Читать книгу: «Parsifal»
Joachim Stahl
Sternenlicht 5
Parsifal
Saphir im Stahl
Bereits erschienen:
Horst Hoffmann - Insel im Nichts
Johannes Anders - Rücksturz nach Tyros
Johannes Anders - Storm
Peter R. Krüger - Der Fehler im System
Joachim Stahl - Parsifal
In Vorbereitung:
Erik Schreiber - Wanderer
Sternenlicht 5
e-book 094
Erste Auflage 01.06.2021
© Saphir im Stahl
Verlag Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.saphir-im-stahl.de
Titelbild: Thomas Budach
Lektorat: Joachim Stahl
Vertrieb: neobooks
Inhaltsverzeichnis
Overtüre
1. Akt - Einsatz auf Torr
2. Akt - Vaterliebe
3. Akt - Virenwahn
4. Akt - Wertvolle Kisten
Coda
Hauptpersonen
Besatzung des moranischen Kreuzers GB-I/
DIANA:
Petrus Taunsend – Kommandant
Jon Entwissel – Astrogation
Ronja Darlfrey – Ortung
Kio Mun – Bordingenieur
Toni Walker – Armierung
Amadeus Buffon – Kommunikation
Weitere Moraner:
Omar Hoffmann – Kommandant des Expeditionsschiffes GIORDANO BRUNO
Pamina Neyd – Leiterin der Obersten Raumbehörde
Zaltan Rimski – Kommandant des Kreuzers GB-II/MARS
Ben Nabuko – Großunternehmer
Parsifal Nabuko – Bens Sohn
Raumpiraten:
Jago – Bandenanführer
Carmen – Jagos Nichte
Otello – ein junger Pirat
Ouvertüre
Sauerstoff-Restanzeige: 5 %.
Rot leuchtete die Zahl auf dem digitalen Armband. Vor einigen Minuten war die Anzeige orange gewesen, aber da war die Zahl auch noch höher. Sauerstoff entsteht im Vakuum des Alls eben nicht, er wird von Lungenatmern wie dem Menschen nur verbraucht. Mit jedem Atemzug verschwand ein kleiner Vorrat des lebenswichtigen Gases aus dem Rückentornister ihres Raumanzugs. Jeder Atemzug, der zum Sauerstofftransport des Blutes und damit zum Funktionieren der Organe notwendig war, brachte den Tod ein Stückchen näher. Wir leben, um zu sterben.
Doch war sie nicht viel zu jung zum Sterben? Gerade einmal 19 Jahre. Es kam ihr vor, als wäre sie neulich erst noch ein Mädchen gewesen, keine Frau. Ihre Brust noch flach, verspielte Gedanken im Kopf unter den dichten, dunklen Haaren, die sie damals schulterlang trug.
Ihre Mutter war nicht viel älter als 19 gewesen, als sie ihre erste und einzige Tochter auf die Welt gebracht hatte. Die Welt war ein Wüstenplanet namens Kharak, von Menschen erst seit wenigen Jahrhunderten besiedelt. Etwas kleiner als Terra, die Stammheimat der Menschheit, die inzwischen vom Krieg erschöpft und kaum noch bewohnbar war. Und sehr viel wärmer, weil der Blaue Riese des Systems den zweiten Planeten mit seinen Strahlen flutete.
Erinnerungen an ihre Kindheit entstanden in ihrem Kopf und sie klammerte sich daran wie eine Ertrinkende an einen Rettungsring. Das schöne Gesicht ihrer Mutter, die stets liebevoll für sie gesorgt hatte. Grünbraune Augen, die das quirlige Treiben ihrer Tochter beobachteten. Wie sorglos und leicht das Leben erschienen war, als sie ein kleines Mädchen gewesen war.
Sauerstoff-Restanzeige: 4 %.
Schwarz und kalt war das Weltall. Darin verstreut standen zahllose winzige Lichter, jedes eine Sonne, die Planeten wie Kharak Leben spenden mochten oder aber ihre Energie sinnlos ins Nichts des Alls streuten. Andererseits, gab es überhaupt einen Sinn? Als ihre Mutter sie unter qualvollen Schmerzen geboren hatte, war sie sicherlich voller Hoffnung gewesen, ihrer Tochter wäre ein langes und erfülltes Leben beschieden. Denn das Leben trägt seinen Sinn in sich, und es weiterzugeben ist daher sinngebend. Weshalb sonst ist der Liebesakt das befriedigendste aller Gefühle? Und der ursprüngliche Zweck dieses Aktes ist die Zeugung neuen Lebens. Unsere Natur selbst verrät uns also, warum wir leben: um das Leben weiterzutragen.
Das Gesicht Ollos tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Seit sie mit ihm zusammenarbeiten musste, fixierten seine dunklen Augen sie bei jeder Gelegenheit, und wann immer sich die Gelegenheit bot, berührte er sie scheinbar beiläufig. Auch eine sexuell kaum erfahrene junge Frau wie sie konnte deutlich erkennen, dass sie ihm gefiel. Warum auch nicht? Sie war nicht eitel oder gar selbstverliebt, aber wenn sie in einen Spiegel blickte, gefiel ihr, was sie sah. Ihr Körper war schlank, ihr samtbraunes Gesicht ebenmäßig. Aber gefiel ihr Ollo?
Der Gedanke daran, mit ihm erneut arbeiten zu müssen, ein Schlaflager zu teilen oder seine ebenholzfarbige Haut an ihrer zu spüren, entfachte in ihr keinerlei Vorfreude. Otello, wie sein Name eigentlich lautete, war weder hässlich noch gemein, nie hatte er sie im Gegensatz zu vielen anderen schlecht behandelt, aber er war langweilig. Sprach er mit ihr, ahnte sie meist schon, welchen Satz er als nächsten formulieren würde. Häufig versuchte er zu scherzen, doch es fehlte dabei das Überraschende, welches das Lachen erst hervorlockt. Die Rolle, die Ollo in ihrer Gemeinschaft einnahm, befriedigte ihn offenbar, nie wäre ihm der Gedanke in den Sinn gekommen, dass es auch etwas anderes und womöglich viel Schöneres geben könnte.
Sauerstoff-Restanzeige: 3 %.
Näher rückte das Ende, Atemzug um Atemzug, unausweichlich wie das Vergehen eines Planetoiden in der Nähe eines Schwarzen Loches. In ihrem Geist entstand nun das Bild ihrer Mutter, die in der Küche ihrer Wohnung am Rand der kharakischen Hauptstadt nach Atem gerungen hatte und dann jäh auf den Fliesenboden gefallen war. Ein Virus war es, das sie die Gesundheit gekostet hatte, vermutlich eingeschleppt von Besuchern aus dem All, die auf dem Raumhafen östlich der Stadt gelandet waren. Zwar mussten sich Einreisende medizinisch untersuchen lassen, aber die Sicherheitskräfte Kharaks waren einer mildtätigen Spende gegenüber niemals abgeneigt und nahmen dann ihre Kontrollen etwas weniger genau als behördlich vorgeschrieben.
Ihre Mutter hatte in einer Kneipe nahe des Raumhafens Getränke ausgeschenkt. Eine der Arbeiten, die Roboter den Menschen wohl niemals abnehmen würden, auch wenn sie viel schneller und ermüdungsfrei bedienen könnten. Doch welcher Raumfahrer will das Geld für seine den Geist und Körper erfrischenden oder auch betäubenden Getränke lieber von einem digitalen Bezahlsystem abbuchen lassen, wenn er es auch einer schönen Frau in die Hand drücken kann, die ihm zu seinem gefüllten Glas ein Lächeln schenkt und sich dazu seine mehr oder minder wahren Geschichten aus dem Weltall anhört?
