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Apokalypse für Einsteiger

Über den Autor

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Julian Birkner

Apokalypse für Einsteiger

Wie man in High-Heels die Welt rettet

Humor

XOXO Verlag

Über den Autor

Julian Birkner wurde am 29. Juli 1983 in Bayreuth geboren. Nach dem Literaturstudium absolvierte er in Berlin die Schauspielschule. Nach mehreren erfolgreichen Jahren als Schauspieler in Berlin, Potsdam und Magdeburg, wo er unter anderem als Prinz von Homburg zu sehen war, hing er die Schauspielkarriere an den Nagel und arbeitete als Marktleiter in einem Supermarkt. Hier ist auch die Idee für seinen ersten Roman entstanden: Eine Kassiererin, die die Welt retten muss.

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://www.d-nb.de abrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-141-2

E-Book-ISBN: 978-3-96752-641-7

Copyright (2020) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag

unter Verwendung der Bilder:

Stockfoto-Nummer: 120393655, 384052714, 1246877911

von www.shutterstock.com

Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Bremen, Germany (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Gröpelinger Heerstr. 149

28237 Bremen

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

Eigentlich sollte es mich ja nicht wundern, dass ich mal wieder Hals über Kopf in der Scheiße steckte. Es war typisch für mich, dass die halbe Welt sauer auf mich war, weil ich wieder einmal Mist gebaut hatte. Meine Mutter pflegte in solchen Momenten gerne ihren Lieblingssatz zu zitieren: »Na ja, sie war als Kind schon schwer.« Ich war daran gewöhnt, dass meine gelegentlichen Ausraster mich in Schwierigkeiten brachten. Neu war hingegen, dass ich auf dem Polizeirevier in Handschellen saß. Und noch neuer, dass der Grund dafür so verrückt war, dass ich kein einziges Wort herausbrachte. Wenn meine Mutter noch leben würde, müsste ich mir jetzt einiges anhören …

»Okay …! Ich versuche es ein letztes Mal im Guten!« Mit Daumen und Mittelfinger massierte sich der Polizist die Schläfen, als wolle er den letzten Rest Geduld aus sich herausdrücken. Er atmete tief ein, fuhr sich entnervt durch seine dunklen, kurzen Haare und presste dann mit strenger Stimme zwischen den Lippen hervor: »Was ist da vorhin geschehen? Wieso liegt der komplette Marktplatz in Trümmern?«

Wortlos starrte ich auf meine Hände. Die Handschellen rieben an den Gelenken und hinterließen hässliche Spuren auf meiner Haut. Ich versuchte meine Nase zu kratzen, die schon seit geraumer Zeit wie verrückt juckte, aber durch die eingeschränkte Beweglichkeit sah das vermutlich genauso bescheuert aus, wie es sich anfühlte. Ich fröstelte. In diesem Polizeirevier war es eisig. Passte zumindest zu dem kalten Blick meines Peinigers. Fieberhaft dachte ich nach, wie ich aus dieser beschissenen Situation nur herauskam. Leider weigerte sich mein Gehirn mit einer brauchbaren Idee herauszurücken.

»Also?«, fragte der Polizist mit Nachdruck.

»Ich …« Mehr brachte ich nicht zustande. Es war sinnlos.

Was sollte ich ihm sagen? Die Wahrheit? Dann könnte ich auch gleich nach dem Formular für die Einweisung in die geschlossene Anstalt fragen.

»Also …«, startete ich vorsichtig. »Ich will Ihnen das ja alles auch erklären und mir ist bewusst, dass ich ein riesiges Chaos angerichtet habe, aber … ich kann nicht …«

Das Blitzen in den Augen des Polizisten verriet mir, dass seine Geduld am Ende war. Er knallte mit der Faust auf den Tisch! »Hören Sie, Frau Schwarz! Sie sagen mir jetzt auf der Stelle was ich wissen will, ansonsten stecke ich Sie in eine Zelle und wir unterhalten uns morgen früh weiter!«

»Okay … !« Ich versuchte meine stetig wachsende Panik irgendwie im Zaum zu halten. Er durfte mich auf keinen Fall einsperren. Dann wäre die Katastrophe perfekt. Falls sie das nicht schon war.

»Wieso sind Sie so gehetzt?«, fragte der Polizist und musterte mein Gesicht.

»Ich … muss unbedingt noch eine Sache zu Ende bringen.«

»Aha und was soll das für eine Sache sein?«

Ähm … Die Welt vor dem Untergang retten.

Das wäre zumindest die ehrliche Antwort gewesen, aber irgendwie zweifelte ich, dass es in diesem Fall die beste Option war.

»Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.«, nuschelte ich und fürchtete einen weiteren Wutausbruch des Gesetzeshüters, jedoch sah er mich nur prüfend an und schüttelte dann frustriert den Kopf. Als er sich nach vorne beugte, um sich wieder eine Tasse Kaffee einzugießen, konnte ich zum ersten Mal sein Namensschild lesen: Herr Schulze! Hm, irgendwie hatte ich mir einen spektakuläreren Namen vorgestellt! Etwas das zu seinem kalten, verhärmten Gesicht passte und eher wie ein zwielichtiger Bulle klang. Vielleicht irgendwas Russisches … Aber »Herr Schulze« war lahm … »Diese Sache, die Sie noch erledigen wollen, wird warten müssen!«, erklärte er nun wieder in einem ruhigeren Ton und goss sich Milch in die Tasse.

Klar! Wenn ich mal ganz lieb frage, wird die Apokalypse bestimmt ein oder zwei Stündchen auf mich warten …

»Ich hoffe Sie haben eine gute Erklärung, denn die Presse sitzt mir schon im Nacken und befürchtet, dass dies ein weiterer Terroranschlag war! Sie haben ein Motorrad geklaut, die örtliche Klöppelgruppe beim Jahresausflug überfahren, einen Dackel vergiftet und fünf Marktstände zerlegt. Wie haben Sie das nur hinbekommen?«

»Ich war als Kind schon schwer …«

»Frau Schwarz. Tun Sie sich einen Gefallen und reden Sie. Desto schneller sind Sie hier raus …«

»Ich HABE aber keine Erklärung, die in ein paar Minuten alle Fragen beantwortet.«, rief ich verzweifelt.

»Gut, dann sehe ich nur eine Möglichkeit. Sie erzählen mir ALLES haarklein von Anfang an und lassen kein einziges, winziges Detail aus und wenn ich mit den Antworten zufrieden bin, dann lasse ich Sie vielleicht, aber auch wirklich nur vielleicht, diese eine Sache erledigen. Sollte ich jedoch das Gefühl haben, das Sie mich anlügen oder für dumm verkaufen wollen, dann brechen wir diese Unterhaltung ab und Sie landen in der nächstbesten Zelle! Haben wir uns verstanden?«

»In Ordnung! Ich rede … Aber das wird eine lange Geschichte!«, seufzte ich.

»Nun ich habe die ganze Nacht Zeit!«, erklärte Herr Schulze ruhig.

Na wenigstens einer von uns.

Ich spürte wie die Hoffnungslosigkeit immer mehr Besitz von mir ergriff. Die Situation war ausweglos und es war allein meine Schuld. Ich hatte viel zu spät begriffen in welcher Gefahr wir schwebten. Ich hatte verloren, bevor ich richtig kämpfen konnte. Wieso nur hatte ich Luca nicht früher geglaubt? Es hatte so viele Zeichen gegeben … so viele Menschen, die auf meiner Seite waren … Und ich blöde Kuh war viel zu sehr auf mich und meine Probleme fokussiert gewesen um zu sehen, was ich damit alles anrichte …

Ich fuhr mir mit der Hand durchs Gesicht. Mein Make-Up war eh schon so verschmiert durch den Regen, das mir jede Vogelscheuche hätte Schminktipps geben können … Und schlimmer als die Situation jetzt war, konnte sie ohnehin nicht werden. Luca war entführt worden, jeder der mir etwas bedeutete war weg, ich hatte keine Ahnung wie ich die Katastrophe verhindern konnte und zu allem Überfluss saß ich hier auf der Polizeistation fest und musste Herrn Schulze dabei zusehen wie er genüsslich an seinem Kaffee schlürfte, während die Welt vor ihrem Untergang stand. Ich wollte diesen Typen nur noch packen und so lange schütteln bis er den Wetterkanal aus Bielefeld empfing. Er raffte es einfach nicht. Er hatte keine Ahnung wie viele Menschen in Gefahr waren … Und ich würde die nächsten Stunden nichts tun können, als meine Geschichte zu erzählen …

Ich, Emma Schwarz, 34, aus Bottrop, war die Einzige, die die Welt retten konnte? Alles klar! Die Welt war sowas von geliefert …

Kapitel 2

Alles begann mit einem ziemlich normalen Arbeitstag! Es war Montag, meine Motivation noch im Wochenende und mein Körper sehnte sich zurück ins Bett. »Schichten sollten niemals um 6 Uhr beginnen«, murmelte ich unzufrieden und schlurfte den langen und engen Gang zu den Personalräumen entlang, um mir für die anstehende Schicht meinen weißen Kittel anzuziehen, damit wir alle hier im Supermarkt gleich bescheuert aussahen.

»Au!« Der plötzliche, dumpfe Schmerz raubte mir fast die Besinnung als ich mit meinem Fuß an etwas sehr Hartes stieß! »Oh Mann! Welcher Vollidiot stellt hier denn einfach etwas in den Weg?« Ich begutachtete die schmerzende Stelle, aber es schien nichts kaputt zu sein. Zumindest nicht kaputt genug um der Chefin sagen zu können, dass ich nach diesem schmerzhaften Unfall sofort wieder ins Bett müsse! Die Kollegin, die sich lustlos vor mir durch den Gang schob und die sich natürlich nicht den Fuß gestoßen hatte, drehte sich gelangweilt um und sagte monoton: »Ach so Vorsicht! Da liegt der Stand für die Promotion heute!«

Super! Danke, aber die Warnung hätte ein mir kleeeeines bisschen früher doch wesentlich mehr Freude bereitet als jetzt.

Grummelnd humpelte ich den Gang weiter! Promotion war meist eine super Sache! Ein übermotivierter Mitarbeiter stand irgendwo mit seinem viel zu großen Stand in unserem kleinen Laden und ließ die Kunden irgendetwas probieren, das entweder ziemlich lecker oder ziemlich grausig schmeckte. Es war ein bisschen wie nach einer Folge Game of Thrones! Man wusste nie, ob man danach jubeln oder aus vollem Herzen weinen würde! Aber alles in Allem war es eine willkommene Abwechslung von dem schnöden immer gleichen Tagesablauf.

»Was ist es denn diesmal?«, fragte ich neugierig! »Vielleicht mal Schokolade oder Kuchen? Ich finde nämlich, dass kommt viel zu selten vor!« Die Kollegin stapfte gelangweilt weiter. »Nee, ist diesmal Fisch!«

FISCH??? Unwillkürlich stellte ich mir einen Hamburger Fischverkäufer vor, der mir einen toten Karpfen unter die Nase hielt und mit großen Zahnlücken und wilden Augen rief: »Mal abbeißen?«

Ich schüttelte den Gedanken ab und zog mich um. Mein Fuß schmerzte noch immer und der Tag war jetzt schon ein Arschloch! Ich kannte solche Montage. Wenn eine Woche so anfing, dann war das meist ein Zeichen dafür, dass es noch viel schlimmer werden würde … Das ich aber schon Tage später gegen den drohenden Weltuntergang kämpfen würde, nun ja, das war dann doch nicht abzusehen …

Einige Stunden später, meine Motivation hatte mir inzwischen eine SMS gesendet und mir mit Bedauern mitgeteilt, dass sie es heute leider nicht mehr schaffen werde auf Arbeit vorbeizuschauen, entdeckte ich den Stand fertig aufgebaut neben unserer Fischtheke und eine sehr große (1.95 m??) blonde Frau winkte mich freudestrahlend zu sich heran. Gutgelaunte Menschen hatten es eh schwer bei mir, aber gutgelaunte Menschen vor 10 Uhr konnte ich auf den Tod nicht ausstehen!

»Du musst auch probieren! Das ist ganz neu!«

»Aha!«, sagte ich vorsichtig. »Was ist das denn überhaupt?«

»Trockenfisch!«, bekam ich als Antwort! Ich blickte auf den Stand! Ausgebreitet lagen da verschiedene Sorten von etwas, das aussah als wäre es gerade gestorben und dann in tausend Stücke zerhackt worden. Leider roch es auch so. Meine Lust dieses Zeug zu probieren war in etwa so stark wie das Bedürfnis einen Marathon vom Frühlingsfest der Volksmusik anzusehen oder mich von einem tollwütigen Hamster beißen zu lassen!

Plötzlich hielt mir die blonde Promoterin das Tablett mitten unter die Nase!

»Also eigentlich muss ich jetzt ja arbeiten!«, stammelte ich vorsichtig. Blondchen wirkte nicht überzeugt!

»Aber das kannst du dir nicht entgehen lassen! Das ist eine Geschmacksexplosion im Mund!«

Ja, genau das befürchte ich ja eben!

»Frau Schwarz, ich brauche mal eben ihre Hilfe!«, hörte ich eine Kollegin rufen und sah das enttäuschte Gesicht der Promoterin!

DANKE! DANKE! DANKE! Es gibt doch einen Gott! Ich muss das Zeug nicht probieren und ich verspreche ich gehe am Sonntag in die Kirche.

»Oh hat sich erledigt, Frau Schwarz! Ich brauche Sie doch nicht!« Das Gesicht von Blondchen hellte sich schlagartig wieder auf!

Das mit der Kirche kannst du da oben mal schön vergessen!!

»Hör mal, du musst doch schließlich wissen, was du verkaufst!«

Oh so ein Mist! Jetzt hat sie auch noch Argumente!

Sie hielt mir einen Fetzen Trockenfisch unter die Nase und allein der Geruch brachte mich fast zum Würgen. Und ich war ein Mensch, der viel aushalten konnte. Aber das fühlte sich an wie Folter. Ob die Menschen in den Kriegsgebieten auch mit Trockenfisch gefoltert wurden?

»Hier ist extra ein großes Stück, damit du auch was schmeckst!«

»Oh, danke... Das ist ja lieb!«

Fuck, das Ding ist wirklich groß. Okay, Emma, du schaffst das! Augen zu und durch!

Ich stopfte mir den Klumpen Trockenfisch in den Mund und fing an zu kauen.

Es schmeckt bestimmt wie Hühnchen... Bitte lass es nach Hühnchen schmecken.

Ich kaute ein paar Sekunden vorsichtig auf dem harten Stück Fisch herum und merkte erstmal gar nichts. Langsam begann ich mich zu entspannen. Doch dann entfaltete der Trockenfisch sein Aroma. Der Geschmack bahnte sich unbarmherzig und grausam einen Weg durch meine gesamten Geschmacksnerven.

Das schmeckt definitiv nicht nach Hühnchen.

Tränen schossen mir in die Augen! Das war das Grauenhafteste, was ich jemals gegessen hatte!

»Und?« Voller Vorfreude und Enthusiasmus strahlte mich Blondchen an!

Oh mein Gott! Es schmeckt als hätte mir eine Gelbflossenflunder direkt ins Gesicht gekotzt!

»Ich kann da gar nicht viel zu sagen!«, stammelte ich vorsichtig! Und das war nicht mal gelogen, denn ich musste mich richtig konzentrieren, um den Würgereiz aktiv zu unterdrücken. Ich versuchte immer wieder zu kauen, aber gegen diesen fiesen Geschmack schien ich nicht anzukommen. Ich wollte das Ding nur noch loswerden. Ich wälzte es mit der Zunge von der einen Seite auf die andere. Jedoch schien es in meinem Mund nur immer mehr zu werden!

»Ach weißt du, ich mache ja öfter mal Promotion!«, sprudelte Blondchen energiegeladen weiter, ohne zu merken welche Kämpfe ich gerade ausstand.

»Bestimmt ein- oder zweimal die Woche«

Hilfe! Mach, dass es aufhört!

»Und meistens ist es ja recht langweilig.«

Ich werde diesen Geschmack noch Wochen auf der Zunge haben, oder?

»Aber diesmal bin ich von dem Produkt echt begeistert!«

Ob ich mir gleich die Zähne putze?

»Und das mit dem Trockenfisch ist echt etwas Neues!«

Zahnbürsten haben wir ja im Laden …

»Und die Leute reagieren da auch ganz unterschiedlich«

Dann muss ich mir aber auch Zahnpasta holen …

»In dem Job erlebt man so viel«

Ich nahm alle Kraft zusammen und...

Schluckte... Es war überstanden! So mussten sich die alten Griechen nach einer gewonnen Schlacht fühlen. Na ja, mit weniger Fischgeschmack im Mund wahrscheinlich …

Das Leben kann so schön sein. Jetzt nur noch weg hier!

Ich wollte mich gerade abwenden, als mich Blondchen am Arm festhielt!

»Du hast ja die anderen Sorten überhaupt nicht probiert!« Enttäuscht und traurig sah sie mich an. Als ich in ihre blauen Augen sah, spürte ich tief in mir eine Stimme, die mich fragte: »Bringst du es echt übers Herz sie zu enttäuschen?«

Ja, das kriege ich hin!

»Ich muss leider weiterarbeiten. Sonst komm ich zu gar nichts mehr!«, sagte ich entschuldigend.

»Dann nimm wenigstens noch ein paar Proben für deine Kollegen mit, die heute nicht da sind!«

Hm, wenn ich möchte, dass sie fristlos kündigen...

Ich packte die Proben ein und war überglücklich, dass Blondchen kurz danach den Laden verließ. Ich sollte noch Tage später einen seltsamen Geschmack auf der Zunge haben …

Kapitel 3

Ich hatte jedoch keine Zeit lange über den Trockenfisch nachzudenken. Genauso erbarmungslos wie der grauenvolle Geschmack holte mich nämlich der Stress und der Zeitdruck ein. Ich freute mich so auf den Feierabend, aber die Liste der Aufgaben, die ich bis dahin noch zu erledigen hatte, war immens lang. Was man in so einem Moment übrigens gar nicht gebrauchen kann sind Kunden. Unzufriedene, stets nörgelnde und immer alles besserwissende Kunden … Und die alten Damen sind da immer eine besondere Freude …

»Wo steht der Zucker?«

»Hinter Ihnen!«

»Der stand aber letztes Mal noch da hinten bei den Brötchen!«

»Nein, der stand schon immer hier beim Mehl!«

»Doch ich bin mir sicher, dass Sie wieder umgeräumt haben! Sie räumen ja ständig um …«

»Wir haben das letzte Mal vor 4 Jahren umgeräumt. Seitdem steht er hier beim Mehl.«

»Nein, das glaube ich Ihnen nicht. Letzte Woche stand der noch da hinten! Sie räumen hier nur immer um, um die Kunden zu verwirren. Eine ganz üble Masche ist das.«

»Ich versichere Ihnen, der Zucker stand letzte Woche genau da, wo er jetzt auch steht!«

»Dieses ständige Umräumen ist eine Zumutung. Sagen Sie das mal Ihrem Chef!«

AHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH! Nimm deinen scheiß Zucker und geh endlich!

