Читать книгу: «Zurück auf Gestern»

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eISBN 978-3-649-63109-5

© 2018 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Katrin Lankers

Covergestaltung: Anne Sent, Sara Vidal

Lektorat: Waltraud Grill

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de


Tötet grauser Mord den einen,

obsiegt fortan der Menschheit Streit.

Nur Gemini die Feinde einen,

wenn sie verdrehen den Lauf der Zeit.

Aus einer Schrift mit »Prophetien« aus dem 16. Jahrhundert – Nostradamus zugeschrieben (vermutlich fälschlicherweise).

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

EIN JAHR DANACH

1

Bis zu meinem fünfzehnten Geburtstag verlief mein Leben verhältnismäßig normal. Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass es langweilig gewesen wäre. Wenn man mit Luisa Emilia da Costa Moreira – genannt Lulu – befreundet ist, liegt die Wahrscheinlichkeit, sich zu langweilen, etwa bei eins zu einer Billion. Zum Vergleich: Die Wahrscheinlichkeit, durch das Anziehen einer Hose im Krankenhaus zu landen, liegt bei eins zu zehntausend. Und die, vom Blitz getroffen zu werden, bei eins zu sechs Millionen.

Ich habe das übrigens gerade gegoogelt, nicht dass ihr glaubt, ich hätte eine Ahnung von Wahrscheinlichkeitsrechnung. Im Gegenteil. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in Mathe schon wieder eine Fünf im Zeugnis bekomme, dürfte über hundert Prozent betragen.

Aber zurück zur Normalität meines Lebens. Ich bin von Natur aus ein eher zurückhaltender Mensch. Abenteuer sind nicht mein Ding. Ich schätze, das liegt daran, dass meine Mutter bei einem Autounfall ums Leben kam, als ich noch ein Baby war. Schuld waren zu hohes Tempo, Blitzeis und ein Baum.

Keine Sorge, ich bin davon nicht schwer traumatisiert oder so. Ich kann mich ja nicht einmal daran erinnern. Und ich hatte trotzdem eine glückliche Kindheit. Meine Großmutter wohnte bei uns und kümmerte sich um mich, wenn mein Vater auf Geschäftsreisen unterwegs war. Wenn er nach Hause kam, unternahmen wir tolle Sachen zusammen, und er erfüllte mir jeden Wunsch.

Aber die Sache mit dem Autounfall hat wohl dazu geführt, dass die beiden ganz besonders gut auf mich aufpassen wollten. Deshalb habe ich ziemlich häufig Sätze gehört wie »Sei vorsichtig«. Und deshalb habe ich vermutlich insgeheim immer ein bisschen Angst vor zu hohem Tempo, Blitzeis und Bäumen. Entsprechend habe ich mich aus allem herausgehalten, was auch nur im Entferntesten nach Abenteuer aussah. Zumindest bis Lulu vor einem Jahr meine beste Freundin wurde.

Gegensätze ziehen sich an – so heißt es doch. Auf Lulu und mich trifft das definitiv zu. Für Lulu ist Angst ein ebensolches Fremdwort wie Langeweile. Sie kommt ständig auf verrückte Ideen, die sie dann auch sofort in die Tat umsetzt. Lulu liebt es, im Regen zu tanzen, wie in diesem uralten Schwarz-Weiß-Tanzfilm (sie liebt uralte Tanzfilme), auf dem Spielplatz Kinderkarussell zu fahren, bis die Welt sich dreht (und der Magen), eine Sahneschlacht in unserer Küche zu veranstalten (meine Stiefmutter hätte mich fast mit der Sprühsahnedose erschlagen) und anderen Leuten schräge Streiche zu spielen, zum Beispiel im Supermarkt wahllos Sachen in fremde Einkaufswagen zu legen (zum Totlachen, wenn der Rocker in Lederkluft an der Kasse den Weichspüler entdeckt).

Aber am schönsten sind unsere Freundinnenaktionen. Wir haben mal unsere Anfangsbuchstaben mit einem Herz in eine Parkbank geritzt (und sind gerannt, als eine alte Dame mit Dackel vorbeikam). Wir haben einen Tag lang so getan, als wären wir die jeweils andere (sogar in der Schule). Wir haben einen meterlangen Schal gestrickt und um unsere Hälse gewickelt (also ein Schal um beide Hälse). Und wir haben einen ganzen Tag lang nicht gesprochen, sondern versucht, uns alles gegenseitig von den Lippen abzulesen (was die anderen wahnsinnig gemacht und zu einigen witzigen Missverständnissen geführt hat). Solche Aktionen. Wir machen das am 28. eines jeden Monats, denn an einem 28. fing unsere Freundschaft an. Genauer gesagt am 28. Mai – der Tag, an dem wir beide Geburtstag haben!


Lulu kam mitten im Schuljahr neu in unsere Klasse, weil ihre Eltern sich getrennt hatten und ihre Mutter wegen ihres Jobs in die Stadt gezogen war. Bis dahin hatte ich mich zwar regelmäßig mit einigen Mädchen aus meiner Klasse getroffen, eine allerbeste Freundin hatte ich aber nicht. Inzwischen glaube ich, dass ich einfach auf Lulu gewartet habe. Sie faszinierte mich sofort. Mit ihren farbenfrohen, außergewöhnlichen Outfits und ihrem selbstbewussten Auftreten war sie ganz anders als all die anderen Mädchen. Natürlich hätte ich mich nie getraut, sie einfach anzusprechen. Doch dann stand sie eines Tages in der großen Pause vor mir.

»Ich hab gehört, dass du heute in einer Woche Geburtstag hast«, sagte sie.

Ich nickte und fragte mich, wo sie das aufgeschnappt haben mochte.

»Ich auch«, fuhr sie fort. »Wollen wir zusammen feiern?«

Ich konnte bloß wieder erstaunt nicken.

Die Party zu meinem vierzehnten Geburtstag wurde dann die beste meines bisherigen Lebens.

In unserem Garten hatte Lulus Mutter Marisa ein Buffet aufgebaut, auf dem sich fantastische Kuchen nach Rezepten aus ihrer Heimat Portugal stapelten. Etwas so Zuckerigleckeres hatte ich nicht mehr gegessen, seit meine Omili ausgezogen war, die mir zu meinen Kindergeburtstagen immer Regenbogentorten gebacken hatte. Da Sylvia, meine Stiefmutter, eine strenge Verfechterin gesunder Ernährung ist, hatte es auf meinen Geburtstagen seither immer nur Obstigel, Gurkenschlangen und Möhrenkuchen gegeben, die ohne ein einziges Gramm Zucker auskommen mussten. Ich schwebte also auf Kuchenwolke sieben.

Allerdings schwebte ich dort nur so lange, bis mir ganz schrecklich schlecht wurde, weil ich sogar für meine Verhältnisse unvernünftige Mengen gegessen hatte. Und während draußen im Garten die Partyspiele losgingen, lag ich ganz allein drinnen auf dem Sofa und kämpfte gegen die Sahnetörtchen, die in meinem Bauch eine eigene Party veranstalteten. Doch plötzlich tauchte Lulu auf und ließ sich neben mich auf den Fußboden plumpsen.

»Hey du«, sagte sie. »Die anderen spielen Wahrheit oder Pflicht, aber ich würde das viel lieber mit dir spielen.«

»Ich glaube nicht, dass ich gerade in der Lage bin, irgendwelche Aufgaben zu erfüllen.« Ich grinste matt.

»Egal, Wahrheit ist eh viel spannender.« Auch Lulu grinste. »Erzähl mir die peinlichste Situation deines Lebens.«

»Du meinst, eine andere als diese hier?«

Wir lachten beide. Und dann erzählten wir uns immer abwechselnd alle peinlichen Situationen, in die wir jemals geraten waren. Wir hatten so viel Spaß dabei, dass mir der Bauch am Ende nicht mehr vom Kuchen, sondern vom vielen Lachen wehtat. Und dabei vergaßen wir ganz, dass die eigentliche Party draußen stattfand.

»Weißt du was?«, sagte Lulu irgendwann. »Ich hab das Gefühl, dich schon ewig zu kennen. Als wären wir schon immer befreundet. Verrückt, oder?«

»Ziemlich verrückt«, erwiderte ich und mein Herz machte einen freudigen Hüpfer. »Aber mir geht’s genauso.«

Seit diesem Tag sind Lulu und ich unzertrennlich. Mit Lulu befreundet zu sein, fühlt sich an, als hätte ich endlich mein fehlendes Puzzlestück gefunden. Wir sind wie Yin und Yang. Wie Aronal und Elmex. Wie Ben und Jerry’s. Wie … Ihr wisst, was ich meine!

Langweilig war mein Leben also seit einem Jahr absolut nicht mehr. Mit Lulu zusammen erlebte ich eine ganze Menge spannender Sachen. Aber es waren allesamt normalspannende Sachen, die jedem beliebigen Teenager passieren könnten. Zumindest jedem, der eine so besondere Freundin wie Lulu hat.

Man kann sagen, dass ich ein ganz normales Leben mit ganz normalen Problemen führte. Und dass ich damit mehr oder minder ganz zufrieden war. Zumindest war das so bis zu meinem – oder besser gesagt unserem – fünfzehnten Geburtstag.


»Hallo, Herzensmensch.« Ich drückte meine rechte Hand aufs Herz, hob die Finger an meine Lippen und warf Lulu einen Luftkuss zu. So wie wir es immer taten, wenn wir uns trafen. Lulu erwiderte die Begrüßung, wandte sich dann aber dem Spiegel zu.

»Erinnere mich daran, nie wieder Rot zu kaufen!«, jammerte sie, während ich die Zimmertür schloss, und betrachtete sich missmutig in dem großen Spiegel neben ihrem Kleiderschrank. Durch eine schwindelerregende Drehung ihres Kopfes versuchte sie, einen Blick auf ihren eigenen Rücken zu erhaschen.

»Hey, du bist keine Eule«, warnte ich sicherheitshalber.

»Am Po sitzt das Teil überhaupt nicht«, ignorierte meine beste Freundin meine Warnung. »Guck dir mal diese Beulen an.« Sie zupfte an einer eingebildeten Falte am unteren Rücken herum. »Und diese Farbe! Darin sehe ich aus wie eine Scheibe Toastbrot!«

Als ob Lulu mit ihren südländischen Genen jemals blass aussehen könnte! Das schaffte nicht einmal dieses zugegeben sehr knallrote und zudem ziemlich knallenge Minikleid, das sie vermutlich in einer stockdunklen Umkleidekabine anprobiert hatte. Eine andere Entschuldigung konnte es für diesen Missgriff eigentlich nicht geben.

»Das ist der Fehlkauf des Jahrhunderts«, nörgelte meine Freundin. »Und jetzt habe ich nichts anzuziehen. Ausgerechnet heute!«

Lulus Verzweiflung hatte einen einfachen Grund: Es war nicht nur unser Geburtstag, heute fand auch die große Schulparty statt. Mit einem abgrundtiefen Seufzen ließ sie sich neben den himalayahohen Kleiderberg auf ihr Bett fallen. Ich setzte mich zu ihr, sorgsam darauf bedacht, keins der Kleidungsstücke zu zerdrücken. Zwei der bunten Kissen, von denen sich mindestens zwanzig auf der Patchwork-Decke türmten, plumpsten auf den Boden.

»Warum ziehst du nicht einfach eine Jeans an? Und ein schönes Shirt?«, schlug ich vor.

»Weil das laaangweilig ist«, meckerte Lulu und hielt sich schnell die Hand vor den Mund, als ihr bewusst wurde, dass ich in genau diesem Outfit neben ihr saß.

»Entschuldige, allerliebste Claire. Warum kann ich bloß nie nachdenken, bevor ich losquassele?«

»Schon gut«, beschwichtigte ich sie.

»Nein, wirklich, ich bin manchmal so ein Trampel«, beharrte meine Freundin zerknirscht. »Kannst du mir verzeihen?«

»Immer wieder gern«, erwiderte ich.

Lulu ist eine waschechte Drama-Queen! Und eigentlich finde ich das meistens liebenswert und amüsant.

»Okay, vergessen wir die Klamottenfrage für einen Moment.« Lulu ist nicht nur eine Drama-Queen, sie wechselt auch schneller zwischen zwei Gemütszuständen hin und her, als ein normaler Mensch das Wort Gemütszustand aussprechen kann. »Es gibt doch wirklich Wichtigeres! Geschenke zum Beispiel.«

Lulu sprang vom Bett und drei weitere Kissen gingen zu Boden. Ohne darauf zu achten, fing sie an, in ihrem Schreibtisch herumzuwühlen, wobei sie fortwährend Wo ist es denn nur? murmelte. Lulu hat viele besondere Talente. Sie ist witzig und nie lange schlecht drauf, sie kann bühnenreif tanzen und sich mit dem dicken Zeh hinterm Ohr kratzen. Sie schafft es, in nur fünf Minuten einen Schokokuchen in der Mikrowelle zu backen, in den man sich reinlegen möchte. Und sie ist immer, wirklich immer, für mich da.

Ordnung zu halten, zählt allerdings nicht zu Lulus Stärken. Zum Glück besitzen ihre Sachen die Fähigkeit, an den erstaunlichsten Orten von selbst wieder aufzutauchen. Ihr Haustürschlüssel zum Beispiel, den wir einen ganzen Nachmittag lang gesucht hatten, lag unbekümmert in ihrer Sockenschublade, die Lulu eigentlich nur öffnete, weil sie ihre Lieblingsohrringe darin vermutete, die sie völlig überraschend drei Tage später im Vorratsschrank hinter den Schoko-Pops entdeckte, wo sie eigentlich ihr Hausaufgabenheft zu finden hoffte, das jedoch irgendwie den Weg zwischen die Schminksachen ihrer Mutter gefunden hatte, wo Lulu vermutlich niemals danach geschaut hätte, wenn sie nicht auf der Suche nach ihrem Lipgloss gewesen wäre …

»Ha!«, machte Lulu zufrieden und holte ein kleines Päckchen aus der Tonne mit der schmutzigen Wäsche. »Bitte schön!«

Das Geschenk war flach, in mattgoldenes Papier gewickelt und mit einer überdimensionalen schwarzen Schleife geschmückt. Ich grinste, als sie es mir hinhielt, angelte neben dem Bett nach meinem Rucksack und zog ein identisch verpacktes Geschenk heraus.

»Zwei Blöde, ein Gedanke.« Lulu grinste ebenfalls.

»Happy Birthday«, sagten wir gleichzeitig und tauschten die Geschenke aus.

»Von Schnick-Schnack?«, erkundigte sich meine Freundin und hielt das Geschenk hoch, das ich ihr überreicht hatte.

»Klar«, erwiderte ich und hob meins hoch. »Das auch?«

»Klar.«

Schnick-Schnack-Schmuck war unser Lieblingsgeschäft für Schmuck und jede Menge Schnickschnack, den man eigentlich nicht brauchte, der aber viel zu schön war, um ihn nicht zu haben. Der Laden gehörte Alexa, der besten Freundin meiner Großmutter, und bereits als ich noch klein war, hatten wir dort viele Stunden verbracht. Bei Alexa zu sein, erinnerte mich an meine Omili, und schon deshalb ging ich gern dorthin. Dass Lulu das Geschäft genauso mochte wie ich, machte es nur umso besonderer für mich.

»Also auf drei«, schlug Lulu vor.

»Einverstanden. Eins. Zwei …«

Und schon riss Lulu das Papier auseinander. Geduld gehört auch nicht unbedingt zu ihren Stärken.

»Das ist nicht wahr …« Lulu lachte erneut, als sie das Geschenk hervorholte, das ich für sie ausgesucht hatte. Es war eine lange Kette oder besser gesagt zwei, die fest umeinander gedreht waren. Zwillingskette hatte Alexa das Schmuckstück genannt, als sie es mir gezeigt hatte, und erzählt, dass sie davon gerade erst zwei Stück angefertigt hatte.

Mir war sofort klar gewesen, dass ich diese Kette für Lulu kaufen wollte. Aber jetzt fragte ich mich, ob Lulu sie nicht doch zu schlicht fand.

»Gefällt sie dir nicht?«, fragte ich unsicher. »Ich dachte, es wäre passend, weil wir auch Zwillinge sind, als Sternzeichen meine ich, und irgendwie auch Herzenszwillinge … oder?«

Doch meine Freundin schüttelte bloß den Kopf. »Pack einfach aus.«

Also entfernte ich vorsichtig das Papier von meinem Päckchen … und hielt schließlich die exakt gleiche Kette in der Hand wie Lulu.

»Zwei Blöde, ein Gedanke«, wiederholte ich und lachte nun ebenfalls.

»Als Alexa sie mir gezeigt hat, wusste ich sofort, dass es das perfekte Geschenk für dich ist.«

Gegenseitig hängten wir uns die Ketten um den Hals und nahmen uns dann fest in den Arm.

»Witzig, dass Alexa uns beiden die gleiche Kette empfohlen hat«, meinte Lulu, als wir uns schließlich wieder losließen.

