Читать книгу: «Mein geniales Leben»
Sigge ist zwölf und einfach genial, wenn es nach seiner Mama geht. Bloß: Freunde hatte er noch nie in seinem Leben. Der Umzug in das originelle Haus seiner durchgeknallten Großmutter in Glitzeroverall und High Heels ist für ihn deshalb ein Sechser im Lotto: Jetzt kann er sich komplett neu erfinden! Aber wie wird man beliebt?
Sigge hat eine Menge Ideen, verwirft, probiert, scheitert, rappelt sich auf — und gewinnt schließlich eine wahre Freundin.
Jenny Jägerfeld erzählt mit viel Wärme und spritzigem Humor. Das Ergebnis ist ein berauschendes Leseerlebnis mit Tiefgang!
Jenny Jägerfeld
MEIN
GENIALES
LEBEN
aus dem Schwedischen
von Birgitta Kicherer

Für alle Tiere, die ich jemals geliebt habe – die Hunde
Benjamin, Siddhartha, Tjifen und Dolly,
die Meerschweinchen Tarzan und Frasse,
die Katzen Michael und Toulouse, die Kaninchen
Turbolina, Stampelina und Fritz, sowie
die Schildkröte Carolina!
Inhalt
NOCH 59 TAGE EINE MAGISCHE HARPUNE
NOCH 58 TAGE WENN DIE HÖLLE ZU EIS GEFRIERT
MEIN ZOMBIEAUGE
NOCH 57 TAGE GUJKE UND JELLYBEANS
EIN HOFFNUNGSLOSER TYP
DAS PARADIES UND EIN AUSGESTOPFTER FISCHOTTER
NOCH 55 TAGE IN EINER MINUTE DREI TIEFKÜHL-WÜRSTCHEN AUFESSEN
AUS DER RATTE WURDE EIN KANINCHEN
NOCH 52 TAGE EINSTEIN, MEIN GELIEBTES PELZMÜTZCHEN
NOCH 51 TAGE NUR MIT EINER LEDERHOSE BEKLEIDET AUF DER STRASSE SITZEN UND WÜRFELN
NOCH 49 TAGE EIN JONGLIERENDES ÄFFCHEN
RACHE IST SÜSS!
NOCH 48 TAGE ZIGARETTEN ANBIETEN
EINE GEHEIME MILLION AUF DER BANK
HALLO, POLIZEI! MAN HAT MIR MEINEN GARTENZWERG GEKLAUT!
NOCH 45 TAGE EIN SCHEISSHAUFEN-EMOJI
GARTENZWERG AUF WELLNESS-URLAUB
NOCH 44 TAGE EIN FUCHS, DER MILKSHAKE TRINKT
KRILLE MARZIPAN
EINFACH SO SEIN, WIE MAN IST
NOCH 43 TAGE GIB MIR EINEN TRITT IN DEN HINTERN
DIE PARTYNERZE
NOCH 42 TAGE EIN LACHS-SMOOTHIE UND DREI GOLDKLUMPEN
NOCH 41 TAGE EINEM VIELFRASS DEN KAPUTTEN HINTERN REPARIEREN
NOCH 40 TAGE VERBRENN DEN BALL!
NOCH 38 TAGE SCHEISS-BANANE
NOCH 36 TAGE EIN DICKER SCHWARZER TROLL
NOCH 34 TAGE ICH WILL NICHT, DASS EINSTEIN TARZAN AUFFRISST
NOCH 31 TAGE ALLES FÜR DIE KUNST!
NOCH 28 TAGE SCHILDKRÖTE ENTKROCHEN!
DREI WÜTENDE TEUFELS-EMOJIS
NOCH 27 TAGE BAGUETTES, STINKEKÄSE UND MÄNNER MIT BASKENMÜTZEN
DER GLÜCKLICHSTE GARTENZWERG DER WELT
NOCH 22 TAGE EINE SCHILDKRÖTE AUF DEM GEPÄCKTRÄGER
EIN AFFE MIT ALZHEIMER
NOCH 21 TAGE NERZE AUF DEM KLO
ZWEI GEHEIMNISSE UND EIN FLIEGENDES KROKODIL
EIN WUNDERKERZENWUNDER
NOCH 20 TAGE WIE HELLROSA ZUCKERWATTE
NOCH 19 TAGE NUR ANDRASE IDIOT
NOCH 17 TAGE BONJOUR UND AUF WIEDERSEHEN!
NOCH 16 TAGE VOLL COOL
NOCH 14 TAGE MUSIKALISCHE SIAMKATZE SUCHT HUMORVOLLES PFERD
NOCH 9 TAGE INLINER MIT HACKFLEISCH
NOCH 8 TAGE DIE KATASTROPHE!
NOCH 6 TAGE MEIN WERTLOSES LEBEN
NOCH 5 TAGE EIN DREIFACHER WILDE
NOCH 3 TAGE HUNDERT MÖGLICHKEITEN, WIE ICH ALLES ANDERS HÄTTE MACHEN KÖNNEN
EIN FLATTERNDES VÖGELCHEN IN MEINER BRUST
NOCH 0 TAGE HALLO, SIGGE, HALLOHALLO!
GALA-PREMIERE
EPILOG EIN HÖLLISCHES WIEGENLIED
ZITATE IM TEXT
NOCH 59 TAGE
EINE MAGISCHE HARPUNE
Einfach so. Da auf dem Tisch zwischen angestoßenen Tellern, alten DVDs und zerzausten Barbiepuppen – eine Harpune. Eine Harpune aus dunklem, lackiertem Holz. Eine, mit der man Wale und Fische erlegt. Sie sah aus wie ein Gewehr, mit einem langen Lauf, aus dem eine Pfeilspitze aus silberblankem Stahl herausragte. Am Pfeilende war ein dünner Strick befestigt, und unter der Harpune saß eine Art Rad, auf dem der restliche Strick aufgerollt war, damit man die getroffene Beute aus dem Wasser ziehen konnte.
Und dabei hatte ich gedacht, der Ausflug zum Flohmarkt wäre total sinnlos. Und jetzt entpuppte er sich als das genaue Gegenteil.
»Was kostet die?«, fragte ich.
Der Mann hinter dem Tisch sah auf. Er hatte Arbeitskleidung an und putzte gerade seine Brille mit einem schmutzigen Taschentuch. Als er die Brille aufsetzte, wurden seine Augen sehr klein, wie hellblaue Hemdknöpfe.
»Was?«, fragte er. »Die Harpune?«
»Ja.«
Er überlegte eine Weile.
»Fünfhundert.«
Fünfhundert. Das war viel Geld. Zwar hatte ich fünfhundert Kronen, aber nicht dabei. Ich starrte die Harpune an. Der Pfeil glänzte in der Sonne. Ich musste sie einfach haben, ganz klar. Das war nicht nur die schönste Harpune, die ich je gesehen hatte (okay, es war auch die einzige Harpune, die ich je gesehen hatte), sie passte außerdem perfekt zu meiner nächsten Erfindung.
»Darling! Hier treibst du dich also herum!«
Bevor ich antworten konnte, landete eine Hand schwer auf meiner Schulter. Armbänder klirrten. Oma.
»Hast du etwas gefunden?«
Ich deutete mit dem Kopf auf die Harpune.
»Flott! Ich selbst habe soeben dieses Meisterwerk erworben!«
Widerstrebend löste ich den Blick von der Harpune und drehte mich zu Oma um.
Auf dem Transportkarren neben ihr war ein Gemälde festgezurrt. Ein Riesengemälde, mindestens so groß wie unser Küchentisch. Es sollte wohl einen Fuchs in einer Winterlandschaft darstellen. Besonders professionell konnte der Künstler, der das gemalt hatte, aber nicht sein. Der Fuchs hatte irgendwie verrutschte Proportionen. Die eine Vorderpfote erinnerte an ein dickes Stuhlbein, der Schwanz hatte die Form eines Eichhörnchenschweifs, und obwohl der Fuchs im Profil gemalt war, sah man beide Augen. Der Fuchs stand in einer Schneewehe und trank Wasser aus einem verblüffend rosaroten See.
»Wow!«, sagte ich.
»Nicht wahr!«, sagte Oma begeistert.
»Das ist wirklich …«
Ich suchte nach dem richtigen Wort.
» … einmalig.«
»Das ist ein Bruno Liljefors!«, erklärte Oma.
Der Mann hinter dem Tisch schnaubte.
»Wenn das ein Bruno Liljefors ist, dann bin ich Diego Maradona.«
»Guter Mann. Ich denke, ich habe vielleicht ein klein wenig mehr Ahnung von Kunst als Sie. Das hier ist ein Bruno Liljefors.«
»Und ich bin Maradona«, sagte der Mann. »Möchten Sie ein Autogramm?«
Oma ignorierte ihn, musterte das Bild mit einem zufriedenen Nicken und sagte:
»Sigge, du musst nämlich wissen, Bruno Liljefors ist der berühmteste Tiermaler Schwedens.«
»Echt?«, sagte ich.
»Der Fuchs sieht ja aus, als hätte er eine Handgranate verschluckt und wäre dann explodiert«, bemerkte der Mann.
»Es ist ein sehr früher Liljefors«, erklärte Oma gelassen. »Als der Künstler das gemalt hat, war er erst sechzehn. Das hat der Verkäufer gesagt. Wahrscheinlich beherrschte er sein Handwerk damals noch nicht so richtig.«
Der Mann kam hinter dem Tisch hervor und hockte sich vor das Bild hin.
»Rune Liljefors steht da!«
»Sind Sie blind, oder was? Sehen Sie nicht das große B?«, sagte Oma.
»Nie im Leben ist das ein B, das ist ein Fleck! Eine tote Fliege, die an der Farbe festklebt, oder was weiß ich!«
»Das ist ein B!«
»Na, von mir aus, aber Tatsache bleibt trotzdem, dass dieser Mensch dann Brune Liljefors heißt!«
»Er wird sich eben verschrieben haben, Herrgott noch mal!«, sagte Oma gereizt.
»Bei seinem eigenen Namen?«
»Mein lieber Mister Know-it-all«, sagte Oma, »das kann jedem mal passieren. Ich selbst hab Charlotte schon mal mit drei T geschrieben!«
Lächelnd drehte sie sich zu mir um.
»Jedenfalls ist das Bild bestens dafür geeignet, das Loch in der Wand damit abzudecken! Im Flipperzimmer. In deinem Zimmer, meine ich!«
»Perfekt«, sagte ich.
Ich streckte die Hand aus, berührte die Harpune vorsichtig. Das Holz unter meinen Fingern war blankpoliert und seidenweich.
»Oma, kannst du mir fünfhundert Kronen leihen? Du kriegst sie gleich zurück, wenn wir nach Hause kommen.«
»Fünfhundert! Ganz schön überteuert! So ein Wucherer! Er kriegt höchstens dreihundert.«
»Ich stehe hier«, sagte der Mann. »Ich höre alles.«
Ich wusste nicht genau, was Wucherer bedeutet, aber mir war klar, dass es nichts Gutes war.
»Sagen Sie mal«, sagte Oma und sah dem Verkäufer direkt in die kleinen Hemdknopfaugen. »Ist das hier eine magische Harpune?«
»Äh … nein.«
»Bekommt man als Dreingabe ein Motorrad?«
Der Mann hob fragend die Augenbrauen.
»Hat die Harpune etwa irgendwann mal Jesus gehört? Nein? Na dann! Ich gebe Ihnen dreihundert«, sagte Oma und begann in ihrer goldglitzernden Handtasche zu kramen.
Sie zog eine Brieftasche heraus und knallte drei Hunderter auf den überladenen Tisch. Drei Hundertkronenscheine, die sofort von einem Windstoß aufgefangen wurden und rasch durch die Luft davonwirbelten.
»Oh dear!«, schrie Oma. Ich rannte hinter den Scheinen her, die natürlich in drei verschiedene Richtungen davonflatterten. Als es mir gelang hochzuhüpfen und einen der Hunderter in der Luft zu fangen, war ich von mir selbst recht beeindruckt. Ich glaube, ich bin noch nie so hoch gesprungen! Ich musste an den Wettkampf in Leichtathletik denken, den wir vor einem Monat in meiner alten Schule gehabt hatten. Wie ich im Hochsprung die Latte schon bei siebzig Zentimetern gerissen hatte. Mein Sportlehrer hatte geseufzt und gesagt: »Was machen wir nur mit dir, Sigge? Hör auf zu denken! Spring einfach! Vergiss deinen Kopf und überlass alles deinem Körper!«
Jetzt hatte ich die Antwort! Geld! Wenn mein Lehrer auf der anderen Seite dieser stinkenden Turnmatte mit einem Hunderter gewedelt hätte, wäre ich mühelos mindestens über eins zwanzig rübergeflogen!
»Hör auf zu denken« ist übrigens einer der schlechtesten Ratschläge, die ich je bekommen habe. Ich hab es versucht, aber es ist einfach unmöglich, mit dem Denken aufzuhören.
Der zweite Hunderter war in einem stachligen Gestrüpp hängen geblieben und ließ sich leicht abpflücken, aber der dritte war davongeflogen und verschwunden.
»So. Ich hab es mir anders überlegt. Sie bekommen zweihundert«, sagte Oma, als das finanzielle Chaos sich gelegt hatte.
»Mindestens vierhundert will ich haben«, sagte der Mann.
»Sie bekommen zwei.«
»Dreihundertfünfzig.«
»Zwei.«
»Dreihundert.«
»Gebongt«, sagte Oma, nahm die Harpune vom Tisch und reichte sie mir.
Ich stellte erstaunt fest, wie schwer sie war, und wurde von einem so starken Glücksgefühl erfüllt, dass mir tatsächlich Tränen in die Augen kamen.
»Aber den letzten Hunderter müssen Sie sich selbst holen. Der ist irgendwo dort drüben«, erklärte Oma und wedelte mit ihrer ringgeschmückten Hand vage in Richtung Horizont.
NOCH 58 TAGE
WENN DIE HÖLLE ZU EIS GEFRIERT
»Du musst dir die Haare schneiden lassen«, sagte Mama.
