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Klara Chilla

Die Schiffe der Waidami

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Geheimnisse

Skrupellos

Abschiede

Begegnung

Seher

Navigator

Kidnapping

Kerker

Torek

Am Strand

Puerto de la Cruz

Entdeckt

Das Versprechen

Die List

Das Gefecht

Gezeitenhöhle

Die Trennung

Aufbruch

Cartagena

Waidami

Unter Pulverdampf

Epilog

Danksagung

Leseprobe "Die Tränen der Waidami"

Impressum neobooks

Prolog

Das kleine Fischerdorf schmiegte sich in der unheilvollen Sturmnacht schutzsuchend an die hinter ihm aufragenden Steilwände. Der Regen peitschte vom Meer aus gegen die Fenster der schlichten Hütten. Riesige Wellen griffen nach den Fischerbooten und drohten sie mit einem einzigen Bissen zu verschlingen.

Die Nacht war finster und schien nicht enden zu wollen.

Eine Frau beugte sich in der warmen Abgeschiedenheit ihrer Hütte über ihren kleinen Sohn, der auf dem Bett seiner Eltern eingeschlafen war. Sie wickelte ihn fürsorglich in ihre Decke und strich ihm über sein friedliches Gesicht. Ihre Blicke durchsuchten die Dunkelheit hinter dem Fenster, und sie atmete erleichtert auf, als sie ab und zu das Aufleuchten des kleinen Leuchtfeuers an der Küste sah. Zärtlich flüsterte sie dem Jungen die Worte ins Ohr, die schon ihre Mutter ihr in solchen Nächten zugeraunt hatte: „Dieses Licht ist Geborgenheit in einer dunklen Nacht. Solange es dieses Licht gibt, weißt du, dass die Welt noch existiert.“ Sie gab ihm einen Kuss und legte sich dann zu ihm, um kurz darauf ebenfalls in einen tiefen Schlaf zu fallen.

Niemand in diesem Dorf merkte, wie sich später in der Nacht dunkle Schatten der Fischerhütte näherten. Unbemerkt betraten sie die Fischerhütte, unbemerkt hoben sie das Kind aus seinem Bett und unbemerkt verließen sie für immer diese Gegend.

Geheimnisse

- Sieben Jahre später –

Das zehnjährige Mädchen saß vor der kleinen Hütte und malte gelangweilt mit der Spitze eines brüchigen Zweiges Bilder in den Sand. Nachdenklich blickte sie ihrem Vater hinterher, der ihr mit einem leisen Abschiedswort über den Kopf streichelte, um dann einen Weg in den Dschungel einzuschlagen. Einer plötzlichen Eingebung folgend sprang sie auf.

Wohin ging er bloß jeden Tag, seitdem sie auf diese Insel gekommen waren? Jeden Tag schlug er die gleiche Richtung ein und kehrte erst Stunden später wieder zu ihr und ihrer Mutter zurück.

Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter.

„Ich geh an den Strand, Mutter“, rief sie.

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie ihrem Vater hinterher. Auf leisen Sohlen schlängelte sie sich durch die Pflanzen und orientierte sich nur an dem Rascheln, das sie vor sich im Dschungel hörte. Ihr Vater gab sich keinerlei Mühe, lautlos den Dschungel zu durchqueren, also konnte es sich hierbei auch kaum um ein großes Geheimnis handeln. Mit diesem Gedanken verscheuchte sie schnell das aufkeimende schlechte Gewissen wie eine lästige Fliege.

Die eingeschlagene Richtung führte sie zweifellos an den Strand. Während sie vorsichtig über hochstehende Wurzeln kletterte und Blätter beiseiteschob, stellte sie die wildesten Vermutungen über das geheimnisvolle Tun ihres Vaters an.

Vielleicht traf er sich mit anderen Waidami, um endlich etwas gegen den Obersten Seher und seine Piraten zu unternehmen. Möglicherweise hatte er aber auch einen Piratenschatz gefunden, der so groß war, dass er immer nur kleine Teile davon unauffällig zu ihrer Hütte schaffen konnte.

Als sie noch über diese Ideen nachgrübelte, hörte sie plötzlich die Stimme ihres Vaters. Unwillig verzog sie das Gesicht. Hatte er sich bisher auch keine Mühe gegeben, sich leise fortzubewegen, sprach er nun leider in einem gedämpften Tonfall. Sie hatte also Recht, und er traf sich heimlich mit jemandem. Doch mit wem?

Die Augen des Mädchens verengten sich in dem vergeblichen Bemühen, das dichte Grün zu durchdringen, um endlich einen Blick auf den geheimnisvollen Unbekannten werfen zu können. Entschlossen schob sie sich durch die letzten Pflanzen. Ihr Atem beschleunigte sich vor Aufregung, und ihr Herz klopfte bis zu ihrem Hals. Vor ihr öffnete sich ein feinkörniger Sandstrand, gegen den das Meer in sanften Wellen auflief. Vereinzelte Palmen bogen sich dem klaren Wasser entgegen, dazwischen Felsbrocken wie hingeworfen. Ihr Vater stand vor einem dieser Felsen und redete mit jemandem, den sie nicht sehen konnte. Wenige Augenblicke später holte sie überrascht Luft, als ein Junge von dem Felsbrocken sprang und leichtfüßig vor ihrem Vater im aufwirbelnden Sand landete.

Ihr Vater unterhielt sich mit einem Kind? Das war also der geheimnisvolle Unbekannte?

Ihr Vater lachte, legte dann dem Jungen einen Arm um die schmalen Schultern und führte ihn zu einem Schattenplatz unter den Palmen.

Erstaunt fuhr sie sich über die Augen. Der Junge war ungefähr in ihrem Alter und offensichtlich kein Angehöriger ihres Volkes. Seine Haut war zwar gebräunt, doch viel heller, als sie es jemals zuvor gesehen hatte. Geschmeidig ließ er sich mit überkreuzten Beinen neben ihren Vater sinken, ohne seine großen Augen von ihm zu nehmen, die voller Interesse waren. Beide vertieften sich in ein intensives Gespräch, das sie zu ihrem Leidwesen nicht verstand. Angestrengt überlegte sie, wie sie sich unbemerkt dem Sitzplatz der beiden nähern konnte. Eine stetige Brise strich über den vor Hitze schwirrenden Sand, verfing sich in den Palmwedeln und Blättern der anderen Gewächse, sodass ein fortlaufendes Rascheln herrschte. Das Mädchen grinste breit. Diesen Umstand würde sie für sich nutzen. Sie konzentrierte sich auf das Rascheln der Blätter in ihrer unmittelbaren Umgebung und folgte dessen natürlichem Rhythmus, um sich so unauffällig wie möglich darin fortzubewegen. Es dauerte Ewigkeiten, aber sie arbeitete sich geduldig weiter. Als sie endlich auf gleicher Höhe angelangt war, ließ sie sich vorsichtig auf den Boden nieder und schob einen dornenbesetzten Zweig beiseite. Zufrieden sah sie sich in ihrem kleinen Beobachtungsposten um und richtete dann ihren Blick durch ein kleines Loch im Blattwerk vor sich. Die Stimme ihres Vaters erklang nun laut und deutlich.

„… werde ich dir erzählen, warum sie uns die Fähigkeit schenkte, aus den Schiffwracks einzigartige, neue Schiffe zu bauen, die mit ihren Kapitänen eine unvergleichliche Bindung eingehen.“

Er erzählte diesem Jungen also gerade eine der alten Geschichten ihres Volkes. Früher hatte er ihr diese Geschichten immer erzählt, und sie hatte sie geliebt. Mit seiner wohlklingenden Stimme hatte er sie immer wieder in seinen Bann geschlagen und die Bilder der Sagenwelt der Waidami vor ihrem inneren Auge lebendig werden lassen.

Das Mädchen richtete nur kurz ihr Augenmerk auf ihren Vater, dann wurde sie von dem Jungen angezogen, wie ein Moskito von der blutgefüllten Wärme eines Körpers. Seine eisblauen Augen waren gebannt auf sein Gegenüber gerichtet. Jedes Wort schien er in sich aufzusaugen, als wollte er nicht zulassen, dass er sie jemals vergessen könnte.

Die Zeit stand still, während sie ihn betrachtete. Während sie den Wind verfolgte, der auf seinem Weg über den Strand in den weizenblonden Haaren hängenblieb, als könnte er sich von der schulterlangen Pracht nicht trennen. Wie die Sonne den gebräunten Körper liebkoste und sich die fein geschwungenen Lippen bewegten, als er ihrem Vater eine Frage stellte.

Das Mädchen rieb sich die Augen und schüttelte den Kopf, um sich besser auf das Gespräch konzentrieren zu können. Bereits nach wenigen Worten hatte sie die Geschichte der Göttin Thethepel erkannt. Es war die Geschichte der Göttin des Meeres und des Feuers, die der Sage nach die Insel ihres Volkes erschaffen hatte, indem sie diese mit der Hilfe eines Vulkans aus dem Meer erhob. Mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht versank sie in dem Anblick des Jungen und lauschte, ebenso wie dieser, fasziniert den Worten ihres Vaters.

*

Die Wochen zogen dahin, in denen das Mädchen tagtäglich ihrem Vater in den Dschungel folgte, um den geheimnisvollen Jungen zu beobachten. In ihrem Versteck lauschte sie den Erzählungen ihres Vaters und wie er dem Jungen die alte Sprache ihres Volkes lehrte. Zu ihrem Erstaunen berichtete er auch offen über die derzeitige Lebensweise der Waidami und wie sehr er den Missbrauch ihrer Fähigkeiten missbilligte. Ihr Vater zeichnete ein schonungsloses Bild von dem rücksichtslosen Einsatz der Piraten durch die Waidami, als wollte er den Jungen auf einen bestimmten Weg lenken unmerklich

Das Mädchen ließ den Jungen dabei so gut wie nie aus den Augen. Sie war inzwischen so mit seinen Bewegungen vertraut, dass sie an diesem Morgen bis ins Innerste erschrak, als sie ihn sah.

Sie hatte sich diesmal noch vor ihrem Vater davongestohlen, da sie nicht länger abwarten konnte, den Jungen wiederzusehen. Endlich würde sie ihn einmal ganz alleine betrachten können, ohne dass die Worte ihres Vaters sie ablenken konnten. Ein Hochgefühl trieb sie durch den Dschungel. Diesmal legte sie den Weg wesentlich schneller zurück, da sie erst kurz vor dem Strand vorsichtig sein musste. Ungeduldig suchte sie sich einen günstigen Platz, von dem sie eine gute Sicht haben würde. Doch der Anblick, der sich ihr auf dem friedvollen Strand bot, erschütterte sie zutiefst.

Er war bereits am Strand und trat gerade mit steifen und ungelenken Schritten aus dem Wasser. Die Augen des Mädchens weiteten sich, als sie die vielen kleinen und großen Wunden auf seinem Oberkörper entdeckte. Seine sonst so anmutigen Bewegungen wirkten mühsam, und er blutete stark aus einer tiefen Wunde auf der rechten Schulter. Sein Gesicht war bleich und tiefe Schatten lagen um seine Augen. Mit schweren Schritten ging er auf den üblichen Schattenplatz zu, wo er sich unter qualvollem Stöhnen in den Sand fallen ließ.

Als er ihr im Sitzen leicht die Rückseite zudrehte, unterdrückte sie gerade noch den erschrockenen Laut, der sich über ihre Lippen stehlen wollte. Blutige Striemen zogen sich über seinen Rücken. Ein unverkennbares Zeichen, dass er ausgepeitscht worden war. Zeugen grausamer Gewalt, die sich in das junge Leben einbrannten, seine Seele prägten und nie mehr auszulöschen waren.

Ihr eigener Herzschlag pochte schmerzhaft gegen ihre Schläfen. Schrecken und Mitleid schnürten ihre Kehle zu und hinderten sie daran zu atmen. Verzweifelt presste sie eine Faust gegen ihren Mund. Tränen des Zorns quollen aus ihren Augen. Ihre Schultern zuckten in einem krampfartigen Takt, während sie darum kämpfte, das hysterische Schluchzen, das sich ihren Hals hochquälte, zu unterdrücken. Ein nach Luft schnappendes Aufheulen entwich ihren zusammengepressten Lippen. Der Junge richtete sich auf und starrte sekundenlang auf die Blätter. Eine Welle der Panik brach über sie herein. Sie wollte aufspringen und kopflos in den Dschungel flüchten, als ein lautes Knacken, nicht weit von ihrer Position entfernt, die Ankunft ihres Vaters ankündigte.

Verstört kauerte sie sich auf den Boden und ließ ihren Tränen freien Lauf. Wer mochte dem Jungen das nur angetan haben und warum? Hatte man ihn schon öfters derart misshandelt? Saß deswegen immer der bittere Zug in seinen Mundwinkeln, als hätte er bereits zu viel Schmerz erlitten?

Sie weinte bitterlich und barg den Kopf auf ihren Knien, ihre Arme wie zum Schutz darübergelegt. Sie weinte, bis sie sich vollkommen leer fühlte. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, gewann, trotz aller Erschöpfung, die Neugier wieder die Oberhand. Zu ihrer großen Erleichterung war ihr Vater bereits dabei, die Verletzungen des Jungen sanft, aber mit viel Geschick zu versorgen. Dieser ließ sich dankbar in die Fürsorge ihres Vaters fallen, und sie fragte sich einmal mehr, warum er das alles tat? Das Verhalten ihres Vaters war ihr ein Rätsel, aber vermutlich würde sie auf ihre Fragen keine Antwort erhalten.

Das Mädchen seufzte und holte tief Luft. Gerade gab ihr Vater dem Jungen etwas zu trinken. Als sie sich fragte, was er ihm wohl dort angeboten hatte, fiel sein Körper plötzlich auf die Seite und blieb reglos im Sand liegen.

„Nein!“

Mit einem Satz sprang sie auf, als sie sich auch schon ungläubig dem beruhigenden Gesicht ihres Vaters gegenübersah. Liebevoll nahm er sie an der Hand und zog sie hinter sich her. Er wirkte nicht im Mindesten überrascht, und ein wissendes Lächeln saß in seinen Augenwinkeln. Wahrscheinlich hatte er bereits gewusst, dass sie die beiden beobachtet hatte. Auf einmal kam sie sich unendlich dumm vor. Als sie an der Hand ihres Vaters durch das Blattwerk trat und auf den Jungen zuging, traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag.

„Er wird ein Pirat, nicht wahr?“, keuchte sie auf.

„Ja, in ein paar Tagen ist es so weit. Er ist nun alt genug, sein Schiff ist bereits gebaut, und das Bündnis kann vollzogen werden.“ Die grünen Augen ihres Vaters fixierten sie ernst.

„Warum …“ Ihre Stimme brach. Ihr Vater war niemals damit einverstanden gewesen, dass die Waidami Piraten heranzogen und sie dann auf Kaperfahrt schickten. Und jetzt lernte er selbst einen von ihnen an?

„Warum? Warum hast du all die Zeit mit ihm verbracht?“ Zorn brach in ihr aus und forderte eine Erklärung.

„Ich weiß, dass dieser Junge hier die Geschichte unseres Volkes verändern wird. Auch wenn es dir im Augenblick unverständlich sein mag, ist er die einzige Hoffnung, die wir haben, um Bairani einst vernichten zu können. Erst dann werden wir unsere alte, friedliche Lebensweise zurückgewinnen und nicht mehr mit unseren Piraten über andere Schiffe herfallen. Das ist alles, was die meisten in unserem Volk sich wünschen. Alles, was ich dazu beitragen kann, habe ich dem Jungen beigebracht.“

Ihr Vater wartete auf ein Zeichen des Verständnisses seiner Tochter. Doch das Mädchen war zu verwirrt. Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf, und sie sah ihn verständnislos an, als er sie anlächelte und auf den Jungen deutete, der immer noch leblos ausgestreckt im Sand lag.

„Komm, schau ihn dir genauer an. – Deswegen hast du schließlich die letzten Wochen im Gebüsch zugebracht, nicht wahr?“

Vorsichtig, fast als könnte sie ihn aufwecken, trat sie bedächtig an den schlafenden Jungen heran.

„Wird er auch …“ Sie wagte nicht, den Satz zu beenden und sah ihren Vater fragend an.

„Schiffe überfallen und versenken?“ Ihr Vater nickte ernst, und ihr Herz verkrampfte sich bei dem Gedanken daran.

„Aber er wird es besser machen.“

„Wann?“

„Wenn ihr euch wiedersehen werdet.“

Langsam beugte sie sich über den Jungen und studierte das friedliche Gesicht. Immer wenn sie ihn sonst beobachtet hatte, war sein Gesicht voller Anspannung gewesen. Jetzt lag er völlig entspannt vor ihr, und seine gleichmäßigen Züge brannten sich fest in ihr Gedächtnis. Dann fiel ihr Blick auf seinen Oberkörper, und sie deutete auf die linke Brustseite.

„Wird er dort tätowiert werden?“

Ihr Vater nickte erneut und legte seine große Hand auf den Punkt über dem Herzen.

„Die Tätowierung kommt hierhin, damit eine Verbindung zum Herzen entstehen kann. Sie ist so tief, dass sie direkt von dort durchblutet wird und eins mit dem Körper wird. Deswegen wirken die Tätowierungen auch so lebendig.“

„Wird es ihm wehtun?“ Ihre Augen verfolgten voller Bangen das erneute Nicken ihres Vaters, der sie aufmunternd anlächelte.

„Er wird sich später nicht mehr daran erinnern können; so wie er alles vergessen wird, was vor der Tätowierung jemals geschehen ist.“

Ihr Vater hielt seine Hand weiterhin auf der linken Brusthälfte und murmelte kaum verständliche Worte einer ihr unbekannten Sprache. Er begann, die Worte zu einem Gesang zu verweben. Der Gesang klang eindringlich und schwebte förmlich über dem Jungen. Beinahe konnte sie die Klänge sehen, die sich einem Netz gleich über den Kopf des Jungen legten und in sein Ohr drangen. Mit einer plötzlichen Bewegung öffnete er seine Augen und starrte in den Himmel. Eine leichte Berührung an der Schulter ließ sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Vater richten, der ihr unmissverständlich klarmachte, dass sie sich über den Jungen beugen sollte.

Gehorsam kniete sie sich neben den Jungen, stützte ihre Hände auf beiden Seiten seines Kopfes in den Sand und schaute ihm erneut forschend ins Gesicht. Seine eisblauen Augen, die von langen dichten Wimpern umrahmt waren, waren weit aufgerissen, doch der Blick richtete sich ins Leere. Hätte sich die Brust nicht weiter in einem leichten Takt des Lebens gehoben und gesenkt, wäre sie überzeugt gewesen, dass er tot sein musste.

Sie zitterte und konnte ihren Blick nicht mehr von dem hübschen Gesicht abwenden. Das Murmeln ihres Vaters hatte sie inzwischen ebenfalls vollständig eingehüllt. Die Klänge schwirrten in einem intensiven Netz um ihren Kopf und drangen ungehindert an Stellen in ihrem Bewusstsein, von deren Existenz sie selbst nichts ahnte. Sie drangen dorthin, wo der Verstand keinen Zutritt erhielt und nur Gefühl und Instinkt die Handlungen lenkten.

Ihr Kopf wurde immer schwerer, und sie hatte Mühe, sich nicht einfach auf den Körper unter sich fallen zu lassen. Das Gesicht des Jungen verschwamm vor ihren Augen, doch sie wollte es nicht verlieren. Sie wollte ihn für alle Ewigkeiten ansehen.

Der Klang des Gesanges wurde noch eindringlicher, und sie gab den winzigen Widerstand auf, der sie zwang, die Augen weiterhin offenzuhalten. Ihre Lider senkten sich schwer über die Augen, und ihre Arme gaben unter ihr nach. Wie ein Stein sackte sie auf dem Körper des Jungen zusammen, der im gleichen Moment seine Augen schloss, als wäre eine Tür zugeschlagen worden.

Das Mädchen hörte nicht mehr, wie der Gesang gleichfalls endete, ihr Vater sie zärtlich in seine Arme nahm und sie zurück zu ihrer Mutter trug, die schon ungeduldig wartend in der Tür stand.

Sie bemerkte auch nicht, dass ihr Vater zu dem Strand zurückkehrte, um über den Schlaf des Jungen zu wachen und um sich anschließend, von ihm für immer zu verabschieden.

Skrupellos

- Fünfzehn Jahre später - Die Nebelbank war dicht und undurchdringlich. Jess lachte vergnügt auf, als der Spanier unter voller Fahrt vor ihnen hinein segelte. Offensichtlich hoffte er, dort seinen Verfolger abschütteln zu können. Ihm schien nicht klar zu sein, wer ihn verfolgte. Vor der Monsoon Treasure gab es kein Entkommen, für niemanden. Gerade verschluckte der Nebel die dickbauchige Galeone, als hätte es sie nie gegeben. Cale, sein Erster Maat, hielt direkten Kurs auf den Nebel. Seine braunen Augen funkelten Jess ungeduldig an, während er einen Schritt zur Seite machte, um das Steuer frei zu geben. „Ich denke, du willst übernehmen?“, fragte er mit einer spielerisch angedeuteten Verbeugung. Jess grinste und nahm seinen Platz am Steuerrad ein. „Möge die Jagd beginnen.“ „Aye, aye, Captain.“ Cale grinste zurück und ging gelassen zum Hauptdeck. Jess Morgans Hände umschlossen in einer fast liebevollen Geste das Steuerrad, dann gab er dreien seiner Männer einen Wink, die daraufhin Trommeln von ungewöhnlich großen Ausmaßen an Deck brachten. In geübten Bewegungen stellten sie die Trommeln dicht nebeneinander auf und begannen in wirbelnden Schlägen stakkatoartig einen Rhythmus zu schlagen, der den Männern der Monsoon Treasure in die Glieder fuhr und sie den Kampf herbeisehnen ließ.

*

An Deck der spanischen Galeone verfielen die Menschen in eine furchtsame Starre. Die dumpfen, aber kraftvollen Töne der Trommeln drangen wie Klänge aus einer anderen Welt herüber. Unheil schwang auf ihnen mit und brachte es mit jedem Wimpernschlag näher an sie heran. Panik breitete sich unter der Besatzung und den Passagieren aus, die an die Reling traten und verzweifelt versuchten, den dichten Nebel mit ihren Augen zu durchdringen. Doch die Quelle der unseligen Klänge blieb vor ihren Blicken verborgen. Sie selbst hatten mit ihrer Flucht in den Nebel dafür gesorgt, dass sie nun blind und hilflos den dröhnenden Schlägen der Furcht ausgeliefert waren.

Der Kapitän der Nuestra Senora di Hispaniola wich langsam von der Reling zurück und bekreuzigte sich.

„Oh, madre de dios, das muss der Herzschlag des Teufels sein.“

*

Jess beobachtete die Trommler, deren nackte Oberkörper vor Schweiß glänzten. Ihre Muskeln traten im Takt ihrer Schläge hervor, als würden sie zu dem ekstatischen Rhythmus tanzen. Die Köpfe der Trommelstöcke waren in der Bewegung kaum mehr sichtbar, wenn sie mit absoluter Präzision auf die Trommeln trafen.

Langsam schloss er die Augen. Die Ausstrahlung der Crew drängte sich in sein Bewusstsein und hielt ihn einen flüchtigen Moment davon ab, mit seinen Sinnen nach der Treasure zu tasten. Seine Männer wurden von den Trommeln so aufgestachelt, dass sie kaum noch zurückzuhalten waren. Wie ein Rudel blutgieriger Wölfe lauerten sie darauf, endlich auf den Gegner zu treffen. Doch Jess interessierte sich jetzt nicht weiter für sie und konzentrierte sich auf die Monsoon Treasure. Er verstärkte den Griff seiner Hände um das Steuerrad, ließ sein Bewusstsein in das Schiff sickern und stellte so die Verbindung mit ihr her. Die Ruhe des Schiffes legte sich wie ein Tuch über ihn, und er spürte, wie sie voller Zufriedenheit mit ihrem Bug den Dunst zerschnitt. Jess war jetzt vollkommen alleine. Alles andere verblasste um ihn herum, und er sah und hörte nichts mehr von dem, was auf Deck vorging. Er war alleine mit der Treasure und versank in das Meer unter ihrem Kiel. Seine Sinne tauchten unter ihr hindurch, entfalteten sich in Richtung Bug und suchten systematisch die See ab. Es dauerte nur wenige Augenblicke, da hatte er bereits den Schiffsrumpf der spanischen Galeone vor ihnen ausgemacht. Eine leichte Drift hatte das Schiff etwas nordwärts getrieben. Instinktiv steuerte Jess die Monsoon Treasure in die gleiche Richtung.

Der Spanier war nicht weit vor ihnen. Die Galeone arbeitete sich schwerfällig durch den Nebel. Es würde einem Kinderspiel gleichen, sie aufzubringen.

Für einen kurzen Moment drängte sich die Angst der Passagiere an Bord des fremden Schiffes in seinen Kopf, doch Jess schob diese Empfindungen sofort beiseite. Sie hatten keinen Nutzen für ihn. Er kannte kein Mitleid für diese Menschen. Sie kamen in die neue Welt, um Reichtümer anzuhäufen und vertrieben dabei rücksichtslos die einheimische Bevölkerung von ihrem Land. Abneigung erfüllte ihn. Erneut tauchte er mit seinem Bewusstsein bis zum muschelbewachsenen Kiel der spanischen Galeone. In wenigen Augenblicken würde das Schiff vor ihnen im Nebel auftauchen.

Jess öffnete die Augen und seine Gedanken klarten sich auf. Cale Stewart stand mit verschränkten Armen neben ihm und sah ihn erwartungsvoll an.

„Wir gehen gleich längsseits. Klar machen zum Entern.“

Cale hatte bereits ein Entermesser in der Hand und seine dunklen Haare zu einem Zopf zusammengebunden, damit sie im Kampf nicht störten. Die Crew stand an der Reling. Pistolen steckten in ihren Gürteln, Enterhaken ruhten wurfbereit in ihren Händen, während ihre Augen auf die Nebelwand gerichtet waren. Als sich endlich die Umrisse des Spaniers aus den wabernden Schwaden schälten, klang ein Schrei dumpf zu ihnen herüber. Die Spanier hatten ohne Zweifel bemerkt, dass die Monsoon Treasure sie fast völlig lautlos eingeholt hatte und bereits an ihrer Backbordseite längsseits ging. Jess lächelte und gab Cale einen Wink.

Enterhaken flogen daraufhin durch die Luft und verkeilten sich tief im Schanzkleid. Die spanische Galeone wurde wie ein störrisches Tier mit kräftigen Zügen an die Treasure herangezogen. Jintel drängte mit seiner massigen Gestalt vorwärts und enterte als Erster über; dicht gefolgt von Sam, Kadmi und dem ungeduldigen Rest der Crew, deren Entermesser im milchigen Licht des Nebels matt aufblitzten.

Als sie sich den Piraten so unvermittelt gegenübersahen, wichen die Spanier erschrocken zurück, doch der wütende Befehl eines älteren Mannes ließ sie innehalten.

„Wehrt euch, ihr verlausten Affen, oder wir werden alle nicht den nächsten Tag erleben!“ Die heisere Stimme bellte die einzelnen Worte heraus und rüttelte die Männer auf. Ihre Hände schlossen sich fester um die Griffe ihrer Messer, und sie stellten sich Jintel und den anderen verzweifelt entgegen.

Jess betrachtete ungerührt die Szene. Es war nicht nötig, in den Kampf einzugreifen. Ein einziger Blick reichte aus, um zu erkennen, dass die Seeleute völlig unbedarft im Umgang mit ihren Waffen waren. Sie waren keine ernst zu nehmenden Gegner und würden sich bald schon ergeben. Trotzdem entbrannte ein kurzer Kampf. Einer der Passagiere stürmte mutig auf Cale zu und ließ dabei sein Schwert drohend durch die Luft zischen. Die schlanke Gestalt seines Freundes wich leichtfüßig den Schlägen aus und begann, den Mann zu attackieren. Unter der schnellen Abfolge von Cales Hieben brach die Gegenwehr des Mannes zusammen. Schweratmend stand er ihm gegenüber, während seine Paraden immer langsamer erfolgten. Cale wartete und ließ seinen Gegner zu Atem kommen, bevor er erneut zum Angriff überging. Jess runzelte unwillig die Stirn und wandte sich ab. Diese ehrenwerte Eigenart Cales würde ihn irgendwann in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Nicht weit von ihm sanken die ersten Seeleute auf die Planken, und Cales Gegner brach mit einem erstickten Röcheln leblos zusammen. Von einem Augenblick auf den anderen erstarb das Geräusch von aufeinanderprallenden Klingen. Der Seemann, der gerade noch zur Gegenwehr aufgerufen hatte, ließ sein Schwert sinken. Die blassen Augen in seinem von Jahren auf See gezeichneten Gesicht wirkten mutlos und trübe.

„Wir ergeben uns“, sagte er mit tonloser Stimme.

Cale, der nicht weit von dem Mann stand, nickte kurz.

„Jintel, nimm dir ein paar Leute und durchsucht das Schiff. Der Rest treibt die Gefangenen zusammen!“ Cales Ruf gellte laut und vernehmlich über das Schiff.

Jintel gab augenblicklich Dan, Bill und Rachid einen Wink, die daraufhin mit ihm unter Deck verschwanden. Der Rest der Männer trieb die Spanier auf dem Hauptdeck zusammen, die sich wie ein Haufen verängstigter Schafe aneinanderdrängten. Einige der Männer bekreuzigten sich und verfielen in wimmernde Gebete, während andere voller Furcht auf die Piraten starrten und bereits im Geiste mit ihrem Leben abgeschlossen hatten.

Als Jess über die Laufplanke auf das Schiff schlenderte, richteten sich ihre Gesichter flehend auf ihn. Beiläufig ließ er seinen Blick über die Leute wandern. Dann blieb er stehen und sah sich suchend um. Von dem Kapitän war weit und breit nichts zu entdecken, aber aus dem Heckkastell strömte mühsam unterdrückte Panik auf ihn ein. Jess schnaubte ungehalten und wandte sich an Cale, der unmittelbar neben ihm stand.

„Cale, ich denke, unser spanischer Kapitän scheint noch etwas Wichtiges erledigen zu müssen. Ich werde mal nachsehen, ob ich ihm in seiner Kajüte meine Aufwartung machen kann.“

„Aye, Captain.“ Cale nickte zustimmend und gab Finnegan einen Wink, der sofort zu Jess aufschloss.

*

Capitan Juan Ramirez y Conzellon war in seine Kajüte geflüchtet, als die ersten Piraten das Schiff enterten. Er musste die Derroterro, die Sammlung der spanischen Seekarten, über Bord werfen. Die Seekarten enthielten detaillierte Angaben über die spanische Silberflotte und wann diese aus den Kolonien nach Spanien zurückkehren würden. Die Derroterro war für alle Piraten eine heiß begehrte Beute und durfte diesem elenden Pack nicht in die Hände fallen.

Der Capitan schlug gehetzt die Tür hinter sich zu und schloss sie ab. Dann flog sein Blick zu seinem Schreibtisch. Gedämpfte Kampfgeräusche drangen an sein Ohr, und zu seiner eigenen Schande musste er sich eingestehen, dass er vor Angst zitterte. Er hatte das Schiff in dem Augenblick erkannt, als es wie ein Geisterschiff aus dem Nebel aufgetaucht war und an der Backbordseite der Nuestra Senora di Hispaniola aufschloss. Es war die gefürchtete Monsoon Treasure mit Captain Jess Morgan, der im Ruf stand, mit dem Teufel im Bund zu stehen. Er versenkte die überfallenen Schiffe stets gnadenlos mit der gesamten Besatzung, niemand überlebte ein Zusammentreffen mit ihm.

Conzellon hörte die Schreie seiner Männer und der wenigen Passagiere, die sich an Bord befanden. Die plötzliche Stille, die darauf folgte, jagte ihm einen Schauer über den Körper. Fieberhaft kramte er in einer Schublade seines Kartentisches auf der Suche nach dem Schlüssel für den Schrank, in dem er die kostbare Derroterro verwahrte. Er musste sich beeilen. Jeden Moment konnten sie vor seiner Tür erscheinen. Mit Bedauern dachte er an seine Frau und seine Kinder in Spanien, während er den Schrank aufschloss und die lederne Mappe mit zitternden Fingern an sich nahm. Er wollte auf das Fenster zueilen, als er in seiner Bewegung erstarrte. Jemand hatte gerade versucht, die Tür zu öffnen. Unendlich langsam verfolgte der Spanier mit seinen Augen die Entfernung von der Tür bis zu seiner Position und weiter zu den Fenstern, durch die fahles Licht in die Kajüte fiel. Die Luft war plötzlich unerträglich stickig. Conzellon rang schwer nach Atem und öffnete mit einer hektischen Bewegung seinen Hemdkragen. Er brauchte dringend frische Luft. Entschlossen brachte er sich mit zwei Sätzen an das Fenster, als die Tür krachend aus ihrer Verankerung gerissen wurde. Seine Hand, die gerade das Fenster hatte öffnen wollen, sackte kraftlos herab. Ein eisiges Prickeln lief über seine Kopfhaut und wanderte den Rücken hinunter. Steif drehte er sich um, als würde er von unsichtbaren Fäden gezogen. Sein Blick fiel zuerst auf eine große kantige Gestalt, die ihn finster anstarrte. Der Pirat hielt sein Schwert kampfbereit in den Händen und trat nun, ihn nicht aus den Augen lassend, zur Seite und gab den Blick auf den Eingang frei.

Hinter ihm löste sich aus dem Schatten eine schlanke Gestalt, die mit der Geschmeidigkeit eines Raubtieres in die Kajüte glitt. Conzellon schluckte schwer und presste die Lippen aufeinander. Sein verräterisches Herz raste, als könnte es so aus der Gefangenschaft seines Körpers flüchten und dadurch dem unausweichlichen Tod entkommen. Der Mann war groß und vollständig in Schwarz gekleidet. Er hatte lediglich ein blutrotes Tuch um seine Hüften geschlungen, in denen zwei edle Steinschlosspistolen und ein Entermesser steckten. Sein Hemd war bis zur Mitte lässig geöffnet und offenbarte auf seiner linken Brust eine große und detailgetreue Tätowierung eines schmal gebauten Segelschiffes. Seine weizenblonden Haare hatte der Pirat zu einem Zopf zusammengebunden. Zu des Spaniers Erstaunen hielt der Pirat keine Waffe in den Händen. Entweder erwartete er keine Gegenwehr oder wusste, dass diese angesichts der brutalen Gestalt in seiner unmittelbaren Nähe vollkommen aussichtslos war.

Conzellon prägte sich jede Einzelheit ein, während der Pirat langsam und provokant durch die Kajüte auf ihn zuschritt und dabei beiläufig den Raum betrachtete. Das feingeschnittene Gesicht wirkte nicht unfreundlich, als er vor ihm stehenblieb und sich ironisch lächelnd vor ihm verbeugte.

„Darf ich mich vorstellen, Capitan? Mein Name ist Jess Morgan, Captain der Monsoon Treasure.”

Conzellon traf jedes Wort wie ein Schlag in die Magengrube, und obwohl er bereits wusste, wer sein Schiff geentert hatte, war dies nun die ausgesprochene Bestätigung für das sichere Ende. Ihre Blicke trafen sich, und dem Spanier fröstelte es. Eisblaue Augen trafen auf die seinen und musterten ihn interessiert, während der Pirat vergeblich auf eine Antwort wartete. Als ihm klar wurde, dass er keine erhalten würde, verzog sich das ansprechende Gesicht zu einem höhnischen Lächeln.

„Die Derroterro habt Ihr bereits herausgesucht, wie ich sehe. Das ist sehr zuvorkommend von Euch – Capitan Namenlos.“

Besitzergreifend streckte der Pirat seine Hand nach der Ledermappe aus. Conzellon wich einen Schritt zurück, während er verzweifelt seine Möglichkeiten in der engen Kajüte abzuwägen versuchte. Sein Herz und sein Magen verklebten zu einem dicken Klumpen aus Angst. Trotzdem regte sich Widerstand in ihm. Er war nicht bereit, diesem Piratengesindel die kostbare Mappe einfach wie einen Willkommensgruß in die Hand zu drücken. Er presste die Mappe fest gegen seine Brust und tastete mit der freien Hand vorsichtig nach dem Stuhl, der neben ihm stand. Vielleicht, wenn er schnell genug war und mit dem Stuhl das Fenster einschlagen konnte und die Mappe hinterher warf …! Capitan Juan Ramirez y Conzellon versuchte krampfhaft an diesem Gedanken festzuhalten, während er sein Gegenüber wie ein hypnotisiertes Kaninchen anstarrte.

Der Pirat lächelte ihn unverändert an, zog jedoch belustigt eine Augenbraue hoch, als sein Blick zu dem Stuhl wanderte. Er schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

„Ihr könnt uns beiden große Unannehmlichkeiten ersparen, wenn Ihr mir die Karten einfach gebt, Capitan.“

Der Spanier schickte innerlich ein Gebet zur heiligen Mutter Gottes und nahm all seinen verbliebenen Mut zusammen: „Ihr verdammten Piraten! Plündert und mordet für ein paar gottlose Schätze. – Seht Euch Spanien an, die Kinder unseres Landes kämpfen noch um Ruhm und Ehre!“

„Dann erscheint es mir offensichtlich, dass jeder von uns für Dinge kämpft, die er nicht besitzt!“

Das selbstsichere Lächeln des Piraten wurde breiter und offenbarte seine strahlenden Zähne, die Conzellon erneut an ein Raubtier erinnerten.

„Die Derroterro bitte, mein Herr. – Mit ihr werde ich in der Lage sein, Eurer heißgeliebten Silberflotte aufzulauern und das ein oder andere Schiff um seine Schätze zu erleichtern.“

„Wisst Ihr nicht, dass jeder Kapitän der Silberflotte schwören muss, sein Schiff eher zu zerstören, als es in die Hände von Piraten fallen zu lassen?“

„Natürlich weiß ich das, - aber es beeindruckt mich nicht sonderlich!“

Hoffnungslosigkeit breitete sich in Capitan Juan Ramirez y Conzellon aus. Mit einem Gefühl der Leere streckte er die Hand mit der Ledermappe aus und reichte sie willenlos dem Piraten.

„Ich bedanke mich für Euer Entgegenkommen, Capitan.“

Captain Jess Morgan drehte sich um und wollte die Kajüte verlassen, als Conzellons Stimme ihn noch einmal zurückhielt.

