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Die Autorin

Prof. Dr. Katharina Kitze lehrt seit 2017 psychosoziale Gesundheit und psychosoziale Versorgung im Lebenslauf an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie ist als Diplom-Psychologin sowie Systemischer Coach ausgebildet und war viele Jahre als psychosoziale Beraterin tätig. Ihre aktuellen Lehr- und Forschungsinteressen liegen im Bereich der Resilienz und deren Relevanz für die Soziale Arbeit sowie in der Entwicklung sozialen Engagements.
Katharina Kitze
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-037643-4
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-037644-1
epub: ISBN 978-3-17-037645-8
Vorwort zur Reihe
Mit dem so genannten »Bologna-Prozess« galt es neu auszutarieren, welches Wissen Studierende der Sozialen Arbeit benötigen, um trotz erheblich verkürzter Ausbildungszeiten auch weiterhin »berufliche Handlungsfähigkeit« zu erlangen. Die Ergebnisse dieses nicht ganz schmerzfreien Abstimmungs- und Anpassungsprozesses lassen sich heute allerorten in volumigen Handbüchern nachlesen, in denen die neu entwickelten Module detailliert nach Lernzielen, Lehrinhalten, Lehrmethoden und Prüfungsformen beschrieben sind. Eine diskursive Selbstvergewisserung dieses Ausmaßes und dieser Präzision hat es vor Bologna allenfalls im Ausnahmefall gegeben.
Für Studierende bedeutet die Beschränkung der akademischen Grundausbildung auf sechs Semester, eine annähernd gleich große Stofffülle in deutlich verringerter Lernzeit bewältigen zu müssen. Die Erwartungen an das selbständige Lernen und Vertiefen des Stoffs in den eigenen vier Wänden sind deshalb deutlich gestiegen. Bologna hat das eigene Arbeitszimmer als Lernort gewissermaßen rekultiviert.
Die Idee zu der Reihe, in der das vorliegende Buch erscheint, ist vor dem Hintergrund dieser bildungspolitisch veränderten Rahmenbedingungen entstanden. Die nach und nach erscheinenden Bände sollen in kompakter Form nicht nur unabdingbares Grundwissen für das Studium der Sozialen Arbeit bereitstellen, sondern sich durch ihre Leserfreundlichkeit auch für das Selbststudium Studierender besonders eignen. Die Autor/innen der Reihe verpflichten sich diesem Ziel auf unterschiedliche Weise: durch die lernzielorientierte Begründung der ausgewählten Inhalte, durch die Begrenzung der Stoffmenge auf ein überschaubares Volumen, durch die Verständlichkeit ihrer Sprache, durch Anschaulichkeit und gezielte Theorie-Praxis-Verknüpfungen, nicht zuletzt aber auch durch lese(r)-freundliche Gestaltungselemente wie Schaubilder, Unterlegungen und andere Elemente.
Prof. Dr. Rudolf Bieker, Köln
Zu diesem Buch
Während meiner langjährigen Beratungstätigkeit hatte ich erstaunlich häufig mit Ratsuchenden zu tun, bei denen ich ein Burnout vermutete, auf dem Krankenschein jedoch Neurasthenie oder Verdacht auf Depression stand. Das führte dazu, dass ich mich sehr intensiv mit den Ursachen, der Diagnosestellung und auch den Behandlungsmöglichkeiten von Burnout beschäftigte. Regelrecht gestolpert bin ich über das Thema, als einmal eine Ratsuchende voller Stolz meinte, sie hätte ein Burnout. Ich wunderte mich zuerst darüber, wie sich jemand mit solchen Beschwerden derart brüsten konnte. Als ich dann einen Blick auf den Ratgeber warf, den sie mir zeigte, wurde mir einiges klar. Wie in diesem Ratgeber wird der Begriff Burnout im Sprachgebrauch der Bevölkerung und in den Medien häufig zweckentfremdet verwendet. Das führt allerdings zu einer teilweisen Fehlnutzung des Gesundheitssystems.
Meine aktuelle Tätigkeit als Hochschullehrerin gibt mir nun Gelegenheit, das angesammelte wissenschaftliche Grundwissen und den derzeitigen Forschungsstand zum Thema Burnout an Interessierte zu vermitteln. Dafür soll die wissenschaftliche Definition des Begriffs und eine Abgrenzung zu ähnlichen benutzten Fachwörtern erarbeitet werden. Desgleichen informiert das Lehrbuch darüber, bei welchen Personen und unter welchen Bedingungen das Phänomen am ehesten auftritt. Sowohl für die potenziell von Burnout betroffenen Leser*innen als auch für professionelle Helfer*innen geben besonders die letzten beiden Kapitel Unterstützung. Dort wird dargestellt, welche wissenschaftlich geprüften Methoden und Maßnahmen zur Überwindung einer Burnout-Krise helfen und wie einer solchen Situation vorgebeugt werden kann.
