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Karl-Heinz Göttert
Weihnachten
Biographie eines Festes
Reclam
2020, 2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Durchgesehene Ausgabe
Covergestaltung: Kuzin & Kolling, Büro für Gestaltung
Coverabbildung: © 123rf.com / Olga Korneeva
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2021
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961769-5
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011369-1
www.reclam.de
Inhalt
Prolog
Christi Geburt in den Evangelien
Die Erfindung des Weihnachtsfestes
Der Weihnachtsfestkreis im Mittelalter
Weihnachten auf dem Weg zum Familien- und Schenkfest
Weihnachten zwischen Wandel und Bewahrung
Epilog
Dank
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Über den Autor
Prolog
Die Geschichte von Weihnachten ist die Geschichte des Christentums, auch wenn das Christentum mit Weihnachten von Anfang an größte Schwierigkeiten hatte.
Umso erstaunlicher wirkt der Triumph dieses Festes, das mittlerweile weltweite Ausstrahlung besitzt und auch da seine Spuren hinterlässt, wo das Christentum kaum vertreten ist, in China zum Beispiel, wo es sogar ein Wort für den »Heiligen Abend« gibt – Shéngdán ping’an yé. Ja, es sieht so aus, dass Weihnachten in dem Maße zum Fest der Feste aufstieg, als es seinen ursprünglichen Inhalt verlor: nämlich als Feier der Geburt des Erlösers, des Erlösers von einer Sünde, die die Menschheit mit dem Verlust des Paradieses bezahlte. Ausgerechnet diese Säkularisierung des Weihnachtsfestes, die Befreiung von den theologischen Konstrukten, hat es erst richtig groß gemacht. Das veränderte seinen Charakter hin zu einem Familien- und Schenkfest, womit wiederum neue und andersartige Probleme verbunden sind.
Die offiziellen Kirchen haben sich mit dieser Sinnentleerung nicht abfinden wollen. Besonders eifrige Mitglieder verbrannten im Dezember 1951 vor der Kathedrale von Dijon einen Weihnachtsmann als Symbol des Abwegs von den »echten« Wurzeln, um stattdessen den heiligen Nikolaus zu würdigen. 2002 wurde etwas weniger martialisch vom katholischen Bonifatiuswerk die Aktion »Weihnachtsmannfreie Zone« im Stadtbild ins Leben gerufen.
Dieses Buch versucht, diesen langen Weg wie in einer Biographie nachzuzeichnen: mit einer Geschichte des Entstehens, Wachsens und Sich-immer-neu-Erfindens, nicht jedoch mit der Suche nach dem Wesen oder dem »wahren« Sinn von Weihnachten. Um das Wichtigste kurz abzustecken: Es geht im Folgenden natürlich auch um die biblischen und theologischen Grundlagen, aber es geht nicht um Glaubensfragen. Ich betrachte die Geschichte von Weihnachten als Historiker, der einem wesentlichen Stück unserer europäischen Kultur auf die Spur kommen möchte. Deshalb stehen die Quellen und Zeugnisse im Vordergrund, auf denen dieses Fest beruht, wie auch die Frage, inwiefern wir uns auf diese verlassen können. Es ist einfach spannend zu sehen, wie Lukas und Matthäus die Geburtsgeschichte als eine der »Großerzählungen« zu den für das Christentum wichtigen Themen Liebe und Frieden konstruiert haben, wie sie sich in historischen und mythischen Überlieferungen zurechtzufinden suchten und selbst am Mythos von Weihnachten mitwirkten – nicht ohne Widersprüche und deshalb auch ohne ein wirklich klares Gesamtbild.
Eine besondere Überraschung beim Gang durch die Geschichte wird für viele darin liegen, dass die uns heute so vertraute Feier am 24./25. Dezember recht spät entstand, und zwar um die 400 Jahre nach den in der Bibel geschilderten Ereignissen. Was uns heute so selbstverständlich erscheint, die Feier der Geburt Jesu, war es erst einmal jahrhundertelang nicht. Trotz einer intensiven Forschung ist die Entstehung von Weihnachten bis heute umstritten. Wir werden sehen, dass die bekannteste These – Weihnachten habe ein heidnisches (Vorgänger-)Fest des Sonnengottes abgelöst bzw. abgewandelt, wie es etwa bei der Ersetzung von Tempeln durch Kirchen geschah oder wenn heidnische Bräuche einen christlichen Sinn erhielten – kaum haltbar ist. Noch weniger überzeugt die Berufung auf Autoren des 4. Jahrhunderts, die den Geburtstag Jesu für diesen Termin einfach errechnen zu können glaubten. Und dann gibt es auch noch die Theorie von Weihnachten als »polemischem« Fest, als Fest gegen »Irrlehren«, bei denen sich die frühen Kirchenvertreter in unsägliche Spitzfindigkeiten hinsichtlich der Person ihres Gründers verbissen. So war die Geschichte von Stall und Krippe willkommen, um die menschliche Natur gegen die Behauptung einer lediglich göttlichen abzugrenzen – übrigens unter besonderer Berücksichtigung der Windeln, die schon Lukas ins Spiel brachte und die in keiner Festpredigt der Bischöfe oder Päpste fehlen.
Aber es gibt auch eine viel weniger problembeladene Seite von Weihnachten als diese angedeuteten Querelen in der frühen Kirchengeschichte, auf die wir stoßen werden. In ruhigeren Zeiten hat die Kirche das Jahr in einen Festkreis gekleidet, in dem Weihnachten (eingeleitet durch den Advent, ausklingend mit Epiphanias bzw. Maria Lichtmess) neben Ostern einen weiteren Höhepunkt darstellte. An dieser liturgischen Ausgestaltung im Mittelalter nahmen die Künste teil, die dem Fest mit Malerei und Skulptur, mit Musik und Schauspiel einen prunkvollen Rahmen gaben. Man denke nur an die Heerscharen von Mariengestalten, vor allem in Regionen, wo die Jungfrauen bzw. Bräute in Mittelalter und früher Neuzeit keinen Schleier oder sonstigen Kopfschmuck trugen und Maria entsprechend mit prachtvoll offenem Haar erscheint – provozierend nicht des Haars, sondern der »mütterlichen« Jungfrau wegen. Genauso ist der gregorianische Choral zu würdigen, der in den Gottesdiensten jedes vorgetragene Wort als Gesang ausformte. Schließlich gilt es, über Theaterstücke zu berichten, die die Liturgie spielerisch einer breiten Menge an Gläubigen nahebrachten, die mit den lateinischen Texten und komplizierten theologischen Fragen überfordert war. Es ist keine Frage: Weihnachten hat die europäische Kultur nachhaltig inspiriert, auch wenn sich viele Relikte heute nur noch in Museen finden.
Wirklich einfach aber war das Fest nie. Schon im tief »gläubigen« Mittelalter geht aus dem Fest der Unschuldigen Kinder mitten im Weihnachtsfestkreis ein eigenartiges »Kinderbischofsfest« hervor, bei dem das soziale Oben und Unten verkehrt wird – mit der Folge von Ausschreitungen, die schließlich zu Verboten führen. Man hat dies in Verbindung zu den Saturnalien und den Neujahrsfeiern in römischen Zeiten gebracht. Aber es ist Vorsicht geboten. Das Kinderbischofsfest stellt eher eine Erweiterung der Religiosität ins Spielerische dar, die sich auch in den Theaterspielen dieser Zeit zeigt. Als dann im 16. Jahrhundert die Reformatoren einschritten, ging es nicht mehr um solche Nebenerscheinungen, sondern um die gesamte religiöse Ausformung des Glaubens, in deren Folge unter der Herrschaft der Puritaner in England für kurze Zeit das Weihnachtsfest als »abergläubischstes« aller Feste abgeschafft wurde. Mehr als ein Jahrhundert später erwuchs daraus in den Vereinigten Staaten von Amerika ein neuer »Kampf« um Weihnachten, den letztlich die Erfindung einer neuen Figur schlichtete: Santa Claus, der »Weihnachtsmann«, mit dem einige Zeitgenossen heutzutage allerdings eher den Anfang vom Ende eines christlich geprägten Weihnachtsfestes verbinden – siehe die Aktivisten in Dijon und des katholischen Bonifatiuswerks.
Dabei war noch gar nicht die Rede davon, dass neben der kirchlichen Liturgie und Theologie auch eine ganz andere Tradition prägend wurde: ein Brauchtum, das die religiösen Probleme links liegen ließ und sich eine eigene Welt des Feierns schuf, in der ein Weihnachtsbaum und eine Krippe wichtiger wurden als jede noch so gute Predigt. Das Bürgertum des 18. und des 19. Jahrhunderts bewahrte sich das Weihnachtsfest nach Aufklärung und teilweise rigider Entkirchlichung weiter als Familien- und Geschenkfest, das eingefleischte Agnostiker ebenso wie assimilierte jüdische Familien durchaus begeistert mitfeierten. Andererseits fehlt es nicht an Vereinnahmungen durch die Politik, die das Fest entweder – wie im Ersten Weltkrieg – mit seiner Friedensbotschaft für ihre Zwecke instrumentalisierte oder es – wie die Nationalsozialisten – durch angeblich »germanische« Vorläufer zu ersetzen suchte. Natürlich musste unter den Bedingungen des Kapitalismus auch dieses Fest in Folklorisierung und Kommerzialisierung münden. Aber es taucht aus den scheinbar alles verschlingenden Wogen des bloß Gemütvollen oder Kitschigen immer wieder auf und wird als Inspirationsquelle ernst genommen.
Dafür sucht dieses Buch einen Beitrag zu leisten. Es versteht sich als eine Spurensuche entlang der Quellen und Überlieferung, als eine Einladung an Leserinnen und Leser, sich die entscheidenden Karrierestufen und -knicke des Weihnachtsfestes zu vergegenwärtigen. Niemand weiß, wie das Christentum zusammen mit den anderen Weltreligionen die fortschreitende Säkularisierung überleben wird. Was aber das Christentum der Welt an kultureller Ressource anbietet, kann gerade die »Biographie« von Weihnachten verdeutlichen. Sie ist dabei ganz nebenbei – ich blase einmal die Backen auf – eine der spannendsten Geschichten, die von dieser Kultur zu erzählen ist.
Christi Geburt in den Evangelien
Die Evangelien
Wer nach Christi Geburt fragt, muss zur Bibel greifen, genauer gesagt: zu den Evangelien des Neuen Testaments. Christlich Erzogene können die Autoren noch hersagen: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Das sind sie, die vier Evangelisten, in alten Kirchen oft an den Kanzeln abgebildet, weil von dort schließlich das Evangelium verkündet wird. Es sind immer würdige Gestalten, die vergessen lassen, dass wir über sie wenig bis nichts wissen, auch nicht, ob gerade sie es waren, deren Texte wir lesen. Denn sie nennen sich nicht selbst mit Namen, die Zuschreibung stammt aus späteren Zeiten. Wobei wir es heute ohnehin nicht mehr mit Originalen zu tun haben. Dazu waren die damaligen Schreibstoffe zu schlecht. Papyri zerfallen leicht, schon die ältesten Zeugnisse sind Abschriften von Abschriften, von denen Reste aus dem 2. Jahrhundert stammen – zusammenhängende Darstellungen in Codexform gibt es erst seit dem 4. und 5. Jahrhundert. Diejenigen, die diese Texte aufzeichneten, hatten leider keine Ahnung, welche Bedeutung ihre Notizen bekommen sollten, dass sich Heerscharen von Interpreten einmal über jede Silbe hermachen würden. Und so bearbeiteten und ergänzten sie, nicht nach Gutdünken, aber nach den jeweiligen Umständen. Wenn man all die Varianten sammelt, übertrifft deren Umfang den der Texte.
Und dies ist nur die eine Schwierigkeit. Die nächste liegt in den Verfassern. Wie verändert auch immer ihre Botschaft die Zeiten überdauerte: Sie verfolgten mit dieser Botschaft einen Zweck. Sie wollten mit der Schilderung der Lebensgeschichte dieses »Gesalbten« (griech. christos) eine Wende in der Menschheitsgeschichte herbeiführen. Im Alten Testament war von Sündenschuld die Rede, und die Hoffnung auf einen Retter, den Messias, wurde geweckt. Die Botschaft der Evangelisten lautet, lax gesagt: Es hat funktioniert, der Retter ist da, man muss es nur glauben. Bekanntlich glaubten es die Juden selbst nicht. Umso wichtiger war der »Beweis«, der das Vertrauen wecken und sichern sollte. Die Evangelien sind Beglaubigungserzählungen. Jedes einzelne Ereignis ist Zeugnis der einigermaßen ungeheuerlichen Wahrheit, dass da vor ein paar Jahrzehnten Gottes Sohn in die Welt gekommen und Mensch geworden war. Jeder Evangelist wusste genau um die Schwierigkeit der Überzeugungsarbeit und malte die bislang überlieferte Geschichte aus, um sie glaubhaft zu machen.
Dabei spielen zwei Ereignisse eine überragende Rolle, wovon eines im Mittelpunkt dieses Buches steht: die Geburt Jesu durch eine Jungfrau sowie seine Auferstehung von den Toten nach der Kreuzigung, woraus schließlich die beiden kirchlichen Hochfeste Weihnachten und Ostern entstanden. Die junge Kirche hat zunächst ganz und gar auf Ostern, also die Auferstehung, gesetzt. An Jesus als Gottes Sohn und Erlöser zu glauben hieß: an die Auferstehung glauben. Der Apostel Paulus, der nicht zum engsten Kreis der Jünger gehörte, sondern nach anfänglicher Verfolgung der Christen erst später dazustieß, formuliert dies am klarsten. In einem seiner Briefe an die Gemeinde in Korinth (im 1. Korintherbrief, Kapitel 15, Vers 14; abgekürzt: 1 Kor 15,14) sagt er, ohne die Auferstehung sei »unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube«. Zur Geburt trägt Paulus nicht viel vor. Für ihn ist Jesus von einer »Frau« geboren, wobei er das griechische Wort für die verheiratete Frau benutzt, definitiv nicht »Jungfrau«. Im Römerbrief spricht er vom »Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten« (Röm 1,3 f.). Und davon, »dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind« (Röm 6,3). Das war in den Jahren um 50 n. Chr., als Paulus im Zusammenhang der Missionsreisen durch Kleinasien sowie nach Griechenland und Zypern seine Briefe schrieb, die ältesten Zeugnisse des Christentums überhaupt, da Jesus selbst nichts Schriftliches hinterließ. Auch das früheste Evangelium, das des Markus, kennt in der Zeit vor 70 n. Chr. nur das leere Grab als Andeutung der Auferstehung, verliert kein Wort über die Geburt, sagt nichts zur Jungfrau.
