehrere größere Gewerbebetriebe ----------------------handel unterhält. --------------- verheiratet und hat einen dreijährigen Sohn --------- …“

Anbei lag eine Kostennote über 800 Deutsche Mark, darauf der handschriftliche Hinweis, dass die Rechnung bezahlt worden sei. Ihre Großmutter musste gute Gründe gehabt haben, sich mit Hilfe eines deutschen Anwaltes Auskünfte über Menschen in einer kleinen Gemeinde nahe Köln zu beschaffen. Möglicherweise hatte sie versucht nach dem Vater ihres Kindes zu forschen, aber die Suche irgendwann aufgegeben.

Ausgerechnet die Namen waren offenbar unterstrichen worden und dadurch nicht mehr lesbar und Christina hatte vergeblich versucht, die Fragmente durch Informationen aus den Tagebüchern zu ergänzen. Auch ein früherer Studien-Kollege, der sich mit alten Schriften beschäftigt hatte, konnte ihr nicht weiterhelfen.

In den Aufzeichnungen ihrer Großmutter fanden sich viele Hinweise auf Besuche eines Bauernhofs, der einer gewissen Familie Merkelbach gehörte. Offenbar waren Michaelas Eltern mit dieser Bauernfamilie eng befreundet gewesen und sie hatte noch im Jahre 1938 gemeinsam mit ihrem Bruder Daniel einen Teil der Sommerferien in Wahlscheid verbracht.

Im Internet hatte Christina weder Informationen über den Bonner Anwalt gefunden noch Hilfreiches über den Ort Wahlscheid oder deren Einwohner in Erfahrung gebracht. Sie hatte per Email Kontakt zu dem Betreiber einer privaten Homepage der Stadt Lohmar aufgenommen. Wahlscheid war in den 60er Jahren nach Lohmar eingemeindet worden und nurmehr Ortsteil der Stadt. Immerhin konnte ihr der ferne Webmaster mitteilen, dass ein Werner Merkelbach in einem Altenwohnheim lebt und sich offensichtlich guter Gesundheit erfreut. Die Homepage des Wohnheims sagte lediglich, dass ein „Relaunch“, eine Neugestaltung des Internet-Auftritts unmittelbar bevorstünde.

Christinas Mutter war ihr keine große Hilfe bei der Auflösung des Rätsels. Heidemarie lebte seit der Trennung von ihrem Mann vor 10 Jahren in einer Scheinwelt, verließ ihr Zuhause so gut wie überhaupt nicht mehr und saß nur im Wohnzimmer, um dümmliche Soaps im Fernsehen anzuschauen oder in Frauenzeitschriften zu blättern. Auf Fragen reagierte sie kaum und gab nur ausweichende Antworten, wenn die Sprache auf Ereignisse kam, die außerhalb der gemeinsamen Jahre mit ihrem Ehemann lagen.

So hatte Christina beschlossen, nach Deutschland zu reisen. Nach erfolgreichem Abschluss ihres Studiums hatte sie nun die Zeit dazu. Sie hatte etwas Geld von ihrem Vater erhalten und frei von Beziehungen sonstiger Art war sie auch. Was lag also näher, als sich ein wenig das alte Europa anzuschauen und dabei vielleicht etwas über ihre Großmutter und ihre eigene Herkunft herauszufinden. Ihre Mutter in dem Haus in Brockport allein zu lassen, fiel ihr natürlich schwer, aber sie dachte sich, dass sie sich vielleicht ein bisschen neu besinnen würde, wenn sie sich mal eine Weile selbst um die täglichen Belange kümmern müsse.

Christina starrte durch das kleine Fenster auf die Wolkendecke, die sich unter dem Flieger ausbreitete und dachte an die gemeinsamen Jahre mit ihren Eltern in dem kleinen Häuschen in der Nähe des Campus der Universität, an ihre stille, immer etwas bekümmert wirkende Mutter und ihren Vater, der die Attitüden des intellektuellen 68er-Studenten auch als Dozent einer Universität nie abgelegt hatte. Sie musste lächeln, als sie ihren Vater inmitten einer kleinen Schar von Studenten vor sich sah. Mit seinem Strubbelkopf, den fleckigen Jeans und dem alten T-Shirt sah er aus wie einer von ihnen, wenn sie nächtelang über Gott und die Welt diskutierten, Rotwein tranken und große Joints rauchten. Eine Zeitlang hatten sie das vor dem kleinen, rothaarigen Mädchen zu verbergen versucht, aber irgendwann hatte ihr Vater ihr erklärt, was es damit auf sich hatte, und sie hatte den qualmenden Gestank als eine der vielen Merkwürdigkeiten der Erwachsenen akzeptiert. Mutter verbrachte diese Stunden meist in der Küche, kochte Suppe und machte Sandwichs für die Bande.

„Madam – bitte schnallen Sie sich an. Wir landen in wenigen Minuten.“ Die Stewardess holte Christina in die Gegenwart zurück. Sie band ihre roten Locken zusammen, verstaute die Unterlagen wieder in die alte Ledertasche und ihren Laptop in den Rucksack.

Sie hatte in Köln ein Hotel gebucht und wollte sich dort zunächst ein paar Tage orientieren. Es war nicht weit nach Bonn, wo sie den Anwalt aufzutreiben hoffte, und auch das Nest Wahlscheid lag nur eine halbe Autostunde entfernt, wie sie auf ihrer Roadmap im Internet festgestellt hatte. Für die meisten Reisenden aus den USA war Köln eine „One-Stop-City“, eine Stadt, die man nur der einzigen Sehenswürdigkeit, des Doms wegen, besuchte. Sie wusste es besser, ein Kommilitone hatte eine Weile in Köln gelebt und ihr eine Menge mehr Interessantes über die Stadt erzählt.

Köln, Anfang November 1938
Anat

Anat trat aus dem Haus in der Budengasse, wo ihre Wohnung lag, und stand einen Augenblick auf der nassen Straße. Er hatte sich einen Termin beim alten Bankier Weber geben lassen und hoffte, dass er sich damit endlich Klarheit verschaffen konnte, wie sich sein Leben und das seiner Familie zukünftig gestalten sollte.

Die Nazis hatten ihm seine Goldschmiedewerkstatt dicht gemacht. Er musste seine elf Angestellten entlassen und auch sein Schmuckgeschäft hatte er schon vor zwei Jahren geschlossen, als die Angriffe gegen ihn zu massiv wurden. Einer seiner alten Kollegen beschäftigte ihn seitdem bei Bedarf als Uhrmacher. Jetzt kam ihm zugute, dass ihn sein Vater nach dem Krieg in eine Lehre gedrängt hatte. Er konnte von Glück sagen, dass er es mithilfe eines alten Angestellten geschafft hatte, einen Großteil der Goldvorräte und die Schweizer Vreneli-Münzen auf Seite zu schaffen und sie so dem Zugriff der Nazi-Schergen erst einmal zu entziehen. Seit April des Jahres mussten Juden Geldbeträge über 5.000 Reichsmark anmelden und Anat hatte pflichtgemäß sein Bankkonto angegeben, das rund 20.000 RM auswies, den Rest aber verschwiegen. Sie hatten ihn bis zum Gauleiter Grohé zitiert, wo er befragt wurde, aber letztlich ließen sie ihn wieder laufen. Offensichtlich waren die Nazis der Meinung, dass er sich irgendwann verraten würde und das Vermögen der Liesenthals dann ohne öffentlichen Skandal in die Hände des Volkes fiel, wo es ohnehin hingehörte, denn nach Meinung Josef Grohés hatten die Juden alles dem deutschen Volk gestohlen.

Er betrat das Vorzimmer des Bankiers und das grau gekleidete Fräulein gestattete sich einen abschätzenden Blick. Die Kleidung des ehemaligen Goldschmieds war tatsächlich nicht mehr zeitgemäß und an einigen Stellen geflickt, aber er und Rinah hatten beschlossen nicht zu zeigen, dass sie noch über nicht unerhebliche Mittel verfügten, um die Begehrlichkeiten der Nazis in Grenzen zu halten.

„Der Herr Direktor Weber hat gleich Zeit für Sie. Warten Sie einfach einen Moment ab.“ Sie bot ihm keinen Stuhl an. Noch vor vier Jahren hätte sie sich vor Freundlichkeit überschlagen und ihm eine Tasse Kaffee angeboten, aber die Denkmuster dieses einfach gestrickten Geschöpfs waren von den Einflüssen der Zeit nicht verschont geblieben.

Eine Tür in der schweren Eichentäfelung öffnete sich und der alte Bankier betrat humpelnd den Raum. Schwergewichtig mit hochrotem Kopf und Schwabbelkinn entsprach er voll dem Prototypen eines Bankers dieser Zeit. Einzig die listigen Augen unter den dicken Haarbüscheln seiner Augenbrauen zeigten eine gewisse Lebhaftigkeit. „Kumm rinn, Jung – un, Friedche, breng uns ene Kaffee, aber ne juute.“ Wenn Anat ihn so sah, konnte er seine stille Sympathie für den alten Knochen nicht verbergen. Er musste schmunzeln, weil der „Ühm“, wie ihn seine Freunde nannten, den Singsang seiner kölschen Zunge nicht verbergen konnte, auch wenn er versuchte, Hochdeutsch zu sprechen. Anat wusste, dass der schwer herzkranke Ühm neben Englisch und Französisch auch fließend Russisch sprach, sehr gebildet war, und lange Abende bei Schoppen und dicken Zigarren mit Gästen aus allen Schichten im Mohr-Baedorf am Neumarkt verbrachte und über Gott und die Welt philosophierte.

Dennoch: der alte Weber war ein knallharter Geschäftsmann und ein Nationalist wie er im Buche stand und hatte als solcher klar gesagt, was er von der Ehe zwischen seiner Enkelin Rinah und Anat hielt. Aber schon sein Sohn Hubert hatte einen eigenen Kopf gehabt, eine Halbjüdin geheiratet und sich komplett aus der Familie und dem Bankgeschäft seines Vaters zurückgezogen. Geld interessierte ihn nicht und so fristete er sein Leben als ebenso erfolg- wie mittelloser Musiker und Komponist in der Kölner Altstadt. Kurz nach Rinahs Geburt kamen er und seine Frau bei einem Brand ums Leben und Rinah wurde von der Familie Tietz aufgenommen, die als jüdische Kaufmannsfamilie von Posen an den Rhein gekommen war und von hier aus eine Kaufhauskette aufgebaut hatte. Sie waren Juden und als solche sehr um eine soziale Absicherung ihrer Gemeindemitglieder bemüht. Rinah zeigte sich als ruhiges, aber kluges und lernbegieriges Kind, und obzwar der Großvater Ühm Weber offizieller Vormund war, nahm Rinah doch sehr bald die Stelle einer Tochter in der Familie Tietz ein. Als sie dann 1925 den erfolgreichen Goldschmied Anat Liesenthal heiratete, konnte sich der Ühm kaum gegen die inzwischen mächtigen Kaufleute zur Wehr setzen und hatte der Verbindung schließlich seinen Segen gegeben.

„Ich hab immer schon jesagt, datt et besser is, wenn sich die Kulturen und Religionen nitt in et Jeheje kommen. Dä Onkel Max hatte schon recht, wenn er sagt, datt die Juden in der Wüste en eijenen Staat gründen sollten. Ich versteh janich, warum die Nazis denen nit einfach helfen. Dann sinnse die Plach doch los!“ Er meinte Max Bodenheimer, der schon vor dem Krieg einen eigenen Staat auf dem Boden Palästinas eingefordert hatte. Seine National-Jüdische Vereinigung wurde von den Nazis natürlich verboten. Die verfolgten da ganz andere Ziele.

Anat hatte wirklich keine Lust, sich mit seinem Schwieger-Opa in Grundsatz-Diskussionen einzulassen. Der über 70-Jährige hatte seine Meinung über Jahrzehnte geformt und in vielen weinseligen Stunden gefestigt; jeder Widerstand war da zwecklos. Er musste vielmehr versuchen, an die Güte des alten Mannes und an seine Vorstellung von der Trennung der Religionen zu appellieren.

Die Sekretärin betrat das Büro und stellte ein Tablett mit Kaffeetassen und einer Kanne auf den Tisch. Auf einem Teller lagen zwei dunkle Röggelchen, einige dicke Scheiben alter Holländer Käse und ein Stück geräucherter Bauchspeck, daneben ein Topf Senf, Zwiebeln und ein Stück Butter. Während sie sich weiter unterhielten, beschäftigte sich der Ühm abwechselnd mit dem fetten Frühstück und seiner Zigarre, an der er zwischen den Bissen genussvoll paffte. Anat lehnte dankend ab, als ihn der Ühm aufforderte zuzugreifen.

„Siehst du, Ühm“, setzte Anat das Gespräch fort, als die Frau das Zimmer verlassen hatte. „Das ist genau das, was wir wollen. Wir möchten weg aus Köln, aber wir wollen nicht warten, bis sie uns ausweisen. Dann müsste ich alles zurücklassen, was sich die Familie in über hundert Jahren aufgebaut hat. Und ich habe die Verantwortung für meine Familie. Meine Frau ist immerhin deine Enkelin. Und ob du das nun willst oder nicht, aber du bist der Urgroßvater meiner Kinder.“ Anat wusste, dass er den Nerv des Alten getroffen hatte.