Carmen war beim Tod ihrer Mutter dreizehn Jahre alt gewesen. Ein viel zu früher Tod, dachte sie damals. Doch in Wahrheit würde sie wohl in noch jüngerem Alter als ihre Mutter sterben müssen.
Sauerstoff-Restanzeige: 2 %.
Carmen hatte nach dem Zusammenbruch ihrer Mutter um Hilfe geschrien. Nachbarn hatten daraufhin den medizinischen Notdienst gerufen, der nach qualvoller Wartezeit endlich das schäbige Stadtviertel erreicht hatte und die ohnmächtige und schweratmende Frau ins Krankenhaus fuhr. Die Tochter durfte mit in den Medogleiter steigen. Sie erinnerte sich an das Betreten des Krankenhauses, das sie an jenem Tag zum ersten Mal in ihrem Leben sah, an die Vielzahl von Menschen dort, die meisten hilfebedürftig, die anderen in ihren himmelblauen Kleidern hilfegebend. Eine Ärztin hatte sich der Mutter angenommen, eine schlanke Frau mit mandelförmigen Augen, die von ersten Falten umkränzt wurden, und am Hinterkopf zusammengebundenen schwarzen Kraushaaren.
Verzweifelt hatte die Tochter die Ärztin angeblickt und gefragt, ob sie ihrer Mutter helfen könne, ob diese wieder gesund werde und wie lange das dauere. Die Ärztin hatte sie unverbindlich angelächelt und dabei gemustert. Ob sie wisse, ob ihre Mutter Geld habe, hatte sie statt einer Antwort erwidert. Das Mädchen hatte die Ärztin daraufhin angeblickt, als wäre es soeben von ihr geohrfeigt worden. Nein, hatte es geflüstert.
Ohne ein weiteres Wort an die Tochter zu richten, gab die Ärztin einem Medorobot den Befehl, die Mutter wegzubringen. Das Mädchen solle im Wartezimmer Platz nehmen, es werde dort bald erfahren, wie es weitergehe. Daraufhin hatte Carmen sich auf einen der wenigen freien Stühle gesetzt und mit bangem Herzen gewartet.
Kaum jemand der anderen Wartenden beachtete sie. Nur eine ältere, dicke Frau, die mit leicht gespreizten Beinen auf der gegenüberliegenden Seite saß, warf ihr gelegentlich einen Blick zu. Doch fand Carmen darin weder Mitgefühl noch auch nur Interesse.
Schließlich kam ein junger Mann in himmelblauen Kleidern auf sie zu und bat sie, ihn zu begleiten. Die Ärztin ließ sich nicht mehr blicken. Der dunkelhäutige Pfleger gab sich erkennbar Mühe, eine Spur von Kummer zu zeigen, als er ihr mit ernster Stimme mitteilte, dass ihre Mutter soeben gestorben sei. Man habe ihr leider nicht mehr helfen können, das Virus habe sie erstickt. Und ob sie andere Verwandte in der Stadt habe.
Sauerstoff-Restanzeige: 1 %
Bald würde auch sie ersticken.
Der einzige lebende Verwandte, von dem ihre Mutter jemals erzählt hatte, war ihr Bruder Jago, der Raumfahrer. Ihre Großeltern mütterlicherseits waren schon lange tot, gestorben bei dem Bombardement, das im letzten Krieg über Kharaks Städte niedergegangen war. Ihren Vater hatte sie niemals kennengelernt, ihre Mutter wusste nicht einmal seinen Namen. Es war wohl irgendein Raumfahrer, der auf der Suche nach Spaß und Abwechslung beim Landgang ihre Mutter, die attraktive und arme Kellnerin, kennengelernt hatte und ihr dafür anschließend ein paar Kredits in die Tasche steckte. War schön mit dir, vielleicht sehen wir uns mal wieder, du Hübsche. Leb wohl. Andere Frauen hätten ihr ungeborenes Kind abgetrieben, doch Carmens Mutter war davon überzeugt, dass das Leben mit der Empfängnis beginnt und töten ein Verbrechen ist, auch wenn die gerade geltenden Gesetze etwas anderes besagen.
Onkel Jago kam, so schnell er konnte. Es brauchte gut eine Woche. In der Zwischenzeit halfen einige Nachbarn dem Waisenmädchen, das zwar kein Kind mehr war, aber auch nicht allein für sich sorgen konnte, schon gar nicht ohne Geld. Die Nachbarn ließen sie bei sich essen, dafür half sie ihnen nach der Schule im Haushalt und versuchte sich nützlich zu machen. Das Arbeiten lenkte auch ab und sie war froh, dass sie dabei nicht viel über ihre Lage nachdenken konnte. Nur abends im Bett vor dem Einschlafen überfielen sie die Sorgen um ihre Zukunft wie ein Schwarm bösartiger Fluginsekten.
Und eines Tages stand Onkel Jago vor dem Haus, zum ersten Mal seit Jahren sah sie wieder sein hageres Gesicht, das von schwarzen, struppigen Haaren und einem schütteren Vollbart umrahmt war. Er streckte die Arme aus und versprach ihr, sie mit ins All zu nehmen. Er habe bald sein eigenes Schiff und könne darauf schalten und walten, wie er wolle.
Und hier war sie also, im All. Damit beauftragt, einen Notruf zu senden. Vor etlichen Stunden schon hatte sie damit begonnen, eingepfercht in dieses Wrack. Doch was, wenn der Notruf seinen Adressaten wider Erwarten nicht erreichte? Würde Jago dann aus seinem Versteck herbeieilen, um sie zu retten? Wusste er überhaupt, dass seiner einzigen Nichte gerade der Atem ausging?
Tränen traten in ihre Augen. Seltsam, dass sie erst jetzt kamen, wo ihr doch schon so lange zum Heulen zumute war. Und sie konnte sie nicht einmal unter dem Helm ihres Raumanzugs wegwischen. So werde ich also den Weg meiner Mutter gehen, wenn auch etliche Lebensjahre früher als sie. Sie musste ersticken, weil sie kein Geld für wirksame Medikamente hatte, ich muss ersticken, weil mein lieber Onkel ein geldgieriger Raumpirat ist, der mich als Lockvogel einsetzt.
Aber das Leben ist zwar meist ein eintöniger, ermüdender und berechenbarer Ablauf lauwarmen Wassers, manchmal aber verwandelt es sich wie durch den Zauberklang sinfonischer Melodien zum mitreißenden Strom einer dramatischen Oper. Während die junge Frau in dem wracken Beiboot die letzten Reserven ihres Sauerstoffes in die Lungen sog, tauchte ein Lichtpunkt in der Schwärze des Alls auf, genau wie erhofft und geplant.
Parsifal flog in die Falle.
1. Akt: Einsatz auf Torr IV
1. Szene
„Bitte setzen Sie sich.“ Admiral Omar Hoffmann lächelte die vier Kreuzer-Kommandanten in dem Besprechungsraum müde an.
Major Petrus Taunsend, Befehlshaber des Forschungsraumschiffs GIORDANO BRUNO-I, das den inoffiziellen Namen DIANA trug, folgte der Aufforderung ebenso wie seine drei Kollegen und nahm auf einem der gepolsterten Stühle an dem runden Tisch Platz. Gedankenverloren strich er sich sein kragenlanges braunes Haar hinter die Ohren.
