Читать книгу: «Der Raubgraf»
Julius Wolff
Der Raubgraf
Eine Geschichte aus dem Harzgau
Impressum
Covergestaltung: Gunter Pirntke
Digitalisierung: Gunter Pirntke
2017 andersseitig.de
ISBN:
9783961183517 (ePub)
9783961183524 (mobi)
andersseitig Verlag
Dresden
www.andersseitig.de
info@new-ebooks.de
(mehr unter Impressum-Kontakt)
Inhalt
Impressum
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Dreißigstes Kapitel.
Einunddreißigstes Kapitel.
Erstes Kapitel.
Auf einem Felsen hoch über der Stadt Quedlinburg im alten Harzgau steht eine Kaiserpfalz, die schaut rundum in das blühende, fruchtbare Land vom fernblauenden Hackelforst und vom Huywald im Norden bis zu dem langhingestreckten Kamme des Gebirges, der den Blick im Süden begrenzt.
Die ragende Burg ist die Schöpfung und zugleich das erinnerungsreiche Grabmal König Heinrichs des Städtegründers, des Vogelstellers und seiner Gemahlin Mathilde aus des alten Sachsenhäuptlings Wittekind Geschlecht. Wie sie beide dort oben gehaust, so ruhen sie auch beide dort in der schönen Krypta der Schlosskirche und mit ihnen ihre Enkelin Mathilde, des großen Ottos rühmliche Tochter.
Bedeutende Menschen und denkwürdige Tage hat dieses Schloss gesehen. Die Kaiser sächsischen und fränkischen Stammes und auch die Hohenstaufen nahmen hier oft langen Aufenthalt und hielten Reichstage und glänzende Hoftage. Mehr als einmal haben auch königliche Frauen von hier aus das Deutsche Reich regiert, so die Kaiserin Adelheid, ferner die geistvolle Theophano und endlich Mathilde, die als Reichsverweserin für ihren nach Italien gezogenen Neffen Otto III. im nahen Derenburg sogar einmal einen Reichstag hielt.
Die jüngere Mathilde, die dort oben in der Krypta schlummernde Tochter Kaiser Ottos I., war die erste Äbtissin des freiweltlichen Frauenstiftes, das König Heinrich hier errichtete und das er und seine Nachfolger mit einer Fülle von hoheitlichen Rechten ausstatteten, wie sie kein zweites geistliches oder weltliches Stift im Heiligen Römischen Reiche besessen hat. Für Töchter aus Herrscher- und vornehmen Adelsfamilien bestimmt und an keine Ordensregel gebunden, stand es unmittelbar unter dem Kaiser. Die aus der freien Wahl der Konventualinnen hervorgehende Äbtissin hatte den Rang eines Reichsfürsten, hatte Sitz und Stimme auf der rheinischen Prälatenbank des Reichstages zu Regensburg, und kein Herzog oder Graf hatte irgendwelche Gewalt in ihrem Gebiet, als einzig der von ihr eingesetzte Schirmvogt.
In dem Zeitraume von vier Jahrhunderten, die seit seiner Gründung vergangen waren, hatte das Stift an Land und Leuten stetig zugenommen, und als unter Kaiser Ludwig dem Bayer die fünfzehnte Äbtissin, Jutta von Kranichfeld aus Thüringischem Grafenhause, im Schloss zu Quedlinburg den goldgefassten Krummstab führte, gebot sie über einen sehr ansehnlichen Besitz, zu dessen Schutz und Schirm sie eines starken männlichen Armes bedurfte.
Ein solcher fehlte ihr auch keineswegs. Seit zwei Menschenaltern waren Schutzvögte des Stiftes die Grafen von Regenstein, die schon eine fürstliche, auf eigenem Erbgut und beträchtlichen Lehen ruhende Macht besaßen und deren Stammsitz, eine gewaltige Bergfeste, sich fast im Mittelpunkte des großen Harzgaues erhob.
Innerhalb der Grenzen dieses Gaues, d. h. zwischen Oker und Bode im Westen und Osten und zwischen dem Kamme des Gebirges im Süden und der großen Niederung, die sich von Aschersleben bis Börßum zieht, im Norden, lag außer der Grafschaft Regenstein und dem Stifte Quedlinburg auch das von Karl dem Großen gegründete Bistum Halberstadt mit den ihm untergebenen Bezirken, ferner die Herrschaft der Grafen von Blankenburg, einer losgelösten Seitenlinie des Regenstein'schen Gesamthauses, das kleine Gebiet der Grafen von Wernigerode und endlich ein schmaler Streifen des Fürstentums Anhalt in der Gegend von Wegeleben.
Die Hauptmachthaber im Gau, der regierende Graf von Regenstein, die Äbtissin von Quedlinburg und der Bischof von Halberstadt, waren alle drei in ihren Ämtern und Würden noch ziemlich neu.
Graf Albrecht II. von Regenstein war als ein Mann Anfang der Dreißiger und als der älteste sechs noch lebender Brüder seinem Vater Ullrich erst vor ein paar Jahren in der Regierung gefolgt.
Nicht lange danach hatte die Gräfin Jutta von Kranichfeld den erledigten Stuhl der Äbtissin bestiegen, jedoch ohne den Wunsch, zeitlebens darauf sitzen zu bleiben.
Und um dieselbe Zeit war auch der Bischof gleichen Namens wie der Graf, Albrecht II., Bruder des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, nach langen Streitigkeiten im Domkapitel gewählt, hatte auch das bischöfliche Regiment in seiner Diözese sofort übernommen, war aber von dem in Avignon residierenden Papst Johann XXII. nicht bestätigt, weil man sich dort nur einer geringen Fügsamkeit zu ihm versah.
Der herrschsüchtige Prälat wusste jedoch die Bischofsweihe auch ohne den päpstlichen Segen zu erlangen. Der Erzbischof Matthias von Mainz hatte sich endlich bereit erklärt, ihm dieselbe im Dome zu Halberstadt zu erteilen, und auf dem Schloss Heinrichs des Voglers war ein Schreiben eingetroffen, welches die Äbtissin und das ganze Kapitel des weltlichen Gotteshauses zu Quedlinburg zur Inthronisation des Bischofs feierlich einlud.
Die Fürstin schwankte, ob sie die Einladung annehmen sollte oder nicht, denn manches sprach dafür und manches dagegen. Nicht allein die Pflicht der Höflichkeit, sondern auch Rücksichten der Staatskunst geboten der Äbtissin, der Konsekration mit ihren Dignitarien beizuwohnen, allein sie fürchtete ihrer reichsunmittelbaren Hoheit etwas zu vergeben, wenn sie zur Verherrlichung, gleichsam im Gefolge des trutzigen Nachbars erschien, der ohnehin schon nach einem ihm nicht zukommenden Übergewicht strebte. Schon aus früherer Zeit, wo sie beide Jahre lang an demselben Fürstenhofe gelebt hatten, kannte sie seinen hochfahrenden und begehrlichen Sinn, und diese Erinnerungen trugen sehr dazu bei, der Äbtissin die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung der Einladung zu erschweren. Die zwei, mit denen sie in ihrem Wohngemach darüber zu Rate saß, die Pröpstin Kunigunde von Woldenberg und der Stiftshauptmann Willekin von Herrkestorf, der als Kanzler ihren weltlichen Geschäften und Rechtssachen vorstand, waren beide für die Annahme.
»Bedenket wohl, gnädigste Frau,« sprach der Stiftshauptmann, ein untersetzter Herr mit ausdrucksvollem Gesicht und schon stark ergrautem Haar, »bedenket wohl, dass der hochwürdigste Bischof es übel vermerken würde, wenn Ihr nicht kämet! Ist er doch vor Jahr und Tag zu Euch gekommen, als Ihr das Kreuz mit der Reliquie des heiligen Servatius zum ersten Male vor versammeltem Volk auf öffentlichem Markte truget.«
Die Äbtissin sah den Stiftshauptmann mit großen Augen an und sagte: »Glaubt Ihr wirklich, der Bischof hätte uns nur geladen, um uns seine Lieb' und Freundschaft zu beweisen?«
»Welchen anderen Grund könnte er haben, Fürstin?«
»Denselben, Herr Stiftshauptmann, aus welchem er sich im vergangenen Jahre anmaßte, in unserem Stift eine oberhirtliche Visitation vornehmen zu wollen. Ihr erinnert Euch wohl, wie ich dieses hochmütige Ansinnen zurückwies. Und damit fing die Freundschaft an.«
»Nun, mit der Visitation war es wohl nicht so ernst gemeint,« erwiderte Herr Willekin. »Der ritterliche Bischof suchte wohl nur nach einer schicklichen Gelegenheit, Euch wiederzusehen und Euch seine große Verehrung zu bezeugen.«
Die Äbtissin schüttelte das Haupt; die Pröpstin aber nickte dem Stiftshauptmann verständnisvoll lächelnd zu und sagte: »So mein' ich auch, und jedenfalls haben wir alle Ursache, die Hand, die er uns aus eigener Bewegnis zur Versöhnung bietet, anzunehmen.«
»Versöhnung, Gräfin Kunigunde? Nein, nein! ich kenne ihn besser,« sprach die Äbtissin. »Sein Gemüt und Fürnehmen steht ganz wo anders hin. Unter der langen Regierung unserer in Gott ruhenden Vorgängerin Bertradis hat kein Bischof von Halberstadt versucht, sich in die Angelegenheiten unseres Kapitels zu mischen.«
»Laßt das vergessen sein, gnädige Frau!« begütigte der Stiftshauptmann. »Er wird den Versuch nicht wiederholen, und am Ende gebietet es die Klugheit, den geistlichen Nachbar bei gutem Frieden und Wohlmeinung zu erhalten. Dann könnten wir in schwierigen Fällen leicht Freundschaft, Hilf und Trost von ihm haben.«
»Was meint Ihr für schwierige Fälle?« frug die Äbtissin. »Ist in dem eisernen Kasten unserer Schwester Thesauraria wieder einmal Ebbe?«
Der Stiftshauptmann nickte nur.
»Freilich!« sagte die Pröpstin spitz, »wie soll der Schatz sich füllen, wenn man ans Sparen niemals denkt!«
Jutta warf ihr einen finsteren Blick zu, schwieg aber still.
»Das ist's auch nicht allein,« sprach der Kanzler, »und für unseren Stiftsschatz wüsste ich schon noch eine andre Quelle.«
Die Äbtissin sah ihn fragend an.
»Dort unten unsere gute Stadt,« fuhr er fort.
»Die Stadt?«
»Nun ja. Ihr wisst wohl, erlauchte Herrin, wohin des Rates Wünsche zielen.«
»Ihr meint die Lauenburg,« sprach die Äbtissin und zog die Brauen zusammen.
»Die Stadt würde Euch für die Belehnung damit einen guten Pfandschilling zahlen, einen besseren, als Euch die Grafen von Blankenburg dafür geboten haben.«
»Soll ich die Burg Heinrichs des Löwen dem Meistbietenden im Aufstrich geben?« erwiderte die Äbtissin unwillig. »Wahr ist's, die Blankenburger machen sich starke Hoffnung auf die Burg, aber so lange Leutfried lebt, der seligen Bertradis alter Getreuer, soll dort kein andrer hausen. Sagt das Euren wohlweisen Freunden im Rat!«
»Der Burgvogt ist mit vielen Jahren beladen, also dass er langen Lebens keine Hoffnung mehr hat; er liegt krank danieder und wird sich vom Siechbett schwerlich wieder erheben,« bemerkte Herr Willekin. »Die Burg ist fast schutzlos, gnädige Frau!«
»Schutzlos! Wenn Euch Graf Albrecht von Regenstein so reden hörte, Herr Willekin!« Die Äbtissin sprach das mit ihrer tiefen, klangvollen Stimme und im Tone eines ernsten Vorwurfs.
Aber der Stiftshauptmann erwiderte schnell: »Graf Albrecht von Regenstein! Das war es, was ich meinte, wenn ich von schwierigen Fällen sprach, derowegen wir uns zum hochwürdigsten Bischof von Halberstadt gut zu stellen hätten. Es könnte sein, dass wir einmal seines Schutzes auch gegen unseren edlen Schutzvogt bedürften.«
»Herr von Herrkestorf,« fuhr die Äbtissin auf, »da sprecht Ihr wieder einmal als Quedlinburger! Ich weiß, in der Stadt grollen sie dem Grafen, weil seine Knechte ihnen eine Schafherde oder ein paar Kühe oder dann und wann eine Wagenladung Frachtgut weggenommen haben.«
»Auch Bürger der Stadt, die er auf der Landstraße niedergeworfen, hat er eingelegt und will sie nicht freilassen,« eiferte der Stiftshauptmann.
»Dann wird er auch wissen warum, und solltet Ihr es nicht wissen?«
»Er raubt, wo er kann; darum heißt er der Raubgraf.«
»Wer nennt ihn so? Ihr Städter, sonst niemand. Und ich will das Wort nie wieder hören, Herr von Herrkestorf!« sprach Jutta sehr erregt und fasste mit rascher Bewegung nach dem großen silbernen Kreuz mit einem goldenen Kruzifixus darauf, dass sie an einer Goldschnur um den bloßen Hals trug.
»Burgen und feste Häuser hat er ringsum zwischen Oker und Bode, als wäre ihm schon der ganze Harzgau untertan, wonach er ja mit aller Gewalt strebt,« fuhr der Stiftshauptmann im Zorne fort. »Wir haben sichere Kunde, dass er mit dem Fürsten Bernhard von Ballenstedt auch um die Belehnung mit Burg und Gericht Gersdorf verhandelt.«
»Das ist mir lieb zu hören,« erwiderte die Äbtissin kurz.
»Höret mich nur weiter an, achtbare Fürstin!« sprach Herr Willekin. »Im ganzen Reiche treten die großen Herren heimlich oder offen zur Unterdrückung der Städte zusammen, die in hohem Ton und Aufgang begriffen sind und dem Adel Abbruch tun, wie die Herren meinen. Wenn sie aber erst die Städte bezwungen haben, dann kommt die Reihe an Euch, an die großen Stifter und die geistlichen Fürsten, nach deren Lehen sie trachten und denen sei ein Recht nach dem anderen nehmen werden.«
»Unnötige Sorge!« sprach die Äbtissin mit geringschätzigem Tone. »Das wird der Kaiser nicht dulden.«
»Der Kaiser! du lieber Himmel! als wenn der nicht schon genug mit sich selber zu schaffen hätte!« versetzte der Stiftshauptmann. »Ich beschwöre Euch, gnädige Frau, beleidigt den Bischof nicht mit einer Ablehnung! Er ist Euer nächster und natürlichster Bundesgenosse, der einzige, der Euch Farbe hält. Versaget ihm nicht die kleine Höflichkeit, die Euch doch so wenig kostet!«
»Domina!« mahnte auch die Pröpstin noch einmal, »Herr Willekin hat recht; lasst uns hinüber nach Halberstadt! das ist auch mein Rat. Ihr vergebt Euch ja nichts damit, könnt ja dem Bischof zeigen, dass Ihr hier im Stifte die Herrin seid, so gut wie er in seinem Bistum der Herr ist!«
Jutta erhob sich, trat an ein Fenster und blickte in die Landschaft hinaus nach dem westlichen Harze.
»Wann kommt der Erzbischof nach Halberstadt?« frug sie endlich, ohne sich umzuwenden.
»In zehn Tagen,« antwortete der Stiftshauptmann.
»Also haben wir noch Zeit zur Entscheidung.«
»Nicht lange, gnädige Frau! und nicht wahr? ich darf mit Eurer Erlaubnis das Domkapitel unter der Hand schon wissen lassen, dass Ihr kommen wollt.«
»In Gottes Namen, ja! wenn es denn sein muss,« erwiderte die Äbtissin.
»Schreibt nur, Herr Willekin!« sagte die Pröpstin. »Unsere schöne Domina wird sich in Halberstadt recht gern einmal im vollen Glanz und Schmuck ihrer fürstlichen Würde zeigen.«
»Herzog Albrecht sieht schöne Frauen gern,« bemerkte der Kanzler halblaut und mit einem bewundernden Blick auf den herrlichen Wuchs der Äbtissin, die ihm den Rücken zuwandte und in Gedanken versunken auf das weitere Gespräch der beiden nicht hörte.
Seit fast fünf Jahren nun war Jutta als Konventualin auf dem Schloss zu Quedlinburg. Ihr Vater, ein kampflustiger Herr, dem es auf abenteuerlichen Fehdezügen im ganzen Reiche herum viel wohler war als in seinem stillen Burgfrieden zu Hause, hatte nach dem Tode seiner Gemahlin die einzige, damals kaum siebzehnjährige Tochter an den Hof des Landgrafen von Thüringen Friedrichs des Ernsthaften auf die Wartburg gebracht, wo sie drei Jahre lang als Edelfräulein blieb und in so hoher Gunst bei der Gemahlin des Landgrafen, einer Tochter Kaiser Ludwigs, stand, dass diese sie durchaus nicht von sich lassen wollte, als der etwas hitzköpfige Graf von Kranichfeld eines zwischen ihm und dem Landgrafen ausgebrochenen Streites wegen ihre Entfernung verlangte. Die stolze Kaisertochter bat umsonst; sie konnte der ungern scheidenden Jutta nur ihre dauernde Zuneigung und ihren Schutz in allen Schicksalsfällen geloben, aber nicht hindern, dass ihr Vater sie nach dem freiweltlichen Stifte Quedlinburg entführte.
Auch hier gewann das lebhafte, reichbegabte Mädchen schnell die Liebe aller Schlossbewohner, besonders die der Äbtissin Bertradis, so dass sie, als diese Würde neu zu vergeben war, Kanonissin wurde. Aber damit nicht genug. Bertradis, ihr Ende nahe fühlend, empfahl statt der ihr dem Range nach am nächsten stehenden Pröpstin Kunigunde und der dann folgenden Dekanissin Gertrud von Meinersen, die beide wenig beliebt im Stifte waren, den Kapitularinnen ihren Liebling, die Kanonissin zu ihrer Nachfolgerin.
Darauf wurde Gräfin Jutta von Kranichfeld trotz ihrer dreiundzwanzig Jahre vom Kapitel gewählt, und als sie sich nach altem Brauche auf dem Markte zu Quedlinburg von Rat und Bürgerschaft öffentlich huldigen ließ, entfaltete sie vor den Augen des über ihre blendende Erscheinung entzückten Volkes eine Pracht, welche diejenige ihrer Vorgängerinnen bei derselben Gelegenheit noch überstrahlte. Sie erschien mit ihren Kapitularinnen und von ihrem Hofstaat umgeben, in kostbarem, goldschimmerndem Gewande, ein blitzendes Diadem auf dem Haupte, einen langwallenden Purpurmantel um die Schultern, alle Frauen und selbst viele Männer an Hoheit überragend. Der Bischof Albrecht von Halberstadt mit Domherren und Klerikern, der Schirmvogt des Stiftes, Graf Albrecht von Regenstein mit seinen Brüdern, die ritterlichen Inhaber der vier stiftischen Erbämter und viele Grafen und Edle aus den benachbarten Gauen waren mit stattlichem Gefolge herbeigekommen, der glänzenden Feierlichkeit beizuwohnen.
Die Erwählte mit ihren Damen sowie der gesamte Rat standen auf einer erhöhten Bühne; der erste Bürgermeister Herr Nikolaus von Bekheim verlas mit lauter Stimme den Treuschwur, die versammelten Bürger sprachen ihn nach, und alles jubelte und jauchzte der neuen Äbtissin begeistert zu.
Dann gab es auf dem Schloss ein großes Festmahl, zu dem die edlen Gäste, der Rat und die vornehmsten Bürger der Stadt geladen waren, und bei dem Jutta wie eine Königin geehrt und gefeiert wurde. Die Augen der Männer hingen mit Bewunderung an ihrer voll entwickelten Schönheit, und vor allen war der nur wenige Jahre ältere Bischof von Halberstadt, der als Junker fürstlichen Standes ihr fröhlicher Genosse auf der Wartburg gewesen war, eifrig beflissen, ihr wieder wie damals die wärmsten und minniglichsten Huldigungen darzubringen.
Sie nahm alle die Ehren, alle das Werben um ihre Gunst lächelnd und verbindlich, aber mit einem gewissen gnädigen Stolze wie etwas ihr vollkommen Gebührendes hin und verstand es gleich von Anfang an, ihren hohen Rang mit Anmut und Würde zu tragen. Obwohl sich ihr Ehrgeiz manchmal schon in dieses Glück hineingeträumt hatte, erstaunte sie doch, als es ihr wirklich zuteilwurde, und suchte die durch ihre Zurücksetzung tief gekränkte Pröpstin damit zu entschädigen, dass sie sich in wichtigeren Angelegenheiten wenigstens scheinbar ihres Rates bediente, was zu beanspruchen jene durchaus kein Recht hatte.
Eine ihrer ersten Handlungen war, dass sie die große Krypta unter dem hohen Chore der herrlichen, im reinsten romanischen Stil erbauten Basilika mit einem wunderschönen, reich verzierten Portale schmücken ließ. Da in dieser Krypta nicht allein die Königsgräber waren, sondern es auch von dort zu der Gruft der Äbtissinnen hinabging, so rechnete man ihr diesen Bau als einen Ausdruck der Verehrung der dort Schlummernden an und lobte sie dafür. Manche aber legten es ihr als Stolz aus, als wäre sie nur bestrebt, die Fürstin zu zeigen, die ihr Andenken selbst durch Ausschmückung ihrer künftigen Ruhestätte sichern wollte.
So ganz Unrecht hatten die Bedenklichen nicht, denn Jutta schien zum Herrschen geboren. In ihren Adern rollte das heiße Blut ihres Vaters, und ihre heftige, leidenschaftliche Natur trug ungern die Fesseln eines fremden Willens. Als sie mit der unumschränkten Gewalt im Stifte bekleidet war, trat sie sofort als gebietende Herrscherin auf, die ihren Winken und Befehlen überall Gehorsam zu verschaffen wusste.
Der einzige, bei dem ihr dies nicht immer gelang, war Graf Albrecht von Regenstein. In seiner freimütigen, zuweilen etwas derben Kraft und in seinem hellen, weitschauenden Geiste trat ihr etwas entgegen, das ihr überlegen war, dem sie mit aller Gewalt ihrer fürstlichen Stellung nichts anhaben konnte, und an dem ihre schnell wechselnden Launen machtlos abprallten. Dabei machte auch die äußere Erscheinung des in schöner, fester Männlichkeit erblühten Grafen und sein ritterliches Wesen einen Eindruck auf sie, dem sie auf keinerlei Weise zu wehren versuchte. Vielmehr strebten Herz und Sinne der jungfräulichen Äbtissin mit starken Gefühlen zu dem Helden hin, und ihre Gedanken beschäftigten sich viel mit ihrem noch unvermählten Edelvogte. Anwesend oder abwesend übte er auf ihre Entschließungen einen nicht geringen Einfluss, und auch in dem vorliegenden Falle, angesichts der bischöflichen Einladung, die zweifellos auch ihm zugegangen war, hätte sie gern seine Meinung gehört.
Darum schaute sie beinahe mit Sehnsucht, als könnte ihr Blick den tapferen Grafen herbeiziehen, in das Land hinaus nach Westen, wo sich der Regenstein mit seiner hohen, schroff abstürzenden Felswand klar und scharfkantig am Horizont zeigte.