„Warum jehst du nit nach New York?“ – „Damit ich als Lakai bei meinem Onkel anschaffen gehe?“ Er hatte noch in guter Erinnerung, wie ihn sein Onkel Joseph behandelt hatte, als er vor rund zehn Jahren bei der Beerdigung seines Bruders in Köln war.

„Wie ich in dingem Alter jewesen bin, wär´ ich froh jewesen, wenn mir einer so´en Anjebot jemacht hätte. Wer weiß, wie lang datt noch juht jeht, wie lang se euch noch in Ruh´ lassen. Un Amerika is jroß. Du muss ja nit bei dingem Onkel arbeiten.“

„Wir würden am liebsten in die Schweiz gehen.“ – „Damit et dir jenauso jeht, wie dem Tietz. Dem habense alles abjenommen. Da kann ich dir nit helfen. Aber ich kann dafür sorjen, datt ihr nach Holland kommt. Da habbich en paar Freunde, die mir noch watt schuldig sind und die euch helfen, auf en anständijes Schiff zu kommen. Drüben wird euch dann erst mal der Hannes helfen.“

Insgeheim musste er dem Ühm recht geben. Die Tietz´ waren vor einigen Jahren in die Schweiz geflüchtet, nachdem der Horten-Konzern ihnen mit Hilfe der Hamburger Commerzbank ihren gesamten Besitz, der immerhin aus dem größten deutschen Kaufhaus-Konzern mit zwei Dutzend Filialen bestand, für einen lächerlichen Betrag abgekauft hatte. Da war er eigentlich besser dran, weil sein Besitz wesentlich kleiner war und nicht aus unbeweglichen Immobilien bestand. Sollte er den Ühm einweihen? Letztlich wird er es müssen, wenn er sein kleines Vermögen mit in die Staaten nehmen wollte. Aber darüber musste er erst mal mit Rinah sprechen.

„Meinst du, dass das klappt?“ „Ihr seid nich die Ersten, die mir rausschaffen. Mir sin doch froh, datt mir die los sind.“

Sein Hausdiener Emil, der dem Ühm treu ergeben war, würde sich um die Einzelheiten kümmern und dafür sorgen, dass sie mit dem Nötigsten versorgt die Ausreise antreten könnten. Der Ühm nannte ihm noch ein paar Fakten und sie kamen überein, dass ihm Anat in der kommenden Woche Bescheid geben wolle. Für das Wochenende hatten sich Willi und Heidrun angemeldet und ohne den Rat seines Freundes wollte Anat keine Entscheidung treffen.

Es war Mittwoch, der 9. November 1938. Stunden später sollte nichts mehr so sein, wie es mal war.

Als Anat durch die Straßen Kölns nach Hause ging, fiel ihm schon auf, dass offensichtlich mehr Braunhemden unterwegs waren als gewöhnlich. Wahrscheinlich rotten sie sich wieder zu einer ihrer Kundgebungen zusammen, dachte er und machte, dass er in seine Wohnung kam.

Die Nacht war fürchterlich. Der Mopp draußen verschonte kein einziges jüdisches Geschäft, Hunderte wurden restlos zerstört. Die Synagogen in der Roonstraße und der Glockengasse brannten nieder und die Juden, die sich auf den Straßen sehen ließen oder von den Banden aus den Häusern getrieben wurden, wurden gedemütigt, verprügelt und viele abtransportiert. Die Nacht würde sich als „Reichskristallnacht“ in der Historie der Nazi-Diktatur wiederfinden.

Anat, seine Frau Rinah und die beiden Kinder verkrochen sich auf dem Dachboden und hofften, dass niemand auf die Idee käme, hier nachzuschauen, und die anderen Hausbewohner sie nicht verrieten. Denunzianten waren der Klebstoff, der dieses Regime zusammenhielt, und niemand war wirklich sicher, nicht von seinem Nachbarn oder Kollegen im Verein oder in der Fabrik angeschwärzt zu werden.

„Wir müssen hier fort – bald!“ Rinah nickte nur, zog die Kinder an sich heran und versuchte, nichts von dem hören zu müssen, was draußen vor sich ging. „Ich habe mit dem Ühm gesprochen. Er muss uns helfen, hier wegzukommen.“ Rinah nickte wieder. Ihr war alles egal. Nur weg von hier, weg aus Deutschland, weg von diesen Nazi-Schergen.

Anat dachte angestrengt nach. Sollte er den Ühm einweihen? Sollte er ihm verraten, was er unter dem Kellerboden seiner Werkstatt in der Rheinstraße verborgen hatte?

Wahlscheid, Juni 1955
Joachim

Der enge Feldweg am Bach vorbei bis zur Katharinenbach war mit Fahrzeugen aller Art zugestellt: Einige Autos, Traktoren, Motorräder, merkwürdig aussehende, dreirädrige Selbstbau-Gefährte mit Ladeflächen aus rohen Holzplanken, ein kleiner LKW und sogar ein Pferdegespann standen halb auf dem ausgefahrenen Weg und halb auf der Uferböschung des kleinen Wildbachs, der sich den Hügel herunterschlängelte.

Es würde wieder allerhand Volk unterwegs sein. Der „Schüereball“ auf dem kleinen Weiler oberhalb von Wahlscheid war in jedem Jahr Anlaufstelle für alle Schichten der Bevölkerung. Hier saßen „Drogi“, der Inhaber der kleinen Drogerie und der örtliche Autohändler neben dem polnischen Knecht, der auf irgendeinem Bauernhof in der Nähe schuftete, die Vorsitzenden von Sportverein und Männerchor versuchten mit dem Bürgermeister sich gegenseitig unter den Tisch zu saufen und die Dorfjugend nutzte den Abend für das eine oder andere Techtelmechtel und um die Angebetete zu mehr als einem flüchtigen Kuss ins Heu zu zerren. Auf diesem Fest, neben der Kirmes im August wichtigster Treff für kollektives Wirkungstrinken, wurde sich ebenso oft endgültig zerzankt wie wieder vertragen.

Ursprünglich gab es diese Feiern, um eine neu errichtete Scheune („Schüer“ oder „Schür“) einzuweihen, die tags zuvor in einer gemeinsamen Aktion der Bauern von den umliegenden Höfen errichtet worden war. Man half sich gegenseitig und der Lohn bestand dann darin, dass der Besitzer der neuen Scheune eine Sau schlachtete und ein Fass aufmachte. Dieser alte Brauch war längst vergessen, aber „der Baacher“, wie der Pächter der Katharinenbach genannt wurde, und seine Frau Elisabeth hatten die alte Sitte aufgegriffen und feierten einmal im Jahr das Scheunenfest, und das Volk nahm dankbar an, dass es zu kleinen Preisen reichlich kaltes Bier, jede Menge meist selbstgebrannten Schnaps und Berge deftiger Hausmannskost gab.

An diesem warmen Samstag in Juni war es denn auch wieder soweit und alles, was Rang und Namen hatte, fand sich in der leer geräumten alten Scheune der Katharinenbach ein. Das Heu vom letzten Jahr war von den wenigen Kühen, die der Bauer besaß, in den Wintermonaten aufgefressen und das neue Gras noch nicht gemäht und eingefahren. Die wenigen Maschinen, die Karren und den kleinen Traktor hatte man draußen geparkt und Platz für gut hundert Sitzplätze geschaffen. An einem der mit Birkenzweigen maßvoll dekorierten Balken hing ein Schild mit der Aufschrift: „He weet nit jeschmück und och nit jekränz, mir lije em Bett un maache Pänz.“ Auf dem Grill qualmten etliche Bratwürste und Koteletts vor sich hin, einer der Tische bog sich unter Schüsseln voll mit Kartoffelsalat, Wurst und Schinken. Zehn Jahre nach dem Krieg hatte sich das Landleben allmählich wieder normalisiert und die Menschen konnten sich ab und zu was leisten.

An einem der Tische saßen ein paar Frauen zusammen, tauschten Nachrichten aus oder erfanden neue. Ihre Männer gehörten der Freiwilligen Feuerwehr an, die nachmittags noch ausrücken musste, um irgendwo in einem der Dörfer einen kleinen Brand zu löschen. Das war schon ein paar Stunden her und sicher saßen die Kerle jetzt nach getaner Arbeit irgendwo in der Kneipe, um den Qualm aus der Kehle zu spülen. Sie würden entsprechend aussehen und von ihren Heldentaten erzählen, wenn sie gleich eintrudelten – selbstverständlich mit eingeschalteter Sirene des alten Magirus-Löschzugs.

Einer der Tische war als Theke umfunktioniert und davor hatten sich einige Männer eingefunden, um die ersten Testbierchen zu trinken und die Brandursache zu diskutieren. Ihr Wortführer Joachim Schiermeister, einziger Sohn des örtlichen Baulöwen, hatte sich nachmittags schon reichlich Bier in einer der Kneipen genehmigt und schwadronierte munter drauflos. Dieser Schiermeister-Clan hatte sich nach dem Krieg saniert, als Joachims Vater Richard wie aus dem Nichts Maschinen und LKW anschaffte, etliche Leute zu Hungerlöhnen einstellte und sich eine Reihe öffentlicher Aufträge unter den Nagel riss. Viele der Umstehenden waren „beim Boss“ angestellt und so konnte sein 30-jähriger Sohn sicher sein, eine Horde von Kopfnickern um sich zu haben.

„Ist doch klar, dass diese alten Hütten abbrennen. Die Provinzial dürfte die gar nicht mehr versichern, diese alten Strohkaten. So was gehört abgerissen und neu gebaut. Stein auf Stein – wie es sich gehört.“ Beifälliges Murmeln und Kopfnicken. „Und für euch ist das doch jede Menge Arbeit. So machen wir aus dem Dorf das Schönste weit und breit. Die Allee-Bäume an der Hauptstraße bis zum Schloss machen wir nieder und verbreitern die Straße, damit endlich die LKW unbehindert durchfahren können. Der Papp hat den Antrag schon gestellt und bei der nächsten Sitzung vom Gemeinderat wird das genehmigt.“

Für die Arbeiter bedeutete ein solcher Auftrag Lohn und Brot für mehr als zwei Jahre. Dass der Boss den Auftrag einfangen würde, daran zweifelte hier niemand, denn Konkurrenten um die lukrativen öffentlichen Aufträge wurden regelmäßig verbellt. Da hatte der alte Schiermeister so seine Tricks. Die Seilschaften funktionierten auch heute noch, obwohl die Zeit, als er von den Nazis als Dorfschulze eingesetzt worden war, schon mehr als ein Jahrzehnt zurücklag.

Joachim bestellte wortreich noch eine Runde für die Männer, schnappte sich ein Bier und wankte zum Tisch, an dem seine Kumpel saßen. Als er am Tisch der Feuerwehr-Frauen vorbeikam, meinte er abschätzend: „Na – sind eure Kerle wieder am Katen löschen? Ich hab´ eher das Gefühl, dass die in der Kneipe sitzen. Aber Weiber wie ihr sind ja das, was die Katholiken in die Wirtshäuser treibt.“

„Du solltest dich was schämen.“ Eine der Frauen wollte das nicht so stehen lassen. „Wenn dein Vater das hören würde, der würde dir links und rechts ein paar um die Backen hauen.“ – „Der Boss ist viel zu sentimental für euch. Wenn ich demnächst das Sagen habe, geht das hier noch ganz anders rund.“ Er kippte sich das Bier in den Schlund und torkelte zu seinen Kumpanen, die ihm sofort einen Platz am Tisch frei machten.

Der alte Schiermeister hatte in der Tat seinen Sinn für die Vereine behalten, auch wenn ihm viele nicht verzeihen konnten, dass er sich in den Dreißigern, als die Nazis auch in Wahlscheid die Richtlinien zu bestimmen begannen, für den Posten des Dorfschulzen hatte einfangen lassen. Aber er war schlau genug, es sich mit seinen dörflichen Nachbarn nicht zu verscherzen. Den Ortsvereinen hatte er immer reichlich gespendet, dem Sportverein sogar das gesamte Material für das neue Vereinsheim am Sportplatz. Es war kaum anzunehmen, dass er das umnebelte Geschwafel seines Sprösslings gutheißen würde.

Nach und nach füllte sich die Scheune und auch draußen saßen reichlich Menschen auf improvisierten Bänken oder dem Karren, tranken Bier oder Wein und unterhielten sich. Aus irgendeiner Ecke dudelte ein Kofferradio und aus dem kleinen Backes neben der Haustüre duftete es verführerisch nach Schweinebraten, der dort seit ein paar Stunden vor sich hinschmurgelte, als der Magirus der Feuerwehr mit lauten Tatütata die Einfahrt heraufwackelte und neben der Scheune anhielt. Rund ein Dutzend Männer sprangen vom Wagen oder aus dem Führerhaus und traten in die Scheune, winkten kurz ihren Frauen zu und versammelten sich an der kleinen Theke.

