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UMSICHT-Schriftenreihe Band 91

Jochen Nühlen

Untersuchung des Einflusses technologischer

Innovationen auf Stoffströme am Beispiel von

Vanadium für Redox-Flow-Batterien

Verlag Karl Maria Laufen

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UMSICHT

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D 294

Zugl.: Bochum, Univ. Diss., 2020

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ISBN E-Book epub 978-3-87468-438-5

ISBN E-Book mobi 978-3-87468-439-2

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© Verlag Karl Maria Laufen

Oberhausen 2021

www.laufen-online.com

Vanadium wird aktuell hauptsächlich in Eisen- und in Nichteisen-Legierungen als Legierungselement genutzt. Eine potenziell relevante neue Anwendung für das Element ist die Nutzung als aktives Material in Redox-Flow-Batteriespeichern. Die Dissertation betrachtet die Gewinnung eines Vanadiumelektrolyten aus dem bei der Titandioxidproduktion mittels Sulfatverfahren anfallenden Filtersalzes des Dünnsäurerecyclings. Auf Grundlage der Arbeitshypothese der Marktverfügbarkeit wird die technologische Innovation mittels eines qualitativen und eines quantitativen Stoffstrommodells, einer Szenarioanalyse und eines fiktiven Modellstandorts der Titandioxidproduktion auf seinen Einfluss auf das anthropogene Vanadiumstoffstromsystem untersucht. Die Szenario- und Stoffstromanalyse identifiziert den Stoffstrom und das Gewinnungsverfahren als Verbreiterung der Rohstoffbasis, die zur Deckung des VRFB-Speicherbedarfs beitragen kann, ohne Zielkonflikte mit bestehenden Vanadium-Anwendungen hervorzurufen.

Fraunhofer UMSICHT ist Wegbereiter einer nachhaltigen Energie- und Rohstoffwirtschaft durch den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in Unternehmen, Gesellschaft und Politik. Wir erforschen und entwickeln gemeinsam mit Partnern nachhaltige Produkte, Prozesse und Dienstleistungen. In unseren Projekten fragen wir uns: Wie können wir Klima und Umwelt schützen? Wie schonen wir Ressourcen? Wie verbessern wir Prozesse oder Produkte? Wir überlegen, was sich verändern muss und was wir dafür tun können. Wir schätzen Kosten ab, beraten und zeigen Lösungen auf.

Als eins von 74 Instituten und Forschungseinrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft, der führenden Organisation für angewandte Forschung in Europa, sind wir weltweit vernetzt und fördern die internationale Zusammenarbeit.


Untersuchung des Einflusses technologischer Innovationen auf Stoffströme am Beispiel von Vanadium für Redox-Flow-Batterien

Dissertation

zur

Erlangung des Grades

Doktor-Ingenieur

der

Fakultät für Maschinenbau

der Ruhr-Universität Bochum

von

M.Sc. Jochen Nühlen

aus Duisburg

Bochum 2020


Dissertation eingereicht am: 09.06.2020
Tag der mündlichen Prüfung: 17.07.2020
Erstgutachter: Prof. Dr.-Ing. Eckhard Weidner
Zweitgutachter: Prof. Dr.-Ing. Rüdiger Deike

Danksagung

Die vorliegende Dissertation entstand berufsbegleitend während meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT in Oberhausen. Die Anfertigung dieser Arbeit zwischen Mai 2017 und Mai 2020 wäre ohne die Unterstützung der mich betreuenden Professoren und meiner Kolleginnen und Kollegen bei Fraunhofer UMSICHT nicht möglich gewesen.

Mein Dank für die fachlichen Diskussionen und die Betreuung gilt dabei in erster Linie meinem Institutsleiter und Erstgutachter Prof. Dr.-Ing. Eckhard Weidner, Lehrstuhlinhaber für Verfahrenstechnische Transportprozesse an der Ruhr-Universität Bochum. Ebenso gilt mein Dank Prof. Dr.-Ing. Rüdiger Deike, Inhaber des Lehrstuhls für Metallurgie der Eisen- und Stahlerzeugung an der Universität Duisburg-Essen für seine Unterstützung und die Übernahme des Zweitgutachtens.

Insbesondere danke ich Dr.-Ing. Markus Hiebel und Simone Krause für die Schaffung der benötigten Freiräume bei der Erstellung dieser Arbeit neben dem Beruf, die fachliche und organisatorische Hilfe und vielen motivierenden Ratschläge und Gespräche. Dr. Maurits van den Berg danke ich herzlich für den konstruktiven fachlichen Austausch und die Diskussionen im Bereich der Titandioxidproduktion. Kerstin Hölscher danke ich für Ihre Unterstützung durch die Übernahme des Lektorats.

Gedankt sei vor allem auch Dr.-Ing. Asja Mrotzek-Blöß, Dr.-Ing. Heiko Lohmann und Dr.-Ing. Nils Thonemann, die mir sowohl mit ihrem Fachwissen als auch mit ihrem freundschaftlichem Rat sowie Hingabe zur geistigen Zerstreuung zur Seite standen. Ebenso danke ich Daniel Norgren.

Nicht unerwähnt bleiben sollen die Studierenden, die diese Arbeit in unterschiedlichen Zeitabschnitten unterstützt haben: Svenja Dobbert, Kerstin Hagemann, Dennis Emil Tauschnik, Simon Philipp Küppers, Andreas Eiben, Namican Tüleyli und Stefan Wilms.

Mein größter Dank gilt meinen Eltern und vor allem meiner Frau Dana. Ihr Vertrauen, ihre Geduld und ihr Zuspruch haben mich immer begleitet und mir dabei geholfen, den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren.

Münster, Sommer 2020

Kurzfassung

Die potenziellen Auswirkungen technologischer Innovationen auf bestehende und entstehende neue Stoffströme müssen bereits in der Entwicklungsphase erfasst sowie qualitativ und quantitativ bewertet werden. Die in der Dissertation betrachtete technologische Innovation ist die Gewinnung eines Vanadiumelektrolyten aus dem bei der Titandioxidproduktion mittels Sulfatverfahren anfallenden Filtersalzes des Dünnsäurerecyclings. Eine Stoffflussanalyse in Kombination mit einer Szenarioanalyse liefert notwendige Erkenntnisse, um eine erfolgreiche und dauerhafte Implementierung und Überführung einer Technologie in neue Wertschöpfungssysteme zu gewährleisten.

Vanadium wird aktuell hauptsächlich in Eisen- und in Nichteisen-Legierungen als Legierungselement genutzt. Eine potenziell relevante neue Anwendung für das Element ist die Nutzung als aktives Material in Vanadium-Redox-Flow-Batteriespeichern (VRFB). Zielkonflikte zwischen Anwendungsoptionen, denkbaren Verknappungen durch Nachfrageeffekte sowie die langfristige Verfügbarkeit eines Elements müssen vermieden werden. Die Dissertation umfasst den aktuellen Stand zu industriellen Vanadiumstoffströmen und zukünftigen technischen Anwendungsoptionen. Mit Hilfe einer Szenarioanalyse werden die Auswirkungen eines neuen vanadiumhaltigen Sekundärrohstoffstroms zur Elektrolytproduktion für VRFB idealisiert beschrieben und die Energiewende mit der Rohstoffwende verknüpft.

In der Dissertation wurden ein qualitatives und ein quantitatives Stoffstrommodell erstellt, mit dem das anthropogene Vanadiumstoffstromsystem idealisiert beschrieben werden kann. Auf Grundlage der Arbeitshypothese der Marktverfügbarkeit des in TRL 3 befindlichen Gewinnungsverfahrens aus dem Sulfatverfahren wurde eine Szenarioanalyse durchgeführt, um konsistente Wirkungspfade der technologischen Innovation unter Berücksichtigung der bestehenden Vanadiumnutzung zu ermitteln. Zur Bestimmung des quantitativen Potenzials des Stoffstroms aus der Titandioxidproduktion wurde ein fiktiver Modellstandort erarbeitet. In der EU sind unter Berücksichtigung von Prozessvariablen zwischen 0,26–0,82 GWh/a Speicherkapazität in Filtersalz gebunden.

Durch Anwendung der Szenarioanalyse wurden zwei Szenarien für mögliche Zukunftspfade identifiziert und auf das Stoffstrommodell übertragen. Das Filtersalz als potenzieller Stoffstrom führt im Trendszenario zu einer Verbreiterung der Rohstoffbasis zwischen 2,4–2,9 %, im Szenario A zwischen 0,4–0,5 % und im Szenario B zwischen 5,4–6,7 %. In Szenario A wird eine weltweit produzierbare Elektrolytmenge durch die Filtersalzaufbereitung von 3.555 ± 605 m3/a ausgewiesen. Die Deckung des VRFB-Speicherbedarfs von 3.820 ± 637 m3/a ist somit ohne Zielkonflikte mit bestehenden Anwendungen realisierbar. Die Ergebnisse bieten eine argumentative Grundlage bei der Entscheidung zur Weiterentwicklung der Vanadiumelektrolyt-produktion auf Filtersalzbasis. Durch Variation des Modellzwecks können zudem weitere Modelle zur Untersuchung der Auswirkungen anderer industrieller vanadiumnutzender Systeme erstellt werden.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Ziel

1.2 Vorgehen

2 Grundlagen

2.1 Herausforderungen der Rohstoffversorgung

2.2 Vanadium

2.2.1 Reserven und Ressourcen

2.2.2 Gewinnung und Verarbeitung

2.2.3 Anwendung

2.2.4 Vanadium als kritischer Rohstoff

2.3 Energiespeichertechnologien

2.3.1 Vanadium-Redox-Flow-Batteriespeicher

2.3.2 Vanadiumelektrolyt

2.4 Titandioxidproduktion

2.4.1 Sulfatverfahren

2.4.2 Rohstoffeinsatz des Sulfatverfahrens

2.4.3 Nebenprodukte des Sulfatverfahrens

2.5 Stoffstrommanagement

3 Methodik

3.1 Stoffflussanalyse

3.2 Stoffstrommodell

3.3 Szenarioanalyse

3.3.1 Deskriptoren

3.3.2 Cross-Impact-Matrix

3.3.3 Szenarienableitung

3.4 Modellstandort

4 Ergebnisse

4.1 Modellstandort Sulfatverfahren

4.1.1 Datengrundlage

4.1.2 Modellrechnungen

4.2 Stoffflussanalyse

4.2.1 Titanomagnetit

4.2.2 Ilmenit

4.2.3 Apatit

4.2.4 Carnotit

4.2.5 Bauxit

4.2.6 Erdöl und Ölsand

4.2.7 Erdöldestillation

4.2.8 Petrolkoks

4.2.9 Steinkohle

4.2.10 Verbrennungsrückstände fossiler Energierohstoffe

4.2.11 Eisenlegierungen

4.2.12 Ferrovanadium

4.2.13 Titanlegierungen

4.2.14 Katalysatoren in der chemischen Industrie

4.2.15 Katalysatoren in der Erdölindustrie

4.2.16 Katalysatoren zur Schwefelsäureproduktion

4.2.17 Katalysatoren in der Rauchgasentstickung

4.2.18 Bismutvanadatpigmente

4.2.19 Lithium-Ionen-Batterien

4.2.20 Superkondensatoren

4.3 Qualitatives Stoffstrommodell

4.4 Ergebnisse Szenarioanalyse

4.4.1 Deskriptoren

4.4.2 Cross-Impact-Matrix

4.4.3 Szenarienableitung

4.5 Quantitatives Stoffstrommodell

4.5.1 Modell Status-Quo

4.5.2 Modell Trendszenario

4.5.3 Modell Extremszenario A

4.5.4 Modell Extremszenario B

5 Diskussion

6 Ausblick

Literaturverzeichnis

Lebenslauf

Veröffentlichungsliste

Endnoten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Geogene Vanadiumreservoire

Abbildung 2 Anthropogene Vanadiumflüsse

Abbildung 3 Globale Vanadiumressourcen und Vanadiumreserven

Abbildung 4 Entwicklung der Vanadiumproduktion

Abbildung 5 Vanadiumproduktion nach Rohstoff

Abbildung 6 Grundlegende Vanadiumverarbeitungsschritte

Abbildung 7 Vanadiumanwendungen und Aufteilung nach Eisenliegerungen

Abbildung 8 Länderkonzentration und Marktvolumen der Bergwerksförderung

Abbildung 9 Länderkonzentration und gewichtetes Länderrisiko der Bergwerksförderung

Abbildung 10 Vanadiumintensität in der Gesamtstahlproduktion

Abbildung 11 Anthropogener Metallkreislauf

Abbildung 12 Entwicklung der Ausfallarbeit 2009 bis 2017

Abbildung 13 Prognosen der zu erwartenden Stromüberschüsse in Deutschland

Abbildung 14 Klassifikation Energiespeichertechnologien

Abbildung 15 Speicherkonzepte in Bezug auf Speicherkapazität und Ausspeicherzeit

Abbildung 16 Redoxreaktion in elektrochemischen Energiespeichern

Abbildung 17 Gesamtreaktion der VRFB-Zelle

Abbildung 18 Funktionsprinzip und Aufbau einer VRFB

Abbildung 19 Prognose des Vanadiumbedarfs und der Speicherkapazität 2020-2030

Abbildung 20 Elektrolytparameter

Abbildung 21 Kostenstruktur des Gesamtsystems einer VRFB

Abbildung 22 Prozessschema Sulfatverfahren

Abbildung 23 Rohstoffe für die Titandioxidproduktion

Abbildung 24 Einordnung der Methoden zur Analyse von Wertschöpfungsketten

Abbildung 25 Untersuchungsaufbau

Abbildung 26 Systemübersicht generisches Stoffstrommodell von Metallen

Abbildung 27 Datengrundlage und Output-Stoffstrommodell

Abbildung 28 Szenariotrichter

Abbildung 29 Hauptschritte des Szenarioprozesses

Abbildung 30 Schema der Cross-Impact-Matrix

Abbildung 31 Schema des Systemgrids

Abbildung 32 Deskriptorrangfolge

Abbildung 33 Vorgehensschema zur Erstellung des Modellstandorts

Abbildung 34 Ergebnisse Modellrechnung weltweit

Abbildung 35 Ergebnisse Modellrechnung Europa

Abbildung 36 Ergebnisse Modellrechnung Deutschland

Abbildung 37 Ergebnisse Modellrechnung Standort

Abbildung 38 Anwendung von vanadiumhaltigem Stahl

Abbildung 39 Industrielle Vanadiumverarbeitungsoptionen

Abbildung 40 Bewertete CIM

Abbildung 41 Ergebnis System-Grid der CIM

Abbildung 42 Stoffstrommodell 2019

Abbildung 43 Stoffstrommodell Trendszenario 2025

Abbildung 44 Stoffstrommodell Extremszenario A 2025

Abbildung 45 Stoffstrommodell Extremszenario B 2025

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Vanadiumminerale

Tabelle 2: Geogene Vanadiumprimärrohstoffe

Tabelle 3: Vanadiumproduktion 2019 nach Ländern

Tabelle 4: Vanadiumproduktion und Verbrauch 2019

Tabelle 5: Anthropogene Vanadiumsekundärrohstoffe

Tabelle 6: Verschiedene RFB-Typen und Eigenschaften

Tabelle 7: Vergleich elektrochemischer Speichertechnologien

Tabelle 8: Auswertung Speicherkapazität in VRFB

Tabelle 9: Produktionskapazität Titandioxidindustrie 2019

Tabelle 10: Nebenprodukte des Sulfatverfahrens

Tabelle 11: Typisierung von MFA

Tabelle 12: SFA mit Vanadiumbezug

Tabelle 13: Schema der Deskriptoren und zugehöriger Entwicklungsvarianten

Tabelle 14: Skala zur Bewertung der Entwicklungsvarianten

Tabelle 15: Felder des System-Grids

Tabelle 16: Datenbasis Standortebene

Tabelle 17: Ergebnis Modellrechnung weltweit

Tabelle 18: Ergebnis Modellrechnung Europa

Tabelle 19: Ergebnis Modellrechnung Deutschland

Tabelle 20: Ergebnis Modellrechnung Standort

Tabelle 21: Cracking-Verfahren in der Erdölindustrie

Tabelle 22: Übersicht zu Vanadiumkatalysatoren

Tabelle 23: Deskriptoren und deren Entwicklungsvarianten

Tabelle 24: Bewertung des System-Grids

Tabelle 25: Ergebnisszenarien

Tabelle 26: Hintergrund Annahmen Trendszenario 2025

Tabelle 27: Beitrag der Vanadiumgewinnung aus Filtersalz

Tabelle 28: Einordnung der Stoffstrommodelle zur Rohstoffversorgung von VRFB

Abkürzungsverzeichnis


[A]
AHSS Advanced High Strength Steel
[B]
BRAL Blank roasting-acid leaching
[C]
CE Circular Economy
CIB Cross-Impact-Bilanzanalyse
CIM Cross-Impact-Matrix
CNT Carbon Nanotube
[D]
DFE Design for Environment
[E]
EAF Electric arc furnace
EDLC Electrochemical Double Layer Capacitors
EoL End-of-Life
EOS Elektroofenschlacke
[F]
FCC Fluid Catalytic Cracking
[H]
HDM Hydrodemetallisation
HDN Hydrodenitrifikation
HDS Hydrodesulfurierung
HPPI High-Purity-Pig-Iron
HSLA High-Strength-Low-Alloy
HSRWL High salt roasting-water leaching
[L]
LCA Life Cycle Assessment
LD Linz-Donawitz
LFP Lithium-Eisen-Phosphat
LIB Lithium-Ionen-Batterien
LMO Lithium-Mangan-Oxid
LSRCO Low salt roasting-cyclic oxidation
LVP Lithium-Vanadium-Phosphat
[M]
MFA Materialflussanalyse
[N]
NCM Nickel-Mangan-Cobalt-Oxid
[P]
PEST Political-Economical-Sociological-Technological Change Analyse
[R]
RFB Redox-Flow-Batteriespeicher
[S]
SCR Selective Catalytic Reduction
SFA Stoffflussanalyse
STAN Software „subSTance flow Analysis“
SRWL Sodium Roasting Water-leaching
SWOT Strengths-Weaknesses-Opportunities-Threats Analyse
[T]
TRL Technology Readiness Level
[U]
UGS Upgraded Slag
[V]
V Vanadium
VAR Vacuum Arc Remelting
VC Vanadiumcarbid
VCN Vanadiumcarbonitrid
VN Vanadiumnitrid
VTM Vanadiumhaltige Titanomagnetiterze
VRFB Vanadium-Redox-Flow-Batteriespeicher

1 Einleitung

Der Erfolg technologiebasierter Innovationen basiert nicht nur auf der experimentellen Entwicklung und deren technologischer Machbarkeit. Um technologische Innovationsprozesse in die industrielle Praxis umzusetzen, müssen unterschiedliche Voraussetzungen erfüllt sein. Diese Voraussetzungen sind vielseitig, interdisziplinär und volatil und sind die Summe unterschiedlicher Variablen, die Einfluss auf bestehende Systeme, Märkte und Stoffströme haben können. Technologische Innovationen für nachhaltiges Wirtschaften benötigen zur Umsetzung eine systematische Untersuchung des industriellen Metabolismus (Ayres 1989a) (vgl. Kapitel 2.5) und der Betrachtung komplexer Stoffströme. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund von zirkulären Rohstoff- und Produktsystemen. Ressourcenknappheit (Retief et al. 2016) und die Elektrifizierung der Energieversorgung in Verbindung mit dem Ausbau erneuerbarer Energieträger (IEA 2018) sind globale Megatrends, die auch Auswirkungen auf die deutsche Industrie haben (Grömling und Haß 2009). Die vorliegende Dissertationsschrift befasst sich im Rahmen einer Stoffstromanalyse mit der Verknüpfung von Energie- und Rohstoffwende am Beispiel einer technologischen Innovation im Batteriespeichersegment.

Industrie und Gesellschaft werden mittel- bis langfristig durch die zunehmende Dezentralisierung des Energiesystems, strombasierte Produktion und Mobilität vermehrt auf orts- und zeitunabhängige Energieversorgung angewiesen sein. Energiespeichertechnologien entkoppeln den Zeitpunkt des Verbrauchs von dem Zeitpunkt der Energieerzeugung und sorgen so für die benötigte Flexibilität zwischen der Energiebereitstellung und der Energienachfrage (Sterner und Stadler 2017), (Wietschel und Ullrich 2015). Doch insbesondere chemische Energiespeichertechnologien in Form von Batteriespeichern sind rohstoffintensiv, bieten Funktionalitäten auf Basis spezifischer chemischer Elemente und sind auf definierte metallische Rohstoffe angewiesen, die verfahrensbedingt oft nicht substituierbar sind. Somit hängt deren erfolgreiche Implementierung in die künftige Energieinfrastruktur auch davon ab, ob die für die Technik benötigten Rohstoffe sicher, kostengünstig und langfristig verfügbar sind (Wesselak et al. 2013). Im Fall der Vanadium-Redox-Flow-Batteriespeicher (VRFB) ist dies das Metall Vanadium. Durch die dortige Verwendung als redoxaktives Material in schwefelsauren wässrigen Elektrolyten zur chemischen Speicherung elektrischer Energie bietet die Technologie das grundsätzliche Potenzial, sich zukünftig als wesentliche Endanwendung des Metalls zu entwickeln. Damit rücken bestehende Vanadiumanwendungen vermehrt in den Fokus und es gilt zu überprüfen, inwieweit Zielkonflikte in der Rohstoffnutzung vorliegen und zu vermeiden sind.

