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Jürgen Roth
Fußball!
Vorfälle von 1996 bis 2007

Jürgen Roth
Fußball!
Vorfälle von 1996 bis 2007
Mit einem Grußwort von Günther Koch und dem Hörspiel
Das langsame Erschlaffen der Kräfte von Ror Wolf und Jürgen Roth

© 2007 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des
Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz & Cover: MV-Verlag
Photo auf der Umschlagrückseite: Jürgen Roth
Die Faksimiles stammen aus dem DIN-A-5-Heft
»1. Klassenmannschaftsbuch 5 b 1979 K 12«
ISBN 978-3-938568-48-4
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Für Astrid Rawohl und Herbert Fischer-Solms
Jürgen Roth, geboren 1968, lebt als Schriftsteller in Frankfurt/Main und widmet sich unverdrossen dem Thema Fußball – mit Büchern, in Zeitungen, Zeitschriften und im Hörfunk, zeitweilig sogar im Fernsehen, als Tresenschwätzer in Rudi Brückners Talkshow Dropkick 06 auf Eurosport.
Im Vorfeld und während der WM 2006 hat er die Veranstaltungsreihe »Fußball-Bar« im schauspielfrankfurt kuratiert und teilweise moderiert. Ferner hat er die vier CDs umfassende Edition Ror Wolf – Gesammelte Fußballhörspiele (intermedium records/Strunz!/BR/SWR/hr2/WDR 2006) herausgegeben. Sie wurde mit dem »Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2006« sowie als »Hörbuch des Jahres 2006« ausgezeichnet.
Das gemeinsam mit Ror Wolf geschriebene Hörspiel Das langsame Erschlaffen der Kräfte (BR 2006) erscheint in diesem Buch erstmals gedruckt.
Von Jürgen Roth sind im Oktober Verlag des weiteren folgende Titel lieferbar: Die Tränen der Trainer – Wichtige Fußballbegebenheiten (2001), Die Poesie des Biers (2003) und Anschwellendes Geschwätz – Kleine Chronik des kommunikativen Krawalls (2005).
Inhalt
Grußwort – Von Günther Koch
Wie geht Doppelpaß?
Hinaufsteigen und Fallen oder: Fußball als Wirklichkeitskunst
Zwischen Hansch und Potofski
Erschlagen in Eschwege
Wontorra I
Roberts Rhönradreportagen
Mit Hammer und Stöckchen
Die drei Fragezeichen
Der Langpaß-Odysseus
Wontorra II
Und das Dorf klagte einmal mehr
Bilderkrampf
Otto, der Filmriß
Attacke auf Geistesmensch
Moral, Moneten, Menschen und Millionen
Voll in den Völler
Ballaballabierbilanz
Rückblicke auf große Radiotage
Erdrückende Kompetenzübermacht
O du, Türkei
Die Schönheit der Eigentlichkeit
In Schlagzeilengewittern
Fernsehradio
Sieben Schwedenspielgeschichten
So eigentlich nicht, Türkei!
Absolut, ja
Schweds End
Na ja, Türkei
Gegen Goethe
Freitag
Valentinwahnsinn
Verlängerungen
Nun mal gut, Türkei (Appendix)
Chapeau und not Chapeau, Türkei! (Appendix 2)
Weltschuldfrage geklärt
Effe, antreten!
Ach, der Zeiten einst gedenkend
Zigaretten, Frikadellen, Bott
Lebensabschnittsphrasen
11 Flaschen
Es ist des Leidens nun genug
Ganz große Schweine (und Säcke)
Akte Lettland
Der Taktvolle
Schlatophisch
Napoleon hielt nicht Händchen
Die Verweigerung des Taschentuches
Vorschlag
Der Rummenigge-Brunnen
Die Autonomie des Balls
Ein Sportrück- und -ausblick betr. 2005/06
Zum Lobe des Deutschen Fußball-Bundes
Einer geht noch (1) – Staatsaffäre Klinsmann
Fußball und Philosophie
Einer geht noch (2) – Ballacks Buch
Der unvollendete Haken
Einer geht noch (3) – Olli allein zu Haus’
Erledigt
Erfreut
Der fliegende Zahnarzt
Aufgeblasene Luft
Einer geht noch (4) – Weltmeister gestern und morgen
Die versteckte Zigarre
Einer geht noch (5) – WM-Nominierung
Einer geht noch (6) – VIP-WM
Vom Fettsack und der dicken Kuh
Geballter Blödsinn
Hoher Hirneinsatz bei atemberaubender Ahnungsabwesenheit
Messe der Masse
Geld schaufeln
»Ein großer Scheißhaufen«
Vorbereitung
Der Kerner der Woche (1) – Ein Bus wird kommen
»Keinerlei Tiefenerkenntnis für den Zuschauer«
Dementi
Totaltotale
Phänomen
Abendland
Besoffen
Postkarten
Hirnwechsel
Reporter
Der Kerner der Woche (2) – Auswurf im Ohr
Kopffüllung
Die Welt
Abbitte, bitte
Real egal
Dialektik
Der Kerner der Woche (3) – Worte fassen
Tränen
Könige
Erschöpft
Sehr gern
Spiritus sanctus
Alles falsch
Partybremse
Der Kerner der Woche (4) – Wurst und Membran
Acker
Großartig
Wahrheit
Michel, Koch, Kahn
Hehre Menschenhaufen
Reden
Gesten – warum und wozu?
Labilität
Trainer goes Soziologie
Doll, Daum und die Dummheit
Der Wirklichkeitsmensch und Spieler
Nicht ohne, nicht mit
Kuddelmuddel und Kokolores
Die Frankfurter Mauer
Königsblaue Jahrhunderttrottel
Bruchstücke eines Vorgangs
Das langsame Erschlaffen der Kräfte – Ein Fußball-Hörstück in 6 Kapiteln – Von Ror Wolf und Jürgen Roth
Nachweise
Grußwort
Geben wir es ruhig zu: Er macht uns alle so verrückt und gierig, daß selbst Gebildete und Fundamentalisten, die sich bereits mehrfach und oft genug von ihm abgewandt haben oder sich von ihm haben lossagen wollen, immer wieder und wohl auch zerknirscht und reumütig zugeben müssen, einfach nicht mehr von ihm loszukommen.
Von wem die Rede ist?
Na klar – von ihm:
dem
FUSSBALL!
Günther Koch
Nürnberg, den 25. Dezember 2006
Wie geht Doppelpaß?
Nachdem man die Systemtheorie erfunden hatte und die flott aufs Rad gesprungenen Adepten des durch seine in den frühen siebziger Jahren mit Prof. Habermas ausgefochtenen Duelle weit über die Grenzen Westfalens hinaus bekanntgewordenen Niklas Luhmann aber schon bald auch nichts mehr zu tun hatten, weil von der »Liebe« (Luhmann) bis zur »Aufklärung« (Luhmann) alles abgehandelt und somit guter Rat teuer war in einer der führenden Sparten der deutschen Soziologie, packte erst zögernd, im Laufe der Zeit aber immer nachdrücklicher zunächst der Spiritus rector selbst die Klärung der Frage an, wie es eigentlich um das Verhältnis von Soziologie und Fußball bestellt, genauer: wie denn nun im Grunde genommen der Fußballsport als System einzustufen sei. Luhmanns vorläufige Antwort während der WM 1990 in der FAZ: »Sein System hat keinen Zweck, aber es ist bistabil, man kann gewinnen und verlieren.«
Als der Titel schließlich eingefahren worden war, nutzte Professor Hartmut Esser (Universität Mannheim) die landesweit gelöste und dem Fußballexpertenwesen deshalb gewogene Stimmung, um sich noch einmal einläßlicher und wie ausgelassen zu fragen, was den Doppelpaß »als soziales System« auszeichne und wie er infolgedessen funktioniere.
Schon kurz darauf geschah es dann, daß sich der Professor Esser über einen im Auftrag der Zeitschrift für Soziologie (April 1991) verfaßten Aufsatz sehr nachhaltig für den »Doppelpaß als soziales System« verwendete, mit der präzisen Prämisse, daß »Doppelpässe weder sinnlos sein können, noch daß ihr Mißlingen möglich wäre«.
Voilà. Scharf auf klare und distinkte Gedanken ist zumal der gebildete Fußballfan angesichts der unvermindert »neuen Unübersichtlichkeit« (Habermas), die allenthalben den Verstand bedrückt; nach schlagenden Evidenzen verlangen desgleichen die am kaum bis zum erlösenden Ende durchdachten Dekonstruktivismus oder Neo- resp. Poststrukturalismus wie belämmert herumlaborierenden akademischen Nachwuchskräfte, und es ist leicht einzusehen: »Doppelpässe sind […] auf sich selbst bezogene und sich selbst tragende Konstruktionen.«
Was heißt das aber jetzt im näheren? Vorderhand: Kantische bzw. kantianische Erkenntnistheorie ist obsolet. Warum? Leider hilft sie »als begriffliche Anstrengung, als selbstreferentielle und selbsttragende Architektonik von Leitdifferenzen und Vergleichsmöglichkeiten« den Fußball und seinen prozessualen Kernbereich, den Doppelpaß, nicht zu durchschauen. Wer einen solchen Befund akzeptiert, findet sein Glück in der widerspruchsfreien Schönheit eines Doppelpasses. Er ist, was nie mißlingen kann. Er »ist ein Prozeß, der – über alle kooperativen und antagonistischen Episoden hinweg – eben solange prozessiert, wie er prozessiert, dieses dann aber auch tatsächlich tut«.
Gewiß, es mag ein Wagnis sein, den Doppelpaß als autopoetisches Ganzes in den Griff bekommen zu wollen. Essers »Überlegungen gehen [jedoch] davon aus, daß es Doppelpässe gibt«. Und es gibt sie wirklich. Wer wollte es bezweifeln. Esser nicht. »Damit ein Doppelpaß existieren kann, muß es ihn erst einmal geben«, und »erst ein Doppelpaß ist – ganz radikal systemtheoretisch gedacht – ein Doppelpaß«.
Mögliche Einwände dahingehend, ob Essers Ausführungen zum Doppelpaß denn in die komplette Systemtotalität des Fußballs vorstießen, wären ohne jeden Zweifel im großen und ganzen haltlos. Bombensichere Erkenntnis gewinnt, wer Ganzes und Teil in ihrer reziprok-innigen Gemeinschaftlichkeit in den Blick nimmt und dann »als prozessuale Oberfläche jener integrationistisch-holistischen Version eines Gesamt« versteht, dessen Sinn sich in der ganzheitlichen Betrachtung aller potentiellen doppelpaßspezifischen Aktionen erschließt. »Das Weltganze bzw. das Ganze der Menschheit (und im speziellen Fall: […] das eingeübte Idealbild eines überaus gelungenen Doppelpasses)« hat selbstverständlich »als Ganzes (im Akteur auf dem Rasen) noch im verunglücktesten Ansatz präsent zu sein«.
Der Doppelpaß geht nie und nimmer in die Binsen. »Sinn hat Sinn, und Doppelpaß ist Doppelpaß. Das bleibt.« Am Paradigmenwechsel vom Fußballmarxismus der siebziger Jahre zur systemtheoretischen Doppelpaßtheorie wird somit die Engstirnigkeit jeder »humanistischen Engführung des Sinnbegriffes« deutlich. Unvermeidlich mündet das »Theorem der Autokatalyse von Ordnung durch doppelte Kontingenz« im Zuge »quadrierter Kontingenz« zwischen »dem sozialen System Doppelpaß einerseits und den psychischen Systemen Burgsmüller und Bratseth […] andererseits« in das entschiedenste und abschließend »deutlich verschärfte Unmöglichkeitstheorem«, was besagt: »Doppelpässe können weder sinnlos sein, noch können sie mißlingen.«
Das nehmen wir erleichtert hin, genauso wie die Tatsache, daß »ebensowenig wie Doppelpässe […] auch systemtheoretische Analysen nicht mißlingen«, die des Professors Esser schon mal dreimal nicht.
Hinaufsteigen und Fallen oder: Fußball als Wirklichkeitskunst
Allem Anschein nach ist kein künstlerisches Genre weniger wohlgelitten als der Fußballfilm, zumindest unter seinen ersten Adressaten, den Anhängern des Spiels. »Das Verhältnis von Fußball und Film ist reichlich verkorkst«, heißt es stellvertretend in einem Beitrag der Deutschen Welle vom 17. August 2003, und der Filmhistoriker Ulrich von Berg zieht angesichts der kaum zu überschauenden Zahl von Versuchen, sich des bedeutendsten aller Sportspiele cineastisch anzunehmen, »eine imposante Schreckensbilanz«.
In Anbetracht solcher Manifestationen des Elends wie Der Theodor im Fußballtor (E. W. Emo, 1950), Libero mit Franz Beckenbauer (Wigbert Wickert, 1973), John Hustons Flucht oder Sieg aus dem Jahr 1981, einer Offenbarung der Haltlosigkeit, in der Pelé in einem Team mit Torwartmime Sylvester Stallone herumrennt, oder Wim Wenders’ – gleich der Vorlage – notorisch falsch ins Fußballfach einsortierter Handke-Verfilmung Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1971/72) sowie des soapigen Schmarrens Fußball ist unser Leben (Tomy Wigand, 1999, mit, selbstredend, Uwe Ochsenknecht) hegen auch die im engeren Sinn der Seite des Sports zugewandten Experten der Zeitschrift 11 Freunde in der Titelgeschichte der Ausgabe 8/2001 den Eindruck, »als hielten sich Fußball und Film bereits seit Jahrzehnten mit einem hundslangweiligen Catenaccio in Schach«, und gelangen zu dem Schluß, daß der Fußball – mit einigen Ausnahmen aus dem angelsächsischen Raum, wo, von The Firm und When Saturday Comes bis zu Fever Pitch oder Mike Bassett – England Manager, Fußball als Metapher des Lebens verstanden wird – mit dem Film nichts am Hut habe. Bzw. umgekehrt.
Woran mag das liegen? Wim Wenders selbst hat die prekäre Diskrepanz zwischen Fußball und Film zur Sprache gebracht. »Gegen die Dramaturgie eines Fußballspiels kann man mit den Mitteln des Films nur verlieren«, gestand er und deutete die strukturelle Inkohärenz zwischen ästhetischen Verfahren und einem sportlichen Geschehen an, dem man regelmäßig genuine ästhetische Qualitäten attestiert, ohne sie, außer in Analogie zur Sphäre der Kunstproduktion und -rezeption, schlüssig beschreiben zu können. Fußball kann »Kunst« sein, ohne daß das Spiel jemals ein – geschlossenes – Kunstwerk wäre, das etwas außerhalb seiner selbst repräsentieren würde. »Kein Drama der Welt kann so übersichtlich sein wie ein Fußballspiel«, zog Marcel Reich-Ranikki nolens volens irgendwie den richtigen Schluß aus diesem Dilemma, und der meist emsig herumanalogisierende Fußballpublizist Helmut Böttiger fragte zu Recht: »Was besagt ein Shakespearescher Theatertod gegen das entscheidende Kopfballtor in der 92. Minute?«
Filmproduktionen, die sich auf die wie immer gestalterisch prononcierte Reproduktion einer speziellen Partie oder des Fußballspiels an und für sich verlegen, scheitern zuverlässig daran, daß das Spiel beeindruckender, fesselnder, größer als das Kunstwerk ist. Der Fußball, so schlicht und durchschaubar er dünkt, entzieht sich in all seinen Dimensionen – der Strategie, der Dramaturgie, der Unwägbarkeit – der Durchdringung oder Abbildung vermöge artistischer Mittel. Weil das Spiel so einfach und zugleich inkalkulabel ist, sind die aufwendigsten filmischen Gebilde, die die Illusion der realistischen Schilderung nähren, zum Mißlingen verurteilt, selbst wenn Sönke Wortmann im späten Gefolge von Robert A. Stemmles Das große Spiel (1942, Drehbuch: Stemmle und Richard Kirn), an dessen Entstehung Sepp Herberger und Fritz Walter als Berater beteiligt waren, Spielszenen mit großem Aufwand choreographiert und nachstellt. Denn die Simplizität des Geschehens auf dem Platz koaliert stets mit einer nicht zu bändigenden Komplexität, deren erschütternde Trivialität in der Herbergerschen Weisheit ihren Ausdruck gefunden hat, die Leute gingen zum Fußball, weil sie nicht wüßten, wie es ausginge. Dieses Moment von Suspense vermag kein Kunstwerk, kein Film zu erzeugen. »Der Fußballplatz, und das Sportstadium überhaupt, stellt einen der letzten Orte dar, an dem unwiederholbare Auseinandersetzungen stattfinden«, merkte der Soziologe Gerd Hortleder vor über dreißig Jahren an, und Herbert Heinzelmann hat jüngst festgehalten: »Ein Fußballspiel dauert durchschnittlich neunzig Minuten, genau wie ein Spielfilm. Ein Fußballspiel ist allerdings in dem Moment, da es angepfiffen wird, ergebnisoffen. Der Film dagegen folgt in seiner Handlung einer abgeschlossenen Dramaturgie. Deshalb ist ein Fußballspiel einem Film selbst dann noch ›überlegen‹, wenn es langweilig ist.«
Und deshalb sind sie grosso modo, ungeachtet z. T. höchst heterogener Perspektiven auf die Sache, allesamt durch Inadäquatheit dazu verdammt zu langweilen, die filmischen Erzählungen über soziale Eigentümlichkeiten von Fangruppen (Ricky Tognazzi: Ultrà, 1990; Adolf Winkelmann: Nordkurve, 1992), die sinnfindungsprallen Kinderfilme, die Spielfilme, die an Hand des Fußballs sozio- und ethnokulturelle Themen und Probleme wälzen – wie Spiel der Götter (Khyentse Norbu, 1999) oder Kick It Like Beckham (Gurinder Chadha, 2002) oder eben, mit oberligareifen Darstellern und einer Stadionkulisse aus dem Computer, Wortmanns mythologisierend-nationalhistorischer Schmachtfetzen Das Wunder von Bern.
Dokumentarische Werke wiederum, ob aus Schweden (The Way Back – True Blue 2, Fredrik Gertten, 2002), aus Spanien (Johan Cruyff – En un momento dado, Ramón Gieling, 2004) oder aus Deutschland (Irgendwo da unten, Dirk Laabs/Julia Möhn, 2002), ziehen, gemessen an der Publikumsgunst, gegenüber den Movies noch entschiedener den kürzeren. Fußball im Film, diese Verbindung scheint somit seit 1911, als der erste Streifen seiner Art über die Leinwände flackerte, der Neunminüter Harry The Footballer (Lewin Fitzhamon), wenigstens partiell nur unter der Voraussetzung zu funktionieren, daß das eine Popphänomen auf das andere reagiert, ungeachtet der ästhetischen Einschätzung der Resultate.
In jenem Sinne antwortete Sönke Wortmann schon 1996 auf die Frage, was Fußball und Film miteinander zu tun hätten: »Ein Film sind schnelle neunzig Minuten. Das hat einmal der Hollywood-Produzent Jack Warner postuliert. Ein Fußballspiel dauert genauso lange, und irgendwie haben sich diese anderthalb Stunden für Akteure wie Publikum als die passende Länge herausgestellt.« – »Fußball ist genau wie ein Film ein Tummelplatz für Haifische«, fuhr er fort und ergänzte: »Man hat es nicht nur mit Abgezocktheiten und Egomanien zu tun, sondern auch mit Team-Spirit, Vision, Kreativität und Enthusiasmus. Beide sind Unterhaltungsmedien und Mannschaftssport.« Heißt das dann, daß, die Parallelen zwischen zwei neunzigminütigen Aufführungen ernst nehmend, Erzählzeit und erzählte Zeit, mithin die Echtzeit der neunzig Minuten eines Fußballspiels, im Film doch zur Dekkung gelangen können? Oder anders, nämlich abermals mit Sönke Wortmann gefragt: »Warum gibt es keinen vernünftigen Film über Fußball, wenn schon beide Phänomene diese Parallelen aufweisen?« Nur weil »die Schauspieler nicht gut genug Fußballspielen können oder umgekehrt«?
»Wie unüberwindbar die dichte Mauer zwischen Fußball und Kino in Deutschland ist«, urteilte 11 Freunde apodiktisch, »zeigte sich dann besonders drastisch in den siebziger Jahren. Beide erlebten damals ihre kreativste und erfolgreichste Zeit. Natürlich getrennt voneinander.« Was natürlich Unfug ist. Denn just in den Siebzigern entstehen in Deutschland Fußballfilme, die den Gefahren des Mißratens, d. h. den Fährnissen des Abbildungsrealismus und der Überfrachtung des Spiels mit Botschaften sportfremder Art, dadurch begegnen, daß sie sich radikal beschränken und nach Wegen suchen, in der verfremdenden Perspektive und in der zeitlichen Raffung Formen der Wahrnehmung oder, pathetisch formuliert, der Erkenntnis zu gewinnen, die am Spiel und seinen Protagonisten orientiert sind.
