Читать книгу: «Kai Ebel - Von Schumacher bis Schumacher»

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Impressum

1. Auflage

2021

© Kai Ebel

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise,

nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers.

ISBN: 978-3-903376-00-7

ISBN E-Book: 978-3-903376-01-4

Lektorat: Dr. Gudrun Stecher

Cover: Lukas Gorys, APA-Picturedesk

Bilder: Lukas Gorys, Privatarchiv Ebel, APA-Picturedesk

Grafische Gestaltung: DI (FH) Ing. Clemens Toscani

Printed in the EU

Gesamtherstellung:

egoth Verlag GmbH

Untere Weißgerberstr. 63/12

1030 Wien

Österreich

KAI EBEL

VON SCHUMACHER BIS SCHUMACHER

MEINE ZEIT IN DER FORMEL 1



INHALT

VON SCHUMACHER BIS SCHUMACHER

ICH HABE VON DIESEM SPORT KEINE AHNUNG!

VON AUFRICHTIGKEIT, ARBEIT UND ARROGANZ

VOM LAIEN ZUM „MR. BOXENGASSE“

SCHNAUZBART ALS TARNUNG, (ZU-)FLUCHT IM KOFFERRAUM

LIVE UND WELTEXKLUSIV: MICHAEL WIRD PAPA!

KEIN EXKLUSIVVERTAG UND RTL-MILLIONEN

„SCHUMMEL-SCHUMI“ TRIFFT MICHAEL HART …

ERNSTE DREHUNG MIT AMÜSANTER WENDE

SCHUMI KLAUT REIFEN AUS DEM MÜLL

RAUS AUS DER ROTEN GURKE

DAS LETZTE ABENDMAHL MIT SCHNAPS UND WITZEN

SCHLIMMER GEHT´S NIMMER: IMOLA 1994

DER „UNFALLTEUFEL“ SITZT WEITER IM COCKPIT: KARL IM KOMA!

(UN-)SICHERHEIT MACHT SICH IM NACKEN BREIT

„(DAUER)FEUER“ IN DER FORMEL 1

„BODYCHECKS“ UND „KÖRPERKONTAKT“

NUR EINHEITSBREI MIT ABZIEHBILDERN

HERRLICHES LEBEN MIT „DAMENBEGLEITUNG“

MR. HAMILTON ALS CHAMÄLEON: MODEL, MUSIKER, MÖCHTEGERN

WER EIN ARSCH IST, IST EIN ARSCH, EGAL WELCHER HAUTFARBE

„BIG BUSINESS BERNIE“ UND „EINNAHMEN-ECCLESTONE“!

„DAS IST MEINE WIESE UND DARUNTER VERGRABE ICH MEINE FEINDE!“

„SCHURKENSTAATEN“, TODESSTRAFE, MENSCHENRECHTE, SCHWELLENLÄNDER

AMERIKANISIERUNG MIT WILD-WEST-METHODEN

EIN GESCHENK VON FRAU ECCLESTONE

DER RITTERSCHLAG: GANZ RAUF AUF DAS PODEST

VOM FIELD REPORTER BIS ZUM ACTION WALK

FALSCHES INTERVIEW, SO RICHTIG PEINLICH!

ICH WAR NIE EINER VON DEN FERNGESTEUERTEN

MIT 50 LEUTEN UM DEN ERDBALL

QUOTEN-DUELL ZWISCHEN PAY- UND FREE-TV

DIE GRAND-PRIX-EXOTEN INDIEN, AIDA, SOTSCHI …

„AIDA“ WIRD ZUM TRIUMPHMARSCH

MONTEZUMAS RACHE AUF DER ÜBERHOLSPUR

PLEITEN, PECH UND PANNEN AUF MEINEN WELTREISEN

MESSER AN DER KEHLE, PUMPGUN AM FENSTER

OFT WEISS ICH GAR NICHT, WO ICH BIN

ICH HATTE IMMER DIE WAHL, NEHME ICH DAS HALBVOLLE ODER DAS HALBLEERE GLAS.

SEI DEMÜTIG. NÜTZE DIE ZEIT. FÜGE NIEMANDEM SCHADEN ZU.

ICH BIN NICHT IMMER AUF DIE FORMEL 1 ABGEFAHREN

DIE FORMEL 1 IST SO VIEL MEHR ALS NUR IM KREIS HERUMKURVEN

KEIN STREBER, SONDERN EIN „ÖKONOMISCHER ARBEITER“

STATT BAUSTELLE STUDIUM IN KÖLN

ZUR RICHTIGEN ZEIT AM RICHTIGEN ORT!“

OHNE FERRARI-FLAGGEN KEINE FORMEL 1

„WE DON’T SELL CARS. WE SELL DREAMS.“

WIE BEI FERRARI DIE „LICHTER“ AUSGEHEN

OHNE SCHUMACHER KEIN VETTEL MÖGLICH

KEINE ERINNERUNG AN ERSTES VETTEL-TREFFEN

STURKOPF SEBASTIAN: KEIN RTL-INTERVIEW

REGENT ROSBERGS RÜCKTRITT STATT RIESEN-RTL-REKLAME

ICH BIN MEGAENTTÄUSCHT, ALS NICO NACH DEM TITEL SEINE LAUFBAHN BEENDET!

WIE ES SICH ANFÜHLT, IM COCKPIT ZU SITZEN

KEIN ENTWEDER-ODER: FORMEL 1 UND BOXEN

„NACHHALTIGKEIT“ DER KÖNIGSKLASSE

„KAI-LIGHTS“ AUF YOUTUBE

MIT VOLLGAS AB IN DEN BALLSAAL

JACHT UND CHAMPAGNER STATT BÜRO UND KAFFEE

VON KUH BIS KITSCH: KLEIDER MACHEN KAI

ALLES EINE FRAGE DES PERSÖNLICHEN STILS

MIT „MICK UND MAX“ SCHLIESST SICH DER KREIS

DER NAME SCHUMACHER: FLUCH ODER DOCH SEGEN?

VON DEN BOXEN ZURÜCK ZUM BOXEN

ANHANG

VON SCHUMACHER BIS SCHUMACHER

„In der Zeit vor Michael Schumacher war das einzig Deutsche in der Formel 1 die Zündkerze von Bosch!“ An dieses Zitat des damaligen RTL-Chefs Dr. Helmut Thoma muss ich immer denken, wenn ich mich an den Weg in die Boxengasse – sprich an meine Anfänge – erinnere.