Hoffmann setzte sich ebenfalls und warf dabei einen Blick auf das Multikomgerät an seinem linken Handgelenk. Der Admiral war keine eindrucksvolle Erscheinung. Er stand kurz vor der Pensionierung, sein kurzes Haar war bereits stark ergraut und licht. Falten durchzogen sein rundliches braunes Gesicht, in dem die dunklen Augen unter buschigen Brauen lagen. Doch Taunsend empfand großen Respekt gegenüber dem Admiral, der seine Untergebenen niemals von oben herab behandelte. Man hatte stets das Gefühl, dass er sich nicht nur für das ihm anvertraute Expeditionsschiff GIORDANO BRUNO, sondern für jedes einzelne der etwa 330 Besatzungsmitglieder verantwortlich fühlte. Und diese Verantwortung bedeutete sicherlich eine stete Last. Kein Wunder, dass der Admiral auch heute wieder etwas erschöpft wirkte.
Hoffmann räusperte sich kurz. „Sie ahnen, dass ich Sie nicht hierhergebeten hätte, wenn ich nichts für Sie zu tun hätte.“ Diesmal wirkte sein Lächeln wieder so verschmitzt, wie man es bei ihm oft an guten Tagen sehen konnte. „Aber keine Bange, meine Dame, meine Herren, es gibt keinen großen Anlass zur Sorge.“
„Sprach der Hirte kurz vor dem Festtag zu seinen gemästeten Zöglingen.“ Zaltan Rimski, der stämmig gebaute Kommandant der GB-II, genannt MARS, grinste keck. „Verzeihen Sie, Chef, ich wollte Sie nicht unterbrechen.“
Hoffmann runzelte die Stirn, die daraufhin noch faltiger als zuvor wurde, und hob mit gespieltem Ernst drohend den Zeigefinger. „Major Rimski, Sie werden keine Karriere im gehobenen Raumdienst machen, wenn Sie Ihren notorischen Sarkasmus nicht etwas besser zügeln.“
Rimski versuchte, sein stark zernarbtes Gesicht unter den sorgsam gescheitelten hellbraunen Haaren zerknirscht wirken zu lassen, doch der Schalk stand nach wie vor in seinen grauen Augen. „Ich werde tun, was ich kann. Wie jeder der hier Anwesenden weiß, kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als jeden Tag in ein wohltemperiertes Büro zu gehen und dort eine Datei voller hochinteressanter Informationen nach der anderen zu öffnen.“
„Ja, wir kennen dich alle, Zaltan.“ Die Lippen unter Taunsends großen, langen Nase verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. „Und du wirst es vermutlich nur schwer glauben können, aber wir mögen dich trotzdem.“
Die Runde brach in Gelächter aus, Rimski inklusive.
„Weiter im Text!“ Hoffmann ließ seinen Blick über die vier Raummajore gleiten. „Wie Sie wissen, haben wir soeben die ehemalige Außenbasis Torr IV erreicht. Was Ihnen noch nicht bekannt sein dürfte, ist der Grund unserer Fahrt hierher. Sagt Ihnen der Name Vlock etwas?“
Jonna Cossy, Kommandantin der GB-III, genannt VICTORIA, hob kurz die Hand. „Eine neuentdeckte Rasse Außerirdischer, die offenbar auf Tyros für allerlei Unruhe gesorgt haben“, antwortete sie.
Hoffmann nickte bedächtig. „Das ist leicht untertrieben. Sie haben dort die Reihen höchster Amtsträger auf eine Weise gelichtet, die auch mir altem Schlachtross Unbehagen bereitet. Diese Wesen sind zwar körperlich äußerst schwach, sie ähneln gefüllten Luftsäcken, aber sie verfügen über mentale Kräfte, die unter Umständen verheerender als so manche Strahlenwaffe sind. Die Vlock können Menschen manipulieren und dazu zwingen, in ihrem Sinne zu handeln.“
„Das kommt mir bekannt vor“, warf Amir Xu ein, der das Kommando über die GB-IV, genannt MINERVA, innehatte. „Die Frogs waren doch auch dazu imstande, nicht wahr?“
„Völlig richtig“, bestätigte Hoffmann. „Und damit schließt sich der Kreis. Nach den von den Vlock initiierten Mordanschlägen auf Tyros herrscht in den Führungskreisen unseres Planetenbundes verständlicherweise große Unruhe. Man will unbedingt und so schnell wie möglich verhindern, dass sich so etwas wiederholt. Und bei der Suche nach einer Lösung des Problems stieß man auf einen Wissenschaftler namens Valan. Dieser beschäftigte sich während des Frog-Krieges mit der Untersuchung der sogenannten Telenose, mit der diese rätselhaften Außerirdischen uns Menschen ihren Willen aufzwingen konnten. Hier auf Torr IV steht eine ehemalige Forschungsstation Valans. Unser Expeditionsschiff befand sich zufälligerweise näher daran als alle anderen Raumer der Sternenlicht Vereinigung, daher hat uns die Oberste Raumfahrtbehörde damit beauftragt, diese Anlage zu untersuchen. Sämtliche Datenträger, die wir dort finden, sind anschließend zur Auswertung unverzüglich nach Moran zu bringen.“
„Und weil das ein reiner Routineauftrag ist, werden sämtliche vier Raumkreuzer ausgeschleust“, warf Rimski in beiläufigem Ton ein.
„Wie Ihr berühmter Spürsinn wieder einmal ganz richtig erahnt hat, mein lieber Rimski, gibt es in der Tat eine kleine Komplikation“, erwiderte Hoffmann. „Ein fremdes Raumschiff befindet sich mit uns im Torr-System. Unsere Funksprüche hat es nicht beantwortet, was leider nichts Gutes erwarten lässt. Wir konnten es nicht genau identifizieren, weil es sich im Ortungsschatten der Sonne befindet, aber ersten Messdaten zufolge könnte es sich um einen Schlachtkreuzer der Fraktalkonföderation handeln.“
„Ein Schlachtkreuzer? Kein leichter Gegner, aber damit wird die GIORDANO BRUNO schon noch fertig, oder?“ Majorin Cossy blickte Hoffmann aus ihren großen, dunklen Augen fragend an.
„Normalerweise schon“, erwiderte der Admiral. „Doch schadet es nichts, Vorsicht walten zu lassen und die Raumkreuzer in Kampfbereitschaft zu versetzen.“ Er fixierte Taunsend. „Die GB-I bekommt den Auftrag, die Daten zu bergen. Lassen Sie Ihre Phönix bei der Forschungsbasis landen. Die GIORDANO BRUNO und die drei anderen Kreuzer sorgen dafür, dass Sie dabei nicht gestört werden. Und nun an die Arbeit, meine Dame, meine Herren. Wie ich schon erwähnt habe, die Zeit drängt, daher werden wir unsere Befehle so schnell wie möglich ausführen. Danke für Ihr Kommen.“ Er nickte den vier Kreuzer-Kommandanten zu, bevor er sich von seinem Stuhl erhob.
Taunsend strich sich nachdenklich über den kurzen Vollbart, dann stand auch er auf. Dabei bemerkte er, dass Rimski ihm einen verstohlenen Blick zuwarf, der gar nicht zu seinem üblichen burschikosen Gehabe passte. Ihm war, als könnte er in Rimskis Augen Sorge, wenn nicht gar Angst lesen.