»Na ja, aber auch irgendwie logisch, oder?«, erwiderte ich. »Sie weiß doch, dass wir allerbeste Freundinnen sind.«

»Stimmt natürlich.«

»Ich muss dir übrigens unbedingt noch etwas zeigen.« Wieder wühlte ich in meinem Rucksack, bis ich das kleine Säckchen aus rotem Samt fand. Vorsichtig knotete ich das Band auseinander, mit dem es oben zusammengehalten wurde, und ließ den Inhalt in meine Hand gleiten.

»Was ist das?« Lulu beugte sich über die Kugel, die ich ihr entgegenstreckte.

»Ein Geschenk von meiner Großmutter«, sagte ich und spürte augenblicklich die gleiche Mischung aus Traurigkeit und Freude mit einem Hauch von Ehrfurcht wie am Morgen, als ich das Päckchen ausgepackt hatte.

»Von deiner Großmutter«, echote Lulu verwundert. »Aber die ist …«

»… tot, ich weiß«, beendete ich den Satz für sie. »Mein Paps hat mir das Geschenk von ihr gegeben. Er hat gesagt, sie hätte darauf bestanden, dass ich es an meinem fünfzehnten Geburtstag bekomme.«

»Das ist ja toll«, sagte Lulu. »Und was ist es?«

»Es ist ein Anhänger«, erklärte ich. »Ein Kettenanhänger.«

»Sieht uralt aus.« Lulu rutschte ein Stück näher an mich heran, um ihn genauer betrachten zu können. »Und irgendwie … seltsam.« Erneut schlug sie sich die Hand vor den Mund. »Hätte ich das jetzt nicht sagen sollen?«

»Quatsch«, beruhigte ich sie und strich mit dem Daumen über die verschlungenen Gravuren, die sich über die kugelige Oberfläche des Anhängers wanden. Er war etwa so groß wie ein Tischtennisball und das Metall fühlte sich kühl an. »Du hast ja recht, er sieht tatsächlich eigenartig aus.«

»Aber warum vermacht deine Großmutter dir ausgerechnet dieses Schmuckstück? Und warum zum fünfzehnten Geburtstag? Warum nicht zum sechzehnten oder zum achtzehnten?«

»Ich habe keine Ahnung.« Als ob ich mir diese Fragen nicht auch schon gestellt hätte! »Ich habe den Anhänger jedenfalls noch nie zuvor gesehen.«


Meine Großmutter hatte Schmuck geliebt, große Ketten mit farbigen Steinen, zu denen sie immer die passenden Armreifen und Ohrringe trug. Als Kind hatte ich ganze Nachmittage damit verbracht, in ihren Schatullen zu stöbern. Aber an diesen Anhänger konnte ich mich nicht erinnern.

»Das ist alles billiger Modeschmuck«, hatte das abfällige Urteil meiner Stiefmutter Sylvia gelautet. Da mein Vater seit seiner Beförderung eigentlich ständig auf Dienstreise war, hatte sie die Wohnung meiner Großmutter nach ihrem Tod ausgeräumt. Mein Vater war wohl ganz froh gewesen, dass Sylvia ihm das abgenommen hatte, und hatte ihr freie Hand gelassen. Und so hatte sie – noch bevor ich Protest einlegen konnte – Omilis Schmuck und den Inhalt ihres Kleiderschranks ins Sozialkaufhaus gegeben, während ich in der Schule war. Mir tat es bis heute leid, dass ich kein Erinnerungsstück an meine Großmutter behalten konnte. Umso bedeutsamer erschien mir nun dieses Geschenk.

»Mein Vater hat gesagt, Omili hat den Anhänger im Banktresor aufbewahrt«, erzählte ich Lulu das Wenige, das ich wusste.

»Krass«, staunte Lulu. »Dann ist er richtig wertvoll?«

»Ich weiß nicht. Es ist wohl ein Familienerbstück. Das sagt zumindest mein Paps. Vielleicht hatte Omili ihn aber auch bloß im Tresor, damit Sylvia ihn nicht in die Finger bekommt.«

»Tststs«, tadelte Lulu mich, wurde dann aber gleich wieder ernst. »Und hat er sonst noch was gesagt?«

»Nicht wirklich. Meine Omili hat ihm wohl noch einen Brief für mich gegeben, aber du kennst ja meinen Vater. Er hat ihn irgendwo zwischen seine Unterlagen gelegt, wo er ihn jetzt nicht mehr findet.«

Mein Vater hatte mir das Päckchen am Morgen überreicht, nachdem ich meine anderen Geschenke ausgepackt hatte: Ein neues Smartphone von ihm, genau wie gewünscht. Einen Kosmetikkoffer von Sylvia, den ich ungefähr so gut gebrauchen konnte wie einen Raumanzug. Und von meiner Stiefschwester Sophie ein Buch mit dem Titel Bedeutende Persönlichkeiten der Weltgeschichte, das sie mir mit der Bemerkung überreicht hatte, sie hoffe, mein Bildungsniveau damit ein klein wenig anheben zu können, auch wenn sie fürchte, dass ihre Bemühungen vergeblich sein würden.

Ich hatte beschlossen, ihr zum nächsten Geburtstag eine »Bravo« zu kaufen, um ihr Normalitätsniveau damit ein klein wenig anzuheben.

Dann packte ich den Anhänger aus. Für den Bruchteil einer Sekunde entgleisten Sophies perfekt geschminkte Gesichtszüge und sie wirkte verletzt. Fast mitleiderregend. Zu ihrem fünfzehnten Geburtstag vor zwei Monaten hatte Sophie nämlich kein Päckchen von Omili bekommen. Was erstaunlich war, denn obwohl Sophie nicht ihre eigene Enkeltochter gewesen war, hatte meine Großmutter sich immer sehr bemüht, uns beide gleich zu behandeln. Und ich glaube, Sophie hatte sie wirklich gerngehabt. Sofern meine Stiefschwester zu solchen Gefühlen fähig war.

»Deine Großmutter hat in ihrem Testament verfügt, dass nur du ihn bekommen sollst«, hatte Paps mir erklärt. »Und dass du unbedingt gut darauf achtgeben sollst.«

»Dafür hat sie sich ja genau die Richtige ausgesucht«, hatte Sophie in Bühnenlautstärke gemurmelt. Mein Mitleid war augenblicklich wieder dahingeschmolzen.

»Hm.« Lulu spitzte ihre Lippen. Das tat sie immer, wenn sie über etwas nachgrübelte. Es sah aus, als würde sie einen Kussmund formen, was gelegentlich ziemlich unpassend wirkte. Während einer Mathearbeit zum Beispiel. Kussmünder und Mathe passen einfach nicht gut zusammen.

»Hm«, machte Lulu noch einmal.

Ich wartete gespannt. Wenn Lulu »Hm« machte, kamen manchmal überraschend brillante Einfälle heraus.

»Ziemlich mysteriös.«

Ich seufzte. Manchmal auch nicht.

»Der Anhänger sieht auf jeden Fall total schön aus.« Lulu streckte die Hand aus, um mit ihren langen schmalen Fingern über die Kugel zu streichen. »Und fühlt sich auch irgendwie schön an. Diese Gravuren wirken geheimnisvoll, findest du nicht? Wie irgendwelche Zeichen. Oder Buchstaben oder so … Hast du eine Ahnung, was sie bedeuten?«

»Ich … nein«, erwiderte ich abgelenkt. Denn als meine Freundin mit ihren Fingern über die Kugel gefahren war, hatte es sich angefühlt, als würde diese leicht vibrieren. Und ich hatte den Eindruck gehabt, dass das Metall mit einem Mal wärmer geworden war. Schnell schloss ich meine Hand darum zur Faust. Doch es war schon vorbei und vermutlich war es ohnehin bloß Einbildung gewesen. Wieso sollte ein Anhänger vibrieren?

»Los, häng ihn um.«

»Was?«, fragte ich verwirrt.

»Ich sagte, dass du ihn umhängen sollst«, wiederholte Lulu. »Du könntest den Anhänger an der neuen Kette befestigen. Das sieht bestimmt gut zusammen aus. Und würde dein, sagen wir mal, zeitlos schlichtes Outfit ziemlich aufwerten.«

»Ich weiß nicht.« Noch immer hielt ich die Hand zur Faust geschlossen. Bei dem Gedanken, den Anhänger zu tragen, fühlte ich mich nicht wohl. »Der ist doch viel zu groß und auffällig! Was, wenn ich ihn verliere oder wenn er kaputtgeht?«

»Warum sollte er kaputtgehen?« Lulus dunkle Locken wippten, als sie den Kopf schüttelte. »Der Anhänger sieht ziemlich massiv aus. Und warum sollte deine Großmutter ihn dir schenken, wenn sie nicht will, dass du ihn trägst?«

Ich nickte langsam, noch nicht so richtig überzeugt.

»Also, wenn ich so einen coolen Vintage-Anhänger hätte, würde ich nur noch in Jeans und T-Shirt rumlaufen.« Lulu ließ nicht locker. »Komm schon, Clairchen. Trau dich mal was!« Sie nahm meine Hand und begann, sanft meine Finger aufzubiegen.

Ich lächelte und öffnete die Faust. Lulu konnte sehr überzeugend sein. Doch als meine Freundin nach dem Anhänger griff, überkamen mich wieder Zweifel. Reflexhaft schlossen sich meine Finger erneut um Lulus. Ein Ruck ging durch unsere Hände bis in die Arme. Die Kugel vibrierte erneut. Stärker dieses Mal. Gleichzeitig erwischte mich ein Stromschlag. Nicht schlimm, eher als ob man eine Türklinke anfasst, nachdem man sich kräftig die Haare gebürstet hat. Ich hörte ein leises Knirschen und Schaben, als würde Metall über Metall reiben. Ich sah Lulus Augen, die sich weiteten – erst verwundert und dann, als sie begriff, was passiert war, vor Schreck.

Gleichzeitig schnellten unsere Hände auseinander, als hätten wir uns verbrannt. Und zwischen uns aufs Bett fielen die zwei Hälften einer Kugel.

2

»Oh nein! Claire, es tut mir leid. Es tut mir schrecklich leid, Clairchen. Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid.« Wie gesagt: Lulu ist eine Drama-Queen! Sie schlug sich die Hände vor den Mund, raufte sich die Haare und schüttelte dann fortwährend den Kopf, sodass ihre langen Locken flogen.

Ich hingegen war nicht in der Lage, überhaupt irgendetwas zu tun, außer die beiden Teile des zerbrochenen Anhängers auf der bunten Patchwork-Decke anzustarren.

Paps’ Stimme klang mir in den Ohren: »Deine Großmutter hat gesagt, dass du unbedingt gut auf ihn achtgeben sollst.« Und dann Sophie: »Dafür hat sie sich ja genau die Richtige ausgesucht!« Meine besserwisserische Streberstiefschwester hatte recht behalten: Ich hatte es nicht einmal einen Tag lang geschafft, gut auf das Geschenk aufzupassen. Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen, und wischte sie ärgerlich mit dem Handrücken fort.

»Hey, nicht weinen.« Lulu rutschte neben mich und legte mir unsicher einen Arm um die Schultern, wahrscheinlich dachte sie, ich wäre wütend auf sie, weil der Anhänger kaputtgegangen war. Dabei gab ich einzig und allein mir selbst die Schuld daran.

»Es ist nur …« Ich schluckte kräftig und zog die Nase hoch.

So ganz war ich über Omilis Tod noch immer nicht hinweg, obwohl sie mittlerweile seit drei Jahren nicht mehr lebte. Als ich klein war, hatte sie, wie gesagt, bei uns gewohnt und auf mich aufgepasst, wenn mein Vater unterwegs war. Doch als er Sylvia geheiratet hatte, wurde es ziemlich eng in unserem Haus. Und Omili räumte ihr Zimmer für meine blöde Stiefschwester, weil die natürlich ein eigenes benötigte.

Mein Vater hatte noch vorgeschlagen, Sophie und ich könnten uns ja ein Zimmer teilen. Aber darauf hatte Sylvia sehr bestimmt erklärt, dass wir jeder ein eigenes Zimmer bräuchten, um in Ruhe unsere Hausaufgaben erledigen zu können. Ich wurde bis heute den Verdacht nicht los, dass sie bloß einen Vorwand suchte, damit Omili auszog. Und die tat ihr natürlich den Gefallen.

Damit unserem »Patchwork-Glück« nichts im Wege stand, behauptete meine herzensgute Großmutter, sie sei ganz froh, wieder allein leben zu können. Aber sie nahm sich eine Wohnung, die nah genug bei uns war, damit ich zu ihr gehen konnte, wann immer ich das wollte. Und das war oft. Eigentlich fast jeden Tag.

Mit meiner Omili konnte ich über alles reden, ihr jeden Kummer und jede Frage anvertrauen. Und auch wenn sie nicht auf alles eine Antwort hatte, so hatte sie es stets geschafft, mich am Ende wieder zum Lachen zu bringen.

Sie hatte immer gesagt, dass sie eines Tages in ihrem Bett einschlafen und nicht wieder aufwachen wollte, und genau so war es gekommen. Doch so schön ich das für sie auch fand, hätte sie sich für meinen Geschmack mit dem Sterben noch viel, viel mehr Zeit lassen können.

»Du vermisst sie, oder?« Lulu zog mich fest an sich und drückte mich. Ich nickte bloß, weil ich meiner Stimme nicht traute, und atmete tief ein.

Lulu roch immer ein bisschen nach Schokolade, weil sie Schoko-Lipgloss benutzte. Ich fand den Duft tröstlich.

»Okay, lass mal sehen.« Lulu ließ meine Schultern los und nahm behutsam die beiden Hälften des Anhängers in die Hand. »Vielleicht kann man es ja reparieren. Bestimmt sogar. Ich meine, wir haben ja nicht mit einem Hammer draufgehauen oder so. Er ist einfach auseinandergefallen. Wir bringen ihn zu Schnick-Schnack, bestimmt kriegt Alexa das wieder hin … Oh, schau mal!«, unterbrach Lulu sich selbst und hielt mir ihre Handfläche mit der zerbrochenen Kugel unter die Nase. »Das ist ja krass!«

»Was ist denn?« Ich rieb mir über die Augen. Zur Feier des Tages hatte ich Wimperntusche benutzt – aus Sylvias Schminkkoffer, ich gebe es zu – und mittlerweile vermutlich großflächig in meinem Gesicht verteilt.

»Ich glaube, der Anhänger ist gar nicht kaputt.«

»Wie, nicht kaputt?«Vorsichtig nahm ich Lulu die beiden Stücke aus der Hand, ängstlich, dass ich wieder einen Stromschlag bekommen würde. Aber dieses Mal blieben alle elektrischen Spannungen aus.

»Das ist eine Uhr«, stellte ich erstaunt fest.

»Na ja, eher zwei Uhren, würde ich sagen.«

»Stimmt.« Ich betrachtete die beiden Halbkugeln, die ich jeweils zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, genauer. Sie waren exakt gleich. Die Kugel hatte sich genau in der Mitte geteilt, als wäre sie einfach auseinandergeklappt. Jede der Halbkugeln besaß sogar eine eigene Öse. Dadurch, dass die Kugel sich geöffnet hatte, hatte sie zwei Zifferblätter enthüllt, die sich zuvor in ihrem Inneren verborgen hatten. Die Zifferblätter wirkten sehr alt, mit römischen Zahlen und schmalen Zeigern.

»Sieht aus wie eine Taschenuhr«, überlegte ich.

»Ja, aber eine ziemlich komische, oder?«, wandte Lulu ein. »Wer braucht denn zwei Zifferblätter?«

»Vielleicht jemand, der viel verreist?«, rätselte ich. »Damit man den Zeitunterschied einstellen kann und immer weiß, wie spät es gerade zu Hause ist? Mein neues Handy kann das auch.«

»Meinst du?« Lulu zog schon wieder einen Kussmund. »Und wie klappt man die beiden Teile jetzt wieder zusammen? Ich sehe keine Scharniere oder so etwas.«

»Keine Ahnung.« Ich drehte die Kugelhälften hin und her und legte die glatten Flächen schließlich aufeinander, sodass wieder eine vollständige Kugel entstand. Die beiden Zifferblätter waren so eingearbeitet, dass sie sich dabei nicht im Wege waren. Trotzdem ließen sich die zwei Hälften nicht mehr aneinander befestigen.

»Komisch. Vorhin hingen sie doch noch fest zusammen.« Ich drückte und drehte, aber jedes Mal, wenn ich die Hände ein Stück auseinandernahm, lösten sich auch die Hälften voneinander. Während ich zuvor noch den Eindruck gehabt hatte, eine solide Kugel in Händen zu halten, schienen die beiden einzelnen Teile nun alles andere als gewillt, sich wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen.