Wider Erwarten hatten sie richtig ran gemusst, der Brand eines Schuppens neben einem alten Fachwerkhaus ist eine gefährlich Sache, und wenn es nicht völlig windstill ist, kann schnell ein ganzes Gehöft dran glauben müssen. Entsprechend groß war der Durst. Für die freiwillige Brandwache, die vor Ort geblieben war, würden sie das eine oder andere Bier mittrinken müssen, bis sie abgelöst wurde.

„Na ihr Helden! Habt ihr wieder ein Jehööch vor dem Aussterben bewahrt?“, ließ sich Joachim Schiermeister hören. Er war aufgestanden, zu den Feuerwehrmännern gewankt und starrte sie provozierend und unverschämt grinsend an.

„Halt du doch den Mund. Wo warst du eigentlich? Immerhin ist der Hof, wo deine Mutter geboren ist, fast abgefackelt. Eigentlich solltest du jetzt dort Wache schieben und nicht dein alter Ühm. Aber dazu bist du wieder viel zu besoffen.“ Herbert Pütz war Drehermeister und arbeitete wie viele andere in einer Maschinenfabrik im Nachbarort. Er musste den Schiermeisters nicht nach der Pfeife tanzen und konnte dem reichen Widerling gut einen einschenken.

„Was geht mich die alte Kate an? Gehört sowieso bald alles mir. Und es ist mir scheißegal, ob die Kate jetzt abbrennt oder ich sie niedermache und Wohnhäuser hinpflanze.“

„Du warst immer schon ein widerlicher Arsch. Wie kann man so über seine Familie sprechen. Wenn dein Alter das hören würde!“

„Wenn du noch einmal meinen Alten erwähnst, hau´ ich dir eine rein.“ Joachim ging drohend einen Schritt auf Herbert zu, der aber keinen Millimeter zurückwich. Da er den Betrunkenen um fast einen Kopf überragte, musste er sich auch nicht vor den Handgreiflichkeiten fürchten, die offenbar unmittelbar bevorstanden.

„Komm Herbert, lass den Idioten in Ruhe. Hier hat keiner Lust, sich wegen so einem Dummschwätzer den Abend verderben zu lassen. Wir wissen doch alle, dass das eine dumme Nuss ist.“ Werner Merkelbach hatte sich eingemischt, schob sich zwischen die beiden Kampfhähne und drehte Joachim demonstrativ den Rücken zu. „Zum Wohlsein!“ Er zwinkerte seinen Kameraden zu und hob sein Glas an die Lippen, als ihn ein heftiger Schlag am Kopf traf. Joachim hatte ihm die Faust an die Schläfe geschwungen, dabei aber das Gleichgewicht verloren und lag nun am Boden. Seine linke Hand blutete, weil er in das eigene Glas gefallen war.

„Ich glaube, der junge Mann braucht eine Abkühlung.“ Herbert zerrte den am Boden liegenden am Hosenbund nach oben. Einige andere Männer schnappten sich Arme und Beine und schleppten den wild um sich strampelnden Schiermeister hinaus. „Passt auf die anderen auf“, meinte Herbert noch beim Rausgehen, als er bemerkte, dass sich am Tisch von Joachims Freunden etwas rührte.

„Ihr bleibt brav da sitzen und trinkt euer Bier!“ Die Drohung einer der Feuerwehrmänner war unmissverständlich.

Inzwischen waren Herbert und seine Helfer draußen angekommen. Jeder wusste, was zu tun war. Einer hob den Deckel von der großen Regentonne am Ende des Dachablaufs des Wohnhauses, schaute hinein und meinte „Voll genug.“ Der Wasserpegel stand fast am Rand des alten Holzfasses, das die Hausfrau als Reservoir für Blumenwasser benutzte. „Ihr Schweine – das werdet ihr bezahlen.“ Joachim gefiel die Angelegenheit nicht, denn er wusste genau, was ihm bevorstand. Gegen das Dutzend starker Arme konnte er aber außer heftigem Zappeln und panischem Kreischen nichts ausrichten und so verschwand er kopfüber bis zu den Knien in der Regentonne.

Das Gezeter erstarb augenblicklich und der allgemeine Geräuschpegel wurde durch den Applaus der Umstehenden abgelöst. Joachim Schiermeister war alles andere als beliebt und die Abreibung gönnte ihm fast jeder hier. Aber alle wussten auch, dass diese Art der Bestrafung sehr gefährlich war. Der Delinquent konnte sich nämlich unmöglich selbst aus dieser misslichen Lage befreien. Man konnte sich nicht umdrehen, um den Kopf über Wasser zu bekommen, es war auch unmöglich, mit den Händen an den Rand des Fasses zu gelangen, um sich wieder hochzuziehen und die Unterschenkel knickten ziemlich hilflos über den Rand.

„Sollen wir erst in Ruhe ein Bier trinken oder nur langsam bis hundert zählen?“ Die Männer hatten ihre helle Freude an der Sache, aber sie waren sich natürlich bewusst, dass sie ihr Opfer wieder befreien mussten, bevor die Lunge voll Wasser war. „Ich glaube der hat genug. Holt ihn wieder raus.“ Werner Merkelbach war dazugetreten und hielt sich ein Taschentuch an den Schädel. Offenbar hatte Schiermeister mit dem Bierglas zugeschlagen, denn er blutete an der rechten Schläfe. Die Männer zerrten das nasse Bündel aus dem Fass und stellten es auf den Boden. Er hustete heftig und sog gurgelnd Luft in die Lungen.

„Was ist hier los?“ Die donnernde Stimme sorgte für unmittelbare Ruhe. Richard Schiermeister war soeben mit seiner Frau auf dem Fest erschienen und rollte mit seinen knapp drei Zentnern auf die kleine Gruppe am Fass zu. „Wie siehst du denn aus? Hast du dich wieder zum Deppen gesoffen?“ Eine schallende Ohrfeige unterbrach das Gekeuche seines plötzlich ernüchterten Sohnes, dem jetzt die Tränen die Backen runterliefen.

„Du machst dich jetzt sofort auf den Heimweg und von euch will ich wissen, was hier passiert ist.“ Auch wenn seine Zeit als Dorfschulze längst vorbei war, hatte er Macht und Einfluss nicht ganz verloren. „Willi! Was ist hier passiert?“ Er redete Willi Fielenbach, den Leiter der kleinen Feuerwehrtruppe, direkt an. Sie waren alte Freunde und Kegelbrüder und ihre Freundschaft hatte das Tausendjährige Reich und den Krieg überstanden.

„Dieses Arschloch da hat mich geschlagen!“ Bevor Willi etwas sagen konnte, hatte sich Joachim wieder eingemischt und zeigte mit dem Finger auf Werner Merkelbach.

„Du weißt genau, dass du Scheiße redest. Lass es gut sein. Hör auf deinen Vater und verpiss dich.“ Werner winkte ab, tunkte das blutige Taschentuch in das Wasserfass und stapfte zurück Richtung Theke. Unvermittelt sprang ihn Joachim von hinten an, brachte beide zu Fall und würgte den Hals seines Kontrahenten. „Du Judensau! Hast du sie gehabt, das kleine Judenfrettchen – ich bring dich um. Du und deine Brut habt euch schon immer gegen uns gestellt und jetzt meinst du, dass du davon kommst, du Schwein. Wolltest dich und deine Judenfreunde bereichern, was? Aber da haben wir dir einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Er prügelte nun wie von Sinnen auf Werners Kopf ein, der versuchte, sich umzudrehen und zur Wehr zu setzen.

„Jetzt ist Schluss – endgültig!“ Der alte Schiermeister stellte sich hinter seinen Sohn und trat ihm sehr heftig zwischen die Beine, sodass dieser laut aufheulend von seinem Opfer abließ und sich zusammengekrümmt die Hoden hielt. „Verschwinde! Sofort! Ich will dich hier heute nicht mehr sehen!“

Joachim Schiermeister machte sich, die Hände zwischen die Beine geklemmt, jammernd davon. Seine Mutter hatte die Szene mit angesehen und starrte nun ihren Mann an, die Hände vor den Mund gepresst.

„Geht rein, Männer. Der Boss gibt einen aus.“ Er klopfte dem einen oder anderen versöhnlich auf die Schulter, ging zu seiner Frau und legte ihr den Arm um die Schulter. „Komm, Erna. Da drinnen gibt es Kalte Ente“, meinte er laut vernehmlich und leise raunte er ihr zu: „Wenn du darüber, was der Junge eben gesagt hat, nur ein einziges Wort gegenüber irgendwelchen Weibern verlierst, brech ich dir alle Knochen. Haste verstanden?“

Erna konnte nur nicken, zu sehr steckte ihr der Schreck in den Gliedern.

Köln, November 1938
Anat

Am nächsten Morgen wachten Anat und Rinah sehr früh auf. Es war noch dunkel draußen und auf die Scheibe der kleinen Dachluke tropfte dicker, nasser Schneeregen. Gemeinsam schlichen sie zum Treppenhaus und in ihre Wohnung im ersten Stock. Draußen schien alles ruhig, kaum ein Laut drang von der Straße herein. Vorsichtig spähte Anat durch die Gardinen auf die schwach beleuchtete Straße hinunter. Vor dem kleinen Krämerladen gegenüber lagen Holzteile von Regalen, Glas von der zertrümmerten Schaufensterscheibe, Konservendosen und andere Waren auf dem schmalen Bürgersteig. Auf einem Pappschild, das an der Laterne vor dem Haus befestigt war, hatte jemand „Hier wohnte eine Judensau“ geschmiert. Eine Frau, die einige Häuser weiter wohnte und von der Anat wusste, dass sie nachts beim Stadt-Anzeiger arbeitete, bog in die Straße ein, stockte kurz, als sie den Trümmerberg wahrnahm und stiefelte dann, ohne dem zerstörten Geschäft ihres Nachbarn weitere Aufmerksamkeit zu gönnen, zu ihrer Wohnung. Die Inhaber des Ladens Margot und Werner Spiegel waren keine ausübenden Juden und kamen nur sehr selten zur Synagoge. Sie lebten bereits in der dritten oder vierten Generation in der Stadt und waren als korrekte Geschäftsleute bekannt. Anat sollte die beiden und ihre 10-jährige Tochter nie wiedersehen.

Er atmete einmal tief ein und aus. „Es geht los! Schau mal auf die Straße raus.“ Rinah trat ans Fenster und wich erschreckt wieder zurück, als sie auf die Reste des Lädchens sah. „Jesse!“, entfuhr es ihr unwillkürlich.

„Es muss etwas geschehen, und zwar sofort. Du bleibst mit den Kindern im Haus. Ich gehe heute noch mal zum Ühm. Er muss mir seinen Wagen leihen, damit ich die Sachen aus der Rheinstraße wegschaffen kann.“

„Sei vorsichtig!“, mahnte sie. Anat erzählte ihr noch einmal von seinem Besuch bei Rinahs Großvater. „Der Ühm hat versprochen, uns zu helfen.“ Sie wusste, wie schwer es ihrem Mann gefallen sein musste, den alten Knochen um Hilfe anzugehen.

„Was hast du vor?“, Rinah bebte. Sie liebte ihre Heimatstadt. Neuerungen und Änderungen in ihrem Leben waren ihr nur schwer zu vermitteln. Sie hatte viele trübselige Monate verbracht, nachdem sie vor drei Jahren aus dem großen Haus ausziehen mussten, als die Nazis es beschlagnahmten und ihnen die kleine Wohnung zuwiesen. Und nun sollten ihr auch die letzten Wurzeln ausgerissen werden.

„Warum willst du die alten Sachen wegschaffen? Und wohin damit?“ – „Wilhelm und Heidrun kommen doch am Wochenende. Ich wollte sowieso mit ihnen darüber sprechen, ob wir die Werkzeuge und das Material aus der Rheinstraße nicht irgendwo bei ihnen auf dem Hof lagern können. Wir können das unmöglich hier zurücklassen, und wenn die uns heute oder morgen abholen, kriegen wir das nie mehr da heraus.“

„Was ist an dem alten Kram so wertvoll, dass du unsere Freunde da mit hineinziehst?“ Rinah war immer noch nicht klar, worum es eigentlich ging. Sie wusste, dass Anat mit dem alten Hannes, seinem letzten Angestellten, den er voriges Jahr hatte entlassen müssen, die Werkzeuge aus der Goldschmiedewerkstatt in das Lager in der Rheinstraße gebracht hatte.

