Читать книгу: «Brauch Blau»
»Vielleicht geht es gut, denkt sie, vielleicht habe ich Glück und kann alles zusammen haben, Arbeit und Kinder. Alles zusammen, außer der Liebe natürlich.«
Sie erwacht auf einem Hotelbett, ihre Erinnerungen sind im Nebel, dringen nur splitterhaft zu ihr durch. Eine Erkenntnis flutet wie eine heiße Welle ihr Bewusstsein: Sie hat zwei kleine Kinder! Wieso ist sie allein? Eines steht fest: Sie muss sie finden, und zwar schnell. Eine atemlose Suche beginnt. Sie rennt. Und sie muss ihr Leben in den Griff und endlich diese Hauptrolle in der Oper bekommen. Alles steht auf dem Spiel: das Wohlergehen ihrer Kinder und ihr eigenes Selbstverständnis als Karrierefrau und Mutter, die verzweifelt versucht, sich gegen die Selbstaufopferung zur Wehr zu setzen, die ihr der Alltag als Alleinerziehende abverlangt. Sie hat es endgültig satt, allen immer nur zu gefallen.
In »Brauch Blau« sieht eine Mutter rot. Es ist die Geschichte einer Frau, die kämpft: gegen ihre gesellschaftliche Rolle, die ihr den Atem abschnürt, gegen den Vater ihrer Kinder, der sie nicht nur verlassen hat, sondern der ihre Grenzen übertritt, gegen die Fremdbestimmtheit und nicht zuletzt gegen sich selbst.


WAND
Sie ist noch auf der anderen Seite, als sie die Bewegung ihres Atems spürt. Gleitet über die Schwelle, hinüber zum Licht, öffnet die Augen. Alles ist schwer, teuer und klebrig. Ihr Blick hängt fest zwischen Sesseln und Quasten. Wo ist sie hier? Das ist ein Hotelzimmer. Sie ist ganz neu. Die Vorhänge sind aufgezogen, schwere Seide an den Seiten. Dazwischen flattern weiße Gespenster. Kalte Luft wabert. Wie spät ist es, was macht sie hier? Nirgendwo ein Hinweis, nur unbestimmbare Ewigkeit im Außen.
Sie friert, so nackt auf dem Bett. Die Arme hinter dem Kopf, sie kann sich nicht bewegen. Verdreht ragt ihr Becken in die Luft, tief darunter liegt die Taille. Ihre Haut, frisch gewaschen auf dem weißen Laken. Sie hat diesen Körper noch nie gesehen. Der Bauch eine Rundung. Dann wölbt sich das Schambein unter dunklen Haaren. Da, wo sie hinschaut, spürt sie sich. Innen drin zieht es. Wärme. Ihre Hände möchten die Brüste greifen, wollen sie drücken, die Nippel zwischen den Fingern reiben. Sie ist doch diese Frau. Aber sie kann die Hände nicht bewegen.
Um das Bett Papiertüten und Klamotten. Stimmt, ihr wurde an der Rezeption eine Tüte in die Hand gedrückt, vielleicht eine Verwechslung, aber das war ihr egal, sie ist auch nicht sie selbst gewesen, also ist sie damit losgezogen. In der Abendsonne ist sie aus dem Hotel getreten, mit federbesetzten hohen Sandalen, daran erinnert sie sich. Ein langer weißer Pelz. Unten wehte der Fetzen des Kleides heraus. Das riesige Tor mit den sechs Säulen. Vier Pferde sahen von oben auf sie herab. Davor der große Platz. Sie hat kein Taxi genommen. Sie ist vom Hotel weggegangen, das Tor mit seinem Grün dahinter im Rücken, immer geradeaus. Und dann? Sie kann sich nicht erinnern. Wohin ist sie gegangen?
Stimmt, sie ist in der Oper gewesen.
Sie hat dieses Zimmer noch nie gesehen. Eine so trockene Leere stockt in ihrem Gehirn, dass sie darin stecken bleibt. Sie späht noch einmal im Kreis. Auf dem Nachttisch ein abgestandenes Wasser, dessen Kohlensäure entwichen ist. Sie hasst lauwarmes Wasser.
Ihr Gehirn klappt kurz auf und wirft das Bild einer Kinderhand aus. Eine sehr kleine Hand, sie hat noch keine Konturen, keine Knochen, ist ganz Weichheit. Tränen rinnen aus ihren Augen, brennen heiß über die Schläfe direkt in ihr Ohr. Neue Bilder strömen in sie. Die kleinen Hände fassen ihr ins Gesicht, riechen nach Milch und Seife. Sie klammern sich an ihren Hals. Zwei Hände, die sich an ihr halten. Ein kleiner Körper. Sie drückt das weiche Bündel an sich. Jetzt sieht sie die Augen. Sie schauen sie so unverwandt an, als wären es ihre eigenen. Sie vertrauen ihr. Sie legen sich ganz in sie hinein, in ihre Hände. Wer ist dieses Kind?
Sie hört sich singen. Leise und zart. Sie singt zwischen diesem Wesen, das sich an ihr festhält, und sich. Das Lied ist unsere Nabelschnur, die immer da ist, denkt sie. Das Kind hört ernst zu. Sie würde es immer beschützen. Es ist ihr Kind.
Sie erinnert sich. Wie aufgeregt sie war, sie hatte sich durch dieses Kind auch selbst gerettet. Sie hatte plötzlich eine wichtige Aufgabe, sie glaubte, jetzt alles hinzukriegen, besser zu werden, erwachsener, ein besserer Mensch.
Das dachte sie damals jedenfalls. Sie war nach Hause gekommen, die Sonne schien, und Herbert ging los, um Windeln zu kaufen. Jetzt würde sie alles schaffen. Auch mit ihm. Sie würde sich nicht mehr verlieren, nie wieder, nicht einmal mehr straucheln, denn dieser Schatz war viel kostbarer als alles, was sie zu träumen gewagt hatte, größer als die Welt. Natürlich wichtiger als jede Oper. Jetzt würde sie auch nie wieder unglücklich sein, dachte sie in der Nacht nach der Geburt, als sie dieses kleine Wesen, das sie ununterbrochen anblickte, fest in ihren Armen hielt. In dieser Nacht im Krankenhaus konnte sie nicht schlafen, weil sie wusste, das Wichtigste ist hier passiert.
Die blanken klaren Augen. Wo sind sie jetzt?
Ihr Kopf tut weh. Der Schmerz besteht aus diesem stickigen Zimmer, er ist unendlich. Nur Teppichgeruch. Sie hat das Gefühl zu ersticken, und spürt sich auf die Knie sacken. Ein paar Tränen, ihre letzten Flüssigkeitsreserven, laufen ihr über die Wangen, fallen in den Teppich, werden dort geschluckt für immer.
Wo sind die Augen, die ihr vertrauen?
Sie hört eine kleine, zarte Stimme. Ein helles Mädchen, das sie anlächelt. Sie kennt dieses Lied, das sie singt. Eine unendlich heile Schönheit fließt aus ihm. Die weiche Federhand berührt ihr Gesicht. Das Mädchen meint sie. Das ist doch ihr Kind, oder? Sie liebt es so sehr. Warum ist es nicht bei ihr? Sie kriecht auf dem Teppich. Sie kann nichts mehr sehen, schiebt sich weiter, kriecht, tiefer in den Raum hinein.
»Hallo?«, fragt sie.
Keiner antwortet. Ihre Knie haben keine Haut mehr. Der Teppich schmirgelt ihr die Knochen ab. Sie muss weiter, aber es geht nicht. Ihr Kopf stößt an eine Mauer. Dahinter hört sie Rufen. Da ist wieder diese zarte Mädchenstimme und noch eine andere, eine zweite, eine Kleinkindstimme, und beide rufen sie. Sie erstarrt, sie erinnert sich. Sie hat zwei Kinder, und beide hat sie verloren. Das Mädchen und einen kleinen Jungen mit wütenden Augen. Er versteht nicht, warum sie nicht da ist, wo sie hingehört. Sie verlangen nach ihr. Irgendwo in der Nähe. Sie ist vielleicht ganz nah. Sie kommt sofort zu ihnen. Ihr Kopf, komplett abgeschaltet, weiß nur noch dieses. Sie spürt nichts mehr. Der Kopf knallt gegen die Wand, und mit jedem Schlag werden die Stimmen um sie herum lauter. Alles wird nass. Der Geschmack von Blut. Sie ist glücklich. Die Teppichhölle aufgerissen. Sie wird nicht ersticken.
Dann sieht sie die beiden Gesichter, wie sie sie anstrahlen. Sie haben ihren ganzen Schmuck aus der Schublade genommen und auf den Balkonpflanzen verteilt. »Schau mal, Mama, bei uns ist Weihnachten!«, jubeln sie. Sie wissen genau, dass sie etwas Verbotenes tun, und lächeln umso süßer. »Jetzt hab ich euch endlich, ich lass euch nie wieder los!«, sagt sie, dann wird das Rauschen in ihrem Kopf unterbrochen.
Sie reibt sich die Augen. Alles ist weiß. Ein Mann beugt sich über sie und kippt ihr Wasser ins Gesicht. Er ist vermutlich die Reinigungskraft, oder wie nennt man ihn, vielleicht Roomboy? Und da ist ja auch wieder dieses Zimmer mit den Kleiderbergen und den hellblauen Federn. Sie muss zu den Kindern, aber dieser Mann hält immer noch ihr Gesicht fest. »Ich rufe einen Arzt«, sagt er und verlässt das Zimmer.
Sie muss sich beeilen, sie muss hier weg. Das Ziehen durch den ganzen Körper, das kennt sie doch, das Gefühl, immer für die Kinder da zu sein, sich um sie zu kümmern. Der Schmerz um Herbert hatte genau das in ihr verbrannt.
Kurz reißt alles auf. Wo sind die Kleinen? Was, wenn sie sie nicht findet? Sind sie geklaut oder überfahren worden oder verhungert? Sie kriegt keine Luft. Sie muss atmen, die Türen aufstemmen, irgendwo dahinter ist noch alles da, oder? Dahinter ist alles gut. Es war doch immer gut.
Sie weiß, sie hat sie ins Bett gebracht. Das war aber nicht dieses hier, das waren zwei Betten nebeneinander.
Sie muss sehr genau nachdenken, fein die trockenen Wände abkratzen, irgendwo ist da eine Lücke, wo sie dazwischenkann, sie muss sie finden.
Aber erst einmal kommt dieser Hotelarzt. Die können sie doch nicht einfach festsetzen und untersuchen. Sie muss die Kinder finden. Es geht hier nicht um ihre Schmerzen, und sie kann es diesem Arzt leider unmöglich recht machen, sie kann es niemandem mehr recht machen, sie muss sofort in ihr Leben, ihr richtiges Leben zurück.
FLUR
Sie kriecht zu dem Klamottenberg, zerrt einen Seidenlappen heraus und sich über die Nase. Blumendruck, hellblaue Federn an den Ärmeln und unten am Rocksaum. Das wird den Kindern gefallen. Ein langer weißer Pelz glotzt sie aus der Ecke an. Woher kennt sie den? Sie watet durch ihre Gedanken.
Keine Zeit! Sie braucht Schuhe. Hier sind aber keine, weit und breit nicht. Sie schiebt sich an der Wand nach oben.
Die Beine stolpern los. Sie reißt die Zimmerkarte aus der Halterung, dann schlägt die Tür hinter ihr zu. Man müsse auch mal eine Tür hinter sich schließen, dafür gingen dann drei neue auf, sagt Larry. Er ist ihr bester Freund und kennt sich mit Türen aus, oder eher mit Ausgängen? Hier sind viele Türen. In welche Richtung soll sie gehen? Für ein Ausschlussverfahren reicht ihre Kraft nicht.
Gerade öffnet sich eine Tür, genau neben ihr. Ein Mann mit Anzug und Rollkoffer tritt auf den Flur. Sein Blick rutscht zu ihren nackten Füßen. Sie wankt, starrt ihn an. Sie will losgehen, taumelt aber und hält sich an der Tür fest. Sein Blick surrt von ihren Füßen die Beine hoch, Federkleid, Pelz, Blut an der Stirn. Ihr Mund zieht sich zusammen. Nur noch mal kurz an der Wand anlehnen. Die Übelkeit ist aufdringlich. Sie muss heruntergeschluckt werden. Sie sieht zu dem Mann, er weicht ihrem Blick aus. Sie geht auf ihn zu, schlingert, bleibt aber aufrecht. Sie weiß nicht, wo sie anfangen soll. Sie hört ihre Kinder rufen. Ihre Stimmen schnüren ihr die Kehle ab. Der Mann steht im Türrahmen, hat noch einen Fuß in der geöffneten Tür. Sie hält sich an ihm fest. Er weicht nach hinten aus, sie greift nach seinem Gesicht. Er wehrt sich, aber sie lässt nicht los, die Zeit drängt. Sie kann doch nicht barfuß durch die Stadt.
