Читать книгу: «Klaus Mann - Das literarische Werk»

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Klaus Mann DAS LITERARISCHE W E R K

Inhalt

Der Vulkan

Mephisto

Symphonie Pathétique

Flucht in den Norden

Treffpunkt im Unendlichen

Alexander

Der fromme Tanz

Erzählungen

Kind dieser Zeit

Der Wendepunkt

DER VULKAN Roman unter Emigranten

Unsre Bestimmung verfügt über uns, auch wenn wir sie noch nicht kennen; es ist die Zukunft, die unserm Heute die Regel gibt.

NIETZSCHE

»MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES«

Prolog

Ein junger Mensch saß in einem Berliner Pensionszimmer und schrieb einen Brief.

Berlin, den 20. April 1933. Lieber Karl! Ich hoffe, Du bist gut in Paris angekommen und fühlst Dich wohl. Ich bin einmal zehn Tage lang dort gewesen – weißt Du, damals mit den drei Jungens aus unserer Klasse; Du durftest damals nicht mitkommen, weil Deine Eltern sagten, Paris ist ein zu gefährliches Pflaster für einen jungen Menschen. Das Allerschönste, woran ich mich in Paris erinnern kann, ist der Blick von der Place de la Concorde die Champs-Élysées hinauf bis zum Arc de Triomphe. Das ist wirklich großartig. Ich bin doch etwas neidisch, daß Du das nun jeden Tag genießen kannst. Ob Du sehr viel Schwierigkeiten mit der Sprache hast? Und ob Du es jetzt bereust, daß Du immer so sündhaft faul gewesen bist, gerade in der französischen Stunde? – Aber ich stelle mir vor, in Paris lernt man ja die Sprache fast von selbst.

Lieber Karl, ich denke sehr oft an Dich – fast immer, wenn ich gerade mal nichts anderes zu tun habe – wie es Dir gehen mag, und ob Du Deinen Entschluß nicht bereust. Denn es ist doch ein großer, schwerer Entschluß – sich von der Heimat zu trennen.

Ich habe mir das alles während der letzten Wochen hin und her überlegt, und ich bin zu der ganz festen inneren Entscheidung gekommen: Du hast einen Fehler gemacht.

Mißverstehe mich nicht, Karl: es ist ein anständiger Fehler, den Du gemacht hast. Aber doch ein Fehler.

Ich weiß nicht, ob es noch irgendeinen Sinn hat, Dir zuzureden: Komme zurück! Ich fürchte, es hat keinen Sinn mehr. Als ich Dir, vor drei Wochen, am Bahnhof Zoo auf Wiedersehen gesagt habe, fühlte und wußte ich, daß wir uns sehr lange nicht wiedersehen werden.

Natürlich könntest Du auch jetzt noch Deine Meinung ändern und zurückkehren – wohin Du gehörst. Da Du ja ein sogenannter »Arier« bist und Deine alten Herrschaften feine Beziehungen haben, würde man Dir sicher alle Deine Sünden verzeihen – wenn Du jetzt erklärst, daß alles nur jugendliche Torheit und Unwissenheit von Dir gewesen ist.

Du würdest Dir natürlich wie ein Schuft vorkommen, wenn Du eine solche Erklärung abgeben müßtest. Aber vielleicht wäre es in diesem Augenblick das Klügste und das Anständigste, was Du machen kannst. Denn jetzt brauchen wir hier Burschen wie Dich. Hier können sie jetzt nützlich sein, und nur hier.

Was gibt es denn im Ausland für Dich zu tun? Bei den Franzosen auf uns Deutsche schimpfen? Aber Karl! Ich kenne Dich doch! Das bringst Du ja gar nicht fertig. Du weißt viel zu genau, wie sehr die Franzosen mitschuldig oder sogar hauptsächlich schuldig sind an dieser radikalnationalistischen Entwicklung in Deutschland, die wir immer so bedauert haben. Nicht nur der Vertrag von Versailles ist schuld – obwohl der die schlimmste und eigentliche Ursache für alle Verwirrungen in Europa bleibt – sondern die ganze Art, wie die Franzosen uns während all dieser Jahre gedemütigt haben. Wir hatten wirklich keine nationale Ehre mehr.

Die Frage ist, ob wir jetzt wieder eine bekommen werden. Ich weiß wohl, daß Du es nicht glaubst – und Dir ist nicht unbekannt, daß auch ich schwere Zweifel habe. Ich war nie ein Nazi – Dir muß ich das nicht erst lang und breit versichern – und ich werde nie einer werden. Ich trete nicht in die Partei ein, habe nur keine Angst – ich denke gar nicht daran. Ich mache hübsch brav meine Examina zu Ende, und dann tue ich was Vernünftiges.

Ich bin kein Nazi, und ich gebe auch zu, daß hier viel Häßliches geschehen ist während der letzten Monate – alle besseren Menschen sind sich darüber einig, und wir alle glauben, daß dies am Anfang einer großen Umwälzung vielleicht unvermeidlich war, aber bald ganz anders werden muß. Keinesfalls hat es Sinn zu leugnen, daß eine große Umwälzung im Gange ist; daß ein nationales Erwachen sich in Deutschland vollzieht. Überall ist echte Begeisterung zu spüren. Aus der könnte allmählich etwas Schönes, Fruchtbares, Positives wachsen, etwas, was dann auch Europa zugute käme, und dem Frieden.

Du findest sicher, ich bin zu optimistisch. Vielleicht bin ich es. Vielleicht kommt alles ganz anders, nicht so gut. Aber sogar wenn schwere Jahre für Deutschland kommen, will ich hier bleiben. Wenn der Führer seine begeisterten, idealistischen Anhänger enttäuschen sollte – vor allem: wenn er die Jugend enttäuscht – dann wird in Deutschland eine Opposition entstehen, und dann ist eben von dieser Opposition alles zu hoffen … Ich würde, wenn es sein muß, bei den Oppositionellen sein, wie ich heute bei den Loyalen bin. Das kommt mir tapferer und vernünftiger vor, als ins Ausland zu gehen. Verzeih das harte Wort, Karl: aber es hat doch etwas von Fahnenflucht.

Mein Vater, mit dem ich gestern lang über diese Dinge sprach, gibt mir recht. Du kennst ja den alten Herrn – er ist der preußische Offizier, wie er im Bilderbuch steht. Zu diesem »böhmischen Gefreiten« – so soll Hindenburg den Hitler genannt haben – hat er im Grunde nicht viel Vertrauen. Aber er sagt: Man muß es zugeben – es weht ein neuer Geist in Deutschland. Niemand weiß noch, was draus werden soll; aber es könnte etwas Großes draus werden. Die jungen Menschen haben plötzlich ganz andere, neue, strahlende Gesichter – findet mein alter Herr. »Du mußt hier bleiben, Junge!« sagte er. – Du weißt ja, ich überschätze seine Intelligenz keineswegs; aber es hat mir doch Eindruck gemacht. – Ich erzähle Dir das alles, damit Du siehst: ich habe es reiflich erwogen.

Diesen Brief gebe ich dem Kurt B. mit, der morgen auch nach Paris fährt. Man kann sich schon nicht mehr trauen, einen solchen Brief mit der Post zu schicken … Der Kurt B. sagt, hier wird es bald nicht mehr auszuhalten sein, und nächstens werden auch noch die Grenzen gesperrt, da ist es schon besser, man macht sich rechtzeitig auf und davon. Aber der Kurt ist ja Jude, da beurteilt er die Dinge natürlich von einem etwas anderen Standpunkt als wir; von seinem Standpunkt aus, finde ich, hat er recht.

Vielleicht hast auch Du recht, Karl. Ich will nicht mit Dir streiten, und ich will Dir keine Vorwürfe machen. Ich will Dir nur erklären, wie ich denke und fühle.

Ich denke und fühle: Unser Platz ist hier. Hier müssen wir uns bewähren, hier müssen wir kämpfen, hier braucht man uns. Draußen braucht man uns nicht.

Ich bin gegen die Emigration.

Viele, die heute rausgehen, werden es bald bereuen. Sie werden ein bitteres Leben haben und außerdem auch noch ein schlechtes Gewissen. Wie die Zigeuner werden sie von einem Land ins andere ziehen; man wird sie nirgends behalten wollen; sie werden entwurzelt sein, sie werden den Boden unter den Füßen verlieren, viele werden elend zugrunde gehen. Ich sehe das alles kommen. – Ich hoffe von Herzen, daß es Dir gelingen wird, Dir draußen eine neue Existenz aufzubauen. Es wird schon gehen, Du bist ja ein tüchtiger Mensch. Mich würde es schrecklich freuen, wenn ich nächstens erfahre, daß Du eine gute Stellung gefunden hast, in Paris oder sonst irgendwo. Noch froher würde es mich allerdings machen, wenn Du mir morgen telegraphierst: Ich habe meinen Fehler eingesehen. Ich komme zurück.

Aber das passiert wohl nicht. Du bist ja so verdammt eigensinnig, altes Haus! Alles Gute! Dein Kamerad Dieter.

Dieter war ziemlich erschöpft, nachdem er dies alles geschrieben hatte. Einen so langen Brief – schien ihm – hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht abgefaßt. Er lehnte sich in den Sessel zurück.

Er war ein hübscher, hoch aufgeschossener Junge, mit blondem Haar, einem langen Schädel, blanker Stirn, blauen Augen und einem weichen, kindlichen Mund. Es gab in seinem Gesicht keine Falten.

Draußen zog ein Trupp von SA-Leuten vorbei. Sie sangen. Dieter trat ans Fenster, um ihnen zuzuhören. Das Lied gefiel ihm nicht. Auch ihre Stimmen klangen nicht angenehm. Er machte das Fenster zu.

Erster Teil 1933—1934

Doch uns ist gegeben,

Auf keiner Stätte zu ruhn,

Es schwinden, es fallen

Die leidenden Menschen

Blindlings von einer

Stunde zur andern,

Wie Wasser von Klippe

Zu Klippe geworfen,

Jahr lang ins Ungewisse hinab.

HÖLDERLIN

»HYPERIONS SCHICKSALSLIED«


mager; über seinem Gesicht, das wie aus Wachs gebildet schien, stand das schwarze harte Haar aufrecht, wie in ständigem Entsetzen gesträubt – erkundigte sich, ob man noch etwas zu essen bekommen könne. Die Kellnerin war schon im Begriff zu verneinen, als die Patronne, von der Theke her, ihre Stimme vernehmen ließ: aber gewiß doch, es seien noch zwei Portionen Poulet da, außerdem ein »Schnitzel Viennois«, und für eine der Damen könnte man ein Omelett machen. Die vier schienen es zufrieden; während sie sich um einen Tisch in der Ecke niederließen, erklärte der junge Mann, der vorhin mit der Kellnerin verhandelt hatte: »Ich habe neue Berliner Zeitungen besorgt!« Dabei legte er den Stoß von Papieren vor sich hin. Das junge Mädchen schnitt eine Grimasse und sagte: »Pfui!«

Sie redeten deutsch – was das Ehepaar am Nebentisch aufhorchen ließ. Nun war es die Amerikanerin, die eine angewiderte Grimasse schnitt. Gleichzeitig zuckte sie die Achseln und sagte etwas zu ihrem Gatten, was sich wohl in einem kränkenden Sinn auf die Deutschen im allgemeinen und die vier am Nebentisch im besonderen bezog. Der Gatte schien ihr in allen Punkten recht zu geben; er nickte empört und rief dann schallend: »L’addition, Mademoiselle!«

Die Deutschen inzwischen hatten ihre Zeitungen vor sich ausgebreitet. Das Mädchen sagte, mit einer schön sonoren, etwas grollenden Stimme: »Auch noch Geld ausgeben für das Dreckszeug! Eine Schande!« Während ihr Gesicht vor Ekel verzerrt blieb – als läge etwas Stinkendes, eine kleine Tierleiche etwa oder Erbrochenes, auf dem Tischtuch, zwischen den Gedecken – streckte sie ihre langen, unruhigen, muskulösen Hände gierig nach den Papieren aus. »Laß gleich das Scheußlichste sehen!« rief sie und lachte finster. »Die Berliner Illustrirte!« Der schwarze Hagere hielt ihr mit melancholischer Neckerei das Titelblatt der Illustrierten hin: es zeigte den Führer und Reichskanzler in idyllischem Tête-à-tête mit einem kleinen blondbezopften Mädchen, das ihm einen enormen Blumenstrauß überreichte. »Ist er nicht schön?« fragte der Bleiche, wobei sein Lächeln säuerlich war. Die ältere Frauensperson – sie fiel durch kurzgeschorenes, hartes graues Haar und ein rotbraunes Kapitänsgesicht auf – stemmte die Arme in die Hüften und machte dröhnend: »Hoho!«

Die amerikanische Dame sagte, ziemlich laut: »Disgusting!« und stand auf. Die vier Deutschen, in den Anblick des Bildes versenkt, überhörten den Ausruf; sie sahen auch nicht, was für ein furchtbar drohendes Gesicht die Amerikanerin hatte, als sie nun, vom Gemahl gefolgt, das Lokal durchquerte, um die Ausgangstür zu erreichen. »Er bekommt einen Bauch!« stellte animiert der zweite junge Mann fest und meinte den »Führer«.

Als die Amerikanerin an dem Tisch vorbeikam, wo deutsch gesprochen und das Hitler-Bild betrachtet wurde, blieb sie eine Sekunde lang stehen und sagte sehr deutlich: »À bas les boches!« Ihr französischer Akzent war leidlich, jedenfalls viel besser als der des Gatten, der noch breit hinzufügte: »À bas les nazis!« Dabei hatte er sich der Türe genähert. Die Dame aber wandte sich noch einmal um, und nun spuckte sie aus. Auf eine Entfernung von mindestens zwei Metern spuckte sie recht kräftig und geschickt – man hätte es der respektabeln, keineswegs jungen Person kaum zugetraut – so daß eine nette, saftige Portion Speichel direkt neben den Schuhen des hageren jungen Mannes auf den Fußboden klatschte. Dann fiel die Türe hinter der Amerikanerin zu.

Die Kellnerin und die Patronne des Lokals hatten den Vorgang wortlos beobachtet; die Kellnerin mit einem kaum sichtbaren, hämischen Grinsen, die Chefin mit einem Achselzucken, als wollte sie sagen: ›Wozu soviel Aufregung wegen dieser Deutschen? Solange sie ihre Zeche zahlen, soll mir alles andere egal sein …‹

Die vier am Tisch waren so erschrocken und derart fassungslos erstaunt, daß mehrere Sekunden lang keiner von ihnen ein Wort hervorbrachte. Die beiden jungen Männer und das Mädchen waren sehr blaß geworden, während das Gesicht der Alten leuchtend rotbraun blieb. Sie war es, die das Schweigen brach, indem sie schallend zu lachen begann. »Das ist wunderbar!« brachte sie unter großem Gelächter hervor, wobei sie mehrfach dröhnend auf die Tischplatte schlug. »Ausgerechnet uns muß das passieren! Das ist köstlich! Nein, so was!« Die beiden Jungen versuchten mitzulachen; aber das Resultat ihrer Bemühung war kümmerlich, nur die bittere Andeutung eines Lächelns kam zustande. Das Mädchen schaute vor sich hin auf den Teller und sagte leise: »Ich finde es gar nicht komisch.« – »Warum nicht komisch? Wieso nicht?« wollte die Alte wissen. Aber nun gestand der zweite junge Mann – der blond und stattlich war, mit einem hellen, großflächigen, hübschen, etwas weichen und müden Gesicht: »Ich kann mich eigentlich auch nicht besonders darüber amüsieren. Mein Gott, bin ich erschrocken!« Dabei führte er die Hand ans Herz und blickte aus großen, entsetzten Augen, kokett um Mitleid werbend, von einem zum anderen. Der hagere Schwarze betrachtete grüblerisch den Speichelpatzen, der noch neben seinen Füßen auf dem Boden lag. »Vor zwei Wochen«, sagte er leise, »vor genau zwei Wochen hat in Berlin, auf dem Kurfürstendamm, ein SA-Mann mich angespuckt. Auch aus ziemlicher Entfernung. Er traf noch etwas besser als diese Lady: sein Speichel klebte an meinen Schuhen …« In eine kleine Stille hinein, die diesem Bericht folgte, sagte die Grauhaarige: »Armer David …« Die Kellnerin stellte mit einem demonstrativen Mangel an Höflichkeit die zwei Portionen Poulet, das Schnitzel Viennois und ein Omelett auf den Tisch.

»Man hätte die Leute ja aufklären können«, sagte der blonde junge Mann mit dem schönen, weichen Gesicht – er hatte eine schleppend melodiöse Art zu sprechen; seine Worte kamen zögernd und einschmeichelnd daher. »Man hätte ihnen auseinandersetzen können, daß wir zwar vielleicht ›des sales boches‹, aber sicher nicht ›des sales nazis‹ sind. Nur scheint mir ungewiß, ob die Herrschaften sich für solche Nuancen überhaupt interessiert hätten; für sie ist das alles wohl das gleiche …« Er zuckte die Achsel und lächelte resigniert. »Außerdem ließen sie uns keine Zeit zu ausführlichen Konversationen.«

Das Mädchen mit der schönen, grollenden Stimme schob die Zeitungen fort, die immer noch aufgeschlagen zwischen den Weingläsern und den Tellern lagen. »So was muß man sich gefallen lassen! – Ich war gleich dagegen, daß man sich mit dem Schmutzzeug« – sie gab den Papieren noch einen wütenden Stoß – »in ein öffentliches Lokal setzt. Es ist eben einfach zu kompromittierend!« Sie sah reizvoll aus in ihrer Empörung. Aus ihren Augen, die eine merkwürdig dunkelgrüne, ins Schwarze spielende Färbung hatten, schlugen Flammen des Zornes. Der blonde junge Mann – er hieß Martin Korella – legte ihr den Arm um die Schulter und bat mit der schleppenden Schmeichelstimme: »Ärgere dich nicht, Marion! Wir sind ja eigentlich gar nicht gemeint gewesen. Im Grunde war es doch ein recht erfreulicher kleiner Zwischenfall: er beweist, wie unbeliebt die Nazis draußen sind. In Amerika scheint ja eine nette Stimmung gegen sie zu herrschen. – Die freundlichen Herrschaften sind doch Amerikaner gewesen?« fragte er. Das Mädchen Marion indessen wollte sich nicht beruhigen lassen. »Es ist grauenvoll!« klagte sie. »Wie schrecklich schnell ist es diesem Hitler gelungen, die Deutschen in der Welt wieder derart verhaßt zu machen, daß man es riskiert, angespuckt zu werden, wenn man sich als Deutscher zu erkennen gibt!«

Martin, dessen Arm immer noch um Marions Schulter lag, sagte nachdenklich: »Die Frage ist nur, ob diese Weltempörung lange anhalten wird. Die Menschen vergessen so schnell, und es kommen andere Sensationen. In fünf Jahren würden wir uns vielleicht freuen, wenn die Leute noch beim Anblick von Berliner Zeitungen in Wut geraten …«

Die Grauhaarige schlug vor: »Jetzt wollen wir aber zunächst mal was essen, Kinder! Das gute Zeug wird ja kalt. Mein Schnitzel sieht wundervoll aus!« Sie sagte »mein Schnitzel«, obwohl doch noch gar nicht die Rede davon gewesen war, wie die Gerichte verteilt werden sollten. – »Mutter Schwalbe hat immer recht«, konstatierte Martin Korella und beschenkte die resolute Alte mit einem langen, zärtlich siegesgewissen Blick aus den schläfrig verhangenen Augen. »Essen wir also!« – David erklärte geschwind: »Ich bin nicht sehr hungrig und nehme das Omelett, wenn ich darf.« – Er hatte eine seltsame Manier, sich beim Sprechen mit einem schiefen Ruck der rechten Schulter seitlich zu verneigen; dabei verzerrten sich seine ungesund bläulich gefärbten Lippen zu einem liebenswürdig angstvollen Lächeln. Es war eine rührende und etwas groteske, zugleich mitleiderregende und erheiternde kleine Höflichkeitspantomime.

»Ich lasse mir den Appetit nicht verderben!« erklärte Mutter Schwalbe, schon mit ihrem Schnitzel beschäftigt. Und David, dem man das nicht sehr verlockend aussehende harte kleine Omelett überlassen hatte, bemerkte schüchtern: »Ich finde es hübsch hier … Dieses kleine Lokal gefällt mir. Und daß wir vier hier so beieinandersitzen … Ich habe es mir in Berlin oft gewünscht«, gestand er, und über sein wächsern zartes Gesicht zog eine flüchtige, helle Röte. »Manche Wünsche gehen unter recht merkwürdigen Umständen in Erfüllung – ganz anders, als man es sich ursprünglich vorgestellt hatte …« Seine rehbraunen, kurzsichtigen Augen wanderten zwischen Marion, Martin und der Mutter Schwalbe hin und her, ehe sie sich, bescheiden und ängstlich, senkten.

Man schrieb den 15. April 1933. Die vier Deutschen – Marion von Kammer, Frau Schwalbe, Martin Korella und David Deutsch – waren alle erst im Lauf der letzten zwei Wochen in Paris eingetroffen; zuletzt die Schwalbe, für die es nicht ganz einfach gewesen war, ihren Berliner Betrieb aufzulösen. Ihr hatte ein kleines Etablissement, halb Restaurant und halb Kneipe, gehört, in dem sie als Köchin, Empfangschef und Mädchen für alles tätig war. Das Lokal »Zur Schwalbe« war nicht weit von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, in einer Nebenstraße des Kurfürstendamms gelegen, und hatte sich einer starken Beliebtheit in gewissen Zirkeln der Berliner Jugend erfreut. Leute mit keinem anderen Kapital als ihrem Ehrgeiz und ihrer radikalen Gesinnung, Studenten, angehende Literaten, Maler, Schauspieler hatten sich wie in einem Klub bei »Mutter Schwalbe« zusammengefunden, um dort über Marxismus, atonale Musik und Psychoanalyse zu diskutieren und auf Kredit Frankfurter Würstchen mit Kartoffelsalat zu essen. Die Schwalben-Wirtin war, mit einer dicken Zigarre im Mund, zwischen den Tischen umhergegangen, hatte alle gekannt, allen auf die Schulter geklopft und zuweilen einen furchtbaren Krach geschlagen, wenn jemand es sich einfallen ließ, reaktionäre politische Tendenzen zu verteidigen, oder gar zu säumig mit dem Bezahlen seiner Schulden war. Als die Hitler-Diktatur in Deutschland sich etablierte, waren die Stammgäste der Schwalbe auseinandergestoben; viele waren emigriert, andere waren verhaftet worden; wieder andere blieben zwar in Berlin, hielten es aber nicht mehr für ratsam, sich in dem berüchtigten Lokal noch zu zeigen; manche waren sogar – die Schwalbe mußte es mit Bitterkeit konstatieren – zu den Nazis übergelaufen. Im Restaurant und in der Privatwohnung der »Patronne« – zwei Dachstuben, die sich im selben Haus wie die Kneipe befanden – hatte es Razzias gegeben; durch die Protektion eines Jungen in SS-Uniform, der früher zu ihrer Klientel gehört hatte, war der Braven die Verhaftung erspart geblieben. »Und jetzt singen sie jeden Abend das Horst-Wessel-Lied in meiner schönen Bude«, stellte die Schwalbe wehmütig fest. David Deutsch – derartig nervös und übersensibel, daß er auf bestimmte Worte reagierte wie auf die Berührung eines eisigen Windes – schauerte zusammen und bewegte gequält die Schultern. »Das Horst-Wessel-Lied!« wiederholte er und blickte hilfesuchend um sich, als erbäte er von den anderen Trost oder doch mindestens eine Erklärung.

Er war einer der treuesten Gäste der Schwalbe gewesen, während Marion und Martin, sozial entschieden höher gestellt als das eigentliche Schwalben-Publikum, sich nur zuweilen hatten sehen lassen – immer ein wenig wie große Herren, die es manchmal belustigt, in ein inferiores Milieu hinabzusteigen. Die »Patronne« hatte, trotzdem, eine entschiedene Sympathie für die beiden; ja, sie mochte sie im Grunde lieber als den armen David, von dem sie, nicht ohne eine gewisse Verächtlichkeit, zu sagen pflegte: »Ach, der ist ja so entsetzlich gescheit! Der weiß ja alles!«

Marion und Martin waren Jugendfreunde. Marion stammte aus einer sehr guten, Martin aus einer mittelfeinen Familie, übrigens waren sowohl die alten Korellas als auch Marions Mutter, Frau von Kammer, ziemlich verarmt. (Herr von Kammer war vor Jahren gestorben.) Marion hatte als Schauspielerin zwar noch keine großen Erfolge gehabt und war mit fast allen mächtigen Berliner Theaterdirektoren verkracht; aber ihre Leistungen in einigen literarischen Matinée-Aufführungen hatten doch von sich reden machen.

Viele von Marions Freunden gehörten zu den links gerichteten Schriftstellern oder Politikern, die bei den Nazis am verhaßtesten waren und eingesperrt wurden oder fliehen mußten, als, nach der Reichstagsbrandkatastrophe, das terroristische Regime begann. Was Marion betraf, so war für sie die Emigration eine Selbstverständlichkeit. Es hätte der Überlegung gar nicht bedurft, daß nun in Deutschland ihre Freiheit, vielleicht sogar ihr Leben gefährdet waren: der Ekel, der Haß, der Abscheu trieben sie fort. »Leider sehe ich ja zu auffallend aus, und zu viele Leute kennen meine ulkige Visage, als daß ich mich unter die Illegalen hätte mischen können«, bedauerte sie. »Übrigens hätte ich in Berlin beim Anblick einer SS-Standarte – oder wie sie die Banden nennen – auf offener Straße vor Wut gebrüllt. Das wäre mir ja dann wohl kaum sehr gut bekommen.«

Martin Korella war auch einmal Schauspieler gewesen; hatte aber mit maßvollem Bedauern feststellen müssen, daß sein darstellerisches Talent nicht hinreichend war. Er entschied sich für die literarische Laufbahn. Jetzt war er fünfundzwanzig Jahre alt und hatte noch nichts veröffentlicht, außer ein paar Gedichten und kurzen Stücken lyrischer oder essayistischer Prosa, in Zeitschriften und Anthologien. Diesen Arbeiten aber eignete eine solche Schönheit der Form, eine so innig-seltsame Dichtigkeit und Lauterkeit des Gefühls, daß sie ihrem jungen Autor fast so etwas wie Ruhm einbrachten – einen Ruhm freilich, der nur von ein paar hundert Menschen getragen und gewußt wurde. Es gab Leser in Berlin oder in Heidelberg, in München, Wien oder sogar in Paris, die sich in der Überzeugung einig waren, daß Martin Korella ein begnadeter Dichter sei. Martin war hochmütig genug, um ordinären Ehrgeiz gründlich zu verachten. Übrigens war er auch träge. Er schlief bis zum Mittag und verbrachte dann Stunden auf ziellosen Spaziergängen durch die Stadt. Er las wenig und immer wieder nur die gleichen Autoren. Es gab Wochen, Monate, während deren er keine Zeile schrieb. Dafür durfte er sich rühmen: »Etwas Mittelmäßiges ist von mir niemals gedruckt worden.« Seine Eltern machten ihm, so luxuriöser Faulheit wegen, beinahe täglich die bittersten Vorwürfe; waren aber doch heimlich stolz auf ihr originelles Kind und zahlten, unter viel Klagen und Schimpfen, die Monatsrente von zweihundert Mark. Das war keineswegs üppig; aber es ermöglichte Martin, in einer eigenen Stube zu leben, getrennt von Herrn und Frau Korella, die ihm auf die Nerven gingen.

Als Marion ihm mitgeteilt hatte, daß sie Deutschland verlassen werde, war seine Antwort gewesen: »Natürlich komme ich mit.« Sie war erstaunt, übrigens froh im Grunde, über die nachlässige Selbstverständlichkeit, mit der er seinen Entschluß äußerte – wenn vielleicht auch nicht erst im Augenblick faßte. Sie hielt es für ihre Pflicht, ihn zu erinnern: »Eigentlich sollte nur weggehen, wer muß. Ein paar anständige Leute müssen auch hier bleiben. Du hast dich politisch nie exponiert. Glaube nur nicht, daß wir es draußen so besonders einfach haben werden.« Woraufhin er nur die Achseln zuckte. »Wenn die Deutschen verrückt werden – ich habe keine Lust, da mitzumachen. Warum sollte ich abwarten, bis es zum Schlußeffekt dieser ganzen makabren Veranstaltung kommt? Bis die berühmte ›Apokalypse‹ endlich da ist, auf die alle braven Spießer sich so herzlich zu freuen scheinen …? Übrigens wird diese ›Apokalypse‹ in der Realität genauso mittelmäßig und langweilig ausfallen wie alles, was man uns bisher geboten hat … Das Ganze ist eine Farce; leider keine harmlose. Aus einem Menschen mit so einer Fresse macht man keinen Halbgott.« Er deutete auf das Hitler-Bild in einer Zeitung. »Das ist abgeschmackt. Es kann nicht gut enden.« – Das war jetzt ungefähr drei Wochen her.

David Deutsch gehörte zu den Bewunderern Martins. Übrigens war es in Berlin zwischen den beiden über eine flüchtige Bekanntschaft, die Mutter Schwalbe vermittelt hatte, nicht hinausgekommen. Der junge Philosoph und Soziologe, die Stille kleiner Universitätsstädte gewohnt, fühlte sich unsicher, gehemmt, oft sehr unglücklich im Berliner Betrieb. Es gab dort nur wenig Menschen, die ihn kannten und seine intellektuellen Gaben zu schätzen wußten. Seine Doktorarbeit hatte in Fachkreisen ein gewisses Aufsehen gemacht; aber die Berliner Literaten wußten weder von ihr noch von den Studien über die Vorsokratiker, über Kierkegaard, Nietzsche und Marx, die David in einer Heidelberger philosophischen Revue publiziert hatte. – In Wahrheit verhielt es sich so, daß Martin den jungen Gelehrten damals ein wenig von oben herab zu behandeln pflegte. Im Exil aber begegnete man sich zunächst ohne jene Voreingenommenheiten, durch die in Berlin die verschiedenen Zirkel und Cliquen voneinander separiert worden waren. Eine neue Herzlichkeit stellte sich her, so etwa wie nach Naturkatastrophen; die Bewohner eines brennenden Hauses, die sich auf der Straße vor den Trümmern ihrer Habe zusammenfinden, oder die Passagiere eines sinkenden Schiffes im Rettungsboot vergessen Unterschiede, die noch vor Stunden bedeutsam waren.

Bei der zweiten Flasche Rotwein wurde die Stimmung der vier am Tisch lebhafter, beinahe munter. Die Schwalbe entwickelte ihren Plan, in der Montparnasse-Gegend ein kleines Restaurant aufzumachen: »Ganz nach dem Muster meiner Berliner Kaschemme. Dort sollt ihr anständig zu essen kriegen – nicht so ein kümmerliches ›Schnitzèle Viennois‹, wie man mir gerade eines vorgesetzt hat. Ich habe schon einen bestimmten Platz im Auge«, berichtete sie, und ihre blauen Kapitänsaugen leuchteten. »Aber ich sag’s noch nicht, welchen. Ich bin abergläubisch. Ehe der Mietsvertrag unterzeichnet ist, erfährt kein Mensch, wo die Schwalbe sich diesmal niederläßt!« Sie redete geheimnistuerisch und verheißungsvoll, wie zu Kindern, denen man die Herzen mit Sehnsuchtsneugier nach den Wonnen eines Weihnachtsabends füllen will. In der Tat erreichte sie durchaus den gewünschten Effekt: die drei jungen Menschen wurden animiert und wollten mehr wissen. Wann Mutter Schwalbe ihren Laden zu eröffnen gedenke? Ob es auch Musik geben solle, und vielleicht gar etwas Platz, um nach dem Essen zu tanzen? – »Und eine Bar!« rief Marion, plötzlich guter Laune. »Ich finde, eine Bar solltest du einrichten. Wir wollen es doch schließlich auch etwas pariserisch haben!« Sie sah vergnügungssüchtig aus und hatte schöne, wilde Gebärden. Ihre großen, jünglingshaft harten und sehnigen Hände formten etwas in der Luft, was die Konturen einer Flasche bedeuten konnte. Dabei stieß sie ein gefülltes Weinglas um. Marion hatte die Eigenheit, immer irgend etwas umzuwerfen und kleine Katastrophen anzurichten, wenn sie in Aufregung geriet. Sie war ebenso ungeschickt wie enthusiastisch. Nach malheurhaften Zwischenfällen solcher Art pflegte sie sich selbst zu beschimpfen – »dummes Ding! Mußte das sein! Grundalberne Kuh!« – dazu schüttelte sie zornig den Kopf; die lockige Fülle ihres rotbraunen Haars, das einen Purpurschimmer hatte, fiel ihr in die Stirn, bis zu den Augen.

Sie beschlossen, den Kaffee in Montparnasse zu nehmen. Dort würde man bestimmt Bekannte treffen. »Ich glaube, die gute Dora Proskauer ist heute aus Berlin angekommen«, sagte die Schwalbe. »Sie wird uns etwas Neues erzählen können.« Marion sagte: »Vorher muß ich noch bei den ›Deux Magots‹ vorbeischauen. Marcel hat versprochen, dort auf uns zu warten.«

Sie gingen zu viert nebeneinander, Arm in Arm, das kleine Stück des Boulevard St.-Germain hinunter, das die Ecke der Rue des Saints-Pères vom Platz St.-Germain-des-Prés trennt. Der Abend war milde, im glasig durchsichtigen Himmel gab es noch ein wenig Licht. Aus dem Halbdunkel, in dem die Töne eines verblichenen Rosa sich mit den unendlich vielen Nuancen des Grau vermischten, traten die Umrisse der alten, schmalen, vornehmen Häuser zart und deutlich hervor. »Wie schön Paris ist!« sagte Martin andächtig leise. »Man hätte sich viel früher dazu entschließen sollen, hier zu leben … Es ist, wie wenn man einen Menschen, zu dem man ganz paßt und mit dem man vielleicht sehr glücklich hätte sein können, etwas zu spät, unter melancholischen Umständen kennenlernt …«

Sie standen zu dritt an der Ecke des Boulevards und des Platzes. Marion war ins Café gegangen, um Marcel zu holen. Vor einem Zeitungskiosk, der englische, amerikanische, italienische, deutsche, holländische, spanische und dänische Blätter anbot, drängten sich Menschen: Pariser Studenten, den bunten Wollschal apachenhaft um den Hals geschlungen, auf dem Kopf die kleine runde Baskenmütze; junge Engländer und Amerikaner, barhäuptig, die Zigarette im Mund, die Hände in den Taschen der weiten Flanellhosen vergraben; bunt hergerichtete Frauen, einige schon im Frühlingskostüm, andere noch im Pelz.

David Deutsch sagte: »Ich habe wirklich ein wenig Herzklopfen, weil ich Marcel Poiret kennenlernen soll.« Daraufhin Martin, verwundert: »Haben Sie ihn denn in Berlin nie getroffen?« Die Frage war ihm gleich etwas peinlich; er vergaß immer wieder, daß David in Berlin ja nicht zum gleichen »Set« gehört hatte wie er selber und Marion. – David versetzte, nicht ohne Hochmut: »Ich habe in Berlin nur sehr wenig Menschen gekannt. – Aber ich habe alle Bücher von Poiret gelesen«, fügte er hinzu. Diese Bemerkung ließ die alte Schwalbe ein wenig gehässig werden. »Natürlich! Freilich!« rief sie aufgebracht. »Von wem hätte er denn nicht alle Bücher gelesen?!« – Wirklich war die literarische Bildung des jungen Deutsch lückenlos in einem erstaunlichen Grade. Von den vierundzwanzig Stunden des Tages verbrachte er acht oder zehn mit Lektüre. Sein Gedächtnis war von einer fast krankhaften Stärke; er litt unter seiner Zuverlässigkeit wie unter einem Fluch. – »Besonders mag ich die ersten kleinen Bücher von Poiret«, sagte er jetzt und lächelte seiner mütterlichen Freundin zu, gleichsam um Verzeihung bittend. »Das sind traurige, reine Dichtungen. Als er seine große Ratlosigkeit noch zugab, fand er die rührendsten Töne. Die Begegnung mit der Politik kann für junge Dichter gefährlich werden …« – Martin sagte – schnell und leise, ganz ohne die schleppend-kokette Manier, in der er sich sonst gefiel: »Aber ist es denn besser, wenn man der Politik ausweicht …? Wie man es auch immer anfaßt und wie man sich auch entscheidet: die Zeit ist gefährlich für junge Dichter …«

Marcel Poiret pflegte seit mehreren Jahren einen Teil des Winters in Berlin zu verbringen. Einer seiner Romane war in deutscher Übersetzung erschienen und hatte ein gewisses Aufsehen gemacht. Boshafte Kritiker, die dem jungen Poiret übelwollten, behaupteten, daß man ihn »auf der anderen Seite des Rheins« irrtümlich für einen französischen Dichter halte, während man in Paris sehr wohl wisse, daß er nur einer von jenen zahllosen jungen Herren sei, die à tout prix auffallen wollen, sei es durch die grelle Farbe ihrer Hemden und Socken, sei es durch den anstößigen Exhibitionismus ihrer literarischen Beichten.

Poiret gehörte zu einer Gruppe von jungen französischen Künstlern – sie setzte sich nicht nur aus Autoren, sondern auch aus Malern und Komponisten zusammen – die auf eine höchst gewagte und etwas verwirrende Art in ihrem Stil und in ihrer Gesinnung einen konsequenten, aggressiven Marxismus mit einem extremen Romantizismus zu vereinigen suchten. In den artistischen Manifestationen dieser Gruppe, der es wirklich gelang, das Juste milieu sensationell vor den Kopf zu stoßen, begegneten sich die politischen Symbole von Hammer und Sichel mit allerlei geisterhaft Holdem und spukhaft Gräßlichem: widrig eiternden Wunden, zauberischen Blumen, flatternden Damen im Kostüm der neunziger Jahre, obszönen Traumgebilden, verrenkten Gliedern, sonderbarsten Fratzen. Es war ein Kult des Häßlichen, Schockierenden und Grauenhaften, den die Gruppe trieb – eine Art von pervertiertem Ästhetizismus, dem es jedoch an moralischem Pathos nicht fehlte. Sie stellten die Welt auf den Kopf, verzerrten ihre Formen, trieben Schabernack mit ihren Gesetzen: weil sie den Zustand der Welt mißbilligten; weil sie sich für die totale Veränderung des Weltzustandes revolutionär einsetzen wollten. Hinter all dem Hexensabbat aus Traum und Polemik, aus Bitterkeit, rüdem Ulk, Trauer und Obszönität verbarg – oder offenbarte sich die revolutionäre Hoffnung; ein fast naiver – und vielleicht mehr gewollter als eigentlich geglaubter materialistischer Optimismus; die mit religiöser Inbrunst krampfhaft festgehaltene Zuversicht, daß der Spuk vergehen, Qual, Angst und Fluch sich gnädig lösen werden, wenn das Wunder der wirtschaftlichen Umorganisierung erst vollbracht, die Tat der sozialistischen Veränderung Ereignis geworden sein wird …

In dieser Gruppe, die mit dem ganzen Rest des literarischen Frankreich in Fehde lag – in einer Fehde übrigens, die sich oft in nächtlichen Raufereien, im Beschmieren von Hauswänden oder in Skandalszenen bei Theaterpremièren manifestierte – zu dieser zugleich verzweifelten und munteren, stolz abseitigen und lärmend vordringlichen Gruppe bekannte sich Marcel Poiret. Er hatte seine literarische Laufbahn in einer Atmosphäre begonnen, die grundverschieden von derjenigen war – oder doch zu sein schien – die jetzt ihn und ein Dutzend von Kameraden wie zu einem verschwörerischen Zirkel verband. Die erbitterte Opposition gegen das reaktionär-bigotte Milieu einer französischen Bourgeoisfamilie, aus der er stammte, hatte sich zunächst nur als bissig-melancholische Aufsässigkeit und als eine etwas puerile Neigung zu bohèmehaften Exzentrizitäten geäußert. »Mein Vater«, pflegte Marcel zu konstatieren, »war ein degeneriertes Schwein. Nach außen der gute Patriot, le bon citoyen, ehrbar, allgemein respektiert; in Wahrheit: versoffen, faul, lasterhaft. Er haßte meine Mutter. Das dürfte der einzige menschliche Zug an ihm gewesen sein, und übrigens das einzige Gefühl, das ich mit ihm gemeinsam hatte. Leider fehlen mir die Beweise dafür, daß der Herzschlag den alten Schurken im Bordell der reichen Spießer, Rue Chabanais, getroffen hat. Madame Poiret behauptet, er sei nach einem Diner mit Geschäftsfreunden bei Larue vom Tode ereilt worden, was übrigens eine mindestens ebenso unappetitliche Vorstellung ist. Madame Poiret ist eine Hyäne. Sie hat alle schlechten, niederträchtigen Eigenschaften. Sie ist frömmlerisch; pathologisch geizig; grausam bis zum Sadistischen; intellektuell minderbegabt bis zum Idiotischen; boshaft, hysterisch, ohne einen Funken Humor, ohne eine Spur von echter Sympathie für irgendein lebendes Wesen. Madame Poiret«, sagte Marcel abschließend, »ist ein Scheusal.«

Der Haß gegen seine Mutter, die für ihn die Bourgeoisie und besonders die französische Bourgeoisie repräsentierte, bestimmte seine Entwicklung. Er perhorreszierte das Christentum, weil Madame Poiret zur Messe ging. Er trieb sich mit Amerikanern, Chinesen und vorzugsweise mit Deutschen in den Nachtlokalen von Montmartre und Montparnasse herum, weil Madame Poiret alle Ausländer für Barbaren hielt, von den Deutschen niemals anders als »les sales boches« sprach und der Ansicht war, daß die Nachtlokale eine infame Erfindung des Teufels, des deutschen Kaisers und der Bolschewisten seien, um die französische Nation zu korrumpieren. Er ging niemals vor vier Uhr morgens schlafen und betrank sich jede Nacht mit Whisky und Gin, weil seine Mutter sich um neun Uhr in ihr Zimmer zurückzog, um halb zehn Uhr das Licht löschte und die Namen der starken angelsächsischen Alkoholika nur mit ekelverzerrtem Gesicht, übrigens höchst fehlerhaft, aussprechen konnte. Aus tiefer Aversion gegen das ein wenig altmodisch-tadellose Französisch, in dem Madame Poiret sich ausdrückte, hätte der Sohn am liebsten nur noch englisch, deutsch oder russisch geredet. Zu seinem Leidwesen war er total unbegabt für fremde Sprachen. Er tat sein Bestes, die Mutter und ihre Freundinnen zu schockieren, indem er seine Konversation mit Unflätigkeiten würzte und, soweit dies irgend anging, den Jargon der Pariser Unterwelt kopierte. Er kleidete sich halb rowdyhaft, halb im Stil der Oxford-Studenten: in grellfarbige, übrigens kostbare Stoffe. Der Zwanzigjährige wurde zum deklarierten Liebling einer fragwürdig-bunt zusammengesetzten Gesellschaft, die im Paris des ersten Nachkriegsjahrzehntes ihr seltsames Wesen trieb; zum umworbenen Enfant terrible jener zugleich exklusiven und phantastisch gemischten Zirkel, in denen whiskysüchtige Halbgenies aus New York sich mit brasilianischen Abenteurern, hemmungslos gewordene Aristokratinnen sich mit den Stars der russischen oder schwedischen Ballette, mit opiumrauchenden Lyrikern, Negerboxern und reichen Berliner Snobs trafen. Marcel Poiret amüsierte sich ein wenig in dieser »monde«; verachtete sie; wurde von ihr verhätschelt; schilderte und verhöhnte sie schließlich in seinem ersten Roman. Vielleicht war es vor allem seine schlechte Gesundheit, die ihn davor bewahrte, sein Talent und seine rebellischen Instinkte auf die Dauer an eine Existenz zu verschwenden, die ihm nur reizvoll schien, weil sie seiner Mutter ein Greuel war, und deren wesentliche Inhalte die Cocktails und die mannigfachen Formen des Beischlafes waren. Mit seiner Lunge war nicht alles in Ordnung. Er fieberte; die Nächte in den raucherfüllten Atelierwohnungen und in den Bars bekamen ihm nicht. Aus bitterem Trotz, aus Traurigkeit, Ratlosigkeit und verspieltem Zynismus wütete er gegen den eigenen Körper. Er war drauf und dran, sich zugrunde zu richten. Immerhin hatte er vitalen Selbsterhaltungstrieb genug, um Schluß mit der abwechslungsreich-makabren Daseinsform zu machen, als er in den Cafés von Montparnasse und den Studios seiner New Yorker Freundinnen mehrfach Blut zu spucken begann. Die Ärzte rieten ihm zu Davos. Er mußte nun jedes Jahr ein paar Monate dort sein. Dort lernte er die Einsamkeit kennen. Sie machte ihn vertraut mit anderen Freuden, anderen Wonnen, Beängstigungen, Erkenntnissen, Zweifeln, Qualen und Ekstasen als die Cocktailparties und komplizierten Orgien. – Im Jahre 1929 kam Marcel Poiret zum ersten Mal nach Berlin, um für eine literarische Gruppe Vorträge über den Marquis de Sade, Baudelaire und Rimbaud zu halten. Er hatte Marion gleich am zweiten Abend ihrer Bekanntschaft gesagt: »Wenn du mich nicht mit Brutalität und Geschicklichkeit abschüttelst, bleibe ich bei dir. Ich brauche einen Menschen wie dich. Aber ich kann dir gar nichts bieten. In meinem Kopf sieht es furchtbar wüst aus. Oft habe ich so große Angst davor, daß ich verrückt werden muß. Vielleicht bin ich es schon. Ich habe zu hassen gelernt, ehe ich zu lieben gelernt habe …«

Marion und Marcel kamen durch die Drehtüre des Cafés. Zwischen sich hatten sie einen jungen Menschen, der kleiner und schmaler war als Marcel und ihm übrigens auffallend ähnlich sah. Marcel sagte: »Et voilà Kikjou – mon petit frère.« David Deutsch war einen Augenblick lang recht erschrocken über die Tatsache, daß Marcel einen Bruder präsentierte – ›und aus seinen Büchern scheint doch hervorzugehen, daß er keine Geschwister hat‹, dachte er. – »Il est beaucoup plus gentil que moi«, sagte Marcel, einen Arm um die Schulter des Jungen gelegt, den er Kikjou nannte. Dann umarmte er die Schwalbe, wobei er sie ausführlich auf beide Wangen küßte. Marion und Martin lachten. »Idiot!« sagte Marion – und Martin, erklärend zu David Deutsch: »Er hat natürlich nie einen Bruder gehabt. – Aber sie sehen sich wirklich ähnlich«, fügte er hinzu und schaute mehrere Sekunden lang, schläfrig-neugierig, aufmerksam und zärtlich den Fremden an.

Kikjou, der kleine Bruder Marcels: warum nicht? Sie hatten gemeinsam: vor allem den hohen, dunklen, kühn und reizvoll gespannten Bogen der Brauen über den weit geöffneten, hellen Augen; die etwas zu dicken, ein wenig aufgeworfenen, stark roten Lippen, die in der Blässe ihrer Gesichter wie geschminkt wirkten; die breite, niedrige Stirn, in die das Haar üppig wucherte. Kikjous Haar hatte einen mattgoldenen, fast honigfarbenen Ton; Marcels dickes Gelock war von fahl nachgedunkeltem Blond. Marcels Augenbrauen waren stark und etwas buschig, während diejenigen Kikjous wie mit einem Kohlestift gezeichnet schienen.

Sie hatten beide die rundgeschnittenen, weitgeöffneten Augen von unbestimmbarer Farbe, aber in Marcels Augen gab es das stärkere Leuchten. Es waren erstaunliche Augen, kindliche Augen, etwas wahnsinnige Augen, verführerische, rührende, unschuldige und, auf eine geheimnisvolle Art, furchtbare Augen, von einer hoffnungslos traurigen und sinnlichen Glut. Die Augen des Jüngeren wirkten sanfter, blasser und weicher. Alles wirkte sanfter, blasser und weicher an Kikjou, le petit frère de Marcel. In seinem Gesicht gab es nur helle Farben. Es war schmaler und empfindlicher geformt und viel glatter als Marcels Gesicht, welches grobknochig schien, mit breiten Wangen und Falten in der Stirn – viel zu tiefen für den Siebenundzwanzigjährigen. Die Mischung aus Kindlichkeit und Ramponiertheit charakterisierte das Aussehen Marcels; eine wüste Kindlichkeit war ihm eigen. Er wirkte sechzehnjährig und unendlich alt; unberührt und vielfach gezeichnet von den abenteuerlichsten, tiefsten und wirrsten Erfahrungen. Kikjous Stirne war wie aus Perlmutter geformt, sie hatte ein mattes Leuchten. Kikjou war auffallend hübsch – zu hübsch, anstößig hübsch für einen jungen Mann; Marcel beinahe häßlich, aber reizbegnadet in einem bestürzenden, fulminanten, wahrhaft sensationellen Grade. Die Kellnerin, die ihm den Tee servierte, konnte sich diesem Charme, der durch seine Heftigkeit beinahe weh tat, ebensowenig entziehen wie der Arzt, der seine Lunge untersuchte, oder der alte Literaturkritiker, der dem exzentrischen Dichter mit der felsenfesten Absicht entgegentrat, ihn unausstehlich zu finden. Nun stellte sich heraus, daß er unwiderstehlich war … Marion, Martin, David Deutsch und die Schwalbe empfanden alle vier genau dasselbe, als sie Marcel Poiret wiedersahen: ›Mein Gott – ich hatte doch bis zum gewissen Grade vergessen, wie schön er ist. Er ist schön.‹

Poiret hatte die Schwalben-Mutter, in deren Berliner Lokal er oft gewesen war, seit ihrer Ankunft in Paris noch nicht gesehen. Er versuchte deutsch mit ihr zu reden; es kam ein konfuses Kauderwelsch dabei zustande, durchsetzt mit englischen Brocken – Marcel neigte dazu, die beiden Sprachen miteinander zu vermischen. »Poor Berlin!« rief er aus – sie waren vom Boulevard St.-Germain in die lange traurige Rue de Rennes eingebogen und gingen nun Richtung Gare de Montparnasse, in zwei Dreierreihen: voran Marcel, David und die Schwalbe; hinter ihnen Marion und Martin mit dem »petit frère«. »Poor Berlin!« sagte Marcel. »So schöne Stadt, ganz verdorben! Ganz verdorben – very sorry for you, meine süße Schwalbe, very sorry!« Die Grauhaarige, rüstig neben dem jungen Dichter einherstapfend, nickte und brummte: »Große Schweinerei! Na, wird ja nicht lange dauern …« – Mit soviel biederem Optimismus war Marcel nicht einverstanden. Mühsam jedes Wort suchend – um es dann abenteuerlich falsch zu betonen – riskierte er es, zu widersprechen: »Ah, ma pauvre Hirondelle – keine Illusionen! Schluß mit Illusionen, ma pauvre! Hitler ist, was Bourgeoisie will. Wird sich lange halten, weil genau ist, was Bourgeoisie gerne mag. Bourgeoisie will häßliche, kleine Mann: bißchen Bauch schon« – er deutete pantomimisch die leichte Leibeswölbung des deutschen Kanzlers an – »und kleine moustache – garstig moustache, kommt wie schwarze Schmutz aus Nase gelaufen – oh, so very ugly! Le bel Adolphe – häßlischste Mann von die Welt. Häßlische Nase, und abscheulich Haar – so gemein in die Stirn coiffiert! Very sorry for you, Hirondelle, ma pauvre – Deine Führer, häßlischste Mann von die Welt!« Er klopfte ihr mitleidig die Schulter, während David Deutsch, nervös amüsiert, von krampfhaftem Gelächter geschüttelt wurde und sich das verzerrte Gesicht mit den Händen bedecken mußte. Die Schwalbe wiederholte, gutmütig den französischen Akzent karikierend: »Mein Führer, häßlischste Mann von die Welt!« – Marcel sah, wenn er lachte, wie ein vergnügter Handwerksbursche aus. Alles, was an ihm proletarisch-bäuerlich war – und seine Physiognomie hatte volkstümlich-derbe Züge neben den dekadenten – kam im herzhaften Gelächter zum Ausdruck und schien, solange die Freude anhielt, dominierend zu werden. Das Lachen verjüngte ihn und machte ihn gesund.

Marion, die den kleinen Kikjou schon ein paar Tage vorher mit Marcel getroffen hatte, versuchte Martin klarzumachen, was für eine Art Geschöpf man da vor sich hatte; es störte sie kaum, daß der Geschilderte dabei war und sogar etwas Deutsch verstand. »Er gehört zu diesen Jungens, wie man sie in Paris manchmal trifft, die alle Sprachen können und gar keine«, sagte sie. »Ich glaube, ursprünglich kommt er aus Brasilien; aber das ist alles etwas zu kompliziert für mein Fassungsvermögen. Jedenfalls ist er mit seiner Familie böse, und seine Familie ist wohlhabend und lebt teilweise in Rio, teilweise in Lausanne, der Wichtigste ist aber ein alter Onkel, und wir können ihn nicht ausstehen, weil er kein Geld schickt, oder beinah kein Geld, jedenfalls nicht genug!« – »Marion! Sie sind schrecklich!« unterbrach Kikjou sie lachend; aber er sah dabei nicht das Mädchen an, sondern Martin, aus sehr sanft strahlenden Augen. – Marion, unbeirrbar, fuhr fort: »Marcel behauptet, daß Kikjou manchmal recht schöne Gedichte macht. Aber der liebe Gott kommt zuviel in ihnen vor. Marcel ist doch so besonders gegen den lieben Gott.« – »Marion, du bist wirklich schrecklich!« Jetzt sagte es Martin, und auch er sah an der Angeredeten vorbei; es gelang ihm aber nicht mehr, Kikjous Blick einzufangen.

Marcel wandte sich um und rief über die Schulter: »Der liebe Gott? Toujours le Bon-Dieu? Merde alors! On se dispute toute la soirée sur le Bon-Dieu – il parait que le petit Kikjou aime beaucoup ce type-là. Voilà notre petit Kikjou tout à fait furieux parce que je dis, tout simplement, que cet espèce de Bon-Dieu est un salaud, une cochonnerie, une vacherie, une connerie – une … je ne sais pas quoi …« – »Marcel!« bat Kikjou, mit einer ganz leisen, aber merkwürdig innigen, fast metallisch tönenden Stimme. »Marcel! Je t’en prie!« Dabei hob er mit einer priesterlich runden, sanft warnenden, beschwörenden Geste die flach geöffnete Hand. Aber der andere redete weiter, mit Akzent und Haltung eines streitsüchtigen Taxichauffeurs. »Eh quoi – alors! Sans blague! Merde alors! Tu ne comprends pas que c’est encore une espèce de politesse – par pitié – qui me fait dire que ton Bon-Dieu soit un salaud, puisque, en vérité, il n’existe pas, tout simplement. Et je crois qu’il vaudrait toujours mieux d’exister comme un salaud que de n’exister du tout … Et quoi alors?!« – Seine Stimme klang böse, die Augen hatten ein schlimmes Funkeln. Er wartete Kikjous Antwort nicht ab, sondern drehte ihm wieder den Rücken und ging schnell weiter, so schnell, daß David Deutsch und die Schwalbe nun wirklich Mühe hatten, mit ihm Schritt zu halten. Kikjou sagte, und lächelte etwas fahl: »Sie müssen es entschuldigen … Aber Sie kennen ihn ja. Sie wissen, warum er diese fürchterlichen Dinge sagen muß.« Sie blieben mehrere Minuten lang stumm, bis Martin fragte: »Aus welcher Sprache stammt eigentlich das Wort Kikjou? Es klingt wie ein Vogelname … Heißen Sie wirklich so?« Der Fremde schwieg einen Augenblick, ehe er antwortete: »Als ich ganz klein war, in Rio drüben, hat mich eine indianische Kinderfrau so genannt. Und dann Marcel wieder.« Martin nickte.

Sie hatten die Gare de Montparnasse erreicht und bogen links in den Boulevard ein. Die Schwalbe schlug vor, man solle einen Rundgang durch die großen Cafés machen: »um die Freunde zu sammeln …« als gälte es, einen feierlichen oder kriegerischen Umzug zu organisieren. In der »Coupole« fanden die Deutschen keinen ihrer Bekannten; nur Marcel wurde von ein paar jungen Leuten begrüßt, es waren französische Literaten, sie paßten nicht ganz in den Kreis. Im »neuen« »Café du Dôme« – einer erst seit einigen Jahren eröffneten, etwas eleganteren Dépendance des alten, schon klassisch ehrwürdigen Etablissements – trafen sie Professor Samuel, den Maler: ein betagter Herr, würdig, väterlich, aber immer noch unternehmungslustig, nicht ohne verschmitzte, leicht diabolische Züge; Professor Samuel – Schüler der großen Pariser Impressionisten, von den internationalen Kennern und Sammlern seit Jahrzehnten respektiert; seit Jahrzehnten in den Montparnasse-Cafés ebenso intim beheimatet wie in den Berliner Lokalitäten gleichen Stils – er rief mit seinem wunderbaren, orgeltiefen Baß: »Da seid ihr ja, meine Kinder!« – und zog einen nach dem anderen ans Herz; zuerst Marion, dann Marcel, dann Martin, David, die Schwalbe, und sogar Kikjou, den er gerade erst kennenlernte. Der »Meister« war stets gerne dazu bereit, junge Leute, männlichen oder weiblichen Geschlechtes, zu umarmen und ein wenig zu liebkosen. Er hatte, unter dem breitrandigen Schlapphut, ein großes, kluges, altes, blasses Gesicht; die Augen verschwanden hinter geheimnisvoll spiegelnden Brillengläsern; das Lächeln des feingeschnittenen Mundes war sowohl gütig als schelmisch und von einer gleichsam verklärten, väterlich-allumfassend gewordenen Sinnlichkeit. »Der Meister! Le maître lui-même!« riefen die jungen Leute durcheinander. Sie kannten ihn alle, und sie waren angenehm berührt, seine schöne Orgelstimme wieder zu hören. Er genoß großes Vertrauen bei den jungen Leuten, die oft ratlos waren. Man beichtete ihm, klagte bei ihm, erbat Rat, er hatte für alles Verständnis, es überraschte ihn nichts, er hatte viel gesehen, auch selber viel mitgemacht, er war alt und klug.

In der Gesellschaft des Meisters gab es einen munter und adrett wirkenden kleinen Herrn mit auffallend schönem, soigniertem weißem Haar über einer rosig appetitlichen Miene. Marion und Martin schienen mit ihm intim zu sein, auch Marcel und die Schwalbe kannten ihn, David hatte ihn nie gesehen. Er hieß Bobby Sedelmayer und war der Manager der Knickerbocker-Bar in Berlin gewesen – eines Etablissements, in dem die arriviertesten von den Stammgästen der Schwalbe sich mit dem eigentlichen Kurfürstendammpublikum, den Snobs und den hochbezahlten Künstlern, begegneten. Der kleine Sedelmayer und die Schwalbe standen in einem neckisch-gespannten Verhältnis, jedoch überwog die schalkhafte Nuance; denn im Grunde waren sie nie Konkurrenten gewesen, da bei der Schwalbe die Erbsensuppe dreißig Pfennig, bei Bobby der Cocktail fünf Mark kostete. Nun hatten sie beide ihre Pforten schließen müssen und begegneten sich auf der Terrasse des »Dôme« – beide übrigens durchaus optimistisch, bei allem Ernst der Situation, und den Kopf voller Pläne. Bobby hatte in seinem Leben mindestens schon fünfundzwanzig verschiedene Professionen gehabt, hinter ihm lagen vielerlei Abenteuer, es war erstaunlich, daß er immer noch ein so rosig-adrettes Aussehen zeigte. Er war vermögend und er war bettelarm gewesen. Er hatte in einem großen Kunstsalon in Frankfurt am Main Picassos verkauft und zu Berlin heiße Würstchen, nachts, auf der Friedrichstraße. Er war Fremdenführer in New York gewesen und Schauspieler in München, Journalist in Budapest und der Empfangschef eines Institut de Beauté an der Tauentzienstraße in Berlin. Er war einfallsreich, tapfer, immer guter Laune, intelligent und unverwüstlich. Marion küßte ihn auf beide Backen, er zog sie sofort beiseite, um ihr mitzuteilen: »Jetzt mache ich natürlich in Paris ein Lokal auf, der alte Bernheim wird mir das Geld geben, du kommst doch zur Eröffnung, ich will es diesmal ganz schick machen – Avenue de l’Opéra, große Negerband – der alte Bernheim scheint ziemlich viel money im Ausland zu haben …«

Außer Bobby fand sich ein verschüchtert wirkender Jüngling an Samuels Tisch: ährenblondes, artig gescheiteltes Haar, das hübsche, glatte Gesicht etwas entstellt durch mehrere Pickel auf der Stirne und um den Mund; dunkel und nicht ohne Feierlichkeit gekleidet, mit breiter, schwarzer Krawatte, im Stil lyrisch gestimmter Heidelberger Studenten. – Martin zwickte Samuel in den Arm: »Wo hast du den aufgegabelt?« Der Meister schmunzelte: »Ach, er saß so einsam und bekümmert hier auf der Terrasse, mit seiner deutschen Zeitung auf den Knien. Ich habe es für meine Christenpflicht gehalten, ihn anzusprechen. Er ist ein ungeheuer braver Junge, soviel habe ich schon heraus. Übrigens scheint er dort drüben, in Deutschland, arge Sachen erlebt zu haben.«

Dann wendete der Meister sich wieder an die ganze Gesellschaft und erklärte, gegenüber, im »Select«, sitze der reiche Bernheim mit noch ein paar Leuten. »Wollen wir nicht hinübergehen? Er bezahlt uns die Drinks.« Alle waren dafür, aber die Schwalbe sagte: »Ich muß nur erst noch ins alte ›Dôme‹ und in die ›Rotonde‹ schauen, ob nicht die arme Proskauer irgendwo sitzt. Sie kommt direkt aus Berlin und wird sicher etwas Interessantes zu erzählen haben.«

Samuel, mit Marion, Martin, Kikjou und dem schüchternen Studenten, ging schon ins »Select« hinüber, wo der reiche Bernheim die Drinks bezahlen würde; während die Schwalbe sich von Marcel und David ins alte »Dôme« begleiten ließ. Dort fanden sie gleich das Mädchen, welches sie suchten; sie saß in einem kleineren Nebenraum in der Nähe der Theke. Die Proskauer, mit einer ungewöhnlich langen, stark gebogenen Nase, an der die dunkeln, sorgenvollen Augen behindert vorbeiblickten, präsentierte sich als eine sehr häßliche, aber Vertrauen einflößende, sympathische Person. Sie hielt sich schlecht; ihr schräg gehaltener Kopf mit tiefsitzendem, unordentlich geflochtenem schwarzem Haarknoten steckte zwischen den zu hohen Schultern. Ihre Worte kamen wie das leise, undeutlich-sonore verständige Plätschern einer kleinen Quelle unter der Felszacke ihrer Nase hervor. Man hätte sie recht gerne als milde Schwester um sich gehabt, wenn man fiebrig zu Bette lag. Marcel empfand angesichts dieses Typs von Mädchen ein Mitleid, das an Zärtlichkeit grenzte. ›Pauvre enfant‹, dachte er und schaute die Proskauer leuchtend aus den Sternenaugen an.

Bei ihr am Tisch saßen zwei Männer, beide hatten fast drohend ernste, unrasierte Mienen, und sie wirkten, als versteckten sie hohe, derbe, kotbespritzte Stiefel. Die Proskauer stellte sie als Theo Hummler und Dr. Mathes vor: »Zwei sozialdemokratische Genossen«, murmelte sie verständig. Die beiden hatten einen erschreckend festen Händedruck. Als sie mit Marcel bekannt wurden, sagten sie: »Enchanté«, wurden etwas rot und lachten geniert, als wäre es ein ungehöriger kleiner Scherz, daß sie das französische Wort benutzten. Beide Männer waren groß gewachsen und gut aussehend. Theo Hummler hatte sehr dichtes, schwarzes, etwas fettiges Haar und kluge, freundliche Augen. Dr. Mathes blickte etwas glasig um sich. Ein rotblonder Schnurrbart hing ihm in feuchten Fransen auf die Oberlippe. Er war Assistent an einem Berliner Krankenhaus gewesen – wie dem undeutlich-sonoren Bericht zu entnehmen war, den die Proskauer der Schwalbe ins Ohr summte. »Unerhört tüchtiger Mensch …« soviel ließ sich aus ihren Worten erraten, »habe ihn erst während der letzten Wochen so richtig schätzengelernt … Hat sich nur unter dem Zwang der Umstände zur Emigration entschlossen … Sehr ernst … wirklich sehr zuverlässig …« – Was den Theo Hummler betraf, so war er in sozialdemokratischen Arbeiter-Bildungs-Organisationen tätig gewesen. »Ein marxistisch geschulter Kopf«, raunte die Proskauer, wozu Frau Schwalbe nickte.

Auf dem Wege vom »Dôme« zum »Select« ließen die drei aus Berlin neu Eingetroffenen schon die ersten Schreckensnachrichten hören. »Sie haben Betty verhaftet«, murmelte die Proskauer, und der Mann vom Volksbildungswesen ergänzte: »Vorgestern abend, ich hatte sie ein paar Stunden vorher noch gesehen – der reine Zufall, daß sie mich nicht auch wieder erwischt haben!« – »Sind Sie denn auch emprisonniert gewesen?« erkundigte sich Marcel. Theo Hummler nickte: »Gleich in den ersten Tagen. Aber sie haben mich bald wieder rausgelassen, ich hatte Glück.« – »Hat man Sie …?« Marcel fragte es mit Angst in der Stimme. Da er das deutsche Wort nicht gleich finden konnte, deutete er pantomimisch das Prügeln an. »Ob man mich geprügelt hat?« Hummler lachte kurz und grimmig durch die Nase. »Das vergessen die niemals. – Aber es ist mir weniger schlimm gegangen als vielen von den Genossen.«

Dr. Mathes sagte, wobei er sich mit einer gewissen Schärfe an Dora wandte: »Übrigens ist es notorisch, daß man uns Sozialdemokraten mit noch mehr Grausamkeit behandelt als die Kommunisten. Die Nazis wissen genau, wer ihre gefährlichsten Feinde sind.« – Die Proskauer schüttelte ernst den Kopf. »Ich habe in Straßburg junge Kommunisten gesehen – die waren zugerichtet: grauenvoll. Schlimmer kann kein Sozialdemokrat aussehen, der aus den Kellern der Gestapo kommt.«

Theo Hummler, dem der Gegenstand peinlich zu sein schien, wußte noch zu erzählen: »Und den Willi haben sie auch gekriegt – du weißt doch: den kleinen Dicken, der auf unserer letzten Versammlung das Hauptreferat hatte …«

Sie waren vor der Terrasse des »Select« angekommen. Der junge Arzt mit dem rötlichen, feuchten Schnurrbart zog Dora zur Seite. »Mit wem treffen wir uns da eigentlich?« fragte er mißtrauisch. »Wenn es feine Leute sind, gehe ich lieber nicht mit. Ich sehe unerlaubt schäbig aus …« Auch der Volksbildungsmann hatte Bedenken: »In diesen Montparnasse-Cafés sollen besonders viel Spitzel sein. Man sagt, sie geben einem zu trinken und versuchen dann rauszukriegen, was für Beziehungen man nach Deutschland hat.« Die Proskauer bekam etwas unruhige Augen, die ängstlich an der Nase vorbeiblickten. »Ich weiß wirklich nicht …« murmelte sie. »Es sind Freunde der Kameradin Schwalbe …« Nun mischte diese sich ins Gespräch, während David Deutsch und Marcel schon langsam die Terrasse betraten, auf der alle Tische dicht besetzt waren. – »Seid doch nicht übertrieben vorsichtig!« riet die Alte. »Ich kenne fast die ganze Bande da drinnen – und den Freunden meiner Freunde mißtraue ich nie!« – »Na ja«, entschied Hummler, nachdem er sich mit dem Doktor durch Blicke, Achselzucken und Kopfschütteln nicht sehr taktvoll verständigt hatte. »Machen wir also mit! Man will kein Spielverderber sein!« – Die Schwalbe erklärte noch: »Es ist wohl so ein alter Berliner Bankier dabei, ein Freund vom Maler Samuel. Das scheint so einer, der gerne für einen ganzen Haufen von Leuten die Rechnung bezahlt.« – »Ist ja ganz angenehm!« rief Hummler, durch diese Mitteilung besserer Laune gemacht. Er und Dr. Mathes ließen herzliches Gelächter hören, die Schwalben-Wirtin stimmte dröhnend ein, auch die Proskauer hatte ein dunkel plätscherndes kleines Lachen. Theo Hummler wunderte sich selbst: »Daß man bei den Zeiten noch vergnügt sein kann!« Dabei hatten sie den Tisch erreicht, an dem Bankier Siegfried Bernheim präsidierte.

Professor Samuel schien die Unterhaltung zu beherrschen; als die Schwalbe mit ihren Freunden zur Gesellschaft stieß, ließ er eben seinen prachtvollen Baß hören: »Gewiß, jeder von uns hat viel aufgeben müssen. Ich hatte gerade Schluß gemacht mit dem Vagabundenleben – reichlich spät, wie manche meiner Freunde fanden – und war wohlbestallter Professor in Berlin geworden, mit festem Einkommen, einem hübschen Atelier in Dahlem und nur noch ganz geringfügigen Schulden. Ein ruhiger Lebensabend war mir aber wohl nicht beschieden. Da sitze ich wieder, wie vor vierzig Jahren – unbeschwert. Mein Besitz ist ein Handkoffer, enthaltend zehn französische und fünf deutsche Bücher, einen Flanellanzug, einen ungebügelten Smoking, eine Zahnbürste, einen Skizzenblock, zwölf Bleistifte und ein paar Tuben Farbe. So zog ich schon vor vierzig Jahren durch die Welt. Und inzwischen« – er senkte sein großes, erfahrenes, altes Haupt; seine Stimme dämpfte sich düster – »und inzwischen hat man sein Lebenswerk geschaffen.« Dann sprang er auf, um die Schwalbe und ihre Begleitung mit Herrn Bernheim bekannt zu machen.

Der reiche Mann sagte: »Herzlich willkommen an meinem Tisch!« Er hatte immer noch die salbungsvoll-gastliche Allüre, mit der er, so viele Jahre lang, seine Gäste – Politiker und Finanziers, Chefredakteure und Schauspielerinnen, Prinzen, Musiker und Poeten – am Portal seiner Grunewaldvilla in Empfang genommen und begrüßt hatte. »Recht herzlich willkommen!« wiederholte er mit etwas öliger Stimme und schüttelte der Schwalbe beide Hände. »Ich habe viel von Ihnen gehört!« – Sein Gesicht war alttestamentarisch würdevoll, mit großer, fleischiger, ziemlich platter Nase und einem breiten, rund geschnittenen Vollbart, der früher rot gewesen sein mochte und jetzt eine merkwürdig rosagraue Färbung zeigte. Siegfried Bernheim schien die Stattlichkeit in Person; stattlicher und imposanter als er konnte ein Mensch überhaupt nicht sein. Alles an ihm atmete eine gesunde, fröhlich-ernste Selbstzufriedenheit, die jedoch weit davon entfernt war, in einen lächerlichen Dünkel auszuarten. Ihm ließ sich ansehen, daß auch der Schicksalsschlag, der ihn nun betroffen hatte – der Verlust von Haus und Heimat: das Exil – sein solides inneres Gleichgewicht keineswegs hatte stören können. Das gesellige Heim im Grunewald hatte er fluchtartig verlassen müssen – denn er war den Nazis nicht nur als reicher Jude, sondern auch als Förderer linksgerichteter Künstler und Politiker besonders verhaßt – Was schadete es? Es schadete wenig, so gut wie nichts. Er hielt Hofstaat auf der Terrasse dieses hübschen Cafés, und übrigens würde er bald eine geräumige Wohnung in Passy beziehen. Er hatte nur wenig Geld verloren. »Verhungern werde ich in absehbarer Zeit nicht müssen«, gab er zu. – Die Comités für jüdische und politische Flüchtlinge erhielten keineswegs überwältigend große, aber doch erfreuliche Gaben von ihm. Er war von liberaler Gesinnung, nicht ohne vorsichtige Sympathie für gemäßigt sozialistische Ideen. Seine Feinde und einige seiner Freunde hatten ihn den »roten Millionär« genannt, was er sich mit Schmunzeln gefallen ließ. Ein wohlmeinender, ziemlich intelligenter, fortschrittlich gesinnter Herr: mußte man nicht froh und dankbar sein, daß es ihn gab? Daß er hier, im braunen flauschigen Paletot, vor seinem schwarzen Kaffee mit Benediktiner saß und die neuen Gäste fragte: »Was darf ich für Sie bestellen, meine Herrschaften?« Es amüsierte ihn, daß David Deutsch nur heiße Milch haben wollte. Die Herren Mathes und Hummler entschieden sich für Bier und etwas zu essen; Bernheim schlug Würstchen vor, weil es an die Heimat erinnerte. Mit Marcel versuchte er französisch zu reden. »J’ai – lu – un – de vos livres … Très beau – en effet, très beau. – Très originel«, sagte er noch. »Quelque chose de très nouveau!« Und er strich sich den rotgrau melierten Bart, durchaus befriedigt von seiner kleinen Ansprache in fremder Zunge. Als aber Marcel seinerseits zu sprechen anfing, mit unbarmherziger Geschwindigkeit, Literatenjargon und Apachenargot vermischend, fiel es dem Bankier doch recht schwer, zu folgen. Er rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her; sagte mehrfach: »Très interessant!« und wandte sich schließlich, serenissimushaft seine Gnaden verteilend, an Mathes: »Ich höre, Sie sind ein vorzüglicher Internist, Herr Doktor … wie war doch der Name?«

Marion berichtete in hochdramatischer Form von dem zugleich beschämenden, grotesken und erfreulichen Abenteuer, das sie vor einer Stunde zusammen mit den Freunden in dem kleinen Restaurant, Rue des Saints-Pères, gehabt hatte.

»Wie aufregend das schöne Kammermädchen zu flunkern versteht!« sagte Bernheim herzlich anerkennend. »Das war eine Leistung, Marion! Erlauben Sie, daß ich Ihnen noch einen Black-and-White kommen lasse?« Marion ärgerte sich. »Ich habe nichts übertrieben! Du kannst es bestätigen, Schwalbe – und du, Martin – Es ist alles genau so gewesen!«

Ein Herr mit mongolisch schmalen, schiefgestellten Augen sagte achselzuckend: »Marion hat eine recht amüsante, aber doch keineswegs erstaunliche Geschichte erzählt. Ich begreife die Aufregung der Herrschaften nicht. Selbstverständlich ist Deutschland heute enorm unbeliebt; übrigens ist es niemals beliebt gewesen. Die zivilisierten Nationen haben Deutschland im Grunde immer verabscheut. Sie bewiesen einen guten Instinkt.«

»Aber erlauben Sie mal!« begann Theo Hummler drohend – dabei schob er den Teller von sich und wischte sich mit der Papierserviette den Mund: es machte den besorgniserregenden Eindruck, als sei er eisern entschlossen, eine ausführliche Diskussion zu beginnen. »Erlauben Sie mal – angenommen sogar, was Sie da behaupten, stimmt! Sie stellen es mit dem Ton einer entschiedenen Befriedigung fest. Die sogenannten zivilisierten Mächte hätten einen guten Instinkt bewiesen, als sie Deutschland herabsetzten? Offen gesagt, so was begreife ich nicht! Deutschlands Beitrag zur Weltkultur« – Theo Hummler hatte den Ton eines Versammlungsredners, der sich eines nicht grob-demagogischen, sondern eines gebildet-maßvollen Jargons befleißigt: »Deutschlands kulturelle Leistung kann den Vergleich mit der Leistung jedes anderen Landes wohl aushalten … Das Land Goethes und Kants …«

Hier hatte der Herr mit den gescheiten Mongolenaugen eine kleine, abwinkende Bewegung gemacht, die es dem braven Hummler durchaus verbot, weiter zu reden. »Lassen Sie doch die Herren Kant und Goethe, der Abwechslung halber, beiseite!« bat er hochmütig. Sein intelligentes Gesicht blieb merkwürdig starr, was mit seiner Angewohnheit, die Zigarette beim Sprechen im Mundwinkel zu behalten, zusammenhängen mochte. »Was haben die Deutschen mit Kant und Goethe zu tun? Über die Beziehung – oder vielmehr: Nicht-Beziehung – der Deutschen zu ihren großen Männern können Sie sehr aufschlußreiche Bemerkungen bei einem Autor finden, der in Dingen der Psychologie einigermaßen beschlagen war. Nietzsche kannte sich aus …«

»Nietzsche! Nietzsche!« wiederholte, höhnisch und aufgebracht, der Mann vom Volksbildungswesen. »Sie berufen sich auf den Machtphilosophen, den Liebhaber der blonden Bestie, den ausgesprochen präfaschistischen Typus!«

Der andere zuckte wieder die Achseln. »Das ist dumm«, sagte er, unbewegten Gesichtes, immer mit der Zigarette im Mundwinkel. »Leider einfach dumm.«

Theo Hummler war kein besonders empfindlicher Mensch; aber dieser Bursche ging ihm auf die Nerven. »Wenn Sie mich für einen Idioten halten«, sagte er beleidigt, »dann hat es wohl kaum noch Sinn, daß wir uns weiter unterhalten.«

Andere am Tisch hielten den Moment für gekommen, sich versöhnlich ins Gespräch zu mischen. Professor Samuel ließ die Orgelstimme hören: »Aber, meine Herren! Sie sind unverbesserlich!« Er hatte den Zeigefinger gehoben, als müßte er bösen Kindern drohen.

»Na ja«, brummte Hummler. »Ich kann es eben nicht ausstehen, wenn Deutsche ihr eigenes Nest beschmutzen.« – Der Herr mit den Mongolenaugen sagte, zugleich gelangweilt und scharf: »Sie irren sich. Ich bin gar kein Deutscher.«

Professor Samuel erklärte mit wohlwollender Ironie: »Mein Freund Nathan-Morelli ist nur durch einen dummen Zufall in Frankfurt am Main geboren. Seine Mutter war eine schöne Italienerin, an seinen Vater kann sich niemand erinnern, und er selber lebt meistens in London. Manchmal ist er allerdings in Paris – wie Sie sehen – und früher ist er sogar ab und zu in Berlin gewesen. Er hat ein sehr gutes Buch über England geschrieben, und ein anderes, nicht ganz so gutes über die französischen Impressionisten. Er ist ein besonders netter und gescheiter Kerl. Genügt das?«

Nathan-Morelli, die Zigarette im Mundwinkel, neigte gravitätisch das Haupt. »Stimmt Wort für Wort«; dabei schüttelte er seinem Freund Samuel über den Tisch hin die Hand.

»Es wäre wirklich äußerst abgeschmackt und töricht, wenn wir uns weiter zanken wollten«, sagte Samuel noch. »Wir sitzen hier wie die Schiffbrüchigen auf einer wilden Insel, und es hat wirklich keinen Sinn mehr, sich gegenseitig in den Haaren zu liegen. Die Emigration ist eine ernste Sache. – Seht euch den da an!« Er zog seinen Stuhl näher an den Tisch und dämpfte vertraulich die sonore Stimme. Dabei deutete er mit dem Daumen hinter sich, über die Schulter. Dort saß ein weißhaariger Herr mit feinem, müdem Gesicht und spielte, das Kinn sinnend in die Hand gestützt, eine Partie Schach mit sich selber. Der Herr hatte schöne, lange, aristokratische Hände; aber über den Gelenken waren die etwas zu kurzen Ärmel seines schäbigen Jacketts ausgefranst. – »Das war einmal einer der reichsten Männer von Ungarn«, berichtete Samuel leise. »Ihm hat so viel Land gehört, wie einem einzelnen Menschen überhaupt nicht gehören dürfte. Übrigens schien er selber zu finden, daß er gar zuviel Grund und Boden besitze. Denn als die Revolution kam, wurde er der Chef einer demokratischen Regierung und verteilte seine enormen Güter an die Bauern. Vielleicht hätten ihm seine Standesgenossen zur Not verziehen, daß er republikanischer Ministerpräsident gewesen war; aber daß er seine Ländereien weggeschenkt hatte, war eine Todsünde … Der demokratische Graf mußte fliehen, als die Bolschewisten in Budapest regierten – und er konnte nicht zurück, als die Faschisten kamen, die sich damals noch anders nannten. Die ›Weißen‹ hätten ihn aufgehängt wie die ›Roten‹. Nun sitzt er seit beinahe fünfzehn Jahren in Paris. Zu Anfang hat er noch politische Diskussionen geführt und Meetings besucht. Jetzt spielt er beinah nur noch Schach, meistens mit sich selber. – Er soll ein recht guter Schachspieler sein«, schloß der Professor wehmütig seinen Bericht.

»Emigrantenschicksal …« sprach Herr Bernheim mit der angenehm geölten Stimme; dann machte er eine kleine Geste mit beiden Händen, als wollte er etwas Unangenehmes wegschieben, und erkundigte sich leutselig, ob die Herrschaften noch etwas zu trinken wünschten. Der verbannte Graf am Nebentisch, der Samuels Erzählung vielleicht gehört hatte oder mindestens spürte, daß von ihm die Rede gewesen war, hob den Kopf und schickte aus seinen tiefliegenden blauen Augen einen erloschenen Blick über die Runde hin.

Da der freundliche Bernheim so freigebig die Getränke spendete, wurde die Unterhaltung an seinem Tisch immer lebhafter. Übrigens erweiterte sich der Kreis; lawinenartig wuchs die Gesellschaft, die sich auf des Bankiers Kosten an Whisky oder rotem Wein erlabte. Zwei jüngere Journalisten, die mit ihren großen runden Brillengläsern und den hackenden Bewegungen ihrer schmalen Köpfe einem Paar von seltsamen, nicht ungefährlichen Vögeln glichen, brachten eine ernste Dame mit, deren schneeweiß geschminktes, starres und schönes Gesicht von undefinierbarem Alter war. Die Dame hieß Fräulein Sirowitsch und erklärte düster: »Ich übersetze Schopenhauer ins Französische.« Die beiden Journalisten mit den Vogelhäuptern verkündeten, daß sie im Begriffe seien, eine deutsche Tageszeitung in Paris aufzumachen. »So was brauchen wir jetzt!« riefen sie siegesgewiß, wie aus einem Munde, und alle am Tische gaben ihnen recht. »Ich werde das Feuilleton redigieren!« versprach der eine und rieb sich die Hände, als freute er sich jetzt schon darauf. Der andere, der ihm wie ein Zwillingsbruder glich, fügte hinzu: »Ich leite die Politik!« Alle nahmen diese Neuigkeiten mit lebhaftem Interesse auf. Nur Herr Bernheim wollte nicht recht hinhören; er war zwar von Herzen gerne dazu bereit, in großem Stil Erfrischungen zu bezahlen; aber ihm graute doch ein wenig davor, gleich eine Tageszeitung zu finanzieren. Auch Bobby Sedelmayer wurde unruhig. Bernheim gehörte ihm; was an Geld aus ihm herauszuholen war, sollte in das Nachtlokal gesteckt werden. Nun auch noch eine Zeitung! Schließlich konnte Bernheim nicht für alles aufkommen! Fräulein Sirowitsch sagte zu Herrn Nathan-Morelli, der ihr, die Zigarette im Mundwinkel, mit etwas verächtlicher Galanterie lauschte: »Manche Dinge bei Schopenhauer sind unübersetzbar. Er benutzt Wendungen, die sich in keiner anderen Sprache wiedergeben lassen.« Theo Hummler versicherte der Schwalbe: »Ich hatte prachtvolles Menschenmaterial in meinen Volksbildungskursen. Der Wissensdrang dieser jungen Leute, die tagsüber in den Fabriken arbeiten, hat geradezu etwas Rührendes. Was wir in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut haben, wird nun grausam zerstört …« – Plötzlich war auch noch ein junges Mädchen in schwarzem Abendkleid da. »Ich heiße Ilse Ill«, stellte sie sich selber vor. »Ich bin Kabarettistin«, fügte sie hinzu und lachte triumphierend. Überraschenderweise schwenkte sie eine Reitpeitsche mit Silbergriff, als wäre sie hoch zu Rosse über die Boulevards herangesprengt gekommen, von ihrer schwarzen Robe umflattert wie die Göttin von einer Wolke. »Gestern habe ich noch in Berlin gesungen«, rief sie aus und blickte drohend um sich, gleichsam fragend: Wagt hier jemand, mir zu widersprechen? – »Kolossalen Erfolg gehabt. – Na, damit ist vorläufig Schluß!« erklärte sie höhnisch, wie von einer wilden und närrischen Wut gegen sich selber und gegen ihr eigenes Schicksal ergriffen. – »Das scheint ja eine gewaltig überspannte Person zu sein«, flüsterte Herr Bernheim dem Professor Samuel zu. Er traf nicht die mindesten Anstalten, ein Getränk für Ilse Ill zu bestellen: entweder, weil er es unpassend fand, daß sie sich selber vorgestellt hatte; oder einfach, weil sie ihm nicht sympathisch war. – »Sie ist aber ganz begabt«, raunte beschwichtigend Samuel. »Ich habe sie in Berlin einmal singen hören.« Das stimmte zwar nicht; aber der Professor wollte Frieden und gute Stimmung am Tisch. Die Kabarettistin inzwischen schrie: »Kinder, ich habe Hunger!« Dabei bekam sie blutgierige Augen und legte sich die Hände dramatisch auf die Magengegend. Bernheim, ob er es gerne tat oder nicht, mußte auch für sie ein Paar Würstchen kommen lassen.

Marcel war in aller Stille an einen anderen Tisch gegangen, wo er in seiner eigenen Sprache plaudern konnte. Die etwas wirre Konversation der Deutschen war ihm mit der Zeit lästig und unverständlich geworden. Mit einem sonderbaren Vogelruf, der halb klagend und halb lockend klang, rief er nun Marion herbei, um sie seinen Freunden vorzustellen.