Dem Tagesspiegel gilt Hellmuth Costards Fußball wie noch nie (1970/71) als »ultimativer Fußballfilm«. Costard hatte am 12. September 1970 mit sechs Kameraleuten (die Angaben schwanken allerdings zwischen fünf und acht 16-mm-Farbfilmkameras) die Partie Manchester United gegen Coventry City begleitet und dabei den Blick ausschließlich auf George Best und dessen Bewegungsabläufe gerichtet. Gerade durch die Ausblendung all dessen, was ein Fußballmatch als Kollektivereignis auszeichnet (Zuschauerreaktionen, mannschaftliche Kooperation usf.), rückt die Anlage des Spiels gewissermaßen wissenschaftlich, analytisch in den Fokus. »Was auf den ersten Blick wie ein exzentrisches Experiment aussieht, erscheint im Verlauf des Films immer sinnvoller und plausibler«, beschreibt die Website des Goethe-Instituts die eigentümliche Leistung von Costards Zugang. »Nie sonst bekam ein Zuschauer klarer die Laufwege eines Spielers und dessen Versuche zu sehen, die Entwicklung eines Fußballspiels zu ›lesen‹. Oder zu beobachten, wie bewußt George Best seine Kräfte einteilt. Vor allem in der ersten Halbzeit wartet er mehr auf Ballkontakte, als daß er sie wirklich hätte. […] Der Fußballsport ist seither ungleich athletischer und schneller geworden; jeder Erstliga-Trainer würde heute einen Spieler mit dem Laufpensum von George Best in der Halbzeitpause auswechseln. Der Druck des unbedingten Professionalismus muß damals weniger gnadenlos gewesen sein. Also sieht man hier kaum ein wirklich bösartiges Foul, keinen Spieler, der sich theatralisch am Boden wälzen würde, um die gelbe Karte für einen Rivalen zu provozieren – und erst recht keinen Disput mit dem Schiedsrichter.« Daß die Entdramatisierung allerdings gerade bei jenen, die durch Fußball wie noch nie hätten inflammiert sein müssen, auf wenig Gegenliebe stieß, hat die Zeitschrift RUND (4/2006) durch eine schöne Anekdote illustriert: »Als die Spieler des 1. FC Köln 1971 den Film zum erstenmal sahen, verließen sie vorzeitig die Vorstellung. ›Geht das immer so weiter?‹ lautete nach der Erinnerung des Produzenten Werner Grassmann die am häufigsten gestellte Frage des Abends. ›Da half es nichts, daß feinere Getränke als Bier gereicht wurden.‹«
Ein ähnlich avanciertes, allerdings ungleich variantenreicheres Verfahren wählte Joachim Kreck, als er 1973 mit No 1, seinem Regiedebüt, eine schließlich fünf Filme umfassende, vielfach prämierte Reihe von (Kurz-)Filmen über Fußball eröffnete, die 1990 mit Der Mann an der Seitenlinie, dem »weltweit einzigen Fußballdokumentarfilm über einen Linienrichter« (Jan Tilman Schwab: Fußball im Film – Lexikon des Fußballfilms, München 2006), ihren Abschluß fand.
Ausgenommen die in Schottland unter Aspekten der Außendarstellung des Fußballs kontrovers diskutierte 47minütige Dokumentation The Big Clubs, die die religiös fundierte Rivalität zwischen Celtic Glasgow und Glasgow Rangers und den sich daraus speisenden Identifikationszwang samt Hooliganismus zum Gegenstand hat, verzichtet Kreck wie Costard auf jeden Interview-O-Ton und jeden Kommentar. Seine Montagen setzen durchweg eine Vielzahl von Close-Ups, die Schrittfolgen oder bestimmte Gesten in physischer Eindringlichkeit hervorheben, und teilweise extreme Zeitlupen ein. Die Engführung der Bildfolge und ihres Tempos mit der meist von Volker Kriegel beigesteuerten Musik generiert zudem groteske oder komische Effekte, die Kritiker wiederholt an streng stilisierte, ballettartige Abläufe erinnerten.
Krecks Beiträge zum Fußball zeugen »gleichermaßen von großem Fußballwissen und von filmtechnischem Können« (Münchner Filmmuseum). Schon No 1, am 26. Oktober 1973 auf den Sportfilmtagen in Oberhausen uraufgeführt, wurde vom Britischen Filminstitut als »einer der herausragenden Kurzfilme des Jahres« ausgezeichnet. Das rasante neuneinhalbminütige Stück (Kamera: Edward McConnell) widmet sich dem Torwart schlechthin, der Position des letzten Mannes, obschon es gleichermaßen als Hommage an Dr. Peter Kunter, den langjährigen Keeper von Eintracht Frankfurt, zu verstehen wäre.
Allein, es ist Kreck weder um die Rekonstruktion eines exemplarischen Spiels aus der Perspektive des Torwarts noch um die im Genre Fußballfilm fest beheimatete Inthronisation einer Legende zu tun. Kreck zerlegt die gegen Ende immer dynamischer komponierte, durch Volker Kriegels perkussiv akzentuierte Jazzrockarrangements (»Zoom« vom Album Spectrum) untermalte und pointierte Studie in Sequenzen, die prototypische Situationen des Berufsalltags illustrieren oder, besser, sezieren. Gleichwohl unterläßt es Kreck nicht, einen motivischen Rahmen aufzuspannen. Während Kunter zu Beginn einen unhaltbaren Treffer hinnehmen muß, endet No 1 mit einem Freeze, das den Protagonisten aus der Hintertorperspektive bei einer unerhörten Streckparade zeigt, ohne daß das Bild zu erkennen gäbe, ob sie von Erfolg gekrönt war.
Kein Bestreben nach Mythisierung, keine Gesten der Theatralität. Spektakulär sind allein die Flugeinlagen, die Zusammenstöße, die Abwehraktionen – das Hochsteigen und Zugreifen, das Fallen und Abrollen –, die in einer Art Galerie von Schnappschüssen bereits am Anfang signalisieren, daß es hier nicht um eine Narration, einen kondensierten Bildungsroman geht, sondern um eine weitenteils aus Tages- und Flutlichtspielausschnitten montierte Anordnung von körperlichen Abläufen, die sich selbst deuten. Kunter hechtet beim Training in die Weitsprunggrube, und schlägt er mal, jenseits des eigenen Übungspensums, eine Flanke, stürzt er unbeholfen. Doch als jener Figur, die auf dem Platz nicht gestaltet, aber waghalsig das Schlimmste, Gegentreffer nämlich, verhindert, wächst ihm, dem Vereinzelten, der sogar in der Kabine von den Mitspielern getrennt zu sein scheint, jene Verantwortung zu, die im heutigen Diskurs über den Stellenwert des Torwarts allgegenwärtig ist.
Der Verzicht auf einen gesprochenen Kommentar läßt die herauspräparierten Spielszenen zuweilen wie unter Glas erstarren. »Die methodische Raffung und Ballung von Aktionen, der konsequente Verzicht auf Kommentar, das alles überzeugt mich«, lobte Ror Wolf No 1, Joachim Krecks Pioniertat, die bis heute nur Insidern ein Begriff ist. Die Dialektik von Untätigkeit und Eingreifen, von angespanntem Warten und plötzlich geforderter, nicht selten gefährlicher Präsenz wurde hier erstmals adäquat filmisch konturiert, indem der Fußballsport bewußt reduktionistisch und gerade deshalb erkenntnisfördernd gänzlich auf die Rolle des letzten Mannes zugeschnitten blieb.
Selbst wenn Kunter am Spieltag auf den Rasen des Waldstadions trabt, wirkt er, in die Totale gerückt, einen kurzen Augenblick isoliert. Das Motiv der Einsamkeit, durchgeführt im Wechselspiel von Nähe und Distanz, von Close-Up und Totale, dementiert die gängigen Vorstellungen von der Notwendigkeit der harmonischen Mannschaftsfügung, von der sozialintegrativen Modellhaftigkeit des Fußballs.
»Das Individuum überschreitet sein gemeinsames Sein, um es zu verwirklichen; man ist nicht Tormann oder Läufer, wie man Lohnarbeiter ist. Die Funktion als gemeinsames Sein ist unbestimmte Bestimmung«, heißt es in einer unter sog. Fußballintellektuellen nicht ungern zitierten Passage aus Jean-Paul Sartres Kritik der dialektischen Vernunft (dt. Reinbek 1967). Und im weiteren sieht sich die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem, von Zwang und Freiheit im Konzept der geglückten Vergesellschaftung (auf dem Platz) aufgehoben: »Wenn sich die praktische Spannung lokkert, ohne daß sich die Gruppe deshalb auflöst, so begreift das gemeinsame Individuum in der organisierten Gruppe seine Funktion als seine gemeinsame Besonderheit.«
Wo Joachim Kreck ebendieses Moment der dem Fußball idealiter immanenten Vermittlung von Individuum und Sozietät wenn nicht unterläuft, so doch bezweifelt, hebt Ror Wolfs zwei Jahre später, am 6. November 1975 im ZDF urgesendeter und 54 Minuten langer Kamerafilm Keep Out die unauflösliche Devianz des einzelnen hervor, indem er über einen Ausschnitt aus der Karriere des linken Außenstürmers Thomas Rohrbach berichtet, der von 1970 bis 1975 bei Eintracht Frankfurt angestellt war.
Spielerporträt, Psychogramm, Dokumentation – das alles mag Wolfs experimentelle Exkursion ins oder durchs Leben dieses Außenseiters sein. Sie ist darüber hinaus der Versuch, mit Worten und bewegten Bildern in das Seelenleben des Fußballs einzudringen – oder die Grenzen zu erkunden, an denen ein formiertes, eingesperrtes, indes nicht gänzlich vom Betrieb unterworfenes Individuum schließlich zu zerschellen droht.
Rohrbach agiert in Keep Out auch als Schauspieler und als authentischer Erzähler in eigener Sache. »Bring mich doch endlich hier weg«, hört man den begnadeten, in seiner letzten Saison am Riederwald weitgehend zum Bankdrükker degradierten Dribbler gegen Ende resigniert aus dem Off sagen. »Es gibt nur eine Möglichkeit – verkaufen. Ich werd’ nicht mehr benötigt.« Das ist die Quintessenz eines Berufslebens. Trainer Dietrich Weise gibt »diesen Typen« – »Leuten, die aus der Eigenart nicht herauskönnen« – »kaum noch Chancen, im Leistungsfußball eine Rolle zu spielen«. Der »Anforderung von der Öffentlichkeit«, wie es einer der von Ror Wolf auch in seinen Fußballhörspielen verewigten Kiebitze ausdrückt, der Doktrin, sich innerhalb der »Mannschaft als geschlossener Einheit« zu assimilieren, hat der Pastorensohn aus Bad Hersfeld nicht Genüge geleistet.
Und trotzdem: Rohrbach beharrt noch angesichts seiner Zurückstufung darauf, »in den Kreis der gutbezahlten Spieler« aufgenommen zu werden. Wolf gesellt dieses Statement, die Linearität filmischer Erzählungen suspendierend, im Finale seines Abgesangs auf einen im Konkurrenzkampf Unterlegenen zu surreal anmutenden Bildern eines alptraumartigen Panoptikums aus Tierpräparaten. Die Ereignisse rund um Ball und Mensch kulminieren in der Erstarrung, der Ausweglosigkeit. »Ich hab’ mich draußen gefühlt.«
In selten offener Weise hat sich Ror Wolf zu den Intentionen geäußert, die er mit Keep Out zu verfolgen gedachte. »Daß der Fußball gegenwärtig einer der wichtigsten Bereiche der Unterhaltungsindustrie ist, muß kaum mehr diskutiert werden«, merkte er an. »Ein paar Funktionäre, die in ihren Festreden diese Monumentalshow noch immer in die Weihezone eines keuschen Idealismus hineinreden wollen, stören da nicht. Auch sie wissen, was gespielt wird. Der Interessenzuwachs aus Gruppen, die vorher im weitesten Sinn sportuninteressiert waren, ist unverkennbar. Er hat sich vor allem durchs Fernsehen ergeben. Die Ballstars sind erst Stars geworden durch das Fernsehen, durch ihre genormten Auftritte, durch die gebügelten Worte […]. Der Film beginnt dort, wo die unter Zeitdruck entstandenen Spielberichte aufhören […]. Das zentrale Thema des Films ist nicht etwa der Alltag eines Fußballspielers, sondern die gesellschaftlich-soziologische Situation eines Außenseiters. Es geht darum, das Verhältnis eines Menschen zu einer Gruppe zu analysieren, von der er in jeder Beziehung abhängig ist, doch deren Gesetzen und Regeln er sich nicht anpassen will.«
Für sein zweites Fußballbuch, Die heiße Luft der Spiele (Frankfurt/Main 1980), hat der Mehrfachverwerter Wolf aus den mit der Nr. 11 geführten Interviews den Prosatext »Rohrbachs Geschichte« destilliert, ja einen monologischen Block gefertigt, der gegenüber der filmischen Montage der Brechung durch andere Stimmen und damit der kaleidoskopartigen Auffächerung entbehrt. In Keep Out werden die Konflikte zwischen Spieler, Mannschaft, Trainer und Publikum deutlicher betont. Zwar gilt Rohrbachs repetitiver Klagerede – »Also, ich fühl’ mich beschissen und allein«, »Ich leide unter dem Druck«, »Es gibt Samstage, da kotzt es mich total an«, »Das ist ein sehr harter Kampf, da ist man einsam«, »Diese Gemeinschaftsfahrten waren schlimm« – Wolfs ungeteilte Sympathie, und bisweilen wirkt Rohrbach, »satt vom Rollenspiel«, in seiner tiefen Kümmernis wie ein Bruder des von Wolf verehrten legendären Kornettisten Bix Beiderbecke; doch die Konfrontation von Subjektivität oder Innenwelt und Außenwelt oder Fremdwahrnehmung nimmt breiteren Raum ein. Der Rentner Heinz, dem man etwa in den Hörspielen Heinz, wie ist deine Ansicht? und Expertengespräche wiederbegegnen wird, bringt diesen Zustand der perspektivisch zersplitterten, kakophonischen Wahrheitsartikulationen aus dem Off unwillentlich prägnant zum Ausdruck: »Ich steh’ uff dem Standpunkt, er is’, wollemal sagn, man meint grad, er wär’ wetterbedingt.«
Rebell und Reservist – die Collage Keep Out wird dem Wetterwendigen, Windigen ihres Objekts auch formal gerecht, indem Wolf Bild- und Tonspur asynchron anlegt. »So jagen sich pausenlos Jump-Cuts auf Bild- und Tonspur«, erläutert Jan Tilman Schwab, »fragmentarisierte Ausschnitte aus Fußballspielen und Trainingseinheiten wechseln mit sich überschlagenden Wort- oder Satzfetzen aus Interviews und Radioübertragungen, die mitunter auch stehendes Bild und Zeitlupenaufnahmen begleiten.« Allerdings werden die assoziativ oszillierenden Bild-Ton-Kompositionen durch diverse (Spiel-)Szenen kommentiert, die allzu plakativ sinnbildlich und symbolisch aufgeladen Interpretationen präjudizieren – etwa wenn Rohrbach im Paternoster abwärts und sein Nachfolger aufwärts fährt oder eine zum Abbruch freigegebene Villa unter dumpfen Schlägen zu zerfallen beginnt. Die einen gemahnte das an Buñuel, andere, wie beispielsweise der ZEIT-Kritiker Momos (i. e. Walter Jens), bemängelten die »Happening-Beliebigkeit« derartiger manieristischer »Mätzchen« aus einer »Kitsch- und Traum- und Fluchtwelt«.
Vollends überzeugend bleibt dessenungeachtet die Exposition von Keep Out. Die Kamera linst von schräg unten durch ein marodes Glasdach, das sich in den Himmel schiebt. Dazu rezitiert eine Off-Stimme »Hinaufsteigen« aus Punkt ist Punkt – Fußball-Spiele (Frankfurt/Main 1971), eine schwingend lakonische gleichwie euphorische Meditation – »plötzlich über der Erde flach traumhaft fliegen, der Wind ist verstummt, plötzlich das Blei aus den Beinen schütteln und prachtvoll über den Flügel kommen, dem Schatten entwischen, unheimlich schnell heranbrausen […], ganz allein eine Zeit in der Luft liegen, eiskalt ohne Sorgen hinaufsteigen« –, an die sich, nachdem ein herunterfallender Ball das Glas durchschlagen hat, langsame Close-Up-Schwenks über leere, bemooste Tribünen anschließen. Nun, im Sog der Erdenschwere, ist der Fußball nur mehr Zeichen von Morbidität und Verlassenheit, eiskalt, mit Sorgen, Inbegriff zerstäubter und verschütteter Träume.
In Rohrbachs Geschichte wird gesoffen, da wird um Verträge gefeilscht, da wird ausgeteilt und eingesteckt, da herrscht der Schrecken der Tristesse, der Demütigung und der Ignoranz. In Joachim Krecks No 1 gleicht Rohrbachs Mannschaftskamerad Kunter trotz der durch Abgeschiedenheit geprägten Stimmung dagegen eher jenem souveränen »Dr. Kunter, de[m] Herr[n] der Lage«, den Ror Wolf in seiner Prosacollage »Alles auf einen Blick« (und in etlichen seiner Hörspiele) auftreten läßt. Beide Figuren indes verbindet – Kunter als den scheinbar Unangefochtenen, Rohrbach als den schicksalhaft in die Verhältnisse Verstrickten – in der filmischen Inszenierung die Entfernung vom Sartreschen Ideal des nicht-entfremdeten Gruppenhandelns. »Was ist denn eigentlich mit der Mannschaft los?« fragt Rohrbach. »Wenn eben plötzlich die Gruppe einen nicht will, der gut spielt? Und weil einer hintenrum andauernd arbeitet. – Sie kriegen den Platz am Fenster, und einer kriegt ihn nicht.«
In »Rohrbachs Geschichte«, der Prosafassung, bekundet Thomas Rohrbach seinen Respekt vor Helmut Rahn: »Er war der erste, der aus dem Rahmen brach. Er machte Geschichten. Er fuhr besoffen Auto, er hatte ’ne Schlägerei, er saß mal im Knast; das war’n alles Sachen, die mir gefielen. […] Die andern war’n alle irgendwie niedergemacht.« In Keep Out wird die verzweifelte Anstrengung ausgeleuchtet, Herr seiner selbst und zugleich Teil eines Teams zu sein. Deshalb korrespondiert mit der Ehrbezeugung vor dem autonomen, unerschütterbar eigensinnigen »Boß« schließlich ein zentraler Satz: »Ich kann die ganzen Gesichter oft nicht mehr seh’n.«
Joachim Kreck und Ror Wolf haben im toten Winkel der Filmindustrie mit filmischen Mitteln auf das geblickt, was der tägliche Fußballfilm verdeckt oder absichtsvoll zum Verschwinden bringt – das, was den Fußball ausmacht, in seiner Schönheit wie in seiner Schäbigkeit. Sie haben der Illusion mißtraut, das »Total-Theater Fußball« (Wolf) in seiner vorgetäuschten organischen Gesamtheit abbilden oder darstellen zu können.
Nur in der Collage, in der Dekonstruktion und partiellen Rekonstruktion, nur im montierten Fußballfilmbild erhält sich eine Ahnung davon, welchen Sitz der Fußball als Kunst, zumeist jedoch als Kampf und Krampf in der Wirklichkeit hat. Kaum anzunehmen obendrein, daß in einer zeitgenössischen Kinoproduktion ein Satz wie jener von Thomas Rohrbach fiele: »Dieser Scheißberuf. Guck dir die Idioten an.«
Zwischen Hansch und Potofski
Man schreibt ein Buch. Man schreibt es nicht mal. Man gibt’s heraus. Man ist in der Talkshow. Und dann in noch einer.
Der Fußballmedialbagage und ihren Darbietungen widmeten sich zwei Titel, für die ich als Co-Herausgeber bzw. Co-Autor geradestand und -stehe, Wieder keine Anspielstation und So werde ich Heribert Faßbender, und sofern die Hauptvertreter des Fernsehunheils verstanden, daß die Autoren für Besinnung und Zurückhaltung plädiert hatten, machten sie freilich weiter, als sei nichts gewesen.
Genaugenommen war ja auch nichts gewesen, denn die an Wahn grenzende Annahme, es ließe sich irgend Einfluß nehmen aufs laufende Geschäft, gereicht der Polemik selten zum Vorteil. Irgendwann kommt dessenungeachtet jedoch die Zeit, da man endlich dabeisein darf. Sie bietet unsereinem eine Chance, wie sie das Leben selten bereithält: Buch hochstemmen, Buchtitel ausplaudern, den Spottpreis nennen und mit Verkaufszahlen prahlen.
Im März 1996 ruft das DSF zum sonntäglichen Journalistenfrühschoppen, zu Doppelpaß, dem Warsteiner-Fußballstammtisch. Ehre und Ruhm vor Augen, fliege ich hin und treffe auf einen attackierlustigen, schelmischen Werner Hansch, der mich u. a. des Jungzynikertums bezichtigt und behauptet, ich sei ein »Lümmel«. Was man sich nicht alles sagen lassen muß! Doch der Mann hat recht und soll von Kollege Holzschuh (kicker-Chefredaktion) nochmals recht bekommen und Flankenschutz erhalten.
Doppelpaß reicht bisweilen ans Parodistische heran, liegt seltsam quer zur allgemeinen aufgescheuchten Talkperformance und bietet wenig Raum für bedingungsloses Krakeelen und Greinen. Moderator Rudolph Brückner verhält sich freundlich, nimmt insonderheit die Fraktion der Großsprecher zuweilen nicht allzu ernst, gaukelt weder Einfühlungsvermögen noch gieriges Interesse vor und gibt zu erkennen, daß Fußball wohl schwerlich zu den fünf beachtlichsten Weltgeschehnissen zählt. Werner Hansch, durch ran als Vielschwatz zu zweifelhaftem Ansehen gelangt, tritt nach der Show respektvoll und liebenswürdig in Erscheinung und stellt unter Beweis, daß zuhören kann, wer auf einen Artgenossen trifft. Ähnliches gilt für Jörg Dahlmann.