»Los. Ich brauch deine Schuhe.«
Er lacht. Hoch und hüstelnd.
»Wer bist du denn?«, fragt er, grinst verlegen.
Was geht den das an. Wo sie es doch selbst nicht mehr weiß.
»Sag doch Schnulli«, antwortet sie ungeduldig.
»Das ist doch kein Name«, sagt er.
Sie dreht den Kopf zur Seite, atmet ein und sagt dann, mit Blick in sein Gesicht: »Mag sein. Ich muss los, jetzt mach mal.«
»Was?« Er lacht schon wieder. »Haha. Na ja, die passen dir bestimmt nicht. Was hast du denn für eine Schuhgröße?«
Sein Atem löst ihren Würgereiz aus.
»Zweiundvierzig«, antwortet sie. Schaut sich seine Schuhe an. Sie sind schwarz und klobig.
»Passt eh nicht«, erklärt er zufrieden.
»Ist egal«, sagt sie schnell.
»Die waren nicht ganz billig«, fährt er fort. »Wirklich nicht. Fünfhundertvierzig Euro. Oder du gibst mir das Geld. Ich kann sie dir ja verkaufen.« Er kichert, begeistert von seiner Idee.
Sie starrt ihn an.
»Vergiss es, ich bin momentan nicht zahlungsfähig. Meine Kinder erziehe ich allein. Mein Mann lebt mit einer anderen Frau zusammen.
Um 6 Uhr weckt mich eines der Kinder, das andere schläft ausgerechnet dann länger.
Ich muss:
Um 9 Uhr Kinder in die Kita bringen.
Um 9.30 Uhr Essen im Supermarkt klauen.
10–13 Uhr, Stimm- und Repertoirearbeit, ich bin Opernsängerin. Leider seit über einem Jahr ohne Engagement. Aber es kann ja jederzeit wieder losgehen. Also Tonleitern, Intervalle.
13–15 Uhr, Arien auf Deutsch, Italienisch, Französisch, Russisch. Üben, bis man jeden Ton im Dunkeln kennt und sich blind in den Liedern zurechtfindet. Manchmal wird sehr spontan, also ein paar Stunden vor dem Auftritt, besetzt, weil jemand ausfällt, und dann muss man das Repertoire perfekt können.
Ich muss:
Immer auf Abruf sein, auch im Schlaf.
Mich ständig im Schlaf treten lassen. Im Wachen anbrüllen lassen.
Immer etwas zu trinken dabeihaben.
Ununterbrochen die Gefühle der Kinder aushalten.
Wutanfälle, Trauer, Schmerzen.
Immer, also wirklich immer, ein Ohr bei den Kindern haben.
Ständig aufpassen.
Bei Kälte Jacken und Mützen gegen den Willen der Kinder anziehen.
Sonnencreme gegen ihren Willen auftragen oder zwei Stunden diskutieren.
Entscheiden, wann im Streit der Kinder der Punkt ist, wo man eingreifen muss.
Alles, was die Kinder sammeln, mitschleppen.
Überhaupt schleppen, alles gleichzeitig:
Einkäufe,
weinende Kinder,
vor Wut brüllende und tretende Kinder,
Laufräder,
Schlitten,
Kinderrucksäcke.
Dann muss ich:
Wäsche waschen,
Wäsche falten,
Kinderzimmer aufräumen,
alle Zimmer aufräumen,
staubsaugen,
Töpfe abspülen,
kochen und noch mal kochen.
Gut gelaunt sein.
Nicht zu oft vor den Kindern weinen.
Singen oder auch nicht singen, je nach Laune der Kinder.
Geschichten erzählen, Geschichten vorlesen.
Zuhören, was die Kinder erzählen, obwohl man etwas anderes denken und etwas anderes tun muss.
Zuhören und so tun, als ob man es versteht.
Sich dafür schämen.
Unendlich geduldig sein.
Alles erklären.
Verkatert Frühstück machen.
Verständnis haben.
Immer in den eigenen Gedanken unterbrochen werden.
Immer den eigenen Rhythmus von jemand anderem bestimmen lassen.
Lego bauen.
Stifte anspitzen.
Fünftausendmal die gleichen Spiele spielen.
Lieben, lieben, lieben.
Grenzen respektieren.
Eigene Grenzen setzen.
Eigene Grenzen immer wieder übertreten lassen.
Einkaufen.
Kochen.
Waffeln backen.
Hintern abwischen.
Kotze aus der Bettwäsche und den eingepinkelten Hosen waschen,
Betten beziehen.
Staubsaugen.
Arien üben, die außer mir vermutlich kein Mensch je hören wird, täglich siebenhundert Bewerbungsbriefe abschicken.
Fingernägel schneiden.
Ponys schneiden.
Lustige Drachen aus Transparentpapier basteln.
Kuscheltiere nähen und hinterher die ganzen Schnipsel wegfegen, angemalte Steine und festgeklebte Nudeln aufsammeln, den Boden sauberlecken, weil mir das Wasser abgestellt wurde.
Den ganzen Kitamassenmailzirkus verfolgen.
Ritterburgen und Zoos aus Kaplasteinen bauen, Bausteine, die ich nicht mal kenne, du Arschloch«, sagt sie dem Mann. »Los, Schuhe aus!«
Der Aufzug glänzt verschwommen. Sie weiß nicht, warum sie weint. In kleinen Schrittchen stemmt sie sich über den Teppich. Die Schuhe sind wirklich zu klein. Aber sie kann gehen. Ihr ist so übel. Sie merkt, wie die Angst sich in ihr formt, sie sieht Kinderhände, aber die Körper fehlen, einzelne Hände, sie kann sie nicht zusammenkriegen.
Die Aufzugstüren gleiten auseinander, der strenge Roomboy kommt ihr entgegen. Neben ihm jemand, der sehr geschäftlich wirkt, und ein grauhaariger Mann mit Arztkoffer. Der Roomboy zeigt mit dem Finger: »Das ist sie!«
»Ihnen ist nicht gut?«, fragt der Geschäftliche.
»Geht Sie das was an?« Sie schluckt ihre Rotze herunter. Ihr Finger berührt den E-Knopf.
Der Mann greift ihr an die Schulter. »Dann geht es Ihnen wohl besser, das freut mich zu hören. Und gut, Sie noch anzutreffen«, sagt er. »Wir konnten Sie gestern leider nicht erreichen. Es gibt ein kleines Problem mit Ihrer Kreditkarte, Sie haben doch bestimmt noch andere Zahlungsmöglichkeiten? Und es gab ein Versehen, einer Dame wurde ein Einkauf mit Kleidung geschickt, der unglücklicherweise an der Rezeption bei Ihnen gelandet ist? Diese Tüte bräuchten wir selbstverständlich zurück. Waren Sie denn gestern noch auf der Premiere?«
Er schaut sie an, von oben bis unten. Ihre Haut kribbelt. Die Handflächen kleben. Der Magen an der Schädeldecke. Was für eine Premiere? Der Mann stinkt. Raucherschweiß und Aftershave. Der Teppich riecht nach Hund.
Sie reißt sich los, er bleibt irritiert stehen.
Während die Aufzugtüren sich schließen, hört sie den Mann ohne Schuhe sagen: »Nein, ich kenne sie auch nicht.«
Sie nimmt sich vor, erst außerhalb des Hotels zu kotzen. Auf dem begrünten Mittelstreifen, an einer auch bei Hunden sehr beliebten Stelle.
Man kann ja viele Dinge steuern. Mit hohem Fieber eine Premiere singen, eine Geburt überleben, obwohl man währenddessen merkt, das geht nicht, das ist zu groß, es lebt schon mehr, als man vorher ahnte, und die Schmerzen hebeln jede eigene Wahrnehmung aus. Sie hatte immer das Gefühl, einen Vertrag mit ihrem Körper schließen zu können, dem zufolge er erst nach dem Erbringen einer bestimmten Leistung zu seinem Recht kommen durfte.
Bis auf die Straße, das ist diesmal das gesetzte Ziel.
Der Aufzug spuckt sie in hellen Marmor. Sie schwankt auf einen Tisch mit vielen Vasen zu. Blitzschneller Richtungswechsel. Dahinten das Licht, sehr fern hinter dem vor Betriebsamkeit surrenden Foyer. Sie presst den Mund zusammen. Denn wenn das hier danebengeht, halten die sie fest. Schneller. Sie rammt zwei Männer in Polohemden, die sie anstieren. Sie weicht aus. Das Plätschern eines Springbrunnens knallt ihr entgegen, überall Sessel und Tische. Der Boden ist weich unter ihren Füßen, ein Teppich, beige-bordeaux gemustert. Eine Gruppe Frauen strecken ihre Pos für ein Gruppenfoto zusammen. Parfums kreischen durcheinander. Der Geruch von Kaffee weht herüber, ihre Übelkeit drückt gegen den Gaumen. Sie beugt sich nach vorn, ihre Beine versuchen, nachzukommen.
Eine Frau von der Rezeption rauscht auf sie zu, weiße Bluse, geknotetes Tuch, sie ruft etwas. Wieder Richtungswechsel. Vom Klavier metallischer Chopin. Sie wühlt sich zwischen eine Rentnergruppe, aufgeblasene Stirnen, glänzend gekämmte Haare, Sahnegeruch von Cremes. Die Frau von der Rezeption nähert sich, wird von einem Mitglied der Rentnergruppe aufgehalten. Die Schuhe sind viel zu klein. Sie fixiert die Drehtür, holt tief Luft und stolpert ihr entgegen, der Mund ist voll, sie presst die Lippen aufeinander, nur noch wenige Meter nach draußen, sie trippelt, schluckt, die Säure drängt von innen gegen die Lippen. Ein Mann mit einer rosa Papiertüte steuert aus der Drehtür auf sie zu, ihre Beine bremsen, ihr Oberkörper wirbelt nach vorn, mit Nähmaschinenschrittchen in die Drehtür, sie fliegt nach draußen.
Sie stürzt zwischen den Taxis auf die Straße, ein Page in dunkelroter Uniform zieht sie zurück, ein Touristenbus donnert vorbei, seine Hand auf ihrem Rücken, sie reißt sich los, sieht zur Mittelinsel. Gras und eine Mülltonne, ein Fahrrad bremst. Sie prescht durch das Orange einer Touristenfahrradgruppe über die Straße, der überquellende Mülleimer neben einer Bank, ein Busch, sie weicht der Hundekacke aus und hält sich beim Kotzen die Haare aus dem Gesicht.
Ausgewrungen fällt sie auf die Bank. Vergorene Sommerluft, überall Moder und Dreck. Der Hals kratzt, der Kopf sticht. Wo fängt sie an? Wann hat sie die Kinder zuletzt gesehen? Wo waren sie? Sie kann sich nicht erinnern.
Panik steigt auf. Atmen. Tiefer. Sie legt sich hin, schließt die Augen.
Sie hält ihre weichen Hände. Auf ihrer linken Brust liegt der Flaum eines schweren Kopfes. In ihrer rechten Hand spürt sie die weichen Fingernägel einer Kinderhand, die beim Einschlafen zuckt.
Sie hat sie ins Bett gebracht. Wo ist dieses Bett?
Sie waren zusammen. Ein kleines Zimmer. Zwei aneinandergestellte Betten aus billigem Holz. Gelbe ausgekochte Bettwäsche. Sie hatten keine Schlafsachen, keine Schlafanzüge, keine Zahnbürsten. Kein Buch zum Vorlesen. Sie haben sich sofort ins Bett gelegt. Sie in die Mitte auf die Ritze, in ihren Armen die Kinder. Neben das Bett hatte sie auf beiden Seiten Stühle geschoben. Nein, nur auf der einen Seite einen breiten Stuhl, auf der anderen die einzige Kommode in diesem Zimmer. Die Kommode war schwer, sie quietschte laut beim Schieben, aber so konnte der Kleine nicht rausfallen in der Nacht. Sie hatten alle nacheinander noch einmal gepinkelt, im Flur gab es eine kleine Toilette mit starkem Pfirsichduft. Dann lagen sie im Bett. Neben ihnen ein Zahnputzbecher mit lauwarmem Wasser aus der Leitung, denn die beiden hatten immer Durst, sobald sie das Licht ausmachte. Dunkeldurst. So hatten sie dazu gesagt.