Kikjou, der lange Zeit schweigend neben der Schwalbe gesessen hatte, sagte plötzlich: »Wenn ich diesen ungarischen Grafen da am Nebentisch anschaue, dann werde ich so traurig – so fürchterlich traurig … Ich denke mir, es wird euch allen – uns allen so ähnlich gehen … Am Schluß sitzen wir irgendwo mit ausgefransten Ärmeln und spielen Schach mit uns selber …« – »Was für ein Unsinn!« rief die Schwalbe und fügte lachend hinzu: »Wir sind doch keine alten Grafen und haben keine Güter weggeschenkt, denen wir nachtrauern könnten!«

Martin schaute aufmerksam zu Kikjou hinüber, von dem er durch die ganze Breite des Tisches getrennt war. Kikjou erwiderte seinen Blick, still und ohne zu lächeln. Martin hätte gern mit ihm gesprochen, aber eben stellte sich ihm der junge Deutsche vor, den Samuel auf der Terrasse der »Coupole« kennengelernt hatte. »Mein Name ist Helmut Kündinger«, sagte der Junge, leise, als vertraute er dem anderen ein Geheimnis an. Dabei erhob er sich halb und schlug ein wenig die Hacken zusammen. »Sie sind auch Emigrant?« erkundigte er sich schüchtern.

Fräulein Sirowitsch war immer noch bei ihrer Schopenhauer-Übersetzung. »Wenn ich diese Arbeit getan habe«, sprach sie feierlich, »dann darf ich mir sagen: Martha, du hast nicht umsonst gelebt. – Ich heiße nämlich Martha«, fügte sie hinzu und lächelte Herrn Nathan-Morelli mit einer gewissen starren Vertraulichkeit zu. Er nickte, als wäre er auf eine Eröffnung dieser Art längst gefaßt gewesen. – »Wenn wir zehntausend Abonnenten haben, sind wir fein heraus!« erklärte einer von den Journalisten, und Ilse Ill, die ihre Würstchen bekommen hatte, rief unheilverkündend: »Vielleicht gründe ich ein literarisches Kabarett! Sehr wohl möglich, daß ich so was mache! – Oder«, verbesserte sie sich – denn es war ihr ein neuer gräßlicher Einfall gekommen – »vielleicht trete ich auch bei Bobby Sedelmayer auf!« Sedelmayer machte entsetzte Augen, während Samuel sich nicht enthalten konnte, mit Orgelstimme »Armer Bobby!« zu sagen. – »Wieso?« erkundigte sich Ilse Ill, einen großen Bissen im Mund – übrigens eher amüsiert als beleidigt.

Bankier Bernheim erzählte: »Ich habe mich während der letzten Tage, die ich in Berlin war, fast nur noch im ›Hotel Excelsior‹ aufgehalten, weil es in der Nähe des Anhalter Bahnhofs liegt. Das gab mir ein beruhigendes Gefühl …« Alle sprachen plötzlich im Durcheinander von ihren letzten Berliner Tagen und von den Umständen, unter denen ihre Abreisen sich vollzogen hatten. Kikjou lauschte mit weit geöffneten Augen, zugleich träumerisch und achtsam. Er fühlte sich wie ein Junge, der in einen Kreis von alten Kriegsteilnehmern geraten ist. Nun berichten alle ihre Abenteuer, und der Knabe muß stumm dabeisitzen … Dr. Mathes sagte mit drohender Stimme: »Ich komme also ins Krankenhaus, wie jeden Morgen. Da sieht mich doch der Kollege Meier so merkwürdig an: ›Mensch, Sie noch hier? Lassen Sie sich nur nicht erwischen …!‹ Na, da wußte ich ja, was die Uhr geschlagen hatte …« Ilse Ill behauptete, sie habe mitten während eines Chansons die Bühne verlassen, als sie im Hintergrund des Saales Kerle mit Hakenkreuzbinden bemerkte. »Die waren sicher gekommen, um mich zu verhaften! Von der Bühne weg, noch geschminkt, bin ich zum Bahnhof gehüpft!« Dabei schwang sie die Reitpeitsche. Die Proskauer murmelte etwas Unverständliches. David Deutsch aber sagte: »Ich hatte gerade noch Zeit, die ausgeliehenen Bücher zur Staatsbibliothek zurückzubringen …« worüber sowohl Bankier Bernheim als auch Theo Hummler herzlich lachen mußten.

Während die Stimmen immer lauter wurden, rückte der junge Helmut Kündinger näher an Martin heran. »Mein Freund und ich«, sagte er leise – und die Worte »Mein Freund« sprach er mit einer innig getragenen Betonung aus – »haben in Göttingen so wundervolle Zeiten verlebt. In einem kleinen Zirkel, der sich nur aus wertvollen Menschen zusammensetzte, lasen wir gemeinsam Hölderlin und George, auch Rilke, aber den liebten wir weniger, er war uns zu weich; George hat die ganze herrliche Härte des Deutschtums, Hölderlin seine ganze unauslotbare Tiefe – das pflegte mein Freund zu sagen. Ihm fielen immer so schöne Dinge ein. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie er an Deutschland hing; wie … wie an einer Geliebten«, sagte Helmut Kündinger und sah Martin hilflos an. »Er liebte den Begriff ›Deutschland‹, deutsche Dichter und deutsche Landschaft viel mehr, als er irgendeinen einzelnen Menschen geliebt hat.« Dabei gab es eine kleine Flamme, wie von Eifersucht, in Helmut Kündingers Blick.

»Liebte er Deutschland so sehr?« fragte Martin, ein wenig zerstreut. Er beobachtete Kikjou, der mit der Schwalbe sprach.

»Ja, er liebte es von ganzem Herzen«, bestätigte Helmut Kündinger ernst. »Obwohl er Nichtarier war. Darüber hatten wir uns niemals Gedanken gemacht. Plötzlich stellte sich dann heraus, daß sein Blut fast achtzigprozentig jüdisch war. Nun war seine Stellung unter den Kommilitonen natürlich erschüttert. Auch ich setzte mich Unannehmlichkeiten aus, weil ich weiter mit ihm verkehrte. Aber das schadete nichts. Schrecklich war nur, Zeuge seines inneren Zusammenbruchs zu sein. Mein Freund konnte seine neue Lage gar nicht fassen. Gerade er, der für die Härte und die Tiefe des deutschen Menschen so begeistert gewesen war, sollte sich nun als ein Ausländer – schlimmer: als ein Schädling – empfinden. Er fühlte sich furchtbar gedemütigt. Als dann ein paar junge Leute, die früher zum engen Zirkel unseres Verkehrs gehört hatten, ihn auf offener Straße beleidigten, geriet er ganz in Verzweiflung. Man muß sich das vorstellen: Man hatte Hölderlin und George miteinander gelesen, und nun schrien sie ihm »Judensau!« zu. Sie waren allerdings besoffen, als sie das taten; aber die Gemeinheit bleibt trotzdem unbegreiflich. – Ich weiß gar nicht, woher mein Freund den Revolver hatte. Und wieso konnte er eigentlich schießen?« Helmut Kündinger fragte es entsetzt und dringlich, als ob Martin imstande wäre, ihm Antwort zu geben. »Er hat sich mitten ins Herz getroffen. Für mich hinterließ er nur einen Zettel: ›Ich will dir nicht länger zur Last fallen.‹ So bitter war er zum Schluß geworden.« Helmut verstummte. Seine blauen Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Martin wollte gerne irgend etwas Tröstliches äußern; es fiel ihm aber nichts ein. Der junge Mensch preßte sich ein großes, nicht ganz sauberes Taschentuch vor den Mund, wie um einen Schrei zu ersticken. In das Taschentuch hinein sprach er – man konnte seine Worte kaum noch verstehen: »Seitdem das geschehen ist, kam mir in Göttingen alles so beschmutzt vor … Ich konnte es gar nicht mehr aushalten. Und als ich zu meinen Eltern nach Westfalen fuhr, war es dort auch nicht besser. Die Heimat war mir verleidet. Ich mußte weg – ich mußte einfach weg … Verstehen Sie mich doch bitte!«

»Ich verstehe Sie«, sagte Martin.

Die Schwalbe begrüßte mit großem Hallo, Kuß und Umarmung ein blondes junges Mädchen, das eiligen Schrittes vorüberkam. »Meisje!« jubelte die Alte. »Bist du auch hier! Nein, so was!« – Meisje war Stammgast bei der Schwalbe gewesen – »das prachtvollste Geschöpf, das ich je gekannt habe!« wie die Wirtin dem ganzen Kreise enthusiastisch versicherte. Wirklich sah sie sehr prachtvoll aus, mit ährenfarbenem Haar und hellen Augen, die sowohl sanft als entschlossen blickten. Bankier Bernheim schmunzelte; die Herren Mathes und Hummler schienen gleich Feuer und Flamme. Ilse Ill, mit der beide bis zu diesem Moment in bescheidenen Grenzen geflirtet hatten, saß plötzlich unbeachtet mit ihrer Reitpeitsche und ihrem zu bunten Gesicht. Sie ließ sich gehen, stützte die Stirn in die Hände und sah müde aus. Es fiel auch auf, daß ihr Abendkleid recht aus der Mode und stellenweise zerschlissen war. Wahrscheinlich trug sie es nur, weil sie durchaus nichts anderes anzuziehen hatte. Durch die Reitpeitsche hoffte sie wohl, ihrem reduzierten Aufzug eine flotte, exzentrische Note zu geben.

Der einsame Schachspieler am Nebentisch erhob sich und schob die Figuren weg, wobei er noch einmal den erloschenen Blick über die Gesellschaft hinschickte.

Professor Samuel, der mehrere Gläser Pernod Fils getrunken hatte, bemerkte schwermütig: »Ach, meine Freunde – was steht uns bevor? Was beginnt nun? Welche Überraschungen hat das Schicksal noch für uns bereitet?« Seine alten Augen, deren Lider sich leicht entzündet hatten, spähten angestrengt ins Weite und Ferne, als könnten sie dort erkennen, was den anderen noch verborgen blieb.

»Nanu«, sagte Dr. Mathes, »das klingt ja ganz melodramatisch!« – Und Bernheim, der die Rechnung studierte, bemerkte zerstreut: »Es wird schon irgendwie gehen …« Niemand wußte, ob er auf die bevorstehenden Schicksalsfügungen anspielte, oder ob er nur sagen wollte, daß er genug Geld bei sich habe, um die Rechnung zu begleichen, die er übrigens erstaunlich hoch fand. Bobby Sedelmayer, mit einer Heiterkeit, die ein wenig künstlich klang, fügte hinzu: »Dann also Prost!« – wobei er sein Glas hob. Aber niemand tat ihm Bescheid. Die meisten hatten wohl schon ausgetrunken.

Während der Kreis sich langsam auflöste, rief Fräulein Sirowitsch beinah flehend: »Ich wünsche mir, daß wir alle recht bald wieder hier zusammenkommen!« Sie lächelte Nathan-Morelli zu, der mit David Deutsch über englische Lyriker sprach und sie nicht beachtete. Die Schopenhauer-Übersetzerin sagte noch mit einem unheimlich kalten Jubel in der Stimme – vielleicht nur, um Nathan-Morellis Aufmerksamkeit doch noch auf sich zu ziehen: »Ist Paris nicht schön? Nur hier kann ich mich so recht eigentlich wohlfühlen!« Niemand antwortete. Theo Hummler sprach verschwörerisch leise zu Schwalbe: »Morgen vormittag treffe ich ein paar sehr wichtige Leute aus Berlin, zuverlässige Kameraden. Wollen Sie auch dabei sein?«

Martin trat zu Kikjou, der als einziger am Tisch sitzen geblieben war, merkwürdig regungslos vor seinem geleerten Glase. »In welchem Quartier wohnen Sie?« fragte Martin, und er fügte mit einer etwas matten Hoffnung hinzu: »Vielleicht haben wir den gleichen Heimweg …« – Kikjou aber erwiderte, ohne das müde, kindliche Gesicht von den Händen zu heben: »Merci mille fois. Ich begleite Marcel.« – Martin zog sich schweigend zurück. Er trat erhobenen Hauptes, die weichen Lippen pikiert gegeneinandergepreßt, auf den Boulevard hinaus, wie einer, der sich bewußt ist, eine Niederlage erlitten zu haben, aber seinen Stolz daransetzt, sie mit Würde zu tragen.

Plötzlich stand Marcel hinter Kikjou; auf leisen Sohlen war er herangekommen. »Comment vas-tu, mon chou?« fragte er und legte beide Hände auf Kikjous Schultern. Der erwiderte, ohne sich umzudrehen: »Merci, mon vieux. Pas mal du tout.«

»Ich muß Marion nach Hause bringen«, erklärte Marcel, mit einer leichten Wendung des Hauptes zu der schlanken, unruhig sich bewegenden Gestalt hin, die auf dem Boulevard seiner wartete.

»Ach so«, sagte Kikjou. »Dann gehe ich also allein.«

»I am sorry, mon vieux«, sagte Marcel, immer noch mit den Händen auf Kikjous Schultern. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Es ist so traurig. Alles ist so traurig. Diese Menschen – wie sie mir leid tun …! Es muß sich ungeheuer viel ändern auf der Welt, damit sie nicht mehr ganz so bemitleidenswert sind. – Tun sie dir auch so leid? – Listen, Kikjou, I am asking you something! – Ich habe dich gefragt, ob die Menschen dir auch so leid tun wie mir.«

2

Am nächsten Morgen besuchte Marion ihre alte Freundin Anna Nikolajewna Rubinstein, die draußen in Montrouge eine Zweizimmerwohnung mit ihrem Gatten und ihrer halberwachsenen Tochter hatte. Die Tochter arbeitete in einem Modesalon; der Mann war in einem großen Verlagshaus angestellt, wo seine Beschäftigung fast ausschließlich darin bestand, Adressen zu schreiben und zu sortieren. Er hatte es während der zehn Jahre, die er in Paris lebte, noch nicht gelernt, fließend und akzentlos Französisch zu sprechen. In Moskau war er der Herausgeber einer gemäßigt-liberalen Revue gewesen. Die Kerenski-Revolution hatte er freudig begrüßt, und einige Wochen nach der Oktoberrevolution war er in die Emigration gegangen, ganz ohne Geld, mit ein paar Krawattennadeln und Ringen als einzigem Besitz. In Berlin hatte er Anna Nikolajewna kennengelernt. Sie war Malerin und dekorierte nun Teetassen, Blumenvasen und Fächer mit bescheidenen Blumenstilleben, bunt gefiederten Vögeln und kleinen Barockengeln. Zuweilen fand sie Käufer für ihre liebliche Ware.

Marion war bei ihrem ersten Pariser Besuch, im Jahre 1928, durch gemeinsame Berliner Freunde mit Madame Rubinstein bekannt geworden. Anna Nikolajewna hatte der jungen Deutschen Paris gezeigt; Marion liebte die russische Dame, und sie hatte immer die Tapferkeit bewundert, mit der die Verwöhnte – denn Anna stammte aus reichem Hause – Not und Erniedrigung des Exils ertrug. Niemals hatte Marion ein Wort der Klage von Anna Nikolajewna gehört. »Man muß zufrieden sein«, pflegte sie mit ihrer weichen, singenden Stimme zu sagen. »Man muß sogar dankbar sein. Wir haben alle zu tun: la petite Germaine, mon pauvre Léon et moi-même …« Marion wußte genau, wie miserabel sie für ihre verschiedenartigen Arbeiten bezahlt wurden. Übrigens hatten alle drei immer Heimweh. Es gelang ihnen nicht, sich einzuleben im fremden Paris. Sie verkehrten beinah nur mit Russen, lasen fast nur russische Zeitungen und Bücher. Sonderbarerweise litt an dieser Heimwehkrankheit sogar die junge Germaine, die doch ein ganz kleines Kind gewesen war, als ihre Mutter Rußland verließ. Sie stammte aus einer ersten Ehe Anna Nikolajewnas; der Vater war im Bürgerkrieg gefallen, auf der Seite der Weißen …

Madame Rubinstein konnte nicht älter als fünfundvierzig Jahre sein; sie sah aus wie eine Sechzigjährige. Ihr Haar war schlohweiß, ihr gescheites sanftes Gesicht von vielen Falten durchzogen. Sie trug sich immer in Schwarz. »Ich muß Trauer um Rußland tragen«, hatte sie einmal mit geheimnisvollem Lächeln zu Marion gesagt, die etwas schaurig davon berührt gewesen war. Manche der Kleidungsstücke, die Anna Nikolajewna besaß, stammten noch aus der Zeit vor dem Kriege – wunderliche Pelzmantillen, Spitzenjabots, kleine runde Muffs, allerlei überraschende Kopfbedeckungen aus Pelz: St. Petersburger Mode aus dem Jahre 1913 …

Marion freute sich darauf, ihre alte Freundin wiederzusehen; aber sie wurde ein sonderbar bedrückendes Gefühl nicht los, als sie – es war zur späten Nachmittagsstunde – die dämmrige Treppe des Mietshauses in Montrouge hinaufstieg. Früher war sie meist mit irgendeinem kleinen Geschenk gekommen, oder sie hatte ein wenig Geld zurückgelassen, wenn sie ging. Madame Rubinstein hatte es sich oft verbeten, aber es doch schließlich dankbar geschehen lassen. Nun war Marion ihrerseits eine Verbannte. Marion und Anna Nikolajewna trafen sich, zum ersten Mal, als Schicksalsgenossinnen.

Die Russin tat zu Anfang des Gespräches, als wüßte sie nichts davon. Sie umarmte und küßte Marion, wie immer, und bemerkte nur: »Auch wieder einmal in Paris, mon enfant!« Sie sah würdevoll und appetitlich aus, in einem altmodischen schwarzen Kleid mit Schleppe und elfenbeinfarbenen Spitzen am Halsausschnitt wie an den Manschetten.

»Es ist immer so schön, in eurer Stube zu sein«, stellte Marion befriedigt fest, als sie sich am kleinen Teetisch gegenübersaßen. »Und all eure komischen kleinen Sachen: ich freue mich immer, wenn ich sie wiedersehe …« – Das Wohnzimmer der Familie Rubinstein, in dem Mademoiselle Germaine nachts auf der Ottomane schlief, war überfüllt mit allerlei seltsamen Gegenständen, die der Hausherr sammelte. »Mon pauvre Léon«, pflegte Anna Nikolajewna etwas mitleidig zu sagen, »es macht ihm plaisir …« Die Kollektion bestand teils aus den Modellen alter Segelschiffe, die auf der Kommode und auf mehreren Regalen placiert waren; teils aus ausgestopften Vögeln und Fischen, deren bizarre Formen alle vier Wände zierten. Zwischen den Schwertfischen, Flundern, Adlern und Papageien gab es, mit roter und grüner Farbe an die Wände gemalt, ein sonderbares System von Linien, Pfeilen und Kreisen; ein mystisch und bedeutungsvoll wirkendes Netz, das »le pauvre Léon« kindisch-emsig angefertigt hatte und von dem niemand, auch Anna Nikolajewna nicht, wußte, ob es einen geheimen, nur seinem Schöpfer bekannten Sinn enthielt, oder nichts als das Resultat von Schrulle und unbeschäftigter Künstlerlaune war. Das enge Zimmer, vollgestopft mit Möbeln, allerlei Nippes-Sachen, kleinen russischen Andenken und mancherlei Reiseerinnerungen, überfüllt mit Photographien und den Spiegeln, Tassen und Blumenvasen, die Madame mit Barockengeln oder Blumen bemalte, bot einen zugleich traulichen und beängstigenden Anblick. Meistens war es auch noch von dickem blauen Rauch erfüllt, da keines der Familienmitglieder auf die Zigaretten mit den langen Pappmundstücken verzichten konnte, und sie alle eine Aversion dagegen hatten, das Fenster zu öffnen.

»Ja, es ist ein gemütlicher Raum«, sagte Anna Nikolajewna, während sie ihrem Gast Kirschenkonfitüre und kleines Gebäck auf den Teller legte. »Aber mein pauvre Léon wird immer trauriger. Er spricht nicht viel, aber ich sehe doch, wie er sich grämt … Und neuerdings macht mir die kleine Germaine Vorwürfe …«

»Worüber macht sie Ihnen denn Vorwürfe?« wollte Marion wissen.

Madame Rubinstein sagte leise: »Daß sie nicht in Rußland sein darf.«

»Aber was für ein Unsinn!« rief Marion aus. »Wie kann sie Ihnen darüber Vorwürfe machen?«

Anna Nikolajewna zuckte die Achsel und lächelte betrübt. Erst nach einer kleinen Pause sagte sie: »Germaine hat mir neulich versichert, daß sie in der Sowjetunion glücklicher sein würde als hier. Sie ist sehr aufgeregt gewesen und hat geweint. Es war ein Irrtum von euch – hat sie mich angeschrien – es war ein Irrtum und auch eine Sünde von euch, die Heimat aufzugeben. Man soll die Heimat nicht aufgeben – hat die kleine Germaine unter Tränen gerufen – man soll sie unter keinen Umständen aufgeben; denn sie ist unersetzlich. Wenn die Heimat leidet, muß man mit ihr leiden – ich wiederhole immer nur Germaines sehr heftig vorgebrachte Worte – man soll weder klüger noch glücklicher sein wollen als die Nation, zu der man gehört. Übrigens – ich zitiere immer noch das weinende neunzehnjährige Kind – übrigens sind die Katastrophen ja kein Dauerzustand. Man gewöhnt sich an alles. Ihr Alten glaubt immer, der Bolschewismus sei die Katastrophe in Permanenz – hielt Germaine mir vor – das ist einer eurer dümmsten Irrtümer. Sicherlich hatte der Bolschewismus einmal katastrophalen Charakter. Inzwischen ist er für Millionen einfach der Alltag, das Selbstverständliche geworden. Und er wäre es auch für mich geworden – während sie dies behauptete, schluchzte meine kleine Tochter noch heftiger – wenn du mich nicht herausgerissen hättest, wenn du mich nicht entwurzelt, nicht heimatlos gemacht hättest. Denn man gewöhnt sich an jeden Zustand und an jede Lebensform – in der Heimat. Aber an die Fremde gewöhnt man sich nie. Ich bin keine Französin, und ich will keine Französin werden! – Sie können sich vorstellen, Marion, wie erschrocken ich gerade über diese Mitteilung und Eröffnung der kleinen Germaine gewesen bin. Sie spricht doch ein so charmantes Pariserisch, und ich dachte wirklich, sie fühle sich ganz als eine kleine citoyenne française. Und nun droht sie mir plötzlich damit, sie wolle nach Moskau zurück; sie müsse das Leben im bolschewistischen Rußland kennenlernen – ›Wahrscheinlich ist es ein sehr interessantes, reiches, aufregendes Leben‹, meinte sie. Nur mit Mühe konnte ich sie davon abhalten, ihre Stellung im Modesalon gleich aufzugeben und zur Sowjetambassade zu laufen. Stellen Sie sich vor, Marion, was mon pauvre Léon gesagt haben würde, wenn unser Kind zu den Leuten gegangen wäre, die er seine Todfeinde nennt!«

Marion war von dem Bericht der Freundin beeindruckt. Sie hatte das Gesicht in die Hand gestützt; ihre Augen verdunkelten sich vor Nachdenklichkeit. »So, so«, sagte sie und schlang die großen, sehnigen Hände mit einer merkwürdig heftigen Gebärde ineinander, so daß die Gelenke knackten – Marion hatte recht locker ineinandergefügte Fingergelenke. »Das ist es also, was deine kleine Germaine unter Tränen geäußert hat: In der Heimat gewöhnt man sich an jeden Zustand und an jede Lebensform; aber an die Fremde gewöhnt man sich nie …«

Anna Nikolajewna, deren kluges, müdes und zartes Antlitz in der Dämmerung vor Marions Augen zu verschwimmen begann – auch ihre Stimme klang nun, als käme sie von sehr weit her – Anna Nikolajewna, leise mit den elfenbeinfarbenen Spitzen raschelnd, die über ihre Handgelenke fielen, sagte: »Seitdem ich diese überraschenden Worte gehört habe – denn Sie werden ja begreifen, mon enfant, daß dies alles für mich überraschend kam – höre ich nicht auf, darüber nachzusinnen, wieviel Wahrheit und wieviel Irrtum sie enthalten. Denn ohne Frage mischen sich Wahrheit und Irrtum in den aufgeregten Reden meiner kleinen Germaine. Am Ende meiner langen und übrigens oft recht bitteren Überlegungen bin ich zu dem Resultat gekommen: Wahrscheinlich habe ich wirklich unrecht getan, als ich das Baby wie ein kleines Paket über die russische Grenze schaffte. Nun hat das Kind Heimweh, ohne die Heimat je gekannt zu haben – und das muß eine besonders schlimme Sorte von Heimweh sein … Sie will zu ihrer Nation zurück … Aber ich kann nicht!!« Dies stieß sie mit einer klagenden, fast jammernden Heftigkeit hervor, wie Marion sie noch niemals von ihr gehört hatte. »Ich werde niemals nach Rußland zurück können. Es ist zuviel Grauenhaftes dort geschehen. Man hat meinen Mann und zwei von meinen Brüdern dort umgebracht, und mein Vater ist im Elend gestorben. Die Erinnerungen sind unerträglich … Die Erinnerungen würden mich sicherlich töten …« Dabei fuhr sie sich mit einer sonderbar fliegenden, huschenden, angstvollen Bewegung über die Stirn, als müßte sie etwas Böses wegscheuchen, das sich dort niedergelassen hätte. Nach einer Pause sagte sie noch: »Aber freilich – die kleine Germaine hat ja keine Erinnerungen …«

Marion wurde etwas schaurig zumute in diesem Raum, wo sie sich immer so wohl gefühlt hatte. Anna Nikolajewna, die niemals klagte – nun überwand sie ihren Stolz und ließ Jammertöne hören. Wieviel mußte sie ausgestanden haben, daß es soweit kam! Was für lange Prüfungen waren ihr zugemutet worden!

›Werde ich auch einmal sein wie diese?‹ fragte sich Marion. ›So resigniert? So unendlich traurig und müde?‹ Und sie tröstete sich: ›Aber bei mir liegt alles ganz anders. Unser Fall liegt anders. Diese russischen Aristokraten und Intellektuellen haben sich gegen die Zukunft gestellt. Wir sind in die Verbannung gegangen, weil wir für das Zukünftige sind, gegen den Rückschritt. Unser Exil kann kein Dauerzustand sein. Diese Russen haben das Exil als Dauerzustand auf sich genommen. – Oder irre ich mich? Täuschen wir uns alle? Sind auch wir in unvernünftiger Opposition gegen etwas, was Zukunft hat, oder doch zukunftsträchtige Elemente …?‹ Diese Zweifel taten sehr weh.

Anna Nikolajewna schien ihren stummen Monolog belauscht zu haben; denn sie sagte: »Auch ich habe von Rückkehr geträumt. Wer hätte nicht von Rückkehr geträumt. Aber man kehrt nicht zurück. Wer sich von der Heimat löst, hat es für immer getan. Für immer, Marion: verstehst du mich?« Ihr Blick wurde plötzlich fast drohend. »Die Entwicklung in der Heimat geht weiter; wir haben keinen Anteil mehr an ihr. Wir sind Fremde geworden. Wir können nicht mehr heim, weil wir keine Heimat mehr haben.« Sie saß sehr aufrecht da, die Hände, über die vergilbte Spitzen fielen, strenge im Schoß gefaltet. »Schauen Sie mich an!« rief sie und zeigte das Gesicht einer Greisin – plötzlich nackt, als hätte sie sich einen schonenden Schleier von den Zügen gerissen. »Regardez-moi, Marion!« Und sie hob mit einer theatralisch klagenden Gebärde die hageren Hände. »Me voilà, une vieille femme … une femme fatiguée … Fatiguée …« wiederholte sie und ließ den Kopf nach hinten sinken. Sie saß ein paar Sekunden lang regungslos, feierlich erstarrt in ihrer tragischen Pose.

Marion aber schwor sich: ›So will ich nicht werden. So nicht. Vielleicht warten furchtbare Dinge auf mich; sehr wohl möglich, daß sich Schlimmes für mich vorbereitet. Aber ich will keinesfalls als alte Frau in einem engen Pariser Zimmer die Hände recken zu einer Gebärde des Jammers, die nicht einmal mehr die Kraft hat, eine Gebärde der Anklage zu sein. Ich will mir auch nicht von meinem Kinde sagen lassen, daß ich ihm die Heimat gestohlen habe. Im Gegenteil: was ich hören möchte von meinem Kinde, das sind Worte des Dankes dafür, daß wir ihm jetzt eine bessere Heimat erkämpfen …‹

Während Marion solches dachte und sich im Herzen gelobte, hatte Anna Nikolajewna sich gefaßt. Ihre Haltung war nun wieder damenhaft zusammengenommen. »Mein liebes Kind«, sagte sie und hatte noch einmal die nervös wischende Geste, mit der sie sich über die Stirne fuhr, »entschuldigen Sie: das war unmanierlich. Übrigens sind Sie selber ein wenig schuld daran, daß ich heute so sentimental und unbeherrscht bin. – Ja, ja«, behauptete sie mit neckischem Nachdruck und hob scherzhaft streng den Zeigefinger, als wäre sie ihrem Gast hinter eine harmlos drollige kleine Verfehlung gekommen, »ja, ja, mon enfant, ich habe mich doch ein wenig aufgeregt, als ich erfuhr, daß auch Sie … wie soll ich mich ausdrücken? – nun, daß Sie diesmal nicht ganz freiwillig nach Paris gefahren sind …«

»Ich hätte genausogut nach London reisen können«, bemerkte Marion, nicht besonders freundlich. Daraufhin Madame Rubinstein, immer noch neckisch und insistent: »Aber Sie hätten nicht genausogut in Berlin bleiben können. Oder irre ich mich?«

»Nein«, sagte Marion. »Weil ich dort erstickt wäre.«

Anna Nikolajewna zuckte müde die Achseln. »Das haben wir alle einmal geglaubt – daß wir zu Hause ersticken müßten, wenn dort Leute regieren, die uns nicht gefallen.« Und nach einer Pause, die ziemlich lange dauerte, fragte sie sanft: »Haben Sie auch wohl bedacht, was das bedeutet – das Exil?«

»Mir scheint, daß ich es wohl bedacht habe«, versetzte Marion trotzig und knackte mit den lockeren Gelenken ihrer langen Finger.

Die Russin sprach aus der Dämmerung, mit melodisch gedämpfter Stimme, als erzählte sie ein Märchen für die lieben Kleinen: »Es ist hart, das Exil, mon pauvre enfant. Es werden Stunden kommen, da Sie sich der Worte erinnern, die ich Ihnen jetzt sage. Das Exil ist hart. Man ist als Emigrant nicht viel wert. Man ist gar nicht sehr angesehen. Die Leute wollen uns nicht – es macht kaum einen Unterschied, ob man politisch mit uns sympathisiert; ob man die Gründe, die uns zur Emigration bewegt haben, ablehnt, oder ob man sie billigt. Man verachtet uns, weil wir nichts hinter uns haben. In dieser kollektivistischen Zeit muß der Einzelne etwas hinter sich haben, damit er achtenswert scheint. Für uns gibt es nicht einmal ein Konsulat oder eine Gesandtschaft, an die wir uns wenden könnten. Wir haben gar nichts. Deshalb verachtet man uns – und ganz besonders wenig schätzt man uns hier in Paris, dieser klassischen Emigrantenstadt, die unser müde ist, weil sie uns zu gut kennt. Hier treffen sich ja alle, schon seit Jahrzehnten: die entthronten Könige und die Arbeiterführer; die Ungarn und die Russen; die italienischen Exilierten und die spanischen; die Armenier, die Jugoslawen, die Griechen, Türken, Bulgaren, Südamerikaner – und nun also auch noch die Deutschen. Unterhalten Sie sich einmal mit einem dieser Heimatlosen, die seit zehn oder fünfzehn Jahren in Paris herumsitzen! Fragen Sie einmal irgendeinen von diesen, was er hier erlebt und ausgestanden hat! Es wird interessant für Sie sein, liebes Kind …«

»Ich habe gerade gestern nacht einen beobachtet«, sagte Marion. »Diesen ungarischen Grafen, der einmal Ministerpräsident war und alle seine Güter weggeschenkt hat. Er saß neben uns im ›Café Select‹ und spielte Schach mit sich selber.«

»Sie hätten ihn anreden sollen. Manchmal ist er gesprächig, und dann erzählt er von kleinen und von großen Enttäuschungen; von allerlei Erniedrigungen, die er tragen mußte – und früher war er ein so großer Herr! Es wäre ungeheuer aufschlußreich für Sie gewesen. Denn Sie sind ja noch eine Anfängerin.«

Da Marion schwieg und nur fragend schaute, erklärte Anna Nikolajewna ausführlicher, was sie meinte: »Sie sind noch eine Anfängerin in diesem harten, quälenden Geschäft – wenn ich einen so tragischen Lebenszustand wie das Exil als ein ›Geschäft‹ bezeichnen darf. Ihr seid noch ahnungslose Dilettanten!« rief die Russin hochmütig. »Es gibt tausend kleine Erfahrungen, die sich kaum beschreiben lassen, unzählige Qualen der verschiedensten Art, viele Schmerzen, immer betrogene Hoffnungen – Monotonie und Ruhelosigkeit des unbehausten Lebens – ein Heimweh, das niemals aufhört – ach, meine arme Marion, all dies zusammen und noch manches, was ich jetzt gar nicht andeuten kann, das macht das Exil aus. – Es ist keine Bagatelle«, sagte sie, abschließend, wieder in ihrem lockeren, damenhaften Konversationston. »Durchaus keine Bagatelle.« Dabei schüttelte sie die Manschetten graziös über ihren Händen. Dann goß sie Tee ein.

Später erschienen Herr Rubinstein und die kleine Germaine. Man speiste zu Abend, es gab Schinken und Eier, dazu wieder Tee und für jeden ein Gläschen Wodka. Herr Rubinstein aß viel und schweigsam. Er war ein weichlicher Koloß mit sehr gutmütigen Augen – Hundeaugen, wie Marion fand – und einer grauen, auffallend porösen Gesichtshaut. Die kleine Germaine war sehr hübsch und ernst. Sie rührte beinah nichts von der Mahlzeit an, was ihre Mutter besorgt tadelte. »Ich habe keinen Hunger«, sagte die kleine Germaine. Nachdem der Tisch abgeräumt war, begann Herr Rubinstein, beinah ohne Übergang, von alten russischen Tagen zu erzählen. Anna Nikolajewna versuchte, das Gespräch auf aktuelle Pariser Ereignisse zu bringen; etwas krampfhaft plauderte sie über einen Ministersturz, eine Opernpremière. Léon aber fand Mittel und Wege, immer wieder auf seine Moskauer Reminiszenzen zu kommen. »Heute habe ich den alten Petrow im Klub getroffen«, berichtete er. »Mein Gott, wenn ich mich erinnere …«

Die kleine Germaine verabschiedete sich ziemlich bald. »Ich habe eine Verabredung«, erklärte sie kurz auf die unruhige Frage der Mutter. Herr und Frau Rubinstein wechselten einen betrübten, ratlosen Blick. Die Tochter, in grausamer Wortlosigkeit, setzte sich vorm Spiegel ihr schickes schwarzes Hütchen auf. Der Rahmen des Spiegels war mit dicken, drolligen Engeln verziert: eine der niedlichen Arbeiten Anna Nikolajewnas, die sich als unverkäuflich erwiesen hatte.

Martin war den ganzen Tag unruhig. ›Auf was warte ich‹, dachte er. Paris interessierte ihn nicht. Er hatte keine Lust auszugehen. Er versuchte zu schreiben. Das Papier vor ihm blieb leer. Auch das Buch, das er zu lesen angefangen hatte, langweilte ihn. Er wußte, worauf er wartete.

Der Geruch von Staub und einem süßlichen Jasminparfüm, der sein enges Hotelzimmer füllte, war ihm ekelhaft. Trotzdem brachte er bis gegen Abend die Energie nicht auf, auszugehen. Er klopfte mehrfach bei Marion an, die im selben Stockwerk wohnte wie er; aber sie schien den ganzen Tag unterwegs zu sein. Es gab auch noch ein paar andere Bekannte im Hotel »National«; Martin hatte keine Lust, sich mit ihnen zu unterhalten. Er schaute auf die Straße hinaus und beobachtete die Leute, die gegenüber im kleinen Bistro ihren Kaffee oder Apéritif tranken. Einige kauften sich Zigaretten und Briefmarken. Martin konnte ihre Gespräche und Gelächter hören. Plötzlich ertappte er sich dabei, daß er an Berlin dachte.

Als er abends das Hotel verlassen wollte, begegnete er Kikjou vor der Loge des Concierge. »Ich suche Sie«, sagte Kikjou, als ob das eine Selbstverständlichkeit wäre. ›Haben wir denn ein Rendezvous für heute abend gemacht?‹ überlegte Martin einen Augenblick lang. Er war aber vorsichtig genug, seine Zweifel nicht auszusprechen. Vielmehr sagte er nur: »Das ist nett. Wohin gehen wir essen?«

Kikjou wußte ein kleines Restaurant in der Rue de Seine. »Es ist eigentlich gar kein Lokal«, sagte er, »nur eine enge Stube, wo gerade zwei Tische Platz haben. Die Patronne kocht selber, und das Fräulein Tochter bedient. Aber man ißt dort ausgezeichnet und gar nicht teuer.«

Die Unterhaltung, abwechselnd deutsch und französisch geführt, blieb erst bei literarischen Gegenständen. Martin sagte, wie sehr er Rimbaud liebe, Kikjou gestand seine Bewunderung für Hölderlin und Novalis. Er kannte sich gut aus in den Schönheiten deutscher Dichtung. Später erzählte er von seiner Kindheit und von seiner Familie. Martin bekam Einblicke in ziemlich wirre häusliche Verhältnisse. Kikjous Verwandte lebten teils in Rio de Janeiro, teils in Lausanne und auf dem Lande in Belgien. Der Vater, in Brasilien ansässig, war Chef einer großen Firma und wollte den Sohn dazu zwingen, ins Geschäft einzutreten. Da Kikjou darauf bestand, in Paris zu sein und Gedichte zu machen, statt sich vernünftig zu beschäftigen, grollte der Vater und schickte kein Geld. »Oft ist die Kasse leer«, sagte Kikjou und lächelte betrübt. Manchmal reiste er zu einem Onkel nach Belgien. Der bewohnte ein altes Haus auf dem Lande; Martin bekam den Eindruck, daß es sich um einen etwas wunderlichen alten Herrn handelte; aber Kikjou fand ihn bedeutend. »Onkel Benjamin ist ein gläubiger Katholik«, erklärte er und strahlte Martin aus den vielfarbig schimmernden Augen an. Der Onkel umgab sich mit Heiligenbildern, Reliquien, geweihten Kerzen und lateinischen Büchern. »Er hat seine eigene kleine Kapelle«, berichtete Kikjou stolz. »Ich fühle mich wohl bei ihm; wenn ich nicht fürchten müßte, ihn zu stören, wäre ich immer dort.« Sein Blick schien benommen; es war vielleicht nur die Wirkung des Weines, vielleicht hing es aber auch mit dem Gedanken an Weihrauchduft und mildes Halbdunkel in Onkel Benjamins Kapelle zusammen. »Manchmal hat er auch Visionen«, sagte der Neffe noch, und in seinen Augen war der Glanz beunruhigend. »Engel suchen ihn auf. Er erzählt, daß es immer so ein metallisch klirrendes Geräusch gibt, wenn sie in seine Stube treten. Das kommt von ihren Flügeln, die beständig in Bewegung sind; es ist wie ein nervöser Tick, sagt Onkel Benjamin, aber dabei sehr großartig. Sie müssen immer ihre großen Flügel regen, als kämen sie sonst aus der Übung und würden das Fliegen verlernen; es verhält sich wohl so ähnlich wie bei Rekordschwimmern oder Radfahrern, die auch gleich aus der Form kämen, wenn sie nicht immer trainierten. Ich hätte so gerne einmal einen Engel gesehen. Aber sie zeigen sich nur, wenn niemand im Haus ist außer Onkel Benjamin und der alten Magd. Sogar ich, obwohl ich doch an sie glaube, scheine sie zu vertreiben. Das ist auch der eigentliche Grund, warum ich nie lange beim Onkel bleibe. Er müßte das Gefühl bekommen, daß ich ihm die liebsten Gäste verscheuche. Das wäre mir natürlich sehr unangenehm. Außerdem kränkt mich das Verhalten der Engel ein wenig; ich finde es gar zu spröde.« Nachdem er dies alles geäußert hatte, legte er ruhig seine Serviette zusammen und schlug vor: »Unseren Kaffee trinken wir besser woanders. Er ist hier nicht besonders gut.«

Sie saßen im Café »Flore« am Boulevard St.-Germain. Nun sprachen sie auch über Politik. »Sie sind vor den Nazis geflohen?« fragte Kikjou. »Ich mag sie auch nicht. Neulich habe ich lange mit meinem frommen Onkel über sie gesprochen – er ist ein so kluger Mann. Der deutsche Führer, sagt er, ist vom Teufel geschickt; der leibhaftige Antichrist. In so großer Gefahr wie jetzt, sagt Onkel Benjamin, ist die Christenheit seit ihrem Bestehen noch nicht gewesen. Das Rassendogma bedroht die Grundlagen unseres Glaubens, die Germanen kommen aus den Urwäldern, um die christliche Kultur zu zerstören, und sind fürchterlicher, als die Hunnen und Türken es waren …«

Sie redeten lange. Aber zwischen ihnen waren die Worte nicht mehr das Entscheidende. Ihre Blicke führten eine andere Sprache.

Der kleine Helmut Kündinger kam vorbei und schaute sie traurig an. »Gefällt es Ihnen in Paris?« erkundigte er sich bei Martin auf seine korrekte und schüchterne Art. »Es ist eine herrliche Stadt. Ich bin den ganzen Tag spazierengegangen und war auch lange im Louvre. Aber ich mußte immer an meinen Freund denken, der dies alles so genossen hätte …« Da man ihn nicht dazu aufforderte, sich an den Tisch zu setzen, wünschte er schmerzlich einen guten Abend und ging langsam weiter.

Gegen Mitternacht sagte Martin: »Wir könnten noch ein bißchen in mein Hotel gehen. Es ist zwei Minuten von hier. Mir scheint, ich habe sogar noch ein bißchen Whisky …«

Auf der Treppe, im Hotel »National«, begegnete ihnen Marion.

»Weißt du schon das Neueste?« sagte sie zu Martin. »Meine Mama und Tilly sind heute in Zürich angekommen.«

»Nein, so was!« sagte Martin. »Wie muß es in Deutschland aussehen, wenn sogar Frau von Kammer es nicht mehr erträgt? – Willst du noch einen Schnaps mit uns trinken, Marion?«

»Danke«, sagte Marion. »Ich falle um vor Müdigkeit. Unterhaltet euch gut! Viel Vergnügen!«

Frau Geheimrat Marie-Luise von Kammer hatte mit ihren beiden jüngeren Töchtern, Tilly und Susanne, am 16. April 1933 die deutsche Heimat verlassen: kaum zwei Wochen nachdem ihr ältestes Kind, Marion, nach Paris in die Emigration gegangen war. Frau von Kammer – plötzlich vor die Wahl gestellt, in welchem Lande sie am liebsten wohnen wolle – entschied sich, nach nur kurzem Schwanken, für die Schweiz, wo sie mit ihrem Gatten beinah jedes Jahr die Ferienwochen zugebracht hatte. In der Schweiz wiederum kamen vor allem das Tessin, das Engadin oder Zürich in Frage. Frau von Kammer behauptete, daß sie persönlich einen stillen, ländlichen Platz, etwa Ascona oder Sils Maria, vorziehen würde, »denn ich habe genug von der Welt«, sagte sie in ihrer sonderbar konventionellen, starren Manier, die selbst noch der aufrichtigsten, spontansten Äußerung einen floskelhaft rhetorischen Charakter gab. »Aus Rücksicht auf ihre Töchter« entschloß sich die Geheimratswitwe dazu, vorläufig in der größeren Stadt, in Zürich, Wohnung zu nehmen. »Ich will, daß meine Mädels von der Gesellschaft empfangen werden«, sagte sie – und es klang, als gäbe es in Zürich einen Kaiserlichen Hof, dessen Zierde die jungen Damen von Kammer nun ausmachen sollten.

Wenn sie, in solchem Zusammenhang, von »meinen Mädels« sprach, machte sie sich einer Übertreibung schuldig, denn wirklich konnte es sich nur um Tilly, die Neunzehnjährige, handeln. Susanne war erst dreizehn Jahre alt und sollte in einem Schweizer Pensionat »für junge Mädchen aus ersten Familien« untergebracht werden. Das Institut war entschieden zu teuer für die finanziellen Verhältnisse der Geheimrätin. »Aber es muß eben reichen!« erklärte die Mutter, fanatisch in ihrer Zärtlichkeit zu dem hochaufgeschossenen, etwas mürrischen Backfisch wie in ihrem unbedingten Entschluß, sich sozial nicht degradieren zu lassen.

Marion blieb in Paris. Einige Tage nach ihrer Ankunft in Zürich hatte die Mutter, »mit Voranmeldung für Mademoiselle von Kammer«, das Hotel »National«, Paris, Rue Jacob, angerufen. »Ich bin froh, deine Stimme zu hören, mein Kind!« sagte sie, und der Klang ihrer Worte war wärmer und belebter als meistens. – »Wie geht es dir denn, Mama?« fragte Marion, glücklich über die ungewohnt einfache, herzliche Art der Mutter. – »Danke, mein Kind: leidlich gut.« Nun hatte sie schon wieder jene damenhafte Verbindlichkeit, unter der Marion heftiger litt als andere Töchter unter den Wutausbrüchen ihrer Mütter. – »Du weißt ja: das Züricher Klima ist eine Wohltat für meine Nerven – natürlich nur, solange es keinen Föhn gibt …« Sie redete, als wäre sie soeben in Baden-Baden oder Bad Gastein eingetroffen und berichtete nun einer entfernten Bekannten über die ersten Erfolge der Kur. Es war der Ehrgeiz der Frau von Kammer, Haltung zu bewahren, auch der Tochter gegenüber – Haltung um jeden Preis, den Verhältnissen zum Trotz, malgré tout, geschehe, was auch immer.

Das Telefongespräch zwischen Paris und Zürich dauerte nicht sehr lange. Mama berichtete noch, daß sie, mit Tilly und der kleinen Susanne, vorläufig in einem sehr hübschen Hotel am See abgestiegen sei. »Sehr soigniert«, sagte sie anerkennend. »Die Bedienung – tipptopp! Aber es ist natürlich nur provisorisch. Auf die Dauer könnte man sich das nicht leisten.«

»Es ist schrecklich traurig«, sagte Marion, nachdem sie eingehängt hatte, zu Martin Korella, der gerade bei ihr im Zimmer war. »Sie kann es einfach nicht zeigen, wie nett sie ist. Hinter ihrer blöden ›feinen‹ Art versteckt sich ihre ganze große Nettigkeit.« Marion sah bekümmert aus. Mit ihren schönen und langen Fingern – den kraftvoll trainierten Fingern einer Pianistin, mußte Martin denken; oder, nein: eigentlich einer Bildhauerin – zerdrückte sie im Aschenbecher eine Zigarette, die sie gerade erst angeraucht hatte. Dabei stieß sie den Aschenbecher – es war eine jener häßlichen, weißen kleinen Schalen, mit dem Reklameaufdruck der »Galeries Lafayette« – vom Tisch; mit zornig verfinsterten Augen schaute sie auf Zigarettenstummel und Asche, die nun den Teppich verunzierten. »Dabei ist sie nämlich wirklich ganz besonders nett«, behauptete sie mit einer tiefen, grollenden Stimme und schüttelte – einer gereizten Löwin ähnlich – die lockige Fülle ihres rotbraunen, purpurn schimmernden Haares. »Zum Beispiel war es doch ganz großartig von ihr, wie sie sich während dieser letzten Wochen benommen hat«, sagte Marion noch, trotzig und aufgebracht, als hätte jemand ihr widersprochen – während Martin doch nur liebenswürdig und etwas schläfrig lächelte. »Längst nicht jede alte Dame bringt es fertig, sich so prima zu halten; die meisten hängen viel zu sehr an ihrer Tischwäsche oder an einer bestimmten Friseuse, um die freiwillige Emigration auch nur zu erwägen. Und für die geborene von Seydewitz sollte es im Nationalsozialismus eigentlich verschiedene Elemente geben, die ihr gar nicht übel gefallen: stramme Haltung, nationales Gefühl und all so’n Zeug … Aber nein: die geborene von Seydewitz überlegt sich’s erst gar nicht lange. In ihrer ulkigen Ausdrucksweise konstatiert sie: Die Nazis sind schlechte Klasse – womit sie freilich auf eine etwas andere Art recht hat, als sie selber meint. Damit ist für sie alles erledigt. Ihr Instinkt hat gespürt: Was jetzt in Deutschland regiert, das ist Dreck. Und sie packt ihre Siebensachen …«

»Vielleicht«, gab Martin zu bedenken – jedes seiner Worte mit einer selbstgefälligen Langsamkeit schleppend – »vielleicht ist diese brave Attitüde durch den schönen Einfluß einer gewissen Tochter zu erklären …«

»Vielleicht. Bis zum gewissen Grade.« Marion biß sich in die Knöchel der geballten Faust, wie es ihre Angewohnheit war, wenn sie konzentriert nachdachte. »Aber mein Einfluß« – beschloß sie – »hat gewiß keine entscheidende Rolle gespielt. Die Seydewitz konnte ja gar nicht anders handeln, als sie es getan hat!« Dabei schüttelte sie, wie triumphierend, wieder das prachtvolle Purpurgelock. Martin lächelte, sphinxhaft, zärtlich und verschlafen.

In der Tat: Frau von Kammer, die geborene Baronesse von Seydewitz, konnte gar nicht anders, als sich mit gelassener, hochmütiger Unbedingtheit gegen das suspekte Phänomen des Nationalsozialismus zu stellen. In allen politischen Dingen war sie vollkommen ahnungslos; aber für den neudeutschen »Erlöser« und seinen Anhang hatte sie nur das angewiderte Achselzucken, mit dem sie einen schlecht gebauten alten Klepper abgelehnt hätte, den man ihr als Rennpferd anzubieten wagte. Ihr Instinkt für biologische Werte – viel schärfer entwickelt als ihr Gefühl fürs Moralische – bewahrte sie davor, auf die Tricks der Demagogen auch nur eine Sekunde lang hereinzufallen. Hinzu kam ihr höchst empfindliches Gefühl für die Würde ihrer Familie, das durch die neue Staatsreligion verletzt wurde.

Denn das Rassendogma beleidigte das Andenken ihres verstorbenen Gatten. Der Geheimrat von Kammer war Jude gewesen; seine Töchter galten nach neuester deutscher Auffassung als »Nichtarierinnen«. Den Adelstitel hatte der Geheimrat von seinem Vater, einem einflußreichen Bankier, geerbt. Seit einem halben Jahrhundert unterhielt die Frankfurter jüdische Patrizierfamilie gute Beziehungen zur Aristokratie und sogar zum Kaiserlichen Hof. Marie-Luisens seliger Gatte, Alfred von Kammer – Internist von internationalem Ruf, Chef eines großen Berliner Krankenhauses – hatte das Faktum seiner jüdischen Herkunft niemals verleugnet, sondern es eher, auf seine unpathetische, jovial-scherzhafte Art, zu betonen geliebt. Er war fünfundzwanzig Jahre älter als Marie-Luise, deren Vater, dem General, er die letzten Lebensstunden zwar nicht wesentlich verlängert, aber durch klug gewählte Tropfen und Injektionen doch ein wenig erleichtert hatte.

Familie von Seydewitz lebte in Hannover und hatte kein Geld. Der General war stockkonservativ; verachtete aber die meisten seiner Standesgenossen – wegen ihrer Unbildung und kulturellen Zurückgebliebenheit – womöglich noch mehr als die grauenhaften Sozialdemokraten. Abends, bei der Lampe, las er seiner Frau und den Töchtern aus den Schriften von Goethe, Stendhal, Lord Byron und Theodor Fontane vor. Als er krank ward, bestand er darauf, daß man den berühmten jüdischen Spezialisten rief. Professor von Kammer verliebte sich prompt in das spröde, arme, hochmütige und sehr hübsche Fräulein von Seydewitz. Während einer beinah zwanzigjährigen Ehe wurde er sich niemals darüber klar, ob sie ihn wiederliebte oder je wiedergeliebt hatte. Vielleicht hatte die kleine Baronesse ihn nur geheiratet, weil er eine gute Partie war. Das Problem – ob Marie-Luise ihn liebte – beschäftigte den großen Arzt zwei Jahrzehnte lang. Als er sich zum Sterben niederlegte, zeigte sie ihm, zum ersten Mal, eine heftige, bewegte Zärtlichkeit. Die Gebärde, mit der sie sich über sein Lager warf, hatte eine Vehemenz, die den Geheimrat an seiner reservierten Gattin verblüffte. »Bitte, bitte – stirb nicht!« flehte Marie-Luise – schamlos, fassungslos in ihrer Angst. Wovor fürchtete sich denn die geborene von Seydewitz? Sie gestand es selbst; denn sie schrie: »Dann wäre ich ganz allein!« Der Geheimrat starb aber doch. Das war im Jahre 1925.

Herr von Kammer hatte schon am 9. November 1918 beschlossen, nun wolle er nicht mehr lang leben. Die Niederlage des Reiches, der Zusammenbruch der Monarchie hatten ihn psychisch und physisch erledigt – übrigens auch finanziell. Er war ein glühender Patriot und fanatischer Anhänger des Hauses Hohenzollern – während Marie-Luise, was vaterländische Gefühle betraf, sich zwar korrekt, aber eher kühl verhielt und die kaiserliche Familie sogar ein wenig verachtete.

Der Geheimrat hinterließ seiner Witwe ein nur geringes Vermögen; den größten Teil seiner stattlichen Guthaben hatte er in Kriegsanleihe investiert – und also verloren. Der immer noch beträchtliche Rest zerschmolz ihm während der Inflation.

Marie-Luise verkaufte, Stück für Stück – übrigens nicht ohne kommerzielle Geschicklichkeit – die Renaissanceteppiche, Biedermeierkommoden und die kleine Bildersammlung – Böcklin, Schwind, Spitzweg, Leibl, Hans Thoma – die den Schmuck ihrer repräsentativen Wohnung in der Tiergartenstraße ausgemacht hatten. Das geringe Kapital brauchte sie noch nicht anzugreifen. Von den Zinsen und dem Erlös der Verkäufe konnte sie ihre bescheiden gewordene Existenz samt standesgemäßer Erziehung der Töchter bestreiten.

Es bedeutete entschieden eine Enttäuschung für die Mama, daß ihre Älteste, Marion, zum Theater wollte. Indessen war Marie-Luise zu intelligent, um Einspruch zu erheben. ›Wenn sie als Schauspielerin keine Karriere macht, wird sie heiraten‹, dachte sie und genehmigte Marion ein paar hundert Mark extra, damit sie mit einem anständigen Garderobebestand ins erste Provinzengagement reisen könne. Tilly ihrerseits erklärte, am Tage ihres siebzehnten Wiegenfestes, nicht ohne Feierlichkeit, daß sie sich zur Malerei berufen fühle. Die Mama schlug vor, ob sie es nicht zunächst mit der Herstellung von stilisierten Lampenschirmen und netten Glastieren versuchen wolle; dergleichen hatte mehr praktische Aussichten als Ölgemälde oder Kupferstiche. Tilly ging zur Kunstgewerbeschule. Frau von Kammer hoffte, daß wenigstens bei der kleinen Susanne jener Drang nach künstlerischer Aktivität, der bei den Älteren so heftig schien, ausbleiben werde. Freilich: sogar junge Damen aus erstklassigen und selbst noch wohlhabenden Häusern zeigten heutzutage eine gewisse Neigung, sich »auf eigene Füße zu stellen«. Trotzdem war die geborene von Seydewitz der Meinung, daß arbeitende Mädchen schwerer zu verheiraten seien als faule. Woher hatten Marion und Tilly ihre Talente und ihren unruhigen Ehrgeiz? In der Familie von Seydewitz kam dergleichen nicht vor. Sie mußten es von den Kammers geerbt haben.

Dabei konnte man nicht eigentlich sagen, daß Marion, äußerlich oder als Charakter, dem Vater glich. Ihr vehementer, aggressiver Charme, ihre begabte Nervosität, ihre Unrast, ihr Eigensinn waren weder in der jüdischen Patrizierfamilie noch in dem preußischen Aristokratengeschlecht vorher da gewesen. Die hohen und schmalen Beine hatte sie von der Mutter; den gescheiten, manchmal grüblerisch sich verdunkelnden Blick vielleicht vom Papa. Aber es blieb an diesem kompliziert zusammengesetzten und fast beunruhigend reizbegnadeten biologischen Phänomen, genannt »Marion«, ein großer Rest von durchaus fremdartigen Qualitäten; eine Fülle von Zügen, die der Mutter erstaunlich, unverständlich und beinah erschreckend schienen.

Tilly erinnerte auf eine klarere, eindeutigere Art an den Vater: schon durch ihre Neigung zur Rundlichkeit – sie tat gut daran, auf ihre Linie zu achten; aber auch durch Form und Ausdruck ihres intelligenten, weichen, gutmütig sinnlichen Gesichtes. Tillys Lippen, besonders, ließen Marie-Luise oft an den seligen Geheimrat denken: dieser genußfreudige, ein wenig zu üppige Mund, der immer ein wenig feucht wirkte – als hätte er gerade etwas Leckeres, Fettes, Honigsüßes verzehrt, oder als hätte er sich soeben erst von einem anderen nassen Mund gelöst, an dem er sich mit langem Kusse festgesaugt. Übrigens war es diesem Munde, auf eine überraschende, fast fürchterliche Art, auch gegeben, Schmerz, sogar Verzweiflung auszudrücken. Es geschah zuweilen, daß Tillys Lippen sich tragisch öffneten, wie zu einem stummen Schrei, und ehe die Augen noch Tränen vergossen, schienen die feuchten Lippen zu weinen.

Von dem Kind Susanne durfte man erwarten, daß eine veritable von Seydewitz aus ihr werde: sie brachte das Zeug dazu mit. Marie-Luise mochte als kleines Mädchen hübscher und wohl auch, auf ihre spröd befangene Art, liebenswürdiger gewesen sein. Gewisse Züge, die bei der Mutter erst jetzt, im Alter, hervortraten, waren bei Susanne schon in zarter Jugend auffallend: etwa das zu lange, hart geformte Kinn; die schmalen, aufeinandergepreßten Lippen und die ein wenig bitteren Falten, von denen die Mundwinkel abwärts gezogen wurden. Das Kind Susanne hatte wasserblaue, streng blickende Augen und frisierte sich das dünne, aschblonde Haar zu steifen kleinen Zöpfen, von denen man den Eindruck bekam, daß sie hart und kühl anzufühlen sein müßten wie Metall. Im Jahre 1931 wollte Susanne Mitglied einer nationalsozialistischen Jugendorganisation werden. Frau von Kammer mußte es ihr verbieten und sie auf die jüdische Abkunft ihres Vaters schonend aufmerksam machen. Susanne, die davon nichts geahnt hatte, wurde bleich und verstummte. Dann weinte sie lange. »Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen«, versuchte Marie-Luise sie zu trösten. »Er hat seinem Lande große Dienste geleistet.«

Die geborene von Seydewitz war keineswegs gewillt, mit irgend jemandem eine Philosophie und politische Konzeption zu diskutieren, der zufolge ihr verstorbener Gatte zu einem Bürger zweiter Klasse, einem Paria degradiert ward. Sie brach rigoros den Verkehr mit allen jenen unter ihren Bekannten ab, die der Rassedogmatik des Nationalsozialismus anhingen. Ihren Freundinnen – von denen die meisten zum mittleren preußischen Offiziersadel gehörten – erklärte sie: »Diese Nazis sind noch schlimmer als sogar die Kommunisten. Bei denen weiß man doch wenigstens, was sie sind: unsere Feinde. Die Nazis aber spielen sich als die Bewahrer unserer heiligsten Güter auf und sind in Wahrheit doch nur respektlose Plebejer.« Die Offiziersgattinnen schwiegen pikiert, wenn die geborene von Seydewitz scharf betonte: »Wer behauptet, ein Jude könne kein guter deutscher Patriot sein, der ist ahnungslos, oder er lügt. Mein seliger Vater – sicherlich ein preußischer Soldat von guter alter Art – zählte einige Juden zu seinen intimsten Freunden. Meine Mädels sind in einem tadellosen Geist erzogen worden. Soll ich es mir nun bieten lassen, daß man sie plötzlich wie Pestkranke behandelt?« Marie-Luise, sonst so fein und still, sprach mit einer vor Indigniertheit beinah klirrenden Stimme.

Was den verstorbenen General von Seydewitz betraf, so war es bekannt, daß er seiner Familie abends aus den Werken deutscher und sogar ausländischer Poeten vorgelesen hatte – was befremdlich genug wirkte – und daß er, seiner eigenen Kaste gegenüber, von einer sonderbaren Reserviertheit gewesen war. Und was gar die beiden jungen Fräulein von Kammer anging: da hatten Marie-Luisens gute Freundinnen recht gemischte – oder eigentlich schon: ganz eindeutige – Gefühle. Untereinander redeten sie, halb mitleidig, halb entrüstet, über Marion und Tilly. »Die arme Marie-Luise ist blind«, wurde getuschelt. »Sieht sie denn wirklich nicht, wie anstößig sich die jungen Dinger betragen?! Beide schminken sich ja, daß man meinen könnte, sie seien – ich will lieber gar nicht sagen, was!« Die Damen schüttelten die Köpfe und schnitten Grimassen, als hätte man ihnen etwas Widriges in den Tee geschüttet. »Kein Wunder«, sagten sie noch. »Die Rasse des Vaters schlägt durch.«

Frau von Kammer war keineswegs blind für die etwas riskanten Allüren ihrer beiden erwachsenen Kinder. Es schmerzte sie bitter, daß die Mädchen sich nicht ihren Umgang in den konservativen, vornehmen Kreisen suchten, die das Milieu der Mutter waren, und um deren Gunst der Geheimrat sich ein Leben lang mit Zähigkeit und Erfolg bemüht hatte. Woher kam ihnen nur der unglückselige Hang zur Bohème? Dieser extravagante kleine Pariser – Marcel Poiret – mit dem Marion fast ihre ganze freie Zeit verbrachte, war durchaus nicht nach dem Geschmack der Mama. Auch Martin Korella, den Marion schon als kleines Mädchen gekannt hatte, kam Frau von Kammer etwas unheimlich vor. Seine schleppende Art zu sprechen, sein verhangener, zu süßer und zu trauriger Blick, die selbstgefällige Ironie seiner Äußerungen. »Es paßt sich nicht für einen jungen Mann«, sagte Marions Mutter, »und überhaupt, er hat so gar nichts Frisches.«

Der Student, den Tilly ihren Bräutigam nannte, Konni Bruck, machte einen sympathischeren Eindruck; aber Frau von Kammer wußte, daß er sich mit Politik beschäftigte, und zwar auf ungehörige Weise. Er war mindestens Sozialdemokrat, vielleicht sogar Kommunist: die Geheimratswitwe wollte es gar nicht so genau wissen. Jedenfalls stand fest, daß er Tilly in politische Versammlungen schleppte – an Orte also, wohin junge Mädchen keineswegs gehören – ebensowenig wie in Nachtlokale, die Konni Bruck auch mit Tilly zu frequentieren pflegte.

All dies beschäftigte und betrübte Marie-Luise. Aber der Familienhochmut und ihre Liebe zu den beiden Mädchen verboten es ihr, jemals einem ihrer Bekannten gegenüber solche Sorgen anzudeuten. Schließlich war die Mutter auch stolz darauf, daß Marion und Tilly viele Freunde und Bewunderer hatten. In einer gewissen Gesellschaft spielten die zwei entschieden eine Rolle – wenngleich es nicht genau die Gesellschaft war, die Frau von Kammer-Seydewitz sich für ihre Töchter gewünscht hätte.

Als die Nazis zur Macht kamen, war man in Marie-Luisens Kreisen zunächst begeistert. Nur ganz wenige Hellsichtige ahnten schon, daß nun Personen und Tendenzen herrschend wurden, die einem aristokratischen Konservativismus durchaus nicht in allen Stücken freundlich gesinnt waren. Ahnungslos wie die berauschte Masse, die in den Straßen lärmte, jubilierten die Offiziersdamen aus Potsdam oder Ostpreußen darüber, daß nun Schluß sein sollte mit dem Schandvertrag von Versailles und mit dem verhängnisvollen Einfluß der Israeliten.

Marie-Luise stand mit ihrer Bitterkeit und ihrem Haß ganz allein. Sie dachte an ihren Gatten und gab niemandem mehr die Hand, der ein Hakenkreuz im Knopfloch trug oder Heil Hitler rief. Wenn sie einem Trupp von Braunhemden auf der Straße begegnete, hielt sie sich ostentativ die Nase zu, anstatt den Arm zu recken. »Nazis stinken«, behauptete sie und wäre einmal fast verprügelt worden, weil eine Kleinbürgersfrau, die neben ihr stand, es gehört hatte.

Marion war abgereist, nachdem die Geheime Staatspolizei mehrere ihrer nächsten Freunde verhaftet hatte. Auch Tilly, die sich mit dem jungen Bruck in linken Versammlungen gezeigt hatte, wurde gewarnt: es lägen bei der Gestapo Denunziationen gegen sie vor – anonyme Briefe, wahrscheinlich von den guten Freundinnen ihrer Mutter; sie sei in akuter Gefahr. Ihren Konni traf sie nur noch in aller Heimlichkeit; ein paar Nächte lang schlief sie nicht mehr zu Haus. Es war ein unhaltbarer Zustand. Marie-Luise empfand es als unter ihrer Würde, in einem Lande zu bleiben, wo ihr Gatte – wenn er noch lebte – Beleidigungen ausgesetzt gewesen wäre, und wo anständige Menschen ihres Lebens nicht mehr sicher sein konnten.

Tilly hatte erwartet, sie werde ihre Mama mit großer Eloquenz zur Abreise überreden müssen. In Wahrheit stand es bei Marie-Luise schon fest, daß im Dritten Reiche ihres Bleibens nicht war, ehe Tilly auch nur angefangen hatte zu sprechen. Ohne irgendwelches Aufheben zu machen, still und umsichtig, hatte die Mutter mit den notwendigen Vorbereitungen begonnen.

Tilly ihrerseits wäre für die Emigration nicht zu haben gewesen, wenn nicht der junge Bruck – dem die Vorstellung unerträglich war, daß die Freundin seinetwegen in Gefahr kommen könnte – sie dazu bestimmt hätte: Er mußte ihr gegenüber wirklich alle jene Überredungskünste anwenden, die bei der geborenen von Seydewitz überflüssig waren. Konni versprach, in ein paar Wochen oder Monaten ins Ausland nachzukommen. Es war das erste Mal, daß er Tilly belog. Seine entschiedene Absicht war es, in Berlin zu bleiben und der illegalen Opposition, die sich gleich nach der »Machtergreifung« zu formieren begann, alle seine Kräfte zur Verfügung zu stellen. Er war zwanzig Jahre alt, studierte Physik und glaubte mit einer Zuversicht, die jedem Widerspruch mit stolzem Achselzucken begegnete, daß die marxistischen Dogmen und Prophezeiungen in einem ebenso objektiven, indiskutablen Sinne »wahr« seien wie gewisse Naturgesetze oder mathematische Regeln. Man verhaftete ihn, als er versuchte, vor Beginn des Kollegs antifaschistische Flugblätter im Universitätsgebäude zu verteilen.

Das geschah kaum einen Monat nachdem Tilly mit ihrer Mutter in Zürich eingetroffen war. Die beiden saßen am Frühstückstisch – man hatte vom Hotelzimmer aus die schönste Aussicht über den See, auf dessen dunstiger Fläche die Segelschiffe zu schweben schienen; der Liftboy brachte den Brief, er war von einem Kameraden des jungen Bruck, trug den Poststempel »Prag« und war mit den Initialen »H.S.« gezeichnet. Tilly durchflog die Zeilen. Sie ließ das Papier zu Boden fallen, dabei schrie sie leise und faßte sich mit beiden Händen an die Brust, als hätte jemand ihr einen furchtbar schmerzhaften Schlag versetzt. Sie bekam keinen Atem mehr. Die Mutter dachte, mein Gott, es sind diese asthmatischen Zustände, die hat sie doch seit Jahren nicht gehabt. Tilly keuchte und bearbeitete mit kleinen hilflosen Faustschlägen ihre um Atem ringende Brust. In einem Gesicht, das weiß geworden war wie das Tischtuch, öffneten sich die weichen und nassen Lippen zur Klage. Die Augen waren noch trocken, aber sie schienen nichts mehr zu sehen: ehe noch die Tränen sie blind machten, nahm ihnen der betäubende Schmerz schon den Blick. Bei sehr großen Affekten, in der Wollust oder in der Verzweiflung, bleibt den Menschen nichts übrig, als das festgelegte, klassisch stilisierte Bild zu stellen. Gerade die ungeheuersten Gemütsbewegungen drücken sich in der höchst konventionellen Pose aus. Das Individuelle tritt zurück; was bleibt ist der menschliche Urtyp. Tilly von Kammer – am Frühstückstisch in diesem Züricher Hotelzimmer – stellte, sich die Brust schlagend und das Haupt mit den tragisch blicklosen Augen langsam hin und her wiegend, das klassische Bild: junge Frau, die Trauerbotschaft empfangend.

Auch die Mutter verhielt sich genauso, wie die Zeugin der Jammerszene, die an der Katastrophe primär Unbeteiligte, nur indirekt und nur durch Mitleid Betroffene sich nach den klassischen Regeln der Tragödie benimmt. Marie-Luise flüsterte mit bleichen Lippen: »Was ist dir, mein Kind?«

»Konni …« brachte das Mädchen hervor. Nun schien sie wirklich keinen Atem mehr zu bekommen. – »Ist er tot?« fragte die Mutter rasch; ihrem temperierten Gefühl hätte einzig und allein eine Todesnachricht Tillys maßlose Reaktion plausibel gemacht.

Tilly konnte noch sagen: »Nein … Es ist beinah noch schlimmer … Konzentrationslager … Sie haben ihn in ein Konzentrationslager gebracht …«

Frau von Kammer fand es schwierig, dazu irgend etwas zu äußern. Übrigens verband sie mit dem Begriff »Konzentrationslager« keine sehr genauen, plastischen Vorstellungen. Um doch nicht völlig stumm zu bleiben, sagte sie, etwas matt: »Armer Kerl!« Und fügte hinzu – was sie eine Sekunde später bereute: »Aber warum läßt sich ein begabter junger Mensch auch mit dieser schmutzigen Politik ein? Ich wußte immer, daß es nicht gut ausgehen würde …« – Tilly, die sonst ähnliche Bemerkungen der Mutter zu ignorieren pflegte, war diesmal fassungslos. Während sie schon durchs Zimmer stürzte – auf die Türe zu, in einer Haltung, als fliehe sie aus einem Raum, der in Flammen stand, und als hinge alles, selbst die Rettung Konnis, davon ab, daß sie die Türe in der nächsten Sekunde erreiche – murmelte sie zwischen den Zähnen: »Und sonst hast du mir nichts zu sagen, Mama?!« Ja, das war wohl Haß, was ihr nun die Züge zu einer schlimmen kleinen Grimasse verzerrte und was als ein flüchtiges, aber intensives Funkeln aus ihren Augen kam. Die Hand hatte sie schon an der Türklinke. Jetzt weinte sie endlich. Der Zorn über die Kränkung, welche die arme, ahnungslose Mutter ihr zugefügt, machte die Tränen frei: nun strömten sie ihr reichlich über die kindlich gerundeten Wangen. »In was für einer Welt lebst du denn?!« rief die Schluchzende noch über die Schulter. Dann war sie hinaus.

Frau von Kammer blieb in sehr aufrechter Haltung am Frühstückstisch sitzen. Sie sah alt aus – älter, als sie eigentlich war. Ihr Haar hatte jene unbestimmte, aschblonde Farbe, von der sich kaum feststellen ließ, ob es schon ergraut oder nur verblichen, glanzlos geworden war. Die Falten zwischen den Brauen und um die gepreßten Lippen hatten sich während der letzten Monate verschärft und vertieft. Der Anblick ihres zu schmalen, zu langen und zu harten Gesichtes, mit den eingefallenen Wangen, der feinen Nase und dem kantigen Kinn, ließ an ein sehr gutrassiges, abgearbeitetes, stolzes und etwas müdes Pferd denken.

Die Mutter stand seufzend auf. ›Wenn das mit Tillys Asthmaanfällen nun wieder losgeht‹, dachte sie, ›eine schöne Geschichte! – Konzentrationslager … Konzentrationslager … Welch ein Irrsinn!‹ – Sie wollte sich selber nicht zugeben, wie sehr es ihr leid tat, daß sie ihr großes Mädchen nicht tröstend in die Arme geschlossen hatte, anstatt sie durch ihre gefühllose Bemerkung noch weiter zu verletzen.

Tilly ging tagelang schweigsam, mit bleicher, verstörter Miene umher. Sie war beinah dazu entschlossen, nach Berlin zu fahren, um ihrem Konni zu helfen – auf welche Weise, war ihr selber nicht klar. Sie schrieb dem Kameraden des jungen Bruck – dem Mann, der so geheimnisvoll als »H.S.« signiert hatte – an seine Deckadresse in Prag und erkundigte sich bei ihm, was er von ihrem Reiseplan halte. Er erwiderte, kurz und bündig: Das ist Quatsch. Du kannst dem Jungen nichts nützen und bringst Dich selbst in Gefahr. – Merkwürdigerweise nannte der Unbekannte sie »Du«. Tilly wunderte sich darüber; fühlte sich aber auch geschmeichelt und, auf eine fast sinnliche Art, gereizt. Konnis Freund rechnete sie also zu den Zuverlässigen, den Genossen … Dabei hatte sie sich eigentlich nie für Politik interessiert. Nur um die Abende mit Konni verbringen zu können, hatte sie ihn zu den Meetings begleitet – die tödlich langweilig für sie gewesen wären, wenn er nicht neben ihr gesessen hätte. Sie liebte ihn. Jetzt erst, da sie ihn verloren hatte, ermaß sie es ganz, wie sehr sie ihn liebte und brauchte. Sie dachte immer an ihn, und sie weinte viel. Das ärgste war, daß keine Nachricht von ihm kam – keine Zeile. Erreichten ihn denn die langen Briefe, die sie ihm fast täglich schrieb? Auch der mysteriöse H.S. in Prag hatte seinerseits nichts von Konni gehört: er teilte es Tilly, die ihn brieflich mit Fragen bestürmte, lakonisch mit. – Wie mochte dieser H.S. aussehen? Tilly beschäftigte sich zuweilen mit der Frage. Seine Handschrift war sympathisch, übrigens recht kindlich steif und steil. Er hatte eine unbeholfene, aber kräftig volkstümliche und prägnante Art, sich auszudrücken. ›Sicher ist er ein sehr anständiger, einfacher Junge‹, beschloß Tilly. ›Ich glaube, daß ich ihn mögen würde.‹

Ernst und heroisch gestimmt, wie sie war, gab sie luxuriöse Gewohnheiten auf; zum Beispiel die, in Nachtlokale zu gehen, Whisky zu trinken und fünfzig Zigaretten am Tag zu rauchen. Sie verzichtete auch darauf, weiter die Kunstgewerbeschule zu besuchen. Ihrer Mutter teilte sie mit, daß sie Unterricht im Maschineschreiben und Stenographieren nehmen wolle, um möglichst bald selbst etwas zu verdienen. Frau von Kammer konnte nichts dagegen einwenden – obwohl die Vorstellung, eine ihrer Töchter als Sekretärin arbeiten zu sehen, ihr höchst peinlich war. Aber die Geldverhältnisse der Witwe verschlechterten sich rapide. Die Bilder und Kunstgegenstände, die ihr noch geblieben waren, hatte sie zwar samt ihrer Wohnungseinrichtung und der kleinen Bibliothek mit in die Schweiz nehmen können. Die besten Stücke aber waren längst verkauft, und von dem Barvermögen hatte sie erhebliche Teile für die »Reichsfluchtsteuer« opfern müssen.

In dem kostspieligen Hotel an der Seepromenade war Frau von Kammer mit ihrer Tochter nur einige Wochen geblieben. Die Dreizimmerwohnung, die sie nach langem Suchen gefunden hatte, war immer noch teuer genug. Sie lag in der Mythenstraße, die einen gediegen soignierten Eindruck machte. »Die Lage könnte nicht besser sein«, erklärte Marie-Luise ihren Bekannten, die kleinbürgerliche Enge der dunklen Parterrestuben mit der Vortrefflichkeit ihrer topographischen Situation gleichsam entschuldigend. »Man hat nur ein paar Schritte bis zum See, bis zu den guten Geschäften an der Bahnhofstraße, zum Paradeplatz, zum Kursaal, und – darauf lege ich ganz besonderen Wert! – man ist nah bei der Tonhalle. Die Konzerte hier sollen ja ersten Ranges sein …« Wirklich hatte sich die geborene von Seydewitz, obwohl sie gar nicht musikalisch war, ein Abonnement für die Symphoniekonzerte geleistet; dies glaubte sie ihrer gesellschaftlichen Stellung schuldig zu sein. »Wenn man aufhört zu repräsentieren«, versuchte sie Tilly klarzumachen, »ist man verloren. Die Leute sehen einen überhaupt nicht mehr an.«

Der Geheimrat hatte in Zürich viele gute Freunde gehabt – prominente Kollegen oder reiche Patienten; Marie-Luise durfte meinen, daß sie mit mehreren Damen aus Schweizer Patrizierkreisen in den herzlichsten Beziehungen stand. Nun meldete sie sich telefonisch bei ihnen. Man war erfreut, ihre Stimme zu hören; da sie als Adresse zunächst das luxuriöse Seehotel nennen konnte, nahm man an, sie befinde sich auf der Durchreise. Man lud sie zum Tee oder zum Abendessen ein. Sie nahm Tilly mit. »Du wirst sehen, wir werden bald einen reizenden Kreis hier haben«, versicherte sie siegesgewiß der Tochter auf der Taxifahrt zum Villenvorort, wo die lieben Bekannten wohnten.

Indessen erfror das Lächeln auf den Mienen der wohlhabenden Gastgeber, als Frau von Kammer gestand, daß sie diesmal nicht auf einer Vergnügungs- oder Erholungsreise sei, sondern sich hier niederzulassen gedenke. Es war, als hätte man die eben noch respektable Dame bei suspekten, wahrscheinlich kriminellen Machenschaften ertappt. »Ja, wieso denn?! Warum denn nur, meine Liebe?« forschte angstvoll die Hausfrau. Als Marie-Luise aber, artig und gelassen, erklärte, daß man ihr doch wohl kaum zumuten könne, in einem Lande zu bleiben, wo ihr Gatte heute als ein Aussätziger gelten würde – da fiel es wie ein eisiger Reif auf die gesellige Runde, und die gute Stimmung war weg. Nach einer fürchterlichen Pause bemerkte jemand, mit schonender Behutsamkeit: »Ja, freilich – der gute Geheimrat war ja … Er war ja wohl … hm …« als müßte man nun endlich den peinlichen Tatbestand zugeben, daß Herr von Kammer Zeit seines Lebens an einer stinkenden Krätze gelitten habe. Tilly bekam schon drohende Augen; sie war im Begriff, Dinge zu äußern, die ihre Mama für immer in diesem Zirkel unmöglich gemacht hätten. Einer der anwesenden Herren ahnte es vielleicht; denn er sagte begütigend: »Gewiß, gewiß, es ist wohl nicht alles, wie es sein sollte im neuen Deutschland. Manche Tendenzen – an sich vernünftig und lobenswert – werden ins Maßlose übertrieben. Das sind unvermeidliche Kinderkrankheiten …«

Frau von Kammer erklärte, ruhig, aber dezidiert: »Von Politik verstehe ich nichts; meine Kinder machen mir zum Vorwurf, daß ich nie Zeitungen lese. Aber soviel weiß ich doch: diese Nazis sind gemeine Plebejer. Man braucht sich nur ihre Gesichter anzuschauen! Sehen gutrassige Leute so aus?! Und benehmen Menschen, die eine Kinderstube haben, sich so, wie die Herren von Deutschland es tun?!«

Einer der Gäste – ein millionenschwerer Industrieller; Mann von strammer Haltung und strammer Gesinnung – räusperte sich schon recht indigniert. »Aber erlauben Sie, gnädige Frau«, ließ er seinen einschüchternden Baß vernehmen. »Aus der Art, wie Sie den Ausdruck ›Plebejer‹ verwenden, könnte man fast auf eine sehr rückständige Gesinnung bei Ihnen schließen. Die Männer des Volkes, die jetzt in Deutschland draußen, Gott sei’s gedankt, an der Macht sind, erfüllen eine eminente historische Aufgabe. Die Volksgemeinschaft ist hergestellt, die Hetze zum Klassenkampf gibt es nicht mehr. Wenn Sie die akute bolschewistische Gefahr bedenken, in der das Reich sich tatsächlich befand …«

Die Hausfrau rief flehend: »Aber lassen wir doch die Politik! Frau von Kammer hat ja selbst erklärt, daß sie sich mit dergleichen nicht befaßt! Und es gibt doch so viele andere Gesprächsthemen, die amüsanter sind.« Sie blickte hilfesuchend im Kreise umher.

Eine rechte Gemütlichkeit wollte sich nicht mehr herstellen. Frau von Kammer und ihre Tochter brachen früh auf. Im Wagen blieben sie beide eine Weile stumm. Marie-Luise saß in sehr aufrechter Haltung, den Blick starr geradeaus gerichtet. Tilly – die noch vor einer Viertelstunde sehr ärgerlich auf ihre Mutter gewesen war – spürte jetzt nur noch Mitleid. Sie überwand ihre Scheu und Befangenheit, die sie sonst in Gegenwart der Mama selten los wurde; vorsichtig streichelte sie die magere, harte Hand ihrer Mutter.

Frau von Kammer war leicht zusammengefahren; beinah hätte sie den Arm weggezogen. Sie hielt aber stille. Die kleine Liebkosung tat wohl. Mit einer ganz weichen, etwas heuchlerischen Stimme sagte sie: »Es war wohl nicht sehr unterhaltend bei Krügis – wie? Mir scheint, sie haben sich recht verändert. Früher ist es viel zwangloser und netter bei ihnen gewesen. Vielleicht war Frau Krügis durch irgend etwas präokkupiert …«

»Sei nur still, Mama!« Tilly schmiegte sich enger an die Mutter. »Wir müssen ja nicht mehr zu den Leuten. Wir wollen überhaupt nicht mehr solche Besuche machen – versprichst du mir das?«

Nun fand Frau von Kammer doch, daß ihre Tochter zu weit ging. Das war wieder jene Neigung zur Hemmungslosigkeit, die Marie-Luise so fremd und sogar beängstigend schien. »Es ist sehr wichtig für uns, daß wir von der Züricher Gesellschaft empfangen werden«, sagte sie, nicht ohne Strenge, und nahm wieder Haltung an. »Morgen sind wir zum Tee bei Wollenwebers.«

Tilly seufzte und ließ die Hand ihrer Mutter los.

Frau von Kammer war in allen gesellschaftlichen Dingen von Sensibilität und prompt reagierendem Taktgefühl. Jetzt aber dauerte es ziemlich lange, bis sie es verstand und sich klarmachte, daß sie in der Gesellschaft, der sie sich, ihrer Herkunft und Erziehung wie ihrer Neigung nach, zugehörig fühlte, unerwünscht war. Nur sehr allmählich begriff sie, daß es bei den reichen, alteingesessenen, hochachtbaren Familien einfach als anstößig galt, mit der Regierung des eigenen Landes überworfen zu sein. Wenn es sich um ein sozialistisches Regime gehandelt hätte, mit dem man nicht auskommen konnte, wäre dies entschuldbar und selbst ehrenvoll gewesen.

Marie-Luise sah sich fallengelassen von denen, die sie als »Menschen meinesgleichen« zu bezeichnen pflegte, und sie litt darunter. Keineswegs hatte sie vorgehabt, sich von ihrer eigenen Gesellschaftsschicht zu lösen, als sie Deutschland verließ. Nicht ohne Schrecken mußte sie nun konstatieren, daß genau dies es war, was sie getan hatte. Sie fühlte sich sehr allein – so allein wie noch niemals zuvor im Leben. Mit wem sollte sie reden, wenn die »Menschen ihresgleichen« auf die Unterhaltung mit ihr keinen Wert mehr legten? Sie verstand nur ihren Jargon, keinen anderen. Sowohl die Leute »aus dem Volke« als auch die Intellektuellen drückten sich für die Ohren Marie-Luisens in fremden Zungen aus. Manchmal versuchten ein Briefträger, ein Handwerker oder die Gemüsefrau gutmütig, sie ins Gespräch zu ziehen. Sie hatten wohl davon gehört, daß diese deutsche Dame sich mit den neuen Machthabern in ihrem Lande nicht recht vertrug. Die meisten waren geneigt, Frau von Kammer, weil sie Emigrantin war, für eine Jüdin zu halten, trotz ihrem echt von Seydewitzschen Aussehen. Der Briefträger und die Gemüsefrau drückten ihre Empörung aus über all das, was man den Israeliten jetzt antat – dort »draußen«, im Reich. Ein Handwerker, der die Wasserleitung in der Wohnung reparierte, ging so weit, zu erklären: »Aufhängen sollte man den Hitler!« Alle waren sich darüber einig, daß es eine Schmach und eine Schande sei, und daß »bei uns in der Schweiz« dergleichen niemals geduldet würde. »Die sollten es nur probieren!« rief drohend die Gemüsefrau mit ihrer behindert-gutturalen Stimme. Es waren sehr brave Leute, von einem ruhigen, anständigen Selbstbewußtsein. Sie gefielen Marie-Luise. Trotzdem wußte sie nicht, in welchem Tone sie ihnen antworten sollte. Sie lächelte starr und befangen. »Ja, ja, es ist wohl nicht alles ganz so, wie es sein sollte«, bemerkte sie, konventionell und floskelhaft.