Vanadium ist ein häufiges Element der kontinentalen Erdkruste, doch primäre geochemische Anomalien in Form von Vanadiumanreicherung zu bauwürdigen Lagerstätten sind selten. Vanadium wird daher hauptsächlich als Neben- oder Koppelprodukt gewonnen. Hauptrohstoff sind vanadiumhaltige Titanomagnetiterze (VTM). Je nach Lagerstättentyp und geochemischen Voraussetzungen kann die Gewinnung von Vanadium direkt aus den aufbereiteten Konzentraten durchgeführt werden. Häufiger ist jedoch die Gewinnung als Co-Produkt der Roheisenerzeugung. Dabei wird aus den VTM eine vanadiumhaltige Schlacke erzeugt, die im Anschluss als Ausgangsmaterial für die Vanadiumgewinnung dient. Weiterhin tragen vanadiumhaltige Aschen, die bei der Verbrennung von vanadiumhaltigen Kohlenwasserstoffen anfallen, sowie die Aufbereitung ausgedienter Katalysatoren der Erdölraffination und Chemieindustrie in geringem Umfang zur Deckung des Bedarfs bei. Nicht alle Verfahren liefern jedoch Vanadium in der Qualität, die für Anwendungen in Batteriespeichern notwendig ist. Produktion und Lagerstätten konzentrieren sich zudem auf wenige Länder, die Raffination auf wenige Unternehmen. Der Upstream-Bereich der Wertschöpfungskette ist in der EU nicht vorhanden. Der Rohstoff Vanadium ist bereits als kritischer Rohstoff für die Energiewende identifiziert worden (Moss et al. 2013), jedoch ohne Berücksichtigung der Anwendung in Batteriespeichern. Die Versorgung der Speichertechnologie für zukünftige Ausbauszenarien ist somit nicht zweifelsfrei gesichert, insbesondere auch wegen der möglichen Nutzungskonkurrenz mit den etablierten Hauptanwendungen des Rohstoffs wie der Eisen- und Stahl- sowie Nicht-Eisenindustrie. Als nicht wirtschaftlich substituierbares Legierungselement in unterschiedlichen Stahlanwendungen sowie Titanlegierungen wird Vanadium unter anderem als kritischer Rohstoff im EU Report on Critical Raw Materials and the Circular Economy gelistet (Mathieux et al. 2017). Der ressourceneffiziente Umgang mit vanadiumhaltigen Stoffströmen und deren Analyse gehören daher zum wirtschaftsstrategischen Vorgehen auf dem Weg zur Annäherung des linearen Wirtschaftssystems an eine zirkuläre Wirtschaftsweise – Circular Economy –, um eine effiziente Nutzung des Metalls zu ermöglichen und die Rohstoffbasis für alle Anwendungszwecke zu sichern. Der Erschließung und Bewertung neuer bisher für die Vanadiumgewinnung nicht berücksichtigter Stoffströme und der Analyse der Auswirkungen auf das bestehende Rohstoffsystem kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. In der vorliegenden Arbeit werden diese an einem konkreten Anwendungsfall einer technologischen Innovation zur Elektrolytgewinnung aus der Weißpigmentindustrie untersucht.

1.1 Ziel

Filtersalz als Nebenprodukt des Sulfatverfahrens zur Titandioxidproduktion soll als potenzieller Stoffstrom zur Verbreiterung der Rohstoffbasis von Vanadium im Allgemeinen und zur Produktion von Vanadiumelektrolyt im Besonderen dienen. Ein Gewinnungsverfahren des Vanadiums aus dem Nebenprodukt konnte im Labormaßstab erarbeitet werden. Inwieweit sich diese technologische Innovation sowie veränderte Nachfragesituationen bestehender Anwendungsgebiete für Vanadium auf das industrielle System des Elements auswirken, wird in der vorliegenden Arbeit untersucht.

Ziele sind demnach die Erstellung eines globalen Modells industrieller Vanadiumstoffströme, die Erstellung einer Szenarioanalyse zur Abbildung von Entwicklungspfaden sowie die Ableitung von quantitativen Potenzialen der Elektrolytgewinnung aus der Titandioxidindustrie. Insbesondere wird die Beantwortung der Fragestellung untersucht, welchen Einfluss die technologische Innovation zur Verbreiterung der Rohstoffbasis für Vanadium-Redox-Flow-Energiespeicher und welchen Beitrag zur Rohstoffsicherung der Batteriespeichertechnik sie haben kann. Voraussetzung für die Analyse ist die interdisziplinäre Verknüpfung von Daten zu Gewinnungsverfahren, Anwendungen und Märkten von Vanadium. Vor dem Hintergrund des Ausbaus von Energiespeichertechnologien und des spezifischen Rohstoffbedarfs von Vanadium in Vanadium-Redox-Flow-Batteriespeichern wird daher in der vorliegenden Dissertationsschrift mittels Stoffstromanalyse ein globales Stoffstrommodell für das Element Vanadium entwickelt, mit dem dessen Wege durch industrielle Systeme qualitativ und quantitativ analysiert werden. Die Stoffstromanalyse wird dabei in Kombination mit einer Szenarioanalyse durchgeführt. Die Szenarioanalyse soll dabei helfen, Empfehlungen für das zukünftige Stoffstrommanagement auf Basis von konsistenten Entwicklungspfaden abzuleiten.

Die im Rahmen der Dissertation durchgeführte rohstoffwirtschaftliche Analyse von Vanadium betrachtet die geogenen und anthropogenen Rohstoffe, aus denen es gewonnen wird, die Nutzung des Elements in relevanten Industrien und die Bindung in maßgeblichen Produkten und Reststoffen. Dafür werden sowohl Informationen zu verschiedenen Gewinnungs- und Aufbereitungsverfahren sowie der industriellen Nutzung von vanadiumhaltigen Materialien einbezogen. In der Szenarioanalyse werden Deskriptoren und deren Wirkungsbeziehungen aufgestellt, um eine Aussage treffen zu können, wie die technologische Innovation der Elektrolytgewinnung aus dem Sulfatverfahren und der bestehende Vanadiumstoffstrom in Wechselwirkung stehen. Durch Abbildung der konsistenten Szenariopfade im Stoffstrommodell und unter Einbeziehung des Potenzials aus der Titandioxidindustrie können letztlich die Auswirkungen der technologischen Innovation auf das bestehende industrielle Stoffstromsystem von Vanadium quantitativ bestimmt werden. Die durchgeführte Analyse anhand des Beispiels Vanadium wird zudem auf spezifische Vor- und Nachteile sowie im Hinblick auf generelle Übertragbarkeit bewertet.

Ausgehend von einer übergeordneten Denkweise einer möglichst effizienten Nutzung von Ressourcen wird das aufgestellte Modell mit Hilfe der Ergebnisse aus der Szenarioanalyse bewertet. Mit der Verknüpfung der Stoffstrom- und der Szenarioanalyse wird analysiert, wie sich der globale Vanadiumstoffstrom bei steigender Nachfrage durch Energiespeichertechnologien verändert und welchen qualitativen und quantitativen Einfluss ein innovatives technologisches Verfahren zur Vanadiumgewinnung auf den industriellen Metabolismus ausübt.

1.2 Vorgehen

Methodisch basiert die Arbeit auf der Durchführung einer literaturbasierten Stoffstromanalyse und dem daraus abgeleiteten qualitativen und quantitativen Stoffstrommodell in Verbindung mit einer Szenarioanalyse. Dafür werden Daten verschiedener Gewinnungs- und Aufbereitungsverfahren der industriellen Nutzung von vanadiumhaltigen Materialien ausgewertet und mit Hilfe der Modellierungssoftware STAN (subSTance flow ANalysis)1 (vgl. Kapitel 3.2) abgebildet. In der Szenarioanalyse werden dazu Faktoren identifiziert und Deskriptoren aufgestellt, welche die zukünftige Entwicklung der Nutzung von Vanadium in den verschiedenen Wertschöpfungsketten beeinflussen können. Weiterhin wird ein Modell des theoretischen Potenzials des Sulfatverfahrens zur Gewinnung von Vanadium als Nebenprodukt aufgestellt. Das Vorgehen besitzt generischen Charakter und ist prinzipiell auf jedes Element des Periodensystems übertragbar, um den Einfluss technologischer Innovationen auf Stoffströme abzuleiten.

In Kapitel 2 wird ein Überblick über den betrachteten Stoff Vanadium sowie über die Vanadium-Redox-Flow-Batteriespeicher gegeben. Weiterhin werden die Grundlagen zum Thema des Stoffstrommanagements und der verfahrenstechnische sowie rohstoffliche Hintergrund des Sulfatverfahrens als potenzieller neuer Stoffstrom zur Vanadiumgewinnung dargestellt. Kapitel 3 definiert den methodischen Rahmen. Der zu betrachtende Stoff Vanadium wird in Kapitel 4.2 auf die notwendigen Daten und Informationen für das Stoffstrommodell analysiert und eine Wissensbasis erstellt. Auf Grundlage von Kapitel 2 und den erarbeiteten Informationen aus Kapitel 4.2 werden diese in Kapitel 4.3 abstrahiert und in das qualitative Stoffstrommodell überführt. Zudem werden in Kapitel 4.4 Szenarien entwickelt, die in Kapitel 4.5 im Stoffstrommodell abgebildet werden. Die Auswirkungen der identifizierten Szenarien auf das Stoffstrommodell von Vanadium werden im Anschluss in Kapitel 5 diskutiert. Kapitel 6 bietet eine Zusammenfassung der durchgeführten Arbeitsschritte sowie Einschätzungen zum Übertragbarkeitspotenzial und gibt einen Ausblick auf den weiteren Forschungsbedarf.

2 Grundlagen

Die nachhaltige Energieversorgung basiert neben dem Einsatz erneuerbarer Energieträger und einer resilienten Energieinfrastruktur auch auf einer gesicherten Verfügbarkeit der Rohstoffe, die für Stromspeicher- und Stromerzeugungstechnologien notwendig sind. Rohstoffe sind unerlässlich, um den Ausbau der Netzinfrastruktur mit Speicher- und Erzeugungstechnologien sowie strombasierter Produktionsverfahren und die damit verbundenen Klimaziele nicht zu gefährden. Gleichzeitig ist die gesicherte, kostengünstige Energieversorgung maßgeblicher Faktor der zukünftigen Rohstoffgewinnung. Unter Berücksichtigung der geologischen Gegebenheiten hängt stellvertretend für viele Rohstoffe die Umsetzung neuer Kupferbergbauprojekte nach (Koppelaar und Koppelaar 2016) in absehbarer Zeit stark von der Art der regionalen Energiequelle und ihren Kosten sowie einer wirtschaftlichen Stromspeicherlösung für den industriellen Dauerbetrieb ab. Dass die Energiewende und Rohstoffwende miteinander verbunden sind, zeigt allein der Fakt, dass zwischen 8 % und 10 % des weltweiten Gesamtenergieverbrauchs auf die Gewinnung von Rohstoffen zurückgeführt werden. Dabei sind metallurgische Prozesse, dazugehörige Logistik und andere bergbaubezogene Aktivitäten nicht mit eingerechnet (Calvo et al. 2016).

Aufgrund der Dezentralisierung der Energieversorgung, dem Ausbau erneuerbarer Energien im Stromnetz, dem Rückbau fossiler Elektrizitätsversorgung sowie der beginnenden Elektrifizierung des Transports und dem Ausbau einer strombasierten Industrie, werden zukünftig in verstärktem Maße Energiespeichertechnologien eingesetzt werden. Hierdurch steigt der Bedarf an technologiespezifischen Rohstoffen, insbesondere an Metallen, für die Herstellung und den Betrieb von Energiespeichern. Dies wird sich auf die Nachfrage von technologiespezifischen Metallen auswirken. Die sichere Verfügbarkeit, die Preisstabilität und der Zugang zu weltweiten Rohstoffvorkommen wird an Bedeutung gewinnen. Die Versorgungssicherheit mit spezifischen Rohstoffen und das Management von Produkten und Stoffströmen aus dem Bereich der Zukunftstechnologien, insbesondere in den erneuerbaren Energien und der Energieversorgung, rücken folglich vermehrt in den Fokus von Industrie, Politik und Forschung. Vor diesem Hintergrund müssen aktuelle sowie zukünftige geogene und anthropogene Stoffströme, mögliche Substitute sowie Konflikt- und Recyclingpotenziale identifiziert, dokumentiert und analysiert werden, um möglichen Verfügbarkeitsrisiken, Engpässen und Konkurrenzsituationen mit anderen Technologien entgegenwirken zu können. Wie sich die Rohstoffsituation als auch das Energieversorgungssystem in Zukunft entwickeln wird, ist aufgrund vielfältiger Einflussfaktoren schwierig vorauszusagen. Geopolitik, Handelshemmnisse und die teils hohe Konzentration der Weltrohstoffproduktion auf wenige global agierende Bergbauunternehmen sowie zum Teil politisch instabile Förderländer sind vor dem Hintergrund der gesicherten Rohstoffversorgung eine große Herausforderung (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) 2018). Neue Technologien bedingen zudem Nachfrageschübe nach spezifischen Materialien, die meist auch mit einem Nachfragerückgang zuvor genutzter Materialien einhergehen. Das Angebot an Basismetallen ist dabei im Allgemeinen elastisch und dürfte auf die Nachfrage reagieren. Die mit den Basismetallen produzierten Begleitmetalle haben daher eine begrenzte Angebotselastizität. Wenn der technologische oder gesellschaftliche Wandel zu einem Nachfragerückgang nach einem Basismetall führt, kann dies zu erheblichen Angebotsengpässen der geochemisch vergesellschafteten Begleitmetalle führen (Sprecher et al. 2017). Die potenziellen Auswirkungen technologischer Innovationen auf bestehende und zukünftige Stoffströme, sowohl biotischer als auch abiotischer Art, müssen daher strukturiert und methodisch erfasst sowie qualitativ und quantitativ bewertet werden.

2.1 Herausforderungen der Rohstoffversorgung

Metallische Rohstoffe sind neben den Energierohstoffen die Basis der wirtschaftlichen Entwicklung und bilden den Beginn der Wertschöpfungskette für viele wichtige Güter der heutigen Industriegesellschaft. Der Rohstoffbedarf wächst bedingt durch die globale demografische Entwicklung und den immer vielfältigeren Einsatzgebieten vieler Metalle stetig. Einfach erschließbare Lagerstätten werden seltener und die Metallgehalte in den abgebauten Erzen sinken, wohingegen der Energieverbrauch und der gesamte Materialumsatz sowie die Produktion ansteigen (Calvo et al. 2016). Aufgrund der historischen Datenlage wurden die Trends für Kupfer (Mudd et al. 2013) und Nickel (Mudd und Jowitt 2014) beschrieben, jedoch wurde dies unmittelbar mit Innovationen in der Förder- und Aufbereitungstechnologie verbunden, die somit Mengen an bisher ökonomisch nicht relevantem Nebengestein in bauwürdiges, wenn auch metallarmes Erz verwandelten. So wurde der Abbau von Armerzen bis vor kurzer Zeit noch nicht mit der geologischen Endlichkeit des Rohstoffs und der mineralogischen Barriere2 in Verbindung gebracht, sondern vielmehr als Ausdruck der Verbesserung der Fördertechnologien als der Erschöpfung hochwertiger Lagerstätten verstanden (West 2011). Bisher wurde es als wahrscheinlicher angesehen, dass eine Reihe komplexer sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Faktoren die zukünftige Rohstoffwirtschaft und Verfügbarkeit bestimmen werden und ob einzelne Projekte entwickelt oder nicht entwickelt werden. Auf Grundlage aktueller Daten beschreiben (Calvo et al. 2016) jedoch, dass der Rückgang der Erzgehalte im Falle von Kupfer kein theoretisches Thema mehr ist, sondern als globale Realität bei den in Betrieb befindlichen Bergwerken angenommen werden muss, verursacht durch den steigenden Bedarf an Rohstoffen.

Der Primärbergbau wird auch in Zukunft einer der wichtigsten Wege sein, die globale Nachfrage nach Rohstoffen zu bedienen und die dafür notwendige Energie wird mittelfristig global gesehen nach wie vor von fossilen Energieträgern bereitgestellt werden. Aufwand, Umweltbelastung und gleichzeitig die Kosten der Gewinnung steigen perspektivisch. Sinkende Erzkonzentrationen sind mit hohen ökologischen, sozialen und ökonomischen Risiken und Belastungen verbunden, da immer mehr Abraum und nicht werthaltiges Nebengestein unter hohem Energie- und Wassereinsatz bewegt und prozessiert werden muss (Calvo et al. 2016), (Koppelaar und Koppelaar 2016). Böden und Landflächen werden durch den Abbau von Armerzen stark beansprucht und oft wird tiefgreifend in bestehende Ökosysteme eingegriffen. Die Möglichkeiten, um der immer aufwändigeren Extraktion von abiotischen Rohstoffen zu begegnen, ist die Nutzung von Armerzlagerstätten unter strengeren Umweltauflagen und steigenden Energie- und Umweltkosten. Dem Stoffstrommanagement, der Nutzung von Sekundärrohstoffen und den Alternativen zu bestehenden Stoffströmen wird eine immer höhere Bedeutung beigemessen, um die Umweltprobleme der Vorkette zu umgehen und Ressourcen effizient zu nutzen (Calvo et al. 2016).

Die Rohstoffbasis von Hochtechnologieanwendungen und die damit verbundenen rohstoffwirtschaftlichen, technologischen und geologischen Gegebenheiten müssen daher auf Risiken und Zielkonflikte analysiert werden. Darüber hinaus stellen (Løvik et al. 2018) heraus, dass sich die aktuelle Forschung zur Sicherung der Rohstoffversorgung hauptsächlich auf spezifische technologische Entwicklungen fokussiert, wohingegen systemweite Verbesserungen und produktbezogenes Recycling eher vernachlässigt werden. Diese These unterstützen (Nguyen et al. 2018) indem herausgestellt wird, dass die Gewinnung von Prozesswissen und die rohstoffliche Betrachtung aus einem weiteren Blickwinkel notwendig ist, um die Komplexität der aktuellen Stoffströme adäquater abzubilden. Zu diesem Prozesswissen gehört auch die systematische Analyse der Rohstoffe auf geopolitische, technologische und wirtschaftsgeologische Gegebenheiten.

Viele Rohstoffe unterliegen hinsichtlich Lagerstätten und Verarbeitung einer Länderkonzentration sowie geopolitischen Risiken und gelten als kritisch oder auch als strategisch, wenn sie für definierte Anwendungen in einer Volkswirtschaft essenziell sind. Diese Einordnungen sind jedoch im Zusammenhang mit spezifischen Vorgaben und Systemgrenzen zu verstehen. Um eine möglichst objektive, mess- und vergleichbare Bewertung von Rohstoffen durchführen zu können, wurde das Maß der Kritikalität durch Wissenschaft und Politik eingeführt. Basis aller aktuellen Kritikalitätsbewertungen liegen im Verteidigungssektor. Die konzeptionellen Grundlagen dafür wurden vor dem Ersten Weltkrieg durch die USA gelegt und durch den Strategic and Critical Materials Stockpiling Act im Jahr 1939 gesetzlich festgeschrieben. In den 1980er Jahren wurde der Rahmen der Rohstoffbewertung aus rein militärischen Gesichtspunkten und Verteidigungsanwendungen ausgeweitet. Der Fokus richtet sich seitdem vermehrt auf Hochtechnologieanwendungen, erneuerbare Energien sowie Informations- und Kommunikationstechnologien (Hayes und McCullough 2018).

Die Kritikalität eines Stoffs ist mindestens zweidimensional und berücksichtigt immer das Maß für das Risiko, welches aus einem gewählten Indikator hervorgeht, sowie für die Betroffenheit des Betrachters innerhalb der gesetzten Systemgrenze. Damit ist implizit, dass das Maß der Kritikalität eines Rohstoffs immer relativ ist und somit nie der Rohstoff als kritisch bezeichnet werden muss, sondern seine Funktion. Aktuelle Kritikalitätsbewertungen sind mehrdimensional und berücksichtigen meist rohstoff- und wirtschaftspolitische aber auch geographische und technologische Indikatoren, deren gemeinsame Auswertung eine Gesamtbeurteilung hinsichtlich Risiko und Betroffenheit erlauben. Systemgrenzen und Betrachtungsebenen können sowohl international, national, regional und lokal, als auch industrieoder unternehmensspezifisch ausgelegt sein. Die möglichen Indikatoren wurden in den vergangenen Jahren 20 Jahren stetig erweitert. Ein vermehrter Anstieg wissenschaftlicher Publikationen ist seit Anfang der 2000er Jahre zu beobachten (vgl. (Hofmann et al. 2018)). In (Erdmann und Graedel 2011), (Achzet und Helbig 2013) und (Jin et al. 2016) sind alle aktuellen Ansätze der Kritikalitätsbewertung zusammengefasst. Etablierte Parameter sind z. B. die geologische Verfügbarkeit sowie Parameter, die rohstoffwirtschaftliche Gegebenheiten hinsichtlich Hauptexporteuren und Importeuren charakterisieren. Die Importproblematik und die daraus resultierenden Risiken werden beispielsweise mit Hilfe des Herfindahl-Hirschmann-Indexes (HHI) für die Länderkonzentration und des Aggregate-Governance-Indexes der Weltbank für die politischen Verhältnisse (Länderrisiko) dargestellt. Unter der Länderkonzentration versteht man die Verteilung der globalen Rohstoffproduktion auf die jeweiligen Rohstoffförderländer. Ist dieser Wert für einen Rohstoff hoch, bedeutet das eine starke Abhängigkeit der Weltwirtschaft von einem Förderland und damit den dortigen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen. Das Länderrisiko setzt sich aus sechs Indikatoren zusammen. Die Indikatoren werden unter dem Begriff der Worldwide Governance Indicators (WGI) zusammengefasst, jährlich von der World Bank für 215 Staaten erhoben (Kaufmann et al. 2010) und sind frei verfügbar. Die durch den HHI ermittelte Länderkonzentration der Rohstoffproduktion wird gegen das Länderrisiko-Rating aufgetragen, um potenzielle Risiken in der Versorgungssicherheit zu beschreiben.

