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Jens van Nimwegen

Der Konvent

Roman

Nimwegen 2013

Impressum

Copyright: © 2016 Jens van Nimwegen

Erste Auflage, Juni 2016

Webseite zum Buch: manimal.eu/konvent

Was zuvor geschah:

Die Abrichtung (Männerschwarm 2012)

Thomas will klare Verhältnisse: Er schließt mit dem älteren Jens einen Vertrag, um sich im Zeitraum von 18 Monaten zu einem Werkzeug ohne eigenen Willen abrichten zu lassen. Er akzeptiert Jens bedingungslos als seinen Herrn, der jederzeit über seine Person und seinen Körper verfügen kann.

Während eines Berlin-Besuchs lernen die beiden einen Punk kennen, der von der Kompromisslosigkeit ihrer Beziehung schwer beeindruckt ist und darum bittet, als "freier Mann" mit ihnen zusammenleben zu dürfen; später erweitert sich die Wohngemeinschaft um Ratte und Maik, zwei Studienfreunde von Thomas, die als Herr und Sklave bei Jens in die Lehre gehen.

manimal.eu/abrichtung

Bestandsaufnahme

Die Lehrzeit des Schweines ist schnell verflogen. Es hat viel gelernt und sich innerlich und äußerlich verändert. Das Schwein versucht immer wieder zu sagen, dass es für immer bei mir bleiben will, aber ich lasse nicht zu, dass darüber gesprochen wird. Achtzehn Monate sind achtzehn Monate. Am letzten Tag seines Dienstes soll es wieder vollkommen frei sein. Seine Zukunft soll dann ganz offenliegen. Bis dahin keine Pläne, keine Hirngespinste, keine Hoffnungen und Sicherheiten, nur harter Dienst. Und Liebe.

Das Schwein ist fast immer nackt oder halbnackt, braun, geschoren, beringt, männlich, und körperlich wie geistig sehr stark. Es trägt permanente Fesseln, ist Bauingenieur, beherrscht einen Kampfsport, hat Geld auf seinem Konto – und es hat mir fast anderthalb Jahre bedingungslos gehorcht und erhält täglich die Peitsche.

Das Schwein arbeitet bei einer Baufirma und wird dort von der Direktion wie von den Arbeitern respektiert. Es sieht anders aus als die meisten Ingenieure, und es arbeitet meist mit freiem Oberkörper oder offener Lederweste, aber das tut dem Respekt keinen Abbruch, denn es ist fachlich gut, kann mit anpacken und lässt sich von niemandem einschüchtern.

Wenn man sich darauf einlässt, ist das Leben dauernd in Bewegung.

Dieser Bubi aus der Gegend von Bad Kreuznach hat sich an der Berliner Löwenbrücke für ein Leben als Mann entschieden. Dass Punk uns zulief, war nicht vorgesehen, und dass er als erfolgreicher Goldschmied ohne jeglichen materiellen Besitz in unserem Hause lebt, schon ganz und gar nicht. Dank seiner Arbeit haben wir im Herbst und Winter immer diese Abendessen. Und dadurch kennen wir den Ölscheich, der mir das Schwein abkaufen will. Wenn er es ernst meint, könnte ich Millionär werden. Obwohl es da natürlich einige rechtliche Probleme zu lösen gäbe.

Das Schwein hatte dann Ratte und einen gewissen Maik zu einem Essen ins Haus gebracht, und alsbald begann für Ratte und seinen Sucker eine ganz neue Zeit. Alle werden wohl irgendwann ihre eigenen Wege gehen, nur müsste Sucker einige sehr unangenehme juristische Dinge in Gang setzen, wollte er seinen Herrn verlassen. Und auch Ratte und ich sind vertraglich und durch Ehrenwort miteinander verbunden. Ob sie in anderthalb Jahren noch bei mir wohnen? Es zieht sie ja nach England.

Auch für Werner Schwichtenberg begann eine neue Zeit. Aus einer dekadenten Tucke wurde ein Juwelier mit Rückgrat. Obwohl ich nicht glaube, dass Punk jemals zu ihm ziehen wird, auch wenn er sich regelmäßig „erkenntlich zeigt”. Punk ist und bleibt frei.

Und ich würde mich nicht wundern, wenn Kalle in Richtung Skinheads abdriftet. Wenn ich das Schwein abhole, werde ich die ja wohl kennenlernen. Wir müssen dann später noch mal nachschauen.

Schon morgen kann wieder eine neue Zeit beginnen. Oder nicht, und das Leben trottet monatelang vor sich hin. Jetzt erst mal nach Berlin, das Schwein freilassen.

JvN

Inhalt

Register

001 das Schwein

002 Punk

003 Sucker

004 Anwalt (Dr. Schwarz-Wesseling)

005 Anstreicher (Strolch)

006 Polier

007 Tätowierer

008 Skinhead, Bauarbeiter

009 Skinhead, Bauarbeiter

010 Skinhead, Bauarbeiter

011 Soldat

012 Soldat

013 Sniffer (bei Oberregierungsrat)

014 Koch, Gastwirtssohn

015 Gärtnermeister

016 Schreiner, ehem. Neonazi

017 Maurermeister

018 ehem. Versicherungsvertreter

019 Krankenpfleger, eineiiger Zwilling

020 Krankenpfleger, eineiiger Zwilling

021 Friseur im Ruhestand

022 Sportlehrer

023 Jim

024 Vormann, Lederhandwerker (aus Bad Kreuznach)

026 Juwelier

031 Schüler

Wende

Manchmal geht alles ganz schnell.

Das Schwein, das ich anderthalb Jahre zum Leib- und Haussklaven abgerichtet habe, hat bei Kalle in Berlin seinen letzten Schliff erhalten. Ich will morgen hin, um es vertragsgemäß freizulassen. Wie es danach weitergehen soll, ist offen. Ich wollte keine Pläne, keine Absprachen über das Ende der Lehrzeit hinaus.

Da ruft Direktor Dr. Dr. Meyer an, der elegante, zurückhaltende Reeder und Privatbankier, von dem wir immer noch nicht wissen, ob er derselbe ist wie der alte Mann, der manchmal nackt im 'Boots' herumkriecht und Stiefel leckt.

Er will mich dringend sprechen. Dass ich ebenso dringend nach Berlin will, ist kein Problem. Im Gegenteil. Ob wir nicht zusammen reisen könnten. Er würde dann einen Hubschrauber mieten. Er habe zwar von seinem Vater gelernt, dass man sparsam sein müsse. Er nehme auch höchst selten ein Taxi. Er habe darum anders als seine Konkurrenten weder einen Privatjet noch einen eigenen Hubschrauber. Aber wenn es nötig sei, würde er einen chartern. Die Aussicht gerade auf dieser Route sei ja auch schön, nur müsse man leider diesen Lärm aushalten.

Arztbrief

Er ist der Welt abhanden gekommen.

Er hat sich konsequenter in seine Phantasiewelt zurückgezogen als ich es je bei einem psychiatrischen Patienten beobachtet habe. Er unterhält keinen wie auch immer geartete Kontakte zu seiner früheren Umgebung, in der er so viel bedeutete. Er vermisst die Menschen, die ihm früher wichtig waren, nicht und will nicht wissen, ob ihn jemand vermisst.

In seiner Phantasie ist er ein alter, zahnloser Hund, der in einer WG auf dem Lande gefüttert wird und herumstreunt, wo er will. Stundenlang durch Wald und Feld, aber auch durch alle Zimmer. Er fühlt sich von jedem geduldet, selten verscheucht. Oft sitzt oder liegt er stundenlang in der Sonne und schaut den anderen zu.

Er ist körperlich für sein Alter sehr fit. Ich kann keine psychische Störung und keine Demenz nachweisen.

Aus medizinischer Sicht besteht kein Handlungsbedarf. Eine Wiedereingliederung in die „normale“ Gesellschaft hätte wenig Chancen, weil er dort keine Kontakte mehr hat und höchstens Anstoß erregen würde. Man sollte ihn in Ruhe alt werden lassen.

Dr. med. Kaldenhoff, Facharzt für Allgemeinmedizin und Geriatrie

Wir sehen am Horizont schon Berlin aber landen irgendwo in Brandenburg auf einer Wiese. Und da liegt es: „Ein ehemaliges Zisterzienserkloster, das sich im neunzehnten Jahrhundert eine preußische Fabrikantenfamilie zum Landsitz umgebaut hat. Nach dem Krieg waren Russen, Entschuldigung, sowjetische Freunde unserer Brüder und Schwestern darin. Darum ist es auch so verwohnt.”

Mir hat es den Atem verschlagen. Der riesige Gebäudekomplex muss einmal wunderschön gewesen sein und ist nun völlig heruntergekommen. Es gibt ein paar Scheußlichkeiten aus Beton, die dringend abgetragen werden müssten. Das meiste ließe sich restaurieren. Aber mit welchem Aufwand? „Herr Direktor Dr. Dr., warum zeigen Sie mir dies?” – „Ich habe es gekauft. Ich weiß, was ich auf meine alten Tage will. Und ich meine zu wissen, was Sie wollen und können. Sie verfügen über drei vielversprechende Bauingenieure, Sie haben Geschmack, und Sie wissen was Qualität ist. Ich will, dass Sie hieraus etwas machen. Und nun gehen wir erst mal in Ruhe essen.”

Pffff...

Er kennt in der Nähe ein Landgasthaus, in dem man wirklich gut und ungestört essen kann. Und bei diesem Essen erklärt er seinen Wunsch. Einen Ort schaffen, an dem Männer wie er, ich, Ratte, Punk, mein Schwein und Sucker zusammen leben können, und zwar unbehelligt von den gesellschaftlichen Zwängen, die er inzwischen leid ist. An dem Männer auch zusammen alt werden können, wenn sie das wollen, ja, und auch sterben, denn auch an das Sterben müsse man denken. Aber kein Altersheim, und auch kein Getto. Die S-Bahn nach Berlin sei erreichbar. Er denke an Männer jeden Alters, auch ganz junge, die es zu Hause nicht mehr aushalten, an Freundespaare, Wohngemeinschaften, Herren mit ihren Sklaven, suum cuique, wie der schöne Wahlspruch der ehemaligen Landesherren hier ja lautete. Kurzum, ich solle mit meinen drei Bauingenieuren hier schnellstmöglich einziehen, auch wenn es erst einmal etwas primitiv wäre, und im Hinblick auf die Zukunft wäre ein Goldschmied auch nicht unerwünscht, also soll Punk, so heiße er doch, ruhig mitkommen. Dieser Juwelier Schwichtenberg, bei dem er derzeit arbeitet, könne ruhig wieder selbst für sich aufkommen. Also: von hier aus sollen wir die Sache aufbauen. Geld spiele keine Rolle, und er habe volles Vertrauen in uns. Er wisse auch schon, welche hiesige Baufirma geeignet wäre. Es würde ihn nicht wundern, wenn der Inhaber irgendwann selbst einzöge. Dass mein Schwein morgen freigelassen wird, interessiert ihn nicht.