Zweites Kapitel.
Während die Pröpstin und der Stiftshauptmann sich in vertrautem Gespräch zueinander neigten und die Äbtissin träumerisch in die Ferne blickte, trat eine Kammerjungfrau ein, nahte sich der Fürstin und sprach nach einer halben Kniebeuge leise Worte zu ihr.
Eine freudige Überraschung strahlte aus Juttas Antlitz, und nachdem sich auf einen Wink die Kammerfrau wieder entfernt hatte, rief die Äbtissin schier jubelnd den anderen beiden zu: »Was meint ihr, welche Meldung ich soeben erhielt? – Graf Albrecht von Regenstein ist im Schlosshof vom Pferd gestiegen. Nun bin ich begierig zu hören, ob er nach Halberstadt zum Bischof reiten wird.«
»Da komm' ich schnurstracks her, gnädigste Domina!« klang es augenblicks von der offenen Tür, und auf der Schwelle erschien Graf Albrechts hohe Gestalt, von Kopf zu Fuß im Panzerhemd, das aus lauter kleinen Eisenringen geflochten war, und über welches sich ein kurzer, ärmelloser Waffenrock von dunkelroter Farbe schmiegte.
»Habt Ihr ihm zugesagt oder abgesagt?« frug die Äbtissin dem Eintretenden lebhaft entgegen.
»Keines von beidem war nach der Zwiesprache, die ich mit ihm hatte, noch vonnöten!« erwiderte der Graf.
»Hattet Ihr Streit mit dem Bischof?«
»Man könnte es fast so nennen!« lachte er, indem er auf eine Handbewegung der Äbtissin ihr gegenüber am Tische Platz nahm. »Denkt Euch, Domina, wie mir der Gesalbte des Herrn in die Wolle gegriffen hat! Vor etlichen Monden bietet er mir Burg Schwanebeck zum Tausch gegen Schloss Emersleben, weil jenes allernächst bei Halberstadt und dieses unserem Hause Crottorf bequemer liegt. Ich war es zufrieden, und wir wechseln die Handfesten darüber aus. Wie er mir die seinige schickt, sehe ich nur nach der Unterschrift des Bischofs und werfe das Ding ungelesen in den Kasten. Jetzt fordert er mich auf, als sein Lehensträger zur Inthronisation zu kommen. Lehensträger? denk' ich und reibe mir die Augen, du des Bischofs Lehensträger? Da fährt mir's wie ein Blitz durch den Kopf, ich hole die Schwanebecker Schrift hervor, und meiner Seele! es ist kein Kaufbrief, sondern nur ein Lehensbrief über die Burg. Ich springe in den Sattel, jage hinüber und stelle den Bischof zur Rede. Da antwortet er mir: er wäre nicht geständig, etwas Verbindliches Kaufs halber mit mir verhandelt zu haben; Kirchengut wäre ihm nicht feil, das könnte er nur zu Lehen geben; ich hätte es ja schwarz auf weiß. Solcher Untreue hatte ich mich nicht versehen, wollte den Tausch rückgängig machen und meine sechshundert Mark Wersilber heraus haben, die ich ihm noch darauf gegeben hatte. Aber der ehrsame Herr lachte mich aus, er hätte meinen gesiegelten Kaufbrief, und Schloss Emersleben wäre in guten Händen. – Was sagt Ihr zu dem Stücklein, Domina?«
»Ein Schelmenstück ist es!« erwiderte die Äbtissin.
»Nicht wahr? Nun ich habe ihm den Hafer ausgedroschen und mir den Handel ins Achtbuch geschrieben,« sagte der Graf in aufloderndem Zorne.
»Als Andenken daran, dass Ihr es nicht vergeßt, habt Ihr ja nun auch Schwanebeck zu Lehen, Herr Graf,« spottete Kunigunde.
»Ich danke Euch für den Trost, gefühlvollste aller Pröpstinnen!« versetzte der Graf.
Die Äbtissin aber wandte sich zu ihrem Kanzler und sagte: »Nun, Herr Stiftshauptmann, heißt das Farbe halten?«
»Der hochwürdigste Bischof ist ein weltläufiger und gar geschwinder Herr,« erwiderte der also Gefragte. »Ihr habt ihn bei dem Tauschgeschäft wohl falsch verstanden, Herr Graf; denn er pflegt sonst vornehm und gering reinen Wein einzuschenken.«
»Hütet Euch, dass ein solcher Ehrentrunk nicht auch einmal an Euch gelangt, Herr Willekin!« warnte der Graf. »Ihr Herren Quedlinburger scheint zwar mit dem Bischof auf einem sehr guten Fuß zu stehen.«
»Warum sollten wir nicht? er hat uns nie ein Leids getan.«
»Aber er macht Euch Leute zu Feinden, die besser Eure Freunde wären!«
» Ad exemplum den edlen Grafen Albrecht von Regenstein. Ihr habt es uns merken lassen, Herr Graf!«
»Dass Euch das Wetter, Herr! Ihr sollt es noch anders merken!« brauste der Graf und stieß mit dem Schwert auf den Boden.
»Heia! was gibt es zwischen euch, ihr Herren?« frug die Äbtissin lachend.
»O ich habe noch einen anderen Span mit dem Bischof,« erwiderte der Graf finster. »Er ist meiner Gerichtsbarkeit ins Gehege gekommen, hat hier in der Stadt ohne mein Wissen und Willen ein geistlich Gericht bestellt, und der Rat scheint mit ihm unter einer Decke zu stecken, denn er lässt ihn gewähren und leistet ihm Vorschub mit seinem Aftergericht. Zwei Hintersassen waren vor meine Dingbank geladen, haben sich aber nicht gestellt, sondern hier in der Stadt vom Rektor an Sankt Ägidien Recht genommen. Da habe ich mir als Geiseln ein paar Quedlinburger gefangen und eingelegt.«
»Die aber ganz unschuldig sind«, warf der Stiftshauptmann ein.
»So liefert mir die Schuldigen aus, dass ich ihrem Beschulden nach mit ihnen verfahren kann. Bis dahin und so lange Ihr ein bischöflich Gericht in Euren Mauern duldet, will ich der Stadt Fein sein«, entgegnete der Graf mit großer Heftigkeit.
»Habt Ihr dem Bischof seinen Übergriff nicht vorgehalten?« frug die Äbtissin.
»Mit recht deutlichen Worten, gnädige Domina!« erwiderte der Graf und bewegte dabei zum größeren Nachdruck nickend das Haupt. »Wißt Ihr, was er mir darauf antwortete? – Geistlich Recht ginge vor weltlich Recht, sein Krummstab reichte weiter als mein Schwert!«
»Und Ihr?«
»Ich schlug mit der Faust auf den Tisch, dass er krachte, und schrie den Bischof an: Dann sehet zu, wie sich krumm und grade miteinander verträgt! Danach saß ich flugs auf, trabte hierher – und da bin ich!«
»Und dabei lasst Ihrs bewenden?«
»Dass ich ein Narr wäre!« lachte der Graf. »Ehe mein hinterlistiger Namensvetter auf seinem bischöflichen Throne sitzt, sitz' ich wieder in Schloss Emersleben, und wenn ich jeden einzelnen seiner eingenisteten Pfaffenknechte kopfüber von den Zingeln in den Graben werfen soll. Bin ich damit fertig, so kommen die Herren Quedlinburger an die Reihe. Ich will ihnen zeigen, wer hier Gerichtsherr ist, ich oder der Bischof!«
»Gräfin Kunigunde,« sprach die Äbtissin sich rasch erhebend, »wir gehen nicht nach Halberstadt!«
»Domina!!«
»Wir gehen nicht nach Halberstadt!« wiederholte sie herrisch befehlend.
»Jesus, mein Beistand! das kann Euer Ernst nicht sein!« jammerte Kunigunde, »es wäre nicht zu verantworten!«
»Ihr braucht es ja nicht zu verantworten, das tu' ich!« erwiderte Jutta.
Die Pröpstin seufzte und sandte einen verzweifelten Blick gen Himmel.
Der Stiftshauptmann rückte ärgerlich auf seinem Sessel und begann: »Aber unter welchem Vorwande, gnädigste Frau –«
»Vorwand?« sagte Graf Albrecht, der sich zugleich mit der Äbtissin erhoben hatte, »braucht es eines Vorwandes, wenn die Fürstin von Quedlinburg den Bischof von Halberstadt meiden will? Aber wenn Ihr darum verlegen seid, Herr Stiftshauptmann, so will ich Euch einen Vorwand sagen. Dem Bischof fehlt die Konfirmation des Heiligen Stuhles. Der Papst hat den Herzog Albrecht nicht bestätigt und wird ihn nie bestätigen.«
»Wie wollt Ihr das wissen, Herr Graf?« frug die Pröpstin herausfordernd dazwischen.
»Das schreibt, Herr Willekin!« gebot aber schnell die Äbtissin. »Schreibt dem Bischof, nächst des Kaisers Majestät wäre der Heilige Vater unser Oberherr; wir könnten uns daher an einer Weihe nicht beteiligen, die ohne den päpstlichen Segen in unseren Augen keine rechte Weihe wäre.«
»Gut, gut!« frohlockte der Graf.
Der Stiftshauptmann schüttelte den grauen Kopf und sagte: »So erlaubt wenigstens, gnädige Fürstin, dass ich nach Halberstadt reite und Eure Ablehnung beim hochwürdigsten Bischof mit allem Glimpf selber ausrichte.«
»Tut das, Herr Stiftshauptmann!« erwiderte die Äbtissin, »meinen Willen wißt Ihr.«
»Das soll nicht geschehen,« widersprach der Graf.
»Herr Willekin reitet nach Halberstadt,« befahl die Äbtissin erhobenen Hauptes. »Euer Einspruch ändert daran nichts, Herr Graf!«
Graf Albrecht lachte hell auf: »Meinetwegen, laßt ihn auf allen vieren zum Bischof kriechen, hochgebietende Fürstin und Domina!«
Der Äbtissin schoß das Blut in die Wangen; zürnend wandte sie sich ab.
Der Stiftshauptmann war beleidigt aufgefahren, zu einer raschen Erwiderung bereit, aber ein stolzer Blick des Grafen band ihm die Zunge. Mit einem gnädigen Nicken gab die Äbtissin ihm Urlaub; er verließ das Gemach und begab sich von der Burg hinab in die Stadt zu geheimer Unterredung mit dem Bürgermeister und einigen Ratsherren.
Gräfin Kunigunde freute sich über die dem Grafen erteilte Zurechtweisung ebenso sehr, wie sie der Äbtissin die darauf erfolgte Antwort desselben gönnte. Selber jedoch verstimmt, dass sie mit ihrem schon so oft erprobten Rate nicht durchgedrungen war und die Äbtissin unter dem Einfluss des übermütigen Grafen von Regenstein wieder einmal einen großen Fehler beging, zog auch sie sich nach einem sparsamen Gruße zurück und ließ die Äbtissin mit ihrem mächtigen Schutzvogt allein.
Graf Albrecht machte eine tiefe Verbeugung hinter der mürrisch Davonsegelnden her und sagte dann: »Die Gunst unserer holdseligen Pröpstin hab' ich einmal wieder verspielt und muss nun ihre Ungnade tragen.«
Die Äbtissin antwortete nicht; sie stand am Fenster und schmollte. Des Grafen höhnisches Lachen hatte sie sehr empfindlich berührt, und sie wartete nun auf ein versöhnendes Wort aus seinem Munde. Hatte er denn nicht gemerkt, was in ihrem Schwanken zwischen Annahme und Ablehnung der bischöflichen Einladung den Ausschlag gegeben hatte? Freilich, – seiner großen Erregtheit musste man etwas zugutehalten, und Jutta hatte ihn gereizt. Das tat ihr jetzt leid, und an ihr war es, nun wieder einzulenken. Er musste noch etwas Besonderes auf dem Herzen haben, dass er nicht ging. Sie wollte ihm zu Hilfe kommen.
Sich zu ihm wendend sprach sie ein wenig schüchtern: »Herr Graf, was glaubt Ihr, dass der Bischof tun wird, wenn wir beide nicht zu seiner Weihe kommen?«
Der Graf zuckte die Achseln und erwiderte: »Zunächst wird er sich gründlich darüber ärgern, und das gönn' ich ihm.«
»Wird er meine Bedenken wegen des Papstes gelten lassen?« frug die Äbtissin weiter.
»Schwerlich,« versetzte der Graf.
»Aber dann wird er nach einem anderen Grunde suchen, vielleicht wähnen, dass ich nur Euch – dass nach Eurem Streite –«
»Dass Ihr nur mir zu Liebe wegbliebet?« ergänzte der Graf. »Nun, laßt ihn doch in dem Irrtum, er hat ja keine Gewalt über Euch.«
Jutta schwieg und machte sinnend einige Schritte auf und ab. Endlich sagte sie: »Was meint Ihr, Herr Graf, wenn ich schon vorher zum Bischof ginge und versuchte, euch zwei miteinander zu befrieden?«
»Ich sage Euch so freundlichen Willens und Erbietens großen Dank, Domina!« erwiderte der Graf, »aber ich nehme das Opfer nicht an.«
»Das Opfer, Graf Albrecht, bring' ich Euch gern,« sprach Jutta, »Ihr habt mir schon mehr als eins gebracht.«
»Dafür bin ich Euer Schutzvogt, Domina!«
»So laßt mich auch einmal Euer Schutzvogt sein!« bar sie fast schmeichelnd.
»Nein, nein! Ihr dürft nicht nach Halberstadt, am allerwenigsten meinetwegen,« entschied der Graf. »Der Bischof will keinen Frieden mit mir. Und wenn Ihr darum selber zu ihm kämet und mit der Wärme, die ich an Euch kenne, meine Sache bei ihm führtet, so würde er denken –« Er vollendete nicht und preßte die Lippen zusammen, als sollte das Wort nicht darüber hinaus.
»Nun? was denn? was würde er denken?«
»Ich bring' es kaum heraus,» sagte der Graf.
»Sprecht es nur aus, Graf Albrecht,« lächelte Jutta dicht vor ihm stehend mit leuchtendem Blick, und ihre Brust hob sich in raschem Atemgange.
»Ihr werdet mich auslachen.«
»Wartet das ab!« sprach sie leise, mit tiefem Erröten die Augen niederschlagend.
»Er würde denken, – dass ich mich vor ihm fürchte!« stieß der Graf heraus.
Die Äbtissin hatte etwas ganz anderes erwartet. Sie trat einen Schritt zurück. »Ja, ja, – ganz recht, – Ihr habt ganz recht, – was sollte er auch anders denken?« sprach sie vor sich hinstarrend. Plötzlich warf sie den Kopf hoch und sagte schnell: »Übrigens könnten wir Euch auch kaum verteidigen, Herr Graf; es kommen zu viele Klagen über Euch.«
»Die Verteidigung gegen meine Kläger führ' ich am liebsten selber, Domina!« erwiderte der Graf bestimmt.
»Wenig kümmert uns, was Ihr in Eurer Grafschaft tut, aber im Stiftsgebiet solltet Ihr billig Frieden halten,« sprach sie in verweisendem Tone.
»Ist Euer Frieden gestört, gnädige Frau?«
»Ihr umlauert unsre gute Stadt Quedlinburg und fangt ihre Bürger weg. Das ist Friedensbruch, Herr Graf! Aber das nicht allein. Die Mönche von Sankt Wipertihausen [tun] gar übel hier unter unseren Augen. Ihr wüstes Treiben ist ein Ärgernis für Rat und Bürgerschaft,« erwiderte die Äbtissin immer heftiger werdend.
»Und das soll meine Schuld sein?«
»Ihr haltet die Hand über sie, habt ihr Kloster befestigt wie einen Burgstall. Was soll das? Habt Ihr nicht genug an der Gunteckenburg hier dicht vor den Toden der Stadt?«
»Aha!« lachte der Graf, »da hängen die Glocken, die mir so liebliche Vesper läuten! Rat und Bürgerschaft schilt den unbequemen, allzu wachsamen Nachbar. Gnädigste Domina, laßt's Euch nur gefallen, wenn ich Eure gute Stadt Quedlinburg scharf im Auge behalte; es ist nicht für mich, sondern für Euch. Denen da unten schwillt der Kamm gewaltig, seit sie zum Hansabund gehören; jetzt sind sie mir widerhaarig, nächstens bedrohen sie Euch, wenn wir ihnen nicht fest auf dem Dache sitzen.«
Da blickte sie ihn wieder freundlich an und sagte: »Ist's so gemeint? in der Sorge um mich? Das hab' ich nicht gewusst, das hatt' ich nicht gedacht, Graf Albrecht!«
»Was soll ich viel Rühmens darum machen!« erwiderte er. »Aber eins wollt ich noch fragen, Domina. Ist's Euch bekannt, wie es auf der Lauenburg aussieht?«
Die Lauenburg! Also darum war er bei ihr geblieben. Ein rascher Gedanke kreiste hinter Juttas von dunklem Haar umwallter Stirn, und sie sagte bedächtig: »Ich weiß, Leutfried liegt schwer danieder; wir werden bald einen neuen Burgvogt einsetzen müssen.«
»Es ist ein wichtiger Platz, Domina! Die Lauenburg verlangt einen sicheren Mann,« bemerkte der Graf.
»Den ich seinerzeit zu finden hoffe,« gab sie lächelnd zur Antwort und fügte einer Erwiderung ihm zuvorkommend, mit beredtem Blick hinzu: »Habt Geduld wie ich; nicht hinter Eurem Rücken geb ich die Burg in andere Hände.«
»Dessen getröst' ich mich, Domina! Lebt wohl!«
»Auf Wiedersehen, Herr Graf!«
Sie reichte ihm die Hand, und Graf Albrecht ging.
Die Äbtissin stand mitten im Zimmer und blickte ihm nach. »Die Lauenburg!« lächelte sie und drohte mit dem Finger nach der geschlossenen Tür.
Der Graf ritt den steilen Weg vom Schlossberg vergnügten Sinnes hinab. Er hatte erreicht, weswegen er gekommen war: die Äbtissin fuhr so wenig zur Inthronisation wie er und seine Brüder. Er lachte sich ins Fäustchen, indem er dachte, wie der Bischof sich fuchsen würde, wenn die Ersten und Mächtigsten im Gau bei seiner Weihe fehlten. Mochten dann die lieben Vettern, die Grafen von Blankenburg, die ja den Regensteinern in allen Dingen das Widerspiel hielten, mitsamt den Wernigerödern sich dort breit machen und dem dünkelhaften Bischof Weihrauch streuen, so viel sie wollten. Ob die anderen Harzgrafen aus dem Schwabengau und Helmgau erscheinen würden, war immerhin sehr zweifelhaft; sicher nicht, wenn ihnen Albrecht eine abratende Botschaft sandte. Der Bischof sollte sich umsehen nach allen denen, die fehlten, und dem Grafen war es gerade recht, wenn jener von Willekin von Herrkestorf erfuhr, wie es nur sein, Albrechts Werk war, dass die Äbtissin von Quedlinburg mit ihren vornehmen Kapitularinnen ausblieb. Dann mochte der geistliche Herr nur an Schwanebeck denken und an seinen langen Krummstab, mit dem er dem Grafen von Regenstein zu drohen gewagt hatte.
Und was die Lauenburg betraf, die mit ihrem Gebiet teils an den Stadtforst der Quedlinburger, teils an die großen Harzforsten der Blankenburger Vettern grenzte, – nun, die Äbtissin hatte ihm ja versprochen, nicht ohne seinen Rat den neuen Burgvogt zu wählen. Das wäre da oben in den waldumrauschten Bergen so ein Horst für seinen herzlieben Siegfried, den jüngsten, blühendsten, blondesten der sechs Regensteiner Brüder. Und Jutta? Welchen Wunsch würde sie ihm nicht erfüllen? Hatte er doch heute wieder recht deutlich gesehen, wie sehr sie ihm gewogen war. Ja, er war überzeugt, dass die schönheitsstolze, sehnsuchtsdurchglühte Domina ihren reichsunmittelbaren Fürstenthron lieber heute als morgen mit einem andern, weniger einsamen Platze vertauschte, wenn –
»Ho! ho! ho! Brun! Brun! was ist denn?« sprach der Graf laut zu seinem Braunen und klopfte ihm den kräftigen Hals, um das scheuende Tier zu beruhigen. Es hatte, von einem Steinwurf getroffen, plötzlich ein paar heftige Sprünge gemacht, deren Ursache dem Reiter verborgen blieb, denn der Bube, der den Stein geschleudert hatte, der Sohn eines der vom Grafen gefangen gehaltenen Quedlinburger, hielt sich versteckt.
»Das kommt davon, wenn man sich mit eitlen Gedanken trägt, statt sein Röslein am Zügel zu haben,« sagte der Graf im Weiterreiten zu sich selber. »Wenn die das gesehen hätte, an die ich in dem Augenblick dachte!«
Sie hatte es gesehen, auch den Steinwurf. Die Äbtissin folgte von ihrem Fenster aus dem langsam Dahinreitenden mit den Augen und hatte ihre Freude daran, wie sich die Sonnenstrahlen auf der blanken Eisenhaube des Ritters blitzend spiegelten. Als sie nun das kleine Abenteuer des im Sattel Träumenden gewahrte, rief sie empört: »O diese nichtswürdige Brut! Er hat ganz recht, dies Stadtvolk muss kurz gehalten werden, sonst schlägt es über die Stränge!«
Bald sah sie, wie der Graf vor dem Zugange zur Gunteckenburg hielt, die zwischen dem Münzenberge und dem Wipertikloster lag. Er ließ sich den Vogt herausrufen und sprach lange mit ihm ohne vom Pferde zu steigen. Dann trabte er dem Kloster zu, und in den Hof desselben einreitend, entschwand er ihren Blicken.
»Nun geht er doch wieder zu diesen argen ›Kindern unserer Liebe‹, – so pflegte die selige Bertradis die Mönche zu nennen, mit denen sie im steten Kampfe lag – oder will er dem sündhaften Prior nur unser zunehmendes Missfallen verkünden?« sprach sie zu sich. »Geh nur, Heldenherz! Dir folg ich auf jedem Wege.«
Im Klosterhofe sprang der Graf aus den Bügeln. Ein Laienbruder nahm ihm das Ross ab und frug: »Soll ich Brun abzäunen, Herr?«
»Nein,« antwortete der Graf, »ich halte nur kurze Rast, um einen Vespertrunk zu tun und euch die Glatzen zu scheuern. Wo ist der würdige Bavo?«
»Im – im –«
»Im Refektorium natürlich!« lachte der Graf, »bei feuchter Abendmette; das konnte ich mir denken.«
»Herr, morgen ist der Tag des heiligen Eustathius des Standhaften,« sagte der Bruder.
»Und den müsst ihr ja feiern!« erwiderte Graf Albrecht. »Gut! helfen wir bei den Vigilien Eustathius des Standhaften!«
Und er trat in das Klostergebäude.
Drittes Kapitel.
Die Pröpstin Kunigunde versetzte das ganze Kapitel darüber in Aufregung, dass die Domina mit den Konventualinnen nicht zur Bischofsweihe wollte. Die älteren Damen waren empört, dass das Stift bei der Feier nicht mit aller Pracht und Würde vertreten sein sollte, die jüngeren jammerten und klagten, dass sie von den glänzenden Feierlichkeiten fern bleiben sollten, und die Domina bekam in diesen Tagen kein freundliches Gesicht zu sehen, mit einer einzigen Ausnahme.
