Читать книгу: «Spitzenreiterinnen»
Lisa kann keine Kinder bekommen, wird verlassen, rastet aus. Laura fiebert ihrer Hochzeit entgegen, dem Höhepunkt jedes weiblichen Lebens. Barbara ist verloren seit sie Witwe geworden ist, ein kleiner Hund hilft. Verena erbt eine Luxusvilla mit Seeblick, sie steigt auf. Jolie wird entlassen und schwanger. Petra findet die Liebe und zieht um. Tina hat große Angst und trifft eine Entscheidung.
In ihrem zweiten Roman feiert Jovana Reisinger die Frauen, die sie nach Frauenzeitschriften benennt. Sie zeigt auf, welchen Rollenzwängen und welcher Gewalt Frauen in unserer Gesellschaft unterworfen sind. Und es werden Tipps, Tricks und Geschlechterstereotype verhandelt. Es ist ein Text über weibliche Wut und Ausdauer mit teils bösem Humor, der jedoch nie seine Protagonistinnen verurteilt.
Jovana Reisinger, geboren 1989 in München, aufgewachsen in Üsterreich, ist Autorin, Filmemacherin und bildende Künstlerin. Sie studierte Kommunikationsdesign, Drehbuch und Dokumentarfilmregie. Für ihren Debütroman »Still halten« (2017) erhielt sie den Bayern 2-Wortspiele-Preis. Für den Kurzfilm »pretty boyz don’t die« wurde sie mit dem ZONTA-Preis der Festspielleitung der Oberhausener Kurzfilmtage (2017) ausgezeichnet und für »pretty girls don’t lie« mit dem STARTER Filmpreis der Stadt München (2018). Seit Juni 2020 verantwortet Jovana Reisinger die Kolumne »Bleeding Love« bei VOGUE online. Sie lebt und arbeitet in München.
JOVANA REISINGER
SPITZEN REITER INNEN
ROMAN

14. FEBRUAR
LAURAist erleichtert.
PETRAmuss ihr Leben ändern.
BARBARAtrifft Gloria.
LISAfeiert Geburtstag.
TINAisst zum ersten Mal Austern.
8. MÄRZ
LISAlebt jetzt allein.
PETRAkündigt.
BARBARAträgt Trainingsanzug.
EMMAserviert den Kaffee.
JOLIEprotestiert.
LAURAsetzt auf den Jungfrauen-Effekt.
VERENAerbt.
TINAschläft früh.
15. APRIL
PETRAfährt Zug.
BRIGITTEbraucht Komfort.
VERENAliegt in der Sonne.
LAURAtelefoniert.
LISAgeht joggen.
TINAgeht zum Imbiss.
BARBARAist einsam.
10. MAI
BARBARAtrifft eine Entscheidung.
TINAlebt sich ein.
JOLIEwird entlassen.
LAURAorganisiert eine Party.
VERENAbesucht eine Party.
BRIGITTEisst einen Eisbecher.
LISAgeht schick essen.
21. JUNI
TINAwird überrascht.
PETRAverkündet Neuigkeiten.
BARBARAentspannt sich.
LISAzieht einen Schlussstrich.
VERENAlässt sich zurecht machen.
LAURAtraut sich.
14. FEBRUAR
LAURA
Laura kann ihr Glück kaum fassen. Sie bekam heute zum Mittag nicht nur ein Drei-Gänge-Menü mitsamt Dessert, sondern auch den Heiratsantrag, den sie sich immer gewünscht hat. Mit einem Diamantring in einer dunkelblauen Samtschachtel und einem Glas Champagner und einem Strauß Rosen und einem Mann auf Knien und anschließendem Applaus von Fremden.
Dabei wurde sie von einer Kellnerin gefilmt, damit sie ein Video hat, das sie immer wieder anschauen und herzeigen kann. Denn so ein Moment ist einzigartig, dafür wurden Smartphones erfunden. Laura hatte also, nachdem sie die wichtigste Frage im Leben vernommen hatte, die Hände vors Gesicht gehalten und gestrahlt, und es liefen ihr mindestens zwei Tränen über die Wangen. Eigentlich schon vor der Frage. Die Samtschachtel hatte genügt, in ihr alle Dämme zum Brechen zu bringen. Sie wusste schließlich, wie das läuft. Alle Frauen wissen das. Alle Frauen haben das schon so oft gesehen. Schon so oft mit anschauen müssen. Frauen haben die Prozedur internalisiert und erkennen frühzeitig die Zeichen. Sie wissen, was geschieht und wie eine sich zu verhalten hat in so einer Situation. Das Kramen in der Tasche, Schmuckschachtel, freudestrahlender Mensch, der die Schmuckschachtel hält, ein Kniefall und schwups: verlobt.
Jetzt sitzt Laura in einem Café und erzählt ihrer besten Freundin Verena davon, die artig nickt und die Hand auf ihrem Knie ablegt und monoton über eine Stelle streichelt. Beide Frauen strahlen sich an.
Was bedeutet das, fragt sich Verena, bin ich unfähig, mich an eine Person zu binden, um es auch mal schön zu haben? Sie kriegt wieder alles, was sie will. Und ich kriege nichts. Jetzt hat sie einen Mann. Unfair! Klammheimlich wird Verena von gewaltigen Gefühlen übermannt. Sie ist geübt darin, diese nicht zu zeigen. Es muss ja nicht jeder wissen, was im Inneren so los ist.
Verena nippt an ihrem Glas, während Laura von Kleidern plaudert und schon Termine arrangiert. Verena zermartert sich hinter ihrer rosigen Fassade das Hirn. Das ist eine Niederlage. Laura gewinnt im Frauengame. So ein Debakel muss mit Fassung getragen werden. Würdevoll nimmt Verena noch einen großen Schluck und schenkt sich nach. Beide wissen in diesem Moment: Laura wird es jetzt schön haben. Noch schöner als ohnehin schon. Beide haben Tränen in den Augen.
Verena greift nach dem Glas, will den Kloß im Hals hinunterschlucken und prustet stattdessen drauf los. Dabei spuckt sie ihrer besten Freundin ins Gesicht. Schnell lachen, einen Witz aus eigenem Scheitern machen, weil es dann erträglicher ist. Gemeinsam über das Unvermögen gackern. Wer will gerade jetzt eine traurige beste Freundin haben? Außerdem sind weinende Frauen in der Öffentlichkeit kein Augenschmaus. Welche weinende Frau sieht denn bitte schön und begehrenswert aus? Und begehrenswert wär Verena gern. Muss sie sein. Schließlich lacht sie ihrer eigenen erfüllten Zukunft nicht eben entgegen.
»Also doch ein Happy End!«
»Gerade noch, würde ich sagen. Schließlich wirst du dieses Jahr fünfunddreißig!«
»Ich werde siebenunddreißig.«
»Wir werden noch mal fünfunddreißig.«
»Hochzeit zehn Jahre später als geplant. Mehr Prosecco?«
»Ja. Den Schampus kann sich nur dein Mann leisten.«
»Wie das klingt, hihi, mein Mann.«
»Ja, gewöhn dich dran. Du hast jetzt einen Mann. Und du bist seine Frau. Da kommen jetzt alle niederen Besitzansprüche hoch! Gehörst jetzt ihm. Er gehört dir. So schön. Wo ist der überhaupt?«
»Termin. Notfall. Irgendwas musste sofort erledigt werden. Kaum waren wir verlobt, Telefonterror. Typisch. Aber ich hab ja auch noch dich. Du rennst mir ja nicht davon.«
»Eher nicht.«
»Eben.«
»Na, er wird’s schon wieder gut machen.«
»Oh, ihm fällt bestimmt was ein.«
»Ist er gut im Sich-entschuldigen?«
»Bisher schon.«
Beide kichern, und obwohl keine so genau weiß, worüber, werden sie lauter, bis die anderen Gäste verstummen und irritiert herüberschauen. Für andere Gäste haben sie allerdings keine Zeit. Laura betrachtet den Ring an ihrem Finger. Verena betrachtet den Ring an Lauras Finger und dazu ihre eigenen Hände. Beide Frauen sind gleich alt, sie gingen auf das gleiche Gymnasium, studierten in der Hauptstadt, sind zurück in die heimatliche, gemütliche, niederbayerische Kleinstadt gekommen, um dort in den Büros zu arbeiten, die ihre Eltern aufgebaut hatten. Sie hatten die gleichen Startvoraussetzungen und große Hoffnungen. Eine von ihnen hat jetzt zumindest einen Mann. So hatten sie sich das nicht vorgestellt.
Laura fühlt sich erlöst. Laura schaut in eine neue Zukunft. In eine schöne. Eigenheim, Ehemann, Erbe.
Verena stürzt das nächste Glas. Hilft jetzt alles nichts. Das Leben geht schließlich weiter. »Mehr Prosecco bitte. Ja, noch eine Flasche!«
Andere Gäste schütteln die Köpfe. Ihnen fehlt das Gespür für die Besonderheit dieses Moments. Schade. Gemeinsam feiert es sich noch schöner. Sich für andere freuen können ist eine erstrebenswerte Eigenschaft.
Laura lädt ein Foto von ihrem Ringfinger bei Instagram hoch. Die Likes prasseln darauf wie ein Unwetter.
Verena aktualisiert ihr Tinder-Profil. Irgendeinen muss es hier doch noch für sie geben. Denn darum geht es schließlich. Einen finden, einen behalten und ihn hoffentlich überleben.
PETRA
Petra weiß, was jetzt kommt. Dafür braucht sie keine weibliche Intuition. Lediglich eine Uhr.
Werktags, früher Nachmittag.
Da stolzieren die Männer nach ihrer Mittagspause durch die große Stahltür, mitten hinein in die Galerie, an deren Empfang sie sitzt, und fordern ihre Pakete und ihre Post. Weil Petra arbeitet nicht nur in einer der angesagtesten Galerien der Stadt, sie ist auch so etwas wie die Postdame der Männer oben drüber. Quasi ihre private Zustellerin. In etwa so etwas wie eine Assistentin. Eine Regelung, die weit vor Petras Einstellung geschaffen wurde. Die wohl so lange bestehen wird, bis es entweder die Galerie oder das Designbüro im Dachboden nicht mehr geben wird. Wenn sie besonders guter Laune sind, fordern die Männer eine Privatführung – mit Augenzwinkern, versteht sich. Petra wird dafür bezahlt, freundlich zu sein. Manchmal muss sie an ihrer Attitüde arbeiten. Das fällt aber nur anderen Leuten auf. Die helfen ihr dann, ihr Benehmen zu korrigieren.
Da sitzt sie also, mit dem letzten Rest Rohkostsalat und ihrer angebissenen Vollkornsemmel und wartet. Eine wartende Frau. Doch worauf wartet sie? Sie wartet darauf, mit unmöglichen Männern in einen unmöglichen Dialog zu treten, tagein, tagaus. Eine ewige Wiederholung, bis es irgendwem irgendwann zu öde wird. Petra wird nicht dafür bezahlt, solche Begegnungen zu hinterfragen, sie wird dafür bezahlt, solche Begegnungen stattfinden zu lassen. Und das ist hier schließlich ein Begegnungsraum. Kunst bringt die Leute zusammen.
14 Uhr. Jetzt wird’s Zeit. Sie schlägt ihr Buch auf und ihr MacBook zu. Überlegt. Vielleicht wäre es schlauer, das Buch zuzuschlagen und das MacBook auf, um Gespräche über das Buch zu vermeiden. Ein prüfender Blick in den Innenhof. Andererseits, es spielt schon gar keine Rolle mehr, was sie anhat, was sie in der Hand hält, was sie in der Galerie zeigen, was die Welt sonst so hergibt, die Typen finden immer was. Vorkehrungen treffen. Maßnahmen im Vorhinein ergreifen, damit es nicht so schlimm wird. Das wurde ihr ebenfalls beigebracht. Was getan werden muss, damit nichts passiert. Oder: Was getan werden muss, damit möglichst wenig passiert. Dass irgendwann etwas passiert, ist schließlich Voraussetzung für das Leben als Frau. Tragisch. Aber so ist das. Frauen wissen bereits als Mädchen, dass es anstrengend wird. Schulterzuckend schaut Petra durch die großen Fenster. Zumindest ein paar Vögelchen tollen davor herum.
