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Klaus Müller
Stiefelschritt und süßes Leben
Ein Intermezzo
mitteldeutscher verlag
INHALT
Cover
Titel
Erstes Kapitel „Tiefpunkt NVA“
(Mai 1964 bis Oktober 1965)
„Zwangsrekrutiert“
Herbstmanöver
Ernteeinsatz
Regimentsbibliothekar
Frühjahrsmanöver
Im Verteidigungsministerium
Letzter Sommer bei der NVA
Im Knast mit Lenin
Fazit meiner NVA-Zeit
Zweites Kapitel „Bei Künstlers“
(November 1965 bis Januar 1968)
„Secundogenitur“
Fast eine Familie
Irrtum Fiat Topolino
Stadtführer
„Wahlsonntag“
Bulgarien
Drittes Kapitel „Die Basis“
(Februar 1968 bis Februar 1971)
Kulturschock
Das „Trocadero“
Die Künstler
Weitere Höhepunkte
Meine Goldgrube
Politicals
Lebenspläne
Viertes Kapitel „Der Bruch“
(Februar 1971 bis Mai 1972)
Wohnraumfrage
Intermezzo Russlandreise
Endlich eine eigene Wohnung
Priebsch, der Restaurator
Fünftes Kapitel „Der sanfte Weg“
(Juni 1972 bis September 1977)
„Bambusbar“ (Sommer 1972)
Intermezzo: Erste Pragreise (Herbst 1972)
„Dolce far niente“ (Winter 1972/73)
Intermezzo: Erste Polenreise (Herbst 1973)
Das „Dolce far niente“ währt weiter (Winterhalbjahr 1973/74)
Die Fischerklause
Noch ein Intermezzo: Große Reise durch die ČSSR (Herbst 1974)
Rosenthal
Gefahren und Chancen (Winterhalbjahr 1974 /1975)
„Seeblick“ (Sommer 1975)
Ein aufschlussreiches Winterhalbjahr (1975/76)
„Ostseetanzbar“ (Sommer 1976)
Der Beton zeigt erste Risse (Herbst 1976 bis September 1977)
Sechstes Kapitel „Das Leben zeigt wieder die ernste Seite“
(Oktober 1977 bis Dezember 1979)
Parkhotel „Dresden Weißer Hirsch“
Ein verregneter Sommer (1978)
Wichtige Entscheidungen stehen an
Siebentes Kapitel „Die Burg“
(Dezember 1978 bis Januar 1981)
Die Eroberung der „Burg“
Ausbau der „Burg“
Wie nun weiter?
Weitere Bücher
Impressum
ERSTES KAPITEL: „TIEFPUNKT NVA“
(Mai 1964 bis Oktober 1965)
„Zwangsrekrutiert“
An jenem 4. Mai war der Mittelpavillon des Postplatzes, der als Treffpunkt der Einberufenen ausersehen war, von jungen Männern mit verschieden großen Gepäckstücken umringt. Es waren auch bekannte Gesichter darunter. Wir nickten uns nur missgestimmt zu, wenn wir mal Blickkontakt hatten. Meine Stimmung sank und sank, bereitete fast körperliche Übelkeit. Ich überlegte, ob ich vielleicht doch wieder nach Hause gehen sollte und lieber den, in meinen Augen, ehrenvolleren Knast wählen, als die Demütigung der Zwangsrekrutierung zu ertragen. Doch dazu war es nun wohl zu spät, das Dreieck, auf dem der besagte Pavillon steht, war unbemerkt von einer Postenkette umstellt worden.
Dann dröhnte aus dem Lautsprecher, der ursprünglich für die Durchsagen der Dresdner Verkehrsbetriebe diente, martialischer Lärm. Eine schnarrende Stimme gebot: Bereitmachen, Gepäck aufnehmen und in Kolonnenformation zum Hauptbahnhof marschieren. Auch erschien ein Litzenträger, der kommandierte: „Im Gleichschritt Marsch!“
Noch wurde das mit lachendem Gejohle quittiert.
Auf dem Weg zum Bahnhof fand sich viel Publikum ein. Familienangehörige mit meist traurigen Gesichtern, aber auch höhnische Typen, wie der alte Friedrich, der wohl seine Vorhersage mit dem nächsten Krieg („Wenn die dann soweit sind …“) in Erfüllung gehen sah. Ich hatte den alten Friedrich nie für eine Geistesleuchte gehalten; dass ordinäre Dummheit aber zu solch gehässiger Niedertracht führen kann, erstaunte mich anfangs doch.
Am Hauptbahnhof stand für uns ein Sonderzug bereit, mit dem wir um Berlin herum über Angermünde, durch die Uckermark in 14 Stunden nach Torgelow fuhren.
Die Fahrt endete an einer Rampe in der Nähe eines Kasernenkomplexes, fern aller Zivilisation. Mit Gebrüll und unter Beschimpfungen wurden wir, ich schätze 1.000 Mann, wie Feinde, derer man endlich habhaft geworden ist, in eine riesige Halle getrieben. Dort hielt ein mit glitzernden Raupen auf den Schulterstücken versehener Psychopath eine brüllende Ansprache, die von Drohungen und Beschimpfungen nur so strotzte.
Dieser Mensch litt gewiss noch aus der Zeit vor dem Mauerbau unter seinen erfolglosen Werbeversuchen. Erfolglosigkeit bei Werbungen, sei’s Liebe oder Militär, kann zu bösen Missstimmungen führen, wie man weiß. Soweit ist diese Haltung zu den Zwangsrekrutierten verständlich, doch militärisch ist sie unlogisch. Jeder selbstbewusste junge Mann, der noch kein Feind des DDR-Systems war, musste es hier werden.
*
In dieser Gegend war eine ganze Division stationiert, und wir wurden nun durch Namensaufruf auf die einzelnen Regimenter verteilt. Ich kam zum Artillerieregiment 9 in Eggesin-Karpin, kurz AR 9. Auf der mit Seitensitzen versehenen Ladefläche eines H5 (LKW-Horch, der fünfte Versuch) brachte man mich und die anderen Artilleristen in spe in die Kaserne, die nach dem Willen von Partei und Staatsführung für 18 Monate mein Zuhause sein sollte.
Was die Klamotten betraf: Die Einberufenen hatten alle Kleidungsstücke abzulegen, wurden dann mit Armeeklamotten eingekleidet. Alle Zivilsachen mussten sofort an die Heimatadresse geschickt werden, wir hatten nun Anstaltskleidung, um jeden Gedanken an das Zivilleben auszulöschen. Die Langhaarigen, aber auch die Rundschnittträger, mussten zum Kasernenfriseur, der ihnen einen „militärischen Haarschnitt“ verpasste. Die Demütigungen sollten kein Ende nehmen.
Die Innendienst-Vorschrift der NVA: DV 08 - 15, die seit Kaisers Zeiten die gleiche Ordnungszahl hatte, wurde verlesen, regelte solche einfachen Tätigkeiten wie Grüßen, Exerzieren, Marschieren, Diensträume betreten, sich überhaupt auf dem Kasernenhof bewegen.
Die höheren Chargen des Unteroffizierscorps und einige Feldoffiziere waren fast alle übriggebliebene Wehrmachtsoldaten, die außer Krieg und Kasernenhof in ihrem Leben nichts kannten. Viele waren um die und über 40 Jahre alt. So wie ihr trauriges Leben war auch ihre Geisteshaltung.
Dann begann die militärische Grundausbildung, über deren Stupidität schon viel geschrieben worden ist; ich erspare es dem Leser. Es ist ja auch relativ leicht, einem stupiden, brüllenden Unteroffizier, der einen „schleifen“ will, stehen und brüllen zu lassen, wenn man selbst liegt. Es ist wiederum nur eine Demütigung.
Bei Subordination wurde aber immer mit dem Militärstaatsanwalt und dessen höllischer Militärstrafanstalt in Torgelow gedroht, hauptsächlich nach der Vereidigung. Zu dieser wurden wir Rekruten nach circa zwei Wochen zusammengetrieben, mussten in unserer Ausgehuniform ein Karree bilden, dann plärrte ein in der Mitte aufgestellter Lautsprecher die Eidesformel, mit der wir jederzeit unter Einsatz unseres Lebens und an der Seite der Sowjetarmee dieses System verteidigen sollten. Dann wurden wir aufgefordert, die Formel zu wiederholen. Da das kaum einer tat, manche nur stumm die Lippen bewegten, plärrte der Lautsprecher mit. Vor mir kreuzte einer Zeige- und Mittelfinger.
Die Gefechtsausbildung an einer russischen Haubitze war noch öder, dazu auch gefährlich, denn das Monstrum, Jahrgang 1938, konnte einen Menschen schon zerquetschen, wenn er einen ungeschickten Schritt tat. Der Felddienst an veralteten Kriegsgerät brachte Napoleons Wort vom „Kanonenfutter“ in Erinnerung.
Einer besonderen militärischen Niedertracht bin ich aber nicht zum Opfer gefallen, da mich schon als Halbstarken Arbeitskollegen meines Vaters davor gewarnt hatten.
NVA-Soldaten wurden wöchentlich in einen Duschraum geführt. Aus zirka 30 – 40 Duschköpfen kam dann heißes Wasser, ohne dass der Einzelne Stärke, Temperatur und Dauer der Dusche bestimmen konnte. Ich stellte mich unter diesen Duschstrahl, wusch, mit der Seife in der Hand, schnell Hals, Achseln und Genitalien und legte die Seife weg. Dann blieb ich noch unter der Dusche und entspannte mich im heißen Wasser. Und tatsächlich, die Niedertracht nahm ihren Lauf.
Urplötzlich wurde das Wasser abgedreht und der Hauptfeldwebel (Spieß) stand in der Tür, brüllte „Alaaaarm!“ Die noch Eingeseiften, viele mit Waschschaum in Haaren und Augen, mussten, so wie sie waren, in die Klamotten springen. Ich hatte mir noch einige Sekunden Zeit genommen, mit dem Handtuch, das auf einem Hocker zwischen den Duschreihen lag, kurz über den Körper zu wischen und in den Schritt zu fahren, der in der Landsersprache „Kimme“ heißt.
Dann ging’s im Laufschritt in die Unterkunft; hier wurde das Käppi mit dem Stahlhelm vertauscht und die Gasmaske aufgesetzt. Für die Eingeseiften war das eine Tortur, da sich der Schweiß mit den Seifenresten mischte und in die Augen und Nasenlöcher drang. In diesem Zustand trieb man uns über die Sturmbahn.
Ich legte mich prinzipiell nach wenigen Schritten hin, wenn ich die Gasmaske überstülpen musste; hier nutzten weder Gebrüll noch Drohungen. Jetzt merkte ich, dass auch andere diese Schikane an sich nicht duldeten, stattdessen die Schutzmaske, so der offizielle Begriff, hochstreiften und liegenblieben. Andere hingegen erlebten qualvolle Stunden.
Militärisch gesehen hat die beschriebene Duschtechnik natürlich Sinn; der Soldat soll sich unter der Dusche nicht entspannen wie ein Badegast, er soll immer gefechtsbereit sein. Man könnte zügiges Duschen ja ganz einfach bei der Instruktion anweisen.
Viele kamen aber auch mit den Barras-Weisheiten ihrer Väter aus der alten Wehrmachtzeit. Die meisten in der „Arbeiter- und Bauern-Armee“ kamen tatsächlich aus der Landwirtschaft oder der Industrie. In meiner Batterie (46 Mann an 6 Haubitzen) hatten nur zwei Soldaten einen Hochschulabschluss, ein Apothekersohn war diplomierter Meteorologe, und ein Fischwirt nannte sich zu Recht Diplom-Ichthyologe.
Es wurde natürlich auch regelmäßig von meist unqualifizierten Leuten Politunterricht abgehalten; diese „brillierten“ durch außerordentliche Blödheit, manchmal aber auch durch reine Mordhetze gegen die Bundeswehrsoldaten, die für mich damals achtenswerte deutsche Landsleute waren.