„Pass jetzt genau auf, was ich dir sage!“ Anat trat dicht an seine Frau heran und sagte so eindringlich und dennoch so leise wie möglich: „Es sind nicht nur die Werkzeuge und ein bisschen Material. Ich habe fast 200 Kilo Gold in der Rheinstraße gebunkert. Das ist Gold, das unsere Familie seit vielen Jahren zurückgelegt hat. Das kann und darf den Nazis nicht in die Hände fallen. Wir müssen es wegschaffen. Ich kann doch nicht einfach zur Bank marschieren und das Gold zum Kauf anbieten, und den Ühm kann ich doch auch nicht einweihen. Wer weiß, was ihm dann einfällt. Aber ich brauche sein Auto. Ich wollte mit Willi darüber reden, wenn er am Wochenende kommt und ihm vorschlagen, dass wir es bei ihm auf dem Hof verstecken. Einen Teil davon würde ich ihm schenken. Das da drüben bei Spiegels ist kein Einzelfall. Wir müssen jetzt sofort etwas unternehmen.“

Wie in Trance hatte Rinah ihrem Mann zugehört. Sie drehte sich um und machte sich mit fahrigen Handbewegungen am Herd zu schaffen, um die restliche Glut neu zu entfachen. Anat stellte sich hinter sie und umarmte sie. „Es wird alles gut. Der Ühm und Willi werden uns helfen und in einigen Wochen sind wir in Sicherheit. Mach mir einen Tee, bitte. Ich hole die Kinder runter und gehe dann zum Ühm. Der ist ja immer früh auf den Beinen.“

Eine halbe Stunde später machte sich Anat zum zweiten Mal in dieser Woche auf den Weg zum Bankhaus Weber. Er betrat die weitläufige Schalterhalle und merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Atmosphäre wirkte irgendwie gedrückt. An dem kleinen Eichentisch links neben dem Eingang saß ein Kunde mit dickem Wintermantel und Pelzkragen. An dem Schalter mit dem Schild „Kasse“ stand eine Kundin und verhandelte mit dem Angestellten. Am Fuß der Treppe, die nach oben auf die Galerie und die Zimmer der leitenden Verwaltung führte, stand Emil, eine Art Faktotum des Bankhauses. Der lange, stets mit einem korrekt sitzenden Frack bekleidete Mann aus dem Norddeutschen war um die Fünfzig und stand wie immer kerzengerade bereit, um kleinere Handreichungen oder Botengänge für die Angestellten zu erledigen. Anat hatte ihn im Krieg kennen und schätzen gelernt. Emil war für sein Organisationstalent berüchtigt und bei den Küchenbullen und den Etappenhasen gefürchtet gewesen. Er klaute alles, was er kriegen konnte, und verschaffte seinen Kameraden so manch gute Mahlzeit. Nach dem Krieg war er plötzlich bei Anat in Köln aufgetaucht, und der Jude hatte dem Veteranen die Anstellung beim Ühm beschafft, dem er treu ergeben war, und Anat mutmaßte, dass er so manches kleine oder größere Geheimnis des Alten bewahrte.

Emil kam sofort auf Anat zu, als er ihn erblickte. „Ist das nicht schrecklich. Gut, dass du sofort gekommen bist.“

„Was ist denn Schlimmes passiert?“, fragte Anat. „Ja – weißt du denn nicht ….?“ Anat schüttelte verblüfft den Kopf. „Nein, erzähl!“

„Der Ühm ist gestorben. Gestern Abend. Ich habe noch den Peters gerufen, aber es war zu spät. Als der endlich hier war, war der Ühm schon tot. Das Herz, sagt der Doktor.“ Dr. Peters war Leibarzt der Kölner Prominenz und enger Freund des Bankers gewesen. Der wusste natürlich um die Herzschwäche seines alten Freundes und hatte ihn vielfach vor seinen Exzessen im Mohr-Baedorf gewarnt, was ihn aber nicht daran hinderte, eifrig selbst daran teilzunehmen.

Anat war geschockt. Auch wenn sein Verhältnis zum Großvater seiner Frau eher gespannt gewesen war, so fühlte er doch unmittelbar eine Traurigkeit in sich aufsteigen. Er dachte an Rinah, deren Leben heute schon reichlich aus den Fugen geraten war. Und natürlich waren seine Pläne zunächst vollkommen zunichte gemacht. Er musste seine Gedanken neu ordnen.

Wenn das erst einmal rund war, würde es hier in der Bank vor Leuten wimmeln. Das konnte er am allerwenigsten gebrauchen und Emil und Friedchen Ennenbach, die Sekretärin, würden sich um alles kümmern, was es an administrativen Dingen zu regeln gab. Erbschaftsangelegenheiten waren nicht zu klären. Die Bank gehörte schon seit der Weltwirtschaftskrise vor 10 Jahren einem Konsortium, das den alten Ühm lediglich als Gallionsfigur, als Symbol traditioneller Zuverlässigkeit, an die Spitze des Aufsichtsrates gestellt hatte.

Anat wendete sich zum Gehen, als er sich noch einmal zu Emil umdrehte und ihn am Ärmel bis zum unteren Treppenabsatz führte, wo ihn niemand belauschen konnte. „Sag mal, Emil. Du fährst doch auch den Horch* vom Ühm. Ich hatte mit ihm vereinbart, dass ich ihn in den nächsten Tagen mal ausleihen kann, weil ich einige Sachen aus meinem alten Lager ausräumen muss.“ Wohl fühlte er sich nicht dabei, den dienstbaren Geist in dieser Situation mit diesem Problem zu konfrontieren, aber für Anat und seine Familie war es lebenswichtig.

„An sich kein Problem. Wo soll es denn hingehen?“ Anat wusste, dass Emil kein Freund der Nazis war und kurz entschlossen entschied er, den alten Zerberus des Bankers ins Vertrauen zu ziehen – jedenfalls ein bisschen. „Ich denke, dass man mir in Kürze das Lager in der Rheinstraße abnehmen wird. Da lagern eine Menge Sachen, die ich rausnehmen will, bevor das in falsche Hände kommt, verstehst du?“ Emil verstand sehr gut. Er war ungewöhnliche Aufgaben gewohnt und immer für Schandtaten zu haben, zudem sich hier die wahrscheinlich letzte Gelegenheit bot, das herrliche, dunkelblaue Horch-Cabriolet 780 zu fahren, mit dem er seinen Chef so oft zu feuchtfröhlichen Festivitäten kutschiert oder von dort heimgekarrt hatte.

„Ein Freund von mir im Bergischen hat mir etwas Platz in seiner Scheune angeboten, aber ich muss das in den nächsten Tagen geregelt haben.“

Emil freute sich auf die Tour. „Sicher nach Wahlscheid, nicht wahr. Da waren wir doch schon ein paarmal. Da lebt doch dein Kriegskamerad. Wenn mich hier keiner braucht, können wir morgen fahren. Die hier in der Bank werden mich nicht vermissen, weil die denken, dass ich mit der Beerdigung oder so was beschäftigt bin. Da merkt keiner was.“

Anat war sich sicher, dass Emil nichts von den Plänen erzählen würde. Er erinnerte sich daran, dass Emil sie früher ab und zu ins Aggertal gefahren hatte. Der Ühm war mit seinen Freunden häufig über die Kneipe im Wahlscheider Auelerhof hergefallen und sie hatten feuchtfröhliche Stunden während der alljährlichen Kirmes dort verbracht. Er würde dem Wirt, dem alten Schiffbauer, erzählen müssen, dass der Ühm gestorben ist.

„Gut – dann komme ich dich morgen Vormittag in der Budengasse abholen“, schlug Emil vor. „Auf keinen Fall! Das ist viel zu auffällig.“ Anat dachte an das Aufsehen, das es geben würde, wenn diese Edelkarosse vor seinem Haus anhielte, um einen Juden abzuholen. „Ich bin um 9 Uhr in der Rheinstraße. Komm einfach dorthin.“ Anat nannte ihm noch die Hausnummer und verabschiedete sich dann von Emil.

Wie in Trance marschierte Anat nach Hause. Hatte er sich bei seinem Gespräch mit Emil noch zusammengerissen, wurde ihm nun nach und nach klar, was der Tod des alten Ühm für ihn und seine Familie bedeuten konnte. Der kleine, schwache Rettungsanker, den der Banker ihm zugeworfen hatte, war nun von einem Tag auf den anderen wertlos geworden. Immerhin war er froh, dass ihm die spontane Idee gekommen war, mit Emil zu sprechen, und er hoffte, dies nicht irgendwann einmal zu bereuen. Nun musste erst einmal Rinah erfahren, dass sie ihren letzten Verwandten verloren hatte.

Wahlscheid, Mai 2003
Christina

Die paar Tage in Köln hatten ihrem Deutsch gutgetan. Bisher konnte sie sich nur selten dieser Sprache bedienen und wenn, dann nur selten mit Muttersprachlern. Das kleine Hotel hinter dem Hauptbahnhof war von Kurzzeittouristen aus aller Welt bewohnt, das Personal sprach auch alles – außer gutem Deutsch. Ein kurzer Spaziergang um den großen Kirchenbau, auf den sie aus ihrem Zimmer blickte, brachte sie am Abend in ein Kölner Brauhaus. Vom Namen „Schreckenskammer“ angelockt, hatte sie sich bei Krüstchengulasch und Kölsch mit den Eigentümlichkeiten des Dialekts und dem sehr speziellen Humor der Bedienung vertraut machen können.

Von ihrer EMail-Bekanntschaft in Lohmar hatte Christina Werner Merkelbachs Telefon-Nummer erhalten und in der Früh dort angerufen. Sie hatte damit gerechnet, dass es einige Zeit dauern würde, einen der Heiminsassen an den Apparat zu rufen. Um so verwunderter war Christina, als ihr die Stimme am anderen Ende mitteilte, sie in die Wohnung von Werner Merkelbach durchzustellen. Statt der üblichen Kaufhausmusik in der Warteschleife, erzählte jemand Witze in kölnischer Mundart, die sie aber nicht verstand, bis sich Merkelbach meldete. Sie stellte sich kurz vor, erläuterte ihr Anliegen und Merkelbach erklärte ihr den Weg durch Wahlscheid, nachdem sie sich für zwölf Uhr verabredet hatten.

Christina fuhr mit ihrem Mietwagen die kurze Zufahrt zum Anwesen und stellte den gemieteten Golf auf dem Parkplatz vor dem Hofgelände ab. Ein Teil des mit Rasengittersteinen ausgelegten Platzes war mit einer Art Pergola überdacht, unter der einige Caddies standen, wie sie auf Golfanlagen übers Green hoppeln, und verwundert erblickte Christina eine original indische oder indonesische Fahrrad-Rikscha. Zwischen dem Parkplatz und dem ersten Gebäude war ein Garten mit Kräutern und Gemüse angelegt, der wild und etwas chaotisch, gleichzeitig aber auch liebevoll geordnet aussah – ein Ambiente, das Christina auf dem gesamten Anwesen wiederfinden sollte. Ein Kiesweg zum Haus führte sie an mehreren Gartentischen mit hochgeklappten Stühlen und einigen rostigen Eisenskulpturen vorbei: ein riesiger, auf der Schwanzflosse stehender Fisch, ein aus Tausenden von Muttern, Schrauben, Federn und anderen Eisenteilen zusammengeschweißter Drache, der sie aus drei Metern Höhe verschmitzt anlächelte und einige andere archaisch aussehende Skulpturen. Der breite Hof wurde von zwei neueren Gebäuden links und rechts sowie in der Mitte von einem großen, zweieinhalb Stockwerke hohem Fachwerkbau umfasst. Rechts am Haus stand ein kleiner Lieferwagen neben einer verschlossenen Eisentür, offenbar ein Lieferanteneingang. „Metzgerei und Partyservice Herchenbach“ war auf der Rückseite des Wagens zu lesen. Das obere rechte Viertel der doppelten Klöntüre in der Mitte des Fachwerkhauses stand offen und der Rest wurde gerade von einer älteren Frau aufgestoßen, die angeregt mit einer vielleicht 20-jährigen Farbigen schwatzend das Haus verließ. Beide trugen Bademäntel und rubbelten sich mit ihren Handtüchern die Haare. Über der Eingangstüre war vor einem der weiß gestrichenen Fachwerkelemente eine grellblaue Neonröhre angebracht, deren Schleifen den Namen „Carpe Diem“ formten.

Durch einen offen stehenden Windfang betrat Christina einen großen Raum, der mehr als die Hälfte der Gebäudefläche einzunehmen schien. Geradeaus vor ihr gab es eine lange Theke mit einigen Barhockern, dahinter konnte man durch mehrere offene Schiebefenster in eine professionell eingerichtete Küche blicken, in der sich jemand laut und falsch vor sich hinpfeifend an Geschirr und Töpfen zu schaffen machte. Im Raum standen etwa zehn Tische, die zu einer großen Tafel zusammengeschoben waren, darauf niedergebrannte Kerzen, verschiedene leere und halbleere Gläser und einige zerlesene Zeitungen. Das wenige Licht, das durch die Butzenfenster in den Raum gelangte, wurde durch versteckte, künstliche Beleuchtung und den freundlichen Anstrich aufgehellt. An den Wänden hingen Bilder, die jeweils mit einem kleinen Schildchen versehen waren, wie man es aus Museen oder von Ausstellungen her kennt. Rechts von der Türe nahm Christina jetzt eine kleine Empfangstheke wahr, hinter der eine ältere, sehr gepflegt aussehende Dame, mit einem kabellosen Headset professionell ausgestattet, telefonierte. Ihr gehörte wohl die gleiche Stimme, die Christina am Morgen zu Werner Merkelbach durchgestellt hatte. Ab und zu tippte die Frau etwas in die Tastatur oder bewegte die Maus. Offenbar gab sie eine Bestellung durch, jedenfalls arbeitete sie mit ihrem Gesprächspartner eine Liste ab.