»Nicht einmal ignorieren«, findet Petras Mutter. »Die spür’n halt, dass du lesbisch bist, das regt die auf. Madl, Männer sind so. Du bist so fesch, die können das nicht verkraften.« Wenn Petras Mutter so etwas sagt, stutzt sie zugleich über die Unwissenheit ihrer Tochter. »Was regen sich die jungen Frauen immer so auf?«, murmelt sie in ihrem bayerischen Dialekt und schüttelt amüsiert den Kopf. »Warum regst dich überhaupt so auf? Freu dich doch über die Aufmerksamkeit! Ist nicht das Schlechteste! So ein Flirt am Arbeitsplatz? Ich werd schließlich nicht angeflirtet. Schau, wie traurig ist das bitte!«
Dann lachen sie beide. Den Schmerz weglachen. Die Enttäuschung. Die Zumutung. Wie oft haben Elle und Petra schon so miteinander gelacht? Es wurde zu ihrer praktischen Methode. Ein Allheilmittel. Damit lässt sich tagtäglich der nackte Mann im angrenzenden Garten weglachen, der Elle beim Gärtnern beobachtet und gleichzeitig die Hilflosigkeit der betrachteten Gärtnerin. Lachen ist die beste Medizin, sagt Elle. Und Petra weiß, das stimmt.
14:15 Uhr. Petra sitzt wie auf heißen Kohlen. »Auf heißen Kohlen sitzen« ist so ein Satz, den ihre Tante gerne sagt. Tatsächlich sitzt sie auf einem Ikea-Stuhl der nach Eames aussehen soll. Billige Kopie. Sonderpreis.
»Kann ja nicht jeder auf Vitra sitzen, nicht wahr?«, sagte die Chefin, als sie die Stühle hereinbringen ließ.
»Nein, das geht nicht«, stimmte Petra zu.
Auf einem echten Designklassiker sitzt hier nur die Chefin. Das muss sich so eine Galerie nämlich erstmal leisten können. Das Telefon läutet. Jemand erkundigt sich nach den Öffnungszeiten. Petra gibt Auskunft.
Die Kohlen werden heißer. Diese Männer kann Petra nicht so einfach wegkichern. Weglachen fällt ihr schwerer, wenn ihre Mutter nicht dabei ist. Die fängt schließlich immer als Erste an, lauthals zu lachen, und ist dabei so ansteckend. Das Gegenteil einer Spaßbremse.
Petra betrachtet ihre fleckenlose Bluse, kontrolliert im Selfiemodus ihre Zähne nach Essensresten und betrachtet ihre Augenringe. Wieso kommen die jetzt trotz des ultraeffizienten Make-ups so plötzlich hervor? Wer nicht schön ist, hat sich nicht genug angestrengt. Oder nicht genügend Geld in anständige Schminke investiert. Da wurde an der falschen Stelle gespart. Keine gute Grundlage, um zu altern. Darüber muss sich eine dreißigjährige Frau längst Gedanken gemacht haben. Kluge Maßnahmen sollten früh ergriffen werden. Oder es muss mit den Konsequenzen gelebt werden. Keine Frau kommt ungeschoren davon. So viel ist sicher. Mit Sicherheit kann gesagt werden: Andere Mütter haben auch schöne Töchter.
Sie betrachtet ihren Schreibtisch. Ihr Namensschild. Die pflegeleichten Topfpflanzen.
Hier ist sie gelandet, nach einem abgebrochenem Kunststudium in London, einem einjährigen Praktikum in einer Werbeagentur in New York, einem abgeschlossenem Kunstgeschichtestudium in Frankfurt, einer Top-Note auf ihrem Zeugnis, einer Anstellung in einem Museum als kuratorische Assistentin in Amsterdam und nun offiziell als Assistentin in München, tatsächlich jedoch als Aufsichtskraft. In dieser Galerie ist sie nur vorübergehend. Sie sieht gut aus, ist gebildet, ist fleißig, ist idealistisch, ist arm, ist verschuldet und gewillt, sich nach oben zu arbeiten. Wer spärlich lebt, kann bekanntlich schnell die Verbesserung seiner Lebensumstände spüren. Sich durchbeißen können, so wurde ihr beigebracht, ist eine notwendige Charaktereigenschaft, vor allem für Arbeiterkinder. Durchbeißen, Durchhalten, Disziplin, Ausdauer und Geduld. Weil Angeberei wiederum keine gute Eigenschaft von Frauen ist, stapelt Petra eher tief. Wer tief fliegt, fällt nicht so weit. Besonders als eine Frau, deren Fallhöhe immer eine gewaltige sein muss. Petra ist müde. Am Wochenende hat sie wieder ihre Familie besucht. Die lebt praktischerweise nur eine Zugfahrt entfernt.
14:30 Uhr. Die Männer betreten den Innenhof. Endlich. Mit denen wird sie jetzt auch noch fertig. Sie hat schon so viel geschafft in ihrem Leben. Sie muss das hier wie eine sportliche Aktivität betrachten. Es ist anstrengend, verbessert jedoch ihre Kondition. Einatmen, ausatmen und das Gesicht einer Frau aufsetzen, der es wirklich egal ist.
Die Stahltür wird aufgemacht und mit dem ersten Schritt hinein legen sie los.
Mann 1: »Ciao Bella!«
Mann 2: »Hast du was für uns?«
Mann 1: »Petra, Petra, Petra, willst du nicht an diesem zarten Frühlingstag mit uns einen Kaffee trinken gehen?«
Mann 2: »Wir haben noch ein bisschen Zeit.«
Mann 1: »Wär doch schade, wenn du den ganzen Tag hier sitzen müsstest.«
Mann 3: »Bessere Idee, du machst uns Kaffee, und wir setzen uns zu dir?«
Mann 2: »Du schaust so aus, als würdest du richtig guten Kaffee machen.«
Petra: »Hier sind eure Pakete.«
Mann 1: »Oh, schon wieder so zickig.«
Mann 2: »Waren wir schon wieder nicht sensibel genug?«
Petra: »Ich würde gerne, muss aber weiterarbeiten.«
Mann 3: »Deine Arbeit hätte ich auch gern. Sieht so entspannt aus.«
Mann 2: »Musstest du dafür eigentlich studieren, um während der Arbeit Bücher zu lesen?«
Petra: »Ja.«
Mann 3: »Du, stell dir vor: Unsere Putzfrau ist plötzlich nicht mehr aufgetaucht. Weißt schon, die mit dem Alkoholproblem. Wenn du also nichts zu tun hast, könntest du auch für unsere Büroatmosphäre sorgen. Kriegst auch ihren Stundenlohn.«
Mann 2: »Was meinst du, ist das mehr als dein regulärer?«
Mann 1: »Hahaha.«
Mann 3: »War ja nur ein Spaß. Die Petra versteht das, oder?«
Mann 2: »Klar, die Petra ist eine von den Coolen. Nicht so spießig wie die Anderen.«
Mann 1: »Aber grab nicht meine Freundin an, gell? Scherz!«
Mann 3, Mann 2, Mann 1: »Also, tschüss Petra. Bis morgen.«
Unbesonnen und von jeglichen Sorgen befreit schlendern die Männer durch die Ausstellung, tragen dabei ihre Post mit sich und die Aura blanker Unbekümmertheit. Einer streckt sich kurz, die Wirbel knacken. Petra schlägt ihr Buch auf. Sie beneidet diese Selbstsicherheit. Mit dem Zufallen der Tür, die aus der Ausstellung in die oberen Stockwerke führt, fällt ihr ein Stein vom Herzen oder die Anspannung von den Schultern. Es fühlt sich gut an, etwas weggearbeitet zu haben. Für heute sind die Männer erledigt. Auf zum nächsten Punkt im Tagesablaufplan.
Petra macht das hier nicht mehr lange. Das ist nur die Notlösung. Sie hat einige Bewerbungen offen, in anderen Städten, in anderen Ländern, sie ist flexibel, kann überall hin. Sie erfüllt, was von ihr gefordert wird, keine Bindung, kein Ballast kann sie von dem richtigen Jobangebot abhalten. Petra ist hoffnungsvoll und hoffnungslos unterbeschäftigt. Neun Stunden am Tag, zehn Euro pro Stunde, fünf Tage die Woche und das im teuren München.
»Du weißt, Schatzerl«, schiebt da die Tante Bella hinterher, »es hat jede noch so dumme Situation auch immer etwas Positives. Du kannst nicht wissen, wofür diese Erfahrung einmal gut sein wird. Wirst schon sehen. Wenn es dann so weit ist, denkst du an mich. Weil du was gelernt hast und feststellen musst, dass ich Recht hatte.« Die Tante hat so oft Recht. Die Tante Bella kennt das Leben und die Leute. Die Tante Bella ist eine Frau, mit der gern geplaudert wird. Denn die Tante Bella kann gut zuhören. Und das ist schließlich das A und O, wenn etwas herausgefunden werden will.
Ein weißer Defender fährt in den Innenhof. Petra weiß, was jetzt kommt. Ihre Chefin. Genauer: die Frau vom Chef. Die scheint jetzt die Fäden endgültig in der Hand zu haben. Ihr Mann ist schon länger nicht mehr aufgetaucht. Es gab keine Mitteilung, kein Teammeeting, nicht einmal ein öffentliches Statement. Er blieb plötzlich aus, sie räumte sein Büro um, und jetzt macht sie die Ansagen. Gut für sie, denkt sich Petra. Mehr Frauen in Führungspositionen. Vor allem im Kulturbetrieb. Da will Petra schließlich auch mal hin. Immer dranbleiben. Immer nach den Möglichkeiten Ausschau halten.
Der Motor verstummt. Die Chefin steigt aus, öffnet die Hintertür, ein kleiner Dackel springt aus dem Auto und läuft direkt zur Eingangstür, in der mittlerweile Petra steht, weil sie freundlich ist und weiß, dass die Chefin gern begrüßt wird. Die Chefin weiß nicht, dass das ein Automatismus ist. Das Auto, der Hund, der Job, die Stadt. Petra findet das toll. Fehlt nur noch der Jagdschein, die Chefin ist allerdings Vegetarierin.
»Hallihallo Petra! Wie geht es dir heute?«
»Maxi! Gut. Es riefen ein paar Leute an, hier ist die Telefonliste.«
»Ahhh, hmmm, danke. Und sonst?«
»Sonst hat sich wenig getan, später kommen die Akademiestudenten – die führst du durch die Ausstellung, nicht wahr?«
»Ja. Sehr gut. Sehr, sehr gut. Die brauchen wir nämlich.«
»Wen?«
»Die Kunststudenten!«
»Aha.«
»Petra, Liebes, die Kunststudenten sind unsere Zukunft. Sag, kannst du Grazia nehmen? Sonst zieht sie wieder die ganze Aufmerksamkeit auf sich und das mag Mami nicht, wenn sie gerade eine Führung gibt, nicht wahr?«
»Natürlich, wir können eine Runde gehen.«
»Stell auch das Telefon stumm, nicht dass es läutet, während ihr fort seid. Wär auch blöd. Die Leute können schließlich E-Mails schreiben, wenn sie was von mir wollen. Die wichtigen Leute haben eh meine Privatnummern. Der Rest kann warten.«
»Wie lang sollen wir fort sein?«
»Eine Stunde. Am besten du gehst, kurz bevor sie kommen. Sonst wissen sie nichts mit dir anzufangen, und das sorgt nur für Verwirrung.«
»Ist gut.«
»Weißt du was, geh sofort! Dann kann ich mich in Ruhe vorbereiten.«
»Ist gut, Maxi.«
Petra hat eine These in Bezug auf Hunde und Kinder: Wenn den Leuten nichts anderes mehr einfällt, kommt eins von beiden. Für den Sinn im Leben. Weil um den geht’s, den zu finden gilt’s. Sinnlos scheint ein Leben ohne Aufgabe. Eine Möglichkeit ist dabei, sich etwas Sinnstiftendes anzuschaffen. Etwas, worum sich gekümmert werden kann, nur dies sind gute Eigenschaften: Selbstaufopferung, Opferbereitschaft und hingebungsvolle Fürsorge. Mütterliche Eigenschaften. Fraueneigenschaften. Pflegende Eigenschaften. Die Eigenschaften, die die Welt beieinander halten. Fürchterlich findet das Petra.