Diese Ausnahme machte die Kanonissin, die schöne, lebensfrohe Gräfin Adelheid von Hallermund, die das Vertrauen der Äbtissin, wenn auch nicht einen unbedingten Einfluß auf sie besaß. Sie war dem ritterlichen Schirmvogte des Stiftes sehr gewogen und stimmte der Domina vollkommen zu, dass man dem edlen Grafen die Genugtuung schuldig wäre, die Einladung des Bischofs abzulehnen. Nun war Jutta vollends unwiderruflich fest entschlossen und ließ am zweiten Abend dem Stiftshauptmann den Befehl zugehen, mit der Überbringung ihrer Absage an den Bischof nicht länger zu zögern.
Da musste er gehorchen, und als am andern Tage die Sonne über die halbe Mittagshöhe hinaus war, befand sich Herr Willekin von Herrkestorf auf dem Wege nach Halberstadt. Neben ihm ritt der Stiftsschreiber Florencius, der um die Gunst gebeten hatte, seinen Vorgesetzten statt eines reisigen Knechtes begleiten zu dürfen.
Dieser Florencius, ein frischer, klug dreinschauender Gesell aus einem alten, aber herabgekommenen Adelsgeschlechte stammend, hatte geistlich werden sollen, es aber vor lauter losen Streichen nicht einmal bis zu den untersten Weihen gebracht und war, der Studien und Exerzitien überdrüssig, aus der Klosterschule zu Sankt Gallen heimlich entwichen und fahrender Schüler geworden. Als solcher war er vor mehreren Jahren nach Quedlinburg gekommen und hatte unter anderen auch den Stiftshauptmann mit der Bitte um einen Zehrpfennig heimgesucht. Herr Willekin, dem er seine Herkunft und seine Schicksale anvertraute, hatte sich von den mannigfaltigen Kenntnissen und Fähigkeiten des Fahrenden überzeugt und ihm mit Bewilligung der Äbtissin Bertradis ein Amt und eine Wohnung auf dem Schloss angewiesen.
Stiftsschreiber hieß Florencius, damit das Ding doch einen Namen hatte, denn obwohl er in der höheren Schreibkunst außerordentlich geübt war und diese auch mit Vorliebe pflegte, so gab es doch im Stifte nicht viel zu schreiben für ihn. Er füllte aber seine müßige Zeit gern damit aus, dass er Köpfe und Anfänge von Urkunden und Briefen auf Vorrat schrieb. Eingangsworte wie z. B. »Wir Jutta, von der Gnade Gottes Äbtissin von Quedlinburg usw.« prangten auf einer ganzen Anzahl von Pergamentblättern mit großen buntfarbig gemalten und goldverzierten Anfangsbuchstaben, von Blumenranken und vielverschlungenen Schnörkeln umgeben. Er war auch der vertraute und verschwiegene Geheimschreiber der Konventualinnen, die ihm alle wohlwollten, weil er, obschon ihm zuweilen der Schalk im Nacken saß, von guten Sitten, gefällig und bescheiden war. Der Stiftshauptmann hatte ihnen seine Abkunft verraten, die er eigentlich verschwiegen wissen und durch einen angenommenen Namen vergessen machen wollte, und so betrachteten ihn die Damen als ihnen ebenbürtig und behandelten ihn mehr wie einen adligen Junker, als wie einen Dienenden. Im Übrigen machte er sich nützlich, wo und wie er konnte, als Vorleser, Sänger und Lautenist, kurz, er war der allbeliebte, unentbehrlich gewordene Spiritus familiaris des ganzen Schlosses.
Als die beiden über den Hungerplan, einen hügeligen Anger zwischen der Stadt und den sogenannten Weinbergen, hinwegritten, sagte der Stiftshauptmann, der ihn auf seine ausdrückliche Bitte du nannte: »Sieh mal, Florencius, wie auf dem Brocken der Schnee im Sonnenscheine glänzt!
»Und hier unten im Lande sprießen fröhlich die Saaten, und Sträucher und Hecken fangen an sich zu belauben,« erwiderte der Stiftshauptmann. »Aber wir werden bald Regen bekommen.«
»Woher hast du diese Wissenschaft?« frug Herr Willekin.
»Ei Herr, wisst Ihr denn nicht, dass sich unsere Dekanissin, Fräulein Gertrud von Meinersen, auf das Wetter versteht wie der älteste Schäfer? Sie hält sich einen Laubfrosch, für den sie im ganzen Schlossen herum Fliegen fängt und auf den sie sich mit ihren Weissagungen verläßt.«
»Trifft es denn auch ein, was sie weissagt?«
»Nicht immer,« lachte Florencius, »und dann kriegt der Laubfrosch zur Strafe, dass er gelogen hat, zwei Fliegen weniger.«
»Du lieber Gott!« sagte Herr Willekin. »Wo hat sie denn den Laubfrosch her?«
»Wo soll sie ihn her haben! Ich habe ihn fangen müssen, als der vorige seine letzte Fliege gefressen hatte; es war eine giftige, – sagt die Scholastika.«
»Sagt die Scholastika, so! Die ist wohl die Lustigste im ganzen Kapitel?« frug Herr Willekin.
»Das ist schwer zu sagen, Herr Stiftshauptmann,« antwortete Florencius und fuhr nach einer kurzen Überlegung fort: »Ich glaube, die Custodin und die Sangmeisterin übertreffen sie noch. Wenn die beiden ihre blonden Köpfe zusammenstecken, so läuft es in der Regel auf einen merklichen Possen hinaus, über den es ein paar Tage lang zu lachen gibt. Am liebsten hängen sie einer der beiden Ältesten, der Pröpstin und der Dekanissin, eine Schelle an.«
»Florencius!« drohte der Stiftshauptmann, »wem hängt man Schellen an?!«
»Verzeiht, Herr!« lachte der Jünger, »aber ich muss ja oft genug helfen; sie lassen mir keine Ruhe, und wenn Gräfin Luitgard von Stolberg nicht wäre, die immer zu schlichten und zu sühnen sucht, was die jüngeren Fräulein in ihrem Übermut gefehlt haben, so ging es manchmal arg zu.«
»Und die Domina?«
»Die Domina? nun, Herr, – Ihr wißt wohl, die freut sich, wenn die Pröpstin sich ärgert, und Gräfin Adelheid von Hallermund lacht auch lieber, als dass sie weint. Neulich haben es unsere lieben Jüngsten aber doch einmal zu toll getrieben, so dass sie es büßen mussten.«
Auf einen ermunternden Blick des Stiftshauptmann erzählte Florencius: »Wie Euch bekannt, ist die Dekanissin eine Meisterin im Sticken schwerer Wandteppiche mit Figuren aus der Geschichte der Heiligen, eine Liebhaberei von ihr, mit deren aufgezwungener Erlernung sie den jüngeren Damen manche qualvolle Stunde bereitet. Nun hatte sie kürzlich wieder einen solchen Teppich in Arbeit, auf dem die heilige Apollonia, die viel angerufene, von der Dekanissin besonders verehrte Helferin bei Zahnschmerzen, in Pflegung ihres gnadenreichen Amtes dargestellt war. Da schmiedete unser durchtriebenes Vierblatt einen mutwilligen Plan und brachte ihn, sorglich vorbereitet, zur Ausführung. Die Cameraria, Gräfin Agnes von Schrapelau, und die Scholastika, Fräulein Hedwig von Hakeborn, mussten die Dekanissin beim Fliegenfangen in einem entlegenen Teile des Schlosses möglichst lange festhalten; unterdessen schlichen sich die Kustodin und die Sangmeisterin in das Zimmer des Fräulein Gertrud von Meinersen und stickten der heiligen Apollonia mit flüchtigen, groben Stichen eine schneckenartig gewundene Haarflechte an die Schläfe, wie sie die Dekanissin selber trägt, versahen auch die Heilige mit einer so langen Nase und einem so eckigen Kinn, dass ihr Bild mit den Zügen der Dekanissin eine überraschende Ähnlichkeit erhielt. Die also Abkonterfeite erhob einen fürchterlichen Lärm über die Untat. Auch die stets nachsichtige Thesauraria stellte sich diesmal auf die Seite der Beleidigten und setzte mit dieser und der Pröpstin trotz Fürbitte der Gräfin Adelheid die Bestrafung der Schuldigen durch. Die beiden überführten Missetäterinnen Mechtild von Klettenberg und Sophia von Hohenbuch mussten am anderen Morgen auf vierundzwanzig Stunden in das dunkle Bußkämmerlein unterhalb der Krypta wandern, zu ihrem Glück beide zusammen, damit sie sich gegenseitig trösten konnten. An dem Nachmittage aber kam der Erbmarschall des Stiftes Herr Gerhard von Ditfurt zum Besuch, vermisste die beiden Blonden und erfuhr die Geschichte. Erst lachte er aus vollem Halse zum großen Verdruss der beiden alten Kat–«
»Florencius!!«
»– der beiden ehrwürdigen Fräulein Kunigunde und Gertrud, dann bat er um Gnade für die zwei Eingesperrten. Er brauchte nicht lange zu bitten; die Domina war froh, einen Anlaß zu waltender Milde zu haben. Die Kanonissin Gräfin Adelheid holte die mäßig Zerknirschten aus ihrem tiefen Verlies herauf, und nach einer Strafpredigt der gnädigen Frau, bei der das ganze Kapitel, die einen vor verbissenem Ärger, die anderen vor unterdrücktem Lachen, rot wurde, war die Sache für diesmal tot und abgetan. Soll mich nur wundern, was der nächste Schelmenstreich sein wird.«
Jetzt musste auch Herr Willekin lachen, und der Stiftsschreiber stimmte fröhlich ein.
Unter so kurzweiligen Gesprächen ritten die beiden selbander durch die grünende Flur. Ihnen teils zur Linken, teils im Rücken dehnte sich der gewaltige, dunkelblaue Kamm des Gebirges in langer, sich immer höher hebender Linie von der weit sichtbaren Burg zu Ballenstedt bis zu dem schneebedeckten Gipfel des Brockens. Auf der Höhe des Liebfrauenberges haltend und die Rossen wendend, betrachteten sie mit Freuden das ihnen wohlbekannte, entzückende Bild.
Im Lande vor ihn wechselten fruchtbare Ackerbreiten und Wiesen, durch welche die Bode und eilende Bäche an freundlichen Dörfern und umbuschten Mühlen blinkend vorüberzogen, mit klippengekrönten Hügeln und gewölbten Bergrücken ab, auf denen einsame Warten standen zum Ausflug in die Runde. Die noch unvollendeten Domtürme von Halberstadt winkten aus der Ferne herüber, während die Stadt Quedlinburg hinter Bergen versteckt lag; nur das Schloss, aus dessen innerem Leben Florencius eine so ergötzliche Schilderung zum besten gegeben hatte, ragte darüber hinaus. Dahinter aber, halbwegs vor der breiten Schlucht des Bodetales, starrte das größte von den zackigen Riffen der Teufelsmauer, die mit den Gegensteinen bei Ballenstedt beginnend sich als ein oft unterbrochener, aber immer wieder auftauchender Klippenzaun meilenweit durch das Vorland des Harzes zieht und erst beim Regenstein endet, schwarz und ungeheuerlich empor. Fern im Osten schaute Burg Gersdorf aus der Ebene herauf, südlich, den Reitern gerade gegenüber, schimmerte die Lauenburg vom Bergwalde her, und im Westen drohte des Regensteins riesenhafter Felsblock, dem zur Rechten die auf spitzem Kegel trotzende Heimburg, wo Graf Bernhard von Regenstein hauste, und zur Linken der hochgelegene Sitz des Grafen von Blankenburg sich nachbarlich anschlossen.
So umfaßte der Blick von hier aus ein beträchtliches Stück des herrlichen Harzgaues, ein mit aller Pracht wechselnder Farben und fesselnder Formen geschmücktes Gemälde, das zu den Füßen der Beschauer aufgerollt war und sich unter dem klaren Frühlingshimmel in seinem vollen Glanze zeigte. Ein leiser Wind mit kühlkräftigem Hauch strich über die freie Höhe und machte die Gräser und die Reiser der Bäume schaukeln und nicken. Über der Ferne schwebte ein matter Dunstschleier, und hoch im Blauen jubelten die Lerchen.
Nachdem die beiden wieder eine Weile nebeneinander hergeritten waren, sagte Florencius: »Herr Stiftshauptmann, wenn ich mich nicht täusche, so kriegen wir es jetzt mit der bösen Sieben zu tun. Kommt da nicht der Ritter Bock auf seinem großen Schecken angetrottet?«
»Du scheinst recht zu haben, Florencius,« erwiderte der Stiftshauptmann; »aber aß ihn doch kommen, Ritter Bock ist guten Freunden gegenüber ein höflicher Mann.«
Aus dem Waldsaume des Steinholzes, das jetzt den ruhig Dahinziehenden zur Linken lag, waren drei Reiter hervorgebrochen, von denen zwei sofort abschwenkten mit der unverkennbaren Absicht, jenen nach vorwärts wie nach rückwärts den Weg abzuschneiden, während der dritte gerade auf sie losgetrabt kam.
Dieser dritte bot eine abenteuerliche Erscheinung. Auf einem knochigen Schecken saß eine lange, hagere Gestalt in ritterlicher Wehr und Kleidung. Der Mann stak vom Scheitel bis zur Sohle im Kettenpanzer und trug darüber einen kurzen, gezattelten Waffenrock von stark verblichener gelber Farbe. Über seine eiserne Beckenhaube bogen sich von hinten her zwei flatternde Hahnenfedern, und die eisengeflochtene Helmkapuze legte sich ihm wie ein Pilgerkragen um Nacken, Wangen, Hals und Schulter, so dass kaum das Gesicht frei blieb. Die Kniekacheln liefen in spitze Eisendornen aus. Geschiente Handschuhe und unmäßig lange Sporen vervollständigten Die Rüstung. Außer Schwert und Dolch am Wehrgehänge führte er eine Lanze mit scharfer Spitze und den kleinen dreieckigen Reiterschild. Ein schmales, wettergebräuntes Gesicht mit ein paar bald unruhig umherspähender, bald zudringlich bohrender Augen, einer großen Habichtsnase und einem lang herabhängenden Schnurrbart schaute keck aus der umschließenden Helmbrünne und ließ das Alter des Mannes auf vierzig und einige Jahre schätzen.
Es war der Ritter Bock von Schlanstedt, ein Vasall des Grafen Albrecht von Regenstein und ein in der ganzen Umgegend bekannter Stoßvogel, der mit einem steten Gefolge von sechs reisigen Knechten, ausgesucht wilden Gesellen, das Land durchstreifte und überall auftauchte, wo man ihn am wenigsten vermutete. Weil dieses erlesene Fähnlein aber selten Gutes, sondern meist Schaden stiftete, wo es erschien, so hatte es den Namen ›die böse Sieben‹ erhalten.
Als er den beiden Quedlinburgern nahe genug gekommen war, um sie zu erkennen, setzte der Ritter seinen hochtrabenden Schecken in langsamere Gangart, schwenkte die Lanze und rief: »Gruß und Ehr' Euch zu Ross und zu Fuß, Herr Willekin von Herrkestorf! und Euch, wackerer Florencius!«
»Allen Dank zum Gegengruß!« erwiderte der Stiftshauptmann. »Tut mir leid, Herr Ritter Bock von Schlanstedt, dass unseretwegen Euer braver Schecke die Sporen fühlen musste; es war der Mühe nicht wert, ihn in Trab zu setzen.«
»Gott gibt mir ein andermal mehr Glück,« lachte der Ritter, lenkte sein Ross an Herr Willekins Seite und winkte seinen zwei Knechten, worauf auch die vier anderen aus dem Steinholz herauskamen und sich dem Zuge anschlossen.
»Habe Euch hoch im Verdacht, dass Ihr nach Halberstadt wollt und dort etwas Namhaftes zu schaffen habt,« sprach er dann im gemeinschaftlichen Weiterreiten.
»Euren Scharfsinn habe ich stets bewundert, Herr Ritter,« gab der Stiftshauptmann schelmisch zur Antwort.
»Wüsste freilich nicht, wohin dieser Weg sonst noch führte,« warf Florencius ein.
Bock zeigte geradeaus nach einem vor ihm liegenden großen Gehört und sagte: »Dort liegt ein schönes Tafelgut unserer gnädigen Frau. Sollte Euch verborgen sein, Herr Stiftsschreiber, dass sie auf dem Münchenhofe ein fürtrefflich starkes Bier brauen? ein fast lieblich Getränk an staubigen Frühlingstagen!«
»Was Ihr sagt!« lächelte Herr Willekin.
»Wir wollten eben dorthin,« bemerkte Bock, »müssen dort futtern.«
»So! Ihr habt dort Euren Hafer liegen?«
»Stiftshafer ist der beste weit und breit«, erwiderte Bock mit ganz unschuldig ernstem Gesicht.
»Und billig!« meinte Florencius.
Jetzt bekam der Stiftsschreiber einen jener bohrenden Blicke vom Ritter, auf die stillzuschweigen für einen nicht ganz Sattelfesten das geratenste war.
Bald entspann sich zwischen den dreien ein lebhafter Meinungsaustausch über den Streit des Grafen von Regenstein mit der Stadt Quedlinburg um die Gerichtsbarkeit und über die Anmaßung des Bischofs, auf den der Ritter übel zu sprechen war.
Bock von Schlanstedt verteidigte den in seinem Rechte Gekränkten auf das entschiedenste, denn für seinen Grafen ging er durchs Feuer. Überhaupt hing der seltsame, aus mancherlei Gegensätzen zusammengefügte Mensch an dem Regensteinschen Grafenhause mit einer grenzenlosen Hingebung. Er hatte die sechs Brüder wie auch den verstorbenen siebenten nicht nur unter seinen Augen aufwachsen sehen, sondern selber erziehen helfen, hatte sie alle auf Armen getragen und vor sich auf dem Pferde gehabt, war ihr Wärter und geduldiger Spielkamerad und dann ihr Lehrmeister im Reiten, Fechten und Stechen gewesen, auf welche Künste er sich wie einer verstand.
Er war als junger Bursche seinem Vater, einem freien Bauern im Dorfe Schlanstedt, davongelaufen, weil er sich lieber als Reiterknecht durch die Welt schlagen, als hinter dem Pfluge hertreten wollte. Dicht bei Schlanstedt hatte nämlich die jungen Regensteiner eine Burg, bei deren Besatzung sich der junge, hoch aufgeschossene Bauernsohn durch manches ihr zugesteckte heimliche Beutestück aus seines Vaters Rauchfang sehr beliebt zu machen wusste. Von den Reisigen dort lernte er das Kriegshandwerk und fand so großen Gefallen daran, dass er nicht mehr davon lassen konnte und sich eines schönen Tages aus dem Staube machte. Er meldete sich auf dem Regenstein beim Grafen Ulrich, wo man ihn auf seine flehentliche Bitte in Dienst und Pflicht nahm und wo im Gang der Zeit aus dem Trossbuben auch wirklich ein tüchtiger Reiterknecht wurde, der sich durch Zuverlässigkeit und einen tollkühnen Mut allmählich die Gunst und das volle Vertrauen seines Herrn erwarb. In einer Fehde des Grafen Ulrich mit den edlen Herrn von Barby, die das Schnappen und Heckenreiten doch etwas zu arg und bin in den Harzgau hinein trieben, hatte sich Bock unter den Augen seines Herrn so glänzend hervorgetan, dass dieser ihm nach glücklich beendetem Strauß den Rittergurt verlieh.
Diese große Auszeichnung erhöhte Bocks Selbstbewusstsein gewaltig, und er gewöhnte sich nach dem Vorbilde des Grafen ein ritterliches Benehmen an, ohne hoffärtig gegen das Gesinde und reisige Volk zu werden, mit dem er nach wir vor Mühen und Gefahren brüderlich teilte.
Er hatte nichts. Sein Ross, sein Eisenkleid und Schwert und Schild waren und blieben, wie er es auffasste, des Grafen, von dem er sie bekommen hatte, und als dessen unbeschränktes, jeden Augenblick nach Belieben zu nutzendes oder wegzuwerfendes Eigentum betrachtete er auch sein Blut und Leben. Ein Mann des Grafen von Regenstein zu sein, war seine Ehre und sein Stolz, und mit gleicher Treue wie früher dem Vater diente er jetzt den Söhnen, von denen Albrecht sein Stern und Spiegel, Siegfried aber sein Herzensliebling war.
Der Ritter hielt Stadt und Stift Quedlinburg streng voneinander getrennt. Der ersteren war er feindlich gesinnt, weil sie die Rechte seines Herrn schmälern wollte; in der Äbtissin dagegen erblickte er als Dienstmann ihres Schirmvogtes eine Fürstin, die auf die Kraft seiner Lanze einen ebenso begründeten Anspruch hatte wie seiner Meinung nach er selber und sein Ross auf ihr Bier und ihren Futterhafer.
Als die Reiter auf dem Münchenhofe ankamen, stieg Bock vom Pferde und rief einem seiner Knechte zu: »Hängt ab, Nothnagel! wir bleiben hier.«
Willekin und Florencius taten einen Stegreiftrunk von dem kräftigen Bier, das sie dem darreichenden Meier loben mussten, und setzten sich wieder in Bewegung.
»Ich wünsche Euch einen gnädigen Empfang bei dem hochwürdigsten Herrn Bischof, Herr Stiftshauptmann!» höhnte ihnen der Ritter nach. »Aber ich sorge, Ihr werdet mit Eurer Botschaft so viel Mühe haben, als wenn Ihr einem Tauben ein Märlein erzähltet.«
»Ich denke, er wird es in beide Ohren nehmen, was ich ihm zu sagen habe,« entgegnete Herr Willekin sich im Sattel umwendend.
»Und Euch zum Dank dafür zu Gaste laden, nicht wahr?«
»Wartet es ab, Herr Bock von Schlanstedt, wer die Zeche zu bezahlen haben wird.«
»O, wir leben bei ihm auf Kreide,« rief Bock lachend.
»Und sitzt tief genug drin, das weiß ich!« gab der Stiftshauptmann ebenso zurück.
»Dann machen wir einen Strich durch – hiermit!« sagte Bock und schlug mit der Hand ans Schwert.
Aber die Reiter waren schon zu entfernt, um die Worte des Zurückbleibenden noch verstehen zu können.
»Dass dich der Bock stößt! mich will bedünken, Ihr lasst Euch in seltsam krumme Händel ein, Herr Willekin!« murrte der hagere Recke mit einem misstrauischen Blicke nach dem dahinreitenden Stiftshauptmann. »Wir zwei stehen nicht in einem Stall. – Weiter, Hasenbart!« sagte er dann zu einem anderen seiner Gesellen und hielt ihm den leeren Krug hin, um ihn wieder füllen zu lassen, »aber heute nicht mehr als drei für jeden! Bis wir die heruntergespült haben, sind die beiden Quedlinburgischen außer Sicht. Sie müssen denken, dass wir hier bleiben, darum sagte ich euch, ihr solltet abhängen. Nachher reiten wir ein bisschen scharf zu über Wegeleben und ziehen uns rechts an der Bode um Emersleben herum. Unsere Grafen kommen über Derenburg, und in der Gegend von Schwanebeck an der Holtemme sollten wir sie treffen; die von Crottorf und Schlanstedt kommen auch.«
»Na, da werden wir's ja wohl schaffen!« brummte Nothnagel.