Das änderte sich dann grundlegend. Beide Evangelien, die sich auf Markus stützen, das des Lukas und das des Matthäus, ungefähr gleichzeitig und unabhängig voneinander nach 70 n. Chr. entstanden, berichten ausführlich über die Geburt und stellen Maria als Jungfrau dar, womit die Gottessohnschaft von Jesus festgezurrt wird, ehe weitere Belege wie die Wunder bis hin zu Totenerweckungen und schließlich die Auferstehung hinzukommen. Wieder anders verhält es sich dann im letzten Evangelium, dem des Johannes, nach 90 n. Chr.: Hier ist Jesus der vor aller Zeit für seinen Auftrag der Erlösung bestimmte Sohn Gottes, der die Göttlichkeit in seinen Reden und Taten bezeugt – was die Taten betrifft, mit seiner Auferstehung von den Toten, aber ohne jungfräuliche Geburt. Die Evangelien unterscheiden sich also stark und widersprechen sich sogar in wesentlichen Punkten, wie wir noch näher sehen werden.
Weihnachten, darauf kommt es hier an, gibt es überhaupt nur in zwei von ihnen, die sich die Ereignisse gewissermaßen teilen: Lukas schreibt über die Geburt im Stall und den Auftritt der Hirten. Matthäus behandelt die Ankunft der »Magier« und die Flucht nach Ägypten vor dem Kindermord des Herodes. Aber die Geschehnisse greifen eben nicht nahtlos ineinander, sie passen im Gegenteil überhaupt nicht zusammen.
Denn Lukas lässt die Geburt in Betlehem stattfinden, nachdem Maria und Josef aufgrund der unter Augustus angeordneten Volkszählung aus dem weit entfernten Nazaret (wo der Engel Gabriel die Schwangerschaft angekündigt hatte) dorthin gewandert sind. Dann folgen nach mosaischem Gesetz die Beschneidung sieben Tage später sowie die »Darstellung« des Neugeborenen zusammen mit der »Reinigung« von Maria im Tempel zu Jerusalem nach 40 Tagen. Die Familie wohnt jedenfalls eine ganze Weile in Betlehem oder in direkter Nähe zu Jerusalem. Erst später kehrt Jesus zusammen mit der Familie in die alte Heimat Nazaret zurück. Bei Matthäus findet zwar ebenfalls die Geburt in Betlehem statt, in diesem Fall aber ganz ohne Volkszählung, weil die Familie dort schon immer wohnte, übrigens in einem Haus, nicht in einem Stall. Dann folgt die Huldigung durch die »Magier«, wonach Herodes den Mord an Jesus plant, dem die Familie mit ihrer schleunigen Flucht nach Ägypten zuvorkommt. Erst nach dem Tod von Herodes, der mittlerweile sämtliche Säuglinge in Betlehem umbringen ließ, kehrt die Familie zurück, aber nicht nach Betlehem oder Jerusalem, weil dort mittlerweile ein Sohn von Herodes regiert, der nicht minder gefährlich erscheint als sein Vater, sondern ins sicherere Nazaret, wovon zuvor nie die Rede war.
Warum dies nicht zusammenpasst, ist klar: Es handelt sich um jeweils eigene mythologische Konstruktionen. Nur machen die Evangelisten diesen mythologischen Charakter nicht deutlich, sondern schildern im Gegenteil alles so, als sei es tatsächlich geschehen. Vor allem Lukas benutzt den Begriff der »Ereignisse, die sich unter uns erfüllt haben« sowie deren Überlieferung durch diejenigen, »die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes« waren. »Ereignisse« also und »Augenzeugen« – nichts Erdachtes, auch nichts Mythologisches, in das Historisches »eingekleidet« wäre. So bezeugt es schon Markus in seinem Evangelium, dem sich Matthäus und Lukas eng anschlossen, weiter eine Sammlung von Jesusworten, die vermutlich nie schriftlich fixiert, sondern mündlich weitergegeben wurde. Noch im sicher nicht auf Petrus selbst zurückgehenden 2. Petrusbrief (wahrscheinlich zu Beginn des 2. Jahrhunderts geschrieben) liest man: »Denn wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundtaten, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe« (2 Petr 1,16).
Man muss sich zum besseren Verständnis die Situation in der Zeit um 80 n. Chr. vorstellen: Überall im Mittelmeerraum haben sich christliche Gemeinden gebildet, in denen Menschen an diesen Jesus als Erlöser glaubten, an die Botschaft von einem künftigen ewigen Leben dank seines Opfertodes. Es war jedoch wenig bekannt von dem Menschen Jesus, daher die schriftliche Fixierung der Tradition, die dann in Gottesdiensten nach dem Vorbild der jüdischen Synagogen vorgetragen werden konnte und nicht zuletzt der Werbung neuer Mitglieder diente. Eine ganze Reihe von Evangelien entstand, von denen die heutigen vier sich durchsetzten und kanonisiert wurden. Sie alle hatten dasselbe Problem: Beweise zu liefern für das, was normalerweise niemand glauben kann, weil es den Naturgesetzen widerspricht. Wobei damals die Bereitschaft zu einem solchen Glauben offenbar anders einzuschätzen ist als heute.
Dass man aber auch damals Probleme bei der Vermittlung sah, belegt etwas anderes: Tatsächlich beanspruchten alle Evangelisten neben der Augenzeugenschaft eine Art zweite Basis der Glaubwürdigkeit. Sie liegt in der Annahme, dass alle wichtigen Ereignisse im Alten Testament, also in den heiligen Schriften der Juden, »vorhergesagt« worden waren. Wichtige Passagen der Evangelien wie etwa die Passionsgeschichte lesen sich (schon bei Markus) wie aneinandergereihte Zitate aus den Propheten sowie den Psalmen. Wir werden dem bei der Weihnachtsgeschichte wiederbegegnen. Man kann sicher sagen, dass die damaligen Leser/Hörer in diesen Vorhersagen eine besonders starke Basis der Glaubwürdigkeit sahen, vielleicht sogar stärker als in der Berufung auf Augenzeugen. Von heute her gesehen kann man sich darüber nur wundern, denn sämtliche »Vorhersagen« sind äußerst vage, einige beruhen auf schlichter Fehlinterpretation. Den Musterfall dafür bietet die Jungfrauengeburt. Denn die Berufung auf den Propheten Jesaja erledigt sich für jeden Kenner des Hebräischen dadurch, dass im originalen Text das Wort almah steht, das nicht ›Jungfrau‹ bedeutet, sondern lediglich ›junge Frau‹.
Davon später mehr. Hier interessiert etwas anderes. Wenn es keine wirkliche Augenzeugenschaft gibt und die Voraussagen keine sind: Was besagt dies über die »Wahrheit« der Evangelien? Sind sie eben doch Fälschungen, wie es Kritiker seit der Aufklärung behauptet haben? In gewissem Sinne schon. Aber dies rechnet zu wenig mit den erzählerischen Möglichkeiten der damaligen Zeit, die den uns geläufigen Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion nicht machte, sondern an einem »Gesamtbild« oder einer »Gesamterzählung« arbeitete, die ihre Wahrheit mit beiden Elementen konstruierte, mit Historischem und Mythischem. Dies gilt auch für die Lehren Jesu in Form von Gleichnissen und Reden, die früh gesammelt wurden, wobei die authentischen Worte dennoch kaum oder nur sehr schwer zu rekonstruieren sind. Die Bergpredigt beispielsweise, die Matthäus in ihrer ausführlichsten Form wiedergibt, könnte im »Original« eine Sozialutopie enthalten haben, bei der Jesus seinen Zuhörern konkrete Landversprechungen machte. Lukas gibt sie ebenfalls wieder, als »Feldrede« mit stark abweichenden Äußerungen, die jedoch einen ähnlichen sozialutopischen Kern enthalten, angereichert durch ein ausgesprochenes Steckenpferd von Lukas: die Hochschätzung der Armut. Es spricht viel dafür, dass Jesus eine solche Rede gehalten hat. Nur wurde sie in der Überlieferung sofort dem Strom des eigenen Erzählens zu- oder untergeordnet.
Um es auf den Punkt zu bringen: Die Evangelisten griffen auf Berichte zurück, die Historisches mit Mythologischem in für sie nicht zu durchschauendem Gemenge präsentierten. Ganz sicher hatte sich in der Wahrnehmung der Ereignisse schon Grundlegendes geändert. Der historische Jesus war von einem kurz bevorstehenden Weltende überzeugt gewesen, predigte zu einer radikalen Umkehr angesichts der »Tatsache«, dass ohnehin bald alles vorbei sei. Das musste gut zwei Generationen später, als nichts passiert war, korrigiert werden. Die Botschaft lautete jetzt »nur« noch: Glaube an die Auferstehung und das ewige Leben im Vertrauen auf Jesus als den Erlöser. Die dazu passende »Erzählung« war im Gerüst da. Die ersten Jünger, die wirklichen Augenzeugen, hatten diese Erzählung entwickelt und mit den Elementen ausstaffiert, die Glauben erwecken sollten. Dann wurde weitergearbeitet, weitererzählt. Die Weihnachtsgeschichte war die erste neue Zutat, die zur Grunderzählung hinzukam. Lukas und Matthäus wussten um das Mythologische ihres Erzählens (weil sie es ja selbst entwickelt hatten), während sie die vorhandene Mythologie wohl für historisch hielten. Ihre Leser bzw. Hörer nahmen dann auch die neue Mythologie für historisch hin.
Lukas
Lukas also hat sich die Geburt im Stall ausgedacht, aber nicht aus der Luft gegriffen. Die Theologen pflegen von »Sondergut« zu sprechen, weil die Szene bis auf die Lokalisierung in Betlehem von sonst niemandem berichtet wird. Aber das besagt nichts über das genauere Vorgehen von Lukas. Dazu muss man zunächst etwas über ihn wissen.
Das wird schwierig und provoziert deshalb Spekulationen. Trotzdem: Es hat schließlich diesen Evangelisten gegeben, der im Text selbst nicht seinen Namen nennt, sich nur in die »vielen« einreiht, die schon Berichte verfasst haben. Dafür wissen wir, dass der »Unbekannte« nicht nur das Evangelium, sondern auch eine Art Fortsetzung geschrieben hat: die Apostelgeschichte, auch wenn diese beiden Teile eigenartigerweise nie zusammen überliefert wurden. Es existiert also von einem einzigen Verfasser ein Doppelwerk, von dem man weiterhin weiß, dass es einen bestimmten Zweck zu erreichen suchte. Der Verfasser hat die beiden Bücher nämlich jemandem gewidmet, den er als »hochverehrten Theophilus« anspricht. Falls auch dieser Theophilus existierte (und nicht lediglich seiner wörtlichen Bedeutung nach ein »Gottesfreund«, wie es letztlich jeder angenommene Leser sein sollte), könnte er ein vornehmer Mann gewesen sein, der sich für die Christen interessierte, vielleicht erste Kenntnisse vertiefen wollte. Der Unbekannte hätte dann das Evangelium als eine Art private Überzeugungsarbeit geschrieben, als Probe der »Zuverlässigkeit der Lehre«, in der der Adressat bislang schon »unterwiesen« wurde. Ein gefestigter Christ schrieb also nach dieser Vermutung für einen noch nicht Gefestigten.
Aber etwas weiter kommt man doch. In der Apostelgeschichte unseres vorläufig Unbekannten ist von einem Mann namens Lukas die Rede, den Paulus auf seinen Reisen mitnahm und im Brief an die Kolosser als seinen »geliebten Arzt« bezeichnet. Die alte Kirche war davon überzeugt, dass es sich dabei um den Evangelisten handelte. Zwar hat die spätere Forschung herausgefunden, dass dieser Lukas in den Berichten seiner Apostelgeschichte nicht immer genau mit dem übereinstimmt, was Paulus in seinen Briefen schreibt. Man kann dies aber auch so erklären, dass Lukas nur zeitweise mit Paulus zusammen war, ihn immer wieder verließ bzw. aus den Augen verlor. Nur wo Lukas in der ersten Person als »ich« berichtet, könnte es sich um gemeinsam Erlebtes handeln, während die »wir«-Berichte auf einen Zuträger zurückgehen. Alles sehr unsicher, aber auch nicht ganz so wichtig. Jedenfalls wusste Lukas, wie wir unseren Unbekannten nun doch mit fast zwei Jahrtausende alter Tradition nennen wollen, einiges über den historischen Jesus, wenn schon nicht aus erster Hand, so doch aus sehr guter Quelle. Und er hatte eine klare Vorstellung davon, dass das Christentum es geschafft hatte, überall Verbreitung fand, sogar in Rom als der Endstation der Apostelgeschichte, wo Lukas möglicherweise seine Werke verfasste.