Petra möchte keine Kinder. Wenn sie das sagt, sagt ihre Mutter, dass sie ihren Muttertrieb schon noch entdecken werde, und ihre Freundinnen, dass das mitnichten eine natürliche Entscheidung sei. Petra hat gute Gründe, keine Kinder zu wollen, aber wird nicht danach gefragt. Nicht einmal ihr Coming-Out scheint noch eine besondere Hürde darzustellen.
»Die biologische Uhr tickt, Petra, du wirst sie schon noch spüren und dich dann befruchten lassen«, säuselte die Tante Bella und griff weise in sich hineingrinsend nach ihrem Aperol Spritz. Befruchten lassen, als würde ihr ein netter, harmloser Herr eine Obstplatte reichen. Oder sie mit einem Smoothie einseifen. Prost!
Petra und Grazia spazieren los. Schön vorbei an den alten Prachtbauten, vorbei an den Wohnhäusern und endlich hinein in die belebteren Straßen. Da sitzen die Leute draußen vor den Cafés, gierig nach Sonne, in ihren Daunenmänteln und ihren Winterstiefeln und ihren Wollhauben, die angesichts der Wetterlage bereits überflüssig sind. Den Leuten hier geht es gut, die Leute hier sehen gesund aus. Froh und munter. Vergnügt und nett. Rote Bäckchen, weiße Zähne, pralle Portemonnaies. Status, Status, Status. Petra wird richtig warm ums Herz, auch dank der gnadenlosen Sonne.
Die Galerie befindet sich in einem beliebten Viertel unter Gutsituierten, ist jedoch ausgerechnet in der Nebenstraße einer Nebenstraße gelandet. Sie wird nicht allzu häufig zufällig gefunden. Ein echter Geheimtipp. Nur für Kenner. Nur für wirklich Interessierte. Nur für die, die Bescheid wissen. Es sind naturgemäß eher ruhige Arbeitstage.
»Was für ein Luxus!«, sagt dazu die Tante. »Dass es solche Jobs überhaupt noch gibt. Bemerkenswert!« Solche Jobs, meint sie, seien völlig überflüssig, weil sie nur von wenigen Menschen in Anspruch genommen werden. Was zählt, sind die Jobs, die viele Menschen glücklich machen, nicht einige wenige. Ihrer zum Beispiel. Zugegeben, hin und wieder weint eine Frau, wenn sie nach einer faltenreduzierenden Spritze entgegen ihrer Warnung zu lange in der Sonne war und nun anstelle der Falten eine Narbe trägt. »Aber die fangen sich dann schon«, sagt die Tante. »Was bringt die Galeristin einer Gesellschaft?«, fragt die Tante und zieht dabei die Augenbraue hoch. »Und was bringt deren Assistentin der Gesellschaft?«, schiebt sie hinterher. »Eben«, schließt die Tante, »niemand weiß, dass es dich gibt. Meine Schusterin ist relevanter als du.«
Autsch. Das saß. Der Petra wird ganz schwindelig bei so einem Gespräch. Nicht weil Petra glaubt, sie sei etwas Besseres als eine Fachkraft für Sohlen und Schuhwerk, nein, weil Petra sich selbst so sieht. Petra, die viel Zeit und Geld in ihre Ausbildung gesteckt hat, fühlt sich wie eine Bilderbuch-Versagerin, denn, so viel ist sicher, mit dreißig fängt die große Karriere nicht mehr an. Das Sorgenkind der Familie. Erst Langzeitstudentin, dann ohne Geld und ohne Einbauküche, mit einem Beruf, den niemand versteht, und obendrauf noch lesbisch. Oh weh! Ihre Mutter und ihre Tante lachen darüber. Bella und Elle sind immer fleißig am Sorgen-weglachen. Was einen nicht angreift, tut einem nicht weh. Was einem nicht weh tut, kann schnell vergessen werden. Immer schön weich bleiben. Harte Frauen wirken doch eher abschreckend, und verhärmte Frauen sind am allerabschreckendsten. Sanft soll sie sein, die Frau, sanft und lieb und nett. Ein gepflegtes Äußeres und ein außerordentlich liebreizendes Inneres. So ist’s recht.
Petra lässt den Hund von der Leine. Grazia weiß zunächst nicht recht, wie ihr geschieht und rührt sich nicht vom Fleck. Sie betrachtet ihr Teilzeit-Frauchen und wartet auf deren Aktion. Aktion, Reaktion. Affirmation ist die bessere Strategie im Job. Freundlich nicken, freundlich lächeln, zustimmen. Ja und ja und ja! Petra ist darin geschult. Sie schaut den Hund an, geht in die Hocke und strahlt aufmunternd. Der Hund weiß immer noch nicht so recht. Da wirft sie ein Stöckchen tiefer in den Park. Und Grazia tut, was von ihr verlangt wird, und läuft dem Stöckchen hinterher. Petra kommt mit, und so gehen sie weiter in die Natur hinein. Die Vöglein zwitschern und das Bächlein sprudelt, und die Autos werden leiser, und die anderen Menschen sind auch ganz stumm. Endlich Ruhe. Die Enten schnattern, weil der Hund dahergerannt kommt und wenn Grazia endlich kackt, zögert Petra keine Sekunde, um die Plastiktüte aus der Jackentasche zu ziehen, die Scheiße aufzuklauben und geschickt das Tütchen zu verknoten. Petra ist geduldig.
»Denn Geduld ist etwas, das wir Frauen brauchen«, gab ihr die Mutter mit auf den Weg, »Geduld und die Fähigkeit, nachsichtig zu sein.« Dabei zwinkerte sie und deutete auf ihren Mann, der lässig auf dem Sofa fernsah und dessen Hand im Hosenbund steckte. Typische Fernsehpose. Geduldig trägt sie die rote Tüte minutenlang durch den Park, bis endlich der nächste Mülleimer auftaucht.
Als die Ehe für alle entschieden wurde, rief Petras Mutter ihre Tochter erleichtert an, denn auf die Hochzeit ihrer eigenen und einzigen Tochter wollte sie nun wirklich nicht verzichten müssen. Lesbisch oder nicht. Petra entfuhr nur ein schrilles Lachen. Schwamm drüber!
Der Hund hat keine Lust mehr und rennt keinem Stöckchen hinterher. Zeit für eine Pause. Petra setzt sich, nimmt Grazia neben sich auf die Bank, sie warten. Auf bessere Zeiten. Auf noch besseres Wetter. Auf bessere Gründe, wieder zurückzugehen. Schwierig wird’s, wenn alles egal ist. Petra lässt Grazia auf ihren Schoß. Beide machen erschöpft die Äuglein zu.
BARBARA
Barbara sitzt auf einer nigelnagelneuen, dunkelgrünen Liege mit cremefarbenen Polstern, auf deren Waschzettel das Wort »Luxus« steht, und schaut starr geradeaus, über ihren Körper und den Pool hinweg, hinein ins Gebüsch, als wäre da was, doch da ist nichts. Sie zieht zur Beruhigung an ihrer dünnen, pastelllilafarbenen Zigarette der Marke Vogue, woraufhin ihr ein tiefer, aufgebender Seufzer entkommt, als wüsste sie, dass sie gleich erledigt ist und zwar so richtig.
Die unbegründete Ahnung einer nahenden Katastrophe hat von ihr Besitz ergriffen, und Barbara ist darüber erleichtert, weil sich überhaupt was regt. Barbara lässt die Angst nicht mehr los, besser als sich an gar nichts mehr klammern zu können. Wenigstens eine Konstante im Leben. Und weil es mit der Angst als Begleiterin nie langweilig wird, steigert sie sich in besonders faden Momenten in sie hinein bis ins Unermessliche. Hinter jedem Schatten vermutet sie einen Mörder, von jedem Baum könnte sie in der nächsten Sekunde erschlagen werden, und in ihrem eigenen Pool sieht sie eine Todesfalle.
Die Zigarette geht aus, sie steckt sich eine neue an. Jetzt ist es auch schon egal, ob der Krebs noch kommt. Vielleicht wär’s sogar besser. Die Vorsorgeuntersuchung hat sie abgesagt. Jetzt will sie auch nicht mehr gerettet werden. Wenigstens ist es angenehm mild. Klimawandel sei Dank sitzt sie heuer schon im Februar draußen.
Im Gebüsch raschelt’s. Barbara ist bereit und wackelt nervös mit dem rechten Bein, das sie über das linke geschlagen hat. Sie schaut so angestrengt, dass sich ihr Oberkörper langsam nach vorne bewegt und sich ihre Augen dabei verengen.
»Barbara! Jetzt sei nicht peinlich!«, schallt es da, »Es kommt kein böser Geist, um dich zu holen, der Postbote kommt gleich, das ist alles, und da vorn sitzt wahrscheinlich eine Amsel drin und du scheißt dich gleich an. Was soll denn das! Du bist doch eine erwachsene Frau!« Endlich, denkt sich Barbara, die zutiefst erschrak und eine erholsame Gänsehaut am ganzen Körper spürt, da ist sie wieder, die scheltende Stimme vom D. – sie wusste doch, dass gleich was kommt. Sie hat es immer schon gewusst. Dass der sich nicht abschütteln lässt, denkt Barbara und zieht an der Vogue. Im Gebüsch raschelt’s weiter. Und dann: absolut nichts zu sehen. »Sag ich’s doch! So eine Aufregung wegen nichts!« Der D. ist tot und zetert trotzdem in ihrem Schädel herum – das Leben ist wirklich ungerecht.
Doch Barbara ist erleichtert, die Stimme ihres toten Mannes hört sie immer noch so klar. Warum war der eigentlich immer so lästig? So leicht reizbar? Das Wippen ihres Beines wird langsamer, bis es schließlich aufhört. Barbara ist sich gar nicht mehr sicher, ob es überhaupt im Gebüsch geraschelt hat. Denn es ist schön ruhig hier auf der Terrasse, eines Morgens stand sogar ein Reh vor den Büschen. So eine Idylle nennt Barbara ihr Heim. Dass das Reh heimlich die Jungpflanzen frisst, ist ihr noch gar nicht bewusst.
Da der Pool, da die zweite Liege – völlig unbenutzt. Da blühen später die Rosen, und da hinten haben D. und Barbara einmal den Kater und die Katze beerdigt. Der Kater war dick, ein wandelnder Hocker auf vier Beinchen, so sah der aus mit seinen langen Haaren, ein Quadrat, und mit einem Schnurren so laut wie ein Motor. Und die Katze war grazil, irgendwie elegant und wenig verschmust, die wollte mehr Action. Ganz wie D. und Barbara, er ein Hocker, sie so abenteuerlustig. Sie weiß gar nicht, wann die Tiere verstorben sind. Zeit ist für Barbara weniger greifbar denn je. Die Zigarette geht aus, sie steckt sich eine neue an. Was soll’s. Ist eh schön. Mir geht’s gut, denkt sich Barbara. Schöner wär’s nur, wenn die Sonne noch ordentlicher scheinen würde. Heute hängt so ein diesiger Dunst, gänzlich unattraktiv. Spuken kann’s auch bei Sonnenschein. Es muss nicht immer trüb sein.
Sie lehnt sich zurück und wackelt wieder nervös, ihre Hand streift über den Poolliegenaufsatz. So gemütlich. Die Zigarette hängt ihr von den Lippen, der Blick hängt an ihren lackierten Fingernägeln.
Mit einem Satz und einem Jauchzen springt ein weißer Spitz aus dem Gestrüpp, rennt schnurstracks auf sie zu und hechelt aufgeregt. Wer weiß, ob vor Freude oder Durst oder Tollwut, und tut dabei so, als wär das ein ganz gewöhnlicher Vorgang. Als wären sich die beiden schon längst bekannt.