»Ja, das werde Ihm ausrichten …«

Wenn man solche Gespräche 5 bis 10 Mal am Tag führt, dann beginnt man Kunden allmählich zu verabscheuen. Diese nervigen Knalltüten, die einem mit dem Einkaufswagen den Weg versperren und daran hindern, pünktlich mit der Arbeit fertigzuwerden.

Der nächste Kandidat, der mich anspricht, der bekommt so dermaßen …

Und plötzlich sah ich ihn wieder. Er stand bei der Margarine und musterte die unterschiedlichen Sorten. Einer unserer Stammkunden hier, aber ich kannte seinen Namen nicht. Er blickte kurz in meine Richtung und sein braunes Haar fiel in sein Gesicht. Er strich sich die Strähne aus dem Gesicht und winkte mir freundlich lächelnd zu. Sofort machte mein Herz einen Hüpfer. Ich kannte diesen Mann nur vom Sehen und wir hatten noch nie ein Wort miteinander gewechselt, aber seine freundliche Art und sein magisches Lächeln, machten mich jedes Mal sprachlos. Abgesehen davon war er der perfekte Kunde. Er stand nie im Weg, war stets höflich und war praktisch wie ein Geist: Nicht vorhanden, aber brachte Umsatz.

Und das Beste: Er trug keinen Ehering am Finger. Das hatte ich schon bei der zweiten Begegnung mit ihm gecheckt. Trotzdem kamen wir nie ins Gespräch … Kein Wunder bei dem Kittel, den ich tragen musste. Ich hätte genauso gut ein Schild hochhalten können auf dem steht: »Achtung! Ich bin eine frigide Jungfer. Bitte sprechen Sie mich nicht an!«

Ich hätte diesen Mann ewig beobachten können. Er war groß gewachsen, hatte einen sexy Drei-Tage-Bart und einen Hintern, in den man einfach nur reinkneifen wollte. Wenn er nicht den ersten Schritt machte, dann musste ich das tun.

Was hatte ich zu verlieren? Meinen Stolz, meine Achtung vor mir selbst, meine Würde …

Was konnte schon Schlimmes passieren wenn ich ihn nach einem Date fragen würde? Er könnte vor Lachen zu Boden gehen und ersticken oder Panik bekommen und bei der Flucht draußen vor einen Bus laufen …

Was sollte mich davon abhalten jetzt einfach auf ihn zuzugehen und ihn anzusprechen? Ein Blick nach unten auf meinen Kittel und die Antwort war klar …

Die Fakten lagen klar auf dem Tisch. Das da drüben war ein Traumtyp, der es nicht nötig hatte jemanden anzusprechen und ich eine feige Nullnummer gekleidet in einen Kartoffelsack. Wir würden also in 10 Jahren noch genau an derselben Stelle stehen. Er vor der Margarine und ich bei der Milch, um sie einzuräumen …

Plötzlich packte mich die Wut. Ich war eine selbstbewusste, emanzipierte Frau. Ich wusste was ich wollte und war noch nie auf den Mund gefallen. Wieso hatte ich solche Angst ihn anzusprechen? Scheiß drauf, ich mach das jetzt einfach …

Ich näherte mich ihm, setzte meinen sexy Blick auf und …

»Entschuldigung, Sie sehen so verloren aus. Kann ich Ihnen behilflich sein?«

Moment mal! Das ist nicht meine Stimme!

Eine Kollegin hatte sich ihm von der anderen Seite genähert und hatte nun seine volle Aufmerksamkeit.

Susanne …

Die konnte ich noch nie leiden. Sie warf sich jedem gutaussehenden Kunden an den Hals und sah zu allem Überfluss auch noch verdammt gut aus. Sogar der Kittel schien ihr zu stehen und ihre Kurven zu betonen. Mit einem triumphierenden »Der gehört mir!«-Lächeln nahm sie den Margarine-Traumtypen sanft am Arm und säuselte: »Ich zeige Ihnen noch die besonders günstigen Angebote hier drüben!«

ARGHHH! Du blödes Miststück! Ich mach Kleinholz aus dir …

Aber ehe der Margarine-Traumtyp etwas sagen konnte, hatte sie ihn schon von mir weggeführt und ich stand wie bestellt und nicht abgeholt neben meiner Milch …

Stolz und Würde verloren? Check

Wie eine Vollidiotin dastehen? Check

Lust haben, nun weiter zu arbeiten? ERROR

Enttäuscht und übellaunig ging ich in die Hocke und stopfte die Milch weiter ins Regal, mit einer Heftigkeit die das ganze Kühlregal zittern ließ. Susanne würde noch ihr blaues Wunder erleben. Der würde ich so die Meinung geigen, dass sie nicht mehr wissen würde, ob sie Männlein oder Weiblein war …

Ich spürte, wie mich ein Finger auf der Schulter antippte, fuhr herum und rief eine Spur zu heftig: »Was ist?«

Als ich jedoch sah wer mich da angetippt hatte, war die Wut verflogen. Ein kleiner Junge um die 5 oder 6 Jahre stand schüchtern hinter mir und blickte mich verängstigt aus großen Kulleraugen an …

Oh ich liebe Kinder.

Ich drehte mich zu ihm um und sagte in sanfterem Ton: »Wie kann die Tante dir denn helfen?«

Mit Kindern kann ich super.

Der Junge sah mich irritiert an und trat dann nervös von einem Fuß auf den Anderen.

»Ich habe dich gesucht.«, murmelte er.

Und Kinder lieben mich.

»Na nun hast du mich gefunden. Was möchtest du denn?«

Der Junge musterte mich genau. Seine dunkelblaue Mütze hatte er tief ins Gesicht gezogen.

»Meine Mama ist hübscher als du.«

Okay vielleicht nicht alle Kinder.

»Aber kann deine Mama auch das hier?« Ich warf ein Päckchen Milch in die Luft um sie lässig mit der anderen Hand hinter meinem Rücken zu fangen. Nun so war der Plan. Die Milch sah das anders und landete mit einem lauten Klatschen auf dem Boden und ergoss sich in alle Richtungen.

»Das mach ich später weg«, nuschelte ich.

»Du bist komisch.«, sagte der Junge tonlos.

Gut vielleicht konnte ich doch nicht so gut mit Kindern …

»Du musst mir helfen, Frau Schwarz!«, flüsterte er kaum hörbar … »Es wird etwas Schlimmes passieren …«

Ich spürte einen leichten Anflug von Gänsehaut.

»Woher kennst du eigentlich meinen Namen?«

Der Junge ignorierte meine Frage und sah stattdessen traurig zu Boden. »Es wird bald ganz finster …«

»Ähm, brauchst du eine Taschenlampe.«

Der Junge schüttelte den Kopf.

»Oder Batterien?«

»Nein.«

»Wie haben auch Akkus.«

»Frau Schwarz, du musst die Welt retten!«

Eine Sekunde lang sah ich den Jungen entgeistert an und dann bekam ich so einen Lachflash, dass ich mich am Regal festhalten musste um nicht umzukippen.

»Du bist ja der Hammer, Kleiner!«, lachte ich lautstark auf. »Das hat mir jetzt echt den Tag gerettet. Knaller!« Ich bekam kaum Luft und mein Bauch schmerzte bereits durch den Lachanfall. »Ja wenn ich fertig bin mit der Milch, werde ich noch schnell die Welt retten.«

Verwirrt sah mich der Junge an. »Aber das ist doch gar nicht lustig. Das ist ernst. Du musst mir helfen …«

»Hör mal, kleiner Mann!«, erklärte ich ruhig, als der Lachkrampf endlich nachließ und ich mir die letzten Tränen aus den Augen gewischt hatte. »Ich finde das ja super, das du mit mir Superheld spielen willst, aber ich denke du solltest das mit deinen Eltern spielen … Ich habe auch noch eine Menge zu tun: Milch und Eier auffüllen, das Lager aufräumen und meine Kasse abrechnen. Die Welt retten steht da nicht auf meiner Liste.«

Ich spürte wie sich Panik in ihm breit machte. Offenbar nahm er das alles viel zu ernst. »Aber … aber … BITTE … Du MUSST mir helfen. Sonst …« Er packte mich am Arm und rüttelte daran so heftig, dass ich das Gleichgewicht verlor und unsanft auf meinem Allerwertesten landete. Natürlich voll in der Milch, die ausgelaufen war.

»Jetzt ist aber genug!«, rief ich unwirsch. Mein Kittel war klatschnass. »Ich werde weder heute noch morgen die Welt retten. Für so ein blödes Spiel bin ich die Falsche. Also geh zurück zu deinen Eltern und fall denen auf die Nerven!«

Update: Mit Kindern kann ich doch nicht gut …

Geschockt durch meine laute Ansage, blickte mich der Junge aus seinen großen, grünen Augen an und als sie sich mit Tränen füllten, tat es mir leid so hart gewesen zu sein. Sein Blick war so verzweifelt, dass es mir bis unter die Haut ging.

Ich bin sogar richtig scheiße darin.

»Aber du bist doch die Einzige, die das kann … Und wenn du es nicht willst, dann …« Er schlug die Hände vors Gesicht und rannte davon. Für eine Sekunde überlegte ich ihm hinterherzugehen. Als mich dann noch eine Kundin vorwurfsvoll und verächtlich ansah und den Kopf schüttelte, fühlte ich mich vollkommen schlecht.

Einen kleinen Jungen zum Weinen gebracht? Check

Sich fühlen wie der unsensibelste Mensch auf Erden? Check

Gleich den Feierabend genießen können? Error

Missmutig begann ich die Milch aufzuwischen und während ich Susanne um die Ecke biegen sah, die triumphierend die Telefonnummer von dem Margarine-Traumtypen in die Höhe reckte, fragte ich mich wie viel schlimmer der Tag noch werden konnte …

Kapitel 4

»Ah …! Das ist genau das, was ich jetzt brauche!« Zufrieden grinste Lina mich an.

»Was?«, entgegnete ich schnippisch. »In einer überfüllten S-Bahn zu stehen mit verschwitzten Menschen, denen jeglicher Sinn für Mode fehlt? Das brauchst du jetzt? Steht auf meiner To-do-Liste nicht sehr weit oben!« Und mit einem abschätzenden und gleichzeitig fasziniertem Seitenblick auf die Dame neben mir, flüsterte ich: »Ich wunder mich immer wieder wieviel Bein in so eine enge Leggins passt …«

Lina knuffte mir in den Arm und schüttelte lachend den Kopf: »Nein du Witzbombe! Ich meine Shopping mit der besten Freundin! Lächle mal, du hast Feierabend?«

»Glaub mir! Nach dem was heute passiert ist hättest du auch schlechte Laune!« Mit Schrecken dachte ich an meinen Arbeitstag zurück. Der Geschmack des Trockenfischs von heute Morgen war immer noch nicht ganz verschwunden und diese Leute in der S-Bahn gaben mir den Rest! Ich beugte mich freundlich lächelnd zu dem jungen Mann neben mir und säuselte: »Entschuldigung! Hätten Sie eventuell ein Deo?«

»Ja klar!« Sofort begann er umständlich in seinem Rucksack zu kramen und fischte ein Deodorant heraus!

»Super«, sagte ich schon weniger freundlich. »Dann benutzen Sie das Ding auch! In Ihrem Rucksack nützt das niemandem!« Anschließend wandte ich mich wieder meiner Freundin zu und überhörte das »Zicke«, das er mir wütend in den Rücken zischte.

Lina packte mich am Arm und zog mich aus der Bahn. »Na wir sind ja heute wieder der Sonnenschein pur! Bewirbst du dich gerade um das Miststück des Monats? Meine Stimme hast du!«

»Er hat gestunken!«, rief ich zu meiner Verteidigung. »Ich habe der Welt einen Gefallen getan.«

»Ich weiß nicht, ob die Welt das auch so sieht.«, seufzte Lina. »Vielleicht brauchst du einfach nur wieder einen Mann an deiner Seite. Du hattest schon ewig keine feste Beziehung mehr …«

»Das hatte ich sehr wohl.«

»Ja? Wen denn?«

»Na zum Beispiel Sven.«

»Du zählst jetzt nicht ernsthaft den Typen dazu, der dich jedes Mal mit: »Hey jo Digga, was geht?« begrüßt hat und dir nach dem Sex immer einen Fist Bump gegeben hat?«

»Er hatte auch seine guten Seiten. Er hat mich zum Essen eingeladen.«

»Einen Döner mitbringen ist nicht zum Essen einladen, Emma.«

»Ach Männer kann man eh alle vergessen …«

»Süße, lass doch endlich die Vergangenheit hinter dir. Suche dir einen süßen Kerl und verliebe dich. Es gibt sie da draußen … Die tollen Männer, die einen auf Händen tragen, in den Schlaf küssen und niedliche Dinge ins Ohr flüstern. Männer, die nur Augen für dich haben und dir das Gefühl geben, du wärst eine Prinzessin …« Lina begann sich mal wieder in einem ihrer Tagträume zu verlieren.

»Wow! Darf ich dir mal eben ins Märchenbuch kotzen?«

»Du bist nur einfach verbittert. Aber dagegen machen wir jetzt etwas. Wir suchen dir einen Kerl!«

»WAS?«

»Gut, was ist mit dem? Der sieht doch ganz nett aus.« Sie deutete unauffällig auf einen jungen Mann rechts von uns.

»Der hat einen Bierbauch …«

»Okay … Hey dieser hier ist niedlich.«

»Der hat ein komisches Gesicht …«

»Hmpf … Aber der da drüben ist nun wirklich süß.«

»Der hat eine komische Hose …«

Lina rollte mit den Augen. »Ach Emma, du bist viel zu sehr aufs Äußere fixiert! Die inneren Werte zählen viel mehr!«

»Du meinst so Sachen wie Cholesterinspiegel?«, grinste ich.

Lina blieb abrupt stehen und hielt mich am Arm fest.

»Was ist los?«

»Sieh dir mal den an! Der ist echt heiß!« Sie zeigte auf einen etwa 25-jährigen jungen Mann in kurzen Jogginghosen, einem lässigen, grauen Shirt, das nur spärlich sein Sixpack bedeckte und dessen lange, blonde Filzzöpfe in sein Gesicht hingen. Innere Werte, alles klar!

Ich blickte ihn abschätzig an! »Auf so etwas stehst du? Die Haare gehen gar nicht!«

Lina zuckte entschuldigend mit den Achseln, konnte ihren Blick aber nicht von ihm wenden.

»Also ich finde, der hat was.«, sagte sie schüchtern.

»Ja, ziemlich sicher!«, pflichtete ich ihr bei. »Läuse!«

»Oah echt, du bist so gemein!« Lina stapfte weiter durch die Fußgängerzone und ich trottete hinterher.

»Hör mal!«, rief ich. »Vergiss den Mist mit der Liebe! Das ist Nonsens. Habe ein bisschen Spaß und genieße was du kriegst!«

Mitfühlend blickte mich Lina an: »Emma! Wie willst du denn so jemals glücklich werden?«

Ich musste laut lachen. »Schätzchen, ich arbeite rund um die Uhr in einem Supermarkt in einem viel zu großen, unvorteilhaften Kittel, der aussagt: »Ich hasse Sex!«, habe eine Freundin, die mir jeden Tag aufs Neue mit ihrem »Ich-suche-die-große-Liebe-Gesülze« auf die Eierstöcke geht und mein Kater hat mir heute Morgen in die High-Heels gekotzt! Ich bin weit davon entfernt glücklich zu sein! Und mir fällt gerade ein, das ich neue Schuhe brauche …«

»Warum sind wir gleich noch mal Freundinnen?«, fragte Lina lachend.

»Weil ich die Einzige bin, die exakt die gleiche Kleidergröße hat und wir so Klamotten tauschen können! Und weil ich noch dein Lieblingstop habe und wer weiß, was für Unfälle passieren können? Rote Lieblingstops gehen verloren … Oder laufen vor ein Auto …«

Lina schüttelte grinsend den Kopf: »Du bist soo bescheuert!«

»Vor allem bin ich überarbeitet …«, seufzte ich.

»Dann lass uns zusammen Urlaub machen oder ein Wochenende im Spa. Du musst mal wieder den Kopf freikriegen. Mit ein bisschen Ruhe wirst du auch wieder gelassener und freundlicher. Du bist nämlich gerade ziemlich leicht reizbar.«

»Bin ich überhaupt nicht.«, zischte ich.

»Ich meine, du musst ja nicht gleich die Welt retten, aber manchmal würde dir ein bisschen Mitgefühl ganz gut tun …«

»Sag mal was habt ihr alle mit dem »Welt retten«?«, fuhr ich Lina eine Spur zu heftig an. »Du bist schon die Zweite, die das heute sagt! Was soll denn dieser Mist? Ist Cannabis inzwischen legal und ich bin einfach bloß die Einzige, die nicht high ist oder was läuft hier? Hab ich was verpasst?«

»Was meinst du denn?«, fragte Lina ratlos.

Ich versuchte mich wieder ein bisschen zu beruhigen und erzählte meiner besten Freundin ausführlich, was heute Morgen geschehen war.

»Der Junge war wirklich davon überzeugt, dass ICH Diejenige bin, die die Welt retten wird!«

»Kinder haben eine blühende Phantasie. Vergiss es einfach. So etwas beschäftigt dich?«

»Nein, das ist Bockmist … Aber du hast sein Gesicht nicht gesehen … Seinen Blick. Der meinte das ernst … Wie kommt der denn ausgerechnet auf mich?«

»Vielleicht siehst du seiner Lieblingsfigur aus dem Fernsehen ähnlich?«

»Ich weiß auch gar nicht, warum mir das so nahe geht! Wenn seine Eltern ihn zu viele Science-Fiction-Filme sehen lassen, dann muss das ja nicht mein Problem sein. Ich brauche sowieso erst einmal neue Klamotten. In den Fetzen kann ich keine Welt retten.«, grinste ich.