Es war bitter, allein zu sein. Nun empfand Frau von Kammer es mehr denn je, daß zwischen ihr und den beiden Töchtern ein wahrhaft herzliches, spontan vertrauensvolles Verhältnis sich niemals hatte herstellen wollen. Sie schrieb lange Briefe nach Paris, an Marion. Aber diejenigen, in denen von ihren Gefühlen und Nöten die Rede war, schickte sie niemals ab, sondern nur die anderen, welche von der Wohnungseinrichtung oder von einem Abend im Stadttheater erzählten. Marions Antworten – mit einer großen, zugleich energisch beschwingten und fahrigen Schrift bedeckte Zettel – waren selten mehr als ein paar launig-barocke Redensarten, aphoristische Wutausbrüche gegen die Nazis oder wirre Andeutungen, das Pariser Leben betreffend. – Susanne sendete aus dem Internat pflichtgemäß ihre wöchentlichen Berichte; sie waren stets trocken gehalten, ihr Inhalt schien befriedigend, es fehlte ihnen jeder Hauch von Phantasie, jeder Atem von Zärtlichkeit.

Und Tilly? Sie lebte in der Nähe der Mutter und schien weiter von ihr entfernt zu sein als die beiden abwesenden Töchter. Marie-Luise wußte kaum, mit wem ihr Kind seine Tage verbrachte. Von den Schreibmaschine- und Stenographiestunden konnte ihre Zeit keinesfalls ganz ausgefüllt sein. Tilly schien neue Bekannte, vielleicht Freunde zu haben. Frau von Kammer hörte sie am Telefon plaudern und Verabredungen treffen. Es waren wohl Emigranten – Marie-Luise wußte, daß es ihrer ziemlich viele in Zürich gab. Tilly traf sich mit ihnen in den Kaffeehäusern. Niemals brachte sie einen dieser Menschen in die Mythenstraße. Frau von Kammer konnte dies als Rücksicht auffassen. Immerhin hätte das Kind ja einmal fragen können, ob die Mama einen ihrer neuen Bekannten bei sich zu empfangen wünsche. Wahrscheinlich würde Marie-Luise abgelehnt haben. Sie empfand kein Bedürfnis, Leute zu sehen, mit denen sie wohl kaum mehr gemeinsam hatte außer eben ein Gefühl: die Antipathie gegen die Nazis. Fraglich blieb nur – dachte Frau von Kammer – ob ihr ein Deutschland, das so, wie diese Emigranten sich’s wünschten, regiert war, erträglicher gewesen wäre als das Dritte Reich. Man durfte vermuten, daß die meisten jener Exilierten »Radikale« waren – ein Begriff, mit dem die Geheimratswitwe vage, aber keineswegs erfreuliche Vorstellungen verband. Da traf man sich also abends, in einer Wohnung, wo es gewiß recht unordentlich aussah, oder im Café, und diskutierte bösartig über die Revolution. Ein laut redender, reichlich Alkohol konsumierender Kreis – malte Marie-Luise sich aus – und eine von der Gesellschaft war also ihre Tochter Tilly. Manchmal mochte es ja recht angeregt zugehen; es wurde gelacht, Frau von Kammer hatte schon so lange nicht mehr laut und herzlich lachen hören. Aber nein: ihr Milieu war dies entschieden nicht … Da war, immer noch, die Einsamkeit besser.

Die Einsamkeit war nicht gut. Auf die Dauer wurde es fast unerträglich, durch die Straßen dieser schönen, sommerlichen Stadt zu gehen und zu niemandem sagen zu können: »Schau, wie die Flügel der Möwen heute wieder in der Sonne leuchten!« Oder: »Mir kommt es vor, als wäre der See heute noch blauer, als er gestern war.«

Das Leben in Zürich war heiter. Die schöne und reiche Stadt schien ihre Bürger – oder die Fremden, die in den gepflegten Hotels an der Bahnhofstraße, an den Seeufern logierten – vergessen lassen zu wollen, was im großen, tragischen Nachbarlande täglich, stündlich an Jammervollem und Bösem, an Schauerlichem und Gemeinem geschah. Zürich strahlte. An den freundlich bebauten, höchst zivilisierten Ufern seines Sees hatten Wohlstand und Biederkeit sich niedergelassen. In diesen besonnten Juniwochen meinte man, hier nur glückliche Menschen zu sehen; die Unglücklichen zeigten sich nicht. Die Badeanstalten am See waren überfüllt wie die eleganten Konditoreien, die Hotelterrassen, die Cafés, die populären Biergärten. Wohin man schaute – braungebrannte, lachende Gesichter. Junge Leute gingen in Nagelstiefeln und Leinenhosen umher, schwer beladen mit ihrem Rucksack und doch leichten Schrittes; sie kamen von Bergtouren, oder sie brachen gerade zu Exkursionen auf. Bei »Sprüngli« oder bei »Huguenin«, an der Bahnhofstraße, saßen die Mädchen und ihre Burschen in weißen Segelkostümen neben den alten Amerikanerinnen. Im Garten des Hotels »Baur au Lac« schmachtete die Zigeunerkapelle ihre Nachmittagsmusik; auf dem Paradeplatz klingelten munter die hübsch blau lackierten Trambahnwagen; die großen Limousinen aber glitten in vornehmer Stille über die Avenuen, Plätze, Brücken und Quais; denn: »in Zürich wird nicht gehupt, aber vorsichtig gefahren« – wie breite Spruchbänder an den Stadteingängen und an einigen Verkehrszentren mahnend verkündeten. Auf die Nerven des Publikums wurde jede erdenkliche Rücksicht genommen …

Liebenswürdig stand der Sommer dieser schönen Stadt zu Gesichte, wie einer hübschen Frau das lichte Kostüm, der breitrandige Strohhut stehen. Die Luft war mild und sehr weich; man meinte sie wie eine Liebkosung auf der Haut zu spüren. Die Konturen der Seeufer verschwammen in einem zartblauen, fast violetten Dunst. Es herrschte Föhnstimmung. Der warme Wind kam vom Gebirge her. Frau von Kammer hatte ein wenig Kopfschmerzen. Sie konnte den Föhn nicht vertragen.

Seit gestern hatte sie mit niemandem gesprochen, außer ein paar Worte mit dem Mädchen, das vormittags kam, um die Wohnung sauberzumachen. Tilly war verreist: »Ein paar Bekannte« – wie sie sich mit verletzender Ungenauigkeit ausdrückte – hatten sie zu einer Tour eingeladen. Nach dem einsamen Abendessen spazierte Frau von Kammer ziellos durch die Straßen: über den Paradeplatz, die Bahnhofstraße hinauf bis zum Bahnhof; die Bahnhofstraße wieder hinunter bis zum See; über die Quaibrücke bis zum Bellevueplatz. Sie überlegte, ob sie in ein Kino gehen sollte; aber das würde ihre Kopfschmerzen nur noch verschlimmern.

Auf dem Platz vor dem Stadttheater hatte sich ein Lunapark etabliert; ein Miniaturprater mit »Attraktionen«, Karussells, einer Bierhalle, Russischem Rad, Achterbahnen, Würstelverkäufern und Schießbuden. Von dort her kam der schöne, erregende Lärm, der immer zu den Rummelplätzen zieht: das Kreischen der Kinder und Frauen von all den schaukelnden, fliegenden, kreisenden, durch Finsternis gleitenden, ins Wasser stürzenden Folterstühlen, auf denen merkwürdigerweise Menschen sich freiwillig und zum Vergnügen niederlassen; die monoton-eindringliche Litanei der Ausrufer und Anpreiser, das Geknatter der Schießgewehre, der grölende Chorgesang der Bezechten; die Musik von drei Karussells, unbarmherzig gegeneinander ankämpfend. Es kamen auch die unverkennbaren und unwiderstehlichen Rummelplatzgerüche: Schmalzgebackenes, Türkischer Honig, Schweiß, Brathuhn, Schießpulver, scharfes Parfüm des Zirkus, Erbrochenes, kleine Kinder, Bier, noch einmal Türkischer Honig; und es kam, mit Geräuschen, Gerüchen und flirrenden Lichteffekten, der ganze Zauber, den diese Stätten auf den Einfachsten wie auf den Verwöhntesten üben.

Vor dem Russischen Rad war das Gedränge am dichtesten. Marie-Luise floh in eine Nebengasse des Barackendorfes, fand sich vor einer Bude und dachte: ›Ich kann ebensogut eintreten und die Attraktionen besichtigen. Hier gibt es zu sehen den »größten Menschen der Erde«, »den finnischen Goliath« – warum denn nicht, es kostet bloß fünfzehn Rappen.‹

Drinnen herrschte feierliches Halbdunkel. Es befanden sich nur wenig Menschen in dem scheunenartig weiten Raum. Die Stille hier war erstaunlich; eine verwesende Samtportière schien, mit beinah magischer Kraft, jeden Laut von draußen fernzuhalten. Die Augen der Besucherin mußten sich erst an das rötliche Dämmerlicht gewöhnen. Nicht ohne Mühe tappte sie sich zu den schmalen, lehnenlosen Bänken. Marie-Luise glaubte zu bemerken, daß außer ihr noch zwei Kinder anwesend waren, ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen; sie saßen eng aneinandergerückt und hielten sich an den Händen gefaßt. Ihre Münder waren weit geöffnet wie ihre Augen. Sie sahen gar nicht belustigt aus, sondern eher verängstigt.

In der Tat gab es Anlaß genug, sich zu fürchten. Das Erschreckende an dem jungen Mann, der vor dem öden Scheunenparkett auf dem Podium stand, war nicht so sehr seine schier unglaubliche Körperlänge, sondern die unbeschreibliche, ungeheure, wahrhaft bestürzende Traurigkeit seines Gesichtes. Es war eine sehr runde, sehr kleine, rote, babyhaft verhutzelte, von zahllosen Fältchen melancholisch durchzogene Miene: Marie-Luise meinte noch nie so eine hoffnungslos verzagte gesehen zu haben. Über dem leer-verzweifelten Blick waren die gewölbten Brauen drollig mit dem Kohlestift nachgezogen wie bei einem Clown. Auch die Tracht des Riesen hatte humoristischen Charakter: grünes Tirolerhütchen über der gräßlichen Babyfratze; grell karierte, zu enge Hosen; kurzes rotes Bolerojäckchen. Umso respektabler war der Herr gekleidet, der neben ihm stand und ihm kaum an die Brust reichte, obwohl er einen Zylinderhut trug. Im Gehrock, mit weißen Gamaschen und weißen Handschuhen, sah er wie ein etwas schäbiger Diplomat aus. Mit einem zierlichen, leichten Stab – wie Dirigenten oder Zauberkünstler ihn benützen – wies er, nachlässig-anmutig, auf den Trauerriesen. »Mein junger Freund ist der größte Mensch der Erde«, erklärte der Herr im Gehrock mit müde näselnder Stimme. »In weitem Abstand«, fügte er verächtlich hinzu, »folgt der sogenannte Riese Jack, zweieinhalb Zentimeter kleiner als mein junger Freund.« – Die Aussprache des Eleganten hatte einen feinen, unbestimmbar exotischen Akzent. »Mein junger Freund …« fuhr er fort, »äh …« Und nun schien er vor Langeweile schlechterdings nicht weiterzukönnen. Er gähnte ungeniert und verstummte mehrere Sekunden lang – ehe er einen frischen Anlauf nahm und hastig weiter berichtete: »Mein junger Freund ist zu Helsingfors in Finnland geboren.« Das Wort »Helsingfors« servierte der Gehrock wie eine besondere Delikatesse, alle Vokale auf eine höchst elegante und übrigens völlig willkürliche Art verändernd. »Seine beiden Eltern hatten normale Größe, seine Geschwister waren eher etwas zu klein, er selber war schon im zarten Alter von vierzehn Jahren zwei Meter lang, seine Verlobung mußte auseinandergehen, weil die Braut sich auf die Dauer vor seinem Körpermaß ängstigte, mein junger Freund ist physisch und geistig völlig gesund, seine Lieblingsspeise ist die bekannte dänische rote Grütze, willst du nicht ein Liedchen singen, Gustav?« Der Herr ließ den Zeigestab sinken, wandte sich angewidert von seinem Schützling ab, und, ohne auch nur Goliaths Kopfnicken abzuwarten, verließ er mit hastig trippelnden Schritten, als hätte man ihn beleidigt, das Podium. Der lange Gustav hub zu singen an:

»Muß i denn, muß i denn

zum Städtele hinaus …«

Die Stimme des armen Riesen kontrastierte verblüffend mit dem Format seines Körpers. Es war eine schrecklich kleine, durchaus verkümmerte Stimme, was sich da hören ließ; eine zwergische Stimme – hoch, dünn und piepsend. Ein mißzufriedener Säugling gibt so winzige greinende Töne von sich. »Zum Städtele hinaus …« wiederholte weinerlich die Mißgeburt, und Marie-Luise dachte: ›Warum singt er wohl gerade dieses Lied? Vielleicht ist es seine Lieblingsmelodie, oder er kennt gar keine andere … Schrecklich: er kennt wohl keine andere; dieses Lied ist gewissermaßen alles, was er kann und hat …‹

»Und du, mein Schatz, bleibst hier …«

An dieser Stelle kam aus dem dunklen Hintergrund der Scheune ein leiser Schrei. Eine Dame hatte ihn ausgestoßen; nun erhob sie sich hastig; ein klein wenig schwankend bewegte sie sich auf die Ausgangstür zu. Da war es an Marie-Luise, leise zu schreien. Sie erkannte die Dame, es war eine alte Freundin, die schöne Tilla Tibori, eine Schauspielerin.

Auch Frau von Kammer sprang auf. »Nicht möglich«, rief sie, »du hier, Tilla!« Marie-Luise küßte Tilla auf beide Wangen, hinter ihnen wimmerte das Wunder von Helsingfors noch einmal: »Und du, mein Schatz, bleibst hier …« Nun sang er also nur noch für die beiden Kinder in der ersten Reihe. Diese übrigens hatten, während Marie-Luise und Tilla sich umarmten, ein schrilles kleines Kichern hören lassen – sei es, weil sie die Kußzeremonie zwischen den Damen drollig fanden; sei es, weil der Riese sie amüsierte. Die Kinder, in der Scheune mit Goliath allein gelassen, rückten noch enger aneinander und flüsterten sich zu: »Uii … Jetzt wird’s fein!« – als sollte der Hauptspaß nun erst beginnen, während die Veranstaltung in Wahrheit doch schon ihrem Ende zuging.

Die Freundinnen standen im Freien; Lärm, Geruch und billiges Gefunkel des Volksfestes empfingen sie. Marie-Luise und Tilla hatten es eilig, den Bezirk des Rummelplatzes hinter sich zu lassen. Zunächst waren sie beide viel zu überrascht von dieser Wiederbegegnung – nach so vielen Jahren! Und in so groteskem Milieu! – um Zeit zur Gerührtheit zu finden. Als sie aber die stillere Seepromenade erreicht hatten, legten sie sich gegenseitig die Arme auf die Schultern und betrachteten sich. Beide mußten denken: ›Mein Gott, die Ärmste – sie ist auch nicht jünger geworden. Und ein Übermaß an Verkehr scheint sie auch nicht gerade zu haben, wenn sie sich alleine zu so traurigen Belustigungen begibt …‹

Marie-Luise und Tilla waren als Schulmädchen in Hannover gute Freundinnen gewesen, obwohl Tilla mehrere Jahre jünger als die kleine von Seydewitz war. Sie hieß damals noch nicht Tibori – diesen Namen hatte sie sich erst zugelegt, als sie zur Bühne ging – sondern Hamburger. Ihrem Vater gehörte das größte Warenhaus am Ort. Die Hannoveraner Gesellschaft hatte den intimen Verkehr zwischen den jungen Mädchen – ein Umgang, der vom alten General Seydewitz nicht nur geduldet, sondern geradezu protegiert wurde – als etwas anstößig empfunden. Hamburgers waren zwar respektable Leute, auch wohlhabend; aber die kleine Tilla sah eben doch unerlaubt orientalisch aus mit ihren weiten, mandelförmig geschnittenen, dunklen, verführerisch feuchten Augen. Marie-Luise ihrerseits, spröd und ziemlich ungelenk, wie sie war, adorierte die reizbegnadete Freundin.

Erst als Tilla anfing, in Berlin Erfolg zu haben, und Marie-Luise den Professor von Kammer heiratete, begann die Entfremdung. Wie lang war das her? »Long long ago«, wie die Tibori nun konstatierte. Ihre Stimme hatte noch den vollen, süßen und tiefen Klang; nur schien jetzt ein Unter- und Nebenton von Klage mitzuschwingen. Wie alt mochte die Schauspielerin sein? Marie-Luise rechnete geschwind, mit jener grausamen Genauigkeit, die Frauen stets haben, wenn sie das Alter ihrer Freundinnen kontrollieren. Sie kam zu dem Resultat: mindestens vierundvierzig. Dafür sah sie fabelhaft aus. Immer noch war sie die auffallend attraktive Erscheinung – hochelegant, in ihrem leichten, dunkelblauen, mit schwarzem Schleier etwas phantastisch drapierten Kostüm, la belle Juive, immer noch, bei deren Anblick Herren animiert mit der Zunge schnalzen. Aber gewisse Schärfen gab es nun doch in Tillas schönem Gesicht – wie die aus echter Sympathie und leichter Schadenfreude gemischte Aufmerksamkeit der älteren Freundin konstatierte – der dunkelrot gefärbte, große, stark geschwungene Mund wurde an den Winkeln von zwei müden kleinen Falten gesenkt; die Haut schien ein wenig angegriffen, matt und flaumig geworden, und die Beweglichkeit der etwas zu großen Nüstern hatte einen nervösen Charakter – den Charakter eines unruhigen, nach erregenden Gerüchen gierigen Schnupperns bekommen.

Sie gingen, Arm in Arm, die Seepromenade entlang, weg von der Stadt. Die Bogenlampen wurden seltener, streckenweise lag der Weg im Dunkel, von den Bänken, die diskret zwischen den Gebüschen verborgen lagen, flüsterten die Liebespaare, ihre gedämpften Gelächter vermischten sich mit dem monotonen, ganz leisen Plätschern des Sees. Die Freundinnen blieben stehen und schauten über das Wasser. »Hübsch, wie drüben auf dem anderen Ufer die Lichter allmählich ausgehen«, sagte Marie-Luise. »Und wie die letzten sich im Wasser spiegeln …«

Beide mußten daran denken, wie oft sie früher – Arm in Arm wie jetzt – durch eine milde Nacht wie diese spaziert waren – und Wasser hatte es damals wohl auch gegeben, und Lichter, die sich darin spiegelten. »Es ist wirklich beinah dreißig Jahre her …« sagte eine von ihnen; vor einer halben Stunde hatten sie die erschreckende Zahl einander noch nicht eingestehen wollen. Und Tilla, nach einer großen Pause: »Es ist, um schrecklich sentimental zu werden … Ich fürchte, wir sind es schon. Gehen wir lieber in ein Café.«

Im Garten des Cafés »Terrasse« war es noch ziemlich voll. Unter den Bäumen hatte man bunte Lampions angebracht; es sah nach Italienischer Nacht aus, nach »garden party«, und mondäner sommerlicher Geselligkeit. – »Hier ist es ja wirklich ganz nett«, bemerkte Marie-Luise, die sich neugierig und befangen umschaute. »Warum sollte es denn nicht ganz nett sein?« lachte Tilla. »Bist du denn noch nie hier gewesen?« – Darauf Marie-Luise, etwas beschämt: »Nein – zufällig noch nicht … Ich glaube, meine Tochter kommt manchmal her«, fügte sie mit einem gewissen Stolz hinzu. Tilla wurde vom Nachbartisch gegrüßt. »Es sind Kollegen von mir«, erklärte sie. »Mit einigen von ihnen habe ich noch voriges Jahr in Frankfurt zusammen gespielt. Die sind jetzt hier, am Schauspielhaus, engagiert.« – ›Da haben wir also die »Emigrantenkreise«‹, dachte Marie-Luise. ›So arg sehen sie gar nicht aus. Ob Bekannte von Tilly darunter sind?‹

Nun erst – sie waren schon über eine Stunde zusammen – begannen die Freundinnen so recht, sich auszufragen: »Was treibst du in Zürich? Wie lange bist du schon hier?« Tilla berichtete, seit einem Vierteljahr habe sie alle ihre Energien darauf konzentriert, perfekt Englisch zu lernen. – »In Zürich?« wunderte sich Marie-Luise. London sei ihr zu teuer gewesen, erklärte Tilla. »Hier lebe ich – bei einem Freund.« Dabei lief eine leichte Röte über die flaumige, strapazierte Haut ihres schönen Gesichtes. Sie senkte die Lider mit den langen, starren künstlichen Wimpern und betrachtete interessiert ihre langen, silbrig-rosa gefärbten Fingernägel. Zwischen den Augenbrauen trat plötzlich ein angestrengter, gequälter Zug hervor. »Es ist zu dumm«, sagte sie, leise und dunkel – ihre Stimme hatte jetzt einen seltsam hohlen Ton – »es ist zu dumm: wirklich. Man hat nichts zurückgelegt, einfach gar nichts. Man hat gut verdient«, rief sie und hatte ein heiseres kleines Lachen. »Man hat noch besser gelebt – und nun sitzt man da!« Mit einer weiten, theatralisch stilisierten Armbewegung, welche durch die schwarze Schleierdraperie auf ihrem Kostüm besonders effektvoll gemacht wurde, schien sie andeuten zu wollen, wie man nun »dasäße«. Die Kostbarkeit ihrer Toilette, die wunderbare Herrichtung ihres Gesichtes verloren im Zusammenhang mit ihren Worten und dem Klang ihrer Stimme den Charakter des Selbstverständlichen, nachlässig Eleganten, den sie zunächst vortäuschten. Alles, was an Tilla Tibori noch schön war, wirkte nun wie das Ergebnis harter, permanenter Anstrengungen; der Gewinn eines langen, wahrscheinlich oft qualvollen Kampfes. »Ein Agent will mich nach Hollywood bringen, sowie mein Englisch gut genug ist«, sagte sie noch, etwas hastig. »Nun – man muß alles versuchen …«

»Und du?« erkundigte sie sich dann. »Wir reden ja nur von mir, das ist langweilig. Warum bist du denn eigentlich von Deutschland weg, du, mit deiner garantiert reinen Rasse?«

Marie-Luise schwieg ein paar Sekunden lang, als müßte sie sich erst besinnen, warum sie eigentlich von Deutschland fort war. Schließlich sagte sie nur: »Das war doch ganz selbstverständlich. Ich bin die Frau eines Juden gewesen. – Und glaubst du denn, daß ich mich von meinen erwachsenen Töchtern verachten lassen wollte?« – Sie erschrak sofort selber ein wenig darüber, daß sie diesen Satz ausgesprochen hatte. Er war aufrichtiger, als sie jemals zu reden – und als sie meistens zu denken wagte. Tilla hatte ein zweites Glas Portwein für sie bestellt. Frau von Kammer, an Alkohol nicht gewöhnt, spürte die Wirkung.

›Wie wunderbar hochmütig sie jetzt aussieht!‹ fand ihre Freundin. ›Genau dieses Gesicht hat sie als junges Mädchen gemacht, wenn eine Lehrerin oder Kameradin sie geärgert hatte und sie mit ihrem vernichtenden Achselzucken zu sagen schien: Was könnt ihr mir anhaben? Was soll ich mich mit euch abgeben? Ich bin die Baronesse von Seydewitz!‹

»Du mußt mir von deinen Töchtern erzählen«, bat die Schauspielerin. »Marion ist doch sicher schon eine große Dame. Und wie heißt die zweite?« – »Tilly«, sagte Marie-Luise. »Ja, mein guter Alfred mochte den Namen, und mir machte es Freude, sie nach dir zu nennen.« – »Hoffentlich bringt es ihr Glück«, sagte Frau Tibori, plötzlich merkwürdig ernst, den Blick starr geradeaus gerichtet.

Nach einer Pause war es Marie-Luise, die wieder zu sprechen begann. »Haben wir uns denn gar nicht mehr gesehen und nicht einmal korrespondiert, seit Tilly geboren ist?« Beide waren erstaunt, auch beschämt. »Jetzt wird das anders«, versprachen sie sich. »Mein Gott, was muß erst alles passieren, damit zwei alte Dinger wie wir – die wir doch wahrhaftig mal zueinander gehört haben – sich wiederfinden!«

»Nächstens werde ich dir meine Tilly vorstellen«, verhieß Marie-Luise. »Ein famoses Mädel. Sie ist gerade für ein paar Tage in Arosa, mit Freunden.«

Tilly war keineswegs nach Arosa gefahren, vielmehr nach Berlin. Ihre Unruhe, ihre Angst um Konni waren übermäßig groß geworden; es kam keine Nachricht von ihm, sie wußte nicht, wo er war, nicht einmal, ob er noch lebte; dies war nicht auszuhalten, keine Folter konnte ärger sein. Den Warnungen ihrer neuen Züricher Freunde zum Trotz entschloß sie sich zu der Reise.

Es war merkwürdig, am Anhalter Bahnhof anzukommen; den Potsdamer Platz wiederzusehen, die Tiergartenstraße, den Kurfürstendamm. Tilly ward das Gefühl nicht los, daß sie träume. Vielleicht, weil sie in so vielen Nächten während der letzten Wochen von all dem geträumt hatte. Wie fremd – wie vertraut schaute die Gedächtniskirche sie an! Das Warenhaus »Kadewe« am Wittenbergplatz, die Kinos und Cafés der Tauentzienstraße, die staubigen Bäume wie traumfremd, wie traumvertraut! Sie war kaum vier Monate fort gewesen, es hatte sich nichts verändert. – Es hatte sich alles verändert. Sogar der Himmel über Berlin sah anders aus als früher; er war glasig erstarrt – schien es Tilly – und er schickte ein fahles Licht.

Ihr Aufenthalt war kurz und übrigens völlig ergebnislos. Sie logierte bei einer Freundin, die ihrerseits in Beziehung zu den Genossen stand. Mit diesen traf sich Tilly, an dritter Stelle, nachts, unter allen erdenklichen Vorsichtsmaßregeln. Einen der jungen Männer hatte sie schon früher durch Konni kennengelernt: er war Student der Philosophie und trug eine große Hornbrille im kindlich weichen, rosigen Vollmondgesicht. Der andere schien ein strebsamer, gescheiter Proletarier zu sein; der Anzug kleinbürgerlich-korrekt; die Miene von einem verbissenen, fast drohenden Ernst. Sie stellten sich als Fritz und Willy vor, sprachen mit gedämpften Stimmen – obwohl man sich in einer leeren, vielfach verschlossenen, isoliert gelegenen Wohnung befand – und hatten die nervöse Gewohnheit, ständig um sich zu blicken, zuweilen, mitten im Satze, jäh aufzuspringen und zur Tür zu eilen, um festzustellen, ob sich hinter ihr jemand verbarg.

Von ihnen erfuhr Tilly, daß Konni sich im Konzentrationslager Oranienburg befinde; der Student mit dem runden Gesicht hatte ihn einmal besuchen können und versicherte: »Es geht ihm leidlich. Man hat ihn verhältnismäßig wenig geprügelt.« – »Verhältnismäßig wenig …« wiederholte Tilly und schüttelte langsam den Kopf. »Es ist unfaßbar … unfaßbar …« Sie sagte es mit einer ganz leisen Stimme. Dann fragte sie schüchtern: »Wie lange, glauben Sie, wird man ihn dort behalten?« Die jungen Männer, die sich Fritz und Willy nannten, sahen sich an und hatten beide ein kaum merkbares Lächeln, das gutmütigen Spott und etwas Bitterkeit ausdrückte. Endlich sagte der Proletarische: »Wenn man das wüßte …«

Es gab ein Schweigen. Endlich stand Tilly auf, machte ein paar Schritte durchs Zimmer und erklärte: »Ich muß ihn sehen.« Da erwiderten die beiden wie aus einem Munde: »Das geht nicht.« Sie könne ihren Konni keinesfalls besuchen – setzten sie der armen Tilly auseinander. Sie sei der Gestapo sehr wohl bekannt; sei denunziert worden; man argwöhne, daß sie bei der Sache mit den Flugblättern im Universitätsgebäude mitgemacht habe. Tilly warf ein: »Das ist aber Unsinn!« Und der Philosophiestudent: »Darauf kommt es nicht an. – Ich gebe Ihnen den Rat: Hauen Sie ab! Fahren Sie möglichst schnell dorthin, woher Sie gekommen sind!« Es klang barsch, beinah unfreundlich. »Hier können Sie nichts nützen, nur schaden. Die illegale Arbeit ist nicht jedermanns Sache; dazu braucht man mehr als die rechte Gesinnung, und sogar mehr als nur Courage; nämlich: Erfahrung; Training – wie zu einem Sport.« Versöhnlicher fügte er hinzu, da er das Mädchen mit den Tränen kämpfen sah: »Wenn ich den Konni wieder mal sehen sollte, werde ich ihm erzählen, daß Sie hier gewesen sind; daß Sie an ihn denken. – Vielleicht lassen sie ihn doch bald raus …« sagte er tröstlich, gerührt durch den Anblick von Tillys zitterndem Kinn und ihren Augen, die naß wurden.

Frau von Kammer wunderte sich darüber, daß ihre Tochter durchaus nicht braungebrannt und frisch, vielmehr recht blaß und erschöpft von ihrem Ausflug zurückkam. – Tilly berichtete dem H.S., nach Prag, über ihre mißglückte Reise. »Du hast also recht gehabt« – da er sie in allen seinen Briefen »Du« nannte, hätte sie es unhöflich gefunden, ihn mit »Sie« anzureden – »es war sinnlos. Ich habe den Konni nicht sehen können. Die Nazis zeigen ihre Opfer nicht her. Berlin hat sich schrecklich verändert. Ich war nur drei Tage dort und habe fast die ganze Zeit geweint.«

Während sie das Briefcouvert schloß, dachte sie – zum wievielten Male?: ›Was mag das wohl für ein Mensch sein, dieser H.S.? Ist er groß oder klein? Blond oder schwarz? Wie heißt er? Ist er ein intimer Freund von Konni?‹

›Was mag das wohl für ein Mensch sein, dieses Mädchen?‹ dachte Hans Schütte. Er wohnte mit seinem Freund Ernst zusammen in einem recht engen Zimmer. Das Zimmer kostete hundertzwanzig Tschechenkronen im Monat. Es lag unbequem, etwas außerhalb der Stadt, in Košire. Man brauchte vom Zentrum aus zwanzig Minuten mit der Trambahn. Die Trambahn fuhr eine trostlos lange Vorstadtstraße hinunter: die Pilsener Straße. Hans und Ernst lernten es allmählich, auch ihren tschechischen Namen auszusprechen; er lautete: Plzeňská.

Hans war fünfundzwanzig, Ernst siebenundzwanzig Jahre alt. Ernst war Sozialdemokrat gewesen und hatte in Berlin ein gutes Auskommen gehabt, erst als Schupo, dann als Privatchauffeur eines sozialdemokratischen Polizeipräsidenten. Er war ein nett aussehender Bursche von slawischem Gesichtstyp, wie man ihn in Berlin häufig findet. Hans war kleiner und stämmiger als Ernst: mit rundem Schädel, auf dem er das dichte, dunkle Haar kurz geschoren trug; runden, gutmütigen, etwas vortretenden braunen Augen.

Er hatte keiner Partei angehört, war aber mit den Kommunisten in Verbindung gewesen und hatte mit ihnen zusammen manchmal »ein Ding gedreht«, wie er es nannte. Das heißt: er hatte sich gelegentlich an kleinen Aktionen gegen die Nazis oder am Saalschutz bei Versammlungen beteiligt. Er war brauchbar und tapfer; aber er konnte sich nicht unterordnen und mußte sich immer wieder sagen lassen, daß er »keine Disziplin« habe. Wenn man ihn aufforderte, in die Partei einzutreten, erklärte er: »Das ist nichts für mich. Ich passe in keine Organisation. Überhaupt bin ich kein Politiker. Mir fällt nur auf, daß es in dieser Welt sehr viel Dreck gibt. Ich weiß noch nicht recht, wie man den am besten wegschafft. Oft möchte ich am liebsten alles zusammenhauen. Es gibt zuviel Scheiße.«

Im Herbst 1933 kamen sie beide gerade rechtzeitig über die Grenze – illegal, ohne Pässe.

Zu Anfang wurden sie in Prag unterstützt: Ernst von seiner Partei; Hans von einer linken humanitären Organisation, an die kommunistische Freunde ihn empfohlen hatten.

Ihr Leben war ganz erträglich. Beide hatten noch niemals in einer anderen Stadt als Berlin gelebt. Nun lernten sie plötzlich etwas Neues kennen. Sie fanden, daß Prag wundervoll war. Stundenlang konnten sie sich herumtreiben: am Wilsonbahnhof, auf dem großen Wenzelsplatz, wo es die verführerischen Automatenbuffets gab, oder am »Graben«, wo sie in die Auslagen der eleganten Geschäfte starrten; auf den Moldaubrücken oder am anderen Ufer, auf der geheimnisvollen »Kleinseite«. Sie stiegen zum Hradschin hinauf und sagten: »Hier wohnt der alte Masaryk: ein sehr anständiger Kerl.« Sie fanden es aufregend im engen Alchemistengäßchen – »da haben sie früher mal Gold gemacht! Junge, Junge!« – und sie tauschten Erinnerungen an die Geschichtsstunden, als sie nebeneinander vor den hohen Mauern standen, die das Wallenstein-Palais umgeben. Vorm Czernin-Palais sagten sie: »Mensch, det is pures Rokoko! So wat Schönes haben wir nich in Berlin!« Sie waren sehr empfänglich für die mannigfachen Reize der Stadt Prag. Sie lernten auch nette Mädchen kennen, die relativ wenig Geld verlangten. Manchmal nahmen sie sich zwei Mädchen mit in ihr enges Zimmer; manchmal nur eines, weil das billiger kam.

Jede Woche zwei- oder dreimal trafen sie in einem kleinen Bierlokal ein paar Kameraden aus Deutschland, mit denen sie die politische Situation diskutierten. Sie untersuchten, warum alles so gekommen war, und was man dafür tun könnte, daß es anders würde. Ein Gescheiter, mit Hornbrille auf der Nase, erklärte: »Wir sind selber schuld an dem ganzen Unglück! Wenn die Linksparteien einig gewesen wären, hätte der Hitler es nie geschafft!« Dann nickten sie alle nachdenklich. Aber einer von der Kommune sagte, halb scherzhaft, halb wirklich böse, zu Ernst gewendet: »Mit euch Sozialfaschisten konnte ein anständiger Mensch doch nicht zusammen gehen!« – Daraufhin Ernst: »Ihr Kommunisten seid gar keine deutsche Partei gewesen, ihr wart doch abhängig von den Russen! Und was habt ihr denn für eine Politik gemacht? Eure schlaue Theorie war: Die Nazis sollen nur kommen, die werden bald abgewirtschaftet haben, und dann sind wir an der Reihe. Na, da haben wir die Pastete …« Der mit der Hornbrille lachte bitter: »Da streiten die sich schon wieder!!« – Hans sagte: »Wir hätten eben nur eine große Partei haben dürfen. In die hätte ich vielleicht dann auch gepaßt …«

Die Monate vergingen. Hans und Ernst hatten Sorgen; die Unterstützung war ihnen reduziert worden. Sie machten Gelegenheitsarbeiten; aber das war unerlaubt und konnte mit der Ausweisung bestraft werden. Es ging nicht anders, wenn sie ihr Zimmer halten und nicht in eines von den »Lagern« ziehen wollten, wo viele von ihren Kameraden untergebracht waren. Schon das Wort »Lager« war unangenehm; es erweckte Erinnerungen ans Dritte Reich … Hans und Ernst trugen Koffer von den Bahnhöfen in die Hotels; sie halfen in einer Gärtnerei; spülten Teller ab; verkauften deutsche antifaschistische Literatur in den Cafés … Nach und nach kam das Heimweh. »Berlin war doch besser«, sagten sie immer häufiger. Die lange Trambahnfahrt vom Wenzelsplatz nach Košire wuchs ihnen zum Halse heraus. Sie fanden auch, daß die Stadt schmutzig war; der Kohlenstaub machte die Hemden, das Gesicht und die Hände schwarz. »In Berlin ist man nicht so dreckig geworden«, meinten sie verdrossen, wenn sie sich abends wuschen. – Dabei zitterten sie immer davor, ausgewiesen zu werden.

Hans gebrauchte immer häufiger seine alten, grimmigen Redensarten: »Man sollte alles zerschlagen. Es muß ein großer Krach kommen, der alles kaputt macht. Alles ist Scheiße.«

Manchmal aber sagte er zu seinem Freund Ernst: »Ich komme mir selbst schon ganz ulkig vor, weil ich mich an so komische Sachen klammere und über Dinge nachdenke, die in Wirklichkeit sicher ganz unwichtig sind. Dieses Mädel da, die Freundin vom Konni, der ich immer Briefe schreiben muß – ich habe so ein Gefühl – die ist eine brave Person; die wäre vielleicht was für mich; die könnte mir vielleicht helfen …«

»So’n Quatsch«, sagte Ernst.

Kikjou war bei Martin geblieben. Das Zimmer im Hotel »National«, wo es nach Staub und nach Jasminparfüm roch, war eigentlich zu eng für zwei Personen. Aber sie merkten es nicht.

Sie sahen fast niemanden, immer nur einer den anderen. Manchmal trafen sie Marion für eine halbe Stunde. »Marion ist wunderbar«, sagten sie, wenn sie sich wieder von ihr getrennt hatten. »Aber ohne sie ist es doch noch besser.«

Wie lange dauerten diese ersten Tage der unendlichen Gespräche und der unendlichen Umarmungen? Eine Woche, oder zwei, oder drei? – In Wahrheit mochten es vielleicht zehn Tage sein.

Als Martin eines Morgens aufwachte, kauerte Kikjou neben ihm im Bett und schaute ihn sinnend an aus den vielfarbigen Augen. Den Unterkiefer hatte er vorgeschoben; mit beiden Händen hielt er einen Strohhalm, an dem er eifrig kaute. Sein bleiches Gesichtchen glich dem Antlitz eines müden, zarten kleinen Affen.

»Mon petit singe!« lachte Martin. »Was ist mit dir los? Du siehst aus wie ein zwölfjähriger Junge, der eine fürchterliche Unart ausbrütet. Was hast du vor?« – »Ich muß wegfahren«, erwiderte Kikjou, immer noch den Strohhalm zwischen den Zähnen. Und als Martin sich erschrocken erkundigte: »Wohin?« – sagte er, mit einer sanften Stimme, die aber keinen Widerspruch duldete: »Nach Belgien, zu meinem Onkel. Vielleicht wird er mir verzeihen.« – Was der Onkel ihm denn verzeihen solle, wollte der fassungslose Martin wissen. – »Daß wir soviel gesündigt haben«, war die ernste Antwort des kleinen Kikjou.

Nun ärgerte sich Martin ein bißchen. »Wenn das Sünde ist …« machte er beleidigt.

Kikjou legte ihm begütigend die Hand auf die nackte Schulter. »Sei nicht böse!« Dabei hatte er die Augen voll Tränen. »Ich weiß nicht, was Sünde ist. Niemand weiß es. Sogar der Onkel weiß es wohl nicht genau. Vielleicht ist dem lieben Gott besonders wohlgefällig, was die Menschen in ihrer Torheit für entsetzlich halten. Uns wird nicht mitgeteilt, wann wir Anstoß und wann wir Freude erregen. – Aber ich brauche ein paar stille Tage, um nachzudenken.«

Als Kikjou abgereist war, wurde Martin sehr traurig. Wenn er mit Marion, Helmut Kündinger und den anderen Freunden in einem Montparnasse-Café saß, sehnte er sich nach der Einsamkeit seines Zimmers. Dort aber war es noch ärger, und er lief zu Professor Samuel oder zur Schwalbe, weil er es nicht aushielt, allein zu sein. Kikjou hatte die Adresse des frommen Onkels in Belgien nicht verraten. »Ich werde von mir hören lassen – wenn es Zeit ist …« hatte er beim Abschied geheimnisvoll gesagt. Martin konnte ihm nicht einmal schreiben.

Manchmal dachte er: ›Es ist vielleicht gar nicht Kikjou, nach dem ich mich sehne. Ich sehne mich nach Berlin. Ich habe Heimweh nach den Straßen von Berlin, nach ein paar Lokalen und ein paar Menschen, und vielleicht sogar nach den alten Korellas … Ich habe mich doch recht an sie gewöhnt in all den Jahren, obwohl sie mir oft entsetzlich auf die Nerven gingen. Es war so angenehm, Menschen zu haben, die sich immer Sorgen um einen machten. Man braucht das, es erhöht das Selbstgefühl …

Nein‹, beschloß er dann wieder, ›in Berlin möchte ich gar nicht sein. Es ist gräßlich dort. Ich bin froh, daß ich diese Stadt nicht mehr sehen muß. Heimweh nach der Stadt habe ich sicher nicht. Es ist die eigene Kindheit, nach der ich Heimweh habe. Ich möchte wieder mit Marion im Garten Murmeln spielen oder Krocket und mich vom Vater ein bißchen schimpfen lassen, weil ich zu spät nach Hause komme zum Abendessen. Was für gute Zeiten sind das gewesen! Nach ihnen sehne ich mich … Sogar das Kranksein hatte seine Reize. Die schmeichelhafte Sorge, von der man umgeben wurde, war dann am stärksten und zärtlichsten … Mutter hatte viel Talent zur Krankenpflegerin … Wie alt mag ich gewesen sein, als ich die Nierenkoliken hatte, die so ungeheuer schmerzhaft waren …? Fünfzehn oder sechzehn Jahre alt … Sonderbar eigentlich: später habe ich nie wieder mit den Nieren zu tun gehabt … Die arme Korella rang vor Entsetzen die Hände, wenn ich mich in Schmerzen wand. Vielleicht krümmte ich mich sogar mehr, als unbedingt nötig war, weil es mir Vergnügen machte, Mutter die Hände ringen zu sehen … Außerdem hatte ich wohl auch noch andere Gründe, meine Qualen zu übertreiben. Denn ich mochte das Mittel sehr gern, das der Hausarzt mir verabreichte. »Da müssen wir wohl etwas Linderndes geben«, sagte der Onkel Doktor und schmunzelte wie der Weihnachtsmann, ehe er die Geschenke auspackt. Dann applizierte er mir eine Spritze ins Bein. Ich hatte erst etwas Angst vor dem Stich; aber bald gewöhnte ich mich daran. So angenehme Gefühle kamen über mich nach der Injektion … Stundenlang lag ich mit geschlossenen Augen auf dem Bett; aber geschlafen habe ich nicht. Obwohl ich wach war, kamen die Träume. Recht hübsche Träume, wie ich mich erinnere … Die Nierenschmerzen, so arg sie waren, nahm ich gern in Kauf, um der reizenden Träume willen …‹

An diesem Abend besuchte Martin allein eine Music Hall im Faubourg Montmartre. Dort trat ein Clown auf, über den er sich früher einmal in Berlin amüsiert hatte. Er versprach sich eine Zerstreuung davon, ihn wiederzusehen. Aber das Programm langweilte ihn. Der berühmte Komiker sollte erst nach der Pause erscheinen. Martin hatte sich eine billige Karte genommen, die ihn nur zum Aufenthalt im »Promenoir«, dem Stehparterre, berechtigte. Die Luft dort war heiß und stickig. Martin fühlte sich müde und angewidert. Im Zwischenakt trank er einen doppelten Cognac am Buffet. Dann verließ er das Theater und ging zum Boulevard de Clichy hinauf.

Er trank noch mehrere Cognacs in mehreren kleinen Bars, und schließlich blieb er in einem stillen Café, nahe der Place Blanche, sitzen. Er bestellte sich einen Pernod Fils; dann noch einen. Der Kopf wurde ihm ziemlich schwer. ›Hier ist es relativ angenehm‹, dachte er und legte die heiße Stirn in die Hände. ›Hier bleibe ich eine Weile. Wenn ich sehr spät nach Hause komme und ziemlich viel Pernod getrunken habe, werde ich vielleicht schlafen können.‹

Es gab fast keine Gäste im Lokal. Das elektrische Klavier spielte die Ungarische Rhapsodie von Liszt. Der Barmixer – ein sehr magerer, bleicher Bursche mit tiefen Schatten um die trostlos blickenden Augen – unterhielt sich, über die Theke weg, mit einem Mann, der Martin den Rücken zudrehte. Es kam dem Einsamen vor, als ob die beiden über ihn sprächen. Der Mixer schaute mehrfach zu ihm hin, und der Mann an der Bar drehte sich einmal um, um ihn schnell und scharf zu fixieren. Aber Martin war nicht neugierig auf die Geheimnisse der zwei. ›Vielleicht überlegen sie sich, ob sie mir ein Mädchen verkaufen können‹, dachte er verächtlich. ›Wahrscheinlich die dicke Alte, die dort drüben in der Ecke schlummert.‹ Er schloß die Augen. ›Diese Ungarische Rhapsodie ist ein hundsordinäres, aber immer wieder effektvolles Stück. Komisch, wie mich das rührt … Jetzt könnte ich weinen. Aber das wäre ein zu idiotisches Benehmen: einsam in einer kleinen Montmartre-Bar sitzen, diese gemeine Musik hören und Tränen vergießen … Wenn ich nur Kikjous Adresse wüßte, dann könnte ich ihm gleich ein paar Zeilen schreiben – das wäre jetzt die beste Beschäftigung … Seine Geheimnistuerei mit dem katholischen Onkel ist etwas kindisch … Ob er wirklich an den lieben Gott glaubt …? Alter Herr Korella wurde immer ein bißchen gereizt, wenn Mama den lieben Gott erwähnte. Liebe Hedwig, sagte er, der Junge ist wirklich schon zu groß, um ihm Ammenmärchen zu erzählen. Du weißt doch, ich mag das nicht. – Ein sehr aufgeklärter Mann!‹ Martin kicherte höhnisch in sich hinein. ›Alter Herr Korella ist Freidenker. Das hat auch etwas Drolliges. Schade, jetzt ist die Rhapsodie zu Ende. Die alte Hure dort drüben schnarcht aber wie drei besoffene Kutscher. Ich sollte mir noch einen Pernod kommen lassen. Der Mixer hat seltsame Augen. Es muß ja auch melancholisch stimmen, die ganze Nacht hier zu sitzen. Wahrscheinlich schläft er tagsüber. Martin, es ist ungesund, tags im Bett zu liegen – hat alte Frau Korella mir oft versichert. Wieso eigentlich …? Ob meine alten Herrschaften sehr unter diesen Nazis zu leiden haben? Papa ist ein so guter Patriot. Als ich abreiste, hat Mama mir gesagt: Wir haben nichts zu fürchten, mein Sohn. Unser Gewissen ist rein. Rührende alte Frau! Vielleicht werde ich sie nie wieder sehen; das würde mir doch leid tun, ganz entschieden.‹ – »Garçon, un autre Pernod, s’il vous plaît!« rief Martin und schlug die Augen auf. Da bemerkte er, daß der Mann, der sich vorhin nach ihm umgedreht hatte, neben ihm am Tische saß. – »Bonsoir, Monsieur«, sagte der Mann.

Er sah sehr ramponiert aus und war wohl noch ziemlich jung. Sein gedunsenes, schlaffes Gesicht zeigte grauweiße Färbung. Die Pupillen in den nah beieinander liegenden, dunklen und engen Augen waren auffallend klein: glitzernde schwarze Punkte, winziger als ein Stecknadelkopf. »Bonsoir, Monsieur«, sagte auch Martin, und er dachte: ›Wieso habe ich ihn nicht gehört, als er an den Tisch kam? – Mein Gott, der Mensch will sich mit mir unterhalten! Das hat mir gerade noch gefehlt!‹

Wirklich begann der andere eine Konversation über gleichgültige Gegenstände. Er sprach über das Wetter, die Fremdensaison, die Kriegsgefahr und die hohen Preise. Martin antwortete, so gut er konnte, in seinem noch recht ungewandten, stockenden Französisch. ›Worauf will er hinaus?‹ überlegte er sich. ›Der führt doch irgend etwas im Schilde …‹ – Sein Nachbar hatte eine merkwürdig prüfende, fast lauernde Art, ihn zu beobachten. Zuweilen lächelte er, plötzlich und überraschend, als wollte er sagen: ›Wozu machen wir uns gegenseitig etwas vor, lieber Freund? Es wird allmählich Zeit, daß wir zur Sache kommen!‹ – ›Zu welcher Sache?‹ erwiderte Martin ihm stumm, nur durch Blicke. ›Ich habe wirklich keine Ahnung, was Sie meinen, mein verehrter, ungesund aussehender Monsieur.‹

Es gab im sinnlosen Gespräch eine Pause. Nach dem kleinen Schweigen erkundigte sich der Fremde, bedeutungsvoll grinsend: »Schmecken Ihnen die Drinks?«

»Ja – warum?« machte Martin erstaunt. »Es ist guter Pernod.«

»Sie sehen nicht wie ein Alkoholiker aus«, sagte der Mann.

»Es kommt auch ziemlich selten vor, daß ich trinke«, sagte Martin.

»Ach so«, nickte der Mann. Und, nach einer Pause, besonders hinterhältig: »Wahrscheinlich haben Sie gerade nichts – anderes?«

Martin deutete durch erstauntes Achselzucken an, daß er nicht begriff. Der andere, statt sich zu erklären, fragte nebenbei: »Wer hat Ihnen denn diese Adresse empfohlen?«

Welche Adresse? – wollte Martin wissen. »Ich bin zufällig hierher gekommen.«

»So, so«, sagte der Fremde. »Da haben Sie Glück gehabt. Sie sind an der richtigen Stelle.«

Nun begann Martin sich zu interessieren. »An was für einer Stelle denn?« fragte er neugierig.

»Stellen Sie sich nicht dumm!« bat ihn der Bleiche, nun seinerseits etwas enerviert und gelangweilt. »Ich weiß doch, worauf Sie aus sind. Ich habe Blick für so was.«

Und er flüsterte heiser, den Oberkörper vorgeneigt, das fahle, dicke Gesicht mit den brennenden kleinen Augen unheimlich in Martins Nähe gerückt: »Ich bin Pépé.«

»Sehr erfreut«, sagte Martin. »Mein Name ist Fritz Meier.«

»Haben Sie noch nie von mir gehört?« Pépé schien enttäuscht. »Es ist ein Vertrauensbeweis, daß ich mich vorgestellt habe. Aber mein Instinkt trügt mich nie. Sowie ich Sie gesehen habe, wußte ich: Das wird ein Kunde für mich.«

»Was verkaufen Sie denn?« – Martin fing an zu verstehen.

Pépé lachte wie bei einem guten Witz. Nachdem er sich genug amüsiert hatte, erklärte er, wieder ernst: »Ich habe eine ganz neue Sendung. Prima Ware. Heute erst aus Marseille gekommen.«

»Was ist es denn?« forschte Martin.

Pépé rückte noch näher an ihn heran. »Sie meinen – K. oder H.?« fragte er, anzüglich grinsend.

Martin erkundigte sich naiv: »Was ist das – K. oder H.?«

Pépé lachte wieder ein bißchen, ehe er flüsterte: »Kokain oder Heroin! Sie scheinen aber wirklich noch ein rechtes Kind zu sein! Ein Anfänger, wie ich sehe! Deshalb gefallen Sie mir gerade. Sie sind sicher ein besserer Mensch – ein Intellektueller; so was merke ich doch. – Man muß immer vorsichtiger werden! Die Polizei ist überall hinter uns her. Gestern ist wieder eine Razzia gewesen. Kommen Sie mal mit mir auf die Toilette!«

Er erhob sich und schlenderte zu der Türe, wo »Messieurs« stand. Martin zögerte eine Minute, ehe er folgte.

Es war eine recht primitiv eingerichtete Lokalität. Nicht einmal eine Sitzgelegenheit gab es; sondern, neben dem Abtritt, nur zwei Stützpunkte für die Füße. Übrigens roch es garstig.

Pépé hatte schon die Brieftasche gezogen. Er entnahm ihr ein Päckchen aus starkem, rotem Papier. »Eine Qualität wie für Prinzen!« verhieß er noch, ehe er das Päckchen öffnete, und küßte sich, selbst entzückt von der Feinheit dessen, was er zu bieten hatte, die Fingerspitzen. »Schauen Sie mal, wie das funkelt! Wie lauter kleine Kristalle!« – Martin blickte neugierig hin; was er in der kleinen roten Hülle entdeckte, war ein grauweißes Pulver. »Es sind drei gute Gramm«, erklärte Pépé und wog seinen leichten Schatz liebevoll auf der Handfläche. »Ich lasse es Ihnen für zweihundert Francs.«

Martin, seinerseits ziemlich heiser flüsternd, brachte hervor: »Ich weiß aber gar nicht – ob ich Kokain überhaupt mag …« Und war doch schon fast entschlossen, dem verdächtigen Gesellen sein Zeug jedenfalls abzukaufen.

»Dummerchen!« Pépé sagte es beinah zärtlich, mit den gedunsenen, fahlen Lippen nah an Martins Ohr. »Ich sehe doch, daß du kein Typ für Koks bist. Koks ist eine Droge für kleine Huren. Du hast ein Gesicht wie ein Philosoph. – Es ist Heroin, feinste Sorte!« Martin spürte seinen Atem an der Wange; er ekelte sich, wandte sich aber nicht ab. »Wenn du mir nicht so sympathisch wärst«, raunte der Händler, »würdest du das gute Zeug gar nicht kriegen! Hast du denn eine Vorstellung, was ich riskiere, indem ich dir so was anbiete? – Aber ich kenne dich, ich kenne dich schon … Du bist ein feiner Kerl, du hast Weltschmerz, vielleicht ist eine Geliebte dir weggelaufen, da brauchst du ein bißchen Trost. Der Pernod genügt dir nicht, du mußt etwas Besseres haben. Da ist etwas Besseres … Da …« flüsterte er verlockend. »Ich lasse es dir für nur zweihundert Francs, weil ich weiß: du wirst ein guter Kunde von mir. Du kommst wieder, und oft – da habe ich gar keine Zweifel …« Pépé legte ihm einen schweren, weichen Arm um die Schulter. Martin spürte, daß ihm gleich übel werden würde: vom Gestank des Aborts und von der Nähe dieses Menschen.

»Gut. Ich nehme es«, sagte er mühsam und langte schon nach dem Geld. Dann zögerte er noch einmal: »Wie konsumiert man solches Zeug eigentlich?«

»Mach nur schnell, nimm endlich das Päckchen«, drängte Pépé. Er schien weniger gierig danach, das Geld zwischen seinen Fingern zu spüren, als er drauf aus war, das Pülverchen in der Hand seines Kunden zu sehen. ›Er ist wie der Satan‹, mußte Martin plötzlich denken. ›Wie der Teufel, der es nicht erwarten kann, die Blutsunterschrift seines Opfers unter dem verhängnisvollen Vertrag zu haben …‹

»Auf welche Art man es konsumiert?« kicherte der Böse. »Ganz, wie’s beliebt, Herzchen, ganz, wie es dir Spaß macht, du wirst’s schon noch lernen – wenn du es wirklich noch nicht weißt. Du kannst es durch die Nase hochziehen: so!« Er nahm eine kleine Prise auf den Handrücken und schnupfte sie mit Genuß. »Oder du kannst es in Wasser auflösen und dir einspritzen. Darauf kommst du bald genug, mein Schatz!«

Martins Hände zitterten, als er die Fünfzigfrancsscheine hinzählte und das Päckchen zu sich steckte. Pépé ließ ihn noch wissen: »Mich findest du immer hier, das ist mein Stammlokal. Mittags zwischen elf und zwölf und abends ab zehn Uhr kannst du mich gar nicht verfehlen – solange ich die Adresse nicht aus Vorsichtsgründen ändere. – Au plaisir, mon vieux, à bientôt. Ich bleibe noch einen Moment auf dem Lokus.«

Martin kam leicht taumelnd in die Bar zurück.

»Ich zahle zwei Pernod Fils«, sagte er zum Mixer und versuchte, sich ein würdig unbefangenes Aussehen zu geben. Der Bursche musterte ihn mit einem Lächeln, das höhnisch, aber nicht ohne eine gewisse gutmütige Mitleidigkeit war, von oben bis unten. »Sonst zahlen Sie nichts?« fragte er. Jetzt fiel es Martin auf, daß auch der Mixer in seinen dunklen, hungrigen Augen die winzig kleinen, stechenden Pupillen hatte.

Martin nahm sich ein Taxi an der Place Blanche und ließ sich zum Hotel »National«, Rue Jacob, fahren.

In seinem Zimmer zog er das Päckchen aus der Tasche, ehe er noch seinen Hut abgelegt hatte. Das dunkelrote, starke Papier war kunstvoll zusammengelegt; kein Stäubchen des Pulvers konnte verlorengehen. Martin schüttete sich ein wenig von der weißlichen Substanz auf den Handrücken, wie er es Pépé hatte machen sehen. Er trat vor den Spiegel, führte die Hand vorsichtig zur Nase und zog das Pulver hoch. Es kitzelte in der Nase, reizte die Schleimhäute und ließ die Augen feucht werden. Gleichzeitig spürte er einen bitteren Geschmack, hinten am Gaumen und in der Kehle. ›Wahrscheinlich ist das Ganze ein Schwindel‹, dachte er ärgerlich. ›Ich bin irgendeinem kleinen Halunken hereingefallen, und meine zweihundert Francs bin ich los …‹

Er setzte sich aufs Bett und wartete. Würde sein Zustand sich ändern? ›Ich verlange ja gar kein Glück‹, dachte er, ›ich beanspruche keine plötzlichen Wonnen. Was ich möchte, ist nur ein wenig Erleichterung. Daß diese Last weg wäre von meiner Brust! Daß diese fürchterliche Spannung sich löste! Daß ich ruhig würde! Mehr erhoffe ich nicht …‹

Und während er es dachte, war er schon ruhig geworden. Das Wohlgefühl, das sich einstellte, war unbeschreiblich. Es enthielt Frieden und eine schöne Erregung zugleich. Es war Entrückung und gesteigertes Leben. Übrigens brachte es auch etwas physische Übelkeit und leichten Brechreiz mit sich. Aber das störte kaum. Die Annehmlichkeit war zu groß. ›Welch magische Pulversubstanz hat dieser Pépé mir da für zweihundert Francs kredenzt!‹ dachte Martin benommen. ›So wohlig war mir nicht mehr zumute – seit wann? Seit mir der Onkel Doktor Injektionen gegen Nierenkolik verabreichte. Seit damals habe ich soviel Wohligkeit nicht gekannt … Jetzt möchte ich arbeiten … Ich habe unendlich zahlreiche und sehr gute Gedanken im Kopf … Ich werde mich nicht an den Tisch setzen, davon würde mir schlecht. Ich hole mir den Schreibblock ans Bett …‹

Nicht umsonst, nicht zufälliger- oder ungerechtfertigterweise haben die Deutschen den Ruf, das gründlichste Volk der Erde zu sein. Ihre Emigration dauerte erst ein paar Monate lang, sie hatte gerade begonnen; es ließ sich noch gar nicht absehen, welchen Umfang sie annehmen, welche Kreise und Typen sie in sich einbeziehen würde – da gingen exilierte deutsche Intellektuelle schon daran, sich über die »Soziologie der Emigration« zu unterhalten. David Deutsch – Kulturkritiker und Nationalökonom – erklärte, daß er eine größere Arbeit über diesen Gegenstand vorbereite. »Ein sehr faszinierendes Thema«, behauptete er. »Faszinierend gerade deshalb, weil die Menschengruppe, um die es sich hier handelt, durchaus kein einheitliches Gebilde, keine Gruppe also im eigentlichen Sinn des Wortes darstellt; vielmehr ein höchst zufälliges Gemisch von Individuen, denen durch sehr verschiedenartige Umstände ein ähnliches Schicksal aufgezwungen wurde.«

Man saß in dem kleinen Lokal, das die Schwalbe in einer engen Nebenstraße des Boulevard Montparnasse, ein paar Schritte vom »Café du Dôme« und der »Coupole«, eröffnet hatte. Es gab hier recht gutes Bier; billige Mahlzeiten deutschen oder österreichischen Stils; man traf alte Freunde, machte Bekanntschaften, besprach die politischen Neuigkeiten und bekam Kredit bis zu einer gewissen Grenze, die durchaus willkürlich und je nach ihren unberechenbaren Sympathien von der Schwalben-Wirtin bestimmt wurde. Die Stammgäste waren fast sämtlich Deutsche. Zuweilen brachten sie ihre französischen Freunde mit; Marion etwa erschien mit Marcel Poiret, oder Martin führte Kikjou ein.

»Ich glaube kaum, daß es jemals eine so uneinheitliche Emigration gegeben hat wie unsere«, sagte David und machte beim Sprechen seine schiefen, sinnlosen kleinen Verbeugungen vor Dora Proskauer, die ihm aufmerksam lauschte. »In fast allen anderen historischen Fällen war die Zusammensetzung der Exilierten bestimmt durch soziale, nationale oder gesinnungsmäßige Charakteristika: eben jene psychologischen oder ökonomischen Eigenschaften, die ihren Trägern den Aufenthalt in der Heimat unter gewissen politischen Umständen unmöglich machten. Was uns betrifft, so ist ein solches einigendes Moment, ein solcher Generalnenner kaum festzustellen.«

David Deutsch war sehr animiert. Auf seinem geisterhaft bleichen, wächsernen Gesicht wurden zarte rosa Farbtöne sichtbar; mit den dünnen, nicht eigentlich hageren, aber wie aus einer gewichtslosen, unirdischen Materie gebildeten Fingern fuhr er sich durch das blauschwarze, dichte, starre, negroid gekrauste Haar: das einzige an ihm, was von einer soliden, haltbaren, sturm- und wetterfesten Substanz zu sein schien.

»Hallo!« machte er plötzlich schreckhaft – so, als hätte sich jemand einen kleinen Scherz mit ihm erlaubt: ihn etwa mit einem kalten Metall am Nacken gekitzelt. »Hallo! Nun habe ich aber etwas Riskantes gesagt, etwas Schlimmes!« Er drohte sich selbst mit dem Zeigefinger, zugleich erheitert und schaurig berührt von der Gewagtheit seiner eigenen Bemerkung. »Ei weh!« sagte er noch und wiegte schelmisch-klagend den Oberkörper, während Fräulein Proskauer ihn ernsthaft und interessiert beobachtete. »Wenn das stimmte, daß bei uns ein ›einigendes Moment‹ nicht vorhanden ist; wenn das Wort für Wort wahr wäre, was ich gerade unbedacht genug war anzudeuten – dann hätte der Hitler ein verdammt leichtes Spiel. Natürlich gibt es etwas, was wir alle gemeinsam haben – und wäre es zunächst nur der Haß.« Er war nun wieder ganz ernst geworden. In der Geisterblässe seines Gesichtes hatten die dunklen, kurzsichtigen Augen einen wilden Glanz. »Und sei es zunächst nur der Haß!« wiederholte er drohend, den schmalen Oberkörper schief nach vorne gereckt. »Beim Haß aber bleibt es nicht, und übrigens hat es mit ihm nicht angefangen.« Er sprach jetzt in einem heftigen Flüsterton; gleichsam raunend, beschwörend. »Angefangen hat es mit der Liebe. Wir haben alle unser Land geliebt – wie hätten wir sonst so fürchterlich betroffen sein können von seiner Heimsuchung, seiner Entwürdigung, seinem Sturz? – Nur haben wir es leider auf gar zuviel verschiedene Arten geliebt; hier liegt die Wurzel zu großem Unglück. Der eine verstand die Liebesform des anderen nicht; er beschimpfte sie wohl gar als Verräterei. So erklärt sich, daß die Dinge treiben konnten, wohin sie trieben.«

Er atmete schwer und schien recht erschöpft. Die Hand hatte er an die Stirne gepreßt, als wäre dort eine Wunde und er müßte das rinnende Blut aufhalten. – »Wir werden lernen müssen, alle gemeinsam eine Zukunft zu lieben«, sprach er schwer atmend, beinah keuchend weiter. »Das wird zunächst nicht leicht für uns sein; aber die Feinde jeder besseren Zukunft, die deutschen Herren, erleichtern es uns.« Er versuchte noch einmal, zu lächeln. Es mißlang; die imaginäre Wunde auf der Stirne tat ihm wohl gar zu weh. »Sie erleichtern es uns: indem sie uns nämlich das exakte Gegenteil zeigen von dem, was wir alle lieben wollen. Der Haß, durch den wir nun hindurch müssen, ist eine gute Schule. Haben wir sie erst hinter uns, so werden wir kundiger geworden sein – in der Liebe …«

Wußte er noch, daß die häßliche Proskauer ihm zuhörte? Es war deutlich, daß er monologisierte; daß er tausendmal Gedachtes, Überlegtes, Durchlittenes im raunenden Flüsterton aussprechen mußte, gleichgültig, in wessen Gegenwart. Freilich gab es niemanden – bei der »Schwalbe« nicht und nirgendwo sonst – der es so verstand wie die Proskauer, sich selber auszuschalten, gleichsam unsichtbar zu werden, nur Gehör zu sein. Die kleinen, runden, goldbraunen Augen, deren kluger Blick behindert schien durch die ungeheure, gebogene Nase, hingen andächtig und gerührt an den beweglichen Lippen des David Deutsch.

Der besann sich plötzlich, daß er nicht alleine war und wovon er hatte sprechen wollen. Einem Dozenten ähnlich, der vom Thema seines Vortrages abgeschweift ist und nun das Auditorium um Verzeihung bittet, sagte er, die rechte Schulter schief nach vorne drehend (wobei er endlich die Hand von der Stirne nahm – man war erstaunt, sie blank und unversehrt zu finden): »Aber wohin lasse ich mich entführen? Warum unterbrechen Sie mich nicht, liebe Dora?«

»Die Abweichung hat sich gelohnt«, konstatierte die Proskauer, ruhig und sachlich; ihre Worte kamen unter der enormen Nase hervor wie ein gleichmäßig plätscherndes, nüchtern freundliches Bächlein unter einer jäh vorspringenden Felszacke.

»Das Problem unserer Emigration« – David Deutsch sprach nun in einem Ton und mit einer Mimik, als wendete er sich an eine größere Versammlung – was wiederum nur eine andere Form des Monologisierens war – »das Problem unserer Emigration wird kompliziert, fast möchte ich sagen: korrumpiert, durch den Umstand, daß ein erheblicher Teil unserer Leidensgenossen nicht aus Überzeugung, sondern nur durch Zwang ins Exil gekommen ist. Ich rede von den Juden.«

Er machte eine effektvolle kleine Pause. Die Proskauer nickte ihm aufmunternd zu. David rückte nervös die Schulter, räusperte sich und fuhr fort: »Wie viele deutsche Juden würden sich mit dem infernalischen Phänomen ›Nationalsozialismus‹ herzlich gern abfinden – wenn der Nationalsozialismus nicht antisemitisch wäre?« Der Redner stellte die Frage mit unheilverkündender Strenge. »Die totale Barbarei, die der Nationalsozialismus bedeutet – und von welcher der Antisemitismus nur ein besonders krasses, fast möchte ich sagen: besonders pittoreskes Symptom ist – wie viele deutsch-jüdische Bankiers, Theaterdirektoren oder Feuilletonredakteure würden denn nun wirklich Anstoß an ihr nehmen – wenn sie nicht eben dazu gezwungen wären?!«

Er verstummte, und sein Oberkörper zuckte besorgniserregend. Dann – mit der edlen Geisterhand flüchtig durch die Luft fahrend, als gäbe es dort etwas wegzuwischen: »Die jüdischen Exilierten sind für den politisch, den revolutionär Denkenden nur interessant, wenn wir von ihnen wissen oder doch annehmen dürfen: sie würden die Feinde dieses Regimes auch bleiben, wenn das Regime auf einen seiner schandbaren Tricks verzichtete, auf den Antisemitismus. – Nun ist freilich festzustellen, daß aus manch deutschem Juden, der zunächst keineswegs aus Gesinnungsgründen, vielmehr unter dem Druck der Umstände ins Exil gegangen ist, allmählich ein bewußter und aktiver Antifaschist werden kann. In vielen Fällen hat dieser bedeutsame Verwandlungsprozeß wohl schon begonnen … Denn natürlich sind in den jüdischen Traditionen, in der jüdischen Geistigkeit die Widerstände gegen den militanten Barbarismus, das aggressive Neuheidentum besonders stark; stärker oft, wollen wir hoffen, als ein Klasseninteresse, das es dem Wohlhabenden ratsam scheinen ließ, mit den Unterdrückern gegen die Unterdrückten zu stehen. Eine jahrtausendelange Leidensgeschichte hat unser Volk doch wohl den Wert einiger Begriffe und Ideale sehr tief begreifen lassen – etwa die Begriffe und Ideale der Toleranz; der Gerechtigkeit. – Und wenn sie es noch nicht begriffen haben«, fügte er hinzu, plötzlich in einem leichteren, verärgerten Ton, so als ginge das Ganze ihn nicht sehr viel an, »tant pis pour eux; dann werden sie es eben noch lernen müssen. Es ist doch so klar, so selbstverständlich« – er sagte es ungeduldig, als langweilte und enervierte es ihn, begriffsstutzigen Schülern die gleichen einfachen Dinge gar zu oft wiederholen zu müssen – »es liegt doch so auf der Hand: Wir Juden gehören auf die Seite der Unterdrückten, einfach, weil wir selbst Unterdrückte sind. Es ist ungemein in unserem Interesse, daß die Menschen etwas aufgeklärter, zivilisierter, etwas menschlicher werden; während der Faschismus es doch gerade darauf anlegt, sie immer mehr zu entmenschlichen. – Aber entschuldigen Sie, daß ich Sie mit diesen Banalitäten ennuyiere«, wendete er sich – ein pedantischer, aber doch gefallsüchtiger Dozent – an das unsichtbare Auditorium.

Überraschenderweise ließ an dieser Stelle des Vortrages die Proskauer das verständige Murmeln ihrer Stimme hören. »Man muß heute wieder den Mut zu gewissen Banalitäten haben«, bemerkte sie und blickte freundlich an ihrer Nase vorbei. »Übrigens ist es noch sehr die Frage, ob man das Selbstverständliche weiter als banal bezeichnen darf. Es stößt überall in der Welt – nicht nur in Deutschland – auf einen derartigen Widerspruch, daß es beinah den Reiz des Neuartigen und Gewagten bekommt.«

David schien ein wenig erstaunt darüber, daß sein Publikum es sich plötzlich herausnahm, das Kolleg durch Zwischenbemerkungen zu unterbrechen. Sein Gesicht verfinsterte und verzog sich nervös. Er beherrschte sich aber, lächelte verzeihend, winkte beinah fröhlich mit der gewichtslosen Hand – als wollte er sagen: Ein wenig keck, meine Liebe! Aber lassen wir’s gut sein – und fuhr, unbeirrbar, fort:

»Wir tun also gut daran, innerhalb der jüdischen Emigration jene Typengruppe, die in der Tat nur aus geschäftlichen Gründen das Land verlassen hat und in keinerlei politischer oder moralischer Opposition zum Regime steht, scharf von den anderen zu trennen, die entweder von vorneherein auch Gesinnungsemigranten waren oder sich doch zu Gesinnungsemigranten entwickeln.«

»Was hat Davidchen denn da eigentlich zu erzählen?« wollte die Schwalben-Wirtin, etwas mißtrauisch, wissen. Sie trat, die Zigarre im Mund, Arme in die Hüften gestemmt, neugierig näher, um dem temperamentvoll Dozierenden zu lauschen.

Auch andere wurden aufmerksam. Marion, die an einem Tisch mit dem Mediziner Dr. Mathes, dem ährenblonden »Meisje« und der kleinen Germaine Rubinstein saß, brach ihr Gespräch ab. »David ist groß in Form«, sagte sie lachend. Und während die Schwalben-Wirtin sich mit leisem Ächzen zwischen der Proskauer und David Deutsch auf einem Stuhl niederließ, der viel zu schmächtig schien, um ihre Leibesfülle zu tragen, bemerkte das »Meisje«, den leuchtend veilchenblauen Blick sinnend auf den Redenden, Gestikulierenden gerichtet: »Ich weiß nicht … für mich hat er etwas Ergreifendes … Er leidet soviel, und er denkt soviel nach … Sieht er nicht aus wie ein junger Priester?« fragte sie schüchtern und wurde ein wenig rot, als hätte sie sich zu weit vorgewagt. Sie paßte nicht ganz in den Kreis; in Berlin war sie Gärtnerin gewesen, sie hatte Kakteen gezüchtet. Weil ihre Mutter Holländerin war, nannte man sie »Meisje«, was das niederländische Wort für Mädchen ist. – »Es klingt ja etwas verstiegen«, fügte sie nun geschwind hinzu. »Aber sieht er nicht wirklich wie ein Priester aus?« – Marion, ohne sich nach Meisje umzudrehen, den Oberkörper nach der Richtung, wo David Deutsch saß, gewendet; den Arm um die Stuhllehne geschlungen; die Beine übereinandergeschlagen, nickte ernst und freundlich: »Du hast ganz recht, Meisje. In anderen Zeiten wäre er wohl ein frommer Schriftgelehrter geworden.« Und auch die ernste kleine Germaine, Anna Nikolajewnas etwas widerspenstige Tochter, bestätigte: »Elle a tout à fait raison.« – Herr Nathan-Morelli aber, der an einem anderen Tisch, ganz im Hintergrund des Raumes, mit Fräulein Sirowitsch speiste, schnitt eine gequälte Grimasse: »Der junge Herr dort drüben scheint mir zur Abwechslung über Deutschland und die Emigration zu plaudern. Ich wußte gleich, daß wir besser in ein anderes Restaurant gegangen wären. Deutschland – Deutschland – Deutschland … wenn ich nur das Wort nicht mehr hören müßte!!« Sein Gesicht hatte den starren, blasierten Ausdruck plötzlich verloren; der Mund verzerrte sich, und auf der Stirne ließen sich die Spuren ausgestandener Leiden erkennen. Er nahm sogar die Zigarette aus dem Mund, während er sich weit zu seiner Dame vorneigte und mit ganz leiser, gepreßter Stimme sagte: »Dieses Wort, dieser Begriff, dieses Schicksal, das ›Deutschland‹ heißt, hat mir mehr zu schaffen gemacht als irgend etwas anderes auf der Welt. Was glauben Sie, das ich durchmachen mußte, ehe ich bis zu der kühlen Verachtung gegenüber allem Deutschen gekommen bin?! Aber einmal muß man sich frei machen können! Man geht zugrunde, wenn es nicht gelingt! Ich habe mich frei gemacht! Oder glauben Sie mir nicht …?« fragte er mit einer jähen Gereiztheit. Die Sirowitsch betrachtete den erregten Nathan-Morelli und lächelte zärtlich, mütterlich und etwas spöttisch.

David, der endlich etwas wie ein Publikum hatte und sofort befangen wurde, stellte sich, als ob er gar nicht merkte, daß man auf ihn aufmerksam war, und richtete nun, zum ersten Mal, seitdem sie hier beisammensaßen, seine Worte wirklich an die Proskauer. »Es würde ebenso komplizierte wie fesselnde Statistiken geben«, sagte er, »wenn man versuchen wollte, auszurechnen, wie viele unter den jüdischen Emigranten auch Gesinnungsemigranten sind. Außerdem wäre festzustellen, ein wie großer Prozentsatz der jüdischen oder nichtjüdischen Gesinnungsemigranten aus rein politischen Gründen gegen die Nazidiktatur opponiert. Dieses dürfte vor allem bei den berufsmäßigen Politikern, Parteiführern, Funktionären, politischen Journalisten und bei den proletarischen Exilierten der Fall sein. Aber wie viele proletarische Exilierte gibt es? Auch dies sollte errechnet werden! Über alles müßte unsere Statistik Auskunft geben: welche Berufe in der Emigration am häufigsten vorkommen; welche Lebensalter; ob es unter den Christen mehr Katholiken oder mehr Protestanten gibt …

Unsere Statistik hat viele Rubriken; das Werk, welches ich plane, wird viele Kapitel haben. Die religiöse Opposition wird zu behandeln sein, und es ist darzustellen, wie der christliche Glaube, mit dem atavistischen Neuheidentum konfrontiert, in sich selber seine humanitären, sozialen, ja sozialistischen Elemente wiederentdeckt oder doch wiederentdecken könnte. Darzustellen ist, wie das liberale Pathos angesichts der Greuel, zu denen eben die Schwäche eines falsch verstandenen, heimlich reaktionären Liberalismus geführt hat, sich radikalisiert, kämpferisch aggressiv wird; wie die Stellung der wirklichen Demokraten zum Problem der Gewaltanwendung, ja zu einer – unter bestimmten Prämissen notwendigen – Intoleranz sich allmählich verändert. Darzustellen ist andererseits, wie die Anhänger einer linken, sozialistischen Diktatur – von der Katastrophe erschüttert, die nun eine Parteityrannis für unsere Heimat bedeutet – ihre Stellungnahme zu dem gesamten Themenkomplex ›Diktatur‹ zu revidieren beginnen; in harter Schule den Wert der Freiheit neu, und diesmal hoffentlich gründlich, begreifen lernen.«

David warf, in einer Art von trockener, intellektueller Begeisterung, das leuchtend bleiche Gesicht in den Nacken. ›Wie sieht er denn aus?‹ dachte Marion, die immer noch in ihrer ziemlich unbequemen Haltung saß, den Körper im Sitzen seitlich gewendet; die Arme um die Stuhllehne geschlungen. ›Wem gleicht er denn …? Sein Gesicht müßte gerahmt sein von einem dunklen und harten Bart. Ganz entschieden: ein nachtschwarzer Bart, steif wie Holz, wäre stilvoll um diese Miene. Er würde unserem David ganz das Aussehen des Jochanaan geben. Ich sehe sein Haupt auf der Silberschüssel der sündigen Prinzessin Salomé kredenzt …‹

»Wieviel Typen!« rief David mit merkwürdig fliegenden Gesten. »Wie diese moralischen, politischen, artistischen Konzeptionen dialektisch gegeneinander stehen; sich ergänzen, begegnen, überschneiden; sich widersprechen, gegenseitig aufzuheben scheinen – und doch alle zusammen in eine Synthese, zu der wir erst allmählich vordringen werden, einmünden; in das wahrhaft Neue, die Zukunftsform des Humanismus … Jeder trägt sein Teil dazu bei; jede Rubrik in unserer komplizierten Statistik hat ihre besondere, wesentliche Funktion.

Um nur irgendeinen Fall herauszugreifen: mein alter Professor Abel, bei dem ich in Bonn Kollegs über den Faust und die deutsche Romantik hörte; bourgeoiser Intellektueller, gutmütiger Liberaler, ausgesprochen historisch-konservativ orientiert; der unpolitische, antirevolutionäre Deutsche par excellence: wer hätte gedacht, daß er jemals mit der Macht in akuten Konflikt kommen würde? Mein alter Abel – die Harmlosigkeit in Person – wird ins Exil getrieben. Als Exilierter entwickelt er sich vielleicht zum Repräsentanten klassischer deutscher Traditionen – gegen jene Verfälschung und Verfratzung deutschen Wesens, die Nietzsche schon in Bismarcks Reich seherisch erkannte, anprangerte, bekämpfte …«

Mutter Schwalbe stand seufzend auf. Es wurde ihr zu gebildet.

Marion erkundigte sich – das Gesicht in die Hand geschmiegt, die auf der Stuhllehne ruhte: »Wo ist dieser Abel jetzt?«

Ihre Stimme, leuchtend zugleich und dunkel, hatte die Macht, sofort die gespannte Aufmerksamkeit aller im Raum wie durch einen Zaubertrick zu gewinnen. David, schreckhaft von Natur, warf, in jäher Drehung zuckend, den Oberkörper herum. Statt zu antworten, bedeckte er die Augen mit der Hand, als hätte zu starkes Licht ihn geblendet. Marion wiederholte: »Wohin ist denn dieser Abel verschlagen worden?«

3

Professor Benjamin Abel war dreiundvierzig Jahre alt und gehörte zu den angesehensten jüngeren Literaturhistorikern der deutschen Universität. Er war Privatdozent in Heidelberg gewesen und hatte im Jahre 1929 einen Ruf als ordentlicher Professor an die Universität Bonn erhalten, was für einen jüdischen Gelehrten und gerade für einen Germanisten nichtarischer Abkunft damals schon eine besondere Ehrung bedeutete; denn der Antisemitismus an den deutschen Hochschulen war penetrant, noch ehe er zur Staatsreligion erhoben wurde.

In Bonn hatte sich Professor Abel einer großen Beliebtheit bei den Studenten erfreut; sein Kolleg über die deutsche Romantik war stärker frequentiert worden als die Vorlesungen über »Friedrich Schiller und die nationale Idee«, die sein Kollege, der alte Geheimrat von Besenkolb, im gleichen Semester hielt. Geheimrat Besenkolb war früher Alldeutscher, dann Deutschnationaler gewesen; am Tage nach dem ersten bedeutenden Wahlsieg der Nazis erschien er vor seinem Auditorium mit einem kleinen, jedoch nicht zu übersehenden Hakenkreuz im Knopfloch seines Jackettaufschlages.

Besenkolb, ein aufrechter Greis mit bösen, stahlblauen Augen, weißem Knebelbart und stark hervortretenden bläulichen Adern auf den Handrücken und auf der mehrfach gebuckelten, hohen, kalkweißen Stirn – Geheimer Rat Maximilian Freiherr von Besenkolb – hatte eine vernichtende Art, mit knapp andeutendem Kopfnicken den etwas ironisch-devoten Gruß seines Kollegen Abel zu erwidern. Seit dem Herbst 1930 erschien der Geheimrat in keiner Gesellschaft mehr, wenn die Hausfrau ihm nicht vorher die Zusicherung gegeben hatte, daß Professor Abel nicht zugegen sein würde.

Als die Nazis zur Herrschaft kamen, war Professor Abel einer der ersten unter den Dozenten der Universität Bonn, die ihrer Stellung enthoben wurden. Man ersparte ihm die Überlegung, ob er seinerseits, sofort und freiwillig, um seinen Abschied ersuchen oder ob er abwarten sollte, bis man ihn vor die Türe setzte. Wer weiß, wie Herr Abel – eine eher weiche, sensitiv-zurückhaltende, keineswegs heroische Natur – sich angesichts solcher Alternative entschieden hätte. Er mußte gehen, man ließ ihm keine Wahl; Geheimrat von Besenkolb, eifersüchtig wegen des erfolgreichen Romantikerkollegs und von germanischer Unversöhnlichkeit durch und durch, hatte höchstpersönlich die Entlassung des fatalen Konkurrenten beim Kultusministerium sofort beantragt. Es entsprach der ritterlichen Art des deutschen Forschers – zu dessen berühmtesten Arbeiten eine umfängliche Analyse des Nibelungenliedes gehörte – dem gefallenen, für den Augenblick total erledigten Feinde auch noch einen Fußtritt zu versetzen. Dieser bestand in einem langen und ungeheuer beleidigenden Feuilleton, das über den weggeschickten Professor in einem der führenden rheinischen Naziblätter erschien und überschrieben war: »Schluß mit der Schändung deutschen Kulturgutes!« Der enorm gehässige Aufsatz war mit Initialen gezeichnet, und man nahm allgemein an, daß er von Geheimrat Besenkolb verfaßt, mindestens inspiriert worden war: er hatte alle Charakteristika seines zugleich markigen und tückischen Stils.

Benjamin Abel war sehr ratlos und betrübt. Er wußte gar nicht, wohin er sich nun wenden und was aus ihm werden sollte. Sowohl die Würde als der Selbsterhaltungstrieb verboten es ihm, noch länger in Deutschland zu leben, das lag auf der Hand. Andererseits war ihm eine Existenz im Ausland fast unvorstellbar. Abgesehen von den obligaten Italienreisen der Studentenzeit, von ein paar Touren in den Schweizer Bergen und etlichen Besuchen in Wien und Paris, die vor allem den Wiener Breughels und den Schätzen des Louvre gegolten hatten, war er niemals außerhalb der Reichsgrenzen gewesen. Für fremde Sprachen war er keineswegs besonders begabt. Er kannte sich selbst als gehemmt und belastet mit einer fatalen Neigung zu Minderwertigkeitskomplexen, die mit Erfolg zu bekämpfen ihm nicht immer gelang. Es fiel ihm schwer, sich an Menschen anzuschließen, die meisten langweilten ihn, und wenn er seinerseits zu einer Person sich hingezogen fühlte – sei es aus welchen Gründen und unter was für Umständen auch immer – plagte ihn der Argwohn, er könnte lästig fallen oder den Eindruck eines Aufdringlichen machen. Seine alte Mutter lebte in Worms – der Geburtsstadt Benjamins – wo er sie jedes Vierteljahr mindestens einmal zu besuchen pflegte; übrigens verbrachte er seine Sommerferien regelmäßig mit der alten Frau in einem kleinen deutschen Kurort. Von der Mutter würde er sich trennen müssen, wenn er Deutschland verließ; denn natürlich war nicht daran zu denken, daß die beinahe Siebzigjährige das Wormser Haus aufgab, in dem sie an die fünfzig Jahre verbracht hatte, und wo ihr Gatte, Benjamins Vater, gestorben war. Auch die Freundin würde Abel verlieren; nun bereute er, daß er sich, vor zehn Jahren, nicht dazu entschlossen hatte, sie zu heiraten. »Ich eigne mich ganz und gar nicht zum Ehemann«, hatte er damals gesagt, und Fräulein Annette Lehmann eröffnete resigniert eine kleine Antiquitätenhandlung in Köln, die übrigens recht gut florierte. Obwohl Benjamin, aus Ängstlichkeit und eigensinnigem Spleen, das liebe Fräulein Annette nicht zur Frau Professor gemacht hatte, waren die beiden während all der Jahre ein Paar und wurden von ihrem Bekanntenkreis durchaus wie Eheleute behandelt.