Warum man allerdings just auf der Talkshowtribüne die journalistische Verwertung des Fußballs meint verhandeln zu müssen, bleibt rätselhaft. Möglicherweise sind Spartenkanäle, denen die Segnungen der Erstrechte verwehrt bleiben, gezwungen, sich als Medien zu präsentieren, die die Reflexion dulden oder – kultivieren. Gegen ein solches Kalkül aber spricht die Hegemonie der symbolischen Vermittlungen, die unter dem Begriff »Diskussionskultur« zusammengefaßt sind. Während ran keine Skrupel vor dem hemmungslosen Starsystem mehr kennt und die eigenen Moderatoren unablässig ins Rampenlicht rückt, dominieren auch andernorts Gekäse und Gekrähe, zumal in Häusern des Springer-Kirch-Agglomerats, etwa im DSF.
*
Ulrich Meyer von Sat.1 hat die Hinterlist und die Raunzsucht im deutschen Fernsehen salonfähig gemacht. Wie er bereits hinreichend eingeschüchterten oder hinlänglich aufgepeitschten Gästen zusetzte, als gelte es, die Abschaffung standrechtlicher Erschießungen medial zu kompensieren, bleibt bis heute unübertroffen. Der Heiße Stuhl, wahrscheinlich lediglich vorläufiger Höhepunkt des dauerhaft zu etablierenden Formats der combat talk show, mußte scheitern, um aufzuerstehen – dort, wo die Schlafmützigkeit augenscheinlich ihren angestammten Ort hat, im DSF, bei Offensiv! Streit live.
Kein Fernsehkritiker dürfe seine Gegner jemals kennenlernen, befiehlt ein ungeschriebenes Gesetz. Trotzdem ging ich auch da hin. Mitnichten würden jedoch einige zentrale Thesen aus Wieder keine Anspielstation diskutiert, hieß es während einer offenbar unentbehrlichen strategischen Vorbesprechung, hier solle, au contraire, dazwischengefunkt und möglichst spektakulär der Widerpart in die Zange genommen und sowieso Stammtischniveau erreicht werden, denn das Motto der Sendung vom 21. Mai 1996 lautete ja zweifelsfrei: »Stoppt die Schönfärberei!«, eine These, der ich zustimmte und die ich zu vertreten gedachte. War ich eigentlich noch zu retten?
Daß in Offensiv! Streit live ein Wort das nächste gibt, hätte ich dann schließlich genauso wissen können. Einer tritt, siehe Der Heiße Stuhl, gegen viere an, einer war ich. Der ehemalige Wrestling-Hallenshouter Oliver Dütschke briefte mich vor dem Startschuß, als gehe es um Leben und Tod, der Rest spielte sich ab, wie es die Gepflogenheiten des rasanten Talks verlangen. Einen Dummkopf rufe man den, der hinterher Klage führt.
Wenigstens opponierten mir zwei Fernsehprofis, die nicht die verlogensten sind: neuerlich Jörg Dahlmann und Ulli Potofski. Sie gaben weder die »Anwälte des Zuschauers«, noch fuhren sie mir, dem die Rolle des einsamen Krakeelers und Arschgesichts zukam, übertrieben forsch an den Karren. Ich teilte freilich ganz gut aus. Allerdings reichen immer zwei, um einem das Leben in der Talkshow zu versauen. Läßt man sich von Jörg Dahlmann die eigenen Redebeiträge durchaus als »hochgradigen Schwachsinn« einstufen und Ulli Potofskis Plädoyers für einen »menschlichen Umgang« mit Beckmann und Wontorra friedfertig passieren, so kläfften DSF-Programmdirektor Kai Blasberg und die kokette Elisabeth Volkmann, bis Verzweiflung zu obsiegen schien. »Sie haben noch nichts Substantielles gesagt«, urteilte Herr Blasberg nach acht Minuten, Frau Volkmann ergänzte: »Konstruktive Kritik bitte, Herr Roth! Das ist ja wie bei der SPD, die kritisiert auch immer, hat aber keine Alternativvorschläge.« Denn höre, Herr Blasberg wußte dito dies: »Das ist ja in der deutschen Linken wohl gang und gäbe – immer alles miesmachen wollen!« Da waren sie eins, da waren sie Bruder und Schwester.
Wie bei der SPD fühlte ich mich mittlerweile tatsächlich, nur: Was hatte ich eigentlich gesagt? Daß Fußball im ran-Format nicht mehr genießbar, daß die Kommentatorenkunst auf den Hund … – »Der Professor Adorno in Frankfurt«, fiel mir ein, »hat immer …«, doch Blasberg war erneut schneller und hielt einem, den er, verstünde es sein taubes Publikumsvolk, am liebsten Wiesengrund rufen würde, posthum zugute: »Ja, ja, der mußte kommen, der mußte kommen.«
Irgendwann blökte ich, schändlich der Stallorder gehorchend, identisch retour, bloß der unerwartet fair und mit Fingerspitzengefühl für heikle Gesprächsmomente agierende Moderator Kai Stecker konnte mich vor rabiat unbedachten Äußerungen bewahren. Schließlich sprang mir der TED bei, weshalb, das weiß der Kuckuck. Mit glatter Zweidrittelmehrheit siegte ich bundesweit und bis nach Österreich hinein. »Der Fußball leidet unter der Show«, und ich belobigte mich insgeheim, den Höllenkreis, der Talkshow heißt, glimpflich durchschritten zu haben.
Gelegenheit fand ich, während die Diskursschlacht tobte, immerhin, darüber zu sinnieren, wieso meine Kontrahenten an pfeilförmigen Tischen aufgereiht worden waren, ich aber hinter einem runden Pult stand.
Man fragt sich so was. Und übrigens: Das Catering ist nicht übel.
Erschlagen in Eschwege
Wenn ich mich nicht täusche, sind dieser Tage auf bundesdeutschen Straßen mehr Engländer denn je unterwegs. Sie begegnen mir dutzend-, beinahe hundertfach, ob in Krefeld oder in Frankfurt am Main. Nur in Eschwege nicht, wohin es die Herren Gsella, Schiffner, Sonneborn und mich verschlug, um während des Open-Flair-Festivals die EM-Begegnung Rußland – Deutschland vor einem erlesenen, satiregeschulten Publikum live zu kommentieren und simultan zu deuten.
Wir hatten uns durch nächtelanges Studium einschlägiger Gazetten die erforderlichen Hintergrundinformationen (Sexaffären, Harnsäurewerte) beschafft, eine feine Dialogregie entworfen und gewagte Witzstafetten geprobt. Z. B. wollten wir die russischen Spieler mit Namen wie Oblomow, Gontscharow, Majakowski und Müller belegen, und vor dem Spiel fiel mir noch ein, daß der Ball durch den berühmten russischen Kreisel »wie am Kanonenschnürchen« rolle, während Herr Sonneborn die schlechte deutsche Bilanz gegen Rußland dahingehend zu erklären gedachte, daß Stalingrad doppelt gezählt werde.
Alles schien sehr schön ausgedacht, die Crew schien bester Laune zu sein. Teilweise magenverstimmt (Gsella, ich) enterten wir um fünf vor vier die Bühne des mit dreihundert Mann vollbesetzten Bierzeltes, manch ein versonnen schmunzelnder Hippie und friedvolle Menschen ließen die Innentemperatur auf 53 Grad Celsius ansteigen. Jubel brach aus, als Schiffner zum ersten-, zum zweitenmal den linken Läufer Ziege »Pickel-Ziege« nannte. Und als Herr Gsella über Pickel-Zieges platzende Ekzeme zu dozieren begann, erklangen starke Gunstbezeugungen: »Werdet ihr dafür bezahlt?« – »Wir wollen Rubenbauer!«
Es waren keine Engländer und keine Russen, diese Menschen, die da saßen und Fußball sehen wollten, ab Minute fünfzehn aber nicht mehr uns. Nach einer halben Stunde bemängelte man, daß Gsella und ich während der lang und länger werdenden Sprechpausen rauchten, ich vernahm sogar einen Ausdruck (»Arschlöcher«), obschon wir konsequent die Russen lobten (»Trotzki, Stalin, prima gemacht!«) und das deutsche Team in schärfster Satirikermanier miesmachten (»Pickel-Ziege verzogen«).
Ob wir zur zweiten Halbzeit überhaupt wieder raus sollten, fragten wir uns im Backstagebereich, Gsella aber stapfte tapfer voran und brillierte mit liebevollen Scherzen über nicht vorgesehene Igel auf dem Spielfeld, die in Arztkoffern verstaut würden. Das gutgelaunte Publikum jaulte und sang: »Maul halten!« Zehn Minuten vor Schluß sagten wir: »Wir halten jetzt mal das Maul.« Beifallssturm.
Nach dem Abpfiff analysierten wir unsere rasante Performance bei Bier und Schnittchen, da stürmte der besoffene Quetschgitarrist einer Eschweger Provinzkapelle (Die Beds oder Die Bads) die Backstagezone, griff in eine auf dem Tisch stehende Obstschale und bewarf uns mit frischen Früchten. Seine Bierflasche sollte Sonneborn erschießen, wurde von ihm jedoch mit dem linken Hoden pariert. Schiffner erlitt mehrere Kiwitreffer, voll ins hämisch grinsende Satirikergesicht, und unter schmählichen Reden zog der schweinisch schnaubende Dorfgitarrero Gsella und mir Bananen über den Scheitel, sprang schließlich Sonneborn an und würgte ihn. Gott sei Dank hatte wenigstens Klinsmann zweimal getroffen, so war der Mensch allein.
Der Himmel schickte einen Securityschrank. Er packte den Stier am Strunznacken und warf ihn hochkant vors Zelt. Wenige Augenblicke später, die »Szene« beruhigte sich leicht, merkte ich gerade noch rechtzeitig, wie ein Dolch häßlich ratschend durch die ledrige Plane stieß und schon an meinem Rücken spitzelte.
Bevor wir alle hinterrücks niedergestreckt werden sollten, eskortierte uns die Wachmannschaft zum Pkw. Mit qualmenden Reifen fegten wir über das steinige Festivalgelände und entkamen in die Innenstadt.
Beim Milchkaffee schüttelten wir uns den Schmutz, den Haß und das Gespött aus den lädierten Knochen. Gsellas Resümee: »Ich war selbst überrascht über meine gute Leistung.«
Sicher, wir hatten eine Menge »Staub« aufgewirbelt. Trotzdem frage ich Sie: Hat das noch was mit Sport zu tun?
Wontorra I
»Deutsche«, zitierte die BamS vom 25. Juli 1997 Jörg »Wonti« Wontorra, »Deutsche« seien – trotz neunationaler Spaß- und Comedy-Culture – »viel zu ernst«. Und, ergänzte der ran-Kamerad auf den Gesellschaftsseiten, die einen Simulationsjournalisten frühester Stunde beim Biß in Evas Paradiesapfel zeigten, den ihm seine Gattin Ariane zwischen die Hauer geklemmt hatte: Man »trifft immer häufiger auf Leute, die gestreßt sind und alles viel zu ernst nehmen«.
Fürwahr: Weil die Vielzuvielen viel zu scharf auf zahllose hochdotierte Jobs sind, macht sich blanker Neid breit, wohin man tritt, und »alles wird« dann obendrein »durch Regeln festgelegt«. 1999, so der BamS-Aufmacher, werde deshalb nach Th. Gottschalk und B. Becker mit Wontorra »wieder ein Prominenter Deutschland den Rücken« kehren, ein Aderlaß ohnegleichen bahne sich an, ein rasender Exodus der besten Köpfe des Landes.
Wontorras Entschluß sitzt fest im Sattel. So möge ihm die Villa »Casa Mucki« zu jenem »Paradies« werden, das schon heute mit »Hanglage«, »Pool« und »eigenem Tennisplatz«, dem »sonnigen Süden«, einem Sack voll »Palmen« und der »deutschen Schule in Marbella« aufwartet. Schließlich inkorporiert der im Wonti-Diminutiv bestens getroffene »clevere Wontorra« (»spekuliert auch an der Börse«) jenen Kretinismus aufs prägnanteste, der »im Alter« die Form der Landsitzweisheit annimmt.
Mutmaßlich dieser mittlerweile grenzenlosen Unzurechnungsfähigkeit wegen mußte Wontorra, über den Umweg ARD/Radio Bremen/Schwimmreportagen (»Flieg, Albatros, flieg!«) zum Oberschwallkopf der Sportkommentatorenzunft gereift, am 28. Juni 1997, als der Bundesligafußball seinen turnusmäßigen Sommerschlaf hielt, auch noch durch die landeskundliche Quiz- und Quasselshow Sommer, Sonne, Sat.1 führen und die nicht minder unangebrachte Schlagerschabracke Vicky Leandros vor südländisch stimmungsvoller Hafenkulisse zu ihren »Lieblingsplätzen auf Kreta« befragen. Denn wenn zwei grienende Showgrößen aus der vierten Reihe jemals füreinander bestimmt waren, dann waren sie’s hier, wo jeder Sinn längst das Weite gesucht hatte.
Was man dem urdeutschen, ernsten Sinn wirklich hoch anrechnete.
Roberts Rhönradreportagen
Wir wollen nicht angeben – aber die im März 1997 erschienene CD Wir rufen Günther Koch! – Ausgewählte Radioreportagen wurde top besprochen und stark gelobt; da ließen sich weder Print- noch sonstige Medien lumpen. Zwar hatte schon am 20. Januar 1994 die Nürnberger Abendzeitung Günther Koch einen »Star-Reporter« genannt und spätestens heuer festgelegt, »der inzwischen zur Kultfigur aufgestiegene Nürnberger Rundfunkreporter« (13. Februar 1998) sei eine Instanz; doch das Feiern kannte ohnehin keine Grenzen. Auf Zeitungsdienste verzichten wir diesmal. SDR 1 (Wir über uns, 13. April 1997) goutierte »erlebte Sprachspiele« und »Sportgeschichte auf CD«, Stuttgarts Privatradios urteilten: »Dann wird eben aus der Bogenkopflampe ein Klassiker – unvergeßlich!« 3sat (Kulturzeit, 4. August 1997) genoß »Formulierungen wie Markenzeichen«, B 2 (Kultur aktuell, 5. Mai 1997) entschied: »Günther Koch läßt keinen Fußballfan kalt.« Dieter Eckstein (B 1, 15. März 1997) bestätigte: »Es gibt so viele schlechte Reporter. Und ein guter dagegen – das ist halt zu wenig.« Wenn schließlich Friedrich Küppersbusch auf dem Beichtstuhl in Willemsens Woche im Brunzton der Überzeugung zum besten gibt, dem »Robert Koch vom BR« reiche sowieso niemand das Wasser, dann kann das nur stimmen; dann darf item Reini Beckmann via seine unverändert gelungene Spitzenshow ran kundtun, Ewald Lienens live dargebotene Kommentarübung sei »ja allerbeste Hörfunkreportage, fast wie seinerzeit aus dem Frankenstadion der Robert Koch«.
Warum aber, Ruhm hin oder her, gleich noch eine ganze Platte mit nix als Robert Koch und Robert-Koch-Reportagen? Na, warum denn nicht; a) bin ich als Herausgeber der ganzen Angelegenheit durchaus geldgierig, ja spitz auf weitere Tantiemen in schwindelerregender Höhe, b) kann ein bißchen Zusatzkohle nie schaden, und c) muß halt sein, was sein muß; d) des Schotters und e) folgender »inhaltlicher Gründe« (O. Tolmein) wg.:
Das schnellste Tor der Bundesligageschichte will festgehalten, neuere Club-Höhepunkte, vornehmlich der Franken Abschied aus dem Regionalligasumpf, müssen für die Ewigkeit konserviert werden, die Bayern-Fans mögen sich an der vierzehnten Deutschen Meisterschaft erfreuen, unzählige geratene und schöne, komische und kriminell spannende Koch-Beiträge harrten ihrer Zugänglichkeit über die Tagesaktualität hinaus. Der brave MSV Duisburg soll eine gewichtige Rolle spielen und Effenbergs Tor, das Koch ankündigte, woraufhin der famose Hessische Rundfunk, mein Sender vor Ort, kurzerhand die bestellte Einblendung verließ. Und als 52,7 Prozent der Hörer von Kochs Hausprogramm, dem B-1-Format Heute im Stadion, Roberts Schilderung des Klinsmann-Anschlußtreffers gegen die Sechziger zum »Radiotor des Jahres 1997« wählten, war die Sache klar.
Außerdem, und da rundet und krümmt sich nun das Projekt Wir hören Günther Koch! gleichsam relativitätstheoretisch wie -praktisch in sich selbst zurück, ruft Wir hören Günther Koch! keinesfalls ausschließlich den Reporter und neuerdings Popstar Robert Koch, sondern wartet zudem, quasi i. S. der Idee des »Bonus-Tracks« (K. Walter), mit gewissermaßen unterhaltungsindustriellen Neuerungen auf, insofern wir uns entschlossen, auch dem Nachwuchs der Gesellschaft was Tanzbares anzubieten, sprich Musik zu integrieren. Und brandneue, ja verteufelt frische, speziell für diesen Tonträger rasch zusammengedengelte zumal.
»Ein Mann, ein Schuß, ein Tor – Der inoffizielle Song zur Fußball-WM ’98« ist unter keinen Umständen lediglich der inoffizielle Song zur Fußball-WM 1998, sondern wahrscheinlich ein geheimtipmäßiger Chartbreaker der dröhnendsten Sorte. Um ihn, den Smash-Hit, nicht allein in der Gegend herumstehen zu lassen und die kompositorische, die stilistische Balance zu wahren, findet sich mit dem Ska-Evergreen »G. Koch« von den Hinks ein zweites Stück ein. Gerne wiederveröffentlicht hätten wir weitere Paradebeispiele aus dem Genre des Fußballiedgutes avec Robert Koch, berückend fatale Moments musicaux wie Peter Fabian und die Treuen: »Wir fahren zum Club« (Musik: Dill/Tillis, dt. Text: Fabian; Arena Sound 1987), die nie auf Platte gebannte, Harold Faltermeyers »Axel F.« nachstellende Sampling-Rap-Dance-Produktion »Papa Tooor!« (Berlin 1988) oder den Frankengassenhauer »Nürnberg grüßt Europa« der Conny Wagner Show Band (MAXX Tonträger; enthält den schon sehr ausdauernden »Long version disco mix«), eine rare Weise, die die Weather Girls und die Schwedencombo Europe ingeniös miteinander vermalmt und den Hauch des Zeppelinfeldes atmet. Allein, der Platz reichte erneut nicht. Die Wissenschaft wird später nachsetzen, Klaus Walter verborgene Hipness und andere Trashkomponenten explorieren müssen.
Am dollsten aber rockt eh Robert Koch pur. Auf vielfachen Wunsch haben wir keine Mühe gescheut, sogar das Nicht-Fußballerische breit zu berücksichtigen; also einerseits die technische Seite jeder Fußballradioreportage zu dokumentieren und Exempel für Schneidekommandos und Atmosphärisches einzustreuen (am 21. Februar 1998, kurz nach Redaktionsschluß, verstarb 75jährig Fritz Hausmann, der Gründer und langjährige Leiter von Heute im Stadion, seine Moderationen erinnern an bessere Zeiten); andererseits hören wir hier erstmals auch den Rhönradreporter Robert Koch, den Kanukommentator und den Schachschlawiner, der keine Konfrontation scheuen muß mit Samuel Becketts als herausragende Leistung des Sprachschaffens sanktionierter Schachreportage: »Bald verging eine ganze Pause, ohne daß irgendein Positionswechsel eintrat, bald war das ganze Brett in Aufruhr und glich einem Gewoge von Zügen.« (Murphy, Reinbek 1987) Vergleichen Sie nur selbst!
Kaum zu ignorieren wäre und ist Robert Kochs Dernydiskurs. Größeren Raum nimmt, vom Dernysport abgesehen, der Derbygedanke ein. Nicht bloß das traditionelle Münchner Kräftemessen wird sorgfältig aufgearbeitet, überdies das wohl noch brisantere Nürnberg-Fürther Nachbarschaftsduell sieht sich gewürdigt. Im übrigen schafft Bayerns unvergessene Pokalschlappe gegen Vestenbergsgreuth zwischen München und Mittelfranken stringente Querverbindungen; so daß, den Interdependenzansatz zuspitzend, zuletzt die exquisiten, oft meisterschaftsentscheidenden Maispiele der Bayern (gegen Sechzig und den VfB) die Brücken schlagen zu Wir rufen Günther Koch!, wie es eleganter nicht ginge. Wobei wir, um den Braten vollends abzuschmecken, obendrein die spektakuläre Klinsmann-Getränkedose angesprochen hören.
Allerdings fehlen abermals gewichtige Ereignisse und Reportagen, die es beinahe auf Wir hören Günther Koch! geschafft hatten und aus Platzgründen im allerletzten Moment abschmierten: Handballeuropapokalendspiele z. B., die Deutschen Schülermeisterschaften im Feldfaustball (SV Hof 1911 – TuS Rot-Weiß Koblenz), ein Livebericht vom Torwarttraining der Club-Amateure (vom 6. August 1980), Ringen selbstredend, Rallyesport, Eisschnellauf, Fechten, Biathlon und die eigentlich unverzichtbare Auseinandersetzung zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem FSV Frankfurt.