»Eselskopf! schaffen!« sprach Bock, ehe er den frischen Krug an die Lippen setzte, »Graf Albrecht ist ja dabei und –« nach einem langen Zuge – »und wir sieben!«
Sie tranken gemächlich und legten während des dritten Kruges die Sättel wieder auf.
Eine Stunde vor Mittag trafen Willekin und Florencius vor dem Petershofe, der großen bischöflichen Burg in Halberstadt ein, die sich dem Dome gegenüber, hochgelegen und stark bewehrt, mit ihren Umfassungsmauern an die viertürmige Liebfrauenkirche lehnte.
Der Stiftshauptmann sprach absitzend: »Bringe die Rösslein zu meinem werten Freunde, dem Domherrn Herbord Moor, Florencius, und melde mich und dich bei ihm zu Mittag an; sage ihm mit meinem Gruße, ich würde nicht lange auf mich warten lassen, er könnte mittlerweile mal in den tiefsten Winkel seines Kellers leuchten.«
Der Schreiber griff nickend den Zügel des anderen Pferdes und ritt zur Kurie des Domherrn.
Der Stiftshauptmann aber schritt durch das düstere Tor und wandte sich über den Schloßhof nach dem Portale der bischöflichen Residenz.
Viertes Kapitel.
Ein junger Kleriker führte den Stiftshauptmann über Treppen und durch steingraue Hallen in einen gewölbten, von einer Hängelampe nur matt erleuchteten Gang, an dessen Ende still und zurückgezogen die Wohngemächer des Bischofs lagen. Dort in einem geräumigen, üppig ausgestatteten Zimmer ließ er den Gast in Erwartung des Hausherrn allein, und Herr Willekin war nicht leicht zumute, als er nun unmittelbar und in einer ihn fremd anschauenden, seltsam befangenden Umgebung vor einer vielleicht verhängnisvollen Unterredung stand.
Bald trat der Bischof ein, in bis auf die Füße reichendem violettem Gewand, eine jugendlich schlanke Gestalt mit bleichen, edel geformten Zügen, denen zwei große dunkle Augen einen vornehm gebietenden Ausdruck verliehen.
Der Stiftshauptmann verneigte sich tief, und Bischof Albrecht redete ihn mit den Worten an: »Seid mir willkommen, Herr Stiftshauptmann! Wie geht es unserer gnädigen Frau von Quedlinburg?«
»Sie sendet Euch durch Euren gehorsamen Diener ihren freundnachbarlichen Gruß, hochwürdigster Herr!« erwiderte der Stiftshauptmann mit einer neuen Verbeugung.
»Und meldet mir ihr und ihrer hochgeborenen Damen erfreuliches Erscheinen am Tage meiner feierlichen Inthronisation,« sprach der Bischof, während ein zufriedenes Lächeln über sein Antlitz glitt.
Der Stiftshauptmann schwieg und blickte verlegen zu Boden.
»Nun? Ihr schweigt?« frug der Bischof betroffen. »Ihr wollt mir doch nicht sagen, sie käme nicht?«
»Ich wollte, ich brauchte es Euch nicht zu sagen, hochwürdigster Herr,« entgegnete der Stiftshauptmann etwas kleinlaut.
»Sie kommt nicht?!« wiederholte der Bischof mit strafendem Blick, jedes Wort laut betonend.
Willekin schüttelte langsam das Haupt.
Der Bischof machte einen Gang durch das Zimmer, seine Erregung zu bekämpfen. Dann blieb er halb abgewandt mit verschränkten Armen stehen und warf hochmütig über die Schulter: »Ich werde doch erfahren, womit sie ihr Ausbleiben entschuldigen will, Herr Stiftshauptmann?«
Der andere zögerte mit der Antwort und sagte dann: »Hochwürdigster Herr, – es sind Bedenken und notwendige Rücksichten, welche die gnädige Frau bestimmen, – der Heilige Vater ist der geistliche Oberherr, und –«
»Hahaha! also darum!« lachte der Bischof, »weil das hochheilige Kollegium Papst Johanns, das in seiner babylonischen Gefangenschaft zu Avignon sich so lustige Tage macht, mir seinen Segen versagt! – Ein so zartes Gewissen hätte ich unserer schönen Schwester Jutta nicht zugetraut. Nun, ich hoffe, die scrupuli werden noch zu besiegen sein.«
»Ich bezweifle es, gnädigster Herr!«
»Wie? weil ich als deutscher Kirchenfürst mich unter die Vormundschaft des bis zur Machtlosigkeit heruntergekommenen Papstes nicht bücken und beugen, sondern meine Herrlichkeit und Freiheit, mein eigen Regiment und Willen mir wahren will, darum, darum verweigert mir die Äbtissin eines freiweltlichen Stiftes, selber eine reichsunmittelbare Fürstin, die nachbarliche Höflichkeit?« eiferte der Bischof mit unwilligem Erstaunen. »Herr Stiftshauptmann, das ist nicht der wahre Grund.«
»Und weiß kaum, hochwürdiger Herr, wie ich es Euch –«
»O besinnt Euch nur! Ihr wisst noch einen anderen,« unterbrach ihn der Bischof mit spottender Überlegenheit und fügte, da keine Antwort erfolgte, herrisch hinzu: »Seht mir ins Gesicht, Herr Willekin von Herrkestorf! kommen diese Bedenken aus der Äbtissin eigener Seele?«
»Nun denn, – nein, durchlauchtiger Herr!« antwortete der in die Enge Getriebene entschlossen.
»Aha! nicht, wirklich nicht! So will ich es Euch sagen, Herr Stiftshauptmann, woher sie stammen: der Wind weht vom Regenstein, der ihr den nichtigen Einwand, haltlos wie Nebeldunst, zugeblasen hat. Der Graf war bei Euch!«
Der Stiftshauptmann nickte.
Der Bischof, die zusammengekrampften Hände im Rücken, schritt heftig auf und nieder.
»Erzählt!« befahl er zornbebend.
»Ich hatte in Gegenwart der Pröpstin Kunigunde Gräfin von Woldenberg von unserer gnädigen Frau schon den Befehl erhalten, Euch ihre und ihres ganzen Kapitels freudige Teilnahme an Eurem hohen Feste anzukündigen. Da kam Graf Albrecht, sagte uns seinen Streit mit Euch, hochwürdiger Herr, und –«
»– und brachte Eure wankelmütige Domina im Handumdrehen dazu, mir abzusagen,« ergänzte der Bischof in höchster Erbitterung. »O, ich höre ihn, ich sehe ihn dabei, und er soll es nicht umsonst getan haben!«
»Ihr habt alles erraten, hochwürdigster Herr,« sagte der Stiftshauptmann, »ich habe Euch –«
»Ihr habt mir nichts gesagt; nein, nein! Nur, wie ihr wollt, wie ihr wollt, Herr Graf und Frau Äbtissin! – Hört jetzt meine Antwort, Herr Stiftshauptmann! Meldet Eurer gnädigen Frau mein tiefes Bedauern über ihren mir schmerzlichen Entschluss und meinen Wunsch, dass sie der Heilige Vater in Avignon segnen möge, wenn er gerührt ihre Demut vor seiner Erhabenheit erfährt.« Der Bischof sprach es mit einem Lächeln um die geschweiften Lippen, das etwas Unheimliches hatte; zwischen seinen Brauen zeigte sich eine böse Falte, und sein Gesicht schien noch bleicher als zuvor. Er schritt zum Tische und läutete mit einer kleinen Glocke, die einen schrillen, rasselnden Klang gab.
Der junge Kleriker trat ein und entfernte sich wieder, nachdem der Bischof ihm einen leisen Befehl erteilt hatte.
Darauf wandte sich der Bischof wieder zu seinem Gaste, und die beiden Herren blickten sich an, als erwartete jeder vom andern eine Frage oder das erste Wort zur Anknüpfung eines neuen Gesprächs.
Aber der Bischof sagte nur, indem er sich selber niederließ: »Nehmt einen Sessel, Herr Stiftshauptmann, und lasst mich Erfreuliches hören von Handel und Wandel der guten Stadt Quedlinburg.«
Der Stiftshauptmann sprach, nachdem er sich dem Bischof gegenüber gesetzt hatte: »Hochwürdiger Herr, ich habe noch einen andern Auftrag an Euch.«
Der Bischof schwieg und lauerte.
»Vom Bürgermeister Nikolaus von Bekheim,« fuhr Herr Willekin fort, den Bischof dabei scharf ins Auge fassend.
»Vom Bürgermeister? an mich?« frug der Bischof sehr verwundert.
Der Stiftshauptmann, der schon von der hochmütigen Art und Weise, mit der ihn der Bischof bis jetzt behandelt hatte, wenig erbaut war, fühlte sich durch das erheuchelte Erstaunen, das in der Frage lag, verletzt und erwiderte ziemlich unwirsch: »Gnädigster Herr, Ihr dürft mir vertrauen! ich bin vollkommen eingeweiht. Also mit einem Worte: der Rat nimmt das Bündnis mit Euch an.«
Über des Bischofs Gesicht fuhr ein Strahl der Freude. Aber schnell bezwang er die unwillkürliche Regung und sagte gelassen: »Verzeiht mir, Herr von Herrkestorf! aber das ist ein Geheimnis, in dessen Besitz ich nicht gerade Euch vermutete.«
Herr Willekin verstand und sprach darauf noch mehr gereizt: »Dann vergesst Ihr, hochwürdiger Herr, dass ich nicht bloß Stiftshauptmann, sondern auch altangesessener Bürger meiner Stadt bin. Übrigens plant Ihr ja in Eurem Bunde nichts Ungebührliches gegen meine gnädige Frau, die Äbtissin, in welchem Falle ich allerdings nicht den Boten und Bringer so heimlicher Kunde machen würde.«
»Ich danke Euch, Herr!« erwiderte der Bischof kühl. »Nimmt der Rat meine Bedingungen strikt an?«
»Mit den meisten Eurer – Vorschläge ist er einverstanden, wünscht aber eine deutlichere Bestimmung der in gewissen Fällen von Euch zu erwartenden Hilfeleistungen und verlangt einen Austausch bindender Schriftstücke.«
»Also nochmalige Verhandlung!« murrte der Bischof. »Nun meinetwegen; so sendet mir Eure Bevollmächtigten.«
»Hierher, nach Halberstadt? Das würde nicht ohne einiges Aufsehen, nicht ohne Wissen desjenigen geschehen können, gegen den unser Schutz- und Trutzbündnis eigentlich gerichtet ist. Der Regensteiner hat überall seine Kundschafter, erst heute, auf dem Ritt hierher, haben sie mich umstellt.»
»Ihr habt recht; aber wie könnte es anders geschehen?«
»Schickt uns Eure Schrift durch einen unverdächtigen Boten und empfanget dagegen die unsrige auf demselben Weg und an demselben Tage zurück.«
»Mag es sein, wie Ihr sagt,« sprach der Bischof nach kurzem Bedenken und erhob sich. »Also, Herr Stiftshauptmann, das Bündnis zwischen mir und der Stadt Quedlinburg ist geschlossen.«
»So gut wie geschlossen, hochwürdigster Herr!« erwiderte der Stiftshauptmann und schlug in des Bischofs dargebotene Rechte.
»Überbringt den wohledlen Herren im Rate meinen freundlichen Gruß, Herr Willekin von Herrkestorf,« sagte der Bischof, »und vergesst nicht, was Ihr Eurer gnädigen Frau von mir bestellen sollt.«
Dann winkte er dem Gaste, der ihm eine so widerwärtige und eine so willkommene Botschaft gebracht hatte, gnädig Entlassung.
Als der Stiftshauptmann den bischöflichen Palast mit seinen drückenden Mauern und dumpfigen Wölbungen hinter sich hatte und aus der tiefen Dämmerung des Außentores in den hellen Sonnenschein hinaustrat, wo gegenüber die Türme des wunderherrlichen Domes, noch unvollendet zwar und mit Baugerüsten umgeben, schon hoch und schlank zum blauen Himmel empor ragten, atmete er erleichtert auf. Gedankenvoll, aber nicht unbefriedigt von der Unterredung ging er dahin. Er hatte seinem Gegner, dem Grafen Albrecht, beim Bischofe etwas eingeheizt, brachte seiner gnädigen Äbtissin eine wohlverdiente Rüge für ihren Wankelmut heim, hatte dem Stolze des Bischofs das Selbstbewusstsein des Städters entgegengesetzt und endlich das von beiden Teilen erwünschte Schutzbündnis seinem Abschluß näher geführt. Je mehr er sich diese Erfolge klar machte, je heitere wurden seine Mienen und je schneller auch seine Schritte zur Kurie seines Freundes, des lebenslustigen Domherrn.
Kaum war der Bischof allein, als der junge Kleriker wieder erschien und auf einen Wink des ersteren einen älteren geistlichen Herrn eintreten ließ, dessen faltiges Gesicht den Ausdruck eines verschlossenen, nachdenklich nach innen gekehrten Wesens trug. Es war der Dompropst Jordan von Donfuß, ein dem Bischof sehr ergebener Prälat, den dieser selbst erst zum Lohn für seine erfolgreiche Tätigkeit bei der Bischofswahl zur obersten Würde im Domkapitel erhoben hatte.
Der Bischof ging ihm mit dem Ausruf entgegen: »Jordanus, sie kommt nicht!«
»Wer war es doch, hochwürdiger Herr,« erwiderte der so Begrüßte ruhig, »der Euch das vor sechs oder sieben Tagen schon sagte?«
»Aber den Grund, warum sie nicht kommt, den wißt Ihr nicht.«
»Der Dompropst dachte mit gesenkten Wimpern einen Augenblick nach und sagte dann: »Ausflüchte wüßt' ich genug für sie, aber nur einen Grund, und der heißt – Graf Albrecht.«
»Wie räch' ich mich, Jordanus?« frug der Bischof zornblitzend.
»An der Äbtissin durch Vergessen, dass sie in der Welt ist; am Grafen –«
»– durch einen Kampf auf Leben und Tod!« brauste der Bischof.
»Nein,« entgegnete der Dompropst gelassen, »dazu ist er zu mächtig. Wir müssen ihn in feinen Schlingen fangen, alle seine Schritte kreuzen, alle seine Pläne hemmen und hindern, ihn langsam, Schritt vor Schritt zurückdrängen, bis er klein geworden ist.«
Der Bischof schüttelte das Haupt: »Das geht mir zu langsam, Propst! ich will ihm rasch Schlag auf Schlag versetzen. Den Kauf von Wegeleben und Schneitlingen schließen wir morgen ab. Dazu ließ ich Euch rufen. Mein Schneitlingen faß' ich Fuß im Schwabengau, und der Wegelebener Bezirk schiebt sich so recht wie ein Keil in das Regenstein'sche Gebiet zwischen Crottorf und Quedlinburg.«
Der Dompropst nickte still vor sich hin und sagte dann: »Freilich, wenn Ihr es nicht nehmt, so nimmt es Graf Albrecht, wie er Burg Gersdorf genommen hat.«
»Hat er sie schon?« fuhr der Bischof auf.
»Wohl möglich, keinesfalls entgeht sie ihm,« erwiderte der Propst.
»So müssen wir weiter denken, Jordanus! müssen Land und Leute gewinnen, unsere Macht zu mehren,« sprach der Bischof immer heftiger werdend. »Ich will nicht ruhen und rasten, bis ich den Grafen von Regenstein zu meinen Füßen sehe. Er allein ist schuld dass die Äbtissin nicht kommt, und das, Jordanus, soll er mir büßen!«
»Es ist ein leidiger Fall, des Erzbischofs wegen,« nickte der Propst.
»Nun freilich! was soll er denken, wenn die Äbtissin von Quedlinburg und die Grafen von Regenstein fehlen?«
»Und die andern, die Grafen von Mansfeld, Hohnstein, Stolberg –«
»Haben die auch abgesagt?« frug der Bischof finster.
»Noch nicht, aber Ihr glaubt doch nicht, dass sie kommen werden, wenn die Regensteiner ausbleiben?«
Der Bischof stampfte mit dem Fuße. »Und das alles um den einen!« rief er wutbebend. »Aber ich zwing' ihn, ich zwing' ihn, Jordanus!«
»Dann macht Euch auf einen heißen Kampf gefasst, hochwürdiger Herr!«
»Das bin ich, Propst!« erwiderte der Bischof und reckte die schlanke Gestalt mit dem feinen Kopf stolz empor; »es geht um die Herrschaft im Gau. Nur einer kann Herr darin sein, und das will ich sein!«
»Wenn Ihr der Städte sicher wäret –,« sagte der Propst.
»Osterwiek ist mir treu, mit Quedlinburg sind wir im reinen, nur unserem lieben Halberstadt ist nicht recht zu trauen,« erwiderte der Bischof nachdenklich, »indessen gegen den Regensteiner wird es mich nicht im Stich lassen.« Dann fügte er mit einer entlassenden Handbewegung hinzu: »Sendet morgen in der Frühe einen Boten mit einem Schreiben an den Fürsten von Anhalt, ich nähme seine Bedingungen an und betrachte mich von Stund an im Besitz von Wegeleben und Schneitlingen.«
»Es ist wenigstens ein Anfang,« sagte der Propst sich verneigend.
»Ja,« sprach der Bischof, »der Anfang zum Kampf mit dem Grafen, zum Kampf um die Herrschaft im Gau!« –
Als der Bischof seinen vorsichtigen Dompropst mit den verhängnisvollen Worten verabschiedete, dachte er nicht, dass der erste Schlag in diesem Kampfe bereits gefallen war, und nicht von einem bischöflichen Schwerte. Aber noch der heutige Tag sollte ihn darüber aufklären.
Gegen Abend erschreckten den einsam Grübelnden sein Kammerknecht durch die mit verstörter Miene vorgebrachte Meldung: »Hochwürdigster Herr, draußen ist Glefing, der Vogt von Emersleben, und will Euch sprechen; er ist verwundet.«
Der Bischof schnellte empor, als wäre er in die Ferse gestochen. »Was sagst du?« rief er, »Glefing verwundet? bring' ihn her!« Eine heftige Unruhe erfasste ihn, und die kurze Spanne Zeit, bis der Angemeldete erschien, dauerte ihm schon zu lange.
Der Reisige trug den rechten Arm in einer Schlinge und war bleich und matt vom Blutverlust und von der Anstrengung des trotz seiner Verwundung zu Fuß zurückgelegten Weges.
»Glefing! was hat's gegeben?« frug der Bischof, ehe der andere ein Wort sagen konnte. »Waren die Regensteiner in Emersleben?«
»Hochwürdigster Herr, sie sind noch drin,« erwiderte der Vogt.
»Das soll doch nicht etwa heißen, sie hätte das Schloß erstiegen?« schnob ihn der Bischof an.
»Doch, Herr! es ist so,« sagte Glefing. »Mit einem Male waren sie da, die fünf Grafen, Albrecht voran, bei zwanzig Pferde stark und mit ihrem reisigen Fußvolk vom Regenstein, von Derenburg, Schwanbeck und Crottorf und Bock von Schlanstedt mit den bösen Sieben. Das Tor zuschlagen und die Brücke abwerfen war ein; aber ehe wir die Armbrust aufbringen konnten, waren sie schon an der Mauer, und die Crottorfer hatten allerlei Kriegszeug zum Werfen mitgebracht, und damit fingen sie an, uns hart zu berennen. Das erste Mal fehlte es ihnen, und mancher von ihnen sank hin und stand nicht wieder auf; aber der Überdrang war zu groß gegen unser Häuflein. Als sie schon im Tore drin waren, gab es noch eine harte Schlacht, und Graf Albrecht rief mir zu, ich sollte zum Frieden mit mir handeln lassen, sonst würden wir schwerlich mit dem Leben davon kommen. Ich wies ihn ab, und da ging es ans Dreinhauen Mann gegen Mann, und als ich den Hieb auf den Arm kriegte, war's vorbei. Drei von den Unsern lagen tot, und vier waren verwundet; da mussten wir aus gedrungener Not klein beigeben. Sie warfen uns hinaus und haben eine starke Besatzung ins Schloss gelegt. Emersleben ist nun wieder Regensteinsch.«
Den Kopf in die Hand gestützt am Tische sitzend und an der Unterlippe nagend, hatte der Bischof den Bericht seines verwundeten Burgvogtes angehört, ohne ihn zu unterbrechen. »Der Herr der Hölle danke dir für deine Botschaft!« fuhr er dann mit einem Male heraus.
»Ihr habt sie ja noch gar nicht gehört, Herr!« erwiderte Glefing.
»Hast du noch mehr zu krächzen, Unglücksrabe?«
»Noch ein paar Worte vom Grafen Albrecht von Regenstein an Euch,« erwiderte der Vogt. »Ich soll Euch sagen, hochwürdigster Herr, das Schwert ließe den Krummstab grüßen, und was man mit einem Tausch mit einem ehrlichen Kaufbrief nicht kriegen könnte, das nähme man sich so wie Schwanebeck und Emersleben; das wäre weltlich Recht.«
»Scher' dich zum – Bader und lasse dich verbinden!« knirschte der Bischof.
Der Vogt ging ohne Dank und Abschied davon. Der Bischof aber wandelte mit großen Schritten auf und nieder und murmelte Verwünschungen gegen den Grafen Albrecht. Schon etwas gefasster sagte er in seinem zerrissenen Selbstgespräch: »Dahin wie daher! Was wir in Emersleben verloren, müssen wir in Wegeleben wieder aufbauen.«
Spät erst begab er sich zur Ruhe und warf sich noch lange auf dem Lager umher, bis sich der Schlummer seines aufgeregten, mit zahllosen Plänen zermarterten Gehirnes erbarmte und den macht- und ruhmbegierigen Mann dann doch noch mit beängstigenden Träumen quälte.
Fünftes Kapitel.
Leere Drohungen auszustoßen und im Übrigen eine Sache auf sich beruhen zu lassen, war Graf Albrechts Weise nicht. Er hatte der Äbtissin gesagt, dass er sich erst Emersleben wiedernehmen und dann seine Rechnung mit dem Rate der Stadt Quedlinburg wegen des bischöflichen Aftergerichts begleichen würde. Das eine war vollbracht, jetzt sollte auch das andere geschehen. Er wählte dazu den Tag, an dem ihn Fürst Bernhard von Anhalt-Ballenstedt mit Burg und Gericht Gersdorf belehnte.
Nachdem die lehensrechtliche Handlung mit der hergebrachten Feierlichkeit an Ort und Stelle stattgefunden und Albrecht seinen zweitjüngsten Bruder Günther als Burgvogt daselbst eingesetzt hatte, ritt er mit seinem jüngsten Bruder Siegfried und einem kleinen Gefolge reisiger Knechte geradeswegs nach Quedlinburg. Dicht vor der Stadt kamen sie an den städtischen Vorwerken Tackenburg und Stumsburg und an dem hohen Baume unweit der vor dem Steinbrückentor belegenen Sankt Spirituskapelle vorüber. Der hohe Baum, eine mächtige Linde, war eine alte Dingstätte, an welcher über Fürsten und Grafen Gericht gehalten wurde, wo unter anderem auch im dreizehnten Jahrhundert die Teilung der Braunschweigischen Länder zwischen den Herzögen Albert und Johann, den Stammvätern der beiden nachmaligen Linien Braunschweig-Lüneburg und Braunschweig-Wolfenbüttel, vollzogen und förmlich ausgesprochen war.