Natürlich fragt man sich, wer dieser Lukas war, zum Beispiel ursprünglich ein Jude, der Christ wurde, oder doch eher ursprünglich ein Heide. Für Letzteres spricht, dass Lukas unter den Evangelisten das stilistisch beste Griechisch schrieb, jedenfalls wenn er frei war wie in der Einleitung, die einige Eleganz zeigt. Im Text selbst lehnt er sich sehr eng an Markus an, als wolle er jede Erfindung abweisen, was dann auf ziemlich schlechtes Griechisch hinausläuft, weil Markus wirklich Jude war, der möglicherweise sogar ursprünglich hebräisch bzw. aramäisch schrieb. Das sieht man an typischen Formeln wie »Es begab sich aber«, auch an der Nebeneinanderstellung von Hauptsätzen statt Unterordnung mit entsprechenden Konjunktionen – was Lukas dann brav nachahmt, als sei mit solchen Plumpheiten die Wahrheit erwiesen.

Buchmalerei eines Meisters der Fuldaer Schule: Der Evangelist Lukas, um 840
Auch etwas anderes passt bei Lukas trotz seines großen Interesses an Israel (und der bedauerlichen Trennung als Teil seiner Geschichte) eher nicht zum gebürtigen Juden. Lukas kennt sich zwar in deren heiligen Schriften bestens aus, kopiert förmlich Sprüche der Propheten und Psalmen ein, aber dann fiel Forschern auf, dass ihm das Lokalkolorit von Palästina kaum bekannt war. Als er etwa über die Heilung eines Gelähmten berichtete, fand er bei Markus durchaus das Passende vor, wenn dort davon die Rede ist, dass man den Kranken durch das Dach des Hauses herabließ, weil es offenbar aus Lehm bestand, in dem man leicht eine Öffnung herstellen konnte. Lukas hat vielleicht nicht genau hingesehen oder es sich anders nicht vorstellen können, jedenfalls spricht er von Ziegeln, die man abnahm – Ziegeln, die es im abgelegenen Palästina schlicht nicht gab.
Man muss sich Lukas wohl als einen weltläufigen Intellektuellen vorstellen, einen »Hellenisten«, wie man in der damaligen globalisierten Welt solche Menschen aufgrund der von den Griechen (Hellenen) dominierten Kultur nannte, ob nun ein jüdischer oder ein heidnischer Hellenist. Wie er Christ wurde, wissen wir nicht. Bei Markus und Matthäus sind sich die Experten sicher, dass sie ursprünglich Juden waren, bei Lukas eben nicht. Nur seine profunde Kenntnis des Alten Testaments, das er allerdings auf Griechisch las, spricht für ursprüngliches Judentum. Sagen wir bei dieser Gelegenheit, dass dieses griechische Alte Testament eine Übersetzung war, die einst von 70 jüdischen Gelehrten angefertigt wurde und deshalb auf Griechisch als Hebdomekonta bezeichnet wird. Wir kennen sie heute besser in der lateinischen Bezeichnung als Septuaginta, die von den frühen Christen nicht nur gelesen, sondern auch im christlichen Sinne uminterpretiert wurde – so sehr, dass die Juden selbst irgendwann neue Übersetzungen anfertigten und letztlich wieder zum hebräischen Urtext zurückkehrten. Lukas zitiert jedenfalls stets aus dieser griechisch-hellenistischen Septuaginta, was nicht folgenlos blieb. Also ein guter Bibelkenner, aber auch einer mit erheblicher Voreingenommenheit. Den hebräischen Urtext kannte er wohl nicht.
Womit wir zur Abfassungszeit des Evangeliums kommen, die sich nur einigermaßen genau fixieren lässt. Die Apostelgeschichte, wenn man so will des Evangeliums zweiter Teil, datiert auf die Zeit um 90 n. Chr. In Bezug auf das Evangelium geht eine Vielzahl der Exegeten davon aus, dass Lukas bereits auf die Eroberung von Jerusalem durch die Römer unter Titus und die damit verbundene Zerstörung des Tempels im Jahr 70. n. Chr. zurückblickt. Eine vage Andeutung darauf gibt es etwa bei Lukas mit der Bemerkung: »Jerusalem wird von den Völkern zertreten werden« (Lk 21,24). Damit zeichnet sich wenigstens ein Rahmen ab.
Um zusammenzufassen: Es gab auf jeden Fall einen Lukas, der Evangelium sowie Apostelgeschichte schrieb und dabei der »Wahrheit«, wie er sie verstand, so nahe wie möglich kommen wollte. Wir wissen weiter, worin sein Problem lag. Denn Lukas wendet sich an einen Hochgebildeten, der mit Religionen und Philosophien seiner Zeit vertraut gewesen sein wird. Und dem galt es, Ungeheuerliches zu erzählen: von einem Jesus, der Gottes Sohn gewesen sein muss, da er schließlich von den Toten auferstand und in den Himmel aufgenommen wurde. Lukas ist ganz begeistert von dessen Lehren, besonders von einem Zug, den er immer, wenn sich die Gelegenheit bietet, breit ausmalt: Es kann auf dieser Welt nicht darum gehen, irdische Reichtümer anzuhäufen, es geht um mehr und Größeres. Von Lukas’ Wiedergabe der Bergpredigt als »Feldrede«, in der das erste Gebot des neuen Glaubens nichts anderes als die »Armut« bedeutet, war schon die Rede.
Aber die Sache mit Jungfrauengeburt und Auferstehung strapazierte eben die Glaubwürdigkeit. Theophilus wird, philosophisch gebildet, wie er war, aufgeklärt gewesen sein und die damaligen Erzählungen über die griechisch-römischen Götter als alberne, jedenfalls überholte Geschichten betrachtet haben. Ein Zeus als notorischer Schürzenjäger, der stets hinter Menschenfrauen her war, sich in einen Stier verwandelte, um Europa zu entführen, oder in einen Schwan, um Leda zu schwängern: Da bot das Judentum etwas anderes mit einem gnädigen und nur bei Fehlverhalten strafenden Gott, der letztlich Erlösung versprach. Und dann erst dieser christliche Gott, der angeblich noch viel weitergegangen war, mit seinem Tod die Menschen von der ererbten Sünde rettete, ihnen eine neue Vervollkommnung in Aussicht stellte. Wobei man eben an diese Göttlichkeit glauben musste, für die sein Leben so sehr sprach, besonders mit den Ereignissen nach dem Tod, aber eben auch mit der angenommenen Jungfrauengeburt. Immerhin gab es dafür teils Augenzeugen, teils die Vorausdeutungen der jüdischen Propheten und der Psalmen.
Um es auf den Punkt zu bringen: Wer einen offenbar bestens gebildeten Mann von diesem Jesus überzeugen wollte, konnte nicht mit Phantastereien aufwarten. Schon hatte überdies der Druck der Außenwelt eingesetzt, hatten die ersten Christenverfolgungen begonnen, u. a. durch Kaiser Nero, nach dem Brand von Rom im Jahr 64. Christ zu sein oder zu werden, brachte jedenfalls ein steigendes Risiko mit sich. Gerade hatten die Römer gezeigt, wie sie mit Juden umgingen, die sich ihnen widersetzten, indem der Kaiser ein Heer schickte, das Jerusalem stürmte, möglichst viele Einwohner umbrachte, den Tempel verwüstete und seine Reichtümer mitnahm, um in Rom das Kolosseum zu bauen. Es war sehr fraglich, ob es auf Dauer genügte, sich von diesen Juden abzusetzen und ihnen (und nicht dem Römer Pilatus) die Schuld an der Kreuzigung in die Schuhe zu schieben, ja einen brutalen Antijudaismus zu pflegen, wie er besonders die Evangelien von Matthäus und Johannes prägt. Wo aber lag die Garantie, dass die Römer nicht genauso Christen bekämpften, die sich weigerten, den Kaiser als Gott anzuerkennen? Da musste man sich der christlichen Lehre schon sehr sicher sein, sie sehr überzeugend darstellen. Fast könnte man auf die Idee kommen, dass Lukas es Paulus gleichtun wollte und eine Geschichte lieferte, die von gleichem Wert wie die Auferstehung war: nämlich die Geburt dieses Jesus Christus durch eine Jungfrau.
Alles musste jedenfalls stimmig sein. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie damalige Leser/Hörer auf die »Geschichten« reagierten. In viel späteren Zeiten setzte eine Art Ranking ein, mit der Einschätzung von hartem Wahrheitskern und mythischer Ausschmückung auf einer gleitenden Skala. Der wirklich harte Kern lag dann bei der Auferstehung. Wer daran nicht glaubte, war kein Christ. Aber schon Luther merkte, dass das Buch Jesaja im Alten Testament aus zwei Teilen bestand, dass es also einen Bearbeitungsprozess gegeben hatte. Im Neuen Testament hielt er den Jakobusbrief für eine »stroherne Epistel« und rückte sie ans Ende seiner Bibelübersetzung wie auf eine Strafbank. Später, in Zeiten aufklärerischer Bibelkritik, traf es gerade das Weihnachtsevangelium. Die ganze Szenerie hatte einfach zu viel Phantastisches, die Krippenseligkeit ebenso wie der Engelschor bei den Hirten, vor allem die Jungfrauengeburt. Sehr schön erzählt, aber eben erzählt – also Mythologie, nicht Wahrheit. Kann man das schon für einen Theophilus als Erstleser annehmen? War der mit einer Erfindung zu überzeugen, von der Lukas schließlich ganz genau wusste, dass es eine Erfindung war? Dafür spricht, dass Lukas einiges dafür tut, das Ganze historisch abzustützen: durch die Datierung mit Steuerschätzung und historisch verbürgte Namen wie Augustus und Quirinius zum Beispiel. Reichte das?
Oder ist dies falsch gefragt? War sich Lukas sicher, dass seine Geschichte überzeugen würde, weil es der Sinn von Geschichten ist, die Wahrheit mit Erfindung zu mischen? Und Theophilus vielleicht ein Leser/Hörer war, der die Frage nach der historischen Wahrheit der Geburt überhaupt nicht verstanden hätte, weil er gar nicht wusste, wie man sie anders hätte darstellen sollen als mit einer erfundenen Geschichte? Wie hätte man da Augenzeugen beibringen können? Aber geboren worden war dieser Jesus Christus. Warum dann nicht diese Geburt so darstellen, dass sie »zeigte«, worauf alles ankam. Natürlich nicht in irgendeiner Unsinnsgeschichte à la Zeus und Co., sondern einer wahrscheinlichen. Die auch noch auf einer Voraussage beruhte, nämlich dem Geburtsort Betlehem. Da konnte man sich doch den Rest leicht ausdenken. Wahrscheinlich war es ohnehin so gewesen, jedenfalls so ähnlich. Wie denn sonst? Lukas, der gebildete Jude im 1. Jahrhundert n. Chr., weiß, dass es eine geschichtliche Wahrheit gibt, auf die alles ankommt – und eine Erzählung dieser Wahrheit, die durch Erfundenes gestützt wird.
Was ich noch einmal unterstreichen möchte: Lukas bietet in seinem Evangelium und seiner Apostelgeschichte Grundlagen des christlichen Glaubens. Dazu erzählt er: einerseits historisch Wahres, andererseits mythologisch Wahres. Die Trennlinie, auf die es uns heute oft ankommt, zieht er nicht. Mythologisches und Historisches gehen ineinander über, wie sie (im Alten Testament) schon immer ineinander übergegangen waren. Selbst der für das Judentum so wichtige Auszug aus Ägypten hält historischer Nachprüfung nicht stand, wie der israelische Archäologe Israel Finkelstein mit seinen Ausgrabungen belegt hat: Keine einzige Scherbe im Wüstensand ließ sich finden. Die anschließend in der Bibel genannten Städte existierten erst Jahrhunderte später, die Mauer von Jericho musste nicht durch den Klang von Trompeten zerstört werden, weil Jericho überhaupt keine Mauern besaß. Die biblischen Geschichten sind in der Regel überwiegend (aber eben nicht nur, was die Sache so schwierig macht) mythologisch, was für Finkelstein ihren Wert in nichts schmälert. Denn diese Geschichten dienten dem Glauben an Jahwe und sein auserwähltes Volk. Die Bibel ist kein Geschichtsbuch, sondern enthält anhand historischer Bezüge eine Anweisung für jüdisches Leben, vor allem für das immer wieder verlorene Vertrauen in diesen Jahwe, der dann stets zur Strafe schritt.
Ob nun Lukas selbst Jude war, ob er den mythologischen Charakter der alttestamentlichen Geschichten durchschaute oder nicht: Er trägt selbst die Wahrheit in Form von Geschichten vor, auch neben schlicht Historischem wie den Reisen von Paulus mit ihren vielen Widrigkeiten oder dessen Aufenthalt in einer römischen Mietswohnung. Letztlich gibt es für ihn nur ein Ziel: Er will sagen, dass mit diesem Jesus der Erlöser erschienen ist, Gottes Sohn, dessen Leben und Taten mittlerweile mit Recht verbreitet werden. Wie aber kann man so viel Unglaubliches glauben? Eben, normalerweise überhaupt nicht. Es muss also nachgeholfen werden. Und helfen können gut erdachte Geschichten, sehr gut erdachte. Die am allerbesten erdachte ist die Weihnachtsgeschichte, Lukas’ Meistererzählung, heute vielleicht diejenige biblische Geschichte im Rahmen des Neuen Testaments, die als einzige noch nicht untergegangen ist. Martin Walser hat sie im für ihn typischen Überschwang einmal als die »schönste, beste Geschichte« bezeichnet, »die je von Menschen ersonnen und formuliert wurde«. Und so viel stimmt ja auch: Viele bekommen bei »Es begab sich aber zu der Zeit …« immer noch eine Gänsehaut.