„Und wenn all diese Leute sich nicht verstehen? Wenn es Streit gibt?” – „Streit gibt es immer, das wissen Sie. Aber ich traue Ihren Männern zu, dass Sie das so hinbekommen, dass man sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren kann, statt sich zu streiten, wer einen halben Quadratmeter Balkon mehr bekommt. Das Leben ist doch reich genug als dass man mit sowas seine Energie verschwendet. Genau darum will ich Sie ja haben.” Und die finanziellen Dinge müsse man eben von Anfang an vertraglich perfekt regeln. Es gebe ja wohl auch Juristen, die sich auf so etwas verstehen würden. Und wem es nicht gefalle, der könne ja weg. – Und der finanzielle Rahmen? – „Geld spielt keine Rolle, dazu errichten wir eine Stiftung.”

004-0

„Übermorgen kann ich nicht nach Brandenburg fahren. Ich muss zum Gericht. Die Erben Buckendahl.“ – „Dann lassen Sie sich von Frau Willems vertreten.“ – „Nichts gegen Frau Willems, aber ich will die Sache gewinnen.“ – „Wenn Doktor Doktor Sie in Brandenburg wünscht, sollten uns die Erben Buckendahl egal sein. Er ist mit Abstand der wichtigste Kunde unserer Kanzlei. Sie fahren.“ – „Und was soll ich da, Herr Dr. Wallraff?“ – „Unsere Dienste anbieten. Da soll irgendetwas gegründet werden. Sie sollen sagen, dass Sie auch etwas von Klosterrecht verstehen. Das ist ihm wichtig. Sie sind seiner Meinung nach genau der richtige Mann. Also: hin, und offen sein für alles und mitdenken! Es soll Ihr Schaden nicht sein. Und vergessen Sie das Klosterrecht nicht! Wenn es sich gut anlässt, werden Sie dort vielleicht vorübergehend eine Außenstelle der Kanzlei eröffnen. Doktor Doktor meinte, da gebe es auch Wohnraum für Sie. Aber schauen Sie erst mal!“

Und dann saß ich im Auto nach Brandenburg. Es würde bestimmt ein interessanter Auftrag werden, sonst hätte Wallraff mich da nicht hingeschickt. Ich löse gern knifflige Probleme und kann das gut. Es war gutes Motorradwetter, aber Klientenbesuche nur in unverknittertem Anzug mit gebügeltem Hemd! Steht mir ja auch. Mein Dreitagebart und der Millimeterhaarschnitt hatte noch nie Anstoß erregt. In Köln kann man gut leben, ohne sich zu verstecken. Mit den anderen Gay Bikers führe ich immer in voller Lederkluft auf dem Rad die Parade am CSD an. Alle paar Monate fliege ich nach San Francisco und lasse mich von Master Carl so richtig rannehmen. Jeder in der Kanzlei weiß das.

Also dann eben mit dem Auto hin, Klosterrecht erwähnen, Lederzeug im Kofferraum, danach ne Nacht in den Schöneberger Kneipen, schlafen bei einem Kollegen von den Gay Managers in Dahlem, am nächsten Tag im verschwitzten Leder zurück. Dachte ich.

Aber was ich dort vorfand, hatte ich wirklich nicht erwartet.

Klar, neun Zehntel all der Männer, die von SM einen Kick kriegen, geilen sich an der Phantasie auf, für immer und ewig versklavt zu werden. Leben ohne Rechte, ohne eigene Zeit, einfach nur da sein, gehorchen und bestraft werden, wenn man Fehler macht. Am liebsten nackt in Ketten. Von diesen Träumen lebt die halbe Pornoindustrie und in jeder Großstadt ein paar Kneipen und Fetischläden. Aber es bleibt dann meist bei Rollenspielen. Manche bezahlen sogar dafür. Und am nächsten Morgen verstecken sie das Lederhalsband im Nachtschrank und gehen wieder ins Büro, wo sie ohne Ketten und total ungeil die langweiligste Arbeit machen, und sich schämen für ihr Doppelleben.

Ein gewisser Mike Pastori hatte vor Jahren in Amerika mal ein Projekt, wo solche Sklavennaturen gehalten wurden, nachdem sie alle Bande mit dem bürgerlichen Leben durchgeschnitten hatten. Bis die Polizei einfiel. Aus der Traum.

Und hier nun sind ein paar Männer dabei, genau so etwas ins Leben zu rufen, und brauchen mich dafür. Das wurde natürlich erst deutlich, nachdem dieser Chef, ein Dr. van Nimwegen, und ich uns vorsichtig abgetastet hatten. Als wir dann sicher waren, dass wir ähnlich denken, wurde das Abtasten weniger vorsichtig.

Ich war total überrascht, weil unvorbereitet, aber nicht verwirrt. Ich war glasklar, auch während ich durchgerammelt wurde. Hier sollte ein Traum Realität werden, über den ich schon oft nachgedacht hatte – ja, und, zugegeben, etliche einschlägige Schundromane gelesen – und ich bekam die Chance, dabei zu helfen.

Wir mochten uns. Ich war schnell sicher, dass dieser Chef das Richtige wollte und konnte. Er hatte prima Männer um sich. Und er hatte schnell raus, was ich für einer war. Der geborene Sklave. Nur wusste er natürlich noch nicht, wie gut ich in meinem Fach war und ob ich Qualität liefern konnte.

Nix mit Lederzeug nach Schöneberg! Zimmer im nächstbesten Gasthof und sofort anfangen, gut nachzudenken! Der Küchenjunge mit seiner geilen Fresse versuchte mich anzumachen. Den hätte ich leicht ins Bett kriegen können. Aber jetzt nicht. Jetzt geht es um das Große, Ganze. So eine Chance bekommt man nur einmal. Die krempelt das ganze Leben um, wenn man was kann und nicht kneift.

Aber es wird ein Machtkampf werden. Wenn ich das nicht perfekt hinkriege, verliere ich und werde ausgelacht. Mit dem ist nicht zu Spaßen.

Ein hieb- und stichfestes juristisches Werk bauen, das Sklaverei auf Lebenszeit so strikt ermöglicht, wie es in Deutschland nur geht. Ein Vertragswerk, das radikale Ungleichheit ohne Ausweg festschreibt. Juristische Ketten schmieden, die man nie mehr los wird. Und ich will meine eigenen Ketten für immer tragen müssen. Jedenfalls bei diesem Herrn und seinen Männern. Alles starke Persönlichkeiten, auch die Sklaven. Und ich ja auch. Desto geiler werden die Ketten sein. Auch noch in Jahrzehnten! Aber nur, wenn sie kein Nepp sind. Nix Phantasie, der Ernst des Lebens!

Einfach würde das nicht werden. Der Eine muss alle Rechte und seine ganze Freiheit für immer aufgeben, mit Ausnahme des Rechts auf Leben und Gesundheit, der Andere muss alle Rechte erhalten, auch das Recht zur körperlichen Züchtigung und weitestgehender Einschränkung der Freiheit, und das Ganze so solide, dass der Staat sich nicht zum Eingreifen gezwungen sieht und auch keine Möglichkeit zum Eingreifen hat.

Und die Kanzlei? Meine gute Stelle? Man weiß ja nie...

Ketten! Also: sofort kündigen und nur noch alle laufenden Sachen ordentlich abrunden. Und dann: zeige was du kannst!

Das gute Essen gibt Zeit zum Nachdenken. Beim Dessert sehe ich klar. „Bekomme ich freie Hand?” – „Ja, Sie bekommen freie Hand. Hauptsache, Sie fangen sofort an. Und wenn es sich nach einem halben Probejahr gut angelassen hat, woran ich nicht zweifle, werden Sie sich noch wundern über welche Mittel und Menschen Sie verfügen können. Aber lassen Sie mich jetzt hier schlafen. Sie werden gleich zu Ihrem verehrten Schwein geflogen.”

Was sich übrigens nicht als der reine Luxus erweist, denn man landet in irgendeiner Ecke auf Tempelhof und muss sich dann durchschlagen. Aber letztendlich halte ich das Schwein in den Armen.

Führung

Kalle hat seine Arbeit gut gemacht. Die gesamte Beringung ist wie aus einem Guss. Der Nasenring wird manchem krass erscheinen, aber er hebt die Ebenmäßigkeit des Schweinekörpers hervor – und macht den Zweck deutlich. Der Sack ist durch die schwere eiserne Manschette schon länger geworden. Lästig ist nur, dass man die regelmäßig abnehmen muss zur Reinigung.

Auch das Schwein hat seine Arbeit gut gemacht. Es musste unzählige Treppen steigen, um Kalles Bücher einzeln aus dem Keller zu holen. Es sieht todmüde, aber stark und gesund aus, und Kalle ist zufrieden. Ich verlange für diese Nacht sein Bett, und wir binden den Hausherrn kreuzlings auf das ehemalige Schweinelager. Ein guter Meister weiß immerhin, was er macht und wie es sich anfühlt.

005-0

Gesprächsprotokoll

„Ich kann gut arbeiten. Mauerwerk, Putz, Stuck, Fliesen, Anstrich. Mit allen Vorarbeiten. Ich brauche viel Zeit, und jemand muss mir genau sagen, wie er es haben will. Dann kriegt er auch genau, was er will, perfekt und hält ewig.

Auch sonst diene und helfe ich gern. Einfach tun, was verlangt wird, und so meinen Herrn zufrieden machen. Putzen, Aufräumen, Garten, Einseifen beim Duschen, Lecken. Und nachts mit ihm schmusen. Mehr brauche ich nicht.

Mein Herr hat immer gesagt: ich bin schlicht im Kopf. Leider ist er tot. Ich habe noch für Freunde von ihm Häuser renoviert. In Amsterdam und im Kreis Teltow-Fläming. Ich glaube, ich habe gut gearbeitet, aber die wollten immer was anderes, jetzt dies, jetzt das, und dann haben sie mir nur einen Teil des Geldes geben. In Geldsachen bin ich nicht gut. Die hatte immer mein Herr für mich geregelt.

Auch für Herrn Kalle habe ich gearbeitet. Neue Wohnung, alles weiß. Der hat mich ordentlich bezahlt.

Und irgendwann rief er wieder an. Ob ich einfach nur noch arbeiten wollte, ohne Geldsorgen. Unterkunft, Verpflegung, Arbeit, Männer zum Schmusen, alles gesichert. Immer klar, was gemacht werden muss.

Ich bin hingegangen und sah, dass es da gut war. Die haben mich sofort an eine Kette gelegt, und ich hatte eine Aufgabe. Alle hatten mich gern. Auch die polnischen Bauarbeiter, die da nicht wohnen und nicht richtig dazugehören. Weil ich nicht immer so schnell denke, lachen sie mich manchmal aus und stoßen mich herum. Das ist nicht schlimm. Herumgestoßen werden ist manchmal wie Schmusen.

Die Kette hält mich bei meiner Aufgabe. Da kann keiner sagen: Fünf, komm erst mal mit und mach das und das.

Einen langen Zaun ganz alleine entrosten und anstreichen ist eine gute Aufgabe. Jeden Tag sieht man, was man geschafft hat. Und es wird schön.“

Für die Richtigkeit: S004jur

Das Schwein darf nun zum ersten Mal seit Wochen ohne Kreuzfesselung schlafen. Es saugt sich an mich. Jetzt müssen schnell klare Verhältnisse geschaffen werden.