Wann ein nicht-energetischer, metallischer Rohstoff somit als kritisch bezeichnet wird, muss vor dem Hintergrund des Fehlens einer einheitlichen, systematischen Definition und der unterschiedlichen Verwendung in der Literatur (vgl. (Hofmann et al. 2018)) erläutert werden. Synonym zu dem Terminus kritischer Rohstoff, werden in der wissenschaftlichen Literatur sowie in der Medien- und Finanzwelt auch die Begriffe wirtschaftsstrategische Rohstoffe/Metalle, seltene Metalle oder Hightech-Rohstoffe sowie Hochtechnologie-Metalle verwendet. Die Unterschiede in der Benennung sind auf die jeweilige Betrachtungsperspektive zurückzuführen. Bereits (Clark und Reddy 1986) weisen in ihrer Analyse von Chrom, Mangan und Cobalt für die US-Wirtschaft darauf hin. Unter dem Begriff der Hightech-Rohstoffe oder Hochtechnologie-Metalle sind Rohstoffe zusammengefasst, die in moderner Informations- und Kommunikationselektronik, Elektrofahrzeugen oder Techniken zur Erzeugung erneuerbarer Energie zum Einsatz kommen. Die Verwendung dieses Sammelbegriffs entspricht dem Gedanken, Rohstoffe nach ihrem primären und spezifischen Einsatzzweck zu definieren und zu gruppieren. Eine ähnliche Einordnung kann bei den Begriffen der Stahlveredler oder der Energierohstoffe zugrunde gelegt werden. Damit ist jedoch noch keine Bewertung der physischen Verfügbarkeit verbunden.

Der Definition als Sammelbegriff stehen die Begriffe kritischer Rohstoff, wirtschaftsstrategischer Rohstoff oder seltener sowie knapper Rohstoff gegenüber. Ihnen geht eine Verhältnisbildung zwischen Indikatoren voraus, die je nach Fragestellung und Systemgrenze unterschiedlich ausfallen. Eine Einschränkung auf den Verwendungszweck findet dabei nicht statt. Der Begriff der seltenen oder knappen Rohstoffe ist häufig mit der reinen geologischen Verfügbarkeit bzw. der Marktverfügbarkeit assoziiert. Die Begrifflichkeiten wirtschaftsstrategisch oder kritisch basieren hingegen auf der Berücksichtigung eines umfassenden Kritikalitätsansatzes. Dabei kann der Terminus wirtschaftsstrategischer Rohstoff synonym zu dem Begriff des kritischen Rohstoffes verwendet werden. In Anlehnung an die 2011 durch die Europäische Kommission erstmals veröffentlichten im mindestens dreijährlichen Turnus seitdem 2014 sowie 2017 (vgl. (Mathieux et al. 2017)) verpflichtend fortgeschriebenen Studien zu Critical Raw Materials for the EU werden die Rohstoffe als kritisch definiert, deren geologische Verfügbarkeit und Versorgungssicherheit bei einer gleichzeitig hohen industriellen Relevanz stärker gefährdet ist als bei anderen Rohstoffen. Die wirtschaftliche Bedeutung, Versorgungsrisiken wie die Konzentration der Produktion, politische und wirtschaftliche Stabilität, Substituierbarkeit, Recyclingmöglichkeiten und Umweltrisiken sind als Kriterien der Kritikalität heranzuziehen (Mathieux et al. 2017). Die Methodik impliziert, dass sich einzelne Indikatoren mit der Zeit und dem Betrachtungsraum verändern. Die rohstoffnutzenden Systeme sind Innovationsprozessen ausgesetzt und Elemente, Lagerstätten und Produktionsstandorte können ebenso schnell an Relevanz gewinnen wie verlieren. Daher gilt die Kritikalität eines Rohstoffs immer nur unter bestimmten Rahmenbedingungen, ist somit insbesondere durch seine Funktion bestimmt und stellt eine Momentaufnahme dar. Die Kritikalität von Rohstoffen ist ein entsprechend dynamischer Parameter, dessen Erhebungsmethodik, Indikatoren und Gewichtung der einzelnen Indikatoren nach wie vor Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Diskussionen sind (vgl. (Schneider et al. 2014), (Jin et al. 2016), (Frenzel et al. 2017), (Blengini et al. 2017), (Nguyen et al. 2018), (Bach et al. 2017), (Ferro und Bonollo 2019), (Dewulf et al. 2016)) und stetiger Weiterentwicklung unterliegen. Auf eine eigene Kritikalitätsanalyse von Vanadium wird im Rahmen dieser Arbeit aufgrund der Aktualität durchgeführter Kritikalitätsbewertungen in der wissenschaftlichen Literatur verzichtet.

2.2 Vanadium

Vanadium (V) wird im Periodensystem der Elemente (PSE) mit der Ordnungszahl 23 geführt. Gemeinsam mit den Elementen Niob (Nb, 41), Tantal (Ta, 73) und Dubnium (Db, 105) vervollständigt es die 5. Gruppe (3. Nebengruppe) des PSE und ist darüber hinaus namensgebend für diese Gruppe (vgl. (Felixberger 2017)). Gediegenes Vanadium ist ein weiches, duktiles und stahlgraues Metall mit einer Dichte von 6,11 g/cm3 (vgl. (Nordberg 2007)) und kann demnach auch der nicht standardisierten Gruppe der Schwermetalle (vgl. (Duffus 2002)) zugeordnet werden. Vanadium gehört mit einer durchschnittlichen Konzentration von rund 93 mg/ kg zu den häufigeren Elementen der Erdkruste und kommt häufiger vor als Kupfer, Zink oder Chlor (vgl. (Allègre et al. 2001), (McDonough und Sun 1995)). Unterhalb einer Sprungtemperatur von 5,13 K (-268,02 °C) wird Vanadium zum Supraleiter und weist auch in Legierungen mit anderen Elementen, wie z. B. Gallium, Niob und Zirkonium, supraleitende Eigenschaften auf (Sicius 2016). Das Element zeichnet sich weiterhin durch die Affinität zur Komplexbildung, gute Eigenschaften als Katalysator sowie durch die Fähigkeit, verschiedene Oxidationsstufen einzunehmen aus (MacNaught und Wilkinson 1997). Die acht elektrochemischen Wertigkeiten, die das Element in seinen Verbindungen dabei erreichen kann, liegen zwischen V5+ und V3-, wobei die Stufen V3+, V4+ und V5+ am stabilsten und V4+ und V5+ am häufigsten sind (vgl. (Mortimer et al. 2015), (Sicius 2016), (Nordberg 2007), (Watt et al. 2018)). Diese Eigenschaft ist insbesondere für die Nutzung des Elements im Bereich der in Kapitel 2.3.1 näher erläuterten VRFB relevant. Für weitere spezifische physikalische, chemische und toxikologische Eigenschaften des Elements wird auf die Standardliteratur verwiesen (vgl. (Bauer et al. 2012), (Mortimer et al. 2015), (Sicius 2016), (Nordberg 2007)). Zu Hintergründen des komplexen Verhaltens von Vanadiumverbindungen in biotischen Systemen und biogeochemischen Milieus wird auf (Crans et al. 2004) verwiesen.

Das Metall kommt aufgrund seiner hohen Reaktivität in der Natur nicht gediegen, sondern nur in chemisch gebundener Form vor. Es sind insgesamt ca. 65 vanadiumführende Minerale bekannt, die jedoch relativ selten vorkommen. Zu den wichtigsten Vanadiummineralien zählen Coulsonit in Magnetit, Montroseit, Tujamunit, Vanadinit und Carnotit (vgl. (Sicius 2016), (Pohl und Petrascheck 2005), (Neukirchen und Ries 2014)). Eine Übersicht zu den wichtigsten vanadiumhaltigen Erzmineralen ist in Tabelle 1 aufgeführt.

Tabelle 1: Vanadiumminerale, nach (Pohl und Petrascheck 2005), (Neukirchen und Ries 2014)


Mineral Formel V-Gehalt in Gew.-%
Coulsonit in Magnetit FeV2O4 in Fe3O4 Bis 2,8
Montroseit (V,Fe)OOH 42
Tujamunit Ca[(UO2)2|V2O8]·5–8H2O 20
Carnotit K2[(UO2)2|V2O8]·3H2O 20
Heute keine wirtschaftliche Verwendung mehr
Vanadinit Pb5[Cl|(VO4)3] 19
Patronit VS4 28

Vanadium wird durch eine Vielzahl von Quellen in die Hydrosphäre, Atmosphäre und Biosphäre emittiert und findet sich auch in lebenden Organismen. Im Meerwasser ist das Element beispielsweise überwiegend als Vanadat (H2VO4-) vorzufinden und kommt dort sogar zweimal häufiger vor als Eisen. Das Metall ist zudem für viele Lebewesen als Sauerstoffträger und Spurenelement essenziell. In der Trockenmasse von Seegurken Holothuroidea werden bis zu 1,15 Gew.-% Vanadium nachgewiesen. Der geochemische Charakter von Vanadium kann als sidero- als auch biophil angesehen werden (Pohl und Petrascheck 2005).

Geogene Quellen für die Emissionen von Vanadium in die Biosphäre sind vor allem die Verwitterung von Böden, marine Aerosole und vulkanische Aktivität. Ein idealisiertes Schaubild stellt die geogenen Vanadiumreservoire auf der Erde dar.

Abbildung 1 Geogene Vanadiumreservoire, eigene Darstellung, Daten nach (Huang et al. 2015a) und (Hope 2008)

Anthropogen begründete Vanadiumemissionen (Input) bezeichnet sind Prozessen der Petrochemie, Energiegewinnung sowie dem Bergbau zuzuordnen. Konkret sind dies insbesondere Stäube, Aerosole und Aschen der Verbrennung fossiler Energieträger Erdöl und Steinkohle sowie Abbau und Verhüttung von Erzen (vgl. (Schlesinger et al. 2017), (Alloway et al. 1996)). So sind insbesondere Raffinerien sowie Feuerungsanlagen fossiler Energierohstoffe wie Kohle und Öl als Hauptquelle für anthropogene Vanadium-Emissionen zu nennen (vgl. (Adriano 2001), (Nriagu und Pacyna 1988)). Ein idealisiertes Schaubild stellt die verschiedenen Vanadiumflüsse in der sowie in die Anthroposphäre dar.

Abbildung 2 Anthropogene Vanadiumflüsse, eigene Darstellung, Daten nach (Schlesinger et al. 2017)

Nach (Viers et al. 2009) hat Vanadium nach Antimon, Cadmium und Nickel den höchsten anthropogen induzierten Anreicherungsfaktor in globalen Fließgewässern und stellt nach der Analyse von (Schlesinger et al. 2017) das insgesamt dominanteste anthropogene Signal in den Umweltkompartimenten dar. (Watt et al. 2018) begründen dies mit einer Vielzahl diffuser Freisetzungen von Vanadium aus dem globalen V-Zyklus als Folge der sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen und verstärkten Nutzung vanadiumhaltiger Stoffströme.

2.2.1 Reserven und Ressourcen

Die bergbauliche Gewinnung von Vanadium aus mineralischen Lagerstätten wird primär lediglich als Koppel- oder Nebenprodukt durchgeführt. Vanadiumhaltige Eisenerze stellen dabei den wichtigsten Primrärrohstoff dar, der vorrangig aus orthomagmatischen Titanomagnetitlagerstätten gewonnen wird. Die unter aktuellen wirtschaftlichen Gegebenheiten hauptsächlich genutzten VTM können den mafischen Gabbroformationen in Südafrika, China, Russland und in Brasilien zugeordnet werden (Buchholz und Foya 2017). Grundsätzlich zählen diese Lagerstätten zu den Eisenerzlagerstätten, Vanadium wird dabei als Koppelprodukt von Eisen gewonnen und wird als Nebenprodukt der Roheisenerzeugung in Form vanadiumhaltiger Schlacke weiterverarbeitet. Den wichtigsten Lagerstättentyp für vanadiumreiche Titanomagnetiterze stellen so genannte Layerd Mafic Intrusions (LMI) dar (vgl. (Cawthorn et al. 2005)), von denen der Bushveld-Komplex in Südafrika die wichtigste und größte Lagerstätte der Welt ist (vgl. (Gruenewaldt et al. 1985), (Eales und Cawthorn 1996)), in dem rund 50 % der globalen Vanadiumreserven vorliegen. (Neukirchen und Ries 2014), (Pohl und Petrascheck 2005)

Ebenso können uranhaltige Sand- bzw. Siltsteine als primäre mineralische Vanadiumrohstoffe bezeichnet werden. Weitere Vorkommen umfassen Elementbeimengungen von Vanadium in eisenreichen Bauxiten, verschiedenen Phosphatgesteinen und Manganerzen. Zu Beginn der industriellen Nutzung des Rohstoffs Anfang der 1900er Jahre wurde Vanadium noch ausschließlich in Peru im Primärbergbau aus organogenem Patronit (VS4) gewonnen, wobei Minasraga in Peru eine Typlokalität des Erzminerals darstellt (vgl. (Hillebrand 1907)) und seit Mitte des 20. Jahrhunderts bereits keine Bedeutung mehr spielt. (Pohl und Petrascheck 2005), (Neukirchen und Ries 2014), (Bauer et al. 2012)

Neben den dargestellten mineralischen Vorkommen ist Vanadium auch in kohlenstoffhaltigen fossilen Rohstoffen enthalten, die in der Energiewirtschaft und der Petrochemie Verwendung finden. Erdöl, Steinkohle, Öl- und Schwarzschiefer sowie Öl- und Teersande enthalten je nach spezifischer Lagerstätte metallorganische Vanadiumkomplexe (Moskalyk und Alfantazi 2003). Diese werden als Störstoff im Rohöldestillationsprozess aufkonzentriert und reichern sich in spezfischen Nebenprodukten sowie prozesstechnisch auf Katalysatoroberflächen an. Eine direkte Gewinnung von Vanadium aus konventionellen und unkonventionellen Erdöllagerstätten existiert in der industriellen Praxis nicht. Wirtschaftliche Relevanz im Hinblick auf eine Gewinnung des Metalls aus Erdöl erlangen erst Rückstände der Destillation (vgl. Kapitel 4.2.7) sowie Rückstände aus der thermischen Verwertung von Rohöl und Raffineriereststoffen, in denen Vanadium akkumuliert wird (vgl. Kapitel 0). Somit kann Vanadium grundsätzlich als Begleitmetall der Erdöldestillation und der Eisenerzgewinnung charakterisiert werden.

Tabelle 2: Geogene Vanadiumprimärrohstoffe


Metallisch-mineralische Rohstoffe Fossile Energierohstoffe
orthomagmatische V-Ti-Fe-Erze (VTM) Erdöl
sandsteingebundene Uranlagerstätten Ölschiefer, Schwarzschiefer
sedimentäre Phosphatlagerstätten Bituminöse Teer-/Ölsande
Bauxit- und Manganerze Steinkohle
Hydrothermale Pb-Zn-Cu-Gänge

Nachfolgend sind die aktuell global bekannten Ressourcen und Reserven und die Anteile der jeweiligen Förderländer in Abbildung 3 dargestellt. Etwa 98 % der aktuellen weltweiten Vanadiumreserven wird den Titanomagnetiten zugeordnet (Zheng et al. 2017). Eine Definition der Anteile der geogenen Primärrohstoffe an den Reserven ist auf Grundlage der von (U.S. Geological Survey 2020) veröffentlichten Daten nicht möglich. Gleiches gilt auch für die Daten aus (Buchholz und Foya 2017) zur weiteren Differenzierung der Ressourcen. Da Vanadium meist als Koppelprodukt abgebaut wird und zudem als Neben- oder Co-Produkt gewonnen wird, sind die nachgewiesenen Ressourcen des Elements kein vollständiger Indikator für die verfügbaren Vorräte (U.S. Geological Survey 2020).

Abbildung 3 Globale Vanadiumressourcen und Vanadiumreserven, eigene Darstellung nach Daten Ressourcen (Buchholz und Foya 2017), Daten Reserven (U.S. Geological Survey 2020)

Die Förderung von Vanadium aus primären geogenen Lagerstätten und die Gewinnung aus Primärrohstoffen betrug 2019 laut (U.S. Geological Survey 2020) 73.470 t/a. Die Statistik umfasst die aus Erz (Primär) sowie Schlacke (Co-Produkt) produzierte Menge an Vanadium. Nachfolgende Tabelle listet die Länder, in denen aktuell Rohstoffe im Hinblick auf eine Gewinnung von Vanadium gefördert werden, absteigend nach ihrer Produktionsmenge auf.

Tabelle 3: Vanadiumproduktion 2019 nach Ländern, Daten nach (U.S. Geological Survey 2020)


Produktionsland Hauptrohstoff Produktionsmenge V [t/a] Anteil [%]
China Schlacke 40 000 54,4
Russland Schlacke 18 000 24,5
Südafrika Schlacke 8 000 10,9
Brasilien Titanomagnetit 7 000 9,5
USA Carnotit 470 0,6
Gesamt 73 470

Die Produktion von Vanadium aus Steinkohle wird in China eingesetzt und kann kurzfristig hoch- und heruntergefahren werden. Meist findet ein Einsatz nur statt, wenn hohe Nachfrage besteht, da die Produktion teuer ist und mit hohen Umweltbelastungen einhergeht. (Wong und Hackney 2019) Der überwiegende Teil des produzierten Vanadiums hat seinen Ursprung in vanadiumhaltigen Titanomagnetiten. Die übrigen Mengen werden der Sekundärproduktion aus Alt-Katalysatoren des Erdölraffinationsprozesses und der Rauchgasreinigung, Verbrennungsrückständen von Kohle, Erdöl sowie Raffinationsreststoffen (vgl. (Kelley et al. 2017)) zugewiesen. Diese Menge wird in (U.S. Geological Survey 2020) nicht explizit ausgewiesen. (Wu et al. 2018) schätzen, dass rund 90 % des weltweit produzierten Vanadiums direkt oder als Co-Produkt den VTM zuzuordnen ist. Dies deckt sich mit den verfügbaren Branchenangaben von (TMT 2019), (Guthrie 2020) und (Bushveld Minerals 2020), weshalb rund 10 % der gesamten Vanadiumproduktion aus Sekundärrohstoffen angenommen werden können. Dennoch sind die Daten zu Produktionskapazität, Verbrauch und Nachfrage nicht eindeutig in der Literatur beschrieben und unterscheiden sich in Detailtiefe und den angegebenen Mengen. Die Daten des USGS stellen neben den jährlich veröffentlichten World-Mining-Data des österreichischen Bundesministeriums für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (BMLRT) (vgl. (Reichl et al. 2019) die einzige behördliche Datenbasis dar. Weitere Daten werden durch privatwirtschaftliche Unternehmen veröffentlicht (vgl. (TMT 2019), (Guthrie 2020) und (Bushveld Minerals 2020)), die auch in der wissenschaftlichen Literatur Verwendung finden. Insbesondere die quantitative Einteilung der Produktion in unterschiedliche Verfahren findet sich nur in Veröffentlichungen von (Beratungs-)Unternehmen. Auch wenn die behördlichen Daten eine vermeintlich größere Belastbarkeit und Unabhängigkeit aufweisen, sind die privatwirtschaftlichen Daten aktueller und bieten teils spezifischere Angaben und Detailinformationen. Beide Datenoptionen werden im Rahmen dieser Dissertation nach eingehender Prüfung auf Plausibilität und Belastbarkeit genutzt, um ein möglichst umfassendes Bild der Situation zu erlangen. Daraus ergibt sich die folgende Momentaufnahme der Vanadiumproduktions- und Verbrauchsmengen:

Tabelle 4: Vanadiumproduktion und Verbrauch 2019, Daten (Guthrie 2020)2, (U.S. Geological Survey 2020)1


Primär- und Co-Produkt Sekundär Gesamt
Produktionsmenge [t/a] 73 4701 8 163 81 633
Verbrauchsmenge [t/a] 97 700 2
China 49 8002
Nordamerika 12 2502
Europa 13 2502
Asien 7 8002
Sonstige 14 6002

Südafrika, China und Russland dominieren die aktuelle Gewinnung von Vanadium mit rund 90 % der jährlich produzierten Menge. Zudem lassen sich den genannten Ländern 82 % der weltweiten Vanadiumreserven zuordnen. Die nachfolgende Abbildung zeigt die Entwicklung der Fördersituation (Primär- und Co-Produkt) in den vergangenen 17 Jahren auf Basis der Daten des USGS Minerals Yearbook.

Abbildung 4 Entwicklung der Vanadiumproduktion (Co-Produktion und Primärproduktion), eigene Darstellung nach Daten (U.S. Geological Survey 2000-2020)

Eine eingehende Stoffstromanalyse im Hinblick auf aktuelle und zukünftige Verwendungszwecke in Verbindung mit den dafür genutzten Vanadiumstoffströmen ist Grundlage für das Stoffstrommodell sowie die Szenarioanalyse. Die Ergebnisse dieser Analyse finden sich aufbereitet in Kapitel 4.

2.2.2 Gewinnung und Verarbeitung

Die industriell eingesetzten Verfahren zur Vanadiumgewinnung und Anwendung sind in umfassenden Reviews von (Gupta und Krishnamurthy 1992), (Moskalyk und Alfantazi 2003), (Gilligan und Nikoloski 2020), (Peng 2019), (Kelley et al. 2017) sowie Übersichten von (Gupta 2002b), (Bauer et al. 2012) und (Sicius 2016) genannt. Die angegebene Literatur stellt in unterschiedlichem Detailgrad und zeitlichen Horizonten Informationen bereit und muss daher im Sinne der durchzuführenden Methode näher ausgewertet werden. Relevant sind insbesondere die Hauptrohstoffe, die aktuell üblichen Produktionsverfahren sowie die Anwendungsbereiche des Vanadiums. Da die Gewinnung von Vanadium aus einer Vielzahl von Rohstoffen möglich ist, müssen diese Rohstoffe näher kategorisiert werden.