„Bitte tut meiner Mannschaft nichts, Capitan Morgan.“ Seine Stimme war mehr ein Flüstern, da er die Antwort bereits zu kennen glaubte und die Bestätigung in den mitleidlosen Worten des Piraten erhielt.

Der Pirat stand für einen Moment bewegungslos mit dem Rücken zu ihm in der Tür, bis er seinen Kopf leicht zur Seite drehte und über die Schulter hinweg antwortete:

“Ich versichere Euch, ich werde Euren Männern nichts tun, Capitan. – Das wird das Meer erledigen.“

*

Als Jess Morgan und Finnegan wenige Augenblicke später das Deck der Nuestra Senora di Hispaniola betraten, war der größte Teil der Männer damit beschäftigt, die Ladung des Schiffes auf die Treasure zu bringen. Jintel und zwei weitere Männer bewachten die Gefangenen, die sich voller Angst zusammendrängten und in dumpfes Brüten verfallen waren. Die Anzahl der Passagiere hatte sich vergrößert. Einige Frauen drängten sich in dem Bemühen, Schutz zu finden, an ihre Männer. Offensichtlich hatte Jintel alle aus ihren Verstecken getrieben.

Jess verharrte für einen Augenblick und betrachtete nachdenklich die furchtsamen Leute, als das Aufpeitschen eines Schusses die Lethargie der Spanier zerriss, und sie sich erneut bekreuzigten und in Jammern verfielen. Ihr Kapitän hatte nicht den Mut gehabt, ihnen bis zu ihrem unausweichlichen Ende beizustehen. Jess lächelte verächtlich und wandte sich ab, um nach Cale zu suchen. Sein Freund stand neben der Laufplanke zur Monsoon Treasure und überwachte aufmerksam die Verladung ihrer Beute. Einer plötzlichen Eingebung folgend schritt er auf ihn zu.

„Lass die komplette Ladung rüber schaffen, Cale.“

„Die komplette Ladung?“ Cale sah überrascht auf seinen Captain. „Wir lassen keinen Anteil zurück?“

„Wir lassen keinen Anteil zurück!“ Jess verschränkte die Arme vor der Brust und sah Cale gerade in die Augen. Die Verwirrung seines Freundes schlug ihm wie eine Welle entgegen, und er wusste, dass er mit seinen nächsten Worten diese noch steigern würde. „Und wir werden keine Position übermitteln.“ Seine Worte ließen keine Zweifel an seinen Absichten. Cale stand der Schock ins Gesicht geschrieben. Für einen Moment stand er sprachlos neben Jess und schien nicht in der Lage, einen klaren Gedanken fassen zu können. Seine Augen suchten in dem Gesicht von Jess, als könnte er dort einen Grund für diesen Befehl finden. Verwirrt richtete er dann seinen Blick auf die Mannschaft, bis er sich gefasst hatte.

„Aye, Sir.“ Seine Stimme war fest, doch Jess spürte Cales Unsicherheit, als er sich abwandte und über die Laufplanke zurück auf die Monsoon Treasure ging. In seinem Rücken vernahm er die Befehle, die Cale erteilte und spürte die Strömungen seiner Männer, die kurz ins Stocken gerieten und dann ebenso verwirrt wie Cale zu ihm drangen. Seit mehr als einem Jahrzehnt segelte er mit ihnen, und niemals hatten sie die gesamte Beute aufs Schiff verladen; niemals hatten sie das Schiff versenkt, ohne die Position an Waidami zu übermitteln. Jess lächelte grimmig vor sich hin, das würde jetzt anders werden. Mit entschlossenen Schritten ging er über das Hauptdeck der Treasure und kapselte sich von den Strömungen seiner Männer ab, die ihn nur in seinen Gedankengängen störten. Schon seit geraumer Zeit beschäftige ihn die Idee, sich von den Waidami zu lösen. Er fühlte sich wie eine Marionette, die als Waffe fungierte, und das missfiel ihm. Seitdem er denken konnte, überfiel er für sie andere Schiffe, nahm einen kleinen Teil der Beute an sich, ließ den größten Teil zurück und versenkte die Schiffe, um sie für die Schiffsbauer der Waidami nutzbar zu machen. Jess betrat das Achterdeck und beobachtete beiläufig, wie die Crew den Rest der Ladung an Bord brachte und sich dann langsam von der spanischen Galeone zurückzog, ohne die Gefangenen aus den Augen zu lassen. Das Entsetzen malte sich in ihren Gesichtern ab, als sie begriffen, dass die Piraten ihr Schiff verließen. Jeder Einzelne von ihnen musste wissen, was mit den Schiffen geschehen war, die von der Mannschaft der Monsoon Treasure überfallen worden waren. Das Krachen einer kleinen Explosion aus dem Schiffsinneren verriet ihnen ihr Schicksal. Zwei Frauen klammerten sich verzweifelt aufschluchzend an ihre Männer, die die Arme schützend um sie legten und ihnen etwas zuraunten. Einige der Gefangenen sanken ergeben auf die Knie. Als die Treasure mit langen Bootshaken von der Nuestra Senora di Hispaniola abgestoßen wurde, kam Leben in die spanische Mannschaft. Einige rannten unter Deck, um sich den Schaden zu besehen, andere versuchten eilig, die Beiboote zu Wasser zu lassen. Doch McPherson, der Schiffszimmermann der Treasure, hatte mit seiner Explosion dafür gesorgt, dass das Schiff sich schnell auf die Seite legte und somit das Abfieren der Beiboote unmöglich wurde. Es gab kein Entkommen.

Jess lenkte seinen Blick unbeteiligt von der Szene weg und richtete ihn auf seine Männer. Langsam ließ er ihre Strömungen wieder zu sich vordringen. Verwundert bemerkte er die Beklommenheit unter ihnen, als die sinkende Nuestra Senora di Hispaniola langsam und unaufhaltsam vom Nebel verschluckt wurde, bevor das Meer sie gänzlich in seine nasse Umarmung zog. Ein plötzliches Räuspern an seiner Seite ließ ihn aufblicken. Cale stand neben ihm und sah in fragend an: „Welchen Kurs, Sir?“

„Wir gehen wieder auf unseren alten Kurs. Unser Ziel ist der Hafen von Changuinola. Wir benötigen einen neuen Navigator.“

„Aye, Sir!“ Cale wandte sich ab und gab den Befehl an Jintel weiter, der gerade das Achterdeck betrat. Dann drehte er sich wieder Jess zu.

„Darf ich erfahren, warum wir unser Vorgehen ändern?“ Seine Stimme klang vorsichtig und doch ließ sie erkennen, dass er sich nicht abweisen lassen würde.

Jess betrachtete nachdenklich seinen Freund, dann nickte er.

„Ich habe nicht länger vor, für die Waidami zu segeln“, sagte er bestimmt und richtete seinen Blick offen auf Cale, der die Luft zischend ausstieß. Für einen Moment rang sein Freund um Fassung, doch dann nickte er zögernd.

„Ich verstehe – nein, eigentlich verstehe ich nicht.“ Seine Augen wurden schmal, und er trat einen Schritt zurück. „Woher kommt der Sinneswandel? Seit fünfzehn Jahren kapern wir für die Waidami. Nie hast du auch nur mit einem Wort verlauten lassen, dass dir das nicht gefällt. Und dann, von einem Moment auf den anderen, lösen wir uns? Wieso? Und was das Wichtigste in meinen Augen ist: Glaubst du, sie werden das so einfach akzeptieren?“ Mit jedem Wort war die Stimmung von Cale aufgebrachter geworden, und der sonst so ruhige Erste Maat stand Jess ungläubig gegenüber.

Jess ließ seinen Freund geduldig ausreden, doch eine Falte der Missbilligung grub sich zwischen seine Augen. Für einen Moment erwog er, das Gespräch in seiner Kajüte fortzuführen, als er bemerkte, dass einige Männer versuchten, unbemerkt dem Gespräch zuzuhören. Diese Fragen würden alle Männer beschäftigen, es hatte keinen Sinn, Platz für Gerüchte zu schaffen. Seine Männer folgten ihm bedingungslos, also hatten sie auch ein Recht, von seinen Beweggründen zu erfahren.

„Es handelt sich nicht um einen plötzlichen Sinneswandel. Ich warte bereits seit Jahren auf den passenden Augenblick, mich aus der Abhängigkeit der Waidami zu lösen. Vor zwei Wochen ist der alte Kyle gestorben. Er war unser Navigator und Freund, aber er war in allererster Linie ein Schiffshalter, der die Pflicht hatte, die Positionen unserer versenkten Beuteschiffe an sein Volk zu übermitteln. Er war fanatisch, was diese Pflicht anging und hätte niemals Abstand davon genommen. Seitdem er tot ist, scheint mir der Augenblick gekommen, dass wir auf eigene Rechnung segeln können. Ich bin nicht länger gewillt, nur ein Handlanger zu sein, und ich denke, dass ihr mir da zustimmen werdet.“ Jess hatte seine Stimme erhoben und sah Cale fest in die Augen, bevor er sich der inzwischen auf dem Hauptdeck versammelten Crew zuwandte.

„Wollt ihr wirklich für immer den größten Teil der Schätze an jemand anderen verschenken? An jemanden, der nichts dafür tut, außer uns zu kontrollieren?“ Jess ließ seinen Blick über die Gesichter seiner Männer wandern. Der ein oder andere sah ihn beunruhigt an, doch der größte Teil schüttelte ablehnend mit den Köpfen.

„Wir sind Piraten! Und Piraten segeln dorthin, wo es ihnen gefällt, und nehmen sich, was ihnen gefällt. Wollt ihr euch das für den Rest eures Lebens von einem Volk vorschreiben lassen, mit denen ihr nichts, aber auch gar nichts gemein habt? Wer von euch ist nur ein kleiner Diener und hat Angst, seine eigenen Wege zu gehen? Jeder, der weiterhin für die Waidami segeln möchte, wird von mir im nächsten Hafen abgesetzt. Jeder, der den Mut hat, mit mir zu segeln, wird sicherlich den Zorn dieses Volkes heraufbeschwören, und ich kann euch nicht mehr versprechen, als in Freiheit zu sterben!“ Jess neigte seinen Kopf auf die Seite und sah Cale herausfordernd an: „Also, was sagst du?“

Cales Gesicht wirkte verschlossen, denn er wusste genau, dass die Blicke sämtlicher Männer auf ihm ruhten. Seine Entscheidung würde maßgeblich zu ihren Entscheidungen beitragen, und das wusste auch Jess Morgan, der ihn mit überlegener Miene gelassen beobachtete.

„Denke darüber nach, Cale. Bisher haben wir stets den größten Teil der Beute abgetreten und mussten in regelmäßigen Abständen ein Dorf der Waidami aufsuchen, um von dort Befehle für weitere Überfälle entgegen zu nehmen. Wenn wir uns jetzt dazu entscheiden, weiterhin den Waidami treu zu bleiben, müssen wir uns innerhalb der nächsten Wochen dort wieder melden und werden einen neuen Schiffshalter an Bord nehmen müssen. Alles würde von vorne beginnen, unsere Positionen würden laufend übermittelt, sodass die Waidami immer wissen, wo wir uns gerade aufhalten. Nichts würde unentdeckt bleiben. Jetzt ist die Gelegenheit, ihnen auszuweichen und vielleicht sogar vollständig aus dem Netz zu entwischen. In diesem Moment haben sie nicht die geringste Ahnung, wo wir uns gerade befinden.“

Cale atmete tief ein und verdrehte die Augen.

„Aye, Sir! Bieten wir den Waidami die Stirn!“

Jess lächelte, und der Jubel der Männer drang in den Nebel, wo er sich scheinbar unbemerkt in den dunstigen Schleiern verlor.

*

Langsam und würdevoll schritten die Seher in einer langen Reihe hintereinander durch den Eingang zur Sichtungshöhle. Ihre langen Umhänge schwangen bei jeder Bewegung schwerfällig mit und hoben sich durch die lavagraue Färbung kaum von der düsteren Atmosphäre in der Höhle ab. Nach einer vorbestimmten Reihenfolge ordneten sie sich in einem weiten Kreis an, der die ganze Höhle ausfüllte, und verharrten stumm in spiritueller Ehrfurcht. Jeder Einzelne schloss die Augen und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Stelle in seinem Inneren, in denen sie fest verschlossen ihre Visionen aufbewahrten. Sie öffneten den Zugang und drangen in ihre Erinnerungen, sortierten die Bilder und bereiteten sich auf die große Zeremonie der Sichtung vor, die zu jedem Neumond stattfand.

Die herrschende Stille wurde von den festen Schritten einer hochgewachsenen, hageren Gestalt unterbrochen, die die Höhle in dem Augenblick betrat, in dem alle Seher mit ihren Vorbereitungen abgeschlossen hatten.

Bairani, der Oberste Seher, trat in den Kreis und ließ seine kalten Augen über die Männer wandern. Wie immer war er in diesem Moment von Gier erfüllt, die ihn zunehmend beherrschte. Die Gier nach den Visionen seiner Seher fraß ihn immer mehr auf. Zu Beginn seiner Zeit als Oberster Seher hatte er von seinem Vorgänger Visionen erhalten, die seit Generationen weitergegeben wurden. Sie zeigten schemenhaft einen Waidami-Piraten, der ihnen entweder den Weg zur absoluten Macht in der karibischen See ebnen oder aber für das Ende der Seher verantwortlich sein würde. Wie genau das vonstattengehen würde, zeigte die Vision nur bruchstückhaft, und nur die beiden möglichen Ergebnisse waren deutlich. Jede Vision der Zukunft offenbarte nur Wege, die beschritten werden konnten, und jeder Seher wusste, dass es immer Möglichkeiten gab, andere Wege einzuschlagen. Für Bairani bedeutete das, dass er diesen Piraten finden musste. Denn in dem Punkt war die Vision eindeutig gewesen: Der Pirat würde zu Bairanis Zeit als Oberster Seher in den Reihen ihrer Piraten auftauchen. Er musste ihn finden, bevor er sich gegen die Waidami stellen konnte, und derart beeinflussen, dass sie und damit er selbst an Macht in der karibischen See gewannen und die verhassten Spanier zurückdrängten. Bairani betrachtete die Gesichter der Männer, die seltsam entrückt schienen, genauer. Sein Blick blieb an zwei der älteren Seher hängen, die beieinanderstanden. Ronam war der älteste von ihnen und hatte einen widerspenstigen Charakter. Auf dem Weg zur Sichtungszeremonie hatte der alte Mann tatsächlich den Mut gehabt, ihn aufzuhalten.

„Besinne dich auf den Ursprung der Seher und höre endlich damit auf, die Karibik mit Piratenschiffen heimzusuchen!“, hatte er gefordert. Und dies war nicht das erste Mal gewesen. Bairani widerstand dem Drang, die Fäuste zu ballen, und richtete seine Aufmerksamkeit unauffällig auf Tamaka. Der Mann hatte eine ungewöhnliche Gabe die Zukunft zu sehen, vielleicht würde er den Piraten entlarven. Doch manchmal zweifelte Bairani an Tamakas Loyalität und war sich nicht sicher, ob er auch alle Visionen offenbarte, die er empfing. Die Zeremonie der Sichtung war eingeführt worden, um alle Visionen dem Obersten Seher zugänglich zu machen. Nicht alle erhielten dieselben Bilder, manche konnten sogar nur Dinge sehen, die in der Vergangenheit geschahen oder in der Gegenwart.

Mit jeder Sichtungszeremonie hoffte er, endlich die Vision zu finden, die ihm den Piraten deutlich zeigte, doch bisher war niemals eine Spur von ihm aufgetaucht. Selbst unklare Visionen, wie sie an ihn weitergereicht worden waren, waren nicht mehr erschienen. Bairani atmete tief ein und breitete seine Arme aus, um mit der Zeremonie zu beginnen.

*

Torek rannte, so schnell er konnte durch die langen Gänge zur Sichtungshöhle. Der Weg erschien ihm unendlich weit, und die Worte seiner Mutter hallten in ihm nach: „Lauf so schnell du kannst, Torek. Du musst in die Sichtungshöhle bevor die Zeremonie vorbei ist.“

Eigentlich verstand er nicht wirklich die Eile, aber sie hatte fast panisch geklungen. Er hatte kaum Zeit gehabt, sich anzuziehen, so schnell hatte sie ihn aus der Hütte gedrängt. Seine Beine fühlten sich bereits schwer an, nachdem er den Aufstieg zu der weiter oben am Vulkankrater gelegenen Höhle hinter sich gebracht hatte. Jetzt schienen die Gänge nicht enden zu wollen. Er rannte atemlos um jede neue Biegung, in der Hoffnung endlich die Zeremonienhöhle vor sich zu haben, aber er wurde jedes Mal aufs Neue enttäuscht. Ein Wächter, an dem er vorbei hastete und im Laufen nach dem Weg fragte, deutete ihm eine Treppe zu nehmen, die steil nach unten führte. Torek stolperte und fiel einige der in den Felsen gehauenen Stufen nach unten. Er war so erschöpft, dass er am liebsten liegen geblieben wäre, doch entschlossen rappelte er sich auf. Sein Blick folgte dem Gang, an dessen Ende er einen rötlichen Schein erkennen konnte. Offensichtlich gab es hier keine weiteren Abzweigungen, und er schien endlich die Höhle erreicht zu haben. Leise gemurmelte Worte drangen an seine Ohren. Jetzt war er sich sicher. Mit neuer Energie erfüllt lief der Junge los und stürmte auf den Eingang der Sichtungshöhle zu. Für einen Moment dachte er daran, ob der Oberste Seher ihn bestrafen würde, weil er die Zeremonie störte. Doch er verfolgte den Gedanken nicht weiter, als er durch den Eingang stürzte, hastig über den Kreis der Seher blickte und sich vor Bairani auf den Boden warf, der gerade die Arme ausgebreitet hatte, um mit der Zeremonie zu beginnen.

*

Der Oberste Seher ließ unwillig die Arme sinken und schenkte dem Jungen zu seinen Füßen einen vernichtenden Blick. Doch irgendetwas flüsterte ihm zu sein, dass dies eine wichtige Unterbrechung war. Er zwang sich zu einem verständnisvollen Lächeln.

„Was ist so eilig, junger Torek, dass du die Sichtung aufhältst?“ Seine Stimme klang krächzend und ließ den Jungen vor ihm erschaudern.

„Ich … hat-te Vi-sionen …“ Der Junge stotterte vor Aufregung und blickte voller Furcht auf den Obersten Seher, der vor ihm aufragte und auf ihn hinabsah.

Bairani nickte langsam und hob erstaunt eine Augenbraue. Der Onkel des Jungen war Seher gewesen und vor einigen Tagen verstorben. Die Fähigkeit des Sehens wurde immer in der Familie nach dem Tode eines Sehers weitervererbt. Er hatte sich schon gefragt, wer der Erbe sein würde und wann sich die Gabe bei ihm zeigte. Doch normalerweise kamen Visionen erst langsam und wurden erst mit der Zeit ausgeprägter. Zu Anfang waren es eigentlich nur einzelne, undeutliche Bilder, niemals eine ganze Vision, geschweige denn mehrere. Er beugte sich neugierig vor und hielt Torek seine knöchernen Hände entgegen, um ihm aufzuhelfen. Dann machte er eine einladende Bewegung in die Runde der Seher.

„Sei willkommen zur Sichtungszeremonie, Seher Torek, und offenbare uns deine Visionen.“

„Ich weiß nicht, wie …“ Torek sah sich unsicher mit weit aufgerissen Augen um und stellte sich zwischen Tamaka und Durvin, die beide seinen Onkel gut gekannt hatten und ihn bereitwillig in ihre Mitte nahmen.

„Wir leiten dich.“ Bairani sah ihn auf eine hypnotisierende Art an. Torek zog den Kopf ein wenig zwischen die mageren Schultern.

Erneut breitete Bairani mit einer demonstrativ langsamen Bewegung die Arme aus und ließ sie nach oben wandern. Sein Blick schien nach innen gerichtet, während er unablässig die Worte der Alten Sprache murmelte.

Ein Seher nach dem anderen folgte seinem Beispiel, bis sich ihr Kreis schloss. Ihr Murmeln vereinigte sich zu einem Chor, der immer mehr anschwoll, eine Art Netz webte und sich bis zu der weit über ihnen liegenden Höhlendecke ausbreitete. Das Murmeln brach abrupt ab, als Bairani seine Arme sinken ließ und gemächlich den Kreis der Männer abschritt. Es herrschte eine vollkommene Stille, die durchdrungen wurde von der fühlbaren Präsenz der Visionen, die die Seher seit der letzten Zeremonie gehabt hatten und jetzt unterschwellig brodelnd unter der Oberfläche darauf warteten, endlich ausbrechen und sich zeigen zu können. Bairani blieb vor Torek stehen, dessen Visionen völlig durcheinander waren und nur mühsam von ihm zurückgehalten werden konnten. Der Oberste Seher wollte gerade dem Jungen helfen, die Bilder geordnet zu entlassen, als ihn etwas Unbestimmtes zu Tamaka blicken ließ. Misstrauisch verengte er seine Augen, als er deutlich spürte, dass Tamaka vollkommen gelassen dastand und nur wenige Visionen aufzubewahren schien. In diesem Augenblick wünschte sich Bairani inbrünstig, ein Mittel zu besitzen, um jeden Seher zur Offenbarung sämtlicher Visionen zwingen zu können. Er war sich sicher wie nie zuvor, dass Tamaka etwas verschwieg. Bairani knurrte innerlich und zwang sich wieder dazu, seine Aufmerksamkeit auf Torek zu richten, der ihn schüchtern ansah. In einer fürsorglichen Geste legte er eine Hand zwischen die Augen des Jungen, dann schloss er selbst seine Augen. Bedächtig löste er sich von Torek, der ruhiger geworden war, und ging zurück in die Mitte des Kreises. Vor seinen geschlossenen Augen zeichneten sich die Seher als Schemen ab, von deren Schultern sich nun kaum wahrnehmbare Schatten lösten und über die Gruppe schwebten. Dort begannen sie sich zu verdichten und formierten sich zu einer Kuppel aus unzähligen Bildern, die sich über die Seher legte und sie vollkommen einschloss.

Bairani drehte sich einmal um seine eigene Achse, um sich einen Überblick über die Visionen zu verschaffen. Er entdeckte drei neue Kinder, die als Kapitäne auserwählt waren, doch schenkte er ihnen momentan keine Beachtung. Sein Blick wanderte die Reihen entlang, vorbei an dem Tod einiger Stammesmitglieder, Geburten, Streitigkeiten; alles Dinge, die für ihn nicht weiter von Belang waren. Die alltäglichen Dinge des Volkes interessierten ihn schon lange nicht mehr. Er strebte mit seiner ganzen Seele danach, die Macht der Waidami auszubauen und die Spanier aus der karibischen See zurückzudrängen. Mit Genugtuung entdeckte er den Bau von weiteren Waidami-Schiffen, als sich überraschend die noch etwas unklaren Bilder von Torek in den Vordergrund drängten. Die Visionen schwangen in ihrer Position unruhig auf und ab und waren kaum zu fassen. Bairani ging kurzerhand zu dem Jungen und legte ihm wieder die Hand zwischen die Augen. Sofort beruhigte sich das Bild. Bairani hielt unwillkürlich den Atem an. Vor ihm zeichnete sich das deutliche Bild von einer leblosen Gestalt ab, die Bairani als Kyle, den Schiffshalter, erkannte, der auf der Monsoon Treasure seinen Dienst versah. Das Bild verschwamm, und ein neues Bild formierte sich. Die Gestalt von Captain Jess Morgan erschien in überklarer Deutlichkeit, der vor seiner Crew eine Rede gegen die Waidami führte, der die Männer mit lautem Jubel zustimmten. Der Jubel schien die ganze Höhle auszufüllen und wurde von den Wänden zurückgeworfen, bis Bairani mit einer unwirschen Bewegung die Vision wegschob. Doch sofort reihte sich ein weiteres Bild ein. Bairani konnte nicht glauben, dass ein frischer Erbe in der Lage war, solche klaren Visionen in dieser Anzahl zu empfangen. Das neue Bild, das sich ihnen offenbarte, zeigte, wie die Monsoon Treasure andere Waidami-Schiffe in einer Schlacht versenkte, und ging dann fließend in das Gesicht eines rothaarigen Mädchens über, dessen funkelnde Augen für einen Moment die ganze Höhle in smaragdgrünes Licht tauchten. Bairani lenkte seinen Blick wie eine Schlange, die gerade erst eine Beute entdeckt hatte, auf Tamaka, der bleich neben Torek stand und die Bilder verfolgte. Als er spürte, dass Bairani ihn beobachtete, trafen sich ihre Blicke. Tamaka senkte entsetzt den Kopf. Der Oberste Seher sah mit Genugtuung, dass dem Seher bewusst war, dass er seine Tochter erkannt hatte. Sein Gesicht verzog sich zu einem hässlichen Lächeln. Captain Jess Morgan also! Endlich wusste er, wer der Gesuchte war.

„Schluss! Das ist genug für heute. Wir wollen unseren jungen Seher nicht überanstrengen. Ihr könnt gehen.“ Mit einer herrischen Geste beendete Bairani abrupt die Sichtung und scheuchte die Seher aus der Höhle. Er hatte das, was er brauchte. Mit berechnenden Blicken verfolgte er, wie die Seher die Höhle verließen. Als Tamaka an ihm vorbei wollte, hielt Bairani ihn mit einem boshaften Lächeln zurück.

„Wie wir alle gesehen haben, benötigt die Monsoon Treasure dringend einen neuen Schiffshalter. Finde heraus, wo Jess Morgan sich aufhält und schicke deine Tochter zu ihm. Jedoch möchte ich, dass sie sich nicht als Schiffshalter zu erkennen gibt, sondern lediglich als Navigator an Bord geht. Sie soll ihn beobachten, soll herausfinden, ob er uns weiterhin treu ergeben ist, und ich möchte regelmäßig Positionsangaben haben.“ Er kicherte leise, als er sah, wie der Mann ergeben die Augen schloss. Die Vision hatte interessante Figuren ins Spiel gebracht, und Bairani war sich sicher, dass er Jess Morgan wieder auf seine Seite würde ziehen können.

„Wie du befiehlst, Bairani!“ Tamaka verbeugte sich steif und wandte sich dann ab, um den anderen Sehern eilig zu folgen.

Abschiede

Tamaka beeilte sich, den anderen Sehern aus der Höhle zu folgen. Er musste sofort Lanea aufsuchen und ihr mitteilen, dass sie auf die Monsoon Treasure gehen würde.

Der Seher lächelte still vor sich hin, doch gleichzeitig lauerte ein Gefühl der Beklommenheit in seinem Herzen. Es war so weit, es gab kein Zurück mehr. Die Dinge würden jetzt ihren Lauf nehmen, ob er es wollte oder nicht. Er konnte nur versuchen, dass alles so geschehen würde, wie er es in seinen Visionen gesehen hatte. Bairani ahnte offensichtlich nicht, welche Rolle Lanea dabei spielen würde … Allerdings machte ihm die Intensität der Visionen, die Torek empfing, Sorgen. Der Junge hatte noch mehr Visionen gehabt, doch Bairani hatte sie bewusst zurückgehalten, als würde er ahnen, dass sie für ihn noch von Wert sein konnten.

Tamaka war froh, als der Dschungel sich lichtete und die ersten Hütten zwischen den Pflanzen zu sehen waren. In der Bucht hinter dem Dorf lagen zwei Segelschiffe. Das eine war klein und wenig auffällig, da es sich auch nur um einen Handelsfahrer handelte. Ein Stück dahinter ragten die Masten der riesigen Darkness in den Himmel. Der majestätische Dreimaster von Captain Stephen Stout ließ keinen Zweifel daran, für welchen Zweck er gebaut worden war. Tod und Zerstörung lauerten zwischen jeder einzelnen Planke und hingen wie eine unausgesprochene Drohung über der trügerisch ruhigen See. Sie war bisher das größte und mächtigste Schiff der Waidami, und ihr Captain schreckte vor keiner grausamen Tat zurück.

Tamaka schauderte leicht. Die Zeit lag im Wandel, und es würde in nächster Zeit viel geschehen. Als er die Mitte des kleinen Dorfes erreichte, sah er bereits, wie fast sämtliche Bewohner dort im Kreis versammelt waren.

Im Zentrum der Gruppe konnte er Merka ausmachen. Sie war die älteste Frau, die er jemals gesehen hatte, und war schon alt gewesen, als sein eigener Vater auf die Welt gekommen war. Sie erzählte gerne die Legenden der Göttin Thethepel. Stets gelang es ihr aufs Neue, ihre Zuhörer in einen Bann zu schlagen, der es unmöglich machte, diese Geschichten nicht hören zu wollen.

Merka schien gerade mit ihren Erzählungen fertig geworden zu sein, und Tamaka entdeckte direkt neben ihrer im Laufe der Jahre verkrümmten Gestalt Lanea, die zusammen mit ihrer Freundin Tahuna mit der einzigartigen Faszination von jungen Menschen ihren Worten lauschte.

„… aber die Göttin spricht nicht mehr mit uns“, sagte die alte Frau gerade mit ihrer knarrenden Stimme. Tamaka vernahm die unterschwellige Aufforderung darin und sah sie interessiert an.

„Warum spricht sie nicht mehr?“ Seine Tochter brannte vor Neugierde, und Tahuna nickte neben ihr beifällig mit dem Kopf, sodass ihre langen schwarzen Haare aufschwangen und der Bewegung voller Lebenslust folgten.

„Sie ist verschwunden …!“ Echtes Bedauern lag in den Worten, und Merka ließ ihren Blick an den grün überwucherten Hängen des Vulkans hochwandern.

Die Umsitzenden sahen sie eine Weile schweigend an, gefangen von der plötzlich entstandenen düsteren Atmosphäre. Abwartendes Schweigen herrschte, das von Lanea unterbrochen wurde.

„Wieso ist sie verschwunden – und wohin?“

Tamaka erstarrte, als er den Ausdruck in den Augen der alten Merka sah, mit denen sie ausgiebig seine Tochter musterte. Ein Wissen lag darin, das ihn zutiefst erschreckte.

„Sie und Pa’uman sind bestraft worden.“ Ihre Worte tropften in die Stille. Nur das gleichmäßige Geräusch der Wellen, die gegen den Strand rollten, unterbrachen diese, als weigerten sie sich, sich von den Worten aufhalten zu lassen. „Der Vater Thethepels war sehr erzürnt über ihre Leichtlebigkeit. Über ihre Liebe zu Pa‘uman vergaß sie die Verantwortung, die sie übernommen hatte, als sie die Waidami erschaffen hatte. Sie kümmerte sich nicht mehr darum, was für ein Leid die Piraten, die ihr Volk aussandte, über die Menschen brachten. Thethepel sah nur noch Pa’uman, und Pa’uman richtete ebenfalls sein ganzes Dasein auf die Göttin. Da beschloss ihr Vater Mako’un, sie zu bestrafen, und raubte ihnen ihre unsterblichen Seelen …“ Merka machte eine Pause, und ihre Worte hingen in all ihrer Unvollständigkeit wie eine Wolke über den Köpfen der Zuhörer. „Niemand weiß genau, wo sie jetzt sind, und ob sie je wiederkehren werden.“

Die Stille war ungebrochen. Tamaka konnte seinen Blick nicht von der alten Merka wenden, die ihrerseits Lanea anstarrte. Doch plötzlich richteten sich ihre Augen gezielt auf Tamaka und durchbohrten ihn mit den feinen Nadelspitzen der Weisheit.

Der Seher versuchte, gelassen dem Blick standzuhalten, doch innerlich brodelte er. Erleichtert verlief sich seine Erregung, als sie ihren Blick wieder von ihm löste und dann lächelnd über die Runde gleiten ließ. Mit dem Lächeln wurde der Bann aufgehoben. Das Leben kehrte in die Zuhörer zurück, und schnell entwickelten sich lebhafte Unterhaltungen unter den Dorfbewohnern. Tamaka beschränkte sich darauf, sein Augenmerk wieder auf seine Tochter zu richten.

Lanea kicherte unbeschwert, während Tahuna ihr etwas ins Ohr flüsterte und mit geschickten Fingern das rote Haar von seinem Zopf erlöste. Die Flut der Haare flatterte kurz auf, als Tahuna sie mit beiden Händen hochhielt und dann über die Schultern der Freundin fallen ließ, als wäre es flüssiges Feuer.

Der Anblick versetzte Tamaka einen Stich. Lanea sah aus wie das vollkommene Abbild ihrer Mutter Nahila, die nicht weit von ihr zwischen den anderen Frauen saß und sich angeregt unterhielt. Als sie seinen Blick auf sich spürte, hob sie ihr Gesicht, und Tamaka sah, wie sich ihre dunkelbraunen Augen – der einzige Unterschied zu Lanea - für einen Wimpernschlag weiteten. Von einem Augenblick auf den anderen war sie ernst geworden. Mit einer geschmeidigen Bewegung stand sie auf, glättete beiläufig ihren langen Rock und ging dann auf ihn zu. Ihre ebenfalls flammend roten Haare hatte sie locker an ihrem Hinterkopf zusammengesteckt. Tamaka stellte mit einem leichten Schaudern fest, dass sie ihm immer noch mit ihrer Erscheinung den Atem zu rauben vermochte. In ihrem Gesicht aber lag die Furcht vor dem Unausweichlichen, als sie mit fragendem Blick vor ihrem Mann stehen blieb.

Tamaka schloss für einen Moment die Augen. Das innige Gefühl für diese beiden Frauen drohte ihn zu überwältigen.

„Es ist so weit!“ Er öffnete die Augen und sah sie fest und unumwunden an.

Nahilas Blick flatterte wie ein verschreckter Vogel zu Lanea und kehrte dann zu ihm zurück. Sie zitterte, und Tamaka schloss seine Arme um sie, froh noch den Trost ihrer Nähe spüren zu können.

„Ich hatte gehofft, dass dieser Tag nie kommen würde …“ Nahila seufzte voller Schmerz und legte ihren Kopf an seine Brust.

„Ich weiß, aber es ist ihre Bestimmung – und sie muss ihr folgen.“ Tamaka sprach gepresst.

Nahila löste sich aus seinen Armen und sah traurig zu ihrer Tochter hinüber.

„Die ruhigen Jahre sind also vorüber. Wann wird sie uns verlassen?“

„Noch heute Abend wird sie an Bord der Tsunami gehen und morgen Waidami verlassen. Es ist besser, wenn sie das Dorf so schnell wie möglich verlässt.“ Er zögerte kurz, bevor er weitersprach, und sah sich unauffällig um, ob ihnen jemand zuhören konnte. „Und du auch! Bereits heute wird er damit beginnen, vermeintliche Verräter zu beseitigen. Ich werde dich von hier fortbringen und dann Lanea hinterher segeln, damit ich sie und Jess auf den richtigen Weg bringen kann.“

Nahila lächelte, obwohl sie mit den Tränen kämpfte.

„Dann werde auch ich mit den Vorbereitungen beginnen.“ Sie gab ihm einen Kuss voller Liebe und Verzweiflung, dann schlug sie den Weg zu ihrer Hütte ein.

Tamaka sah ihr nach. Das Gefühl, die Trennung von ihr nicht verkraften zu können, raubte ihm für einen schmerzvollen Augenblick den Verstand. Er atmete mehrmals tief durch, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Lanea.

Sie folgte gerade dem Blick ihrer Freundin Tahuna zu Kamun, einem jungen Krieger, dessen Aufgabe es war, die Seher zu beschützen. Er stand aufrecht und stolz zwischen den anderen jungen Männern und betrachtete voll verliebter Gutmütigkeit Tahuna. Tamaka vermutete, dass Tahuna ihrer Freundin wohl gerade eröffnet hatte, dass Kamun bei ihrem Vater vorgesprochen hatte, um sie zur Frau zu nehmen. Ronam hatte ihm davon erzählt.

Gerade fielen sich die beiden jungen Frauen wieder lachend in die Arme. Er lächelte bitter, würde doch dieser Tag für viele einen Abschied bereithalten, von dem sie noch nichts ahnten.

Tamaka straffte seine Schultern und ging dann um die Leute herum, bis er sich seiner Tochter von der Seite her näherte. Als er nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, bemerkte sie ihn und sah ihn voller Wärme an. Eine Hand huschte schuldbewusst zu ihren offenen Haaren, da sie wusste, wie sehr er es missbilligte, wenn sie ihre Haarpracht so ungebunden und wild präsentierte wie jetzt.

„Vater!“ Lanea schlug entschuldigend die Augen nieder, bevor sie ihn mit einem gekonnten Augenaufschlag verschmitzt anlächelte. Seit sie ein kleines Mädchen war, konnte sie mit diesem Blick fast alles bei ihm erreichen, doch heute nicht. Heute konnte er ihr nicht mehr zugestehen, als dass er über die Haare kein Wort verlieren würde.

„Lanea, es gibt ein Schiff, das einen neuen Schiffshalter benötigt. Der Oberste Seher hat dich heute dazu bestimmt, dass du an Bord der Monsoon Treasure gehen wirst und dort unter Captain Jess Morgan als Schiffshalterin dienst.“ Seine Worte klangen schroffer, als er es beabsichtigt hatte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie auf Tahunas glatter Stirn eine steile Falte entstand. Lanea hingegen sah ihn fassungslos an, als hätte sie kein Wort von dem verstanden, was er gerade zu ihr gesagt hatte.

*

Nahila hatte sich schon so lange vor diesem Augenblick gefürchtet, dass sie nicht mehr mit Bestimmtheit sagen konnte, wann sie jemals ohne Furcht gewesen war. Die Furcht war wie ein blutrünstiger Moskito, der sie zeit ihres Lebens umschwirrte, um sich dann gnadenlos auf sie zu stürzen, in dem Moment als sie endlich zur Ruhe kam. Der Kloß in ihrer Kehle schwoll immer mehr an und verhinderte, dass sie ruhig atmete. Gleichzeitig quälten sich die lang zurückgehaltenen Tränen aus ihren Augen. Sie fluchte verhalten und ließ ihren Tränen freien Lauf, während sie weiter auf den Rand des Dorfes zustrebte. Bevor sie den Weg in den Dschungel einschlug, um zu ihrer abseits gelegenen Hütte zu gelangen, sah sie eine große Gestalt vom Strand heraufkommen. Nahila verhielt ihre Schritte und hatte das entsetzliche Gefühl, dass ein Alptraum wahr geworden war.