Ganz ehrlich, zu diesem Zeitpunkt ist die Formel 1 im deutschen Fernsehen nicht mehr als eine Randsportart. Bitte das nicht als Kritik an den Fahrern wie Bernd Schneider, Jockel Winkelhock oder Christian Danner zu verstehen. Aber sehen wir der Wahrheit ins Auge: Deutschland und die Formel 1 sind in dieser Phase einfach zwei Paar Schuhe. Und zwar verschiedene. Milde betrachtet: Die mediale Aufmerksamkeit ist höchst überschaubar. Und auch die Fans werfen nur ab und zu einen Blick auf das Geschehen.

Rückblende. Zu Beginn der 1990er-Jahre verliert RTL die Rechte am Fußball. Der Sender muss sich daraufhin umorientieren und neu strukturieren. Der damalige Sportchef Burkhard Weber bittet mich zum Vier-Augen-Gespräch: „Kai, du als Box-Spezialist. Wir haben gerade mal drei oder vier Kämpfe pro Jahr. Das ist ein bisschen wenig und wird arbeitstechnisch wohl nicht ausreichen. Aber wir besitzen ja jetzt die Formel-1-Rechte – bisher mehr oder weniger ein Ein-Mann-Unternehmen, das möchte ich größer aufbauen. Ich denke, dass du da gut reinpasst.“

Zwei Buchstaben fehlen vom Box- zum Boxen-Spezialisten. Dennoch ist es ein Riesenschritt. Ähnlich wie der ORF mit Kommentatoren-Legende Heinz Prüller besteht auch RTL nur aus einer „One-Man-Show“: Willy Knupp, Gott hab ihn selig.

Ich fühle mich rund um den Box-Ring wohl wohler als in einer Boxengasse und antworte Burkhard mit angezogener Handbremse: „Naja, ich weiß nicht recht. Die fahren da so im Kreis herum. Ich habe kein Benzin im Blut. Ist das wirklich was für mich?“ Burkhard lässt nicht locker und gibt weiter Gas: „Doch, doch, doch. Guck es dir einfach mal an. Da kann bestimmt jede Menge daraus gemacht werden.“

Gesagt, geguckt. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr positive Facetten fallen mir auf: „So ein paar Auslandstrips könnten ganz spannend sein. Da lernst du sicher viele interessante Leute kennen.“

Gedacht, gereist. Ich trete also die erste „Fahrt“ an. Ich weiß es noch genau, es ist der Große Preis von Spanien in Barcelona 1992 – „Gran Premio de España“. Meine Premiere. So wie die Piloten habe auch ich alle Hände voll zu tun. Orientierungsphase. Einlernen der Abläufe. Einhalten der Regeln. Studieren der Sitten und Gebräuche. Schnell bemerke ich: Der Formel-1-Zirkus ist ein richtiges Big Business. Als Journalist hast du die Möglichkeit, aus dem Vollen zu schöpfen. Alle und alles da! Einfach hinlangen. Die weltweit größten Autokonzerne zeigen vor Ort ihr riesiges Potenzial. High-Tech an allen Ecken und Enden – ohne Ende. VIPs, sonst nur auf den TV-Bildschirmen ersichtlich, erscheinen hier als ganz „normale“ Gäste. Die „Scorpions“ sind zum Beispiel zugegen, jene legendäre Band, die kurz zuvor mit dem Song „Wind of Change“ in den absoluten Musik-Olymp aufgestiegen ist. Ein Ohrwurm, trotz dröhnender Geräuschkulisse. Alles „stürmt“ auf mich ein. Ich bin beeindruckt. Spätestens jetzt befällt mich das Formel-1-Fieber. Bis heute hat es mich nicht losgelassen.

ICH HABE VON DIESEM SPORT KEINE AHNUNG!

Neben all den Promis, den Autos, dem Showbusiness taucht ein vielversprechendes Talent aus Deutschland auf: Michael Schumacher. Er debütiert 1991 in der Formel 1 und zieht gleich von Beginn an das Interesse auf sich. Der Name ist mir natürlich ein Begriff. Das erste Interview muss her. Ich versuche, vorab so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen. Sein Manager heißt Willi Weber. Michael sitzt in einem Benetton. Ein paar große Namen sind mir aus der Vergangenheit geläufig: Niki Lauda, Jody Scheckter, Michele Alboreto.

Um ehrlich zu sein: Ich habe von diesem Sport so gut wie keine Ahnung. Ich weiß nicht, ob ein Pilot jetzt schnell oder langsam unterwegs ist. Wann geht er ans Limit? Hat er noch Spielraum? Und überhaupt: Was ist ein Qualifying? Warum wird das freie Training im Fernsehen übertragen? Beim Fußball schaut sich doch auch niemand das Training an. Alle wollen das Spiel sehen! Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Ich war erfrischend uninformiert über das ganze Geschehen! Gut so. So ist es mir nämlich gelungen, etwas völlig Neues auf die Beine zu stellen.

Es ist so weit. Das erste Kennenlernen mit Michael Schumacher. Rasch stelle ich fest: Er ist ein meganetter und lieber Mensch. So wie ich ein Rheinländer. Sofort fällt mir sein typischer Dialekt auf. Ich habe das Gefühl, wir sind einander von Anfang an sympathisch. Das Interview findet nach dem Freitagstraining statt. Schumacher wird Zweitschnellster. Wir unterhalten uns über seine Leistung, aber auch über das Wetter. Damals war es noch so: Wenn das Wetter am Samstag schlecht war, galt die Zeit vom Freitag für die Startaufstellung beim Rennen. Genau dieser Fall tritt ein. Michael geht als Zweiter an den Start und kommt hinter Sieger Nigel Mansell ins Ziel.

Von diesem Tag an lernen wir einander Stück für Stück besser kennen. Schumacher bemerkt, dass dieser Typ mit dem gelben Mikrofon immer dabei ist, ob im Training, beim Rennen oder auch bei diversen anderen Veranstaltungen abseits der Rennstrecken.

So auch bei einem Event 1993 in Mönchengladbach. Michael ist zu Gast und kommt geradewegs auf mich zu: „Ach, da bist du ja wieder. Gehen wir mal einen Kaffee trinken?“ Das Kennenlernen nimmt weiter Fahrt auf. In einem Lokal am Alten Markt tauschen wir Neuigkeiten aus. Das Beste kommt allerdings nach der Plauderei. Gegenüber unserer „Kaffeetratsch-Örtlichkeit“ entdeckt Schumi einen Westernstiefel-Laden. Er will dort unbedingt hin. Ich darf ihn begleiten. Für gefühlte fünf Minuten bin ich plötzlich sein persönlicher Modeberater. Nicht auszudenken, was ich alles aus ihm hätte machen können! Auf diesen Zug springt Michael dann aber doch nicht auf. Der Verkäufer erkennt seinen prominenten Kunden, will allerdings bei mir auf Nummer sicher gehen: „Ist das nicht Michael Schumacher, der Rennfahrer?“

Er ist bekannt, aber noch kein Weltmeister. Noch ist es durchaus möglich, in Ruhe eine Tasse Kaffee zu trinken und anschließend ein Paar Westernstiefel zu kaufen. Ohne Paparazzi. Ein Bild geschossen hat höchstens der Verkäufer.