Per Definition gilt ein Rohstoff als Sekundärrohstoff, wenn er aus Abfällen oder Produktionsrückständen gewonnen wird und Primärrohstoffe ersetzen kann (vgl. (Kosmol et al. 2012)). Diese Definition impliziert, dass dem Abfall ein ökonomischer Wert zugemessen wird, der Sekundärrohstoff als Basis für neue Produkte genutzt werden kann und er zudem durch einen vorherigen anthropogenen Prozess generiert oder überprägt worden sein muss. Die anthropogenen Vanadiumstoffströme lassen sich im Hinblick auf ihre verfahrenstechnische Herkunft in vanadiumhaltige Co-Produkte und Sekundärprodukte unterteilen. Die Co-Produkte stellen letztlich primäre Vanadiumstoffströme dar, zu denen alle mineralischen und nicht-mineralischen Rohstoffe zählen, da sie noch keine wirtschaftliche Verwendung in Form eines vanadiumhaltigen Endproduktes erfahren haben bzw. in denen Vanadium noch keine Funktion in einem Produkt erfüllt hat. Sind jedoch nicht als Primärrohstoff zu kategorisieren, da sie nicht einer direkten Entnahme aus der Erdkruste entstammen. Beispiele sind hierfür vor allem Schlacken oder Verbrennungsrückstände, die Vanadium enthalten und bei verschiedenen Produktions- und Aufbereitungsprozessen von Primärrohstoffen anfallen. Vanadiumhaltige Sekundärprodukte, sind als Sekundärrohstoff zu klassifizieren. Nachfolgend werden die grundsätzlichen Prozesse zur Gewinnung und Aufbereitung der vanadiumhaltigen Rohstoffe zu industriell relevanten Zwischen- und Endprodukten beschrieben.

Die Rohstoffförderung der VTM-Erze findet überwiegend im Tagebau statt. Die in Kapitel 2.2.1 als wesentlicher Primärrohstoff identifizierten VTM können in zwei unterschiedlichen Formen zur Vanadiumgewinnung genutzt werden (Kelley et al. 2017). Die erste Option stellt die direkte Verarbeitung des Erzes dar. Voraussetzung für diese für den Rohstoff Vanadium als Primärproduktion zu bezeichnende Variante ist dabei ein möglichst hoher Vanadiumgehalt im abgebauten VTM. Die zweite Option stellt die Gewinnung von Vanadium aus einer bei der Roheisenerzeugung aus VTM anfallenden Vanadiumschlacke dar. Diese Prozessierung wird als Co-Produktion betitelt. Welche der beiden Optionen eingesetzt wird, hängt im wesentlichen von den geochemischen Gegebenheiten im Hinblick auf Vanadiumgehalt im Erz sowie den Eigenschaften des Nebengesteins ab. Als Orientierungswert kann dabei nach (Wu et al. 2018) ein Vanadiumgehalt > 1 Gew.-% V2O5 (Vanadiumpentoxid) im abgebauten VTM gelten, ab dem die direkte Gewinnung aus VTM Relevanz erhält.

Fossile Energierohstoffe stellen ebenfalls relevante Rohstoffe zur Aufbereitung von Vanadium dar. Bei der Verbrennung von fossilen, vanadiumhaltigen Brennstoffen als Primärenergieträger wie Erdöl, Steinkohle oder Petrolkoks in Kraftwerken zur Strom- und Wärmeenergieerzeugung entstehen vanadiumhaltige Rückstände. Je nach V-Ausgangskonzentration der Brennstoffe und der eingesetzten Verfahrenstechnik in den Kraftwerken, schwanken auch die Vanadiumgehalte in den Verbrennungsrückständen. Konkret zählen dazu Flugaschen, Flugstäube sowie Filteraschen, die aus den Abgasen der Verfeuerung resultieren. Weiterhin sind Ablagerungen von komplexen vanadiumhaltigen Oxiden an Heizoberflächen zu nennen, die in Form von Nass-/Kessel- oder Wirbelschichtasche oder Schmelzkammergranulat anfallen. Die Art und chemische Zusammensetzung der Verbrennungsaschen, Rückstände und Schlämme variiert stark und ist von vielen Faktoren wie etwa der Betriebstemperatur, den Brennbedingungen, Brennstoffzusätzen und der Form des Kessels abhängig (vgl. (Akita et al. 1995)). V2O5-Gehalte zwischen 3 % und 27 Gew.-% werden in der Literatur angegeben. (Vitolo et al. 2000), (Slobodin et al. 2001), (Abdel-latif 2002), (Holloway und Etsell 2005), (Stas et al. 2007), (Xiao et al. 2010a)

Neben den genannten Verbrennungsrückständen ist im Bereich der Erdölraffination zudem ein vanadiumhaltiger Stoffstrom im Bereich von Alt-Katalysatoren zu nennen. Die Katalysatoren werden bei der Raffination der Kohlenwasserstoffe eingesetzt, um Elemente wie Schwefel, Nickel und Vanadium zu entfernen und können zur Gewinnung der Metalle genutzt werden. Ebenso stellt der bei der Erdölraffination anfallende Petrolkoks eine vanadiumhaltiges Co-Produkt dar. Bei den Katalysatoren ist eine Unterscheidung zwischen vanadiumhaltigen Katalysatoren, in denen sich während der Raffination von Kohlenwasserstoffverbindungen das dort enthaltene Vanadium auf der Katalysatoroberfläche anlagert, und Vanadiumkatalysatoren, die z. B. in Form von V2O5-Katalysatoren beim Doppelkontaktverfahren zur Schwefelsäureherstellung eingesetzt werden, notwendig. Somit fällt Vanadium in den Katalysatoren der Erdölindustrie als Störstoff an und übernimmt keine katalytische Funktion, während das V2O5 bei der katalytischen Umsetzung von SO2 in SO3 ein explizit eingebrachter Funktionsträger ist. Laut Definition zählen die vanadiumhaltigen Katalysatoren der Petrochemie zu den Co-Produkten und die Alt-Katalysatoren der chemischen Industrie sowie der Entstickung zu den sekundären Vanadiumstoffströmen.

Ein weiteres Verfahren bei dem Vanadium als Nebenprodukt anfällt und aufbereitet werden kann, ist das zur Aluminiumproduktion eingesetzte Bayer-Verfahren. Zudem kann Vanadium aus Schlacken der Ferrophosphorproduktion sowie der Uranerzgewinnung gewonnen werden. Grundsätzlich sind auch mit Vanadium in unterschiedlichen Konzentrationen legierte Stahl- und Titanschrotte zu nennen.

Somit lassen sich die in Tabelle 2 dargestellten geogenen Vanadiumrohstoffe um folgende anthropogene Vanadiumrohstoffe ergänzen.

Tabelle 5: Anthropogene Vanadiumsekundärrohstoffe


Vanadiumhaltige Co-Produkte Vanadiumhaltige Sekundärprodukte
Vanadiumschlacke Alt-Katalysatoren der chemischen Industrie
Yellowcake Alt-Katalysatoren der Rauchgasentstickung
Ferrophosphor Stahlschrotte
Bayerschlamm aus Bayer-Liquor Titanlegierungsschrotte
Verbrennungsrückstände fossiler Energieträger Alt-Elektrolyte
Alt-Katalysatoren der Petrochemie
Petrolkoks

Abbildung 5 zeigt die Verteilung der Vanadiumproduktion sowie die Anteile der einzelnen Länder an der Produktionsart für das Jahr 2019. Es ist darauf hinzuweisen, dass diese Anteile Momentaufnahmen der aktuellen Situation darstellen.

Abbildung 5 Vanadiumproduktion nach Rohstoff, eigene Darstellung nach Daten von (Guthrie 2020) und (Bushveld Minerals 2020)

Vanadium ist als Koppel- und Co-Produkt sowie Sekundärrohstoff mit verschiedenen Begleitelementen vergesellschaftet, weshalb umfangreiche Aufbereitungsprozesse erforderlich sind, um den Rohstoff für weitere Verwendungen in der notwendigen Form und Reinheit bereitzustellen. (Gilligan und Nikoloski 2020) sowie (Peng 2019) stellen in aktuellen Reviews den Stand der Technik und Forschung im Bereich der Verfahrenstechnik für Vanadium zusammen. Die konkrete Ausgestaltung des Aufbereitungsprozesses muss individuell auf den zu behandelnden Rohstoff abgestimmt werden.

Gemäß der genannten geogenen und anthropogenen Vanadiumrohstoffe und deren Eigenschaften existieren unterschiedliche Verfahren und Kombinationen. Auch wenn eine Darstellung eines allgemeingültigen Vanadiumgewinnungsprozesses mit Gültigkeit für alle Materialien daher nicht möglich ist, existieren grundlegende gemeinsame Schritte und Verfahren (vgl. (Gilligan und Nikoloski 2020)). Trotz der Heterogenität der unterschiedlichen vanadiumhaltigen Stoffströme und deren jeweiligen spezifischen Verfahren, können grundsätzlich alle Prozesse zur Aufbereitung vanadiumhaltiger Reststoffe aus sekundären Rohstoffen in drei Schritte unterteilt werden. In einem ersten Schritt wird das im Ausgangsmaterial enthaltene Vanadium gelöst, in unterschiedliche Zwischenprodukte überführt und schließlich einer Aufkonzentration und Reinigung unterzogen.

Die prinzipiellen Gewinnungs, Aufbereitungs- und Veredelungsprozesse zur Vanadiumgewinnung umschließen pyro- und hydrometallurgische Verfahren. Dabei stehen speziell die Salzröstung (Salt Roasting) sowie die Säurelaugung (Acid Leaching) im Fokus der aktuellen industriellen Gewinnung von Vanadium. Als Zwischenprodukte fallen Vanadiumpentoxid und Vanadinsäure (Vanadic Acid) an, die in weiteren Reduktionsprozessen, wie der aluminothermischen und silicothermischen Reduktion oder der Kohlenstoffreduktion, zu den eigentlichen Endanwendungen verarbeitet werden. Diese werden vor allem durch Ferrovanadium und diverse Vanadiumlegierungen, -carbide, -carbonitride oder -chemikalien repräsentiert (Goonan 2011). Neben industriell relevanten Zwischenprodukten wie Ammoniummetavanadat (NH4VO3), Natriummetavanadat (NaVO3) sowie Natriumorthovanadat (Na3VO4), stellen Vanadiumpentoxid (V2O5) und Vanadiumtrioxid (V2O3) die häufigsten industriell prozessierten Vanadiumverbindungen dar (Imtiaz et al. 2015). Industriell verbreitet sind insbesondere die folgenden Prozessschritte.

Röstung (Roasting Process)

Das Vanadium muss durch Oxidation in säure- (V4+) oder wasserlösliche höherwertige Oxidationsstufen (V5+) überführt, um dann durch Säurelagung sowie Wasserauswaschung extrahiert werden zu können. (Peng 2019) Als häufig eingesetztes pyrometallurgisches Verfahren in Vanadiumgewinnungsprozessen kommt daher der Röstprozess (engl. Roasting) zum Einsatz. Das Rösten umfasst die Erhitzung der Erze unter Gastatmosphäre mit dem Ziel der Überführung von im Erz enthaltenen Metallverbindungen in Oxide, Sulfate oder in Chloride. Unabhängig von den eingesetzten Zusatzstoffen (siehe nächster Absatz), gehören Röstverfahren zu den Standardprozessen in der metallurgischen Verfahrenstechnik, weshalb zu weiteren Hintergrundinformationen auf die Standardliteratur verwiesen wird (vgl. (Haldar 2018), (Rao 2006)). Röstprozesse werden sowohl bei vanadiumhaltigen Erzen, Erzkonzentraten, als auch bei vanadiumführenden Reststoffen, wie Schlacken, Flugaschen und gebrauchten Katalysatoren, angewendet.

Das Salz-Röstverfahren ist insbesondere für die Gewinnung von Vanadium aus Schlacken der VTM-Verhüttung, direkt aus VTM-Erz oder aus VTM-Konzentrat, bis heute die am häufigsten angewendete Technik (vgl. (Bradbury 2002), (Gilligan und Nikoloski 2020), (Peng 2019)). Dabei wird entweder das V203-haltige Konzentrat oder die Schlacke unter Verwendung von Natriumchlorid, Natriumcarbonat sowie Natriumsulfat in einem Röstofen erhitzt. Das dabei unabhängig von den eingesetzten Natriumverbindungen entstehende Natriumvanadat wird im Anschluss gekühlt, und mit Wasser oder anderen sauren Reagenzien ausgelaugt. (Peng 2019), (Gilligan und Nikoloski 2020) Das Verfahren benötigt jedoch viel Energie und erzeugt zudem Umweltprobleme in Form von korrosiven Gasen wie Cl2, SO2 und HCl als auch metallhaltigen Abwässern und metallhaltigen Feststoffen zur Entsorgung. Ebenso können durch im Nebengestein enthaltenes Chrom im Röstprozess toxische Chromsalze entstehen, die mit ausgewaschen werden und ein substanzielles Entsorgungsproblem und eine hohe Umweltbelastung darstellen. (Li et al. 2017b) Als umweltfreundlichere Alternative kann eine Röstung mit Calciumverbindungen durchgeführt (vgl. (Zhang et al. 2019b)) oder auch gänzlich auf Zusätze für das Röstverfahren verzichtet werden (vgl. (Li et al. 2017b)).

Als Lösungsprozesse kommen die Methoden der sauren sowie alkalischen Laugung und der Wasserlaugung als hydrometallurgische Verfahren zum Einsatz. Der Feststoff muss dabei möglichst in feingemahlener Form vorliegen, um eine große Reaktionsoberfläche zu liefern und so ein effektives Laugen der gesuchten Komponente zu ermöglichen. (Rao 2006) Der hydrometallurgische Prozess der Laugung kommt in seinen unterschiedlichen Optionen sowohl bei der Behandlung von vanadiumhaltigen Primärrohstoffen wie Erzen als auch bei Sekundärrohstoffen wie gebrauchten Katalysatoren, Flugaschen oder sonstigen vanadiumhaltigen Reststoffen zum Einsatz. Ziel ist die Überführung der vanadiumhaltigen Komponenten in Lösung, aus der im Anschluss mittels Fällung oder Lösungsmittelextraktion eine Vanadiumverbindung isoliert und extrahiert werden kann. (Peng 2019) hat die industriell eingesetzten Verfahren zur Laugung von Vanadium in einem Review detailliert beschrieben.

Wasserlaugung (Water Leach Process)

Die Laugung mit Wasser ist das klassische Verfahren zur Laugung der mittels Salzröstung behandelten Vanadiumrohstoffe. Das wasserlöslische Natriumvanadat wird dabei durch den Einsatz von Wasser ausgewaschen.

Säurelaugung (Acid Leach Process)

Die Säurelaugung kommt insbesondere in Verbindung mit dem Calcium-Röstprozess von Vanadiumschlacken zum Einsatz, wird jedoch auch bei der Behandlung von Uranerzen, gebrauchten Katalysatoren, vanadiumhaltigen Reststoffen aus Verbrennungsprozessen und Flugaschen genutzt. Die vanadiumhaltigen Komponenten gehen bei diesem Prozess durch Einsatz von Schwefelsäure in Lösung.

Alkalilaugung (Alcaline Leach Process)

Die alkalische Laugung erlaubt ein selektives Laugen von Vanadium. Als Laugungsmedien kommen meist NaOH oder Na2CO3 zum Einsatz.

Ähnlich wie in der Aufbereitung von primären Erzen wird in vielen Fällen eine Kombination aus beiden Verfahrensschritten (Roast-Leach-Processing) eingesetzt. Welche Laugungsmethode angewendet wird, hängt unter anderem vom spezifischen Vanadiumgehalt des eingesetzten Feststoffes sowie den Begleitelementen ab. Neben dem direkten Auslaugen, welches auch unter Druck oder hoher Temperatur durchgeführt werden kann, ist in vielen Fällen das vorherige Rösten jedoch zwingend erforderlich um das Vanadium in lösliche Verbindungen zu überführen. (Zeng und Cheng 2009a)

Durch Zugabe von Ammoniumsulfat fällt Ammoniummetavanadat (AMV) aus, welches durch Kalzinierung in Vanadiumpentoxid überführt wird. Bei der Ausfällung entstehen schwermetallhaltige Abwässer, die in der Praxis meist mit Calciumhydroxid neutralisiert und in einen festen Abfall zur Deponierung überführt werden. (Liu et al. 2020b) beschreiben ein Verfahren zur Gewinnung von Vanadium und Magnesium aus dem Abwasserstrom um Dissipationseffekte zu verhindern. Im Labor konnten die Autoren 98,15 % der 1 g/ L Vanadium gewinnen und zu einem V2O5 mit einer Reinheit von 98,6 % aufbereiten. Das Verfahren ist jedoch noch nicht in der industriellen Praxis umgesetzt.

Das im Kalzinierungsschritt entstandene pulverförmige Vanadiumpentoxid wird im letzten Verarbeitungsschritt in einem Ofen aufgeschmolzen und zu Flakes mit einer Reinheit von rund 99 % V2O5 verarbeitet. Um noch reineres Vanadiumpentoxid zu erhalten, ist eine Laugung des Kalzinats mit anschließender Solventextraktion oder Ionenaustausch notwendig. (Goonan 2011), (Bradbury 2002) Das Vanadiumpentoxid wird zum Einsatz in der Metallindustrie im Anschluss durch unterschiedliche Reduktionsverfahren zu Ferrovanadium und diversen Vanadiumlegierungen, -carbiden, -carbonitriden oder -chemikalien weiterverarbeitet (Goonan 2011). Dabei werden hauptsächlich folgende Verfahren großindustriell eingesetzt.

Direkte Elektro-Silikothermische Reduktion

Für die Massenproduktion von Vanadium-Silizium-Eisenlegierungen eignet sich die Direkte Elektro-Silikothermische Reduktion von Vanadiumpentoxid in einem elektrischen Schmelzofen. Benötigte Rohstoffe sind hierbei aufgeschmolzenes V2O5, Ferrosilizium, Eisenkomponenten und Kalk. Vanadium-Silizium-Eisenlegierungen werden hauptsächlich zur Regulierung der Materialzusammensetzung in der Stahlindustrie verwendet. (Raja 2007)

Kohlenstoffreduktion

Vanadium ist ein carbidbildendes Element. Daher findet eine Kohlenstoffreduktion von Ausgangsmaterialien wie Vanadiumpentoxid lediglich bei der Produktion von kohlenstoffreichen Stählen statt. Außerdem werden Vanadiumcarbide und -carbonitride gebildet, die ebenfalls in der Stahl- und Werkzeugindustrie eingesetzt werden (Gupta 2002b). Das Verfahren eignet sich folglich nicht bei der Schmelze von kohlenstoffarmen Stählen, bei der Ferrovanadium üblicherweise zum Einsatz kommt. (Raja 2007)

Aluminothermische Reduktion

Die aluminothermische Reduktion wird auch als Goldschmidt-Prozess bezeichnet und dient unter anderem der Aufbereitung von V2O5 zu Ferrovanadium (Gupta 2002a). Vanadiumpentoxid wird mit Aluminium, Eisen, Kalk und Flussspat sowie einem Gemisch aus Natriumnitrat und Aluminiumpulver oder Bariumpentoxid und Aluminium-/Magnesiumpulver vermengt. Nach (Raja, 2007) sind FeV-Qualitäten bis zu 97 % V möglich. Verläuft die aluminothermische Reduktion ohne Eisen, können auch Vanadium-Aluminium-Legierungen gebildet werden, die z. B. in der Luft- und Raumfahrtindustrie genutzt werden. Bei der Elektro-Aluminothermischen Reduktion wird zwischen der einfachen und der direkten Methode unterschieden. Die direkte Reduktion wird in einem elektrischen Schmelzofen durchgeführt. Durch die Zugabe von Aluminium zu einer vanadiumhaltigen Schlacke werden Ferrolegierungen gebildet, die Vanadiumgehalte von 40 bis 50 % aufweisen. Die einfache aluminothermische Reduktion kann im Gegensatz zur direkten Aluminothermischen Reduktion auch unreinere, vanadiumführende Materialien verarbeiten (Goonan 2011).

Nachfolgend sind die grundlegenden Prozessschritte und deren Varianten zusammengefasst dargestellt.

Abbildung 6 Grundlegende Vanadiumverarbeitungsschritte, eigene Darstellung (Peng 2019) und (Gilligan und Nikoloski 2020)

(Peng 2019) benennt insbesondere die Auswirkung der in den Vanadiumrohstoffen vorliegenden Vanadiumverbindungen und Valenzen auf die Auslaugungseffizienz als zukünftiges Schlüsselthema. Die Aufbereitung der vanadiumhaltigen Zwischenprodukte aus den verschiedenen Röst- und Laugungsschritten werden in Zukunft insbesondere vor dem Hintergrund der benötigten hohen Reinheiten für die Batterieentwicklung verstärkt in den Fokus rücken müssen. Dazu ist beispielsweise die Membranelektrolyse zu nennen, die als ein effektiver Ansatz zur Abtrennung von Natrium und Vanadium in Natrium-Vanadat-Lösungen gilt. Damit wird der Einsatz von Ammoniak vermieden und zudem die Generierung höherer Produktreinheiten ermöglicht. (Pan et al. 2017) Ebenso gilt die Nutzung von Mikrowellen in Verbindung mit dem Röstprozess von VTM-Konzentraten sowie Schlacken als vielversprechender Ansatz zur Verbesserung der Vanadiumgewinnungsrate sowie der Verarbeitungszeit (Zhang et al. 2016a).