»Sehr komisch«, bestätigte Lulu. »Vielleicht eine Art Magnetismus?«

»Wenn es ein Magnetismus ist, dann funktioniert er jedenfalls nicht mehr.« Ich zuckte mit den Schultern. Die Tatsache, dass die beiden Hälften offenbar von Anfang an getrennt gewesen waren, wir den Anhänger also nicht zerbrochen hatten, beruhigte mich so sehr, dass ich mich nun nicht darum sorgte, wie man sie wieder miteinander verbinden konnte. Ich würde den Anhänger in den nächsten Tagen zu Alexa bringen und ihn reparieren lassen, falls das möglich war. Vielleicht konnte mir Omilis Freundin sogar mehr über dieses besondere Schmuckstück erzählen. Immerhin kannte sie sich mit Schmuck aus.

Und dann hatte ich plötzlich eine Idee.

»Gib mir mal deine Kette«, bat ich Lulu.

»Wieso?«

»Gib einfach her.«

Zögerlich zog sie sich die gedrehte Kette über den Kopf, die ich ihr erst kurz zuvor umgehängt hatte, und reichte sie mir.

»Was hast du vor?«

»Versuch es doch wenigstens mal für einen kleinen Moment mit Geduld«, wimmelte ich sie ab, legte die eine Halbkugel auf meinem Schoß ab und fädelte die Kette von Lulu in die andere.

»Das ist für mich ein Fremdwort und mit Fremdwörtern hab ich es nicht so«, moserte Lulu. Doch ihr skeptischer Gesichtsausdruck wich einem breiten Lächeln, als ich ihr die Kette zurückgab, an der nun eine der Halbkugeln baumelte.

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«

»Ich mache das nur, um zu verhindern, dass du in diesem knallroten Ding auf die Schulparty gehst«, erwiderte ich, nahm meine eigene Kette ab und fädelte die andere Halbkugel darauf, bevor ich sie mir wieder über den Kopf zog. »Du hast gesagt, wenn du den Anhänger tragen darfst, würdest du in Jeans und T-Shirt gehen. Und ich nehme dich beim Wort.«

»Okay, schon gut.« Lulu streckte mir die Zunge raus. »Ich habe verstanden, Miss Stil-Ikone. Ach, und übrigens: danke! Das ist unfassbar lieb von dir.«

Lulu drückte mir einen Schmatzer auf die Wange. Dann schälte sie sich aus dem Kleid und schlüpfte stattdessen in einen ausgewaschenen Jeansrock mit einem breiten pinken Lackgürtel sowie in ein schwarzes Shirt mit einem pinken Stern aus Pailletten. Von meinem Jeans-und-T-Shirt-Outfit war sie damit natürlich Lichtjahre entfernt, doch im Gegensatz zu der Version Bratschlauch in Rot war sie darin ein Hingucker im besten Sinne.

»Jetzt aber mal ehrlich.« Lulu ließ sich wieder neben mich aufs Bett fallen. »Willst du wirklich, dass wir diese Anhänger heute Abend tragen?« Ihre Finger betasteten vorsichtig die Halbkugel. »Keine Angst mehr, dass sie kaputtgehen?«

»Kaputt sind sie ja nun schon.« Ich zuckte mit den Schultern. »Irgendwie hab ich das Gefühl, dass es richtig ist«, versuchte ich zu erklären. Tatsächlich hatte ich plötzlich sogar das seltsame Gefühl, dass meine Großmutter genau das gewollt hätte. »Diese beiden Halbkugeln sind wie Freundschaftsanhänger. Wie diese Herzen, die man in der Mitte durchbricht, und dann steht darauf Beste Freundinnen oder für immer oder so was. Nur dass unsere Anhänger nicht annähernd so kitschig sind, sondern etwas Besonderes.«

»So wie wir.« Lulu nahm meine Hand und drückte sie.

In diesem Moment flog die Zimmertür auf und knallte gegen Lulus Kleiderschrank.

»Seid ihr bald fertig?« Lucas’ Kopf erschien im Türrahmen. »Wir müssen langsam mal los!«

»Raus!« Lulu schnappte sich ein Kissen und warf es Richtung Tür, aber ihr Bruder war schon wieder verschwunden, nicht ohne die Tür lautstark ins Schloss krachen zu lassen.

»Kannst du nicht anklopfen?«, brüllte Lulu ihm hinterher. »Was, wenn ich nackt gewesen wäre?«

Ein kräftiges Klopfen ließ die Tür erzittern.

»Idiot«, grummelte Lulu. »Sei bloß froh, dass du keinen so blöden Bruder hast wie ich.«


Lieber fünf Brüder wie deinen als eine Stiefschwester wie Sophie, hätte ich widersprechen können. Aber ich hielt sicherheitshalber den Mund. Ich versuchte grundsätzlich, jedes Gespräch mit Lulu über ihren Bruder zu vermeiden. Denn leider war Lucas das einzige Geheimnis, das zwischen Lulu und mir existierte. Beziehungsweise: meine Gefühle für ihn.

Es war wenige Tage nach der Geburtstagsparty passiert, auf der Lulu und ich beste Freundinnen geworden waren. Man muss dazu erklären, dass Lulu an diesem Tag nicht in der Schule gewesen war, sondern mit einer Sommergrippe zu Hause im Bett gelegen hatte. Ansonsten wäre die ganze Sache vermutlich anders abgelaufen.

Ich hatte überraschend meine Tage bekommen und natürlich trug ich eine weiße Jeans, klar … Als ich in der Pause bemerkte, was los war – ich erspare euch an dieser Stelle die buchstäblich blutigen Details –, rannte ich kopflos in die nächste Toilette. Dort hockte ich ziemlich verzweifelt auf dem Klodeckel und grübelte, wie ich diese Kabine je wieder verlassen konnte, ohne mich vor der gesamten Schule zu blamieren. Als ich bemerkte, dass es nicht einmal Toilettenpapier gab, begannen meine Tränen zu laufen. Da hörte ich, dass jemand hereinkam. Na, toll!

»He, was ist los?«, fragte der Jemand. Von einer Sekunde auf die andere wurde mein Elend noch elendiger. Dieser Jemand war ein Junge! Als wäre die ganze Situation nicht schon schlimm genug, war ich aus Versehen in die Jungentoilette gestürmt.

Ich antwortete nicht, sondern zog bloß geräuschvoll die Nase hoch. Hoffentlich ging der Typ weg, wenn ich ihn ignorierte. Doch natürlich wurde mir dieser Wunsch nicht erfüllt.

»Brauchst du Hilfe? Soll ich vielleicht einen Lehrer holen?«, ließ er nicht locker.

»Nein«, quietschte ich. »Auf keinen Fall.«

»Du bist ja ein Mädchen«, stellte der Jemand überrascht fest.

»Sag bloß«, erwiderte ich ironisch und seufzte.

»Und was machst du hier drin?«

»Mädchenprobleme.«

»Oh.« Der Jemand hatte offensichtlich verstanden, um welche Art von Problem es sich handelte. »Kann ich dir trotzdem irgendwie helfen? Brauchst du vielleicht irgendwas?«

»Falls du nicht eine Binde und eine frische Jeans dabeihast, nein, danke«, erwiderte ich mit dem Mut der Verzweiflung.

»Leider nicht.« Der Jemand klang, als täte es ihm tatsächlich leid. »Aber ich könnte dir ein paar Papierhandtücher anbieten. Und meinen Hoodie. Den kannst du dir vielleicht um den Bauch knoten …«

»Ehrlich jetzt?« Plötzlich fühlte ich mich ein bisschen weniger schrecklich.

Statt einer Antwort reichte er mir eine Handvoll Papiertücher und einen Kapuzenpulli über die verschlossene Tür. Einen ziemlich gut riechenden Pulli, wie ich flüchtig bemerkte.

»Danke.« Als ich mir den viel zu großen Hoodie umwickelte, ertönte der Schulgong zum Ende der Pause.

»Kommst du dann jetzt raus?«, fragte der Jemand.

»Ehrlich gesagt, lieber nicht.« So nett der Junge auch gewesen war, war es mir trotzdem viel zu peinlich, ihm persönlich gegenüberzutreten.

»Ich schätze, ich erkenne dich ohnehin an dem Hoodie, oder?«, gab er zu bedenken. »Außerdem hätte ich ihn gerne bei Gelegenheit wieder, ist nämlich mein Lieblingspulli.«

»Oh, richtig.« Er hatte recht, ich würde nicht darum herumkommen, ihm irgendwann ins Gesicht zu sehen. Und so nett, wie er gerade gewesen war, stand wohl auch nicht zu befürchten, dass er mich auslachen würde, wenn ich nun herauskam.

Vorsichtig öffnete ich die Kabinentür. Davor wartete dieser Junge. Etwas älter als ich – wie sich später herausstellte, war er eine Klasse über mir. Etwas zu lange Haare, die ihm in die fast schwarzen Augen fielen. Eine minimal schiefe Nase. Und ein breites Lächeln, das seine Augen blitzen ließ. Es war nicht spöttisch oder gar herablassend. Nein, es war genau die Sorte Lächeln, von der einem ganz warm im Bauch wird.

»Steht dir«, sagte er und deutete auf den Pulli, den ich mir wie einen Rock um die Hüfte geschlungen hatte. In exakt diesem Augenblick verliebte ich mich in Lucas Manuel da Costa Moreira.

Wie er hieß und dass er Lulus Bruder war, erfuhr ich natürlich erst später. Genauer gesagt am nächsten Tag, als ich meine grippekranke Freundin zum ersten Mal zu Hause besuchte. Sie hatte mich vorher schon ausgiebig vor ihrem blöden Bruder gewarnt.

»Lucas glaubt, er wäre der Chef im Haus. Seit meine Eltern sich getrennt haben, ist er nicht mehr auszuhalten. Bildet sich wer weiß was darauf ein, dass er ein Jahr älter ist. Ständig will er mir sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Räum deinen Kram weg. Beeil dich. Komm aus dem Bad raus. Mach deine Hausaufgaben. Hilf mal ein bisschen mehr im Haushalt mit …« So wie Lulu ihn nachäffte, klang ihr Bruder nach einem echten Ekel.

Dann öffnete er mir die Wohnungstür. Als er mich sah, wirkte er erst überrascht, doch dann lächelte er wieder dieses Warm-im-Bauch-Lächeln. Vielleicht dachte er, ich wollte ihm seinen Pulli zurückbringen, den ich jedoch als Kopfkissen-Ersatz benutzte.

»Da bist du ja!« Lulu flog mir um den Hals. Besonders krank erschien sie mir nicht mehr. »Tut mir leid, dass du als Erstes meinem blöden Bruder begegnen musstest. Ich war leider nicht schnell genug an der Tür.« Sie schickte einen grimmigen Blick in seine Richtung. Dann sah sie zu mir. Und wieder zu ihm.

»Wieso starrt ihr denn so?«, fragte sie irritiert. »Fall bloß nicht auf sein hübsches Gesicht rein«, fügte sie schnell an mich gewandt hinzu. »Er ist nicht so nett, wie er aussieht.«

»Quatsch, ich steh eh nicht auf dunkelhaarige Typen.« Es war heraus, bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte. Ich wollte bloß Lulu damit gefallen. Aber als ich versuchte, einen entschuldigenden Blick in Lucas’ Richtung zu schmuggeln, sah ich, wie ihm sein Lächeln aus dem Gesicht rutschte und einem Ausdruck vollkommener Gleichgültigkeit Platz machte. Was seitdem Lucas’ Grundhaltung mir gegenüber zu sein schien. Nicht einmal seinen Pullover hat er je zurückgefordert.

Nachdem ich eine knappe Million Mal darüber nachgegrübelt hatte, war ich mir inzwischen völlig sicher, dass Lucas’ Lächeln nichts, aber auch wirklich gar nichts zu bedeuten hatte. Nur änderte das leider überhaupt nichts daran, dass mein Herz immer noch nicht kapiert hatte, dass es sich nicht lohnte, schneller zu klopfen, bloß weil Lucas das Zimmer betrat, und mein Magen auch immer noch zu blöd war, um nicht zu flattern, bis mir flau wurde. Immerhin schien man mir das innerliche Geflatter und Geklopfe nicht anzusehen. Lulu hatte jedenfalls noch nichts davon gemerkt.

Anfangs erzählte ich ihr nichts, weil ich fürchtete, dass sie mir sofort wieder die Freundschaft kündigen würde, wenn sie von meiner Schwärmerei für die Person erfuhr, die sie am wenigsten auf der Welt ausstehen konnte. Und dann wurde das Geheimnis irgendwie zur Gewohnheit. Es fand sich einfach nie der richtige Zeitpunkt, um Lulu meine Gefühle für Lucas zu beichten.

Mittlerweile fürchtete ich, sie würde es als Hochverrat an unserer Freundschaft betrachten, wenn sie herausbekam, dass ich Lucas keineswegs so unausstehlich fand wie sie. Und dass ich es ihr die ganze Zeit verschwiegen hatte. Deshalb mussten meine Gefühle ein besser gehütetes Geheimnis bleiben als die Geheimakten der CIA und das Originalrezept von Coca-Cola zusammen. Leicht war das nicht gerade. Denn eigentlich erzählten wir uns alles.


»Nicht, dass ich meinem blöden Bruder recht geben wollen würde, aber ich schätze, wir müssen wirklich langsam los.« Lulu betrachtete den Uhrenanhänger. »Es ist schon kurz vor sechs.«

»Funktionieren die etwa?« Ich begutachtete meinen eigenen Anhänger. Die Zeiger standen ebenfalls auf kurz vor sechs. »Muss man die nicht aufziehen, oder so?«

»Vielleicht sind Batterien drin.« Lulu schwang sich vom Bett und streckte mir die Hände hin, um mir hochzuhelfen. Mir erschien es zwar unwahrscheinlich, dass so alte Uhren mit Batterien betrieben sein sollten, doch ich beschloss, dass es im Moment nicht so wichtig war. Vielleicht hatte Alexa ja auch dafür eine Erklärung.

»So gehst du mir aber nicht aus dem Haus.« Lulu begutachtete kritisch mein Gesicht. »Auch wenn ich Pandas süß finde.« Sie kramte in ihrem Nachtschränkchen herum und zog schließlich ein Feuchttuch hervor, mit dem sie unter meinen Augen herumzutupfen begann.

»Schon besser«, erklärte sie schließlich zufrieden, schnappte sich ihren Lipgloss vom Nachttisch und verteilte ihn großzügig auf ihrem Scarlett-Johansson-Mund. Sofort stieg mir der verführerische Schokoladenduft in die Nase.

»Ist eigentlich noch was vom Geburtstagskuchen übrig?«, fragte ich hoffnungsvoll. Sylvia hatte sich mit einem zuckerfreien Dinkel-Vollkorn-Zucchini-Kuchen selbst übertroffen und ich lechzte seit dem Morgen nach einem Gebäck mit mehr als zweieinhalb Kalorien auf hundert Gramm.

»Ob noch was da ist?« Lulu lachte laut. »Meine Mutter hat mal wieder genug für ein ganzes Kinderheim gebacken. Bedien dich ruhig. Die Reste müssen wir ohnehin gleich fürs Buffet in die Schule mitnehmen.«

Lulu hatte nicht zu viel versprochen. In der Küche standen auf dem Tisch schon vier Tupperdosen mit den Ausmaßen von Umzugskartons bereit, die bis oben hin mit Törtchen gefüllt waren. Ich öffnete den Deckel einer Box, sog den süßen Duft ein und ließ die Finger darüber kreisen, wie immer unfähig, mich für eins der köstlichen Küchlein zu entscheiden. Schließlich fiel meine Wahl auf die Pasteis de Nata, Blätterteig-Törtchen, deren Namen man »Pasteisch« aussprach, wie ich mittlerweile wusste, und denen ich wegen ihrer sahnigen Cremefüllung nie widerstehen konnte.

»Erst stundenlang stylen und jetzt auch noch futtern … Auf euch zu warten ist schlimmer als auf den Schulgong. Bei dem weiß man wenigstens, dass er irgendwann kommt.« Lucas schlenderte in die Küche und zog ein genervtes Gesicht. Ein hübsches genervtes Gesicht, das ließ sich leider nicht leugnen.

In seiner löchrigen schwarzen Jeans, einem schwarzen Shirt mit verwaschenem Bandlogo und mit den vom Duschen noch feuchten Haaren sah er nicht gerade abstoßend aus. Mein Herz schlug einen kleinen Trommelwirbel. Aber zumindest mein Pokergesicht schien gut zu sitzen, zumindest bemerkte niemand meinen inneren Aufruhr.

»Hör auf zu stänkern«, fauchte Lulu ihren Bruder an. »Nur weil stylen bei dir bedeutet, in die Luft zu spucken und drunter durchzurennen, musst du dich nicht gleich so aufspielen.«

Lucas verdrehte als Antwort die Augen. Im Augenverdrehen erreichte er olympisches Niveau.