»Nein, muss ich nicht.«
»Auf jedem Foto, das ich seit Mittsommer von dir gemacht habe, hängen dir die Haare übers Gesicht! Man sieht ja gar nicht mehr, wie du aussiehst!«
»Du weißt doch, wie ich aussehe?«
Ich saß auf dem Fußboden und bohrte meine Finger in Einsteins weiches Fell. Kraulte ihn hinter den Ohren und beobachtete, wie er genießerisch die Augen schloss, wie er den Kopf zurücklehnte und die große schwarze Schnauze in die Luft streckte, als wäre er ein Wolf, der gleich losheulen wollte.
»Man sieht deine Augen nicht mehr«, beschwerte Mama sich.
Rein technisch gesehen hatte sie nicht recht. Sie hätte sagen sollen: Man sieht dein Auge nicht mehr. Das andere Auge war nämlich ohne Weiteres zu sehen. Ich hatte die Haare schräg abgeschnitten, sodass sie mir nur über das eine Auge fielen.
Mama wischte sich die Hände an der Schürze ab und versuchte es auf die sanftere Tour:
»Und dabei hast du so schöne Augen.«
»Mhmm.«
»Darf man die denn nicht sehen?«
»Heißt das, du würdest mich in Ruhe lassen, wenn ich hässliche Augen hätte?«
Plötzlich ging die Küchentür auf und Oma trat ein, eine Zigarette im Mundwinkel und ein ausgestopftes Wiesel unterm Arm. Sie sah sich um, als würde sie etwas suchen, und stellte dann das Wiesel auf der Spüle ab.
»Also bitte, liebste Charlotte«, sagte Mama mit angeekelter Miene. »Musst du dieses räudige Vieh unbedingt hier abstellen, wenn ich beim Kochen bin?«
»Geduld, Darling! Ich will nur das Nähzeug holen. Hast du es irgendwo gesehen?«
Oma warf die Kippe ins Spülbecken und öffnete die Tür zur Speisekammer.
»Nein, und dort wird es ja wohl kaum zu finden sein.«
»Pavlovs Kopf ist oben ein bisschen aufgeplatzt. Ich brauche Sattlergarn oder sonst was Kräftiges, vielleicht eine Art Faden aus Metall? Dieser Faden, den du neulich besorgt hast, hat meinen Erwartungen nämlich nicht entsprochen.«
Oma beugte sich vor wie ein Klappmesser und öffnete einen Schrank, den sie durchwühlte. Ich glaube, sie kann gar nicht in die Hocke gehen. Jedenfalls habe ich das noch nie beobachtet.
»Tut mir echt leid«, sagte Mama säuerlich.
»Das war keine Kritik, Darling, das war nur eine Information.«
Ich trat vor zu Pavlov dem Wiesel und berührte vorsichtig seinen Kopf an der Stelle, wo die weißgraue flauschige Füllung hervorquoll, als würde sein Gehirn aus Fusseln bestehen. Mama hackte mit hastigen, gereizten Bewegungen weiter Zwiebeln und sagte:
»Jedenfalls habe ich morgen einen Termin zum Haareschneiden für dich ausgemacht.«
»Den kannst du gleich wieder absagen«, antwortete ich. »Ich lass mir nämlich nicht die Haare schneiden.«
Einstein knuffte mich mit seiner feuchten Schnauze am Arm, um mich daran zu erinnern, dass ich weiterkraulen sollte.
»Warum muss Sigge sich die Haare schneiden lassen?«, fragte Oma.
»Weil man sonst sein Gesicht nicht mehr sieht.«
»Warum sollte jemand sein Gesicht sehen wollen?« Oma lächelte und kniff mir in die Wange. »Das war ein Scherz, Darling, das begreifst du natürlich, wo du doch so intelligent bist. Dein Gesicht ist ganz entzückend. Müsste als Briefmarke erscheinen.«
»Wie auch immer, morgen um zwei hast du einen Termin beim Friseur, Sigge. Bitte, Mama, kannst du ihn hinbringen? Ich habe morgen ein Vorstellungsgespräch.«
»Charlotte, wenn ich bitten darf.«
»Von mir aus, Charlotte«, sagte Mama mit ziemlich angespannter Stimme. »Kannst du ihn hinbringen?«
Oma will weder Mama noch Oma genannt werden. Sie behauptet, in diesen Worten liege die eingebaute Erwartung, dass sie sich um uns kümmern werde, und das habe sie nicht vor. Es sei ja nicht so, dass sie das gar nicht wolle. Das wolle sie durchaus – aber nur ab und zu! Es solle vor allem nicht als selbstverständlich gelten. Das hatte sie sich erst vor Kurzem ausgedacht, darum hatten wir uns noch nicht so recht daran gewöhnt.
Ihr Name wird mit englischem Akzent ausgesprochen: Chaaarlott. Oma ist zur Hälfte Britin, zu einem Viertel Deutsche und zu einem Viertel Norwegerin. Und zu hundert Prozent durchgeknallt, fügt Mama meistens hinzu. Aber Oma behauptet, Mischlinge wären schlauer als reinrassige Tiere. Für mich ist das nur gut. Ich bin zur Hälfte Australier, zu einem Viertel Schwede, zu einem Achtel Brite, zu einem Sechzehntel Deutscher und zu einem Sechzehntel Norweger. Aber wenn ich ehrlich sein soll, fühle ich mich vor allem als Schwede.
»Er kann doch allein zum Frisör gehen, er ist immerhin zwölf«, sagte Oma.
»Ich weiß, dass er allein gehen kann. Das Problem ist nur, dass er nicht allein gehen wird, weil er sich die Haare nicht schneiden lassen will.«
»Aber Hannah, dann verstehe ich wirklich nicht, warum du ihn beim Friseur angemeldet hast?«
»Ich glaube, es tut ihm nicht gut, wenn er sein schwaches Auge nicht trainiert!«
»Oh dear! Ich wusste gar nicht, dass Haare so ein heikles Thema sein können.«
Plötzlich läutete das Telefon. Ein altes rotes Plastikding mit langem Ringelkabel, das im Flur an der Wand hing.
»Saved by the bell«, sagte Oma und zwinkerte mir zu, bevor sie abnahm und in ihre professionelle Stimme wechselte:
»The Royal Grand Golden Hotel Skärblacka, Charlotte speaking!«
Oma schwieg kurz, nickte und hörte zu.
»Nein, bedaure. Es tut mir wirklich leid, aber das Hotel ist momentan total ausgebucht. Den ganzen Sommer, ja. Alle Zimmer. Hoffentlich finden Sie etwas anderes. Vielen Dank, dass Sie an The Royal Grand Golden Hotel in Skärblacka gedacht haben! Bye-bye.«
Sie hängte den Hörer in die Gabel zurück.
Mama hob misstrauisch die Brauen.
»The Royal Grand Golden Hotel Skärblacka. Heißt es wirklich so?«
»Ja, ganz genau so. Ich habe vor Kurzem den Namen geändert. Hotel Skärblacka klang ja unerträglich spießig.«
»Aber«, sagte Mama, »The Royal Grand Golden Hotel … ist das nicht ein bisschen zu großartig? Fast eine Lüge?«
»Finde ich nicht. Es ist doch tatsächlich das größte Hotel in Skärblacka.«
»Es ist das einzige Hotel in Skärblacka!«
»Ganz genau!«, stellte Oma lächelnd fest. »Und damit auch das größte und das großartigste.«
Mama rollte mit den Augen, dann schob sie die Zwiebeln vom Schneidebrett in die Bratpfanne, wo sie sofort zu brutzeln anfingen.
»Übrigens«, sagte Oma. »Ich kann ihm die Haare schneiden, wenn das so wichtig ist. Das Geld kannst du dir sparen.«
»Ja, gute Idee«, meinte Mama, die immer scharf darauf war, Geld zu sparen. »Aber kannst du das denn überhaupt?«
»Selbstverständlich. Schließlich hab ich Einstein jeden Sommer getrimmt, das ist nicht besonders schwierig. Und dir fällt es bestimmt leichter als Einstein, stillzuhalten, nicht wahr, Sigge? Hinterher kriegst du dann auch ein bisschen Frolic, wenn du willst.«
»Bitte, Sigge?« Mama sah mich flehend an.
»When hell freezes over«, sagte ich, das hatte ich nämlich mal in einem Film gehört. Es bedeutet »wenn die Hölle zu Eis gefriert«. Was so viel heißt wie nie.
MEIN ZOMBIEAUGE
Ja. Ich habe ein schwaches Auge. Ich schiele. Das bedeutet, dass mein eines Auge immer auf meine Nase zu gucken scheint, obwohl ich das nicht will. Als ich kleiner war, hatte ich eine Augenklappe. Die saß vor dem starken Auge, weil das schwache trainiert werden sollte. Sonst bestand die Gefahr, dass das starke Auge alle Arbeit übernehmen und das Gehirn das schwache Auge abkoppeln würde, und dann wäre ich einäugig. Oder ich hätte zwar immer noch zwei Augen, aber das eine Auge wäre wertlos und fast blind.
Ich hasste die Augenuntersuchungen und ich hasste die Augenklappe. Jedes Mal, wenn die ausgewechselt wurde, fühlte es sich an, als würde man mir die ganze Augenbraue abreißen.
Die Klappe war beige, hautfarben. Wie ein Pflaster. Echt beschissen. Erstens bin ich nicht beige. Und zweitens war sie kein bisschen unauffällig. Genauso gut hätte ich sagen können: Hallo! Ich hab hier kein Auge! Sieht man doch, oder?
Als Oma einmal vor vielen Jahren meine Babysitterin war, bat ich sie, ein Auge auf die Klappe zu malen. Ich hoffte, dann würde die Klappe weniger auffallen. Oma nahm die Aufgabe ernst und holte Opas winzig kleine Farbdöschen hervor. Damit hatte er die kleinen Häuser und Figürchen für seine geliebte Modelleisenbahn bemalt, die im Keller stand.
Oma erlaubte sich einige künstlerische Freiheiten, das muss man schon sagen. Sie malte nämlich ein Zombieauge auf die Klappe. Ein Auge, rund wie ein Tischtennisball, das aus der Augenhöhle herauszukullern schien, nur von einem kleinen roten Hautfetzen festgehalten. Die Iris hatte die gleiche Farbe wie meine eigenen Augen, dunkelgrün mit einem goldbraunen Ring. Aber rings um die Iris hatte Oma rote Striche gemalt, als wäre das Auge blutunterlaufen. Mir gefiel es, obwohl es nicht ganz so wurde, wie ich es mir vorgestellt hatte. Dass ich mich so deutlich daran erinnere, hat damit zu tun, dass am folgenden Montag in meiner Vorschule Schulfotos gemacht wurden. Mama war nicht begeistert. Aber Oma umso mehr. Sie bestellte eine Unmenge Abzüge und außerdem noch Klebebildchen und Kühlschrankmagnete mit meinem Porträt und verschenkte sie an die Verwandtschaft. Das Weihnachtsgeschenk des Jahres, wie sie es nannte. In unserer früheren Wohnung in Stockholm saß so ein Magnet am Kühlschrank. Oma hat hier in Skärblacka drei Stück am Kühlschrank kleben und im Wohnzimmer ein großes gerahmtes Foto hängen. Es ist ihr Lieblingsbild von mir.
Nur eine Sache hasse ich mehr als die Augenklappe, und zwar die Tatsache, dass ich immer noch schiele. Wenn ich meine Brille aufsetze, schiele ich nicht. Jedenfalls nur sehr wenig. Das Dumme mit der Brille ist nur – sie ist affenscheußlich. Das Gestell ist aus beigefarbenem Kunststoff, und die Gläser sind so dick wie Flaschenböden und vergrößern die Augen ganz gewaltig. Ich sehe wie ein Minion aus, wenn ich die Brille aufhabe. Sorry. Ich mache Witze, das mach ich meistens, wenn ich über mein Schielauge spreche, aber eigentlich möchte ich nur heulen. Denn soll ich euch ein Geheimnis verraten? Ich würde später am liebsten mal fürs Fernsehen arbeiten. Als Moderator für zum Beispiel Die Tierklinik. Oder noch lieber für irgendeine Sendung, die mit Erfindungen zu tun hat. Wo Kinder sich Ideen für lustige Maschinen oder Apps ausdenken und sie dann auch ausführen dürfen. Aber habt ihr jemals einen schielenden Fernseh-Moderator gesehen? Nein. Das habt ihr nicht. So jemand kriegt beim Fernsehen nämlich keinen Job. Der muss denn eben beim Rundfunk arbeiten oder in irgendeinem beschissenen Büro, wo ihn niemand sieht. Das ist der Grund, warum ich mir die Haare bis weit übers Auge hab wachsen lassen – weil ich mein Auge verbergen will. Lieber hacke ich mir mit einer Axt ins Bein, als dass ich mir die Haare schneiden lasse.
NOCH 57 TAGE
GUJKE UND JELLYBEANS
Vor ICA, dem Supermarkt, nahm Oma einen Einkaufswagen und setzte Bobo hinein. Bobo wollte nie im Kindersitz sitzen, sondern immer ausgerechnet im Warenkorb. Oma rannte ein paar Schritte, dann hängte sie sich über den Wagen und hob die Füße hoch. So rollten sie in den Laden. Bobo lachte laut. Ich folgte in einigem Abstand. Es war ein bisschen peinlich, aber eigentlich kannte ich ja niemanden hier. Noch nicht. Oma dagegen kannte viele. Jedenfalls begrüßte sie jeden, der vorbeiging. Manche grüßten zurück, andere glotzten nur. Ich sah, wie sie einander etwas zuflüsterten. Aber so was lässt Oma kalt.
»Es gibt nur eine Sache auf der Welt, die schlimmer ist, als dass die Leute über dich reden, und zwar, dass sie nicht über dich reden«, hat Oma einmal bemerkt.
Wer Oma einmal begegnet ist, vergisst sie nicht so schnell. Sie sieht nicht unbedingt wie eine ältere Dame um die fünfundsechzig aus. An diesem Tag trug sie eine enge schwarze Hose aus Leder, hochhackige grüne Schuhe und eine Bomberjacke mit Silberpailletten. Lange graue Haare, mindestens fünf klirrende goldene Ketten um den Hals und roten Lippenstift.
