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Jonas Moström
Herzversagen - Ein Schweden-Krimi
Aus dem Schwedischen von Christine Heinzius
Saga
Herzversagen - Ein Schweden-Krimi ÜbersetztChristine Heinzius Original Dödens pendelCopyright © 2004, 2019 Jonas Moström und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726344011
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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Für meine Familie
Sieh eine Welt in einem Körnchen Sand und einen Himmel in der wilden Blume, greif das Unendliche mit deiner Hand und fühle Ewigkeit in einer Stunde.
William Blake
Es gibt nicht viele Wahrheiten, derer sich das Herz sicher sein kann.
Albert Camus
Kapitel eins
Die letzten zehn Atemzüge im Leben von Gerd Ekstedt waren friedlich.
Sie träumte von ihrem Geburtstag, sie wurde fünf. Die ersten Strahlen der Morgendämmerung wanderten über das Dach des Stalls. Sie war auf dem Weg zur Außentoilette. Das Gras war feucht, und ihre Füße waren eiskalt. Ein paar Brennnesseln strichen leicht über ihre Fesseln. Sie ging schneller.
Er stand am Fußende des Bettes und beobachtete sie. Gerd Ekstedt sah ohne ihr Gebiss viel älter aus, das Gesicht war ganz eingesunken und auffallend blass. Ignorierte man die zwei langen Haare, die sich bei jedem keuchenden Atemzug auf ihrer Oberlippe bewegten, konnte man glauben, sie sei bereits tot. Ihre knotigen Hände lagen auf der Decke. Unter der dünnen Haut traten deutlich bläuliche Adern hervor.
Er sah sich um. Das Zimmer war klein und rechteckig. An den Wänden standen massive Möbel aus dunklem Holz. Auf einem Schreibtisch rechts neben dem Bett waren Familienporträts aufgereiht. Darüber hing ein hölzernes Kreuz. Die Luft roch abgestanden und schlecht. Er atmete durch die Nase und machte dabei so kleine Atemzüge wie möglich, versuchte, die Menge der Partikel, die die Lunge erreichten, zu minimieren. Den Geruch anderer Menschen konnte er nur schwer ertragen, er war aufdringlich, und ihm wurde oft übel davon. Es ekelte ihn, als er sah, wie sich die Haare auf der Oberlippe der Frau beim seufzenden Ausatmen noch einmal bewegten.
Ich muss mich konzentrieren, dachte er und öffnete die Tasche. Alles befand sich am richtigen Platz, nichts hatte sich verändert. Ordnung war eine der Voraussetzungen für das Leben. Und für den Tod. Es fiel ihm leicht zu strukturieren, alles in einem größeren Zusammenhang zu sehen.
Ein abruptes Geräusch unterbrach seinen Gedankengang. Hinter seinem Rücken raschelte etwas. Er drehte sich um. Eine große Wanduhr mit einem vergoldeten Adler auf der Spitze schlug drei Mal. Lautlos duckte er sich hinter das Fußende des Bettes und behielt die ganze Zeit Gerd Ekstedt im Blick. Sie schlief tief und ließ sich nicht stören. Er richtete sich auf, sah auf seine Armbanduhr und merkte, dass die Wanduhr eine Viertelstunde vorging. Einen Moment brachte ihn das aus dem Gleichgewicht und ärgerte ihn. Er wusste, dass seine eigene Uhr auf die Sekunde genau ging. Es galt, dem Plan zu folgen und keine Ablenkungen zuzulassen. Er sah auf seine Hände, die ruhig an seiner Seite lagen, ohne Anzeichen von Nervosität.
Der Tod trat genau zum richtigen Zeitpunkt ein. Als der Akt vorüber war, schloss er die Augen und wartete eine Minute, zählte dabei die Sekunden. Er fühlte sich frei, die Fesseln waren gekappt.
Der erste Dominostein war angestoßen, alles Weitere käme von selbst. Alles stimmte bis ins kleinste Detail.
Die Zeit, der Ort und die Bewegung.
Draußen herrschte immer noch eine angenehme Dunkelheit, es war windstill und kühl. Nach ein paar Schritten auf dem Kiesweg drehte er sich um. Die Fassade des Pfarrhauses strahlte im Mondlicht weiß und kalt. Ein Igel lief über den Hof. Er sog die frische Luft in die Lungen und ging weiter vom Haus fort. Niemand würde je vermuten, dass Gerd Ekstedt eines unnatürlichen Todes gestorben war. Er lächelte leicht und spürte den Stolz wie einen Pfeiler in seiner Brust.
Es war Dienstag, der 16. Mai 2000.
Kapitel zwei
Im ersten Jahr des neuen Jahrtausends kam der Frühling Ende Mai nach Sundsvall.
Er kam ein wenig zögernd, wie ein schüchterner Gast. Zum ersten Mal seit Ende August wärmten die Sonnenstrahlen, und aus den Bäumen, die mitten im Stadtzentrum angepflanzt waren, hörte man Vogelgezwitscher. Kriminalkommissar Johan Axberg trug seine schwarze Lederjacke über der Schulter und ging im Menschengewimmel in westlicher Richtung zum Polizeirevier. Das Licht blendete ihn, und der Kopf tat ihm weh. Die Ausschweifungen am Samstagabend hatten deutliche Spuren hinterlassen. Er kannte nicht einmal den Namen der Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte. Wieder einmal hatte die Sehnsucht eines Augenblicks Konsequenzen gehabt, die er am nächsten Tag bereute. Ein Liebesspiel mit der Betonung auf Spiel. Er hatte das Gefühl, ein Wochenendabonnent einzelner Nummern von unterschiedlicher Qualität zu sein. Und als solcher musste man natürlich die Leere und die ewigen Fragen beim Aufwachen aushalten.
Er kämpfte sich mühsam im Zickzack voran und grüßte flüchtig die bekannten Gesichter, die an ihm vorbeihuschten. Als er aus dem Augenwinkel einen Kollegen aus der Technik näher kommen sah, starrte Axberg stur vor sich hin und ging vorbei. Das, was er sich im Moment am allerweningsten wünschte, waren allgemeine Höflichkeitsphrasen und Kommentare über das schöne Wetter.
Am Ende der Fußgängerzone war das Gedrängel vorbei. Die Menschen waren wie fortgeweht. Nur ein Mann mit einem Hund ging schnell auf der anderen Seite des Rondells vorbei, jenseits der Autos, die in einem konstanten Verkehrsstrom vorüberrauschten. Axberg lenkte seine Schritte in Richtung der Storgata.
Das Polizeirevier stand noch so da, wie er es verlassen hatte, stumm und braun, still und langweilig. Die Sonne spiegelte sich in der Fassade, ohne jedoch das Gebäude einladender erscheinen zu lassen. Axberg überquerte den Parkplatz hinter dem Gebäude und betrat es durch den Personaleingang. Auf dem Schreibtisch kämpften drei halb leergetrunkene Kaffeetassen gegen die Übermacht von Papierstapeln, Ordnern, einer Tasche mit Sportbekleidung und seinem Laptop um einen Platz. Er stellte die Tasche fort und die Tassen in den Personalraum, dann trank er lange direkt aus dem Wasserhahn, und das Kopfweh ließ ein wenig nach. Er warf einen Blick in den Wandspiegel. Die Bartstoppeln waren deutlich zu sehen, obwohl er sich erst gestern Abend vor dem Kneipenbesuch das letzte Mal rasiert hatte.
Er kehrte dem deprimierenden Anblick den Rücken zu und ging in sein Büro zurück. Jetzt lagen noch die schon Monate alte Ermittlung wegen Drogenhandels im Stadtzentrum und ein weiterer Fall von häuslicher Gewalt auf dem Schreibtisch. Axberg wünschte sich einen Augenblick lang, dass er auch diese Papierstapel wegräumen, sie jemand anderem auf den Schreibtisch legen und dann ganz von vorn anfangen könnte. Er zündete eine Zigarette an und stellte sich ans Fenster. Der Mann mit dem Hund ging an der Pizzeria auf der anderen Straßenseite vorbei und grüßte Nikos, der dort an einem seiner eigenen Tische saß und sich sonnte.
Nikos’ Pizzeria befand sich ganz unten in einem der fünf Hochhäuser auf der anderen Seite der Storgata. Das Essen dort war ausgezeichnet. Axberg hatte die Speisekarte schon mehrmals rauf- und runtergegessen, ohne ihrer überdrüssig zu werden.
Er ließ seinen Blick über die fünf schmutzig gelben Fassaden auf der gegenüberliegenden Straßenseite schweifen. Ohne diese Monumente einer misslungenen Architektur könnte ich bis zum Fluss und dem Park sehen, dachte er und blies eine Rauchwolke gegen die Fensterscheibe. Dadurch wurde die Sicht für ein paar Sekunden noch schlechter. Ich mauere mich hier in mein eigenes Gefängnis ein, grübelte er weiter. Ich isoliere mich von der Welt, konzentriere mich auf meine Arbeit.
Axberg hatte seit den Weihnachtsferien durchgearbeitet, oft an mehreren komplizierten Straftaten gleichzeitig. So war die Sonntagsarbeit zur Routine geworden, und sie gefiel ihm, durch die Stille im Haus konnte er sich besser konzentrieren und arbeitete effektiver. Dann bekam er oft neue Ideen und entdeckte Zusammenhänge, die die Ermittlungen weiterbrachten. Viele der großen Fälle waren aufgeklärt worden, seit er vor zwei Jahren die Stelle als Leiter der Kriminalpolizei dieses Regierungsbezirks angetreten hatte. Axberg war sowohl stolz als auch froh gewesen, dass man ihm diese Stellung angeboten hatte, besonders da er erst vierunddreißig Jahre alt war. Hätte er jedoch gewusst, wie viel Verwaltungs- und Personalarbeit dieser Posten mit sich brachte, hätte er wohl nicht so schnell zugesagt.
Im Flur näherten sich schnelle Schritte. Ein neu angestellter Polizeianwärter ging mit nachdenklicher Miene vorbei. Die Wochenendstreife hat jetzt, da es warm wird, alle Hände voll zu tun, dachte Axberg und setzte sich an seinen Schreibtisch. Daran zu denken, dass andere hart arbeiteten, machte ihm Lust darauf, sich seinen eigenen Aufgaben zu widmen. Er sah von einem Papierstapel zum anderen und fragte sich, mit welchem er beginnen sollte. Häusliche Gewalt untersuchte er eigentlich nicht sonderlich gern, aber da sie auch eines der Verbrechen war, die er am meisten verabscheute, las er den Bericht über Lars und Katarina Karlsson aus Timrå zum dritten Mal.
Die Buchstaben wuselten bald über das Papier wie Ameisen.
Axberg wachte auf, weil ihm die Stirn weh tat. Er war mit dem Kopf auf Seite vier des Vernehmungsprotokolls eingeschlafen und hatte nicht die leiseste Ahnung, was er gelesen hatte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er zwanzig Minuten geschlafen hatte. Das Blatt Papier vor ihm war während des Nickerchens zerknittert worden. Verschlafen ging er zum Kopierer und machte eine Kopie, um die zerknüllte Seite zu ersetzen. Axberg beschloss, seinem Körper eine Chance zu geben. Er nahm die Tasche mit den Sportsachen und ging in den Fitnessraum im Keller. Eine Stunde lang schlug er schweißnass auf den Sandsack ein, radelte auf dem Heimtrainer und mühte sich am Rudergerät. Danach duschte er lange und überlegte, dass sein Körper eigentlich ungewöhnlich widerstandsfähig war angesichts der ungesunden Lebensweise, die er sich während der letzten Jahre angewöhnt hatte. Und doch war seine Kondition weit von der entfernt, die er Ende der achtziger Jahre gehabt hatte, als er Bronze bei den Landesschwimmmeisterschaften gewann. Trotzdem war er beim jährlichen Sporttest der Polizei immer noch unter den Besten, weswegen er auch keinen triftigen Grund sah, seine Lebensweise zu ändern.
Als er durch den Flur in sein Büro zurückging, hörte er die schrille Melodie, die ihm schon lange nicht mehr gefiel; trotzdem brachte er es nicht über sich, sie zu ändern. Er beeilte sich, ins Zimmer zu kommen und holte das Handy aus der Jackentasche.
»Hallo, hier ist Carolina.«
Axberg spürte, wie ihn freudige Erwartung überkam.
»Hallo, lange her . . . Wie geht’s dir?«
»Gut. Und dir?«
»Alles klar. Ich bin bei der Arbeit und erledige ein bisschen Papierkram«, sagte er und fing an, um den Schreibtisch herumzugehen, suchte nach den richtigen Worten.
Carolina Lind war die Frau in Axbergs Leben. Nicht immer war sie wirklich körperlich anwesend, aber in ihren Gedanken waren sie einander immer nah. Seit sie sich in der zwölften Klasse zum ersten Mal ineinander verliebt hatten, waren sie immer wieder aufeinandergetroffen, wie zwei Planeten, die sich ab und zu die Umlaufbahn teilten. Zwei Mal hatten sie sogar ein paar Monate zusammengewohnt. Jetzt jedoch hatten sie sich seit sechs Wochen nicht mehr getroffen, nach einem Streit, dessen Einzelheiten Axberg vergessen hatte. Dennoch hatte er das Gefühl, im Unrecht gewesen zu sein, und war froh, dass sie nun anrief. Endlich.
»Ich dachte, vielleicht hast du ja Zeit für ein Treffen, wir könnten zusammen Kaffee trinken oder so«, fragte sie vorsichtig.
»Klar. Ich bekomme hier ja doch nichts erledigt.«
»In einer halben Stunde bei Tinells?«
»Perfekt.«
Axberg lächelte, die Arbeitslust war wie weggeblasen. Die Papiere werden am Montag auch noch da sein, dachte er und holte einen Rasierer aus der Schreibtischschublade. Als er sich nach der Rasur das Gesicht wusch, fühlte es sich so an, als verschwände der Kater zusammen mit dem Rasierschaum endgültig im Waschbecken.
Da draußen wartete der Frühling auf ihn.
Kapitel drei
Der Mann holte einen dunklen Anzug von der Garderobe.
Das Hemd saß perfekt und war noch warm vom Bügeln, das ihn vierzig Minuten gekostet hatte. Er probierte alle Schuhe sorgfältig an, bevor er sich für die glänzenden, etwas zu engen Lackschuhe entschied. Dann sah er sich die Einladung an, prägte sich die Wegbeschreibung ein und machte sich auf den Weg.
Er fuhr durch die menschenleere Stadt, überschritt nie die Höchstgeschwindigkeit, blieb bei Gelb stehen und fuhr nur bei Grün weiter. Heute war der Tag des Triumphs. Er wurde erwartet und würde so selbstverständlich dazu passen wie alle anderen Gäste. Niemand hätte einen Verdacht. Das deprimierte ihn zuerst, aber schon bald nahm er es als einen weiteren Beweis für seine Sonderstellung. Er war auserwählt.
Die Kirche lag auf einem kleinen Hügel und war von einer Steinmauer und schwankenden Birken umgeben. Er stellte das Auto auf dem halbvollen Parkplatz ab, warf einen Blick in den Rückspiegel, strich sich über die Haare und stieg aus. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Ein warmer Wind blies über sein Gesicht. Als spazierte man in einem Föhn, dachte er und ging die leichte Steigung hinauf. Eine Wolke aus Staub wehte vom Weg hoch in sein Gesicht. Sein rechtes Auge tränte. Er nahm das frisch gebügelte Taschentuch aus der Brusttasche und drückte es fest auf das Auge. Das linderte den Schmerz und entfernte ein bisschen von dem Dreck. Er blinzelte mehrmals krampfhaft und sah mit zusammengekniffenen Augen auf das Nummernschild des Wagens. Trotz der Tränen war die Autonummer klar zu lesen, die Kontaktlinsen saßen also noch richtig.
In der Kirche war es kühl und angenehm. Der Wind und die Wärme drangen nicht durch die dicken Steinwände. Er zog seinen Mantel aus und öffnete die Tür zum Mittelgang. Auf der Empore über ihm ging jemand über knarrende Holzbalken. Die Schritte hörten auf, und unter weiterem Knirschen und Knacken setzte sich dieser Jemand hin und richtete einen Hocker oder Stuhl aus. Wahrscheinlich ein übergewichtiger Organist, dachte er und lächelte vor sich hin.
In einem der Seitenschiffe stand der Priester und sprach leise mit einem der Angehörigen. Er ging nach vorn, stellte sich vor und wurde mit den üblichen Phrasen begrüßt. Nichts wich von dem Erwarteten ab. Er wählte einen Platz weit hinten, mit einem guten Überblick, blätterte zerstreut in einem Gebetbuch und hoffte, dass sich niemand in dieselbe Bank setzen würde.
Die Zeremonie begann. Er sang die Lieder ohne Mitgefühl mit und lauschte den Worten des Priesters. Ein rascher Blick über seine Schulter und er wusste, dass niemand hinter ihm saß. Vorsichtig öffnete er seinen linken Manschettenknopf, schob die Hemdsärmel hoch und sah auf die Uhr. Oskar Bylunds Uhr gehörte nun ihm. Er lächelte; wenn sie das wüssten. Der Sekundenzeiger zuckte zielstrebig vor. Eine Art von Heldenmut überkam ihn, den ganzen Körper durchlief es heiß, er hatte Lust zu schreien. Niemand ahnte etwas, das Vertrauen war absolut.
Ein Menschenleben ist wie eine Welle, dachte er. Es wird aus dem Nichts geboren, erhebt sich aus der Wasseroberfläche, wächst langsam heran und erreicht seine maximale Größe. Dann wird es nach und nach weniger, um sich schließlich in nichts aufzulösen. Das, was ich tue, überlegte er, ist bloß, den Wellenkamm kurz zu berühren, bevor der sein letztes Stadium erreicht.
Nach der Beerdigung kam der Leichenschmaus. Als alle nach einer Stunde voller nichtssagender Gespräche aufstanden, kam die Witwe zu ihm.
»Hallo, vielen Dank, dass Sie gekommen sind.«
»Keine Ursache. Es war schön in der Kirche.«
Die Witwe wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
»Irgendwie ist es gut, dass jetzt alles vorbei ist«, schniefte sie.
»Das verstehe ich.«
»Es war schon schön für Oskar, dass er einfach einschlief und keine Schmerzen hatte.«
Er nickte zustimmend. Die Frau in Trauerkleidung atmete tief ein. Ihr Gesicht verzog sich unglücklich.
»Glauben Sie, dass er gegen Ende sehr gelitten hat?«, fragte sie.
»Nein, das hoffe ich nicht. Er ist doch ruhig und friedlich eingeschlafen?«
Wenn sie nur wüsste, dachte er.
»Ja, nachts. Armer Oskar. Dass ich nicht da war, als es passierte.«
Ihre Stimme war dünn und die ganze Zeit kurz davor zu brechen. Sie sah ihn bittend an und riss sich zusammen, um fortzufahren.
»Glauben Sie, dass er mich vermisst hat . . . ich meine am Ende selbst?«
Er legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter.
»Nein, Sie haben wirklich alles, was Sie tun konnten, für ihn getan.«
Sie blieben ein paar Sekunden schweigend stehen.
»Auf Wiedersehen, Sie können mich immer anrufen, wenn Sie etwas möchten«, schloss er.
Sie begleitete ihn hinaus.
»Noch mal danke, dass Sie gekommen sind.«
Draußen hatte sich der Wind ein wenig gelegt, die Sonne war hinter Wolken verschwunden und die Landschaft ganz ruhig. Er fühlte sich rein und einfach. Nummer drei. Eine herrliche Zahl. Ein ewiger Kreis, wieder und wieder. Das nächste Mal würde es schwerer werden, aber er hatte mehrere Tage, um sich vorzubereiten. Genug Zeit wie immer, wenn man plant und weiß, was man tun muss. Und in welcher Reihenfolge. Er spürte die Uhr schwer und warm an seinem Handgelenk.
In seinem Kopf tickte es gleichmäßig und still.
Kapitel vier
Als Johan Axberg am Montagmorgen ins Konferenzzimmer kam, waren alle bereits dort versammelt. Alle Mitglieder des Ermittlungsteams saßen auf ihren Plätzen rund um den Konferenztisch.
Alle außer Sven Hamrin. Getreu seiner Angewohnheit stand er mit dem Rücken an die einzige fensterlose Wand des Zimmers gelehnt. Axberg warf einen Blick auf die Wanduhr und sah, wie der Sekundenzeiger einen Tick näher auf die volle Stunde zurückte.
»Warum sind heute denn alle so früh da?«, sagte er. »Gibt’s irgendwas Besonderes?«
»Die Ferienaufteilung steht an«, antwortete Sankari.
»Ferien, was ist das denn?«, sagte Axberg und grinste sarkastisch.
Jens Åkerman lachte nervös auf und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Axberg ging zu seinem Platz am Kopfende des Tischs, hängte die Jacke über die Rückenlehne und setzte sich.
»Wie immer sind die letzten zwei Juliwochen das Problem. Wenn wir uns nicht einigen können, müssen wir losen. Ich habe jedenfalls nicht vor, so eine Kinderkacke nach oben weiterzureichen.«
»Natürlich nicht«, warf Pablo Carlén ein. »Das müssen wir selbst lösen. Ich hätte gern die letzte Woche frei. Wir haben eine Reise nach Gotland geplant, die sich nur schlecht verschieben lässt.«
Sven Hamrin sah ihn vielsagend an.
»Du kannst doch verdammt noch mal nicht zuerst sagen, dass wir eine Lösung finden müssen, um in der nächsten Sekunde zu verlangen, dass gerade du dann frei bekommst?«
»Das wollte ich nicht sagen, falls du mir zugehört hast.«
Pablo wandte sich wieder Axberg zu.
»Ich könnte mir vorstellen, den Urlaub teilweise zu verschieben und die vorletzte Woche Dienst zu tun. Wenn ich die dreißigste Woche frei bekomme.«
»Wahnsinnig großzügig«, brummte Hamrin von der Wand her.
Sven Hamrin und Pablo Carlén hatten Schwierigkeiten miteinander, seit Pablo vor drei Jahren in der Abteilung angefangen hatte. Laut Hamrin war Pablo ein viel zu selbstgefälliger Moralapostel angesichts seiner geringen Erfahrungen als Polizist. Pablo wiederum fand, dass Hamrin ein unbeholfener Ochse sei, der immer direkt sagte, was er dachte und meinte. Einmal hatte Hamrin sogar einen abwertenden Kommentar über »Kanaken« gemacht, den Pablo noch lange nicht vergessen hatte. Von dem Tag an, an dem Pablo als Adoptivkind aus Kolumbien gekommen war, hatte er sich Kommentare über seine Hautfarbe anhören müssen. Über die Jahre hatte er gelernt, sie als Zeugnisse menschlicher Dummheit zu übergehen. Aber er würde nie akzeptieren, dass jemand aus den eigenen Reihen rassistische Anspielungen machte.
»Gut«, sagte Axberg. »Bleibt also noch die dreißigste Woche . . .«
Er ließ seinen Blick über die Kollegen schweifen.
»Ich selbst arbeite während der fraglichen Wochen bereits«, fuhr Axberg fort und tippte mit dem Zeigefinger auf den Kalender.
»Ich auch«, warf Sankari ein. »Ich verstehe sowieso nicht, warum man im Sommer frei haben möchte, da ist doch gar keine Jagdsaison.«
Alle im Zimmer außer Hamrin lächelten. Sankari biss ein Stück von der Apfeltasche ab, die seine Frau ihm für den nachmittäglichen Kaffee mitgegeben hatte. Im buschigen Bart blieben Unmengen von Zuckerkristallen hängen. Böse Zungen im Haus behaupteten, dass Sankari seine Körperform all den Apfeltaschen verdankte, die er in sich reinstopfte.
»Okay«, sagte Jens Åkerman und sah von seinem PDA auf. »Ich kann während beider Wochen arbeiten.«
Alle drehten sich überrascht zu ihm um.
»Klasse!«, rief Hamrin aus und strahlte.
Er trat vor und schlug Jens Åkerman auf den Rücken, so dass diesem der Atem stockte. Axberg hoffte, dass Åkermans Rückgrat dem Prankenhieb gewachsen war. Sven Hamrin hatte die größten Hände der ganzen Abteilung. Sie waren unübersehbar. Meist hielt er sie ruhig, dann hingen sie wie zwei Sandsäcke schwerfällig zu seinen Seiten. Wenn er die Hände bewegte, nahmen sie das gesamte Zimmer ein. Laut Hamrin war das typisch für seine Familie. Die lange Reihe der Fährmänner unter seinen Vorfahren hatte angeblich Hände so groß wie Stalltüren gehabt.