Die Vorgeschichte
Lukas fand in seinen Vorlagen nichts bzw. kaum etwas für die Geburtsgeschichte Verwertbares. Von Markus hat er sie nicht, denn der beginnt sein Evangelium mit dem Heuschreckenesser Johannes, der Jesus »von Nazaret« tauft, worauf dieser in die Wüste geht und unter »wilden Tieren« lebt, bis sein Wirken in Galiläa einsetzt. Matthäus, der ausführlichste aller Evangelisten, hat die Weihnachtsgeschichte auch nicht oder jedenfalls nur in Teilen. Denn Matthäus berichtet zwar von der Geburt in Betlehem, fokussiert aber den Auftritt der Weisen aus dem Morgenland, der den Kindermord durch Herodes auslöst. Und Johannes springt wieder sogleich zur Taufe, als wäre ihm, der ohnehin das intellektuellste Evangelium abliefert (»Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott …«), die allzu »realistisch« ausgemalte Geburt peinlich. Lukas geht also deutlich über das von ihm Vorgefundene – eigentlich nur die beiden Städte Nazaret und Betlehem – hinaus, erfindet eigenständig. Und er fällt dabei nicht mit der Tür ins Haus. Er erzählt nämlich nach der Ankündigung der Geburt durch den Engel Gabriel nicht gleich die erfolgte Geburt Jesu (Lk 1,26–38), sondern wendet sich ausführlich Johannes dem Täufer zu.
Bei dieser Szene verkennt man das mythologische Arrangement vielleicht leichter, weil die Umstände ausgesprochen realistisch ausgeführt sind (und dann doch nicht wirklich »stimmen«). Es gibt also einen Priester namens Zacharias und dessen Ehefrau Elisabet, beide besonders gottesfürchtig, aber trotz inständiger Gebete kinderlos und in einem Alter, in dem eine Empfängnis ausgeschlossen scheint. Da geschieht ein Wunder. Während Zacharias im Tempel mit einem kultischen Opfer beschäftigt ist, erscheint der Engel Gabriel und kündigt ihm an, dass seine Frau einen Sohn gebären werde, den er, bitteschön, Johannes nennen möge. Dieser Sohn werde »groß sein vor dem Herrn«, keinen »Wein und berauschende Getränke« trinken – eine im Alten Testament häufige Bemerkung in Bezug auf herausgehobene Persönlichkeiten. Zacharias hat Nachfragen wegen der Unwahrscheinlichkeit, wird von Gabriel dafür zur Strafe mit Stummheit belegt. Das führt später zur großen Überraschung, weil Elisabet den Sohn vor dem Volk auftragsgemäß Johannes nennt, obwohl kein Verwandter dieses Namens existiert, und der stumme Ehemann dies auf einem Schreibtäfelchen sofort bestätigt. Daran schließt sich ein Lobgesang an, das Benedictus (›Gepriesen sei der Herr‹), das schon deshalb aus der Tradition stammen dürfte, weil es zur Situation schlecht passt, spricht Zacharias doch in düstersten Tönen von all dem Unheil, aus dem Jahwe das Volk Israel erlösen musste.
Sagen wir zuletzt noch, dass Geburtsankündigungen in der antiken Literatur geradezu eine eigene literarische Gattung bilden. Sie kommen in Homers Odyssee (11,248 f.) ebenso vor wie in Euripides’ Iphigenie in Aulis (V. 1962 ff.), im Alten Testament sowieso – etwa angesichts der Geburt von Ismael (Gen 16,11 f.), Isaak (Gen 17,15 ff.) oder Simson (Ri 13,3 ff.). Weshalb aber erzählt Lukas diese Geschichte, und was stimmt in ihr nicht? Jeder Kenner des Alten Testaments sieht sofort den Wiederholungscharakter. Ein altes Ehepaar bekommt noch ein Kind – wie der Stammvater Abraham mit 100 Jahren und Sara mit über 90 ihren Sohn Isaak (Gen 21,1 ff.). Eine unfruchtbare Frau wird schwanger – wie Isaaks Frau Rebekka mit den Zwillingen Esau und Jakob (Gen 25,21). Jakobs Frau Rahel ist ebenfalls lange kinderlos, ehe Gott »ihren Mutterschoß« öffnete (Gen 29,31). Und auch Hanna bekommt ihren Samuel erst nach göttlichem Eingreifen. Schließlich folgt der Kommentar der Elisabet auf die Überraschung fast wortgleich dem von Rahel, der die unverhoffte Geburt von Josef (den später seine Brüder verkauften) angekündigt wird (Gen 30,23).
All das kann nur gewollt sein. Der Leser soll denken, dass er sich immer noch im Alten Testament befindet, dass dieses Alte Testament nur fortgesetzt wird – womöglich mit dem Nebengedanken, wie schrecklich doch angesichts von so viel Gemeinsamkeit die Trennung von Juden und Christen ist. Und was stimmt an der Geschichte nicht? Lukas kennt offenbar die Abläufe im Tempel nicht genau, lässt Zacharias ins Innere, hinter den Vorhang, gehen, was nur dem Hohepriester, und zwar einmal im Jahr am Laubhüttenfest, zukam, aber auf Zacharias deshalb nicht zutrifft, weil er mit dem Opfer »an der Reihe« war. Er versah also den normalen Priesterdienst – vor dem Vorhang, so dass die Szenerie mit dem Engel gar nicht möglich gewesen wäre. Wer glaubt, die »Parallele« mit dem Alten Testament sei im Falle von Maria unvollkommen, weil Maria keine alte und deshalb unfruchtbare Frau war, übersieht, dass diese Unvollkommenheit das Geschehen nur steigert. Denn diesmal handelt es sich um eine noch viel unwahrscheinlichere Geburt, weil kein menschlicher Erzeuger nötig ist, sondern das Kind vom Heiligen Geist stammt und von einer Jungfrau geboren werden soll. Der ausdrückliche Hinweis darauf, dass schon Elisabet gegen jede Wahrscheinlichkeit schwanger wurde, zeigt deutlich, dass es um eine Art Überbietung geht.
Und dann toppt Lukas auch dies noch. Maria besucht nämlich Elisabet in der Zeit, als beide schwanger sind, und Elisabet, überrascht davon, dass die »Mutter meines Herrn« kommt, berichtet, dass das Kind in ihrem Leibe vor Freude »hüpfte«, also nach Embryoart strampelte. Worauf Maria jenen Lobgesang anstimmt, der in der späteren Kirche zu einem der wichtigsten überhaupt wurde: dem Magnificat (ich lasse einmal beiseite, dass nach der handschriftlichen Überlieferung unklar ist, ob wirklich Maria und nicht Elisabet singt, was übrigens vom Vatikan 1912 ausdrücklich mit einem Diskussionsverbot belegt wurde). Darin ist nicht nur von der »Niedrigkeit seiner Magd« die Rede, sondern auch von den Mächtigen, die vom Thron gestürzt, von den »Niedrigen«, die »erhöht«, von den »Hungernden«, die »beschenkt« werden, während die »Reichen leer ausgehen« – wieder einmal das ausgesprochene Lieblingsthema von Lukas. Allerdings ähnelt dieser Lobgesang insgesamt einem Vorgänger: nämlich dem Lobgesang der Hanna (1 Sam 2,1 ff.). Abgesehen davon lässt sich diese Umkehrung von Arm und Reich als ein verbreitetes Motiv in der weltlichen Literatur identifizieren, sofern dies ebenso bei Homer in der Ilias (20,242 f.) und der Odyssee (16,211 f.) wie in den Oden Pindars oder in den Troerinnen des Euripides (612 f.) vorkommt. Wer nun Lukas vielleicht nicht der Lüge, dafür aber des Plagiats bezichtigt, muss wissen, dass es gerade das »Plagiat« ist, das die Geschichte Christi schon vor seiner Geburt mit der Tradition Israels verknüpft. Das vermeintliche Plagiat ist jedenfalls nichts anderes als eine Form der Beglaubigung. Es gibt nicht nur Vorausdeutungen, es gibt auch aussagekräftige Parallelen.

Veit Stoß: »Englischer Gruß« (Verkündigung an Maria), St. Lorenz, Nürnberg, 1517/18
Dann wird Johannes geboren, um in die Wüste zu entschwinden, wo er sich auf die Ankündigung des Erlösers vorbereitet. Aber Lukas macht nicht beim erwachsenen Johannes und beim ebenfalls längst erwachsenen Jesus weiter, sondern kehrt noch einmal zurück. Er erzählt dessen Geburt: »Es geschah aber in jenen Tagen …« Man fragt sich, weshalb er dies tat, wo doch jeder erkennen musste, dass es sich um eine Erfindung handelte. Wer sollte davon gewusst und es als Augenzeuge weitergegeben haben? Immerhin gibt sich Lukas Mühe, das Ganze als »wahr« hinzustellen. Dazu gehört ein historischer Bezug. Lukas fand ihn in der Volkszählung bzw. im Eintrag in die Steuerlisten unter Kaiser Augustus, die sein Statthalter Quirinius in Syrien organisierte. Die Frage ist natürlich, ob bzw. wann es diese Volkszählung gegeben hat.
Die Historiker haben darauf eine klare Antwort, denn Quirinius ist ihnen gut bekannt. Er war von Augustus protegiert worden, kämpfte erfolgreich in Kleinasien und erhielt anschließend die äußerst einträgliche Statthalterschaft über Syrien als eine der wichtigsten Provinzen des Reiches, bildete sie doch den Puffer gegen die ewig rebellischen Parther. Dabei kam es zur Neuordnung der Region und in diesem Zusammenhang zur Volkszählung, die auch ein unabhängiger Zeuge wie der Historiker Flavius Josephus erwähnt und auf 6/7 n. Chr. datiert. Es ging also um einen Provinzialzensus, nicht (wie Lukas durch den Bezug auf Augustus berichtet) um einen Reichszensus. Einen solchen Reichszensus gab es tatsächlich in den Jahren 28 und 8 v. Chr. sowie 14 n. Chr. (Augustus’ Todesjahr), hatte aber in keinem Fall etwas mit Quirinius zu tun. Nimmt man den Bericht von Lukas für bare Münze, müsste man also Christi Geburt mit dem Provinzialzensus verbinden.
Nur tut sich dann der nächste Widerspruch auf. Dafür ist allerdings nicht Lukas, sondern Matthäus verantwortlich. Denn der berichtet zwar weder über die Geburt noch die Volkszählung, dafür über Herodes und sein perfides Eingreifen. Das kann natürlich nur zu dessen Lebenszeit geschehen sein, also vor 4 v. Chr. Womit sich die Quiriniusgeschichte gut zehn Jahre später in Luft auflöst. Wer die Geburt von Jesus datieren will, muss sich also entweder an Matthäus mit seinem Herodes oder an Lukas mit seinem Quirinius halten – und jeweils die Konkurrenz vergessen. Wie kann man sich diesen Widerspruch erklären und vor allem auflösen?
Es ist völlig klar, dass es Lukas in erster Linie auf die Geburt in Betlehem ankam, weil »Betlehem-Efrata« nun einmal vom Propheten Micha (Mi 5,1) als die Geburtsstadt des Messias »vorausgesagt« war. Lukas spricht von Betlehem als der »Stadt Davids«, ist aber auch hier nicht ganz genau, denn die »Stadt Davids« war eigentlich Jerusalem, Betlehem nur der Ort von Davids Herkunft, wo er als Hirte lebte. Aber die Familie von Jesus stammte eben aus Nazaret, wo er aller Wahrscheinlichkeit nach auch tatsächlich geboren wurde. Markus sagt es und Matthäus behauptet sogar nicht ohne Dreistigkeit (Mt 2,23), es gebe dazu eine Voraussage im Alten Testament, die er ohne nähere Namensnennung auf »die Propheten« zurückführt – unter denen sich kein einziger als Quelle gefunden hat. Jesus galt jedoch immer als »Nazarener«, für die Juden übrigens ein Grund, ihn nicht als den Messias anzuerkennen, weil der nicht aus Galiläa, sondern aus Judäa mit seiner Hauptstadt Jerusalem stammen musste. Andererseits war die Abstammung aus Nazaret schon deshalb glaubhaft, weil sie so unwahrscheinlich ist – Nazaret muss wirklich ein Kaff gewesen sein.
Es bedurfte also einer schon sehr einleuchtenden Motivation, um die lange und beschwerliche Reise über ungefähr 100 Kilometer anzutreten – mit einer Hochschwangeren. Diese Motivation leistete eben die mit der Volkszählung verbundene Steuerschätzung, die allerdings nicht nur wegen des Quirinius-Herodes-Widerspruchs schwierig ist. Denn dass »jeder in seine Stadt« gehen musste, wie es bei Lukas heißt, ist wieder schlicht unhistorisch, weil Maria und Josef im galiläischen Nazaret vom Provinzialzensus in Judäa gar nicht betroffen waren. Selbst wenn Josef in Jerusalem ein Haus besessen hätte, hätte er nur selbst hinreisen müssen, keineswegs aber Maria. Die schöne historische Fixierung von Lukas bricht also wieder einmal zusammen. Klar ist demgegenüber, dass Lukas die Ereignisse datieren will, weil die Wahrheit über den christlichen Glauben letztlich an der historischen Wahrheit dieses Lebens hängt. Die vielen kleinen Widersprüche wird niemand bemerkt haben, weil die genauen Abläufe fast drei Menschenalter später schlicht vergessen waren.
Die Geburtsgeschichte
Damit kommen wir endlich zur Geburtsgeschichte selbst (Lk 2,1–21). Lukas hat viel (wenn auch letztlich vergeblich) für die Datierung des Jahres getan, aber nichts für den genauen Tag. Die gesamte Ausmalung der Szene mit den Hirten auf den Feldern spricht für alles andere als den heutigen Feiertermin am 25. Dezember, zu dem es selbst in Palästina zu kalt ist, um sich draußen aufzuhalten. Lukas schweigt einfach und lässt stattdessen wieder einmal einen Engel auftreten, nicht Gabriel, sondern einen Ungenannten, der aber offenbar genügt, um die Hirten so sehr zu erschrecken, dass sie beruhigt werden müssen: »Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr« (Lk 2,10 f.). Worauf der Engel auch noch sagt, wo sie das Kind finden können: nämlich bei seinen Eltern, in Windeln gewickelt in einer Krippe. Daraufhin verwandelt sich die Szenerie in eine große Oper – ein himmlisches Heer tritt auf und jubiliert: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens« (Lk 2,14). Die Hirten laufen also los, finden alles wie angekündigt und berichten darüber denen, die sie anschließend treffen. Ende der Geburtsgeschichte.