An dieser Stelle vor dem hohen Baume wollte Albrechts Pferd nicht vorbei. Er zwang es mit fester Hand und sagte zu Siegfried: »Seltsam! Brun scheut vor dem Blutgeruch, als witterte er etwas von den harten Sprüchen, mit denen hier schon über manchen tapferen Mann der Stab gebrochen ist. Gott verhüte, dass jemals ein Regensteiner als Verklagter unter dieser Linde stehen muss!«
»Das verhüte Gott!« wiederholte Siegfried, »Albrecht, wie kommst du nur darauf?«
»Ich weiß es nicht,« sprach Albrecht, »aber die Tiere merken oft Dinge, von denen ein Mensch nichts ahnt, und ich achte gern auf die kleinen, stummen Winke von Roß und Hund, unseren guten Gesellen, die mich noch selten betrogen haben.«
Sie ritten durch das tiefgewölbte Tor in die Stadt hinein, und die Bürger wunderten sich über den unverhofften Besuch. Die Männer warfen dem Grafen Albrecht finstere Blicke zu, obwohl sie es an einem dienstlichen Gruße nicht fehlen ließen; die Frauen und Mädchen aber hatten ihre Freude an den beiden ritterlichen Gestalten, besonders Siegfrieds blühende Jugendkraft fand viel Gunst und Gnade in den Augen der Schönen. Dieser ritt nur durch die Stadt hindurch nach der Gunteckenburg, wo er auf den älteren Bruder warten wollte.
Aus dem Markte vor dem Rathause stieg Graf Albrecht ab, übergab sein Roß einem Knechte und schritt die breite Steintreppe hinan und durch die Tür, über welcher an der Außenseite des stattlichen Gebäudes ein großer gemeißelter und bemalter Reichsadler prangte.
Er hatte in Erfahrung gebracht, dass heute Nachmittag eine Ratssitzung stattfinden würde, und war darum gerade heute gekommen. Den Ratsdiener, der seine Ankunft dem versammelten Rate melden wollte, schob er mit kräftigem Arm beiseite und betrat dröhnenden Schrittes den Sitzungssaal, wo sein plötzliches Erscheinen keine geringe Überraschung und keine große Freude hervorrief.
»Verzeihet, Wohledle und Wohlweise, dass ich eure gewiss sehr wichtige Beratung so jählings unterbreche; aber ich habe in Frieden und Freundschaft ein paar ernste Worte mit euch zu reden,« begann er zu den sich schnell erhebenden Ratsherren. Den Stuhl nicht benutzend, den ihm der Stadtschreiber herbeitrug, blieb er mitten vor der Versammlung stehen und fuhr, ohne eine höfliche Aufforderung dazu abzuwarten, in einem entschiedenen Tone fort: »Ihr wisst, Bürgermeister und Rat, wie ich über das vom hochwürdigsten Bischof von Halberstadt hier in der Stadt eingesetzte geistliche Gericht denke, und wer von euch es etwa noch nicht weiß, dem sage ich hiermit, dass ich diesen Eingriff in mein Recht als Schirmvogt und Gerichtsherr des Stiftes auch nicht einen Tag mehr zu dulden gewillt bin. Ist einem Bürger eurer Stadt von einem an meinen Malstätten gehegten Gerichte unrecht geschehen, das Recht verweigert, ein scheltbares Urteil gefunden, ein zu harter Spruch gefällt? Das frage ich euch!«
»Hochachtbarer Herr Graf,« sprach nun der erste Bürgermeister, »nicht wir haben das geistliche Gericht eingesetzt, sondern, wie Ihr selber sagt, der hochwürdigste Bischof von Halberstadt hat es getan.«
»Aber Ihr habt es geduldet!« erwiderte der Graf heftig und schlug mit der behandschuhten Eisenfaust klirrend und krachend auf die hölzerne Schranke vor dem Sitzungstische.
»Nur über geistliche, nicht über weltliche Dinge hat der Bischof hier einen Richter bestellt, Herr Graf,« erwiderte der Bürgermeister.
»Was geistlich und weltlich!« rief der Graf. »Wer das Gericht anruft, Pfaff oder Laie, der hat Recht zu nehmen von einem echten und gerechten Ding. Jeder arme Sünder mag in seiner heimlichen Gewissensnot zum Beichtmönch schleichen, und Pfaffengezänk mögen sie vor den Bischof bringen, aber in des Kaisers Namen Recht sprechen, das tu' ich oder die von mir bestellten Richter. Gebt Ihr das zu? oder wagt Ihr es zu leugnen?«
»Wir müssen es zugeben,« sagte de Bürgermeister nach einem raschen Blick über die Versammlung, die mit einem leisen Gemurmel zustimmte.
»Nun dann wißt Ihr auch, was Ihr zu tun habt,« sprach der Graf. »Ich belege Euch mit einer Buße von dreihundert Mark Stendalisch Silber für jeden, noch so gelinden Spruch, der von heute an hier aus einem anderen Munde als dem des von mir bestellten Stadtschultheißen fällt. Ihr selber und jeder Bürger Eurer Stadt haftet mir dafür mit Leib und Leben! Nun habt Ihr mich wohl verstanden, und jetzt, Herr Bürgermeister, ersuche ich Euch, mir mit zwei Ratmannen nach dem Franziskaner-Kloster zu folgen, damit wir dort an der Stätte seines Frevels dem Afterrichter des hochwürdigsten Herrn Bischofs die Pfuscharbeit ernstlich verbieten.«
Was sollten sie machen? Der Graf sah nicht danach aus, als wenn er sich lange aufs Bitten legen wollte, und sie wussten, wie schwer seine Hand war, wenn sie im Zorne auf der Stadt ruhte. Sie wagten es nicht, ihn noch mit einem Worte zu reizen. Die Sitzung wurde aufgehoben, und der Bürgermeister musste sich dazu bequemen, den Grafen mit zwei Ratsherren zu den Franziskanern zu begleiten.
Dort musste zwei Mönche sofort den Rektor von Sankt Ägidien herbeiholen. Der Graf befahl ihm mit kurzen und derben Worten, seinem Richteramt zu entsagen und auf die Heiligen zu schwören, dass er keine Klage, weß Gegenstandes sie auch sei, mehr annehmen wolle. Dessen weigerte sich der Pfarrer, worauf ihm der Graf drohte, ihn stehenden Fußes aus der Stadt führen und auf dem Regenstein in den Turm werfen zu lassen. Da leistete der Rektor den Eid in Gegenwart der Herren vom Rat, des Guardians und einiger Barfüßermönche.
Darauf ritt der Graf mit den Seinigen von dannen, und als er aus dem Tore war, atmeten Rat und Bürgerschaft auf, als wenn ein Wolkenbruch Tod und Verderben drohend über ihrer Stadt geschwebt hätte und noch einmal glücklich vorübergezogen wäre. Einen Zuwachs an Anhänglichkeit und Liebe der Quedlinburger nahm Graf Albrecht nicht mit, aber das geistliche Gericht des Bischofs war beseitigt, und er hoffte nun eine Weile in Ruh und Frieden zu leben.
Aber länger als eine Woche sollte das beschauliche Stilleben auf dem Regenstein nicht dauern. Dafür sorgte der Ritter Bock von Schlanstedt.
Dieser Würdige, der den Panzer nicht auszog und sich nur in den Steigbügeln wohl und glücklich fühlte, brannte darauf, die neu erworbene Burg Gersdorf in näheren Augenschein zu nehmen, war daher eines Tages mit seinen sechs reisigen Knechten dahin aufgebrochen und hatte in Abwesenheit des Grafen Günther eine Nacht auf der Burg zugebracht.
Am andern Morgen wollten die sieben nach dem Regenstein zurück und machten sich auf den Weg dahin, der über Quedlinburg führte. Bock ritt langsam voran, und die Knechte folgten ihm in kurzer Entfernung. Zwei der letzteren hatten auf Befehl des Grafen den tags vorher beendeten Feierlichkeiten in Halberstadt beigewohnt, um auszukundschaften, wer von den benachbarten Grafen und Herren an der Inthronisation des Bischofs teilgenommen hatte und wer nicht.
Diese beiden erzählten nun ihren Gesellen von den dort geschauten Herrlichkeiten bei der Prozession durch die geschmückte Stadt, der feierlichen Weihe im Dom und den Lustbarkeiten im bischöflichen Palast und auf dem stolzen Rathause.
»Heilige Maria, Mutter und Magd!« rief Nothnagel, »war das eine Pracht an Kleidung und Armatur, an Reitzeug, Kleinoden und Fähnlein von all den Herren geistlichen und weltlichen Standes!«
»Und Pfaffenfleisch war auch genug da,« sagte Hasenbart; »ich glaube, aus zehn Meilen in der Runde waren die Bauchvettern zusammengeströmt.«
»Die könnens!« sprach ein anderer, »sind ja mit Pfründen und Gütern behängt wir der Weinstock mit Trauben.«
»Ich meine, von den weltlichen Herren ist mancher ausgeblieben, der doch geladen war?« frug einer.
»Keiner von unseren Herrn war da,« erwiderte Nothnagel, »und der Mansfelder, der Hohnsteiner und der Stolberger waren auch nicht gekommen.«
»Und auch nicht unsere gnädige Frau von Quedlinburg,« fiel Hasenbart ein. »Ich habe mir die Augen nach ihr ausgeguckt, aber sie war nicht da; Gott weiß den Grund.«
»Weil sie mit der Wahl des Herzog Albrecht nicht einverstanden ist,« sagte einer der Knechte.
»Es hat sich ja auch lange genug damit gestoßen, bis sie ihn im Kapitel durchgebracht haben,« sprach Nothnagel. »In Halberstadt munkelten sie, der Papst wäre gegen ihn.«
»Beim Kaiser soll er auch nicht viel Platz haben,« bemerkte ein anderer.
»Nun, wir haben uns nicht daran gestoßen,« lachte Hasenbart. »Wir zechten und waren fröhlich.«
»Habt wohl brav bankettiert?«
»Ja, Bruder, das haben wir! hatten ja Geld auf den Tisch zu schütten, das uns der Graf gegeben hatte, weil wir Regenstein'sche Farbe am Rock führten. Wir sollten uns zeigen, wenn das Becherlein umging. Und das haben wir getan, Bruder! haben gute Kumpanei gehalten mit des Rates Gepanzerten und anderen biderben Leuten, die mit ihren Herren eingeritten waren. Die Bischöflichen aber ärgerten sich, denn mit denen haben wir uns nicht gemein gemacht.«
So erzählten die beiden ihren zuhörenden Gesellen und gaben ihnen auf alle Fragen gern Auskunft und frohen Bescheid. Als aber die bösen Sieben an Quedlinburg herankam, ritt Bock einen östlich der Stadt belegenen Hügel hinauf, den man fast einen Berg nennen konnte, und machte dort Halt.
Es war ein die ganze Umgebung beherrschender Punkt mit einer weit reichenden Aussicht. Zu den Füßen der Rastenden lag die vieltürmige Stadt, im Hintergrunde derselben das ragende Schloss der Äbtissin und ihm gegenüber das Marienkloster auf der steilen Höhe des Münzenberges. Auch das Wipertikloster und die Gunteckenburg konnten sie sehen, und in der Ferne schloss der hohe Kamm des Gebirges das Bild gleich einem Rahmen ein.
Die Stelle, ein großes umwalltes Hünengrab, das sich kuppelartig auf dem Rücken des Hügels erhob, wurde die Bockshornschanze genannt.
Der Ritter hielt an, um zu kundschaften, wie nahe er sich wohl an der Stadt vorbeiwagen dürfe, ohne von schweifenden Knechten des Rates aufgehoben zu werden, und auch, ob sich nicht etwa einige schlecht bewachte Stück Vieh oder gar ein paar unvorsichtige Bürger blicken ließen, mit deren Einbringung der allezeit Raublustige seinem Herrn auch ohne dessen Auftrag eine Freude machen könnte.
Nichts dergleichen war zu sehen, aber die Reiter hatten nichts zu versäumen; sie saßen ab und lagerten sich. Vielleicht war ihnen das Glück doch noch hold mit Zuführung irgendeiner Beute.
Die böse Sieben führte ihren Namen schon in Betracht ihres Äußerlichen nicht mit Unrecht. Verwegene, zerhauene und zernarbte Gesichter mit struppigen Haaren und zottigen Bärten, geflickte Kettenpanzer und schäbige Wämser auf den vierschrötigen Gliedern und dabei Gäule, wie aus den Geschwadern des wilden Heeres gestohlen, machten zusammen den schauerlichen Eindruck eines Gesindleins, mit dem kein ehrlicher Christenmensch schon im Guten, geschweige denn im Unguten etwas zu schaffen haben mochte. Auch ihre Waffen sahen nicht aus wie Kinderspielzeug. Handfeste Spieße und ungeschlachte Schwerter waren die Hauptstücke; aber diesem hing noch eine leichte Armbrust, jenem ein schwerer Faustkolben am Sattel, und ihre Kesselhauben zeigten manche Beule.
Nach einer guten Stunde fruchtlosen Wartens auf der freiliegenden Höhe rief plötzlich Feuerlein, einer der Knechte, der als Wache ausgestellt war: »Herr Ritter, da kommt was!« und zeigte auf den Weg nach Ballenstedt.
Wie der Wind waren die anderen alle auf den Beinen und spähten nun eifrig und erregt nach der angedeuteten Richtung, wo halbwegs zwischen dem Hackelteiche und der Bockshornschanze sich ein kleiner Trupp Reisender bewegte.
»Ich zähle sechs Pferde,« sagte Feuerlein.
»Ich auch,« sprach ein anderer.
»Ich sehe nur vier Reiter,« behauptete Hasenbart.
»Hast recht, zwei Gäule sind bepackt,« versetzte Gutdünkel.
»Das sind doch Frauenzimmer, die beiden vordersten?« sprach Bock.
»Ja, ja, das sind Frauenzimmer,« lachte Springwolf.
»Aber hinten reiten zwei Männer,« sagte Nothnagel.
»Die vordersten sind auch Männer,« sprach Hasenbart.
»Nein, nein! Frauenzimmer! die hinten sind Männer. Sie tragen Stahlhauben. Und die Frauenzimmer haben Mäntel an.« So riefen sie alle zugleich durcheinander, während sie schon mit hastigen Fingern an Schnallen und Riemenzeug ihrer Wehr und Panzerkleidung herumtasteten, ob alles fest in Ordnung sei zum raschen Überfall.
»Zwei Frauen mit zwei Packpferden, von zwei Reisigen geleitet, – da muss doch was dahinter stecken!« meinte Feuerlein.
»Jetzt zeigt einer mit der Hand gerade hierher.«
»Sie haben uns gesehen.«
»Hurtig! macht, dass ihr auf die Gäule kommt!« befahl Bock. »Wir müssen sie fangen. Hasenbart und Gutdünkel rechts herum, Feuerlein und Springwolf links! Nothnagel mit mir! Rupfer, du bleibst hier und gibst acht, ob ihnen nicht etwa ein Geleit aus der Stadt entgegenzieht. Vorwärts! springt zu, meine Wölfe!«
Schnell waren sie im Sattel, und die vier sausten staubwirbelnd dahin, nach rechts und links einen Haken schlagend, um den Reisenden von zwei Seiten in die Flanken zu fallen, indes Bock mit Nothnagel gerade auf sie lostrabte.
Die Nahenden merkten sehr bald, dass sie von Wegelagerern umzingelt wurden, und den Frauen ward bang zumute. Aber an Flucht war nicht zu denken, und da Bock sah, dass sie keinen Versuch dazu machten, erhob er die Hand, und die vier ausgeschwärmten Knechte hielten sich, getrennt voneinander, zu beiden Seiten in kurzer Entfernung von jenen, ohne sie anzugreifen. Bock ritt den Fremden nun gemächlich im Schritt entgegen.
»Eilika, was fangen wir an?« sprach die eine der Reiterinnen in zitternder Angst. »Sag' ich meinen Namen und dass ich zur Äbtissin aufs Schloss will, oder sag' ich's nicht?«
»Sagt es nicht, gnädiges Fräulein!« riet dringend einer der Reisigen.
»Gnädiges Fräulein, mir kommt ein Gedanke!« sprach schnell die mit dem Namen Eilika angeredete Begleiterin. »In unseren Reisekappen sind wir nicht zu unterscheiden. Lasst uns tauschen; ich will die Herrin spielen, macht Ihr die Zofe. Vielleicht bring' ich uns durch.«
»Alles, was du willst, Eilika!« sagte die erste wieder mit bebender Stimme. »O Gott, sei uns gnädig!«
»Dann die Schleier vor!« flüsterte die Zofe.
Einen halben Pfeilschuss vor den Fremden blieb Bock halten; ebenso Nothnagel etwas hinter ihm. Gutdünkel rechts und Feuerlein links hatte die Armbrust aufgezogen mit dem Pfeil auf dem Stege. Die anderen beiden hielten den Speer auf dem Schenkel, und alle sechs fassten die Umstellten so scharf ins Auge wie Raubtiere das beschlichene Wild.
Die Reisenden näherten sich im unveränderten, ruhigen Schritt ihrer Pferde, als machte ihnen ihre Lage durchaus keine Sorge.
»Nur Mut!« sagte die Zofe leise halb zur Herrin, halb zu sich selber. »Hier hilft nur die größte Keckheit oder gar nichts. Ich brauche mein Mundwerk!«
»Halt!« gebot Bock im nächsten Augenblick mitten auf dem Wege.
Die Reiterinnen hielten dicht vor ihm, die Gesichter verschleiert.
»Ich bedaure, holde Unbekannte,« sagte Bock in einem geziert spöttischen Tone, »dass ich euch Ungelegenheiten verursachen und euch zu einem kleinen Umwege bereden muss. Wir bleiben nun zusammen; wollt euch unsere Gesellschaft gütigst gefallen lassen.«
»Ei Herr Ritter, Ihr wollt uns gutes Geleit nach Quedlinburg geben?« sprach Eilika mit einem wahrhaft herausfordernden Übermut, der außerordentlich echt und natürlich klang. »Ist vielleicht die Straße nicht sicher vor schweifendem Raubgesindel?«
Dass dich der Bock stößt! dachte der so kühn Gehänselte, die hat's hinter den Ohren! und laut sagte er: »Jawohl, mein gnädiges Fräulein! ich nehme euch unter meinen Schutz und bringe auch in ein sicheres Losier. Kommt nur! hier rechts herum geht der Weg.«
»Wie meint Ihr das. Herr Ritter?« frug Eilika wieder. »Ich denke, wir sind nahe am Ziel.«
»Das will ich euch sagen, wenn wir am Ziele sind, Fräulein,« erwiderte Bock.
»So sind wir Eure Gefangene, Herr? Ach, Herr Ritter, wehrlose Frauen!«
»Ich will's Euch nicht verschweigen, und es tut mir aufrichtig leid, mein gnädiges Fräulein!« entgegnete Bock mit einem verbindlich sein sollenden Lächeln und einer steifen Verbeugung im Sattel. Seinen Knechten, die er herangewinkt hatte, befahl er auf die zwei fremden Reisigen deutend: »Nehmt den beiden Wehr und Waffen ab!«
Das war bald geschehen, und nun schwenkte der Zug, von Bocks Knechten umringt, nach rechts ab. Er selber ritt vorn neben den Frauen, die bitter enttäuscht und wehmütig nach dem winkenden Schlosse dort oben schauten, ihrem eigentlichen Reiseziel, von dem sie sich nun immer weiter entfernten.
»Herr Ritter,« fing Eilika wieder an, »ich sehe, dass wir in Eurer Gewalt sind, aber ich hoffe, Ihr werdet mir eine Bitte nicht versagen.«
»Gewiss nicht, Fräulein,« erwiderte Bock, »wenn Ihr nur nicht verlangt, Euch von mir zu trennen.«
»Ich habe in Quedlinburg einen Oheim, der mich mit Sehnsucht heut erwartet,« sprach Eilika nun. »Er würde in große Unruhe geraten, wenn ich nicht käme. Erlaubt wenigstens, dass meine Zofe hier in die Stadt hineinreitet und dem lieben Oheim von meinem Verbleiben Kunde gibt.«
»In Quedlinburg einen Oheim, so, so!« sagte Bock, »und zu dem wollt Ihr Euer schmuckes Ehrenwadel da schicken. Nein, mein gnädiges Fräulein, die Bitte muss ich Euch abschlagen. Ihr scheint mir eine verwöhnte Dame, die gewiss einer sorglichen Bedienung nicht entraten kann, und auf der Burg meines Herrn laufen die Zöfchen und Ehrenwadel nicht so herum, dass wir Euch eins abtreten könnten.«
Die junge Herrin seufzte und zitterte unter ihrem Schleier.
»Es ist nicht fein, Herr Ritter, dass Ihr mir das versagt,« bemerkte Eilika spitz.
Bock zog die eckigen Schultern hoch und schwieg.
Er führte die Gefangenen, nachdem sie die wilde Bode an einer seichten Stelle durchritten hatten, in weitem Bogen um die große Kleerswiese vor dem Gröper-Tore, die sieben Hufen genannt, herum und dann über eine Brücke bei der Brunlakenmühle, die der Äbtissin gehörte, und wo der Regenstein'sche Ritter allzugut bekannt war, als dass man hier einen Versuch zur Befreiung der Gefangenen gewagt hätte, die sich auf dem Gehöft vergeblich nach Rettung umsahen.
Der Müller stand in der Tür seiner klappernden Mühle, und Bock grüßte ihn: »Guten Tag, Meister Krage! hätt' ich Zeit, würd' ich Euch um ein Säcklein Mehl ansprechen, aber ich habe keine Zeit.«
»Ich bin auch so zufrieden, Herr Ritter!« antwortete der Müller, und Bock lachte.
Nun ritten sie unter dem Galgenberge hin, und Bock sagte: »Seht nicht hinauf, Fräulein! Da oben zappelt allerlei hässliches Zeug in der Luft; es ist mir nur Euretwegen lieb, dass wir vor dem Winde reiten.«
Den Jungfrauen grauste, und sie wandten sich ab. Nachdem sie, immer noch im Bogen um das Weichbild der Stadt herum, einige Hügel überschritten hatten, gelangten sie bald in flaches Feld, wo sich nach einiger Zeit der auf der Bockshornschanze zurückgebliebene Rupfer zu ihnen gesellte. Der Weg ging nun schnurgerade an einer zur Linken ausgestreckten Hügelkette entlang auf Haus und Dorf Westerhausen zu; zur Rechten war das offene Feld mit ein paar vereinzelt und entfernt liegenden Mühlen am Bache.
Die beiden Frauen sprachen leise miteinander; endlich frug Eilika: »Wie nennt Ihr Euch, Herr?«
»Ritter Bock von Schlanstedt,« erwiderte der Gefragte selbstbewusst und sich in den Bügeln hebend. »Habt Ihr den Namen nicht schon gehört?«
»Gott sei gedankt, noch nicht, Herr Ritter Bock von Schlanstedt!« erwiderte Eilika launig. »Und wie heißt Euer Herr?«
»Graf Albrecht von Regenstein!« sprach Bock noch stolzer.