»Damit wäre das also gelöst«, fuhr Hamrin fort.
Axberg sah, dass die Besetzung für die Sommerwochen jetzt akzeptabel war. Wenn er Åkerman als vollwertigen Kollegen rechnete. Åkerman hatte gerade erst seinen Abschluss auf der Polizeischule gemacht, und es war sein erster Sommer in Sundsvall. Axberg musste jedoch nicht lange darüber nachdenken. Als er sah, wie erleichtert alle waren, wusste er, dass die Entscheidung schon gefallen war.
»Danke, Jens«, sagte er und nickte ihm zu. »Da hast du uns wirklich aus einer schwierigen Situation gerettet.«
Als Antwort lächelte Åkerman zufrieden.
»Sind wir fertig?«, fragte Sofia Waltin. »Ich muss in zehn Minuten einen Zeugen vernehmen.«
»Ja, der wichtigste Beschluss des Tages ist wohl gefasst«, sagte Axberg. »Ansonsten wisst ihr alle, was ihr zu tun habt. Ich selbst werde mich um den Fall häuslicher Gewalt in Timrå kümmern. Sankari leitet bis auf Weiteres die Drogenermittlung.«
Sankari nickte. »Wir überwachen weiterhin die Schulhöfe. Heute am Hedengrenska Gymnasium. Leider ist es schwierig, zivile Ermittler auf einem Schulhof unterzubringen. Das Alter verschwindet auch durch eine Verkleidung nicht.«
»Am besten, du ziehst eine Perücke an und nimmst ein Springseil mit«, sagte Hamrin.
Sankari ignorierte den Sarkasmus.
»Es ist erwiesen, dass der Handel mit Hasch und Ecstasy unter den Jugendlichen zunimmt. Es wurde mehr beschlagnahmt . . .«
»Die Statistik zeigt einen fünfzigprozontigen Anstieg der Anzeigen innerhalb von zwei Monaten«, ratterte Åkerman herunter, als hätte er es auswendig gelernt.
Axberg ging zum Kaffeeautomaten, wählte Espresso und sagte: »Und das Seltsame ist, dass keiner sagen will, wie er an den Dreck gekommen ist. Normalerweise bricht immer einer unter dem Druck zusammen und erzählt die Wahrheit. Nur die Vierzehnjährige, die fast an einer Überdosis gestorben wäre, hat was gesagt . . .«
»Johanna Svensson«, warf Åkerman ein.
»Genau«, sagte Axberg, »aber das Einzige, was wir aus ihr rausbekommen haben, war, dass sie die Tabletten von einem unbekannten Mann gekauft hat. Während der Mittagspause, hinter der Turnhalle. Sie weigert sich zu erzählen, wie sie überhaupt Kontakt zu ihm bekommen hat und wer außer ihr noch beim Kauf dabei gewesen ist.«
Axberg ging an seinen Platz zurück.
»Im Übrigen haben wir nur indirekte Beweise dafür, dass das Zeug tatsächlich in den Schulen selbst verkauft wird«, fasste er zusammen.
»Abgesehen von dem Hasch, das in der Granbergsschule beschlagnahmt wurde«, berichtigte Pablo ihn.
Hamrin ließ sich mit einem dumpfen Knall zurück gegen die Wand fallen.
»Das war doch vor über drei Monaten«, stöhnte er.
»Jedenfalls besser als nichts«, sagte Pablo.
»Ach, lass gut sein«, unterbrach Axberg. »Es ist wichtig, dass wir einen Weg in die Organisation finden, die dahintersteckt. Denn bei den Mengen, die im Umlauf sind, muss es sich um eine Organisation handeln. Und das Ganze geschieht offensichtlich sehr diskret.«
»Ich gehe von einem gut entwickelten Kuriersystem aus, das wir knacken müssen«, sagte Sankari und leckte sich die Reste der Apfeltasche von den Fingern.
»Und das schnell«, sagte Axberg. »Beunruhigte Eltern fragen sich, warum die Polizei nichts unternimmt. Ståhl stellt mir auch jeden Tag diese Frage. Er will Resultate sehen.«
Hamrin verschränkte seine Hände, drehte sie um und ließ sie knacken.
»Er darf gerne seine Papierberge verlassen, herkommen und selbst mit anpacken.«
Niemand am Tisch kommentierte das. Die ständigen Belehrungen des Polizeichefs der Region waren allen nur zu bekannt. Die Sonne fiel durch die schmutzigen Fenster, die zur Storgata hinausgingen. Axberg spürte, wie sein Nacken angenehm warm wurde.
»Ich muss jetzt jedenfalls los«, sagte Sofia und stand auf.
»Du hast Recht«, sagte Axberg, »es ist schon zwanzig nach.«
Genau in dem Moment klingelte das interne Telefon. Sofia beeilte sich hinauszukommen, während Axberg den Hörer abhob und antwortete. Das Gespräch war kurz. Axberg übernahm wieder mal die Rolle des Verteidigers der Polizeiarbeit. Die Kollegen hörten interessiert zu. Es war ungewöhnlich, dass das Telefonat durchgestellt worden war, obwohl sie sich in einer Besprechung befanden.
»Leider«, sagte Axberg. »Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich nicht um ein Verbrechen handelt. Falls neue Fakten vorliegen, können Sie die ordnungsgemäß melden. Das müssen Sie akzeptieren.«
Axberg seufzte und legte auf.
»Das war wieder Pfarrer Ekstedt aus Ljustadalen.«
»Der, dessen Mutter vor zwei Wochen gestorben ist?«, fragte Sankari.
»Genau der. Er hat seit letzter Woche fast jeden Tag angerufen und verlangt, dass wir uns der Sache noch einmal annehmen. Jetzt behauptet er, dass ein alter Wecker, der auf dem Nachttisch der Frau stand, verschwunden ist . . .«
Hamrin löste sich von der Wand und machte einen Schritt nach vorn.
»Er soll verdammt noch mal Ruhe geben. Der Fall ist abgeschlossen. Wir haben nichts gefunden, was auf ein Verbrechen hinweist.«
Hamrin machte eine Pause und atmete tief ein.
»Was ist da draußen eigentlich passiert?«, fragte Sankari.
»Nichts«, donnerte Hamrin. »Wir wurden gerufen, weil der Arzt ein Verbrechen nicht ausschließen konnte. Auf ihrem Nachttisch lagen nämlich mehrere Schachteln Schlaftabletten. Der Arzt glaubte, sie hätte vielleicht eine Überdosis genommen. Und der Pfaffe hat die ganze Zeit was davon gefaselt, dass jemand während der Nacht im Zimmer gewesen sei.«
Sankari zog fragend eine Augenbraue hoch.
»Warum glaubte er das?«
»Weiß der Teufel. Er konnte auch nichts Genaueres sagen.«
»Und?«
»Wegen der Tabletten ist es zu einer Polizeisache geworden, sogar mit rechtsmedizinischer Untersuchung.«
»Was kam dabei heraus?«, fragte Pablo.
Hamrin verjagte eine Fliege, die sich ins Zimmer geschmuggelt hatte.
»Dass die Gute gestorben ist, weil ihr altes Herz nicht mehr schlagen wollte. Der Todesfall war vollkommen natürlich. In ihrem Blut gab es keine Spuren von Medikamenten. Ich habe den Obduktionsbericht selbst gelesen. Außerdem deutete nichts auf einen Einbruch oder auf Diebstahl hin.«
Axberg trank den Espresso aus und dachte nach.
»Der Fall wurde korrekt bearbeitet. Aber der Pfarrer gibt offensichtlich keine Ruhe. Er war schon die ganze Zeit davon überzeugt, dass jemand in dieser Nacht im Haus gewesen ist. Und die verschwundene Uhr bestätigt ihn jetzt natürlich noch einmal in diesem Glauben.«
»Er sollte sich vielleicht lieber an den Glauben an Gott halten«, sagte Sankari lächelnd, offensichtlich zufrieden über sein Wortspiel.
»Ein schwieriger Typ«, sagte Axberg. »Wir können jedenfalls nicht mehr tun. Ich muss mit der Zentrale sprechen, damit sie nicht alles Mögliche durchstellen.«
Axberg stand auf und schob seinen Stuhl unter den Schreibtisch.
»Zurück zum Tagesgeschäft. Wir sehen uns wie üblich am Nachmittag.«
Alle verließen das Zimmer und machten sich an ihre Arbeit.
Kapitel fünf
Am Freitag, dem 2. Juni, wachte Birgit Öberg auf, weil die Sonne durch das Schlafzimmerfenster schien.
Das Licht wanderte sanft von ihrer Kinnspitze über ihr Gesicht und tauchte ihre Wimpern in ein warmes Orange. Trotz des angenehmen Aufwachens spürte sie sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie fühlte sich innerlich unruhig, und der nächtliche Schlaf hatte ein ungewisses Gefühl des Unbehagens in ihr zurückgelassen. Ein Unbehagen, das schwer zu definieren war. Es war außergewöhnlich, dass sie so empfand, normalerweise war sie ein in sich ruhender, ausgeglichener Mensch, der nur selten unnötige Angst empfand.
Jetzt fühlte sich etwas in ihr kalt und leer an. Kurze, flüchtige Erinnerungsbilder vermischten sich mit den Träumen der Nacht zu einem nicht deutbaren Nebel. Sie versuchte, dieses unangenehme Gefühl zu vertreiben, indem sie an praktische Sachen dachte. Heute würde sie die Betten frisch beziehen und die Daunendecken für den Sommer wegräumen. Ihr Mann hatte sich schon mehrere Nächte hintereinander beschwert, dass er schwitze. Außerdem weigerte er sich, ohne Schlafanzug zu schlafen. Also würde sie dem Bett nun ein Sommerkleid anziehen. Weiter kam sie in ihren Gedanken nicht, weil die Unruhe sie wieder überfiel, und zwar stärker und intensiver als vorher. Ihr Herz pochte laut in ihrer Brust. Irgendetwas an der Stille des Zimmers beanspruchte ihre Aufmerksamkeit. Etwas fehlte.
Sie schlug die Augen auf. Alles sah so aus wie immer.
Kent lag wie üblich da und schlief, mit dem Rücken zu ihr gewandt. Die Zudecke hatte er zu einem Hügel an seinen Füßen zusammengeschoben. Sie starrte ein paar Sekunden lang auf seinen Rücken. Und da wurde ihr klar, was nicht in Ordnung war. Der Brustkorb bewegte sich nicht. Kents normalerweise seufzende Atemzüge waren verstummt. Das Einzige, was man im Zimmer hörte, waren ihr eigenes Atmen und ihr pochendes Herz. Sie legte ihre Hand auf Kents Schulter und rüttelte. Keine Reaktion. Die Schulter fühlte sich kalt an, und als sie stärker schüttelte, kippte der Kopf steif vor und zurück. Sie rief seinen Namen. Er antwortete nicht. Ihr wurde schwindelig, eine leichte Übelkeit setzte sich im Magen fest. Mit einem Mal war sie hellwach. Mit einer ziemlichen Kraftanstrengung drehte sie ihn auf den Rücken. Das Gesicht war bleich und leblos. Die Augen offen, große Pupillen starrten mit leerem Blick an ihr vorbei. Da begriff sie für einen Augenblick das Unfassbare. Kent war tot.
An das, was dann passierte, erinnerte sich Birgit Öberg nur verschwommen. Sie hatte den Notruf angerufen. Fragmentarische Bilder von zwei Männern in roter Kleidung, die einen erfolglosen Wiederbelebungsversuch durchführten. Nach einer Weile, als sie völlig verwirrt Kaffee für sie gekocht hatte, kam ein Arzt und stellte den Tod fest. Er sagte etwas von einer eventuellen Obduktion. Danach hatte er sie gefragt, ob sie Angehörige habe. Sie hatte dann ihre Schwester angerufen, die sofort ins Auto gesprungen und losgerast war, fast hätte sie einen Unfall gehabt.
Der restliche Tag war ein einziger Trümmerhaufen aus Trauer und Tränen. Erst am nächsten Tag begann Birgit Öberg, sich an die Erlebnisse der vorherigen Nacht zu erinnern. Sie fragte sich, woher dieses Unbehagen und die Angst stammten. Warum war sie beim Aufwachen so unruhig gewesen?
Das Einzige, was ihr einfiel, war, dass sie während der Nacht zwischen Traum und Wirklichkeit gemerkt hatte, dass ein Schatten über Kent gebeugt stand. Es war ein undeutliches Bild, aber jedes Mal empfand sie dasselbe Unbehagen. War während der Nacht jemand im Schlafzimmer gewesen?
Kent war sein Leben lang gesund gewesen und gerade erst fünfzig. Sicher, er war ein bisschen übergewichtig und rauchte manchmal. Und doch. In letzter Zeit hatte es keinerlei Anzeichen dafür gegeben, dass er krank war.
Als das Obduktionsergebnis zwei Wochen später feststand, hieß es, dass Kent an plötzlichem Herztod gestorben sei, verursacht durch verkalkte Herzkranzgefäße. Birgit Öberg fiel es schwer, sich damit abzufinden. Die Gedanken schwirrten ihr im Kopf herum, ohne dass sie eine Ordnung hineinbringen konnte. Manchmal hatte sie das Gefühl, verrückt zu werden. Dieser nächtliche Schatten tauchte immer wieder in ihrem Innern auf und schließlich erzählte sie ihrer Schwester davon. Die hatte sie auf ihre sanfte Weise beruhigt und erklärt, dass das eine ganz normale Reaktion sei. Dass es eine nachträgliche Interpretation sei, ein Versuch, Kents Tod zu verarbeiten. Birgit Öberg glaubte ihr und bemühte sich, es zu vergessen. Sie entschloss sich, über die Sache kein Wort mehr zu verlieren. Das Letzte, was sie wollte, war verwirrt und paranoid zu erscheinen. Ihre Schwester hatte bestimmt Recht, wie üblich.
Alles war nur ein unangenehmer Traum gewesen.
Kapitel sechs
Axberg klappte sein Laptop auf.
Er hatte die Ermittlungen wegen der häuslichen Gewalt in Timrå endlich abgeschlossen. Jetzt musste er den Fall nur noch zusammenfassen und versuchen, ein paar überzeugende Schlusssätze zu formulieren. Etwas, das er nach jeder Ermittlung tat, einige Zeilen schreiben, um jenseits des üblichen Papierkrams die wichtigsten Einzelheiten zu notieren. Wenn er dann später feststeckte, griff er auf diese Notizen zurück, um sich Anregungen und Ideen zu holen. Das war sein achter Fall von häuslicher Gewalt dieses Jahr gewesen, und er unterschied sich nicht sehr von den vorherigen. Außer, dass der Täter gestanden hatte.
Nach einer Woche intensiver Vernehmungen des Tatverdächtigen war es zu einem Geständnis gekommen. Axberg hatte ihn mit mehreren unabhängigen Zeugenaussagen konfrontiert und mit einem detaillierten Bericht des Rechtsmediziners inklusive Fotos der Verletzungen. Schließlich war Lars Karlsson eingeknickt und hatte widerwillig erzählt, wie er seine Frau misshandelte. Ansonsten war es dasselbe Elend wie immer.
Jahrelanges Überschreiten der Grenzen durch Schläge und Drohungen, und erhöhter Alkoholkonsum ließ es immer häufiger geschehen. Eine Frau, die stur alles, was passierte, leugnete. Ein Mann, der offensichtlich von seinem Leben frustriert war. Axberg seufzte und hoffte, dass die Strafe nicht zu mild ausfiele. Er selbst hatte noch nie eine Frau geschlagen und würde es auch niemals tun.
Er stand auf, ging ans Fenster und zündete sich eine Zigarette an. Da draußen flimmerte die Luft noch vor Hitze. Seit mehreren Wochen war die Sonne der unbestrittene Herrscher gewesen. Die Durchschnittstemperatur und der Eisverkauf erreichten täglich neue Rekordhöhen. Alles lief ein bisschen langsamer ab, die Menschen waren offener und lachten mehr. Seine Gedanken schweiften zu Carolina und den zwei fantastischen gemeinsamen Wochen. Seit ihrem erlösenden Anruf hatten sie sich jede freie Minute getroffen.
Bäder im Meer, die Sonne, seine Zunge auf ihrer salzigen Haut.
Axberg zog an der Zigarette. Trotz all des Wunderbaren empfand er eine drängende Unruhe. Es könnte zu viel des Guten sein. Letzte Woche war Carolina mehr oder weniger bei ihm eingezogen. Es wurde enger, die Schlinge der Zweisamkeit zog sich zusammen. Als sie gestern gefragt hatte, ob er am Sonntag zum Mittagessen zu ihren Eltern mitkommen würde, klingelten bei ihm die Alarmglocken. Das würde sofort eine Fessel um den Fuß bedeuten.
Bitte schön! Hier das ganze Paket mit Hochzeit und Kindern. Unterschreiben Sie hier.
Axberg streckte sich und gähnte. Vielleicht war er zu extrem. Er liebte Carolina und würde dieses Mal vorsichtig sein. Er wusste, wie es sonst laufen konnte. Aber die Rastlosigkeit war wie ein Fieber in seinem Blut. Er brauchte seine Freiheit und würde wahrscheinlich nie dauerhaft mit einem anderen Menschen unter einem Dach leben können.
Ein wohlbekanntes Klopfen an der Tür unterbrach seine Gedanken. Monika Roos trat lächelnd ein. Sie war die Sekretärin der Abteilung und das Zentrum, um das sich alles drehte, sie hatte die Kontrolle über alles und alle. Und das betraf nicht nur die Arbeit. Wollte man sich jemandem anvertrauen, dann war Monika Roos definitiv die falsche Person. Aber die Sekretariatsaufgaben erledigte sie rasch und fehlerfrei und immer mit dem kompletten Service.
»Hallo, Johan.«
Axberg nickte zum Gruß.
»Gibt’s was Neues?«
Er hatte den Zettel in ihrer Hand schon gesehen, und die Frage war eher rhetorisch.
»Nichts Besonderes. Dieser Pfarrer hat wieder angerufen . . . Und natürlich auch deine Oma. Sie war sehr ärgerlich, dass die Zentrale sie nicht weiterverbunden hat.«
Axberg lächelte.
»Sie hat Schwierigkeiten, sich die Durchwahl zu merken. Was wollte der Pfarrer?«
»Mit dir reden. Mit keinem anderen. Er hat den Diebstahl einer Uhr angezeigt.«
»Ach ja?«
»Und dann wollte er noch wissen, warum ihr nicht weiter im Fall seiner Mutter ermittelt.«
Axberg überkam eine lähmende Müdigkeit.
»Ich verstehe.«
Monika Roos verließ das Zimmer und schaute neugierig auf die halboffene Tasche mit der Sportbekleidung, die direkt hinter der Tür stand. Axberg sah auf den Zettel, knüllte ihn zu einem Ball zusammen und warf ihn weg. Er schaffte es nicht, Pfarrer Ekstedt anzurufen, um ihm die Situation ein weiteres Mal zu erklären. Dass die Polizei keine Verbrechen aufklären kann, die nur in der Fantasie existieren. Mit oder ohne Uhrendiebstahl. Gleichzeitig war es seltsam, dass der Pfarrer sich bei etwas so sicher war, das so völlig unsinnig wirkte. Wahrscheinlich eine Art Trauerreaktion, dachte Axberg und trank ein Glas Wasser aus, das auf dem Schreibtisch stand. Obwohl das Glas höchstens eine halbe Stunde dort gestanden hatte, war das vorher eiskalte Wasser bereits lauwarm.
Er fragte sich, wie es seiner Oma bei der Hitze ging und wählte ihre Nummer. Nachdem er es fünfzehn Mal hatte klingeln lassen, legte er auf und versuchte es noch einmal. Keine Antwort. Hoffentlich ist sie nicht gestürzt, dachte er besorgt.
Axbergs Großmutter hatte vor vielen Jahren eine entscheidende Rolle in seinem Leben gespielt. Als er zwölf Jahre alt war, kamen seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben, einem Frontalzusammenstoß mit einem Lastwagen außerhalb von Gävle. Sie waren auf dem Heimweg nach einem Wochenende bei Bekannten in Stockholm. Axberg hatte bei seinen Großeltern auf Frösön bei Östersund geschlafen. Er erinnerte sich daran, dass er in der Küche saß und Rhabarberkompott aß, als der Anruf kam. Die Zeit danach war turbulent und verwirrend. Er war bei den Eltern seines Vaters geblieben, die auch das Sorgerecht für ihn bekamen. Sie wurden während seiner Jugend zu seinen Leitfiguren und seiner Stütze. Seit sein Großvater vor acht Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war, gab es nur noch Oma Rosine – ein schwacher Schatten der Frau, die seine Großmutter früher einmal gewesen war.
Axberg sah sie vor sich. Wie sie unsicher durch seine Wohnung tappte und dabei ihre Hände fast krampfhaft um die Gehhilfe krallte. Sehr lange hatte sie sich geweigert, die Gehhilfe zu benutzen. Sie nannte sie »Teufelsmaschine«, mit deren Hilfe sie direkt ins Fegefeuer marschieren würde. Axberg beschloss, in einer Stunde noch einmal anzurufen.
Es klopfte drei Mal an der Tür, und Sankari kam herein. Axberg fiel auf, dass sein kahler Kopf rot vor Sonnenbrand war. Dadurch bekam der ansonsten so beruhigende Anblick des Kollegen etwas fast Boshaftes.
»Hallo«, sagte Axberg. »Wie geht’s?«
Sankari setzte sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtischs. Er kratzte sich am Bart und blinzelte mit den Augen. Axberg wusste schon lange, dass Sankari gute Nachrichten brachte, wenn er so zufrieden aussah.
»Möglicherweise haben wir was in dem Drogenfall entdeckt . . .«
Sankari sprach langsam, als wollte er es noch eine Weile auskosten.
»Wir haben am Hedengrenska Gymnasium eine Lehrerin gefunden, die glaubt, etwas gesehen zu haben.«
Axberg nickte.
»Ein Auto«, fuhr Sankari fort. »Genauer gesagt, einen schwarzen BMW, der an zwei aufeinanderfolgenden Freitagen um die Schule herumfuhr. Beide Male am Nachmittag, als die Schule zu Ende war und die Schüler nach Hause gingen.«
Sankari lehnte sich zurück und machte eine Pause.
»Sprich weiter«, sagte Axberg.
»Da sie wusste, dass die Schüler in letzter Zeit mehr Drogen nehmen, schrieb sie sich die Autonummer auf.«
»Hat sie den Fahrer gesehen?«
»Nein, die Scheiben waren dunkel. Außerdem war sie sich auch nicht sicher, ob der Wagen überhaupt angehalten hat. Sie war nämlich in ihrem Klassenzimmer und hatte keine komplette Übersicht.«
Axberg verzog müde das Gesicht.
»Wem gehört das Auto?«
»Warte, dazu komme ich noch . . .«
Sankari rieb sich ein paar lose Hautschuppen vom Nasenrücken.
»In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass der Wagen auch bei dieser großen Raveparty in der aufgegebenen Reifenfabrik am Hafen diesen Winter gesehen wurde. Damals gehörte der BMW zu den Autos, die uns verdächtig vorkamen. Es wurde zwar nichts beschlagnahmt, aber wir haben ein paar Jugendliche erwischt, die was anderes im Blut hatten als nur Sachen aus Papas Bar.«
»Ich erinnere mich daran«, sagte Axberg. »Alle haben sich geweigert zu erzählen, was sie genommen haben und woher sie es hatten.«
»Genau«, sagte Sankari und wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn. »Verdammt warm. Kannst du noch ein paar Fenster aufmachen?«
Axberg öffnete alle Fenster und ließ Luft hinein, die fast noch stickiger war als die drinnen.
»Der Wagen gehört einem gewissen Ralf Sedin«, fuhr Sankari fort.
»Klingt bekannt. Was haben wir über ihn?«
»Ein Kleinkrimineller mit dem üblichen Kram. Misshandlungen, Hehlerei, Autodiebstahl. Für Geld macht er fast alles. Aber keine schweren Verbrechen.«
»Wo befindet er sich jetzt?«
»Hier in der Stadt und fährt in ebendem Auto durch die Gegend. Wenn wir Glück haben, taucht er heute vielleicht noch einmal auf. Aber bei diesem Durcheinander müssen wir ganz vorsichtig an den Fäden ziehen. Sonst wird das ganze Knäuel zu einem Knoten, der sich nicht mehr entwirren lässt.«
Axberg stand auf.
»Klingt, als bekämen wir vielleicht trotzdem den Weg hinein, den wir brauchen. Sag mir Bescheid, sobald etwas passiert.«
»Aber sicher«, sagte Sankari und trottete davon.
In der Tür drehte er sich mühsam um.