»’usch, ’usch, meine Lieben. Es ist an die Seit.« Marisa wehte in die Küche und wedelte wild mit den Händen, um uns hinauszuscheuchen. Sie war eine kleine, kugelige Person mit scheinbar unerschöpflicher Energie und einem starken portugiesischen Akzent. Was sie nicht daran hinderte, doppelt so schnell zu sprechen wie jeder andere Mensch, den ich kannte.

»Ihr seht sauber’aft aus, meine Schätsschen.« Marisa tätschelte ihrer Tochter die Wange, was Lulu mit einem lauten Seufzen quittierte. Aber ich fand es wunderbar, Marisas »Schätsschen« zu sein.

»Und du, Sohn, ssum anbeisen!« Sie strich Lucas die widerspenstigen Haare aus der Stirn.

»Können wir dann endlich? Wir wollen um halb sieben mit dem Soundcheck anfangen!«

Lucas stapfte voraus in den Flur, wo er bereits seine Gitarre geparkt hatte, sodass Lulu und mir nichts anderes übrig blieb, als die vier großen Tupperdosen zu übernehmen.

Zuerst tastete ich aber noch einmal nach dem Anhänger, der mir um den Hals baumelte, und warf einen schnellen Prüfblick darauf. Die Uhr zeigte exakt Viertel nach sechs.

3

»Pünktlisch um ssehn, verstanden?«

»Jaha.« Lulu schlängelte sich als Erste aus dem Auto und ich folgte ihr. Lucas, der vorne gesessen hatte, holte bereits seine Sachen aus dem kleinen Kofferraum des alten Twingo, den Lulus Eltern angeschafft haben mussten, als sie gerade frisch verheiratet gewesen waren.

Für zwei Menschen, die sich sehr gern hatten, hatte der babyblaue Twingo vermutlich die optimale Größe. Drei Teenager, eine Gitarre, einen Verstärker und vier riesige Tupperdosen mit Törtchen darin unterzubringen, war eine sportliche Herausforderung, die vor allem darin bestand, beim Aussteigen aus dem Zweitürer nicht sämtliche Tupperdosen auf den Bordstein vor dem Schultor fallen zu lassen. Erst hielt ich die Dosen, dann reichte ich sie Lulu nach draußen, die beinahe hinter dem Tupperturm auf ihrem Arm verschwand.

»Und wenn isch ssehn sage, meine ich ssweiundswanssisch Uhr nach deutsche Seitverständnis, nicht nach portugiesische. Also nicht ssehn nach ssehn und nicht sswansig nach ssehn, sondern Punkt ssehn!« Auch wenn Marisas Zunge lustig über die vielen Z stolperte, bestand kein Zweifel daran, wie ernst sie es meinte. Lulus Mutter war in vielen Punkten entspannt, zum Beispiel, was das Chaos in Lulus Zimmer betraf oder ihren kreativen Kleidungsstil. Aber wenn Lulu nur fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit nach Hause kam, herrschte bei den da Costas Gewitterstimmung.

»Ich warte hier an die Tor.«

»Jaha«, wiederholte Lulu mit Nachdruck.

»Viel Spaß«, rief Marisa uns noch hinterher, doch Lulu warf bereits mit einem eleganten Schwung ihres Hinterteils die Autotür zu. Sie eilte so schnell Richtung Schule, dass ich keine Gelegenheit hatte, ihr wenigstens ein oder zwei der Tupperdosen abzunehmen, die sie einer akrobatischen Darbietung ähnlich auf den Armen balancierte.

»Meine Mutter nervt!«, beschwerte meine Freundin sich, während wir durch das Schultor liefen.

»Sie macht sich halt Sorgen«, verteidigte ich Marisa abwesend, weil ich damit beschäftigt war, den Schulhof nach der Gestalt von Lucas abzusuchen. Aber der war bereits in der gegenüberliegenden Sporthalle verschwunden.

»Ja klar«, ätzte Lulu. »Weil eine Schulparty ja auch so wahnsinnig gefährlich ist. Passiert dauernd, dass Teenager auf Schulpartys entführt werden. Quasi jede Woche … Da!« Sie fuhr herum, was den Tupperdosenstapel in eine bedenkliche Schieflage brachte. »Siehst du? Meine Mutter steht immer noch da und schaut uns hinterher. Was glaubt sie eigentlich, wie alt ich bin? Fünf?«

Lulu schnaubte wütend und drückte mir ohne Vorwarnung den Dosenstapel in den Arm, um ihrer Mutter vehement zum Abschied zu winken. Tatsächlich trat Marisa daraufhin so kräftig aufs Gas, dass der babyblaue Twingo unter vernehmlichem Protest losbrauste. Sie hupte dreimal laut zum Abschied und verschwand.

Das bekam ich allerdings nur aus dem Augenwinkel mit. Denn ich war vollauf mit dem Versuch beschäftigt, die schwankenden Tupperdosen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Was leider nicht funktionierte! Die Dosen mit ihrem süßen Inhalt rutschten, stürzten und landeten eine über der anderen mit lautem Poltern auf dem Schulhof. Eine der Boxen verlor prompt ihren Deckel, sämtliche Törtchen kullerten heraus und verteilten sich um meine Füße auf dem Schulhof.

»Achtung, die Schwerkraft ist heute wieder besonders heimtückisch«, vernahm ich eine mir nur allzu vertraute Stimme. Und schon wehte meine Stiefschwester Sophie in einer süßlichen Parfümwolke durch das Schultor herein, dicht gefolgt von ihren zwei unvermeidlichen Begleiterinnen, Doreen und Daphne. Lulu und ich hatten Sophies Schatten der Einfachheit halber die Doppel-Ds getauft, was sowohl ihrem gut gepolsterten Brustumfang als auch ihrer Intelligenz – doppelt doof – entsprach.

Eigentlich passten die beiden gar nicht zu meiner Stiefschwester. Ich vermutete, sie waren nur mit ihr befreundet, weil sie sie gelegentlich die Hausaufgaben abschreiben ließ. Und Sophie konnte froh sein, überhaupt Freundinnen zu haben.

»Um deine feinmotorischen Fähigkeiten würde dich jede Dampfwalze beneiden.« Mit hocherhobener Nase schritt Sophie an mir und dem Törtchendesaster vorbei. Die Doppel-Ds folgten ihr kichernd, dabei war ich mir ziemlich sicher, dass sie nicht wussten, was feinmotorische Fähigkeiten überhaupt waren.

»Und auf deine emotionale Intelligenz wäre jeder Zombie neidisch«, rief Lulu Sophie hinterher, aber meine Stiefschwester streckte bloß ihr Näschen noch etwas höher gen Himmel und klapperte Richtung Sporthalle davon, von wo bereits die gedämpften Bässe des Soundchecks zu uns drangen. Dass Sophie es sogar auf hohen Hacken schaffte, grazil wie eine Primaballerina herumzutrippeln, war ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass wir aus komplett unterschiedlichen Genpools stammten.


Sophie und ich waren am ersten Tag in der Grundschule nebeneinandergesetzt worden. Sie war diejenige mit den geflochtenen Bauernzöpfen, aus denen am Ende des Vormittags keine einzige Strähne herausstand. Ich war diejenige, die den Pausenkakao über sich schüttete. Sie war die mit dem Querflötenunterricht, ich diejenige, die selbst mit einer Blockflöte überfordert war. Sie war diejenige, die den Lük-Kasten im Akkord löste. Ich war diejenige, die vier Schulstunden lang den Vögeln vor dem Fenster beim Loopingfliegen zuschauen konnte. Und sie war dann diejenige, die bei unserer Klassenlehrerin petzte, dass ich versucht hatte, die Rechenaufgaben bei ihr abzuschreiben. Es dürfte nun wirklich niemanden überraschen, dass Sophie und ich uns vom ersten Tag an nicht ausstehen konnten.

Dummerweise war es meinem Vater und Sophies Mutter völlig anders ergangen, als sie sich beim Elternabend über den Weg gelaufen waren. Und sie hatten sogar geglaubt, uns etwas Gutes zu tun, als sie nur ein knappes Jahr später den Bund der Ehe eingegangen waren.

Ich versuchte, mich seither mit dem Gedanken zu trösten, dass auch viele andere Menschen es nicht leicht in ihrem Leben haben. Manche haben eine Warze im Gesicht, andere kreisrunden Haarausfall, und es gibt zahllose Menschen auf der Welt, die unter wirklich schweren Krankheiten, Armut und Hunger zu leiden haben.

Und ich hatte eben Sophie. Ich bemühte mich, diese Prüfung positiv zu betrachten. Ihre täglichen Sticheleien zu ertragen, verschaffte mir langfristig bestimmt ein paar Karma-Pluspunkte, sodass ich vielleicht irgendwann mal als Schmetterling statt als Regenwurm wiedergeboren werde.

Leider trafen Sophies Sticheleien regelmäßig ins Schwarze, zum Beispiel, was meine motorischen Fähigkeiten anging. Um die war es gelinde gesagt eher bescheiden bestellt. Für den Sportunterricht brauchte ich mir inzwischen keine Entschuldigungen mehr auszudenken, weil Herr Helmich, unser Sportlehrer, fast dankbar zu sein schien, wenn ich am Rand sitzen blieb. Wenn ich versuchte, Sport zu treiben, brachte ich grundsätzlich mich oder andere in Lebensgefahr. Immerhin gingen bereits zwei Platzwunden auf mein Konto, eine an meinem eigenen Kopf (Barren) und eine am Kopf von Samuel Sauermann (Badmintonschläger).

»Die gehen noch, man muss nur den Dreck ein bisschen abkratzen.« Lulu kniete zu meinen Füßen, sammelte die verstreuten Törtchen ein und legte sie zurück in die Tupperdose.

»Meinst du wirklich? Das ist doch irgendwie eklig.« Ich hockte mich zu ihr und hob eins der Sahnetörtchen mit spitzen Fingern vom dreckigen Boden auf. Es war so über und über mit Schotter gesprenkelt, dass es aussah wie ein Mohnmuffin.

»Quatsch. Dreck reinigt den Magen.« Lulu brach eine Ecke von einem Kokostörtchen ab, die besonders matschig wirkte, und stellte es neben das Mohn-Sahnetörtchen.

»Na ja.« Ich beschloss, die Tupperdose heimlich verschwinden zu lassen, bevor Lulu sie auf dem Buffet platzieren konnte. Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass unsere Mitschüler eine Lebensmittelvergiftung erlitten.

»Ich wusste gar nicht, dass wir statt einer Party ein Picknick veranstalten.«

Ich sah an den Beinen in Baggy Jeans hinauf, die neben mir aufragten, und direkt in Samuel Sauermanns Gesicht, der schallend über seinen eigenen schwachen Scherz lachte.

»Im Ernst, Mädels, braucht ihr Hilfe?« Samuel hörte auf zu lachen und lächelte uns stattdessen breit an.

»Brauchen wir Hilfe?« Ich schaute Lulu herausfordernd an, aber die hatte wie immer, wenn Samuel irgendwo auftauchte, kurzzeitig das Sprechen verlernt.

Alle Mädchen in unserer Klasse waren in Samuel Sauermann verliebt. Alle außer mir. Sogar Lulu fand ihn traumhaft, was er nach allen Maßstäben der Mister-Dream-Skala vermutlich auch war. Samuel sah spitzenmäßig aus – wie eine Mischung aus Austin Butler (der Mund), Liam Hemsworth (die Augen) und Manuel Neuer (das breite Kreuz). Seit dem Badmintonschlägerattentat hatte er eine kleine Narbe an der rechten Braue, die ziemlich sexy wirkte. Samuel war außerdem sportlich, sehr sportlich um genau zu sein. Er schwamm in der ersten Wettkampfmannschaft seines Vereins und hatte bereits jede Menge Medaillen gewonnen. Weil durch den Sport die Schule manchmal etwas kurz kam, musste er letztes Jahr eine Klasse wiederholen. Deshalb war Samuel ein Jahr älter als wir und schien der Phase, in der alle Jungs sich verhielten wie minderbemittelte Kleinkinder, schon entwachsen zu sein.

Man könnte jetzt glauben, dass Samuel arrogant wäre und sich mit uns nicht abgeben wollte, aber das Gegenteil war der Fall. Er war bei allen beliebt und zu jedem nett, sogar zu mir, obwohl ich ihn mit dem Badmintonschläger attackiert hatte. Er hielt nur seitdem einen gewissen Sicherheitsabstand zu mir ein, wenn er in meine Nähe kam.

Das Einzige, was an Samuel nicht perfekt war, war seine minimal zu hohe Stimme. Wenn er den Mund aufmachte, klang es, als hätte er versehentlich einen Zug aus einer Heliumflasche inhaliert. Ein bisschen wie Micky Maus. Niemanden außer mir schien das zu stören, auch nicht Lulu. Sie war heftig und bis auf Weiteres unglücklich in Samuel verliebt, und mir war es unter Androhung der Todesstrafe verboten, ihn Mister Micky Maus zu nennen.

»Ich glaube, wir haben schon alles aufgesammelt«, antwortete ich an Lulus Stelle.

Samuel streckte seine Hand aus, um mir hochzuhelfen, schien allerdings in letzter Sekunde zu realisieren, dass er die Badmintonschlägerattentäterin vor sich hatte, und schwenkte in Lulus Richtung um. Aber meine Freundin, zu überwältigt von Samuels unverhoffter Aufmerksamkeit, ignorierte das Angebot und kam allein wieder auf die Beine. Die Situation hätte ziemlich peinlich werden können, doch Samuel deutete einfach mit der verschmähten helfenden Hand zum Eingang der Sporthalle und erklärte: »Ich geh dann schon mal vor.«

Als Lulu und ich kurze Zeit später beladen mit den vier Tupperdosen ebenfalls die Sporthalle betraten, beendete Echtzeit, die Schulband, bei der Lucas Frontsänger und Gitarrist war, gerade den Soundcheck. Ich beobachtete ihn, wie er seine Gitarre abstellte und von der Bühne stieg, die aus ein paar Paletten zusammengebaut worden war. Überrascht und wenig erfreut bemerkte ich, dass in dem Grüppchen, das dort auf die Bandmitglieder wartete, auch Sophie und die Doppel-Ds herumstanden. Was hatte meine Stiefschwester mit Lucas und seinen Kumpels zu schaffen?

Lulus Ellenbogen landete unsanft in meinen Rippen, und mir wurde im Wortsinn schmerzhaft bewusst, dass Frau Dr. No abwartend neben uns stand.

Ihr Gesicht war wie immer starr wie eine Maske – zu viel Botox, wurde in unserer Klasse gelästert – nur ihre schmalen Brauen, die aussahen wie mit dem Bleistift gemalt, hatte sie fast bis zum Haaransatz hochgezogen. Darunter betrachtete sie mich ungeduldig, als erwarte sie von mir die Lösung für irgendeine komplizierte Gleichung.

Frau Dr. Nowottny – von uns bloß Frau Dr. No genannt – unterrichtete unsere Klasse seit Anfang des Schuljahres in Mathe. Und sie hatte es innerhalb weniger Tage geschafft, sich bei allen unbeliebt zu machen. Bei allen außer meiner Streberstiefschwester Sophie natürlich.

Das lag daran, dass Frau Dr. No am Anfang jeder Stunde eine Reihe komplizierter Gleichungen an die Tafel schrieb und jemanden nach vorne bat, der die Aufgaben dann vor der ganzen Klasse lösen musste. Lulu und mich hatte das auf die Idee gebracht, die Tafel mit Schmierseife zu wischen. Wir fanden es einfach witzig, uns vorzustellen, wie sie auf der eingeseiften Tafel vergeblich versuchen würde, die Aufgaben anzuschreiben.

Später stellte sich leider heraus, dass das Ganze keine wirklich witzige Idee war, weil Frau Dr. No unglücklich auf einer Pfütze ausrutschte und drei Wochen lang in einem Gips herumhumpeln musste. Auch wenn sie nie beweisen konnte, dass wir für den Seifenanschlag verantwortlich waren, fürchtete ich, dass sie einen Verdacht hegte. Und das verbesserte unser Verhältnis nicht unbedingt.

»Ich sagte, ihr könnt den Kuchen da vorne aufs Buffet stellen.«

Ihr Blick bohrte sich in meinen, wanderte hinab zu den Tupperdosen, schien einen Moment zu lang knapp über meinem Herz zu verweilen und kehrte zu meinem Gesicht zurück. Unter den Augen von Frau Dr. No fühlte ich mich immer wie in einem Nacktscanner am Flughafen. Prompt hatte ich Sorge, die Antwort nicht zu kennen, dabei hatte sie mir gar keine Frage gestellt.

»Viel Spaß, ihr zwei«, sagte sie genau in dem Moment, als Lulu und ich es endlich schafften, uns aus ihrem Bannblick zu lösen und zum Buffet zu steuern.

»Äh, danke«, brachte ich entgeistert heraus.

»Was war das denn?«, raunte Lulu mir zu.

»Keine Ahnung, womöglich ein unerwarteter Anflug von Freundlichkeit«, antwortete ich, als wir uns weit genug von Frau Dr. No entfernt hatten, damit sie es nicht mehr hören konnte.