Wie viele gute Dinge des Lebens würde man in der Fremde vermissen: die gemütlichen Kammermusikabende zum Beispiel, die Benjamin in seinem Häuschen zu Marienburg, zwischen Bonn und Köln, gepflegt hatte. Professor Abel leistete Achtbares auf dem Cello, und er hatte einen guten Freund von der medizinischen Fakultät, der als wackerer Pianist gelten durfte. Zu diesen beiden fand sich dann wohl noch ein musikbeflissener Kollege oder Student, und so war denn in der Marienburger Miniaturvilla manch Beethoven- oder Brahms-Quartett, nicht eben meisterlich, aber doch mit innigem Verständnis und halbwegs hinreichender Technik exekutiert worden. Fräulein Annette hatte Tee und Brötchen gereicht, und in den Lehnstühlen hatten die Professorengattinnen mit Handarbeiten gesessen und sich Universitätsklatsch erzählt, wenn Schubert oder Bach verklungen war. Wie traulich war dies gewesen! Nun, da es so ganz vorüber sein sollte, in der Erinnerung, nahm es sich geradezu zauberhaft traulich aus. Übrigens gehörte der Klavierkünstler von der medizinischen Fakultät derselben Pariarasse an wie Abel. Am 30. Januar 1933 teilte er Benjamin mit, daß er nach England zu verziehen gedenke.

Nein, nach England wollte Benjamin doch wohl nicht; ihm schien, in einer so ungeheuer großen und fremden Stadt wie London würde er gar nicht atmen können. Nach langen Beratungen, die er mit sich selbst und mit Annette Lehmann anstellte, entschied er sich für die Niederlande. »Dorthin wolltest du doch ohnedies immer einmal«, erinnerte ihn das intelligente Fräulein. Der Professor nickte wehmütig: »Ja, um die Rembrandts zu sehen.« – »Nun, und jetzt wirst du Zeit haben, dir die Rembrandts und die Frans Hals und die Jan Steens einmal gründlich anzuschauen.« Annette versuchte eine Munterkeit zu zeigen, deren Künstlichkeit der gequälte Blick ihrer Augen nur zu deutlich verriet. Die Sache mit den Niederlanden leuchtete dem Professor halbwegs ein. Er hatte sich viel mit holländischer und flämischer Literatur beschäftigt und eine ausführliche Studie über den »Ulenspiegel« publiziert. »Von Holland aus wird man dann weiter sehen«, sprach die wackere Freundin ihm Mut zu. »Es ist sicher der geeignete Platz, um sich ans Ausland, an die Fremde zu gewöhnen. Die Niederlande sind nicht mehr deutsches Sprachgebiet und gehören doch noch zum kulturellen deutschen Raum. Man befindet sich dort im Bannkreis unserer großen Überlieferungen. Ich hatte einmal drei sehr schöne und anregende Wochen mit meiner armen Mama im Haag und in Amsterdam.«

Von Annettes schönen und anregenden Wochen mit ihrer armen Mama im Haag und in Amsterdam hatte Benjamin schon früher gehört. Aber wie geschickt sie zu reden verstand! Ganz entschieden: eine vorzügliche Frau – das bewies sich in so ernsten Situationen, wie Abels gegenwärtige eine war. Freilich, die Wendung vom »kulturellen deutschen Raum« hatte ein wenig verdächtig geklungen, etwas nach der üblen neuen Terminologie. Sollte die brave Annette schon ein klein bißchen angesteckt sein? Ach, wie würde sie sich entwickeln, wenn man sie den vehementen und unangenehmen Einflüssen überließ, die sich nun hierzulande der Menschen wie eine Seuche bemächtigten und sie boshaft verdarben …

»Sicher«, bestätigte Benjamin, etwas müde. »Du hast sicherlich recht.«

»Und vielleicht«, rief Fräulein Lehmann fast flehend, »vielleicht findest du gar eine Möglichkeit zur Beschäftigung in Holland selbst und kannst auf die Dauer dort bleiben – das wäre doch wundervoll. Ich würde dich dann manchmal besuchen …« Es lag ihr viel daran, ihn davon zu überzeugen, daß er in Holland glänzend aufgehoben sein würde und daß dort nur das Beste ihn erwarte; denn er mußte doch weg, mußte doch Deutschland schleunigst verlassen, es war ja seiner selbst unwürdig, wenn er blieb, und außerdem – diesen Gedanken wagte Fräulein Lehmann kaum sich selber zuzugeben – kompromittierte seine Anwesenheit auch sie, Annette. Sie wollte es ihm so gerne ersparen, daß sie sich von ihm zurückzog, sich nicht mehr öffentlich mit ihm zeigte. Aber andererseits: sie stand alleine in der Welt, sie konnte es nicht riskieren, aufzufallen, Skandal zu erregen – und skandalös war es doch nun einmal, wenn heute eine »Arierin« – Fräulein Lehmann war »Arierin« – mit einem »Nichtarier« Umgang hatte. Seitdem Geheimrat Besenkolbs gräßlicher Artikel erschienen war, wurde Benjamin Abel von allen, die in Bonn auf sich hielten, peinlich gemieden. Hatte Annette denn Lust, auch über sich selber noch einen Artikel solcher Art zu lesen? Die Nazizeitungen waren wachsam, wenn es »Rassenschande« betraf. Und wie schnell konnten die Fensterscheiben an einem kleinen Antiquitätenladen zerschmissen werden …

»Ich würde dich jedes Jahr ein paarmal besuchen können«, versicherte Annette Lehmann noch einmal. Sie gab sich Mühe, dem alten Freund den Abschied so erträglich wie möglich zu machen.

Also die Niederlande – Abel versuchte, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Die Niederlande gehören noch zum kulturellen deutschen Raum. Man will uns in Deutschland nicht mehr – grübelte Benjamin; aber wir klammern uns an den »deutschen Kulturraum …«

Der Entschluß ist gefaßt, er wird schnell in die Tat umgesetzt. Eilige Auflösung des Marienburger Haushaltes: es findet sich ein junges Ehepaar, welches die kleine Villa samt der Einrichtung sofort zu übernehmen bereit ist. Hastiger und ungünstiger Verkauf der Bibliothek; Abel entschließt sich, nur zwei Kisten – ein paar hundert ihm besonders lieber Bände – mit ins Exil zu nehmen. (Ja, es ist das Exil: dies wird ihm von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde klarer: er spürt es mit immer grausamerer Deutlichkeit, während er sich losmacht von allem, was nun so lange sein Leben gewesen ist.)

Annette kann ihm, bei soviel komplizierten und quälenden Erledigungen, kaum behilflich sein: Ein dummer Zufall, sie muß gerade jetzt nach Frankfurt reisen, »ein paar wichtige Auktionen, weißt du; so viele reiche Leute ziehen doch jetzt weg von Deutschland, und da kommen Dinge auf den Markt, die sonst gar nicht zu kriegen gewesen sind …« Ja, natürlich, viele reiche Leute ziehen weg von Deutschland, auch arme übrigens – warum ziehen sie eigentlich alle weg? Der Kunstmarkt jedenfalls profitiert davon; bald werden sich auch neue Käufer finden für all die schönen Sachen, an die man sonst nicht herangekommen ist, eine neue Käuferschicht ist im Begriff, sich zu bilden, Annette hat wohl alle Hände voll zu tun, es ist ja schade, daß sie gerade während der letzten Wochen, die Benjamin noch in Deutschland hat, auf Reisen sein muß …

Abschiedsbesuch bei der Mutter in Worms; Tränen, Umarmungen ohne Ende. »Du kommst bald mal zu mir nach Holland, Mama, die Badeorte da drüben sollen ja wundervoll sein, Scheveningen zum Beispiel, und übrigens, wie lange wird diese Naziherrlichkeit schon dauern, alle sagen, Hugenberg und seine Leute werden Hitler davonjagen …« – »Sicher, mein Liebling, sicher, aber ob ich das noch erleben werde, ich bin doch schon alt, und in Scheveningen war ich mal mit deinem Vater, ein prächtiger Ort, feine Hotels, aber ich vertrage den starken Wind an der Nordsee nicht, er macht mir Atembeschwerden, Kopfschmerzen auch, hast du denn alle deine warmen Sachen eingepackt, in Holland mußt du vorsichtig sein mit dem Essen, sie haben dort eine schwere Küche, der Aal ist delikat, aber unverdaulich, du weißt doch, dein empfindlicher Magen.«

Noch einmal Bonn; nun wohnt Professor Abel schon im Hotel, sein Marienburger Haus wird für das junge Ehepaar zurechtgemacht. Annette ist aus Frankfurt zurückgekommen; sie erscheint spätabends, merkwürdigerweise trägt sie einen ziemlich dichten Schleier vorm Gesicht, sie hat doch früher nie einen Schleier getragen, und nun gleich einen so fest gewebten, hinter dem man ihr Gesicht kaum erkennt. Sie berichtet: in Frankfurt hat sie einige seltene und kostbare Dinge erstanden, ein Stück gotischen Samt, wundervoll und beinahe geschenkt, ich kann tüchtig Geld dran verdienen, wenn ich den richtigen Käufer finde, deutsche Gotik wird vermutlich sehr im Preise steigen, das hängt mit allgemeinen Zeitströmungen zusammen. Leb wohl, meine Liebe! Zehn Jahre unseres Lebens sind wir beieinander gewesen, vergiß das doch bitte nie! Vergiß zum Beispiel bitte nie die so sehr gemütlichen Kammermusikabende in Marienburg! Adieu, Geliebte! Was wäre denn nun, wenn ich dich geheiratet hätte, damals, als wir beide jung gewesen sind? Sähe dann alles besser aus, oder noch komplizierter? Leb wohl! »Holland ist ja so nahe!« sagt Annette – wie vernünftig Annette ist. Ja, Holland ist nah, eine lächerlich geringe Entfernung. Und trotzdem, was für eine große, einschneidende und bedeutsame Trennung. Laß mich noch einmal dein Gesicht küssen, du bist immer noch schön, ich finde dich immer noch schön, wir sind doch ein Paar gewesen, Gott sei Dank, daß du nun endlich diesen störenden Schleier abgenommen hast …

Professor Abel kannte in Amsterdam keinen Menschen. Annette Lehmann hatte ihm einen Brief an einen großen Kunsthändler mitgegeben; aber Benjamin entschloß sich nicht dazu, von dem Empfehlungsschreiben Gebrauch zu machen. ›Die Leute werden wahrscheinlich mehr, als ihnen lieb ist, von deutschen Emigranten behelligt‹; dieses war des Professors entmutigende Überlegung. Der gleiche Gedanke bestimmte ihn dazu, bei einem Kollegen in Leiden, den er aus Heidelberg, und bei einem anderen im Haag, den er aus Bonn kannte, sich vorläufig nicht zu melden.

Benjamin Abel war ganz allein.

Er ging herum wie in einem schlimmen Traum, und was er dachte, war immer nur: ›Was soll ich hier? Warum bin ich eigentlich in dieser fremden Stadt? Leider bin ich doch gar kein Holländer – warum gehe ich also in den Straßen von Amsterdam spazieren? Freilich, freilich‹ – erinnerte er sich, wirr und betrübt – ›man hat mich aus Deutschland hinausgeschmissen, ich durfte dort nicht mehr bleiben, Geheimrat von Besenkolb hat mich als einen »geistigen Vaterlandsverräter«, als einen »Schädling an der deutschen Kultur« gebrandmarkt …‹

Er saß im Freien, vor einem Café am Leidsche Plein. Es war angenehm, draußen zu sitzen; nach einem Junitag, der hochsommerlich heiß gewesen war, brachte die abendliche Stunde willkommene Kühle. Von seinem Platz aus konnte Abel sehen, wie vor der »Stadsschouwburg« die schweren Automobile hielten und wie die Damen in Abendmänteln, die Herren mit den gestärkten weißen Hemdbrüsten sich am Portal drängten. Es gab eine festliche Opernaufführung, Mozart, Abel hatte Lust gehabt, hinzugehen. ›Es wäre hübsch gewesen, den »Figaro« einmal wieder zu hören, warum habe ich mir eigentlich kein Billet besorgt‹ – dachte er. Aber dann: ›Nein, ich muß sparen; Galaabende in der Oper zu frequentieren, das entspricht keineswegs meinen Verhältnissen.‹ – Es lag ihm daran, sich selber glauben zu machen, daß er nur aus Gründen der Ökonomie auf den Mozart verzichtet habe. In Wirklichkeit hinderten ihn andere Gefühle an einem Theaterbesuch wie an jeder geselligen Veranstaltung. Er wagte sich nicht unter Menschen. Die Idee, sich unter festlich geputzten Leuten bewegen zu müssen, war ihm unerträglich. ›Ich passe nicht in diese Gesellschaft, die reich, fröhlich und sorglos ist‹, empfand er gramvoll. ›Ich bin gezeichnet, ich trage das Mal. Man hat mich nicht haben wollen in meiner Heimat, hat mich zum Paria degradiert. Ich bin kein Vergnügungsreisender, sondern ein Flüchtling. Es wäre taktlos, eine grobe Taktlosigkeit wäre es, in meiner Situation an Festlichkeiten der Fremden teilzunehmen.‹

Vor der »Stadsschouwburg« war es still geworden: drinnen hatte wohl die Ouvertüre begonnen. Wie gerne wäre Abel dabei. »Figaro« war seine Lieblingsoper …

Der einsame Professor bestellte sich noch einen Bols – anfangs hatte er den klaren, scharfen holländischen Schnaps nicht ausstehen können; jetzt aber fand er schon, daß er eigentlich ganz gut schmeckte, besonders, wenn man ihn mit ein paar Tropfen von brauner Essenz würzte. Einen Augenblick lang überlegte Benjamin sich sogar, ob er dem Mädchen, das mit bunten Tulpen zwischen den Tischen umherging, ein paar Blumen abkaufen sollte, eine rote, eine gelbe und eine weiße Tulpe; er könnte sie vor sich hin in sein Wasserglas stellen, sie würden ein schönes Leuchten haben im milden Dämmerlicht der frühen Abendstunde. Aber dann fand er, daß dies doch wohl zu extravagant und übermütig wäre. Er beschloß, daß er, nach dem Genuß dieses zweiten Bols, bezahlen, aufstehen und den Leidsche Plein überqueren wollte. Gegenüber von dem Hotel, auf dessen Caféterrasse er saß, gab es ein Blumengeschäft, das stets bemerkenswert schöne Orchideen, zart getönte, lieblich und überraschend geformte Blüten, sowie die ausgewähltesten Rosen, Nelken und Tulpen in seinem Schaufenster zeigte. Abel vergnügte sich oft mehrere Minuten damit, vor dieser Etalage zu stehen und sich die bizarren, beinah unzüchtigen Bildungen der kostbaren Treibhauspflanzen zu betrachten. Er fand es merkwürdig und sehr auffallend, welchen Luxus diese ernste und gediegene Stadt Amsterdam mit Blumen sich leistete. Oft kam es vor, daß nachts in einem Lokal Orchideen angeboten wurden wie in den Lokalen anderer Städte Veilchen oder Maiglöckchen. Und die Blumengeschäfte mußten das Ungewöhnlichste bieten, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen.

Über den Leidsche Plein wimmelten die Radfahrer: junge Mädchen, Greise, pfeifende Burschen, alles durcheinander, alles eifrig die Pedale tretend. Abel wunderte sich jeden Tag aufs neue darüber, wieviel Fahrräder es in dieser Stadt gab; das öffentliche wie das private Leben schien sich hier zum großen Teile auf dem Zweirad abzuspielen. Benjamin argwöhnte oft, daß auch der Austausch von Zärtlichkeiten zwischen jungen Paaren auf diesen wendigen kleinen Fortbewegungsmaschinen erledigt wurde. Übrigens fürchtete Professor Abel sich sehr vor diesen »Fietsern«, wie sie hier hießen; durch ihre massenhafte Existenz wurde jede Überquerung einer Straße zum riskanten Abenteuer.

Nun hatten sie schon ihre kleinen Laternen an den Lenkstangen angesteckt, obwohl es am glasig grünblauen Himmel noch ein wenig Helligkeit gab.

Auf der Brücke, die über die Singelgracht führt, stieg eine kleine Gesellschaft junger Leute von den Rädern, um über das Brückengeländer ins träge, stehende Wasser zu schauen und recht nach Herzenslust sentimental zu sein. Sie stellten ihre Räder an die steinerne Brüstung, gegen die sie sich selber lehnten; sie legten einander die Arme um die Schultern, und nun sangen sie. Es war etwas recht wehmütig Gedehntes, Zärtliches und dabei Rauhes; Abel fand, daß es hübsch und rührend klang. Wahrscheinlich waren die jungen Leute im Vondelpark spazierengefahren, und dort waren sie derartig stimmungsvoll geworden, daß sie sich nun einfach nicht mehr beherrschen konnten, sondern singen und dabei ins Wasser schauen mußten.

Aus dem Wasser hoben sich Nebel. Allmählich wurde es kühl.

An einem Tisch in Benjamins Nähe sprachen zwei beleibte Herren deutsch miteinander. Abel war empfindlich gegen den Klang der deutschen Sprache geworden; er fuhr immer ein wenig zusammen, wenn er sie unvermutet neben sich gesprochen hörte.

Das Mädchen mit den Tulpen hatte sich zurückgezogen; sie ging wohl jetzt gegenüber, vorm Café »Trianon« oder dem »Lido«, mit ihrem bunten Körbchen herum. Statt ihrer hatte sich ein Drehorgelmann eingefunden; eigentlich waren es zwei: der eine bediente das große, weiße, goldverzierte Instrument, das auf Rädern fortbewegt wurde; der andere ging mit seiner Mütze von Tisch zu Tisch und kassierte das Kleingeld. Er machte große Schritte, beinah rannte er; denn es galt, einem kleinen Malaien zuvorzukommen, der Erdnüsse anbot und auch gerne kleine Münzen haben wollte. Der Malaie, ein altes Männchen, wirkte so mitleiderregend, daß mancher ihm gab statt dem Abgesandten der prächtigen Drehorgel. Die kleine Jammergestalt aus den warmen Zonen schien ganz erbärmlich zu frieren. Seinen viel zu großen alten Hut hatte er sich tief in die Stirn gedrückt, und der Kragen seines häßlich braunschwarzen Überziehers war bis über die Ohren hochgeschlagen. Sein Gesicht, mit den breiten Wangenknochen und den schmalen traurigen Augen, bräunlich-schwarz wie der Paletot, verschwand fast zwischen Kragen und Hut; was man jedoch von diesem armen Menschenantlitz sah, genügte, um den Eindruck unendlichen Elends, trostloser Verlassenheit stark werden zu lassen.

Professor Abel reichte ihm eines der spielzeughaft kleinen Zehncentstücke, die er in seiner Tasche fand. ›Ein Heimatloser, auch er‹, dachte er, nun seinerseits sentimental. ›Anderswo zu Hause als hier, durch weiß Gott welche Zufallsfügungen in diese Stadt verschlagen. Sein Gesicht scheint nur aus Runzeln zu bestehen. Er ist vertrocknet, eingeschrumpft – wie eine Pflanze, die man aus der Erde gerissen hat, in die sie gehört. Ein Heimatloser, er auch …‹

Einer der deutschen Herren am Nebentisch ließ, überlaut, seine Stimme hören, die sowohl fett als auch hart war: »Es gibt immer Möglichkeiten, Reichsmark zu transferieren. Setzen Sie sich doch mal mit Kohn aus Elberfeld in Verbindung.«

Abel hatte genug. Er stand auf.

Die Zeit verging; nun war Abel schon vier Wochen in Amsterdam. ›Das hätte ich auch wieder hinter mich gebracht, auch wieder geschafft‹, empfand er, wenn ein Tag oder eine Woche vorüber war. So zählen Gefangene in ihren Kerkern die langsam dahingehenden Stunden und Tageszeiten. Sie warten auf etwas: auf das große Datum, das die Freiheit bringt. Auf was aber wartete Abel? Doch nicht auf »den Sturz des Regimes« in Deutschland? Er meinte, innerlich mit dem Lande fertig zu sein, das ihn davongejagt hatte. Täglich mindestens einmal sagte er sich selber: ›Ich würde in dieses Land nicht zurückkehren, sogar dann nicht, wenn man mich riefe. Ich habe abgeschlossen mit Deutschland‹, versuchte er sich zu überzeugen. ›Mit Deutschland bin ich fertig, ganz und gar.‹

Nein, es war wohl wirklich nicht »der Sturz des Regimes«, dem er entgegenharrte. Er zählte die Tage, die Wochen, weil er die Lebensumstände, in denen er sich befand, als durchaus provisorisch betrachtete. So konnte es doch nicht bleiben; so, wie es nun war, konnte es doch keinesfalls ewig weitergehen.

Es ging eine ganze Zeitlang so weiter. Für Benjamin war es fast etwas wie eine Ewigkeit.

Während der ersten zehn Tage seines Amsterdamer Aufenthaltes hatte er in einem großen Hotel am Bahnhof gewohnt. Die Nähe der »Centraal Station« war ihm tröstlich; sie bedeutete ihm ein Symbol für das Unverbindliche, Vorläufige seines Zustandes.

Auf die Dauer konnte er sich einen solchen Lebensstil nicht leisten. Das Hotel war teuer: fünf Gulden am Tag, nur für Zimmer und erstes Frühstück – man kam sich ja wie ein Hochstapler vor. Die Ersparnisse, die er noch besaß, waren gering; im wesentlichen war man auf eine kleine Pension angewiesen, und leider lag es durchaus im Bereich des Möglichen, daß auch diese Unterstützung plötzlich wegfiel; der nationale Staat konnte es müde werden, einem »geistigen Landesverräter« auch noch Geld ins Ausland nachzuwerfen.

Außerdem fand Abel, daß zu viele Deutsche im Hotel ein und aus gingen. Manchmal sprach ein deutscher Herr ihn wohl sogar an, im Lift, in der Bar oder in der Halle. Sehr wohl möglich, daß er nur eine harmlose Plauderei beginnen wollte – unverbindliche Konversation zwischen Landsleuten, die sich in der Fremde begegnen: »Na, auch mal auf Reisen, wie gefällt es Ihnen in Amsterdam, ich muß jedes Jahr geschäftlich ein paarmal rüber, kann Ihnen eine kleine Kneipe empfehlen, wo famoses Bier ausgeschenkt wird, fast wie im Münchner Hofbräuhaus, hahaha …« So etwa schwatzten die Herren. Professor Abel aber zuckte zusammen, als hätte man ihn schon nach seiner Weltanschauung, seiner politischen Gesinnung und seinen Familienverhältnissen ausgefragt. Man wußte doch nie, mit wem man es zu tun hatte.

Professor Abel, der keine deutschen Zeitungen mehr las und in den holländischen nur die unpolitischen Rubriken, studierte im »Telegraaf« und im »Handelsblad« die Annoncen, in denen möblierte Zimmer angeboten wurden. Er besichtigte mehrere Häuser; sie sahen sämtlich eines wie das andere aus. Immer führte eine schmale, sehr steile und sehr sauber gehaltene Treppe hinauf zu den Stuben, die gleichfalls ordentlich gehalten und bescheiden möbliert waren. Schmuck und Überfluß bestand meistens nur in einer Vase mit Tulpen auf dem Tisch und in einer gerahmten Photographie der Königin an der Wand.

Nachdem Benjamin fünf oder sechs Zimmer betrachtet und mit fünf oder sechs Hausbesitzerinnen verhandelt hatte, entschloß er sich für irgendeinen Raum, der ihm nicht besser und nicht schlechter schien als die übrigen. Er fand es angenehm und passend, in der Mozart-Straat zu logieren, die übrigens im stillsten, freundlichsten Viertel der Stadt gelegen war. Man befand sich an der südlichen Peripherie und hatte keinen weiten Weg, wenn man ins Freie wollte. Um die Mozart-Straat herum gab es lauter hübsche, vielversprechende Straßennamen: Richard-Wagner- und Beethoven-Straat, Apollo-Laan, Euterpe-Straat, Clio-Straat, Brahms-, Chopin-, Schubert-, Händel-Straat oder Straßen, die nach Rubens, Velázquez, van Gogh, van Eyck, Tizian, Murillo, Michelangelo, Holbein, Tintoretto hießen. Von allen diesen schönen, ruhmreichen Namen – so meinte der Professor aus Bonn am Rhein – müßte doch ein wohltätiger Einfluß auf die Menschen ausgehen, die hier wohnten.

Er versuchte, sich sein Zimmer mit Büchern und Photographien möglichst wohnlich zu machen. Aber er brachte es niemals fertig, sich in diesem Raum zu Hause zu fühlen. Jeden Abend fürchtete er sich vor dem Heimkommen, welches eigentlich gar kein »Heimkommen« war; deshalb hielt er sich regelmäßiger und länger in Lokalen auf, als dies früher seine Art gewesen.

Besonders quälte es ihn, daß es in seiner Stube immer nach den Mahlzeiten roch, die er hier einsam verspeiste. Es nützte nichts, die Fenster aufzureißen; der fatale Duft nach Saucen und Suppen schien zäh in den dicken Plüschportièren, im abgeschabten Teppich zu nisten. Ja, er haßte diesen Geruch, und er verabscheute auch den anderen, mit dem das dämmrig dunkle Treppenhaus ihn empfing und in dem die Aromas von Staub und Speisen, von alten Stoffen und schwitzenden Mägden sich unerfreulich miteinander vermischten.

Übrigens kam der Professor, im Lauf der Wochen und Monate, dem Haus in der Mozart-Straat allmählich hinter allerlei unheimliche Eigenschaften. Ziemlich lange hatte er nicht gewußt, was es mit dem Brummen für eine Bewandtnis hatte, dessen gedämpfter Laut in seiner Stube fast ununterbrochen zu hören war und das sich verstärkte, wenn man die steile Treppe hinunterging und an einer bestimmten Türe des ersten Stockwerkes vorüberkam. Ohne Frage, hinter dieser Türe hauste ein Brummer; irgend jemand, der auf eine dumpf-melodische Art Tag und Nacht vor sich hin brummte – es war ziemlich schaurig, diesem trostlos monotonen Geräusch zu lauschen. ›Wer mag der Brummer sein?‹ mußte der einsame Professor immer wieder mit einer mechanischen, lustlosen Neugierde denken. Als er der geheimnisvollen Person des Brummers dann von Angesicht zu Angesicht begegnet war, begriff er nicht mehr, wie er jemals erpicht auf ein so makabres Zusammentreffen hatte sein können. Beinah, um ein Haar, wäre Benjamin mit dem Brummer im dämmrigen Korridor zusammengestoßen. Dabei erwies sich, daß es sich um einen alten, mächtig großen, gebückt gehenden Mann mit schlohweißem Haar handelte. Er schwankte dem bestürzten Professor wie ein Betrunkener entgegen. Mit den langen Armen ruderte er, als hätte er gegen Widerstände zu kämpfen und bewegte sich nicht durch Luft, sondern durch eine zähflüssige Materie. Er tastete mit den gespreizten Händen ins Leere; wahrscheinlich war er blind, aber selbst Blinde laufen nicht auf so bedenkliche Art im Zickzack, und Blinde taumeln nicht, wie dieser erschreckende Alte es tat. Der da war geschlagen mit einer gräßlichen Krankheit, er hatte nicht nur den Verstand verloren, sondern auch jede Balance und die simple Fähigkeit, geradeaus zu gehen: ohne Frage, er war aufs schlimmste beschädigt im Zentrum des Organismus, sein Rückenmark war lädiert. Mit diesem Unglückseligen, der in eine geschlossene Anstalt gehörte, hauste Professor Abel also unter einem Dach, schon seit Wochen – und dem verzweifelten Brummkonzert, das der heillos von Gott Geschlagene morgens, mittags und mitternachts veranstaltete, mußte man lauschen, während man versuchte, die verwirrten und gequälten Gedanken auf geistige und reine Gegenstände zu konzentrieren. ›Das ist ja schaurig‹, dachte Benjamin, und er tat entsetzt einen Sprung beiseite; denn der Brummer war im Begriff, auf ihn zuzuschwanken. Die getrübten Augen des Kranken hatten wohl die Gestalt des Professors, deren vage Umrisse sie erkennen mochten, als nächstes Ziel visiert.

Der Brummer kam näher, lallend, singend, mit den krampfig gespreizten Händen fuchtelnd – und das ärgste war, daß sein taumelnder Zickzacklauf auf schlimme Art einen lustigen Charakter hatte; er erinnerte an gewisse Sprünge, die Kinder manchmal auf der Straße tun, wobei sie ganz bestimmten Spielregeln folgen, die den Erwachsenen mysteriös und unbegreiflich bleiben. Übrigens hatte auch die dumpfe Melodie, die der Schwankende hören ließ, einen munteren, fast hopsenden Rhythmus. Es war deutlich, der Unglückselige fühlte sich relativ wohl; in seinem umnachteten Inneren war ihm nach Tanz und Gedudel und schauerlichem Hopsasa zumute. Er war seiner Pflegerin ausgerissen und wollte nun selbständig schäkern und ein wenig übermütig sein. ›Gott steh mir bei‹, dachte Benjamin, der sich vor Grauen nicht mehr bewegen konnte und erstarrt, so wie in einem bösen Traume stand. ›Gott sei mir gnädig, noch ein paar Sekunden, und er wird mich erreicht haben, er wird mich an den Schultern packen – ich sehe es ihm doch an, was er im Schilde führt: er will sich ein wenig mit mir im Kreise drehen, ein Morgentänzchen, hier auf dem Treppenabsatz, das ist es, wonach der Sinn dem armen Unhold steht …‹

Da war der im Nervenzentrum schwer lädierte Greis nah herangekommen an den erstarrten Professor. Benjamin spürte schon den Atem des Kranken an der Wange; das blinde, große, öde Antlitz des Brummers stand dicht vor seinem Gesicht, gleich würde das Schreckenstänzchen beginnen. ›Ich überlebe es nicht‹, dachte Abel. ›Ich falle hin und bin tot, wenn ich mit diesem da tanzen muß‹: da kam endlich Rettung in Gestalt der Pflegerin – einer rüstigen Person mit Zwicker auf der Nase, hoch aufgerichtet, in ihrer grauen Schwesterntracht: warum fand sie sich jetzt erst ein? – und sie ließ eine gebieterische Stimme hören: »Kom dadelijk hier, mijnheer van Soderbloem!«

Damit hatte das arge Vorkommnis im Treppenhaus des »Huize Mozart« sein Ende gefunden. Der Greis wandte sich gehorsam, hörte für ein paar Augenblicke zu brummen und zu fuchteln auf, und nun konnte er sogar die wenigen Schritte, die ihn von seiner Beschützerin und Meisterin trennten, ohne viel Taumeln zurücklegen. Die Pflegerin schleuderte, während sie ihren tiefgebeugten Patienten hinwegführte, Professor Abel einen mißbilligenden Blick über die Schulter zu, als hätte er sich unpassende Spiele und Scherze mit einem armen Kranken erlaubt. Benjamin schwor sich, von nun ab jede Begegnung mit dem Brummer peinlichst zu vermeiden und stets, ehe er die Treppe hinunterging, sorgfältig zu lauschen, ob auch keine tappenden Schritte auf Stufen oder Korridor zu hören seien.

Je länger er über den traurigen und unheimlichen Fall nachdachte, als desto auffallender, unstatthafter und tadelnswerter erschien es ihm, daß man ein solches Menschenwrack in einer Pension, Tür an Tür mit Gesunden, brummen ließ, anstatt es einer geschlossenen Anstalt zu übergeben. Tagelang nahm er sich vor, mit der Dame des Hauses in diesem Sinne zu sprechen; aber am Ende kam er zu dem Entschluß: ›Nein, ich habe wohl kaum das Recht, über irgend etwas Klage zu führen, mich aufzuspielen als den anspruchsvollen großen Herrn und der Inhaberin eines holländischen Hauses mit Beschwerden lästig zu fallen. Ich bin ein Fremder, hier nur eben geduldet und übrigens nicht vertraut mit den Sitten des Landes, das mir Obdach gewährt. Die anderen Mieter im »Huize Mozart« scheinen an der Existenz des Brummers nicht Anstoß zu nehmen; ein armer Emigrant sollte nicht empfindlicher sein als niederländische Herrschaften, die vielleicht sehr fein und wohlhabend sind …‹

Immerhin konnte Abel sich nicht enthalten, mit dem jungen Mädchen, das sein Zimmer aufräumte und ihm die Mahlzeiten brachte, gelegentlich über den beunruhigenden Gast im ersten Stockwerk zu sprechen. Das junge Mädchen erklärte ihm, daß Herr van Soderbloem ziemlich reich sei und schon seit Jahren die teuersten Stuben der Pension innehabe. »Er ist ganz ungefährlich«, erfuhr Benjamin. »Wie ein Kind läßt er sich von seiner Pflegerin spazierenführen und füttern. Man würde von seiner Existenz überhaupt nichts bemerken, wenn er nicht eben die Angewohnheit hätte, zu brummen und manchmal, wenn die Laune ihn ankam, ein paar drollig tappende Tanzschritte zu tun. – Mich hat er auch schon einmal um die Taille gefaßt«, erklärte kichernd das Mädchen.

Sie hieß Stinchen und war ein niedliches Ding; blutjung, noch keine neunzehn Jahre alt. Abel unterhielt sich gerne mit ihr. Wochenlang war sie der einzige Mensch, mit dem er sprach. Sie sah gut gewaschen, appetitlich, fast verführerisch aus in ihrer hellblauen, steif gestärkten Schürze und mit ihrem pfiffig-unschuldigen Gesicht eines dreizehnjährigen Buben. Das Hübscheste an ihr, fand Abel, war die geschwungene Linie des Hinterkopfes. Das mattblonde Haar trug sie kurz geschnitten, links flott gescheitelt.

›Eigentlich eine etwas ungewöhnliche Manier, sich herzurichten, für so ein junges, dummes Stinchen vom Lande‹ mußte Benjamin denken. War es die große Einsamkeit seines Lebens, die ihn mißtrauisch werden und ihn allerorten sonderbare, etwas unheimliche Zusammenhänge wittern ließ? Er begann zu argwöhnen, daß es auch um das brave Stinchen weniger harmlos stünde, als er es zunächst gehofft und vorausgesetzt hatte.

Während der ersten Wochen seines Aufenthaltes im »Huize Mozart« hatte es ihm viel Spaß gemacht, gelegentlich eine Viertelstunde mit Stinchen zu verplaudern. Sie redete gar nicht deutsch, war auch zu ungeübten Verstandes, um die Worte einer Sprache, die doch mit ihrer eigenen so intime Verwandtschaft hatte, zu erraten. Abel sah sich gezwungen, all seine Kenntnisse des Holländischen zusammenzunehmen, um sich verständlich zu machen. Das bedeutete eine gute Übung, und Benjamin konnte sie wohl gebrauchen. Stinchen war nachsichtig, munter und geduldig. Gutmütig lachte sie über die groben Schnitzer, von denen jeder seiner Sätze wimmelte, und es vergnügte sie, den feinen gelehrten Herrn zu korrigieren.

Es war Stinchens Mutter, eine rüstige und derbe Person, deren schwere Schritte und rauhe Stimme gewaltig durch das Haus hallten, die dem einsamen Fremden das kleine Trostvergnügen nicht gönnen wollte. Zu Anfang hatte sie sich um das Verweilen ihrer Tochter in der Stube des deutschen Mieters kaum gekümmert; mit der Zeit aber schien sie mißtrauisch und gereizt zu werden. Meistens brachte sie nun selbst die Mahlzeiten zu Abel hinauf, und wie böse schaute sie ihn an, wenn sie die Schüsseln so hart vor ihn hinstellte, daß es einen Knall und ein Geklapper gab. Erschien aber doch noch einmal das Stinchen, und verweilte sie auch nur ein paar Minuten lang, gleich ließ die Mutter ihre erzürnte Stimme hören. Stinchen ward bleich, traute sich kein Wort mehr zu sagen, sondern machte nur noch mit den Händen hilflose kleine Zeichen – und entschwand.

Was für eine sonderbare Frau war Stinchens Mama! Professor Abel fürchtete sie fast ebensosehr wie den garstigen Brummer im ersten Stock. Weibliche Züge schienen der kräftigen Person ganz zu fehlen. Gang und Stimme, ja, Form und Bildung ihres Gesichtes und ihrer Hände waren durchaus viril. Die Haare trug sie kurz geschnitten wie Stinchen; aber sie hatte sie nicht gescheitelt, sondern streng nach hinten gekämmt. Über einem steif gestärkten, stets blendend weißen Stehkragen zeigte ihr kantiges Gesicht harte und strenge Züge; doch wirkte es nicht nur herrisch, sondern auch verstört und leidend; in den engen Augen gab es irre Flackerlichter.

Häufig machte sie ihrem Stinchen maßlos heftige Szenen; während das arme Ding auf dem Boden kniete, den sie mit dem Putzlappen bearbeitete, stand die unmütterliche Mama, breit- und steifbeinig wie ein Grenadier, daneben und grollte, tobte, klagte, schalt und weinte. Wenn solche Ausbrüche vorüber waren, ging sie mit einem verzweifelten Gesicht umher, schloß sich wohl auch stundenlang in ihre Kammer ein, die sie mit Stinchen teilte, in die das Kind dann aber keinen Zutritt hatte – und wenn sie wieder zum Vorschein kam, zeigte sie blutig zerbissene Lippen und geschwollene Augen.

Wunderliche Verhältnisse – dem armen Abel gaben sie viel zu denken. ›In was für undurchsichtig trübe Dinge man verwickelt wird, wenn man sich in die Fremde wagt‹, war sein bestürztes Empfinden. Die Eifersucht, mit der die maskuline Alte jeden Schritt des kleinen Stinchens verfolgte, schien ihm auf eine verdächtige Art übertrieben. Das war nicht mehr die natürliche Sorge der Mutter um die Tugend der Tochter; vielmehr die gespannte, leidend wilde Wachsamkeit der Liebenden.

Welche Gründe die Eifersucht der hysterischen Magd auch immer haben mochte, sie konnte für Benjamin gefährlich werden. Er durfte sich schmeicheln, daß er dem Stinchen nicht ganz gleichgültig war. Ihre freundlichen Blicke, ihr Erröten, wenn er in die Nähe kam, verrieten, daß der interessante einsame Mann ihr kindliches Herz beeindruckte und beschäftigte. Sehr angenehm, sehr niedlich und erfreulich! Aber doch auch wieder beängstigend, unter den Umständen, wie sie nun einmal waren. ›Die Alte brächte es fertig, mir Gift einzugeben‹, fürchtete sich Benjamin Abel. Jedes Gericht, das aus der Küche kam, wo die gar zu liebevolle Mutter schaltete, konnte den Tod bringen …

Benjamin hatte längst beschlossen, möglichst bald umzuziehen; aus einer Trägheit, die allmählich den Charakter einer totalen psychischen Lähmung bekam, brachte er es nicht über sich, seinen vernünftigen Vorsatz auszuführen. Er blieb – obwohl alles, was ihn umgab, ihm täglich unheimlicher und gespenstischer wurde.

Recht schaurig war zum Beispiel, daß vor dem Krankenhaus, das dem »Huize Mozart« gegenüberlag, täglich mindestens einmal das schwarze Leichenauto stationierte. Häufig hatte Benjamin, der soviel Zeit unbeschäftigt am Fenster verbrachte, schon beobachten können, wie der Sarg aus dem Portal der Klinik getragen und in das sinister-elegante, schwarz lackierte Fahrzeug verladen wurde. Während der ersten Wochen seines Aufenthaltes war ihm dergleichen nie aufgefallen. War damals die Sterblichkeit im Hospital geringer gewesen? Oder hatte man die soeben Verblichenen auf dezentere Art aus dem Hause geschafft? Es war ja wohl im allgemeinen üblich, den Abtransport derer, die da ausgelitten haben, auf eine Stunde zu legen, die von den Lebenden verschlafen wird … mit diesen zivilisierten Usancen also hatte das »Ziekenhuis«, auf dessen saubere Front Benjamin den Blick hatte, rigoros gebrochen. Am hellen Tage ging hier mit zynisch-unbekümmerter Sachlichkeit vonstatten, was sonst, mit zarter Rücksicht auf die natürliche Aversion der Atmenden gegen die Erstarrten, im schonenden Dämmerlicht und an versteckter Stelle erledigt wurde.

Übrigens konnte Abel sich nicht verhehlen, daß er die Abreise der stummen Gäste in ihren schwarz verhangenen, motorisierten Luxuskarossen mit Neugierde, ja, nicht ohne ein gewisses schlimmes Vergnügen beobachtete. Er ertappte sich bei Gedanken, die zu mißbilligen und absurd zu finden, er denn doch die moralische Kraft noch aufbrachte. ›Wie behaglich muß es sein‹, empfand er sehnsuchtsvoll, ›wie so sehr angenehm und behaglich, wenn man nicht mehr darüber nachgrübeln muß: Wo gehöre ich hin? Wo ist mein Vaterland? Wo werden meine Dienste verlangt? Was fange ich an mit den Gaben, die mir Gott gegeben? Wie verwende ich sie …? Die schmale, langgestreckte, schwarz lackierte Kiste wird zum Vaterland, ein anderes kommt nicht mehr in Frage … Von mir genommen die Qual der Zweifel, der Enttäuschungen, Schmerz … Eine dunkle Kutsche steht vor dem Tore und erwartet mich … Freundliche und kräftige Männer in schicklicher schwarzer Tracht holen mich ab, und wer vorüberkommt, nimmt den Hut ab … Denn ich bin ein freier Herr geworden, ich bin vornehm …‹ Wenn der Einsiedler mit seinen abwegigen, defaitistischen und unerlaubten Gedanken bis zu diesem Punkte gekommen war, spürte er wohl einen Schrecken und gesunde, kräftige Empörung gegen sich selbst. ›Was ist das alles denn für abgeschmackter Unsinn! Ich habe doch noch manches in dieser Welt auszurichten, und es wird wohl irgendwo noch Leute geben, die mich brauchen können! Bleibt mir wirklich nur noch die fragwürdige Behaglichkeit des Leichenautos übrig, weil in meinem Vaterland zur Zeit das Pack die honetten Leute schikanieren darf …? Ich komme ja innerlich ganz aus der Form, weil ich zuviel allein bin und mich noch auf keine ernsthafte Arbeit konzentrieren kann. Jetzt gebe ich mir aber einen Ruck, ziehe meinen guten blauen Anzug an und besuche ein paar holländische Kollegen.‹

Die Visiten im Haag und in Leiden verliefen angenehm. Abel hatte menschenfreundliche, gescheite und gerechte Männer angetroffen. Was hielt ihn davon ab, diese Besuche zu wiederholen, einen regelmäßigen, intimeren Verkehr mit den niederländischen Gelehrten herzustellen? Sie waren ihm wohlgesinnt, schätzten seine Arbeit, nahmen Anteil an seinem Schicksal. Recht herzlich war er, sowohl in Leiden als im Haag, aufgefordert worden, sich bald einmal wieder zu melden. Der Umgang mit den angesehenen, wohlbestallten Forschern hätte von bedeutendem Nutzen sein können. Hatte der eine von ihnen nicht schon vielversprechende Andeutungen gemacht? »Köpfe wie Sie können wir brauchen«, hatte er zu Abel gesagt. »Vielleicht zunächst einmal eine Gastprofessur …« Es bestand kein Anlaß, dergleichen für leere Höflichkeitsfloskeln zu halten. Abel hätte auf dieses halbe Angebot sofort eingehen sollen, und er hätte sich nicht zu schämen brauchen, später dringlich darauf zurückzukommen. Er unterließ es. Warum unterließ er es denn …?

Er ging herum, ließ die Zeit verstreichen. Die holländischen Freunde – genauer gesagt: die Bekannten, die wohl dazu bereit gewesen wären, seine Freunde zu werden – suchte er nicht mehr auf. ›So heruntergekommen, so würdelos, daß ich fremden Leuten lästig fallen möchte, bin ich denn doch noch nicht‹, dachte er, bitter und stolz.

Das ärgste, quälendste war, daß er nicht arbeiten konnte. Er hatte vorgehabt, seine unfreiwillige Freiheit zur Ausführung eines literarischen Planes zu nutzen, der ihn seit langem lockte und ihm reizend erschien. Es handelte sich da um einen entzückend zarten und empfindlichen, schwierigen, geistig komplexen Gegenstand. Er hatte sich darauf vorbereitet und darauf gefreut, ein kleines – aber nicht gar zu kleines – Buch über die Wiener literarische Schule um die Jahrhundertwende zu schreiben. Die Abhandlung sollte den lyrischen Charme einer Liebesgeschichte, gleichzeitig aber das solide Gewicht einer literaturgeschichtlichen Studie haben. Im Zentrum der Betrachtung würden die Figuren Hugo von Hofmannsthals und Arthur Schnitzlers stehen: beide waren sie Benjamins Lieblingsautoren seit seiner Gymnasiastenzeit. Was für ein hübsches, anmutiges und interessantes Buch könnte das werden! Aber damit war es nun nichts. Zu einer solchen Arbeit braucht man einen freien Kopf, ein unbeschwertes Herz, einen geschärften Verstand, eine zugleich gespannte und freudig lockere Stimmung der Seele.

Trost kam von keiner Seite. Annette Lehmann zum Beispiel die tüchtige Freundin, die in Köln zurückgeblieben war, hätte wohl die Macht und Möglichkeit gehabt, etwas Trost zu spenden; aber sie dachte gar nicht daran, augenscheinlich hatte sie ganz andere Gedanken im Kopf. Wie lange war nun schon kein Brief mehr von ihr eingetroffen? Im letzten hatte sie mitgeteilt, daß sie zunächst nicht daran denken dürfe, nach Holland zu kommen. Ihr Geschäft nehme sie mehr in Anspruch denn je. Annette Lehmann versicherte ihrem alten Freund, er könne sich keine Vorstellung davon machen, was für ein Auftrieb und freudiger Elan im »neuen Deutschland« spürbar sei. Ja, die liebe alte Annette schrieb wirklich: »im neuen Deutschland …«

In der Tat: dem Professor war ganz und gar nicht danach zumute, sich die Stimmung freudigen Elans in Köln am Rhein und im Antiquitätenladen Annettes auszumalen. Ihm schien das Wort »Deutschland« vergiftet. Er dachte es nie ohne Qual, und da er es häufig dachte, hatte er ein großes Maß an Qualen auszuhalten. Darauf war er kaum gefaßt gewesen: daß er, als nicht mehr ganz junger Mann, noch ein Gefühl, einen zehrend heftigen Affekt würde kennenlernen und gründlich erfahren müssen, der ihm seiner ursprünglichen Anlage, seiner Erziehung und seinem Temperament nach so fern gelegen hatte: den Haß.

Wie lange war es her, daß er keine Zeitungen oder nur die unpolitischen Rubriken in den Blättern gelesen hatte? Nun verfolgte er, mit gierig-leidender Spannung, jede neue Schandtat oder Dummheit, Infamie oder Entgleisung, die das verhaßte Regime dort drüben sich zuschulden kommen ließ. Er las alles, merkte sich alles. Mit tausend Einzelheiten, immer neuen und immer krasseren Details nährte er das quälende und berauschende Gefühl seines Hasses.

Besonders quälend und erst recht berauschend wurde es dadurch, daß er es in so vollkommener Einsamkeit ertrug. Er erwog kaum die Möglichkeit, mit anderen Emigranten – die doch mindestens die Gefühle »Haß und Heimweh« mit ihm gemeinsam haben mußten – den Kontakt zu suchen. Die Idee, Haß und Schmerz fruchtbar zu machen – sich, um ihretwillen, in eine kämpferische Front, in irgendeine aktivistische Gemeinsamkeit einzufügen – kam ihm noch nicht.

Sein stolz und trotzig selbstgewähltes Teil war die Einsamkeit, begleitet von der monotonen Melodie des »Brummers«.

Sein Teil war die Einsamkeit.

Sie ist die treueste Begleiterin auf den unendlichen Spaziergängen in der Stadt Amsterdam.

Wie gut kannte der Professor nun schon diese Stadt: bis zum Überdruß genau, wollte ihm scheinen, war er vertraut mit ihren Straßen, Plätzen, Brücken, Parks und Grachten. Es war sonderbar, dachte er oft, daß man in einer Stadt mit solcher Intimität Bescheid wissen konnte, ohne sich doch in ihr »zu Haus« zu fühlen. Sie blieb die Fremde – obwohl man nun schon bald jede ihrer Straßenecken ebenso genau kannte wie die Straßenecken in den heimatlichen Städten Köln, Worms und Bonn.

Übrigens war es eine liebenswürdige Fremde. Wenn Abel seine vergleichsweise guten Tage, seine nicht gar zu niedergeschlagenen Stunden hatte, dann fand er, und machte es sich ausdrücklich klar, daß Amsterdam eine schöne Stadt war, abwechslungsreich und voll von sehenswerten, liebenswerten Plätzen und Dingen.

Auf seine zurückgezogene, einsiedlerische Art nahm Abel doch ein wenig teil am Leben. Von den Lokalen, den Bierstuben, Bars und Dancings hielt er sich allerdings mehr und mehr fern. Man traf dort überall Deutsche; das störte ihn – nicht nur, weil die Gegenwart der Landsleute ihm lästig und sogar peinigend war; sondern vor allem, weil er zu spüren meinte, daß ihre massenhafte Anwesenheit den Holländern ein Ärgernis bedeutete. Kleine, an sich unbedeutende, aber doch charakteristische Erlebnisse bestätigten ihm dieses Empfinden und waren geeignet, es noch zu verstärken.

In einer Bar am Rembrandt-Plein, im Zentrum der Stadt, wo Benjamin gelegentlich spätnachts noch einen Bols getrunken hatte, saß hinter der Theke ein geschminktes, hochblondes, üppiges, dummes und freundliches deutsches Mädchen. Sie war recht beliebt bei den holländischen Stammgästen. Eines Nachts kam Benjamin dazu, als ein wohlbeleibter, rotgesichtiger, gutgelaunter, ziemlich stark alkoholisierter Amsterdamer Geschäftsmann mit der kessen und gutmütigen Berlinerin scherzte. Den Hut keck im Nacken, den Paletot aufgeknöpft, die dicke Zigarre im Mund, saß der muntere Bürger auf dem hohen Barstuhl und versuchte, einen Berliner Witz zu erzählen. Benjamin nahm neben ihm Platz und wechselte seinerseits ein paar deutsche Worte mit dem Mädchen, das er nicht zum ersten Mal sah. Daraufhin verstummte der Holländer und sah ihn mißtrauisch an. Nach einer etwas bedrohlichen Pause fragte er, die Augen böse zusammengekniffen: »Auch Deutscher?«

Benjamin mußte bejahen. Der Holländer schnalzte mit der Zunge, schüttelte den Kopf, zuckte die Achseln; es war eine ganze Pantomime der Ratlosigkeit und des Bedauerns, die er aufführte. Endlich schrie er, sehr laut, aber mehr verzweifelt als zornig: »Auch ein Deutscher!! Nun möchte ich aber doch wissen: Warum sind alle diese Leute hier?! – Warum?!« rief er immer wieder, empört und jammernd, als wäre ein Heuschreckenschwarm in sein Land eingebrochen und träfe Anstalten, es zu verwüsten. Das Barmädchen lachte herzlich. Sie fühlte sich gar nicht betroffen. Ein so erfreulich vollbusiges, schmuck hergerichtetes und verführerisches Lebewesen wie sie war nicht zunächst Deutsche, sondern Frau. Die platinblonde Berlinerin konnte den erregten Gast nur beruhigen, indem sie ihm einen besonders großen doppelten Bols offerierte.

Eines Tages meldete Stinchen: »Herr Professor, es ist ein Mann unten, der etwas verkaufen will.« Abel, der am Fenster mit Papieren saß, schaute kaum auf. »Er soll gehen, ich brauche nichts.« – Stinchen ließ sich nicht wegschicken. »Es ist aber ein sehr netter Herr«, sagte sie. »Ein Deutscher. Er ist auch so ein Emigrant, hat er mir erzählt.« Abel fand es brav von Stinchen, daß sie sich für Emigranten einsetzte. Er lächelte: »Lassen Sie ihn mal reinkommen.«

Ein paar Minuten später räusperte sich jemand bescheiden an der Türe. Abel drehte sich um. Er erschrak und stand auf. Es war ein alter Schüler von ihm, und er war einer der begabtesten im Seminar gewesen.

»Mensch, Hollmann!«

»Der Herr Professor Abel! Das habe ich nicht gewußt! – Man hat mir nur erzählt, hier wohnt ein Deutscher, der sich mit Büchern beschäftigt … Ein sehr freundlicher Herr, hat mir das kleine Mädchen unten gesagt. Da dachte ich mir: ich versuch es mal …«

Hollmann setzte sich und nahm eine Zigarette. Jetzt erst fiel Abel auf, daß er sich verändert hatte. Er war magerer geworden und sein Haar sehr dünn. Diese nervöse Angewohnheit, sich mit dem Taschentuch die Stirne zu tupfen, war früher auch nicht an ihm aufgefallen.

»Ja, was ist denn mit Ihnen los? Warum sind Sie denn nicht in Deutschland geblieben?«

Hollmann lachte traurig. »Ein Webfehler, wie man jetzt sagt. Mit meiner Mutter war nicht alles in Ordnung. Eine geborene Meyer, der Name klingt harmlos, aber ich konnte den ›Ariernachweis‹ nicht erbringen … Na, das wäre an sich noch nicht das Ende gewesen – vorläufig noch nicht. Aber mir hat es überhaupt zu Hause nicht mehr gefallen … Erst habe ich in Paris als Filmstatist gearbeitet. Leider war das auch nicht angenehm; die Gesellschaft war nämlich halb deutsch. Der Star aus Berlin war ein süßer blonder Bursch, der mit der Direktion schöntut und die Statisten anbrüllt wie ein Unteroffizier die Soldaten. Ich habe ihm einmal eine Antwort gegeben, und dann war Schluß … Na, und jetzt bin ich hier Vertreter von einem großen Lebensmittelhaus. Den ganzen Tag fahr ich rum in einem Lieferwagen und biete den Leuten Konserven und Tee und Marmelade und Zucker an, oder Wurst … Haben Sie keine Bedürfnisse?« Abel lachte: »Der Tee hier in der Pension ist miserabel. Ich werde Ihnen was abkaufen …«

Der junge Mann, der vor zwei Jahren eine vorzügliche Doktorarbeit über Goethe und Frankreich geschrieben hatte, blieb noch eine halbe Stunde bei seinem alten Lehrer. Sie hatten viel zu besprechen, sie lachten auch viel, dieser Hollmann war ein lustiger Kerl; doch als sie sich zum Abschied die Hand gaben, waren sie beide ernst. »Es war reizend bei Ihnen, Herr Professor«, sagte der junge Mann. »Danke schön für die halbe Stunde. Jetzt muß ich aber schnell weiter …« Er tupfte sich die Stirn mit dem nicht ganz sauberen Taschentuch und blätterte nervös in seinem Adressenbüchlein. »Noch zehn Häuser heute. Dann ist Feierabend.«

Abel sah ihn von Zeit zu Zeit. Es machte ihm Freude, mit ihm von den alten Zeiten zu reden, und manchmal auch von der Zukunft. Wie lange war es her, daß er kameradschaftliche Gespräche nicht mehr gekannt hatte? Nun begriff er: es war vielleicht doch nicht gut, immer allein zu sein. Das Schwerste wurde leichter zu tragen, wenn man darüber reden durfte. Der Professor empfand für den früheren Schüler echte Sympathie und manchmal etwas wie Dankbarkeit. Er machte sich auch väterliche Sorgen. Einmal fragte er ihn: »Ist es wirklich notwendig, daß Sie Tag für Tag mit Ihrem Lieferwagen herumziehen? Haben Sie denn wirklich gar keine andere Chance?« – »Kommt schon mal wieder anders«, sagte der junge Hollmann. »Man muß froh sein, solange man überhaupt etwas hat.« – Dann summte er ein Liedchen, das ein Freund von ihm für ein Prager Emigrantenkabarett gedichtet hatte:

»Ob wir Zeitungen verkaufen;

Ob wir kleine Hunde führen

Oder neben tauben Tanten laufen

Oder als Statist Isolden küren …

Alles das, alles das macht uns nicht krumm,

Denn wir wissen ja, wir wissen ja, warum.

Sollte man von uns begehren,

Frösche kitzeln, Steine zählen,

Wolken schieben oder auch die Moldau kehren

Oder unseren Wanzen Märchen zu erzählen …

Alles das, alles das macht uns nicht krumm,

Denn wir wissen ja, wir wissen ja, warum.«

Abel nickte; aber sein Lächeln war etwas trübe.

Einmal besuchte er den jungen Freund. Er wohnte in einem Heim, das eine Arbeiterorganisation den deutschen Refugiés zur Verfügung gestellt hatte. Das Gebäude wirkte, mit seinen langen zementierten Gängen und dem etwas trüben Metall seines Treppengeländers, halb wie eine Kaserne, halb wie ein billiges Hospital. Die vereinzelten Gestalten, denen man begegnete, sahen meist recht heruntergekommen, aber teilweise unternehmungslustig aus. ›Sie haben vergnügtere Gesichter, als ich sie im »Huize Mozart« sehe‹, fand der Professor, der ziemlich mißtrauisch betrachtet wurde.

Hollmann teilte seine Kammer mit einem anderen jungen Menschen, der jetzt nicht zu Hause war. »Er verkauft Zeitungen, da unten an der Brücke, gegenüber vom ›Hôtel Américain‹, Sie wissen doch …« Abel erinnerte sich daran, dem Burschen gelegentlich eine der Pariser Emigrantenzeitungen abgenommen zu haben. »Ja, ja, ich kenne ihn«, sagte er. – »Er kann sehr nett Gitarre spielen«, erklärte Hollmann. »Wenn er nachher kommt, werden wir was zu hören kriegen …«

Auf dem Tisch standen eine Flasche Portwein und Schüsseln mit Obst und Gebäck. Abel tadelte gerührt die Verschwendung. »Aber was fällt Ihnen denn ein, Fritz, sich so in Unkosten zu stürzen!« – Hollmann wurde ein bißchen rot. »Es kommt ja nicht so oft vor, daß ich einen Gast habe.« Er lachte verlegen. »Und außerdem kaufe ich das Zeug zu herabgesetzten Preisen. Vergessen Sie nicht: ich bin von der Branche …«

Es wurde ein netter Abend; Abel fühlte sich so wohl wie schon lange nicht. Auch von den »alten Zeiten« redeten sie wieder; aber Hollmann sorgte dafür, daß die Erinnerungen nicht melancholisch wurden. Er machte die Professoren der Bonner Universität nach; besonders gut konnte er den Geheimrat Besenkolb kopieren. »Die Nation, meine Herren!« rief er mit quäkender Stimme und machte lange Schritte über ein imaginäres Podium. »Die Nation ist der höchste, heiligste Begriff, den die Menschheit kennt! Alle großen geistigen Leistungen kommen aus dem Geist des Nationalen!« – »Genug! Genug!« flehte Abel, der sich zugleich amüsierte und ekelte. Aber der junge Hollmann dozierte unbarmherzig weiter, mit der Stimme und den Gebärden Besenkolbs.

Später wurden sie ernst. »Ich überlege mir oft«, sagte Hollmann, »was aus den Jungens wird, die sich so verlogenen Quatsch jeden Tag anhören müssen und überhaupt nichts anderes mehr kennen dürfen. Unaufhörlich wird ihnen Gift eingeträufelt … Ich denke mir manchmal: gerade in so furchtbaren Mengen verabreicht, verliert es vielleicht seine Wirksamkeit. Es muß den Jungens doch schon zum Kotzen sein – und was man ausbricht, das kann einem nicht mehr den Magen verderben!«

»Möchten Sie recht haben!« sagte Professor Abel.

Dann kam der Bursche, dem Benjamin gelegentlich ein paar Zeitungen abgekauft hatte. Er sah müde und mißmutig aus. »Gar kein Geschäft heute gewesen!« beklagte er sich. »Bis man die paar Fetzen los wird, muß man sich die Füße in den Leib stehen! Eine Scheiße!« Als er aber zwei Gläser Portwein getrunken hatte, wurde er lustiger. Er holte die Gitarre aus dem Schrank. Erst sang er ein paar neue Schlager; dann kamen deutsche Volkslieder. »Die sind doch immer das Schönste«, sagte er. Und Fritz Hollmann fügte trotzig hinzu: »Und wir lassen uns von niemandem die Freude daran verderben.«

Es war schon nach Mitternacht, als Benjamin sich zum Gehen anschickte. »Mein Gott, ist es spät geworden!« rief er aus. »Die Zeit ist so schnell vergangen – ich habe es gar nicht bemerkt.« Er schüttelte den beiden jungen Leuten die Hand. Dabei schien er noch etwas sagen zu wollen; es fielen ihm aber wohl die rechten Worte nicht ein, und was er herausbrachte, war nur: »Vielen Dank. Das war ein sehr guter Abend …«

Warum blieb er eigentlich im »Huize Mozart«? Er hatte sich die Frage schon oft gestellt, und nun, auf dem Heimweg, beschäftigte sie ihn wieder. Warum blieb er! Was hielt ihn fest? War es Stinchen? Aber die sah er immer seltener. Immerhin beobachtete er sie genau genug, um zu bemerken, daß sie sich verändert hatte. Ihr Blick, ihr Lächeln bekamen einen neuen Ausdruck; Haltung und Gang waren zugleich selbstbewußter und weiblich-zarter geworden. Manchmal hatte sie nun eine verfängliche, spöttische und dabei verlockende Art, Benjamin anzuschauen, daß er beinah erschrak. ›Was ist mit dem Mädchen?‹ dachte er. ›Sie verwandelt sich. Unser kleines Stinchen mit dem Bubengesicht wird eine Frau …‹

Wer weiß, wie lange Abel sich nicht weggerührt hätte vom »Huize Mozart«, wenn nicht ein kleiner, aber fataler und aufrüttelnder Zwischenfall ihm den Entschluß aufgezwungen hätte, sein Leben zu ändern, sich in Bewegung zu setzen, zu handeln.

Um die Besitzer des Hauses, in dem er nun schon länger als ein halbes Jahr wohnte, hatte Benjamin sich nie viel gekümmert. Er wußte nur, daß der Hausherr, ein Holländer, in irgendwelchen Geschäften unterwegs war und sich in Amsterdam nur selten sehen ließ. Seine Frau war eine ziemlich hübsche Person, mit rundlichen Formen und einer blonden Dauerwellenfrisur über einem gesunden, rosigen, etwas leeren Gesicht. Benjamin begegnete ihr nicht sehr häufig; zu einer längeren Unterhaltung war es niemals gekommen. Zuweilen hatte er sich Gedanken darüber gemacht, daß die Dame des »Huize Mozart« sich etwas gar zu reserviert ihm gegenüber verhalte. Sie war Deutsche, in Hamburg geboren, wie sie ihm gleich zu Anfang erzählt hatte. Neuerdings wollte ihm manchmal scheinen, daß sie ihn feindlich und mißbilligend betrachtete, wenn sie auf der Treppe oder im Flur an ihm vorüberging. Ihre rund geschnittenen, wasserblauen Augen waren vielleicht ein klein wenig tückisch – wie ihm bei solchen Gelegenheiten vorkommen wollte. Aber dann beruhigte er sich bald wieder: ›Ich bin gar zu mißtrauisch, das grenzt ja schon an Verfolgungswahn. Was soll die brave Frau gegen mich haben? Ich bezahle pünktlich die Miete, bin leise und höflich, einen besseren Klienten kann sie sich gar nicht wünschen.‹

Eines Vormittags stellte Benjamin fest, daß die Stube, die neben seinem Zimmer lag und bis dahin leer gestanden hatte, plötzlich bewohnt war. Durch Stinchen erfuhr er, der Bruder der gnädigen Frau sei eingetroffen: Herr Felix Wollfritz aus Hamburg, er werde mehrere Wochen lang bleiben.

Benjamin begegnete dem Herrn Wollfritz noch am gleichen Tag auf dem Korridor, und seine schreckhafte Reaktion war sofort: Ein Feind!! Aufgepaßt – mit diesem Mann wird es Händel geben! ›Ich bin die Friedfertigkeit selbst‹, dachte Benjamin, indem er gleichsam bei einer höheren Instanz für alles, was zwischen ihm und Herrn Wollfritz geschehen mochte, jetzt schon um Entschuldigung bat. ›Aber dieser Kerl als Zimmernachbar – das ist entschieden zuviel! Mit Herrn Wollfritz wird man wohl beim besten Willen nicht auskommen können.‹

Der Bruder der gnädigen Frau, der zwecks Geschäften oder Familienbesuchs für mehrere Wochen in Amsterdam weilte, war groß und stämmig. Auf einer auffallend steilen und harten, ungesund geröteten Stirn und auf den Wangen waren die scharfen Konturen von Schmißnarben sichtbar: Benjamin bemerkte es gleich, obwohl im Korridor Dämmerung herrschte. Herr Wollfritz hatte einen flachen Hinterkopf, einen steilen und breiten Nacken, dessen blutigrotes Fleisch wulstig über den Rand des Kragens quoll. Sein Schädel war glattrasiert, nur auf der Höhe des Kopfes war ein winzig kleines, sorgfältig pomadisiertes und gescheiteltes Arrangement semmelblonder Haare stehen geblieben – eine recht erstaunliche Frisur, wie sie, außer bei innerafrikanischen Negerstämmen, wohl nur noch bei deutschen Männern eines gewissen Typs üblich ist.

Benjamin grüßte mit jener ironisch-zeremoniellen Neigung des Oberkörpers, die er früher bei Begegnungen mit dem Geheimrat Besenkolb gehabt hatte. Herr Wollfritz musterte den Mieter seiner Schwester stählernen Blicks vom Kopf bis zu den Füßen, zog dann mit einem unverschämten Ausdruck die dünnen, blonden Augenbrauen hoch, spitzte die Lippen wie zum Pfeifen und dankte mit einem Kopfnicken, dessen Knappheit aggressiv wie eine Ohrfeige war.

Als die beiden Herren am nächsten Vormittag sich wieder im Flur trafen, wurde kein Gruß mehr getauscht.

Benjamin Abel und Herr Felix Wollfritz konnten einander nicht ausstehen und machten kein Hehl aus ihrer instinktiven, heftigen Aversion. Es gibt den coup de foudre eines Hasses auf den ersten Blick wie den der Liebe.

Leider war die Wand, die Abels Zimmer von dem des Herrn Wollfritz trennte, nur eine sehr dünne. Benjamin mußte hören, wenn sein Nachbar sich räusperte; wenn er morgens gurgelte, sich die Zähne putzte; ja, sogar wenn er laut gähnte. Als Wollfritz sich einmal eine Dame zur Lustbarkeit mitgenommen hatte, sah Benjamin sich genötigt, sein Zimmer und das Haus zu verlassen; es ging über seine Kräfte, das Liebesleben des forschen Hamburgers in den akustischen Details zu verfolgen.

Von dem Tage an, da Herr Wollfritz sich in so intimer Nachbarschaft einquartiert hatte, stand es bei Benjamin fest: Ich ziehe aus. Es mußte aber noch zu einem besonderen Eklat, einer Provokation ohnegleichen kommen, damit der sanfte, schwerfällige Abel seinen Auszug derart beschleunigte und die zornige Demonstration aus ihm machte, wie er es dann wirklich tat.

Die Provokation, durch die der höchst Geduldige aus der Contenance gebracht wurde und die ihn so fürchterlich ärgerte und erregte, daß er mit beiden Füßen aufstampfte, die Fäuste ballte und schrie – sie bestand darin, daß Herr Wollfritz, der nicht nur einen Radioapparat, sondern auch ein Grammophon besaß, bei offener Zimmertür und unter Benutzung einer Nadel, die besonders starken Ton erzeugte, das Horst-Wessel-Lied spielen ließ. Dabei richtete er es so ein, daß der Professor, als er nachmittags vom Spaziergang zurückkehrte, mit der verhaßten Melodie empfangen wurde. Ihm schmetterte es entgegen:

»Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen,

SA marschiert mit ruhig festem Schritt …«

»Schluß!!« schrie der Professor, dessen Gesicht erst sehr rot, dann weiß wurde und sich mit Schweiß bedeckte. »Schluß!! Genug!!«

Er war drauf und dran, ins Zimmer des Herrn Wollfritz zu stürzen und mit eigener Hand den Lauf der Platte zu stoppen, vielleicht gar den Apparat aus dem Fenster zu schleudern. Wollfritz trat ihm hoch aufgereckt in der Tür entgegen. Die schneidende Kommandostimme schrie Abel an: »Sie sind wohl irrsinnig, Herr! Wenn Sie mein Zimmer betreten, lasse ich Sie durch die Polizei rausschmeißen!«

Diese Stimme war geeignet, dem Professor vollends die Besinnung zu rauben. Er keuchte: »Das ist eine Provokation! Stellen Sie sofort den Apparat ab! Ich brauche mir das nicht gefallen zu lassen!«

Darauf Herr Wollfritz, mit kaltem Hohn: »So was hat mir gerade gefehlt! Der Jude will mir verbieten, die Nationalhymne meines Vaterlandes in meinem Zimmer zu spielen. Bodenlose Frechheit! Man ist bei uns immer noch zu sanft mit den Juden! Sowie sie im Ausland sind, werden sie unverschämt!«

Abel hatte schon die Fäuste gehoben. Aber am Grinsen des anderen erkannte er, daß dieser sich nichts anderes wünschte als ein Handgemenge. Blind, zitternd taumelte Benjamin in sein Zimmer. »Meine Rechnung!« rief er noch, ehe er die Tür hinter sich zuschmiß. »Ich ziehe aus! Sofort!«

»Ist auch Ihr Glück!« erklärte Wollfritz, wobei er seinerseits sich zurückzog. »Ich wäre auch nicht mit Ihnen unter einem Dach geblieben. Meine Schwester hätte zu wählen gehabt zwischen Ihnen und mir.«

Fünf Minuten später wurde dem Professor die Rechnung gebracht, als hätte man den Vorgang vorausgewußt und alles für seinen Aufbruch vorbereitet. Stinchens Mutter, in drohend korrekter Haltung, überreichte ihm das Papier auf einem Silbertablett. »Hier, Mijnheer«, sagte sie mit rauher, böser Stimme. Sie sah krankhafter und erschreckender aus denn je. Ihr großes Männergesicht war aschfahl und schien verwüstet von schlimmen Leidenschaften; in den Augen brannten Lichter eines irren Triumphes. Übrigens zeigte sie sich höflich und beflissen, trotz allem. Sie trug mit starkem Arm Benjamins schweren Koffer, den er eilig gepackt hatte, die steile Treppe hinunter.

An der Türe des Brummers blieb Abel stehen, um noch einmal dem wohlbekannten, trostlosen Geräusch zu lauschen. Der Kranke schien gerade eine seiner munteren Stunden zu haben. In seinem Brummen und Summen ließ eine beschwingte kleine Melodie sich erkennen. ›Gleich wird er wieder heraustreten, um mich zum Tänzchen zu bitten‹, dachte Benjamin und ging eilig weiter.

Während die virile Matrone den Koffer ins Taxi verstaute, schlüpfte Stinchen aus der Haustür hervor. Sie preßte sich ein großes, buntes Taschentuch vors Gesicht; dahinter flossen die Tränen. Abels Herz zog sich zusammen vor Rührung und einer sehr zärtlichen Traurigkeit. Obwohl die Mutter, die sich umgewendet hatte, ihn mit wütenden Blicken töten zu wollen schien, ging er munter auf Stinchen zu und streckte ihr die Hand hin. »Adieu, liebes Kind«, sagte er sanft. Ihm antwortete innig ihr in Tränen schwimmender Blick. »Auf Wiedersehen«, brachte sie hervor. Dann sprang sie davon – entweder aus Angst vor der Alten oder weil sie sich der Tränen schämte.

Während der Wagen sich in Bewegung setzte, empfand Abel: ›Ich war sehr alleine in diesem Haus, und zum Schluß habe ich auch noch einen großen Ärger gehabt. Aber ganz einsam war ich doch nicht, und ganz schlimm ist es hier nicht gewesen. Es hat jemand um mich geweint. Vielen Dank, liebes Stinchen. Ich vergesse dich nicht.‹

4

Der Sommer des Jahres 1933 war sehr heiß. Paris glühte. Auch die Nächte brachten keine Kühlung. Die Steinmassen der ungeheuren Stadt strahlten die Wärme aus, die sie tagsüber von der gewaltigen Sonne empfangen hatten. Der Asphalt schmolz. Die Schuhsohlen der Gehenden blieben hängen in seiner zähbreiigen Masse. In den engen Gassen des Quartier Latin und um den Boulevard St.-Germain war die Temperatur wie in einem Backofen. Wenn man das Haus verließ, empfing einen draußen die Hitze wie eine erstickende Umarmung.

»Es ist, als ob man einen Schlag vor die Stirn bekäme«, sagte Marion, die mit ein paar jungen Leuten den Boulevard St.-Germain hinunterschlenderte. – »Alle besseren Pariser scheinen nach dem 14. Juli aufs Land gefahren«, stellte Theo Hummler fest, der sich vor den Burschen, die gerade erst aus Deutschland eingetroffen waren, als Kenner französischer Verhältnisse zeigen wollte. »Der ›Boul’ Mich’‹ ist verödet. Nicht einmal die Studenten sind mehr da …« – »Nur die Proleten – und die Emigranten sind zurückgeblieben«, ergänzte Marion munter.

Die Burschen aus Deutschland waren sozialistische junge Arbeiter, die über Straßburg hierher geflohen waren. Sie waren Schüler von Theo Hummler in Berlin gewesen. Marion und Hummler hatten sie frühmorgens an der Gare de l’Est abgeholt und ließen sich nun seit Stunden von ihnen erzählen. Einer war im Konzentrationslager gewesen; dort hatte er den Konni Bruck getroffen, den Freund von Marions Schwester. »Dem Jungen geht es miserabel«, berichtete er bedauernd. »Er hält das Hundeleben nicht aus. Entweder er wird eingehen – oder er schwört alles ab und singt das Horst-Wessel-Lied …« – »Das darf Tilly nicht wissen«, sagte Marion leise, mehr für sich selber. – Der Bursche erzählte weiter: vom Leben im Konzentrationslager, und wie zwischen allen Gefangenen, welcher Richtung sie auch immer angehörten, eine natürliche und feste Solidarität sich herstellte. »Ich habe nie gedacht, daß es unter den Kommunisten so viel anständige Kerle gibt«, sagte der junge Sozialdemokrat. »Wenn man sich im KZ so richtig kennengelernt hat, weiß man, daß man auch draußen miteinander arbeiten kann …«

Marion und Hummler nickten. Ein anderer von den jungen Leuten fing an zu klagen: über die Leichtgläubigkeit der Arbeiter; über den Mangel an Klassenbewußtsein, den er bei ihnen gefunden hatte; daß sie sich von jedem Schwätzer anlügen und verführen ließen. »Ich kenne so viele, die bei uns oder bei der Kommune waren und die jetzt das Hakenkreuz im Knopfloch tragen.« – »Sie werden mit der Zeit schon noch hinter den Schwindel kommen«, versprach Hummler. »Es ist unsere Sache, sie aufzuklären – nicht einmal, sondern hundertmal. Dafür sind in Deutschland diejenigen von unseren Leuten da, die wirklich was wissen und was gelernt haben. Ihr seid dafür da, Jungens!« rief Hummler forsch. Etwas gedämpfter fügte er hinzu: »Und wir hier in der Emigration. – Ihr sollt gutes Material mitbekommen, wenn ihr nach Deutschland zurückgeht!« Die drei Burschen antworteten nicht; zeigten aber ernste und begeisterte Mienen. Auch gingen sie plötzlich aufrechter, die Köpfe stolzer erhoben, als seien sie sich einer schönen und schweren Pflicht trotzig bewußt.

Es war Zeit zum Mittagessen; Marion schlug vor, man solle zur Schwalbe gehen. »Da trifft man immer ein paar Freunde.« – Das kleine Restaurant florierte, trotz der drückenden Hitze. Von den Stammgästen hatte fast keiner genug Geld, um aufs Land zu fahren; hingegen langte es gerade noch zu einem Schnitzel bei der Schwalben-Mutter.

Während Marion und ihre Begleiter, langsam und träg, durch den Luxembourg-Garten spazierten, erkundigten die Burschen sich nach den Verhältnissen in der Emigration. Hummler berichtete über die politische Arbeit, die sich langsam organisierte. Er sprach von den humanitären Comités – die Flüchtlinge, die immer zahlreicher eintrafen, mußten empfangen und provisorisch versorgt werden – und von den Bemühungen, aufklärend, propagandistisch zu wirken. Die publizistische Aktivität der Emigranten – dozierte Hummler – habe zwei Aufgaben. Sie müsse von der Welt gehört werden und den noch zivilisierten, noch demokratischen Nationen das wahre, erschreckende Bild des Dritten Reiches eindringlich zeigen; andererseits aber sei es von eminenter Wichtigkeit, daß der Kontakt zur Heimat gewahrt bleibe – erstens, um von dort die Nachrichten zu beziehen, die dann in die Welt zu lancieren sind; zweitens, um Aufklärungen, Warnungen und die Aufrufe zum permanenten Widerstand nach drinnen zu leiten, auf den geheimen, schwierigen und gefahrvollen Wegen der illegalen Agitation. »Wir fangen gerade erst an«, erklärte der Mann vom Volksbildungswesen. »Aber manches ist im Entstehen begriffen, manches entwickelt sich schon …«

Er erzählte von deutschen Zeitschriften und Verlagen, die »draußen« eröffnet worden waren oder nächstens ihre Publikationen beginnen würden. Eine deutsche Tageszeitung erschien seit neuestem in Paris. »Es ist alles nur ein Anfang!« wiederholte Hummler. »Und die Schwierigkeiten, denen wir bei all unseren Unternehmungen begegnen, sind kolossal.«

Marion ließ sich ausführlicher über die diversen Schwierigkeiten vernehmen. »Sie werden nicht nur durch die Gleichgültigkeit der Welt verschuldet«, erklärte sie; »auch nicht nur durch unseren Mangel an Mitteln. Die psychische Verfassung der Emigranten selber spielt dabei eine Rolle. Ich könnte ein Lied davon singen …« – Seit mehreren Monaten bemühte sich Marion, eine kleine Theatertruppe zusammenzustellen, mit der sie auf Tournee gehen wollte. »Ein junger Autor hat mir ein paar politische Einakter geschrieben, die recht wirkungsvoll sind. Wir könnten mit dem Programm, das ich im Kopf habe, halb Europa durchziehen. Es würde eine gute, nützliche Sache sein – und den Mitwirkenden würde es soviel bringen, daß sich anständig davon leben ließe. Aber nun fangen die Komplikationen erst an. Ich habe mit vielen begabten Schauspielern verhandelt, die in Deutschland nicht mehr auftreten können – oder nicht mehr mögen. Jeder hatte andere Einwände. Dem einen war mein Programm ›zu links‹; dem anderen ›nicht links genug‹. Der hatte Hoffnung auf ein Engagement in Wien oder Zürich; der nächste rechnete damit, eine kleine Rolle irgendwo im Film zu kriegen; wieder einer mußte auf seine Familie Rücksicht nehmen, die noch in Berlin sitzt. Der sechste ist schwach von Gesundheit und verträgt das viele Reisen nicht. Der siebente möchte seine eigene Truppe haben, der achte ist mit dem Autor verkracht, der meine Texte geschrieben hat – und der letzte kann mich persönlich nicht ausstehen. Es ist zum Wahnsinnigwerden!« Marion hatte schlenkernde, fast wilde Gesten vor Erregung. Sie ließ ihre Fingergelenke knacken und bekam drohende Augen.

»Wir sind erst im Jahre 1933«, meinte Hummler begütigend, »und das Exil hat nur gerade angefangen. In einem Jahr, oder in fünf Jahren, werden die Herrschaften alle etwas weniger kapriziös geworden sein.«

»Ich weiß aber gar nicht« – Marion schüttelte gereizt die Purpurmähne – »ob ich 1938 noch Lust haben werde, mit einer Truppe herumzureisen. Wenn sechs oder zehn Leute nicht unter einen Hut zu bekommen sind: gut, dann mache ich eben meinen Dreck alleine, wie der selige König von Sachsen gesagt hat. – Ich habe schon meine Pläne und Ideen«, verhieß sie, immer noch etwas grollend, aber doch schon fast wieder munter. »Wenn es sein muß, gehe ich ohne Ensemble auf Tour – ich, ein zartes, einsames Mädchen!«

Sie grüßte kurz und ziemlich ungnädig zur Terrasse des »Café du Dôme« hinüber; denn dort saßen Herr Nathan-Morelli und Fräulein Sirowitsch und hatten ihr zugewinkt. Warum sie so unfreundlich nicke? – wollte Hummler wissen. Marion erklärte: »Ich habe diesen Nathan-Morelli nicht besonders lieb. Sein antideutscher Snobismus geht mir auf die Nerven.« – Darauf Hummler: »Er ist aber ein gescheiter, sehr gebildeter Mensch. Neulich habe ich mich mal lange mit ihm unterhalten. Er weiß enorm viel. Und ich glaube nicht, daß ihm Deutschland wirklich so gleichgültig ist, wie er es immer hinstellen möchte. Anfangs habe ich mich auch über ihn geärgert – du erinnerst dich: am ersten Abend gleich, auf der Terrasse vom ›Café Select‹ – aber allmählich habe ich kapiert, daß es sich da um etwas sehr Kompliziertes handelt, um eine Art von Liebeshaß.« Hummler bewies, daß er psychologisch geschult und keineswegs ohne feines Verständnis war. »Ein sehr ambivalentes Gefühl«, sagte er noch, klug und gebildet. »Mir hat Nathan-Morelli gestanden: Meinen Sie denn, ich bildete mir wirklich ein, Engländer zu werden? Engländer wird man nicht … Ich tue, was ich kann, um mich von Deutschland zu distanzieren – erklärte er mir – und ich glaube in der Tat, daß dies heute die einzig würdige Haltung für einen deutschen Juden ist; aber ich weiß doch nur zu genau, daß ich von diesem verdammten Land niemals loskommen werde. – Die Redewendung mit dem ›verdammten Land‹ hat mich ja wieder ein bißchen verstimmt. Aber im ganzen war es doch gar nicht so dumm, was er da alles vorgebracht hat.«

»Er hat sicher seine braven Seiten«, räumte Marion ein; aber sie behielt ihr böses, unduldsames Gesicht. – »Und es ist ja rührend, wie die Sirowitsch ihm ergeben ist!« Hummler lag daran, Marion für diese beiden Menschen, die er schätzen gelernt hatte, zu interessieren. »Zunächst verhielt er sich nicht sehr entgegenkommend, ihr gegenüber; aber nach und nach hat sie ihn doch gewonnen. Jetzt sieht man sie beinah immer zusammen. – Man muß nur Geduld haben.« Dies äußerte Hummler mit bedeutungsvollem Blick. Er bemühte sich seinerseits, zäh und unermüdlich, um Marion, die ihm aber wenig Gunstbeweise gab.

Bei der Schwalbe war es ziemlich voll. Dr. Mathes, der mit Meisje saß, winkte den Eintretenden zu, sich an seinen Tisch zu setzen. Der Arzt und das blonde Mädchen sahen glücklich aus; sie hatten einander gefunden – und Mathes außerdem eine Stellung. Durch besondere Protektion, die er Marcel Poiret verdankte, war er an einem Krankenhaus untergekommen und verdiente sogar ein bißchen. Meisje ihrerseits, die eingesehen hatte, daß sie als Blumenzüchterin hier wenig Chancen hatte, absolvierte einen Pflegerinnenkursus. Übrigens erhielt sie monatlich eine kleine Guldenanweisung von ihren Verwandten aus Holland. Die beiden waren also relativ wundervoll dran. Sie hatten sich eine Zweizimmerwohnung im XIV. Arrondissement genommen. Dort gab es, außer ihrem Bett, ein Sofa, auf dem fast jede Nacht ein anderer Emigrant schlief, und einen Tisch, an dem meistens zwei oder drei Fremde zu essen bekamen. Meisje, die bis jetzt ein einsam-jungfräuliches Leben geführt hatte, sah noch schöner aus, seit sie sich lieben ließ. Ihr klares, offenes Gesicht unter der Fülle des ährenblonden Haares schien zugleich weicher und stolzer geworden. Ein außerordentlich prachtvolles Geschöpf. Marion schaute sie an und dachte: ›So möchte ich einmal aussehen dürfen, so unschuldig und so stark! Wie herrlich muß man sich fühlen in seiner Haut, wenn man so wohlgeratene Glieder hat und eine so engelhaft blanke Stirn!‹ – Mathes bemerkte Marions neidisch-zärtlichen Blick. Er nickte ihr zu und lächelte, als wollte er sagen: Ist sie nicht unvergleichlich? Ich finde, daß sie durchaus unvergleichlich ist!

Die drei Burschen, die aus Deutschland kamen, wurden ausgefragt; während sie ihre Erbsensuppe mit Wurst verzehrten, mußten sie nochmals all ihre Neuigkeiten auspacken. Meisjens Gesicht verfinsterte sich zürnend, wie das eines gekränkten Engels, als von den sadistischen Schikanen die Rede war, mit denen SS-Leute ihre Gefangenen quälten.

Auch am Nebentisch unterbrach man die Unterhaltung, um zuzuhören. Dort saß die Proskauer mit Germaine Rubinstein und dem jungen Helmut Kündinger. Die Proskauer arbeitete seit einigen Wochen in einem Comité für jüdische Flüchtlinge. Auf ihrem schrägen Nacken und den schmalen, gesenkten Schultern schien sie allen Kummer der Unglücklichen zu tragen, die sie betreuen half, und ihre raunende Stimme war voll von den tristen Geheimnissen, die ihr anvertraut wurden. »Das Elend ist unbeschreiblich«, murmelte sie oft. Mehr war kaum aus ihr herauszukriegen.