»Kommst du mit zum Kiosk, um ein Eis zu kaufen?«
Sie verließen gemeinsam das Zimmer, ohne die Tür hinter sich zuzumachen.
Kapitel sieben
Die Mittsommerzeit bedeutet Chaos.
Diese Tatsache wurde in der Notaufnahme des Krankenhauses in Sundsvall jedes Jahr aufs Neue bestätigt. Dass diese unglaubliche Hitzewelle die Stadt diesen Sommer ans Mittelmeer verlegt hatte, machte die Sache nicht gerade besser. Die Leute waren durch die Hitze wie verrückt.
Es ging auf vier Uhr zu, und der Dienst habende Arzt Erik Jensen hatte die ganze Nacht über kein Auge zugetan. Er sah auf die Liste der wartenden Patienten. Es war das Übliche: drei Brustschmerzen, zwei mit akutem Schwindel, ein Asthmaanfall und vier betrunkene Jugendliche, die auf ihren Liegen eingeschlafen waren.
»Wen soll ich mir jetzt ansehen?«, fragte Jensen eine Krankenschwester, die mit einer Infusionsflasche in der Hand an der Anmeldung vorbeiging.
»Weiß ich nicht, ich hatte gerade Pause«, antwortete die Krankenschwester und verschwand durch das Gewühl von Patienten und Personal.
Jensen beschloss, sich einen der drei Brustschmerzen vorzunehmen, und hoffte, dass vor dem Zimmer des Patienten ein EKG-Gerät mit dazugehörigem Blutdruckmessgerät stand. Als er gerade um die Anmeldung bog, wurde der Vorhang zu einem der Überwachungsbetten zurückgezogen. Schwester Helen sah ihn an.
»Könntest du mal kommen?«, fragte sie. »Die Patientin hat Atemprobleme, die Sauerstoffsättigung fällt.«
Jensen schaute auf die ältere, abgemagerte Frau, die halb auf dem Bett saß. In ihren Augen stand Panik, ihre Lippen waren bläulich und ihre Atmung angestrengt. Obwohl sie bereits fünf Liter Sauerstoff durch einen Schlauch bekam, blinkten die Zahlen, die die Sauerstoffsättigung in ihrem Blut registrierten, zwischen 76 und 78 Prozent.
Jensen nahm die Hand der Frau und redete beruhigend mit ihr, während er gleichzeitig ihr Herz und ihre Lunge mit dem Stethoskop abhörte. Der Brustkorb der Frau hob und senkte sich wie bei einem Vogelküken.
»Wie hoch ist der Blutdruck?«, fragte Jensen.
Schwester Helen blätterte in den Papieren.
»150 zu 90. Kein Fieber. Keine früheren Krankheiten abgesehen vom Asthma.«
»Gibt es eine aktuelle Medikamentenliste?«
Helen öffnete den Mund, um zu antworten. Genau in diesem Augenblick schrillte der Notfallalarm. Eine Sekunde lang stand jegliche Aktivität still. Dann begann eine erstaunlich gut organisierte Handlungskette. Das Chaos war wie weggeblasen, und alle schienen sich genau an dem Platz zu befinden, an dem sie am nützlichsten waren. Jensen sah, wie sich mehrere Krankenschwestern um das Telefon versammelten, um den Bericht des Krankenwagens entgegenzunehmen. Einer der wenigen männlichen Krankenpfleger nahm das Gespräch an. Nach ein paar Sekunden drehte er sich um und rief: »Ein Herzstillstand. Sie sind in fünf Minuten hier.«
Das war Erik Jensens dritter Patient mit Herzstillstand, seit er um sechs Uhr mit der Nachtschicht begonnen hatte. Er hoffte, dass der Ausgang dieses Mal glücklicher sein würde als die vorigen Male.
»Ich komme«, antwortete er.
Er schrieb ein Rezept für den Asthmaanfall und gab es Schwester Helen.
»Es wird gut werden«, sagte er zu der Frau auf dem Bett und klopfte ihr auf die Schulter.
Dann ging er zum Alarmtelefon.
»Bereiten Sie den Notfallraum vor, ziehen Sie Adrenalin auf und überprüfen Sie den Defibrillator«, ordnete er an.
Jensen bekam den Bericht und warf einen Blick auf das Papier.
»Maria Backlund. Erst vierunddreißig? Haben wir Krankenunterlagen?«
»Hier! Ich habe sie gefunden«, rief eine Hilfsschwester, die etwas entfernt an einem Schreibtisch vorm Computer saß.
Jensen lief hin und las.
»Bei uns ist sie anscheinend bisher noch nicht gewesen«, stellte er fest. »Vor einigen Jahren war sie mal beim Chirurgen wegen der Galle.«
Er wandte sich noch einmal dem Krankenpfleger zu.
»Hat der Krankenwagen noch was gesagt?«
»Eine Angehörige, die die Patientin leblos im Bett gefunden hat, hat schon zu Hause mit der Herzmassage begonnen . . .«
Die näher kommende Sirene unterbrach sie. Das Blaulicht fiel auf die Fenster in der Eingangstür. Jensen zog ein Paar Gummihandschuhe an und ging ihnen entgegen.
Auf der Liege, die hereingefahren wurde, lag eine junge Frau mit langen roten Haaren. Die Haut war blauweiß marmoriert. Einer der Sanitäter ging neben der Liege her und presste immer und immer wieder mit ganzer Kraft auf den Brustkorb der Patientin. Eine aufgeregte Frau, von der Jensen annahm, dass sie die Angehörige war, trug ein Infusionsgestell. Ein Notfallteam versammelte sich um die Liege.
»Sofort in den Notfallraum«, ordnete Jensen an. »Was ist passiert?«
Der andere der beiden Sanitäter gab ihm den Berichtsbogen. »Die Schwester der Patientin war gerade auf der Toilette. Als sie zurückkam, bemerkte sie, dass die Patientin nicht atmete. Sie hatte auch keinen Puls. Sie begann sofort mit der Wiederbelebung. Der Notruf kam vor ungefähr zehn Minuten. Im Wagen gab es keine Herzaktivität.«
Als sie den Wiederbelebungsraum betraten, öffnete sich die Tür auf der anderen Seite und der Dienst habende Anästhesist kam wie üblich ganz ruhig hinein. Jensen fasste die Situation für ihn zusammen, gleichzeitig nahm er die Paddles des Defibrillators und legte sie auf den Brustkorb der Patientin. Sie arbeiteten schnell und reibungslos. Eine Hilfsschwester führte die Schwester der Patientin in einen nahen Angehörigenraum.
»Kammerflimmern. Ich schocke. Weg von der Liege!«
Jensen presste die Paddles auf den Brustkorb und vergewisserte sich, dass sie gut auflagen, bevor er abdrückte. Der Oberkörper der Frau hob sich einige Zentimeter von der Liege. Es folgten ein paar Sekunden gespannten Wartens, als die EKG-Kurve verschwand. Dann kam der grüne Lichtstrahl wieder, zackiger und bösartiger als vorher.
»Okay. Fünf Einheiten«, sagte Jensen.
Eine Schwester folgte seiner Anweisung und zählte laut bis fünf. Der Anästhesist schob geübt einen Schlauch in den Hals der Patientin und begann, sie mit einem Beutel zu beatmen. Jensen stellte den Schalter auf 360 Joule und schickte noch einen Stoß durch die Brust der Frau. Nichts passierte.
»Wir probieren es noch einmal, bevor wir wieder reanimieren. Ziehen Sie ein Milligramm Adrenalin auf.«
Eine Schwester nickte, hielt eine Spritze vor die Lampe und drückte ein paar überflüssige Tropfen aus der Kanüle. Jensen legte die Paddles auf den Brustkorb und korrigierte deren Lage, damit die maximale Stromstärke direkt ins Herz ging.
»Weg!«
Er drückte ab. Alle Blicke waren auf die EKG-Anzeige gerichtet. Die Pulskurve kam zurück und die EKG-Kurve normalisierte sich. Jensen fühlte mit dem Zeigefinger am Handgelenk der Frau. Der Puls war kräftig und regelmäßig.
»Aller guten Dinge sind drei«, sagte der Anästhesist vom Kopfende der Patientin her.
Jensen musste unwillkürlich lächeln über den seltsamen Witz. Als die Patientin stabil genug war, zog der Anästhesist den Tubus, und Maria Backlund erwachte mit ein paar tiefen Atemzügen zum Leben. Sie schlug die Augen auf und sah sich erschrocken um. Die ruhigste Schwester der Notaufnahme sah sie an und sprach besänftigend auf sie ein. Dann wurde Maria Backlund auf die Herzintensivstation gebracht. Nachdem Jensen die Patientin und einen Bericht übergeben hatte, ging er zurück in die Notaufnahme. Er machte sofort mit der Warteliste weiter, die zum Glück noch nicht weiter angewachsen war. Die Frau mit dem Asthmaanfall war beschwerdefrei und wurde zur Beobachtung in die Lungenklinik überwiesen.
Jensen erledigte seine Aufgaben routiniert, jedoch ohne mit den Gedanken voll dabei zu sein. Er musste immer noch an den Fall Maria Backlund denken. Wieso hörte das Herz bei einem so jungen und gesunden Menschen plötzlich auf zu schlagen? Vor allem mitten im Schlaf?
Es gab keinen Zweifel daran, was passiert wäre, wäre die Schwester nicht so geistesgegenwärtig gewesen. Maria Backlund hatte unglaubliches Glück gehabt. Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, arbeitete er sich durch die restlichen Patienten. Als er fertig war, sah er auf die Uhr. Viertel nach fünf. Dennoch fühlte sich Jensen kein bisschen müde. Auf die paar Stunden Schlaf, die bis zur Morgenvisite noch blieben, konnte er auch verzichten.
Er ging auf die Herzintensivstation. Maria Backlund und ihre Schwester lagen jede in ihrem Bett in einem Zimmer mit gedämpftem Licht. Jensen fiel auf, dass auch die Schwester rötliche Haare hatte. Er schlich sich in das Zimmer und sah nach, ob alle Elektroden richtig saßen. Danach kehrte er zur Notaufnahme zurück. Alles war noch ruhig. Er ging in den Personalraum, goss sich eine Tasse Kaffee ein und setzte sich auf die geschwungene Ledercouch. Ein Bezirksarzt, den er flüchtig kannte, lag mit dem Kopf auf der anderen Armlehne und döste. Als er Jensen bemerkte, rieb er sich gründlich die Augen und setzte sich auf.
»Hallo, noch jemand, der wach ist?«, sagte der Mann und gähnte.
»Das ist wohl relativ«, antwortete Jensen und grinste.
»Wie läuft’s bei euch Ärzten?«
»Volles Haus. Das ist das erste Mal, dass ich mich heute Nacht hinsetze.«
»Wir haben auch ziemlich viel zu tun gehabt. Vor allem Kleinkram. Die Leute kommen abends, weil sie tagsüber keine Zeit haben.«
»Viele haben wohl Schwierigkeiten, von der Arbeit wegzukommen«, sagte Jensen und trank zwei Schluck lauwarmen Kaffee.
Sie saßen ein paar Minuten schweigend da und schauten einen Spielfilm in dem Fernseher, der zur Ausstattung des Raums gehörte. Der Ton war ganz leise gedreht, aber keiner von ihnen machte sich die Mühe, nach der Fernbedienung zu suchen. Jensen kehrte in Gedanken immer wieder zu Maria Backlund zurück.
»Ich hatte da eben einen seltsamen Fall«, sagte er. »Ein Herzstillstand bei einer jungen Frau, gerade mal vierunddreißig Jahre alt.«
Er erzählte kurz, was passiert war. Der Kollege auf dem Sofa hörte aufmerksam zu.
»Herzlichen Glückwunsch«, platzte es am Ende aus ihm heraus; er war von der Erzählung sichtlich aufgemuntert. »Man bekommt nicht jeden Tag die Chance, ein Leben zu retten.«
»Nein«, sagte Jensen. »Aber die Voraussetzungen waren gut. Ihre Schwester hat fast sofort mit der Herzmassage begonnen.«
Der Kollege nickte, offensichtlich beeindruckt. Jensen dachte nach.
»Sind Sie nicht auch der Meinung, dass es seltsam ist, wenn ein so junger Mensch im Schlaf einen Herzstillstand hat? Es muss einen tiefer liegenden Grund dafür geben.«
Der Kollege sah ihn nachdenklich an.
»Was Sie da erzählen, erinnert mich an etwas«, sagte er zögernd.
Jensen zog fragend eine Augenbraue hoch. Der Mann machte eine Geste mit den Händen.
»Ich weiß nicht, ob etwas dran ist, aber ich habe das Gerücht gehört, dass es im Zentrum in letzter Zeit sehr viele Todesfälle gegeben hat. Mit ähnlichen Umständen wie in Ihrem Fall, jedoch natürlich mit einem schlechteren Ausgang.«
»Was meinen Sie?«, sagte Jensen.
»Ganz einfach, dass im Augenblick ungewöhnlich viele sterben. Nachts, im eigenen Zuhause. Und da werden wir dann ja gerufen, um den Tod festzustellen.«
Jensen sah ihn forschend an.
»Von wem haben Sie das gehört?«
»Kennen Sie David Nyström?«
»Den Bezirksarzt aus Bergsåker?«
»Genau den, er macht viele Nachtschichten hier oben. Als ich ihn das letzte Mal getroffen habe, hat er von mehreren Todesfällen erzählt, bei denen er gewesen ist. Anscheinend oft völlig unerwartete, ohne einen offensichtlichen Grund. Aber wie gesagt, vielleicht ist das nur ein Gerücht.«
Der Kollege rutschte zurück in seine ursprüngliche Lage, mit dem Kopf auf der Armlehne und fuhr fort:
»Man kann also sagen, dass ich Glück hatte . . .«
»Wie das?«
»Hätte Ihre Patientin nicht eine so aufmerksame Schwester, hätte ich vielleicht noch mal raus gemusst, um einen weiteren Todesfall aufzunehmen.«
»Ach, dummes Geschwätz«, sagte Jensen und verließ den Kaffeeraum.
Der Gerüchteküche innerhalb des Gesundheitswesens war er schon lange überdrüssig. Dass es eine Verbindung zwischen Maria Backlund und dem geben sollte, wovon der Bezirksarzt gesprochen hatte, erschien ihm unwahrscheinlich. Aber es gab unbestreitbar viele Fragen, die er Maria Backlund stellen musste, sobald sie aufwachte. Es gibt sicher eine natürliche Erklärung, dachte Jensen. Wie immer in der Wissenschaft.
Er ging wieder zum Ärzteschreibtisch. Zwei Hilfsschwestern saßen da und kicherten laut über ein paar Fotos, die sie sofort umdrehten, als er näher kam.
»Alles ruhig?«
»Ja, abgesehen von einer Überweisung aus Station 8. Ein Chirurgiepatient mit Vorhofflimmern.«
»Ich übernehme ihn«, sagte Jensen und nahm den gelben Überweisungszettel in die Hand.
Jensen verbrachte die Stunden bis zur morgendlichen Visite damit, die Patienten zu behandeln, die in der Notaufnahme ankamen und im Haus weiter untersucht werden sollten. Währenddessen überlegte er die ganze Zeit, was hinter dem dramatischen Herzstillstand stecken konnte. Das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, kehrte immer wieder. Aber er musste sich gedulden.
Der nächste Tag würde sicher Antworten auf seine Fragen im Fall Maria Backlund bringen.
Kapitel acht
Erik Jensen schaffte es, wach zu bleiben, genau wie er es sich vorgenommen hatte.
Er saß im Konferenzzimmer der Notaufnahme 9 und wartete auf die Morgenvisite. Der Schlafmangel machte sich langsam bemerkbar, und er hatte während der letzten Stunde vier Tassen Kaffee getrunken. Der Effekt war mäßig. Mit müden Augen sah er aus dem Fenster. Zwei Frauen in der offiziellen blauen Arbeitskleidung standen vor der Patientinnenannahme der Geburtsstation und rauchten. Jensen hatte es schon zu oft gesehen, als dass er noch darauf reagierte.
Klinikchef Bolinder kam herein. Er setzte sich auf seinen Platz am Tisch und schlug den ersten Visitenordner auf. Wie immer trug er ein gebügeltes, weißes Hemd und einen stramm gebundenen Schlips. Er zog seinen schwarzen Füller mit einem solchen Ernst aus der linken Brusttasche seines Arztkittels, dass man an einen Ritter erinnert wurde, der im Kampf sein Schwert zieht. Zu beiden Seiten Bolinders saß je eine Schwester mit einem Stapel Krankenberichte.
»Sie sehen aus, als hätten Sie Ihre Pflicht erfüllt«, sagte Bolinder und nickte in Jensens Richtung, während er gleichzeitig demonstrativ den Daumen über den Papierstapel mit den Patientenaufnahmen der Nacht zog.
»Ich habe nicht gerade sanft geschlummert«, antwortete Jensen.
Die Morgenbesprechung des Mittsommertages verlief ohne größere Überraschungen. Jensen bewegte seine Füße unterm Tisch hin und her, um sich wach zu halten. Er antwortete kurz und sachlich auf die wenigen Fragen, die Bolinder stellte. Erik Jensen war ein kompetenter Internist und Kardiologe, der in der Klinik einen sehr guten Ruf hatte, sogar bei Bolinder, der ansonsten in seinem Urteil ziemlich hart war. Jensen würde außerdem bald mit seiner Doktorarbeit fertig sein, die er gemeinsam mit einem Professor vom Karolinska Institut schrieb. Obwohl erst dreiunddreißig, war er der strahlendste Stern in der Klinik und hätte mit Leichtigkeit überall im Land eine Stelle bekommen – und sich damit einen Traum erfüllen können. Das Problem war, dass seine Frau Sara Sundsvall auf gar keinen Fall verlassen wollte. Sie hatte alle ihre Freunde und ihre ganze Familie in der Nähe, besonders ihre Mama. Und seit ihre Tochter Erika vor acht Monaten geboren worden war, stand ein Umzug ohnehin nicht mehr zur Diskussion.
Jensen ließ seinen Gedanken freien Lauf, während er darauf wartete, dass Maria Backlund auf die Tagesordnung kam. Es dauerte zwei Stunden und vierundzwanzig Patienten, bis Bolinder den Daumen befeuchtete und zum letzten Mal in dieser Sitzung umblätterte.
»Maria Backlund, sechsundsechzig geboren«, sagte er mit seiner unermüdlichen Stimme. »Kam im Krankenwagen wegen eines Herzstillstandes.«
Bolinder grübelte lange schweigend über dem Bericht.
»Das haben Sie gut gemacht, Erik«, sagte er schließlich. »Gibt es eine Erklärung für den Stillstand?«
»Nein«, sagte Jensen. »Aber ich hatte noch keine Zeit, mit der Patientin zu sprechen.«
»Merkwürdige Geschichte«, sagte Bolinder und wandte sich den Krankenschwestern zu. »Haben Sie dem noch etwas hinzuzufügen?«
Die Gesprächigere der beiden, die ein handgemaltes Namensschild aus Holz mit dem Namen Eva trug, antwortete:
»Eigentlich nicht. Die Patientin war so müde, dass sie sofort eingeschlafen ist. Und die große Schwester so aufgeregt, dass nichts Vernünftiges aus ihr herauszubekommen war. Wir haben ihr dann schließlich fünf Milligramm Oxazepam gegeben, damit sie sich beruhigt.«
Bolinder runzelte die Stirn und vergrub sich wieder in den Bericht.
»Alle Blutwerte sehen gut aus, abgesehen von den üblichen Auffälligkeiten durch zu langes Stauen bei der Blutabnahme, die sich jetzt wieder normalisiert haben. Das EKG zeigt keine Arrhythmien oder andere Abweichungen. Der niedrige Puls kann ein Zeichen dafür sein, dass sie viel Sport treibt. Wurde ein Herzultraschall gemacht?«
Wieder antwortete Schwester Eva.
»Ja, der wurde gemacht. Thorstenson war heute früh da.«
Sie holte ein Blatt Papier hervor, an dessen eine Ecke kleine, schwarzweiße Fotokopien geheftet waren.
»Völlig normale Werte«, stellte Bolinder fest.
Er tippte mit dem Stift auf den Tisch und dachte nach.
»Kniffliger Fall. Mit ihrem Herz ist jedenfalls alles in Ordnung. Sie kann nach Hause gehen und soll in zwei Wochen zur Nachuntersuchung in meine Sprechstunde kommen.«
Jensen reagierte instinktiv.
»Sollte sie nicht zur Beobachtung bleiben? Wäre es nicht sinnvoll, nach einem Grund zu suchen, bevor wir den Fall ruhen lassen?«
Bolinder hob den Blick. Die Augenbrauen nahmen wieder ihre spitze Form an.
»Sie wissen genauso gut wie ich, wie sehr wir überbelegt sind. Wir haben einfach keinen Platz für gesunde Patienten.«
Jensen sah ein, dass es keine gute Idee wäre, den Beschluss in Frage zu stellen. Bolinder setzte die Kappe auf seinen Füller und steckte ihn wieder in die Brusttasche. Alle am Tisch wussten, dass dies das Signal zum Ende der Besprechung war und dass nun die vormittägliche Kaffeepause anstand. Rund um den Tisch hörte man kleine Aufbruchsgeräusche, Stuhlbeine wurden über den Boden geschoben, Notizbücher und Ordner raschelnd eingesteckt.
Die beiden Krankenschwestern nahmen jeweils ihren Visitewagen, und als sie an Jensen vorbeikamen, schnappte er sich Maria Backlunds Unterlagen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Bolinder in Richtung des Flurs marschierte, mit seinem Hofstaat im Schlepptau.
Jensen fand die richtige Tür und schaute durch das rechteckige Plexiglasfenster hinein. Maria Backlund und ihre Schwester saßen jeweils auf ihrem Bett und sprachen miteinander. Jenson klopfte an und trat ein.
»Guten Morgen, mein Name ist Erik Jensen. Ich bin Arzt hier und habe Sie gestern Nacht behandelt.«
Maria Backlund, die näher an der Tür saß, hob ein leeres Frühstückstablett vom Bett.
»Hallo. Kommen Sie doch herein.«
Jensen setzte sich in den einzigen Besuchersessel des Zimmers. Obwohl die Jalousien heruntergezogen waren, schien die Morgensonne hinein und warf Flecken auf die gelben Gipswände. Jensen fiel auf, dass Maria Backlund fast genauso blass war wie bei der Einlieferung in die Notaufnahme. Sie war klein und schmal, sah sehnig und durchtrainiert aus. Ihr Gesicht strahlte Stärke aus, der Blick war ehrlich und wach. Große, rote Locken fielen auf ihre Schultern. Jensen konnte sich nicht erinnern, je so auffallende Haare gesehen zu haben. Maria Backlund goss Hagebuttentee aus einer rostfreien Kanne, die auf dem Nachttisch stand und nippte nachdenklich daran.
»Ich weiß eigentlich gar nicht, was passiert ist«, sagte sie. »Sie haben gesagt, dass ich eine Weile weg war?«
Jensen lächelte kurz.
»Das ist das Mindeste, was man sagen kann . . .«
Dann erklärte er detailliert, was passiert war. Maria Backlund hörte aufmerksam zu, ohne etwas zu sagen. Ihr Gesichtsausdruck wechselte zwischen Überraschung und Angst.
»Sie werden verstehen, dass ich viele Ihrer Fragen im Augenblick nicht beantworten kann«, sagte Jensen abschließend. »Aber vielleicht verfügen Sie selbst ja über einige der Antworten?«
Er sah von einer Schwester zur anderen. Sie saßen still da und dachten nach. Das einzige Geräusch, das man hörte, war die Lüftung, die an einem unbestimmbaren Platz im Zimmer surrte. Jensen wandte sich mit der nächsten Frage an Maria.
»Abgesehen von den Problemen mit der Galle sind Sie also völlig gesund?«
»Ja. Außerdem habe ich die sehr selten, nur wenn ich etwas Falsches gegessen habe.«
»Und Sie haben in letzter Zeit keine Medikamente genommen?«
Sie schüttelte den Kopf. Die roten Locken tanzten um ihre Ohren.
»Maria ist einer der gesündesten Menschen, die ich kenne«, warf ihre Schwester Berit ein und rückte ihre runde Brille zurecht. »Sie ist fast nie krank.«
»Hatten Sie in den letzten Wochen eine Erkältung oder irgendeine andere Infektion?«
»Nein, gar nichts.«
Jensen schrieb eine Null auf seinen Notizblock.