»Vielleicht hat sie sich aber auch was eingefangen«, mutmaßte Lulu. »Aktuell soll ein fieser Virus rumgehen.«

»Hm«, machte ich, hatte aber Frau Dr. No bereits wieder vergessen. Denn quer durch die Halle beobachtete ich Lucas, der sich neben Sophie stellte und etwas zu ihr sagte, woraufhin meine Stiefschwester zu lachen anfing und dabei ihren Kopf mit einer Bewegung zur Seite drehte, die ihre langen blonden Haare von einer Schulter zur anderen schwingen ließ. Jetzt lachte auch Lucas. Er hatte ein wirklich schönes Lachen, das wusste ich, obwohl ich es in diesem Moment nicht hören konnte, und ich fand, dass es an jemanden wie Sophie vollständig vergeudet war. Schwungvoll knallte ich die Tupperdosen aufs Buffet.

»Weißt du, was Lucas mit Sophie zu schaffen hat?«, fragte ich Lulu, die ihre Dosen bereits abgestellt hatte und sich in der Sporthalle umschaute, die sich nach und nach mit immer mehr Leuten füllte.

»Nee, wieso?« Lulu betrachtete jetzt ebenfalls die Gruppe vor der Bühne und zog einen kleinen, spitzen Kussmund. »Aber ich finde, die zwei passen super zusammen. Mein blöder Bruder und deine fiese Schwester, ein echtes Traumpaar. Und sie lebten unausstehlich bis ans Ende ihrer Tage …« Lulu grinste.

Ich fand das überhaupt nicht lustig, doch das konnte ich ihr natürlich nicht sagen. Also beschränkte ich mich auf ein weiteres »Hm« und feuerte ein paar böse Blicke in Sophies Richtung, die eigentlich ihren Schädel hätten durchbohren und ihr grauenhafte Schmerzen hätten verursachen müssen, wovon sie leider nichts zu spüren schien.

»Hey, Mädels, da seid ihr ja wieder.« Samuel Sauermann tauchte neben uns am Buffet auf. »Habt ihr den Kuchen eingefangen?« Er ließ seine Finger über den Tupperdosen kreisen und griff dann gezielt nach dem Törtchen mit den schwarzen Sprenkeln.

»Lecker, ich mag Mohn!«

Mist! Ich hatte mich von Sophie und Lucas ablenken lassen und darüber ganz vergessen, die Dose mit den verseuchten Törtchen klammheimlich unter dem Buffet verschwinden zu lassen.

»Stopp«, rief ich in letzter Sekunde und hängte mich an Samuels Arm, sodass ihm der kleine Kuchen aus der Hand fiel und er mit offenem Mund und einem ziemlich perplexen Gesichtsausdruck zurückblieb.

»Sorry, aber die mit Mohn sind ausschließlich für die Lehrer vorgesehen«, stammelte ich, was zugegeben eine ziemlich abstruse Ausrede war, doch auf die Schnelle fiel mir keine bessere ein.

»Okay«, erwiderte Samuel zweifelnd und betrachtete mich mit einem Blick, als wäre ihm bereits seit der Sache mit dem Badmintonschläger klar, dass er eine Verrückte vor sich hatte, die man nicht übermäßig aufregen durfte.

»Hier, nimm eins mit Kokos.« Ich griff in die Box mit den Törtchen, die nicht auf dem Boden gelandet waren. »Oder eins mit Marzipan. Oder magst du lieber eins mit Mandeln? Oder hier, mit Bohnen?«

Mit jedem Törtchen, das ich aus der Box nahm, weiteten sich Samuels Augen ein bisschen mehr vor Verwunderung. Wahrscheinlich hörte ich mich an wie eine hysterische Bäckereifachverkäuferin.

»Ich glaube, ich hab doch keinen Hunger«, sagte er schließlich. Und ich war sehr dankbar, dass Echtzeit genau in diesem Moment zu spielen anfing.

Lulu, die noch immer keinen Ton herausgebracht hatte, fing sofort wie ferngesteuert an, im Takt der Musik mitzuwippen.

Lulu tanzt für ihr Leben gern und sie tanzt wie gesagt fantastisch, im Gegensatz zu mir – ich sehe auf der Tanzfläche aus, als stünde ich unter Starkstrom.

»Hast du vielleicht Lust zu tanzen?«, fragte Samuel sie, ganz klar in dem Bestreben, so schnell wie möglich von mir wegzukommen.

Lulu warf mir einen fragenden Blick zu, und als ich heftig nickte, lächelte sie Samuel glücklich an und steuerte mit ihm Richtung Tanzfläche. Somit hatte meine peinliche Aktion wenigstens etwas Gutes gehabt.

Als die zwei zwischen den vielen Leuten verschwunden waren, die mittlerweile die Tanzfläche verstopften und mir den Blick auf die Bühne versperrten, ließ ich als Allererstes die Tupperdose mit den Törtchen des Grauens unter dem Tisch verschwinden. Zwei weitere – saubere Törtchen – wanderten in meinen Mund.

Schließlich lehnte ich mich gegen das Buffet, betrachtete das Gedränge und wusste plötzlich nichts mehr mit mir anzufangen. Aus meiner Klasse konnte ich niemanden entdecken, mit dem ich Lust gehabt hätte zu quatschen. Ich wollte aber auch nicht von meinem Platz am Buffet weggehen, weil ich Sorge hatte, dass Lulu mich ansonsten nicht mehr finden würde.

Also lauschte ich dem Konzert von Echtzeit und sang im Kopf jeden einzelnen Song mit, denn ich konnte alle Texte auswendig. Abwesend spielte ich währenddessen mit der Halbkugel, die an der Kette um meinen Hals baumelte. Sacht fuhr ich mit dem Finger über die verschlungenen Gravuren und musterte sie erneut. Sie sahen wirklich aus wie Geheimzeichen aus Strichen und Punkten, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sie zu bedeuten hatten. Vielleicht waren sie ja auch bloß als Verzierung gedacht. Das Zifferblatt zeigte Viertel vor acht, genau wie die große Uhr, die an der Querseite der Sporthalle hing.

Verstohlen seufzte ich. Ich hatte mich so auf die Party gefreut und darauf, unseren Geburtstag mit Lulu gemeinsam zu feiern. Doch jetzt war meine Freundin von Samuel entführt worden. Nicht dass ich es ihr missgönnte – im Gegenteil! Aber mir war, ehrlich gesagt, ziemlich langweilig.

In diesem Moment begann die Band, ein neues Lied zu spielen, das ich noch nicht kannte. Es war eine langsame Ballade, die gerade perfekt zu meiner Stimmung passte. Ich lauschte Lucas’ toller tiefer Stimme und, ja, mein Herz fing schon wieder an zu flattern, obwohl ich Lucas wegen der vielen Leute gar nicht sehen konnte.

Gerade, als ich überlegte, ob ich mich doch lieber nach vorne drängen sollte, setzte eine Flöte ein. Sie griff die Melodie auf und trug sie sanft über die Köpfe hinweg zu mir. Ich wunderte mich. Die Jungs von Echtzeit spielten selbst geschriebenen Gitarren-Pop-Rock. Ich konnte mir keinen von ihnen mit einer Flöte vorstellen …

Doch dann machten ein paar Leute einen Schritt zur Seite, sodass ich einen Blick auf die Bühne erhaschen konnte. Und dort neben Lucas stand, mit geschlossenen Augen, als würde sie sich ganz der Musik hingeben: meine Stiefschwester.

4

Es gibt Situationen, in denen man glaubt, dass es eigentlich nicht mehr schlimmer kommen kann. Aber dann passiert kurz darauf garantiert etwas, das einen vom Gegenteil überzeugt. Wenn du im strömenden Regen dem Bus hinterherrennst, zum Beispiel, und der Fahrer vor deiner Nase die Türen schließt, brettert natürlich direkt hinter dem Bus ein Auto durch die Pfütze im Rinnstein, sodass du von oben bis unten nass gespritzt wirst.

Oder wenn du unbedingt eine Drei in Mathe schreiben musst, um deine Halbjahresnote zu retten, und dann leuchtet dir eine rote Vier entgegen. Dann besteht immer noch die Möglichkeit, dass Frau Dr. No dir das falsche Heft zurückgegeben hat und unter deiner Mathearbeit eine Fünf steht.

Dieser Augenblick auf der Schulparty, als ich Sophie auf der Bühne neben Lucas entdeckte, war genau so ein Fall. Das wurde mir natürlich erst kurz darauf klar, nämlich als der Auftritt der Band vorbei war und Lucas zum Buffet kam – Seite an Seite mit Sophie. Lulu war immer noch irgendwo verschwunden, und ich hatte gerade beschlossen, sie zu suchen, um ihr zu sagen, dass ich den Bus nach Hause nehmen würde, als die beiden auftauchten.

Vor dem Buffet herrschte großes Gedränge und Lucas schien mich gar nicht zu bemerken, anders jedoch Sophie. Meine Stiefschwester steuerte direkt auf mich zu und Lucas folgte ihr brav.

»Hi, Claire«, begrüßte sie mich zuckersüß, als hätte sie nicht erst vorhin auf dem Schulhof spitze Bemerkungen über mein gestörtes Verhältnis zur Schwerkraft fallen lassen.

»Das ist Lucas.« Sie machte eine Handbewegung, als wollte sie uns einander vorstellen. »Aber das weißt du ja bestimmt.« Manchmal war meine Stiefschwester wirklich nicht zu toppen. Tat so, als müsste sie mich mit dem Bruder meiner besten Freundin bekannt machen. Dabei ging es ihr ganz offensichtlich bloß darum, mir unter die Nase zu reiben, dass sie neuerdings dicke Kumpel waren. Oder sogar mehr … Ich fragte mich bloß, warum! Denn eigentlich konnte Sophie nichts von meinem bestgehüteten Geheimnis wissen.

»Lucas hat mich nach dem Weihnachtskonzert gefragt, ob ich bei Echtzeit mitmachen möchte, weißt du«, fuhr sie erbarmungslos fort.

Das Weihnachtskonzert, na klar! Dabei waren der Schulchor und das Orchester, in dem Sophie natürlich spielte, zusammen mit Lucas’ Band aufgetreten. Ich persönlich hätte mich für nichts auf der Welt überreden lassen, ebenfalls dort zu stehen. Mich öffentlich vor Publikum zu präsentieren, grenzte für mich an schwere Folter. Was vermutlich der Grund war, warum Sophie nun bei Echtzeit mit dabei sein durfte und Lucas mich niemals wahrnehmen würde.

Dabei sang ich gerne, aber ich tat das ausschließlich und exklusiv unter der Dusche. Lulu war die Einzige, die mich jemals gehört hatte, als ich bei ihr übernachtet hatte und dachte, dass sie noch schlief. Und obwohl sie immer wieder darauf beharrte, dass ich so ähnlich klang wie Adele und mindestens so begabt sei, weigerte ich mich strikt, auch nur in die Nähe einer Probe unseres Schulchors zu kommen.

»Jedenfalls fand ich, dass es eine gute Idee sein könnte, vor allem, weil Lucas extra dieses Lied für mich geschrieben hat.« Sie lächelte in seine Richtung und ich hätte am liebsten laut geschrien. Dass Lucas diesen wunderschönen Song extra für Sophie geschrieben haben sollte, fühlte sich an wie ein Dorn, der sich mir direkt ins Herz bohren wollte.

Lucas bekam von all dem nichts mit, denn er war schwer damit beschäftigt, Löcher in die Luft neben meinem Kopf zu starren. Unser Gespräch beziehungsweise Sophies Monolog schien ihn nicht übermäßig zu interessieren.

»Ich hol mir mal was zu trinken«, erklärte er und ging weg, drehte sich aber nach ein paar Schritten noch einmal um. »Soll ich dir was mitbringen?«, fragte er Sophie – nicht mich natürlich.

»Eine Cola light, bitte.« Sie schenkte ihm ein Lächeln, in das eine Gurke quer gepasst hätte.

Ich versuchte, gleichmäßig zu atmen, und mein Blick glitt zu Boden, weil ich Sophies selbstzufriedenes Gurkengrinsen nicht ertrug. Da entdeckte ich das Mohn-Sahnetörtchen, das ich Samuel vorhin aus der Hand geschlagen hatte, direkt neben der Spitze von Sophies hochhackigen Sandalen.

Was hätte ich darum gegeben, wenn Sophie in diesem Moment einen kleinen Schritt zur Seite gemacht hätte. Sahnecreme, die durch die Riemchen der Sandalen quoll, wäre genau der Anblick gewesen, der die Qualen meiner Seele ein klein wenig hätte lindern können. Aber natürlich machte sie keinen Schritt zur Seite. Meiner Stiefschwester passieren solche Missgeschicke einfach nicht.

Ich bückte mich, um das Törtchen aufzuheben und bei nächster Gelegenheit im Müll zu entsorgen. Eine willkommene Ablenkung, um dem Gurkengrinsen noch einen Moment länger zu entgehen, aber als ich wieder nach oben kam, war es noch ein bisschen breiter geworden.

»Bist du etwa so süchtig nach Süßigkeiten, dass du jetzt sogar schon das isst, was auf dem Boden gelandet ist?«, fragte Sophie spitz. »Du solltest wirklich ein bisschen mehr auf deine Figur achten, sonst wird sich nie ein Junge wie Lucas für dich interessieren.«

»Pah«, machte ich und bemühte mich um ein unbeteiligtes Gesicht, obwohl mein Herz bis in den Hals hämmerte und ich den beinah unbändigen Drang niederkämpfen musste, Sophie das Sahnetörtchen in ihr Grinsegesicht zu drücken.

»Kein Wunder, dass du so auf dein Äußeres bedacht bist, denn ein Herz hast du nicht zu bieten. Deswegen mag dich auch niemand. Nicht mal Omili hatte dich wirklich lieb, sonst hätte sie dir bestimmt auch etwas vererbt.« Wie zum Beweis hielt ich den Anhänger hoch. Okay, das war nicht nett von mir, aber Sophie hatte mit ihren Sticheleien nun mal einen empfindlichen Nerv getroffen.

»Im Übrigen«, schob ich hinterher, »ist es mir völlig gleichgültig, ob sich ein Junge wie Lucas für mich interessiert. Denn wenn er sich für dich interessiert, kann er keinen besonders guten Geschmack besitzen.« Das war natürlich gelogen, aber es fühlte sich gut an, es zu sagen, vor allem, weil Sophies Augen sich bei meinen Worten zu schmalen Schlitzen verzerrten und das Gurkengrinsen zu einer Grimasse verrutschte.

»Glaubst du wirklich, dass ich dir das abnehme?«, gab sie wütend zurück. »Ich weiß genau, dass du bis über beide Ohren in Lucas verknallt bist. Weil ich nämlich den Zettel gefunden habe, auf den du seinen Namen geschrieben und Millionen von Herzchen dazugemalt hast. Was übrigens echt kindisch ist, aber wen wundert’s?«

»Den Zettel hab ich ganz unten in meinem Schreibtisch versteckt«, erwiderte ich, zu perplex, um zu leugnen.

»Nicht schwer zu finden …« Das Gurkengrinsen war zurück und wirkte irgendwie teuflisch.

Ich hätte gerne erwidert, dass sie eine miese Schnüfflerin war und in meinem Zimmer rein gar nichts verloren hatte, doch leider bekam ich keinen Ton mehr heraus. Denn in diesem Moment entdeckte ich Lucas, der mit zwei Gläsern Cola in den Händen hinter Sophie stand. Er hatte einen schwer zu deutenden Gesichtsausdruck, der allerdings keinen Zweifel daran ließ, dass er unseren Streit mit angehört hatte. Zumindest die entscheidenden Passagen. Die, in denen es um meine Gefühle für ihn ging.

Ich las Überraschung in seinem Blick und noch etwas anderes, das ich nicht deuten konnte. Ganz leicht schüttelte er den Kopf, als wollte er mir stumm sagen: Das kann nicht dein Ernst sein. Wo in aller Welt war das Loch im Boden, das sich in solchen Momenten auftun sollte?

Ich fühlte mich, als müsste ich auf der Stelle losheulen. Aber das hätte meine Lage vermutlich nicht verbessert. Also drängte ich die Tränen mit heftigem Blinzeln zurück, murmelte etwas Unverständliches, in dem das Wort Toilette vorkam, zwang meine Beine, sich zu bewegen, und flüchtete. Unter Einsatz meiner Ellbogen arbeitete ich mich durch die Menge vor dem Buffet und stürmte vorbei an Frau Dr. No und Herrn Helmich, die Türdienst hatten, hinaus ins Freie. Erst als ich mich in der dunkelsten Ecke des Schulhofs auf eine Bank hatte fallen lassen, bemerkte ich, dass ich noch immer das verdreckte Törtchen in der Hand hielt. Ich würde es später entsorgen, wenn ich mich aufraffen konnte, wieder aufzustehen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich wieder in der Lage war, halbwegs klar zu denken. Die ganze Zeit flimmerten Standbilder dieser unendlich peinlichen Szene durch meinen Kopf. Sophies teuflisches Gurkengrinsen. Lucas’ verständnisloser Blick. Mist! Mist! Mist! Von allen peinlichen Situationen, in denen ich jemals gesteckt hatte, war das mit Abstand die schrecklichste!