Wer weiß, wer weiß, was fürderhin uns und Ihnen, geneigte Hörer, noch blüht. »Prellball?« fragte SDR 3 (Leute, 24. April 1997). »Schwierig«, so Robert »Günther« Koch.
Mit Hammer und Stöckchen
Madrid, Stadion Bernabéu, 1. April 1998, ein Tor bricht zusammen.
90.000 Zuschauer warten gespannt auf den Anpfiff des Champions-League-Halbfinalhinspiels zwischen Real und Borussia Dortmund. Doch das Tor wackelt, sinkt, stürzt.
4 blaugewandete, 3 graubraune Herren eilen herzu und ein metallicblauer Herr. Reporter Reif redet. Schon steht es wieder, indes auf wacklig’ Beinen nur.
Ein Schwenk, ein Rund. Unerhörte Stille, 21 Uhr, eine Viertelstunde nach vorgesehenem Spielbeginn. Im kurzen, satten Grase liegt er majestätisch unbeeindruckt, der Hammer, der helfende, »du Instrument / des Aufbaus / und des Abbaus« (F. W. Bernstein), der Hammer, du häßlich’ und auch hoffnungsspendend stählern’ Ding, du rabiater und ruhender Knecht der Verantwortlichennatur.
Schlaff und stumm hängt das Netz, Kanthölzer versprechen Rettung als an Bruchstellen eingeführte Notstandbeine, matt das Netz gesunken zu etwas abendfeuchtem Boden, reifbestreutem Rasen hinab.
»Jetzt das Ganze noch ins Lot gebracht!« frohlockt M. Reif, nein, das sieht man, das geht ja nicht! Abbruch droht wie weiland (3. April 1971) nach Herbert Laumens Borussentorbeschädigung gegen die Werderaner, nein, der Anpfiff schon dräut vereitelt zu werden durch den Fall des Tores.
»Das sah wie eine relativ saubere Schnittstelle aus. Könnte es theoretisch auch Sabotage gewesen sein?« fragt im UEFA-himmelblauen Studio Herr Jauch den Dortmundborussen und gelernten Kupferschmied Toni Schumacher. – »Nein, ich glaube nicht Sabotage.«
Helfen »Streichhölzchen« bei etwaigen späteren vielleicht ja »Lattenkrachern«? 3 Blaue und 1 Grauer knuddeln am noch immer sehr schamvoll trauertragend laschen und fast traurigen Netz herum, das Tor, es steht, provisorisch bloß. »Da herrscht schon jede Menge Hektik und Nervosität in den Katakomben, man spürt das körperlich«, berichtet Potofski live »in Color« (Reif), Teddy de Beer beruhigt die etwas nachdrücklicher aufgewühlte Stimmung: »Wir wollen uns mal auf die Spanier verlassen, daß die hier in der Lage sind, ’n Tor zu reparieren und da vielleicht ’nen Nagel reinzuhauen.«
Der Nagel tät’ ja nichts. Rein nichts! »Im Moment sieht’s ziemlich bitter aus«, sagt Teddy, das Tor klappt abermals und nun, scheint’s, endgültig und entkräftet zusammen, platt liegt es da, 3 Blaue und 1 Olivgrauer zurren wieder etwas und tupfen oder tippen, 6 Schwarze stehen, gut im Raum verteilt, sinnend, praktisch grübelnd herum.
»Also, schweißen wär’ jetzt groß angesagt«, rät der alte Kupferschmied. Eine Spachtel sehen wir, verzagtes Picken, eine Gummizange, man klopft ein wenig. Schutzlos nacktes Gestänge, gebrochen, tragen 5 Männer plötzlich weg.
»Jetzt müssen spanische Heimwerker schnell ein neues Tor schnitzen«, empfiehlt Herr Jauch. Wir müssen beinah’ weinen schon. Dunkel klafft das Pfostenloch, das Netz verweilt, allein.
21.18 Uhr, »das große Buch der Fußballgeschichte muß um ein neues Kapitel erweitert werden« (Jauch), der Hammer, jetzt von links und eher leicht von oben schräg das Bilde füllend, schläft. »Also, reinhauen wird nicht gehen.« (Reif) Was dann? »Jetzt fummeln die«, sagt Reif, »an dem Netz herum, das ist so wie Fischer«, »genau«, jauchzt Jauch, »spanische Fischer.« – »Ja.« (Reif) Das neue Tor kommt nicht.
Es lacht die deutsche Runde kugelpfundig herzlich frisch, sie haben solche Schwierigkeiten nicht. Wieder fällt da replaymäßig elendig das Tor von rechts, knickt ein, zieht linke Seite zügig nach und patscht ganz unsympathisch hin. »Das ist wirklich wie ein Dorfverein.« (Jauch)
Es ist zu Madrid aber vieles stark »marode und verrottet« (Schumacher), kein Leben mehr jetzt auf dem bläßlich grünen Felde, weit dehnet sich die fahle Fläche unbespielt, das Netz ruht still. Milchig schwimmt diffuses Licht. »Achtung, er nimmt den Hammer weg! Aus!« ruft Reif.
Nun gehe man ein neues holen, ein Standtor wohl, und lasse das alte im Stich und in den Katakomben. »Achtung, die Blauen sind wieder da!« schreit Reif, er sieht am besten, von oben laut herab, das Netz, man knödelt, faltet es zusammen, schleppet es hinfort. »Holzbeine sollten das werden«, deutet Reif die Szene, »aber das war dann nix.«
»Ich habe gerade gesehen«, schaltet Potofski flink sich dazwischen, »daß man gerade ein Tor zusammenhaut, aber niemand darf photographieren, ein geheimes Tor«, und nun wird es ja schon hereingetragen, es verhakt sich a bißerl im Sicherheitszaun, das Standtor, 18 tapfere Mannen hängen dran und zieh’n und zerren für die Wende der Ereignisse. Hölzer, Heringe. Und Haken auch. Und der Schiri zweifelt erst, hebt dann den Daumen doch, sagt ja zum »Trainingstor«, zum Hilfs-, zum Nottor aus den Höhlen Bernabéus, zum Ersatz- und Rettungstor.
»Da ist wieder unser Mann mit dem Hämmerchen, unser Berufsfischer«, quiekt Reif, die Spanaken aber und die blöden Funktionäre schaffen frisch erstrahlend festen Blikkes am Netz und spannen es, das Netz, das müde, legen Steine auf die neuen Toresfüße, noch wird geflickt, damit es ein Gesicht auch hat, »wie die messen!« jodelt Jauch, »mein lieber Schwan, Bezirksliga!« prustet Reif, es geht ihm einer ab: »Ooohhh Gottt!«
Die Sache wird ein »Nachspiel« haben.
Die drei Fragezeichen
1
Und es sprach im kicker-Sonderheft WM 1998
Der Chef, und er sprach:
»Lothar Matthäus geisterte zum Zauberwort
Für eine Fußball-Nation mit fast fanatischen Befürwortern
Und strikten Gegnern.«
Und wir verstanden nicht, denn es war
Holzschuh. Es war Holzschuh, welcher
Da auch sprach: »Vogts hat um die Auswahl
Seiner 22 Kandidaten
Hart gerungen.«
Und es war das Editorial.
2
Und wir blätterten weiter, und wir sahen
Karlheinz Wild, und er schrieb: »Matthias Sammers lang- und Olaf Thons kurzfristige
Verletzung (Knie bzw. Bänderriß) haben das unwahrscheinlichste und deshalb spektakulärste
Comeback der deutschen Nationalelf-Geschichte allseits bestaunte Wirklichkeit werden lassen.«
Und wir verstanden, und wir waren froh.
3
Und wir blätterten wieder retour, und unsre
Gewißheit, es werde mit Lothar unser Team den
Lorbeerkranz so grün und den 5 kg wiegenden Achtzehnkarätercup so gülden
Davontragen, ward zerstört. Ward gedämpft durch
Eine Überschrift, Und die lautete:
»Aus Erfahrung gut?«
Jetzt schon die Flinte ins Korn werfen?
»Am 10. Juni, wenn der
Anpfiff zur WM ertönt,
Wird’s ernst«, stand gleich darunter, und
Wir faßten neuen Mut. Und wir glaubten etwas
Fester nun daran, das Endspiel zu erreichen.
Vielleicht würden wir das Endspiel ja gewinnen gar. Gegen
Argentinien vielleicht. Vielleicht gegen England. Und wir
Würden alle Spiele verfolgen, bis das Endspiel stattfände, alle
Begegnungen, auch die Spiele der Wüstensöhne und des
Muselmanen. Denn »auch der Welt-Fußball
Liegt voll im Trend der Zeit: Immer mehr, Immer länger.«
Und wir lasen: Es »sind nur vier wirkliche Neulinge: Südafrika,
Jamaika, Japan und Kroatien«. Und wir lasen, der Weltfußball werde
Auch getreten von der Politik. »Bei letzteren beschränkt sich
Das ›Neu‹ lediglich auf den Namen«, und die Arbeitermacht,
Das wußten wir, lag lange schon schlimm darnieder: »Die
In 15 Länder zerfallene Sowjetunion ist bei der WM 98
Überhaupt nicht dabei …«
Und wir dachten an Jaschins Flüge
1966, an Rudi Michels Rede und an den
Halbfinalsieg, ein schönes Spiel. Und »die
Südamerikaner gewannen vier WM-Turniere, mehr
Als irgendeine andere Mannschaft«, aber sie taten sich auf europäischen Gründen
Stets sehr schwer, sie könnten bald ausscheiden und Heimfliegen. Doch haben sie, wußten wir da, einen, den
Nennen sie Ronaldo, »es sind«, erklärte uns
Der kicker, »seine überraschenden Einfälle,
Mit denen er Spiele wieder flottmachen kann. Der Eindruck, er würde nicht viel tun während
Des Spiels, stimmt ja nicht.«
Und wir nickten, und wir ärgerten uns und sorgten uns, Ronaldo könnte
Zu oft, allzuoft treffen, und Lothar hätte das Nachsehen, der
Fünffache gepriesene Teilnehmer, dessen Schuß gewaltig und
Dessen Antritt noch immer feurig.
Und wir lasen mehr. Wir lasen eine Spalte, wir lasen eine zweite Spalte, wir lasen die dritte,
Wir lasen: Er, Ronaldo, »vor allem nährt die Hoffnungen«, er nähre Siegessehnsüchte
Seines Trainers und seines Verbandes, aber man solle
Die anderen nicht vergessen. Das war klar.
»Die Mannschaft des Veranstalterlandes«, lasen wir, »wächst meist,
Angefeuert von den heimischen Zuschauern,
Über ihr gewohntes Leistungsvermögen
Hinaus«, und wir lasen: »Italien
Wird in allen Diskussionen
Genannt«, und wir lasen:
»Südamerikas Qualifikationssieger
Argentinien kann sich
Großer Aufmerksamkeit erfreuen.«
Und wir lasen:
»Allerdings muß es auch
Bei einer Weltmeisterschaft
Nicht immer so sein,
Wie es war.«
Und wir hofften, und wir blätterten um.
Und da sahen wir, wie er
Geschrieben und wie sein Wort
Gestalt hatte und wie er meinte:
»Wir haben wahrscheinlich
Die älteste Mannschaft des Turniers.«
Und wir verzagten erneut. Und »doch«,
Bedachte er, »das hat auch etwas Positives an sich:
Wir verfügen über einen großen Kreis
Erfahrener Spieler, generell und auch speziell
Bei WM-Turnieren«, und das Stimmte.
Und wahr war sein Wort: »Unsere Mannschaft […] hat das Zeug, im Konzert der Weltbesten
Eine tonangebende Rolle zu spielen.« Und
Wahr war und wahr ist: »Sie ist verpflichtet, ihre Ziele hoch zu stecken.«
Und aber wir wußten auch, da er sann: »Aber niemand kann eine Garantie abgeben.«
Denn, das wußten wir so gut wie er, »zunächst
Einmal muß sie in ihrer Gruppe bestehen.«
Denn »die ganze Konzentration
Darf immer nur dem nächsten Schritt
Gelten.« Denn
»Wer schon vom übernächsten Schritt redet,
Wird beim nächsten schon auf die Schnauze fallen.«
Das schrieb er, und es stimmte.
»Siehe unsere Erfahrungen bei der
WM 1994 in den USA«, siehe den Halunken
Stoitch- und siehe den Lumpen HSVkov, und siehe,
Er gab uns recht: »Ergebnis
Noch in aller Erinnerung …«
Und also rüsteten wir uns und
Gingen wir in uns, und wir lasen noch ein
Stück, und wir stimmten ihm zu. Denn
Er hatte geschrieben: »In jedem Spiel
Trifft man auf einen Gegner, Der sich ebenfalls darauf vorbereitet
Und sich etwas vorgenommen hat.«
Und wir priesen still seinen Namen
Und dankten ihm, daß er seinen Scheinwerfer
Geworfen hatte und sich und auch
Uns wünschte: »Hauptsache, es wird Fußball gespielt.«
Und es werde gespielt bis zum Schluß, denn
»Abgerechnet wird erst am Schluß, der
Neue Weltmeister steht frühestens
Am Sonntag, 12. Juli, 22.45 Uhr fest. Es kann
Aber auch noch um einiges
Später werden: Wenn es eine Verlängerung
Gibt, ein ›Golden Goal‹ oder gar erst ein
Elfmeterschießen
Entscheidet.«
Und es stand ein Kasten unten drunter,
Und der Kasten zeigte
Die Weltmeister seit neunzehnsechsundsechzig
Und fragte: »Steht der Weltmeister 1998 schon fest?«
Und es stand aber bloß
Geschrieben neben der
Zahl 1998:
»???«
Der Langpaß-Odysseus
Die aufgeregte Gegenwart kannte bis vor kurzem keinen verhaßteren und gröber geschmähten Fußballer als den Münchner Lothar M. Kein anderer mußte sich derart ausdauernd beleidigen, veräppeln, in den »Schlamm der schmierigsten Halbweltanschauung« (Karl Kraus) hinabzerren und mit allerlei eilfertig dämlichem Spruchwerk belästigen lassen. Gewiß, er, der geniale Langpaßschläger und weitblickende, unbekannte Horizonte des Fußballs abschreitende und die Räume des Rasens gewandt und geschwind durchmessende Stratege von odysseischen Gnaden, er, der Bubenparvenü, er, der später aus Pumas Obhut gen Mönchengladbach entlassene Bolzer und Renner und Grätscher und flinke Läufer, er, der Übersicht wahrende Lothar M., zwischenzeitlich Italiens geliebter Sohn und, Gott sei hoch gepriesen, zurückgekehrter Bayernlibero, er lieferte schon den einen oder anderen Anlaß, um sich über ihn zu echauffieren. Zu affig und affektiert hantierte er vor aller Welt mit geschätzten zwanzig Handys herum, und seine riefenstahlaffine Ablichtung zugunsten der Kreditkartenfirma American Express hätte wirklich nicht sein müssen. Das tat weh, das schmerzte.
Freilich, wenig dürfte leichter sein, als Fußballer zu imitieren und ihren Dialekt zum psychischen Defekt zu erklären. Was W. Boning und die neudeutsche Comedyblase bzgl. Lothar M. wider Willen dokumentierten, war nichts anderes als die schäbige Einfallslosigkeit eines Kabarettistenschmus, der inferiorer ist als jeder zusammengestotterte Satz eines Fußballers, der Fußball spielen und nicht klug daherreden können muß. Daß Lothar M. durch seinen Auftritt gegen die brillanten Jugoslawen just ihnen die kärglichen Darstellungsmittel entzog, freut uns.
Seltsames ist gleichwohl geschehen. Einer, den sie zum Prototypen des Dummklumpens erkoren hatten, wird plötzlich allenthalben gehätschelt, gepriesen und gelobt. Vergessen scheint, woran sich die Claque jahrelang delektierte: an Lothar M.s zuweilen narrischer Posierlust, seiner röhrenden rhetorischen Rastlosigkeit, seinem rauschhaften Geschnatter. Immer dann, wenn er die vom Bundesligabetrieb erzwungene Selbstkontrolle verlor und herumkrabölkte, bis die Kameralinsen beschlugen, kreischten sich die Schmöcke ins Fäustchen und hauten sich die Schenkel blau: Seht her, welch wunderbaren Tölpel er uns gibt!
Eigentlich wäre es gerechtfertigt, akkurat jetzt jenen Lothar M. zu schmähen, dessen Anhänger ich immer war; jetzt, da ihn alle liebgewonnen haben, weil er dem waghalsigen Projekt Weltmeisterschaft als wahrscheinlich vom HErrn persönlich gesandter Retter doch noch Perspektiven zu geben vermag. Nein, nun wär’s eigentlich zu spät, einen zu loben, der ganz und gar nicht ist, was sie aus ihm machten, auch wenn ich lediglich erahne, daß er »ein Guter«, wie die Mittelfranken sagen, sein muß.
Der geschätzte Fachkollege Fritz Eckenga, Bayern-Verächter und Borussen-Addict, erzählt, im Umfeld der Münchner Bayern redeten die Leut’ hinter vorgehaltener Hand über Lothar M. äußerst respektvoll. Paradox: Der, der angeblich die Boulevardpresse mit »Internas« (Matthäus) füttert und seine Kollegen anschwärzt, darf nur unter strengster Geheimhaltung geachtet werden. Womöglich zehren seine Kritiker von solcher Schizophrenie. Thomas Helmer hätte Lothar M. nach Veröffentlichung des Tagebuchs nicht despektierlich einen »Kranken« rufen können, hätte Lothar M. Lobbies, die ihn schätzten für das, was er wohl verkörpert, nämlich vor allem »keinen Linkmichel« (Andy Brehme). »Ja, das tut einem weh«, sagt Lothar M. heute, »weil man ja weiß, wie man eigentlich ist.«
Ich kann für mich in Anspruch nehmen, bereits Fan von Lothar M. gewesen zu sein, als meine Altersgenossen störrisch auf Hubert Kah oder Christiane F. schielten und aus ihrer merkwürdigen Zuneigung ein gerüttelt Maß an Prestigemehrwert schöpften. Dieser Tage trüge kaum Neues zur Diskussion bei, wer Lothar M.s mitunter beinahe rührende Offenherzigkeit priese, seinen sich nach Anerkennung verzehrenden Mitteilungscharakter, der stets Gefahr läuft, tapsig zu wirken. So angepaßt Lothar M. einem dünkt, so unangepaßt dürfte er tatsächlich sein, »lauter wie kein zweiter« (Günther Koch). Und daß er nun die Klappe hält und jedermann scheinheilig seine neuen »Tugenden« rühmt – »über alle Diskussionen erhaben« nennt ihn plötzlich das ZDF-WM-Studio –, ist, das ganze Klinsmann-Gedengel beiseite, der echte Skandal – für welchen allerdings der Blick eines Thomas Helmer entschädigte, als Bundestrainer Vogts im Jugoslawienspiel nicht ihn, sondern die Nummer acht auf ihren Einsatz vorbereitete und Jugendspielerhändler Helmer darob wie verkniffen-knieselig dreinschaute. Doch, das hat mir gefallen.
Vom PLAYBOY (7/1998) über sein Verhältnis zu Berti Vogts befragt, mit dem er 1979 bei Borussia Mönchengladbach trainiert hatte, antwortete Lothar M.: »Ich hab’ ihn gleich umgetreten. Deswegen habe ich einen Vertrag bekommen.«
Eben – »seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.« (Matthäus 10,16)
Wontorra II
Er läßt nicht locker. Da hatten wir ihn endlich aus unserem Gedächtnis gestrichen, schon reicht er die Scheidung ein und streckt uns beinahe täglich aus der Zeitung sein bumsfideles Face entgegen. Also gut, Wontorra, dann schauen wir in Deine Autobiographie Halbzeit mit Helden – Geschichten, die der Fußball schreibt (Düsseldorf/München 1997) hinein, doch, tun wir glatt, wir haben wirklich nichts Besseres zu schaffen, und was lesen wir?
Franz Beckenbauer »ist halt in der Zusammenarbeit mit uns Journalisten ein absoluter Profiund einfach auch ein netter Mensch. Er hat in dem Moment erkannt, daß ich etwas riskiere, einen unkonventionellen Weg gehe.« Yeah, Wonti! Du arbeitest echt unkonventionell, risikofreudig und journalistisch! Daß das nie zusammenpaßt, dämmert Dir freilich nicht. Du bist nämlich damit beschäftigt, Deine erbärmliche »Laufbahn« zu heroisieren, Deinen mutigen Kampf gegen Vorgesetzte, »kantige« Spieler und Funktionäre (»Rummenigge, der seine Denkanstöße so gleichmäßig verteilt wie weiland die Flanken«; »schon so manchem Verein hat Hoeneß das Herz herausgerissen«).
Es war schwer, denn »ich galt bei meinem Eintritt in seine [Fritz Kleins] Redaktion als ausgewiesener Linker«, der es schließlich fertigbrachte, den Kaiser anzusprechen, ohne gefeuert zu werden: »Damals habe ich eine ganze Menge erfahren über den Menschen Franz Beckenbauer. Daß er einer ist, der es am liebsten wirklich jedem recht machen will, manchmal sogar gegen seine Überzeugung.«
Wir haben das Buch von Mister »Mittlerweile duze ich auch Franz Beckenbauer. Aber dahin führte ein langer Weg« sogar wegen unserer Überzeugung einfach weggeworfen. Was Du, Wontorra, mit Deiner »Karriere« genauso machen könntest, oder? – Wutsch!