»Wie fühlten Sie sich gestern Abend, bevor Sie ins Bett gingen?«
»Gut. Sehr gut. Wir haben Surströmming gegessen, gegorenen Hering, und Karten gespielt. Ungefähr gegen halb zwölf sind wir ins Bett gegangen, und ich bin sofort eingeschlafen. Dann erinnere ich mich an nichts mehr, bis ich hier im Krankenhaus aufgewacht bin.«
»Haben Sie Alkohol getrunken?«
Die Schwestern wechselten schnell einen Blick. Berit nickte ernst.
»Jede einen Schnaps und ein Bier«, sagte Maria und sah ihn besorgt an. »Glauben Sie, dass das der Grund . . .«
»Nein, auf keinen Fall«, sagte Jensen beruhigend. »Gab es sonst noch etwas, das seltsam oder anders war?«
In Marias Augen tanzten wieder kleine Flammen.
»Nichts.«
Jensen war ein bisschen enttäuscht. Er hatte gehofft, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, etwas, das zumindest ein bisschen Licht auf diesen unerwarteten Herzstillstand werfen konnte. Er wandte sich an Berit, die gerade ihre Brille putzte.
»Können Sie erzählen, was passiert ist?«
Berit schob die Brille zur Stirn hoch und atmete tief ein.
»Wie gesagt, ich bin gegen drei Uhr aufgewacht und auf die Toilette gegangen. Mir war ein wenig übel, so dass ich bestimmt zwanzig Minuten da saß. Wir hatten ja Surströmming gegessen, wie Sie wissen . . .«
Jensen nickte.
»Als ich ins Schlafzimmer zurückkam, fühlte sich irgendwas komisch an. Ich weiß nicht, was. Dann habe ich auf Maria gesehen, die im Bett neben meinem lag. Sie sah blass aus und die Stirn war ganz kalt. Ich habe dann die Lampe angeschaltet und bemerkt, dass sie nicht atmete.«
Berit legte eine Hand auf die Brust und machte die Augen weit auf.
»Ich habe Panik bekommen, habe nach ihrem Puls gefühlt, zehn Sekunden lang kein Schlag.«
»Wo haben Sie den Puls gefühlt?«
»Am Handgelenk«, sagte Berit und zeigte mit dem Finger die Stelle. »Dann habe ich 112 gewählt und mit der Herzmassage begonnen.«
Jensen sah, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Er legte seine Hand auf ihre Schulter.
»Das war sehr geistesgegenwärtig und sehr gut von Ihnen. Sie haben ihr wahrscheinlich das Leben gerettet.«
Auch Maria bekam jetzt feuchte Augen. Die beiden Schwestern umarmten einander schnell. Jensen blickte auf das Gekritzel in seinem Notizblock. Er sah ein, dass er des Rätsels Lösung dort wohl kaum finden würde. Die ganze Situation hatte etwas Absurdes. Aber Maria Backlund lebte, und das war die Hauptsache. Und vielleicht sollte er nicht mehr in diesem Fall herumwühlen, ihn auf sich beruhen lassen. Er beendete das Gespräch und verabschiedete sich von den beiden Schwestern.
Im Kaffeeraum war der größte Andrang vorüber. Jensen goss sich eine Tasse Kaffee ein, ließ sich auf ein Sofa fallen und sah sich die Morgennachrichten an. Während die Bilder auf dem Bildschirm vorbeiflimmerten, ging er diesen seltsamen Fall noch einmal durch. Es gab da etwas, aus dem er nicht schlau wurde. Konnte er wirklich alles beiseitelegen und weitermachen?
Er wurde immer unruhiger. Das Gespräch mit dem Bezirksarzt im Kaffeeraum kam ihm wieder ins Gedächtnis. Was hatte er eigentlich genau erzählt?
Plötzlich wusste Jensen, was er zu tun hatte. Er stand auf und ging ins nächste Arztzimmer. In einem ziemlich abgenutzten Ärzteverzeichnis fand er die Nummer von Doktor Nyström in Bergsåker und wählte. Eine muntere Männerstimme antwortete. Jensen stellte sich vor und erzählte kurz von Maria Backlund. Dann fragte er Nyström, ob er die Gerüchte kenne, die Jensen im Personalraum gehört hatte.
»Ja, das stimmt«, bestätigte Nyström. »Die Nachtdienste der letzten Monate waren wirklich schrecklich. Wenn das so weitergeht, dann höre ich mit Extradiensten auf. Ich habe keine Nacht mehr als drei Stunden schlafen können.«
»Lag das daran, dass Sie zu ungewöhnlich vielen Todesfällen gerufen wurden?«
»Nicht nur. Es gab auch ein paar Krankenhauseinweisungen. Aber es gab deutlich mehr Todesfälle zu Hause als üblich. Zum Glück nur im Zentrum, so dass ich keine weiten Wege hatte.«
Jensen schwieg ein paar Sekunden und dachte darüber nach, was Nyström gesagt hatte.
»Was meinen Sie mit Zentrum?«
»Das Stadtzentrum. Es ist schon seltsam, aber bis auf einen Fall waren alle in der Altstadt. Es müssen insgesamt wohl sechs solcher Todesfälle während der letzten vier Dienste gewesen sein.«
»Wie alt waren die Leute?«
»Unterschiedlich. Die meisten natürlich schon älter, aber zwei gerade mal fünfzig.«
»Was waren die Todesursachen?«
»Plötzlicher Herztod in den drei Fällen, die obduziert wurden. Die anderen waren so alt und krank, dass ich von einer Obduktion abgesehen habe . . .«
Ein paar Sekunden lang war die Leitung still, bis Nyström fortfuhr.
»Es ist schon ein merkwürdiger Zufall. Sicher, die Patienten, die an plötzlichem Herztod gestorben sind, hatten laut Obduktionsbericht alle Arteriosklerose, und doch . . . Im Großen und Ganzen waren sie alle gesund, bevor sie starben.«
Jensen blätterte seinen Block um und machte sich weiter Notizen.
»Fällt Ihnen sonst noch etwas dazu ein?«, fragte er.
Nyström überlegte einen Moment lang.
»Eigentlich nicht. Das Anstrengende ist, sich um die Angehörigen zu kümmern. Wenn jemand relativ Junges stirbt, dann sind die Reaktionen oft heftig. Das ist manchmal wirklich ziemlich hart.«
Jensen bedankte sich und legte auf. Er blieb reglos auf dem Stuhl sitzen und starrte aus dem Fenster. In seinem Kopf drehte sich alles, und er war zu müde, um seine halbgaren Gedanken zu ordnen. Sein Kittel wurde ihm langsam zu warm und zu eng. Er würde jetzt zum Umkleideraum gehen und sich umziehen. Danach würde er nach Hause fahren und duschen.
Falls er es noch schaffte, gäbe es dann ein schnelles Mittagessen.
Wenn nicht, würde es direkt ins Bett gehen.
Kapitel neun
Der Mann saß am leeren Küchentisch und sah auf seine Hände.
Die langen, schmalen Finger lagen ordentlich ineinander verschränkt da. Er war immer geschickt mit den Händen gewesen, und trotz deren scheinbarer Zartheit war er ungewöhnlich stark. Wieder kam die Erinnerung an seine Jugend zurück. Ab und zu liefen kleine Filme vor seinem inneren Auge ab, oft ohne einen offensichtlichen Auslöser.
Jetzt sah er gerade, wie er in der Oberstufe den Werklehrer Eriksson vor der ganzen Klasse im Fingerhakeln besiegte. Eriksson, dessen Spitzname der Diktator war, war bei allen wegen seiner mürrischen und gewaltsamen Art unbeliebt. Es ging das Gerücht, dass er im Flur vor dem Werkraum mal einen Schüler am Pullover an einem Kleiderhaken aufgehängt hätte.
Der Mann erinnerte sich deutlich an das Geschehen. Wie immer waren die Erinnerungsbilder lebhaft und detailliert. Während einer turbulenten Doppelstunde hatte Eriksson herumgeschrien, bis sein Gesicht knallrot angelaufen war, hatte ihm befohlen, den Mund zu halten und ruhig an seiner Arbeitsbank zu sitzen. In einem Moment des trotzigen Übermuts hatte er den Lehrer gefragt, ob Eriksson es wagen würde, sich auf ein Duell im Fingerhakeln einzulassen. Zu seinem großen Erstaunen hatte Eriksson zugestimmt.
Sie saßen einander auf Hockern vor dem Katheder gegenüber und krempelten die Hemdsärmel hoch. Die gesamte Klasse versammelte sich in gebührendem Abstand im Kreis um sie. Der Kampf wurde lang und schmerzhaft. Er hatte sich antrainiert, den Schmerz wegzudenken, ihn vollkommen zu ignorieren. Sein Vater hatte ihm beigebracht, dass das Leiden nur der Ausdruck dafür war, dass die Schwäche den Körper verließ. Er fixierte Erikssons graublaue Fischaugen ohne zu blinzeln; die Unterarme zwischen ihnen vibrierten.
Als die Finger langsam weiß wurden, ließ Eriksson plötzlich los. Der große Mann zog die Hand zurück und begann den Zeigefinger zu massieren, gleichzeitig sank er auf dem Stuhl zusammen und fing an zu weinen. Er weinte so untröstlich wie ein Kind. Alle Dämme brachen, und der riesige Körper zitterte wie im Schüttelfrost. Niemand im Klassenzimmer wagte es, auch nur einen Laut von sich zu geben, alle standen wie erstarrt an ihren Bänken. Die Zeit schien unendlich. Die Schüler, die sich trauten, schielten auf die Wanduhr über der Tür. Eriksson saß abgesehen von dem ihn immer seltener durchlaufenden Zittern reglos da. Als er keinerlei Anzeichen machte, mit dem Weinen aufzuhören, und es zur Pause klingelte, schlichen die Schüler einer nach dem anderen aus dem Zimmer.
Bei der Erinnerung lächelte er. Nach diesem Ereignis hatte es niemand mehr gewagt, sich mit ihm anzulegen, der Respekt war sofort da gewesen und verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Schule. Er lehnte sich über den Tisch vor und rückte einen leeren Blumentopf im Fenster gerade. Letzte Nacht war er abrupt von einer unbekannten Person unterbrochen worden. Eine zufällige Besucherin hatte ihn vollkommen überrascht. Es war pures Glück, dass er nicht dazu gezwungen gewesen war, seine Kräfte gewalttätig einzusetzen. Er spürte, wie heftiger Zorn in ihm wuchs. Was passiert ist, war nicht akzeptabel. Er musste alles, was geschah, selbst kontrollieren, ohne darauf zu vertrauen, dass ihm das Schicksal beistand. Sicher hatte er es geschafft, ungesehen zu verschwinden, aber das Ziel war und blieb unerreicht. Er verabscheute es, wenn etwas von dem geplanten Szenario abwich. Es ging inzwischen zu leicht, die Vorbereitungen waren nicht optimal gewesen. Sicher war seine Fähigkeit, sich unter Menschen unsichtbar zu machen, angeboren. Aber er musste sie trainieren. Zum Weitermachen war ein Plan notwendig, eine überzeugende Strategie gegen alle Eventualitäten.
Er stand auf und ging zum Kalender an der Wand. Dort stand er lange da und starrte auf die leere Fläche unter der Zahl Acht. Dann hob er die Hand und fuhr mit dem Zeigefinger wieder und wieder über die unendliche, ewige Zahl. Die Bewegung wurde immer schneller, rund und rund wie in Trance.
Janus war nicht zufrieden. Ein dumpfes Ticken erfüllte seinen Kopf. Nach einer Weile spürte er, wie es in den Fingerspitzen zu brennen begann. Das beruhigte ihn etwas. Er musste die Ordnung wiederherstellen. Sich etwas ausdenken, das sein Pech kompensierte. Sonst ging er das Risiko ein, sein Ziel nicht zu erreichen. Der Gedanke beunruhigte ihn, ein Gefühl des Kontrollverlusts lähmte seinen Körper. Es musste einen Weg geben, ES MUSSTE.
Niemand durfte die Harmonie der zeitlosen, endlos wiederkehrenden Bewegung des Pendels stören.
Trotz all der Energie, die er während der vergangenen vierundzwanzig Stunden investiert hatte, hatte er keine Idee, wie er das gebrochene Glied reparieren könnte. Jetzt vertraute er darauf, dass es sich mit der Zeit einfach ergeben würde. So war es immer gewesen. Nun war es am wichtigsten, nicht an Geschwindigkeit zu verlieren, nicht abzuweichen und nicht auf den ursprünglichen Plan zu verzichten.
Alles hat seine Zeit, jede Unternehmung unter dem Himmel ihren Augenblick. Geboren zu werden hat seine Zeit, und zu sterben hat seine Zeit. Er würde bald eine Kompensation für das Vorgefallene finden, etwas zur Besänftigung.
Die nächste Welle war bereits auf dem Weg an den Strand.
Er konnte nur weitermachen.
Kapitel zehn
Am 4. Juli um zehn Uhr vormittags hatte die Sonne das Lüftungssystem des Polizeireviers besiegt. Diejenigen, die noch nicht im Urlaub waren, ertrugen die Hitze, so gut sie konnten, und versuchten, so wenig wie möglich zu tun. Niemand hatte mehr den Nerv, das Wetter zu kommentieren.
Axberg hatte gerade beschlossen, selbst zum Empfang hinunterzugehen und Birgit Öberg abzuholen. Aus Erfahrung wusste er, dass Besucher sich oft auf dem Revier verliefen, was angesichts der Tatsache, dass der Grundriss aller Etagen identisch war, nicht verwunderte. Im Sommer gab es außerdem nur wenige Leute im Flur, die jemandem, der sich verirrt hatte, den Weg zeigen konnten.
Vor zwei Tagen war Axberg angerufen worden. Ihm war sofort klar, dass es sich bei dem Anruf um etwas handelte, um das er sich so schnell wie möglich kümmern musste. Bevor das nicht erledigt wäre, würde er keine Ruhe zum Arbeiten finden.
Birgit Öberg hatte darum gebeten, ihn so bald wie möglich treffen zu können. Sie müsse ihm etwas erzählen. Was, wollte sie am Telefon nicht sagen. Zunächst war Axberg verärgert gewesen, und normalerweise lehnte er solche Anfragen ab. Er konnte sich unmöglich mit allen Leuten treffen, die anriefen und behaupteten, sie hätten etwas Wichtiges zu melden. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass es sich dabei allzu oft um Leute handelte, die nur Bagatellen zu berichten hatten, oder um notorische Lügner, die sich irgendeine verrückte Geschichte ausgedacht hatten. Gerade als er auflegen wollte, erwähnte Birgit Öberg, dass Pfarrer Ekstedt ihr gesagt habe, sie solle anrufen. Da hatte Axberg gewusst, dass es sich nicht um ein Allerweitsgespräch handelte.
Der Pfarrer hatte sich weiterhin täglich bei Axberg und seinen Kollegen gemeldet, um ihnen klarzumachen, dass seine Mutter keines natürlichen Todes gestorben wäre. Allerdings konnte er nicht genauer erklären, warum er so sicher war, dass jemand im Haus gewesen war. Außer einem eventuell gestohlenen Wecker hatten sich in diesem Fall keine neuen Beweise ergeben. Niemand hatte diese Sache ernst genommen, stattdessen war es zu einem beliebten Witz auf dem Revier geworden, nach den letzten Neuigkeiten vom Pfarrer zu fragen.
Birgit Öberg saß auf einer Bank in der Eingangshalle und wartete. Trotz der Wärme trug sie einen grauen, knielangen Mantel und eine Cordhose, die über soliden Wanderschuhen Falten warf. Auf ihren Knien lag eine Handtasche, die sie die ganze Zeit mit beiden Händen festhielt. Axberg schätzte sie auf ungefähr fünfundfünfzig. Sie hatte freundliche, braune Augen und glatte Haut, was auch daran lag, dass sie ein paar Kilo Übergewicht hatte. Ihr Händedruck war fest und warm.
Sie gingen an dem Glaskasten vorbei, in dem Monika Roos saß und alle begutachtete, die vorüberkamen. Mit dem Headset auf dem Kopf führte sie gerade ein lebhaftes Gespräch. Sie lachte und winkte Axberg zu, der nickte und sich bemühte, das Lächeln zu erwidern.
Im Flur vor Axbergs Zimmer stand Sven Hamrin gegen die Wand gelehnt und wartete. Axberg hatte ihn darum gebeten, bei dem Gespräch dabei zu sein, da er im Haus des Pfarrers gewesen war. Axberg bat sie hinein und hoffte, dass der Zigarettenrauch durchs Lüften verschwunden war.
»Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte Axberg und zeigte auf den Besucherstuhl.
Birgit Öberg setzte sich und behielt den Mantel an. Hamrin stellte sich wie ein tragender Pfeiler an die Wand links neben Axberg.
»Sie wollten mir etwas erzählen?«, begann Axberg.
»Ja, und ich bin dankbar, dass ich kommen durfte.«
Birgit Öberg umfasste den Griff der Handtasche, als müsse sie Kraft zum Sprechen tanken.
»Mein Mann ist vor einem Monat ganz plötzlich gestorben. Es war ein großer Schock für mich.«
Axberg nickte mitfühlend.
»Es kam alles so unerwartet. Kent war nicht krank und fühlte sich auch nicht irgendwie unwohl. Als wir abends zu Bett gingen, war alles genau wie immer. Und als ich morgens aufwachte, war er . . .«
Sie schaffte es nicht, das letzte Wort auszusprechen. Stattdessen öffnete sie ihre Tasche und nahm ein Taschentuch heraus. Durch das leicht geöffnete Fenster drangen die Geräusche des Sommers. Vogelgezwitscher, ein Moped, das unten auf der Straße vorbeifuhr, ein Kind, das schrie.
»Die Beerdigung war letzte Woche«, fuhr die Witwe nach einer Weile fort.
Axberg sah, wie sie mit den Daumen immer wieder über das Taschentuch fuhr.
»Ich verstehe, dass das schwer für Sie ist«, sagte er. »Wie können wir Ihnen helfen?«
»Das weiß ich nicht. Ich fange vorne an. Ich habe etwas erlebt, das mir keine Ruhe lässt.«
»Vielleicht hilft es, wenn Sie davon erzählen«, sagte Hamrin und schlug seine Beine übereinander, während er weiter an der Wand lehnte.
Axberg hatte Hamrin vor dem Treffen gesagt, er solle sich zurückhalten und nur zuhören. Birgit Öberg sah Hamrin schüchtern an und wandte sich dann wieder an Axberg.
»Es ist alles so seltsam. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. In der Nacht, in der Kent starb, schien es, als sei jemand im Zimmer.«
Axberg holte seinen Notizblock aus der Schreibtischschublade. Er merkte instinktiv, dass das hier ungeahnte Ausmaße annahm.
»Wie meinen Sie das?«
Birgit Öberg sah ihn bittend an.
»Sie müssen mir versprechen, dass Sie mich nicht für verrückt halten.«
»Keine Sorge«, rief Hamrin aus.
Axberg sah ihn mahnend an.
»Es war, als wäre ein Schatten im Zimmer«, begann sie erneut. »Irgendwann mitten in der Nacht wachte ich auf, nicht so, dass ich ganz wach war, aber doch etwas.«
Sie nahm erneut Anlauf, bevor sie fortfuhr.
»Je mehr ich darüber nachdenke, umso überzeugter bin ich, dass ein schwarzer Schatten sich über Kent beugte.«
Sie sah von Axberg zu Hamrin, um deren Reaktion einzuschätzen.
»Ich weiß, dass das merkwürdig klingt, aber es ist wahr«, fügte sie dann bestimmt hinzu.
Hamrin versuchte, seine Hände in die vorderen Taschen seiner Jeans zu stecken. Doch nur seine Fingerspitzen fanden Platz, während die Knöchel über der Taschenkante weiß wurden.
»Warum kommen Sie damit erst jetzt zu uns?«, fragte er.
»Zuerst habe ich versucht, es als Traum oder Einbildung abzutun. Ich wollte niemandem zur Last fallen. Aber dieses Hirngespinst will einfach nicht verschwinden, es quält mich seitdem ständig.«
Sie fing an, ihr Taschentuch methodisch Kante auf Kante zu falten.
»Dann habe ich nach der Beerdigung mit Pfarrer Ekstedt gesprochen. Ich habe ihm dasselbe erzählt wie Ihnen.«
»Was hat der Pfarrer dazu gesagt?«, fragte Axberg.
»Dass er ein ähnliches Erlebnis hatte.«
Hamrin seufzte und zog die Hände aus den Taschen.
»Fahren Sie fort«, bat Axberg.
»Seine alte Mutter ist vor kurzem gestorben. Er hat auch erzählt, dass jemand in der Nacht, in der sie starb, im Pfarrhaus gewesen sei . . .«
Hamrin wollte etwas einwerfen. Axberg hob abwehrend eine Hand.
»Was hat er sonst noch gesagt?«
Birgit Öberg sah verlegen aus, zögerte.
»Dass die Polizei ihre Arbeit nicht erledigt.«
Hamrin verzog das Gesicht, ging quer durchs Zimmer und stellte sich an die gegenüberliegende Wand.
Axberg dachte nach, bevor er fortfuhr.
»Diesen Schatten, den Sie gesehen haben, können Sie den genauer beschreiben?«
Birgit Öberg machte eine Handbewegung.
»Er war einfach da, er stand an Kents Seite vom Bett. Ohne sich zu bewegen.«
»Können Sie etwas präziser werden? Sah es wie ein Mensch aus oder war es eine Art Geist, der schwebte?«
Birgit Öberg sah Axberg traurig an. Er begriff, dass er eine Grenze überschritten hatte.
»Es tut mir leid, falls ich übertreibe, aber ich versuche zu verstehen, was Sie erlebt haben.«
»Ich kann es nicht besser beschreiben, das Bild ist in meiner Erinnerung nicht ganz klar.«
Axberg änderte die Herangehensweise.
»Als Sie morgens aufwachten, gab es da irgendein Anzeichen dafür, dass jemand im Haus gewesen war?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Nein, außer einem starken Gefühl des Unbehagens. Aber alles war so chaotisch.«
»Ich verstehe«, sagte Axberg und wischte sich Schweiß aus dem Nacken. »Und es fehlte nichts?«
»Nicht dass ich es bemerkt hätte. Aber ich habe seitdem nicht mehr zu Hause geschlafen. Ich wohne im Augenblick bei meinem Sohn.«
Axberg betrachtete die Frau, die ihm am Schreibtisch gegenübersaß. Worum ging es hier eigentlich? Um die versteckte Kamera?
»Gibt es noch etwas, das nicht so ist, wie es sein sollte?«, sagte er versuchsweise.
»Ich finde, dass das schon reicht«, unterbrach sie ihn.
Axberg sah ein, dass er seine Worte besser wählen musste.
»Weiß man, woran Kent gestorben ist?«
Die Antwort kam unerwartet schnell.
»Ja. Er wurde obduziert.«
Sie knipste die Handtasche wieder auf und holte ein Blatt Papier heraus, das sie Axberg gab.
»Hier ist eine Kopie des Berichtes.«
Axberg sah sich den Text an und fasste zusammen:
»Hier steht, dass er an plötzlichem Herztod verstorben ist, eventuell einem kleinen Herzinfarkt. Nichts deutet darauf hin, dass ein Verbrechen verübt wurde.«
Axberg sah Birgit Öberg in die Augen, ohne ihre Gedanken erahnen zu können. Hamrin machte einen Schritt ins Zimmer hinein und schaltete sich in das Gespräch ein.
»Ich kann Ihnen sagen, dass ich persönlich draußen beim Pfarrer war, nachdem seine Mutter gestorben war. Wir haben nicht das kleinste Anzeichen dafür gefunden, dass jemand im Haus gewesen ist.«
Hamrin lehnte sich mit den Händen auf den Schreibtisch und schaute Birgit Öberg in die Augen.
»Ich finde, Sie sollten jetzt nach Hause gehen und alles vergessen.«
Sie warf Axberg einen flehenden Blick zu. Er hielt ihm schweigend stand und signalisierte ihr so, dass er Hamrins Meinung war. Auch wenn er sich etwas diplomatischer ausgedrückt hätte. Manchmal war Hamrins direkte Art gut, aber genauso oft war sie einfach nur unpassend.
»Wir werden über das, was Sie uns erzählt haben, nachdenken«, sagte Axberg abschließend. »Wir nehmen Ihre Sorgen ernst. Aber Sie werden verstehen, dass es schwer für uns ist, etwas zu unternehmen, wenn wir nicht mehr haben, mit dem wir arbeiten können.«
Das Gespräch war vorbei. Axberg begleitete Birgit Öberg bis zum Empfang. Er sah ihr lange nach, nachdem sie durch die Glastüren gegangen war. Er hatte das Gefühl, etwas übersehen zu haben. Zwei Menschen, die innerhalb weniger Wochen den Verdacht hatten, dass ihre Angehörigen keines natürlichen Todes gestorben waren. Konnte das Zufall sein?