2. Szene
Als Taunsend die Landekammer I betrat, empfand er wie immer ein Gefühl tiefer Zuneigung für das diskusförmige Schiff darin, das auf einem Magnetkissen ruhte. Er fragte sich, ob er seine Frau, die in der ORB-Verwaltung auf Moran arbeitete und gerade ihr erstes gemeinsames Kind im Bauch trug, wohl auch so häufig anhimmelte. Vermutlich nicht.
Fast zärtlich ließ er den Blick über die in tiefdunklem Grauton schimmernde Metallhülle gleiten. „GIORDANO BRUNO I“ stand in metergroßen roten Lettern als offizielle Bezeichnung nahe des Schiffsäquators, der einen Durchmesser von rund 170 Metern hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite prangte in ebenso großen Buchstaben der Eigenname „DIANA“ neben dem Hoheitssymbol Morans, das aus einem goldenen Sternenkranz in einem scharlachroten Quadrat bestand. Dreieckig aus dem Äquator ragten die Projektoren der Kaskadenschutzschilde. Die verheerenden Lichtwerfer, Angriffswaffen auf Laserbasis, waren hinter ihren Luken verborgen, ebenso das Abschussrohr des sogenannten Overkills, der ganze Planeten zerstören konnte.
Über 30 Meter hoch war der Raumkreuzer, dessen Kommandant Taunsend seit nunmehr gut einem Jahr war. Davor war er drei Jahre Astrogator auf einer Fregatte der moranischen Kriegsflotte gewesen, ehe er auf der Raumakademie den Ausbildungslehrgang zum Kreuzerkommandanten erfolgreich abgeschlossen hatte und zugleich zum Major befördert worden war.
Mit federnden Schritten seiner langen, dünnen Beine betrat er den Einstieg des Teleskoplifts, der den Bauch des Kreuzers mit dem Hangarboden verband, drückte auf den mittleren der drei Schaltknöpfe an der metallenen Seitenwand und ließ sich emportragen. Die DIANA war in sechs Decks untergliedert, doch vom Zentrallift aus waren nur drei davon direkt erreichbar. Die übrigen Decks enthielten Maschinenräume, die durch andere Aufzüge angesteuert werden mussten.
Leutnant Jon Entwissel und Fähnrich Amadeus Buffon hoben synchron die Köpfe, als Taunsend die Kommandozentrale des Raumkreuzers betrat. Beide trugen die im Dienst vorgeschriebenen grüngrauen Bordkombinationen der moranischen Raumflotte, an deren linker Brustseite Name und Rangbezeichnung des Trägers zu lesen waren.
Taunsend nickte ihnen grüßend zu. „Kio, Ronja und Toni sind an ihren Plätzen?“
Der Kommunikationsspezialist Buffon betätigte in seiner etwas fahrigen Art die Kontrollen seines Leitpultes. „Ja, unsere drei Muskeltiere sind alle startklar.“ Seine Stimme klang wie üblich leicht krächzend.
Entwissel, Astrogator des Raumkreuzers, runzelte missbilligend die Stirn, die von schulterlangen schwarzen Haaren eng umrahmt wurde. „Kannst du deine Kalauer vielleicht mal auf die dienstfreie Zeit beschränken, Amadeus?“
Buffon warf ihm einen verwirrten Blick aus seinen braunen Knopfaugen zu. „Kalauer? Was meinst du damit?“
Taunsend seufzte. „Amadeus merkt das gar nicht, Jon. Du kennst ihn doch mittlerweile auch schon ein paar Monate. Er kann nicht anders reden. Es muss sich um irgendeine psychische Störung handeln.“
Er warf einen prüfenden Blick auf den für die Kommunikation zuständigen Fähnrich mit den kragenlangen braunen Haaren und dem schmalen Gesicht, der sich verlegen lächelnd wieder seinem Schaltpult widmete.
Buffon und die Armierungsspezialistin Toni Walker waren als Letzte zur Mannschaft gestos-sen. Ihre Vorgänger, beides langgediente Leutnants, waren den Weg gegangen, den auch Taunsend vor einigen Jahren eingeschlagen hatte, und hatten sich zu Weiterbildungskursen in der Raumakademie eingeschrieben. Mit Bedauern dachte Taunsend an sie zurück. Die sehr tüchtige Kommunikationsoffizierin und der herausragende Waffenexperte hatten leider nur etwa ein dreiviertel Jahr unter seinem Kommando gedient. Ihre Nachfolger waren noch sehr jung und entsprechend unerfahren. Walker, eine zierliche Frau mit kurzen dunklen Haaren und grünbraunen Augen, wirkte seltsam distanziert und nach wie vor wie ein Fremdkörper in der Mannschaft. Buffon hingegen bemühte sich zwar spürbar um seine Integration, aber mit einigen Marotten strapazierte er zugleich regelmäßig die Nerven der vier älteren Besatzungsmitglieder.
Taunsend wandte sich an Buffon und musterte ihn streng. „Bereite eine Durchsage an die Besatzung durch, Amadeus.“
Eifrig flogen Buffons feingliedrige Hände über die Steuerungsempfänger seines Schaltpultes. Untüchtig war der junge Bursche nicht, vielleicht würde aus ihm irgendwann tatsächlich ein brauchbares Mitglied der moranischen Expeditionsflotte. „Alles breit, Chef, du kannst Lose legen.“
Taunsend strich sich eine lange Strähne aus der Stirn und blickte in das Aufnahmegerät des Kommandantenpultes. Mit einem kurzen Räuspern klärte er seine Stimme. Auf dem Visiophon vor ihm sah er als Hologramme die fünf gespannten Gesichter seiner Besatzung. Auch Entwissel und Buffon blickten ihn über ihre Aufnahmegeräte an, obwohl sie sich im selben Raum wie er befanden. „Meine Damen, meine Herren, gleich wird der Startbefehl von der BRUNO kommen, dann legen wir ab. Amadeus wird kurz darauf unsere genauen Zielkoordinaten empfangen. Jon steuert unsere DIANA zu dem Planetoiden Torr IV, landet aber nicht. Stattdessen schleusen wir die Phönix aus. Kio und Ronja gehen damit runter.“
Der Bordingenieur Kio Mun verdrehte in seinem engen Maschinenleitstand drei Decks unterhalb der Zentrale die Augen und fuhr sich theatralisch durch die struppigen schwarzen Haare. „Ronja wird die Gelegenheit sicher nutzen und mich in irgendwelche Büsche zerren.“
Aus den Hologrammen erklang mehrstimmiges Gelächter, nur die zierliche Ortungsoffizierin Ronja Darlfrey verzog in gespieltem Grimm das hübsche, wenngleich bereits etwas faltige Gesicht. Mit über 50 Jahren war sie das älteste Besatzungsmitglied. „Kio, du bist sogar mir viel zu dick und hässlich. Außerdem bin ich grundsätzlich nicht an Familienvätern interessiert, mach dir also nur keine falschen Hoffnungen.“ Kokett zwinkerte sie mit ihren großen blauen Augen in das Aufnahmegerät.