Christinas Gefühl schwankte zwischen Befremden und Verwunderung. So hatte sie sich ein Altenheim eigentlich nicht vorgestellt, dennoch fühlte sie sich mit diesem Ort irgendwie verbunden.

„So – nun bin ich für Sie da“, die Stimme hinter der Empfangstheke richtete sich an Christina. „Was kann ich für Sie tun.“

„Ich habe heute morgen angerufen und mich mit Herrn Merkelbach verabredet.“ – „Ah, die Frau Hudson. Jaja, ich weiß Bescheid. Der Herr Merkelbach ist noch mit einem Lieferanten zugange, aber sie sind sicher gleich fertig.“

„Ich bin die Christel.“ Die Frau mochte Mitte Sechzig sein. Sie kam um die Theke herum und streckte der Besucherin die Hand entgegen. „Wenn unsere Sekretärin frei hat, schmeißen wir den Laden selber. Entschuldigen Sie bitte die Unordnung. Es hat gestern Abend eine ziemlich heftige Feier gegeben. Einer der Studenten hat das Examen bestanden und da ist es ein bisschen spät geworden.“

„Ich verstehe nicht ganz …“ – „Das tun die Wenigsten.“ Christel winkte ab und grinste: „Wissen Sie, meine Liebe, wenn wir Alten hier alleine wohnen würden, wären wir längst eingerostet. So halten sie uns am Leben und wir sorgen dafür, dass die Küken was Ordentliches zwischen die Rippen kriegen. Die Alternative heißt Altersheim und da will eigentlich vorläufig jedenfalls keiner von uns hin. Alles zu seiner Zeit. Kann ich Ihnen einen Kaffee oder einen Espresso anbieten? Kommen Sie, setzen Sie sich einen Moment an die Theke.“

„Ein Espresso wäre nicht schlecht.“

Christel schritt voran hinter die Bar und hatte im Handumdrehen einen Espresso, den Topf mit dem Zucker und ein paar Kekse auf die Theke gestellt. Ein Glas mit Wasser aus dem Wasserhahn an der Spüle stellte sie daneben. „Das ist bestes Talsperrenwasser und gesünder als die teure Brühe aus den bunten Flaschen. Wir versuchen uns hier ein bisschen Lebensart und Würde zu bewahren. Zwei- oder dreimal in der Woche haben wir diese Hütte als Restaurant geöffnet. Dann sind wir im Einsatz, um die Herrschaften zu bedienen, die sich unsere Küche leisten können. Von den Einnahmen bezahlen wir dann die Gasrechnung und schon mal den Dachdecker, wenn wieder mal der Kamin undicht ist.“ Christina stellte verwundert fest, wie sehr sich diese agile Lady von ihrer Mutter unterschied, und war umso gespannter auf das Gespräch mit dem früheren Bekannten ihrer Großmutter.

„Wenn ich fragen darf – wie alt ist Herr Merkelbach denn eigentlich jetzt?“ – „Der Werner? Ich glaube, er ist 25 geboren, dann müsste er jetzt 78 sein. Und immer noch ziemlich fit.“

„Die beiden Frauen, die eben aus dem Haus kamen, bevor ich eintrat – sind das –äh– Bewohner hier?“ Christina war irritiert, weil ihr nicht das richtige Wort einfallen wollte. Christel grinste. „Sagen Sie ruhig Bewohner, obwohl wir ja eigentlich nur Mieter sind. Aber wir sind Mieter bei einer GmbH, die uns selber gehört. Die beiden kamen aus unserem Jungbrunnen. Dahinten im Anbau ist eine Sauna, ein Fitnessraum und ein kleines Schwimmbad. Schließlich wollen wir gesund bleiben.“

Draußen hörten sie Reifen über den Kies knirschen und durch eines der Fenster konnte man den Lieferwagen davonfahren sehen. „Da fährt der Klaus. Jetzt wird der Werner sicher gleich kommen. Ich denke, ihr wollt in Ruhe reden und solltet in seine Wohnung rübergehen.“

Eine Tür in der Küche öffnete sich und Werner Merkelbach trat hinein. „Mir fallen die Zähne aus. Dein Geflöte ist schlimmer als das Getute vom Kerstin.“ Eine der Studentinnen, die ein Zimmer im Neubau bewohnte, hatte sich kürzlich ein Saxophon gekauft und übte ebenso fruchtlos wie penetrant. „Du willst doch nicht sagen, dass du noch Zähne hast, die dir ausfallen könnten.“ Die Stimme von Herbert dem Koch aus der Küche klang ziemlich respektlos, bevor sie wieder von der eigenwilligen „Hey Jude“-Interpretation abgelöst wurde. Herbert Linke, genannt „Boküß“, war die kulinarische Seele des „Carpe Diem“ und nach Jahren als Schiffskoch auf verwanzten Seelenverkäufern und noblen Kreuzfahrtschiffen in Wahlscheid gestrandet.

Jetzt bemerkte Werner den Besuch, der an der Theke saß und sich mit Christel unterhielt. Er trat durch die Tür hinter der Theke auf sie zu und blickte die junge Frau interessiert an.

„Du musst Christina sein. Genauso schön wie ihre Großmutter, nur mit blauen Augen und anderen Haaren. Oder sind die gefärbt? Heute weiß man ja nie …“ Er reichte Christina die Hand. „Ich bin Werner Merkelbach. Wir haben ein Rendezvous.“ Christina war beeindruckt von dem mittelgroßen, schlanken Mann mit den grauen, strubbeligen Haaren, der sie mit einem herzlichen, festen Händedruck begrüßte. Er trug eine blaue Arbeitshose und ein kariertes Hemd, das er achtlos mit einem Knopf im falschen Loch zugeknöpft hatte.

„Hallo Herr Merkelbach.“ Mehr kriegte Christina nicht über die Lippen.

„Nix mit Herr. Ich heiße Werner. Ich denke, wir gehen rauf in meine Wohnung. Da können wir in Ruhe reden. Was zu trinken gibt es da auch. Komm!“ Er zupfte Christina kurz am Ärmel und sie verließen den Raum durch eine Tür neben der Theke. Sie betraten einen langen Flur und gingen vorbei an den Toiletten und dem Teil, in dem offensichtlich die von Christel erwähnten Fitnessräume und das Schwimmbad untergebracht waren, wie sie an dem leichten Chlorgeruch bemerkte. Über die Treppe am Ende des Ganges gelangten sie zum oberen Stockwerk, wo Werner die rechte von zwei Wohnungstüren öffnete. Sie betraten eine kleine, gemütliche Zweizimmerwohnung. Die gesamte vordere Wand des großen Wohnraums bestand aus in die Dachschrägen eingearbeitete Glastüren, die den Blick freigaben auf eine große Terrasse und den Campingplatz, der sich ein Stück weit den Fluss entlang streckte.

„Kann ich dir einen Kaffee anbieten oder einen Saft oder ein Wasser?“ Christine entschied sich für einen Saft und Werner stellte ein Glas Apfelsaft auf den kleinen Tisch vor dem Fenster. „Setz dich und erzähl mir von deiner Oma Michaela.“

Zuerst stockend und zurückhaltend, dann – als sie mehr und mehr Vertrauen zu dem Mann gegenüber gefasst hatte – flüssig und gestenreich, erzählte sie von ihrer Großmutter, ihrer Mutter und von den Unterlagen, die sie gefunden hatte. Sie hatte einige der Tagebücher und den Brief des Bonner Anwalts eingesteckt und legte sie nun nebeneinander auf den Tisch. Werner schien sich besonders für das Schreiben des Anwalts zu interessieren.

„Das ist ja interessant“, meinte er und blickte Christina an. „Warum hat Michaela mich nicht direkt angeschrieben? Sie muss doch meine Adresse gekannt haben und selbst, wenn sie nicht gewusst hat, ob es mich noch gibt, hätte sie es doch einfach versuchen können.“

„Vielleicht hat sie es ja getan, aber es gibt nur Hinweise auf Sie – äh – auf dich und deine Familie aus den Jahren vor dem Krieg. Was könnte sie mit den Bemerkungen über das böse Pack gemeint haben, das alles genommen hat? Und wer sind die Leute, die der Bonner Anwalt gefunden hat? Den Anwalt habe ich übrigens nicht gefunden. Ist ja auch 50 Jahre her.“

„Hmm – keine Ahnung. Ich müsste mich mal umhören und einige Informationen zusammensuchen.“

„Erzähl´ mir was über meine Großmutter. Wie war sie?“ – „Nun, wir waren Kinder. Michaela und ihr kleiner Bruder kamen mit ihren Eltern vor dem Krieg oft nach Wahlscheid. In der Stadt wurde das Leben für Juden damals immer schwieriger. Seit der Krieg angefangen hatte, seit ´39 oder so, sind sie nicht mehr gemeinsam hier gewesen. Ihre Eltern sind wohl in einer der Bombennächte 1943 umgekommen und Michaela war damals noch einmal hier in Wahlscheid, wenn ich mich recht entsinne. Danach haben wir nie wieder etwas von ihnen gehört und du bist jetzt das erste Lebenszeichen seit damals.“

Werner war ans Fenster getreten und starrte hinaus. Es hatte wieder angefangen zu regnen. Auf der anderen Seite des Flusses konnte er einige Leute mit Gerätschaften auf den Hügeln des Golfplatzes sehen, der vor einigen Jahren dort angelegt worden war. Er hatte nie verstanden, wie man seine Zeit damit vergeuden konnte, für einen Haufen Geld kleine weiße Bälle durch die Gegend zu prügeln, die dem Gärtner dann beim Rasenmähen in Einzelstücken um die Ohren flogen.

„Hast du …“, Christina stockte. „Ich meine … du hast meine Oma gern gehabt, nicht wahr?“

Werner blieb am Fenster stehen und rührte sich nicht. Das Klingeln des Telefons ersparte ihm schließlich eine Antwort. Er atmete tief aus und fingerte erleichtert sein Handy aus der Hemdtasche.

„Ja? – Ist gut, ich komme runter.“ Er steckte das Gerät wieder in die Tasche zurück und wandte sich an Christina. „Tut mir leid, ich muss ‘runter. Es gibt wieder Ärger. Wir müssen später weiterreden. Lass die Sachen hier liegen und komm einfach mit.“

Auf dem Weg nach unten erläuterte er Christina, was passiert war. „Seit Jahren versuchen die mit allen Mitteln, uns das Leben schwer zu machen. Zuerst wollten sie die Kneipe schließen, angeblich wegen unsauberer Toiletten oder irgendwelcher Vorschriften, die wir in der Küche nicht eingehalten haben, und nun zaubern sie diese uralte Geschichte mit dem Aggerwasser wieder hervor. Angeblich ist das Wasser unterhalb unseres Campingplatzes mit Pestiziden verseucht. Dabei haben wir schon vor Jahren ein Gutachten vorgelegt, nach dem unsere Seite der Agger damit nichts zu tun haben kann. Ab übernächstes Jahr müssen die Mindestabstände von 30 Metern vom Fluss zu den ersten Campingwagen eingehalten werden. Bei uns ist das schon seit Langem der Fall. Aber wenn man hier nicht in der richtigen Partei ist, kriegst du halt laufend Ärger. Den Großkopferten, die mit ihren Golfschlägern gegenüber durch die Wiesen röcheln, ist der Platz sowieso ein Dorn im Auge.“

Als die beiden den Raum betraten, unterbrachen die drei Männer an der Theke des Restaurants ihr Gespräch, nur um sofort gleichzeitig auf Werner einzureden.

„Können wir uns darauf einigen, dass einer spricht und die anderen zuhören?“ Werner ließ klar erkennen, dass er nicht beabsichtigte, sich die Zügel aus der Hand nehmen zu lassen. Zwei der drei Männer waren Mieter auf dem Campingplatz und mit Werner seit vielen Jahren befreundet. Der Dritte im Bunde war ein junger Bursche von der Stadtverwaltung. Werner kannte ihn als Mitarbeiter des Ordnungsamtes.

„Nun – was gibt´s denn?“, wandte sich Werner an ihn. „Ich soll eine Wasserprobe am Campingplatz nehmen und diese Herren wollen mich nicht auf den Platz lassen. Sie haben mich bedroht und durch den Dreck über die Wiese gejagt.“ Werner blickte auf die bis zum Knöchel mit Lehm eingesauten Füße des städtischen Angestellten und musste grinsen, als er sich vorstellte, wie die beiden Rentner im Trainingsanzug den Bengel im Anzug durch die matschige Wiese an der Agger vor sich hergetrieben haben.