»Emma, die große Heldin. Haha, vielleicht kriegst du ja auf diese Weise einen hübschen Kerl. Du könntest ein enges Lederoutfit tragen.«

Ich winkte lachend ab. »Lass mal stecken. Darauf habe ich keinen Bock! Sollen das doch die Männer machen!«

ZACK! Lina hatte mir eine fette Kopfnuss verpasst! »Aua! Spinnst du?«, blaffte ich sie an.

»Du spülst mal eben 100 Jahre Emanzipation im Klo hinunter mit so einer Aussage! Frauen können sehr wohl die Welt retten!«

»So meinte ich das auch nicht!«, zischte ich beleidigt, während ich mir die schmerzende Stelle am Kopf rieb.

»Ich meine nur, dass Männer doch eh meistens ziemlich nutzlos sind. Man kann sie gerade mal für ein paar Dinge benutzen und dazu zähle ich noch nicht mal Sex, denn auch da sind das meistens hoffnungslose Fälle … Drücken hilflos an den Brüsten rum als wollten sie eine Kuh melken und wenn es endlich anfängt interessant zu werden, sind sie fertig …Und wenn sie sonst schon zu nichts zu gebrauchen sind, dann können sie doch wenigstens mal ab und an die Welt retten.«

Lina seufzte, warf mir den Du-bist-ein-hoffnungsloser-Fall-Blick zu und zog mich wieder nach oben!

»Na komm! Lass uns endlich shoppen!«

Ich lächelte sie an. »Alles klar! Es gibt nichts, was ein paar neue Schuhe nicht richten können! Übrigens brauche ich neue High-Heels.« Lina lachte und hakte sich bei mir ein.

Es wurde ein witziger Nachmittag und Lina schaffte es tatsächlich mich den Alltagsfrust vergessen zu lassen. Dann und wann drifteten meine Gedanken allerdings ab und kreisten um den kleinen Jungen. Ich konnte die Panik in seinen Augen nicht vergessen. Ich, ausgerechnet ich, sollte die Welt retten! Vor was denn überhaupt? Und wie?

Nein! Ich würde den Jungen sowieso nie wieder sehen und wenn eines sicher war dann das:

Ich würde garantiert nie gegen irgendeinen seltsamen Weltuntergang kämpfen.

Ich lag sowas von daneben …

Kapitel 5

Der Regen trommelte laut gegen die Fenster, als ich abends die Tür zu meiner Wohnung aufschloss. Das Gewitter hatte uns beim Shoppen überrascht und jetzt stand ich triefend mit den Einkaufstüten im Flur und war froh endlich zuhause zu sein. Wie immer bei meiner Rückkehr kam sofort Artemis angelaufen, maunzte mich zur Begrüßung an und strich um meine Beine. Als er allerdings merkte, dass alles an mir nass und klebrig war, verschwand die Wiedersehensfreude und er nahm erst einmal Sicherheitsabstand. Ich stellte die Tüten ab und begann mich aus den feuchten Klamotten zu schälen und freute mich auf den gemütlichen Jogginganzug. Nicht sehr damenhaft, ich weiß, aber überaus bequem und das war es, was ich jetzt brauchte. Artemis hatte inzwischen die Einkaufstüten entdeckt und beschnupperte eindringlich den Karton mit den neuen High-Heels.

»Wenn du mir die neuen Schuhe auch wieder vollkotzt, dann verkauf ich dich an das peruanische Restaurant um die Ecke! Die waren nämlich echt teuer!«

Eigentlich sogar zu teuer. Mit Grauen dachte ich an meinen Kontostand. Wäre der ein Mensch, würde er wahrscheinlich grad hechelnd am Beatmungsgerät hängen. Aber manche Dinge musste Frau sich eben leisten.

Artemis blickte mich irritiert an und legte den Kopf schief. Wenn er mich so unschuldig ansah, konnte ich eh nicht böse sein. Ich streichelte über sein Köpfchen und versorgte den kleinen Kater erst einmal mit Abendessen, da er sonst sowieso keine Ruhe gab.

Nach ein paar Minuten konnte ich mich endlich auf der Couch niederlassen und ein wenig die Ruhe genießen. Ich dachte an Lina und unseren Nachmittag. Hatte sie Recht? War ich wirklich unleidlich geworden und hatte es nicht einmal gemerkt? Das konnte unmöglich sein! Ich war der Sonnenschein in Person.

Gut, der Postbote, den ich vor ein paar Tagen angeschrien hatte, weil er mir die Vogue total zerknittert geliefert hatte, sah das wahrscheinlich anders …

Oder der Taxifahrer, den ich als »Lappen« bezeichnet habe, weil er bei Rot nicht, wie von mir gewünscht, über die Ampel gebrettert ist …

Oder die Empfangsdame im Fitnessstudio, die ich aus Wut mit Anmeldeformularen beworfen habe, weil sie mir DRINGEND empfohlen hat, etwas gegen mein gebärfreudiges Becken zu tun …

Oder die Politesse, die ich freundlich gebeten habe, sich doch um ihren eigenen Dreck zu kümmern … hm, da könnte bald Post kommen

Oder der Busfahrer, der …

Okay, okay … Mir fielen dann doch einige Beispiele ein. Vielleicht war ich manchmal ein wenig launisch. Aber so war ich nun mal. Wenn mir jemand ans Bein pinkelte, dann pinkelte ich eben zurück. Zugegeben, die Metapher war jetzt ein klein wenig eklig … Wie auch immer: Ich war nicht der Typ Mensch, der sich etwas gefallen ließ und im Leben gab es nichts umsonst. Je näher man Menschen an sich heranließ, umso schneller konnte man verletzt werden. Diese Lektion musste ich auf schmerzhafte Weise lernen …

Das schrille Läuten des Telefons riss mich aus meinen Tagträumen. Gleichgültig ließ ich es klingeln. Ich war zu faul um aufzustehen …

Als der Anrufbeantworter ansprang und ich die Stimme hörte, blieb mir aber fast die Luft weg.

»Hallo Emma … Ich bin’s … Tom … Ähm … Wie geht’s dir so... Ist lange her … Hoffe bei dir ist alles gut … Also ich … Ähm ich wollte dir nur sagen, dass ich wieder in der Stadt bin … Ich bin wieder hergezogen … Hab mich beruflich ein bisschen verändert … Ja und ich ähm … vielleicht könnten wir uns mal treffen und reden … Ist viel passiert … Also ich fände es gut, wenn das klappt … Ich komme morgen mal in dem Laden vorbei … Hoffe du arbeitest noch da … Dann können wir das ja kurz besprechen... Schönen Abend dir …Ciao!«

Paralysiert starrte ich auf das Telefon. Mein Herz pumpte so rasend schnell, dass ich Angst hatte ohnmächtig zu werden. Allein seine Stimme zu hören, brach alles wieder auf.

Tom … Meine große Jugendliebe! Der Dreckskerl hatte mir so wehgetan wie noch kein Mensch je zuvor. Ich habe Monate damit verbracht zu heulen und Jahre damit ihn zu hassen, zu verfluchen und ihm zu wünschen, dass ein Klavier auf ihn fallen würde oder dass er den unwiderstehlichen Drang verspüren würde gegen eine Steinmauer zu laufen oder einen Elektrozaun anzufassen. Immer und immer wieder …

Jetzt hörte ich seine Stimme und ich wünschte mir nichts mehr, als von ihm in die Arme genommen zu werden …

Gott, ich bin so kaputt!!

»Nein Tom!!! Ich lasse nicht mehr zu, dass du solche Macht hast über mich. Ich werde dir morgen so fest in dein blödes, hübsches Gesicht schlagen, das du nicht mehr weißt, wie viele Engelchen gerade um deinen Kopf fliegen.«, schwor ich mir selbst.

Plötzlich hämmerte jemand so laut gegen meine Tür, das ich fast von der Couch flog. Soviel zum Thema: Den Abend ruhig ausklingen lassen … Artemis floh ins Schlafzimmer und verkroch sich unter dem Bett und ich schlich zur Tür. Wieder klopfte jemand energisch.

Hoffentlich kein irrer Killer …

Ich blickte durch den Spion. Na ja das »Killer« konnte ich streichen, das »irre« leider nicht.

Genervt öffnete ich die Tür.

»Kikumi, was ist denn los? Was hämmerst du denn wie wild an meine Tür?«

Meine Nachbarin lächelte mich verklärt an. Sie war schon wieder high. Oder betrunken. Oder Beides …

»Ich habe den Klingelknopf nicht gefunden … Irgendwie ist dieses Mistding auch jedes Mal woanders …«, schimpfte sie murmelnd.

Oh Gott! Bingo! Die hat wieder voll einen sitzen.

»Emma ich muss dir was extreeeem Wichtiges sagen!!«, presste sie zwischen den Lippen hervor, während sie mit einer Hand versuchte sich am Türrahmen festzuhalten.

Das sah so bescheuert aus, dass ich nicht anders konnte als laut zu lachen und schon Sekunden später lachte sie mit.

Irgendwie mochte ich Kikumi. Sie war eine junge, lebensfrohe sehr kleine, zierliche Frau mit einem Herzen aus Gold. Ihr asiatisches Aussehen hatte sie von ihrem Vater, einem Japaner, geerbt. Aber aufgezogen wurde sie von ihrer Mutter hier in Bottrop. Sie sah irgendwie immer wie ein Manga auf Droge aus und ich war mir nicht sicher welche Drogen sie überhaupt alles einwarf. Sie schwor zwar »nur« zu kiffen und dabei ein »wenig« Alkohol zu trinken, aber das war bei ihren geistigen Aussetzern manchmal schwer zu glauben …

»Was musst du mir denn Wichtiges sagen?«, fragte ich noch immer schmunzelnd.

Kikumi machte ein ernstes Gesicht und lallte: »Ich habe es irgendwie vergessen, aber es war sehr wichtig!« Dabei wehte mir eine dezente Alkoholfahne um die Nase, die mich kurz aufstoßen ließ.

»Hast du einen sitzen oder bloß wieder neues Gras ausprobiert um zu sehen wie deine Wohnung mit anderen Farben aussieht?«

Kikumi schickte mir einen bösen Blick und zischte: »Das ist eine üble Verleud … Verleuu … Ich bin nicht IMMER high, okay? Du hast keine Beweise!«

»Süße, du hast keine Hose an!«

Kikumi sah an sich herunter und starrte ihre nackten Beine an …

»OH!!«, rief sie, als würde ihr plötzlich einiges klar werden. »DAS erklärt jetzt einiges … Ich hatte mich schon gewundert wieso das untenrum so luftig und bequem ist. Hatte sogar schon nach dem Kassenzettel gesucht, weil ich mir noch so eine kaufen wollte … Trage ich denn einen Slip?«

Ich HOFFE es, aber ich werde definitiv nicht nachsehen!

»Kikumi!« Langsam verabschiedete sich dann doch die Geduld! »Ich habe morgen Frühschicht und möchte gern ins Bett. Wenn es dir also nichts ausmacht …«

»Was stehst du hier eigentlich im Hausflur rum?«, fragte mich Kikumi irritiert und mit einem: »Komm doch rein!«, schob sie sich an mir vorbei in meine Wohnung!

»Das … ähm … ist meine Wohnung!«, murmelte ich, aber Kikumi hörte es entweder nicht oder ignorierte es gekonnt.

Nachdem sie sich selbst in meine Wohnung eingeladen hatte, ließ sie sich auf die Couch fallen und beobachtete fasziniert den Regen, der gegen mein Fenster prasselte …

»Hast du was zu Trinken da?«

Missmutig stapfte ich zum Kühlschrank, wohlwissend, dass mich da nicht viel erwarten würde.

»Ich habe Johannisbeersirup, ein altes Ginger Ale ohne Kohlensäure und ähm … Senf!«

Kikumi verzog das Gesicht. »Igitt! …Wobei auf Senf hätte ich Bock …«

Jetzt war es an mir das Gesicht zu verziehen, aber ich kannte Kikumi und mich wunderte nichts mehr. Ich stellte ihr das Glas Senf mit einem Löffel hin und sie schnappte es sich sofort.

»Hast du was zu Rauchen da?«

»Ich rauche nicht!«

»Hmmm … Du solltest damit anfangen! Du verpasst was!«

Wieder verzog ich das Gesicht. »Schleimiger Auswurf, Raucherhusten, zittrige Hände und einen langsamen qualvollen Tod durch Lungenkrebs? So verlockend das auch alles sein mag, aber ich passe!«

»Du bist langweilig!«, stellte Kikumi fest und stopfte sich den nächsten Löffel Senf in den Mund.«

Gut. Ich denke damit kann ich leben.

»Dein ganzes Leben ist langweilig. Du arbeitest in einem Supermarkt, rauchst und trinkst nicht und lebst hier allein in der Wohnung. Oh ich vergaß, da gibt es ja noch diese imaginäre Katze!« Bei dem Wort »Katze« nahm Kikumi ihre Hände um Gänsefüßchen darzustellen.

»Wieso denn imaginär?«, seufzte ich.

Kikumi legte sich auf die Couch um es sich bequem zu machen und meine Hoffnung auf eine baldige Verabschiedung von Kikumi verabschiedete sich ihrerseits.

»Weil ich diese »Katze« noch nie gesehen habe!«, stellte Kikumi mit detektivischem Spürsinn fest.

»Kikumi!«, stöhnte ich. »Artemis saß bei dir schon auf dem Schoß! Du hast ihn schon gestreichelt …«

Kikumis prüfender und konzentrierter Blick verriet, dass sie krampfhaft nachdachte.

»Hmm warte … So eine grau getigerte, mit weißem Hals und einem braunen Punkt über dem rechten Auge?«

»Genau die meine ich!«

Kikumi überlegte noch ein paar Sekunden und sagte dann überzeugt: »Nee tut mir leid, die kenne ich nicht!«

»Kikumi, willst du nicht bald wieder nach Hause? Ich muss echt früh raus, also …«

Doch abermals überhörte Kikumi gekonnt den sanften Rauswurf.

»Wie läuft es mit den Männern?«

»Gar nichts läuft!«, gab ich deprimiert zu. »Obwohl.. Na ja … Tom hat sich gerade, bevor du kamst, gemeldet.«

Mit einem plötzlichen Satz sprang Kikumi in die Höhe und fixierte mich.

»Was? Ernsthaft? Tom? Ich glaube es ja nicht. Das ist ja krass! Was will er?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Er hat mir auf den AB gequatscht, dass er mich sehen will und mit mir über alles reden will. Ich weiß grad überhaupt nicht, wie ich da reagieren soll … Ich habe mir das so lange gewünscht, dass er sich meldet und jetzt, als er es endlich tut, da bringt mich das total durcheinander. Ich meine, was er sich damals geleistet hat, ist einfach nicht zu entschuldigen und das kann ich ihm auch niemals verzeihen, aber es ist TOM!«

Kikumi hörte aufmerksam zu und ihre Augen waren weit aufgerissen, als ob sie lange keine so spannende Geschichte mehr gehört hatte und flüsterte ungläubig: »Das haut mich echt um … Nach allem was war … Ruft der einfach an und meldet sich … Tom … Oh Mann …!«

»Du hast keine Ahnung wer Tom ist, oder?«

»Nicht die geringste …« Kikumi ließ sich wieder auf die Couch sinken.

»War mir klar!«, seufzte ich! »Die Gespräche mit dir sind echt hilfreich!«

Artemis wagte sich nun endlich aus dem Schlafzimmer und sprang auf meinen Schoß, um seine allabendlichen Streicheleinheiten einzufordern.

»Oh wie süß! Du hast ja eine Katze!«, rief Kikumi begeistert.

»Also manchmal frage ich mich, was bei dir alles schief gelaufen ist!«, stöhnte ich kopfschüttelnd.

»Das aufzuzählen würde Jahre in Anspruch nehmen!«, antwortete Kikumi belustigt.

Ein ohrenbetäubend lauter Donner riss uns aus unserem Gespräch und Artemis drückte sich zitternd an mich. Der Regen und der Sturm wurden immer intensiver und schienen die Fenster mit all ihrer Kraft einschlagen zu wollen.

»Wow … Es regnet so stark... Man könnte meinen die Welt geht unter!«, flüsterte Kikumi.

Und da war es wieder …

»Dieses Thema lässt mich heute einfach nicht in Ruhe!«, seufzte ich. »Wieso reden alle plötzlich vom Weltuntergang? Das geht mir allmählich echt auf die Nerven!«

Kikumi wandte den Blick zu mir und wirkte für einen Moment erschreckend klar: »Wieso? Hatten auch andere diesen Traum?«

»Was für einen Traum meinst du denn?«, fragte ich zögerlich. Ich war mir nicht sicher, ob ich die Antwort wirklich hören wollte.

Kikumi wurde ganz still … »Na ja … er war ziemlich beängstigend … Es fühlte sich an wie das Ende … Ich bin draußen … Der Boden fängt an zu vibrieren … Ganz leicht … Und wird immer stärker und stärker … Und plötzlich bebt die ganze Erde … Bäume werden entwurzelt, Häuser stürzen ein und dann öffnet sich ein Abgrund vor mir … So groß und tief wie ich es noch nie gesehen habe … Ich habe Angst und will schreien, aber es geht nicht …Und dann höre ich ein Grummeln aus dem Abgrund … Ich spüre das etwas kommt …Etwas Großes!« Kikumi sah mich leichenblass an.

»Was kommt? Was kommt da, Kikumi?«

Kikumis Augen quollen hervor und ängstlich rief sie: »Mein Abendbrot!«

»Was?? Dein Abendbrot kommt?«

»Ja mir ist schlecht! Ich glaub ich muss mal eben in deine Toilette brechen …«

»Hey nein!«, rief ich erschrocken! »Kikumi, du wohnst 2 Meter neben mir, du kannst in deine eigene Toilette brechen!«

»Okay, das klingt fair!«, murmelte Kikumi und hievte sich von der Couch hoch. Ich half ihr schnell ihre eigene Wohnung zu erreichen und verabschiedete mich von ihr.

Ich beobachtete den Regen, dessen Intensität nicht nachzulassen schien. Ich sah den kleinen Jungen wieder vor meinem geistigen Auge, spürte seine Angst und hörte Kikumis Worte in meinem Kopf widerhallen!

Und zum ersten Mal, für einen winzigen Moment, glaubte ich daran …

Kapitel 6

»Ich kann beim besten Willen noch nicht erkennen, wie das zu dem Chaos führt, das sie verursacht haben!« Herr Schulze legte seinen Notizblock beiseite und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Es war wohl auch für ihn ein langer Tag gewesen.