Sie war so glücklich, als sie die Kinder an diesem Abend wieder bei sich hatte. O Gott, ja. Sie war nach Herberts Besuch fast zu spät in der Kita gewesen. Sie hatte versucht, die Zeit zu überholen. Und musste sich auf dem Weg bei Greg in der Bar noch Geld leihen.
Wie hatte sie sie danach überhaupt loslassen können? Sind sie noch im Hotel mit der gelben Bettwäsche? Sie hatte sie am Nachmittag ja nur in der Kita vergessen. Und den Schlüssel in ihrer Wohnung.
Nein. Nicht vergessen. Das war alles wegen Herbert.
BETON
Wie lange hat sie hier gelegen? Sie fühlt sich wie betäubt. Der Moder bedrängt sie mit seiner Süße. Sie muss endlich aufstehen, aber sie klebt an der Bank fest. Ihr Körper hat sich in Beton verwandelt. Nie gekannte Schwere. Nicht einmal der Kopf lässt sich heben. Langsam. Nicht wackeln.
Das gelbe Zimmer.
Der Milchgeruch der Haare zieht sie hoch.
Aber in welche Richtung?
Unbedingt zum gelben Zimmer.
Oder hat Herbert die Kinder geholt?
Nein, war ihm alles sehr unrecht. Er hatte sich sofort aufs Beistellbett gelegt. Es war ihr letzter gemeinsamer Urlaub gewesen. Ungefähr zwei Jahre war das her. Ein paar Tage Mallorca. Er veröffentlichte direkt danach das siebte Sequel seines ersten Spiels, ein Krieg zwischen zwei verfeindeten Bauernhöfen, und sie musste nach Helsinki, kurzfristige Übernahme, Brunhild in der Götterdämmerung, die Kollegin hatte eine Stimmbandentzündung. Die Kinder würde sie mitnehmen, abends einen finnischen Babysitter ins Hotel bestellen. Die Kinder bei ihm zu lassen hatte nie zur Debatte gestanden.
Aber erst einmal wollten sie sich erholen. Sie nahmen ein gutes Hotel im Norden Mallorcas, ziemlich teuer, sie bestand darauf: »Komm, nur fünf Tage! Für was geben wir denn sonst Geld aus!«
Das Hotel wachte majestätisch auf einem Hang über die Gärten und das Meer. Sie nahmen nur ein kleines Zimmer, keine Suite, das wäre Herbert dann wirklich zu teuer gewesen, obwohl er mit Acker 7 unglaublich viel Geld verdient hatte, aber wenn es ans Ausgeben ging, konnte er sich nur unter großen Schmerzen dazu überwinden. Im Hotel spürte er in den Gliedern, wie ihm ununterbrochen das Geld aus den Taschen gezerrt wurde. Die Kellner nagten an seinen Fingern. Er konnte nicht mal im Bett liegen, ohne zu kommentieren, was diese Minuten bis zum Frühstück jetzt wieder kosteten. Und das Frühstück erst! Er musste aufpassen, dass ihm vom Wissen über diese Kosten nicht so schlecht würde, dass er nicht mal mehr frühstücken könnte, er also bezahlen müsste, ohne dass er überhaupt eine Leistung erhalten hätte. So wie er sich auch immer ärgerte, wenn er für die U-Bahn ein Ticket gekauft hatte, die Kontrolleure aber trotzdem ausblieben.
Sie hatten ein Beistellbett für die Große geordert. Noch mal zehn Euro extra pro Tag, aber zu viert in einem Bett ging es einfach nicht, und der Kleine, der gerade ein knappes Jahr alt war, verlangte, möglichst nah an Mama zu schlafen, sonst setzte seine empörte Trompete ein, die nur durch Hautkontakt mit Mama abgestellt werden konnte. Natürlich hätte man auch ihn in ein Babybett legen und das Tröten stundenlang aushalten können, sie hatte das zu Hause schon öfter versucht, aber irgendwann hatte jedes Mal die allgemeine Verzweiflung gesiegt, und die Möglichkeit, ihn neben sich zu legen und seine Zufriedenheit zu spüren, war zu verlockend.
Die Große war schon drei, aber als sie das Beistellbett sah, in dem sie schlafen sollte, trötete sie nicht, weinte dafür laut und herzzerreißend. »Das ist so ungerecht! Nur weil der kleiner ist, darf er bei Mama schlafen? Und ich? Da hinten an der Wand? Das ist aber ganz weit weg von dir, Mama! Das ist so gemein! Warum muss immer ich so weit weg?« Sie weinte mit aufgerissenen Augen. Sie würde auf jeden Fall weiterprotestieren, sie hatte Kondition. Sie musste ja dauernd um ihre Rechte kämpfen.
Und das war Herbert in diesem Moment zu viel.
Er hatte sich so sehr auf eine erholsame Woche mit seiner Frau gefreut. Er wollte sofort wieder abreisen.
»Wir haben noch keinen einzigen Satz miteinander gesprochen, seit wir unterwegs sind, ohne dass ein Kind dazwischenredet oder schreit! Andauernd! So kann man doch keinen Urlaub machen! Bei den anderen Leuten geht das doch auch! Oder muss man immer ein Kindermädchen dabeihaben? Das kann ja nicht wahr sein!«
»Bitte hab doch ein bisschen Geduld, die beruhigen sich, die sind nur beide total übermüdet, das wird schon!«
Er war erschöpft, sie fand ihn so schön, wenn er dünnhäutig war. Dann sah sie diesen aufgerissenen Ausdruck, sein Gesicht bekam etwas Erwachsenes. Und das rührte sie noch mehr als seine Verspieltheit, in die sie sich vor so langer Zeit verliebt hatte. Jetzt war er ganz anders. Schwerfällig. Bestimmt. Gereizt, sogar cholerisch bis zur Ausfälligkeit. Manchmal glaubte sie, für diese Verwandlung mitverantwortlich zu sein. Sie hatten sich zusammen weiterentwickelt und verändert. Er hatte immer zu ihr gestanden, ihre Unsicherheiten ausgehalten. Sie war ihm dankbar.
Er hatte sich die letzten Wochen vor dem Urlaub in seinem Zimmer eingeschlossen, kam nur raus, um neues Gras zu kaufen und essen zu gehen. Dazwischen arbeitete er. Sagte er. Die lange Zeit, bevor ein Spiel rauskam, war furchtbar anstrengend, und je anstrengender etwas war, desto mehr musste er kiffen. Auch er betrieb also aufopfernd Raubbau an sich, für die Familie! Das erschöpfte doch elementar! Das sah leider keiner. Immer ging es nur um sie, Mütter durften immer müde sein. Aber was war mit ihm? Er hatte ja die Verantwortung. Musste Geld verdienen. Ihre Launen aushalten, ihre Müdigkeit, das ganze Geschrei, das Chaos und die ständige Unruhe, seit die Kinder da waren.
Und für Mallorca war endlich ein paar Tage Ruhe geplant. Er hatte extra kein Gras eingepackt, dann käme er schön runter. Man musste sich im Urlaub doch erholen, so war das vorgesehen. Und dafür gab es ein bewährtes Programm, nämlich ausgiebiges Frühstück mit Zeitung, Vormittagsschläfchen, Mittagessen, Siesta, gefolgt vom Aperitif, Essen, Drinks, dabei ununterbrochen Gespräche, also Vorträge seinerseits, im Urlaub wollte er endlich mal seine Ansichten teilen. Sonst denkt man leider immer nur vor sich hin, aber jetzt wollte das alles raus! Gewürdigt werden! Wenn nur er selbst sich immer so gut fand, war das einfach nicht ausreichend! Aber dauernd wurde hier dazwischengequäkt. Ganz unangenehm gebrüllt, obwohl er noch nicht zu Ende geredet hatte. Wie sollte er sich da merken, was er sagen wollte? Und immer stand die Frau auf. Nahm Kinder mit ins Bett und wollte dann trotzdem weiterknutschen. Das Kind am Busen! Diese Vermischung von Zuständen konnte er nicht aushalten.
Irgendwann war es ihm gelinde gesagt zu blöd gewesen. Er hatte mehrere Whisky getrunken, damit diese unerfreuliche Phase des Abends, in der seine Frau wieder irgendeinem der alle zwei Minuten unter fremde Tische krabbelnden Kinder hinterherkroch, überbrückt werden konnte. Aber als sie dann – er hätte noch so vieles erzählen wollen, hatte sich auf seinen letzten Langstreckenflügen sogar durchs Lesen einer internationalen Zeitung und eines wöchentlichen Magazins gut vorbereitet – endlich die schwere Zimmertür öffneten und die Frau sich mit den zwei Kleinkindern im Arm auf das Doppelbett fallen ließ, legte er sich, ohne weiter um Land und Wort zu kämpfen, sofort auf das schmale Beistellbett.
Vielleicht hatte es auch was Gutes. Da konnte er seine Klamotten anbehalten, ohne dass es groß auffiel. Musste nicht duschen, nicht warten, bis die Kinder schliefen, und dann noch eine Zärtlichkeit zu seiner Frau aufbauen. Er legte sich einfach mit dem T-Shirt, das er schon mehrere Tage anhatte und das ihm mit seinem privateigenen Geruch Geborgenheit spendete, hin, zog die saubere Decke über sich und schlief ein.
Sie hatte ihn beneidet, während ihr die Kinder Arme und Beine um die Ohren pfefferten. Sie hatte dort im Bett gelegen, war so müde, aber ihr Kopf rumpelte wie nach einem zu schweren Essen. In diesem Urlaub lief einiges schief, das merkte auch sie. Aber sie hatte keine Ahnung, was sie dagegen tun sollte. Eines der Kinder schrie immer, und sie konnte sie ja schlecht weinend ins Zimmer sperren, um dann entspannt mit ihrem Mann auf der Terrasse einen Drink zu schlürfen und ihm zuzuhören. Sie versuchte, sich im Bett umzudrehen und das schleichende Gefühl, in ihrer Beziehung den Kern verloren zu haben, wegzuschieben, aber die Kinder pressten sich auf beiden Seiten dicht an sie. Sobald die Müdigkeit sie endlich kurz an den Meeresgrund drückte und damit den verrutschten Zustand der Gegenwart verwischte, schlug ihr aber schon wieder eine Kinderhand auf die Nase. Und nein, so konnte sie nicht schlafen, und morgen würde sie, übermüdet und dadurch überempfindlich, noch weniger Nähe zu ihm aufbauen können.
Vielleicht könnte sie sich mit Herbert auf den kleinen Balkon setzen und beim Roomservice anrufen, damit ein livrierter Herr ein Tablett mit glänzenden Weingläsern brächte?
Herbert schnarchte. Sie küsste ihn zärtlich auf seine verschwitzte Schläfe. Wenn er eine Kiffpause machte, befreite sich sein Körper mit dem Schweiß von allen Giften, dann roch er immer so. Sie spürte, wie sehr sie ihn liebte. Nein, jetzt ging das nicht mehr. Zu spät für den Balkonservice. Wenn er schlief, brauchte man zwölf Stunden nicht anzuklopfen. Sie versuchte, sich wieder zwischen die tretenden Körper einzufädeln. Sie hatte gedacht, er könnte warten. Die schwierige Zeit mit den kleinen Körpern abwarten. Auf sie. Bis sie wieder freier wäre. Aber er konnte wohl nicht.
Kurz danach hatte er die Vigräne getroffen, die sich am Abend sehr gern bei Whiskey und Zigarette seinen Ansichten hingeben wollte. Die hatte auch nicht diese unliebsamen Kindervorgänge an der Backe.
BRAUCH BLAU
Sie könnte nicht sagen, wo das wäre, sie weiß nicht den Straßennamen, aber die Richtung stimmt. Sie eilt die Touristenmeile entlang, schiebt sich an den äußeren Rand zur Straße, um vorwärtszukommen, ein Bus drückt sie in die Menschenmenge zurück, Taschen und Telefone hacken ihr in die Rippen, Sonnenbrillen bedrohen ihr Gesicht, Geschwätz, die Busabgase, gleich kippt sie um, denkt sie, boxt sich aus dem trägen Gewühl und drängt dicht an den Hauswänden voran.