Ein Schauer nach dem anderen lief über ihren Rücken. Captain Stephen Stout ging mit schweren Schritten in das Dorf. Nahila blinzelte mit den Augen und wischte sich dann mit dem Handrücken darüber, als würde das Bild des brutalen Piraten dadurch verschwinden wie ein Gespinst. Doch das Bild blieb, und Nahila drängte sich gegen die staubige Wand einer Hütte. Wenn er sie jetzt wahrnahm … Er wurde nicht umsonst das Messer Bairanis genannt!

Tamaka hatte also Recht gehabt. Den Piraten war es nur erlaubt, das Dorf zu betreten, wenn Bairani ihnen es befohlen hatte. Wenn Stout sich also in das Dorf begab, konnte das nichts Gutes bedeuten, und sie mussten so schnell wie möglich Waidami verlassen. Nahila stöhnte auf. Es ging jetzt alles so schnell. Als sie sich vorsichtig von der Hütte abstieß und weiterging, hatte sie kaum mehr die Kraft, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Heute würde sich ihr ganzes bisheriges Leben in Nichts auflösen. Nur der Gedanke, dass es wichtig für Lanea war, ließ sie weiter gehen. Heute würde sie sich von ihrer Tochter verabschieden und bald auch schon von Tamaka – und sie würde nicht wissen, ob sie die beiden jemals wiedersehen würde.

Sie zitterte unkontrolliert und richtete ihren Blick in den klaren Himmel, der sich scheinbar ungetrübt über ihr ausbreitete. Nahila hoffte inständig, dass ihre Ahnen die Wege ihrer Familie richtig lenkten.

*

Tahuna ging ein Stück von Lanea und ihrem Vater zurück, um sie in Ruhe miteinander sprechen zu lassen und ließ ihren Blick über die anwesenden Dorfbewohner gleiten. Sie vermisste ihren Vater Ronam. Inzwischen hatten sich alle anderen Seher der Runde angeschlossen, und nur er fehlte. Besorgt runzelte sie die Stirn. Er war in den letzten Tagen sehr verschlossen gewesen und hatte einen kranken Eindruck auf sie gemacht. Wahrscheinlich hatte er sich in seine Hütte zurückgezogen, um Ruhe zu suchen. Immer öfter war er sehr erschöpft, wenn er von Begegnungen mit dem Obersten Seher zurückkehrte, doch er sprach nie darüber, was ihn so sehr anstrengte. Tahuna wandte sich mit dem plötzlichen Gefühl, sofort nach ihm sehen zu müssen, an Lanea, die ihre Haare schnell wieder zu einem Zopf geflochten hatte, um ihren Vater nicht zu verärgern. Einen Moment verharrte sie in dem Anblick ihrer Freundin; überdachte die Neuigkeit von Tamaka, dass Lanea an Bord eines Piratenschiffes gehen würde. Dies war ihr letzter Moment. Es war so aufregend, Lanea würde Captain Jess Morgan treffen … Tahuna war ihm ein einziges Mal zusammen mit Shamila, der Tochter von Bairani, begegnet. Sie hatten sich damals im Gebüsch versteckt, um heimlich die Piratenkapitäne zu beobachten, die zu einem Treffen den Vulkan hochsteigen sollten. Es war strengstens verboten, sich in die Nähe der Piraten zu begeben, da sie von den Dorfbewohnern als tollwütige Hunde bezeichnet wurden. Jess Morgan war der Erste gewesen, der den Weg hochkam. Tahuna konnte sich noch genau daran erinnern, wie er den steilen Berg hochgeschlendert war, ohne auch nur das kleinste Zeichen von Anstrengung zu zeigen. Shamila und sie hatten den Atem angehalten, als er immer nähergekommen war. Dann war er genau vor ihrem Gebüsch stehengeblieben und hatte gezielt in ihre Richtung geblickt. Seine Blicke aus den eisblauen Augen waren mühelos durch die Blätter gedrungen, als wären sie nicht da gewesen, und er hatte gelächelt.

„Macht, dass ihr fortkommt“, hatte er gesagt. Dann hatte er den Weg zurückgeblickt und sie beide mit schnellem Griff aus dem Gebüsch gezogen. Er hatte sie von oben bis unten angesehen und war plötzlich ernst geworden. „Die anderen lassen zwei Mädchen wie euch nicht einfach wieder gehen. Seht also zu, dass ihr ihnen aus dem Weg geht.“ Sie hatten beide dagestanden, ihn angestarrt, unfähig zu sprechen und waren langsam wieder rückwärts im Gebüsch verschwunden. Ihre Blicke hatten sie kaum von ihm wenden können, denn er blieb dort stehen, bis sie den Berg ins Dorf hinunterliefen. Tahuna seufzte, er war damals so gefährlich und doch so … anziehend erschienen. Hoffentlich würde ihre Freundin ihr eines Tages von ihm erzählen.

Sie berührte Lanea sacht am Arm.

„Lanea, ich werde nach meinem Vater sehen. Ich glaube, es geht ihm nicht gut. Er erschien mir die letzten Tage schon nicht wohlauf.“

„Soll ich dich begleiten?“ Lanea sah ihre Freundin besorgt an.

„Nein, genieße deine letzten Augenblicke hier, bevor du leibhaftigen Piraten gegenüberstehst.“ Tahuna kicherte und schloss ihre Freundin fest und voller Zuneigung in die Arme. „Ich wünsche dir alles Gute, und dass du so ein Glück findest, wie ich es auch gefunden habe.“

„Ja, das wünsche ich mir auch – und dir wünsche ich ein ganzes Dorf voller Kinder mit Kamun.“ Diesmal war es Lanea, die kicherte, und ihre Freundin ebenfalls von ganzem Herzen drückte.

Tahuna grinste, und beide Frauen ließen ihre Arme sinken, als wüssten sie nicht, wie sie sonst ein Ende finden sollten. Dann drehte sich Tahuna um und eilte davon.

*

Tamaka sah der jungen Frau nach, die mit eiligen Schritten nach Hause ging. Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus, und er presste fest die Lippen aufeinander. Dann wandte er sich wieder seiner Tochter zu, die einen glücklichen, wenn auch wehmütigen Ausdruck im Gesicht hatte. Sie blickte der Freundin hinterher und richtete dann ihre grünen Augen auf ihn.

„Sie ist so glücklich. Ich wünschte, ich könnte hierbleiben und …“

Tamaka schüttelte entschieden den Kopf.

„Nein, dein Schiff wird morgen früh bereits Waidami verlassen!“, antwortete er eine Spur zu scharf, wie er selbst missbilligend bemerkte. Lanea sah ihn auch verwundert über den ungewohnten Ton an, sagte aber nichts.

„Wenn du nicht rechtzeitig an deinem Ziel ankommst, könnte es sein, dass du Jess Morgan verpasst.“ Tamaka sprach nun sanfter und griff nach ihrer Hand. „Es ist wichtig – sehr wichtig, dass du auf die Monsoon Treasure gehst. Aber das bereden wir zu Hause, nicht hier.“ Er sah sich um, und sein Blick blieb noch einmal auf der alten Merka hängen. Ihre Augen, in denen so viel beunruhigendes Wissen lag, trafen die seinen. Unwillkürlich beschleunigte sich sein Herzschlag für einen Moment, als hätte sie ihn bei etwas Unrechtem ertappt.

„Verabschiede dich von den Leuten, Lanea. Danach gehen wir nach Hause, und ich erkläre dir deinen Auftrag, während du deine Sachen packst. Du wirst noch heute Abend an Bord der Tsunami gehen. Captain Makani wird dich bereits erwarten.“

„Wieso die Eile, Vater?“ Lanea hatte das Gesicht unwillig verzogen.

Tamaka kannte sie gut genug und wusste, dass sie voller Unsicherheit war. Sie wollte nie wirklich eine Schiffshalterin werden. Aber bei den Waidami wurden jedem von Geburt an eine Aufgabe zugeteilt. Die Seher befanden gemeinsam darüber, wofür ein Kind wohl zukünftig in der Gemeinschaft am geeignetsten erschien. Bei Lanea hatte es nie einen Zweifel gegeben, und so war sie in diese Rolle gedrängt worden, die sie jedoch immer am liebsten abgelehnt hätte. Die Schiffshalter begleiteten die Piratenschiffe, hauptsächlich um den Kontakt zu den Waidami zu halten. Sie gaben laufend die Positionen durch, an denen sich das Schiff gerade befand, oder wo Beuteschiffe versenkt wurden, die dann so später zu den Schiffsbauern geschleppt werden konnten.

Da er und seine Frau stets nur voller Verachtung über die Piraten sprachen, hatte sie bereits als kleines Mädchen begonnen, die Piraten zu fürchten. Und nun schickte er sie selbst auf ein solches Piratenschiff! Er konnte sie so gut verstehen, und Tamaka hasste sich selbst dafür. Er hasste sich für seinen Auftrag, mit dem er Lanea Dingen aussetzte, von denen er selbst nur eine vage Vorstellung hatte.

„Es muss sein, vertrau mir einfach.“

Lanea nickte und lächelte ihn dann zaghaft an.

„Ich vertraue dir, Vater.“ Sie drückte seine Hand, bevor sie sich umdrehte und begann, sich von jedem Einzelnen zu verabschieden.

Tamakas Herz wurde schwer, während er dabei zusah. Die meisten nahmen Lanea in die Arme und drückten sie herzlich. Mancher junge Mann sah sie enttäuscht an. Als Lanea sich schließlich der alten Frau zuwandte, stockte Tamaka für einen Moment der Atem. Die Alte wickelte sich eine Strähne, die aus der Gefangenschaft des Zopfes geflüchtet war, um ihre knochigen Finger.

„Folge nur deinem Weg, Kind – dann wirst du dich selbst finden.“ Ihre Stimme klang heiser, dann löste sie die Strähne von ihren Fingern und streichelte Lanea sanft über die Wange, die ihr spontan einen Kuss gab. Mit einem Lächeln, das nur jemand kennt, der so viel Zuneigung erfährt, drehte sich Lanea zu Tamaka um.

„Lass uns gehen, Vater.“

Lanea ging vor ihrem Vater her und bemerkte nicht die unsicheren Blicke, die er auf die Hütte von Tahuna und ihrem Vater Ronam warf, als sie daran vorbeikamen.

*

Tahuna ging schweren Herzens. Sie würde Lanea vermissen, aber sie freute sich auch auf die vor ihr liegende Zeit mit Kamun.

Als sie vor der Hütte ihres Vaters anlangte, bemerkte sie verwundert, dass die einfache Holztür offenstand. Tahuna beschleunigte ihre Schritte, aus irgendeinem Grund hatte ihr Vater die Tür nicht schließen können. Sorge fraß sich wie ein ungebetener Gast in ihr Herz, und sie schritt mit bangem Gefühl in das Innere.

„Vater? Ist alles in Ordnung?“ Ihre Worte tropften überlaut in die Stille. Besorgt ließ Tahuna ihren Blick durch den Hauptraum schweifen. Keine Spur von ihrem Vater! Sie wollte gerade den Vorhang zu dem Schlafraum ihres Vaters beiseiteschieben, als ihre Augen sich plötzlich weiteten und sie die Hand entdeckte, die unter dem schweren Stoff hervorragte. Das Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu und ließ ihre Zunge zu einem unförmigen Klumpen anschwellen. Sie wollte schreien, irgendetwas sagen, doch kein einziger Laut kam über ihre Lippen.

Im selben Augenblick wurde der Vorhang langsam zur Seite geschoben. Ihr Blick ruhte fassungslos auf ihrem Vater, der leblos auf dem Boden lag. Erst dann wanderten ihre Augen in entsetzlicher Langsamkeit auf die riesige und klobige Gestalt, die sich in den Rahmen schob. Stephen Stout! Tahuna keuchte auf. Seine kalten Augen betrachteten sie desinteressiert, und mit einem unangenehmen Lächeln seines breiten Mundes präsentierte er ihr ein blutbeflecktes Schwert.

Immer noch stumm vor Entsetzen, drehte sich Tahuna auf der Stelle um und rannte kopflos aus der Hütte und in den direkt dahinter liegenden Dschungel. Sie lief blind und voller Panik. Ihr Herz raste und klopfte mit schmerzhaften Schlägen in ihrer Brust und in ihrem Kopf. Sie war nicht mehr in der Lage, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen und schlug wie blind mit ihren vorgestreckten Armen die Zweige und Blätter aus ihrem Weg. Der Pirat musste dicht hinter ihr sein. Sie spürte es mit erschreckender Gewissheit, auch wenn sie keinen Laut um sich herum wahrnehmen konnte, außer ihren eigenen keuchenden Atem und das Blut, das durch ihre Adern rauschte. Ihre schwarzen Haare flatterten wie eine vom Sturm zerrissene Fahne hinter ihr her und verdeckten für einen Wimpernschlag den Weg, als sie zurückblickte. Jeder Atemzug wälzte sich brennend durch ihre Lungen, und die Luft wurde knapp. Sie konnte nicht weiter, konnte nicht ewig so panisch davonrennen. Es schien doch niemand hinter ihr zu sein, und Tahuna stoppte ihren Lauf. Schweratmend stützte sie ihre Hände an einen bemoosten Baumstamm ab, der sich feucht und weich in ihre Handflächen schmiegte. Sie hielt den Kopf gesenkt und versuchte verzweifelt, die übermächtige Angst aus ihrem Verstand zu bannen. Es konnte unmöglich wahr sein, was gerade geschehen war. Ein einziger Augenblick hatte ihr ganzes Glück zerstört. Eben hatte sie noch mit Lanea zusammengesessen und darüber gelacht, dass sie bald den begehrtesten jungen Krieger des Dorfes heiraten würde und dann, einen Augenblick später, fand sie ihren Vater ermordet. Ermordet von einem Handlanger Bairanis. Die kalte Erkenntnis, dass dies auch der Grund für das Unwohlsein ihres Vaters gewesen sein musste, griff nach ihrem Herzen und bohrte sich wie ein Messer hinein. Ihr Vater hatte es gewusst …

Tahuna wischte sich die Tränen aus den vor Kummer fast schwarzen Augen und blickte hoch.

Sie musste zu Kamun; sie musste ihm von dem Verrat und dem Mord an ihrem Vater berichten. Vielleicht waren ja noch andere Seher in Gefahr.

Erleichtert darüber, endlich wieder einigermaßen klar denken zu können und eine Entscheidung getroffen zu haben, löste sie sich von dem Baum und drehte sich um.

Das Letzte was sie sah, war das kalte Funkeln von Metall im Sonnenlicht, bevor es sich mit tödlicher Präzision in ihr Herz bohrte und alle Überlegungen für immer auslöschte.

*

Lanea fühlte sich trotz der vor ihr liegenden Ungewissheit glücklich, während sie ihre Schritte durch das Dorf auf den Strand lenkte. Sie freute sich über alle Maßen für Tahuna; ihre Freundin hatte gestrahlt und sie einfach in ihr Glücksgefühl mit hineingerissen. Es war nur sehr bedauerlich, dass sie bei den Feierlichkeiten nicht mehr dabei sein würde. Ihr Vater hatte sich unmissverständlich ausgedrückt. Die Tsunami würde bereits beim nächsten Sonnenaufgang in See stechen, und sie musste noch heute ihr Quartier an Bord beziehen.

Die Verabschiedung von ihren Eltern war erschreckend schnell gegangen, doch sie war auch dankbar dafür. Lanea hasste rührselige Momente und ging ihnen gerne aus dem Weg. Trotzdem hatte sie verwundert bemerkt, wie ihre Eltern ungeduldig auf ihren schnellen Aufbruch bestanden hatten. Das aufdringliche Gefühl, abgeschoben zu werden, hatte sich ihrer bemächtigt und nicht mehr losgelassen. Die Anweisungen ihres Vaters waren kurz und knapp gewesen und hatten mehr Fragen aufgeworfen als sie zu beantworten.

Vor der Hütte, in der Tahuna und ihr Vater wohnten, hielt Lanea kurz an. Sollte sie hineingehen und Tahuna noch einmal Lebewohl sagen? Aber alles schien ruhig und vermittelte den Eindruck, als wäre niemand da. Eigentlich hatten sie sich ja bereits verabschiedet und eine weitere Begegnung würde ihnen beiden nur unnötig das Herz schwer machen. Sie seufzte, griff ihren Sack, in den sie ihre wenigen Habseligkeiten gestopft hatte, fester und ging weiter.

Die Tsunami lag ruhig in der kleinen Bucht vor Anker und schien nur auf sie zu warten. Zwei Seeleute standen neben einem Beiboot, das ein Stück auf den Strand gezogen worden war, und warteten tatsächlich auf sie.

Als die Männer Lanea entdeckten, griffen sie nach dem Boot und zogen es zurück in das Wasser, das mit sanften Wellen den zaghaften, aber konstanten Versuch wagte, das Boot am Ufer festzuhalten.

„Auf geht’s Lanea“, murmelte sie vor sich hin und versuchte, ihren sinkenden Mut zu ignorieren, als sie auf die Männer zuging.

*

Am nächsten Morgen betrat Stephen Stout mit lässigem Schritt die Höhle des Obersten Sehers, der ihm bereits mit hochgezogenen Augenbrauen entgegensah und den Mund in einer merkwürdig ungeduldigen Geste verzog.

Stout verneigte sich ehrfürchtig, als er in angemessener Distanz vor dem alten Mann stehenblieb.

„Seid gegrüßt, Oberster Seher!“

Bairani neigte wohlwollend den Kopf und deutete mit seinen langen Fingern auf ein paar Stühle, die an einer Seite der Höhle in einer mit kunstvoll gefertigten Decken verzierten Nische standen. Weißes Sonnenlicht, das durch eine von Menschenhand geschaffene Öffnung fiel, warf seinen großzügigen Schein auf die bunten Muster, die verschiedene Szenen aus den Legenden um die Göttin Thethepel darstellten, und erfüllten sie mit unwirklichem Leben. Eine Decke, die größer als die anderen war, wurde von nur einem einzigen überdimensionalem Bild geziert, auf dem die Göttin selbst mit hoch erhobenen Armen auf dem Meer stand, ihre roten Haare züngelten dabei wie Flammen um ihren Kopf, und vor ihr erhob sich ein feuerspeiender Vulkan aus den sie umgebenden Fluten. Die Erschaffung Waidamis! Stout hätte sich gerne die anderen Szenen angesehen, gehorchte jedoch dem Wink Bairanis und setzte sich. Der Oberste Seher setzte sich würdevoll in den Stuhl gegenüber. Mit einer betont sorgsamen Geste legte er seine dürren Hände, die vom Alter gezeichnet waren, auf die Lehnen und lächelte Stout mit einem aufmunternden Lächeln an, das den Piraten gezielt darauf hinwies, wie dünn sein Lebensfaden war, wenn er jemals etwas Falsches antworten würde.

„Sprich, mein Sohn! Konntest du meinen Auftrag erfüllen?“

Stephen nickte langsam.

„Ja, Oberster Seher. Ich habe Ronam und seine Tochter ohne Probleme beseitigt. – Vielleicht interessiert es Euch, dass Tamaka und Nahila diese Nacht Waidami verlassen haben. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob nicht einer von ihnen mich vielleicht im Dorf gesehen hat.“ Stout knurrte die letzten Worte voller Groll, hasste er doch den Gedanken, dass ihm möglicherweise ein Fehler unterlaufen sein konnte.

Bairanis mitleidlose Augen musterten den Piraten eine endlos lange erscheinende Zeit, ohne eine Spur von einer menschlichen Regung zu zeigen. Kalter Schweiß lief Stouts Rücken hinab und hinterließ dabei ein Gefühl des Unbehagens. Wieder einmal fragte er sich, was der Mann alles sah, und ob er auch dazu in der Lage war - oder einer seiner Seher - zu erkennen, was er dachte. Stout zwang sich, ungerührt zu erscheinen. Glücklicherweise konnte er von Sehern keine Strömungen empfangen. Er wollte nicht wirklich spüren, was in diesem Mann vorging. Wenn er, Stout, auch nicht gerade zart besaitet war und sicher genug schändliche Tat begangen hatte, jagte ihm der Oberste Seher doch eine unbekannte Angst ein. Er war gnadenlos, kompromisslos und würde seine eigene Tochter foltern, wenn ihm das zum Vorteil gereichen würde. Seine Strömungen mussten sämtliches Vorstellungsvermögen sprengen, wie eine bis unter den Mast mit Schießpulver beladene Galeone.

Die sonst eher tot scheinenden Augen Bairanis waren von unheilvollem Leben erfüllt und glänzten tückisch in seinem faltigen Gesicht, als sich sein schmaler Mund zu einem boshaften Lächeln verzog.

„Nun, Stephen, ich denke, ich muss dir etwas erklären, und dann habe ich da noch einen Auftrag für dich, der dich inspirieren dürfte.“

Er legte eine Pause ein, in der er Stout erneut taxierte, dann berichtete er von der letzten Sichtungszeremonie. Er berichtete, dass endlich der Piratenkapitän identifiziert worden war, der entweder zum Verräter oder zum tödlichen Instrument gegen die Spanier werden würde, und ignorierte dabei die sichtliche Erregung, die Stout ergriff, als er den Namen Jess Morgans vernahm. Er erzählte, warum er Lanea an Bord der Monsoon Treasure gesandt hatte, und dass Ronam hatte verschwinden müssen, weil er inzwischen zu kritisch geworden war. Nachdem er seinen Bericht beendet hatte, erhob sich Bairani langsam aus dem Stuhl. Er verschränkte die Hände wie zu einem Gebet ineinander und ging nachdenklich durch den Raum. Vor der Fensteröffnung blieb er stehen und blickte versonnen in den Dschungel, der an dieser Seite den Vulkankrater herauf kroch wie eine grüne Schlange, und tat so, als lausche er hingebungsvoll den unschuldigen Geräuschen, die von dort zu ihm herauf drangen. Dann wandte er sich scheinbar selbstvergessen wieder an Stout, der ihn starr beobachtete und seine Finger wie eiserne Krallen um die Lehnen seines Stuhles geklammert hatte.

„Nahila ist unwichtig und um Tamaka kümmerst du dich bei Gelegenheit. Er weiß wesentlich mehr, als er immer zugegeben hat, und er scheint seine eigenen Pläne zu haben. Da nicht klar ist, welche Rolle Lanea in dieser Vision spielt, kann ich ihr nicht vertrauen. Es ist also vorrangig, dass du die Suche nach der Monsoon Treasure aufnimmst.“

„Wieso wissen wir nicht, wohin die Tsunami gesegelt ist? – Dort wird schließlich auch Jess Morgan sein, wenn Tamaka Captain Makani dorthin geschickt hat.“

„Tamaka war schlau genug, Lanea zu raten, Captain Makani ihren Bestimmungsort erst auf offener See zu eröffnen.“ Bairani ging mit wenigen Schritten zu Stout und legte ihm eine eiskalte Hand auf die Schulter, die den hartgesottenen Piraten erschauern ließ.

„Finde Jess Morgan für mich, Stephen!“

Stephen Stout knurrte erwartungsvoll.

Jess Morgan also! Das war eine interessante Neuigkeit, die Bairani ihm eröffnet hatte. Im Stillen rieb er sich zufrieden die Hände. Seit er zurückdenken konnte, hatte er diesem Kerl mit Misstrauen gegenübergestanden; bereits als er noch als kleiner Junge bei Bairani seine Vorbereitungszeit verlebt hatte, war Jess ihm als widerspenstig und rebellisch aufgefallen. Er hatte sich immer geweigert, sich unterzuordnen. Bairani hatte ihm verboten, in seiner wenigen freien Zeit, die ihm zur Verfügung stand, an den Strand zu gehen, und doch hatte er es immer wieder getan und dabei diesen seltsamen Glanz in den Augen gehabt. Selbst als ihn Bairani zur Strafe durch ihn, Stephen, hatte verprügeln lassen, hatte er noch geheimnisvoll gelächelt. Das Lächeln war erst verschwunden, als er den damals zehnjährigen Jungen ausgepeitscht hatte; aber der Glanz in seinen Augen war unverändert geblieben.

Stephen hatte ihn für diesen ungeahnten Widerstand gehasst. Jess hatte ihn trotzig angesehen, während er kaum noch in der Lage gewesen war, auf seinen eigenen Beinen zu stehen. Er war vor ihm auf die Knie gesunken und hatte ihn aus brennenden Augen angesehen. „Eines Tages werden wir uns ebenbürtig gegenüberstehen“, hatte der Junge leise gesagt. Er hatte mit den Tränen gekämpft, aber das Zittern in seiner Stimme hatte dennoch nicht über die deutliche Drohung darin hinwegtäuschen können. Und Stephen Stout sah diese Drohung immer wieder aufs Neue in den eisblauen und mitleidlosen Augen, wenn er Jess Morgan begegnete. Ein sicheres Versprechen, das es irgendwann einzulösen galt, obwohl Morgan sich eigentlich nach der Tätowierung nicht mehr daran erinnern durfte, da diese alles aus dem Gedächtnis löschte, was jemals zuvor geschehen war.

Jahre später waren sie sich bei einem Überfall auf eine kleine Küstenstadt begegnet, an der sie beide beteiligt gewesen waren. Stout dachte hasserfüllt daran, wie er auf dem Marktplatz einen Mann hatte foltern lassen, um von ihm zu erfahren, wohin die Einwohner ihre Wertsachen geschafft hatten. Der Mann hatte am Ende noch nicht einmal mehr die Kraft gehabt, seine Qualen in die Welt zu schreien, als Jess Morgan erschienen war. Er war in seiner arroganten Art über den Platz marschiert, hatte sein Messer gezogen und dem Spaß, den er und seine Männer bis dahin gehabt hatten, mit einem glatten Schnitt ein viel zu plötzliches Ende bereitet und den Mann von seinen Qualen erlöst.

Wenn er von Bairani freie Hand bekäme, würde er Jess Morgan jagen, und dieser würde am eigenen Leibe erfahren, wie sehr er es genoss, einen Mann langsam sterben zu sehen; für ihn würde er sich etwas ganz Besonderes ausdenken und ihm beweisen, dass er äußerst kunstfertig in der Lage war, einen Mann tagelang leiden zu lassen.

Er erwachte aus seinen Gedanken wie aus einem Traum, dabei traf sein Blick auf den hämischen Gesichtsausdruck des Obersten Sehers.

„Mir scheint, dass du den nötigen Jagdtrieb für diesen Auftrag besitzt.“

„Soll ich ihn töten?“

„Nein, auf keinen Fall! – Zuerst wirst du ihn nur beobachten. Ich will wissen, ob er sich nun von uns abgewandt hat oder nicht. Solltest du den Beweis für einen Verrat finden …“, Bairanis Augen funkelten ihn gefährlich an, „… dann bring ihn hierher. Was du unterwegs mit ihm anstellst, ist mir völlig gleichgültig, - solange du ihn in einem Zustand von einigermaßen kräftiger, körperlicher Verfassung ablieferst. Das, was ich mit ihm dann vorhabe, wird seine ganze Kraft kosten. Glaube mir, Stephen, er wird mehr Qualen erdulden, als irgendjemand vor ihm – und sie werden nicht nur körperlicher Art sein.“ Bairani lächelte auf eine sadistische Weise, die Stout das Gefühl vermittelte, dass er noch in den langerwarteten Genuss seiner Rache kommen würde. Er wusste, wie grausam Bairani war, und er leckte sich voller Vorfreude über die wulstigen Lippen.

„Das Mädchen! Was passiert mit dem Mädchen?“

„Bring sie unversehrt hierher. Die Götter halten auch für sie ihr Schicksal bereit.“ Der Oberste Seher wechselte einen geheimnisvollen Blick mit Sagan, der sich die ganze Zeit schweigend in den Schatten der Höhle aufgehalten hatte; ein stolzes Lächeln quittierte diesen vertrauensvollen Blickwechsel.

„Verabschiede dich jetzt, mein Sohn. Das Auge der Göttin wird dich wohlwollend auf deinem Weg beobachten.“ Bairanis Lächeln hatte etwas Strahlendes, doch die Augen blickten wieder völlig leblos auf Stout, der sich vor ihm verbeugte und dann die Höhle verließ.

Als Stouts Schritte verklungen waren, wandte sich Bairani an Sagan, der nun zögernd wie ein verängstigter Hund aus der Nische trat.

„Veranlasse, dass im Dorf das Gerücht gestreut wird, Tamaka habe Ronam und seine Tochter getötet und wäre deshalb noch in der Nacht geflüchtet.“

Sagan beeilte sich, zu nicken, und rannte davon, um den Auftrag seines Herrn auszuführen.

Begegnung

Ein stetiger Wind aus Nordosten trieb die Monsoon Treasure mit vollgeblähten Segeln zügig voran.

Captain Jess Morgan stand neben seinem Ersten Maat auf dem Achterdeck. Cale Stewart hatte soeben die Vorräte überprüft. „Unsere Wasserfässer sind so gut wie leer, und wir haben nur noch ein wenig Dörrfleisch an Bord. Das Obst, auf das du so viel Wert legst, ist auch ausgegangen. Wir werden so nicht mehr bis nach Changuinola gelangen, Jess. Auf der Karte befindet sich aber nicht weit von hier eine Insel, wir sollten dort an Land gehen und zumindest ein wenig jagen und Frischwasser auffüllen.“

„Gut, Cale. Lass Kurs setzen.“ Jess nickte zustimmend. “Sind auf der Karte irgendwelche Ansiedlungen verzeichnet?“

„Hm, ein paar Fischerdörfer könnten sich dort befinden.“

„Dann lass uns einkaufen.“ Jess grinste den Mann unbeschwert an. „Den Männern wird ein wenig Abwechslung gut tun.“

Cale Stewart runzelte die Stirn: “Wir werden dort, wenn es überhaupt eine Fischersiedlung gibt, keine großen Reichtümer vorfinden, Jess.“

„Die Männer brauchen ein wenig Spaß und es ist einfacher, den Fischern die Vorräte abzunehmen.“ Jess lächelte ihn unschuldig an. „Ein paar Männer müssen trotzdem jagen gehen, wir brauchen einen abwechslungsreichen Speiseplan, sonst wird uns Hong nur madigen Schiffszwieback reichen.“

Der Erste Maat seufzte und kratzte sich grinsend am Hinterkopf. „Aye, Sir, diese Drohung lässt mich auch ein Waisenhaus überfallen.“ Die beiden Männer lachten sich übermütig an, und Cale wandte sich ohne ein weiteres Wort ab. Er beeilte sich, Jintel die Anordnungen weiterzugeben. Kurz darauf bellte die etwas heisere Stimme des Profos über Deck, und die Männer sputeten sich, den Befehlen nachzukommen.

Nach gut einer halben Tagesreise erreichten sie die Insel, die von einer üppigen Vegetation überwuchert war. Jess befahl, die Insel zu umsegeln, nachdem er in einer seichten Bucht einen Trupp Männer zum Jagen ausgesetzt hatte.

Das kleine Fischerdorf schmiegte sich an die hinter ihm aufragenden Steilwände. Eine große Hütte lag etwas versetzt zwischen zehn weiteren, etwas kleineren Hütten und schien über diese zu wachen.

Jess Morgan schob sein Spektiv zusammen und ließ die Boote aussetzen. Jintel würde mit drei weiteren Männern als Wache zurückbleiben.

Den Männern des Landungstrupps stand die Vorfreude in die Gesichter geschrieben, als sie zügig in die Boote abenterten. Jess stellte sich in den Bug des ersten Bootes, während Cale Stewart das zweite übernahm. Voller Schwung wurden die Riemen durch das klare Wasser der fischreichen Bucht gezogen und trieben die Boote auf den friedlichen Strand zu.

Einige Fischerboote dümpelten im Wasser. Am Strand waren Netze auf Gerüsten zum Trocknen ausgebreitet, und ein paar Fischer flickten ihre Netze. Kinder spielten zwischen den Hütten und sahen den Ankömmlingen voller Neugierde entgegen.

Die Fischer ließen ihre Arbeit sinken und wandten sich den Booten misstrauisch zu. In diese Gegend verirrte sich selten ein ehrbares Handelsschiff und an dem bunt zusammengewürfelten Haufen, der sich jetzt näherte, ließ nichts auf friedliche Händler schließen.

Zuerst war es nur wie ein Hauch, der sich warnend über die Hütten und die Menschen legte, dann aber eindringlich anschwoll und die Bedrohung greifbar machte. Angst breitete sich aus, getragen von der kalten Erkenntnis, dass sie so gut wie wehrlos waren. Eilig wurden die Kinder in die Hütten gezogen, deren bis dahin offene Türen sofort fest geschlossen wurden.

Währenddessen hatten die Boote das Ufer erreicht. Jess und seine Männer sprangen in das knöcheltiefe Wasser. Die groben Stiefel wühlten den feinsandigen Untergrund auf, und das bis dahin so klare Wasser trübte sich ein. Sie wateten, die Boote hinter sich herziehend, an Land.

Mit einer geschmeidigen Bewegung zog Jess sein Schwert aus der Scheide und sah, wie seine Leute ebenfalls ihre Waffen zückten.

Ein älterer Mann ging entschlossen auf ihn zu und wollte sich ihm in den Weg stellen. Seine grauen Augen richteten sich auf die hochgewachsene Gestalt von Jess Morgan, der seinem Blick kalt begegnete und seinen Weg unverändert fortsetzte. In einer demonstrativ friedlichen Geste streckte der Mann dem näherkommenden Piraten seine Handinnenflächen entgegen, in der Hoffnung, er würde wenigstens einen Moment innehalten, um ihn anzuhören. Doch noch bevor der Alte seinen Mund öffnen konnte, um die hastig zurechtgelegten Worte an den Eindringling zu richten, schnitt ihm eine kaum wahrnehmbare Bewegung mit dem Schwert das Wort ab. Ohne einen Laut brach er zusammen. Feinkörniger Sand bestäubte sein Gesicht, als Jess Morgan gelassen an ihm vorüberschritt.

Er lenkte seine weitausholenden Schritte zielstrebig auf die große Hütte. Hier musste der Anführer des Dorfes leben und diesem würde er jetzt einen Besuch abstatten.

Die anderen Fischer hatten den skrupellosen Mord mit blankem Entsetzen beobachtet und stellten sich in Abwehrhaltung gemeinsam den Piraten entgegen. Ihre Hände griffen nach allen erreichbaren Waffen; Stöcke wurden drohend geschwungen, Bootshaken emporgereckt. Doch die Angst stand ihnen in die fassungslosen Gesichter geschrieben.

Unbewegt betrachtete Jess die Männer und lächelte dann:

„Im Interesse eurer Familien bitte ich darum, auf Gegenwehr zu verzichten. Es wird niemandem ein Leid geschehen. Wir bessern hier nur unseren Proviant auf und werden wieder in See stechen. - Sollte uns jemand davon abhalten wollen, werden wir eure Kinder zu Waisen machen und das ganze Dorf niederbrennen.“ Seine klare Stimme war deutlich bis in den hintersten Winkel der Bucht zu vernehmen und ließ nicht in den geringsten Zweifel daran, dass er es ernst meinte.

Die Piraten bildeten eine lange Reihe hinter ihm und schauten erwartungsvoll auf die bleichen Gesichter der Fischer. Die Entschlossenheit, die anfangs noch in ihren Gesichtern gestanden hatte, war einer tiefen Resignation gewichen. Ihr Mut war gesunken, als sie den alten Mann hatten fallen sehen, und sie ließen ihre notdürftigen Waffen sinken.

Cale Stewart tauchte direkt hinter Jess auf: „Durchsucht das Dorf nach Vorräten und allem, was wir gebrauchen können.“

Sofort teilten sich die Männer auf und machten sich an ihr Werk, das Dorf zu plündern.

Jess ging nun weiter, ein wenig darüber verwundert, dass sich noch kein Anführer an ihn gewandt hatte. Offensichtlich schien sich dieser in seiner Hütte zu verkriechen und die Konfrontation mit ihm zu scheuen. Er lächelte verächtlich, als er eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahrnahm. Instinktiv riss er seinen Schwertarm hoch und blockte damit den Hieb eines Schwertes ab, das plötzlich auf ihn niederstieß. Er drehte sich geschmeidig um, packte mit der freien Hand seinen Angreifer und riss ihn aus seinem Hinterhalt heraus. Ein älterer Mann taumelte hervor. Jess wollte gerade mit seinem Schwert zustoßen, als ihn ein gellender Schrei in der Bewegung innehalten ließ.

„Nein!“ Eine schlanke Frau stand in der offenen Tür der Hütte und starrte ihn aus aufgerissenen Augen an. Der Anblick der Frau, der Klang ihrer Stimme kam ihm auf seltsame Weise vertraut vor. Verwirrt runzelte Jess die Stirn. In diesem Augenblick durchfuhr ein scharfer Schmerz seine Mitte. Zischend stieß er den Atem aus und starrte ungläubig auf den Mann, der ihn aus schreckgeweiteten Augen ansah. Seine Hand, in der eben noch ein Schwert gewesen war, war nun leer und zitterte. Jess blickte an sich herunter und sah nur den Schwertgriff aus seinem Bauch ragen. Langsam brach er in die Knie und schaute den Mann mit dem Versuch eines spöttischen Lächelns in die Augen.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Dieser Mann, dieser Fischer, sah aus, wie sein um Jahre gealtertes Ebenbild. Seine eigenen eisblauen Augen starrten ihn aus seinem eigenen, scharfgeschnittenen, von Falten gezeichneten Gesicht entgegen. Ein Bild drängte sich in sein Bewusstsein. Ein Bild von diesem Mann, um viele Jahre jünger, wie er stolz auf seinem Boot stand. Er winkte einem kleinen Jungen zu, der am Strand an der Hand seiner Mutter stand und wild hinter ihm her schrie, dass er mitwolle. Das Bild wich schwarzen Schleiern. Jess erbrach einen Schwall hellroten Blutes.

„Das ist nicht möglich“, flüsterte sein Gegenüber und stand wie gelähmt.

„Jess?“ Die Frau war auf ihn zugetreten und blickte ihm forschend in die Augen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie auf das Schwert schaute. Sie presste ihre Fäuste an die Wangen und ein schrilles Schluchzen entwich ihrem Mund.

Wie aus dem Nichts erschien Cale Stewart an der Seite von Jess und wollte sich auf den Mann stürzen. Jess hob mit letzter Kraft seinen Arm, der schwer und fremd an seiner Seite herunterhing. Schwarze Blitze zuckten vor seinen Augen. Er musste seine ganze Anstrengung darauf richten, dass seine Worte vernehmlich über seine Lippen flossen:

“Halt, nein. ... Bring mich ... fort von hier, der ... Über - fall wird ab - gebrochen.“ Schwerfällig, aber entschlossen legte er beide Hände um den Knauf und zerrte das Schwert mit einem verzweifelten Ruck aus seinem Körper heraus. Ein unmenschlicher Schrei prallte gegen die Felswände, die hinter der Hütte wie ein Schutzwall aufragten, und wurde von dort fortgeschleudert, zurück auf das Meer, von wo die Piraten gekommen waren.