Ein besonderes Augenmerk wird in diesem Lehrbuch auf die Vermittlung von Fachwissen, methodischen Ansätzen und Instrumenten für Professionelle gelegt, die in sozialen Berufen tätig sind oder werden möchten. Dadurch können sozial Tätige die Verhaltensweisen ihrer Klientel differenzierter betrachten und sensibler reagieren. Ergänzend werden deshalb Hilfen zur Gesprächsführung, zum Umgang mit und zur psychosozialen Beratung von potenziell Betroffenen oder auch von ganzen Unternehmen aufgeführt.
Gleichzeitig versetzt die Wissensvermittlung über Burnout die Professionellen in die Lage, ihre Aufmerksamkeit auf das eigene berufliche Erleben und Verhalten zu richten. Das Lehrbuch dient demzufolge der Aufklärung und Auseinandersetzung von sozial Studierenden und sozial Tätigen mit dem beruflich erhöhten Risiko ein Burnout zu erleiden. Schließlich leistet dieses Werk damit einen Beitrag zur Selbststärkung der Leser*innen und damit zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit.
Mit dem Schreiben dieses Lehrbuches habe ich mich (ganz bewusst) in eine Arbeitssituation begeben, die durch Arbeitslast, ständige Unterbrechungen aufgrund anderer Verpflichtungen und Zeitdruck gekennzeichnet war – alles zusammen eine chronische Stresssituation. Mit dem Wissen um genügend inhaltliche Autonomie, einer interessanten vollständigen Aufgabe und ausreichend sozialer Unterstützung konnte ich dem Stress allerdings genügend Ressourcen entgegensetzen und die Zeit als positiv herausfordernd bewerten. Ich bedanke mich bei all meinen Kolleg*innen und meinen Studierenden, die mir dafür in anregenden Gesprächen instrumentelle und informationelle Unterstützung gegeben haben. Vor allem danke ich meinem Mann, meinen beiden Töchtern und meinen Eltern für den emotionalen und tatkräftigen Rückhalt in dieser Zeit.
| Magdeburg, im Dezember 2020 | Katharina Kitze |
Inhalt
1 Vorwort zur Reihe
2 Zu diesem Buch
3 1 Die Herausforderungen des Burnouts – eine Einführung in das Thema
4 1.1 Zur Bedeutung von Burnout
5 1.1.1 Arbeitsbeeinträchtigung durch Burnout
6 1.1.2 Prävalenz von Burnout
7 1.1.3 Relevanz in unserer Gesellschaft
8 1.1.4 Aufgaben sozialer Berufe
9 1.2 Betroffenheit in sozialen Berufen
10 1.2.1 Burnout der Helfenden
11 1.2.2 Ein Beitrag zur Professionalisierung Sozialer Arbeit
12 2 Das Phänomen Burnout
13 2.1 Alltags- und Wissenschaftsbegriff
14 2.2 Was ist Burnout?
15 2.3 Merkmale von Burnout
16 2.3.1 Emotionale Erschöpfung
17 2.3.2 Depersonalisation
18 2.3.3 Gefühl reduzierter Leistungsfähigkeit
19 2.4 Was Burnout nicht ist
20 2.4.1 Mehr als bloße Unzufriedenheit, Ärger, Frustration
21 2.4.2 Ermüdung und Erschöpfung
22 2.4.3 Abgrenzung zu Stress
23 2.4.4 Unterschied zu verschiedenen Erkrankungen
24 2.5 Zum Verlauf von Burnout – Phasenmodelle
25 2.6 Auswirkungen von Burnout
26 2.6.1 Folgen auf Ebene der Betroffenen
27 2.6.2 Folgen für Arbeitsorganisationen
28 2.6.3 Folgen für die Gesellschaft
29 2.7 Burnout einer Lehrerin
30 3 Wie Burnout entsteht – Ursachen und Einflussfaktoren
31 3.1 Erklärungsmodelle zur Burnout-Entstehung
32 3.1.1 Burnout als Form der Stressbewältigung
33 3.1.2 Arbeitsanforderungen versus Ressourcen
34 3.2 Persönliche Faktoren als Nährboden für Burnout
35 3.2.1 Zur Bedeutung demografischer Merkmale
36 3.2.2 Ursachen in genetischen und biologischen Faktoren