Es muss hier gewesen sein. Sie steht vor einem schrabbeligen Altbau mit verheulter Fassade. Das frühere einheitliche Zitronengelb ist abgerutscht, jetzt hängen schwarze Augenringe unter den Fenstern. Der Verkehr hat seine Farbe hinterlassen, der Regen sie verwischt. Ein Schild trägt den Hotelnamen. Schräg gegenüber ist ihre Wohnung. Die Wohnung, wo Herbert und sie vor dreizehn Jahren eingezogen waren. Seit zwölf Monaten wohnt sie dort allein mit den Kindern.
Als sie die Wohnung damals gefunden hatte, freute er sich wie ein Rohrspatz. Herbert schüttelte sich manchmal beim Lachen. Immer wenn es überschwappte, wenn seine Freude größer war, als er es aushielt, entstand dieses Schütteln, das sie mit etwas erfüllte, das sie als Freude empfand. Sie wollte, dass er immer glücklich wäre, wollte bei Wartezeiten am Flughafen seinen schlummernden Kopf in ihrem Schoß bewachen, ihn zum Aufwachen küssen, ihm ständig erzählen, was sie dachte, mit ihm teilen, wie es ihr ging, wollte nur an seiner Schulter ins T-Shirt heulen, wenn es überhaupt sein musste. Mit ihm essen gehen, über sich lachen müssen, weil sie immer dasselbe bestellen und jede Eigenart mögen. Bei der Geburt des ersten Kindes mit ihm Lachkrämpfe kriegen. Ihn anschauen. Sie hat gedacht, genau das sei Liebe. Dass man sich immer freute, mit dem anderen zusammen zu sein. Sie hatte geglaubt, dass Liebe niemals enden könne, dass das physikalisch nicht möglich sei.
Jetzt ist sie aufgeregt, ihr linkes Augenlid zuckt, das Haus schwankt. Sie muss es festhalten! Warum ist sie hier? Sie kann sich nicht erinnern. Lücke. Ein gelbes Haus? Gegenüber von ihrem? Hat Larry, ihr bester Freund, der schöne Larry, sich etwas bestellt, das sie für ihn abholen sollte? Warum denn hier? Sie hat kein Geld. Nicht mal ein Telefon. Sie hat nichts dabei. Vielleicht wird sie einfach vor diesem Haus warten. Aber worauf?
Ein Mann mit rotblonden Locken und einer selbst gedrehten Zigarette im Mund öffnet die Tür, stößt gegen sie, aber er reagiert nicht, schaut nicht auf, klopft nur sein Feuerzeug gegen den Handballen und zündet seine Zigarette an. Er atmet laut aus und schließt die Augen. Ein Moped knattert vorbei. Herbert hatte genau diese Löckchen bekommen, denkt sie, als er anfing, seine Haare wachsen zu lassen. Nach fünf Jahren als Berufssoldat stieg er plötzlich bei der Bundeswehr aus. Um ganz bei ihr sein zu können, hatte er gesagt. Sein kurzgeschorenes Haar. Wie es sie erregte, mit den Fingern darüberzustreichen, als sie sich kennenlernten. Die kitzelnde Berührung auf der Handfläche. Und auf einmal wuchsen ihm diese rotblonden Locken. Sie explodierte vor Lachen, weil er so anders aussah und von einem Tag auf den anderen endlos auf dem Sofa in ihrer Küche hing, nur, sobald sie aus der Hochschule nach Hause kam, wie ein Hund um sie herum sprang und aufgeregt von Videospielen erzählte, die er entwickeln wollte, während er seine Erdnussflips in der ganzen Wohnung verteilte und sie mit dem Pflanzenaroma seiner Joints umhüllte.
Sie wühlt mit beiden Händen in ihren Manteltaschen. Der Mann zieht seine Augenbrauen hoch und lässt den Mund aufklappen, in seinem kurzen Bart glitzern graue Haare. »Was machst du denn hier«, bellt er, »wo warst du denn auf einmal, vorgestern?« Er starrt sie an, seine Mundwinkel sind aufgesprungen, weißliche Spucke zieht darin Fäden.
Sie weicht zurück und zieht ein zerknautschtes Päckchen Camel aus dem Mantel, sucht nach einer unversehrten Zigarette und steckt sich schnell die einzige nicht zerbrochene in den Mund. Als er ihr Feuer gibt, entblößen die hochgekrempelten Ärmel seiner Strickjacke rote Pusteln auf seinem Arm. Um sein Handgelenk silberne Kettchen. Seine Augen kommen ihr zu nah, schnelle Tierchen, die auf ihr herumkrabbeln, denkt sie, gelbe Zähne, sein Rauch kriecht ihr in den Kragen. Kennt sie diesen Typen?
»Die ham noch den gesamten space unter Wasser gesetzt, die ganze rote Mall geflutet. Du Arme, kriegst auch nichts mit, hast ziemlich was verpasst.« Er grinst, scheint sich zu freuen, dass es ihm besser geht, und nickt, weil ihm nur das Beste gebührt. »Wohnste etwa auch hier?« Sein Hinterkopf deutet auf ein gelbes Schild, das über der Tür hängt. HOTEL HEDWIG steht in schwarzer Schrift darauf.
Eine Dorfhoteltür. Dunkelbrauner Metallrahmen. Strukturiertes Glas.
Hier ist sie mit ihren Kindern gewesen. Beide haben sie ihre Hand nicht loslassen wollen, also hat sie die Tür mit der Stirn aufgedrückt, an ihrem Arm baumelnd eine Tüte mit Nasi Goreng. Die Plastiktüte schnitt ihr ins Handgelenk.
Die Kinder sind hier! In diesem Hotel!
Sie dreht sich um, schnippt die Zigarette auf die Straße. Der Mann schnauzt: »Und wieder ist sie weg!«
Sie geht durch die Tür.
Sie haben das Strukturglas der Tür berührt. Mit den Fingerspitzen die Landschaften auf der Oberfläche erkundet.
Der Flur ist jetzt leer. Die Theke unbesetzt.
Sie hat fünfzig Euro bezahlt. Ein Doppelzimmer mit Frühstück, Klo auf dem Flur. Da stand eine kurzhaarige, stark geschminkte Frau hinter dem Tresen. Vor der hatte sie Respekt. War das Hedwig? Eine bestimmte Sorte praktisch veranlagter Frauen jagt ihr Unbehagen ein.
Hinter der Theke führt eine Treppe mit rauchblauem Teppich nach oben. Sie sieht sich um und steigt dann die Stufen hoch, verharrt kurz, lauscht, aber sie hört nicht den kleinsten Mucks. Weil sogar der Mucks versteckt ist, denkt sie. Weil sie wahrscheinlich inzwischen das komplette Zimmer in eine Höhle verwandelt haben. Höhlen sind das Spezialgebiet ihrer Kinder, da macht ihnen keiner was vor. Sie erinnert sich an ihren letzten Geburtstag, als die Kinder ihr eine selbst gebaute Höhle geschenkt haben und sie fast den ganzen Tag darin verbrachten. Sie lächelt, sie haben sicher etwas für sie vorbereitet, das machen sie ja am liebsten.
Sie hat was genommen. Das war’s. Sie war das letzte Mal hier auf irgendwas. Das sie nie genommen hat, vorher. Und sie hat Angst davor gehabt, wollte das nicht nehmen, aber sie musste. Wegen – was denn? Was war denn davor? Herbert hat traurig ausgesehen. Sie bleibt stehen, hält sich am Geländer fest. Atmet tief ein. Reibt sich die Nase. Ihr Gesicht ist nass, der Schweiß schmeckt sauer.
Die letzten zwei Stufen nimmt sie mit einem Schritt. Der Boden knarrt, Teppich auf alter Diele. Vom Flur gehen fünf Türen ab, eine schmale Klotür steht weit offen. Es muss das Zimmer auf der anderen Seite sein, die Kinder waren ja mit ihr nach gegenüber aufs Klo getrampelt. Sie zögert. Sie wird die Tür öffnen und ihre Kinder in den Armen halten. Sie fängt an zu summen. Die Kinder sind sicher schon lange wach und vermissen sie. Ein Geburtstagslied, denkt sie, die beiden wollen immer Geburtstag spielen. Nein, nein, ihr fällt eine Arie aus dem Lohengrin ein, genau, die, wo Elsa zurückkehrt! Sie hört das Orchester und setzt ein, dabei reißt sie die Tür auf und stürzt aufs Bett zu.
Das sind aber nicht ihre Kinder. Im Bett liegt ein Paar, eng umschlungen, Wange an Stirn. Die Frau wacht auf, schaut sie verschlafen an. Die beiden hier sind in einer anderen, einer sehr heilen Welt. Genau so hat sie mit Herbert in allen Kaschemmen dieser Welt gelegen. Überall, wo sie ankamen, gingen sie erst einmal ins Bett. Um miteinander zu schlafen und dann nah aneinander wegzusacken.
Die Frau schließt ihre Augen wieder und schmiegt sich an den Mann, dessen Kinn zur Tür weist. Er murmelt nur: »Du bist falsch.«
Sie steht vor dem Bett, die Hand an den Mund gepresst. Sie dreht sich um. Es ist stickig. Die Fenster sind geschlossen, an der Wand ist das Waschbecken, darauf steht der Becher, den sie gefüllt hatte.
Ihre Stimme zittert. »Wo sind meine Kinder? Die waren hier. Wo sind sie jetzt?«
Hier hat sie mit ihnen gelegen. Das ist der Geruch der ausgekochten zitronengelben Bettwäsche. Sie haben noch geschlafen.
Sie schreit.
An der Theke steht sie vor der Frau mit den stoppeligen Haaren.
»Ihre Kinder sind direkt nach dem Frühstück gegangen. Ich hab denen natürlich gesagt, das geht auf gar keinen Fall. Ist ja gefährlich mit dem Verkehr, und die Straßenbahnen, was. Aber Ihr Töchterlein hat gesagt: Nee, das machen wir immer so, wir gehen allein zur Kita, der Kleine und ich, wenn die Mami nicht kann, wir sind auch schon drei und fünf, zu zweit also acht. Na, dann sind sie eben losgewackelt. Und das hier haben sie Ihnen gemalt, soll ich Ihnen geben.«
Sie schiebt ihr ein Blatt rüber, darauf sind drei unterschiedlich große Gestalten, die fast gleich aussehen, außer der kleinsten, die hat kürzere Haare als die anderen beiden. Sie halten sich an den Händen, alle Arme sind unterschiedlich lang, immer gerade so, wie es nötig ist. Die drei lächeln glücklich, die Blumen sprießen von ihren Füßen baumhoch um sie herum, über ihnen schweben Vögel in ewiger Sonne.
»Das sind ganz besondere Kinder, na, das wissen Sie ja, was. Die haben hier schon klar gesagt, was sie zum Frühstück wollen. ’ne Schrippe mit Butter und Marmelade drauf, hat die kleine Prinzessin gesagt. Aber nur, wenn Sie Himbeermarmelade haben, ansonsten die Schrippe auf jeden Fall nur mit Butter! Der Kleine hat gesagt: Keine Sorge, die ist eben süchtig. Ich hab das nicht verstanden, ging nicht rein in meine Birne. Frag ich ihn: Was sagst du da? Meint er: Na, meine Schwester ist eben süchtig. Die vergisst alles andere, wenn sie nur HIMBEERMARMELADE kriegen kann! Da hab ich echt geglotzt. Sitzt da so’n Dreikäsehoch und erzählt mir was von ’ner Sucht. Und dann sagt er, er will noch Servietten, also geh ich los und bring ihnen Servietten, so rote Servietten, und da sagt der kleine Mann ganz freundlich, aber eben auch sehr bestimmt: Nee, brauch Blau. Nicht Rot. Brauch Blau! Hat er gleich ’n paarmal hintereinander gesagt, nee, befohlen hat er das, ganz streng: Brauch Blau, du Haubitze. Und als ich dann, den Mund nicht mehr zugekriegt, was, ’ne blaue Serviette gefunden hab und ihm gebracht, da hat er gelächelt und gesagt: Das ist gut. Da haben wir alle gelacht hier. Na, die gehen ihren Weg. Mutti, das sag ich dir, das haste gut gemacht.«
Sie hält sich am Tresen fest. Wischt sich die Tränen mit beiden Händen aus dem Gesicht. Die dunkelblaue Serviette in ihrer Hand ist matschig. Himbeermarmelade? Brauch Blau, du Haubitze? Das sind ihre Kinder. Sie kann ihre Stimmen hören. Mama, ich brauch Blau, hat ihr Sohn gemurmelt, auf ihrem Arm, dicht an sie gekuschelt. Nachdem sie zu Larry gesagt hatte, sie müsse am Abend endlich mal wieder raus, sie brauche sofort Drinks, Erwachsene und Gehüpfe von Restaurant zu Bar, mit großen Schritten und leichtfertigen Diskussionen, wo man zwischen den anderen allein ist, kurz frei ist vom Aufpassen, dem Dienen für die Kinder, nein, frei auch von allen Einengungen, die einem die eigenen Gefühle machen, verstehst du, ich brauch Blau, hatte sie gesagt.