»So«, sagte Oma, als sie die Füße wieder auf den Boden gestellt hatte. »Was brauchen wir?«
Bobo deutete auf die Erdbeeren.
»Erdbeeren, ja, die brauchen wir dringend«, bestätigte Oma.
Bobo deutete auf eine dunkelgrüne Wassermelone, die fast so groß war wie ein Strandball.
»Eine Wassermelone, die brauchen wir auch!« Oma wuchtete die Melone in den Wagen, wo sie mit einem schweren Plumps zwischen Bobos Beinen landete.
Ich fand es super, mit Oma einzukaufen. Das fanden wir alle, Majken und Bobo auch. Darum begleiteten wir Oma jedes Mal, wenn sie einkaufen ging. Majken, die ohne Weiteres den Titel »die flinkste Maus Schwedens« hätte gewinnen können, war schon in den Laden vorausgerannt. Wahrscheinlich stand sie jetzt bei den Süßwaren vor den Behältern mit den losen Süßigkeiten und futterte die Bonbons, die auf den Boden gefallen waren. Das machte sie oft. »DIE WERDEN JA SOWIESO WEGGEWORFEN!«, erklärte sie dann. Mama drehte fast durch, wenn Majken sich so benahm, aber Oma schien das kein bisschen zu stören.
Oma schreibt nie eine Liste, bevor sie zum Einkaufen fährt, sondern kauft einfach, was ihr gerade einfällt. Das finden wir ganz besonders toll. Mama dagegen hat immer eine äußerst wohlüberlegte Liste dabei. Die Sachen, auf die sie verzichten kann, falls es zu teuer wird, stehen in Klammern. Auf keinen Fall kauft sie etwas, das nicht auf der Liste steht, da kann man noch so viel betteln. Vor allem jetzt nicht, wo sie arbeitslos ist. Aber Oma braucht man gar nicht erst zu fragen. Man legt einfach das, was man haben will, in den Einkaufswagen. Und solange keine komischen Zusätze auf der Verpackung stehen, so was wie E-314 oder so, kauft Oma es.
Natürlich war ich früher schon mal in diesem Laden gewesen, aber immer nur, wenn wir Oma besucht hatten. Jetzt dagegen würden wir ja hier wohnen und in Zukunft immer in genau diesem Supermarkt einkaufen. Mir lief schon das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an all die leckeren Sachen dachte, die es bei uns zu essen geben würde.
Das war ein weiterer Punkt auf meiner Liste über die Vorteile unseres Umzugs. PUNKT 1: Ein eigenes Zimmer. PUNKT 2: Nach Herzenslust einkaufen dürfen. Aber am wichtigsten war PUNKT 3: Neuanfang.
Der Umzug nach Skärblacka bedeutete nämlich auch: Ich würde mich selbst rebooten können. Ein neuer Mensch werden. Ich hatte vor, beliebt zu werden. Unglaublich beliebt. Die Leute sollten bei meinem Anblick kreischen und ohnmächtig umfallen, ich wollte Autogramme schreiben, meine Fans sollten Selfies mit mir machen und dann kichernd davonrennen. Ich wollte werden wie Kanye West oder Beyoncé. Okay, das war vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen. Ich wäre ja schon zufrieden, wenn ich mit anderen Leuten reden könnte, ohne wie ein Freak angegafft zu werden. Oder wenn ich im Sportunterricht in eine Mannschaft gewählt werden würde. Es wäre auch nicht schlecht, wenn die anderen mir ab und zu zuhören würden, oder wenn sie sich im Speisesaal mal neben mich setzen wollten.
Das war in Stockholm nicht unbedingt der Fall gewesen. An und für sich hatte ich in Stockholm einen Freund gehabt, Valter, aber wenn ich etwas sagte, hatte er nicht direkt übertrieben aufmerksam zugehört. Manchmal waren wir nach der Schule zusammen nach Hause gegangen. Hatten uns dann und wann ein paar SMSe geschickt und ein seltenes Mal am Wochenende getroffen. Aber wenn ich ehrlich sein soll, glaube ich, er war vor allem darum mit mir zusammen, weil er sonst keinen Freund hatte, und nicht, weil er mich so unglaublich cool fand.
Mama behauptet immer, ich sei »ein einmaliger Junge«, ich sei »anders« und »speziell«. Aber eigentlich ist das wohl nur eine freundlichere Art zu sagen, dass ich irgendwie komisch bin.
Ich hatte genau sechzig Tage Zeit, um ein neuer Mensch zu werden. Oder inzwischen eher siebenundfünfzig Tage. Dann waren die Sommerferien zu Ende und ich würde in meiner neuen Schule anfangen. In der Mosstorpschule. Klar, es würde nicht einfach werden, das eigene Leben in siebenundfünfzig Tagen zu verändern, aber total unmöglich dürfte es eigentlich auch nicht sein. Wenn man zum Mond fliegen kann, sollte man doch auch beliebt werden können? Oder?
Wir hatten die Gemüseabteilung noch nicht einmal hinter uns gelassen, als Bobo bereits in den vielen Wassermelonen, Salatköpfen, Maiskolben und Erdbeerkartons zu ertrinken drohte, die Oma in den Wagen gelegt hatte.
»Gujke!«, rief Bobo und deutete eifrig auf einen großen Berg Gurken.
Bobo liebt Gurken, und das ist ehrlich gesagt auch eines der wenigen Wörter, die sie wirklich sagen kann. Für jemand, der im Dezember vier wird, ist das vielleicht nicht gerade eine Meisterleistung, aber wir freuen uns jedes Mal, wenn sie überhaupt spricht. Bobo liebt Gurken mehr als alles auf der Welt. Oder, nein, am meisten liebt sie natürlich Mama und Majken und mich. Aber dann kommen bestimmt Gurken. Manchmal glaube ich fast, sie liebt Gurken mehr als ihren eigenen Vater.
Bobo und Majken haben einen anderen Vater als ich. Svedrik. So heißt er. Hast du Fredrik gesagt? Nein, Svedrik! Und auch wenn Svedrik in Bobos und Majkens Leben häufiger präsent ist als mein Vater in meinem eigenen Leben (nachdem ich meinen Vater exakt null Mal getroffen habe), würde er wohl nicht gerade zum Vater des Jahres nominiert werden. Svedrik ist nett und immer gut gelaunt und umarmt einen wie ein großer lieber Bär. Aber irgendwie fehlt bei ihm die action. Er findet viele Dinge extrem schwierig. Sich einen Job zu besorgen, zum Beispiel. Den Abwasch zu machen ebenfalls. Und aufzuräumen. Und Essen zu kochen. Und einzukaufen und Bobo die Windeln zu wechseln und überhaupt von der Couch aufzustehen, um Majken von der Schule oder Bobo von der Vorschule abzuholen. Schließlich wurde es Mama zu dumm. Sie musste mehr oder weniger alles allein erledigen. Sie erklärte, es sei, als wäre sie die Mutter von vier Kindern, nur dass eins der Kinder einen Bart hatte und Bier trank.
Darum machte sie mit Svedrik Schluss. Was wohl in Ordnung war, nehme ich an. Nur gehörte die Wohnung, in der wir lebten, Svedrik, und eine eigene Wohnung konnte Mama sich nicht leisten. Als Krankenschwester mit drei Kindern, einem riesigen Hund, zwei Rosettenmeerschweinchen namens Tarzan und Frasse und einer Schildkröte kriegt man offenbar keinen anständigen Kredit bei der Bank. »Und das, obwohl man sein Leben lang alle Rechnungen pünktlich bezahlt hat!«, wie Mama enttäuscht ausrief.
Darum sind wir jetzt umgezogen. Zu Oma in ihr großes gelbes Haus in diesem Nest namens Skärblacka oder kurz »Blacka«, das in der Nähe von Norrköping liegt, wo alle … ja … wie soll ich sagen: ein bisschen eigenartig reden. Der komische Dialekt ist wahrscheinlich der einzige Nachteil von Skärblacka. Und dass es hier eine gigantische Papierfabrik gibt, die das ganze Dorf manchmal in eine Wolke hüllt, die nach Kacke stinkt.
Als wir bei den Süßigkeiten ankamen, war Majken tatsächlich dort. Aber sie sammelte keine Bonbons auf. Stattdessen sahen wir, wie sie etwas aus einer kleinen Schachtel in eine der durchsichtigen Bonbonschütten leerte.
»Was machst du da?«, fragte ich.
Majken drehte sich zu uns um. Ihr sommersprossiges Gesicht strahlte. Sie versuchte zu flüstern, doch das liegt ihr nicht. Ihre Stimme eignet sich nicht für Geflüster.
»ICH MACHE EINEN STREICH!«
»Aha«, sagte Oma voller Interesse. »Was für einen Streich denn?«
Majken hielt kichernd die Schachtel hoch, damit wir lesen konnten: Bertie Botts Every Flavour Beans.
»Aber Majken!«, sagte ich.
»ICH HAB DIE ALLE ZU DEN JELLYBEANS GELEERT!«
»Was ist das überhaupt?« Oma streckte die Hand nach Majkens Schachtel aus.
»DAS IST AUS HARRY POTTER, DA GIBT ES ALLE GESCHMACKSSORTEN AUF DER WELT! EIN GRÜNES KANN NACH ROTZ ODER NACH APFEL SCHMECKEN, KOMMT GANZ DARAUF AN, WELCHES MAN ERWISCHT. DIE SEHEN ALLE GLEICH AUS. MANCHMAL SCHMECKEN SIE NACH REGENWURM, OHRENSCHMALZ ODER KOTZE. ABER MANCHMAL HAT MAN GLÜCK UND KRIEGT EINS, DAS NACH ZITRONE SCHMECKT! ICH HAB SIE VON MEINER FREUNDIN IN STOCKHOLM BEKOMMEN. UND DIE HAT SIE IM HARRY POTTER-MUSEUM IN LONDON GEKAUFT!«
»Oh dear. Ohrenschmalz und Kotze, das klingt nicht allzu appetitlich«, sagte Oma und gab Majken die Schachtel zurück.
»ICH WEISS! DARUM HAB ICH SIE JA HIER REINGELEERT!«
»Du hättest sie mir geben können«, sagte ich. »Ich liebe Jellybeans. Die Ekligen kann man doch einfach ausspucken, oder?«
»ICH MACH MIT MEINEN JELLYBEANS, WAS ICH WILL!«
»Aber trotzdem«, sagte ich verärgert.
»Das hier ist ein total unnötiger Streit«, sagte Oma. »Ich kann dir neue kaufen, Sigge.«
Wir sahen in die durchsichtige Bonbonschütte, die bis an den Rand mit leuchtend bunten Jellybeans gefüllt war. Ich öffnete den Deckel und rührte mit einer Plastikschippe darin herum. Es war unmöglich, die Harry Potter-Beans von den anderen zu unterscheiden.
»Darf ich mir vielleicht eine andere Sorte Süßigkeiten aussuchen?«, fragte ich hoffnungsvoll und sah zu Oma auf.
»Tut euch keinen Zwang an, Darlings«, sagte Oma mit einem ermunternden Kopfnicken zum Süßwarenregal hin. Und dabei war heute nicht einmal Samstag, der offizielle Süßigkeitentag.
Majken und ich wurden ganz wild! Wir füllten unsere Tüten mit mindestens je einem halben Kilo Süßkram. Bobo dagegen war mit ihrer Gujke hochzufrieden.
Wie gesagt: Mit Oma einkaufen ist toll!
EIN HOFFNUNGSLOSER TYP
Mama traf meinen biologischen Vater, als sie in Australien und Neuseeland als Backpackerin unterwegs war. Backpack bedeutet Rucksack auf Englisch, und Backpacker sein handelt eigentlich nur davon, dass man mit einem Rucksack durch die Welt reist. Da wohnt man nicht in irgendwelchen Luxushotels, sondern eher in Jugendherbergen, wo es Wanzen gibt.
Damals hatte Mama einen Job als Kellnerin in einem Lokal auf der Insel Kangaroo Island, und dort lernte sie meinen Vater kennen. Er war Koch, und sie verliebte sich bis über beide Ohren in ihn. Er hatte schulterlange schwarze Locken und die schönsten Augen, die sie je gesehen hatte. Sie behauptet, die hätte ich von ihm geerbt.
Sie waren genau sieben Wochen zusammen, dann musste Mama wieder nach Schweden zurück. Kaum hatte sie in Stockholm das Flugzeug verlassen, musste sie sich übergeben. Wie eine Fontäne kam alles hoch. Zuerst dachte sie, sie hätte sich den Magen verdorben, aber als die Kotzerei nach ein paar Tagen nicht aufhörte, sah sie ein, dass sie schwanger war. Mit mir!
Sie war zwar erst zwanzig, wusste aber gleich, dass sie mich behalten wollte, obwohl keine ihrer Freundinnen ein Kind hatte.
Außer wie seine Haare und Augen aussehen, weiß ich genau fünf Dinge über meinen Vater. 1. Er heißt Jonathan Taylor. 2. Er ist ein hoffnungsloser Typ (das hat Mama mir nicht so direkt gesagt, aber ich hab gehört, wie sie am Telefon über ihn geredet hat). 3. Er hat ein Piercing in der Zunge, das sieht von oben aus wie ein blaues Bonbon und von unten wie eine runde Metallkugel. 4. Er ist nicht sehr groß. 5. An einem Tag, als das Lokal geschlossen war, hat er ein märchenhaftes Gericht für Mama gekocht. Sie durfte auf der Terrasse sitzen, mit Blick aufs Meer, während die gelben, roten und blauen Lampions im Wind schaukelten. Er tischte das beste Hühnchen auf, das sie je gegessen hatte (das war, bevor sie Vegetarierin wurde), und als Nachtisch gab es einen Apfelkuchen, den er mit ihrem Namen, »Hannah«, aus lauter Apfelstückchen verziert hatte, dazu ringsum ganz viele Herzen. Also scheint er ja auch ziemlich verknallt in sie gewesen zu sein.