»Kaffee?«, fragte er und zum ersten Mal verspürte ich einen Anflug für Sympathie für den Polizisten, der mich während der letzten 20 Minuten nur meist böse, zweifelnd oder herablassend angesehen hatte.

»Ja gerne! Danke!«, erwiderte ich zögerlich. »Ja, ich erzähle Ihnen das auch nur, weil es alles relevant ist und ich einfach nichts auslassen möchte. Wenn Sie mich verstehen wollen, dann müssen Sie die ganze Geschichte kennen. Und was mir da passiert ist, lässt sich leider nicht so einfach zusammenfassen …«

Der Wachtmeister musterte mich und stellte mir eine Tasse Kaffee auf den Tisch und obwohl ich schwarzen Kaffee eigentlich verabscheue, so war ich doch für jeden Schluck dankbar und wollte nicht ungenügsam erscheinen, indem ich nach Milch und Zucker fragte.

Wo Luca wohl gerade war? Ob er überhaupt noch lebte? Spielte noch irgendetwas eine Rolle oder war sowieso bereits alles zu spät? Sollte ich Herrn Schulze von der Entführung erzählen? Ich hatte keine Beweise … Nichts. Und selbst wenn ich jetzt freigelassen werden würde, was konnte ich schon tun? Ich hatte keinen Anhaltspunkt, niemand war mehr auf meiner Seite, der mir hätte helfen können. Nein … Meine einzige Möglichkeit bestand darin, dem Polizisten meine Geschichte zu erzählen. Wenn er mir glaubte, dann könnte er mir vielleicht helfen … Dann wäre die Welt vielleicht noch nicht verloren …

Die Tür ging auf und ein junger Polizist knallte einen Bericht auf den Schreibtisch.

»Die Ergebnisse sind da! Sie steht weder unter Drogen- noch unter Alkoholeinfluss!«

Schulterzuckend blickte ich Herrn Schulze an. »Ich habe Ihnen gesagt, dass ich nüchtern bin und dass das Zeitverschwendung ist. Alles normal bei mir!«

Der Wachtmeister fixierte mich. »VIELLEICHT sind Sie auch nur verrückt und durchgedreht, denn NORMAL sind Sie bestimmt nicht!«

VIELLEICHT trete ich dir unter dem Tisch auch gleich in die Weichteile … Wobei das mit dem Weltretten dann schwieriger werden dürfte …

»Also weiter jetzt!« Mit einer forschen Handbewegung forderte er mich auf mit meiner Geschichte fortzufahren

»Nichts lieber als das!«, antwortete ich seufzend. »Auch der nächste Tag sollte ein paar Überraschungen für mich bereithalten …«

Kapitel 7

Es gibt Momente im Leben, da stimmt einfach alles. Man ist glücklich und zufrieden, hat keinerlei Sorgen und nichts und niemand, der einen nervt. Man könnte ewig so weiterleben … Und dann klingelt der Wecker. Ein Gegenstand erschaffen vom Teufel persönlich, der jedes Mal einen Lachkrampf bekommt, wenn wir uns aus dem Bett quälen. Es gibt ja Menschen, die haben kein Problem damit früh aufzustehen, andererseits gibt es auch Menschen, die kein Problem damit haben aus brennenden Flugzeugen zu springen oder den Musikantenstadl von Anfang bis zum Ende zu sehen. Verrückte gibt’s überall.

Für mich jedenfalls gab es kaum etwas Schlimmeres als früh aufzustehen. Und wenn der Wecker die Zahlen 04:32 anzeigte, dann erst Recht. Ich wusste nicht mehr wie viele Wecker schon das Zeitliche segnen mussten, weil wir uns über die adäquate Aufstehzeit einfach nicht einig wurden. Und auch Beziehungen mussten oft unter meiner schlechten Laune am Morgen leiden.

Tom war immer so ein Mensch, der mit einem Lächeln aufwachte und mir: »Guten Morgen, meine Schöne …« ins Ohr flüsterte. Da ich wusste, wie ich nach dem Aufwachen aussah, war das also eine glatte Lüge. Wenn er dann noch ein: »Was willst du heute an diesem wunderschönen Tag als erstes tun?« hinterherschob, bekam er als Antwort meist nur: »Dem wunderschönen Mann neben mir, der mir um 6:30 Uhr früh liebe Dinge ins Ohr säuselt, EINE NACHTTISCHLAMPE ÜBER DEN SCHÄDEL ZIEHEN, DAMIT ER MICH ENDLICH AUSSCHLAFEN LÄSST!«

Damit hatte sich dann meist Toms gute Laune auch erledigt …

Oh Gott, TOM!

Mit einem Satz war ich aus dem Bett gesprungen. Ich würde ihn ja heute sehen. Er wollte heute in den Markt kommen und mich besuchen und wie würde er mich antreffen? Mit Augenringen, die ein bereits ein Eigenleben führten, einem Kittel, der jeglicher aufblühender Leidenschaft sofort ins Gesicht spuckte und mit einer Frisur, die Pumuckl neidisch machen würde.

Ich glaube so schnell wie an diesem Tag war ich noch im Badezimmer. Ich versuchte an der Fassade in meinem Gesicht noch so viel zu renovieren wie möglich war und legte ein Makeup auf, das sich gewaschen hatte. Ich wollte, dass er sah was er verloren hatte. Für einen kurzen Moment überlegte ich sogar meine neuen High-Heels anzuziehen. Die sahen einfach mal so scharf aus und ich wusste genau, dass er darauf abfahren würde. Nachdem ich mir dann aber vorstellte, wie ich in den Dingern schwere Kartons durch die Gegend tragen würde und wie viel schwerer meine ohnehin schon schwere Arbeit dadurch noch werden würde, entschied ich mich in weiser Voraussicht dagegen.

In der Straßenbahn trat ich nervös von einem Fuß auf dem anderen und malte mir aus wie unser Treffen verlaufen würde …

Er würde den Markt betreten mit einem großen Strauß Blumen in der Hand. Er würde mich sehen, von meiner Schönheit geblendet auf die Knie sinken und in Tränen ausbrechen und mich um Verzeihung anflehen und mir sagen, was für ein Idiot er doch war, so eine bezaubernde Göttin wie mich gehen zu lassen. Dann würde er mich packen und leidenschaftlich küssen, während meine lange Haare im Wind der Klimaanlage flatterten und gleich darauf würde er mir noch im Markt einen Heiratsantrag machen und 9 Monate später würden wir mit unseren neugeborenen Zwillingen auf einem Traumschiff in die Karibik segeln …

Oder er wollte einfach seine Comic-Sammlung zurück, die er nie abgeholt hatte und die bei mir auf dem Dachboden verschimmelte?

Oder ich war einfach eine verfluchte Idiotin, weil ich mir schon wieder Hoffnungen machte …

Die Zeit auf Arbeit wollte an diesem Tag zuerst überhaupt nicht vergehen. Alle paar Minuten sah ich zur Eingangstür und hoffte ihn irgendwo zu erspähen. So gut es ging, versuchte ich mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Da wir wieder gnadenlos zu wenig Personal waren, ging das dann aber einfacher als befürchtet. Ich befüllte Regale, bestellte Ware, stritt mich mit Lieferanten und deren Lkw-Fahrern und ertrug geduldig die schlechte Laune von Kunden und Kollegen, bis mir jemand auf die Schulter tippte. Hoffnungsvoll drehte ich mich um. Tom? Mit Blumenstrauß?

Nein. Kein Tom. Kein Blumenstrauß. Bloß eine kleine pummelige Kundin, die grimmig drein blickte.

Die korpulente kleine Dame kam direkt zur Sache: »Ich brauche ihre Beratung! Jetzt!« Auf der Höflichkeitsskala erreichten wir wohl gerade wieder einen neuen Rekord! Ich seufzte innerlich und trottete der Kundin hinterher. Der Kaffee wartete seit 10 Minuten im Pausenraum auf mich für die längst fällige Pause, die Toilettenschüssel hatte ebenfalls um einen Termin mit mir gebeten, wie mir meine Blase mit Nachdruck zu verstehen gab, und meine Nerven lagen wegen dem bevorstehenden Treffen mit Tom auch ziemlich blank, aber HEY ich hatte total Lust auf eine ausführliche Beratung!

Die Kundin deutete auf die Abnehmpulver und Diätmittelchen und fragte: »Welches davon ist das Beste?«

Oh ja... Super.... Das klingt nach richtigem Spaß!

Ich erklärte ihr die unterschiedlichen Produkte, die Wirkungsweisen und die Preisunterschiede... Nach nicht enden wollenden 3 Minuten, indem sie skeptisch die Produkte betrachtete und meine Blase mich wieder daran erinnerte, dass es da auch noch andere Geschäfte gab, die meiner Aufmerksamkeit bedurften, musterte mich die Kundin und fragte: »Welches nehmen Sie?«

Einen Moment lang war ich irritiert...

»Ich ähm nehme solche Produkte nicht!«

Die Gute bewegt sich grad auf sehr dünnem Eis!

Enttäuscht sah sie mich an. »Ach... echt nicht?«

Sag mal, wie kommt die darauf, dass ich sowas nehme? Gut der Kittel trägt vielleicht ein wenig auf. Aber ich bin ja wohl schlank wie ein Model...Mit etwas dickeren Beinen vielleicht …

»Ach so... Ich hatte extra Sie angesprochen! Ihre Kollegen sind alle so schlank!«

Da steuert gerade jemand frontal auf ein lebenslanges Hausverbot zu!!!

»Haben Sie vielleicht noch andere dicke Kollegen, die damit Erfahrung haben?«

Ich brauchte paar Sekunden um das wirken zu lassen...

Noch ANDERE DICKE KOLLEGEN???? Sag mal willst du eine Beratung oder einen Freiflug zum Mond? Die Lady hat doch nicht mehr alle Löcher im Käse! Wie unverschämt kann man denn sein?

Ein Kollege, Herr Jens, der vorbeilief grinste mich unverschämt an. »Du hast heute richtig Spaß an der Arbeit, was? Hast du nicht schon seit einer Viertelstunde Pause?« Offenbar genoss er es mich in so einer Lage zu sehen.

... Du Junge ... In dem Shuttle zum Mond ist auch Platz für zwei!

Ich versuchte mich zu beruhigen und nicht wie geplant gleich auszurasten.

Doch in frechem Ton setzte die Kundin dann hinzu: »Hören Sie, ist es zu viel verlangt hier eine vernünftige Beratung zu bekommen? Gerade eine Person wie Sie sollte doch das Bedürfnis und die Wichtigkeit abzunehmen kennen!«

Das war es. Der letzte Tropfen … Ich sah rot und konnte meine ganze angestaute Wut nicht mehr unterdrücken!

»Was glauben Sie zu überdimensionales Marshmellow eigentlich, wer Sie sind? Ich bin NICHT DICK! Ich habe nur starke Beine! Und wenn Sie unbedingt abnehmen wollen, dann treiben Sie gefälligst Sport wie jeder andere normale Mensch auch und fangen Sie an, Ihre Ernährung umzustellen. Faul auf der Couch liegen, sich mit Chips vollstopfen und dann eine Diätpille einzuwerfen wird nichts an ihrem Gewicht ändern!«

Das linke Auge der Kundin begann nervös zu zucken. Ihre Lippen pressten sich aufeinander und ich befürchtete, dass sie nun ihren Kiefer ausrenken und mich im Ganzen verschlingen würde. »Das … Das ist eine Unverschämtheit! Ich werde mich über Sie beschweren. Nicht zu fassen wie hier Kunden behandelt werden!«

Mir war das alles egal. Ich wollte nur noch in die Pause, aufs Klo, einen Kaffee trinken und meine Ruhe. Ich wollte gerade die Tür zum Pausenraum öffnen, als die Stimme meiner Chefin durch den Lautsprecher hallte: »Frau Schwarz bitte umgehend ins Büro …!«

Den Kaffee konnte ich wohl vergessen …

Kapitel 8

»Nun das war ja mal eine Glanzleistung, nicht wahr?« Spöttisch musterte mich meine Chefin Frau Nilsson und rückte nervös ihre strenge, schwarze Brille zurecht. Ihre dunkelrote Bobfrisur flatterte hin und her, weil sie ihren Kopf meist ruckartig bewegte. Ich fand das schon immer gruselig, aber es war wohl nicht der richtige Zeitpunkt ihr das mitzuteilen.

»Die wievielte Beschwerde war das jetzt?« Sie begann in ihren Unterlagen zu wühlen und ich fragte mich, ob sie in dem Chaos überhaupt den Durchblick hatte.

»Also in dieser Woche war es die Erste!«, sagte ich ruhig und musste ein Grinsen unterdrücken.

Gut, es ist ja auch erst Dienstag!

»Und in diesem Monat war es, glaube ich, die Siebte!«

Für einen Moment stoppte meine Chefin das Wühlen und warf mir einen Blick zu, mit dem man sogar Freddy Krüger hätte verjagen können.

»Ich meine ja nur … Im Vormonat waren es 12. Also statistisch gesehen habe ich mich sogar verbessert. Ich denke, da wäre ein Lob angebracht!«

Okay, das war jetzt vielleicht etwas drüber.

»Frau Schwarz!« Der Ton meiner Chefin wurde nun schärfer. »Unsere Mitarbeiter bestechen durch Freundlichkeit, Höflichkeit und stets gute Laune!

Nun das sollten Sie mal Ihrem Gesicht sagen. Das hat das Memo offensichtlich noch nicht bekommen.

»Und eine Kundin zu beschimpfen ist inakzeptabel!«

»Sie meinte, ich wäre dick!!!«, rief ich zu meiner Verteidigung.

Frau Nilsson musterte mich skeptisch über den Rand ihrer Brille hinweg und warf einen abschätzigen Blick auf meine Figur.

Überleg dir guuut was du jetzt sagst! Sonst bin ich meinen Job und du deine Zähne los!

Aber als Antwort kam nur ein »Tss!«

»Der Kittel trägt ja wohl extrem an den Hüften auf!«

»Pff!«

»Und auch am Hintern!«

»Aha!«

»Und am Bauch ist er ebenfalls unvorteilhaft geschnitten …«

»Na ja!«

»Ich bin NICHT DICK!!!«

»Darum geht es hier auch nicht! Ich bin nicht hier um über ihre Figur zu diskutieren!«

Nein? Also ich würde das jetzt schon gern ausführlich erörtern!

Sie fischte eine Akte aus dem Papierstapel und klappte sie triumphierend auf!

»Hier haben wir es! Über 112 Beschwerden!«

Ich bin ja auch schon ein paar Jahre da …

»3x unentschuldigtes Fehlen!«

»Da war meine Tante gestorben!«

»Dreimal hintereinander?«

»Nun sie hatte eine schwere Phase …«

Okay, das Gespräch läuft etwas suboptimal grade …

»Und …«, meine Chefin machte eine dramatische Pause, » …52 Minus-Sternchen!«

Und schon sind wir wieder an dem Punkt, an dem es mir ein klein bisschen schwer fällt dich ernst zu nehmen.

»Niemand im ganzen Laden hat so viele Minus-Sternchen wie Sie!«

Ja und ich weine mich deswegen auch jede Nacht in den Schlaf.

»Tja was soll ich sagen? Ich versuche eben in Allem die Beste zu sein!«, grinste ich Frau Nilsson provokant an.

»Sie finden das offenbar alles sehr komisch«, zischte sie wütend.

Ja irgendwie schon.

»Dann werde ich jetzt mal Klartext reden! Sie sind seit Jahren eine gute Mitarbeiterin und arbeiten sehr effizient, aber ich dulde nicht länger ihr unangebrachtes Benehmen! Ich erwarte Teamwork und Interesse an unserem Unternehmen und Freundlichkeit gegenüber den Kunden! Also reißen Sie sich am Riemen, sonst hat das Konsequenzen!«

»Ein weiteres Minus-Sternchen?«, fragte ich freundlich lächelnd.

»Mitnichten! Dieses Mal habe ich etwas anderes im Sinn!«, presste sie wütend hervor.

»Oh nein!«, rief ich gespielt besorgt. »Ein Negativ-Smiley? Bitte nicht der mit der Träne. Da werde ich immer so traurig …«

Das war dann doch eines zu viel für meine Chefin. Sie schoss vom Stuhl empor und fuchtelte mit ihrem Zeigefinger energisch vor meinem Gesicht herum.

»Frau Schwarz, wenn Sie nicht auf der Stelle ihr freches Mundwerk …«

In diesem Moment ging die Tür zum Büro auf und Herr Jens stiefelte hinein.

Oh Mann! Bin ich hier wieder in ein Treffen der anonymen Vollpfosten geraten? Der hat mir gerade noch gefehlt!

»Ich störe doch nicht etwa?«, fragte er das Offensichtliche.

Doch enorm! Und zwar seit deiner Geburt …

Meine Chefin sah das anders. Sie war augenblicklich wie verwandelt und die reißende Furie von vor ein paar Sekunden war nun urplötzlich ein schüchternes 16-jähriges dickes Mädchen mit Zahnspange und spielte sich verlegen an den Haaren herum.

»Herr Jens. Sie stören nie. Das wissen Sie doch! Sie sind schließlich einer unserer besten Mitarbeiter!«

Ui da kam grad ein bisschen Frühstück mit hoch.

Herr Jens grinste großkotzig und antwortete: »Da werde ich Ihnen nicht widersprechen. 11x hintereinander Mitarbeiter des Monats. Und ich denke auch verdient. Ich bewege etwas im Laden und löse etwas in unseren Kunden aus.«

Ja Würgereiz!

»Aber bei so einer tollen Chefin ist das ja auch nicht schwer!«, säuselte er weiter.

Okay, jetzt meldet sich sogar schon das Abendessen von gestern.

»Sie Charmeur!«, lachte meine Chefin und winkte lapidar mit einer Hand ab.

Schleimer wäre wohl eher das Wort, das ich gewählt hätte, aber gut …

Das zwischen den Beiden etwas lief war hier ein offenes Geheimnis. Nur offenbar war den Beiden nicht klar, dass die gesamte Belegschaft schon darüber Bescheid wusste.

»Wir müssen nachher noch in Ruhe den Einsatzplan für nächste Woche besprechen. Kommen Sie doch später in mein Büro.«, flötete meine Chefin.

»Das mache ich sehr gerne!« Herr Jens schnappte sich die Papiere für die er gekommen war, zwinkerte Frau Nilsson zu und verließ das Büro.

Meine Chefin schaltete sofort wieder um. »Wir waren fertig, oder?«

»Ja, ich denke wir sind fertig. Viel Spaß beim »Plan« machen.«

Ich wollte gerade das Büro verlassen, als meine Chefin mich stoppte.