Die vermeintliche Zofe machte eine rasche Bewegung, die ebensogut als Ausdruck der Freude wie des Schreckens gelten konnte. Den Namen und seinen Träger kannte sie. Sie schlug den Schleier zurück und blickte dem Ritter frei ins Gesicht.
»Dass dich der – hm! hm!« machte Bock. »Euer Ehrenwadel, gnädiges Fräulein, kann sich sehen lassen. Wollt Ihr mir nicht auch Euer holdseliges Antlitz enthüllen?«
»Hier ist es!« lachte Eilika und tat wie ihre Herrin.
»Auch nicht übel!« sagte Bock, »oder – oder eigentlich noch schöner, gnädigstes Fräulein! wollt' ich sagen. Nun möcht' ich aber noch gerne Euren hochgeborenen Namen wissen.«
»Den werden wir Eurem Herren sagen!« antwortete das angebliche Ehrenwadel mit einer Festigkeit, die den Ritter in ein jähes Staunen versetzte, so dass er sich für lange Zeit einem nachdenklichen Schweigen ergab.
Plötzlich aber hielt er an und sagte zu den beiden mitgefangenen Reisigen: »Sitzt ab und schert auch zum Kuckuck! Euch wollen wir nicht füttern, denn auch löst niemand aus, aber eure Gäule behalten wir.«
»Wir bleiben, wo unsere Herrin bleibt,« sprach einer der beiden.
»Habt keine Widerworte und seid froh, wenn wir auch das Leben lassen; eure Kettenhemden wären eigentlich auch noch des Mitnehmens wert. Aber lauft hin!« entgegnete Bock. »Flink! abgesessen!«
Die Reisigen mussten gehorchen, und Bocks Knechte nahmen die ledigen Rosse samt den zwei Packpferden an die Zügel, während die aus dem Sattel Gedrängten sich zu Fuß auf den Rückweg machten.
»Ihr könnt meinetwegen den lieben Oheim in Quedlinburg von mir grüßen,« höhnte Bock den Missmutigen nach.
Die anderen alle ritten fürbaß. Nicht weit mehr vom Regenstein begegnete ihnen ein fahrender Mann, der am Wege stehen bleibend sich den Zug betrachtete. Er musste wohl die entführten Frauen kennen, denn er rief: »Viel Glück zu dem Fang, Ritter Bock von Schlanstedt! Dass dich ein Donnerstreich erschlage, wird das ein Lösegeld geben!«
»Der Satan vergelt' dir's, alter Höllensack, auf den sich alle Raben freuen!« erwiderte Bock vergnügt im Weiterreiten; »die Quedlinburger haben's ja dazu!«
Am Nachmittage ritt die böse Sieben mit ihren Gefangenen über die Zugbrücke und durch das Fallgatter am Tore der Burg Regenstein.
Sechstes Kapitel.
An demselben Tage waren die sechs Brüder Grafen von Regenstein alle beieinander versammelt. Ulrich, der dritte in der Reihe und Domherr zu Hildesheim, war bei Bernhard, dem einzigen Verheirateten, auf der Heimburg abgestiegen; Poppo, der in dem für unüberwindlich geltenden Crottorf befehligte, hatte sich mit Günther auf dem Regenstein einquartiert, wo auch der Jüngst, Siegfried, noch sein heimatliches Obdach hatte.
Wohl hatten sie über die kürzlich im Harzgau vorgefallenen Ereignisse schon gesprochen, aber das war es nicht, was die getrennt hausenden Brüder heute vereinigte. Das Friedvollste, was es auf Erden gibt, eine Totenfeier, führte sie zusammen. Sie wollten den Todestag ihres Vaters, des Grafen Ulrich, der ihnen allen ein Vorbild ritterlicher Tugend und Tapferkeit gewesen war, zu seinem ehrenden Gedächtnis festlich begehen, wie sie es alljährlich auch zum Andenken der früher verstorbenen Mutter zu tun pflegten.
Ziemlich in der Mitte zwischen der gewaltigen, steil aufragenden Felsmasse des Regensteins und dem die Heimburg tragenden Bergkegel, aber seitwärts als dritter Punkt eines fast gleichseitigen Dreiecks lag in einem stillen, lieblichen Waldtal lauschig und versteckt Kloster Michaelstein. Es war von der Äbtissin Beatrix von Quedlinburg vor zweihundert Jahren gegründet, und vor etwa sechzig Jahren war ein Graf Ulrich von Regenstein Abt des Klosters gewesen, in dessen gottgeweihtem Frieden schon ganze Geschlechter dieses edlen Grafenhauses im ewigen Schlafe ruhten.
Dort in dem steingrauen Kirchlein hatte der würdige Abt heut eine feierliche Seelenmesse für den seligen Grafen gelesen, und nun knieten die sechs Brüder mit Reginhild, Bernhards Gemahlin und Tochter des Grafen Burchard von Mansfeld, im Kreuzgang vor den Grabsteinen ihrer Eltern. Hinter ihren Herren, in gebührlichem Abstand, lagen die vertrautesten ihrer Dienstmannen auf den Knien, und weit zurück stand der greise Abt vor der Schar seiner Mönche, mit gefalteten Händen der stillen Andacht der kleinen ritterlichen Gemeinde regungslos zuschauend.
Die beiden Grabsteine des gräflichen Elternpaares standen über der Gruft aufrecht an der Mauer nebeneinander, mit dem ihres jungen Sohnes Otto die letzten in der Reihe von zahlreichen ähnlichen ihrer Ahnen. Jeder zeigte das in Stein gehauene Lebensgroße Bild des Abgeschiedenen, eingefasst von einer am Rande hinlaufenden Inschrift.
Graf Ulrich war in voller Rüstung mit Wehr und Waffen dargestellt, im rechten Arme den hohen Stechhelm mit Kleinod und Helmdecke, zur Linken den kleinen dreieckigen Schild mit der vierendigen Hirschstange, und ebenso wie seine Gemahlin auf einem Hunde stehend. Gräfin Bia, eine geborene Gräfin von Kefernburg, war in ein lang herabfließendes Gewand und einen weiten, faltigen Mantel gehüllt, trug um Haupt und Kinn das Gebände geschlungen und hielt in den auf der Brust zusammengelegten, mit den Fingern nach oben gekehrten Händen einen Rosenkranz.
Der stille Klostergarten, mit Kreuzen bepflanzte Friedhof der Mönche, lag halb noch im Schatten, halb schon in der Morgensonne, die mit ihrem goldenen Lichte die Säulen und Säulchen der Hälfte des Kreuzganges beschien, schräge und rundbogige Schatten auf seinen Steinboden werfend. Aus dem Garten duftete der Frühling in die kühle Wölbung hinein, die Sträucher hatten junge Blätter, und zwischen den Gräbern blühten die Veilchen. Tiefes Schweigen herrschte; man hörte nichts als dann und wann das leise Klirren einer Schwertfessel oder eiserner Sporen eines der Betenden.
Endlich machte Graf Albrecht eine Bewegung. Er bot der neben ihm knieenden Reginhild die Hand, und sich darauf stützend erhob sich die Gräfin von dem ausgebreiteten Teppich, welchem Beispiel alle übrigen folgten. Die Mönche stimmten einen Gesang an und geleiteten mit dessen sanften Klängen die den Kreuzgang langsam hinabschreitenden Herren und Mannen mit vor die Pforte des Klosters. Dort wurden die von Knechten gehaltenen Rosse bestiegen, und der Reiterzug begab sich auf den Regenstein, wo die Familie den Feiertag mit einem gemeinschaftlichen Mahle würdig beschließen wollte.
Als mittags die sieben den gastlichen Tisch des Ältesten von ihnen umringten, erhob sich dieser und weihte dem Andenken des geliebten Vaters einen Minnetrunk in Sankt Johannis Segen. Dann sprachen sie von dem Geschiedenen und wurden seines Ruhmes nicht müde, wie sie sich einzelne Züge seines tatenreichen Lebens erzählten und sich von ihm gesprochener Worte erinnerten. Dabei gelobten sie sich laut und leise, in seinen Fußstapfen zu wandeln, die von ihm hinterlassene Macht zu verteidigen und zu halten und in Lust und Leid zusammen zu stehen bis in den Tod.
Die kleine Tafelrunde in dem gepflasterten Saale, dessen Wände Hirschgeweihe und andere Jagdstücke, Waffengehänge und Rüstungen verstorbener Ahnherren schmückten, bot ein herzerfreuendes Bild. Da saßen um eine einzige, vornehme und liebliche Frau sechs hochgewachsene, heldenkühne Männer, denen ein wagelustiger Sinn auf der Stirn geschrieben stand und aus deren Blicken eine selbstbewusste, trotzige Kraft sprach. Bernhard, der Zweitälteste, stand dem Erstgeborenen in der Regierung der Grafschaft treu zur Seite, und seine zügelnde Gemessenheit, sein stets bedachtsamer Rat war dem ungestümen Tatendrang des Ältesten gegenüber von großem Wert. Auch der Dritte, Ulrich, der nicht aus freier Wahl in den geistlichen Stand getreten, sondern nur der frommen Meinung der Mutter, von sieben Söhnen wenigstens einen dem Dienste der Kirche widmen zu sollen, gefolgt war, konnte in dem Gewande des Domherrn doch nicht das Blut des Ritters verleugnen, wie er denn auch den von Jugend auf gewöhnten und geliebten ritterlichen Übungen nicht ganz zu entsagen vermochte. Die drei Jüngsten, Poppo, Günther und Siegfried, waren junge Reckengestalten, denen die Kämpfe, die sie schon gesehen oder selber mitgeführt, eine früh ausgeprägte Selbständigkeit und Reife verliehen hatten. Nur Siegfried war mit seinen zwanzig Jahren fast noch ein Jüngling, blühend schön, stark und feurig, der Liebling aller, die ihn kannten, insonderheit der Frauen. Ein warmer, sonniger Glanz lag auf seiner ganzen Erscheinung; wen er nur anblickte, und zu wem er sprach, der fühlte unwillkürlich, dass in dieser jungen Brust ein tapferes, stürmisches, kühn hoffendes Herz schlug.
Nach beendetem Mahle griffen Poppo und Günther zum Schachbrett, während sich Reginhild und Siegfried zu einem heiteren Geplauder in die tiefe Fensternische zurückzogen und die drei ältesten Brüder noch bei einem Nachtrunk am Tische sitzen blieben und über ernste Dinge sprachen.
Ulrich berichtete, dass ihm kürzlich bei einem Besuch in Halberstadt von einem befreundeten Domherrn eine Warnung vor der Rachsucht des Bischofs zugegangen sei, der zum Dompropste bedrohliche Äußerungen getan und weitgehende Pläne zur Bekämpfung der Regenstein'schen Macht verraten habe.
»Das glaub' ich wohl,« sprach Albrecht. »Der Handel mit Emersleben liegt ihm im Magen. Hast du etwas Näheres darüber erfahren?«
»Nein,« erwiderte Ulrich, »mehr war aus meinem Freunde nicht herauszubekommen. Mir wollte es scheinen, als wenn zwischen dem Bischof und der Stadt Quedlinburg irgend etwas im Gange wäre.«
»Wundern sollte es mich nicht, wenn sich die zwei gegen uns verbündeten,« sagte Albrecht. »Der Bischof sucht überall seine Macht zu stärken, nur um sie gegen uns zu brauchen.«
»Sollte man nicht vielleicht durch eine scharfe Frage von den beiden Quedlinburgern etwa herausbekommen, die du in den Felsenkammern liegen hast?« meinte Bernhard.
»Ich habe sie diesen Morgen freigelassen, dem heutigen Tage zu Ehren,« entgegnete Albrecht. »Die hätten auch nichts gewusst.«
»Was willst du aber tun angesichts der starken Befestigungen, die der Bischof in Wegeleben aufführen lässt?« frug Bernhard.
Graf Albrecht schwieg.
»Wollt Ihr nicht Harsleben und Ditfurt befestigen, um Wegeleben in die Mitte zu nehmen und unschädlich zu machen?« frug auch der Domherr.
»Nein,« sprach Albrecht, »ich weiß Besseres.« Die Brüder blickten ihn erwartungsvoll an, und er fuhr fort: »Wir müssen die Lauenburg haben!«
»Die Lauenburg!« wiederholte Bernhard erstaunt, »Albrecht! wir haben kaum Burg Gersdorf an uns gebracht! Und die schon gönnen sie uns nicht!«
»Lass doch die Neidlinge sich boßen!« lachte der Ältere. »Geschenkt kriegen wir nichts; wir müssen zugreifen, wenn wir etwas haben wollen.«
»Und – die Äbtissin?« frug Ulrich.
»Sie hat mir versprochen, die Lauenburg nicht hinter meinem Rücken zu vergeben.«
»Und wenn sie nicht Wort hält?« wandte Bernhard ein.
»Jutta hält Wort,« sagte Graf Albrecht sehr bestimmt.
»Er muss es ja wissen, Bernhard, wie er mit seiner schönen Freundin steht,« lächelte der Domherr. »Ich sehe Jutta doch noch als gebietende Herrin auf dem Regenstein.«
»Dränge mich nicht, Ulrich! Ich tauge schlecht zum Werben und Freien,« sprach Albrecht. »Lasst mich unsere Grenzen noch tüchtig ausrecken im Lande und für den Besitz sorgen, für unseres Stammes Blüte sorgt Bernhard schon, und da sind noch drei, die unseren Namen längern werden,« fuhr er fort, auf die drei jüngeren Brüder deutend.
Die Grafen Ulrich und Bernhard blickten sich lächelnd an, schwiegen aber, und Albrecht entwickelte ihnen nun die Bedeutung der Lauenburg und die Notwendigkeit, sie als Lehen zu besitzen.
Einen von dem dieses Gespräches sehr verschiedenen Inhalt hatte die Unterhaltung Reginhilds mit Siegfried in der Fensternische.
Die junge Frau bog ihr blühendes Antlitz mit einem schalkhaften Lächeln zu ihrem noch jüngeren Schwager hinüber und lauschte aufmerkend, als wenn sie sie zum ersten Male hörte, seiner begeisterten Schilderung eines Turniers in Ballenstedt, bei dem er vom Fürsten Bernhard zum Ritter geschlagen war, an dem aber Reginhild nicht teilgenommen hatte, weil sie damals Wichtigeres zu tun hatte, nämlich ihrem Gatten das zweite Söhnchen zu schenken.
Seine Erzählung spitzte sich auf einen Glanzpunkt, auf den Augenblick zu, wo ihm eine zarte, jungfräuliche Hand einen Turnierdank gereicht hatte. Es war ein grüner Kranz von Eichenlaub und Efeu gewesen, von einem goldgestickten Bande umschlungen, den diese Hand selber gewunden und auf das blondgelockte Haupt des glückselig Knieenden gedrückt hatte. Jetzt hing er welk und braun in Siegfrieds Schlafkammer zu Häupten seines Lagers, und wenn der junge Ritter die Augen aufschlug, so fiel sein erster Blick auf dieses bescheidene Siegeszeichen. Aber dann erwachte auch eine heiße Sehnsucht in ihm, die wiederzusehen, die ihn mit dem Kranze geschmückt hatte.
»Dunkelbraunes Haar und hellblaue Augen! Reginhild, ich frage dich, hast und schon je etwas so wunderbar Schönes gesehen?« schwärmte Siegfried.
Und Reginhild beteuerte halb lachend, halb ernsthaft: »Niemals, Siegfried, habe ich das gesehen noch je davon gehört. Und du hast das Fräulein seitdem nicht wiedergesehen?«
»Nein,« seufzte der Jüngling und blickte die Schwägerin wehmütig an.
»Aber warum bist du nicht längst einmal hinübergeritten?«
»Wohin soll ich denn reiten? ich weiß ja nicht Namen, nicht die Burg der Vielholden!«
»Hast du denn niemand gefragt?«
»Nein; aber weißt du, was ich möchte, Reginhild?«
»Nun?«
»Satteln, aufsitzen und das ganze Harzland abreiten von Burg zu Burg, bis ich sie gefunden hätte,« rief Siegfried leuchtenden Blickes.
»Und dann?«
»Und dann? nun – dann wieder vor ihr knien und in die hellblauen Augen, in die wunderbaren Augen meiner Lilie schauen, was sonst?«
»Deiner Lilie?«
»So nenne ich sie,« sagte der Jüngling errötend, »um ihr doch einen Namen zu geben, und weil sie Wangen wie die Lilie hat.«
»Wie alt ist sie denn wohl?« frug Reginhild, um einen Anhaltspunkt mehr zur Ermittlung der Unbekannten zu gewinnen.
»Ein bis zwei Jahr jünger als ich,« erwiderte Siegfried, »mir ist, als sähe ich sie vor mir, – aber mich wird sie wohl längst vergessen haben.«
»Wer weiß, Siegfried! wer weiß!« lächelte die Burgfrau. »Wir müssen suchen, bis wir sie gefunden haben.«
Nun rieten sie die Adelsfamilien der nächsten Gaue durch. Aber umsonst; Reginhilds Beschreibung dieses oder jenes Fräuleins wollte immer nicht recht mit dem Bilde stimmen, das Siegfried so lebendig im Herzen trug. Besonders die hellblauen Augen zu dunkelbraunem Haar machten Schwierigkeiten, und Reginhild musste lachend eingestehen, dass sie nicht einmal die Farbe der Augen ihrer besten Freundinnen angeben konnte.
»Schach! Schach und matt!« rief plötzlich Günther so überlaut, dass die beiden in der Fensternische erschreckt auseinander fuhren und auch die älteren Grafen sich nach den Hitzköpfen am Schachbrett umschauten.
»Matt, matt! hilft nichts!« wiederholte der Sieger dem immer noch auf das fast gänzlich entvölkerte Schlachtfeld starrenden Bruder. »Nur her mit dem Sperber! ich kann ihn brauchen in Gersdorf!«
»Sollst ihn haben!« lachte Poppo und befreite seinen gefangenen elfenbeinernen König aus der grausen Verstrickung.
Da trat Ritter Bock von Schlanstedt in den Saal.
Siebentes Kapitel.
»Nun, Bock, wo steckst du denn?« redete Graf Albrecht den Eintretenden an.
»War auf Burg Gersdorf zur Nacht, Herr Graf,« entgegnete der Ritter, »kam an Quedlinburg vorüber und bringe zwei Gefangene mit sechs Gäulen ein.«
»Gefangene? heute?« Der Graf schüttelte. »Lass die laufen! ich will heute keine Gefangenen.«
»Herr, es sind Damen.«
»Nun gar!« lachte der Graf. »Bist du bei Sinnen, Bock, uns hier Frauenzimmer auf den Hals zu laden?«
»Es ist ein vornehmes Fräulein mit ihrer Zofe, Herr Graf,« erwiderte Bock, »und es gibt ein reiches Lösegeld von Quedlinburg, sagte mir unterwegs Hinze Habernacks, der sie wohl kennen musste.«
»Wie heißt das Fräulein?«
»Sie wollen ihren Namen nur Euch selber sagen.«
»Wird wohl kaum der Mühe wert sein, ihn zu hören,« versetzte der Graf verdrießlich. »Bringe sie mal her!«
Der Ritter öffnete die Tür und winkte nach dem Gange hinaus.
Die junge Herrin erschien. Bock wollte ihr den Weg vertreten; aber sie schritt ohne ihn eines Blickes zu würdigen so stolz an ihm vorüber, dass er sie nicht zu hindern wagte. Sein Gesicht wurde etwas lang.
Eine anmutige Mädchengestalt verneigte sich errötend vor all den Männern und blickte hilfesuchend zu der einzigen anwesenden Frau hin.
Da packte Siegfried die Hand Reginhilds und drückte sie so stark, dass es Reginhild schmerzte. Mit offenem Munde und starrenden Augen stand er, bebend, doch ohne sich vom Fleck zu rühren.
Wangen wie Lilien, dunkelbraunes Haar und hellblaue Augen hatte die Liebliche.
Graf Albrecht erhob sich und sagte höflich: »Fräulein, Ihr seid ohne mein Wissen und Willen gefangen. Darum ängstigt Euch nicht; Euch soll hier jede Rücksicht zuteil werden. Doch wie nenn' ich Euch?«
»Gräfin Oda von Falkenstein, die Schwester des Grafen Hoyer,« erwiderte das Fräulein nun mit einer gewissen Hoheit im Ausdruck.
In Bewegung und halblauten Ausrufen der Anwesenden gab sich die größte Überraschung kund; auch Bock war sichtlich erschrocken.
Graf Albrecht streifte den Ritter mit einem finsteren Blicke und sprach: »Die Gräfin von Falkenstein meine Gefangene? Das kann nicht sein! das heißt, ich zweifle nicht –«
Aber schon war Siegfried herzugesprungen und sagte schnell mit erglühendem Antlitz: »Albrecht, ich kenne das gnädigste Fräulein; sie war es, die mir in Ballenstedt den Kranz aufs Haupt setzte.«
Oda nickte ihm leise zu.
»Wirklich? Nun, so mache ich dich zu ihrem Ritter und Beschützer,« erwiderte Albrecht. »Du stehst für sie ein!«
Ein Freudenstrahl aus den Augen des Jüngsten dankte dem Bruder.
»Nehmt Platz, edle Gräfin,« fuhr Albrecht fort, »und verzeiht den groben Irrtum meines Lehensmannes. Die Ihr hier seht, sind meine Brüder, und dies ist Gräfin Reginhild, meines Bruders Bernhard Frau. Siegfried soll Euch morgen sicher geleiten, wohin Ihr begehrt.«
Reginhild schritt auf Oda zu, reichte ihr die Hand, sprach freundliche Worte zu ihr und setzte sich neben sie, ihr Wein und Backwerk darbietend. »Wir sprachen eben von Euch,« sagte Reginhild, »wie seltsam!«
»Von mir?« frug Oda.
»Ja,« fiel Siegfried ein, »ich erzählte Gräfin Reginhild von dem Turnier, und da ich Euren Namen nicht wusste, so nannte ich Euch nur die Lilie.«
»Die Lilie!« wiederholten lächelnd Siegfrieds Brüder und gaben dem Worte Beifall, weil es Odas Erscheinung so treffend bezeichnete.
»Seid Ihr auf der Reise, Fräulein?« frug Albrecht.
»Ich war auf dem Wege zur Äbtissin von Quedlinburg,« sprach Oda, allmählich Vertrauen fassend, »als mir der höfliche Ritter begegnete und –«
»Zur Äbtissin wollt Ihr?« unterbrach sie der Graf. »Dann steht Ihr doppelt unter meinem Schutz, denn ich bin ihr Schirmvogt, wenn Ihr es nicht wisst.«
»Wer wüsste das nicht, Herr Graf?« lächelte Oda bescheiden.