Mein Vater weiß, dass es mich gibt. Das hat Mama mir gesagt. Aber er hat nie den Wunsch geäußert, mich kennenzulernen. Klar, er wohnt ja auf der anderen Seite der Welt, da kann man sich natürlich nicht alle zwei Wochen sehen, aber man könnte vielleicht skypen, mal eine Mail schicken oder so. Aber dazu hat er sich nie aufgerafft. Mama sagt, ich soll mir nichts daraus machen. Sie habe Liebe genug für zwei Eltern und sogar mehr.
Meine Lehrerin hat einmal gesagt, das, was man nie gekannt hat, kann man nicht vermissen. Sie erzählte, sie sei ohne Mutter aufgewachsen. Die sei nämlich gestorben, als sie selbst noch ein kleines Baby war. Aber mir war sofort klar: Das stimmt nicht. Ich habe meinen Vater vermisst. Oder, vielleicht nicht direkt meinen Vater, weil ich ja nicht weiß, wie er ist (bis auf diese fünf Dinge). Aber einen Vater habe ich auf jeden Fall vermisst. Zwar war Svedrik da, aber das ist nicht dasselbe. Wir haben nicht die gleichen Augen. Wir sind uns in keiner einzigen Sache ähnlich.
Vielleicht irre ich mich total, aber manchmal denke ich, wenn es in meinem Leben einen Vater gegeben hätte, hätte ich nie solche Probleme mit Freunden und so gehabt. Vielleicht hätte ich mich dann nicht so komisch gefühlt? Nicht so verkehrt. Vielleicht hätte er mir beibringen können, wie man alles richtig macht? Vielleicht.
DAS PARADIES UND EIN AUSGESTOPFTER FISCHOTTER
Obwohl Mama behauptete, der Umzug zu Oma sei eine Notlösung, war er für mich ein Umzug ins reinste Paradies! Auch für die Tiere war es hier viel besser. Einstein durfte öfter frei herumrennen, Tarzan und Frasse bekamen einen viel größeren Käfig, und die Schildkröte Carolina konnte in ihrem Gehege draußen im Freien sein. Oma hatte es rechtzeitig bis zu unserem Einzug gebaut. Es war zwei mal zwei Meter groß und hatte keinen Boden, so konnte Carolina mit ihren Schildkrötenfüßchen direkt auf dem Gras laufen.
Bestimmt fanden Majken und Bobo den Umzug auch gut, obwohl sie in Stockholm garantiert nicht so sehr gelitten hatten wie ich. Außer dem guten Essen, das es bei Oma gab, fanden wir es alle super, dass jeder von uns hier sein eigenes Zimmer hatte. In Stockholm hatte Bobo bei Mama und Svedrik geschlafen, und Majken bei mir im Zimmer. Das Zimmer hatten wir zwar mit einem Bücherregal abgeteilt, aber das war nicht so ideal. Majken ist acht, also vier Jahre jünger als ich. Außerdem brachte sie immer ihre Freundinnen mit nach Hause, und wenn die im Zimmer waren, konnte man fast nicht denken. Majken redet schrecklich laut. Ihre Freundinnen in Stockholm redeten genauso laut, aber wahrscheinlich nur, weil sie Majken übertönen wollten. Wenn die Freundinnen allein waren, redeten sie ganz normal.
Als Majken klein war, ging Mama mit ihr zum Arzt, weil die Erzieherinnen in der Vorschule meinten, Majken wäre taub. Sie sprach nämlich nicht nur wahnsinnig laut, sondern schien auch kaum zu hören, was andere Leute sagten. Aber nach dem Test erklärte der Arzt, Majken hätte ein Gehör wie ein Walfisch. Walfische können offenbar Geräusche von der anderen Seite des Atlantiks hören. Der Arzt hat vielleicht ein bisschen übertrieben, aber Majken hört tatsächlich das Rascheln einer Bonbontüte über mehrere Zimmer hinweg. Das ist sozusagen ihre Superkraft. Majken selbst hat erklärt: »WAHRSCHEINLICH HÖRE ICH VOR ALLEM DANN NICHT SO GUT, WENN MIR JEMAND WAS VERBIETEN WILL.«
Wenn Majkens Stimme durch Mark und Bein geht, wie Oma immer sagt, ist es mit Bobo gerade umgekehrt. Sie spricht fast überhaupt nicht. Sie kann nur dreißig oder vierzig Wörter sagen. Ihre häufigsten sind: Gujke, Hallohallo, neinnein, Mama, Sigge, Maje (bedeutet Majken) und fetti (bedeutet fertig, das schreit sie, wenn sie auf dem Klo gewesen ist). Und dann kann sie noch viele Tiernamen, Tiere sind ihr größtes Interesse. Außer Gurke, natürlich. Aber obwohl sie nicht viel reden kann, scheint sie mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Mama ist weniger zufrieden. Sie macht sich Sorgen, weil Bobo so »eine Spätentwicklerin« sei.
In Stockholm ging Bobo zu einer Logopädin. Das gefiel ihr, weil es da große Buchstaben aus Samt gab, die waren wie Schmusetiere, mit Augen und Mündern und allem Drum und Dran. Und außerdem machte die Logopädin immer so verrückte Töne, in der Hoffnung, dass Bobo die nachahmen würde. Was sie aber nicht tat.
Aber immerhin scheint Bobo zu verstehen, was man zu ihr sagt. Wenn es ums Sprechen geht, bin ich der einzig Normale. Tut gut, wenigstens auf einem Gebiet normal zu sein.
Wie dem auch sei. Zurück zum Thema. Nach Großvaters Tod vor vier Jahren erbte Oma ein kleines Hotel, The Royal Grand Golden Hotel Skärblacka, wie es inzwischen heißt. Die meisten Gäste waren Touristen aus Deutschland, aber seit wir hier eingezogen sind, ist damit Schluss.
Der einzige Hotelgast, der geblieben ist, heißt Krille Marzipan. Aber der macht sein Bett selbst und sorgt für sein eigenes Frühstück und so. Krille Marzipan ist ein sehr langer, sehr dünner und sehr eleganter Herr, der es liebt, über seine Filmideen zu reden. Jedes Mal, wenn man ihm begegnet, hat er eine neue Idee. Alle sind ähnlich … wie soll ich sagen … speziell. Die ersten siebenundvierzig Ideen, die er mir erzählte, fand ich einigermaßen spannend. Inzwischen fühle ich mich ehrlich gesagt etwas erschöpft. Zu dumm, dass man immer so höflich ist.
Mama ist weniger höflich. Sie unterbricht ihn sofort und sagt: »Krister, nein!« Ich selbst versuche lieber, eine Ausrede zu finden. Zum Beispiel: »Ich muss … äh, Wäsche zusammenlegen.« Aber das führt dann nur dazu, dass ich dastehe und Wäsche zusammenlege, während Krille Marzipan danebensteht und labert. Ich muss mir unbedingt eine andere Lösung ausdenken.
Weiter im Text. Oma hat alle Zimmer im Stil der 1950er-Jahre eingerichtet, wie damals, als sie jung war. In Bobos Zimmer steht eine Jukebox. Das ist eine Maschine, die Schallplatten abspielt, wenn man eine Münze reinsteckt. Ein bisschen wie Spotify, nur mit echten Vinylplatten. Und man kann nur Hits aus den 1950er- und 1960er-Jahren abspielen.
In Majkens Zimmer steht ein alter Coca-Cola-Automat, der jetzt allerdings leer ist. Aber letzten Samstag hat Majken fünf echte Colaflaschen besorgt und ihn damit aufgefüllt. Bobo und ich durften uns eine Flasche teilen, die vier übrigen trank Majken aus. Hinterher lief sie den ganzen Nachmittag rülpsend durch die Gegend. Ich brauche wohl nicht extra zu erwähnen, dass Majken sehr laut rülpsen kann.
In meinem Zimmer gibt es das Beste von allem: einen Flipperautomaten! Er heißt Frau Fortuna, und ich liebe ihn! Jedes Spiel kostet eine Krone, aber das sind alte Kronen von früher, und Oma hat eine Dose voller alter Kronenmünzen neben das Spiel gestellt. Wenn die Münzen alle sind, öffnet man unten am Flipper einfach eine kleine Klappe, leert alle Kronen aus und kippt sie wieder in die Dose zurück. Na, ist das was?! Man fühlt sich echt, als wäre man im Paradies gelandet!
Mama findet wahrscheinlich nicht, dass sie im Paradies gelandet ist. Abgesehen vom Zigarettenrauch, der Oma immer in eine hellgraue Wolke hüllt, stört es Mama, dass Oma zu viel Krempel hat. Z. B.: ein elektrischer Rollstuhl (den Opa benutzte, bevor er starb), eine große Buddha-Statue aus grünem Marmor, eine Menge Uhren (in jedem Zimmer mindestens eine), die bei jeder vollen Stunde eine kleine Melodie spielen, und dann die vielen meterhohen Bücherstapel.
Aber am schlimmsten findet Mama die ausgestopften Tiere, die im ganzen Haus herumstehen: Füchse, Raben, Kaninchen, Vielfraße, Wiesel, Eichhörnchen, Nerze, einfach alles! Auf dem roten Perserteppich in der Eingangshalle steht sogar ein komplettes Zebra, direkt neben der Treppe zum Obergeschoss. Das Zebra dient Oma als Ablage für Kleider, Hüte und Einsteins Hundeleine. Oma sammelt ausgestopfte Tiere. Manchmal habe ich das Gefühl, beobachtet zu werden, und wenn ich mich dann blitzschnell umdrehe, steht da ein ausgestopfter Fischotter auf einer Kommode und glotzt mich an.
Aber eine Sache findet Mama echt gut, nämlich, dass wir umsonst hier wohnen dürfen. Natürlich nur vorübergehend, wie sie immer wieder betont. Bis sie einen Job hat und wir eine Wohnung gefunden haben. Hoffentlich dauert das noch richtig, richtig lange!
NOCH 55 TAGE
IN EINER MINUTE DREI TIEFKÜHL-WÜRSTCHEN AUFESSEN
Inzwischen wohnen wir seit genau fünfzehn Tagen hier bei Oma, und Majken hat schon einen neuen Kumpel gefunden. Ich kapier einfach nicht, wie sie das macht. Mir ist das noch nie so leichtgefallen. Majken scheint ein magisches Gespür dafür zu haben, was man sagen kann und was nicht. Aber woher weiß sie das? Schließlich ist sie ja nicht unbedingt immer nett. Ehrlich gesagt kann sie ziemlich ätzend sein. Wie heute Morgen zum Beispiel. Majken stand draußen neben dem Briefkasten nur so herum und glotzte kaugummikauend vor sich hin, und da tauchte plötzlich ein Junge auf, der hatte einen Waschbäranzug aus Fleece an, in dem es irre heiß sein musste, immerhin waren es mindestens siebenundzwanzig Grad im Schatten, und schon fingen sie an miteinander zu reden. Und zu spielen! Oder wie man das nennen soll. Jedenfalls rasten sie durch den Garten und brüllten.
Ich saß in der Fliederlaube (die ist wie ein kleines Zimmer im Garten, umgeben von Fliederbüschen) und machte gerade Skizzen für meine Harpunen-Erfindung, als das passierte, darum konnte ich alles, was gesagt wurde, notieren. Hier musste methodisch vorgegangen werden, um alles hinterher sorgfältig analysieren zu können, das war mir als Wissenschaftler klar.
Der Waschbärjunge (aus praktischen Gründen verkürze ich den Namen zu WBJ): »Hallo.«
Majken: »HALLO.«
WBJ: »Was machst du?«
Majken: »ICH STEH HIER.«
Schweigen.
WBJ: »Warum redest du so laut?«
Majken: »WARUM REDEST DU SO LEISE?«
Schweigen.
WBJ: »Ich kann auf unserem Trampolin Saltos machen.«
Majken: »AHA. ICH KANN IN EINER MINUTE DREI TIEFKÜHL-WÜRSTCHEN AUFESSEN.«
Schweigen.
WBJ: »Darf ich das mal sehen?«
Majken: »OKAY.«
Dann rannten sie davon.
Meine Analyse: Zuerst begrüßten sie einander, dann redeten sie darüber, wie sie redeten (Majken laut und der Waschbärjunge leise). Dann erzählten sie je eine Sache, die sie tun konnten (Saltos auf Trampolin / tiefgefrorene Würstchen aufessen), dann sagte der Waschbärjunge: Darf ich das mal sehen?, worauf sie zusammen wegrannten.
Erzählen, was man kann … ist das vielleicht eine Möglichkeit, jemanden kennenzulernen? »Hallo, ich kann Inliner fahren!« Ist das eine coole Einleitung? Oder klappt das nur bei Achtjährigen?
Oh Mann, warum ist das so schwierig!
AUS DER RATTE WURDE EIN KANINCHEN
»Hallo, du …«
Ich sah vom Skizzenblock auf. Vor mir stand Krille Marzipan in hellgrauem Blazer und dazu passender Hose. Auch er mit einem Block und einem Bleistift in der Hand. Er kratzte sich mit der Bleistiftspitze am Kopf.
»Äh … Sigge. Heißt du eigentlich Sigvard oder Sigurd?«
»Nichts von beidem. Einfach Sigge.«
»Einfach Sigge? Komisch.«
» … nicht besonders komisch.«
»Einfach Sigge, sagst du.«
»Ja.«
»Aha.«
Hm. Diese Konversation führte nirgends hin. Ich schaute wieder auf meinen Block. Mein Entwurf sah sehr gut aus, wie ich zufrieden feststellte. Vielleicht würde das hier meine erste voll funktionierende Erfindung werden! Ich hatte ja schon vorher Sachen erfunden, aber das waren einfache Dinger gewesen. Kinkerlitzchen. Nicht wie das hier!