Axberg beschloss, Pfarrer Ekstedt heute noch anzurufen. Wenn aus keinem anderen Grund, dann, um ihn zu fragen, was er damit meinte, die Polizei erledige ihre Arbeit nicht.
Hamrin wartete in seinem Büro.
»Was denkst du?«, fragte Axberg.
»Dass der Pfarrer einen an der Waffel hat.«
Axberg nickte.
»Glaube ich auch. Ich werde ihn später mal anrufen und nachfragen, was los ist. Hast du noch was hinzuzufügen, außer dem, was schon im Bericht steht?«
Hamrin sah ihn verwundert an.
»Nein, was sollte das denn sein?«
Axberg zuckte mit den Schultern.
»Irgendein Detail, etwas, das man besser wissen sollte . . .«
»Alles, was wert war, notiert zu werden, steht da«, antwortete Hamrin. »Was bedeutet, überhaupt gar nichts. Kann ich wieder zu meinem Kram zurück?«
»Klar.«
Axberg sah auf die Uhr. Halb zwölf. Er beschloss, einen Anruf zu erledigen, bevor er zum Mittagessen nach Hause fuhr. Nach ein paar Minuten in der Warteschleife hörte er Doktor Conrads wohl bekannte Mischung aus einem amerikanischen Akzent und Västerbottener Dialekt am anderen Ende der Leitung.
Jeff Conrad war ein weißhaariger, großer und schmaler Mann Mitte fünfzig. Ursprünglich kam er aus Los Angeles, wo er über fünfundzwanzig Jahre in einer international anerkannten Pathologieabteilung gearbeitet hatte. Jetzt war er über den Atlantik gezogen, um eine zwanzig Jahre jüngere Doktorandin zu heiraten. Das lag zu einem großen Teil daran, dass ihm neun Monate nach einem Pathologiekongress in Stockholm am Telefon eine nicht ganz geplante Tochter vorgestellt worden war.
Die Tochter war inzwischen fast drei Jahre alt, und genauso lang war Jeff Conrad nun Leiter des rechtsmedizinischen Instituts in Umeå. Er war ein erfahrener Pathologe, der daran gewöhnt war, viel brutalere Morde zu begutachten, als in seiner neuen Heimat üblicherweise vorkamen. Axberg kannte ihn trotz der relativ kurzen Bekanntschaft bereits ziemlich gut.
»Hallo Johan. Wie geht’s?«
Conrad sprach ihn in jedem zweiten Satz mit Namen an, eine Angewohnheit, mit der Axberg sich immer noch nicht ganz wohl fühlte.
»Gut, danke. Die Hitze könnte aber langsam mal nachlassen.«
»Beschwer dich nicht, Johan. Ich finde, dass es hier oben kalt ist. Zweiundzwanzig Grad im Schatten, aber man gewöhnt sich wohl daran.«
»Da wäre ich mir nicht so sicher. Je älter man wird, umso stärker friert man.«
Conrad lachte sein heiseres Lachen.
»Wenn das das einzige Problem im Alter wäre, sollte man eigentlich froh sein. Aber du rufst bestimmt nicht an, um über das Wetter und das Alter zu reden?«
»Nein. Ich hänge hier bei einer Sache fest . . . Wahrscheinlich steckt gar nichts dahinter, aber ich hätte trotzdem gern deine Meinung gehört.«
Axberg erzählte ausführlich, was er über Gerd Ekstedt und Birgit Öbergs Mann wusste. Er erwähnte sogar, dass Pfarrer Ekstedt ständig Druck ausübte. Jeff Conrad lauschte aufmerksam, warf nur ab und zu ein »Ja« oder »Ja, ja« ein.
»Hast du den Verdacht, dass hinter den Todesfällen ein Verbrechen steckt?«, fragte Conrad schließlich.
»Nein, eigentlich nicht. Aber ich möchte trotzdem überprüfen, ob im Fall Gerd Ekstedt etwas unklar ist, bevor ich mit ihrem Sohn spreche.«
Conrad kicherte.
»Ich kann dir sagen, Johan, dass Frau Ekstedt, die ich selbst obduziert habe, eines völlig natürlichen Todes gestorben ist. Das Herz hat es einfach nicht mehr geschafft. Sie kannst du abhaken. Was den anderen Mann angeht, kann ich nicht mehr sagen, als dass es ziemlich seltsam klingt.«
Conrads Kommentar beruhigte Axberg. Natürlich war alles nur Einbildung.
Um fünf vor zwölf verließ er das Polizeirevier. Sofort brannte die Sonne auf sein schwarzes T-Shirt und seine Jeans. Die Poren waren weit geöffnet, er war schweißgebadet. Die Tische und Stühle vor den Restaurants waren voller Mittagsgäste. Auf den Straßen lag eine dünne Staubschicht. Das Handy klingelte. Axberg musste mit der Hand das Display von der Sonne abschirmen, um die Buchstaben lesen zu können.
Carolina.
Axberg antwortete nicht, und als die Melodie aufhörte, schaltete er das Handy aus. Er hatte versprochen, nach der Arbeit mit ihr zu Ikea zu fahren. Jetzt bereute er sein Versprechen. Er wusste nur noch nicht, ob er es mit einer Notlüge oder mit der Wahrheit versuchen sollte. Das Zusammensein war in letzter Zeit viel zu intensiv geworden, und es fiel ihm schwer, ein echtes Gleichgewicht zu finden. Entweder war er voll und ganz dabei, oder er zog sich völlig zurück. War verschlossen wie eine Auster. Wenn es um Carolina ging, konnte er keine Kompromisse eingehen. Sie war wie ein Gift, eine angenehme Droge, von der er nicht genug bekommen konnte. Bis er sich plötzlich selbst verlor und sich mit einem Katapult wegschoss. Ikea war die Grenze. Damit käme er nie klar.
Jetzt würde er nach Hause gehen und duschen, danach gab’s einen Teller Dickmilch mit Knäckebrotstücken.
Dann würde er Carolina anrufen. Vielleicht.
Kapitel elf
Um halb drei saß Axberg in seinem Saab 900 und war auf dem Weg zum Pfarrhaus in Ljustadalen.
Er fühlte sich nach der Dusche noch angenehm frisch und hatte ein kurzärmeliges, weißes Hemd angezogen. Die Fenster auf der Fahrer- und der Beifahrerseite waren jeweils zur Hälfte geöffnet, und der Wind trocknete seine Haare, während er die Stadt hinter sich ließ. Im CD-Player lief Bob Dylan, und Axberg sang so gut er konnte mit. »Don’t think twice, it’s alright.«
In solchen Momenten war das Leben als Polizist wunderbar. Freie Einteilung der Arbeitszeit mit eigener Verantwortung.
Während des Mittagessens hatte Axberg den Pfarrer angerufen und ein Treffen vereinbart. Das Gespräch mit Birgit Öberg hatte ihm klargemacht, dass er den Stier bei den Hörnern packen und Ekstedt die Zeit widmen musste, nach der dieser verlangte. Nachdem er Hamrins Bericht gelesen und den Fall mit Jeff Conrad besprochen hatte, war Axberg immer noch davon überzeugt, dass es sich nicht um eine Polizeiangelegenheit handelte. Dennoch war es wirklich an der Zeit, dass er als Ermittlungsleiter Ekstedt traf und dessen Version hörte. Außerdem war es schön, dem Revier zu entkommen und die stickige Luft, die reglos zwischen den beiden Bergen der Stadt lag, hinter sich lassen zu können. Axberg warf einen Blick auf die Karte auf dem Vordersitz. Das Pfarrhaus befand sich ein paar Kilometer nördlich von Ljustadalen. Auf einem Feld links der Straße lagen lange Reihen von in Folie verpackten Silagerundballen, die darauf warteten, abgeholt zu werden. Axberg fand, dass die kreideweißen Ballen in der Landschaft wie plötzlich gelandete Ufos aussahen. Die Subventionen für die Bauern nahmen sicher keine Rücksicht auf ästhetische Fragen.
Als er am Einkaufszentrum in Birsta vorbeifuhr und das Ikea-Schild sah, das über dem riesigen Parkplatz emporragte, bekam er ein schlechtes Gewissen. Wie sollte er den für diesen Abend versprochenen Einkaufsbummel überstehen? Wenn er nicht bald eine Entscheidung traf, wusste er, was ihn erwartete. Carolina, die mit dezidierten Meinungen zu unterschiedlichen Einrichtungsdetails und einer endlos langen Einkaufsliste neben ihm im Auto saß. Axberg schüttelte es bei diesem Gedanken. Von seiner eigenen Unentschlossenheit und dem unendlichen Einkaufszentrum gefangen würde er mürrisch schweigen. Carolina, die seine Gefühle immer schon gekannt hatte, noch bevor sie ihm selbst bewusst wurden, wäre stinksauer. Und würde fragen, warum er nie sagte, was er meinte. Dass er feige sei.
Sie riskierten, wieder in eine dieser schlimmen Spiralen abzurutschen, die immer in einer Katastrophe endeten. Das wollte er nicht. Er beschleunigte und überschritt die Geschwindigkeitsbeschränkung. Eigentlich war die Entscheidung, was diesen abendlichen Ausflug anging, eher symbolisch. Seine Angst hatte andere Gründe. Bei einem Abendessen auf dem Balkon hatte Carolina gesagt, dass sie Kinder haben wollte. Am liebsten mehrere. Und das bald. Sie wurde im Herbst dreiunddreißig.
Axberg war nicht besonders überrascht gewesen. Andeutungen hatte es schon lange gegeben, aber so klar hatte sie es noch nie ausgesprochen. Auch er wollte Kinder. Das war selbstverständlich. Aber eigentlich noch nicht jetzt. Gleichzeitig liebte er Carolina und wollte sie nicht verlieren. Was vielleicht passieren würde, wenn er sich nicht fügte und ihren Wünschen nachgab. War es überhaupt in Ordnung, ihre Beziehung so lange herauszuzögern, wie er es getan hatte?
Carolina musste die Chance bekommen, schwanger zu werden, bevor es zu spät war. Und wenn nicht mit ihm, dann mit einem anderen Mann. So lautete das Gesetz des Dschungels. Axberg spürte, wie die Unfähigkeit, sich zu entscheiden, ihm den Hals zuschnürte. Doch keine Entscheidung zu treffen war auch eine Entscheidung.
Er fuhr von der Autobahn ab und über einen rutschigen Schotterweg. Das Pfarrhaus lag auf einer gerodeten Fläche auf halbem Weg hinunter zum Wasser. Axberg fuhr durch eine lange Birkenallee. Das Hauptgebäude war ein gelbes Holzhaus mit weißen Kanten und vielen Schnitzereien vom Anfang des Jahrhunderts.
Er parkte auf einem kleinen Kiesplatz, schaltete den CD-Player aus und stieg aus. Zwei Fliederbüsche standen rechts und links vom Eingang und blühten um die Wette. Axberg sog den sommerwarmen Duft ein und fühlte sich wie immer an den Beginn der Schulferien in seiner Kindheit erinnert. Irgendetwas an diesem süßen Aroma brachte ihn sofort wieder dorthin.
Er betrat die Veranda. Noch bevor er anklopfte, wurde die Tür geöffnet. Im Flur war es dunkel, und Axberg erahnte die Umrisse eines kleinen Mannes mit Glatze. Der Mann stellte sich als Pfarrer Ekstedt vor. Sie gingen in die Küche.
»Meine Frau kommt bald mit dem Kaffeegeschirr«, begann Ekstedt.
Axberg fiel eine Kaffeemaschine auf, die auf der Arbeitsfläche stand und vor sich hin kochte. Sie setzten sich an den Küchentisch. Der Pfarrer starrte düster aus dem Fenster und seufzte. Axberg fühlte sich nicht willkommen, obwohl er wusste, dass sein Besuch lang ersehnt war.
»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie sich noch die Mühe machen würden hierherzukommen«, sagte Ekstedt. »Es wurde wirklich Zeit.«
Axberg schluckte die Kritik herunter. Es war wohl keine gute Idee, ausfallend zu werden.
»Zuerst möchte ich Ihnen das Zimmer zeigen, in dem meine Mutter gestorben ist«, fuhr Ekstedt fort. »Dann möchte ich hören, wie Sie weiter vorgehen wollen.«
Ohne Umschweife auf den Punkt, dachte Axberg und holte einen Notizblock aus seiner Aktentasche.
»Ich habe den Bericht gelesen und das Obduktionsprotokoll«, sagte er und blätterte bis zu einer leeren Seite. »Außerdem habe ich mit dem Arzt gesprochen, der das Gutachten geschrieben hat.«
Ekstedt sah ihm zum ersten Mal während des Gesprächs in die Augen.
»Ich weiß, was dort steht. Aber etwas Wesentliches fehlt. Und zwar die Wahrheit.«
Axberg wurde klar, dass es schwerer sein würde, als er zunächst geglaubt hatte.
»Könnten Sie sich etwas genauer ausdrücken?«
»Ich glaube nicht, dass meine Mutter eines natürlichen Todes gestorben ist. Jemand war während der Nacht in ihrem Zimmer. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.«
Die plötzliche ironische Selbstdistanz des Pfarrers mitten in seiner naiven Ernsthaftigkeit verwunderte Axberg.
»Gibt es irgendetwas Konkretes, das Ihre Aussage bestätigt?«
Sie wurden von einer Frau unterbrochen, die mit einem Tablett mit Kaffeetassen und Zimtschnecken hereinkam. Axberg wurde der Pfarrersfrau Karin vorgestellt. Sie war so klein wie ihr Mann. Mit zierlichen Händen servierte sie den Kaffee und verschwand wieder im Haus. Ekstedt griff Axbergs Frage auf, die noch in der Luft hing.
»Das Ganze klingt vielleicht merkwürdig. Zuerst war es nur so ein Gefühl. Aber jetzt weiß ich, woher es kam.«
Ekstedt machte eine Pause und trank Kaffee.
»Ich habe oft einen sehr leichten Schlaf. Und rückblickend bin ich mir sicher, dass ich Geräusche aus dem oberen Stockwerk gehört habe. Die Bodendielen knarrten und knackten ungewöhnlich stark. Sicher, das Haus ist alt, aber das allein kann es nicht sein.«
Der Pfarrer starrte mit halbgeschlossenen Augen nachdenklich vor sich hin.
»Da oben war jemand. Jemand, der nicht hierhergehört.«
Axberg runzelte die Stirn.
»Und das erzählen Sie erst jetzt? Verstehen Sie, wie unglaublich das klingt?«
Der Pfarrer sah ihn scharf an.
»Manche Details brauchen eben Zeit, bis sie an die Oberfläche steigen, Dinge, die man erlebt hat, die nicht richtig greifbar sind. Das ist ein bekanntes Phänomen. Wie gut kennen Sie Ihr eigenes Unterbewusstsein?«
Darauf wusste Axberg keine Antwort. Er versuchte, weiterzukommen.
»Es könnte Ihre Mutter gewesen sein, die Sie gehört haben. Sie ist vielleicht auf die Toilette gegangen?«
Der Pfarrer schnaubte.
»Unmöglich. Sie hat die Nächte immer durchgeschlafen. Außerdem war sie so schwach, dass sie nicht allein aufstehen konnte.«
Dann ist es wohl nicht so seltsam, dass sie gestorben ist, dachte Axberg. Er betrachtete den Mann vor sich. Der Pfarrer wirkte verwirrt. Aber er war nicht verrückt. In seinen Worten lag eine schwer einzuschätzende Überzeugung.
»Sie meinen also, dass jemand im Zimmer Ihrer Mutter gewesen ist und sie umgebracht hat?«, fragte Axberg.
Ekstedt breitete die Hände aus.
»Letzteres weiß ich nicht. Aber irgendetwas ist nicht so, wie es scheint.«
Axberg dachte an all die Religionen, die in Zungen sprachen und Wörtern durch den Glauben Bedeutung verliehen.
»Warum sollte jemand Ihre Mutter umbringen wollen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Was hätte dieser Jemand in diesem Fall getan?«
»Das weiß ich nicht.«
Sie schwiegen. Eine Küchenuhr schlug halb vier. Der Pfarrer stand mit dem Schlag auf.
»Kommen Sie, ich zeige Ihnen ihr Zimmer und erzähle weiter.«
Als sie die geschwungene Treppe hinaufstiegen, fiel Axberg auf, dass einige Stufen stark knarrten. Das Zimmer war ungefähr vier mal vier Meter groß und hatte offen liegende Balken an der Decke. Es herrschte dieselbe beklemmende Düsternis wie im Erdgeschoss, überall dunkle Möbel. An einer Wand stand ein sorgfältig gemachtes Bett mit hohem Kopf- und Fußende.
»Hier hat sie an dem Morgen gelegen, als ich sie gefunden habe«, sagte Ekstedt und machte eine vage Geste in Richtung des Bettes. »Was auch noch seltsam war, war, dass die Zudecke bis zum Bauch heruntergeschlagen war. So.«
Der Pfarrer ging zum Bett und machte es vor. Axberg nickte neutral.
»Und meine Mutter schlief immer mit der Decke bis an den Hals, weil sie so leicht fror.«
Noch ein unhaltbares Indiz, dass jemand im Zimmer gewesen ist, dachte Axberg. Er wollte den Beobachtungen des Priesters keine größere Bedeutung verleihen und stellte daher keinerlei Fragen. Stattdessen schaute er sich im Zimmer um. Der Nachttisch neben dem Bett war leer, abgesehen von einem weißen, ordentlich gebügelten Spitzendeckchen. Keine Tablettenschachteln. Keine Uhr.
»Der Wecker, der immer auf dem Nachttisch stand«, fuhr der Pfarrer fort, als hätte er Axbergs Gedanken gelesen. »Was die Zeit anging, war meine Mutter immer sehr präzise, als gegen Ende ihr Gedächtnis nachzulassen begann. Der Wecker war ihr fester Anker im Dasein. Sie aß und schlief zu bestimmten Uhrzeiten.«
Der Pfarrer machte einen Schritt auf Axberg zu, um seine Aussage zu bekräftigen.
»Ich bin mir sicher, dass er hier stand, als ich am Abend vorher gute Nacht sagte. Und am Morgen war er fort . . .«
Axberg ging noch einmal Hamrins Bericht durch. Da stand nichts von einem Wecker.
»Sie haben natürlich überall gesucht und ihn nicht gefunden?«
Ekstedt nickte.
»Er befindet sich nicht mehr im Haus. Die Person, die hier gewesen ist, muss ihn mitgenommen haben.«
Sie gingen zurück in die Küche. Axberg dachte nach.
»Ich glaube immer noch nicht, dass jemand in der Nacht, in der Ihre Mutter gestorben ist, im Haus war«, sagte er schließlich. »Die Geräusche, die Sie gehört haben, bringen uns nicht weiter. Das andere auch nicht. Der Wecker taucht sicher irgendwann wieder auf.«
Er machte eine Pause und wartete auf Ekstedts Gegenangriff. Der Pfarrer sagte nichts.
»Ich bin davon überzeugt, dass Ihre Mutter eines natürlichen Todes gestorben ist«, schloss Axberg.
Der Pfarrer seufzte schwer auf und ging aus dem Haus. Axberg folgte ihm. Sie blieben im Hof stehen. Ekstedts Gesichtsausdruck war unverändert bitter.
»Sie irren sich«, sagte er kurz und sah dabei auf einen Traktor, der oben auf der Straße vorbeifuhr. »Sie irren sich . . .«
Axberg versuchte, das Gespräch zu beenden.
»Ich verspreche, den Fall noch einmal durchzugehen. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, dann rufen Sie mich an und niemand anderen.«
Ekstedt presste seine Kiefer aufeinander. Dann streckte er plötzlich seine Hand aus. Als sie sich verabschiedeten, sah Axberg die Enttäuschung in den grauen Augen.
Axberg ließ das Pfarrhaus mit großer Erleichterung hinter sich. Er hoffte, dass die Sache jetzt aus der Welt wäre. Dass die ständigen Anrufe aufhören würden. Er war trotz der Argumente des Pfarrers überzeugt davon, dass kein Verbrechen begangen worden war, und würde versuchen, die Sache so schnell wie möglich zu vergessen.
Er schaute auf seine Armbanduhr. Fünf nach vier. Axberg fluchte und holte das Handy aus seiner Jackentasche. Er hatte vergessen, seine Großmutter anzurufen. Jeden Tag um drei Uhr sollte er sie aus ihrem Mittagsschlaf wecken, damit sie noch Zeit hatte, bevor der Sozialdienst kam. Das Telefonklingeln war das Einzige, das sie aufweckte. Und wenn Axberg vergaß anzurufen, dann war der ganze Abend ruiniert. Dann schaffte sie es nämlich nicht, das Geschirr in der Küche wegzuräumen und das Bett zu machen, bevor eine der wenigen akzeptierten Schwestern kam.
Axberg hatte vergeblich versucht, ihr zu erklären, dass der Sozialdienst genau für solche Sachen da war, doch seine Großmutter war und blieb unvernünftig. Nach zehn Mal Klingeln antwortete sie, die Stimme klang durcheinander und verschlafen.
»Hallo, ich bin’s. Es ist fünf nach vier.«
»Oje. Dann sind sie bald hier.«
»Hast du noch geschlafen?«
»Du weißt doch, dass ich nicht aufwache, bevor du anrufst.«
Axberg musste an den gestohlenen Wecker aus dem Pfarrhaus denken und fragte sich, warum seine Großmutter keinen hatte.
»Entschuldige, ich werde mich bessern. Stehst du jetzt auf?«
»Habe ich die Wahl?«
»Gut. Ich rufe morgen wieder an.«
Gerade als er auflegte, klingelte es noch einmal. Es war Carolina. Da er sich keine Gegenargumente überlegt hatte, gab es kein Zurück.
In ein paar Stunden würde er in Ikeas Paradies aus Bausätzen, Familien mit Kindern und Bücherregalen eintreten.
Kapitel zwölf
Erik Jensen parkte seinen BMW in der Garage.
Er machte den Motor aus, ließ sich gegen die Rückenlehne sinken und schloss die Augen. Der Arbeitstag war ungewöhnlich anstrengend gewesen, mit zwei Stationen und einem ständig losgehenden Pieper. Er musste erst zur Ruhe kommen, seine Gedanken sammeln, bevor er zu seiner Familie hineinging. Routinemäßig ging er einige der Entscheidungen des Tages durch, um nach Fehlern zu suchen. Als er keine fand, öffnete er die Wagentür und schritt auf das Haus zu. Das gelbe Auge der Sonne brannte immer noch auf die Welt. Der Rasen bleichte an einigen Stellen aus. Jensen sagte sich, dass er abends den Rasensprenger anschalten musste.
Er drückte die Klinke der Haustür und beschloss, die Arbeit hinter sich zu lassen. Im Flur stieg ihm der wohl bekannte Geruch von in Olivenöl angebratenem Knoblauch und gegrilltem Huhn in die Nase. Die Müdigkeit verließ ihn langsam, ihm wurde innerlich warm.
»Hallo, ich bin zu Hause.«
Keine Antwort. Es war ganz still im Haus. Er ging in die Küche, wo das Essen auf dem Herd köchelte. Draußen, auf der Terrasse, war der Tisch gedeckt. Jensen wusste sofort, wo er seine Frauen finden würde. Still schlich er durch die Zimmer des Hauses, überall lagen Spielsachen und Kinderkleider in undefinierbaren Stapeln. Im Schlafzimmer empfing ihn eine lächelnde Sara, die auf einen Arm gestützt im Bett lag. Erika lag nah neben ihr, hatte beide Hände fest in die nackten Brüste ihrer Mutter gekrallt und bemerkte ihn gar nicht.
Jensen legte sich leise neben seine Tochter und hörte dem tiefen Schlucken zu, dem zufriedenen Schmatzen, das die kleinen Pausen während des Essens markierte. Er schloss die Augen und atmete im selben Rhythmus wie der warme Rücken. Gerade als er dabei war einzuschlafen, unterbrach Erika ihre Mahlzeit und wandte sich ihm mit einem Ruck zu, als hätte sie die ganze Zeit seine Nähe gespürt. Sie lächelte sofort breit, sah zur Deckenlampe und zeigte dorthin.
»Da! DA!«
Er hob sie zur Lampe hoch. Sie brabbelte begeistert, und die kleine Hand berührte den Stoffschirm.
