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JAMES BOND


DER
KUNSTSAMMLER

von

JOHN GARDNER

Ins Deutsche übertragen

von Anika Klüver und Stephanie Pannen


Die deutsche Ausgabe von JAMES BOND – DER KUNSTSAMMLER

wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,

Übersetzung: Anika Klüver und Stephanie Pannen;

verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;

Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik;

Cover Artwork: Michael Gillette. Printausgabe gedruckt von

CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.

Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: JAMES BOND – FOR SPECIAL SERVICES

German translation copyright © 2015, by Amigo Grafik GbR.


IAN FLEMING PUBLICATION LIMITED

Copyright © Ian Fleming Publications Limited 1982

The moral rights of the author have been asserted.

Die Persönlichkeitsrechte des Autors wurden gewahrt.

Ian Fleming and the Ian Fleming logo are both trademarks owned by the Ian Fleming Estate, used under licence by Ian Fleming Publications Ltd.

JAMES BOND and 007 are registered trademarks of Danjaq LLC,

used under license by Ian Fleming Publications Limited. All Rights Reseved.

Print ISBN 978-3-86425-453-6 (März 2015)

E-Book ISBN 978-3-86425-464-2 (März 2015)

WWW.CROSS-CULT.DE · WWW.IANFLEMING.COM

ÜBER DEN AUTOR

John Gardner war ein britischer Spionageroman- und Krimiautor. 1979 erhielt er von Glidrose Publications (heute Ian Fleming Publications) offiziell den Auftrag, Ian Flemings Vermächtnis weiterzuführen und neue James-Bond-Abenteuer zu schreiben. Zwischen 1981 und 1996 schrieb Gardner vierzehn eigene James-Bond-Romane und die Bücher zu zwei James-Bond-Filmen.

Bevor er in den frühen 1960ern eine Karriere als Romanschriftsteller begann, war John Gardner als Zauberkünstler, Offizier der königlichen Marine, Journalist und für kurze Zeit auch als Priester der Anglikanischen Kirche tätig. Gardner erschuf viele beliebte Figuren wie zum Beispiel Boysie Oakes und Herbie Kruger und verfasste insgesamt fünfundfünfzig Romane – darunter zahlreiche Bestseller –, bevor er im August 2007 verstarb.

Weitere Informationen finden sich auf www.john-gardner.com oder der Webseite für Ian Fleming: www.ianfleming.com.

Für Desmond Elliott

INHALT

1. Drei Nullen

2. Neunzig Sekunden

3. Das Haus am Bayou

4. Bettgedanken

5. Cedar

6. Seltene Drucke zu verkaufen

7. Gewaltsame Einladung

8. Anzeichen von Sterblichkeit

9. Wenn der Spaß richtig losgeht

10. Der Weg nach Amarillo

11. Rancho Bismaquer

12. Die Führung

13. Tour de Force

14. Widerliche Insekten

15. Das Rennen

16. Nena

17. Der Himmelswolf

18. Schocktaktik

19. Der Vier-Sterne-General

20. Cheyenne Mountain

21. Blofeld

22. Für James Bond: Als Geschenk eine Tochter

DANKSAGUNGEN UND
ANMERKUNG DES AUTORS

Wie bei der ersten Fortsetzung der James-Bond-Romane, Kernschmelze, muss ich mich bei den Inhabern des literarischen Urheberrechts – Glidrose Publications – dafür bedanken, dass sie mich einluden, in Ian Flemings Fußstapfen zu treten und zu versuchen, Mr Bond in die 1980er zu versetzen. Mein persönlicher Dank geht besonders an Dennis Joss, Peter Janson-Smith und John Parkinson für ihre Geduld und ihr Vertrauen.

Außerdem schulde ich Peter Israel von der Putnam Publishing Group sowie meinem persönlichen Manager Desmond Elliott großen Dank, da sie mir beide wertvolle Hilfe und Unterstützung geleistet haben. Das Gleiche gilt für Tom Maschler, Mary Banks und besonders für Tony Colwell, der einen Fehler bei der Darstellung einer Figur bemerkte und auf brillante Weise eine entscheidende Wendung in der Handlung vorschlug. Außerdem würde ich gern allen Mitgliedern von Saab (GB) Ltd. und Saab-Scania in Schweden meinen persönlichen Dank für die Zeit, die Mühe, die Geduld und die Begeisterung aussprechen, die sie aufgebracht haben, um zu beweisen, dass Bonds Saab tatsächlich existiert. Neben zahllosen anderen muss ich speziell John Smerdon, Steve Andresier, Philip Hall, John Edwards, Ian Adcock, Peter Seltzer und Hans Thornquist erwähnen.

Als ich die Danksagungen für Kernschmelze noch einmal durchging, fiel mir auf, dass ich einen sehr wichtigen Namen ausgelassen hatte – den des kenntnisreichen Mannes, der außerdienstlich eine ganze Liste von Autos recherchierte, was letztendlich dazu führte, dass ich Mr Bond in einen Saab setzte: Tony Snare.

Ian Fleming war ein großer Meister und versuchte stets – mit ein wenig Freiheit, die allen Belletristikautoren zusteht –, alle praktischen Grundlagen korrekt darzustellen. Ich habe mich bemüht, das ebenfalls zu tun, mit einer Ausnahme. Obwohl das NORAD-Kommandohauptquartier existiert – in den Cheyenne Mountains in Colorado –, war es mir unmöglich, eine genaue Beschreibung eines Weges ins Innere dieser unglaublichen Verteidigungsbasis zu erhalten. Daher war in diesem Fall ein wenig Fantasie notwendig. Alle im Roman erwähnten Weltraumsatelliten gibt es tatsächlich, und soweit ich weiß, ist der Wettlauf um eine Partikelstrahlwaffe derzeit in vollem Gange.

Die einzige Ausnahme unter den Satelliten ist Space Wolf, der eine entscheidende Rolle spielt. Allerdings wurde mir eindeutig versichert, dass die Fähigkeit dieser Waffen existiert und es sie tatsächlich gibt, auch wenn zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Buchs kein Land zugeben wird, dass sich irgendwelche davon im Orbit befinden.

1982

JOHN GARDNER


DREI NULLEN

Das europäische Luftfahrtverkehrskontrollzentrum in Maastricht an der belgisch-niederländischen Grenze übergab Flug Nummer 12 von British Airways an das Londoner Kontrollzentrum in West Drayton, kurz nachdem das Flugzeug die Küste hinter sich gelassen hatte und ein paar Kilometer von Ostende entfernt war.

Frank Kennen war noch nicht einmal zehn Minuten im Dienst, als er den Flug akzeptierte und die Boeing 747 Jumbo anwies, ihre Flughöhe von neuntausend auf sechstausend Meter zu verringern. Sie war nur eines von vielen Flugzeugen, die auf seinem Radarschirm angezeigt wurden – ein grüner Lichtfleck mit der dazugehörigen Nummer, der 12, sowie Höhe und Flugrichtung der Maschine.

Alles schien normal zu sein. Der Flug trat in die letzte Phase seiner langen Reise von Singapur über Bahrain ein. Kennen fing automatisch an, die Flugverkehrskontrolle in Heathrow darüber zu informieren, dass sich Speedbird 12 im Landeanflug befand.

Seine Augen blieben auf den großen Radarschirm geheftet. Speedbird 12 begann mit dem Sinkflug, die Ziffern der Flughöhe verringerten sich auf dem Bildschirm konstant. »Speedbird eins-zwei frei für zwei-null, Vektor …« Er hielt mitten im Satz inne und registrierte nur am Rande, dass die Flugverkehrskontrolle in Heathrow nach weiteren Informationen fragte. Was er nun auf dem Radarschirm sah, drehte ihm den Magen um. Mit dramatischer Plötzlichkeit verschwand die Kennziffer 12, die vom Transponder der Boeing übertragen wurde, und veränderte sich.

Nun befanden sich anstelle der grünen 12 drei schnell blinkende rote Nullen neben dem Fleck.

Drei rote Nullen waren das internationale Radarsignal für eine Flugzeugentführung.

Mit ruhiger Stimme rief Frank Kennen das Flugzeug: »Speedbird eins-zwei, Sie sind frei für zwei-null. Haben Sie das bestätigt?«

Falls es an Bord Probleme gab, würde die Antwort der Piloten wie ein Routineaustausch klingen. Doch es kam keine Antwort.

Dreißig Sekunden vergingen, und Kennan wiederholte seine Frage.

Noch immer keine Antwort.

Sechzig Sekunden.

Weiter keine Antwort.

Dann, fünfundneunzig Sekunden nach der ersten Meldung, verschwanden die drei roten Nullen vom Bildschirm und wurden von der vertrauten 12 ersetzt. In seinem Kopfhörer vernahm Kennan die Stimme des Kapitäns und atmete erleichtert aus. »Speedbird eins-zwei bestätigt. Der Notfall ist nun vorbei. Bitte alarmieren Sie Heathrow. Wir benötigen Krankenwagen und einen Arzt. Es gibt mehrere Tote und mindestens eine schwer verletzte Person an Bord. Wiederhole: Notfall vorbei. Dürfen wir fortfahren wie angewiesen? Speedbird eins-zwei.«

Der Kapitän hätte ebenso gut hinzufügen können: »Notfall vorbei dank Commander Bond.«


NEUNZIG SEKUNDEN

Ein wenig früher hatte sich James Bond zurückgelehnt und scheinbar entspannt und ruhig auf einem Sitz am Gang auf der Steuerbordseite des Bereichs der Executive Class von Flug BA 12 gesessen.

In Wahrheit war Bond jedoch alles andere als entspannt. Hinter den müden Augen und der zusammengesunkenen Sitzposition arbeitete sein Verstand auf Hochtouren, sein Körper war bereit – angespannt wie eine Sprungfeder.

Jeder genauere Betrachter hätte außerdem die Anspannung hinter den graublauen Augen bemerkt. Von dem Moment an, in dem James Bond in Singapur das Flugzeug betreten hatte, war er auf Ärger vorbereitet gewesen – und nach dem Start in Bahrain sogar noch mehr. Immerhin wusste er, dass die Goldbarren in Bahrain an Bord gebracht worden waren. Das wussten auch die vier verdeckt arbeitenden Männer des Special Air Service, die sich ebenfalls im Flugzeug befanden und taktisch gut verteilt in der ersten, der Executive- und der Touristenklasse saßen.

Nicht nur die Anspannung dieser speziellen Reise machte Bond zu schaffen, sondern auch die Tatsache, dass Flug BA 12 von Singapur sein dritter Langstreckenflug als Sicherheitsbegleiter zum Schutz vor Flugzeugentführungen in ebenso vielen Wochen war. Der Dienst, den er sich mit Mitgliedern des SAS teilte, war die Folge der aktuellen erschreckenden Flut an Entführungen von Flugzeugen aus einem Dutzend Ländern.

Keine einzige Terrororganisation hatte die Verantwortung dafür übernommen, aber die großen Fluglinien verzeichneten bereits einen Passagierrückgang. Panik verbreitete sich, obwohl die Gesellschaften – und sogar die Regierungen – der allgemeinen reisenden Öffentlichkeit beruhigende Worte eingeflüstert hatten.

Bei jedem der jüngsten Fälle waren die Entführer gnadenlos vorgegangen. Tote unter den Passagieren und der Besatzung waren die Regel.

Ein paar der entführten Flugzeuge hatten den Befehl erhalten, zu abgelegenen Flugplätzen zu fliegen, die gut versteckt in gefährlichen, oftmals bergigen Gebieten Europas lagen. In einem Fall war eine 747 angewiesen worden, in der Nähe der Berner Alpen auf einer behelfsmäßigen Rollbahn zu landen, die hoch oben in einem Tal versteckt war. Das Ergebnis war katastrophal gewesen und hatte keine identifizierbaren Leichen hinterlassen – nicht einmal die der Entführer.

In manchen Fällen war die Beute nach einer sicheren Landung ausgeladen und in einem kleinen Flugzeug weggeschafft worden, während das eigentliche Ziel verbrannt oder mithilfe von Sprengstoff zerstört wurde. In jedem Fall hatte die geringste Störung oder Unterbrechung sofortige Todesfälle zur Folge gehabt – Besatzungsmitglieder, Passagiere und sogar Kinder.

Der bislang schlimmste Zwischenfall war der Diebstahl leicht transportierbarer Juwelen im Wert von zwei Millionen Pfund gewesen. Nachdem die Entführer den Metallbehälter mit den Edelsteinen in ihren Besitz gebracht hatten, hatten sie einen Sinkflug angeordnet und waren dann mit Fallschirmen aus dem Flugzeug gesprungen. Noch während die Passagiere erleichtert ausgeatmet hatten, war das Flugzeug per Fernzündung in die Luft gesprengt worden.

Große Flugzeuge der Vereinigten Staaten und Maschinen von British Airways hatten den Großteil der Angriffe abbekommen. Und so hatten beide Regierungen nach diesem letzten erschütternden Zwischenfall vor etwa sechs Wochen für heimlichen Schutz auf allen möglichen Zielobjekten gesorgt.

Die letzten beiden Reisen, an denen Bond teilgenommen hatte, hatten sich als ereignislos erwiesen. Dieses Mal verriet ihm sein sechster Sinn, dass Gefahr im Verzug war.

Zuerst hatte er beim Betreten des Flugzeugs in Singapur vier mögliche Verdächtige entdeckt. Diese vier Männer waren gut gekleidet, wirkten wohlhabend und wiesen alle äußeren Anzeichen pendelnder Geschäftsleute auf. Sie saßen in der Executive Class: zwei an der Backbordseite des mittleren Bereichs links von Bond, die anderen beiden weiter vorne – etwa fünf Reihen vor ihm. Alle hatten diese unverkennbare militärische Haltung, verhielten sich jedoch ruhig, als ob sie sehr darum bemüht wären, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Dann waren in Bahrain die Schwierigkeiten an Bord gekommen – Gold, Währung und Diamanten im Wert von fast zwei Milliarden Dollar. Außerdem waren drei Männer sowie eine Frau eingestiegen. Sie rochen nach Gewalt – die Frau war dunkelhaarig und attraktiv, aber sehr muskulös, die drei Männer waren dunkelhäutig, durchtrainiert und bewegten sich wie ausgebildete Soldaten.

Auf einem seiner scheinbar beiläufigen Rundgänge hatte sich Bond ihre Sitzplätze eingeprägt. Genau wie die verdächtigen Geschäftsmänner saßen sie in Paaren, aber hinter ihm, in der Touristenklasse.

Bond und die Männer des SAS waren natürlich bewaffnet. Bond trug ein neues Paar Wurfmesser bei sich, das perfekt ausbalanciert und gut geschliffen war. Die Waffen waren nach dem Vorbild des Sykes-Fairbairn-Dolchs für Einsatzkommandos entwickelt worden. Eines der Messer befand sich an seiner Lieblingsstelle, in einem Holster an der Innenseite seines linken Unterarms. Das andere steckte horizontal in einer Scheide an seinem unteren Rücken. Außerdem trug er einen streng limitierten Revolver bei sich, den eine international anerkannte Firma für den Einsatz bei Notfällen während des Flugs entwickelt hatte.

Bei dieser Waffe handelte es sich um eine kleine Glattrohrwaffe Kaliber .38 mit Patronen, die nur eine minimale Ladung enthielten. Das Projektil war eine Zersplitterungskugel – nur auf wenige Meter tödlich, da ihre Geschwindigkeit schnell aufgebraucht war, damit sich die Kugel auflöste und eine Beschädigung des Flugwerks oder der Metallhülle eines Flugzeugs vermieden werden konnte.

Die Männer des SAS waren ähnlich ausgerüstet und hatten eine gründliche Ausbildung absolviert, aber trotzdem gefiel Bond der Gedanke nicht, dass sich Schusswaffen an Bord befanden. Eine Kugel, die zu nah an den Seitenwänden oder einem Fenster abgefeuert wurde, mochte trotz allem einen Druckabfall verursachen. Er würde sich auf jeden Fall an die Messer halten und den Revolver nur benutzen, wenn er sich ganz nah an seinem Ziel befand, und mit »nah« meinte er weniger als einen Meter.