„Schön, dass ihr immer so guter Laune seid“, meldete sich Taunsend wieder zu Wort. „Ich hoffe, eure Stimmung steigt sogar noch höher, wenn ihr erst dort unten in der Station seid und das fröhliche Datenträgersammeln losgeht. Keine Sorge, allzu groß scheint die Anlage nicht zu sein. Innerhalb etwa einer halben Stunde müsstet ihr sie durchforstet haben. Mannschaftsquartiere und dergleichen übergeht ihr einfach, fündig werdet ihr eher in den Arbeitsräumen. Ihr seid lange genug in der Flotte, um zu wissen, wie die aussehen. Die Raumbehörde hat riesiges Interesse an diesen Datenträgern. Ihr dürft euch also einbilden, etwas Bedeutendes für die moranische Sicherheit zu tun. Ihr steigt dann mit den Fundstücken wieder in eure Phönix, bitte ohne Abstecher in die übrigens vegetationslose Oberfläche von Torr IV, und kommt schnurstracks zurück zu Papa Petrus. Nähere Einzelheiten über die ganze Angelegenheit verrate ich euch bei Interesse nach Abschluss eurer Mission.“ Er legte eine kurze Atempause ein. „Und damit uns vieren hier an Bord der DIANA in der Zwischenzeit nicht langweilig wird, hat sich ein unbekanntes Raumschiff in diesem System vor der BRUNO versteckt und weigert sich, auf unsere Funkrufe zu antworten. Man kann daraus messerscharf schlussfolgern, dass die Kameraden dort an Bord nichts Gutes im Sinn haben. Man munkelt, es könne ein Schiff der Konföderation sein. Aber mit der BRUNO und den drei anderen Kreuzern als Leibwache sollten wir in Ruhe unsere Arbeit machen können. Nur weiß man eben nie. Das Weltall ist bekanntlich wie das Leben und steckt voller Überraschungen. Also, packen wir es an und hoffen auf ein gutes Gelingen!“
3. Szene
„Herr Admiral, eine Meldung von der ORB“, drang die Stimme der Kommunikationsoffizierin Uhura an Hoffmanns Ohren.
Überrascht hob Hoffmann die Augenbrauen und wandte sich dem Visiophon vor ihm zu. Per Hologramm tauchte das zerfurchte Gesicht der Generalin Pamina Neyd auf, die als Leiterin der Obersten Raumbehörde Morans fungierte. Ihr streichholzkurzes Haar war bereits ähnlich stark ergraut wie das Hoffmanns. Und auch Neyd war zu uneitel, um es wie in ihren Alterskreisen sonst meist üblich zu färben. „Pamina, ich grüße dich. Wir haben soeben die befohlene Bergung der Datenträger auf Torr IV begonnen. Alle vier Raumkreuzer der BRUNO sind ausgeschleust, weil wir per Resonanzkontakt ein unbekanntes Schiff angepeilt haben, das auf unsere Kontaktversuche nicht reagiert. Und wir möchten lieber kein Risiko eingehen, wie du dir denken kannst.“ Er lächelte schmallippig in die Kamera.
Neyd musterte ihn ernst. Sie hatten im letzten Krieg als Unteroffiziere auf demselben Schlachtkreuzer der militärischen Flotte gedient und standen einander entsprechend nah. Erst nach Neyds Beförderung an die oberste Spitze der Raumbehörde war ihr Kontakt allmählich abgeflaut. Es bleibt eben nicht mehr viel Zeit für alte Freunde und Bekannte, wenn man die Verantwortung für eine ganze Raumflotte mit knapp 500 Schiffen und insgesamt über 5.000 Besatzungsmitgliedern trägt, die von einer Vielzahl als Bodenpersonal dienenden Frauen und Männern unterstützt werden.
„Deshalb rufe ich nicht an, Omar“, entgegnete die Generalin. „Es tut mir leid, aber ihr müsst diese Mission sofort abbrechen. Es gibt einen neuen Auftrag für euch, der keinerlei Aufschub duldet.“
Hoffmann atmete tief durch. „Was ist passiert? Ein Angriff auf Moran?“
Neyd schüttelte leicht den Kopf. „Nein, zum Glück nichts so Dramatisches. Die Sache ist mir selbst ein Rätsel. Aber wir haben von der Regierung die Order erhalten, ein moranisches Entführungsopfer aus der Hand von Raumpiraten zu befreien. Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt anscheinend wichtiger als alles andere. Deshalb ergeht dieser Befehl an euch auch als Alphaorder.“
Gegen seinen Willen stieß Admiral Hoffmann ein ungläubiges Lachen aus. „Wie bitte? Etwas so Banales wie ein Piratenüberfall soll unseren sorgsam ausgearbeiteten Einsatzplan auf den Kopf stellen? Das kann nicht dein Ernst sein, Pamina!“
Wie um Entschuldigung bittend zuckte Neyd mit den Schultern. „Du weißt, dass die Regierung uns gegenüber weisungsbefugt ist. Wer zahlt, bestimmt die Musik. Bei dem Entführungsopfer muss es sich meines Erachtens um jemanden handeln, der einem einflussreichen Regierungsmitglied sehr am Herzen liegt. Bitte glaube mir, ich bin selbst irritiert und halte das auch für äußerst fragwürdig. Aber offenbar ist man der Ansicht, es brauche ein so großes Schiff wie die BRUNO, um dieses kleine Piratenproblem zu lösen. Wenn es dich tröstet, kannst du dir also sagen, dass man in den entscheidenden Kreisen auch die Kampfkraft eures Forschungsraumers durchaus zu schätzen weiß. Und insbesondere eure Kreuzer der ORION-Klasse verfügen ja in der Tat über eine beeindruckende Stärke.“ Sie seufzte. „Die Zielkoordinaten lasse ich euch gleich zukommen. Schleuse die vier Kreuzer ein und mach dich unverzüglich auf den Weg. Wie gesagt, das ist eine Alphaorder. ORB Moran Ende.“ Die holografische Darstellung von Neyds Gesicht erlosch.
Admiral Hoffmann schüttelte fassungslos den Kopf. Aber er war nicht gewillt, an diesem absurden Spiel bedingungslos mitzuwirken. Ja, er war ein leitender Offizier und das hierarchische System dieses Berufszweiges war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Doch hatte er in all den Dienstjahren weder sein Herz versteinern lassen noch sein Gehirn ausgeschaltet. Er wusste, was zu tun war und würde sämtliche Konsequenzen bereitwillig in Kauf nehmen.
4. Szene
„Ich fürchte, wir bekommen Vertreterbesuch.“ Buffon hatte die Ortung übernommen, da die dafür zuständige Ronja Darlfrey die DIANA an Bord der Phönix vor einigen Minuten verlassen hatte. Etwas umständlich bediente er die für ihn ungewohnten Ortungs-Kontrollfelder seines Pultes.
Es wäre auch möglich gewesen, diese Aufgabe dem Bordcomputer zu übertragen, aber es schadete nichts, den jungen Burschen etwas zu fordern, hatte Taunsend stillschweigend entschieden. Man wächst mit seinen Aufgaben. Und das konnte dem noch etwas unfertig wirkenden Buffon wahrlich nicht schaden.