Eine dieser Veranstaltungen im Kultursaal einer Ueckermünder Gießerei ist mir noch deutlich in Erinnerung geblieben. Nach einer langweiligen Ansprache des Regimentskommandeurs wurde der Parteisekretär der Gießerei ans Rednerpult geführt. Er war ein völlig ungebildeter Arbeiter, dem man, um ihm seine Sprachhemmungen vor diesem großen Auditorium zu nehmen, reichlich Schnaps eingeflößt hatte. Dann setzte dieser Mensch zu einer Tirade an, die von „NATO-Schweinen“, „diesen Hunden“, „Kapitalistenschweinen“, „umlegen“ und „abknallen“ nur so strotzte.
Der Regimentskommandeur, der dem Grundtenor der Rede gewiss zustimmte, erkannte aber, dass es ein Fehler war, dem Mann so viel Schnaps gegeben zu haben. Er schritt persönlich an das Rednerpult heran, an dem der Mensch ungebremst weiter geiferte, und führte ihn nach hinten in die letzte Reihe des Präsidiums, nachdem er sein Regiment durch demonstratives Händeklatschen zum allgemeinen Applaus animiert hatte.
Wie sollte ich diesen hasstriefenden Stumpfsinn anderthalb Jahre lang überstehen, ohne psychischen Schaden zu nehmen?
Ich legte für mich fest, dass diese Zeit die Strafe für alle meine Torheiten sei, die ich bisher begangen hatte, nahm mir vor, im Rahmen der Möglichkeiten eine Waffenkenntnis und -beherrschung zu erlangen, die mich in einer späteren Auseinandersetzung mit dem System nicht hilf- und nutzlos herumstehen lassen sollte, etwa wie die ungarischen Aufständischen angesichts der Russenpanzer in den Straßen von Budapest. Pazifismus war für mich schon früher eher eine ästhetische als politische Haltung gewesen. Jetzt hatten sie’s geschafft; aus ästhetischer Distanz war, über furchtsame Abneigung, Feindschaft geworden. Dieses System musste bekämpft werden.
Mich verwunderte es nicht, dass diese Haltung zum SED-System auch bei anderen, Vertrauteren, anklang. Besonders deutlich wurde das, als nach dem Tonking-Zwischenfall echte Kriegsgefahr drohte und Leute, die sich nun besser kannten, mehr von ihrem wahren Denken preisgaben.
Der Abscheu vor diesem Kasernenhofdasein und die völlige Unmöglichkeit, davon wegzukommen, ließen bei mir große Sehnsucht nach Bruni aufkommen, die ja nun schon einige Monate mit unserem gemeinsamen Kind schwanger ging. Ich schrieb ihr auch fast täglich einen Brief.
Die Gefahr, potenzielle Gegner in den eigenen Reihen auch noch gut auszubilden, hatte die Militärführung der DDR erkannt. Besondere Kenntnisse und Eigenschaften, die über die Kasperei mit unserer Haubitze hinausgingen, wurden im AR 9 nicht vermittelt. Dennoch sollte jeder Artillerist einmal in seiner Dienstzeit eine scharfe Handgranate geworfen und sechs Schuss mit der Pistole Makarow abgegeben haben. Eines Tages stand gerade dieses an. Der Spieß ließ die Batterie antreten, verkündete die bevorstehende Ausbildung und ließ sofort die Kanoniere Müller und Spröter heraustreten, die sich umgehend zum Kartoffelschälen in der Regimentsküche melden sollten. Die restliche Batterie rückte ab, zum Handgranatenwerfen und Pistolenschießen.
*
Die Verpflegung der NVA-Soldaten war in den 60er Jahren entsprechend karg; draußen auf dem flachen Land herrschte ebenfalls noch Mangel an Lebensmitteln. Deshalb will ich nicht weiter darauf eingehen, will nur noch erwähnen, dass an drei oder vier Tagen der Woche das Mittagessen aus einem Eintopf bestand. Dieser enthielt Dörrgemüse und Kartoffeln, die pro Regimentskessel mit zwei Dutzend Dosen Schmalzfleisch à 500 Gramm abgeschmeckt waren. So betrug der Anteil von hochkalorischem Fett an einer Mahlzeit tatsächlich 15 Gramm.
Das Schälen – von immerhin zweieinhalb Zentnern Kartoffeln pro Tag – bestand darin, nur die „Augen“ aus den Kartoffeln zu polken, da sie von einer Raspelmaschine vorbehandelt waren. Bei diesem Dienst wurde ich einmal Zeuge einer kaum glaubhaften Unappetitlichkeit: Der Küchenchef, ein Oberfeldwebel (bei der Artillerie Oberwachtmeister) hatte ja täglich Ausgang, wohnte vielleicht sogar im Ort, kam eines Vormittags völlig betrunken in die Küche. Er rührte in dem zum Verzehr fast fertiggestellten Kessel mit Dörrgemüseeintopf herum. Dabei verlor er die Kontrolle über seinen Magen, übergab sich und spie seinen gesamten Mageninhalt in den Kessel und rührte weiter. Das nahm mir nicht nur den Appetit; diese Schweinerei betäubte sogar den Hunger. Die Soldaten, die bald darauf zum Mittagessen erschienen, haben aber klaglos den Kesselinhalt vertilgt.
Durfte ich an der Ausbildung an der Straßenkampf-Waffe auch nicht teilnehmen, so war ich doch bei Schießübungen mit der MP Kalaschnikow dabei. Da ich eine sichere Hand und ein gutes Auge besaß, hatte ich auch hervorragende Schießergebnisse, die mir die Schützenschnur einbrachten. Das Peinliche war allerdings, dass ich dieses Gebammel nun stets an der Ausgehuniform tragen und für 16,50 Mark von meinem Wehrsold, der 58 Mark im Monat betrug, selbst kaufen musste. Verweigern ging nicht, da diese „Auszeichnung“ im Wehrpass oder Soldbuch eingetragen wurde.
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Wochen später führte das Misstrauen gegen mich sogar zu Unruhe in der Batterieleitung. Ich wurde nämlich kurzerhand einem Kommando zugeteilt, das, mit 30 Schuss scharfer Munition in der Kalaschnikow, nahe am Todesstreifen aus einem Depot bei Potsdam alte sowjetische Trommel-MPs einsammeln sollte. Es ging wirklich weniger als zehn Meter an den äußeren Sperranlagen entlang – und ich trug eine scharfe Waffe. Ich erfuhr von dem „Anschiss“, den der Sicherheitsoffizier des Regiments unserem Batteriechef verpasste, von Spröter, der gerade GUvD (Gehilfe des Unteroffiziers vom Dienst) war. Das Depot befand sich auf dem Gelände einer Grenztruppeneinheit bei Potsdam. Die alten sowjetischen Trommel-MPs, die beim unvorsichtigen Aufsetzen schon manchem Soldaten das Gehirn durch die Schädeldecke geblasen haben, aber als unverwüstlich galten, waren noch fabrikneu und in Ölpapier eingewickelt. Angeblich sollten sie nach Ghana gehen. In dieser Grenzeinheit war natürlich auch die Verpflegung der Soldaten weit besser als in unserem „Kanonenfutter-Regiment“ AR 9 in Eggesin. In der Kantine der Grenztruppe servierte man an einem ganz gewöhnlichen Wochentag zum Mittagessen Eisbein mit Erbsenpüree und Weinsauerkraut dazu, als Dessert Vanillepudding mit Heidelbeersauce, aus einer modernen Küche, in einem sauberen Speiseraum, an gedeckten Tischen. Das Besondere dieses Menüs versteht nur der, welcher die Versorgungslage der DDR-Bevölkerung, draußen im Lande, in der Mitte der 60er Jahre noch kennt.
Krieg stand nicht bevor – NVA-Soldaten waren für die Existenz der DDR nicht nötig, anders die Grenztruppen, viele DDR-Bürger schauten noch immer lauernden Blicks auf die Grenzanlagen. So erklärt sich dem Betrachter die unterschiedliche Verpflegung dieser beiden militärischen Einheiten.
In dieser Grenzeinheit wurde ich aber auch Zeuge, wie ein Zivilist mit einem hohen Grenzoffizier über die Effektivität einer gerade angelieferten sperrigen Grenzschutzanlage debattierte, seine Arbeit lobte und in ihrer Wirkung pries. Der Mann war ein ansässiger Handwerker oder ein zivil angestellter Techniker, der seine handwerklich-technische Innovationskraft in den Dienst der Unfreiheit stellte, den eigenen Vorteil im Auge. Er stellte seinem Auftraggeber Grenztruppe beredt die schweren Verletzungen dar, die seine Anlage einem aus dem Gebiet der DDR kommenden Grenzverletzer zufügen würde. Und das nicht im Tone bedauernder Notwendigkeit, sondern freudiger Täterschaft.
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Im Hochsommer 1964 rückten wir zu einer „Russenjagd“ aus, jeder mit zwei Magazinen, ergo 60 Schuss. Ein sowjetischer Soldat hatte die viehische Behandlung und die Sehnsucht nach der Heimat nicht mehr ausgehalten, war voll aufmunitioniert ausgerückt und in den uckermärkischen Wäldern untergetaucht.
Der Spieß warnte vor der Aggressivität des Russen, der hätte nichts mehr zu verlieren und würde sich den Weg gnadenlos freischießen. Wir sollten also keine Schießerei anfangen, nur wenn wir angegriffen würden, mit Dauerfeuer antworten. Noch besser wäre es, falls wir den Schlupfwinkel des Russen gefunden hätten, Meldung zu machen. Die Sowjetarmee habe dazu eigene Einheiten, weil es dort oft zu derartigen „Vorkommnissen“ käme.
Da ist also einer in der gleichen Lage wie ich, nur noch verzweifelter, aber auch couragierter, weil naiver. Den sollte ich nun helfen, ums Leben zu bringen. Noch immer die Unbesiegbarkeit der Sowjetarmee im Hinterkopf, fragte ich mich nun, wie dieses System funktionierte. Denn die einzigen realen Feinde, die ein Sowjetsoldat (oder einer der NVA) in seinem bisherigen Leben kennengelernt hatte, waren die eigenen Vorgesetzten. Imperialisten, Kapitalisten, Faschisten oder gar NATO-Soldaten waren hingegen leere Worte.
Der Mensch entwickelte im Lauf der Zeit bedeutende Neuerungen; Nutzung des Feuers, das Rad, die Polis und die Gesetze, bis hin zur Relativitätstheorie und der Kernspaltung. In dem Vierteljahrtausend zwischen der Aufklärungsepoche, in der Friedrich II. „der Große“ forderte, daß der „Kerl“ (der Soldat) seinen Offizier mehr fürchten solle als den Feind, und dem Ende des „Kalten Krieges“ legte die Evolution des menschlichen Gehirns eine Pause ein, die dann zu jenem Irrsinn, wie man ihn bei den Massenheeren des 20. Jahrhunderts erlebte, führte.
Zwei Tage später kam Entwarnung; die sowjetischen Menschenjäger hatten den Deserteur liquidiert.
Herbstmanöver
Im September fand das alljährliche Herbstmanöver statt. Das AR 9 war jetzt mit seinem veralteten Kriegsgerät mehrere Wochen lang im Militärbezirk 5 der Warschauer Vertragsstaaten auf allen dortigen Truppenübungsplätzen unterwegs. Dieser Militärbezirk 5 umfasste die heutigen Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin und den Norden des Bezirkes Magdeburg mit der Altmark und der Letzlinger Heide.
In den ersten Tagen fuhr auf unserem LKW, der auch die Haubitze zog, ein Reserveoffizier mit; ich habe ihn sofort als Stasi-Spitzel erkannt, obwohl er sich als Oberschullehrer ausgab. Er versuchte ständig, mit banalsten Fragen die Soldaten über Lebensumstände und -haltungen auszuhorchen. Irgendwie kam die Rede auf hohe Lottogewinne und deren Verwendung. Ich saß bisher schweigend dabei, nun platzte ich aber heraus: „Ich würde die 300.000 Mark dem Staat schenken und mir die Freiheit erkaufen!“ – „Wie meinen Sie das, Genosse!?“ – „Mit Freiheit, meine ich nur, weg von der NVA!“, sagte ich in festem Ton. Der Mann war völlig verdattert, sagte kein Wort mehr. Er wechselte beim nächsten Halt auf einen anderen LKW unserer Batterie.