Die riesige 747 neigte sich leicht zur Seite, und Bond bemerkte die geringfügige Veränderung des Motorengeräuschs, die den Beginn ihres Sinkflugs ankündigte. Vermutlich befanden sie sich irgendwo kurz hinter der belgischen Küste. Er ließ den Blick durch die Kabine wandern, beobachtete und wartete.

Eine elegante blonde Stewardess, die während des Flugs sehr oft zu sehen gewesen war, reichte zwei der Geschäftsmänner, die ein paar Reihen vor Bond saßen, Limonadendosen. Er sah ihr Gesicht und spürte blitzartig, dass etwas nicht stimmte. Ihr Dauerlächeln war verschwunden und sie beugte sich ungewöhnlich weit vor, um den Männern etwas zuzuflüstern.

Bond warf automatisch einen Blick nach links in Richtung der anderen beiden gut gekleideten Männer. In den wenigen Sekunden, die er sich auf die Stewardess konzentriert hatte, waren die Männer verschwunden.

Bond drehte den Kopf und entdeckte einen von ihnen. Er trug etwas, das wie eine Bierdose aussah, und stand hinter Bond im Gang in der Nähe der kleinen Bordküche am hinteren Ende der Executive Class. Die Stewardess war mittlerweile in die vordere Bordküche gegangen.

Als Bond sich in Bewegung setzte, geschah alles gleichzeitig.

Der Mann hinter ihm zog den Ring an der vermeintlichen Bierdose und warf sie in den Gang. Während sie rollte, erfüllte bereits dichter Rauch die Kabine.

Die beiden Männer vor Bond hatten sich von ihren Sitzen erhoben, und Bond erhaschte einen Blick auf die Stewardess weiter hinten im Gang. Dieses Mal hatte sie etwas in der Hand. Auf der anderen Seite entdeckte er den vierten Geschäftsmann, der im Vorwärtsrennen ebenfalls eine Rauchbombe warf.

Bond war aufgesprungen und drehte sich herum. Sein nächstgelegenes Ziel – der Mann im Gang hinter ihm – zögerte für eine entscheidende Sekunde. Das Messer erschien in Bonds rechter Hand wie durch einen gut eingeübten Taschenspielertrick. Er hielt es nach unten und hatte den Daumen in der klassischen Kämpferpose vorgestreckt. Der Entführer wusste nicht, wie ihm geschah, er verspürte nur einen plötzlichen heftigen Schmerz und Überraschung, als Bonds Dolch ihn direkt unter dem Herzen traf.

Die gesamte Kabine war nun voller Rauch und Panik. Bond rief den Passagieren zu, sie sollten auf ihren Plätzen sitzen bleiben. Er vernahm ähnliche Rufe von den Männern des SAS in der Touristenklasse und weiter vorne in der ersten Klasse und der sogenannten »Penthouse-Suite«. Es gab zwei kleine Explosionen, die leicht als Schüsse der Luftwachenrevolver zu erkennen waren. Auf sie folgte der unheimlichere laute Knall einer normalen Schusswaffe.

Bond hielt in dem erstickenden Rauchnebel die Luft an und machte sich auf den Weg zur Bordküche für die Executive Class. Er wusste, dass er von dort aus die Möglichkeit haben würde, zur Backbordseite zu wechseln und über die Wendeltreppe ins »Penthouse« und das Cockpit zu gelangen. Es waren immer noch mindestens drei Entführer übrig, vielleicht auch vier.

Als er die Bordküche erreichte, wusste er, dass es nur drei waren. Die Stewardess, die in den Rauchwirbeln noch immer eine Model-II-Ingram-Maschinenpistole umklammert hielt, lag leblos auf dem Rücken. Ihre Brust war von einem Schuss aus nächster Nähe zerfetzt worden, offenbar aus einem der Luftwachenrevolver.

Bond hielt nach wie vor die Luft an, hatte das Messer in der Hand und schritt über die Leiche hinweg. Die Schreie und das Husten der verängstigten Passagiere überall im Flugzeug nahm er gar nicht wahr. Über dem Lärm ertönte ein Befehl von oben: »Orange eins. Orange eins.« Das war das Signal von einem der SAS-Männer, dass der Hauptangriff im Cockpit oder in der Nähe davon stattfand.

Am Fuß der Wendeltreppe wich Bond einem weiteren Körper aus. Es handelte sich um ein Mitglied des SAS-Trupps. Der Mann war bewusstlos und hatte eine üble Schulterverletzung. Dann entdeckte er auf der kurzen, gewundenen Treppe über sich die geduckte Gestalt eines der Geschäftsmänner, der eine Ingram mit ausgeklappter Schulterstütze hob.

Bonds Arm bewegte sich nach hinten, und das Messer sauste durch die Luft. Es war so rasiermesserscharf, dass es wie eine überdimensionale Injektionsnadel in die Kehle des Mannes glitt. Der Entführer schrie nicht einmal auf, als das Blut aus seiner durchtrennten Halsschlagader spritzte wie Wasser aus einem Schlauch.

Bond duckte sich und schlich lautlos wie eine Katze zu der Leiche. Er benutzte sie als Schutzschild, um einen Blick in den oberen Bereich des Flugzeugs werfen zu können.

Die Tür zum Cockpit stand offen. Im Inneren gab einer der »Geschäftsmänner« mit der Maschinenpistole in der Hand der Besatzung Anweisungen, während sein Kollege in der Tür stand und ihm Rückendeckung gab. Auch er hielt eine der mittlerweile vertrauten Ingrams in den Händen – die mit einer Schussfrequenz von eintausendzweihundert Kugeln pro Minute in der Lage war, eine Menge Schaden anzurichten – und schwang sie in tödlicher Bereitschaft. Hinter der Schottwand der oberen Bordküche, etwa zwei Meter von den Entführern entfernt, kauerte einer der SAS-Männer. Seinen Luftwachenrevolver hatte er dicht an den Körper gepresst.

Bond schaute zu dem SAS-Mann hinüber und sie tauschten Signale aus: Die Teams hatten eine Woche lang hart und konzentriert in Bradbury Lines, der Basis des 22. SAS-Regiments in der Nähe von Hereford, zusammen trainiert. Sofort wussten beide Männer, was sie zu tun hatten.

Bond bewegte sich auf der engen Treppe vorsichtig auf die eine Seite des zusammengesunkenen Mannes. Seine Hand griff nach dem Messer, das in der Scheide auf seinem Rücken steckte. Ein tiefer Atemzug, dann das Nicken in Richtung des SAS-Mannes, der vorsprang und dabei feuerte.

Der Entführer, der Wache hielt, war durch Bonds Bewegung alarmiert worden und schwenkte seine Ingram in Richtung der Treppe, als ihn zwei Kugeln aus dem Luftwachenrevolver des SAS-Mannes an der Kehle erwischten. Der Aufprall riss ihn nicht von den Füßen und drehte ihn auch nicht herum. Er sackte einfach nach vorn und war tot, bevor er auf dem Boden aufschlug.

Während er fiel, wirbelte der Entführer im Cockpit herum. Bonds Arm holte aus. Das Wurfmesser sauste funkelnd und gerade wie ein Eisvogel los, um sich in die Brust des Entführers zu bohren.

Die Ingram fiel aufs Deck. Sofort stürzten sich Bond und der SAS-Mitarbeiter wie ein Mann auf den Entführer und durchsuchten ihn nach versteckten Waffen oder Granaten. Der verletzte Mann schnappte nach Luft, seine Hände tasteten nach dem Messer, seine Augen verdrehten sich und aus seinen blutverschmierten Lippen drang ein schreckliches Rasseln.

»Alles vorbei!«, rief Bond dem Flugzeugkapitän zu und hoffte, dass das tatsächlich der Fall war. Seit der Explosion der ersten Rauchbombe waren nicht mehr als neunzig Sekunden vergangen.

»Ich sehe unten nach«, rief er dem SAS-Mann zu, der über dem verletzten Entführer kniete. Im Hauptbereich des Flugzeugs hatte sich der Rauch fast verzogen, und Bond schenkte der blassen Chefstewardess ein Lächeln. »Beruhigen Sie die Leute«, sagte er. »Es ist alles in Ordnung.« Er tätschelte ihren Arm und sagte ihr dann, sie solle nicht in die Nähe der vorderen Bordküche in der Executive Class gehen.

Er selbst ging in diese Richtung, schob Leute zur Seite und befahl den Passagieren streng, sich wieder hinzusetzen. Er bedeckte den Körper der toten Stewardess mit einem Mantel.

Die beiden verbliebenen SAS-Männer waren ganz nach Vorschrift im hinteren Bereich des Flugzeugs geblieben, um mögliche Fluchtpläne zu vereiteln, die die Terroristen vorbereitet haben könnten. Während James Bond durch die gesamte Boeing marschierte, musste er schmunzeln. Die drei hartgesotten wirkenden jungen Männer und die Frau, die er für Verdächtige gehalten hatte, als sie in Bahrain an Bord gekommen waren, sahen nun sogar noch blasser und erschütterter aus als die anderen Passagiere.

Als er die Wendeltreppe wieder hinaufstieg, ertönte die ruhige Stimme der Chefstewardess aus der Bordsprechanlage. Sie informierte die Passagiere darüber, dass sie in Kürze in London Heathrow landen würden und entschuldigte sich für die – wie sie es bezeichnete – »ungeplanten Unannehmlichkeiten«.

Der SAS-Offizier schüttelte den Kopf, als Bond in die Penthouse-Suite kam. Der Entführer, den Bonds zweites Messer getroffen hatte, lag nun ausgestreckt über zwei Reservesitzen. Sein Körper war mit einer Plastikplane bedeckt. »Keine Chance«, sagte der SAS-Offizier. »Der hat nur ein paar Minuten durchgehalten.«

Bond fragte, ob der Mann das Bewusstsein wiedererlangt hätte.

»Nur kurz am Ende. Er hat versucht, zu sprechen.«

»Oh?«

»Ich selbst konnte damit nichts anfangen.«

Bond drängte ihn, sich an die Worte zu erinnern.

»Tja … er schien etwas sagen zu wollen. Es war allerdings sehr undeutlich. Klang wie ›Inspector‹. Er röchelte und hustete Blut, aber sein letztes Wort klang eindeutig danach.«

James Bond wurde still. Er nahm für die Landung auf einem der Sitze in der Nähe Platz. Als sich die 747 jaulend und mit komplett ausgefahrenen Landeklappen dem Boden näherte, die Störklappen aufstellte, das Fahrwerk ausfuhr und sanft auf Landebahn 28R aufsetzte, grübelte er über die letzten Worte des Entführers nach. Nein, dachte er, das war zu weit hergeholt, eine Besessenheit aus seiner Vergangenheit. Inspector. In … spector. Vergiss das »In«.

War das nach all der Zeit möglich?

Er schloss kurz die Augen. Der lange Flug und der plötzliche blutige Zwischenfall gegen Ende mussten seinen Geist verwirrt haben. Der Gründer, Ernst Stavro Blofeld, war zweifellos tot, SPECTRE als organisierte Einheit war mit Blofeld ausgelöscht worden. Aber wer konnte das schon genau sagen? Die ursprüngliche Organisation hatte einst die ganze Welt umspannt und ihre Finger in praktisch jedem bedeutenden Verbrechersyndikat sowie auch in den meisten Polizeieinheiten, Sicherheitsorganisationen und Geheimdiensten der sogenannten zivilisierten Welt gehabt.

Inspector. In … spector. SPECTRE, sein alter Feind, die Spezialeinheit für Chaos, Terrorismus, Rache und Erpressung. War es möglich, dass sich eine neue Version von SPECTRE wie ein schrecklicher mutierter Phönix erhoben hatte, um sie erneut heimzusuchen?

Die Motoren der 747 verstummten. Ein glockenähnliches Signal forderte die Passagiere zum Verlassen des Flugzeugs auf.

Ja. James Bond kam zu dem Schluss, dass das sehr wahrscheinlich war.


DAS HAUS AM BAYOU

Es stand verfallen und unbrauchbar auf dem einzigen festen Flecken Erde inmitten von Sumpfland. Der bayou floss um es herum und teilte sich dann, um sich seinen Brüdern anzuschließen und in den dunstigen grünen Sümpfen zu verschwinden.

Die nächstgelegene Stadt war knapp zehn Kilometer entfernt, und die wenigen Menschen, die in der Nähe dieses großen, wässrigen Sumpfs in den unteren Abschnitten des Mississippis lebten, hielten sich von dem schlammigen Ufer auf der anderen Seite des Hauses fern.

Sehr alte Menschen sagten, irgendein verrückter Engländer hätte das Haus in den 1820ern als großen Palast erbaut, von dem aus er den Sumpf zähmen wollte. Aber er kam nicht weit. Es gab Probleme mit einer Frau – in manchen Versionen war es mehr als eine Frau – und es hatte zweifellos Todesfälle gegeben, durch Fieber und Krankheit und auch durch Gewalt. In dem Haus spukte es eindeutig. Es gab unerklärliche Geräusche. Außerdem wurde es von etwas besonders Bösem beschützt: Es wurde von Schlangen bewacht, riesigen Schlangen von einer Art, die in anderen Teilen des Sumpfs nicht vorkam. Diese riesigen Schlangen – manche berichteten, sie seien bis zu neun oder sogar zwölf Meter lang – hielten sich nah am Haus auf, doch wie Askon Delville, der Besitzer des nächstgelegen Ladens, immer sagte: »Criton zumindest scheinen sie in Ruhe zu lassen.«

Criton war ein Taubstummer. Die Kinder liefen vor ihm davon und die Erwachsenen mochten ihn nicht. Aber da die großen Schlangen Criton in Ruhe ließen, ließ Askon Delville ihn ebenfalls in Ruhe.

Der Taubstumme kam einmal pro Woche mit einem Sumpffahrzeug herüber und lief dann die acht Kilometer mit einer Liste der notwendigen Dinge bis zu Askons Laden. Er holte die Waren ab, lief anschließend die acht Kilometer wieder zurück, stieg in sein Sumpffahrzeug und verschwand auf der anderen Seite des bayou.

Im Haus lebte auch eine Frau. Hin und wieder erhaschten die Leute einen Blick auf sie, und es bestand kein Zweifel daran, dass sie diejenige war, die die Liste anfertigte, mit der Criton in Askon Delvilles Laden auftauchte. Sie war natürlich eine Art Hexe, sonst wäre sie wohl kaum in der Lage, in einem solchen Spukhaus zu wohnen.

Die Leute achteten darauf, sich von dem Ort fernzuhalten, wenn die Versammlungen stattfanden. Sie wussten immer, wann es wieder eine geben würde. Askon teilte es ihnen mit. Er wusste es aufgrund von Critons Einkaufsliste. Am Tag einer Versammlung unternahm Criton für gewöhnlich zwei Touren, weil im Haus so viele zusätzliche Dinge benötigt wurden. Bei Einbruch der Dämmerung hielt man sich dann erst recht fern. Es gab Geräusche, Automobile, zusätzliche Sumpffahrzeuge und das Haus, so hieß es, war hell erleuchtet. Manchmal gab es auch Musik, und einmal, vor etwa einem Jahr, war der junge Freddie Nolan – der sich vor nichts fürchtete – mit seinem eigenen Sumpffahrzeug rausgefahren. Er war gut drei Kilometer stromaufwärts gefahren, denn er hatte vorgehabt, sich heranzuschleichen und ein paar Fotos zu machen.

Niemand hatte den jungen Freddie Nolan je wiedergesehen, nur sein Sumpffahrzeug war wieder aufgetaucht. Es war völlig zertrümmert gewesen, als hätte irgendein großes Tier – vielleicht eine Schlange – es erwischt.