VON AUFRICHTIGKEIT, ARBEIT UND ARROGANZ

Ich lerne Michael als äußerst bodenständigen und sympathischen Kerl kennen. Bis heute frage ich mich, woher sein zweifelhafter Ruf stammt, arrogant zu sein. Das kann ich in keiner Weise bestätigen. Nicht einmal ansatzweise.

Michael ist stets ein aufrechter Mann. Auch sein Körper ist immer aufgerichtet. Vielleicht wirkt das arrogant? Kommt es möglicherweise ebenfalls „falsch“ rüber, wenn er auf der Rennstrecke zu hundert Prozent fokussiert und konzentriert seinen Job erledigt? Eben ein absoluter Vollprofi, durch und durch. Ein Perfektionist. Ihm deswegen Arroganz zu unterstellen, finde ich nicht in Ordnung.

Die Mitbewerber sitzen längst beim Essen, da hat er das Geschehen noch gar nicht richtig „verdaut“ und mit seinem Team als „Nachspeise“ über Verbesserungen diskutiert. Nichts überlässt er dem Zufall.

Ein Satz von ihm ist mir bis heute im Gedächtnis: „Erfolg ist planbar!“ Auf der Suche nach „Kleinigkeiten“ taucht er nach dem Rennen oft bei uns im Übertragungswagen auf mit der Bitte, sich die eine oder andere Sequenz noch einmal vor Augen führen zu dürfen. Die Rennställe hatten damals noch keine eigenen Aufzeichnungen. Zeitweise wird er von Teamchef Ross Brawn begleitet. Das Duo lässt sich Zeitlupen zeigen, verschiedene Streckenabschnitte immer und immer wieder vorspielen und hört nicht auf, die Konkurrenz zu beobachten. Beim Regenrennen in Japan studiert Schumacher die Fahrt von Damon Hill: „Da, wie geht das? Guck dir das an! Der Asphalt ist total nass, trotzdem gleitet er wie auf Schienen dahin.“ Als „Andenken“ geben wir Michael meist eine Kassette von der TV-Übertragung mit auf den Heimflug. Schon im Flieger dreht er sich nicht im Schlaf um, sondern analysiert hellwach Kurve für Kurve. Ein Besessener bis ins Kleinste. Nur so wirst du ein Großer. Genau das macht einen Weltmeister aus – einen siebenfachen!

Und noch eines möchte ich klipp und klar festhalten: Egal, was die Leute über ihn reden, ob sie ihn verehren, lieben oder hassen, ihn unsympathisch und arrogant finden: Den Einfluss, den Anteil, die Bedeutung, die Deutschland in der Formel 1 erlangt hat, geht einzig und allein auf Michael Schumacher zurück.

Doch wer dermaßen erfolgreich und populär in der Öffentlichkeit steht, muss sich irgendwann eine Art Schutzpanzer zulegen. Jeder Schritt wird verfolgt. Es gibt de facto kein Privatleben mehr. Ich finde, die eine oder andere patzige Antwort von ihm im Fernsehen macht ihn zutiefst menschlich.

VOM LAIEN ZUM „MR. BOXENGASSE“

Durch Schumachers akribische Arbeit nehme ich enorm viel mit. Mehr oder weniger lerne ich durch ihn die Formel 1 von Tag zu Tag besser kennen. Training und ab ins Hotel – damit ist es nicht getan. Da gibt es nachher noch ein Briefing und ein Debriefing.

Um mitreden zu können, muss ich wissen, worüber die Teams sprechen. Ich will mich auskennen, wie dieser Sport funktioniert und abläuft. Formel 1 ist nicht nur der Kampf eins gegen eins wie beim Boxen. Da steckt mehr dahinter. Zusätzlich zum rein Sportlichen kommt noch das Technische hinzu. Da sitzen die klügsten Köpfe der Welt beieinander und zermartern sich stundenlang die Gehirne, um irgendwo auf dem Asphalt ein paar Tausendstelsekunden rauszuholen. Im Laufe der Zeit greift bei mir ein Rad ins andere. Ich kann langsam an gewissen Schrauben drehen, um die Zusammenhänge zu verstehen.

Fest steht ebenso: Wir alle profitieren vom rasanten Schumacher-Aufstieg. Je größer sein Erfolg, desto höher unsere TV-Quoten. Und auch mein Bekanntheitsgrad steigt. Es passiert etwas völlig Unerwartetes: Plötzlich werde ich in Deutschland für den Formel-1-Experten schlechthin gehalten und obendrein als „Mr. Boxengasse“ tituliert. So fühle ich mich allerdings ganz und gar nicht. Die Leute machen etwas aus mir, was ich gar nicht bin. Ich empfinde und bezeichne mich weiterhin eher als interessierten Laien. Kein leichter Job. Klar ziehe ich mir die harten Fakten rein. Ich vermeide es, „weiche“ Fragen zu stellen. Natürlich will ich wissen, was auch das Formel-1-Publikum hören möchte. Selbstverständlich kriege ich mit, was ich vor der Kamera von mir gebe. Aber deswegen wache ich doch nicht nachts mit Benzin im Blut in der Nordschleife auf. Die wahren Helden sitzen in den Autos. Die echten Fachleute schuften in den Garagen. Das ist ein ganz anderer Wissensstand als mein bescheidenes Niveau.

Bis heute bezeichne ich mich nicht als Formel-1-Experten. Lieber beschreibe ich diese Phase als gemeinsame Reise mit Michael Schumacher. Vieles erleben wir parallel. Zum Glück existiert da ein Riesenunterschied zwischen uns: die Leitplanke! Wir halten verschiedene Dinge in Händen. Er das Lenkrad, ich das Mikro. Ich wollte nie mit ihm tauschen. Ich denke, er auch nicht.

SCHNAUZBART ALS TARNUNG, (ZU-)FLUCHT IM KOFFERRAUM

Trotz der vielen Arbeit kommt der Spaß nie zu kurz. Eine meiner Lieblingsstorys ereignet sich nach Schumachers erstem WM-Titel mit dem Benetton. Ich bin gerade dabei, für RTL einen Trailer zu drehen. Gewohnt in „trockener“ Position vor der Kamera, taucht Michael plötzlich von hinten auf und macht mich „nass“: mit einer Dusche aus Hopfensaft! Sein „bierernster“ Kommentar dazu: „Und das alles live bei RTL!“ Es wird noch flüssiger – wir beide lachen Tränen.