Angestrengt überlegte ich, was ich tun konnte, um diese ganze beschämende Szene ungeschehen zu machen oder wenigstens Lucas’ Erinnerung daran auszulöschen. Leider stellte ich nach reiflicher Überlegung fest, dass es rein gar nichts gab, was ich diesbezüglich unternehmen konnte – außer mir irgendwelche Medikamente zu verschaffen, die die Erinnerung auslöschten, und diese Lucas irgendwie zu verabreichen.

Mehrmals kam ich zu dem Schluss, dass es das Beste war, den Bus nach Hause zu nehmen, mich in meinem Bett unter zehn Decken zu vergraben und nie wieder aufzustehen. Aber das bedeutete, dass ich zurück in die Turnhalle gehen musste, um Lulu zu suchen und ihr Bescheid zu sagen. Und das bedeutete, dass ich Gefahr lief, Lucas noch einmal zu begegnen. Deshalb brauchte ich etwa hundert Anläufe, bis ich mich endlich dazu aufraffen konnte. Doch als ich gerade auf die Turnhalle zusteuerte, kam Lulu mir direkt entgegen.

»Hey, Süße, ich hab dich schon überall gesucht. Ist alles okay?« Sie trug die vier großen Tupperdosen – offensichtlich hatte sie auch die mit den Dreck-Törtchen unter dem Buffet gefunden – und dazu einen leicht verklärten Ausdruck im Gesicht.

»Zeit aufzubrechen, fürchte ich«, erklärte sie. »Es ist schon fünf nach zehn. Meine Mutter dreht durch, wenn wir nicht langsam auftauchen.« Sie nickte zum Schultor, wo ich tatsächlich den kleinen blauen Twingo mit eingeschalteten Scheinwerfern entdeckte.

»Was?« Überrascht checkte ich die Uhr in meinem Anhänger, die wirklich kurz nach zehn anzeigte. Zur Sicherheit zog ich mein neues Handy aus der Hosentasche und kontrollierte die Zeit. Tatsache. Es waren fast zwei Stunden seit dem Streit mit Sophie vergangen, in denen ich wie ein Zombie mit einem verdreckten Törtchen in der Hand auf dem Schulhof gesessen und darüber nachgegrübelt hatte, wie ich mir bewusstseinsverändernde Medikamente beschaffen konnte.

»Ist wirklich alles in Ordnung?« Lulu musterte mich besorgt.

»Ja, ja, alles bestens«, erwiderte ich, bemüht, nicht allzu deprimiert zu klingen. Natürlich war nichts in Ordnung. Aber leider war meine beste Freundin der allerletzte Mensch, dem ich erzählen konnte, was passiert war. Wie sollte ich ihr erklären, dass ich sie künftig nie wieder würde besuchen können, weil ich unter allen Umständen vermeiden musste, ihrem großen Bruder über den Weg zu laufen?

»Stress mit Sophie.« Das war immerhin die halbe Wahrheit.

»Oh je. Tut mir echt leid, dass ich dich so lange allein gelassen hab«, entschuldigte Lulu sich, während wir Richtung Schultor gingen. »Ich habe völlig die Zeit vergessen, weil ich mich mit Samuel unterhalten habe.« Sie errötete leicht. »Ich glaube, er mag mich. Krass, oder? Er hat sogar gefragt, ob ich Lust habe, nach der Party mit zu ihm zu kommen. Die wollen dort mit der Clique weiterfeiern. Ich wäre echt gerne mitgegangen, und er wirkte richtig enttäuscht, als ich Nein gesagt habe. Aber dann hätte meine Mutter mich garantiert umgebracht.«

Lulu redete ohne Unterbrechung, doch mir war das nur recht. Dann konnte sie mir wenigstens keine unangenehmen Fragen stellen. Und außerdem freute ich mich für sie. Wirklich. Sehr.

»Samuel ist so witzig. Wir haben total viel gelacht. Und fast hätte er mich geküsst. Ehrlich. Er hat zwei total süße Grübchen in den Mundwinkeln. Ist dir das schon mal aufgefallen? Hier und hier.«

Sie hob den Tupperdosenberg in die Höhe, um mit den Daumen anzudeuten, wo genau sich Samuels süße Grübchen befanden. Ich sah das Unglück kommen, war aber nicht schnell genug, um die Boxen aufzufangen, bevor sie allesamt zu Boden schepperten.

»Ach, Shit, nicht schon wieder!«, fluchte Lulu, als sich eine Dose öffnete und die ohnehin schon schmutzigen Törtchen über den Schulhof kullerten. Und zum zweiten Mal an diesem Abend hockten wir uns hin, um die Törtchen wieder einzusammeln.

»Also doch ein Picknick«, ertönte über uns die Stimme von Samuel, gefolgt von einem schallenden Lachen, in das Lulu sogleich einstimmte. Mit einem strahlenden Lächeln blickte sie zu ihm auf. Und dann konnte man beobachten, wie dieses Lächeln langsam bröckelte und abfiel. Denn Samuel war nicht allein. Nicht nur fünf Jungs aus seiner früheren Klasse waren bei ihm, sondern auch die Doppel-Ds, die Samuel anstrahlten wie zwei Tausend-Watt-Scheinwerfer. Und um jede von ihnen hatte er einen Arm gelegt.

»Schönen Abend noch«, wünschte er uns, bevor er inmitten der Gruppe zum Schultor steuerte.

»Aber, aber …«, stotterte Lulu. Dann brach sie unvermittelt in Tränen aus. »Aber er hatte mich gefragt«, schluchzte sie. »Mich!«

»Ist ja gut.« Ich legte Lulu tröstend die Hand auf die Schulter. »Das mit den Doppel-Ds ist doch im Leben nichts Ernstes. Er will dich bloß eifersüchtig machen.« Nicht dass ich selbst glaubte, was ich sagte, aber ich wollte Lulu gern trösten. Leider war sie untröstlich. Ganz Drama-Queen.

»Warum habe ich Nein gesagt, als er mich gefragt hat, ob ich noch mitgehe? Hätte ich doch bloß Ja gesagt! Ja! Ja! So schwer ist das doch nicht! Dann hätte meine Mutter mich halt umgebracht, na und? Was bedeutet schon der sichere Tod, wenn man vorher einen Abend mit Samuel verbringen kann?«

Lulu schniefte lautstark, und ich spürte, dass mir selbst ebenfalls ein Kloß im Hals steckte, der langsam, aber sicher unbedingt in Form von Tränen nach oben wollte. Was für ein Katastrophenabend war das? Definitiv der furchtbarste aller Geburtstage!

Der babyblaue Twingo hupte.

»Ach, verflucht!« Lulu schniefte wieder. »Hinterher ist man immer schlauer. Wenn ich das vorher gewusst hätte, dann hätte ich garantiert Ja gesagt! Manchmal wünschte ich, dass man die Zeit zurückdrehen könnte.«

»Und ich erst«, seufzte ich.

Sie nahm den Uhrenanhänger, der um ihren Hals baumelte, in die Hand und begann, mit dem Zeigefinger und großer Geste an den Zeigern zu drehen. Es war bühnenreif, typisch Lulu eben.

Der Twingo hupte zwei Mal.

»Komm, Süße, lass das.« Ich schluckte kräftig, um den Kloß im Hals loszuwerden. »Wir müssen los.«

Ich beugte mich zu meiner Freundin und nahm sie fest in den Arm. Immerhin hatten wir uns. Sollten die Jungs dieser Welt uns doch einfach gestohlen bleiben!

Und dann passierte es.

Es war nicht spektakulär. Es gab keine Blitze und es brach auch keine plötzliche Finsternis herein. Es gab kein Erdbeben, kein Donnern und Tosen, nicht mal einen klitzekleinen Schwindelanfall verursachte es. Es fühlte sich bloß wieder wie ein winziger Stromschlag an, als ob man nach dem Haarebürsten die Türklinke berührt, nur dass das Gefühl ganz kurz den gesamten Körper erfasste.

»Autsch«, sagte Lulu und stieß mich von sich weg. »Was war das denn?«

Da sahen wir es.

Zwischen uns hingen die beiden Ketten und verbanden sich in der Mitte, wo sich die zwei Hälften des Anhängers zu einer ganzen Kugel zusammengefügt hatten. Die Kugel vibrierte für den Bruchteil einer Sekunde, dann fielen die beiden Hälften wieder auseinander.

»Ups«, machte ich, als der Anhänger gegen meinen Brustkorb schlug.

Ich hörte den Twingo dreimal laut hupen, und als ich zum Schultor schaute, sah ich ihn davonbrausen.

5

»Achtung, die Schwerkraft ist heute wieder besonders heimtückisch«, hörte ich Sophie sagen, die mit den Doppel-Ds durch das Schultor trippelte. Wo kamen die denn plötzlich wieder her? Waren die beiden nicht gerade erst in Samuels Armen zur Privatparty des Jahres aufgebrochen? Und Sophie? Sollte meine wohlerzogene Stiefschwester sich nicht längst auf dem Heimweg befinden? Denn auch für Sophie galt eigentlich eine Ausgangssperre ab zweiundzwanzig Uhr.

»Um deine feinmotorischen Fähigkeiten würde dich jede Dampfwalze beneiden.« Mit hocherhobener Nase schritt Sophie an Lulu, mir und den verstreut auf dem Schulhof liegenden Törtchen vorbei. Die Doppel-Ds folgten ihr kichernd.

Lulu und mich ließen sie völlig verdattert zurück. Das war ja mal ein astreines Déjà-vu! Und meine Stiefschwester war sich nicht zu schade, nach allem, was an diesem Abend zwischen uns vorgefallen war, dieselben blöden Sprüche noch einmal zu machen.

Aber vielleicht halluzinierte ich auch. Womöglich hatte ich einen Zuckerschock von all den Törtchen erlitten, die ich im Laufe des Abends in mich hineingestopft hatte. Ich kniff die Augen fest zusammen und öffnete sie vorsichtig wieder. Alles sah noch genauso aus wie vorher. Die Törtchen, die überall auf dem Boden lagen, sowie Sophie und die Doppel-Ds, die hinüber zur Sporthalle stolzierten. Nur Lulu warf mir äußerst verwunderte Blicke zu.

Das war irgendwie alles ziemlich seltsam!

Und dann fiel mir auf, dass es in den letzten Minuten viel heller geworden zu sein schien. Der Himmel war den ganzen Tag über bedeckt gewesen, eher grau als blau. Doch gerade noch war die Dunkelheit hereingebrochen. Nun aber wirkte es, als hätte jemand den Dimmer wieder auf volle Leistung gedreht.

Das war wirklich sehr, sehr seltsam!

»Ich wusste gar nicht, dass wir statt einer Party ein Picknick veranstalten.« Samuel Micky Maus Sauermann lachte schallend.

»Im Ernst, Mädels, braucht ihr Hilfe?« Er hörte auf zu lachen und lächelte uns stattdessen breit an.

Lulu war sprachlos, was man von ihr in Samuels Gegenwart ja nicht anders kannte. Doch dieses Mal fehlten mir ebenfalls die Worte.

Exakt dasselbe hatte Samuel vorhin auch schon zu uns gesagt. Lange bevor er mit den Doppel-Ds im Arm verschwunden war. Wieso war er überhaupt plötzlich wieder hier? Und warum wiederholten sich heute alle? Das war so was von merkwürdig!

Samuel betrachtete uns irritiert, weil keine von uns beiden ihm antwortete. »Ich geh dann schon mal vor«, erklärte er schließlich und schlenderte ebenfalls Richtung Sporthalle davon.

»Was war das denn?«, stieß ich hervor, als Samuel sich außer Hörweite befand.

»Keine Ahnung.« Lulu guckte wie ein Fragezeichen.

»Wieso sagen alle genau das Gleiche wie vorhin?«

»Und wieso gehen alle rüber zur Sporthalle?«

»Und wieso ist deine Mutter wieder weggefahren?«

»Das ist alles sehr, sehr, sehr seltsam.«

»Seltsam ist gar kein Ausdruck.«

Ich schnappte mir wahllos eins der Sahnetörtchen vom Boden, klopfte grob den Dreck ab und biss hinein. Essen beruhigt bekanntlich die Nerven! Lulu machte den spitzesten Kussmund, den ich je bei ihr gesehen hatte. Und wir starrten beide verwundert zur Sporthalle, von wo die gedämpften Bässe der Band zu uns herüberwehten.

»Hast du auch das Gefühl, im falschen Film zu sein?«, fragte ich meine Freundin.

»Total«, erwiderte Lulu.

»Als hätte jemand alles auf Anfang zurückgespult«, überlegte ich laut.

»So ein bisschen wie in dem Murmeltier-Film, weißt du noch?«

Ich nickte bloß und biss erneut in das Törtchen. Wir hatten den Film vor einiger Zeit bei Lulu angesehen. Ich erinnerte mich nur noch, dass die Hauptfigur immer am Morgen desselben Tages aufgewacht war und dass ein Murmeltier das Wetter vorhersagen sollte.

»Aber das ist natürlich nicht möglich«, stellte Lulu fest. »Ich meine, das war ein Film, oder?«

Ich nickte wieder und schluckte den letzten Bissen vom Törtchen hinunter.

»Das war ein Film«, bestätigte ich. »Und außerdem sehe ich hier nirgends ein Murmeltier.«

Lulu lachte nicht über den schwachen Scherz. Und mir war auch kein bisschen nach Lachen zumute. Ich fand die ganze Situation sehr irritierend. Und beängstigend, um genau zu sein. Wie gesagt: Abenteuer sind nicht so mein Ding.

»Wahrscheinlich ist das alles nur ein Zufall«, erklärte ich deshalb mit mehr Überzeugung, als ich empfand. »Kann doch sein, dass Sophie was Wichtiges in der Sporthalle vergessen hat, und die Doppel-Ds begleiten sie, weil …«

»… sie auch was Wichtiges vergessen haben«, stimmte Lulu mir wenig überzeugt zu. »Und Samuel hat auch was Wichtiges vergessen. Dass er eigentlich mich zu seiner Party eingeladen hatte und nicht die Doppel-Ds, zum Beispiel.«

»Genau.« Ich nickte vehement.

»Klar. Und deshalb haben die Jungs von Echtzeit auch gerade wieder mit ihrem Sound-Check begonnen. Weil alle vergessen haben, dass sie vorhin schon gespielt haben«, bemerkte Lulu unverhohlen skeptisch.

»Keine Ahnung. Vielleicht wollen sie noch mal auftreten. Und deshalb ist Sophie auch zurückgegangen, um wieder Flöte zu spielen.« Erneut durchfuhr mich ein Stich der Eifersucht bei der Erinnerung daran. »Und sie hat die Doppel-Ds angerufen, damit die zuhören. Und die haben Samuel wieder mitgebracht. Und …« Ich unterbrach mich, weil mir selbst langsam die Erklärungen ausgingen.

»Klar«, wiederholte Lulu. »Klingt alles total logisch.«

Mehrere Leute kamen durchs Schultor, musterten verwundert die beiden Mädchen, die zwischen Tupperdosen auf dem Schulhof hockten, und liefen weiter zur Sporthalle. Energisch sprang Lulu auf, als hätte sie soeben einen Entschluss gefasst, und sammelte die Tupperdosen ein, die – wie ich ungläubig bemerkte – bis oben hin voll mit Törtchen waren.

»Wir gehen da jetzt rein«, erklärte sie entschieden. »Dann werden wir ja sehen, was los ist.«

»Okay«, erwiderte ich zögernd, bewegte mich aber nicht von der Stelle.

»Claire«, rief Lulu ungeduldig. »Komm schon. Was soll denn passieren?«

Keine Ahnung, wollte ich erwidern und Lulu sagen, dass genau da das Problem lag. Aber dann riss ich mich zusammen. Es war albern anzunehmen, dass überhaupt etwas Außergewöhnliches passieren würde. Es musste eine einfache Erklärung für all das geben, und die würden wir nur finden, wenn wir zurück in die Sporthalle gingen. Also folgte ich meiner Freundin.

Am Eingang stand noch immer Frau Dr. No Wache.

»Ihr könnt den Kuchen da vorne aufs Buffet stellen«, erklärte sie uns, kaum hatten wir die Halle betreten. Mit offenen Mündern starrten wir sie an.

»Ich sagte, ihr könnt den Kuchen da vorne aufs Buffet stellen«, wiederholte Frau Dr. No streng.

Ich packte Lulu am Arm und zog sie ohne ein Wort zum Buffet.

»Viel Spaß, ihr zwei«, rief Frau Dr. No uns hinterher.