Ihre Kinder merken sich jedes Wort.
Sie ist aufgestanden, als sie schliefen. Die Kinder sind im Hotel Hedwig in Sicherheit, hat sie gedacht. Deshalb überhaupt waren sie im Hotel Hedwig, um sich in Sicherheit zu bringen. Und dann wollte sie nur ganz kurz in die Bar. Herbert hat noch an ihr geklebt, sie wollte ihn abschütteln. Er war am Mittag da gewesen. Ihn aus sich heraustrinken. Sie hatte nicht neben den Kindern im Bett liegen bleiben können. Einmal durch die Straße rennen und einen Wodka. Und dann zu den Kindern zurück.
Jetzt klammert sie sich am Tresen fest. An der Unterseite vom Glück. Die Unterseite vom Glück ist glitschig, denkt sie, und dann fällt ihr ein Moment aus einem Film ein, von dem Herbert damals beim Mittagessen auf Mallorca erzählt hatte. Weil er eigentlich mit ihr tauchen gehen wollte, das wäre normal im Urlaub, wenn nicht immer die Kinder wären. Da könnten sie sich erholen und zusammen sein. Endlich allein zusammen. In dem Film ging es um eine Gruppe Taucher mitten auf dem Meer, die weit rausfahren, wirklich fern der nächsten Küste, und paarweise ins Wasser springen, um zu tauchen. Als sie aufs Boot zurückkommen, verzählen sie sich aber und vergessen bei der Abfahrt das Paar, das wohl im Honeymoon war, immer mit sich beschäftigt und irgendwie noch unter der Oberfläche. Das Boot fährt ohne sie ab.
Sie hat sich vorgestellt, wie diese Taucherin während des Tauchgangs ihren Partner ab und zu durch die Maske anzwinkert, sich unbeholfen mit Handzeichen verständigt und dann mit der Sauerstoffflasche in einer Höhle hängen bleibt, wie ihre Luftversorgung unterbrochen wird. Natürlich hilft ihr Mann ihr sofort, sie sind erleichtert, weil sie sich eine Flasche teilen können, aber dann finden sie den Ausgang aus der Höhle nicht, sind zwischen dunklen Algen und wuchernden Korallen gefangen. Komische Wasserpflanzen schlingen sich um ihre Flossen. Hatten die auf dem Boot nicht davor gewarnt, in Höhlen zu tauchen? Es ist so dumm.
Es wird dunkel. Sie will die Augen schließen und schnell zurück in die Tage, an denen alles einfach war. Wo die Bar an der Ecke nicht die Falle war, die sie von allem trennt. Nach der Geburt ihrer Tochter war sie natürlich oft müde und überanstrengt, sie vergaß aber deswegen nach der Probe nicht, sie abzuholen, sie funktionierte. Damals funktionierte sie noch. Eine Maschine, die richtig eingestellt war. Aufwachen, stillen, Milch für später abpumpen, duschen, Kaffee und Brei machen, Kaffee trinken und Brei füttern gleichzeitig und dann sich selbst und die Kleine anziehen. Die Kleine zur Babysitterin bringen. Auf die Probe düsen, Szenenproben, Klavierproben, Orchesterproben, Kostümproben, Fotos. Künstlerische Umwege? Keine Zeit. Sie konnte ihr Kind nicht ewig bei der Babysitterin lassen, es war noch klein und weinte, wenn die Mama nicht da war, zum Rumstehen war sie nicht angetreten.
Sie zuckt zusammen. Ihre Nase läuft. Sie drückt die Serviette von unten dagegen, aber zwischen ihren Fingern sind nur noch nasse blaue Schnipsel.
»Wann sind sie denn heute früh gegangen?«, fragt sie.
Die Stoppelfrau schaut sie an. Braune Augen, blau geschminkt.
Die Nase hört nicht auf zu laufen, sie zieht sie hoch, dreht sich schnell weg und sieht an der Rückwand einen Stapel Servietten. Sie geht nach hinten und nimmt sich eine.
Die Frau antwortet nicht.
Sie putzt sich mit der Serviette die Nase.
Sie hatte ewig nichts genommen, natürlich nicht, sie musste sich doch um die Kinder kümmern, und wenn sie Substanzen zu sich nähme, verlöre sie den Überblick.
Früher, als sie fest an der Oper engagiert war, hatte sie mal viel genommen. So wie alle. Geraucht hatte sie nicht, das griff die Stimme an, Alkohol war deswegen auch tabu. Also nahm man Drogen und Tabletten, die einen auf die verwunschene Insel ohne Termine trugen. Komme, was wolle, der Vorhang musste hoch! Es ging ausschließlich um das, was auf der Bühne passierte. Das hatte sie alle immer wieder auf dieses Floß getrieben. Upper, um zu leuchten, danach Unmengen von Downern. Sie musste was nehmen, um zu schlafen. Und dann was anderes, um wieder in Schwung zu kommen und die Bühne zu betreten.
Aber auch nachdem die Kinder geboren waren und sie nach dem ununterbrochenen Hin- und Hergehopse zwischen krabbelndem Kleinkind und brüllendem Baby, wenn tatsächlich einmal beide gleichzeitig schliefen, am Abend große Sehnsucht danach gehabt hatte, mit einem eiskalten Bier zu Herkules auf das lauwarme Sofa zu sinken und sich ein paar Stunden vom Geballere seiner Games verwöhnen zu lassen, trank sie nicht.
Die Stimme war alles, was sie hatte.
Und der Drogenkonsum war mit der Kinderaufzucht nicht vereinbar.
Aber als Herbert ging, nahm er ihre ganze Kraft mit sich. Kurz bevor er verschwand, drehte er ihr Joints vor. Dreißig Sticks in einer Schatulle, die sie damals aus Mexiko mitgebracht hatten. Damit sie nicht durchdrehe, wenn er zur Vigräne ziehe. Damit sie schlafen könne. Und tags nicht dauernd heulend ihren Kopf gegen die Backsteinwand ramme. Er war ganz lieb. Er müsse nun leider zur Vigräne ziehen, das gehe nicht anders. Für ihn sei das ja auch schwer, aber wenn seine Schnullita ihn liebe, dann werde sie ihn lassen. Die Vigräne habe gesagt, sie sei sein Schicksal, sie gehörten zusammen. Und die Vigräne sei sich viel sicherer in ihrer Liebe als sie. Und dass er sie jetzt verlasse, das sei doch auch nur ein Teil ihrer Liebesgeschichte. Sie hätten doch immer gesagt, sie seien auf ewig zusammen, hier und auf der anderen Seite. Den Satz hatten sie in einem Theaterstück gehört. Die andere Seite sei aber nicht der Tod, wie sie immer gedacht hätten, also das Zusammensein über alle irdischen Grenzen hinweg, sondern, wenn sie sich trennten, das geheime Zusammenhalten unterhalb der Oberfläche des Sichtbaren. Sie müsse ihn gehen lassen. Aus Liebe. Wenn sie ihn liebe, müsse sie wollen, dass er zur Vigräne geht und glücklich wird. Er komme dann auch bald wieder und bringe neue Joints. Sie könne ja nicht bauen in ihrem Zustand.
Nach dem vierten Joint fingen ihre Panikattacken an. Sie rauchte weiter. Die Tränen rannen. Der Joint wurde nass. Sie legte ihn in einen Aschenbecher und zündete sich einen anderen an. Sie hatte gesehen, dass man einen Joint ein bisschen rauchen konnte, wieder ausmachen und am nächsten Tag zu Ende rauchen. Sie legte den Sticky, wie Herbert ihn nannte, seitlich an den Aschenbecher. Stellte den Aschenbecher auf den Balkon. Sie lag im Bett. Eines der Kinder rief nach ihr, sie ging ins Kinderzimmer, schwankte und legte sich dazu. Ihr war schwindelig. Das andere Kind war auch aufgewacht und musste pinkeln. Sie kam nicht mehr hoch. Die Große tapste allein zum Klo. War der Joint wirklich aus? Oder schmorte er weiter? Roch es nicht verbrannt? Steht ihr Kind gleich in Flammen? Sie sprang auf und stolperte gegen den Türrahmen. Hinter den Augen blitzte es grell. Das Kind weinte. Sie schrie: »Raus, sofort raus aus der Wohnung!«
Vom Balkon beginnend, würde gleich der vordere Teil der Wohnung brennen. Sie schnappte sich das schlafende Kind und zog das heulende, das noch auf dem Klo saß, mit ins Treppenhaus. Wo waren die Flammen? Sie musste die Nachbarn warnen. Sie klingelte an der Wohnung nebenan Sturm, niemand öffnete, das Kind an der Hand schrie, das andere auf ihrem Arm inzwischen auch, sie stolperten eine Treppe tiefer. Die Tür wurde geöffnet. Die Nachbarin schimpfte, was denn da los sei. Ob sie die Polizei rufen solle, das könne sie gern tun.
»Was ist denn, wo soll hier was brennen?«, fragte ein Mann in Unterhose, der neben der Nachbarin ins Treppenhaus trat.
»Auf meinem Balkon. Das geht so schnell. Gleich brennt hier alles. Die Kinder müssen erst mal in Sicherheit.« Sie stockte. Überlegte. Sagte schnell: »Ich glaube. Ich habe es nicht gesehen. Das heißt also, vielleicht brennt es. Es gibt diese Möglichkeit. Ich habe geraucht. Ich schaue jetzt nach. Setzt euch kurz hier hin.«
Der Kleine war gerade wieder eingeschlafen, ein warmer Sack auf ihrem Arm, jetzt schrie er, als sie ihn weckte, um ihn auf die Treppe zu setzen. Sie konnte ihn doch nicht in den Brand mitnehmen. Und zu der Nachbarin auf den Arm, das hatte sie schon mal probiert, wollte er auf keinen Fall, er wollte nie auf einen fremden Arm, da waren schon einige Leute beleidigt gewesen, die ihr helfen wollten.
»Ich komm mit. Mama! Ich komme mit!« Ihre Tochter krallte ihre Hand. Der Kleine brüllte: »Mit! Mit!« So viel Geschrei, überall. Sie schloss die Augen. Nur Rauch war nicht zu riechen. Langsam ging sie mit den beiden zurück in die Wohnung. Schritt für Schritt. Sie konnten jederzeit wieder umdrehen und wegrennen. Nein. Es brannte nicht. Der Joint im Aschenbecher auf dem Balkon war aus. Sie berührte ihn. Er war kalt.
Die Panikanfälle wurden schlimmer. Meistens hatte sie Angst vor Feuer. Sie konnte sich nicht mehr ins Bett legen, immer wieder stand sie auf und kontrollierte den Aschenbecher, hielt Ausschau nach Rauch, nach versteckten Brandherden.
Oder sie dachte, sie hätte die Tür offen gelassen und es käme jemand herein, der ihr die Kinder wegnähme. Sie legte sich auf den Boden, irgendwo zwischen Balkon und Wohnungstür. Sie musste aufpassen. Sie wäre bereit, sofort zu reagieren. Sie konnte aber nicht einschlafen, weil sie immer noch einmal aufs Klo musste. Direkt nach dem Pinkeln noch ein zweites Mal. Für die Eventualität. Denn wenn sie einschliefe, müsste sie später so stark, dass sie nicht mehr aufstehen könnte, derart kurz davor wäre, zu platzen, es nicht mehr kontrollieren könnte, nicht mehr in der Lage wäre, zu den Kindern zu gehen, wenn die nach ihr riefen. Und so fürchtete sie sich schon, bevor sie einschlief, so sehr vor dem Aufwachen, dass sie lieber jetzt noch ein letztes Mal aufstand und alles an Flüssigkeit aus sich herauspresste. Sie fühlte sich ein bisschen geschwächt von dem Joint. Und trotzdem schob sie ihren übermüdeten Körper vor dem Einschlafen an der Wand entlang in Richtung Badezimmer und wieder zurück, das Blaseninnere permanent abhorchend. Sie musste versuchen, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Bloß nicht ans Pinkeln denken. Aber auch nicht an Herbert. Viel blieb nicht übrig. Sie hielt sich an Naturbilder. Ein Wald, der steil ansteigt, Moos, sie erklimmt eine Wiese voll Seegras, das wogt und sie in sich saugt. Riesige Blumen umschlingen sie und tragen sie auf ihren Blüten.