Helmut Kündinger sprach immer noch ziemlich viel und wehmutsvoll von Göttingen und seinem Freund, der sich erschossen hatte. Manchmal packte die Heimwehkrankheit ihn wie eine schwere Grippe. Die Attacke dauerte ein paar Stunden oder ein paar Tage. Dann überwand er sie wieder. Neuerdings hatte das labile Selbstbewußtsein des schüchternen Jünglings eine gewisse Stärkung erfahren; ein untergeordneter, aber doch nicht ganz unwichtiger Posten an der neugegründeten Tageszeitung war ihm anvertraut worden. Er durfte Korrekturen lesen und zuweilen auch selber etwas einrücken lassen. Seine Artikel handelten meistens von den Verhältnissen an den deutschen Universitäten. In diesem Milieu kannte er sich aus, und die Journalisten bestätigten ihm, daß er brauchbare Arbeit tue. Nun konnte er, im »Café du Dôme« oder bei der Schwalbe, gelegentlich auf die Uhr sehen und nervös aufspringen: »Mein Gott – ich muß in die Redaktion! Es ist Zeit zum Umbruch!« Oder er durfte abends mit bedeutsamer Miene sagen: »Ihr entschuldigt mich, bitte! Ich habe noch einen Aufsatz für die Sonntagsnummer fertigzumachen …«

Man richtete sich ein im Exil. Es dauerte kaum ein halbes Jahr und war doch schon kein Abenteuer mehr, sondern gewohnter Zustand. Alle hatten Pläne, die meisten schon irgendeine Beschäftigung, und manche verdienten sogar etwas Geld. Man bewegte sich in der fremden Stadt fast schon mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie einst in der Heimat; man hatte seine Stammlokale, seinen Bekanntenkreis. Aus dem Reich kam immer neuer Zustrom. Die »alteingesessenen Emigranten« empfingen die eben erst angekommenen nicht ohne einen gewissen Hochmut. »Habt ihr es nun auch eingesehen, daß man bei den Nazis nicht leben kann?« fragten sie, etwas mitleidig und etwas höhnisch. »Na, nun sollen wir euch wohl erst mal was von Paris zeigen!« – Man blieb unter sich, sprach immer noch deutsch miteinander. Die politisch Aktiven hatten zwar den Kontakt mit französischen Gesinnungsgenossen aufgenommen: man unterzeichnete zusammen Proteste; auch gemeinsame Versammlungen und Demonstrationen wurden geplant. Aber diese Beziehungen waren zunächst aufs Sachliche beschränkt. Marcel war einer der wenigen unter den Pariser Schriftstellern, der mit den deutschen Emigranten freundschaftlich-intim verkehrte.

Auch mit den übrigen internationalen Emigranten, von denen die Stadt wimmelte, hatte man wenig Umgang. Von den weißrussischen Exilierten distanzierte man sich schon aus politischen Gründen. Marion und Madame Rubinstein zum Beispiel sahen sich jetzt viel seltener, als es früher bei den Pariser Aufenthalten Marions der Fall gewesen war. Hingegen erschien die ernste kleine Germaine immer häufiger in der »Schwalbe«; man durfte sie beinah schon zu den Stammgästen rechnen. Das Zusammensein mit den deutschen Antifaschisten, die noch kämpferisch gestimmt waren und auf eine bessere Zukunft hofften, behagte ihr besser als der Verkehr mit den resignierten, verbitterten oder stumpf gewordenen Freunden ihrer Eltern oder als das Geplauder mit den kleinen Pariser Mädchen, die ihre Kolleginnen im Modesalon waren. »Die haben doch nur ihre Flirts im Kopf«, meinte sie verächtlich. Und sie gestand Marion, daß sie immer noch, und immer heftiger, von der Rückkehr nach Moskau träume. »Gestern habe ich mir einen neuen russischen Film angesehen«, sagte sie zur Proskauer. »Alle Gesichter, die auf die Leinwand kamen, hatten so ein Leuchten … Es waren gar nicht lauter schöne Gesichter; aber wenn sie lachten, konnte man sich in jedes von ihnen verlieben. Ich kann es gar nicht beschreiben … Ich war nachher so traurig – und so froh wie schon lange nicht. Wenn Mama mir nur erlauben wollte …« flüsterte sie und blickte scheu um sich, als könnte Anna Nikolajewna sie hören.

»Vermutlich ein älterer Film«, murmelte verständig die Proskauer, wozu die kleine Germaine zornig die Achseln zuckte.

Die Schwalbe, Zigarre im Mund, Arme breit in die Hüften gestemmt, ging zwischen den Tischen umher und erkundigte sich bei den Gästen, ob das Essen schmecke. »Ausgezeichnet!« lobte Marion. »Es wird immer feiner bei dir, und immer voller. Ich glaube, dein Laden geht besser als alle anderen von Paris. Bobby Sedelmayer könnte sich gratulieren, wenn er nur die Hälfte von deinen Gästen hätte.«

Bobbys Lokal hieß »The Rix-Rax-Bar« und war verlockend aufgemacht; leider blieb der Erfolg mäßig. Für die Emigranten waren die Drinks zu teuer, und die Pariser große Lebewelt frequentierte kaum ein Dancing, das von einem unbekannten Deutschen geleitet wurde. Die Jazzkapelle war gut, der Mixer galt für eine Kapazität in seinem Fach, die Dekorierung der Wände stammte von einem jungen Maler, den man in Kennerkreisen als einen »aufgehenden Stern« bezeichnete. Übrigens lag das Lokal günstig, nicht weit von der Avenue de l’Opéra. Es waren aber nur ein paar durchreisende Amerikaner und einige wohlhabende Geschäftsleute aus dem Berliner Westen, die sich, in nicht besonders heiterer Laune, hier zusammenfanden. Bobby, sehr adrett in seinem zweireihigen Smoking, eine große weiße Nelke im Knopfloch, empfing alle mit dem gleichen gastlichen Lächeln und versuchte optimistisch auszusehen. Besonders wenn Siegfried Bernheim erschien, strahlte Bobby; der Bankier behielt trotzdem den verdrossenen Gesichtsausdruck. Er hatte zuviel Geld in dieses Unternehmen gesteckt, und schon wurde ihm klar, daß es nicht rentierte. Bobby sagte aufgeräumt: »Heute abend ist es ausnahmsweise nicht besonders voll bei mir. Ist ja selbstverständlich, bei der Hitze! Wer bleibt denn jetzt in Paris?« Aber Bernheim schüttelte nur düster den Kopf. Er reiste schlechter Laune nach Mallorca ab. Professor Samuel begleitete ihn.

Die Schwalbe war natürlich doch ein wenig schadenfroh, was die »Rix-Rax-Bar« betraf. »Bobby wollte es eben gar zu schick haben«, tadelte sie. »Die Zeiten sind nicht danach.« Aber als dann Marion nett von Bobby sprach – er sei ein so lieber Kerl und sein Mißerfolg tue ihr leid – war es die Schwalben-Wirtin selber, die vorschlug: »Wir sollten nächstens mal alle zusammen abends zu ihm gehen. Ich lade euch ein – aber keiner darf sich mehr als einen Cocktail bestellen; sonst bin ich ruiniert. – Und überhaupt«, fügte sie brummend hinzu, »ist es eine Sünde, heutzutage dreißig Francs für ein bißchen Gin rauszuschmeißen, in dem eine Olive und eine halbe Orchidee schwimmen; das ist dann der neu erfundene ›Rix-Rax-Cocktail‹ …« – »Bobby ist immer sehr hilfreich und gefällig, wenn er selber was hat«, bemerkte Marion noch. »Er sieht jetzt oft sorgenvoll aus. Weiß Gott, wie viele Leute er ernähren muß …« Marion hatte eine Schwäche für den unternehmungslustigen kleinen Mann mit den blendenden weißen Haaren.

Sie wurde ans Telefon gerufen. Es war Marcel. »Ich spreche aus Martins Zimmer«, sagte er.

Martin und Kikjou hausten zusammen in einem kleinen Hotel, das gleich neben dem »National« in der Rue Jacob lag. Seit Monaten hatten sie sich nicht einen Tag mehr getrennt. Kikjou war damals, im April, von seinem Ausflug zum frommen Oheim in Belgien nach einer Woche zurückgekommen. Der enge Raum im »National« war auf die Dauer zu eng für die beiden Freunde geworden. Das Zimmer, das sie nun im Nebenhaus bezogen hatten, ging eigentlich weit über ihre Verhältnisse. Es war ein geräumiges Studio mit eigenem Bad und großem Atelierfenster, durch das man den Blick weit über die Dächer des Quartiers hatte. Das Appartement kostete fünfhundert Francs im Monat; an jedem Ersten mußte Kikjou eine neue List ersinnen, um den Onkel in Lausanne weich zu stimmen – der fromme in Belgien schien finanziell nicht in Frage zu kommen – oder Martin sah sich genötigt, einen bewegenden Brief an alte Korellas abzufassen. Manchmal blieben die Gemüter hart, und die Geldsendungen aus Berlin wurden, durch die deutschen Devisengesetze, ohnedies immer mehr erschwert. Dann gab es dramatische Auftritte mit der Patronne, die zornig drohte, die beiden jungen Leute aus dem Hotel zu werfen und ihr Gepäck zu beschlagnahmen, schließlich aber doch wieder Nachsicht und Geduld zeigte.

Meistens lagen sie bis zum Nachmittag im Bett – »um den Lunch zu sparen«, wie Martin erklärte. »Wenn man lange schläft, genügt eine Mahlzeit am Tag.« Gegen halb zwei Uhr klingelten sie; dann brachte ihnen der Valet de Chambre Chocolade und Brioches. Der Valet hieß Jean und war ein würdiger Mann mit hängendem weißen Schnurrbart. Er empfand eine väterliche Sympathie für die zwei seltsamen Knaben; sein Wohlwollen war nicht frei von Sorge. Die beiden besprachen fast alles mit ihm; er kannte ihre Geldsorgen, begriff, daß es Monsieur Martin so schwerfiel, Artikel für die Zeitung zu schreiben, und all der Ärger, den Monsieur Kikjou mit seiner Familie hatte, war ihm wohl vertraut. »Aber Sie schlafen zu lange!« sagte Jean tadelnd. »Das ist kein Leben! Etwas Sport sollten Sie treiben! Junge Menschen müssen aktiv sein!«

Es war dem Alten auch nicht unbekannt geblieben, welch gefährlichen und ungesunden Angewohnheiten »le jeune Monsieur allemand« nachhing. Eines Tages war dem Valet beim Aufräumen die Spritze in die Hände gefallen, und dann mußte Martin alles gestehen. Übrigens liebte er es, von seinem Laster ausführlich und mit einer gewissen Pedanterie zu sprechen. Er schilderte dramatisch das erste Zusammentreffen mit Pépé und schloß den Bericht, nicht ohne Selbstgefälligkeit: »Das erstaunliche ist, daß ich immer noch nicht eigentlich süchtig bin, weißt du.« (Diese letzten zwei Worte auf die kokette Art zerdehnt und geschleppt.) »Von Morphinismus kann man bei mir gar nicht sprechen. Ich nehme unregelmäßig, in großen Abständen.«

Wirklich besuchte er seinen Freund Pépé – der das Stammlokal längst gewechselt hatte und nun in einem Café nahe der Madeleine »empfing« – zunächst nur jede zweite Woche. Mit einem Heroinpäckchen, das er nun für hundertfünfzig Francs erstand, reichte Martin vierzehn Tage lang. Nur jeden zweiten oder dritten Abend gönnte er sich eine Injektion. Er war schon seit längerem davon abgekommen, das Pulver durch die Nase hochzuziehen, und hatte sich daran gewöhnt, die Substanz in destilliertem Wasser aufzulösen.

Anfangs hatte er seine Beziehung zu Pépé und alles, was mit ihr zusammenhing, vor Kikjou strikt verheimlicht. Auf die Dauer war dies nicht möglich; auch litt Martin sehr darunter, ein solches Geheimnis vor dem Freund zu haben. Kikjous Reaktion auf die Eröffnung war sonderbar. Er schien beinah nicht überrascht. »Ich hatte etwas dieser Art erwartet«, sagte er nur und schaute den anderen, mehr sinnend als streng, lange aus den weit geöffneten, schillernden Augen an. Dann ließ er sich ein paar Stunden lang nicht blicken.

Am nächsten Tage verlangte Kikjou: »Zeige mir la chose infernale!« Martin stellte sich erst, als ob er nicht verstünde, was gemeint war; öffnete aber dann das Päckchen und ließ das kristallisch durchsetzte, hellgraue Pulver sehen. Kikjou betrachtete es, sorgfältig und etwas angewidert, wie man sich ein zugleich attraktives und schauerliches Lebewesen, etwa einen großen, seltsam geformten Käfer, besieht. »Formidable!« brachte er nach langer Pause hervor. »Es sieht ungeheuer giftig aus …« Dazu schüttelte er sanft den Kopf, wie ein nachsichtiger junger Priester beim Anblick der nackten Sünde.

Martin schlug vor: »Magst du es nicht versuchen?« Kikjou verneinte nur mit einem Blick. Martin erklärte: »Du mußt nicht denken, daß ich ein Morphinist bin oder es jemals werden könnte. Ich nehme es nur ganz unregelmäßig, weißt du …« Kikjou winkte ab. Mit einer sehr leisen, zugleich zärtlichen und tückischen Stimme sagte er: »Ich bin neugierig, wie du aussiehst – wenn du es in dir hast …«

Nachts beobachtete er den Freund, wie er sich, nach der Injektion, selig benommen aufs Bett streckte. »Dein Gesicht verändert sich«, konstatierte Kikjou, halb lüstern und halb betrübt. »Wie fremd du mir wirst! Du bist schon ganz weit weg … La chose infernale entführt dich – wohin? – Wohin, Martin?« rief Kikjou ihm zu, mit erhobener Stimme, als gälte es, sich über weite Entfernungen verständlich zu machen. »Ist es schön, wo du bist?« fragte Kikjou, wie über Abgründe weg. Und Martins entrückte Stimme gab Antwort: »Wunderschön.«

Aneinandergeschmiegt sprachen sie die Nächte lang. Kikjou ließ die grausamen, unendlich neugierigen und unendlich zärtlichen Augen nicht von Martins weißer, besänftigter und streng verklärter Miene. Martin hielt die Augen geschlossen, während er redete. Ihm kamen vielerlei Gedanken, die Worte strömten, das Gespräch nahm kein Ende. Alle Probleme, alle Begriffe wurden einbezogen, und alle lösten sich auf in einem Nebel, der schimmernd, aber undurchdringlich war. Martin erzählte auch manches von den Büchern, die er schreiben wollte – große Bücher, wunderbare Geschichten. »O wie traurig – o wie schön werden sie sein! All unsere Schmerzen sollen vorkommen, mitsamt allen Wonnen! Ich spüre, daß mir unvergleichlich Schönes glücken wird …« lallte er aus seiner Euphorie, mit zugleich beschwingter und sehr schwerer Zunge. Kikjou aber schaute ihn an …

Da es Martins Meisterwerke bis jetzt nur in Träumen gab und sie noch nicht auf dem Papier standen, griff er zuweilen nach einem Buch, das er liebte, um dem Freunde draus vorzulesen. Er öffnete den Band Novalis, riß seherisch die Augen auf, in denen die Pupillen sehr klein geworden waren, und verkündete:

»Unerhörte, gewaltige,

Keinen sterblichen Lippen entfallene

Dinge will ich sagen.

Wie die glühende Nachtwandlerin,

Die bacchische Jungfrau

Am Hebrus staunt

Und im thrazischen Schnee

Und in Rhodope, im Lande der Wilden,

So dünkt mir seltsam und fremd

Der Flüsse Gewässer,

Der einsame Wald …«

Tags waren die beiden Knaben still und ermattet. Seitdem die unbarmherzige Hitze über Paris gekommen war, verloren sie vollends die Lust, ihr schönes Atelier zu verlassen. Erst am späten Nachmittag verbrachten sie eine Stunde im Bistro gegenüber, um einen Vermouth zu trinken. Dann gesellte sich wohl David Deutsch zu ihnen, der sich noch intensivere Sorgen um Martin machte als der brave Valet de Chambre. David liebte und bewunderte den jungen Dichter, der sich nun an so bedenkliche Abenteuer verlor. Er nahm Kikjou beiseite, um ihn herzlich zu bitten: »Bringen Sie ihn doch ab von dem abscheulichen Gift! Sie haben Einfluß auf ihn! Machen Sie ihn geltend! Wir verlieren Martin, wenn er es weiter so treibt – was ja bedeuten würde, daß er es bald viel schlimmer treiben wird. Wir dürfen ihn nicht verlieren!« Aber Kikjou – ein junger Priester, der nachsichtig das helle Antlitz zur nackten Sünde neigt – schüttelte nur sanft das Haupt. »La chose infernale ist schon stärker geworden als ich«, sagte er, und es klang kaum bedauernd.

Das Abendessen nahmen sie zu dritt in dem kleinen Restaurant, Ecke Rue des Saints-Pères, wo damals die Amerikanerin ausgespuckt hatte. Und dann kam wieder die Nacht …

Am nächsten Vormittag ließ Marcel auf dem Korridor vor Martins und Kikjous Zimmer den Vogelruf hören, mit dem er sich anzumelden pflegte: »Ohu … Ohu!« Er mußte mehrfach an die Türe klopfen, ehe Martin, sehr verschlafen und in einem nicht ganz sauberen Pyjama, ihm die Türe öffnete. »Les singes!« schimpfte Marcel. Er nannte die beiden niemals anders, was eine Anspielung auf Kikjous zartes und nervöses Affengesichtchen war. »Natürlich! Mitten am Tag noch im Bett!« Martin brachte in seinem langsamen, unbeholfenen Französisch schmollend vor: »So eine Gemeinheit, einen gleich nach Mitternacht zu stören! Komm schon herein, da du nun einmal da bist …«

Übrigens freute Martin sich im Grund darüber, daß Marcel neuerdings häufiger zu ihm kam. Er machte es sich nicht klar oder wollte es sich doch nicht ganz zugeben, daß Poirets Visiten weniger ihm als dem kleinen Kikjou galten. Marcel bewahrte seinem »petit frère« Sympathie und Freundschaft. »Ein sehr anziehendes und interessantes Äffchen«, pflegte er, etwas gönnerhaft, von ihm zu sagen. »Er macht mir Spaß, weil er genau so ist, wie ich in seinem Alter leicht hätte sein können, aber durch verschiedene Zufälle nicht gewesen bin. Wahrscheinlich ist er außerordentlich begabt, und übrigens stark und zäh im Grunde, bei aller Zartheit. Er macht Augen wie ein hysterisches kleines Mädchen; wenn es aber drauf ankommt, weiß er recht genau, was er will. Man könnte noch Überraschungen mit ihm erleben. Er wird manches leisten, und wahrscheinlich überlebt er uns alle.«

»Eine tierisch verkommene Wirtschaft!« Marcel warf mit kühnem Schwung den leichten, hellen Hut auf einen Sessel; er stand da in seinem grauen, etwas fleckigen, aber gut gemachten Flanellanzug, mit breiten braunen Halbschuhen und einem dicken, rot und blau karierten Leinenhemd, zu dem er keine Krawatte trug. – »Wie das hier aussieht! Schweinerei!« Er lachte und fühlte sich ganz behaglich.

Kikjou hockte nackt auf dem Bett, seine Hände um die mageren Knie geschlungen. Martin warf ihm einen Morgenrock zu. »Du siehst unanständig aus«, bemerkte er und grimassierte, als ekelte ihn der Anblick.

Marcel hatte auf Kikjous bloßer, unbehaarter Brust das kleine goldene Kruzifix entdeckt. Der Anlaß kam ihm gelegen, um sich gleich mit Feuereifer in die Diskussion zu stürzen, auf die er sich beinah immer einließ, wenn er Kikjou sah. »Natürlich!« höhnte er, »den häßlichen kleinen Fetisch trägst du auf deinem Herzen! Merde alors!«

»Sei still!« bat der andere ihn sanft und schützte das heilige Ding mit zärtlich gewölbten Händen, als wollte Marcel es ihm vom Halse reißen. Dem schien wirklich nach irgendeiner Aktion solcher Art zumute zu sein. »Es ist eine Schande!« polterte er. »Überall auf der Welt geht die Kirche mit der Reaktion, in allen Ländern macht sie gemeinsame Sache mit den Feinden des Fortschritts, mit den Ausbeutern, oder auch mit den faschistischen Mördern – und du hängst dir diesen Firlefanz um den Hals! Dabei bildest du dir auch noch ein, eine linke Gesinnung zu haben, und treibst dich mit Leuten herum, die von dem Faschistenpack aus ihrer Heimat vertrieben worden sind!« Marcel ließ wegwerfende Blicke über die hübsche Gestalt des schmalen Knaben hingleiten, der seine Nacktheit jetzt notdürftig bekleidet hatte.

Kikjou erlaubte sich einen Einwand. »Soviel ich weiß, werden die Katholiken im Dritten Reich fast ebenso schrecklich verfolgt wie die Juden und Sozialisten. Alles spricht dafür, daß die Feindschaft zwischen den Christen und Nazis sich noch verschärfen anstatt mildern wird.«

»Das ist Zufall«, behauptete Marcel gereizt. »Die Herren Bischöfe würden sich mit dem ›Führer‹ herzlich gern abfinden, wenn sich der nur um eine Nuance entgegenkommender ihnen gegenüber verhielte. Man sieht es doch in Italien: das Gentlemen’s Agreement zwischen Mussolini und dem Papst scheint zu funktionieren.«

Kikjou versetzte, sanft und eigensinnig, übrigens nicht ohne Feierlichkeit: »In Deutschland wird es Märtyrer des Glaubens geben.«

»Märtyrer des Glaubens gibt es dort schon«, warf Marcel zornig dazwischen. »Des sozialistischen Glaubens nämlich!«

»Sind die Christen, die den Kerker oder Schlimmeres auf sich nehmen, weniger bewundernswert?« Kikjou sandte einen großen, ernst fragenden Blick der schimmernden Augen, die unter ihren gewölbten Brauen den Augen Marcels so sehr glichen.

Marcel wollte nicht weiter von den christlichen Märtyrern in Deutschland sprechen. »Die Kirche ist aus leicht durchschaubaren Gründen immer und überall gegen den sozialen Fortschritt gewesen«, beharrte er. »Nach der Französischen Revolution war der Papst der erste, der sich gegen die Proklamation der Menschenrechte erklärte. In Spanien wollen die Priester, Hunderttausende sollen Analphabeten bleiben, nur damit die kleinen Bauern und Landarbeiter sich ohne Widerstand von den Großgrundbesitzern ausnutzen lassen, stumpfsinnig wie das Vieh. Dort wird es auf besonders krasse Art deutlich, welche Rolle die Kirche spielt und am liebsten überall spielen möchte. Sie tut alles dafür, damit das Land, geistig und ökonomisch, in einem mittelalterlichen Zustand bleibe. Dann könnte man die heilige Inquisition wieder einführen und die Ketzer brennen lassen, merde alors. Wenn es in Spanien einmal Revolution gibt – und die kann nicht ausbleiben – dann werden diese verdammten Priester es sein, an denen das Volk sich am grausamsten rächt!« Marcel hatte blutdürstige Augen.

Martin konnte das furchtbar schnell gesprochene Französisch nicht ganz verstehen. Übrigens war er schon mehrfach Zeuge ähnlicher Debatten gewesen, und sie langweilten ihn etwas. Deshalb zog er sich nun ins Badezimmer zurück. »Ich gehe«, sprach er noch, mit würdevoller Miene, ehe er die Tür hinter sich schloß, »um dem Heiligen Vater eine Ansichtskarte zu schreiben. Der arme Mann muß doch wissen, was für unerbittliche Feinde er hat …« Dann ließ er drinnen das heiße Wasser in die Wanne rauschen.

Kikjou, noch immer vom Bett her, sagte leise: »Es gibt falsche Priester. Ich verteidige sie nicht. Jede große Sache hat unwürdige Diener, neben den verdienstvollen; auch der Sozialismus. Die spanischen Kleriker mögen irren, sie sind menschliche Wesen, höchst fehlbar. Die deutschen Priester beweisen, daß die allein seligmachende Kirche im Grunde auf der Seite des menschlichen Rechtes steht. Der Mut, den diese frommen Männer zeigen, kann nur aus innerer Erleuchtung – muß aus der Gnade kommen.«

»Dasselbe ließe sich von den kommunistischen Arbeitern behaupten, die auch nicht gerade feige sind«, versetzte Marcel, zornig und geschwind. »Nur bei den Pfarrern läßt Zivilcourage auf Gnade schließen! – So niederträchtigen Unsinn bin ich gewöhnt, von Madame Poiret zu vernehmen – wenn ich der ekelhaften Person überhaupt noch zuhöre. In Wahrheit ist es aber doch so, daß diese Herren vielleicht in einigen Fällen Mut bewähren mögen, aber für die falsche, verlorene, überwundene oder zu überwindende Sache; für einen Aberglauben, durch den der Fortschritt seit Jahrhunderten bösartig gehemmt worden ist. Kann der Mut des Menschen denn ein anderes Ziel haben als die materielle und moralische Besserung seines Schicksals?! Die Priester lenken den Menschen von der einzigen Sorge ab, die ihn wirklich zu beschäftigen hätte: von der Sorge um sein eigenes Wohlergehen. Als Ersatz für Annehmlichkeiten, die er sich hier nicht verschaffen darf, winkt ein Jenseits – an dem das einzig Gute ist, daß es nicht existiert; denn seine Langweiligkeit wäre unvorstellbar. – Wir wollen aber nicht warten bis zum Jüngsten Tag!« Marcel stand mitten im Zimmer wie auf einer Tribüne und schrie den Jungen im Bett mit Donnerstimme an, als wendete er sich an eine widerspenstige Masse. Die Augen sandten Strahlen; er hob die Faust. »Hier soll es hell werden!« verlangte er stürmisch. »Hier – wo wir leben und uns plagen!! – Es wird hell sein!« verkündete er entzückt, als wäre ihm gerade jetzt von kompetenter Seite diese Mitteilung gekommen. »Weit hinten am Horizont sehe ich eine feurige und schwefelnde Sonne. Sie ist so stark, daß ihre Strahlen viel versengen werden – sehr wohl möglich, daß sie einen Feuerbrand anrichtet. Aber die Dunkelheit nimmt sie fort!«

Marcel liebte es, und es unterhielt ihn sehr, vor dem kleinen Kikjou Christum und Kirche anzuklagen, und eine bevorstehende »klassenlose, kirchenlose, grenzenlose Gesellschaft« zu preisen. Das erregte Gespräch, das sie vormittags im Hotelzimmer begannen, setzten sie zuweilen bis in den Nachmittag oder Abend fort: auf Spaziergängen, in einem Café oder in Marcels kleiner Wohnung, draußen in Auteuil. Marcel redete und redete – fieberhaft eilig, höhnisch und pathetisch, grob und zärtlich, ekstatisch und vulgär. Welche Angst hatte er denn zu betäuben mit dieser Sturzflut von Worten …? Er war geplagt von Ideen, wie ein anderer von Schmerzen. Jeder Gedanke, wenn man ihn nur bis zur letzten Konsequenz zu Ende dachte, bedeutete Verpflichtung, alarmierendes Programm, Aufforderung zur Tat. Auch die Zweifel blieben nicht immer aus, und es kamen Leiden.

Entschlossen mutig, wie ein Schwimmer sich in kaltes Wasser wirft, stürzte Marcel Poiret sich in die intellektuellen Komplikationen. »Das Einfache ist stets nur das Vereinfachte!« proklamierte er. Andererseits quälte es ihn, daß die schillernde Zusammengesetztheit seines Denkens ihn den einfachen Kämpfern, den »Soldaten der Revolution«, entfremdete. Die Manifeste und Pamphlete, die er verfaßte, verwirrten durch ihre Gedankenfülle wie durch den fulminanten Stil. Die Abonnenten der marxistischen Tageszeitungen und die Besucher von Massenversammlungen konnten mit ihnen kaum etwas anfangen. Sie begriffen wohl, daß dieser entflammte Jüngling sie zum Kampfe rief. – »Der Kapitalismus tötet sich nicht selber; man muß ihn töten!« hatte er geschrieben; aber sowohl Pathos wie Ziel dieses Kampfes blieben ihnen mysteriös.

In den dogmatischen Materialismus des hymnischen Marxisten mischten sich zuviel lyrisch-überschwengliche Elemente. »Am Baume des Umsturzes« sah er »die wundersamsten Früchte keimen«, wie der begeisterte Wanderer durch eine Frühlingslandschaft – und er rühmte eine heftig bewegte, gleichsam elektrisch geladene »konvulsivische« Schönheit, die einerseits überschwenglich irrational zu sein schien, andererseits aber in einer seltsam strengen und intimen Beziehung zu den exakten Wissenschaften stand. – »Die Dichtung ist ein Mittel zur Erkenntnis«, ließ er hören; er begeisterte sich für den »neuen wissenschaftlichen Geist« wie für eine Religion.

Er gierte nach Licht, nach Erleuchtung, nach Helligkeit, wie der Kranke nach Sonne. Das Dunkle im tiefsten Grunde seines eigenen Wesens mußte wohl mächtig sein, sonst hätte er nicht mit so gereizter Heftigkeit nach dem Hellen verlangt. – Seine Meinung war:

»Zu bewirken: daß aller Muff der Fäulnis verfliege, das wird die Größe der Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts ausmachen. Deshalb haben wir unser Los verbunden mit dem der proletarischen Revolution, die durch die Befreiung des Menschen den Geist befreien wird.«

Manchmal – aber nur selten – wurden seine schönen, starken, beweglichen Lippen müde von den gar zu vielen Worten, die sie geformt hatten. Er verstummte im befreundeten Kreis, und der Strahlenblick unter den gewölbten Brauen ward dunkel. »Was soll das alles?« fragte er nach solchem Schweigen. »Warum habe ich nicht fünfzig Jahre früher leben dürfen? Dann hätte dies alles mich nicht gequält und mich kaum beschäftigt. Ich hätte ein paar hübsche, traurige, verliebte Bücher geschrieben, ein paar Geschichten über einfache, menschliche Gegenstände, und wäre zufrieden gewesen …« Und mit einem großen Aufseufzen sagte er: »Ach, ich wünschte mir so sehr, wir hätten die Revolution endlich, endlich hinter uns, damit man wieder anfangen könnte mit der Literatur. – Was sollen wir Schriftsteller, während die großen Entscheidungen fallen? Wo sollen wir hin? Sagt mir – wo sollen wir hin?«

Die Freunde konnten es ihm nicht sagen. Was sie vermochten, war nur, den plötzlich Entmutigten etwas zu trösten. Marion legte ihm mit großer Sanftheit die schöne starke Hand auf den Arm. Martin, pedantisch und kokett zugleich die Worte dehnend, begann, eine humoristische Geschichte zu erzählen. Kikjou lächelte – rätselhaft, gütig und verführerisch.

Man saß in Marcels kleiner Wohnung. Die Unordnung hier war horrend – auf den Stühlen lagen Broschüren neben getragenen Hemden, und das Bett war zerwühlt – trotzdem herrschte eine gewisse Gemütlichkeit. Auf dem Tisch stand der rote Wein neben dem Brot und dem Fleisch. Marcel besorgte selber seinen kleinen Haushalt. Er scherzte und lachte mit den Ladenmädchen, wenn er seine Einkäufe machte. Alle im Quartier liebten ihn. Keiner widerstand seinem Charme.

Wenn er zu Hause aß, hatte er immer Gäste. Entweder französische Kameraden stellten sich zur Mahlzeit ein, oder es erschienen ein paar deutsche Emigranten. Marcel bewirtete nicht nur die nahen Freunde, wie Marion, Martin und Kikjou, sondern auch beinah Fremde.

»Wir wollen Grammophon spielen«, schlug Marion vor; sie hatte ihre Hand immer noch auf dem Arm des Freundes. »Die schönen Negerplatten, die wir neulich gehört haben. – Es ist so reizend bei dir, Marcel. Wenn es jetzt noch Musik gibt, werden wir beinah glücklich sein.«

Marcel zu Marion: »Du bist zu geschäftig. Für mich hast du niemals Zeit. Ich bin nicht zufrieden mit dir.« – Sie bat ihn: »Sage das nicht! Es tut mir weh, wenn du so etwas sagst oder glaubst. Ich denke immer an dich. Die Wahrheit ist, daß zuviel an mich herantritt. Du kannst dir nicht vorstellen, mit was für abenteuerlichen Figuren und Problemen einen diese Emigration in Berührung bringt.«

»Und deine eigenen Pläne?« wollte er wissen. »Die Tournee, die du vorhast?« Es war ihm bekannt, daß sie von ihrem Plan, eine Theatertruppe zu organisieren, endgültig abgekommen war und nun für sich allein etwas vorbereitete. Indessen hatte er keine deutliche Vorstellung davon, um was es sich handeln mochte. Sie erklärte ihm: »Sei still! Ich bin abergläubisch. Von Projekten sprechen bringt Pech.«

»Du siehst müde aus«, sagte er. Aber der Blick, mit dem er sie umfing, enthielt mehr Bewunderung als Mitleid. »Du bist auch noch magerer geworden.«

Ihr kurzes, kräftig geformtes Gesicht mit dem breiten, gefährlich lustigen Mund und den eindringlich schönen Katzenaugen wirkte sowohl angegriffen als auch gespannt. Manchmal zeigte es den Ausdruck einer beinah wilden, aggressiven Entschlossenheit; zuweilen aber, wenn Marion sich unbeobachtet glaubte, erschlaffte es, und der Blick wurde starr.

»Du solltest für ein paar Tage mit mir ans Meer gehen«, schlug Marcel ihr vor. Sie machte Einwände: »Vielleicht – nächste Woche oder übernächste … Vorläufig habe ich hier zu tun. Heute nachmittag zum Beispiel muß ich Ilse Ill einem französischen Revuedirektor vorstellen, den ich noch aus guten alten Tagen kenne. Erinnerst du dich an Ilse Ill? Eine unglückselige Person! Das Überraschende an ihr ist, daß sie etwas Talent hat, man sollte es nicht für möglich halten. Übrigens war sie mir immer gräßlich. Es ist ja sonderbar, für was für Leute man sich jetzt einsetzen muß. Wählerisch darf man nicht mehr sein …«

Sie bemühte sich nicht nur für die literarische Chansonette – die schon ganz heruntergekommen und verhungert war – sondern auch für ein Dutzend anderer. Gelegentlich assistierte sie der Proskauer bei der übermäßig anwachsenden Arbeit, die der Betrieb im Comité mit sich brachte. Mit Hummler zusammen – der ihr zäh und geduldig den Hof machte – kümmerte sie sich um die politische Agitation. Es machte ihr Freude, bei der Abfassung von Manifesten und Broschüren behilflich zu sein, die dann, als Reklameheftchen für Zahnpasta oder Korsetts schlau zurechtgemacht, den illegalen Weg nach Deutschland fanden.

Seltsame Typen meldeten sich bei Marion von Kammer, deren Aktivität und Hilfsbereitschaft man kannte. Eines Morgens klopfte es an der Türe ihres Hotelzimmers. Im Halbdunkel des Korridors stand eine große, hagere Frau, sie war nicht ganz jung; Marion taxierte: fünfundvierzig oder fünfzig Jahre alt. ›Mein Gott, sie will mir etwas verkaufen‹, dachte Marion, denn die Dame trug ein kleines gelbes Handköfferchen. ›Und ich habe doch gar kein Geld …‹ Sie bemühte sich, ein möglichst freundliches Gesicht zu machen, als sie sagte: »Guten Morgen. Kommen Sie herein.«

Die hagere Dame erwiderte den Gruß nicht. Während sie eintrat, blickte sie sich scheu und hastig um, als fürchtete sie, es könnte ihr jemand folgen. »Danke schön«, sagte sie etwas sinnlos und schauerte zusammen wie jemand, den ein kalter Luftzug berührt. »Setzen Sie sich doch!« sagte Marion, wobei sie die Besucherin einer schnellen, aber genauen Musterung unterzog. Sie hatte es sich angewöhnt, die Menschen, mit denen sie zu tun bekam, zunächst einmal gründlich anzuschauen.

Die Kleidungsstücke, welche die Frau trug – schiefes kleines Hütchen, langer Regenmantel, hängende Strümpfe, ausgetretene Halbschuhe – schienen auf eine sonderbare Art entfärbt und verblichen, von einem völlig leichenhaften Grau – noch nie, meinte Marion, hatte sie derart fahle Kleidungsstücke gesehen. Aschgrau wie Kappe und Mantel waren auch die drei grotesken Löckchen, die unter dem Hutrand hervor auf die Stirne hingen. Diese Stirne übrigens schien edel geformt und von einer fast kindlichen Glattheit; nicht einmal die lächerlichen, runden, steif gedrehten Löckchen konnten sie entstellen. Die unruhigen, kleinen und dunklen Augen lagen in schattig vertieften Höhlen. Von einer sehr langen, scharf profilierten Nase liefen gramvolle Furchen zu einem schmalen, verzerrten Mund.

»Fräulein Proskauer hat Ihnen also meine Adresse gegeben«, sagte Marion, da die Fremde, in starrer Haltung, mitten im Raum stehen blieb. »Aber warum setzen Sie sich denn nicht?«

Die Frau fuhr auf wie aus schweren Träumen; erschauerte wieder und ließ ein beängstigendes kleines Kichern hören. »Fräulein Proskauer, ganz recht«, sagte sie geschwind und fügte rätselhaft hinzu: »Eine sehr originelle Person … Sie hat mich auf die Idee gebracht, mit Lavendelwasser, Seife und komischen kleinen Schwämmen hausieren zu gehen … Äußerst originell …« In ihren Augen gab es ein kurzes, gehässiges Funkeln.

Marion fragte besorgt: »Sie verkaufen also Toiletteartikel?« Dabei berechnete sie: ›Ich besitze noch dreißig Francs. Eine Tube Zahnpasta könnte ich ihr vielleicht abkaufen; das wird nicht mehr als acht Francs kosten.‹

Statt Marions Frage zu beantworten, erklärte die Fremde, mit einer vornehm knappen Neigung ihres langen und schmalen Hauptes: »Mein Name ist Friederike Markus.« Den Oberkörper vorgebeugt, die aschfarbene Skeletthand an den Mund gelegt, fügte sie raunend hinzu: »Freunde nennen mich Frau Viola. Aber verraten Sie es Etzel nicht! Er kann es nicht ausstehen, wenn ich als ›Frau Viola‹ begrüßt werde – vielleicht weil Gabriel mich stets so angeredet hat: immer als Frau Viola, ganz konsequent, niemals anders.« Daß sie mit mißtrauisch schrägem Blick Marions erstaunte Miene bemerkte, machte sie gereizt: »Nun ja, es könnte doch sein, daß Sie Etzel, meinen sogenannten Gatten, einmal irgendwo treffen. Er ist viel unterwegs, wird überall vorgelassen und benutzt all seine Verbindungen, um gegen mich zu intrigieren.« – Marion dachte: ›Mein Gott, sie ist nicht ganz richtig im Kopf. Durch vieles Leiden ist sie völlig aus der Form gekommen und hat ihr inneres Gleichgewicht ganz verloren. Was fange ich mit ihr an?‹

Frau Viola, die kerzengerade, mit dem Köfferchen auf den aneinandergepreßten Knien, im Stuhle saß, ließ ihre Stimme vernehmen, die scharf klirrte wie ein geborstenes Instrument: »Ehe wir zu den Geschäften übergehen, liebes Fräulein von Kammer, möchte ich mir doch noch eine Frage erlauben: Kennen Sie Bernard Shaw?«

»Ich hatte nie das Vergnügen.« Marion war ziemlich erschrocken. »Ohne Frage, ein bedeutender Schriftsteller«, fügte sie hilflos hinzu.

»Der Ansicht bin ich auch einmal gewesen«, bemerkte Friederike Markus spitzig. »Aber wenn er wirklich so bedeutend ist – warum hat er mir dann auf fünfzehn Briefe« – bei Nennung dieser Zahl hob Frau Viola drohend den langen Zeigefinger – »auf fünfzehn lange, mit meinem Herzblut geschriebene Konfessionen nicht geantwortet?!« – Marion meinte, der berühmte Ire dürfe vermutlich stark beschäftigt sein; daraufhin hatte Friederike nur ein unendlich höhnisch-hochmütiges Achselzucken. »Ich habe ihm meine Seele angeboten – mein Innerstes habe ich ihm enthüllt! Nicht nur, daß ich mich bemühte, ihm die furchtbar harten und übrigens äußerst interessanten Umstände meines Lebens ausführlich auseinanderzusetzen – ich habe ihn verschwenderisch beschenkt mit den Früchten meiner Erkenntnis; mit den durch unzählige Schmerzen erworbenen Reichtümern meines Geistes!« Plötzlich den Ausdruck ihres Gesichtes und der Stimme verändernd, den Oberkörper wieder vertraulich vorgeneigt, fuhr sie fort: »Vorigen Monat hatte ich nämlich die Möglichkeit, so viele Briefe zu schreiben, wie mein Herz begehrte. Ich habe meine Armbanduhr versetzt und mir für den Erlös eine Schreibmaschine geliehen. Eine Schreibmaschine – denken Sie sich doch nur, ganz für mich alleine!« Sie kicherte wieder, diesmal klang es beinahe munter. »Etzel war um diese Zeit in relativ friedfertiger Laune. Alles traf sich sehr günstig, ich zog mich vier herrliche Wochen lang von den Geschäften zurück und widmete mich ganz meinen Briefen. – Und nun diese Enttäuschung …« Sie sank trostlos in sich zusammen. »Diese schmähliche Niederlage! – Wann werde ich mir jemals wieder eine Schreibmaschine leisten können? Und Etzel – ach, wenn Sie ahnten, wie er jeden meiner Schritte belauert!«

Ehe es zum Verkauf der Zahnpasta kam, mußte Marion sich noch manches über Frau Violas Vergangenheit anhören. »In Berlin hatte ich Glanz um mich!« rief sie stolz. »Ich war Kunstsammlerin, ich liebte das Schöne und erwarb es in bedeutenden Mengen; ich besaß Gemälde und Tiere aus Porzellan, und bestickten Samt!« Jedes Glück aber war aus ihrem Leben gewichen, seitdem Gabriel sich zurückgezogen hatte – »Gabriel, mein Erzengel!« In Friederikes schattigen Augenhöhlen glimmten Lichter. »Gabriel, der einzige, der mich verstand; der all des innigen Gefühls, das ich zu bieten habe, würdig gewesen ist! Ach, er ging … er ging … da bog er um die Ecke!« rief sie fassungslos, als wäre der liebe Jüngling eben erst entwichen und hätte gerade dieses Zimmer verlassen. Ihre Hände krampften sich um den Koffer, der die Pasten, Crèmes und Wohlgerüche enthielt, mit denen die Unglücksfrau hausieren ging. »Warum ließ Gabriel Frau Viola?« fragte sie mit gräßlicher Hartnäckigkeit – während Marion nicht mehr wußte, wohin sie schauen sollte vor Scham und Schrecken.

Für die Zahnpasta verlangte Frau Markus elf Francs und fünfzig Centimes: »Es kommt Sie mindestens um zwölf Prozent billiger als in jedem Laden«, erklärte sie, plötzlich geschäftsmäßig. Nachdem der Handel abgeschlossen war, bat Marion die Besucherin milde, nun zu gehen. Zum Abschied sagte Friederike – sehr leise und während eine helle, flaumige Röte über ihr hageres, zerwühltes Gesicht lief: »Ich möchte Sie bald wieder einmal besuchen dürfen, liebes Fräulein von Kammer! Sie sind doch ein Mensch. Meistens begegnet man nur Lemuren …« Noch einmal erschauerte sie; der eisige Lufthauch hatte sie wohl wieder berührt. Schon im Korridor bat sie noch: »Und bitte, Etzel gegenüber – völlige Diskretion: über alles!« Dabei legte sie, lustspielhaft neckisch, den langen Zeigefinger an die verzerrten Lippen.

Friederike Markus verließ das Hotel; steif und närrisch affektiert stolzierend, schritt sie die Rue Jacob hinunter und bog in die Rue St.-Benoît ein, um den Boulevard St.-Germain zu erreichen. Das gefüllte Köfferchen, das sie zu tragen hatte, war nicht ganz leicht. Ihre eine Schulter wurde ein wenig nach oben gezogen, während die andere hinabhing. Friederikes Haltung war sowohl steif als schief – und da die einsam Wandelnde auch noch im Selbstgespräch die Lippen bewegte und zuweilen stehenblieb, um mißtrauische Blicke hinter sich zu werfen, war der Eindruck, den sie machte, ein so überraschender, daß mancher Passant mitleidig-amüsiert auf sie schaute. Sie bemerkte es kaum; denn sie war durchaus beschäftigt mit den eigenen Gedanken, die sich teils sorgenvoll-gequält ans Nächste, kümmerlich Alltägliche hielten, teils aber abglitten, davonhuschten, Reißaus nahmen, um sich in jenen Gegenden niederzulassen, wo der Jüngling, Gabriel genannt, seinen strahlenden Aufenthalt hatte. – ›Heute vormittag muß ich noch mindestens drei Visiten machen‹, rechnete Frau Viola. ›Zuerst gehe ich wohl zu dieser Schweizer Dame im Hôtel des Saints-Pères. Vorher will ich aber noch eine Tasse Kaffee trinken …‹

Sie ließ sich in einem schmutzigen kleinen Bistro nieder, das »Au Rendezvous des Chauffeurs« hieß. – Wenn Friederike eine Tischplatte vor sich sah, wurde sie immer gleich von der unwiderstehlich starken Lust ergriffen, zu schreiben. Es war eine Art von Trance, in die sie verfiel, wenn sie die Feder ins Tintenfaß tauchte – und es entstanden die endlos langen, konfusen, übrigens fast unleserlichen Briefe, die sie an berühmte und ihr meistens fremde Personen adressierte. Dichtern und Professoren, Malern und Schauspielerinnen, Dirigenten und Politikern ihr gepeinigtes Herz auszuschütten war zum einzigen Vergnügen geworden, das sie sich gönnte. Solche Liebhaberei bedeutete für sie einen Luxus, und zwar einen recht leichtsinnigen, üppig unstatthaften. Das Briefporto spielte in ihrem Etat eine beängstigende Rolle, und wenn es sich gar um Doppelbriefe handelte – was häufig vorkam – und sie obendrein noch dem inneren Drang nachgeben mußte, das schwere Schreiben rekommandiert und expreß zu senden, so hieß es gar manches Mal, tagelang auf eine warme Mahlzeit zu verzichten und sich mit altem Weißbrot und lauem Tee begnügen, damit nur all die fremden Berühmtheiten aus ihrer Morgenpost erführen, wie melancholisch und interessant das innere Leben der Frau Viola beschaffen war.

Heute schrieb sie an Frau Tilla Tibori – was sie sich schon lange vorgenommen hatte; denn diese Schauspielerin war ihr eine der liebsten in Berlin gewesen. »Verehrte Frau!« Friederikes Feder eilte knirschend übers Papier. »Auch Sie hat unser gemeinsames Unglück in ein fremdes, unwirtliches Land verschlagen.« (Die Markus hatte zufällig Tillas Züricher Adresse durch gemeinsame Bekannte in Erfahrung gebracht.) »Hören Sie die Klage und das Bekenntnis einer Leidensgenossin …« An dieser Stelle stutzte sie plötzlich, als hätte eine Stimme sie angerufen. Sie hob ruckhaft den Kopf. Während ihre Blicke irr ins Leere glitten, sprach sie mit einer kleinen, zirpend hohen Stimme: »Ja – Gabriel – wo bist du? Ich kann dich hören! Aber sprich doch bitte, bitte etwas deutlicher, damit ich dich besser verstehe!«

Der Kellner beobachtete sie, erstaunt und ziemlich angewidert.

Während Frau Viola das armselige Briefpapier »Au Rendezvous des Chauffeurs« mit Anklagen und Beschwörungen, Ausbrüchen des Stolzes und des grenzenlosen Jammers füllte, telefonierte Marion mit der Proskauer, um einige Tatsachen über die Unglückliche zu erfahren. »Was ist das für eine Frau?« fragte Marion. »Sie hat mir angekündigt, daß sie mich wieder besuchen wird …«

Dora wußte sofort Bescheid. »Natürlich erinnere ich mich an Friederike Markus, die vergißt man nicht, sie hat uns ja genug Sorgen gemacht. Eine Zeitlang mußten wir sie unterstützen, bis wir ihr diese Parfümerievertretung verschafften. Es sind noch keine Klagen über sie gekommen; ihre Arbeit scheint sie korrekt zu erledigen. Trotzdem bin ich pessimistisch, was ihre Zukunft betrifft. Ihr Geisteszustand wird immer bedenklicher.«

»Ist denn alles erfunden, was sie erzählt?« wollte Marion wissen. »Die ganze Geschichte von ihrem satanischen Gemahl Etzel und dem schönen Jüngling Gabriel?«

»Alles erfunden«, bestätigte die Proskauer, »alles erträumt. In Wirklichkeit hat sie niemanden – und das ist wohl so schlimm, daß sie sich einen Gatten ausdenkt, der sie quält, und einen Jüngling, der sie verlassen hat. Von den Dingen, die in ihrem Leben wirklich passiert sind, spricht sie nie. Sie hatte nämlich tatsächlich einen Mann – du wirst seinen Namen wahrscheinlich gehört haben: Doktor Max Markus, Rechtsanwalt. Er war der juristische Vertreter einer linkspolitischen Gruppe in Berlin, und dann kam er ins Konzentrationslager, und dort soll er sich umgebracht haben.« Dora Proskauer schwieg; am anderen Ende der Leitung ließ Marion einen kleinen Laut der Bestürztheit und der Trauer hören.

Marions Tage in Paris waren erfüllt von Sorge um die eigene Zukunft und von Anstrengungen, die sie für die Zukunft anderer unternahm. Nicht alles, was man versuchte und anzettelte, wollte geraten. Ilse Ill zum Beispiel kam verzerrt vor Enttäuschung von ihrem Rendezvous mit dem Theaterdirektor zurück. »Er hat mich abgelehnt!« zischte die Kabarettistin. »So eine Gemeinheit! – Und wissen Sie, was er zu mir gesagt hat?! Er hat mir ins Gesicht gesagt: ›Fräulein, Sie sind zu häßlich!‹ – Später hat er mir aber versichert: ›Natürlich, Sie haben Talent.‹ – Nun bitte ich Sie, Marion, was soll das bedeuten?! Wenn ich Talent habe, dann habe ich doch ein Gesicht. Und wenn ich ein Gesicht habe, dann bin ich doch nicht häßlich!!«

»Ich kenne noch einen Pariser Theaterdirektor«, sagte Marion müde. »Mit dem werde ich Sie zusammenbringen, Fräulein Ill.«

Und Ilse – die vom Ehrgeiz gejuckt wurde wie von einem giftigen kleinen Ausschlag – wiederholte: »Er hat mir gesagt: ›Vous êtes trop laide, Mademoiselle!‹ Ist das zu fassen? Ist das vorzustellen …?«

»Du mußt mit mir ans Meer!« Dieses Mal bestand Marcel darauf.

Sie fuhren nach einem kleinen Ort in der Nähe von Deauville. Der Sommer ging zu Ende; die Winde waren heftiger und rauher. Das dunkle, bewegte Wasser ließ erkennen: es ist Herbst geworden. – »Schluß mit dem Sommer!« Marcel rief es mit grimmiger Vergnügtheit aus – als wäre es jedenfalls gut, daß wieder eine Jahreszeit, irgendein Lebensabschnitt erledigt und endgültig vorüber war. – »Nie wieder Sommer 1933!« Marion hielt das Gesicht und die schimmernde Mähne dem Sturm hin. »Es war ein infernalischer Sommer. Diese heißen Wochen in Paris vergesse ich nie. Der Asphalt auf den Straßen war ja schon ganz weich geworden; die Schuhsohlen klebten einem fest …«

Sie machten weite Strandspaziergänge, oder sie saßen, in ihre Mäntel gehüllt, auf einer Terrasse – fröstelnd, aber froh.

Nachts, wenn der Sturm um das kleine Hotel tobte, veränderte sich alles um sie herum ins Wilde und Phantastische. Sie wußten nicht mehr, daß es ein ziemlich kleinbürgerlicher Erholungsort war, den es da vor ihren Fenstern gab. Das Zimmer, in dem sie einander liebten, schien in der Luft zu hängen, eine schwebende Gondel.

Marion taumelte. Die lange Promenade am Meer und der große Wind, dem sie ihr Gesicht dargeboten hatte, waren wohl ein wenig viel für sie gewesen. Sie klammerte sich an Marcel, als ob sie stürzen müßte, wenn sie ihn ließe.

»Wie mager du bist!« sagte er noch einmal; er schien sich über die Schmalheit ihres Körpers nicht genug erstaunen zu können, obwohl er selber dünn war. »Nur Haut und Knochen!« Dies konstatierte er nicht ohne eine gewisse Strenge. Aber wieviel gerührte Zärtlichkeit klang in seinem Tadel! – »Komm zu Bett!« Es war Marion, die ihn bat. »Mir ist schwindlig.«

Das Zimmer schwankte ihr unter den Füßen. Nun schien es ein Schiff auf hoher See zu sein – oder vielleicht nur ein kleiner Nachen. Wohin trug er sie? Gab es Ufer, jenseits dieser Gewässer, die sich unermeßlich breiteten? Und wenn es Ufer gab – hatte man Kraft genug, um sie zu erreichen?

»J’ai peur – ah, j’ai peur …« Marion erschrak: dies war Marcels flüsternde Stimme; sie aber hatte genau dasselbe sagen wollen – freilich auf deutsch.

»Wovor fürchtest du dich?« – Er beantwortete ihre Frage mit einer Stimme, die plötzlich rauh war und etwas keuchte. »Gefahren – Gefahren überall … Oh, wir sind schon verloren …! Welche Schuld haben wir auf uns geladen, daß man uns zu solcher Strafe verdammt …? Ach, Marion – Marion …« Seine Worte vergingen an ihrem Hals. Vielleicht weinte er.

»Wir werden schon fertig – mit allem!« raunte sie zuversichtlich. Aber auch ihre Augen hatten den entsetzten Blick, als wäre ein Abgrund jäh vor ihnen aufgesprungen.

Aus dem Abgrund stiegen Feuerbrände, auch Qualm kam in dicken Schwaden, und Felsbrocken wurden emporgeschleudert. Es war der Krater eines Vulkans.

Hüte dich, Marion! Wage dich nicht gar zu sehr in die Nähe des Schlundes! Wenn das Feuer dein schönes Haar erfaßt, bist du verloren! Wenn einer der emporgeschleuderten Felsbrocken deine Stirne streift, bist du hin! Auch könnte es sein, daß du am Qualm elend ersticken mußt.

Hütet euch, Marion und Marcel! Furchtbar ist der Vulkan. Das Feuer kennt kein Erbarmen. Ihr verbrennt, wenn ihr nicht sehr schlau und behutsam seid. Warum flieht ihr nicht? Oder wollt ihr verbrennen? Seid ihr versessen darauf, eure armen Leben zu opfern? – Aber ihr habt nur diese! Bewahrt euch! Wenn auch ihr im allgemeinen Brand ersticken solltet – niemand würde sich darum kümmern, niemand dankte es euch, keine Träne fiele über euren Untergang. Ruhmlos – ruhmlos, Marion und Marcel, würdet ihr hingehen!

Noch einmal Marcels keuchende Flüsterstimme: »Gefahren, wohin ich schaue … Kampf – Kampf ohne Ende … Ich sehe Mord – Mord und Tränen … Voici le temps des assassins! Die mörderische Zeit ist angebrochen … Wohin retten wir uns? Wohin fliehen wir mit unserer Liebe? Wohin, Marion, wohin?«

Der Griff seiner Hände, der von verzweifelter Heftigkeit war, lockert sich endlich. Er schmiegt sich an sie. Nebeneinander ruhen ihre erschöpften Häupter. Ihre Augen waren geblendet von Feuerbränden, die den Horizont nicht erhellen, sondern purpurn verfinstern. Da der eine nun die atmende Nähe des anderen spürt, dürfen sie endlich damit aufhören, ins schauerliche Gewoge der Flammen zu schauen – der Flammen aus dem Vulkan. Sie schließen die Augen. Mit dem Seufzen, das alle Liebenden haben – und das nach Qualen klingt, während es doch soviel mehr ausdrückt als nur die Schmerzen – vertrauen sie sich den Umarmungen an, und ihr letzter Trost sind die Küsse.

5

»Man gewöhnt sich an alles«, konstatierte Frau von Kammer und seufzte. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, daß sie imstande war, ein derart reduziertes, glanzloses Leben auszuhalten.

Den guten Bekannten, die in Deutschland geblieben waren – achtbaren Leuten durchaus konservativer Gesinnung – schien es noch bedeutend schlimmer zu ergehen, wenn man den Nachrichten glauben durfte, die in Zürich eintrafen. Ein Major a.D., der zu den Freunden des Generals von Seydewitz gehört hatte, war mehrere Wochen lang im Konzentrationslager gewesen und säße heute noch drin, wenn er nicht über besonders glänzende Verbindungen verfügte: alles dies, weil sein Dienstmädchen gemeldet hatte, er spreche respektlos von der Regierung. Ein verdienstvoller Herr, bewährt im Krieg wie im Frieden – und verhaftet wegen der Schwätzereien einer Magd! Manche, die im Februar 1933 von der »Machtergreifung« Hitlers entzückt gewesen waren, schienen jetzt, ein Jahr später, schon enttäuscht. Vor allem in Offizierskreisen gab es Katzenjammer, wie Frau von Kammer sich erzählen ließ. Nicht ohne Triumph nahm sie es zur Kenntnis. »Es scheint in der Tat, daß ein Mensch, der Gefühl für Würde hat, in diesem Deutschland nur noch Selbstmord begehen kann«, sprach Marie-Luise mit feierlichem Nachdruck. – »Selbstmord ist keine Lösung«, warf Tilly etwas schnippisch ein. »Sinnvoller wäre: gegen das Regime zu opponieren.« – »Falls das noch irgendwie möglich sein sollte«, schloß Frau Tibori und hatte ihr dunkles, gurrendes, nicht ganz natürliches Lachen. – Tilly wollte das letzte Wort haben. »Die Möglichkeit zur Opposition ist wohl immer da«, meinte sie und sah eingeweiht aus. »Freilich genügt für die illegale Arbeit gegen die Diktatur weder die rechte Gesinnung noch Courage; es gehört Erfahrung dazu – Training, wie zu einem Sport.« Sie erinnerte sich der barschen Belehrung, mit der die zwei jungen Männer in Berlin sie abgefertigt hatten. Frau Tibori und Marie-Luise zeigten ziemlich ratlose Mienen.

Die Schauspielerin erschien jede Woche mindestens einmal zum Tee bei ihrer Freundin. Frau von Kammer hatte, seit dem ersten Januar, die Wohnung in der Mythenstraße aufgegeben, weil sie zu kostspielig war, und gesellschaftliche Repräsentation ohnedies kaum noch in Frage kam. Sie war weiter hinaus, an den See, gezogen und bewohnte nun mit Tilly drei bescheiden möblierte Stuben in Rüschlikon. Die Tibori ihrerseits lebte immer noch mit jenem älteren Herrn, von dem sie meist zurückhaltend als von »meinem Bekannten«, manchmal auch als von »Herrn Kommerzienrat« sprach. – »Er ist gut zu mir, weißt du«, hatte sie Marie-Luise einmal gestanden, »und er verlangt nicht viel. Eigentlich liegt ihm nur daran, meine Stimme zu hören. Er ist vernarrt in hübsche Frauenstimmen und hört mich so gerne schwätzen. Nun, das Vergnügen ist ihm zu gönnen – wenn man bedenkt, was er sich’s kosten läßt. – Der Rest bedeutet nicht viel für ihn.«

Frau von Kammer war doch ein wenig schockiert, weil ihre Jugendgespielin mit soviel Zynismus vom »Rest« sprach. Sie hatte Tilla einmal mit dem Kommerzienrat, gelegentlich einer Theaterpremière, getroffen. Der Tibori war es peinlich gewesen; aber ihr greiser Kavalier ließ sich unbarmherzig vorstellen. Er sah recht verfettet und melancholisch aus, mit hängenden bleichen Backen und Augen, die in fahlem Speck zu verschwinden drohten. – ›Wie hält Tilla das aus?‹ fragte Frau von Kammer sich besorgt und etwas angewidert.

Tilla mußte es wohl aushalten. Wie sollte sie sonst über die Zeit hinwegkommen, während deren sie ihre Kenntnisse im Englischen perfektionierte und auf den Bescheid ihres Agenten aus Hollywood wartete? – Einmal war sie in London gewesen; dort hatte man, im Auftrag einer amerikanischen Gesellschaft, Probeaufnahmen von ihr gemacht. Nun hatte die Entscheidung in Kalifornien zu fallen. Aber die maßgebenden Herren schienen kaum Eile zu haben …

Am Ende konnte es Frau von Kammer nur recht sein, daß die Freundschaft zwischen Tilly und Tilla nicht so intim geworden war, wie die Ältere dies wohl beabsichtigt hatte. »Ich bin doch eigentlich so etwas wie deine Patentante«, hatte die Tibori gescherzt und nichts unversucht gelassen, um das junge Mädchen für sich zu gewinnen und einzunehmen. Tilly aber blieb spröde. Wenn die Actrice sich Mühe gab, in ihre kleinen Geheimnisse einzudringen, schwieg sie störrisch. Sie war degoutiert von der Lebensführung ihrer »Patentante«. – »Eine nicht mehr junge Frau, die sich von einem dicken Kapitalistenschwein aushalten läßt!« sagte sie streng. Der Patentante konnte es nicht entgehen, daß sie etwas verächtlich behandelt ward. Wahrscheinlich ahnte sie auch die Gründe. »Diese junge Generation ist moralisch«, meinte sie sinnend. »Man erregt heute leichter Anstoß bei einer Zwanzigjährigen als bei einem Pfarrer oder einer alten Jungfer. Vielleicht hat das gute Gründe. Wir haben uns aus den moralischen Gesetzen, mit denen es unsere Eltern noch so ernst nahmen, nicht mehr viel gemacht und sind mächtig stolz auf unsere ›Freiheit‹ und ›Unabhängigkeit‹ gewesen. Nun kommen andere: unsere Kinder – oder solche, die unsere Kinder sein könnten – und sie müssen sich neue Gesetze erfinden, ganz für sich allein – weil das Leben sonst langweilig und ohne Spannung wäre.«

Frau von Kammer dachte, etwas verbittert: ›Wie anspruchsvoll sie daherredet! Und was ist das für eine gewagte Behauptung: wir hätten die Moralgesetze überwunden? Es gibt doch wohl Unterschiede, auch innerhalb einer Generation …‹ – Sie sagte: »Ich verstehe nicht ganz, was du meinst. Leider muß ich fürchten, daß die Kreise, in denen meine Tilly verkehrt, es nicht sonderlich genau mit den moralischen Prinzipien nehmen – weniger genau jedenfalls, als manche von uns es taten, als wir jung waren.« – »Doch«, beharrte Tilla Tibori, »auf ihre neue Art sind sie sehr moralisch und verurteilen jeden, der etwas laxere Begriffe hat und sich mal ein bißchen gehen läßt. Es fehlt ihnen der Sinn fürs Frivole. Sie sind alle politisch, lauter kleine Fanatiker – und das macht sie mindestens ebenso unerbittlich, wie wenn sie religiös wären. Wir haben wohl für all das nicht mehr ganz das richtige Verständnis, meine liebe Marie-Luise …«

Frau von Kammer, die den Umgang mit verdächtigen Emigranten immer noch mied und von den feinen Leuten ihrerseits gemieden wurde, blieb recht allein. Aus Deutschland schrieb ihr fast niemand mehr, auch kam wenig Besuch. Ihre beste – oder vielmehr: ihre einzige Freundin in Zürich war eine alternde Schauspielerin, die sich von einem Kommerzienrat aushalten ließ … Trotz alledem war Marie-Luise nicht eigentlich unglücklich. Das Bewußtsein, daß sie sich Entwürdigungen entzogen hatte, denen ihre alten Bekannten in Berlin ausgesetzt waren, gab ihr den Halt.

Marion war zu Weihnachten ein paar Tage in Zürich gewesen. Sie sprach viel und eifrig von ihren Plänen; denn nun waren sie schon so weit gediehen, daß kein Aberglaube mehr daran hindern konnte, von ihnen zu reden. Es lief darauf hinaus, daß Marion als Rezitatorin Abende veranstalten und durch die Länder reisen wollte. Das Programm, das sie vorbereitete – Verse und Prosa von klassischen sowohl als auch von modernen Autoren – war unter einem antifaschistischen Gesichtspunkt zusammengestellt. »Freilich sollen nicht alle Stücke, die ich sprechen will, einen direkt politischen Inhalt haben«, erklärte sie. »Aber irgendwie muß man sie in Beziehung bringen können zu unseren Kämpfen und Problemen. Ich habe schon die wunderbarsten, aufregendsten Dinge gefunden, bei Goethe oder Lessing, bei Heine, Hölderlin oder Nietzsche, oder bei den Neuen. Die deutsche Literatur ist ja so reich, jetzt erst merke ich, wie herrlich reich sie ist. Alles, was uns auf den Nägeln brennt, ist eigentlich schon gesagt und ausgedrückt worden – mit welcher Macht, welcher Schönheit! – Wer zwingt mich übrigens, mich nur auf die deutsche Literatur zu beschränken?« fügte sie noch hinzu, fast übermütig vor lauter Unternehmungslust.

Tilly war gleich begeistert von Marions Plan. Die Mutter verhielt sich mißtrauisch. »Ob man sich wirklich sein Brot verdienen kann durch Gedichteaufsagen?« zweifelte sie. Marion lachte. »Wir werden ja sehen … Und übrigens riskiere ich nicht viel – nur all die Arbeit, die ich mir jetzt mache. Wenn es kein Erfolg wird, versuche ich etwas anderes.«

So war Marion: immer aktiv, voller Einfälle und nicht ohne Munterkeit – wenngleich sie nun häufig recht angestrengte Züge zwischen den Brauen auf der Stirn zeigte. Sie reiste bald wieder ab, weil sie in Paris kolossal viel zu tun hatte, teils mit der Sorge um all ihre Freunde, teils mit der Vorbereitung ihres literarischen Programms. Die drei Zimmer in Rüschlikon wurden so still, wie sie es gewesen waren vor diesem turbulenten, angeregten Besuch. – Tilly war selten zu Hause. Frau von Kammer beschäftigte sich mit großen Handarbeiten, oder sie schüttelte den Kopf über der Lektüre der Zeitung; oft saß sie auch nur einfach da und grübelte, oder sie schrieb auf Zetteln lange Zahlenkolonnen untereinander, um sich auszurechnen, ob sie mit ihrem Monatsgeld auskommen konnte. Es schien fast nicht möglich; aber es mußte sein. Wenn nur das Schulgeld für die kleine Susanne nicht so teuer gewesen wäre. Die schrieb weiter ihre korrekten, ziemlich inhaltslosen Briefe aus dem Internat. Auf ihre trockene Art teilte sie mit, daß sie über nichts zu klagen habe. Sie war ehrgeizig, besonders was den Sport betraf. Stolz berichtete sie von ihrem Sieg auf einem Tennisturnier oder bei einer Schwimmkonkurrenz. Mit den anderen jungen Mädchen vertrug sie sich gut. Vor allem lag ihr daran, nicht aufzufallen; eine unter vielen, ein »Durchschnittsmädel« zu sein. Frau von Kammer mußte ihr nette Kleider und feine Wäsche schicken: das war nötig aus Prestigegründen. Es sollte dem Kind nicht zu Bewußtsein kommen, daß sie ärmer war als alle, mit denen sie in der Klasse saß. Um keinen Preis hätte Susanne es sich selber oder anderen zugegeben, daß sie in dem Zirkel von jungen Mädchen solide-wohlhabender Herkunft ein Ausnahmefall und ein »fremdartiges Element« bleiben mußte – ihre Familie lebte unter gar zu anderen Umständen und Verhältnissen als die Angehörigen der übrigen Schülerinnen. Einmal hatte sie empört an die Mutter geschrieben: »Die Berta Baudessin aus Hannover ist sehr frech zu mir gewesen und hat gesagt: ›Ihr seid ja nur Emigranten.‹ Das ist doch eine Gemeinheit und auch gar nicht wahr. Du hast mir gesagt, es ist nur wegen Deiner Gesundheit, daß Du in der Schweiz leben mußt, statt in Berlin. So ist es doch, Mama?« – Solche Zeilen las Marie-Luise nicht ohne Sorge. »Das Kind gibt sich falschen Vorstellungen hin«, sprach sie kopfschüttelnd.

Tilly aber ärgerte sich. »Eine dumme Gans!« rief sie böse. Die Mutter meinte versöhnlich: »Aber sie ist doch noch so jung! Wie soll sie eine Ahnung haben von dem, was in Deutschland geschieht? Ihr kommt es doch nur darauf an, daß sie nicht aus dem Rahmen fällt und nicht anders ist als ihre kleinen Kolleginnen.« Darauf Tilly: »Das ist ja gerade das Schlimme – wenn man bedenkt, was für eingebildete, kapitalistische Fratzen diese ›kleinen Kolleginnen‹ sein müssen!«

Es war einfach unpassend – fand Tilly – daß Susanne in einer so teuren Schule blieb. »Das ist etwas für die Kinder von reichen Leuten! Susanne sollte nicht vergessen, daß ihre Schwestern sich schon plagen müssen, um leben zu können!«

Sie übertrieb etwas; mit der Plage war es in ihrem Fall noch nicht arg. Sie hatte Stenographieren und das Bedienen einer Schreibmaschine perfekt gelernt, und durch die Vermittlung von Freunden hatte sie auch eine Art von Stellung gefunden. Jeden Tag war sie von morgens neun Uhr bis zum Mittagessen bei einem alten Herrn, der eine stattliche Villa am See bewohnte. Herr Ottinger beschäftigte sich mit der Abfassung seiner Memoiren, die er unter dem Titel »Lebensbeichte eines Eidgenossen« zu veröffentlichen dachte. Dieses gewichtige Manuskript war es, aus dem er Tilly diktierte. Er erlaubte sich einen kleinen Verstoß gegen das Gesetz seines Landes, indem er die Fremde arbeiten ließ. Sicherlich war es die erste illegale Tat in seinem langen korrekten Leben. Herr Ottinger erwies sich als ein freundlicher und liberal gesinnter Mann, mit weißem Vollbart und kurzsichtigen, guten blauen Augen hinter den Brillengläsern. Sein Reichtum galt für solide; bedeutende Teile seiner Revenuen verwendete er für wohltätige Zwecke. Mancher in Stadt und Land und wohl auch auswärts hatte Anlaß, dem Ehepaar Ottinger herzlich dankbar zu sein; denn auch Madame war sehr gut. Sie hatte eine Menge seltsamer grauer Löckchen auf dem Kopf und ein Gesicht voll von Fältchen. Die Greuel, von denen man jetzt aus dem großen Nachbarland wie auch aus anderen Weltgegenden berichtete, erschienen diesen zwei braven Menschen ebenso unverständlich wie häßlich. »Ich bin ein alter Demokrat«, erklärte Herr Ottinger und strich sich selbstbewußt den schön gewellten Bart. »Nie werde ich verstehen, daß ein Volk sich soviel bieten läßt wie das deutsche.« Für die Emigranten hatte er Sympathie. Sogar wenn sie in ihrer Opposition etwas maßlos wurden und sich zu kommunistischen Ideen bekannten – die Herr Ottinger mißbilligte – blieb er nachsichtig. »Man hat den armen Leuten sehr viel zugemutet«, pflegte er zu sagen. »Durch Haß und Leiden sind sie vielleicht etwas konfus geworden.« Und er schrieb noch einen stattlichen Scheck aus.

Einmal in der Woche gab es bei Ottingers »Jour« mit Musik. Madame spielte Klavier und komponierte selbst kleine Piècen. Tilly führte auch ihre Mutter ein. Frau von Kammer erschien im besten Kostüm, mit weißen Glacéhandschuhen zu den Empfängen; manchmal wurde sie auch zu einer Bridgepartie gebeten. Hier durfte sie die Erfahrung machen, daß längst nicht alle Mitglieder der »besseren Kreise« jene Gesinnung teilten, durch die sie aus dem Salon der Krügis vertrieben worden war.

Auf einem der »Jours« lernte Tilly den jungen Peter Hürlimann kennen. Er galt als ein besonders begabter Schüler des Züricher Konservatoriums und durfte mit Frau Ottinger musizieren. Hürlimann sah nett aus, wenngleich etwas plump; ein vierschrötiger Bursche mit langem, struppig schwarzem Haar und einer Brille im runden, gutmütigen, intelligenten Gesicht. Am ersten Abend, als er Tilly traf, traute er sich kaum, mit ihr zu reden. Er schaute sie an. Als sich dann herausstellte, daß sie den letzten Zug nach Rüschlikon versäumt hatte, erbot er sich, sie nach Hause zu bringen. »Es ist ein schöner Spaziergang«, sagte er ernst. Unterwegs sprach er nicht viel. Dann sahen sie sich beinah jeden Tag.

Tilly war während des letzten Jahres viel hübscher geworden. Es schien, als hätte die lange Traurigkeit sie verschönt. Ihr helles, weiches Gesicht wurde ernst gerahmt vom glatten, rötlichen Scheitel. Die schräggestellten, langen, schwermütig zärtlichen Augen führten eine sanfte, eindringliche Sprache. Besonders gefiel den Männern ihr üppiger Mund, von dem Konni immer gesagt hatte, daß er so »schlampig« wirke.

Sie hatte viele Verehrer, sowohl unter den Emigranten, die sich vorübergehend oder dauernd in Zürich aufhielten, als auch unter den jungen Schweizern, die sie hier und dort traf. Ihre etwas rundlichen, etwas trägen Glieder waren anziehend, und ihr feuchter Blick verlockte. Die meisten Männer waren wild nach ihr. Von den Emigranten hatten viele lange keine Frau gehabt. Sie waren gierig nach Liebe. Tilly wirkte wie eine, die nicht schwer zu erobern ist. Alle wollten gleich mit ihr ins Bett. Aber sie mochte das nicht. Sie dachte immer noch an ihren Konni, und sie rechnete heimlich damit, ihn bald wiederzusehen. Nur einem hätte sie vielleicht nachgegeben: das war Konnis Kamerad in Prag, H.S., mit dem sie weiter korrespondierte. Den kannte sie nicht einmal; aber sie erwartete sich viel von ihm. Wenn das Schlimmste wahr werden und ihr Konni wirklich nicht mehr in Erscheinung treten sollte – H.S. würde eines Tages da sein …

Den Peter Hürlimann mochte sie gern. Seine Liebe war anspruchslos und zuverlässig. Ein paarmal hatte er sie geküßt, aber niemals war er auf weiteres aus gewesen. ›Wahrscheinlich hat er Hemmungen‹, beschloß Tilly, aber sie war ihm doch dankbar für seine brave Zurückhaltung. – Peter sprach verständig und langsam; was er sagte, hatte Hand und Fuß, ob es sich um die Musik von Johann Sebastian Bach oder um die Schweizer Innenpolitik handelte. An Tillys großen und kleinen Sorgen nahm er ehrlichen, bieder-ernsthaften Anteil. Er bemühte sich, ihr das Leben etwas leichter und angenehmer zu machen. Später einmal wollte er sie heiraten: dazu hatte er sich wohl schon seit längerem in aller Stille entschlossen. Tilly wußte es; sprach aber nicht gerne davon. Er erklärte ihr, als wäre im übrigen alles zwischen ihnen abgemacht: »Natürlich kannst du erst meine Frau sein, wenn ich anständig Geld verdiene. Das kommt aber bald. Ich werde eine Stellung als erster Geiger in einem Orchester kriegen. Und dem Herrn Kapellmeister hier vom Stadttheater hat meine neue Komposition recht gut gefallen.« – »Wir müssen abwarten …« Tilly sagte es zärtlich, aber etwas beunruhigt durch die Selbstverständlichkeit, mit der er ihre Verbindung erwähnte. »Man weiß ja heute nie, was geschieht – und es kommt einem so sinnlos vor, Pläne zu machen …«

Sie gingen zusammen ins Theater oder in Konzerte – Kino mochte Hürlimann nicht; am Sonntag machten sie Wanderungen. Manchmal aßen sie auf dem Lande bei Peters Eltern, die eine bescheidene Gastwirtschaft nicht weit von Zürich hatten. Es waren einfache Leute, und viel Geld hatten sie nicht. Aber es langte bei Hürlimanns doch dazu, der Freundin ihres Sohnes einen Braten und einen offenen Landwein vorzusetzen. Im Garten, unter dem Kastanienbaum, oder in der alten Wirtsstube schmeckte es sehr viel besser als in den kleinen vegetarischen Restaurants, wo die zwei sonst meistens miteinander speisten.

Obwohl Tilly soviel an ihren Konni denken mußte und immer darunter litt, daß in Deutschland jetzt alles so schrecklich war, fand sie ihr Leben in Zürich, mit Ottingers, Peter Hürlimann und der starren Mama, nicht so übel und war, alles in allem, nicht unzufrieden. Es gab aber eine Sorge, aus der die ärgste Kalamität werden konnte: ihr deutscher Paß war bald abgelaufen. Sie hatte sich überwunden und war zum Konsulat des Dritten Reiches gegangen. Um nur einen neuen Paß zu bekommen, hatte sie sogar das Hitler-Bild an der Wand gegrüßt, so peinlich es ihr auch war. Der Beamte war ihr höflich, aber mit einer gewissen Reserviertheit begegnet. Er versprach, wegen der Verlängerung ihres Passes »bei der zuständigen Berliner Stelle rückzufragen«.

Die »zuständige Berliner Stelle« verweigerte die Erlaubnis. Tilly von Kammer sollte keinen deutschen Paß mehr haben. Der Beamte, der ihr dies mitteilen mußte, schien selber ein wenig verwundert über den Bescheid. »Es ist also nichts zu machen«, sagte er, als könnte er es nicht ganz begreifen.

Nachdem die Stenotypistin den Raum verlassen hatte und er mit der Besucherin alleine war, wurde er zutraulicher. »Es scheinen in Berlin Anzeigen gegen Sie vorzuliegen. Was haben Sie denn angestellt, kleines Fräulein?« Er leckte sich die Lippen, lüstern, als ginge es darum, ein pikantes Histörchen zu erfahren. »Na ja, es wird ja jetzt viel denunziert«, gab er zu, »und nicht alles muß stimmen.« Dann meinte er noch, sinnend und mehr als spräche er zu sich selbst: »Vielleicht hängt es auch mit ihrem Fräulein Schwester zusammen. Die soll ja in Paris neulich einen sehr anstößigen Vortragsabend gegeben haben.« Seine Stimme klang fast ehrerbietig. »Jedenfalls – nichts zu machen …« Er zuckte, bedauernd-abschließend, die Achseln.

Der Paß wurde also nicht verlängert, und in ein paar Wochen würde er nicht mehr gelten. Die kleine Tilly mit den hübschen schrägen Augen und dem schlampigen Mund sollte keine Deutsche mehr sein. Sie wußte nicht genau, wie sie zu dieser Schande kam – oder zu dieser Ehre. Wichtiger, als hierüber nachzugrübeln, war nun, sich zu überlegen, was geschehen sollte. Denn ohne Paß kann man nicht existieren: soviel hatte die junge Emigrantin schon begriffen. Ein Paß ist etwas durchaus Lebenswichtiges; unter normalen Umständen weiß man es kaum, aber plötzlich stellt es sich, schrecklich und überraschend, heraus.

Ehe er endgültig abgelaufen war, mußte etwas geschehen. »Ich weiß wirklich keinen Rat für dich, liebes Kind«, sagte nervös Frau von Kammer. »Wahrhaftig, ich bin niemals in einer solchen Situation gewesen … Übrigens gilt mein eigener Paß auch nur noch drei Jahre lang«, fügte sie hastig und gleichsam schuldbewußt hinzu.

Die Bekannten im Café rieten zu einer Scheinehe. »Für ein weibliches Wesen ist es ja gar nicht so schlimm«, sagten die Männer neidisch. »Ihr könnt heiraten. – Sei nicht traurig, Tilly! Du heiratest einen netten Schweizer und wirst Eidgenossin.«

Tilly dachte an Peter; aber gerade er hätte für einen so zynischen Vorschlag kaum Verständnis gehabt. Heiraten, um einen Paß zu bekommen! – Er wäre entsetzt gewesen. Wenn sie ihn nahm, mußte sie mit Leib und Seele die Seine werden. Andererseits würde er sich bitter darüber kränken, wenn sie mit einem anderen zum Standesamt ging, und sei es auch nur aus den bekannten, unerfreulichen Gründen. Am besten, sie verheimlichte dem Hürlimann die ganze Sache. Mit dem »Ehegatten«, von dem sie einen Paß wollte anstatt ein Kind, würde sie persönlich ja wohl kaum viel zu tun haben müssen. Übrigens konnte man sich bald wieder scheiden lassen. – Sie schwieg Hürlimann gegenüber und bat die Freunde aus dem Café, auf Gattensuche für sie zu gehen.

Es war nicht so einfach. Bei jedem der jungen Leute, mit denen die Bekannten sich in Verbindung setzten, gab es einen anderen Hinderungsgrund. Der eine hatte schon eine Braut, der andere eine Familie, die ihm einen so verwerflichen Akt wie die Scheinehe nie verzeihen würde; der dritte wollte viel Geld, der vierte war aus religiösen Gründen gegen das Ganze; der fünfte erklärte, daß er eine so schwerwiegende Gefälligkeit nur einer kommunistischen Gesinnungsgenossin erweisen könne, der sechste sparte sich und seinen Paß für eine jüdische Glaubensgenossin auf; der siebente, der achte und der neunte wollten gleichfalls ziemlich viel Geld.

Schließlich empfahl man Tilly eine Rechtsanwältin, die sich auf dergleichen Dinge verstehen sollte. Sie verdiene ihren Unterhalt mit Arrangements solcher Art, deuteten die Kaffeehausbekannten an, sei aber auch eine Idealistin, die um der guten, antifaschistischen Sache willen, emsig, preiswert und gewandt, Paßehen stifte.

Frau Doktor Albertine Schröder wohnte in einer kleinen Pension, nahe dem Bahnhofsplatz. Tilly war überrascht, daß die Anwältin sie, nachmittags um drei Uhr, im Bett empfing. Über einem Nachthemd, das nicht ganz sauber schien, trug sie eine Art von Frisierjacke, hellblau, mit Spitzen garniert. Sie war eine ältere Frau; Tilly taxierte: zwischen fünfzig und sechzig. Um ein aufgeschwemmtes, faltiges Gesicht hingen die grauen Strähnen ihrer aufgelösten Frisur. Ihre Augen waren stahlblau und hatten einen erschreckend harten, übrigens lustigen Blick – ›Augen wie aus Eis‹, dachte Tilly entsetzt.

Frau Doktor mußte die erschreckte Miene ihrer jungen Besucherin bemerkt haben. Sie redete, im Bett halb aufgerichtet, mit einer blechernen, künstlich lebhaften Stimme. »Na, Kleine, Sie wundern sich wohl ein bißchen, daß ich am hellichten Tage in den Federn rumliege – kann ich verstehen, kann ich durchaus begreifen, daß Sie sich etwas wundern. Sollten es aber ’ner alten Frau nicht übelnehmen, daß sie sich mal ein bißchen Ruhe gönnt. Habe es mir wohl verdient – oder finden Sie nicht, kleines Ding?« Dazu lachte sie und wies, noch kichernd, auf einen Stuhl, der neben dem Bett stand. Tilly nickte, bleich und bestürzt. Während sie sich auf dem Stuhl niederließ – es war eine schmale, harte, unbequeme Sitzgelegenheit – plapperte die Alte mit ihrer Blechstimme weiter. »Mein Gottchen, nein, wenn ich denke – ich habe ja wahrhaftig genug hinter mir! In Deutschland haben sie mir tüchtig zugesetzt, haben mich olle Person tüchtig verdroschen, die Jungens von der SA.« Dazu lachte sie lüstern. »Die Nieren tun mir noch weh«, konstatierte sie gutgelaunt.

Tilly fragte bestürzt: »Aber wieso denn, Frau Doktor? Warum sind Sie denn mißhandelt worden?«

Die muntere Rechtsgelehrte im Bett schlug die Hände über dem Kopf zusammen und amüsierte sich so herzlich, als hätte Tilly einen guten Witz gemacht. »Aber Kindchen!« brachte sie schließlich hervor. »Sie stellen mal ulkige Fragen! – Warum die olle Schröder von der SA vermöbelt worden ist? Na, da gab es doch reichlich Gründe …«

Das Telefon klingelte; Tilly bemerkte erst jetzt, daß der Apparat im Bett neben dem Kopfkissen stand. Die Anwältin unterbrach sich sofort in ihrer grausig-aufgeräumten Rede und nahm den Hörer ab. »Hier Dr. Schröder.« Sie sprach jetzt mit einer veränderten, leisen und drohenden Stimme. Ihr Gesicht war starr und furchtbar ernst geworden. Während sie lauschte, kniff sie die blauen Eisaugen ein wenig zusammen. Der Teilnehmer am anderen Ende des Drahtes sprach lange und klagend; schließlich unterbrach Frau Doktor barsch den Redefluß. »Schluß! Ich will nichts mehr hören. Sie schwätzen Unsinn und wissen das selber recht wohl. – Nein, natürlich kann ich mich auf Ihre Vorschläge nicht einlassen: sie sind absurd. Ich bin selbst eine arme Frau. Sie werden noch von mir hören, und bald – worauf Sie sich verlassen können. Adieu.« Sie hängte ein und starrte, ein paar Sekunden lang, aus den bösartig zusammengekniffenen Augen vor sich hin. Dann wandte sie sich, wieder munter, an Tilly.