Blitze zuckten stärker vor Jess‘ Augen, und für einen Moment verschwamm alles um ihn herum. Blut lief in einem feinen Rinnsal aus seinem Mundwinkel und tropfte von dort auf sein Hemd. Ein Hustenanfall erschütterte seinen Körper, als ein Schwall hellroten Blutes sich in den feinen, weißen Sand ergoss und ihn durchtränkte.

Cale ergriff seinen Captain unter den Armen und richtete ihn auf. Fassungslos sprang sein Blick zwischen dem Fischer, Jess und der Frau hin und her. Fragen stürzten auf ihn ein, doch es war nicht der rechte Augenblick dafür.

Die Frau, die trotz ihres Alters immer noch ein schönes und warmherziges Gesicht hatte, war zu ihrem Mann geeilt und hatte ihren Arm um ihn gelegt. Beide standen sprachlos Seite an Seite, während der Frau die Tränen in Strömen über das Gesicht liefen. Nicht der Angriff der Piraten machte diese beiden Menschen sprachlos, sondern die gleiche Fassungslosigkeit, die auch von Cale Stewart Besitz ergriffen hatte.

Jess lachte verzweifelt auf, als er schwer auf seinen Ersten Maat gestützt, dem Paar den Rücken zukehrte.

„Das ... nennt man ... dann wohl ... I - ronie des Schick - sals.“ Seine Beine gaben plötzlich vollends unter ihm nach und er stürzte haltlos in den aufstiebenden Sand. Cale beugte sich über ihn und zog sein Hemd über den Kopf. Er knüllte es zusammen und presste es, ohne große Hoffnung, auf die stark blutende Wunde.

Von der Monsoon Treasure erklang plötzlich die Schiffsglocke, deren Schlagen schrill wie ein panischer Vogel über das Wasser zu ihnen flog.

*

Jintel, der mit drei Männern an Bord der Monsoon Treasure zurückgeblieben war, verfolgte besorgt das Geschehen an Land. Er konnte es nicht fassen, dass der Captain gerade von einem einfachen Fischer mit seinem Schwert niedergestreckt worden war.

Wie hatte ein gewöhnlicher Mann, ohne große Kampferfahrung, ausgerechnet Jess Morgan so überraschen können?

Im gleichen Augenblick vernahm er auch schon das sprudelnde Geräusch, das aus dem Schiffsinnern zu ihm heraufdrang. Eine dunkle Vorahnung bemächtigte sich seiner. Laut fluchte er: “Raul! Komm, wir sehen unter Deck nach dem Rechten. Ich fürchte, wir haben ein Leck.“ Beide Männer rannten mit Riesensätzen den Niedergang hinunter und rissen die Hauptluke auf. Sie sprangen in das untere Deck. Dort wurde das Sprudeln immer lauter und durchdringender. Sie hatten jetzt keine Zeit zu verlieren.

„Läute die Schiffsglocke, und dann mach mit Sam und Kadmi die Lenzpumpen klar.“

Raul nickte und beeilte sich, wieder auf das Hauptdeck zu gelangen. Jintel lief weiter in die Bilge, getrieben von der unheilvollen Befürchtung, die sich sofort seiner bemächtigt hatte und zur Eile anspornte. Als er den stickigen Raum wenige Augenblicke später betrat, fand er dort ein großes Leck, durch das das klare Wasser der Bucht in gurgelnden Sturzbächen unaufhaltsam in das Schiff drang!

*

Der Kopf von Cale Stewart flog zwischen der Monsoon Treasure und der zusammengesunkenen Gestalt seines Captains hin und her. Jess hatte inzwischen das Bewusstsein verloren und lag erschreckend leblos auf dem blutdurchtränkten Sand. Seine Gedanken jagten in fieberhafter Eile hinter seiner Stirn, bevor er entschlossen seine Stimme hob:

„Rückzug! – Sofort zurück zur Treasure.“

Der Befehl schallte unmissverständlich über den Strand. Die Piraten ließen überrascht, aber ohne zu zögern ihre Waffen sinken und zogen sich langsam zum Wasser zurück.

Dan und Rachid stürzten atemlos an Cales Seite und hoben voller Betroffenheit die schlaffe Gestalt ihres Captains auf.

“Das sieht böse aus, Cale!“ Rachid pfiff leise durch die Zähne.

Die unausgesprochene Frage hing zwischen ihnen. Die Antwort darauf schob sich wie eine dunkle Sturmwolke davor.

„Wir müssen ihn schnell aufs Schiff bringen.“

Die drei Männer rannten, soweit es ihnen unter diesen Umständen möglich war, mit ihrer Last auf die Boote zu. Die ersten Crew-Mitglieder zogen diese bereits in tieferes Wasser.

Behutsam wurde Jess zwischen die Ruderduchten gebettet, bevor Cale, Dan und Rachid in das Boot stiegen. Ohne Zeit zu verlieren, ruderten sie so schnell sie konnten auf den Dreimaster zu. Bildete Cale sich das nur ein oder hatte die Monsoon Treasure eine gefährliche Schieflage? Er runzelte argwöhnisch die Stirn und schaute dann auf Jess, der inzwischen eine ungesunde graue Gesichtsfarbe angenommen hatte. Seine Augen waren fest geschlossen und kleine Schweißperlen bedeckten seine Stirn, die Cale besorgt mit seiner flachen Hand fortwischte.

Die Überfahrt dauerte viel länger, als er erdulden konnte, und er war erleichtert als die Bordwand endlich beruhigend und greifbar vor ihnen aufragte. Die Männer drängten auf das Schiff und brachten Jess in seine Kajüte. Diffuses Licht kroch durch die Fenster des Heckkastells in das Innere. Staubteilchen badeten sich in den Lichtstrahlen, bevor sie zu Boden sanken.

Noch bevor sie den Captain in seine Koje legen konnten, drängte sich Hong mit all seiner Autorität, die er als Feldscher ausstrahlte, dazwischen. Mit knappen Befehlen wies er die Männer an, Jess in die Koje zu betten.

„So, und jetzt macht, dass ihr hier verschwindet. Ich brauche Ruhe!“, scheuchte er sie ohne weiteres Federlesens aus der Kajüte.

Behutsam entfernte der Chinese das blutdurchtränkte Hemd, das Cale auf die Wunde gepresst hatte, und inspizierte diese mit ruhigem Blick. Der Blutstrom ließ kaum eine genauere Betrachtung zu, und Hong und Cale Stewart konnten sehen, wie das Leben, Tropfen für Tropfen, mit grausamer Beständigkeit aus ihrem Captain herausrann.

*

„Wir müssen uns sofort um die Treasure kümmern. Wenn sie sinkt, ist er nicht mehr zu retten“, stellte Cale besorgt fest.

Er drehte sich auf dem Absatz herum und rannte in die Bilge, um das Leck persönlich zu prüfen. Der Anblick traf ihn wie ein Schlag. Wenn sie nicht sofort das Schiff an Land brachten, um dort das Leck auszubessern, war es nur eine Frage der Zeit, wann sie auf dem Meeresgrund landen würden. Die Männer an den Lenzpumpen arbeiteten mit übermenschlicher Anstrengung und würden dies auf die Dauer nicht lange durchhalten. Der Erste Maat sprang die Stufen hoch, um wieder auf das Hauptdeck zu gelangen.

„Jintel, wir nehmen die Treasure in Schlepp und müssen sie sofort am Strand kielholen. Beeil dich, die Zeit läuft uns davon!“ Cale sah den Zweifel in den Augen des Profos schimmern. Das Leben von Jess Morgan stand auf Messers Schneide, ihm war auf natürliche Art nicht mehr zu helfen. Hong war ein Künstler, wenn es darum ging, Wunden wieder zusammenzuflicken, aber er war kein Zauberer. Er konnte nur das Unabwendbare hinauszögern, dem Tod ein paar Atemzüge mehr abringen, mehr nicht. Jetzt lag alles in ihren Händen und hing von der unglückseligen Verbindung zwischen dem Captain und der Monsoon Treasure ab. Wenn sie die Treasure an Land schafften, wenn sie es möglich machten, sie rechtzeitig zu reparieren, konnten sie auch Jess retten, der mit einer Verwundung kämpfte, die jeden normalen Mann bereits in das Reich der Toten geschickt hätte.

„Dann werden sich die faulen Kerle hier mächtig ins Zeug legen müssen!“

Die harschen Worte des Profos wischten jeden Zweifel in Cale beiseite. Es war ihre einzige Chance, und diese würden sie nicht ungenutzt verstreichen lassen. Jintel begab sich sofort in eines der Beiboote und trieb die Rudermannschaften vor Ort an, wie er es noch nie zuvor getan hatte.

*

Drei Tage später stand Cale am Strand und betrachtete unzufrieden den Fortschritt der Reparaturarbeiten. Es hatte bereits einen guten halben Tag gedauert, bis sie die Monsoon Treasure endlich an den Strand gezogen hatten. Seitdem waren die Arbeiten am Rumpf kaum vorangeschritten, da sie nicht genügend Holz zur Verfügung hatten. Einige Männer der Besatzung hatten sich am frühen Morgen aufgemacht, um nach McPhersons Anweisungen geeignete Bäume zu suchen und zu fällen. Doch bis jetzt hatte er kein Lebenszeichen mehr von ihnen erhalten. Cale fluchte leise vor sich hin. Er ließ seinen Blick über das verwaiste Dorf gleiten.

Die Bewohner des Fischerdorfes hatten die Vorgänge voll Misstrauen beobachtet, hatten aber nicht versucht, sie zu stören oder gar daran zu hindern. Das gesamte Dorf wirkte nun wie ausgestorben, als hätten sich seine Bewohner in das Hinterland zurückgezogen. Überraschend öffnete sich die Tür zu der großen Hütte, in deren Öffnung die Frau erschien, die Jess mit seinem Namen angesprochen hatte. Cale war sich fast sicher, dass ein unglückseliger Zufall sie auf die Eltern von Jess Morgan hatte treffen lassen. Der Mann, der sich hinter ihr aus der Hütte schob, besaß eine solch verblüffende Ähnlichkeit, dass er der Vater sein musste. Cale schüttelte den Kopf über die Situation und fragte sich, was in diesen Menschen vorgehen musste. Mehr als ein Jahrzehnt war ihr Sohn spurlos verschwunden und kam zurück, um als Pirat das eigene Dorf zu plündern.

Misstrauisch erkannte Cale, dass beide ihre Schritte in seine Richtung gelenkt hatten und sich vorsichtig näherten. Das Gesicht der Frau wirkte bleich und angespannt, während der Mann sie entschlossen an die Hand nahm und Cale gelassen entgegensah. Cale konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Der Blick aus eisblauen Augen, der jeden anderen sicherlich einschüchtern konnte, war der gleiche, den Jess Morgan so oft nutzte.

Der Fischer blieb in einiger Distanz stehen.

„Verzeiht, aber wir möchten uns nach dem Befinden Eures Captains erkundigen.“ Seine Stimme klang fest, während seine Frau mit zusammengepressten Lippen neben ihm stand. Ihre Hände umklammerten in einem verzweifelten Griff die Hand ihres Mannes, als wäre sie das Einzige, was sie aufrecht hielt. Der Blick ihrer weit aufgerissenen Augen war bittend auf Cale gerichtet.

Cale seufzte innerlich und überlegte, was er ihnen antworten sollte. Wenn er ihnen berichtete, dass er heute Morgen mit ihrem Sohn gesprochen hatte, der bei Bewusstsein war und sich bereits wieder in der Koje aufrichten konnte, würde er ihnen wahrscheinlich den nächsten Schlag versetzen. Nur jemand, der mit dem Teufel im Bunde stand, konnte eine solche Verletzung überleben, geschweige denn, sich so schnell davon erholen. Er ging davon aus, dass Jess spätestens in einer Woche, wenn die Treasure bis dahin fertiggestellt war, wieder völlig genesen sein würde. Dies war für jeden normalen Mann undenkbar. - Allerdings, was konnte noch schlimmer sein, als seinen eigenen Sohn niederzustechen? Cale räusperte sich und tat einen Schritt auf die beiden zu.

„Es geht ihm den Umständen entsprechend gut, er wird es überleben.“

Der Mann nickte unmerklich, während die Frau ihn erwartungsvoll ansah.

„Es wird wohl problematisch werden, das richtige Holz für Euer Schiff herbeizuschaffen. Wir werden Euch helfen.“ Sein Blick wanderte über den Rumpf der Treasure. „Einige Dorfbewohner sind bereit, Holz zu besorgen, wenn Ihr versprecht, uns anschließend sofort zu verlassen.“ Sein Blick wurde hart, als Cale ihm danken wollte, und der Fischer hob abwehrend eine Hand.

„Dankt uns nicht, lasst uns nur in Frieden hier leben!“ Er wollte sich abwenden, doch die zarten Hände seiner Frau hielten ihn bestimmend zurück. Ein unwilliges Knurren entrang sich seiner Kehle, und er runzelte ablehnend die Stirn.

„Jess, bitte.“ Die Frau sah ihn energisch an. Cale konnte seine Überraschung nicht verbergen, als er hörte, dass der Mann den gleichen Namen trug. Dies war jedoch recht üblich in der Gegend und nichts Außergewöhnliches, trotzdem verdeutlichte es erneut die Absurdität der Situation.

Widerwillig sah ihn der Fischer an. Es war unverkennbar, wie er mit sich kämpfte, bevor er sprach: „Ist es möglich, ihn zu sehen?“

Cale hatte mit solch einem Ansinnen gerechnet, trotzdem war er ehrlich verblüfft. Das Gesicht der Frau war wieder flehentlich auf ihn gerichtet. Unruhig knetete sie ihre Finger, die sie zögernd von der Hand ihres Mannes gelöst hatte. Ihre Lippen formten stumm, aber voller Leidenschaft eine Bitte, die er auch ungehört vernahm. Ihr Mann stand unbeugsam neben ihr. Seine Frage war zwar unwillig erfolgt, doch hatte sie die gleiche Sehnsucht zum Inhalt. Cale schluckte schwer.

„Ich denke, das ist in seinem momentanen Zustand keine gute Idee.“ Cale schüttelte bedauernd den Kopf und biss sich auf die Lippen. Was sollte er ihnen denn anderes sagen? Ihr Wunsch war verständlich, aber seine Erfüllung nicht möglich. Aufatmend verfolgte er, wie die beiden sich verlegen von ihm verabschiedeten und dann langsam, Hand in Hand, über den Strand zu ihrer Hütte zurückkehrten. Cale nahm sich vor, Jess bei seinem nächsten Besuch von der Begegnung zu berichten. Sollte Jess selbst entscheiden, schließlich war es seine Vergangenheit, die ihn einholte.

*

Während sich die Sonne erst langsam aus ihrem nassen Bett hinter dem Horizont erhob, betrat Cale voller Neugier die Kapitänskajüte. Zu seiner Überraschung saß Jess schon auf der Kante seiner Koje, während Hong konzentriert seine Wunde untersuchte.

Jess lächelte ihm entgegen und wartete geduldig, bis Hong einen frischen Verband um seinen Bauch geschlungen hatte. Er wirkte völlig entspannt, und nichts erinnerte mehr an die schwere Verwundung vor ein paar Tagen. Es war nicht das erste Mal, dass Cale Zeuge der wundersamen Heilung von Jess Morgan wurde, aber immer wieder versetzte ihn diese Art der Zauberei in Erstaunen. Manchmal hatte es sogar etwas Beängstigendes an sich, und Cale fragte sich, welchen Preis sein Freund für diese Gabe bereits gezahlt hatte und noch zahlen würde. Er musste an die gestrige Begegnung denken und wollte gerade Jess davon berichten, als dieser unvermittelt aufkeuchte und mühsam nach Luft rang. Cale wollte zu ihm stürzen, doch der kleine Chinese hielt ihn mit einem entschiedenen Kopfschütteln zurück.

„Schick … sie … weg. Sofort!“ Jess presste die Worte gequält hervor und griff sich krampfhaft an sein Herz. Seine Augen weiteten sich für einen winzigen Moment in Fassungslosigkeit und richteten sich hilfesuchend auf Cale, der ihn besorgt ansah. Er konnte nicht begreifen, was hier gerade geschah und sah irritiert zu Hong, der seine Hand beruhigend auf die Schulter seines Captains legte.

„Du musst dich ihnen stellen, Jess. Es hält den Genesungsprozess auf.“

Cale konnte nur verständnislos zwischen dem Chinesen und Jess hin und her starren. Der Atem seines Freundes normalisierte sich wieder und die ungewohnte Panik, die für einen winzigen Bruchteil von ihm Besitz ergriffen hatte, schien Jess wieder losgelassen zu haben. Trotzdem wirkte er seltsam verwirrt und unruhig und war damit nicht der Einzige im Raum, wie Cale sich im Stillen eingestand.

„Schick sie fort, Cale!“ Die Stimme von Jess hatte ihre übliche Festigkeit zurückgewonnen. Mit dunkel umwölkten Augen sah er auf seinen Ersten Maat.

„Die Fischer stehen wieder vor dem Schiff.“ Hong setzte ungeduldig zu einer Erklärung an. „Die Strömungen der beiden, insbesondere die der Frau, verursachen in Jess offenbar eine Art körperlicher Schmerzen.“ Der Chinese richtete sich auf und warf seinem Patienten einen mürrischen Blick zu, den dieser in seiner üblichen Art ignorierte, und Hong ein unwilliges Brummen entlockte. Sorgfältig sammelte er seine Sachen ein und ordnete sie in eine lederne Tasche, die er immer gewissenhaft hütete und niemanden sonst aushändigte.

„Sie wollen dich sehen, Jess.“ Cale überlegte einen Moment, bevor er fortfuhr und von seiner Begegnung mit ihnen erzählte.

Jess schüttelte entschieden den Kopf und ließ sich zurück auf seine Koje sinken. Er wirkte von einem Augenblick zum anderen vollkommen erschöpft.

„Ich kann ihre Qualen spüren.“ Jess schloss seine Augen und holte tief Luft, bevor er fortfuhr. „Sie treffen mich mit ihren Gefühlen, ihrem Schmerz bis – in mein Herz.“ Seine Augen öffneten sich und starrten dumpf an die Decke.

„Von dessen Existenz du bis heute nichts gewusst hast, nicht wahr?“ Hong konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, wurde jedoch sofort wieder ernst.

„Es tut mir leid, aber irgendetwas in dir ist offensichtlich stärker verletzt worden als uns bewusst ist. Du solltest mit ihnen reden.“

„Was soll das, Hong? Meinst du wirklich, dass sie Einzelheiten über das Leben ihres Sohnes wissen wollen, der nichts anderes als ein mordender Pirat geworden ist? Dass dies der Fall ist, habe ich ihnen bei unserer Landung ja deutlich vor Augen geführt.“

Hong knurrte laut und vernehmlich und seine dunklen Augen blitzten seinen Captain voll unnachgiebiger Wut an. Er haderte kurz mit sich, doch dann ließ er seine geballte Wut heraus.

„Als ich in die Sklaverei verkauft wurde, zwang man mich, meine Frau und meine beiden Töchter zurückzulassen. Ich weiß nicht, an wen sie verkauft wurden und was aus ihnen geworden ist. Aber …“ Hong holte tief Luft und rang um seine Fassung, „… aber ich würde alles dafür geben, sie noch einmal zu sehen, alles!“ Er sah bleich und vor Wut zitternd auf die beiden Männer und wandte sich dann wieder an Jess. „Sprich mit ihnen, bevor wir das Dorf verlassen. Sie können nichts dafür, was aus dir geworden ist, genauso wenig, wie du selbst. – Tu ihnen das nicht an.“ Mit einer unruhigen Geste wischte sich Hong durch das Gesicht und verließ übertrieben hastig und voller unterdrückter Gefühle den Raum.

Jess Morgan sah ihm mit nachdenklicher Miene hinterher. Er ließ die Empfindungen von Wut und schmerzhaften Erinnerungen zurück. Hong würde niemals mehr die Gelegenheit erhalten, seine Familie noch einmal zu sehen. Ihm hatte man diese Möglichkeit förmlich vor die Füße geworfen. Aus welchem Grund auch immer konnte er jetzt einen Teil seiner Vergangenheit kennenlernen. Es waren seine Eltern. Das konnte Jess nicht nur sehen, das spürte er auch umso deutlicher, da die Strömungen von einer Gewaltigkeit waren, die sonst nur der Natur innewohnte. Es erinnerte ihn an die unerbittlichen Strömungen der Gezeiten. Keine Macht der Welt konnte das Wasser davon abhalten, sich dem unergründlichen Rhythmus der Natur zu unterwerfen. Die Strömungen der beiden waren faszinierend und doch quälten sie ihn; sie waren verlockend und doch ängstigten sie ihn.

Er wollte ihnen nachgeben, doch fürchtete er damit eine Niederlage.

Er wollte vor ihnen flüchten, doch fürchtete er damit einen Verlust.

Jess lag in der Koje und starrte aufgewühlt an die Decke. Seine Hand tastete nach der Wand der Kajüte, und er empfing erleichtert die klaren Linien der Monsoon Treasure in seinen reizüberfluteten Empfindungen.

Ruhig schob sie sich die Treasure zwischen den Wirrwarr in seinem Inneren und erklärte die Niederlage zum Sieg.

Jede Welle, die gegen ihren Rumpf schlug, gab sie an Jess Morgan weiter. Eine Welle folgte der anderen in gleichbleibender Beharrlichkeit und doch glich keine der anderen, so wie kein Tag und keine Begegnung der anderen glichen. Alles brachte neue Erfahrungen mit sich, neue Möglichkeiten, und Jess traf eine Entscheidung.

Langsam löste er seine Hand und brauchte einen Moment, um zu bemerken, dass Cale immer noch geduldig in seiner Kajüte stand. Er räusperte sich verlegen, bevor er sich zögerlich an seinen Freund wandte: „Sag ihnen, dass ich sie aufsuchen werde, bevor wir das Dorf verlassen.“

*

Es hatte zwei weitere lange Tage gedauert, bis die Monsoon Treasure endlich wieder vollständig hergestellt war. Jess kämpfte mit seiner Ungeduld. Durch die schleppend vorangegangene Reparatur verzögerte sich die Heilung der Wunde. Missmutig musste Jess sich damit abfinden, dass er zwar bereits alleine die Kajüte verlassen konnte, aber doch noch recht schnell ermüdete.

Heute früh hatte ihm sein Schiffszimmermann Patrick McPherson endlich mitgeteilt, dass sie die Reparaturarbeiten an der Treasure abgeschlossen hatten. Anschließend hatten sie den Dreimaster mit Hilfe der Fischer wieder ins Wasser geschleppt. Dem Verlassen der Insel stand damit nichts mehr im Wege. Unglückseligerweise war Hong dabei gewesen und hatte Jess nochmals unmissverständlich darauf hingewiesen, dass er den Fischern ein Versprechen gegeben hatte. Jess wunderte sich über sich selbst. Jetzt saß er hier in seiner Kajüte und schob diese Begegnung vor sich her. Ihm war nicht ganz klar, warum er sich damit so schwer tat, schließlich konnten ihm die beiden völlig gleichgültig sein. Aber zu seinem Erstaunen waren sie ihm nicht so gleichgültig, wie er es sich gewünscht hätte. Das kurze Aufblitzen der Bilder aus vergangenen Tagen war nicht zurückgekehrt; die vermeintlichen Erinnerungen verblasst, und doch hatte er das unsinnige Gefühl, ihnen etwas schuldig zu sein. Jess schnaubte ärgerlich, er wollte diesen Ort und diese Menschen so schnell wie möglich verlassen. Die Strömungen seiner Eltern waren unerträglich und erfüllten ihn mit ungeahnten Empfindungen. Jess atmete tief ein und erhob sich, um sich endlich diesen Menschen zu stellen.

*

Cale sah überrascht von seinem Gespräch mit Jintel auf, als Jess Morgan das Deck betrat und für einen Moment vor dem Schott verharrte, um die frische Luft in seine Lungen zu saugen. Als er den Blick seines Freundes bemerkte, ging er trotz einer leichten Schwerfälligkeit gelassen auf ihn zu.

„Ich werde jetzt zu den Fischern gehen. Wenn ich wieder zurück bin, werden wir auslaufen. Lass alles klar machen.“

Cale bemerkte die ungewöhnliche Unsicherheit in der Stimme seines Freundes, beschloss aber nicht darauf einzugehen.

„Aye, Sir. – Und viel Erfolg, Captain.“

Der innere Kampf, der in Jess tobte, war deutlich zu sehen, als er in das Beiboot abenterte und sich von Finnegan an den Strand rudern ließ. Cale hatte Jintel neben sich völlig vergessen und verfolgte mit seinen Blicken, wie Jess aus dem Boot stieg und dann mit schweren Schritten über den Strand auf die Hütte seiner Eltern zuging. Nur wer ihn genau kannte, konnte bemerken, dass seine Bewegungen leicht verkrampft wirkten. Jeder einzelne Schritt kostete ihn übermenschliche Überwindung. Es war offensichtlich, dass Jess am liebsten umgekehrt wäre, um ohne viel Aufhebens die Insel zu verlassen. Cale erinnerte sich an die Worte von Hong, der vermutetet hatte, dass hier eine viel tiefere Verletzung entstanden war, als ersichtlich. In all den Jahren hatte er seinen Captain nicht in solch einem verwirrten Zustand erlebt, und dies gab ihm ein wenig zu denken. Ausgerechnet jetzt, wo sie sich dazu entschlossen hatten, sich von den Waidami zu trennen, konnten sie es sich nicht leisten, dass sich die Entscheidungen von Jess Morgan durch Gefühle beeinflussen ließen.

„Cale? Hörst du mir überhaupt noch zu?“ Die Stimme von Jintel riss Cale aus seinen Überlegungen, und er bemerkte, dass er immer noch Jess hinterher starrte, der inzwischen die halbe Distanz zur Hütte geschafft hatte. Als sich die Tür der Hütte öffnete und die Frau des Fischers heraustrat, konnte Cale nicht anders, als Jintel mit einer unwirschen Geste zum Verstummen zu bringen und das Geschehen weiter gebannt zu verfolgen.

Als Jess die Frau erblickte, die ihm mit großen Augen entgegensah, blieb er abrupt stehen. Cale konnte sehen, wie er seinen Körper streckte, so wie er es oft tat, bevor er sich in einen Kampf stürzte, und dann entschlossen weiterging. Die Frau blickte ihn nur stumm an und trat dann einen Schritt zur Seite, um Jess Morgan an sich vorbei in das Innere der Hütte treten zu lassen.

Sie folgte ihm, schloss die schmucklose Tür hinter sich und sperrte den enttäuschten Beobachter sanft, aber bestimmt aus dem weiteren Geschehen aus.

*

Jess stockte für einen Moment, als die Frau aus der Tür trat. Sie sah ihn stumm an, und er hatte den Eindruck, gegen eine verzweifelte Fülle von überwältigenden Gefühlen angehen zu müssen. Ihre Strömungen schrien ihm bereits die ganze Zeit, selbst über die Entfernung zwischen Hütte und Schiff, entgegen. Aus der unmittelbaren Nähe schnürten sie ihm den Atem ab und bedrängten ihn auf eine Weise, die ihm unheimlich war. Doch die Frau sagte kein Wort. Diesmal schien sie auch nicht in Tränen ausbrechen zu wollen. Als er weiter auf sie zuging, wich sie ein wenig zur Seite und ließ ihn vorbei, um in das Innere der Hütte treten zu können.

Als er an ihr vorbeigeschritten war, schloss sie leise die Tür.

„Willkommen“, sagte sie schlicht und deutete auf einen einfachen Tisch, der in der Nähe der Feuerstelle aufgestellt war.

Jess ließ seinen Blick durch die Hütte wandern, die überraschend geräumig und großzügig ausgestattet war. Die Feuerstelle bestand aus einem ordentlich gemauerten Kamin, in dem ein kleines Feuer unter einem Topf brannte. Sein Vater lehnte lässig mit verschränkten Armen daneben und betrachtete ihn abwartend. Jess nickte ihm zu und entdeckte ein Stück weiter den gewundenen Absatz einer breiten Treppe, die in das obere Stockwerk führte.

Sie scheinen keine armen Fischer zu sein, dachte er anerkennend, als er zwei Türen entdeckte, die in weitere Räume führten. Alles war sauber und ordentlich und an den Wänden standen verzierte Schränke, die sogar mit einigen Gegenständen geschmückt waren.

„Danke.“ Jess setze sich auf einen dargebotenen Stuhl und fragte sich, wie sich diese unangenehme Situation wohl weiter entwickeln würde.

„Wir danken dir, dass du uns tatsächlich aufsuchst, bevor du mit deinen Männern die Insel verlässt.“ Sein Vater hatte eine wohltönende und dunkle Stimme. Jess sah offen in das von Wind und Wetter gezeichnete Gesicht.

„Ich habe für die Hilfe bei der Reparatur der Monsoon Treasure zu danken. Ohne die Hilfe eurer Fischer wären wir nicht so schnell fertig geworden.“ Dankend nahm er einen hölzernen Becher entgegen, in dem ein leichter Gewürzwein funkelte, und tat einen kurzen Schluck daraus.

„Kannst du dich an uns erinnern?“ Die helle Stimme der Frau ließ Jess seine Aufmerksamkeit wieder ihr zuwenden. Sie hatte leise gesprochen und doch schlug die Gewichtigkeit der Frage wie eine Kanonenkugel ein. Seine Augen suchten ihre, die ihn umschlangen und in einer Art fesselten, die ihm unangenehm war.

„Nein!“ Jess schüttelte den Kopf und beobachtete, wie ihre Hände den Krug, den sie umklammerten, noch fester packten und an ihren Körper pressten. „Ich habe nur Erinnerungen ab dem Zeitpunkt, an dem ich Captain der Monsoon Treasure geworden bin. – Und das ist fünfzehn Jahre her.“

„Das kann nicht sein, dann wärst du mit zehn Jahren Kapitän geworden.“ Erregt griff sein Vater nach einem Stuhl, zog ihn zu sich heran und setzte sich darauf.

„Es kann sein, denn ich bin ein Kapitän der Waidami.“ Jess spie beinahe jedes Wort hervor und zog sein Hemd mit beiden Händen leicht auseinander. Der Fischer und seine Frau starrten ungläubig auf die Tätowierung. Die Frau murmelte leise vor sich hin und bekreuzigte sich dann langsam.

„Das erklärt also auch, warum du diese Verletzung überlebt hast und so schnell wieder gesund geworden bist. Zudem siehst du aus, als wärest du gute zehn Jahre älter.“ Sein Vater betrachtete ihn ruhig. „Du bist die Schöpfung ihrer heidnischen Seher und führst blind ihre Befehle aus, nicht wahr?“

„Ein Menschenleben bedeutet mir nichts, wenn du das wissen möchtest. Schließlich seid ihr selbst Zeuge davon geworden.“ Jess beugte sich leicht zu dem Fischer hinüber und starrte ihn provozierend an.

„Ein Menschenleben muss dir etwas bedeuten, denn sonst wärst du nicht hier, oder?“ Wieder drängte sich die Stimme der Frau dazwischen und sie sah ihn flehentlich an. „Du bist hier, weil wir förmlich darum gebettelt haben, dich zu sehen. - Warum sollte ein gemeiner Pirat sonst ein paar Fischer aufsuchen?“

Jess seufzte und schüttelte den Kopf. Langsam schob er den Stuhl zurück und erhob sich.

„Ich denke, es ist besser, wenn ich wieder gehe.“ Ohne einen weiteren Blick auf die enttäuschten Gesichter zu werfen, ging er auf die Tür zu und öffnete sie. Dankbar fühlte er die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht und den erfrischenden Wind auf der Haut, als er aus der Hütte trat.

„Jess!“ Die Stimme war nur ein Hauch und doch besaß sie eine Kraft, dass sich Jess Morgan nach ihr umdrehte. Die Frau trat auf ihn zu und hob ihre Arme, um ihn zu umarmen, hielt dann aber in dem Bewusstsein der Unmöglichkeit ihres Vorhabens inne.

„Werden wir dich jemals wiedersehen?“

„Wozu sollte das gut sein?“ Jess schüttelte hart den Kopf und blickte distanziert zu ihr herab. Er erkannte, dass sie fast einen ganzen Kopf kleiner als er war, als sie dicht vor ihn trat. Sie sah ihn einfach nur an. Kein Wort drang mehr über ihre Lippen, keine Regung stand in ihre schönen Augen geschrieben und doch brach ihre verzweifelte Sehnsucht über Jess Morgan herein und bezwang ihn. Sehnsucht und Verzweiflung waren ihm schon unzählige Male begegnet, doch die Erkenntnis, dass diese Gefühle allein und bedingungslos ihm galten, zwang ihn in die Knie. Erstaunt spürte er, wie Mitgefühl sich in ihm regte, und er hielt ihr in einer schlichten Geste seine Hand entgegen.

Seine Mutter ergriff sie und presste sie kurz und hingebungsvoll an ihre Wange. Ihre Berührung war leicht wie ein Hauch und doch brachte sie voller Kraft eine Wärme mit sich, die in Jess drang und ihn für einen Moment durchströmte. Als sie seine Hand aus ihren Fingern gleiten ließ, trat sie einen Schritt zurück und blieb vor der breiten Brust ihres Mannes stehen, der unbemerkt dazu getreten war.

„Leb wohl.“ Ihre Stimme war mit neuer Kraft gefüllt, als sie nach den Händen des Fischers griff und diese wie einen schützenden Umhang um sich zog.

„Du sollst wissen, dass du jederzeit willkommen bist, wenn du in Frieden hierher kommst.“ Sein Vater sah Jess an und nickte ihm anerkennend zu.

„Lebt wohl.“ Jess wandte sich ab und ging den Strand hinab.

Seine Stiefel hinterließen flache Abdrücke im trockenen Sand, die der Wind bald davon geweht haben würde, aber die Spuren dieser Begegnung verewigten sich für immer und hinterließen Abdrücke, deren Ausmaße nicht vorhersehbar waren.

*

Als Jess aus der Hütte trat, richtete sich Cale aufgeregt auf. Seit Jess in das Haus gegangen war, hatte er gewartet, sich auf der Reling abgestützt und Vermutungen darüber angestellt, was darin wohl geschehen würde. Die fast rührselige Abschiedsszene rief Unglauben in ihm hervor, und Cale hatte Mühe, sich darauf zu konzentrieren, die Befehle zum Auslaufen zu geben.

„Er wird nicht mehr derselbe sein.“ Hongs düstere Worte ließen Cale herumfahren, und er sah den Chinesen verständnislos an.

„Was meinst du?“

„Captain Jess Morgan ändert sich. – Das meine ich.“ Die dunklen Augen schienen erfüllt von heimlichem Wissen und verfolgten regungslos, wie Jess sich dem Beiboot näherte, vor dem Finnegan geduldig wartend im Sand saß. „Du wirst sehen, wir lösen uns nicht nur von den Waidami, sondern auch von unserer alten Lebensweise.“ Seine Augen richteten sich bedeutungsvoll auf Cale und der Chinese nickte ihm ernsthaft zu.

Cale legte die Stirn in Falten und rief Jintel Befehle zu, damit dieser alles zum Auslaufen klarmachte. Das Boot glitt unter den kräftigen Ruderschlägen von Finnegan schnell näher, und Jess enterte müde das Fallreep hinauf. Der Erste Maat sah mit Besorgnis, dass die Miene seines Freundes von neuen Erfahrungen gezeichnet war, als er die Planken der Treasure betrat.

„Kurs Changuinola, Cale. – Es wird endlich Zeit, unseren alten Kurs wieder aufzunehmen.“

Seher

„Ich werde ab sofort deine Ausbildung zum Seher übernehmen. Du wirst hier eine der Höhlen beziehen.“

Bairani stand in seiner Höhle und betrachtete Torek, wie dessen blassblaue Augen sich weiteten und seine Kinnlade herabfiel. Der leicht geöffnete Mund, der viel zu groß für das Gesicht wirkte, verlieh dem Jungen einen dummen Ausdruck. Der Seher lächelte still in sich hinein. Dumm war der Junge wirklich nicht. Dies war eine ungewöhnliche Gelegenheit für Torek, der aufgrund seiner schlaksigen und unbeholfenen Gestalt von den anderen Jungen des Dorfes verlacht wurde. Er würde diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen und schnell lernen, seine neue Position für sich zu nutzen. Bairani genoss den Gedanken, den Jungen formen zu können.

„Ich möchte aber erst, dass du mir deine Visionen zeigst. Komm her zu mir, mein Junge.“ Bairani hob fordernd die Hand, um sie Torek zwischen die Augen zu legen. Sobald seine Finger die leicht schwitzige Haut berührten, wurde er von einem gewaltigen Strom von Bildern bedrängt. Sie stürzten unkontrolliert wie eine Lawine auf ihn herein, die sich an den Hängen des Vulkans löste und ungebremst in die Ebene polterte. Der Oberste Seher atmete tief durch und konzentrierte sich darauf, eine leichte Barriere zu bauen, um dahinter die Visionen zurückzuhalten. Dann erschuf er einen kleinen Durchgang, durch den er jedes Bild einzeln passieren ließ. Überwältigt betrachtete er die nicht endenwollende Flut. Was er da sah, übertraf seine größten Erwartungen, der Junge sammelte offensichtlich die Visionen sämtlicher Seher in sich. Nie zuvor hatte er so etwas gesehen. Er sah Bilder aus der Vergangenheit, die für ihn zum gegenwärtigen Zeitpunkt völlig uninteressant waren. Gefolgt wurden diese von Geschehnissen, die jetzt stattfanden, und Bairani sah schon etwas genauer hin. Aber auch an diesen Bildern verlor er bald das Interesse. Dann endlich kamen Bilder aus der Zukunft. Eines zeigte Torek in der Kleidung der Seher, wie er neben ihm selbst stand und die anderen Seher sich vor ihnen verneigten. Ein Strudel von Bildern folgte, und Bairani erstarrte erschrocken. Es war einfach unbeschreiblich. Dieser Junge schaffte, was sonst keinem gelang. Visionen von anderen Sehern waren bisher keinem möglich gewesen, da sie viel zu viele andere Bilder mit sich brachten. Doch für Torek schien es kein Problem darzustellen. Stattdessen wurden diese Bilder von einem plötzlichen Machtgefühl begleitet, das Torek wie ein Fluss durchströmte, dessen Quelle gerade erst entdeckt worden war. Bairani musterte den Jungen genauer, und der merkwürdige Glanz, der in dessen Augen getreten war, bestätigte seine Vermutung, dass Torek nur zu gerne zu einem treuen Anhänger von ihm werden würde.