»Wie bitte?«, fragte sie irritiert.

»Nun, ich meine Sie sollten nachher mit Herrn Jens den Plan mal ordentlich durchgehen.«

»Ich ähm … Was?«

»Ja nehmen Sie den Plan so richtig ran und arbeiten Sie ihn lange, intensiv und ordentlich durch, bis Sie sich beide komplett befriedigt zurücklehnen können!«

Frau Nilsson schien jegliche Farbe aus dem Gesicht zu fallen und zum ersten Mal erlebte ich Sie sprachlos.

»Letztes Mal gab es doch Probleme mit der Planung und ich soll mich doch mehr einbringen. Deswegen begrüße ich sorgfältiges Arbeiten!«

»Ähm ja, ach so. Na das ist ja schön!« Nervös wandte sich Frau Nilsson wieder ihrem Bürotisch zu und ihr geschocktes Gesicht war eine Genugtuung für mich. Sie konnte ruhig wissen, dass alle von Ihrer Affäre wussten. Ich verließ triumphierend das Büro. Diese blöde Schnepfe würde mich nicht aus der Fassung bringen. Da brauchte es schon schwerere Kaliber …

»Hallo, Emma!« Diese Stimme … Ich drehte mich um und da stand er. Tom. Gutaussehend, lächelnd und mit Augen in denen man sich verlieren konnte.

Und das … brachte mich vollkommen aus der Fassung …

Kapitel 9

Als hätte mich der Liebesgott Amor erst geküsst und mir dann einen Feuerlöscher ins Gesicht gerammt, stand ich dämlich lächelnd, paralysiert und ohne einen klaren Gedanken fassen zu können vor Tom. Er war es. Er war es wirklich … Der Mann, der mich vor vielen Jahren meiner Sinne beraubte, mir die schönste Zeit meines Lebens verpasste, der mich mit seinem Antrag in den 27. Himmel katapultierte und der dann am Tag der Hochzeit nicht erschien, weil er kalte Füße bekam. Der Mann, der mich das schönste Gefühl der Welt erfahren ließ und der mir anschließend die schmerzhafteste Enttäuschung meines Lebens bereitete. Jahrelang hatte ich penibel genau geplant, was ich ihm sagen würde, welche Schimpfworte ich ihm um die Ohren knallen und in welche Körperteile ich besonders hart reinschlagen würde. Er sollte spüren und verstehen, was er mir angetan hatte.

Dieser Moment war nun gekommen … All das konnte ich nun rauslassen. Mit den wüstesten Beschimpfungen bewaffnet öffnete ich meinen Mund, sah entschlossen in seine Augen und knallte so hart und kalt wie ich es nur konnte heraus: » Hi Tom! Es ist so schön dich zu sehen!«

Okay das lief suboptimal … Ich probiere es noch einmal … So, jetzt aber …

»Dein neuer Haarschnitt sieht richtig gut aus!«

Ahh, was ist denn nur los mit mir? Ich muss mich konzentrieren. Sag ihm das Krasseste, was dir einfällt. Jetzt gibst du ihm den Rest.

»Und dieser Anzug steht dir richtig gut!«

Oh Mann! Ich gebe es auf. Das ist hoffnungslos …

»Wow! Mit so vielen Komplimenten habe ich gar nicht gerechnet.«, lachte Tom charmant und zog mich sanft zur Seite als ein Kunde mit seinem Einkaufswagen an uns vorbei wollte. »Ich dachte eher, du würdest mich erst einmal anschreien oder so! Verdient hätte ich es ja …«

Du hast noch ganz andere Sachen verdient. Zum Beispiel von Chuck Norris deine Visage neu ordnen zu lassen oder mit einem schlechtgelaunten Pitbull fangen zu spielen …

Aber aus irgendeinem Grund ging es einfach nicht. Wie gerne hätte ich ihm die Meinung gesagt, ihm gezeigt wie weh er mir getan hat, aber wenn ich meinen Mund öffnete, kamen nur Komplimente heraus … Scheiß Hormone …

»Ich bin auf jeden Fall froh, dass du überhaupt noch mit mir redest. Ich bin wirklich nicht stolz auf das, was damals passiert ist. Ich hatte gehofft, dass du mir die Chance gibst, es dir zu erklären …«

»Ach Tom … Das ist so lange her … Vergeben und vergessen. Ich bin drüber weg!«

Whaaaat? Was stimmt nicht mit mir? Nichts ist vergeben und vergessen … All die verheulten, schlaflosen Nächte, in denen ich blutige Rache schwor und dann das?

Ich würde dich am liebsten in der Luft zerfetzen …

»Oh okay! Das habe ich nicht erwartet!«

…dich packen und gegen die Wand hauen …

»Aber es freut mich sehr. Also kein böses Blut zwischen uns?«

»Ach wo denkst du hin?«

…dir in den Hintern treten bis dir der Kiefer bricht …

»Wow! Dass du jemanden so ohne weiteres vergeben kannst, zeugt echt von Größe …«

…dir 100- bis 200-mal eine schallende Ohrfeige verpassen …

»Ich weiß nicht, ob ich die Stärke besäße …«

…dir ans Schienbein treten und in deine blauen Augen schauen …

»Ich möchte es so gerne wieder gut machen und dir alles erklären … Kann ich dich heute Abend zum Essen einladen?«

…und dich dann am Nacken packen und leidenschaftlich küssen … Moment … Was? Jetzt funktionieren nicht einmal mehr die Gewaltfantasien? Na schönen Dank auch …

»Ja, äh gerne …«, hörte ich mich stammeln. »Also ich habe heute noch nichts vor.«

»Natürlich nur, wenn dein Freund nichts dagegen hat …« Tom lächelte, aber durch sein Lächeln glaubte ich einen Anflug von Unsicherheit zu erkennen. Befürchtete er, dass ich wieder vergeben war? Wollte er eine zweite Chance? Und noch viel wichtiger: Wollte ich das?

»Ich habe gerade keinen Freund …«, gab ich mit gesenktem Blick zu und spürte wie die Anspannung von ihm abfiel.

»Also ich hatte nach dir natürlich schon jede Menge Beziehungen …«, warf ich ihm cool entgegen.

»Öhm, okay!« Toms zweifelndes Gesicht verriet mir, dass ich noch eins obendrauf setzen musste.

»Ja klar! Also unzählige Typen eigentlich …«

»Aha!«

»Grandiosen Sex … Viel Neues ausprobiert!«

Was erzähle ich schon wieder?

»Das Kamasutra wurde mir irgendwann zu langweilig … Da habe ich dann ein Neues geschrieben …«

Toms Gesicht schwankte zwischen Schockzustand und erheblichem Zweifel.

»Du musst hier nichts erfinden, Emma … Ich kenne dich ziemlich gut. Das bist nicht du. Du warst immer so wählerisch und im Bett ja auch eher …« Er wiegte den Kopf hin und her als suche er das richtige Wort.

»Langweilig« Sag es ruhig, du Vollspaten. Deine Leistung wird auch nicht in den Geschichtsbüchern festgehalten, wenn ich mich recht entsinne …

» …Klassisch! Also ohne großen Schnick-Schnack meine ich.«

»Ja Tom. Ich habe mich verändert. Es ist viel Zeit vergangen und du kennst mich anscheinend nicht so gut wie du dachtest!«

Sichtlich irritiert strich sich Tom die Haare aus dem Gesicht.

»Das heißt du bist jetzt eher wild drauf, ja?«, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Ja bei mir geht’s ganz gut ab!«, antwortete ich lässig. »Ich nehme eigentlich alles mit was so geht. Genieße mein Leben, verstehst du?«

Oh mein Gott! Kann mir bitte jemand einen Maulkorb verpassen oder mich wahlweise aus Toms Blickfeld entfernen? Ich erzähle meinem Ex-Verlobten, ich wäre ein Flittchen geworden um ihm zu beweisen, dass ich über ihn hinweg bin? 100 Punkte Emma! Beeindruckt ist er jetzt auf jeden Fall …

»Kann ich Ihnen behilflich sein?« Die säuselnde, zuckersüße Stimme von der Seite würde ich überall erkennen. Susanne, die falsche Schlange, die mir schon den Margarine-Traumtypen abspenstig gemacht hatte, witterte in Tom wohl wieder neue Beute …

»Die Kollegin hat Pause und ist auch nicht so gut ausgebildet und wenn Sie Fragen haben, dann stehe ich Ihnen als Fachkraft natürlich jederzeit gerne zur Verfügung!« Mit einem verführerischen Blick schnappte sie Tom am Arm und wollte ihn von mir wegführen.

Na warte, du Botox-Blondchen! Jetzt hast du eine Linie überschritten …Nur weil du operierte Möpse hast und einen hübschen Hintern, kannst du dir noch lange nicht alles erlauben. Ich werde dich so dermaßen …

»Das ist ein sehr freundliches Angebot, aber ihre Kollegin, die ihren Job übrigens ausgezeichnet macht, und ich, wir waren gerade in einem interessanten Gespräch. Vielen Dank!« Und mit einer sanften aber bestimmten Bewegung, schob er Susannes Arm beiseite und wandte sich wieder mir zu. Die völlig verdutzte Susanne, etwas Derartiges hatte sie anscheinend noch nicht erlebt, ließ ihre freundliche Maske in sich zusammenfallen. Ihr Gesicht wurde düster als sie zischte: »Nun Frau Schwarz, ihre Privatgespräche sollten Sie besser nicht auf Arbeit führen. Da sind wir uns wohl einig …«

»Wie Sie ganz richtig bemerkt haben, liebe Kollegin, habe ich Pause und was ich in meiner Pause mache, das ist, denke ich, mir überlassen …«

Susanne schnaubte verächtlich und stapfte, ohne uns weiteren Blickes zu würdigen, von dannen.

»Danke.«, flüsterte ich leise und berührte Tom sanft am Arm. Einen Moment lang trafen sich unsere Blicke und ich spürte die alte Verbindung wieder, die ich so sehr vermisst hatte. »Kein Ding!«, grinste er verlegen. »Dir steht dieser grauenvolle Kittel eh 20-mal besser als ihr. Selbst in diesem Fetzen siehst du gut aus …«

Das ging runter wie Öl …

Jetzt bloß nichts Blödes antworten!

»Dir würde der Kittel auch stehen!«

WARUM um alles in der Welt kann ich nicht EINMAL meinen Mund halten?

»Ich denke, ich behalte den Anzug!«, lachte Tom.

»Aber deine Kollegin hat Recht. Wir sollten uns an einem anderen Ort weiter unterhalten. Ich schreibe dir mal meine Nummer auf …« Tom steckte mir den Zettel in die Kitteltasche, flüsterte: »Bis heute Abend!« in mein Ohr und zwinkerte mir schelmisch zu. Ich hob eine Hand zum Gruß und beobachtete wie er den Laden verließ.

Dieses Gespräch lief so verdammt anders als geplant …

Als Susanne um die Ecke bog, konnte ich nicht anders als ihr demonstrativ Toms Zettel unter die Nase zu halten und zu flöten: »Ich habe heute Abend ein Date …«. Ihr beleidigter Blick sprach Bände und ich lachte in mich hinein.

Aber erst jetzt begriff ich die Situation …

Ich hatte ein Date …

… mit meinem Ex …

… der mich am Altar stehen ließ …

Ich konnte Linas Stimme schon hören: »Emma, hast du einen Voll-Knall?«

Kapitel 10

»Emma, hast du einen Voll-Knall?«, Linas Stimme überschlug sich vor Empörung. »Du gehst ernsthaft mit dem Mann fröhlich essen, wegen dem du jahrelang gelitten hast?«

»Na ja … Jahrelang …«

»Du hast zwei Monate heulend vor dem Fernseher gesessen, hast dir sämtliche Liebesschnulzen reingezogen, die männliche Hauptfigur erst ausgebuht, dann beschimpft und am Ende hast du brüllend auf den Fernseher eingeschlagen!«

»Das war eine schwere Phase …!«

»In der du dir 3 neue Fernseher gekauft hast...«

»5 eigentlich …«

»Außerdem bist du samstags immer auf fremden Hochzeiten aufgetaucht, hast den Bräutigam geohrfeigt und die Braut eine naive Ziege genannt. Anschließend hast du den Brautstrauß zertrampelt …«

»Ich hatte eben eine eigene Form mit meinem Schmerz umzugehen und die Vergangenheit zu bewältigen …«, versuchte ich mich ungelenk zu verteidigen.

»Ja, aber dem Papst zu schreiben er solle die Ehe abschaffen, sonst würdest du ihm seinen Stab und sein Auto klauen, ist keine Vergangenheitsbewältigung, sondern hochgradig bescheuert!«

»Ja, okay! Deine Argumente sind nicht ganz von der Hand zu weisen!«, gab ich kleinlaut zu.

»Wie kannst du ihm nur noch eine Chance geben? Wie kannst du mit diesem Mann noch reden und noch schlimmer: WIE KANNST DU IHM NACH 5 MINUTEN EIN DATE ZUSAGEN? Hast du in deinem Supermarkt zu lange an saurer Milch gerochen? Hat er dich bedroht oder gezwungen? Oder hast du einen Plan es ihm heute Abend so richtig heimzuzahlen? REDE MIT MIR oder ich hole die freundlichen Männer, die dir die neueste Mode der Zwangsjackenkollektion vorführen …« Lina hatte sich so in Rage geredet, dass sie nun völlig außer Atem war und sich an meinem Wohnzimmerschrank festhalten musste um nicht umzukippen.

»Lina! Ich habe es ja begriffen! Ich gebe zu, es ist eine schlechte Idee …«, murmelte ich beleidigt.

»Nein Emma! Eine schlechte Idee ist es den Klitschko-Brüdern ihre Milchschnitte wegzunehmen oder dem Zahnarzt während der Behandlung zu sagen, dass man seine Frau flachgelegt hat! Das was DU vorhast, ist purer Wahnsinn und ich werde das keine Sekunde länger unterstützen …«

»Ich hatte gehofft, du sagst mir was ich anziehen soll!«, sagte ich hilfesuchend und setzte meinen Du-bist-doch-meine-beste-Freundin-Blick auf.

»Einen schwarzen Rollkragen-Pulli und grün-orange gestreifte Leggins …«, frotzelte Lina!

»Ach komm schon!«, bettelte ich. »Ohne dich bin ich aufgeschmissen!«

Lina verdrehte die Augen, hielt mir den Zeigefinger unter die Nase und drohte: »Wehe du kommst nachher angekrochen, wenn das alles wieder gegen die Wand fährt! Und jetzt zeig mal was du hast …«

Während ich auf meinem Bett meine komplette Garderobe ausbreitete und mir klar wurde, dass ich trotz wöchentlicher Shoppingtouren mit Lina eigentlich nichts wirklich Brauchbares zum Anziehen hatte, versuchte ich meine Nervosität nicht gewinnen zu lassen und völlig durchzudrehen.

»Ich schätze, es ist einfach so passiert.«, versuchte ich Lina zu erklären wie es zu dem Date kam

»MÖÖP!« Lina imitierte eine Hupe um mich zum Schweigen zu bringen. »Netter Versuch, aber das kaufe ich dir nicht ab!«, belehrte sich mich. »So etwas passiert nicht einfach so! Aus Versehen den falschen Joghurt zu kaufen oder die Lieblingsbluse der besten Freundin im falschen Waschgang zu waschen und sie so völlig zu ruinieren, so etwas passiert einfach so!«

»Moment mal … Sprichst du etwa von meiner hellblauen Bluse? Ich frage mich die ganze Zeit wo die ist!!«

Lina blickte für eine Sekunde schuldig drein und konterte dann: »Hey wir reden jetzt von deinen Problemen. Also nicht ablenken!«

Ich seufzte … »Ich will mir zumindest anhören, was er zu sagen hat. Er hat versprochen mir heute Abend alles zu erklären und vielleicht kann ich ja danach endlich abschließen. Ich will mich einfach nicht mehr nach dem »Warum« fragen, verstehst du?«

Lina blickte mich mitfühlend an und legte mir einen Arm um die Schulter: »Oh Emma!« Sie drückte mich an sich, sah mir tief in die Augen und sagte dann: »Das ist kompletter Bullshit!«

»Was?«, fragte ich verwundert und stieß sie weg.

»Wir wissen doch beide, dass du Tom nur einmal in seine blauen Augen schauen musst und sofort bist du ihm wieder total verfallen … Du gehst nicht hin um Antworten zu finden. Du willst eine zweite Chance … Du willst immer noch, dass er dich heiratet. Und sorry, meine Süße, aber das ist erbärmlich!«

»Na vielen Dank auch!«, zischte ich wütend. »Und so jemand schimpft sich meine Freundin!«

»Genau aus dem Grund sage ich es dir auch wenn du es nicht hören willst. Du bist mir wichtig und er wird dir wieder wehtun. Such dir lieber einen anderen Kandidaten. Man kann so leicht nette Männer kennenlernen. Es kann jederzeit passieren …«

Ich wollte Lina gerade über den Mund fahren und ihr eine genaue Orts-Beschreibung geben, wohin sie sich ihre guten Ratschläge gepflegt schieben konnte, als ich ihr verschmitztes Lächeln bemerkte.

»Lina? Kann es sein, dass du jemanden kennengelernt hast?«, fragte ich sie grinsend.

Lina machte ein betont harmloses Gesicht und flötete unschuldig: »Ich weiß nicht, was du meinst!«

»Ich fasse es nicht!«, schrie ich laut vor Freude. »Hast du tatsächlich endlich mal einen Treffer gelandet. Bist du verliebt? Na erzähl schon!«

»Ach es ist nichts!«, lächelte Lina und winkte ab, aber ich konnte ihre Freude und ihr Glück förmlich spüren.

»Na komm erzähl schon! Dir springen doch schon lila Hasen aus dem Hintern! Los!«

»Also es kam heute jemand zu uns ins Zoogeschäft …«

»Okay … Daran solltest du dich gewöhnen. Das nennt man Kundschaft.«

»Witzbold! Also wir kamen ins Gespräch und haben lange geredet und ich fand ihn echt nett und er mich, glaub ich, auch und wir haben uns über Tiere unterhalten und unsere Hobbys …«

»Okay mehr Infos bitte … Wer? Wie? Was? Wie alt? Kann er für dich sorgen? Hat er einen hübschen Bruder?«

»Also er heißt Bernd …«

Ugh … Waren alle anderen blöden Namen schon weg?

»...ist Buchhalter …«

Oh ja, das klingt nach einem sexy Bad Boy...

» …und er hat einen Pudel …«

Okay weniger Infos, bitte!