Na bitte.
Und das Dorf klagte einmal mehr
Natürlich, sagte der ältere Mann, müsse man sonntags, am Nachmittag, hinaus zum Fußballplatz gehen, wolle man richtigen Fußball sehen, Fußball, der mit Einsatz, mit dem dieser Sportart eignenden Biß, mit Leidenschaft betrieben werde. Wenn die Leidenschaft fehle, brauche er sich ja gar keinen Fußball anzusehen, da könne er sonntags auch gleich zu Hause bleiben und einen Sonntagnachmittagsfilm schauen, erklärte mir der Mann.
Am Rande des Dorfes lag der Platz des TSC. Hinter ihm erstreckten sich Äcker und Wiesen. Man blickte, über den gepflegten Rasen hinweg, gelehnt an ein rotes Geländer, auf vereinzelte Kiefernwälder. Hundert, manchmal zweihundert Zuschauer säumten das Feld. Vor der Turnhalle des Sportkomplexes konnte man Bier kaufen. Man grüßte, man plauderte, und man kannte die Aufstellung, weil sie der Trainer am Abend zuvor im Wirtshaus verraten hatte.
Das würde wohl wieder nichts werden, war die verbreitete Meinung, der Abstieg sei schon zur Saisonmitte praktisch besiegelt. Selbst die Bruckdorfer hätten mehr Elan, mehr Pfiff. Wohin das führen solle. Seit ewigen Zeiten in der vierten Liga, und jetzt gehe es noch weiter hinab. Das werde nie mehr was, das könne man eigentlich vergessen und vor dem Anpfiff abhaken.
Diese Wurst schmecke besonders gut, sagte der Mann neben mir, die habe er gestern, am Samstag, kurz vor eins noch schnell beim Metzger Neukam geholt und dann daheim in den Kühlschrank gelegt, und seine Frau, sagte der Mann, die immer nach dem Geld schaue, habe ihm kurz vor dem Spiel die noch ganz frische Wurst hier zu diesem Weck in die Tüte gesteckt und mitgegeben, denn er könne zwar hier, auf dem Fußballplatz, freilich auch sich eine Wurst kaufen und einen Weck und beides während des Spiels, während der ersten Halbzeit genaugenommen, verspeisen, und wahrscheinlich stamme diese Fußballplatzwurst hier wahrscheinlich auch vom Neukam oder sogar vom Konkurrenten Ströbel und schmecke daher so oder so nicht schlecht, aber ob diese Wurst vom Neukam geliefert worden sei oder eben, was er sich kaum vorstellen könne, vom Ströbel, das mache ihm, der sich seine Wurst von daheim mitbringe hierher zum Fußball, nichts aus, denn den Aufschlag von fünfzig Pfennigen müsse er weder dem Neukam noch dem Ströbel, wem und wie auch immer, in den Rachen schieben. Es sei doch ein leichtes, sich seine eigene Wurst, schön eingepackt in ein sauberes Butterbrotpapier und eine braune Papiertüte vom Bäcker Hammon, der sicherlich die wohl besten Wekken des ganzes Dorfes führe, Mohn, Sesam oder ohne alles, sich diese für die erste Halbzeit vorgesehene Wurst selber mitzubringen, zur Stärkung, verstehe sich.
Denn erwartungsgemäß beginne die Heimmannschaft immer recht stürmisch, komme gut über beide Flügel, mit anfänglich, etwa in den ersten zwanzig Minuten, präzisen Flanken, erarbeite sich etliche Chancen, auch wenn es mit dem Abschluß meist durchaus nicht klappen wolle, und die Offensive entlaste so den traditionell anfälligen, ja schwachen Viererabwehrblock, aber spätestens nach Wiederanpfiff gerate die ganze Mannschaft ins Schwimmen und wakkele bedenklich, und dann müsse er, sagte der Mann, sich schon gestärkt haben, um das nervlich überhaupt durchzustehen. So eine Wurst, bis die ihre stärkende Wirkung entfalte, so eine Wurst müsse ja erst mal den angestammten Weg nehmen und verdaut werden, bis die wertvollen Inhaltsstoffe dieser sehr guten Wurst hier vom Neukam wirkten und er die Strapazen der zweiten Hälfte dann auch ertragen könne.
Nun rannte sich der Neumeister Bernd bei einem der wenigen Angriffe des TSC wieder fest, und die Schwabacher drückten. Die grätschenden, heftig schnaubenden Spieler wirkten vollkommen irreal, überwirklich greifbar. Sie riefen Kommandos, und jeder konnte sie hören. Auch riefen Zuschauer Ratschläge auf den Platz herein, und bisweilen blickte einer der TSC-Männer in die Richtung besonders lauter Hereinrufer.
Keeper Weiland rettete in höchster Not. Das Dorf schrie, klagte, jammerte und schimpfte, die Männer in meiner näheren Umgebung schwitzten, fluchten und winkten ab. Viel Bier wurde schon jetzt, kurz nach vier, getrunken, zur Kühlung der erhitzten Gemüter, und der Zapfer mit der grünen Lederschürze machte einen zufriedenen Eindruck und gab jedem, der sein helles Bier kaufte, ein paar aufmunternde, tröstende Worte mit auf den Weg, noch sei das Spiel ja nicht zu Ende, und in zwei Wochen, die Hersbrucker, die werde man sicher wegputzen und dann wieder ein wenig hinaufklettern in der Tabelle. So der Bierzapfer am Rande des Fußballplatzes.
Wenn es denn beim Nullnull bliebe, könne und müsse man zufrieden sein, sagte der Mann neben mir. Jetzt wolle er sich eine zweite Wurst gönnen und diese rasch verdrücken, ausnahmsweise, sagte der Mann und ging hinüber zur mobilen Wurstbraterei, die auch kalte Bratwurst feilbot.
Bilderkrampf
»Der Fußball«, erklärte Edmund Stoiber 1997, »ist ja heute praktisch schon ein gesellschaftliches Grundnahrungsmittel«, und eine Gesellschaft, die ihren Stoffwechsel kapitalistisch organisiert und destruiert, geht nicht zimperlich um mit dem Volksseelenfutter. Seit Juli eskaliert zwischen der Kirch-Gruppe und dem ARD-Fernsehen eine höchst krampfige Auseinandersetzung wegen der TV-Kurzberichterstattung von der samstäglichen Bundesliga. Das Konsortium des fränkischen Medienunternehmers löhnt den Vereinen pro Saison 750 Mio. Mark für die Übertragungsrechte, die der schwer defizitäre Bezahlkanal Premiere World refinanzieren muß, und weigert sich, dem Ersten freie Hand zu lassen bei der Wahl jener Partien, die man vor der auf die Prime Time 20.15 Uhr verlegten Gurkensendung ran (Sat.1/Kirch) in der Tagesschau zeigen möchte. Selbstredend begehrt die ARD das sog. Topspiel, Kirch, der Ligaverband und der assistierende DFB weisen das zurück. Borussia Dortmund, bemüht, Monetenspender Kirch in der Währung der Abhängigkeit und Exklusivität etwas zurückzuzahlen, gab bekannt, »keine ARD-Teams in die Stadien zu lassen« (Süddeutsche Zeitung, 24. Juli), während die »beleidigte« (FAZ) ARD »ihren Kamerateams und Reportern notfalls mit Hilfe der Gerichte Zugang zu den Stadien verschaffen« (Süddeutsche Zeitung, 20. Juli) will.
Nun steht außer Zweifel, daß das Bundesverfassungsgericht 1998 die unreglementierte Kurzberichterstattung zum unantastbaren Rechtsgut erklärte. Deshalb reichte die ARD beim Landgericht München I einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen Kirchs Sportrechteagentur ISPR ein, der aber abgelehnt wurde. Bis zur letzten Instanz kämpfe man, hieß es danach aus den Reihen der tapferen Anwälte der Informationsfreiheit (»ein harter und dorniger Weg«, so der ARD-Vorsitzende Peter Voß, die Kirch-Hauspostille Bild tobte: »Feldzug«!), und die Chancen sind nicht übel. Dennoch fragte die Funkkorrespondenz (30/2001) zu Recht: »Für wie schlecht müssen die Kirch-Leute die ran-Sendung halten, wenn sie tatsächlich der Meinung sein sollten, diese einzweidrittel Minuten machen der anschließenden Sat.1-Sendung die Zuschauer abspenstig?«
Die jüngsten ran-Quoten waren eine Offenbarung. Eine heimatmusikalische ARD-Produktion schlug am 4. August Jörg Wontorras alberne Faselshow locker – bei 7,1 zu 2,0 Mio. Zuschauern. Kirch wird die Sat.1-Zumutung an die Wand fahren, dann den eigenen Pay-TV-Laden versenken; die potenten Bundesligavereine danken für die Ocken und gründen, nach englischem Vorbild und der Verwertungslogik folgend, klubeigene Sender mit Hofschranzen an den Mikrophonen und gegebenenfalls virtuellen Stadionkulissen. Es wäre, käme es so, ein Segen, nämlich die Öffentlichkeit erlöst vom endlos zyklischen Theater um einen Sport, dessen Protagonisten nichts unversucht lassen, um ihn zu ruinieren.
Und das deutsche Volk sollte deshalb nicht gleich verhungern.
Otto, der Filmriß
Was macht eigentlich Otto Baumgartner? Und was treibt der Spanier so? Womit beschäftigt sich die deutsche Boxweltmeisterin Regina Halmich? Und was ist denn da dauernd im Sport los?
In bruchloser Fortsetzung des lasterbeladenen Luderjahres 2001 (wir erinnern kursorisch an Anni Friesingers freisinnige Bekenntnisse zum »erotischsten Sport überhaupt«, zum Eisschnellauf, an Stefan Kretzschmars weniger handball- und eher GV-bezogene Offenherzigkeiten oder an die Sexualturbulenzen im spanischen Fußball), in Verlängerung ebendieses denkwürdigen Jahres startete nahtlos weiter durch z. B. die Zeitschrift PLAYBOY, die sich zwecks Februarausgabe das kaum dreißigjährige und darob geringfügig unreife Ottmar-Hitzfeld-Gspusi Rosi Salioni schnappte, auf daß sie zu einer Bilderstrecke unter dem Titel »Die Geliebte des Generals« beichten durfte: »Der attraktivste Fußballer, den ich kenne, ist Lothar Matthäus. Er sieht gut aus und spielt großartig.«
Wenn er auch nicht mehr spielt, der exilierte Münchner Muskelmann, dann sieht er wenigstens gut aus – fast noch besser wahrscheinlich als Schalkes oberster Lärmer Rudi Assauer, der für Bild seine extrem aufreizenden Zigarrensaunagänge knipsen ließ – und gleichwohl schwer abschmierte gegen den Ende Oktober 2001 im Feldwebelton zusammengestauchten Angestellten Emile Mpenza. Den nämlich wählte, da sie sonst nix zu tun hat, am 30. Januar zugunsten der Bild-Zeitungsleserschaft besagte Regina Halmich unter »die zehn schärfsten Sportler« resp. »Sportler-Bodys«, knapp hinter Trainingspartner Wladimir Klitschko und vor beispielsweise Michael Schumacher. Letzterer besitze keinen ganz so hohen »Erotik-Faktor« und fährt ja bloß vermummt im allerdings affengeilen roten Auto herum.
Den vorerst handgreiflichsten Erotikfaktor jedoch haben fünf Profis des spanischen Renommiervereins FC Barcelona angepeilt. Kluivert, Cocu, Gabri, Dani und Gerard, so berichtete die schockierte Weltpresse, feierten kürzlich vor einer Auswärtspartie in Madrid eine recht unanständige, 4.000 Euro verschlingende Fete mit vier Prostituierten, woraufhin die Klubführung laut Bild eine »Orgien-Erklärung« verlangte und die Fans der katalanischen Edelschmiede »aufgeblasene Sex-Puppen mit Barça-Mützen« (Bild) schwenkten. Weil sie frecherweise nicht dabeisein durften beim Erotikevent?
»Einige Spieler bezahlen auf dem Fußballplatz für das, was sie in ihrem Privatleben tun«, kommentierte Barça-Trainer Carlos Rexach den Vorfall. Für einen anderen und sehr viel schmerzlicheren Vor- bzw. Unfall fand indes vor fast siebzehn Jahren ein Coach namens Klaus Sturm folgende Worte: »Er war kurz vorm Nervenzusammenbruch, saß nach dem Spiel noch geistesabwesend in der Kabine. Wir mußten ihm die Sportklamotten ausziehen und ihm in seine Privatsachen helfen.«
Was war geschehen? Wir zitieren aus der Bild vom 18. April 1985:
»Bayernligaspiel FC Bamberg gegen Jahn Regensburg (1:0), die 74. Minute, unvergeßlich. Regensburgs Mittelfeldspieler Otto Baumgartner (22) ist gerade eingewechselt worden, er steht im Mittelkreis. Sein Torwart wirft ihm den Ball zu, da stoppt Otto das Leder mit der Brust […]. Otto stürmt los, Richtung eigenes Tor. 600 Fans des Gegners staunen erst, dann feuern ihn die ersten an.
Otto erreicht die Strafraumgrenze. Er ist ein guter Mann, hat früher sogar in der Jugendnationalelf gespielt. Otto umspielt seinen Verteidiger Grabmeier und schießt – traumhaft sicher trifft er flach ins rechte Eck. 1:0 […].
Und der Regensburger Torwart Mühldorfer? Der hatte gar nicht reagiert und war ganz ungläubig: ›Ich dachte bis zuletzt, Otto würde ’ne Rückgabe machen.‹«
Später »entschuldigte sich Otto bei Regensburgs Fußballboß Eberl. ›Ich hatte totalen Filmriß. Ich hab’ bei meinem Sturmlauf nichts gehört und nichts gesehen. Als ich die entsetzten Gesichter meiner Kameraden sah, wurde mir bewußt, was ich angestellt hatte.‹«
Uli Hoeneß hatte Otto Baumgartner einen Profivertrag versprochen. Baumgartner hängte aber die Fußballschuhe an den Nagel. Otto wechselte ins Fuhrunternehmen seiner Eltern.
Diese vergessene Geschichte gemahnt uns angesichts der Woche um Woche heftiger brausenden Sperenzchen rund um all die geldunersättlichen Sebastian Kehls, meinungskräftigen und tattooprotzenden Stefan Effenbergs und waschbrettbauchdarstellerisch tätigen Cracks an wahre, herzerschütternde Tragik, an Zerbrechlichkeit, Schwäche, an die Möglichkeit des Scheiterns, die in der gegenwärtigen Welt des Dicktuns und narzißtischen Gehampels nicht mehr vorgesehen ist.
Ja, was macht Otto Baumgartner, der gute Kerl, eigentlich heute? Und weshalb widerfuhr ihm dazumal so Schlimmes? Plagte ihn häuslich-erotische Überbelastung, die die Orientierung auf dem Platz sehr erschwerte? Oder, umgekehrt, nagte konzentrationszerstörerischer Liebeskummer an seiner zarten Spielerseele?
Das sind Dinge, die man wirklich wissen wollte.
Attacke auf Geistesmensch
»Attacke auf Geistesmensch« heißt eine geniale Bühnennummer von Gerhard Polt. Acht Metzger besuchen das Oktoberfest. Gegen Ende der »Gaudi« drischt ihr Rottenführer einem Exemplar jenes »ausländischen Zeigls«, »des wo eim scho vom Ausland her die Plätze wegfaxt«, einen Maßkrug über den Kopf. Der schmächtige Mann, ein Nobelpreisträger, wie die Zeitungen hinterher berichten, erleidet einen Schädelbasisbruch. Die barbarische Schlachterverachtung für den anderen und den Intellekt erschüttert das nicht.
Günther Koch ist kein preisgekrönter Wissenschaftler, er ist Fußballradioreporter, laut vieler Menschen Meinung der beste. Auch ich darf mit aller gebotenen Eitelkeit behaupten, er sei ein Genie. Zwei von mir kompilierte CDs dokumentieren die eigensinnige intellektuelle Leistung des Mikrophonartisten, seine famosen Balanceakte zwischen rhetorischer Exaltation und sachlichem Engagement für das schöne Spiel Fußball.
Auf Wir rufen Günther Koch! hört man ihn z. B. die Partie Bayern München – VfB Stuttgart kommentieren, das legendäre 5:3 vom 28. Oktober 1995. Er bewundert Balakov, der die Gegner »ausgschwanzt hat«, und der sehr aktive Hobbyspieler freut sich mit dem Ballkünstler: »Das hat ihm Riesenspaß gemacht, und das gehört ja auch zum Fußballspiel.« Genauso unverblümt beurteilt Koch die 3:0-Führung der Bayern (»Also, die Bayern ham scho a Glück«), und um der eh aufregenden Reportage ein unerhörtes geistfeuriges Element hinzuzufügen, veranstaltet er unter Kollegen eine Spontanumfrage über die Berechtigung des Elfers für den FCB. Später, das zwischenzeitliche 3:3 ist gefallen, jubiliert er: »Traumhafter Spitzenfußball von den Schwaben!«
Vergangenen Samstag führte Günther Kochs Weg ins Gottlieb-Daimler-Stadion. Etwa zwei Meter vor ihm tobte ein soignierter, älterer Herr herum, eine »stolze schwäbische Fußballseele« (Süddeutsche Zeitung), die derart erregt war wegen der Stuttgarter Chancenlosigkeit, daß sie sich erhob und Koch, der die »abgeklärte, überlegene Spielweise« der Bayern schilderte, anschrie: »Du Schafseckel, hasch du eigentlich selber amol Fußball gschpielt?«
Koch nahm die nachfolgenden Pöbeleien des Promifans nicht recht wahr. Kurz vor der Pause foulte Effenberg Balakov und bekam bloß Gelb. In der Halbzeitkonferenz auf Bayern 1 berichtete Koch von »Zuschauern«, die »sehr böse sind«. Also rief er den Mann zu sich und hielt ihm das Mikrophon hin: »Dann sagen Sie des doch bitte mal laut, was Sie da meinen.« – »Ich sag’, daß Bayern wieder mit zwölf spielt, des muß i sagen, zwölf Mann.« Koch, um Ausgleich bemüht: »Ist das nicht übertrieben, ist das nicht unfair, was Sie da behaupten?« Und dann, deutlich über den Äther zu hören: ein kräftiger Schlag.
Ein Mann, eine Meinung, eine Watschen am Cannstatter Wasen. »Au! Jetzt haut er mir das Mikrophon an den Mund«, fiel Koch selbst diesmal nicht auf den Mund und ergänzte unter Schmerzen: »Und das fand ich gar nicht nett.«
»Fußball«, jauchzte Günther Koch Ende Oktober 1995, »ist ein so tolles Spiel, da ist alles möglich.« Alles, was in dieser Gesellschaft nötig ist, um auf der Haupttribüne zu landen.
Moral, Moneten, Menschen und Millionen
Franz Beckenbauer
Trotz elegantester Gewandung und optimaler Shampoonierung des Resthaupthaares, trotz einer zeitweilig schonungslos schaumigen Diplomatendiktion und eines Weltmanngebarens, das sich der »Welt-Präsident« (Bild) zwecks Ausübung unüberschaubar dubioser werblicher und sonstiger Fernseh- und Elitefunktionärstätigkeiten zugelegt hat bzw. von seinem frühen Förderer Robert Schwan hat antrainieren lassen, kann der gottgleich verehrte Heilsbringer allzuoft nicht verbergen, ein Giesinger Bangert geblieben zu sein, dem die Standards des zivilisierten Umgangs ein Buch mit sieben Siegeln sind. Rabiater durfte noch keine deutsche Fußballspitzenkraft herumkrakeelen. Spieler, die eine Partie – das soll im Sport vorkommen – verlieren, beschimpft Beckenbauer als Penner, ein andermal brüllt er sie vor der versammelten Presse zusammen. Oder der Unfehlbare verhöhnt die Kollegen des Bundesligaausschusses, sie dienten einer Institution, die was sei? Ein »Lachsack«.
Das ist nicht lustig, das ist traurig. Franz Beckenbauer ist eine tieftraurige, taktlose Erscheinung, ein skrupelloser Durchstecher, der bereits den eigenen Vater verachtete, weil der eine Moral besaß. »Mein Vater war ein sozial denkender Mensch«, erzählte der Filius herablassend und wuchs zum größten Asozialen des Fußballs heran. Selbst gegen seinen Entdecker, das großherzige Trainergenie Tschik Cajkovski, trat er nach: »Im Gegensatz zu unserem Bundestrainer habe ich ihn viel weinen sehen.« Bah.
Weltmeisterschaft
Eine Weltmeisterschaft schafft. Für vier Wochen den Verstand ab. Die Nerven. Die Leber. Einen Stimmungsmix aus Hingabe, habitueller Idiotie, fachsimpelnder Akribie und leidenschaftlicher Leidensfähigkeit. Und ist das Beste, was die Menschheit je ersonnen hat.
Abseits
Wer meint, es sei witzig zu erklären, daß es sinn- und witzlos sei, einer Frau zu erklären, was Abseits ist, der ist kein Witzbold, sondern ein halber Unhold, der es ohnehin nicht besser zu erklären weiß als die Frau, die es ihm dann endlich mal richtig erklärt, damit er nicht immer vor der Glotze, voll mit diversen Klaren, herumkeift, das sei »ein klares Abseits« gewesen, obwohl jede Frau glasklar gesehen hat, daß es nie und nimmer Abseits war.