Eine gewaltige Vision drängte Bairanis Gedanken beiseite und er widerstand nur mühsam dem Impuls, davor zurückzuweichen. Er sah sich unter dem großen Felsenbogen stehen, der in die Höhlen führte. Sein Blick war auf jemand oder etwas vor ihm gerichtet, als plötzlich Jess Morgan am Rande der Szene auftauchte. Er schleuderte etwas nach ihm und brach dann zusammen. Bairani wollte erst jubeln, als er sah, wie er sich selbst an den Hals griff und mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden stürzte. Mit einer panischen Bewegung riss er überrascht die Hand von Toreks Stirn. Das Bild war fort, doch hatte es etwas zurückgelassen, mit dem der Oberste Seher für den Moment vollkommen überfordert war. Er ignorierte die zusammensinkende Gestalt Toreks. Sein Herz raste und Bairani schluckte schwer. Nachdenklich betrachtete er Torek, der sich mühsam aufrichtete. Sein Mund war völlig ausgetrocknet. Zitternd griff Bairani nach einem Becher, der in einer Nische in der Wand stand. Gierig trank er und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Konnte es möglich sein, dass … Nein, keine Vision war endgültig, es gab immer wieder Möglichkeiten, dass sich alles änderte.

Torek war inzwischen wieder ganz auf die Beine gekommen und lehnte schweratmend an der Höhlenwand. Er hielt seine Augen geschlossen und war blass geworden.

„Hol jetzt deine Sachen, Torek. – Und kein Wort zu irgendjemand über deine Visionen, hörst du?“ Bairani hielt den Jungen am Arm fest, als er an ihm vorbeigehen wollte und sah ihm beschwörend ins Gesicht. „Lass niemanden in deine Visionen blicken außer mir. Du hast eine so große Gabe, wie leicht würde jemand diese für sich nutzen wollen. Jeder wird auf dich eifersüchtig sein, wenn er erst erfährt, was du wirklich kannst.“ Er schüttelte bedauernd den Kopf. „Selbst ein Mann wie Tamaka gab dem Gefühl des Neides nach und tötete den armen Ronam und seine unschuldige Tochter. Sei also auf der Hut - selbst vor deinen Eltern.“

Torek sah ihn verständnislos an und nickte verwirrt, bevor er die Höhle verließ. Der Oberste Seher sah ihm hinterher. Wenn der Junge lernte, mit diesen Visionen umzugehen, dann war er davon überzeugt, dass er sie auch ganz gezielt heraufbeschwören konnte. Er würde alle anderen Seher ersetzen können, zumindest die, die langsam begannen, lästig zu werden. Schon länger regte sich unterschwelliger Widerstand bei einigen Sehern, die nicht damit einverstanden waren, dass er immer mehr Schiffe bauen ließ und sie fortschickte, um andere Handelsfahrer zu überfallen. Ronam war der Schlimmste gewesen, der ihn noch vor der letzten Sichtungszeremonie unbedingt zur Rede hatte stellen müssen. Doch er war kein Problem mehr, dachte er mit grimmigem Lächeln.

Bairani kam ein plötzlicher Gedanke, und er ging zu einer mit einem schweren roten Vorhang abgetrennten Nische auf der anderen Seite der Höhle. Entschieden schob er den Vorhang zur Seite und betrachtete die gigantische Truhe, die dahinter verborgen stand. Ihre Wände waren aus Stein gemeißelt und lediglich der Deckel bestand aus einem dunkel glänzenden Holz, in dessen Mitte das Abbild eines Vulkans mit großer Kunstfertigkeit geschnitzt worden war. Bairani fixierte misstrauisch die Truhe, die er niemals zuvor geöffnet hatte. Einen Moment stand er so völlig unbewegt da, bis er sich einen Ruck gab und mit beiden Händen den schweren Deckel öffnete. Die Truhe war seit ewigen Zeiten nicht mehr geöffnet worden, trotzdem war nicht das kleinste Geräusch zu hören, als sich der Deckel bewegte. Bairani atmete angestrengt und besah sich den Inhalt. Eine Vielzahl von Pergamentrollen kam zum Vorschein, doch sein Blick wurde von einer einzelnen Rolle wie magisch angezogen. Sie war vergilbt. Das Band, das sie zusammenhielt, war ausgeblichen und erinnerte nur noch schwach an die einstmals wohl intensive rote Farbe. Bairani leckte sich über die Lippen und griff voller Ehrfurcht in die Truhe, um das Pergament an sich zu nehmen.

*

Torek lief den Hang hinunter als könnte er fliegen. Die Erschöpfung war wie fortgeblasen. Sein Lauf wurde von dem unglaublichen Gefühl beflügelt, von Bairani zu seinem Schüler gemacht worden zu sein. Bairani wollte ihn unterrichten!

Torek sprang, rannte und jubelte innerlich, denn er wagte nicht laut zu jubeln, aus Angst, gehört zu werden.

Er sei etwas ganz Besonderes, hatte der Oberste Seher gesagt. Seine Mutter würde so stolz auf ihn sein.

Der Junge stoppte unvermittelt seinen Lauf, als er die schlanke Gestalt von Recam erkannte, der ihm mit Longin und Furbin entgegenkam. Er schluckte nervös und vergaß seine Euphorie mit einem Schlag. Sie hatten ihn entdeckt und das bedeutete in der Regel nichts Gutes. Schon verzog sich das markante Gesicht des großen Jungen zu einem freudigen Lächeln, als er ihn sah. Er stieß mit den Ellbogen Furbin an, der ihn im gleichen Moment entdeckte, aber reaktionsschnell mit einer beiläufigen Bewegung den Arm seines Freundes aufhielt.

Geh weiter! Lass dich bloß nicht einschüchtern. Es war sowieso zu spät, wenn sie ihn erst einmal gesehen hatten.

Langsam ging Torek weiter. Hinter den Jungen konnte er schon das Dorf sehen, vielleicht kam er ja doch noch an ihnen vorbei. Longin drehte sich um, um ebenfalls zum Dorf zu blicken. Seine schulterlangen Haare flogen durch die Geschmeidigkeit seiner Bewegung um seinen Kopf wie schwarze Federn.

Torek prüfte, ob sie weit genug weg waren, um kein Aufsehen zu erregen. Er nagte nervös an seiner Unterlippe, während er zögerlich weiterging.

Als sie kurz darauf aufeinandertrafen, versperrten sie ihm wie erwartet den Weg und schauten ihn herablassend an.

„So allein in den Höhlen gewesen, Kleiner? Darfst du das denn schon?“ Recam sah ihn hinterhältig an und richtete seinen beeindruckend breiten Oberkörper kerzengerade auf, um noch größer zu erscheinen.

„Ein Seher darf gehen, wohin er will!“, antwortete er leise und zog den Kopf eingeschüchtert zwischen die Schultern, als Recam belustigt auflachte.

„Ein Seher, habt ihr das gehört?“ Longin hielt sich den Bauch vor Lachen, und seine mädchenhaft feinen Gesichtszüge verzogen sich zu einer komischen Grimasse.

Furbin stimmte in das Lachen seiner Freunde nicht mit ein, sondern hob in gespieltem Misstrauen eine Augenbraue.

„Wenn du ein Seher bist, hast du bestimmt auch das Schlammbad gesehen, das du gleich nehmen wirst?“

Toreks Herzschlag setzte für einen Augenblick aus, und er wich zurück, während das Lachen von Recam und Longin immer lauter wurde. Er wehrte sich nicht, als sie ihn an den Armen packten und unter lautem Johlen mit sich zerrten. Seine Wangen brannten vor Scham, aber es hatte einfach keinen Zweck. Sie waren ihm an Körpergröße und Kraft weit überlegen, auch wenn sie genauso alt wie er waren. Es amüsierte sie nur noch mehr, wenn er seine lächerlichen Versuche unternahm, ihnen zu entkommen.

Sie schleppten ihn nicht lange durch den Dschungel, sondern blieben schon bald am Rande einer schlammigen Pfütze stehen, die die lang zurückliegenden Regenfälle bis jetzt überdauert hatte.

„Möchte der Seher uns noch irgendetwas sagen?“ Recam schob sich vor ihn und grinste, als Torek den Kopf leicht hob, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

Ein Bild von eindringlicher Klarheit schob sich plötzlich in Toreks Kopf. Recam, wie er als Wächter der Seher gekleidet und um einige Jahre älter mit einer tödlichen Wunde im Bauch zusammenbrach.

Diese Vision schleuderte das Hochgefühl, das ihn begleitet hatte, bis er den Jungen begegnet war, um ein Vielfaches intensiver zurück und vertrieb die Erniedrigung. Torek straffte seine Schultern und reckte trotzig sein Kinn. Er konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, als er das Erstaunen in den Gesichtern der anderen sah.

„Ja, ich möchte dir etwas sagen, Recam, denn ich habe deinen Tod gesehen. Vielleicht möchtest du wissen, wie du sterben wirst?“

Die Selbstsicherheit Recams zerbröckelte von einem Wimpernschlag auf den anderen, und er wurde blass. Furbin packte Torek nach einer Schrecksekunde schmerzhaft am Arm und stieß ihn, gröber als sonst, in den Schlamm. Torek versuchte mit ein paar stolpernden Schritten, den Sturz aufzuhalten, fiel aber laut klatschend in den Dreck.

Es war ihm egal! Ein irres Lachen drang aus seinem Mund, das ihn selbst überraschte und völlig fremd klang. Diesmal lachte er! Torek drehte sich gelassen um und setzte sich mit ausgestreckten Beinen in den Schlamm.

Recam und die anderen standen immer noch am Rand der Pfütze und sahen ihn völlig entsetzt an.

„Du bist ja wahnsinnig!“ Longin spie ihm die Worte wütend entgegen und ging langsam rückwärts.

„Das mag sein, aber er ist in wenigen Jahren tot, der große Krieger!“ Torek lachte nun, dass ihm die Tränen aus den Augen quollen. Mit Genugtuung verfolgte er, wie Longin und Furbin den erstarrten Recam an der Schulter packten und eilig mit sich in den Dschungel zogen.

„Nur noch wenige Jahre, Recam. Und du wirst bei dem jämmerlichen Versuch sterben, ein paar Seher zu retten!“ Das Lachen schüttelte inzwischen seinen ganzen Körper. Torek atmete mehrmals tief durch, um sich zu beruhigen.

Sie werden mich nicht nochmal quälen, dachte er und stand auf. Den Schlamm wischte er dabei so gut es ging von seiner Kleidung. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich stark. Nachdenklich betrachtete er seine schmalen Hände, die an viel zu langen und viel zu dünnen Armen saßen. Seine Stärke war unübersehbar nicht körperlicher Art, aber immerhin so mächtig, dass ein Mann wie der Oberste Seher großes Interesse daran zeigte. Denn, dass das Interesse über das normale Maß an einem Schüler hinausging, hatte er sehr wohl bemerkt, als er gerade bei Bairani gewesen war. Und das würde er für sich nutzen.

Torek stieg mit neu erwachtem Stolz aus der Pfütze heraus. Er setzte seinen Weg laut jubelnd fort, denn diesmal durfte ihn jeder hören.

*

Nolani schaute verwundert auf, als sie aus der Hütte trat, um ihrem Mann und Durvin zwei Becher mit Batava zu bringen. Lautes Singen schallte den Weg herab. Es war unzweifelhaft die Stimme ihres Sohnes.

„Was ist denn mit Torek?“ Der Seher runzelte leicht die hohe Stirn und sprach damit laut aus, was auch Nolani durch den Kopf ging. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn je so ausgelassen singen gehört zu haben.

Shemar schaute schweigend in die Richtung des Gesangs, aus der sich sein Sohn mit weitausgreifenden Schritten rasch näherte.

„Vielleicht hat er gute Neuigkeiten. Bairani hat heute Morgen nach ihm geschickt.“ Er sprach ruhig, trotzdem veranlasste Durvin ein merkwürdiger Unterton darin, erst Shemar und dann Nolani mit einem langen Blick zu betrachten.

„Er ist ja voller Schlamm!“ Nolani riss erstaunt die Augen auf und ging Torek einige Schritte entgegen. „Was ist passiert, Torek? Bist du wieder Recam und seinen Freunden begegnet?“ Sie machte eine Pause, in der sie Luft holte, um ihre Tiraden fortsetzen zu können. „Ich verstehe das wirklich nicht, ihr vier seid doch zusammen aufgewachsen.“ Nolani stemmte die Fäuste in ihre stämmigen Hüften und ignorierte, dass Toreks Miene sich abrupt verdunkelte und er seinen Gesang einstellte. Er zog seinen Kopf leicht ein, und seine blassen Augen wanderten von einem zum anderen.

„Hallo, Durvin.“

„Torek!“ Durvin lächelte den Jungen freundlich an, und auch sein Vater schenkte ihm ein Lächeln, in dem jedoch auch unverkennbar gutmütiger Spott saß.

„Wie kommst du zu einem Schlammbad, mein Junge?“

Nolani presste vor Ärger die Lippen fest aufeinander. Natürlich fanden beide Männer es wieder höchst amüsant, dass Torek mit den anderen aneinandergeraten war. Ihr Mann vertrat sowieso die Meinung, dass Torek zu weich war und noch lernen musste, sich durchzusetzen. Nolani verdrehte innerlich die Augen und warf einen Blick auf Shemar, der nun mit vor der Brust verschränkten Armen seinen Sohn betrachtete. Er war jetzt fünfzig Jahre alt. Langsam schlich sich das Alter herbei und hinterließ seine noch unauffälligen Spuren auf seinem Körper und in seinem Gesicht. Seine Figur war immer noch stattlich, und er war voller Hingabe und Stolz ein Wächter der Seher, wie er es auch bereits als junger Mann gewesen war.

Die Stimme ihres Sohnes riss sie aus ihren Gedanken, und sie sah wieder zu ihm, als er erst stockend und mit offensichtlicher Scham von der Begegnung berichtete. Doch dann änderte sich schlagartig etwas in seiner Haltung. Torek richtete sich kerzengerade auf, und ein schadenfrohes Grinsen überzog sein Gesicht.

„… und dann hatte ich die Vision von Recams Tod und habe ihm davon erzählt.“

Nolani überkam ein leichter Schwindel, als sie die Begeisterung in seiner Stimme hörte und das boshafte Leuchten, das in seine Augen getreten war. Was geschah da mit Torek?

Gerade lachte er unnatürlich laut auf und berichtete voller Genugtuung, dass Recam förmlich vor ihm geflüchtet war. Für einige Augenblicke herrschte Schweigen, in denen Nolani nicht wusste, wie sie reagieren sollte und ihr Mann einen langen Blick mit Durvin tauschte.

„Du hättest Recam nicht mit der Vision erschrecken dürfen. Ein Seher nutzt seine Fähigkeiten nicht dazu, um andere zu verletzen.“

„Er hat es verdient.“ Torek schob trotzig die Unterlippe vor und begegnete ihrem Tadel mit einem düsteren Blick.

„Visionen zu erhalten ist eine große Verantwortung, mit der man erst lernen muss umzugehen. Du musst stets überlegen, was für Auswirkungen die Offenbarung haben kann und dies vorher gut abwägen. – Du hast ungewöhnlich klare Visionen für dein Alter, Torek. Das bedeutet auch eine große Macht, mit der du viel Schaden anrichten kannst.“ Durvin lächelte immer noch freundlich und neigte sich mit erhobener Hand zu Torek. „Lass mich an deinen Visionen teilhaben, damit ich sie für dich ordnen kann, und ich werde dir sagen, welche du nicht mitteilen solltest.“

„Oh nein, auf keinen Fall!“ Torek hob abwehrend die Hände und starrte Durvin misstrauisch an. „Der Oberste Seher hat mich davor gewarnt, meine Visionen mit jemand anderen als ihm zu teilen. Er hat gesagt, dass andere Seher meine Visionen als die ihren ausgeben könnten. Außerdem wird er mir alles beibringen, was nötig ist. Deshalb hat er mich auch heute zu sich gerufen.“ Er lächelte triumphierend. Nolani fuhr ein schmerzhafter Stich durchs Herz, während Durvins Arm plötzlich kraftlos auf den Tisch sank.

Shemar erhob sich und legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. Schmerzhaft erkannte Nolani, dass er sich dazu zwang, eine beeindruckte Miene aufzusetzen.

„Das ist eine große Neuigkeit, Torek. Ich bin stolz auf dich, und ich hoffe, dass du dir deiner Verantwortung umso mehr bewusst bist, da es seit Generationen keinen Schüler mehr beim Obersten Seher gegeben hat.“

Toreks Trotz verschwand spurlos, und er nickte ehrfürchtig.

„Ich werde gut auf den Obersten Seher hören, das verspreche ich.“

Genau das befürchte ich, dachte Nolani. Ihr Herz wurde schwer. Am liebsten hätte sie Torek in die Arme gezogen, um ihn wie ein kleines Kind vor der drohenden Gefahr zu schützen. Doch ihr waren nicht die warnenden Blicke von Shemar entgangen, und sie hielt sich zurück.

Torek wandte sich eifrig an seinen Vater.

„Du hast doch früher Seher auf ihre Reisen begleitet. Was habt ihr so gemacht, und wen hast du überhaupt beschützt? War es Durvin?“ Torek blickte kurz zu dem untersetzten Seher.

„Nein.“ Shemar schüttelte den Kopf und strich sich eine einzelne weiße Strähne, die sich zwischen die dunklen Haare verirrt hatte, zurück. „Ich war der Wächter von Tamaka.“

„Der Mörder!“ Torek zischte die Worte wütend hervor.

Nolani schlang ihre Hände ineinander, als könnte sie sich selbst damit Halt geben, während sie besorgt die Stimmungswechsel ihres Sohnes verfolgte.

„Du solltest nicht alles glauben, was du im Dorf hörst!“ Shemar hob verärgert eine Augenbraue und trat einen Schritt zurück.

„Willst du damit sagen, dass Bairani lügt? Er hat auch gesagt, dass Tamaka Ronam und seine Tochter getötet hat.“ Torek hatte eine angriffslustige Haltung angenommen und starrte abwechselnd seinen Vater und Durvin an.

Wieso siehst du nicht in deinen Visionen nach, was hält dich davon ab, die Wahrheit selbst zu sehen? Nolani widerstand der Versuchung, Torek aufzufordern, genau dies zu tun. Bairani hatte offensichtlich bei seinen zwei Treffen mit Torek bereits großen Einfluss über ihn gewonnen.

„Nein, natürlich nicht.“ Shemar antwortete langsam und dehnte jedes Wort unnatürlich aus, während er Torek ansah, als hätte er einen völlig Fremden vor sich stehen.

Sein Sohn nickte beruhigt und sah dann an sich herunter, als bemerkte er erst jetzt, dass seine Kleidung immer noch voller Schmutz war.

„Ich werde mich jetzt erst einmal waschen. Dann packe ich meine Sachen zusammen. Bairani möchte, dass ich oben in den Höhlen wohne.“

Das Lächeln, das den Worten folgte, zog Nolani den Boden unter den Füßen weg. Sie konnte sich gerade noch zurückhalten bis Torek in der Hütte verschwunden war. Dann keuchte sie entsetzt auf und griff verzweifelt nach Shemar, der sie nur ansah und direkt zu ihr eilte, um sie zu stützen.

*

Er hatte es gewusst. Wütend zog Torek sich die schmutzigen Sachen aus und warf sie achtlos auf den Boden neben seine Schlafstatt. Bairani hatte vollkommen Recht gehabt, als er ihn vor seinen eigenen Eltern gewarnt hatte. Glaubten sie denn wirklich, er hätte die Blicke nicht bemerkt, die sie miteinander getauscht hatten? Dass sein Vater nicht wirklich beeindruckt sein würde, hatte er erwartet. Ihm war er noch nie kräftig genug gewesen. Immer sprach er mit Begeisterung von Jungen wie Recam und seinen Freunden, die sich bereits jetzt für die Prüfung zum Wächter in einem Jahr vorbereiteten. Aber seine Mutter? Sie hatte eher ängstlich reagiert, als mit Stolz. Torek schlüpfte in eine blassbraune Hose und warf sich ein Hemd über, bevor er mit hastigen Griffen ein weiteres Hemd packte und zusammenrollte. Suchend blickte er sich um. Nein, mehr besaß er nicht. Und die schmutzige Kleidung konnte er bei einem Besuch mitnehmen, wenn seine Mutter sie gewaschen hatte. Wenn er sie besuchen würde, das wusste er im Moment nicht mit Bestimmtheit. Er würde sowieso bald den grauen Umhang der Seher tragen dürfen. Dann brauchte er keine andere Kleidung mehr. Torek schob sich das Bündel unter den rechten Arm und wandte sich zur Tür, um hinauszugehen. Seine Mutter stand im Eingang und beobachtete ihn mit traurigem Lächeln. Der Junge schluckte, denn es schmerzte ihn trotz seiner Wut, sie so zu sehen. Wahrscheinlich hatte sie nur Angst davor, ihn gehen zu lassen. Aber er war kein kleines Kind mehr. Dennoch beschloss er, ihretwegen wieder zu kommen.

Langsam ging er auf sie zu und umarmte sie. Sie schlang ihre Arme um ihn, als könnte sie ihn mit dieser Geste zurückhalten.

„Leb wohl, Torek“, sagte sie schlicht und ließ ihn widerstrebend los.

„Leb wohl, Mutter.“ Torek bemerkte verärgert, dass seine Stimme leicht zitterte, und er ging rasch an ihr vorbei.

Vor der Hütte stand sein Vater neben Durvin im Schatten und sah ihm verhalten entgegen. Er hielt ihm eine Hand hin, die Torek zögernd ergriff.

„Gehe sorgsam mit deinen Fähigkeiten um, mein Sohn. Nimm dir deinen Onkel als Vorbild.“

„Das werde ich, Vater.“ Torek nickte und ging mit einem gemurmelten Gruß an Durvin vorbei, der ihn ernst anlächelte. Dann beeilte er sich, aus dem Schatten der Hütte zu treten und schritt den Pfad zurück, den er gerade erst gekommen war.

*

Noch lange, nachdem Torek bereits auf dem Pfad außer Sichtweite geraten war, stand Durvin mit dessen Eltern vor der Hütte und starrte ihm hinterher. Keiner sagte ein Wort, nur Nolani seufzte von Zeit zu Zeit aus tiefstem Herzen. Shemar hingegen hielt sie mit steinernem Gesicht im Arm, unbeugsam, so wie Durvin ihn kannte.

„Ihr müsst euch damit abfinden, dass Torek an Bairani vorerst verloren ist“, sagte er sanft und legte begütigend eine Hand auf Nolanis Schulter. „Es geschieht genau, wie es dein Bruder vorhergesagt hat, Shemar.“

Shemar wandte ihm das Gesicht zu und nickte. Seine braunen Augen durchbohrten ihn, als wollte er ihn bestrafen.

„Habt ihr niemals daran gedacht, ihn zu töten?“, fragte er leidenschaftslos.

Durvin ignorierte das entsetzte Aufkeuchen Nolanis und nickte stattdessen ernst.

„Ronam und ich wollten Torek bereits bei seiner Geburt töten, aber Tamaka hielt uns davon ab. Er sagte, dass jeder Mensch eine Rolle in unserem Gefüge hat, und wenn wir Torek beseitigten, würden wir nicht wissen, wer statt seiner die Fähigkeiten deines Bruders erben würde. – Tamaka war sich sicher, dass in Torek ein Kern verwurzelt ist, den Bairani nie für sich wird beanspruchen können, und er vielleicht am Ende dahin zurückfindet.“ Durvin zuckte mit den Schultern. „Er war auch davon überzeugt, dass ihr weiterhin für Torek wichtig sein würdet, und ihr ihn unbedingt immer als Sohn willkommen heißen solltet.“

„Ich hätte ihn nicht zur Zeremonie schicken sollen, damit habe ich alles nur in Gang gebracht.“ Nolanis Gesicht war von Selbstvorwürfen zerfurcht und wirkte um Jahre gealtert.

„Du hattest keine andere Wahl. Die Gefahr war zu groß, Bairani hätte Torek sonst von alleine entdeckt und wäre schnell auf uns aufmerksam geworden.“

„Aber was ist, wenn Torek unsere Visionen ansieht?“

„Bairani wird ihn gezielt einsetzen. Ich denke, er wird dafür kein Interesse und keine Zeit haben.“

Nolani sah Durvin an. Sie schüttelte verzagt den Kopf und deute mit beiden Armen auf ihr Heim.

„Aber, wie kann ich ihn hier willkommen heißen, wenn ich doch weiß, dass er zu einem grausamen Mann heranwachsen wird. Wie kann ich ihn anlächeln, wenn ihr über seinen Tod nachdenkt?“ Ihre Stimme versiegte zu einem kaum wahrnehmbaren Flüstern, und sie starrte auf den hellen Lehmboden zu ihren Füßen.

Durvins Herz war schwer, er war mit den beiden befreundet, seit er denken konnte. Früher waren sie immer fröhlich gewesen, aber seit Gorlun, der Bruder Shemars, die Vision über Torek gehabt hatte, war nichts mehr wie zuvor.

Sie alle warteten nun schon so lange auf die Gelegenheit, Bairani zu stürzen. Mit den Visionen über Jess Morgan war diese in greifbare Nähe gerückt. Doch Torek sollte zu einer neuen Figur in diesem Spiel werden, die auf Bairanis Seite schwer wog und der Zukunft so viele Facetten gab wie ein geschliffener Diamant.

Durvin seufzte und sah Nolani hinterher, die mit gebeugten Schultern in die Geborgenheit ihrer Hütte verschwand.

„Sie wird es schon schaffen, Durvin. – Wir schaffen das!“, sagte Shemar fest. Er schlug Durvin kameradschaftlich auf die Schulter und folgte dann seiner Frau in die Hütte.

Navigator

Die Tsunami fuhr langsam in den Hafen von Changuinola ein. Die Segel wurden eingeholt, und der Anker rauschte klatschend in das trübe Wasser des Hafenbeckens.

Lanea beobachtete unsicher die Männer in der Takelage, die mit geübten Griffen ihre Arbeit durchführten, und ließ dann den Blick suchend über die ankernden Schiffe gleiten.

„Die Monsoon Treasure liegt dort vorne.“

Captain Makani war unbemerkt neben sie getreten und zeigte auf ein Schiff, das am südlichen Pier lag und sofort dadurch auffiel, dass es einen wesentlich schlankeren Rumpf besaß als die anderen Schiffe. Ihrem Bug entsprang eine Galionsfigur in der Form einer schaumgekrönten Welle, als wäre das Schiff ein untrennbarer Bestandteil des Meeres.

Ein klammes Gefühl breitete sich in Lanea aus. Was würde sie an Bord dieses Piratenschiffes erwarten?

Sie wurde zur Schiffshalterin erzogen, seit sie denken konnte. Auch wenn sie sich immer dagegen gewehrt hatte, hatte sie doch immer gewusst, dass sie eines Tages als Navigator auf einem Schiff der Waidami-Piraten mitsegeln musste, um die Positionen der versenkten Schiffe durchzugeben. Sie hatte immer wieder versucht, den Gedanken zu vermeiden. Lanea hatte große Furcht vor den Piraten und war von ihren Eltern immer wieder darauf hingewiesen worden, wie falsch das Leben der Waidami inzwischen war. Es war falsch, Schiffe mit unschuldigen Menschen zu überfallen. Sie konnten nichts für das Leid, das ihr Volk in der Vergangenheit erlitten hatte. Es gab keine Rechtfertigung dafür, selbst zu morden und zu plündern. Doch ihre Familie konnte nicht offen gegen den Obersten Seher Bairani aufbegehren. Er war ein gefährlicher Mann, der Hindernisse schnell beseitigte. Ihr Vater hatte ihr versichert, dass sich eines Tages alles ändern würde. Er war sehr geheimnisvoll gewesen und hatte ihr gesagt, dass es wichtig war, an Bord des Piratenschiffes zu gehen. Wie immer hatte er ein großes Geheimnis daraus gemacht, was er aufgrund seiner Visionen vielleicht bereits wusste.

Lanea vertraute ihrem Vater und hatte nur deshalb die Reise angetreten. Nun war sie hier und würde in wenigen Augenblicken auf ihren künftigen Captain und sein Schiff treffen.

„Deine Reise ist hier zu Ende, Lanea! Meine Männer werden dich mit dem Beiboot zur Pier rudern. – Viel Glück!“ Der Mann reichte ihr zum Abschied die Hand, und Lanea schüttelte sie dankbar.

Am liebsten wäre sie an Bord dieses Schiffes geblieben. Die Tsunami war nur ein friedliches Handelsschiff der Waidami, das sich normalerweise auf keinen Kampf einließ.

Doch der Abschied lässt sich wohl nicht länger hinauszögern, dachte Lanea niedergeschlagen, als sie in das ungeduldige Gesicht des Captains blickte.

„Lebt wohl, Captain.“ Seufzend enterte sie in das bereitstehende Beiboot ab. Ihr Seesack lag bereits im Bug. Während sich das Beiboot immer mehr von der Tsunami entfernte, heftete sie ihren Blick wieder auf die Monsoon Treasure.

Wer war dieser Captain Jess Morgan? Wie mochte er sein? Lanea hatte bisher nur einen Piratenkapitän kennengelernt. Es war ein brutaler und widerlicher Kerl gewesen, der alles darangesetzt hatte, sie auf sein Schiff zu bekommen, sobald er sie gesehen hatte. Die Seher hatten das glücklicherweise verhindert. Trotzdem musste Lanea immer noch bei dem Gedanken an diesen Mann schlucken. Nüchtern vermutete sie, dass dieser Captain nicht anders sein konnte. Sie erwartete einen hässlichen und grausamen Mann. Ein dicker Kloß verengte ihren Hals. Lanea fuhr sich mit ihren schwitzenden Händen über die Hosenbeine und griff vorsorglich nach ihrem Seesack, als das Beiboot an der Pier anlegte.

„Lebt wohl.“

Die Männer wünschten ihr ebenfalls Lebewohl, und Lanea betrat zaghaft den festen Boden. Neugierig schaute sie von ihrem Standpunkt in alle Richtungen um und betrachtete das bunte Treiben, das hier herrschte. Niemand schien von ihr Notiz zu nehmen, und niemand sah die innere Zerrissenheit, die sie beherrschte. Männer und Frauen jeden Standes und jeden Gewerbes eilten den Hafen entlang, der von kleinen, schmutzigen Häusern gesäumt war. Die Gassen, die hinter die Häuser führten, wirkten ebenfalls verdreckt und luden nicht dazu ein, sie zu erkunden. Lanea saugte jede Einzelheit in sich auf und wusste doch, dass sie sich jetzt und ohne weiteren Aufschub dem Captain der Monsoon Treasure würde stellen müssen.

Es war ihr immer noch nicht ganz klar, wieso er ausgerechnet eine Frau als Navigator an Bord holen sollte. Üblicherweise wurden die Schiffshalter den Kapitänen einfach zugeteilt. Aber dieser Fall lag ja offensichtlich anders. Captain Jess Morgan galt als Abtrünniger, was bedeutete, dass er versuchte, sich aus den Fängen der Waidami zu lösen und auf eigene Faust durch die Gewässer zu segeln. Der alte Schiffshalter war vor kurzem gestorben, und Lanea sollte unauffällig seinen Platz einnehmen. Sie sollte sich nur als Navigator zu erkennen geben und später heimlich die Positionen übermitteln. Es würde gefährlich sein, aber vielleicht gelang es ihr ja auf diese Weise, ihren Beitrag dazu zu leisten, wenigstens einen Piraten aus dem Verkehr zu ziehen. Lanea tat einen tiefen Atemzug und straffte unmerklich ihre Schultern. Sie schulterte ihren Seesack und blickte ein letztes Mal auf die Tsunami, bevor sie entschlossen ihre Schritte in die Richtung der Monsoon Treasure lenkte.

Ihr Blick wurde magisch von dem stolzen Schiff angezogen. Ihre Füße folgten diesem Ruf, Schritt für Schritt. Jedes Detail prägte sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis, als ihr Blick an einer großgewachsenen Gestalt hängenblieb. Der Mann lehnte lässig an der Reling und beobachtete irgendetwas, das neben dem Schiff auf der Pier geschah.

Während Lanea sich langsam näherte, konnte sie eine kleine Menschenmenge erkennen, die sich vor dem Schiff versammelt hatte. Beiläufig vernahm sie das muntere Fideln einer Geige, das aus einer Taverne zu ihnen auf die Gasse klang, als sie sich durch die Männer schob. Rücken der unterschiedlichsten Größen machten ihr widerwillig Platz. Neugierig erkannte sie einen Tisch, der vor der Monsoon Treasure aufgestellt worden war. Dahinter saß ein gutaussehender, dunkelhaariger Mann, der sich interessiert mit einem Seemann unterhielt. Lanea blieb in der zweiten Reihe stehen, um die Geschehnisse unauffälliger beobachten zu können. Sie ahnte bereits, dass die Männer hier alle auf dem Schiff anheuern wollten. Um einen besseren Überblick zu erhalten, reckte sie den Kopf. Stirnrunzelnd gestand sie sich ein, einen weiteren Blick auf den Mann an der Reling werfen zu wollen. Er stützte sich immer noch lässig mit den Unterarmen darauf ab. Seine weizenblonden Haare schimmerten in der Sonne und waren das Einzige an ihm, das keine Düsternis ausstrahlte. Lanea konnte zwar die feingeschnittenen und klaren Gesichtszüge erkennen, hatte aber trotzdem das Gefühl, dass diese von etwas Bedrohlichem überdeckt wurden; wie ein feingewebtes Tuch, das unauffällig alles verdeckte, was darunter lag. Die schwarze Kleidung unterstrich diesen verstörenden Eindruck.

Während sie sich ihrer Neugier unbehaglich bewusst wurde, richtete sich der Pirat abrupt auf. Ein wachsamer Blick aus eisblauen Augen traf direkt auf ihre und bohrte sich in ihren Verstand und ihr Herz. Lanea hielt entsetzt den Atem an, trat einen Schritt zurück und duckte sich hinter die Männer. Ihr Blut spielte in ihrem Kopf zu einem rauschenden Orchester auf und überdeckte für einen Augenblick alles andere. Verzweifelt konzentrierte sie sich vollständig darauf, ihre Fassung zurückzugewinnen.

*

Jess Morgan beobachtete neugierig die Gruppe der Männer, die an Bord der Monsoon Treasure anheuern wollten. Einfache Seeleute, die ihr Glück auf einem der meistgesuchten Piratenschiffe machen wollten. Er lächelte bitter über seinen zweifelhaften Ruf und nahm den Seemann genauer in Augenschein, der gerade von Cale Stewart befragt wurde. Der Mann war ein heruntergekommener alter Säufer, der seine besten Jahre auf See bereits seit langem hinter sich hatte. Jess schnaubte und bewunderte die Geduld von Cale, der einen Mann nach dem anderen gründlich befragte. Der Rest der Männer stand abwartend einige Schritte dahinter. Jess entschied sich dazu, die Strömungen, die von den Männern ausging, zu begutachten. Konzentriert ließ er sein Bewusstsein abgleiten und stieß auf die unterschiedlichsten Strömungen. Einige Männer strahlten starke Kälte aus oder Hinterlist, andere wiederum Berechnung oder Brutalität. Es waren die gleichmäßigen und verstörenden Bewegungen von Mördern und Halsabschneidern; im Grunde das, was auf einem Piratenschiff gesucht wurde. Doch Jess wollte kein Crewmitglied mit solch einer Ausstrahlung. Er suchte jemanden, dem er vertrauen konnte, voll und ganz, so wie dem Rest seiner Crew auch. Niemand in seiner Mannschaft besaß derartige negative Eigenschaften. Natürlich waren sie allesamt Piraten, und das Verbrechen war ihnen nicht unbekannt, dennoch waren sie anders. Seine Männer liebten den Kampf, doch empfanden sie nicht diese seltsame und sadistische Freude, die er jetzt schon bei den meisten Interessenten auf der Pier wahrnahm. Während er langsam die Reihe der Wartenden abtastete, richtete er sich abrupt auf. Eine vollkommen andere Strömung störte die Gleichmäßigkeit der anderen. Aufregung schlug ihm entgegen und Zweifel, Angst. Jess hob misstrauisch eine Augenbraue und fixierte das Zentrum dieser Ausstrahlung. Sein Blick traf kurz auf ein katzenartiges Augenpaar, das gleich darauf verschreckt in der Menge abtauchte. Neugierde ergriff ihn. Jess Morgan verließ ruhig über die Laufplanke die Treasure, während er seine Sinne auf die inzwischen panische Strömung gerichtet hielt. Belustigt sah er, wie Cale verwundert zu ihm aufblickte, als er an dem Tisch vorbeischritt. Langsam und provozierend strich er an der Gruppe der Seeleute entlang. Seine Bewegungen und sein Gesicht zeigten die Sprungbereitschaft und tödliche Konzentration eines Raubtieres, das ein Gebüsch umschlich, in dem sicheren Bewusstsein, dass sein Opfer sich darin verborgen hielt. Unvermittelt blieb er stehen. Die Männer glitten bleich geworden auseinander und gaben den Blick auf eine sich duckende Gestalt frei.

Überrascht erkannte Jess Morgan die langen roten Haare und die feinen Gesichtszüge einer jungen Frau, die verlegen so tat, als würde sie etwas vom Boden aufsammeln. Ihre aufgeregte Strömung schoss ihm sich förmlich überschlagend entgegen. Interessiert betrachtete er sie.

Was suchte sie hier bloß zwischen den ganzen Männern und warum war sie so aufgeregt? Seine Wirkung auf Frauen war ihm nicht unbekannt, doch das hier war anders. Sein Instinkt riet ihm, Abstand zu halten, doch irgendetwas zwang ihn vorwärts.

„Kann ich Euch behilflich sein?“, fragte er ruhig.