»Lass mich raten, er wohnt noch bei seiner Mutter?«, fragte ich feixend.

»Nur vorrübergehend!«, verteidigte Lina ihren neuen Schwarm.

»Und du nennst mich erbärmlich, ja?«, fragte ich lachend.

»Bernd ist ein sehr sensibler und tierlieber Mensch und er hat mich gefragt, ob wir mal zusammen Spazierengehen …«, brummte Lina beleidigt.

»Bernd klingt nach einem Superfang. Vielleicht könnt ihr ja zusammen den Buchclub besuchen und Briefmarken tauschen?«

»Du müsstest ihn einfach nur kennenlernen! Dann würdest du nicht so reden!«

Ich konnte nicht erkennen, ob Lina nun wütend, verletzt oder beides war, aber ich beschloss, sie nicht weiter zu reizen. In Sachen Männergeschmack kamen wir wohl nie auf einen gemeinsamen Nenner. Außerdem musste sie mir jetzt bei meinem Klamottenproblem helfen. Tom würde mich bald abholen kommen und dann musste ich umwerfend aussehen. Er sollte es bereuen mich je verlassen zu haben.

Auf jeden Fall musste ich meine neuen High-Heels anziehen. Das war genau sein Ding, das wusste ich noch. Also musste ich mein Outfit um die Schuhe herum aufbauen. Lina und ich brauchten eine geschlagene Stunde um zu entscheiden was mir am meisten stand und in welchem Outfit ihm wohl am ehesten der Sabberfaden aus dem Mundwinkel hängen würde.

Nachdem sie mir auch beim Schminken geholfen hatte, verabschiedete sich Lina von mir nicht ohne ein weiteres Mal darauf hinzuweisen, dass ich doch lieber mit einer Halskette aus Steaks im Krokodilgehege baden gehen sollte, weil das die gesündere Alternative wäre. Als ich schließlich allein bei mir am Küchentisch saß, fertig geschminkt und gestylt und meinem Kater beim Fressen beobachtete, musste ich mir eingestehen, dass sie wohl Recht hatte.

Noch war es nicht zu spät abzusagen. Ich könnte mich ins Ausland absetzen oder meinen Tod vortäuschen oder ihm einfach sagen, dass ich tierisch Angst hatte wieder so verletzt zu werden … Aber irgendwo in mir drin gab es diese Hoffnung. Die Hoffnung dass unsere Geschichte noch nicht zu Ende war und wir das Happy End bekamen, auf das wir so lange hingearbeitet hatten …

Die Türklingel riss mich aus meinen Gedanken.

Das musste er sein. Er war viel zu früh. Sollte ich einfach so tun als sei ich nicht zuhause?

Blödsinn! Ich setzte meinen verführerischen Blick auf, zupfte mein Kleid zu Recht, fuhr mir durch die Haare, öffnete betont lässig die Tür und erschrak fast zu Tode.

Vor mir stand ängstlich der kleine Junge, der mir am Tag zuvor den Weltuntergang vorausgesagt hatte und sah mich aus seinen braunen Augen flehentlich an.

Er krallte sich um meine Beine und flüsterte:

»Bitte lass mich rein, sonst findet er mich …«

Kapitel 11

»Willst du mir sagen wie du heißt?« Ratlos stand ich in meiner Küche und beobachtete den Jungen, der an meinem Küchentisch saß und ein Glas O-Saft umklammerte. Sein Blick suchte meine Küche ab, als ob hier irgendetwas versteckt wäre. Er nahm einen großen Schluck aus dem Glas und sah mich unsicher an. Seine Jacke und die Mütze hatte er immer noch an.

»Willst du dir nicht den Anorak und die Mütze ausziehen? Es muss dir doch viel zu warm sein …«

Er schüttelte stumm mit dem Kopf.

»Du musst schon mit mir reden, sonst kann ich dir nicht helfen …«

Wieder wich der Junge meinem Blick aus und fixierte das Glas in seiner Hand. In meinem Kopf purzelten tausend Gedanken herum. Wer war dieser kleine Kerl? Woher wusste er wo ich wohnte? Warum war er so besessen von mir? Hatte er psychische Probleme? Machte ich mich strafbar, da er jetzt in meiner Küche saß und Saft schlürfte? Sollte ich die Polizei rufen? Und was wenn Tom gleich auftauchen würde? Mir wurde von den vielen Gedanken ganz schwindelig und seufzend setzte ich mich neben den Jungen an den Tisch.

»Luca«, murmelte der Junge leise.

»Ist das dein Name?« Ich neigte mich nach vorne um auf Augenhöhe mit ihm zu sein. Er nickte schüchtern mit dem Kopf.

»Hör mal, Luca! Wir müssen deinen Eltern Bescheid sagen, dass du hier bist, sonst kriege ich Probleme!«

Der Junge schüttelte heftig mit dem Kopf und griff nach meinem Arm: »Frau Schwarz, du musst mir helfen!«

»Und wie?«, fragte ich unsicher.

Luca ließ meinen Arm los und griff wieder nach dem Glas. Ich wartete noch auf eine Antwort, aber er schwieg.

»Wovor hast du denn solche Angst? Du meintest er soll dich nicht finden … Wer denn?«

»Die Welt gibt es bald nicht mehr!«, wisperte Luca.

»Schon wieder diese Weltuntergangsgeschichte? Die Welt existiert seit mehreren Millionen Jahren. Die geht so schnell schon nicht unter.«, erklärte ich ruhig und versuchte dabei nicht allzu genervt zu wirken.

»Es ist bald soweit!«, flüsterte Luca. »Sie haben gesagt, dass du die Einzige bist die das verhindern kann … Wenn du nichts machst, dann ist bald alles vorbei …«

»Wer sind denn Sie? Wer erzählt dir denn solche Geschichten? Wo … Woher kennst du mich überhaupt?« Ich war so eindeutig überfordert mit der Situation. Ich erhob mich vom Stuhl und ging nervös in der kleinen Küche auf und ab. Vielleicht sollte ich doch lieber die Polizei holen. Dieser Junge war offenbar verwirrt oder hatte ein schweres Trauma oder Schlimmeres erlebt und brauchte professionelle Hilfe. Und die konnte ich ihm nicht geben. Also blieb nur Polizei rufen als Option.

»Bitte holen Sie nicht die Polizei!«

Ich erstarrte. Woher wusste er was ich vorhatte?

»Und auch nicht meine Eltern bitte … Ich werde gleich wieder gehen … Ich will nur …« Er sah mich eindringlich an. »Ich will nur, dass du mir versprichst, dass du Welt rettest, wenn es soweit ist …!«

Ich atmete tief ein und aus, setzte mich wieder auf den Stuhl neben Luca und sah ihn eine Zeitlang an. Er war ein hübscher Junge und seine Augen schienen förmlich zu strahlen und ich konnte erkennen, dass er den gleichaltrigen Kindern einen weiten Schritt voraus sein musste. Ich wusste nur nicht, ob das etwas Gutes war. Gleichzeitig wirkte er aber auch kraftlos, erschöpft und war ziemlich blass. Er war definitiv kein normales Kind.

Ich goss ihm ein wenig Orangensaft nach und lächelte ihn hilflos an.

»Luca …! Ich weiß leider überhaupt nicht was du meinst! Selbst wenn ich dir helfen wollte und wenn ich an so etwas glauben würde... Ich kann doch keinen Weltuntergang aufhalten!«

Lucas braune Augen musterten mich intensiv und dann seufzte er leise enttäuscht: »Du bist noch gar nicht bereit dazu …«

»Das sage ich dir die ganze Zeit, kleiner Mann …! Ich bin einfach die Falsche für sowas …«

Eine einzelne Tränen kullerte stumm Lucas Wange herunter. Er atmete schneller und presste die Lippen aufeinander und ich konnte spüren wie sehr er gegen die Tränen ankämpfte. »Ich will ja tapfer sein … Aber ich will nicht, dass das passiert … Ich will nicht, dass das Ende kommt … Ich … Ich will nicht sterben …«

»Luca …« Ich konnte nicht anders. Ich musste ihn in den Arm nehmen und an mich drücken. Egal ob verwirrt oder nicht, dieser Junge brauchte jemanden, der für ihn da war und ihn tröstete. Warum er aber ausgerechnet eine erfolglose, verbitterte Einzelhandelskauffrau als Hilfe wollte, wusste wohl nur er.

»Niemand wird sterben! Du musst keine Angst haben!«

Luca blickte mich hoffnungsvoll an und schluchzte: »Versprichst du es?«

Oh je! Ich schluckte. Was sollte ich ihm antworten? Wie konnte ich so etwas zu sagen? Mit Versprechen jeglicher Art hatte ich ziemlich miese Erfahrungen gemacht. Wie sehr es weh tat, wenn es nicht eingehalten wurde, wusste wohl kaum einer besser als ich... Tom hatte versprochen mich zu heiraten... Sogar einen Verlobungsring hatte er mir als Zeichen seines Versprechens geschenkt … Ein wunderschöner Ring mit einem Saphir … Jetzt versauerte er in einem Schmuckkästchen auf der Kommode … So eine Enttäuschung wollte ich dem Jungen ersparen. Andererseits setzte Luca all seine Hoffnung in mich.

Ich beschloss es mit Ehrlichkeit zu probieren.

»Luca, ich weiß leider überhaupt nicht was ich tun kann um dir zu helfen.«

»Rette die Welt …«, flüsterte er.

Er sagte das mit solch einer Intensität, dass die Worte sich tief in mir festsetzten und mich noch lange beschäftigen sollten.

Wir saßen einige Minuten schweigend nebeneinander.

»Wieso hast du Angst, dass Leute sterben?«, fragte ich sanft und durchbrach das unangenehme Schweigen.

Luca sah mich nicht an. Sein Blick war stur auf das inzwischen leere Glas gerichtet.

»Wie wird die Welt denn untergehen? Was wird passieren?«

Ich brauchte konkrete Informationen wenn ich Luca helfen wollte und mir gingen allmählich die Ideen aus. Hilflos versuchte ich seinen Blick wieder zu gewinnen, aber es war als wäre er versteinert.

»Kommt da eine Naturkatastrophe? Eine Überschwemmung vielleicht?

Wieder keine Reaktion.

Ich war mit meinem Latein am Ende. Aus dem Jungen war einfach nichts herauszubekommen …

Plötzlich fiel mir Kikumi ein und ihr Traum von dem sie erzählt hatte. Sollte ich es erwähnen? Es war nur das Gefasel einer alkoholisierten Spinnerin gewesen und ich wollte Luca nicht noch mehr verschrecken, aber es war die einzige Idee die ich noch in Reserve hatte.

Ich berührte ihn vorsichtig am Arm und sagte leise: » Luca, meinst du ein Erdbeben?«

Mit aufgerissenen Augen wand sich Luca ruckartig zu mir um und sah mich entsetzt an. »Du weißt von dem Erdbeben? Wie kannst du davon wissen?«

Erschrocken über seine plötzliche Reaktion wich ich ein Stück zurück. Ich spürte wie eine Gänsehaut sich auf meinem Arm bildete und ein Schauer meinen Rücken herabrieselte. Langsam wurde mir das hier alles zu schräg.

»Nein Luca!«, antwortete ich hysterisch. »Ich weiß nichts von einem Erdbeben. Ich weiß gar nichts. Ich weiß nur, dass meine bescheuerte Nachbarin seltsame Träume hat und dass du meine Hilfe willst um die Welt zu retten und bei aller Liebe, aber diese Untergangstheorien sind mir einfach zu surreal!«

Luca sah mir verwirrt zu, wie ich ziellos durch meine Küche tigerte und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Sein verständnisloser Blick verriet mir, dass er wohl ebenfalls begann an meinem Verstand zu zweifeln. Super, dann waren wir schon mal zwei.

»Was ist das mit dem Erdbeben?«, fragte ich in einem ruhigeren Ton.

Luca biss sich auf die Unterlippe und schien unentschlossen ob er etwas sagen sollte oder nicht.

»Luca bitte!«, zischte ich ungeduldig. »Ich kriege gleich Besuch und habe nicht viel Zeit. DU bist zu mir gekommen und willst meine Hilfe. Also spuck es aus. Was für ein Erdbeben meinst du?«

Luca sah mich einen Moment an und lächelte traurig.

»Es sind drei...«, flüsterte er so leise, als hätte er Angst, dass wir belauscht werden könnten.

»Drei?« Wieder spürte ich die Gänsehaut auf meinem Arm.

»Das erste wird ganz leicht. Ehe man begreift was passiert, wird es wieder vorbei sein. Das zweite wird stärker … Dinge werden kaputt gehen, aber jeder wird es wohl gut überstehen … Dann kommt das Dritte … Es wird gewaltig … Straßen werden verschwinden und …«

Die schrille Türglocke ließ Luca verstummen.

TOM!

So ein Mist! Sein Timing war schon immer grauenhaft gewesen. Bei unserem ersten Date kam er zwei Stunden zu früh und fiel dann vor Schreck rückwärts die Treppen hinunter, als ich ihm im Bademantel mit meiner Ingwer-Aloe-Vera-Maske die Tür öffnete. Beim ersten Treffen mit meinen Eltern kam er zwei Stunden zu spät, woraufhin mein Vater so sauer war, dass er Tom am liebsten auf den Buffettisch gepfeffert hätte. Und auch heute kam er denkbar ungünstig, wenn auch pünktlich.

Die Klingel schellte ein zweites Mal und Luca suchte ängstlich nach einem Ausweg.

»Du musst keine Angst haben, Luca! Das ist nur mein Ex Tom. Der tut keinem was. Also … Na ja gut, er kriegt einen dazu, sich in ihn zu verlieben und ihn heiraten zu wollen und sein ganzes Leben um ihn herum aufzubauen, so dass du nicht mehr ohne ihn leben kannst und praktisch völlig abhängig bist und jede Sekunde mit ihm verbringen willst. Nur um dir dann anschließend bestialisch das Herz in tausend Stücke zu zerreißen und dich mit den schlimmsten Schmerzen, die du je empfunden hast allein zu lassen … Aber sonst ist er eigentlich ganz harmlos.«

Luca starrte mich mit offenem Mund an und raunte: »Oh je …Du hast ja ne Vollscheibe.«

»Ich ähm … Was? Na danke! Ich habe keine »Vollscheibe«. Was auch immer das sein mag!«, zischte ich säuerlich.

Luca grinste. »Oh doch! Du hast ne totale Vollscheibe!«

Langsam verlor ich mein Mitleid mit diesem frechen Gör.

»Und so jemand soll die Welt retten? Ich frage mich, was die sich dabei gedacht haben …«, murmelte Luca ungläubig zu sich selber.

»Ja! Ganz meine Rede! Wer sich das überlegt hat, hat definitiv nicht mehr alle Pfannen auf der Reihe!«

Als es das dritte Mal energisch klingelte, öffnete ich die Tür einen Spalt und sah einen genervten, aber verdammt gutaussehenden Tom mit Blumen vor der Tür stehen. Er hob skeptisch eine Augenbraue und fragte bissig: » Hattest du vor mich noch heute reinzulassen oder komm ich grad irgendwie ungünstig?«

Überfordert mit der Situation blickte ich nervös zwischen Luca und Tom hin und her.

»Ja, es ist grad irgendwie schlecht!«, stammelte ich. »Ich hab da noch diese Sache, die ich zu Ende bringen muss.«

»Dir ist aber schon klar, dass wir für jetzt verabredet sind, oder?«

»Tom, wir waren vor 7 Jahren schon einmal verabredet vor dem Standesamt. Soweit ich mich erinnere, war ich an dem Tag da …«, antwortete ich zynisch.

Tom zog eine Grimasse und versuchte durch den Türspalt zu schielen.

»Du hast jemanden bei dir, oder? Musst du mit einem deiner zahlreichen Lover noch eine Nummer zu Ende bringen?«

»Ich … Was? Nein! Sag mal, was denkst du denn von mir?« Meine Stimme wurde schärfer.

»Na du hast doch selber erzählt, dass du so viele Dates hast …«, verteidigte sich Tom beleidigt.

War Tom gerade eifersüchtig? Mir gefiel die Richtung, in die sich das Ganze entwickelte.

»Ich habe keinen Besuch … Also nicht soo einen Besuch. Ich ähm … Ach scheiß drauf!«

Ich öffnete die Tür und mit einer Handbewegung stellte ich die Beiden einander vor.

»Tom – Luca! Luca – Tom!«

Toms Kinnlade schien auf den Boden zu knallen. Seine Augen weit aufgerissen stammelte er: »Ist der von dir? Wie alt ist der? 6? 7?«

Sein Gesicht schien gleichzeitig knallrot und leichenblass zu sein und verriet das der Herzinfarkt nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.

»Emma, oh mein Gott! Warum hast du nichts gesagt? Ist das mein …? Oh Gott mir wird schlecht!«

Tom krallte sich so stark an meinem Türrahmen fest, dass ich Angst hatte, dass er Kratzspuren hinterlassen würde.

Wie gerne hätte ich jetzt geantwortet: »Ja Tom. Das ist dein Sohn, den du jahrelang vernachlässigt hast und der endlich seinen Vater kennenlernen will …«, aber ich wollte keinen toten Tom auf meiner Türschwelle haben, denn dieser Satz hätte ich höchstwahrscheinlich die Lichter ausgeblasen.

»Beruhige dich Tom! Das ist nicht mein Sohn. Das ist …« Ja was sollte ich sagen? Ein fremder Junge, der mich im Supermarkt angesprochen hat, der jetzt bei mir in der Küche saß und mir erzählt hat, dass die Welt untergehen wird?« Das klang weder glaubwürdig noch legal.

»Das ist nur ein Junge, auf den ich aufpasse!«

Tom sah skeptisch zu Luca. »Aha! Und wozu? Du hast doch selber kaum Freizeit bei deinem Job! Und ich kenne dich. Deine Freizeit ist dir heilig!«

»Ja er …« Mist, mir muss schnell etwas einfallen. Ich flüsterte zu Tom: »Er ist etwas zurückgeblieben und ich mach das ehrenamtlich!«

»Ich bin überhaupt nicht zurückgeblieben!«, protestierte Luca und warf mir einen bitterbösen Blick zu.

»Ja Herzchen, ist gut!«, sagte ich sanft und streichelte gespielt besorgt über seinen Kopf. Sein zorniger Gesichtsausdruck brachte mich aber dazu sofort damit aufzuhören, aus Angst er würde mir in die Hand beißen!

Toms Blick wurde mit einem Mal sehr sanft und gütig und er betrachtete mich in einer Weise in der mich vorher noch nie angesehen hatte: Ehrliche Bewunderung.