Meine Idee war, dass man mit der umgeschnallten Harpune Inliner fahren sollte. Die Harpune wäre mit zwei Riemen vor den Bauch geschnallt. Dann könnte man den Pfeil der Harpune zum Beispiel in einen Baumstamm schießen. Am Ende des Pfeils wäre eine Schnur befestigt. Als Schnur würde ich Einsteins Roll-Leine nehmen. Die bestand aus einer Kapsel, in der eine aufgerollte Leine war. Wenn Einstein schnell davonrannte, wurde die Leine aus der Kapsel gezogen. Es gab auch einen Knopf, mit dem wurde die Leine gestoppt, dann konnte sie weder raus- noch reingezogen werden. Aber wenn man ein zweites Mal auf den Knopf drückte, fuhr die Leine blitzschnell wieder in die Dose zurück. Weil Einstein so groß und stark war (er wog fünfundfünfzig Kilo!), hatte er eine sehr kräftige Roll-Leine, was für meine Erfindung echt gut war.
Die Kapsel würde ich an der Harpune befestigen. Und wenn der Pfeil der Harpune in den Baum geschossen wurde, würde die Leine aus der Dose hinausflutschen. Und wenn man dann auf den Knopf drückte, glitt die Leine schnell wieder hinein, und man wurde ohne die geringste Anstrengung zum Baum gezogen! Das würde mir bei Steigungen helfen und bei langen, geraden Strecken. Ich war ein Genie!
Nach reiflicher Überlegung hatte ich die Erfindung auf den Namen Arrow sparrow getauft! Arrow bedeutet Pfeil auf Englisch, und sparrow bedeutet Sperling. Der Sperlingspfeil. Wenn man ihn benutzte, sollte es ein Gefühl sein, als würde man fliegen wie ein Vogel.
»Hast du eine Ahnung, wo Charlotte ist?«, fragte Krille.
»Die ist im Schuppen.«
Ich deutete auf den Geräteschuppen, aus dem dumpfes Poltern drang. Dann wurde offenbar etwas Schweres über den Schuppenboden gezogen.
»Aha?«
»Ja.«
Im selben Moment ging die Tür des Schuppens auf und eine alte weißgestrichene Holztür wurde herausgewuchtet. Ich sah Omas Hände mit den langen rosa Fingernägeln, aber die ganze übrige Oma war hinter der Tür versteckt. Dann ließ sie die Tür plötzlich los, worauf die mit einem lauten RUMMS auf dem Boden landete und Staub und Holzsplitter hochwirbelten. Dahinter stand Oma in einem leuchtend blauen Pulli und zebragestreiften Leggings. Oma weiß echt, wie man einen perfekten Auftritt hinlegt, das muss man ihr lassen.
»Good morning, Krister! In zehn Minuten bin ich fertig! Setz dich solange hin und erzähl Sigge von deinem aufregenden Leben!«
Bitte nicht. Ich schloss die Augen und verdrehte sie. Das mache ich nie bei offenen Augen. Möchte nicht, dass jemand das sieht und dann traurig wird.
Krille trat ein paarmal hin und her und nahm dann auf dem Stuhl mir gegenüber Platz. Eine verwelkte lila Fliederblüte hing hinter ihm aus dem Busch und legte sich wie eine kleine Baskenmütze auf seinen Kopf. Er wischte ein wenig Pollenstaub vom Tisch.
»Ich habe gerade eine fabelhafte Idee für einen Film gehabt«, sagte er.
»Aha.«
»Willst du sie hören?«
Am liebsten hätte ich gesagt »lieber nicht«, aber das kam mir unhöflich vor.
»Okay.«
Er strahlte übers ganze Gesicht.
»Großartig! Also. Die Hauptperson in dieser Geschichte soll Basil Hollinghurst heißen.«
Plötzlich kam Bobo angetrottet.
»Hallohallo«, sagte sie und kletterte neben mich auf die Bank.
Krille fuhr fort:
»Basil Hollinghurst lebt in London und arbeitet für eine der wichtigsten Nachrichtensendungen im englischen Fernsehen. Er ist Nachrichtenmoderator.«
»Ratte?«, sagte Bobo neugierig.
»Nein, Boel, Nachrichtenmoderator«, sagte Krille. »Das ist eine der wichtigsten Personen in einer Nachrichtensendung. Sie schenkt der Sendung Glaubwürdigkeit und Gewicht.«
Bobo sah Krille Marzipan mit großen Augen an.
»Das ist einer, der im Fernsehen arbeitet«, erklärte ich.
»Ratte?«, sagte Bobo.
»So ungefähr«, sagte ich und schaute auf meine Zeichnung. Radierte zwei der Räder an den Inlinern aus und fing neu an.
Bobo nahm einen Stift und wollte auch auf meinem Papier zeichnen.
»Nein, Bobo, das hier ist meins. Du kriegst ein eigenes Blatt.«
Ich riss eine Seite aus dem Skizzenbuch und gab sie ihr. Bobo begann zu zeichnen: einen großen runden Kreis, der Augen bekam, dazu Hände mit abgespreizten Fingern. Krille Marzipan redete weiter.
»Basil Hollinghurst ist ein seriöser Mann. Eine Säule der Gesellschaft.«
Ich hob den Kopf. Krilles Augen leuchteten.
»Er war nie in einen Skandal verwickelt. Er trinkt keinen Alkohol, er raucht nicht.«
»Klingt nach einem fürchterlich langweiligen Kerl!«, bemerkte Oma, die mit ihrer Arbeit inzwischen wohl fertig war. Sie setzte sich neben Krille Marzipan und steckte sich eine Zigarette an.
»Ich erzähle Sigge von meiner Filmidee«, erklärte Krille.
»Nun, da möchte ich nicht stören. Erzähl ruhig weiter!«
»Soll ich noch einmal von vorne anfangen?«
»Nein, nein, das ist wirklich nicht nötig!«, wehrte Oma rasch ab.
»Bist du sicher? Okay. Also. Nachts …«
Krille erhob sich und breitete die Arme aus. Seine Stimme wurde dramatisch.
»Da führt Basil Hollinghurst ein anderes Leben! Da ist er unterwegs und trifft schöne Frauen! Geht mit ihnen aus, ins Theater, in die Oper. Er ist ungeheuer beliebt.«
Plötzlich erwachte mein Interesse.
»Aha«, sagte ich. »Warum ist er so beliebt?«
»Nun«, sagte Krille. »Er sieht gut aus, er ist reich. Und kolossal charmant.«
Neben meine Skizze notierte ich: Sieht gut aus. Reich. Charmant.
»Aber Basil Hollinghurst ist ein Lügner!«, fuhr Krille fort. »Er verspricht den Damen ein Luxusleben. In Saus und Braus! Teure Reisen, Schmuck, Autos. Er macht drei Frauen gleichzeitig den Hof. Zufällig sind alle drei Ärztinnen. Chirurgen. Aber sie wissen nichts voneinander.«
»Gujken«, sagte Bobo.
»Nein, nicht Gurken«, sagte ich. »Chirurgen. Das sind Ärzte, die operieren, wenn Leute sich verletzt haben und so.«
Krille Maräng streckte seinen langen, dünnen Zeigefinger in die Luft.
»Hört jetzt zu! Basil Hollinghurst verspricht jeder Einzelnen von den dreien, sie zu heiraten, verspricht ihnen, sie in seinem Schloss wohnen zu lassen, ein Schloss, das nur in Basils Fantasie existiert. Er verspricht ihnen alles! Aber durch einen Zufall erfahren sie, was Basil wirklich treibt, und da werden sie vollkommen rasend vor Wut! Sie beschließen, sich zu rächen.«
»Aber«, sagte ich, »ist es nicht ein bisschen seltsam, dass alle drei Chirurginnen sind? Aus purem Zufall?«
»Genau!« Oma deutete so eifrig mit der Zigarettenhand auf mich, dass Asche auf mein Papier fiel. »Guter Einwand, Sigge!«
Ich grinste und wischte die Asche weg. Das Rad an dem einen Inliner wurde trotzdem ganz gut. Ich begann es mit Gelb auszumalen.
»Ja, ja, aber jetzt ist es nun mal so!«
Krilles Stimme klang leicht angespannt. Ich ahnte, dass er keine weiteren kritischen Fragen wünschte.
»Jedenfalls«, fuhr er sehr laut fort. »Eines Abends, als Basil Hollinghurst mit einer der chirurgischen Damen bei einem romantischen Dinner sitzt, betäubt sie ihn. Sie presst ihm eine in Chloroform getränkte Serviette gegen Nase und Mund! Schwer wie ein Stein fällt er zu Boden. Zu dritt befördern die Frauen ihn ins Auto. Sie fahren direkt ins Krankenhaus, in die Chirurgie, und legen ihn auf eine Pritsche! Man sieht, wie das erste Skalpell gezückt wird, dann die rachelüstern lächelnden Gesichter.«
Krille schwang ein unsichtbares Skalpell durch die Luft.
»Als Basil aufwacht, ist sein ganzer Kopf bandagiert! Er fängt an, den Verband abzuwickeln, und muss feststellen, dass er umoperiert worden ist! In ein Kaninchen! Die Ohren! Die Zähne! Ein winziges Schnäuzchen! Das ganze Gesicht voller Fell!«
»Kaninsche!«, verkündete Bobo lachend und sah von ihrer Zeichnung auf.
Vom Mund des Kopffüßlers ging inzwischen ein Strich ab, aus dem wirbelnder Rauch aufstieg.
»Aus der Ratte ist ein Kaninchen geworden«, erklärte ich.
»Oh dear!« Oma tat einen langen Zug an ihrer Zigarette.
»Warum ausgerechnet ein Kaninchen?«, fragte ich.
Krille sah mich mit gerunzelter Stirn an.
»Also«, fuhr ich fort, »ich meine ja nur, warum nicht ein weniger niedliches Tier? Ein Otter oder ein Alligator, zum Beispiel, oder vielleicht eine Ratte? Die wollen ihn doch bestrafen. Da sollte er wohl nicht unbedingt niedlich aussehen?«
»Hm … ja, hast an und für sich recht.«
Krille zog den Block aus der Gesäßtasche und machte sich ein paar Notizen.
»Wie soll Basil jemals wieder als Moderator arbeiten können? Wer kann einen Sprecher, der wie ein Otter aussieht, ernst nehmen?«
»Ottej?«, sagte Bobo.
»Vielleicht ist die Ratte kein Kaninchen geworden, sondern ein Otter«, flüsterte ich.
»Ratte«, sagte Oma. »Ratte ist am besten. Unsympathisches Aussehen, du weißt schon. Wer mag schon eine Ratte?«
»Und was passiert dann?«, fragte ich.
Krille starrte mich an.
»Nachdem Basil operiert worden ist?«
Kurz wurde es ganz still.
»Äh … tja, darüber hab ich noch nicht so richtig nachgedacht«, sagte er dann.
»Trotzdem ein guter Anfang«, sagte ich ermunternd und begann die Harpune zu kolorieren.
»Ratte?«, fragte Bobo neugierig.
»Das ist noch nicht ganz geklärt«, sagte Oma. »Vorläufig unklar.«
Sie beugte sich über Bobos Zeichnung.
»Na so was! Hast du mich da gezeichnet, Boel? Mit Zigarette und allem Drum und Dran? Das müssen wir rahmen! Du bist ja ein künstlerisches Genie, Darling! Aber bei so einem Modell kann es natürlich nur ein Meisterwerk werden, nicht wahr!«
Sie zwinkerte Bobo mit einem Auge zu, und Bobo lächelte so begeistert, dass ihr der Schnuller aus dem Mund fiel.
NOCH 52 TAGE
EINSTEIN, MEIN GELIEBTES PELZMÜTZCHEN
Eine kurze Sekunde lang sah ich Einsteins schwarze glänzende Schnauze im Türspalt, dann drängte er sich ganz und gar ins Zimmer. Die Tür gab ein langgezogenes Quietschen von sich. Er lief an mein Bett und wedelte so begeistert mit dem Schwanz, dass sein ganzes Hinterteil wackelte. Sein Maul war geöffnet, und er zeigte seine spitzen wolfsähnlichen Zähne in einem breiten Lächeln. Er war immer so happy! Morgens, mittags, abends! Immer gut aufgelegt. Machte sich keinerlei Sorgen um das Leben. Einfach toll!
»Hallo, Einstein«, murmelte ich schläfrig. »Ja, ja, ich seh dich.«
Ich kitzelte ihn hinterm Ohr, er leckte mir die Hand und die Backe und ich musste schnell den Mund fest zukneifen, um keinen Zungenkuss abzubekommen. Dann hörte ich Schritte auf der Treppe. Ein paar Sekunden später schaute Mama herein. Sie hatte ihre Jeansjacke an und ihre hellbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden.
»Hallo, Schatz! Bist du schon wach?«
»Nö, ich schlafe«, sagte ich.
»Du, hör mal, ich fahr jetzt nach Norrköping, möchte ein paar Bewerbungen schreiben. Ich hab vor, mich mit dem Laptop in ein Café zu setzen, um ungestört zu sein. Hier im Haus ist das ja nicht so ganz einfach …« Sie lachte kurz. »Oma hat versprochen, auf euch aufzupassen.«
»Okay«, sagte ich.
»Aber ich wollte dich fragen, ob du mit Einstein rausgehst? Nicht jetzt gleich, aber bald. Ich schaffe das einfach nicht. Der Bus fährt in zehn Minuten.«
»Kann Majken das nicht machen? Die macht doch nie was.«
»Aber Schatz, sie ist zu klein, um mit ihm rauszugehen, das weißt du doch. Wenn er plötzlich ein Eichhörnchen sieht, fliegt sie wie ein Handschuh an der Leine durch die Luft. Außerdem hört er nicht auf sie.«
»Was eigentlich komisch ist, wo sie doch so laut spricht!«
Mama legte den Kopf schief und warf mir einen flehenden Blick zu. Dabei sah sie ungefähr so aus wie Einstein, wenn er neben dem Esstisch sitzt und bettelt.
»Von mir aus.«
»Danke, danke, Sigge-Schatz! Du bist der Beste!«
Sie beugte sich übers Bett und gab mir einen Kuss. Einstein leckte ihr schnell das Gesicht ab. Sie richtete sich rasch wieder auf.
»Einstein, dein Mundgeruch, aber ehrlich! Was hast du gefressen? Abfall?«
Sie wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.