Barbara, die sich so gern fürchtet, hat sich nicht erschrocken, betrachtet den freudig umherhüpfenden Spitz, nimmt erst mal lässig die Kippe aus dem Mund und drückt sie im winzigen Marmoraschenbecher aus, der auf dem Tischchen neben ihrer Liege steht. Der Hund gibt sein Bestes. Er setzt sich artig zu Barbaras Füßen und schaut sie an. Mund auf, Mund zu, Zunge raus, hechel, hechel, die Zunge fährt über ihre Hand. Barbara ist erst in diesem Moment völlig überwältigt und stößt einen spitzen Schrei aus. Jetzt begreift sie erst: Ist die Strafe Gottes ein kleiner, weißer Zuchthund? Der Hund hat keine Ahnung von der tiefen Angst, die sich in Barbara breit zu machen scheint, ist er nur Entzückung und Lobhudelei gewohnt, er schleckt ihr deshalb sanftmütig über das Bein, um ihr die benötigte Zuneigung zu entlocken. Das erinnert Barbara an ihre Krampfadern, und sie lässt die Zuneigung über sich ergehen, als wäre das die verdiente Folter. Sie versucht, sich dran zu erinnern, in welchen Gestalten der Teufel sonst immer auftaucht. Sie hat wohl völlig vergessen, dass sie längst aus der katholischen Kirche ausgetreten ist und sich eigentlich gegen den Glauben entschieden hat. Aber in so einer Gegend, da am Starnberger See, da kann wirklich gut an einen Gott geglaubt werden, so schön ist es da. Und so ein Hund, so ein herangezüchteter, ist ja auch wirklich nicht von dieser Welt.
Der Hund hat keine Zeit für solche Erwägungen, der braucht Nahrung und setzt auf mitleiderregendes Winseln, was sogar die Barbara zurück in die Realität bringt. Kirche! Jesus! Gott!, sie schüttelt den Kopf und wundert sich mehr über sich selbst als über ihren neuen Begleiter. Endlich kommt der Sinn fürs Wesentliche zurück. Sie leert den Aschenbecher in den Pool, den wird sie so schnell eh nicht mehr betreten und steht auf, der Hund springt in die Höh, Barbara geht zur Terrassentür, öffnet diese, geht hinein, nickt dem Hund zu, der keine Einladung mehr gebraucht hätte, und so verschwinden die beiden im Haus. Barbara weiß, was zu tun ist: Küche, Kühlschrank, Fleisch von gestern.
Sie weiß, wie sie das Gewinsel ums Essen abstellen kann.
Das hat sie ihre ganze Ehe lang gewusst. Gefressen wird doch immer gleich.
Dem Hund ist alles Wurst, der stürzt sich auf den Teller, den Barbara just auf den Boden stellt, und frisst in Windeseile alles auf. Sie steht neben ihm, die Hände ineinander geschlagen und ganz gerührt von so einem Appetit. Ein vergessenes Glücksgefühl. In der Zwischenzeit macht der Postbote am Briefkasten herum, und Barbara schaut auf die Uhr. Erst elf. Der Tag ist noch so lang. Der Briefträger ist pünktlich. Brav und vorbildlich. Langweilig und vorhersehbar. Sie schneidet dem Hund noch ein bisschen mehr Fleisch auf. Der Hund liebt sie gerade sehr. Und das fühlt sich gut an.
Also, was ist jetzt zu tun? Wo wird ein fremder Hund gemeldet? Kann schon sein, dass er einer Villentante von einem Seegrundstück abgehauen ist, da würde ich auch fliehen, so ausgschamt san die da drüben – aber dann kommt der ausgerechnet hier an? Das ist ja viel zu weit weg. Hinter dem Gebüsch ist nichts. Ganz lange nichts. Und auf der anderen Seite, also vor dem Haus, da kenn ich mich aus. Da hat niemand so einen Hund. Noch nie gehabt. Der war auch noch nie zu Besuch, des hätt ich doch mitbekommen. Der wird ja nicht an der Loisach entlang spaziert sein bis hierher. So ein Schoßhündchen überlebt doch nicht in der echten Welt. Ach, Schmarrn! Ein bisserl dreckig ist er, aber nicht dreckig genug. Geh, Blödsinn, der ist doch ned durchs Unterholz geirrt. Vielleicht hat ihn jemand an der Bushaltestelle ausgesetzt. Oder einfach hinausgschmissen ausm Auto. Ja, freilich. Was meinst, was der frisst. So ein Rassehund. Sicher nur das Allerfeinste. Irgend so eine Wohlstandsverwahrloste wird den schon verhätschelt haben. Naja, jetzt sagen wir’s mal so: Der Hund kam aus freien Stücken hier an, dann darf er auch bleiben. Jawoll. Ich helfe, wo ich kann. Mei, jetzt schaut er wieder so liab. Vielleicht no a Radl Wurst?
Sie stellt ihm die neu gefüllte Schüssel hin, und der Hund macht keine Anstalten, irgendetwas anderes zu wollen. »Da schau her, Hundi, feines Fleischi!« Der Hund weiß, was feines Fleisch ist. Vielleicht hat er auch tatsächlich ein gutes Gespür fürs Timing, weil lange hätte es Barbara nicht mehr ausgehalten, dann hätte sie vor lauter Langeweile erst ernsthaft Angst und dann wohl doch noch einen Vogel bekommen – und hätte sich wahrscheinlich selbst niedergestreckt. Sie erwartet so sicher eine Bestrafung, dass sie sich permanent selbst bestraft. Eine Bestrafung, weil sie noch lebte, den D. beerdigte, weil sie nicht zuckerkrank ist, weil sie sich auch ein bisschen freut, allein zu sein, den D. nicht mehr im Haus zu haben. Der Ehegatte hat sich überfressen. Passiert. Das ist kein Einzelfall. Und dem hat’s immer geschmeckt. Der D. hat bis zum Schluss versichert, wie fein alles schmeckt. Sie hat ihn zu nichts gezwungen, nein, es war eher umgekehrt: Er hat das Essen eingefordert. Sonst war er noch lästiger. Und wer will freiwillig so einen Grantler zuhause sitzen haben?
»Jetzt muss einmal die Kirche im Dorf gelassen werden. D. war ein erwachsener Mann, der sich selbst in den Tod gefressen hat. Barbara ist lediglich ihrer fraulichen Pflicht nachgegangen und hat für ihn gekocht – das fordert ihr doch von euren Frauen! Ich würd euch alle vergiften!« Das hat Jolie gesagt, kurz nachdem sie auf den Tisch geschlagen hat wie ein Kerl, als die Männer Barbara als Todes-Köchin, als Todes-Gattin verhöhnten. Dann blieb es für einige Minuten mucksmäuschenstill im Wirtshaus. Jolie atmete schwer und setzte sich aufrecht hin, die Männer schauten bedröppelt und erschrocken. So wie Emma, die gar nicht wusste, wie ihr geschah. Jolie reiste ein paar Tage später wieder ab und damit verstummten auch die empörten Männer, die so eine freche Aktion überhaupt nicht gutheißen konnten, aber da hatte die freche junge Frau längst einen Keim in Barbara und in Emma gepflanzt. Barbara merkte, dass sie der Tod des eigenen Mannes auf ungeahnte Weise auch erleichterte. Der Keim sprießt. Die Realität als Witwe. Eine einsame Frau ohne Chance auf eine neue Liebe, denn die gibt es für Frauen in ihrem Alter nicht noch einmal.
Der Spitz ist fertig mit Fressen und möchte jetzt den Bungalow inspizieren, den er sich als neues Heim ausgesucht hat. Barbara folgt ihm und ist zufrieden über die Abwechslung, auch etwas verunsichert, wer weiß, ob der überhaupt stubenrein ist.
Sie greift nach dem Telefon, denn wenn sie eins nicht kann, ist das, gute Neuigkeiten für sich behalten: »Emma, pass auf: Da steht der plötzlich auf meiner Terrass’n, hab ich mich erschrock’n, kannst dir vorstell’n. Hüpft der da aus dem Gebüsch heraus, wie ich nichts-ahnend auf der Liege lieg und mich entspanne. Ja, na freilich, was soll ich denn sonst tun? Aber schau in sei liabs G’sicht, da zergeht dir’s Herz! Ja, eh, wart, ich schick dir gleich ein Foto, gleichzeitig geht das nicht. Du, ganz ehrlich: Ich hab keine Kinder, ich hab Geld auf dem Konto, ich nehm den Hund schon auf, das darfst mir glauben! Mein neuer Freund wird das. Treuer Begleiter, oder? Mei, so liab. Naaa, ich weiß nicht, wem der gehört. Ja, wenn ich’s dir doch sage, da ist keine Hundemarke. Na, die Polizei, so ein Schmarrn, als würden die sich jetzt mit so einem Schoßhündchen herumschlagen wollen, die haben wirklich was Besseres zu tun. Ins Tierheim? Bist narrisch. Das überlebt doch so ein feiner Hund gar nicht. Wenn du den jetzt sehen könntest, würdest nicht so damisch reden. Ich schick dir jetzt ein Bild, weil ich muss sowieso auflegen. Wir hören uns, gell? Ja, freilich sehen wir uns am Freitag. Na, sofort passt’s mir eigentlich nicht. Heute hab ich wirklich gar keine Zeit für einen Besuch. Na geh! Hör auf. Wirklich? Mei, das ist ja schad. Woher weißt du das? Na, sowas aber auch. Du, das tut mir jetzt wirklich leid, aber ich muss wirklich auflegen, weil der Hund ist jetzt irgendwo, und der kennt sich hier nicht aus. Ja, genau. Alsooooo, bis dann! Ja. Na, eh. Durchhalten, gell? Servus!«
Barbara ist stolz darauf, wie gut ihr schon wieder die Telefonate gelingen und wie gut sie diese Mitleids-Besuche abwimmeln kann. Sie braucht jetzt kein Mitleid. Sie braucht Abwechslung, und die hat sie jetzt. Dank dem Herrn. Sie lacht. Haha, als würd ich an den Herrgott glauben. Fröhlich spaziert sie durch ihr eigenes Haus und schaut in jedes Zimmer wie an Ostern, wie ein Kind auf der Suche nach der versteckten Süßigkeiten.
Dann entdeckt sie das süße Unschuldslamm: Der Hund liegt schon auf dem Bett und hebt kurz den Kopf, als Barbara ins Zimmer tritt. Der Hund weiß allerdings eh, dass er nicht vom Bett gestaubt wird, und legt den Kopf wieder ab. Barbara tätschelt sein Köpfchen und da kommt ihr erst, dass sie sein Fell noch gar nicht berührt hat. Meine Güte, ist das weich. Und fluffig. Wo ist denn da der Körper, fragt sich Barbara, der Hund, der ist ja weniger als nichts. Sie legt sich auch auf’s Bett, lässt sogar die Schuhe an. Wozu liegt da denn eine Tagesdecke, wenn nicht dafür. Hündchen und Frauchen schauen sich zufrieden an. Gut ist’s. So könnt’s bleiben. Schade, dass so ein Hund nicht schnurren kann. Irgendein Geräusch der Zuneigung wär jetzt schön. Barbara flüstert Liebkosungen in die Stille. Das Hündchen schmatzt zufrieden.
Dass Barbara mal einen so prächtigen Zuchthund hätte, das hat wirklich niemand geahnt. Frauchen und Hündchen schließen die Augen und dösen, bis sie beide einschlafen. Den Luxus eines Schläfchens am helllichten Tage hat sich Barbara bis vor D.s Tod kein einziges Mal in ihrem Leben gegönnt. Wie gut sich das anfühlt, einfach himmlisch, denkt sie sich und schlummert ein.
Dass Barbara nicht im Himmel angekommen ist, wird ihr klar, als sie vom Kratzen an der Terrassentür, in Verbindung mit dem ihr noch nicht geläufigen Winseln geweckt wird und in ihr sofort Alarmbereitschaft herrscht. Der Hund muss pieseln. »Obacht! Jetzt aber raus, sofort, mach mir ja nicht auf den Teppich, sonst war’s das mit uns beiden, Freundchen. Weißer Flokati. Wehe, du scheißt mir in die Bude!«
Sie springt aus dem Bett, reißt eine andere Terrassentür auf. Der Hund schießt sofort in Richtung des Gebüschs, aus dem er vorhin heraussprang und verrichtet sein Geschäft. »Hast mir eh nicht ins Bett, oh weh, lieber gleich nachschauen.« Sie tastet die Bettwäsche ab. »Puh, Glück gehabt. So ein Braves!« Barbara ist dermaßen erschrocken, erst über eine potenziell nasse Tagesdecke, dann weil sie befürchtet, ihr neuer Begleiter rennt jetzt einfach denselben Weg zurück, dorthin, woher er eben gekommen ist, und sie würden sich nie wieder sehen, so rennt sie in die Küche und greift nach einer Packung Wurst, eilt auf die Terrasse, reißt das Papier auf und lockt das Hündchen so, wie sie einst ihren Mann anlockte: mit dem Versprechen auf eine Gaumenfreude, auf ein bequemes Leben, auf nie enden wollende Bedienung. Auf puren Mittelstandsluxus. Sie raschelt und ruft und müht sich ab, völlig überflüssig.