„Schwein! Seit du bei mir bist, habe ich bestimmt, was du trägst und wie du aussiehst. Du hast gelernt, nackt im Freien zu leben, mitten in der Stadt, ernährt von rohem Fleisch und prickelndem Wein. Du hast deine Haare verloren. Du trägst vier Fesseln und bist nun vierfach beringt. Zwei Ringe kann man immer sehen. Den dritten wird man oft sehen können, den vierten je nachdem. Solche Ringe machen vielen Menschen Angst, und du wirst mit ihnen Schrecken und Ablehnung hervorrufen.”

Diese Worte fassen das Resultat von achtzehn Monaten Abrichtung zusammen. Genau daran habe ich mit diesem Material gearbeitet. Da wollte ich hin, daran glaube ich, das hatte dieser Mensch auch nötig, das hat uns zusammen anderthalb Jahre geil gehalten und uns unwahrscheinlich viel Energie gegeben. Kraft aus Ungleichheit. Und dennoch kommen mir diese Worte jetzt wie auswendig gelernt vor.

„Aber seit heute bist du frei. Deine Lehrzeit ist zu Ende. Nackt bist du bei Kalle eingezogen, nackt ziehst du wieder aus. Nackt und frei, wie neugeboren. Die neuen Ringe darfst du behalten als Zeichen deines neuen Lebens. Aber Kalle wird sie wieder abnehmen, wenn du das wünschst. Die Fesseln lassen sich aufschneiden, wenn auch schwer. Haare wachsen von selbst nach. Freiheit lässt sich neu erlernen. Oder du suchst dir einen neuen Herrn, dem du so gefällst, wie du jetzt bist.” Das Schwein zittert – oder unterdrückt es ein Lachen? – umklammert mich und will etwas sagen. Aber ich rede weiter: „Ich gebe dir, Thomas, jetzt fünfzehn Minuten, um dich zu entscheiden. Wenn du willst, nehme ich dich noch einmal für anderthalb Jahre. Ohne wenn und aber. Ohne Fragen. Das einzige, was ich sage, ist, dass unser Leben dann unübersichtlicher werden wird, als es bisher war, aber dass wir mit Ratte und Sucker zusammen bleiben. Punk ist frei, aber der darf auch dabei bleiben, wenn er will.” – „Herr, eh, Chef, ich will immer bei Ihnen bleiben. Und zu Ihren Liedern meine Leier dreh’n, wenn Sie schon mit der Winterreise anfangen.” – „Achtzehn Monate, notfalls barfuß auf dem Eise, und über eine weitere Verlängerung wird nicht gesprochen!” – „Chef, ich gehöre zu Ihnen. Das wissen Sie verdammt gut. Aber jetzt, wo ich frei bin, erlaube ich mir die Korrektur, dass Ratte ja auch frei ist, nicht nur Punk. Da haben Sie sich undeutlich ausgedrückt. Gerade bei Ihnen muss es doch immer so genau halten. Ach nee, Mist, ich hatte vergessen, dass Ratte ja auch ne Art Ausbildungsvertrag mit Ihnen hat. Den haben Sie länger als nur achtzehn Monate in Ihre Obhut genommen.” – „Stimmt. Ratte lernt, wie er mit seinem Sklaven Sucker umgehen sollte. Mit dem zusammen du mal ein Doppelschwein warst. Ist vertraglich geregelt, auch finanziell. Aber er ist ein Naturtalent. Das Lehrgeld ist leicht verdient. Und du, freier Mann? Fängst du jetzt an, dich mit anderen zu vergleichen?” Das Schwein schaut auf die Uhr und grummelt: „Damit Sie hinterher nicht herumzicken, Thomas hätte seine Bedenkzeit nicht gut gebraucht.” Dieses ungewohnte Wort trifft mich wie ein Peitschenschlag. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ein Herr sich nichts anmerken lassen darf; aber Thomas hat es bestimmt gemerkt, nach seinem frechen Grinsen zu urteilen. Das ihm übrigens verdammt gut steht. Zum ersten Mal hat Thomas mich verunsichert, das Schwein. Wenn man einmal die Zügel lockert, zeigt es die Zähne. Und dieser Thomas weiß genau, dass ich ihm nichts anhaben kann. Ach, nur ein Viertelstündchen lang.

Das Mozart-Lied dreht sich mir im Kopf. Ach, nur ein kleines Weilchen. Und bevor man es weiß, ist man schon zertreten.

Das Schwein atmet nach fünfzehn Minuten auf und saugt sich wieder an mir fest. Haben wir es jetzt hinter uns, kurz und schmerzlos? Sind wir beide erleichtert? Ich erkläre da weiter, wo ich aufgehört hatte, aber ich komme mir vor wie am Anfang meiner Karriere als Dozent, als ich noch nicht wusste, wie man mit Studenten umgehen muss, die nicht denken lernen wollen, sondern nur Sicherheit verlangten, was sie für die Klausur lernen sollten.

„Mein Schwein muss so aussehen, und du wirst stolz sein, dass du für mich beringt und gefesselt bist.” Das Schwein klammert sich wortlos immer fester an mich. Ich umarme und streichle es. Ich fange an, mich zu beruhigen. „Mein Schwein! Es gibt Menschen, die auf Fesselspiele geilen. Im stillen Kämmerlein fesselt ein sogenannter Top einen sogenannten Bottom und verwöhnt ihn. Meist bestimmt der Bottom was geschieht. Er erfährt das Festbinden als befreiend. Anerzogene Abwehrreflexe sind fixiert. Der eigene, durch Erziehung konditionierte Körper ist nicht mehr im Wege. Der Bottom muss sich hingeben, und kann sich um so intensiver verwöhnen lassen. Und er verlangt immer wieder danach, festgebunden zu werden, aber immer nur im Verborgenen.

Bei uns ist es anders. Ich habe dich so gut abgerichtet, dass dir dein Körper und deine Erziehung immer seltener im Weg ist. Du gibst dich hin und nimmst hin. Ich habe ein Qualitätsschwein geformt, dass ich nicht regelmäßig festbinden muss um ihm zu behagen.”

Was ich zwischen den Beinen fühle, bestätigt, dass ich auf dem guten Weg bin. Allmählich werde ich meiner Sache wieder sicher und fahre fort. „Deine vier Fesseln und vier Ringe haben nur zwei Zwecke.

Erstens sind sie da für den Fall, dass ich sie nötig habe. So wie ein Feuerlöscher oder Kopfschmerztabletten. Am liebsten vergisst man sie, aber dass sie jederzeit da sind, beruhigt. Ich werde sie nicht oft benutzen, aber wir beide sind erleichtert, dass ich sie jederzeit und überall benutzen kann, wenn du bestraft oder irgendwo befestigt werden musst.

Zweitens kann so jeder sehen, was du bist. Das macht uns beide glücklich. Wir brauchen keine Hinterzimmer und verbergen uns nicht. Du bist, was du bist, und wir beide stehen dazu. Ich habe dich aus Liebe und Vertrauen beringen lassen. Mein Schwein ist ein Schwein, kein banger angepasster Mensch.” Das Schwein klammert sich ganz fest an mich und schläft in meinen Armen ein. Zwei Herzen schlagen. Es war wohl doch keine Theorievorlesung für die Klausur, sondern ein Abgleich der Erwartungen.

Am nächsten Tag bindet Kalle dem Schwein ein Tuch um die Hüften. Eine dünne Kette mit zwei Karabinerhaken verbindet seinen neuen Eichelring mit meinem Gürtel. So gehen wir zu den Skinheads, um seine Hose auszulösen, das einzige Kleidungsstück, mit dem es in Berlin angekommen war. Die hatten sie ihm ja abgenommen, als das Schwein sie nach dem Weg fragte. Nachdem sie die Beringung bewundert und das Schweinemaul ausgiebig genutzt haben, rücken sie die kurzen, ausgefransten Jeans wieder heraus. Und nun wieder nach Hause, ohne Hubschrauber, aber nicht für lange!

Die drei Bauingenieure fallen sich in de Arme. Mein Schwein und Rattes Sklave Sucker sind nun wieder vereinigt als Doppelschwein und bleiben weiterhin gemeinsam verantwortlich für jeden Fehler. Heute ist fast alles wie früher.

Planung

Ratte nimmt sich einen Tag frei, und wir besprechen den Wunsch von Direktor Dr. Dr. Meyer, während das Doppelschwein wie gewohnt auf einer Baustelle arbeitet. Ich muss genau beschreiben, was ich in dieser verfallenen Anlage gesehen habe.

„Und sie glauben, Chef, dass er es wirklich so meint und dass Geld wirklich keine Rolle spielt?” – „Ja, ich bin sicher. Aber es wird sich ja bald herausstellen.”

Ratte braucht gar nicht lange nachzudenken. „Dann muss man zu allererst einmal eine für uns fünf brauchbare Wohnung und ein Gästeappartement einrichten. So schnell wie möglich. Wir müssen da mitten drin leben, uns aber auch von Anfang an wohlfühlen. Auch Gäste müssen sich wohlfühlen. Gibt es ein Nebengebäude, wo nichts von dieser russischen Betonscheiße herumsteht? Natürlich ziehen wir da wieder aus, sobald was Besseres fertig ist, aber man muss ja sofort ankommen und da sein, nicht?

Und dann... ist da ein historischer Zaun oder eine Mauer ums Ganze?” – „Ich glaube ja. Jedenfalls wo ich war. Ich konnte nicht die ganze Anlage abgehen. Aber der Zaun ist verrostet, die Mauer teilweise umgefallen, und es gibt auch Stacheldraht vom Warschauer Pakt.” – „Egal. Also teils alter Zaun, teils Mauer. Hatte bestimmt einen Sinn. Das muss als allererstes restauriert werden, historisch korrekt, in einer schönen Farbe, und mit neuester Sicherheitstechnik, Scheinwerfern, Kameras und so. Die soll man aber nicht sehen.” – „Warum das? Es ist doch nicht Fort Knox.” – „Das Tor lassen wir sowieso meistens offen. Wir wollen ja auch Besuch, oder nicht? Chef, wenn wir das richtig machen, wird die Bauphase sehr lange dauern. Jahre.“ – „Wie all diese Großprojekte in Berlin-Brandenburg? Das können wir doch wohl besser! Ihr macht einen perfekten Plan, der wird ausgeführt, Geld spielt ja keine Rolle, und wenn alles fertig ist, ziehen wir hin und suchen Mitbewohner.“

„Gähn! Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heut. Dann würden wir doch eine einmalige Chance wegwerfen, Chef! Der Weg ist das Ziel. Was ist denn schöner, als miteinander etwas aufzubauen. Wenn Sie unbedingt was Fertiges wollen, ziehen Sie doch in ein kommerzielles Feriendorf auf Mallorca. Ohne mich. Da sind genug reiche Spießer.“

Ich muss schlucken. Er erklärt weiter:

„Und weil wir von Anfang an da sind, sollte die ganze Anlage jedenfalls sicher sein. Denken Sie an die Neonazis in Brandenburg und all das Kroppzeug. Übrigens, wenn ich so nachdenke... warum nehmen wir nicht ne Gruppe Sharpskins auf. Suum cuique, oder nicht? Vielleicht auch einen Rockerclub.”