Sind wenigstens in diesem Fall die Details stimmig? Ja, durchaus, es gibt keine Widersprüche. Dafür wie immer Vorbilder. Die Krippe bzw. den Futtertrog im Stall hat Lukas eingeführt, um einen größtmöglichen Gegensatz von weltlichem Herrscher und Gottessohn zu erzeugen, auch im Hinblick darauf, dass der Erlöser keine »Herberge« findet, vielmehr in der jüdischen Umgebung abgewiesen wird. Die Windeln stehen für die ganz normale Geburt, der Erlöser ist eben nicht vom Himmel gefallen oder sonst wie »geschaffen«, sondern wirklich Mensch geworden, braucht Windeln wie jedes Kind. Und die Hirten? Hirten gehörten nach der damaligen Sozialleiter auf die unterste Stufe, zählen also zu Lukas’ Lieblingen. Sie sind offenbar befähigt, das Ereignis zu verstehen – nach entsprechender Ansprache von oben. Wenn man zusätzlich bedenkt, dass Lukas ein gebildeter Hellenist ist und für den vielleicht noch gebildeteren Theophilus schreibt, könnte man daran denken, dass er die Szene mit einem literarischen Kolorit ausstatten wollte, das nahelag. Als Vergil in der vierten Ekloge seiner Hirtengedichte die Geburt eines Herrschers ankündigte, der ein Goldenes Zeitalter einleiten wird, ist die Umgebung ebenfalls »bukolisch« geprägt, spielt also im Hirtenmilieu, weil Goldenes Zeitalter und Einfachheit zusammengehören – als Gegenbild zu den Zivilisationsexzessen im hochentwickelten Römischen Reich.
Andererseits bewegt sich Lukas ganz in der Tradition des Alten Testaments, wenn er den Hirten ein »Zeichen« geben lässt, wie es immer bei besonderen Anlässen der Fall war. Man kann ihm höchstens vorwerfen, dass er bei der Szenerie noch nicht an Ochs und Esel dachte, die später hinzuerfunden wurden, weil sie perfekt zu einer Vorausdeutung beim Propheten Jesaja passen: »Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht« (Jes 1,3). Lukas fährt fort mit dem, was nach einer Geburt im Judentum gesetzesgemäß notwendig ist: mit der Beschneidung und Reinigung – davon war schon die Rede. Bei dieser Schilderung wird wieder einmal deutlich, dass Lukas sich in den jüdischen Gebräuchen schlecht auskennt. So spricht er von »ihrer« Reinigung im Plural, obwohl nach dem jüdischen Recht nur die Frau dieser Reinigung nach der »unrein« machenden Geburt bedarf – im damaligen griechischen Recht sind es übrigens wirklich beide. Und auch das bei der Reinigung übliche Opfer (zwei Tauben statt des Lamms, das Reiche darzubringen hatten) scheint Lukas mit dem weiteren Opfer von fünf Schekeln durcheinanderzubringen, die dazu dienten, den Sohn bei der Darstellung »auszulösen«, weil jede männliche Erstgeburt ansonsten zum Dienst im Tempel bestimmt war.
Aber es kam Lukas offenbar bei der ganzen Prozedur ohnehin weniger auf die jüdischen Bräuche an als auf ein dabei sich vollziehendes Ereignis, das wieder einmal perfekt ausgedacht sein dürfte. Es taucht nämlich der greise und blinde Simeon auf, dem der Heilige Geist versprochen hatte, er werde vor seinem Tod den Messias sehen. Simeon erkennt das Kind trotz seiner Blindheit sofort, lobt Gott wieder in einem berühmten Lobgesang (dem Nunc dimittis, ›Nun, Herr, entlässt du mich in Frieden‹, ebenfalls einer Collage aus dem Alten Testament, speziell aus dem Propheten Jesaja) für die Erfüllung des Versprechens und kündigt der verdutzten Maria das einstige bittere Ende an. Auch die greise Prophetin Hanna, die sich täglich im Tempel aufhält, kommt hinzu und versteht, was hier vorgeht. Rembrandt hat die eindrucksvolle Szene mehrfach als Motiv gewählt, weil ihn offenbar die Darstellung des Blinden reizte.

Rembrandt van Rijn: Simeon mit dem Jesusknaben auf dem Arm, um 1661
Dann springt Lukas zu zwei Ereignissen, die schon weit von der Geburt entfernt liegen. Zuerst schildert er den spektakulären Auftritt des zwölfjährigen Jesus im Tempel, der plötzlich verschwunden ist und den die besorgten Eltern dabei wiederfinden, wie er die »Alten« belehrt – und die Eltern wegen ihrer verständlichen Sorge einigermaßen derb zurechtweist. Der nächste Abschnitt behandelt dann die Taufe durch Johannes im Jordan mit ungefähr dreißig, und zwar ganz nach Markus unter Mitwirkung des Heiligen Geistes, der aus dem sich öffnenden Himmel in Gestalt einer Taube herabkommt, wozu eine Stimme sagt: »Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden« – was direkt aus dem Propheten Jesaja (Jes 44,1) stammt, wo es auf Israel, den »Gottesknecht«, gemünzt ist. Diese Passage ist immer eng mit einer anderen Stelle in Verbindung gebracht worden, nämlich mit der Formulierung »Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt« aus Psalm 2,7 – möglicherweise überhaupt die ursprüngliche Version. Immerhin beginnt die Kirche nach Ausformung der Liturgie in der Spätantike die Mitternachtsmesse von Weihnachten mit diesem Psalmvers. Nicht zufällig. Denn dem Geburtsfest, das wir heute so selbstverständlich mit Weihnachten als der Geburt des Menschen Jesu verbinden, ging einmal ein ganz anderes Geburtsfest voraus, dem die Vorstellung zugrunde lag, dass die eigentliche, nämlich göttliche Geburt Jesu mit der Taufe zustande kam. Dies wird uns noch näher beschäftigen.
Wie lässt sich ein knappes Fazit ziehen? Ich versuche es so: Lukas hat sich die Geburtsgeschichte ausgedacht und dem ihm vorliegenden Stoff hinzugefügt. Sie ist nach literarischen Kriterien überzeugend, ja »schön« konstruiert, aber nicht wirklich »richtig«. Darüber sollte man sich nicht wundern, weil es um Richtigkeit ohnehin nicht geht. Von heute her gesehen müsste man betonen, dass Lukas nicht einfach ein Idyll bietet. Personen und Ereignisse stammen eigentlich alle aus dem Fundus des Alten Testaments. Die gesamte Geburtsdarstellung läuft auf diese Verbindung hinaus. Wenn man sich Theophilus als ersten Leser vorstellt, lag darin wohl ein äußerst wichtiger Punkt. Noch wichtiger aber: Dieser Jesus war Gottes Sohn. Sein Auftreten hat wirklich stattgefunden, ist (wenn auch nicht widerspruchsfrei) datierbar – für Theophilus vermutlich ebenfalls von erheblicher Bedeutung. Der lange Vorspann vor dem dann folgenden »eigentlichen« Evangelium hat sich also gelohnt.
Man möchte sich ausmalen, wie es Lukas dabei zumute war, dem Erfinder, der sich als Chronist ausgab. Hatte er Skrupel, weil er letztlich nicht die Wahrheit sagte? Oder ist das wieder eine neuzeitliche Vorstellung? Glaubte er überhaupt, dass Theophilus ihm das Mythologische als historisch abnahm? Oder war er eher stolz darauf, ein Stück Mythologie geliefert zu haben, das die wirklichen Tatsachen perfekt in Szene setzte? Niemand weiß es.
Matthäus
Dabei hat Lukas einiges nicht erzählt, ohne dessen Kenntnis die heutige Weihnachtsfestzeit nicht vorstellbar ist: Weder die Anbetung der Heiligen Drei Könige noch der betlehemitische Kindermord kommen bei ihm vor. Es hat also einen zweiten Geschichtenerfinder im Zusammenhang mit Weihnachten gegeben, einen von Lukas unabhängigen. Dies war der Evangelist Matthäus, nicht zu verwechseln mit dem Apostel Matthäus, der in der frühen Kirche allerdings auch als Verfasser des Evangeliums angesehen und aus diesem Grund immer als der erste Evangelist den anderen vorangestellt wurde – sozusagen als Berichterstatter aus erster Hand. Aber auch dieser Evangelist bezieht sich viel zu stark auf Markus, um als selbständig gelten zu können. Natürlich hat man sich auch bei ihm gefragt, ob er zunächst Jude oder Heide war. Weil er nicht nur das Alte Testament sehr gut kennt, sondern auch die jüdischen Traditionen und nicht zuletzt verhältnismäßig schlechtes Griechisch schreibt, hat man ihn mehrheitlich als ursprünglichen Juden angesehen. Dabei ist auch Matthäus ein Befürworter der Völkermission, er könnte in Syrien bzw. der Hauptstadt Antiochia mit ihrer hellenistischen Umgebung gelebt haben. Auf jeden Fall schrieb er ungefähr zur gleichen Zeit wie Lukas, also nach 70, dem Jahr der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer, was Matthäus ausdrücklich als gerechte Strafe für den »Mord« an Jesus ansah – vom ausgeprägten Antijudaismus gerade dieses Evangelisten war schon die Rede.

Theoderich von Prag: Der Evangelist Matthäus, 1360–64
Einen Hinweis auf das Programm, das Matthäus mit seinem Evangelium verbindet, kann man der Überschrift entnehmen, wo die Rede ist vom »Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams«. Darin liegt zunächst einmal eine Imitation des Alten Testaments, wo das 1. Buch Genesis ebenfalls eine »Liste der Geschlechterfolge« von Adam bis Noah bietet. Matthäus aber kommt es auf Jesus an, den Erlöser, und er verortet ihn geradezu programmatisch in der Tradition des Judentums mit David als erstem König und Abraham als Ahnherr der Israeliten. Dann folgen in einer Liste die Söhne Abrahams im Einzelnen, auch vier Ehefrauen. Das Ganze endet (nach dreimal vierzehn Generationen) bei Josef, dem »Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird« (Mt 1,16). Klar, dass die Stelle heikel werden musste, als es um die Unterbringung der Jungfrauengeburt ging. Die Lesarten türmen sich förmlich, im 4. Jahrhundert bietet der wichtige (weil älteste) Codex Sinaiticus die Formulierung: »Josef, mit dem verlobt war Maria, die Jungfrau, zeugte Jesus«, worauf nicht folgt: »Sie wird einen Sohn gebären«, sondern: »Sie wird dir einen Sohn gebären«. Das Entscheidende war für Matthäus offenbar, dass Jesus über Josef von David abstammt. Weil dies an der Zeugung durch den Heiligen Geist zu scheitern drohte, ist er der Namengeber von Jesus – das musste genügen. Jesus war damit Davidide, worauf alles ankam.
An dieser Stelle lohnt ein vergleichender Rückblick auf Lukas, der genau wie Matthäus einen Stammbaum Jesu bietet, aber mit starken Abweichungen (nur zwischen Abraham und David stimmen die Namen überein, danach kaum noch). Lukas bringt die Liste nicht gleich zu Beginn im Zusammenhang mit der Geburtsgeschichte, sondern trägt sie später nach, ehe Jesus nach seiner Taufe in Galiläa zu wirken beginnt. Es handelt sich in diesem Fall nach römischer Tradition um eine aufsteigende Liste der Vorfahren von Josef, die bis zu Adam geführt wird. Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass Lukas Josef gewissermaßen aus der Schusslinie nimmt. Von Jesus heißt es: »Er galt als Sohn Josefs« – Punkt. Für Lukas steht eben Maria im Mittelpunkt, nicht Josef. Wer gibt Jesus bei Lukas den Namen? Eben nicht wie bei Matthäus Josef, sondern Maria. Und wo liegt sonst noch ein wichtiger Unterschied? Bei Lukas sieht die Ausweitung bis Adam so aus, als wolle er damit den universalen Aspekt des Auftretens von Jesus unterstreichen. Bei Matthäus hat man demgegenüber den Eindruck, er wolle Jesus als Juden darstellen, der aus der jüdischen Geschichte heraus die Wende brachte.
Genau dies bestätigt sich in einem noch viel wichtigeren Punkt. Wir wissen schon, dass die Autoren des Neuen Testaments die Beglaubigung ihrer Erzählung auf die Verbindung mit dem Alten stützen. Niemand geht dabei so systematisch und vor allem so offen vor wie Matthäus. Lukas montiert Alttestamentliches ein wie etwa beim Magnificat. Matthäus nennt dagegen ausdrücklich die Stellen, die sich als Voraussage deuten lassen. In der Geburtsgeschichte sind es insgesamt fünf solcher Erfüllungszitate, alle in entscheidendem Zusammenhang. Und alle besagen: Diese Geschichte, die im Folgenden erzählt wird, wurzelt in einer anderen, höchst bedeutsamen, nämlich in der Geschichte des jüdischen Volkes, wie sie dessen Heilige Schriften fixiert haben. Dieser Jesus ist genau der Messias, der angekündigt war, Punkt für Punkt seines Auftretens lässt sich mit den Aussagen des Alten Testaments abgleichen.
