Читать книгу: «Borne»
Zum Buch
In einer zerstörten Stadt der nahen Zukunft überlebt Rachel, indem sie in den Ruinen nach Überresten biotechnologischen Abfalls sucht. Ihre Beute bringt sie zu ihrem Partner Wick, der aus den gesammelten Überresten psychoaktive Drogen herstellt und verkauft. Die Stadt ist gefährlich, übersät mit den ausrangierten Experimenten der Firma – einem zerfallenen Biotech-Unternehmen – und geplagt von den unvorhersehbaren Raubzügen eines riesigen Bären namens Mord.
Im Fell von Mord findet Rachel bei einer ihrer Expeditionen Borne, ein undefinierbares Wesen, das auf sie eine merkwürdige Anziehung ausübt. Entgegen ihren Instinkten – jede Schwäche kann dich in dieser erbarmungslosen Stadt töten – nimmt sie Borne mit in ihr Versteck. Doch Borne ist viel mehr, als Rachel sich vorstellen kann. Er lernt sich zu bewegen, zu reden, seine Gestalt zu verändern und beginnt zunehmend, die delikate Balance der Macht in der Stadt zu bedrohen. Während sich neue Feinde der Firma formieren, führt Bornes Metamorphose Rachel vor Augen, wie sehr ihre prekäre Existenz auf Lügen und Geheimnissen beruht, deren Aufdeckung ihre Welt für immer verändern wird.
Über den Autor
Jeff VanderMeer wurde 1968 in Pennsylvania geboren und wuchs auf den Fidschi-Inseln auf. Er ist ein vielfach ausgezeichneter Science-fiction-Autor – u.a. mit dem Nebula Award, dem Hugo Award, dem World Fantasy Award und dem British Science Fiction Award – und Herausgeber zahlreicher Anthologien.
Jeff VanderMeer lebt in Tallahassee, Florida. Zuletzt erschien von ihm bei Kunstmann die Southern-Reach-Trilogie.

JEFF VANDERMEER
BORNE
ROMAN
Aus dem Englischen
von Michael Kellner
Verlag Antje Kunstmann
Für Ann
ERSTER TEIL
WAS ICH FAND UND WIE ICH ES FAND
Ich fand Borne an einem sonnigen, stahlblauen Tag, als der riesige Bär Mord sich in der Nähe unseres Zuhauses herumtrieb. Zunächst war Borne für mich einfach etwas, das wir vielleicht verwerten konnten. Ich wusste nicht, was Borne für uns bedeuten würde. Ich konnte nicht wissen, dass er alles verändern würde. Mich inklusive.
Auf den ersten Blick machte Borne nicht viel her: Er war dunkelviolett, etwa so groß wie meine Faust und klebte in Mords Pelz wie eine halb geschlossene, gestrandete Seeanemone. Ich fand ihn nur, weil er ungefähr alle dreißig Sekunden ein smaragdgrünes Leuchten aufblitzen ließ, wie ein Leuchtfeuer.
Als ich näher kam, stieg mir in Wellen der Geruch von Salzlake in die Nase, und einen Augenblick lang war die zerstörte Stadt um mich herum verschwunden, gab es keine Suche nach Nahrung und Wasser mehr, keine umherstreunenden Gangs und entlaufenen, modifizierten Kreaturen von unbekannter Herkunft, deren Absichten man nicht kannte. Keine verstümmelten, verbrannten Körper, die an kaputten Straßenlaternen hingen.
Stattdessen sah das Ding, das ich gefunden hatte, einen alarmierenden Augenblick lang aus wie aus den Gezeitenbecken meiner Jugend, bevor ich in die Stadt gekommen war. Ich konnte das Salz wieder riechen und den Wind spüren, und die vertraute Kälte des Wassers, das über meine Füße schwappte. Die lange Suche nach Muscheln, die schroffe Stimme meines Vaters und der Singsang meiner Mutter. Der honigwarme Sand, in den meine Füße sanken, während ich auf den Horizont und die weißen Segel starrte, die von fernen Besuchern auf unserer Insel kündeten. Falls ich jemals auf einer Insel gelebt hatte. Falls das jemals der Wahrheit entsprochen hatte.
Die Sonne hoch oben war von einem kariösen Gelb wie das Auge von Mord.