Der weiße Spitz kommt dahergetappt und schnappt gierig nach der Wurst, Barbara lässt ihn hüpfen und springen, und es erfüllt sie mit so einer großen Freude, dass sie erst jetzt bemerkt, wie spät es eigentlich ist. Sie manövriert den Hund ins Haus, legt ihm noch ein paar Scheiben unterschiedlichen Aufschnitts auf seinen Teller wie einst D. und verlässt den Bungalow. Seit Langem war sie nicht mehr so motiviert, in die Welt hinauszutreten.
Heute aber. Endlich eine Aufgabe. Und zwar eine große.
Eilig marschiert sie zum Auto, steckt sich eine Vogue an, fährt aus der Einfahrt und in Richtung Industriegebiet. Nächster Halt: Haustierbedarf. Im Radio kommen Powerballaden der 80er. Oh, sie fühlt sich gut und singt mit. Wann hat es so etwas zuletzt gegeben? Das fragen sich nicht nur die Nachbarn, die sie so eilig davonbrausen sahen, sondern auch diejenigen, die sie singend an Ampeln angaffen.
Den Weg kennt sie blind. Durch die Wohngebiete, über die Brücke, an der Gärtnerei, am Möbelhaus mit großem Sonderverkauf vorbei, an den Fast-Food-Ketten entlang zum Baumarkt, dahinter der Discounter, das Back-Center, und da kommt er auch schon, der Laden für Mausi, Katzi, Hundi und alles Mögliche dazwischen, neben dem Schuh-Outlet, dem Mega-Action-Markt und den Billig-Kleiderläden, aus denen der Plastikgeruch über den gemeinsamen Parkplatz weht. Hier reihen sich auf der einen Ortshälfte die Konsumtempel aneinander, damit auf der anderen die Villen mehr Platz und Strahlkraft haben. Diese Verteilung kommt bei den Einheimischen gut an. Auch die Touristen, die sich gar nicht erst in den geschmacklosen Bereich außerhalb des historischen Ortskerns und der guten Viertel mit Seezugang verirren, schätzen diese Klarheit an dem sauberen altbayerischen Städtchen. Doch die, die hier leben müssen, die sind der Hässlichkeit und der Tristesse schonungslos ausgeliefert. Arme Hunde. Arme Säue, hat D. sie genannt.
Fast am Ziel kommt ihr plötzlich ein Polizeikonvoi entgegen mit Blaulicht, Sirene, allem, was dazu gehört. Barbara weiß, wie sie sich zu verhalten hat. Am liebsten würde sie umdrehen und der Polizei hinterher, schauen, was sich zugetragen hat, wie früher, als D. und sie noch gemeinsam ins Auto gesprungen und der Sirene hinterher sind. Ohne D. macht das Gaffen keinen Spaß, weiß die Witwe und fädelt sich stattdessen in die Linksabbiegerspur ein, um in den Parkplatz vom Mega-Center zu rollen. Die Zeiten sind vorbei, jetzt lebt sie ein neues, ein anderes Leben. Da weht schon der Duft vom Grillhendl-Stand herüber. »Nimm mich mit!«, steht da drauf. Heute nicht, sagt Barbara zu sich selbst.
Während sie das Auto verriegelt und zur großen automatischen Schiebetür blickt, denkt sie über das Glück nach, das ihr so ein Tier bringen wird. Die unbedingte Liebe, der Gehorsam, die Liebkosungen, die Abhängigkeit.
Zur Sicherheit holt sie sich einen großen Einkaufswagen und strebt sofort nach Betreten des Tiercenters in die Hundeabteilung. Die Musik ist ausgesprochen gut gewählt, und alle Besucher erscheinen grundsätzlich glücklich. Kinder suchen Spielzeug für ihre Vier-beiner, ein Paar steht vor den Vogelkäfigen, also Vögel im Käfig, das ist wirklich Tierquälerei, und da sieht sie eine sehr elegante Frau, die einen Spitz an der Leine führt. Barbara pocht das Herz. Auch sie wird so aussehen. Die Dame lacht herzlich. Der Hund wird von ihr hochgehoben, beide knuddeln sich, und da bellt der einmal – zuckersüß! – und die Frau wirft einen Ball, das Hündchen läuft los. Das Video über Hund und Frauchen läuft auf einem kleinen Monitor am leeren Info-Counter. Als nächstes wird ein Mann mit einem Bernhardiner gezeigt. Der Hund ist viel zu groß.
Das Tier braucht ein Schlafkörbchen, eine Decke, einen Fressnapf, Spielzeug. Barbara kann sich bei allem zügig entscheiden und greift stets zur drittteuersten Ausführung. Das ist nicht so protzig und doch besser als der Durchschnitt. Ihr neuer Liebling darf schon was kosten, aber angeben muss sie auch wieder nicht. Vor den Tierfutterregalen bleibt sie zum ersten Mal ratlos stehen. Sie möchte keinesfalls einen Fehler machen, entschließt sich schließlich für eine Marke, die einen weißen Spitz auf ihrer Verpackung abbildet. Die müssen’s ja wissen. Und kehrt noch zwei Mal zurück, um mehr Futter in den Wagen zu werfen, wer weiß, was der frisst.
Sie stattet sich aus, als hätte sie eine Spitzzucht eröffnet. Erst bei den Halsbändern realisiert sie, dass sie das Geschlecht ihres Hündchens nicht kennt. Barbara ist enttäuscht. Sie wünscht sich so sehr ein Mädel, mit einem rosa Band, einer rosa Leine und für besondere Tage vielleicht sogar das strassbesetzte Exemplar. Sie wählt ein Set in schwarz und eins in braun, wirft im letzten Moment aber das rosafarbene in den Einkaufswagen. Dem Hund is doch egal, was er trägt. Am allerliebsten würde sie auch noch so ein herziges Namensschildchen gravieren lassen, greift stattdessen zu einem Ratgeberbuch für Hundenamen. Kurz soll der Name sein und die edle Ausstrahlung des Wesens erfassen.
Gloria würde passen, weil der Hund so neugierig ist und Barbaras Rätselheft so heißt. Wahrscheinlich hat der Hund einen saudummen Namen, so was wie Madame, Bella oder Mini. Ich werd den schon umbenennen können. Nur eine Frage der Erziehung. Eine Frage der Fürsorge. Meine kleine Gloria wird gar nicht mehr weg wollen von mir. Nein, die wird es so gut haben wie der D.
Sie legt den Ratgeber zurück und lässt sich ihre Grundausstattung in Tüten einpacken, schaut gar nicht auf den Preis, reicht nur die EC-Karte, schiebt anschließend den Einkaufswagen über den Parkplatz und kann es kaum erwarten, zuhause anzukommen und Gloria zu beschenken. Wie der Hund schauen wird, wenn sie ihm die Leckerli bringt und das schöne ergonomische Hundebett, das intelligente Spielzeug und die weiche Decke.
Raus aus dem Parkplatz, blaue Stunde. Sie fährt durch die Ortschaft, wieder vorbei an den unzähligen Einkaufsmöglichkeiten, lässt den Industriepark hinter sich und will auf die Landstraße abbiegen, da wird sie von der Polizei weitergewunken und muss einen Umweg in Kauf nehmen.
Na sowas, was ist denn jetzt schon wieder passiert? Heute wird es ihr wirklich nicht leicht gemacht, doch sie kann widerstehen, bleibt nicht stehen und fragt nicht nach dem Grund. Auf dem Land kennen sich alle, nicht wahr? Da darf jeder ein bisschen neugieriger sein. Und das kann auch schnell gefährlich werden. Nicht dass der Polizist fragt, was das ganze Hundezeug da soll. Freundlich winken und weiter geht’s.
Der Umweg beschert ihr einen Blick auf die Berge, die heute viel näher erscheinen, als würden auch sie diesen Tag zu etwas ganz Besonderem machen wollen. Die Greifvögel sitzen erhaben am Straßenrand, und kaum ein Auto kommt ihr entgegen. An was für einem wunderschönen Fleck Erde ich lebe, denkt sich Barbara, das hier ist das Paradies. Kein Wunder, dass die Gloria ausgerechnet zu mir gekommen ist. Logisch!
Und schon biegt sie ab, in die eigene Idylle und parkt ihr Sportauto vor dem Bungalow. Sie trägt Tüte um Tüte zur Haustür, blickt sich um, niemand zu sehen. Wo steckens denn alle? Und mit dem Öffnen der Haustür kommt auch schon Gloria dahergelaufen und springt eifrig dem neuen Frauli die Beine hoch. Barbara spürt in diesem Moment, dass der weiße Spitz gar keine Intention hat, wieder zu gehen. Die beiden gehören zusammen, das Schicksal hat sie zusammengeführt. Das hier ist nicht die Ausgeburt des Teufels, das ist vielleicht der Hund gewordene D.! Sie bringt die Einkäufe ins Haus und setzt sich erst einmal in die Küche. Verschnaufpause. Der Spitz schnuppert an den Tüten. Fernseher an. Der Spitz springt auf die Eckbank und legt sich hin auf den alten Platz vom D. Das ist ein Zeichen. Aber darüber kann Barbara nicht weiter nachdenken. Jetzt kommen die Nachrichten. So mag es Barbara. Schön stillhalten, wenn die Neuigkeiten verkündet werden und sie sich ordentlich über die Anderen wundern kann.
Die Ruhe und Entspannung sind nur von kurzer Dauer. Die Moderatorin berichtete soeben noch vom Aktionsplan Wolf, die vom Bauernverein geforderte Tötungserlaubnis, da schwenkt die Kamera auch schon auf ein stattliches Grundstück aus Barbaras erweiterter Nachbarschaft. Freilich, das Haus hinter der polizeilichen Absperrung ist nicht gerade einen Katzensprung entfernt, aber es gehört zum gleichen Landabschnitt, genauer gesagt zum selben Landkreis. Ein schönes Haus, eine alte Villa mit privatem Seezugang, muss ein Vermögen gekostet und jährlich noch eins verschlungen haben. Das Bild zeigt Polizisten, Spurensicherung, eins der Autos, das zum Haus gehört. Typische Tatortaufnahmen. Die Moderatorin spricht von Überfall, Raubmord, Todesopfern, eingeschlagenen Scheiben, Blut, gestohlenen Gütern, gestohlenem Barvermögen, bittet um Informationen. Sie zeigen ein Archivfoto: Mann mit breitem Lächeln und Escada-Golf-Käppi. Dann ein anderes: Frau im Kostüm mit Hut und, jetzt erschrickt sich Barbara, mit einem weißen Schoßhündchen. Um dringende Tathinweise wird gebeten, schließlich handelt es sich bei dem Paar um ruhige, angenehme Nachbarn, die seit Jahren hier ihre Wochenenden und Ferien verbrachten. Hoffentlich, so die Moderatorin, ist das nicht der Anfang einer Überfallserie. So was Tragisches, Mord aus Habgier, aus Eifersucht, aus Tobsucht, aus Versehen? Und das wäre auch in der eigenen Nachbarschaft möglich, hier ist das alte Geld, huch, Barbara wird es ganz klamm ums Herz. Zur Aufmunterung ein Bericht über die Rückkehr der Goaßmaß, der Weltrekord im Maßkrugstemmen und die Frage, warum die Österreicher mehr Rente kriegen. Es folgen Sport, Wetter und ein lustiger Spruch aus dem Bauernkalender. Das waren die Tagesnachrichten, schönen Abend, bis morgen, Mahlzeit, gesund bleiben und nach vorne schauen!
Barbara schaut abwechselnd den Hund und den Fernseher an. Der Hund döst. Es rattert im Hirnkastl. Der Hund merkt nichts. Dann endlich Freude, Barbaras Mund verzieht sich zu einem Lächeln, wie es schon lange nicht mehr durchkam: Ja, das ist sich jetzt super ausgegangen. Die alten Besitzer sind tot. Keiner wird nach dem Hündchen suchen. Es wurde nicht einmal über dich gesprochen. Außerdem sind’s, was sag ich, waren’s Wochenendler! Des war’n gar keine von uns!