»Erwartet Euch die gnädige Frau?«
»Ja, – für immer.«
»Für immer? Wollt Ihr Konventualin werden?«
»Mein Bruder ließ mir die Wahl zwischen dem Kloster Walbeck und dem Stifte Quedlinburg.«
»Euer Bruder ließ Euch die Wahl? nur diese Wahl?« frug Albrecht höchst erstaunt. »Graf Hoyer ist doch, soviel ich weiß, kinderlos, und Ihr seid die Erbin der Grafschaft Falkenstein.«
»Ich sollte es nach Recht und Billigkeit wohl sein,« erwiderte Oda, »allein –; mögt Ihr es wissen, Herr Graf, was ja nicht lange mehr Geheimnis bleiben wird. Mein Bruder steht im Begriffe, die Grafschaft für ewige Zeiten an den Bischof von Halberstadt abzutreten.«
»Was?! an den Bischof –? Bernhard! Hast du's gehört?« rief der Graf außer sich vor Staunen und Unwillen, der sich auch in den Mienen der anderen malte. Er war aufgestanden und machte einige Schritte hin und her im Saale.
»Habt Ihr freiwillig verzichtet?« frug er dann.
Oda schüttelte das Haupt und seufzte.
»Gräfin Oda,« sagte nun Albrecht nach kurzem Besinnen, »dann geb' ich Euch nicht frei! Aber ich, Albrecht von Regenstein, und wir alle wollen Euch zu Eurem Rechte verhelfen. Dem Bischof die Grafschaft Falkenstein? Nun und nimmermehr, solange ich ein Schwert heben kann!«
Die Brüder stimmten ihm alle laut und entschlossen bei.
»Bock, jetzt dank' ich dir für deinen Fang!« fuhr Albrecht fort. »Sage der Ursula, sie solle Gemach und Kammer unserer seligen Mutter für Gräfin Oda und ihre Gürtelmagd rüsten.«
»Halt! Das ist mein Geschäft!« rief Siegfried überglücklich und eilte hinaus, der Schaffnerin den Befehl des Bruders zu bestellen. –
Gräfin Oda blieb auf dem Regenstein. Allerdings hatte Reginhild ihrem Schwager zu bedenken gegeben, ob es für die junge Gräfin nicht angenehmer und vor allem schicklicher wäre, wenn sie bei ihr auf der Heimburg wohnte statt hier bei den unverheirateten Männern. Aber er hatte darauf erwidert, dass er in dieser ihm ganz unerwartet kommenden Angelegenheit, die ihm wegen seiner Machtstellung dem Bischof gegenüber von großer Wichtigkeit wäre, auf ernste Verwicklungen und vielleicht harte Kämpfe gefasst sein müsste. Denn wenn sich auch Graf Hoyer nicht viel darum kümmern würde, wo die von ihm verstoßene Schwester geblieben wäre, so würde doch sicher der Bischof alles daran setzen, die Gräfin Oda in seine Gewalt zu bekommen, um sie zu einem Verzicht auf ihr Erbe zu zwingen. Gegen diese Gefahr wäre sie aber auf dem uneinnehmbaren Regenstein weit besser geschützt als auf der nicht so stark verteidigten Heimburg, und er hätte mit ihr ein Recht in Händen, dem habgierigen Bischof die Grafschaft streitig zu machen. Und das würde er tun, möchte der Bischof auch in eine noch so maßlose Wut darüber geraten. Der Kampf mit demselben wäre ohnehin unvermeidlich, und je früher der zum Austrag käme, je lieber wäre es ihm.
Das mussten Reginhild und ihr Gatte nicht nur vollkommen einsehen, sondern die erstere stand auch schon Siegfrieds wegen von jeder weiteren Einrede ab.
Graf Albrecht ließ seiner Gefangenen einige Tage Zeit, sich bei ihm einzuwohnen, und erst als er zu bemerken glaubte, dass sie sich in ihr Schicksal gefunden hatte, suchte er eine Unterredung mit ihr und erfuhr dabei, soweit er es nicht schon wusste das Folgende.
Bereits Odas ältester Bruder war kinderlos dahin geschieden, und darauf hatte der zweite, Graf Hoyer, der schon Domherr in Halberstadt war, die Regierung der Grafschaft angetreten und sich ein Weib genommen, die ihm aber auch keinen Erben schenkte. Darin erblickte der frommgläubige Mann und noch mehr seine Gemahlin Margarete, eine herbe, zu tiefsinnigem Grübeln geneigte Natur, einen Wink, vielleicht eine Strafe des Himmels, der sie sich in Demut beugen müssten. Oda ließ sogar die Vermutung durchblicken, dass ihren Bruder eine heimliche Schuld drücken müsse, für die Gott der Allmächtige und seine heilige Kirche eine hohe Sühne verlange. Darum hatte er beschlossen, die Grafschaft nicht in weltlichem Besitz zu lassen, sondern sie zum Troste seiner Seele einer geistlichen Herrschaft einzuverleiben. Er hatte sie daher dem Bischof von Halberstadt gegen Verschreibung einer Leibrente und einer Kurie in Halberstadt angeboten, und der Bischof hatte natürlich mit beiden Händen zugegriffen und drängte nun zur sofortigen Übergabe, in welche Graf Hoyer jedoch erst nach dem Ableben seiner Gemahlin willigen wollte. Darüber schwebten nun die Verhandlungen, welche mit ebenso großem Eifer auf seiten des Bischof wie ablehnender Zähigkeit auf seiten des Grafen Hoyer geführt wurden. Aber nur über den Zeitpunkt konnte man sich nicht einigen, die Übergabe selbst war ein unwiderruflich gefasster Beschloss.
Im übrigen konnte sich Oda über ihren Bruder nicht groß beklagen; er hatte sie stets freundlich behandelt und ihr auch seinen Schmerz darüber nicht verhehlt, dass ihn sein gottesfürchtiges Gewissen zur Enterbung der viel jüngeren Schwester zwang. Zu ihrer Schwägerin konnte Oda niemals in ein rechtes Verhältnis kommen; das kalt abweisende Wesen Margaretens schreckte sie zurück, und sie fühlte wohl, dass sie der liebelosen Frau im Wege war.
Darum hatte der Abschied von der Burg ihrer Väter, der hoch und herrlich über dem wiesengrünen, waldumrauschten Selketale gelegenen Feste Falkenstein Oda nicht zu heiße Tränen gekostet, obschon ihr bewusst war, was sie verließ und für immer aufgab. Den Schleier zu nehmen hatte sie sich jedoch nicht entschließen können, hatte daher der einsamen Zelle im Kloster Walbeck das glänzende Schloss des freiweltlichen Stiftes Quedlinburg zum dauernden Aufenthalt vorgezogen, um doch nicht ein für allemal den Freuden des Lebens entsagen zu müssen.
Es war in Graf Albrechts Gemach auf der oberen Burg, wo ihm Oda diese Mitteilungen machte. Dasselbe war mit einem großen Kamin versehen und hatte verglaste Fenster, aber nur sehr spärlichen Hausrat. In einem grobgezimmerten Armstuhl aus Eichenholz mit hoher, steiler Lehne, einem Throne vergleichbar, saß Albrecht und ihm gegenüber in einem ähnlichen, etwas kleineren Gräfin Oda. Er hatte ihr ein zottiges Bärenfell unter die Füße geschoben, das sonst vor seinem Sessel lag als einzige Bedeckung des steinernen Fußbodens. Kahl und schmucklos starrten die getünchten Wände; nur ein roh bemalter Heiland am Kreuz mit einem dahinter gesteckten längst verdorrten Zweige hing über einem großen eichenen Tische, auf dem ein kleines irdenes Gefäß mit schwarzer Tinte und ein Wasserkrug nebst Becher standen. Weiter lagen darauf eine Rohrfeder, einige Pergamente, ein Paar Sporen, ein Jagdhorn und endlich ein in Holzdeckel gebundener Sachsenspiegel, der auf Odas väterlicher Burg verfasst war, und den der Graf von Regenstein als Gerichtsherr besaß und besitzen musste. Ein alter Schrein, eine mit erhabenem Schnitzwerk verzierte Truhe und zwei hölzerne Schemel, auf denen allen auch noch mancherlei Gebrauchsgegenstände, Jagdzeug und Gewaffen lagen, vollendeten die einfache Ausstattung. In einer Ecke lehnte ein langes Schwert.
Von den Fenstern konnte der Graf weit in das Land schauen und auch das Schloss der Äbtissin von Quedlinburg sehen, zu dem er oftmals hinüberblickte, als müsste er es nicht bloß mit der Wucht seines Schwertes und seines Namens schützen und schirmen, sondern selbst aus der Ferne noch mit sorgenden Augen bewachen. Dann sah er auch Jutta dort wandeln und walten, und ihr Bild stand mit all ihrer verführerischen Schönheit und berückenden Huld vor seiner Seele und verdrängte in ihm die Erinnerung an ihren launenhaften Eigensinn, mit dem sie ihn schon so manches Mal geärgert hatte.
Nun aber kam es ihm selber etwas sonderbar vor, wie er hier in dem einsamen Gemache seiner unnahbaren Felsenburg einem jungen Mädchen gegenübersaß und mit gespannter Aufmerksamkeit dessen Erzählung lauschte, die ihm den Zornmut im Busen erregte. Er versprach der jungen Gräfin, es bei ihrem Bruder zunächst mit Vorstellungen und Warnungen zu versuchen, ob er nicht zu einer Sinnesänderung zu bewegen wäre, wozu sie hoffnungslos das Haupt schüttelte.
Sie hatte sich ihre nächste Zukunft schon ganz anders zurechtgelegt, hatte sich damit beschieden, auf dem Schloss zu Quedlinburg bei der selbst noch jugendlichen Äbtissin und im Kreise der Konventualinnen ein neues Heim zu finden und dort ihr Verlassensein zu vergessen, und statt dessen sah sie sich nun mit einem Male ihrer Freiheit beraubt, entführt und gefangen auf dem Regenstein bei dem mächtigen Grafen, der ihr mit der zartesten Rücksicht begegnete und sogar Schritte für sie zur Erhaltung ihres Erbes tun wollte. Noch kam ihr das alles wie ein Traum vor, noch konnte sie ein unbestimmtes Gefühl von Furcht nicht ganz aus ihrem Herzen verbannen. Wenn sie aber dem hohen, willensstarken Manne in die klaren Augen blickte und seine ruhige, ernst tönende Stimme hörte, so überkam sie ein beschwichtigendes, wachsendes Vertrauen zu dem ritterlichen Burgherrn, an den sie bisher nur mit scheuer Bewunderung zu denken gewohnt war.
Denn sie kannte ihn längst. Vor ein paar Jahren war er einmal zu einem großen Jagen auf dem Falkenstein gewesen, und das Bild seiner gebietenden, alle anderen Gäste überstrahlenden Erscheinung hatte sich ihr so unauslöschlich eingeprägt, dass er seitdem wie ein Heros durch ihre Gedanken und Träume schritt. Sie sah ihn bis zu dem Turnier in Ballenstedt nicht wieder, hörte aber desto mehr von ihm, denn immer und überall klang seines Namens Ruf. Die Männer sprachen von ihm wie von einem Fürsten, den die einen fürchteten, die anderen beneideten, alle aber achteten und seines Mutes wegen rühmten. Auch auf dem Turniere war Graf Albrecht der Held und erste Sieger geblieben, von Tausenden umjubelt. Sie hatte er unter der Menge natürlich nicht bemerkt, so wenig wie er ihr in der Jagdgesellschaft auf dem Falkenstein Beachtung geschenkt hatte. Darum hatte er sie auch jetzt nicht wiedererkannt, als sie gefangen vor ihm erschien. Und wie sollte er auch, er, der große Graf von Regenstein! und sie, ein in der Zurückgezogenheit und Einsamkeit aufgewachsenes Burgfräulein, für das noch kein Ritter eine Lanze gebrochen hatte!
Und nun war sie seine Gefangene, vielleicht auf lange Zeit, und konnte nicht einmal wünschen, dass es nicht so wäre. Das war kein Abenteuer, in das sie ein Spiel des Zufalls verwickelte, das war Schicksalsfügung, der sie sich mit stiller Erwartung des Kommenden willenlos ergab.
Achtes Kapitel.
Anders als in Graf Albrechts Gemach sah es in dem Zimmer seines jungfräulichen Gastes aus. Und das war Siegfrieds Werk. Alles, was er unter dem Rat und Beistand oder auch trotz der Abwehr der alten Ursula an Hausrat und vermeintlichem Schmuck und Zier aus den vergessensten Räumen der weiten Burg herschleppen konnte, das brachte er während Odas Abwesenheit in ihrem Zimmer an, so dass dieses zwar einen ganz wohnlichen Anstrich gewann, aber auch in einer etwas bunt zusammengewürfelten Ausstattung prangte.
Teppiche lagen auf dem Fußboden, Teppiche mit stark verschossenen Heiligenbildern hingen an den Wänden. Auf einem Schranke standen zwischen alten Tongefäßen ein ausgestopfter Auerhahn und eine holzgeschnitzte Mutter Gottes. Mit gepresstem Leder bezogene Stühle und gestickte Fußbänkchen hatte Siegfried herbeigeschafft, hatte sogar einen zierlich gearbeiteten Frauenpanzer aufgestöbert und über dem Kamine aufgehängt, hatte über einen viereckigen und einen runden Tisch farbig benähte Linnen breiten lassen und den kleinen Metallspiegel der seligen Mutter rings mit Pfauenfedern umsteckt. Auf die Tische hatte er eine Laute und eine schon vergilbte, aber sauber geschriebene Ausgabe des Reinhart Fuchs von Heinrich dem Glichesäre gelegt.
Oda lächelte und Eilika lachte, als sie diese Anstalten, ihnen die Gefangenschaft möglichst bequem zu machen, gewahrten. Sie wussten auch, von wem sie herrührten, denn sie hatten Siegfried zwischen den einzelnen Gebäuden der Burg mehrmals hin und her gehen und sich mit den aufgestapelten Dingen wie noch mit allerhand seltsamem Gerümpel tragen sehen, das glücklicherweise nicht alles Platz gefunden hatte. Aber Siegfrieds freundliche Fürsorge rührte Oda, und sie nahm sich vor, dem jungen Ritter dafür zu danken.
Eines Tages musste Graf Albrecht nach seiner Burg Botfeld bei Elbigerode verreiten, ich Oda blieb mit Siegfried allein. Er frug sie, ob sie sich das Regensteiner Felsennest nicht endlich einmal ansehen wollte; er würde sie gern führen und ihr alles zeigen. Diesen Vorschlag nahm sie freudig an, und sie gingen beide hinaus und erstiegen die oberste Platte des Felsens, von der man die Feste in ihrem ganzen Umkreise übersehen konnte.
Der breite Rücken des Berges, der eigentlich nur ein ungeheuerer, teils bewaldeter, teils wild zerklüfteter Felsblock war, nach Norden und Westen steil abfallend, von Süden und Osten sanfter ansteigend, bestand aus mehreren höher und tiefer gelegenen Flächen, die durch Felsentreppen miteinander verbunden und groß genug waren, um jede für sich eine stattliche Burg zu tragen. Es hatte auch wirklich jede einzelne derselben ihre eigene sehr starke Befestigung, die ebenso wie die dazu gehörigen Gebäude zum Teil aus dem gewachsenen Felsen heraus oder in ihn hinein gearbeitet waren. Gänge, Wölbungen, Hallen und Gemächer waren aus lebendigem Stein, und im Innern der Häuser schlossen sich die gemauerten Räume unmittelbar an die aus dem Felsen gehöhlten und fanden in ihnen ihre Fortsetzung und Ergänzung. Der höchstbelegene und wichtigste Teil der Feste bestand sogar nur aus natürlichem Felsen und enthielt in mehreren Geschossen übereinander geräumige Hallen und Kammern mit klafterdicken Wänden und rund ausgemeißelten Türen und Fensterbögen. Das ganze aber, das mit seinen bald vorgeschobenen, bald versteckt zurücktretenden Werken, Türmen, Ecken und mächtigen Felsbauten, seinen Häusern, Gärten und Gehöften dem hier nicht Heimischen planlos kraus und darum noch abenteuerlicher und größer erschien, als es schon an und für sich in hohem Grade war, dieses großartige, die kühnsten Vorstellungen übersteigende Ganze war in unregelmäßigen Zickzack- und Bogenlinien, je nach Umriss und Gestalt des hohen Felsenberges von unerklimmbaren künstlichen und natürlichen Steinmauern umgürtet, und seine Umschreitung nahm beträchtliche Zeit in Anspruch.
So war der Regenstein eine Felsenburg oder vielmehr ein Verband, eine Gesamtheit von Burgen, die in ihrer Vereinigung an Größe und Stärke, an sturmfreier Sicherheit sowohl wie an Schönheit der Lage wohl nirgends ihresgleichen hatte.
Siegfried führte Oda auf der freien Höhe des Felsens an den schwindelnden Absturz und fasste sie hier bei der Hand, die sie ihm willig überließ. »Seht, Fräulein,« sprach er, »der Felsen fällt hier mehr als achthundert Fuß lotrecht in die Tiefe hinab, und wenn dort unten auf dem Wege ein Mensch ginge, so würde er Euch kaum größer scheinen als eine Krähe. Hier sind wir gegen jeden Ansturm geschützt; was nicht fliegen kann, kommt hier nicht herauf und auch nicht lebendig hinab.«
Oda hielt sich fester an Siegfrieds Hand und blickte vom äußersten Rande in die jähe Tiefe hinab.
»Nun wendet Euch um,« sagte er. »Dort, von Blankenburg her ist es allein möglich, den Berg zu ersteigen; aber auch dort wehren Klippen und Felswände, noch durch feste Mauern verstärkt, den Vordringenden, und das doppelte Tor in dem Felsen-Engpaß mit der Zugbrücke über dem Graben, durch das Ihr eingeritten seid, bildet den einzigen Zugang. Habt Uhr schon je von einer Burg gehört, so unbezwinglich und unnahbar wie diese?«
»Niemals!« erwiderte Oda, über das, was sie sah, aufs höchste verwundert.
»Nicht wahr, Ihr fühlt Euch hier sicher und gut verwahrt?«
»O ja,« lächelte sie, »hier entwischt Euch keiner.«
»Nun sehet hier,« fuhr er fort, »hier an den Felsen gelehnt, von diesem selber zum Teil gebildet und von ihm überragt, ist der Palas mit dem Saalbau, dem Bergfried, dem Rüsthause und dem Marstall. Wir nennen es die Oberburg; da wohnen wir und unsere Gäste, wenn wir deren haben, und jene zwei Fenster dort, aus deren einem eben der Vorhang wie ein Fähnlein flattert, sind die Euren. Dort rechts aber, weiter unten, jenseits des Hofes und seitlich des großen Baumgartens ist die Vorburg, wo in starken Weichhäusern die Reisigen und Knechte liegen. Daran schließen sich die Ställe für die Gäule und das Vieh nebst Scheunen und Vorratsräumen. Da drüben links, wo sich der Berg mit zackigen Klippen hinabsenkt, sind zwischen Felsen versteckt wieder andere Weichhäuser, die beinahe ganz aus dem natürlichen Stein geschaffen sind. Dort haust unser treuester Mann, der Ritter Bock von Schlanstedt, dem wir's zu verdanken haben, dass Ihr hier seid, Gräfin Oda. Er hat sich die Felsenhöhle selber zur Kemenate ausgesucht und eingerichtet, und es sieht fast wunderlich bei ihm aus. Verrostete Waffen, befremdliche Beutestücke und zarte Liebespfänder, von denen allen er eine abenteuerliche oder rührende Geschichte zu erzählen weiß, bewahrt er dort zu ewigem Andenken auf wie zutage geförderte Schätze, mit denen er sich in seiner sorglosen Armut unermesslich reich dünkt.«
»Kann man das nicht einmal sehen?« frug Oda.
»O Ihr würdet ihn stolz machen, wenn Ihr ihn in seiner Klause einmal besuchtet,« erwiderte Siegfried. »Aber nun kommt, Gräfin Oda, nun will ich Euch das Beste zeigen.«
Aber sie bat: »Lasst uns noch weilen, Graf Siegfried, und des herrlichen Blickes genießen.«
Wunderbar freilich war der weite Rundblick von hier oben. Siegfried nannte der sich dem Genuss ganz Hingebenden alle von hier sichtbaren Städte und Dörfer, Schlösser und Burgen, die Gipfel des nahen Gebirges und die fernher schauenden Höhenzüge, und sie konnte sich kaum satt sehen an dem prächtigen Bilde.
»Und wie schön nimmt sich der Regenstein selber aus von allen Punkten, die wir hier sehen!« sprach Siegfried mit gerechtem Stolze. »Ihr möget auf dem Ballenstedter oder auf dem Quedlinburger Schloss, der Lauenburg, drüben auf den Harzbergen, oder fern da oben auf dem Kloster des Huys stehen, überall hebt sich seine Felsenmasse, den Blick anziehend und fesselnd, aus dem Lande empor; immer schaut er den Wanderer, der vom Huy über Halberstadt und Quedlinburg nach dem Harze geht, von rechts her mit seiner hohen, fast senkrechten Wand gewaltig und gebieterisch an, den Gau beherrschend und überwachend.«
Oda hörte ihrem ritterlichen Führer andächtig zu, und ihm machte es sichtlich große Freude, ihr alles zeigen und erklären zu können.
»Wie heißt dieser nächste Berg in gerader Schnur auf Halberstadt?« frug sie.
»Das ist der Hoppelberg,« erwiderte Siegfried. »Sein Ausläufer links nach Westen endet in einem langgestreckten Felsen; seht Ihr die Türme darauf herüber schauen?«
Oda nickte.
»Das ist die bischöfliche Burg Langenstein,« fuhr er fort, »keine freundliche Nachbarschaft. Die andere Kuppe mehr rechts ist der Helmstein, ein guter Name! nicht wahr? wie eine grünbekränzte Sturmhaube sitzt er über dem Tale.«
Oda nickte wieder, im Anschauen versunken.
»Und das dort ist die Heimburg, wo Eure Geschwister Bernhard und Reginhild wohnen?« sagte sie dann. »Da kann man ja hinüber winken.«
»Gewiss, das tun wir auch,« entgegnete Siegfried. »Wir grüßen uns manchmal mit Fähnlein und Wimpeln und geben uns verabredete Zeichen, so dass wir uns leidlich miteinander verständigen können.«
»Und gerade dahinter ist die hoch und breit gewölbte Kuppel des Brockens, so großartig und ruhig! O Graf Siegfried, hier ist gut sein, so schön hatte ich mir den Regenstein nicht gedacht,« rief Oda begeistert.
Siegfried nickte ihr freudig zu, und sie standen eine Weile schweigend und wandten den Blick still genießend hierhin und dorthin.
Ein frischer Wind zog um die luftige Höhe, kräuselte Odas braunes Stirnhaar und wühlte in den langen blonden Locken Siegfrieds. Am Himmel schwebte weißes Gewölk und warf seine beweglichen Schatten auf den grauen Fels, den gelblichen Sand dort unten in der Tiefe und über das junge, kaum erwachte Frühlingsgrün der Eichen und Birken oder über die dunklen Kiefern. Im Walde tönte der Schrei des Hähers, und aus dem stillen Tale klang eine Glocke vom Kloster Michaelstein herauf.
Unten auf der Vorburg war ein bewegtes, geschäftiges Treiben von Knechten und Mägden mit allerhand fleißigen Hantierungen. Es sah wirtschaftlich und friedlich aus innerhalb der mächtigen Anlagen, wo nichts dem Schönheitssinne schmeicheln wollte, sondern alles zweckdienlich, nur stark und fest gebaut und zueinander gefügt war.