Es erschienen im Manövergelände in der Letzlinger Heide auch einige Zivilisten, offensichtlich SED-Bonzen von der Bezirksleitung Magdeburg, die sich martialisch angehost hatten. Sie trugen Schaftstiefel und Reithosen zu Ziviljackets, die allerdings mit Orden behängt waren. Diese Leute gaben in der Tat ein kurioses Bild ab … Bei dem Manöver wurde möglichst realistisch Krieg gespielt. Andernorts drohte der Kalte Krieg heiß zu werden. – Der Vietnam-Krieg eskalierte nach dem Tonking-Zwischenfall, was im Feldoffizierscourps des AR 9 zu freudiger Aufregung führte. Noch höre ich die aufgeregte Stimme von Unterleutnant Karpow, der es kaum noch erwarten konnte: „Genossen, jede Menge Karl-Heinze (damit waren die Sowjetsoldaten gemeint) haben sich freiwillig gemeldet. Vielleicht können wir uns auch bald in die Freiwilligenlisten eintragen lassen!“
In der Letzlinger Heide, dem größten und westlichsten Truppenübungsplatz der DDR, lagen plötzlich Flugblätter herum: bunte Reklamebilder aus der Konsumwelt des Westens, primitive Elogen von Deserteuren der Grenztruppen über ihre Mallorca-Aufenthalte, Pin-up-Girls, aber auch seriöse Auflistungen vom Statistischen Bundesamt, den hohen Lebensstandard der Arbeiterklasse in der BRD betreffend.
Sofort brüllten die Batterieoffiziere: „Feindliche Flugblätter, liegen lassen, nicht lesen!“ Jeder nahm sie natürlich in die Hand und überflog sie, mancher steckte sich auch eines ein. Nach einem eiligen Stellungswechsel trat der Batteriechef vor seine Truppe und sprach: „Wer trotz des Verbots ein Flugblatt eingesteckt hat, bekommt nun die Möglichkeit, es straflos abzugeben. Wer danach noch mit einem dieser Flugblätter erwischt wird, kommt wegen Wehrkraftzersetzung vor den Militärstaatsanwalt!“
Der Unterleutnant Mölschareck, genannt „Mölli“, schmierte sich dann an mich heran und sagte: „Die Weiber in den Casinos waren toll, was?“ – „Habe ich übersehen“, war meine Antwort. „Aber ich habe eine hochinteressante Publikation vom Statistischen Bundesamt gefunden, natürlich sofort wieder weggeschmissen. Die Zahlen sind aber nun leider in meinem Kellnergehirn gespeichert.“
Es gab aber auch hoffnungsvolle Erlebnisse bei diesem Herbstmanöver. Wir waren nicht nur per LKW unterwegs, es wurden auch die Verladung und der Transport per Schiene geübt. Beim Entladen in der märkischen Kleinstadt Rathenow machte ein Ehepaar mit seinen zwei Söhnen einen Abendspaziergang. Von den Knaben war der eine etwa fünf, der andere um die 14 Jahre alt. Der kleinere, am Straßenrand gehend, winkte den Soldaten fröhlich zu, wie er es im Kindergarten gelernt hatte, doch der größere Junge drückte die Hand seines kleinen Bruders nach unten und zog ihn zwischen sich und die Eltern. Eine harmlose Widerstandsgeste gegen den Militarismus, die mir aber durch die Geistesverbundenheit, die sie ausdrückte, ein Gefühl der Zuversicht und des Trostes gab.
*
Nach dem Herbstmanöver, in den ersten Oktobertagen, kamen ein paar Neue in das AR 9, einer auch in unsere Batterie. Sie alle hatten die ersten Monate ihrer Dienstzeit bei den Grenztruppen absolviert und waren bei der Überprüfung zum eigentlichen Grenzstreifendienst als unzuverlässig eingestuft und zu den Feldtruppen versetzt worden, wo sie nun das letzte Jahr des Grundwehrdienstes vertrödeln mussten. Unser Neuer hatte einfach seinen Dienst leger und ohne Engagement ausgeführt, ja in harmlosen Gesten und Worten Unlust durchblicken lassen. Er ließ sich durch Drohungen auch nicht zu einer lustvolleren Dienstdurchführung drängen. Hierbei war allerdings auch Vorsicht geboten, denn wer in dem, was er sagte, Feindschaft gegenüber den bewaffneten Organen erkennen ließ, wurde auch als Feind behandelt. Um ihn kümmerte sich der Militärstaatsanwalt. Es war aber, wie ich bald merkte, relativ einfach, von den Grenztruppen wegzukommen.
Ernteeinsatz
Wenige Tage später begann für unsere Batterie der Ernteeinsatz; „Ernteschlacht“ hieß es im SED-Jargon. Auf den Ladeflächen unserer H5 fuhren wir in Richtung Westen, nach Bodin, zu einer alten Junkerklitsche mit verrottetem Herrenhaus, Katenreihen und zahlreichen Vorwerken. Die Gemeinde nahm fast die gesamte Fläche zwischen den mecklenburgischen Kleinstädten Gnoien und Teterow ein.
Wir wurden alle in einer Schulbaracke einquartiert. Das Dorf machte einen äußerst traurigen Eindruck, war aber erstaunlicherweise von einer Vielzahl hübscher Mädchen bevölkert, während die jungen Männer ziemlich dumpfe Typen waren. Das Dorf hatte also eine Blutauffrischung dringend nötig.
Die Feldarbeit machte wenig Mühe, wurde von uns auch nicht mit sonderlicher Vehemenz betrieben, da die Vergütung geradezu lächerlich war. Die Verpflegung war aber gut, so dass für die Abende mit den jungen Frauen viel Zeit, Kraft und Muße vorhanden war.
Ich hatte in dieser galanten Frage besonders Glück, traf in Groß Lunow, einem der vielen Vorwerke der Gemeinde, auf Gisela, die bei ihren Eltern eine Auszeit von ihrer unglücklichen Ehe im brandenburgischen Havelberg nahm und besonderer Tröstung bedurfte. Wir beide erkannten uns sofort als passende Partner, hatten jeweils geraume Zeit Abstinenz in der Liebe geübt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Gisela gehörte nicht nur zu den Hübschesten im Dorfe, sie war mit Abstand die Erfahrenste in der Liebe hier. Wir hatten zwar die NVA-Ausgehuniform bei uns, mussten sie aber nach der Feldarbeit nicht tragen, waren vielmehr in dem eher martialischen, an Arbeitskleidung erinnernden Drillich unterwegs, was unser Wohlgefühl, jedenfalls meines, erheblich steigerte.
*
Die richtig widerlichen Unteroffiziere, die man oft in Nazi- und Antikriegsfilmen sieht und die es, wie ich erfahren habe, auch in anderen NVA-Einheiten gab, hatten wir in unserer Batterie nicht. Von den drei Offizieren der Batterie waren zwei jedoch ausgesprochene Widerlinge. Der eine, der Mecklenburger Ultn. Karpow, war das geringere Problem wegen seiner Dummheit. Eine zackige Meldung unter lautem Gebrüll, ganz gleich, was man brüllte, konnte seiner Bosheit relativ leicht die Spitze nehmen. Anders der Ultn. „Mölli“, der eine pfiffige Dresdner Vorstadtpflanze war, den einige Dresdner Rekruten aus anderen Batterien, noch von früher als „Rummelplatz-Stenz“ kannten. Diesem Widerling war mein Techtelmechtel in den Heuschobern des Vorwerks Groß Lunow selbstverständlich nicht verborgen geblieben. Neid und Niedertracht veranlassten diesen Menschen, an Wochenenden und bei Dorffesten mit Vorliebe, ja eigentlich ausschließlich, mich zum Wachdienst einzuteilen. Ich musste dann mit zwei anderen im Vier-Stunden-Rhythmus das Kriegsgerät mit den Fahrzeugen und die Baracke, mit 30 Schuss in meiner Kalaschnikow, bewachen.
Ich hatte von 0.00 Uhr bis 4.00 Uhr Wachdienst. Die Oktobernacht war lau, der Wind säuselte im Laub der Bäume. In der Ferne lärmten die Zecher vorm Dorfkrug und kreischten die Mädchen.
Wer kam gegen 1.00 Uhr, als der Lärm schon etwas abgeebbt war, von Bier und Schnaps schwankend, mit einer Dörflerin im Arm, heran? Es war der Ultn. „Mölli“. Ich hatte die Kalaschnikow in der Hüfte in Anschlag, der Trageriemen spannte sich straff über der Schulter. Mölli steuerte auf den ersten unserer LKWs zu. Ich sagte laut: „Halt, wer da?!“
„Kanonier Müller, machen Sie sich aus dem Weg!“, schnauzte Mölli. „Sie sind betrunken, Genosse Unterleutnant“, sagte ich in moderatem Ton und blieb stehen. „Aus dem Weg, sag’ ich!“, geiferte Mölli mit einem Griff zur Pistolentasche. Ich hatte bei der Eskalation des Dialogs mit Mölli die Knarre schon entsichert, nun rasselte ich mit dem Ladehebel. Das wiederum ist ein so bedrohliches Geräusch, dass selbst kühne Revolutionäre schon zur Besinnung gekommen sind.
Mölli nahm sofort die Hand von der Pistole, wurde ganz klein und verhandlungsbereit, stotterte Unverständliches. Ich ging bis auf Flüsterdistanz auf ihn zu und sagte leise: „Genosse Unterleutnant, von mir aus fahren Sie los, ich will Ihnen den Abend nicht verderben, aber Sie wissen ja, Befehl ist Befehl, und ein Wachtvergehen führt schnell nach Torgelow, Sie drohen ja ständig damit.“ Sodann ging ich beiseite. Mölli und seine verängstigte Braut kletterten in das Führerhaus des H5 (Vorläufer des sowjetischen Militär-LKWs Ural); er fand mühselig das Zündschloss, dann fuhr er los.
Nach kurzer Zeit, kaum eine halbe Stunde war vergangen, da war Mölli mit dem H5 wieder da. Der Suff, oder der Schreck, den ich ihm eingejagt hatte, ließen bei ihm ein intensives Schäferstündchen wohl nicht zu. Mölli kam ängstlich auf mich zu, fragte furchtsam: „Haben Sie die Waffe schon wieder entladen? Wenn das Magazin beim Wachwechsel nicht vollzählig ist, haben wir ein Vorkommnis in der Batterie, da wird vielleicht sogar der Einsatz in Bodin abgebrochen.“ Das aber wollten wir beide nicht. Ich sagte leutselig: „Genosse Unterleutnant, ich bin doch ein Virtuose auf dieser Balalaika, hatte nicht ganz durchgezogen, als Sie zur Pistole griffen und gleich wieder losließen.“
Mölli salutierte und sprach: „Na dann ist es ja gut. Gute Nacht, und vergessen Sie’s!“ Er verschwand, kaum noch torkelnd, in seiner Barackenunterkunft.
*
Wieder auf dem Feld, ereilte uns wenige Tage später die Nachricht vom Sturz Chrustschows. Wir waren sehr erstaunt, begriffen jedoch nicht die Dramatik der Ereignisse im Kreml, hatten auch anderes zu tun. Die Mädels waren uns zugetan, und Gisela freute sich ganz besonders, als ich, mit einem Abend Unterbrechung, wieder zum Tête-à-tête in unserem vertrauten Heuschober eintraf.