»Also, kleine Dame – warum die olle Schröder Haue bekommen hat, wollen Sie wissen? Na, ich war doch eine bekannte Nummer in Berliner Linkskreisen; habe doch die ganzen roten Jungens juristisch vertreten, und geschickt vertreten, darf man wohl flüstern. Die Nazis hatten was gegen mich, und das war ihnen schließlich nicht zu verdenken. Als dann der Reichstagsbrand kam …«

Tilly überlegte: ›Sonderbar, daß ich ihren Namen in Berlin nie gehört habe. Wahrscheinlich ist alles nicht wahr. Mein Gott, die Person spricht ja kein wahres Wort …‹

»Wenn ich nicht durch Geburt Schweizerin wäre«, fuhr die Alte fort, »dann säße ich wohl immer noch in dem famosen Columbia-Haus oder vielmehr: wahrscheinlich gäbe es die olle Schröder nicht mehr; die Jungens hätten mich hingemacht. Auf dem besten Wege dazu waren sie – kann ich Ihnen garantieren. Soll ich Ihnen mal meine Narben zeigen? Aber so ’nen unschönen Anblick will ich Ihnen gar nicht zumuten, Sie sehen zart aus. – Erst haben sie mir die Kleider vom Leibe gerissen, alle Kleider; dann sind sie mit Gummiknüppeln über mich her und mit so ’ne langen Nilpferdpeitschen …«

Tilly, die den lügnerisch-lüsternen Bericht nicht länger ertragen konnte, bemerkte, ein wenig zitternd: »Leider bin ich ziemlich pressiert. Vielleicht haben Sie nichts dagegen, daß wir bald zu meiner Sache kommen.« – Frau Doktor kniff drohend die Augen zusammen. »Gut. Ganz, wie Sie wünschen, mein Fräulein. Durchaus wie’s beliebt.«

»Mein deutscher Paß ist abgelaufen«, erklärte Tilly, »und wird nicht verlängert.«

»Sie wollen also heiraten?« erkundigte sich die Juristin lauernd. »So ’ne kleine Paßehe – wie?«

Tilly, sehr leise: »Ich dachte, Sie könnten mir dabei behilflich sein.« Daraufhin die Rechtsgelehrte, munterer denn je: »Läßt sich machen, Kindchen, läßt sich durchaus machen. Sie sollen ja eine tapfere kleine Person sein, versichern mir Ihre Freunde. Tapferen kleinen Personen helfe ich immer gern … Außerdem sind Sie ein appetitliches Mädel, ein reizendes Geschöpf, muß man zugeben!« Sie zwinkerte der Besucherin unzüchtig zu. »Ist für keinen Kerl ein Opfer, Sie zu heiraten, kleines Fräulein …« Dazu das blecherne Lachen.

»Ich will aber doch gar nicht wirklich heiraten«, wandte Tilly ein.

Die Rechtsberaterin schien wieder herzlich belustigt. »Weiß ich doch, weiß ich doch!« Sie machte eine munter abwinkende Bewegung. »Bin doch nicht doof!« versicherte sie. »Habe doch Köpfchen!« Dabei tippte sie sich schalkhaft mit dem Zeigefinger auf die Stirn. »Na, man wird ja da sehn … Ungefährlich ist die Sache für mich keinesfalls.« Nun wurde sie wieder ernst und bekam die schmalen, unheilverkündenden Augen. »Aber für eine Gesinnungsgenossin, eine tapfere kleine Antifaschistin riskiere ich was«, sprach sie bieder.

Dann erklärte sie, daß sie gerade zufällig einen sehr sympathischen jungen Schweizer »auf Lager« habe: »aus guter jüdischer Familie; kommt sehr in Frage; werde ihn gleich mal anläuten.« Sie zog den Telefonapparat an sich heran – mit einer merkwürdig zärtlichen Gebärde, so wie eine Mutter ihr Kind an sich zieht – und wählte die Nummer. – »Kann ich den jungen Herrn Nathan sprechen? – Ach, er ist nicht zu Hause?« Sie schien sehr enttäuscht. »Er soll doch bitte die Frau Doktor Schröder anrufen, sowie er zurückkommt. Etwas Wichtiges! – Na, wir werden das Kind schon schaukeln!« verhieß sie, nachdem sie eingehängt und den Apparat wieder von sich geschoben hatte. »Der kleine Nathan ist gar nicht übel. Politisch tadellos; hübscher Bursch, brauchen sich mit ihm auf dem Standesamt nicht zu schämen. Kolossal anständiger Kerl; wird Ihnen keine erpresserischen Geschichten machen.«

Tilly stand auf. »Sie werden sicher so liebenswürdig sein, mir gleich Nachricht zu geben, wenn Sie von dem Herrn gehört haben.«

»Ganz recht, Kindchen.« Die Anwältin bekam fürchterlich schmale Augen. »Aber erst müssen wir noch den geschäftlichen Teil der Sache erledigen, damit es keine Mißverständnisse gibt. Mit dem jungen Nathan werden Sie sich leicht einigen, er dürfte nicht anspruchsvoll sein. Was mich betrifft« – sie saß aufgerichtet im Bett und hielt sich die hellblaue Frisierjacke mit einer nervösen Bewegung über dem Busen zusammen – »so gewähre ich Ihnen meine Hilfe aus Idealismus, aus selbstlosem Interesse an Ihrem Fall. Wenn ich aufs Geld aus wäre, gäbe es ja einträglichere und weniger gefährliche Dinge für mich zu tun. – Immerhin: ich lebe nicht von der Luft.« Dies stellte sie mit einer gewissen Erbitterung fest, und sie fügte hinzu: »Was ich mir in Deutschland erspart habe, ist mir alles gestohlen worden. – Nun, liebes Kind, ich darf wohl annehmen, daß Sie mit Glücksgütern auch nicht gerade gesegnet sind. Ich schlage daher vor, als ein bescheidenes Honorar für meine Bemühungen: achthundert Schweizerfranken. Vierhundert Franken sind sofort anzuzahlen, ehe ich irgend etwas weiteres unternehme; die restlichen Vierhundert sind auf einer Züricher Bank für mich zu deponieren.«

Tilly wurde sehr blaß. »Achthundert Franken«, sagte sie. »Aber ich habe kein Geld …«

Die Alte, mit unheimlich gedämpfter Stimme: »Machen Sie keine Witze! Zu einer berühmten Anwältin gehen, stundenlang ihre Dienste beanspruchen – und dann erklären: ich habe kein Geld! So unverschämt kann doch wohl niemand sein!«

Tilly brachte hervor: »Ich hatte natürlich damit gerechnet … Ihnen eine Kleinigkeit zu bezahlen, wenn die Sache erledigt ist …«

Die Doktorin höhnte wütend: »Eine Kleinigkeit! Wenn die Sache erledigt ist! Das könnte Ihnen so passen, Sie dummes Ding!«

Tilly, sehr blaß, aber plötzlich etwas höher aufgerichtet, erklärte – fast zu ihrer eigenen Überraschung: »Nun ist es aber genug.«

Die Schröder war so erstaunt, daß sie ein paar Sekunden lang keine Worte fand. Schließlich lachte sie bitter. »Das hab ich gern! Auch noch frech werden – wie?! Auch noch eine alte Frau, eine verdiente Sozialistin beleidigen!« Würdevoll im Bett sitzend, wiederholte sie grausam und majestätisch ihre Forderung: »Vierhundert Franken auf den Tisch des Hauses, Vierhundert auf der Bank hinterlegt – oder der Fall ist für mich erledigt.«

»Der Fall ist für mich erledigt«, sagte Tilly, schon in der Nähe der Tür. Frau Doktor rief, atemlos vor Wut: »He! Nicht so schnell! Ich habe eine Stunde meiner kostbaren Zeit für Sie vertan! Ich verlange dreißig Franken Entschädigung – dann will ich Sie nie wieder sehen!« – Daraufhin Tilly, mehr noch fassungslos erstaunt als zornig: »Sie sind ja die gemeinste Person, die mir in meinem Leben begegnet ist.«

Albertine Schröder griff sich an den Busen, als könnte ihr Herz Attacken von solcher Infamie und Wucht nicht aushalten. Es gelang ihr aber doch, hervorzubringen: »Das büßen Sie mir! Sie sind die längste Zeit in der Schweiz gewesen! Ich lasse Sie ausweisen – das kann ich, als Schweizerin von Geburt! Ich zeige Sie bei der Fremdenpolizei an und erzähle, was Sie im Schilde führen, von wegen Paßheirat und so!«

»Sie wären dazu imstande«, sagte Tilly, die Türklinke in der Hand. »Es würde Ihnen aber nicht gut bekommen.«

»Nicht gut bekommen würde es mir?!« Frau Doktor schüttelte mit rasenden Gebärden die Federbetten von sich und hüpfte, überraschend gewandt, aus dem Bett. »Sie haben mich beleidigt! In meiner eigenen Wohnung! Das sind Verbalinjurien, was Sie da vorgebracht haben!« Bei dem Wort »Verbalinjurien« stampfte sie mit ihren beiden nackten Füßen auf den Teppich. »Sie werden es bereuen, Sie kleine Hochstaplerin!«

»Was Verbalinjurien betrifft«, sagte Tilly, die sich über die eigene Gefaßtheit wunderte, »so dürften wir uns gegenseitig nichts schuldig geblieben sein.«

»Schweigen Sie!!« fauchte die Alte; in ihrem langen, grauweißen Nachthemd machte sie drohende Schritte auf Tilly zu. »Ich habe mich in Deutschland für meine Überzeugungen halb totschlagen lassen! Ihnen wollte ich aus Güte bei Ihren schmutzigen Angelegenheiten behilflich sein – und das ist der Dank!« Sie schien noch nicht ganz entschlossen, ob sie in der nächsten Minute weinen oder mit den Fäusten über ihre Besucherin herfallen wollte.

Tilly sagte: »Pfui!« Dann schmiß sie die Türe hinter sich zu.

Die Erfahrung mit Frau Dr. Schröder war niederschmetternd. Die Bekannten aus dem Café schienen wenig erstaunt, als Tilly von ihr berichtete. »Ja, ja, eine unangenehme Person«, sagten sie nur. »Das meiste, was sie erzählt, ist wohl Schwindel.« Manche wollten auch wissen, daß sie keineswegs von Geburt Schweizerin war, sondern sich ihrerseits diese Staatszugehörigkeit durch eine suspekte Heirat erworben hatte. Tilly wunderte sich, daß von all dem nicht die Rede gewesen war, als man ihr die Anwältin so herzlich empfahl.

Aber was sollte werden? Das deutsche Papier – dieses häßlich braun gebundene, abgegriffene Heftchen – würde bald ungültig sein.

Ein besonders schlauer Bekannter aus dem Café wußte Rat. Er hatte eine Freundin in Budapest – »eine abscheuliche alte Kupplerin«, wie er versicherte, »aber zuverlässig und schlau; im Grunde ein braver Kerl. Die wird schon einen Mann für dich haben …«

Man schrieb der Dame; die Antwort aus Ungarn kam postwendend: Natürlich, das Fräulein solle nur kommen, ein Gatte sei leicht zu finden, der ganze Spaß solle etwa dreihundert Schweizerfranken kosten. Tilly reiste sofort nach Budapest. Zeit war nicht zu verlieren, sonst galt der Paß nicht mehr.

Alles ging geschwind wie im Traum, und nur in Träumen sieht man Gesichter, wie die Kupplerin eines hatte. Sie hieß Beatrix Flock, und ihr Haar war gräßlich rot gefärbt. Das Gesicht schien in Verwesung begriffen, zeigte aber den muntersten Ausdruck. Weniger fröhlich war der Kavalier, den Tilly heiraten sollte: ein Major außer Dienst, er nannte Tilly »meine Gnädigste« und küßte ihr während einer Viertelstunde zehnmal die Hand. Sie entschuldigte sich bei ihm, weil sie seinen Namen nicht aussprechen konnte; es war ein ungarischer Name, überreich an Konsonanten und von erstaunlicher Kompliziertheit. »Es wird Ihr Name sein, Gnädigste«, näselte der Major außer Dienst. Er trug weiße Glacéhandschuhe; sein eisgraues Schnurrbärtchen war an den Enden steif aufgezwirbelt. Die Kupplerin kicherte animiert. Tilly fragte: »Wann werde ich den Paß bekommen können?« Die Kupplerin versprach: »Übermorgen. Ich habe famose Verbindungen.« Tilly hatte sich Geld von Ottingers geliehen. Die Zeremonie auf dem Standesamt war rührend. Madame Beatrix Flock und ein Stubenmädchen aus dem Hotel figurierten als Trauzeugen. Der Major sagte nach der Vermählung: »Küß die Hand, Gnädigste! Wir werden glücklich miteinander sein.« Beatrix erklärte: »Übermorgen haben Sie den Paß. Inzwischen können Sie sich Budapest ansehen. Wir haben Diner im Hotel Hungaria, nachher fahren wir auf die Margareten-Insel und besuchen das Nachtlokal, das der Prince of Wales bevorzugt hat.«

All das mußte Tilly noch bezahlen. Übrigens lohnte sich die Ausgabe. Auf der Margareten-Insel war es reizend, und das Nachtlokal – mit versenkbarem Tanzparkett – hatte sicher in Paris nicht seinesgleichen.

Tilly – die Gattin des Majors mit dem unaussprechlichen Namen – bewunderte Budapest. Die Stadt zeigte verführerische und tragische Züge. Sie war glanzvoll – und schäbig; elegant – und heruntergekommen; übermütig – und elend; mondän – und trostlos; liebenswürdig – und jammervoll.

Am übernächsten Tag lieferte Madame Flock – makaber anzusehen und schon halb verwest, aber überraschend zuverlässig – den Paß ab. Tilly konnte reisen. Beatrix und der Major mit dem unaussprechlichen Namen begleiteten sie zum Bahnhof. Die Flock gab ihr einen Kuß auf die Stirn und flüsterte: »Au revoir, mon enfant!« Sie war in Bukarest geboren und hatte lange in Paris gelebt. Beim Abschied bekam sie feuchte Augen. Tilly hatte große Sympathie für sie. Die Alte mußte vor Gerührtheit fast schluchzen, weil Tilly ihr gesagt hatte: »Ihr Hut ist wundervoll, Madame!« Der Major küßte seiner jungen Gattin zum allerletzten Mal die Hand und sprach: »Grüß Sie Gott, Gnädigste, ist mir wirklich ein Vergnügen gewesen.«

In Zürich gratulierten ihr alle Bekannten. »Du bist fein heraus! Ein guter ungarischer Paß ist mehr wert als ein Haufen Geld.« In einem Atelier wurde ein Fest gegeben, um Tillys Hochzeit zu feiern. Übrigens nannte sie sich im Privatleben weiter Tilly von Kammer. Aber in ihrem Paß stand nun das exotische Wort mit den vielen Konsonanten.

Sie fand, daß es auf die Dauer nicht anginge, ihrem Freunde Peter Hürlimann das Vorkommnis zu verheimlichen. Er könnte es durch Dritte erfahren; dann würde es noch kränkender für ihn sein. Sie erzählte ihm alles; er nahm es mit Fassung auf. »Ich begreife, daß es sein mußte«, meinte er gutmütig. »Und du kannst dich ja scheiden lassen und mich heiraten, wenn ich genug Geld habe, um dich zu erhalten. Vorher hätte ich dich doch nicht genommen. Nur des Passes wegen – nein, das wäre für mich nichts gewesen!« Aus seiner Antwort sprachen sowohl Selbstbewußtsein als auch zärtliches Verständnis für ihre Situation. – »Aber ob sich dieser Major nicht in dich verliebt hat?« Dies war das einzige, was ihn beunruhigte. Indessen kamen aus Budapest keine Nachrichten. Der Kavalier schien seine junge Gattin geschwind und gründlich vergessen zu haben.

Marions erster Pariser Abend fand in einem Saal auf dem linken Ufer statt. Meistens wurden hier Avantgardefilme vorgeführt; zuweilen aber vermietete der Besitzer sein Etablissement für literarische und musikalische Darbietungen.

Der Abend war nur in den Blättern der deutschen Emigration annonciert worden. Marcel und einige andere Freunde hatten indessen dafür gesorgt, daß es auch Franzosen, die ein wenig Deutsch verstanden, im Publikum gab. Madame Rubinstein hatte Russen mitgebracht. Eine stattliche Zuhörerschaft – wie die Schwalbe befriedigt feststellte – und sehr bunt zusammengesetzt. Man hörte auch englisch und italienisch sprechen. Marion, die kaum anderthalb Jahre in Paris lebte, schien doch schon ein Renommee zu haben, das man beinah Ruhm nennen konnte. Sie verdankte es noch nicht ihren Leistungen, sondern ihrer Persönlichkeit. Die Leistung sollte erst jetzt kommen. Alle waren neugierig.

In der Mitte des Raums hielt die Schwalbe Cercle. Viele sammelten sich um ihre sowohl ehrwürdige als auch flotte Figur. Sie schüttelte hundert Hände und lachte jeden aus den blauen Kapitänsaugen an. – Meisje und Dr. Mathes, ein glückliches Paar, saßen still nebeneinander und schienen beinah vollkommen zufrieden. Theo Hummler war gefolgt von mehreren Burschen, deren Gesichter den Ausdruck entschlossenen Ernstes zeigten. Es waren wieder einmal solche, die gerade erst aus Deutschland eintrafen und viel Schreckliches zu erzählen wußten. Dieses Mal waren ihre Nachrichten besonders sensationell. Sie bestätigten den emigrierten Freunden, was auch diese ihrerseits schon gehört hatten: daß zwischen den höchsten Spitzen des Regimes – zwischen dem Führer selbst und einigen seiner alten Freunde – bedenklicher Unfriede herrschte. Einer der Mächtigsten hatte eine Rede gehalten, die als Sturmzeichen gelten durfte. Die jungen Leute meinten: »Man muß auf allerhand gefaßt sein. Die alten Nationalsozialisten fangen an dahinterzukommen, daß man sie beschwindelt hat. Schließlich bestehen sie noch auf dem Parteiprogramm und möchten den Sozialismus haben. Dagegen muß von höchster Stelle was unternommen werden … Andererseits machen die Konservativen Opposition. Es kann ein nettes Durcheinander geben!«

Ein Gefolge hatte auch Dora Proskauer; es bestand aus jüdischen Damen und Mädchen, die zugleich animiert und ängstlich um sich blickten: einerseits angeregt von der Freude auf den literarischen Genuß, der bevorstand; andererseits gequält vom Gefühl, es könnten auch hier plötzlich Verfolgungen gegen sie einsetzen. – David Deutsch trippelte aufgeregt hin und her, als wäre er selbst es, der sich gleich würde produzieren müssen. Er begrüßte Martin und Kikjou, die in dunklen Anzügen bleich und fromm wie zwei Konfirmanden wirkten. – Neben Marcel saß ein großer Neger, mit dem er eigentlich nur verkehrte, um Madame Poiret zu schockieren. – Ilse Ill wand sich vor Eifersucht wegen des gut besuchten Parketts. Siegfried Bernheim plauderte leutselig. Professor Samuel – weise und sensuell – umarmte junge Damen und junge Herren, während er mit alten, klugen Augen ihre Mienen studierte, als wollte er sie gleich porträtieren. Germaine Rubinstein mied den Kreis ihrer Mutter, von dem eine gewisse Düsterkeit ausging, und setzte sich in die Nähe der Schwalbe. Monsieur Rubinstein unterhielt sich mit dem ungarischen Grafen, der sinnend um sich blickte, als dächte er über die Probleme einer Schachpartie nach oder über die Umstände, die ihm die Rückkehr in die Heimat seit so vielen Jahren unmöglich machten. – Bobby Sedelmayer hielt sich etwas im Hintergrund; er hatte seine »Rix-Rax-Bar« gerade vorige Woche schließen müssen, was eine erhebliche Enttäuschung für ihn bedeutete. Indessen dachte er gar nicht daran, schon den Mut zu verlieren. Vielmehr versicherte er dem jungen Kündinger, der bei ihm stand: »Europa wird überhaupt zu eng! Ich habe es gründlich satt. Von meinen neuen Plänen darf eigentlich niemand was wissen. Aber Ihnen verrate ich es: ich will nach China … Na, was sagen Sie dazu?« Der unverwüstliche Weißhaarige strahlte wie ein Knabe, den der Gedanke an unerhörte Abenteuer erregt. »Nach Shanghai«, flüsterte er, Glanz in den Augen und die rosige Miene freudig bewegt. »Der ferne Osten ist ein alter Traum von mir. Dort werde ich bestimmt mein Glück machen …«

Zu ihnen gesellten sich Nathan-Morelli und die Sirowitsch, die längst zueinander gehörten. Der Sirowitsch wegen – an die er sich bis zu dem Grade gewöhnt hatte, daß man beinah von Liebe sprechen durfte – hatte Nathan-Morelli seine Londoner Wohnung aufgegeben und war ganz nach Paris übergesiedelt. »Marions Programm verspricht interessant zu werden«, sagte er zu Bobby und blickte klug aus den schräggestellten Mongolenaugen.

Das Programm stand unter dem Motto »Zeitgemäße Klassik«. Angekündigt waren Stücke von Schiller, Lessing, Goethe, Heine, Victor Hugo, Gottfried Keller, Nietzsche und Walt Whitman.

Als Marion das Podium betrat, wurde es still im Saal. Die Schwalben-Mutter flüsterte noch: »Wie schön sie aussieht!« Dann verstummte auch sie. Marion begann mit Schillers Gedicht »An die Freunde«. Ihre Stimme rief:

»Liebe Freunde, es gab schönre Zeiten

Als die unsern – das ist nicht zu streiten!

Und ein edler Volk hat einst gelebt.

Könnte die Geschichte davon schweigen,

Tausend Steine würden redend zeugen,

Die man aus dem Schoß der Erde gräbt.

Doch es ist dahin, es ist verschwunden,

Dieses hochbegünstigte Geschlecht.

Wir, wir leben! Unser sind die Stunden,

Und der Lebende hat recht.«

Sie stand regungslos, während sie sprach – noch sparte sie die Gebärden – nur die Finger bewegten sich und die lockige Mähne, wenn sie das Haupt ein wenig in den Nacken sinken ließ. Das überanstrengte Leuchten ihres Blickes war sowohl beängstigend als bezaubernd. Durch den gereckten Körper schienen Schauer zu laufen wie elektrische Schläge. Auch die im Saale unten wurden von ihnen berührt; zuerst und am stärksten David Deutsch, der vernehmbar seufzte. – »Wir, wir leben …« Die Schwalbe nickte bedeutungsvoll. Da strömten die Verse schon weiter.

Die Verse strömten. Marions Stimme gab die schönsten, überraschendsten Töne her. Sie drohte und lockte, grollte und jubelte, jammerte und sang, wehklagte und triumphierte; sie leuchtete, blendete, rührte, verführte, erschreckte. Sie kam dumpf aus Tiefen, um sich gleich danach zu ungeahnter Höhe emporzuschwingen. Alle saßen gebannt; auf manchen Mienen spiegelte sich sogar Bestürzung. Wie konnte eine einzelne Menschenstimme so beängstigend abwechslungsreich sein und soviel Erschütterung bringen? Gerade hatten noch die meisten feuchte Augen gehabt, und nun lachte der ganze Saal. Auch Marcels französische Freunde, die nur mangelhaft Deutsch verstanden, amüsierten sich, und selbst der Neger, dessen Daseinszweck es war, Madame Poiret zu schockieren, ließ ein Grunzen hören. Marion rezitierte aus dem Gedicht Heinrich Heines: »Deutschland, ein Wintermärchen«.

In jedem Vers und jeder Prosazeile, die sie ausgewählt hatte, gab es die Beziehung zum Heutigen. Sie war niemals aufdringlich; immer deutlich. Die verewigten Meister schienen an dieses Jahr und an diese Stunde – an dieses Publikum und seine besonderen Leiden schienen sie gedacht zu haben, als sie gewisse Dinge schrieben, die Marion nun zum Vortrag brachte. Die im Saale unten begriffen: Weder unsere Leiden noch unsere Erkenntnisse sind so unerhört und so neu, wie wir in der ersten Aufregung oft meinen wollten. Andere vor uns haben schon gelitten und schon nachgedacht und sind von den gleichen Problemen berührt worden wie wir. Aus ihren Erkenntnissen und Schmerzen aber ist Schönheit geworden. Uns hinterließen sie das große Erbe ihrer Weisheiten und der gestalteten Schmerzen. Dieses Mädchen dort auf dem Podium belebt es neu, mittels ihrer erstaunlichen, sehr abwechslungsreichen und höchst rührenden Stimme. Was für ein Genuß, ihr zuzuhören! Und übrigens ist es auch tröstlich. Es erinnert uns daran, daß wir nicht einsam sind. Erstens haben wir diese Freundin dort oben auf dem Podium – das Mädchen, in dessen Blicke und Stimme wir uns alle verlieben – und dann, die erhabenen Toten, die schon soviel durchdacht und ausgestanden haben, längst ehe wir von all dem etwas wußten. Plötzlich sind sie in unserer Nähe. Wie verklärte Brüder schauen sie uns ernst und freundlich an. Geisterhafte Zusammenhänge stellen sich her; aus den großen Toten sind neue Freunde geworden.

Auch die jungen Leute, die aus Deutschland kamen und die Köpfe voll politischer Neuigkeiten hatten, waren ergriffen. Als Marion den ersten Teil ihrer Darbietung mit einem Gedicht von Gottfried Keller, »Die öffentlichen Verleumder«, effektvoll geschlossen hatte, waren es die jungen Deutschen, die am lautesten applaudierten.

Während der Pause durfte nur Marcel zu Marion kommen. Er sagte ihr, wie schön es gewesen war; er küßte sie, sie saßen beieinander. In dem kleinen Raum, der hinter der Szene lag, konnten sie nicht hören, wie unruhig es drunten im Saale geworden war. Irgend jemand hatte neue Zeitungen von der Straße mitgebracht. Die Nachrichten waren wirr. Niemand wußte noch genau, worum es sich handelte. Aber Unglaubliches schien sich vorzubereiten, in Deutschland drüben, oder war schon im Begriff zu geschehen. Eine Art von Palastrevolution – so hieß es – war ausgebrochen im Dritten Reich. Hatte es schon Tote gegeben? Kam es zu einem Massaker? Und wer würde fallen …? Alles redete durcheinander. Bedeutete dies die große Revolte? Den Zusammenbruch des Regimes? »Jedenfalls ist es der Anfang vom Ende!« riefen viele. Man hörte den Namen des Hauptmanns Röhm nennen. Er hatte zu den Getreuen des Führers gehört. War er aufgestanden gegen seinen Herrn und Meister?

Auch als Marion wieder auf der Bühne erschien, wollte das Reden und Flüstern noch nicht gleich verstummen. Sie stand vor den Draperien des Hintergrundes, sehr schmal und aufrecht in ihrem langen schwarzen Kleid, und wartete, bis die erregten Stimmen schwiegen. Da sie spürte, daß die Aufmerksamkeit ihr noch nicht völlig gehörte, begann sie den Vortrag mit besonderer Vehemenz. Sie sprach eine Hymne von Walt Whitman an die Demokratie. »Oh Demokratie, ma femme!« Dabei breitete sie enthusiastisch die Arme, und aus ihren Augen leuchtete es stärker denn je. Der Zauber ihrer Stimme wirkte wieder; er beruhigte und erschütterte. Besänftigt zugleich und auf schönere Art erregt, lauschten die Menschen, die eben noch besessen gewesen waren von den wirren Neuigkeiten des Tages. Eine Stunde lang vergaßen sie den General von Schleicher, den Hauptmann Röhm und jenen Hitler, der die beiden anderen vielleicht schon hatte umbringen lassen. Sogar der Präsident von Hindenburg sollte ermordet sein, wie manche besonders Eingeweihte wissen wollten – und die Reichswehr stand in offener Rebellion. All dies war beispiellos sensationell; nur schien es plötzlich weniger bedeutsam, da die Klagen und Weisheiten der längst Verstorbenen so nahe herangebracht wurden und eine so schön beredte Sprache führten, durch das Medium von Marions Stimme, die aufrührerisch oder zärtlich war, tödlich betrübt oder überschwenglich heiter, gellend oder zart.

Nach dem Vortrag war der Beifall heftig, aber dauerte nicht sehr lang. Während in den vorderen Parkettreihen noch ein paar Dutzend Menschen standen und leidenschaftlich in die Hände klatschten, wurden hinten schon wieder die Blätter mit den wilden, ungenauen Neuigkeiten herumgereicht und gierig diskutiert. Der General von Schleicher – lautete die Nachricht – marschierte an der Spitze der empörerischen Armee gegen Berlin. Es war zu schön und zu sensationell, um die Wahrscheinlichkeit für sich zu haben. Doch wollten alle es sehr gerne glauben. Niemand erkundigte sich, woher die Gerüchte kamen. Sie schienen durch die Luft heranzuschwirren, noch unkontrollierbar, noch unbeweisbar, verwirrend, Hoffnung und Entsetzen erweckend …

Eine schwerhörige alte Dame, die sich im Gefolge der Proskauer bewegte und lange nicht verstand, wovon die Rede war, wurde ganz ausgelassen, als sie endlich begriff. »Aber das ist ja großartig!« rief sie mit einer Stimme, die vor Munterkeit krähte. »Dann ist ja der ganze Spuk vorüber, und wir können alle nach Berlin zurück!«

Ein paar Sekunden lang sagte keiner ein Wort. Jeder starrte auf die alte Dame, die es gewagt hatte, dies auszusprechen. Dann lachten einige – als wollten sie bekunden: Uns kann man nicht bluffen! Wir bleiben skeptisch! Aber in den Augen glitzerte es.

Das war am 30. Juni 1934.

Martin schrieb. Von dem großen Roman, den er plante und von dem er sich soviel versprach, war noch nicht viel mehr da als ein paar Notizen. Nun aber wollte er das Vorwort machen.

Es war still im Zimmer. Kikjou schlief. Nach den langen Gesprächen und den Liebkosungen ohne Ende waren ihm endlich doch die Augen zugefallen. Schon lichtete sich die Dunkelheit hinter dem großen Atelierfenster. Die Dunkelheit erbleichte, wurde fahl, hellgraue Töne mischten sich in die Schatten; der neue Tag kam wohl bald. Wenn er heraufgezogen ist, wird Martin sich niederlegen, um ihn fast ganz zu verschlafen. Am besten sind die Stunden der Dämmerung.

Während Martin sich die Papiere zurechtlegte, lächelte er bei dem Gedanken, daß ihm früher einmal schlecht geworden war, wenn er nach dem Genuß der Droge aufrecht am Tisch saß. Jetzt mußte er schon eine ungewöhnlich große Dosis konsumieren, damit Übelkeit sich einstellte. – ›Es wird mir wohl vom Gifte, nicht schlecht.‹

Er hörte Kikjou atmen. Er sah das lichte Grau der Dämmerung sich rosig verfärben. Er schrieb:

»Es ist eine große Unruhe in der Welt. Nicht nur die, welche ihr Vaterland haben verlassen müssen, irren wie Heimatlose umher.

Mit einer Dringlichkeit und einer Angst, mit einer Verzweiflung und einer Hoffnung, wie seit Jahrhunderten nicht mehr, stellt der Mensch sich die Frage nach seiner Bestimmung, seinem Schicksal, seiner Zukunft auf diesem Stern. Zu einem Gott, dessen Antlitz sich uns verhüllt, steigt zu jeder Stunde eines jeden Tages hunderttausendmal der Schrei: Herr, wohin führst du uns? Was hast du vor mit uns, Herr? Welches ist der Weg, den wir gehen sollen? Siehe: wir sind im Begriffe, uns sehr schlimm zu verirren!

Das Herz eines jeden Menschen in dieser Zeit ist berührt und ergriffen von der großen Unruhe. Mein eigenes Herz ist berührt und ergriffen; es schlägt angstvoll in meiner Brust.

Deshalb will ich von den Ruhelosen und Heimatlosen erzählen. Mein Ehrgeiz ist es, der Chronist zu sein ihrer Abenteuer und Niederlagen, ihrer Aufschwünge und Zusammenbrüche, ihrer Trostlosigkeit und ihrer Zuversicht. Ich wiederhole die ewige Frage: Herr, wohin führst du uns? Welches ist unser Weg, und wo kommen wir an? Nicht nur die Verbannten, nicht nur die Heimatlosen fragen so; aber bei ihnen – von denen jede Bindung, jede Sicherheit gefallen ist – hat die Frage den dringlichsten Ernst, die meiste Inständigkeit.

Mir ist es aufgetragen, die tausend Formen und Gebärden, in denen diese Frage sich ausdrückt, die Aufschreie und das Gespräch, die Gelächter und das Gebet, das Stöhnen und noch das trostlose Verstummen aufzuzeichnen und festzuhalten.

Für wen schreibe ich diese Chronik der vielen Wanderungen und Verirrungen? Wer wird mir zuhören? Wer wird Anteil nehmen? Wo ist die Gemeinschaft, an die ich mich wenden könnte … Unser Ruf geht ins Ungewisse – oder stürzt er gar ins Leere? Bleibt ein Echo aus? Irgend etwas wie ein Echo erwarten wir doch – und sei es auch nur ein undeutliches, weit entferntes. Ganz stumm darf es nicht bleiben, wo so heftig gerufen wurde.

Und wenn auch noch nicht die Gemeinschaft da ist, von der wir uns verstanden wüßten – einzelne sollte es doch geben, hier und dort Verstreute, die helfen – nicht, indem sie auf die Frage Antwort wüßten; aber dadurch, daß sie die Frage hören und mit uns auf die Antwort warten.

Dringt unsere Stimme zu ihnen? Erreicht sie der Ruf – dieser Angst-und-Not-Schrei, den wir ins Ungewisse, vielleicht ins Leere senden?

Für wen schreibe ich? – Immer haben Dichter sorgenvoll darüber nachgedacht. Und wenn sie es gar nicht wußten, dann haben sie wohl – hochmütig und resigniert, stolz und verzweifelt – behauptet: Für die Kommenden! Nicht euch, den Zeitgenossen, gehört unser Wort; es gehört der Zukunft, den noch ungeborenen Geschlechtern.

Ach, was weiß man aber von den Kommenden? Welches werden ihre Spiele, was ihre Sorgen sein? Wie fremd sind sie uns! Wir wissen nicht, was sie lieben oder was sie hassen werden. Trotzdem sind sie es, an die wir uns wenden müssen.

Die Horizonte unseres Daseins sind verfinstert. Die drohend geballten Wolken künden schon lange das Gewitter an. Es könnte ein Gewitter ohnegleichen werden. Die Katastrophen aber sind kein Dauerzustand. Die Himmel, die wir heute so tief verschattet sehen, erhellen sich wieder. Werden wir, die wir jetzt kämpfen und leiden, von diesem neuen Licht noch beschienen werden?

Es sind andere unterwegs: jüngere Kameraden, jüngere Brüder – wir hören schon ihren leichten Schritt. Denken wir an diese, wenn wir müde werden wollen! Lieben wir die noch Namenlosen! Ihre Stirnen sind noch blank von einer Unschuld, die wir längst verloren. Unsere jungen Brüder sollen nicht schuldig werden, wie unsere Väter und wie wir es gewesen sind. Sie sollen eine bessere Welt kennenlernen als wir. Sie sollen sich freier entwickeln, besser und schöner, kühner und frommer, klüger und sanfter werden dürfen, als es uns gestattet war.

Das Lächeln einer flüchtigen, zerstreuten Dankbarkeit, mit der die jüngeren Kameraden unserer vielleicht gedenken werden, muß des Lohnes genug für uns sein. Irgendwo werden sie – von denen wir uns so gerne vorstellen, daß sie glücklicher sind als wir – auf Spuren stoßen, die von unseren Leiden und Kämpfen zeugen – diesen Kämpfen, die uns heute ganz in Anspruch nehmen, von deren Gewicht und Bitterkeit jenen Knaben aber wahrscheinlich die Vorstellung fehlen wird. Dann werden sie, für eine ganz kurze Weile, innehalten in ihren Spielen und in ihrem Werk. Ein paar gerührte Sekunden lang beschattet Nachdenklichkeit ihre Stirne, einer Wolke gleich, die schnell vorüber ist. Sie blättern, nicht ohne Mitleid und vielleicht nicht ganz ohne Achtung, in dieser Chronik von den vielen Wanderungen und den vielen Fragen. Dann kommt ihnen wohl eine Ahnung, was von uns gesündigt und bereut, durchkämpft und gelitten worden ist – und wir sind nicht vergessen.«

Zweiter Teil 1936—1937

Wer das verlor,

was du verlorst,

macht nirgends halt.

NIETZSCHE

»VEREINSAMT«


fen und das »Staatsoberhaupt eines befreundeten Landes« mit derben Worten beleidigt. Auch Ernst hatte sich in die Diskussion gemischt und seinerseits manch saftige Grobheit über die hohen Herren in Berlin laut werden lassen. Die Spitzel im Saal wußten natürlich genau, daß diese beiden unverschämten Redner Deutsche waren, die sich ohne Erlaubnis in der Republik aufhielten. Die diplomatische Vertretung des Dritten Reiches beschwerte sich bei den Prager Behörden über Hans Schütte und seinen Freund Ernst. Die zwei erkannten: Es gibt dicke Luft! – »Wir machen uns dünn!« beschloß Hans.

Es fiel ihnen gar nicht leicht, sich von der Stube zu trennen, die sie nun seit drei Jahren miteinander geteilt hatten. Aber gerade dort wären sie gleich geschnappt worden. Sie zogen es vor, bei einem Kameraden zu übernachten. Der verschaffte ihnen auch falsche Pässe. Übrigens wollten sie diese nur im äußersten Notfall benutzen. Was sie für die nächste Zeit vorhatten, war eine Art von Fußtour durch Europa. Über die Grenzen hofften sie ohne Papiere heimlich zu gelangen – ohne echte Pässe und ohne Benutzung der gefährlichen falschen. »Irgendwo werden wir schon bleiben dürfen«, meinten sie beide – immer noch zuversichtlich, trotz allem, was an trüben Erfahrungen schon hinter ihnen lag.

Sie verabschiedeten sich von den Kollegen, die ihnen manchmal Arbeit verschafft hatten oder ein bißchen Geld oder ein warmes Abendessen. Während all der Jahre war man wöchentlich mindestens einmal in dem kleinen Bierlokal zusammengekommen, um Gespräche über Politik zu führen. Man hatte sich oft gezankt; aber schließlich war man doch immer irgendwie einig geworden. Es trafen sich Deutsche, die Sozialdemokraten waren, mit solchen, die zu den Kommunisten gehörten, und auch Tschechen aus den beiden Lagern fanden sich ein. Die Meinungen gingen auseinander; Sozialdemokraten und Kommunisten, Deutsche und Tschechen gerieten sich in die Haare. Am Ende aber stellte sich heraus, daß zwischen allen diesen das Gemeinsame stärker war als das Trennende. Die Tschechen räumten den Deutschen ein: »Natürlich, wir haben auch Fehler gemacht, bei der Behandlung von den Minoritäten. Man versteht das, wenn man weiß, was wir früher auszustehen hatten. – Fehler lassen sich aber korrigieren.« – Die Deutschen erklärten: »Wenn bei uns zu Hause anständige Kerle regierten, dann würde alles in Ordnung kommen, auch zwischen eurem Land und dem unsern. Alles eine Frage des guten Willens! Aber den Nazis ist es doch gar nicht um die Sudetendeutschen zu tun. Es kommt ihnen nur drauf an, eure Republik kaputt zu machen.« Die Tschechen nickten drohend. »Gerade das aber werden wir ihnen nicht erlauben.« Über soviel Entschlossenheit freuten sich auch die Deutschen. Man vertrug sich, und die Streitigkeiten, die es zwischendurch gab, wurden vergessen.

Fast drei Jahre lang hatte man debattiert – welch eine lange Zeit, wieviel Ereignisse, wieviel großen Gesprächsstoff hatte sie gebracht! Im Februar 1934 waren die Flüchtlinge aus Wien gekommen; dort hatte der Bundeskanzler Dollfuß auf die Arbeiter schießen lassen. Noch nicht ein halbes Jahr später ließen die Nazis auf den Bundeskanzler schießen; er verblutete, nicht einmal ein Priester ward zu ihm gelassen. Die Nazis wollten Österreich haben. Mussolini mobilisierte am Brenner. Die Nazis zuckten zurück. – Viel Gesprächsstoff für die Männer am Prager Stammtisch, von denen die meisten beinah nichts besaßen; aber alle hatten sie doch das Recht, frei zu reden und nach Kräften nachzudenken. Von diesem Rechte machten sie Gebrauch, und sie wußten es hoch zu schätzen.

Das Jahr 1935 war noch nicht alt, da trafen schon wieder neue Flüchtlinge ein. Es waren solche, die an der Saar gegen den Anschluß des Gebietes ans Dritte Reich agitiert hatten. Die Saar wurde deutsch. Hitler hatte seinen Triumph – der auch jeder anderen Reichsregierung zugefallen, aber von keiner so dröhnend ausgenutzt worden wäre.

Kurze Zeit danach führte das Dritte Reich die allgemeine Wehrpflicht ein. Erst war die Aufregung kolossal, und am Stammtisch schien man auf das Äußerste gefaßt; dann stellte sich heraus: die großen Demokratien ließen es sich gefallen. Nun fragte man sich besorgt: Wie weit wollen die Nazis gehen, damit England und Frankreich die Geduld verlieren? – Irgendwo aber muß eine Grenze sein – empfanden sie alle. Wird Hitler vor ihr zurückscheuen? Kann er das Letzte und Gräßlichste wagen? – Manche meinten: Die Grenze ist Österreich. Wien bekommt er nicht. Andere blieben skeptisch: England würde auch Wien opfern, um des lieben Friedens willen. – Aber Mussolini? – Antwort: Dem bleibt nichts anderes übrig. – Da erklärten die Tschechen: Wenn es keine andere Grenze gibt – unsere ist unüberschreitbar. Wenn er uns angreift, ist es der europäische Krieg. Der Weltkrieg ist es, wenn er sich an uns wagt.

Die Leute, die aus Deutschland kamen, berichteten von der Unzufriedenheit, die dort wuchs. Kein Amüsement, das man den Massen bot – weder die allgemeine Wehrpflicht noch die Judenhatz, noch die hübschen Feiern anläßlich des Saarplebiszits – konnte darüber hinwegtäuschen, daß viele verbittert waren. Auch fürchteten alle den Krieg. Man suchte, die Arbeiter mittels »Kraft durch Freude« bei Stimmung zu halten; aber am Schluß sollten sie doch nur Kanonenfutter sein, damit Deutschland die Ukraine und das Elsaß bekam; für den Augenblick gab es wenig Butter. Alle Nachrichten aus deutschen Städten sagten das gleiche: die Stimmung ist miserabel. Viele sind in der Opposition – Christen und Sozialisten, bürgerliche Intellektuelle und Proletarier. – Man hörte es gerne, und es ward eifrig besprochen. Übrigens gehörten viele von denen, die sich am Stammtisch trafen, selber zu den politisch Aktiven und Organisierten. Sie fuhren nach Deutschland, arbeiteten mit der illegalen Opposition. Sie hatten Freunde, Verbindungsleute, Mitverschworene in den großen deutschen Betrieben. Sie kannten die Gefahren und die Möglichkeiten dieses unterirdischen, geheimen Kampfes. Sie wußten auch: Man gewinnt ihn nur, wenn man ihn gemeinsam kämpft. In Deutschland, wo es keine Parteien mehr gab, nur noch Machthaber und Unterdrückte, wurde die Einheitsfront aller Antifaschisten fast zur Selbstverständlichkeit.

Jetzt war man im Januar des Jahres 1936. Seit einigen Monaten besprach man die Entwicklung des italienischen Zuges gegen Abessinien. Man breitete afrikanische Karten aus auf dem Holztisch des Prager Bierlokals. Wie weit waren die Räuber schon vorgedrungen? Welche Ortschaften würden jetzt bombardiert werden? Wie lange konnte der Negus sich halten? Würde England Ernst machen mit den Sanktionen gegen die Angreifer? Und kam dann der europäische Krieg?

Kommt der Krieg? Dies blieb immer die letzte Frage. – Werden die Diktaturen stürzen können ohne den Krieg? Und werden sie sich nicht ihrerseits zum Kriege eines Tages gezwungen finden, sogar wenn sie eigentlich viel lieber immer nur erpressen wollten, statt zu kämpfen? – Manche am Stammtisch wünschten sich schon fast die finale Katastrophe, und waren für das blutige Aufräumen – »damit nur endlich Schluß wäre!« Andererseits fürchteten sich alle. Sie erzählten sich Schauerliches über die neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Giftgastechnik. »Die Deutschen würden Typhus- und Cholerabazillen aus ihren Flugzeugen werfen«, wußte Hans. »Wir gehen alle kaputt.« Dies war das letzte Wort in ihren Diskussionen.

In Österreich hielten Hans und Ernst sich nicht lange auf. Dort war man gerade jetzt besonders unliebenswürdig zu verdächtigen Gesellen ihrer Art: paßlosem Gesindel, Emigrantenpack, dem die aufsässige Gesinnung, die revolutionären Vorsätze und Ideen auf den ungewaschenen Gesichtern geschrieben standen. – Ein paar Tage blieben sie bei Wiener Kameraden versteckt. Sie bekamen Aufträge für Genossen in der Schweiz. Der Post wagte man wichtige Nachrichten nicht mehr anzuvertrauen. Man verständigte sich durch Parolen, die vertrauenswürdige Boten überbrachten – wie in Zeiten des Krieges. Dann ging die Wanderung weiter.

Manchmal nahm ein freundlicher Automobilist sie ein Stück Weges mit; aber es geschah ziemlich selten. Die meisten fuhren hochmütig vorüber und ließen die zwei Vagabunden auf der Landstraße stehen. Wenn ein Gendarm in die Nähe kam, mußte man sich unsichtbar machen. Es war kein gutes Leben. Manchmal hatten sie sich genug Geld erbettelt oder verdient, um eine kleine Strecke im Zug zu fahren.

In Basel trennten sie sich. Sie waren beide relativ guter Dinge. Schweizer Freunde hatten ihnen zu essen gegeben und etwas anzuziehen; denn die Anzüge, die sie unterwegs getragen hatten, sahen schon unerlaubt aus. Hans wollte nach Frankreich. – »Und wenn sie dich dort erwischen?« fragte Ernst. Hans gab zurück: »Und wenn sie dich hier erwischen? – Nach Deutschland können sie uns doch nicht schicken, wir sind politische Flüchtlinge, so was läßt sich beweisen. Sie befördern uns bei Nacht und Nebel über die nächste Grenze. Dann sind wir wieder in einem Land, wo wir eigentlich nicht sein dürften – und so wird das wohl ewig mit uns weitergehen.« Hans brachte es fast mit Munterkeit vor. Er war guter Laune; denn er hatte Bier und Wurst im Leib und ein frisches Hemd darüber. Die Schweizer Freunde waren nett zu ihm gewesen, obwohl er kein Parteigenosse von ihnen war. – »Europa ist ein gastlicher Erdteil!« rief er aus – halb wirklich dankbar wegen Wurst und Bier; halb bitter im Gedanken an die Schikanen, die wahrscheinlich bevorstanden. »Irgendwo wird man schon Verwendung für mich finden«, meinte er. »Ich habe an die Fremdenlegion gedacht … Aber erstens soll das so eine gemeine Schinderei sein; zweitens würden die mich wahrscheinlich auch nicht nehmen – und drittens hat es überhaupt keinen Sinn. Vielleicht wird es bald mal eine bessere Gelegenheit geben, sich totschießen zu lassen …«

Ernst hoffte, noch eine Weile in der Schweiz bleiben zu können. Er hatte ein paar Empfehlungen nach Zürich und genug Geld, um im Zug dorthin zu fahren. Nun hieß es Abschied nehmen von Hans.

Sie waren fast drei Jahre lang miteinander gewesen. Sie dachten beide an ihr enges Zimmer in Prag, und an die Mädchen, die sie mitgenommen hatten, und an die ersten schönen Spaziergänge durch die Stadt, und an all das weniger Schöne, das gefolgt war, im Laufe dieser Monate, dieser Jahre. Sie hatten so viel, woran sie sich erinnerten, daß sie lieber nicht davon sprachen. Sie sagten nur: »Mach’s gut, Hans.« Und: »Mach’s gut, Ernst. Hoffentlich sehen wir uns bald einmal wieder.« – Als sie sich die Hände schüttelten, sahen sie sich nicht dabei an. Drei Jahre sind eine lange Zeit.

Dann fiel dem Hans noch was ein: »Wenn du schon in Zürich bist, könntest du eigentlich dieses Mädel anrufen, das mir seit 1933 Briefe schreibt. Sie heißt Tilly Kammer. Warte, ich weiß ihre Adresse auswendig … Grüße sie schön von mir und sag ihr, es tut mir leid, daß ich sie jetzt nicht kennenlerne. Vielleicht besuche ich sie ein anderes Mal – sag ihr das von mir.« – Ernst notierte sich die Adresse. Dann gaben sie sich nochmals die Hand. »Und schreib mir mal ’ne Ansichtskarte!« – »Wohin?« fragte der andere. – »An Hans Schütte, Europa.«

Zum Schluß ein Gelächter – damit man die Tränen nicht sah.

In Zürich meldete sich Ernst telefonisch bei Tilly von Kammer. »Ich bin nämlich ein Freund von Hans Schütte«, erklärte er. »Der hat mir Grüße an Sie aufgetragen.« – Ein Freund von wem? Tilly verstand nicht gleich. Sie hatte ja immer nur an H.S., poste restante, geschrieben. Weiß Gott, warum Schütte während all der Zeit auf das romantische Geheimnis um seinen Namen nicht hatte verzichten wollen … Als Tilly dann begriff, wurde sie ziemlich aufgeregt. »Aber H.S. selber – ich meine Hans Schütte, kommt nicht hierher?« fragte sie. – Ernst, ein bißchen beleidigt: »Entschuldigen Sie, daß nur ich es bin!« Da Tilly lachte, sagte er noch, gleich wieder munter: »Na, wir werden uns schon vertragen, Fräulein!«

Sie trafen sich in einer Teestube, nahe dem Hauptbahnhof. Ernst erklärte: »Von Ihnen habe ich schon kolossal viel gehört!« Tilly wurde ein bißchen rot. Dann erkundigte sie sich heuchlerisch: »Von wem denn? – In Prag kennt mich doch niemand …« – »Na, vom Hans doch«, erklärte er gutmütig. »Vom Schütte. Er hat immer Freude mit Ihren Briefen gehabt.« – »Ich habe mit seinen Briefen auch viel Freude gehabt«, sagte sie. Und Ernst: »Er ist ein feiner Kerl! Sie müssen ihn unbedingt kennenlernen! Einen feineren gibt es gar nicht!« – Tilly, mit züchtig niedergeschlagenen Augen – als spräche sie etwas Unpassendes aus: »Ich habe mir schon lange gewünscht, ihn mal kennenzulernen.« – »Aber zunächst dürfte keine Gelegenheit dazu sein!« Ernst sagte es nicht ganz ohne Schadenfreude. »Er ist nach Frankreich. Von dort will er wohl nach Belgien und Holland weiter, und später vielleicht nach Skandinavien, wenn’s geht …« Tilly erwiderte eine Weile nichts. Dann bat sie den Ernst, er solle ihr etwas von seinem Prager Leben mit Hans erzählen.

Er wurde verlegen. Wenn man plötzlich etwas erzählen soll, fällt einem natürlich nichts ein. »Wir hatten ein recht nettes kleines Zimmer, Hans und ich«, fing er umständlich an. »Manchmal kam auch Besuch.« Da stockte er schon. »Was für Besuch?« wollte Tilly wissen. Ernst, anstatt auf diese Frage näher einzugehen, schilderte in möglichst schön gewählten Worten die Reize und Kuriositäten der Stadt Prag. Er kam auf den Stammtisch zu sprechen, wo mit den Kameraden politische Diskussionen geführt worden waren. Er berichtete auch von den vielen und sonderbaren Arbeiten, mit denen sie sich ein bißchen Geld verdient hatten. »Das ist ja eigentlich nicht erlaubt gewesen«, sagte Ernst. »Es war uns auch nie so richtig wohl zumute dabei. Denn, schließlich – die Regierung bei den Tschechen ist doch ganz anständig; anständiger jedenfalls als in den meisten andern Ländern. Und außerdem waren wir nur geduldet. Da hätten wir wohl nichts machen sollen, was gegen die Gesetze ist. – Aber was blieb uns übrig?«

Ernst gefiel Tilly. Sie mochte sein Gesicht: die gespannte, etwas fleckig angegriffene Haut auf den slawisch breiten Wangenknochen; die hellen und engen Augen; das blonde Haar, preußisch kurz geschoren am Nacken und an den Schläfen. Sogar von seiner Kleidung war sie gerührt. Die Sachen, die er in Basel geschenkt bekommen hatte, waren keineswegs so neu und hübsch, wie er im ersten Vergnügen hatte meinen wollen. Der graue Anzug war recht dünn und abgeschabt, er glänzte speckig, und die Farbe spielte trüb ins Gelbliche. Auch mit den Schuhen war kaum viel Staat zu machen. Am besten war noch das dicke, rote Wollhemd. Er trug es ohne Krawatte; unter dem breiten geöffneten Kragen baumelte ziemlich melancholisch eine kleine gedrehte Kordel. Das Hemd war schon zu lange im Dienst, man sah es ihm an. Der Verdacht drängte sich auf, daß es unfrisch roch. – Einen Überzieher besaß Ernst nicht. Als sie auf die Straße traten, bemerkte Tilly: »Aber Sie müssen frieren!« Und sie nahm seinen Arm.

Sie aßen miteinander zu Abend; dann gingen sie für eine Stunde ins Kino. Die Nacht war schön; Tilly hatte Lust, zu Fuß nach Rüschlikon zu gehen. Ernst begleitete sie. Beim Abschied verabredeten sie etwas für den nächsten Abend. Als Tilly schon in der Haustüre stand, sagte sie plötzlich, mit einem auffallend weichen, schräg abgleitenden Blick: »Sie sind also der H.S.« Es schien, daß sie alles durcheinanderbrachte. Vielleicht hatte sie ein Glas Wein zuviel getrunken, vielleicht war sie nur müde. Er fand es taktvoll, sie nicht zu korrigieren. »Gute Nacht, Tilly«, sagte er.

Während sie sich auszog, fiel ihr ein, daß für morgen abend Peter Hürlimann sie in ein Konzert eingeladen hatte. ›Ich muß ihm absagen‹, beschloß sie. ›Morgen abend bin ich besetzt. Konnis Freund, der H.S., ist ja hier …‹

Während sie schon einschlief, dachte sie noch: ›Komisch, diese kurz geschorenen Haare am Nacken und an den Schläfen … Die müssen aber ziemlich stark kitzeln, wenn man das Gesicht an sie legt … Hat er mir nicht erzählt, daß er in Berlin ein Schupo war? Ich kann ihn mir recht gut vorstellen in der grünen Uniform …‹

Es regnete in Strömen. An Spazierengehen war nicht zu denken. Zum Kino hatten Tilly und Ernst keine Lust. Sie waren überhaupt bei weitem nicht so lustig wie den Abend zuvor. Beide schauten viel vor sich hin, oder der eine dem anderen ins Gesicht, ohne zu reden. Wenn die Gier in ihren Blicken zu deutlich wurde, senkten sie die Augen, wie beschämt. Aber bald ertappten sie sich wieder dabei, daß der eine versunken saß in das Bild des anderen. Nach dem Essen blieben sie noch eine Weile in der halbdunklen Wirtsstube sitzen. Endlich war es Tilly, die sagte: »Wir sollten gehen.« Er antwortete nicht gleich. Unersättlich ließ er die Blicke über ihr Antlitz wandern. ›So was Hübsches habe ich lange nicht gesehen‹, dachte er. ›So was Schönes sehe ich lange nicht wieder. Merke dir, was du siehst, damit du es nicht gleich wieder vergißt, dummer Kerl! – Ihre Stirn, alabasterweiß, ernst gerahmt vom schlichten rötlichen Haar. Wie brav und fromm ihr Haar in der Mitte gescheitelt ist – und dazu der große, weiche, schlampige Mund, und die langen, schräggestellten feuchten Augen. Und dieses schlichte dunkle Kleidchen, das sie heute trägt – die nackten Arme kommen so reizend unterm dunklen, leichten Tuch hervor, und die Form ihrer Brüste hebt sich so deutlich ab.‹ – Er merkte, daß sie sich zusammenzog, weil er sie anstarrte. Es war ihm peinlich, er sagte, gleichsam um Entschuldigung bittend: »Ja, es wird wirklich Zeit …« Keiner von beiden wußte, wofür es Zeit war und wohin sie gehen wollten.

Auf der Straße war wieder sie es, die zu reden begann. »Es regnet immer noch.« Ihre Stimme klang traurig. Er sagte tröstlich: »Aber nur noch ein bißchen. Und es wird wohl bald aufhören.« – Tilly, mit einem betrübten Blick nach oben: »Der Himmel ist doch so schwarz.« Dann schwiegen sie wieder und gingen.

Nach einer Pause fragte sie ihn: »Wo wohnen Sie eigentlich?«

»Bei einem Kameraden«, antwortete er, nicht ganz ohne Stolz. »Drüben im Niederdorf – das ist wohl der älteste Teil von der Stadt. Sehr nettes Zimmer; aber ein bißchen eng. Dorthin kann ich keinen Besuch mitbringen. Sie dürfen wohl bei sich auch keinen Besuch haben?«

»Natürlich nicht«, sagte Tilly.

Daraufhin schlug er vor: »Wir könnten ja in ein kleines Hotel gehen.«

Nun meinte Tilly doch, sich ein wenig entrüsten und die empfindliche Dame spielen zu müssen. »Was fällt Ihnen ein!« Sie versuchte, ihre Stimme spitz zu machen. Es mißlang. Sie lächelte.

Er nahm ihren Arm. »Ich dachte nur – weil es so regnet …«

Sie wurde gleich wieder mitleidig. »Und Sie haben gar keinen Mantel! Mein Gott, Sie werden ja pudelnaß!« – Er trippelte vorsichtig unter dem aufgespannten Regenschirm, den sie hielt. Mit seinem hochgeschlagenen Rockkragen, das triefende Haar in der Stirne, sah er ziemlich erbarmungswürdig aus. Aber er lachte. »Ich fühle mich wohl … Sauwohl fühle ich mich!« Er drängte den Körper an sie, sein nasses Gesicht war nahe an ihrem.

Sie sprach nachdenklich: »Ich weiß ein kleines Hotel, gar nicht weit von hier. Die Besitzer kennen mich dort … Aber dürfen Sie denn überhaupt in einem Hotel übernachten?« fiel ihr plötzlich ein. »Sie haben mir doch erzählt, daß Ihre Papiere nicht in Ordnung sind.«

Er lachte wieder. »Nein, die sind allerdings ganz und gar nicht in Ordnung. Aber niemand wird sie zu sehen verlangen.«

Sie blieb ängstlich. »Man kann Pech haben, es könnte eine Kontrolle geben. Sie sind hier neuerdings furchtbar scharf hinter den Fremden her.«

»Wenn man nur eine Nacht in einem Hotel ist, wird man nie kontrolliert«, erklärte er zuversichtlich. »Erst die zweite Nacht ist gefährlich.«

»Mir scheint doch, es ist schrecklich gewagt, was wir tun – ganz abgesehen von allem anderen, was es sonst noch ist.« – Sie waren vor dem Hotel stehengeblieben.

Es regnete wieder stärker. Tilly schaute in das gleichmäßig niederfallende, strömende, rauschende Wasser. »Es ist wie eine Sintflut«, sagte sie leise. Und Ernst: »Sie sollte alles wegwaschen – alles wegspülen, das sollte sie. Ersaufen müßte das ganze Pack, etwas anderes verdient es nicht mehr …« Und plötzlich lachend, fügte er hinzu: »Nur wir dürfen übrig bleiben – nur wir zwei!« Er wandte ihr das vergnügte, vom Regen gebadete Gesicht zu.

Sie blieben noch eine Weile nebeneinander unter dem offenen Schirm stehen, als wagten sie sich nicht ins Hotel, oder als fühlten sie sich hier draußen sicherer. Schließlich traten sie ein.

Die Wirtin musterte sie etwas mißtrauisch; stellte jedoch keine Fragen, weder nach den Pässen noch nach dem Gepäck, sondern sperrte ihnen schweigsam ein Zimmer auf. »Numero 7 ist das einzige, das ich heute abend frei habe«, sagte sie mürrisch. Es war ein langer und schmaler Raum, mehr einem Korridor als einer Schlafstube ähnlich. Die beiden Betten standen mit den Kopfenden gegeneinander gerückt; eines neben dem anderen hätte kaum Platz gehabt. Als die Wirtin hinaus war, bemerkte Ernst: »Das sieht auch nicht übermäßig sauber hier aus … Die Flecke an den Wänden stammen von zerdrückten Wanzen«, stellte er sachverständig fest. »Hoffentlich ist keine übrig geblieben. – Wie heißt denn die schöne Wirtin?« – »Ich weiß es nicht, wie sie heißt«, sagte Tilly. – »Hast du mir nicht erzählt, daß du sie kennst?« – »Ja, ich kenne sie. Aber ich habe ihren Namen vergessen.« – »Das scheint ja keine sehr intime Bekanntschaft zu sein.« Ernst war etwas enttäuscht. Er stand vorm Spiegel und trocknete sich den Kopf mit einem Handtuch. Sie bemerkte, daß seine Haare dünn wurden – schütteres Haar, und die Farbe war wie ausgebleicht von vielen Wettern: ein fahles Blond, Stürme und Regengüsse schienen ihm den Glanz genommen und es fast entfärbt zu haben.

»Mir gefällt das Zimmer ganz gut«, sagte Tilly, die hinter ihm stand. »Aber kalt ist es!« Sie schauderte. Ernst hörte, daß ihre Zähne aufeinanderschlugen. Er wandte sich um. Ihr Gesicht war blaß, rötlich glühte nur die Nasenspitze. »Du hast einen Schnupfen.« Er legte ihr die Arme auf die Schultern. Sie zitterte und wußte, daß es nicht vor Kälte war.

Hilflos sagte sie: »Jetzt gehe ich wohl besser nach Hause …«

Er antwortete gar nicht, sondern zog sie an sich.

Sie versuchte, sich frei zu machen. »Aber ich habe keine Zahnbürste mit, und keinen Pyjama …« – »Ich auch nicht!« Er hielt sie fest. »Wozu brauchen wir eine Zahnbürste …? Kannst du mir vielleicht verraten, wozu wir eine Zahnbürste und einen Pyjama brauchen?«

»Aber es geht nicht … Es geht nicht …« Sie zitterte stärker. Nun fürchtete sie auch, es könnte ein Asthmaanfall kommen. Er hatte die Arme fester um sie geschlossen. Da gestand sie: »Ich war schon so lange nicht mit einem Mann zusammen …«

Er blieb stumm. Sprachlos und lächelnd legte er seine Stirne an ihre. Es vergingen Sekunden – oder viele Minuten, sie wußten es nicht. Das Schweigen hatte schon zu lange gedauert, als er mit gedämpfter Stimme wieder zu sprechen begann. »Komisch sehen die Augen von einem anderen Menschen aus, wenn man sie so dicht vor den eigenen Augen hat! Sie scheinen ganz nah beieinander zu liegen und ganz groß zu werden – wie Eulenaugen … Genau wie Eulenaugen!« wiederholte er erstaunt – und sie mußte plötzlich lachen über dieses Wort. Sie lachte heftig und krampfhaft, ohne aber ihre Stirn dabei von seiner zu lösen. Sie blieben stehen, mit herabhängenden Armen jetzt, und es schien, als wären ihre Stirnen aneinandergewachsen.

»Eulenaugen!« kicherte Tilly. »Ist doch zu idiotisch! Warum sollte ich denn Eulenaugen haben? – Du hast übrigens auch welche … Aber helle Eulenaugen. Helle Eulenaugen sind auch nicht feiner.«

Immer noch lachend zog sie endlich ihre Stirn zurück. Sie tat es mit einer Geste, als müßte sie ihre Stirne wegreißen von seiner, an der sie festgewachsen war. Dabei schrie sie ganz leise und berührte mit dem Zeigefinger ihre Stirn, gerade zwischen den Augenbrauen, als gäbe es dort eine blutige Stelle. Ihr lachender Mund bekam einen klagenden Zug. Es war, als liefe Blut von ihrer Stirn zu den Lippen. Vielleicht schmeckten ihre Lippen das Blut. Vielleicht verzogen sie sich deshalb so schmerzlich und angewidert. Aber sie hörte nicht auf zu lachen.

Rückwärts gehend tat sie ein paar Schritte, die taumelig waren – als wäre sie nicht nur verwundet, sondern auch betrunken. Sie setzte sich auf das Bett, ohne es anzusehen oder den Kopf zu wenden; ihre Augen blieben auf den Mann fixiert.

»Eulenaugen …« wiederholte sie, und ihr kleines Gelächter klang einem Schluchzen sehr ähnlich. »Zu dumm …« Aber plötzlich wurde sie ernst. Eine leichte Röte lief, wie der Widerschein eines vorbeiziehenden Lichts, über ihr weißes Gesicht. Mit einer merkwürdig trockenen Stimme – als wäre ihre Kehle ausgedörrt und sie hätte keinen Speichel mehr im Munde – sagte sie: »Ich glaube überhaupt, daß ich es gar nicht mehr kann.« Ernst, der noch immer mitten im Zimmer stand, fragte, seinerseits plötzlich heiser: »Was solltest du nicht mehr können?« – Da erwiderte sie, schamlos und sanft, mit einer zugleich traurigen und verlockenden Gebärde zu dem nicht sehr sauberen Bett: »Das … Ich habe es sicher schon ganz verlernt …«

Er lächelte nicht; sein Gesicht blieb ernst, und es gab einen beinah zornigen, brutalen Zug um seinen Mund, als er sagte: »Das verlernt man nicht.«

Er war bei ihr und bog ihren Oberkörper nach hinten. Sie ließ es geschehen, Angst und Krampf waren fort. Sie bekam den Blick eines Kindes, das sich verirrt und sehr viel Schrecken ausgestanden hat – nun aber ist es dort angekommen, wo es keine Gefahren mehr gibt: keine Gefahren mehr für diesen schönen Moment. Es darf die Glieder lockern, den Mund hinhalten, auch die Augen dürfen sich endlich schließen. Nachgeben dürfen, stillhalten dürfen, diese Liebkosungen annehmen und erwidern dürfen. Dies ist die Stunde, liebe arme Tilly, die dich entschädigen und trösten soll für viele Monate und mehrere Jahre, da du einsam warst und wenig Freude kanntest. Nun entschädigt und tröstet sich dein atmender, erbarmungswürdiger, hilfloser, schöner Körper. Es trösten und entschädigen sich dein Mund, dein Haar, in dem seine Finger spielen, deine Füße, die so müde gewesen sind, deine Hände, die auf den Tasten der Schreibmaschine oft nicht weiterkonnten; dein ganzer Leib, den er nimmt.

Nun hat er dich einmal geliebt, er wird dich noch zweimal oder viermal lieben; denn die Nacht ist lang, und er hat lange keine Frau gehabt. Eine so Hübsche wie dich wird er auch zunächst nicht mehr finden. Er liebt dich sehr, er begehrt dich mit starker Gier, er ist dir dankbar, daß du ihm dies gewährst; aus der Dankbarkeit könnte Zärtlichkeit werden. – Halte stille, sogar wenn es schon ein wenig wehe tut! Dieses ist deine schöne Stunde, die Nacht des Trostes und der Entschädigung. Unsere Welt aber ist so eingerichtet, daß selbst Trost und Entschädigung nicht ganz schmerzlos bleiben, etwas Schmerz ist in alles gemischt – halte still, arme Tilly. Du weißt es ja, dein Freund hat keine Aufenthaltserlaubnis in diesem Lande, morgen kann er schon ausgewiesen sein, vielleicht siehst du ihn nie mehr. Noch ist er bei dir, halte still! Für den Augenblick ruht er aus – sieh, sein mageres, etwas fleckiges und etwas ramponiertes Gesicht auf dem Kissen! Aber gleich wird er dich wieder packen, die Nacht ist lang – ungewiß, was der Morgen bringt; wir leben in wirren Verhältnissen, allerlei mißliche Überraschungen sind an der Tagesordnung, hübsche arme Tilly!

Ernst atmete tiefer. Schlief er schon? Tilly liebkoste ihn mit den Augen, weil die Hände müde waren. – ›Bleibe bei mir! Bitte, geh nicht weg! Ich habe mich so lang nach dir gesehnt! Nicht nach dir eigentlich, sondern nach dem Konni oder nach seinem Freund H.S. Die sind nicht gekommen, aber du bist hier, und du bist beiden verwandt, bist der Bruder von beiden – ich umarme den verlorenen Konni und den anderen, fremden, den ich nie gesehen habe, da ich dich umarme. Du weißt ja nicht, wie schlimm und arg alles gewesen ist, ehe du kamst. Du kannst es dir gar nicht vorstellen.‹

›Warum soll ich es mir denn nicht vorstellen können?‹ antwortete er stumm. ›Ich habe es doch keineswegs besser gehabt. Glaubst du vielleicht, es ist ein Vergnügen, ohne Paß durch die Länder zu ziehen, immer in Angst vor der Polizei, wie ein Verbrecher? – Und ich habe eigentlich nichts besonders Schlimmes getan, außer dem bißchen Schwarzarbeit in Prag. In Berlin war ich ein Schupo, sehr respektabel in der schönen grünen Uniform. Ich gehörte zum Staat, ich war ein Teil seiner Macht, einer seiner vielen Repräsentanten, und alle sahen mich achtungsvoll an. Meine ganze Schuld war, daß ich diesen Staat verteidigen wollte, und daß ich mich nicht abgefunden habe mit dem Neuen … Warum sollte ich mir nicht vorstellen können, wie dreckig es dir ergangen ist? Da müßte ich aber beschämend wenig Phantasie haben!‹

Und sie darauf: ›Keiner weiß doch, was der andere auszustehen hat. Das kann niemand ermessen, es bleibt das Geheimnis, welches jeder mitnimmt. Immerhin gibt es manchmal die Stunden des Trostes und der Entschädigung.‹

Da war er wieder bei Kräften und zog sie an sich heran.

Erst gegen Morgen schliefen sie ein. Sie blieben im gleichen Bett, obwohl es viel zu schmal für sie beide war. Sie schliefen aneinandergeschmiegt, als es an die Tür klopfte. Da mochte es halb sechs Uhr morgens sein. Beim ersten Klopfen erwachte keiner von beiden. Tilly fabrizierte sich aus dem klopfenden Geräusch an der Türe ganz schnell einen Traum. So leicht werden ja große Träume aus kleinen Geräuschen: nur ein Klopfen ist da, aber im Traum vollzieht sich blitzschnell eine lange Geschichte, in die das Klopfen paßt, zu der es gehört. Eine Mauer wird gebaut, das verursacht Lärm. Tilly träumte, daß eine hohe rote Mauer gebaut wurde – vielleicht war es die Mauer zu dem Gefängnis, in das man Ernst sperren würde, zur Strafe, weil er ohne Paß in der Schweiz war und weil er hier mit ihr geschlafen hatte. Die Mauer wuchs, das Geräusch steigerte sich tobend. Tilly fuhr auf; es hatte stärker geklopft.

Auch Ernst war inzwischen erwacht. »Es hat geklopft«, sagte Tilly, mit den Handrücken vor ihren verschlafenen Augen. – »Das merke ich«, versetzte Ernst ziemlich unfreundlich. Während es noch immer klopfte, sagte er, mit einer vor Müdigkeit ganz heiseren Stimme: »Man muß wohl aufmachen.« Sein Gesicht sah alt und verfallen aus – fahl, mit hängenden Zügen – und er hatte einen angewiderten Zug um den Mund, während er das Bett verließ und langsam durchs Zimmer ging. »Ich komme schon«, sagte er zu dem Unbekannten, der sich draußen immer heftiger bemerkbar machte. Aber Ernst sprach so leise, daß die Person vor der Türe ihn keinesfalls verstehen konnte.

»Du solltest dir etwas überziehen«, mahnte Tilly, denn er stand nackt da – nackt und ein wenig zitternd vor dieser verschlossenen Türe, die zu öffnen er noch ein paar Sekunden lang zögerte. »Du wirst dich erkälten«, sagte das Mädchen im Bett. So verschlafen sie war – daß er zitterte, bemerkte sie doch, und sie sah auch die Gänsehaut auf seinen Armen und auf seinem Rücken. Aber da hatte er die Türe schon aufgemacht.

Vor ihm stand ein Herr in dunklem Überzieher, mit steifem, schwarzem Hut, einem hohen, blendend weißen Kragen und schwarzen, blankgewichsten Stiefeln, die unter hellen Beinkleidern sichtbar wurden. Er trug eine gelbe Aktentasche unter dem Arm und sah aus wie ein übelgelaunter Geschäftsreisender.

Der Herr musterte, mit einem kalten, feindlichen Blick durch den Zwicker, den nackten jungen Menschen, der ihm gegenüberstand. Die korrekte Figur des Herrn drückte von den Stiefelspitzen bis zum Scheitel Mißbilligung aus. Er stand einige Sekunden lang unbeweglich, und auch Ernst, der Zitternde, rührte sich nicht. Der Herr betrachtete, ausführlich und unbarmherzig, diese frierende Nacktheit. Er schien die Rippen zählen zu wollen, die sich abzeichneten unter der gespannten Haut. Er mißbilligte das zerzauste Haar und das verstörte Gesicht des jungen Menschen; er nahm Anstoß an den gar zu sichtbaren Rippen, dem totalen Mangel an Bauch – Menschen, die in einer anständigen Beziehung zur bürgerlichen Weltordnung leben, müssen einen etwas gepolsterten Bauch zeigen – und er empfand Ekel sowohl als Entrüstung angesichts der provokanten Entblößung des Geschlechts.

»Fremdenpolizei«, stellte er sich unheilverkündend vor. »Ziehen Sie sich bitte sofort etwas an!« Während Ernst stumm zu seinen Sachen ging, sprach der Mann mit der Aktentasche – wobei sein ungnädiger Blick an dem benutzten und dem unbenutzten Bett vorbei zum Fenster ging: »Zeigen Sie Ihre Pässe!«

Tilly erschrak so sehr, daß sie einen stechenden Schmerz in der Magengegend empfand und meinte, ihr Herz müßte aussetzen zu schlagen. Sie spürte, daß ihr der Atem sekundenlang wegblieb. Ein Asthmaanfall bereitete sich wohl vor … Trotzdem war ihr klar, daß sie sich nun äußern und in Aktion treten müsse, um Ernst zu retten – oder doch, um die Katastrophe, die ihn bedrohte, aufzuschieben. Sie ließ eine kokette Piepsstimme hören, die sie immer dann verwendete, wenn sie Herren von der Polizei oder Ladenbesitzer, bei denen sie Schulden hatte, rühren und versöhnen wollte. »Ach, wie dumm!« machte sie, töricht lächelnd. »Ich habe meinen Paß nicht bei mir!«

Der Herr von der Fremdenpolizei vermied es, sie genau anzusehen. Er hatte schon festgestellt, daß sie hübsch war, und er wollte sich keineswegs durch ihre Reize bestechen lassen. »Wo wohnen Sie?« fragte er barsch.

»In Rüschlikon«, plapperte sie, eifrig wie ein Schulmädchen. Und sie redete weiter: »Meine Mama, Frau von Kammer, hat eine kleine Wohnung dort. Ja, ich bin polizeilich gemeldet …« Der Herr unterbrach sie: »Sind Sie mit diesem Mann hier verheiratet?«

Tilly ließ nicht von ihren traurigen kleinen Versuchen, mit dem Beamten zu kokettieren. »Gewiß«, sagte sie, wobei sie die Schultern hochzog und sich zu allerlei niedlichen Grimassen zwang, die ihrem Gesicht weh taten. »Das heißt: beinah verheiratet – so gut wie verehelicht … Er ist ein Vetter von mir … Ein Jugendfreund außerdem … Wir sind schon seit langem verlobt …«

»Also nicht verheiratet«, stellte unerbittlich der Beamte fest, und er machte sich Notizen in ein dickes schwarzes Wachstuchheft, welches er aus seiner Aktentasche geholt hatte. »Haben Sie keinerlei Ausweispapiere bei sich?«

»Oh doch«, schwatzte sie. »Es wird sich schon etwas finden – dies und das, eine Visitenkarte oder so. Wenn Sie nur so freundlich wären, mir dieses Täschchen herüberzureichen …«

Der Beamte gab ihr stumm die Tasche, auf die sie gedeutet hatte. Tilly kramte aufgeregt; ließ eine alte kleine Puderdose auf den Fußboden fallen – der Beamte überlegte sich eine Sekunde, ob er sich bücken solle, um sie aufzuheben, unterließ es dann aber. Tilly mußte schließlich betrübt konstatieren: »Nicht einmal eine Visitenkarte ist da! – Aber hier!« rief sie mit kläglicher Munterkeit, »hier – eine kleine Tischkarte! Sie stammt von einem Diner bei Herrn und Frau Ottinger. Entschuldigen Sie, es ist kein recht seriöses Ausweispapier; aber immerhin, Sie sehen doch meinen Namen …«

Der Beamte betrachtete mit ungerührter Miene die kleine Karte. Auf ihr war abgebildet ein junges Mädchen, das an einer Schreibmaschine sitzt; man sah nur den Rücken. Das alberne Bildchen war umrahmt von einem Kranz aus Rosen und Vergißmeinnicht. Darunter stand Tillys Name in verschnörkelten Buchstaben.

»Sie waren bei Herrn Ottinger eingeladen?« erkundigte sich der Herr, um eine Nuance freundlicher.

»Natürlich«, bestätigte Tilly geschwind. »Ich bin sehr oft dort, beinahe jeden Tag. Frau Ottinger ist immer sehr freundlich zu mir. Auf keinem ihrer musikalischen Jours darf ich fehlen …«

Der Beamte schnitt ihr das Wort ab. »Das gehört nicht zur Sache!« – obwohl ihn doch gerade dieser Klatsch aus den besseren Kreisen lebhaft interessierte.

Das Verhör, das Tilly über sich ergehen lassen mußte, zog sich noch eine Weile hin. Der Beamte erledigte es mit Gewissenhaftigkeit; trotzdem war von Anfang an deutlich, daß er mit dem jungen Mädchen milde verfahren würde. Sein geübter Instinkt hatte begriffen, daß ihre Angaben mindestens zum größten Teil der Wahrheit entsprachen. Er notierte sich ihre Geburtsdaten, den Namen ihrer Mutter und die Adresse. Als sie ihm gestand, daß sie mit einem Ungarn verheiratet war, ward sein Gesicht noch ernster und fast ein wenig verwirrt. Er erinnerte sich wohl der heuchlerischen Angaben, die sie vorhin über Jugendfreundschaft und Verlobung mit dem nackten jungen Mann gemacht hatte. Außerdem fand er ihren exotischen Namen übertrieben schwer auszusprechen. Abschließend sprach er, tadelnd, aber nicht ganz ohne väterliches Wohlwollen: »Es macht immerhin einen merkwürdigen Eindruck – eine verheiratete junge Frau mit einem Fremden im Zimmer …« Dann zuckte er die Achseln, als wollte er sagen: Was geht es mich schließlich an? – und wendete sich an Ernst.

Der hatte sich inzwischen in das zweite, unbenutzte Bett gelegt. Das peinliche war, daß er sich stellte, als wäre er schon wieder eingeschlafen. Eine hoffnungslose, absurde kleine Komödie – da er ja gerade noch, nackt und wach, durchs Zimmer geschritten war. Der Beamte ließ sich überhaupt nicht auf sie ein. Zwischen ihm und Ernst begann der schreckliche Dialog.

»Ihren Paß, bitte!« – Ernst, den Schlaftrunkenen mimend: »Wie beliebt?« – Der Beamte, entschieden schärfer: »Ihren Paß!« – »Den habe ich nicht bei mir.« – »Wo haben Sie ihn!« – »Bei … bei Bekannten …« – Der Beamte, sehr höhnisch: »Bei Bekannten, aha!« Plötzlich auf ihn losfahrend: »Sie besitzen wohl gar kein gültiges Ausweispapier?!«

Nun versuchte Ernst sein Glück mit einer wehleidigen Miene und mit einer etwas künstlich pathetischen Sprechweise. »Herr Kommissar – jetzt sage ich Ihnen die ganze Wahrheit. Mein Paß ist abgelaufen. Ich habe auch keine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Ich bin ein politischer Flüchtling.« – Daraufhin der Beamte, höflich, aber bestimmt: »Stehen Sie auf und kommen Sie mit mir!« Ernst sagte noch, völlig sinnloserweise: »In Berlin bin ich eine Art von Kollege von Ihnen gewesen – auch von der Polizei … Ich bin unschuldig in diese Lage gekommen …« Der Herr blieb unnahbar. »Das können Sie alles auf der Wache erzählen. Ziehen Sie sich an!«

Tilly mischte sich ein. »Wenn ich vielleicht für meinen Freund irgendwie garantieren könnte …« Auf diesen Vorschlag hin hatte der Beamte nur eine abwinkende Gebärde und einen Blick, der mehr gelangweilt als böse war. Ernst hatte damit begonnen, sich anzuziehen. Während er in die Socken fuhr – dicke, gestrickte Wollsocken, mit Löchern an den beiden Stellen, wo die großen Zehen sitzen – wollte er wissen: »Muß ich gleich wieder über die Grenze?« Seine Stimme kam schleppend, sein Gesicht sah sehr grau und müde aus. – »Das werden Sie alles erfahren«, sagte der Beamte.

Ernst stand schon in seinen Kleidern da. Der Beamte erkundigte sich – mehr der Form halber und sehr verächtlich: »Gepäck ist wohl nicht vorhanden?« Ernst schüttelte betrübt den Kopf. Er schien nicht verzweifelt, nicht einmal erregt; nur angewidert und traurig. Was ihm jetzt widerfuhr, war keine Sensation, kein Abenteuer. Er mußte stets damit rechnen, und es war schon gar zu häufig erlebt worden.

Mehr erschüttert war Tilly. Während Ernst schon von ihr fort und zur Türe ging, rief sie ihm flehend zu: »Wenn ich dir nur irgendwie behilflich sein könnte! Bitte, ruf mich an, sowie du weißt, was mit dir geschieht, oder laß mich anrufen!« Er nickte schweigend. Der Beamte deutete durch strenges Räuspern seine Ungeduld an. Tilly – um Ernst nur noch einen Augenblick zurückzuhalten – brachte hervor: »Laß mich bitte nicht ohne Nachricht! Ich warte auf eine Nachricht von dir!«

Der Beamte hatte die Türe geöffnet. Da rief Ernst und versuchte ein Lächeln: »Adieu, Mädchen! Es ist hübsch gewesen! Adieu!« Er hob die Hand, um zu winken. So hebt sie einer, der schon nicht mehr in diesem Zimmer steht, sondern weit entfernt … Der Beamte ließ ihm mit einer etwas schauerlichen Höflichkeit den Vortritt. Hinter ihnen schloß sich die Türe. Und Tilly, die leise aufschrie, begriff: ›Den sehe ich nicht mehr wieder. Auch Nachrichten kommen nicht mehr von ihm. Der ist weg. Den sehe ich nicht mehr.‹

Die Tränen liefen ihr übers Gesicht. Dabei kämpfte sie gegen den Asthmaanfall. – ›Bleibe bei mir! Bitte, geh nicht fort! Ich habe mich so lang nach dir gesehnt – nun darf es nicht so schnell vorüber sein!‹

Ein paar Minuten später ertappte sie sich dabei, daß sie an sich selbst und ihre Zukunft dachte. ›Wahrscheinlich werde ich nun auch ausgewiesen. Nur dem Umstand, daß ich die Ottingers kenne, verdanke ich es, daß er mich nicht sofort mitgenommen hat … Wohin gehe ich dann? Nirgends kriege ich doch Aufenthaltserlaubnis … Meinst du, es ist ein Vergnügen, ohne Paß durch Europa zu ziehen?‹ – Da hörte sie wieder die Stimme ihres Geliebten, der jetzt dem Beamten auf die Wache folgen mußte. Als sie daran dachte, konnte sie sich nicht rühren, vor Erbarmen, Traurigkeit und Liebe.

Eine halbe Stunde später war sie angezogen und verließ das Zimmer, um hinunterzugehen. Mitten auf der Treppe blieb sie stehen. Beinah wäre sie umgesunken. Ihr war übel, alles drehte sich vor den Augen. ›Hoffentlich bekomme ich einen Kaffee‹, war alles, was sie noch denken konnte.

In der Schankstube sah es traurig aus. Alle Stühle waren auf die Tische gestellt, mit den Beinen nach oben. Ein unfrisiertes Mädchen hantierte mit Besen und Tuch. Die Fenster waren weit aufgerissen; eisige, graue Morgenluft kam herein. Trotzdem blieb der Geruch nach altem Zigarrenrauch und vergossenem Bier zäh im Raum.

Nein, sagte die Unfrisierte – der Kaffee war noch nicht gemacht. »Um sieben Uhr wird er fertig sein. Sie können ja warten.«

Vor sieben Uhr hatte Tilly ohnedies keinen Zug nach Rüschlikon. Sie setzte sich hin, um zu warten. ›Was wird die Mutter sagen, wenn ich frühmorgens ankomme? Ich muß mir irgendeine gute Ausrede einfallen lassen, um sie zu beruhigen …‹ Jetzt war sie aber viel zu müde, um die gute Ausrede zu finden.

Das Mädchen, während sie den Staub von den Schränken wischte, bemerkte: »Die Polizei war ja hier.« – Tilly, die Stirn in den Händen, murmelte: »Das habe ich bemerkt.« Ihr war furchtbar krank und elend zumute.

Das Mädchen, den Besen zornig erhoben wie eine Waffe, erklärte: »Sie erwischen immer die Falschen. Unsereiner muß immer dran glauben. Den großen Halunken geschieht nichts. Die kommen durch.« Sie schwang den Besen, als wäre er eine Lanze – ein leichter, tödlicher Pfeil, den die Zürnende der ungerechten Welt ins Antlitz schleudern wollte.