008, 009, 010-0

Gesprächsprotokoll

Mit ein paar Unterschriften wurden wir Knechte auf Zeit. Wir wussten, was uns erwartete. Irgendwie so ähnlich wie beim Bund. Arbeit, Disziplin, Männer. Aber nachts alle zusammen in einem Raum, jede Nacht einen anderen im Bett. Weil man zusammengehört. Weil die Gruppe immer besser verschmelzen soll. Nie alleine sein, nicht einmal beim Scheißen. Sex Tag und Nacht erlaubt. Freundschaften dürfen sich bilden, aber der Schlafplan geht vor. Den Keller hatten wir schon gesehen, bevor wir uns entschieden, zu unterschreiben.

Und nun die erste Nacht. Die meisten dort hatten ihre Nummer auf Brust und Arsch tätowiert. Das war auch ihr Name. So redeten die sich an. Wenn man neu ist, ist es ja praktisch, wenn der Name draufsteht. Sieben, das ist der Tätowierer, nörgelte, dass man uns drei nicht unterscheiden kann. So ähnlich sind wir uns doch gar nicht. Aber Sechs stellte sich furchtbar an. „Ich bin verantwortlich, dass der Schlafplan genau eingehalten wird.“ Faselte von Disziplin und dass gerade wir Skinheads das doch verstehen müssten.

Vier, also Sie, S004jur, bei Ihnen haben wir ja unsere Verträge unterschrieben, haben auch noch einmal drauf gehämmert, wie wichtig der Schlafplan ist.

Wir haben unsere Nummer gesagt, und dann haben die uns herumgestoßen und durcheinandergeschubst und behauptet, jetzt wüssten sie nicht mehr, wer wer ist.

Da war einer, der sagte, dass es doch sowieso Zufall war, wer von uns nun Acht, Neun oder Zehn ist. Klar, sagte ein anderer, in der ersten Nacht ist es egal, aber morgen gibt es Durcheinander. Also muss schon heute alles genau nach Plan laufen.

Dann haben wir nochmal unsere Nummern gesagt, und Sechs hat uns unser Bett angewiesen. Endlich konnten wir schlafen.

Obwohl, es war ja eng, und man hat einen Kerl im Bett, den man noch nicht kennt. Und entweder man ist selbst geil oder der andere Kerl.

Die hatten sich da schon dran gewöhnt und waren ganz locker. Und endlich schliefen wir ein, einer nach dem anderen.

Bis dann dieser halb schwachsinnige Fünf, der erst so lieb war, auf einmal Zweifel bekam. Er machte alle wach, weil er nichts falsch machen wollte. Er war nicht mehr sicher, ob er den Richtigen im Bett hatte. Wo es doch so genau hält. Und Sechs hat verlangt, dass zwei von uns tauschen.

Und als dann ein paar von unseren Kumpels zum Pissen runter kamen – die haben ja kein eigenes Klo da oben und kommen immer runter –, da wurden die gefragt, wer von uns welche Nummer hat. Die behaupteten, uns könnten sie nur am Saugmaul unterscheiden, weil wir ja alle gleich aussähen. Es war ein Riesen-Durcheinander. Dann wollte jeder unser Saugmaul ausprobieren, und es wurde immer schlimmer.

Und immer mehr von unseren Kumpels kamen immer besoffener dazu und versuchten, uns zu unterscheiden. Geschlafen hat die ganze Nacht niemand mehr.

Nein, wir haben nicht geheult. Das sah vielleicht so aus, aber bestimmt nicht. Es war hart, und wir waren todmüde, aber ein Skin heult nicht. Und heute Morgen war klar, dass die uns alle akzeptiert hatten. Wir gehören dazu.

Aber jetzt wollen wir auch unsere Nummern drauf haben. Damit wir auch richtig dazugehören. Egal, ob wir nur Hilfsknechte sind. Egal, wie lange wir bleiben. Wir wollen unsere Nummer und sind stolz drauf. Unsere Kumpels, die oben schlafen, haben sowas nicht.

Für die Richtigkeit: S004jur

„Ratte, ich beginne zu verstehen: du willst nicht alles in einem Schlag planen und auf einmal aufbauen sondern es nach und nach wachsen lassen.” – „Klar, Chef. Wir lassen es zusammen wachsen. Mit uns und um uns. Wenn da auch Herren mit Sklaven einziehen, und sowieso, es gibt ja massenhaft Sklavennaturen, die keinen Herrn gefunden haben und sicher auch bei uns leben wollen, die müssen doch auch was zu tun haben. Wir lassen sie ihre Verliese und die Suiten der Herren selbst bauen. Ohne lärmende Maschinen. Wir können alles in Ruhe planen und aus unseren Erfahrungen lernen. Aber wir müssen so anfangen, dass wir die Ruhe auch haben und der Start richtig gut ist. Darum der Zaun. Darum brauchen wir für uns eine gute Wohnung: Sicherheit, Ruhe und Kreativität. Hat der Meyer gesagt, wann und wie er selbst einziehen will? Was hat der für Vorstellungen?” – „Er hat nur vom Zusammenleben gesprochen, wie er es von uns kennt. Keine persönlichen Wünsche. Das kommt wohl noch. Er kann ja auch nicht weg von seiner Reederei. Wird wohl eine Art Wochenendwohnung werden.“ – „Darum ja auch das Gästeappartement. Dann kann er von Anfang an immer schauen, wie es weitergeht.

Chef, die Sklavennaturen, darum müssen wir uns kümmern. Sucker gehört mir, mit Leib und Leben. Er kann selbst nichts entscheiden, und er kann nie weg. Ich habe ja sein ganzes Geld und alle Vollmachten. Er will auch nie weg, das ist ja inzwischen wohl sicher. Von solchen Männern gibt es mehr. Die nicht nur mal am Wochenende Spielchen spielen wollen, mit Festbinden und so, sondern die wirklich ihre Freiheit aufgeben wollen. Sie wissen doch ganz genau, dass Ihr Schwein...“ – „Darum geht es jetzt nicht.“ – „Na, meinetwegen. Chef, ich will wirklich wissen, ob wir Leute kriegen können, die sich mit Haut und Haar hingeben. Die ihre Freiheit aufgeben um nur noch mit anderen solchen Männern zusammen zu leben, zu arbeiten, und für die alles geregelt wird.“ – „Es klingt wie Kloster.“ – „Haha, Chef, nur dass die im Kloster angeblich nicht geil aufeinander sind. Dort wird das aber der Motor sein. Wie bei uns hier.“ – „Und der Zaun, damit sie nicht weglaufen?“ – „Quatsch. Das würde ja nie funktionieren. Dann steht irgendwann ein SEK vor dem Tor. Nee, das muss ganz anders funktionieren, so ähnlich wie bei Sucker und mir.“ – „Disziplin, harte, aber gerechte Strafen, und nach der Bestrafung ist das Verhältnis wieder rein. Sicher gibt es Männer, die das wollen. Aber man muss weiterdenken: Wenn sie nicht mehr arbeiten können, aber bleiben wollen, werden sie artgerecht versorgt. Ich muss wirklich meinen Studienfreund Sebastian mal fragen, wie die Benediktiner das eigentlich genau geregelt haben. Ist übrigens ein Patenkind von Notker Wolf.“ – „Chef, wir haben jetzt keine Zeit für name dropping. Diese Chance ist viel zu wichtig. Wir müssen so schnell wie möglich die Bedingungen schaffen, dass wir da leben können. Und dann bauen wir das zusammen.“

So in Fahrt habe ich ihn noch nie erlebt.

„Chef, ich denke, wir kündigen hier sofort. Jedenfalls in dem Moment, in dem der Meyer wirklich grünes Licht gibt.“ – „Wollen wir nicht warten, bis die Stiftung steht?“ – „Chef, dann wird es nix Ganzes und nix Halbes. Ich will sofort anfangen. Und unser Doppelschwein bestimmt auch. Obwohl, die haben ja nix zu sagen.“ – Er zählt mit den Fingern ab: „Also schnellstens eine Ortsbesichtigung. Notfalls können wir in dem Gasthof übernachten. Auswahl eines ersten Wohngebäudes. Bauplan und Auftrag an den örtlichen Bauunternehmer. Meyer soll sich dafür einsetzen, dass das alles ganz schnell geht. Und dann ziehen wir um. Punk, der ja bekanntlich frei ist, darf mit, aber wenn er an seinem Juwelier hängt, darf er auch erst mal hier auf die Wohnung aufpassen. Obwohl es konsequenter wäre, wenn wir die auch sofort aufgeben. Man darf nicht an der Vergangenheit kleben! – Einmal dort, lassen wir Zaun und Mauern restaurieren und die schlimmsten Russenscheußlichkeiten abbrechen. Und vor allem beginnen wir, die ersten Wohnungen zu bauen und einen Stall für Sklaven. Ich habe alles im Kopf! Aber, keine Sorge, Chef, wir werden nichts überstürzen, bis sich abzeichnet, wer kommen will und wie er leben will. Und wir brauchen einen wirklich guten Juristen. Vielleicht den, der damals die Versklavung von Maik, der jetzt Sucker heißt, so gut geregelt hatte.“

Sklavenquartier

Sucker und das Schwein kommen von der Arbeit und erfahren, dass sehr bald alles sehr anders werden wird. Sie beginnen uns sofort erregt zu lecken. Dabei überstürzen sich die Ideen. Sklaven, Knechte, Rekruten, auf jeden Fall müssen alle in einem Raum zusammen untergebracht werden. Eine Art Stall. Oder Verlies.

„Herr, aber Sucker und ich sind doch nachts immer bei Ihnen. Wir müssen doch immer für Sie bereit sein. Und Sie wärmen.“ – „Wenn es uns behagt. Aber ihr seid Sklaven wie die anderen. Dann darf es keinen Abstand mehr geben. Keine Grenzen. Ihr kennt das ja schon, und nun kommen noch mehr Männer dazu.“ – „Zusammen duschen ist ja auch sehr gut. Da kann man sich gegenseitig einseifen. Und rasieren. Und nachher einölen. Das haben wir ja damals immer nach dem Training gemacht.“ – „Ja, aber nun wird man auch beim Scheißen nie mehr alleine sein. Man kann sich auch danach gegenseitig reinigen. Ich weiß, dass das nicht immer angenehm ist. Und nicht jeder ist immer gut drauf. Und nicht jeder riecht immer gut. Gerade darum. Und jede Nacht zusammen mit einem anderen in einem schmalen Bett. Nicht mit seinem besten Freund, jede Nacht mit einem anderen.“

Sucker ist steif geworden. „Schwein, keine Scham mehr, nichts Privates, keine Intimsphäre, dieses blöde Wort. Aber immer intim miteinander. Ich freue mich drauf. Gerade, wenn da ab und zu ein Neuer zukommt.“

„Und wenn zwei sich hassen und immer Streit anfangen?“

Ratte sagt: „Das Problem lösen wir, wenn es entsteht. Man kann nicht alles planen.“ – Er grinst: „Nicht einmal wir.“

Die Bauingenieure sind in ihrem Element. Also ein Raum, nicht größer als nötig. In der Mitte im Boden ein Scheißloch mit Wasserspülung. Daneben eine Wasserstelle zum Trinken und ein Fresstrog, der sich gut ausspülen lässt. An der anderen Seite daneben die Duschanlage: vielleicht einen halben Meter versenkt, klein genug, dass es eng wird. Warmes Wasser? Ja, auch warmes Wasser, aber das muss man von außen abstellen können, wie übrigens das kalte auch. Ein Käfig, 1 mal 1 mal 1 Meter. Wozu? Das wird sich schon zeigen. Kann man immer gebrauchen! Und darum herum nicht mehr Schlafplätze als nötig. Man soll sich nahe sein, den anderen immer fühlen. Jede Matratze 90 cm breit, für 2 Personen. Das funktioniert aber nur bei geraden Anzahlen. Haha, na also! Bei ungerader Anzahl soll einer im Käfig übernachten und lernen wie einsam das ist.