Die junge Frau hatte sich inzwischen aufgerappelt und gab sich Mühe, ihn gerade und fest anzusehen. Ihre Strömung hatte sich etwas beruhigt und doch war nicht zu übersehen, dass sie ihre Aufregung nur mühsam unter Kontrolle hielt. Sie hatte smaragdgrüne Augen, die von dem bronzefarbenen Schimmer ihrer Haut unterstrichen wurden. Ihre Stimme zitterte kaum merklich, als sie sprach: „Ich bin Lanea aus dem Volk der Ka’anu. Ich möchte als Navigator auf der Monsoon Treasure anheuern, Sir!“

Ein erstauntes Raunen ging durch die Männer in Laneas Rücken, als sie ihre Abstammung vernahmen, und auch der große, schwarzgekleidete Mann, den sie für Jess Morgan hielt, schien ehrlich überrascht. Die Ka’anu waren für ihre übersinnlichen, navigatorischen Fähigkeiten berühmt. Mitglieder dieses Volkes konnten Kurse und Positionen ohne jedes Hilfsmittel bestimmen. Es hieß, sie wären die Nachfahren göttlicher Sternfahrer, die sich nicht mehr von der Erde trennen konnten und doch die Verbindung zu den Himmelskörpern ihrer Herkunft nicht aufgaben.

Laneas Mutter war eine Ka’anu, sodass sie tatsächlich über diese besonderen Fähigkeiten verfügte, die ihr jetzt einen großen Dienst erweisen würden. Ihr Herz schlug bis zum Hals und sie versuchte, den irritierenden Blicken des Mannes gleichmütig zu begegnen. Seine eisblauen Augen wurden eine Spur dunkler, als er sie von oben bis unten taxierte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der Dunkelhaarige sich vom Tisch erhob und sich neben ihn stellte. Sie entsprachen beide nicht dem Bild, das Lanea bisher von Piraten hatte. Beide Männer waren von beeindruckend gutaussehender Erscheinung. Der dunkelhaarige Mann wirkte mit seinen rehbraunen Augen regelrecht harmlos auf Lanea, während der ihn um einen halben Kopf überragende Captain einen verwegenen Eindruck machte. Sein Auftreten war selbstsicher und eindrucksvoll und zog sie auf unerklärliche Weise in seinen Bann. Keiner von beiden wirkte brutal oder gar grausam. Wieder traf Lanea ein undefinierbarer Blick aus eisblauen Augen, bevor der Große sich an den Dunkelhaarigen wandte.

„Sie ist angeheuert, Cale. Zeig ihr ihre Unterkunft und stell sie der Crew vor.“ Seine Stimme war angenehm dunkel, als er ihr eine sehnige Hand entgegenstreckte. „Willkommen an Bord der Monsoon Treasure, Lanea!“

*

Jess konnte sich nicht wirklich erklären, warum er es tat. Er handelte wie unter einem inneren Zwang und reichte der jungen Frau die Hand. In dem Augenblick, in dem seine Finger die ihren berührten, geschah etwas mit ihm. Es war, als würde ein Weg zu einem Ort in seinem Inneren freigeschlagen werden, von dem er bisher nicht gewusst hatte, dass er existierte. Ein Spalt öffnete sich darin und etwas Unbestimmbares löste sich wie aus langer Gefangenschaft und kroch heraus. Es war altbekannt und doch unvertraut und stürzte Jess von einem Augenblick auf den anderen in tiefste Verwirrung.

„Cale, übernimm das Kommando. Ich muss noch etwas erledigen und weiß nicht, wann ich zurück bin.“ Jess schaute seinen Ersten Maat von der Seite an und ignorierte dessen verwirrtes Stirnrunzeln, als er ihm kurz zunickte und dann seine Schritte zwischen die verdutzten Seeleute lenkte. Natürlich konnte Cale nicht verstehen, warum er Lanea so kurzerhand angeheuert hatte, aber er war ihm keine Erklärung schuldig. Im Gegenteil, Jess hatte selbst keine Erklärung dafür und brauchte einen klaren Kopf. Die Gedanken überschlugen sich darin und bruchstückhafte Bilder, die wie Puzzleteile durch seine Erinnerungen schossen, nahmen ihn vollkommen in Anspruch.

Der Pirat gab sich den äußeren Anschein von Gelassenheit, als er davonging, aber in seinem Innersten brodelte es. Ihm war, als würde er eine Art Gesang in seinem Kopf hören, der sich um die Bilder darin rankte; als würde er diese an unsichtbaren Fäden langsam immer näher zusammenziehen und an ihre fest vorbestimmten Plätze rücken. Die Eindrücke wurden immer stärker, und seine Schritte bewegten sich schneller von der Treasure fort. Fort von dem Gewühl der Menschen, von dem kritischen Blick seines Freundes und fort von dieser rätselhaften Frau. Jess Morgan schloss verwirrt die Augen, in der Hoffnung, eine klare Sicht der Dinge zu bekommen, doch das Durcheinander in seinem Kopf griff auch auf seine Sehfähigkeit über. Plötzlich war er nur noch in der Lage, seine Umgebung als schattenhafte Umrisse wahrzunehmen. Mehr als einmal rempelte er ungewollt einen Mann an, der zufällig seinen Weg kreuzte. Alles, was er wollte, war ein Ort, an dem er Ruhe finden konnte. Jess musste sich dringend irgendwohin zurückziehen, um sich vollkommen ungestört diesem Wahnsinn stellen zu können.

„Folgt mir!“ Eine unbekannte dunkle Stimme tauchte neben ihm auf, und der dazugehörende Schatten ergriff ihn fordernd an seinem rechten Oberarm. Jess wollte aufbegehren und den Schatten wegstoßen, doch der Griff war überraschend fest. Die Stimme sprach in einem merkwürdigen Singsang weiter, der ihn einlullte. Jess schüttelte schwerfällig seinen Kopf und versuchte so, die bleierne Schwere daraus fortzutreiben. Die Klänge der unbekannten Stimme fügten sich nahtlos in den Gesang in seinem Kopf und füllten jeden Raum, der dort noch nicht von den verstörenden Bildern besetzt war, mit beschwörender Kraft aus. Er war nicht mehr in der Lage, sich gegen diesen Zauber zu wehren und folgte der Stimme, folgte dem dunklen Schemen, der ihn fortführte.

Plötzlich löste sich der Griff von seinem Arm, und die Stimme des Schemens zog sich langsam aus seinem Kopf zurück. Zurück blieb der Wirbel von Erinnerungen an fremde Bilder, an Menschen, die ihm einst etwas bedeutet zu haben schienen; Erinnerungen an Verlust und Schmerz. Jess‘ Atem ging stoßweise, während er auf kalten Boden sackte. Um ihn herum herrschte völlige Schwärze, und er presste beide Hände gegen den Kopf. Die Erinnerungen schienen herausquellen zu wollen, aber irgendetwas brachte sie in die richtige Reihenfolge. Nach einer Weile kehrte Ruhe ein. Jess‘ Atem verlangsamte sich, und sein Blick klärte sich wieder auf. Zuerst undeutlich, doch dann immer schärfer, erkannte er die Konturen eines einfach eingerichteten Zimmers. Die Wände wirkten grau und verfallen. Risse zogen sich durch das Mauerwerk. An einer Seite stand ein altes Bett, auf dem eine muffige Decke lag. Daneben befand sich ein kleiner Tisch mit einem einzelnen wackeligen Stuhl. Auf dem Tisch standen ein Krug und ein Becher, daneben ein Teller mit Brot. Jess runzelte die Stirn und stand langsam wieder auf. Ein plötzlicher Schmerz, der durch seinen Kopf raste, ließ ihn aufstöhnen. Dankbar ließ er sich auf das Bett fallen und griff nach dem Krug. Wie er erwartet hatte, war der Krug gefüllt. Jess goss das klare, frische Wasser in den bereitstehenden Becher. Woher hatte sein Gastgeber gewusst, dass er hierherkommen würde? Jess‘ Gedanken richteten sich auf zwei grüne Katzenaugen und tiefes Misstrauen überkam ihn. Er wusste nicht, wieso er hier war. Er hatte keine Ahnung, warum er diese Frau angeheuert hatte, und was sie mit diesem Chaos in seinem Kopf zu tun hatte. Vorsichtig roch er an dem Wasser, doch er konnte nichts Ungewöhnliches feststellen und trank den Becher auf einen Zug aus. Er stellte den Becher auf den Tisch, der dabei gefährlich wackelte, und stand wieder auf. Mit wenigen Schritten durchmaß Jess das Zimmer und war überrascht, als er die Tür unverschlossen vorfand. Er ging einen kleinen unbeleuchteten Gang entlang, der zu einer groben Holztür führte. Auch diese ließ sich öffnen und führte auf eine schmutzige Gasse. Offensichtlich hatte ihn jemand hierhergeführt, zu einem Ort in der betriebsamen kleinen Hafenstadt, an dem er die Ruhe finden konnte, die er gerade brauchte. Nachdenklich ließ er seinen Blick über die Gasse schweifen, auf dem sich zwielichtige Gestalten herumtrieben. Die Dämmerung warf bereits ihre langen Schatten wie ein Netz aus. Er musste nun schon einige Stunden fort sein. Cale würde sich Sorgen machen. Doch der Unbekannte hatte ihn nicht ohne Grund hierhergeführt. Jess‘ Instinkt sagte ihm, dass dieser ziemlich genau über ihn Bescheid wissen musste. Er hatte ihm einen Schlafplatz angeboten, wohl wissend, dass ein Captain der Waidami normalerweise niemals an Land schlief. Nur der Schlaf an Bord des verbundenen Schiffes ermöglichte erholsamen Schlaf. Nur der Schlaf in der schützenden Umarmung der Monsoon Treasure hielt seine Träume fern und die unliebsamen Erinnerungen. Schlaf an Land bedeutete aufzehrende Nächte voll grausamer Erinnerungen, geschaffen von dem Träumenden selbst. Jede Seele, die er in das Reich der Toten gesandt hatte, kehrte Nacht für Nacht zurück, um ihren Mörder anzuklagen, und nur das eine Schiff hatte die Kraft, diese Seelen nicht vortreten zu lassen. Jess zog mit einem leichten Schauer die schwere Holztür zu und drängte das Leben in der Gasse aus seiner Wirklichkeit. Entschlossen drehte er sich um und ging den Gang zurück. Er interessierte sich nicht für den Rest des verfallenen Hauses. Nur das eine Zimmer war für ihn von Interesse, und er betrat es entschieden. Den Schmutz ignorierend, setzte er sich auf das Bett. Dann streckte er langsam seine Gestalt aus, verschränkte die Arme hinter seinem Kopf und wartete auf den Schlaf.

*

Undurchdringliche Dunkelheit erfüllte den kleinen Raum, in dem Jess Morgan schlief. Sein Körper lag lang ausgestreckt und in tiefem Schlaf gefangen auf der harten Matratze. Die Muskeln waren angespannt und wirkten sprungbereit. In seinem Gesicht arbeitete es, und die Augen huschten unter den geschlossenen Lidern wild hin und her. Jess spürte nicht, wie sich eine Gestalt näherte und sich neben das Bett stellte. Der Unbekannte trug schwarze Kleidung und fügte sich perfekt in die Schatten der Nacht. Völlig regungslos blieb er stehen und beobachtete Jess in dem matten Licht einer abgedunkelten Laterne. Seine smaragdgrünen Augen funkelten auf ihn herab, und der Mann murmelte etwas Unverständliches. Dann griff er mit langen, dünnen Fingern nach Jess Morgans Kopf und erschloss sich einen Zugang zu dessen Gedanken. Für einen kurzen Moment zuckte er zurück, als er auf die ersten Träume stieß. Fahlweiße Gesichter starrten ihm aus großen, toten Augen entgegen, die von einem Chor klagender Laute begleitet wurden. Der Unbekannte konzentrierte sich und murmelte in einer raschen Folge Worte in einer alten, geheimnisvollen Sprache. Die Gesichter zogen sich zurück, und die Muskeln von Jess Morgan entspannten sich. Seine Gesichtszüge wurden ruhiger, und auch unter den Augenlidern hörten die Bewegungen auf. Seine Träume hatten nun freien Zugang zu den Erinnerungen, die heute freigelassen worden waren.

Zuerst wechselten sich die Bilder in rascher Folge ab, bis sie in einen langsamen und gleichmäßigen Fluss übergingen. Bilder von einem kleinen Jungen inmitten einer Familie: Sein Vater, dem er erst vor kurzem begegnet war, um viele Jahre jünger in einer innigen Umarmung mit seiner Mutter, die ihn liebevoll betrachtete. Jess durchströmten die schmerzhaften Empfindungen, die er gespürt hatte, als man ihn entführt und zu den Waidami gebrachte hatte. Er erlebte erneut die Jahre bei den Waidami voller Demütigung und Schmerz, traf auf einen Mann mit smaragdgrünen Augen, der ihm Zuneigung entgegengebracht hatte und ihn heimlich an einem Strand unterrichtete, durchlebte den Schmerz bei der Zeremonie der Tätowierung. Die Bilder beschrieben einen Kreis und begannen von vorne, bis die Erinnerungen und Gefühle aus seinem Leben als normaler Mensch auf die Erinnerungen des Piraten trafen und sich zu einem Ganzen zusammenschlossen. Sein Leben war komplett und wies keinerlei Lücken mehr auf.

Die Träume zogen sich zurück und hinterließen nur noch das Bild von zwei katzenhaften, grünen Augen, die auf ihn hinab starrten. Jess riss seine Augen auf und fühlte eisige Kälte, als er in eben diese Augen über sich starrte. Mit einem Satz sprang er auf und wollte sich auf die Gestalt stürzen, als ihn ein Ruf zurückhielt: “Jess, nein, das ist Lanea!“

Cale Stewart schob sich zwischen ihn und die rothaarige Frau, die ihn irritiert ansah und ihre Hände abwehrend nach vorne richtete. Verwirrt sah Jess zwischen Lanea und seinem Freund hin und her.

„Wie habt ihr mich gefunden?“ Seine Stimme klang rau, und er bemühte sich, nicht auf die grünen Augen von Lanea zu starren.

„Heute Morgen kam ein bezahlter Bote zur Treasure, der uns zu diesem Haus führte. Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet.“ Cale sah sich neugierig um. „Was machst du hier?“

Jess Morgan runzelte die Stirn und betrachte Cale zurückhaltend. Dieser begegnete dem Blick und nickte dann.

„Wir kehren zur Treasure zurück und laufen heute noch aus.“ Jess verließ seinen Leuten voran das Haus, während sich seine Gedanken um ein Paar grüner Augen drehten.

*

Lanea stand auf dem Vordeck der Monsoon Treasure. Dies war ihr dritter Tag an Bord und nach der ersten rätselhaften Begegnung mit Captain Jess Morgan hatte sie kein Wort mehr mit ihm gewechselt. Nachdem sie ihn in diesem schäbigen Haus gefunden hatten, waren sie sofort ausgelaufen. Sie segelten scheinbar ziellos durch die Gewässer, und sie hatte erst heute Morgen zum ersten Mal einen Kurs bestimmen dürfen. Nun gut, sie hatte damit gerechnet, dass es dauern würde, sich das Vertrauen der Piraten zu erwerben.

Lanea ließ ihren Blick über den Bugspriet hinweg in das Meer gleiten. Das Schiff wälzte sich durch dicke, bleigraue Wellen. Der Wind hatte seit dem Morgen stetig zugenommen und wechselte oft unvermittelt die Richtung. So gut es ging, hielt die Crew die Monsoon Treasure hoch am Wind. Die Segel waren bis zum Zerreißen gespannt und sackten dann plötzlich in sich zusammen, als der Wind drehte. Doch die Mannschaft war ein eingespieltes Team. Es bedurfte nur weniger Augenblicke, die Taue schlugen knatternd gegen die Masten, und das Tuch flatterte kurz im Wind, bevor es sich wieder blähte und den Wind einfing.

Von Cale Stewart hatte Lanea erfahren, dass die gesamte Mannschaft seit gut fünfzehn Jahren zusammen segelte. Sie verstanden sich ohne Worte. Während der Segelmanöver schallten kaum Befehle über Deck. Jeder einzelne Mann schien genau zu wissen, was er zu tun hatte, und jeder Handgriff saß und passte perfekt in das Gefüge.

Die Monsoon Treasure tanzte wild auf den Wellen und schlingerte hin und her, wenn der Wind sie wieder neckte. Lanea hielt sich mit beiden Händen an der Reling fest. Ihr Gesicht hielt sie in den Wind und spürte ein wunderbares Gefühl voller Tatendrang. Dann richtete sie ihr Augenmerk auf das Achterdeck, auf dem Jess Morgan und Cale Stewart dicht beieinanderstanden und sich unterhielten.

Er war einfach faszinierend, mit welcher Sicherheit der Captain auf den Planken stand. Während jeder der Mannschaft bei den unvermittelten Schlingerbewegungen des Schiffes schwankte oder sich einen Halt suchen musste, stand er wie ein Fels in der Brandung. Jess Morgan verlagerte immer im richtigen Augenblick kurz sein Gewicht, um dem Schlingern des Schiffes entgegen zu wirken. Es war ganz und gar sein Parkett, sein Tanz. Er schien jede plötzliche Bewegung vorauszusehen und nahm sie mit einer gleitenden Bewegung in Empfang und in seinen Körper auf.

Lanea ertappte sich dabei, wie sie sich wieder in der heimlichen Beobachtung des Mannes verlor. Er berührte oft, wie zufällig, das Schiff, wie man es meist mit Menschen tat, denen man auf besonderer Weise zugetan war. Sie versuchte, einen Blick auf seine faszinierenden Augen zu werfen und erschrak, als es ihr unvermittelt gelang. Ihr Mund wurde plötzlich trocken. Beschämt schlug sie die Augen nieder, als seine Augen den ihren begegneten. Jess sagte etwas zu seinem Ersten Maat und lenkte seine Schritte zielstrebig in ihre Richtung.

Lanea schluckte. Ihre Brust presste sich auf unangenehme Weise zusammen. Er kam tatsächlich auf sie zu. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft hinter ihrer Stirn. Sicher wusste er genau, warum sie hier war: Dass sie Verrat plante, kaum dass sie ihren Fuß auf die Planken gesetzt hatte; dass sie eigentlich jedem Piraten Verachtung entgegenbrachte und sie der Meinung war, dass sie alle durchaus mehr als den Tod verdient hatten.

Lanea runzelte die Stirn. Dieses ursprüngliche Urteil von ihr war aber bereits nach den wenigen Tagen hier nicht mehr ganz so einfach. Hinter den namenlosen Piraten standen nun plötzlich Gesichter voller Leben und Geschichte. Sie war bei der Vorstellung durch Cale sehr freundlich aufgenommen worden, und die Männer waren ihr tatsächlich auf Anhieb sympathisch gewesen. Sie waren zwar allesamt raue Kerle, aber nicht die gefühllosen Mörder und Verbrecher, die sie erwartet hatte.

Unbehaglich wurde Lanea bewusst, dass Jess Morgan bereits auf dem Niedergang war. Ihr Herz schlug schneller, stolperte und fiel, rappelte sich mühsam auf und schlug eilig weiter. Verzweifelt konzentrierte Lanea ihren Blick wieder auf das Meer, um sich zu beruhigen.

Der Bug der Treasure tanzte gerade eine hohe Welle hinauf, stürzte sich auf deren Kamm kopfüber in das folgende Tal, um dort spritzend in das aufgewühlte Wasser einzutauchen, bevor sie sich an die nächste Welle begab.

Lanea spürte dankbar die erfrischende Kühle der Gischt in ihrem Gesicht, als sie sich bereits wieder verspannte.

„Hast du dich eingelebt, Lanea?“ Seine Stimme erklang direkt hinter ihr.

Warum hatte sie nicht bemerkt, dass er bereits so dicht an sie herangetreten war? Langsam wandte sie ihm ihr Gesicht zu.

„So weit, Captain.“ Sein forschender Blick ruhte auf ihr, und sein Mund verzog sich zu einem selbstgefälligen Lächeln, als er ihre Unsicherheit bemerkte. Jess Morgan trat neben Lanea und umfasste mit seinen sehnigen Händen die Reling direkt neben den ihren. Schweigend betrachtete Lanea die ungestümen Wellen und dachte fieberhaft darüber nach, was sie sagen könnte, als sie erneut seine dunkle Stimme vernahm.

„Was treibt eine junge Frau wie dich auf ein Piratenschiff?“ Jess hatte fragend eine Augenbraue gehoben und musterte sie beiläufig von der Seite. Doch Lanea war klar, dass die Antwort auf diese Frage nicht wirklich unbedeutend war. Sie hatte mit einer Frage dieser Art gerechnet und hoffte, dass ihre Antwort plausibel klang.

„Ich bin ein Mischling. Meine Mutter stammt aus dem Volk der Ka’anu, und mein Vater ist ein spanischer Seefahrer, der nie zu meiner Mutter zurückgekehrt ist. Das Volk meiner Mutter hatte nur Verachtung für sie übrig und duldete sie und mich, ihren kleinen Bastard, nur …“ Lanea bemühte sich, ihrer Stimme einen bitteren Klang zu verleihen und war selbst überrascht, wie leicht ihr die Lüge über die Lippen ging. Ihr Vater hatte ihr eingeprägt, bei jeder Lüge so dicht wie möglich an der Wahrheit zu bleiben. Genau das tat sie jetzt. Innere Ruhe überkam sie und machte sie selbstsicher. „Meine Mutter hatte keine andere Wahl, als in ihrem Dorf zu bleiben. Sie wusste nicht, wo sie sonst hingehen sollte, aber ich konnte die ständigen Demütigungen und die Verachtung nicht länger ertragen. Ich hatte nie wirklich einen Platz in dieser Gemeinschaft und habe dann beschlossen, die besonderen Fähigkeiten, die ich von meinen Vorfahren geerbt habe, für mich zu nutzen. Ihr suchtet zum richtigen Zeitpunkt einen Navigator, und ich habe einfach mein Glück versucht.“ Lanea richtete ihren Blick fest auf sein Gesicht. Jess Morgans Augen schienen bis in ihre Seele zu dringen. Lanea räusperte sich unbehaglich. Während der Pirat sie mit seinen Augen festhielt, die so tiefgründig waren wie das Meer um sie herum, bemerkte sie eine plötzliche Veränderung. Lanea schaute in den Himmel, folgte dem Zug der Wolken und besah sich die Segel, bevor sie wieder Jess Morgan ansah.

„Wir haben den Kurs geändert!“

Er legte seinen Kopf leicht auf die Seite und grinste sie offen an, wobei er strahlend weiße Zähne entblößte.

„Ein kleiner Test für den neuen Navigator, verzeih!“ Er legte elegant eine Hand auf sein Herz und verbeugte sich provozierend langsam, während er sie nicht aus den Augen ließ.

Lanea kämpfte erneut gegen ihre eigene Unsicherheit.

„Ich werde heute noch Abschriften meines Kartenmaterials in deine Kabine bringen lassen. Du wirst sie brauchen.“ Er zögerte kurz und seine Augen verengten sich unmerklich. „Wenn du das Material gesichtet hast, werde ich mit dir über unsere nächsten Pläne reden.“ Jess drehte sich mit dem Rücken zur Reling und stützte sich lässig darauf. „Jedem einzelnen dieser Männer dort würde ich blind mein Leben anvertrauen. Für jeden Einzelnen würde ich meines geben, wenn es nötig wäre.“ Er machte eine kurze Pause, um seinen Worten noch mehr Geltung zu verleihen, und Lanea fragte sich, worauf er so plötzlich hinauswollte. Seine Augen schienen immer klarer zu werden, trotzdem konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass er ihr gerade einen winzigen Einblick in seine Abgründe zeigte. Seine Augen hielten ihre wieder fest. Eisblaue Augen, die die Kälte darin spürbar machten. Sein Blick war offen und fest, und sie wurde in seinen Bann gezogen, war gefangen von der Intensität und dem Abgrund dahinter, der sie in seine Tiefen lockte.

„Ich will dir vertrauen wie jedem anderen an Bord auch, Lanea. Meine Frage ist ganz einfach: Kann ich das? Kann ich dir vertrauen so wie dem Rest meiner Crew? – Das Leben meiner Männer kann davon abhängen, ob ich mich in dir täusche oder nicht.“

Lanea schluckte. Ihre gerade gewonnene Selbstsicherheit drohte zu zerbröckeln. Mühsam darauf bedacht, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben, antwortete sie: „Ihr könnt mir vertrauen, Captain!“

Jess schaute sie aus seinen unergründlichen Augen an.

“Du hast sicher davon gehört, dass ein Kapitän der Waidami ein einzigartiges Bündnis mit seinem Schiff eingeht?“ Er wartete keine Antwort ab, sondern sprach direkt weiter. „Aufgrund dieser Verbindung habe ich ein besonderes Gespür für das Meer und Wasser an sich entwickelt, das mir Einblicke in eine Welt ermöglicht, die für andere verborgen bleibt. Ich höre das Flüstern der Begeisterung, wenn ein Delfinkörper sanft durch das Wasser streicht. Ich spüre, wie das Wasser den Vertiefungen des Meeresgrundes folgt und Felsen ausweicht. Ich fühle, wie der Tod in der Gestalt eines Hais aus den dunklen Tiefen heraufdrängt, um sich ein Opfer zu suchen. All dies und noch viel mehr höre und fühle ich in jedem einzelnen Augenblick des Tages und der Nacht. - Es gibt keine Möglichkeit des Entrinnens für mich.“

Jess Morgan lächelte sie schief an, und ihr Herz schlug heftig in ihrem Brustkorb.

„Ich spüre die gewaltigen Kräfte des Meeres, die Strömungen, die unser Schiff mit einem leichten Schlag zerschmettern könnten.“

Er griff unvermittelt nach Laneas Hand, hielt sie fest in seiner und presste dann beide auf das Schanzkleid. Lanea wurde von solcher Wucht gepackt, dass sie zuerst zurückschrak, aber Jess hielt sie mit eiserner Hand fest. Die Empfindungen schwappten über sie hinweg, als hätte er sie gepackt und in das Wasser geworfen. Doch sie stand immer noch neben ihm. Die Eiskristalle in seinen Augen funkelten sie unbewegt an. Lanea schnappte nach Luft, als eine Welle voller Eindrücke über sie brach und mit unbeugsamer Gewalt in ihr Bewusstsein drang. Sie wurde in einen Strudel fortgerissen, immer tiefer hinein in das Leben und Sterben des umgebenden Gewässers. Sie spürte das Leben und den Tod, der auf dem Meeresgrund lauerte, und sah Schönheit von bisher ihr unbekannten Farben. Angst war ihre erste Reaktion, die augenblicklich schwand und sich in schlichtes Staunen über die Einzigartigkeit dieser Fähigkeit wandelte. Hätte sie es nur vermocht, hätte Lanea die Arme begeistert ausgebreitet und sich in dieser Empfindung voller Freude gedreht wie ein Kind, das im Regen tanzt.

Plötzlich ebbte die Brandung der Empfindungen ab. Jess hatte seine Hand fortgenommen und ihre Finger sanft von dem Schanzkleid gelöst, in das sie sich unbemerkt immer fester gekrallt hatte. Sie riss den Mund auf, um ihre Lungen mit Luft vollzusaugen, als wäre sie tatsächlich zu lange unter Wasser getaucht. Lanea taumelte, wurde jedoch augenblicklich von Jess festgehalten.

„Ich kenne den Weg, den das Wasser nimmt.“ Ein überhebliches Lächeln umspielte seine Lippen, als er sie losließ und geschmeidig zur Seite trat. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck beobachtete er, wie eine hoch aufspritzende Welle sich über dem Schanzkleid brach und Lanea unvermittelt nass spritzte.

„Ich spüre alles, was mit Wasser in meiner Umgebung zusammenhängt. Selbst der Mensch besteht zu einem großen Teil aus Wasser.“ Mit einer weit ausholenden Geste deutete er auf die Männer an Deck.

Jess beugte sich verschwörerisch vor, und Spott saß in seinen Mundwinkeln. Er grinste sie an, doch seine Augen blickten kalt. „Ich spüre, dass es bei dir anders ist – du bist nicht das, was du vorgibst zu sein …“ Captain Jess Morgan machte eine Pause und brachte seinen Mund direkt neben ihr Ohr.

„Ich hoffe, du enttäuschst mein Vertrauen nicht!“

Abrupt richtete er sich zu seiner vollen Größe auf, wandte sich um und ließ Lanea beklommen zurück.

Kidnapping

Lanea war froh, als sie die Tür zu ihrer Kabine schließen konnte und sie endlich wieder alleine war. Die Begegnung auf Deck mit Jess Morgan war seltsam verstörend gewesen. Jetzt musste sie dringend einen klaren Gedanken fassen. Natürlich wollte er seinen Leuten trauen können. Es war nur nachvollziehbar, dass er sie offen darauf hingewiesen hatte. Aber das Ganze hatte auch den unmissverständlichen Charakter einer Drohung gehabt, die unausgesprochen zwischen seinen Worten hing.

Lanea ging nachdenklich durch den kleinen Raum. Nein, Jess Morgan entsprach zwar dem äußeren Erscheinungsbild nach nicht ihren Vorstellungen eines erbarmungslosen Piraten, strahlte aber deren skrupellose Entschlossenheit aus, was die Durchsetzung seiner Interessen anbelangte. Widerstrebend gestand sie sich ein, dass ihr das offensichtlich enge Verhältnis zu seinen Männern imponierte. Es war unverkennbar, dass für ihn das Wohlergehen seiner Crew an oberster Stelle stand, und das gefiel ihr.

Während sie das Band löste, das ihren Zopf zusammenhielt, betrachtete sie ihre Kabine. Sie war nicht sonderlich groß, hatte aber ein kleines Fenster, durch das spärliches Licht hineinfiel. Beiläufig fuhr sie sich durch die Haare und löste einzelne Strähnen, die sie sich grübelnd um die Finger wickelte. Ihr Blick wanderte über den schmalen Tisch, auf dem ein Stapel Karten lag, die jemand dort ordentlich hingelegt hatte.

Jemand war in ihrer Abwesenheit hier gewesen! Ihr Herzschlag beschleunigte sich bereits wieder. Natürlich, er hatte es ihr ja schließlich angekündigt, dass er die Karten vorbei bringen lassen würde. Doch so schnell? Mit klopfendem Herzen ging sie zu ihrer Kleiderkiste und öffnete sie. Hektisch wühlte sie zwischen ihren Sachen, bis ihre zitternden Finger den Gegenstand fanden, nachdem sie gesucht hatten. Lanea atmete erleichtert auf und beruhigte sich wieder, als sie einen dunklen Lederbeutel herauszog. Geschickt knotete sie das dicke Lederband auf, das den Beutel verschloss, und weitete die Öffnung.

Blutrote zu einem Pulver, gemahlene Steine lagen unscheinbar in der sicheren Obhut des Beutels und hielten das Geheimnis, das in ihnen lag, vor dem unkundigen Betrachter verborgen. Als Lanea hineingriff, konnte sie sich eines Schauerns nicht erwehren. Sie würde sehr vorsichtig sein müssen, wenn sie unbemerkt die Positionen der Monsoon Treasure verraten wollte. Vermutlich wusste Captain Morgan genau, warum sie an Bord war. Lanea weigerte sich jedoch, darüber nachzudenken, wie er mit verräterischen Crewmitgliedern umging. Sie ging zu dem winzigen Fenster und betrachtete im Schein des immer schwächer werdenden Tageslichtes die funkelnden Steinchen. Sie sahen aus wie die Splitter von Rubinen und jemand, der nicht um ihre Kräfte wusste, würde sie nicht eingehender betrachten. Tatsächlich handelte es sich jedoch um die Tränen der Göttin Thethepel, die sorgfältig von den Sehern gehütet wurden. Einer Legende zufolge wurde Thethepel von ihrem Vater Mako‘un aus dem Reich der Götter vertrieben, weil sie ständig Streit mit ihrer Schwester Kahamaka gesucht hatte. Wütend über den Verlust ihrer Heimat schuf sie mit Hilfe eines Vulkans, den sie aus dem Meer erhob, die Insel Waidami und besiedelte sie mit dem gleichnamigen Volk. Doch sie vermisste bald ihren Geliebten Pa’uman, der nicht wusste, wohin sie gegangen war und sich ebenfalls nach ihr sehnte. Ihr Vater hatte den Kontakt zu Thethepel verboten und sämtliche Spuren von ihr verwischt. Thethepel weinte bittere Tränen, die in den Vulkan Kaelaena fielen und dort in der Lava zu Edelsteinen verschmolzen, die sich in einer Höhle des Vulkanes absonderten. Viele Jahre verstrichen, in denen Pa’uman und Thethepel unter der Trennung litten, bis eines Tages ein junger Waidami in der Höhle die Edelsteine fand, und sie mit sich nahm. Auf dem Weg in sein Dorf, musste er steile Klippen überqueren. Er geriet ins Stolpern, und die Edelsteine fielen in die Brandung, die sie sofort mit sich riss. Sobald die Steine das Wasser berührten, lösten sie sich darin auf und zogen für das menschliche Auge unsichtbare Fäden durch das Meer. Die Strömung trug sie bis zum Strand der Götter, an dem Pa’uman gerade ins Wasser stieg, um ein Bad zu nehmen. Die feinen Fäden berührten ihn, und er erkannte die Tränen Thethepels darin. Pa’uman folgte den Fäden und gelangte so nach Waidami, um dort endlich seine Geliebte in seine Arme zu schließen. Die überglückliche Thethepel bedankte sich bei den Waidami, indem sie sie überschwänglich mit Gaben überhäufte. Sie schenkte ihnen die Fähigkeit, die Schiffswracks zu heben und daraus einzigartige Schiffe zu bauen, und sie schenkte ihnen die Fähigkeit des Sehens. Und damit ein Waidami auf ewig mit seiner Heimat verbunden bleiben konnte, egal wo er sich auch befinden sollte, schenkte sie ihnen ihre Tränen.

Und diese hielt Lanea jetzt in ihren Händen. Die Steine waren nicht kalt, wie es Edelsteine normalerweise waren. Während sie auf Laneas Handflächen lagen, ging eine geheimnisvolle Hitze von ihnen aus, die über ihre Hand in den Arm hinauf wanderte und ihren gesamten Körper erkundete. Lanea hob die Hand direkt vor ihre Augen und betrachtete fasziniert, wie im Innern der Steinchen Leben zu existieren schien. Jede kleinste Bewegung wurde von ihnen aufgenommen. Sie waberten hin und her, als würden sie aus einer Flüssigkeit bestehen und nicht aus einem trockenen Pulver. Lanea schloss die Finger um das Pulver, öffnete den Beutel, den sie achtlos auf den Tisch gelegt hatte, und ließ es gewissenhaft zurück in das schützende Innere rieseln.

Wenn sie also sicher war, dass Jess Morgan weiterhin keine Schiffe für die Waidami versenkte, sollte sie alle zwei Tage die Position übermitteln. Normalerweise gab ein Schiffshalter nur dann die Positionen durch, wenn die Piraten ein Schiff versenkt hatten. Die Seher fanden das Wrack dann sehr schnell und ließen es nach Waidami schleppen. Wenn sie jedoch regelmäßig und in diesen kurzen Abständen das Pulver ins Meer streute, würde es sich zu einer langen Schnur verweben, die von der Monsoon Treasure durch das Meer gezogen würde. Die Galeone glich dann einem blutenden Opfer, das dem mörderischen Spürsinn eines hungrigen Hais ausgeliefert war. Andere Piraten der Waidami würden die Verfolgung aufnehmen und Jess Morgan gefangen setzen.

Lanea seufzte schwer. Der Gedanke daran, was mit der Crew, dem Schiff und Jess Morgan passieren würde, behagte ihr auf einmal nicht mehr, und sie wusste nicht, ob es wirklich richtig war, was sie tat. War es richtig, ausgerechnet denjenigen zu verraten, der sich offensichtlich gegen die Machenschaften der Waidami stellte? Schien Jess Morgan nicht eher auf derselben Seite zu stehen? Wenn er sich überhaupt als Verräter entpuppte, denn bisher hatte sie keine Anzeichen dafür gefunden. Lanea schüttelte den Kopf. Sie würde sich mit dieser Frage noch intensiv auseinandersetzen müssen, aber nicht jetzt. Zuerst musste sie länger auf der Treasure sein, um eine Entscheidung darüber treffen zu können.

Sorgfältig verschloss sie den Beutel und steckte ihn dann wieder ganz nach unten in die Truhe. Offensichtlich hatte sie niemand durchsucht, sondern tatsächlich nur die Karten auf dem Tisch platziert.

Die Karten! Lanea konnte ihre Neugier nicht länger zurückhalten und setzte sich an den Tisch. Da inzwischen immer weniger Licht durch das Fenster drang, entzündete sie mit Hilfe eines Feuersteins einige Kerzen und verteilte sie. Als sie genug Licht hatte, griff sie zaghaft nach der obersten Karte und betrachtete sie im rötlichen Schein der Kerzen. Es handelte sich offensichtlich um eine Übersichtskarte der Gewässer, in denen sie sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt befanden. Sie hatte einen großen Maßstab und reichte von der südamerikanischen Küste über die gesamte Karibik bis weit in den Atlantik hinein. Lanea betrachtete sie ausgiebig und legte sie dann sorgfältig an die Seite, um die nächste in Augenschein nehmen zu können. Diese hatte einen geringen Maßstab und zeigte nur einen kleinen Teil der südamerikanischen Küste, auf der die Hafenstadt Cartagena lag. Nachdem sie auch diese Karte genau studiert hatte, legte sie diese ebenfalls auf die Seite und nahm sich die darunter liegende Karte vor. So arbeitete Lanea sich nacheinander durch alle Karten. Schnell fiel ihr auf, dass alle Karten nur einen kleinen, aber sehr detaillierten Ausschnitt der ersten großen Übersichtskarte zeigten. Stirnrunzelnd überlegte sie, was Jess Morgan vorhaben könnte. Sie war sich sicher, dass er irgendeinen größeren Plan ausheckte. Unbewusst zuckte Lanea mit den Schultern. Es würde ihr nichts anderes übrigbleiben, als abzuwarten.

Als sie herzhaft gähnte, sah sie zum ersten Mal von den Karten auf und bemerkte überrascht, dass die Kerzen fast bis zum Grund abgebrannt waren und ihr hinter dem Fenster nur schwarze Leere entgegen starrte. Lanea wischte sich über die müden Augen. Es war besser, nun schlafen zu gehen. Sie würde morgen früh direkt wieder damit beginnen, sich die Details der Karten einzuprägen. Jess Morgan sollte neben ihr auf dem Deck stehen können, ein Ziel nennen und sie würde ohne Karte den Kurs bestimmen können. Sie wollte ihn damit beeindrucken und so sein Vertrauen gewinnen.