Tante Käthe
In Zeiten der Debatten über »Homoehe« und »Geschlechterrollen« muß sich ein gestandener Kerl wie der Bundestrainer »Tante Käthe« rufen lassen. Früher trugen Fußballhelden z. B. den Schmucknamen »Bomber der Nation«. Wir beantragen die Umbenennung Rudi Völlers in »Onkel Emmarich« oder wenigstens »Der Mann ohne Mütze«.
Kirch-Millionen
»Es sind nicht allein die Zahlen, die eine Firma ausmachen, es sind vielmehr die Menschen«, steckte Dr. Leo Kirch Anfang April 2002 seinen Ex-Angestellten in einem »Abschiedsbrief« – und lief nicht rot an. Vielmehr pries der Unterfranke, bevor die Bildschirme schwarz wurden, das nicht länger allzu »werthaltige« Ramsch-TV posthum: »Es ging mir nicht darum, ein mächtiges, sondern – für Auge und Ohr – ein vertikal integriertes Medienunternehmen zu schaffen.« Was das bedeuten sollte, wußte er wahrscheinlich selber nicht, und deshalb krönte Kirch die Bankrottbilanz mit dem visionär sinnentleerten Satz: »Dabei haben inhaltliche Gesichtspunkte, wie ich sie immer im Blick hatte, die führende Rolle gespielt.«
Ohne Führung stehen Tausende Kirch-Menschen jetzt dumm da. Klüger wär’s gewesen, unter DFB-Boß Prof. Mayer-Vorfelder zu rackern, der es stets vorbildlich fertigbringt, »einen tiefen Schluck aus der Pulle öffentlicher Gelder zu nehmen« (M. Ringel) und hinterher stocknüchtern zu schnurren: »Ich habe ein gutes Gewissen.« Erst kommt das Trinken, dann das schlichte Katergewissen.
Voll in den Völler
Seit der Meistertechniker Mehmet Scholl seinen unwiderruflichen Verzicht auf die Teilnahme an der WM bekanntgegeben hat, weint ganz Deutschland. Nur einer nicht. Teamchef Rudi Völler hat jetzt aus Enttäuschung über Scholls Rücktritt seine legendäre Zurückhaltung abgelegt und der taz ein Interview gegeben, über das man noch lange sprechen wird. Zu Scholl wollte er sich allerdings nicht mehr ausführlich äußern. Den habe er »gedanklich ein für allemal zum Mond geschossen«.
Hallo, Herr Völler, Sie sind viel unterwegs, Sie sind ein gefragter Mann. Schön, daß Sie für uns Zeit …
Ja, kommen sie schon zu Pott. Ich hab’ meine Zeit auch nicht mit dem Löffel gefressen.
Gut, den Pott, den wollen …
Der Pott geht mir am Arsch vorbei. Es sei denn, er sitzt drauf.
Der Pott?
Der Arsch, Mann! Welche Fürze haben Sie eigentlich im Kopf?
Würden Sie es als, ähem, Furz im Kopf bezeichnen, wenn wir Ihnen und Ihrer Mannschaft den Titel zutrauen würden?
Hm.
Anders gefragt: Sie gelten als besonnener, bedächtiger Mensch, der die Chancen bei einem so bedeutenden Turnier wie der Weltmeisterschaft genau abwägt und sich zu keinen voreiligen Prognosen hinreißen …
Mir reißt langsam der Geduldsfaden auf! Was wollen Sie eigentlich? Was wollen Sie wissen?
Gut, ja, also: Herr Völler, so herum gefragt: Sie gelten als ruhiger Zeitgenosse, der sich die Zeit nimmt …
Zeit! Zeit! Die Zeit ist der schlimmste Feind des Menschen – nach dem Iren, dem Araber und dem Neger! Was soll ich gelten, wenn ich die Zeit nicht zum meinem Sklaven mache? Die Zeit ist eine Drecksau. Ich gelte, ich gelte! Was ich schein’, muß ich nicht sein! Verstehnse? Nee. Natürlich nicht.
Bis zum ersten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien haben Sie noch etwas Zeit. Wie werden Sie die Mannschaft vorbereiten? Wird es besondere Trainingsmaßnahmen geben, um das Team auf diesen weithin unbekannten, sehr unbequemen Gegner einzustellen?
Die Einstellung muß stimmen, das ist mal klar. Wenn nicht klar ist, und ich sage: wenn nicht arschklar ist, daß man gegen die Bin-Laden-Bimbos in die Eisen gehen muß, dann können wir gleich nach Hause gehen. Oder zu Hause bleiben. Die Saudis verstehen nur eine Sprache: grausames Grätschen, tückische Tacklings, höllische Offensive, Ballern ohne Pause. Da muß man schon mal die Spielkultur ins Klo kloppen und runterspülen.
Sie erwarten einen Kampf auf Biegen und Brechen?
Wo leben Sie denn? Bier gegen Beten, lautet die Geheimparole. Die Saudis sind – sprechen Sie doch den Namen mal richtig aus: Sau-dis –, die Saudis, die sind a priori erst mal Saukerle, die keine andere Sprache verstehen als die Sprache, na ja, Sie wissen schon, harte Gangart usw.
Ein Rezept auch gegen die Iren?
Die Irren? Haha. Da lache ich mir nur einen Arm ab.
Am Spielfeldrand geben Sie oft mit heftig wedelnden Armen Anweisungen an Ihre Spieler …
Ja, die Penner wedeln sich abends gerne noch einen von der Kiefer, und dann sind die auf dem Platz schlapp wie weiche Leiste – Herbergers Säftelehre, schon mal was gehört von? Na, dann muß ich denen mit den Armen einen in den Arsch treten, damit die endlich rennen.
Daß die Abwehr wieder schläft wie vor vier Jahren im Viertelfinale gegen Kroatien, das wird diesmal nicht passieren?
Da können Sie Galle drauf fressen.
Herr Völler, die Öffentlichkeit kennt Sie gar nicht mit solchen Kraftsprüch …
Was die Öffentlichkeit von mir kennt und denkt, interessiert mich einen feuchten Feudel. Jetzt lernt sie mich kennen.
Herr Völler, wir danken Ihnen jedenfalls für dieses Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrer Mannschaft alles …
Gern gescheh’n. Auf nimmer Wiederseh’n.
Ballaballabierbilanz
Aus, aus, aus. Die Bundesligasaison 2001/02 ist aus. Ein »Horror-Finale« zwischen Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Bayern München hatte der Internetanbieter www.sport1.de prophezeit. Nach dem Trivialtriumph der Borussia über Werder Bremen reichte es gerade noch zur Headline »Herzschlag-Finale«, was nur heißen konnte, es sei ein herzschonendes, ein einlullend entspannungsreiches Finale gewesen, Marke Doris-Day-Komödie statt Horrorschocker resp. »Hitchcock-Finale« (Hitzfeld).
Die Dramatik, die man dem Fußball oft genug attestiert, sie fehlte rundweg. »Es wurde nicht mehr die letzte Blutgrätsche angesetzt«, sägte, halb einnickend, halb schon schnarchend, der Moderator des Bayerischen Rundfunks herum, und die Reporter der ARD-Radioschaltkonferenz zeigten kollektiv eine erschreckend lustlose Leistung. »Vielleicht hätte ich meine Stimme nicht so heben sollen«, entschuldigte sich fünf Minuten vor dem Abpfiff Manni Breuckmann, der im Westfalenstadion saß und erzählte, es sei der Käse gegessen und zum Glück bald Feierabend mit dieser elenden Spielzeit.
Zumindest war alles erwartungsgemäß über die Bühne der schäbigen Fußballopernshow gegangen, und man wirkte erleichtert, einen Schlußstrich unter das im medialen Verwurstungsbetrieb aufgekochte Zeug zu Bayer Leverkusen als dem »gerechten Deutschen Meister« ziehen zu können. Erst während der WM wird uns beispielsweise der Premiere-Hecht und Zeitungskolumnist Marcel Reif neuerlich einen grenzwertigen Weisheitssermon wie diesen servieren: »Warum Angst haben, wenn das Selbstbewußtsein so groß sein könnte, wie ein Fußballfeld weit ist?«
Ja, weit ist es, das Fontanefußballfeld, auf dem die Bundesligasalonlöwen und Trainergeneräle herumdröhnten, und jenen, denen Fortuna hold war, den arg schiedsrichterbegünstigten Dortmundern, gebührt auch der Titel der angstfreiesten Selbstentblödung, namentlich dem nicht maulfaulen Manager Michael Meier, der im Gerangel mit Bayer-Coach Toppmöller die Flucht ins Fach des Weidmannsheillosen angetreten hatte. »Der Jäger wird am Ende vorne sein«, jaulte er, und den »Blattschuß« abfeuern.
Am Ende könnte indes demnächst der hiesige bezahlte Fußball sein. Das monetäre Defizit der Deutschen Fußball-Liga, das sich nach der Kirch-Pleite für die abgeschlossene Saison auf 103, für die kommende auf prognostizierte 360 Millionen Euro beläuft, läßt Schlimmes befürchten. Wie um den ökonomischen Horror vacui trotz prächtig gefüllter Stadien zu vertreiben, faselten sich unsre Protagonisten desto engagierter um Kopf und Kragen. Nürnbergs Manager Edgar Geenen schickte den unrentablen Teil des Kaders mit den schmeichelhaften Worten aufs Arbeitsamt: »Ihr seid Dreck, ihr seid nur Abschaum, ihr seid Müll, ihr seid wie Lepra!«, und der etwas südlicher und also fauler gesinnte Stefan Effenberg krönte seine 108 Gelben Karten umfassende Karriere durch die bekannt kluge Forderung, die Stütze, die er nun selber einfahren darf, voll runterzufahren.
Jenseits unzähliger Verbalentgleisungen lobte allerdings final-debil die FAZ den Schauermann Effenberg als kompromißlosen Leistungshengst. »Im Gegensatz zu vielen Schönspielern war sich Effenberg nie zu schade, auch einmal das Arschloch zu geben«, schwallte es da besoffen, so daß ich schon wieder dem Bayern-Mann Rummenigge unter all den Monetenvermehrern und Titelfuchsern als demjenigen, der die leere Hand nicht aufhält, das Resümee übereignen möchte – dergestalt er, Rummenigge, angesichts der vergeigten Meisterschaft »keinen Grund« sah, »hier groß die Kritik anzusetzen«.
Wo man hingegen ansetzen muß, um immer noch mehr zahlungswillige Zuschauer anzulocken, das verriet sport1.de: »Wie man mäßigen sportlichen Erfolg kaschiert, zeigte der HSV. Ein neues komfortables Stadion und der Ausschank von Vollbier sorgten dafür, daß die hauseigene Bestmarke nun bei 44.000 Besuchern pro Spiel steht.«
Darauf ein ballverstolpernd polterndes Prost!
Rückblicke auf große Radiotage
Ein Gespräch mit Ror Wolf über die Entstehung seiner Fußballradiocollagen.
Wie viele Fußballcollagen gibt es von dir?
Es gibt sieben kürzere, dazu zähle ich auch die Expertencollagen, die ich am Trainingsplatz und im Bus aufgenommen habe; dann gibt es Cordoba; dann gibt es eine ganz lange, die nicht geglückt ist: Die Stunde der Wahrheit, das war meine erste Radiocollage, und ich hatte zu wenig Zeit; sie sollte zur WM 1974 fertig sein. Man hatte damals den Hessischen Rundfunk zur WM-Sendezentrale umgebaut, es gab wenig Möglichkeiten zu schneiden. Ich fuhr also immer von Mainz nach Frankfurt: für eine Stunde Schnitt. Ich mußte immer wieder mit anderen Cutterinnen zusammenarbeiten, ich mußte immer wieder erklären, was ich vorhatte, und kam dann eben nur in ganz winzigen Stücken weiter. Wie viele Bänder ich hatte? Ach, frag mich nicht, unendlich viele. Ich hab’ sie zu Hause vorbereitet, ich hatte Apparate: die Nagra und die Revox, hab’ also Grobschnitt gemacht zu Hause, um dann alles erst mal zu transkribieren und um ein Gefühl für das Material zu bekommen. Ich hatte jahrelang gesammelt, und wenn man vor diesem riesigen Materialhaufen sitzt, weiß man am Anfang nicht genau, was man daraus machen kann, inhaltlich und im formalen Ablauf. Deshalb ist eine genaue Transkription ganz unumgänglich. Und dann habe ich mit diesen Sätzen gespielt, ich hab’ sie ausprobiert. Man weiß, wenn man sie abgeschrieben hat, nicht genau, ob sie an einen anderen Satz passen: akustisch. Das hört man erst im Studio. Ich habe dann oft einsehen müssen, daß es am Schneidetisch nicht so ging, wie ich wollte. Ich mußte viele eingeplante Sätze weglassen. Und dann hat man eben improvisiert, das ist klar, das ist kein Problem, wenn man eine so riesige Auswahl an Sätzen hat. – Die Transkriptionen waren ganz genau. Ich weiß nicht, wie viele Monate ich gebraucht habe. Ich bin fast wahnsinnig geworden in dieser Zeit, irgendwann hab’ ich’s dann aufgegeben, unter Zurücklassung großer Mengen von brauchbarem Material. Ich habe irgendwann gesagt: Es geht nicht mehr. Wenn du unter Kopfhörern sitzt, stunden-, tage-, wochenlang, dann pappst du zusammen, dann knickst du weg. Ab und zu steigst du ins Auto und fährst zum Hessischen Rundfunk, für zwei Stunden Schneidezeit; manchmal hatte ich Glück und konnte einen ganzen Nachmittag schneiden. So ist dann dieses lange Stück Die Stunde der Wahrheit entstanden. Es ist zu lang, und die Proportionen stimmen nicht. Eigentlich müßte man da noch mal rangehen und weiterschneiden. Aber das werde ich bleiben lassen.
Ein Pionier? Ich? Na ja. Als ich das gemacht habe, im Rundfunk, hatte ich mein erstes Fußballbuch, Punkt ist Punkt, schon geschrieben. Ich war mir im klaren, als ich so ’66 damit anfing, daß ich ein Thema behandle, das literarisch noch ziemlich unberührt war. Unbearbeitet, ungebraucht. Ludwig Harig hat sich etwa zur gleichen Zeit damit befaßt [1966 wurde sein Hörspiel das fußballspiel urgesendet, das sich den militaristischen Konnotationen der Reportersprache widmet]. Ich habe mich allerdings jahrelang damit beschäftigt – sehr konsequent, neben meinen anderen Arbeiten. Es war so ein langsames Hineingleiten. Es war der Versuch, aus der Leidenschaft zum Fußball etwas zu entwickeln, was dann schließlich, ja, wenn man gnädig ist, sich in eine Art Kunstwerk verwandelt, in ein Sonett oder in eine Ballade oder in eine Geschichte oder in eine Textcollage.
Zum Hörspiel bin ich relativ spät gekommen. Ich hätte ja als Radiomane, als den ich mich manchmal bezeichne, im Grunde ganz früh damit anfangen können. Ich bin als Achtundzwanzigjähriger Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk gewesen, aber ich habe mich eigentlich nicht für das damalige Hörspiel interessiert. Es wurden zu viele Theaterstücke ins Radio gequetscht, »eingesperrtes Theater« sozusagen. Ich dachte, das Radio müßte eigentlich andere Möglichkeiten haben. Jedenfalls wollte ich andere Möglichkeiten ausprobieren.
Im Hörspielbereich gab es viele Traditionen. Aber eigentlich kaum das, was ich machen wollte. Ich bin nicht auf Widerstände gestoßen, aber auf Unverständnis, als ich da im Studio stand mit diesen unglaublich vielen Schnipseln und Spulen. Gelegentlich kam ein Redakteur und fragte: »Was soll denn das werden? Wie lange wollen Sie denn daran arbeiten?« Es gab auch die Befürchtung, daß mir die Fußballreporter übelnehmen könnten, daß ich einfach so mit ihren Sätzen umgehe. Daß ich sie als Material nehme. Daß ich einfach einen Satz von Oskar Klose nehme und dann einen Satz von Brumme oder Faßbender oder Hauffe, ohne zu fragen, ob ich das darf. Ich behaupte: Das darf ein Collagenmacher, er muß es dürfen.
Die Reaktionen der Reporter waren übrigens absolut positiv. Im Rundfunk hatten Sportreporter damals oft das Gefühl, als würden sie von den Leuten des kulturellen Worts nicht so ganz ernst genommen. Und natürlich wollten sie ernst genommen werden, wer will das nicht? Sie waren ja viel berühmter als ihre kulturellen Kollegen, und für meine Begriffe waren sie auch die besseren Radioleute. Sie waren schnell, sie hatten die Fähigkeit, eindrucksvoll das zu schildern, was man nicht sehen konnte. Eine außerordentlich kreative Leistung, fand ich. – Und plötzlich kommt einer und bedient sich einfach dieser Kreativität. Es hätte vielleicht rechtliche Einwände geben können. Aber meine Partikel waren ja so winzig, und die Arbeit war so groß im Zusammenschnitt, und die Reporter waren zunächst wohl erstaunt darüber, daß jemand sich solche Arbeit macht, daß jemand derart penibel umgeht mit ihren Worten und Sätzen, um daraus etwas anderes zusammenzubauen. Wahrscheinlich hat ihnen das gefallen.
Ja, und die Expertengespräche. Ich war oft am Riederwald mit dem Aufnahmegerät. Damals war Erich Ribbeck Trainer der Eintracht. Ich hab’ ihn gefragt, ob ich in der Spielerkabine Tonaufnahmen machen könne, vor dem Spiel, in der Halbzeitpause, nach dem Spiel. Eigentlich war das zu dieser Zeit unmöglich. Aber er hat ja gesagt. Er hat mir sehr geholfen. – Ich wohnte damals in der Nähe des Trainingsgeländes. Und wenn ich mir die Nagra umhing und morgens zum Riederwald ging, traf ich immer zwei Dutzend Experten mit Hut und Mantel, Rentner, die sahen so aus, als seien sie auf einem Sonntagsspaziergang. Aber sie brachten alles! Ich mußte mich nur dazwischen stellen und den Apparat anstellen – und los ging’s. Später bin ich auf die Tribünen gestiegen und bin mit den Fans zu Auswärtsspielen gefahren: in Bussen.
Manchmal war das nicht ungefährlich. Einmal im Bus nach Schalke [am 5. Mai 1973] – am Anfang waren die Jungs ganz lieb und artig, sie haben mir von ihren Reisen erzählt und für mich gesungen. Ihre Gesänge brauchte ich für meine Stücke. Also: Die waren richtig nett. In Gelsenkirchen ging ich dann in die Schalke-Ecke, um dort Originaltöne aufzunehmen. Schalke gewann einsnull oder zweieins. Ich ging zurück in den Bus, und dann kam diese Gruppe – völlig alkoholisiert, teilweise blutbeschmiert, mit zerrupften Fahnen –, und sie kannten mich nicht mehr. Sie wußten wirklich nicht mehr, wer ich war. Ich war allein, zehn, fünfzehn Fans um mich herum, grölend, aber ich hab’ mich schon nicht mehr getraut, das Gegröle aufzunehmen. Ich hab’ mich ziemlich ruhig verhalten, und irgendwann sagt dann der eine, der Nette, der am Morgen für mich gesungen hatte: »Du, sag mal, wie haben wir eigentlich gespielt?« – Die wußten das nicht. Die sind damals, 1973, schon nicht so sehr wegen des Spiels hingefahren, sondern um sich mit Schalke-Fans zu kloppen. Ich hab’s ihm dann gesagt, einsnull verloren, und es hat ihn nicht weiter gestört, daß sie verloren hatten.
In solchen Fällen sollte man eben zu zweit sein oder zu dritt, aber Eckhard Henscheid kannte ich damals noch nicht. Den hab’ ich erst 1974 kennengelernt. Wir haben sofort ein Interview zusammengebastelt: »Das ideale deutsche Mittelfeld«, das erschien in der FAZ. Wir haben den Titel geholt. Das ist klar. Er und ich. Ohne uns wäre Hölzenbein nämlich nicht aufgelaufen. – Oder?
Jedenfalls, die Arbeit damals, das war Harakiri.
Erdrückende Kompetenzübermacht
Am 15. Mai, gut zwei Wochen vor dem Anpfiff zur siebzehnten Fußballweltmeisterschaft, erschien im Olympia-Verlag, Nürnberg, das kicker-Sonderheft WM 2002.
Das 188 Seiten umfassende Magazin beeindruckt noch mehr als seine Vorgänger. Es vereint all die bewährten Stärken, die aus einer langen Tradition und einem umfänglichen Fachwissen erwachsen, und zugleich übertrifft es in Inhalt und Erscheinung sogar den Klassiker, das jährliche Bundesligasonderheft. Wenn der Verlag jenem Produkt stolz attestiert, »für Fußballfans mittlerweile zum echten Kult-Objekt geworden« zu sein, so darf man dem WM-Heft getrost eine mindestens ähnlich mächtige Aura bescheinigen, eine Qualität, die es bald zum begehrten Sammlerobjekt werden läßt.