Es läutet das Telefon, Emmas Name wird angezeigt. Barbara hebt ab, die Freundin redet, Barbara hört kaum zu, Emma hat soeben die Nachrichten gesehen, ist das der Hund?, Barbara schaut den Hund an, Emma sagt, sie müsse den Hund jetzt sogar behalten, sonst käme er ins Tierheim, Barbara stimmt ihr zu, Emma sagt, sie möchte morgen vorbeikommen, Barbara hat nichts mehr dagegen, Emma freut sich für Barbara, Barbara freut sich auch, Emma sagt, der Hund wird ihr helfen, nicht dumm zu werden oder ungeduldig oder gemein. Barbara verabschiedet sich. Barbara ist unermesslich glücklich. Manchmal trifft’s die Richtigen, jawoll! Da gibt’s gleich noch ein Leckerli fürs Hundi.
Sie setzt sich zu ihrem Hund an den Küchentisch, streichelt das weiße Tier und holt den Erdbeerschnaps aus dem Schrank in der Eckbank. Um ein Glas bemüht sie sich erst gar nicht und trinkt einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Gloria legt den Kopf auf ihren Schoß, Barbara greift nach den schönen Zigaretten und raucht genüsslich. So hat sie sich ihr Leben vorgestellt. Wenn das nur der D. sehen könnte. Wenn der wüsste, was er verpasst. Sie streichelt das Köpfchen des Hündchens und lässt sich das Gesicht abschlecken. Gierig nach Zuneigung, streckt sie sogar ihre Zunge ein Stück weit heraus. Fast wie ein Kuss, denkt sich Barbara und desinfiziert ihren Mund mit einem Schluck Selbstgebranntem. Danke D., denkt sie sich.
LISA
Lisa sitzt im Restaurant, weil sie nicht wusste, was sie sonst mit ihrer Zeit anfangen sollte. Sie hat einen kleinen Beilagensalat gegessen, ausführlich die extra kitschige Tischdekoration betrachtet, Bleikristallkerzenständer mit rosa Kerzen, rosa Servietten und in der Mitte eine Vase mit roten Rosen, hat zwei Gläser Prosecco getrunken und bestellt sich jetzt, um diesem Tag irgendeine Art von Schönheit zu geben, ein weiteres Glas Champagner. Es ist 18 Uhr, und heute ist ihr das Geld egal.
Dem Kellner ist ihr Verhältnis zu Geld ebenso egal, weil hier – im Spezialitätenrestaurant für Meeresfrüchte – immer gut Geld ausgegeben wird. Der Kellner ist das Geld gewöhnt und weiß, dass oft die Leute das Geld haben, die gar keinen Geschmack und Stil vorweisen können. Lisa sieht heute nicht besonders aufregend oder schön aus. Lisa hat heute viel geweint, ihr Gesicht ist verquollen, und bei genauerem Hinsehen ist ihr Outfit abgetragen. Lisa weiß all das und schämt sich, weiß jedoch nicht, wohin mit sich. Das teure und traditionsreiche Spezialitätenrestaurant war der erste Laden, in den einzutreten sie sich entschließen konnte. Sie irrte zuvor ziellos durch die Stadt und wusste nur, dass sie unter keinen Umständen nach Hause will. Es musste ein Etablissement sein, in dem sie noch nie war und in dem garantiert niemand säße, den sie kennt. Und wie kann eine besser eine Fehlgeburt vergessen als in einem Spezialitätenrestaurant für Austern?
Das Glas Champagner kommt an den Tisch, und Lisa, die gewissenhaft seit Wochen keinen Alkohol trank, ist jetzt – schon vor dem dritten Glas – beschwipst. Der Kellner möchte, dass die Frau etwas Richtiges isst, um nicht zu betrunken zu werden, und empfiehlt daher wärmstens die Spezialität des Hauses: eine Austernplatte. Frische Austern und leckere Saucen, mit köstlichen Schnecken in den unterschiedlichsten Variationen und als kleines Bonbon kommen sogar noch zwei Garnelen dazu: »Dafür kommen die Leute von weit her. Zu den Gästen zählt nicht nur die Prominenz, sondern auch die einfachen Leut, und das ist unserem Restaurant schon immer wichtig gewesen: die Klassenunterschiede einfach ignorieren. Weil, die Preise sind hier unschlagbar, der Service ganz klassisch, wie Sie sehen, und die Lage sowieso: top. Unsere Küche können sich auch die einfachen Menschen leisten.«
Lisa findet sein Bemühen schön. Lisa schlägt zu. Sie wird sichtlich aufgeregt: »Wenn nicht heute, wann dann? Sie haben Recht! Her damit! Und noch mehr Champagner – ich zahle mit Kreditkarte, schließlich habe ich Geburtstag …«, und so kramt sie auch schon in ihrer Handtasche nach ihrem Portemonnaie und darin nach ihrer Kreditkarte, die irrsinnigerweise mit einem Zebramuster bedruckt ist, und wedelt damit in der Luft herum. Stünde der Kellner noch da, hätte er ihren glücklichen, gelösten Gesichtsausdruck erhaschen können, der sich wieder zu einer Grimasse verzieht. Ihre Kreditkarte funktioniert. Sie ist kreditwürdig. Sie hat Geld auf dem Konto. Lisa trinkt. Ihr Lidstrich ist verschmiert. Niemand hat sie darauf hingewiesen. Mit dem ganzen Leid allein.
Der Kellner bringt artig einen Kühler, platziert die Flasche Champagner und gratuliert mit einem kleinen Stück Schokotarte. »Geburtstagsgruß aus der Küche. Und das am Tag der Liebe, wunderbar!«, säuselt er angenehm glaubwürdig.
Lisa trinkt ihr Glas schnell leer und beantwortet lieber gleich die Frage nach ihrem Alter, bevor sie saudumm gestellt wird: 44.
»Prächtig! Eine Schnapszahl! Herzlichen Glückwunsch«, erwidert der Kellner, der es vergisst, als er sich vom Tisch wegdreht, der einfach Mitleid hat mit einsamen Frauen, die sich in sein Restaurant verirren, die sich dorthin flüchten, sich ihrem Schicksal ausgerechnet hier hingeben wollen. Generell liebt er Menschen, die am Katalog der luxuriösen Eigenheiten festhalten, an Dingen, die irgendwann einmal für Glanz standen, für Erfolg und jetzt, schon bis zur Peinlichkeit zum Gemeingut geworden, immer noch gelten. Kaviar, Austern, Champagner, gibt’s alles beim Discounter. Aber hier ist es noch echt, hier war es schon immer authentisch. Der Kellner hat eine Schwäche für Menschen, die sich von den Versprechen eines besseren Lebens manipulieren lassen, und genießt ihre Anwesenheit. Wenn sie unbeholfen den Hummer zerlegen und nicht genau wissen, wie das geht, mit dem Krabbencocktail, dann geht ihm das Herz auf. Nicht aus Überheblichkeit, nein, aus ehrlichem Mitgefühl.
Der letzte Schimmer längst verschwundenen Glamours. Er hängt an dem Kitsch. Aber die Menschen, die sich diese Extravaganz leisten können, werden immer weniger. Die Superreichen kommen schon lange nicht mehr her.
Lisa nimmt einen großen Schluck und schenkt sich wieder nach.
Da sitzt sie also, nach außen hin zusammengehalten von einer gesund anmutenden Hülle, hat immerhin alles, was ein Körper braucht, und im Innern ein Schlachtfeld. Das Telefon klingelt, sie schaut dem leuchtenden Bildschirm zu, bis es aufhört zu vibrieren, 17 Anrufe in Abwesenheit, meine Güte, nervt der Typ. Lisa schafft es nicht ranzugehen, aber auch nicht, das Telefon in ihrer Tasche zu verstauen und starrt auf den Bildschirm, überfliegt die Nachrichten. Er will immer etwas regeln. Seine Regeln gelten dann. Er findet, er brauche jetzt Zeit, und legt den Schlüssel auf den Küchentisch. Er findet, das sei eine gute Idee. Es wäre gut für beide.
Zum Glück hat Lisa keine Zeit, sich dem nächsten Gefühlsschwall hinzugeben und in Tränen auszubrechen, sich selbst zu hassen und die Schuld auf sich zu nehmen, denn da kommt der Kellner und das Objekt, das er trägt, ist nicht gerade das, was Lisa sich unter einer ordinären Austernplatte vorgestellt hat. Eine dreistöckige Etagere, zum Überquellen belegt mit Schnecken in jeglicher Größe, Austern und auf der obersten Stufe in jeweils ein Gläschen getunkt zwei Riesengarnelen. Lisa trägt’s mit Fassung, der Kellner mit einem Glücksgefühl. Das ist die Spezialität. Das ist der Stolz des Hauses.
»Genießen Sie, Madame, auf diese drei Stockwerke feinsten Genuss kommt es an. Herzlichen Glückwunsch zu dieser phänomenalen Wahl. Und zum Ehrentag selbstredend. Was für eine herrliche Idee, sich selbst so zu feiern! Es kommt niemand mehr, nehme ich an?«
Lisa legt sich die Stoffserviette auf den Schoß und weiß gar nicht, wo sie anfangen soll, greift nach der erstbesten großen Schnecke und dem dazugehörigen Besteck. Der Kellner stellt noch ein Dutzend Saucen auf den Tisch, wünscht guten Appetit, und beide sind erleichtert, weil Lisa jetzt eine Weile lang beschäftigt sein wird. Der Kellner ist verzückt bei ihrem Anblick, kümmert sich nun allerdings um die neu eintrudelnden Gäste, würde ihr aber gern weiterhin Gesellschaft leisten. So ein schöner Tag, denkt er sich, denn da kommt eine Familie aus Niederbayern herein, mit einem München-Reiseführer in der Hand und einem ordentlichen Dialekt im Mund.
Der Kellner ist ein hundsgemeiner Typ und setzt die Familie an Lisas Nebentisch. Die ganze Familie staunt nicht schlecht über die dreistöckige Etagere, und der Vater kann seine Augen gar nicht mehr abwenden. Lisa fühlt sich in ihrer Wahl bestätigt und lobt freundlich die Qualität des Essens. Ehe der Kellner die Karten ausgeteilt hat, stürmt auch schon eine neue Gruppe ins Restaurant.
Heute geht’s aber zu, das kann ja heiter werden, Fest der Liebe, Liebe geht durch den Magen! Klassisches Theaterpublikum, das sieht der Kellner sofort. Die Herren im Anzug, die Frauen im Kleidchen und allesamt in den guten Ausgehschuhen. Die niederbayerische Familie liest aufmerksam die Karte und hat den München-Führer schon längst verschwinden lassen. Die Theaterbesucher setzen sich und reißen die Hände in die Luft, als die Verabredung den Laden betritt.
»Endlich sehen wir uns wieder!«
»Ich freu mich so!«
»Ich mich auch!«
»Na wunderbar, setz dich doch hierhin.«
»Wein?«
»Ja, unbedingt! Und eine Flasche Wasser, aber ohne Gas.«
»Haha, nein, nein, ganz unaufgeregtes Wasser bestellen wir jetzt.«
»Nicht, dass noch eine Katastrophe passiert, hihi.«
»Meine Güte, lang ist’s her!«
Die Theaterbesucher wissen schon, was sie wollen, und deuten hin zu der einsamen Frau, die sich heute offensichtlich mal was gönnt, was ein Gefühl der Zugehörigkeit bei den Theaterbesuchern auslöst: »Eine solche Etagere – aber mit Hummer!«
»Und eine ohne Hummer, aber dafür mit doppelt so vielen Austern.«
»Eine kleine Vorspeise?«
»Nein, nein, wir haben auch gar nicht so viel Zeit.«
»Sehr schön, perfekte Wahl. Darf’s ein Aperitif sein?«
»Ja, unbedingt!«
»Bitte, was empfehlen Sie?«
»Jawoll, das nehmen wir.«
Die Familie versteht, was bestellt werden muss und winkt den Kellner heran.