Nehmen wir zunächst Betlehem, den Geburtsort, den auch Lukas nennt, aber mit der Volkszählung in Verbindung bringt. Was sagt Matthäus? Er zitiert den Propheten Micha bzw. lässt sogar ganz Unabhängige, nämlich die jüdischen Experten des Herodes, bei dessen Suche nach dem Kind aus Micha zitieren: »Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel« (Mt 2,6). Das Zitat stimmt ungefähr, bei Micha heißt es genau: »Aber du, Betlehem-Efrata, bist zwar klein unter den Sippen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll […] Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, in der Hoheit des Namens des Herrn, seines Gottes« (Mi 5,1–3). Nur muss man auch den Kontext berücksichtigen. Micha, ein Zeitgenosse des bedeutenderen Propheten Jesaja, versucht, seinen Stammesgenossen Mut zu machen angesichts der anrückenden Assyrer. Angekündigt ist also ein Heerführer, der zusammen mit seinen Leuten Assur »mit dem Schwert weiden« und damit das eigene Land retten werde. Zwar ist auch von »Frieden« die Rede, aber einem Frieden durch das Schwert.
Die zweite Vorausdeutung – sie geht der gerade behandelten im Text voran – betrifft die wichtige Jungfrauengeburt. Matthäus fällt ja anders als Lukas wirklich mit der Tür ins Haus, beginnt die »Geburtserzählung« mit der eingetretenen Schwangerschaft. Weil Matthäus aber nun einmal Josef im Visier hat, berücksichtigt er die Gedanken, die sich dieser Josef machen müsste, der genau weiß, dass er mit Maria nicht geschlafen hat, aber es plötzlich mit einer Schwangeren zu tun bekommt. Es erscheint ihm im Traum ein Engel und informiert ihn über die himmlischen Umstände, so dass Josef Maria »zu sich nehmen« kann, ohne sie weiter zu »erkennen«. Will sagen: Josef muss die Schwangere nicht verstoßen, schläft aber auch nicht mit ihr – vorläufig, denn bei Matthäus hat Jesus später Brüder (Mt 12,46 f.) bzw. Brüder und Schwestern (Mt 13,55 f.), die nicht vom Heiligen Geist stammen. Hier jedoch geht es um Jesus, den der Heilige Geist gezeugt hat. Und so beruft sich Matthäus auf »den Propheten«, wobei jeder wusste, dass Jesaja gemeint war: »Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns« (Mt 1,23).
Zugrunde liegt die Jesajastelle (Jes 7,14), die Matthäus nach der Septuaginta zitiert, die tatsächlich an dieser Stelle das griechische Wort parthenos verwendet, das sowohl ›junge Frau‹ als auch ›Jungfrau‹ bedeuten kann. Im hebräischen Text steht dagegen das eindeutige almah für ›junge Frau‹, nicht das ebenfalls eindeutige betulah für ›Jungfrau‹. Das Wort almah wird zum Beispiel im Hohen Lied, einem der bekanntesten Texte des Alten Testaments, verwendet und bezeichnet dort Königinnen und Konkubinen, die ganz sicher keine Jungfrauen waren. Man kann so gesehen von einer Ungenauigkeit der Übersetzung oder schärfer von einem Übersetzungsfehler sprechen. Übrigens enthalten die jüdischen Neuübersetzungen des Alten Testaments ins Griechische nach dem von ihnen empfundenen Skandal der fortschreitenden »Christianisierung« der Septuaginta an dieser Stelle das Wort neanis, das eindeutig ›junge Frau‹ bedeutet. Noch Luther hat dagegen die ›Jungfrau‹ zäh verteidigt. Das Gespräch mit Rabbinern über die Jesajavoraussage brach er gekränkt ab, als die Rabbiner seiner Verteidigung der Jungfrau nicht folgen wollten – nach einer Anekdote wollte er den Juden 100 Gulden zahlen, falls bei Jesaja wirklich nur eine »junge Frau« gemeint sei.
Aber die Sache ist letztlich noch dramatischer. Das Zitat bezieht sich wie beim Zitat von Micha auf die äußerst kritische Bedrohung Israels durch die Assyrer, wobei der Prophet Jesaja seinem König Ahas Mut machen wollte, auf Jahwe zu vertrauen und auf jeden aktiven Widerstand zu verzichten, um keinen Anlass zu einer Racheaktion zu bieten. Jahwe selbst wendet sich an Ahas, dass er sich ein tröstendes Zeichen erbitten solle. Als der sich unentschlossen zeigt, nennt Jahwe selbst dieses Zeichen: Eine junge Frau – das Judentum kennt keine Jungfrauengeburt – werde den Retter Immanuel gebären, und er beschreibt weitere Zeichen, an denen er zu erkennen ist, zum Beispiel dass er Butter und Honig essen werde.
Die nächste Vorausdeutung bezieht sich auf die Flucht der Familie nach Ägypten aufgrund der Verfolgung durch Herodes. Josef ist auch hier wieder – nach entsprechender Aufforderung im Traum – der Protagonist, denn er ist es, der in der Nacht aufstand und »mit dem Kind und dessen Mutter« nach Ägypten flieht, ehe er nach dem Tod des Herodes – wieder nach einem Traum und wieder mit der Familie – nach Nazaret zurückkehrt. Da hakt Matthäus ein und zitiert erneut einen Propheten, der das schon vorher wusste: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen« (Mt 2,15). Der Prophet ist in diesem Fall Hosea, der im 8. Jahrhundert im Nordreich wirkte, als sich das jüdische Volk trotz der politischen Bedrohung immer wieder von Jahwe abwandte. Übrigens macht Matthäus in seinem Zitat aus »Söhnen« einen »Sohn«, um damit die Voraussage zu gewinnen.
Fügen wir noch kurz die letzten beiden Voraussagen hinzu. Beim von Herodes angeordneten Kindermord in Betlehem heißt es: »Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren nicht mehr« (Mt 2,18). Dies bezieht sich auf den Propheten Jeremias (Jer 31,15), der in den Zeiten der Babylonischen Gefangenschaft seinem Volk neuen Mut zu machen versucht. Dazu gehört die Erinnerung an die Verschleppung nach Ägypten, als Rahel, die Lieblingsfrau von Jakob, ihre Kinder beweinte – in Rama nahe Betlehem, wo das Grab der Rahel verehrt wurde. Dabei muss man berücksichtigen, dass es in diesem Fall nicht um Morde ging, vielmehr um Verschleppung, die der Prophet deswegen als Referenz heranzog, um zu betonen, dass diese einst Verschleppten im Triumph zurückkehren sollten. Genau damit wollte er die neuerlich Verschleppten trösten, die von den Assyrern übrigens vor ihrem Abtransport nach Babylon in Rama gefangengehalten worden waren. Über die letzte und schwächste Erfüllungsvoraussage im Zusammenhang mit Jesus als »Nazarener«, die sich nirgendwo finden lässt, wurde schon gesprochen.
Um zusammenzufassen: Keine einzige Vorausdeutung erfüllt Kriterien, die man nach moderner historisch-kritischer Methode an eine solche stellen muss. Dafür sind sie zu sehr aus dem Zusammenhang gerissen, entstellt, ja beruhen auf Übersetzungsfehlern. Aber es gibt eben auch eine andere Perspektive. Wenn man nicht so genau hinsieht, erscheinen die Ereignisse des Neuen Testaments aufgrund ihrer Spiegelung im Alten in einem reizvollen Licht, voller Bezüge, die immer nur eines andeuten: dass Gott in dieser Welt handelt. Wer auch noch glaubt, dass dieser Gott seinen Sohn als Erlöser der Welt geschickt hat, kann nicht davon ausgehen, dass sich dieses Ereignis unangekündigt, unkommentiert, einfach nur »historisch« vollzog. Es muss in ein Gewebe von Zeichen gehüllt sein, die sich mit etwas Mühe entdecken lassen. Eine Jungfrau gebiert den Sohn Gottes – wer fragt da nach den genauen Umständen? Matthäus tut es nicht, weil er nicht an Zufälle glaubt, wo es um etwas so Wichtiges geht. Und was ist wichtiger als diese alles ändernde Geburt?
Matthäus versucht, die Glaubwürdigkeit also anders als Lukas zu erzielen. Er vertraut auf die Voraussagen, weil er ohnehin die Jesus-geschichte in die Geschichte Israels eingebettet sieht. Im Übrigen arbeitet er nicht mit einer historischen Datierung, der dann eine idyllische Schilderung mit Hirten fern jeder historischen Wirklichkeit folgt, sondern bietet eine durch und durch »historische« Szenerie mit realistischen oder durchaus realistisch wirkenden Akteuren.
Drei Magier und Herodes
Den Start bildet dabei ein kosmisches Ereignis, das der Geburt eines Gottes angemessen ist, jedenfalls in der antiken Tradition immer wieder mit einem solchen verbunden wurde. Es gibt also ein Zeichen am Himmel: Ein Stern ist erschienen, der auf einen Ort verweist, an dem sich Großes ereignet.
Man kennt die Geschichte, die sich nun vollzieht. Der Stern wird von Spezialisten beobachtet, von Astronomen bzw. Astrologen, die sich mit Sternen und Vorbedeutungen auskennen – Matthäus spricht von magoi, was die Einheitsübersetzung mit ›Sterndeuter‹ und Luther mit ›Weise aus dem Morgenland‹ übersetzt. Im allgemeinen Sprachgebrauch wurden daraus gemeinhin ›Magier‹. Die historischen Vorbilder dürften persische Priester gewesen sein, später ausgeweitet auf Theologen, Astronomen/Astrologen, Zauberer und Wundertäter aus dem Osten. In der Tradition wurden daraus Könige, wieder einmal im Sinne einer Vorausdeutung. Den Bezug stellt Psalm 72 her, der das Vermächtnis Salomos für seinen Nachfolger formuliert: »Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Gaben, mit Tribut nahen die Könige von Scheba und Saba. Alle Könige werfen sich vor ihm nieder, es dienen ihm alle Völker.« Entgegen der unbestimmten Zahl bei Matthäus sind es bei Origenes dann genau drei, weil Matthäus von drei Geschenken berichtet: Gold, Weihrauch, Myrrhe. Natürlich ist auch dies immer wieder kommentiert bzw. gedeutet worden, zum Beispiel Weihrauch für Jesus als Gott, Myrrhe für den Menschen, Gold für den König. Ganz abgesehen davon, dass die Sterndeuter-Könige Namen bekamen, nämlich Caspar, Melchior und Balthasar. Sie wurden zuerst als Vertreter der drei Lebensalter, später als Vertreter der gesamten bekannten Welt gesehen, so dass Caspar als Schwarzer dargestellt wurde und in der Kunst häufig auffällig prunkvoll-modisch gekleidet ist.

Ludwig Konraiter (zugeschr.): Die Anbetung der Könige, Magdalenenkappelle, Hall (Tirol)
Es ist klar, was Matthäus mit seiner mythologischen Darstellung »sagen« will: Gottes Sohn kommt nicht einfach so in die Welt, der Kosmos reagiert. Und der zweite, noch wichtigere Punkt: Dieser Sohn Gottes kommt zu den Juden, deren Schriftgelehrte werden förmlich auf ihn aufmerksam gemacht, wissen auch aufgrund ihrer Bibelkenntnis, dass nur Betlehem für die Geburt in Frage kommt – und gehen nicht hin. Ganz im Gegenteil, sie verraten den Ort auch noch jemandem, bei dem sie sich ausrechnen können, dass er kurzen Prozess machen wird – Herodes. Nur zeigt sich dann, dass Gott solche Boshaftigkeit durchkreuzt. Er lässt im Traum Josef informieren, der dann mit der Flucht nach Ägypten die Situation rettet. Schon die Magier müssen Lunte gerochen haben, kehren sie doch nicht zu Herodes zurück, um ihm die genaue Lage zu verraten, sondern ziehen »auf einem anderen Weg heim in ihr Land«. Herodes sieht sich damit »getäuscht« und greift zur Rache. Schwer zu sagen, wer danach schlechter dasteht: Herodes als Mörder oder die Juden als Verräter.
Matthäus hat also konstruiert, aber er macht es anders als Lukas. Gewiss, er »mythologisiert«, aber die Ereignisse fühlen sich »historischer« an, auch wenn ein wichtiger Punkt offenbleibt. Matthäus sagt nichts über die Zeit des Ereignisses, erwähnt keine Krippe, sondern spricht von einem »Haus«, in dem die Sterndeuter das Kind »sahen«. Jedenfalls finden sich bei Matthäus keine Krippenseligkeit, keine Hirten mit Engelsgesang, sondern konkrete Gestalten, die politische Ereignisse hervorrufen, die das Geburtsgeschehen mit der damaligen politischen Wirklichkeit verknüpfen. Das liegt weniger an den Sterndeutern als an Herodes. Und in einem überraschenden Punkt ist auch noch das, was man am ehesten als Mythologie verstehen könnte, wieder mit der damaligen Gegenwart verknüpft: der Stern bzw. die mit ihm verbundene Erwartung eines kommenden Herrschers. Ich muss dazu etwas ausholen, denn die »normalen« Kenntnisse über diesen Herodes als Kindermörder reichen nicht. Zumal der von ihm angeordnete Mord eines der wenigen Verbrechen ist, das er nahezu sicher überhaupt nicht begangen hat.
Herodes war in seinem Todesjahr 4 v. Chr., das letztlich das wahrscheinlichste Jahr von Christi Geburt darstellt, 70 Jahre alt. Er müsste also damals den Mord organisiert haben, was schon aufgrund seiner schweren Krankheit unwahrscheinlich erscheint. Er war zuletzt schlicht »wahnsinnig« und wird keine Magier empfangen haben, die etwas über einen Stern faselten. Aber man erinnerte sich im Osten sehr gut an die Karriere dieses Despoten, der es zum nach Kaiser Augustus reichsten Mann der damaligen Welt gebracht hatte – ihm gehörte mehr als die Hälfte des Landes, daneben betrieb er auch noch höchst einträgliche Kupferminen. Augustus bezeichnete Herodes als seinen zweitbesten Freund, direkt nach seinem persönlichen Berater. All dies war Herodes nicht in die Wiege gelegt, er hat die Position in einem zähen, bluttriefenden Kampf errungen, der ihn immer wieder mit Rom in Verbindung brachte, zunächst auf Seiten des heftigsten Gegners des späteren Augustus. Diese Verbindung mit Rom aber ist wichtig, weil wir hier zum ersten Mal auf den Stern stoßen.