„Und jetzt kommen Sie mit diesen dreckigen Schuhen hier herein und sauen mir den Fußboden ein! Was würden Sie sagen, wenn ich solch einen Siff in Ihrem warmen Büro im Rathaus hinterlassen würde?“, schimpfte Werner und musste aufpassen, nicht laut loszuprusten. „Was hat eigentlich die Stadt mit der Angelegenheit zu tun? Das ist doch Sache der Unteren Wasserbehörde.“

„Darüber kann ich Ihnen nichts sagen. Ich habe von meinem Chef diesen Auftrag bekommen und ich finde es unerträglich, wenn ich derart …“

„Jetzt halt mal die Luft an, Jungchen.“ Werner erstickte den Wortschwall im Keim. „Hier hat niemand was zu suchen, der sich nicht ausgewiesen hat. Haben Sie das?“

Jungchen blickte verstört von einem zum anderen. „Siehst du, haste nicht“, nahm ihm Werner die Antwort ab. „Die beiden Herren hier haben vollkommen richtig und in meinem Sinne gehandelt. Schließlich wollen wir doch nicht, dass irgendwer schlimme Sachen ins Wasser kippt, nicht wahr? Und jetzt entspannen Sie sich und wir vertragen uns wieder.“ Den beiden Campern zwinkerte er zu: „Der Herr tut ja nur seine Pflicht.“

„Dürfen wir Ihnen einen Espresso oder einen Kaffee anbieten? Ihr zwei habt sicher Durst auf ein Kölsch“, schlug er nun wieder versöhnliche Töne an. „Wir warten gemeinsam das Schäuerchen ab und dann begleiten Sie die beiden Herren zur Agger hinunter und Sie können sich Ihr Pröbchen holen. Einverstanden?“

Einer der beiden Camper wollte schon hinter die Theke, um die Getränke fertig zu machen. Normalerweise war das auch kein Problem, wenn die Kneipe nicht geöffnet war, aber Werner hielt ihn am Ärmel fest und rief Christel hinzu. Er wollte dem Typen vom Ordnungsamt keine Handhabe geben, wenn sich jedermann bei ihm hinter der Theke zu schaffen machen konnte. Christel ließ dann auch sogleich die offene Keksschüssel und den Zuckertopf verschwinden und tauschte sie gegen ordnungsgemäß eingepackte Ware aus.

„Möchten Sie einen Cognac dazu?“ Werner gab Christel einen Wink und sie begriff sofort, was zu tun war. Sie goss dem Besuch einen ordentlichen Schluck ein und stellte den großen Weinbrandschwenker neben den Kaffee.

„Zum Wohl. Wenn man bei dem Wetter rausgeschickt wird, sollte man es sich wenigstens gut gehen lassen.“

Jungchen war zwar etwas verunsichert, ließ sich aber Kaffee und Schnaps schmecken.

„Sie müssen doch sicher auch oberhalb des Campingplatzes und gegenüber vor dem Golfplatz eine Probe nehmen?“ Werner war jetzt ganz charmant.

„Nein, eigentlich nur hier. Es soll wohl ein Gutachten angefordert werden.“ Er war in die Falle getappt und Werner wusste nun, was er wissen wollte. Die Gegenseite rüstete zu einem neuen Angriff. Es dauerte nicht lange und Werner hatte nach zwei weiteren Cognacs einiges an Informationen aus dem jetzt etwas angeschlagen wirkenden jungen Mann herausgefragt.

„Kümmert euch doch bitte um unseren Freund, es ist ja jetzt alles geklärt. Wenn der Regen aufgehört hat, begleitet ihn bitte zur Agger runter“, verabschiedete sich Werner nach einer Weile. „Wie ihr seht, habe ich Besuch.“

Als sie später wieder in seiner Wohnung aus dem Fenster blickten, sahen sie den Burschen mit den beiden Campern reichlich angeschickert über die Wiese zum Fluss hinunter stapfen. Seinen Besuch hier würde er so schnell nicht vergessen und Werner war sicher, dass er heute nicht mehr zu seinem Arbeitsplatz zurückkehren würde. Seine Freunde würden sich gut um ihn kümmern.

„Tja, Christina – wie kommen wir jetzt weiter? Mich interessiert natürlich auch alles, was damals passiert sein mag. Lass uns in ein paar Tagen noch einmal miteinander reden, wenn ich ein paar Erkundigungen eingezogen habe. Wenn du willst, kannst du so lange hier wohnen. Wir haben ein Gästezimmer, wo du einziehen kannst.“

Christina fand die Idee durchaus reizvoll, zog es aber vor, in der Stadt zu bleiben. „Ich möchte mir noch ein paar Tage die Stadt ansehen. Danach sehen wir weiter.“

„Dann komm wenigstens am Samstag in drei Wochen wieder her. Es werden eine Menge Leute hier sein und tüchtig feiern. Ich sag Christel Bescheid, dass sie dir das Zimmer reserviert. Dann musst du nachts nicht mehr nach Köln zurück.“

Christina war einigermaßen beeindruckt von der Lebensart der Menschen hier und auf der Rückfahrt in ihr Kölner Hotel sann sie darüber nach, wie sich ihr Vater wohl in die vitale Lebensgemeinschaft hier eingefügt hätte.

Werner stand noch eine ganze Weile nachdenklich in der Klöntür, nachdem der Mietwagen mit der jungen Frau längst von der Zufahrt auf die Hauptstraße abgebogen war. Er wurde das Gefühl nicht los, dass sich da ein Unwetter zusammenbraute. Als sie sich herzlich verabschiedeten, hatte Christina versprochen, in ein paar Tagen wiederzukommen. Bis dahin wollte Werner einiges geklärt haben.

Köln, November 1938
Anat

Anat hatte es vorgezogen, zu Fuß bis zu seinem Lager in der Rheinstraße zu marschieren. Er hätte zwar ein Stück weit die Elektrische nehmen können, aber er wollte heute keine Menschen um sich haben. In den Straßen und Gässchen der Stadt kannte er sich gut aus und konnte einfach die Richtung wechseln, sollte er Menschen begegnen, die er sich ersparen wollte. Er würde zwar fast eine Stunde am Rheinufer entlang unterwegs sein, aber auf dem Marsch von der Innenstadt bis knapp vor Rodenkirchen hoffte er seine Gedanken ordnen zu können. Auf den Straßen war es ruhig geblieben und so hatten sie zwar wieder in ihrer Wohnung übernachtet, aber weder er noch Rinah hatten wirklich Ruhe finden können. Seine Frau hatte sich in einen unruhigen Schlaf geweint und Anat war erst in den frühen Morgenstunden eingeschlafen.

Gegen acht Uhr stand er auf dem kleinen Hof vor der knapp sechs Meter breiten und 25 Meter langen Lagerhalle aus roten Ziegeln. Er öffnete das fensterlose Holztor, trat ein und verschloss den Eingang hinter sich. Emil würde erst in einer Stunde kommen und so lange hatte Anat Zeit, alles vorzubereiten. Er schaltete das Licht ein und sofort wieder aus, als ihm einfiel, dass die hellen Jupiterlampen von draußen durch die kleinen Fenster mit den blinden Scheiben gesehen werden konnten. Links stand eine Reihe Regale, die bis unter die schräge Dachkonstruktion reichten. Die fünf Meter lange Leiter lehnte am obersten Regalboden. Er erinnerte sich, dass sein Vater immer böse geworden war, wenn er sich als Kind nach oben gestohlen hatte und über die Regale geturnt war. Auf der rechten Seite standen über die gesamte Länge Werkbänke, an denen früher etliche Hilfskräfte Halsketten und andere Schmuckstücke in Serien produziert hatten. Mit dieser Billigproduktion, u.a. für die Kaufhäuser der Familie Tietz, waren die Liesenthals über schlechte Zeiten hinweggekommen.

Am hinteren Ende der Halle war durch eine Wand aus Glasfenstern ein kleines Büro abgetrennt, in dem sich der Sekretär oder ab und zu sein Vater aufhielten und die Arbeiten überwachten. Überall standen Möbel und Gerätschaften herum, die Anat noch rechtzeitig aus ihrem Haus hatte schaffen können, als er den Tipp bekam, dass die Nazis seine Villa in Hahnwald beschlagnahmen würden. Auch einige der Glasvitrinen aus seinem Schmuckgeschäft in der Innenstadt waren hier abgestellt. Bisher hatten sich die Nazis noch nicht für diesen Schuppen interessiert, aber das konnte sich jeden Tag ändern.

Links am vorderen Ende des Regals stand ein Paar relativ neue Überschuhe wie feine Herrschaften sie trugen, wenn sie durch Dreckswetter zur Oper oder einem Empfang gingen. Anat hatte sie schon vor vielen Wochen hier deponiert. Unter die normale Sohle hatte er eine zweite, wesentlich kleinere Sohle von einem Kinderschuh geklebt. Die Spuren, die er in der dünnen Staubschicht des Bodens zurücklassen würde, würden die eines Kindes sein. Er schlüpfte hinein, kämpfte sich durch das verstaubte Chaos der Lagerhalle und versuchte, dabei eine kleine Gasse zu schaffen, indem er das eine oder andere Möbel ein wenig zur Seite schob. Unterwegs ins hintere Büro nahm er von einem der Werkbänke einen Stechbeitel und einen Hammer an sich. Der Schlüssel hing wie seit mehr als vier Jahrzehnten an einem Nagel oberhalb der Tür und Anat musste daran denken, dass ihn sein Vater oder Großvater dereinst dort eingeschlagen hatte. In dem kleinen Büroraum standen ebenfalls allerlei Gerümpel und sehr viele alte Akten, Pläne und Zeichnungen von Gegenständen, die hier gefertigt worden waren. Anat schaltete die kleine Schreibtischlampe an. Das schwache Licht würde von draußen nicht zu sehen sein. Er verspürte den Impuls, sich in die alten Unterlagen zu vertiefen, besann sich aber auf den Grund seiner Mission und begann, den riesigen Schreibtisch und den Teppich zur Seite zu schieben. Das ging nicht ganz ohne Lärm ab und Anat hoffte, dass niemand draußen herumstrich und ihn hörte. Denunziantentum stand hoch im Kurs und einen Juden bei einer derartigen Tätigkeit zu erwischen, konnte einen Bürger in der Gunst der braunen Brut ziemlich weit nach vorne bringen. Als er die Stelle endlich freigekämpft hatte, tauchte darunter eine ca. 80 x 80 cm große Klappe in dem Dielenfußboden auf. Anat schob seinen Zeigefinger in ein Astloch, hob den Deckel nach oben und stellte ihn zur Seite. Der etwa 50 cm tiefe Raum wurde von mehreren stabilen Holzkisten und zwei kleinen Säckchen aus grober Jute ausgefüllt.

Anat machte sich sofort daran, die erste der Holzkisten aus dem Loch zu heben, den vernagelten Deckel zu öffnen und den Inhalt aus dem leicht öligen Papier zu wickeln. Das Material, das er in Händen hielt, hatte seine Faszination auch in diesem staubigen Halbdunkel nicht verloren: Gold! Anat hielt inne und lauschte nach draußen, aber das Geräusch eines herannahenden Automotors wurde wieder dünner und nach einigen Sekunden war es wieder still um die Lagerhalle.

Er schleppte die Holzkisten, jede für sich sicher zehn Kilo schwer, nach vorne zum Eingang der Halle und stellte sie nebeneinander neben das Tor auf den Boden. Die Säcke öffnete er nicht, denn sie waren mit Siegeln der Notenbank verplombt. Er wusste auch so, was darin war und man konnte nie wissen, wozu die Siegel noch einmal gut sein würden. Die Münzen knirschten leicht aneinander, als Anat sich die beiden Säcke über die Schulter warf. Einer der beiden würde ausreichen, um einen Wagen wie den zu kaufen, der ihn gleich abholen würde, und dem Besitzer darüber hinaus einige sorgenfreie Jahre ermöglichen.

Nachdem alles umgeräumt war, überlegte Anat kurz, ob er das Loch geöffnet zurücklassen sollte, um die Nazis zu ärgern, sollten sie in Kürze diese Halle inspizieren. Das würde nicht mehr lange auf sich warten lassen und die Vorstellung, dass irgendein Nazibonze vor Wut schäumt, weil gerade erst ein wahrscheinliches Schatzkistchen ausgegraben und weggeschafft worden war, trieb Anat einen wohligen Schauer über den Rücken. Aber er musste vernünftig sein, seinen Plan einhalten und auch an die denken, die zurückblieben. Sicherlich würde man das Umfeld vom Ühm und damit Emil und wahrscheinlich auch seine Wahlscheider Freunde unter die Lupe nehmen. Also suchte er willkürlich ein paar alte Unterlagen aus dem Aktenschrank heraus, die ihm verdächtig genug erschienen und warf sie in das Loch. Die Spuren versuchte er so gut es ging wieder zu beseitigen und hoffte, dass die tumben Stiefelträger bei einer Durchsuchung bemüht sein würden, möglichst großen Schaden anzurichten und damit einige der Spuren verwischten.

Als alles wieder an seinem Platz stand, betrachtete er sein Werk und stieg dann auf den Schreibtisch, um auch dort einige Fußspuren zu hinterlassen. Er hoffte, dass seine Meinung über die Nazischergen richtig und sie verblödet genug waren, um die falsche Fährte zu schlucken.