Ich hatte Mord den ganzen Vormittag über verfolgt, von dem Augenblick an, als er im Schatten eines Gebäudes der Firma weit im Süden erwacht war; so fand ich Borne. Der De-facto-Herrscher unserer Stadt hatte sich in die Lüfte erhoben und sich meinem Versteck genähert, um seinen Durst zu stillen, indem er den riesigen Schlund öffnete und mit der Schnauze durch das verseuchte Flussbett im Norden pflügte. Niemand außer Mord konnte aus diesem Fluss trinken und überleben; die Firma hatte ihn so geschaffen. Dann schwang er sich wieder hoch ins Blaue, ein Killer, leicht wie der Samen einer Pusteblume. Wenn er auf seinem Weg nach Osten unter dem finsteren Blick regenloser Wolken Beute fand, stieß er aus der Höhe hinab und befreite ein schreiendes Stück Fleisch von der Notwendigkeit zu atmen. Ließ von ihm nichts als eine blutige Gischt übrig, eine schäumende Wolke unvorstellbar fauligen Atems. Manchmal brachte ihn das Blut zum Niesen.
Niemand, nicht einmal Wick, wusste, warum die Firma den Tag nicht hatte kommen sehen, an dem Mord von ihrem Wächter zu einem Verhängnis geworden war – warum sie nicht versucht hatte, ihn zu zerstören, solange sie noch die Macht dazu hatte. Inzwischen war es zu spät, denn Mord war nicht nur zu einem Ungeheuer mutiert, sondern hatte durch irgendeinen Technikzauber, der der Firma abgepresst worden war, auch gelernt zu schweben, zu fliegen.
Als ich Mords Lagerplatz erreichte, wurde er in seinem unruhigen Schlaf von erdbebenartigen Rülpsern geschüttelt; seine Hüfte ragte über mir empor. Sogar wenn er auf der Seite lag, war er drei Stockwerke hoch. Sein befriedigter Blutdurst hatte ihn schläfrig gemacht, und auf der Suche nach einem Ruheplatz hatte er sich auf einem Gebäude niedergelassen, dessen Mauerreste aus Ziegelsteinen jetzt überall unter ihm hervorquollen und ihren Zweck als Schlafstatt erfüllten.
Mord hatte Zähne und Klauen, die blitzschnell zerfleischen und vernichten konnten. Seine Augen, die manchmal sogar beim Träumen offen standen, waren gewaltige, fliegenverkrustete Leuchtfeuer, Spione seines Geistes, der – so glaubten einige – in kosmischen Größenordnungen arbeitete. Aber für mich, den menschlichen Floh an seiner Flanke, bedeutete er vor allem eine gute Quelle für Wiederverwertbares. Mord zerstörte unsere kaputte Stadt, aber unfreiwillig belebte er sie auch wieder.
Wenn Mord sich von seinem Lager aus, das er in die beschädigte Seite des Firmengebäudes geschlagen hatte, mit Schaum vor dem Maul auf den Weg machte, verfingen sich allerlei Schätze in seinem klebrigen, verdreckten Pelz, der vor Aas und Chemikalien stank. Er beschenkte uns mit Packungen namenlosen Fleisches, Reste aus Firmenbeständen, und manchmal stieß ich auf Kadaver nicht wiederzuerkennender Tiere, mit durch Innendruck geborstenen Köpfen und grellweißen, hervorquellenden Augen. Wenn wir Glück hatten, regnete es, während er herumtapste oder hoch über uns hinwegglitt, manche dieser Schätze aus seinem Pelz, dann mussten wir nicht auf ihn hinaufklettern. An besonders guten, sprich schlechten Tagen fanden wir Käfer, die man sich ins Ohr stecken konnte, wie die, die mein Partner Wick herstellte. Aber wie im Leben überhaupt konnte man nie sicher sein, und so folgten wir Mord mit gesenktem Kopf und auf Knien in der Hoffnung, dass er liefern würde.
Wick warnte mich immer, dass einige dieser Dinge möglicherweise absichtlich dort platziert worden waren. Dass es Fallen sein könnten. Oder dass sie in die Irre führen sollten. Aber ich kannte mich mit Fallen aus. Ich stellte selbst welche. Wick wusste, dass ich sein »Sei vorsichtig!« in den Wind schlug, wenn ich morgens aufbrach. Ich ging das Risiko ein, um mein eigenes Überleben zu sichern und ihm zurückzubringen, was ich fand, damit er es inspizieren konnte wie ein Wahrsager einen Haufen Gedärme. Manchmal dachte ich, Mord würde die Sachen aus einem verqueren Verantwortungsgefühl heraus zu uns, seinen Spielzeugen, seinen Folterpuppen, bringen; ein andres Mal schien es mir, als hätte die Firma ihn dazu verleitet.