»Hallo Ehemann«, sagte Sara und zog sich schnell an. »Wir haben dich vermisst.«
»Ich habe euch auch vermisst.«
»Es gibt Abendbrot. Wir können sofort essen.«
»Wunderbar.«
Sie gingen nach draußen auf die Terrasse. Erika wurde auf eine Decke in einen Berg von Spielzeug gelegt und ständig von mindestens zwei Augen beobachtet, die auf jede Bewegung achteten. Sara hatte eine Flasche Riojawein geöffnet. Sie wollte feiern, dass mehrere ihrer Ölgemälde bei einer internationalen Ausstellung in Italien angenommen worden waren. Sie aßen, tranken und malten sich die bevorstehende Vernissage aus. Wie immer erzählte Sara detailliert von Erikas Ess- und Schlafgewohnheiten. Jensen fühlte sich richtig glücklich, und es gelang ihm, sich an seinen Vorsatz zu halten, nicht an die Arbeit zu denken.
Nach dem Essen ließ er sich in einen der vor kurzem gekauften Sessel fallen, der immer noch unangenehm neu roch. Erika lag auf der Decke und kaute eifrig auf einer Stoffmaus, die nach und nach mit Spucke getränkt wurde. Sara schmiegte sich von hinten an ihren Mann und begann, seine Schultern zu massieren.
»Du musst bald gehen«, flüsterte sie.
»Ich weiß. Ist das in Ordnung?«
»Sicher. Ich bin so glücklich wegen Italien.«
»Wir fahren im Herbst hin.«
»Möchtest du das?«
»Ist der Sommer wunderbar?«
Sie lachte ihr perlendes Lachen und kniff ihn unter den Armen. Er zuckte zusammen, hob ihre offenen Haare an und küsste sie auf den Hals.
»Ich bin spätestens um elf Uhr wieder da. Bleib so lange wach.«
Axberg saß in der Kneipe und wartete. Er war direkt von der Arbeit aus hergekommen und war noch immer aufgeregt nach einem Treffen, bei dem der Polizeichef Ståhl mehrere Umstrukturierungsmaßnahmen innerhalb der Abteilung angekündigt hatte – eine hübsche Umschreibung für die geplanten Kürzungen. Wie sollten sie mit weniger Ressourcen auskommen, wenn sie bereits jetzt auf dem Zahnfleisch gingen?
Axberg versuchte, seine Wut bis morgen zu begraben und wandte sich dem Rennprogramm zu. Er bestellte ein großes Bier und überlegte, auf welches Pferd er dieses Mal setzen sollte. Als das Bier kam, merkte er, wie durstig er war. Sein Mund war wie Sandpapier. Das feuchte Glas war bis an den Rand mit goldgelbem Hopfensaft gefüllt, die Schaummenge war perfekt. Er nahm das Glas und trank, spürte, wie es an den Lippen und am Gaumen kitzelte. Dann floss das Getränk die Speiseröhre hinab, kühlte dabei jeden Winkel und landete schließlich mit einem weichen Überschlag im Bauch. Wohlbehagen floss durch seinen Körper. Er entspannte sich, die Schultern sanken herab, und alles wurde zum Hier und Jetzt. Im selben Augenblick kam Jensen, zwanzig Minuten zu spät.
»Ausgebucht wie immer?«, fragte Axberg sarkastisch.
»Du weißt ja, wie das ist. Alle wollen versorgt sein«, sagte Jensen und bestellte zwei Glas Wasser und ein Bier.
»Schade, dass draußen alles vollbesetzt war.«
»Hier drinnen ist es ruhiger«, sagte Axberg und zündete sich eine Zigarette an.
»Hast du schon den Geheimtipp der Woche entdeckt?«, fragte Jensen und deutete mit dem Kopf auf das Rennprogramm.
»Vielleicht. Spike Lee im vierten Rennen ist in Hochform; das letzte Mal hatte er Pech mit der Bahn, startet aber jetzt als Nummer sechs.«
Jensen sah nicht überzeugt aus.
»Eine unsichere Sache. Aber ich habe mich das letzte Mal blamiert, also bist du dieses Mal mit dem Auswählen dran.«
Axberg und Jensen kannten einander seit dem Gymnasium und trafen sich jeden Mittwoch, um einen Wettschein für die Läufe der Woche in Bergsåker auszufüllen. Früher waren sie oft zusammen auf die Trabrennbahn gegangen. In letzter Zeit war es allerdings immer seltener dazu gekommen, weil beide viel und unregelmäßig arbeiteten. Seit Erika auf die Welt gekommen war, waren sie erst ein Mal dort gewesen und hatten außerdem mehr als üblich verloren. Beide schoben es darauf, dass sie aus der Übung waren. Nachdem sie drei Rennen besprochen hatten, bestellten sie noch ein Bier. Axberg schob das Rennprogramm zur Seite.
»Denkpause«, sagte er und hob sein Glas. »Wie läuft’s bei der Arbeit?«
Jensen lächelte schief.
»Chaotisch. Ferien und Krankenstand passen nicht zusammen.«
»Sind die Leute im Sommer genauso oft krank?«
»Leider ja. Aber es sind andere Sachen, viele merkwürdige Krankheiten.«
Jensen dachte wieder an Maria Backlund. Der Fall hatte ihm keine Ruhe gelassen seit dem Tag, an dem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Er hatte das Bedürfnis, davon zu erzählen. Wenn er ihren Namen nicht nannte, verletzte er auch nicht die ärztliche Schweigepflicht.
»Vor knapp zwei Wochen hatte ich einen seltsamen Fall, eine junge Frau wurde mit Herzstillstand eingeliefert. Ansonsten vollkommen gesund. Sie hatte im Schlaf einfach aufgehört zu atmen. Zufällig war ihre Schwester zu Besuch und merkte es.«
Jensen machte eine Pause.
»Die Schwester hat mit einer Herzmassage begonnen und den Krankenwagen gerufen. Als die Patientin eingeliefert wurde, habe ich sie zum Glück zurückholen können. Sie ist aufgewacht, und hinterher war es, als wäre nichts passiert.«
Axberg hörte fasziniert zu.
»Wir haben keine Erklärung für den Vorfall finden können«, fuhr Jensen fort. »Die Patientin ist völlig gesund, und es geht ihr ausgezeichnet. Ich habe erst gestern noch mit ihr telefoniert.«
Jensen machte mit den Händen eine fragende Geste.
»Man sollte wohl seine Lebensversicherung aufstocken«, sagte Axberg und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus.
Jensen wägte kurz ab, bevor er fortfuhr. Das Bier und der Wein machten ihn gesprächig. Er sah sich um, das Lokal war so gut wie leer.
»Außerdem hat es in letzter Zeit ungewöhnlich viele Todesfälle im Stadtzentrum gegeben. Menschen, die bis dahin gesund waren, sind ohne offensichtlichen Grund im Schlaf gestorben. In den Fällen, in denen eine Obduktion gemacht wurde, zeigte sich, dass die Todesursache plötzlicher Herztod war.«
Axberg sah ihn fragend an.
»Worauf willst du hinaus?«
»Mir kam der Gedanke, dass es da vielleicht eine Verbindung gibt«, sagte Jensen. »Dass es eben doch kein Zufall war, dass meine Patientin einen Herzstillstand hatte, dass es einen Grund dafür gibt . . .«
Axberg drehte das Bierglas in seiner Hand und sah, wie der Schaum an den Rändern hängen blieb.
»Was sollte das sein?«
»Irgendeine Art von Infektion, ein bisher unbekannter Virus, der den Herzmuskel angreift und das Reizleitungssystem ausschaltet . . . Es könnte sich um eine neue Krankheit handeln, die typisch für den Norden ist, wie das Puumalavirus oder das Sindbisvirus.«
Axberg lächelte.
»Du hast schon immer eine blühende Fantasie gehabt.«
»Ein Forscher muss viel Fantasie haben. Die größten Entdeckungen entstanden immer aus dem Unwahrscheinlichen.«
Axberg versuchte, eine Parallele zur Polizeiarbeit zu ziehen, schaffte es aber nicht.
»Wo hast du das über diese Todesfälle gehört?«, fragte er stattdessen.
Jensen machte eine vage Kopfbewegung.
»Das Krankenhaus ist klein, Gerüchte verbreiten sich schnell. Außerdem habe ich die Krankenblätter von drei verstorbenen Patienten gesehen.«
Axberg ahnte, dass nun eine lange medizinische Erläuterung folgen würde, deswegen schlug er das Rennprogramm wieder auf. Jensen bemerkte es nicht, sondern fuhr fort:
»Wie du weißt, bin ich bald mit meiner Doktorarbeit fertig und brauche eine Idee für eine neue Arbeit.«
Axberg nickte müde.
»Die Idee ist, alle Fakten über die unklaren Todesfälle hier in der Stadt zu sammeln und eine Studie zu machen«, fuhr Jensen fort. »Wenn ich Glück habe, kann daraus etwas werden.«
»Letzteres brauchen wir auch«, sagte Axberg. »Was hältst du von Zorro im vierten Rennen?«
»Keine Chance. Er ist drei Mal hintereinander galoppiert.«
Jensen fuhr mit der Hand durch seine hellen Locken.
»Gib zu, dass es spannend ist. Das wäre doch was. Einer Krankheit den eigenen Namen zu verleihen . . .«
Axberg dachte an Pfarrer Ekstedt und Birgit Öberg. Zum ersten Mal seit ein paar Tagen erinnerte er sich an deren Erzählungen. Ein unbestimmtes Gefühl des Unbehagens breitete sich in seiner Brust aus. Schon wieder diese merkwürdigen Todesfälle.
»Ist in irgendeinem der Fälle die Polizei eingeschaltet worden?«, fragte er.
Jensen zuckte mit den Schultern.
»Nicht dass ich wüsste. Es gab ja eigentlich gar keinen Verdacht auf irgendwas. Die Menschen haben einfach leblos und ganz friedlich in ihren Betten gelegen.«
»Keine Angehörigen, die den Eindruck haben, dass irgendetwas nicht in Ordnung war?«
»Nein, ich glaube nicht, aber ich kenne keine Einzelheiten.«
Axberg schob den Gedanken beiseite, dass es eine Verbindung zu den Todesfällen geben könnte, mit denen er konfrontiert worden war. Er und seine Kollegen hatten bereits genug mit den Verbrechen zu tun, die tatsächlich begangen wurden. Es war unmöglich, allen diffusen Gerüchten nachzugehen, die in der Stadt verbreitet wurden. Axberg zündete eine Zigarette an und ließ die Grübelei hinter sich. Jensen ging sich die Nase pudern. Die Kneipe füllte sich langsam mit Leuten, der Geräuschpegel stieg. Axberg schaute sich um.
An der Theke sah er eine Frau, die zusammen mit zwei Freundinnen Wein trank. Ihre Schönheit nahm Axberg sofort gefangen. Das Gesicht war ungeschminkt, strahlte aber nur so vor Gesundheit und Lebensfreude. Die Augen kastanienbraun, die Lippen himbeerrot. Sie trug ein dünnes Hemd, das auf ihrer sonnengebräunten Haut strahlend weiß leuchtete. Sie lächelte kurz, als sie Blickkontakt hatten. Das Lächeln traf Axberg direkt ins Herz und in die Augen und in die Knie. Mit einer weichen Bewegung ihrer ringlosen linken Hand strich sie ihre blonden Haare hinter das Ohr. Axberg spürte den Impuls, etwas zu unternehmen. Aber er wollte sich nicht wieder verlieben. Außerdem war die Situation zwischen ihm und Carolina ziemlich kompliziert. Er wusste nicht, was er mit seinem Leben tun wollte, fühlte sich eingesperrt, und das war nicht gut. Es schadet ja nichts hinzusehen, dachte er im selben Moment, als Jensen mit zwei neuen Bieren an den Tisch zurückkam.
»Wie geht’s der Tochter?«, hörte Axberg sich selbst fragen.
»Ausgezeichnet. Du musst irgendwann mal zu Besuch kommen.«
Wieder ein Blick von der Frau an der Theke. Halte das Gespräch am Laufen, dachte Axberg.
»Seid ihr mit euren Umzugsplänen weitergekommen?«
Jensen lächelte.
»Meine Pläne, meinst du? Nein, Sara weigert sich, Sundsvall zu verlassen. Aber es ist noch nichts abgemacht. Ich habe mich am Karolinska auf ein paar Stellen beworben und warte auf Antwort. Danach sehen wir mal.«
Axberg sah, wie die Frau an der Theke sich vorlehnte und etwas bestellte. Das Hemd rutschte hinten etwas hoch und ließ eine spinnenartige Tätowierung unten am Rücken sehen. Die Ouvertüre von Wilhelm Tell erklang durch das Gemurmel der Kneipe. Jensen holte das Handy hervor und antwortete. Das Gespräch war kurz und einsilbig.
»Ich muss los«, seufzte er. »Die Kleine schläft nicht ein. Gibst du den Zettel ab?«
Mit einer Verabredung für nächste Woche am selben Ort ging Jensen. Axberg beschloss, noch zu bleiben. Auf einem Großbildfernseher hinten im Lokal lief ein Fußballspiel und eine Gruppe Männer im mittleren Alter saß dort und schrie ihre Reaktionen immer lauter heraus.
Axberg dachte an das, was Jensen erzählt hatte. Er dachte an Carolina, die heute Abend bei ihren Eltern zum Abendessen war. Er konnte ihre ausweichende Antwort hören, als die Mutter fragte, warum er nicht mitgekommen war. Die Unruhe in ihm wurde wieder stärker, die Fragen drängten von allen Seiten auf ihn ein. Hatte er etwas übersehen, als er das Pfarrhaus besucht hatte? Gab es da etwas, das ihm entging? War der Schatten, den Birgit Öberg gesehen hatte, doch keine Einbildung? Wie ging es mit ihm und Carolina in der Zukunft weiter? Sollte er ein Familienvater werden wie Jensen? Würde er das überhaupt schaffen?
Seine Grübelei wurde dadurch unterbrochen, dass zwei der drei Frauen an der Theke von den Barhockern stiegen, ihre Handtaschen über die Schulter hingen und sich umarmten. Axberg sah sofort seine Chance. Die Blonde saß noch da. Sie drehte ihr Weinglas, machte keine Anstalten zu gehen und warf ihm interessierte Blicke zu. Axberg wusste, dass er in eine andere Richtung schauen, am besten das Lokal verlassen sollte. Aber es war zu spät, die Falle war bereits zugeschnappt.
Hinterher erinnerte er sich daran, wie lustig es gewesen war, an ihren Duft und ihr warmes Lachen. Ihre Berührung und wie er sich mit ihrem Gewicht auf sich ganz real fühlte.
Die Festigkeit, die Befreiung, die Freiheit.
Er nahm sich vor, das im Gedächtnis zu behalten, als er in ihrem Bett aufwachte, weil ihm die Sonne in die Augen schien. Er zog sich schnell an, trank in der Küche zwei Glas Wasser, schrieb einen Zettel ohne seine Telefonnummer und ging. Ein Wecker zeigte halb neun.
Draußen auf der Straße war viel los, als sei nichts passiert. Und das war es auch nicht, beschloss er. Der Gedanke war kaum gedacht, als ihn die Angst überkam.
Was das Schlimmste war, wusste er nicht.
Der Kater, die Angst davor, was Carolina sagen würde, oder das, was Jensen über die merkwürdigen Todesfälle erzählt hatte.
Kapitel dreizehn
Als Axberg am Abend des 9. Juli zum Polizeirevier ging, war fast niemand draußen.
Obwohl es ein Ferienmonat war und recht warm, waren die Straßen leer. Axberg betrachtete die Häuser, die stummen Steinfassaden sahen wie hohle Kulissen auf ihn herab. Alles war, wie es an Sonntagabenden immer war. Das Hochdruckgebiet verlor wohl an Kraft, die Sonne brannte nicht mehr so höllisch wie früher am Tag, und einzelne Wolken glitten neugierig auf die Bühne. Alles in allem war es dort, wo er langging, ziemlich angenehm.
Im Fach vor dem Büro erwartete ihn ein Stapel handgeschriebener A4-Bogen und Post-it-Zettel in schreienden Farben. Axberg griff sich den Haufen, ging in den Pausenraum und goss einen Pulverkaffee auf. Dann ließ er sich auf das Sofa fallen und genoss die ungewöhnliche Stille im Zimmer. Er blieb lange dort sitzen.
Die Gedanken an Carolina kehrten ständig zurück. Er versuchte immer wieder, eine Möglichkeit zu finden, ihr von der fatalen Nacht zu erzählen. Über mehrere Tage hinweg hatte er verschiedene Worte ausprobiert: Untreue, Seitensprung, Fehler, ein einmaliger Vorfall. Nichts davon konnte er aussprechen. Er wusste nicht, was er sagen sollte, aber er begriff, dass er aufrichtig sein musste. Nicht noch mehr Lügen, es war an der Zeit, die Waffen niederzulegen.
Er stellte die Tasse ins Spülbecken und ging in sein Büro. Die meisten Angelegenheiten konnten bis morgen warten. Aber da war eine Sache, die er sofort erledigen musste. Ein Name im Stapel, den er fast übersehen hätte, weil er auf der Rückseite einer Einladung zu einer Fortbildung für Führungskräfte stand. Birgit Öberg.
Was konnte sie wollen? Axberg wägte eine Sekunde lang ab. Dann beschloss er anzurufen, obwohl es Sonntagabend war. Er musste wissen, was los war. Nach ihrem letzten Gespräch hatte er eigentlich gedacht, dass der Fall abgeschlossen wäre. Birgit Öberg hob nach dem dritten Klingeln ab.
»Da gibt es etwas, das ich Ihnen erzählen muss«, sagte sie mit trauriger Stimme.
»Ich höre«, sagte Axberg.
»Als wir vor kurzem miteinander gesprochen haben, haben Sie gefragt, ob irgendetwas nach Kents Tod fehlte.«
»Ja?«
»Das tut es. Etwas, woran ich zunächst nicht gedacht habe. Nicht bevor der Pfarrer Ekstedt erzählt hat, dass in der Nacht, in der seine Mutter gestorben ist, im Pfarrhaus ein Wecker verschwunden ist . . .«
Axberg sank gegen die Rücklehne des Stuhles. Jetzt mal ganz langsam und deutlich, dachte er.
»Was wollen Sie mir sagen?«
»Dass Kents Uhr verschwunden ist. Eine Golduhr, die er nach fünfundzwanzig Dienstjahren von der Gemeinde bekommen hat.«
Axberg verdrehte die Augen. Er traute seinen Ohren nicht.
»Haben Sie und der Pfarrer viel Kontakt?«
»Nein, wir sprechen nur ab und zu über das, was passiert ist. Er war mir eine große Stütze.«
Oder umgekehrt, dachte Axberg.
»Sind Sie sich wirklich sicher mit dieser Uhr?«
Birgit Öberg seufzte.
»Ja. Kent legte sie immer auf den Nachttisch, wenn er schlief. Und jetzt ist sie weg, ich habe überall gesucht.«
Axberg versuchte, seine Eindrücke zu sortieren. Er wusste nicht so richtig, was er mit dieser Information anfangen sollte.
»Wieso vermissen Sie die Uhr erst jetzt?«
»Das habe ich doch gesagt. Der Pfarrer hat mir erst gestern von dem verschwundenen Wecker erzählt. Außerdem wohne ich ja nicht mehr zu Hause, seit es passiert ist.«
»Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?«
»Ich habe darüber nachgedacht. Ich bin mir sicher, dass Kent die Uhr trug, als wir die Spätnachrichten sahen. Direkt danach sind wir zu Bett gegangen.«
Axberg schrieb die Angaben auf einen Zettel unter Birgit Öbergs Namen und Telefonnummer.
»Und dann lag sie auf dem Nachttisch?«
Axberg hörte Birgit Öbergs ruhiges Atmen.
»Das glaube ich«, sagte sie nach einer Weile.
»Vielleicht hat er sie irgendwohin gelegt, wo Sie nicht danach gesucht haben?«, schlug Axberg vor.
»Das glaube ich nicht. Kent war sehr ordentlich, außerdem achtete er auf diese Uhr. Er war sehr stolz darauf, so lange für die Gemeinde gearbeitet zu haben.«
»Ich habe mir das, was Sie gesagt haben, notiert«, schloss Axberg. »Sie sollten jetzt die Uhr ganz normal als gestohlen melden. Dann sehen wir weiter.«
»Es tat auf jeden Fall gut, es zu erzählen«, sagte Birgit Öberg.
Axberg legte auf und schloss die Augen. Was hatte er da gerade gehört?
Dass noch eine Angehörige eines kürzlich Verstorbenen glaubte, dass es sich nicht um einen natürlichen Todesfall handelte und dass eine Uhr verschwunden war. Wie hing das zusammen?
Axberg wusste nicht, was er glauben sollte. Das Ganze wirkte wie ein unlogischer Traum, in dem man weiß, dass alles verrückt ist, aber trotzdem mitmacht, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Was jedoch absolut klar war, war, dass Pfarrer Ekstedt sich nicht an ihre Übereinkunft gehalten hatte. Er hatte versprochen gehabt, nicht mehr mit Birgit Öberg über den Tod seiner Mutter zu sprechen.
Axberg ging zur Wand mit den wohl gefüllten Bücherregalen: Mehrere Reihen mit Fachbüchern, die er während des Studiums durchgearbeitet hatte. Er strich mit dem Zeigefinger über die Buchrücken, als hoffte er, dort eine Antwort auf seine Fragen zu finden.
Das meiste musste auf Zufällen beruhen, entschied er, die dann von zwei trauernden Menschen künstlich aufgebauscht wurden. Dass der Schatten, den Birgit Öberg beschrieben hatte, ihren Mann tötete, um dann dessen Uhr zu stehlen, war so verrückt, dass er über diese Logik lächeln musste. Entweder war die Uhr bereits früher verschwunden oder sie vergammelte immer noch in irgendeiner Ecke. Für die Geschichte des Pfarrers gab es sicher eine ähnliche Erklärung. Axberg überlegte einen Augenblick, ob er bei der morgendlichen Besprechung den Fall mit seinen Kollegen diskutieren sollte. Dann verwarf er den Gedanken. Es war bereits mehr als genug, dass er selbst sich damit auseinandersetzen musste.
Er ging zum Fenster und öffnete es. Zündete die dritte Blend Menthol für heute an. Draußen war es windig geworden, die Reihe der Trauerbirken an der Straße bewegte sich wie in einem ruckartigen Tanz. Es war fünf nach zehn. Wenn er sich beeilte, nach Hause zu kommen, könnte er noch in Ruhe den Doppellauf des Tages anschauen. Das Pferd, auf das er im zweiten Lauf gesetzt hatte, hieß Blue Heaven. Dort, philosophierte er, hatte der Pfarrer Ekstedt sein Paradies. Oben im blauen Himmel. Tangled up in blue.
Würde man auf zwei solche Außenseiter wie den Pfarrer und Birgit Öberg setzen, würde man nie gewinnen, dachte Axberg und lief die Treppe hinab.
Kapitel vierzehn
Er hatte vier Mal hintereinander gewonnen.
Die Startsumme war wie immer hundert Kronen gewesen. Und mit jedem Gewinn verdoppelte er den Einsatz. Der Croupier sah etwas verbissen aus, als er abhob und die Karten für das nächste Spiel teilte.
Er entschloss sich, alles auf ein Feld zu setzen; den Blick behielt er die ganze Zeit fest auf die Karten konzentriert. Auf dem Stuhl neben ihm saß ein dicker Mann, der nach Schweiß roch. Jedes Mal, wenn der Mann seinen wurstartigen Arm hob, um zu setzen, wurde ihm kurz übel. Mehrmals war er kurz davor zu sagen, dass der Gestank nicht auszuhalten war, tat es dann aber doch nicht, um nicht unnötig Aufmerksamkeit zu wecken. Aus demselben Grund würde er bald aufhören zu spielen, sollte die Gewinnsträhne anhalten.
Er zog eine Acht, Piksieben lag auf dem Tisch. Die Bank bekam eine Bildkarte. Schnell und ohne wirklich darüber nachzudenken rechnete er seine Chancen aus. Dann glitt er mit der Hand über den Tisch, um anzuzeigen, dass er es gut sein lassen würde. Eintausendsechshundert Kronen.
Nur noch einmal, versprach er sich selbst. Der stinkende Mann zog hintereinander zwei Könige und entschloss sich, die Karten aufzuteilen, um das Risiko zu minimieren. Da begriff er. Zwei schwarze Könige. Es war wie eine Offenbarung. Plötzlich sah er seine Möglichkeit zur Revanche, zum Ausgleich aller Versäumnisse. Die Lösung seines Problems lächelte ihn von den Karten auf dem Tisch an.
Wenn man sein Ziel verfehlt, dann muss man beim nächsten Mal eben seinen Einsatz verdoppeln. Härter zuschlagen. Dass er nicht daran gedacht hatte! Ein angenehmer Schauer lief ihm über den Rücken. Er zählte seine Chips, wandte dem Spieltisch den Rücken zu und stieg vom Stuhl.