Ein Zukunftsthema der Prozessoptimierung der Vanadiumgewinnung sowohl aus sekundären als auch aus primären Vanadiumstoffströmen wird die Vereinfachung der Herstellung von hochreinen Vanadiumsalzen und Lösungen sein, die für die Elektrolytherstellung zur Verwendung in VRFB geeignet sind. (Gilligan und Nikoloski 2020) schlussfolgern, dass es im Hinblick auf die Herstellung von Vanadiumelektrolyt das hydro- und pyrometallurgische Ziel sein muss, eine möglichst reine Vanadiumlösung aus den jeweiligen Leachingverfahren zu erhalten. Favorisiert werden eine direkte Lösungsmittelextraktion, damit der herkömmliche Fällungs-/Kalzinierungsprozess überflüssig wird. Energieaufwand und die Umweltbelastung würden stark verringert. Auch eine bisher nicht existente direkte Prozesskette von Erz zu Elektrolyt würde die Produktionskosten und die Umweltbelastung von Vanadium-Redox-Flow-Batterien reduzieren, was den Weg für eine noch breitere Anwendung der Technologie ebnen würde. (Gilligan und Nikoloski 2020) So wird an der Nutzung von Abwässerströmen des Aufbereitungsprozesses gearbeitet, um Vanadium-Ionen zu gewinnen (Liu et al. 2020b). (Liu et al. 2020a) haben dazu ein Prozessschema skizziert, welches das vanadiumhaltige Abwasser der Natriumvanadatausfällung direkt zu Vanadiumsulfat aufbereitet, ohne den Weg über die Herstellung von Vanadiumpentoxid zu gehen. Aus 100 L Abwasser konnten so 1,67 L Elektrolytlösung mit einer Konzentration von ca. 1,5 M Vanadium erzeugen. Der Prozess ist jedoch nur im Labor dargestellt; Über die Funktion als Elektrolyt werden keine Angaben gemacht.

2.2.3 Anwendung

Vanadium wird zur Gruppe der Refraktärmetalle gezählt, die nach der International Union of Pure and Applied Chemistry (IUPAC) auch als Übergangsmetalle bezeichnet werden (Worrell und Reuter 2014). Diese Gruppe ist vor allem durch Eigenschaften wie hohe Dichte, große Warmfestigkeit, thermische Beständigkeit, hohe Zugfestigkeit sowie hohe Schmelz- und Siedepunkte definiert. Der Siedepunkt von V liegt bei 3.407 °C und der Schmelzpunkt bei 1.910 °C. Neben Vanadium gehören auch die Metalle Chrom, Niob, Wolfram, Tantal und Rhenium zu den Übergangsmetallen. Aufgrund der genannten Eigenschaften werden die Metalle überwiegend als Legierungselemente eingesetzt, um die Eigenschaften von Stahl zu beeinflussen. Vanadium kann daher den so genannten Stahlveredlern zugeordnet werden und wird insbesondere zur Herstellung von Stählen eingesetzt, die besonders verschleißfest sein müssen. Bereits ein geringer Anteil Vanadium im Stahl hat dabei signifikante Auswirkungen auf dessen Eigenschaften. Der Einsatz von Vanadium zur Legierung von Rohstahl verbessert durch Carbidbildung in der Stahlmatrix mit dem im Rohstahl enthaltenen Kohlenstoff zu V4C3 die Härte, Zugfestigkeit und den Widerstand gegen mechanische Einwirkung. Die werkstofflichen Eigenschaften, die durch das Legierungselement Vanadium erreicht werden, sind in der Standardliteratur detailliert beschrieben (vgl. (Baker 2016), (Baker 2013), (Lagneborg et al. 1999), (Hutchinson et al. 2014)). Die erste großtechnische industrielle Vanadiumnutzung wird 1903 in England in der Stahlindustrie beschrieben; Henry Ford setzte in den USA ab 1905 mit Vanadium legierten Stahl in der Serienproduktion der Automobilfertigung ein. (Bauer et al. 2012), (Sicius 2016)

Da Vanadium meist in sehr geringen Anteilen in Legierungen eingesetzt wird und die spezifischen Eigenschaften als Refraktärmetall einen Recyclingprozess einzelner Komponenten erschweren, erfolgt ein Recycling fast ausschließlich durch die direkte Zugabe der legierten Schrotte in den Schmelzprozess neuer legierter Stähle. Es wird also in der Regel keine spezielle Recyclingtechnologie zur Rückgewinnung der einzelnen Legierungskomponenten angewendet (Martens und Goldmann 2016). Elementar für dieses direkte Recycling sind allerdings eine getrennte Erfassung und Sortierung der Schrotte, um die Gehalte der einzelnen Metalle in den neu produzierten Legierungen kontrollieren zu können.

Die Endanwendungen von Vanadium sind über die vergangenen Jahrzehnte konstant. Betrachtet man die Angaben aus der aktuellen Literatur wie (Buchholz und Foya 2017), (Deloitte Sustainability 2017), (Guthrie 2020) im Vergleich zu den Angaben von (Moskalyk und Alfantazi 2003), so haben sich in den Anwendungen keine relevanten Änderungen ergeben. Neben der Hauptendanwendung im Bereich der Eisenlegierungen wird das Element auch in Nichteisen-Legierungen wie Titan-Aluminiumlegierungen genutzt. Im Bereich der Eisenlegierungen wird Vanadium zur Herstellung unterschiedlichster Stahlgüteklassen und Stahlsorten benötigt, die wiederum für spezifische Anwendungsgebiete vorgesehen sind. Die Einsatzgebiete der vanadiumhaltigen Stähle unterscheiden sich je nach Land (vgl. (Tian et al. 2015)). So wird FeV in nahezu allen Stahlsorten eingesetzt, wobei sich die Gesamtmenge des genutzten FeV global gesehen auf die vier Hauptkategorien der mikro- und niedriglegierten Stähle, Werkzeugstähle, der hochfesten Schnellarbeitsstähle (engl. HSLA – High Strength Low Alloy) und der unlegierten Stähle (engl. AHSS - Advanced High Strength Steel) aufteilt (Eric 2014), (Tian et al. 2015). Die Anwendungen sind daher in den verschiedensten Industriebereichen etabliert und reichen über den Einsatz für Pipeline- und Automobilbau bis hin zu vielseitigen Anwendungen in der Bau- und Maschinenbauindustrie sowie der Energiewirtschaft.

Im Bereich der Nicht-Eisenlegierungen wird Vanadium hauptsächlich im Flugzeugbau sowohl für tragende Teile der Kabine als auch in Turbinenblättern von Flugzeugtriebwerken eingesetzt. Der dritte wesentliche Anwendungsbereich liegt in der chemischen Industrie zur Verwendung als Katalysatormaterial für unterschiedliche Verfahren. In den aktuellen Veröffentlichungen wird jedoch die Verwendung von Vanadium im Batteriespeichersegment in Form von Vanadium-Elektrolyt als vierte Endanwendung explizit genannt. Zur Einordnung und zum Vergleich der Anteile der einzelnen Endanwendungen ist darauf hinzuweisen, dass diese zumeist auf kommerziellen privatwirtschaftlichen Marktanalysen und nicht auf unabhängigen Behördendaten statistischer Ämter beruhen. Der Endanwendung der Vanadium-Redox-Flow-Batteriespeicher werden in den belastbarsten Literaturangaben 1 % (vgl. (Deloitte Sustainability 2017), (Buchholz und Foya 2017), (Guthrie 2020), (Guthrie 2019)) des globalen Vanadiumverbrauchs zugewiesen. Geringe Schwankungsbreiten sowie eine unter Umständen nicht einheitliche Datenbasis ist zu berücksichtigen. Die Verteilung der Vanadiummenge auf die aktuellen Endanwendungen sowie die detaillierte Ansicht verschiedener Stähle am Anteil der Eisenliegerungen sind in nachfolgender Abbildung dargestellt.

Abbildung 7 Vanadiumanwendungen und Aufteilung nach Eisenliegerungen, eigene Darstellung Anwendungen nach (Guthrie 2020) und Eisenlegierungen nach (Buchholz und Foya 2017)

Die identifizierten industriellen Vanadiumstoffströme werden in Kapitel 4 eingehend vor dem Hintergrund der Aufstellung eines Stoffstrommodells und dem Hintergrund der Vanadium-Redox-Flow-Technik analysiert. Aufgrund der Relevanz insbesondere für die Stahlindustrie und der dargestellten Lagerstättensituation muss die Frage beantwortet werden, inwieweit Vanadium als kritischer Rohstoff einzuordnen ist. Die für Vanadium durchgeführten Kritikalitätsstudien werden im folgenden Kapitel näher betrachtet und vor dem Hintergrund der Fragestellung der vorliegenden Dissertation diskutiert.

2.2.4 Vanadium als kritischer Rohstoff

In (Hayes und McCullough 2018) wird dargestellt, dass Vanadium bisher in 24 Kritikalitätsanalysen untersucht und in 11 Studien als kritisch bewertet wurde. Auffällig ist, dass seit 2015 sechs der 11 Einstufungen erfolgten und das Element in der jüngeren Vergangenheit häufiger als kritischer Rohstoff auf Basis wissenschaftlicher Daten definiert wurde. Zuletzt haben (Fortier et al. 2018) sowie (McCullough und Nassar 2017) und (Kelley et al. 2017) Vanadium für die USA als Element mit hoher Kritikalität eingestuft. Vanadium gehörte in der 2010 sowie der 2014 veröffentlichten Studie der EU nicht zu den kritischen Rohstoffen, wurde jedoch 2017 in die Liste der mittlerweile 27 kritischen Rohstoffe aufgenommen. Die EU beschafft primär Vanadium aus Russland (60 %), aus China und Südafrika stammen 11 bzw. 10 %. Die Abhängigkeit von nur drei Ländern ist ein wesentlicher Grund für die Aufnahme des Elements in die Liste der kritischen Rohstoffe (Mathieux et al. 2017). Die hohe Länderkonzentration der Förderung und die starke Abhängigkeit der Stahlindustrie sind die Hauptgründe der Kategorisierung von Vanadium als kritischer Rohstoff. Aus deutscher Sicht ordnen (Bastian et al. 2019) das Element in die höchste der drei Risikokategorien ein. Nachfolgende Abbildungen zeigen die Lage von Vanadium in der Darstellung der Länderkonzentration der Bergwerksförderung und dem gewichteten Länderrisiko.

Abbildung 8 Länderkonzentration und Marktvolumen der Bergwerksförderung 2016, eigene Darstellung nach (Bastian et al. 2019)

Abbildung 9 Länderkonzentration und gewichtetes Länderrisiko der Bergwerksförderung 2016, eigene Darstellung nach (Bastian et al. 2019)

China, Japan, Australien und Südkorea haben das Element bereits 2014 auf die Liste der kritischen Rohstoffe für die nationalen Volkswirtschaften gesetzt (European Comission 2014). Japan bewertet Vanadium dabei als eins von neun Elementen als essenziell für seine Stahlindustrie (vgl. (Takahashi et al. 2010)) und bewahrt seit 1983 eine strategische Reserve von 60 Tagesverbräuchen der Binnenwirtschaft. Weiterhin fordert die Regierung von Unternehmen unverbindlich ein, eigene Lagerbestände in Höhe von 18 Tagesverbräuchen zu unterhalten. (National Research Council 2008a). Dass Kritikalitätsbetrachtungen dynamische Momentaufnahmen darstellen, verdeutlicht, dass unabhängig von den strategischen Reserven Vanadium 2015 von der Liste der kritischen Metalle gestrichen wurde (vgl. (Hatayama und Tahara 2015)). Auch in den USA wurde Vanadium bereits 1992 als kritisch für die Wirtschaft betrachtet (Goldberg et al. 1992). Im Jahr 2008 hat das National Research Council of the National Academies eine Kritikalitätsanalyse für den Bezugsraum der USA für 11 Rohstoffe durchgeführt. Vanadium war einer der vorausgewählten Rohstoffe. Es wurde ein mittleres Versorgungsrisiko für Vanadium in allen Anwendungsfällen definiert und darauf hingewiesen, dass ein schnelles Nachfragewachstum für neue Anwendungsmöglichkeiten bei einem relativ kleinen Markt des Vanadiums das Risiko von Versorgungsengpässen erhöht. Eine Steigerung der Produktion ist in den USA nicht in kurzen Zeiträumen möglich. (National Research Council 2008b)

Vanadium wird in einer Studie von (Erdmann et al. 2011) für die deutsche Wirtschaft als Rohstoff mit mittlerer Kritikalität definiert. Sowohl Versorgungsrisiko als auch Vulnerabilität der Wirtschaft werden als moderat eingestuft. Der Rohstoff Vanadium ist zudem bereits als kritischer Rohstoff, spezifisch für die Energiewende identifiziert worden (vgl. (Moss et al. 2013)). Dabei jedoch ohne Berücksichtigung der Anwendung in Batteriespeichern, sondern vor dem Hintergrund seiner Eigenschaft als wichtiges Legierungselement im Stahl. (Viebahn et al. 2015) identifizieren Vanadium darüber als kritisches Material für die praktische Implementierung der Redox-Flow-Batteriespeichertechnologie (RFB) in das Elektrizitätssystem und beschreiben die hohe konkurrierende Nachfrage aus der Stahlindustrie als Risikofaktor. Im Hinblick auf großflächige Stromspeichermöglichkeiten ist die Rohstoffversorgung für vanadiumbasierte RFB im Kontext der deutschen Energiewende laut (Viebahn et al. 2015) als kritisch anzusehen, da der benötigte Materialbedarf allein für Deutschland die globale Jahresfördermenge übersteigt. Allerdings ist in der Studie angenommen, dass die gesamte prognostizierte Energiespeicherkapazität in Form von VRFB umgesetzt erfolgt. Diese Annahme ist unrealistisch.

Auf Grundlage der aktuell verfügbaren und beschriebenen Studienlage, wird auf eine separate Berechnung der Kritikalität des Stoffs Vanadium in der vorliegenden Dissertationsschrift verzichtet und auf die einschlägige Literatur dazu verwiesen. Die Kritikalitätsanalysen belegen, dass Vanadium möglichst effizient genutzt werden sollte, um die Versorgungsabhängigkeiten zu minimieren und mögliche innovationsbedingte Nachfrageerhöhungen abzufangen. Grund für die Bewertung von Vanadium als kritischer Rohstoff sind insbesondere die Gewinnung als Co-Produkt und damit die Abhängigkeit von weiteren Märkten, die hohe Konzentration der Lagerstätten in wenigen Ländern sowie die Förderung und Produktion, die im Wesentlichen durch drei Länder dominiert wird. Der Vanadiumverbrauch, dessen zukünftige Entwicklung sowie der Auf- und Ausbau von Produktionskapazitäten wird heute vor allem durch den Einsatz in der Stahlindustrie dominiert. Insbesondere die chinesische Stahlindustrie steht dabei als größter Stahlproduzent im Fokus.

Auch wenn Stahlqualitäten genormt sind und die Schwerpunkte der Stahlproduktion in den einzelnen Ländern unterschiedlich sind, existieren nationale Unterschiede in den produzierten und verbauten Qualitäten und in landesspezifischen Standards, etwa im Bereich der einfachen Bewehrungsstähle. (Madias et al. 2017) geben einen Überblick zu den Normen und dem Themenfeld der unterschiedlichen Stahlqualitäten. China hat mit Wirkung vom 1. November 2018 eine neue Norm (GB/T 1499.2.2018) für hochfeste, niedrig legierte (HSLA) Bewehrungsstähle eingeführt, für die mehr Vanadium pro produzierter Stahlmenge benötigt wird. Die Richtlinie soll die Verwendung von minderwertigen Bewehrungsstählen einschränken und ist unter anderem eine Reaktion auf die Folgen der Erdbeben in Sichuan 2008. Die Norm legt die Güteklassen fest, nach der chinesische Stahlunternehmen in Zukunft produzieren müssen. Die alte Güteklasse 2 (335 MPa Zugfestigkeit) wird eingestellt und durch HSLA-Stähle der Güteklassen 3 (400 MPa), 4 (500 MPa) und 5 (600 MPa) ersetzt. Für metallurgische Detailinformationen zu den Güteklassen wird auf (Patel 2018) verwiesen. Obwohl keine spezifischen Anforderungen an den Vanadiumgehalt gestellt wurden, erfordern höhere Zugfestigkeiten eine höhere Vanadium-Intensität. (Wong und Hackney 2019) gehen davon aus, dass sich der Vanadiumgehalt pro Tonne von in China produziertem HSLA-Stahl von 51 g/t im Jahr 2019 auf 62 g/t erhöhen wird. Ähnliche Angaben machen (Perles 2013) und (TMT 2019) und beschreiben dies als Treiber der Vanadiumnachfrage. Nachfolgend ist die Intensität der Vanadiumnutzung in der Gesamtstahlproduktion ausgewählter Länder dargestellt.

Abbildung 10 Vanadiumintensität in der Gesamtstahlproduktion, eigene Darstellung nach (Perles 2014), (Perles 2018) und (TMT 2020)

Veränderte Stahlproduktionsvolumina sowie Änderungen in den spezifischen Vanadiumverbrauchsraten sind somit die wichtigsten Einflussvariablen. (Perles 2018) und (TMT 2019) gehen bis 2025 von einer globalen Vanadiumnachfrage von 133.200 t/ a aus und prognostizieren die zu diesem Zeitpunkt verfügbare Produktionskapazität auf 111.900 t V/a respektive 107.000 t V/a, woraus ein Defizit zwischen 23.100 und rund 26.000 t V/a resultieren würde. Darin sind mögliche Nachfrageschübe durch Batteriespeicheranwendungen noch nicht enthalten. Die Analysten (Wong und Hackney 2019) geben für 2025 hingegen eine Prognose von 125.000 t V/a für die Vanadiumproduktion und einen Bedarf von 120.000 t V/a an. Auch hier sind die Entwicklungen für Batteriespeicher nicht berücksichtigt. Bei optimistischer Entwicklung der Technologie wird davon ausgegangen, dass bis 2025 6.000 t V/a zusätzlich durch VRFB benötigt werden.

Um das Defizit auszugleichen, wird der Ausbau der Bergbauproduktionskapazitäten prognostiziert. Die Verfügbarkeit und der Preis chinesischer Exporte werden in den nächsten Jahren ein wichtiger Faktor für die internationale Vanadium-Marktlage und die Entwicklung vanadiumbasierter Technologien und Produkte sein. Zu dieser Produktionssteigerung sind jedoch außerhalb Chinas kurz- bis mittelfristig nur vier Projekte in der Lage. Diese sind zum einen der Ausbau der Förderung aus der brasilianischen Maracas Mine, der Ausbau der südafrikanischen Vametco- und Vanchem-Produktion im Bushveld-Komplex sowie die Inbetriebnahme der australischen Windimurra Mine. Insgesamt wird der zusätzliche Beitrag durch den Ausbau der Primärförderung auf 12.000 t Vanadium pro Jahr geschätzt. (Perles 2019)

Vor dem dargestellten Hintergründen der Primärförderung und Kritikalitätsdimensionen können auch die Recyclingindikatoren zur Bewertung der Kritikalität betrachtet werden. Um anthropogene Stoffströme und deren Entwicklung zu bewerten, existieren Indikatoren, die bestimmte Aspekte komplexer Systeme erfassen. Im Bereich der Metallstoffströme sind insbesondere Recyclingindikatoren ein etabliertes Mittel zur Bewertung (vgl. (Graedel et al. 2011b)). Sie leiten sich aus dem generischen Modell der anthropogenen Metallstoffströme ab.

Abbildung 11 Anthropogener Metallkreislauf, eigene Darstellung nach (Espinoza und Soulier 2017), (Graedel et al. 2011b)

Aus ihnen werden sowohl Ziele abgleitet als auch nachhaltigkeitsbezogene Vorschriften (Espinoza und Soulier 2017). Im Fall von Vanadium existieren in der Literatur jeweils eine Angabe zu einem outpubasierten und einem inputbasierten Indikator. Der outputbasierte Indikator der End-of-Life (EoL)-Recyclingrate (EoL-RR) gibt das Verhältnis aus zurückgewonnenem Vanadium aus EoL-Produkten im Vergleich zu der insgesamt anfallenden EoL-Menge an. Der Indikator betrachtet die Perspektive der Metallproduktion indem er den Metallanteil in EoL-Produkten angibt, der gesammelt, vorbehandelt und schließlich wieder in den anthropogenen Kreislauf zurückgeführt wird:


Der Indikator liefert Informationen über die Leistung der Sammlung und des Recyclings zur Rückgewinnung von Materialien am Ende ihrer Lebensdauer. Metallurgische Verluste, die nach der Vorbehandlung entstehen sind in der Regel gering, sodass sie in diesem Indikator vernachlässigt werden. (vgl. (Espinoza und Soulier 2017), (Mathieux et al. 2017), (Graedel et al. 2011a)). Die globale EoL-RR für Vanadium beträgt nach (Graedel et al. 2011a) <1 %. Dies liegt im Wesentlichen daran, dass Vanadium in der Mehrzahl der Stahlschrotte zu gering konzentriert ist und daher zum Großteil einem nicht-funktionalen Recycling unterliegt, in dem die spezifische Funktion des Metalls nicht oder nur teilweise benötigt wird. Eisen dagegen wird praktisch immer funktionell recycelt. Die Entscheidung für ein funktionales Recycling von Legierungselementen wie Vanadium hängt oft von der Stahlsorte und der Art des zu produzierenden Endproduktes ab. Dabei sind große regionale Unterschiede zu beachten, die Auswirkungen auf die Recyclingeffizienz und dem damit verbundenen Schrottaufkommen haben. (Graedel und Reck 2012), (Reck 2014) Damit werden die Schrotte mit den geringen Vanadiumgehalten zwar stofflich recycelt, aber nicht aufgrund des Vanadiumgehalts. Es ist davon auszugehen, dass die Menge an Vanadium in den Berechnungen dem nicht-funktionalen Recycling zugeordnet wurden.

Betrachtet man den inputbasierten Indikator der Recycling-Input-Rate, der auch als EoL (EoL-RIR) bezeichnet wird, wird die Menge des recycelten Materials als Beitrag zum gesamten Input des Elements in ein Wirtschaftsystem ausgewiesen. Er charakterisiert den Anteil von recyceltem EoL-Material an der gesamten Metallproduktion. Wenn man die metallurgischen Verluste vernachlässigt, entspricht dies ungefähr dem Anteil des EoL-Materials an der verwendeten Gesamtmetallmenge. Für Vanadium betrug die EoL-RIR für Europa im Jahr 2016 nach (Mathieux et al. 2017) 44 %:


Entsprechend besteht auch Potenzial zur Steigerung der Ressourceneffizienz, um die steigende anthropogene Nachfrage zu decken und die Resilienz des Stoffsystems gegenüber innovationsbedingten Schwankungen zu erhöhen. (Watt et al. 2018) warnen auch vor dem Hintergrund der geringen Recyclingquoten vor wieder auftauchenden Umwelt- und Gesundheitsrisiken im Zuge steigender Verwendung von Vanadium in industriellen Anwendungen und entsprechenden Akkumulationen in Abfallströmen. Laut (Watt et al. 2018) muss der globale Lebenszyklus von Vanadium umfassend abgebildet werden. Die Erkenntnisse sollten genutzt werden, um prioritäre Maßnahmen zu identifizieren, durch die eine nachhaltigere V-Nutzung erreicht werden kann.