„Ein großer Brocken“, erläuterte der Fähnrich. „Sieht aus wie eine Röhre mit allerlei Anbauten, über 500 Meter lang und 100 Meter im Durstmesser.“
„Also ein Schlachtkreuzer der Konföderation“, murmelte Taunsend, nachdem die holografische Darstellung des fremden Schiffes endlich über der Astroscheibe erschienen war. Das Auftauchen des zuvor versteckten Raumers war zu erwarten gewesen, nachdem die GIORDANO BRUNO unvermittelt das System verlassen hatte, um eine dringendere Mission zu erfüllen. Der Gegner wagte sich nun aus dem Ortungsschatten des Weißen Zwerges. Die Konfrontation mit der GIORDANO BRUNO hatte er gescheut, doch ein einzelner ihrer Kreuzer war für ihn offenbar ein Widersacher, den man vertreiben oder gar vernichten konnte. Zwar verfügte die DIANA wie jedes Schiff der ORION-Klasse über einen Overkill-Werfer, der ganze Planeten zerstören konnte, aber dieser war für ein Feuergefecht gegen ein anderes Raumschiff viel zu ungenau. So blieben ihr hierfür nur ihre vier konventionellen Strahler. Und diese waren den zahlreichen schweren Lasergeschützen eines Schlachtkreuzers deutlich unterlegen.
„Schutzschirm aktivieren!“, befahl Taunsend. Zwar herrschte derzeit kein Kriegszustand zwischen der Sternenlicht Vereinigung und der Fraktalkonföderation, doch die wechselseitige Beziehung war chronisch gespannt. Weder auf politischer noch auf ökonomischer Ebene gab es engere Kontakte. Man wusste nicht einmal viel voneinander. Und das, obwohl in beiden Sternenreichen Abkömmlinge der irdischen Menschheit lebten. Zwar gab es ein Datennetz, welches den gesamten von Menschen besiedelten Teil der Galaxis miteinander verband, doch uneingeschränkten Zugriff darauf hatten nur die Geheimdienste und die höchsten Regierungsebenen.
„Was machen wir nun?“ Astrogator Entwissels Stimme klang belegt. „Soll ich auf Fluchtkurs gehen?“
„Auf keinen Fall!“ Taunsend rieb sich nachdenklich das bärtige Kinn. „Wir lassen Ronja und Kio da unten nicht im Stich. Aber wir sollten auch keinen Zweikampf mit dem Brocken riskieren. Sein aggressives Auftauchen trotz unserer Anwesenheit lässt darauf schließen, dass er es auf ein Feuergefecht mit uns ankommen lassen würde, und dabei würden wir mit ziemlicher Sicherheit den Kürzeren ziehen. Womöglich ist er aus demselben Grund wie wir hier. Und in dem Fall ist er wohl kaum gewillt, tatenlos zuzusehen, wie wir mit diesen Forschungsdaten gen Heimat davondüsen. Das Risiko ist mir jedenfalls zu groß. Flieg in den Ortungsschatten auf der Rückseite des Planetoiden und geh dort auf Tauchstation, Jon!“
Das verschaffte ihnen eine Atempause, mehr aber auch nicht. Fieberhaft suchte Taunsend nach einem passenden Schachzug für diese vertrackte Situation. „Toni, sind die Lichtwerfer einsatzbereit?“
„Ja“, antwortete die junge Frau vom Armierungsstand ein Deck über der Kommandozentrale gewohnt wortkarg.
„Verbindung mit Bodentrupp herstellen“, befahl Taunsend.
Buffon brauchte erfreulicherweise nicht allzu lange, um wieder auf den Kommunikationsmodus umzustellen.
„Pet, was gibt’s?“ krähte Darlfreys stets etwas heisere Stimme unbeschwert. „Wir haben den Eingang zur Station geknackt. Gute Luft herrscht im Inneren leider nicht mehr, eher Vakuum. Wir werden uns jetzt zum Archiv begeben oder wo auch immer diese heißbegehrten Datenträger vor sich hin gammeln mögen. Ist das Abendessen schon fertig oder warum klopfst du an?“
„Die BRUNO und unser gesamter Begleitschutz haben das Feld geräumt.“
„Was? Warum das denn? Haben etwa die eine Esseneinladung bekommen?“
Taunsend schnaubte humorlos. „Alphaorder der ORB. Jedenfalls nähert sich soeben ein Schiff der Konföderation, leider sehr viel größer und vermutlich kampfstärker als wir. Ich weiß nicht, was sie hier suchen, vielleicht wollen sie uns aus reiner Gewohnheit die Suppe versalzen, apropos Essenseinladung. Wir gehen erst mal in Deckung, aber wir lassen euch nicht im Stich, das wisst ihr. Erledigt einfach weiter euren Auftrag und meldet euch per Subfunk, sobald ihr damit fertig seid. Ich hoffe, bis dahin ist mir etwas Schlaues eingefallen. DIANA Ende.“
„Verdammt, das hab ich mir anders vorgestellt.“ Hinter der Scheibe seines Raumhelmes wirkte Muns rundliches Gesicht so besorgt wie nur selten. Der Bordingenieur der DIANA stand in seinem tarnfarbigen Raumanzug Darlfrey gegenüber in der Schleusenkammer der verlassenen Forschungsstation.
„Ich weiß, du hast von lauschigen Büschen geträumt, in denen du mich vor und nach unserem Auftrag kurz vernaschen kannst, du Lustgreis. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.“ Darlfrey zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln, auch wenn es ihr schwerfiel.
„Danke, jetzt geht es mir schon viel besser“, feixte Mun. Der leicht untersetzte Leutnant diente seit fast zwanzig Jahren in der Flotte und hatte seine Nerven in aller Regel gut im Griff. „Ich frage mich nur, warum dieser Valan ausgerechnet hier im kosmischen Nirgendwo eine Forschungsstation errichtet hat. Weshalb er diese Einöde dann wieder verlassen hat, kann ich schon besser verstehen. Hier würde ich es auch nicht lange aushalten.“
„Zum Glück fragst du dich selbst. Ich hab nämlich leider auch keine schlaue Antwort darauf. Und nun komm, bringen wir es hinter uns.“ Darlfrey betrat den etwa vier Meter breiten und gut zwei Meter hohen Korridor, der sich hinter der Schleusenkammer ins Innere der Station erstreckte.
Wie Taunsend bei der Einsatzbesprechung angekündigt hatte, war die Station nicht sonderlich groß. Das flache quaderförmige Gebäude, dessen Rückseite an eine Felswand angelehnt war, war etwa zwanzig Meter breit und vierzig Meter lang. Allzu viele Räume, die es zu durchsuchen galt, dürfte es also nicht enthalten.
Die Lufterneuerungsanlage, welche die Anlage einst mit Sauerstoff geflutet hatte, war nicht mehr in Betrieb. Das auf der Oberfläche des Planetoiden herrschende Vakuum hatte auch die Station erfasst, obgleich die Eingangstür geschlossen gewesen war und von Darlfrey und Mun durch den Einsatz ihrer HM-6-Strahler hatte geknackt werden müssen. Der breitgefächerte Lichtstrahl ihrer Helmscheinwerfer beleuchtete die hellgrauen Wände, deren Verkleidung nach etlichen Jahrzehnten der Vernachlässigung bereits etliche Risse aufwies.
„Es wäre schön, wenn wir einen Bauplan der Anlage hätten“, bemerkte Mun.
„Warum das denn? Hast du als Kind etwa nicht gerne Suchen gespielt?“
„Eher Verstecken. So hatte ich vor meinem schlagfreudigen großen Bruder wenigstens ab und zu mal meine Ruhe. Du musstest dich natürlich nie verstecken. Du bist ja sogar in der späten Blüte deiner Jahre und voll ausgewachsen noch so klein, dass man dich ohne Lupe kaum sehen kann.“
„Was ich vermutlich mit deinem besten Teil gemeinsam habe, mein lieber Kio, auch wenn ich das noch nie sehen musste und auch keinerlei Verlangen danach empfinde. Und jetzt mir nach, falls deine altersschwachen Augen mich in dieser Finsternis erkennen können.“ Mit raschen Schritten, die bei der geringen Schwerkraft des Planetoiden kaum Mühe erforderten, eilte Darlfrey in das Innere der Forschungsstation.