Der Champion nimmt seinen mittlerweile weltweiten Bekanntheitsgrad meist mit Humor. Mit einem aufgeklebten Schnauzbart versucht er, sich zu „verschleiern“. Rasch bröckelt die Verkleidung ab. Hilft nix. „Rasiert“ – dieses Bild werde ich nie vergessen.

Ebenso unvergessen ist unser gemeinsames Abendessen im japanischen Suzuka. Sein „Zwischenstopp“ verbreitet sich mit Höchstgeschwindigkeit im ganzen Lokal. In Windeseile stehen die Fans vor seinem Sushi Schlange. Kein Stäbchen passt mehr dazwischen. Keine Chance, das Restaurant zu verlassen. Seine Anhänger sind nicht zu stoppen. Einziger Schlupfwinkel: Rein mit dem Retourgang, raus durch den Hinterausgang in der Küche.

Doch damit nicht genug. Die Fans heften sich an Schumis Fersen. Michael versucht, die Motorsportbegeisterten erneut auszubremsen: Er legt sich auf die Wagenrückbank. Wir chauffieren ihn nicht per Ideallinie, sondern auf Schleichwegen zurück ins Circuit-Hotel.

Ein anderes Mal verlagert sich Schumachers Schwerpunkt noch weiter nach hinten – in den Kofferraum des Fluchtautos. Er versucht so, möglichst unentdeckt ins Fahrerlager zu gelangen. Bei der Einfahrt zum Paddock bleibt der Schranken zu. Die Sicherheitskräfte bitten um Öffnung der Heckklappe. Die prominente Ladung wird entdeckt. Vor Staunen bleibt dem Securitypersonal der Mund offen …

Michael ändert seine Taktik. Er steigt von vier auf zwei Räder um. „Getarnt“ auf dem Motorrad, kommt er aber auch hier nicht weit. Sein folgenschwerer „Fahrfehler“: Michael setzt seinen Rennhelm auf. Verräterisch! Sogar dieser wird sofort erkannt. Trotz „(An)Gesichtsschutz“ gerät der Weltmeister blitzschnell ins „Vollvisier“ der Schaulustigen.

Ich bin dankbar, dass ich bei solchen „Versteckspielen“ des Öfteren dabei sein durfte!

LIVE UND WELTEXKLUSIV: MICHAEL WIRD PAPA!

Eines meiner schönsten Erlebnisse mit Michael Schumacher dreht sich rund um die Startaufstellung 1996 in Monza, hat aber Nullkommanix damit zu tun. Michael gewährt vor dem Rennen maximal zwei Interviews. Eines davon gehört immer mir. In Italien sprechen wir zunächst über den bevorstehenden Grand Prix, als er auf einmal meint: „Warte mal kurz, da gibt es noch etwas zu verkünden.“

Es knistert zwischen uns. „Ich habe immer gesagt, wenn es so weit kommt, dann melde ich mich.“ Die Spannung steigt. „Der Zeitpunkt ist da. Corinna und ich erwarten Nachwuchs!“ Das crasht. Mir bleibt die Sprache weg: Michael verkündet live und weltexklusiv vor meiner Kamera, dass er Vater wird. Das Kind ist geschaukelt. Ein großartiger Moment – auch für mich. Binnen Minuten verbreitet sich diese Nachricht rund um den Globus. Vor meinem Mikrofon. Ich wusste nichts von seinem Vorhaben. Erst später erfahre ich von seinem damaligen Pressesprecher, dass Michael es genau so wollte. Er hat es sich ganz präzise überlegt: Wo? Wann? Und bei wem? Die beiden sind sämtliche Möglichkeiten durchgegangen. In der BILD exklusiv? Bei der Pressekonferenz? Nach dem Rennen? „Nein, das machen wir beim Kai! Und zwar beim Interview während der Startaufstellung live vor dem Rennstart.“ Das musst du dir vorstellen. 15 Minuten, bevor die Ampel auf Grün springt. Der Mann hat Nerven. Was für ein Typ! O Baby, was für eine Ehre für mich!

KEIN EXKLUSIVVERTAG UND RTL-MILLIONEN

Wie bereits erwähnt, habe ich durch Michael den Formel-1-Zirkus kennengelernt. Umgekehrt durfte ich ihm näherbringen, wie sich die Medienwelt so dreht. Er interessierte sich immer für die Berichterstattung rund um seine Person. Ebenfalls sehr wichtig war es ihm, zu wissen, wie er auf dem TV-Bildschirm rüberkommt. Nicht jedem schenkte er sein Vertrauen. Michael hielt sich oft zurück und machte komplett dicht.

Irgendwann einmal hat er dann aber kapiert, dass die Medien so sind, wie sie sind. Mit der BILD-Zeitung erlebte Schumi viele Höhen und Tiefen. Ein ständiges Auf und Ab. Dennoch hatte er mit den Jungs dort im Großen und Ganzen ein recht gutes Verhältnis, einmal mehr, einmal weniger. Er hat begriffen, dass es in diesem Business ein Geben und Nehmen ist. Beide Seiten brauchen einander. Mit ihm „verkaufte“ die BILD Schlagzeilen. Andererseits ist es nicht schlecht, wenn das mächtigste deutsche Boulevardmagazin hinter dir steht.

Auch ich stand immer hinter ihm. Das wusste er. Darum kam er stets zu mir. Viele Leute meinten, wir hätten einen Exklusivvertag mit Schumacher in Millionenhöhe, damit er vor dem Kai-Ebel-Mikro als Erster auftaucht. Blödsinn. Michael wusste ganz einfach, dass der Großteil seiner Fans bei RTL mitfieberte. Einzig und allein aus diesem Grund teilte er seine Botschaften über diesen Kanal mit. Heutzutage läuft das ja ein bisschen anders ab. Da gibt es eine genaue Reihenfolge, wann jemand wo zum Interview erscheinen muss. Ein, zwei, höchstens drei Fragen und ab zum nächsten Termin. So eine Art „Durchreiche“.

Damals spielte eher der Zufall eine Rolle. Oder als Option: Du musstest um dein Interview „kämpfen“ und als Journalist schon mal die Ellbogen ausfahren und dich durchsetzen. Meine Erfahrung am und im Boxring hat dabei geholfen, sonst wäre ich „blauäugig“ übriggeblieben und allein dagestanden.