Da mir Bruni, die nun schon im siebten Monat schwanger war, auf meine sehnsuchtsvollen Liebesbeteuerungen nichts Besseres mitzuteilen wusste, als dass sie sich mit einem Jugendfreund, den sie wiedergetroffen hatte, zusammengetan habe und ich sie nicht mehr besuchen solle, betrachtete ich Gisela in Groß Lunow in noch günstigerem Lichte. Sie war in meinem tristen Zwangsrekrutendasein ein strahlender Stern der Sinnlichkeit. Aber Gisela war wie alle Weiber, treibt sich mit mir 14 Tage lang in der Fremde im Heu herum, wälzt sich von einem Orgasmus in den nächsten, teilt mir Wochen auf meine Rendezvousgesuche lapidar mit, sie habe sich wieder mit ihrem Mann versöhnt.
*
Bei der NVA gab es damals 21 Tage Urlaub während der ersten 18 Monate Grundwehrdienst. Diese sollten alle sechs Monate zu je sieben Tagen genommen werden. Für brave Soldaten gab es noch jede Menge Sonderurlaube und Ausgänge über Nacht und Wochenendurlaube, jedoch immer in dieser schrecklichen Ausgehuniform. In der dritten Oktoberdekade bekam ich meinen Halbjahresurlaub von sieben Tagen.
Ich nahm am ersten Urlaubstag den Mittagszug (die anderen Urlauber waren schon am Vortag nach Dienstschluss gegen 20.00 Uhr gefahren), weil der um 22.06 Uhr in Dresden ankommen würde und ich mich dann, ungesehen von den Dresdnern, durch den Großen Garten in die Winterbergstraße schleichen konnte.
Zu Hause – sofort die Uniform vom Leibe gerissen und zivile Klamotten aus dem Schrank geholt. Das war zwar verboten, da es aber alle so taten, war es kaum zu kontrollieren und ergo auch nicht zu verfolgen.
Natürlich besuchte ich am nächsten Tag sofort Bruni auf ihrer Arbeitsstelle, wo sie die letzten Tage noch im Büro tätig war. Sie hatte aber eine Lebensentscheidung getroffen; alle meine Beteuerungen verfehlten ihre Wirkung. Ich brachte sie noch nach Hause, in das bescheidene Häuschen ihrer Eltern. Viele Frauen werden in der Schwangerschaft unförmig, anders Bruni, sie wurde immer schöner – wie eine Madonna.
Letztmalig umarmten wir uns und vergossen zwei oder drei Tränen.
Um nicht in Gruna gesehen zu werden, trieb ich mich in den nächsten fünf Tagen in der Umgebung Dresdens herum oder ging an der Peripherie der Stadt ins Kino. Vater hatte nämlich jedem, der nach mir fragte, gesagt: „Der sitzt.“ Im Knast sitzen galt bei vielen Arbeitern, von denen einige schon zwei Kriege miterlebt hatten, als ehrenvoller denn in dieser Armee zu dienen.
Am Sonntagmorgen vor 4.00 Uhr schlich ich mich wieder in meiner NVA-Uniform aus dem Haus, die Winterbergstraße entlang, durch den Großen Garten und nahm den ersten Zug in Richtung Norden. Als ich am späten Nachmittag in der Kaserne eintraf, herrschte Staunen am Kontrollpunkt; die anderen erschienen erst am nächsten Tag gegen 7.00 Uhr zum Dienstantritt.
Regimentsbibliothekar
Der trübe November war nun da, die Neuen, „Spritzer“ genannt, trafen in der Kaserne ein. Der Stumpfsinn sollte für mich noch ein ganzes Jahr währen. Ich besuchte daher oft die Regimentsbibliothek, die neben Agitationsliteratur in Sachbuch- und belletristischer Form auch eine Fülle von Klassikern, in- und ausländische Autoren in ihren Regalen stehen hatte. Ebenfalls standen Lexika und Sachbücher militärischen, naturwissenschaftlichen und künstlerischen Inhalts dort zur Einsicht und Ausleihe bereit.
Eines Tages, Anfang November, sprach mich der Politoffizier des AR 9 ebendort an: „Genosse Kanonier, ich sehe Sie oft hier, trauen Sie sich zu, die Bibliothek zu leiten?“ – „Natürlich kann ich das!“ Er griff ins Regal und holte ein Buch heraus mit dem Titel „Der Tod heißt Engelchen.“ Er fragte: „Haben Sie das gelesen?“ Ich sagte: „Ja, natürlich!“ „Es heißt: Ja, Genosse Oberstleutnant!“, verbesserte er mich. Ich hatte das Machwerk freilich nicht gelesen, aber die Verfilmung gesehen. Dann ließ er mich eine knappe Inhaltsangabe machen und sprach: „Gut, ich werde mit Ihrem Batteriechef reden, wenn der nichts dagegen hat, sind Sie ab übermorgen hier Regimentsbibliothekar!“
Die meisten Soldaten hielten es nicht für möglich, doch der Stabschef, Major Kaspar, hatte sich mit seiner unförmigen Gattin, die sonst hier Bibliothekarin war, geschlechtlich vereinigt und sie dabei geschwängert, so dass sie für die nächste Zeit pausieren musste.
Zwei Tage später schritt ich nach Frühsport und Frühstück in die Regimentsbibliothek. Hier übergab mir die Gattin des Stabschefs die Schlüssel für die Räume; ich übernahm die Leser- und die Bücherkartei sowie eine Kiste mit den geheimen Gefechts-Dienstvorschriften, die ich bei jedem Gefechtsalarm zum Führungsfahrzeug des Regiments zu tragen hatte. Deren Verwahrung und Übergabe bei Alarm war nun meine einzige militärische Aufgabe.
Vergeblich versuchte ich an der Frau des Majors die Schwangerschaft zu entdecken, musste einfach glauben, was mir gesagt worden war. Den gesegneten Leib, mit dem Bruni mein Kind unter dem Herzen trug, vermisste ich bei der Stabschefsgattin gänzlich.
Nachdem ich die Leser-Karteikästen in eine alphabetische Ordnung gebracht hatte, worüber der Vormittag vergangen war, kamen zur Mittagspause die ersten Leser, brachten Bücher zurück und wählten neue aus. Hin und wieder holte ein Leser meinen Rat ein. Nach Dienstschluss füllte sich der Raum, so dass ich richtig zu tun bekam.
Zwischendurch machte ich mich daran, die zahllosen noch nicht erfassten Bücher, die meine Vorgängerin noch nicht einmal ausgepackt hatte, und die in hohen Stapeln in einem Nebenraum lagerten, aufzunehmen und in die Bücherkartei einzutragen. Nachdem ich den Ausleihzettel in den Vorsatz geklebt hatte, ordnete ich die Bücher in die Regale ein. Es war eine angenehme und leichte Arbeit, die ich durch meine pfiffige Antwort an den Politnik ergattert hatte. Zudem interessant – viele Karten der Leserkartei gingen zurück bis ins Gründungsjahr der Schule der Kasernierten Volkspolizei in Eggesin im Jahre 1951. Auf den Karten waren Name, Geburtsdatum, Dienstgrad, Einheit und Beruf angegeben. Es erstaunte mich schon sehr, dass bei den meisten Offizieren als Bezeichnung des Berufs „ohne“ stand. Erst die jüngeren Offiziere waren angehalten worden, „Offizier der NVA“ als Berufsbezeichnung anzugeben.
Bis kurz vor Weihnachten benötigte ich, um die druckfrisch gelieferten Bücher zu erfassen und Ordnung in die Bibliothek zu bringen.
Es war Anweisung, die Hauptwerke des Marxismus-Leninismus alle zehn Jahre zu erneuern, also die Exemplare auszuwechseln. Das waren: Marx/Engels „Gesammelte Werke in 18 Bänden“ und W. I. Lenin „Werke in 24 Bänden“. Die neuen Exemplare auszupacken, hatte meine Vorgängerin mir überlassen, aber auch, die alten zu entsorgen.
Alt? Laut eingeklebter Leihzettel hatte seit 1951 noch nicht einer diese herrlichen, in blauem und braunem Leder gebundenen und mit Goldschrift versehenen Bände in der Hand gehabt, die sollten nun ins Altpapier!
Heute sind diese Bände ein Vermögen wert, mancher Bourgeois schmückte gern für viel Geld damit sein Arbeitszimmer, quasi als Trophäe. Allerdings wiegen alle 42 Bände knapp zwei Zentner; solche Lasten kann man nicht einfach mit der Feldpost nach Hause schicken.
Ich schaute aber doch in meinen Mußestunden in die Marx-Engels-Bände, besonders das Frühwerk, intensiv hinein. Hochinteressant waren vor allem Marxens Gedanken zum Krimkrieg und zur Olmützer Vereinbarung, die für den historisch Interessierten eine wahre Fundgrube darstellten.
Die alten Bände wanderten ins Altpapier, und die neue Ausgabe von 1962 stand in den Regalen; ich verwaltete nun tatsächlich eine ordentliche Bücherei.
Nach wie vor aber sah ich meinen Dienst bei der NVA als Strafe des Schicksals an. Vor Weihnachten fragte mich der Spieß, ob ich über die Feiertage oder über den Jahreswechsel in Urlaub fahren wolle. „Ich fahre nicht in Urlaub!“, entgegnete ich.
Irgendwann hat der Spieß das wohl dem Batteriechef erzählt, und der sprach mich eines Tages unter vier Augen darauf an. Ich muss nochmal erwähnen, dass von den drei Offizieren der Batterie nur die beiden Unterleutnants Widerlinge waren; Oberleutnant Strohbusch war ein 28-jähriger, stuckiger Mann, der auf seine Art um Gerechtigkeit und Harmonie bemüht war. Er ertränkte aber die Tristesse seines Daseins oft im Alkohol, wie man sagte und wie ich nach meiner heutigen Kenntnis, wenn ich mir seine Physiognomie ins Gedächtnis rufe, auch sagen würde.
Er fragte mich nun, fast sanft, warum ich nicht mal raus wolle. Ich dachte: ‚Dem sagst du’s.‘ – „Ich schäme mich, Genosse Oberleutnant; wir sind eine alte Arbeiterfamilie, waren immer gegen’s Militär. Mein Vater erzählt jedem, der nach mir fragt, ich wäre im Knast. Da kann ich nicht einfach in Uniform aufkreuzen.“
Der Batteriechef hätte nun mit der „Armee der bewaffneten Arbeiter und Bauern“, die die NVA ja sein sollte, argumentieren können. Er sagte aber nur: „Ja, wenn das so ist, dann bleiben Sie eben da!“
Es wurde ein trauriges Weihnachten, so richtig für einen gemacht, der seine Feindschaft gegen das System schärfen will. Obendrein war es gesund: Ohne fettes Geflügel und ohne Alkohol, der für mich immer Genuss bedeutete, kein Mittel war, um Tiefpunkte zu verdrängen. Allerdings habe ich in dieser Zeit meine erste Zigarette geraucht.
An diesen Weihnachtstagen sah ich natürlich oft im Gemeinschaftsraum der Kaserne, in Traurigkeit und Vereinsamung, das DDR-Fernsehen. Die Programmgestalter aus Adlershof hatten sich am Nachmittag des Heiligabends etwas besonders Weihnachtliches ausgedacht. Man strahlte einen sowjetischen Propagandafilm aus, der die Stärke und Zerstörungskraft der Nuklearwaffen der Sowjetarmee zeigte. Hier verbrannten angepflockte Tiere in Sekundenschnelle zu Asche, und Nuklearstürme fegten ganze Landstriche mit Bäumen, Gebäuden und Fahrzeugen hinweg. Nie wieder in der Zeit des „Kalten Krieges“ zeigte man solche schrecklichen Bilder wie an diesem Weihnachten des Jahres 1964.
In den ersten Januartagen des Jahres 1965 teilte mir das Dresdner Jugendamt mit, dass Bruni am 21. Dezember 1964 mit einem Knaben niedergekommen war. Nebenbei hatte sich die NVA verpflichtet, die fälligen Alimente von 40 Mark monatlich für den wehrpflichtigen Vater des Kindes zu übernehmen.