In dieser Woche würde eine weitere Versammlung stattfinden.

Abgesehen von Criton und der Frau – die auf den Namen Tic hörte – sowie den monatlichen Besuchern wusste niemand, dass das Innere des Hauses so stabil wie das Stück Felsen war, auf dem man es erbaut hatte. Die alte, verrottende Stülpschalung an den Außenwänden war nur eine Hülle für das, was dahinter verbogen lag: Stein, Ziegel, Glas und Stahl, ganz zu schweigen von einer ordentlichen Portion Reichtum.

Diesen Monat waren elf Leute gekommen: zwei aus London, zwei aus New York, ein Deutscher, ein Schwede, ein Paar Franzosen, einer aus L. A., ein großer Mann, der jeden Monat den ganzen Weg von Kairo herkam, und der Boss. Der Boss hieß Blofeld, war jedoch in der Außenwelt unter einem anderen Namen bekannt.

Sie speisten prunkvoll. Später, nach Dessert und Kaffee, ging die ganze Gesellschaft in den Konferenzraum im hinteren Bereich des Hauses.

Der lange Raum war in einem zarten Hellgrün gehalten. Schwere farblich passende Vorhänge bedeckten die großen Verandatüren, durch die man auf die andere Seite des bayou hinaussehen konnte. Zu dem Zeitpunkt, als sich die Gesellschaft versammelte, waren die Vorhänge zugezogen. Mit Messingschirmen versehene Wandlampen leuchteten über den vier Gemälden, die die einzige Dekoration darstellten – zwei Jackson Pollocks, ein Miro und ein Kline. Bei dem Kline handelte es sich um eines der Kunstobjekte, die bei einer kürzlich durchgeführten Flugzeugentführung gestohlen worden waren. Das Gemälde gefiel Blofeld so gut, dass sie es ins Haus gebracht und nicht zum Verkauf angeboten hatten.

Ein polierter Eichenholztisch in der Mitte nahm den Großteil des Raums ein. Er war für elf Personen vorbereitet, einschließlich Schreibtischunterlagen, Getränken, Stiften, Papier, Aschenbechern und der Tagesordnung.

Blofeld begab sich ans Kopfende des Tisches, während die anderen zu ihren Plätzen gingen, die allesamt mit Namenskärtchen versehen waren. Sie setzten sich erst hin, nachdem sich der Boss niedergelassen hatte.

»Diesen Monat ist die Tagesordnung kurz«, begann Blofeld. »Es gibt nur drei Punkte: das Budget, das kürzliche Debakel an Bord von Flug BA 12 und die Operation, die wir HOUND nennen. Nun denn, Mr El Ahadi, das Budget bitte.«

Der Herr aus Kairo stand auf. Er war ein großer dunkelhäutiger Mann mit sehr attraktiven Gesichtszügen und einer honigsüßen Stimme, die einst viele junge Frauen bezaubert hatte. »Ich freue mich, verkünden zu können«, sagte er, »dass unsere Bankkonten in der Schweiz, in London und in New York selbst ohne die erhofften Einkünfte von Flug BA 12 jeweils vierhundert Millionen Dollar, fünfzig Millionen Pfund Sterling und einhundertfünfzig Milliarden Dollar enthalten. Die Gesamtsumme wird unseren Berechnungen zufolge für unsere derzeitigen Zwecke ausreichen. Und wenn die Operationen unserem Budget entsprechend erfolgreich sind – wie unser Boss es voraussagt –, können wir davon ausgehen, dass sich der Betrag innerhalb eines Jahres verdoppelt. Wie vereinbart werden sämtliche Gewinne, die über unsere ursprüngliche Investition hinausgehen, gleichmäßig aufgeteilt.« Er schenkte den Anwesenden sein charmantestes Lächeln, und die versammelte Gesellschaft lehnte sich entspannt zurück.

Blofelds Hand landete hart auf dem Tisch. »Sehr gut.« Ein kratzender Unterton hatte sich in die Stimme geschlichen. »Aber der Fehlschlag unseres Überfalls auf Flug 12 ist unentschuldbar. Vor allem nach einer so gründlichen Vorbereitung Ihrerseits, Herr Treiben.« Blofeld warf dem deutschen Abgesandten einen angewiderten Blick zu. »Wie Sie wissen, Herr Treiben, haben andere Vorstandsmitglieder von SPECTRE unter ähnlichen Umständen den ultimativen Preis bezahlt.«

Treiben, ein dicklicher und rosiger Mann, einer der Bandenchefs der westdeutschen Unterwelt, wurde schlagartig blass.

»Allerdings«, fuhr Blofeld fort, »haben wir einen anderen Sündenbock. Es mag Ihnen nicht bekannt sein, Treiben, aber wir haben endlich Ihren Mr de Luntz erwischt.«

»Ah?« Treiben rieb sich die Hände und erwiderte, er habe ebenfalls nach Mr de Luntz Ausschau gehalten. All seine besten Männer hätten erfolglos nach de Luntz gesucht.

»Ja, wir haben ihn gefunden.« Blofeld strahlte und klatschte so laut in die Hände, dass es wie ein Pistolenschuss klang. »Und da wir ihn gefunden haben, denke ich, dass er sich nun zu seinen Freunden gesellen sollte.« Die Vorhänge vor den großen Fenstern glitten lautlos auf. Gleichzeitig wurden die Lichter im Raum gedimmt. Draußen vor dem Fenster wirkte die unmittelbare Umgebung taghell. »Ein Infrarotgerät«, erklärte Blofeld, »damit sich die Wächter dieses Hauses nicht vor dem Licht fürchten. Ah, hier kommt auch schon Ihr Mr de Luntz.«

Ein kahlköpfiger, ängstlich wirkender Mann in einem schmutzigen, zerknitterten Anzug wurde direkt vor das Fenster geführt. Seine Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden und seine Füße waren ebenfalls gefesselt, sodass er in Critons Griff vorwärtsschlurfte. Seine Augen zuckten wild hin und her, als würde er die Dunkelheit nach einem Ausweg vor etwas Undefiniertem, aber offensichtlich Schrecklichem absuchen.

Criton führte den Mann zu einem Metallpfahl, der sich nur ein paar Meter von dem massiven Glasfenster entfernt befand. Im Inneren des Hauses konnten die Beobachter nun sehen, dass von den Fesseln an de Luntz’ Handgelenken ein kurzes Stück Seil hing. Criton befestigte das Seil am Pfahl, drehte sich um, lächelte in Richtung des Fensters und verschwand dann außer Sichtweite.

Sobald Criton fort war, erklang von der anderen Seite des Fensters ein dumpfes Pochen, und der Gefangene wurde von einem Metallgitter aus Wirbelsturmschutzzäunen umschlossen, die an einem schweren Gerüst befestigt waren. Das Gitter bildete drei Seiten und ein Dach, wodurch es wie ein kleines quadratisches Eishockeytor aussah. Die offene Vorderseite befand sich fast am Rand des Wassers, das etwa drei Meter vom Fenster entfernt ans Ufer schwappte.

»Was hat er getan?«, fragte einer der Amerikaner. Es war Mascro, der weißhaarige, onkelhafte Mann aus Los Angeles.

»Er war die Unterstützung für BA 12. Er hat seinen Kameraden nicht geholfen«, höhnte Treiben.

»Mr Mascro«, Blofeld hob eine Hand, »de Luntz hat uns genau erzählt, was passiert ist. Wie die anderen zu Tode kamen und wer dafür verantwortlich war. Ah, einer der Wächter hat Mr de Luntz entdeckt. Ich wollte schon immer mal sehen, ob eine Riesenpython einen Mann komplett verschlingen kann.«

Die Vorstandsmitglieder von SPECTRE standen am Fenster und beobachteten das Schauspiel mit Faszination und Entsetzen. Die Infrarotvorrichtung gewährte ihnen ein klares, taghelles Bild. Außerdem konnten sie hören, wie das unglückliche Opfer zu schreien begann, als es das Reptil entdeckte, das von den hohen Schilfrohren in der Nähe des sumpfigen Ufers aus auf es zukroch.

Die Python war riesig, mindestens neun Meter lang, mit einem fetten, festen Körper und einem gewaltigen dreieckigen Kopf. De Luntz, der am Pfahl festgebunden war, begann sich zu winden. Er wollte sich befreien, doch plötzlich schoss die Python vor und wickelte sich um ihn.

Die Kreatur bewegte sich mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit und umschloss de Luntz’ Körper wie eine gewaltige Kletterranke. Es schien nur noch eine Frage von Sekunden zu sein, bis der Kopf der Python auf einer Höhe mit dem seines Opfers sein würde – die beiden eng umschlungenen Gestalten schwankten hin und her, als befänden sie sich in einem obszönen Todestanz. De Luntz’ Schreie wurden immer gequälter, während die Python ihren Kopf auf eine Höhe mit dem Gesicht des Mannes brachte. Das zahnbewährte Maul schnappte in wütender Erregung. Das Reptil und seine Beute schauten sich ein paar Sekunden lang in die Augen. Die Zuschauer konnten deutlich erkennen, wie der Würgegriff der Python um den Körper des Mannes immer enger wurde.

Dann wurde de Luntz schlaff und das Paar fiel zu Boden. Einer der Zuschauer, der sich mit den anderen sicher hinter dem Fenster befand, keuchte laut auf. Die riesige Schlange löste sich mit drei schnellen Bewegungen ihres langen Körpers von dem Mann und begutachtete nun ihre Mahlzeit. Zuerst schnappten die Kiefer nach dem Seil und zerrten es los. Dann bewegte sich die Schlange auf die Füße des Opfers zu.

»Das ist wirklich erstaunlich.« Blofeld stand sehr nah am Fenster. »Sehen Sie nur, wie die Schlange seine Schuhe abzieht.«

Nun drehte sich die Python herum, bis ihr Kopf auf einer Linie mit den Füßen des Mannes war. Das Reptil zog sich zusammen, bevor es seine Kiefer unglaublich weit öffnete und sie um die Knöchel der Leiche schloss.

Der gesamte Vorgang dauerte fast eine Stunde, doch die Gruppe im Haus blieb fasziniert stehen und beobachtete alles wie hypnotisiert. Die Python schluckte ein paar Mal ruckartig und hielt nach jeder Anstrengung reglos inne, bis auch die letzten Überreste von de Luntz verschwunden waren. Dann lag die von dieser Anstrengung völlig erschöpfte Schlange ruhig da. Ihr langer Körper war enorm aufgebläht, sodass die Zuschauer deutlich die Umrisse des zerdrückten menschlichen Körpers ausmachen konnten, der sich nun im Inneren der Schlage befand.

»Eine interessante Lektion für uns alle.« Blofeld klatschte erneut in die Hände. Die Vorhänge glitten wieder zu und die Lichter gingen an. Nachdenklich kehrte die Gruppe an den Tisch zurück. Ein paar der Anwesenden waren blass und angesichts dessen, was sie soeben beobachtet hatten, sichtlich erschüttert.

Der Deutsche, Treiben – der de Luntz zu Lebzeiten gut gekannt hatte –, war am tiefsten betroffen. »Sie sagten«, begann er mit zitternder Stimme, »Sie sagten, de Luntz hätte gesprochen, bevor … bevor …«

»Ja.« Blofeld nickte. »Er hat gesprochen. Er hat ganze Arien gesungen. Pavarotti hätte es nicht besser machen können. Er sang sogar sein eigenes Todesurteil. Offenbar befanden sich an Bord von Flug BA 12 einige Personen, die uns erwartet haben. Wir müssen noch herausfinden, ob jemand geredet hat oder ob mittlerweile alle Risikoflüge beschützt werden.

Anfangs lief der Plan perfekt wie ein Uhrwerk. Die Frau hat großartige Arbeit geleistet, indem sie sich für diesen Flug einteilen ließ und die Rauchbomben und Waffen an Bord schmuggelte. Der Angriff fand pünktlich statt, auf die Sekunde genau, daran besteht kein Zweifel. De Luntz hatte allerdings eine Ausrede parat, warum er nicht daran teilnahm. Er behauptete, im hinteren Bereich des Flugzeugs festgesessen zu haben. Wie es scheint, befanden sich fünf Wachleute an Bord. De Luntz’ Beschreibung zufolge handelte es sich bei ihnen allen um Mitglieder des britischen Special Air Service.« Blofeld hielt inne und schaute jeden Mann der Reihe nach an. »Abgesehen von einem.«

Die Männer rund um den Tisch warteten. Eine gewisse Erwartungshaltung lag in der Luft.

»Die Neuorganisation dieser großartigen Gesellschaft, der wir alle angehören«, fuhr der Boss fort, »hat sehr lange gedauert. Wir befanden uns im Winterschlaf. Nun wird die Welt bald erkennen, dass wir erwacht sind. Wir werden uns besonders um einen alten Feind kümmern müssen, der meinem erlauchten Vorgänger ein ständiger Dorn im Auge war. Mr de Luntz – Gott hab ihn selig – identifizierte vier der Sicherheitsbegleiter in diesem Flugzeug als mögliche verdeckt arbeitende SAS-Männer. Außerdem identifizierte er eindeutig den fünften Mann – denjenigen, der, wie ich hinzufügen darf, den größten Schaden angerichtet hat. Ich habe de Luntz persönlich befragt. Meine Herren, unser alter Feind James Bond befand sich an Bord dieses Flugzeugs.«

Die Gesichter rund um den Tisch verhärteten sich. Alle wandten sich Blofeld zu.

Mascro war schließlich derjenige, der sprach: »Wollen Sie, dass ich einen Auftragsmörder auf ihn ansetze? Früher, als Ihr …«

Der Boss unterbrach ihn: »Das wurde bereits versucht. Nein. Keine Auftragsmörder, keine Spezialisten, die nach London geschickt werden. Ich habe noch eine persönliche Rechnung mit Mr Bond offen. Meine Herren, ich habe eine Methode entwickelt, um mit ihm fertigzuwerden – wenn Sie so wollen, können Sie es als einen Köder bezeichnen. Wenn es funktioniert ‒ und ich wüsste keinen Grund, warum das nicht der Fall sein sollte ‒, werden wir schon bald das Vergnügen haben, Mr Bond auf dieser Seite des Atlantiks in unserer Gesellschaft begrüßen zu dürfen. Ich beabsichtige, genauso mit ihm zu verfahren, wie dieses Reptil mit dem eigensinnigen de Luntz verfahren ist.«

Blofeld hielt inne und schaute sich am Tisch um, um sicherzustellen, dass sich alle auf das derzeitige Thema konzentrierten.

»Schon bald«, fuhr Blofeld fort, »werden wir voll und ganz mit der Planung dessen beschäftigt sein, was wir zum aktuellen Zeitpunkt aus Sicherheitsgründen als HOUND bezeichnen.«

Der Boss lachte. »Ironisch, nicht wahr? Eine nette Idee, von hound zu reden. Das Wort habe ich dem christlichen Gedicht ›The Hound of Heaven‹ entnommen.« Das Lachen hatte sich in ein Lächeln verwandelt. »Der Jagdhund des Himmels, oder eher die Jagdhunde des Himmels, nicht wahr? Jagdhunde … Wölfe. Das passt gut, da unser Ziel Amerikas große Bedrohung ist. Die Wölfe des Weltalls umrunden den Erdball bereits in Rudeln und warten darauf, sich auf ihre Opfer zu stürzen und sie zu zerreißen – und mittendrin Bond. Dieses Mal wird SPECTRE Mr James Bond vom Erdboden tilgen.«

Alle Anwesenden murmelten zustimmend, bevor Blofeld einen Blick auf eine kleine goldene Armbanduhr warf und erneut das Wort ergriff. »Tatsächlich sollte mein Köder mittlerweile geschluckt worden sein. Bald, meine Herren, bald werden wir James Bond von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Und das Schöne daran ist, dass er nicht wissen wird, wem er hier begegnet oder was ihn eigentlich erwartet.«


BETTGEDANKEN

Liebevoll betrachtete James Bond Ann Reillys Gesicht, das auf dem Kissen neben ihm lag und im Schlaf ruhig und wunderschön aussah. Das glatte und glänzende blonde Haar war um ihr ovales Antlitz herum zerzaust. Für eine flüchtige Sekunde erinnerte sie Bond an Tracy – mit der er nur ein paar Stunden verheiratet gewesen war, bevor Ernst Stavro Blofeld sie auf der Autobahn von München nach Kufstein zu Beginn ihrer Flitterwochen so gnadenlos erschossen hatte.