„SCHUMMEL-SCHUMI“ TRIFFT MICHAEL HART

In so einer Profikarriere ist natürlich nicht immer alles eitel Wonne. Wenn ein Mensch – in diesem Fall eben ein Sportler – in der Öffentlichkeit steht und absolute Höchstleistungen vollbringt, suchen diverse Leute dauernd Gründe, um ihn zu diffamieren. Stichwort „Schummel-Schumi“. Ein Begriff, den die BILD-Zeitung aus dem Boden stampft, im wahrsten Sinn des Wortes: Die Holzplatte am Unterboden des Benetton-Ford passt nicht, entspricht nicht den Vorschriften. Der Sieg im Großen Preis von Belgien 1994 wird Schumacher deshalb aberkannt.

Mit diesen Anschuldigungen hat Michael wirklich hart zu kämpfen. Er nimmt für sich in Anspruch, ein ehrlicher Mensch zu sein. Und soweit ich das beurteilen kann, ist er das während seiner Karriere auch immer gewesen.

Fest steht: Michael ging immer ans Limit. Sonst wäre der Erfolg ausgeblieben. Das bedeutet in der Formel 1, gewisse Regeln genau auszuloten. Das schließt nicht aus, einmal eine gewisse Grenze zu überschreiten. Über das Ziel hinauszuschießen. Genau das hat sein Team gemacht. Ich betone: Sein Team und nicht die Person Michael Schumacher. An ihm bleibt es natürlich letztlich hängen. Der Name „Schummel-Schumi“ ist geboren. Diese „Taufe“ passt ihm gar nicht. Überflüssig.

Auch für mich als Reporter ist das eine schwierige Phase. Schumi weckt Deutschland gerade aus dem Dornröschenschlaf. Die Formel 1 bekommt einen neuen Helden geschenkt. Die ganze Nation ist verzückt. Beim Heim-Grand-Prix in Hockenheim campieren die Fans schon zwei Wochen vorher rund um den Ring, damit sie das Rennen live verfolgen können. Und wir armen „Medienschweine“ müssen der Sache „Schummel-Schumi“ nachhetzen, kritische Fragen stellen, einen Helden ins Wanken bringen und in die Knie zwingen. Das macht keinen Spaß. Das fällt mir schwer. Dafür übe ich diesen Job nicht aus. Lieber gönne ich jemandem seinen Erfolg. Bei der Fußball-WM steht die ganze Nation ja auch hinter der Mannschaft und will, dass Deutschland den Titel holt.

Mein Credo, angelehnt an den Boxsport: Bis zur Gürtellinie okay, darunter nicht, weil Tiefschlag. Ich habe mit Michael offen über die Causa „Schummel-Schumi“ gesprochen. „Pass auf, da muss ich kritisch ran und nachfragen.“ Ich wusste ja, nicht er hat etwas ins Auto eingebaut, sondern sein Team. Dennoch, diesbezüglich sind wir nicht immer auf demselben Kurs. „Musstest du das jetzt unbedingt fragen?“, lautet seine Gegenfrage. „Ja, es geht hier nicht um mich, sondern um deine Millionen Fans da draußen. Ich verstehe die Zusammenhänge, denen müssen wir sie erklären.“ Das führt zwischen uns zu vielen Diskussionen. Ein ständiges Hin und Her. „Wie hättest du die Frage formuliert?“, frage ich ihn. Er verstand, worum es ging.

Ich verstehe, dass es seine Anhänger und auch seine Kontrahenten nicht immer leicht haben mit ihm. Etwa in Monaco 2006: die legendäre „Rascasse-(R)Ausfahrt“. In den letzten Minuten des Qualifyings steuert Michael – mit doch recht bescheidener Geschwindigkeit – seinen Boliden in die Leitplanke. Das führt unweigerlich zum Abbruch. Aufgrund dieses „Unfalles“ kann Fernando Alonso seine Runde nicht beenden. Somit „verfällt“ für ihn die Chance auf die Pole-Position.

Für alle Experten ist klar: Das war reine Absicht! Die FIA bestraft Schumacher und reiht ihn ans Ende des Starterfeldes. Mit solchen Aktionen nimmt sich „Schummel-Schumi“ das eine oder andere Mal selbst aus dem Rennen.


© Damien Meyer / AFP / picturedesk.com

Perfektionist im Auto: Michael Schumacher

ERNSTE DREHUNG MIT AMÜSANTER WENDE

In seiner zweiten Karriere, wie ich es gerne nenne, gibt sich Michael bei Mercedes deutlich entspannter. Ein „kleiner“ Unfall beim Qualifying und ich frage ihn, wie groß seine Angst vor einer neuerlichen Bestrafung ist: „O ja! Ich bin mächtig gespannt, ob sie mich von Rang zwölf auf Platz 16 zurückstufen. Da habe ich eine Wahnsinnsangst vor.“ Seine Ironie ist deutlich zu hören. In seiner ersten Laufbahn denkt er noch, die Welt verbiegen zu können. Jetzt gibt er mit all seiner Erfahrung Gas. Weiterhin ist er ein harter Arbeiter und Perfektionist. Aber nun weiß er um die Limits Bescheid. Michael kennt das Ende der Fahnenstange. Selbst privat fällt zunehmend seine Lockerheit auf.

Bei einem Event passiert Folgendes. Ein Typ spricht mich an: „Hey, frag doch mal den Michael, warum er es nicht schafft, auf der Autobahn unfallfrei durchzukommen. Im Rennen hat er seinen Boliden besser im Griff.“ Der Hintergrund dazu: Bei der Anreise touchiert Schumi tatsächlich einen Lkw. Manager Willi Weber ist sauer auf mich, als ich Michael damit konfrontiere. „Warum fragst du sowas? Ganz Deutschland sucht jetzt den beschädigten Lkw. Und die Journalisten wittern eine Riesenstory!“ Während Willi halb ausflippt, bleibt Michael ganz seelenruhig.

Bei den „Ferrari-Days“ am Hockenheim- und Nürburgring sitze ich neben Schumi in einem Straßen-Ferrari und soll ihn während der Fahrt interviewen. Er macht ordentlich Tempo, und plötzlich fabriziert der Champion mitten auf der Strecke einen „weltmeisterlichen“ 360-Grad-Dreher. Ich bin außer mir vor Verzückung: „Wow, was für eine Show! Michael, sensationell! Das war Klasse!“ Er blickt mich entgeistert an: „Naja, das war keine Show. Ich habe den Wagen verloren.“ Wir zeigen uns belustigt. Eine ernste Drehung mit amüsanter Wende. Und ich lerne: Selbst ein Michael Schumacher ist nicht perfekt. Einmal mehr stellt er seine Ehrlichkeit unter Beweis. Er hätte ja auch sagen können, dass es Absicht gewesen sei. Eine gewollte Showeinlage. Aber nein, er gibt seinen Fehler offen zu. Dafür schätze ich ihn.