Steif schob sie den Stuhl zurück und erhob sich. So schnell es ging entledigte sie sich ihrer Kleidung und ließ sich auf die Koje fallen. Sie genoss den Moment des Friedens, als sie sich ausstreckte, und fiel schnell in einen Schlaf, der von wilden Träumen begleitet wurde.

*

Die gesamten nächsten Tage verbrachte Lanea in ihrer Kabine und verließ diese nur zu den Mahlzeiten. Jess Morgan schien wie ein Geist auf seinem eigenen Schiff zu sein, denn sie bekam ihn nicht ein einziges Mal zu Gesicht. Wann würde er endlich mit ihr reden und ihr seine Pläne offenbaren? Es war unübersehbar, dass sie nicht die einzige war, die noch nichts von seinen Plänen wusste. Den Gesprächen mit den Männern konnte sie entnehmen, dass er die letzten Tage ebenfalls meist in seiner Kajüte verbracht hatte. Lediglich Cale Stewart suchte ihn regelmäßig auf, äußerste sich jedoch zu den Mutmaßungen der Mannschaft in keinster Weise.

Am Morgen des vierten Tages verließ Lanea völlig übermüdet ihre Kabine, um sich zum Frühstück zu begeben. Sie hatte wieder bis spät in die Nacht die Karten studiert.

„Hattest du ausreichend Gelegenheit, die Karten zu betrachten, Lanea?“

Erschrocken fuhr sie herum. Unvermittelt sah Lanea sich Jess Morgan gegenüber, der es fertigbrachte, sie überheblich anzugrinsen und dabei fragend eine Augenbraue zu heben.

„Aye, Captain. Ich kenne sie in- und auswendig.“ Lanea sah ihm fest in die Augen, die sich bei ihren Worten ein wenig verengten. Jess nickte, zögerte unmerklich und wandte sich bereits wieder halb von ihr ab.

„Ich erwarte dich nach dem Frühstück in meiner Kajüte.“ Er schenkte ihr einen durchdringenden Blick, dem Lanea nur mühsam standhielt. Als er ging, fiel ihr auf, dass sie die Luft angehalten hatte. Mühsam beherrscht atmete sie aus.

Nach dem Frühstück also. Mit wackeligen Beinen ließ sie sich auf ihrem Platz nieder und betrachtete lustlos das kleine Fladenbrot auf ihrem hölzernen Teller. Vorsichtig schob sie diesen von sich und stützte die Arme auf der Tischplatte ab, um den Kopf in die Hände sinken zu lassen. Ihre Gedanken jagten sich hinter ihrer Stirn. Jetzt kam es darauf an, jetzt hatte sie die Möglichkeit, ihn wirklich zu überzeugen. Lanea schluckte. Was würde er wohl mit ihr anstellen, wenn er ihren Verrat aufdeckte?

Eine geraume Weile hing sie ihren Gedanken nach, doch dann ließ sie ein rhythmisches Klacken aufblicken. Patrick McPherson, der Schiffszimmermann, setzte sich breit grinsend neben sie.

„Was hat dir denn den Appetit verhagelt?“, fragte er und blickte sie aus seinen grauen Augen freundlich an. McPherson hatte ein breites Kreuz und mächtige Oberarme, deren Muskeln unter den abgerissenen Hemdsärmeln herausquollen, als wäre darunter nicht genug Platz für sie.

Lanea starrte gefesselt auf sein Holzbein. Nie zuvor war sie einem Menschen mit so einem Stock als Bein begegnet. Peinlich wurde sie sich ihrer Neugierde bewusst und lief rot an.

„Entschuldige, aber ich habe noch niemals ein Holzbein gesehen.“

McPherson grinste anzüglich und klopfte mit der rechten Hand auf das Holz, das unterhalb seines Knies aus dem Hosenbein ragte.

„Das verdanke ich unserem Captain“, sagte er und kicherte vergnügt, als er Laneas Schaudern bemerkte.

„Patrick ist auf einem Erkundungstrupp durch den Dschungel von einer Schlange durch den Stiefel hindurch in den Fuß gebissen worden.“ Hong stand plötzlich mit einer Schüssel voller neuer Fladenbrote neben dem Tisch und setzte zu einer Erklärung an. „Ich konnte nichts tun und sein Fuß schwoll innerhalb von wenigen Augenblicken an. Wir zerschnitten das Leder und konnten nur zusehen, wie das Gift sich immer weiter ausbreitete und den Unterschenkel hochwanderte.“

„Ja, es war unübersehbar. Seine Haut verfärbte sich furchtbar schwarz.“ Kadmi stieß McPherson kameradschaftlich von der Seite an und nickte ihr zu.

„Ich war ratlos, da hat Jess nicht lange gezögert und unserem lieben Patrick kurzerhand die Axt abgenommen, die er immer mit sich führt …“ Hong musterte sie skeptisch. Auch ohne in den Spiegel zu sehen, war Lanea klar, dass sie verdächtig blass um die Nase geworden sein musste.

„Er hat ihm das Bein …?“ Ihre Stimme versagte, und sie versuchte, das Bild aus ihrem Kopf zu drängen, das bei den Worten der Männer entstanden war.

„… abgeschlagen, ja!“ McPherson grinste noch breiter. „Danach habe ich tagelang in der Koje vor mich hingestarrt und mir nichts mehr als den Tod gewünscht. Jeden Morgen und jeden Abend erschien der Captain, um nach mir zu sehen. Nach einer Woche kam er und sah mich aus Augen an, die schwarz wie die Nacht waren. Dann zog er seine Pistole und hielt sie mir an den Kopf. – Wenn du dich so sehr nach dem Tod sehnst, werde ich deinem Wunsch nachkommen. Gleich hier und jetzt. - An seine Stimme erinnere ich mich, als hätte er gerade erst gesprochen. Jedes Wort bohrte sich wie Eissplitter in meine Verzweiflung, und ich hatte plötzlich furchtbare Angst davor, zu sterben. Im selben Augenblick ließ Jess die Pistole sinken und sagte schlicht: Gut so! - Er ging ohne ein weiteres Wort.“ McPherson machte eine kurze Pause und starrte dabei ins Leere. „Damit hat er mir ein zweites Mal das Leben gerettet, denn danach wollte ich wieder gesund werden.“

Lanea schüttelte sich leicht, als erwachte sie aus einem Traum. Ganz sicher war sie sich nicht, ob die Geschichte auch vollständig der Wahrheit entsprach. Zu groß war die Erheiterung zwischen den Männern. Doch wenn sie der Wahrheit entsprach, war Jess Morgan ein Mann, der sehr schnell und sehr konsequent seine Entscheidungen traf. Ein weiterer Schauer lief über ihren Rücken und erinnerte sie an ihre Verabredung. Entschlossen stand sie auf. Die Männer um sie herum sahen erstaunt zu ihr hoch und lächelten sie an, als sie mit einem knappen Gruß die Runde wieder verließ. Diesmal würde sie es nicht hinauszögern, sie würde sich jetzt Jess Morgan stellen.

*

Jess Morgan stand an den weit geöffneten Fenstern des Heckkastells und schaute versunken auf die ruhige See.

Sein 1. Maat trat in die Kajüte und sah stirnrunzelnd auf seinen Captain. Seitdem Lanea an Bord gekommen war, benahm er sich auffallend merkwürdig und war seinen Fragen konsequent ausgewichen. Jetzt hatte Jess ihn hierher gebeten, weil sie gemeinsam mit Lanea ihre Pläne besprechen wollten. Cale würde die Gelegenheit nutzen, um endlich in Ruhe mit ihm zu sprechen.

„Guten Morgen, Captain“, sagte er, bemüht sich seinen inneren Grimm nicht anmerken zu lassen.

„Guten Morgen, Cale.“ Jess drehte sich um und begegnete dem skeptischen Blick seines Freundes mit ruhiger Gelassenheit. „Ich weiß, du hast Fragen. Und ich bin auch bereit, diese zu beantworten – soweit ich kann, Cale. Aber ich bin mir selbst über einige Dinge nicht ganz im Klaren!“

„Ich will wissen, warum es ausgerechnet eine Frau ist, die wir jetzt an Bord haben. Auch wenn sie hundertmal vom Volk der Ka’anu ist. Vor allen Dingen würde ich gerne verstehen, warum du sie in dem Augenblick angeheuert hast, in dem du einen Blick auf ihr hübsches Gesicht geworfen hattest. War das unbedingt nötig? Wir waren in einem Hafen, du hättest nur in die nächste Spe …“

Ein Blick aus stahlharten Augen, die sich zu schmalen Schlitzen zusammenpressten, ließ Cale unvermittelt verstummen. In seiner Wut darüber, in den letzten Tagen von Jess ausgeschlossen worden zu sein, war er gerade eindeutig zu weit gegangen. Er sollte seinen Freund besser kennen. Verlegen räusperte er sich.

„Verzeih, ich bin zu weit gegangen.“

„Ich verstehe deine Zweifel.“ Jess nickte verständnisvoll und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn ich dir sage, dass ich selbst nicht weiß, warum ich sie angeheuert habe, wirst du mir kaum Glauben schenken.“

Cale sah ihn sprachlos an.

„Ich bin von ihr angezogen worden, als würde ich einem alten Ruf folgen, den ich schon vor langer Zeit vernommen habe. Es war wie eine Art Zauber, der von ihr ausging, noch bevor ich sie gesehen hatte. – Nicht im romantischen Sinne, versteht sich.“ Jess grinste schief auf seinen Freund herab, der sich inzwischen auf einen Stuhl gesetzt hatte. „Es schien mir, als gäbe es für mich keine andere Möglichkeit. Ich musste zu ihr gehen, und ich musste sie anheuern. Nenne es eine Art Vorbestimmung, ich selbst habe keinerlei Ahnung.“ Ratlos ließ er seine Arme sinken, bevor er fortfuhr. „In dem Augenblick, als ich sie berührte, ist mit mir irgendetwas passiert, Cale! Es war, als würde eine Mauer eingerissen, die schon zuvor bei meinen Eltern Risse bekommen hat.“ In knappen Worten, die nicht die Verwirrung dahinter verbergen konnten, schilderte er Cale von den Ereignissen bis hin zu dem Augenblick, wo sie ihn in dem verfallenen Haus gefunden hatten.

Cale schüttelte immer wieder verwirrt den Kopf.

„Was hat das alles zu bedeuten, Jess?“

„Wenn ich das nur selbst wüsste!“ Jess sah ihn ernst an. „Ich kann mich an mein ganzes Leben erinnern. Die Dinge, die vor meiner Verbindung mit der Monsoon Treasure liegen, sind nicht mehr länger vor mir verborgen. Ich kann mich sogar an meine Eltern und ihre Fürsorge erinnern.“ Seine Stimme wurde leise und tiefes Bedauern stand in sein Gesicht geschrieben. Dann richtete er einen flammenden Blick wieder auf Cale. „Was habe ich bisher getan, Cale? Mir ist, als würde ich alles plötzlich aus einem veränderten Blickwinkel sehen. Mein ganzes Leben bestand darin, für die Waidami Schiffe zu versenken, Menschen zu töten, ohne einen Gedanken an sie zu verschwenden! Jetzt empfinde ich plötzlich Mitleid für die Unschuldigen unter ihnen. – Warum geschehen ausgerechnet jetzt diese Dinge? Meine Erinnerungen verwirren mich und gleichzeitig bestätigen sie mich in der Entscheidung, dass wir uns von den Waidami trennen müssen. Zu viel haben sie mir angetan, zu viel Leid bringen sie wahllos über andere.“

Cale hörte voller Entsetzen den Schmerz in der Stimme seines Captains und sah die Qual in seinen Augen.

„Und immer wieder treffe ich in meinen Gedanken auf ein verdammtes Paar grüner Katzenaugen – als wollten sie mir etwas mitteilen.“ Jess brach abrupt ab. Er warf Cale einen raschen Blick zu und nickte in die Richtung der Tür.

„Herein!“

Langsam öffnete sich die Tür, und Lanea betrat zögernd den Raum.

*

Lanea ging mit entschlossenen Schritten auf die Tür der Kapitänskajüte zu. Zögernd blieb sie stehen, als sie die Stimmen dahinter vernahm. Sie atmete tief durch, hob die Hand, um zu klopfen und erstarrte, noch bevor ihre Finger das Holz berührten.

„Herein!“

Irritiert vernahm sie Jess Morgans Stimme und öffnete vorsichtig die Tür. Cale Stewart saß auf einem Stuhl und sah ihr ernst entgegen, während Jess Morgan mit dem Rücken zu den offenen Fenstern stand und ihr freundlich zunickte.

Als sie eintrat und die Tür hinter sich schloss, hatte sie das Gefühl als würde etwas gänzlich Fremdes in seinem Blick liegen. Es war völlig unmöglich, aber sie sah für einen flüchtigen Augenblick unter den unsichtbaren Schleier, der sein wahres Gesicht normalerweise verborgen hielt. Jess Morgan hatte sich schnell wieder im Griff, und seine Miene war ausdruckslos wie immer. Dann deutete er mit einer Hand zu einem freien Stuhl neben Cale.

„Setz dich, Lanea. Wir wollen direkt beginnen.“

Lanea hätte sich gerne den großzügigen Raum näher angesehen, doch sie traute sich nicht, ihren Blick abschweifen zu lassen. Eilig setzte sie sich und richtete ihr Augenmerk auf die Karten, die auf dem mächtigen Tisch lagen. Es war unverkennbar, dass es sich um die gleichen Karten handelte, die auch in ihrer Kabine lagen.

„Ich will mit dir über unsere Pläne sprechen und hoffe, dass du dich in den vergangenen Tagen mit dem Kartenmaterial auseinandergesetzt hast.“

Lanea nickte und beobachtete neugierig, wie Jess aus einem kleinen Schrank neben dem Tisch einen Lederband zog. Er stand auf der anderen Seite des Tisches, beugte sich leicht vor und legte den Band vor ihr auf dem Tisch ab.

„Weißt du, worum es sich hierbei handelt?“ Seine Stimme klang abwartend.

Lanea hatte eine dunkle Ahnung und griff bedächtig danach. Mit einem ehrfürchtigen Blick auf den Lederband, öffnete sie ihn und leckte sich dabei unbewusst über die Lippen, als sie einen Blick auf die Karten im Inneren warf.

„Es ist eine Derroterro, Captain!“ Lanea entging nicht, wie die beiden Männer einen Blick miteinander wechselten.

„Du kennst sie?“ Cale hatte die Frage an sie gerichtet und sich in seinem Stuhl vorgebeugt.

„Ja, ich …“ Lanea presste kurz die Lippen aufeinander. Bleib so dicht, wie es geht bei der Wahrheit, Lanea, schalt sie sich in Gedanken. „… meine Mutter hat mir davon erzählt, dass mein Vater so eine besessen hat, und sie ihm mehr bedeutete, als sein eigenes Leben.“ Im Stillen verfluchte sie sich. Ihr Zögern war nicht unbemerkt geblieben. Cale stand offenes Misstrauen ins Gesicht geschrieben, aber Jess Morgan betrachtete sie weiterhin mit völlig unbewegter Miene.

„Dann weißt du also auch um ihren Wert?“

Lanea nickte eifrig.

„Sie enthält sämtliche Karten, auf denen die spanischen Routen eingezeichnet sind, und …“ jetzt fühlte sie sich selbstsicher und schaute beide Männer herausfordernd an. „Sie gibt detaillierte Angaben über Abfahrt und Route der sagenumwobenen Silberflotte, die zweimal im Jahr von Südamerika nach Spanien segelt, voll beladen mit den Reichtümern der Gold- und Silberminen aus der Neuen Welt.“ Sie schloss zufrieden mit sich selbst und lehnte sich, zum ersten Mal wirklich entspannt in der Gegenwart von Jess Morgan in ihrem Stuhl zurück.

„Gut, ich bin beeindruckt.“ Jess nickte ihr anerkennend zu, und auch Cale sah beeindruckt aus.

„Ich gehe davon aus, dass dir auch bewusst ist, was wir damit vorhaben.“ Jess schlenderte langsam um den Tisch herum und blieb direkt hinter Lanea und Cale stehen. Seine unmittelbare Nähe verunsicherte Lanea erneut. Unbewusst hielt sie den Atem an, als sie sich auf die Fragestellung konzentrierte.

„Wir greifen die Silberflotte an?“ Unsicher sah sie zu Cale Stewart neben sich und sog zischend die Luft ein, als sie seinem breiten Grinsen begegnete.

„Die Silberflotte wird von einer Armada begleitet. Das ist unmöglich!“

„Hmm …“ ein überheblicher Zug bildete sich um Jess Morgans Mundwinkel. „Unmöglich ist es nur, dem Tod auf Ewigkeit zu entgehen. Wir werden die Silberflotte nicht offen angreifen.“ Jess beugte sich zwischen Cale und Lanea vor. Unbemerkt streifte er dabei Laneas Arm, die zurückzuckte, als hätte sie sich verbrannt. Der Pirat fuhr mit seiner sehnigen Hand über eine unsichtbare Linie auf der großen Übersichtskarte.

„Hier werden wir nach einer geeigneten Stelle suchen, an der wir vereinzelte Schatzschiffe von der Gruppe abspalten können!“

Lanea folgte fasziniert dem Weg seiner Hand und versteifte sich, als er diese ihr kurz auf die Schulter legte. Sofort schnellte ihr Herzschlag nach oben, und Jess zog seine Hand mit einem anzüglichen Grinsen zurück.

„Wir werden in der nächsten Zeit in diesen Gewässern kreuzen, um uns mit dem Gebiet vertraut zu machen. Du solltest die Karten studieren, damit du blind den Kurs bestimmen kannst, den wir von dir fordern.“

Lanea beruhigte sich wieder. Hier würde sie ohne Probleme beweisen können, dass man ihr vertrauen konnte. Sie stand halb auf und griff nach den Karten. Zielsicher zog sie eine Karte aus dem Stapel hervor, die einen bestimmten Ausschnitt zeigte. Sie legte sie bedächtig auf die große Übersichtskarte und deutete auf einen kleinen Punkt, dann legte sie die andere Hand auf den entsprechenden Ausschnitt der kleineren Karte.

„Hier befindet sich ein großes Barriere-Riff. Wenn es uns hier gelingt, zum richtigen Augenblick einige Schiffe auf die „falsche“ Seite zu treiben, können die armierten Schiffe nicht mehr einfach über das Riff segeln. Sie müssen es erst umsegeln!“ Die restliche Anspannung fiel von ihr ab, als sie sah, wie Jess sie zustimmend ansah.

Cale lachte und erhob sich, um drei Becher mit Wein zu füllen, die er dann an Lanea und Jess reichte. Er hob seinen Becher zum Gruß und verbeugte sich leicht in Laneas Richtung.

„Mir scheint, wir haben mit unserem Navigator eine gute Wahl getroffen, Captain.“

*

Nachdem sie die Karten noch einmal gemeinsam gesichtet hatten, verließ Lanea die Kajüte. Cale saß seinem Captain an dem großen Tisch gegenüber und wartete bis ihre Schritte verklungen waren.

„Traust du ihr?“, fragte er knapp.

„Sie hat uns angelogen. Beantwortet das deine Frage?“, antwortete Jess ebenso knapp.

Cale verdrehte die Augen und goss von dem Wein nach. Einen Augenblick überlegte er, dann setzte er den Becher an den Mund und trank in bedächtigen Schlucken. Er schüttelte den Kopf und stellte das Gefäß hart ab.

„Was hast du vor? Meinst du, sie plant Verrat oder verheimlicht sie uns aus anderen Gründen etwas?“

„Sie hat uns belogen, was ihre Herkunft betrifft.“ Jess betrachtete nachdenklich seinen Freund und begann, unbewusst mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln.

„Ich denke, dass sie eine Verräterin ist. Meiner Meinung nach, und da bin ich mir sehr sicher, ist sie eine Schiffshalterin der Waidami.“ Seine Finger stoppten ihren Tanz auf der Tischplatte, und er breitete sie beruhigend aus.

„Ihre Strömung ist wie ein unterschwellig brodelnder Vulkan. Sie strahlt eine permanente Aufregung aus, die mal mehr, mal weniger ausgeprägt ist. Manchmal ist sie so stark, dass ich sie über das ganze Schiff spüren kann. Seitdem wir die Nuestra Senora di Hispaniola versenkt haben, haben wir keine Positionen mehr übermittelt. Bisher hat kein Captain der Waidami länger als ein paar Monate überlebt, wenn er sich dazu entschlossen hatte, auf eigene Rechnung zu kapern.“ Jess Augen wurden immer heller und nahmen einen arktischen Ton an, als er weitersprach. „Die Seher haben sie als Spion geschickt, und wenn sie erst einmal damit beginnt, unsere Positionen zu übermitteln, hängen wir wie eine Fliege im Spinnennetz der Waidami.“

„Wir sollten sie sofort über Bord werfen und gar kein Risiko eingehen.“

„Nein, Cale. Sei nicht voreilig. Ich kann spüren, dass sie sich selbst nicht sicher ist, ob sie uns verraten soll. Wir werden sie im Auge behalten. Wenn sie sich als vertrauenswürdig erweist, wäre sie mit ihren navigatorischen Fähigkeiten auf jeden Fall ein Gewinn für unsere Crew.“

„Die Konfrontation ist nicht zu vermeiden, Jess. Selbst wenn Lanea sich uns anschließt, werden wir den Waidami nicht ewig davon segeln können. Das weißt du genau.“

„Nein, sicher nicht. Aber darüber werden wir uns nach dem Angriff auf die Silberflotte Gedanken machen. Ich denke, dass die Waidami uns nicht vorschnell angreifen werden. Sie werden warten, bis sie sicher sind.“

„Ich hoffe, du hast wie immer Recht, Jess. Soll ich die Männer über Lanea einweihen?“

„Nein, ich werde sie persönlich überwachen.“

*

Lanea presste sich vollkommen verängstigt in eine Felsspalte. Um sie herum herrschte dichter, undurchdringlicher Nebel. Plötzlich zerteilte sich dieser, und Jess Morgan trat heraus. Seine Augen waren wie blind und in seinem Gesicht lag blanke Mordgier, als er seinen Blick auf Lanea richtete.

Schweißgebadet schreckte Lanea aus ihrer Koje hoch und starrte mit weit aufgerissenen Augen durch ihre kleine Kabine. Ihr Atem ging schnell, und das Herz schlug bis zu ihrem Hals. Zögernd hob sie ihre Hände und massierte sich die feuchte Stirn. Die Bilder aus ihrem Alptraum waren wie fortgewischt und hatten nur dieses dumpfe Gefühl des Entsetzens hinterlassen, das wie ein Echo in ihr nachhallte.

Langsam beruhigte sich ihr Atem. Lanea seufzte schwer. Seit sie vor ein paar Wochen an Bord der Monsoon Treasure gelangt war, hatten sie immer wieder Alpträume geplagt. Meist konnte sie sich danach an nichts mehr erinnern. Ganz selten jedoch bekam sie ein Bild zu fassen, das sie mit in die Wirklichkeit nahm. Und immer waren es Bilder von Jess Morgan. Lanea schüttelte unwillig den Kopf und ärgerte sich über sich selbst. Dieser Mann brachte sie vollkommen aus der Fassung und beherrschte anscheinend nun auch bereits ihre Träume.

Er ist ein Pirat, Lanea, erinnerte sie sich. Es wurde wirklich langsam Zeit, die Position der Monsoon Treasure an die Waidami weiterzugeben. Sie kreuzten jetzt schon seit gut zwei Wochen durch die Gewässer rund um das Barriere-Riff. Aber Jess Morgan schien noch nicht die Stelle gefunden zu haben, die er für sein Vorhaben suchte.

Laneas Gedanken kehrten zu den Waidami zurück, die sicherlich schon ungeduldig auf ein Zeichen von ihr warteten. Sie seufzte erneut. Wenn er doch bloß dem Bild des grausamen Piraten entsprechen würde, das sie von ihm gehabt hatte. Wenn er doch bloß nicht so attraktiv wäre. Lanea wurde rot bei dem Gedanken daran, dass er ihre Strömungen spürte und damit immer so ziemlich genau wusste, was sie gerade empfand. Sie musste dringend lernen, sich besser im Griff zu haben.

Lanea stand ärgerlich schnaubend auf und ging zu einer kleinen Waschschüssel, die sie sich bereits am Vorabend mit Wasser gefüllt hatte. Langsam ließ sie ihre Finger in die erfrischende Kühle des Wassers tauchen und senkte ihren Kopf darüber. Nachdenklich betrachtete sie ihr leicht verzerrtes Gesicht in der Wasserspiegelung. Sie runzelte die Stirn, als ihr bewusste wurde, dass ihre Gedanken schon wieder von den Waidami und ihrem Auftrag abgeschweift waren und zu Jess Morgan wanderten. Sie konnte sich nicht eingestehen, dass sie versuchte, den Augenblick hinauszuzögern, an dem sie das verräterische Pulver in das Wasser streuen würde. Aber sie konnte sich ja auch immer noch nicht sicher sein, ob er jetzt ein Verräter war oder nicht. Schließlich war der Überfall auf die Silberflotte für die Waidami von Vorteil, – wenn er dann seine Beute auch teilte.

Ein plötzlicher Schrei von Deck ließ sie hochfahren. Beinahe hätte sie die Waschschüssel umgeworfen. Lanea fluchte leise. Sie hatte den Ruf nicht genau verstanden, aber es schien, als hätte der Ausguck ein Schiff ausgemacht. Sie wirbelte auf dem Ansatz herum und griff nach ihrer Kleidung. Eilig zog sie sich das Hemd über und schlüpfte in Hose und Stiefel. Sie verzichtete darauf, ihre Haare noch zu einem Zopf zu flechten, sondern rannte mit wehender Mähne auf das Achterdeck.

Jess Morgan und Cale Stewart standen bereits dort, und Jess setzte gerade das Spektiv ab.

„Sie liegt ziemlich tief im Wasser.“

„Und sie hat uns ebenfalls bemerkt, Jess. Sie setzen gerade alle verfügbaren Segel und drehen ab.“ Cale setzte ebenfalls sein Spektiv ab und nickte Lanea kurz grüßend zu.

„Hmm, es scheint fast so, als legten sie keinen Wert auf eine nähere Bekanntschaft mit uns.“ Jess grinste und sah Lanea an.

„Eine Karavelle mit erheblichem Tiefgang, die uns nicht treffen möchte. Was meinst du, Lanea, sollen wir uns das Schiff mal genauer ansehen?“

Lanea schluckte schwer und griff nach dem Spektiv, das Jess ihr reichte. Mit einer Hand wischte sie ihr Haar aus dem Gesicht, das von einer kräftigen Brise umhergewirbelt wurde. Jetzt ärgerte sie sich darüber, dass sie sich vorhin nicht die Zeit genommen hatte, sie wenigstens mit einem Band zusammenzuhalten. Der Wind machte es ihr fast unmöglich, einen Blick durch das Fernrohr zu werfen. Immer wieder verdeckten ihre Haare die Linse. Die beiden Männer wechselten einen amüsierten Blick.

„Darf ich?“ Jess lächelte sie spöttisch an und griff sanft in Laneas Haare, um sie in ihrem Nacken zusammenzuhalten. Eine Hitzewelle verbrannte ihre Wangen, und Lanea murmelte unverständlich vor sich hin, als sie endlich durch das Fernrohr blickte. Sie zwang sich, ihre Gedanken auf das fremde Schiff zu richten und nicht auf die Hand in ihrem Nacken, von der eine eindringliche Präsenz ausging.

Das Schiff lag tatsächlich ziemlich tief im Wasser, was auf eine volle Beladung hindeutete. Es steuerte gerade auf die Spitze einer Landzunge zu, die sich von der Insel, neben der sich beide Schiffe befanden, ins Meer streckte.

„Sie steuern die Landzunge an, damit sie dahinter außer Sichtweite geraten.“ Sie nahm das Spektiv herunter und spürte dankbar, wie sich die Hand aus ihrem Nacken löste, und die Haare wieder um ihr Gesicht tanzten. „Wir sollten sie uns ansehen, ja!“ Lanea nickte erregt. Jetzt würde sie endlich Gelegenheit erhalten, zu sehen, wie diese Piraten wirklich waren. Wie sie sich im Kampf verhielten und mit ihren Opfern umgingen. Sie hoffte, dass er ihr danach leichter fallen würde, sie an die Waidami zu verraten.

„Also gut, nehmen wir die Verfolgung auf. – Cale!“ Jess nickte Lanea zustimmend zu, während Cale bereits mit klarer Stimme Befehle über Deck rief. Lanea beobachtete wieder voller Faszination, wie die eingespielten Männer innerhalb kürzester Zeit alle restlichen Segel setzten. Die Monsoon Treasure segelte nun hoch am Wind. Lanea kam es vor, als würde sie über die Wellen fliegen, während sie ebenfalls auf die Landzunge zuhielten. Das fremde Schiff hatte diese bereits umrundet und verschwand gerade hinter einer Bergformation, die die Insel überragte. Sie spürte, wie die Aufregung in ihr wuchs und erkannte, dass es eine Art Jagdtrieb war, der von ihr Besitz ergriffen hatte. Überrascht bemerkte sie, dass sie noch immer das Spektiv in Händen hielt und wollte es Jess zurückreichen. Doch sie erstarrte in der Bewegung, als sie sich ihm zuwandte. Sein Gesicht war völlig abwesend auf das Meer gerichtet. Seine Hände hatten sich locker um das Holz der Reling gelegt, und Jess‘ Atem ging tief, als würde er schlafen. Schaudernd erinnerte sich Lanea an die Begegnung auf dem Vordeck, als sie gerade den dritten Tag an Bord gewesen war. Sie hatte am eigenen Leib erfahren, wie er mit seinen Sinnen in das Meer abtauchte, und sie fragte sich, was er wohl gerade sah.

„Er sucht nach dem Schiffsrumpf. Sie haben keine Chance uns abzuhängen. Die Karavelle ist viel zu schwerfällig.“ Cale Stewart trat neben sie. Die Monsoon Treasure umsegelte nun ebenfalls die Landzunge, aber von der Karavelle fehlte bereits jede Spur. Die Küste der Insel streckte sich in sanften Bögen vor ihnen aus. Nicht weit voraus öffnete sich eine breite Bucht, die nicht ganz einsehbar war, da eine vorgelagerte Felseninsel den Blick darauf verwehrte.

Cale warf einen kurzen Blick auf Jess, der jedoch keinerlei Reaktion zeigte. Dann wandte er sich ab und gab Befehl, um die Felseninsel zu umsegeln.

„Sie versuchen, sich tatsächlich zu verbergen.“ Cale schmunzelte leicht und verfolgte wachsam, wie die Treasure in die Bucht hinein segelte.

Lanea ließ ihre Blicke abwechselnd zwischen Jess Morgan und der Insel hin- und herwandern. Die Insel war wirklich groß und ein recht breiter Flusslauf mündete in die Bucht. Die Treasure lag gerade auf gleicher Höhe mit der Flussmündung, als ein lauter Befehl von Jess Morgan Lanea herumfahren ließ, der urplötzlich zur Balustrade rannte und seine Stimme über Deck schallen ließ.

„Klar zum Beidrehen! – Fier auf die Großschot!“ Ein zufriedener Ausdruck lag auf seinem Gesicht, als er Cale ansah.

„Sie sind den Fluss hinauf gesegelt. Ich kann spüren, wie der Schiffsrumpf die Strömung des Flusses stört.“ Jess griff erneut nach der Reling und tauchte wieder mit seinen Sinnen ab, um nach dem Schiff zu forschen. Es dauerte nur wenige Augenblicke, aber die Anspannung in Lanea steigerte sich ins Unerträgliche. Sie zuckte leicht zusammen, als sie unvermittelt den Blick seiner Augen auf sich ruhen sah. Der eisige Ton, der so oft darin lag, war für einen flüchtigen Moment einem tiefen Blau gewichen. Als er blinzelte, war dieser Moment vorbei. Der eisblaue Ton kehrte zurück und brachte sein Bewusstsein mit sich.

„Cale!“

„Aye, Captain?“ Der 1. Maat sah seinen Captain abwartend an.

„Wir ankern hier! - Sie liegen quer hinter einer Flussbiegung. Ich werde mit ein paar Männern an Land gehen, und wir werden die Karavelle von dort aus entern. Gib uns einen halben Tag Vorsprung, dann kommst du mit der Treasure nach.“

„Aye, aye, Captain.“ Cale nickte und eilte mit großen Schritten auf das Hauptdeck, um unverzüglich die Männer für das Unternehmen einzuteilen.

Lanea sah ihm nach und war sich unsicher, was sie tun sollte. Sie warf einen kurzen Blick auf ihren Captain, der sie flüchtig ansah und dann ebenfalls das Achterdeck verließ.

Das erste Beiboot wurde bereits zu Wasser gelassen. Lanea straffte ihre Schultern. Entschlossen lief sie in ihre Kabine und griff dort nach ihrem Schwert, das sie sich mit zitternden Fingern umgürtete. Dann band sie ihr Haar zu einem einfachen Zopf im Nacken zusammen. Lanea beeilte sich und hoffte inbrünstig, dass Jess Morgan nichts dagegen einzuwenden hatte, dass sie sich dem Landungstrupp anschließen wollte.

Als sie ihre Kabine verlassen wollte, blieb sie kurz im Rahmen der Tür stehen, atmete ein paar Mal tief durch und ging dann entschlossen an Deck.

Jess Morgan stand bereits wartend neben Cale Stewart an der Reling. Um seinen Oberkörper trug er zwei gekreuzte breite Ledergürtel. Als er sich umdrehte sah Lanea überrascht, dass er auf diese ungewöhnliche Art zwei Schwerter auf seinem Rücken trug. Jeder der Männer, die mit an Land gehen würden, war inzwischen bis an die Zähne bewaffnet. Unbewusst tastete Lanea nach dem Griff ihres Schwertes. Das kühle Metall verströmte eine beruhigende Wirkung. Mit diesem Gefühl ging Lanea mit festen Schritten auf Jess zu. Beide Männer sahen sie überrascht an, als sie dazu trat.

„Ich möchte mitkommen, Captain.“ Sie sah ihm gerade in die Augen und ignorierte den erstaunten Blickwechsel zwischen Jess und seinem 1. Maat.

„Kannst du mit deinem Schwert auch umgehen, Lanea?“ Jess deutete mit der Hand auf ihren Gürtel.

„Jemand in meinem Dorf hat mit mir geübt. Ich denke, es wird ausreichend sein.“ Sie versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben, denn sie wollte um jeden Preis dem Trupp angehören, der das Schiff entern sollte.

Die Augen von Jess verengten sich skeptisch, doch dann nickte er.

„Warum nicht? Du darfst mit.“ Jess musterte sie prüfend, und hielt sie kurz zurück, als sie sich sofort umwendete, um in das Beiboot ab zu entern, das längsseits der Treasure wartete.

„Wenn es zum Kampf kommt, bleib in meiner Nähe.“

„Aye, aye, Captain!“ Lanea beeilte sich zu nicken, denn sie hatte Angst, dass er es sich sonst noch einmal anders überlegen konnte. Als er sich wieder zu Cale umdrehte, kletterte sie eilig in das Beiboot.

Es dauerte nicht lange und der Landungstrupp besetzte zwei Boote, die unverzüglich ablegten und zielstrebig auf den nahen Strand zu hielten. Lanea saß zwischen Sam und Finnegan, die beide voller Ungeduld, aber im gleichmäßigen Takt der anderen Ruderer, die Riemen durch das türkisfarbene Wasser zogen. Keiner der Männer an Bord sprach ein Wort, und die Anspannung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Als sie auf Grund trafen, stapften sie mit schweren Schritten an Land und zogen das Boot so weit auf den feinkörnigen Strand, das es davor sicher war, von vorwitzigen Wellen mitgezogen zu werden. Jess Morgan stand an vorderster Stelle, drehte sich suchend nach ihr um und winkte ihr dann zu.

„Du bleibst direkt hinter mir.“ Sein Blick war nicht zu deuten. Lanea war sich nicht sicher, ob er diesen Befehl gab, weil er sie schützen wollte oder weil er ihr noch nicht traute. Doch sie zögerte nicht und reihte sich direkt hinter seiner großen Gestalt ein. Jess zog mit einer beeindruckend geschmeidigen Bewegung ein Schwert aus dem Gürtel und begann mit gleichmäßigen und kraftvollen Schlägen, eine Bresche in das scheinbar undurchdringliche Dickicht zu treiben. Ohne weitere Zeit zu verlieren, schlossen sich die Männer ihrem Captain an. Schon nach wenigen Augenblicken legte sich die feuchte Luft schwer auf ihren Atem. Innerhalb kürzester Zeit war jeder von ihnen schweißgebadet. Die Pflanzen bildeten einen Wall, der ihre Sicht behinderte und Geräusche verschlang, als wären sie vollkommen alleine auf der Insel. Die Vielfältigkeit der sie umgebenden Pflanzen- und Tierwelt schrumpfte mit jedem Augenblick zu einer tödlichen Eintönigkeit zusammen, in der Lanea nur noch die grüne Wand um sich herum wahrnahm und den Blick für alles andere verlor. Einer nach dem anderen löste Jess Morgan an der Spitze ab, um den nicht enden wollenden Kampf gegen die Pflanzen zu führen. Der Weg schien endlos, den sie durch die Pflanzen nahmen. Finnegan, der im Moment vor ihnen ging, blieb schweratmend stehen und stützte seine Hände auf den mächtigen Oberschenkeln ab. Seine Muskeln zitterten. Lanea war im Stillen dankbar dafür, dass niemand von ihr erwartete, die Spitze zu übernehmen. Für einen Augenblick blieben sie alle stehen und sahen sich um. Sie waren eine geraume Weile in einer geraden Linie gen Süden gezogen bis Jess einen leichten Bogen geschlagen hatte, als würden sie ein unsichtbares Hindernis umgehen. Immer wieder hatte er kurz gehalten und die Augen geschlossen, als würde er in seinem Inneren nach irgendetwas suchen. Dann hatte er zielstrebig seinen Weg fortgesetzt.