2.3 Energiespeichertechnologien

Energiespeichertechnologien entkoppeln den Zeitpunkt des Verbrauchs von der Energieerzeugung und sorgen so für die benötigte Flexibilität zwischen der Energiebereitstellung und der Energienachfrage. (Sterner und Stadler 2017), (Wietschel und Ullrich 2015) Diese Eigenschaft ist für den Ausbau der erneuerbaren Energieträger (EE) in der Energieversorgung von hoher Relevanz (Chu und Majumdar 2012). Deutschland will den Anteil der regenerativen Energien am Bruttoendenergieverbrauch bis 2020 auf 18 % und bis 2050 auf 60 % erhöhen. Der Anteil der EE für diese Zeiträume soll auf 35 bzw. 80 % steigen. Als technische Herausforderung gilt die Implementierung der fluktuierenden Energieeinspeisung von EE bei gleichzeitig zu gewährleistender Versorgungssicherheit und Netzstabilität (BMWi 2010).

Die Bruttostromerzeugung aus Wind- und Solarenergie ist durch tages-, jahreszeiten- und wetterbedingte Fluktuation charakterisiert. Im Gegensatz zu fossilen Energieträgern, Kernenergie, Wasserkraft oder Biomasse schwankt die Energieerzeugung unmittelbar durch externe Faktoren, sodass eine langfristige Grundlast aus Solar- und Windenergie ohne entsprechende Speicher nicht gewährleistet werden kann. Eine konstant dem Bedarf angepasste Stromversorgung ist essenzielle Grundlage für einen stabilen Betrieb eines Elektrizitätsnetzes. Durch die fluktuierende Stromerzeugung aus Windenergie- und Solaranlagen kann es sowohl zu regionalen Leistungsüberangeboten als auch Unterangeboten kommen. Konsequenzen sind Instabilitäten im Stromnetz. Für die Netzstabilität müssen entsprechend konventionelle, in Reserveleistung stehende Kraftwerke, zugeschaltet oder die Leistung der erneuerbaren Energieträger heruntergeregelt werden. Beides sind Zustände, die in einer intelligenten Stromwirtschaft aus ökonomischen und ökologischen Gründen vermieden werden sollten. Die Energiemenge, die durch temporäres Herunterregeln und Abschalten von Solar- oder Windenergieanlagen zur Vermeidung von Überlastung des Stromnetzes hätte eingespeist werden können, wird als Ausfallarbeit bezeichnet. Nachfolgende Abbildung stellt die Ausfallarbeit in Deutschland dar, die durch das Energieüberangebot anfällt.

Abbildung 12 Entwicklung der Ausfallarbeit 2009 bis 2017, eigene Darsllung nach Datenlage (Bundesnetzagentur 2019a)

Eine Vervielfachung der Ausfallarbeit um den Faktor 75 ist klar ersichtlich. Dominiert wird die Ausfallarbeit durch die Windenergie. Insgesamt musste zur Gewährleistung der Netzstabilität eine Gesamtleistung von rund 5,5 TWhel abgeregelt werden. Dies entspricht etwa 0,9 % der gesamten Bruttostromerzeugung (630,5 TWhel) bzw. 2,5 % des regenerativ erzeugten Stroms (187,4 TWhel) in Deutschland im Jahr 2017 (Bundesnetzagentur 2019a). Gemäß § 15 Absatz 1 des Gesetzes für den Ausbau erneuerbarer Energien (EEG)3 müssen Entschädigungszahlungen an die Anlagenbetreiber der abgeregelten Solar- und Windkraftanlagen getätigt werden.

Im Jahr 2018 entstanden durch die Ausfallarbeit Entschädigungsansprüche in Höhe von geschätzten 635,4 Mio. Euro (Bundesnetzagentur 2019b). Diese Entschädigungsansprüche werden über die Netzentgelte von den Letztverbrauchern getragen, allerdings wird der wesentliche Teil dieser Kosten durch die Reduktion der ebenfalls vom Netznutzer zu zahlenden EEGUmlage kompensiert, da abgeregelte Anlagen keine Vergütung oder Marktprämie nach dem EEG erhalten (Bundesnetzagentur 2019b). Im Zug des politisch fixierten und geforderten fortschreitenden Ausbaus der erneuerbaren Energieträger kann davon ausgegangen werden, dass die Höhe der Ausfallarbeit in Zukunft parallel zum Ausbau der Wind- und Solarenergienutzung und dem Ausstieg aus der Verstromung von fossilen Energieträgern weiter zunehmen wird. Die Höhe sowie Spannweite der prognostizierten Stromüberangebote bis 2050 wird in Abbildung 13 auf Grundlage der Ergebnisse verschiedener Szenarien aus unterschiedlichen Studien dargestellt.

Abbildung 13 Prognosen der zu erwartenden Stromüberschüsse in Deutschland, nach (Sterner und Stadler 2017)

Das Stromüberangebot im Jahr 2050 bei einer zu 80 bis 85 % auf erneuerbaren Energieträgern beruhenden Stromversorgung beträgt demnach ca. 18 TWhel (Sterner und Stadler 2017). Um sowohl eine Reduktion der Ausfallarbeit zu vermeiden als auch den Ausbau der Windund Solarenergienutzung gewährleisten, muss das Energieversorgungssystem um Technologien und Maßnahmen erweitert werden, die Stromerzeugung und Stromverbrauch zeitlich sowie räumlich flexibel ermöglichen. Drei wesentliche Themen sind dafür essenziell (vgl. (Sterner und Stadler 2018, 2017), (Weniger et al. 2015), (Wesselak et al. 2013), (Doetsch et al. 2014)):

 Ausbau des Stromnetzes (Räumliche Entkopplung)

 intelligentes Lastmanagement (Demand-Side-Management)

 Energiespeichersysteme (Zeitliche Entkopplung)

Energiespeichertechnologien bieten diese notwendige Flexibilitätsoption zur Entzerrung von Erzeugungs- und Verbrauchsstruktur und tragen somit zu Stabilität und Nutzbarkeit der regenerativen Energien bei. Stromüberschüsse allein führen jedoch nicht zwingend zur Investition in Stromspeicher (vgl. (Doetsch et al. 2014), (Sterner et al. 2014)). Die erforderliche Speicherleistung hängt im Wesentlichen von der Flexibilisierung des Stromsystems und von den Variablen der Entwicklung des Lastmanagements sowie des Ausbaus der erneuerbaren Energieträger und deren Art ab. Der Ausbau der Netzinfrastruktur und die Implementierung eines intelligenten Lastmanagements gewährleistet ein stabiles Stromversorgungssystem bis zu einem Anteil von etwa 40 % erneuerbarer Energieträger im System. Bei einem weiter steigenden Anteil der erneuerbaren Energieträger an der Stromversorgung ist eine kurz- bis mittelfristige zeitliche Entkopplung von Stromerzeugung und Stromverbrauch durch Speicher mit Speicherdauern zwischen 2-6 Stunden notwendig. Ab ca. 90 % erneuerbarer Energieträger im Stromnetz sind zudem saisonale Langzeitspeicher wie Power-to-Gas erforderlich. (Felberbauer et al. 2012), (Haas und Ajanovic 2013) (Sterner und Stadler 2017) Simulationen gehen bei einem Anteil von 80 % erneuerbarer Energien im deutschen Stromnetz von etwa 14 GW bzw. 70 GWh an Kurzzeitspeichern und ca. 18 GW bzw. 7,5 TWh an Langzeitspeichern zusätzlich zu den heute installierten Speichern aus. Jedoch wird hier von einer Inselbetrachtung des deutschen Stromnetzes ausgegangen, in dem der Ausgleich über das europäische Verbundnetz nicht betrachtet wird. Damit ist davon auszugehen, dass der eigentliche Speicherbedarf in Deutschland deutlich geringer ausfallen wird. (Viebahn et al. 2014) nennen in zwei Szenarien jeweils einen Batteriespeicherbedarf für Deutschland im Jahr 2030 von 26 bzw. 52 GWh. Der Technologiemix ist dabei jedoch nicht explizit ausgewiesen. In Deutschland sind zurzeit 99 % der vorhandenen Speicherkapazität in Form von Pumpspeichern installiert, die zwischen 37,6 und 40 GWh angegeben wird (vgl. (BVES 2016, 2016), (Deutscher Bundestag 2017)). Weltweit sind in Pumpspeichern rund 9.000 GWh Speicherkapazität verfügbar (vgl. (IHA 2018)), von denen im Jahr 2019 4.200 GWh genutzt wurden (IHA 2019). (Thielmann et al. 2017) geben für 2017 im Vergleich eine weltweite Batterienachfrage von rund 500 GWh an, die maßgeblich durch Bleibatterien (350-400 GWh) gefolgt von Lithium-Ionen-Systeme gedeckt wird.

Je flexibler das Lastmanagement durch die intelligente Steuerung von Wärmepumpen, Elektromobilität und Klimatisierung gesteuert werden kann, desto weniger Kurzzeitspeicher sind notwendig. Je größer der Anteil der fluktuierenden erneuerbaren Energieträger wie Sonne oder Wind gegenüber den grundlastfähigen wie Geothermie oder Biomasse ist, desto mehr Speicher sind notwendig. Ein wirtschaftliches Optimum nach heutigen Hochrechnungen wird bei einer Speicherleistung von 8,5 GW in Europa erreicht. (Sterner und Stadler 2017) Die zeitliche Entkopplung durch Energiespeichertechnologien in einem durch fluktuierende erneuerbare Energieträger geprägten Energiesystem stellt den Rahmen der in dieser Dissertation behandelten Forschungsfrage. Energiespeichertechnologien werden nachfolgend thematisch näher eingeordnet.

Energieangebot und Energiebedarf müssen zu jeder Zeit ausgeglichen sein. Um den Energieüberschuss temporär zu speichern und diese Energie bedarfsgerecht zur Verfügung zu stellen, sind Speicherlösungen notwendig. Energiespeicher dienen der Netzunterstützung und fungieren als Sicherung gegen Stromausfälle oder Schwankungen bei der Versorgungsqualität. Insbesondere erneuerbare Energieträger können durch Energiespeicher in das Netz integriert werden, ohne Risiken der fluktuierenden Einspeisung einzugehen und die Netzstabilität zu gefährden. Lokale und zeitliche Überkapazitäten als auch Engpässe können durch Speicheranlagen gemildert werden. (Yang et al. 2011) Die zunehmende Elektrifizierung industrieller Prozesse, der Mobilität und auch des Alltags macht den Einsatz von Energiespeichersystemen notwendig. Der Einsatz von Energiespeichern, insbesondere der von elektrischen Energiespeichern, kann die dargestellten Herausforderungen durch dezentrale Energiegewinnung und industrielle elektrochemische Prozesse reduzieren und die Leistungsfähigkeit und Stabilität des Energiesystems sichern. (Chen et al. 2009)

Da die Entkopplung von Erzeugung und Nutzung von Energie in spezifischen Anwendungsgebieten und Netzebenen erforderlich ist, existieren im heutigen Energiesystem Speicher in unterschiedlichen Größenordnungen und Eigenschaften hinsichtlich Entladezeit und Nennleistung. Anwendungen für Informations- und Kommunikationstechnologien stellen andere Ansprüche an Speichertechnologien als Verkehrsmittel oder Netzbetreiber und produzierendes Gewerbe. (Wesselak et al. 2013) Kein Speichersystem erfüllt alle Voraussetzungen für ein ideales Speichersystem, welches eine lange Lebensdauer, niedrige Kosten, hohe Leistungs- und Energiedichte und Umweltfreundlichkeit erfordert.

Unter einem Energiespeicher wird ein System verstanden, das eine Energiemenge kontrolliert aufnehmen (Beladung), sie über einen anwendungsbezogenen Zeitraum in einem Speichermedium zurückhalten (Speicherung) und in einem gewünschten Zeitraum wieder kontrolliert abgeben kann (Entladung). (Ausfelder et al. 2015) Energiespeichertechnologien sind auf Grundlage verschiedener physikalischer und chemischer Prinzipien konstruiert und werden auf unterschiedlichen Netzebenen und in unterschiedlichen Anwendungen benötigt (Schüth und Eichel 2014). Entsprechend der gestellten Anforderungen stehen verschiedene Speicherkonzepte auf identischen Netzebenen und Technologiefeldern in Konkurrenz oder ergänzen sich auf Grundlage ihrer technologiespezifischen Eigenschaften. Die Klassifizierung der Speichersysteme kann sowohl auf Basis des jeweils zugrundeliegenden naturwissenschaftlichen Prinzips als auch nach Einsatzgebiet im elektrischen Netz, nach Leistungsklasse und Speicherkapazität, Ausspeicherzeit, Systemanforderungen, Wirkungsgrad und Zyklenfestigkeit, der anzuschließenden Netzebene und dem Kostenaufwand erfolgen. (Sterner und Stadler 2017), (Wesselak et al. 2013), (Garche et al. 2015)

Energiespeicher werden in sektorale und sektorenkoppelnde, sowie in primäre und sekundäre Strom-, Wärme-, Gas- und Kraftstoffspeicher unterteilt. Primäre Energiespeicher können nur einmal geladen und entladen werden, wohingegen bei sekundären Energiespeichern ein Wiederaufladen möglich ist. Beispiele für primäre Speicher sind fossile Brenn- und Kraftstoffe. Akkumulatoren und Batterien stellen Vertreter der sekundären Speicher dar. Unter sektoralen Energiespeichern ist die Anwendung in nur einem der spezifischen Energiesektoren definiert. Pumpspeicher für Strom, Pufferspeicher für Wärme sowie Kraftstofftanks für den Mobilitätsbereich sind Beispiele. Sektorenkoppelnde Speichervarianten wie das Powerto-X Prinzip agieren übergreifend, in dem sie Strom als Primärenergie in Rohstoffe und Produkte als stoffliche Energiespeicher, Energieträger, Wärme oder Kälte umwandeln. (Zapf 2017), (Ausfelder und Dura 2018)

Eine weitere Klassifizierung erfolgt nach der physikalischen Form der gespeicherten Energie, wozu eine Aufteilung nach elektrischer, mechanischer, thermischer und chemischer Energie erfolgt (Sterner und Stadler 2017), (Zapf 2017), (Elsner und Sauer 2015). Eine Übersicht über die physikalisch-energetische Klassifizierung bietet die nachfolgende Abbildung.

Abbildung 14 Klassifikation Energiespeichertechnologien, eigene Darstellung nach (Sterner und Stadler 2017), (Wesselak et al. 2013) und (Zapf 2017)

Eine Aufstellung verschiedener Energiespeichertechnologien hinsichtlich der jeweiligen Speicherkapazität und Ausspeicherzeit ist in Abbildung 15 dargestellt.

Abbildung 15 Speicherkonzepte in Bezug auf Speicherkapazität und Ausspeicherzeit, (Sterner und Stadler 2017)

(Aneke und Wang 2016), (Luo et al. 2015), (Alotto et al. 2014), (Guney und Tepe 2017) sowie (Gür 2018) bieten einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Varianten der zur Zeit in Industrie und Forschung diskutieren Energiespeichersysteme, deren Funktionsprinzipien sowie Eigenschaften. Die Energiespeicherforschung konzentriert sich derzeit überwiegend auf das Erreichen hoher Energiewirkungsgrade und niedriger Selbstentladeraten, was insbesondere für mobile Anwendungen – aber auch für den stationären Gebrauch – wichtig ist. Eine Schlüsselrolle wird dabei der Li-Technologie zugesprochen. Doch auch die Entwicklung lithiumfreier Technologien wird vorangetrieben. Seit 2010 sind die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Feld der Batterietechnologien, gemessen an der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen und Patente um 30 % gewachsen. (Thielmann et al. 2015) Die in der Fragestellung der Dissertation betrachtete Energiespeichertechnologie des Typs einer Redox-Flow-Batterie ist den elektrochemischen Energiespeichersystemen zuzuordnen. Klassifikation und Funktionsprinzipien des RFB Speichertyps werden nachfolgend in Kapitel 2.3.1 dargestellt.

2.3.1 Vanadium-Redox-Flow-Batteriespeicher

RFB gehören zu den elektrochemischen Energiespeichern. Elektrochemische Energiespeicher basieren auf dem Prinzip der galvanischen Zelle und der auf Redoxreaktionen basierenden Umwandlung von elektrischer Energie in chemische Energie und Wärme (Mortimer et al. 2015). Die allen auf Redoxreaktionen beruhenden elektrochemischen Energiespeichern zugrundeliegende Gleichung ist nachfolgend dargestellt.

Abbildung 16 Redoxreaktion in elektrochemischen Energiespeichern

Die Entladung des elektrochemischen Speichers erfolgt durch die Umkehrung der Redoxreaktion. An zwei über einen Ionen- und einen Elektronenleiter getrennten Elektroden unterschiedlicher Polarität, finden die Teilreaktionen statt. Eine ionendurchlässige Membran trennt die zwei Halbzellen räumlich. Aus dem unterschiedlichen elektrochemischen Potenzial der Elektroden resultiert die Zellspannung. Durch Verbindung der Elektronenleiter findet die eigentliche Redox-Reaktion statt. Die Elektronen aus der Oxidation an der Anode gehen zur Reduktion an der Kathode über. Ein Ausgleich der unterschiedlichen Ladungen der Elektroden geschieht mit dem Ionenstrom durch Elektrolyt und Separator. Durch den externen Elektronenübergang und den internen Ionenaustausch wird der Stromkreis geschlossen und es fließt Gleichstrom, sodass sich die galvanische Zelle entlädt. Die Ladung des Akkumulators resultiert aus der Umkehrung des Prozesses, indem die chemischen Verbindungen unter Einwirkung elektrischen Stroms aufgespalten werden. Durch diese Elektrolyse nehmen die beiden Elektroden wieder unterschiedliche Potenziale an. (Kurzweil und Dietlmeier 2015), (Sterner und Stadler 2017), (Wesselak et al. 2013).

In der heutigen industriellen Anwendung finden sich sowohl Systeme auf Grundlage nichtreversibler Redoxreaktion (Primärzellen/Batterien) als auch reversibler Redoxreaktion mit begrenzter Zyklenanzahl (Sekundärzellen/Akkumulatoren) sowohl mit internem Speicher als auch mit externem Speicher. Ein externer Speicher hat den Vorteil einer unabhängigen Dimensionierung von Energie und Leistung durch entsprechend flexible Dimensionierung von Speicher- und Wandlereinheit. Für diesen Speichertyp steht exemplarisch das technisch am weitesten verbreitete Redox-Flow-System. Akkumulatoren mit internem Speicher werden zudem nach ihrer Betriebstemperatur in Niedertemperatur- und Hochtemperatur-Akkumulatoren unterschieden (Wesselak et al. 2013). Primärzellen wie Batterien basieren auf nicht- oder nur in sehr begrenztem Umfang reversiblen Redoxreaktionen. (Sterner und Stadler 2017), (Wesselak et al. 2013)

Die Funktion der RFB basiert auf unterschiedlich geladenen und in wässrigen Lösungen vorliegenden Ionen. Energiespeicher und galvanische Zelle sind im Fall der RFB voneinander getrennt. Die im Niedertemperaturbereich arbeitenden RFB speichern die elektrische Energie extern. Die redoxaktiven Stoffe liegen in den meisten Verfahrenstypen von RFB in strömenden Medien vor (engl. Flow), die als namensgebende Grundlage für die Technologie dienen. Die wässrigen Lösungen sind aufgrund des unterschiedlichen Redoxpotenzials der enthaltenen aktiven Materialien der flüssige Energieträger des Systems und werden als Elektrolyt bezeichnet, in welchem – im Gegensatz zu Blei- oder Lithium-Ionenspeichern – die Energiespeicherung stattfindet. Die generellen Vorteile der Energiespeicherung mit einer RFB sind die unabhängige Skalierbarkeit von Energie und Leistung, der einfache Aufbau sowie der nicht vorhandene Memory-Effekt. Aufgrund der Lagerung der aktiven Materialien in externen Tanks tritt eine sehr geringe Selbstentladung auf. Damit eigenen sich RFB grundsätzlich als Speichersystem für Mittel- oder Langzeitanwendungen (Wesselak et al. 2013).

Das Grundprinzip der Redox-Flow-Batterietechnologie (dt. Flussbatterien) zur elektrochemischen Speicherung elektrischer Energie wurde 1949 in einem Patent von (Kangro 1949) beschrieben. Als gelöste Redoxpaare werden Cr3+/Cr2+ und CrO42-/Cr3+ in einem wässrigen Elektrolyten durch räumliche Trennung an unterschiedlichen Elektroden entsprechend reduziert oder oxidiert. In den 1970er Jahren konkretisierte sich durch (Ashimura und Miyake 1971) die Redox-Brennstoffzellenkathode in Verbindung mit durchströmten porösen Kohlenstoffelektroden. Die National Aeronautics and Space Administration (NASA) hat im Rahmen des 1973 gegründeten Lewis Research Center in mehreren Arbeitsgruppen (vgl. (Thaller 1974), (Hoberecht und Thaller 1981)) weiterführend verschiedene Redox-Paare und Elektrodenmaterialien für die RFB-Anwendung charakterisiert. Die Technologie wurde maßgeblich vor dem Hintergrund der Zwischenspeicherung von Solarenergie auf dem Mond weiterentwickelt. Einen genauen Überblick der technologischen Entwicklung im Zeitverlauf geben (Skyllas-Kazacos et al. 2011) sowie (Bartolozzi 1989). In den letzten 20 Jahren wurden unterschiedliche Varianten der Technologie in der Literatur diskutiert. Stellvertretend sind die Arbeiten von (Ponce de León et al. 2006), (Nguyen und Savinell 2010), (Weber et al. 2011), (Skyllas-Kazacos et al. 2011), (Leung et al. 2012), (Alotto et al. 2014), (Su et al. 2015a) sowie (Shiokawa et al. 2000) zu nennen. Mittlerweile sind nach (Tübke et al. 2015) und (Noack et al. 2015) 58 verschiedene Typen von RFB in der Fachliteratur beschrieben. Von diesen sind jedoch nur die Konzepte mit den Redoxpaaren Fe/Cr-, Zn/Br- und V kommerzialisiert (vgl. (Weber et al. 2011), (Perry und Weber 2016). Einen umfassenden Überblick zum aktuellen Stand der Forschung bieten (Winsberg et al. 2017).