SCHUMI KLAUT REIFEN AUS DEM MÜLL

Vom „No-Name“ bis zum erfolgreichsten Fahrer der Formel-1-Geschichte – ein weiter und steiniger Weg! Michael Schumacher räumt alle Hindernisse beiseite. Nur die wenigsten wissen, dass der Start in die Motorsportwelt für ihn sehr holprig begann. Talent ist ausreichend vorhanden, Geld gar nicht. Daher löst Michael als Kart-Pilot zunächst eine luxemburgische Lizenz. Dafür braucht er keine finanziellen Sicherheiten. Arm an Mitteln, wird Schumi sogar zum Reifendieb. Zeitweise klaut er weggeworfene alte Pneus aus dem Müll, um damit noch die eine oder andere Runde zu drehen. Reich an Eifer, schafft er 1991 den Satz in ein Formel-1-Cockpit.

„Schumi-like“ – ganz wie es sich für einen Mann seines Formates gehört – schreibt er bei seinem ersten Start bereits eine besondere (Vor-)Geschichte:

Jordan-Pilot Bertrand Gachot verbüßt gerade eine Gefängnisstrafe, weil er einem britischen Taxifahrer unsanft ins Lenkrad gegriffen und ihn dabei verletzt hat. Somit wird ein Platz für das Rennen in Spa frei. Manager Willi Weber streckt seine Fühler aus und bezirzt Teamchef Eddie Jordan. Der „willige Willi“ versichert, dass Michael die Piste in- und auswendig kennt, schließlich liegt Schumis Heimatort ja ganz in der Nähe. Das Schlechte daran: Es stimmt nicht! Das mit Spa ist nicht wahr. Tatsache: Michael war in seinem bisherigen Leben noch nie dort vor Ort. Egal. Eddie „erhört“ Willis Worte und Schumi darf an den Start. Jahre später rückt Jordan mit der Wahrheit heraus. Schumacher war einfach die schnellste Wahl. Viel überzeugender als Webers Wunschvorstellungen sind die Sponsoren im Hintergrund. Sie überweisen dem Rennstall eine „Mitgift“. Das wirkt mehr als die „Magie des Managers“. Doch im Nachhinein zeigt sich Eddie mit Michael sehr glücklich und zufrieden.

Als Vorbereitung auf das Rennwochenende tritt Michael ordentlich in die Pedale. Nämlich in die eines Fahrrades, mit dem er den Kurs besichtigt. Das Abstrampeln lohnt sich: Platz sieben im Qualifying. Mit zwei Rädern ist der Grand-Prix-Neuling allerdings länger unterwegs als auf vieren. Im Rennen bleibt er nach einem Kupplungsschaden nach 700 Metern auf der Strecke …

Doch das reicht. Benetton kommt dem Deutschen mit einem Vertrag entgegen. Schon im nächsten Rennen sitzt Schumi in einem „besseren Benetton“. Teamchef Flavio Briatore fällt der Deutsche auf. Das Duo läutet für den britischen Rennstall ein goldenes Zeitalter ein. Zurück zu den Wurzeln: Ausgerechnet in Spa gewinnt Michael seinen ersten Formel-1-Grand-Prix. 1994 und 1995 folgen zwei WM-Titel hintereinander.

RAUS AUS DER ROTEN GURKE

1996 steigt Schumacher bei Benetton aus und bei Ferrari ein. Zu Beginn seiner Ära in Rot läuft es für den Doppel-Weltmeister allerdings gar nicht nach Wunsch. Die BILD tituliert bereits: „Michael, raus aus der roten Gurke.“ Schumi beißt in den sauren Apfel. Zähneknirschend bleibt er auf Kurs und lässt sich nicht von seinem eingeschlagenen Weg abbringen. „Michele“ führt bei Ferrari eine neue Arbeitsweise ein. Pronto …

Klare Regeln: Keine stundenlangen Verspätungen mehr und antanzen mit einem Espresso in der Hand. Das ist nicht sein Kaffee. Es gibt kein Einlenken. Und er schenkt allen reinen Wein ein: Kein Alkohol mehr beim Mittagessen. Gefeiert wird nur noch nach entsprechenden Leistungen. Basta. Gearbeitet wird, bis alles erledigt ist, und nicht, wenn die Uhr um 16:00 den Feierabend anzeigt. Deutsche Gründlichkeit! Avanti! Er baut das Team komplett um, dreht an sämtlichen Schrauben, und nach 21 Jahren „Boxenstopp“, sprich Ferrari-Wartezeit, schafft es Schumi im Jahr 2000 zum „Campione“. Das Pferd wiehert wieder. Ein neuer Italo-Nationalheld. Eine rote Legende. Die „Ferraristi“ liegen „Michele“ zu jenen Füßen, mit denen er weltmeisterlich das Gaspedal tritt. Bravissimo!

DAS LETZTE ABENDMAHL MIT SCHNAPS UND WITZEN

Im siebenten Ferrari-Himmel und auf einmal die (Unfall-) Hölle auf Erden. Wie viele andere auch, trifft es mich echt hart, von Schumis Schiunglück am 29. Dezember 2013 zu erfahren. Noch dazu, wo wir beide kurz davor noch beim gemeinsamen Abendessen sitzen.

„Ein Abend mit der Nummer eins“, unter diesem Motto veranstaltet die DVAG eine exklusive Serie von Incentives für ein ausgewähltes Publikum. Ich darf moderieren. Nürnberg im Dezember. Ich ahne nicht, dass dies die letzte Veranstaltung dieser Art sein sollte. Und das letzte Mal, dass ich Schumi treffe. „Ein Abend mit der Nummer eins“. Er verfliegt im Nu. Wir sorgen für die Show. Der Vorhang fällt …

Michael schlägt vor: „Hör mal, wir sollten noch was zusammen essen gehen und einfach ein bisschen Unsinn erzählen.“ Meine Frau komplettiert die Runde. Es ist kurz vor den Weihnachtsfeiertagen. In einem gemütlichen Restaurant erwartet uns schon ein feierlich gedeckter Tisch. Ich bestelle Schäufele (Schweinsschulter) und Michael irgendwas Rustikales. Dazu fließt der eine oder andere Schnaps. In dieser Laune erzählt Schumi einen Witz nach dem anderen. Lachen ohne Ende. Spaßige Stunden. „Und was machst du jetzt so über die Feiertage? Wie geht’s weiter? Es ist doch bald Weihnachten.“ Er antwortet: „Morgen fliege ich nach Méribel zum Schifahren. Die Familie ist bereits dort.“ – „Ein tolles Schigebiet. Da wünsche ich dir viel Vergnügen.“ Fertig essen, plaudern, herumalbern. Unsere Wege trennen sich. Ein lustiger Abschied. Ich mache mich auf den Heimweg. Am nächsten Tag hebt Michael nach Frankreich ab.