»Übrigens, Oma schafft es heute vielleicht, dir die Haare zu schneiden. Das wäre doch gut, oder?«
»Du nervst.«
Bevor Mama antworten konnte, begann eine von Omas vielen Uhren eine Klimpermelodie zu spielen. Oma hatte erzählt, das sei das gleiche Lied, das der Big Ben, dieser große Glockenturm in London, jede Stunde spielt.
»Mist, ist es schon neun? Wir sehen uns in ein paar Stunden oder so. Muss schnell los!«
Sie verschwand durch die Tür, dann hörte ich ihre eiligen Schritte die Treppe hinunterklappern.
Gähnend setzte ich mich auf. Ich würde Majken trotzdem wecken, sie konnte mir wenigstens Gesellschaft leisten.
Einstein folgte mir dicht auf den Fersen, als ich in Majkens Zimmer trat. Ein paar Lämpchen leuchteten in der Dunkelheit, ich hörte den Cola-Automaten brummen. Der Automat durfte nicht angeschlossen sein, wenn keine Cola zum Kühlen drin war. Er funktionierte ja wie ein Kühlschrank und verbrauchte eine Menge Strom. Das kümmerte Majken offenbar wenig. Sie hatte sich die Bettdecke abgestrampelt und lag mit ausgebreiteten Armen und Beinen schnarchend im Bett. Als Nachthemd hatte sie ein T-Shirt von Oma an, auf dem eine gelbe Corvette drauf war. Ihre rotblonden Haare lagen wie ein wirres Vogelnest auf ihrem Kopf. Mama und sie zankten sich mindestens einmal täglich, weil Mama Majkens Haare bürsten wollte und Majken sich dagegen wehrte.
»Majken«, sagte ich und knuffte sie am Arm. »Majken, wach auf!«
Majken rollte sich auf die Seite und schnarchte weiter. Absolut crazy, sie schnarchte tatsächlich schlimmer als Svedrik!
»Majken! Majken! MAJKEN!«
Ich schüttelte sie an der Schulter, stupste sie unterm Arm und pustete ihr ins Ohr, mit dem einzigen Ergebnis, dass sie sich zur Wand drehte. Ich gab auf. Einstein sah mich erwartungsvoll an.
»Dann gehen wir eben zu zweit raus, du struppiger Kerl.«

Wir überquerten den Waldweg und die Wiese, dann sah ich mich vorsichtig um, bevor ich mit Einstein über die große Landstraße rannte, wo die mit langen Holzstämmen schwer beladenen Fernlaster auf dem Weg zur Papierfabrik vorbeidonnerten.
Als wir auf dem Schotterweg gegenüber ankamen, musste ich Einsteins Leine nicht mehr so kurzhalten. Hier fuhren fast keine Autos und nur ganz selten ein paar Fahrräder. Der Weg führte an einem Acker vorbei und an einer Pferdeweide mit zwei braunen Pferden, dann an einem abgebrannten Haus, von dem nur der gemauerte Schornstein noch stand, und an einem Bauernhof mit einem Garten voller bunt leuchtender Blumen.
Einstein trottete hin und her, bei jedem Schritt hüpften seine Ohren. Er schnupperte im Graben und pinkelte alle fünf Meter auf irgendwelche zerzausten Grasbüschel. Ab und zu drehte er sich um und checkte, dass ich noch da war.
Ich musste daran denken, wie er als kleiner Welpe gewesen war. Echt anstrengend war das damals! Nachts hatte er gejault, weil er nicht allein schlafen konnte, also durfte er schließlich bei mir im Bett schlafen. Da legte er sich prompt über meinem Kopf aufs Kissen, die Beine links und rechts ausgestreckt, und das fühlte sich an, als hätte ich eine kleine Pelzmütze auf. In der ersten Woche fraß er fast nichts, und das machte uns große Sorgen. (Jetzt, wo er mehr oder weniger alles verschlingt, was er sieht, sofern es nicht aus Metall oder Glas ist, kann man sich das kaum noch vorstellen.) Aber das alles war unwichtig, er war nämlich der niedlichste Welpe, den ich je gesehen hatte. Klein und rund, vor allem schwarz, Pfoten und Hals aber sahnebonbonbraun. Seine Augenlider waren auch sahnebonbonbraun, als hätte er Lidschatten aufgelegt. Er war ein Rottweiler-Schäferhund-Mix. Drei Viertel Rottweiler und ein Viertel Schäferhund. Ein Mischling, genau wie ich.
Obwohl er der ganzen Familie gehörte, war er doch vor allem mein Hund. Mama hatte ihn mir geschenkt, und ich hatte ihn aufgezogen. Ich hatte mit ihm Agility-Kurse besucht, mit ihm trainiert, über und unter Hindernisse zu hüpfen und zu kriechen, auf Brettern zu balancieren und durch Tunnels zu rennen. Mir gehorchte er am meisten, danach Mama, dann Oma und zuletzt Majken. Auf Svedrik hatte er nie gehört, und Bobo war in seinen Augen wohl nur ein unbedeutender kleiner Welpe, obwohl er es schätzte, dass sie immer Essen auf den Boden fallen ließ.
Ich bekam ihn im Herbst, als ich neun war, und er wurde sofort mein allerbester Freund. Mein einziger Freund. Damals ging ich in die Dritte, in meiner Erinnerung ein einziges verschwommenes Dunkel. Die Schulstunden waren okay, die Pausen dagegen wahre Albträume. Ich blieb so lange wie möglich im Klassenzimmer, um nicht mit den anderen in den Garderobenflur zu müssen. Fürchtete, was die Jungs sagen würden, was sie machen würden. Würden sie meine Mütze nehmen und sie ins Klo werfen? Oder an mir herumschnuppern und behaupten, ich würde nach Pisse stinken? Meine Brille an sich reißen, sie aufsetzen und mich nachäffen, indem sie mit piepsiger Stimme sprachen, wie eine Balletttänzerin herumtrippelten und die Augen verdrehten, bis sie schielten? Budde war der Schlimmste von allen. Ja, so wurde er genannt. Budde. Was für ein idiotischer Scheißname. Ich hasste ihn.
Sie ärgerten mich nicht immer, eher nach Lust und Laune. Manchmal spielten wir in den Pausen sogar zusammen. Aber schon am nächsten Tag konnte es kippen, dann waren sie wieder superfies. Man wusste nie, woran man war. Am schlimmsten war es, als ich ein Video auf YouTube hochgeladen hatte. Damals ging ich noch zum Eiskunstlauf und hatte ein eigenes Programm erstellt, auf das ich stolz war. Ich kreuzte übers Eis, machte einen »Bielmann«, wo man den einen Fuß so hoch wie möglich nach hinten streckt und den Schlittschuh dann mit den Händen umfasst, die Arme schräg hinter den Kopf hochgestreckt. Und es gelang mir sogar, eine echt schwierige Pirouette fast perfekt auszuführen. Ich liebte das Eislaufen. Ich liebte das Eis, die Kleidung, die Musik und das Adrenalin, das einem durch die Adern schoss. Und die Geschwindigkeit. Es war ein Gefühl, als würde ich fliegen.
Ich weiß immer noch nicht, wie Budde meinen YouTube-Kanal entdecken konnte, der hieß nämlich nur Blades of glory, mein Name kam gar nicht darin vor. Aber manchmal habe ich mich gefragt, ob es nicht Valter war, der mich verriet, denn er war der Einzige, abgesehen von meiner Familie und den anderen im Eislaufverein, der davon wusste. Egal wie, jedenfalls fand Budde es heraus. Und ein paar Tage nachdem ich das Video hochgeladen hatte, führte er es den anderen in der Pause vor. Spottete über die glitzernde Hose, die ich angehabt hatte, über das Hemd und die Hosenträger. Sagte, ich müsse schwul sein, weil ich so einen Schwuchtelsport machte. Ich hätte natürlich nicht antworten sollen, doch das konnte ich einfach nicht lassen.
»Und was ist daran so schlimm? Am Schwulsein?«
Das sagte ich ganz leise, fast unhörbar. Aber Budde hörte es. Danach stand es für ihn fest, dass ich eine Schwuchtel sei. Er nannte mich kaum noch anders.
Ich schämte mich so sehr, dass es mir auf der Haut brannte. Schämte mich, weil ich dieses Video hochgeladen hatte und auch noch stolz darauf gewesen war. Das Schlimmste war, dass sich das Schamgefühl auf das Eislaufen abfärbte. Schlittschuhlaufen machte keinen Spaß mehr. Und dabei hatte ich mich immer so auf jede Trainingsstunde gefreut. Aber jetzt musste ich jedes Mal an Budde denken. An seine Worte. An sein fieses Lachen. Ich hatte Angst, dass er mich sehen könnte. Obwohl es keinen Grund gab, warum er in der Eislaufhalle auftauchen sollte. Das war kaum anzunehmen. Trotzdem. Ich hörte bald danach auf. Mama begriff gar nichts mehr. »Aber du liebst das Eislaufen doch so sehr?« Ich zuckte nur mit den Schultern. Erzählte nie, warum.
Ein oder zwei Monate später bekam ich Einstein. Obwohl Mama nicht genau wusste, wie es um mich bestellt war, verstand sie natürlich, dass ich nicht gern in die Schule ging. Ich brachte nie einen Freund mit nach Hause.
Manchmal regte ich mich über Majken auf, weil bei ihr alles so glattlief. Weil sie so viele Freunde hatte. Sonntags bekam ich regelmäßig Magenkrämpfe, weil ich mich so vor dem Montag fürchtete. In der Fünften wurde es ein wenig besser. Wir bekamen einen neuen Lehrer, Ronny, und ein paar Neue kamen in die Klasse, und irgendwie änderte das die Stimmung. Es wurde ruhiger. Aber richtig gut wurde es nie. Für mich nicht. Ich war immer noch allein.
Dank Einstein wurde es leichter. Er war so warm und fest. Verschenkte Küsse und Liebe. Er mochte mich, so wie ich war. Jetzt gerade trottete er vor mir her, schnüffelte im Gras und schob die Schnauze tief in ein Grasbüschel. Er begann, an etwas zu kauen.
»Einstein«, sagte ich streng. »Was hast du da? Woran kaust du?«
Einstein drehte sich um und sah mich schuldbewusst an. Ein Stück von einer Reiswaffel ragte ihm aus dem Mundwinkel.
»Na, von mir aus«, sagte ich. »Das darfst du auffressen.«
Einstein sah so zufrieden aus, dass ich lachen musste. Innerhalb von einer Sekunde war die Reiswaffel verschwunden.
»Du weißt, dass ich dich liebe, du Spinner!«
Auch für Einstein lief alles im Leben ganz leicht, wie für Majken. Wenn einem nichts Schlimmeres passieren konnte, als eine uralte Reiswaffel vielleicht nicht auffressen zu dürfen, dann musste das Leben ja ziemlich unkompliziert sein.
Aber über Einstein regte ich mich seltsamerweise nie auf.
NOCH 51 TAGE
NUR MIT EINER LEDERHOSE BEKLEIDET AUF DER STRASSE SITZEN UND WÜRFELN
Majkens neuer Waschbärkumpel hatte uns jetzt mehrere Tage hintereinander beehrt. Der Nachteil war, dass er und Majken fast die ganze Zeit brüllend durch die Gegend rannten. Der Vorteil war, dass er mich an meine wichtige Aufgabe erinnerte: beliebt zu werden. Wenn meine Zukunft in Skärblacka hell werden sollte, musste ich jetzt anfangen, daran zu arbeiten. Obwohl Sommerferien waren, durfte ich nicht faulenzen. Ich setzte mich in meinem Zimmer aufs Bett und holte den Notizblock hervor, aber ich hatte noch nicht einmal angefangen zu schreiben, als aus dem Nachbarzimmer ohrenbetäubender Lärm drang. Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir aufging, dass es Musik war. Rockmusik. Ich rannte aus meinem Zimmer und rüber zu Bobo.
Aus der Jukebox kam:
Let’s rock everybody, let’s rock, everybody in the whole
cell block, was dancin’ to the Jailhouse Rock.
»Bobo! Was hast du gemacht?«, schrie ich.
Bobo stand mitten im Zimmer und tanzte mit einem graubraunen ausgestopften Hasen, den sie im Arm hielt. Sie sah zu mir auf und sagte:
»Hallohallo!«
»Wie stellt man das leiser?«, brüllte ich und lief auf der Suche nach einem Lautstärkeregler um die Jukebox. Aber ich fand keinen.
The drummer boy from Illinois went crash, boom,
bang. The whole rhythm section was the Purple Gang.
Da musste ich eben abwarten, bis das Stück zu Ende war. Das konnte ja nicht allzu lang dauern, dachte ich. Nach einer Minute oder so verstummten die letzten Gitarrenklänge, und wunderbare Ruhe senkte sich über den Raum.
»Mach jetzt keine Musik mehr an«, sagte ich zu Bobo, aber in dem Lärm, der jetzt ausbrach, ging meine Stimme sofort unter.
Es war dasselbe Stück wie vorhin. Ich schaute durch die Glasscheibe der Jukebox auf die runden schwarzen Schallplatten. Eine Platte drehte sich. Es war Jailhouse Rock mit Elvis Presley.
»Wie viele Münzen hast du eigentlich reingesteckt?«, fragte ich und warf einen Blick auf den Fußboden. Dort stand die Gelddose. Nur dass es keine Gelddose mehr war, sondern nur eine Dose. Ohne Geld. Bobo machte ein zufriedenes Gesicht.
Also ehrlich. Manchmal hatte ich meine kleinen Geschwister ganz entsetzlich satt. Jetzt blieb mir keine andere Wahl, ich musste mich woanders hinbegeben. Ich verließ Bobo und wanderte durchs Haus, auf der Suche nach einem Ort, wo es ein bisschen still und friedlich wäre. Ich guckte in Majkens Zimmer hinein, aber genau da machte Mama dort den Staubsauger an, um die dicken Staubmäuse zu vertreiben, die sich in den Ecken versteckten. Nein, die versteckten sich übrigens überhaupt nicht, sie machten es sich gut sichtbar auf dem Boden gemütlich. Oma war nicht unbedingt eine Ordnungsfanatikerin.