Alle Stiefel an einer Wand. Arbeitskleidung bzw. Kampfanzüge an Haken darüber.

Brauchen wir sonst noch was? Klopapier? Nein, da hängen ja die Schläuche. Teller oder Näpfe? Vielleicht, das wird sich zeigen. Trinkbecher ja, man muss ja morgens mit Kaffee oder Tee in Gang kommen. Ein schläfriger Knecht nützt niemandem. Also eine Ecke, in der man Kaffee und Tee kochen kann und ein Kühlschrank für Milch und Bier. Bier? Ja, Bier, als Belohnung. Was den Gedanken an eine kleine Hausbrauerei aufkommen lässt, wenn erst mal genug Leute da sind.

Und ein paar Ringe an einer Wand, wie wir sie ja hier zu Hause auch haben.

Jetzt aber genug! „Doppelschwein, weiterlecken!”

Schmiede

Da kommt Punk endlich nach Hause und zieht sich aus.

„Punk, mit unserem Leben hier ist es vorbei. Wir ziehen um, und du darfst mit. Oder erst mal alleine hierbleiben.” – „Äh?”

Ratte erklärt den Plan in großen Zügen, während Sucker Punk absaugen muss und das Schwein ihm die Nippel leckt. Ich muss noch einmal beschreiben, was ich dort alles gesehen habe, und füge hinzu: „Du würdest dort eine eigene Goldschmiedewerkstatt bekommen und auch Kunden empfangen.” – „Muss ich da bei der Arbeit Kleider tragen?” – „Warum? Kleidung nur zum Ausgang. Natürlich darfst du dich jederzeit frei bewegen, und dazu kriegst du eben Klamotten.” – „Und ich entwerfe und mache dort wie bei Werner versauten Schmuck?” – „Ja sicher. Und lieferst an alle Adressen, aber Kunden dürfen auch jederzeit in die Werkstatt kommen und die ganze Anlage kennenlernen – jedenfalls solange das nicht Überhand nimmt, Ratte, dazu müssen wir uns noch was überlegen. Jaja, erst, wenn es soweit ist. Und auch dort werden wir wie bisher hier Abendessen für reiche Kunden veranstalten, mit Nacktsklaven, die an und unter dem Tisch bedienen.”

„Herr, ich ...” – Hier schaltet sich das Schwein ein: „Ich denke, Punk, du bist frei?! Darauf legst du doch so großen Wert.” – „Eh, ja klar. Also, eh, Chef, ich habe doch neulich diesem Belgier goldene Ketten auf den Leib schmieden müssen. Dabei hat mich der Gedanke geil gemacht, vielleicht auch mal gröberes Schmiedewerk zu probieren. Auf den Leib geschmiedete Ketten soll man doch auch spüren. Sagten Sie nicht, dass da eine alte Schmiede ist?” – „Punk, überleg dir die nächsten Wochen in Ruhe, ob du nicht lieber bei deinem Schwichtenberg bleiben willst! Juwelier in gesicherten Verhältnissen mit Werkstatt für fleißigen Goldschmied.” – „Ich komme mit. Der Werner soll sich überlegen ob er auch mitkommt, wieso immer ich? Dem täte eine etwas herbere Umgebung gerade mal gut.” Punk hat schnell verstanden wie er Hase läuft.

026-0

Also, ich fuhr da ja gerne immer mal ein paar Tage hin und schaute mir an, was Jens und die Seinen aufbauen, aber für mich war das nichts. Sicher nicht auf Dauer. Eine Mischung aus Disneyland, Kolchose, Altersheim und Edelpuff. Nett, um sich mal ein Wochenende lang zu entspannen, man gönnt sich ja sonst nichts. Aber sich da eine Wohnung kaufen? In dieser gottverlassenen Gegend? Und jeden Tag das Essen aus dieser Küche? Es ist ja gut, ohne Zweifel, aber jeden Tag? Dann doch lieber hier in den Ratskeller, wo man die richtigen Leute trifft. Kunden, Stadtverwaltung, Museumsleute und so weiter. Das echte, normale Leben, nicht eine Phantasiewelt wie ein Hirngespinst der Pornoindustrie.

Obwohl dieses große Fest ja gar nicht schlecht war. Da kamen auch die richtigen Leute zusammen. Bauunternehmer, Bürgermeister, Oberregierungsrat – was man so braucht. Und all diese Ledermänner aus Dahlem und Zehlendorf, sogar aus Hamburg, mit ihren Harleys, potentielle Kunden. Das Buffet war ausgezeichnet, vor allem gab es genug Austern. Aber ob es nun nötig war, als Dekoration Komparsen anzustellen, die Skinheads, Punker und Rocker spielen, damit man sich wie in einem Film fühlt? Sogar an Neonazis zum Gruseln hatte die Regie gedacht. Grauenhaft! Kitsch eben. Für jedes Vorurteil und jeden Fetisch ein paar Komparsen. Sowas brauche ich nicht. Die wirkliche Welt ist mir abgedreht genug.

Na ja, immerhin habe ich da einen netten Motorradfahrer kennengelernt. Sehr gutaussehend, sehr männlich, dabei aber total lieb! Der wollte mich gern mal mitnehmen, weil diese Edeltucke, die ihm dort alles bezahlt, bestimmt nicht eifersüchtig ist. Jens meinte, dass der Ritter, wie er ihn nannte, sehr sicher fährt und gut aufpasst, dass ihm nichts zustößt. Er hat mich schon beraten, welche Kombi ich am besten kaufe, und wir haben ein paar Probefahrten gemacht. Ich wollte ja erst kein Leder, sondern etwas Praktisches. Er hat mich aber überzeugt, dass Leder das Praktischste ist. Es riecht ja schon gut, das muss ich sagen.

Er hat mir auch schon geholfen, meine Wohnung neu einzurichten. Die war wirklich zu voll. Tuckig, meine er. Minimalismus passt aber besser zu mir.

Für Gold interessiert der Ritter sich auch. Wenn man es ihm auch nicht ansieht. Wir haben lange über Intimschmuck gesprochen. Schwer muss der sein, darum Gold. Er trägt fast ein Kilo davon in der Hose.

Begehung

Wir fahren zu fünft im Auto nach Brandenburg. Das Schwein, Sucker und Ratte in ihren Arbeitshosen, aber wegen der Kälte mit Lederjacken statt Westen, Punk in alten Jeans und Lederjacke.

Die Anlage liegt abseits der Landstraße, umgeben von Ackerland und einem kleinen Wald. Anscheinend hat Meyer unter gewissen Auflagen des Denkmalsschutzes die Gebäude sehr günstig bekommen, war aber schlau genug, selbst über die Nutzung und den Zugang bestimmen zu können. Er hat dann gleich den Bauern das Umland und den Wald abgekauft, billiges Landschaftsschutzgebiet, sie dürfen es weiter bestellen. Ratte grinst: „Der halbe Wald sollte diskret eingezäunt und zur Anlage geschlagen werden, einen Wald kann man immer gebrauchen.” Punk sagt: „Ja, ja, und hinter dem öffentlichen Teil ein Parkplatz, den kann man auch immer gebrauchen, und mitten im Wald ein Tor mit Wächtern und Pechnase.” – „Warum eigentlich nicht? Das behalten wir mal im Hinterkopf.” Das Kaff mit der S-Bahn ist eine Viertelstunde Fußweg entfernt, und das Land dazwischen gehört Meyer.

Von der Straße eine zweihundert Meter lange Einfahrt bis zum schmiedeeisernen Zaun mit Tor. „Hier muss ein Schild hin: Privatweg. Und Parkverbot auf der ganzen Einfahrt. Oder noch besser vorne ein Schlagbaum mit Fernbedienung. Hinter dem Tor ein kleiner Parkplatz.” Der Zaun ist so breit, dass man von der Straße das Hauptgebäude liegen sehen kann. Links und rechts davon geht er in eine Klostermauer über, die den ganzen Komplex umschließt. Ein Parkplatz kann dergestalt hinter der Mauer angelegt werden, dass die Autos den Blick von außen durch den Zaun nicht verstellen und von innen hinter Büschen verborgen sind.

Das schlossähnliche Hauptgebäude – „Herr, das war ein Schloss, und das wird wieder ein Schloss” – ist viel zu groß und zu verbaut um ohne gründliche Planung zu restauriert zu werden. Und wenn, dann muss man es als Ganzes machen. Also erst mal nicht. Immerhin ist kein Asbest drin, also kann man die ganzen russischen Wände ohne Spezialfirma herausbrechen. Wenn erst mal genug Knechte da sind.

Daneben und dahinter gibt es Stallungen und Scheunen, ein altes Klostergebäude mit Turm, eine völlig verfallene Kirche mit Kreuzgang, alles unter Efeu – „Wie bei Caspar David Friedrich. Das kann man erst mal so lassen statt sich zu überlegen was man um Gottes Willen mit einer Kirche anfängt.” – und ganz hinten, etwas erhöht, zwei kleine Häuser. In einem liegt anscheinend sogar Wasser und Strom, und es hat einen Keller. – „Das wird also unser Bauhaus.”

Die drei Ingenieure beginnen sofort zu messen und zu zeichnen.

Das Dach des Hauses ist nicht mehr historisch. Die dem Wald zugewandte Seite kann man von der Straße nicht sehen. – „Dann wird das ganze Dachgeschoss ein Raum, mit Panoramafenster zum Wald. Ist da Osten? Ja, also Blick auf Klosterwald in Abendsonne, geht doch.”

Wir entscheiden, dass aller Russenbeton – Garagen, Hallen, eine Art Badehaus oder Sauna – doch weg muss, weil die historischen Gebäude in ihrer Lage zueinander dann wieder ihren Sinn bekommen. Nur ein Bunker wird wohl bleiben, weil er einfach zu massiv ist. Da kriecht schon das erste Efeu hoch. Aus dem Keller einer Halle kann man ein Schwimmbad machen.

„Was meint ihr, wie viele Wohneinheiten auf Stand kriegt man in die Stallungen?” – „Zehn bis zwanzig, je nach Größe. Und hier bei dem langen Kutschhaus kann man ohne weiteres von einem Ende an anfangen und sich nach und nach durcharbeiten. Ach, und schau mal wie nett: hier ist die Schmiede. Dann fangen wir doch an diesem Ende an.” Punk sagt: „Ich brauch aber keine Wohnung neben der Schmiede, ich bleibe bei euch. Obwohl... Nee, der Werner will bestimmt seine Stadt nicht verlassen.”

Die Drei messen und zeichnen noch lange, denn sie wollen morgen die ersten Aufträge erteilen. Wir beschließen, im Gasthof weiterzumachen und den Bauunternehmer zu einem späten Abendessen einzuladen.