»Was ist das für ein dumpfes Hämmern und Klingen, als käme es aus dem Innern des Felsens?« frug Oda aufhorchend.
»Kommt nur, Fräulein! ich will es Euch zeigen«, sprach Siegfried.
Nun schritten sie wieder über Felsenstufen hinab und hinauf und kamen zu mehreren Reihen jener merkwürdigen Felsenkammern, die sich einem riesenhaften Taubenhause vergleichbar neben und übereinander in dem gewaltigen, alles überragenden Hauptstock des ganzen Felsberges befanden. Sie hatten alle große, unverschlossene, aber durch eine niedrige Brüstung erhöhte Öffnungen nach dem Absturz des Felsens zu, hatten aus dem Gestein gehauene Sitzbänke, Schlafstellen und Pferdekrippen, und viele waren durch schmale Durchgänge miteinander verbunden.
Vielleicht rührten diese schwer zugänglichen Höhlen von der ersten Niederlassung auf dem Regenstein – dem ›Steine (Burg) des Regino‹ d. i. des Ratschlagenden, Gewalthabenden (Attribute altgermanischer Götter und Helden) – her und waren von einem wilden, unbändigen Geschlecht bewohnt gewesen, das die heut Lebenden an Kraft und Trotz weit hinter sich ließ. Jetzt dienten sie sehr verschiedenen Zwecken, teils zu Gefängnissen, teils zu Vorratsräumen oder in Fehden zu Verteidigungsstätten gegen unten lagerndes Kriegsvolk. Aus einer aber drang das Hämmern, denn diese war zu einer Schmiede eingerichtet, und der Waffenmeister der Burg stand dort neben zwei Knechten, die rotglühendes Eisen auf dem Amboss bearbeiteten, während auf dem Herde unter einem in den Felsen gebohrten Schlot ein Feuer brannte.
Oda war im höchsten Grade erstaunt, diese verborgene, gewaltige Naturfeste zu sehen, deren hohe Wände und Wölbungen gewachsener Fels waren, eine Burg für sich und stärker als jede, die gebaut und gebrochen werden konnte. Palas und Bergfried, soweit sie Menschenwerk waren, konnten einmal schwinden, aber diese ungeheuere Felsenburg hier oben musste stehen, solange die Erde stand.
Siegfried und Oda setzten sich in eine dieser kühlen Grotten auf die Brüstung der Fensteröffnung und schauten hinab auf den Wald, der hier und da weite Lichtungen zeigte und von einzelnen Wegen durchkreuzt war.
»Ist es nicht ein seltsames Wiedersehen, das wir hier oben feiern, Gräfin Oda?« begann nun Siegfried, »und eine eigene Schickung, die Euch als Gefangene hier auf den Regenstein führt, um den wieder zu finden, der einst glückestrunken zu Euren Füßen kniete?«
»Ihr habt recht,« erwiderte sie, »davon ahnte ich nichts, als ich Euch damals den grünen Kranz auf die Locken drückte.«
»Und ich wusste nicht einmal Euren Namen, habe ihn auch später nicht erfahren. Aber Euer Bild stand fest im Spiegel meiner Seele, unter Tausenden hätte ich Euch wieder erkannt und war schon drauf und dran, das Land zu durchreiten, um die zu suchen, die mich bekränzt hatte.«
»Mich machte es sehr glücklich,« sprach sie.
»Wirklich? tat es das?« frug er leuchtenden Blickes.
»Ja!« erwiderte sie treuherzig. »Wir Mädchen alle, die wir da zusammen an den Schranken saßen, beneideten die Fürstin, als sie Eurem edlen Bruder Albrecht den ersten Turnierdank reichte. Da kam der Wappenkönig und ließ uns losen, wer seinen Kranz dem siegreichen Knappen, auch ein Regensteiner, sagte er – übergeben sollte. Mich traf das Los, und ich war sehr stolz darauf.«
»Ich habe ihn noch, Gräfin Oda!« sagte Siegfried leise.
»Einen Turnierdank muss man auch aufbewahren,« erwiderte sie. »Wie manchen mag Euer Bruder Graf Albrecht schon haben!«
»Albrecht! ja der!« rief Siegfried. Wo fändet Ihr auch landauf landab noch einen, der im Sattel säße, der Schwert und Lanze führte wie mein Bruder Albrecht! Der hätte mit in König Artus' Tafelrunde thronen können.«
»Ich glaub' es, ich glaub' es!« sprach Oda rasch. O erzählt mir von ihm, Graf Siegfried, was er schon alles getan und erlebt hat; ich weiß noch so wenig von ihm, aber alles, was ich weiß, ist groß und gut.«
»O wie freu' ich mich, dass Ihr meinen Bruder so liebt!« sprach er, »und bei allen Heiligen! er verdient es, Gräfin Oda!«
Das holde Mädchen erschrak, und eine helle Röte stieg ihr über die Wangen zu der reinen Stirn empor. Sie senkte die Wimpern und schwieg.
»Er ist unser Haupt und Hort,« fuhr Siegfried begeistert fort, »was wäre diese starke Feste ohne ihn? ein öder Fels; durch ihn erst erhält jeder Stein hier Kraft und Bedeutung, sein Blick macht das Tote lebendig, und das Roß an seinem Zügel, das Schwert in seiner Hand bekommt etwas von seinem Geiste, wird fast ein Stück von ihm.«
Odas Augen hingen strahlend an den Lippen des Rühmenden. »Mich dünkt, Ihr seht ihm von seinen Brüdern am ähnlichsten,« sprach sie.
»Findet Ihr?« lächelte er, und nun war die Reihe zu erröten, an ihm. »Vielleicht im Gesicht, aber ein Mann wie er werde ich nie,« sagte er bescheiden.
»Da denke ich besser von Euch, Graf Siegfried!« sagte sie freundlich. »Ihr werdet Euch noch manchen Dank gewinnen!«
»Könnt' ich ihn nur stets aus Eurer Hand empfangen!« sprach er mit einem warmen Blick.
»Wenn Ihr ihn gewonnen und ich ihn zu vergeben habe, so soll er Euch nicht fehlen, das versprech' ich Euch!« erwiderte sie lächelnd.
Ein rötlicher Schmetterling flog von außen zur Fensteröffnung herein und umflatterte Odas Haupt. »Seht!« sprach sie, »ein beschwingter Herold des Frühlings hat Eure Burg erstiegen; gegen den seid Ihr wehrlos!«
»Er hat hier oben die schönste Blume gewittert, die uns der Frühling gebracht hat«, erwiderte er.
»Ihr seid ein Schmeichler, Graf Siegfried!« lächelte sie und erhob sich. »Solche Worte passen wenig zu diesen grauen Felsenwänden und noch weniger für das Ohr einer armen Gefangenen.«
»Wer ist denn hier der Gefangene?« frug er noch sitzen bleibend. Aber sie hatte schon ein paar Schritte dem Ausgange zu getan und gab keine Antwort.
»Wartet!« rief er ihr nach und sprang auf. »Laßt mich voraus, es geht da steil und beschwerlich hinab.«
Sie ließ ihn vor und schritt die Stufen, die von dem Felsen auf den Burghof führten, dicht hinter ihm hinab, wobei sie sich mit einer Hand auf seine Schulter stützte. Wonnig fühlte er die sanfte Berührung.
Unten kamen sie an der dunklen Öffnung eines Stollens vorüber, der schräg in die Tiefe des Felsens hinein führte. Auf eine Bemerkung Odas über den unterirdischen Gang entgegnete Siegfried: »Er ist halb verschüttet, und wir brauchen ihn nicht; sie nennen ihn das Tempelherrenverlies, und – ich weiß selbst nicht warum.«
Er wusste es wohl, wollte es aber nicht sagen, und Oda frug nicht weiter.
»Nun will ich Euch noch meine Vögel zeigen,« sprach er. »Aber erst sollt Ihr die schwächste Seite des Regensteins von nahem besehen, damit Ihr Euch immer sicherer hier fühlt, falls sie etwa kommen sollten, Euch mit Gewalt von uns wegzuholen.«
»Freiwillig ging ich auch nicht mit«, erwiderte sie und sah ihn dabei schelmisch an.
Er führte sie nun über grünen Rasen und durch Gebüsch an den Befestigungen entlang, und sie sah mit steigender Verwunderung die Ausdehnung der Burg und die bemoosten, efeuumsponnenen Klippen, Ringmauern und Türme, die den Zugang auch an der schwächsten Stelle noch so unbezwinglich verteidigten.
»Dies ist mein Falkengärtlein mit hochfliegenden Vögeln,« sprach er, als sie endlich zu dem Vogelhause mit einem freien, von Gitterwerk umgebenen und überspannten Platze kamen, wo die Jagdfalken saßen. »Würde es Euch Freude machen, mit mir einmal auf die Beize zu reiten?«
»Große Freude!« erwiderte sie.
»Gut! also nächstens!«
Ein fröhlicher Ruf aus dem Horne des Türmers erklang.
»Da kommt Albrecht zurück,« rief Siegfried, »wollen wir ihm entgegen?«
Oda nickte, und sie eilten zum Tore, wo sie eben eintrafen, als Graf Albrecht zu Pferde aus der dunklen Wölbung hervortauchte. Er stieg ab, klopfte das Roß mit der flachen Hand und sagte: »Geh, Brauner, weißt ja Bescheid hier!« Der ging ruhig seines Weges zum Marstall der Oberburg.
Albrechts Blick ruhte mit Freuden auf den beiden jugendlich blühenden Gestalten. »Was tut Ihr denn hier?« frug er.
»Ich habe unserer lieben Gefangenen ihren Kerker gezeigt,« antwortete Siegfried errötend, wie auf verbotenen Wegen ertappt.
»Seid Ihr mit Eurem Kerkermeister zufrieden, Fräulein?« frug Albrecht lachend.
»O ja, Herr Graf! einen milderen konntet Ihr mir nicht bestellen,« erwiderte sie mit einem freundlichen Blick auf Siegfried, den ihr dieser herzinnig zurückgab.
Albrecht sah es und lächelte still vor sich hin. »Kommt!« sprach er dann und ging ihnen schweigend zum Palas voraus.
Ein sonniger Gedanke stieg ihm in der Seele auf: Siegfried und Oda! die beiden fürs Leben vereint und die Grafschaft Falkenstein als Odas Mitgift zur Machterweiterung des Regenstein'schen Hauses, – welche ein Wunsch und Ziel!
Und ehe der Graf heut abend einschlief, war der Wunsch zum festen Plan bei ihm geworden.
Neuntes Kapitel.
Auf dem Regenstein war jetzt ein beständiges Gehen und Kommen reitender Boten. Graf Albrecht hatte dem Bischof von Halberstadt in der nachdrücklichsten Weise geschrieben, dass er die Einverleibung der Grafschaft Falkenstein in das Bischof unter keinen Umständen dulden und äußersten Falles mit Waffengewalt verhindern würde, um der rechtmäßigen Erbin, Gräfin Oda, die sich auf dem Regenstein unter seinem besonderen Schutze befände, ihr Recht zu wahren und ihr einstiges Erbe zu sichern. An die Grafen von Mansfeld, von Hohnstein und von Stolberg hatte er ebenfalls Schreiben erlassen mit der freundnachbarlichen Aufforderung, ihm gegen das widerrechtliche Umsichgreifen der bischöflichen Macht kräftig und förderlich beizustehen. Die Hilfe auch der Grafen von Blankenburg und von Wernigerode anzurufen, hatte er gar nicht erst versucht, denn er wusste, dass auf diese in ihrer Eifersucht auf das Emporblühen des Regenstein'schen Stammhauses nicht zu zählen war. Die ihm befreundeten Harzgrafen aber erklärten sich in ihren Antworten mit Albrechts Meinung durchaus einverstanden, sagten ihm ihre Hilfe im Kriegsfalle zu und wollten dann auf seinen Ruf mit ihrem Gesinde zu Roß und zu Fuß heranrücken.
Zum Grafen Hoyer von Falkenstein war Albrechts Bruder Bernhard selber geritten, um ihm mündlich dringende Vorstellungen über seine unverantwortliche Begünstigung des Bischofs zu machen.
Odas Gefangennahme war schnell bekannt geworden im Lande, und Albrechts Feinde, namentlich die Städter, erhoben ein großes Geschrei darüber. Abenteuerliche Erzählungen knüpften sich daran, wie sie in Hinterhalt gelockt und, natürlich wieder von der bösen Sieben, mit ihrem reisigen Gefolge überwältigt sei dicht bei der Stadt Quedlinburg, die nun wohl werde ausbaden müssen, was innerhalb ihrer Feldmark gefrevelt sei, denn der Falkensteiner werde sowohl ihr wie ihrem Schirmvogt – ein schöner Schirmvogt, dieser Raubgraf! – bald genug Fehde ansagen.
Graf Hoyer, dem die beiden von Bock entlassenen Reisigen die Nachricht überbrachten, hatte die Gefangennahme Odas durch einen Regenstein'schen Dienstmann für einen Irrtum gehalten, den Graf Albrecht gewiß schnell gutmachen und gebührend entschuldigen werde. In dieser Absicht glaubte er den Grafen Bernhard gekommen. Als er sich jedoch hierin getäuscht sah, und vollends als er auf seine Frage erfuhr, dass seine Schwester noch nicht freigegeben war, machte er sehr ernsthafte Miene, dafür den Gast in den Turm zu werfen. Erst als ihm Bernhard mitteilte, in welcher Weise Oda, die ihnen nur ein glücklicher Zufall in die Hände gespielt hätte, auf dem Regenstein gehalten würde und dass ihr dortiges mit der größten Freiheit ausgestattetes Verbleiben vielmehr eine Maßregel gegen den Bischof als gegen ihn, den Grafen Hoyer, wäre, beruhigte er sich einigermaßen und erklärte, dass ihm die Abtretung der Grafschaft keineswegs so eilig wäre wie dem Bischof, dessen heftigem Drängen nachzugeben er durchaus nicht gesonnen sei.
Mehr war nicht von ihm zu erreichen, am wenigsten ein bindendes Versprechen, von seinem Vorhaben gänzlich abzustehen. Gegen dieses Verlangen schützte er teils sein dem Bischof gegebenes Wort, teil seinen und seiner Gemahlin dringenden Wunsch vor, sich aus der Welt zurückzuziehen, und wollte Rücksichten auf seine Schwester Oda nicht gelten lassen; nur gefangen wollte er sie nicht wissen und forderte ihre sofortige Freilassung. Diese verweigerte Graf Bernhard mit der bestimmten Erklärung, dass die Regensteiner die Übergabe der Grafschaft Falkenstein an den Bischof nun und nimmer dulden würden. So schieden sie in Unfrieden voneinander, und Bernhard kehrte unverrichteter Dinge zurück.
Um so gespannter waren die Grafen von Regenstein auf die immer noch nicht eingetroffene Antwort des Bischofs. Und als sie kam, was war ihr Inhalt? Kein Wort von der Grafschaft. Sondern der Bischof bezichtigte den Grafen Albrecht des Jungfrauenraubes und bedrohte ihn mit seinem Banne, falls er die Gräfin Oda von Falkenstein nicht sofort auf freien Fuß setzte.
Albrecht lachte laut auf. Das war ein Schachzug des Bischofs, auf den er nicht gefasst war.
»Schade, Herr Rudolf von Dorstadt,« sprach er zu dem Dienstmann des Bischofs, der ihm dessen Schreiben überbracht hatte, »schade, dass ich Euch die geraubte Jungfrau nicht in ihrem Kerker zeigen kann, aber sie ist mit meinem Bruder Siegfried auf die Beize geritten, die arme, trostlose Gefangene!«
»Der hochwürdige Bischof, mein gnädigster Herr, verlangt Euer ritterliches Wort, Herr Graf, dass Ihr die Gräfin Oda des ehesten los und ledig gebt,« erwiderte der Ritter.
»Verlangt!? wer hat von mir etwas zu verlangen?« sauste der Graf ihn an. »Bin ich des Bischofs Mann wie Ihr? Soll ich das Fräulein vielleicht Euch ausliefern, dass Ihr sie dem Bischof bringt und er sie zu den Ursulinerinnen sperrt? Das wäre dem Erbschleicher wohl das liebste?«
»Dort wäre ihre Unschuld wenigstens sicher,« gab Dorstadt boshaft zur Antwort. »Sagt mir doch, Herr Graf: zu welchem Zwecke haltet Ihr die Jungfrau hier?«
»Danach hat kein Pfaffenknecht zu fragen!« rief Albrecht zornig.
»Herr Graf, ich bin des Bischofs Gesandter!« fuhr Dorstadt auf, fast berstend vor Wut.
»Und wenn Ihr des Teufels Gesandter wäret –! Doch was streit' ich mich mit Euch?« sprach der Graf verächtlich. »Wie der Herr so's Gescherr! Ah da kommt sie ja!«
Der Graf stand mit dem Abgesandten des Bischofs auf dem oberen Burghof vor dem Palas, als Siegfried und Oda angeritten kamen, gefolgt von einem Falkonier, der einen verkappten Habicht auf der Faust trug und einen getöteten Entvogel am Sattel hängen hatte. Als sie vom Rose gestiegen herzu traten, sprach der Graf: »Ich bitte Euch, Gräfin Oda, sagt dem Ritter Rudolf von Dorstadt, ob Ihr hier als Gefangene gehalten werdet, oder ob Ihr mein gern hier weilender Gast seid.«
Oda blickte verwundert erst den Grafen und dann den Ritter an und sagte darauf: »Ich genieße mit allem Dank die sorgliche Gastfreundschaft des Herrn Grafen.«
»Schreibt's Euch auf, Herr, wenn Ihr schreiben könnt!« spottete der Graf.
Aber Dorstadt sprach in einem sehr bestimmten Ton zu Oda: »Der hochwürdige Bischof von Halberstadt fordert Eure Entfernung vom Regenstein, gnädiges Fräulein, oder den Herrn Grafen trifft der Bann.«
»Der Bann?!« rief Oda erschrocken, »um meinetwillen? Großer Gott! Dann muss ich fort, dann lasst mich fort, Herr Graf! gleich morgen, nein heute, heute noch!«
»Nein! nein!« rief Siegfried schnell.
Albrecht winkte ihm schweigen. »Darum doch nicht?« sprach er finster. »Jetzt will ich's, dass Ihr bleibt, Gräfin Oda!«
»Und ich weiß, was ich von den Worten des Grafen von Regenstein zu halten habe«, sagte Ritter Dorstadt höhnisch.
Graf Albrecht fuhr mit der Hand nach dem Dolch an seinem Gürtel, bezwang sich aber und sprach mit schallender Stimme und einem furchtbar drohenden Blick: »Verwegener! Lasst mich schleunig den Schweif Eures Rosses sehen, oder Ihr kommt nicht lebendig über die Zugbrücke!«
Der Ritter wandte sich und bestieg sein Pferd. »Das will ich dir gedenken!« knurrte er, als er von dannen ritt.
Oda war auf der Falkenjagd mit Siegfried so vergnügt gewesen. Sie ritt ihr eigenes Pferd und war eine gute Reiterin. Voll Freuden sprengten die beiden an dem lachenden Frühlingstage nebeneinander durch die Fluren dahin und pirschten auf das geflügelte Wild, das im Röhricht der Teiche um Michaelstein versteckt lag und dort von den Hunden aufgestöbert wurde. Siegfried strahlte von Glück an der Seite der Geliebten, die ihm so manches trauliche Wort, so manchen freundlichen Blick schenkte, und seine Hoffnung auf ihre Gegenliebe wuchs schneller als die Frühlingsblumen am Wegrain. Die Bäume prangten in leuchtendem Blütenschmuck, und die Höfe der Bauern standen wie in weißen Festgewändern, wie von luftigen Schleiern lieblich umwallt. Vogellieder tönten aus den Zweigen, und den beiden jungen Leuten klopfte das Herz in Lust und Fröhlichkeit.
Als sie aber zu Hause Albrecht mit dem Ritter von Dorstadt trafen und das Verlangen und die Drohung des Bischofs hörten, kam es wie ein jäher Wassersturz über sie, der den einen mit ernüchternder Kälte aus wonnigen Träumen schreckte und die andere in Angst und Leid versenkte.
Albrechts Antwort war allerdings ein starker Trost für Siegfried, denn er kannte seinen Bruder gut genug, um zu wissen, dass dieser nun, da es der Bischof forderte, Oda ganz gewiss nicht von sich lassen würde. Aber es konnten noch weitere Schritte des Bischofs folgen oder andere unvorhergesehene Ereignisse eintreten, die das Bleiben der Geliebten auf dem Regenstein zur Unmöglichkeit machten. Er überlegte sich daher, ob er nicht Oda seine Liebe gestehen sollte, damit sie nicht eines schrecklichen Tages von hinnen zöge ohne zu wissen, dass er sie liebte. Freilich bangte ihm, wie sie sein Geständnis aufnehmen würde. Eine fast geschwisterliche Vertraulichkeit hatte sich schnell zwischen ihnen eingebürgert, aber Oda war stets ruhig und gleichmütig, dass er in aller ihrer Huld und Freundlichkeit doch nicht das kleinste Zeichen von Liebe finden konnte. So verschloss er denn sein Geheimnis vorläufig noch und vertraute der Zukunft.
Schon öfter hatte Albrecht in stiller Bewunderung die Augen an der anmutigen Erscheinung Odas geweidet. Ihr schlanker und doch kräftiger Wuchs passte so gut zu der jungen Heldengestalt Siegfrieds, ihr schön geformtes Antlitz mit der zarten Farbe und den sanften, seelenvollen Augen war von unwiderstehlichem Liebreiz; ihre Bewegungen, so leicht und natürlich, hatten etwas angeboren Edles und Würdevolles, und bei aller mädchenhaften Zurückhaltung zeigte ihr Wesen doch etwas fest und sicher in sich Ruhendes.
Das alles gewahrte Albrecht mit Freuden, und als er die Gefühle des jüngeren Bruders, der in Sachen des Herzens wenig Selbstbeherrschung besaß, und die Kunst der Verstellung noch nicht zu üben verstand, erkannte, empfand er über diese Entdeckung eine große Genugtuung. Siegfried kam also seinen Wünschen auf halbem Wege entgegen und brachte damit seinen Plan, die beiden zu einem glücklichen Paare zu machen, der Ausführung einen großen Schritt näher.
Sie ließ sich den ganzen Nachmittag, nachdem sie des Bischofs Drohung erfahren, nicht mehr sehen, sondern saß in Schwermut versunken auf ihrem Zimmer und grämte sich über die Gefahr, die ihretwegen das Haupt des Grafen Albrecht umschwebte, und die nur durch Erfüllung des bischöflichen Verlangens abzuwenden war. In der fast schlummerlosen Nacht beschloss sie, den Grafen um ihre Entsendung zur Äbtissin von Quedlinburg zu bitten.
Das tat sie auch gleich am Morgen in einer sehr verzagten, wahrhaft rührenden Weise. Graf Albrecht sah sie mit einem so erstaunten und doch teilnahmsvollen Blicke dabei an, dass sie kaum Worte fand, ihren Gedanken Ausdruck zu geben, und ihr das Herz bis an den Hals hinauf klopfte.
»Liebes Fräulein!« sprach er mild und freundlich, »um mich sorgt Ihr Euch des angedrohten Bannes wegen?«
Бесплатный фрагмент закончился.