»Bitte, wir hätten a gern so eine Platte.«
»Mit Hummer?«
»Na, den nicht.«
»Mit den kleinen schwarzen Schnecken?«
»Ja, freilich, und mit den großen, so wie bei ihr.«
»Vorzügliche Wahl. Sind Sie zum ersten Mal bei uns?«
»Ja, schon.«
»Ach, wie wunderbar, Sie werden begeistert sein von unseren Köstlichkeiten!«
»Wie viele brauch’ ma denn da, für uns vier?«
»Ich würde Ihnen zwei empfehlen und eine Portion Austern extra, sieben Stück?«
»Ja, guad.«
»Darf es noch das passende Glas Champagner dazu sein? So wird der Genuss erst perfekt.«
»Na dann, freilich!«
»Für die Erwachsenen, versteht sich.« Gelächter. Zum Glück ist die erste Hürde überwunden, das Essen ist bestellt, der Kellner ist freundlich.
Der Mann, die Frau, die Tochter, der Sohn nicken und legen sich die Servietten auf die Schöße. Jetzt heißt es abwarten und die Vorfreude aushalten.
Lisa nickt zustimmend und schlingt weiter die Meerestiere, als wäre sie bei einem Wettbewerb. Wann hat sie zuletzt gegessen und auch noch so gut? Lisa schenkt sich nach, sie säuft, sie stößt auf, sie wischt sich mit der fettigen Hand das Gesicht ab. Kräuter zieren ihre Mundwinkel und Wangen. Wo ist die ordentliche Frau hin? Das Handy vibriert. Nein, sie ist noch nicht so weit. Sie kann selbst noch nicht glauben, was heute passiert ist. Sie schlürft an der nächsten Auster und wird zusehends gieriger.
Die Theaterbesucher amüsieren sich herrlich über diesen Anblick und prosten ihr zu. Der Kellner kriegt von dem ganzen Spaß leider nichts mit, es strömen die Gäste nur so herein in die Stube. Diesmal stürmen sie sogar voraus und lassen sich erst gar nicht platzieren.
Die scheinen hier richtig zuhause zu sein, denkt sich der Familienvater, das muss ein Leben sein! Seine Frau schaut lieber den anderen Frauen zu, unsicher, ob lustvoll oder abgestoßen.
Schon wieder wird die Tür aufgerissen, und zwei Paare suchen sich jeweils die romantischsten Ecken für ihre Rendezvous. Schließlich ist heute Valentinstag. Dieses Restaurant schreit nach Romantik, die Gewölbe, die Polster mit ihrem schönen Muster, die Auswahl! Die Tische füllen sich, und bald gibt es kaum noch freie Plätze.
Lisa kann ihr Glück kaum fassen und ruft nach einer neuen Flasche Schampus. Seit Stunden sitzt sie hier und endlich kommt Leben in die Stube. Der Kellner rennt hin und her. Freudig und gierig werden die Etageren der Tischnachbarn begutachtet, und es wird stets eine noch größere bestellt.
»Mehr Hummer!«
»Mehr Austern!«
»Mehr Garnelen!«
»Mehr Schnecken!«
»Mehr Saucen!«
»Mehr Eis!«
Da kommt endlich die Schneckenplatte zur niederbayerischen Familie, für die seit ihrer Reise in die Provence solch eine Schnecke eine unvergleichliche Delikatesse ist. Ein Staunen schreibt sich in ihre Gesichter, und Lisa wünscht einen guten Appetit, malt sich aus, sie könnte noch einmal mit dem Essen von vorn anfangen. Das traurigste am guten Essen ist ja der Moment, wenn es vorbei ist und der Bauch zu voll. Es erfüllt sie der Neid. Sie blickt auf ihren Tisch, reißt die Hand in die Luft: »Champagner!«
»Jawoll!«, rufen die Theaterbesucher zurück.
Der Kellner bringt ihr eine neue Flasche. So wie Lisa ausschaut, mit Öl-, Fett- und Saucenflecken auf ihrem weißen Hemd, mit ihren müde herunterhängenden Gesichtszügen, in der Art, wie sie konzentriert einatmen muss, bevor sie ernsthaft sprechen kann, mit der Schlaffheit in den Händen, die das Besteck halten, bräuchte sie vielmehr ein Gespräch, frische Luft oder ein Bett. Stattdessen bekommt sie, wonach sie verlangte. Sie findet das lustig. Hier bekommt sie alles, was sie will.
Lisa schenkt sich nach, verschüttet, fängt an zu lachen. Es ist kein freundliches, peinlich-berührtes Damenlachen, es ist ein lautes, tief aus dem Inneren kommendes, ein dreckiges Lachen. Die Theaterbesucher erschrecken sich förmlich, dass so etwas aus einer so zierlichen Frau herauskommen kann und stimmen sich dann selbst in ein Gelächter ein – allerdings in ein feindliches. Die haben sich auf das Betrachten anderer eingestellt, das Aburteilen. Warum nicht auch hier damit beginnen? Der Familienvater schaut entsetzt, und die Blicke, die Lisa gerade auf sich zieht, sind entwaffnend boshaft. Doch Lisa sieht diese Blicke nicht. Sie sieht die beinah verputzte Edelplatte Meeresfrüchte, die sie sich an diesem scheußlichen Tag bestellte, um sich besser zu fühlen, sieht die Champagner-Flasche, in der es schön aufregend prickelt und die sie kichern lässt. Sie sieht ihr Telefon, das ständig aufleuchtet, und sie sieht an ihrem Körper herunter. Mit großer Geste greift sie sich die nächste Auster, bemüht sich erst gar nicht um ein Besteck, sondern saugt und schlürft und schlabbert, holt sich die nächste, jetzt werden noch die letzten Reste gegessen, hergeschenkt wird nichts. Und warum Zeit mit Formalitäten verschwenden, wie Besteck und Etikette? Wen interessiert das schon? Wen interessiere ich schon? Ich bin nichts. Nichts wert, nicht vorhanden. Schaut mich an, ich bin eine Versagerin, alles an mir ist falsch.
Das Paar links von ihr betrachtet sie, und die Frau lästert ungeniert in einer hörbaren Lautstärke. Lisa schaut zu ihnen rüber, plötzlich eine enorme Klarheit in ihrem Blick, fährt mit der Zunge über die Auster und wirft im nächsten Moment die Schale einfach rechts neben sich, direkt auf den Tisch der nichts ahnenden Familie.
Der Vater bekommt einen Spritzer ins Gesicht, blinzelt, greift erhaben nach der Serviette, reinigt sich und sagt anschließend laut genug, um durch die Spannung des Restaurants zu peitschen: »Kinder, schaut sie euch an, diese Frau ist verrückt.«
Verrückt. Ich bin verrückt. Stille.
Was er demonstrieren möchte: Schaut, der Mann weiß sich zu beherrschen, die Frau nicht. Schaut, ich stehe drüber. Ich lass mich nicht so einfach provozieren. Seine Frau betrachtet ihn, als wäre er ein Gespenst. Sie ist in Alarmbereitschaft.
Lisa steht auf und geht unter strenger Beobachtung zur Toilette. Verrückt, krankhaft, deppert, dumm, pervers, schwachsinnig, anormal, lächerlich, geistesgestört, meschugge, damisch, idiotisch, wahnsinnig, irre, unzurechnungsfähig, unfähig, dumm, hässlich, unbrauchbar, unzulänglich. Wann ist sie all das geworden? Wer hat sie zu all dem gemacht? Sie fühlt sich schuldig. Immerzu möchte sie sich entschuldigen. Der Klügere gibt nach. Pardon, die Klügere gibt nach. Dabei trägt sie keine Schuld.
Sie betrachtet sich im Spiegel. Hält ihre Handgelenke unter das kalte Wasser, Kreislauf stabilisieren. Ich bin schuld. Ich bin nicht schuld. Nein, ich bin nicht schuld daran. Dass mir das passiert ist, ist nicht meine Schuld. Niemand ist schuld daran.
Das Wasser kühlt ihre Hände, kühlt ihren erhitzten Kopf. Schritt für Schritt. Hände trocknen. Zähne im Spiegel kontrollieren. Kräuter aus den Zahnzwischenräumen entfernen. Handtasche aufmachen. Gut, alles dabei. Neu anfangen.
Sie tupft sich das Gesicht mit diesem angenehm weichen Handtuch ab, zieht ihr Make-up nach, kaschiert – zum ersten Mal an diesem Tag – ihre Augenringe, tuscht ihre Wimpern, trägt Rouge auf und sogar Lidschatten, nimmt den zart rosafarbenen Lippenstift. Sie betrachtet sich. Der Selbsthass weicht aus ihrem Körper. Sie kann tief einatmen. Ihr Brustkorb löst sich, und mechanisch korrigiert sich ihre schlaffe Körperhaltung. Ich bin nicht verrückt. Ein letzter Blick in den Spiegel, ich bin nicht hässlich, der Weg zurück zu ihrem Platz, ich bin nicht kaputt, erhobenen Kopfes. Stolzer Gang.
Ich bin eine Frau. Sie fühlt sich wie ausgewechselt. Ich bin nicht defekt.
Sie wird beäugt, aber wohlwollend ignoriert. Ihre Erscheinung hat sich gebessert, das lässt die anderen Gäste aufatmen. So, jetzt reißt sie sich zusammen, sehr schön. Lisa fühlt sich frei. Zum ersten Mal seit einer langen Zeit. Vielleicht zum ersten Mal, seit sie die Frau mimt, die sie werden wollte, und jetzt erneut kläglich an der eigenen Vision scheiterte. Eine Frau, das ist ein Mensch, dachte Lisa bisher, die einmal im Monat ihre Periode bekommt, durchschnittlich 456 Mal in ihrem Leben, die Zähne zusammenbeißt, denn das bedeutet bei jeweils fünf Tagen Blutung umgerechnet sechskommazweifünf Jahre Periode am Stück, und mindestens ein Kind zur Welt bringt. Schöner wären zwei, ein Bub und ein Mädchen. Oder Zwillinge. Mehr war es nicht. Es schien so einfach. So natürlich. Etwas, worum sie sich nicht kümmern musste. Etwas, das ihr einfach geschah. Eier, Sperma, Baby.
Oh, sie hat die Zähne zusammengebissen, und sie hat die Periode bekommen. Sie hat viel Geld ausgegeben. Sie hat auf sich geachtet. Aber das Kind, das Kind kam nicht. Sie hat noch besser auf sich Acht gegeben. Sie hat noch mehr Geld ausgegeben. Doch das Kind verliert sie ein ums andere Mal. Und die Enttäuschung wurde ein ums andere Mal größer. Und die Verletzung unerträglicher und der Mut geringer. Sie ist keine echte Frau, weiß Lisa jetzt sicher, wenn sie kein Leben gebären kann, und als unechte Frau hat sie sowieso keinen echten Platz in dieser Gesellschaft. Sie hat ihn sich weder verdient, noch wird er ihr unter diesen Umständen angeboten. Sie ist gescheitert.
Nein! Sie schaut sich um. Nein, so einfach gebe ich nicht auf. Zu diesen Menschen will sie nicht gehören. Die schmatzenden Münder, schlürfend, schürzend, lachend, Kräuter zwischen den Zähnen, gelbe Zähne, falsche Zähne, Zahnlücken. Nein! Ich bin nicht schuld. Die Hände, wie sie verkrampft das Glas halten, zum Mund führen, abstellen, wie sie auf dem Schoß liegen, mit dem Telefon spielen, eine andere Hand festhalten, sich am Kopf kratzen. Zu all diesen Händen wollte sie nicht gehören. Der Schmuck. Ohrringe baumeln, Ketten hängen, Uhren blitzen im Licht, Ringe, so viele Eheringe an einem Ort. Lachen, immer wieder dieses Lachen, warum sind die alle so glücklich? Das Lachen gehört nicht zu ihr. Lisa nimmt sich ein kleines, schwarzes Schneckenhaus und betrachtet es ausführlich. Wie unfair, mitsamt dem eigenen Häuschen verkocht zu werden. Traurig.