Brandenburg

So nahe bei Berlin, so ehemalig preußisch – und so anders. Im Gasthof ist der Anblick von drei Bauingenieuren und einem Punker mit offenen Lederjacken anscheinend mehr als man ertragen kann. Auch mich beäugt die Wirtin argwöhnisch, aber irgendwie scheint sie sich zu erinnern, dass ich hier mal zusammen mit einem wichtigen Herren gespeist hatte. Die paar Gäste glotzen. Einer probiert Punk blöde von der Seite anzuquatschen.

Die Wirtin ist sichtlich erleichtert, als wir um das Hinterzimmer bitten: wir wollen erst etwas trinken und dabei weiterarbeiten und dann essen, wobei wir noch einen Gast erwarten. Sie bringt Getränke und schaut ab und zu nach, ob wir nichts kaputt machen oder stehlen.

Dann kommt der Inhaber. Er wolle nur guten Abend wünschen und fragen ob alles in Ordnung sei. Auch er glotzt, aber irgendwie anders als seine Frau. Vor allem Sucker hat es ihm angetan. Er traut sich aber nicht, die Tätowierungen zu loben. Jedenfalls macht er keine dummen Bemerkungen. Er habe nicht genau verstanden, ob wir hier zu übernachten gedenken, jedenfalls seien genug Zimmer frei. Na, dann zwei Doppelzimmer. – „Selbstverständlich, die Herren, aber in keinem unserer Doppelzimmer steht ein drittes Bett.“ – „Das macht nichts. Wir kommen schon zurecht.” Man sieht es in ihm arbeiten, aber er wahrt die Form.

Als er mit Bier wiederkommt, bietet er einen Schnaps aufs Haus an. Und dann tastet er sich heran. Seine Frau dächte, dass wir mit der örtlichen Skinheadszene zusammenhingen, die sähen ja auch so komisch aus. Also, das seien ihre Worte gewesen. Er wird rot.

Ich kann ihn beruhigen. Ich erkläre, wo wir herkommen. Drei Bauingenieure, ein Goldschmied und ein, naja, nennen Sie es ruhig Sklaventreiber. Haha, also ein Manager von irgendetwas dort. Ja, genau. Ich lasse durchschimmern, dass wir ganz und gar nichts mit Alt- oder Neonazis zu tun haben. Er ist sichtlich erleichtert und wird dann ganz offen. Hier am S-Bahnhof und draußen in einer alten Fabrik hingen immer diese Skinheads herum. Ja, er selbst wisse, dass lange nicht alle Skinheads Nazis seien, und diese hier seien vielleicht auch gar keine echten Skinheads, er habe darüber mal was im Fernsehen gesehen. Die richtigen sähen ja gar nicht mal schlecht aus, eh, egal. Jedenfalls nennt man die hier Skins. Sie sind kahl oder haben kurze Haare, tragen Hosen mit weißen Flecken und Springerstiefel, grölen, prügeln und haben Hakenkreuze. Furchtbar, wie so was nach soundsovielen Jahren Sozialismus plötzlich aufblühe. Na ja, alles vaterlose Kinder von arbeitenden Müttern, von denen die meisten auch noch söffen. Er kenne ja die Familien. Gottseidank sei sein Sohn nicht so, obwohl der dauernd nachts in Berlin rumhinge. Der solle erstmal mal für einen Stammhalter sorgen. Der Gasthof sei seit soundsoviel Generationen im Familienbesitz. Und lernen wollen diese Skins meistens auch nix, und wenn sie schon mal ne Stelle haben, verlieren sie sie, weil sie überall Hakenkreuze draufschmieren. Nur könne man das hier im Dorf nicht besprechen, denn auch manchen Ehrenmännern vom Stammtisch hinter dieser Wand hier sei nicht zu trauen.

Wir fragen, ob er uns vor dem Abendessen noch den Ort zeigen möchte. Ja, gerne, er sei hier abkömmlich, denn sein Sohn könne auch kochen. Flausen im Kopf, aber doch zuverlässig. Wir rufen noch den Bauunternehmer an, der gerne gegen halb zehn mit uns essen will. Ach, ob wir den kennen? Nein, noch nicht. Na, der wäre wenigstens, soweit er wisse, politisch sauber. Keine alten Freunde aus früherer Zeit – welcher Zeit auch immer. Aber wir wüssten ja sicher, dass man bei jedem Bauprojekt auch einen zweites Angebot einholen sollte. Ich lache. Danke für den Hinweis, ich habe verstanden, aber meine drei Ingenieure hier lassen sich nicht über den Tisch ziehen. Wieso er eigentlich denke, dass wir was bauen lassen wollten. Ja, wir kämen doch vom Russenkloster, wie man das hier nenne. Und sowieso aus dem Westen. Na, bei so netten Herren würde er sich keine Sorgen machen.

Das Kaff ist immer noch heruntergekommen. Ein Supermarkt, eine schwächelnde Gärtnerei, ein Eisenwarenladen für Bauern und Handwerker, ein Bäcker der nicht mehr backt. An der anderen Seite des Ortes sollte eigentlich für Berliner gebaut werden, aber bisher will niemand hier wohnen. Und auf unserer Seite, wo es landschaftlich viel schöner sei, wäre ja kein Baugrund mehr zu kaufen. Heute scheinen keine Neonazis da zu sein. Saufen wohl in ihrer Fabriksruine oder stoßen Neger in Berlin aus der S-Bahn. Ja, ohne Spaß, leider. Und ob wir gehört hätten wie schlimm es in paar Dörfer weiter mit dem persischen Apotheker und so weiter. Ja, Brandenburg hat einen tristen Ruf.

Dann speisen wir zum Erstaunen der Wirtin mit dem Bauunternehmer. Der schaut sich meine Ingenieure freundlich lächelnd an. Er spielt mit dem Gedanken, sein Unternehmen aufzulösen und sich zur Ruhe zu setzen. Aber selbstverständlich wird er erst einmal alles für uns tun. Und wir sind heute Abend selbstverständlich seine Gäste. Das Beefsteak ist vortrefflich. Innen so gut wie roh, aber doch warm und zart, außen knusprig.

Bauhaus

Der erste Auftrag an den Bauunternehmer wird erteilt. Wegen der schlechten Auftragslage und wohl auch wegen des Gewichts von Direktor Dr. Dr. Meyer kann sofort begonnen werden. Wir selbst können nicht mitarbeiten, wollen aber so bald wie möglich einziehen, um weiter planen und beaufsichtigen zu können.

Das Dringendste ist der Keller: Fußbodenheizung, Schiefer auf dem Boden und an allen Wänden bis oben hin, in die Mitte ein Sanitärblock aus Edelstahl wie im Gefängnis, also WC ohne Brille und Waschbecken aus einem Stück. Daneben eine Dusche und ein Schlauch mit warmem und kaltem Wasser, im Boden ein Gully. Stahltür, vergitterte Fester. Man soll, wenn man vor dem Haus steht, ruhig hineinschauen können. Als Einrichtung soll eine große, mit Industriegummi bezogene Matratze hinein, sonst nichts. „Ringe für Kettung und Auspeitschungen?” – „Die bringen wir selbst an, wenn wir wissen, wie der Raum funktioniert.” Ein kleiner Nebenraum für Kleider und Stiefel.

Zweitens das Dachgeschoss: Ein großer Raum mit Panoramafenster, Holzboden und Dachstuhl aufgearbeitet. An einer Giebelseite hinter einer Mauer Schiefer auf dem Boden und an den Wänden, Gully, komfortable Dusche, Sanitärblock. Keine Türe. Das muss in zwei, drei Wochen möglich sein, sicher wenn einer unserer Ingenieure dabei bleibt. Und wenn es fertig ist, ziehen wir um.

Dann sofort das Erdgeschoss: Links eine Küche (Edelstahl, Schiefer), ein Esszimmer (Holzfußboden, weiße Wände) und ein Gäste-WC (Sanitärblock, Schiefer). Rechts ein Gästeappartement: großes Zimmer mit eigener Türe Richtung Wald, kleines Schlafzimmer, Luxus-Bad. Ich will jederzeit Ölscheichs, Bankiers und dergleichen standesgemäß unterbringen können. Danach sechs einzelne Zimmer auf dem ersten Stock, davon zwei mit Sanitärblock und Schieferfußboden. Die kann man immer gebrauchen.

Aufsicht

Das Schwein soll den Umbau des Bauhauses allein beaufsichtigen. Es ist traurig, weil es wieder wochenlang von mir getrennt wird, aber „ich fühle ja Ihre Fesseln und den Nasenring, Herr.” Das Sackeisen darf es ohne Schloss behalten. Es hat sich so daran gewöhnt, dass ein Schloss nicht mehr nötig ist.

Es bekommt Taschengeld, das Auto, seine Ingenieursuniform mit Helm, seine Lederjacke gegen die herbstliche Kälte, soll im Gasthof wohnen und täglich telefonisch berichten. Und es bekommt noch eine besondere Aufgabe, über die es erschrickt, weil eine solche Aufgabe neu ist und sich nicht gut einordnen lässt in was es bisher lernen musste. Lehrjahre sind nun einmal zum Lernen da, und wenn alles gleich bleibt, kann man nichts Neues lernen. Es soll den Bauunternehmer verführen. Der soll es täglich oral befriedigen, aber nicht wissen, dass ich das angeordnet habe. Das Schwein wird bestraft für jeden Tag, an dem das nicht gelang. Es wird ganz still, als es diesen Auftrag hört. „Schwein! Das tust du für mich!”– „Ja, Herr.”

Am ersten Abend erfahre ich, dass der junge Koch im Gasthof das Schwein schon unverhohlen angemacht hat. Es ist aber nicht darauf eingegangen. Ich befehle dem Schwein, mit dem Koch abends nach Berlin zu fahren, falls der es dazu einladen sollte. Es soll aber selbst keine Initiative nehmen.

Den Bauunternehmer hat es heute noch nicht getroffen. Es ist ja erst nachmittags angekommen. Der erste Tag dauert noch bis morgen Nachmittag.

Am folgenden Vormittag ist es dann schon gelungen. „Herr, der Mann interessiert mich nicht, aber ich habe die ganze Nacht nachgedacht, wie ich es mache, weil Sie es wollen. Und der Gedanke, dass ich auch so etwas für Sie kann, macht mich stolz.” Es hat die Gelegenheit abgewartet bis es mit dem Unternehmer zusammen außer Sicht seiner Arbeiter war und gesagt: „Entschuldigung, ich muss mal mein Wasser lassen.” – „Herr, wie drückt man so etwas nur aus, gegenüber einem Firmenbesitzer in einem rückständigen Dorf?” – Dann hat es sich Schwanz und Sack aus der Hose geholt und gepisst. Der gute Mann hat natürlich höflich weggeschaut, jedenfalls so getan als ob. Aber Ring und Sackeisen hat er eben doch gesehen, und einige Stunden später, beim folgenden „Wasser lassen” konnte er sich nicht einhalten, zu fragen, ob das denn nicht weh täte, ob es medizinische Gründe hätte, Hodenhochstand oder so, und, eh, ja, also, ob so ein großer Ring vorne drin denn nicht, eh, na ja eben. „Probieren Sie es doch selbst”, hat das Schwein nur gesagt, „der verfängt sich schon nicht am Zäpfchen.” Es sei so glücklich, dass es so mutig und geistreich war. Nicht aus Angst vor Strafe, nein, weil es fühlt, dass sein Herr so stolz auf es sein kann.