Frühjahrsmanöver
Der Winter war noch nicht vorüber, da begann im März 1965 das große Frühjahrsmanöver. Nach dem ersten Ton des Regimentsalarms schnappte ich meine Kiste mit den geheimen Gefechts-DVs und schleppte sie zum Führungsfahrzeug des Regiments. Anschließend musste ich um eine andere Kiste bemüht sein, die Spirituosen und Kaffee enthielt, aber genauso geheimnisumwittert war.
In einem weiteren Fahrzeug der Führungsgruppe fuhr ich dann, quasi als Stabsordonnanz, durch den Militärbezirk 5 und besuchte alle Feldherrnhügel daselbst.
Besonders martialisch ging es auf dem Feldherrenhügel zu, auf dem Generaloberst Stechbarth sein Zelt hatte aufstellen lassen. Unser Regimentskommandeur, Oberstleutnant Meyer in Eggesin, ein Gott, stand hier stumm wie ein Lakai herum, durfte erst seine Meldung brüllen, wenn er gefragt wurde. Unaufgefordert huschten immer mal Kuriere durch das Zelt, trugen Papierstreifen in der Hand, auf denen zweifellos wichtige Meldungen standen.
Plötzlich brüllte der Oberkommandierende los wie Agamemnon, als der von der Weissagung des Kalchas betreffs seiner Tochter Iphigenie hörte: „Man muss sich ja regelrecht schämen als deutscher Soldat; da gehen die Amis in sechs Stunden über die eisführende Donau, und diese Lahmärsche“ – er meinte die Pioniertruppen der NVA – „brauchen fast einen ganzen Tag für die pisswarme Elbe!“ Als wolle er den Zorn seines Herrn beschwichtigen, kam ein Hauptmann an mich heran und zischte mir zu: „Sofort Tee für den Generaloberst und eine Runde Wodka für die Genossen Stabsoffiziere!“
Ich warf sofort den Teesieder an, der wohl durch einen Feldgenerator mit Strom versorgt wurde, stellte die Tasse mit Teebeutel und acht Gläser auf ein Aluminiumtablett, wie es bis zum Ende der DDR auch in den HO-Gaststätten verwendet wurde, steckte den Spirituosenausgießer auf die 500 ml fassende Wodkaflasche und wartete kurze Zeit, bis das Teewasser kochte. Dann goss ich den Tee auf, balancierte das Tablett mit Tasse und den acht Wodkagläsern auf drei Fingern der linken Hand nach oben, fasste die Wodkaflasche zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten, schritt auf den Feldherrntisch zu und riss die Wodkaflasche, wie ich es oft bei Monsieur Vernon im „Berghof Zschertnitz“ gesehen hatte, zwischen den beiden Fingern nach oben, wobei der Wodkastrahl genau ein einzelnes Glas traf und es mit abgemessenen 60 ml füllte. Spitze der Servierkunst: Nun setzte ich die Flasche nicht etwa ab, um das nächste Glas zu füllen, sondern führte die ausgestreckte Hand mit der Flasche ruckartig nach unten und führte sie gleichzeitig, wenn sich der Wodka in der Schwerelosigkeit befand und daher nicht mehr austrat, über das nächste Wodkaglas, wo die Schankprozedur aufs Neue begann.
Als alle Gläser gefüllt waren, klemmte ich die fast leere Wodkaflasche – sie enthielt einen Rest von 20 ml – zwischen die freien Mittel- und Ringfinger der linken Hand unter dem Tablett und servierte dem staunenden Feldherrn mit der nun wieder freien rechten Hand seinen Tee. Dann reichte ich das Tablett mit dem Wodka in die Runde der Stabsoffiziere. In dem Feldherrnzelt herrschte während meiner Prozedur mit der Wodkaflasche gespannte Aufmerksamkeit; solche Eleganz und Perfektion waren diese Leute in ihren Trinkstuben bisher nicht gewohnt.
*
Zum Militärbezirk 5 gehörten auch die ausschließlich von den Sowjettruppen genutzten Übungsplätze im Norden der DDR. Die Stäbe und Führungszüge der NVA-Regimenter waren jedoch mitunter dort auch präsent. Wir besuchten in der Nähe von Wittenberge einen solchen Truppenübungsplatz, wo ich ein höchst unappetitliches Erlebnis hatte, das ich, der Vollkommenheit meiner Erinnerungen halber, erzählen will, obwohl ich in meinen Kindheitserinnerungen, aus den desolaten Jahren nach dem Krieg, versprochen hatte, keine Fäkalienepisoden mehr zu Papier zu bringen. Das große Interesse an meinen Lebenserinnerungen, die ja nun zeitlich die Kindheit weit hinter sich gelassen haben, zwingt mich aber, das Folgende zu erzählen.
Die Führungsabteilung des Regiments hatte auch ein Küchenzelt für die Beköstigung des Stabes errichtet. Hier trieb ich mich herum, weil von deren Fahrzeug meine Schnapskiste und meine Person transportiert wurden. Wo gekocht und gegessen wird, müssen auch die durch die Verdauung entstehenden, mit Kolibakterien versetzten Stoffwechselprodukte möglichst hygienisch ausgeschieden werden.
Das geschah auf deutschen Truppenübungsplätzen und in Feldstellungen des Heeres auf zu diesem Zweck errichteten Latrinen, deren Aufstellung und Betrieb in der Dienstvorschrift DVA052/1/005 genauestens geregelt war. In diesen Einrichtungen, manche sogar überdacht, hatte, wenn schon nicht Häuslichkeit, so doch Hygiene zu herrschen, um die Gefahren des Krieges nicht auch noch durch Sepsis zu erhöhen. Im Trommelfeuer und beim Sturmangriff beherrschen viele Soldaten ihren Schließmuskel nicht mehr, so dass bei Verletzungen, die im Kampf ja nicht ausbleiben, leicht Darminhalt aus dem Hoseninneren in offene Wunden gelangen kann, was Feldärzten und Armeeführung schon seit Generationen große Sorgen bereitete. Deshalb war der Latrinengang vor dem Kampfeinsatz obligatorisch im deutschen Kriegswesen.
Russische Kriegsführung, überhaupt russisches oder sowjetisches Militär, kennt solche Vorsorge um das Menschenmaterial nicht. Latrinen im oben beschriebenen Sinne gab es hier also nicht, aber eines ihrer Scheißhäuser stand einsam im Walde.
Ich musste nun dringend dorthin. Das einsame Haus, eigentlich nur eine Laube, hatte die Tür nur angelehnt, hatte auch keine Verriegelung. Im Innern befand sich ein Loch, das in einem ungehobelten Bretterboden war. Da viele der sowjetischen Genossen das Loch mit ihren Ausscheidungen nicht getroffen hatten, war die Umgebung des Loches, eigentlich die gesamte Hütte, mit Kot beschmiert, in den ich mit meinem Kampfstiefel, im Jargon „Knobelbecher“ genannt, nicht hineintreten wollte. Ich entdeckte aber an der Innenseite der Tür eine Lederschlaufe, die ich als Haltegriff ansah. Also, Kampfanzug runter, mit den Stiefeln auf die Türschwelle getreten, den Haltegriff erfasst und den bloßen Hintern langsam in die Nähe des Loches gesenkt.
Die Lederschlaufe war aber nur zum Ausbalancieren beim Stuhlgang gedacht. Als die Schlaufe nun mein ganzes Körpergewicht zu tragen hatte, riss sie aus der Befestigung und ich krachte mit dem nackten Hintern in die Scheiße.
Ich hangelte mich wieder nach oben, hatte zum Glück eine ganze Rolle Toilettenpapier bei mir, mit der ich mir nun um den beschmutzten Unterleib quasi eine Toilettenpapierunterhose wickelte. Nun Kampfanzug wieder hoch, ins Küchenzelt gegangen und dem Koch mein Malheur erzählt. Der Koch stellte mir eine Schüssel mit heißem Wasser in das Zelt, in der ich mich nun, mittlerweile splitternackt ausgezogen, mit einem Stapel Küchenhandtücher säuberte. Ich bemerkte noch, als ich frisch gewaschen das schmutzige Wasser in den Wald kippte, wie der Koch ungerührt die dreckigen Handtücher in den Wäschesack warf.
Im Verteidigungsministerium
Ende April 1965, das zweite Halbjahr des Grundwehrdienstes war fast herum, mahnte mich der Spieß, ich solle meinen Urlaub einreichen.
Mein Batteriechef und ich kamen aber zu der Übereinkunft, dass ich die sieben Tage Urlaub, die nun für mich anstanden, an meinen Resturlaub vor der Entlassung anhängen könne. Dieser Geniestreich machte mich zum Zeugen eines welthistorischen Ereignisses. Ein oder zwei Tage später, es müsste der 21. oder 22. April gewesen sein, bekam ich einen Marschbefehl nach Strausberg. zum Ministerium für Verteidigung der DDR; sollte mich dort bei einem Hauptmann so und so melden.
Als ich in Strausberg ankam, stellte sich heraus, dass der Hauptmann so und so für die Ausrichtung von Empfängen und Feierlichkeiten in den Gebäuden des Ministeriums und den umliegenden Gästehäusern zuständig war. Ich sollte, mit drei weiteren Abkommandierten, die alle als Berufsbezeichnung „Kellner“ angegeben hatten, als Ordonnanz bei einer Reihe von Staatsempfängen und Feierlichkeiten mitwirken, deren Durchführung bis zum 8. Mai 1965, dem 20. Jahrestag der Befreiung, geplant war.
Zuerst trieb der Hauptmann zur Eile. Wir wurden in einer Baracke in der Nähe jenes stalinistischen Kulturhauses, das an eine Akropolis erinnern sollte, einquartiert. Dann verkündete der Hauptmann, dass in wenigen Tagen eine hochrangige indonesische Militärdelegation eintrifft, zu deren Bedienung wir vorrangig eingeteilt wären. Dazu wurden als Erstes aus einem auf dem Ministeriumsgelände befindlichen Magazin Konserven, Getränke, aber auch Geschirrteile in die Fest- und Tagungsräume transportiert.
Es war das Jahr 1965, in der DDR-Provinz herrschte noch das Kundenkartensystem. Das Magazin war auch keineswegs überfüllt, viele Regale standen halbleer. Ich bemerkte, wie sich die anderen Abkommandierten die eine oder andere Dose Ananas oder Ölsardinen in die Taschen steckten, was damals ausgesprochene Delikatessen waren. Der Hauptmann schien das aber geflissentlich zu übersehen.
Ich entdeckte zwei Flaschen Beaujolais in einem ansonsten völlig leeren Regal. Beaujolais rangierte damals, noch vor sowjetischem Sekt, als höchste Delikatesse. Mich erinnerte er an genussvolle Abende mit Bruni, aber auch an das Weinstädtchen Clochemerle mit seinen sympathischen Bewohnern, die ich allerdings nur aus dem bekannten Roman von Gabriel Chevalier kannte, und das ich, da es auf NATO-Gebiet stand, nach dem Willen der Armeeführung zu gegebener Zeit, bei der „Vernichtung des Aggressors auf seinem eigenen Territorium“, mit meiner Haubitze zerdeppern sollte.
Die beiden einsamen Flaschen standen in Griffhöhe; ich würgte also eine davon in meine Hosentasche. Das ließ der Hauptmann jedoch nicht durchgehen, befahl mir, die Rotweinflasche sofort wieder ins Regal zu stellen. In versöhnlichem Tone erläuterte er, das seien die beiden letzten, denn die Franzosen lieferten nicht mehr; nun seien sie ausschließlich für den Genossen Walter Ulbricht reserviert, wenn der zur Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates im Ministerium erscheine.
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Dann erschien der indonesische Luftmarschall mit großem Gefolge, wurde mit allem militärischen Brimborium empfangen: mit Ehrenkompanie, Salutschüssen und lärmendem Militärorchester. Er war ein mickriges kleines Kerlchen in einer exotischen Phantasieuniform, seine Begleitung war nicht anders.