Später, zu Hause dann – ich glaube es lief „n-tv“ –, lese ich in den Schlagzeilen: „Schwerer Unfall von Michael Schumacher!“ Ich rufe meine Frau herbei. „Guck mal, hier! Die haben sie nicht mehr alle, die spinnen schon wieder rum. Michael ist im Urlaub, wo soll er denn einen schweren Unfall gehabt haben?“ Bei einem Unfall von Schumacher denkt doch jeder automatisch ans Auto. Unmöglich. Der ist doch unverletzlich. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.

Immer mehr Details kommen ans Tageslicht: „Schiurlaub in Méribel!“ Schön langsam fange ich zu überlegen an. Was ist passiert? Auch ich beginne zu recherchieren und versuche, die Wahrheit herauszufinden.

Stück für Stück mehr Informationen. Bis zur traurigen Gewissheit. Mir stockt der Atem. Vor Kurzem noch das letzte Abendmahl. Mit Schnäpsen und Witzen. Tage später vergeht der gesamten Formel-1-Welt das Lachen. Ein tragischer Schiunfall! Ich kann es einfach nicht glauben. Unfassbar. Undenkbar. Unwirklich.

Mein Telefon läuft heiß. Ich werde laufend kontaktiert. Sowohl vom Sender als auch von allen möglichen Zeitungen. Alle wollen von mir wissen, was passiert ist. Was ich weiß. Sofort gehen die wildesten Gerüchte herum: „Michael, ein Adrenalin-Junkie!“ Nein, nicht mit mir. Das habe ich seit jeher verneint. Auch mein damaliger Sportchef springt auf diesen Zug auf und möchte diese Schiene fahren. Ich erhebe meine Stimme und sage dazu klipp und klar nein: Michael ist kein Typ, der das Risiko sucht. Er spannt kein Seil zwischen zwei Bergen und balanciert ungesichert rüber, nur weil er den Kick braucht. Sicher nicht.

Natürlich sitzt er in einem Rennauto und rast mit 300 km/h im Kreis. Das ist so, wie wenn unsereins rückwärts einparkt. Ein bisschen aufpassen, aber keine große Sache. Alles, was Michael tat, hatte er unter Kontrolle. Ich äußere eine Bitte: „Macht nicht etwas aus ihm, was er absolut nicht ist.“ Dann suchen wir Interviewausschnitte heraus. Genau jene, wo ich mit ihm über Adrenalin spreche. Er sagte immer, dass er das Adrenalin nicht brauche. Und dass er wisse, was er tue.

Bei diesem Schiunfall wollte Michael mit 20 km/h die Piste wechseln. Da ist es passiert. Schlichtweg ein Unglück. Er sprang nicht irgendwo von einem Helikopter auf eine ungesicherte Piste oder hatte die Absicht, die „Drei Zinnen“ runterzupressen. Es war ein Unglück. Pech. Schicksal. Jeden hätte es treffen können. Wäre er schneller gewesen, vielleicht wäre ihm dieser Stein nicht in den Weg gekommen.

Natürlich will ich wissen, wie es Michael geht. Ich kontaktiere seine Managerin Sabine Kehm. Ich spreche auch mit anderen Personen, die ihn vor Ort besuchten. Jean Todt macht nach wie vor regelmäßig seine Aufwartung.

Darüber spreche und schreibe ich aber nicht. Das ist privat. Nur die Familie hat das Recht zu entscheiden, was in die Öffentlichkeit gelangen soll und was nicht. Daran halte ich mich. Nach wie vor treffe ich hie und da auf seine Angehörigen. Meistens beschränkt es sich auf ein kurzes „Hallo“.

Was wäre ich nur für ein Mensch, würde ich diese Gelegenheiten ausnützen, um nach dem Gesundheitszustand zu fragen? Sein Sohn Mick steht ja gerade am Anfang der Formel-1-Karriere. Ich will gar nicht wissen, wie häufig er darauf angesprochen wird, wie es seinem Vater geht.

Um ehrlich zu sein, bin ich auch sehr froh darüber, dass ich nicht mehr weiß. Oder gar zu TV-Sendungen eingeladen werde, um darüber zu reden. Da bin ich lieber außen vor statt mitten drin. Das ist für mich so eine Art Selbstschutz. Ich arbeite beim Fernsehen und kenne mich mit unbestätigten Gerüchten bestens aus. Ich finde es auch gut, dass die Familie jetzt so zurückgezogen lebt. Und hoffentlich zur Ruhe kommt.

Ich kann mich gut erinnern, in der Zeit, bevor Michael Weltmeister wurde, habe ich ihn einmal von zu Hause zu einem Dreh abgeholt. Er lebte damals noch in Kerpen-Manheim. Bereits zu diesem Zeitpunkt sagte er mir, dass er hier bald mal umziehen muss. Mit steigender Bekanntheit standen plötzlich wildfremde Leute bei ihm im Garten, die gemeinsam mit ihm grillen wollten. Das musst du dir vorstellen: Keine Ruhe! Nicht einmal auf dem eigenen Grundstück. Irgendwo ist die Grenze …

Ich fühle mit der Familie mit. Immer wieder tauchen irgendwelche wilden Spekulationen auf. Ja, sogar Verschwörungstheorien von wegen Michael sei entweder wieder vollkommen gesund oder schon tot. Schrecklich! Es zeigt aber auch, welchen Stellenwert er nach all den Jahren weiterhin besitzt. Michael ist eine der wenigen großen, deutschen Sportkanonen. In dieser besonderen Kategorie fallen mir nur noch zwei Namen ein: Franz Beckenbauer, obwohl er ja aus einem Teamsport kommt, und Boris Becker. Für das Trio gibt es aus dem Medien-Karussell kein Entkommen.