Er blickte auf die Uhr – in wenigen Minuten würde Emil hier sein und Anat beeilte sich nun, die Tür zu verschließen, den Gang wieder mit Möbeln zuzustellen und die Überschuhe auszuziehen. Einen alten Besen stellte er außen vor das Tor. Er hatte gerade seine Kleider abgeklopft und geordnet, als er das typische Geräusch des Horch 12-Zylinders hörte. Dass er ausgerechnet jetzt an die vielen Streitgespräche denken musste, die dieses Auto immer wieder auslöste. Alle Welt meinte, dass das Fahrzeug ein 8-Zylinder sei, aber es war typisch für den alten Ühm, dass er eines der wenigen 12-Zylinder-Modelle der Baureihe ergattert hatte.

Es dauerte eine Weile, bis Emil den Motor abstellte, ausgestiegen war und die Tür zuklappte – „Anlegen“, wie er das nannte. Anat öffnete das Hallentor ein wenig und trat zu Emil. Der Wagen stand mit dem Heck zur Halle, das Verdeck des Cabriolets hatte Emil geschlossen.

„Mojn Mojn“ – Emil zog seine Handschuhe aus und warf sie durch das offene Fenster auf den Fahrersitz. „Wo ist denn das Klavier?“ Er schien guter Laune zu sein. Dass sein Chef noch keine zwei Tage tot war, konnte man ihm nicht anmerken, aber irgendwie ahnte er wohl, dass ihm die bevorstehende Aktion eher Vorteile bringen würde.

„Es sind nur ein paar Holzkisten mit alter Ware, die man vielleicht mal verkaufen kann. Die Möbel kann ich eh nicht mitnehmen.“ Anat wusste, dass ihm Emil kein Wort glaubte, aber das musste ihm egal sein. Der Fahrer versuchte, einen Blick in das Gebäude zu werfen, aber Anat schloss sofort die Tür und meinte: „Ich reiche dir die Kästen an und du bringst sie ins Auto. Es ist nicht nötig, dass wir uns beide dreckig machen.“

So verschwand also Anat einige Male in der Halle und reichte Emil die Kästen an, die dieser im kleinen Kofferraum des Roadsters verstaute. Der ging zwar ein wenig in die Knie, aber bei dieser Herrschaftskarosse würde das nicht weiter auffallen. Zwei Kisten ließ er zunächst in der Halle stehen.

„So – das war´s. Du kannst schon mal das Fahrzeug starten; ich komme sofort nach“, meinte Anat. Er wartete, bis Emil stirnrunzelnd zum Auto ging und verschwand noch mal in der Halle, um die beiden Säcke, die beiden restlichen Kisten und die Stiefel zu holen und neben dem Fahrzeug abzustellen. Er verschloss sorgfältig das Tor und fegte den vom Regen der letzten Tage aufgeweichten Boden zwischen der Halle und dem Fahrzeug, um die Fußspuren zu verwischen. Die Reifenspuren musste er in Kauf nehmen. Emil sah ihm im Rückspiegel misstrauisch zu, hielt sich aber mit Bemerkungen zurück. Anat warf den Besen in hohem Bogen auf einen Stapel Bauholz neben der Halle, schnappte sich die beiden Säcke und die Stiefel, verstaute sie neben den Kisten und ließ den Kofferraum mit einem satten Knall zufallen. Emil öffnete ihm von innen die Türe und sah zu, wie Anat die beiden letzten Kisten hinter den Beifahrersitz auf den Boden wuchtete und sich in den Sitz fallen ließ.

„Fahr los – einmal um die nächste Ecke.“ Emil startete den schweren Wagen, fuhr sanft an, bewegte den Wagen bis zum Rhein hinunter, bog dann links Richtung Innenstadt ab und hielt einige Meter weiter unter einem der Alleebäume an.

„Watt nu?“, fragte er und blickte Anat verschwörerisch an. „Für wie viele Jahre wandere ich in den Knast, wenn wir erwischt werden?“

„Hör zu – hinter meinem Sitz stehen zwei Kisten mit 10 Kilo Gold in Barren. Das ist die sicherste Währung, die es gibt. Sie gehören dir. Damit kannst du aus Deutschland verschwinden und dir locker ein Luxusleben leisten, wenn du nicht alles auf einmal auf den Kopp haust. Dafür bringst du mich jetzt mit dem anderen Kram sicher nach Wahlscheid und stellst keine Fragen.“

„Und wenn ich noch eine Kiste haben will?“ Emil wollte wenigstens einen Versuch wagen.

„Dann müsste ich dir sagen, dass in diesem Fall mein Plan nicht funktioniert, und du außerdem schon bis zum Hals in der Sache drinsteckst. Oder was glaubst du, würde die Gestapo sagen, wenn sie dich jetzt mit einem Juden und Kästen voller Gold erwischte.“

„Abgesehen von dem, was wir da sonst noch transportieren, solltest du noch dazu sagen.“

„Jetzt komm schon. Das sind fast hunderttausend Schweizer Franken in Gold. Damit musst du nie wieder arbeiten und kannst dir irgendwo ein Häuschen kaufen. Ist doch ein fairer Handel, und wenn der Ühm noch leben würde, hätte ich dir gar nichts abgeben müssen.“

„In Ordnung – fahren wir.“ Emil war schlau genug, um zu erkennen, dass es dem Anderen ernst war und er nicht mehr herausschlagen konnte. Im Grunde wollte er das auch gar nicht, denn er mochte die Liesenthals und es war ihm klar, dass Anat und seine Familie das Land verlassen mussten und dafür eine ziemliche Menge Geld brauchten.

Die Brücke über den Rhein in Rodenkirchen war seit einigen Monaten im Bau, aber noch nicht fertiggestellt und so mussten sie den Weg durch die Stadt und über Deutz nehmen. Sie würden schon eine gute Stunde unterwegs sein und Anat hoffte, dass sie nicht in irgendeine der Kontrollen gerieten, die die SS in letzter Zeit immer häufiger ohne Vorwarnung aufstellte.

Sie nahmen die Autobahn, die erst seit einigen Jahren in Betrieb war und für die sich der Führer als Innovator feiern ließ. Eigentlich musste aber jedem klar sein, dass diese Fernstraßen mit geklautem Geld gebaut wurden und mit Plänen entstanden, die schon in den 20er Jahren vom Verein HaFraBa entwickelt worden waren, um die Hansestädte im Norden mit Frankfurt und Basel zu verbinden, und Anat war dabei gewesen, als 1932 die erste Autobahn zwischen Köln und Bonn von Kölns Bürgermeister Konrad Adenauer eingeweiht wurde. Die Bahnen wurden kaum genutzt, denn nicht einmal jeder hundertste Deutsche konnte sich ein Auto leisten und Hitlers hilfloses Projekt, durch ein Sparmarken-System jeder Familie eines der von Porsche entwickelten Kleinfahrzeuge zu verschaffen, war ebenso jämmerlich gescheitert wie der Versuch, mit dem Autobahnbau die Millionen Arbeitslosen zu beschäftigen.

In diesen Gedanken versunken rumpelten sie über die Betonpiste bis zur Ausfahrt im Königsforst, um von dort die Landstraße nach Wahlscheid zu nehmen. Gegen Mittag fuhren sie auf dem Hof der Merkelbachs vor.

Heidrun kam sogleich aus dem Haus gelaufen, wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Anat! – Was machst du hier? Und Emil?“ Heidrun war ziemlich erstaunt, drückte Anat einen kurzen Kuss auf die Wange und blickte fragend von einem zum anderen.

„Ich muss mit euch reden. Ist der Willi da?“ – „Willi ist auf dem Feld. Weil es ausnahmsweise mal nicht regnet, wollte er ein paar Zäune flicken. Werner kommt gleich aus der Schule heim. In einer halben Stunde gibt es Essen und dann sind beide da. Kommt doch solange rein.“

„Ich würde gerne etwas ausladen und für ein paar Stunden bei euch abstellen. Kann ich das mit Emil in den Anbau stellen? Es sind ein paar kleine Kistchen. Wir klären später, was damit gemacht wird, wenn Willi wieder da ist.“

Natürlich hatte Heidrun nichts dagegen, auch wenn ihr die Sache ziemlich merkwürdig vorkam, und so schleppten Emil und Anat die Kisten und die beiden Säcke in den kleinen Anbau, der für Anat und seine Familie so oft vorübergehende Heimat gewesen war, wenn sie am Wochenende oder in den Ferien zu Besuch waren.

Anat bat Emil noch, den Wagen in die Scheune zu fahren. Der Hof lag zwar etwas abseits vom Dorf, aber der auffällige Wagen musste nicht von jedem gesehen werden. Anschließend setzten sie sich in die Küche und warteten auf Wilhelm und Werner.

Dem neugierigen Augenpaar hinter den Brombeersträuchern im kleinen Kirschbungert entging nichts von dem, was auf dem Hof der Merkelbachs vor sich ging.

Wahlscheid, Mai 2003
Werner

Lange stand Werner Merkelbach vor dem Fenster und blickte hinaus auf die Wiese und den Fluss, an dem er nun seit vielen Jahrzehnten wohnte. Das Älterwerden hatte ihm nichts ausgemacht und er meinte, dazu auch keine Zeit zu haben. All die Jahre hatte er sich um Haus und Hof gekümmert. Heiraten war sein Ding nicht, auch wenn er nichts hatte anbrennen lassen. Sein Leben war dennoch in geordneten Bahnen verlaufen.

Er hatte den alten, kleinen Bauernhof seiner Eltern in einen respektablen Betrieb verwandelt und wenn nun auch keine Kartoffeln mehr auf seinen Äckern wuchsen, so konnte er doch seinen Studenten beim Wachsen zuschauen und sie mit den Mitteln, die ihm und seinen Mitbewohnern zur Verfügung standen, nach Kräften unterstützen, indem sie ihnen freies Wohnen während des Studiums gewährten.

Er ging hinüber zu der kleinen Kirschbaumvitrine, die er selbst vor einigen Jahren liebevoll restauriert hatte, und öffnete die untere, mit Broschüren vollgestopfte Schublade. Er konnte selbst nicht verstehen, warum er diese alten Reiseprospekte immer noch aufhob. Jetzt, in seinem Alter, würde er es doch nicht mehr schaffen, die „Inseln unter dem Wind“ zu besuchen. Darunter fand er, was er suchte: ein altes, in Leder gebundenes Fotoalbum. Seit dem Umzug aus der alten Kate in die neue moderne Wohnung hatte er das Album nicht mehr in den Händen gehalten. Fast ehrfürchtig öffnete er die ersten Seiten aus schwarzem Karton. Ein Hochzeitsfoto seiner Eltern im grauen Passepartout von 1925, er selbst als nacktes Baby, seine Großmutter als junges Mädchen, sein Vater in voller Kriegsmontur mit Pickelhaube, Gewehr und Rucksack – die Bilder unterschieden sich nicht von anderen Fotoalben aus dieser Epoche. Weiter hinten seine Eltern mit ihm im Wahlscheider Kurgarten vor den beiden großen Zwillingstannen, die irgendwann dem grauenhaften Flachdachbau hatten weichen müssen, links ein Stück der Auto-Werkstatt von Vaters altem Kumpel Max, verblichene Schwarzweißfotos von der Kirmes auf dem Parkplatz Auelerhof mit der Eisenbahnbrücke im Hintergrund, eine eingeklebte Postkarte vom Schloss Auel ohne den grässlichen, neuen Anbau. Auf den letzten Seiten fand er endlich, was er suchte. Vorsichtig trennte er die dünnen, durchsichtigen Zwischenblätter von den Fotos und betrachtete die Abbildungen seiner Eltern und einem Paar, an das er sich nur sehr dunkel erinnern konnte. Er fand auch Bilder von sich selbst und den beiden Kindern der Liesenthals. Der kleine Daniel musste damals, kurz vor Ausbruch des Krieges, etwa zehn gewesen sein, das wunderschöne, zarte Mädchen mit dem langen, schwarzen Zopf auf dem letzten Foto im Album vielleicht vierzehn Jahre alt.

Versonnen blickte Werner aus dem Fenster und langsam kehrten die Erinnerungen zurück an das Frühjahr ´43, an die dramatischen Ereignisse auf dem kleinen Hof seiner Eltern. Und an das Mädchen, das viele Jahre lang nicht aus seinen Gedanken verschwinden wollte, das ihm doch unerreichbar bleiben und irgendwann aus seinen Erinnerungen verschwinden sollte.

Er seufzte tief – fast ein Schluchzen, klappte das Album zu und verließ einmal tief durchatmend das Zimmer.

Wahlscheid, November 1938
Wilhelm

„Willst du dir nicht im Auelerhof ein paar Bierchen schlappen und einen Skat spielen?“ Emil war natürlich sofort klar, was Anat von ihm wollte: Er sollte für ein paar Stunden verschwinden, damit er und Wilhelm in Ruhe etwas aushecken konnten.

„Verstehe schon – der Familienrat tagt. Aber denk dran, dass wir uns um vier wieder auf die Socken machen müssen, damit wir rechtzeitig in der Stadt sind.“ Emil stand vom Tisch auf, an dem sie sich den deftigen Bohneneintopf hatten schmecken lassen, zwinkerte Anat verschwörerisch zu und verschwand zu Fuß Richtung Kneipe. Er würde auf Leute treffen, denen er beim Skat ein paar Biere abgewinnen konnte.