Sie zieht die Nase kräftig hoch, wischt sie mit einer frischen Serviette ab und fragt noch einmal.
»Wann sind sie denn los, heute Morgen?«
»Das war nicht heut früh. Das war gestern.«
MUTTER
Sie rast. Schnauft an gegen die Schwerkraft. Die Kita ist verschlossen. Das große Rollo im Ruheraum heruntergelassen. Die Fenster daneben dunkel. Wo sind sie denn?
Sie läuft zwischen den Fenstern hin und her. Sie reibt am Glas. Die müssen hinten sein, in den anderen Räumen. Sie drückt die Klingel. Ihr Atem stöhnt. Sie klingelt. Schwitzt. Klingelt. Kratzt sich an den Armen. Hämmert gegen die Klingel. Mit der Faust gegen die Fenster. Dahin, wo keine Rollos sind, vor dem Geräteraum. Die Kita ist ein ehemaliges Fitnessstudio, deswegen gibt es sogar eine Sauna. Vielleicht sind sie da drin, denkt sie, oder in dem hinteren Gruppenraum. Die können mich nicht hören hier.
Es sind große Scheiben, glänzend und blank, bis zum Boden, in denen sie sich spiegelt. Sie sieht nur diese Frau. Die Frau ist außer sich, die Augen aufgerissen, um sie herum fliegen Federn und Pelz. Sie reißt ihn weg, sie braucht Luft. Presst das Gesicht an die Scheibe, drinnen sieht sie Turnmatten, zum Turm gestapelt. Die Kletterwand. Einen künstlichen Baum, über den man zur Hochebene hinaufkann. Eine lange Rutsche, im Bogen durch den Raum. Ein roter Hausschuh.
Sie klopft. Nichts tut sich. Sie klopft fester. Das Hämmern ist laut. Ihre Fingergelenke schmerzen. Die beiden müssen endlich auftauchen, sie sind doch da drin. Zum Glück sind sie nicht über die Straßen gelaufen, denkt sie, die Stadt ist unübersichtlich. Sie schlägt ihren Kopf gegen die Scheibe, die Scheibe schwingt. Sie sieht den Hausschuh schlingern. Vielleicht sind sie im hinteren Zimmer eingeschlossen, vielleicht hatten sie sich versteckt, als alle anderen nach Hause gegangen sind, und jetzt kommen sie nicht mehr raus. Wenn die Tür sich verkeilt hat. Der Kleine könnte eingequetscht sein, wenn beim Klettern etwas runtergefallen ist, und die Große ist verletzt und kann keine Hilfe holen, im Zimmer ist es dunkel und draußen hört sie keiner.
Sie schlägt mit aller Kraft zu. Das Glas ist hart. Sie nimmt Anlauf und rennt in die Scheibe, aber die schleudert sie zurück, sie fällt. Sie rappelt sich auf, kracht mit dem Kopf dagegen, mit den Schultern, dann sinkt sie am Glas zu Boden. Die Fläche wabert hin und her, dann wird sie wieder zum glatten Spiegel, auf dem nur noch die Schlieren ihrer Fäuste zu sehen sind. Sie ist benommen, stemmt sich hoch, stolpert brüllend zur Seite.
Das Kammerfenster, die einzige Möglichkeit. Neben dem Fitnessstudioraum gibt es eine kleine Abstellkammer mit einem Fensterchen aus Milchglas. Sie spürt, wie alles, was hinter ihr steht, jedes Wort, das sie mit ihren Kindern gesprochen hat, alles, was in ihr ist, jede einzelne Berührung, sich bündelt. Sie holt ihre Kinder. Sie muss einfach, ein Getriebe in ihr konzentriert sich. Sie schnauft. Nimmt Anlauf. Stößt sich ab. Springt. Schlägt mit den Fäusten in das Milchglas, greift in die Scherben, zieht sich hoch. Bricht den Kopf hindurch, hängt im Fenster, die Beine sind zu schwer, ein schwerer Sack in den Splittern, die Luft sticht, das zweite Glas dahinter, sie rutscht langsam voran, das Gewicht drückt sie weiter, sie fällt und kracht durch die Scheibe, reißt Splitter von den Rändern, sie schmeckt Blut, aber bemerkt nichts außer stacheligen Scherben, die am Mund kleben.
Sie schwebt, fühlt keinen Schmerz, da sind nur die stechenden Krümel, sie hört ihre Kinder lachen, Kristall, denkt sie, es geht leicht, der Kopf wird hell, gespickt mit Nadeln, die muss sie später rausziehen.
Sie knallt auf einen Staubsauger, der röhrend angeht. Sie liegt, fühlt sich verbeult. Schaltet das Röhren aus. Kriecht zur Tür. Der Teppich vor der Kammer schmirgelt ihre Knie. Eine Rauheit, die sie schon einmal gespürt hat. Die Ellenbogen zittern.
»Ich bin da, ich komme zu euch!« Ihre Stimme krächzt.
Neulich, als der Kleine schon schlief, hat ihre Tochter gesagt: »Mama, ich möchte in der Zeit reisen. Weil wenn du wegmusst und ich bei dir sein will, reisen wir einfach dahin, wo du eine alte Oma bist, dann hast du ja Zeit. Und wenn du wieder mit uns Verstecken spielen willst, reisen wir dahin, wo du wieder rennen kannst.«
Sie saß dabei auf dem Badewannenrand. Sie liebte die Zeit am Abend, wenn ihr Bruder schon schlief und es endlich still war im Haus. Dann waren sie die beiden Großen und allein in der Welt. Draußen war die Geschäftigkeit abgereist in andere Länder, wo Tag war. Das hatte sie ihrer Tochter erklärt. Eigentlich sollte die Kleine nur Zähne putzen und dann ab ins Bett. Aber dieses Schrubben jedes einzelnen Zahns wurde zelebriert. Und sollte so schnell nicht vorbei sein.
»Es ist wirklich möglich, in der Zeit zu reisen«, insistierte ihre Tochter.
Klugscheißend mit Zahnbürste dozieren, sie musste lachen. Im hell erleuchteten Badezimmer, mit den Füßen schlenkernd in der Luft. So klein, dass sie noch schwebt, dachte sie.
»Weißt du, wir können uns alles vorstellen, und das ist dann echt, weil wir es ja denken. Aber in andere Zeiten reisen, das können wir leider nicht.«
»Aber das tun wir doch ständig!«, triumphierte die Tochter. »Wir reisen ununterbrochen in der Zeit! Heute sind wir schon wieder gereist, und im Schlafen reisen wir nach Morgen!«
Sie horcht. Keine Kinderstimmen. Der Ruf nach Mama ist verstummt.
Die Saunatür klafft auf und verströmt den Geruch von Holz und Öl, auch Putzmitteln. Der Gruppenraum ist kalt vor Leere. Stühle hängen im Halbdunkel auf den Tischen. Spielzeug in Boxen. Sie richtet sich auf. Ein Turm aus Holzbauklötzen stürzt ein.
Den hatte ihr Kleiner gebaut. Genau so baut er. Sie brüllt.
Eine Frauenstimme überschlägt sich. »Gut, dass Sie so schnell kommen konnten. Das hat, also, unglaublich gekracht. Wir haben uns zuerst gar nicht getraut, zu gucken. Es wird ständig eingebrochen hier. Das ist ganz schlimm.«
Ein Mann unterbricht sie: »Und dieses Gebrüll. Da drin. Jaja. Da ist ziemlich was los gewesen. Wir sind lieber nicht rein. Sie brauchen auf jeden Fall Verstärkung.«
Eine zweite Männerstimme: »Warten Sie doch bitte hier draußen.«
Zwei Füße stehen vor ihr. Sie zittert.
»Hallo«, sagt die zweite Stimme. Schwere schwarze Schuhe vor ihrer Nase. Fast die gleichen, die sie anhat, denkt sie. »Können Sie mich verstehen?«
Ein anderes Paar Schuhe. »Die ist ja völlig drüber. Ich ruf den Krankenwagen.«
Sie will sich aufrichten. Rutscht weg.
»Können Sie mich verstehen?«
Alles ist dumpf. Die Kinder. »Ja.«
Sie sieht sich durch eine rote Höhle kriechen. Immer an der Wand entlang. Die Höhle dreht sich. Wie lange ist sie schon hier drin? Wo ist der Ausgang? Die Kinder sind nirgends zu sehen. Sie holt aus und schlägt mit dem Kopf gegen den Boden.
»Halt, ruhig.« Der Mann spricht ganz langsam. »Wir holen Hilfe. Gleich kommt Hilfe. Die werden sich um Sie kümmern.«
Sie schreit. Will sich hochrappeln. Zwei Polizisten über ihr. Drücken sie nach unten. Sie rutscht zur Seite, der Druck wird stärker, sie windet sich, heult, die greifen nach ihren Armen, pressen ihre Schultern auf den Boden, sie schlägt um sich. Sie riecht die Männer, Hemden, Schweiß, Haare, Atem. Sie erstarrt. Die Polizisten lockern den Griff, atmen schwer.
Dem einen platzt gleich das Hemd an der Brust, denkt sie. Wegen dem gibt es diese Geschäfte mit Muskeldrinks, würde sie Herbert zuflüstern.
Der sieht aus wie jemand, der im Fernsehen einen Polizisten spielt, würde Herbert antworten, das ist ein falscher Bulle.
»Ganz ruhig«, sagt der jetzt. Seine Stimme ist dünn.
Dafür muss der andere echt sein, redet Herbert in ihr weiter, diese triefenden Fischaugen kann man sich nicht ausdenken.
Aber Herkules ist schlimmer als tot, denkt sie, obwohl Herkules jede Situation verwandeln konnte, wurde er von der Vigräne missioniert.
Sie muss die Kinder jetzt allein finden. Und alles allein denken. Ohne Herbert.
Die Ausrüstung des echten Polizisten scheppert am Gürtel. »Die sollen sich beeilen«, sagt er leise zum falschen. Dann bellt er sie an: »Sie sind also hier eingedrungen!«
Sie liegt unter ihm auf dem Boden.
»Warum sind Sie in den Kindergarten eingebrochen?«
»Meine Kinder.« Sie spricht langsam. Versucht, sich aufzusetzen. Stößt gegen seine Beine. Er schubst sie wieder zu Boden.
Sie sieht ihre Kinder. Auf einer Straße. Sie gehen, ohne zu schauen, hüpfen herum und rennen auf die andere Seite. Es dröhnt. Die Straßenbahn. Sie schreit. »Halt!«
Er fummelt an seinen Handschellen.
»Nein!« Sie brüllt. »Nicht, bitte nicht! Nicht festnehmen!« Schlägt gegen seine Beine. Sie bekommt kaum noch Luft. Die Haut an ihren Händen ist aufgerissen.
»Eher einweisen. Ganz ruhig mal«, sagt der falsche Bulle. Sie greift nach seinem Arm und zieht sich hoch. Er schaut sie verwundert an, die Verrückte will was sagen, aha, er saugt an seiner Unterlippe.
Sie keucht: »Wenn ich so eine Stimme hätte wie Sie, würde ich mich einweisen lassen.«
Er schaut zu seinem Kollegen, zieht die Augenbrauen hoch, rümpft die Nase und schüttelt angewidert den Kopf.
»Und auf Ihrem Bauch können Sie Bier abstellen.«
Jetzt glotzt ein ganzer Fischschwarm.
»Ich suche meine Kinder. Ich habe meine Kinder verloren. Die sind hier in der Kita. Also, die wollten gestern früh in die Kita gehen. Aus dem Hotel Hedwig, da haben wir übernachtet. Und jetzt müssen die hier sein, und sie sind hier nicht!«
Sie steht vor den Polizisten.