Zunächst also ein Schritt zurück. Palästina war unter den Nachfolgern von Alexander dem Großen im 3. Jahrhundert an die Seleukiden gegangen. Da brach der Aufstand der Makkabäer aus, die zeitweise Jerusalem für sich gewannen und Könige wurden. 64 v. Chr. machte Pompeius dem ein Ende, ließ Jerusalem stürmen, massenhaft seine Verteidiger töten und schaffte anschließend das Königtum ab. Darauf wurde Pompeius im Bürgerkrieg von Caesar besiegt, der einen Erben der Makkabäer, den Hasmonäer Antipater zum Prokurator, also obersten Verwalter, von Judäa machte, zusammen mit seinen Söhnen, von denen einer Galiläa erhielt – Herodes. Der damals Fünfundzwanzigjährige ließ als Erstes alle irgendwie verdächtigen Juden töten, musste deshalb einen Prozess überstehen, bei dem ihn die Römer retteten. Bei den Juden war er deshalb von Anfang an verhasst, zumal Herodes, der sich jüdisch »gab« und zum Beispiel die jüdischen Speisegebote befolgte, als Idumäer, also Spross eines heidnischen Volkes in Palästina und Sohn einer arabischen Mutter, eher zum Schein zum Judentum konvertiert war. Flavius Josephus, der jüdische Historiker der Epoche und Region, der die Fronten wechselte und mitten im jüdisch-römischen Krieg zu den Römern übertrat, betrachtete ihn als einen hoffnungslosen Fall, unter anderem als sexuell unersättlich.
In der weltgeschichtlichen Auseinandersetzung zwischen Oktavian und Marcus Antonius schlug sich Herodes auf die Seite des Antonius, der ihn in Palästina als König einsetzte. Herodes machte sich anschließend bei seinem jüdischen Volk lieb Kind durch die Heirat mit Mariamne, einer Makkabäerprinzessin, einer Vorzeigejüdin also. Überhaupt setzte er sich immer wieder für sein Volk ein, erließ etwa in Notzeiten Steuerbefreiung. Aber dann wurde es turbulent. Die ewigen Gegner Roms im Osten, die Parther, drangen vor, der letzte (im Verborgenen lebende) Makkabäerfürst Antigonos verbündete sich mit ihnen, erhielt für 1000 Talente (also sehr viel Geld) und einen Harem mit 500 Frauen die Stadt Jerusalem. Jerusalem erhob sich prompt gegen Herodes, der mit seinen Konkubinen in die Wüste Judäas floh, aber von dort etwas tat, was seine Karriere erheblich beschleunigen sollte: Er reiste nach Rom, wo ihn Antonius (der damals noch mit Oktavian als dem späteren Augustus kooperierte) zum König von Judäa ernannte. Das war im Jahr 40 v. Chr., einer sehr bewegten Zeit.
Machen wir an dieser Stelle einen Schnitt und wenden uns den Ereignissen in Rom zu. Genau um diese Zeit, als noch nicht klar war, wer aus dem großen Ringen als Sieger hervorgehen würde, Antonius oder Oktavian (der spätere Augustus), glaubte man in Rom, dass ein Stern eine hohe Geburt ankündige. Die astronomisch-astrologischen Verhältnisse waren gerade dramatisch: Saturn trat vom Zeichen der Fische in das des Widders ein – am Frühlingspunkt also, der immer als Anfangstermin der Welterschaffung gegolten hatte. Vergil, der mit seiner Aeneis das römische Staatsepos schaffen sollte, arbeitete die Ankündigung der Geburt dieses Kindes (eines Abkömmlings Jupiters) in eines seiner Hirtengedichte ein, die Bucolica, als die vierte Ekloge. Mit diesem Kind namens Aion kehre das Goldene Zeitalter zurück. Man kann sich vorstellen, auf wen dies bezogen wurde, als Oktavian dann endlich siegreich aus den fürchterlichen Bürgerkriegen nach Caesars Ermordung hervorgegangen war – natürlich auf ihn, den nunmehrigen Augustus. Zwar hatte Vergil selbst die Ankündigung auf das Haus des Konsuls Pollio gemünzt, dem die Ekloge gewidmet ist, aber in der Rezeption trat sehr schnell der Kaiser an diese Stelle, zumal man auch in seinem Hause eine Geburt erwartete. Und dann dichtete man ihm (nach der Biographie Suetons im frühen 2. Jahrhundert) indirekt auch noch einen Kindermord an, sofern der Senat jeden neugeborenen Knaben zu töten beschlossen hätte, um zur Republik zurückkehren zu können.
Was aber in Rom kaum jemand mitbekam: Es gab einen dritten Anwärter auf das göttliche »Aionskind«, nämlich keinen anderen als Herodes, seit seinem Romaufenthalt ein enger Freund dieses Pollio. Der schon damals Größenwahnsinnige bezog die Geburt auf sein eigenes Haus, zumal seine Frau Mariamne als »Stern der Hasmonäer« galt. Das alles spielte sich also in den Jahren nach 40 v. Chr. ab, also weit vor der Geburt Jesu und dem Auftreten der sternsuchenden Magier. Aber der Stern war nun einmal in der Welt, man wusste um die Vision des Goldenen Zeitalters dank dieses Sterns, wie sie Vergil auf klassische Weise formuliert hatte. Matthäus könnte die Story auch vier Generationen später noch gekannt und genutzt haben.
Was Matthäus auf jeden Fall nutzte, ist dann die Brutalität des Herodes, die sein Wirken durchweg prägte und wohl lange im Gedächtnis geblieben war. Denn Herodes kehrte in die alte Heimat Jerusalem zurück, um sich sein Reich zurückzuholen, wobei er zunächst Antonius in schwieriger Situation im Osten gegen die Parther half, ihn in bedrängter Lage buchstäblich rettete. Der Dank waren 30 000 Fußsoldaten und 6000 Reiter, mit denen Jerusalem zurückerobert wurde, wobei die Metzelei so furchtbar ausfiel, dass selbst Herodes die Römer bestach, damit sie aufhörten. Herodes ließ anschließend Antigonos als letzten Makkabäerfürsten stilvoll enthaupten, weiter von 71 Angehörigen des Hohen Rats (des »Sanhedrin«) 45 brutal hinrichten. Nur gab es noch einen Spross der Makkabäer, der auf Rache sinnen konnte – seine Ehefrau Mariamne in seinem eigenen Schlafzimmer.
Simon Sebag Montefiore hat die unglaublichen Einzelheiten in seinem Jerusalem-Buch eindrücklich geschildert, wozu eine Verschwörung von Mariamne mit Antonius’ Frau Kleopatra gehört, um Herodes zu vernichten. Die Morde in der eigenen Familie reihten sich im damaligen Jerusalem aneinander. Herodes’ Schwester Salome (die später das Haupt des Johannes forderte, worüber Matthäus ja berichtet) ruhte nicht, bis Mariamne hingerichtet war. Er selbst war trotz seiner Krankheit noch handlungsfähig genug, um das Morden unter seinen eigenen Söhnen fortzusetzen, bis er im Jahr 4 v. Chr. zusammenbrach. Und dieser Herodes soll das Jesuskind verfolgt haben, wo er konkurrierende Kronprätendenten nicht aus den Sternen lesen musste, sondern genügend in seinem eigenen Hause vorfand?
Matthäus griff also auf sehr vage Kenntnisse über diesen Unglücksherrscher zurück, der sich in Jerusalem mit einem prächtigen Tempelneubau, einem wahren Weltwunder, und seinem Palast auf eine Weise verewigt hatte, deren Grundmauern noch heute sichtbar sind. Natürlich konnte Matthäus ihm angesichts dieser Biographie den Kindermord in die Schuhe schieben – aber zu einer Zeit, als die Erinnerung an die wirkliche Grausamkeit schon verblasst war.
Der Stern
Ein Stern – nehmen wir den Faden wieder auf – fungiert als Ankündiger eines großen Ereignisses (Mt 2,1–12). Matthäus sagt darüber nichts Genaues, eher Verwirrendes, wenn dieser Stern nach seinem Erscheinen zunächst wieder verschwindet, so dass die Magier in Jerusalem nach dem Ort fragen müssen, und dann plötzlich »zu ihrer großen Freude« wiederkehrt, um sie zur Krippe zu führen. Das »Führen« ist also eigenartig unbestimmt gelassen, obwohl es ein durchaus prägnantes Vorbild gab. Denn Vergil hat nicht nur in seiner Ekloge einen Stern als Zeichen für eine bedeutende Geburt bemüht, sondern in seinem berühmteren Werk, nämlich der Aeneis, einen Stern als dauerhaften Führer geboten, nämlich von Aeneas und seinem Vater, als sie aus dem brennenden Troja fliehen – übrigens ist es ein Komet mit einem Schweif (stella facem ducens, ein ›Stern, der eine Fackel mit sich führte‹), der dann auf den Stern der drei Könige übertragen wurde und bis heute in kaum einer Krippendarstellung fehlt. Ausdrücklich ist in diesem Zusammenhang von einem »Wunder« die Rede.
Literarisch sind Sterne, speziell Großes ankündigende, also nichts Besonderes. Wo man auch hinsieht, tauchen sie gerade bei der Geburt von wichtigen Persönlichkeiten auf. Der römische Historiker Sueton berichtet es in seinen Kaiserviten von Caesar (in Kapitel 88, bei der Begräbnisfeier) und Augustus (als Sternzeichen in Kapitel 94), in anderen Quellen findet man es im Hinblick auf den Pharao genauso wie auf den Philosophen Platon. Ein damals bekannter Fall war auch noch König Mithridates VI. von Pontos, der im 2. Jahrhundert v. Chr. kurzzeitig die römische Herrschaft in Kleinasien bedrohte. Matthäus hat also aus vielen Quellen schöpfen können. Eigenartigerweise lässt er sich jedoch eine Vorausdeutung entgehen, die später die Theologen vorbrachten, nämlich den Spruch des nichtjüdischen Propheten Bileam, eines Zeitgenossen von Mose, der sich auf die Rückkehr des jüdischen Volkes aus Ägypten bezieht: »Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel« (Num 24,17).
Neuzeitliche Astronomen haben sich natürlich kundig gemacht und nach Ereignissen am Himmel gesucht, die für das himmlische GPS in einem historischen Sinne in Frage kommen. Im Jahr 12 bis 11 v. Chr. (also für die Geburt deutlich zu früh) war der Halleysche Komet zu sehen, der alle 75 Jahre wiederkehrt, wie Johannes Kepler herausfand. Zeitlich etwas besser positioniert, dafür ansonsten weniger spektakulär, gab es 7 v. Chr. eine große Konjunktion der drei Planeten Jupiter, Saturn und Mars im Sternbild der Fische, wobei die Fische immer dem »fruchtbaren Halbmond«, also auch Palästina, zugeordnet waren und der Fisch als Symbol der Christen galt, weil griechisch ichthýs mit seinen Buchstaben für iēsoûs (›Jesus‹), christós (›der Gesalbte‹), theoû (›Gottes‹), hyiós (›Sohn‹) und sōtér (›Retter‹) standen.
Hinzu kam noch, dass die eng nebeneinander am Himmel stehenden Planeten eine besondere Helligkeit erzeugten: Astronomen sprechen von einem Zodiakallicht, das aus der Bestrahlung der interstellaren Materie zwischen Sonne und Erde resultiert. Wie der Astronom Konradin Ferrari d’Occhieppo herausgefunden hat, strahlte dieses Zodiakallicht, von Jerusalem aus gesehen, genau in Richtung Süden, also nach Betlehem, übrigens auch nach Edom, der Heimat der herodianischen Königsfamilie. Auch weitere Konstellationen kommen in Frage, von denen allerdings keine das Zeug dafür hat, vor Beobachtern herzuziehen und sie an einen Ort zu führen. Über irgendeine Form von astronomisch akzeptablem Wissen (auch nach dem Kenntnisstand der damaligen Zeit) kann Matthäus ohnehin kaum verfügt haben. Aber er hatte ja letztlich Besseres: den Sternenglauben der Zeit, nach dem irdische Ereignisse mit himmlischen verknüpft sein müssen.
Letztlich wollte Matthäus eine dramatisch-eindrucksvolle Geschichte erzählen, die nebenbei zeigt, wie sehr dieser Neugeborene von Anfang an gefährdet war, den man ja später wirklich ans Kreuz nagelte. Und so macht Matthäus Herodes für seine Zeitgenossen wohl immer noch überzeugend zum Gegenspieler des neugeborenen Kindes. Im Übrigen geht die Geschichte für Jesus selbst vorläufig ja gut aus. Denn erstens kommt es zur berühmten Szene, in der die Könige im Stall eintreffen und als Zeichen ihrer Huldigung ihre Gaben abliefern. Damit ist ihre Aufgabe erfüllt, sie ziehen weiter, ohne noch einmal mit Herodes zusammenzutreffen. Dessen Soldaten aber erwischen nicht das richtige Kind, weil es längst weg ist. Die Eltern fliehen mit Jesus nach Ägypten, wo sie den Tod von Herodes abwarten, ehe sie zurückkehren. Wir kennen schon die unkonkrete Vorausdeutung, die Matthäus damit verbindet. Aber man sieht auch den Hintergrund der Erfindung: Die Ereignisse um die Geburt Jesu ähneln der Geschichte des jüdischen Volkes, das ja ebenfalls nach Ägypten floh (in diesem Fall, weil es an Nahrungsmitteln mangelte) und später in sein angestammtes Land zurückkehrte. Wobei auch noch der Kindermord seine Parallele besitzt. Auch der damalige Pharao ließ die Erstgeborenen des jüdischen Volkes ermorden, weil er fürchtete, sie würden in Ägypten die Macht übernehmen. Und auch in diesem Fall entwischte das »wichtigste« Kind, nämlich Mose, der dann zum Führer seines Volkes aufstieg.