„Hast du keine Hausaufgaben zu machen, Werner?“ Der letzte Störenfried wurde von Heidrun in sein Zimmer geschickt, damit die Erwachsenen nun endlich ungestört miteinander reden konnten. „Der Pastor sagt, dass wir erwachsen sind, wenn wir konfirmiert werden, und ihr behandelt uns immer noch wie Kinder“, maulte der Sohn. „Eben – und das ist erst in einem halben Jahr der Fall und so lange tust du, was man dir sagt.“ Willi musste zwar über die kluge Schlussfolgerung seines Sohnes grinsen, aber er hoffte, dass dieser ihn in ein paar Monaten nicht beim Wort nehmen würde.

„Schieß los. Was führt dich nach Wahlscheid?“ Willi war nun sehr gespannt, was sein Freund ihm zu erzählen hatte.

Da nicht anzunehmen war, dass sich die Ereignisse der letzten Tage, die Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung, die Zerstörung der beiden Synagogen in der Roonstraße und in der Glockengasse und die Verhaftung von über 800 Juden durch die Gestapo, schon bis in das kleine Dorf an der Agger herumgesprochen hatten, berichtete Anat zunächst von seinen Erlebnissen der vergangenen Nacht. Auch ihm war damals noch nicht klar, dass es sich dabei nicht um Einzeltaten in Köln, sondern um eine von Goebbels angeordnete gesamtdeutsche Aktion gehandelt hatte und sich quasi als Rachefeldzug für die Ermordung eines deutschen Botschaftssekretärs in Paris durch einen 17-jährigen Polen gegen alle deutschen Juden richtete. Ein paar Tage zuvor hatte man 15.000 polnische Juden, die in Deutschland lebten, zusammengetrieben und zur polnischen Grenze geschafft. Darunter befanden sich auch die Eltern des 17-Jährigen, der daraufhin das Attentat auf den Botschaftsangehörigen Ernst vom Rath verübte und dabei festgenommen wurde. Den Nazis bot sich eine treffliche Gelegenheit, die Wut der Bevölkerung auf die Juden zu lenken. Auch später wurde die Reichskristallnacht in den Zeitungen im Reich als „Gerechter Volkszorn“ verfälscht.

Anat erzählte seinen Freunden von seiner Absicht, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. „Wir wissen einfach nicht mehr weiter. Wenn die Nazis nicht so scharf auf unser Geld wären, hätten die uns wahrscheinlich längst festgesetzt. Außerdem gilt Rinah als Vierteljüdin, weil ihr Vater ja ein guter Deutscher war und ihre Mutter halbjüdisch. Das haben die Nazis in ihren Nürnberger Gesetzen vor drei Jahren so festgelegt. Das rettet uns, solange die Kinder noch klein sind. Aber jetzt kommt das Schlimmste: Der Ühm Weber, ihr habt ihn ja gekannt, ist gestern gestorben. Er wollte uns helfen, über Holland nach Amerika zu kommen. Der Ühm kannte dazu die richtigen Leute. Jetzt muss ich wieder neu anfangen und überlegen, was wir tun sollen.“

„Tja – da ist guter Rat teuer.“ Wilhelm sah die Verzweiflung in Anats Augen. Er wusste, dass es wenig Sinn machen würde, Anat und seine Familie hier in Wahlscheid zu verstecken, wo jeder Busch Augen hatte. Da waren sie in Köln besser aufgehoben, dort konnten sie eher in der Masse untertauchen. „Wo hast du denn dein Geld? Ich meine … ihr dürft doch nur noch ein paar Hundert Mark besitzen.“ – „Naja – das schon, aber ich habe natürlich was auf Seite geschafft. Und genau deshalb bin ich hier.“

Er erzählte nun den beiden von den Kisten im Anbau, von seiner Lagerhalle in der Rheinstraße und der Absicht, diese Kisten den einzigen vertrauenswürdigen Menschen nicht-jüdischen Glaubens zu überlassen, die er kannte.

„Ich habe jetzt schon keine Arbeit mehr, wir leben von den Rücklagen und versuchen, nicht aufzufallen. Die haben uns jetzt ein „J“ in den Pass gestempelt und wie ich hörte, haben die ein Gesetz in Vorbereitung, dass wir nicht mehr Auto fahren oder die Elektrische benutzen dürfen. Wer weiß, was den Nazis noch alles einfällt, um uns zu schikanieren. Die Lage wird sich in den nächsten Jahren eher verschlimmern, und wenn wir aus Deutschland verschwinden wollen, werden wir das Gold zurücklassen müssen. Da ist es bei euch besser aufgehoben als bei uns in Köln. Und wenn mir oder Rinah was passiert, dann sorgt ihr dafür, dass es die Kinder bekommen.“

Wilhelm sah ein, dass er dem Freund helfen musste, und er wusste ebenso wie seine Frau, dass das umgehend zu passieren hatte. Gemeinsam beschlossen sie, die Kisten in der Scheune zu verbuddeln. Der Boden bestand aus fest verdichtetem Lehm und sie würden eine Weile brauchen, bis sie ein genügend tiefes Loch gegraben hatten. Gemeinsam schleppten sie nun zuerst die Kisten vom Anbau in die Scheune gegenüber dem Hauseingang. Sie schafften einen Stapel Bauholz und grob zugeschnittene Zaunpfähle beiseite und hoben ein Loch aus, in das sie die Kisten, je zwei übereinander, unterbringen konnten.

„Ich habe noch eine alte Filzdecke, die voll Fett und Öl ist vom letzten Ölwechsel am Brennabor. Die können wir noch drüberlegen.“

„Was ist mit den Säcken, die noch im Anbau stehen?“ Heidrun hatte die Säcke mit den Goldmünzen entdeckt, die Anat fast vergessen hätte. „Ah ja! Die Münzen. In den Säckchen sind Vreneli-Goldmünzen, die sicherste Währung, die es zurzeit gibt. Es ist nur schwierig, dafür einen Gegenwert in Reichsmark zu bekommen. Ich kann ja schlecht damit zur Bank gehen. Es gibt unter den Juden im Rheinland einen Schwarzmarkt dafür, da kriegt man aber kaum einen reellen Gegenwert. Wenn wir fliehen müssen, werden wir Geld brauchen, um Leute zu bestechen oder eine Überfahrt werweißwohin zu bezahlen. Ich lasse euch einen Sack Münzen da. Mit dem anderen versuche ich unser Dasein in Köln zu finanzieren.“

„Was soll ich mit so viel Gold im Haus?“ Willi wollte sich gegen das Geschenk wehren, aber Anat bestand darauf.

„Wenn ihr es nicht haben wollt, dann legt es für Werner auf die Seite. Versteckt es gut oder bringt es nach und nach zur Bank, damit nicht auffällt, dass ihr plötzlich so viel Geld habt. Geht zu einer großen Bank nach Bonn oder nach Köln, um einzelne Münzen einzutauschen.“

Sie kamen überein, den Sack zu öffnen, die Hälfte der Münzen herauszunehmen und den angebrochenen Sack mit den Kisten zu vergraben. Die einzelnen Münzen wollte Wilhelm irgendwo im Haus verstecken.

So verschwand der Schatz unter der öligen Decke und darauf die Erde, die sie wieder platt klopften. Eine Schubkarre voll mit übrig gebliebenem Lehm fuhr Willi in den Garten und kippte ihn auf dem Kompost aus. Der zugeschüttete Boden wurde noch mit einigen Eimern Wasser aus der Regentonne getränkt. Anschließend kam das Bauholz wieder an seinen alten Platz, bis nichts mehr an die Aktion erinnerte.

Es war alles erledigt und alles gesagt. Die drei saßen um den Tisch herum, schwiegen und allen steckte ein dicker Kloß im Hals. Sie wussten, dass sie sich wahrscheinlich nie mehr wiedersehen würden. Das zukünftige Schicksal der Liesenthals war mehr als ungewiss.

„Wir werden versuchen, es noch eine Weile in Köln auszuhalten. Wir haben durch die Arbeit im Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr, in dem sich Rinah seit Jahren engagiert, viele Freunde und gute Verbindungen. Vielleicht besinnt sich ja dieses Wahnsinnsregime eines Tages oder das Ausland reagiert endlich. Es kann doch nicht angehen, dass England oder Amerika tatenlos zusehen, wie hier ein Volk zugrunde gerichtet wird. Die müssen doch mitkriegen, dass von der Demokratie, die sie uns mit dem Versailler Vertrag aufgedrückt haben, nichts mehr übrig ist.“

Was sollten Wilhelm und Heidrun Merkelbach, Kleinbauern aus einem Nest im Bergischen, weit weg von der großen Politik, dazu sagen? Sie bekamen hier auf dem Lande kaum mit, was draußen in der Welt vor sich ging. Die Zeitungen berichteten, dass der Führer dem deutschen Volk viel Gutes bringt, dass es aufwärts geht, Straßen und Fabriken gebaut werden, bald jeder ein Auto fahren kann und die Folgen des von Anat soeben zitierten Versailler Vertrages endlich abgeschüttelt seien. Sogar ein ganzer Staat, nämlich Österreich, hatte sich im März 1938 dem Deutschen Reich angeschlossen. So schlecht, wie Anat das darstellte, konnte es doch kaum sein. Aber auch Willi fühlte, dass nicht alles mit rechten Dingen zugehen konnte. Als er vor einigen Tagen in Siegburg war, um Waren einzukaufen, hatte er mitgekriegt, wie ausgemergelt die Männer waren, die er beim Ausbau der Autobahn gesehen hatte.

„Aber da sind doch eine Menge Menschen, die jetzt Arbeit haben.“ Willi wollte wenigstens versuchen, Anats Thesen ins Wanken zu bringen. „Und es ist alles billiger geworden in den letzten Jahren. Ich zahle für einen Sack Saat die Hälfte von dem, was ich vor fünf Jahren bezahlt habe, und für die Milch kriege ich mehr von der Genossenschaft als früher.“

„Ist dir denn auch klar, woher das Geld kommt, dass dein Führer da für dich ausgibt. Seit 1933 sind Tausende von jüdischen Familien enteignet und zugrunde gerichtet worden. Das Geld haben sich die Nazis unter den Nagel gerissen und haben damit ihre Propaganda finanziert. Findest du es denn in Ordnung, dass man dir so einen widerlichen Popanz als Dorf-Polizisten vor die Nase gesetzt hat?“ Anat meinte damit den grobschlächtigen Richard Schiermeister, der vor einigen Jahren vom Landrat als „Dorfschulze“ eingesetzt worden war. „Der bespitzelt euch alle und ihr merkt das nicht einmal. Und weil wir gerade beim Unter-den-Nagel-Reißen sind: Österreich nennen sie jetzt Ostmark und diese Freicorps der Sudetendeutschen fallen seit Wochen über Einrichtungen in der Tschechoslowakei her. Vor zwei Wochen haben sie in Köln Hunderte von Polen zusammengetrieben und fortgeschafft. Das alles sind kleine Mosaiksteinchen, die irgendwann ein ziemlich grauseliges Bild unseres geliebten Vaterlandes ergeben werden. Du weißt, dass ich recht habe. Und übrigens: Deine Arbeiter an der Autobahn – das sind keine Arbeitslosen, denen dein Führer Lohn und Brot gibt. Das sind politische Häftlinge, die hier für deine Autobahn so lange schuften müssen, bis sie zusammenklappen.“

Wilhelm konnte den Argumenten seines Freundes nichts entgegensetzen. Im Stillen ahnte er, dass der belesene, intelligente Städter recht hatte, aber er hatte Angst vor der Zukunft, so wie er damals Angst hatte, als er nach dem verlorenen Krieg Anfang 1919 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam.

„Ich bin mir sehr sicher, dass die Gleichschaltung auch vor den Vereinen bei dir im Ort nicht Halt gemacht hat. Dein Turnverein gehört nicht mehr zur Deutschen Turnerschaft, sondern ist in der HJ oder dem Reichsbund integriert. Schau dir die Vereinsfahne an – da ist bestimmt ein Hakenkreuz drin.“ Wilhelm wunderte sich, wie gut der Kölner Bescheid wusste. Tatsächlich mussten sich auch die wenigen Vereine in Wahlscheid immer mehr den Verordnungen der Partei fügen.

Der Bauer seufzte tief, stand auf, trat hinter Anat, zerzauste ihm liebevoll die Haare und öffnete die Tür des alten Küchenschranks, um drei Gläser und eine Flasche Klaren ohne Etikett herauszuholen.

„Du bist zwar der Schlauere von uns beiden, aber diesmal hast du hoffentlich mal nicht recht.“ Er goss zwei Gläser bis zum Rand und ein Glas halb voll. Heidrun liebte die großen Schlucke nicht. „Kumm – loss mer ons widder verdraare.“ Das war ihr alter Trinkspruch, den sie noch aus dem Schützengraben herübergerettet hatten. Damals hatten sie es immer dem Feind in der Nahdistanz zugerufen.

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