»Wir müssen die ganz schnell suchen. Sie müssen mir helfen, bitte. Ich habe solche Angst um die Kinder. Sie sind noch klein. Vielleicht passen sie an der Straße nicht auf.«
Der Fischmann schaut sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Also, Sie haben hier ein Fenster im Kindergarten zerschlagen? Und Ihre angeblichen Kinder sollen seit gestern allein unterwegs sein, und Sie suchen sie erst jetzt? Und Sie haben im Hotel übernachtet, Sie kommen also gar nicht aus Berlin. Wir brauchen bitte mal Ihre Personalien!«
Sie reißt den Mund auf. »Sie müssen sie suchen! Sofort!« Sie schaut den falschen Bullen an. »Sie müssen meine Kinder suchen. Sofort. Bitte. Sonst passiert ihnen was. Oder es ist schon was passiert.« Sie hört ein lautes Schluchzen. Sie schreit. »Sie stehen hier ja nur rum!«
»Sie kommen gleich mit auf die Wache, und wir klären das da. Und Sie müssen ja auch noch versorgt werden.« Fischauge greift sie an der Schulter. Dieses Schluchzen. Wo kommt das her? Sie reißt den Kopf herum. Reißt sich los. Der Polizist hat Blut auf seinem Hemd. Blutige Wolken im hellblauen Polizeihimmel, würde Herbert sagen. Der falsche Bulle hält sie an den Schultern, sie schüttelt sich.
»Mein Gott, reißen Sie sich bitte mal zusammen.«
Sie starrt ihn an. Seine Augen sind türkiser als blau. Ein glatter Pool.
So hatte Herbert sie angesehen. So glatt und geschlossen. »Du warst immer meine Sonne. Aber jetzt liebe ich eine andere. Ich habe jetzt zwei Sonnen. Ich liebe sie genauso sehr wie dich. Ich muss bei ihr sein.«
Als er ihr das sagte. Ihr ganzes Leben gefror in seinem Mund. Und dann: »Schnullita, reiß dich doch bitte mal zusammen.«
»Wie heißen denn Ihre Kinder?«
Dieses Blau. Sein Blick. Glatt und geschlossen.
Innerhalb von kurzer Zeit war er ein anderer geworden. Ihren geliebten Herkules gab es nicht mehr. Es gab nur noch Herbert.
Den harten, ihr fremden Herbert.
»Ich weiß es nicht«, flüstert sie.
Sie greift nach den Kindern, sie kann sie nicht berühren.
Sie sieht den Teppich, alles ist trocken, beißt ihr ins Gesicht. Sie weiß ihre Namen nicht. Vielleicht erkennt sie sie nicht einmal mehr.
»Wie heißen Ihre Kinder?«
Sie greift in ihr Gesicht, an ihre Kehle, sucht ihren Körper ab, kratzt sich den blutigen Arm. Irgendwo müssen sie sein.
»Sie haben sehr schöne Namen. Ich weiß sie nur gerade nicht. Mein Kopf, mir ist was passiert. Meine Tochter hat Elfenhaare, fein und lang. Sie ist ganz aus Licht. Ihre Haut, ihre Haare. Nur ihre Augen sind grün, wie meine. Sie ist eine Wildkatze. Sie liebt es, morgens allein wach zu sein. Ich stelle ihr etwas zu essen hin, wie einem Kätzchen, und Malsachen, und dann baut sie sich eine eigene Ecke, sie kann alles Schöne finden und um sich herum drapieren, das hat sie schon immer gemacht, schon seit sie krabbeln kann. Sie will, dass ich beim Einschlafen ihre Hand halte. Dann sagt sie: Hand muss sein. Jeden Abend sagt sie das. Hand muss sein. Sie mag keine Befehle bekommen. Sie wehrt sich mit Händen und Füßen, stemmt sich überall dagegen. Sie möchte lieber zusehen, wie ich es mache, und dann kann sie es auch. Sie liebt Schnecken und baut ihnen Paläste aus Gras.
Mein Sohn möchte die Welt verstehen.
Er fragt, seit er reden kann: Was ist unter uns?
Ich sage: Die Steine.
Er sagt: Nein, darunter.
Ich sage: Die Erde.
Er sagt: Nein, darunter.
Ich sage, irgendwann kommt die große Wärme, im Inneren der Erde, wo es glüht. Dann schaut er mich an, ein bisschen wütend, aber auch mit einem Lächeln, weil ich einfach nicht verstehe, und dann sagt er ganz ernst: Mama. Was ist unter uns?
Er hat Bauchweh, wenn es ihm zu schnell geht. Er isst ganz langsam und konzentriert. Auf seinem Teller ist alles sauber geordnet und wird sorgfältig genossen. Er ist wie ein Opa mit seinem Tablettenschächtelchen.
Ich kann meine Kinder spüren, sogar jetzt.
Ich hab sie schon gespürt, bevor sie auf die Welt gekommen sind. Genau ihre Energie, also, wie sie jetzt sind. Schon bevor ich schwanger war, konnte ich meine Tochter fühlen, habe ihre Schönheit und Freude empfunden. Ich bin ihr kurz vor ihrer Geburt in einem Traum begegnet, in dem sie das Gesicht einer alten Frau hatte und in bester Laune sagte: Mit uns ist eh alles gut.«
Sie verstummt. Sie ballt ihre Hände zusammen. Drückt sich eine vor den Mund.
Die Polizisten sehen sie an.
Der falsche kratzt sich an der Brust und zögert. Sie schaut ihn an.
»Was denn?«, fragt sie.
Er mustert den eingestürzten Bauklotzturm. »Ich war mal mit Kumpels in Prag, und na ja, ich hab mich mittags hingelegt«, sagt er und streicht über seine Haare, sein Kollege hört mit gesenktem Kopf zu. »Und als ich aufgewacht bin, also, mein Handy war vorher komplett leer gewesen, der Akku, und vorm Schlafengehen hab ich’s aufgeladen, und als ich aufgewacht bin, wollte ich das Telefon anschalten, aber das ging nicht. Nichts! Ich hab die PIN nicht mehr gewusst. Ich hab das Handy weggelegt, an was anderes gedacht und es neu versucht. Alles weg! Dabei hatte ich jahrelang die gleiche PIN-Nummer. Als hätte mein Gehirn alles gelöscht. Das war schlimm.«
Sie sieht ihn an. Er schaut noch immer auf die Bausteine.
»Und dann?«, fragt sie.
»Ich bin rausgegangen und hab mich treiben lassen. Da bin ich an der Oper vorbeigekommen, wo so eine Frau stand, die ’ne Karte loswerden wollte. Und das war echt gut.«
»Was wurde denn gespielt?«
»Ist jetzt schon länger her. Werd ich aber nicht vergessen. Aida. Falls Sie das kennen.«
Was glaubst du denn, denkt sie. Das einzige Mal, dass sie die gesungen hat. Obwohl Aida in der Hochschule zu ihren besten Partien gehörte. Und dann musste sie in Prag diese Übernahme machen. Die Kollegin, die eigentlich hätte singen sollen, war in Sydney an der Oper und hatte über Nacht unüberwindliche Flugangst bekommen. Sie könne nicht anreisen, unmöglich. Also musste, sollte, durfte sie einspringen. Abends der Anruf, die Nacht hindurch die Aufzeichnung geglotzt, natürlich nichts behalten, frühmorgens los, der Flug wurde gecancelt, also über Zürich, es dauerte ewig. Und dann Kostümprobe, dafür war immer Zeit, Hauptsache, das Kleid passt. Aber es passte nicht, es war am Busen zu eng, es drückte ihr jede Luft ab, ein anderes Kleid war aber nicht möglich, denn dieses Kleid war nicht nur ein Kleid, es bestand aus zwei mal zwölf Metern Seide, eine komplizierte Komposition, und wie Aida war eben auch dieses Kleid schon durch die internationale Presse gegangen, die Zuschauer mussten dieses Kleid sehen, eine Oper ist doch kein Konzert, sondern ein visuelles Erlebnis.
Nach der Kostümprobe blieb nur noch Zeit für eine kleine Verständigungsprobe mit dem Schweizer Dirigenten und dem Regisseur, der in ihrer Garderobe auf sie einredete. Neben ihr kniend. Sie müsse unbedingt weinen, an dieser einen bestimmten Stelle, das sei das Wichtigste in der ganzen Oper. In dem Moment, in dem der Regen aufhört, da lösten sich Aidas Emotionen, und dann könne sie weinen, zum ersten Mal, dann übernehme Aida nämlich die Gezeiten.
Sie fragte: »Das Weinen übernimmt die Gezeiten?«
»Nein, nein«, sagte der Regisseur hektisch, »die Gestirne.«
»Gestirne regnen?« Sie verstand ihn nicht gut, er sprach Französisch. Zwei Garderobieren zerrten an ihrer Korsage, sie bekam keine Luft mehr.
»Nein, natürlich nicht!«
Aida löse sich von den Formen, werde selbst zu Natur, sie müsse weinen, unbedingt, das sei wie gesagt das Wichtigste in der ganzen Oper, die befreite Frau, die wütende Frau, die Frau, die nichts mehr erfüllen muss, nicht mehr bereit sei, höchstens sich selbst bekämpfend irgendwie zu funktionieren in einer von anderen entworfenen Maschinerie.
Die Inspizientin kam und zog sie auf die Bühne. Den Text als Knopf ins Ohr, immerhin kannte sie den noch ein bisschen. Die Arien hatte sie früher so gut gesungen, wo war das jetzt? Sie wurde von den Kollegen über die Bühne geschoben, bis der Chor auftrat, der ihr dauernd den Weg versperrte. Oder sie ihm, weil sie sich auf dieser Bühne nicht auskannte. Dann rannte sie panisch durch die Unterbühne und suchte den Auftritt von unten, sollte sie nicht, kurz bevor der Regen endete, von dort emporkommen? Aber wo war denn diese verdammte Treppe? Überall nur Staub auf Requisitentischen und Staub auf Möbeln, sie konnte keine Stufen sehen, bis sie endlich eine hölzerne Wendeltreppe erreichte, die nach oben führte, ihre Schleppe hochhaltend rannte sie Richtung Ausgang, aber oben angekommen, war dort alles zugemauert. Oder sollte sie hier etwas aufschieben? Sie drückte gegen die Mauer, bekam aber nur Staub in die Augen und verhedderte sich mit dem Kleid am Geländer, so dass sie beim Runtersteigen stolperte, aufs Gesicht fiel und in zwei mal zwölf Metern Seide vollkommen gefangen lag.
Der Reißverschluss der Korsage hatte sich verdreht und schnitt ihr in einen Nerv an der Wirbelsäule. Sie versuchte, sich zu befreien, aber es ging nicht. Sie hing fest. Versuchte, den Reißverschluss zu öffnen, dabei rutschte sie auf den zwei mal zwölf Metern Seide aus und strangulierte sich fast. Sie schrie mit letztem Atem um Hilfe, aber dort unten war man wirklich in Sicherheit vor der Menschheit. Von Ferne hörte sie das Orchester den Einsatz zu ihrer Arie spielen. Sie hatte sich im Wissen, bald unbedingt weinen zu müssen, den ganzen Abend darauf konzentriert, auf jeden Fall auch weinen zu können, hatte mühevoll eine Blase der Traurigkeit erschaffen, die beim kleinsten Anstechen zu einem Wasserfall platzen und zerfließen würde, weithin sichtbar, quer durch alle Ränge, darin war sie gut, und jetzt war alles vorbei, sie heulte, die Tränen sprudelten ihr eindrucksvoll symmetrisch aus beiden Augen, bis jedes Reservoir erschöpft war.
Als sie einen Beleuchter pfeifend durch die Unterbühne gehen hörte, machte sie panische Armbewegungen, zeigte nach oben, schrie ihn an: »I have to get on stage!« Da riss er die Schleppen ab und trug sie zur Seitentreppe, damit sie über die Seitengasse auf die Bühne hecheln konnte. Der Regen war schon lange vorbei, sie stürmte schwer atmend auf die Bühne, sie hatte tatsächlich eine wichtige Arie verpasst, musste also direkt zum Heulen übergehen, aber wo waren die Tränen? Ihr war jetzt nach Sofa und Kuscheln zumute, nach dem langen Kampf in den ozeanischen Fluten wollte sie in eine Decke eingewickelt mit angezogenen Beinen wärmende Brühe schlürfen. Kakao ginge auch. Sie stand auf der Bühne und war doch Tausende Kilometer von sich entfernt. Noch nie hatte sie auf einer Bühne so versagt, noch nie war jemals auf irgendeiner Bühne derart versagt worden, sie hätte lieber mit den Damen und Herren aus der ersten Reihe Kochrezepte ausgetauscht, die Aida war ihr auf einmal so schrecklich egal, und trotzdem versuchte sie weiterhin krampfhaft, alle traurigen Stationen ihres Lebens abzuklappern, um ihrem Körper wenigstens eine einzige Träne abzuringen.