Als ich in die Küche hinunterkam, sah ich, dass Oma gerade einen Stuhl reparierte. Die Hammerschläge brachten die Wände zum Erzittern und Omas Armbänder zum Klirren. Das Wohnzimmer war meine letzte Hoffnung, aber in dem Moment, als ich mich dort aufs Sofa gesetzt hatte, kamen Majken und der Waschbär hereingestürmt, dicht gefolgt von einem bellenden Einstein. Sie schrien im Chor:
»OHRWUSLER, HUMMEL, KÄFER UND BLINDSCHLEICHE! OHRWUSLER, HUMMEL, KÄFER UND BLINDSCHLEICHE!«
Es war echt total abartig, dass sich kein ruhiges Plätzchen in diesem Haus finden ließ, obwohl es so groß war! Ich öffnete die Haustür und trat hinaus auf die Garageneinfahrt. Sah mich um. Die Fliederlaube vielleicht? Ich machte ein paar Schritte auf die Büsche zu, aber … nein, das ging nicht, denn da saß Krille Marzipan mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und schlürfte eine Tasse Kaffee. Garantiert war er ebenfalls aus dem Irrenhaus geflohen. Ich duckte mich hinter Omas roter Corvette, um nicht von ihm gesehen zu werden. Ich wollte meine Zeit nicht damit vergeuden, eine weitere »einmalige« Filmidee anzuhören.
Geduckt schlich ich hinter den Autos vorbei und musste fast eine ganze Runde ums Haus zurücklegen, bis ich einen möglichen Platz sah. Das Dach! Von einer Tanne aus, die direkt neben dem Haus wuchs, müsste ich hinüberklettern können.
Ich steckte mir den Block in die Shorts, packte einen Ast und begann zu klettern. Meine Finger wurden klebrig von Harz, und ich stach mich an spitzen langen Tannennadeln, aber schließlich klappte es. Ich war oben! Das Dach war leicht abschüssig, aber nicht allzu sehr. Hier würde ich ungestört sitzen können. Am liebsten hätte ich vor Erleichterung »JUHUUU!« gebrüllt, ich ließ es aber bleiben, weil mich dann womöglich jemand entdeckt hätte.
Ich holte meinen Block heraus. Schrieb: Beliebt! Wie wird man das? Und was bedeutet es eigentlich, beliebt zu sein? Auf dem Handy schlug ich das Wort bei Wikipedia auf. Da stand: Beliebtheit oder Popularität hat mehrere Bedeutungen, aber meistens meint man damit das Interesse und die Begeisterung, die gewisse Personen oder Sachen bei vielen Menschen wecken.
Interesse und Begeisterung! Das musste ich also bei den anderen wecken. Eigentlich gar nicht so schlecht. Ich wusste, dass ich die Fähigkeit hatte, bei den anderen Interesse zu wecken. Dieses Interesse war bisher jedoch meistens negativ gewesen. Die anderen fanden zum Beispiel oft, dass ich was Durchgeknalltes gesagt oder getan hatte oder dass ich irgendwie bescheuert aussah. Aber trotzdem. Interesse hatte ich geweckt. Jetzt fehlte nur noch die Begeisterung.
Ich beschloss, Lehren aus meiner bisherigen Schulzeit aufzuschreiben. Dinge, die nicht gut ankamen:
–Beim Reden auf keinen Fall mit Armen und Händen herumfuchteln. Beim Gehen nicht trippeln. Alle Körperteile unter Kontrolle haben! Sich langsam und ein bisschen steif bewegen.
Eventuell mit der ganzen Hand auf etwas deuten.
–Nicht schreien oder hüpfen, auch wenn man sich noch so sehr freut. (Sich am besten vielleicht gar nicht erst so sehr freuen?) Cool bleiben.
–Nicht verraten, dass man Eiskunstlauf toll findet.
Okay. Damit hatte ich drei Dinge aufgeschrieben, die ich nicht tun sollte. Das war an und für sich gut, half mir aber nicht dabei, herauszufinden, was ich eigentlich tun sollte. Ich kaute so lange am Bleistift, bis ich Bleigeschmack in den Mund bekam. Ich zwinkerte in die Sonne. Die Sonne war gelb wie Eigelb und heizte das Dach so auf, dass ich mir fast meine Schenkel verbrannte. Nächstes Mal musste ich daran denken, eine Sitzunterlage mitzunehmen.
Um hinter das Geheimnis zu kommen, wie ich mich verändern sollte, musste ich Informationen sammeln. Ich konnte googeln, andere beobachten (so wie neulich mit Majken und dem Waschbären) und Leute interviewen, die beliebt waren oder gewesen waren. Und dann brauchte ich bloß anzufangen und an Sigge 2.0 zu arbeiten!
Ich rief Google auf und suchte unter Wie wird man beliebt? WOW! Ich war offensichtlich nicht der Einzige, der das hatte wissen wollen! Es gab eine wahre Flut von YouTube-Clips und Texten! Alle mit den verschiedensten Tipps. Manche waren echt krass. Zum Beispiel, um beliebt zu werden, solle man sich mit nacktem Oberkörper und nur mit einer Lederhose bekleidet auf die Straße setzen und um Geld würfeln. Also echt. Das konnte doch wohl nicht wahr sein???
Wenn ein Tipp öfter als fünfmal bei meiner Google-Suche vorkam, nahm ich ihn als allgemeingültig in meine Liste auf. Folgende Ratschläge müsste ich demnach befolgen:
–Mich gut anziehen. Am besten mit Markenklamotten.
–Eine coole Frisur haben. (Vielleicht sollte ich trotz allem zulassen, dass Oma mir die Haare schnitt. Mir war nicht so ganz klar, was eine coole Frisur eigentlich war, aber jedenfalls waren das nicht Haare, die einfach so auf dem Kopf wuchsen. Nein, das waren irgendwie gestylte Haare. Hoffentlich durfte es auch zu einer coolen Frisur gehören, dass einem lange Stirnfransen übers Auge fielen.)
–Keine Brille tragen. (Kontaktlinsen anschaffen und bis dahin Sonnenbrille tragen, um das Schielen zu verbergen.)
–Durchtrainiert aussehen.
–Schlechten Mundgeruch vermeiden. Die Zähne sorgfältig putzen und Kaugummi benutzen. (Kaugummikauen hatte auch den Vorteil, dass man damit cool aussah, außerdem konnte man den anderen Kaugummi anbieten und auf die Art beliebt werden.)
–Sozial sein! Fragen stellen und alles Mögliche über sich selbst erzählen. Mit Leuten reden, mit Lehrern und mit anderen Schülern. Witzig sein und die andern zum Lachen bringen. (Aber gleichzeitig nicht vergessen, immer schön cool zu bleiben.)
Ein Problem bei all diesen Punkten war ja ganz klar das Geld. Wie kauft man Markenklamotten, wenn man eine Mutter hat, die als Krankenschwester arbeitet und drei Kinder hat? Antwort: Man kauft keine, weil sie es sich nicht leisten kann. Und jetzt gerade war sie außerdem arbeitslos.
Als ich jünger war, hatte ich solche Wünsche manchmal geäußert. Aber in letzter Zeit habe ich gemerkt, dass Mama davon nur traurig und mitunter auch verärgert wird. Außerdem führte es sowieso fast nie dazu, dass ich das bekam, was ich brauchte. Einmal kaufte sie mir eine Adidas-Jacke, aber danach mussten wir einen halben Monat lang Haferbrei essen, weil die Jacke so teuer gewesen war, und dadurch ging es mir noch schlechter.
Oma würde ich auch nicht überreden können. Im Supermarkt kaufte sie uns gern alles, was wir wollten, aber Markenklamotten kaufen, das war in ihren Augen idiotisch. »Warum willst du Klamotten anziehen, die fünfmal so viel kosten, wie sie wert sind, und die außerdem alle anderen auch anhaben?« war ihre Frage.
»Gerade weil sie fünfmal so viel kosten und weil alle anderen sie haben!« war meine Antwort.
Nein. Dieses Problem würde ich alleine lösen müssen.
NOCH 49 TAGE
EIN JONGLIERENDES ÄFFCHEN
Ich hatte soeben meine Inliner angeschnallt und die Hundeleine vom ausgestopften Zebra in der Eingangsdiele runtergeholt und um Einsteins breite Brust festgemacht. Einstein kläffte ungeduldig und schnupperte eifrig an der Tür.
»Gleich, mein Braver! Warte noch kurz!«
Sicherheitshalber band ich mir die Hundeleine um den Bauch, für den Fall, dass ich Einstein nicht würde festhalten können. Er wog immerhin über fünfzig Kilo und ich knapp fünfunddreißig, eigentlich müsste es eine Kleinigkeit für ihn sein, mich zu ziehen. Hauptsache, ich konnte ihn dazu bringen, das auch zu tun. Und außerdem in die Richtung, die ich selbst wollte.
Kurz vorher hatte ich einen Hallenhockeyschläger mit einer Schnur versehen, an die ich eine Wurst gebunden hatte. Den Schläger hatte ich vor die Tür gestellt. Der war jetzt so was wie eine Angel, nur ohne Haken. Diese Angel würde ich Einstein vor das gefräßige Maul halten. Eine bombensichere Technik, meiner Meinung nach! Einstein liebte Wurst nämlich über alles.
Ein paar Extrawürste hatte ich mir auch noch für alle Fälle in die Jackentasche gestopft.
Plötzlich ging die Haustür auf und Einstein begann wild zu bellen. Krille Marzipan trat ein, ganz in Beige gekleidet, von dem perfekt gebügelten Hemd bis hinunter zu den Bootsschuhen mit Troddeln. Hilfe!
»Hallo, Sigge! Hast du Charlotte irgendwo gesehen?«
»Ja, sie ist oben und repariert die Treppe. Schon gut, Einstein, alles gut, braver Hund!«
Einstein überschlug sich fast vor Begeisterung, die rosa Zunge hing ihm aus dem Maul, und vor lauter Freude machte er kleine Luftsprünge auf der Stelle. Krille streichelte ihn unbeholfen, und Einstein nahm die Gelegenheit wahr, ihm die Hand zu lecken.
»Aha. Du willst mit dem Hund raus, wie ich sehe. Tja, ich glaube fast, ich selbst könnte auch einen Spaziergang brauchen.«
Oh Mann! So hatte ich mir das ganz und gar nicht vorgestellt. Mein Plan war, mich von Einstein auf den Inlinern ziehen zu lassen. Einerseits, weil es Spaß machte, und andererseits, um zu üben, bevor ich Arrow sparrow testete. Ich musste erst lernen, das Gleichgewicht auf den Inlinern zu halten, wenn der Hund mich zog. Und dann, wenn die Leine eines Harpunenpfeils mich mit rasender Geschwindigkeit einholen würde.
Ich trat an Krille vorbei auf den Treppenabsatz hinaus und hielt den ungeduldigen Einstein dabei immer ganz kurz an der Leine.
»Oma freut sich bestimmt über Besuch. Geh einfach rauf!«
»Bewegung soll ja angeblich so gesund sein«, meinte Krille Marzipan.
»Oma braucht bestimmt auch Hilfe. Du kannst doch garantiert supergut schreinern und so?«
Krille schien mich nicht zu hören.
»Es heißt, man soll zehntausend Meter täglich gehen«, sagte er nachdenklich.
»Mama hat Kaffee gekocht. Der steht in der Küche. Hol dir doch eine Tasse und bring Oma auch gleich eine mit.«
»Oder waren es vielleicht Schritte? Hm, waren das jetzt zehntausend Meter oder Schritte?«
Ich gab’s auf.
»Kannst du das hier mal halten? Aber versuch die Wurst so zu verstecken, dass Einstein sie nicht sieht.«
Ich gab Krille den Hockeyschläger.
»Kein Problem! Bei der Gelegenheit kann ich dir von einer Filmidee erzählen, die ich mir ausgedacht habe. Letztes Mal bekam ich von dir ja so ein großartiges Feedback.«
»Oh … äh, danke. Einstein, bleib stehen!«
Einstein durfte nicht losrennen, bevor ich auf den Asphalt hinausgekommen war. Sonst würde er mich nur wie einen Sack Nüsse hinter sich herschleifen.
Ich steckte ihm ab und zu ein Stückchen Wurst zu, während ich über den gepflasterten Weg stolperte, und so blieb er immerhin bei Fuß. Einsteins große braune Augen waren die ganze Zeit auf mich gerichtet, oder vielmehr auf meine Wurstverteilerhand. Krille kam mit dem Hockeyschläger hinterher.
»Also, pass auf! Als die schöne Opernsängerin Elise Schuhmacher Bornmouth zur Arbeit unterwegs ist, hat sie einen entsetzlichen Verkehrsunfall!«
Jetzt sprach Krille wieder mit diesem besonderen dramatischen Tonfall.
»Wie ist es denn mit diesem Fernsehfritzen weitergegangen? Wie hieß er gleich wieder? Basil?« fragte ich.
»Du meinst Basil Hollinghurst? Na ja, diese Idee habe ich ehrlich gesagt aufgegeben. Sie hatte gewisse Mängel. Die hier ist viel besser. Pass auf! Als Elise Schuhmacher Bornmouth gerade die Straße überqueren will, wird sie von einem Bus angefahren und fliegt fast zehn Meter durch die Luft, bevor sie auf einer Mauer landet. Bewusstlos wird sie ins Krankenhaus gebracht. Dort liegt sie im Koma, und die Ärzte können sie nicht aufwecken.«
»Oje«, sage ich. »Das klingt ja schlimm.«
»Kann man wohl sagen«, kam es von Krille. »Ihr ganzer Kopf ist bandagiert!«
Krille scheint ehrlich gesagt ziemlich auf bandagierte Köpfe fixiert zu sein.
»Hat man sie etwa auch in ein Kaninchen umoperiert?«, fragte ich.