Ann Reilly – ein Mitglied von Bonds eigenem Service, Assistentin des Waffenmeisters und stellvertretende Leiterin der Q-Abteilung – war bei allen im großen Hauptquartiergebäude am Regent’s Park als Q’utie bekannt. Es war ein passender Spitzname für die elegante, hochgewachsene, sehr effiziente und emanzipierte junge Dame.

Nach einem etwas holprigen Start waren Bond und Q’utie Freunde und, wie sie es gern bezeichnete, »gelegentliche Liebhaber« geworden. Dieser Abend war in zwei Abschnitte aufgeteilt gewesen. Zuerst die Pflicht – das Überprüfen und Abfeuern von Bonds neuer persönlicher Handfeuerwaffe, der Heckler & Koch VP70. M und der Waffenmeister hatten entschieden, dass nun alle Offiziere des Service diese Waffe tragen würden.

Bond hatte Einspruch erhoben. Immerhin hatte er sich seine Handfeuerwaffe bisher für gewöhnlich selbst aussuchen dürfen und war mehr als verärgert gewesen, als man seine zuverlässige Walther PPK 1974 aus dem Dienst genommen hatte. Bei seiner letzten Mission war er ernsthaft dafür kritisiert worden, dass er eine alte, aber dennoch höchst effiziente Browning benutzt hatte. Auf seine eigene sture Weise hatte 007 für seine persönlichen Rechte gekämpft – ein Verhalten, das Q’utie sehr befürwortete. Schließlich war sie eine Verfechterin des Feminismus, was per Definition bedeutete, dass sie sich auch für gewisse männliche Rechte einsetzte. Doch Ms Wort war Gesetz, also hatte der Waffenmeister dafür gesorgt, dass seiner Entscheidung Folge geleistet wurde, und Bond hatte schließlich die VP70 erhalten.

Obwohl die VP70 sehr viel größer als die Walther war, musste Bond zugeben, dass die Waffe kein Problem darstellte, wenn es darum ging, sie heimlich bei sich zu tragen. Sie fühlte sich mit ihrem längeren Griff und der gleichmäßigen Gewichtsverteilung gut an. Außerdem war sie sehr zielgenau und tödlich – 9 mm, mit einem Magazin für achtzehn Kugeln und der Fähigkeit, halbautomatische Dreifachschüsse abzugeben, wenn man sie mit dem leichteren Schaft ausstattete.

Es bestand kein Zweifel daran, dass sie auch eine beträchtliche Mannstoppwirkung besaß. In den vergangenen Tagen hatte Bond zwischen den langen Sitzungen mit Ms Stabschef, seinem alten Freund Bill Tanner, in denen es um die Flugzeugentführungen und die Identität der Terroristen gegangen war, eine Menge Zeit damit verbracht, sich mit seiner neuen Pistole vertraut zu machen.

Und auch an diesem Abend war 007 von siebzehn bis neunzehn Uhr dreißig auf dem unterirdischen Schießstand gewesen und hatte mit der Expertin Q’utie einige Übungen zum schnellen Ziehen und Feuern durchgeführt.

Fast vom ersten Augenblick seiner Zusammenarbeit mit Q’utie an hatte Bond Respekt für ihre enorme Professionalität entwickelt. Sie kannte sich zweifellos mit ihrer Arbeit aus, angefangen bei der Waffentechnik bis hin zu den komplexen Geheimnissen der Elektronik. Dennoch war sie überaus weiblich.

Als sie an diesem Abend auf dem Schießstand fertig gewesen waren, hatte Ann Reilly ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sie bis zum nächsten Morgen zur Verfügung stand, sofern Bond nichts anderes vorhatte.

Nach einem gemeinsamen Abendessen in einem kleinen italienischen Restaurant – das Campana in der Marylebone High Street – war das Paar zurück in Q’uties Wohnung gegangen, wo sie sich mit einer Wildheit geliebt hatten, als würde ihnen die Zeit davonlaufen.

Die körperliche Anstrengung hatte selbst die agile Q’utie erschöpft. Sie schlief fast sofort nach ihrem letzten langen und zärtlichen Kuss ein. Bond hingegen blieb hellwach. Die angestaute Nervosität der vergangenen paar Tage und das, was Bill Tanner herausgefunden hatte, sorgten dafür, dass sein Geist stets wachsam war.

Die BA-12-Terroristen waren allesamt zu einer Figur des deutschen Untergrunds zurückverfolgt worden, die sich auch in politischer und Wirtschaftsspionage versuchte: ein gewisser Kurt Walter Treiben. Sogar die Stewardess hatte, wie mittlerweile bewiesen war, einige Strippen gezogen, um diesem speziellen Flug zugeteilt zu werden. Obwohl sie seit fast drei Jahren für British Airways arbeitete, gab es in ihrer Vergangenheit ebenfalls Verbindungen zu Treiben.

Am verstörendsten waren jedoch die letzten Worte des sterbenden Terroristen sowie die Tatsache, dass Treiben einst ein Mitarbeiter des berüchtigten Ernst Stavro Blofeld gewesen war, dem Gründer und Anführer der ursprünglichen multinationalen Organisation SPECTRE.

Weitere Ermittlungen verstärkten ihre Sorge. Nach all den Flugzeugentführungen konnte man nun sechs Männer eindeutig identifizieren. Zwei von ihnen waren bekannte Gangster, die auf der Gehaltsliste von Michael Mascro standen, dem größten Kriminellen von Los Angeles. Ein weiterer konnte mit Kranko Stewart und Dover Richardson in Verbindung gebracht werden, zwei »Fixern« und Gangstern aus New York. Zwei arbeiteten ausschließlich für Bjorn Junten, den schwedischen Experten für unabhängige Geheimdienstarbeit, dessen privater Spionagedienst dem höchsten Bieter stets offenstand. Der sechste identifizierte Mann hatte mit den Banquette-Brüdern aus Marseille zu tun – einem Schurkenpaar, gegen das sowohl die französische Polizei als auch der französische Geheimdienst (der Service de Documentation Extérieure et de Contre-Espionage) seit zwanzig Jahren belastende Beweise suchte.

Wie der Deutsche, Treiben, hatten die Auftraggeber der identifizierten Männer – Mascro, Stewart, Richardson, Junten und die Banquette-Brüder – ihre eigenen persönlichen Verbindungen zu Ernst Stavro Blofeld und SPECTRE.

Es konnte nur eine Schlussfolgerung geben: SPECTRE existierte noch und agierte wieder.

Bond zündete sich eine seiner speziellen Zigaretten mit geringem Teergehalt an, die früher Morlands in der Grosvenor Street für ihn hergestellt hatte und die nun – nach endlosen Diskussionen und einigen umgangenen Vorschriften – von H. Simmons in der Burlington Arcade produziert wurden: dem ältesten bekannten Zigarettenhersteller Londons. Sie hatten sogar eingewilligt, die charakteristischen drei goldenen Ringe auf jeder der speziell angefertigten Zigaretten beizubehalten – zusammen mit ihrem eigenen Markenzeichen –, und Bond fühlte sich mehr als nur ein wenig geehrt, dass er der einzige Kunde war, der Simmons zu personalisierten Zigaretten überreden konnte.

Bond blies den Rauch Richtung Decke, da Q’utie neben ihm immer noch tief und zufrieden schlief, und dachte an die anderen Frauen, die in seiner Karriere beim Service eine so entscheidende Rolle gespielt hatten: Vesper Lynd, die im Tod wie eine steinerne Statue auf einem Grab gewirkt hatte; Gala Brand, die nun Mrs Vivian war, drei Kinder hatte und in einem hübschen Haus in Richmond lebte (sie schickten sich gegenseitig Weihnachtskarten, aber er hatte sie nach der Sache mit Drax nie wiedergesehen); Honey Rider; Tiffany Case; Domino Vitale; Solitaire; Pussy Galore; die herrliche Kissy Suzuki; seine letzte Eroberung, Lavender Peacock, die mittlerweile mit großem Erfolg ihr schottisches Anwesen verwaltete. Trotz der warmen und aufrichtigen Zuneigung, die Ann Reilly selbst im Schlaf ausstrahlte, tobte Bonds Verstand. Wieder und wieder richteten sich seine Gedanken auf Tracy di Vicenzo – Tracy Bond.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der Bond sein Gedächtnis verloren hatte. Doch die Experten hatten ihn aus der Dunkelheit des Unwissens zurückgeholt, und nun sah er Ernst Stavro Blofelds letzte Augenblicke klar und deutlich vor sich – Blofeld in seinem grotesken japanischen Todesschloss mit dem giftigen Garten: der letzte Kampf, als Bond viel zu schlecht ausgerüstet gewesen war, um es mit dem großen Mann aufzunehmen, der sein tödliches Samuraischwert schwang. Und doch hatte er es geschafft, dank der größten Gier nach dem Blut eines anderen Mannes, die er je verspürt hatte. Selbst jetzt verspürte Bond noch einen Schmerz in seinen Daumen, wenn er zu lange an Blofeld dachte: Er hatte den Mann mit bloßen Händen erwürgt.

Ja, Blofeld war tot, aber SPECTRE lebte weiter.

Bond drückte die Zigarette aus, drehte sich auf die Seite und versuchte zu schlafen. Als endlich die willkommene Dunkelheit sein Bewusstsein verschluckte, fand James Bond immer noch keine Ruhe. Er träumte, und seine Träume handelten von seiner geliebten verlorenen Tracy.

Er schreckte aus dem Schlaf auf. Ein Lichtschimmer fiel durch die Vorhänge. Als er sich umdrehte, um einen Blick auf die Rolex auf dem Nachtisch zu werfen, stellte Bond fest, dass es fast Viertel vor sechs war.

»Spät ins Bett, früh wieder einsatzbereit«, sagte Q’utie kichernd und schob eine Hand unter die Bettdecke, um ihrem Witz eine Pointe zu verleihen.

Bond schaute zu ihr hinunter und ließ ein einnehmendes Lächeln aufblitzen. Sie griff nach oben, küsste ihn, und sie machten genau dort weiter, wo sie in der vergangenen Nacht aufgehört hatten, bis das Piepen von Bonds Pager sie unterbrach.

»Verdammt«, keuchte Q’utie. »Können die dich denn nie in Ruhe lassen?«

Bond griff nach dem Telefon und erinnerte sie in bissigem Tonfall daran, dass sie selbst ihn in der vergangenen Woche drei Mal wegen geschäftlicher Angelegenheiten über seinen Pager kontaktiert hatte. »Es gibt nie einen richtigen Zeitpunkt«, sagte er und lächelte lustlos, während er die Nummer des Hauptquartiers wählte.

»Transworld Export«, meldete sich die Stimme des diensthabenden Schaltbrettmitarbeiters.

Bond identifizierte sich. Es gab eine Pause, dann erklang Bill Tanners Stimme: »Sie werden gebraucht. Er war die halbe Nacht über hier und will Sie so schnell wie möglich sehen. Etwas sehr Großes ist im Gange.«

Bond schaute zu Q’utie. »Bin schon auf dem Weg«, sagte er in den Hörer. Dann legte er auf und erzählte ihr, was Bill Tanner ihm gerade mitgeteilt hatte.

Sie schob ihn aus dem Bett und sagte ihm, er solle mit dem Angeben aufhören.

Bond rasierte sich murrend – hauptsächlich, weil er kein anständiges Frühstück bekommen würde – und zog sich an, während Ann Reilly Kaffee machte.

Der silbern glänzende Saab stand draußen vor dem Wohnhausblock. Er hatte ihn erst kürzlich zurückbekommen, nachdem er sowohl von Saab als auch von der Sicherheitsfirma, die Bond privat ausstattete, überholt worden war. Die Sicherheitsfirma hatte die besondere Technologie in den turbobetriebenen Wagen eingebaut. Er beschleunigte mühelos innerhalb von Sekunden.

Es herrschte wenig Verkehr, und er brauchte nur zehn Minuten in einem entspannten Fahrstil – das Auto reagierte auf Bonds Füße und Hände wie das Vollblut, das es war –, um zu dem großen Gebäude am Regent’s Park zu gelangen. Dort nahm Bond den Aufzug in den neunten Stock und marschierte direkt in Ms Vorzimmer, wo Miss Moneypenny niedergeschlagen an ihrem Schreibtisch saß.

»Guten Morgen, Penny.« Bond fühlte sich zwar ein wenig erschöpft, zog für seine alte Flirtpartnerin aber trotzdem eine Schau ab.

»Vielleicht ist er für Sie gut, James. Aber ich war die halbe Nacht wach.«

»Wer nicht?« Ein Blick vollendeter Unschuld.

Moneypenny schenkte ihm ein mattes Lächeln. »Der Gerüchteküche zufolge waren Sie dabei in der Gesellschaft einer hübschen jungen Frau aus der Q-Abteilung, James. Also schätze ich, dass Ihr Herz wohl bereits einer anderen gehört.«

»Penny«, Bond ging auf Ms Tür zu, »ich habe nur ein Herz. Und das gehörte schon immer Ihnen. Sie können es haben, wann immer Sie wollen.«

»Das hätten Sie wohl gerne«, schoss Moneypenny mit mehr als nur einem Hauch Verärgerung zurück. »Sie sollten besser reingehen, James. Er hat mir aufgetragen, Sie sofort zu feuern, sobald Sie hier ankommen. Seine Worte.«

Bond zwinkerte ihr zu, richtete seine Royal-Navy-Krawatte, klopfte an Ms Tür und trat ein. M sah müde aus. Das war das Erste, was Bond auffiel. Das Zweite war die junge Frau – klein, wohlproportioniert, athletisch, aber mit einem zweifellos weiblichen Lächeln und dunklem Haar, das zu einer dichten Lockenmähne frisiert war.

Sie begegnete Bonds Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Irgendetwas an ihren großen braunen Augen kam ihm bekannt vor, als hätte er die Frau schon einmal gesehen oder getroffen.

»Kommen Sie rein, 007«, sagte M. Seine Stimme klang gereizt. »Ich glaube nicht, dass Sie dieser Dame je zuvor begegnet sind, aber sie ist die Tochter eines alten Freunds von Ihnen. Commander James Bond, das ist Miss Cedar Leiter.«


CEDAR

Später hatte Bond das Gefühl, er musste wie ein Trottel ausgesehen haben, als er dort mit offenem Mund in Ms Büro stand und die Frau anstarrte. Sie war durchaus jemand, bei dem es sich lohnte, ein wenig zu starren, selbst in dem lässigen Jeansrock und der Bluse. Ihr Gesicht wies genau wie ihre braunen Augen eine Ruhe auf, hinter der, wie Bond sofort spürte, ein wacher Verstand lauerte – ein Verstand, der genauso präzise und tödlich wie ihr Körper war. Die Frau war eine Expertin. Allerdings sollte sie das auch sein, wenn man bedachte, wer ihr Vater war.

»Tja«, war alles, was Bond hervorbringen konnte.

In Cedars Gesicht erblühte ein Lächeln, das ihn fast schon schmerzlich an seinen alten Freund Felix erinnerte. Es war ein völlig unbekümmerter Ausdruck, bei dem sie eine Augenbraue hochgezogen hatte, als wollte sie sagen: Mach es richtig oder fahr zur Hölle.