Das Leben hat viele Inhalte, und es bringt mit sich mancherlei Erschütterungen. Niemals wird es nur von einem Ereignis, von einem Umstand bestimmt. Die Emigranten denken nicht immer, nicht ohne Unterbrechung daran, daß sie sich im Exil befinden und ein gewisses Regime in der Heimat hassen oder sogar bekämpfen. Nicht stets und pausenlos können sie »Emigranten im Hauptberuf« sein – es wäre gar zu quälend und übrigens einfach langweilig. Zwar ist ihr Leben weitgehend beherrscht von der einen großen, alles verändernden Tatsache: dem Exil. Indessen hören einige große Gefühle nicht auf, das Menschenherz zu beschäftigen: Ehrgeiz und Liebe, Einsamkeit und Hunger, Freundschaft und die Angst vorm Tode – oder die Sehnsucht nach ihm …

Die Zeit vergeht, im Exil wie zu Hause. Menschen finden sich und verlieren sich; haben Erfolge oder Mißerfolge; werden krank, verfallen Lastern, werden wieder gesund oder sterben; verwelken oder blühen auf.

Meisje zum Beispiel – das ährenblonde Kind halb holländischer, halb deutscher Abkunft; erst als Gärtnerin, dann als Krankenschwester ausgebildet – war aufs erfreulichste erblüht und jeden Tag immer noch ein wenig schöner geworden. Sie hieß nun Frau Dr. Mathes und hatte eine Stellung als Nurse in einem englischen Krankenhaus zu Paris. Dort war auch Mathes als Arzt tätig. Beide hatten kolossales Glück gehabt, sie wurden von allen beneidet. Daß solcher Neid der Freunde und Kollegen sich in durchaus gutmütigen Grenzen hielt, lag daran, daß dies junge Paar sich weiter als besonders brav und hilfsbereit erwies. Auch der Doktor hatte sich entschieden zu seinem Vorteil verändert, unter Meisjens energisch-weiblichem Einfluß. Er sah nun viel adretter und zivilisierter aus; sein Blick war fast nie mehr glasig, und der rotblonde Schnurrbart hing ihm nicht mehr feucht und fransig auf die Oberlippe.

Dr. Mathes und sein Meisje hatten bei der Schwalbe Hochzeit gefeiert; Fräulein Sirowitsch und Nathan-Morelli saßen dabei und tauschten Blicke voll Wehmut. Auch zwischen ihnen war seit längerem von Eheschließung die Rede. Nathan-Morelli – einst spöttisch und beinah unzugänglich – hatte sich derartig an die kluge, ernste Dame gewöhnt, daß er nun seinerseits Wert darauf legte, die Liaison mit ihr zu legalisieren. Nun aber hielt sie es für passend, sich ein wenig rar zu machen und noch etwas zu zieren. Sie stand auf eigenen Füßen, sorgte für sich selber, war auf niemanden angewiesen. Seit dem Frühling 1935 leitete sie einen großen Pressevertrieb – ein Bureau, in dem außer ihr zwei Mädchen und ein junger Mann beschäftigt waren und dessen Funktion darin bestand, die holländischen, französischen, englischen, schweizerischen Zeitungen mit journalistischem oder photographischem Material zu versorgen. Einer der Autoren, mit dem die Sirowitsch regelmäßig zu tun hatte, durch den sie gut verdiente und den sie ihrerseits nicht schlecht verdienen ließ, war Helmut Kündinger.

An der deutschen Tageszeitung, die in Paris erschien, hatte er einen guten Posten. Man schätzte seine gewandte Feder, seinen zugleich soliden und beweglichen Geist; die Artikel, die von ihm stammten, waren beliebt. Besonders wurde Kündingers Ansehen bei den Kollegen dadurch gesteigert, daß auch französische Gazetten sich für seine Beiträge interessierten. Nicht nur in Provinzblättern, sondern auch in Pariser Zeitungen tauchte ab und zu sein Name auf. So weit hatten es nur wenige exilierte deutsche Journalisten gebracht. Übrigens war Kündinger nun auch politisch tätig und galt als Verfasser oder Mitverfasser zahlreicher Broschüren und Manifeste, die entweder im Ausland oder, illegal, im Reiche wirken sollten. Hier war es vor allem Theo Hummler, mit dem er zusammenarbeitete.

Der wurde immer energischer und immer geübter, was die politisch propagandistische Aktivität betraf. Ein großer Teil der aufklärenden, warnenden, zum Widerstand rufenden Texte, die den geheimen, schwierigen, gefahrvollen Weg nach Deutschland fanden, stammte von ihm. Ein geheimnisvoller Nimbus begann, sich um seine Person zu bilden. Niemand wußte im Grunde genau, was er alles organisierte; wieviel wichtige und unsichtbare Fäden in seinen Händen zusammenliefen. Er trat häufig kleine Reisen an, deren Ziele unbekannt blieben. War er nach Prag unterwegs, oder nach Kopenhagen, oder gar nach Berlin? Richtete er einen Schwarzsender in Straßburg ein, dessen aufrührerische Verlautbarungen von deutschen Proleten, nachts und unter Lebensgefahr, abgehört wurden, oder konspirierte er mit Gesinnungsgenossen in Wien …? Theo Hummler redete nicht viel. Seine Miene wurde immer verschlossener, fast unheilverkündend vor lauter Energie und Geheimnis.

Bei anderen war es deutlicher, was sie taten und womit sie etwas erreichten. Ilse Ill zum Beispiel, die Kabarettistin, hatte plötzlich einfach Erfolg – in allen Zeitungen stand es zu lesen. Monate und Jahre war sie arbeitslos umhergegangen, fast verzweifelt und schon halb zerlumpt, und jedem, der nicht davonlief, hatte sie es erzählt: »Schon wieder hat ein Direktor zu mir gesagt, ich sie ihm zu häßlich. Dabei hat er mir zugegeben, ich hätte Talent. Wenn ich aber Talent habe, dann habe ich ein Gesicht. Und wenn ich ein Gesicht habe, dann bin ich doch nicht häßlich …« Gleichsam über Nacht hatte man es entdeckt, ihr Gesicht, und nun leuchtete ihre Photographie aus den Illustrierten. Sie hatte es geschafft, freilich unter Verwendung radikaler Mittel. Der Einfall war ihr gekommen, sich das Haar grasgrün zu färben. Dazu schminkte sie sich die Lippen schwärzlich, die Wangen violett, und wählte zu einem schwarzen engen Kleid eine scharlachrote Pierrotkrause. Es fiel immerhin auf. Außerdem hatte sie sich ein Programm einstudiert, das an fürchterlicher Kraßheit nichts zu wünschen übrig ließ. Zunächst durfte sie es nur in einem sehr bescheidenen Nachtlokal zum Vortrag bringen. Dort fanden sich Leute, die es interessierte; daraufhin machte sie einen Selbstmordversuch. Die Pariser wurden neugierig. Die Direktion eines großen Montmartre-Kabaretts bot ihr einen Vertrag an. Sie wand sich schlangenhaft zwischen den Tischen, an denen Sekt getrunken ward, warf die schwarzen Arme gen Himmel, verzerrte das bläuliche Gesicht über dem makabren Putz der Scharlachkrause und schrie tragische Obszönitäten. Dieses war der Erfolg.

Auch Bobby Sedelmayer hatte es noch einmal geschafft. Dem charmanten, unverwüstlichen und gutmütigen Burschen zeigte sich in Shanghai das Glück wieder treu, das ihn an der Avenue de l’Opéra vorübergehend verlassen hatte. Seine Berichte aus China hatten begeisterten Ton. »Meine Bar ist die schönste des Fernen Ostens!« meldete er enthusiastisch – und alle, die dort gewesen waren, bestätigten es. »Nur Ihr fehlt mir!« versicherte Bobby den alten Freunden. »Sonst wäre ich restlos froh.« – Er hatte sein Lokal in einem der ersten Hotels der Stadt etablieren können. Es war ein geselliges Zentrum dieser Weltgegend. Bobby verdiente in so hübschen Mengen, daß er dem jüdischen Comité, für das Dora Proskauer arbeitete, eine runde Summe überweisen konnte. An den Bankier Bernheim schrieb er, nicht ganz ohne Spott: »Wenn Sie in dieses Unternehmen Geld investiert hätten, verehrter Freund, wären Sie fein heraus!«

Übrigens hatte der Finanzier die Verluste, die seine Beteiligung an der »Rix-Rax-Bar« für ihn bedeutet hatte, leicht verschmerzen können. Ihm ging es vortrefflich; sein geschäftliches Genie bewies sich auch unter den abnorm erschwerten Umständen seiner jetzigen Existenz. Die prachtvolle Wohnung in Passy hatte schon wieder fast ebensoviel mondäne Anziehungskraft wie einst die Grunewaldvilla. Die Elite der Emigration – Künstler, Politiker und die Herren von der Börse – begegneten sich dort mit dem höheren Personal der Botschaften, Pariser Zeitungsbesitzern und den halb deklassierten Mitgliedern des Faubourg St.-Germain. Bernheim genoß die allgemeine Achtung. Einen Teil des Jahres verbrachte er in einem kleinen Ort bei Palma, auf der Insel Mallorca, wo er eine Villa gekauft hatte.

Dort hielt sich Professor Samuel auf, auch während der Hausherr abwesend war. Samuel hatte sich verliebt in Mallorca, in die Landschaft und in die Menschen. Außerdem hatte er dort ein sorgenloses Leben. Der Bankier schätzte ihn als Künstler wie als Causeur; großzügig und ohne gar zuviel Wesens davon zu machen, stellte er ihm Haus und Garten, Dienerschaft und Weinkeller, Küche und Bibliothek zur Verfügung. Wenn Samuel sich bedanken und die Großmut seines Freundes preisen wollte, sprach Bernheim schlicht: »Ich bin stolz darauf, mein Lieber, daß in meinem Hause Meisterwerke entstehen.« – Wirklich gerieten dem Maler auf Mallorca Bilder von ungewöhnlicher Qualität: Ansichten von Meer und Bergen in starken, hart leuchtenden Farben und reizende Porträts von Fischerknaben, Stierkämpfern oder Bauernfrauen. Eine kleine Gruppe von Künstlern – Schriftstellern oder Malern – begann sich um das mallorquinische Idyll von Samuel und Bernheim zu bilden. Man verbrachte unschuldsvolle, blaue Tage am Strande und wilde Nächte in Palma. In Bernheims Villa war der Tisch stets für viele gedeckt. Wenn der Bankier in Paris weilte, vertrat ihn Samuel: schalkhaft und würdig, mit Grandezza, milder Klugheit und gepfeffertem Witz.

Die Zeit verging, auch für die Emigranten. Schriftsteller schrieben Bücher – manche davon waren gut, andere ließen zu wünschen übrig; Politiker entwarfen ihr Programm und stritten mit den Kollegen darüber; Zeitschriften wurden gegründet und gingen ein; Frauen gaben sich hin, erwarteten ein Kind, ließen es abtreiben oder bekamen es; Geschäftsleute spekulierten; Ärzte und Rechtsanwälte hatten keine Praxis, aber doch ab und zu Klienten; Schauspieler hatten kein Engagement, aber durften sich doch hier und dort öffentlich zeigen. Das Leben stagniert nicht, geht weiter, bringt Überraschungen, Veränderungen, Sensationen, Schmerzen, kleines Glück, heftigen Kummer, Langeweile, Lust, Müdigkeit, Hunger, Schreck, Enttäuschung.

Sogar für die arme Friederike Markus sollten schließlich Abenteuer kommen. Wie lange Zeit hatte sie nun, einsam und abgetrennt von allen übrigen, in ihrer tristen Wahnwelt gelebt? Jahre waren vergangen … Sie ging immer noch mit ihrem gelben Handtäschchen umher, in dem die Parfümflaschen an die Tuben mit Zahnpasta klapperten, und immer noch verfaßte sie ihre endlosen Epistel an britische Politiker, italienische Dirigenten oder deutsche Dichter. Tag und Nacht aber, ob sie schrieb oder Eau de Cologne verkaufte, träumte sie von jenem Gabriel, der sie verlassen hatte. Da erschien er ihr.

Als sie wieder einmal in einem Bistro saß und im Begriffe war, eine ausführliche Klage an Frau Lagerlöf abzuschließen, mußte sie plötzlich aufschauen vom Papier. Ein Windhauch hatte sie angerührt; aber diesmal war er nicht frostig böse, vielmehr tröstlich mild: Hauch, Glanz und Wohlgeruch in einem. Friederike, die ihren Blick sehnsüchtig ausschickte, erkannte Gabriel; in höchst anmutiger Pose stand er gegen die Theke gelehnt. Er trug einen grauen Sportanzug mit weiten Pumphosen; von den Schultern aber wuchsen ihm silbrigblaue Flügel, starr und leuchtend, wie angefertigt aus einem biegsamen, starren und spröden Metall. Unter einer schicken englischen Schirmmütze, die er tief in die Stirn gezogen trug, glänzten die Augen des huldreichen Engels derartig stark, daß Frau Viola sich zugleich entsetzt und beseligt fühlte. Ach, ihr Gabriel war wiedergekommen, alles konnte gut werden. Siehe – er hielt ein kleines Glas, gefüllt mit golden bräunlicher Flüssigkeit, auf kokette Art in der Hand. Den rechten Fuß hatte er lässig vorgestellt, wie ein Tänzer, der ausruht von seinen herrlichen Sprüngen und der, noch in der Ruhe, den hohen Anstand, die spielerische Grandezza des Tanzes bewahrt. Strahlenglanz umfloß ihn; die arme Viola zitterte davor, es könnte jene Rosenwolke wieder herbeigeschwebt kommen, auf der die Götter ihre Lieblinge entführen. »Gabriel!« rief sie schluchzend und reckte die hageren Hände nach ihm.

Ein mürrischer alter Kellner wunderte sich darüber, daß die eifrig schreibende Dame plötzlich mit weinerlich-schriller Stimme einen Herrn anrief, den sie vorher gar nicht beachtet hatte. Er befand sich schon seit einer Viertelstunde im Lokal und trank gerade seinen dritten Cognac. Als die Dame unvermittelt »Gabriel!« schrie, wandte er sich ihr zu und lächelte wie jemand, der dergleichen gewohnt ist. »Wie beliebt, bitte?« fragte er mit einer Stimme, die sowohl kräftig als auch einschmeichelnd war.

Die Frau am Tisch schien aus einem tiefen Traum zu erwachen. »Entschuldigen Sie!« brachte sie mühsam hervor. »Ich habe Sie … mit einem Bekannten verwechselt …« Die Hände und die Lippen zitterten ihr. ›Sie sieht ja besorgniserregend aus‹, dachte der junge Mann. Während er federnden Schrittes auf sie zutrat, sprach er mit einer galanten Neigung des Oberkörpers: »So etwas kann passieren!« Und er fügte hinzu – wobei er sich ein geübtes Don-Juan-Lächeln wie eine feine seidene Maske übers Gesicht zog: »Mein Name ist Walter Konradi. Sind Gnädigste auch Emigrantin?«

Monoton zugleich und dramatisch bewegt verlief das Leben der beiden Knaben, Martin und Kikjou. Immer noch bewohnten sie miteinander das zu teure Atelier, Rue Jacob, mit dem schönen Blick aus dem großen Fenster über die Dächer und in die winkligen Straßen des Quartiers. Immer noch vergingen ihnen die langen Nächte mit den Gesprächen und den Liebkosungen; die kurzen Tage aber verschliefen sie beinah ganz. Dazwischen gab es Szenen, Auftritte mit Tränen, Schreien und wilden Worten. Manchmal trennten sie sich; aber niemals länger als für einige Wochen. Es war immer Kikjou, der abreiste: zu den Verwandten nach Belgien oder Lausanne, oder mit einer älteren Dame, die ihm nachstellte, nach London, oder mit einem jungen Amerikaner nach Biarritz. Martin blieb – und eines Tages trat auch Kikjou wieder ein, das lieblichbleiche Affengesichtchen starr vor Zärtlichkeit, Hysterie und einer Freude des Wiedersehens, in die sich Verzweiflung mischte: »Me voilà, da bin ich wieder, alles kann von vorne anfangen – wir kommen voneinander nicht los.«

Und alles fing wieder von vorne an. Ewig wiederholten sich Martins Vorwürfe: »Du betrügst mich! Wie eine kleine Hure bist du, im Gesicht und am ganzen Körper, auch deine Frömmigkeit ist nur eine besonders unappetitliche Form deiner maßlosen Geilheit.« Darauf Kikjou: »Du bist es, der mich täglich und stündlich betrügt – mit dem Gift, mit dem Teufelszeug!« – Und Martin, nicht ohne Hohn: »Du nimmst es ja selber! Heuchler du! Du kannst ja selbst gar nicht mehr auskommen ohne deine chose infernale!« – Kikjou: »Spotte auch noch! Triumphiere auch noch! Du hast mich zum Morphinisten gemacht!«

Er hatte nicht widerstehen können. Die Zeiten, da er mit einer etwas grausamen Neugierde Martins Exzesse beobachtet hatte, waren dahin. Die Fremdheit, in die ihm Martin entglitt, wenn die Droge sein Gesicht und seinen Blick veränderte, hatte anfangs für Kikjou einen Reiz bedeutet. Schließlich wurde es unerträglich. Zwei Menschen, von denen der eine intoxikiert ist, der andere nicht, können auf die Dauer nicht zusammen sein. Sie leben in verschiedenen Welten: Kikjou begriff dies bald. Eines Nachts verlangte er danach, la chose infernale zu kosten. Wie geschwind gewöhnte man sich! Er konsumierte sie in kleineren Dosen als Martin, auch noch nicht mit der gleichen Regelmäßigkeit. Aber er spürte doch schon, wie er verfiel. Er beichtete, sowohl dem Onkel in Belgien als auch dem Priester. Aber er konnte nicht aufhören. Der Teufel hatte ihn fest in den Krallen. Der Teufel vermag mannigfache Gestalt anzunehmen. In einem winzigen Paketchen aus festem, rotem Papier findet er Platz …

Die beiden magerten ab. Ihre Gesichtsfarbe wurde grau, die Haltung schlaff, der Appetit ließ nach, auch die sexuelle Potenz. Es gab Zeiten, da Kikjou beinah gar nichts mehr bei sich behalten konnte; er übergab sich fast nach jeder Mahlzeit. Oft blieb er den ganzen Tag im Bett liegen, während Martin wenigstens abends sich für einige Stunden erhob. Er ging zur Schwalbe und plauderte mit David Deutsch oder den anderen Freunden. Nach einer gewissen Weile freilich begann er zu gähnen, apathisch, schlapp und melancholisch zu werden. Dann zog er sich auf die Toilette zurück – um nach einer Viertelstunde frisch und munter wieder zu erscheinen. Mit neuen Kräften mischte er sich ins Gespräch, das er bald beherrschte. Er war amüsanter denn je; auf seine kokett gedehnte, zugleich pedantische und brillante Art formulierte er Aperçus über Politik, Menschen oder Literatur. Alle Blicke hingen an seinem schönen, trägen und bleichen Gesicht. Seine graugrün verschleierten Augen, in denen die Pupillen hart und winzig klein waren, hatten eine neue Macht, eine geheimnisvoll starke Beredsamkeit bekommen. David liebte und bewunderte ihn. Er war seinerseits tief versponnen in seine soziologisch-philosophischen Arbeiten; Martin war fast der einzige Mensch, für den er noch ein echt lebendiges Interesse fühlte. Mit keinem war das Gespräch so anregend – fand David – wie mit diesem jungen Poeten, der fast nichts schrieb und sich selbst allmählich zugrunde richtete. David arbeitete an einem Institut für soziale Forschung und war Mitherausgeber einer wissenschaftlichen Monatsrevue. »Wie gut könnten wir dich dort brauchen!« sagte er Martin oft. »Dir fällt mehr ein als den meisten Professoren.« – »Ich kann nicht.« Martin hob nur müde die Schulter. »Du mußt mir ein bißchen Geld leihen, David. Pépé will nicht länger warten. Morgen oder übermorgen bekommst du es ganz bestimmt wieder.«

Pépé war die große, herrschende Figur in Martins Leben geworden. Der Händler hatte inzwischen häufig sein Stammlokal wechseln müssen. Auch verhaftet war er einmal gewesen. In dieser Zeit hatte sein Cousin »das Geschäft« geführt. Aber mit dem war nicht auszukommen; statt Morphine zu nehmen, trank er Schnaps – was viel unbekömmlicher war und ihn jähzornig machte. Pépé hingegen war ein Gentleman; in seiner Art fast ein Weiser. Übrigens hatte er für Martin und Kikjou die zärtlichste Sympathie; er nannte sie »meine Lieblingskinder« und räumte ihnen längere Kredite ein als den übrigen Kunden.

Trotzdem gab es ständig finanzielle Schwierigkeiten – nicht nur mit Pépé, sondern auch mit der Patronne des Hotels. Alte Korellas schickten immer weniger und immer unregelmäßiger: die komplizierten und strengen Devisenbestimmungen waren schuld, wie sie behaupteten. Martin glaubte es nicht; er sagte, es fehle an gutem Willen: »Sie lassen ihren kranken Sohn glatt verhungern.« Kikjou seinerseits war mit dem Papa, der seinen Lebenswandel permanent mißbilligte, immer noch nicht versöhnt. Die Verwandten in Lausanne ließen ihn zappeln, wenn sie irgend Lust dazu hatten. Der belgische Oheim kam einzig und allein als Spender geistlichen Trostes in Frage. Oft waren die beiden Knaben in der Rue Jacob ganz verzweifelt. Wenn David Deutsch und der hilfsbereite Marcel nicht gewesen wären, hätte man sie längst aus dem Hotel gewiesen.

Martin versuchte zu arbeiten. Der große Roman, von dem er sich soviel versprochen hatte, kam nicht zustande. Hingegen plante er nun eine kleine Serie von Prosastücken, teils hymnischer, teils analytischer Art – Tagebuchseiten, Bekenntnis, politische Aphorismen, philosophische Lyrik. Als Motto hatte er eine Stelle von André Gide gewählt:

»Il y a dans tout aveu profond plus d’éloquence et d’enseignement qu’on peut croire tout d’abord.«

Veröffentlicht hatte er in all der Zeit nichts, außer einer kritischen Studie über den »verruchten Lieblingsdichter«, den deutschen Lyriker, Arzt und Denker, der, in einer Mischung aus irrationaler Berauschtheit, Hysterie und Opportunismus, ein Mitläufer des Naziregimes geworden war. Martins Artikel, dem die intime Kenntnis des Gegenstandes, Liebeshaß, Gram und Enttäuschung eine gewisse intellektuelle Beschwingtheit, einen zornig-zärtlichen Impetus verliehen, war in einer der neugegründeten literarischen Monatshefte erschienen und hatte in Kennerkreisen Aufsehen gemacht. Nun erst recht sagte man allgemein, wenn man von Martin sprach: »Es ist schade um den Jungen.«

Im Februar 1936 waren die beiden gerade in einem besonders deplorablen Zustand. Sie beschlossen, für einige Wochen nach Südfrankreich zu fahren; Kikjou hatte eine größere Überweisung aus Lausanne erhalten. Pépé lieferte ihnen den Heroinvorrat, mit dem sie auskommen wollten. Denn ein Zweck der Reise war, mit den Dosen »herunterzugehen«.

Der kleine Ort Villefranche liegt in der Nähe von Nice. Sie wohnten in einem Hotel am Hafen. Ihr Zimmer hatte hellblau getünchte Wände und den hübschen Blick auf die Bucht. Die Tage waren sehr milde, Himmel und Wasser schimmerten, vor dem blauen Hintergrund ließen Boote das starke Braun ihrer Segel leuchten. Martin und Kikjou waren ein paar Tage lang glücklich. Sie liebten den Ort mit seinen engen und stillen Gassen, die steil zum Berg hinaufstiegen und deren Schläfrigkeit sich festlich belebte, wenn ein amerikanisches Schiff anlegte. Dann füllten sich die Pfade, die Bars und die Plätze mit den Matrosen; sonst gab es aber hier nur bleiche Kinder, die schwermütig in der Nase bohrten, und fahle Katzen, die lautlos durch die gehäuften Abfälle huschten. – Martin und Kikjou liebten einander. Sie versprachen, daß sie sich niemals verlassen wollten. Sie waren nicht »heruntergegangen« mit den Dosen, sondern konsumierten reichlicher denn je. Nach acht Tagen war ihr Vorrat zu Ende.

Sie telegraphierten an Pépé; er antwortete nicht. Sie versuchten ihn telefonisch zu erreichen; umsonst. Vielleicht war er wieder einmal verhaftet worden. Sie liefen zum Apotheker in Villefranche und bettelten um einige Ampullen Morphine. Der Apotheker wurde grob, schrie sie an, mit solchem Gesindel wolle er nichts zu tun haben, und schmiß sie aus seinem Laden. In Nice fanden sie einen, der höflicher war; er verkaufte ihnen aber nur eine kleine Dosis Eucodal und ein paar Pantopon-Tabletten. Das stillte nur den ersten, gierigsten Hunger. Nach ein paar Stunden fing der Jammer wieder an.

Es war beinah nicht auszuhalten. Sie stürzten wie die Irrsinnigen durch das Zimmer; schrien sich Beleidigungen zu. Beide aufs äußerste gereizt, beide furchtbar erbittert; den halben Tag verbrachten sie in einer Wanne voll heißem Wasser, weil es dort noch am erträglichsten war. Im warmen Naß hilflos aneinandergeschmiegt, schluchzten sie lange. Wie wir leiden! Armer Kikjou! Ärmster Martin! Wie wir leiden müssen! – Abends setzte sich Martin in den Zug nach Marseille. Am nächsten Vormittag kam er mit neuem Vorrat zurück.

Sie labten sich beide; Kikjou zog das Zeug durch die Nase hoch – er hatte eine nervöse Angst vor dem Einstich der Spritze – während Martin sich die Injektion »intravenös« – nicht »subkutan« – in den Arm applizierte. Dazu bedurfte man eines gewissen Talentes und langer Übung. Der Arm wurde abgebunden, wie zu einer Operation. Das Instrument, dessen Nadel in der Ader steckte, füllte sich mit schäumend-trüber, roter Flüssigkeit: es war Blut, Martins Blut – Kikjou beobachtete den Vorgang mit Ekel und Interesse. Die Wirkung war, dank der intravenösen Injektion, wesentlich stärker und schockhafter. Martin, übermüdet von der nächtlichen Reise, betäubt von der Droge, verfiel in sehr schweren Schlaf. Auch Kikjou, der mehr als gewöhnlich durch die Nase hochgezogen hatte, schlief ein. Als er Stunden später erwachte, fand er den Freund neben sich, weiß im Gesicht und ganz leblos. Er hielt ihn für tot und schrie leise auf. Kurz entschlossen schrieb er einen Zettel – »Ohne dich kann ich nicht leben! Niemals!« – und schluckte neun Veronaltabletten, um möglichst schnell seinerseits zu sterben. Pathetische Mißverständnisse, wie im letzten Akt von Romeo und Julia – den armen Kikjou hätten sie leicht das Leben kosten können. Er wurde gerettet; ein Arzt kam herbei, es war vier Uhr morgens, der Doktor schimpfte, aber er pumpte Kikjou den Magen aus.

Nun hatte Kikjou genug. Er hatte dem Tod ins Auge geblickt, um Martins willen, seine Geduld war am Ende, er rief aus: »Alles, was wir tun, ist Greuel und Schande. Ich verlasse dich, Martin. Morgen beginne ich eine Entziehungskur, die ich durchzuführen gedenke. Dich schaue ich nicht mehr an, ehe auch du völlig los bist von der chose infernale. Dies ist Teufelsdreck!« Er schleuderte ein Paketchen mit dem kostbaren Heroin aus dem Fenster. Martin raste, teils wegen der vergeudeten Droge, teils weil der Geliebte ihn verlassen wollte. »Das kannst du nicht tun!« heulte er auf; unklar blieb, worauf es sich bezog.

Sie standen sich vor der hellblau getünchten Wand gegenüber, zwei kampfbereite Jünglinge, beide zitternd, beide mit weißen Lippen.

»Ich kann es!« schrie Kikjou. »Denn ich will leben. Gott hat mich nicht dazu geschaffen, daß ich mich zugrunde richte. Was wir treiben, das ist die Sünde wider den Heiligen Geist.«

»Unsinn!« Martin war aufs äußerste erregt und zornig. »Gesteh doch gleich, daß du mich nicht mehr liebst! Habe doch den Mut, es mir ins Gesicht zu sagen! Ich aber liebe dich noch.« Es klang schrecklich, wie eine Kampfansage. »Und ich lasse dich nicht. Du kannst mich nicht töten.«

Kikjou, etwas leiser: »Ehe ich mich von dir töten lasse …« Dann scheuchte er Martin, der sich ihm nähern wollte, von sich, wie man einen bösen Geist verscheucht.

Beide fühlten: diesmal war es ernst. Sie hatten sich mancherlei dramatischen Spaß und viel hysterisches Amüsement gegönnt. Diesmal ging es ums Ganze. Die Pantomime ihres bitteren Abschiedes hatte sich vom Hintergrund der hellblauen Wand gelöst. Nun wurde sie vor dem geöffneten Fenster zu Ende gespielt; dahinter leuchtete das Meer mit den braunen Segeln. – Keine Umarmung mehr; kein Gruß mehr; stummes, blindes Auseinandergehen.

Martin kehrte alleine nach Paris zurück.

7

Marion setzte sich durch.

Es war nicht leicht gewesen; mit dem Erfolg ihres ersten Pariser Abends war keineswegs schon etwas Wesentliches erreicht. Applaus von ein paar hundert Freunden oder Gesinnungsgenossen – das bedeutet nicht viel. Eine literarische Rezitatorin findet auf die Dauer kein Publikum; dies bekam Marion immer wieder zu hören. Die Leute gehen ins Kino; kaum sind sie in ein Theater zu bringen; ganz gewiß nicht in einen Saal, wo eine Schauspielerin ohne Engagement Verse von Goethe und Hölderlin spricht. »Und überhaupt: welches Wirkungsgebiet kommt für Sie in Frage, da Sie in Deutschland selber nicht auftreten dürfen? Die paar tausend Emigranten werden Ihre Säle nicht füllen …«

»Es gibt Länder, wo man mich verstehen wird«, sagte Marion zuversichtlich. »Es gibt die Schweiz, Holland, Österreich, Skandinavien, die Tschechoslowakei …«

Sie ließ sich nicht einschüchtern oder mutlos machen. Zunächst veranstaltete sie noch einige Abende in Paris, trat auch in politischen Versammlungen auf. Dann wurde in Straßburg ein literarisches Kabarett eröffnet, dessen Attraktion sie zwei Monate lang war. Von dort aus fuhr sie nach Zürich, wo sie im Rahmen einer politisch-satirischen Revue vier Gedichte rezitierte, zwei klassische und zwei moderne. Sie war beim Publikum bald so beliebt, daß drei eigene Abende, die sie selbst riskierte, starken Zulauf hatten. Daraufhin bewarben sich um sie die Bühnen verschiedener Schweizer Städte. Auch aus Österreich und der Tschechoslowakei kamen Angebote. Sie lehnte ab. Es lockte sie nicht mehr, schien ihr kaum noch lohnend, Ehebruchskomödien oder die Maria Stuart zu spielen. Das Repertoire der Stadttheater oder privaten Bühnen interessierte sie nicht; es hatte zu wenig Zusammenhang mit den Dingen, die ihr Herz und ihren Geist beschäftigten. Ihr Ehrgeiz war in anderer Richtung fixiert. Sie wollte politisch wirken. Sie glaubte eine Sendung zu haben, und mit stolzem Glück spürte sie: ›Ich bin ihr gewachsen.‹

Am meisten war ihr an den eigenen Abenden gelegen, deren Programm sie allein bestimmte. Mit einem Kabarett oder einem Revuetheater schloß sie nur dann ab, wenn man ihr die Auswahl der Gedichte, die sie bringen wollte, ohne Vorbehalt überließ. Viele der Direktoren machten anfangs Einwände. Bald aber stellte sich heraus, daß sie »zog«; daß um ihretwillen die Leute kamen und das Haus immer voll war, wenn Marion von Kammer angekündigt wurde. Man räumte ihr also die Freiheiten ein, auf denen sie bestand.

Sie gab Abende in Zürich, Basel, Bern, St. Gallen, Luzern, Olten und anderen Orten der Schweiz. Ihre stärksten Erfolge hatte sie in der Tschechoslowakei. In Prag, Brünn und Preßburg, Karlsbad und Marienbad wurde sie vom Publikum und von der Presse gefeiert. »Die antifaschistische Jungfrau von Orléans am Vortragspult!« schrieb ein Prager Literat über sie. Zunächst meinte er es wohl ironisch; aber Marions Bewunderer griffen die Wendung auf, und schließlich benutzte sie sogar ihr Manager in seinen Annoncen. – Im Sommer 1935 arbeitete sie in den böhmischen Badeorten; dann wieder in der Schweiz, in Davos, Arosa, St. Moritz. Zum Schluß der Sommersaison stellte sie sich noch dem internationalen Publikum der Salzburger Festspiele vor. Für die Herbstmonate hatte der Agent ihr eine große Tournee in Holland eingerichtet. Daran schlossen sich Engagements in Belgien und Luxemburg; dann wieder in der Schweiz und der Tschechoslowakei. Es war ein anstrengender Winter. In Wien durfte sie nicht auftreten, weil die österreichische Regierung auf die Empfindlichkeiten des Dritten Reiches Rücksicht nahm. In Zürich machten faschistische Studenten Skandal, als sie das Gedicht eines Autors sprach, der in einem deutschen Konzentrationslager ermordet worden war. Die Polizei warf die Ruhestörer – von denen sich später herausstellte, daß sie Geld vom deutschen Konsulat bekommen hatten – aus dem Saal. Seit diesem Zwischenfall hatte Marion Schwierigkeiten, die Arbeitserlaubnis in der Schweiz zu bekommen; von einigen besonders vorsichtigen Kantonen wurde sie ihr verweigert. Nicht nur in der Schweiz, auch in der Tschechoslowakei und in Holland interessierten sich nun die Behörden für die Auswahl der Verse, die sie sprechen wollte. Überall vermied man mögliche Schwierigkeiten mit den reizbaren deutschen Gesandtschaften oder Konsulaten. Marion kämpfte wie eine Löwin um jede Zeile ihres Programms. Manches mußte sie opfern. Was stehen blieb, war immer noch genug, um den Nazispionen, die von ihren Vorgesetzten in den Saal geschickt worden waren, den kalten Schweiß auf die Stirnen zu treiben.

Deutsche Dichter im Exil schrieben Verse, eigens für die Vortragskünstlerin Marion von Kammer. Oft waren es nur gereimte Leitartikel, politische Manifeste in »freien Rhythmen«, denen Marion durch ihre Stimme, durch das Pathos ihrer Haltung und ihres Blickes erst die Würde und das Gewicht verlieh. Aber inniger war sie bei der Sache, wenn sie Gedichte oder Prosa der Klassiker sprach. Am populärsten war der Heinrich-Heine-Abend. Alle im Saal erschauerten, wenn die Zürnende rief:

»›Nicht gedacht soll seiner werden …!‹

Ausgelöscht sein aus der Menschen

Angedenken hier auf Erden,

Ist die Blume der Verwünschung –

Nicht gedacht soll seiner werden!

Herz, mein Herz, ström aus die Fluten

Deiner Klagen und Beschwerden,

Doch von ihm sei nie die Rede –

Nicht gedacht soll seiner werden!

Nicht gedacht soll seiner werden,

Nicht im Liede, nicht im Buche –

Dunkler Hund im dunklen Grabe,

Du verfaulst mit meinem Fluche!

Selbst am Auferstehungstage,

Wenn, geweckt von den Fanfaren

Der Posaunen, schlotternd wallen

Zum Gericht die Totenscharen.

Und alldort der Engel abliest

Vor den göttlichen Behörden

Alle Namen der Geladenen –

Nicht gedacht soll seiner werden!«

Jeder begriff, wen diese fürchterliche und schöne Stimme, die jetzt wie eine große Glocke drohend läutete, meinte und verdammte. Marions Gesicht war sehr starr, wenn sie diese schauerliche Formel des Fluches sprach. Aber unter der lockigen Purpurfülle des Haars brannten grausam die schräggestellten Katzenaugen.

Ihre Stimme wurde berühmt in Europa. Junge Schauspielerinnen begannen, ihre stürmischen und zärtlichen, zornigen und schmelzenden, aufrührerischen und süßen Akzente zu kopieren. Sie wurde viel bewundert und viel geliebt. Ihr Blick erschreckte; aber es verführte ihr großer, leuchtender Mund, und Lyriker oder hysterische junge Mädchen schrieben Hymnen auf ihre mageren, nervösen und kraftvollen Hände. – Sie wurde sehr geliebt und bitterlich gehaßt. Die Zeitungen im Reich brachten Schmähartikel gegen sie. In den Witzblättern von Berlin und München erschien ihre Karikatur: das kurze Gesicht unter dem wilden Haar, die gespreizten Hände, die mageren Glieder im eng anliegenden schwarzen Kleid. Hatte man Angst vor ihr und vor ihrer Stimme, daß man sich so viel und zornig mit ihr beschäftigte? Die Naziregierung entzog ihr die deutsche Staatsbürgerschaft: sie ward »ausgebürgert« – was wiederum nur eine Reklame für sie bedeutete. Schon ehe ihre Feinde sie mit dieser hilflosen und etwas komischen Geste zu züchtigen und erniedrigen meinten, hatte sie ihrerseits öffentlich erklärt, daß sie ihren deutschen Paß nicht mehr benutzen wolle. Sie reiste mit einem provisorischen tschechischen Papier, einem »Fremdenpaß«, den man ihr in Prag zur Verfügung gestellt hatte. Ihre Popularität in den Kreisen, auf die sie wirken wollte, steigerte sich noch dank den Beleidigungen, mit denen die Herren aus Berlin sie verfolgten. Niemals war Marion so gefeiert worden wie in den ersten Wochen nach der »Ausbürgerung«. Damals kam sie gerade in die Tschechoslowakei zurück. Es war im Januar des Jahres 1936.

Immer zahlreicher, immer inniger wurden die dankbaren, enthusiastischen Briefe. Häufig kamen sie von Deutschen – Feinden des Naziregimes, die es aber im Reiche aushalten mußten und nur für kurzen Aufenthalt im Ausland waren. »Wir hatten angefangen, unsere Heimat zu hassen«, schrieben sie. »Das Deutschland, in dem wir leben müssen, ist hassenswert. Sie haben uns wieder an ein anderes erinnert, haben ein besseres Deutschland für uns lebendig werden lassen. Das vergessen wir Ihnen nie.«

Marion beantwortete viele Briefe, vermied es aber, halb aus Scham, halb aus Trägheit, mit ihren Bewunderern persönlich in Berührung zu kommen. Manche waren von bemerkenswerter Insistenz. Als sie einen Monat lang in einem Prager Kabarett auftrat, gab es eine Dame, die ihr jeden Abend Blumen schickte: dreißig kleine rote Rosensträuße. Als das Engagement zu Ende ging, am 31. Januar endlich, schickte Marion dieser zähen Verehrerin einen Zettel ins Parkett: es würde ihr eine Freude sein, sich persönlich für die vielen schönen Blumen bei ihr zu bedanken. Drei Minuten später war die Dame da und sah düster aus. Sie trug ein streng geschnittenes dunkles Kostüm und das glatte schwarze Haar sehr kurz geschoren. »Ich heiße Emma von Barlow«, sprach sie und verneigte sich knapp. »Von Beruf bin ich Bildhauerin. Ich möchte Sie modellieren, Marion von Kammer.« Ihre Stimme tönte sonor und tief; auf der Oberlippe lag ein starker Flaum von brünettem Schnurrbart. »Ich möchte Sie modellieren«, fuhr sie fort, ohne auf Marions Antwort zu warten, »ehe ich Europa verlasse. Denn hier bleibe ich nicht!« versicherte sie, fast zornig, als hätte jemand sie zurückhalten wollen. »Was soll ich noch in Europa? Niemand interessiert sich mehr für Skulpturen. Europa ist fertig, aus, zu Ende – das weiß ich schon lang. Ich gehe nach Ekuador.« Dies erklärte sie nicht ohne einen düsteren Triumph, und sie fügte leiser hinzu: »Ganz allein.« Geld habe sie gerade genug für die Reise und um ein paar Monate drüben auszuhalten, erklärte sie noch. »Dann wird man weitersehen.« Das Leben in jener Gegend sei billig – hatte man ihr berichtet. »Ein reiches Land; keine Staatsschulden.« Sie sprach fast drohend vor Sachlichkeit. »Ölschätze!« rief sie, als ob dies alles für sie bedeutete. »Und ein schöner Menschenschlag – was mich übrigens kaum noch zu interessieren braucht; denn ich wechsle meinen Beruf. Sie, Marion von Kammer, sollen mein letztes Modell sein! Vielleicht werde ich nun Pianistin in einer Jazzkapelle. Ich spiele recht gut Klavier.«

Als Marion endlich zu Worte kommen durfte, suchte sie der Besucherin plausibel zu machen, daß es ihr leider nicht möglich sei, sie im Atelier aufzusuchen. »Ich habe morgen einen Abend in Bratislava; übermorgen einen in Brünn. Wenn man nur etwas mehr Zeit hätte …« Es tat ihr wirklich leid, Emma von Barlow enttäuschen zu müssen. Die stand einen Augenblick sprachlos; blieb indessen gefaßt. »Es macht nichts.« Die Stimme klang etwas heiser. »Es macht wirklich gar nichts. Denn ich kenne Sie ja. Ich habe Sie lange genug beobachtet, um Ihr Porträt aus dem Kopfe zu schaffen. Ich weiß jede Linie an Ihrem Körper.« Dabei funkelte es in ihren Augen, die dunkel waren und sehr nah beieinanderlagen, unter einer trotzig vorspringenden, niedrigen Stirn. Marion, etwas beunruhigt, zog sich einen Schritt von ihr zurück. »Jetzt muß ich wirklich gehen«, sagte sie. »Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Reise.« Während sie dies vorbrachte, schnürte ihr plötzlich ein großes Mitleid die Kehle zu. Sie meinte, schluchzen zu müssen. Sie sah diese Frau – diese einsame Frau, die vielleicht eine echte Künstlerin war – auf dem Deck eines kleinen Schiffes, das sie wochenlang über den Ozean trug. Schließlich würde es sie absetzen in einem Lande, wo sie niemanden kannte. Wen hatte sie in Deutschland zurückgelassen? Eine alte Mutter? Einen Mann? Eine Freundin? – Eine Freundin, taxierte Marion. Und warum mußte diese Dame, Emma von Barlow, in die Einsamkeit und in die Fremde? Warum hatte sie es in der Heimat nicht aushalten können? Durch was wurde sie so empört und so abgestoßen? – »Danke!« sagte sie nun, und dies war der Abschied. Sie neigte sich über Marions Hand – Kavalier vom pomadisierten Scheitel bis zu den dicken Gummisohlen ihrer breiten Halbschuhe. »Danke! Nun nehme ich doch eine gute Erinnerung an Europa mit, da ich Sie gehört – und gesehen habe, Marion von Kammer!« Dann war sie hinaus, eiligen, festen Ganges und ohne sich noch einmal umgedreht zu haben.

Ein anderes Mädchen, das von Marion ausnahmsweise empfangen wurde, eine junge Kommunistin, kam direkt aus einem deutschen Gefängnis. Dort hatte sie sich zwei Jahre lang aufhalten müssen. Zwei Jahre! – welch eine Zeit! Und wie überstand man dergleichen? Diese hatte es in guter Form überstanden. In der Tat, sie schien beinah munter. Ihr Gesicht, das Marion mit Angst und Neugier prüfte, war nicht entstellt; nicht einmal besonders mager sah es aus. Das Mädchen war sogar etwas verächtlich, weil Marion sich bestürzt zeigte. »Zwei Jahre? Was ist denn das?« Sie zuckte die Achseln. »Ich hatte noch Glück, daß ich nicht ins Lager gekommen bin.« Das Geld, das Marion ihr schenkte, nahm sie wie etwas Selbstverständliches hin. Sie war nicht sehr liebenswürdig, wirkte aber vertrauenerweckend. »Sie tun gute Arbeit«, lobte sie Marion, ohne Enthusiasmus, fast erstaunt, wie eine Lehrerin, die schwer zufriedenzustellen ist und nun sagt: Die Leistung ist besser, als ich sie von dir erwartet hätte, mein Kind. »Gerade daß Sie den Leuten so klassisch kommen, ist geschickt. Damit fangen Sie das bürgerliche Publikum.« Sie tat, als wäre es nur natürlich und angebracht, daß Marion nach kalten Berechnungen und politischem Kalkül ihr Programm zusammenstellte. »Gegen Goethe und Schiller läßt sich kaum etwas einwenden«, sagte sie noch. »Man muß eben jetzt mit solchen Tricks arbeiten.« Marion ärgerte sich; übrigens war ihr das Mädchen nicht unsympathisch. Sie hatte ein intelligentes, offenes Gesicht; sie wußte, wofür sie kämpfte; meinte, unbedingt im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, und wäre, wenn es sein mußte, bereit gewesen, für diese Wahrheit zu sterben, ohne von ihrem Martyrium viel Aufhebens zu machen.

Es wechselte um Marion die Szenerie der Städte; es wechselten die Menschen, die ihr Briefe schrieben oder an den Theaterausgängen auf sie warteten: »Wir müssen Ihnen die Hand drücken, Fräulein von Kammer, es ist wieder gar zu schön gewesen!« Aber die Schlafwagen waren immer die gleichen, auch die Hotelzimmer blieben sich überall ähnlich – oft wußte Marion nicht, wenn sie am Morgen aufwachte, ob sie in Rotterdam oder in Basel, in Antwerpen oder Graz geschlafen hatte – und schließlich waren auch die Menschen, die sich überall zu ihr drängten, nicht so sehr voneinander verschieden. Viele kamen traurig und hoffnungslos; andere hatten Pläne, Vorschläge, ein politisches Programm. Einer erwartete sich alles Heil von Paneuropa; der nächste war anspruchsvoller und wollte den Weltstaat gründen: eine ganze Nacht lang erklärte er Marion, wie der Weltstaat auszusehen habe. Er war früher Professor an einer deutschen Universität gewesen – ein gescheiter Mann. Marion hörte ihm achtungsvoll zu. Er hatte die Insistenz des Fanatikers. »Der Weltstaat!« rief er immer wieder, und seine Faust, die auf den Tisch schlug, zitterte. »Nur er kann uns retten, und sonst nichts. Der ganze Begriff der Nation ist ein Schwindel – gar nichts dran, lauter Trick und Lüge. Solange die Menschen nicht dahintergekommen sind, ist für sie nichts zu hoffen …«

In Salzburg war es ein bayrisch-österreichischer Graf, der Marion stundenlang unterhielt. Er sah ziemlich leichtfertig aus, mit schwarzem Schnurrbart in einem fetten, lustigen Gesicht. »Meine Freunde nennen mich Count Bubi«, erklärte er gleich, mit kokettem Lachen, und bat darum, auch Marion möge ihn so anreden. Er war Katholik, Royalist, haßte die Nazis und wollte eine neue Partei gegen sie gründen, eine »Partei der Jugend«, Marion sollte zu den Führern gehören. »Dann machen wir eine kleine Revolution!« rief er animiert mit seiner näselnden süddeutschen Aristokratenstimme. »Eine kleine antipreußische Revolution in Bayern – das ist gar nicht so schwer! Ich brauche nur etwas Geld dazu, mit einer halben Million Pfund ist es zu schaffen, wir müssen handeln, Verehrteste, eine halbe Million Pfund müßte schließlich aufzutreiben sein, wir gründen einen katholisch-sozialistischen Staat, der Vatikan gibt uns seinen Segen, es kann eigentlich gar nicht schiefgehen …« Count Bubi war nicht beleidigt, als Marion lachte. »Natürlich lachen Sie!« bemerkte er ohne Bitterkeit. »Alle lachen zunächst. Sie werden es aber erleben: ich komme zum Ziel.« Merkwürdigerweise hielt sie dies wirklich nicht für ausgeschlossen. Der Graf mit seinem schlauen Kindergesicht schien besessen von Energien, die unter Umständen kostbar und selbst entscheidend sein mochten. Marion plauderte lange mit ihm. Die Idee, daß »eine kleine Revolution in Bayern« das Gesicht Europas verändern könnte, amüsierte sie und wirkte ermutigend.

Sie brauchte Ermutigung. Denn während sie vor ihrem Publikum oder im Verkehr mit Menschen stets zuversichtlich und beinah munter schien, kannte sie in Wahrheit die Stunden der Anfechtung, der verzweifelten Müdigkeit. Oft kam es ihr sinnlos vor, durch die Länder zu reisen – eine pathetische Missionarin – und schöne Verse zu deklamieren. Was soll es? – fragte sie sich, sooft die Stunde der Anfechtung kam. Wenn sie abends mit ihren Handkoffern und Blumensträußen zum Zug fahren mußte, fühlte sie sich manchmal derart matt und zerbrochen, daß sie erwog, den Rest der Tournee telegraphisch abzusagen und einfach zu bleiben, wo sie gerade war; in irgendeinem Hotelbett liegen zu bleiben, keine Zeitung mehr anzuschauen, keinen Telefonanruf mehr zu beantworten, die Augen geschlossen zu halten, zu schlafen …

Die D-Zug-Nächte konnten auf die Dauer kaum bekömmlich sein. Marion träumte zuviel, und fast immer waren es arge Träume. Früher hatte es so schlimme nicht gegeben. Damals hatte sie nur geträumt, daß sie wieder auf der Schulbank sitzen müsse und eine gar zu schwere Prüfung zu bestehen habe; oder sie stand auf der Bühne, ohne ein Wort Text zu wissen; oder sie mußte nackt über den Potsdamer Platz. Jetzt träumte sie einfach, daß sie sich in Deutschland befinde, und es war tausendmal beängstigender. Sie schlenderte über eine Berliner Straße; zunächst fiel ihr nichts daran auf. Allmählich kamen Bedenken: ›Warum bin ich eigentlich so lang nicht hier gewesen? Das muß doch einen Grund gehabt haben …‹ Mit dieser Frage setzte die dumpfe, quälende Beunruhigung ein; der eigentliche Alptraum begann. ›Ich habe wohl Feinde hier, sehr grausame Feinde, wahrscheinlich verfolgen sie mich – ich muß ein recht sicheres, unauffälliges Wesen zur Schau tragen und langsam gehen, dann bleibe ich vielleicht unbemerkt. Warum schauen mir denn die Leute so nach? Mein Gott, ich habe ja eine von diesen Emigrantenzeitungen in meiner Tasche, die sind hier doch verboten, es gilt als ein Verbrechen, sie mit sich zu führen – ich kann die Zeitung nicht mehr verstecken, alle haben sie schon bemerkt. Jetzt muß ich aber machen, daß ich davonkomme – wohin fliehe ich nur? Da steht ein SA-Mann, und dort noch einer – ich bin umzingelt … Man weist mit Fingern auf mich …‹

Keuchend und in Schweiß gebadet wachte sie auf, wissend übrigens, daß der Schreckenstraum sich keineswegs nur ihr so häufig wiederholte. Die Refugiés träumten ihn alle, er war der Alptraum par excellence der Emigration.

Kikjou ist fort. In Martins Zimmer mit den schönen großen Fenstern ist es still geworden. Keine Wutausbrüche mehr, keine Versöhnungsszenen mit endlosen Tränen und Schwüren. Kikjou hat versprochen zurückzukommen – wenn Martin frei sein wird von der Droge.

Sich befreien von der Droge – Martin verspricht es jeden Tag sich selbst und den drängenden Freunden: Es muß sein! David Deutsch, liebevoll und besorgt, hat einen ganzen Kriegsplan ausgearbeitet. Martin soll zur Entziehungskur nach Zürich fahren; dort kennt David einen guten Schweizer Arzt, mit dem er schon seit langem befreundet ist und zu dem er unbedingtes Vertrauen hat. Der ist bereit, die Kur in einem kleinen Privatsanatorium vorzunehmen. Es soll relativ wenig kosten. Wann wird Martin reisen?

Die Tage vergehen, es vergehen die Wochen – er bemerkt es fast nicht. Der Heroinkonsum steigert sich: ein Gramm, anderthalb Gramm, fast zwei Gramm pro Tag … Die Zeit hat keine Realität, wenn man sie nur noch mit Träumen füllt. Zuweilen erschrickt Martin, tief im Herzen, wenn er konstatieren muß, bis zu welchem Grade er sich von der Wirklichkeit schon entfernt hat. ›Ich bin der Welt abhanden gekommen‹, denkt er entsetzt. ›Fehle ich ihr? Sie kommt ohne mich aus … Das Entscheidende aber für mich ist, daß sie mir kaum fehlt und daß ich sehr leicht ohne sie auszukommen weiß …‹

Bei der Schwalbe kann es ihm geschehen, daß er mitten in einer politischen Diskussion – an der er übrigens mit Intelligenz und Lebhaftigkeit teilnimmt – mit einem Schauder, in dem Hochmut und Grauen sich mischen, empfindet: ›Wovon sprechen die guten Leute? Warum regen sie sich so auf? Illegale Arbeit in Deutschland … Interne Schwierigkeiten der Spanischen Republik … Italiens Raubzug gegen Abessinien: Was ist dies alles? Wie berührt es uns? – Warum schreien sie so? – Der wackere Theo Hummler schwitzt ja schon wieder vor Enthusiasmus, und nun schlägt er mit der Faust auf den Tisch, das ist komisch … Ich will zurück in mein Zimmer. Dort ist es friedlich. Ich will heim zu meiner süßen Sache …‹ Aber dann nimmt Martin sich mit einem Ruck zusammen und spricht seinerseits, mit Schwung, Witz und Temperament, über die englisch-italienische Spannung, über die Sanktionen gegen Mussolini, die hysterische Angst vorm »Bolschewismus« in London, und schließlich erzählt er sogar einen neuen Witz über den Fliegergeneral Göring.

Daheim in seinem Zimmer ist’s friedlich. Oh, süße Seligkeit der Stunden von ein Uhr nachts bis sechs Uhr morgens! Oh, Rausch der einsamen, der belebten Nacht! Ob man ein Buch aufschlägt – etwa das, in dem die Verse des verruchten Lieblingspoeten stehen – ob man aus dem Fenster blickt oder in einen Spiegel, oder einfach ins Leere: von überall her kommen die reizenden, verlockenden, verdächtigen Gestalten. Es müßte doch möglich sein – so meint der Benommene, zugleich Betäubte und fiebrig Angeregte – ach, es sollte gelingen, wenigstens einen Teil der zärtlichen und originellen, tiefen und überraschenden, wahrscheinlich ungeheuer wichtigen Einfälle, die jetzt wie eine Schar von wundersamen Vögeln durch mein Haupt ziehen, auf dem Papiere festzuhalten. Es sollte gelingen. Hier ist weißes Papier … Martin bedeckt es mit Zeichen. Seine Hand zittert. Er schreibt mit zitternder Hand. Und am nächsten Nachmittag, wenn er aus abgrundtiefem Schlaf erwacht, weiß er selber nichts mehr anzufangen mit den mystischen Chiffren, die er nächtens oder zur frühen Morgenstunde aufs Papier geworfen hat. Aber gähnend erinnert er sich, wie schön und köstlich es gewesen ist, als das sanfte Grau im großen Fenster sich allmählich rosig verfärbte.

Weniger reizend als die verschwommenen Reminiszenzen sind die realen Andenken, die ihm an die nächtliche Verzauberung bleiben. In den Schenkeln und Armen tun die Einstichstellen weh; einige sind entzündet – es wird doch nicht wieder ein Furunkel geben? Neulich hat Martin lange an einem garstigen Abszeß zu laborieren gehabt. Doch ertappt er sich dabei, daß er die schmerzenden Male liebkost, die er dem Gift zu verdanken hat. Sie sind wie die kleinen Wunden, die man von einer wilden Liebesnacht zurückbehält. Hier hat ein Mund sich gierig festgesaugt, und dort sind noch die Spuren der Zähne. Auf Schultern, Armen und Brust brennen die Zeichen, wie die neuen Tätowierungen eines jungen Matrosen … Ärgerlicher findet Martin es schon, daß er wieder mehrere Löcher ins Leintuch, in die Kopfkissen und die Bettdecke gebrannt hat. Es sind ziemlich große Löcher, häßlich braun umrandet. ›Man soll eben nicht Zigaretten rauchen, wenn man nicht den Willen und die Kraft hat, sie festzuhalten. Sie schmecken ja ganz besonders gut, im selig benommenen Zustand. Aber man vergißt sie; man läßt die Hand sinken, die sie eben noch zum Munde führen wollte; die Zigarette ist ein Teil der Hand geworden, ein elfter Finger. Man meint, mit dem Finger das Bett zu berühren, aber die Flamme liegt auf dem Kissen, sie frißt sich ein, hat ihr eigenes Leben – so entstehen im weißen Zeug die großen Löcher mit den braunen Rändern. Jean, der gute Jean, wird schimpfen, wenn er es bemerkt. Und die Patronne wird einen saftigen Schadenersatz verlangen. Der Teufel soll die Zigaretten, die Leintücher, das Heroin und das Leben holen!

Wie fahl der Tag heute ist! Welche Zeit haben wir denn? Mein Gott, schon beinah fünf Uhr nachmittags …‹ Er greift zur Spritze. Nach fünf Minuten hat der trübe Tag sich bis zu einem gewissen Grade verschönt, der es erträglich scheinen läßt, ihn zu überleben.

So geht es nicht weiter – sagten die Freunde. David Deutsch, der sich jeden Tag um Martin kümmerte, sagte es mit Inständigkeit. Zuweilen erschien auch Marcel; der wilde Vogelschrei, das jauchzend-klagende »Uhuu …« auf dem Korridor meldete ihn an. »Was du treibst, das sind gefährliche Kindereien«, schalt er, die vielfarbigen, wunderbaren Augen drohend aufgerissen. »Der Spaß geht zu weit – tu comprends, mon vieux? So weit darf man sich nicht gehen lassen, es ist unwürdig. Schluß damit!« – »Schluß damit!« riet und verlangte mit dem stärksten Nachdruck Marion, als sie wieder einmal nach Paris kam. »In Zürich ist alles vorbereitet. Dieser brave Doktor Rüteli erwartet dich längst. Nimm dich zusammen! Fahre endlich hin!«

Martin schaute die warnenden, beschwörenden, zornigen, manchmal sogar angewiderten Freunde schläfrig, zärtlich und verhangen an – und er blieb. Eines Morgens aber kam ein Telegramm von Kikjou: »Wenn du nicht in dieser Woche nach Zürich zur Kur fährst, sehen wir uns nie wieder.« Da entschloß sich endlich der Vergiftete. Übrigens waren auch die Geldschwierigkeiten inzwischen fast unleidlich geworden. Der kleine Wechsel, den der Pariser Geschäftsfreund des alten Korella immer noch monatlich ausbezahlte, langte knapp für die Hotelrechnung. Es gab Schulden bei der Schwalbe und, was schlimmer war, bei Pépé, der sich immer häufiger weigerte, die Droge auf Kredit zu liefern. – Marcel und David finanzierten gemeinsam die Reise nach Zürich.

Doktor Rüteli, der von Paris aus benachrichtigt worden war, holte Martin vom Zuge ab. Er hatte ein großes, rasiertes Gesicht mit etwas hängenden Wangen und nachdenklichen braunen Augen. Stimme, Blick und Antlitz wirkten weichlich; der Händedruck aber war überraschend fest und herzlich. »Ich denke, wir fahren gleich zum Haus Sonnenruh«, sagte der Arzt. Martin hatte noch gar nicht gewußt, daß der Ort, wo die Entziehungskur durchgeführt werden sollte, einen so idyllischen Namen trug. Übrigens kam er sich vor wie ein Schüler, der in einer fremden Stadt ankommt, wo er vom Leiter eines sehr strengen Internats – einer Art von Strafanstalt für Jugendliche – erwartet wird. Für den Anfang ist der Herr Lehrer freundlich, um es dem Jungen nicht gar zu schwer zu machen.

»Wann haben Sie sich die letzte Injektion appliziert?« erkundigte sich Doktor Rüteli im Taxi.

»Vor einer Stunde etwa, im Zug.« Martin erklärte es nicht ohne einen gewissen Trotz, als wollte er sagen: Damals war ich noch ein freier Mann, und niemand hatte mir etwas dreinzureden!

Doktor Rüteli nickte düster. »Man kann es Ihren Augen ansehen. – Übrigens hatte ich Sie schon vor vierzehn Tagen erwartet. Vor genau vierzehn Tagen hatte mir unser Freund, Doktor Deutsch, Ihren Besuch angekündigt.« Es klang ziemlich drohend. Martin sagte schläfrig: »Ich war in Paris durch wichtige Arbeiten festgehalten.« Doktor Rüteli machte höhnisch: »Aha.« Martin ärgerte sich. Der Arzt merkte es; schien es gutmachen zu wollen und bot Zigaretten an. Martin hatte wieder das Gefühl, ein Sträfling zu sein, dem man aus Mitleid – oder vielleicht zum Spott – unbedeutende kleine Vergünstigungen gewährt, ehe die eigentliche Bitterkeit des Strafvollzuges beginnt.

Während der Wagen in einer stillen, recht soigniert wirkenden Straße hielt, sagte Doktor Rüteli noch, mit freundlich-ernster Nachdrücklichkeit: »Haus Sonnenruh ist keine geschlossene Anstalt, Herr Korella; sondern ein privates, fast wie ein Hotel geführtes Erholungsheim. Ich persönlich ziehe geschlossene Häuser für Entziehungskuren ganz entschieden vor. Ja, ich muß gestehen, daß ich zunächst die stärksten Bedenken hatte, dem Rate Ihres Freundes Deutsch zu folgen, der dahin ging, Ihnen jede irgendwie überflüssige Kontrolle, alle Peinlichkeiten eines vorübergehenden Freiheitsentzuges zu ersparen. – Nun ist es freilich höchst fragwürdig«, fuhr der Doktor pedantisch fort – der Chauffeur hatte schon den Motor abgestellt; aber Rüteli schien entschlossen, seinen kleinen Vortrag im Wagen sitzend zu beenden – »bis zu welchem Grade der Freiheitsentzug bei einer Kur, wie sie Ihnen bevorsteht, als entbehrlich zu bezeichnen ist. – Jedenfalls, von einer regulären Entziehung kann unter diesen Umständen natürlich gar nicht die Rede sein«, erklärte er, plötzlich fast zornig. Dann fügte er sanfter hinzu: »Der Erfolg des Experimentes hängt durchaus von Ihrem eigenen guten Willen ab, lieber Herr Korella!« Er versuchte, seinem Gesicht einen ermunternden Ausdruck zu geben.

Martin bezahlte das Taxi, während Doktor Rüteli zerstreut in die Luft blickte.

An der Haustüre erwartete eine hübsche junge Person in Pflegerinnentracht den neuen Patienten. Der Arzt stellte vor: »Schwester Rosa.« Sie wirkte sowohl mild als adrett; das Lächeln ihres sehr kleinen und roten Mundes war keusch und sanft, doch nicht ohne Koketterie.

In der Dämmerung des Korridors, durch den Schwester Rosa die Ankömmlinge geleitete, tauchte noch ein zweites weibliches Wesen auf: Fräulein Bürstel, die Direktrice des Hauses. Sie hatte auffallend rote Backen und hellblaue, wässerige Augen. Martin konstatierte sofort, daß sie ungewöhnlich dumm war. »Mögen Sie sich recht wohl bei uns fühlen!« rief sie, beide Hände innig ausgestreckt. Martin erwiderte eisig: »Ich danke Ihnen, gnädige Frau.« Daß er sie gnädige Frau titulierte, war die pure Bosheit, da Rüteli die Dame ja soeben als »Fräulein« vorgestellt hatte. Die Bürstel schickte denn auch einen halb pikierten, halb nachsichtigen Blick über ihn hin, als fände sie sich einem Irrsinnigen gegenüber, dessen Unarten zwar lästig sind; jedoch bleibt nichts übrig, als sich gütig mit ihnen abzufinden. »Ich denke, wir geben dem Herrn Zimmer vier«, wisperte die Direktrice dem Doktor zu, als handelte es sich um ein Geheimnis, in das eingeweiht zu sein für den Kranken gefährlich, ja, verhängnisvoll werden müßte.

Das Zimmer – mit dunkler Tapete, rundem, teppichbelegtem Tisch in der Mitte, blendend weißem Bett – schien zu einer bescheidenen, aber peinlich sauberen Familienpension zu gehören. Doktor Rüteli – jetzt schon entschieden um eine Nuance strenger und gravitätischer als vorhin im Taxi – sagte: »Ich schlage vor, Herr Korella, daß Sie zunächst ein warmes Bad nehmen. Schwester Rosa wird die Freundlichkeit haben, inzwischen Ihren Koffer auszupacken – und ich hoffe Sie damit einverstanden, daß ich bei dieser Gelegenheit ein wenig Ihre Sachen untersuche, ob Sie nicht vielleicht versehentlich etwas von der Droge mitgenommen haben. Bitte, lassen Sie auch Ihre Kleider hier zurück. Schwester Rosa bringt Ihnen einen Bademantel.« Martin, der übrigens wirklich den Rest seines Heroinvorrates während der Reise verbraucht hatte, sagte ziemlich gekränkt: »Wie Sie wünschen, Herr Doktor. Sehen Sie nur sorgfältig nach! Sie werden nichts finden.« Die Nurse lächelte, milde und verführerisch. Fräulein Bürstel, die in der offenen Türe stehengeblieben war, sagte mit dummer, krähender Stimme: »Das Badezimmer ist im ersten Stock, Herr Korella.« – Der Doktor, schon über den offenen Koffer geneigt, konstatierte, nicht ohne Ekel: »Sie haben ja Ihre Injektionsspritze eingepackt! Kein gutes Zeichen … Sie erlauben wohl, daß ich sie an mich nehme.«

Nach dem Bade gab es noch eine längere Konversation mit Rüteli zu bestehen. Der Arzt erkundigte sich nach verschiedenen Details, Martins Laster betreffend. Die Antworten notierte er sich in ein kleines Buch. Martin gab genaue und wahrheitsgetreue Auskünfte; Rüteli indessen blieb mißtrauisch. »Süchtige lügen immer«, konstatierte er mit einer gewissen Bitterkeit, »wenn es sich um ihre Sucht handelt. Zum Beispiel kommt es häufig vor, daß sie die Dosis ihres täglichen Konsums übertreiben, um dem Arzt noch eine Weile etwas abzulocken.« Er schien die Feststellung mehr für sich selber zu machen, als wäre es geboten, daß er diesen Umstand stets im Auge behalte, um sich die nötige Skepsis allen Behauptungen des Patienten gegenüber zu bewahren. Martin verstummte gekränkt.

Doktor Rüteli schien zu begreifen, daß er einen taktischen Fehler gemacht hatte; er wurde herzlich, fast väterlich. Wieso, warum, unter was für Umständen Martin zu der Droge gekommen sei? – wollte der Arzt plötzlich wissen. »Ein so junger Mensch!« rief er beschwörend. »Und ein begabter Mensch – man sieht es Ihnen ja an; außerdem versichert es mir unser Freund, Doktor Deutsch. Warum ruinieren Sie sich?« Rüteli rief es fast flehend, mit erhobenen Armen. Martin versetzte trotzig: »Vermutlich, weil es mir Vergnügen macht.« Hierüber mußte Rüteli bitter lachen. Vergnügen! Die Selbstzerstörung – ein Vergnügen! »Sie sind ein Zyniker, Herr Korella«, stellte er bedauernd fest. »Gehen Sie in sich!« riet er ihm mit salbungsvoller Dringlichkeit. »Denken Sie nach über sich selber! Während der Tage, die Ihnen nun bevorstehen, haben Sie Zeit dazu … Steigen Sie mal gründlich in die Tiefen Ihrer eigensten Problematik! Eine gründliche Selbstanalyse: das ist es, was Sie jetzt brauchen!« – »Meinen Sie, ich würde einen netten kleinen Ödipuskomplex bei mir finden?« erkundigte Martin sich, höhnisch und müde. »Oder einen Kastrationskomplex …? Die Droge reduziert die sexuelle Potenz – wie Sie gewiß schon gehört haben, Herr Doktor. Vielleicht drogiere ich mich, um mich impotent zu machen? Kastrationskomplex ist gar keine üble Theorie …«

Rüteli war sich nicht ganz im klaren darüber, ob Martin im Ernst sprach oder zum Spott. Übrigens fand er die Idee mit dem Kastrationskomplex keineswegs uninteressant. »Ich bemerke, daß Sie sich über Ihre höchst gefährdete innere Situation schon ernsthafte Gedanken gemacht haben.« Dazu nickte er anerkennend. »Sie sind aber immer noch nicht genug in die Tiefen gestiegen, lieber Freund. Vergessen Sie doch nicht: die Sexualität ist ein Vordergrundproblem, ein Symptom – möchte ich beinah sagen – und nicht mehr. Die gefährliche Überschätzung der Sexualität ist nicht mehr unsere Sache. Wir Jüngeren sind weiter vorgedrungen, tiefer hinabgestiegen.« Doktor Rüteli sagte es geheimnisvollen Tones und wies dabei mit einem langen, faltigen Zeigefinger nach unten, als lägen dort, schaurig geöffnet, die Abgründe, durch deren finsteres Labyrinth die jüngere Schule der Psychiatrie den Leitfaden besitzt. »Wie sind Ihre Beziehungen zur Großen Mutter?« erkundigte der Doktor sich, etwas lauernd und immer noch in die imaginären Schlünde weisend. Martin verstand nicht gleich, was er meinte, wodurch Rüteli enerviert wurde. »Nun ja doch«, machte er und zuckte ungeduldig die Achseln, »Ihre Beziehungen zum Anfang aller Dinge, meine ich; zur Großen Gea; zum Kosmischen Mutterschoß …« – Martin hatte keine Lust, sich darüber auszusprechen. Er fragte, ob er heute noch Morphine bekommen solle. »Ich fange nämlich schon an zu schwitzen«, sagte er, ziemlich böse. – »Sie sollen gegen vier Uhr nachmittags eine nette Injektion haben«, verhieß Rüteli onkelhaft. »Und eine zweite abends, vor dem Einschlafen.« – Martin empfand plötzlich ein gerührtes Wohlwollen für den Psychiater. ›Der brave Mann meint es gut. Ich will ihm das Leben nicht zu sauer machen.‹ Der Patient und der Arzt verabschiedeten sich mit Herzlichkeit voneinander. Rüteli versprach, gegen Abend noch einmal vorbeizuschauen. »Wahrscheinlich werde ich Sie schon schlafend finden«, sagte er.

Martin verbrachte die Zeit bis vier Uhr nachmittags – die Stunde, für die ihm das kleine Labsal des Pantopons versprochen war – ziemlich ruhig. Die Heroindosis, die er im Zuge zu sich genommen, war stark genug gewesen, um ihm für den ganzen Tag gar zu großes Unbehagen zu ersparen. Er las; machte Notizen und schrieb zwei zuversichtlich gestimmte Briefe: einen an Kikjou, den anderen an David Deutsch. Pünktlich um vier Uhr erschien Schwester Rosa mit der Spritze, einem kleinen Wattebausch und einem Fläschchen mit Alkohol. Während sie dem Patienten die Injektion in den Oberschenkel machte, blieb ihr rosiges, hübsches Gesicht ernst, beinah streng. Erst nach getaner Arbeit setzte sie das verheißungsvolle, mild-kokette Lächeln wieder auf.

Die emsige Person schien gerade eine freie Viertelstunde zu haben und übrigens in der Laune zu plaudern. Sie sprach plötzlich von ihrem Bräutigam, der Schullehrer in der Stadt Luzern war – Martin, mit halb geschlossenen Augen der Wirkung nachspürend, wußte gar nicht, wie sie auf dieses Thema gekommen war. »Ein prachtvoller Mensch«, versicherte Schwester Rosa, »etwa in Ihrem Alter. Ich fand gleich, daß Sie eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm haben, Herr Korella. – Freilich«, fügte sie nicht ohne Bosheit hinzu, »mein Bräutigam ist ein gesunder, einfacher Mensch …«

»Das werde ich auch wieder werden«, versprach Martin heuchlerisch und schloß die Augen nun ganz. Die Stimme der milden Schwester schien ihm nun aus sehr weiter Ferne zu kommen. »Seine Schüler verehren ihn«, hörte er sie noch sagen. »Es gibt Jungens, die einen richtigen Kult mit ihm treiben.«

Martin schlief bis in den Abend hinein. Schwester Rosa weckte ihn mit dem Essen. Zu seiner eigenen Überraschung hatte er Appetit. Nach der Mahlzeit sprach Rüteli noch einmal vor. Um zehn Uhr erschien die Nurse mit dem Instrument; Martin hatte schon gierig auf sie gewartet. Als er die wohlvertraute und höchstgeliebte Wirkung des Opiats wieder spürte, beschloß er: ›Ich will noch nicht sofort schlafen – obwohl es sicherlich nicht das reine Morphium gewesen ist, was die milde Schwester mir verabfolgt hat.‹ Übrigens hatte die sanfte Rosa verheißen, daß sie in einer Stunde nochmals erscheinen werde: »um Ihnen noch einen Leckerbissen für die Nacht zu bringen« – wie sie sich, neckisch und geheimnisvoll, ausdrückte. ›Wahrscheinlich meint sie irgendein harmloses Schlafmittel‹, vermutete Martin etwas verächtlich. Im Augenblick interessierte er sich nicht sehr für die chemischen Überraschungen, die Schwester Rosa für ihn in Bereitschaft hatte. Die Wirkung des Medikaments war erfreulich. Seine Gedanken arbeiteten beinah mit der gleichen traumhaft-beschwingten Leichtigkeit wie nach den großen Heroininjektionen.

›Natürlich darf ich mich nicht täuschen lassen‹, dachte er, als er alleine war. ›Heute ist noch ein guter Tag. Die eigentliche Entziehung hat gar nicht angefangen. Es wird scheußlich werden, ich weiß es. Es wird ekelhaft sein. Indessen bin ich fest entschlossen durchzuhalten – und wenn es noch so grauenvoll wird. Schließlich weiß ich, wofür ich leiden muß. Ich muß leiden, um gesund zu werden. Ich muß gesund werden – erstens, um ein paar gute Sachen schreiben zu können. Es ist in der Tat meine Absicht, noch ein paar vorzügliche Sachen zu schreiben, sowohl in Versen als auch in einer strengen, rhythmisch präzisen, tadellosen Prosa. Zweitens muß ich gesund werden, um mit Kikjou leben zu können. Ich liebe Kikjou. Ich brauche Kikjou. Ich verliere ihn, wenn ich von der süßen Sache, dem gar zu holden Teufelsdreck nicht lasse. Ich habe die Wahl zwischen Kikjou und der infernalischen Süßigkeit. Kikjou ist es, den ich vorziehe – da kann gar kein Zweifel sein. Kikjou, le petit frère de Marcel … Ich liebe sie alle beide, meine lieben Brüder … Das weiße Pülverchen – in aqua destillata aufgelöst – würde mich von beiden entfernen. Um ihretwillen und um Marions willen und um Davids willen muß ich es loswerden. Ich muß es loswerden – drittens: weil ich das Ende der großen Schweinerei in Deutschland erleben möchte und sogar mein kleines Teil dazu beitragen will, daß sie endigt. Abzukratzen, solange dieser degoutante Schwindel mitten in Europa triumphiert: nein – das ist entschieden eine peinliche Vorstellung.

Um der Liebe willen und um des Hasses willen lohnt es sich, zu leben. – Lohnt es sich, zu leben?‹ fragte er sich ein paar Sekunden später. ›Mein verruchter Lieblingsdichter sagt: Nein. Er ist ein Unhold und ein Anarchist, und mit diabolischem Grinsen ist er zum Todfeind der Gesittung übergelaufen. Übrigens gibt es in Deutschland wohl fast niemanden mehr, der empfänglich wäre für den Zauber seiner brutalen und morbiden Romantik. Was für ein gefährlicher Charme! Von welch makabren Wonnen er zu berichten und zu beichten weiß! Ich bin empfänglich für seine schaurig exakt formulierte Todesmystik … Mir scheint leider, ich bin, immer noch, zu empfänglich für sie …‹

Neben ihm, auf dem Nachttisch, lag der kleine schwarze Band mit den »Ausgewählten Gedichten« des infamen Lieblingspoeten. Nun griff Martin nach ihm, mit der gleichen gierigen und etwas schuldbewußten Geste, mit der er sonst nach der Spritze langte. Und er las:

»Wenn du die Mythen und Worte

Entleert hast, sollst du gehn,

Eine neue Götterkohorte

Wirst du nicht mehr sehn,

Nicht ihre Euphratthrone,

Nicht ihre Schrift und Wand –

Gieße, Myrmidone,

Den dunklen Wein ins Land.

Wie dann die Stunden auch hießen,

Qual und Tränen des Seins,

Alles blüht im Verfließen

Dieses nächtigen Weins,

Schweigend strömt die Äone,

Kaum noch von Ufern ein Stück,

Gib nun dem Boten die Krone,

Traum und Götter zurück.«

›Wie schön!‹ – empfand Martin auf seinem Lager. – ›Wie fürchterlich – ach, wie betäubend schön! Wieviel Stolz in seinen Worten, neben der unermeßlichen Traurigkeit! Übrigens hat er recht: Wir sind an einem Ende. Eine große Periode ist abgelaufen. Kommt eine neue? Es ist nicht die unsere – die meine ist es nicht mehr. Wozu teilnehmen an Kämpfen, deren Entscheidung wir nicht erleben werden? Wenn du die Mythen und Worte entleert hast, sollst du gehn – eine neue Götterkohorte wirst du nicht mehr sehn …

Wirst du nicht mehr sehn …

Wozu der ungeheure Aufwand an Kraft, wenn es dir doch nicht bestimmt ist, die Hieroglyphen der neuen Gesetzestafeln zu begreifen? Wozu – ach, wozu? Warum ist es mir nicht gestattet, mit geschlossenen Augen ins Dunkel zu stürzen, wenn ich in der Helligkeit doch nichts auszurichten vermag – außer dem einen: meine Hilflosigkeit, meine Ratlosigkeit, meine Angst, die Melancholie des Umstandes, daß ich zu früh oder zu spät auf diese Welt gekommen bin, immer wieder leidend zu erkennen?

Mein heruntergekommener Poet ist ein moralisch suspekter, aber gescheiter Mann. – Gib nun dem Boten die Krone – Traum und Götter zurück …‹

Statt des Boten, der Schmuck und Waffen des Abdankenden hätte an sich nehmen können, um sie den alten oder den neuen oder den ewigen Göttern als Opfergabe zu Füßen zu legen, war es Schwester Rosa, die eintrat. Auf einem kleinen Silbertablett präsentierte sie die Schlafmittel wie eine Delikatesse. Es waren drei runde, weiße Tabletten; Martin schluckte sie mit ein wenig Wasser. Schwester Rosa, die ihrerseits müde schien, zwang sich dazu, noch einen kleinen Trost durch Lächeln zu spenden, und entschwand – ein überanstrengter, aber noch in der Erschöpftheit hilfsbereiter und adretter Engel.

Sie hatte die Lampe verdunkelt. ›Ich werde schlafen können‹, empfand Martin mit einer Dankbarkeit, die zu kleinen Teilen Schwester Rosa galt, vor allem aber jenem enormen, immer nur sehr undeutlich zu erkennenden Wesen, das der kleine Kikjou mit sanftem Augenaufschlag, vertraulich und beinah zärtlich, »le Bon Dieu« nannte.

Der nächste Tag war erträglich. Doktor Rüteli verabreichte schwere Schlafmittel. Martin wachte fast nur zu den Mahlzeiten auf. Schwester Rosa behandelte ihn mit teils nonnenhaft ernster, teils koketter Aufmerksamkeit; zuweilen konnte sie nicht umhin, der Ähnlichkeit ihres Patienten mit dem ihr anverlobten Pädagogen in Luzern nachdenklich und gerührt Erwähnung zu tun.

Übrigens fand der Arzt Martins Zustand relativ so vorzüglich, daß er schon für diese Nacht mit den Morphinedosen aufzuhören beschloß. Es war nur noch Luminal und Phanodorm, was Schwester Rosa, abends um zehn Uhr, auf ihrem Tablett lockend herantrug.

Martin erwachte gegen vier Uhr morgens mit heftigen Schmerzen in den Beinen, besonders in der Kniegegend. Er war in Schweiß gebadet; auch lief ihm die Nase, als hätte er sich über Nacht einen starken Schnupfen geholt. Er mußte viele Male hintereinander krampfhaft niesen. Gleichzeitig spürte er wildes Bauchgrimmen. Er stand zitternd auf; hüllte sich, zugleich fröstelnd und schwitzend, in seinen Schlafrock und verließ das Zimmer, um durch den dunklen Korridor zur Toilette zu eilen. Er fand die Türe nicht gleich. Er beschmutzte sich den Pyjama, ehe er die Toilette erreichte.

Der Zustand seines Unbehagens war unbeschreiblich. Er legte sich wieder aufs Bett; aber er war nicht dazu imstande, seine Glieder auch nur eine Minute lang stillzuhalten. Alles an ihm zuckte; Füße und Hände bewegten sich wie in einem Krampf. Er warf den gepeinigten Kopf hin und her. Niemals hätte er für möglich gehalten, daß man gleichzeitig bis zu diesem Grade erschöpft und erregt sein konnte. Er war zu schwach, um das Bett zu verlassen; aber sein nasser, bebender Leib hielt es keine dreißig Sekunden in der gleichen Lage aus. – Keine Krankheit war je annähernd so schlimm gewesen. Fieber und ein solider, kontrollierbarer Schmerz waren positive Gefühle, verglichen mit dieser kolossalen Unannehmlichkeit. ›So muß sich ein Fisch fühlen, der aufs Land geworfen wird‹, dachte Martin. ›So wie ich jetzt zappele, zappelt ein Fisch auf dem Trockenen! Mein Gott, mein Gott: Was habe ich getan, daß ich wie ein armes Fischlein zappeln muß …?!‹

Seine Hände krampften sich ins Leintuch, vor dessen lauer Wärme ihn ekelte. Er reckte den Körper nach oben. Den Hinterkopf ins Kissen gepreßt, schrie er. Er erschrak vor der Unmenschlichkeit des eigenen Schreis. ›Ich habe wie ein Tier geschrien‹, spürte er mit Entsetzen. Er schrie nochmals. Schwester Rosa erschien in der Türe. Sie trug einen grauen Schlafrock mit bescheiden-schmalem rosa Besatz am Hals und an den Manschetten. Ihr Haar war ein wenig zerzaust; die Augen blickten sowohl schläfrig als erschrocken. »Was gibt es denn, Herr Korella?« fragte sie mit einer merkwürdig leisen Stimme. Martin sah, daß ihre Hände etwas zitterten. Endlich konnte er weinen.

Martin weinte; es war, seit seiner Kindheit, zum ersten Mal. Er warf den Körper herum und preßte das nasse Gesicht in die Kissen. Es war ein sonderbares Gefühl, die Tränennässe auf den Wangen und Lippen zu spüren. »Das ist gut«, hörte er Schwester Rosa sagen, »weinen Sie sich nur aus, Herr Korella!« Er schämte sich, dem Mädchen sein verzerrtes, nasses Gesicht zu zeigen; deshalb behielt er die Stirne gegen das Kissen gepreßt. Das Weinen war zugleich eine Entspannung und ein neuer Krampf. Es schüttelte den Körper, und nun tat es weh im Gesicht: die Augen schmerzten, und es schmerzte der verzerrte, klagend geöffnete Mund. ›Ich werde niemals mehr aufhören können zu weinen‹, fühlte Martin. ›Mein Leben – alles, was ich bin und je war, vergeht in diesen unendlichen Tränen …‹

Schwester Rosa, in ihrer Angst, verabreichte ihm mehrere beruhigende Tabletten – wozu Doktor Rüteli sie, für den Notfall, ermächtigt hatte. Martin, tränennassen Gesichtes, fiel in einen Dämmerschlaf, der freilich nicht tief genug war, um seine Qualen ganz aufzuheben. Er spürte noch die Schmerzen und die große Traurigkeit – abgemildert; wie durch einen Nebel hindurch.

Als Rüteli um elf Uhr zur Visite erschien, fand er den Patienten in festem Schlaf. Er untersuchte ihn flüchtig und stellte, zu der aufmerksam, ja, devot lauschenden Nurse gewendet, fest: »Die somatischen Ausfallerscheinungen sind erstaunlich gering. Auch die Diarrhöe hat ja, vorläufig, schon wieder aufgehört. – Ich gebe kein Opiat mehr«, beschloß er streng. »Der Fall ist in moralischer Hinsicht schwieriger und beunruhigender als in physiologischer.« Dabei rieb er sich sinnend das rasierte Kinn und die etwas hängenden Wangen. »Ein merkwürdiger Mensch.« Er schaute mitleidig und interessiert in das Antlitz des Schlafenden, um dessen Lippen sich ein bitterer und gequälter Zug gelegt hatte. »Vielleicht ein begabter Mensch. Aber von einer moralischen Schwäche, die ans Klinische grenzt … Sehr bedauerlich. Sehr, sehr schade.« – »Herr Doktor haben ganz recht; ein sehr seltsamer Mensch«, nickte Schwester Rosa. Sie hatte ihre nonnenhafte Haltung angenommen: die Hände hielt sie auf dem Magen gefaltet, und das hübsche kleine Gesicht war etwas heuchlerisch schief gestellt. Der Blick aber, den sie über das weiße, schöne, leidende Antlitz des Kranken hinsandte, war blank und verheißungsvoll: Doktor Rüteli bemerkte es nicht ohne Indignation. Er hatte seinerseits eine kleine Schwäche für die niedliche Pflegerin.

Martin begann plötzlich, aus seinem Dämmerschlaf heraus, zu sprechen. »Wo ist meine süße kleine Sache?« brachte er mit schwerer, lallender Zunge hervor. »Ich hatte doch einen recht stattlichen Vorrat … Ist denn alles aufgebraucht? O weh – ist der kleine Vorrat denn ganz zu Ende …?« Der Schlafende weinte. Dicke, leuchtende Tränen kamen unter seinen geschlossenen Lidern hervor; rannen langsam über die weißen Wangen und blieben träge in den Mundwinkeln hängen. Schwester Rosa neigte sich über ihn und trocknete ihm, sehr zart und behutsam, mit ihrem eigenen Taschentüchlein das Gesicht.