»Das ist so gruselig«, raunte ich Lulu zu, während wir die Dosen auf dem Buffet platzierten.

»Ziemlich«, erwiderte Lulu, im Gegensatz zu mir klang sie jedoch, als würde ihr das gefallen.

Ich riskierte einen Blick Richtung Bühne, und wie ich bereits befürchtet hatte, entdeckte ich dort auf Anhieb Sophie und Lucas, die gemeinsam lachten. Immerhin war ich dieses Mal auf den Anblick vorbereitet, was ihn natürlich nicht besser machte.

»Lecker, ich mag Mohn!«

Ohne dass ich ihn bemerkt hatte, war Samuel neben Lulu und mir am Buffet aufgetaucht. Na klar. Und genau wie vorhin griff er nach dem dreckigen Sahnetörtchen, das ich an diesem Abend schon ein paarmal vom Boden aufgesammelt hatte. Mist!

»Stopp!«, rief ich, ohne darüber nachzudenken, und schlug Samuel das Törtchen zum zweiten Mal an diesem Tag aus der Hand. Aber dieses Mal konnte ich ihn unmöglich noch einmal mit der Erklärung abspeisen, dass die Mohntörtchen für die Lehrer reserviert waren.

»Die sind, äh, gar nicht gut für deine Figur«, improvisierte ich schnell. »Als Sportler musst du doch besonders darauf achten, was du isst, oder? Proteine und so, Low-Carb, was weiß ich, auf jeden Fall keinen Zucker. Und diese Törtchen enthalten massenweise Zucker!«

»Ach, echt?« Samuel grinste leicht ironisch. »Na ja, recht hast du ja. Danke. Morgen hätte ich das bestimmt bereut.«

»Äh, gern geschehen«, erwiderte ich perplex, als Samuel sich umdrehte, um auf die Tanzfläche zu gehen. Und erst, als ich mich zu Lulu wandte, die Samuel mit düsterer Miene hinterherschaute, machte es in meinem Kopf klick.

Was, dachte ich plötzlich, wenn das hier gerade wirklich die Wiederholung wäre? Was, wenn Samuel gerade nicht zum zweiten Mal versucht hätte, das dreckverseuchte Törtchen zu essen, sondern zum ersten Mal? Was, wenn Frau Dr. No nicht unter Demenz litt, sondern sich nur deshalb nicht daran erinnern konnte, dass sie uns bereits viel Spaß gewünscht hatte, weil sie es noch gar nicht getan hatte? Was, wenn Sophie und die Doppel-Ds nicht zurückgekommen waren, sondern gerade zum ersten Mal angekommen waren, als sie ihre dummen Sprüche machten?

Was, wenn das hier tatsächlich so eine Murmeltier-Sache war?

Wenn das so war, dann hatte meine Freundin gerade die Chance verpasst, mit dem Jungen zu tanzen, den sie seit Monaten still und heimlich anbetete. Und das womöglich bloß, weil ich mich anders verhalten hatte als beim ersten Mal. Obwohl ich nicht ganz so viel von Mr. Micky Maus hielt wie sie, wollte ich auf keinen Fall riskieren, ihr diese einmalige Chance verdorben zu haben.

»Geh ihm nach.« Ich schob Lulu Richtung Tanzfläche.

»Was?« Lulu stemmte sich gegen meine Hände. »Und was soll ich ihm sagen?«

»Gar nichts. Du sollst nur mit ihm tanzen.«

»Aber was, wenn er nicht will?«

»Na, vorhin wollte er doch, oder? Warum sollte er also jetzt nicht wollen?«

Ich schob energischer.

»Lulu«, sagte ich eindringlich. »Ich hab keine Ahnung, was hier gerade passiert. Doch so wie es aussieht, kriegst du eine zweite Chance. Alles richtig zu machen, meine ich.«

Lulu nickte langsam, als würde es nun auch bei ihr klick machen.

»Du hast recht«, sagte sie und ihre Augen begannen zu leuchten. Dann drückte sie mir einen schnellen Kuss auf die Wange und eilte endlich ihrem Schwarm hinterher.

Ich lehnte mich gegen das Buffet und konnte nicht aufhören, den Kopf über diese ganze seltsame Situation zu schütteln. Die Band spielte exakt dieselben Songs, die sie auch schon zuvor gespielt hatte, was man sich natürlich auch damit erklären konnte, dass das ihr übliches Bühnenprogramm war. Aber ich glaubte nicht mehr, dass das der Grund war …

Ich nahm den Anhänger in die Hand und betrachtete ihn. Die Uhr zeigte Viertel vor acht, genau wie die große Sporthallenuhr. Was war hier bloß los? Mit dem Finger zeichnete ich die verschlungenen Gravuren nach und dachte daran, wie sich Lulus und mein Anhänger für einen kurzen Augenblick verbunden hatten, als wir uns umarmten. An den Stromschlag, der uns erwischt hatte. Und ich überlegte, ob das damit zusammenhängen konnte, dass irgendetwas Komisches mit der Zeit passiert war …

Was war das für ein seltsames Schmuckstück, das meine Großmutter mir da hinterlassen hatte?

In diesem Moment begann die Band, eine Ballade zu spielen. Ich ahnte bereits, was mich erwartete. Es war dasselbe Lied, das mir zu Beginn der Party bereits den ganzen Abend verdorben hatte. Ich seufzte.

Das war der mit Abstand schrägste und zugleich schlimmste Geburtstag meines Lebens. Das Ganze war ein Albtraum! Ich kniff mich selbst in den Arm. Autsch! Nein, es war natürlich kein Traum.

Doch dann machte es noch mal klick in meinem Kopf. Und plötzlich hatte ich eine ganz vage Idee. Was hatte ich Lulu gesagt: Das hier ist deine zweite Chance … Wenn das stimmte, also, wenn diese ganzen seltsamen Ereignisse so eine Murmeltier-Sache waren, dann bedeutete das womöglich, dass ich auch eine zweite Chance bekam!

Und dass ich mir keine bewusstseinsverändernden Medikamente besorgen musste, um Lucas’ Erinnerung an die größte Peinlichkeit meines Lebens auszulöschen. Sondern dass ich einfach nur verhindern musste, dass sie erneut passierte. Die Frage war bloß: wie?

Dummerweise sah ich Sophie mit Lucas im Schlepptau auf mich zusteuern, bevor ich diesen Gedanken zu Ende denken konnte, geschweige denn eine Antwort auf diese drängende Frage gefunden hatte.

»Hi, Claire«, begrüßte sie mich zuckersüß. »Das ist Lucas.«

Ich seufzte. Der Satz wurde im zweiten Anlauf nicht gerade intelligenter.

»Lucas hat mich nach dem Weihnachtskonzert gefragt, ob ich bei Echtzeit mitmachen möchte, weißt du«, fuhr Sophie fort. Als sie anfing, mir die Geschichte mit dem Song, den Lucas extra für sie geschrieben hatte, noch mal unter die Nase zu reiben, beschloss ich, einfach zu gehen.

»Sorry«, sagte ich und wollte mich an Sophie vorbeischieben. »Das ist echt eine spannende Story, aber ich muss mal.« Leider drängelten sich mittlerweile so viele Leute vor dem Buffet, dass mir die Flucht nicht so einfach gelang.

»Ich hol mir mal was zu trinken«, sagte Lucas und ging weg, drehte sich aber nach ein paar Schritten noch einmal um. »Soll ich dir was mitbringen?«, fragte er Sophie.

»Eine Cola light, bitte«, antwortete Sophie.

Und dann, ich konnte es kaum glauben, schaute Lucas mich unvermittelt an.

»Möchtest du auch etwas?«

Wie bitte? Hatte ich mich verhört?

»Äh, ich nehme dasselbe«, stammelte ich perplex über diese überraschende Wendung.

Doch kaum war Lucas zum Getränkestand verschwunden, fuhr Sophie in ihrem Drehbuch fort: »Ist er nicht einfach großartig?«

Ich hätte ihr so gern ihr Gurkengrinsen aus dem Gesicht gewischt. So schrecklich gern. Oder sie einfach stehen lassen. Aber das konnte ich schlecht machen, nachdem ich Lucas gebeten hatte, mir eine Cola mitzubringen. Was würde er von mir denken, wenn ich jetzt einfach abhaute?

Ich schaute auf den Boden, um Sophies Gurkengrinsen nicht länger ertragen zu müssen. Und was entdeckte ich da? Das Sahnetörtchen! Natürlich! Es grenzte wirklich an ein Wunder, dass noch niemand das arme kleine Törtchen zu Matsch getreten hatte. Ich bückte mich und hob es auf, um es dieses Mal wirklich zu entsorgen. Irgendwie hatte ich inzwischen eine gewisse Verbundenheit mit diesem Törtchen entwickelt.

»Bist du so süchtig nach Süßigkeiten, dass du jetzt sogar schon das isst, was auf dem Boden liegt?«, zog Sophie mich erneut auf, kaum stand ich wieder vor ihr. »Wenn du nicht ein bisschen mehr auf deine Figur achtest, wird sich nie ein Junge wie Lucas für dich interessieren.«

Ich atmete tief durch. Leider hatten Sophies Worte auch im zweiten Durchgang noch die gleiche vernichtende Wirkung auf mich. Ich hätte meine Stiefschwester erwürgen können, doch gleichzeitig musste ich den Kloß in meinem Hals hinunterwürgen, weil ich insgeheim befürchtete, dass sie damit recht hatte.

»Wenn Lucas sich tatsächlich bloß für Äußerlichkeiten interessiert, dann ist er bei dir ja genau an der richtigen Adresse«, fuhr ich meine Stiefschwester an. »Denn ein Herz sucht er bei dir vergeblich.« Und damit schob ich mich endgültig an ihr vorbei.

Aber Sophie war offenbar noch nicht mit mir fertig.

»Er mag mich wirklich, weißt du«, rief sie, lief mir hinterher und baute sich erneut vor mir auf. »Lucas, meine ich.«

»Schön. Mir egal.« Wieder drängte ich mich an ihr vorbei. Wieder schob sie sich vor mich.

»Glaubst du wirklich, dass ich dir das abnehme?«, zischte sie. Und mich packte das blanke Entsetzen. Denn genau in diesem Moment tauchte Lucas mit drei Cola-Gläsern hinter ihr auf. Mein Blick flackerte zu ihm, dann zurück zu Sophie, die für ihren nächsten Satz tief Luft zu holen schien. Sie hatte Lucas offensichtlich noch nicht bemerkt.

Laut fuhr sie fort: »Ich weiß genau …«

Auf einmal hatte ich das Gefühl, dass alles in Zeitlupe ablief.

»… dass du …«

Lucas kam einen Schritt näher. Ganz sicher konnte er jetzt deutlich verstehen, was Sophie sagte.

»… bis über beide Ohren …«

Er stand neben ihr. Schaute aber aus irgendeinem Grund mich an. Ich hörte Sophies Stimme und wusste ganz genau, was sie jede Sekunde sagen würde. Und mir wurde klar, dass ich keine Chance mehr hatte, rechtzeitig zu verschwinden. Außer ich schaffte es, mich in Luft aufzulösen.

»… in …«, fuhr Sophie unbarmherzig fort und auf ihrem Gesicht breitete sich wieder das teuflische Gurkengrinsen aus. Ich spürte mein Herz rasen. Mein Wunsch, ihr das Grinsen aus dem Gesicht zu wischen, überwog noch den Wunsch, mich in Luft aufzulösen. Auf jeden Fall musste ich verhindern, dass Sophie mein Geheimnis noch einmal ausplauderte. Und zwar ziemlich schnell. Und plötzlich wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich machte einen Schritt nach vorn, hob in der Bewegung meine Hand, in der ich das dreckige Törtchen hielt, und drückte es meiner Stiefschwester mit einer für meine Verhältnisse erstaunlichen Zielsicherheit direkt in den Mund.

»Ups, sorry«, sagte ich. »Ich muss gestolpert sein. Ich habe heute wohl wirklich ein Problem mit der Schwerkraft.« Dann drehte ich mich auf dem Absatz meiner Sneakers um und drängte mich zwischen den Umstehenden hindurch. In meinem Rücken brach Sophie in einen unverständlichen Wutanfall aus.

Das hatte gutgetan! Aber so was von! Während ich mich über die Tanzfläche kämpfte, um Lulu zu suchen, spürte ich ein Gefühl des Triumphs. Ich hatte Sophie sprachlos gemacht. Und damit das Schlimmste verhindert. Gut, meine Stiefschwester kannte zwar mein Geheimnis. Aber ich hoffte, dass sich so schnell keine Gelegenheit mehr ergeben würde, bei der sie es Lucas verraten könnte.

Jetzt musste ich nur noch Lulu finden und dann würden wir endlich gemeinsam feiern! Es war bloß schade, dass ich Lulu nichts von dem, was gerade passiert war, erzählen konnte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich meine Freundin schließlich fand. Auf der Tanzfläche war sie nämlich nicht. Stattdessen hatten sie und Samuel sich in die dunkelste Ecke neben dem Buffet verdrückt, und was sie dort taten, sah für mich ganz und gar nicht nach einer tiefgründigen Unterhaltung aus.

Ich räusperte mich so lange lautstark, bis Lulus Lippen sich schließlich von Samuels Mund lösten.

»Hey, Süße«, begrüßte Lulu mich und schaute mich mit einem Blick an, als befände sie sich gar nicht in unserer Welt. »Alles klar?« Es schien ihr schwerzufallen, sich von Samuel zu trennen, und sei es nur für ein paar Sekunden, doch dann kam sie zu mir und zog mich ein Stück zur Seite.

»Du guckst irgendwie komisch«, stellte sie fest. »Ist alles in Ordnung?«

»Ja, alles in Ordnung«, erwiderte ich mit Nachdruck und bemühte mich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Meine Freundin kannte mich einfach zu gut, aber ich konnte ihr wirklich nicht erzählen, was gerade passiert war. Leider. »Und bei dir?«

»Siehst du doch.« Lulus Gesichtsausdruck war alles andere als neutral, als sie zu Samuel schaute, der neben dem Buffet auf sie wartete.

»Weißt du was?« Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern, dabei hätte Samuel sie über die laute Musik hinweg ohnehin kaum verstehen können. »Diese seltsame Murmeltier-Sache ist der Hammer! Es ist alles sogar noch viel besser als beim ersten Mal. Er hat mich sogar geküsst!«

»Ja, das war nicht zu übersehen!« Ich lachte über Lulus grenzdebilen Gesichtsausdruck. »Süße, dich hat’s echt erwischt, oder?«

Lulu nickte bloß vehement.

»Und er hat mich wieder gefragt, ob ich noch mit zu seiner Party komme«, raunte sie mir ins Ohr.

»Läuft.« Ich streckte ihr die Hand zum Abklatschen hin und sie schlug ein. Ich hatte recht gehabt. Diese Murmeltier-Sache gab uns beiden eine zweite Chance.

»Du.« Lulu druckste ein bisschen herum. »Ich würde echt gerne hingehen.«

»Du meinst die Party bei Samuel?«

Wieder nickte Lulu.

»Oookay«, machte ich und schluckte. Ich konnte Lulu gut verstehen. Wirklich. Und ich freute mich auch riesig für sie. Wirklich. Aber ich hatte mich auch darauf gefreut, nach der Schulparty bei ihr zu übernachten und die ganze Nacht mit ihr zu quatschen.

»Du kannst mitkommen. Samuel hat bestimmt nichts dagegen«, schlug Lulu eilig vor, als sie mein Zögern bemerkte. »Und ich fänd’s toll. Ohne dich würde es nur halb so viel Spaß machen!« Sie griff nach meiner Hand und drückte sie.

»Ach, Süße, das geht doch nicht«, wandte ich ein. »Deine Mutter dreht durch, wenn wir nicht pünktlich um zehn zur Abholung bereitstehen.« Dass ich gar nicht so scharf darauf war, zu Samuels Privatparty zu gehen, sondern viel lieber mit meiner Freundin eine Pyjamaparty feiern wollte, erwähnte ich nicht extra.

»Ich weiß.« Lulu seufzte abgrundtief. »Aber es muss doch eine Möglichkeit geben! Er darf auf gar keinen Fall wieder die Doppel-Ds einladen …«

»Das wird er bestimmt nicht machen«, versuchte ich meine Freundin aufzuheitern. »Jetzt, wo ihr euch schon geküsst habt.«

»Trotzdem.« Lulu wirkte nicht überzeugt. »Ich würde soooo gerne hingehen. Aber weißt du was?« Plötzlich war Lulu ganz aufgekratzt. »Ich hab eine Idee. Wir rufen meine Mam an und sagen ihr, dass wir spontan beschlossen haben, dass ich bei dir übernachte.«

»Oookay«, machte ich wieder. So ganz konnte ich Lulus Plan noch nicht folgen. »Und was bringt das?«

»Na ja, das machen wir natürlich nicht«, erklärte Lulu aufgeregt. »Stattdessen gehen wir zu Samuel. Deine Eltern denken, du schläfst bei mir, und meine Mam glaubt, ich schlafe bei dir. Aber in Wirklichkeit übernachten wir beide bei Samuel! Genial, oder?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte ich zögerlich.