M schnaubte. »Dann haben Sie Miss Leiter also tatsächlich noch nie zuvor getroffen, 007?« M redete Bond noch immer mit 007 an, als wäre die berühmte Doppelnullabteilung mit ihrer Lizenz zum Töten nicht schon lange aufgelöst worden.

Bond hatte gewusst, dass Felix verheiratet war, doch während ihrer Zusammenarbeit hatte sein alter CIA-Freund – der später Privatdetektiv geworden war – nie von seiner Frau oder Kindern gesprochen.

»Nein«, erwiderte Bond ein wenig angespannt. »Wie geht es Felix?«

Cedars Augen verfinsterten sich ein wenig, als hätte man ihr einen schnellen körperlichen Schmerz zugefügt. Als sie sprach, war ihre Stimme tief und heiser und wies nicht einmal einen Hauch dessen auf, was die Briten als amerikanischen Akzent betrachteten.

»Daddy geht es gut. Sie haben ihn mit den neuesten Erfindungen in Sachen Prothesen ausgestattet.« Der Anflug von Traurigkeit verschwand, und das Lächeln kehrte zurück. »Er hat eine unglaubliche neue Hand und sagt, dass sie alles machen kann. Er verbringt viel Zeit mit Schießen und dem Üben von Methoden, um schnell zu ziehen. Ich bin mir sicher, er würde wollen, dass ich Sie von ihm grüße.«

Innerhalb eines Sekundenbruchteils erlebte Bond erneut die Zeit seines Lebens, die er am liebsten in die Vergessenheit verbannt hätte – die Zeit, in der Felix einen Arm und ein halbes Bein verloren und auch andere Verletzungen erlitten hatte, die über mehrere Jahre hinweg von plastischen Chirurgen hatten behandelt werden müssen. James Bond hatte sich oft selbst die Schuld für Felix Leiters missliche Lage gegeben, obwohl sie beide hinter dem dunkelhäutigen Gangster her gewesen waren, dessen sadistischer Wahnsinn fast einmalig gewesen war. Buonaparte Ignace Gallia alias Mr Big. Auf jeden Fall hätte Felix sofort zugegeben, dass er nach dem Haiangriff, den der Kriminelle arrangiert hatte, von Glück reden konnte, überhaupt noch am Leben zu sein. Und Bond tröstete sich mit der Tatsache, dass er Big am Ende ein für alle Mal ausgeschaltet hatte – und zwar auf die unangenehmste Art: Er hatte dafür gesorgt, dass die Strafe zum Verbrechen passte.

Bond schüttelte seine Tagträume schnell ab und registrierte Cedar Leiters letzten Satz: »… er würde wollen, dass ich Sie von ihm grüße.« Sie legte den Kopf schief. »Wenn er wüsste, dass ich hier bin.«

M schnaubte erneut. »Ich denke, wir sollten besser zur Sache kommen, 007. Miss Leiter ist eine Schläferin, die gerade aktiviert wurde. Sie traf in den frühen Morgenstunden ein.« Er zögerte und runzelte leicht die Stirn, um seine Unzufriedenheit auszudrücken. »Vor meiner Haustür. Ich habe mir angehört, was sie zu sagen hatte. Der Stabschef überprüft das gerade mit einer Chiffre durch die US-Botschaft.«

Bond fragte, ob er sich setzen dürfe, und erhielt von M ein steifes Nicken.

»Ich habe das alles schon gehört. Miss Leiter wird Sie auf den neuesten Stand bringen«, fuhr M fort.

»Oh, bitte nennen Sie mich Cedar, Sir …« Sie hielt inne, als sie Ms vernichtenden Blick sah, und erkannte, dass sie gerade den schlimmsten Fauxpas aller Zeiten begangen hatte. M lehnte leichtfertige Vertraulichkeit aufs Heftigste ab, vor allem wenn es um Angelegenheiten ging, die den Service betrafen.

»Fangen Sie an, Miss Leiter«, schnauzte M.

Cedars Karriere hatte begonnen, als sie achtzehn war und als Sekretärin im Außenministerium der Vereinigten Staaten arbeitete. Nach einem Jahr kam die Central Intelligence Agency auf sie zu. »Ich vermute, es war wegen meines Vaters.« Dieses Mal lächelte sie nicht. »Aber man warnte mich, dass er es nie erfahren dürfe.« Sie behielt ihre Stelle im Ministerium, belegte aber während ihres Urlaubs, an den Wochenenden und an manchen Abenden umfassende Kurse.

»Sie wollten mich nicht im aktiven Dienst einsetzen. Das haben sie mir von Anfang an klargemacht. Ich sollte ausgebildet werden und regelmäßig Auffrischungskurse besuchen, aber meine Stelle beim Ministerium behalten. Sie sagten mir, man würde mich irgendwann anrufen.

Nun, der Anruf kam letzte Woche. Ich vermute, sie beobachten einen. Ich plante eine kurze Reise nach Europa. Daraus ist eine Dienstreise geworden, und ich wurde benutzt, weil ich nicht das bin, was man als ›Gesicht‹ bezeichnet.« Cedar meinte damit, dass sie den internationalen Geheimdienstorganisationen nicht bekannt war. »Es gibt ein Passwort, das M an die Leute in Langley weitergeben muss, und ein Passwort, das die Antwort darstellt, um zu beweisen, dass ich in Ordnung bin – ich schätze, darauf warten wir momentan.«

M nickte und fügte hinzu, er hege keine Zweifel daran, dass Miss Leiter »in Ordnung« sei, wie sie es ausdrückte. Sicher würden die Dokumente und die Bitte, mit der sie an ihn herangetreten sei, Sinn ergeben.

»Ich setzte Sie darauf an, 007, da es hier darum geht, harmonisch mit Miss Leiter und den Vereinigten Staaten zusammenzuarbeiten.«

»Aber SPE…?«, begann Bond.

»Die Angelegenheit wird Ihnen in einem Augenblick klar sein. Ich versetzte Sie in den Spezialdienst. Spezialdienste für die US-Regierung.« M nahm einige Papiere von seinem Schreibtisch, und Bond kam nicht umhin, zu bemerkten, dass es sich bei dem ersten um eine kurze maschinengeschriebene Notiz handelte, auf der das Siegel des Präsidenten prangte. Es hatte keinen Sinn, weiter mit seinem Vorgesetzten zu diskutieren.

»Also, was hat es mit der Sache auf sich, Sir?«, fragte Bond.

»Kurz gesagt«, begann M, »geht es um einen Mann namens Markus Bismaquer.«

M warf einen Blick auf die Papiere in seiner Hand und ratterte die Einzelheiten von Bismaquers Leben und Hintergrund herunter: Geboren 1919, New York City. Einziger Sohn gemischter Eltern, deutsch und englisch. Beide amerikanische Staatsbürger. Machte seine erste Million vor seinem zwanzigsten Lebensjahr, innerhalb von drei Jahren war er Multimillionär. Entging dem Militärdienst während des Zweiten Weltkriegs, weil er als »unerwünscht« eingestuft wurde. Offenbar war er ein standhaftes und überzeugtes Mitglied der amerikanischen Nazipartei. Seit damals hat er versucht, es geheim zu halten, jedoch mit wenig Erfolg.« M gab ein Geräusch von sich, das man nur als Zeichen von Abscheu deuten konnte. »In den frühen 1950ern verkaufte er all seine Geschäftsanteile mit großem Profit und lebt seitdem wie ein Prinz der Renaissance. Man sieht ihn nur selten außerhalb seines eigenen Fürstentums …«

»Seines eigenen was?« Bond runzelte die Stirn.

»Eine Redewendung, 007. Miss Leiter wird es Ihnen erklären.«

Cedar Leiter holte tief Luft.

»Bismaquer besitzt ein knapp vierhundert Quadratkilometer großes Grundstück, das einst Wüste war. Es befindet sich etwa hundertdreißig Kilometer südwestlich von Amarillo, Texas. Und M hat es zu Recht als Fürstentum bezeichnet. Keine Straßen führen zur Rancho Bismaquer. Man kommt nur auf zwei Arten hinein: Es gibt einen kleinen Flugplatz, und er hat sein eigenes privates Einschienenbahnsystem. Fünfundzwanzig Kilometer außerhalb der Stadt – also Amarillo – befindet sich ein abgeschotteter Bahnhof, und man muss sehr gute Beziehungen zu Mr Bismaquer haben, wenn man mit der Einschienenbahn fahren will. Ist man auf dem Anwesen wirklich erwünscht, kann man sein eigenes Auto mitnehmen – auf der Einschienenbahn gibt es einen Autotransporter und draußen auf der Ranch haben sie Straßen, aber nur innerhalb des Geländes. Es ist ein verdammt beeindruckender Ort – ein riesiges Haus, Nebengebäude, eine Autorennstrecke, Pferde, Angelteiche, alles, was das Herz begehrt.«

»Waren Sie mal dort?«

»Nein, aber ich habe all die Bilder gesehen – von den Satelliten und den hoch fliegenden Luftaufklärern. In Langley gibt es ein 3D-Modell. Sie haben es mir im Zuge meiner Unterweisung gezeigt. Ich habe Fotos dabei. Das gesamte Gebiet – die ganzen vierhundert Quadratkilometer – ist extrem gut eingezäunt, und Bismaquer hat seinen eigenen Sicherheitstrupp.«

»Also, was hat er angestellt?« Bond holte sein Zigarettenetui aus Geschützbronze hervor und schaute zu M, um sich seine Erlaubnis einzuholen. M nickte nur und machte sich daran, seine Pfeife zu stopfen. Cedar lehnte die angebotene Zigarette ab. »Was hat er angestellt? Abgesehen davon, dass er ein Vermögen verdient hat?«

»Das ist das Problem.« Cedar schaute unsicher zu M.

»Oh, Sie können ruhig weitermachen, Miss Leiter. 007 muss alles wissen, bevor wir diese Besprechung beenden.«

»Bis vor ein paar Monaten war alles noch sehr vage«, fuhr Cedar fort und zog die Beine auf dem Lederstuhl unter ihren Körper. M schaute zur Decke hinauf, als wollte er die Götter um gute Manieren und eine ordentliche Haltung für die junge Frau anflehen. »Politisch gesehen war Bismaquer schon immer verdächtig, aber offenbar hat sich niemand allzu große Sorgen gemacht, weil er sich so weit vom Geschehen entfernt hält. Es gibt sehr eindeutige Beweise, dass er – wie drückt man das am besten aus? – sein Fähnchen stets in den Wind hängt?«

Bond nickte.

»So agiert Bismaquer seit Jahren – auf der Suche nach einem ›Einstieg‹, einer Möglichkeit, in ein politisches Amt aufgenommen zu werden. Niemand hat ihn je für voll genommen.« Sie lachte, und Bond musste erneut an Felix denken. »Sie haben sein Geld genommen, aber nicht ihn. Nach Watergate kam heraus, dass Geld von Bismaquer in die berühmte Schmiergeldkasse geflossen war. Und zwar nicht nur Peanuts. Doch die nachfolgenden Regierungen haben ihn in Schach gehalten.«

»Warum?«

Sie zuckte kurz mit den Schultern, als wollte sie sagen, dass die Gründe offensichtlich seien. »Es gibt außerdem Beweise, dass Bismaquer nach einer Möglichkeit gesucht hat, in jede beliebige Behörde zu gelangen, und zwar mit dem Gedanken, ein Übernahmeangebot zu machen.«

Nun musste Bond lachen. »Übernahmeangebot? Für was? Die Regierung der Vereinigten Staaten?«

»Ich weiß, dass das weit hergeholt klingen muss, aber das ist genau das, was die Leute befürchten.« Cedar bedachte ihn mit einem kühlen Blick. »Sie glauben, dass diese Araber und ihr Gefolge reich sind? Tja, es gibt Familien in Texas, die tatsächlich wie Könige leben. Und es gibt einige wenige – wie in jedem Land –, die eine gefährliche Fantasie haben. Wenn man diese Fantasie mit immensem Reichtum kombiniert …«

Sowohl Bond aus auch M nickten, um anzuzeigen, dass sie verstanden hatten.

»Hat er die Nazi-Ideologie immer noch verinnerlicht?« Bond blies den Rauch seiner Zigarette Richtung Decke.

»Davon ist die CIA überzeugt.«

»Aber so ein Spinner wie er kann nicht wirklich gefährlich werden, es sei denn …«

»Es sei denn, er unternimmt etwas, richtig?« Cedar schaute Bond direkt an. »Ja, da stimme ich Ihnen zu, aber es hat Probleme gegeben – oder zumindest Anzeichen davon. Bismaquer hat im Laufe des vergangenen Jahres eine große Anzahl sehr seltsamer Besucher auf der Ranch empfangen. Außerdem hat er die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt und seinen Mitarbeiterstab vergrößert.«

Bond seufzte und schaute hilfesuchend zu M. »Das ist verrückt. Ein Kerl, der seine eigenen Fantasien auslebt …«

»Hören Sie ihr weiter zu, 007«, sagte M ruhig.

»Er hat auf jeden Fall etwas vor. Das FBI hat ihn überwacht und die Besucher und die Ausrüstung überprüft, die auf die Ranch kamen. Sie haben beschlossen, ein paar ihrer Erkenntnisse mit der Bundessteuerbehörde zu teilen. Die haben daraufhin ein paar mögliche Steuerhinterziehungen entdeckt. Das gab der Steuerbehörde und dem FBI etwas, womit sie arbeiten konnten. Letzten Januar machten sich vier Agenten – zwei von jeder Abteilung – auf, um mit Bismaquer zu reden. Sie verschwanden. Das FBI schickte zwei weitere. Sie kehrten nicht zurück. Also meldete sich die Polizei von Amarillo bei ihm und führte eine Ermittlung durch. Unser Freund Bismaquer wusste nichts und konnte ihnen nichts mitteilen. Es gab keine Beweise. Also zog die Polizei wieder ab, und die CIA schickte eine Agentin rein. Man hörte nie wieder etwas von ihr.

»Dann, vor etwa einer Woche, tauchte in einem Sumpfgebiet in der Nähe von Baton Rouge, Louisiana, eine Leiche auf. Die Sache wurde geheim gehalten – die Medien bewahrten Stillschweigen darüber. Offenbar war die Leiche in einem üblen Zustand, aber man identifizierte sie als die der Agentin. Seitdem sind alle Leichen in der Nähe dieses Ortes aufgetaucht. Zwei konnten nicht identifiziert werden, aber die restlichen schon – hauptsächlich mithilfe der Zähne. Jeder Beamte, der ausgesandt wurde, um Markus Bismaquer in Texas etwas anzulasten, wurde tot in Louisiana aufgefunden.«

»Und das ist jetzt unsere Sache?« Bond gefiel das ganz und gar nicht. Bismaquer kam ihm wie ein psychopathischer Wahnsinniger vor, der Geld wie Heu, eine Privatarmee und eine überdurchschnittlich große Menge an folie de grandeur besaß.

»Ganz genau.« Cedar Leiter schaute zu M. »Werden Sie es ihm zeigen, Sir?«

M blätterte die Papiere durch, die in einem ordentlichen Stapel vor ihm lagen, zog ein Blatt heraus und reichte es Bond.

Es handelte sich um eine klare Fotokopie eines zerrissenen Stücks Papier, auf dem deutlich maschinengeschriebene Worte zu lesen waren. Bonds Miene verfinsterte sich, als er sie las:

sollten natürlich zerstört werden. Aber er wollte sichergehen, dass Sie vollständige Gewissheit bezüglich unserer weltweiten Substan-1-

Unterstützung haben. Der erste Stoß wird vor allem in Europa und im Nahen Osten zu spüren sein. Aber,

ießlich wird es den weitläufigen Pferch der Vereinigten Staaten verlassen. Mit sorgfältiger Manipulation können wir erfolgreich

eilen und herrschen – oder zumindest Ich freue mich auf unser nächstes Treffen.

Dann folgte die gekritzelte, aber deutlich lesbare Unterschrift:

Blofeld

Bond spürte, wie sich seine Eingeweide zusammenzogen. »Wo …?«, begann er.