Janus war ihm wieder gnädig und gab ihm eine Möglichkeit, alles ins Lot zu bringen. Der doppelgesichtige Gott würde ihm helfen, sein Ziel zu erreichen.
Er empfand Dankbarkeit gegenüber der Vorsehung, fühlte seinen Puls, der etwas schneller war als üblich. Jetzt nichts überhasten, das Neue in das Alte einfügen, so dass es ununterbrochen weiterfließt. Er hatte noch mehrere Stunden, bis die Zeit um war. Alles um ihn herum verlief langsam und ruhig. Ihm waren ein paar bekannte Gesichter im Gewühl aufgefallen, aber niemand hatte ihn bemerkt. Er hielt sich ganz zurück und vermied Blickkontakte. Außerdem trug er sein Toupet und eine neue Brille für den Abend. Niemand würde ihn daran hindern, den Plan umzusetzen.
Er nahm die Treppe ins Obergeschoss. Draußen vor dem Panoramafenster des Restaurants begann die Sommernacht sich auszubreiten, die Schatten wanderten langsam durch die kahle Hafenanlage. Er wählte einen Tisch im hinteren Teil, der für Vorbeigehende im toten Winkel lag, die Beleuchtung angenehm gedämpft. Er genoss es, viel Zeit zu haben. Wenn er wollte, konnte er sogar improvisieren. Wie immer, wenn es Platz für Spontaneität gab, war alles von Anfang an geplant, die Zeitspanne abgesteckt und klar. Dann ging es unbarmherzig zurück auf den Pfad, wieder zu einer der vorhergesehenen Varianten.
Der Fisch schmeckte ausgezeichnet, aber die früheren Gerüche des Abends drängten sich stoßweise auf und ruinierten den Genuss. Hoch oben auf dem Södra-Berg sah er das schwache Licht des Hotels, das wie ein letzter Außenposten der Zivilisation im unendlichen schwarzen Fichtenwald lag. Das ist mein Los, einsam in der Aufklärung und dem Licht.
Als sich eine Gesellschaft von sechs Personen, die er oberflächlich kannte, an einen Nebentisch setzte, bestellte er die Rechnung und bezahlte bar.
Dann wanderte er zwischen den Spieltischen umher, achtete darauf, nicht zu lange an einer Stelle zu verweilen. Er fiel nicht auf. Das war er noch nie. Immer folgsam und zuvorkommend. Perfekt an die Umgebung angepasst, in der er sich bewegte.
Das Roulette drehte sich, »Nichts geht mehr«, die Kugel sprang ein paar Mal und blieb auf einer schwarzen Acht liegen.
Es war höchste Zeit zu gehen.
Kapitel fünfzehn
»Ich hätte nie geglaubt, dass wir in Ralf Sedins Wohnung so viel Scheiß finden würden«, sagte Sankari und schraubte eine Flasche Mineralwasser auf. »Ein Kilo Amphetamine, zweitausend Rohypnol und mehrere Kisten Liquid Ecstasy.«
»Ein gut sortierter Laden«, sagte Axberg und schloss die Tür des Konferenzraumes. »Sind die Analysen von der Kriminaltechnik schon da?«
»Nein«, antwortete Åkerman. »Aber sie müssten heute oder morgen fertig sein.«
»Es wird spannend, ob sie eine Vermutung wagen, woher es kommt«, sagte Sankari und unterdrückte einen Rülpser.
»Falls uns das überhaupt hilft«, sagte Axberg. »Die Frage ist, ob wir mit der Beschlagnahme nicht noch ein paar Wochen hätten warten sollen. Um die Organisation besser zu durchschauen.«
Er setzte sich an den Tisch und schob eine alte Kaffeetasse zur Seite.
»Sedin ist wahrscheinlich nur ein kleiner Fisch ganz am Rand von etwas viel Größerem.«
Sankari sah ihn nachdenklich an.
»Ja, aber irgendwo müssen wir ja anfangen. Vielleicht redet er bei der Vernehmung.«
»Wer leitet die Vernehmung?«, fragte Pablo.
Axberg sah sich am Tisch um. Sofia und Hamrin waren im Urlaub.
»Sankari. Aber du kannst gern beisitzen«, sagte er und nickte in Richtung von Pablo, der seine Freude zu verbergen versuchte, indem er mit ernster Miene etwas auf seinen Block schrieb.
Axberg lehnte sich nach hinten und verschränkte die Hände im Nacken.
»Da wir zwingende Beweise gegen Sedin haben, müsste er eigentlich einsehen, dass es vorbei ist. Jetzt geht es nur noch darum, aus ihm herauszubekommen, für wen er arbeitet.«
»Ja«, sagte Sankari. »Wenn sie in der Tinte sitzen, lockert sich meistens die Zunge.«
Sie machten mit der Begutachtung des Ermittlungsmaterials weiter, das auf dem Tisch ausgebreitet war. Alles verlief mit der üblichen Trägheit eines Montagmorgens. Die schwarzen Wolken am Himmel wurden dichter, die Dunkelheit drängte hinein und umschloss langsam die Lichtquellen im Zimmer. Noch war kein Tropfen gefallen.
»Hoffentlich regnet es ordentlich, damit es nicht noch mehr Waldbrände gibt«, sagte Pablo.
»Ja«, sagte Axberg und folgte Pablos Blick aus dem Fenster. »Bei so einem Sommer wie dieses Jahr ist es schon beruhigend, dass das Stadtzentrum inzwischen nur noch aus Steinhäuser besteht.«
Sankari drehte die Wasserflasche um und ließ die letzten Tropfen auf die Zunge fallen.
»Ja, man fragt sich, wie die Elche mit der Wärme klarkommen . . . Übrigens lässt Stähl mitteilen, dass er bald einen Lagebericht haben will. Er hat gestern von seinem Landhaus aus angerufen und mit dem Diensthabenden gesprochen.«
»Ich rufe ihn heute Nachmittag zurück«, sagte Axberg. »Oder ich schicke eine Postkarte und wünsche ihm einen schönen Sommer.«
Der Kommentar beendete die Besprechung. Axbergs erster Programmpunkt für heute war ein Treffen mit der Staatsanwältin Gunilla Fridegård im Amtsgericht, zwei Blocks entfernt. Sie war eine elegante Dame Mitte sechzig, deren Gesicht genauso straff und unnachgiebig war wie ihre juristischen Entscheidungen. Axberg empfand ihre Zusammenarbeit oft als umständlich und steif. Nach und nach hatte er gelernt, innerhalb ihrer Grenzen zu improvisieren und die richtigen Worte zu wählen, um seine Ziele zu erreichen. Jetzt sollte er einige Papiere unterschreiben und von den Fortschritten der aktuellen Ermittlungen berichten. Angesichts der drohenden dunklen Wolken am Himmel nahm er zum ersten Mal seit Wochen seine Lederjacke vom Haken. In einer Tasche befand sich eine geschmolzene Tafel Schokolade, die er sofort wegwarf.
Als er auf die Straße trat, begann es zu regnen. Und wie. Es schien, als hätten die Regengötter endlich gefunden, was sie so lange gesucht hatten, und jetzt ergossen sich die gesammelten Wassermassen in einem wahnsinnigen Regenschauer über der Stadt. Axberg rannte zum Parkplatz. Obwohl der Saab nur dreißig Meter vom Ausgang entfernt stand, war Axberg klatschnass. Er trocknete das Wasser im Gesicht und überprüfte, ob alle Fenster geschlossen waren. Der Regen prasselte auf das Blech, dicke Tropfen liefen die Fenster hinab.
Dann kam der Anruf. Zuerst hörte er in all dem Rauschen nichts, aber das Handy klingelte beharrlich weiter und wurde lauter.
»Axberg.«
»Hej Johan! Jeff Conrad hier. Ich bin in der Stadt, bei einem seltsamen Todesfall. Kannst du kommen?«
Axberg begriff sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Conrad störte normalerweise nie ohne Grund.
»Was ist passiert?«
»Ein junges Mädchen ist heute Morgen tot in seinem Bett gefunden worden.«
»Und?«
»Das Ganze erinnert mich ziemlich an das, was du mir erzählt hast . . .«
»Was?«
Der Empfang war schlecht, und Axberg hatte Schwierigkeiten, die Worte zu verstehen.
»Diese merkwürdigen Todesfälle, wegen derer du angerufen hattest . . .«
Axberg dachte über die Worte nach. Schließlich wurde ihm klar, worauf Conrad sich bezog.
»Ich komme.«
Er bekam die Adresse und ließ den Wagen an. Ein wachsendes Unbehagen breitete sich in ihm aus. Nicht die übliche Anspannung, die sich immer einstellte, wenn es um einen Tatort mit einem toten Menschen ging. Es war etwas anderes. Etwas, das er nicht richtig erklären konnte. Die merkwürdigen Todesfälle, hatte Conrad gesagt. Axberg nahm an, dass er Gerd Ekstedt und Kent Öberg meinte. Über andere Todesfälle hatten sie in letzter Zeit nicht gesprochen. Axberg spürte, wie der Adrenalinstoß ihn dazu trieb, schneller zu fahren.
Der Sparvväg lag in einem der besseren Wohnviertel Sundsvalls. Hoch oben auf dem Norra-Berg, mit hohen Haus- und Grundstückspreisen. Axberg fuhr über die Storgata, im Kreisverkehr nach links und dann in südlicher Richtung auf der Skolhusallé. Vor dem Hedengrenska-Gymnasium spielten ein paar Jungs im Regen Fußball. Der Ball landete im Netz und vier Arme wurden gen Himmel hochgerissen, ein Junge zog sein T-Shirt aus und wirbelte es triumphierend über seinem Kopf. Hier also wurde Ralf Sedin aufgenommen, als er Amphetamin verkauft hat, dachte Axberg. Die Beweislage könnte schlechter sein. Axberg bemerkte, dass er gerade einen weiteren Ort in der Stadt entdeckt hatte, der mit einem Verbrechen in Verbindung stand. Bald würde er nirgendwo mehr hingehen können, ohne an unterschiedliche Ermittlungen erinnert zu werden. Überall, in jedem Viertel gab es etwas, das ihn an die allgegenwärtige Kriminalität erinnerte. Vielleicht ist es an der Zeit umzuziehen, dachte Axberg und bog in den Sparvväg ein.
Alle Grundstücke entlang der Straße hatten dieselbe Form. Rechteckige, gut abgegrenzte Einheiten mit dem richtigen Abstand zum Nachbarn. Als er einen Polizeiwagen in einer Auffahrt sah, wusste er, dass er hier richtig war.
Es schüttete unablässig weiter, der Himmel war eisengrau, ohne blaue Lücke. Er sah auf das Haus und hatte das düstere Gefühl, vor einem weiteren, unangenehmen Erinnerungsort zu stehen.
Conrad wartete im Flur. Axberg fiel auf, dass er ungewöhnlich erschöpft aussah. Aus der Küche hörte man das Weinen einer Frau.
»Jönsson und Pihl sprechen mit den Eltern«, sagte Conrad. »Ich habe gesagt, dass du kommst.«
Sie gingen in die Küche. Ein Mann Mitte fünfzig saß auf dem Küchensofa und starrte abwesend vor sich hin. Er hatte scharfe Gesichtszüge und eine dunkle Sonnenbräune. Axberg bemerkte das kurzärmelige, weiße Hemd mit Achselklappen und dem SAS-Logo der Scandinavian Airlines auf einer Brusttasche. Die weinende Frau hatte ihren Kopf auf die Knie ihres Mannes gelegt. Er streichelte ihre Haare wie in Trance. Zwei Polizisten in Uniform saßen still auf Stühlen. Der Mann stellte sich reflexartig als Mats Forsell vor. Die Frau sah nicht auf. Axberg verließ das Zimmer und folgte Conrad in ein großes Wohnzimmer.
»Dort ist es«, sagte Conrad und zeigte auf eine graue Holztür.
Axberg entschied sich, nicht sofort hineinzugehen. Er wollte zuerst hören, was ihn erwartete, sich mental vorbereiten.
»Was ist passiert?«
Conrad blinzelte nervös.
»Das Mädchen wurde heute früh von ihrem Vater entdeckt. Sie lag im Bett und sah aus, als schliefe sie. Sie war erst neunzehn. Der Polizist, der zuerst hier ankam, rief mich direkt an.«
Conrad machte eine Pause und fuhr mit der Hand durch seine weißen Haare.
»Ich hatte sofort das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war. Es hatte etwas Inszeniertes.«
»Inszeniertes?«
»Ja, du wirst schon sehen, wenn wir hineingehen.«
Axberg schaute auf die geschlossene Tür.
»Hast du eine Todesursache feststellen können?«
»Nein. Es gibt keinerlei Anzeichen für Gewalt oder Selbstmord, keine Tabletten, kein Abschiedsbrief. Und da ich mich an unser Gespräch über den Pfarrer und diese andere Frau erinnerte, dachte ich, dass du von Anfang an dabei sein willst.«
Selbst wenn die Worte nicht unerwartet kamen, so reagierte Axberg doch mit Verwunderung.
»Was meinst du?«
»Es gibt gewisse Gemeinsamkeiten: Ein weiterer unklarer Todesfall mitten in der Nacht, ohne offensichtliche Erklärung. Wahrscheinlich wird die Obduktion eine liefern, aber es ist ungewöhnlich, dass so junge Menschen durch eine Krankheit im Schlaf sterben.«
Conrad dachte nach, bevor er fortfuhr.
»Es könnte sich allerdings um ein Aneurysma im Gehirn handeln, das geplatzt ist.«
Axberg spürte, wie sich das Unbehagen, das er während des Besuchs im Pfarrhaus empfunden hatte, wieder einstellte.
»Außerdem«, fuhr Conrad fort, »kenne ich das Mädchen. Ich weiß allerdings nicht, woher, aber ich bin mir sicher, dass ich sie früher schon einmal gesehen habe.«
Sie standen eine Weile schweigend da und sahen einander an. Conrad nahm eine Tablettenschachtel aus der Tasche und stopfte sich drei Pastillen in den Mund. Axberg bemerkte einen schwachen Mentholgeruch. Aus der Küche hörte man ein gedämpftes Gespräch, das Weinen der Frau schien in seiner Intensität nachgelassen zu haben.
»Sollen wir hineingehen?«, fragte Conrad und öffnete die Tür.
Das Zimmer war klein und dunkel, die Luft abgestanden. Der Regen vor dem Fenster wirkte wie ein undurchdringlicher Vorhang. Eine Deckenlampe verbreitete schmutzig gelbes Licht, das die Konturen noch weiter verwischte. Axberg schüttelte sich und fror in seinen feuchten Kleidern. Er verabscheute Verbrechen, bei denen junge Menschen die Opfer waren. Tote Kinder oder Jugendliche waren etwas, an das er sich niemals gewöhnen würde oder wollte. Er sah sich um. Links standen zwei Bücherregale voller CDs, Zeitungen, Computerspiele und einzelner Bücher. Auf dem obersten Brett lag eine Abiturmütze. Eine Jeans und ein rosa Top hingen an einem Stuhl.
Lena Forsell lag auf dem Rücken. Die Arme gerade an der Seite, die Handflächen nach innen zu den Oberschenkeln gewendet. Die Decke war bis zu den Füßen aufgeschlagen. Sie trug ein dünnes Nachthemd und darunter eine schwarze Unterhose. Das Gesicht bleich, das Kinn eingefallen und die Augen geschlossen.
»Sie wurde genau so gefunden«, sagte Conrad. »Abgesehen von der Decke, die habe ich aufgeschlagen.«
Axberg hatte auch den Eindruck, dass diese Stellung unnatürlich war. Es sah fast so aus, als läge das Mädchen auf einem Paradebett. Er trat einen Schritt näher und betrachtete den Körper.
»Und du hast nichts gefunden?«, fragte er.
Conrad schüttelte resigniert den Kopf. Die weißen Haare bewegten sich in alle Richtungen.
»Nichts. Sie war gestern auf einem Klassenfest, ist gegen Mitternacht nach Hause gekommen.«
»Betrunken?«
»Nein, laut ihrer Mutter war sie ganz nüchtern.«
»Wie lange ist sie tot?«
Conrad wippte auf seinen klobigen Sportschuhen ungeduldig vor und zurück, als müsse er die Antwort erfühlen.
»Schätzungsweise zwischen sechs und acht Stunden, wenn man die Körpertemperatur und die Leichenstarre berücksichtigt.«
Axberg sah auf seine Armbanduhr.
»Es ist also gegen drei Uhr morgens passiert?«
»Ja, wenn meine Einschätzung stimmt.«
»Das tut sie normalerweise. Ich gehe und spreche mit den Eltern.«
Conrad zog ein paar Plastikhandschuhe an. Axberg fiel auf, dass seine sonst so ruhigen Hände zitterten.
In der Küche hatte Frau Forsell sich aufs Sofa gesetzt und stellte sich als Mia vor. Die Augen waren rot geweint, der Blick flackerte umher. Trotz ihres Zustandes vermittelte sie den Eindruck einfacher Eleganz und wirkte gepflegt. Axberg fand, dass sie ihrer Tochter ähnelte.
»Sie können jetzt gehen«, sagte er zu den beiden Polizisten.
Die standen auf, gaben den Eltern die Hand und verließen das Zimmer.
»Ich weiß, dass das sehr schwer für Sie ist«, begann Axberg. »Aber ich muss ein paar Fragen stellen.«
Mia Forsell schnäuzte sich in ein Taschentuch und nickte. Ihr Mann starrte auf die Tischplatte.
»Können Sie erzählen, was passiert ist?«
Axberg hörte selbst, wie dumm die Frage klang. Gleichzeitig wusste er, dass die Situation nach offenen Fragen verlangte. Mats Forsell räusperte sich und sah auf.
»Ich habe sie gefunden. Als ich sie heute früh wecken wollte. Zuerst dachte ich, sie schliefe, aber als sie nicht antwortete, da . . .«
Er kämpfte stur gegen die Tränen, ein Mundwinkel zuckte heftig.
»Sie lag einfach ganz still da«, fuhr er mit gebrochener Stimme fort. »Ich begreife das nicht.«
»Um wie viel Uhr war das?«, fragte Axberg und merkte gleichzeitig, dass er nichts hatte, um sich das zu notieren.
»Zehn vor acht. Sie wollte geweckt werden, weil sie heute mit einem Freund aufs Land wollte. Ich habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Sie war bleich und lag kerzengerade auf dem Rücken. Sie schlief immer auf dem Bauch, seit ihrer Kindheit, oft mit dem Kissen über dem Kopf.«
»Können Sie das näher erklären?«, bat Axberg.
»Es war einfach eine Angewohnheit von ihr, dass sie auf dem Bauch schlief. Sie schlief außerdem oft sehr unruhig und bewegte sich ab und zu im Schlaf. Deswegen sah es so seltsam aus, als sie auf dem Rücken lag, die Decke ordentlich über sich.«
Einen Augenblick lang befand Axberg sich wieder im Zimmer der toten Mutter des Pfarrers. Er versuchte, sich von den auftauchenden Erinnerungsbildern nicht ablenken zu lassen.
»Was ist dann passiert?«
»Ich habe 112 angerufen. Ich konnte einfach nicht glauben, dass sie . . .«
Mia Forsell fing an, heftig am ganzen Körper zu zittern, und sank wieder auf die Knie ihres Mannes. Axberg zögerte. Sollte er wirklich mit seinen Fragen weitermachen? Was nutzte es, in den schmerzhaften Einzelheiten zu bohren?
Das, was die Eltern jetzt brauchten, war Unterstützung und Trost. Falls es die überhaupt gab. Nichts konnte die Tatsache ändern, dass ihre Tochter tot war. Gleichzeitig wusste Axberg, dass es auf lange Sicht wichtig für die Angehörigen war, die Ursachen für einen unerwarteten Todesfall zu kennen. Das war seine Aufgabe, so aufdringlich und gefühllos sie auch wirkte. Er beschloss, den Ansatz zu ändern.
»Hatte Lena Geschwister?«
In Mats Forsells Blick leuchtete ein kleiner Funke auf.
»Ja, einen Bruder. Er studiert in New York. Wir haben es ihm noch nicht gesagt.«
Axberg nickte.
»Wir werden Ihnen alle Hilfe, die Sie benötigen, zukommen lassen. Schaffen Sie es, noch einige Fragen zu beantworten?«
Mats Forsell kniff die Lippen zu einem weißen Strich zusammen und nickte steif.
»Was hat Lena gestern Abend gemacht?«, fragte Axberg.
»Sie war auf einem Fest«, antwortete Mia Forsell. »Mit Freunden aus dem Medienkurs. Sie hat mit ihnen im Frühjahr Abitur gemacht.«
»Wann ist sie nach Hause gekommen?«
»Halb eins.«
»Sind Sie sich sicher bezüglich der Uhrzeit?«
Die Mutter sah auf ihre Hände und drehte nervös immer und immer wieder an einem Silberring.
»Ja. Wir waren aufgeblieben und haben gewartet, haben Fernsehen geschaut. Lena hatte versprochen, um zwölf zu Hause zu sein. Sie war eigentlich immer pünktlich. Als sie nach Hause kam, habe ich sie gefragt, ob sie wüsste, wie viel Uhr es sei . . .«
Axberg wartete etwas, bis sie fortfuhr.
» . . . sie seufzte und schaute auf ihre Armbanduhr.«
»Und dann?«
»Dann ging sie in ihr Zimmer und machte die Tür zu.«
»War sie irgendwie anders?«
»Nein. Sie war vielleicht ein bisschen sauer, weil wir auf sie gewartet hatten. Ansonsten war sie genau wie immer.«
»War sie nüchtern?«
»Ja«, antwortete Mats Forsell bestimmt. »Sie trank überhaupt keinen Alkohol.«
Axberg erinnerte sich daran, dass Conrad gesagt hatte, er hätte das Mädchen erkannt.
»Hat Lena früher schon mal etwas mit der Polizei zu tun gehabt?«
»Nein«, antwortete Mats Forsell und wirkte zum ersten Mal verärgert.
Axberg fand, dass die Antwort ungewöhnlich schnell kam. Wie eine reflexartige Verneinung. Sie wurden von einem diskreten Klopfen unterbrochen. Conrad stand in der Tür.
»Entschuldige, Johan, kannst du kommen?«
Axberg nickte und stand auf.
»Wollen Sie in der Zwischenzeit jemanden anrufen?«, fragte er.
»Wir müssen es Peter sagen«, schluchzte Mia Forsell.
Axberg folgte Conrad wieder in Lenas Zimmer. Conrad hob eine kleine, durchsichtige Tüte hoch, in der sich etwas befand, das wie ein kleiner Papierzettel aussah.
»Was ist das?«
»Eine Quittung. Aus dem Kasino.«
Axberg nahm die Tüte in die Hand.
»Abgestempelt gestern, dreiundzwanzig Uhr dreißig. Wo hast du die gefunden?«
»Unter dem Bett.«
Conrad beugte seinen langen Rücken und zeigte auf den Fundort.
»Da, genau da neben der Wand lag sie.«
»Was bedeutet, dass sie im Kasino gewesen ist«, sagte Axberg.
»Vielleicht«, sagte Conrad.
Axberg ging zurück in die Küche.
»Wir haben unter Lenas Bett eine Quittung gefunden. Aus dem Kasino.«
Beide Elternteile starrten ihn verwirrt an. Axberg zeigte die Tüte.
»Lena war noch nie im Kasino«, sagte Mia Forsell und sah ihren Mann fragend an; der schüttelte bekräftigend den Kopf.
»Sind Sie ganz sicher?«
»Ja, das hätten wir gewusst«, sagte Mats Forsell.
»Haben Sie eine Ahnung, wie die Quittung unter das Bett geraten ist?«
»Nein, ich begreife gar nichts«, sagte die Mutter. »Wir sind auch nicht dort gewesen . . .«
»Hatten Sie während des Abends Kontakt mit Lena?«, fuhr Axberg fort.
»Ja. Sie hat vom Handy aus angerufen.«
Axberg wurde aufmerksam. Das könnte wichtig sein.
»Was hat sie da gesagt?«
Der Vater breitete die Hände aus.
»Nichts Besonderes. Sie klang fröhlich, hat gesagt, dass alles in Ordnung sei. Sonst nichts.«
»Um welche Uhrzeit hat sie angerufen.«
»Genau als der Spielfilm anfing . . .«
Mia Forsell stand auf, ging ins Wohnzimmer und kam mit dem Fernsehprogramm wieder zurück. Axberg wartete gespannt, während sie zur richtigen Seite blätterte.
»Ungefähr um Viertel nach elf muss es gewesen sein.«
Axberg merkte sich die Uhrzeit.