Lanea hoffte, dass sie bald ihr Ziel erreicht haben würden. Vor ihr legte Jess Finnegan die Hand auf die Schulter und löste ihn dann wieder an der Spitze ab. Erneut begann er mit unglaublicher Ausdauer, die Pflanzen aus dem Weg zu schlagen. Lanea fiel in einen Schritt, in dem sie automatisch einen Fuß vor den anderen setzte. Unbewusst richtete sie ihren Blick auf seinen breiten Rücken. Ihre Aufmerksamkeit verfing sich fasziniert in dem Spiel seiner Muskeln, die sich deutlich bei jedem Hieb unter dem an seinem Oberkörper klebenden Hemd abzeichneten. Lanea schrak aus ihrer Betrachtung hoch, als Jess unvermittelt stehen blieb und sich leicht zu ihnen umdrehte. Er hatte zwei Finger an seine Lippen gehoben und gebot ihnen, sich nicht mehr zu bewegen.

„Zwei Männer, ich denke eine Art Spähtrupp.“ Jess flüsterte und sah seine Männer warnend an. „Ihr wartet.“

Vollkommen lautlos steckte er sein Schwert zurück in den Gürtel auf seinem Rücken und schob sich geschmeidig zwischen die Pflanzen. Als sich die Blätter hinter ihm schlossen, kam es Lanea vor, als wäre er ansatzlos vom Dschungel verschlungen worden; als hätte es ihn nie gegeben. Kein Rascheln, kein Laut deutete darauf hin, dass er sich durch den Dschungel bewegte. Lanea runzelte die Stirn und konzentrierte sich darauf, irgendetwas zu hören, was nicht in die Umgebung gehörte, doch der Dschungel schwieg. Nur die Geräusche, die sie bisher begleitet hatten, drangen an ihre Ohren. Lanea seufzte und starrte dumpf auf die dicken, glänzenden Blätter vor sich. Sie schimmerten feucht, und Lanea wischte ungeduldig daran herum, während die Zeit quälend langsam und ereignislos verstrich. Plötzlich teilten sich die Pflanzen direkt vor ihr, und Jess Morgan erschien wie aus dem Nichts. Erschrocken wich sie einen Schritt zurück. Ihr rechter Fuß blieb dabei an einer Wurzel hängen und Lanea fiel rücklings zu Boden. Laut zeternd flog eine kleine Schar von grünen Papageien auf, als Zweige knackten und Blätter raschelten und die Augenpaare von zwölf Männern sich vorwurfsvoll auf Lanea richteten.

„Gut, dass es keine Wache mehr gibt, die Alarm schlagen kann!“ Jess Morgan blickte leicht tadelnd auf die völlig entsetzte junge Frau herab. Dann reichte er ihr zuvorkommend die Hand, die sie zögerlich ergriff und zog sie hoch. Da er keinen Schritt zurück machte, kam Lanea so dicht vor ihm zu stehen, dass sein warmer Atem über ihr Gesicht streichelte. Verlegen spürte sie, wie eine Hitzewelle ihr Gesicht überflutete und ihr Herz schneller zu schlagen begann. Laneas Blick flatterte unruhig umher, unfähig ihn aus dieser Nähe so direkt anzuschauen.

Die Augen von Jess Morgan verengten sich ein wenig. Seine Mundwinkel umspielten ein freches Lächeln, als er vorsichtig seine Hand aus ihrem Griff löste.

„Können wir dann weiter?“

Lanea holte tief Luft, als ihr auffiel, dass sie mal wieder unbewusst den Atem angehalten hatte und schaute beschämt auf die Männer hinter sich. Die Versuche von Jintel und den anderen, sich unbeteiligt zu geben, machten es nur noch schlimmer. Laneas Blick blieb an Jintel hängen, der sich intensiv mit Finnegan über eine Blume zu unterhalten schien, während hinter ihnen Sam fest die Lippen aufeinander presste und Laneas Blicken auswich. Kadmi betrachtete seine Stiefelspitzen, als gäbe es nichts Interessanteres in der Umgebung. Lanea stöhnte innerlich und griff in ihre Haare, die sich teilweise aus dem Zopf gelöst hatten und sich nun in klebrigen Strähnen um ihr Gesicht wanden. Stumm nickte sie Jess zu, der ihr abwartend gegenüber stand. Dann endlich machte er einen Schritt zur Seite und begann erneut, einen Weg freizuschlagen. Lanea folgte ihm schweigend und konzentrierte sich darauf, ihre Gedanken von dem peinlichen Schauspiel zu lösen. Die Männer waren unmissverständlich Zeugen davon geworden, was Jess Morgan für eine Wirkung auf sie hatte. Ärgerlich murmelte sie vor sich hin und hing ihren Gedanken nach. Er hatte es ganz bewusst provoziert. Jess Morgan trieb seine Spielchen mit ihr und genoss es ganz offensichtlich in vollen Zügen, sie aus der Fassung zu bringen. Das musste sich ändern.

Während sie weiter durch den Dschungel zogen, brütete Lanea dumpf vor sich hin. Erleichtert blieb sie stehen, als Jess Morgan sich erneut umdrehte und das Zeichen zum Anhalten gab.

„Wir sind da. - Zwei weitere Wachen nicht weit voraus.“ Diesmal waren seine Worte so leise, dass sie Lanea an Jintel weitergeben musste, der sich seinerseits umdrehte, um die Nachricht an seinen Hintermann zu übermitteln.

„Wir warten auf die Dämmerung und greifen dann an. Solange bleiben wir hier. – Und Lanea ….“ Jess sah sie ernst an, aber Lanea entging trotzdem nicht das belustigte Blitzen in seinen Augen:“… pass auf, falls du dich setzen möchtest.“

*

Lanea kämpfte mit der Müdigkeit, die sich unauffällig über ihren Körper in ihren Verstand schob. Sie gähnte verhalten und bewunderte die Männer, die in stoischer Gelassenheit ihre Plätze eingenommen hatten und seitdem den Eindruck vermittelten, von einem Augenblick auf den anderen wieder voll da zu sein, um sich in den Kampf stürzen zu können.

Jintel, der ihr mit seiner massigen Gestalt direkt gegenüber saß, verzog seinen breiten Mund zu einem leichten Grinsen und überzog damit sein Gesicht mit vielen kleinen Falten. In seiner rechten Hand ruhte mit trügerischer Friedlichkeit eine Muskete. Lanea lächelte zurück und ließ ihren Blick über jeden einzelnen Mann wandern. Überall lagen Waffen griffbereit, davon jedoch nur wenige Schusswaffen. Jess hatte sich klar ausgedrückt. Er hatte nicht vor, das Schiff im offenen Kampf zu entern. Dafür waren sie zu wenige, sie mussten sich also anschleichen. Jedes überflüssige Geräusch hatte er aufs schärfste verboten und ihr dabei einen besonders warnenden Blick zugeworfen. Lanea verdrehte die Augen, sie durfte sich nicht noch einmal so ungeschickt erweisen, wie vorhin. Wenn sie mit übertriebenem Lärm die Mannschaft des fremden Schiffes auf sich aufmerksam machten, würde es unausweichlich Verletzte oder sogar Tote auf beiden Seiten geben. Lanea tastete nach ihrem Schwert und überprüfte, ob es ebenfalls griffbereit war. Sie hoffte, dass es tatsächlich nur Verluste auf der gegnerischen Seite gab, auch wenn sie sich eingestand, dass diese Männer ihnen nichts getan hatten. Offensichtlich war sie auf dem besten Weg, ebenfalls wie ein Pirat zu denken. Dort hinten zwischen den Pflanzen, lag irgendwo ihre Beute. Bis jetzt hatte Jess Morgan ihr noch nicht den Eindruck vermittelt, nicht mehr für die Waidami segeln zu wollen. Er plante den Überfall auf die Silberflotte, davon würde ihr Volk nur Vorteile haben. Jede Menge Schätze und an die versenkten Schiffen brauchte sie gar nicht erst zu denken. Jetzt lagen sie auf der Lauer, um ein schwer beladenes Schiff zu kapern. Er musste noch auf der Seite der Waidami sein, warum sollte er sonst ein zufällig vorbeisegelndes Schiff ins Auge fassen?

Lanea schüttelte ihren Kopf und betrachtete besorgt Kadmi, der zwischen den beiden sehnigen Brüdern Lorenzo und Riccardo saß, die ihre sonst wild blickenden Augen fest geschlossen hatten, als würden sie schlafen. Doch ab und zu, hob einer von ihnen, wie unter geheimer Absprache den Kopf und sah sich um, bevor er die Augen wieder schloss. Beide Männer hatten das gleiche schwarzglänzende Haar und feine Gesichtszüge, die meist verschlossen wirkten. Lorenzo war der Ältere von beiden und sollte, laut den Erzählungen von Jintel, wie ein Wachhund auf seinen Bruder aufpassen. Doch der Jüngste an Bord war sicher Kadmi, dessen Gesicht noch völlig unschuldig wirkte. Seine großen Augen blickten oft verträumt. Für ihn schien dies alles nur ein großes Abenteuer zu sein, und er saugte alles auf, was ihm von einem der älteren Männer erklärt wurde. Mit einem verlegenen Lächeln fuhr er sich durch die struppeligen blonden Haare, als er plötzlich ihren Blick bemerkte.

Sie hockten seit einer Ewigkeit auf diesem Fleck, jetzt endlich kündigte sich die Dämmerung an. Lanea konnte ihre Ungeduld kaum noch beherrschen, die ihre Müdigkeit zur Seite drängte. Wann würde er endlich das Zeichen zum Aufbruch geben? Der Captain saß die ganze Zeit etwas abseits von ihnen. Er wirkte in sich gekehrt, als würde er permanent auf etwas lauschen und sein Gesichtsausdruck war völlig verschlossen. Worauf wartete er bloß?

Als hätte er ihre Frage gehört, spannte sich sein Körper unvermittelt an, und er sah auf.

„Es ist soweit.“ Er erhob sich mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Nichts an seinen Bewegungen deutete darauf hin, dass er Ewigkeiten bewegungslos dagesessen hatte.

Lanea hingegen fühlte sich steif und streckte ihren Körper, während sie gespannt auf die nächsten Anweisungen wartete.

„Kadmi und Finnegan begleiten mich, der Rest wartet hier auf mein Zeichen.“ Jess schenkte ihr ein wissendes Grinsen. „Du musst deine Angriffslust also noch ein wenig zügeln, Lanea!“

Die Männer, die sich gerade erhoben hatten, nickten und blieben mit Lanea zurück, als Jess mit den anderen wieder fast völlig lautlos zwischen den Blättern verschwand.

*

Mit dem Moment, in dem er die Blätter vor sich zerteilte, ließ Jess sein Bewusstsein fallen und gab sich völlig den ihn umlagernden Strömungen hin. Hinter ihm bewegte sich Finnegan trotz seiner Größe annähernd lautlos, aber er konzentrierte sich auch vollkommen auf sein Fortkommen und war damit eher langsam. Kadmi huschte wie eine Katze durch die Pflanzen, die sich auf eine Jagd begibt. Seine freudige Erregung lenkte nur ab, und Jess beschloss, vorerst alles zu ignorieren, was in seinem Rücken lag. Der Gegner lag vor ihnen. Nur wenige Meter voraus, saßen zwei unaufmerksame Männer, die vom Ufer aus Wache hielten und vergeblich auf die Rückkehr der Späher warteten. Sie waren inzwischen so nah, dass er auch Strömungen von der Karavelle empfing und die deuteten darauf hin, dass ein Boot zu Wasser gelassen werden sollte. Jess vermutete, dass es sich um die Wachablösung handelte. Dies war der richtige Zeitpunkt, um sich das Boot zu holen und das Schiff zu entern. Sie rechneten mit der Rückkehr der Wachen, aber nicht damit, dass sie ihre Gegner zu einer trockenen Passage aufs Schiff verhalfen.

Langsam schob er die letzten Zweige zur Seite, um einen Blick dahinter zu werfen. Kadmi und Finnegan verharrten auf der Stelle, sie hatten ein gutes Gespür dafür entwickelt, wann es Ernst wurde.

Vor ihnen lag ein Beiboot am Ufer, dass hier tatsächlich dem Dschungel ein Stück Strand abgetrotzt hatte. Einer der Männer saß lässig auf einem umgestürzten Baumstamm, während der zweite offensichtlich schlafend in dem Beiboot lag. Jess schnaubte verächtlich. Wären dies seine Männer, würden sie es kein zweites Mal wagen, auf diese Art Wache zu halten. Diese Männer würden keine Gegenwehr leisten, und Jess spielte mit dem Gedanken zu warten, bis die Wachablösung am Ufer landete, um sie alle gleichzeitig auszuschalten. Aber er verwarf diese Idee sofort wieder. Der Mann im Beiboot schlief tief und fest, daran ließ seine Ausstrahlung keinen Zweifel. Aber der auf dem Baumstamm würde irgendwann merken, dass sich das andere Boot näherte und dann würde er seinen Kumpel wecken. Sie mussten auch hier so lautlos wie möglich vorgehen. Jess sah sich nach Kadmi und Finnegan um. Kadmis große Augen schauten ihn erwartungsvoll an und entlockten Jess ein Grinsen. Der junge Mann brannte darauf, dass endlich etwas passierte. Er nickte ihm zu und deutete auf den schlafenden Wachposten. Die Augen leuchteten kurz auf, und Kadmi hob seine Hand an die Stirn, um zu zeigen, dass er verstanden hatte. Sofort verschwand er zwischen den Pflanzen, um sich dem Boot, soweit wie möglich, unentdeckt zu nähern. Jess verfolgte kurz seine frohlockende Ausstrahlung, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf das Ufer lenkte.

An der Position der zweiten Wache hatte sich kaum etwas geändert, obwohl inzwischen das zweite Beiboot von der Karavelle abgefiert wurde. Der Mann hatte lediglich ein wenig den Kopf gehoben, machte aber keine Anstalten aufzustehen. Nun gut, umso besser. Jess atmete einmal tief durch und rümpfte angewidert die Nase. Ein süßlicher Gestank wehte von dem Schiff zu ihnen herüber, drängte sich in seine Nase und sorgte im ersten Moment für einen Würgreflex. Jess schaute überrascht zu Finnegan, der sich die Hand vor den Mund hielt und plötzlich blass geworden war. Was war das für ein ekelerregender Gestank? Hatte das Schiff Kadaver geladen, die im Laderaum verwesten? Das würde er bald herausfinden. Jess brannte vor Neugier, zog ein Schwert von seinem Rücken und trat gelassen mit wenigen Schritten auf den Wachposten zu.

Der Mann sah ihn überrascht an und blinzelte mit den Augen, als wäre er gerade erst aus einem Traum erwacht. Er richtete sich noch aus seiner zusammengesunkenen Position auf und griff nach seiner Muskete, doch dazu kam er nicht mehr. Finnegan war hinter ihm erschienen und riss ihn mit einem einzigen Ruck in den Dschungel.

Kadmi nutzte den gleichen Augenblick, um sich dem Boot zu nähern. Wie ein Schatten huschte seine schlanke Gestalt heran. Vom Schiff aus konnte ihn längst niemand mehr aufgrund des Zwielichtes erkennen. Sie hatten dort außerdem Laternen entzündet und starrten aus dem Licht in die nichts offenbarende Dunkelheit. Sie machten es ihnen wirklich leicht. Kein Captain mit Verstand beleuchtete das Ziel eines Piraten in der Dunkelheit wie zu einem Fest. Jess lächelte, als Finnegan kurz darauf aus dem Dschungel trat.

„Zieh dir die Kleidung von dem Mann über und geh den Männern im Boot gleich entgegen, als würdest du dich über die Ablösung freuen.“ Er wartete keine Antwort ab, sondern schritt zu Kadmi, der bereits angefangen hatte, der anderen Wache das Hemd über den Kopf zu ziehen.

„Diese Idioten vom Schiff können ja überhaupt nicht sehen, was hier geschieht.“ Der Junge grinste ihn verwegen an. Jess schmunzelte. Er war wirklich sehr gewitzt und ahnte oft im Voraus, was sein Captain vorhatte. Mit flinken Fingern, die den ehemaligen Taschendieb verrieten, warf er sich die Kleidung des Toten über. Dann sprang er mit einem Satz in das Boot und setzte sich aufrecht auf die Duchten.

„Sie können kommen.“

„Pass auf dich auf, Junge.“ Jess schlug Kadmi kameradschaftlich auf die Schulter. Ein Blick zurück zeigte ihm, dass Finnegan den Platz auf dem Baumstamm eingenommen hatte. Keinen Augenblick zu früh. Das andere Beiboot näherte sich rasch, und Jess zog sich wieder zwischen die Pflanzen zurück.

In dem Beiboot saßen zwei weitere Männer. Während der eine ruderte, hockte der zweite im Bug und hielt eine Laterne in die Richtung des Ufers.

„He, Rodriguez! Wach auf, du kannst auf der Argonautica weiterschlafen.“ Er schwenkte die Laterne, als suchte er nach dem zweiten Mann, ließ sie dann aber sinken, als das Boot endlich auf Grund lief.

Kadmi stand langsam auf und bemühte sich so zu tun, als müsste er seine steifen Glieder nach der langen Wache erst wieder in Bewegung bringen.

„Wo ist Miguel, hat er sich im Dschungel verlaufen?“

Finnegan brummte aus der Dunkelheit etwas Unverständliches und näherte sich langsam den beiden Männern. Jess tastete nach einem Gegenstand in seinem Gürtel, während er angespannt beobachtete, wie die beiden Wachposten ahnungslos aus dem Boot stiegen und es auf das Ufer zogen. Sie drehten Kadmi und Finnegan den Rücken zu, und Jess fragte sich, ob diese Seeleute wirklich so dumm waren. Seine Männer nutzten den Augenblick, sprangen gleichzeitig vor und überwältigten den Gegner in rascher Entschlossenheit. Eine Hand legte sich um den Mund, während jeder ein Messer von hinten in das Herz stieß. Ein dumpfes Gurgeln ertönte, während die Körper langsam zu Boden rutschten, ohne irgendjemand an Bord noch warnen zu können.

„Hol die anderen, Kadmi. Freundlicherweise haben wir zwei Beiboote, so dass niemand von uns rüber schwimmen muss.“

Kadmi nickte rasch und verschwand zielsicher in der Richtung, in der die anderen warteten. Jess schloss die Augen und konzentrierte sich wieder auf das Schiff, das in der Mitte des ruhigen Flusses ankerte. Er konnte nur die Strömung von einem einzelnen Wachposten im Bug des Schiffes ausfindig machen, der jedoch nicht so unbeteiligt seinen Dienst versah, wie seine Kameraden an Land.

Wieder wehte ein leichter Wind über den Fluss und trug Gestank mit sich. Jess versuchte ihn zu ignorieren, während er mit Finnegan eines der Beiboote ins nachtschwarze Wasser des Flusses zog. Er empfing nur wenige Strömungen aus dem Schiffsinneren und fragte sich, ob vielleicht eine Krankheit an Bord wütete. Misstrauisch warf er einen Blick auf die beiden Wachposten, die so unbedarft an Land gerudert waren. Nein, bis auf den Umstand, dass sie tot waren, machten sie weder einen heruntergekommenen noch kranken Eindruck.

Die restliche Mannschaft kündigte sich mit leichtem Geraschel an und trat kurz darauf unter der Führung von Kadmi aus dem dichten Unterholz.

*

Laneas Mund war vor Aufregung völlig ausgetrocknet, als sie unter der Führung Kadmis an das Ufer trat. Wie zum Hohn waren ihre Handinnenflächen hingegen feucht, und sie bemühte sich, das leichte Zittern zu unterdrücken, indem sie die eine Hand fest um den Griff ihres Schwertes schloss. Das Ufer war in schwaches Licht getaucht, da das Schiff in der Mitte des Flusses beleuchtet war, als wollte es die ganze Nacht verdrängen. Jess stand mit Finnegan bis zu den Knien bei einem der Boote im Wasser und winkte ihnen, sich zu nähern.

Eigentlich konnten sie dem unbekannten Kapitän nur dankbar für die Beleuchtung sein, dachte Lanea, als sie zu dem schwarzgrauen Himmel blickte, der voller Wolken hing. Der Mond, der sich ab und an durch schmale Lücken darin drängte, hätte nicht ausgereicht, um ihr Vorhaben zu beleuchten. Doch so konnten sie alles sehen, und Lanea folgte eilig dem Beispiel der Männer. Sie überquerte den schmalen Sandstreifen und kletterte bis in den Bug des Beibootes. Die Männer verteilten sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren in den Booten und nahmen die Plätze an den Rudern ein. Jess kletterte als Letzter hinein und nahm direkt neben ihr Platz. So leise wie möglich ruderten sie mit leichten Ruderschlägen auf das Schiff zu. Die Rudergänger in beiden Booten bemühten sich ihre Schläge aufeinander abzustimmen. Ein Geräusch zu viel würde einen aufmerksamen Posten in Alarmbereitschaft versetzen, denn schließlich erwartete er nur ein Boot zurück.

Lanea wischte unauffällig ihre Hände an ihrer Hose ab und betrachtete Jess aus den Augenwinkeln. Er hatte seinen Blick fest auf das Schiff gerichtet, und schien sie gar nicht wahrzunehmen. Sein Körper war angespannt, als wäre er eine Katze, die zu einem Sprung ansetzt. Während sie sich mit jedem Ruderschlag ihrem Ziel näherten, war er vollständig auf sein Opfer konzentriert. Nichts hätte ihn jetzt noch davon ablenken können, dessen war sie sich absolut sicher.

Plötzlich lief eine unmerkliche Bewegung durch die schlanke Gestalt ihres Captains. Unerwartet richtete er sich auf, als wäre er von etwas Unsichtbarem hochgezogen worden. Laneas Herzschlag beschleunigte sich unangenehm, als die Bordwand vor ihnen aufragte. Nur wenige Ruderschläge noch und sie würden längsseits gehen. Sie legte ihren Kopf so weit wie möglich in den Nacken, um besser sehen zu können, als auch schon über ihnen eine Laterne über die Reling gehalten wurde. Daneben tauchte das hagere Gesicht des Wachpostens auf, dessen Augen sich überrascht weiteten, als er zu ihnen herabsah.

„Alar …!“ Der laute Schrei endete abrupt, das Gesicht verschwand polternd, und die Laterne klatschte nur unweit von ihrem Boot in das dunkle Wasser, gefolgt von einer Stille, die ihre Unnatürlichkeit lauthals durch die Nacht brüllte. Laneas Atem setzte für einen Wimpernschlag aus, unfähig zu begreifen, was gerade genau geschehen war. Jess musste irgendetwas nach dem Wachposten geschleudert haben, aber sie hatte nichts erkennen können. Noch bevor sie Gelegenheit hatte, sich zu fassen, brach auf dem Schiff Unruhe aus. Jess sprang mit einem spielerisch wirkenden Satz bis zur Hälfte der Bordwand hoch, klammerte sich dort in das Fallreep und enterte in Windeseile hinauf. Seine Gestalt war kaum verschwunden, da folgten ihm bereits die Brüder und die anderen Männer aus ihrem Boot. Lanea leckte sich über ihre spröden Lippen und beeilte sich, ebenfalls hinaufzusteigen. Mit jeder Sprosse, die sie erklomm, steigerte sich ihre Aufregung und brachte ihren Herzschlag zum Tanzen. Als sie endlich ihre Füße auf die Planken der Karavelle setzte, war sie für einen Moment wie erstarrt und machte nur zögerlich, den hinter ihr vorbeidrängenden Männern aus dem zweiten Boot Platz. Die Mannschaft der Argonautica hatte sich, trotz des Überraschungseffektes, bereits auf Deck verteilt und stellte sich ihnen entgegen, während Jess Morgan vollkommen ungerührt auf sie zuschritt. Lanea sah in die übermüdeten Gesichter ihrer Gegner, die ihre Waffen zur Verteidigung bereit hielten. Sie würden ihnen das Schiff nicht kampflos überlassen.

Während Jintel und die anderen gegen die Männer der fremden Mannschaft prallten und von ihnen in ihrem Ansturm aufgehalten wurden, ging Jess ungehindert weiter. Seine Augen hatten mit Betreten des fremden Schiffes jegliche Farbe verloren und schimmerten nun weiß und unheilvoll in die beginnende Dunkelheit. Er griff mit beiden Händen über seine Schultern, packte die Schwerter auf seinem Rücken und zog sie aufreizend langsam aus ihren Scheiden. Dann witterte er förmlich in alle Richtungen. Lanea lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie hatte keine Gelegenheit, ihn länger zu beobachten, da sie von einem Angriff überrascht wurde. Schnell riss sie ihr Schwert hoch und parierte den Schlag.

Bleib in meiner Nähe, schallten die Worte von Jess mahnend durch ihren Kopf. Beunruhigt bemerkte sie, dass es dafür bereits zu spät war. Während sie ihren Gegner mit wenigen gezielten Hieben niederstreckte, sah sie, wie Jess seine Aufmerksamkeit auf das Achterdeck richtete. Seine Miene bekam einen lauernden Ausdruck. Nichts erinnerte mehr an den Jess Morgan, den sie bisher kenngelernt hatte. Dieser Mann glich einem mordgierigen Raubtier, das die Witterung seiner Beute aufgenommen hatte und nicht eher ruhen würde, bis er es zur Strecke gebracht hatte. Lanea fürchtete sich vor diesem Jess Morgan. Die Attacke eines neuen Gegners riss sie zurück in die Wirklichkeit ihres Kampfes, und Lanea schob jeden Gedanken an ihren unheimlichen Captain zur Seite. Als ihr Widersacher nach einem weiteren kurzen Schlagabtausch leblos zu Boden sank, richtete Lanea sich schweratmend auf. Ihr Blick glitt suchend über das Deck, auf dem sich die fremde Mannschaft erbittert wehrte. Jess Morgan schritt zielstrebig und völlig unberührt durch das Kampfgetümmel auf den Niedergang zu. Seine Schwerter wirbelten dabei so blitzartig durch die Luft, dass Lanea ihren Weg nicht verfolgen konnte. Mit tödlicher Präzision streckten sie jeden nieder, der es wagte, seinen Weg zu kreuzen, ohne dass er dabei seine Schritte auch nur im Geringsten verlangsamte. Er wütete wie ein unbezwingbarer Dämon, und Lanea verstand die Männer nur zu gut, die sich bei seinem Anblick schaudernd bekreuzigten. Lanea atmete tief durch, griff ihr Schwert fester und stürzte sich entschieden auf den nächsten Gegner.

*

Unterdessen erreichte Jess Morgan das Achterdeck und sah sich dem Kapitän des Schiffes und zwei weiteren Männern gegenüber. Sie standen wie erstarrt. Ihre Strömungen wälzten sich quälend langsam durch ihre Körper. Der Kapitän klammerte sich verzweifelt an dem Griff seines Schwertes fest, als er es drohend auf Jess richtete.

Jess lächelte amüsiert und neigte seinen Kopf leicht auf die Seite, als die beiden anderen Männer versuchten, sich unauffällig in seinen Rücken zu bringen. Ihre Angst war greifbar und drängte sich geballt in ihren Verstand. Der aufdringliche Geruch ihres Angstschweißes mischte sich in den alles überlagernden, süßen Geruch nach Tod und Verwesung, der aus dem Schiffsinneren drang.

Jess Morgan ignorierte die beiden Männer und schlenderte lässig auf den Kapitän zu, während er seine Schwerter offensichtlich nachlässig gesenkt hielt. Eine Welle des Triumphes durchdrang den Kapitän, der diese Geste falsch verstand und ansatzlos auf Jess zu sprang. Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung trat Jess gegen die Schwerthand des Mannes. Der Arm wurde von der Wucht des Trittes nach oben gerissen, das Schwert entglitt seiner Hand und wurde einige Meter hinter ihm auf die Planken geschleudert. Ehe der Kapitän begriff, was geschah, ließ Jess die Griffe seiner Schwerter durch die Finger wirbeln, das deren Spitzen hinter ihn zeigten und stieß dann voller Kraft die Klingen in die angreifenden Männer in seinem Rücken. Jess zog die Waffen mit unbeteiligter Miene aus den zusammensackenden Gestalten und lenkte dann seine Aufmerksamkeit erneut auf den Kapitän. Der Mann war leichenblass geworden und wich ängstlich vor Jess zurück, als dessen Kopf plötzlich herum ruckte. Mit einem kraftvollen Sprung brachte er sich auf die Brüstung zum Hauptdeck, ohne weiter auf den verdutzten Kapitän zu achten. Dort sprang er ansatzlos auf das Deck herunter und landete geschmeidig neben Lanea, die soeben getroffen von einem Streich aus dem Hinterhalt, zur Seite taumelte. Sie schrie erschrocken auf, als sie sich ihm unvermittelt gegenübersah, und er mit einigen kräftigen Hieben ihren hinterhältigen Gegner aus seinem Versteck drängte. Als der Mann sich mit einem panischen Hechtsprung über die Reling in Sicherheit brachte, wendete sich Jess an Lanea. Er nahm den Schleier von seinen Augen und ließ seinen Blick vorwurfsvoll über ihre Gestalt wandern. An dem zerschnitten Hemd blieb er hängen. Er hatte ihr nicht ohne Grund den Befehl gegeben, in seiner Nähe zu bleiben. Mit einem Ruck schob er den Stofffetzen hoch und legte seine Hand neben den Schnitt an ihrer Seite. Jess zuckte betroffen zurück, als Laneas Strömung unvermittelt unter seiner Berührung erstarb. Sie hatte Angst vor ihm, beruhigte sich aber sofort wieder, als er sich entfernte. Jess kniff die Augen zusammen und bemühte sich, ihr nicht zu zeigen, dass er ihre Reaktion gespürt hatte.

„Ich hatte dir befohlen, in meiner Nähe zu bleiben. Also pass ab jetzt besser auf dich auf.“, sagte er wütend.

Ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, ließ er sich in die Strömungen des Kampfes fallen. Eine neue Woge der Angst schlug ihm von Lanea entgegen, als sie verfolgte, wie sich der neblige Schleier über seine Augen legte. Sie fürchtete sich vor ihm und ging zurück, bis sie mit dem Rücken an ein Hindernis prallte. Jess lächelte spöttisch und ließ sie stehen. Mit langen Schritten erklomm er erneut die Stufen zum Achterdeck. Diesmal stellte sich ihm niemand mehr in den Weg. Der Kapitän sah ihm aus schreck geweiteten Augen entgegen. Feine Schweißperlen rannen in einem nicht enden wollenden Strom über sein Gesicht, als Jess wie ein lebendig gewordener Sturm auf ihn zukam. Mit einer hektischen Bewegung warf er sein Schwert zu Boden, das schlitternd vor Jess‘ Füßen liegenblieb.

„Ich ergebe mich!“

Als seine Männer die schrille Stimme ihres Kapitäns vernahmen und sahen, wie er sich auf die Knie warf, taten sie es ihm nach, und ihre Waffen fielen klirrend zu Boden. Der Kampf endete so abrupt, wie er begonnen hatte. Mit einem schnellen Blick über Deck, überzeugte sich Jess, dass niemand aus seiner Mannschaft ernsthaft verletzt worden war. Dann trieb er den Kapitän vor sich her, den Niedergang herunter. Der Mann stolperte mehr, als er ging und blieb zitternd bei seinen Männern stehen. Hoffnungslosigkeit verzerrte sein Gesicht, und er senkte den Blick, um seiner Mannschaft nicht in die Augen blicken zu müssen.

„Was habt ihr geladen, Mann?“, fragte Jess kalt.

Der Kapitän zuckte bei dem Klang seiner Stimme zusammen, als hätte man ihm ein Schwert in die Rippen gestoßen. Trotzdem presste er widerspenstig seine Lippen fest zusammen und schüttelte nur den Kopf. Jess schürzte verächtlich die Lippen und gab Jintel einen Wink.

„Nimm Sam und sieh nach, was sie geladen haben.“

„Aye aye, Sir!“ Jintel stellte ein paar Mann zur Überwachung der Gefangenen ab und verschwand dann unverzüglich mit Sam unter Deck, um nach der Ladung zu sehen.

*

Wenige Augenblicke später kehrte Jintel mit einem betroffenen Gesichtsausdruck zurück und trat auf Jess zu.

„Du solltest dir den Laderaum ansehen, Captain.“

Jess runzelte die Stirn und sah seinen Profos fragend an. Dann nickte er kurz und sah zu Finnegan hinüber, der mit drohendem Gesichtsausdruck vor den Gefangenen stand.

„Ich geh mir das mal ansehen. Sperrt in der Zwischenzeit die Mannschaft unter Deck, Finnegan.“

„Aye, Sir.“

Jess folgte Jintel in die unteren Decks. Der bestialische Gestank wurde hier immer intensiver, und selbst Jess Morgan nahm ein Tuch und hielt es sich vor Nase und Mund. Lanea folgte ihnen, da sie einfach nicht wusste, was sie sonst hätte machen sollen. Schließlich hatte ihr Jess auch keine anderen Befehle erteilt. Der süßliche Gestank schien, das gesamte Schiff durchdrungen zu haben. Übelkeit breitete sich in ihr aus, und sie presste ihr Tuch verkrampft vor das Gesicht. Gleichzeitig verfluchte sie ihre Neugier, wollte aber auch nicht mehr umkehren.

Der Schott zum Laderaum stand sperrangelweit offen, davor stand Sam, der unnatürlich blass im Gesicht war. Jess ging an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten und blieb im Eingang wie angewurzelt stehen. Lanea wäre beinahe auf seinen Rücken geprallt, so plötzlich kam seine Reaktion. Sein Fluch war leise, doch deutlich, und Lanea drängte sich an seine Seite. Was sie sah, war ein Schock. Mit einem Schlag war ihr bewusst, warum es auf diesem Schiff so fürchterlich stank. Der dunkle Laderaum, der von zwei Laternen notdürftig beleuchtet wurde, war voller Gestalten, die in dem Dämmerlicht nur undeutlich zu erkennen waren. Jess Morgan nahm Jintel eine Laterne ab, die dieser ihm bereits entgegenhielt. Der Pirat ging vorsichtig zwischen den Gestalten hindurch und beleuchtete die einzelnen Gesichter. Lanea keuchte auf, als das Licht auf das Erste traf. Große Augen starrten lethargisch aus einem entsetzlich eingefallenen Gesicht gegen die blendenden Erscheinungen. Um dieses Gesicht schälten sich immer mehr ähnlich gezeichnete Mienen heraus, und um das Entsetzen in ihr noch zu steigern, erkannte sie, dass es alles Kinder waren. Lanea blieb stehen. Panik wallte in ihr auf. Was war das für ein Schiff, auf dem sie Kinder wie Vieh in den Laderaum sperrten?

Der Captain war inzwischen weitergegangen und erhellte jeden Winkel des Raumes, indem sich überall das gleiche Elend vor dem Licht verbarg, um plötzlich aus seinem Versteck zu springen und die Leute der Monsoon Treasure mit seinem Entsetzen anzugreifen. Lanea sah die Betroffenheit in den Gesichtern von Jess Morgan und Jintel. Die Kinder lagen oder hockten dicht an dicht. Ihre Zahl war unmöglich zu schätzen. Sie waren schmutzig. Vermutlich hatten sie nicht mehr das Tageslicht zu Gesicht bekommen, seit dem sie hier eingesperrt worden waren. Es bestand kein Zweifel, dass der Gestank von ihren Exkrementen kam. Lanea hoffte von ganzem Herzen, dass es nicht noch andere Gründe dafür gab.

„Sobald die Treasure zu uns gestoßen ist, soll Hong sofort hierher kommen und die Kinder versorgen. Sie sollen so schnell wie möglich auf die Treasure gebracht werden.“ Jess Stimme durchbrach Laneas Gedanken. Er war stehengeblieben und hielt die Laterne so, dass sie möglichst viel seiner Umgebung beleuchtete.

„Aye, aye, Captain!“ Jintel verließ bereits den Laderaum, und Jess sah sich weiter eingehend um. Eine Reihe von Kisten war so aufgestellt worden, dass sie eine zweite Wand um die Kinder bildete.

„Man kann die Bordwand gar nicht mehr sehen“, murmelte Jess wie zu sich selbst. Dann zog er mit einem scharrenden Geräusch ein Schwert und ging auf eine der Kisten zu. Suchend sah er sich nach Lanea um, und winkte sie heran.

„Halt das!“ Auffordernd hielt er ihr die Laterne entgegen, die sie ohne zu zögern ergriff. Dann setzte er mit der Schwertspitze an einem Deckel an und hebelte diesen mit einer kräftigen Bewegung auf. Der Deckel rutschte polternd zur Seite, und Jess pfiff leise durch die Zähne. Die Kiste war bis zum Rand mit matt blinkenden Silberbarren gefüllt. Er drehte sich um, und warf Lanea einen vielsagenden Blick zu.

„Das ist interessant. Jetzt ist mir auch klar, warum ich diese Kinder nicht gespürt habe. Das Silber hat eine undurchdringliche Barrikade gebildet, die keinerlei Strömungen nach außen dringen lässt.“

Plötzlich schob sich ein Junge von ungefähr zwölf Jahren vor ihn.

„Verzeiht, Sir, - versteh ich das richtig, dass Ihr uns helfen werdet?“

Jess sah den Jungen überrascht an. Er war zwar ebenso schmutzig wie die anderen Gestalten, doch war an der Kleidung zu erkennen, dass sie aus kostbaren Stoffen gefertigt war. Es handelte sich hier offensichtlich nicht um das Kind einfacher Leute, und seine Wortwahl bekräftigte die Vermutung noch.

„Mit wem habe ich die Ehre, wenn ich fragen darf?“ Der große Pirat bedachte das Kind mit einem interessierten Blick.

„Mein Name ist Alejandro Vasquez y Tirado, Sir. Darf ich auch Euren Namen erfahren?“ Der Junge stand aufrecht und sah Jess herausfordernd an. Intelligente Augen blitzten ihn aus dem schmutzigen Gesicht entgegen.

„Ich bin Captain Jess Morgan. Du kannst mir auch sicher verraten, was ihr hier macht und woher ihr kommt, Alejandro?“ Jess ließ sein Gesicht wieder über die umliegenden Gestalten gleiten. „Gibt es bereits Tote unter euch oder Fieberkranke?“

„Ja, wir haben in eine Ecke zwei tote Kinder getragen. Und dort hinter den Kisten …“ Er zeigte mit ausgestreckter Hand direkt hinter Jess, „… liegen etwa zehn Kinder mit Fieber. Die meisten von uns stammen aus spanischen Hafenstädten. Sie sind dort von der Mannschaft dieses Schiffes von den Straßen entführt worden.“

Jess nickte und sah Lanea an.

„Leider eine übliche Vorgehensweise, um junge Sklaven in die neue Welt zu transportieren und sein Geld damit zu machen.“ Dann blickte er wieder ernst den Jungen an.

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680 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783738017557
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Первая книга в серии "Die Piraten der Waidami"
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