37 3.2.3 Persönlichkeit, Fähig- und Fertigkeiten, Werte
38 3.2.4 Beziehungsfähigkeit
39 3.3 Situative Einflüsse
40 3.3.1 Faktoren der Arbeitstätigkeit
41 3.3.2 Faktoren der Arbeitsorganisation
42 3.3.3 Die Berufswahl als Einflussfaktor
43 3.3.4 Gesellschaftliche Einflussfaktoren
44 3.4 Besondere Einflüsse in der Sozialen Arbeit
45 3.4.1 Das Helfersyndrom
46 3.4.2 Spezifische Arbeitsbedingungen
47 3.4.4 Öffentliche Wahrnehmung der Sozialen Arbeit
48 4 Die Begegnung mit dem Burnout
49 4.1 Identifizieren von Burnout
50 4.1.1 Erkennen bei sich selbst
51 4.1.2 Frühwarnsymptome
52 4.1.3 Erhebung im Kontext der Organisation
53 4.2 Messen von Burnout
54 4.2.1 Maslach Burnout Inventory MBI
55 4.2.2 Tedium Measure TM
56 4.2.3 Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebnismuster AVEM
57 4.2.4 Weitere Fragebögen und Erhebungsinstrumente
58 4.3 Differenzialdiagnostik
59 5 Wege aus dem Burnout
60 5.1 Behandlung – der Eingriff in das Burnout-Geschehen
61 5.2 Persönliche Strategien gegen Burnout
62 5.2.1 Wirksame Therapien für die Bewältigung von Burnout
63 5.2.2 Aufbau von Bewältigungskompetenzen
64 5.2.3 Stressbewältigungsprogramme
65 5.2.4 Aufgaben Sozialer Arbeit bei der persönlichen Burnout-Bewältigung
66 5.3 Entlastung im Arbeitsbereich
67 5.3.1 Verbesserung der Arbeitssituation
68 5.3.2 Soziale Unterstützung in der Arbeit
69 5.3.3 Aufgaben Sozialer Arbeit bei der situativen Burnout-Bewältigung
70 5.4 Wirksam kombinierte Behandlungen von Burnout
71 6 Mit gesunder Arbeit dem Burnout vorbeugen
72 6.1 Was Prävention von Burnout bedeutet
73 6.1.1 Präventionsstrategien gegen Burnout
74 6.1.2 Präventive Soziale Arbeit
75 6.2 Personenbezogene Präventionsmaßnahmen
76 6.2.1 Einfluss auf die Ursachen nehmen
77 6.2.2 Stärkung der Widerstandskraft und der Ressourcen
78 6.3 Präventionsansätze in der Organisation
79 6.3.1 Arbeitsbezogene Risikofaktoren angehen
80 6.3.2 Protektiver Einfluss der Arbeit
81 6.3.3 Gesundheitsfördernde Organisationsentwicklung
82 6.4 Präventionsstrategien auf der Gesellschaftsebene
83 6.5 Burnout-Prävention für soziale Berufe
84 6.5.1 Besondere Herausforderungen sozialer Berufe
85 6.5.2 Ausbildung und Studium
86 6.5.3 Professionalisierung Sozialer Arbeit
87 Literaturverzeichnis
88 Stichwortverzeichnis
1 Die Herausforderungen des Burnouts – eine Einführung in das Thema

Was Sie in diesem Kapitel lernen können
Durch das Outen von Personen des öffentlichen Lebens und die vielfache Nutzung des Begriffs im alltäglichen Sprachgebrauch hält sich das Thema Burnout seit Jahrzehnten hartnäckig im öffentlichen Interesse. Es mehren sich Berichte über die Zunahme von Arbeitsunfähigkeit genauso wie die Anzahl von Ratgebern über Burnout. So entsteht schnell der Eindruck, dass Burnout bereits den Charakter einer Volkskrankheit angenommen hat.
In diesem Kapitel erfahren Sie,
• weshalb es aus gesellschaftlicher Sicht wichtig ist sich mit dem Phänomen zu beschäftigen,
• wie oft Burnout in der Bevölkerung auftritt und deshalb das Gesundheitssystem belastet und
• welche Berührungspunkte das Thema Burnout mit der Sozialen Arbeit hat.
Du weißt nicht mehr wie die Blumen duften,
kennst nur die Arbeit und das Schuften
… so geh’n sie hin die schönsten Jahre,
am Ende liegst Du auf der Bahre
und hinter Dir da grinst der Tod:
Kaputtgerackert – Vollidiot.