Die Feierlichkeiten anlässlich des hohen Besuches, bei denen auch einige sowjetische Generäle zugegen waren, verlief wie gewöhnlich. Ansprachen wurden gehalten, wobei der Luftmarschall, über seinen Dolmetscher, bittere Klage über die imperialistischen Kolonialherren führte, die ihm auf der Militärakademie nur Englisch, kein Deutsch beigebracht hätten. Natürlich wurde die antiimperialistische Solidarität beschworen.
Das Blabla ging noch eine Weile, dann hob ein Besäufnis an, das den leichtgewichtigen Asiaten nicht gut bekommen sollte.
Hier kommt bei mir wieder der Mathematiker durch, eigentlich nur der Grundschüler, der das Einmaleins gepaukt hat: Wenn sich ein großer, dicker russischer General von 125 Kilogramm Lebendgewicht 100 Gramm („sto gramm“) Wodka von 45 Volumenprozent hinter die Binde kippt, hat er gerade mal 0,36 Promille intus, wenn hingegen der winzige Indonesier, mit gerade mal 88 Pfund, die gleiche Menge Wodka konsumiert, ist er mit 1,02 Promille schon längst fahruntüchtig. In diesem Verhältnis befand sich auch der Trunkenheitsgrad der Teilnehmer dieser antiimperialistischen Veranstaltung, zumal bei Toasts in Militärkreisen immer ausgetrunken werden muss. Wir vier Abkommandierten schenkten wahrlich immer fleißig ein.
Am nächsten Tag setzte sich das Treffen der Militärs erst am frühen Nachmittag fort; der Alkohol wollte und wollte aus den Körpern der Indonesier nicht weichen. Nach der Mittagstafel zog sich die Generalität – Armeegeneral Heinz Hoffmann war jetzt mit dabei – in die Tagungsräume zurück, zu denen wir Ordonnanz-Kräfte keinen Zutritt hatten.
Nach dem Abendessen, das wir in der Art eines russischen Buffets auf der U-förmigen Tafel angerichtet hatten, wollten die Gäste abreisen. Über seinen Dolmetscher beklagte sich der Luftmarschall über die Unzuverlässigkeit der westlichen Flugzeugtechnik, die bislang in seinen Hangars steht; von diesen Jets fielen ihm jedes Jahr mehrere vom Himmel. Der Landsknechttyp Stechbarth brüllte über die Tafel: „Das passiert bei uns auch, dafür sind wir ja Soldaten!“
Die Gäste erhoben sich, machten in strammer Haltung noch einige nichtssagende Bemerkungen über die Freundschaft und die antiimperialistische Solidarität und entfleuchten in ihr fernes Inselreich.
Danach eilte unser Hauptmann auf uns zu und sagte, noch bevor wir die Tafel ordnen konnten: „Jetzt für jeden Wodka, nur General Riedel und Stechbarth trinken Kognak!“
Die Sauferei hob wieder an, und die Zungen der hochrangigen Militärs lösten sich. Nach einem kräftigen Schluck Wodka meinte Hoffmann gewichtig: „Wenn jetzt dieses große Land auch noch auf unsere Seite tritt, sieht es weltpolitisch ganz anders aus!“
Ich dachte mir, dieser Barnabas mit seinem jämmerlichen Heer hat weltpolitische Tagträume.
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Ich muss hier zeitlich einen fünfmonatigen Sprung nach vorn machen. In der ersten Septemberwoche 1965 las ich im „ND“ vom Untung-Putsch in Indonesien und dessen blutiger Niederschlagung, bei der fast alle indonesischen Kommunisten ausgerottet wurden und die Suharto an die Macht brachte. Die Brutalität dieser Niederschlagung hatte amerikanische Filmemacher zu einem vielbeachteten filmischen Meisterwerk inspiriert.
Nun hörte ich die Bemerkung von Hoffmann mit anderen Ohren. Sollten diese Leute in Strausberg den Putschversuch ausgeheckt haben? Ich habe später in der Universitätsbibliothek in Rostock, wo das „Neue Deutschland“ fein säuberlich archiviert war, die Ausgaben von April und Mai 1965 nach einem Pressehinweis auf diesen Militärbesuch durchforstet. Ich fand aber nichts. Der Luftmarschall und die anderen Verschwörer waren demnach nicht in offizieller Mission in der DDR, denn sonst hätte die SED-Presse garantiert damit geprahlt. Immerhin war 1965 tiefste Hallstein-Doktrin-Ära.
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Doch wieder zurück nach Strausberg.
Es folgten das Festbankett zum erfolgreichen Abschluss der 1.-Mai-Parade und die Feiern zum Tag der Befreiung am 8. Mai, der im Jahre 1965 zum 20. Mal und auch letztmalig als offizieller Feiertag begangen werden sollte. (Durch die geplante Einführung der Fünftagewoche mit 43 dreiviertel Stunden Arbeitszeit wurden vier Feiertage gestrichen: der 8. Mai, Himmelfahrt, Ostermontag sowie Buß- und Bettag.)
Bei den obigen Festlichkeiten wurde natürlich wieder kräftig gesoffen. Wir Abkommandierten hatten zu tun, nahmen auch selbst so manchen Schluck aus der Pulle.
Bei der Sauferei der Generalität war Hoffmann nicht unbedingt der trinkfreudigste, er saß lieber auf seinem Stuhl und ließ sich von seinen devoten Generälen mit Trinksprüchen und Toasten feiern. Dieser Mann, der auch schon mal vom „gerechten Atomkrieg“ faselte, hatte ein bewegtes Leben hinter sich; war Rot-Front-Kämpfer gewesen, hatte am Spanienkrieg teilgenommen, ebenso am Fronteinsatz bei der Sowjetarmee, und war nun Armeechef der NVA. Die servilen Generäle und Obristen förderten alle naselang eine Heldentat aus dem Leben ihres Chefs zutage, auf die ein Glas geleert werden musste.
Da die Teilnehmer alle der europiden Rasse angehörten, die seit der Bronzezeit, vor 5.000 Jahren, an Alkohol gewöhnt, Alkoholverträglichkeitsgene in sich trägt, alle über 1,70 Meter maßen und wenigstens 75 Kilo wogen, blieben Volltrunkenheitszusammenbrüche, trotz der maßlosen Sauferei, aus. Ich erinnere mich noch eines alten weißhaarigen Obersten, der, aufrecht stehend, zu mir sagte: „Was ist denn das hier für eine Sauferei, die sitzen ja alle wie die Zivilisten in ihren Kneipen, damit sie nicht so weit fallen müssen, hä, hä, hä. Ein Soldat hat beim Saufen zu stehen, klar!“
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Es gab aber nicht nur Alkohol im Ministerium, es liefen auch viele ansehnliche weibliche Wesen in den Gebäuden herum; Sekretärinnen, Köchinnen und Serviererinnen für die Kantine. In der kalten Küche des Kantinentraktes hantierte ein besonders strammes und ansehnliches junges Weib von Anfang zwanzig. Anfangs tat sie unnahbar, dann gewährte sie Einblick in ihr Dekolleté mittels eines betont leger geschlossenen Kittels, bald schubste sie mich mit ihren herrlich weiblichen Hüften. Wen wundert’s, dass ich mich bei jeder Gelegenheit in der Küche herumtrieb und versuchte, mich dort nützlich zu machen. Als ich einmal für sie ein größeres Gefäß mit beiden Händen von einem hochgelegenen Bord herunterhob, schob sie mir zärtlich einen Oberschenkel in den Schritt. Ich hätte fast das Gurkenglas fallengelassen.
Jetzt war ich außer Rand und Band, wollte sie umarmen. Sie wehrte mich ab, sagte: „Jetzt nicht, ich habe zu arbeiten, komm doch heute Abend zu mir!“ Und sie nannte die Adresse.
Das kesse Weib wohnte in einem schrecklich tristen Plattenbau, gleich hinter der „Akropolis“; sie war die Tochter eines Oberstleutnants, wie ich am Türschild ersah. Dieser Baustil hat sich bei mir sonst immer negativ auf die Erotik ausgewirkt, das hier war aber eine Ausnahmesituation.
Ich läutete, sie öffnete in einem Bademantel. Als ich in die Wohnung trat, ließ das Götterweib ihren Bademantel fallen und stand nur mit Pantoffeln, Strümpfen und Strapsen bekleidet vor mir.
Ich muss einfügen, in der DDR der sechziger Jahre war das Angebot an Damenunterwäsche sehr hausbacken; der Begriff „Reizwäsche“ galt als westlich-dekadent. Die Frauen sollten ja in der Produktion arbeiten und nicht die Kerle verrückt machen.
Der hauptsächliche Zweck der Damenunterwäsche war die Gesund- und Warmhaltung der Produktionsarbeiterinnen, um deren Krankenstand wegen Unterleibserkrankungen zu senken. In den zugigen Werkhallen der VEBs und auf den Turmdrehkränen der Werft- und der Bauindustrie, wo Frauen ob ihrer Sensibilität bei der Handhabung technischer Geräte gern eingesetzt wurden, wären Strapse höchst hinderlich gewesen. Dort waren dicke, wollene Schlüpfer gefordert, die im Volksmund auch „Liebestöter“ hießen. Normale DDR-Bürger machten sich daher mit Gesten, Blicken, Worten und Zärtlichkeiten scharf, um dann beim Liebesakt alle Klamotten weit von sich zu werfen.
Nachdem ich mich einige Sekunden an diesem reizvollen Anblick geweidet hatte – inzwischen schmiss ich schon die Klamotten von mir –, schritt meine Nymphe voran ins Wohnzimmer, das mit einem großen, dicken Teppich, gewiss sowjetischer Provenienz, ausgelegt war. Die Strapse waren nur an einem ganz schmalen Gürtel befestigt und ließen, trotz dieser Andeutung von Bekleidung, das ganze göttliche Gesäß frei. Dieses Kleidungsstück, das todsicher aus westlicher Produktion stammte, war gewiss von den knappen Währungsreserven der DDR importiert worden.
Mitten in dem Wohnzimmer, das im Übrigen wie bei Hans und Franz eingerichtet war, bückte sich meine Nymphe tief nach vorn, tat so, als wolle sie einen Fussel beseitigen. Meine erzwungene Abstinenz in der Liebe (eigentlich eine Menschenrechtsverletzung, für deren Anprangerung die West-Linken jedoch nicht den Schneid aufbrachten) ließ kaum ein intensives Liebesspiel zu; wir stürzten ineinander, und ich kann sagen, dass ich die Welt draußen und meine traurige Lage als Zwangsrekrutierter völlig vergaß.
Irgendwann trat aber dann doch Erschöpfung ein. Da drehte mich das Prachtweib, das nicht nur scharf, sondern auch kräftig war, auf den Rücken und machte sich mit dem Mund über mein ermattetes Eumel her, den Hintern meinem Gesicht zugewandt. Das Panorama, das sich mir bot – ich war damals noch nicht Brillenträger – und ihre oralen Bemühungen verfehlten ihre Wirkung denn auch nicht. Als sich dieses Prachtweib im Reitersitz auf das Werk ihrer Bemühungen setzte und laut stöhnend mir die Arbeit des Liebeswerkes abnahm, kam mir erstmals der Gedanke, dass ich es nicht nur mit einem Naturtalent der Erotik, sondern mit einer Professionellen zu tun habe.
Wenige Tage später musste ich wieder zurück nach Eggesin, ins AR 9. Der Hauptmann, dem mein Techtelmechtel mit der Kaltmamsell nicht verborgen geblieben war, sagte mir beim Abschied aus Strausberg noch, entweder als Warnung oder als Trost: „Die Kaltmamsell geht an manchen Abenden bei der Generalität reihum, manchmal auch bei den sowjetischen Genossen.“
Also doch eine Professionelle, dachte ich, war aber wiederum stolz, dass dieses Prachtweib es mit mir aus freien Stücken und umsonst gemacht hatte.