»Wow, Emma! Du hast dich echt verändert. Sei mir nicht böse, aber ich hätte es wirklich nicht gedacht, dass du mal ehrenamtlich für andere Menschen da bist. Ich hielt dich immer für sehr egozentrisch und, schlag mich bitte nicht, auch für sehr egoistisch. Das du so voller Nächstenliebe steckst ist wundervoll zu sehen und ich finde die Seite bemerkenswert … Ich habe dich wohl wirklich unterschätzt …«

Obwohl Toms Aussage als Kompliment gemeint war, traf es mich bis ins Mark. Tom hielt mich für egoistisch? Was dachte er noch alles über mich? War ich wirklich so sehr auf mich konzentriert und so selbstverliebt, dass es für Tom unvorstellbar war, dass ich Gutes tat? Lina hatte ja ähnliches erwähnt … Dachte mein ganzes Umfeld so von mir? Und wenn die Leute, die mich liebten schon so von mir dachten …

Luca sah mich immer noch verletzt an.

»Gibst du uns noch 5 Minuten?«, fragte ich Tom.

Er nickte, winkte Luca zu und verschwand im Wohnzimmer.

Ich kniete mich vor Luca, nahm sanft seine Hände und flüsterte: »Ich verspreche es!«

Lucas Gesicht hellte sich schlagartig auf.

Ich glaubte noch immer nicht an den Weltuntergang oder die Erdbebentheorie und ich würde mein Versprechen wahrscheinlich bereuen, aber es war an der Zeit etwas zu ändern. Da war ein Junge und der brauchte Hilfe und ich wollte nicht mehr dieser Mensch sein, der nur an sich selbst dachte.

»Also wenn die Situation kommt, in der ich was tun kann um die Welt retten, dann werde ich das machen. Versprochen! Aber ich habe keine Ahnung wie ich das anstellen soll!«

Luca fiel mir um den Hals, drückte mich so fest seine kleinen Ärmchen konnten und flüsterte mir: »Danke« ins Ohr.

»Ich komme wieder und dann sage ich dir was du brauchst und was du tun kannst.«

»Mach das!«, sagte ich liebevoll und sah wie er im Treppenhaus verschwand. Er war genauso schnell weg wie er gekommen war und ich sah ihm noch ein Weilchen hinterher.

Ich hatte ein Versprechen gegeben. Das Versprechen die Welt zu retten.

Und dieser Moment sollte alles verändern …

Kapitel 12

»Alles gut bei dir Emma? Du bist so still!« Tom musterte mich besorgt. Ich hatte die gesamte Autofahrt bis jetzt geschwiegen. Luca ging mir nicht mehr aus dem Kopf und beschäftigte mich mehr als mir lieb war. In was war ich da nur hineingeraten?

Es gab nur zwei Möglichkeiten:

Entweder hatte dieser Junge eine blühende Phantasie und ernsthafte Probleme und ich hatte ihn soeben in seinem seltsamen Wahn bestärkt und ihm versprochen die Welt zu retten oder aber, …

…und diese Möglichkeit wäre noch weit beängstigender als die erste Option, es war wirklich etwas an seiner Geschichte dran und sie war nicht frei erfunden.

Das war natürlich total absurd. Jeder halbwegs normale Mensch wusste das. Und doch …

»Mir geht’s gut, Tom.«, sagte ich lächelnd und fand seine Besorgnis irgendwie süß. »Ich bin nur in Gedanken.«

»Du magst den kleinen Kerl, stimmt´s?«

»Schätze schon.«

»Man sieht gleich, dass euch etwas verbindet.«, sagte Tom und schickte mir wieder ein Lächeln, dass mir tiefer ging, als ich es zulassen wollte.

»Der Gedanke ist mir auch schon gekommen, dass mich und Luca etwas verbindet und ich spüre diese Verbindung auch. Ich kann sie nur nicht einordnen. Ich weiß nicht, was es ist.«

»Nun ja, ihr habt beide einen Sprung in der Schüssel!«, feixte Tom und schob frech seine Zunge zwischen den Zähnen hervor.

Ich boxte ihn in die Schulter, nicht ohne zu bemerken, dass seine Arme nun deutlich durchtrainierter waren als noch zu der Zeit in der er mit mir zusammen war, und musste trotzdem laut lachen. Diese kleinen liebgemeinten Sticheleien zwischen uns hatten mir so gefehlt.

Während Tom sich darauf konzentrierte einen Parkplatz zu finden, beobachtete ich ihn von der Seite. Sein Gesicht schien keinen Tag älter geworden zu sein. Dieselben süßen Grübchen um seine Mundwinkel, dieselben roten Wangen wenn er nervös war, dieselben kleinen Lachfalten an den Augen, die ihn so harmlos erschienen ließen. Wie ein Hundewelpe, dem man alles verzeihen würde. Es war, als wäre keine Sekunde vergangen … Als wäre er nie weggewesen … Als wäre er nie spurlos aus meinem Leben verschwunden …

Doch er war gegangen, er hatte mich verlassen und dass konnte und durfte ich nicht vergessen. Lina hatte Recht. Trotz all der Schwärmerei musste ich einen klaren Kopf behalten … Auch wenn das bei diesen Augen nicht einfach werden würde …

»Erinnerst du dich?«, fragte Tom schüchtern, während er auf den Parkplatz von dem kleinen chinesischen Restaurant fuhr, in welchem er vor einigen Jahren um meine Hand anhielt.

Die Frage war so bescheuert, dass ich ihn glatt mit dem Kopf auf die Hupe drücken wollte, denn ich dachte nach der Trennung an nichts anderes und wenn ich mich an etwas wirklich genau erinnerte, dann war das der Tag, an dem er mir einen Antrag machte...

An diesem Tag war die Arbeit grauenvoll gewesen. Meine Chefin war mal wieder der Meinung gewesen, es wäre eine gute Idee den gesamten Laden zu putzen und diese wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe bekam natürlich: Ich! Aus diesem Grund war ich den ganzen Tag, mit Schwamm und Eimer bewaffnet, dabei Regale auszuräumen, zu putzen und wieder aufzufüllen und das immer und immer wieder. Bis meine Hände komplett durchgeweicht und meine Haare komplett verschwitzt und fettig waren und mir meine Gelenke vor Schmerzen fröhlich den Mittelfinger zeigten. Nur Fußpilz ist schöner.

Als ich zuhause ankam, bewegte sich meine Stimmung also irgendwo zwischen »Wenn du mich ansprichst, fehlen dir ein paar Zähne« und »Atomexplosion«. Trotzdem wagte Tom es an diesem Abend mich zu fragen, ob wir ausgehen wollten und obwohl ich anfangs stark protestierte, indem ich die Fernbedienung nach ihm pfefferte, überzeugte er mich mit seinem Kusstalent mich hübsch anzuziehen und ihn in das gemütliche chinesische Restaurant zu begleiten.

Dort ließ ich meine blendende Laune natürlich postwendend an der unfähigen Kellnerin aus, die mir den Prosecco doch tatsächlich einige Grad zu warm brachte.

Und trotz meiner zickigen und anstrengenden Art machte Tom mir an diesem Abend einen Antrag. Als er sich vor mich hinkniete und ich den funkelnden Saphir in dem Ring sah, erschrak ich so sehr, dass ich in die Höhe schoss und damit der Kellnerin die Teller aus der Hand schlug. Ich hatte das einfach nicht erwartet. Tom war mein Leben. Immer schon. Und als er mir plötzlich den Antrag machte, obwohl er mir Monate vorher noch erklärt hatte, die Ehe sei eine festgefahrene, langweilige und zutiefst überflüssige Institution, war mein größter Traum in Erfüllung gegangen.

Ich weinte vor Glück, während ich »Ja« schrie und ein Meter weiter weinte die Kellnerin, die nun ihren Job verloren hatte und nur »Nein« schrie!

Es war eine schöne Zeit …

Aber das mit der Kellnerin tat mir heute noch leid.

»Ob ich mich erinnere? Sag mal machst du Witze? Wieso fragst du mich nicht gleich wer Bundespräsident ist?«, rief ich gespielt empört.

»Weil du es vermutlich nicht wüsstest!«, konterte Tom grinsend.

Er sah mir einige Zeit in die Augen und raunte dann: »Ich hab einiges wieder gutzumachen!«

Da hatte er verdammt Recht, aber …

»Tom, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Ausgerechnet dieses Restaurant … Nach all dem was war …«

Enttäuscht blickte Tom auf sein Lenkrad. »Das weiß ich auch nicht. Ich dachte nur … Wir hatten hier so eine schöne Zeit …«

Ich sah zu dem kleinen Restaurant, dann Toms Hundeblick und dann bemerkte ich meinen knurrenden Magen.

»Na gut! Wo wir schon mal hier sind und sowieso schon reserviert ist …«, grinste ich und warf meine Zweifel über Bord.

Toms Strahlen kehrte zurück und während wir aus dem Auto ausstiegen, rief er noch lachend: »Aber lass dieses Mal das Personal in Ruhe, ja?«

»Ach die werden sich eh nicht mehr an mich erinnern!«, gab ich gelassen zurück. »Wer merkt sich schon sowas?«

Kapitel 13

Das kleine Restaurant hatte sich kaum verändert. Das gleiche Aquarium mit Koi-Karpfen, der gleiche anmutige aber schon mit Algen übersäte Springbrunnen und sogar die gleichen Bilder an der Wand mit kitschigen Motiven von Seereihern und Frauen in bunten Roben.

Ich schien recht damit zu behalten, dass sich wirklich niemand an mich erinnerte, denn die Kellnerin begrüßte mich sehr freundlich mit den Worten: »Biaozi«(Ich sollte erst viel später erfahren, dass das chinesisch für »Schlampe« war). Wir bekamen den Platz direkt neben dem Brunnen. Ein idyllisches Plätzchen, aber leider auch etwas feucht, denn das Wasser spritzte ab und zu gern direkt auf den Tisch oder wahlweise in unsere Gesichter.

Tom half mir aus meinem Mantel, was sehr zuvorkommend und unglaublich romantisch war. Anschließend half ich ihm aus seiner Jacke, was zwar auch sehr zuvorkommend von mir war, aber weitaus weniger romantisch, weil er sich mit einem Arm so unglücklich verhedderte, dass er ohne Hilfe nicht herauskam und er seine Jacke mit nicht jugendfreien Schimpfwörtern bedachte. Ich freute mich ein bisschen über seine Nervosität, zeigte sie mir doch, dass ihm der Abend wichtig war. Als wir endlich saßen, herrschte eine seltsame Stille … Ich spürte, dass meine Hände extrem schwitzig waren und wischte die nassen Dinger elegant an der Tischdecke ab.

»Da wären wir also …«, eröffnete ich gekonnt das Gespräch.

»Jo, so sieht`s aus!«, antwortete Tom ausschweifend.

»Lang ist’s her!«, gab ich den Ball zurück.

»Da hast du Recht!«, konterte Tom geschickt.

»Hätte ich nicht gedacht!«, antwortete ich in einer kreativen Glanzleistung.

»Ich auch nicht!«, schloss Tom unser Gesprächsfeuerwerk ab.

Okay! Bullshit! Unser Gespräch war so spannend wie die Rückseite einer Waschmaschine. Mir musste etwas Besseres einfallen wenn ich die Situation nach vorne bringen wollte.

Toms Hände lagen vor ihm auf dem Tisch und er zupfte nervös an seiner Serviette herum. Für einen kurzen Moment spielte ich mit dem Gedanken seine Hände zu nehmen und zu streicheln, aber das hätte wohl alles noch mehr verkompliziert.

»Tom, ich will ehrlich sein. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich jemals wiedersehe!«, purzelte es plötzlich aus mir heraus. Tom sah mich überrascht und dann schuldbewusst an, blieb aber stumm.

»Du hast um meine Hand angehalten … Und dann warst du einfach weg. Von jetzt auf gleich …Als hätte es dich nie gegeben …«

»Emma, es tut mir leid! Es tut mir aufrichtig leid. Das war so alles nie geplant …«

»Wie war es denn geplant?«

»So auf jeden Fall nicht!« Tom konnte mir nicht in die Augen sehen und war dazu übergegangen die Serviette komplett zu sezieren.

Nach einer weiteren Schweigeminute, begann er nervös zu lächeln und fragte: »Du hattest bestimmt Rachepläne, oder?«

»Na darauf kannst du aber so laut einen lassen, dass das Restaurant bebt!«, grinste ich und war nur kurz ob des angewiderten Blickes der Kellnerin verunsichert. Ich war irgendwie erleichtert, dass das Gespräch eine weniger ernste Richtung einschlug.

»Schlimme Pläne?«, fragte Tom vorsichtig.

»Na sagen wir es mal so: Mit Kinder kriegen wäre es danach schwer geworden für dich!«

Tom verzog sein Gesicht, als litt er unter starken Schmerzen und sagte dann: »Und wieso dann jetzt der Sinneswandel?«

»Na sei dir deiner Sache mal nicht zu sicher! Du bist noch nicht aus der Gefahrenzone heraus!«, feixte ich.

»Dann werde ich sehr vorsichtig sein müssen«, antwortete er und warf die Überreste der Serviette beiseite und hatte nun endlich wieder den Mut mir in die Augen zu sehen. Sofort durchfuhr es mich wieder wie ein Blitz. Ich konnte seinem Blick einfach nicht widerstehen. Ich wollte ihn am liebsten sofort küssen.

Gott sei Dank, kam in dem Moment die Kellnerin, blickte etwas irritiert auf die zerfetze Serviette, die unglücklicherweise auf meiner Seite des Tisches lag, verlor aber ihr Lächeln nicht, auch wenn es irgendwie etwas steif wirkte. Sie reichte uns die Speisekarten, sagte noch einmal freundlich: »Biaozi«, was wohl so viel wie »Bitte sehr« heißt und empfahl uns das Tages-Spezial-Menü!

Wir studierten die Speisekarten und grinsten uns immer wieder verlegen an. Wie sollte man sich da bitte schön konzentrieren können?

»Ich mag die neue Emma!« Toms liebevoller Blick machte es schwer nicht vollkommen dahinzuschmelzen.

»Was ist denn an der neuen Emma so anders?«, fragte ich neugierig.

»Du bist viel gelassener, kümmerst dich um Andere, streitest weniger, schreist keine Kellnerinnen an … Das imponiert mir sehr.«

»Ja so bin ich …«, flötete ich. NICHT! So bin ich absolut überhaupt gar nicht.

Mir gefiel zwar, dass er dieses Bild von mir hatte, jedoch hatte ich keine Ahnung wie ich das aufrechterhalten sollte. Gestern hatte mir Lina erst noch bescheinigt, was für ein Miststück ich die meiste Zeit war und heute machte Tom mir Komplimente über meinen ausgeglichenen Charakter. Nun das bedeutete wohl, dass sich eine gewisse Emma in Zukunft ziemlich zusammenreißen musste, wenn sie wollte dass Tom weiter so positiv von ihr dachte.

Und das hieß: - Keine Wutausbrüche

- Keine Diskussionen

- Und vor Allem: Keine Gegenstände nach Leuten werfen,

die mich nervten.

Die neue Emma hatte sich voll im Griff. Die neue Emma konnte nichts aus der Ruhe bringen.

Am besten halte ich mich grundsätzlich von allen anderen Lebewesen fern solange Tom in der Nähe ist.

Ich wollte der Mensch sein, den Tom in mir sah und nicht der, den Lina beschrieben hatte. Das musste ja wohl zu schaffen sein. Es durfte einfach nur keine Katastrophe passieren.

»Uh, das muss ich rangehen!« Tom schnappte sich sein Smartphone und stand auf. »Kannst du für mich bestellen? Ein Merlot und die Platte der acht Kostbarkeiten.« Dann stapfte er Richtung Toiletten um zu telefonieren.

Just in dem Moment kam auch schon die nette Kellnerin, die wieder einmal die freundlichen Worte vom Anfang in mein Gesicht sagte.

»Oh das ist sehr liebenswürdig. Ich nehme einen Chardonnay und das Hühnchen süß-sauer und mein Begleiter nimmt einen Merlot und die Platte der acht Kostbarkeiten.«

»Ah ja, sehr gerne«, nickte die Kellnerin. »Sie haben Date, ja?«

Wow da ist jemand neugierig, aber was soll’s. Die neue Emma ist höflich.

»Ja genau, das haben wir. Sehr nett, dass Sie fragen.«

»Ah ja! Junger hübscher Mann. Sie wollen heute Abend machen Knick-Knack, ja?«

»Knick … was?«

Meint sie gerade das, was ich denke was sie meint?

»Na Knatter-Knatter, den Drachen steigen lassen, ja? Das Frühlingsröllchen auspacken, ja? Die Schlange beschwören, ja?«

»Okay … okay! Ich habe es verstanden. Vielen Dank. Ich denke, dass geht Sie nicht wirklich etwas an.«

»Ah dann bringe ich keinen Wein. Guter Champagner, gutes Dates, ja«

Champagner? Ist die wahnsinnig? Die Preise hier sind eh schon gesalzen und jetzt noch das teure Gesöff? Wer soll das bezahlen?

Auf diese Frage gab es bloß zwei Antworten:

Entweder Tom zahlte ganz Gentlemanlike. Er wäre dann aber über die Rechnung in etwa so begeistert wie über eine 3-stündige Darmspiegelung und dann gab es heute Abend ganz sicher kein Knick-Knack …

Oder ich übernahm die Rechnung. Da mein Kontostand mir aber nur höhnisch lachend vor die Füße spucken würde, weil er mir den letzten Tiefschlag, den ihm die teuren High-Heels versetzt hatten, noch nicht verziehen hatte, war das auch keine Option.

Also nein, es durfte kein Champagner her.

»Nein, sehr freundlich, aber ich hätte doch ganz gern den Wein, vielen Dank.«

Für einen kurzen Moment verzog die Kellnerin das Gesicht, dann lächelte sie wieder.

»Wollen Sie unser Spezialmenü probieren? Frisch aus China. Sehr lecker und exotisch, ja? Hühnchen süß-sauer ist langweilig. Ich bringe Spezialmenü, ja?

Allmählich verliere ich die Geduld. Bleib ruhig, Emma!

»Ich möchte wirklich nur das, was ich bestellt habe und wäre Ihnen sehr verbunden wenn Sie das akzeptieren würden.« Mein Ton wurde eine Spur schärfer. Die Kellnerin lächelte mich weiterhin freundlich an und murmelte dann im Weggehen: »Oh ja, da braucht jemand dringend Knick-Knack!«

Die Vase auf dem Tisch lächelte mich verführerisch an. Nein, Emma! Du wirfst sie jetzt nicht nach der Kellnerin. Du willst Tom beweisen, was für ein ausgeglichener Mensch du bist.