»Nein, nein! Auf keinen Fall. Aber als die Verbände entfernt werden, wird klar, dass ihr früher so schönes Aussehen total zerstört ist. Überall nichts als Narben. Das Gesicht ist entstellt! Als sie nach ein paar Monaten aus dem Koma aufwacht, wird das ein Schock für sie. Sie sieht aus wie Frankensteins Monster und wird nie mehr als Opernsängerin auftreten können! Als sie schließlich das Krankenhaus verlassen darf, bittet sie ihre Mutter, alle Spiegel in ihrem Haus zu entfernen, weil sie es nicht erträgt, sich selbst so zu sehen. Bei ihrem ersten Ausflug ins Freie entdeckt sie plötzlich, dass sie auf der Stirn der Menschen Zahlen sehen kann!«
Ich legte die letzten Stolperschritte zurück, vorbei an Omas Briefkasten, und erreichte endlich den Asphalt.
»Sitz, Einstein, sitz!«
Einstein setzte sich brav hin und wurde mit einem Stück Wurst belohnt.
»Gibst du mir bitte den Hockeyschläger?«
Krille reichte ihn mir, und kaum hatte Einstein die Wurst erblickt, begann er hinter ihr herzuhüpfen.
»Nein, nein! Sitz! Sitz!«
Ich steckte ihm ein kleines Stück Wurst aus meiner Jackentasche zu. Krille Marzipan baute sich vor mir auf, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen.
»Aber die Opernsängerin Elise Schumacher Bornmouth stellt bald fest, dass nur sie als Einzige diese Zahlen sehen kann.«
»Entschuldige, Krille, aber ich muss …«
Ich deutete mit dem Kopf auf Einstein, der kaum noch still sitzen konnte. Also holte ich den Hockeyschläger hinterm Rücken hervor und hielt ihn Einstein vor die Schnauze. Er flippte total aus! Sprang hoch und schnappte nach der Wurst, die an der Schnur baumelte. Ich musste sie, so hoch es nur ging, über seinem Kopf halten. Krille Marzipan schien das Chaos, das sich vor seinen Augen abspielte, nicht zu bemerken.
»Als Elise Schumacher Bornmouth auf der Stirn ihres greisen Großvaters eine gewisse Zahl sieht und der Großvater am Tag darauf stirbt, begreift sie, dass diese Zahlen in Wirklichkeit ein Datum bedeuten. Verstehst du, Sigge? Sie kann das Datum des jeweiligen Todestages an der Stirn der Menschen ablesen!«
Krille Marzipan klopfte sich fest an die Stirn.
Einstein hörte inzwischen nicht mehr auf mich, sondern hüpfte nur noch hinter der Wurst her. Ich fuhr ruckartig Stück für Stück vorwärts und musste dabei breitbeinig stehen, um nicht umzufallen.
Plötzlich hüpfte Einstein höher, als er jemals gesprungen war, erwischte die Wurst und verschlang sie, ohne zu kauen. Nachdem er sie verschluckt hatte, sah er erwartungsvoll zu mir hoch.
»Hör mal, Einstein. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt!«, sagte ich.
Krille Marzipan redete weiter, als ob nichts passiert wäre.
»Die Opernsängerin Elise Schumacher Bornmouth erschrickt! Wie soll sie mit diesem Wissen umgehen?«
Er hob die Arme zum Himmel.
»Äh, weiß nicht so recht«, sagte ich. »Du, Krille. Könntest du mir vielleicht ein wenig helfen?«
Krille sah verwirrt aus.
»Äh, ja klar. Absolut.«
Dann befahl ich Einstein streng, hinzusitzen, holte eine neue Wurst aus dem Wurstpaket und band sie an die Schnur, die am Hockeyschläger hing. Einstein starrte die Wurst hingebungsvoll an. Ich starrte möglichst grimmig zurück, damit er sich keine Dummheiten erlaubte.
»Krille, kannst du mit dem Hockeyschläger und der Wurst vor Einstein herrennen? Ich glaube, das ist die einzige Möglichkeit. Aber du musst schnell rennen, und die Wurst musst du weit genug vor ihm herhalten, damit er sie nicht auffrisst.«
»Kein Problem.«
Ich reichte Krille Marzipan den Hockeyschläger.
»Lauf los, wenn ich es sage!«, sagte ich und presste die Hand auf Einsteins Hintern, um deutlich zu machen, dass er sitzen bleiben und erst davonstürzen sollte, wenn ich es erlaubte.
Krille Marzipan stellte sich ein paar Meter vor mir mit dem Hockeyschläger hin. Die Wurst baumelte an der Schnur. Einsteins Nase zuckte vor Erregung. Er konnte sich kaum beherrschen. Ich warf Krille einen Blick zu, machte einen ersten gleitenden Skaterschritt und schrie:
»Lauf, Krille, lauf!«
Krille streckte den Hockeyschläger aus und lief los. Einstein schoss sofort hinterher. Die Leine zuckte in meiner Hand und wurde zu einem langen Strich, aber weil ich darauf vorbereitet war, hielt ich mich auf den Beinen. Eine Millisekunde später begann ich zu rollen. Eigentlich hätte ich Krille Marzipan nicht unbedingt für einen Schnellläufer gehalten. Bei allem anderen, wie er sprach und sich bewegte, war er immer langsam. Aber Krille Marzipan rannte wie ein Panther! Schnell und geschmeidig. Zuerst kamen Krille Marzipan, der Hockeyschläger und die Wurst, dann kam Einstein an der Leine und dann ich auf den Inlinern. Anfangs lief es ein bisschen wacklig, doch als ich die Fahrt mit eigenen Skaterschritten unterstützte, ging es gleich viel besser. Plötzlich schoss ein sprudelnder, funkelnder Energieschub in mir hoch, ich fühlte mich ganz und gar anwesend, genau jetzt und genau hier! Ich sah Bäume und geparkte Autos vorbeifahren, wich Stecken und Steinen aus. Lachte laut auf! Ich fühlte mich euphorisch!
In der Schule hatten wir Achtsamkeitsübungen gemacht. Weil wir so gestresst wären und mehr »im Jetzt anwesend« sein müssten, wie unser Klassenlehrer Ronny sagte. Ich war nicht besonders daran interessiert gewesen, im Jetzt anwesend zu sein, weil das Jetzt ehrlich gesagt ziemlich mies war. Ich interessierte mich mehr für die Zukunft, sozusagen. Für alles, was ich dann machen wollte. Aber hier, auf meinen Inlinern, hinter Krille Marzipan und Einstein hersausend, fühlte ich mich plötzlich unglaublich im Jetzt anwesend! Und das fand ich super! Mit dieser Art der Anwesenheit kam ich bestens klar.
Einstein hüpfte plötzlich zur Wurst hoch, und die Leine machte einen heftigen Ruck. Ich schwankte, hielt mich aber senkrecht.
Krille riss den Hockeyschläger in letzter Sekunde hoch, und die Wurst schaukelte heftig vor und zurück. Einstein rannte im Zickzack und bellte aufgeregt.
»Also!«, keuchte Krille. »Elise Schumacher Bornmouth begreift, dass sie (keuch, keuch) eine Verantwortung hat, weil sie das Todesdatum kennt. Vielleicht kann sie (keuch, keuch) den Tod dieser Menschen verhindern? Sie geht täglich durch die Stadt. Wenn sie ein Datum sieht, das kurz bevorsteht (keuch, keuch), folgt sie dieser Person, in der Hoffnung, sie oder ihn retten zu können.«
»Tut mir leid, Krille, aber ich kann mich nicht so recht konzentrieren!«, schrie ich, während ich in halsbrecherischem Tempo voranglitt.
»Ja, klar, ich verstehe!«
Wir sausten an Häusern und Gärten vorbei, an Laternenpfählen und Verteilerkästen.
Plötzlich machte es stopp, und ich merkte, dass ich durch die Luft flog. Es fühlte sich an wie mehrere Sekunden. Ich sah Laub und Äste vorbeisausen. Das Gebüsch, das mich auffing, war voller stechender Zweige, die unter meinem Gewicht abbrachen. Dann rollte ich auf weiches, feuchtes Gras hinaus. Ich hörte Einstein bellen und Krille Marzipan schreien. Plötzlich wurde erst mein Gesicht und dann mein ganzer Körper kalt berieselt. Regen?, überlegte ich. Nein, der Himmel war blau. Das Rieseln hörte auf. Ich blinzelte ein paarmal. Sah mich um. In einiger Entfernung standen drei kleine Bäume, höchstens zwei, drei Meter hoch. Der Abstand zwischen ihnen war so exakt, als hätte ihn jemand mit dem Lineal abgemessen. Und noch ungewöhnlicher war, dass sie in verschiedene Formen gestutzt waren. Einer wie ein Würfel, einer wie eine Pyramide und einer wie ein Ball. Hinter den Bäumen lag ein weißes Haus, und vor dem Haus waren Beete voller weißer Blumen. In einem der Beete stand ein Gartenzwerg mit roter Zipfelmütze und blauer Jacke, der mich betrachtete. Das Rieseln setzte wieder ein und regnete sanft auf mich herab. Ich drehte mich um. Ein Rasensprenkler.
Dann tauchte Krilles Kopf hinter der Hecke auf. Einstein bellte wie besessen.
»Er hat die Wurst aufgefressen, Sigge!«
»Okay«, ächzte ich und versuchte mich aufzusetzen.
Die Leine straffte sich und schnitt mir in den Bauch, als Einstein sich mit aller Kraft zu befreien versuchte.
Ich bemühte mich, den Knoten aufzulösen, doch das war unmöglich, solange Einstein so heftig an der Leine zerrte.
»Krille, halt bitte Einstein fest. Ich muss das hier loswerden.« Die Worte kamen wie Stöhnen aus meinem Mund.
Kaum hatte ich die Leine losgebunden, raste Einstein davon. Krille Marzipan stürzte hinterher.
»Fortsetzung folgt!«, schrie er, bevor er um die Ecke verschwand.
Dann schlug der Schmerz zu – in Hüfte, Knie und Kinn. Vorsichtig befühlte ich mein Gesicht. Sah meine Finger an. Blut. Ich hatte mir den Zeigefinger aufgerissen. Der Rasensprenkler ließ seine rieselnden Strahlen wieder auf mich herabregnen. Das Blut auf der Hand wurde durch das Wasser verdünnt.
So ein Mist!
Ich stand auf, was mit den Inlinern an den Füßen nicht ganz unkompliziert war. Mein Knie schmerzte. Ich sah, dass meine Jeans nicht nur total grün war, sondern auch zerrissen. Das Knie war aufgeschürft, blutete aber nicht. Also, ehrlich, das war jetzt echt zu viel! Mama würde dermaßen sauer werden. Sie würde so tun, als wäre sie nicht sauer, weil ich mich ja auch noch verletzt hatte, aber sie würde stinksauer sein. Diese Jeans war fast neu.
Als ich wieder aufsah, stand ein Mädchen vor mir, als wäre sie einfach direkt aus der Luft entstanden. Lange türkise Haare fielen ihr über die Schultern, und sie trug eine Art Morgenrock mit japanischen oder chinesischen Zeichen, der ihr bis an die Füße ging. Sie hob ihr Handy hoch und fotografierte mich.
»Was machst du da?«, fragte ich.
»Ein Foto.«
»Von mir?«
»Nein, von einem jonglierenden Äffchen, das hinter deinem Rücken steht.«
Automatisch drehte ich mich um. Aber da war natürlich kein Affe.
»Du darfst mich nicht fotografieren!«
»A, das hab ich schon getan, B, ich darf das, und C, du kannst mich nicht daran hindern.«
Ich verstummte, total geschockt von ihrer Unverschämtheit. Dann machte ich einen wackligen Schritt auf sie zu.
»Brauchst dir keine Sorgen zu machen«, sagte sie und trat einen Schritt zurück. »Ich leg einen vorteilhaften Filter darüber.«
»Was denn? Du willst es posten?«
»Wenn jemand, von einem zottigen Monster gezogen, auf Inlinern über meine Hecke fliegt, betrachte ich es als meine gesellschaftliche Pflicht, dies zu berichten. Ich schreibe über alles, was in Blacka passiert. Ich bin Journalistin.«
Stolz reckte sie das Kinn.
Ich trat noch ein paar Schritte auf sie zu. Sie wich weiter zurück. Dann grinste sie und sagte:
»Ich hab ja nur zweitausend Follower, das ist also kein Problem.«
»Zweitausend?«
Ich hatte zweiundzwanzig, und davon waren sieben Majken, die regelmäßig ihre Passwörter vergaß und darum immer neue Konten erstellen musste.
»Ich verbiete es dir!«, sagte ich.
»Willst du etwa eine unabhängige Journalistin stoppen? Bist du gegen Pressefreiheit? Bist du gegen Demokratie?«
»Äh … nein.«
»Na dann. Du kannst alles auf Blacka News nachlesen. Tschüss, du Blödmann.«
Damit drehte sie sich um, ging zu einer Terrasse und verschwand durch eine offene Tür ins Haus.
Bevor ich entscheiden konnte, ob ich ihr folgen sollte oder nicht, schlug die Terrassentür hinter ihr zu. Ich sah ihre türkisen Haare hinterm Glas, aber weil die Sonne ausgerechnet dort auf die Fensterscheibe fiel, konnte ich ihr Gesicht nicht erkennen. Trotzdem war ich mir sicher, dass sie mich beobachtete.
Ein roter Komet aus Wut zischte mir durch den Kopf, fegte mit seinem feurigen Schweif durchs Gehirn und steckte alles in Brand, was er berührte. Verdammte Idiotin! Ich wollte etwas zerstören, ich wollte Beschimpfungen brüllen oder sie dafür bestrafen, dass sie so superfies gewesen war.
Stattdessen biss ich die Zähne zusammen und ging auf die kugelförmig gestutzten Büsche zu, die längs der Garageneinfahrt angepflanzt waren. Plötzlich sah ich aus dem linken Augenwinkel etwas Kleines, Rotes. Ich senkte den Kopf, und da stand der Gartenzwerg mit seiner roten Zipfelmütze und seinem langen grauen Bart.
Ohne lang zu überlegen, packte ich ihn. Mit dem Zwerg in den Armen legte ich die wenigen Schritte zum Asphalt zurück. Dort klemmte ich mir den Zwerg vorsichtig unter einen Arm und begann zu skaten. Die Inliner glitten ganz leicht über die Straße. Ich lachte laut über meine Racheaktion. Laut und wild, den ganzen Heimweg lang.
Бесплатный фрагмент закончился.