Letzter Sommer bei der NVA
Es war nun Mitte Mai 1965; wenn ich die 14 Tage Resturlaub abzog, hatte ich noch fünf Monate bei der NVA vor mir. Es war für mich Zeit, mir über mein weiteres Leben Gedanken zu machen. Mein Lotterleben als Aushilfskellner, das mich zwar ordentlich ernährt, Liquiditätsanhäufung ermöglicht und keineswegs gelangweilt hatte, war aber nichts auf die Dauer. Mein alter Seefahrts-Wunsch lebte wieder auf. ‚Vielleicht nehmen sie mich jetzt‘, dachte ich. Seefahrt: die Welt kennenlernen, sich den Wind um die Nase wehen lassen und die Wahl haben, ob man sich das DDR-System überhaupt weiter gefallen lassen will, oder besser nicht.
Ich schrieb also erneut eine Bewerbung an die DSR-Direktion nach Rostock und erhielt nach kurzer Zeit die Bewerbungsformulare zugeschickt, mit der Aufforderung, zusätzlich von meinen militärischen Vorgesetzten eine Beurteilung beizubringen.
Mein Batteriechef Oltn. Strohbusch schrieb mir eine glänzende Beurteilung, die mir fast die Schamröte ins Gesicht trieb, da er es ja wider besseres Wissen tat. Irgendwann im Juni reiste ich mit einem Unteroffizier aus einer anderen Batterie des AR 9, der drei Jahre NVA hinter sich gebracht hatte und der nach seiner Entlassung im Oktober 1965 ebenfalls zur DSR wollte, nach Rostock zu einem Bewerbungsgespräch, das damals Kadergespräch hieß.
Es war ein brütend heißer Tag, als wir beide mit dem Bummelzug über Torgelow und Stralsund nach Rostock fuhren und vom Bahnhof zu Fuß in das mir bereits bekannte DSR-Gebäude in die Lange Straße gingen. Das Gespräch mit den Reedereibonzen ließ sich sehr hoffnungsvoll an. Die DSR brauchte ständig Leute; die DSR-Flotte war für die DDR ein kräftiger Devisenbringer und wuchs daher ständig, durch Neubau auf den eigenen Werften, aber auch durch günstige Zukäufe im Ausland.
Eine feste Zusage wurde damals nicht gegeben. Wir fuhren jedoch frohgemut wieder durch den heißen Junitag zurück nach Eggesin.
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Der Juli begann, und ich musste mit meiner DV-Kiste an einer Stabsübung teilnehmen, wobei das Regiment in der Kaserne blieb. Die DV-Kiste wechselte wieder in das Führungsfahrzeug, während ich nun wieder die Schnapskiste zu verwalten hatte.
Die Geheimkiste musste einige Wichtigkeit haben, denn bei meiner Abwesenheit oder Abkommandierung musste ich den Bibliotheksschlüssel beim Offizier vom Dienst des Regiments (OvD) abgeben, der dann bei Alarm seinen Gehilfen (GOvD) mit dem Schlüssel losschickte, die Kiste zu holen. Warum sie nicht gleich im Stabsgelände untergebracht wurde, bleibt eine offene Frage.
Die Fahrt ging diesmal in die Gegend südlich von Berlin, eventuell auf den sowjetischen Übungsplatz bei Jüterbog, bin mir aber nicht ganz sicher. Auf alle Fälle stand unser Küchenzelt bald am Fuße eines aufgeworfenen riesigen Feldherrenhügels. Es war brütend heiß.
Plötzlich stand am Zelteingang ein mickriger Sowjetsoldat und bettelte mich an: „Kamerad, woda, woda.“ Das heißt „Wasser“; er kann aber auch „Wodka“ gesagt haben. Bevor ich aus meiner Kiste eine Flasche Mineralwasser holen konnte, war ein russischer Offizier herangekommen und trieb unter Gebrüll, mit Faustschlägen und Fußtritten die arme Kreatur davon. Ich sah nicht nur seine bösen Augen, roch auch seine Schnapsfahne; in der Kühle des Zeltes feierten nämlich er und seine deutschen Genossen gerade einen Manöversieg über irgendwen.
Diese „russische Barbarei“, für deren Abwehr der alte Bebel sogar „auf seine alten Tage noch die Flinte auf den Buckel nehmen“ wollte, wie er 1913, kurz vor seinem Tode, im Reichstag sagte, hatten wir nun, durch den Naziwahnsinn (an dem die Siegermächte von Versailles auch nicht ganz unschuldig sind) im Lande, sollten als ihre Verbündeten dieses System in die Welt tragen.
Heute, nach dem Ende der Sowjetunion ist es für Interessierte leicht, Informationen über das menschenverachtende russisch-sowjetische Militärwesen und deren Kriegführung aus Medien oder aus speziellen Sachbüchern zu erhalten. Die Stiftung „Memorial“ ist sehr rührig, und die „Russischen Soldatenmütter“ zeigen immer wieder auf, dass sich beim russischen Militär nicht viel geändert hat. Zu DDR-Zeiten musste ein Interessierter allerdings echtes Interesse zeigen, wollte er die Lebensumstände der Sowjetsoldaten in ihren verschlossenen Kasernen wahrnehmen – NVA-Soldaten hatten es in dieser Hinsicht etwas leichter.
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Kaum war ich von diesem Ausflug in die südliche Mark, die „Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ wieder zurück in der Eggesiner Kaserne, da hielt ich auch schon das Ablehnungsschreiben der DSR in Händen. Sie hatten sich also nicht von Oberleutnant Strohbuschs Schreiben täuschen lassen, hatten mich endgültig als unsicheren Kantonisten eingestuft. Am 1. August kam die Gattin des Stabschefs aus der Schwangerschaftspause zurück, meine Bibliotheksepisode war damit auch zu Ende, und es lagen immer noch zehn Wochen bis zur Entlassung vor mir.
Bisher hatte ich mir keine Disziplinarverstöße im militärischen Sinne erlaubt. Abneigung oder Feindschaft durch Rüpeleien auch noch anzuzeigen, hielt ich für taktisch unklug, war bisher auch noch nicht bei „Vater Philipp“, wie der Arrest im Kasernenjargon heißt.
Jetzt, kurz vor der Entlassung, wurde mein Widerwille so stark, dass ich mir einige Missbilligungen, die vor angetretener Batterie ausgesprochen wurden, einhandelte. Ich durfte natürlich nicht übertreiben, denn ein Strafarrest in der Militärstrafanstalt Torgelow hieß, die Haftzeit musste nachgedient werden.
1965 begann der Ernteeinsatz unseres Regiments ziemlich früh. Ich glaube, es war erst Mitte August, als unsere Abteilung (drei Batterien eines Regiments) nach Löcknitz ausrückte, das in der Nähe der polnischen Grenze lag. Dort sollte in einer riesigen Betonhalle feuchtes Getreide umgeschaufelt werden, auf, dass es trockne. Das Getreide stank bereits. Dennoch war die Arbeit sehr staubig. Das Schlimmste aber war, es gab im Umfeld dieses Getreidespeichers keine Frauen.
Ich hatte mir aber das Rauchen angewöhnt, fand es so schön unmilitärisch leger, mit der Zigarette im Mund zu palavern, mit den Stiefelabsätzen auf der Erde zu scharren und einen schlenkernden Gang anzunehmen.
Einmal stand ich mit der Zigarette in der herunterhängenden Hand im Glied, als ein Hauptmann aus der Nachbarbatterie seine Befehlsausgabe schnarren wollte. Er bemerkte den Zigarettenqualm, der sich an meiner Hüfte kräuselte und brüllte: „Mensch, Genosse Kanonier, sind Sie denn verrückt! Qualmen im Glied, wenn ein ausgewachsener Hauptmann vor der Front steht!“ Er stand nur wenige Meter vor mir. Ich sagte in moderatem Ton: „Genosse Hauptmann, Sie sind nicht ausgewachsen, Sie haben bloß ein bissel ’ne schlechte Haltung.“
Der Trottel, der sich schon mal beim Politunterricht gebrüstet hatte, bei der NVA die 6. und die 7. Klasse nachgeholt zu haben, begriff meine Worte gar nicht, obwohl mehrere Soldaten feixten. Er wollte schon wegen meiner Zigarette weiterbrüllen. Da trat der Politoffizier des Regiments, jener Oberstleutnant, der mir den Bibliotheksposten verschafft hatte und der meine Worte mitgehört hatte, vor die Front und sprach: „Batterie, stillgestanden! Ich bestrafe den Kanonier Müller mit 20 Tagen verschärftem Arrest, wegen groben, unmilitärischen Verhaltens und Beleidigung eines Vorgesetzten!“
Im Knast mit Lenin
Stehenden Fußes wurde ich vom GUvD, der in voller Kampfausrüstung war, und einem ebenfalls bewaffneten Fahrer zurück in die Eggesiner Arrestanstalt gebracht. Arrest bei der NVA hieß, eine Zelle von 4 × 1,5 Meter, eine Holzpritsche ohne Matratze, die am Tag hochgeklappt und angeschlossen war, ein vergitterter Fensterschlitz kurz unter der Decke und brennende Glühlampe über Nacht; für die Mahlzeiten ein winziger Tisch und ein ungepolsterter Hocker. Es war stinkend langweilig.
Ich tigerte daher in meiner Vier-Meter-Zelle herum, wobei der Lärm meiner Stiefeltritte der Wachmannschaft auf die Nerven ging. Mit Gebrüll wollten sie mich zum Innehalten bewegen. Die zuständige DV gab aber keinen Anhaltspunkt, das durchzusetzen.
In meiner Zelle hing ein Zettel mit der Anstaltsordnung aus, und ich erfuhr, dass dem Arrestanten das staatsbürgerliche und politische Selbststudium ermöglicht werden sollte. Ich dachte: Jetzt nimmst du dir Lenin vor!
Mein diesbezüglicher Antrag an den Anstaltsleiter wurde mit einem ungläubigen Stirnrunzeln bedacht. Als ich aber auf den entsprechenden Punkt in der Arrestordnung verwies, glättete sich seine Stirn. Er meinte: „Aber keinen Unfug damit anstellen!“ Er dachte vielleicht, ich will die Lenin-Bände benutzen, um besser an den vergitterten Fensterschlitz heranzureichen und dort mit der Außenwelt Kontakt aufnehmen. Ich sagte: „Ich möchte die Bände 1 bis 6 aus der Gesamtausgabe der Werke W. I. Lenins, sie stehen in der obersten Reihe an der Westwand des Eingangsraumes der Regimentsbibliothek des AR 9 und sind in braunem Leder eingebunden. Sind leicht zu finden, wiegen aber ungefähr 30 Pfund.“ – „So schwer? Die holen Sie sich selber!“, sagte der Anstaltsleiter und befahl einem herumstehenden Soldaten: „Genosse Gefreiter, Sie eskortieren den Arrestanten auf dem Weg in die Bücherei, lassen Sie ihn aber die Bücher selber schleppen, Sie nehmen mir als Posten nicht die Hand von der Waffe!“
So wurde ich also in die Regimentsbibliothek geführt. Sechs Lenin-Bände wiegen tatsächlich 30 Pfund, also 15 Kilogramm; ich nahm deshalb nur die ersten beiden mit und wiederholte so alle zwei Tage meinen Spaziergang über das Gelände der halben Division. Manchmal war ich mit interessanten Leuten unterwegs, denn die Posten in der Arrestanstalt wechselten alle paar Tage; sie kamen aus der gesamten Division zwischen Ueckermünde und Prenzlau und waren Wehrpflichtige wie ich.
Lenin war ein scharfer Pamphletist, hielt sich kaum mit volkswirtschaftlichem Zahlenwerk auf wie etwa Karl Marx (allein das „Kapital“ macht fast ein Viertel seines Werkes aus). Lenin zerschmetterte mit Worten seine Gegner; er liest sich daher abwechslungsreicher als Marx. Seine Artikel und Pamphlete über einzelne Begebenheiten seiner Zeit (Gedanken zum Russisch-Japanischen Krieg, der imperialistischen Politik des Deutschen Kaiserreiches, der Zimmerwalder Konferenz) sind interessant und die Gedanken Lenins zur Lage der russischen Bauern beeindruckend. Zu einer tieferen Erkenntnis oder gar einer Überzeugung von der kommunistischen Ideologie leninistischer Prägung fand ich hingegen nicht angesichts des daraus hervorgegangenen Sowjetsystems.