So mancher Sammler, der wie ich jetzt Mords Flanke begutachtete, überschätzte die Tiefe von Mords Schlaf und fand sich hochgehoben, haltlos, und zu Tode stürzen … ohne dass Mord es bemerkte, der wie ein Felsbrocken über sein Jagdgebiet dahinglitt, die Stadt, die sich diese Beteichnung noch nicht wieder verdient hatte. Und so riskierte ich nicht viel mehr als Erkundungstouren entlang seiner Flanke. Seether. Theeber. Mord. Er hatte viele Namen, die denen, die sie laut aussprachen, wundersam erschienen.
Schlief Mord also wirklich, oder hatte er in seiner verdorbenen, giftigen Abfallhalde von Kopf einen Trick ausgeheckt? Es war nicht leicht zu beurteilen. Ermutigt von seinem Schnarchen, das sich als ein gigantisches Erdbeben quer über den ganzen Atlas seines Körpers manifestierte, kletterte ich weiter auf seine Hüfte zu, während andere Sammler mich vom Boden aus wie ein Versuchskaninchen beobachteten. Und da stieß ich zufällig auf Borne, der sich im braunen, rauen Seetang von Mords Pelz verfangen hatte.
Borne summte leise vor sich hin, die halb geschlossene Öffnung auf der Oberseite wie ein Mund, dessen Muskelstränge sich ständig zusammenzogen und weiteten. Noch war Borne ein »es«, kein »er«.
Je näher ich kam, desto deutlicher ragte Borne aus dem Pelz heraus, wurde immer mehr zu einer Kreuzung aus Seeanemone und Tintenfisch: eine glatte Vase mit sich wellenden Farben, die von dunkelviolett über tiefblau bis meergrün changierten. Vier vertikale Grate zogen sich über die warme und pulsierende Haut, deren Textur glatt war wie die eines vom Wasser geschliffenen Steins, aber etwas gummiartig. Es roch nach Strandhafer an faulen Nachmittagen im Sommer, Meersalz und unterschwellig nach Passionsblumen. Erst viel später verstand ich, dass es für einen anderen anders gerochen, ja vielleicht sogar eine andere Form angenommen hätte.
Es sah nicht nach etwas Essbarem aus, und es war kein Erinnerungskäfer, aber auch kein Abfall, deshalb nahm ich es mit. Ich glaube, ich konnte gar nicht anders.
Mords Körper bebte, hob und senkte sich im Takt seines Atems, und ich stand mit angewinkelten Knien da, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er schnarchte und zuckte, als würde er einen psychotischen Traum ausagieren. Seine faszinierenden Augen – so weit und schwarzgelb und vernarbt wie ein Meteor oder die gesprungene Kuppel des Observatoriums im Westen – waren fest geschlossen, der riesige Schädel nach Osten ausgestreckt, ohne sich um mögliche Gefahren zu kümmern.
Und hier war Borne, wehrlos.
Die anderen Sammler, viele von ihnen Befürworter einer unsicheren Waffenruhe, begannen ermutigt, an Mord hochzuklettern, sich ins Unterholz seines verdreckten, heiligen Pelzes zu wagen.
Borne schlug an meiner Brust wie ein zweites Herz.
»Borne.«
Namen von Menschen, von Orten bedeuteten so wenig, dass wir aufgehört hatten, andere mit der Suche danach zu belästigen. Die Karte der alten Welt schien von einem grotesken Märchen heimgesucht, das, wenn man es erzählte, nicht nach Worten klang, sondern nach Geräuschen als Folge einer Gräueltat. Zwischen den Trümmern der Erde unsichtbar zu bleiben, war alles, was ich suchte. Und ein gutes Paar Stiefel für die Zeit, wenn es kalt wurde. Und eine alte Dose Suppe, halb vom Schutt begraben. Diese Dinge bedeuteten Glückseligkeit; daneben blieben Namen kraft- und bedeutungslos.
Und trotzdem nannte ich ihn Borne.