Die Lautlosigkeit der Szenerie zerrte an den Nerven. Selbst wenn ein Wesen in Todesangst geschrien hätte, wäre es im Vakuum der verlassenen Forschungsstation für andere nicht zu hören gewesen. Deshalb neigten Raumfahrer zur eigenen Beruhigung häufig zu mehr oder weniger sinnvollem Geplapper über den Helmfunk.
Darlfrey hatte sich mit zunehmendem Alter immer öfter gefragt, was schlimmer sei, taub zu werden oder zu erblinden. Nichts mehr sehen zu können war ihr meist als das kleinere Übel erschienen. Nicht nur wegen der Musik, die sie innig liebte. Doch die nur durch das Licht der Helmscheinwerfer durchbrochene Finsternis in der Station führte ihr buchstäblich vor Augen, wie unangenehm auch die ewige Dunkelheit sein musste.
An beiden Seiten des Ganges tauchten nach etwa zehn Metern die ersten Türen auf.
„Wollen wir mal anklopfen?“, fragte Mun.
„Das würde ja denen hinter der Tür die Überraschung verderben.“ Darlfrey drückte auf den Öffnungsknopf neben der Tür zu ihrer Linken. Wie von ihr erwartet, geschah nichts. Es wäre auch verwunderlich gewesen, wenn die Energieversorgung der Station noch funktioniert hätte. Für Stromausfälle gab es jedoch stets auch eine manuelle Vorrichtung zum Öffnen. Darlfrey griff nach dem dafür vorgesehenen Hebel an der linken Seite der Tür und rüttelte daran. Wiederum ohne Ergebnis.
„Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“ Mun zückte den HM-6-Strahler und richtete ihn auf die Tür. „Oder hast du etwa ausnahmsweise eine bessere Idee als ich, Ronja?“
Darlfrey schüttelte den Kopf. „Ich bin zwar mit großem Abstand klüger als du, aber in technischen Fragen bist du mir über. Schieß die Tür auf! Beim Haupteingang zur Station hat es ja auch geklappt.“
Der Laserstrahl zerstörte den Schließmechanismus der Tür binnen weniger Sekunden. Mun drückte sie auf. Dahinter beleuchtete sein Helmscheinwerfer einen fensterlosen Raum voller Regale und Schränke. „Müssen wir die etwa alle durchwühlen?“
„Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig“, seufzte Darlfrey. „Ich übernehme die linke Seite, du die rechte, einverstanden?“
„Geniale Idee, Ronja. Und da behauptest du, ich wäre dir technisch überlegen.“
Ein heftiger Schlag erschütterte den Kreuzer, begleitet von einem krachenden Geräusch.
„DIANA unter Beschuss“, meldete Buffon mit zittriger Stimme. „Aber der Regenschirm hat dichtgehalten, keine Wasserschäden.“
Taunsend atmete tief durch. Die Konföderierten scherten sich offenbar wie befürchtet nicht darum, ob sie mit einer kriegerischen Handlung gegen ein Schiff der Sternenlicht Vereinigung den brüchigen Waffenstillstand zwischen den beiden Staatenbunden beendeten.
Die DIANA beschleunigte mit Höchstgeschwindigkeit in den Ortungsschatten des Planetoiden. Auch wenn Torr IV nur etwa 500 Kilometer Durchmesser aufwies, bot seine zerklüftete Oberfläche genügend Verstecke für einen lediglich 170 Meter durchmessenden Diskus.
„Zwischen diesen Felsen könnten wir uns auf die Lauer legen“, meldete Entwissel.
Taunsend musterte auf der Astroscheibe vor ihm die angegebene Steinformation, die an ein abstraktes Wimmelbild erinnerte. „Tu das. Und dann sämtliche Aggregate abschalten, die nicht unmittelbar lebensnotwendig sind, Schirme und Werfer inklusive. Wir müssen vermeiden, dass wir energetisch geortet werden können.“
Entwissel stieß ein überraschtes Knurren aus. „Aber dann sind wir wehrlos! Und wenn wir ohne Energie landen, kriegt unsere DIANA einen zerkratzten Bauch!“
„Besser ist der Bauch zerkratzt als geplatzt“, schaltete sich Buffon ein.
„Sehr richtig, Amadeus“, bestätigte Taunsend. „Und in einem offenen Gefecht würden wir mit großer Wahrscheinlichkeit mehr als nur ein paar Kratzer abbekommen. Das Abschalten der Aggregate gibt uns am ehesten die Möglichkeit, einen Kampf zumindest vorerst zu vermeiden. Muss ich meinen Befehl noch näher erläutern, Leutnant Entwissel, oder bist du überzeugt genug, um ihn auszuführen?“
Ohne ein weiteres Widerwort steuerte der zum Eigensinn neigende Astrogator die DIANA in das Felsenversteck. Ein hässliches Knirschen ertönte, als die Unterseite des Kreuzers auf dem blanken Gesteinsboden zu liegen kam. Entwissel stöhnte unterdrückt, als hätte ihn der Aufprall selbst geschmerzt.
Taunsend hatte die Aufgabe des Ingenieurs Mun dem Bordcomputer übergeben. „DIANA, schalte die Energieversorgung auf Stufe 2 runter und dich als KI selbst ab“, befahl er.
„Wird sofort erledigt“, verkündete die angenehme weibliche Stimme der Künstlichen Intelligenz. Das Licht im Kommandoleitstand erlosch, nur die Schaltpulte spendeten noch etwas diffuse Helligkeit.
„Da kommen Schiffe“, wisperte Buffon so leise, als hätte er Angst, der Gegner könnte ihn hören.
Auch Taunsend sah die drei Punkte auf der Astroscheibe. In parallelen Flugbahnen glitten sie einher, sicherlich auf der Suche nach der DIANA. Die Ortung war ebenfalls auf minimale Leistung gestellt, daher war ihre Darstellung lediglich zweidimensional und viel unschärfer als gewohnt. Form und Größe der Schiffe waren nicht zu erkennen. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelte es sich um kleine Raumaufklärer, die nur schwach bewaffnet waren.
Unbewusst hielt Taunsend den Atem an, bis die Boote nach wenigen Augenblicken wieder aus der Ortung verschwunden waren. Das Versteck der DIANA war gut genug gewesen. Doch nun wurde es Zeit für den nächsten Schachzug. Taunsend schloss die Lider und versuchte vor seinem inneren Auge den Weg zum Matt für den Gegner zu erkennen.
Aber er sah ihn nicht. Nur die schwarzen Felder des Schachbrettes, die jedoch in Wahrheit das unendliche Weltall sein mochten.
5. Szene
„Ich glaube, das beantwortet deine Frage, warum die Station verlassen wurde.“ Darlfrey schluckte trocken, während sie die vier menschlichen Leichen betrachtete, die wie eingefroren in dem ehemaligen Aufenthaltsraum standen und saßen. Drei waren Männer gewesen, zwei davon mittleren Alters, der dritte bereits leicht ergraut. Der vierte Leichnam war der einer noch recht jungen Frau. Ihre Arme umklammerten wie schutzsuchend einen der Männer. In dem in der Station herrschenden Vakuum hatten keinerlei Bakterien die Körper verwesen lassen können, daher wirkten sie, als wären sie erst vor kurzer Zeit gestorben.