Sachliche Angemessenheit, journalistische Distanz, unbestechliche Urteile und Nüchternheit sind die Tugenden, derer sich kicker-Redakteure seit jeher befleißigen. Bereits der erste flüchtige Blick signalisiert, daß man auch bei der Fertigung des aktuellen Sonderheftes keinen Fußbreit von dieser Kardinalgesinnung abgewichen ist. Der Rückumschlag wird präsentiert von Krombacher, den Titel ziert auf erprobt rotem Hintergrund ein freigestelltes Bild des 1990er Weltmeisters Rudi Völler, der die »FIFA World Cup Trophy« in die Höhe stemmt – eine graphisch überzeugend prophetische Lösung, ein Eyecatcher bester, nämlich zweifellos unzweifelhaft eindeutiger Manier.
Diese klare Linie setzt sich auf jeder Heftinnenseite konsequent fort. Der seiner unerbittlichen Formulierungskünste wegen geachtete Chefredakteur Rainer Holzschuh läßt gleichfalls keine Zweifel an der Bedeutung des kommenden Großereignisses aufkeimen. »Liebe Leser«, beginnt sein Editorial, »kein Zweifel: Die 17. Fußballweltmeisterschaft nimmt einen außergewöhnlichen Platz in der Fußball-Geschichte ein. Das erste WM-Turnier in Asien, das erste in einem neuen Jahrhundert, dazu das erste von zwei Gastgebern. Es ist der Reiz der Veränderungen«, öffnet er uns mit elliptisch hämmernden Sätzen Augen und Ohren für Aspekte, die wir wahrzunehmen bislang nicht den Mut besaßen, und diskutiert auf knappstem Raum und babyblauem Papier gewandt den »völlig anderen Lebens- und Erlebens-Rhythmus«, der die Stätten der sportlichen Begegnungen beherrsche.
Wer aber ein Holzschuh, der ein Hegel, ein Dialektiker, der die Würze der Widersprüche schätzt: »Ganz anders unsere Nationalspieler, die auf ebenso gepflegtem Rasen antreten wie in München, Mailand oder Manchester«, und über die – dialektisch geforderte – dreifache Alliteration, den Inhaltsgleichschritt bei stabreimendem Anklang, über eine rhetorische Figur mithin, die vor Holzschuh nur ein Richard Wagner annähernd so geschickt zu handhaben verstand, findet Holzschuh zurück zur Appellation als der eigentlich sinnstiftenden Textart des Fußballjournalismus. Unmißverständlich gibt er für Völler und dessen Mannschaft das »Nahziel« aus, »mit Schwung und Kampfgeist das Vertrauen der Fans zurückzugewinnen«, um dann spätestens 2006 den Titel zu erringen.
Das Ringen um Gehalt, der Kampf um Größe: Nicht allein die imposant monomotivlichen Farbphotographien, die oft genialen Wort-Bild-Korrespondenzen (die Überschrift »Alles steht und fällt mit Käpt’n Keane« kommentiert eine Spielszene, in der um den aufrecht stürmenden irischen Spielführer herum alles fällt und liegt) und die biblische Flut an Fakten, an statistischem Material (Stadiongrößen etc.), historischen Daten (Qualifikationsergebnisse etc.) und Spielernamen (Zinedine Zidane etc.) machen das kicker-WM-Sonderheft zum unentbehrlichen Begleiter während vier aufregender Wochen. Zudem prägt dieses auch haptisch höchst passable Resultat eines gigantischen publizistischen Kraftaktes ein selten gewordenes Gefühl für die harmonische Komposition, ein, cum grano salis, klassizistisches Konzept mit zeitnaher Zielrichtung und knallbunten, dem objektiven Preßgeist geschuldeten Boulevardeinsprengseln. Im Abschnitt über die deutschen Gegner aus Gruppe E heißt es z. B.: »Kamerun – das sind nicht nur die ›unzähmbaren Löwen‹, es ist auch Patriotismus pur.«
Den Willen zur Innovation pur unterstreicht zumal die formale Klammer der zwei Spielpläne – vorne der reizvoll kolorierte und durch Bitburger-Bildchen verzierte zweiseitige Klappspielplan, hinten die einseitige Kadenz des WM-Kalenders. Dazwischen regiert der Gedanke der Synthese von »Pflicht-Informationsangebot« und sprachlicher Kür. Unter zahllosen journalistischen Topofferten wie Taktikschemen, Regelerläuterungen (»Jeder Spieler trägt im Verlauf des Turniers eine feste Nummer, […] die jeweils auf dem Rükken, der Brust und der Hose angebracht ist. Über der Rükkennummer ist der Familienname des betreffenden Spielers anzubringen«) und intimen Insidernews (Lizarazu, »der Vater eines Sohnes, ist ein begeisterter Surfer, auf dem Brett auf dem Atlantik genauso wie im Internet«) wären die Tabellen gesondert zu erwähnen: Exakte senkrechte schwarze Linien treffen auf graue Horizontalstriche, darüber liegt ein roter Querbalken mit beispielsweise der Zeile »Spieler, Tore, Noten«, und in den viereckigen Freiflächen tummeln sich ganz unterschiedliche Zahlen.
Diese Informationspolitik der Reichhaltigkeit ergänzt der abgeklärte Stil einfühlsamer Hintergrundberichte und Analysen, elaborierter Rückblicke und (Experten-)Prognosen. Sie bilden das seriöse Passepartout für Inseln der Lust am plastischen Ausdruck. Erst wo journalistische Dezenz obwaltet, kann der schmückende Wortwitz zu Höchstform auflaufen und in die philosophische Tiefe geflankt werden. »Das deutsche Team kurz vor der WM: Sicher ist nur, daß kaum etwas sicher ist«, weiß Wolfgang »Sokrates« Tobien und faßt im unverwechselbaren kicker-Substantivierungssound zusammen: »Mit seiner großen Popularität und Beliebtheit beschleunigte Rudi Völler den Wiedergewinn des öffentlichen Wohlwollens beim Neubeginn nach der EM 2000.«
Allen voran wirft Karl-Heinz Heimann sein Scheinwerferlicht mit erkenntnistheoretischer Verve und Spaß an der Formulierungsfreude auf sämtliche Phänomene des »Welt-Fußballs«. Ein paar Kostproben aus dem Einführungsessay müssen leider genügen: »Deutschland kann, wenn der Start gelingt und die Spieler ihr Selbstvertrauen finden, weiter kommen, als viele denken.« Oder: »Viel wird von den Schiedsrichtern abhängen.« Oder: »Die sportlich wichtigste aller Fragen heißt natürlich auch diesmal: Wer wird Weltmeister?«
Schon vor Beginn der Weltmeisterschaft bleibt festzuhalten: Der Ball läuft rund durch die Zeilen. »Der syntaktische Schaum« (S. 92), aus dem der adidas-WM-Ball »Fevernova« hergestellt wurde, seift das prächtige Extrablatt allseitig ein. Mit dem kicker-WM-Sonderheft hat der Olympia-Verlag eine weltmeisterliche Leistung abgeliefert. An diesem Wurf werden die Konkurrenten von Focus bis Fit For Fun schwer zu blättern haben, und sie werden angesichts der erdrückenden Kompetenzübermacht der kicker-Truppe ebenso ins Schwitzen geraten wie die Akteure auf den gepflegten Rasenflächen Südkoreas und Japans.
O du, Türkei
Türkei, nicht ganz unglücklich / Sollst Du Dich schätzen / Ob Deiner Mannen. / Hand und Fuß meist hat, was hinten / Aktas tut, und / Den Kopf wissen jeweils zu benutzen die / Zwei vor ihm, dem Wächter des Tores, die beiden, welche / Hören auf die Namen schön und hell: Asik und Akyel. //
Nicht also sollst noch wirst Du zagen, Türkei, nicht / Die Flinte ins Korn werfen und den Ball schlagen ins Aus. / Nein, über Özalan und Özat möcht’ er laufen geschwind, und wie der Wind vom Bosporus / Herüberwehen soll es Flanken auf mittellinks, wo das / Leder sich schnappt Belözoglu und treibt es voran, vielleicht / Gibt er auch mal ab auf Buruk, der schickt / Davala steil oder Dursun oder / Den jungen Sas. //
Außerdem, Türkei, ist da / Ja noch Bastürk, der Kleine, / Der Feine und Flinke und Fabelhafte, derjenige / Bastürk, liebe Türkei, den wir lieben / Von Leverkusen her. / Ihm, Türkei, vertraue Dich an, / Ihm, Bastürk, schenke Dein Herz, und / Du wirst selbst in den bitteren / Momenten der Niederlage, der Schmach, / Den Mut nicht verlieren, denn / Es wird kommen ein neuer Tag, und mit dem neuen Tag / Wird kommen ein neues Spiel. //
Türkei, auch wenn Rüstü Recber zwischen / Den Pfosten verharrt und Korkmaz, Temizkanoglu und Ünsal die Kette schmieden, / Auch dann, wenn Ercan in der Mitte wühlt und Havutcu ihm zur Seite steht, auch / Dann, Türkei, und sollte gar den Sturm bekränzen Mansiz von Besiktas, Türkei, auch dann / Ist nichts verloren und alles offen. / Und so laßt hoffen uns und erträumen mehr, / Mehr Tore und Torschüsse und Torschußversuche, / Denn dann, Türkei, / Sei dem Halbmond glanzvoll der Weg gewiesen zum / Silbrig beschienenen güldnen Pokal. //
Aber, Türkei, hier unten, vor meiner Tür, machst / Du bitte das nächste Mal nicht ein solches Geschrei. / Dafür ist doch ein »Türkischer Sozialdienstverein e. V.« nicht gedacht!
Die Schönheit der Eigentlichkeit
Und es sprach der Allmächtige, bürgerlich Franz Beckenbauer, im Kundenserviceblatt Premiere Magazin (5/2002): »Ach, das sind doch populistische Aussagen von Politikern. Die sagen: Alle Spiele müssen ins Free-TV und dürfen kein zusätzliches Geld kosten. Klar, die Leute klatschen und denken: Bravo, das ist unser Mann! Aber ich sage Ihnen, das ist ein Populist! Wo gibt’s denn heute noch etwas umsonst?« Bei e-plus?
Es ist nicht so, daß Franz Beckenbauer zu den Intellektuellen zählt, deren öffentliche Worte den populistischen Verkürzungen, Verdrehungen und Verfälschungen das nüchterne, nicht interessengeleitete Urteil entgegenhalten. Es scheint eher so zu sein, daß sich Franz Beckenbauer nicht zu schade ist, der Postille seines Haussenders ein Interview zu gewähren, in dem er tatsächlich derart haltlos daherredet, wie das nur einer tun kann, der gar nicht mehr wahrnimmt, was er ventiliert. Und als genüge das nicht, entblößt er seine aufdringliche Opportunität zudem aufs gravierendste, indem er dem Arbeitgeber ein Zeugnis ausstellt, das zwischen Propaganda und einem irgendwie Westerwelle-affinen Dauerbekenntnis zu Wettbewerb und Leistung changiert: »Was gut ist, kostet Geld, und da gibt es im Fußball zu Premiere überhaupt keine Alternativen. Das ist das beste Programm, das es jemals in Europa gegeben hat.«
So ähnlich dürfte das auch Premieres Starreporter Marcel Reif sehen, und je schwächer das Produkt Premiere nachgefragt wird, desto lauter schallt es aus dem Blätterwald der eigenen Fernsehgemarkung. »Die Weltmeisterschaft ist einfach der absolute Höhepunkt in diesem Sportjahr«, rührt Reif verzweifelt die Trommel, und das aktuelle Premiere Magazin (6/2002) assistiert ihm angstbeladen, man warte »mit den besten Kommentatoren und Experten« auf und schaffe »mit weltmeisterlichem Aufwand« »das beste WM-Programm aller Zeiten«.
Nicht ganz. Aber ungefähr. Premiere ist gut, weil man nicht anders kann. Es fehlt das Geld, lediglich zwei Reporter weilen vor Ort, Reif und der erstaunlich engagiert-kenntnisreiche, unprätentiöse Fritz von Thurn und Taxis, und der Rest muß im Münchner Studio am Bildschirm kommentiert werden. Kein Fieldreporter nervt, kein Waldi-Hartmann-Gekumpel stört. Weit davon entfernt, »WM total« (Premiere) zu servieren, präsentiert Premiere – aus der nackten Not ward tadellose Tugend – eine entschlackte, aufs Spiel konzentrierte Weltmeisterschaft, gemäß dem ehernen Fernsehgesetz: weniger Leute, weniger Geschwätz.
Während die Öffentlich-Rechtlichen, die pro Tag lediglich ein »Topspiel« übertragen dürfen, ein beklagenswertes Schauspiel der Maßlosigkeit, d. h. der völlig aus dem Ruder gelaufenen Rand- und Rundumberichterstattung bieten, ja eine diabolisch aufgeblasene Trinität aus Delling-Netzer- oder Poschmann-Rehhagel-Duetten, Schaltungen und – z. T. sehr »lustigen« – Filmen ins Werk richten, konzentriert sich das Nischenprogramm Premiere bei vollem Fußballprogramm – gezwungenermaßen – auf die Sache selbst.
List der »freien Marktwirtschaft« (G. Westerwelle), des Kapitalismus: Weil die Ressourcen fehlen, wächst, quasi hölderlinsch rettend in der größten Gefahr, das Lösende, zerstäubt der Krampf des hybriden Event-TVs, wird Bescheidenheit zur Zier der Sachlichkeit, entsteht aus dem Mangel Qualität, aus der Kargheit die Schönheit der uneitlen »Eigentlichkeit« (Adorno), erwirkt die Verknappung der Mittel eine Besinnung aufs »Wesen« (Hegel) des nach wie vor ziemlich großartigen Sportspiels Fußball.
Bloß ARD und ZDF begreifen es nicht, sie begreifen nichts. Die ARD läßt Heribert Faßbender die »Veronkelung der Fußballreportage« (Süddeutsche Zeitung, 3. Juni) vorantreiben und Adlatus Wilfried Mohren lustlos möhren, es sei »ein bißchen wirbelig da hinten«, einstweilen Günter Netzer seine hochavantgardistischen Schnarchsackstatements ins Hamburger Studio stottert, etwa die sagenhafte Einschätzung: »Barthez hat eine Reaktion mit dem Fuß.«
Charmant hingegen die Sekundanten und Sekundärkommentatoren von Premiere. »Man sieht es ganz knallhart schon«, beweist Lothar Matthäus zu München-Unterföhring knallklar-glasharten Durchblick, und Studiopartner Dieter Nickles grinst, gähnt auch mal und erläutert frei flottierend: »Vor dem Spiel weiß man eigentlich gar nicht viel.« Diese schlichte Einsicht konterkariert allerdings Allstar Bekkenbauer und verrät, vor dem Anpfiff hätten die Spieler »Zeit, um sich die letzten Rituale noch mal zu machen«, was Beckenbauers Ziehsohn Matthäusmatze wiederum durch den gescheiten Einwurf auf den Kopf des Fußballs stellt: »Im ersten Spiel muß man gewisse Weichen setzen.«
Die Premiere-Mannschaft agiert seit dem ersten Spiel ohne Fehl, ohne Tadel und mit viel Taktgefühl. »Das ist natürlich alles ’ne Riesennummer kleiner«, sprach Marcel Reif bei Deutschland – Saudi-Arabien nolens volens ein wahrhaftiges Wahrwort, und zwischen kurzen Vorberichten und konzisen Zusammenfassungen geben die Reporter unaufgeregt ihr Bestes, zum besten der Reportage. Ein Ire sei »die personifizierte Standardsituation«, hörten wir da, oder Michael Pfadt schuf die Kausalität: »Boris Zivkovic ist per Platzverweis nicht mehr da«; indessen des Mexikaners Luis Hernandez Einsatz so erhellt wurde: »Dreiunddreißig Jahre alt, hat aber natürlich Platz.«
Premiere wurde binnen weniger Tage zum Quell der Freude. »Das ist eine Erkenntnis, die wir gefunden haben«, pflichten wir Dieter Nickles bei und ergänzen mit Premiere-Deuter Toni Schumacher: »Das ist alles so ’n bißchen ins Fröhliche gehalten.« Nur einmal befand sich selbst das weithin des Platzes verwiesene ZDF auf der Ballhöhe der neuen Zurückhaltung. Während der Begegnung England – Schweden sinnierte man beklommen, weshalb die üblichen Kameraschwenks hinüber zur Haupttribüne der Wichtigtuer dieser Welt ausblieben, und Béla Réthy (ZDF) lüftete den Schleier der Unwissenheit: »Aus Sicherheitsgründen dürfen keine Prominente gezeigt werden.« Nicht mal die popeligen Beckenbauers.
Das Gebührenfernsehen braucht eine politisch erzwungene antipopulistische Regie, das alternativlose Bezahlfernsehen bloß weniger Zahlende. Der Kapitalismus, heißt es bei Karl Marx, ist die revolutionärste Kraft der Menschheitsgeschichte. Zumindest der jüngeren Fernsehgeschichte.
In Schlagzeilengewittern
Gestern, bei Deutschland – Irland, mal ZDF, das Zweitbeste Deutsche Fußballfernsehen unter zwei Anbietern. Draußen erstaunlich viel Verkehr. Die armen Müllmänner müssen schuften. Mein augenblickliches Lieblingsdrecksblatt Bild packt nach den Schlagzeilen »Rudi, haudi Saudi« und »Klose, schieß sie aus der Hose!« im Sportteil auch die Line »Frau Kahn in Japan eingetroffen«. Na so was.
Ich bin pünktlich zum Spielbeginn auf meinem irischgrünen Sofa eingetroffen. Experte O. Rehhagel sieht »Flankengewitter« heraufziehen. Kurz zu Premiere, um der öffentlich-rechtlichen Werbefolter zu entgehen. Der dortige Fr. Beckenbauer attestiert »uns« (Jockel Fischer), »das haben wir auch gar nicht notwendig«. Was? Nervös zu sein?
Béla Réthy flattern die Nerven und stottert angesichts der stürmischen Inselbarbaren: »Man hatte mit einer abwartenderen Abwartung gewartet.« Der Janckerschrank fällt um. Ich greife zu einem Beruhigungserfrischungsgetränk mit grünem Etikett. Mein grünes Sofa ächzt.
Bis zur 19. Minute. Erst setzt endlich »Inselwetter« (Réthy), meint: Regen, ein, dann köpfelt Klose, noch in der Hose, ein. Kahn kocht. »Einige werden dieses Spiel feucht genießen müssen.« (Réthy) Ich auch.
Réthy verliert völlig die Sprachfassung und sieht »keine Anspielstation in einem Bereich, der Sinn macht«. Kahn hält wie ein Wahnsinniger. Bevor überhaupt irgendwas und noch dazu ein Bereich »Sinn macht«, mache ich die Bild-Überschriften von morgen. »k. u. k. – Klose und Kahn!« Zu schlapp. »King Kahn König«. Öde. »Irrer Kahn knockt (K)Ir(r)land k. o.«. Puh. Bäh. Dann lieber »Deutschland kahnenklos – Irland torlos«.
Wie? So nicht? O. k. Also: »Kahn killt Kelten«. Genau. Ein Belohnungsschluck. Bode kommt. Muß das 2:0 machen. »Marco macht die Bode«. Nix war’s. Und dann die 93. Minute. Es fehlten dieser Glosse neunzig Sekunden bis zum Erreichen des Achtelfinales. Und der Herr Redakteur muß natürlich das letzte Wort behalten: »Klose, das ging in die Hose«. Bzw. Franz Beckenbauer: »Woas die Zeitungen schreib’n, is’ ja völlig wurscht.«
Fernsehradio
Ich schätze Tom Bayer, die honorig-sonore Fußballradiostimme des WDR, sehr, und ich hab’ Tom Bayer sogar mal kennengelernt. Er hatte zusammen mit Günther Koch die Bundesligapartie Bayern – Dortmund in voller Länge übertragen, und hinterher beim Bier plauderte er so charmant und fachlich brillant wie via Äther.
Ich bin also positiv voreingenommen gegenüber Tom Bayer, und deshalb ist um so bedauerlicher, was er derzeit als Premiere-Reporter bietet. Bayer tönt gewohnt freundlich und spielt die natürlichen Stärken seiner Stimme aus, aber so gewinnend der Klang, so mißlich die Gesamtanlage seiner Reportagen. Bayer beherrscht die Kunst der Radiodramaturgie aufs trefflichste, den situationsbedingt schlagartigen Wechsel zwischen Schilderung, Abschweifung, Stakkato und Crescendo, doch leider vergißt er, daß er gerade einem anderen Medium dient.
Günther Koch arbeitet nicht fürs Fernsehen. Er weiß, er sähe schlecht aus, er würde zu ausführlich, zu breit daherreden. Tom Bayer redet pausenlos, pausenlos zu breit, zu ausführlich daher. Die Dimensionen eines Werner Hansch erreicht er nicht, trotzdem tut das weh, denn er hätte es nicht nötig, jeden Kurzpaß, jeden Flankenwechsel, jede Körperdrehung, jedes Replay zu kommentieren. »Aber jetzt schauen wir erst mal hin, was Allbäck macht«, fordert er uns auf, und das müßte nicht sein.
Bayer braucht eigentlich kein Vorbild. Ausnahmsweise nehme er sich bitte eins – am eher wortkargen Premiere-Kollegen Wolf-Christoph Fuß. Radio machen im Fernsehen ist Formel-1-Fahren auf der Kartbahn.