»Hat sie gesagt, wo sie war?«
»Auf dem Fest, zu Hause bei einer Freundin in Granloholm.«
Axberg begriff sofort, was das hieß. Wenn Lena Forsell die Wahrheit gesagt hatte, dann konnte sie zu dem Zeitpunkt, der auf der Quittung stand, nicht im Kasino gewesen sein. Was das wiederum bedeutete, war im Augenblick schwer zu überblicken. Doch er wusste genug, um den Todesfall als mögliches Verbrechen einzustufen. Aus Erfahrung wusste er, dass Ermittlungen oft wie ein Kurzstreckenrennen waren. Der Start ist entscheidend für den Ausgang. Man muss von Anfang an alles geben. Selbst wenn man dabei den einen oder anderen Fehlstart riskiert. Oft konnte die Vermutung, dass es sich um ein Verbrechen handelt, widerlegt werden, aber dann hatte er auf jeden Fall das getan, was man von ihm erwartete.
Es klingelte an der Tür. Mats Forsell öffnete und kam mit einem Psychologen vom Sozialdienst zurück. Im Flur wartete Conrad.
»Ich habe getan, was ich konnte«, sagte er. »Was denkst du?«
»Wir lassen das gesamte Programm anlaufen«, sagte Axberg ernst. »Wie du gesagt hast, ein Verbrechen kann nicht ausgeschlossen werden.«
Conrad nickte und ging. Axberg telefonierte und bat um das komplette Programm der Spurensicherung. Nach zehn Minuten kam ihre beste Kriminaltechnikerin Rut Norén mit einem jungen Assistenten.
Norén war eine kleine, runde Frau unbestimmten Alters. Ihre Bewegungen waren kraftvoll, ihre Schritte energisch. Sie war wortkarg, und das Wenige, was sie sagt, war stets schwer zu verstehen. Aber die Berichte, die sie schrieb, waren bis ins kleinste Detail ausgefeilt. Und ihren kritischen Augen entging nie etwas an einem Tatort. Axberg gab Norén die Tüte mit der Kasinoquittung und bat um höchste Priorität. Eventuelle Fingerabdrücke könnten entscheidend für die gesamte Ermittlung sein.
Als er auf die Veranda trat, merkte er, dass der Regen aufgehört hatte. Alles Grün um ihn herum hatte eine tiefere Nuance angenommen. Der frische Duft, der vom Rasen aufstieg, war wie eine Befreiung, eine Erinnerung an das Leben. Sein Geruchssinn war deutlich besser geworden, seit er weniger rauchte. Obwohl er Lust auf eine Zigarette hatte, rührte er das Päckchen in seiner Jackentasche nicht an. Ein Auto fuhr vorbei. Nach dem Regen klangen die Reifen auf dem Asphalt gedämpft.
Axberg beschloss, zum Polizeirevier zurückzufahren. Er wusste, dass die Entscheidung, eine Voruntersuchung zu beginnen, richtig war. Bei Lena Forsells Tod gab es zu viele Fragezeichen, um den Fall nicht anzugehen. Außerdem wollte er nicht noch weitere unklare Todesfälle mit besorgten Angehörigen auf seinem Schreibtisch haben.
Er nahm die Brücke über den Selångerså beim Busbahnhof, die Uhr an der Gustav-Adolfs-Kirche zeigte Viertel nach elf.
Axberg hatte wieder das Gefühl, dass etwas, das Lena Forsells Mutter erzählt hatte, wichtig war. Was, das wusste er nicht. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, in welchem Zusammenhang es gesagt worden war.
Er sah die Mutter vor sich, wie sie mit ihm sprach, aber erfasste die Worte nicht.
Es gab da etwas, das er registriert hatte, ohne darauf zu reagieren. Er sah ein, dass er es nicht hervorzwingen könnte. Stattdessen würde er jetzt eine erste Zusammenfassung über das, was er wusste, schreiben. Dann musste er den Bericht der Spurensicherung abwarten und das Ergebnis der Obduktion.
Wenn er Glück hatte, war alles in Ordnung und er könnte den Fall abschließen.
Kapitel sechzehn
Als Axberg an einer roten Ampel in der Kyrkogata anhielt, beschloss er, einen Abstecher in seine Wohnung zu machen, bevor er zurück zum Polizeirevier fuhr.
Schon wieder war er gezwungen, sich wegen des Wetters während der Arbeitszeit umzuziehen. Auch wenn die Hose und das Hemd wieder etwas getrocknet waren, so fühlte sich der Stoff doch noch unangenehm an auf der Haut. Carolina war bei der Arbeit, was bedeutete, dass sein schlechtes Gewissen seinen vorläufigen Dämmerzustand noch eine Weile beibehalten konnte. Jedes Mal, wenn sie ihn ansah, schämte er sich und bildete sich ein, dass sie bereits alles wusste. Sie hatte ihn schon früher durchschaut.
Axberg parkte das Auto auf seinem üblichen Platz am Busbahnhof und ging die zwei Blocks bis zum Knausthus. Er wählte die Abkürzung durch das neu eröffnete Café im Erdgeschoss und kaufte einen Café au lait. Auf halbem Weg auf dem ersten Treppenabsatz blieb er stehen und drehte sich um. Er dachte plötzlich an die jährlichen Schülerfotos, die jedes Frühjahr genau auf diesem Platz, auf dem er stand, gemacht wurden. Wie Horden von lächelnden Jugendlichen vor dem weißen Marmor verewigt wurden. Genau wie er selbst vor vierzehn Jahren.
Hatte Lena Forsell dieses Jahr hier gestanden? Was hatte sie über die strahlende Zukunft gedacht? War sie glücklich gewesen?
Axberg begriff, dass er sich ein besseres Bild davon machen musste, wie sie als Person gewesen war. Sonst würde er die Bedeutung all der Details, die in der Luft hingen, nie ausmachen können. Er lief in den vierten Stock hoch und hielt dabei eine Hand auf den Plastikdeckel des Kaffeebechers, um nichts zu verschütten. In der Zweizimmerwohnung war es schwül und stickig. Und doch sah sie deutlich sauberer und aufgeräumter aus als noch am Morgen. Als hätte der Regen den Staub und Schmutz sogar in der Wohnung weggespült. Er warf die Kleider in den Wäschekorb, zog eine schwarze Jeans und ein ordentlich gebügeltes Hemd an und ging wieder.
Als er über den Stora Torg, den alten Marktplatz, ging, brach die Sonne durch die grauen Wolken. Die stolzen Häuser bekamen langsam wieder ihren Glanz zurück.
Im Flur des Polizeireviers standen die Bürotüren mehrerer Kollegen auf, ohne dass jemand zu sehen war. Jens Åkerman, der zusammengesunken an seinem Computer saß, war die Ausnahme. Axberg setzte sich an seinen Schreibtisch und fragte sich, wo er anfangen sollte. Zuerst musste er im Kasino anrufen, um zu erfahren, welche Informationen sich auf der Quittung befanden. Dann würde er versuchen, herauszufinden, woher Conrad Lena Forsell kannte. Im Augenblick gab es eigentlich nicht viel mehr zu tun. Nach einigen Minuten des Überlegens rief er Jens Åkerman intern an und bat ihn herüberzukommen.
»Was wird gewünscht?«, fragte Åkerman scherzhaft, als er das Zimmer betrat.
»Könntest du nachsehen, ob sich eine gewisse Lena Forsell im Strafregister befindet oder ob sie in irgendeinem anderen Zusammenhang mit der Polizei zu tun hatte?«
»Kein Problem.«
»Gut, komm zu mir, sobald du ein Ergebnis hast. Hier ist ihre Personennummer«, sagte Axberg und reichte ihm eine Kopie des Totenscheins, den er von Conrad bekommen hatte.
Åkerman nahm das Papier und verschwand. Axberg öffnete ein Fenster und zündete eine Zigarette an. Ein Lastzug voller Holz fuhr auf der Straße vorbei. Die Wolken zogen in fantasievollen Formationen vorüber. Als er die Zigarette bis zum Filter geraucht hatte, drückte er sie am Fensterblech aus. Aus einer Schreibtischschublade nahm er ein Telefonbuch und suchte die Nummer des neueröffneten Kasinos. Er fand sie nicht. Stattdessen erhöhte er die ohnehin stets heftige Telefonrechnung mit einem Anruf bei der Auskunft.
Der Sicherheitschef des Kasinos, Hans Edström, war einer von Axbergs früheren Kollegen bei der Schutzpolizei. Er hatte sich nach einer Schussverletzung bei einem Bankraub einen neuen Arbeitgeber gesucht. Sie wechselten ein paar Worte über die alten und die neuen Zeiten. Dann erzählte Axberg von der Quittung, die sie bei Lena Forsell gefunden hatten und erläuterte den Hintergrund. Edström hörte aufmerksam zu.
»Eine Umtauschquittung verrät nicht, wer die Chips eingetauscht hat. Man kann nur das Datum, die Uhrzeit und die jeweilige Summe erkennen.«
»Aber wenn ich mich recht erinnere, dann habt ihr bei der Informationsveranstaltung vor der Eröffnung gesagt, dass alle Besucher beim Eintritt registriert werden?«, sagte Axberg.
»Das stimmt. Wenn du ein paar Sekunden wartest, dann kann ich zum Computer gehen und nachsehen, ob sie an diesem Abend hier war.«
Axberg hörte etwas entfernt Geklapper auf einer Tastatur.
»Nein«, stellte Edström fest. »Lena Forsell war am Sonntag nicht hier. Sie war überhaupt noch nie hier. Außerdem ist sie zu jung, unsere Altersgrenze liegt bei zwanzig Jahren.«
Axberg verzog das Gesicht.
»Ja, ich weiß«, log er. »Ich wollte in dieser Sache nur sicher sein. Manchmal kann es ziemlich schwer sein, das Alter bei so jungen Mädchen richtig zu schätzen.«
»Stimmt. Aber wir überprüfen bei allen Besuchern die Papiere, bevor wir sie einlassen. Wir fotografieren sogar alle am Eingang und archivieren die Bilder.«
Axberg wusste nun, dass seine Vermutung stimmte. Lena Forsell war am fraglichen Abend nicht im Kasino gewesen. Hans Edström konnte ihm sogar die Information geben, dass keiner der Eltern dort gewesen war. Das Gefühl, dass irgendetwas an Lena Forsells Tod seltsam war, drängte sich wieder auf. Hatte jemand sie umgebracht, so hatte diese Person einen nicht wiedergutzumachenden Fehler begangen, indem er diese Quittung hinterlassen hatte. Er oder sie war mit Personennummer und Foto am Eingang registriert worden. Und die Untersuchung eventueller Fingerabdrücke müsste innerhalb von vierundzwanzig Stunden beendet sein.
»Besteht die Möglichkeit, dass sich der Kassierer daran erinnert, wer die Umtauschquittung bei ihm bekommen hat?«, fragte Axberg weiter.
»Glaube ich nicht. Letzten Sonntag hatten wir über tausend Besucher. Jonas Gardell war hier und ist aufgetreten. Aber es kann einen Versuch wert sein. Die Nummer der Kasse steht auf der Quittung.«
Axberg sah auf die Kopie, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
»Kasse vier.«
»Okay, warte einen Moment . . .«
Axberg hörte wieder die Finger auf der Tastatur.
»Mia Ingesson«, sagte Hans Edström. »Sie saß am Sonntag an Kasse vier. Wenn du willst, gebe ich dir ihre Privatnummer.«
Mia Ingesson hob nach zwei Mal Klingeln ab. Axberg wurde schnell klar, dass der Anruf überflüssig war. Sie hatte während des Abends sicherlich über hundert Personen bedient und hatte nichts Besonderes oder Außergewöhnliches gesehen oder gehört. Nicht einmal als Axberg den Zeitpunkt genauer bestimmte, erinnerte sie sich an irgendetwas Nützliches. Axberg bedankte sich und legte auf.
Er schloss die Augen und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Was wusste er eigentlich?
Ein junges Mädchen wird morgens tot im Bett gefunden. Keinerlei weitere Indizien, außer einer Kasinoquittung vom vorangehenden Abend. Wie die Quittung unter dem Bett gelandet war, wusste niemand.
Axberg zögerte. Vielleicht überschätzte er den Fall und machte sich unnötig Sorgen. Gleichzeitig war es seine Stärke als Polizist, bereits in einem frühen Stadium zu ahnen, dass etwas nicht in Ordnung war. Zum großen Teil lag es an dieser Intuition, dass er bereits mit zweiunddreißig Jahren Chef der Kripo war.
Er ließ den Blick über die Ordnerrücken im Bücherregal gleiten. Dort stand das Ergebnis seiner Arbeit, das, worauf seine Karriere aufgebaut war: Der Bankraub in der Handelsbank, bei dem er selbst die unerwartete Lösung gefunden hatte, ein Insiderjob der Wachfirma. Danach die fünf grünen Ordner mit Vergewaltigungsmorden, die in der Stadt während einiger Sommerwochen vor vier Jahren Schrecken verbreitet hatten. Und jetzt?
Vor ihm lag ein Notizblock voller Fragezeichen. Das war alles. Aber so fing es immer an. Er stand auf und ging zu Åkerman. Die rote Lampe vor dem Vernehmungsraum leuchtete. Axberg nahm an, dass Sankari und Pablo mitten in der Vernehmung von Ralf Sedin waren.
»Hast du was gefunden?«
Jens Åkerman sah vom Computerbildschirm auf.
»Ja, habe ich. Sie wurde vor zwei Jahren beim Haschrauchen auf der Schultoilette erwischt. Keine Anzeige, aber das Jugendamt wurde eingeschaltet.«
Axberg war überrascht. Das war eigentlich nicht das, was er erwartet hatte.
Seine Vorurteile hatten das Bild eines braven Mädchens aus einem wohlhabenden Zuhause entstehen lassen.
»Kann ich einen Ausdruck haben?«
»Kein Problem. Kommt sofort.«
Åkerman klickte mit der Maus, und der Laserdrucker begann, Papierbogen auszuspucken. Im selben Augenblick, in dem Axberg den Bericht in die Hand bekam, fiel sein Blick auf einen Namen, der sofort aus dem Text hervorstach.
»Tony Wollmar?«, rief er aus. »Ach du Kacke.«
Åkerman sah ihn verwundert an.
»Wer ist das?«, fragte er und setzte sich wieder vor den Computer.
Axberg antwortete nicht sofort. Er las schweigend den Bericht durch. Als er fertig war, hob er den Blick und sah Åkerman an.
»Ein Gangster, der sein Unwesen hier in der Stadt schon so lange treibt, wie ich mich überhaupt zurückerinnern kann. Er hat schon alles gemacht, von Autodiebstahl bis zu Hehlerei und Erpressung. Mitte der Achtziger hat er ein paar Bewährungsstrafen bekommen. Seitdem hat er gelernt, wie man sich raushält, in den letzten Jahren ist er aufgestiegen und besitzt ein paar Kneipen in der Stadt. Wir vermuten, dass er mit Drogen handelt und Schnaps schmuggelt. Aber niemand hat ihm je etwas nachweisen können.«
Axberg sah auf das Blatt Papier.
»Wollmar ist das Gehirn hinter vielen Marionetten. Er hält sich einen ganzen Hofstaat mit Typen wie Ralf Sedin, bleibt immer im Hintergrund und mit unseren Methoden unangreifbar. Aber das hier könnte vielleicht etwas sein.«
Sagte Axberg, wedelte mit dem Papier und ging. In seinem Büro las er den Bericht noch einmal.
Lena Forsell hatte zusammen mit einer Freundin während einer Mathestunde am 4. April 1998 auf der Schultoilette Marihuana geraucht. Ein Lehrer, der im Flur vorbeiging, hatte den Geruch erkannt und die Polizei gerufen, im Glauben, ein Drogenabhängiger hätte sich in die Schule geschlichen. Lena Forsell hatte sich geweigert zu erzählen, woher sie die Joints hatte. Ihre Freundin war nach mehreren Vernehmungen zusammengebrochen und hatte erzählt, dass Wollmar dahintersteckte. Die Polizei ermittelte in dem Fall, aber die Voruntersuchung wurde mangels Beweisen beendet. Zu dieser Geschichte gehörte auch, dass Lena Forsell zu dieser Zeit als Bedienung in einer von Wollmars Kneipen arbeitete. Mehrere ihrer Arbeitskollegen wurden ergebnislos verhört. Das Jugendamt hat die üblichen Gespräche mit den Betroffenen geführt. Die Mädchen zeigten Reue und versprachen völlige Enthaltsamkeit. Danach gab es keine Unterlagen über Lena Forsell mehr. Was im Grunde nicht viel bedeutete, dachte Axberg. Er fragte sich, ob es irgendeine Verbindung zwischen Wollmar und Ralf Sedin gab. Und ob das Puzzlestück mit Lenas Tod in diesem Fall genau ins Bild passte. Nichts war unmöglich. Sundsvall war schließlich eine ziemlich kleine Stadt.
Axberg rief Conrad an und erzählte ihm von der Haschepisode. Conrad erinnerte sich daran, dass er Lena Forsell zu der Zeit bei einer Blutentnahme getroffen hatte. Daher hatte er sie wiedererkannt. Die Obduktion hatte gerade erst begonnen, und noch konnte man nichts Genaues sagen, weswegen Conrad auch wie üblich kein Wort darüber verlor.
Axberg sah auf seine Armbanduhr. Viertel vor drei. Heute darf ich nicht vergessen, Oma anzurufen, dachte er. Am besten ich mache es sofort. In einer Minute habe ich es vielleicht schon wieder vergessen. Nach dem Gespräch beschloss Axberg, dass er bereits am nächsten Tag die Familie Forsell noch einmal besuchen würde. Ganz abgesehen vom Obduktionsergebnis musste er eine Erklärung finden, wie die Kasinoquittung unter Lena Forsells Bett gekommen war.
Und wenn auch nur, um jeden Verbrechensverdacht ad acta legen zu können. Außerdem würde er sich nach der Marihuanaepisode erkundigen. Und was Tony Wollmar damit zu tun hatte.
Kapitel siebzehn
Es war Viertel nach fünf, als Erik Jensen endlich mit der nachmittäglichen Visite fertig war.
Ein schwieriges Gespräch mit Angehörigen hatte lange gedauert. Jensen spürte, dass seine Antworten nicht so einfühlsam gewesen waren, wie es seine berufliche Rolle verlangte. Die Tochter eines alten Mannes mit schwachem Herz war plötzlich auf der Station aufgetaucht und hatte mit einem Arzt sprechen wollen. Jensen musste trotz vielerlei Ausreden einsehen, dass er gezwungen war, dieses Gespräch zu führen. Die Tochter wohnte in Kalmar und wollte auf keinen Fall akzeptieren, dass ihr Vater am nächsten Tag entlassen werden sollte.
Jensen hatte den Eindruck, dass die Tochter ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie sich nicht genug um ihre Eltern kümmerte. Jetzt wollte sie die Verantwortung auf das Gesundheitssystem übertragen. Der Vater habe schließlich sein ganzes Leben lang Steuern gezahlt und daher ein Recht auf alle verfügbaren Ressourcen. Das war ein Szenario, auf das Jensen immer häufiger traf: Gestresste Menschen, die keine Zeit hatten, sich um ihre Angehörigen zu kümmern, wenn diese krank wurden, und daher verzweifelt Unterstützung bei den unterschiedlichen sozialen Institutionen suchten. Dem gegenüber standen all die Forderungen nach Einsparungen und kürzerer Verweildauer.
Jensen seufzte und schaute aus dem Fenster. Normalerweise war der Blick aus seinem Zimmer hoch im fünften Stock zwar nicht schön, aber doch luftig und offen. Jetzt prasselte der Regen auf den Parkplatz und den Fichtenwald daneben. Die Tropfen auf der Scheibe wechselten ständig ihr Muster. Alles war grau und hoffnungslos langweilig. Obwohl der Arbeitstag zu Ende war, verspürte er keinerlei Verlangen, nach Hause zu fahren. Er beschloss, noch etwas zu bleiben und Papierkram zu erledigen. Er unterschrieb ein paar Epikrisen und aktualisierte den täglichen Stapel Verordnungen. Nach einer halben Stunde wurde er müde, ging in den Pausenraum und holte einen Kaffee.
Als er zurückkehrte, nahm er den Ordner mit den ungeklärten Todesfällen durch Herzversagen aus dem Regal. Die vier Krankenakten, die er gesammelt hatte, beinhalteten eigentlich nichts Ungewöhnliches. Und doch brachte ihn seine Neugier immer und immer wieder dazu, das Material noch einmal zu betrachten.
Vier gesunde Menschen zwischen fünfzig und siebenundfünfzig Jahren, die aus ungeklärten Gründen starben, während sie nachts in ihren Betten schliefen. Vier Todesfälle, die für die Angehörigen völlig unerwartet kamen.
Die klinischen Obduktionen, die durchgeführt worden waren, nannten alle plötzlichen Herzstillstand als Todesursache. Die anderen Fälle hatte Jensen bereits aussortiert.
Dieses Quartett aus Fragezeichen war übrig geblieben. Und der Fall Maria Backlund, der ihn immer noch verwirrte. Bei der Nachuntersuchung während der Sprechstunde hatte sich nichts Neues ergeben. Sie war und blieb vollkommen gesund. Und doch hätte sie genauso gut zu den Fällen gehören können, die er nun in der Hand hielt. Wenn ihre Schwester nicht so geistesgegenwärtig reagiert hätte. Wenn die Wiederbelebung nicht erfolgreich gewesen wäre. Wenn.
Er stand auf und hing den Arztkittel an einen Haken. Seine Gedanken gingen wild durcheinander, und er wog jedes Detail auf der Wahrscheinlichkeitswaage. Konnte die Häufung von unklarem Herzstillstand ein Zufall sein, oder war er da etwas auf der Spur?
Er ließ sich wieder in den Stuhl fallen und legte die Füße auf den Schreibtisch. Die Kaffeetasse war leer, und er fühlte sich schon frischer. Er stellte fest, dass die Idee einer neuen Viruserkrankung, die den Herzmuskel angriff und das Reizleitungssystem ausschaltete, gar nicht so dumm war. Es war noch die wahrscheinlichste Theorie. Als Forscher war er daran gewöhnt, unterschiedliche und oft unbestimmte Fakten gegeneinander aufzuwiegen, um herauszufinden, ob sie etwas gemeinsam hatten. Er hoffte, vom rechtsmedizinischen Institut in Umeå bald eine Antwort auf seinen Antrag für ein Forschungsprojekt zu erhalten. Seine Idee war, Blutproben von allen unklaren Herztodesfällen innerhalb der nächsten Monate in der Gemeinde Sundsvall zu nehmen. Die Proben sollten dann auf unterschiedliche Viren untersucht werden. Danach würde er sie vergleichen und überprüfen, ob es einen Zusammenhang gab. Seinem Doktorvater hatte die Idee gefallen, und er hatte versprochen, bei der Finanzierung zu helfen.
Jensen spürte, wie die Sehnsucht, nach Stockholm zu ziehen, wieder in ihm wach wurde. Er machte seine Aktentasche auf und nahm den Brief heraus, der heute Morgen in seinem Fach gelegen hatte. Zum dritten Mal an diesem Tag las er, dass die Herzklinik des Karolinska-Krankenhauses ihn gerne als Stationsarzt anstellen würde. Er könnte bereits in einem Monat anfangen. Er fühlte, dass das eine Chance war, die nicht wiederkehren würde. Sollte er jetzt ablehnen, würde er für immer in Sundsvall bleiben.
Man muss die Chancen nutzen, die sich einem bieten, dachte er und öffnete das E-Mail-Programm auf seinem Computer. Er klickte auf das Briefsymbol und schickte die Antwort ab, in der er die Stelle annahm. Alles fühlte sich richtig an. Sara würde er schon überreden. Sie würde es verstehen. Ihre Meinung, dass es nicht gut für Erika wäre, in Stockholm aufzuwachsen, teilte er nicht. Schließlich lebte mindestens ein Achtel der Kinder dieses Landes in der Hauptstadt.
Ich kaufe auf dem Heimweg eine Flasche Champagner und einen Strauß Rosen, beschloss er. Ein Trick, der zwar durchschaubar war, aber doch immer funktionierte. Er spürte, dass Sara nachgeben würde, wenn sie seine Argumente hörte. Wenn sie es sich leisten konnten, würde er ein kleines Atelier mieten, wo sie malen und bildhauern könnte, wenn Erika in der Kita war. Erik Jensen war vor Glück und Stolz ganz aufgekratzt und kümmerte sich nicht darum, dass er nass wurde, als er über den Parkplatz zu seinem Auto lief.
Er war auf dem Weg.
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