WOHIN ICH BORNE BRACHTE
Man kann es nicht anders sagen: Wick, mein Partner und Liebhaber, war ein Drogendealer, und die Droge, die er verkaufte, war so schrecklich und so schön und so traurig und so süß wie das Leben selbst. Die Erinnerungskäfer, die Wick modifizierte oder aus Teilen herstellte, die er der Firma gestohlen hatte, brachten einem nicht nur etwas bei, wenn man sie sich ins Ohr schob, sondern konnten auch Erinnerungen löschen und hinzufügen. Menschen, die die Gegenwart nicht ertrugen, steckten sie sich ins Ohr, um die glücklicheren Erinnerungen anderer wachzurufen, aus lange vergangenen Zeiten und an Orte, die nicht mehr existierten.
Als ich Wick kennenlernte, war die Droge das Erste, das er mir anbot, was ich aber sofort ablehnte, weil ich die Falle darin witterte, auch wenn es wie ein Ausweg aussah. Wenn man sich den Käfer ins Ohr steckte, wuchsen inmitten einer Explosion von Minze und Limone phantastische Visionen von Orten, die es – wie ich hoffte – nicht gab. Der Gedanke, dass ein solcher Zufluchtsort tatsächlich existierte, war zu grausam. Er konnte dumm oder unvorsichtig machen.
Nur der gequälte Ausdruck auf Wicks Gesicht, seine Reaktion auf meinen Widerwillen, ließ mich bleiben und weiter mit ihm reden. Ich wünschte, ich hätte den Grund seines Unbehagens schon damals erfahren und nicht erst so viel später.
Ich legte die Seeanemone auf den klapprigen Tisch zwischen unseren Stühlen. Wir saßen auf einem der vermoderten Balkone, die aus einer glatten Steinfassade ragten und mich dazu inspiriert hatten, unseren Zufluchtsort »Balcony Cliffs« zu nennen. Der eigentliche Name des Gebäudes auf dem verrosteten Schild in der halb verfallenen, unterirdischen Lobby war nicht zu entziffern.
Hinter uns lag das Labyrinth, in dem wir lebten, und tief unter uns – verborgen durch einen Tarnschleier, den Wick angelegt hatte, um uns neugierigen Blicken zu entziehen – wand sich der verseuchte Fluss, der um den größten Teil der Stadt floss. Ein Gebräu aus Schwermetallen und Öl und Abfällen, das toxische Dämpfe verbreitete und uns daran erinnerte, dass wir vermutlich an Krebs oder Schlimmerem sterben würden. Hinter dem Fluss erstreckte sich eine Brache aus Buschland. Dort gab es nichts Gutes oder Gesundes, trotzdem tauchte an diesem Horizont manchmal noch jemand auf, wenn auch sehr selten.
Ich war an diesem Horizont aufgetaucht.
»Was ist das für ein Ding?«, fragte ich Wick, der sich ausführlich ansah, was ich mitgebracht hatte. Es pulsierte und leuchtete auf, harmlos und praktisch wie eine Lampe. Aber die Firma hatte die Stadt in der Vergangenheit nicht zuletzt damit terrorisiert, ihr Biotech auf den Straßen zu testen. Die ganze Stadt war zu einem gewaltigen Labor geworden und inzwischen halb zerstört, genau wie die Firma.
Wick lächelte das dünne Lächeln eines dünnen Mannes, es war mehr ein Zucken als ein Lächeln. Er hatte einen Arm auf den Tisch gelegt und das linke Bein über das rechte geschlagen, trug eine weit geschnittene Leinenhose, die er eine Woche zuvor gefunden hatte, und ein weißes Hemd, das vom langen Tragen gelb geworden war. Er sah beinahe entspannt aus. Aber ich wusste, es war nur eine Pose, die er einnahm, um der Stadt und auch mir einen Gefallen zu tun. Risse in der Hose. Löcher im Hemd. Jene so gern ausgeblendeten Details, die eine andere, genauere Geschichte erzählen.
»Was ist es nicht? Das muss die erste Frage sein«, sagte er.
»Also dann: Was ist es nicht?«
Er wollte sich nicht festlegen und zuckte mit den Schultern. Wenn wir über Funde sprachen, stand manchmal eine Wand zwischen uns, eine Reserviertheit, die mir nicht gefiel.
»Soll ich später noch mal wiederkommen? Wenn dir mehr nach reden ist?«, fragte ich.