»In der verrottenden Kleidung unserer CIA-Agentin. Der Zettel wurde an ihrer Leiche gefunden«, antwortete Cedar ruhig. »Die Analytiker in Langley glauben, dass Bismaquer mit einer Terrororganisation namens SPECTRE zusammenarbeitet. Man sagte mir, Sie seien ein Experte dafür, Mr Bond …«

»Blofeld ist tot.« Bonds Stimme war ebenfalls ruhig.

»Es sei denn, 007«, M zog die Pfeife aus seinem Mund, »es sei denn, es gab einen Nachkommen. Oder einen Bruder. Oder sonst jemanden. Sie haben eine beträchtliche Menge Zeit damit verbracht, mich davon zu überzeugen, dass SPECTRE wieder aktiv ist und hinter diesen elenden Flugzeugentführungen steckt. Und nun haben wir den Beweis, dass Blofeld in irgendeiner Form noch existiert und mit einem sehr reichen, verrückten Texaner gemeinsame Sache macht. Dieses Stück Papier« – er deutete auf die Fotokopie – »legt nahe, dass Bismaquer und SPECTRE ein Wagnis eingehen wollen, das die ganze Welt in Brand setzen könnte. Und dieses Risiko ist weiß Gott schon groß genug, wenn man an die Regierungen, die Unruhen, die politischen Albernheiten, den Wirtschaftsrückgang und die schwindenden Ressourcen denkt – auf offizieller Ebene. Eine große unabhängige Operation könnte zu einer Katastrophe führen, und wir wissen bereits aus früherer Erfahrung, dass SPECTRE durchaus internationale Probleme auslösen kann.«

Als er zu Ende gesprochen hatte, klopfte es an der Tür und Bill Tanner trat ein, sobald M sein knappes »Herein« gerufen hatte.

»Alles in Ordnung, Sir. Wir haben gerade die Antwort von der Botschaft erhalten. Sie wissen nicht, was sie bedeutet, meinten aber, es müsse etwas Besonderes sein, da sie mit beträchtlicher Priorität sowie der Präsidentenchiffre zurückgeschickt wurde. Ich fürchte, deren Leute wurden ein wenig neugierig.«

»Tja, ich hoffe, Sie haben deren Neugier zerschlagen, Stabschef.«

Tanner lächelte und nickte Bond zu.

M zog an seiner Pfeife und tippte mit dem Stiel gegen seine Zähne, bevor er fortfuhr. »Eines der anderen Dokumente, 007, ist ein persönlicher Brief an mich vom Präsidenten der Vereinigten Staaten. Darin heißt es, die Information ist in seinen Augen so heikel, dass er nicht die üblichen Kanäle benutzen will: Deswegen wurde Miss Leiter eingesetzt. Er bittet um besondere Hilfe. Mit anderen Worten: Er will, dass jemand vom Service Miss Leiter in die Vereinigten Staaten begleitet und Bismaquers Vorhaben infiltriert. Können Sie da jemanden empfehlen, 007? Jemanden mit entsprechender Arbeitserfahrung in Bezug auf diese Eiterbeule namens SPECTRE?«

»Ja.« Bond spürte bereits, wie ihn das Adrenalin durchströmte. »Ja, natürlich werde ich gehen. Aber ich habe noch ein paar Fragen an Miss Leiter. Wie sieht es mit Bismaquers Familienstand aus?«

»Er war drei Mal verheiratet«, antwortete sie. »Die ersten beiden sind gestorben. Natürliche Tode – ein Autounfall und ein Hirntumor. Seine aktuelle Frau ist deutlich jünger als er. Umwerfend, elegant: Nena Bismaquer, ehemals Nena Clavert. Gebürtige Französin. Sie lebte in Paris, wo sie Bismaquer kennenlernte.«

»Können wir überprüfen, ob das wirklich absolut astrein ist?«

M nickte und warf Tanner einen kurzen Blick zu – ein Befehl ohne Worte.

»Und die zweite Frage?« Cedar entfaltete ihre Beine.

»Wie hat Bismaquer seine erste Million gemacht? Ich vermute, der Rest folgte durch sorgfältige Investitionen.«

»Eiscreme.« Cedar grinste. »Er war der erste große Eiscremekönig. Er hat sich Dinge ausgedacht, die Sie niemals glauben würden. Schließlich kaufte ihn eine der ersten großen Ketten auf, aber er hat immer noch eine Leidenschaft dafür. Er hat sogar ein Labor draußen auf der Ranch. Offenbar ist er fest entschlossen, eine komplett neue, bislang unversuchte Methode zur Herstellung dieses Zeugs zu finden. Er entwickelt ständig neue ausgeklügelte Rezepte und Geschmacksrichtungen.«

M räusperte sich. »In seine Nähe zu kommen, wird das eigentliche Problem darstellen, so viel ist klar.«

»Abgesehen von seiner Frau und Eiscreme hat Bismaquer noch eine weitere Schwäche«, bot Cedar an.

Sie schauten sie erwartungsvoll an.

»Drucke. Seltene Drucke. Er hat eine erstaunliche Sammlung – zumindest unseren Informationen zufolge. Und es ist wirklich eine Schwäche. Soweit ich weiß, haben die hohen Tiere in Langley eine der wenigen sauberen Personen verhört, die in den letzten Jahren je die Rancho Bismaquer betreten und auch wieder verlassen haben. Es handelte sich dabei um einen bekannten Händler für seltene Drucke.«

»Wissen Sie irgendetwas über seltene Drucke, 007?« M wirkte zum ersten Mal seit Bonds Ankunft im Büro fröhlich.

»Bisher nicht, Sir.« Bond zündete sich eine weitere Zigarette an. »Aber ich habe das Gefühl, dass ich recht schnell etwas darüber lernen werde.«

»Das Gleiche gilt für Miss Leiter.« M gestattete sich ein seltenes Lächeln, während er nach dem Telefon griff.


SELTENE DRUCKE ZU VERKAUFEN

James Bond war stets von New York erstaunt. Andere Leute sagten, es werde schlimmer und gehe schnell den Bach runter. Sie sprachen davon, wie schmutzig und gefährlich es sei. Doch jedes Mal, wenn Bond im Rahmen eines Auftrags dorthin geschickt wurde, stellte er fest, dass sich New York seit seinem ersten Besuch kaum verändert hatte. Zweifellos gab es mehr Gebäude und – wie in jeder Stadt – mehr Orte, von denen man sich nachts besser fernhielt. Doch er konnte nicht leugnen, dass es ihn als Stadt emotional stärker ansprach als sein geliebtes London.

Dieses Mal war er jedoch nicht als James Bond in New York City. Sein Pass war auf den Namen Professor Joseph Penbrunner ausgestellt, der als Kunsthändler geführt wurde. Cedar Leiter hatte ihren Namen ebenfalls geändert – in Mrs Joseph Penbrunner – und das Paar hatte die Aufmerksamkeit der Medien erregt: Dafür hatten M und sein Stabschef bereits gesorgt.

Am Abend nach Cedar Leiters Ankunft in London hatte Bond sie vom Hauptquartier aus mit in einen geheimen Unterschlupf in einer kleinen Gasse in Kensington genommen, der problemlos von einer Gruppe Kindermädchen überwacht werden konnte, die man ihnen zugeteilt hatte. Bill Tanner war innerhalb einer Stunde eingetroffen, um den beiden einen schnellen Überblick über die Tarnidentitäten zu verschaffen, die man für sie ausgewählt hatte. Da Cedar in der Branche unbekannt war, brauchte sie keine Tarnung, aber Bond würde sich ein paar äußerlichen Veränderungen unterziehen müssen, und Tanner hatte dafür verschiedene Ideen auf Lager.

Tarnung, das wusste Bond nur zu gut, funktionierte am besten, wenn man sie auf ein Minimum beschränkte – eine veränderte Frisur, ein paar neue Eigenarten beim Gehen, Kontaktlinsen, vielleicht Gummipolster in den Wangen, um sie voller wirken zu lassen (diese Möglichkeit wurde jedoch nicht oft benutzt, weil sie Schwierigkeiten beim Essen und Trinken verursachte), eine Brille oder ein anderer Kleidungsstil. Das waren die einfachsten Dinge, und in dieser ersten Nacht erfuhr Bond, dass er mit einem grau werdenden Schnurrbart, einer Brille mit breitem Gestell – und Fensterglas – sowie einer vorsichtigen Ausdünnung und kompletten Graufärbung der Haare ausgestattet werden würde. Außerdem schlug man vor, er solle sich die geduckte Haltung eines Akademikers und eine langsamere Gangart sowie eine recht aufgeblasene Art zu sprechen angewöhnen.

In den folgenden paar Tagen fuhr Bond jeden Morgen direkt zu dem Unterschlupf in Kensington, um mit Cedar zu arbeiten.

M schickte einen kleinen, humorlosen Niemand von einem Mann zu ihnen, der ein Experte für Drucke war, besonders für seltene englische Werke. Sein Name wurde nie erwähnt. Der Schnellkurs, den er Bond und Cedar erteilte, verschaffte ihnen zumindest ausreichend oberflächliches Wissen über das Thema.

Innerhalb dieser einen Woche lernten sie, dass es vor Caxtons frühen einfachen Holzschnitten bis zur Mitte des siebzehnten Jahrhunderts keine bedeutenden englischen Drucker gegeben hatte. Die wahre Pracht kam vom Kontinent mit Meistern wie Dürer, Lucas van Leyden und anderen. Sie erfuhren etwas über Holbein den Jüngeren, die ersten englischen Kupferdrucke von John Shute, und dann ging es weiter mit Hollar, Hogarth und seinen Zeitgenossen, über die sogenannte romantische Tradition, bis hin zur Wiederentdeckung und der hohen Kunst des Kupferstechens und Druckens im neunzehnten Jahrhundert.

Am dritten Tag kam M nach Kensington und bat ihren Lehrer darum, sich auf Hogarth zu konzentrieren. Der Grund dafür wurde an diesem Abend enthüllt, als M erneut auftauchte, dieses Mal mit Bill Tanner und einem Paar seiner persönlichen Wachhunde im Schlepptau.

»Nun, ich denke, wir haben es geschafft«, verkündete M, setzte sich auf den bequemsten Stuhl und rümpfte angesichts der Tapete angewidert die Nase. Wie alle sicheren Verstecke des Service besaß der Ort die spärlichen Annehmlichkeiten eines schlechten Hotels.

»Zwei Dinge«, fuhr M fort. »Nena Bismaquer, geborene Clavert, scheint sauber zu sein. Zweitens: Sie, Professor Penbrunner, haben bei gewissen Leuten in der Welt der Kunst keinen guten Stand. Morgen könnte die Presse durchdrehen. Tatsächlich suchen sie gerade jetzt nach Ihnen.«

»Und was genau soll ich getan haben?« Bond war nun eindeutig misstrauisch.

»Nicht viel.« Ms Stimme hatte einen höchst professionellen Tonfall angenommen. »Sie haben eine Reihe bislang unbekannter signierter Hogarth-Drucke entdeckt, ganz ähnlich wie Werdegang eines Wüstlings oder Werdegang einer Dirne. Insgesamt handelt es sich um sechs Werke, die allesamt wundervoll ausgeführt sind und den Titel Werdegang einer Dame tragen. Das wird für ziemlichen Aufruhr sorgen, kann ich Ihnen sagen. Sie wurden voll und ganz für echt erklärt. Sie haben versucht, es geheim zu halten, aber jetzt ist die Katze aus dem Sack. Es geht das Gerücht, dass Sie sie in England gar nicht erst anbieten, sondern sie in die Vereinigten Staaten bringen werden. Das wird im Parlament zweifellos für Fragen sorgen.«

Bond kaute auf seiner Lippe herum. »Und die Drucke?«

»Wunderschöne Fälschungen«, verkündete M strahlend. »Es dürfte sehr schwer sein, das Gegenteil zu beweisen, und sie haben den Service ein Vermögen gekostet. Sie werden morgen hergebracht, und ich werde dafür sorgen, dass die Presse einen Tipp bekommt, kurz bevor Sie nächste Woche nach New York aufbrechen.«

»Da wir gerade vom Aufbrechen sprechen …« Bond führte M von seinem Stuhl weg ins Nebenzimmer, wo sie unter sich waren. Der Auftrag würde anstrengend werden, da sie bis zum letztmöglichen Augenblick weder mit der Hilfe des amerikanischen noch der des britischen Geheimdiensts rechnen konnten – einfach deswegen, weil nur wenige über ihre Anwesenheit oder ihre Aufgabe Bescheid wissen würden.

»Es gibt keine Unterstützung«, begann Bond.

»Sie haben schon zuvor Aufträge ohne Unterstützung erledigt, James.« M wurde milder und benutzte in dieser privaten Umgebung Bonds Vornamen.

»Stimmt. Ich gehe davon aus, dass für meine persönliche Bewaffnung Vorkehrungen getroffen wurden?«

M nickte. Die VP70, Munition und seine Lieblingsmesser sollten in einem Aktenkoffer – in dem sich außerdem die sechs gefälschten Hogarth-Drucke befanden – in ihr New Yorker Hotel geliefert werden. »Die Q-Abteilung hat noch ein oder zwei weitere nützliche Dinge für Sie vorbereitet. Vor Ihrer Abreise wird für Sie eine Technologiesitzung mit Miss Reilly stattfinden.«

»Dann muss ich noch um einen letzten Gefallen bitten.«

»Bitten Sie und er könnte Ihnen gewährt werden.«

»Das Silberbiest.« Bond schaute M direkt in die Augen und bemerkte das zweifelnde Flackern. »Das Silberbiest« war der Spitzname, den die Mitglieder des Service Bonds privatem Auto gegeben hatten – dem Saab 900 Turbo. Der Wagen war sein persönlicher Besitz und die Spezialtechnologie hatte er auf eigene Kosten einbauen lassen. Auf Sticheleien darüber, dass es sich bei dem Fahrzeug um Bonds »Spielzeug« handelte, reagierte 007 nur mit einem höflichen Lächeln. Er wusste, dass Major Boothroyd, der Waffenmeister, ständig um den Wagen herumgeschlichen war, um seine Geheimnisse zu lüften: die versteckten Fächer, die Tränengasdüsen und die neuen Verbesserungen, die erst kürzlich in das kugelsichere Fahrzeug eingebaut worden waren. Sogar Q’utie hatte – zweifellos auf Boothroyds Anweisung hin – versucht, in die Rolle der Mata Hari zu schlüpfen, um Bond die Geheimnisse zu entlocken. Damals hatte Bond ihr lediglich einen spielerischen Klaps auf den Hintern versetzt und gesagt, sie solle sich nicht einmischen. Nun war er kurz davor, das, was sich als seine Rettung herausstellen mochte, in Ms Hände zu geben.

»Was ist mit dem Silberbiest?«

»Ich brauche es in Amerika, Sir. Ich will nicht den öffentlichen Verkehrsmitteln ausgeliefert sein.«

M ließ ein flüchtiges Lächeln aufblitzen. »Ich kann dafür sorgen, dass Ihnen ein Mietwagen zur Verfügung steht – sogar einer mit anständiger Linkssteuerung.«

»Das ist nicht dasselbe, und das wissen Sie, Sir.«

»Und Sie wissen, dass Ihr Saab kein Dienstwagen des Service ist. Gott allein weiß, was Sie in diesem Ding verstecken …«

»Es tut mir leid, aber ich brauche dieses Auto für den Auftrag, Sir«, erwiderte Bond.

M runzelte die Stirn und überlegte. »Ich muss darüber schlafen. Ich gebe Ihnen morgen Bescheid. Dann zog er noch einmal an seiner Pfeife und verließ brummelnd den Raum.