Sieben Schwedenspielgeschichten
Es war so, daß der erbarmungslose Schwed mit einem Unentschieden, und wäre dies auch nur ein torloses 0:0-Unentschieden gewesen, zufrieden gewesen und in der nächsten Runde gelandet wäre. Also setzte er auf seinen Tormann Isaksson und machte mit den restlichen Mannen dicht. Da schauten die Argentinier.
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Vorne beim Schwed war bloß Larsson abgestellt, die Glatze. In der Mitte zog der Schwed rund um Mellberg eine fünf Mann hohe Mauer hoch, und hinter ihr stand eine feste Viererkette. Die Matten des Gegners, d. s. die langhaarigen Angreifer der Argentinier, rannten ein ums andere Mal auf dieses Bollwerk los. Es nützte vorläufig nichts.
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Es war um die 28. Minute herum, daß der Argentinier in Gestalt des langhaarigen Juan Pablo Sorin eine dritte Riesenchance mit dem Kopf herausarbeitete, doch der Schwed, der gelbe Goliath, ließ sich nicht beirren und betrieb weiter Zermürbung.
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Als Argentinien wieder einmal ein Powerplay aufzog, holte der Schwed im Gegenzug durch Marcus Allbäck einmal eine Ecke heraus. Sie brachte nichts ein.
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Der überwiegend kahlrasierte Schwed nahm immer eiskalter die Zügel des Spiels in die Hand, was den gegnerischen Ersatzmann Claudio Caniggia noch in der 47. Minute so erzürnte, daß er etwas von der Bank hereinrief zum Schiedsrichter Ali Mohamed Bujsaim, und darauf wurd’ der alternde Star Caniggia augenblicklich des Platzes verwiesen, auf dem er sich gar nicht befand. So etwas …
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Endlich aber besann sich der Schwed in der zweiten Hälfte des Spiels seiner Angriffsstärke, die eine Freistoßstärke war, und er verwandelte in der 59. Minute im zweiten Versuch durch einen Freistoßhammer des rauhen Magnus Svensson, was den Argentinos ganz fürchterlich zusetzte und ihnen zumal das Genick brach. Sie schieden aus.
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Nur im Nachtrag wird später einmal zu hören sein von Crespos Ausgleichstreffer, der lediglich der Kosmetik diente, und von dem schönen Satz des Reporters Born, der schon dreißig Minuten vor dem bitterlichen Ende sprach: »Im Hotel der Argentinier können schon einmal die ersten Rechnungen zusammengestellt werden.« Wie wahr.
So eigentlich nicht, Türkei!
Gewiß, Türkei, tanzen, jubeln und singen / Sahen wir Deine Spieler hinterher, echte Kerle, die / Verdient hatten den Sieg über China, doch andererseits, / Türkei, war da doch viel Sand im Getriebe, viel Knatsch / Und Knarz und Knorz gewesen, zumal das Mittelfeld / Harmonierte schlecht. //
Deshalb, Türkei, sei fürder gewarnt und von hier aus, drei / Stockwerk’ über Deinem Sozialdienstverein Frankfurt-Gallus, ernstlich ermahnt, / Daß so etwas Lasches und Fahriges und ja Faules nimmer soll / Beleidigen unser Aug’, das unbestechlich weilt auf den Dingen, / Die da gescheh’n. //
Nein, Türkei, laß fürder nicht faules Geschwätz aus Deinem / Mächtigen Munde strömen, Nachreden nicht laß aus jenem / Sich ergießen gegen die Freunde aus Süd- und Mittelamerika, / Namentlich Brasilien und Costa Rica, welche verhalfen Dir / Zum Weiterkommen. / Laß nicht noch einmal hören von einem Komplott gegen Dich, Türkei, von / Schiebung, welche Du befürchtetest, von Absprache und Mauschelei. / Spiel lieber besser, Türkei, geh ran an den Mann wie ein Mann und laß / Das Wehklagen sein, Du Pfeife. //
Ein schönes 1:0 machte Sas, der Junge, und Korkmaz / Ließ folgen rasch ein zweites Tor, doch dann, Türkei, / Wurdest pomadig Du, und keine Entschuldigung darf / Sein Bastürks Formtief, sein blasser Schatten, welcher Dich / An weit’rem Sturmlauf / Nicht hinderte. //
Allein, Türkei, Du nahmst den Gang raus, schautest blöd und ließest / Geschehen, daß Chen Yang, unser Frankfurter, herrlichst knallte das Leder / Wider Deinen linken Pfosten. Eng war nun das Match, und Rüstü (Recber) (Tor) / Floh das Unheil, um Ömer (Catkic) auszusetzen dem wilden gelben Drang. //
Türkei, es ging noch einmal gut, die bitt’re Pille an Dir vorbei. / O Ömer, welch Omen! dachten wir bang, / Doch Ömer Barthez, so nennt Ihr ihn, hielt tapfer, / Da nichts zu halten war. Brasilien, Türkei, merk Dir das!, verhalf Dir / Durchs 5:2 zum Achtelfinal’, und rächen hätt’ können sich / Dein gammliges Getu’, Dein nicht gerade zwingendes Geplänkel. //
Türkei, sprecht hohen Dank aus der Seleção, zu deren Zauberwerk ich / Dann in der 77. Minute auch umgeschaltet habe, und obwohl Dein / Ziege Davala (Ümit) mit rechts den Treffer drei markierte, werde ich Dich, / Türkei, das nächste Mal kräftig in die Pfanne hauen.
Absolut, ja
Wie geht es Ihnen? Ich meine: Geht es noch? Oder sind die Sehlaktatwerte im kritischen Bereich? Die Sehnerven überreizt? Ist der Sehmuskel sauer?
Bei mir, wenn Sie mich fragen – ich mein’, ich weiß, Sie fragen mich nicht, aber ich sag’s Ihnen –: geht es so. Es ist so an der Grenze. Ich gehe mehr oder weniger am WM-Blindenkrückstock. Das war schon immer so, bei jeder WM, denn jede WM ist immer wie jede vergangene WM, bei der es, TV-Vollversorgung vorausgesetzt, schon immer so war, daß gegen Ende der zweiten Woche nicht mehr viel ging. Man sollte mal wieder rausgehen.
Das geht aber nicht. Man darf, man will, aus welchem dunklen Antrieb auch immer, nichts, kein Spiel verpassen. Man guckt weiter, und die Pupillen weiten sich weiter. Bis nichts mehr geht.
Gestern – oder war’s vorgestern? – war das Limit überschritten. Dachte ich. Falsch gedacht. Wer während einer WM denkt, ist auf dem falschen Dampfer. Ich wollte Schluß machen und den Hahn zudrehen, d. h. meinem Fernsehgerät den Suchtsaft abdrehen. Aber dann erschien auf dem Schurkenschirm Bernd Schuster, einer der Premiere-Experten, der »blonde Engel«, das genaue Gegenteil des bissigen »blonden Fallbeils« Fast Edi Stoiber.
Der Schusterjunge stand neben Moderatorin Monica Lierhaus, und die befragte ihn tapfer: zur möglichen Entwicklung in der zweiten Hälfte, ob z. B. Paraguay das noch packen könne. »Absolut, ja«, nuschelte Schuster, der ewig junggebliebene Mittelfeldstehgeiger, der jetzt, stehend hinterm Studiopult, aufs schummrigst-schönste seinen Job vergeigte und dennoch gewann.
Herr Fischer, mein Mitgucker, begann zu lachen, und ich tat es ihm bald gleich. Der jungenhafte Bengel Bernd Schuster schlief im Stehen, sein Hirn stand unter einer unfaßbaren Siebzigerfrisur standhaft auf Stand-by, und sein Mundwerk richtete das Nichts ins Werk. Ja, da müsse mehr attackiert werden, da fehle der Wille, da müsse auch mal nach vorne gespielt werden, döselte und dröselte er jede Frage der fragilen Frau Lierhaus auf, und Frau Lierhaus schien innerlich zu flehen, es mögen diese ewigen Studiostunden endlich zu Ende gehen.
Die Zeit tat ihr keinen Gefallen, aber uns, Herrn Fischer und mir. »Muß Paraguay mehr tun?« (Lierhaus) »Absolut, ja.« (Schuster) »Da fehlt es am Willen zum Abschluß, oder?« – »Absolut, ja.« – »Vielleicht sollten sie einen zusätzlichen Stürmer bringen. Brächte das was?« – »Absolut, ja.«
Es war das Absolute, es war die Aufhebung der Zeit, das televisionäre Nirwana, die vollkommene Erleichterung und interesselose Betrachtung einer Sache, die nichts ist – des Fußballs. Herr Fischer und ich dankten, beseelt und erquickt, dem rhetorischen Nullinger und Jungbrunnen Bernd Schuster und waren gestärkt für den nächsten Tag.
Bloß Monica Lierhaus, poor Monica Lierhaus! Monica Lewinsky hatte mehr Chancen gehabt, bei ihrem Mitspieler zu landen. Absolut. Ja. Nur das Jawort hatte Big Billy Clinton ihr nicht gegeben. Vielleicht geben sich deshalb Bernd Schuster und Monica Lierhaus zum Ausgleich bald das Jawort. Herr Schuster ist es ihr, Monica, schuldig. Die trauliche Bild-Schlagzeile möchten wir doch lesen: »Lierhaus schustert sich Schuster zu – Neues deutsches Traumpaar perfekt!«
Schweds End
Da der Schwed in die nächste Runde einziehen wollte, ins Viertelfinale, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich dem Negergegner Senegal zu stellen. Der aber tat dem Schwed keinen Gefallen und tat so, als wolle er gleichfalls ernst machen, spuckte dem Schwed in die Suppe und gewann.
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Kein Mittel ließ der Senegalenser aus, um den braven Schwed zu attackieren, zu zwicken und auszuspielen. Er schoß sogar ein Tor, in der 37. Minute durch den schwarzen Mann Henri Camara, ließ es aber dabei noch nicht einmal bewenden, sondern zeigte sich unersättlich und setzte durch abermals Camara in der 104. Minute, schon nach Ablauf der regulären Spielzeit, den Goldenen Schuß. In der Sprache der FIFA wird dieser »Golden Goal« genannt.
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Die Trainer des Schwed (oder, korrekter, des Schweden), die beiden unzertrennlichen Bordellkumpel Tommy Söderberg und Lars Lagerbäck, sahen, daß ihre Leute, die Schweden, kein Glück hatten und sich ein ums andere Mal den Schneid abkaufen ließen. Sie konnten nichts machen.
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Plötzlich hatten sie aber eine Idee, und sie wechselten die beiden Urschweden Andreas Andersson und Zlatan Ibrahimovic ein. Beide waren Stürmer und mühten sich, aber heraus kam nur, daß sie zwei Riesenchancen vorbeischossen und der Schwed insgesamt also doch schmählich und unwiderruflich unterlag.
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Der Senegal griff zu guten taktischen Kniffen. Er ließ seine gesperrten Stammkräfte Salif Diao und Khalilou Fadiga sowie den verletzten Souleymane Camara einfach draußen, nahm drei neue, frische Männer an Bord, schoß erst einmal, um zu zeigen, wo der Hase Haken schlägt, ein Abseitstor (richtig gesehen!) und versenkte hernach nach abermals drei magischen Großgelegenheiten vor dem zitternden Tor des Schwedonsson im Stadion Big Eye zu Oita die elf Mann starken Kämpen aus dem Land der Wälder und mancher Wiesen. Viele Anhänger des Schwed ergrimmte das.
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Die Geschichte vom sensationellen Scheitern des Schwedleins wird sich einmal lesen als gar grausliche Mär, die niemand so recht glauben möcht’, allein, weiter unten auf dem Erdball, in den Gefilden der heißen Erdschrunde, tanzten die Sieger noch eine ganze Nacht lang, und dann ging die Geschichte auch wieder weiter.
Na ja, Türkei
Klar, Türkei, abermals weiter bist Du und zierest nun / Erstmals das Viertelfinale der Meisterschaft, allein, / Ich wäre Dein wackerer Sänger nicht, hätte / Ich nicht allzuviel Schäbiges neuerlich / Geseh’n in Deinem einst, gegen Brasilien, so / Tänzelnd-schwebenden Spiel. //
Okay, Türkei, klar, personell / Mußtest Du etwas ändern und die linke Seite / Völlig neu besetzen, doch andren Teams, / Welche gleichfalls kämpfen um den Siegerkranz, / Ist’s schon tausendfach ergangen so. //
Du indes, Türkei, holztest einen knüppelfett / Lumpigen Stiefel zusammen, ließest rumpeln / Und humpeln den Ball wie Dein Gegner, das / Siechende Japan, welches nichts hatte entgegenzusetzen / Dir, Türkei, der unverdient durch die Angst des Kontrahenten / Und dessen Geheimtaktik »1 Spitze, 6er-Mittelfeld« / Begünstigten Elf. //
Japan hatte seine Schuhe nie so richtig an, und / So also, Türkei, pflegtest Du »ergebnisorientierten Fußball«, / Du sahst Suzukis Fehlern zu und beschautest schläfrig, wie / Miyamoto sich festrannte, Ono war frei, und gleichwohl / Nakata plötzlich unter Regen eine Chance sich bot, / Versikkerte jene ohne jede Gefahr noch Gefährdung Deiner. //
Dein Augenschattenmann, Türkei, der rüstige Rüstü, schlummerte / Blütenblauzart vor dem Gehäuse, und Du, Türkei, brachtest den / Historischen Erfolg qua Dusel und Contraunvermögen, qua / Nervenblockade der kein’swegs gewitzt Geschlitzten als / Auch per Davala-Einsnull sicher heim. Es sei Dir gesagt, / Türkei, / Daß das so nicht weitergeht! / (Selbst wenn Deine »Fans« am Rad und mit / Luxus-BMWs Wheelies vor meinem Hause drehen!) //
An Japan aber dies: Japan, dett / Woar gar nüscht. / (Nur der Titel für die idiotischste Flanke der WM, / 89. Minute, der ist Dir nicht mehr zu nehmen. Nicht / In hundert Jahr’.)
Gegen Goethe
Als einen »Scherenschlag wie ein Gedicht von Goethe« charakterisierte Ror Wolf mal eine Aktion irgendeines Spielers, weil, weitergedacht, ein hin und her wogendes Match der Kunst in ihren besten Momenten ähnelt, ja eine exquisite Opernaufführung oder Verskomposition sogar verblassen läßt.
Gewöhnlich erwarten wir, daß uns Fußballspiele mitreißen, bis zur Erschöpfung. Jede einzelne Begegnung soll uns in den Taumel der Begeisterung, des ästhetischen Erlebens versetzen, und dafür gibt es gute Gründe. Viel bessere jedoch gibt es dafür, die mediokre, nein: die völlig verfahrene, unansehnliche Partie wertzuschätzen.
Vorbei sind die teils hektischen Alles-oder-nichts-Achtelfinals, und endlich herrschen ein paar Tage Ruhe, um zur Besinnung zu gelangen. Und wenn wir uns wirklich besinnen, erinnern wir uns jetzt nur allzugern an einige besonders katastrophale Gruppenspiele – Wettkämpfe ohne K.-o.-Drohung, ohne Nervenpein, wie inszeniert für einen makellosen Sofagammel-TV-Tag.
Südafrika gegen Slowenien z. B. überzeugte durch insgesamt zwei Torschüsse und einen allgemeinen nutz- und ziellosen Zweikampfkrampf, der das Wort des Frankfurter Publizisten Dieter Pudenz bestätigte: »Goethe hilft im Zweikampf nur bedingt weiter.« Gegen Goethe i. S. Ror Wolfs agierten gleichfalls überaus angenehm die Tunesier beim 0:2 contra Rußland. Nichts lief, nichts ging zusammen. Kassierten die Nordafrikaner da eine von mir »hochgelobte Niederlage« (Toni Schumacher), so trieben sie es im Verein mit Belgien am 10. Juni noch segensreicher.
»Heute sind wir also dabei, Belgien und Tunesien zu bestaunen, wobei sich das Bestaunen in Grenzen hält«, plauderte der Premiere-Reporter in Anbetracht einer merkwürdigen »Klasseszene« in der 50. Minute vor sich hin. Davor und danach: Sendepause. Keine Bewegung. Kein Schwung, kein Einsatz. Das Spiel nach vorne stockte konstant. Man stand auf, holte ein Getränk, bettete sich wieder. Ein Tor hätte dem Spiel nicht gutgetan. Kaum ein Ball kam an. Mal ein Schußversuch, mehr nicht. Das Spiel erlahmte noch ein bißchen mehr. Die klare Linie fehlte völlig. Herrlich erbärmlich. Ihnen fiel nichts ein. Sie taten nichts. Kein Licht, bloß stiller Schatten. Alle tauchten unter. Beide Seiten sehr, sehr harmlos. Eine grandios schwache Vorstellung.
Es war prima, tadellos fade, ungeheuer mies, ein Gestocher und Geschiebe, das meinem – zeitweiligen – Ideal eines Fußballspiels voll entsprach. Der letzte Schritt zur totalen Entspannung wäre allerdings erst getan, erfüllte sich ein Wunsch von Didi Hamann: »Am liebsten würde ich gegen gar keinen spielen.«
Freitag
Gestern war’s soweit. Es gab kein Zurück mehr, kein Zurück mehr vor dem Abrücken. Ich rückte ab vom dieser Tage in mir ausgebrochenen »Fußballwahn« (Joachim Ringelnatz). Seit dem 31. Mai hatte mein Wecker jeden Tag um 7.30 Uhr geklingelt, und nach der ersten WM-Woche war ich automatisch um 7 Uhr aufgewacht. Ich war konditioniert wie ein Powerpawlowköter, den man auf der Straße aufgelesen und vor einen Premiere-Decoder gesetzt hatte.
Es mußte eine Pause her. Mittwochmorgen beschloß ich, standhaft zu bleiben und die Glotze kalt zu lassen. Ich ließ den Fernseher aus, und ich guckte, Quatsch: ich las ein sehr gutes Buch. Bis Seite elf. Dann griff ich zur einen Deut weniger gehaltvollen Postille GQ und erfuhr: »David Beckham trägt Jeans von Michiko Koshino«, und »der Flankengott und Fußballpunk« trug auch ganz eigenmündig mal einen Gedanken vor, z. B.: »Mein persönlicher Stil? Oh, ich weiß nicht. Etwas von einem anderen Planeten.«
Mündig, wie ich war, gönnte ich mir dann, auf dem »Publizistikplaneten Erde« (Achim Greser) liegend, ein paar Seiten Videotext und nahm zur Kenntnis, daß Beckham seinen Friseur einfliegen ließ, weil er gegen Brasilien nicht so mies aussehen wollte wie gegen Dänemark. Schön, dachte ich, das reicht, genug Fußball für heute, und du hast kein Spiel gesehen, das war der Plan. Mein Freitag am Mittwoch war gelungen. Ich hatte widerstanden.
Abends nahm ich die Programmzeitschrift zur Hand. Zufällig fiel mein Blick auf die Sportspalte. Ich stutzte. Nix. Keine WM. Keine Liveübertragung.
Der kicker klärte (mich) auf: Es war ein spielfreier Tag gewesen, der erste.
Valentinwahnsinn
Ein gutes Jahr vor der an Verbaleskapaden wie erwartet auch nicht ganz armen asiatischen Fußballweltmeisterschaft hatte Franz Beckenbauer im März 2001 nach einer 0:3-Schlappe des FC Bayern bei Olympique Lyon einen seiner legendärsten Ausraster. Im Salon Tête d’Or des Hilton brüllte er damals in Anwesenheit der gesamten Presse den kompletten Spielerkader derart orkanartig zusammen, daß selbst Manager Uli Hoeneß hinterher uneingeschränkt entsetzt war und stammelte, er hätte sich statt jener Hitlerei »eine Valentinade« gewünscht.
Eine Valentinade. Von Beckenbauer. Soso. Ausgerechnet von Beckenbauer ein (Stegreif-)Stück voller Kunstkonfusion, voller Komik, Takt und Worterfindungsfuror – das ging noch weiter als die ewige groteske bis ekelerregende Gedankenlosigkeit, den Ex-Bundestorwart und Schmalstspurhampelmann Maier Sepp, der in Südkorea/Japan für die Kameras einmal mehr den lustigen Augustin des DFB mimte, den »Valentin des Fußballs« zu taufen.
Doch zum Auftakt des Weltmeisterschafts- und Wahljahres 2002 übertraf diesen doppelten Stuß tatsächlich – die bayerische Deppentrinität krönend – das Radioprogramm hr1. Das – man erinnert sich recht ungern – schnarchsäckigste, verschrumpeltste, unbeholfenste, einfallsloseste, glut- und mutloseste, uninspirierteste, verhockteste, trottelhafteste, lemurenhafteste, gespenstischste, trostloseste Interview, das je ein Politiker gab, nannte der Hörfunkmoderator – »den valentinesken Auftritt des Kandidaten Stoiber bei Christiansen«.
Ob denn, die Demenz mit ein paar Monaten Anstandsabstand und mit Hinblick auf die baldigen »TV-Duelle« weiterdrehend, der bekannte Tophumorist Gerhard Schröder bei Liesl Christiansen demnächst eine polternd polteske Powerszene auf die Bretter knallt? Und Sabine Karlstadt den engelhaft engelkeesken Comedykonter fährt? Während Stoiber dumm aus der feschen Wäsche schaut und bei Scheibner oder Hüsch um Nachhilfe ersucht, um für den kommenden Medienlachkampf gerüstet zu sein?
Ich befürchte es fast.
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