Als Martin aufwachte, war später Nachmittag. Seine erste Empfindung war: ›Ich bin in der Hölle. Solche Zustände kommen nur in der Hölle vor …‹ Dann beschloß er: ›Ich halte es nicht mehr aus. Ich bin am Ende. Die nächste halbe Stunde überlebe ich nicht. Ich bringe mich um. Ich bin entschlossen, mich umzubringen. Aber wie?‹

Aber wie? – über diese Frage dachte er mehrere Minuten lang angestrengt nach. Das Zimmer lag im Parterre; der Sprung aus dem Fenster würde sinnlos sein. Weder Gift noch Revolver waren zur Hand. ›Ich habe gehört, daß man sich an einer Krawatte oder an einem Gürtel aufhängen kann‹, dachte Martin. ›Aber dazu muß man sicherlich geschickter sein, als ich es bin. Wahrscheinlich würde die Schlinge mir reißen: das wäre dann eine Blamage und eine Peinlichkeit. – Wenn ich ein gutes, starkes Rasiermesser hätte, könnte ich mir die Pulsadern aufschneiden. Ich habe aber nur einen Giletteapparat. Kann man sich mit Rasierklingen die Adern öffnen? Vielleicht. Aber es ist eine Schweinerei. Wie umständlich so ein Selbstmord zu sein scheint!‹

Er stürzte durchs Zimmer, wie von Furien gejagt. Obwohl die Knie ihm schwankten und sein schweißgebadeter Körper am Zusammenbrechen war, rannte er mindestens ein dutzendmal hin und her. Er zündete sich eine Zigarette an; drückte sie wieder aus; griff nach einer neuen. Jedesmal wenn er am Spiegel vorüberkam, erschrak er über sein Aussehen. Auf dem weißen Gesicht lag ein beinah irrsinniger Ausdruck von Angst; als wäre ein Raubtier oder ein Feuerbrand hinter ihm her. Er fand den Blick der eigenen Augen entsetzlich. Die Pupillen waren unnatürlich erweitert. Der Ausdruck von Verzweiflung, Durst und Gier, mit dem diese Augen ihn anschauten, war unerträglich.

»Genug!« sagte Martin laut und deutlich zu sich selber. »Es ist genug!« Er öffnete den Schrank, in den Schwester Rosa seine Kleidung gehängt hatte. In zwei Minuten war er angezogen. Taumelnd, keuchend und zitternd machte er sich daran, seine Handtasche zu packen. Während er Toilettesachen, Socken, Hemden, Bücher und Pyjamas in den Koffer warf, setzte plötzlich eine strenge und zarte Musik ein. Im Nebenzimmer wurde Geige gespielt. ›Welch zarte Aufmerksamkeit!‹ dachte Martin, halb gehässig, halb wirklich gerührt. ›Man bringt mir ein Abschiedsständchen! – Wer mag da wohl musizieren? Freilich, es gibt ja noch andere Bewohner, außer mir, in diesem Etablissement, das zugleich wie eine Familienpension und wie ein intimes Privatirrenhaus wirkt … An diese anderen Kranken habe ich noch gar nicht gedacht … Müssen die auch so grauenhaft leiden wie ich …? Der Geisteskranke in der benachbarten Stube – denn wahrscheinlich handelt es sich doch um einen Geisteskranken: um einen manisch Depressiven, denke ich mir – versteht es übrigens ganz artig, auf der Violine zu spielen … Habe ich nichts vergessen? Ich will noch einen Zettel für Schwester Rosa schreiben: Adieu. Vielen Dank. Schicken Sie mir die Rechnung nach Paris. Sie wird bezahlt.‹

Er schrieb den Zettel, wobei er sich redliche Mühe gab, mit seiner zitternden Hand leserliche Zeichen aufs Papier zu bringen. Er zog sich den Mantel an. Dann öffnete er – vorsichtig, wie jemand, der einen Mord vorbereitet – die Tür zum Flur, um zu hören, ob es draußen stille war. Schwester Rosa hatte wohl im oberen Stockwerk zu tun. ›Sie hat kein leichtes Leben‹, dachte Martin, während er auf Zehenspitzen sein Zimmer verließ. ›Fräulein Bürstel ist vermutlich ausgegangen. Sie sitzt mit einer Bekannten in der Konditorei. Wie ich Fräulein Bürstel kenne, mag sie gerne heiße Schokolade und Torte …‹

Auf dem Korridor, dessen etwas muffiger Geruch ihm schon recht vertraut geworden war, blieb Martin ein paar Sekunden lang stehen, um der Geigenmusik zu lauschen. ›Der manisch Depressive spielt Bach‹, konstatierte er mit einer gewissen Ergriffenheit. ›Ich würde gerne wissen, wie der Mensch aussieht, der dort hinter der geschlossenen Türe spielt. Ist es eine Frau oder ein Mann? Ich glaube, daß es ein älterer Mann ist … Mein Gott, wie ich zittere! Wie meine Knie schwanken! Und wie naß meine Hände sind … Ich schleiche durch den dämmrigen Korridor: vorsichtig wie ein Mörder. Vorsichtig wie ein Mörder öffne ich jetzt diese Haustür. Das Gefängnis liegt hinter mir. Arme Schwester Rosa – wie wirst du erschrecken, wenn du das Zimmer leer findest! Du wirst einen bestürzten Brief an deinen Bräutigam nach Luzern schreiben … Da ist die Straße. Aber wie kalt es ist! Es ist scheußlich kalt.‹

Ein Taxi kam vorüber, Martin winkte dem Chauffeur. »Fahren Sie mich zur nächsten Apotheke!« sagte er ihm.

Die Fahrt dauerte ziemlich lang. Martin fühlte sich im Wagen ein wenig besser. Unangenehm war, daß er so bitterlich fror. Er mußte wieder fünfmal hintereinander niesen. Als der Nieskrampf vorbei war, setzte ein Gähnkrampf ein. Er spürte plötzlich eine lähmende Müdigkeit. Die Beine taten sehr weh.

Es war eine große, stattliche Apotheke, vor welcher das Taxi hielt. Martin bat den Chauffeur, ein paar Minuten auf ihn zu warten; er sprach – aus Angst, in seiner Not hastig oder unhöflich zu sein – besonders ausführlich und artig.

Drinnen, in der Apotheke, gab es mehrere Kunden: zwei alte Damen, denen eine Verkäuferin kleine Packungen mit Kräutertee vorlegte; eine jüngere Frau mit einem kleinen Buben, der lächerlich runde und rote Backen hatte; einen älteren Herrn, der auf einer Waage stand, um sein Gewicht zu prüfen – übrigens schüttelte er erstaunt und betrübt den Kopf über das Resultat; es stellte sich wohl heraus, daß er entweder viel schwerer oder viel leichter war, als er angenommen und gehofft hatte.

Martin ging etwas schwankenden, aber entschlossenen Schrittes um den Ladentisch herum und sagte zu dem Fräulein, das mit den beiden Alten und den Kräuterteepackungen beschäftigt war: »Ich möchte Ihren Chef sprechen.« Das Fräulein lächelte erschrocken – sie fürchtete wohl, es mit einem Wahnsinnigen zu tun zu haben; da kam der Chef schon herbei. Mit weißem Vollbart, hoher Stirn und goldgerandeter Brille wirkte er stattlich, fast majestätisch. »Was wünscht der Herr?« erkundigte er sich drohend.

›Der nächste Augenblick entscheidet über Leben und Tod‹ – empfand Martin, dessen Knie immer heftiger zitterten. – ›Wenn der stattliche Alte mir die Droge nicht gibt, falle ich hin, schreie noch ein wenig und sterbe.‹

Er gab sich Mühe, ein gefaßtes Gesicht zu machen. »Ich bin auf der Durchreise hier«, bemerkte er und versuchte es mit einem einschmeichelnden Lächeln. Der Apotheker sagte: »Aha!« – wobei er lauernd den Kopf senkte und seinen schönen Bart gegen die Brust drückte. – »Es ist dumm«, plauderte Martin mit verzerrter Miene – er fürchtete, im nächsten Augenblick wieder weinen zu müssen – »es ist wirklich recht lästig. Ich benötige nämlich ein Medikament – mein Hausarzt hat es mir gegen die bösen Gallenschmerzen verschrieben … Es heißt Eucodal«, gestand er und wurde ein wenig rot. »Ein ganz leichtes Mittel …« fügte er, sinnloserweise, hinzu.

Der Apotheker sagte schnell und sehr kalt: »Dafür benötige ich das Rezept eines hiesigen Arztes.« Martin begriff die totale Hoffnungslosigkeit der Situation. »Ich dachte – ein paar Ampullen …« sagte er noch, von Schmerzen und Kälte gebeutelt wie von einer riesigen Hand. Der Apotheker stellte feindlich fest: »Nichts zu machen.« Martin fühlte nur: ›Jetzt falle ich hin und sterbe.‹ Indessen blieb er hübsch aufrecht stehen, lächelte unter Qualen und fragte, ob der Herr Apotheker ihm vielleicht die Adresse eines tüchtigen Arztes nennen könnte. »Mit solchen Gallenschmerzen, wie ich sie habe, kann man einen Menschen nicht herumlaufen lassen«, sagte Martin, nicht ohne gekränkte Würde. Diese Bemerkung schien dem strengen Apotheker bis zum gewissen Grade einzuleuchten; er ließ sich von seinem Fräulein Papier und Bleistift reichen und notierte, mit zugleich schwungvollen und klaren Lettern, die Adresse des Doktors.

An der Haustür des Arztes – der um die Ecke wohnte – gab es ein Messingschild mit der Inschrift: »Doktor Fritz Kohlhaas. Spezialist für Kinderkrankheiten.« – Doktor Kohlhaas war hochbetagt und recht schwerhörig. Martin schrie ihm etwas zu über die fatalen Nierenkoliken, die ihm zu schaffen machten, und daß er ein gewisses leichtes Medikament benötige, »es heißt Eucodal«. – »Wie heißt diese Medizin?« fragte Doktor Kohlhaas, der schon seinen Rezeptblock gezogen hatte. »Euradom?« Martin, der von einem nervösen kleinen Lachen geschüttelt wurde, wiederholte den richtigen Namen. Doktor Kohlhaas schrieb mit gichtigen Fingern das Rezept. »Vielleicht sind Sie so nett, mir gleich zwanzig Ampullen à 0,02 zu genehmigen«, sprach Martin lachend und mit Donnerstimme an seinem Ohr. »Das genügt mir dann für die nächsten vier bis fünf Monate.«

Er fuhr zum Apotheker zurück, der das Rezept mit gerunzelter Stirne musterte. Schließlich händigte er Martin die beiden Schachteln mit den Eucodal-Ampullen aus. Martin griff mit einer unbeherrscht-gierigen Bewegung nach den länglichen, blauen Packungen, die er in der Innentasche seines Mantels hastig verschwinden ließ. »Ich brauche noch eine Injektionsspritze und Nadeln«, sagte er keck. »Ziemlich dünne, wenn ich bitten darf. Numero 16 dürften die richtigen sein …«

Er verließ die Apotheke. Draußen bat er den Chauffeur, das Taxi noch eine Minute lang stillstehen zu lassen. Im Wagen öffnete er seine Kleidung ein wenig und – schamlos, fast besinnungslos vor Gier – machte er sich, auf den Polstern des Wagens sitzend, die Injektion in den Schenkel. Ein kleines Mädchen, das vorüberschlenderte, beobachtete ihn mit vor Erstaunen aufgerissenen Augen.

Die Wohltat war riesenhaft. Innerhalb von Sekunden war von ihm genommen die Erniedrigung der physischen Qual, die Last der Traurigkeit. Aufatmen ohnegleichen! »Fahren Sie mich zum Bahnhof!« rief er dem Chauffeur mit fast lustiger Stimme zu.

Der nächste Zug nach Paris ging in anderthalb Stunden.

Es war reichlich viel, was Marion sich zumutete. Sie magerte ab; ihr Arzt machte ein besorgtes Gesicht und erklärte, hundert Pfund Gewicht sei entschieden zu wenig für ihre Größe. Übrigens hustete sie beunruhigend. Zu den eigenen und den politischen Sorgen kamen die um Menschen, die ihr nahestanden. Von Marion erwarteten alle Trost. Würde sie auf die Dauer stark genug sein, um ihn zu spenden?

Nur Frau von Kammer, die Mutter, schien immer noch zu hochmütig starr, um sich trösten zu lassen. Sie haßte und verachtete, mit trotziger Konsequenz, »das Pack«, das in Deutschland regierte; aber sie hielt sich in stolzer Distanz von denen, die mit ihr haßten und ohne sie kämpften. Seitdem Tilla Tibori nach Hollywood abgereist war, wo sie endlich einen Vertrag bekommen hatte, schien Marie-Luise ganz allein. Sie saß in Rüschlikon, machte Handarbeiten und zeigte jedem, der es sich etwa einfallen ließ, sie aufzusuchen, eine strenge Miene. Auch mit ihren Töchtern verkehrte sie weiter auf die zeremoniös-gemessene Art. Tilly hatte sich damit abgefunden; Marion tat es immer noch weh. In ihr war das innige Bedürfnis, der armen Mutter zu helfen; aber die ließ es nicht zu.

Tilly hingegen vertraute sich unter Tränen der Schwester an. »Was soll ich tun? Ich muß immer an diesen Mann, diesen Ernst denken, und ich höre nichts mehr von ihm. Wo ist er hingekommen? Er darf sich ja nirgends aufhalten … Vielleicht ist er aus lauter Verzweiflung nach Deutschland zurück und sitzt schon in einem Lager – das wäre zu grauenhaft, dann sehe ich ihn nie mehr. Und der Peter Hürlimann will, ich soll mich von meinem Ungarn scheiden lassen und ihn heiraten, er bekommt jetzt bald eine Stellung. Aber das kann ich doch nicht, ich liebe ihn nicht genug, was soll ich nur tun, wenn ich nur wüßte, wo der Ernst steckt, dann würde ich gleich zu ihm hinfahren …« So redete und schluchzte Tilly – die hübsche kleine Tilly mit dem schlampigen Mund. Wußte Marion, die große Schwester, Rat? Sie konnte ihr nur das Haar streicheln und ihr die Stirn küssen und immer wieder versichern, es wird schon noch alles gut werden, vielleicht finde ich deinen Ernst, ich könnte in Paris ein paar Leute darum bitten, sich nach ihm umzusehen … Und Tillys hilfloses Weinen: Ach bitte, tu das, Marion – ach, wenn du das für mich tun wolltest – als brauchte die große Schwester sich nur zu entschließen, und gleich wäre die Adresse des Verschollenen bekannt.

In Paris sprach Marion mit Theo Hummler und mit der Proskauer über den Fall. Beide bemühten sich, aber ohne Erfolg. Marion mußte viel an Tilly denken; sie schrieb ihr lange Briefe, telefonierte mit ihr. Aber sie konnte nicht ihre ganze Sorge auf die kleine Schwester konzentrieren. Es gab andere Hilfsbedürftige, zum Beispiel Martin. Ihn fand Marion in einem erschreckenden Zustand. Den Freunden gegenüber schwindelte er, die Kur in Zürich sei von ihm bis zum Ende glücklich durchgeführt worden; seit Wochen rühre er kein Morphium mehr an, und sein miserables Aussehen sei noch »Ausfallserscheinung«. Marion aber hatte gute Augen. Als sie zum ersten Mal allein mit Martin war, sagte sie ihm ins Gesicht: »Vor mir brauchst du dich doch nicht zu verstellen und keine Geschichten zu machen! Du spritzt lustig weiter. Pfui – ich finde das ekelhaft!« – Martin leugnete erst; gab aber dann alles zu und schien sich nicht einmal sehr zu schämen. »Wenn schon!« rief er herausfordernd. »Es ist doch wohl meine Sache, wenn ich mich kaputtmachen will! Mon corps est à moi …!« Marion schaute ihn eine Weile prüfend an, ehe sie ihn fragte: »Warum tust du es eigentlich? Es muß doch einen Grund haben …« – Daraufhin er, mit gesenkter Stimme: »Wenn ich nur einen guten Grund wüßte, um es nicht zu tun …« Nach einer Pause fügte er noch leiser hinzu: »Kikjou wäre ein Grund gewesen.«

Marion gab noch nicht nach. »Kikjou wird nur dann wieder zu dir kommen, wenn du mit dem Teufelszeug endgültig Schluß machst – das weiß ich. Ich muß dir aber gestehen: mir scheint, es ist recht traurig um dich bestellt, wenn du nur seinetwegen damit aufhörst, dich langsam zu vergiften. Wenn du das wolltest, hättest du in Berlin bleiben sollen. Inmitten der allgemeinen Verkommenheit dort drüben wäre es nicht weiter aufgefallen, und übrigens soll unter prominenten Nazis deine Droge ja recht beliebt sein. Wir hier draußen aber haben Verantwortung und Verpflichtung; wir repräsentieren etwas – die Opposition gegen die Barbarei. Wir müssen uns in guter Form halten, um kämpfen zu können. Verstehst du das nicht? Natürlich verstehst du es, du bist ja gescheit.«

Er bewegte gequält das Gesicht. »Ich weiß … Das weiß ich ja alles … ›Kämpfen‹ – es klingt sehr schön. Aber kämpfen ohne Hoffnung geht über menschliche Kraft. Ich habe die Kraft nicht. Ich habe keine Kraft und keine Hoffnung mehr.« Er verstummte; hob den Kopf auch nicht, da ihre zornige Stimme ihn wieder anrief.

»Du machst es dir leicht! Es muß verdammt bequem sein, dazusitzen, die Hände im Schoß, und zu murmeln: Ich habe keine Kraft und keine Hoffnung mehr …« – Er lächelte müde. »Du meinst, das ist so besonders bequem?« Sein verschleierter Blick streifte spöttisch ihre empörte Miene. »Aber herumzugehen mit Gebärden wie ein Fahnenschwinger und immerfort zu erzählen: Der Sieg ist unser! – während man doch aufs Haupt geschlagen ist und sich kaum noch rühren kann – das ist wohl das Richtige, wie? Das ist wohl das Wahre?«

Marion hatte als Antwort: »Es ist immer noch besser als der billige Trost in den künstlichen Paradiesen. Das ist etwas für ausgediente Fliegeroffiziere, die Ersatzsensationen brauchen, oder für bourgeoise Damen, die in ihrer Ehe unbefriedigt bleiben und sich nun entschädigen mit morbiden kleinen Amüsements. Es ist so feige, so langweilig, so kleinbürgerlich!«

Nun änderte Martin plötzlich Blick und Haltung. »Ich weiß übrigens gar nicht, wovon du sprichst.« Er sagte es schläfrig und kokett; in den verhangenen Augen blitzten tückische kleine Lichter. »Schließlich habe ich gerade eine schwere Entziehungskur hinter mir. Ich nehme fast gar nichts mehr – und daß ich noch ab und zu eine Kleinigkeit brauche, ist nur natürlich, wenn man bedenkt, was für Dosen ich konsumiert habe. Aber auch mit diesen Bagatellen höre ich nun bald auf. Es ist nur eine Frage von Tagen oder Wochen, dann bin ich vollständig frei. Ich werde mich mit Kikjou versöhnen. Wahrscheinlich verlasse ich mit ihm zusammen Europa. Wir fahren nach Brasilien, dort hat er ja große Möglichkeiten, wir gründen etwas, machen irgend etwas auf, eine Zeitschrift oder dergleichen …« Glaubte er selbst, was er sprach? Seine Augen schimmerten vor Verlogenheit. Er zog sich in die Lüge zurück wie in eine Festung, die ihn vor jeder zudringlichen Frage beschützte. Er log sanft und pedantisch, er schwindelte mit Würde und Gelassenheit; er sagte: »Der Arzt in Zürich war sehr zufrieden mit mir – weißt du …« und neigte sein großes, schönes, bleiches, von der Lüge gleichsam verklärtes Antlitz geheimnisvoll lächelnd Marion entgegen. Die bekam Angst.

Sie mahnte und tröstete. Wer aber war da, um sie zu ermuntern und aufzurichten? – Marcel war da, und er sagte ihr, daß er sie liebe. Sie indessen konstatierte vor dem Spiegel: »Abscheulich sehe ich aus. Ich gefalle mir nicht. So mager darf ein Mensch gar nicht sein. Mein Gesicht ist winzig – ganz zusammengeschrumpft; nur noch Augen. Und einen Hals habe ich – wie eine Sechzigjährige.« Marcel widersprach: »Tu es plus belle que jamais …« womit er übrigens recht hatte. In ihrem abgezehrten Gesicht, das dramatisch gerahmt war von der lockigen Purpurfülle des Haars, gab es beunruhigend schöne Farben. Er küßte sie. Er legte sein verwildertes Kinderantlitz mit den tragisch aufgerissenen Augen zärtlich an ihre Wange. Ach, es war gut, wenn sein Vogelruf – sein singendes, klagend-jubelndes »Uhu!« – durch das Treppenhaus tönte. Dann trat er ein, schleuderte den leichten Hut in die Ecke, ließ sich aufs Bett fallen und redete.

Marcel redet. Worte schießen hervor, so wie das Blut stürzt aus dem Munde des Kranken. Worte, Worte, Worte – sie verwirren sich, steigern sich, überschlagen sich; sie jammern, prahlen, untersuchen; sie klagen an, spotten, verdammen; sie wollen nicht aufhören, können nicht verstummen: Marcel scheint verdammt zum Sprechen wie der Ewige Jude zum Wandern. Schließlich preßt er sich die Fäuste gegen die Schläfen und schreit auf: »Mich ekelt so vor den Worten! Ach Marion, wenn du ahnen könntest, wie widerlich mir die Worte sind! Es ist mir, als müßte ich schmutziges Wasser saufen und wieder ausspucken. Die großen Begriffe sind schal geworden, abgenutzt – und keine neuen in Sicht, an die wir uns halten, an denen wir uns aufrichten könnten! Alles ist schon gesagt, alles ist schon verbraucht. Das neunzehnte Jahrhundert war enorm redselig, durchaus rhetorisch, ins Wort verliebt, ihm vertrauend wie einem Fetisch. Nun ist alles entleert. Die Krise des zwanzigsten Jahrhunderts – die ich wie eine Krankheit in meinem Leibe spüre – ist die Krise der großen Worte. Die Demokratie ist fertig, weil sie sich an die verbrauchten großen Worte klammert. Der Faschismus, die neue Barbarei, hat leicht siegen: er köpft Leichen. Wir müssen eine neue Unschuld lernen. Zu der kommen wir nicht durch Worte; nur durch die Tat. Die großen Worte hängen an uns wie Schmutz, machen unsere Stirnen klebrig und unsere Hände. Nur eine Flüssigkeit wäscht dies ab: Blut. Soll es unser Blut sein? Dann müssen wir es vergießen! Besser, es strömt dahin, als daß es uns in den Adern erstarrt wie ein zäher Brei. Wir sollen töten und leiden; nicht mehr reden und schreiben. Genug geredet! Genug geschrieben! Genug gedacht! Vielleicht werden andere Generationen wieder Freude und Gewinn von den Worten und Gedanken haben. Nicht wir – nicht mehr wir! Wir sollen gegen die Raserei des Rückschrittes nicht mehr Argumente setzen, sondern ein anderes Rasen, eine neue Besessenheit. Wir müssen blind und stumm werden und bereit zum Untergang. Nur so sühnen wir die Schuld unserer Väter … O Marion – Marion, halte mir den Mund zu! Ich ersticke an meinen Worten …«

Und Marion bedeckte ihm die Lippen mit der Innenseite ihrer mageren Hand.

Im Frühling bekam Marion eine Einladung von Siegfried Bernheim: er sähe sie gerne in seinem Heim auf der Insel Mallorca; sie möge kommen, einige Abende bei ihm rezitieren und eine Weile sein Gast sein. Ein Scheck für die Reisespesen lag bei.

Damals befand sie sich gerade in Nice. Sie ging zum spanischen Konsulat, wegen des Visums. Der Beamte blätterte lange in ihrem Paß, von vorne nach hinten und von hinten nach vorn. Mißtrauisch wog er ihn in der Hand. »Sind Sie Tschechoslowakin?« wollte er schließlich wissen. – »Nein«, sagte Marion. »Das ist ein Fremdenpaß – wie Sie sehen.« – »Also nicht.« Der Beamte machte ein Gesicht, als hätte man ihm die letzte Hoffnung geraubt. »Also nicht Tschechoslowakin. – Alors, Madame, je comprends: en somme, vous êtes sans patrie.« Es klang sowohl mitleidig als auch tadelnd. Marion war erschrocken. Sie versuchte zu lachen: »C’est juste, Monsieur, c’est exact …«

Auf Mallorca hatte sie gute Tage. Der blaue Himmel und die blauen Fluten leuchteten um die Wette. Wunderbar waren die faulen Vormittage am Strand, die langen Spaziergänge am Nachmittag durch das hügelige Land. Bernheim – konziliant, munter und stattlich wie immer – war der aufmerksamste Wirt, eifrig darum bemüht, seinen Gästen von den Augen abzulesen, was für Wünsche sie etwa haben mochten. Mit würdig zurückhaltendem Stolz zeigte er seine neuen Erwerbungen: ein Mädchenbildnis von Renoir, das Samuel in Paris für ihn eingekauft hatte, und ein Männerporträt von Greco, das er durch einen Händler erworben hatte und an dessen Echtheit Samuel zweifelte. Man war gesellig und guter Dinge. Abends stellten Freunde sich ein: junge Engländer, die viel Whisky tranken und sich beim Kartenspiel zankten; deutsche Maler und Literaten. Samuel, schalkhaft und väterlich, teilte sich mit Bernheim in die Pflichten und Rechte des Hausherrn. Niemand schien hier Sorgen zu haben; jedenfalls entsprach es nicht den Sitten, sie zu zeigen. Die Frauen gingen auch abends in bunten Strandpyjamas herum; die jungen Leute trugen lustig gestreifte Trikots, wie die Matrosen sie haben. »Dies ist die Insel der Seligen!« proklamierte Bernheim. »Alle lieben sich, alle fühlen sich wohl.« Von Politik war möglichst wenig die Rede. Wenn man die Lage einmal diskutierte – etwa die bedrohliche englisch-italienische Spannung wegen des abessinischen Krieges oder die Unruhen auf dem spanischen Festland – zeigte man eher ein sportliches Interesse als echte Beteiligung. Über Mussolinis Chancen, das Schicksal des Negus, die Zukunft der spanischen Republik redete man kaum anders als über die Details eines Stierkampfes in Palma oder einer großen Kartenpartie. Man schien dies alles nicht ganz ernst zu nehmen. Das Schwimmen im Meer, das Bridgespielen, der Flirt, die Liebe waren wichtiger. Samuel erklärte Marion: »Man muß den Leutchen ihre Ferien gönnen. Viele von denen, die hier so leichtfertig scheinen, haben in London oder Paris oder sonst irgendwo ein recht schweres Leben. Darum ist ihre Lustigkeit auch oft etwas krampfhaft. Hören Sie, wie diese Dame dort drüben in der Ecke schrill lacht? Mir tut es weh in den Ohren … Kommen Sie mit mir in mein Atelier hinauf! Ich zeige Ihnen mein neues Bild. – Gefällt es Ihnen?« fragte er dann mit seiner Orgelstimme, während er die Leinwand ins rechte Licht rückte. »Ja, mir scheint, es ist ziemlich gut. Ich bin jetzt wohl so weit, daß ich alles, was ich empfinde und was wichtig ist, durch Farben ausdrücken kann … Menschen interessieren mich kaum noch«, behauptete der Meister. »Ihre Angelegenheiten und Probleme langweilen mich meistens. Mich berühren nur noch die Farben. Sie sind echt, da gibt es keine Tricks, sie enthalten das Leben, sie sind Leben …« Er prüfte, schräg gehaltenen Kopfes, aus zusammengekniffenen Augen sein Werk. Der Fischerknabe mit dem Korb auf den nackten Knien war mit so viel raffinierter Zärtlichkeit gemalt; die Formen seines Körpers und des braunen jungen Gesichtes schienen mit so viel liebevoller Sorgfalt ausgeführt, daß die Behauptung des Meisters, er interessiere sich nicht für Menschen, durch seine eigene Schöpfung dementiert wurde.

Als Marion ihren Vortragsabend in Bernheims Villa gab, fand sich die ganze englische und deutsche Kolonie zusammen; der große Saal im Parterre, wo der echte Renoir und der zweifelhafte Greco hingen, war überfüllt. Sogar der berühmte englische Schriftsteller war erschienen, der seine Villa droben in den Bergen hatte und sich sonst niemals sehen ließ. Marion brachte ihre wirkungsvollsten Stücke. Sie war gut in Form. Von den Engländern freilich verstand fast keiner etwas; indessen waren alle entzückt von Marions Stimme und von ihren Augen. Nach dem Vortrag gab es kaltes Buffet mit Champagner. Bernheim hielt eine sowohl launige als auch ergriffene Rede auf »das schöne Kammermädchen« – wie er Marion mit eigensinniger Scherzhaftigkeit nannte. »Solange Menschen wie Sie unter uns sind, brauchen wir nicht zu verzweifeln!« rief er ihr zu, das Sektglas in der erhobenen Hand. Alle klatschten. Der berühmte Schriftsteller, dessen Augen hinter dicken, sehr scharf geschliffenen Brillengläsern verschwanden, streckte mit einer merkwürdig ungeschickten, rührend befangenen Bewegung die sehr langen, dürren Arme aus, um zu applaudieren. ›Wie Serenissimus in einem Witzblatt‹, mußte Marion denken. Übrigens liebte sie seine Bücher und war neugierig darauf, ihn kennenzulernen. Durch Samuel ließ sie sich mit ihm bekannt machen.

Er war sehr groß und mager, und es schien, daß er nichts Rechtes mit seinen endlosen Armen und Beinen anzufangen wußte. Das merkwürdig kurze Gesicht, mit dem sehr weichen und großen Mund, wurde beherrscht von den runden, spiegelnden Brillengläsern. Er versuchte auf eine befangene, zugleich hochmütige und schüchterne Art, zunächst deutsch mit ihr zu reden. Später sprachen sie englisch. – Sie saßen am offenen Fenster; vor ihnen der Blick auf das dunkle Meer, den Strand und die schwarzen Palmen, deren Konturen mit schöner Genauigkeit vorm Nachthimmel standen. Der berühmte Schriftsteller schwieg, das Gesicht der Landschaft zugewendet. Marion wagte nicht, das Gespräch zu beginnen. Sie dachte an seine Bücher, die sie bewunderte. ›Was geht jetzt hinter seiner Stirne vor?‹ überlegte sie. ›Beobachtet er mich? Er scheint nicht viel zu sehen und muß doch allerlei bemerken hinter seinen Brillengläsern. Macht er sich nun innerlich Notizen, die recht spöttisch sein dürften? In seinen Erzählungen hat er eine seltsam kalte, nicht gerade liebevolle Manier, Menschen zu schildern. Er kennt sie so genau, gerade weil er sich von ihnen distanziert. Übrigens nimmt er, bei aller Distanziertheit und Ironie, leidenschaftlichen Anteil an unseren Sorgen: das wird deutlich in seinen schönen, klaren Essays. Wie gescheit er ist … Ich muß einige seiner großen Aufsätze unbedingt wieder lesen. Er hat viele höchst vorzügliche Dinge geschrieben …‹

Da sprach er plötzlich – Marion erschrak fast, als seine weiche, zögernde Stimme kam. »In Ihrem Vortrag hat etwas mich erschreckt. Sie haben manchmal einen kriegerischen Ton – als wollten Sie zur Schlacht rufen. Das beunruhigt mich. Gewalt wird schon genug gepredigt und angewendet – von den anderen. Wir sollen friedlich sein. Nicht Rache, nicht Kampf – Versöhnung sei unsere Absicht.«

»Versöhnung?« Marion wiederholte es trotzig. »Es gibt Menschen und Prinzipien, mit denen sie nicht in Frage kommt. Wir sind lange genug versöhnlich gewesen – zu lange, wie mir jetzt scheint. Vor einem Gangster, der die Handgranate und den Revolver schwingt, macht man sich lächerlich, wenn man flüstert: Ich bin Pazifist.«

»Man soll es nicht flüstern; man soll es schreien«, sagte der Schriftsteller. »Und wenn der Gangster lacht?« – »Was schadet es. Vielleicht vergißt er darüber, die Handgranate zu werfen. Es ist niemals eine Schande und kann nie ein Irrtum sein, sich zum Frieden zu bekennen.«

Daraufhin Marion – deren lange, magere Finger gierig nach irgend etwas zu suchen schienen, was sie zerbrechen konnten: »Es gibt Situationen, in denen die Angst vorm Kampf blamabel und verhängnisvoll wird.«

Der Schriftsteller, nicht ohne Strenge: »Ich habe nicht von der Angst vorm Kampf, ich habe von der Liebe zum Frieden gesprochen.«

Sie rückte ungeduldig die Schultern. »Das läuft oft aufs gleiche hinaus. Die tolerante Haltung dem absolut Schlechten gegenüber erklärt sich niemals nur aus edlen Motiven; immer auch aus Feigheit.«

Er lächelte, milde und betrübt, über ihre Heftigkeit. »Das absolut Schlechte? Das kann wohl unter Menschen ebensowenig vorkommen wie das vollkommen Gute. Der menschliche Charakter ist immer zusammengesetzt. An die Elemente, die wir die guten nennen, appellieren wir nur, wenn wir selber gut bleiben.«

Marion wollte auffahren; sie beherrschte sich, biß sich die Lippen und sagte, ein wenig heiser: »Die deutschen Sozialdemokraten und die anderen Parteien unserer verstorbenen Republik versuchten es, ›gut‹ zu bleiben – verhandlungswillig und versöhnungsbereit gegenüber ihren Todfeinden. Schauen Sie es sich an, wohin sie’s damit gebracht haben! Sollen die europäischen Demokratien diese löbliche Taktik wiederholen?«

»Ich hoffe es«, sagte er schlicht. »Die großen Demokratien sind schuldbeladen, sie haben zu büßen. Alles Unheil in Europa kommt aus dem Vertrag von Versailles.«

Marion war fast am Ende ihrer Geduld. »Glauben Sie, die Deutschen hätten einen besseren Vertrag diktiert, wenn sie den Krieg gewonnen haben würden?« fragte sie gereizt. Woraufhin der Brite nur die Achseln zuckte. »Darauf kommt es nicht an.« Da Marion nun verfinstert schwieg, legte er sanft die Hand auf ihre Schulter. »Seien Sie mir nicht böse!« bat er, das Gesicht mit den spiegelnden Brillengläsern freundlich nahe an ihres gerückt. »Ich begreife Ihren Schmerz, Ihren Haß, und ich achte ihn. Es gibt aber ein paar sittliche Grundwahrheiten, die man vor Haß und Schmerz leicht vergißt. Alles Üble kommt aus der Gewalt. Sie steht immer am Anfang des Schlimmen. Man kann die Gewalt durch Gewalt besiegen, aber nicht aus der Welt schaffen. Der verhängnisvolle Irrtum ist, zu meinen, daß der Zweck die Mittel heilige. Das ist falsch. Mit schlechten Mitteln ist kein großes Ziel zu erreichen; die Kommunisten haben dies nicht verstanden, daher ihr fürchterliches Versagen. Der Friede, die Gerechtigkeit können nicht durch Krieg gewonnen werden. – Sind Sie für den antifaschistischen Krieg?« erkundigte er sich, plötzlich in einem leichteren, konversationsmäßigen Ton.

Marion sagte: »Die faschistischen Staaten würden ihn nicht führen können. Diese aufgeblasenen Monstren sind innerlich hohl. Aber es sollte kein Zweifel darüber bestehen, daß die Demokratien bereit und gerüstet sind; dann würden die Aggressiven es mit der Angst bekommen.«

Der Engländer, mild und ein wenig spöttisch: »Warum sind sie denn aggressiv? Weil sie arm sind, weil sie zuwenig Land haben. Deutschland, Italien, Japan wollen Raum. Sollen wir, die Saturierten, die Satten und Reichen, das Expansionsbedürfnis dieser Proletarier unter den Ländern mit Giftgasbomben und Maschinengewehren aufhalten? Und uns dabei noch als die Moralischen aufspielen, als die Bewahrer der heiligsten Güter, die Retter der Demokratie?«

»Wenn Sie so empfinden, warum haben Sie dann nicht dafür Propaganda gemacht, man solle Deutschland Kolonien, den Anschluß Österreichs und was nicht sonst noch gewähren, als die Politik des Reiches noch von Stresemann gemacht wurde, statt von Hitler, Rosenberg und Goebbels?«

»Hätte ich das nur getan!« Die Reue in seiner Stimme mußte aufrichtig sein. Er gestand: »Damals habe ich die Dinge noch nicht so klar gesehen wie heute.«

»Erst mußte Deutschland ein großes Zuchthaus für seine Bewohner und eine schreckliche Gefahr für alle Völker der Erde werden!« Marion ließ sich vom Fensterbrett auf den Boden gleiten. Sie stand aufrecht da, und ihr Gesicht war zürnend, wie wenn sie eines der kämpferischen Gedichte sprach. »Könnte man mit der gerechten Verteilung der Erde nicht warten, bis Deutschland wieder ein anständiges, zivilisiertes Land ist? Wenn man den deutschen Ansprüchen jetzt entgegenkommt, sieht das verdammt so aus, als geschähe es aus Angst vor der deutschen Macht. Es stärkt Hitlers Stellung und schadet also dem deutschen Volk.«

Er versetzte leise, aber bestimmt: »Mir scheint doch, das deutsche Volk liebt seinen Hitler. Hätte es ihn sonst herbeigeholt? Würde es ihn sonst dulden?«

Marion bewegte zornig den Kopf mit der Purpurmähne. »Sie wissen so gut wie ich, daß Millionen Deutsche ihn hassen und ihn los sein wollen; die anderen aber sind ahnungslos und verblendet, es wird unsere Sache sein, sie zu erziehen.«

Ihre Augen flammten; die des Schriftstellers blieben vorsichtig verborgen hinter den dicken Gläsern. Er sagte: »Sicher ist es nicht die Sache der imperialistischen Demokratien. Wir haben vor den eigenen Türen zu kehren. Weder England noch Frankreich oder Amerika haben irgend das Recht, sich vor anderen als moralische Vorbilder aufzuspielen. Was wir tun können, ist nur, das deutsche Volk befreien von dem Minderwertigkeitskomplex, an dem es seit dem Jahre 1918 leidet. Wenn es wieder glücklicher und reicher ist, wird es vermutlich auch wieder verständiger und weniger reizbar werden.«

»Oder es wird noch übermütiger und habgieriger werden«, warf Marion ein. Woraufhin er nur zu erwidern hatte: »Das wird sich zeigen. – Zunächst kommt es darauf an, einen neuen Krieg zu vermeiden. Denn er wäre das Schlimmste.«

Marion: »Noch schlimmer wäre eine Welt, in der die Faschisten diktieren. Und dazu kommt es, wenn die Demokratien den Willen zum Widerstand nicht mehr haben.«

Er darauf, eigensinnig und milde: »Machen Sie sich eine Vorstellung vom nächsten Krieg? Gift- und Gasbomben über Berlin, Paris und London: ich möchte es nicht erleben … Cholera und Hungersnot und zerschossene Häuser und überall die Diktatur einiger bösartiger Generäle: das wäre die Konsequenz. Die Zivilisation retten, indem man sie vernichtet? – Wie kann eine kluge Frau dergleichen wünschen!« Er legte ihr wieder die lange, schöne Hand auf die Schulter, diesmal mehr väterlich mahnend. »Wenn in unseren Ländern ein neues, starkes sittliches Bewußtsein, eine echte Friedensliebe und Nächstenliebe sich durchsetzen in den Herzen der Menschen, dann werden sie es sein, die schließlich die Welt beherrschen und zur allgemeinen Religion werden; nicht die Machtanbetung, wie sie heute von den enttäuschten, verführten Deutschen gepredigt wird.«

»Die Gestapo wird den Engländern und Franzosen die Friedens- und Nächstenliebe schon ausprügeln.« Marion sagte es böse. Er aber, zuversichtlich und beinahe heiter: »Gummiknüppel haben keine Gewalt über das menschliche Herz.« – »Auf die Dauer doch«, sagte sie. Er wiegte sinnend das Haupt. »Wir überschätzen die Macht. Sie ist vergänglich, und solang man sie hat, bringt sie mehr Schaden als Nutzen. Mag das Empire sich auflösen! Mir liegt nichts daran, ich wäre ohne das Empire glücklich. Mag doch London eine provinzielle Stadt wie Kopenhagen werden – es wäre vielleicht dann nicht mehr so lärmend dort, man hätte mehr Ruhe, und ich brauchte nicht auf Mallorca zu sitzen, um arbeiten zu können. Lassen wir die anderen ihren kindlichen Hunger nach Macht befriedigen, und geben wir ihnen das Beispiel der Sanftheit. Sie werden uns nicht überfallen, wenn wir nicht mehr bewaffnet sind. Sie werden unsere Leben verschonen – der Krieg ist es, der uns vernichten würde. Wenn nur ein Teil der Welt – der reifere, bessere Teil – sich zum Verzicht auf die Gewalt entschlösse, folgten die anderen nach. Schließlich fände man zueinander. Alle Menschen wären eine Familie, die Staaten wären nicht mehr voneinander abgegrenzt, die Verteilung der Länder hätte keine Wichtigkeit mehr. Das schöne Ziel wäre erreicht«, sprach er träumerisch in die warme Nacht hinaus.

Einmal lachte sie über ihn; er nahm es nicht übel, sagte nur: »Lachen Sie nur! Ich habe auch viel gelacht, viel gespottet, stets gezweifelt, stets alles besser gewußt. Ich war Skeptiker. Durch alle Abgründe der Skepsis bin ich gegangen. Die Skepsis führt zur Verzweiflung. Wenn man leben will, muß man auf das Gute im Menschen vertrauen können.« – Da war sie schon wieder ernst.

Hinter ihnen wurde der weite Salon allmählich leer. Die festlichen Lichter waren ausgegangen; in einer Ecke saß traulich Meister Samuel mit einer hübschen jungen Amerikanerin und trank Whisky. – »Was habt ihr euch eigentlich zu erzählen – ihr, dort drüben am Fenster?« rief ihnen seine Orgelstimme zu. Marion antwortete nicht; sie sah jetzt müde aus, wie nach einer Anstrengung, die zu lange gedauert hat. Der Schriftsteller – dessen kurzes fahles Gesicht im Gegenteil erfrischt und rosig belebt schien – sagte, wobei er nicht zu Samuel hinüber, sondern aufs Meer schaute: »Wir streiten über die Mittel; nicht über das Ziel. Sicher nicht über das Ziel.« Zu Marion gewendet, meinte er abschließend: »Sie übersehen eine grundlegende Tatsache, chère amie – eine ganz einfache biologische Tatsache, möchte ich beinah sagen. Die Liebe ist stärker als der Haß. Der Haß nutzt sich ab, erlahmt, läßt die im Stich, die mit ihm zu siegen meinten. Die Liebe aber ist unüberwindlich.«

Da sie nun verstummten und es auch im Raume hinter ihnen stille war, hörte man plötzlich, mit einer seltsamen Eindringlichkeit, als wollte es sich endlich bemerkbar machen, das Rauschen des Meeres und das seufzend leise Auslaufen der kleinen Wellen auf dem nahen Strand.

Ein paar Tage später reiste Marion ab, ohne den berühmten Autor noch einmal gesehen zu haben. Alle warnten sie davor, dies friedensvolle Eiland gerade jetzt zu verlassen; am heftigsten riet Siegfried Bernheim ihr ab. »Auch ich sollte eigentlich nach Paris, in Geschäften. Fällt mir aber gar nicht ein, zu fahren. Kein Mensch weiß, was nächstens in Europa geschieht. Morgen kann es zum Krieg zwischen England und Italien – und das heißt: zur allgemeinen Katastrophe – kommen. In Frankreich herrscht schon jetzt beinah Bürgerkrieg. Die Frage ist, ob man Sie in Marseille überhaupt landen läßt. Dort wird jetzt gestreikt, kein Hotel oder Restaurant ist offen, die Hafenarbeiter machen keinen Dienst, es wurde auch schon geschossen – ich flehe Sie an, meine Liebe: bleiben Sie hier! Sie riskieren draußen Ihr Leben. Hier ist nichts zu fürchten, auf dieser Insel sind wir in Sicherheit.« – »Soviel ich weiß, ist gestern eine Bombe vor dem Gemeindehaus in Palma explodiert«, sagte sie. Bernheim nahm dies nicht ernst. »Das sind Kindereien! Die Menschen hier haben ein gutes Herz. Warum sollten sie böse und blutdürstig sein? Sie haben genug zu essen, und diesen Himmel und dieses Meer! Vielleicht kommt es zu Unruhen in Barcelona. Auf Mallorca ist man wie in Gottes Schoß. – Ich gedenke, mir von hier aus anzusehen, wie sie sich in Europa schlagen«, sagte der Bankier. – Und einer der jungen Literaten zitierte lachend die Verse von Jean Cocteau:

»À Palma de Majorque

Tout le monde est heureux.

On mange dans la rue

Des sorbets au citron.«

Marion ließ sich nicht umstimmen. Alle schüttelten betrübt die Häupter über soviel Eigensinn; Samuel umarmte sie und schalt sie mit bewegter Orgelstimme »kleine Närrin«; sie reiste ab. Am 13. Juni kam sie in Marseille an. Es war nicht gemütlich. Am Hafen gab es weder Kofferträger noch Taxis. Für ein enormes Trinkgeld wollte ihr ein Junge das Gepäck zum Bahnhof bringen. Die Hotels und Restaurants waren geschlossen, wie Bernheim es vorausgesagt hatte. Die Straßen waren verstopft von Menschen, die in langen Zügen marschierten, rote Fahnen trugen und die »Internationale« sangen. Die Gesichter schwitzten, waren eingehüllt in Staub, hinter dem Staub aber gab es ein mutiges Leuchten. Man begrüßte sich mit der erhobenen Faust. ›Was ist es?‹ dachte Marion. ›Ist es die Revolution?‹ Sie empfand Freude, hier zu sein. Erst in der überfüllten Bahnhofshalle bekam sie Angst. Der Zug, der sie nach Paris bringen sollte, verspätete sich. Sie fand auch den Jungen mit ihrem Gepäck nicht mehr. Übrigens war sie hungrig.

Am nächsten Morgen erwartete Marcel sie in Paris, an der Gare de Lyon. Er sah glücklicher aus als seit langem. »In unserem alten Frankreich gehen große Dinge vor!« erklärte er ihr.

Als Marion ihre Tournee für den Sommer vorbereitete, hatte sie wieder Schwierigkeiten mit ihrem Paß. Verschiedene Konsulate weigerten sich, ihr ein Visum zu geben. Sie erinnerte sich des spanischen Beamten in Nice und seines grausamen: »En somme, Madame, vous êtes sans patrie.« So ging das nicht weiter. Eines Tages sagte sie zu Marcel: »Mir scheint, mein Engel, wir müssen heiraten.« Er schien über diese Mitteilung zu erschrecken. Er gestand ihr: »Es ist mir nicht so ganz recht … Irgendwie habe ich davor Angst.« – »Wieso – Angst?« wollte sie lachend wissen. Er sagte: »Du hast mich nie heiraten wollen, und das war ein guter Instinkt von dir. Ich eigne mich nicht zum Ehemann. Ich bin krank, neulich habe ich wieder Blut gespuckt, ich bin erblich belastet, ich habe abscheuliche Eltern. Wo werde ich enden?« Er zögerte eine Sekunde, ehe er selbst, sehr leise, die Antwort gab: »Im Irrenhaus – fürchte ich oft …« Während Marion eine heftig abwehrende Geste machte, fuhr er fort: »Und nun – nur des Passes wegen? Irgendwie empfinde ich es doch als unschicklich … Das ist wahrscheinlich sehr dumm von mir«, entschuldigte er sich gleich. »Bürgerliche Vorurteile … Die pädagogischen Prinzipien der Madame Poiret scheinen ihren Einfluß auf mich ausgeübt zu haben.« Er lachte ein bißchen, wurde aber gleich wieder düster. »Es wird uns Unglück bringen …« Unter den hochgespannten Bögen der Brauen war sein Blick verdunkelt von Ängsten, die Marion nicht verstand. Sie fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar; es fühlte sich hart und widerspenstig an. »Aber, mon choux! Seit wann sind wir abergläubisch? – Wir könnten uns ja bald wieder scheiden lassen, wenn dir der Ehestand nicht gefällt!« schlug sie lachend vor. Sie küßte ihn; die Gebärde, mit der sie ihn an sich zog, war nicht jene, die eine Liebende für den Geliebten hat; vielmehr glich sie der anderen, mit der die Mutter ein erschrecktes Kind umarmt. Er lächelte zaghaft, während er den Kopf an ihre Schulter legte. »Es wird sehr hübsch sein, wenn wir Mann und Frau sind, meine kleine Marion …« Es klang aber nicht sehr bestimmt, eher fragend, fast flehend.

Ein paar Tage nach der Zeremonie auf dem Standesamt war Marcel es, der vorschlug: »Wir sollten eine kleine Hochzeitsreise unternehmen, das gehört sich doch. Monsieur Poiret und Madame werden für ein paar Wochen miteinander in die Berge fahren.« – »Das wäre großartig!« Marion war begeistert. »Ich habe noch drei Wochen Zeit vor meiner Tournee durch die böhmischen Bäder.«

Sie entschieden sich für das Engadin. In St. Moritz gefiel es ihnen nicht. Sie fanden ein schönes altes Graubündener Bauernhaus, in der Nähe von Sils Maria. Dort mieteten sie sich zwei Zimmer. – »Eine wunderschöne Hochzeitsreise!« stellten sie, jeden Morgen wieder, befriedigt fest. Sie atmeten freier in dieser dünnen und reinen Luft. Vieles, was drunten, im Tiefland, sie quälend beschäftigt hatte, schien sie hier droben kaum noch anzugehen. Vorübergehend durften sie manches vergessen, was sonst Inhalt ihrer Reden und Gedanken war. Sie sprachen nicht mehr vom Faschismus, der britischen Politik, den deutschen Konzentrationslagern, dem historischen Materialismus und der letzten Rede des Genossen Dimitroff; vielmehr davon, welch unbeschreiblich zarte und starke Farben der Himmel hatte; wie rührend es war, daß auf dem kargen Moos so mannigfach geformte und getönte Blumen gediehen, oder von der fast schmerzenden Klarheit des Lichts, in dem alle Dinge zugleich wirklicher und entrückter standen als drunten, in der feuchteren Atmosphäre. Am Abend kam die Bergwand, vor der Sils Baselgia lag, schwarz und drohend nahe heran. »Sie wird auf uns stürzen!« fürchtete sich Marcel. Und Marion: »Ich hätte nichts dagegen. Es würde einen kolossalen Krach geben, und dann wäre es still.«

Stiller, als es nun war, da sie schwiegen, konnte es kaum noch werden. Sie gingen auf der großen Landstraße, die nach St. Moritz führt, rechts neben ihnen der verdunkelte See, links die Bergwand. Der starke Wind, den sie im Rücken hatten, kam von Maloja her. Über ihnen, der Himmel, war reingefegt. Nachmittags hatte es Wolken gegeben; aber nun stand jeder Stern in genauer Klarheit.

Marion war froh, weil Marcel schweigen konnte. Von ihm genommen schien der unselige Zwang, Worte ohne Ende hervorbringen zu müssen. War er von einer Krankheit genesen? Er hatte den gleichmäßig ruhigen, kraftvollen Gang des Gesunden. Er schritt wacker aus – wie ein Soldat, fand Marion, die sein Gesicht von der Seite prüfte. Hatte nicht auch dieses Antlitz jetzt soldatische Züge? Im blassen Licht der feierlichen Nacht sah es härter und entschlossener aus, strenger und dabei zuversichtlicher, als sie es jemals gekannt hatte. Der Blick ging siegesgewiß geradeaus. So schreitet und so blickt einer, der sich über das Ziel des Weges länger nicht im Ungewissen ist. Der Mund war trotzig etwas vorgeschoben. Die stolze Kurve der Brauen beherrschte eine Stirn, die trotz ihrer Niedrigkeit kühn schien – bereit, sich allen Stürmen auszusetzen; nicht nur dem frischen Wind, der von Maloja kam und den sie jetzt noch in den Rücken hatten.

Sie hatten heute in Sils Maria das bescheidene Haus besucht, an dem die Tafel mit der Inschrift hing: »Hier sann und schaffte Friedrich Nietzsche …« Über diesen Text hatten sie etwas lachen müssen; aber sie waren ernst geworden in der engen Stube. Aus dem Fenster gab es keinen Blick in diese unsagbare Landschaft; man hatte vor sich nur die steil nach oben strebende Wand des Hügels, an den das Haus wie festgewachsen schien. Bei all seinen inneren Kämpfen, enormen Aufschwüngen, katastrophalen Niederlagen hatte der magenkranke Professor – gemartert von Kopfschmerzen und intellektuellen Ekstasen – sich nicht den Trost der schönen Aussicht gegönnt. Marion und Marcel konstatierten dies mit Ehrfurcht und mit Erbarmen.

»Wir wollen umkehren«, sagte jetzt Marcel; es war, als könnte er’s nicht erwarten, den kalten Bergwind endlich im Gesicht zu spüren. Sie waren nicht darauf gefaßt gewesen, daß es sie mit solcher Heftigkeit anwehen würde. Sie erschauerten, froren, schmiegten sich im Gehen enger aneinander. Marion sagte: »Es ist so gut, daß wir hergekommen sind!« Er lächelte, ohne sie anzuschauen. »Ja – schöner als hier kann es auf dieser Erde nicht sein.« Er blieb stehen. »Dieses Tal … dieser Wind …« Er zog tief die Luft ein. »Der Mann in dem abscheulichen Zimmer, wo wir heute gewesen sind – der kannte sich aus. Er wußte die schönste Landschaft zu finden und die Probleme, die entscheidend sind. Er hatte alles schon durchgemacht, ehe wir anfingen zu denken. Der ganze Aufruhr unserer Herzen, alle Ratlosigkeit, die schrecklichsten Irrtümer, der Wahnsinn und noch die kühnsten Hoffnungen waren ihm gegenwärtig. Er hat alles schon ausgesprochen – in deiner Sprache, Marion, in deiner schönen Sprache. Jetzt sollten wir schweigsamer sein – und wäre es nur aus Ehrfurcht. Da er in Gedanken alles durchgelitten und durchgekämpft hat, müssen wir anders leiden und anders kämpfen. Hier hat der Prophet seine Wege gemacht. Wir aber sollten handeln. – Warum sagst du nichts, Marion? Aber du zitterst ja? Du klapperst ja mit den Zähnen, ma pauvre! Komm näher an mich! Ich will meinen Mantel über deine Schulter legen.«

8

»Ich kann das Kind nicht bekommen«, sagte Tilly, leise und mit bebender Bestimmtheit; woraufhin die Ärztin streng und etwas feierlich wurde: »Genug jetzt! Ich will davon nichts mehr hören! Sie sind völlig gesund.« – »Abgesehen von meinem Asthma«, warf Tilly böse ein. – »Das ist nervös«, stellte die Ärztin fest. »Nach der Niederkunft wird es bald verschwinden.« – »Ich kann das Kind nicht bekommen. Sie müssen mir helfen, Fräulein Doktor! Sie müssen!« – »Ich darf nicht, und Sie wissen, daß ich nicht darf. Ich würde es aber auch nicht tun, wenn ich dürfte. Sie bringen das Kind zur Welt, werden es lieb haben – und mir dankbar sein, daß ich Ihnen Ihre Bitte heute abschlagen muß.« Tilly stöhnte. In ihrem weißen Gesicht öffnete sich klagend der Mund – ein dunkles Loch in der hellen Fläche dieser verzweifelten Miene. Ihr liebenswürdiges Antlitz wirkte tragisch verändert und sah übrigens ein wenig idiotisch aus, durch seine Starrheit und weil der Mund so trostlos offen blieb. Die Ärztin erschrak. »Aber mein liebes Kind!« sagte sie ängstlich. »Machen Sie doch kein so jammervolles Gesicht! Wahrscheinlich sind die Dinge gar nicht so schlimm, wie Sie sich das jetzt einbilden … Wollen Sie mir nicht ein wenig erzählen? Über den Vater Ihres Babys, und warum Sie so traurig sind?« – »Nein«, sagte Tilly; es kam rauh und fast zornig heraus. Die Ärztin, etwas pikiert, zuckte die Achseln. »Ich dachte, es würde Ihnen vielleicht guttun. Aber ganz wie Sie wollen – natürlich, ganz wie Sie es wünschen, mein Kind.« – »Entschuldigen Sie!« sagte Tilly; sie war aufgestanden. »Entschuldigen Sie, bitte. – Ja, ich muß wohl jetzt gehen.«

Auf der Straße, in ihrem Zimmer, an der Schreibmaschine – der Refrain von Tillys Gedanken bleibt: ›Ich kann das Kind nicht bekommen. Alles spricht dagegen, es soll nicht sein. Sein Vater treibt sich irgendwo auf einer Landstraße herum, oder er sitzt in einem deutschen Gefängnis. Die Nacht, in der ich es empfangen habe, hat mit dem Besuch der Polizei geendigt.

Welch entsetzliches Zeichen! Auf mir liegt ein Fluch, auch der Kleine würde etwas von ihm abbekommen. Ich kann das Kind nicht bekommen – ach Ernst, warum bist du nicht da, um mir zu helfen!‹

Sollte sie mit der Mutter sprechen? Sie wagte es nicht. Alles mußte sie mit sich selber ausmachen, die Entschlüsse ganz alleine fassen. Manchmal dachte sie: ›Vielleicht darf ich es doch bekommen, das Kind. Ich könnte den Peter heiraten, er würde meinen, es ist von ihm, er würde es gernhaben, später könnte ich ihm vielleicht die Wahrheit gestehen – aber nein! Das ist ja purer Wahnsinn! Ihn so anzulügen! Woran denke ich denn! Ich verliere den Kopf.‹

Wenn nur Marion jetzt in Zürich wäre! Aber sie war beschäftigt, irgendwo unterwegs. – Und Frau Ottinger? Die war freundlich und gut. Zehnmal war Tilly entschlossen, der alten Dame alles zu erzählen; zehnmal brachte sie’s nicht über die Lippen. Nein, es ging nicht, es lag jenseits der Schicklichkeitsgrenze, so viel durfte man der braven Madame keinesfalls zumuten. Tilly lächelte matt, wenn Frau Ottinger sich besorgt wegen ihres schlechten Aussehens äußerte. »Ich fühle mich oft etwas müde«, gestand das Mädchen; Frau Ottinger riet ihr zu Lebertran. – Tilly war lange Zeit in tausend Ängsten gewesen, der Polizeibeamte, der sie damals im Hotel überrascht hatte, könnte sich mit Ottingers in Verbindung setzen. Nichts dergleichen geschah. Die Polizei hielt sich unheimlich still. Ernst verschwand – wahrscheinlich war er nachts zur französischen Grenze gebracht und dort seinem Schicksal überlassen worden; mit Tilly indessen schien man gnädig zu verfahren. Mindestens gönnte man ihr eine Bewährungsfrist – ›bis man mich zum nächsten Mal mit einem jungen Mann ohne Paß morgens in einer Kammer findet‹, dachte sie bitter. ›Dann freilich wäre Schluß, man setzte auch mich über die Grenze. – Oder schwebt schon jetzt gegen mich ein Verfahren? Vielleicht bereitet etwas Fatales sich vor, von dem ich nur noch keine Kenntnis habe …‹ Ihr war oft zumute, als würde sie beobachtet und belauert. Sie hatte sich kompromittiert, man kannte höheren Ortes ihren Lebenswandel, man war mißtrauisch gegen sie, wahrscheinlich schickte man Spione hinter ihr her. Tilly fürchtete sich. Oft, auf der Straße, fuhr sie plötzlich herum, weil sie die korrekt unnahbare Miene jenes Beamten neben sich zu erkennen meinte. – ›Ich werde verfolgungswahnsinnig‹, hielt sie sich vor. ›In was für einem Zustand bin ich? Pfui, man darf sich nicht so gehen lassen! – Eine schöne Frau Mama würde ich abgeben! Mir täte das Wesen leid, das mich als Mutter hätte und den verschollenen Ernst als Papa. – Ich kann das Kind nicht bekommen.‹

Schließlich sprach sie mit der alten Friseuse, von der sie sich das Haar richten ließ; sie war aus Genf, hatte in Paris und Nordafrika gearbeitet, ihr französischer Akzent wirkte vertrauenerweckend. »Es handelt sich um eine gute Freundin von mir«, behauptete Tilly – wozu die Haarkünstlerin nachsichtig lächelte. »Sie kann das Kind nicht bekommen. Kennen Sie einen zuverlässigen Arzt?« Die Coiffeuse kannte einen und erbot sich sogar, für »Tillys Freundin« alle nötigen Verabredungen mit ihm zu treffen. »Ich empfehle ihn immer in solchen Fällen«, schwatzte sie, während sie mit gewandten Fingern Tillys Frisur arrangierte. »Ein vorzüglicher Mann.« – Tilly wurde für den nächsten Sonnabend angemeldet.

Sie mußte in einem dumpfen Korridor warten, ehe eine dicke kleine Person in nicht ganz sauberer Schwesterntracht sie in den Empfangsraum geleitete. Dort war es nicht viel heller als im Vestibül. Von dem geräumigen Zimmer waren zwei Ecken durch grüne, fleckige Vorhänge abgetrennt. Die Nurse führte sie, unter leicht scherzhaften Reden, in eine der Nischen. Dort brannte eine matte, gelbliche Birne über dem Operationsstuhl, der mit klebrigem Wachstuch bespannt war.

»Setzen Sie sich hin, kleines Fräulein!« riet die Schwester, deren pfiffig-munteres Gesicht runde Apfelbäckchen von seltsam gesprenkeltem, stellenweise ins Violette spielendem Rot zeigte. »Machen Sie sich frei – nur das Hemd lassen Sie vorläufig an. Der Herr Doktor wird wohl bald hier sein. Heute, am Samstag, haben wir gerade flotten Betrieb. Die Damen, die am Montag wieder ins Geschäft müssen, lassen sich Samstag morgen behandeln und erholen sich übers Weekend.« Sie lachte, eigentlich ohne Grund. Es war, als spräche sie von einer neuen, amüsanten Form, das Wochenende zu verbringen. Wenn sie kicherte, leuchteten ihre Apfelbäckchen ebensosehr wie die kleinen Augen. Ihr Deutsch hatte einen stark wienerischen Akzent.

Aus der anderen Zimmerecke, die durch grünen Vorhang verborgen war, kam ein Stöhnen – woraufhin die Pflegerin, zugleich entsetzt und belustigt, die Hände überm Kopf zusammenschlug. »Jesses, Maria und Joseph, das Fräulein Liselott wacht schon auf! Die ist gerade erst verarztet worden. Ich sag’s Ihnen ja: heute haben wir Großbetrieb!« Sie schien in famoser Stimmung. Während Fräulein Liselott aus ihrer Nische Jammertöne hören ließ, plauschte sie weiter. »Die ist nämlich ein Stammgast bei uns, jedes halbe Jahr erscheint sie mindestens einmal. Ein hübsches Ding, kann man nicht anders sagen … Na, ich muß doch mal nach ihr sehen …« Ehe sie entschwand, fragte sie noch über die Schulter – wobei sie den grünen Vorhang, in dessen Öffnung sie stand, gefällig um sich drapierte: »Der Herr Bräutigam wird Sie wohl abholen? Er muß im Vorzimmer warten, dort haben wir sehr bequeme Stühle, auch Zeitschriften, er soll sich nicht bei uns langweilen.« – »Es wird mich niemand abholen«, sagte Tilly. – Darauf die Nurse, plötzlich etwas mißtrauisch: »Was für einen Beruf haben Sie eigentlich?« Tilly log müde: »Ich bin Klavierspielerin.« Es fiel ihr nichts anderes ein. Als junges Mädchen hatte sie nett Klavier gespielt. Die Schwester zeigte sich befriedigt und gleich wieder animiert. »Aha, Künstlerin, das habe ich mir doch gedacht, ja, ja, die Damen von der Musik sind oft a bisserl leichtsinnig. – Aber so ein kleines Malheur kann einer jeden passieren«, fügte sie tröstlich hinzu.

Das Stöhnen aus der anderen Kabine ward stärker. Tilly empfand Grauen; sie begann zu zittern, kämpfte gegen die Tränen. »Wird der Arzt nun bald kommen?« fragte sie mühsam. Da hörte sie aus dem Nebenzimmer eine tiefe, rauh belegte Stimme rufen: »Legen Sie die Äthermaske auf, Schwester! Ich bin fertig.« Die Nurse zuckte zusammen; bekam fahrige Gesten; holte die Maske herbei. »Jetzt halten S’ nur still, kleines Fräulein! Schenkel auseinander. Zählen S’ langsam bis fünfzig! Tief atmen! Langsam atmen! Nur brav stillhalten, der Herr Doktor kommt schon, es ist gleich vorbei … Eins – zwei – drei – fünf – neun – fünfzehn … Nur brav zählen, bittschön! Und stillhalten! Wird ja gleich vorüber sein … Haben ja schon Zartere überstanden als Sie, kleines Fräulein …«

Tilly atmete gierig den Äther. Nur das Bewußtsein verlieren, nur einschlafen, nichts mehr hören … nur die Stimme dieser Frau nicht mehr hören … Die erste Reaktion war Brechreiz. Dann spürte sie Todesangst, wollte hochfahren, die Schwester drückte sie nieder … »Nur stillhalten, kleines Fräulein … Nur keine Geschichten machen … Haben andere ja auch schon überstanden …« – ›Das Fräulein Liselott zum Beispiel‹, dachte Tilly, schon halb betäubt. ›Der Stammgast … die fesche Person, kann man nicht anders sagen … Warum zeigt sich der Doktor eigentlich nicht? Er will wohl nicht, daß ich sein Gesicht sehe; könnte ihn auf der Straße wiedererkennen; könnte mir’s ja einfallen lassen, ihm zuzugrinsen, ihn zu grüßen …‹

Da spürte sie schon seine Hände an ihrem Leib. Sie erschauerte unter der kalten Berührung der Instrumente. ›Das kitzelt!‹ war sie noch fähig zu denken. ›Huh – das kitzelt aber infam! Gleich werde ich entsetzlich lachen müssen … Aber nun tut es weh!‹ – »Noch nicht anfangen!« schrie sie und erschrak selber über den dumpfen Klang ihrer Stimme, die von sehr weit her zu kommen schien. »Noch nicht anfangen, bitte!! Ich bin ja noch wach!« – »Wollen Sie wohl den Mund halten!« herrschte die rauhe Stimme sie an.

Sie zwang sich zu schweigen. Gleichzeitig machte sie sich klar, daß sie zu sprechen gar nicht mehr imstande wäre. Dies war die Besinnungslosigkeit; der Abgrund – sie stürzte hinein. Indessen erwies sich das Dunkel, von dem sie empfangen ward, leider als bevölkert; mehrere verdächtige Gestalten traten daraus hervor und verursachten Schrecken. Stimmen vermischten sich miteinander; eine von ihnen war besonders verhaßt: sie gehörte der Rechtsanwältin Albertine Schröder, die im Bett telefonierte. »Ist hier der junge Herr Rabbiner Nathansbock? Hier ist die olle Schröder, von den SA-Leuten erst vergewaltigt, dann vermöbelt worden. Hören Sie, Nathansbock: ich habe eine süße kleine Frau für Sie, prima Ware, möchte geheiratet sein, bietet zehntausend Franken, machen wir das Geschäft?« Welcher Schrecken, da die Rechtsgelehrte nun das dicke, graue Plumeau von sich schleuderte, mit gewaltigem Satz aus dem Bett sprang und eine riesige Schere ergriff, die auf dem Nachttisch neben ihr gelegen hatte. Mörderisch stumm, drang sie mit der blitzenden Schärfe auf Tilly ein. »Da hast du deinen süßen Rabbiner! Deinen wonnigen kleinen Gatten! Du Hure! Da hast du, verfluchte Hure du!« Das eisige Metall fuhr knirschend in ihre Eingeweide. Der Schmerz war ungeheuer, Tilly fuhr in die Höhe.

Sie sah den Arzt, der sich bis jetzt so schlau vor ihr versteckt gehalten. Er stand über sie geneigt, so tief, daß ihm das Blut zu Kopfe stieg. Auf seiner geröteten Stirn trat eine dicke Ader bedrohlich stark hervor. Sein Gesicht, mit hoher Stirn, langer, gerader Nase und kleinem Schnurrbart, schien männlich edel geschnitten, aber verwüstet: das Gesicht eines Trinkers mit schwimmenden Augen und gedunsenen Lippen. Er war zornig, er raste, stampfte auf, brüllte die Schwester an: »Sie wacht ja auf! Schweinerei! Scheiße! Wo hast du denn die Äthermaske, dumme Gans? Sie blutet ja! Ich sage es immer, mit dir kann man nicht arbeiten! Verflucht noch mal! Gib die Maske!!«

Tilly, in einem Starrkrampf aus Entsetzen und Schmerz, konnte nur denken: ›Er nennt sie Du. Sie ist seine Geliebte.‹ – Sie sah das Gesicht der Schwester, das höchst sonderbar verändert war. Ihr scheinheiliges Häubchen hatte sie abgelegt und zeigte nun eine etwas zerzauste blonde Dauerwellenfrisur – ›unsere gemeinsame Freundin, die Coiffeuse, wird sie wohl hergestellt haben‹, beschloß Tilly unter Qualen. Auf der kleinen, runden Stirne der Nurse standen dicke Schweißperlen. Ihr purpurrotes, schamloses, nacktes, nasses Gesicht glich einer aufgeplatzten Tomate. Sie keifte: »Kann ich dafür, daß du am hellen Morgen schon besoffen bist? Es ist ja nicht mehr anzusehen, wie du’s treibst – ich gehe auf und davon – du wirst dich noch nach mir sehnen – auf den Knien rutschen wirst du noch vor mir! Da ist die Maske. Das dumme Ding schläft schon wieder ein, rege dich nur nicht auf.«

Tilly, wieder mit dem Äther vorm Gesicht, begriff: Dieses war die infernalische Szene, der man sich unvermutet gegenübersieht, wenn man die Tür zu einem Zimmer öffnet und findet ein Mörderpaar bei der Arbeit. Sie haben blutige Hände, sind erhitzt von der makabren Hantierung, rufen sich im Kauderwelsch der Kriminellen Flüche zu, haben aber das meiste doch wohl schon geleistet, das Opfer ist fast zerlegt, sie schneiden ihm die Finger mit den Ringen ab – ach, ich bin das Opfer, mein Kind ist es, das sie stehlen … Ernst, Ernst, wo bist du, die Polizei hat dich abgeführt, ich bin allein mit dem verworfenen Paar …

Das Schreckensbild verging in Qual und Nacht. Wie ein Labsal kam der Äther, den man erst so gefürchtet hatte. ›Weh mir, ich falle … Mit mir stürzt das Kind … Niemand da, um uns aufzufangen. Wie tief ist die Tiefe – bodenlos … Niemand hält mich, ich sinke, weh mir, ich sinke hin …‹

Mallorca – höchst liebliches Eiland, mild beglänzt und beschienen von einer gnädigen Sonne; reich gesegnet mit Palmen, Zypressen und allerlei Blütengebüsch; mit Strandpromenaden, Klöstern, Hotels, dekorativ gruppierten Felsen, Grotten, Wasserläufen, Terrassen; mit schönen Frauen, feurig imposanten Männern, liebenswerten Knaben; mit Kathedralen, Stierkampftheatern, Bordells, Cinémas, Flughäfen, Landungsbrücken, Museen; mit Bergen und Gärten, stillen Winkeln und belebten Plätzen; Mallorca, reizendste Gegend, seit eh und je bevorzugt von den Feinsten, auf deiner Erde lustwandelte Madame George Sand in schmuckem Herrenkostüm; vor dem farbenreichen Panorama, das du bietest, träumte am Pianoforte der lungenkranke Pole Chopin; Mallorca – friedlichste Insel, sorgenloses kleines Paradies, weit entfernt von Lärm und Gefahren der Welt; angenehm isoliert, doch nicht abgelegen; idealer Aufenthalt für die Empfindlichen – Landschaftsmaler oder Bankiers – hier laßt uns bleiben, laßt uns Hütten bauen, eine Villa mieten, mindestens ein Hotelzimmer für den Rest des Jahres! Nur nicht weg von hier, diese Sicherheit ist ja köstlich, wo sonst noch fände man sie? Überall geht es hart auf hart, nur hier herrscht Heiterkeit ohne Ende, kein schriller Laut stört die perfekte Idylle … Aber hat es nicht eben ein dunkel drohendes Geräusch gegeben? Sind nicht finstere Wolken über diesen Himmel gezogen, dessen Bläue sonst vorbildlich war? Mallorca, wehe – was ist mit dir vorgegangen? Welcher Donnerschlag hat deine holde Szenerie verändert? Aufschreie plötzlich, wo es nur Lieder und Gelächter gab! Die schwarzen Vögel, die sich vom Meere her nahen, bringen Unheil. In den Villen und am Strande muß man sich’s eingestehen wie in den engen Gassen von Palma: dies sind Bombenflugzeuge, fabriziert in Italien und gelenkt von italienischen Piloten. Woher kommt die schaurige Invasion? Die Hölle ist losgelassen; tausend Teufel präsentieren sich in den kleidsamen Uniformen römischer Faschisten oder in der korrekten Tracht preußischer Beamter und sächsischer Geheimagenten; das satanische Gesicht hat viele Formen, niemals aber könnte es ihm gelingen, seine Grausamkeit und seine dünkelhafte Dummheit zu verbergen. Nun beginnt der Teufel sein Werk: er schafft »Ruhe und Ordnung«. Massenverhaftungen setzen ein, ein preußischer Beamter oder ein römischer Offizier brauchen nur den fürchterlichen Wink zu geben, und ein Mallorquiner Bürger wird abgeführt. Die Kerker füllen sich; um Platz für neue Opfer zu schaffen – oder einfach, weil man es gern knallen hört – erschießt man grundlos Verhaftete. Manchmal nimmt man sich nicht die Mühe, die Unglücklichen erst im Gefängnis abzuliefern: man holt sie nachts aus den Betten, fordert sie, grimmig lächelnd, zu einer »Spazierfahrt« auf; ruft ihnen dann munter zu: ›Jetzt laufe! – Jetzt spring aber!‹ – denn man hat Humor – und dann kracht der Schuß. Am Morgen liegt die Leiche im Gras, am Waldessaum oder auch mitten in der Stadt, es kommt nicht darauf an – in einer kleinen Blutlache, mit dem Gesicht auf dem Pflaster. Der Bischof von Palma findet dies alles christlich, segnet die Mörder und betet öffentlich für ihr Seelenheil. Frauen werden vergewaltigt, Kinder mißhandelt, Männer zerfetzt. Das Meer, das unsere friedliche Insel vom Festland trennt, scheint blutig verfärbt. Drüben, in der großen Hafenstadt, stehen die Kirchen in Flammen. Dort wird erbittert gekämpft. Eine Clique von Generalen, ausgehalten von den reichen Leuten, ist gegen die Regierung aufgestanden und will alle Macht im Lande haben. Das Volk läßt es sich nicht gefallen; empört sich, wehrt sich, rächt sich; das Volk steht auf – in ungeordneten Massen zunächst, aber unbesiegbar durch seinen gerechten Zorn, seinen wütenden Willen zur Freiheit. Dieses Volk wird lang zu kämpfen haben, große Übermacht steht ihm gegenüber. Dieser Krieg dauert lange, ist ein großer Krieg und doch nur ein Teil von einem größeren. – Flieht, ihr Fremden aus den Badeorten; mit der Idylle ist Schluß! Flieht aus San Sebastian! Flieht von der Insel Mallorca! – Der große britische Autor, von Grauen geschüttelt, packt seine Koffer. Siegfried Bernheim muß den Kapitän eines ausländischen Kriegsschiffes mit hoher Summe bestechen, um nur mitgenommen zu werden. Die schöne Villa läßt er im Stich, samt dem echten Renoir und dem zweifelhaften Greco: die Faschisten würden ihn nicht verschonen; das deutsche Konsulat ist schon seit langem auf ihn aufmerksam, zwischen den Nazis und den spanischen Falangisten besteht intimer Kontakt – er wäre seines Lebens nicht sicher, bliebe er nur noch einen Tag. Zum ersten Mal in all den Jahren scheint Bernheim etwas aus der Fassung zu kommen. Schwankenden Ganges bewegt er sich über den Landungssteg, die Gassenjungen johlen hinter ihm drein. Auch Professor Samuel, an seiner Seite, zeigt ein fahles Gesicht. Mit ihm haben sich die witzigen jungen »Hüter der Ordnung« am Tage vorher noch einen ihrer famosen Scherze erlaubt. Ihm wurde mitgeteilt: »Jetzt mußt du sterben, alter Bolschewik! Dein Stündlein hat geschlagen, Judensau!« – woraufhin man ihn an die Wand stellte. Ein halbes Dutzend Kerle stand ihm in Reih und Glied gegenüber, die Gewehrläufe auf ihn gerichtet. Sie zählten: Eins – zwei – und drei! Dann brachen sie in tobendes Gelächter aus. Übrigens waren sie nicht ganz auf ihre Kosten gekommen, weshalb ihr Lachen nicht sehr heiter klang. Samuel hatte nicht gewinselt, nicht um Gnade gefleht, war nicht einmal in Ohnmacht gefallen. Aufrecht und mutig hielt er sein altes Haupt mit dem weißen Gesicht, dessen gescheiter, sinnlicher Mund freilich nicht mehr lächelte. Er war nicht so sehr entsetzt oder traurig darüber, daß er sterben sollte. ›Es ist idiotisch von den Burschen, mich umzubringen‹, dachte er nur verächtlich, ›aber die sind wohl derartig dumm, daß sie es aus irgendwelchen Gründen für ihre Pflicht halten. Außerdem macht es ihnen wahrscheinlich Vergnügen. Was mich betrifft, ich darf mich kaum beklagen. Mein Leben ist schön gewesen, nun geht es schnell zu Ende, ich habe weiter keine Unannehmlichkeiten mehr. Lieber hier geschwind umgebracht werden, als in ein deutsches Konzentrationslager – denn das ist wohl der Aufenthalt, der viele meiner Freunde erwartet. Hier werden sie auf italienische Schiffe verladen wie das Vieh; in Genua müssen sie umsteigen, und in München holen die Herren von der Gestapo sie am Bahnhof ab. Das ist nicht der Lebensabend, den ich mir wünsche. – Also, schießt schon zu, dumme Buben!‹ – Sie schossen indessen nicht; lachten vielmehr wie besessen, wenngleich auf nicht heitere Art. Er dachte: ›Auch gut. So geht dieser Betrieb also weiter. Vielleicht darf ich noch ein paar gute Bilder malen. Aus dieser Szene, zum Beispiel, mit den Burschen und den Gewehren, wäre allerlei herauszuholen.‹ – Bernheim, mittels seines Geldes und der hohen Beziehungen, setzte durch, daß Samuel mit ihm reisen durfte. – Die englischen Herrschaften, die soviel Whisky konsumiert und mit soviel Enthusiasmus Bridge gespielt hatten, wurden von gepanzerten Booten abgeholt, die zu His Majesty’s Navy gehörten. Von den deutschen Emigranten, die via Genua nach München geschafft werden sollten, brachten sich mehrere um. Keiner wurde vergessen, trotz aller Aufregung; die schwarzen Listen, welche die deutschen Behörden an die faschistisch-spanischen weiterleiteten, schienen umfassend zu sein; man arbeitete glänzend zusammen, die Regie klappte, alles ging wie am Schnürchen; die Apokalypse war prima organisiert, die Orgie der Sadisten trefflich vorbereitet, in Rom und Berlin hatte man wohl, vor Beginn des Schlachtens, jedes Detail des Programms mit Sorgfalt besprochen: Die roten Untermenschen sollen unsere Macht und kalte Klugheit spüren, die Juden und Pazifisten, auch die aufsässigen Arbeiter, die Literaten, und von den Priestern jene, die es mit dem Christentum ernst meinen – hin müssen sie alle werden, die Nilpferdpeitsche für sie, der Rizinus-Trank, die Handgranate in die Fresse, das Bajonett in den Bauch – Es lebe die Internationale des Faschismus!

Es lebe die Internationale der Freiheit! Wer Widerstand leistet, bleibt nicht ganz allein. Die Regierungen mögen ihn im Stich lassen; die »großen Demokratien« mögen ihre feige Politik, die nur dem Angreifer zugute kommt, »Neutralität« oder »Nichteinmischung« nennen. Von überall her kommen die Freunde, die Freiwilligen; begeisterter Zulauf aus allen Ländern, allen Himmelsstrichen; Proletarier neben Intellektuellen, sie sprechen verschiedene Sprachen und verstehen sich doch – es formieren sich die Internationalen Brigaden.

»Nun weiß man doch, wohin man gehört!« sagt ein junger Mann wie Hans Schütte, der in Prag nicht hat bleiben dürfen, und dann nicht in Wien, und in Frankreich nicht, und nicht in der Schweiz, in Holland oder in Skandinavien. Trotzig hat er sich herumgetrieben, überall der ungebetene Gast, verfolgt von der Fremdenpolizei, ein Geächteter. Er sieht schon verdächtig aus und recht heruntergekommen. Ein harter, struppiger Bart ist ihm gewachsen, und seine runden, etwas vortretenden Augen, die einst gutmütig schauten, haben oft einen flackernd scheuen Blick, der nichts Gutes verheißt. Jetzt aber begreift er: Es gibt irgendwo was zu tun – etwas Großes. Das lohnt sich, da mache ich mit. In jenem Lande – wo ich noch nie gewesen bin und dessen Sprache ich nicht verstehe – sind die Leute nämlich auf eine glänzende Idee gekommen: auf die Idee, sich zu wehren.

›Dorthin gehöre ich! Dies ist die Gelegenheit, auf die ich so lange gewartet habe – dies die Stunde: ich erkenne sie, sie ist da!‹ So empfand Marcel Poiret. Er war müde der großen Worte, gierig danach, zu handeln; er lechzte nach der Tat, nach dem Opfer; nun war es soweit: man konnte sich anschließen, sich zusammentun, gemeinsam handeln mit den Kameraden. Sie haben nicht verstanden, sie sind stumpf und dumm geblieben, wenn man sich an sie wendete und sie ergreifen wollte durch das geschriebene Wort. Sie werden begreifen, man wird zu ihnen gehören, wenn man mit ihnen kämpft. ›Nun hatte es doch sein Gutes, daß der französische Staat, die brave Dritte Republik mich schießen gelehrt hat. – Ich gehe nach Spanien. Ich melde mich zur Internationalen Brigade.‹

Es werden ihm Abschiedsfeste gegeben; eines veranstaltet die Schwalbe in ihrem Lokal. Ganz vollzählig ist der kleine Kreis bei dieser Gelegenheit freilich nicht. Einige junge Leute, die man häufig hier sah, sind ihrerseits schon nach Spanien vorausgefahren. Auch Marion und Martin sind nicht erschienen. Martin geht fast gar nicht mehr aus – wie die Schwalbe betrübt berichtet – er verbringt die Tage im Bett, die Nächte am Fenster, und in den rosiggrauen Stunden der Dämmerung kann man ihn ziellos durch die Gassen des Quartier Latin oder drunten, an der Seine, promenieren sehen.

Und Marion! – Mit ihr ist Marcel heute den ganzen Tag gewesen, und morgen früh wird sie allein es sein, die ihn zum Zug begleitet. Sie ist sehr erschrocken, als er ihr’s gesagt hat: Ich gehe nach Spanien. Marion, die sonst nur tröstet und hilft, zur Besinnung oder zum Kampf ruft – Marion hat geweint. Ihr Mund hat kindlich gezittert, aus den schönen, schrägen Katzenaugen flossen Tränen: »Tu es nicht! Ich sehe dich niemals wieder! Bleibe hier, es gibt hier genug zu leisten! Bleibe meinetwegen! Ich bin deine Frau!« – Sie hat sogar dies gesagt: »Ich bin deine Frau!« – hat sich nicht geschämt, das riskante, in solchem Zusammenhang fast abgeschmackte Argument zu benutzen. Noch ärger aber war es, als sie plötzlich verlangte: »Wenn du gehen mußt – nimm mich mit! Ich will nicht alleine hier bleiben oder in Mährisch-Ostrau Gedichte aufsagen – und anderswo wird die Entscheidungsschlacht geschlagen, und du bist dabei! Nimm mich mit! Ich kann auch schießen lernen, ich bin sehr begabt fürs Schießen, im Lunapark habe ich immer den ersten Preis gewonnen; oder ich kann Krankenschwester werden, oder den Soldaten nachts Geschichten erzählen, wenn sie wach bleiben müssen – und ich kann bei dir sein; denn ich bin deine Frau!« Marcel streichelte sie erst und bat: »Das ist nicht dein Ernst, Marion! Das kannst du nicht wirklich wollen!« Als sie eigensinnig blieb, mußte er streng und beinah drohend werden. »Es gibt Wege, Marion, die man allein zu gehen hat! Du kannst nicht mit mir kommen. Ich will nicht, daß irgend jemand mit mir kommt.« – Da verstummte sie und hielt das Gesicht lange gesenkt, wie beschämt. Erst viel später war es, daß sie leise sagte: »Wahrscheinlich hast du recht. Es gibt Wege – die muß man alleine gehen.« Und – wieder nach einer Pause; aufseufzend, von ihm weggewendet: »Ach Marcel – mein Marcel … Was ist uns bestimmt? Wohin führt das alles, und wo kommen wir an! – Wie seltsam sind die Dinge, die uns vorbehalten sind …« – Als sie nachts neben ihm lag, sah sie wieder, vor den fassungslos geöffneten Augen, den feuerspeienden Berg, den Vulkan. Rauchmassen, lodernder Brand, und die Felsbrocken, die tödlich treffen. Wehe – was ist uns bestimmt?

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9783754940884
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