Sie dachte an ihre Mutter, das half sonst immer, aber auf einmal war ihr sogar die völlig egal. Sie bekam keine Luft, sie fror. Das Kleid hatte sich komplett aufgelöst, da war nur noch ein Teil der klemmenden Korsage übrig, der Bauch quoll unten raus, ihre Unterhose war zu weit und rutschte, und am Rücken hing als schlaffer Schwanz der zerrissene Rest ihres Kleides.
Der Regisseur fuchtelte auf der anderen Seite neben der Bühne mit den Armen, er brüllte sie an, sie konnte ihn nicht hören, der Dirigent fuchtelte auch, das Orchester spielte fortissimo, sie musste jetzt wieder singen, versuchte noch mehr, zu weinen, sie schaffte es, schlimme Dinge zu denken, dass Herbert, der sie damals noch nicht verlassen hatte, sie verlassen würde, sie weinte aber trotzdem nicht, und der Regisseur hatte ein komisches rotes Gesicht. Sie dachte an die Kinder und dass sie sie in Marrakesch auf einem großen Markt verlieren könnte, der Regisseur winkte jetzt, sie dachte, was will er denn, soll sie zu ihm rüberkommen, und sie rutschte aus und fiel von oben in die Treppe zur Unterbühne.
Und da war sie einfach liegen geblieben.
Nach der Vorstellung hatte der Regisseur neben ihr gehockt, sie gefragt, was er denn tun solle, damit sie endlich mal heule, sie sei ja eine spröde Jungfrau, mit der nichts anzufangen sei. Was solle er denn sagen, morgen, damit sie endlich weine? Sie sah ihn an, wie er da kniete, neben ihr, mit seinem Tränenproblem. Mein Gott, dachte sie, wenn die Qualität der Kunst daran hinge, ob sich jemand innerlich selbst so vergewaltigen könne, zu einem von außen festgelegten Zeitpunkt echten Schmerz zu empfinden, wenn es ihm darum gehe, dann solle er wenigstens mitmachen.
»Beschimpf mich«, sagte sie.
»Wie meinst du das?« Er verstand sie nicht.
»Erniedrige mich, mach mich fertig, beleidige mich! Dann weine ich auch für dich.«
Er sah sie erschüttert an. »Nein, nein, das muss doch aus dir kommen.«
»Ich will aber nicht leiden!«, schnauzte sie ihn an.
Er stand auf und verließ die Oper. Die Vorstellungen für die nächsten Tage wurden abgesagt und sie nicht mehr besetzt. Wo sie sich so sehr gewünscht hatte, einmal die Aida zu singen. Nie mehr die Aida, und auch nichts anderes. Nie wieder ein Engagement. Sie konnte plötzlich gar nicht mehr aufhören zu heulen.
Im Hotel stellte sie sich unter die warme Dusche, das tat gut. Sie würde einfach unter dem Wasser stehen bleiben. Nie wieder rauskommen. Der Regen würde niemals aufhören. Sie konnte nicht einmal den Babysitter für diese Nacht bezahlen. Sie würde verhungern. Ohne Herberts Videospiele wäre sie das ohnehin längst. Von den wenigen Auftritten konnte man nicht leben. Aber sie wollte einfach nichts anderes machen. Die Drosseln und die anderen dicken Vögel, alle krakeelten herum und hatten nichts zu sagen. Sie hingegen wusste genau, wovon sie sang. Bloß spürte sie in den entscheidenden Momenten dann ihr inneres Licht ausgehen. Stattdessen den taxierenden Blick ihrer Mutter. Die bei Vorsingen immer zuerst den Lehrer angeschaut hatte. Was er sagte, fand die Mutter auch. Was sie sagte oder wollte, war nicht so wichtig. »Du musst deinen Schweinehund überwinden«, hatte die Mutter gesagt. »Wenn du es selbst gut findest, dann ist es schon falsch.«
Sie saß regungslos in der Dusche, sie fror. Stellte das Wasser, das auf sie einprasselte, immer heißer. Die heißeste Stufe. Mehr können wir leider nicht für Sie tun. Der Regen hörte niemals auf.
»Überhaupt das einzige Mal, dass ich in der Oper war. Ich will aber wieder hin. Das hat mich total beeindruckt. Es regnete stundenlang, die Wüste war zu Schlamm geworden. Nur die Aida blieb unberührt, als ob das Wasser ihr nichts anhaben könnte. Irre. Dann rutschte sie in ein tiefes Loch. Ich hab das so verstanden: Die Tante lässt sich nichts sagen, reagiert nicht, man hat ihr das Kleid zerrissen, aber sie steht stumm da. Obwohl sie vorher echt Stimme hatte. Übrigens sehen Sie der ähnlich, also nicht die Stimme natürlich, aber, nee, die sah cool aus. Wahrscheinlich, na ja, Sie sind ja auch etwas abgerissen.«
Soll sie sagen, dass sie es ist, zufällig zwar wieder abgerissen, aber weder Psychiatrie noch Wache zuzuteilen, steigt dann ihre Glaubwürdigkeit? In den Bullenaugen?
»Als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, also im Hotel, verkatert, da hab ich von der Rezeption aus meine Mutter angerufen. Die musste in meine Wohnung fahren und meine PIN, nee, dann sogar meine PUK raussuchen.«
Er überlegt. »Wollen Sie vielleicht Ihre Mutter anrufen?«, fragt er.
Als sie das letzte Mal mit ihr telefoniert hatte, hörte sie die Mutter sagen: »Du klingst schlimm, ganz müde. Schläfst du denn nie? Ich kann kaum was verstehen, so laut, wie es bei dir ist. Sind die Kinder denn immer noch wach? Es ist übrigens schon halb neun. Kein Wunder. Die müssen ja vollkommen übermüdet sein. Warum hast du denn kein Erbarmen und bringst deine Kinder nicht endlich mal ins Bett?«
Denkt sie an die Mutter, spürt sie einen Nadelschwarm in ihrem Hals.
Sie hatte sofort begonnen, sich zu rechtfertigen. Wie immer. Das wollte ich ja gerade. Da waren wir gerade dabei. Aber dann hast du angerufen.
Sogar die Beschwichtigungen der Mutter waren Beleidigungen. »Na ja. Mach dir keine Vorwürfe. Das bringt niemandem etwas. Es ist, wie es ist. Ich hätte das allein mit dir ja auch nicht geschafft. Ohne deinen Vater hätte ich das nicht geschafft, nie und nimmer. Aber im Gegensatz zu dir hab ich ja auch immer richtig gearbeitet.«
Sie schaut die Polizisten an.
»Meine Mutter sagt manchmal: Das ist so schön, dass du das Singen hast, trotz der Kinder. Singen ist so was Schönes. Und die anderen Leute sagen: Ich singe ja auch wahnsinnig gerne. Unter der Dusche. Meine Arbeit sieht niemand. Mein Mann zum Beispiel hat mich Nutte genannt.«
Die Polizisten schauen weg. Der eine fragt noch mal: »Wollen Sie vielleicht Ihre Mutter anrufen?«
»Ich bin Opernsängerin. Ja, genau, richtig erkannt. Nach einer Vorstellung sagen die Zuschauer oft: Ach, also ich könnte das ja nicht. Mir all diese Töne merken! Ich würde dann gern antworten: Aber singen können Sie schon, oder? Die Arien singen, meine ich? Intonation? Rhythmus? Eine Figur spielen, sich ihr öffnen und durch sich hindurchfließen lassen? Das könnten Sie alles, schon klar. Sie hätten bestimmt genug Stimme, um neben diesem riesigen Orchester zu bestehen. Stellen Sie sich nur ein einziges Mal neben ein Siebzig-Mann-Orchester, und versuchen Sie, nur zwei Takte lang gehört zu werden! Das ist Knochenarbeit, körperliche Schwerstarbeit. Und erfordert allerhöchste Konzentration. Diese Arien sind unglaublich schwer! Man muss die genau verstehen, inhaltlich und musikalisch. Das wird über Wochen vorbereitet. Das sind ja nicht nur diese paar Stunden auf der Bühne!«
Die Hüfte des echten Polizisten bewegt sich, seine Handschellen glitzern. Er sagt: »Das klingt wirklich nicht einfach, ich verstehe das. Ich singe ja freitags beim Karaoke.«
Er gibt ihr sein Telefon. Sie wählt langsam die Nummer, die ist in ihren Fingerknochen gespeichert, diese Bewegungen werden sie für immer alleine durchführen können. Ein Piepsen bei jeder Ziffer. Sie kann noch zurück.
»Mama? Ich bin’s.« Ihre Stimme ist hochgerutscht. Sobald sie mit ihrer Mutter spricht, wird sie wieder klein.
Sie weiß nicht mehr genau, wann es war, sie muss neun Jahre alt gewesen sein, ungefähr. Ihre Mutter hatte einen gelben Zettel an den Badezimmerspiegel geklebt: »Deine Kinder sind nicht deine Kinder.«
»Mama, warum bin ich denn nicht mehr dein Kind?«, fragte sie die Mutter.
Die Mutter sagte ihr: »Du kannst doch lesen. Streng dich einfach mal an. Es steht alles auf dem Zettel. So schwer ist das wirklich nicht zu verstehen. Es geht nur um dich. Dauernd. Immer nur um dich. Aber ich kann nicht mehr. Ich muss mich jetzt um mich selbst kümmern. Ich werde mich von dir zurückziehen, das ist für dich auch mal ganz gut. Du kannst mich ja auch nicht retten.«
Die Mutter wurde höhnisch. Sie hatte das Gefühl, die Mutter freute sich, wenn ihre Tochter sich mit einer Freundin zerstritt oder beim Singen schlechte Noten bekam.
Aha. Nicht genug angestrengt.
»Ja, was ist denn?«, fragt die Mutter jetzt am Telefon. »Ich muss noch ins Schwimmbad.«
Was sie der Mutter jetzt sagt, fühlt sich an wie eine Beichte. Sie spricht langsam, jedes Wort hinter sich herziehend.
Sie brauche ihre Hilfe. Es sei was Schlimmes passiert. Sie habe die Kinder verloren. Erst ganz kurz nur, natürlich. Und sie habe solche Kopfschmerzen, sie sei krank, und die Polizei sei bei ihr, es sei so, dass sie sich im Moment einfach nicht an die Namen der Kinder erinnern könne, da sei irgendwas zu, beim besten Willen, sie wisse es nicht. Ihr Kopf sei heute die Hölle.
»Weißt du, als du klein warst, vier oder fünf, du erinnerst dich vielleicht, da sind dein Vater und ich mit dir zu einem See gefahren. Du konntest noch nicht schwimmen. Aber du warst mit ein paar anderen Kindern im Wasser. In einem Schwimmreifen. Nein, einem Autoreifen, also diesem Autoreifenschlauch. Der lag da, und wir dachten, dass du dich daran festhalten würdest. Die anderen konnten schon schwimmen, und du bist in dem Reifenschlauch hinterhergepaddelt, du warst immer zu faul, die Schwimmbewegungen richtig auszuführen, obwohl ich es dir ja wirklich oft gezeigt hatte. Nein, du hast immer nur dein Hundekraulen gemacht. Und als ihr ziemlich weit draußen im See wart, bist du durch diesen Schlauch gerutscht. Du bist sofort untergegangen. Ich hatte das so oft geübt mit dir, die richtigen Schwimmbewegungen. Aber du warst halt faul. Oder hattest Angst, was weiß ich. Gründe gibt es ja immer. Wenn ich nach der Arbeit abends müde war, selbst nur schwimmen wollte und gefroren habe, weil ich neben dir im Becken rumstehen musste, dann hast du zweimal das Wasserwegschieben gemacht mit den Händen, und schon war Schluss. Ja, und dann bist du da reingerutscht, weit draußen auf dem See, und da hab ich gedacht, nein, ich helfe nicht, jetzt muss sie es mal selbst machen. Da zeigt sich jetzt, ob sie stark ist.
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