Bond machte sich bezüglich seines Wagens keine allzu großen Hoffnungen, auch wenn er auf einen Sonderbefehl hin in die Vereinigten Staaten reiste. Aber am folgenden Abend erhielt er nach einem langen und gereizten Vortrag von M über den Zustand der Finanzmittel des Service die Erlaubnis. Der Service würde den Saab, wenn auch unter Vorbehalt, in die Vereinigten Staaten transportieren. »Er wird dort bei Ihrer Ankunft auf Sie warten«, erklärte M mürrisch.

Professor und Mrs Joseph Penbrunners Ankunft mit ihrem Saab war in der Tat ein großes Ereignis gewesen. Bond, der seiner Stimme ein pedantisches, pompöses und recht affektiertes Timbre verliehen hatte, wich den Fragen der Presse am New Yorker JFK-Flughafen gekonnt aus: Die Medien waren davon ausgegangen, dass er in Amerika die neu entdeckten Hogarth-Drucke verkaufen würde. Nun, er wolle noch nichts verraten. Nein, er habe noch keinen speziellen Käufer im Sinn. Dies sei ein privater Besuch in Amerika. Nein, er habe die Drucke nicht bei sich, aber ja, sie befänden sich, so viel könne er verraten, bereits in New York.

Insgeheim war der getarnte Bond sehr zufrieden mit dem Tonfall, der auf der lange zurückliegenden Erinnerung an seinen alten Hausleiter während der zwei unglücklichen Halbjahre in Eton basierte. Der Mann war für Bond in allen Belangen eine Nervensäge gewesen, und nun bereitete es ihm große Freude, sich über ihn lustig zu machen. Gleichzeitig sorgte Bond dafür, dass Professor und Mrs Penbrunner in den Abendnachrichten und den Schlagzeilen der Zeitungen landen würden, indem er sich mürrisch und unhöflich gab. Die Medien seien nicht wirklich an Kunst interessiert, sagte er, nur an dem Ärger, den sie aufwirbeln konnten. »Letzten Endes«, fügte er hinzu und zog Cedar durch die Menge, »werden Sie alle sich doch nur für den Preis interessieren. Dollars, Dollars und noch mehr Dollars. Das ist alles, wohinter Sie her sind – der Preis.«

»Bedeutet das, dass Sie doch hier sind, um etwas zu verkaufen, Professor?«, fragte einer der Journalisten gerissen.

»Das ist meine Angelegenheit.«

Im Loews Drake Hotel an der Ecke Sechsundfünfzigste Straße und Park Avenue wartete der Aktenkoffer auf sie. Bond packte ihn vorsichtig aus und trennte schnell die Drucke von den Waffen. Die Drucke würden in den Hoteltresor wandern. Und die Waffen? Nun, er würde die VP70 bei sich tragen, während er die Messer in den speziell angefertigten Sprungfederfächern in seinem eigenen Aktenkoffer verstauen würde, die die Q-Abteilung vor Jahren für ihn eingebaut hatte. Bond war so sehr ins Sortieren vertieft, dass er die kühle Ausstrahlung, die sich wie eine Schlechtwetterfront um Cedar gelegt hatte, gar nicht wahrnahm.

Während der Tage in dem Unterschlupf in Kensington hatte sie darauf bestanden, ihn einfach nur mit »Bond« anzureden. Als er sie höflich und mit seinem üblichen Charme gebeten hatte, ihn James zu nennen, hatte sich Cedar geweigert. »Ich weiß, dass Sie und mein Vater Kumpel sind«, hatte sie ohne ihn anzusehen gesagt, »aber wir haben eine professionelle Beziehung. Ich nenne Sie Bond – außer wenn wir uns in der Öffentlichkeit befinden und Mann und Frau spielen. Sie nennen mich Leiter.«

James Bond hatte gelacht. »Okay, Sie können das gerne so machen. Aber ich fürchte, ich werde Sie weiterhin Cedar nennen.«

Nachdem er die Drucke im Tresor verstaut hatte, stand Cedar mit vor der Brust verschränkten Armen in der Mitte des Zimmers und tippte mit dem Fuß auf den Boden – eine äußerst attraktive Pose, ob das nun beabsichtigt war oder nicht.

»Was ist los?«, fragte er forsch.

»Was glauben Sie denn, was los ist?«

Bond zuckte mit den Schultern. Er war ein Gewohnheitstier und hatte deswegen angefangen, wie üblich seine Sachen auszupacken. Er hatte sogar seinen Bademantel auf das große Doppelbett geworfen. »Ich habe keine Ahnung.«

»Das da zum Beispiel.« Sie deutete auf den Bademantel. »Wir haben noch nicht einmal besprochen, wer das Bett bekommt und wer auf der Couch schläft. Soweit es mich betrifft, Mr James Bond, ist diese Ehe vorbei, sobald wir unter uns sind.«

»Nun, natürlich nehme ich die Couch.« Dann verschwand er in Richtung Badezimmer und rief über seine Schulter: »Keine Sorge, Cedar, bei mir werden Sie so sicher sein wie eine Nonne. Und Sie können gerne das Bett haben. Ich habe es ohnehin immer vorgezogen, unbequem zu leben.«

Er konnte ihre Gereiztheit hinter seinem Rücken spüren, doch als er aus dem Bad kam, stand Cedar noch immer neben dem Bett und wirkte fast zerknirscht. »Es tut mir leid, James. Es tut mir wirklich leid, dass ich so etwas von Ihnen gedacht habe. Mein Dad hatte recht. Sie sind ein Gentleman im wahrsten Sinne des Wortes.«

Bond errötete nicht, obwohl »Gentleman« nicht gerade das Wort war, mit dem Damen ihn beschrieben.

»Dann kommen Sie, Cedar. Wir sollten ausgehen und uns amüsieren – oder zumindest zu Abend essen. Ich kenne hier ganz in der Nähe ein Restaurant.«

Sie gingen zu Fuß zum eleganten Le Périgord in der Zweiundfünfzigsten Straße Ost.

»Wenn man in dieser Stadt echtes französisches Essen haben will, ist man hier genau richtig«, erklärte Bond Cedar und bemerkte weder das leichte Zucken ihrer Augenbrauen noch das Lächeln, das über ihr Gesicht huschte, als sie hörte, wie ein Engländer ihr, einer waschechten Amerikanerin, erzählte, wo man in New York das beste Essen bekam.

Sie gab jedoch zu, dass er recht hatte, denn die Mahlzeit hätte nicht besser sein können – auch wenn Bond das einfachste aller Gerichte wählte: asperges de Sologne à la Blésoise – dicken, zarten Spargel in einer Soße aus Sahne, Zitronen- und Orangenschalen und einem Spritzer Grand Marnier auf Basis einer Hollandaise –, pochierte Seezungenfilets au champagne und eine tarte de Cambrai mit Birnen, die auf der Zunge zerging.

Sie teilten sich eine Flasche ’69er Dom Pérignon – den Bond für »sicher« erklärte –, und Cedar entspannte sich und fing an, den Abend zu genießen, was für sie offenbar eine befremdliche Erfahrung war. Denn obwohl Bond nicht ein einziges Mal seine Rolle als Joseph Penbrunner vergaß, glaubte sie, den Mann hinter der Tarnung sehen zu können, den Mann, von dem ihr Vater so oft gesprochen hatte: die unvergesslichen graublauen Augen; das attraktive dunkle Gesicht, das ihren Vater in jüngeren Jahren immer an Hoagy Carmichael erinnert hatte; der harte, fast grausame Mund, der so unerwartet weich werden konnte. Sie konnte das, was sie fühlte, nur als eine Art magnetische Anziehungskraft beschreiben, und sie kam nicht umhin, sich zu fragen, wie viele andere sie vor ihr empfunden hatten.

Nach dem Essen gingen sie zurück ins Drake, holten den Zimmerschlüssel ab und nahmen den Fahrstuhl in den dritten Stock.

Die drei kräftigen Männer in schicken, gut geschnittenen Anzügen umzingelten das Paar, als sich die Fahrstuhltüren hinter ihnen schlossen. Noch bevor Bond in sein Jackett greifen und den Griff der VP70 erreichen konnte, legte sich eine Hand um sein Handgelenk, während ihm eine andere die Pistole abnahm.

»Wir werden jetzt ruhig auf Ihr Zimmer gehen, Professor«, sagte einer der Männer. »Keine Sperenzchen. Wir überbringen lediglich eine Einladung von jemandem, der Sie sehen will, klar?«


GEWALTSAME EINLADUNG

Zu der Arbeit, die Cedar und Bond gemeinsam in dem geheimen Unterschlupf in Kensington absolviert hatten, gehörte auch die Absprache einer Reihe von Signalen und Bewegungen, die sie in einer Situation wie dieser benutzen würden. Bond nickte in Richtung des schweren Mannes, der gesprochen hatte, kratzte sich an der rechten Schläfe und hustete. Für Cedar bedeutete das: »Machen Sie, was die sagen, aber achten Sie darauf, was ich tue.«

»Machen Sie bloß keinen Quatsch«, drohte der größte der drei Männer. Er war ein paar Zentimeter größer als Bond und hatte den muskulösen Körperbau und die fassartige Brust eines Gewichthebers. Die anderen wirkten gleichermaßen stark und durchtrainiert. Professionelle Gangster, dachte Bond, professionell und erfahren.

Der große Mann hatte Bond den Zimmerschlüssel abgenommen. Nun öffnete er ruhig die Tür und drängte das Paar hinein. Ein schneller, heftiger Stoß beförderte Bond auf einen Stuhl, und Hände, sie sich wie zwei Schraubstöcke anfühlten, hielten seine Schultern von hinten fest. Cedar wurde auf ähnliche Weise behandelt.

Es dauerte einen Augenblick, bis Bond den vierten Mann bemerkte, der am Fenster stand und gelegentlich auf die Straße hinunterschaute. Er musste sich bereits im Zimmer befunden haben, als sie eingetreten waren. Bond erkannte ihn sofort als den schlanken, athletischen Mann mit dem ordentlichen Militärschnurrbart und dem viel zu eleganten rotbraunen Smoking, der zuvor in der Hotellobby auf ihn zugekommen war und ihm eine Visitenkarte mit Goldrand in die Hand gedrückt hatte. Der Mann hatte sich ihm als Mike Mazzard vorgestellt, etwas davon gesagt, dass er beim Presseempfang am Flughafen gewesen sei, und gemeint, er wolle sich unter vier Augen mit ihm über die Drucke unterhalten. Bond hatte darauf recht schroff reagiert und den Vorschlag eines Drinks in einem Casino abgelehnt, da er den Mann für einen Journalisten gehalten hatte, der hinter einem Exklusivinterview her war – auch wenn er keine Zeitung erwähnt hatte. Bond hatte sich die Visitenkarte nicht einmal richtig angesehen, sondern sie einfach nur in seine Tasche gesteckt und erklärt, dass er sich mit niemandem treffen würde, bevor sie sich eine Nacht lang anständig ausgeruht hatten.

»Also, Professor«, sagte der große Mann, der eine Position in der Mitte des Raums eingenommen hatte und beiläufig die VP70 von einer Hand in die andere warf wie ein Gorilla, der mit einem Stein spielte. »Sie tragen eine Waffe bei sich, was? Wissen Sie, wie man damit umgeht?«

Bond behielt seine Tarnung bei und ließ ein aufgeblasenes Stammeln vernehmen, mit dem er seine Empörung verdeutlichen wollte. »Selbstverständlich weiß ich, wie man damit umgeht«, ereiferte er sich. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich im Krieg …«

»Was für ein Krieg soll das gewesen sein, mein Freund?«, schnaubte der Mann, der ihn festhielt. »Die Amerikanische Revolution?«

Die drei Muskelprotze brachen in schallendes Gelächter aus.

»Ich war Offizier im Zweiten Weltkrieg«, sagte Bond würdevoll. »Ich habe mehr Kämpfe gesehen als …«

»Der Zweite Weltkrieg ist schon eine ganze Weile her, mein Freund«, unterbrach ihn der große Mann und wog die VP70 direkt vor Bond in seiner Hand. »Sie haben hier eine ganz schön tödliche Waffe. Warum tragen Sie sie überhaupt bei sich?«

»Zum Schutz«, schnauzte Bond in bester Penbrunner-Manier.

»Ja, das dachte ich mir. Aber zum Schutz vor was?«

»Straßenräubern. Dieben. Grobianen wie Ihnen. Leuten, die uns bestehlen wollen.«

»Wann wirst du endlich ein paar Manieren lernen, Joe Bellini?«, fragte die ruhige, gemäßigte Stimme vom Fenster aus. »Wir sind mit einer Einladung hier, nicht um Professor Penbrunner in seinem eigenen Zimmer in die Mangel zu nehmen. Erinnerst du dich?«

»Sie bestehlen? Wir sind nicht hier, um Sie zu bestehlen«, fuhr der massige Mann namens Bellini mit geheuchelter Höflichkeit fort, während sich auf seinem Gesicht gekränkte Unschuld spiegelte. »Sie haben ein paar Bilder, richtig?«

»Bilder?«

»Ja, irgendwelche besonderen Bilder.«

»Drucke, Joe.« Der Mann am Fenster sprach nun mit mehr Autorität in der Stimme.

»Ja, Drucke. Danke, Mr Mazzard. Sie haben Drucke von einem Kerl namens Ho-irgendwas.«

»Ho-garth, Joe«, soufflierte Mazzard, ohne den Blick von der Straße unter sich abzuwenden.

»Ich besitze ein paar Hogarth-Drucke«, erwiderte Bond nachdrücklich. »Sie zu besitzen und sie zu haben, ist nicht ganz dasselbe.«

»Wir wissen zufällig, dass Sie sie hier haben«, sagte Joe Bellini mit vorgetäuschter Geduld. »Im Hoteltresor.«

Mike Mazzard drehte sich am Fenster herum, um Bond anzusehen, der nun erkannte, dass dieser Mann der bei Weitem gefährlichste der vier war. Seine Haltung strahlte eine gewisse Glätte und Autorität aus.

»Reden wir mal Klartext«, sagte er. »Niemand wird Ihnen beiden etwas antun. Wir wollen nur, dass Sie die Situation verstehen. Wir sind als Repräsentanten von Mr Bismaquer hier, der diese Hogarth-Drucke sehen will. Nennen Sie es eine Einladung. Aber er will nicht bis morgen auf eine Antwort warten. Sie haben seine Karte – die, die ich Ihnen in der Lobby gegeben habe. Ich schätze, er will Ihnen ein Angebot machen …«

Joe Bellini lachte. »Ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können, was?«

Mazzard wirkte nicht erfreut. »Sei still, Joe. Es ist ein direktes Angebot. Sie müssen lediglich an der Rezeption anrufen und bitten, dass die Drucke hierher gebracht werden, dann können wir uns auf den Weg machen.«

Bond schüttelte den Kopf. »Das geht nicht«, entgegnete er lächelnd. »Ich habe einen Schlüssel. Die haben den anderen. Wie bei einer Bank. Die Drucke befinden sich in einem Tresorfach«, log er. »Nur der diensthabende Mitarbeiter und ich können sie herausholen. Nicht einmal meine Frau …«

Voller Erleichterung beglückwünschte sich Bond dazu, sich in letzter Minute umentschieden und beschlossen zu haben, dass die Drucke im Geheimfach des Saabs sogar noch sicherer sein würden, besonders falls sie das Hotel schnell verlassen mussten.

»Wie Mr Mazzard schon sagte«, fuhr Joe Bellini unbeirrt fort. Seine Höflichkeit war nun vollkommen verschwunden. »Wir wollen niemanden verletzen. Aber wenn Sie nicht kooperieren, dann können Louis und Kid« – er deutete auf den Mann, der Bond festhielt – »die Situation für Ihre kleine Lady sehr unangenehm machen.«

Mazzard trat vom Fenster weg, ging um Joe herum, der noch immer mit der VP70 spielte, und blieb vor Bond stehen.