(Joachim Ringelnatz)
Schon Ringelnatz urteilte, dass eine anstrengende Arbeit ohne entspannenden Ausgleich nicht gutgeheißen werden kann. Wie kommt es, dass manche Menschen sich von ihrer Arbeit derart fordern und überfordern lassen? Welche Wirkungen hat eine solche Verhaltensweise auf die Gesundheit und Lebenszufriedenheit? Was lässt Menschen ausbrennen?
Stress im Berufsleben ist heutzutage zwar nichts Außergewöhnliches. Ja, er ist für viele Arbeitstätige sogar anregend und herausfordernd, so dass sie motiviert an die Aufgaben herangehen und gute Leistungen erbringen. Doch wenn der Stress eine Qualität besitzt, die zu dauerhaft überlasteten und erschöpften Menschen führt, dann stimmt etwas nicht im System Arbeit. Oder stimmt vielleicht etwas mit diesen Menschen nicht? Warum trifft es nicht alle Arbeitstätigen, deren Berufe hohe Anforderungen und Leistungsdruck mit sich bringen? Dies sind nur einige Fragen, die in diesem Lehrbuch durchdacht werden sollen.
Das Leiden in einer solchen Arbeitssituation hat indes einen Namen: Burnout. Dieser Begriff ist heutzutage in aller Munde und findet gerade in den Medien eine bedeutungsschwangere Nutzung. So wird Burnout gern zur Beschreibung von Menschen eingesetzt, die uneigennützig Höchstleistungen vollbringen und dafür ihre Gesundheit opfern. Ein ›Burnout‹ zu haben bedeutet für viele Menschen als interessiert und arbeitsam zu gelten. Dieses Gestresst-Sein kann denn auch demonstrativ eingesetzt werden, um der Tatsache Ausdruck zu verleihen, dass jemand involviert und engagiert ist. Diese Selbstdarstellung wirkt nach außen, als ob die Person ein Idol für Fleiß und Ehre sein könne, klingt es doch eher nach starken Menschen, denen nachgeeifert werden sollte. Burnout gilt hier als geflügeltes Wort für Leistungsbereitschaft und verleiht den Personen damit einen gewissen gesellschaftlichen Status.
Jedoch wissen die wirklich von diesem Phänomen Betroffenen, dass dieses Ausbrennen und die Erschöpfung der Arbeitskraft zu ganz erheblichem Leiden führen. Burnout heißt eher ständig negative Gefühle wie Ärger und Angst mit sich zu tragen, gesundheitliche Probleme zu spüren und sich hilflos zu fühlen. Es hat weder etwas mit Leistung und Erfolg noch mit einem Ansehen in der sozialen Umgebung zu tun.
Das Attraktive am Phänomen Burnout ist hingegen, das jede Person glaubt, etwas dazu sagen zu können, es zu kennen. Dabei ist bis heute keine einheitliche Definition verfügbar. Wovon reden wir eigentlich? Das wäre etwas, was geklärt werden müsste, wenn sich Personen mit Erschöpfung brüsten. Um den Zugang zu dem zu erleichtern, was Burnout nun tatsächlich im Kern ausmacht, braucht es mehr als den Satz: »Ich fühle mich total erschöpft«. Hier liegt denn auch – wieder einmal – ein ganzes Buch dazu vor. Wozu denn nun noch ein Buch? – wird sich so manche Person denken. Um diese Frage zu beantworten, ist es hilfreich zuerst einen Blick auf die gesellschaftliche Relevanz des Themas zu werfen.
1.1 Zur Bedeutung von Burnout
Die sozialpsychologische Forschung bestätigt, dass Menschen im Erwachsenenalter zunehmend mit Leistungs- und emotionalem Druck, mehr Belastungen durch Stress, Mobbing, überhohen Erwartungen sowie Überforderung durch technischen Fortschritt zu kämpfen haben. Diese Bedingungen werden besonders auch im beruflichen Kontext sichtbar. Denn sie führen zu einer Zunahme von psychischen Belastungen durch die Arbeit. Nach dem Philosophen Han werden diese Entwicklungen durch den vollzogenen Wandel von der Disziplinargesellschaft zur Leistungsgesellschaft bestimmt (Han 2010, S. 18, 54).
Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmte sich der Wert eines Menschen an der Disziplin, also wie stark er sich an Zeitmuster und Regeln hielt und damit bestimmte Normen erfüllte. Gelang es einem Menschen nicht diesen Normen zu entsprechen, dann wurde er bestraft, insbesondere durch Abwertung und sozialen Ausschluss (Foucault 1976). Während in einer Disziplinargesellschaft Stress und Überlastung bei Arbeitstätigen entsteht, weil sie ständig überwacht und bei Nichteinhaltung der Normen bestraft werden, kommt Druck in einer Leistungsgesellschaft durch andere Mechanismen zustande. Mit dem Wandel zur Leistungsgesellschaft erfolgen die soziale und vor allem auch die berufliche Positionierung von Menschen nach ihren individuellen Leistungen. Wir leben demnach in einer Gesellschaft, in der die Verteilung angestrebter Güter wie beispielsweise Macht, Prestige und Vermögen entsprechend der besonderen Leistung erfolgt, die jedem Gesellschaftsmitglied jeweils zugerechnet wird (Arzberger 1988, S. 24). Das heißt, der Stress entsteht bei den Arbeitstätigen, indem sie durch den gesellschaftlichen Anspruch, viel leisten zu müssen, unter Druck geraten. Denn nur durch Leistung und Erfolg werden Menschen in ihrem Wert erkannt und für würdig und nützlich für die Gesellschaft und die soziale Umwelt gesehen. Dieses Leistungsprinzip erreicht mittlerweile ein Ausmaß, das die Menschen überfordern kann. Sie sind erschöpft vom Erfolgsdruck, von der ständigen Anspannung und dem Nicht-nachlassen-Dürfen. Depression, Borderline-Persönlichkeitsstörung und Burnout werden in den wissenschaftlichen Abhandlungen daher auch als Leitkrankheiten des beginnenden 21. Jahrhunderts bezeichnet (Han 2010, S. 5). Dies sind die Zeichen der Überanstrengung von Menschen vor allem auch im Beruf.
1.1.1 Arbeitsbeeinträchtigung durch Burnout
Es handelt sich bei Burnout um ein Gesundheitsproblem, von dem sich offenkundig eine Vielzahl der Erwerbstätigen subjektiv betroffen fühlt. Aus repräsentativen Befragungen wie beispielsweise dem Stressreport Deutschland geht hervor, dass im Jahr 2018 ein gutes Drittel der Erwerbstätigen in Deutschland von körperlicher Erschöpfung und mehr als ein Viertel der Befragten von emotionaler Erschöpfung in ihrem Beruf berichteten (BAuA 2020, S. 37).
Auch diverse Studien der gesetzlichen Krankenversicherungen bestätigen diesen Eindruck. So fühlen sich laut der Stressstudie der Techniker Krankenkasse 43 % der deutschen Erwachsenen oft »abgearbeitet und verbraucht« (TK 2016, S. 27). Fast jede dritte Person (31 %) sagt in dieser Befragung aus, häufig erschöpft und ausgebrannt zu sein (TK 2016, S. 47). Diese Zahlen zeigen die subjektive Einschätzung der Arbeitenden auf, wie stark die Arbeit ihr Wohlbefinden beeinträchtigt und zu Stressempfinden führt. Dies gibt allerdings noch keinen Hinweis darauf, wie viele Menschen in Deutschland von Burnout betroffen sind.
Eine repräsentative und langfristig angelegte Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) präsentiert hingegen erste geeignete Daten. Hier wurden 7987 erwachsene Personen danach gefragt, ob bei ihnen bereits von ärztlicher oder psychotherapeutischer Seite ein Burnout diagnostiziert wurde. Im Ergebnis gaben 4,2 % aller Erwachsenen an, dass sie die Diagnose erhalten hatten. Dabei offenbarte sich, dass bei Frauen (5,2 %) häufiger ein Burnout-Syndrom festgestellt wurde als bei Männern (3,3 %). Hinsichtlich des Alters steigt das Vorkommen von Burnout zunächst von 1,4 % bei den 18- bis 29-Jährigen auf 6,6 % bei den 50- bis 59-Jährigen an und sinkt danach wieder auf 3,4 % bei den 60- bis 69-Jährigen und 1,9 % bei den 70- bis 79-Jährigen ab (Kurth 2012, S. 987). Vorrangig erhielten demnach diejenigen Menschen die Diagnose, die mitten im Beruf stehen. Eine mögliche Interpretation liegt darin, dass Personen, die sich noch am Beginn des Arbeitslebens befinden, den Herausforderungen des Berufs noch ausreichend Reserven entgegenstellen können. Zudem könnte beim Berufseinstieg für viele junge Menschen das Erfolgreich-Sein noch den größten Wert für eine sozialen Anerkennung haben, und sie erlauben sich selbst daher keine Unzulänglichkeiten. Andererseits kumulieren vielleicht die Beschwerden gerade in der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen, weil diese besser in der Lage sind, sich Schwächen einzugestehen, und sich Unterstützung im Gesundheitssystem suchen. Doch dies ist alles Spekulation.