SCHLIMMER GEHT´S NIMMER: IMOLA 1994

„Motorsport is dangerous!“ Auf jeder Akkreditierung, egal, ob von Fahrer, Teamchef, Mechaniker oder Journalisten, steht dieser Satz drauf. Nicht ohne Grund. Klar ist der Grand-Prix-Zirkus gefährlicher als ein Fußballstadion. Es passieren entsetzliche Unfälle. Dennoch möchte ich eines festhalten:

„Wer sich umbringen möchte, der ist in der Formel 1 am falschen Ort!“

Diese Sportart hat sich in puncto Sicherheit enorm entwickelt und verbessert. Natürlich kann und soll die Vergangenheit nicht ausgeblendet werden. Vieles ist geschehen und nicht mehr ungeschehen zu machen. Vor allem in der Anfangszeit bis in die 1980er-Jahre hinein haben pro Saison ein bis zwei Fahrer ihr Leben gelassen. Als ich in die Formel 1 kam, lag der letzte tödliche Unfall Gott sei Dank bereits eine Zeit lang zurück. 1982 starb der Italiener Riccardo Paletti beim Großen Preis von Kanada in Montreal. Du verdrängst das Risiko. Es ist dir gar nicht mehr bewusst.Vor der Saison 1994 möchte ich ein paar Dinge im Ablauf unserer Sendung verändern. Zum damaligen Zeitpunkt erfolgen nur das Rennen und der Kommentar dazu live. Der Rest wird vorab aufgezeichnet und eingespielt. Mein Bestreben gilt größerer Flexibilität. Ich will den Fans einfach mehr bieten und den „Schumi-Boom“ richtig nutzen. Die Idee: eine sogenannte Live-Kamera. Scheidet ein Fahrer aus, soll er so schnell wie möglich in der Boxengasse seinen Kommentar dazu abgeben.

Alles steht bereit. Die Frage der Umsetzung hängt nur noch vom richtigen Zeitpunkt ab. Der Große Preis von San Marino in Imola: Startschuss zur Europasaison. Ich darf die „Live-Cam“ erstmals „ausführen“. Perfektes Timing. Wir machen Stimmung. Wir präsentieren das „Rundum-gute-Laune-Programm“. Wir liefern italienische Lebensfreude. Doch leider ist nicht alles „tutto bene“.

Der Freitag beginnt mit einem schweren Unfall von Rubens Barrichello. Mit rund 200 km/h hebt sein Wagen beim Überfahren der Curbs ab. Er prallt gegen einen Reifenstapel und überschlägt sich mehrmals. Die Zunge des Brasilianers legt sich über seine Luftröhre. Rubens verliert das Bewusstsein und muss noch auf der Strecke medizinisch behandelt werden. Der Arm wird überdies in Gips gelegt. Die Nase ist gebrochen. Barrichello sieht übel aus. Ein Wunder, dass er nicht noch mehr abbekommen hat. Die Live-Kamera ist zum ersten Mal im Einsatz.

Beim Qualifikationstraining der nächste Crash. Es erwischt Roland Ratzenberger. Der österreichische Simtek-Pilot verliert bei beinahe 300 km/h seinen Frontflügel und kracht fast frontal in eine Betonmauer. Auch er benötigt sofortige Erste Hilfe an Ort und Stelle. Mit dem Hubschrauber wird er ins Krankenhaus geflogen. Von dort kommt bald die Schreckensnachricht, dass Ratzenberger seinen schweren Verletzungen erlegen ist.

Am Samstagabend stellt sich Ayrton Senna einem Interview. Das Gespräch fühlt sich eigenartig an. Sonst immer ein sehr bereitwilliger Dialogpartner, gibt er sich diesmal zurückhaltend und zugeknöpft – wohl den Umständen geschuldet. Er agiert sichtlich besorgt. Im Hintergrund stimmen seine Fans Senna-Sprechchöre an. Normalerweise reagiert er prompt darauf. Mit einem Lächeln oder Winken. In diesem Fall verliert er komplett die Fassung. Auf seinen Wunsch brechen wir das Interview gleich zweimal ab. Es dauert, bis wir alles im Kasten haben. Sein Verhalten bringt mich ins Grübeln. Viele Journalisten bildeten rund um mein Mikrofon einen Kreis und wurden Ohren- und Augenzeugen des Gesprächs. Im Nachhinein behaupten einige Kollegen, dass Senna eine Vorahnung plagte. Für mich ist das etwas zu spekulativ. Aber eines ist tatsächlich nicht zu übersehen: Senna wirkt unglaublich mitgenommen und betroffen.Vor dem Rennen am Sonntag äußern sowohl Senna als auch Gerhard Berger Sicherheitsbedenken. Die Kommissare nehmen die Aussagen zur Kenntnis. Ohne Konsequenzen. Ohne Umdenken. Ohne Maßnahmen. Schon beim Start kommt es zu einem heftigen Zusammenprall zwischen JJ Lehto und Pedro Lamy. Teile der Karosserie fliegen in die Menschenmenge und verletzen neun Zuseher. Die Unfallstelle wird geräumt. Als der fliegende Start nach der Safety-Car-Phase abgeschlossen ist, passiert der Senna-Unfall. Sofortiger Rennabbruch. Wie bei Ratzenberger einen Tag zuvor hebt der Hubschrauber erneut Richtung Bologna ins Spital ab. Die Live-Kamera ist mehr als up-to-date. Als einen der Ersten darf ich Niki Lauda befragen. Wenn sich einer mit Unfällen auskennt, dann er. Allen wird die ernste Lage sofort bewusst. Abermillionen Menschen vor den TV-Schirmen verfolgen die grauenvollen Bilder. Aber sie werden nicht allein gelassen und erhalten erste Informationen. Aus journalistischer Sicht fühlt es sich richtig an, wie wir mit dieser Situation umgegangen sind. Eine traurige Live-Kamera-Premiere …


© Jean-Loup Gautreau / AFP / picturedesk.com

Legende zu Lebzeiten: Ayrton Senna

Was die meisten für unmöglich halten, geschieht: Das Rennen wird fortgesetzt! Eine Tragödie: The show must go on. Zwei Stunden nach der Zielflagge verlässt uns Ayrton Senna für immer. Gerhard Bergers Worte klingen mir seither in den Ohren: „Als wäre die Sonne vom Himmel gefallen.“


© Jean-Loup Gautreau / AFP / picturedesk.com

Ayrton Sennas tödlicher Unfall

Zwei Menschen kommen binnen 24 Stunden ums Leben. Imola 1994, das fürchterlichste, grausamste, schrecklichste Wochenende der Formel-1-Historie. Ich habe so gut wie möglich versucht, meinen Job zu erledigen. Voll unter Strom. Mit Hochspannung. Elektrisiert. Je mehr Interviews ich führen musste, desto weniger fand ich Zeit, zu reflektieren. Am Abend sinke ich zusammen. Erschöpft. Erledigt. Ergriffen. Still in einer Ecke sitzend, lasse ich die Ereignisse Revue passieren. Drei bis vier Interviews waren an diesem Wochenende geplant. Geworden sind es zwischen 30 und 50. Ich habe aufgehört zu zählen. Ich weiß es nicht mehr. Ich habe es verdrängt …

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258 стр. 215 иллюстраций
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9783903376014
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