Am nächsten Tag ist, wie beim Bauen üblich, einiges schief gegangen. Falsches Material, fehlende Maschinen und so weiter. Bei so etwas ist das Schwein in seinem beruflichen Element. Und als dann nachmittags der Bauunternehmer selbst kam und sich entschuldigte, hat sich das Schwein breitbeinig hingesetzt, ausgeatmet und gesagt: „Nach so einem anstrengenden Tag kann man Entspannung gebrauchen, nicht?” So einfach!

Ihm fehle dennoch die Nähe zu mir, und weder ein notgeiler junger Koch noch ein verwirrter Bauunternehmer sei ein Ersatz. Sein Herr lasse sich durch nichts ersetzen. Es brauche die Führung, die Härte, die Konsequenz, kein Techtelmechtel. Es habe sich nun einmal hingegeben und fühle sich in seiner Position stark und sicher. Ja, stark, weil sein Herr mit seiner Konsequenz und Härte es immer stärker mache, und sicher, weil es vom ersten Tage an das uneingeschränkte Vertrauen habe, dass ich auf es aufpasse. „Herr, nur bei Ihnen fühle ich mich geborgen und gefordert.”

Und darum, nur darum, verführt es den armen Mann täglich und bittet mich auch um Instruktionen für den Fall, dass der junge Koch mit ihm nach Berlin wolle.

Jedenfalls ist es gut, dass jemand von uns vor Ort ist. Dauernd ist etwas zu regeln. Vor allem sind die Dorfbauarbeiter überfordert von unserem minimalistischen Konzept. Sie wollen ständig Waschbecken, Gardinenleisten, Kacheln und Türen anbringen, die sie im Plan vermissen. Das Schwein fährt viel hin und her wegen der richtigen Sorte Schiefer, der Sanitärblöcke und so weiter.

Am wohlsten fühle es sich trotz der Kälte in der offenen Lederweste. Die Leute wären das nicht gewohnt, einen halbnackten Oberkörper im Herbst, und es fühle dauernd ein Kribbeln zwischen den Beinen, weil es wisse dass ich es gerne so sehe.

Lederbett

Abgesehen von Büchern besitze ich nicht viele Dinge. Wenn man mit wertvollen Menschen zusammenlebt, verlangt man nicht nach Gegenständen. Also ist der Umzug kein großes Problem. Bücher, Musik, Ledersofas, einige Kisten mit Kleidern und der Inhalt der Küchenschränke. Das meiste ist noch die Werkstatt von Punk. Werner Schwichtenberg hat ihm erlaubt, bis auf Weiteres alles mitzunehmen, was er braucht. Er will keinen anderen Goldschmied mehr in seinem Laden.

Das Schwein hat eigenmächtig eine Entscheidung getroffen und sagt, wir sollen kein Bett mitbringen. Als wir ankommen, steht in dem großen Dachgeschoss ein Lager aus schwarzem Leder, drei mal drei Meter, groß genug für uns alle. Mit lederbezogenen Kopfkissen und einem schweren, lederbezogenen Deckbett. „Herr, bestrafen Sie mich, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Aber ich war sicher, dass Sie eigentlich schon immer ein Lederbett haben wollten. Ich habe es eine Woche lang ausprobiert. Im Deckbett sind Militärdecken.“

Sucker hat sich sofort ausgezogen und steigt rein. – „Mann! Das ist schwer. Es kriecht einem sofort zwischen die Beine. Scharf!“ – „Ich war all die Nächte ununterbrochen steif. Aber das bin ich ja sowieso, wenn ich an Sie denke, und das tue ich meistens. Elf Kühe stecken hier drin. Die Nähte stören nicht.“ – Sucker räkelt sich: „Die Leute sagen immer, Leder ist kalt. Hat sich ganz am Anfang auch kühl angefühlt. Aber jetzt ist es schon warm.“– „Herr, es ist es besser als so ein doofes Baumwollbett. Und wenn nicht, trage ich die Konsequenzen.”

Das Schwein hat einen alten Wunsch erfühlt! „Das konntest du nicht von deinem Taschengeld bezahlen.” – „Herr, ein Bauunternehmer, der einen vom Bauherrn abhängigen jungen Mann verführt, wird abgezockt. So funktioniert die Wirtschaft doch, oder nicht?”

An den einen Giebel kommen die Bücher und ein Arbeitstisch. Dann die Sofas, ein paar kleine Tischchen, die Musik. In der anderen Hälfte dieses Bett und hinter der Mauer der Bereich, für den es leider kein schöneres Wort gibt als „Sanitär”. In ein paar Stunden ist alles eingerichtet. Im Panoramafenster vergoldet die untergehende Sonne den Herbstwald.

Wir trinken Sekt und gehen dann alle zusammen ins neue Bett. Punk sagt noch: „Wir müssen uns benehmen, sonst werden wir in den Keller aufs Gummi geschickt.“

Das Leder übertrifft meine Erwartungen. Auch Ratte wird vom textilfreien Schlafen erregt. Bei Sucker kommt der Ingenieur durch: „Solches Leder hält Jahrzehnte. Wir sparen allein schon an Waschpulver ein Vermögen.”

Recht

Einem sehr sauberen schwarzen Auto mit Kölner Kennzeichen entsteigt ein äußerst gepflegter Mann mittleren Alters, klein, eigentlich zu dick, aber nicht unproportioniert, in einem perfekt sitzenden dreiteiligen Anzug. Schwarzer Dreitagebart und sehr kurze, schwarze Haare. Zum Glück stinkt er nicht nach Deo oder Parfüm.

„Dr. jur. Peter Schwarz-Wesseling, von Wallraff und Jansen, Rechtsanwälte Köln-Hamburg. Guten Tag, Herr, eh...” – „Ja, was führt Sie denn her, Herr Dr. Schwarz-Wesseling?” – „Herr Direktor Dr. Dr. Meyer hat mich beauftragt, Ihnen unsere Dienste anzubieten. Unsere Kanzlei ist spezialisiert auf Vertrags-, Erb- und Vollmachtsrecht. Ja, und ich soll sagen, dass wir auch in Klosterangelegenheiten Erfahrung haben. Wenn Sie wünschen, können wir vorurteilsfrei und selbstverständlich hundertprozentig diskret miteinander nachdenken wie wir Ihnen zu Dienst sein können.” – „Na, dann kommen Sie doch mal mit rauf, Herr Dr. Schwarz-Wesseling!” – „Gerne, Herr..., eh...”

Dr. Dr. Meyer weiß jedenfalls was er will und hat seine Verbindungen. Aber er hatte nicht erklärt, worum genau es geht. Ich fange beim einfachsten Teil des Problemkomplexes an: bemittelte Herren, manche vielleicht ohne Erben, die hier in gesicherten Verhältnissen leben wollen, ohne Sorgen um ihre Zukunft. Sollen die hier etwas mieten, sich einkaufen oder gar ihren Besitz in die Stiftung einbringen? Jedenfalls müssen nachteilige Folgen für alle Parteien verhindert werden, und die Macht darf nie in falsche Hände kommen. Dazu sollten unbürokratische, aber juristisch belastbare Hausregeln aufgestellt werden. Der kleine ist ein heller Kopf, und er scheint wirklich Erfahrung mit Einfühlungsvermögen zu verbinden. Er macht sich Notizen, hört aber vor allem gut zu und lässt merken, dass er wirklich versteht, worum es mir geht. Dann wenden wir uns einer zweiten Gruppe zukünftiger Mitbewohner zu: Männer – „Nur Männer, Herr, eh...” – „Ja.” –, die kein Geld einbringen, sondern ihre Arbeit. Die hier zupacken und damit ihren Lebensunterhalt und ein Dach über dem Kopf verdienen, wobei eventuell Rechte für spätere Jahre aufgebaut werden. Und wobei man nicht will, dass langfristige Arbeitsverträge so einfach gelöst werden können ohne empfindliche Folgen.

Da kommt das Schwein außer Atem herein, springt in Haltung, keucht: „Herr, Punk lässt fragen ob sie mal eben kommen kö... Oh!” und schaut mich fragend an. Das Schwein ist nackt in Gummistiefeln, denn es muss Punk beim Saubermachen seiner zukünftigen Werkstatt am anderen Ende der Anlage helfen. Sein Sack ist dank des Gewichtes schon deutlich länger geworden.

„Das ist wahrscheinlich unser zukünftiger Jurist. Frag Punk, ob es Zeit hat. Ab!” – „Ja, Herr.”

Dr. Schwarz-Wesseling hat das Schwein ziemlich unverhohlen angeschaut. Ich meine ein unterdrücktes freches Grinsen zu sehen. Und dann fragt er: „Herr! Sie denken an Mitarbeiter, die idealiter rechtlos sind?” Er hat nicht mehr „Herr, eh...” gesagt, sondern „Herr!”

„Ja, Mitarbeiter die, wenn sie einmal unterschrieben haben, nicht mehr weg können und arbeiten müssen, jedenfalls soweit das hierzulande geht, und die nur das einzige Recht haben, bis zum Lebensende zu fressen zu kriegen und gesundheitlich gut versorgt zu werden.” – Er grinst wieder, wobei seine Hände leicht zittern. „Ich würde das sehr gerne für Sie ausarbeiten, Herr! Solche Männer müssen auch, eh, diszipliniert werden können.”

Das Schwein kommt wieder angerannt: „Herr, es hat Zeit. Punk findet Ihren Besuch wichtiger.”

Der kleine Jurist mustert das Schwein jetzt hemmungslos von oben bis unten. Seine Hände zittern immer noch.

„Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit vor, Herr Dr. Schwarz-eh, Dormagen, oder?” – „Wesseling, rheinaufwärts, Herr! Direktor Dr. Dr. Meyer meinte, ich solle gleich hier einziehen. Sie würden hier bestimmt ein prima Projekt leiten, aber vielleicht Sachen übersehen, die Sie nicht so interessant finden. Versicherungen und dergleichen. Auch dafür wäre ich dann da.” – Donnerwetter! – „So? Meint er das? Und die Kanzlei kann auf Sie verzichten?”– „Ich, eh, die Kanzlei fordert mich nicht genug, wenn ich das unter vier Augen so sagen darf, Herr.” Es sind sechs Augen, denn das Schwein steht immer noch in Haltung, aber er hat zwei nicht mitgezählt.

„Ich suche einen Herrn, eh, Arbeitgeber, der alles aus mir herausholt.” – „Wann könnten Sie anfangen?” – „Schon in ein paar Tagen, Herr, wenn ich dann von hier aus noch einige letzte laufende Sachen erledigen oder übertragen dürfte.” – „So interessant das wäre – ich kann ihnen dann zwar ein Arbeitszimmer anbieten, aber ansonsten haben wir bisher nur sehr spartanische Schlafplätze hier, keine Wohnungen. Sie müssten sich im Dorf etwas suchen.” – „Herr” – er zittert jetzt am ganzen Körper – „ich brauche nicht mehr als einen Schlafplatz, es darf auch neben Ihrem, eh” – wieder schaut er das Schwein an – „eh, sehr angenehmen Hörigen sein.” Der Schwanz des Schweines richtet sich auf. Der kleine Jurist zittert immer noch. Ich schaue ihn fest an, lege mich dann auf die Ledercouch. „So, du kleine verdorbene Drecksau! Leck mir erst mal die Eier und zeig was du kannst. Schwein! Zieh mir Stiefel und Hose aus!”