»Ach, Clairchen, komm schon«, versuchte mich Lulu, die Feuer und Flamme für ihre Idee war, zu überzeugen. »Die anderen übernachten auch alle dort. Es ist also nichts dabei.«

»Und wenn etwas schiefgeht?«, gab ich zu bedenken.

»Was sollte denn schiefgehen?«, fragte Lulu ungeduldig.

»Deine Mutter könnte bei uns anrufen oder meine Eltern bei euch. Und wenn wir dann verschwunden sind, dann rufen die doch sofort die Polizei!«

»Ja, das stimmt.« Lulu warf einen äußerst enttäuschten Blick in Samuels Richtung, der mittlerweile gelangweilt auf seinem Handy herumtippte. Von einer Sekunde auf die andere wirkte sie am Boden zerstört.

»Du möchtest das unbedingt, oder?«, fragte ich.

Lulu nickte bloß unglücklich.

Da gab ich mir einen Ruck.

»Ich habe eine bessere Idee«, sagte ich. »Ich fahre mit dem Bus nach Hause, und du sagst deiner Mutter, dass du bei mir übernachtest. Ich nehme das Telefon einfach mit in mein Zimmer, und falls deine Mam anruft, dann behaupte ich, du würdest tief und fest schlafen.«

»Das würdest du für mich tun?« Lulu sah mich mit weit aufgerissenen Augen an. »Wirklich?«

»Klar.« Ich zuckte mit den Schultern. »Dafür sind beste Freundinnen doch da, oder?«

»Oh, Clairchen!« Lulu fiel mir um den Hals und drückte mich fest. »Du bist einfach die allerallerallerbeste Freundin der Welt!«

»Das mach ich gern für dich.«

Doch plötzlich schien Lulu noch etwas einzufallen. »Aber was sagst du, wenn deine Eltern wissen wollen, wieso du nicht wie geplant bei mir übernachtest?«

»Dann behaupte ich einfach, wir hätten uns gestritten.« Ich zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

»Als ob das jemals passieren würde!« Lulu lachte übermütig, führte ihre Hand vom Herz an die Lippen und warf mir einen Luftkuss zu.

6

»Es war genial!« Lulu strahlte und strahlte und strahlte und hörte gar nicht mehr damit auf. »Samuel ist so süß. Und er küsst wirklich fantastisch!«

Wie wir es verabredet hatten, hatte Lulu pünktlich um neun am nächsten Morgen vor unserer Tür gestanden. Sie sah ziemlich unausgeschlafen aus, grinste aber von einem Ohr zum anderen. Gemeinsam waren wir unter meine Bettdecke gekrochen, und Lulu hatte mich wortreich davon in Kenntnis gesetzt, dass Samuel in der Kussdisziplin mindestens so viele Medaillen verdient hatte wie beim Schwimmen.

»Und wie war es sonst?«, erkundigte ich mich. »Vom Küssen mal abgesehen?« Ich bemühte mich, nicht die klitzekleinste Spur von Eifersucht durchklingen zu lassen. Denn es gab ja überhaupt nicht den klitzekleinsten Grund, eifersüchtig zu sein. Ich hatte Lulu selbst vorgeschlagen, zur Party zu gehen und sie zu decken. Und ich freute mich für sie, dass es mit Samuel so gut lief. Wirklich sehr.

»Ach, ganz in Ordnung.« Lulu winkte ab. Obwohl ich mich so sehr bemühte, mir nichts anmerken zu lassen, schien sie genau zu spüren, wie ich mich fühlte, legte mir den Arm um die Schultern und drückte mich an sich. »Samuel hat mir das Haus gezeigt. Das ist riesig. Sie haben sogar einen Pool im Garten. Und ein Poolhaus. Ziemlich krass. Da haben wir Musik gehört und gequatscht und ein bisschen getanzt und so. Und die anderen Jungs haben nur Mist gelabert. Du hast total gefehlt, ehrlich! Beim nächsten Mal denken wir uns eine gute Ausrede für deine Eltern und für meine Mam aus und gehen beide hin, in Ordnung?«

»Hm«, machte ich. Ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt Lust auf eine Party im Poolhaus von Samuel Micky Maus Sauermann hatte. Aber ich wollte Lulu nicht enttäuschen.

»Wie ist es denn bei dir gelaufen? Gestern Abend, meine ich«, erkundigte meine Freundin sich. »Haben deine Eltern die Lüge geschluckt?«

Das hatten sie tatsächlich. Ohne irgendwelche Nachfragen zu stellen. Eigentlich erstaunlich, aber der Film, den sie gerade schauten, als ich nach Hause kam, schien recht spannend zu sein.

»Das ist alles so cool!« Lulu strahlte immer noch, als hätte jemand in ihrem Kopf ein Flutlicht angeknipst.

»Das hab ich nur dir zu verdanken. Dir. Ganz. Allein.« Bei jedem Wort pikte sie mir mit dem Zeigefinger in den Bauch, direkt auf die Nase von Winnie Pu, der mein Schlafshirt schmückte. Peinlich, ich weiß, aber ich liebte den Bären von sehr geringem Verstand einfach, seit meine Omili mir vor vielen Jahren zum ersten Mal seine Geschichten vorgelesen hatte.

»So, jetzt zu den wirklich wichtigen Fragen«, wechselte Lulu abrupt das Thema und fing an, mit dem Anhänger zu spielen, den sie noch immer um den Hals trug.

»Es gibt Wichtigeres als Mr. Micky Maus?«, zog ich sie auf, woraufhin sie mich erneut in den Bauch pikte.

»Haha. Sehr witzig«, erwiderte Lulu gespielt empört. »Aber mal im Ernst. Hast du eine Erklärung für diese Murmeltier-Sache? Ich meine, das war total genial, ich kapier nur echt nicht, was da eigentlich passiert ist!«

»Nein, ich, ehrlich gesagt, auch nicht.« Vom Nachttisch nahm ich meine Kette, die ich gestern Abend dort abgelegt hatte, und ließ sie durch meine Finger gleiten. Dann legte ich sie mir ebenfalls um.

»Und? Was denkst du?« Wir schauten beide auf die Anhänger in unseren Händen hinunter.

»Es hat mit diesen Anhängern zu tun, schätze ich«, sagte ich schließlich.

»Genau das denke ich auch.« Lulu nickte.

»Es könnte natürlich auch irgendwas anderes gewesen sein. Ein Wurmloch oder so«, wandte ich ein. Ich hatte in der Nacht noch eine ganze Zeit lang im Internet nach Erklärungen für das gesucht, was Lulu und ich erlebt hatten. Aber ich hatte nur einen Bruchteil von dem kapiert, was ich dort gelesen hatte. Meiner Meinung nach klang das meiste davon zu sehr nach schrecklich komplizierten mathematischen Berechnungen, Gleichungen und Formeln.

»Wurmloch, klar.« Lulu lachte schallend. »So wie im Apfel, meinst du?«

»Natürlich nicht.« Ich knuffte sie. »Das ist irgendein Ding im Universum, das sich durch Zeit und Raum frisst, oder so ähnlich. Albert Einstein hat es berechnet, allerdings weiß bis heute niemand so genau, ob es funktioniert.«

»Klingt unglaublich kompliziert.«

»Ziemlich«, stimmte ich zu.

»Aber es schien nicht wirklich kompliziert zu sein, als es passiert ist«, gab Lulu zu bedenken.

»Nicht wirklich«, bestätigte ich. »Wobei die Frage bleibt, was eigentlich genau passiert ist.«

»Stimmt.« Lulus Lippen spitzten sich zu einem besonders nachdenklichen Kussmund. »Ich erinnere mich, dass die beiden Kugelhälften plötzlich aneinanderhingen. Wie zwei Magnete.«

»Ja, daran erinnere ich mich auch.«

»Dann habe ich einen Stromschlag bekommen.«

»Ja, ich auch.«

»Und danach kam deine Stiefschwester über den Schulhof stolziert und hat ihren dummen Spruch zum zweiten Mal aufgesagt.«

»Genau so war es.«

»Dann hätten wir das geklärt.« Lulu klatschte in die Hände.

»Na ja, so richtig klar ist mir immer noch nicht, wie das passiert ist«, wandte ich ein.

»Nein, mir auch nicht«, gab Lulu zu. »Allerdings glaube ich kaum, dass du und ich intelligenter sind als Albert Einstein. Nicht mal zusammen. Die Chance, dass wir diese Frage beantworten können, dürfte also verschwindend gering sein. Deshalb sollten wir es einfach akzeptieren, wie es ist: Deine Großmutter hat dir einen Anhänger vererbt, mit dem man aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Zeit zurückdrehen kann.« Lulu rutschte in die Mitte des Bettes, bis sie direkt vor mir saß, und sah mich eindringlich an.

»Krass, oder?«, fragte sie voller Begeisterung.

»Definitiv krass«, gab ich mich geschlagen, allerdings mit deutlich weniger Begeisterung. Ich wollte gern eine logische, wenn möglich weniger abenteuerliche Erklärung. Lulu leider nicht.

»Die einzige Frage, die bleibt, lautet also: Was muss man machen, damit es passiert?«

Ich atmete tief durch. Das klang auf jeden Fall zu sehr nach Abenteuer für meinen Geschmack.

»Lulu«, versuchte ich, meine Freundin zu besänftigen. »Wir wissen doch überhaupt nicht, ob es noch mal funktioniert.«

»Dann lass es uns ausprobieren.« Lulu schäumte fast über vor Tatendrang.

»Jetzt?« Ich schaute an mir hinunter. Ich saß in einem Pu-Bär-Schlafshirt auf meinem Bett und hatte bisher nicht einmal gefrühstückt. Als wäre ihm dieses Versäumnis auch soeben bewusst geworden, knurrte mein Magen lautstark. Der Duft von frischem Kaffee, der aus der Küche zu uns heraufzog, schien mir mit einem Mal übermächtig verlockend zu sein.

»Klar, jetzt.« Lulu ignorierte das Flehen meines Magens. »Warum nicht jetzt?«

»Frühstück ist fertig«, flötete Sylvia gut gelaunt in diesem Augenblick aus der Küche herauf.

»Bin im Bad«, flötete Sophie zurück.

»Komme«, rief mein Vater, dessen Stimme eher Ähnlichkeit mit einer Tuba als mit einer Flöte hatte.

»Wollen wir nicht erst einmal etwas essen?«, schlug ich vor. »Sonst wird der Kaffee kalt.«

Doch Lulu durchschaute mich mühelos und ließ sich nicht erweichen. »Du bist manchmal so ein Angsthase«, zog sie mich auf. »Was soll schon groß passieren?«

»Keine Ahnung! Das ist ja das Problem.«

»Clairchen, komm schon. Riskier mal was.« Lulu rutschte wieder so nah neben mich, dass sich unsere Schultern berührten, und stupste mich sanft an.

»Aber wenn wir jetzt die Zeit zurückdrehen, auf gestern Abend zum Beispiel, und dann tauche ich in diesem peinlichen Nachthemd auf der Schulparty auf, dann wäre das der schlimmste Albtraum, den man sich nur vorstellen kann«, sprudelte ich hervor.

»Ach was!« Lulu schnappte sich meine Hälfte des Anhängers, ohne auf meinen Protest zu reagieren, und presste sie gegen ihre Hälfte.

Nichts geschah.

»Verflixt. So einfach ist es also nicht.«

»Nein, so einfach ist es nicht.« Ich wand Lulu meine Kette wieder aus der Hand. »Und weil wir keine Ahnung haben, wie es funktioniert, lassen wir es schön bleiben, verstanden?«

»Okay, was haben wir gemacht, bevor es passiert ist?« Lulu schien meinen Einwand gar nicht gehört zu haben.

»Verstanden?«, wiederholte ich.

»Hm, ja, schon gut.« Hoch konzentriert musterte meine Freundin ihren Anhänger. Mit dem Finger fuhr sie die Gravur nach, genau wie ich es am Abend zuvor getan hatte. »Ich war schrecklich unglücklich, weil Samuel die Doppel-Ds eingeladen hatte, und dann hab ich gesagt, dass ich am liebsten die Zeit zurückdrehen würde und dann …« Lulu grübelte und ich wollte sie am liebsten schütteln.

»He, du hast gerade zugestimmt, es nicht auszuprobieren«, versuchte ich sie zu erinnern, aber genauso gut hätte ich gegen eine Wand reden können.

»Und dann hab ich an den Zeigern gedreht«, erklärte sie triumphierend. »Genau, das war es. Ganz einfach. Bloß an den Zeigern drehen.« Ihr Finger schwebte über dem winzigen Zifferblatt. »Fünf Minuten, das sollte erst mal reichen.«

Und damit drehte sie an dem Zeiger und kniff fest die Augen zusammen. Und wieder geschah … nichts.

»Mist, so funktioniert es also auch nicht.« Lulu schnaufte.

»Nein, so funktioniert es auch nicht.« Ich betonte jedes Wort. »Weil es gar nicht funktionieren soll!«

»Nur mit einer Hälfte geht es wahrscheinlich nicht. Man muss erst drehen und danach die Teile zusammenfügen«, überlegte sie laut. »Los, gib mir deine Hälfte.«

»Nein, jetzt hör schon auf«, protestierte ich schwach. Doch da schnappte Lulu sich bereits meine Hand, mit der ich den Anhänger festhielt.

»Komm schon, Süße«, bettelte sie und wob ihre Finger in meine. Die Halbkugeln rutschten aus unseren beiden Händen und schienen sich im Fallen erneut magnetisch anzuziehen.

Ich ahnte den Stromschlag, bevor ich ihn tatsächlich spürte, und noch bevor ich den Schmerz registriert hatte, war er schon wieder vorbei.

»Wahnsinn«, jubelte Lulu.

Ich schnaufte.

»Und wie willst du jetzt kontrollieren, ob es wirklich geklappt hat?«, murrte ich.

In diesem Moment erklang Sylvias viel zu gut gelaunte Stimme: »Frühstück ist fertig.«

Und dann meine Stiefschwester: »Bin im Bad.«

Und mein Vater: »Komme.«

»Wahnsinn«, triumphierte Lulu.

»Absoluter Wahnsinn«, knurrte ich.

Aber als Lulu mir um den Hals fiel und mich immer wieder drückte, konnte ich ihr nicht mehr böse sein. Zumal ich ziemlich erleichtert war, dass ich nicht in meinem Schlafshirt auf der Schulparty gelandet war.

»Das ist einfach un-fass-bar. Genau wie bei Harry Potter! Wir können zaubern.« Lulu sprang auf und tanzte durchs Zimmer. »Wir. Können. Die. Zeit. Zurück. Drehen.« Bei jedem Wort vollführte sie eine Pirouette.

»Na ja, nicht ganz wie bei Harry Potter«, wandte ich ein. »Wir sind ja nicht doppelt da.« Doch Lulu ging auf meinen Einwand gar nicht ein.

»Clairchen, das ist der Hammer! Deine Omi war der Hammer! Vererbt dir einfach so einen magischen Anhänger. Mit. Dem. Man. Die. Zeit. Zurück. Drehen. Kann.«

Mir wurde ganz schwindelig von Lulus vielen Drehungen. Vor allem wurde mir schwindelig, wenn ich zu begreifen versuchte, was gerade passiert war. Und was das bedeutete. Ehrlich gesagt, war mir das gerade zu viel. Das musste ich erst mal verdauen.

»Können wir im zweiten Anlauf dann endlich frühstücken?«, schlug ich vor.

»Klingt gut.« Lulu hüpfte voller Energie zurück aufs Bett und zog mich hoch. »Das ist eine super Gelegenheit, um deinen Vater über diesen Anhänger auszuquetschen. Vielleicht weiß er ja doch mehr, als er bisher zugegeben hat.«

»Ich weiß nicht«, versuchte ich, Lulu zu bremsen. »Das Ganze ist so verrückt, vielleicht behalten wir es besser erst mal für uns.« Selbst wenn mein Vater mehr über die seltsamen Kräfte des Schmuckstücks wusste, war ein Familienfrühstück sicher nicht der beste Zeitpunkt, um ihn danach zu fragen. Ich konnte mir gut vorstellen, dass meine Stiefmutter dafür sorgen würde, dass Lulu und ich auf einer geschlossenen Station landeten, wenn wir behaupteten, die Zeit zurückdrehen zu können.

»Okay. Mein Mund ist versiegelt.« Lulu machte eine Geste mit der Hand über die Lippen, als wollte sie einen Reißverschluss schließen. Ich hoffte bloß, dass dieses Versprechen ihre Neugier überwiegen würde.

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Дата выхода на Литрес:
02 января 2026
Объем:
385 стр. 10 иллюстраций
ISBN:
9783649631095
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