Meine Geduld hatte im Laufe der Zeit nachgelassen, was nicht sehr freundlich war, denn er brauchte sie jetzt mehr als früher. Ihm ging das Rohmaterial für seine Kreationen aus, und außerdem setzte ihn unter Druck, dass seine Konkurrenten – besonders die Magierin, die den ganzen westlichen Teil der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht hatte – auf sein Territorium und seine Gedanken übergriffen, Ansprüche erhoben. Sein attraktives Gesicht unter dem feinen, blonden Haar mit dem spitzen Kinn und den hohen Wangenknochen war dabei, sich aufzuzehren, wie eine Kerze von einer Flamme.
»Kann es fliegen?«, fragte er schließlich.
»Nein«, sagte ich lächelnd. »Es hat keine Flügel.« Obwohl wir beide wussten, dass das nichts bedeuten musste.
»Beißt es?«
»Mich hat es nicht gebissen«, sagte ich. »Warum? Sollte ich es beißen?«
»Sollten wir es essen?«
Natürlich meinte er das nicht so. Wick war immer vorsichtig, selbst wenn er vorpreschte. Immerhin öffnete er sich mir jetzt; ich wusste nie, wann das passierte. Vielleicht war das der springende Punkt.
»Nein, sollten wir nicht«, sagte ich.
»Wir könnten damit Ball spielen.«
»Du meinst, ihm helfen zu fliegen?«
»Wenn wir es schon nicht essen.«
»Es ist doch kein Ball mehr.«
Was nichts als die Wahrheit war. Eine Weile hatte sich das Wesen, das ich Borne getauft hatte, in sich zurückgezogen, jetzt aber – mit einer merkwürdig gewinnenden, zaghaften Anmut – wieder die Form einer Vase angenommen. Das Ding lag einfach auf dem Tisch und pulsierte und leuchtete rhythmisch auf, auf eine Art, die ich beruhigend fand. Das Blinken ließ es größer aussehen, oder es hatte tatsächlich angefangen, zu wachsen.
Wicks grün-braune Augen in seinem eingefallenen Gesicht waren jetzt weiter geöffnet, zeigten mehr Anteilnahme, während er über dem Rätsel grübelte, das ich ihm mitgebracht hatte. Diese Augen sahen alles, außer vielleicht, was ich in ihm sah.
»Ich weiß, was es nicht ist«, sagte Wick, wieder ernst geworden. »Es ist nicht von Mord. Ich bezweifle, dass Mord wusste, dass er es mit sich herumtrug. Aber es ist auch nicht unbedingt von der Firma.«
Mord konnte hinterlistig sein, und sein Verhältnis zur Firma veränderte sich ständig. Manchmal fragten wir uns, ob in den Ruinen der Firma eine Art Bürgerkrieg zwischen den Unterstützern von Mord und denen tobte, die bedauerten, ihn erschaffen zu haben.
»Aber wo hat Mord es her, wenn nicht von der Firma?«
Ein Zucken um Wicks Mund ließ seine feinen Gesichtszüge noch intensiver und faszinierender erscheinen. »Ich habe Gerüchte gehört. Über Dinge, die in der Stadt herumstreunen und weder Mord noch der Firma noch der Magierin gehören. Ich habe sie in den Randzonen gesehen, nachts in der Wüste, und ich frage mich…« Am Vormittag hatten mich Füchse und andere kleine Säuger beschattet. War es das, was Wick meinte? Ihre Ausbreitung war ein Rätsel – hatte die Firma sie hergestellt, oder war die Wüste dabei, auf die Stadt überzugreifen?
Ich erzählte ihm nichts von den Tieren, wollte sein eigenes Urteil hören und bohrte nach. »Dinge?«
Aber er ignorierte meine Frage und wechselte den Kurs. »Es ist nicht so schwer, mehr herauszufinden.« Er strich mit der Hand über Borne. Die purpurnen Würmer, die in seinem Handgelenk implantiert waren, schlängelten sich kurz heraus, um Borne zu analysieren, und zogen sich dann wieder unter seine Haut zurück.
»Erstaunlich. Es kommt von der Firma. Zumindest hat es jemand innerhalb der Firma hergestellt.« Während der Blütezeit der Firma vor zehn Jahren hatte er für sie gearbeitet, bevor sie ihn »verstoßen, weggeworfen« hatte, wie er es in einem seltenen, unbedachten Augenblick ausgedrückt hatte.