»Hmmm, lecker!«
»Vorzüglich!«
»Ganz wunderbar!«
»Es hat mir sehr gut geschmeckt, danke sehr.«
»Sie haben nicht zu viel versprochen.«
Diese Wörter. Das sind nicht ihre Wörter, sie will nicht mit diesen Worten angesprochen werden, nicht von den Stimmen. Lisa ist betrunken und angriffslustig. Ihr bisheriges Leben zerfällt mühelos vor ihr, und sie kann nichts dagegen tun. Am Geburtstag verlassen werden, wegen der dritten Fehlgeburt, und das Ganze auch noch am Valentinstag. Wie viel Unglück für eine Person.
Das kleine schwarze Schneckenhäuschen landet im Haar einer schönen Frau, die einem nicht sonderlich schönen Mann gegenübersitzt und ihn mit ihren perfekten Zähnen anlächelt, während er redet, gestikuliert und dominiert. Die Frau, die kaum zu Wort kommt, hat die Schnecke nicht bemerkt, ebenso wenig ihr Gegenüber. Das ist für das erste Kind. Lisa fühlt sich angestachelt, provoziert. Sie greift nach der nächsten Schnecke und funkelt in die Stube. Ihr Blick verändert sich zu einem abgrundtief bösen. Sie hat alles verloren, was kann sie jetzt noch ruinieren? Dieses Haus landet im Dekolleté einer sehr jungen Frau, mit sehr tiefem Ausschnitt. Die Frau brüllt herüber. Das ist für das zweite Kind. Die nächste Schnecke landet im Cocktail einer Frau, die gerade am Strohhalm saugt und über die Attacke fürchterlich erschrocken ist und sich den Cocktail über den Körper schüttet. Das ist für das dritte Kind.
»Schau mal, wie die schaut. Die schaut ganz wahnsinnig, so eine macht mir Angst!«
»Sie hat wahrscheinlich ihre besonderen Tage im Monat. Hahahaha! Da sind die ja immer alle so hysterisch!«
»Jetzt reiß dich aber zusammen!«
»Ja, du eh nicht, Schatzi. Hast ja schon Menopause!«
Lisa ist jetzt bester Laune. Die nächste Schnecke landet in einem Glas. Sie greift nach dem nächsten Häuschen und wirft es in eine Saucenschale. Sie trifft einen Mann am Hinterkopf, der sich anschließend kurz kratzt. Ist das wirklich alles? Alle sind so sehr damit beschäftigt, keine Szene zu machen, kein Aufsehen zu erregen. Lisa braucht jetzt genau das Gegenteil. Sie will Aufmerksamkeit. Sie will im Zentrum der Geschichte stehen. Sie greift mit der Hand nach den letzten Resten ihrer Platte, pult das Fleisch aus den Häuschen, aus den Panzern und steckt sich die Finger tief in den Mund, um sie dann langsam abzuschlecken. Sie wirkt überraschend ordinär und schafft es, bemerkenswert laut zu essen. Die Reste landen auf Tellern, Tischen, in Handtaschen, Blumenarrangements, Dekoartikeln, in Gesichtern, auf Körperteilen.
»Wieso frisst die Frau so unangenehm?«
»Die benimmt sich ganz fürchterlich.«
»Die soll gehen. Das möchte ich nicht anschauen müssen.«
»Bitte, jetzt tu doch was.«
»Was soll ich denn tun, die ist halt besoffen. Der kann ich jetzt auch nicht helfen.«
»Du sollst ja auch nicht ihr helfen, sondern mir. Wie soll ich denn mein Essen genießen?«
»Ja, die muss doch einfach rausgeschmissen werden.«
»Hallo, Kellner, bitte, bitten Sie doch die Frau zu gehen.«
»Die hat doch eh schon aufgegessen.«
»Sie hat mich mit einer Auster getroffen, ich glaube ich blute!«
»Schauen Sie sich dieses Kasperltheater einmal an, also wir haben das doch jetzt lange genug mitgemacht.«
»Was soll denn das? Wirklich so gar keine Manieren.«
»Ist das Unterhaltungsprogramm im Preis mit inbegriffen?« Lisa genießt die Beschwerden. Sie schaut in jedes vorwurfsvoll dreinschauende Gesicht. Schaut sich jeden Gast sehr genau, sehr bewusst an und greift demonstrativ nach der Flasche, schenkt sich den letzten Rest ein. Der Abend ist gelaufen. Mehr kann ich mir nicht leisten. Das ganze Leben ist gelaufen. Wo soll ich denn jetzt hin? Trauer übermannt sie.
»Ach herrje, jetzt weint sie auch noch. Muss das denn sein?«
»Wieso weint sie denn?«
»Ach, das hat keinen besonderen Grund. Ihr seid halt so, ständig wird geheult und getobt.«
»Wie peinlich, wenn Frauen ihre Emotionen nicht im Griff haben.«
»Ich fühle mich persönlich angegriffen.«
»Jetzt entschuldigen Sie mal, ich zahle viel Geld für dieses Abendessen.«
»Bedienung!«
»Jetzt beruhigen Sie sich doch. Sie machen ein Spektakel aus sich selbst und das gehört sich nicht, ein bisschen Benehmen kann ja wohl verlangt werden.«
»Schämen Sie sich!«
»Hören Sie sofort auf, mit Austern nach mir zu werfen. Ich hau Ihnen gleich eine rein, Fräulein, das sage ich Ihnen.«
»Hören Sie sofort auf. Was ist denn in Sie gefahren, ich kenne Sie überhaupt nicht? So, jetzt reicht’s. Ich habe schon ganz andere zur Vernunft gebracht! Noch eine Auster und Sie werden sich noch wundern. Gut, Sie haben es nicht anders gewollt!« Eine Watsche. Lautes Klatschgeräusch. Luft wird angehalten.
Da steht der gut gebaute Mann an Lisas Tisch, hält ihre Handgelenke fest, zieht sie nach oben, und währenddessen fallen ihr die Essensreste aus den Händen. Ihr Frauenkörper stößt gegen den Tisch, das viele Zeug darauf klimpert, irgendwas fällt zu Boden, geht zu Bruch. Scherben. Keiner sagt etwas. Ihre Hände tun weh, der Mann hält sie viel zu fest, Lisa weiß, sie ist ihm ausgeliefert.
Selbst der Kellner steht nur nutzlos da. So etwas hat es noch nie gegeben. Was ist jetzt zu tun?
Das Spiel ist aus, jetzt ist es ernst. Der Mann funkelt sie an. In wenigen Sekunden wird er sie richtig schlagen, sie zum Schweigen bringen, sie bestrafen für ihr ungehöriges Verhalten. Der Mann, der mindestens einen Kopf größer ist, beugt sich über sie und schnauft schwer, als wäre er ein wildes Tier, unkontrolliert und unkontrollierbar. Die Frau hat wirklich jeden genervt, aber verdient sie so eine Behandlung? Sie trug ja auch zur allgemeinen Belustigung bei. Sie war eine gute Show. Der Kellner interveniert endlich. Geht dazwischen. Viel zu spät, doch besser spät als nie.
Lisa, die jetzt erst so richtig Gefallen an ihrer neuen Rolle findet, tut das einzig Mögliche, schaut dem tobenden Mann in die Augen und lacht. Wie oft hat sie sich das schon vorgestellt, dass sie einmal von einem Mann viel zu fest gehalten wird. Dass einmal einer daherkommt, ganz unerwartet und sie sich einfach schnappt, sie bedrängt, ihr weh tut. Wie lange war sie schon auf diesen Moment vorbereitet. Auf unzähligen Heimwegen, bei unzähligen Taxi-, Auto-, Bus-, Zugfahrten. In Seminaren, Jobs, auf der Straße, beim Einkaufen, beim Ausgehen, zu Hause, im Urlaub, am Tag, in der Nacht. Die meiste Zeit ihres Lebens hat sie damit gerechnet, dass einmal so ein Typ vor ihr steht, sie festhält, dass sie sich nicht befreien kann und es dann passiert. Sie kann kaum noch an sich halten, bricht in ein wildes Gelächter aus, ihr Körper schüttelt sich, es ist ein Anfall, sie lacht, prustet, das Glück durchströmt ihren Körper, sie möchte nach unten zusammensacken, die Beine kippen ihr weg, aber da der Mann sie noch immer festhält, hängt sie förmlich an ihm dran. Vereinzelt stimmen Gäste leise in das Gelächter ein, unsicher ob die Gefahr vorüber ist, ob wieder aufgeatmet werden kann. Der Mann ist angewidert, bloßgestellt, in seiner Männlichkeit und seinem Stolz angegriffen. Er will sie einschüchtern, Lisa gibt ihm jedoch keinen Raum. Das hat es in seinem Leben noch nie gegeben.
Er blickt um sich, seine Frau hält die Hände erschrocken vor ihr Gesicht, Kameralinsen von Telefonen sind auf ihn gerichtet. Wie konnte er sich nur zu so einer Demonstration seiner Manneskraft hinreißen lassen? Er lässt Lisa los, die plumpst förmlich zu Boden, er geht einen Schritt zurück, streift seine Hände an sich ab, als würde er sich von etwas Ekligem befreien müssen, und betrachtet die Frau, die alle Fehler des weiblichen Geschlechts verkörpert und lachend auf dem dreckigen Boden sitzt, als würde all dies nichts bedeuten.
Sie schreit und weint vor Lachen, die Tränen schießen ihr nur so aus den Augen, ihr Gesichtsausdruck ist unlesbar, endlich steht sie auf, schnäuzt in die Stoffserviette, zieht sich ihren Mantel an, betrachtet den Kellner mit großen, glücklichen Augen: »Danke für alles. Der Mann bezahlt meine Rechnung. Bis zum nächsten Mal.«
Zwei Frauen klatschen Beifall, sie greift bei einem fremden Tisch nach der Schampusflasche und verlässt mit ihr das Lokal. Es sei ihr gegönnt, die Flasche ist schon fast leer. Der Mann selbst schleicht zu seinem Platz, seine Gattin ist wie versteinert, und der Kellner entschuldigt sich bei allen Gästen und räumt umgehend die Sauerei auf. Ein freier Tisch will neu besetzt werden, die neuen Gäste warten freilich schon. So schlimm war’s jetzt auch wieder nicht. Die Frau, die so elendig gestört hat, die sich so fürchterlich aufgeführt hat, die überhaupt keine richtige Frau war, ist fort. Zum Glück. Mit so einer will sich wirklich niemand befassen. Nicht in seiner Freizeit. Nicht an so einem Ehrentag. Darum soll sich ein Psychiater kümmern, der wird schließlich für so etwas bezahlt. Die Gäste atmen auf.
Der Kellner kriecht unter den Tisch, kehrt die letzten Scherben auf ein Schäufelchen. Er entschuldigt sich danach erneut an jedem einzelnen Tisch. Und es wird sich unterhalten, gegessen und getrunken – wie schnell alles wieder in seinen gewohnten Bahnen geht, bereits zehn Minuten später genießen alle wieder ihre feinen Speisen und wenden sich ganz sich selbst zu, als wäre Lisa nie in ihr Leben gekommen, als hätte sich nichts verändert. Was von ihr bleibt, ist eine unterhaltsame Anekdote. Sie kennen nicht einmal ihren Namen, nein, noch schlimmer: Keiner der Anwesenden kennt die Geschichte dieser wütenden Frau und am allerschlimmsten: Sie interessieren sich nicht dafür.
Solidarität
Solidarität unter Frauen gibt es nicht nur unter Freundinnen, sondern auch unter Fremden. Manchmal halten einander fremde Frauen die Haare oder die Hand oder gehen dazwischen, wenn es zu einer unangenehmen Situation kommt. Frauen, die Frauen stärken, machen Frauen stark. Dabei darf nicht gedacht werden, dass Frauen vorher schwach waren. Sie können sich gegenseitig dabei helfen, sich zu befreien. Wenn Frauen etwas erreichen, ist das Frauenpower. Empowerment bedeutet Ermächtigung, Stärkung, Förderung und Unterstützung. Das bedeutet auch, dass Frauen es einander erlauben, das Gleiche zu tun wie beispielsweise Männer, und sich nicht dafür bestrafen. Darunterfallen alle möglichen Beschämungen. Aber auch kleinhaltende Bezeichnungen wie »Mädels«. Am schönsten ist es, wenn die Solidarität intersektional ist und sich der Begriff Frau nicht auf Menschen mit angeborenen Merkmalen wie Busen und Vulva beschränkt.
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