Er leckt durchaus nicht unerfahren. Ich lasse es ein paar Viertelstunden geschehen, und er hält durch. Er will sich beweisen! Das Schwein liegt währenddessen in meinen Armen. Dann gehe ich aufs Ganze: „Du kleine perverse Drecksau! Du fährst nach Köln, regelst was zu regeln ist, kündigen und so, und kommst so bald wie möglich für immer her. Maximal ein Koffer, und natürlich alle nötigen Papiere. Du lässt dir genau so einen Anzug machen, aber aus Leder, Hosenbund tiefliegend, Hose bis zum Knie hauteng. Schwein! Zieh mal deine Lederhose an, damit die Sau weiß, was ich meine. Weste und Jacke genauso wie bei diesem Anzug, nur eben Leder. Stiefel, keine Halbschuhe. Weiße Leinenhemden, Lederkrawatte. Den Nasenring bekommst du dann hier.”

Der Kleine zittert jetzt am ganzen Körper. Er springt auf, steht breitbeinig, Hände auf dem Rücken: „Ja, Herr! Danke, Herr!” „Und bring deinen eigenen Vertrag mit, damit wir sehen was du kannst. Ab!”

Ob der wohl wiederkommt? Vielleicht kommt er ja auf der Rückfahrt zur Besinnung. Dann wird er sich schämen.

018-0

Der Computer hatte entschieden, dass ich hin muss. Wenn ein größerer Kunde schriftlich Versicherungen abgeschlossen hat, besuchen wir ihn nach etwa einem halben Jahr hin, um ihn zu überreden, die Policen aufzustocken. In diesem Fall fiel dem Computer auf, dass eine Glasbruchversicherung gänzlich fehlt.

Solche Arbeit liegt mir. Es sind immer dieselben Argumente. Beim Training haben wir geübt, immer im richtigen Moment des Gespräches das richtige Argument vorzubringen. Man muss einen guten, kompetenten Eindruck machen und dem Auftraggeber nach dem Mund reden, damit er einen gern hat und ihm den Auftrag gönnt. Der Hauptgrund, dass ein Geschäft zustande kommt, ist ja, dass der eine dem anderen das Geschäft gönnt. Sonst gönnt er es einem Dritten.

Prima Beruf, krisensicher, günstige, helle Mietwohnung in Eilsleben, mitten im Bezirk, Autofahrten durch schöne Landschaft, keine nervenden Kollegen, keine schwierigen Ermessensentscheidungen.

Jedenfalls dachte ich das noch auf der Hinfahrt.

Bei Ankunft war es dann einer dieser unzähligen halb verfallenen Komplexe, in denen die Russen oder eine geheime DDR-Stelle untergebracht war, und wo sich jetzt Investoren oder alternative WGs unglücklich machen. Hier und da wurde gearbeitet. Man schaut mit professionellem Blick: soundsoviel Dachflächen, meist Pfannen; Bäume, die umfallen können; soundsoviel Quadratmeter Fensterlöcher, da würde wohl nach und nach immer mehr Glas reinkommen, auf die Größenordnung kommt es an; leider kein Risiko von Überschwemmungen; auf den ersten Blick keine gefährlichen Maschinen; aber Gerüste, auf denen Männer herumklettern. Und so weiter. Alles Routine.

Die Sache damals in der Eisenbahn nach Köln hatte ich längst vergessen. Oder verdrängt. Irgendwelche zerrissenen Kerls, die ich ziemlich eklig fand. Ich musste, glaube ich, sogar würgen wegen deren gammeligen Klamotten. Also hatte ich einfach nur vor mich hingeschaut. Bis die mich fertigmachten, weil ich irgendeiner Oma keinen Platz angeboten hatte. Sie hatten sogar meinen schicken Rucksack dreckig gemacht. Widerlich. Und peinlich.

Und jetzt waren die hier Besitzer des ganzen Komplexes! Sahen immer noch krass aus, aber anders. Sie erkannten mich wieder, und ich wurde verspottet, gequält und erniedrigt wie seit der Schule nie mehr. Mein guter Anzug war nach ein paar Minuten schon hin.

Ich schämte mich furchtbar. Aber die ganze Zeit kribbelte es zwischen meinen Beiden. Und dann musste ich noch den Schlosskeller besichtigen, und was ich da sah, verstand ich erst gar nicht. Alles wirbelte ein meinem Kopf.

Auf der Rückfahrt habe ich dann lange auf einem Waldweg nachgedacht. Dieses Kribbeln, das kriege ich immer bei Männern mit Macht. War mir aber lange nicht bewusst, dieser Zusammenhang. Vor allem, wenn sie mich erniedrigen oder ungerecht behandeln. Zu Beispiel Polizisten bei Verkehrskontrollen. Macht und Erniedrigung. Das sind auch die Bücher und Videos von Bruno Gmünder, die mich am meisten anmachen, egal wie schlecht die geschrieben sind. Und in solchen Büchern kommen auch Verliese vor, in denen Männer nach strengen Regeln zusammenleben müssen. Wo einer nicht einmal alleine scheißen kann, wo es keine Würde mehr gibt. Keine Würde. Nur geile Männer. Keine Würde. Nur gehorchen. Es kribbelte heftig.

Und bei diesem Kunden sollte so etwas Wirklichkeit werden? Ich nahm mir vor, da noch einmal hin zu fahren, aber diesmal privat, und zu sehen, ob die mich haben wollten. Mal ne richtige Session, wie in den Videos. Vielleicht alle paar Wochenenden.

Und dann passierte furchtbar viel in kurzer Zeit, und bei den Skinheads lernte ich, was ich wirklich bin: der geborene Cocksucker.

Die sahen alle gleich aus, und ich hatte Angst, und die hatten mich herumgestoßen und schrecklich verspottet, und dann rammelten die einer nach dem anderen meine Fresse durch. Ich hatte Angst, musste dauernd würgen, aber ich war noch nie so lange so steif. Es war wie ein Rausch. Vor allem, als ich aufhörte zu denken. Da war die Angst auch weg. Ich war einfach nur da, wertloses, verachtetes Fickobjekt.

Langsam begriff ich, dass die mich zwar verachteten, aber doch auch nützlich fanden. Dass sie es schätzten, wie schnell ich lernte, nicht nur Loch zu sein, sondern mich immer wieder auf jeden einzustellen. Lecken, Saugen, immer wieder neu und immer wieder anders. Ich konnte harte Männer glücklich machen. Die stießen mich immer noch herum und pissten auf mich; aber sie hatten mich gern, das fühlte ich. Und dass ich mit meinen dreckigen, zerrissenen Klamotten tief unter ihnen stand, das fühlte sich genau richtig an. Ich bin ein Cocksucker. Und ich fing an, meine Muskeln zu spüren, denn ich musste zwischendurch Bierkästen und allerhand Kisten schleppen und Liegestütze machen beim Stiefellecken. Ich war ja in der Woche fast jeden Tag da, manchmal über Nacht. Dass sie mich am zweiten Morgen kahl machten, war eine große Ehre.

Was bin ich froh, dass ich keinen Widerstand mehr hatte. Ich habe akzeptiert, was ich bin, und bin stolz darauf.

Da kamen immer neue Skinheads dazu, und man hatte keine Lust, immer wieder zu erklären, was mein Zweck war. Darum schrieben sie mir mit Filzstift FUCK auf die Stirn. Das war das Geilste. Tagelang auf den Knien, Maul offen, Aufschrift gut sichtbar, mich jedem anbieten. Die sagten, dass ich einen notgeilen Blick habe. Kann man Sex-süchtig werden? Richtig süchtig, das ganze Leben nur auf Sex gerichtet? Zwanghaft auf Suche gehen, wenn das Kribbeln aufzuhören droht? Das will ich.

Diese kaufmännische Lehre, diese Scheiß-Versicherung, die spießige Wohnung im spießigen Eilsleben, mein ganzes bisheriges Leben, das war doch alles Scheiße. Sinnlos.

Ja, und dann habe ich mich bei den Besitzern als Knecht für zehn Jahre beworben. Die Skinheads hatten mir erklärt, dass das geht und was es bedeutet. Ich wurde angenommen. Ein paar Unterschriften – klar! Achtzehn. Die Nummer wollte ich auch sofort drauf haben, wie die anderen es auch hatten.

Und beim Tätowieren bekam ich schon wieder Zweifel. Klar, nach zehn Jahren wird es vielleicht Zeit für was Anderes. Vielleicht nach Amerika. Oder mit einem Kerl zusammenleben mitten in der Großstadt. Aber Cocksucker bin ich fürs Leben! Ich will nicht zurück. Ich will jetzt sicher sein, dass der Weg in die Spießigkeit abgeschnitten ist. Also wollte ich, wo ich schon da war, FUCK auf die Stirn.

Aber Sieben, der Tätowierer, weigerte sich. Unethisch. Jedenfalls zu früh. Ich würde es bereuen. Passt auch nicht zu so einem Milchgesicht. Das fand ich besonders gemein. Ich war ganz durcheinander, heulte wohl auch. Und da fühlte ich seinen Finger an meinem Hinterkopf. Kahl war der ja schon.

Er schrieb mit der Fingerspitze die Buchstaben und raunte mir ins Ohr: „Da will ich es wohl hinschreiben. Du kannst es selbst nicht lesen, aber jeder, der hinter dir steht. Und du wirst nie sehen, wie die Leute glotzen und über dich spotten. Aber das Gefühl wirst du nie los.

Darum lässt dir natürlich vor Schiss morgen schon Haare drüber wachsen. Denn du traust dich bestimmt nicht, so rumzulaufen. Wäre ja auch dumm. Darum muss es da hin, nicht auf die Stirn. Du machst dir deine Spießbürgerzukunft erst kaputt, wenn dir die Haare ausfallen. Hast also noch Zeit zum Häusle Bauen, wenn die zehn Jahre hier um sind.“

Er hat es dann wirklich gemacht und gemerkt, dass ich dabei die ganze Zeit steif war. Und dann hat er mir ein Foto von einem Skinhead gezeigt, der eine Kopftätowierung da hatte, wo man einen Iro wachsen lassen kann. Er wäre bereit, mir etwas in der Art zu machen, auch zum Zuwachsen lassen gedacht, damit deutlich wird, auf welche Nutzöffnung sich das FUCK bezieht, wenn ich mal kahl werde. Dann hat er etwas gezeichnet, das deutlich aus Pfeilen bestand und mindestens so geil aussah wie das Muster auf dem Foto. Also Pfeile von dem Wort FUCK hinten hinauf, über den Schädel bis zum Haaransatz. Ich wollte das sofort haben. und während er es machte, wurde ich mir immer sicherer. Jetzt oder nie! Alles oder nichts! Aber für Nichts war es ja schon zu spät. Also hab ich gebettelt und geheult und geschrien, bis er die Pfeile die Stirn runter bis zur Nasenwurzel geführt hat. Die lassen sich nie mehr verbergen. Ein Zeichen auf der Stirn. Auch wenn ich mir die Haare wachsen lasse, will bestimmt jeder wissen, wo die Pfeile anfangen.

Jetzt kann ich nicht mehr zurück.

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9783741817960
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