Da Tom noch am Telefon war, war es Zeit für eine kurze Zwischenanalyse …

Date-Status: Nach anfänglichem, holprigem Start läuft alles gut

Katastrophen: Keine Katastrophe in Sicht

Nervosität Tom: Hoch (Sehr gutes Zeichen)

Nervosität Ich: Extrem Hoch (War irgendwie zu erwarten)

Situation: Voll im Griff

Tom kam lächelnd zurück und stutzte kurz als er sich wieder setzte.

»Sag mal ist das nicht deine Kollegin von heute Morgen?

Die Kollegin von heute Morgen? Das konnte doch nur …

Susanne …

Aufgetakelt in einem unfassbar engen schwarzen Kleid, dass ihre viel zu großen, unechten Brüste betonte und den schon abartig perfekt geformten Hintern, stolzierte sie an unserem Tisch vorbei, hielt inne und mit einem süffisanten Lächeln blickte Susanne zu mir herab und säuselte: »Emma, na das ist ja eine Überraschung dich hier zu sehen. Da bist du aber ganz falsch abgebogen um hier zu landen. Ich befürchte nur, dass es hier keine Fritten und Burger gibt, Darling. Und sie erwarten, dass man mit Messer und Gabel ist. Ich weiß, dass muss für dich eine schreckliche Vorstellung sein, aber viel mehr als ein Mineralwasser kannst du dir hier eh nicht leisten. Abgesehen davon solltest du bei deiner Figur auch nicht viel mehr als ein Mineralwasser zu dir nehmen, meine Liebe …« Mit einem Seitenblick auf Tom setzte sie hinzu: »Es erwärmt mir das Herz zu sehen, was andere Menschen aus Mitleid alles tun.«

Meine Faust krallte sich ums Tischbein. Wie gern würde ich jetzt dieser Schnepfe mit meiner Handtasche einmal quer durch die Kauleiste pflügen oder ihr die Speisekarte frontal ins Gesicht drücken. Aber Tom war da … Denk an die neue Emma! NEUE EMMA!

»Ach Susanne, mach dir da mal keinen Kopf. Wie die meisten anderen schaurigen Fabelwesen, die schon seit Jahrtausenden die Menschheit tyrannisieren, hast du anstelle eines Herzens, einen schwarzen Klumpen Schleim. Viel erwärmen wird sich da also nicht. Und ich dachte mir schon, dass ich dir mal abends bei deinem Nebenjob begegne. Ich hatte nur damit gerechnet, dass es irgendwo in der Nähe der Bahnhofstoilette wäre. Ich befürchte viele Freier wirst du hier heute Nacht nicht finden, denn die meisten Männer hier sind mit Frauen da. Also bleibst du wohl leider allein …«

»Es ist rührend wie du dich sorgst, Emma. Aber ich habe bereits eine Begleitung für heute Abend. Du erinnerst dich an ihn?« Sie winkte jemandem am Eingang und als ich mich umdrehte traf mich fast der Schlag.

Da stand der Margarine-Traumtyp.

MEIN Margarine-Traumtyp.

Im Anzug, gestylt und mit einem sexy Hundeblick.

Also natürlich war mir klar, dass das nicht MEIN Margarine-Traumtyp war und ich war ja auch mit Tom da, also YAYYYY. Trotzdem traf es mich und ich spürte eine Art der Eifersucht, die mir vollkommen neu war.

»Du entschuldigst mich?«, hauchte Susanne. »Ich möchte den Abend gerne mit einem interessanten Menschen verbringen …«

Dann hakte sie sich bei MTT (Margarine-Traumtyp) ein und stolzierte gut gelaunt und süßholzraspelnd auf ihren Tisch zu.

»Wow! Ihr kommt nicht wirklich miteinander klar, oder?«, flüsterte Tom ehrfürchtig und blickte Susanne und MTT hinterher.

»Du, wir kommen prima miteinander aus.« Solange wir nicht im selben Raum sind …

»Ehrlich?«

Oder im selben Gebäude …

»Das sah grad nicht so aus.«

Na gut, sagen wir in derselben Stadt … Wobei gehen wir auf Nummer sicher: Im selben Land …

»Ihr habt euch gerade nichts geschenkt. Das war ganz schön böse.«

»Ach, das ist nur so ein Spiel zwischen uns. Wir necken uns immer wenn wir uns sehen …«

… in der Hoffnung, dass sich die Andere von einer Brücke stürzt.

»In Wahrheit sind wir gute Freundinnen.«

Also die Art Freundin, der man am liebsten eine Keule über den Kopf zieht um sie dann auf einen Frachter nach Sibirien zu stecken.

»Na gut, wenn du das sagst. Ihr Frauen seid ja eh sehr schwer zu verstehen.« Dabei lachte Tom so niedlich, dass mein Herz sofort wieder einen Marathon rannte.

»Und woher kennst du den Typen? Deine Kollegin hatte erwähnt, dass ihr euch kennt.«

Tom nickte in die Richtung von Susanne und MTT und ich drehte mich kurz um. Wieder versetzte es mir einen Stich. Zu sehen wie die beiden flirteten … Es störte mich. Aber warum? Ich war mit Tom hier, dem Mann meiner Träume. Wieso traf es mich, dass Susanne mit einem Mann flirtete, den ich kaum kannte, ja mit dem ich noch nicht einmal mehrere Sätze gewechselt hatte. Bestimmt nur verletzter Stolz … Und solange es bei den Beiden beim Flirten blieb, gab es auch keinen Grund zur Eifersucht. Also … es gab ja sowieso keinen Grund zur Eifersucht …

»Das ist nur ein Stammkunde, mehr nicht. Ich kenne nicht einmal seinen Namen.«

»Aber … Er ist schon dein Typ, oder?«, grinste Tom.

»Was? Nein! Der doch nicht … Das Gesicht zum Beispiel.«

»Ja?« Tom schien es sichtlich Spaß zu machen mich in Bedrängnis zu bringen.

»Was ist denn mit dem Gesicht?«, fragte er unschuldig.

Außer dass er aussieht wie ein junger Gott?

»Na ja er hat so eine Nase …«

»Er hat eine Nase? Krasse Sache, aber jetzt wo du es erwähnst sehe ich es auch. Er hat eine Nase … Wie kann er nur?«

»Ja genau … Hä was? Nein ich meinte die Nase ist so …«Süß, perfekt, männlich …

Tom brach in lautes Gelächter aus.

»Was ist denn so lustig?«

»Oh Emma, ich finde es so niedlich wie du dich verteidigst. Mein Gott, ist doch nicht schlimm, wenn dir ein Kerl gefällt.«

Ich pfefferte Tom eine Packung Taschentücher ins Gesicht. »Hör auf mich zu ärgern. Und abgesehen davon gefällt er mir überhaupt nicht.«

Endlich kam die Kellnerin mit unseren Getränken und ich war froh, dass dieses Thema nun beendet war. Worüber ich allerdings überhaupt nicht froh war, waren die Getränke die die Kellnerin servierte.

»CHAMPAGNER?«, rief Tom geschockt. »Du hast Champagner bestellt?«

Ich sah zur Kellnerin, die dämlich grinsend und pseudofreundlich dreinblickte und zischte finster: »Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Wein bestellt hatte …«

Die Kellnerin lächelte unbeeindruckt weiter und säuselte: »Aber nein, Sie haben doch gesagt, dass dieser Abend etwas ganz Besonderes werden soll, weil ihr Begleiter so etwas Besonderes und Wertvolles ist und alles andere als der teuerste Champagner würde diesem Abend nicht gerecht werden. Sie brauchen sich dafür nicht zu schämen, meine Dame!«

Ich starrte die Kellnerin mit offenem Mund an und auch Toms Gesichtszüge entglitten: »Das hast du gesagt?«

NEIN! Das habe ich sicher nicht gesagt.

»Ja, das habe ich wohl gesagt.« Ich schickte der Kellnerin noch einen bösen Blick aber die lächelte unbeirrt weiter.

»Ich wusste nicht, dass du so empfindest …«

»Glaub mir, ich auch nicht!«, murmelte ich.

Nervös fuhr sich Tom durch die Haare. Ob ihn dieses Kompliment so aus der Bahn warf oder der Gedanke an die schwindelerregende Rechnung, konnte ich aber nicht sagen. Ich musste die Situation irgendwie retten.

»Also, lass uns anstoßen! Bevor der Champagner noch warm wird.« Wir hoben die Gläser, stießen an und ich nahm einen sehr großen Schluck aus dem Glas. Alkohol war nun genau das Richtige. Unglücklicherweise blickte ich genau in diesem Augenblick zu dem Nachbartisch und als ich sah, dass Susanne dem Margarine-Traumtypen die Zunge in den Hals schob, spuckte ich den Champagner postwendend Tom ins Gesicht.

»Sag mal spinnst du?« Tom starrte mich fassungslos an, während der Champagner von seinen Haarspitzen tropfte.

»Ich ähm … Oh mein Gott, Tom! Das tut mir so leid.«

»Warum machst du sowas?«

»Ich dachte das macht man so …« Mist, eine bessere Ausrede fällt dir nicht ein, Emma?

»Man macht das so? Dem Anderen ins Gesicht spucken? Haben dich Schimpansen großgezogen?«

Tom schnappte sich einen Stapel Servietten vom Nachbartisch und begann sich trockenzureiben.

»Na, ich habe das mal im Fernsehen gesehen.«, versuchte ich mich ungelenk zu verteidigen. »Teuren Wein und so spuckt man doch gleich wieder aus!«

»Ja, Emma!«, rief Tom genervt. »Auf einer Weinprobe, da wird der wieder ausgespuckt. Nicht in einem vornehmen Restaurant, in dem man ein Monatsgehalt dafür zahlen muss und vor Allem NICHT DEM GEGENÜBER INS GESICHT!«

»Oh ja, das gibt Sinn …«

Ich musste wieder zu Susanne sehen. Gott sei Dank hatten die Beiden aufgehört zu knutschen. Wie konnte sich diese Schnepfe nur so an MTT ranschmeißen. Der gehörte ihr schließlich nicht. Plötzlich stand MTT auf und ging schnellen Schrittes zum Ausgang. Susanne schnappte sich ihre Jacke, lief an unserem Tisch vorbei, lächelte hochnäsig und flüsterte mir zu: » Jetzt geht’s bei ihm weiter. Es kann ihm gar nicht schnell genug gehen. Viel Spaß euch Langweilern noch.« Und bevor ich ihr eine bissige Antwort entgegenschleudern konnte, war sie schon verschwunden. Wütend sah ich den Beiden hinterher. Dass er so schnell mit dieser Tussi in die Kiste stieg, enttäuschte mich. Offensichtlich litt er an schwersten Augenbeschwerden, wenn er diese Tante gut fand. Und mit den Ohren schien es auch bergab zu gehen bei ihm. Wie könnte er sonst diese nervige, hohe Stimme ertragen?

»Wenigstens läuft deren Abend gut.«, knurrte Tom und knallte die nassen Servietten auf den Tisch.

Date-Status: Ich habe verkackt …

Katastrophen: 1. Katastrophe schon super herbeigeführt

Nervosität Tom: Ist Ärger gewichen

Nervosität Ich: Auch schon egal

Situation: Gar nicht mehr im Griff

»Du bist mir sehr böse, oder?«, murmelte ich leise und traute mich nicht einmal Tom anzusehen.

Tom knetete seine Unterlippe, seufzte und schüttelte dann schmunzelnd den Kopf. »Na ja immerhin hast du mir ja das teure Zeug ins Gesicht gespuckt und nicht irgendeinen billigen Fusel.«

»Du hast noch Serviette im Haar.«, grinste ich und deutete auf einen Fetzen der beim Trockenrubbeln hängen geblieben war.

Tom fischte ihn sich aus den Strähnen heraus und lächelte: »Oh, du übrigens auch.«

»Was? Wo denn?« Ich fummelte in meiner Frisur herum aber spürte nichts.

»Genau dort!« Mit einer schnellen Bewegung warf mir Tom die klatschnasse Serviette in die Visage. Mit einem lauten Flatsch-Geräusch blieb sie in meinem Gesicht hängen.

»Ups!«, sagte Tom und blickte mich herausfordernd an.

»Das kriegst du sowas von zurück.« Ich schnappte mir den Serviettenfetzen und wollte es sofort zurück in seine Richtung schicken, aber die anderen Gäste sowie das Personal blickten uns vorwurfsvoll an, weswegen ich die Serviette wieder zurücklegte.

»Du hast Glück, dass ich das eine anmutige Dame bin, die sich zu benehmen weiß.«

»Nee ist klar. Emma, du bist so anmutig wie ein Kerl in einem Kleid.«

ZACK klebte die Serviette wieder in Toms Kauleiste.

Unter lautem Lachen bewarfen wir uns so lange mit Servietten bis unser Tisch aussah als hätte eine Bikergang hier gefrühstückt.

»Okay, Waffenstillstand, bevor wir noch aus dem Restaurant geworfen werden!«, rief Tom lachend.

»Vorerst!«, grinste ich verschmitzt.

Wir räumten ein wenig das Chaos auf dem Tisch auf und sahen uns dann lange in die Augen.

»Es ist schön, dass du wieder da bist.« Ich ergriff vorsichtig Toms Arm. Er ließ mich gewähren und antwortete: »Es ist schön wieder hier zu sein. Und es ist schön, dass wir die Vergangenheit vergessen können.«

»Das sehe ich auch so.«

Ich streichelte vorsichtig seinen Arm, genoss die Stille und spürte, wie die Welt um uns herum verschwand. Es gab nur uns Beide für diesen Augenblick. Ein Moment, in dem alles Vergangene keine Rolle mehr spielte. Nur die Gegenwart zählte. Ein Augenblick, der niemals enden sollte.

»Hallo, ihre Bestellung bitte, ja?« Außer die schrille Stimme der Bedienung macht alles zunichte.

»So …«, krächzte die Stimme lieblich. »Einmal die Platte der acht Kostbarkeiten …« Wenigstens brachte sie jetzt was ich bestellt hatte. » …Und einmal das exotische Spezialmenü!«

What? Was sollte das? Diese verblödete Kellnerin! Diesmal würde ich mir das nicht gefallen lassen. Neue Emma am Arsch …

»Das ist ganz und gar …«, hob ich meine Stimme an um die Kellnerin richtig zur Schnecke zu machen. Leider fiel mir Tom ins Wort.

»Emma, ich bin beeindruckt. Du probierst echt etwas gänzlich Neues? Etwas das du überhaupt nicht kennst? Ich hätte schwören können, dass du wieder Hühnchen süß-sauer nimmst.«

»Was? Ähm … Ich doch nicht...«

»Du bist wirklich ein neuer Mensch. Ich wollte es am Anfang nicht glauben, dass du dich so verändert hast, aber jetzt ist es eindeutig. Und Emma, ich muss dir sagen. Ich bewundere das sehr.«

Na toll. Jetzt bin ich also offiziell ein neuer Mensch. Und ich kam da offiziell auch nicht mehr raus. Wieso war ich immer die Erste, die sich meldete, wenn wieder neue Arschkarten verteilt wurden? Ich musste wohl oder übel durch das exotische Spezialmenü durch. Und das fies lächelnde Gesicht der Kellnerin verhieß gar nichts Gutes.

»Du überraschst mich immer wieder …« Tom sah mich bewundernd an und nahm einen Schluck Champagner.

»Glaub mir, ich bin genauso überrascht wie du …«, seufzte ich.

Mit freundlicher Unschuldsmiene servierte die Kellnerin eine Art Frühlingsrolle.

»Sieht gar nicht so exotisch aus.«, sagte ich erleichtert.

»Oh, das Geheimnis liegt in den Gewürzen, ja?«, erklärte die Kellnerin mit einem bedrohlichen Lächeln und verließ den Tisch.

»Na das klingt ja spannend!«, wisperte Tom neugierig.

Super, wenn du das so spannend findest, dann können wir gerne tauschen … Ach was soll’s? Was kann an einem Frühlingsröllchen schon schlimm sein?

Ich biss herzhaft in die Frühlingsrolle und war überrascht wie lecker und luftig sie schmeckte, auch wenn die Gewürze wirklich ein wenig exotisch schmeckten. Fehlalarm. Manchmal war ich wirklich ein Schisser, weil ich permanent mit dem Schlimmsten rechnete. Das hier war das beste Beispiel. Es schmeckte ganz hervorragend und die leichte Schärfe passte wunderbar. Obwohl, so leicht war die Schärfe gar nicht. Sie war sogar ziemlich heftig. Und es wurde von Sekunde zu Sekunde schlimmer. Mein Mund fühlte sich an als würde er Feuer fangen und ich gleichzeitig auf Rasierklingen kauen. Meine Augen tränten und ich begann nach Atem zu ringen. Was war das? Ich brauchte etwas zu trinken. SCHNELL! Ich packte die Champagnerflasche und kippte mir Unmengen von dem Zeug in den Rachen. Allmählich ließ der starke Schmerz nach und mit einem lauten Rülpser, den auch ein Wildschwein nicht besser hätte hinbekommen können, ließ ich die Champagnerflasche sinken und sah in das schockierte Gesicht von Tom.

Okay, sexy war anders …

»Dir scheint der teure Champagner echt zu schmecken, was?«, stellte er vorsichtig fest.

»Ja, ähm man muss große Schlucke nehmen, um das vollständige Aroma zu entfalten.«

»Aha!«

Ich starrte auf das angebissene Frühlingsröllchen. Ich würde keinen weiteren Bissen überleben. Tom bemerkte meine Zurückhaltung.

»Du bist doch nach einem Bissen noch nicht satt, oder?«

»Was? … Nein! Ich lasse mir das einpacken. Ich spare mir den großen Hunger für den Hauptgang.« Und hoffe, dass der nicht so scharf ist …

»Clever.«, grinste Tom und biss hungrig in ein duftendes Stück Entenfleisch. Ich war so neidisch.

Der nächste Gang kam und es stellte sich heraus, dass meine Bedenken unbegründet waren, denn die Schärfe war bei der Hauptspeise nicht das Problem …

Als die Kellnerin dämlich lächelnd den Teller vor mir abstellte, sah ich erstmal nichts außer einer glitschigen Masse. Mein Würgereiz wollte postwendend den Bissen Frühlingsrolle wieder nach oben schicken und nur mit viel Mühe, konnte ich ihn in mir behalten.

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Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
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321 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783967526417
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