»Professor Penbrunner. Darf ich vorschlagen, dass Sie und Joe gemeinsam nach unten gehen und die Drucke holen, damit wir dann alle zum Kennedy-Flughafen fahren können? Mr Bismaquer hat seinen Privatjet geschickt, um Sie abzuholen. Er hatte wirklich gehofft, dass Sie ihm beim Abendessen Gesellschaft leisten würden. Dafür ist es jetzt schon ein wenig spät. Aber wir können die verlorene Zeit wettmachen, und Sie und Mrs Penbrunner können sich auf der Ranch ausschlafen. Dort fühlen Sie sich sicher wohler als in dieser Absteige, das kann ich Ihnen versichern. Also, was sagen Sie?«

»Hören Sie, Mazzard«, stieß Bond hervor. »Das ist eine Unverschämtheit! Ich habe Ihnen bereits zuvor gesagt, dass ich vor morgen keine Verabredungen treffe. Wenn Sie diesen Mann wirklich repräsentieren – Bismaquer sagten Sie, sei sein Name …?«

»Sparen Sie sich das für die Nachwelt«, unterbrach ihn Bellini, »und lassen Sie uns loslegen. Und versuchen Sie ja keine Dummheiten.« Er ging zu Cedar und riss ihr mit einer beiläufigen Handbewegung das Kleid vom Hals bis zur Taille auf, dabei enthüllte er, dass sie keinen Büstenhalter trug.

»Nett«, keuchte Louis und spähte über die Schulter, die er noch immer festhielt, nach unten. »Sehr nett.«

»Schluss damit«, befahl Mazzard. »Für derlei Dinge besteht kein Anlass. Es tut mir leid, Professor, aber Sie müssen verstehen, dass Mr Bismaquer nicht daran gewöhnt ist, ein Nein als Antwort zu erhalten. Also, ich werde Ihre Sachen zusammensuchen, während Sie und Joe die Drucke holen. Wir können schon bald am Kennedy-Flughafen und in der Luft sein, wenn wir uns beeilen.«

Bond nickte. »In Ordnung«, sagte er leise. Er war ein wenig aus der Fassung gebracht, weil auch er für etwa eine Sekunde nicht in der Lage gewesen war, den Blick von Cedars teilweise entblößten Brüsten zu lösen. »Aber meine Frau wird sich umziehen müssen. Wir können die Drucke auf dem Weg nach draußen abholen …«

»Wir holen die Drucke jetzt«, sagte Mazzard tonlos. Er duldete keine weiteren Diskussionen. »Hör auf, mit der Waffe des Professors herumzufuchteln, Joe. Leg sie in den Schrank, du hast deine eigene.«

Joe Bellini zog einen kleinen Revolver aus seinem Jackett. Nachdem er Bond gezeigt hatte, dass er bewaffnet war, steckte er seine eigene Waffe wieder ein und legte die VP70 auf den Nachttisch.

Mazzard nickte Kid zu, und der schraubstockartige Griff um Bonds Schultern löste sich. Bond bewegte vorsichtig die Arme und versuchte, seinen Blutkreislauf so schnell wie möglich wieder in Gang zu bringen. Gleichzeitig hustete er kurz und fegte einen nicht vorhandenen Faden von seinem Revers – mit diesen Gesten signalisierte er Cedar, sich bereitzuhalten. Laut sagte er, dass er seinen Aktenkoffer benötige.

»Mein Schlüssel befindet sich darin.« Er deutete auf die Stelle, an der der Koffer neben dem zusammenklappbaren Gepäckständer aus Stahl stand.

Mazzard nahm den Aktenkoffer, wog ihn und hob ihn dann ein paar Mal mit einer Hand ruckartig an. Zufrieden reichte er Bond den Koffer. »Nur den Schlüssel, und dann folgen Sie Joe.«

Der Aktenkoffer war eine Version seiner ursprünglichen Tasche von Swaine & Adeney und von Q’utie für 007s aktuelle Operation modifiziert worden. Seine wichtigste Besonderheit – eine effektive Vorrichtung, die auf einem der Geheimfächer in Bonds ursprünglicher Tasche basierte – waren zwei schmale, mit Sprungfedern versehene Fächer, die in das Innenfutter der rechten Seite eingenäht waren. Wenn man am linken Zahlenschloss drei Mal die Drei und am rechten drei Mal die Zwei einstellte, reagierten die Sprungfedern jeweils mit einem Abstand von fünf Sekunden und warfen die Griffe von Bonds Sykes-Fairbairn-Messern durch den Boden des Koffers aus.

Als er den Koffer auf den Schoß nahm, schätzte Bond die Situation ein. Sie befanden sich zweifellos in einer Zwangslage, denn Bond wurde nun langsam klar, dass er nicht nur niemanden an das Tresorfach lassen durfte, sondern auch nicht zulassen konnte, dass diese Gangster die Geheimnisse des Saabs entdeckten. Für einen flüchtigen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, Joe aus dem Weg zu räumen, bevor sie den Wagen erreichten. Mit einem Mann auf offenem Gelände würde er sehr viel leichter fertigwerden, als mit vier von ihnen in einem geschlossenen Raum. Aber was würde dann aus Cedar werden? Wenn er Alarm auslöste, konnte niemand sagen, was sie ihr antun würden. Er konnte das Risiko nicht eingehen. Die Alternative – den Spieß hier und jetzt umzudrehen – schien sehr unrealistisch. Konnte er sich auf Cedars schnelle Reaktion verlassen? Er blickte in ihre Richtung, ihr Blick traf den seinen und verriet ihm, dass sie bereit war.

Mazzard stand am nächsten bei ihm und würde der Erste sein, den er erledigen musste, beschloss Bond, während er vorsichtig das linke Drehschloss auf die drei Dreien drehte. Dann bewegte er den Koffer zur Seite, damit die drei schlanken verborgenen Messeröffnungen direkt über seinem rechten Oberschenkel lagen. Sobald Mazzard außer Gefecht gesetzt war, musste er sich auf Joe Bellini stürzen und bei den anderen beiden auf Glück und das Überraschungsmoment vertrauen. Alles hing von drei Dingen ab: seiner eigenen Genauigkeit, Cedars Bereitschaft und davon, wie schnell sich Kid bewegte.

Er verlagerte den Koffer leicht, dann stellte er am rechten Zahlendrehschloss drei Mal die Zwei ein. Als Bond den Koffer erneut bewegte, ertönte kein Geräusch. Er schob seine Hand darunter, bereit, das erste Messer nach der fünfsekündigen Verzögerung zu packen. Er spürte, wie der Griff in seine rechte Hand glitt, und da er wusste, dass er nur fünf Sekunden hatte, bis das zweite Messer bereit war, machte er seinen Zug.

Wurfmesser sind so genau ausbalanciert, dass selbst ein Experte Schwierigkeiten gehabt hätte, die Waffe so zu lenken, wie Bond es beabsichtigte. Ein behänder, richtig ausgeführter Wurf sollte immer dafür sorgen, dass sich die Spitze der Klinge in einer nach vorne gerichteten, horizontalen Position befindet, wenn sie ihr Ziel erreicht.

Bond wollte niemanden verletzen, sofern es sich vermeiden ließ. Aus diesem Grund mussten beide Würfe außergewöhnlich präzise und gleichzeitig ein wenig aus dem Takt sein, damit der schwere Knauf über dem Griff das anvisierte Ziel vor der rasiermesserscharfen Klinge treffen würde.

Bond bewegte sich kaum merklich auf seinem Stuhl. Er ließ sein Handgelenk zucken, legte ein Maximum an Kraft in seinen ersten Wurf und griff genau rechtzeitig nach unten, um das zweite Messer zu packen, das aus dem Koffer gestoßen wurde.

Mit dem ersten Messer hatte er tadellos gezielt. Der Knauf traf Mazzard mit einem dumpfen Schlag – mitten zwischen die Augen. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah, als sein Kopf lautlos zurückzuckte, das Messer zu Boden fiel und sein Körper ihm folgte. Cedar bewegte sich im selben Augenblick wie Bond. Sie stemmte ihre Füße gegen den Boden und schleuderte die Rückenlehne des Stuhls unter Zuhilfenahme ihres ganzen Gewichts gegen Louis, der davon vollkommen überrumpelt wurde, da ihn Mazzards plötzlicher Sturz abgelenkt hatte. Bond nahm nur das Ächzen und das Krachen wahr, als der Mann durch Cedar und das schwere Möbelstück umgeworfen wurde.

Mittlerweile befand sich das andere Messer in Bonds Hand. Sein Körper drehte sich ein kleines Stück, um sich Joe vorzunehmen, dessen Reaktionsvermögen wesentlich schneller war, als 007 erwartet hatte. Glücklicherweise gelang es dem großen Mann lediglich, sich ein paar Zentimeter nach links zu bewegen, sodass ihn der Knauf des zweiten Messers hart neben seinem rechten Ohr traf.

Wie erstarrt hielt Joe Bellini mitten in der Bewegung inne. Seine Hand verharrte auf halbem Weg zu der Tasche, in der sich der Revolver befand. Das Messer fiel ungünstig zu Boden, schnitt dabei in sein Ohr und trennte es beinahe ab. Er stieß einen erstickten Schrei aus, stolperte vorwärts und stürzte quer über Cedar und Louis, die auf dem Boden miteinander rangen.

Kid bewegte sich unentschlossen hinter Bond, der den Koffer fallen ließ und vom Stuhl aufsprang, indem er sein ganzes Gewicht auf seine Fußballen verlagerte. Er stürzte sich auf die VP70, die auf dem Nachttisch auf ihn wartete.

Er schnappte sich die Waffe mit einem wilden Karateschrei, der ihm den Atem raubte. Er legte die drei Schritte in weniger als zwei Sekunden zurück. Noch während seine Hand den Griff der Pistole packte und sein Daumen die Waffe entsicherte, wirbelte Bond mit ausgestreckten Armen herum, bereit, auf das erste gefährliche Ziel zu schießen.

Kids rechte Hand war halb in seinem Jackett, als Bond rief: »Keine Bewegung. Stopp!« Kid bewies einen raffinierten Überlebenssinn. Er hielt inne, seine Hand zögerte für eine Sekunde, dann sah er Bond in die Augen und gehorchte.

Genau in diesem Moment befreite sich Cedar. Sie sprang mit verblüffender Geschwindigkeit auf die Füße und ließ beide Hände in einem heftigen Doppelschlag nach unten sausen, sodass sie die Seiten von Louis’ Hals trafen. Der Mann ächzte und sackte zu Boden. Bond ging zu Kid, lächelte, griff in das Jackett des anderen Mannes, zog die Waffe heraus, die er hatte benutzen wollen, und versetzte ihm dann einen harten Schlag hinter das Ohr, woraufhin Kid seinen Freunden in der Bewusstlosigkeit Gesellschaft leistete.

»Ziehen Sie sich um, Cedar«, sagte Bond leise, dann fügte er nach kurzem Überlegen hinzu: »Nein, helfen Sie mir erst mit diesen Kerlen.«

Gemeinsam nahmen sie den vier Gangstern ihre Waffen ab. Cedar schien gar nicht zu merken, dass ihre Brüste vollkommen unbedeckt waren. Bond griff in ein Spezialfach seines Aktenkoffers und fischte eine kleine versiegelte Plastikkiste heraus, die er mit Gewalt öffnete. Er nahm den Chloroformlappen heraus und wandte ihn bei den vier Männern an, die ausgestreckt auf dem Boden lagen.

»Krude und nicht sehr effektiv, aber es ist leichter, als ihnen allen Tabletten einzutrichtern«, erklärte Bond. »Es ist ausschließlich für Notfälle wie diesen hier gedacht. Altbewährte Methoden sind oft die besten. Zumindest haben wir auf diese Weise eine halbe Stunde lang Ruhe.«

Sie fesselten die Hände und Füße der vier Männer mit ihren eigenen Gürteln, Krawatten und Taschentüchern. Dabei bemerkte Cedar, was Bonds Messer mit Joe Bellinis Ohr angestellt hatte – der obere Teil der Ohrmuschel war durchgeschnitten und ein Teil davon baumelte als blutiger Fetzen herunter. Er hing nur noch an einem dünnen Gewebestreifen am äußeren Rand. Bond holte etwas Salbe aus seinem bestens ausgestatteten Koffer, um die Blutung zu stoppen. Cedar passte das herunterhängende Stück wieder an seine ursprüngliche Stelle an und verband das Ohr so gut sie konnte mit Mull und Heftpflastern aus dem Badezimmerschrank.

Schließlich realisierte sie, dass sie halb nackt war. Sie zog sich ohne Verlegenheit bis auf die enge weiße Unterhose aus, schlüpfte in eine Jeans und zog sich ein Hemd über, während Bond ihre Sachen eilig in ihre Taschen warf. Plötzlich erinnerte er sich an die mit Goldrand versehene Visitenkarte, die er bei der ersten Begegnung mit Mike Mazzard in der Hotellobby in seine Tasche gesteckt hatte. Er zog sie hervor und betrachtete sie.

Auf der einen Seite befand sich eine Art Wappen mit dem kunstvoll verschnörkelten Buchstaben B darin. Darunter standen die Worte »Markus Bismaquer«, die ebenfalls mit Schnörkeln geschmückt waren. Und darunter standen in winzigen Blockschriftgroßbuchstaben die Worte: UNTERNEHMER – AMARILLO, TEXAS. Auf die Rückseite der Karte war handschriftlich eine kurze Nachricht gekritzelt worden:

Prof & Mrs Penbrunner –

Erweisen Sie mir die Ehre, für ein paar Tage meine Gäste zu sein. Bringen Sie die Hogarths mit. Es wird Ihrer Mühe wert sein. Mein Sicherheitsleiter, Mike Mazzard, wird Sie zu meinem Privatjet am Kennedy-Flughafen bringen.

M. B.

Ganz unten an den Rand war wie ein nachträglicher Einfall noch die beharrliche Bitte gequetscht worden, dass sie zum Abendessen da sein sollten. Außerdem stand dort eine Telefonnummer, unter der sie anrufen sollten, falls es irgendwelche Schwierigkeiten gab. Bond reichte Cedar die Karte.

»Also auf nach Amarillo. Mit dem Auto, denke ich«, sagte er knapp. »Das werden sie nicht erwarten. Haben Sie all Ihre Sachen?«

Bond sah Sorge über Cedars Gesicht huschen. »Ihr Ruf wird Ihnen vorauseilen, James.« Ein kleines funkelndes Lächeln blitzte auf, als sie seinen Vornamen gebrauchte.

»Sie meinen, weil ein alter Mann wie Penbrunner Wurfmesser benutzt und ein paar Karatetricks angewandt hat?«, fragte Bond und schob die Messer wieder in ihre Sprungfederfächer im Aktenkoffer.

»So ist es.«

Er überlegte einen Augenblick. »Bismaquer ist hinter uns her. Er wird schon bald wissen, dass er mit uns kein leichtes Spiel hat. Es wird interessant sein, zu sehen, wie er reagiert. Und jetzt sollten wir endlich von hier verschwinden.«

»Was ist mit denen? Werden Sie die Polizei rufen?«

»Wir wollen nicht, dass man hier Zeter und Mordio schreit. Ich lasse etwas Geld und den Schlüssel in einem Umschlag in der Wäschekammer. Mir ist aufgefallen, dass sie sie offen lassen. Zum Glück hat diese Tür ein altmodisches Schloss, das man von innen ohne Schlüssel nicht öffnen kann. Sie werden es nicht eilig haben, unten an der Rezeption anzurufen, und sie werden eine ganze Weile brauchen, um das Schloss zu knacken und nach draußen zu gelangen.«

Bond beugte sich vor, um zu sehen, ob er in Mazzards Tasche einen weiteren Schlüssel finden konnte, und zog einen Generalschlüssel hervor, den der Mann durch die Bestechung eines Zimmermädchens in seinen Besitz gebracht haben musste.

»Zeit zu gehen«, sagte er knapp. »Wir nehmen die Hintertreppe.«

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