Knapp eine Viertelstunde war vergangen, seitdem Darlfrey und Mun die Forschungsstation betreten hatten. Einen Raum nach dem anderen hatten sie vergeblich durchsucht. Etliche davon waren Mannschaftsquartiere oder Räume, die der Versorgung der einstigen Arbeitsgruppen gedient hatten. Diese gründlich zu durchsuchen hatten sie sich aus Zeitgründen gespart. Und dies waren die ersten Spuren der einstigen Besatzung, auf die sie gestoßen waren.
„Das müssen die Frogs verbrochen haben“, murmelte Mun. „Nur die haben Waffen mit solcher Wirkung. Der Körper erstarrt mitten in der Bewegung wie zu Stein, während das Leben entweicht. Einige der Wissenschaftler in dieser Station konnten wohl fliehen, sonst hätten wir bereits noch mehr Leichen gefunden. Diese armen Teufel hier haben die Frogs aber erwischt.“
„Das erklärt auch, warum diese Datenträger hier in der Station geblieben sind“, ergänzte Darlfrey. „Es blieb schlicht keine Zeit mehr, sie vor der Flucht mitzunehmen. Und die Frogs hatten daran vermutlich kein Interesse. Man weiß ja bis heute nicht, was die überhaupt von der Menschheit wollten.“
„Aber wie sind die Frogs hier hereingekommen? Die Eingangstür war doch geschlossen.“
„Vielleicht haben sie die höflicherweise hinter sich wieder zugemacht, nachdem sie die Besatzung erledigt hatten. Oder sie sind durch einen anderen Eingang eingedrungen, womöglich haben sie sich auch einen freigeschossen. Wer weiß das schon. Aber wir haben Wichtigeres zu erledigen, als solche eher müßigen historischen Fragen zu beantworten.“
Ohne den gespenstischen Aufenthaltsraum näher zu untersuchen, wandten sich die beiden Raumfahrer wieder um und schlossen die Tür hinter sich.
Ein Aufzug führte in ein tieferes Stockwerk. Wie alle energetisch betriebenen Geräte der Anlage war er außer Funktion. Glücklicherweise befand sich daneben ein schmaler Notschacht mit einer Leiter. Diese stiegen Darlfrey und Mun hinunter.
Bislang war ihre Suche ohne Erfolg geblieben. Nur weitere menschliche Leichen hatten sie entdeckt, insgesamt fast ein Dutzend.
„Warum hat dieser Valan seine Forschungsergebnisse auch nicht wie jeder vernünftige Mensch in einer Cloud speichern können?“, knurrte Mun, während er die Regale eines weiteren Raumes, der offenbar als Labor genutzt worden war, systematisch durchsuchte. „Dann wären sie ihm nach der Flucht aus der Station nicht verlorengegangen. Datenträger … das ist doch vorzeitlich!“
„Vorzeitlich, aber sicher“, erwiderte Darlfrey. „Die Schlösser einer Cloud kann man mit den passenden digitalen Werkzeugen knacken, auch wenn ihre Betreiber seit Ewigkeiten regelmäßig behaupten, bei der jeweils neuesten Version wäre das nicht mehr möglich. Datenträger aber musst du dir erst mal materiell besorgen, sonst hast du keine Chance, an die gespeicherten Informationen darauf zu kommen.“
„Unsinn! Natürlich kann man Clouds so sichern, dass kein Unbefugter darauf Zugriff hat“, widersprach Mun. „Wenn sie doch mal geknackt werden, liegt das immer nur daran, dass das Sicherheitsprogramm nicht auf dem neuesten Stand ist. Das hätte Valan auch wissen müssen, wenn er so ein angeblich genialer Wissenschaftler war.“
Unwillkürlich musste Darlfrey lächeln. Mun war wie die meisten Ingenieure äußerst fortschrittsgläubig und verachtete die Technik vergangener Zeiten als minderwertig und unter seiner Würde. „Nun ja, zum Glück bist du noch viel schlauer als dieses Genie und weißt darum alles besser. Nur hilft uns das auch nicht weiter. Wir müssen diese vermaledeiten Datenträger finden.“
Mun fluchte. „Und zu allem Überfluss ist nicht mal unsere Rückkehr zur DIANA gesichert. Warum mussten auch diese blöden Konföderierten hier herumlungern? Aber wie heißt es so treffend? Ein Unglück kommt selten allein. Wenn meine Priyanka wüsste, was ich hier durchmache! Die würde im Nu vor Sorge noch mehr ergrauen als du gefärbte Blondine.“
Darlfrey kicherte. „Dein Goldstück wird mitsamt dem Rest der Familie Mun wohl eher die Gelegenheit nutzen, sich von deinem letzten Heimaturlaub zu erholen.“
„Von wegen. Meine beiden Kinder verehren mich wie einen Weisen, meine Frau begehrt mich auch nach all den Jahren wie einen Sexgott. Aber wer kann es ihnen verdenken?“
Mit einem Hauch von Wehmut dachte Darlfrey an ihr eigenes Zuhause auf Moran. Niemand wartete auf sie in der kleinen Wohnung im lebhaften Zentrum der Hauptstadt, wenn sie aus dem All zurückkehrte. Sie hatte in ihrem mittlerweile über fünfzigjährigen Leben schon viele Männerbekanntschaften gehabt, aber bei keinem hatte sie das Bedürfnis empfunden, den Rest ihrer Tage oder zumindest einen großen Teil davon an seiner Seite zu verbringen oder gar eigene Kinder mit ihm zu bekommen. Sie liebte ihre Arbeit als Ortungsoffizierin an Bord des Forschungskreuzers, sie genoss es, in ihrer Freizeit mit den kernigen Kerlen in den Raumfahrerbars zu flirten und mit einem besonders attraktiven anschließend die Nacht zu verbringen. Aber sie brauchte ihre Unabhängigkeit, sonst fühlte sie sich nicht nur seelisch, sondern auch körperlich unwohl. Sogar in der DIANA war ihr liebster Aufenthaltsort die Ortungskabine im obersten Deck des Kreuzers, die sie mit keinem anderen Besatzungsmitglied teilen musste.
„Ronja, ich glaub, ich hab etwas gefunden“, unterbrach Muns Stimme ihre Gedankengänge. In seiner behandschuhten Rechten hielt er einen Kristallwürfel mit etwa zwei Zentimetern Seitenlänge. „Das hier sieht nach Datenträgern aus, wie sie schon in der Vorzeit benutzt wurden. Wenn wir jetzt noch ein Gerät hätten, mit dem man die Dinger öffnen kann, wüssten wir, ob darauf auch das Zeug gespeichert ist, das wir suchen.“
„Ich hab es ja gesagt, diese Datenträger sind sicher. Sogar jetzt, nachdem wir sie gefunden haben, kommen wir nicht an die darauf gespeicherten Informationen. Aber wir packen einfach alle ein, die wir finden. Ich habe in weiser Voraussicht ein paar ausfaltbare Taschen mitgenommen. Du technisches Genie bist ja offenbar nicht auf diese Idee gekommen. Was nicht digital ist, befindet sich eben außerhalb deines Wahrnehmungsvermögens, stimmt’s?“
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