Der Betlehemitische Kindermord. Ausschnitt des Bodenmosaiks im Dom von Siena
Es könnte allerdings auch sein, dass dem »mythologischen« Motiv der Weisen aus dem Morgenland ein konkretes geschichtliches Ereignis als Anregung diente. Denn im Jahr 66 n. Chr., diesmal also in unmittelbarer Nähe zur Abfassungszeit des Evangeliums, gab es einen spektakulären Auftritt vor Kaiser Nero in Rom, der unter anderem von einem ganz unabhängigen Autor bezeugt wird, nämlich von Plinius dem Älteren, dem römischen Flottenkommandanten mit naturkundlichen Interessen, in dessen Naturgeschichte (30,6,16 f.). Der armenische König Tiridates war mit dreitausend Reitern auf dem Landweg nach Italien gezogen, um genau das zu vollziehen, was die Heiligen Drei Könige getan hatten: nämlich dem Gott-Kaiser zu huldigen. Plinius bezeichnet sie übrigens ausdrücklich als »Magier«. Die pomphaften Umstände kann man sich leicht ausmalen. Ob Matthäus von dem aufsehenerregenden Ereignis gehört hatte und die Anbetung in Betlehem als Gegenstück konzipieren wollte (wie der Theologe August Strobel vermutete)? Gegen die Utopie vom römischen Weltfrieden, der auf Waffengewalt gründete, die Utopie von einem ganz anderen Frieden, der vom Kind in der Krippe ausgeht? Gegen die dreitausend Perser die Heiligen Drei? Und nicht zuletzt: gegen den Weltherrscher in Rom, der vor gerade einmal zwei Jahren anlässlich des Brandes von Rom die Christen als Verursacher verdächtigte, weil man ihn selbst im Verdacht hatte, und sie bevorzugt als lebendige Fackeln verbrennen ließ?
Die Erfindung des Weihnachtsfestes
Anfänge des Kirchenjahres
Die frühe Kirche hatte das Problem jeder Religion: Sie musste für die Durchsetzung ihrer Lehre angemessene Formen finden. Da die ersten Mitglieder Juden waren, orientierte man sich an deren Gebräuchen. Paulus feierte nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte die drei Hauptfeste des Judentums zusammen mit den Juden: Pessach-Ostern, Pfingsten und das Laubhüttenfest. Bei jedem nächsten Schritt aber sann man auf Abgrenzung.
Dies zeigt sich bereits an der Übernahme der Siebentagewoche. Die Römer kannten sie nicht, sie benutzten eine Achttagewoche mit den Kalenden, Nonen und Iden als den Markttagen. Allerdings gibt es die Siebenteilung schon sehr viel früher im Zweistromland, wo man eine Gliederung des Mondmonats in vier (fast) gleiche Phasen zu je sieben Tagen mit entsprechendem Ausgleich vorgenommen hatte. Die Juden übernahmen das Schema ohne Bezug auf Mondphasen bzw. Monatsgrenzen, weil es zum Schöpfungsbericht im Alten Testament mit der Erschaffung der Welt an sieben Tagen inklusive des Ruhetages am Ende passte. Dabei lag dieser Ruhetag auf dem Samstag, dem Sabbat. Als die Christen das Schema aufgriffen, verlegten sie den Ruhetag auf den Sonntag, den »Tag des Herrn«. Schon Paulus notiert es in seinem Brief an die Galater (Gal 4,10 f.) nicht ohne polemischen Unterton: Der jüdische erste Tag der Woche wird bei den Christen zum letzten. Seit dem 2. Jahrhundert gibt es Zeugnisse für den Sonntag als den Tag, an dem die Gemeinde Eucharistie feierte.
Dann folgte die Bestätigung von höchstmöglicher Stelle. Kaiser Konstantin erklärte 321 den Sonntag zum Ruhetag für Richter, Stadtbevölkerung und alle Erwerbstätigen mit Ausnahme der Bauern, nachdem er das Christentum zwar noch nicht als Staatsreligion, aber als wichtigste des römischen Staates installiert hatte.
Noch viel gravierender aber gestaltete sich die Umformung von Pessach als dem höchsten Fest der Juden, das eng mit dem Kreuzestod Jesu verknüpft war. Schon immer hatten die Juden das Kommen des Messias in der Nacht vor dem Frühlingsvollmond erwartet. In dieser wichtigen Nacht war auch der Auszug aus Ägypten erfolgt, aus der Sklaverei, die dann mit dem Pessachfest für immer in Erinnerung gehalten wurde. Dieses jüdische Hauptfest dauerte sieben Tage im Frühlingsmonat Nisan, mit dem Höhepunkt am 15. Tag nach Neumond, dem Mazzotfest. Die Kreuzigung Jesu aber war genau in die Zeit des Pessachfestes gefallen, auch wenn sich die Evangelisten über die genauere Abfolge der Ereignisse (das Abendmahl verlegen die Synoptiker auf Donnerstag, Johannes auf Freitag) nicht einig sind, nur darin, dass Kreuzigung und Tod auf einen Freitag, die Auferstehung auf einen Sonntag fiel. Für uns ist wichtig, dass das Christentum mit Ostern sein erstes zentrales Fest erhielt. Weiter, dass sich dieses Fest an das jüdische Pessachfest anlehnte, weil die historischen Abläufe eben miteinander verbunden waren. Das bedeutete: Gefeiert wurde nach dem Mondkalender, den Zeitpunkt bestimmte der erste Frühlingsvollmond. Ostern war damit ein bewegliches Fest (Luther sprach später von einem »Schaukelfest«, das er gerne auf einen fixen Termin gelegt hätte: den 25. März). Nur setzten damit sofort größte Schwierigkeiten ein.
Unter den Judenchristen gab es – erster Streitpunkt – eine Gruppe, die den Wochentag der Kreuzigung als Ostern beging, während die Heidenchristen den Tag der Auferstehung, also immer den Sonntag, bevorzugten. Der zweite Streitpunkt betraf die Berechnung des Osterfestes überhaupt. Die Bestimmung des Frühlingsvollmonds setzt voraus, dass man weiß, wann der Frühling (als Zeitpunkt der Tagundnachtgleiche) eintritt. Dessen Bestimmung schwankte aber damals zwischen dem 21. und 25. März. Als Caesar den römischen Kalender erneuerte, fiel die Frühlings-Tagundnachtgleiche genau auf den 25. März. Seither aber rückte der Termin aufgrund einer leichten Ungenauigkeit bei der damaligen Bestimmung der Länge des Jahres immer weiter vor, pro Jahrhundert um etwas mehr als einen Tag. Durchsetzen sollten sich die Gelehrten in Alexandria mit ihrer tatsächlich überlegenen astronomischen Kenntnis, denen man sich in Rom dann anschloss bzw. sich auf deren Berechnung verließ.
Dabei rechnete man nicht jedes Jahr neu, sondern entnahm das Datum der jeweils fälligen Osterfeier Tafeln, die ganze Zyklen enthielten. Die Astronomen hatten nämlich verstanden, dass die Tagundnachtgleiche (und damit auch Ostern) nach gewisser Zeit wieder auf das gleiche Datum und schließlich auch auf den gleichen Wochentag fällt. In einer älteren, noch ungenauen Berechnung war die Wiederholung mit 16 Jahren (für das gleiche Datum) bzw. siebenmal 16, also 112 Jahren (für gleiches Datum und gleichen Wochentag), angegeben, nach einer späteren und genaueren Berechnung auf 19 bzw. 28 mal 19, also 532 Jahre. Dabei wurde ein interessantes Nebenproblem gelöst, das bis heute nachwirkt. Der römische Abt Dionysius Exiguus (›der Kleine‹) rechnete im 6. Jahrhundert nicht nur vorwärts, sondern auch zurück und schloss dabei den ersten Zyklus an das Jahr der Geburt Jesu an, womit die alte Zeitrechnung nach den Regierungsjahren des jeweiligen römischen Kaisers wegfiel. Natürlich kannte dieser Dionysius das Geburtsjahr nicht wirklich, er bestimmte es nach den Daten, die man in diesem Zusammenhang als wahrscheinlich angesehen hatte. Übrigens kannte man in der damaligen Mathematik noch nicht die Null, weshalb dem Jahr 1 v. Chr. das Jahr 1 n. Chr. folgt. Wir haben also bei der Diskussion um Ostern zwar keinen Tag der Geburt, aber immerhin ein Jahr dieser Geburt erhalten, das bis heute weltweit den Kalender bestimmt.
Was die Feier des Osterfestes betrifft, bleibt noch ein letzter Punkt zu erwähnen. Wie auch immer der Termin bestimmt wurde: Niemand wollte, dass das christliche Osterfest mit dem jüdischen Pessachfest zusammenfiel, lieber gab man die exakte Berechnung auf. Wenn der Zusammenfall drohte (weil das Mazzotfest ebenfalls auf einen Sonntag fiel, was alle sieben Jahre vorkommt), rückte man eine Woche weiter, um nicht »mit den Juden« zu feiern. Anlehnung an die Juden und Distanzierung oder gar Abscheu gingen also von Anfang an zusammen. Lange Zeit hörte man trotz der grundsätzlichen Einigung von verschiedenen Feierterminen in einzelnen Gemeinden, was in der Großkirche als erheblicher Makel, ja Skandal empfunden wurde. Aber mit dem Osterfest war sozusagen ein erster fester Punkt im Kalender gegeben, um den sich das Jahr dann drehen konnte. Auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 sollten dafür die Würfel endgültig fallen.
Die nächsten Feste lagen dann gewissermaßen auf der Hand. Sie konnten nur aus dem biblischen Geschehen abgeleitet werden, aus den weiteren Stationen im Leben Jesu, die man kannte. Eines der ersten Feste betraf Pfingsten, wieder mit jüdischer Vorgabe, sofern es um den 50. Tag nach Pessach ging. Man musste nur den Sinn des Festes ändern, also statt der Übergabe der Tora nach dem Bericht des Lukas das Erscheinen des Heiligen Geistes feiern, wie es Lukas im 2. Kapitel seiner Apostelgeschichte geschildert hatte. Früh verband man damit außerordentlich Wichtiges: nämlich die Entstehung der Kirche. Weil zwischen Ostern und Pfingsten die Auffahrt Jesu in den Himmel stattfand, nach Lukas am 40. Tag der Osterzeit (deshalb immer an einem Donnerstag), ergab sich auch noch ein drittes Fest: Christi Himmelfahrt. Die Feier von Pfingsten als Abschluss der Osterzeit ist erstmals im Jahr 130 bezeugt, gehört also zu den frühesten Festen überhaupt. Christi Himmelfahrt ist komplizierter, wurde in der frühen Kirche eigenartigerweise trotz Lukas mit Pfingsten zusammen begangen. Die »korrekte« Trennung scheint im späten 4. Jahrhundert erfolgt zu sein, möglicherweise in Verbindung mit dem Konzil von Nicäa.
All diese Feste ließen sich datieren, weil sie gewissermaßen an Ostern »hingen«: die Himmelfahrt nach 39 Tagen, Pfingsten nach 49. Schwieriger wurde es mit Ereignissen, über die die Evangelisten berichteten, ohne ein Datum zu nennen. Dazu gehörten die Geburt Jesu und seine Taufe. Beide Feste wurden spät eingeführt und traten dann auch noch eine Weile in eine eigenartige Konkurrenz, weil einige Theologen die Taufe als die eigentliche Geburt ansahen – die Geburt des Gottessohnes. Und so flossen Taufe und Geburtstag gewissermaßen zusammen, mit der Folge, dass für eine »richtige« Geburt kein Bedarf mehr bestand.
Mehr noch: Gegen ein Fest der Geburt gab es sogar Widerstand. Einer der bedeutendsten Kirchenlehrer im 3. Jahrhundert, Origenes, in Alexandrien geboren, aber auch nach Rom gekommen, protestierte dagegen mit dem Argument, Geburtstag feierten nur die Heiden, womit er besonders an den römischen Kaiser dachte, der diesen Tag immer äußerst prunkvoll zu begehen pflegte. Augustus hatte damit begonnen, sein Geburtstag fiel auf den 23. September, der zum nationalen Feiertag erklärt wurde mit Prozession durch Rom, Staatsopfer und Spielen für das Volk. Übrigens galt dies auch für den Geburtstag der Stadt Rom am 21. April, deren 1000-Jahr-Feier im Jahr 248 bei leeren Staatskassen trotzdem mit größtem Aufwand stattfand. Doch auch die ganz normalen Römer pflegten den Brauch, den die frühen Christen entsprechend herzlich verachteten. Wenn sie Heilige mit Festen ehrten, taten sie dies nie an deren Geburtstag, sondern an deren Todestag, speziell bei einem Martyrium als dem »Geburtstag« ihrer Heiligkeit.
Man sieht: Für ein Geburtsfest Jesu, das spätere Weihnachten, gab es anfangs – und das heißt: fast vier Jahrhunderte lang – keinen Bedarf. Das Kirchenjahr etablierte sich allmählich, der Osterfestkreis wurde geschaffen, auch erste Heilige erhielten ihre Gedenktage, allen voran Petrus und Paulus am 29. Juni. Um die Feier der Geburt kümmerte sich jedoch niemand, obwohl sie in den Evangelien durchaus prominent geschildert wird. Geradezu plötzlich, möchte man sagen, ist das Fest da. Deshalb tun sich Fragen auf: Wieso so spät? Wieso überhaupt? Und nicht zuletzt: Wie vollzog sich die Etablierung im Einzelnen?
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