»Aber nicht von der Firma selbst?«
»Ein so reduziertes, schlankes Design bringt normalerweise nur ein Einzelner zustande.«
Es machte mich nervös, wenn Wick um etwas herumredete. Die Welt war ohnehin schon viel zu unzuverlässig, und wenn ich bei Wick etwas suchte, außer Sicherheit, dann war es Wissen.
»Glaubst du, es ist ein fehlgeschlagenes Projekt?«, fragte ich. »Ein Nachkömmling? Den sie im Müll entsorgt haben?«
Wick schüttelte den Kopf, aber sein strenges Stirnrunzeln beruhigte mich nicht. Wick war autark und selbstgenügsam. So wie ich. Jedenfalls glaubten wir das beide. Aber jetzt hatte ich das Gefühl, dass er mir eine wesentliche Information vorenthielt.
»Was denn dann?«
»Es könnte praktisch alles sein. Es könnte ein Signal sein. Ein Ruf nach Hilfe. Es könnte eine Bombe sein.« Wusste Wick es wirklich nicht?
»Vielleicht sollten wir es dann doch essen?«
Er lachte, wobei seine Gesichtszüge auseinanderfielen. Das Gelächter machte mir nichts aus. Jedenfalls damals nicht.
»Würde ich nicht. Am Ende ist es eine Bombe und kein Signal.« Er beugte sich vor, und ich dachte, er müsste das Vergnügen, das ich daran hatte, ihm ins Gesicht zu sehen, bemerken. »Aber wir sollten wissen, wofür es gut ist. Wenn du es mir überlässt, könnte ich es zumindest in seine Teile zerlegen und durch meine Käfer überprüfen lassen. Auf diese Art etwas herausfinden. Es auswerten.«
Inzwischen waren wir, auf unsere Art, gleichberechtigt. Partner. Manchmal nannte ich ihn »Boss«, weil ich für ihn auf Beutezug ging, aber ich hätte ihm die Seeanemone nicht zeigen müssen. Nichts in unserer Vereinbarung zwang mich dazu. Natürlich konnte er mir das Ding wegnehmen, während ich schlief … Aber das war nun einmal der Test unserer Beziehung: Waren wir symbiotisch oder Parasiten?
Ich schaute das Wesen an, das dort auf dem Tisch lag, und fühlte mich als seine Besitzerin. Das Gefühl sprang mich ganz unerwartet an – und nicht nur, weil ich mich beim Herumklettern auf Mord in Gefahr begeben hatte, um dann auf Borne zu stoßen.
»Ich glaube, ich werde es erst mal behalten«, sagte ich.
Wick sah mich lange an, zuckte mit den Schultern und sagte, etwas zu beiläufig: »Wie du willst.« Das Wesen mochte ungewöhnlich sein, aber wir hatten schon Vergleichbares gesehen; vielleicht glaubte er, dass es keinen großen Schaden anrichten konnte.
Dann holte er einen goldenen Käfer aus der Tasche, schob ihn sich ins Ohr, und seine Augen nahmen mich nicht mehr wahr. Er machte das immer, wenn ihn etwas auf die falsche Art an die Firma erinnerte und damit Selbstverachtung, Wut und Melancholie in ihm lostrat. Ich hatte ihm gesagt, dass er vielleicht Frieden finden würde, wenn er berichtete, was auch immer dort passiert war, aber er hörte einfach nicht auf mich. Er sagte, dass er mich schützte. Ich glaubte ihm nicht. Nicht wirklich.
Vielleicht versuchte er, die Einzelheiten eines persönlichen Scheiterns zu vergessen, das er sich nicht vergeben konnte, etwas, das er sich selbst zuschreiben musste, oder etwas, das er zum Ende hin getan hatte. Aber nachdem er gegangen war, erinnerte ihn der Job, den er gewählt hatte – oder zu dem er gezwungen worden war –, jeden Tag und jede Stunde an die Firma. Es war schwer abzuschätzen, weil ich kaum etwas über Biotech wusste, aber ich spürte, dass die Antworten, die ich von ihm haben wollte, womöglich technischer Natur waren, dass er womöglich fürchtete, ich würde die Details nicht verstehen.
Vielleicht hätte die Zukunft anders ausgesehen, wenn ich seine volle Aufmerksamkeit gehabt, wenn ich mich mit Wick über Borne gestritten hätte. Wenn er darauf bestanden hätte, mir Borne abzunehmen. Aber er tat es nicht. Er konnte nicht.