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Nach meiner Entlassung aus der Arrestanstalt und vor dem Beginn meines Resturlaubs, den ich nun herbeisehnte, da er quasi mit meinem Weggang von der Armee identisch sein würde, trat ein Ereignis ein, das mich, wenngleich es völlig unbedeutend war, noch heute tief beschämt. Es fand eine sogenannte „Volkswahl“ zur „Volkskammer“ statt.
Gemäß Ulbrichts Devise, die dieser gleich nach seiner Einsetzung als sowjetischer Satrap in der Sowjetzone im Juni 1945 herausgegeben hatte: „Es soll demokratisch aussehen, aber wir müssen immer alles in der Hand behalten“, wurden diese „Wahlen“ mit Einheitslisten durchgeführt. Sie hießen später auch im Parteijargon „Stimmabgabe“.
Ich erinnere mich, als 18-jähriger „Jungwähler“ 1959 einmal einen Stimmzettel in eine dieser Urnen geworfen zu haben. Nach dem Mauerbau allerdings habe ich mich an „Wahltagen“ immer verdrückt, war einfach nicht aufzufinden, wenn die „Wahlschlepper“ die säumigen Stimmabgeber von daheim abholten.
Hier nun stand ich unter militärischem Kommando, da hieß es: „Batterie, stillgestanden! Zur Stimmabgabe erste Linie links um, im Gleichschritt, Marsch!“
Fazit meiner NVA-Zeit
Mitte Oktober trat ich meinen 14-tägigen Resturlaub an, brauchte nur noch am Entlassungstag in Eggesin zu erscheinen, um die NVA-Klamotten abzugeben und den Entlassungs-Laufzettel abzeichnen zu lassen. Das letzte Mal in NVA-Uniform mit dem Zug durch Berlin – und dann weiter nach Dresden. Das war die gefährlichste Strecke, denn hier fuhren oft Dresdner, die mich kannten.
Wieder schlich ich nachts durch den Großen Garten in die Winterbergstraße, riss daheim die Uniform vom Leibe und verstaute sie in einem Beutel, damit sie ja niemand sah, der eventuell zu Besuch käme.
Als ich an einem der nächsten Tage in meinem Maßanzug wieder in der „Kakadu-Bar“ aufkreuzte, war meine Freude groß. Wer lief da adrett mit Servierschürzchen, Servierhaube und Tablett, kokett nach strammen Burschen ausspähend, durchs Revier? Margot aus Gera!
Der Tiefpunkt meiner Jugend, nun kann ich sagen, meines ganzen Lebens, war überwunden, und das pralle Leben konnte fortfahren.
Am Entlassungstag mache ich es wie die anderen, nahm den Nachtzug, der mich um 6.00 Uhr nach Eggesin brachte. Noch vor Mittag war die Entlassungsprozedur vorüber.
„Mölli“ verabschiedete sich von jedem Einzelnen mit Handschlag, Spröter drehte sich nur wortlos um, als sich Mölli ihm näherte und ging einige Schritte in Richtung Ausgang. Mich übersah Mölli zuerst, wollte sich aber dann, als die Entlassenen aus der Kaserne traten, doch noch von mir verabschieden. Ich sagte: „Herr Mölscharek, ich möchte mir Ihnen und Ihrer Armee nie mehr etwas zu tun haben!“
Auf der Heimreise im Zug dachte ich, was haben diese anderthalb Jahre gestohlener Zeit gebracht? Bruni hatte ich verloren, und mein Sohn wuchs in einer Familie auf, in die hineinzudrängen mich zum Störenfried gemacht hätte. Nur der perfekte Umgang mit der Kalaschnikow wäre ein mageres Äquivalent dazu.
Es hatte sich aber ein militärisches Denken in meine persönliche Lebensführung eingegraben: taktischer, operativer und strategischer Art. Wichtige Vorhaben, die sich ja bei mir auch meist am Rande der sozialistischen Legalität bewegten, sind fürderhin immer mit exakter militärischer Planung, bei Einhaltung absoluter Konspiration, einhergegangen; Aufklärung betreiben, Rückzugsmöglichkeit gewährleisten, Ausweichmöglichkeit erkunden, Reserven bereitstellen und dann die Hauptaktion mit aller Wucht und Courage in der Hauptstoßrichtung durchführen. Dass man Schlüssel, Dokumente und passendes Geld immer am Mann zu haben hat, das wusste ich schon vorher. Die wichtigsten militärischen Tugenden: Disziplin, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit, im privaten Leben praktizierte ich sie nun täglich, sie wurden mir zur zweiten Natur.
Meine persönliche Mobilität – im Rahmen der DDR-Verhältnisse – ständig zu bewahren, nahm ich mir nun fest vor. Dazu gehörte vor allem Liquidität, gehörte aber auch, stets reisefertig gepackte Koffer unterschiedlicher Größe für verschiedene Anlässe (meine „Sturmgepäcke“) parat zu haben. Den Traum von der Schlossvilla an den Elbhängen vergaß ich für lange Zeit. Jetzt erst wurde mir die ganze lebensphilosophische Tiefe von Thomas Manns Sentenz klar: „Soldatisch leben, doch nicht als Soldat!“
ZWEITES KAPITEL: „BEI KÜNSTLERS“
(November 1965 bis Januar 1968)
„Secundogenitur“
Gleich in den ersten Tagen meiner wiedergewonnenen Freiheit zwang mich die Erschöpfung meiner Liquidität wieder zur feuerroten Helga in die „Kaskade“. Die Genossin Gerster tat sehr erfreut, mich wiederzusehen. Sie meinte, ich könne sofort in der neueröffneten Tanzbar „Secundogenitur“ anfangen, wenn ich mich in den laufenden Qualifizierungskursus an der Betriebsakademie der HO-G einklinken würde, um dort den Facharbeiterbrief „Kellner“ zu erwerben. Die zwei Monate, die der Kursus schon laufe, nachzuholen, würde mir doch bei meiner Intelligenz nicht schwerfallen, so schmeichelte Helga mit ihrem undefinierbaren Blick aus den grünblauen Augen unter dem feuerroten Wuschelkopf.
Ich akzeptierte und begann am nächsten Tag meinen Kellnerjob in der Tanzbar „Secundogarnitur“. Es waren jene Räume, die heute das noble Wiener Kaffeehaus gleichen Namens auf der Brühlschen Terrasse beherbergen.
Die „Secundogenitur“ war ursprünglich dazu gedacht, den Zweitgeborenen (daher der Name) der sächsischen Kurfürsten aus dem Hause Wettin eine standesgemäße Bleibe zu bieten. Das Gebäude an der Brühlschen Terrasse war beim großen Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945 nicht völlig zerstört worden, so dass es gelang, es, ähnlich anderen Dresdner Repräsentationsbauten, mit den bescheidenen Mitteln der DDR-Bauwirtschaft vor dem völligen Verfall zu bewahren.
In einem historisch vergleichbar bedeutenden Gebäude residierte die Betriebsakademie der HO-Gaststätten Dresden, die ich an meinem ersten Ruhetag aufsuchte. Diese Einrichtung, die innerbetriebliche Qualifizierungen auf Facharbeiterniveau durchführte, befand sich in der Goetheallee, Ecke Lothringer Weg, in der Nähe der „Kaskade“, deren bevorzugte Lage schon beschrieben worden ist. Es war jenes „Judenhaus“ von 1943, das Victor Klemperer in seinem beeindruckenden Erinnerungswerk namhaft gemacht hat. Dabei handelte es sich um eine repräsentative Villa mit einem geradezu einschüchternden Treppenhaus und herrschaftlichen Räumen, in denen nun die Schulungen durchgeführt wurden.
Es hatte natürlich sein Gutes, dass die DDR-Führung ständig bemüht war, ihre „herrschende Klasse“, die Arbeiter und Bauern, zu qualifizieren, weil stets Mangel herrschte und aus Wenigem etwas gemacht werden musste.
Heute ist das umgekehrt: Wenige produzieren Überfluss, der von den Massen konsumiert werden soll. Damit diese Konsumentenmassen nicht die Grundfrage stellen: Wozu das ganze überflüssige, teure und hässliche Zeug, das uns die Herrschaft über die Zeit, unsere Zeit, raubt, müssen sie möglichst dumm sein.
Dem Qualifizierungswahn der DDR-Führung verdanke ich grundlegende Kenntnisse der Lebens- und Genussmittelkunde. Besonders beeindruckend waren die Unterweisungen von Herrn Albrecht aus Hamburg, der von seiner Lehrzeit im Alsterpavillon und seiner Kellnerzeit in Frankreich und an der Riviera erzählte. Herr Albrecht bläute uns noch das alte deutsche Weingesetz ein: Rheinwein in brauner Schlegelflasche zu 0,7 Liter, Moselwein in grüner Schlegelflasche, Frankenwein im Bocksbeutel; farblose Flaschen sind nur für billigen Schnaps oder für Haushaltchemikalien gedacht – alles graue Vorzeit. Und weiterhin: Biergläser werden nur in klarem Wasser gespült, wenn überhaupt, denn wenn Franz sein Glas über die Theke zum Nachfüllen reicht, wird, um der stehenden Blume willen, überhaupt nicht gespült! Alles vergessen!
Es wurde natürlich auch Speisenkunde gelehrt. Hier stand noch immer der Nährwert im Mittelpunkt der Belehrungen. Die Kundenkarten waren gerade erst wieder abgeschafft worden, hochwertige Nahrungsmittel hingegen blieben nach wie vor knapp. Neben den gastronomischen Fachfächern wurde auch Betriebs- und Volkswirtschaft, die damals aber „Politökonomie“ hieß, aus planwirtschaftlicher Sicht gelehrt. Ergo, eine solide, berufliche Ausbildung wurde vermittelt.
Ich war erst wenige Tage in der Tanzbar „Secundogenitur“ tätig, als am Abend auf dem Veranstaltungsplan der Empfang einer 15-köpfigen DKP-Delegation aus dem Westen angekündigt wurde, die in einem Extraraum, dem „Coselzimmer“, empfangen und beköstigt werden sollte. Nach dem Revierplan war das meine Aufgabe. Ich machte mich schon ans Tische- und Stühlerücken, um eine Tafel zu stellen, als der Oberkellner an mich herantrat und fragte: „Was hast du denn bei der Armee ausgefressen? Ich habe gerade vom Direktor die Anweisung erhalten, dich nicht bei der Bedienung von Gästen aus dem kapitalistischen Ausland einzusetzen. Das ist in deinen Kaderakten ganz dicke vermerkt!“
Vor dem offenen Durchgang zu jenem „Coselzimmer“ schnappte ich dann doch so manchen Gesprächsfetzen auf, den die SED-Betreuer der DKP-Delegation zum Besten gaben. Man hatte wohl gerade über den Mauerbau debattiert; eine SED-Funktionärin erläuterte nämlich unter dem beifälligen Nicken der DKP-Genossen, dass man, wenn man in einer kapitalistischen Nachbarschaft den Sozialismus aufbauen wolle, nicht zulassen dürfe, dass der Gegner die Arbeitskräfte abwirbt. Um den Weggang tüchtiger Arbeiter und bürgerlicher Leistungsträger nach dem Westen zu unterbinden – dieser Abwanderungsstrom drohte die DDR zu destabilisieren – habe schließlich der „Antifaschistische Schutzwall“ errichtet werden müssen.
Das war allgemein bekannt. Ich hatte diesen Zynismus nur noch nicht öffentlich von SED-Bonzen gehört; stellte das nicht die Frage nach der Existenzberechtigung von DDR und SED überhaupt?! Wie tief mussten die ideologische Verblendung und der Hass der DKPler sein, dass keiner aufheulte und dieser menschenfeindlichen These widersprach.
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