Nach Definition werden Stoffe und Stoffgemische, in denen sich geladene Atome oder Moleküle frei bewegen können, als Elektrolyt bezeichnet. In der elektrochemischen Verfahrenstechnik werden Elektrolyte nach ihrer spezifischen Ionenleitfähigkeit in fünf Systeme unterteilt. Dabei sind Polymer-, Fest- und Gelelektrolyte sowie Salzschmelzen und Elektrolytlösungen voneinander zu unterscheiden. In der Prozesstechnik einer Redox-Flow-Batterie kommen grundsätzlich wässrige Elektrolytlösungen zum Einsatz, die durch Lösen von festen Salzen in einem flüssigen Lösungsmittel hergestellt werden. Elektrolytlösungen werden weiterhin je nach Art der eingesetzten Salze und Lösungsmittel in organische und anorganische Systeme gegliedert, wobei diese wiederum in wässrige und nicht-wässrige Systeme eingeteilt werden. (Schmidt 2004) Im Fall der RFB sind die genutzten Elektrolyte meist als wässrige Elektrolytlösungen zu charakterisieren. Nicht-wässrige RFB sind unter anderem in (Gong et al. 2015) und (Darling et al. 2014) näher beschrieben, besitzen jedoch ähnlich der organischen RFB aktuell keine Marktreife, obwohl vielversprechende Energiedichten erreicht werden können (vgl. (Zhang et al. 2018b), (Winsberg et al. 2017)).

Grundsätzlich werden im Betrieb von RFB zwei Elektrolyte in separaten Kreisläufen durch eine gemeinsame elektrochemische Zelle gepumpt. Eine Einzelzelle besteht aus zwei Elektroden (Anode und Kathode) und einer ionenleitenden Membran, welche die unterschiedlich geladenen Elektrolyte (Anolyt und Katholyt) trennt. Die elektrische Energie wird somit in den Elektrolyten und nicht in den Elektroden gespeichert. Einzelzelle oder Zellenstapel werden als Leistungsteil des RFB-Systems bezeichnet. Höhere Spannungen können erzielt werden, in dem mehrere Einzelzellen zu einem Zellenstapel (engl. Stack) zusammengeschaltet werden. Im Stack findet bei Systembetrieb (Laden, Entladen, Laden) durch die Membran der Austausch oxidierbarer oder reduzierbarer Ionen im Anoden- und Kathodenraum statt. Der Elektronenübergang aus der Redoxreaktion wird an den Elektroden in Gleichspannung abgegriffen. Die Elektrolyte zirkulieren voneinander unabhängig durch die Halbzellen, die durch eine selektiv durchlässige Membran voneinander getrennt sind. In dieser galvanischen Zelle werden sie oxidiert beziehungsweise reduziert und geben elektrische Energie ab. Die Speicherleistung kann demnach über die Kontaktfläche der Elektrolyte mit der Membran skaliert werden. Die Elektrolyte sind außerhalb des Stacks in zwei getrennten Vorratstanks gelagert, die den Speicherteil darstellen. Diese Eigenschaft ist der wesentliche technischen Vorteil des RFB-Systems. Die Leistung einer RFB wird somit von der Zellgröße definiert, die Energiespeicherfähigkeit durch die Elektrolytspezifikationen und Menge. Leistung (kW) und Arbeit (kWh) können bedarfsorientiert individuell angepasst werden und sind unabhängig voneinander skalierbar. (Noack et al. 2015).

Das RFB-System kann mit unterschiedlichen Redox-Paaren betrieben werden. Hierzu zählen insbesondere Eisen-Titan-, Eisen-Chrom-, Zink-Chlor-, Zink-Brom, Natrium-Brom, Vanadium oder Brom-Polysulfid-Kombinationen. Nachfolgende Tabelle stellt die wichtigsten Typen der RFB und die Kombinationsmöglichkeiten von Anode, Kathode und Elektrolyt zusammen.

Tabelle 6: Verschiedene RFB-Typen und Eigenschaften, nach (Ulaganathan et al. 2016)


RFB-Typ Elektrolytsystem Energieeffizienz [%]
Fe/Cr HCL 73
V/V H2SO4 83-87
Zn/Ce CH3SO3H 75
Zn/Br ZnBr2-Öl 69,4
Fe/V H2SO4 80
Br/V H2SO4 k. A.
Polysulfide/bromine NaOH k. A.
Mn/V H2SO4 63
Zn/Ce CH4O3S 50
Pb/Ce CH4O3S 83
Pb CH4O3S 65
Fe/Fe FeCl >45
Zn/I ZnI2(aq) >80

Hohe Lebensdauer und Zyklenfestigkeit sowie die Möglichkeit der Tiefenentladung sind weitere Vorteile. Nachteile der RFB sind die im Vergleich zu anderen Speichersystemen geringen Energie- und Leistungsdichten sowie instabile Elektrolyte, wodurch insbesondere bei kleinen Systemen und kurzen Speicherzeiten die spezifischen Energiekosten ungünstig sind (Kurzweil und Dietlmeier 2015). Die nachfolgende Tabelle zeigt einen Vergleich der RFB auf Basis relevanter Kenngrößen mit anderen elektrochemischen Speichersystemen sowie einem klassischen Pumpspeicher.

Tabelle 7: Vergleich elektrochemischer Speichertechnologien, eigene Darstellung


Einheit Blei-Säure LIB VRFB Pumpspeicher
Spez. Energiedichte [Wh/kg] 25-401 130-2602 19-383 k.A.
Wirkungsgrad [%] 80-854 >955 75-854 69-836
Selbstentladung [-] 3-5 % pro Monat4 3-5 % pro Monat4 1 % p.a.7 k.A.
Lebensdauer, zyklisch [Zyklen] 9008 35008 > 15 0007 k.A.
Lebensdauer, kalendarisch8 [a] 2,6 10 15 > 25
Gesamtprojektkosten 20188 [USD/kWh] 358-631 393-581 686-1.307 165
Gesamtprojektkosten 20258 [USD/kWh] 319-540 308-419 555-951 k.A.

1(Sterner und Stadler 2017), 2(Kim et al. 2019), 3(Noack et al. 2015), 4(Sauer et al. 2013), 5(Leuthner 2013), 6(Conrad et al. 2014), 7(Volterion 2019), 8(Mongird et al. 2019)

Falls unterschiedliche Elektrolyte und Redox-Paare eingesetzt werden, besteht zudem das Risiko der Kreuzkontamination und ein damit verbundener Energieverlust. Einfluss auf die zukünftigen Anteile der RFB im Energiesystem sind die Kosten der Stromspeicherung. Eine Strategie zur Realisierung der Kostensenkung ist die Senkung der Kosten der ausgespeicherten Energie, was durch die Erhöhung der Nutzungsdauer und die Verringerung der Herstellungskosten erreicht werden kann (Thielmann et al. 2017). Die flächenspezifische Leistungsdichte kommerzieller VRFB beträgt zwischen 50 und 100 mW/cm2. Dies ist ungefähr um den Faktor zehn geringer als bei PEM-Brennstoffzellen (Noack et al. 2015). Im Gegensatz zu Brennstoffzellen können basierend auf den dargestellten technischen Grundlagen die Redox-Reaktionen jedoch elektrochemisch umgekehrt werden, womit RFB je nach Prozesstyp und Stromrichtung jede Art von elektrochemischen Energiewandlern und –speichern darstellen können (Noack et al. 2015).

Die Forschungsschwerpunkte im Bereich der RFB-Technologie können nach Anwendungsperspektive gegliedert werden. Ziele deren Einsatzes als Großspeicher für Netzdienstleistungen (z. B. Lastverschiebung) sowie die Skalierbarkeit auf große Leistungen und hohe Speicherkapazität (vgl. (Viebahn et al. 2014). Aktuelle Ansätze zur Steigerung der Energiedichte sind etwa organische RFB (vgl. (Leung et al. 2017)) oder Anodenkonzepte wie die Zink-Luft Flow Zelle (vgl. (Stock et al. 2019). Verbesserungen der Elektrodenmaterialien, z. B. durch vergrößerte Reaktionsoberflächen und geeignete Oberflächenaktivierung der Elektroden (vgl. (Langner 2016)) sowie die Weiterentwicklung der Ionenaustauschermembran (vgl. (Zeng et al. 2019), (Ding et al. 2013)) versprechen Fortschritte in der Leistungsdichte von RFB. Weiterer Forschungsbedarf zur Optimierung der Wandlerauslegung, um Bypass-Ströme und Pumpenverluste zu reduzieren besteht ebenfalls (vgl. (Alotto et al. 2014)). Die in Kapitel 1 dargestellte Forschungsfrage fokussiert das Prinzip des Vanadium-Redox-Flow-Speichers, sodass nachfolgend die technischen Grundlagen der VRFB konkreter dargestellt werden.

Die VRFB gilt als RFB-Typ mit dem aktuell größten industriellen Anwendungspotenzial, und wird kommerziell vertrieben. Die wachsende Anzahl der projektierten Demonstrationsobjekte belegt, dass die Technologie Marktreife erlangt (Alotto et al. 2014). Das Prinzip der VRFB wurde auf Grundlage der Arbeiten von (Sum und Skyllas-Kazacos 1985), (Sum et al. 1985) und (Skyllas-Kazacos 1986) an der University of New South Wales patentiert (vgl. (Skyllas-Kazacos et al. 1988)) und ist seit Mitte der 1980er Jahre der RFB-Typ mit der höchsten Forschungsintensität (vgl. (Cunha et al. 2015), (Alotto et al. 2014), (Noack et al. 2015), (Ulaganathan et al. 2016)). Auch wenn das Review von (Leung et al. 2012) bereits acht Jahre zurück liegt, so ist die Aussage zur nach wie vor fehlenden Marktdurchdringung begründet in den hohen Rohstoffpreisen für Vanadium immer noch gültig und wird in (Lourenssen et al. 2019) bestätigt. In (Lourenssen et al. 2019) wird ein Überblick zu allen Komponenten des VRFB-Typs und den aktuellen Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkten der Technologie zur Verfügung gestellt. Demnach sind insbesondere verbesserte Elektrolytzusammensetzungen, die Erhöhung der Energiedichte sowie die Verringerung der Kosten für den Durchbruch in kommerziellen Anwendungen notwendig. Nachfolgend wird das spezifische Prinzip der VRFB näher erläutert.

Das aufgrund der geringen Energie- und Leistungsdichte stationär angewendete VRFB-System ist ein RFB System, dessen elektrische Leistungsfähigkeit auf den Redox-Reaktionen gemischtvalenter Vanadiumelektrolytlösungen basiert. Auch die VRFB ist nach den Grundprinzipien einer RFB aufgebaut und nutzt die elektrochemischen Eigenschaften von Vanadium. Das Metall kann in acht Oxidationsstufen vorkommen (vgl. (Mortimer et al. 2015)), von denen vier für die Speicherung elektrischer Energie relevant sind. Die genutzten Elektrolytlösungen nutzen V4+/V5+ im Katholyt und V2+/V3+ im Anolyt als aktives Material. Die verfahrenstechnische Realisierung des Redoxpaars auf Basis eines chemischen Elements beugt Verunreinigungen des Elektrolyten durch Diffusion durch die Membran vor; Kreuzkontaminationen durch Fremdionen werden somit ausgeschlossen.

Wie in Kapitel 2.3.1 dargestellt, bestehen RFB grundsätzlich aus zwei Hauptkomponenten. Der Zellblock stellt die erste Komponente des Systems dar, in dem die Energieumwandlung in einer negativen (Anode) und einer positiven (Kathode) Zellkammer stattfindet. Anode und Kathode besitzen wiederum jeweils eine Elektrode aus Kohlenstofffilz oder Graphit. Die Elektrode stellt den Katalysator für den Elektronenaustausch an der Phasengrenze dar. Die Vanadiumionen gehen keine physikalische oder chemische Bindung mit der Elektrode ein und werden nicht an dieser adsorbiert. Die Vanadiumionen ändern die Oxidationsstufe und bleiben in Lösung (Schmidt 2004). Der Oberfläche der Elektrode wird durch Bildung von COOH-Gruppen eine Katalysatoreigenschaft zugewiesen. Die Funktionalisierung und Stabilisation der Elektrodenoberfläche ist seitdem Gegenstand der Forschung (Parasuraman et al. 2013). Als geeignete Separatoren kommen oberflächenbehandelte Anionen- und Kationenaustauschermembranen (Ding et al. 2013) zum Einsatz. Da die Lebensdauer des Speichers im Wesentlichen von der Beständigkeit der Membran abhängt, muss der Separator möglichst langzeitstabil gegenüber den Vanadiumelektrolyten sein (Kurzweil und Dietlmeier 2015). Insbesondere die Degradation der Membran durch das stark oxidierende V5+ ist eine Herausforderung, da dies zu einer Verschlechterung des Ionenaustauschs führen kann. Das aktuell eingesetzte Elektrodenmaterial ist auf Kohlenstoff- oder Graphitfilz und die Ionenaustauschermembran aus Nafion® (vgl. (Aziz und Shanmugam 2017), (Chen et al. 2017b)) beschränkt. Diese weisen zwar die notwendige Resistenz auf, gehen jedoch mit höheren Kosten einher (Leung et al. 2012). Auch das Stack-Design konnte in den vergangenen Jahren vorangetrieben werden. So konnte durch die Arbeiten von (Seipp et al. 2015) und (Kopietz et al. 2015) eine Lösung zur technischen Umsetzung eines Stacks ohne Schraubverbindungen mit geschweißten Bipolarplatten aus einer Graphit-Kunststoffmischung realisiert werden. Das Risiko der Undichtigkeit wird ausgeschlossen und das Gewicht der Stacks um 90 Prozent reduziert. Die so robuster ausgelegten Stacks sparen Wartungs- und Anschaffungskosten und machen die VRFB wirtschaftlich konkurrenzfähiger.

Bestehend aus zwei separaten Elektrolyttanks, Pumpen, Schläuchen und einem Leistungsregulierungssystem, stellt das externe System die zweite Komponente dar (Dassisti et al. 2016). Während des Lade- und Entladeprozesses werden die Elektrolyte in den Stack gepumpt, der durch eine Ionenaustauschermembran von den Zellkammern getrennt ist. Die unterschiedlich geladenen Vanadiumelektrolyte werden dabei in zwei separaten Kreisläufen durch die Zelle gepumpt. Die Ein- und Ausspeicherung von Energie wird im unterschiedlichen Redoxpotenzial von Anolyt und Katholyt begründet. Die Anoden und Kathodenreaktion sind in nachfolgender Abbildung dargestellt:

Abbildung 17 Gesamtreaktion der VRFB-Zelle

Beim Entladevorgang strömt der Anolyt an der Anode vorbei, während V2+ zu V3+ oxidiert. Freiwerdende Protonen gehen durch die Ionenaustauschermembran zur Kathode über. Der dortige Reduktionsprozess nimmt die Protonen auf und V5+ in Form von VO2+ wird zu Vanadium V4+, vorliegend als VO2+, im Katholyt umgesetzt (Komarnicki et al. 2017), (Kurzweil und Dietlmeier 2015). Das elektrische Gleichgewicht wird über die Migration der Protonen durch die Membran erreicht. Die elektrochemischen Reaktionen finden in den Halbzellen am inerten Elektrodenmaterial statt. Von dort wird der Strom zum Kollektor abgeleitet. In Abbildung 18 wird der Entladevorgang (schwarz) sowie der umgekehrt verlaufende Ladevorgang (orange) im Gesamtkontext des VRFB-Systems dargestellt:

Abbildung 18 Funktionsprinzip und Aufbau einer VRFB, eigene Darstellung nach (Kurzweil und Dietlmeier 2015), (Noack et al. 2015), (Weber et al. 2011)

Die größtmögliche Betriebsspannung der VRFB ist abhängig von der Zahl der in Serie geschalteten Zellen in einem Stack. Die Skalierung kann durch Vergrößerung der Elektrodengröße oder durch Hinzufügen weiterer Elektroden in jedem Stack mit monopolaren oder bipolaren Verbindungen erreicht werden. Die elektrische Leistung wird durch die Querschnittsfläche der Elektroden bestimmt. Die Energiespeicherkapazität hängt von der Konzentration der Vanadiumionen und dem absoluten Volumen des Elektrolyten ab.

Die Energiedichte des Batteriespeichers beschreibt das Verhältnis der gespeicherten Energie zu deren Masse oder Volumen. Im Vergleich zeigt sich eine grundsätzlich sehr geringe Energiedichte von VRFB, die bezogen auf die Masse etwa im Bereich von Bleibatterien liegt. Das System ist daher für stationäre Anwendungen geeignet. Die geringe Energiedichte, die bei marktfähigen Anwendungen je nach Systemkonfiguration zwischen 20 und 32 Wh/ kg (vgl. (Noack et al. 2015)) liegt, reicht für mobile Anwendungen nicht aus (vgl. Kapitel 2.3.2). Im Vergleich weist konventioneller Dieselkraftstoff 43 MJ/kg respektive 11.944 Wh/ kg auf (Hahne 2010), die Energiedichte aktueller Li-Ionen-Batterien bei Fahrzeugen liegt hingegen bei 250 Wh/kg (Placke et al. 2017). Auch wenn RFB-Optionen in Kombination mit Brennstoffzellen diskutiert (Menictas und Skyllas-Kazacos 2011) und grundsätzliche Potenziale für den Einsatz in Hybridfahrzeugen nachgewiesen wurden (Mohamed et al. 2009), ist die Technik im Mobilitätssektor nicht marktreif und konkurrenzfähig. Die geringe Energiedichte ist für stationäre und netzgebundene Anwendungen kaum hinderlich. Der Nachteil der geringen Energiedichte wird durch den technologischen Vorteil der Flexibilität, Zyklenfestigkeit, Entladetiefe und Lebensdauer der Energiespeicherung mit RFB kompensiert.

Mit jedem Zyklus findet in elektrochemischen Speichern eine Degradation der Kapazität statt. Die maximale Lebensdauer des Speichers kann somit in der maximalen Anzahl ihrer Zyklen – der sogenannten Zyklenlebensdauer – angegeben werden (Schoop 2013). Diese ist insbesondere bei VRFB mit rund 20.000 Zyklen wesentlich höher als bei anderen Speichertechnologien.

Auch im Hinblick auf Ladegeschwindigkeit, Tiefentladung und Überladung besitzt das System Vorteile. Aus technischen Gründen ist bei den meisten Systemen nur eine Teilentladung möglich. Die Entladetiefe entspricht der Differenz zwischen dem maximal und dem minimal zulässigen Ladezustand eines Akkumulators. Während Blei- oder Lithiumionenbatterien (LIB) nicht tiefentladen werden sollen, können RFB theoretisch zu 100 % entladen werden und reagieren relativ unempfindlich gegenüber Über- und Tiefentladung. (Sterner und Stadler 2017)

Weiterhin besitzt das VRFB-System den Vorteil, dass neben der elektrischen Ladung grundsätzlich auch ein mechanisches Laden durch den Tausch des Elektrolyten möglich ist. Dies eröffnet zudem die Option, in Zukunft bestehende Elektrolyte durch mögliche effektivere Redoxpaare bei Nutzung der bestehenden technischen Infrastruktur zu ersetzen.

Megatrends der Elektrifizierung des Energiebedarfs sowie der Ausbau der Anteile erneuerbarer Energieträger begünstigen die weitere Entwicklung und Markteinführung von Energiespeichern (IEA 2018). RFB und insbesondere die technisch am weitesten entwickelte VRFB können aufgrund der dargestellten Eigenschaften grundsätzlich im stationären Einsatz als dezentrale Großbatteriespeicher für Windparks oder Photovoltaikkraftwerke (vgl. (Turker et al. 2013b), (Alotto et al. 2014), (Mena et al. 2018), (López-Vizcaíno et al. 2017), (Papadopoulos et al. 2018), (Li et al. 2017c)), als lokale Kleinspeicher in Haus- oder Quartiersspeicheranwendungen zur Erhöhung des Eigenverbrauchsanteils der selbst erzeugten Solarenergie, aber auch als stationäre Kurzzeitspeicher in energieintensiven Betrieben genutzt werden. Dabei kann die Technologie je nach Bedarfsfall anwendungsspezifisch ausgelegt werden um sowohl für die Bereitstellung von Reserveleistung als auch als Netzstabilisator, als Bestandteil von Inselnetzen und zur Deckung von Lastspitzen (Peak Shaving) genutzt werden (Kamath et al. 2007). Die Realisierbarkeit großer Speicherkapazitäten und die kurze Reaktionszeit machen auch den Einsatz von RFB zum Spitzenlastausgleich, zur Spannungsunterstützung sowie zur Notstromversorgung möglich (Sterner und Stadler 2017). Der Anwendungsfall des Peak Shaving hat aktuell das relevanteste Anwendungs- und Entwicklungspotenzial (Joerissen et al. 2004), (Lucas und Chondrogiannis 2016), wobei, bedingt durch die genannte Skalierbarkeit des VRFB-Systems, grundsätzlich alle Ebenen der stationären Energiespeicherung bedient werden können (Thielmann et al. 2017).

Aus der Praxis kann das System von (Volterion 2019) exemplarisch genannt werden, welches eine Speicherkapazität von 13 kWh pro Modul aufweist und in verschiedenen Leistungsstufen zwischen 2,5, 5 und 10 kW im Dauerbetrieb beziehbar ist. Damit ist das Modul vergleichbar mit alternativen LIB-basierten Speicherlösungen, etwa des Anbieters Tesla, welcher ein vergleichbares Modul mit 13,5 kWh und 4,6 kW Leistung anbietet (Tesla 2020). Die Preise für beide Systeme sind nach (Enkhardt 2019) mittlerweile vergleichbar. Die Speicherkapazität des VRFB-Systems kann jedoch durch die Anzahl der Module beliebig vervielfacht werden.

Ein Beispiel für größere marktfähige VRFB-Systeme ist das System von CellCube mit 200 kW Leistung und 400 kWh Speicherkapazität (Resch et al. 2019) zu nennen. Für das VRFB-System werden hohe Zyklenanzahlen von > 15.000 angegeben, wohingegen LIB-Systeme je nach Temperatur- und Ladeprofilen Lebensdauern zwischen 1.000 und 5.000 Ladezyklen aufweisen (Sauer et al. 2013). Somit sind mit VRFB-Technologie bereits Anwendungen sowohl im Heimspeicherbereich, bei Ladestationen für Elektrofahrzeuge als auch im industriellen Einsatz etwa zur Lastspitzenreduktion oder auch in Verbundsystemen mit Wind- und Solarparks im Multimegawatt-Bereich realisierbar.

Heimspeicher werden insbesondere in Verbindung mit Photovoltaikanlagen eingesetzt. Die Speicherleistung dieser Systeme lag in Deutschland 2018 kumuliert bei 0,95 GWh mit stark steigender Tendenz. Insgesamt sind bis Ende 2018 125.000 Anlagen in Betrieb. Dominierende Technik stellen LIB-Systeme dar. (Figgener et al. 2019a) VRFB-Systeme haben im aktuellen Heimspeichermarkt noch keine kommerzielle Bedeutung. (Figgener et al. 2019b)

Die Angabe der installierten Leistung sowie Speicherkapazität in VRFB auf nationaler sowie globaler Ebene ist mit Unsicherheiten verbunden. Amtliche sowie belastbare wissenschaftliche Quellen, die diese Informationen transparent und mit nachvollziehbarer Datenbasis kontinuierlich ausweisen, sind nicht verfügbar. Aus der Auswertung der einschlägigen Veröffentlichungen resultieren entweder nur aggregierte Zahlen für alle elektrochemischen Energiespeicher (vgl. (REN21 2019), (IEA 2020)) oder gar keine spezifischen Angaben (vgl. (WEC 2019), (IEA 2019)). Der Einsatz von Batteriespeichern wird von (Munera und Fukui 2019) für das Jahr 2018 mit 8 GWh angegeben, eine Verdoppelung im Vergleich zu 2017. Die jährlich neu installierte Menge wird mit 85 % den LIB zugerechnet. (Munera und Fukui 2019) geben an, dass insbesondere VRFB eine potenzielle Alternative zu LIB darstellen und die Dominanz des Batteriespeichertyps angreifen könnten, ohne jedoch konkrete Zahlen dazu zu veröffentlichen. Zudem ist die frei verfügbare Datenbank des U.S. Department of Energy zu betrachten. Die Global Energy Storage Database bietet im wesentlichen forschungsrelevante Informationen über netzgekoppelte Energiespeicherprojekte. Die Angaben werden durch einen nicht weiter spezifizierten Review-Prozess verifiziert und nach eigenen Angaben monatlich überprüft (DOE 2020). Die Datenbank enthält Angaben zu unterschiedlichen Batteriespeichertypen. Zur Ermittlung der Zahl der global installierten VRFB-Speicherkapazität wurden die Daten ausgelesen und einer nochmaligen Detailrecherche unterzogen. Die eigene Auswertung und Valdierung der Daten mit Stand November 2019 ergab eine global in Betrieb installierte VRFB Speicherkapazität von 0,17 GWh. In Planung sowie in Bau befinden sich weitere 0,828 GWh Speicherkapazität von VRFB. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass allein ein VRFB-Speicherprojekt in Dalina (China) mit 0,8 GWh geplant ist (vgl. (Gillam 2020)). Die Angaben decken sich mit (Marscheider-Weidemann et al. 2016), die für den Stand 2016 annehmen, dass weltweit unter 1 GWh Speicherkapazität in VRFB installiert sind.

Das Konsortium des EU-Projekts BATSTORM gibt an, dass in den nächsten 10 Jahren die Gefahr eines Versorgungsengpasses mit Vanadiumoxiden auftreten könnte, wenn die erwartungsgemäße Installation von mehreren GWh Speicherkapazität durchgeführt wird (Ecofys 2018b). Eine genaue Quantifizierung der zu erwartenden Speicherkapazität wird von (Ecofys 2018b) nicht vorgenommen. In (Perles 2019) wird eine nicht weiter spezifizierte Hochrechnung des renommierten englischen Analysten Roskill4 zitiert, die nachfolgend dargestellt ist.

Abbildung 19 Prognose des Vanadiumbedarfs und der Speicherkapazität 2020-2030, eigene Darstellung nach (Perles 2019)

Die Vorhersage des zukünftigen Vanadiumbedarfs durch VRFB ist aufgrund der Preissensitivität zum Vanadiumpreis mit großen Unsicherheiten belegt. (vgl. (Perles 2019)). Je nach Szenario wird bis 2030 zwischen 1,3 und 5 GWh installierter Speicherkapazität durch VRFB weltweit ausgegangen. Die angegebenen Vanadiummengen sind jedoch nicht genau nachvollziehbar. Betrachtet man die Wertepaare aus Speicherkapazität und Vanadiummenge, würde eine Menge von rund 5 kg V/kWh angenommen. Dies ist praxisfern (vgl. Kapitel 2.3.2). Es daher davon auszugehen, dass in (Perles 2019) 5 kg V2O5 /kWh angenommen werden. Im weiteren Verlauf der Dissertation wird nur die Speicherkapazität als Parameter zur Einordnung genutzt und der daraus resultierende Vanadium-Gehalt über die Annahme eines Musterelektrolyten abgeleitet (s. Tabelle 16 sowie Kapitel 2.3.2). (Wong und Hackney 2019) nehmen für 2025 einen Vanadiumbedarf von 2.000 t V/a an. Unter Nutzung des Modellelektrolyten wäre damit im Jahr 2025 eine neu zugebaute Speicherkapazität von 0,71 GWh verbunden. (Marscheider-Weidemann et al. 2016) nehmen in einer Hochrechnung an, dass bis 2035 kumuliert 235 GWh VRFB-Speicherkapazität zugebaut werden. Daraus würde eine zusätzliche Vanadiummenge von jährlich 32.000 t bei Annahme einer Stoffmenge von 2,92 kg V/kWh resultieren, die zusätzlich zu den Anwendungen im Bereich der Eisen- und Titanlegierungen sowie der Nachfrage aus der chemischen Industrie bereitgestellt werden müsste. Die Annahme der 235 GWh ist jedoch unter Berücksichtigung der sonstigen Speicher als Extremannahme zu betrachten.

Tabelle 8: Auswertung Speicherkapazität in VRFB, eigene Darstellung


Der Vanadiumelektrolyt ist derjenige Bestandteil in der VRFB, der als potenziell rohstoffintensives System mit Zielkonfliktpotenzial im Zuge der nachhaltigen Energie- und Rohstoffwende zu betrachten ist. Die wichtigsten Eigenschaften des Vanadiumelektrolyten im Hinblick auf den Stand der Forschung und Technik werden nachfolgend beschrieben.

2.3.2 Vanadiumelektrolyt

Der in VRFB genutzte vanadiumhaltige Elektrolyt bestimmt die Speicherkapazität des Batteriesystems. Die Verwendung eines einzigen Metallelements in beiden Halbzellen eliminiert die Kreuzkontaminationsprobleme anderer RFB mit verschiedenen Redoxpaaren und bietet somit eine grundsätzlich unbegrenzte Elektrolytlebensdauer. Wie in Kapitel 2.3.1 dargestellt, speichern Vanadium-Redox-Flow-Batterien die elektrische Energie nicht in den Elektroden, sondern nutzen Elektrolyt als Speichermedium. Durch Volumen und Zusammensetzung des Elektrolyten wird die Kapazität des Gesamtspeichersystems bestimmt wodurch Speicherleistung und -kapazität unabhängig voneinander skalierbar sind. Der Elektrolyt enthält die reduzierten und oxidierten Formen der Vanadiumredoxpaare im Anolyten und Katholyten und dient als Medium zur Aufnahme von Stabilisatoren, die die Leitfähigkeit der Lösung erhöhen, den Stromfluss unterstützen und das Ausfallen von Vanadiumsalzen verhindern sollen. Die Elektrolytphase enthält frei bewegliche Vanadium-Ionen als Redoxpaare in einer schwefelsauren, wässrigen Lösung. (Skyllas-Kazacos et al. 2016), (Wu et al. 2014; Choi et al. 2017) Der Vanadiumelektrolyt unterliegt mit < 1 % p.a. nahezu keiner Selbstentladung (Ausfelder et al. 2015). Dies ermöglicht eine Speicherung über sehr lange Zeiträume und stellt damit eine weitere besondere Stärke von VRFB dar. Die Synthese des Elektrolyts findet entweder über V2O5 oder über VOSO4 statt. Das Ausgangsmaterial VOSO4 wird aufgrund seiner guten Löslichkeit in konzentrierter Schwefelsäure (H2SO4) direkt in dieser gelöst. Ebenso möglich ist die Herstellung auf Basis von pulverförmigem V2O5 mittels elektrochemischer Reduktion direkt in der Zelle. Etabliert ist zudem die chemische Reduktion mittels Reduktionsmitteln wie Oxalsäure. (Skyllas-Kazacos et al. 1989), (Ulaganathan et al. 2016) (Krawietz et al. 2017)

H2SO4 erhöht als Lösungsmittel nicht nur die Ionenleitfähigkeit des Elektrolyten, sondern liefert auch Protonen zur Reduktion von VO+ Ionen. Neben Schwefelsäure können grundsätzlich auch Mischelektrolyte eingesetzt werden. Mischungen aus Schwefelsäure mit Salzsäure, Schwefelsäure mit Methansulfonsäure sind neben nichtwässrigen RFB aus aktiven Metallionen in organischen Elektrolyten in der Literatur beschrieben. (Wu et al. 2014), (Small et al. 2017). Die Mischelektrolyte besitzen jedoch aktuell keine industrielle Relevanz und benötigen noch weitere Versuchsreihen zur Charakterisierung der spezifischen Vor- und Nachteile (Cao et al. 2018). Wie in Kapitel in 2.3.1 dargestellt, bildet Vanadium die notwendigen Redoxpaare als Ladungsträger in der schwefelsauren Elektrolytlösung. Der Strassentransport des Elektrolyten in flüssiger Form ist jedoch nicht der effizienteste Weg. Lösungen für kristalline Elektrolyte die in Pulverform transportiert und am Einsatzort gelöst werden können, sind vorgeschlagen (vgl. (Dormehl und Dutton 2009)), werden zur Zeit jedoch nicht in der Praxis umgesetzt.

Die Löslichkeit der Vanadiumionen bestimmt nicht nur die erreichbare Energiedichte des Elektrolyten, sondern begrenzt auch die Betriebstemperatur. Es kann zu Ausfällungen von Vanadiumverbindungen kommen, da die Löslichkeitsgrenzen sowohl von der Säurekonzentration des Elektrolyten als auch von der Temperatur abhängen (Skyllas-Kazacos 1996). Daher wird eine verdünnte Lösung als Elektrolyt eingesetzt, was wiederum die Energiedichte mindert.

Elektrolytzusätze wie Phosphorsäure, Kaliumsulfat, Harnstoff verbessern die Löslichkeit und sollen die Ausfällung von V-Salzen verzögern sowie den Temperaturbereich erweitern. (Kurzweil und Dietlmeier 2015) Insbesondere die Untersuchung der Temperaturanpassungsfähigkeit der Elektrolyte ist die Grundlage, um die die gezielte Auswahl der Vanadiumkonzentration in Abhängigkeit von der Umgebungstemperatur zu wählen (Xiao et al. 2016). Die Löslichkeit der V5+ Ionen in Schwefelsäure nimmt mit Erhöhung der Gesamtsulfatkonzentration zu und mit Erhöhung der Temperatur ab. Die Löslichkeit der V4+, V3+ und V2+ Ionen zeigen jedoch ein genau gegenläufiges Verhalten. (Cao et al. 2018) Eine Erhöhung der Vanadiumionenkonzentration über 2 M erhöht zwar die Energiedichte, die jedoch durch die Löslichkeit der verschiedenen Vanadiumionen im Temperaturbereich von 10 bis 40 °C begrenzt ist. Die V(II)-, V(III)- und V(IV)-Ionen fallen unter 10 °C als Sulfate aus, so dass ihre Löslichkeit mit steigender Temperatur zunimmt, mit zunehmender Schwefelsäurekonzentration aber aufgrund der gemeinsamen Ionenwirkung der Sulfationen abnimmt. Andererseits können die V(V)-Ionen im positiven Katholyten bei Temperaturen 40 °C zu V2O5 ausfallen (Roe et al. 2016). Die Arbeiten von (Roe et al. 2016) haben gezeigt, dass auch Elektrolyte mit 3 M Vanadium bei entsprechender Nutzung von geringen Zugaben von Stabilisatoren < 5 Gew.-% wie Natriumpolyphosphate, Kaliumphosphat, Ammoniumsulfat und Phosphorsäure realistische technische Potenziale aufweisen. Das thermische Ausfallen von V2O5 aus dem Katholyt konnte stark verzögert werden, jedoch wird weiterhin ein aktives Temperaturmanagement empfohlen. Aktuell auf dem Markt angebotene Elektrolyte haben deshalb eine Zusammensetzung von 1,5–2 M Vanadium in 3–5 M Schwefelsäure (vgl. (Cao et al. 2018), (Choi et al. 2017), (Skyllas-Kazacos et al. 2016), (Gençten et al. 2016), (Jing et al. 2016), (Flox et al. 2015), (Roe et al. 2016)).

Ausgehend von den genannten Konzentrationen ergibt sich für die heute eingesetzten Elektrolyte mit 2 M Vanadium eine Energiedichte von 33 Wh/L (Skyllas-Kazacos et al. 2010), (Cunha et al. 2015) bzw. von 19 bis 38 Wh/L für 1,5–2 M Vanadium in 2 M Schwefelsäure (Noack et al. 2015). Dokumentiert sind auch Konzepte mit 43 Wh/L unter Nutzung von salzsauren Mischelektrolyten (Li et al. 2011a), welche jedoch bisher keine industrielle Anwendung gefunden haben. Kommerziell erhältliche Elektrolyte in Europa werden mit 1,6 M Vanadium angegeben (vgl. (GfE 2019), (Oxkem 2020)). Unter Berücksichtigung der Systemverluste und dem Fakt, dass aufgrund von Energieverlusten und Nebenreaktionen bei extremen Ladezuständen in der Praxis nicht der potenziell mögliche Ladezustand ausgenutzt werden kann (vgl. (Turker et al. 2013a)), verringert sich diese Energiedichte jedoch. Angaben zur realen Energiedichte, welche die genannten Faktoren berücksichtigen, sind in der Literatur nicht bekannt.

Nachfolgende Abbildung fasst belastbare und praxistaugliche Literaturdaten zu den für diese Arbeit wesentlichen Elektrolytparametern wie Energiedichte, Vanadiumkonzentration sowie des Stoffbedarfs der Speicherkapazität zusammen. Mit Hilfe dieser Angaben lassen sich Rechnungen zum Rohstoffbedarf auf unterschiedlichen Ebenen durchführen.


A B C
(Noack et al. 2015). (Tang et al. 2014) (Viebahn et al. 2014)
(Tübke et al. 2015) (Skyllas-Kazacos et al. 2016) (Rydh 1999)
(Skyllas-Kazacos et al. 2010) (GfE 2019) (Tübke et al. 2015)
(Oxkem 2020)
(Cao et al. 2018)
(Choi et al. 2017)
(Roe et al. 2016)

Abbildung 20 Elektrolytparameter, eigene Darstellung

Die Abweichungen in den angegebenen Vanadiumbedarfe der Speicherkapazitäten und Energiedichten der Elektrolyte können in unterschiedlichen Annahmen zu den verwendeten Vanadiumkonzentrationen sowie spezifischen Additiven begründet sein. Der auf Basis von A und B errechnete Stoffbedarf unter Nutzung der Atommasse von Vanadium beträgt 2,34 kg V/kWh5. Die Spannweite der angegebenen Stoffbedarfe, die für die Speicherung einer Kilowattstunde notwendig sind, resultieren aus unterschiedlichen Annahmen zu Energiedichte und Vanadiumkonzentration, aus der sich der Stoffbedarf ergibt. Bei dem im Vergleich zur Berechnung aus A und B in der Literatur angegebenen Median von 3,18 kg V/kWh6 kann von einer Vanadiumkonzentration von 2 M sowie einer Energiedichte von 31 Wh/L ausgegangen werden. Die Werte sind somit nicht falsch, sondern beruhen auf unterschiedlichen Annahmen. Um im weiteren Verlauf der Dissertation eine einheitlichen Zahlenwert zu verwenden, der die Unterschiede in der Literatur berücksichtigt, wird auf Grundlage der Mittelwerte der Literaturauswertung von einem fiktiven Musterelektrolyten von 1,85 M Vanadium, einer Energiedichte von 30 Wh/L sowie einem daraus berechneten Stoffbedarf der Speicherkapazität von 2,83 kg V/kWh7 ausgegangen. Nach (Guthrie 2020) wurden 2019 rund 1 % der aktuellen Vanadiumproduktion für Batterispeicher genutzt. Dies entspricht einer Menge von 816 t/a. Auf Basis des Musterelektrolyten im Jahr 2019 kann somit von einer Produktion von 8 659 m3Elektrolyt ausgegangen werden. Diese Menge entspricht einer Speicherkapazität von 289 MWh dar. Auf Basis der Nachfragezahlen von (Guthrie 2020) für 2019 kann auf Basis des Modellelektrolyten ein Volumen von 10 579 m3Elektrolyt mit 359 MWh Speicherkapazität abgeleitet werden.

Im Fokus der aktuellen Entwicklungsarbeiten stehen nach wie vor die Stabilisierung der Elektrolyte in unterschiedlichen Temperaturbereichen, die Verbesserung der Reaktionskinetik und die Erhöhung der Energiedichte. Stellvertretend sind die grundlegenden Arbeiten von (Krawietz et al. 2017), (Skyllas-Kazacos et al. 2016), (Roe et al. 2016), (Cao et al. 2018), (Chakrabarti et al. 2007), (Choi et al. 2017) zu nennen. Die Erhöhung der Energiedichte und die Elektrolytoptimierung sind bereits seit Anfang der 1990er Jahre zu beobachten (vgl. (Kazacos et al. 1990), (Skyllas-Kazacos 1996)) und stellen nach wie vor eine Herausforderung dar, wie auch aktuelle Veröffentlichungen von (Roznyatovskaya et al. 2019) belegen. Die Untersuchungen hinsichtlich der Zugabe von stabilisierenden organischen (vgl. (Li et al. 2011b), (Leung et al. 2017), (Likit-anurak et al. 2017), (Liu et al. 2014), (Nguyen et al. 2016), (Peng et al. 2012), (Wu et al. 2012)) und anorganischen Additiven (vgl. (Wang et al. 2014), (Wang et al. 2013), (Shen et al. 2015), (Park et al. 2014), (Park et al. 2018)) und die damit verbundene Analyse der Auswirkungen von Fremdionen auf die Löslichkeit der Vanadiumionen und die Stabilität der Elektrolytlösungen, stehen in den vergangenen Jahren im Fokus.

Co-Lösungsmittel oder Additive zur Verbesserung der Stabilität von Vanadiumionen bei hohen und niedrigen Temperaturen sind somit auch erforderlich um die Betriebskosten von VRFBs senken können. Additive mit katalytischer Wirkung für die Redoxreaktionen sind nach (Wu et al. 2014) zur Verbesserung der Energieeffizienz notwendig. Nach wie vor ist nicht abschließend geklärt, welche stabilisierenden Additive die besten Effekte auf den Elektrolyten haben (Cao et al. 2018). Bei der Auswahl der Stabilisatoren kommt erschwerend hinzu, dass nicht alle Stabilisatoren die identischen positiven Effekte auf alle vier Oxidationsstufen ausüben (Ding et al. 2013). Insbesondere diese Forschungsaktivitäten besitzen daher einen großen Einfluss auf die rohstoffwirtschaftliche Betrachtung der Technologie, da mit der Stabilisierung der Elektrolyte ein wesentliches Hemmnis der Marktfähigkeit behoben wäre. Werden Elektrolyte mit höheren Vanadiumkonzentrationen realisierbar, hat dies direkten Einfluss auf den Vanadiumbedarf der Technologie. Indirekt kann aus neuen Anwendungsfeldern wie der mobilen Energiespeicherung ein zusätzlicher Bedarf resultieren.

Die Kosten des Elektrolyten machen bedingt durch den Vanadiumanteil und die benötigte Reinheit zum heutigen Zeitpunkt einen erheblichen Teil der Gesamtsystemkosten aus, insbesondere bei Anwendungen mit hoher Speicherkapazität (Cao et al. 2018), (Viswanathan et al. 2014), (Moore et al. 2015), (Minke et al. 2017). In (Ulaganathan et al. 2016) werden die Kosten für den Elektrolyten sowie die Tankinfrastruktur je nach Speicherkapazität zwischen 35 bis 45 % der Gesamtkosten des VRFB-Systems angesetzt. Wie die nachfolgende Darstellung der grundsätzlichen Kostenstruktur des Gesamtsystems einer VRFB zeigt, ist der Vanadiumelektrolyt mit zunehmender Speicherkapazität der dominierende Kostenfaktor.

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22 декабря 2023
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